Adolf Hausrath George Taylor Jetta Historischer Roman aus der Zeit der Völkerwanderung 1884 Erstes Kapitel. Seit die Geschichte spielte, die wir erzählen wollen, sind über anderthalb Jahrtausende verflossen. Neckar und Rhein hießen damals Nicer und Rhenus. Dem Nicer war soeben schwere Unbill widerfahren; Kaiser Valentinianus beschuldigte den alamannischen Strom, daß er mit seinem gewaltigen Wellenschlage die Fundamente des römischen Bollwerks vor Alta Ripa Altrip bei Mannheim. unterwasche. Darum hatte er ihn aus seinem alten Bette geworfen und ihm ein neues gegraben. Nicht wo er gewohnt war, sondern wo der Alleinherrscher es gebot, mußte Nicer fließen. Wie wird der bärtige Rhenus mit dem schilfbekränzten Haupte sich gewundert haben, als sein Genosse an der gewohnten Stelle plötzlich ausblieb, um dann an ganz anderem Platze seine dunkelgrüne Welle mit den blaßgrünen Wogen des größeren Stromes zu vereinigen. Im Winter und Frühjahr, wenn Hochwasser eintrat, schwoll dem kleinen Flußgott freilich gewaltig der Kamm. Im Sommer aber verrieth der Strom, der das am meisten idyllische Thal Germaniens durchzog, keine dieser Launen. Aus tausend schimmernden Augen glänzend zog er friedlich zwischen großen Granitblöcken und gelben Sandbänken dahin und spiegelte an ruhigeren Stellen, gleich der glatten Fläche eines Sees, das stille Bild der Berge und Wälder wieder. An seinem Thalausgange thronte zur Linken der bewaldete Mons Valentiniani mit dem römischen Wartthurm, zur Rechten der Mons Piri, nach dem wilden Birnbaum so genannt, der weithin sichtbar den kahlen Rücken krönte. Zwischen diesen Bergriesen, die wie ein Pylonenpaar den Eingang zum heiligen Wodanwalde hüteten, trat der liebliche Fluß, behaglich sein Bett verbreiternd, in die grüne Ebene des Rhenus hinaus. Einige hundert Schritte unterhalb des Thalausgangs hatte der siegreiche Imperator die alte römische Jochbrücke wieder hergestellt und ein befestigtes Lager, ein Sperrfort würden wir sagen, errichtet, um die an der Brücke sich kreuzenden Straßen zu hüten und zu sorgen, daß das Thal nicht zum Ausfallthore für die Alamannen werde. Auf der schnurgeraden Hochstraße, die westlich vom Mons Piri die grüne Ebene durchschnitt, war ein reges Leben der römischen Reiter und der zweirädrigen Ochsenkarren der Colonen, die zwischen dem neubefestigten Lopodunum Ladenburg. und dem römischen Standquartier den Verkehr vermittelten. Die Maiensonne brannte grimmig auf dem Kiescemente des hohen Wegdamms, der sich zwischen den Ablaufgräben hinzog, von keinem Baume, keiner Mauer beschattet, nur daß von Zeit zu Zeit ein Meilenzeiger, der die Entfernung von Lopodunum angab, oder ein kleines Stationsgebäude einen dunkeln Strich über die blendend weiße Straße warf. Den Kriegern, die die Sonne Africas und Syriens braun gebrannt, mochte diese Gluth behaglich sein, nachdem ihnen die deutschen Winterstürme lang genug den Helmbusch gezaust hatten. Mindern Dank verdiente sich die Maiensonne bei zwei christlichen Wandrern alamannischer Zunge, die barhäuptig hinter zwei hochbepackten Maulthieren und ihrem halbnackten Führer einherschritten. Den Aelteren, eine hagere Gestalt in weißem Untergewande und Ueberwurf, bezeichnete das gestickte Kreuz am Mantelende als Bischof. Der Jüngere, mit dem verwilderten blonden Haupte, der nur mit einem groben dunkeln Mantel seine Blöße deckte, schien einer jener Mönche zu sein, die auch im Abendlande überall auftauchten, seit der Zeit, da der heilige Athanasius etliche Begleiter dieser Art in sein Exil nach Gallien mitgebracht hatte. Dem Bischof wurde schließlich der Trab der munteren Maulthiere zu eilig und ermüdet ließ er sich auf einem Steine nieder, den in früheren Tagen ein Curator der Straßen den Göttern der Doppelwege, Dreiwege und Kreuzwege gesetzt hatte. »Nun, Bruder Vulfilaich«, sprach er, »ich hoffe, du zürnest uns nicht mehr wegen der Täuschung, die sich der Diakon mit dir erlaubte. Aser glaubte, du brächtest Kirchengefäße und heilige Gewänder, deren unsere arme, von den Alamannen zehnmal geplünderte Basilica zu Lopodunum sehr bedarf, darum beschwatzte er dich, in unserer Stadt auszusteigen. Wie konnte er auch denken, daß ein Mönch Waffen und weltliches Geräthe in seinen Bündeln birgt?« »Ich zürne nicht, ehrwürdiger Vater Anaklet, aber mich kränkt, daß ein Diener der heiligen Kirche die Unwahrheit redete und mich täuschte gleich den Kindern der Welt. Hätte ich ihn nicht gefragt, so wäre ich in meinem Schiffe nun längst im Lager.« »Ich werde ihm eine Kirchenbuße auferlegen für seine Lüge, aber du selbst, wie kommst du dazu, dieses Rüstzeug der Welt einem Heiden nachzuführen?« »Der Heide ist mein Bruder, dem Fleische nach.« »Der gewaltige Alamanne Rothari ist dein Bruder?« fragte der Bischof ungläubig und dieser Gedanke belebte ihn so, daß er aufsprang und wieder den Maulthieren folgte, die inzwischen einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen hatten. »Wie arm und dürftig ich heute vor dir stehe«, begann der junge Alamanne, »bin ich dennoch ein Königssohn, der noch vor wenig Jahren brennend und sengend durch Galliens Städte die Römer schreckte. Mein Vater, König Vadomar, ward von Cäsar Julian gefangen und schlug dann im fernen Osten die Schlachten Roms. Wir Söhne, vier an der Zahl, Vithikab, Fraomar, Rothari und ich führten den Krieg weiter und ich denke mit Glück. Ihr zittertet oft genug vor des bleichen Vithikab's Schlachtruf. Dann aber kam Streit und Mißtrauen und Bruderfehde, die uns trennte, und euch zu gut kam.« Der junge Mönch schwieg und schien in schmerzliche Erinnerungen zu versinken, der Bischof aber fragte salbungsvoll: »Es war wohl der alte Kampf um mein und dein, der euch entzweite?« Vulfilaich nickte nachdenklich mit dem wirren blonden Haupte, dann fuhr er fort: »Aus dem fernen Syrien kam die Nachricht von des Vaters Tod. Der Aelteste der Sippe sollte nach Recht und Herkommen zwischen den Söhnen die Habe theilen. Aber er war ein untreuer Mann. Er begünstigte den König und Rothari schädigte er, denn er haßte meinen Bruder, der ihn um eines getödteten Knechtes willen gepfändet hatte. So theilte er ungerecht und der böse Satan verblendete mich also, daß ich nahm, was nicht mein war. Rothari, der Schöne, Treue warf mir einen langen, traurigen Blick zu, den ich nicht vergessen werde in meiner Todesstunde, schwang sich auf's Roß und ritt zu den Römern. Seitdem wich das Glück von unserem Stamme. Vithikab, der König, ward von einem Diener ermordet, den der Augustus bestochen hatte. Wir verloren Schlacht auf Schlacht und mußten sogar unsere unrecht erworbenen Schätze in dem festen Ringe auf dem höchsten Gipfel des Taunusgebirges bergen. Bekümmert und traurig gingen mein Bruder Fraomar und ich einher und wir fühlten, wie unsere Achtung sich mindre im Volke. Als es zur Königswahl kam, wählten die Edlen Macrian. Fraomar ward darüber verbittert und hielt im Geheimen zu den Römern. Wie gebrandmarkt ging er einher und nur wenige mochten mit ihm zu thun haben. Am schlimmsten war es mir ergangen. Du weißt, wie im letzten Jahre des Königs Vithikab unsere Jugend den gefrorenen Rhenus überschritt und Mogontiacum Mainz ausräumte.« Der Bischof machte mit der Hand eine Gebärde des Abscheus. »Auf eisigen Schneefeldern zogen wir dahin und schlichen leise wie die Wölfe über den gefrornen Strom. Wir hatten fast das andere Ufer erreicht und alles stürzte eilig dem Lande zu, da brach ich ein und konnte mich nicht emporarbeiten. So oft ich mich nach oben schwingen wollte, brach das Eis auf's neue. In meinem Ohre aber hörte ich deutlich das höhnische Lachen des Nix, der unter der Eisdecke saß und wenn sie brach jedesmal sagte: ›so brachest du dem Bruder die Treue.‹ Endlich ward ich starr, nur noch lose hing ich an meinen krampfigen Armen. Da kamen etliche Nachzügler. Sie zogen mich heraus und schleiften mich nach dem Ufer. Dort aber ließen sie mich im Schneefeld liegen, denn sie sorgten, zu spät zu kommen zur Beute.« »Große Sünde ward dir erspart«, sagte der Bischof salbungsvoll. »Du weißt, wie die Deinen, das Fest der Erscheinung nicht achtend, die Basiliken umstellten und alle Heiligen, die zum Theile vom Lande hereingeströmt waren, abführten in die Knechtschaft, wie sie ruchlos die Kirchen des Herrn plünderten und mit den Kelchen des Heiligthums sündige Gelage feierten. Preise den Herrn, mein Bruder, der dich herausgerissen hat gleich einem Brand aus dem Feuer.« »Im Feuer lag ich, ehrwürdiger Vater. In Fiebergluthen fand ich mich auf einem Wagen der Unsern, als ich wieder zu mir kam. Den ganzen Winter war ich krank. Zwei Zehen waren mir abgefroren. Als die Sonne wieder wärmer schien, meinte ich zu genesen. Aber noch viel schwerere Züchtigung hatte mir der Herr verhängt zur Strafe, daß ich seine Kirche hatte plündern wollen. Er hatte mir einen Satansengel zugesellt, der mich mit Fäusten schlägt. Von Zeit zu Zeit kommt er über mich. Meine Glieder sind dann wie zerrissen. Ich rase und tobe und erst nach langem Schlafe komme ich wieder zu mir. Mit meinem Volke ging es unter Macrian's Führung wieder empor und Fraomar ward verjagt, als ihn die Römer zum Könige einsetzen wollten. Mich konnten sie im Kriege nicht mehr brauchen und wollten mich auch nicht, da meine Brüder zu den Römern hielten. So lungerte ich im Walde, lebte der Jagd und geleitete Fremde um Sold, wie auch andere Edelinge thun in unserem Grenzlande. Als ich so eines Tages ausritt, traf ich am Wege sitzend den Diakonen Benedictus, der mit Empfehlungen des Königs Gundomad zu Macrian wollte, ob ihm erlaubt sei, die Christen zu besuchen, die in den Thälern des Taunusgebirges wohnen. Er hatte sich den Fuß verletzt und bat mich, ich möchte ihn auf meinem Rosse nach Aquä Mattiacä Wiesbaden bringen. Was er mir dafür geben wolle? fragte ich ihn gierig. Er sagte, den irdischen Preis solle ich bestimmen, dazu wolle er für meine Seele beten. Da lachte ich, half ihm auf mein Roß und führte ihn nach seiner Stadt. Als wir schieden, forderte ich einen unziemlichen Preis. Der ehrwürdige Greis sah mich mit einem sanften Blicke an, gab mir, was ich verlangte, dann noch zwei Hände voll dazu und fragte, ob ich noch mehr wolle? Ich starrte ihn an, ob er wahnsinnig sei? Er aber sprach: ›Du bist noch jung, möge der Herr dich erleuchten, daß du lernest, wie auch die glänzendste Erde nichts ist als Schmutz.‹ Als ich das Geld einsteckte, war mir, als ob ich es heimlich gestohlen hätte. Alle Freude daran war mir hinweggenommen. Ich kam bis vor das Thor. Dann fiel mir ein, wie habsüchtig ich damals gegen meinen liebsten Bruder gehandelt, wie ich ihn verloren und wie ich seitdem weder Glück noch Stern mehr gehabt und ich mußte weinen und weinen und was ich auch thun mochte, die Thränen ließen sich nicht stillen. Da wendete ich mein Roß und sprengte zurück zu dem heiligen Manne und traf ihn vor dem Hause sitzend, wo ich ihn verlassen. Ich sprang vom Pferde, trat vor ihn, ihn anzureden wagte ich kaum, ich reichte ihm nur sein Geld in meiner Tasche. ›Ich wußte, daß du kommen würdest‹, sprach er mild. ›Deine Augen sind hell und klar wie die goldbraunen Bergbäche des Mons Abnoba, Schwarzwald. der Böse konnte nur auf einen Augenblick dein Herr sein.‹ ›Heiliger Mann‹, erwiderte ich, ›der du mir das Herz im Busen umwenden konntest, schaffe, daß ich meinen Bruder wiederfinde, den ich verloren habe.‹ Auf sein Verlangen erzählte ich ihm meine Geschichte. ›Erst will ich dich mit dem Vater versöhnen‹, sagte er, ›dann mit dem Bruder.‹ So blieb ich bei ihm. Er lehrte mich Gott kennen und seinen Sohn und die lieben Heiligen. Nach langer Prüfung ließ er mich dann zur Taufe zu.« Der Bischof nickte befriedigt mit dem Haupte, dann fragte er: »Und hat es dich nie zurückverlangt aus diesem schlichten Kleide nach der Pracht und den Freuden der Königshalle?« »Nach den Freuden nie, ehrwürdiger Vater. Die Erinnerung an sie ist mir wie der Geruch des geleerten Bechers am Tage nach dem Gelage. Aber mit der Erinnerung an Kampf und große Thaten versucht mich der böse Feind zuweilen. Noch greift meine Hand nach jeder Waffe, die ich sehe und ich vergesse schwer, daß ich ein Krieger war.« »Lebtest du so still und thatlos bei Benedictus?« »Viele Wochen begleitete ich den heiligen Mann und diente ihm zur Stütze auf seinen Wanderungen zwischen Mönus Main. und Nicer. Ich lernte, wie man Frauen und Kindern predigt und Helden schreckt mit den Waffen unseres Gottes, aber innerlich hatte ich keine Ruhe, ehe ich mir den Bruder wieder versöhnt und mein großes Unrecht gesühnt hätte. Deßhalb entließ mich Benedictus. Ich stieg nach dem Ringe auf der Höhe des Mons Taunus hinauf und nahm alles, was an Schätzen von Rothari's Antheil auf mich gefallen und das Meine dazu und schaffte es nach dem Rhenus hinab, dort lud ich es auf einen Kahn und fuhr stromaufwärts. Zu Mogontiacum traf ich den Diakonen, der mich bat, ihn bis Lopodunum mitzunehmen. Das Weitere weißt du. Ich hätte meine Fracht nicht nach Lopodunum hinaufgeschafft, hätte er mir nicht vorgeredet, das Haus des Comes Arator, wo Rothari wohne, sei leichter von euerer Stadt als vom Lager aus zu erreichen.« »Nun, meine Maulthiere haben, denke ich, Afer's fromme Lüge wieder gut gemacht und ich selbst gebe dir zu Arator's Villa das Geleite. Bist du aber auch gewillt, unter dem Dache eines Ungläubigen zu herbergen?« »Wie soll ich sie bekehren, wenn ich nicht bei ihnen herberge? Hat der Apostel nicht das Gleiche gethan?« »Wohl, wohl, mein Sohn, aber dieses Haus ist mehr als eine Hütte der Galater, es ist der Tempel Bileam's, die Höhle von Endor, der Palast des Simon Magus und Elymas, es ist der götzendienerischen Jesabel Laube zu Thyatira.« »Du sprichst in Räthseln, mein Vater.« »So wisset, sagte der Bischof in gedämpftem Tone, indem er einige Schritte hinter dem Maulthiertreiber zurückblieb, »daß Arator's Tochter Zauberei treibt. Weit und breit ist kein Weib in den Künsten der Magie so bewandert wie sie. Jeden Vollmond übt sie ihr teuflisches Wesen und gläubige Sklaven sahen sie in tiefer Nacht mit geschlossenen Augen im Mondlichte wandeln, sie schritt auf den höchsten Mauern und Zinnen dahin, ohne zu schwindeln und kehrte auf den unbegreiflichsten Wegen nach ihrer Stube zurück.« Der junge Mönch erbleichte und starrte mit weit aufgerissenen Augen den Bischof an. »Und hast du sie nie beschworen, mein Vater, sie nie mit geweihtem Wasser besprengt, ihr nie in's Gewissen geredet?« »Gerne hätte ich ihr den Dämon ausgetrieben, aber die Heuchler haben es nicht zugelassen. Ihr Vater ist ungläubig und ein mächtiger Mann. Da müssen wir wohl schweigen zu allen Gräueln, zumal die Kaiserin Justina des Mädchens innige Freundin ist und das Gerücht geht, sie selbst habe Arator's Tochter in der Magie unterwiesen.« »Aber die Kaiserin ist doch getauft. Warum excommunicirst du sie nicht?« »Die Kaiserin excommuniciren? Bist du wahnwitzig? Was denkst du junger Thor? Sie ist ja die einzige Stütze der Sache des Areios.« »Des Areios!« – rief der junge Mönch entsetzt. »Also ein Arianer bist du?« und er schlug ein Kreuz. »Also darum bin ich bei euch in ein solches Netz von Lügen und Täuschungen gerathen? Nun wundert mich nicht mehr, was ich unter euch erlebte.« »Hüte deine Zunge, du vom Teufel besessener Knabe oder ich werfe dir deine ganze heidnische Ladung auf die Straße und kehre mit meinen Maulthieren nach Lopodunum heim. Wie willst du, junger Fant, über die höchsten Geheimnisse des Glaubens urtheilen?« »Mein geistlicher Vater Benedictus«, sagte der junge Vulfilaich ruhig, »hat mir verboten, mit Arianern zu verkehren, mit ihnen zu wandern auf dem Wege, mit ihnen zu reden auf der Straße, mit ihnen zu essen an einem Tische, mit ihnen zu beten zu einem Gotte, mit ihnen zu wohnen unter einem Dache.« Das Auge des alten Bischofs schoß Blitze. Einen Augenblick wollte er seinen Vorsatz ausführen und den Maulthiertreiber abladen lassen. Aber die Thiere waren zu weit voraus, um ihrer sofort habhaft zu werden, auch bedachte der Hochwürdige, daß es der Bruder des mächtigen Rothari sei, der also mit ihm redete. »Du bist der Ruthe zu frühe entlaufen, junger Alamanne«, sagte er kalt. »Wäre ich nicht gewohnt, Böses mit Gutem zu vergelten, so ließe ich dich hier mit deinen Bündeln sitzen, die die Soldaten dir schon erleichtern würden. So leihe ich dir die Thiere bis zu Arator's Haus. Dein zartes Gewissen aber will ich nicht weiter mit meiner Gesellschaft beschweren.« Ohne Gruß kehrte er um und der junge Mönch ließ ihn ziehen ohne Abschied. »So jemand zu euch kommt«, sagte er vor sich hin, »und bringet diese Lehre, den nehmet nicht zu Hause auf und grüßet ihn auch nicht. Denn wer ihn grüßet, der macht sich theilhaftig seiner bösen Werke.« Doppelt hastig schritt er auf der heißen und staubigen Straße vorwärts, bis der Maulthiertreiber nach einem Hause an dem blühenden Abhange des Mons Piri deutete mit dem Bemerken, dieses sei Arator's Villa. Durch eine weite Wiesenfläche von der staubigen Hochstraße getrennt, lag das Haus, das der junge Vulfilaich suchte, hart am Fuße des Berges. Malerisch hoben sich die blüthenweißen Vorhügel des zweikuppigen Gebirgsstockes ab von den schwarzgrünen Föhrenwäldern darüber. Da, wo der Abhang am sonnigsten sich hinbreitete, hatte der Comes Arator sich und seiner Tochter Jetta einen anmuthigen Wohnsitz geschaffen. Hinter blühenden Bäumen und grün umsponnenen Rebgängen erhob sich das neue Gebäude, dessen weiße Wände in vornehmer Einfachheit durch die Büsche glänzten. Der Lärm der Straße mit ihren militärischen Lastwagen, der Hufschlag der Rosse, das Knarren der rinderbespannten Karren der Colonen drang nur gedämpft zu diesem Eiland, das wohlgepflegte Blumenbeete und dunkle Lauben umgaben. Aber keiner der jungen Krieger, die die Straße ritten, vergaß nach dem Garten hinaufzuschauen, ob etwa zwischen den blühenden Büschen eine hohe weibliche Gestalt sich zeige und nur den Schein ihres weißen Gewandes von ferne erblickt zu haben, galt ihm für Glück. Von der großen Straße sich abzweigend, führte ein sauber mit Flußkies bestreuter Weg durch grüne Matten nach der Villa hinüber. Aber mit ganz anderen Gefühlen als jene Krieger lenkte der junge Mönch in diesen Weg nun ein. Indem er nach der höchsten Zinne des vor ihm liegenden Hauses schaute, dachte er, welch schauerliches Bild es sein müsse, wenn das verruchte Zauberweib im Mondenscheine auf dieser Kante hingehe und er wunderte sich, daß noch kein gläubiger Bruder durch sein Gebet die Dämonen gezwungen, sie loszulassen, so daß sie am Boden zerschellte, wie einst Simon Magus durch Petrus' Gebet bei ähnlicher teuflischer Himmelfahrt sein Ende fand. Der Maulthiertreiber hielt und Bulfilaich mußte zur Schwelle treten, um zu klopfen. Lateinische Runen waren auf dem Steinfließe angebracht, die Vulfilaich mühsam entzifferte. Zuvor schlug er das Kreuz. Aber die Worte klangen ganz ehrbar: »Sei gegrüßt, der du kommst mit aufrichtigem Herzen!« »Auch der Satan nimmt die Gestalt des Engels des Lichtes an« sprach der Mönch in sich hinein und ließ den metallnen Hammer auf das Thor niederfallen. Ein junger Krieger öffnete ihm. Vulfilaich sah in ein gutmüthiges alamannisches Gesicht mit blonden Haaren und freundlichen blauen Augen. »Du bist wohl fehl gegangen«, sagte der Diener, des Mönches christlichen Gruß zurückgebend. »Die hier wohnen, sind Heiden.« »Nicht ihre Gastfreundschaft begehre ich«, sagte der Mönch. »Ich soll diese Ladung an den Alamannen Rothari bestellen, der hier, wie ich hörte, herbergt.« »Den edlen Rothari erwartet mein Herr, du kannst die Bündel in seine Zimmer tragen, doch wissen wir nicht, ob er heute noch eintrifft. Soll ich dir helfen? Bin doch auch ich ein Christ und ein Alamanne. Hier nennen sie mich freilich Lupicinus.« »Nicht viel anders würden sie meinen Namen Vulfilaich auch übersetzen«, lächelte der Mönch, »also, Genosse, nimm diesen Bündel, aber Vorsicht, so, und nun diesen.« Behutsam setzten die beiden jungen Männer die klirrende Last am Boden nieder. Die Maulthiere, ihrer Bürde ledig, schüttelten sich fröhlich und kehrten in raschem Trab mit ihrem Führer nach der Straße zurück, während Vulfilaich und Lupicinus Rothari's Schätze nach dessen Gemächern trugen. In geräumiger Stube, die ihr Licht vom Atrium her empfing, packte der junge Mönch die Bündel aus, wobei ihm sein Genosse bereitwillig an die Hand ging. »Stellen wir die Sachen gleich auf«, sagte der Mönch, »damit Rothari sofort eine Freude habe, wenn er euer Haus betritt.« Flugs kamen nun aus den entrollten Säcken germanische und römische Waffen, silberne Krüge und Schüsseln, kostbare Spangen und Kleinodien aller Art zum Vorschein. Der biedere Lupicinus riß die Augen weit auf bei dieser Pracht und dem Triebe mittheilsamer Jugend folgend, waren die beiden Alamannen bald in einem lebhaften Austausche. Auch der junge Mönch ward bei dem Anblick der alten Beutestücke plötzlich ein Anderer. Seine Augen blitzten und ein lebhaftes Roth färbte seine bleichen Wangen. Freudig erzählte er dem hülfreichen Genossen, wie jedes dieser Beutestücke in den Besitz seiner Familie gekommen sei. »Diesen Becher habe ich selbst von Lugdunum Lyon zurückgebracht, als wir vor elf Jahren Gallien plünderten. Das war eine lustige Zeit«, rief der junge Alamanne, der sein Mönchsgewand ganz vergessen hatte beim Anblick seines besten Beutestücks. »Es war mein erster Kriegszug«, rief er, »und welcher Krieg! Die Römer waren uneinig; war Julian, der eine Feldherr, eingeschlossen, so hatte der Andere, Barbatio, die größte Freude daran und ließ uns immer wissen, wie wir Julian am leichtesten treffen könnten. Als wir unsere Beute in Sicherheit hatten, wollte Julian uns über den Rhenus verfolgen, aber Barbatio verbrannte ihm die Schiffe, daß er nicht herüber konnte. Selbst den Proviant schüttete er in den Rhenus, ehe er abzog, damit Julian's Soldaten verhungern müßten. Mit solchen Feinden ist gut Krieg führen. Es sind eben Ungläubige, Frevler, Hoffärtige, Prahler, den Eltern ungehorsam, unvernünftig, treulos«, setzte er dann ernst hinzu, seines Standes sich wieder erinnernd. »Diesen Schild«, fuhr er fort, »hat der Verfolger der Kirche, Galerius, meinem Ahnherrn Bappo geschenkt, der der Führer seiner Leibwache war. Hier ist das Schwert eines tapferen Mannes, meines Großoheims, auf dessen nackten Leib Kaiser Constantin im Amphitheater zu Treveri Trier die wilden Thiere hetzte. Möge es ihm nicht angerechnet werden an jenem Tage. Diese ehernen Krüge und krystallenen Becher, den ganzen Haufen von kostbaren Dingen, hat Rothari selbst erbeutet, als er Autosidurum Autun. stürmte. Es war ein gutes Jahr für unser Volk. Mogontiācum, Vorbetomăgus, Noviomăgus, Argentoratum, Breucomăgus, Tabernä und Saletio Mainz, Worms, Speier, Straßburg, Brumath, Zabern und Selz im Elsaß. haben wir damals niedergebrannt, blinde Heiden, die wir waren.« »Aber diese silberne Taube, habt ihr die aus einer Kirche geraubt?« sagte Lupicinus kopfschüttelnd. »Stille, stille«, erwiderte leise der Mönch. »Sie gehört nicht mir, sonst hätte ich sie längst zurückgegeben. Sie stammt von Rando's Zug nach Mogontiacum. Es war auf das Fest der Epiphanien. Der Rhenus war fest gefroren, da zog Rando hinüber, während die ganze Gemeinde, das Landvolk mit inbegriffen, in der Basilica versammelt war. Mein Lehrer Benedictus erzählte mir, wie der Bischof gerade predigte von den drei Königen, die dem Himmelskönige huldigten im Namen aller Nationen der Erde und ihm Tribut brachten von allen Gaben, die ihm pflichtig seien. Da plötzlich erscholl der Schlachtruf der Alamannen auf allen Straßen. Die Kirchen wurden umstellt und alle guten Christen wurden als Knechte weggeführt, Mann, Weib und Kind. Ich denke, der Herr hat es zugelassen, damit sie den Samen des Evangeliums ausstreuen in unserem Volke. Die Häuser aber leerten die Unseren von oben bis unten. Die Beute war unermeßlich. Mir aber ward damals das Schwert aus der Hand geschlagen, ehe ich die Kirchen unseres Herrn geschändet.« Er seufzte und das gleißende Gold schien ihn plötzlich nicht mehr zu erfreuen. Lupicinus aber schaute über all die glänzenden Stücke hin und fragte bedenklich: »Also Rothari, der hier wohnen will, machte alle diese Raubzüge mit?« »Allen Andern war er stets voraus und schreckte bis tief hinein nach Gallien die Heere des Augustus.« »Da wundert mich nur«, erwiderte nun Lupicinus, »daß dein Herr in unsere Reihen getreten ist und euch nun schreckt.« »Ich habe nur einen Herrn und habe die Schrecken der Menschen überwunden«, sagte der junge Mönch, über den plötzlich eine ganz andere Stimmung gekommen zu sein schien. Lupicinus schaute ihn betroffen an, da er sich nicht erklären konnte, warum mit einem Male ein Ausdruck tiefer Niedergeschlagenheit das Antlitz des jungen Mannes überschatte. Aber er hatte keine Zeit weiter zu forschen, denn es wurde laut im Atrium. Ein kleiner Mann mit rothem Barte und scharf geschnittenem Raubvogelgesichte war eingetreten und wurde alsbald von zwei jungen Kriegern begrüßt, die ihn über den in Aussicht stehenden Besuch des germanischen Heerführers befragten, der sie keineswegs zu freuen schien. »Still!« flüsterte Lupicinus dem Mönche zu. »Der Notar hat wieder gehorcht, ich sah ihn vorhin schon vorbeischleichen.« »Wer sind die Herrn?« »Unholde Gesellen; der Dicke, der den Mund aufsperrt wie ein gesottener Fisch, ist Statius, ein Vetter meines Herrn. Der Kleine, der wie ein Alräunchen aussieht mit den dünnen Gliedern heißt Nasica und ist Arator gleichfalls verwandt, der dritte mit dem rothen Barte« .... Weiter kam Lupicinus nicht, denn der Aelteste der drei, von dem er eben reden wollte, drehte sich um und rief mit barscher Stimme: »Was treibt ihr hier und schwatzt von den Heldenthaten der Alamannen?« »Er hat uns belauscht«, dachte Vulftlaich unwillig und schaute mit finsterer Miene zurück, aber er blickte in höhnische, abstoßende Züge. Ein kleiner, vornehm gekleideter Römer von etwa fünfzig Jahren, dessen magere Arme die Toga häßlich zerrten, stand vor ihm. An dem Manne war nichts schön als der rothe Bart, der unter der gewaltigen Römernase wohlgepflegt auf die Brust herabfiel. Ein feindselig in sich zusammengenommenes Selbstgefühl lag in seinem Angesicht und die schwarzen Augen stachen frech unter den rothen Wimpern hervor. »Der Notar Staatssecretär. Syagrius«, flüsterte Lupicinus, während dieser Vulftlaich mißtrauisch musterte. »Der Mann bringt das Eigenthum des edlen Rothari«, sagte Lupicinus entschuldigend, »und wir sind im Begriff, alles an seinen Ort zu stellen.« »Da müßtet ihr es in die Paläste des Augustus durch ganz Gallien wieder vertheilen, wo es gestohlen ist,« sagte der Notar scharf und ging mit einem höhnischen Lachen weiter, während die jüngeren Begleiter noch einen neugierigen Blick auf die ausgestellten Schätze zurückwarfen. »Vor dem hüte dich«, sagte Lupicinus, als sie hinaus waren. »Der hat scharfe Zähne. Du bleibst doch hier? Ich will meine Zelle mit dir theilen.« »Ich habe an Bischof Ithacius einen Auftrag.« »An Ithacius, den Gottverhaßten, den Mörder, was hast du mit diesem Wolfe, dem Antichrist?« »Also auch du bist von der Heerde des Arius?« erwiderte der junge Mönch finster. Lupicinus schwieg, aber er runzelte die Stirne. »Es ist mir verboten, mit euch Gemeinschaft zu haben«, sagte Vulfilaich zögernd. »Melde Rothari, der dies gebracht, werde morgen wiederkehren. Dir aber wäre besser, du wärest nie zur Kirche getreten, als daß du ein so großes Heil verachtend es nun mit Füßen trittst. Willst du geheilt sein von deinen Irrthümern, so will ich wieder mit dir reden, deine Gastfreundschaft aber annehmen darf ich nicht«, damit schritt er hinaus, während ihm Lupicinus verwundert nachschaute. »Da helfe ich dem frommen Manne, seine Esel abladen, Maulesel, der ich selbst bin, und zum Danke lästert er meinen Glauben. Nun warte, auf des Salvius Rücken soll morgen alles abgezahlt werden, was du mir heute im Namen eueres Gottes angethan hast.« Und er machte eine unmißverständliche Bewegung mit der Faust und ging hinaus an seine Arbeit. Zweites Kapitel. Kling! kling! kling! tönte es hell durch den grünen Buchwald, der sich über die breiten Kuppen des Mons Piri hindehnte und der fröhliche Ton des Meißels schallte damals, als der gewaltige Augustus Valentinianus und sein jugendlicher Erbe Gratianus herrschten und Ambrosius von Mailand und Martin von Tours die größten Kirchenlichter des Abendlands waren, eben so hell und herzerfreuend durch den Maienwald, wie wenn heute in den tiefer gelegenen Sandsteinbrüchen fleißige Arbeiter die Steine behauen und dabei vom deutschen Kaiser reden. Damals aber ging der fröhliche Ton von wohl hundert Steinmetzen aus, die über die Lichtungen des Waldes vertheilt, leichtgeschürzt, ja zum Theile halbnackt, immer je zwei und zwei damit beschäftigt waren, die zu Tage stehenden Findlingsblöcke zu riesigen Quadern zuzuhauen, aus denen Kaiser Valentinian ein Kastell auf diesen Höhen zu bauen beabsichtigte. Das hämmerte und pochte und klimperte und musicirte so lustig durch die weißstämmigen Maienbuchen, daß die Vögel mit Staunen zuhörten und beschlossen, ihr Concert weiter rückwärts in den Wald zu verlegen, da man hier vor lauter Klingen und Klopfen seine eigene Stimme nicht mehr verstehe. Dem Klange von oben folgend stiegen zwei vornehme Krieger den geplatteten Weg hinan, der künstlich so geführt war, daß etwaige Angreifer nicht die Schildseite, sondern die offene Brust den Vertheidigern des Berges darbieten mußten. Von Zeit zu Zeit sich die Stirn trocknend von der Anstrengung des Steigens schritten sie rüstig zwischen den weißblühenden Brombeerhecken und den gelben Ginsterfahnen aufwärts. Der Aeltere war eine hohe fürstliche Gestalt mit ergrautem Haupthaar und stolzem Römerkopfe. Ueber dem reichvergoldeten Lederharnisch glänzte der rothe Soldatenmantel, auf der rechten Schulter durch eine goldene Spange in Gestalt eines Löwenhauptes eingehakt. Eine kostbare Agraffe strahlte an dem Gurt des kurzen Römerschwertes. Das war dem Geschmacke der Zeit entsprechend, mehr Schmuck und Farbe als das alte Rom einem Soldaten an der Grenze des Reichs würde gestattet haben. Aber die Haltung des alten Mannes selbst war von einfacher Hoheit. Das vornehme römische Antlitz verrieth durch eine energische Linie zwischen den Brauen den Feldherrn, der es verstand, mit dem Winke seiner Augen Legionen zu lenken und die festgeschlossenen Lippen kündeten den Staatsmann, der gelernt hatte, sich selbst zu beherrschen. In den Augen aber loderte ein geheimnißvolles Feuer, das der gemessenen Kälte des Ausdrucks widersprach. Um so 'einfacher war die germanische Hünengestalt neben ihm angethan. Der Mantel von Rauchwerk, über den der zurückgeschlagene Wolfshelm gleich einer Kapuze herabfiel, der feste Lederwamms und die schweren Soldatenschuhe mochten bei dieser Maienhitze wärmer sein als eben angenehm. Der Träger, eine hohe Jünglingsgestalt mit goldblondem Haare und lichten blauen Augen, schien das nicht zu empfinden und wenn er seinen Schritt anhielt und sich auf seine lange Lanze stützte, in die die Gedächtnißzeichen zahlreicher Schlachten eingeschnitten waren, so geschah es aus Rücksicht auf den neben ihm schreitenden altern Begleiter, dem das Reden beim Steigen oft schwer ward. Der greise Feldherr schaute dann dankbar den jungem Genossen an, denn der Germane hatte freundliche Augen, in die man gern sehen mochte. Ihm hatten die Götter des alamannischen Waldes nur liebliche Runen in's Antlitz geschrieben, kindliche Heiterkeit, die eine unverdorbene Jugend bedeutet und das mädchenhafte Farbenspiel des rasch bewegten Blutes, das ihm die Wange jungfräulich färbte, wenn er Widriges hörte, so daß ihn der Zorn nur verschönte, nicht verzerrte, wie manchen andern Mann. »Verzeihe, edler Rothari«, begann der Alte, »wenn ich den Gastfreund schelte, aber unvorsichtig war es, alle Beutestücke deiner Kriegszeit so offen in deiner Wohnung zur Schau zu stellen. Der Notar Syagrius sah sie und erfüllte meine jugendlichen Neffen mit Groll und Eifersucht auf den neuen Waffengefährten, der mit der Beute prunke, die er uns einst abgenommen.« »Die Götter mögen wissen, wie es zu dieser Ausstellung kam«, erwiderte Rothari erröthend. »Ein Mönch soll die Dinge gebracht haben. Ich aber kenne keinen Mönch als etliche, die ich in voriger Woche zu Argentoratum Straßburg auspeitschen ließ, weil sie Meuterei im Lager anstifteten. Uebrigens ist nur ein Theil dieser Beutestücke mein Eigenthum, das Meiste gehört meinen Brüdern. Ich stand wie verzaubert bei dem Anblick und dein Lupicinus, der Auskunft geben konnte, da er die Sachen in Empfang nahm, war im Dienst, so daß ich rathlos bin über den ganzen Vorfall. Doch denke ich, wenn ich jedem der Kameraden etwas davon verehre, werden sie sich geben.« »Nicht um sie ist's mir«, erwiderte der Comes Arator. »Aber Syagrius schreibt Berichte nach Treveri Colonia Augusta Treverorum, später auch einfach Treveri, Trier. und du kennst Valentinian's Argwohn. Noch stehst du fest in der Gnade des Augustus, aber sahen wir nicht die Festesten über kleinere Anlässe fallen?« »Ich bin schon gefallen«, sagte Rothari lächelnd. »Doch hat er mich vorläufig wieder an's Trockne gezogen.« »Wie so, wer entzweite euch? Sicher wieder die Christin Justina?« »Nein, dieses Mal ist es seine andere Freundin, die braune Mica gewesen.« »Wer ist Mica?« »Du kennst Mica nicht? Des Kaisers zottige Hofgenossin, in deren brünstiger Umarmung wohl dreißig brave Männer ihren Geist aushauchten?« »Du redest in Räthseln.« »Mica, die wohlgepflegte, die unmittelbar unter den Fenstern des kaiserlichen Schlafgemachs gebettet war?« »Es gab nie einen Mann von strengeren Sitten als Valentinian.« »Oh, streng sind sie schon diese Sitten, denn Mica ist eine Bärin.« »So ist es wahr, daß er die Verbrecher in den Bärenzwinger wirft?« »Mich selbst hat er hinabgestoßen mit eigener Hand, zum Glück sammt meinem Schwerte und da war ich, denn so kühn, seine Freundin zu durchbohren.« »Unglaublich!« »Ich hatte ihn beleidigt, wie er wenigstens meinte, und Bischof Ithacius von Ossonuba, derselbe, der auch jetzt wieder am Hofe ist, hetzte ihn, weil ich seine Taufe verschmähe. Da trug es sich zu, daß eines Morgens Valentinian's Streitroß scheute, als er aufsitzen wollte. Er behauptete: der Stallknecht habe es falsch gehalten und brüllte mir zu: ›Du schlägst dem Schurken die Hand ab.‹ Ich nahm den Mann bei Seite und sagte ihm, er solle sich in der Stille halten bis des Kaisers Zorn verraucht sei. Da erfuhr Valentinian durch seine Schranzen, daß ich seinen Befehl nicht ausgeführt hätte. Am Morgen stehe ich am Zwinger und füttere Mica, als plötzlich Valentinian an mich herantritt und fragt: ›Warum hast du dem Knechte die Hand nicht abgehauen?‹ ›Weil Hände nicht wieder wachsen‹, erwiderte ich. Da tritt seine Zornesader blau aus der Stirne, seine schielenden Augen starren und ehe ich mich besinnen konnte, hat mich der Riese mit einem tückischen Stoße über die Mauer des Zwingers hinabgestürzt, wo ich unter Mica zu liegen kam, die sich brummend aufrichtete. Ich aber fasse mich rasch und stoße der Bärin das Schwert bis an den Knauf in die Rippen. ›Ein braver Stoß‹, höre ich nun oben Valentinian's Stimme rufen. Er reicht mir die Hand herab und will mich heraufziehen. ›Nicht eher‹, erwiderte ich, ›ehe ich auch der andern Bestie, die deinen Namen schändet, den Odem ausgeblasen.‹ ›Ich will sie in die Wälder entlassen‹, sagt er gutmüthig. ›Komme nur herauf, ehe die Leute sehen, wie mein Dämon mich wieder überwältigt hat.‹ Und mit größter Mühe zieht er mich unter eigener Gefahr aus der Grube, bedeckt mein Angesicht mit Küssen und fleht mich an, ich solle ihm verzeihen.« »Ja, ja, das gleicht ihm, so ist er und alle seine Bischöfe und Heiligen haben seinen wilden Sinn nicht gebändigt. Ein sauberer Christ!« »Christ ist er so wenig als ich oder du. Er erzählte uns einst bei einem Gelage, als er den Wein spürte, wie er schon als Gardetribun in den Geruch der Heiligkeit gekommen sei. Es war in Antiochien und bei der dortigen Hitze war er es furchtbar müde, mit dem göttersüchtigen Julian von einem Tempel zum andern zu laufen. Da führte sein böser Stern ihm einen Apollopriester in den Weg, der ihm in seinem Eifer das Weihwasser in Gesicht und Augen sprengte. Schon damals so grob und zornmüthig wie heute, gab er dem Priester eine Maulschelle. Natürlich zeterte alles über die Tempelschändung und Julian schickte ihn zur Strafe für solche Ungebühr auf ein Kastell nach Aegypten. Seitdem ehrten ihn die Bischöfe als Märtyrer und ihnen hat er zum Theil seine Erhebung zu danken. War er früher grob, so ist er jetzt grausam. Aber er läßt christliche Presbyter so gut auspeitschen wie heidnische Höflinge.« »Wie aber kamst du nach diesem Zusammenstoße zu der Sendung nach Rom?« »Ich glaubte Justina's Einfluß darin zu erkennen, der es Freude macht, mit weicher feiner Frauenhand zu entwirren, was der Männer trübe Leidenschaft zum Knoten schürzte. Am folgenden Tage lud man mich zur Tafel. Als ob ich der heilige Martinus wäre, den er am meisten fürchtet in Gallien und sie am meisten haßt, saß ich zwischen Kaiser und Kaiserin. Wie scherzend theilte Justina mir mit, ich solle eine Botschaft des Kaisers dem hohen Senate überbringen. Hauptsächlich aber müsse ich in Rom täglich zweimal über jedes Forum gehn. Der Anblick eines sieben Fuß hohen Germanen werde hinreichen, die Stadt der sieben Hügel im Gehorsam zu erhalten.« »Traue den süßen Worten nicht zu sehr und den schönen Augen. Sie ist aus Sizilien, der Sirenen Nachbarin.« »Nun, ich bin kein Cyklop und halte beide Augen offen. Mir schien vielmehr, daß ihn meine Gegenwart drücke nach dem häßlichen Vorfall. Hauptsächlich aber wollte er mir keine Legion anvertrauen im Kriege gegen mein Volk, weil er dem Alamannen nicht traute.« »Dir war es wohl lieb, nicht gegen die Deinen zu schlagen?« »Ja und nein – ich beneide euch doch um den schönen Sieg, den ihr nun ohne mich erfochten.« »Es war ein hartes Stück Arbeit«, sagte der Comes. »Sobald wir Vithikab's Tod erfahren hatten« ... »Das heißt seine Ermordung durch euern Meuchler«, unterbrach Rothari bitter und die helle Zornröthe flammte auf in seinem jugendlich schönen Angesichte. »Die Gelegenheit bot sich«, sagte der Comes, »und ich tadle nicht, daß Valentinian sie benützte.« Der Germane schaute finster zur Seite. »Er war dein Bruder, aber dein Feind«, sagte Arator. »Doch sei es löblich oder tadelnswerth, mit einer Thatkraft, die wir alle bewunderten, benützte der Augustus die im Lager der Barbaren entstandene Verwirrung. Noch hatten sie keinen neuen König gewählt und schon verkündete der Rauch ihrer Dörfer und Hütten den Weg des Kriegsgotts. Vorsichtig gingen wir vom Rhenus her durch ihre Thäler und Berge vorwärts bis wir endlich bei Solicinium der ersten Feinde ansichtig wurden. Unsere Vorhut meldete, daß die Alamannen den Berg besetzt hielten, der sich wie ein Riegel quer vor das Thal des Nicer lege. Wir hatten keine Lust, solche Höhen zu stürmen und schlugen ein festes Lager. Jeder Theil wartete, daß der andere angreife. Droben lärmten die Barbaren, unten verübten die Unsern vielen Unfug und hielten schlechte Mannszucht. So lagen wir uns lang gegenüber, während die Alamannen uns höhnten und unsere Truppen aus Ungeduld bereits zu meutern begannen. Um nicht Schlimmeres zu erleben, entschloß sich Valentinian zur Schlacht. Comes Sebastianus sollte über die Hügel, die nördlich an die Stellung der Barbaren sich lehnten, den Feind angreifen. Die Legion der Iovianer sollte das Lager und den jugendlichen Augustus Gratian hüten, mit der Masse aber ging der Kaiser selbst gegen die festen Höhen vor, um den Angriff zu wagen, sobald Sebastianus den Feind im Rücken gefaßt hätte. Der Zugang, den die Leute vom Vortrab gesehen hatten, schien dem Imperator aber wenig günstig. Er selbst ritt darum mit seinem Kämmerer und wenigen Begleitern auf Kundschaft aus. Die Niederungen am Berge hin waren noch überschwemmt von dem Frühlingsregen; der Schilf stand mannshoch; da, als der Cäsar dem Berge schon ziemlich nahe gekommen ist, brechen plötzlich hier und dort die Alamannen aus dem Dickicht. Ein hünenhafter Krieger, den Scheitel mit feuerfarbenem Bande umwunden, fällt mit geschwungener Streitaxt dem Pferde des Kämmerers in die Zügel. Ihn mochte er für die beste Beute halten, da er des Kaisers von Steinen und Geschmeide strahlenden Goldhelm trug. An Widerstand war nicht zu denken. Valentinian warf sein Roß herum und jagte, so rasch er konnte, durch Schilf und Sumpf zu uns zurück. Die Flucht des Augustus war es, womit die Schlacht begann und sein Goldhelm, den jeder Soldat kannte und der unser Feldzeichen gewesen in zwanzig Schlachten, war verloren. Helm und Kämmerer sah kein Auge wieder. Auf's neue ward gezögert, gerastet und berathen. Aber bereits hatte Valentinian keine Wahl mehr. Das Heer hatte seine Flucht gesehen, er mußte schlagen und siegen, oder die Soldaten riefen Sebastianus zum Imperator aus. Er selbst ergriff also die goldene Kreuzstange mit dem purpurnen Wimpel, unter deren Zeichen wir fechten. Die Tuba ertönte und wie sie so von Nord und Süd und West Antwort erhielt und dieses Echo den Soldaten sagte, wie stark wir seien, wuchs den Unsern der Muth und den Barbaren sank er, denn von der Ebene und aus den Thälern hörten sie bald hier, bald dort das Schmettern der Drommete. Salvius, ein Scutarier und einer von den Gentilen, Lupicinus, derselbe, der nun in meinem Hause ist, hatten sich zum ersten Angriff erboten. Ihre Lanzen fröhlich schwingend zogen die wackern Knaben singend und jauchzend weit voraus und erstürmten den ersten Hohlweg. Alsbald tobte um jeden Felsblock der Kampf; durch die Hecken und Dornen brachen die Unsern sich Bahn, während die Barbaren von oben schlugen, stachen und warfen. Aber auf einen Alamannen kamen zehn Römer; von allen Seiten wachsen die Römerhelme aus den Büschen empor. Rechts und links sind die Barbaren überflügelt. Immer rascher dringen die Unsern vor, immer matter wird der Widerstand. Als wir die Höhe des Berges erreicht hatten, entsteht nochmals ein furchtbares Ringen. Die Schlacht stand und rechts und links sanken die Todten. Da brach endlich Comes Sebastianus, der auf weitem Umweg die Höhe gewonnen hatte, im Rücken der Feinde aus dem Walde und nun wandten die Barbaren sich heulend zur Flucht. Der ganze Troß, sammt Weibern und Kindern floh eilend abwärts und nach ihren breiten Rücken und blanken Beinen versendeten wir nunmehr von oben alle Geschosse, die noch vorhanden waren, o daß der Berg bis zum Flusse hinab besät war mit blutigen Leichen. Der Rest der wilden Schaar aber verschwand, als wäre sie nie gewesen, in den Wäldern.« »Das also war der Sieg«, sagte Rothari, »den Ausonius feiert in seiner Mosella: »In vereintem Triumph erschauete Vater und Sohn sie, Als sie die Feinde verjagt über Nicer und Lopodunum Und die Quelle des Ister, die Roms Annalen nicht kennen. Jüngst des beendeten Kriegs kam dieser Bericht mit dem Lorbeer.« »Aber solltest du glauben, daß dieser Sieg innerlich Valentinian nur wenig freut, ja, daß er mit stechendem Unmuth an diesen Tag zurückdenkt, so daß man desselben gar nicht erwähnen darf in seiner Gegenwart?« »Seltsam!« »Die Kaiserin selbst hat es meiner Tochter anvertraut. Er sieht im Geiste sich stets auf der Flucht vor dem alamannischen Häuptling und vor Allem der Helm ist es, dessen Verlust ihn stachelt. Justina aber hört nicht auf, ihn daran zu erinnern. Du weißt, wie abergläubisch sie ist. In allen ihren Träumen erscheint ihr dieses Symbol der augusteischen Herrschaft. Bald trägt ein alamannischer Krieger den Helm und verspottet Valentinian darin vor dem ganzen Heere. Bald sieht sie ihn in der Halle eines Gaukönigs prangen und wenn die Feinde sich berauscht haben in Meth und Gerste setzt Einer nach dem Andern den Kopfschmuck des Alleinherrschers auf sein trunkenes Haupt. Meine Tochter sagt, Justina habe sich auch weissagen lassen, das Omen bedeute einen baldigen Kaiser germanischer Abkunft. Ich lachte, als ich es hörte, aber bei ihr ist der Helm zur fixen Idee geworden. Auch Valentinian wird keinen ehrlichen Frieden schließen mit den Alamannen, ehe sie seinen Helm ihm ausgeliefert haben.« »Das wird schwer halten«, sagte Rothari, »der Krieger mit dem rothen Bande war kein Anderer als Rando.« »Weißt du, wohin er die Beute brachte?« fragte der Comes eifrig. Aber Rothari schwieg. Der Jüngling schien in tiefes Sinnen versunken. Nach einer Weile sagte er dann: »Ich wäre gern nach Treveri zurückgekehrt, um mich mit dem Augustus zu verständigen, aber am Mons Brisiacus Breisach fand ich die Weisung vor, die Befestigungen am Rhenus zu prüfen und gute Beziehungen mit den Alamannen zu pflegen. Valentinian liege alles daran, daß noch ein Jahr Friede bleibe. Mir war das unlieb. Ich fechte ohne Bedenken gegen das Volk, das mich vertrieb, aber Hinhalten und belügen will ich sie nicht. Ist es wahr, was man mir zu Vindonissa Windisch erzählte, der Kaiser wolle die gesammte Ebene an der Biegung des Rhenus und hier am Einfluß des Nicer wieder zum Reiche ziehn?« Arator deutete nach den Wartthürmen, die vor und hinter ihnen auf den Bergen sich erhoben. »Es ist schon geschehen und ich lobe es. Seit der Grenzwall durchbrochen und aufgegeben ward, begann ein endloser Rückzug. Erst hinter dem Rhenus wähnten wir uns sicher. Aber für die alamannischen Wölfe ist der Rhenus im Sommer seicht genug, um ihn zu durchwaten, im Winter fest genug, um ihn zu überschreiten. Immer und immer wieder ergossen sie sich über Gallien, du kennst ja selbst die Wege, du unser alter Feind!« Rothari lächelte, aber der Andere fuhr eifrig fort. »Als vollends dein Vetter Rando am Epiphanienfeste in Mogontiacum eindrang und die ganze versammelte Gemeinde in der Basilica abfing und als Sclaven wegführte, da entschieden auch die Bischöfe, es müßten auf dieser Seite des Rhenus wieder Wartthürme und Kastelle errichtet werden, damit die Gemeinden in Sicherheit das Wort vernehmen könnten. Mit dieser Aufgabe hat der Augustus mich betraut. Das Lager da unten, Novus Vicus und Lopodunum selbst würden nicht sicher sein, wenn wir nicht diese Höhe befestigen.« »Das ist gegen die Verträge«, sagte der Alamanne trocken. »Die Verträge mit den Barbaren haben Rom nie etwas anderes als Waffenstillstand bedeutet. Ehe unsere Adler wieder auf dem Grenzwall aufgepflanzt sind und der Mons Taunus wieder des Reiches Grenze heißt, keinen Frieden mit Macrian!« »Du weißt, daß Macrian's Sohn aus Mogontiacum entfloh?« sagte Rothari lächelnd. »Entfloh?« rief Arator erschrocken. – »Dann wahre der Schuldige sein Haupt vor Valentinian's Zorn.« »Gestern erhielt ich die sichere Botschaft. Ein Germane führte sich mit kaiserlicher Vollmacht bei den Geiseln ein, um sie nach der Sitte unseres Landes in den Waffen zu unterweisen. Kein Geringerer als Comes Merobaudes hatte ihm die Erlaubniß dazu erwirkt, aber schon am folgenden Tage war der Fremde und mit ihm Macrian's Sohn verschwunden. Wie das möglich wurde, ist bis jetzt vollkommen dunkel. Der Knabe fehlte beim Frühmahl und keine Marter konnte die übrigen Jünglinge bestimmen, das Geheimniß dieser Flucht zu verrathen, obwohl Merobaudes sie peitschen ließ bis auf's Blut, die armen Opfer ihrer Treue.« »Schlimm, schlimm«, rief Arator. »Das bedeutet Krieg und wir brauchen den Frieden.« »So lang Macrian«, tröstete der junge Germane, »seinen Tribut bekommt, wird er den Frieden halten.« »Rom zahlt keinen Tribut«, erwiderte der Comes scharf, indem er das Haupt zurückwarf, »es gibt den Barbaren Geschenke.« »Die diese sich holen, falls sie ausbleiben«, erwiderte Rothari gleichmüthig. Der Comes schaute ihn fest an, als wollte er tief in seiner Seele lesen, aber der junge Krieger hielt den Blick aus. »Ich habe mit Gratian Blutbrüderschaft getrunken«, sagte er, »das bindet mich auch an seinen Vater. Selbst gegen Volk und Sippe will ich euch Treue wahren, wie es dem Germanen ziemt. Haltet nur auch ihr nicht wieder Hinterlist und Treubruch für das beste Mittel mit den Alamannen fertig zu werden.« Unter solchen Gesprächen waren die beiden Männer auf der vorderen Kuppe des Berges angekommen, wo eine weite Aussicht sich aufthat. »Sieh da den Vater der Flüsse, den Rhenus!« rief Rothari freudig aus, »den Germanen und Römern gleich heilig!« In der That war es ein bezauberndes Bild, das sich vor den Augen der beiden Krieger aufthat. Zu ihren Füßen breitete sich bis zu den fernen dämmernden Bergen die grüne Ebene hin und in den sammtenen Teppich zeichnete der schlangenartig gewundene Nicer seine silbernen Arabesken. Am Horizont sah man deutlich den Eintritt des Flusses in den Rhenus, der als glänzender Silberstreif aus der dämmernden blauen Ferne seine blitzenden Strahlen herübersendete, mit seinem hellen Bande bald langgestreckte, bewaldete Inseln umfassend, bald zur Rechten, bald zur Linken von glänzenden breiten Altwassern oder weiten schwarzen Föhrenwäldern umgeben. »Was ist das für eine Kuppel, die so hell vom Rhenus dort herüberstrahlt?« fragte Rothari. »Kennst du die ›vergoldete Zinne nicht in der Mitte des Palastes und die bleierne Brustwehr‹, die Symmachus in seiner Rede feiert?« »Ach, Alta Ripa«, Altrip rief der Germane. »Wie scharf sich das Munimentum von dem dahinter fließenden hellen Strome scheidet! Aber wie heißt die Stadt hier mit der Brücke, das ist wohl Noviomagus?« Speier »Ganz recht, die Stadt der Nemeter. Am hellen Tage kann man die Schiffbrücke sehen, die Valentinian geschlagen und mit einem Damme belegt hat. Auch den Hafen siehst du zur Linken, in dem die geschnäbelten Wachtschiffe sich bergen. Hier dagegen nach Norden, wo der blaue Bergrücken sich in seiner Linie vom Himmel abzeichnet, liegt Borbetomagus, die Stadt der Vangiones. Worms .« Von der Ferne kehrte das ermüdete Auge der beiden Krieger zu dem schönen Panorama unter ihren Füßen zurück. »Dieses hier ist meine Villa«, sagte der Comes und er deutete nach dem letzten Hause des Novus Vicus, der sich mit seinen Gärten und Obstbäumen hart am Abhange hinbreitete, so daß man in die offenen Viridarien und Peristyle der Häuser hineinzusehen vermochte. Dem Dorfe auf dieser Seite des Flusses entsprach auf der andern ein langer Streifen ärmlicher Häuser und hölzerner Hütten, die die Brücke mit dem diesseitigen Lager verband. Von dieser strahlte ein Stern geradliniger Straßen hinaus nach den benachbarten Römerstädten. Die Ebene war zum Theile wieder bebaut und der baufällige Zustand der Villen und Gehöfte, die hier und dort herüberglänzten, verbarg sich auf diese Entfernung dem Auge. »Ein gesegnetes Land«, rief Rothari aus, »es verlohnt sich um dasselbe zu kämpfen. Wie eine geschmückte Tänzerin, gekleidet in grüne und blaue Gewänder, mit blinkenden Bändern von Silber und Stahl, steht die Landschaft zwischen uns und euch, was Wunders, daß Alamannen und Römer sich um sie raufen. Ich wollte der Gau wäre mein, daß ich all' die Städte wieder bauen könnte, die wir in den letzten zwanzig Jahren verbrannten.« Damit wendete er sich wieder dem Wege nach der Höhe zu, der hier durch einen hohen Wall versperrt ward. »Der alte Ring der Alamannen«, sagte Arator, indem er sich anschickte, zwischen den weißblühenden Brombeerhecken hindurch das Steingeröll zu erklimmen, das in der Sonne glühte. Das barbarische Bollwerk war aus großen Blöcken geschichtet, deren Fugen mit kleinen Steinen ausgefüllt waren, und lief als Brustwehr um die ganze Höhe des Bergs. Weiter oben wurde ein engerer Ring sichtbar, der gleichfalls beide Gipfel des Bergstocks einschloß. »Hierher versammelten die Alamannen ihr ganzes Volk mit Kindern, Weibern und Heerden, als der letzte Krieg begann.« »Es muß schwer gewesen sein, diese Schanzen zu stürmen«, sagte der Germane. »Sie räumten sie selbst, nachdem sie überflügelt waren und ich beklage, daß unsere Vorhut trotz meines Verbots gegen ihre Weiber und Kinder arg gewüthet hat.« Die Erinnerung war dem greisen Feldherrn nicht erfreulich und er klomm rasch, dem jüngern Mann voraus, den Steinwall aufwärts. Drittes Kapitel. Während der Römer und der Germane in solchen Gesprächen den Mons Piri emporstiegen, ruhten auf der innern Seite des Rings, der den Gipfel umgab, zwei Alamannen. Zwischen den blühenden Hecken hatten sie sich bequem auf den von der Sonne durchwärmten Steinen hingestreckt, als ob sie von einer mühsamen Wanderung rasteten. Kurze Lederhosen hingen ihnen um die Lenden, der Oberkörper war nackt; den Mantel von Wolfsfell, der sonst den Rücken deckte, hatten sie abgeworfen, um auf ihm zu schlafen. Jetzt gaben sie sich bequem dem Genuß der Sonnenwärme hin und starrten behaglich in den tiefblauen Himmel. Der Pack von Fellen, der neben ihnen lag, ließ vermuthen, daß sie Händler waren, die ihre barbarische Waare nach Gallien trugen. Der Jüngere erhob sich jetzt und reckte die jungen Glieder, um sie wieder geschmeidig zu machen. Schlank wie eine Tanne stand er da, mit seinen gelbblonden Haaren und hellen blauen Augen ein rechtes Bild des alamannischen Stamms. Der Aeltere rührte sich nicht, aber ein Blick väterlichen Wohlgefallens fiel auf den schmucken Knaben. »Wie viele Jahre, Vater, ist es jetzt, daß der Römer über den Rhenus kam und mit uns Krieg führt?« begann der Jüngling die Unterhaltung. »Das ist schon lang, Hortari«, sagte der bärtige Held, indem er sich behaglich dehnte. »Als der erste Augustus herrschte, nahmen sie Rhätien bis zum Danubius und gegen Mitternacht gingen sie über den Rhenus, da wo er dem großen Wasser zuströmt und drangen dann landaufwärts bis zum Taunus vor. Da sahen die Sueven von Rhätien, von Gallien und vom Mönus her sich dreifach umfaßt von dem treulosen Rom und es ward ihnen unheimisch im Lande ihrer Väter. Darum sammelte König Marobod sein Volk und zog nach Sonnenaufgang und stiftete in Boheim ein mächtiges Reich. Die Römer aber bauten den Pfahlgraben vom Danubius zum Rhenus und schlugen das verlassene Land zu ihrem Gebiete. Aus Rhätien und Gallien kamen nun Welsche aller Stämme und bauten die Felder. Bald war kein Fleck, den sie nicht bestellt hätten und sie saßen in ihren Städten, wo sie sich aufeinanderdrängten wie die Immen und wimmelten wie die Ameisen. Wir aber ließen sie gewähren wohl zweihundert Jahre. Da hatten sie einen Kaiser, den sie Caracalla nannten, der war tückisch wie Loki's Wolf, so daß er sogar seinen eigenen Bruder tödtete, wie ihr erster König auch gethan hat. Es sind jetzt gerade hundertundfünfzig Jahre, da überfiel er am Mönus jenseits ihres Grenzwalles einen Stamm der Sueven, der friedlich sein Land baute, metzelte Weiber und Kinder nieder und verbrannte ihre Hütten – und das Alles nur, damit er sich Germanicus nennen und einen Triumph feiern könne. Da ward der große Bund der Alamannen gestiftet, um Rache zu nehmen an dem treulosen Rom. Der fünfte unseres Stammes vor mir begann diesen Krieg und du, der Siebte, wirst ihn nicht enden. Herüber und hinüber schwankte das Kriegsglück, aber ihr Pfahlgraben ward durchbrochen, ihre Burgen verbrannt, bald standen wir drüben in Gallien und plünderten ihre Städte, bald zogen sie sengend und brennend durch unsere Wälder, aber wir warfen sie immer wieder nach Gallien zurück. Erst in den letzten Jahren geht es nicht mehr wie es sollte. Als du ein vierjähriges Knäbchen warst, verloren wir bei Argentoratum eine große Schlacht. Die Römer hatten einen tapfern und verschlagenen Führer, Julian hieß er, aber sein Kaiser traute ihm nicht und rief ihn ab. Auch der, der jetzt herrscht, ist ein tapferer Mann. Dort drüben am Rhenus liegt die Burg auf unserem Ufer, die er gebaut hat, dort siehst du die Stadt der Nemeter, wo er eine feste Brücke geschlagen und nun wollen sie sich auch hier einrammen, wie ich fürchte. Deßhalb bin ich hier heraufgekommen, um zu sehen, was sie treiben. Aber, Hortari, mein Knabe, nun hast du geruht von unserem harten Marsche, jetzt schlage dich allein durch die Wälder. Sie könnten uns erkennen, wenn wir zusammen blieben. Ist man nicht zu dreien, daß man sich durchschlägt, so geht besser jeder für sich. Halte dich hier oben bis zu dem alten Birnbaum, dann krieche durch die Büsche bis du den Hochwald erreichst, der dich deckt. Von dort gehst du immer gegen Osten bis du Hütten unseres Volkes triffst, sie können nicht fern sein; dort sagt man dir leicht, wie du zu gehen hast.« Noch hatte der Aeltere nicht geendet, als jenseits des Walles Schritte hörbar wurden. »Rasch, rasch!« sprach er, »sie kommen, eile.« Der Knabe griff nach seinem Speere, noch einen grüßenden Blick warf er aus seinen hellen Augen auf den Vater, dann tauchte er in die Büsche, während dieser auf seine Wolfsschur zurücksank. Hinter ihm klomm es langsam in die Höhe, man hörte Steine unter den Füßen der Stehenden rollen. Es schienen ihrer zwei. »Was treibst du hier?« hörte der Germane jetzt eine herrische Stimme fragen. »Felle, Felle«, antwortete er, indem er auf seinen Bündel deutete, als ob er die Sprache des Römers nicht verstehe. »Trolle dich, sonst könnten die Soldaten dein eigenes Fell gerben«, erwiderte Arator von oben her und der Germane nahm seine Waare; aber er mußte die Warnung nicht verstanden haben, denn er strebte aufwärts zu den Plätzen der Arbeiter. Dort hatte soeben ein Hornsignal das Zeichen zur Ruhe gegeben und einer der Soldaten nach dem andern warf sein Werkzeug zur Seite. Die Meisten suchten in der Bauhütte selbst Ruhe und Schatten. Manche streckten sich im hohen Waldgras auf's Ohr und ließen die durch Staub und Arbeit erhitzten Lungen von der köstlichen Waldluft durchströmen, die Uebrigen schliefen oder holten ihren Mundvorrath hervor und stärkten ihre matten Seelen. Nur zwei sehnige Gestalten, die einen großen Eckstein aus einem gewaltigen Felsblocke heraus arbeiteten, fuhren fort zu hantieren, als ob sie das Zeichen zur Ruhe überhört hätten und das Treiben der Uebrigen sie nichts angehe. Dennoch schienen sie aufeinander zu warten, wer zuerst das Werkzeug weglege und finstere, feindselige Blicke gingen zwischen ihnen hin und wieder. Den Blonden kennen wir bereits, Lupicinus, der gestern sich Vulfilaich beim Ordnen von Rothari's Habe hülfreich erwies. Er ward des Wettstreits in der Pflichterfüllung zuerst müde. Mit einem verächtlichen Blicke auf den dunkelfarbigen Genossen warf er das Eisen bei Seite und trat an ein Kohlenfeuer, an dem zwei Töpfe brodelten. Den einen schob er zur Seite, den andern nahm er an sich, um sich mit Andacht über den mit Speck gewürzten Kohl herzumachen. Sein Genosse, der Römer Salvius, arbeitete mit höhnischem Lächeln weiter. Endlich aber wandte auch er sich dem Mahle zu, wie er nun aber sah, daß ihm Luvicinus seine Speisen vom Feuer gerückt, brach er in zornige Scheltreden aus und da im gleichen Augenblicke der Frevler den eigenen Topf wieder auf den Rest der Kohlen stellen wollte, trat er nach ihm, der Topf zerschellte und der Inhalt ergoß sich auf das Feuerchen, das zischend verlöschte. Alsbald lagen sich auch die beiden unholden Gesellen in den Haaren und drangen mit Scheltreden und Püffen aufeinander ein. Die übrigen Arbeiter schienen dieses Schauspiel schon gewöhnt zu sein, denn sie ließen die beiden Kämpfer ruhig gewähren. Aus der Bauhütte kam ein Dutzend Anderer lachend hervor, und an die Holzwand gelehnt, schauten sie behaglich, wie beim Gladiatorenspiele, dem Zweikampfe zu. Während so alle Aufmerksamkeit der Soldaten auf dieses aufregende Schauspiel gerichtet war, ging der fremde Händler ungestört durch die Baustätte hin und wieder, indem seine scharfen und klugen Augen herüber und hinüber spähten. Zuletzt setzte er sich in den Schatten eines Strauchs, von wo er ungestört die ganze Anlage mustern konnte. Inzwischen aber hatte des Feldhern scharfes Ohr in der Ferne vernommen, wie das wohlgefällige Klingen des Meißels häßlichem Geschrei gewichen war. Festen Schrittes stieg der greise Held den zweiten, innern Steinwall hinan und eilte, Rothari hinter sich lassend, der Bauhüte zu. Dort schien eben der dunkle Salvius den wuchtigen Schlägen seines blonden Gegners zu erliegen. Der tückische Romane hatte zuerst nach Lupicinus' Gesicht gezielt und ihm dann rasch einen Stoß auf die Brust gegeben, daß Lupicinus taumelte. Aber alsbald richtete der Blonde sich wieder auf und ein Hagel von wohlgezielten Schlägen fiel nun auf das schwarze Haupt des Welschen, gegen die sich dieser vergeblich zu decken suchte. Da blitzte der rothe Mantel des Feldherrn durch die grünen Büsche. »Was geht hier vor?« fragte Arator's herrische Stimme und sein Adlerauge suchte flammend im Kreise umher den Aufseher. »Der Comes! so ruht doch, der Comes!« rief es von allen Seiten. »Bei den Schmerzen der Gottesgebärerin, so ruht doch!« »Beim Hercules, seid ihr wahnsinnig?« »Daß Mithras euch mit seinem Geschosse treffe, wollt ihr still sein«, so tönten die Zurufe wirr durcheinander. Der Aufseher trat verlegen vor. Er zuckte unmuthig die Schultern, dann sprach er kleinlaut: »Die beiden Christianer hassen sich, weil der Eine zum Bischof hält, der Andere zum Presbyter, aber Salvius ist es, der immer den Streit beginnt, man sollte ihn sammt seinem Presbyter über den Rhenus schicken, eher wird kein Friede hier.« »Höre ihn nicht, Herr«, erwiderte zornig ein bleicher, langaufgeschossener junger Mensch. »Gaius ist ein Götzendiener. Schon als wir drüben am Berge Melibocus die Säule des Augustus bearbeiteten, von der der Ueberfall der Alamannen uns vertrieb, hat er dem Dämon des Berges Mysterien gestiftet, in die er Jeden aufnahm, der ihm zwölf Zwiebeln gab. Selbst die Jungfrauen und Frauen ladet er zu den saubern Festen seines Götzen Melibocus. Du kannst noch den Altar sehen, den er den Teufeln dort errichtet hat.« »Schweige doch du, verruchter Priscillianist«, erwiderte der Angegriffene, »man weiß ja, was ihr in euern Convention treibt. Euch sollte man einmal dem Richter vorführen.« »Es ist wahr«, riefen nun wieder des Gajus Anhänger, »man müßte etwas thun gegen die Jünger des Priscillianus.« »Nein, Salvius ist es, der die Leute hintereinander hetzt«, rief dagegen eine Minderzahl um so lauter. »Schweigt«, befahl der Comes unwillig. »Wer mit einer Silbe murrt, wer nur die Miene verzieht, soll mir ein halbes Jahr am Munimentum zu Alta Riva schanzen. Kann Gajus besser Mysterien leiten als Ordnung bei der Arbeit halten, so werde ich die Aufsicht einem Andern geben. Zur Strafe aber für euern Unfug arbeitet ihr alle heute bis zum Untergang der Sonne. Ihr wißt, daß ich euch den Streit über den Glauben verbot, hier unter den Schwertern der Alamannen.« Ernster noch wandte er sich dann an die beiden Streiter selbst: »Wie mögt ihr«, redete er Salvius und Luvicinus an, »die ihr beide als brave Soldaten den Ehrenkranz empfinget, euern Ruhm durch solche elende Händel schänden. Ueberlaßt das den Priestern und damit ihr euch wieder aneinander gewöhnt, wie vordem, da ihr der Stolz der ganzen Cohorte wäret, marschirt ihr hinüber nach dem Mons Valentiniani und übernehmet die Wache auf dem Wartthurm. Wenn ihr vierzig Tage miteinander hausen müßt, so werdet ihr euch auch wieder vertragen lernen. Evocatus, löse die Posten drüben ab, Salvius und Lupicinus haben die Wache jenseits des Nicer.« Der Angeredete winkte den beiden Faustkämpfern von vorhin, sie nahmen ihre Waffen und das Schwert vor dem Comes senkend schritten sie den Waldpfad abwärts, während der Comes zu seinem Begleiter zurückkehrte. Er fand Rothari bei einer kleinen Kapelle des Mercur, die die Soldaten wieder hergestellt hatten und auf der mit halbverwitterter Schrift zu lesen war Mercurio Cimbrio . »Wer waren die Burschen?« sagte der Germane, als Arator wieder kam, »sie schlugen sich gut.« »Du wirst es nicht glauben, es waren dieselben, von denen ich dir vorhin erzählte, Salvius und Lupicinus, die bei Solicinium den Angriff so tapfer eröffneten, daß mir noch heute mein altes Soldatenherz lacht, wenn ich daran denke.« »So sind sie nur Freunde in der Schlacht und sonst sich gram?« »Mit nichten, mein Held! Von Kindesbeinen auf haben sie sich geliebt, die Häuser und Aecker ihrer Väter stoßen aneinander. Sie haben als Kinder, erzählte mir Lupicinus einmal, an demselben Sandhaufen gesessen, sie haben als Knaben gemeinsam im Walde den Vögeln nachgestellt und am schilfigen Ufer des Nicer nach den Fröschen geworfen. Sie haben gemeinsam den Dienst des Augustus gesucht und in der Schlacht Schulter an Schulter gefochten.« »Nun – und was entzweite sie denn?« »Was die ganze Welt entzweit!« erwiderte der Comes mit einer verächtlichen Gebärde. »Der Eine verehrt den wesensgleichen Gott von Nicäa, der Andere den wesensähnlichen Halbgott von Philippopol, der Eine hält zum Presbyter, der Andere zum Bischof.« »Daß doch alle Presbyter und Bischöfe in Hel's Reich säßen oder Fenrir's Wolf sie verschlänge, der sogar Sonne und Mond verdaut!« zürnte der Germane. »Wenn deine Götter gegen Christenpriester gut sind«, sagte Arator scherzend, »habe ich nichts dawider. Die meinen haben mir nicht von ihnen geholfen. Aber da hast du nun ein Bild meiner Aufgabe. Mit Leuten, von denen jeder den Andern haßt, soll ich Valentinian's gewaltige Plane verwirklichen und das Geheimniß hüten, während Arianer hüben und Arianer drüben enger zu einander stehn als Römer zum Römer, wenn der Eine ein Nicäner und der Andere ein Anhänger des Areios ist.« »Die Gläubigen des neuen Gottes«, sagte Rothari, »schlagen sich Beulen, inzwischen stellen die Verehrer der alten Götter ihre Heiligthümer wieder her«, und er deutete lächelnd auf das Heiligthum des cimbrischen Mercur. Aber es war, als ob dieser Morgen sofort auf's Neue des Feldherrn Klage über die Uneinigkeit der Seinen bestätigen wolle, denn nunmehr begann bei der andern Bauhütte ein neuer Lärm. »Das ist Syagrius' Stimme«, sagte Arator unmuthig, »des giftigen Notars, der zwar vom Kriege gar nichts versteht, aber dennoch den Festungsbau leitet, weil Valentinian es für klug hält, eine Aufgabe niemals einem Einzigen zu vertrauen.« »Dieser kleine Mann, der den Kopf im Nacken trägt wie ein Fischreiher, ist der berühmte Notar? Er ging uns vorhin sichtlich aus dem Wege.« »Er liebt mich nicht und ist erbost, daß der Hof in dir nun noch einen dritten Herrn sendet. Nicht den Bau, mich sollte er beaufsichtigen. Zum Glück hat er sich alsbald sterblich in Jetta verliebt und 'den schönen Augen meiner Tochter verdanke ich es, daß nicht Verdruß mein tägliches Brot ist. Aber laß uns hinüber, das Schelten nimmt ja gar kein Ende.« Nur wie zufällig, um den zürnenden Syagrius nicht zu reizen, näherten sich Arator und Rothari dem Schauplatz des neuen Zankes und sahen aus der Ferne schon, wie der Notar zornig auf die Soldaten hineinredete, während der vorhin von Arator weggewiesene Germane, ohne sich um die Aufregung des kleinen Mannes zu kümmern, seine Felle zum Kaufe vor den Soldaten ausbreitete. »Wir sind verweichlicht«, sagte der Comes, »seit wir das diesseitige Germanien räumten. In demselben Lande, in dem dem Soldaten vordem ein Hirschfell genügte, das er dem Waidthier selbst von den Rippen zog, verlangt er jetzt gewärmte Hütten. Und nachdem ich ihnen die Zelle heizbar gemacht, reißen sie sich noch um die Pelze dieses Bärenhäuters.« »Laß diesen Menschen verhaften, Comes!« rief in diesem Augenblicke der rothbärtige Notar, »er ist gekommen, um zu kundschaften.« »Wie so das, er versteht ja kein Wort unserer Sprache?« erwiderte der Comes gutmüthig. »Eben darum. Ich sah ihn gestern zu Alta Ripa, da verstand er diese Sprache vollkommen und scherzte wie ein römischer Quinte mit den Soldaten.« »Bist du sicher, daß es derselbe war?« »He«, rief Syagrius, »du eichelfressendes germanisches Schwein, das du am Tage deiner Geburt zum ersten und letzten Male gesäubert wurdest, als deine Mutter dich ableckte, warst du gestern in Alta Ripa?« »Ja, Herr.« »Und ist dir dein Latein in den Nicer gefallen, als du herüberschifftest?« »Die Leute kaufen besser, wenn man etwas einfältig thut«, erwiderte der Germane treuherzig. »Dir ist's nicht um Geld zu thun, sonst machtest du andere Preise«, zürnte der Rothe. »Verzeihe, Herr«, erwiderte der Händler unterwürfig. »Ich sehe, dich täuscht man nicht. Ich bin wirklich nur darum heraufgestiegen, um den heiligen Birnbaum zu besuchen, an dem meine Väter geopfert haben. Dort wollte ich ein Gelübde thun.« »Flausen«, sagte der Notar. »Hier triebst du dich herum und der heilige Baum steht dort drüben, so lang er noch steht. Sage deinen Bärenhäutern, wir würden ihn fällen, damit uns keiner mehr hierher schleicht.« »Sage das nicht«, schaltete Arator jetzt ein, »denn der Augustus verbot, heilige Bäume zu schlagen, mein Freund scherzte nur.« Aber Syagrius brauste auf bei dem Widerspruch: »Sieht dieser Mensch aus, als ob er zum Gebete hierherauf gestiegen wäre? Wirst du ihn festnehmen oder nicht?« Aber auch der Fremde richtete sich jetzt mächtig in die Höhe. Sein Auge funkelte zornig und mit nur halb verhaltener Wildheit sprach er: »Du hast ganz Recht, Römer, mich trieb etwas Anderes, was ich ungern enthülle. Hier«, rief er und er reckte den mächtigen Arm nach dem Steinwall aus, »hier fielen vor zwei Jahren meine greisen Eltern, da der Römer auch weiße Haare und schwache Frauen nicht schont. Hier«, und er deutete nach unten, »traf ein Pilum mein Weib, hier zerschmetterte ein Stein das Haupt meines einzigen Mädchens. Ich allein bin übrig geblieben«, und ein Auge voll Trotz begegnete bei diesen Worten dem Blicke des Notars. »Ich war gekommen, auf dem Walle, von dem ihr mein Glück gestürzt habt, zu weinen. Ich wäre dann weiter gegangen, hätte mich nicht Dieser weggewiesen.« »Bringe ihn in Verwahrung«, wiederholte der Notar. »Ich glaube kein Wort von der ganzen rührenden Geschichte. Ich weiß, was er hier suchte.« Der Comes bewegte unschlüssig sein graues Haupt, indem er unablässig den Barbaren betrachtete und sein Bild mit alten Erinnerungen zusammen zu halten schien. Es war, als ob er innerlich uneins sei. Da trat Rothari vor. »Ich kenne diesen Tapfern. Er kam schon früher nach Treveri und handelte mit Fellen. Dieser Wolfspelz, den ich trage, ist aus seiner Mache. Seitdem ist der arme Mann zurückgegangen; sein Unglück hat ihn verwirrt. Laßt ihn ruhig ziehen.« »Willst du diese Bürgschaft vertreten vor Valentinian?« sprach der Notar scharf und lauernd. »Vor ihm und Jedem«, erwiderte Rothari, indem er mit dem Schafte seiner Lanze zornig aufstieß, daß der Fels dröhnte. Da verfärbte sich der kleine Staatsmann und trat zurück. Der Comes hatte sich inzwischen wieder gesammelt: »Bitte, Rothari«, sprach er leise, »gib dem Manne das Geleit, mache ihn zutraulich und erkläre ihm, daß wir hier Bausteine hauen für Alta Ripa, nichts als Bausteine.« Rothari lächelte und schloß sich an den Fremden an. Der Comes nahm den Notar an seine Seite. So kamen sie auseinander. Der Germane packte seine noch übrigen Felle zusammen, nahm den Ballen auf den Rücken und schritt mit mächtigen Schritten vorwärts. Man sah, wie ihm daran lag, mit heiler Haut aus dieser übeln Lage zu entkommen. Als sie die Soldaten hinter sich hatten, blieb Rothari stehen und sagte leise: »Hat dich Wodan verwirrt, König Macrian, daß du dich selbst in das Nest des Adlers wagst?« »Und welcher von Elberich's Zwergen hat dich berückt, Vadomar's Sohn, daß du die Kette des Adlers trägst? Die Pflicht der Blutrache ist auf dir für Bithikab´s Haupt und du bist der Geselle seiner Mörder.« »Mich bindet kein Band mehr an meine Sippe. Du weißt, was mich von euch trieb; damals ging ich im Zorne, heute hält mich ein heiliger Eid, mich hält die Liebe zu Rom, das noch immer tausendmal mehr taugt als ihr, ich hab's erfahren. Aber wie weit muß es mit den Mannen meines Volks gekommen sein, wenn sie dulden, daß ihr König selbst auf Kundschaft ausgeht!« Und er stieß eine höhnische Lache aus. »Die Augen des Königs sind heller als die Augen des Knechts«, erwiderte der Andere. »Ja wohl, träge Knechte sind sie.« »Nein, Rothari, ich sprach unwahr. Aus anderem Grunde kam ich selbst. Die Augen des Vaters sehen Wege, wo ein Fremder keine sieht. Ich entführte meinen Knaben.« »Das hörte ich, aber wo ist der blonde Hortari?« »Nachdem ich seine Kette gelöst, ließ ich den jungen Falken fliegen. Er findet schon selbst den Weg zu den Bergen. Einer stiehlt sich sicherer durch als zwei. Auch mußte ich das neue Bollwerk am Rhenus mir noch betrachten, wo mich diese rothe Eule gestern sah, die mich fast verderbt hatte. Auch das wollte ich wissen, was sie auf diesem Berge des Unheils treiben? Das gibt wohl ein Kastell?« »Bausteine für Alta Ripa«, sagte Arator. »Und das glaubst du? Die Steine so schön gereiht und die Meßschnur daneben. Glaube es, wer euch traut. Doch wir können's ja abwarten. Wie viel Leute liegen in dem Lager am Nicer?« »Mehr als dir lieb sein wird, wenn du uns besuchst. Auch mich wirst du treffen und das Schwert, das einst Vadomar führte. Willst du dagegen als Freund mit Valentinian verhandeln, so sprich. Ich habe Vollmacht.« Der König warf seinen Ballen zur Seite, schnürte ihn auf und zog eine kurze Streitaxt aus den Fellen, die er fest zur Hand nahm. Ein Ruck mit seinem Haupte und die in's Antlitz gestrichenen Haare flogen rückwärts. »Sage Valentinian«, rief er, »ich verhandle mit keinem Mörder und Meineidigen. Vithikab hat er gemeuchelt und die beschworenen Verträge hat er gebrochen. Ich werde warten, ob er auf dem Berge dort oben seinen Eiden zuwider ein Kastell baut? Dann werden wir über ihn kommen wie Donar's Blitz aus dunkler Wolke. Sie zeigten's uns ja, wie man solche Berge stürmt. Man stellt zehn gegen Einen, dann läßt sich alles erzwingen, auch der Zugang zu Hel's Thor. Dir aber, Vadomar's Sohn', sage ich nochmals, kehre heim zu deinem Volke. Warte nicht bis du die Tücke der Welschen erfahren. Laß dich nicht verblenden durch den glänzenden Schein. Deine Sippe hat dich roh übervortheilt, die Welschen werden dich fein betrügen, dein Mark dir aussaugen, das Blut dir vergiften, du wirst Gräuel kennen lernen, von denen ein Alamanne auch nicht einmal träumt.« Rothari schüttelte zur Antwort nur unmuthig das jugendliche Haupt. »Wie du willst«, sagte Macrian. »Du wirst es bereuen. Ich sah manchen durch ein böses Wort des Bruders verjagt, der es sich dann gefallen ließ, daß Fremde ihn mit Füßen traten. Auch du wirst das erfahren und wirst einst heimkehren wollen zu der Halle deiner Väter und dann will ich's dir danken, daß du mich heute nicht verriethst.« Rothari lächelte, aber er sprach voll Ehrfurcht: »Lebe Wohl, mein König.« »Lebe wohl, mein Held.« Langsamer, als er gekommen, kehrte Rothari aus dem Walde zurück, nach welchem er Macrian geleitet hatte, und nicht, daß es jetzt bergauf ging, verzögerte so oft seine Schritte. Macrian's Wort hatte sein Herz im Innersten getroffen. Ihm war, als müsse er dem Könige folgen und heimkehren zu den dunkeln Blockhäusern seines Volkes, von dem er einst im Zorne sich geschieden. Wie Schweres er auch dort erfahren, er hatte es verwunden und ohne Groll hätte er wieder einziehen mögen in dem Hofgut zwischen dem Spechtshard Spessart. und dem Wodanwalde. Aber indem er des Königs Mahnung bedachte, traten glänzende Bilder der römischen Welt vor sein inneres Auge: christliche Basiliken, hellenische Tempel, römische Theater und alle Herrlichkeit der alten Cultur, in deren Glanz sein empfängliches Gemüth sich berauscht. Er gedachte der Stunde, des Höhepunktes seines ganzen Daseins, als er zu Rom am Altare des höchsten und besten Jupiter geopfert, – und nun zurück zum Eichenhaine, zum stumpfen Brüten unter heiligen Bäumen, in schaurigen Nächten, zur Pferdebrühe, das konnte er nicht! Seit bald hundert Jahren hatten die Alamannen den diesseitigen Theil von Obergermanien an sich gerissen und was hatten sie gemacht aus dem einstmals blühenden Lande! Die Tempel und Altäre waren zerschlagen, die Städte zerfielen wie von selbst, da niemand da war, sie zu unterhalten. Die kunstfertigen Romanen waren weggezogen nach jenseits des Rhenus, ein Haufe wehrloser, armer Colonen hatte sich hinter die Mauern geflüchtet, wo sie sich vor den Mißhandlungen der umherstreifenden, plündernden Barbarenhorden aneinander drängten wie Schlachtschafe und während diese herabgekommenen Städter aus ihren trüben Cisternen Fieber und Seuchen schöpften, ergossen die alten Wasserleitungen, die niemand unterhielt, ihre kristallenen Strahlen in das Feld und versumpften fruchtbare Ebenen zu Rieden, Brüchen und Moosen. So sah es allenthalben aus im weiland blühenden Decumatenlande. In Villen und Gehöften hausten Eulen und Füchse der die Pferde der Bauern stampften die Mosaikböden einer bessern kunstfertigen Zeit. Dagegen, wie rasch war das Thal am Eintritt des Nicer in das des Rhenus emporgeblüht, seit Valentinian diesen Streifen bis zu den Bergen sich von Macrian hatte abtreten lassen. Er wußte, daß der kriegsgewaltige Fürst daran dachte, die ganze Ebene vom Mons Taunus bis nach Rhätien zurück zu gewinnen. Für einen solchen Plan zu kämpfen lockte ihn mehr als das angeborene Vorurtheil der Stammverwandtschaft und des Blutes. Dazu hatte eine neue Heimath sich ihm aufgethan in den Offenbarungen der römischen Religion. Apollo, Mithras, Christus waren ihm nur die Repräsentanten derselben hehren, lichten Himmelswelt gegenüber den schaurigen, zerflossenen Wolkengestalten der heimischen Gottheiten, die seine Jugend geschreckt hatten. Ihm gefiel es, wenn die weißgekleideten Söhne und Töchter des römischen Adels, den Lobgesang singend die Treppen zum Apollotempel hinaufwallten, ihn erbaute es, wenn in der Basilica der Bischof dem Aufzug der Gläubigen in der Stola voranschritt, während Kirchenfahnen flatterten und ein bunt gekleideter Klerus mit dem Weihwedel hantierte, räucherte und psalmodirte. Vor Allem aber hatten ihn die Schauer der Mithrasgrotte durchschüttelt, über deren erste Weihen, die er erhalten, ein siebenfach heiliger Schwur ihm den Mund schloß. Danach stand sein ganzes Verlangen, tiefer einzudringen in jene Geheimnisse, deren sinnvolle Symbole sich damals vor ihm aufgethan. Es war ihm gewesen, als ob eben der Schleier sollte aufgezogen werden, der die Tiefen der Natur, die Mysterien des Lebens, die Geheimnisse der Gottheit bedeckte. Da rief ein Befehl des Augustus ihn aus der Hauptstadt ab. Er verließ Rom, aber seine ganze Seele schmachtete danach, wieder in der Mithrasgrotte zu stehen und von dem mit der goldenen Mütze gekrönten heiligen Vater das lösende Wort zu vernehmen, das dem ehrwürdigen Greise in jener Schicksalsstunde schon auf den Lippen lag. Das Alles stieg jetzt wieder auf in Rothari's Seele. Volk und Religion stritten um seinen Besitz, aber er hatte ja lang sich entschieden. Seine Seele war römisch, nur der Körper mit den blonden Haaren und blauen Augen war Alamanne, so wähnte er. Als Rothari, solche Gedanken im Herzen, aus dem Walde nach den Bauhütten zurückkehrte, kam ihm Arator von Weitem entgegen und fragte eifrig, was er mit dem Händler geredet? »Was du mich hießest. Auch wies ich ihm die nächsten Wege«, gab Rothari einsilbig zur Antwort. Gern hätte der Comes noch weiter geforscht. Er drängte eine Frage sichtlich zurück. Fast schien es, als habe auch er ein Geheimniß auf der Seele, das ihn bedrücke. Jeder in seine Gedanken vertieft, stiegen sie den Bergpfad wieder hinunter. In der Mittagssonne leuchtete die grüne Ebene wie Smaragd und an dem blauen Maienhimmel schwammen die weißen Wolken wie silberne Schiffe, deren leuchtende Segel sich immer höher aufblähten und mit jedem Windhauche sich anders stellten. Umträumt von dem holden Summen und Weben des Frühlings, schritten die beiden Krieger unter Blüthenbäumen dahin bis der Greis an dem ersten Hause des Dorfes seine Schritte hemmte. Die Thüre öffnete sich und auf dem Steinfließe las Rothari: »Sei gegrüßt, der du kommst mit aufrichtigem Herzen.« Da machte der Jüngling Halt und seine Augen suchten die des Comes, der seit dem Vorgang auf dem Berge einsilbig und wie bedrückt von schwerer Sorge neben ihm hergeschritten war. Auf seine Lanze gestützt schaute der Germane dem älteren Manne bescheiden, fast bittend in die Augen. Befremdet sah Arator seine Bewegung: »Du zauderst?« »Ehe ich mein Haupt berge unter deinem gastlichen Dache«, sagte Rothari, »muß ich meine Seele entlasten. Der Spruch hier mahnt mich, dich nicht zu täuschen.« Ruhig und vornehm sah der Römer dem jungen Manne in sein erröthendes Antlitz. »Der, den du auf mein Zeugniß entließest«, sagte Rothari, und seine Stimme klang befangen und seine Worte kamen stoßweise, »war Macrian.« Arator lächelte: »Ich wußte es.« »Du wußtest es?« sagte Rothari erstaunt, »und ließest ihn ziehen?« »Keinen Andern hätte ich unter so verdächtigen Umständen entlassen, aber den König festhalten hieß den Krieg eröffnen. Die alamannischen Wölfe hätten seine Spur verfolgt, selbst wenn ich ihn nach Augusta Treverorum hätte schicken wollen. Welchen Dank glaubst du, daß mir Valentinian zollen würde, bescheerte ich ihm ungeheißen den Krieg mit den Alamannen? Was sollte ich auch mit dem König? Ob die Barbaren unter Macrian, Rando oder Chnodomar uns anfallen, gilt uns gleich; ihre Herzöge gleichen sich wie ein Wolf dem andern, wir aber wollen den Krieg verschieben bis dort oben das Kastell gebaut, das Bollwerk vor Alta Ripa vollendet und die Mauern von Lopodunum geflickt sind, dann mögen sie kommen. Jetzt aber käme uns der Krieg zu früh, zumal wir von den Quaden bedroht und der Burgundionen nicht sicher sind.« Rothari staunte. »Das, junger Freund, ist Staatskunst. Die Staatskunst von heute«, fügte Arator dann wehmüthig hinzu. »Wir sind nicht mehr das alte Rom und ich bin nicht Camillus.« »Also zürnest du nicht, daß ich dich zu täuschen versuchte?« »Syagrius gegenüber war es mir sogar lieb, daß du das Wagstück auf dich nahmst. So danke ich dir für die Täuschung und danke für dein Geständniß, das das Vertrauen zwischen uns befestigt. Und nun sei im Hause Arator's willkommen.« Viertes Kapitel. Neben dem Atrium hatte Arator seinem Gaste eine Reihe ansehnlicher Gemächer zugewiesen, die glänzend ausgeziert waren mit den Waffen und Schmuckstücken Rothari's, wie sie Lupicinus und der Mönch an den Wänden angebracht und rings auf den Simsen aufgestellt hatten. Nachdem Rothari nochmals einen wohlgefälligen Blick über den ihm so wunderbar zurückerstatteten Schatz seiner Väter hatte gleiten lassen, sank er auf das Lager, um von der Morgenarbeit ermüdet, den glücklichen Schlaf der Jugend zu schlafen. Als er erwachte, stand die Sonne schon tief. Durch einen Spalt des schweren Filzvorhangs schaute der Germane in das offene Atrium hinaus. Es war ihm, als ob er das Rauschen eines weiblichen Gewandes und einen leisen schleichenden Schritt vernehme. »Katzenpfoten sind ohne Schall«, sagte der Held gähnend, »und leise schleichen die Raubthiere.« Damit richtete er sich auf und schüttelte den Schlaf von den Augen. Wie schön glänzte der Strahl der Abendsonne auf dem rothen Fries und den bunten Mosaiken des Bodens für sein Auge, das in den letzten Wochen beim Erwachen immer nur die Lehmböden und Strohwände der Soldatenhütten oder die rauchigen Blockhäuser der Alamannen gesehen hatte. Während er mit Behagen sich dieser Veränderung seiner Lage bewußt ward, tauchte vor dem Spalte des Vorhangs eine Gestalt auf, die wenig stimmte zu dieser fröhlichen Pracht. Ein uraltes Mütterchen, deren Kleid kläglich um die gebeugten Glieder schlotterte, huschte hin und wieder und machte sich mit der Ordnung eines Tischchens zu schaffen. Die grauen Strähnen fielen ihr ungeordnet über das Antlitz. Kinn und Wangen waren mit weißem Flaume besät. Die Lippen waren eingesunken über dem zahnlosen Munde. Ueber das eine Auge war das gelähmte Lid so tief herabgefallen, daß sie einäugig schien, aber in dem sehenden Auge, das zuweilen nach der Kammer herein spähte, loderte ein Feuer, das von einem lebendigen Geiste Zeugniß gab. Rothari trat heraus und sah, wie die Alte ihm ein Tischchen mit Früchten gerüstet hatte. »Danke, Mutter«, sagte er. »Du bist wohl die emsige Schaffnerin dieses Hauses, oder wie soll ich dich nennen?« »Phorkyas, Herr«, krächzte die Greisin. »Ein guter Name«, dachte der Germane für sich. »Sieht sie doch aus wie der grauen Phorkyden eine, die zu dreien nur eines Zahnes und eines Auges sich erfreuen. Aber mit meinen Zähnen, würdige Phorkyas«, sagte er lachend, »beißt man lieber in eine Fleischkeule als in so zarte Früchte des Südens.« »Ja, ja«, erwiderte sie, »schön sind sie, Julius Cäsar hat sie auch gelobt.« »Julius Cäsar«, lachte Rothari, »da haben sie sich gut gehalten. Also den hast du noch gekannt, Mutter. Wie alt bist du da eigentlich?« »Alt, Herr, sehr alt. Also Fleisch willst du lieber. Ja sie stammen alle von dem grauen Thiere des Waldes. Ich sah die Ersten, die über die Alpen kamen. Damals hatten sie noch rauhe Felle. Ja, Herr, Phorkyas ist alt, sehr alt. Doch ich will ihm Fleisch holen, dem Wolfe«, redete sie in sich hinein und ihre Gestalt verschwand um die Ecke. »Sie ist wahnwitzig, schwachsinnig vom Alter«, sagte Rothari, »ich hätte es nicht gedacht. Ihr Auge ist hell und versendet stechende Blicke.« Eine zartere Hebe und derbere Kost wäre ihm lieber gewesen, darum verschmähte er aber die Gaben der Alten nicht und an den Früchten saugend, schritt er zwischen Atrium und Peristyl hin und wieder, um frische Luft zu schöpfen. Die Capelle zur Rechten mit den Laren belehrte ihn, daß auch Arator's Haus heidnisch geblieben war. Nachdem er lange vor den Blumen des Viridariums gestanden, die Bronzetafeln im Tablinum mit den Verträgen und Urkunden gemustert, stieg er in das obere Stockwerk hinauf, um zu spähen, ob nicht seine Diener nun endlich erscheinen oder ob Arator zurückkehren werde. Den Gang über dem Peristyl dahinschreitend, sah er durch eine offene Thüre und die gegenüberliegende Halle die Bergreihe gegen Lopodunum so wunderbar vom Abendglanze bestrahlt, daß er dem Zauber nicht widerstehen konnte und das Gemach betrat. Als der Schein auf der in röthlichem Blau strahlenden Bergkette verglüht war, ließ er sein Auge in dem hellen, schön ausgemalten Gemache umhergehen. Liebliche Genien und Blumengewinde lachten von den Wänden, ernste Masken und heitere Amoretten blickten ihm von allen Seiten entgegen. Das kunstvolle Geräthe von Erz und Marmor zeigte die Formen der besten Zeit und Alles athmete die Sauberkeit und den Schönheitssinn einer fein ordnenden weiblichen Hand. Scheu wollte er sich wieder zurückziehen, da fiel sein Auge auf eine Reihe von Rollen und Pergamenten, die neben dem Fenster auf einem Tische zerstreut lagen. Sie alle waren beschrieben mit wirren kabbalistischen Zeichen, Zahlen und Figuren. Hier sah er seltsame Amulete, Runen, Hieroglyphen oder mannigfaltige Drudenfüße, gebildet aus zwei Dreiecken, die in den verschiedensten Combinationen durcheinander gelegt waren. Auf einer andern Rolle las er Anweisungen zum Fertigen von Amuleten. Er glaubte an solche Kräfte und wußte, daß mancher Held achtzig Jahre und länger nur darum unversehrt durch alle Pfeile und Schwerter hindurchgegangen war, weil ihn ein solcher Talisman schützte. Hastig und verstohlen suchte er das Geheimniß sich einzuprägen. »Nimm sechs Drachmen reines Gold«, las er, »mache daraus eine runde Münze und zeichne darauf das Bild der aufgehenden Sonne in der Stellung des Frühlingsmondes. Räuchere die Münze auf Krokus, wasche sie in Rosenwasser, darin Moschus und Kampher aufgelöst, die der Sonne verwandt sind. In krokusfarbener Hülle getragen wird dieser Talisman dich glücklich sein lassen in allen Dingen, und es werden dich alle Menschen fürchten und du wirst von Königen und Fürsten erlangen, was du wünschest und wirst wiederfinden, was du verloren hast und die Gottheit wird ihren Segen auf dich legen und auf deine Habe.« »Das zu bereiten, wäre jetzt eben die rechte Zeit«, murmelte der Alamanne. Auf einem andern Blatte sah er schauerliche Charaktere und Umrisse von seltsamen Genien. In ungeheuerer, gräßlicher Gestalt war Hekate zu schauen, die die große Mondhöhle bewohnt, eine Fackel und ein Schwert in den Händen, mit Schlangenfüßen und Schlangen im Haar, umbellt von schwarzen, zottigen Hunden. Daneben sah er Genien mit Hahnenköpfen in Schlangenleiber auslaufend, einen Menschenleib mit zwei Wolfs- oder Fuchsköpfen, das Bild des Abraxaskäfers mit dem Sonnenhaupte, umgeben von der Schlange, die ihren Schweif in sich saugt, das Zeichen des Muiriel, des Dämons der Fruchtbarkeit, mit einem Frauenleibe, Fittichen und Greifenfüßen und den Aspis hierakomorphos, einen Salamander mit einem Löwenkopfe. Lange Register von Dämonen- und Engelnamen glänzten ihm aus andern Rollen entgegen: Kether, Alektor und Jao Kabao; Ragiel, Tophiel, Raphael, Michael, Samael, Uriel und zahllose andere. Auf das ahnungsvolle Gemüth des Germanen übten diese mystischen Zeichen eine bezaubernde Wirkung. Wirr und halb betäubt starrte er in diese schrecklichen Rollen. Alles Wissen der Römer und Griechen hatte er zu Rom und Byzanz in sich aufgenommen, aber zur Magie war er nicht hindurchgedrungen, da der Hof jeden mit Verbannung und Tod bedrohte, der sich durch magische Künste in den Verdacht brachte, die Lebenslage des Cäsars und seine eigenen Aussichten erforschen zu wollen. Zum ersten Male war der ganze, vielberufene Apparat vor ihm ausgebreitet und wie angewurzelt stand er vor diesen geheimnißvollen Zeichen. Sollte jene Alte, mit der er geredet, die Besitzerin aller dieser Geheimnisse sein? Hatte sie am Ende ein Lebenselixier und war wirklich schon zur Zeit der Cimbern und Teutonen, wie sie sagte, auf Erden gewesen und hatte mit Julius Cäsar Früchte gespeist? Viel jünger sah sie nicht aus. Doch er nahm ein anderes Blatt. Da sah er die Zahlen 4 9 2 3 5 7 8 1 6 in drei Reihen untereinandergesetzt. Wie er auch zählen mochte, aufwärts, der Länge nach oder quer, jedesmal erhielt er die Zahl 15. Ihm schien das dämonisch und darüber stand einfach Sigillum Saturni! Er sah den hochheiligen Namen Abraxas in sieben Linien angeschrieben, so daß er in jeder Linie sich um einen Buchstaben verkürzte und das Ganze ein Dreieck bildete, worauf er dann wieder um je einen Buchstaben wachsend ein zweites Dreieck herstellte, und Rothari ward nicht müde dieses A B R A X A S A A B R A X A A B A B R A X A B R A B R A A B R A A B R A B R A X A B A B R A X A A A B R A X A S auf und nieder zu lesen, indem er stammelnd gleich einem Knaben, der seine Verse lernt, die Lippen bewegte. Etwas Ungeheueres barg sich hier! Das waren die Schlüssel zu Hel's Reich, zu Loki's Geheimnissen, zu Hekate's Künsten, die Schlüssel, die die Götter der Kreuzwege hüten. Wer sie zu brauchen verstände, der fände Wahrheit, die Plato und Lucretius vergeblich suchten. Gewiß, jenem dämonischen alten Weibe gehörten diese Rollen, oder welcher bleiche alte Magier mochte ihr Eigenthümer sein? Da scheuchte das Rauschen eines weiblichen Gewandes den träumerischen Recken aus seinem Brüten auf. Durch die Thüre trat eine hohe Mädchengestalt, die stolz wie Diana das schöne Haupt zurückwarf, als sie diesen Einbruch in ihr jungfräuliches Heiligthum und diesen Mißbrauch des Gastrechts gewahrte. Mit einer Handbewegung von vollendeter Hoheit wies sie den Eindringling zur Seite. Er aber, wie aus tiefem Traume aufgerüttelt, starrte mit weit aufgerissenen Augen die überirdische Erscheinung an. Da trat sie raschen Schrittes zum Tische und wie die Waldfee mit ihren göttergleichen Händen die verfolgte Hindin schützt, so breitete sie die weißen Arme über ihre Rollen und eine tiefe, dunkle Stimme, die tönte, wie geschlagenes Erz, rief ihm zu: »Zurück, Fremder! Ungeweihten Augen bringen die heiligen Zeichen Fluch.« Aber bereits haftete der träumerische Blick des Germanen nicht mehr auf den krausen Zeichen des Pergaments. Eine geheimnißvollere Rune war ihm aufgegangen in dem dunkeln Auge dieses bleichen, edlen Angesichtes, das ihn strafend ernst aus dem Heiligthum zu weisen schien. Einen abgezehrten Chaldäer, eine verschrumpfte thessalische Hexe hatte er sich als Besitzer dieser Rollen gedacht, die für gelbes Gold und weißes Silber ihn wohl einweihen würden in diese Zeichen und vor ihm stand die ewige Schönheit selbst in der Haltung einer Königin. So sah Medea aus, als ihr Jason zuerst seine räuberischen Pläne enthüllte. Und wieder tauchte er sein blaues Auge in diese unergründliche Zaubernacht des ihren und glühendes Roth übergoß seine männlich schönen Züge. Ein leises Lächeln glitt wie ein Sonnenstrahl über das strenge Angesicht der Römerin, als sie seine Verwirrung gewahrte. Da raffte er sich auf: »Verzeihe, edle Jungfrau. Diese Thüre stand weit geöffnet und der Blick auf die Berge lockte mich hierher. So schaute ich hier die Bücher, nach deren Verständniß ich schon lange schmachte. Vielleicht gewährt die edle Tochter meines Gastfreunds das als erstes Gastgeschenk, daß sie mir sagt, wie ich zu diesem Wissen gelange?« Die Römerin warf ihr Haupt zurück und die langen schwarzen Wimpern überschatteten ihre träumerischen Augen. Ihre Lippen zuckten, als wollte sie sagen: »Wer bist du, daß du bei der ersten Begegnung die tiefsten Geheimnisse meiner Seele zu lesen begehrst?« Aber es lag etwas so innig Rührendes in der kindlichen Bitte des starken Mannes, daß sie mild erwiderte: »Von Dreien habe ich diese Kunst erlernt und Dreie darf ich sie lehren. Ein Herz, das ich nicht kenne, bietet mir keine Gewähr, daß es die furchtbare Macht dieser heiligen Zeichen nicht mißbraucht.« Der Zweifel, der in diesem Worte lag, traf das empfindliche Ehrgefühl des Germanen, so daß er sich wieder auf sich selbst besann. Hohe Röthe färbte seine Wangen und er sagte mit naivem Stolze: »Die Götter haben Rothari's Herz geprüft und es ächt erfunden. Es hat in zwanzig Schlachten nicht gebebt, es hat in der Bärin Umarmung nicht gezittert. Ich habe meine Feinde erschlagen und der Schwachen geschont, wie die Götter es verlangen, von denen ich stamme. Prüfe dieses Herz und du wirst es würdig finden ..... zu lesen, was auch Andere lesen durften«, setzte er zögernd hinzu, denn er ward inne, daß dieses begehrliche Herz sich bereits ganz anderer Dinge würdig fand. Betroffen, aber mit stillem Gefallen hatte Jetta die Wirkung ihrer Worte auf den gewaltigen Krieger bemerkt. Der Unwille und das mädchenhafte Erröthen stand ihm gut. Erst jetzt sah sie, daß der Recke sie um eines Hauptes Lange überrage. Aber um so majestätischer faßte sie sich in sich selbst zusammen. »Warte und schweige«, sagte sie. »Diese Gabe wird nicht erbeten, dem Würdigen fällt sie von selbst in den Schos«, und mit der Hand winkte sie Entlassung. Er verbeugte sich wie vor der Augusta und nicht anders als diese entließ sie ihn. Wie er die Treppe herabgekommen, wußte, Rothari selbst nicht. Er fand sich in einem Zustande süßer Betäubung vor einer immergrünen Staude des Viridariums wieder. »Wer hat dich in dieses winterliche Land verpflanzt, du Blume eines schöneren Himmels«, sprach er leise für sich. Eine so große, so wahre, so einsame Majestät hatte er an keinem Weibe gesehen, weder unter den stolzen Töchtern Roms, noch unter den verfeinerten Frauen von Byzanz, noch in der Königshalle der Alamannen. Einer der Frauengestalten, wie sie den unsterblichen Dichtern erschienen waren, glich sie, aber wer suchte das Urbild Nausikaa's oder Iphigeneia's an dem Abhang des Wodanwaldes. Halb im Traume fühlte Rothari sich an eine der Reisestationen der letzten Tage versetzt, als er im den Ausläufern des Mons Abnoba Schwarzwald. auf eine Lichtung gestoßen war, wo Dornhecken, Disteln und Farren die verfallenen Trümmer einer zerstörten römischen Villa überwucherten, dazwischen aber rankten edle Reben, und eine gefüllte Gartenrose glühte purpurn aus dem dornigen Unkraut hervor. So erschien ihm diese stolze Menschenblüthe an den Grenzen des Barbarenlands. Oder sollte er sie dem schönfarbigen Krokus vergleichen, der draußen auf den Feldern aus vergessenem Samen unter Dorn und Unkraut hervorschoß? Wenn er die Augen schloß, sah er die lichte Gestalt deutlich vor sich und traumumfangen wiederholte sein Geist nur immer jedes ihrer Worte, ihrer Gebärden und im Ohre tönte ihm der tiefe dunkle Laut. Endlich ermannte er sich und eine muthige Stimme sagte in seinem Herzen: »Ward dir nicht stets der höchste Preis zuerkannt, das schönste Stück aus der Beute, so lang du vor deinem Volke herliefst und über die Mauern der gallischen Städte sprangst? Siege ich jetzt für Rom, so kenne ich den Preis, den ich fordere.« »Da steht er vor den Blümelein, ha, ha, ha – der alamannische Schäfer, betrachtet sich die lieblichen Kinder Flora's, während sie ihm draußen im Lager die Ehre abschneiden. Rothari, Bärenhäuter, hast du bis jetzt geschlafen?« Mit diesen Worten schlenderte ein hochaufgeschossener junger Mensch in goldenem Brustharnisch und purpurfarbiger Tunica in die Halle. Das kindliche bartlose Gesicht verrieth den Knaben, der hohe Wuchs und die prächtige Ausstattung gaben ihm den Schein des Mannes. Der Angeredete schien noch halb im Traume. »Cäsar Gratian«, stammelte er, »du hier? Wie kommst du nach Novus Vicus?« »Auf deinem Rappen, als dein Stallknecht. Ich habe dir deine Pferde nachgeführt, mein Blutbruder. Beim Hercules, beim heiligen Petrus, wollte ich sagen, oder welcher Apostel konnte am besten reiten? Nun, jedenfalls machte mir dein Hengst zu schaffen.« Und der jugendliche Ankömmling, dem die kostbare Ausrüstung und der fliegende rothe Mantel malerisch stand, warf sich in einen Sessel und weidete sich lachend an dem Erstaunen seines Freundes. »Ich begreife das alles nicht, wo ist denn der erhabene Augustus?« »Der ist dir entgegengereist bis Alta Ripa. Seit der Geschichte mit Mica ist er bärenmäßig in dich verliebt. Wie er dir versprochen, entließ er auch die andere Bestie, die Innocentia in die Wälder.« Rothari neigte beifällig sein Haupt. »Du, mein blonder Hercules, stehst schon halb im Geruche der Heiligkeit. Der Bischof Ithacius feierte die Entlassung der Innocentia mit einer Predigt in der Basilica, in der er in drei Theilen die Gnade, Milde und Gerechtigkeit des die Bären theils tödtenden, theils entlassenden Augustus pries. Du kamst nicht vor. Aber, wenn du dich taufen lassen wolltest, was ich dir schon lange rieth, so würde er dir ein höchst rührendes Martyrologium schreiben: Rothari in der Bärengrube. Ein Martyrologium, in dem mein Vater ohne Zweifel als Nero oder Trajanus figurirte! Mein Brüderchen, Justina's Sohn, füttert jetzt weiße Hasen in Mica's Zwinger. Zum Unglück für den Bischof hatte Innocentia an dem Morgen seiner schönen Rede ein Bauernmädchen dicht vor den Mauern der Stadt zerrissen und alle Kirchengänger wußten das, als Ithacius seinen Panegyricus hielt. Er hatte die Rede eben schon gelernt, der arme Mann, was wollte er machen? Ganz gegen Ende flickte er dann ein Gebet an, Gott möge nun auch dem Wüthen des freigelassenen Unthiers steuern, das auf Antreiben des bösen Satans die Milde des Kaisers mißbrauchend, Kinder zerreiße. Ich konnte es kaum erwarten, bis er seinen Segen sprach, dann holte ich meine Hunde, trieb die Bestie auf und erlegte sie noch desselben Abends mit dem Jagdspieß. Ich werfe jetzt auf dreißig Schritte.« »Das war brav gehandelt, mein Augustus. Aber du sagtest vorhin, man rede Uebles von mir im Lager?« »Ach ja, das Lager!« sagte der junge Mann und fuhr mit der Hand über die kurz geschnittenen schwarzen Haare und seine seinen Lippen kräuselten sich ironisch. »Ich muß natürlich im Prätorium wohnen, des Beispiels halber. Und die Soldatensuppe! Ich gönnte sie dem Ithacius. Ueber dich – nun ja, Syagrius sagte, du hättest einem Kundschafter durchgeholfen, der unsere Castelle ausforschte.« »Das habe ich.« »Hm, und was meinst du, daß mein Vater dazu sagen wird?« »Er wird mich loben.« »Nun, da bin ich begierig.« »Und was hat deine Herrlichkeit sonst getrieben?« »Ich habe auch gekundschaftet.« »Mit Erfolg?« »Mit einer Spürkraft, als ob ich des Syagrius Nase hätte«, und der Jüngling fuhr mit der Hand über die seine, als ob er sich vergewissern müsse, daß das Uebel nicht anstecke. »Erstens habe ich herausgebracht, daß Syagrius aller guten Mannszucht zuwider sich gallischen Wein im Lager hält, der ihm noch zudem schädlich ist und auf seine Galle wirkt. Ich sagte ihm, wenn ein Thurm einen unverhältnißmäßigen Erker habe, müsse man denselben nicht auch noch roth anstreichen. In der That ist seine Nase schon rothglühend, ich glaube, wenn er sie in's Wasser hält, zischt es, und weißt du, daß er dieses Ding auch noch für eine Römernase ausgibt?« Rothari lachte. »Also erstens Syagrius' Wein, denn seine Nase entdecktest du doch wohl schon früher?« »Zum zweiten habt ihr hier eine Grotte des Mithras.« »Hier am Nicer?« »Hundert Schritte von diesem Hause.« »Wirst du sie zerstören lassen?« »Ich, ich werde die Mysterien mit begehen.« »Du bist ja Christ.« »Pah, die Familie des Augustus muß sich mit allen Religionen halten. Mein Vater ist so zu sagen Nicäner, doch hat er streng befohlen, jede Partei in ihrem Besitzstande zu schützen. Justina hält mit den Arianern, weßhalb die großen Kirchenlichter Martinus, Ambrosius und Ithacius ihr gar nicht gewogen sind. Ich habe vom Vater die Weisung, mich mit den Heiden zu stellen, um auch sie an unser Haus zu ketten. Der Augustus geht in die Basilica, die Augusta hält arianischen Hausgottesdienst und der Cäsar besucht die Grotte, so führen wir sie alle an der Nase herum. Valentinian nennt das dynastische Politik.« »Du hast dich also in den zwei Stunden schon ganz heimisch gemacht«, erwiderte Rothari ablenkend. »Ich habe mich sogar schon verliebt.« »Beim Hercules, du hast deine Zeit nicht verloren. Welch fleißiger Jüngling! Wie sieht sie denn aus, deine neuste Liebe?« »Ich sage dir, genau wie die zehnte Muse.« »Haare?« »Schwarze Schlangen, wie die Medusa.« »Hat sie auch Augen?« »Augen wie Velleda, Märchenaugen, schwarzes Licht, Styx mit Olymp im Hintergrunde. Solche Augen hatte Persephone, die Sibylle von Cumä, Dido von Karthago, Medea von Kolchis, Pythia und Semiramis.« »Kassandra hast du vergessen«, sagte Rothari trocken. Dann aber ward ihm unbehaglich. Ein Argwohn stieg in ihm auf, Gratian möchte nicht seinetwegen nach diesem Hause gekommen sein. Liebte nicht auch er seit einer halben Stunde eine Sibylle und Medea? In diesem Augenblicke aber hörte man draußen das Blasen von Signalen. »Heiliger Jupiter und Maria«, rief Gratian, »das ist gewiß Syagrius. Schon den ganzen Mittag hetzt der Knirps unsere braven Truppen hinter deinem Kundschafter her, den du hast laufen lassen.« »Syagrius?« sagte Rothari und erbleichte vor Zorn. »Der Comes läßt den Mann frei und der Notar verfolgt ihn?« »Ja, Arator wird es übel nehmen. Das ist nun einmal die Laune meines Vaters, immer zwei Befehlshaber nebeneinander zu stellen, die sich dann regelmäßig in die Haare gerathen.« »Darum gehen auch unsere Angelegenheiten so herrlich vorwärts«, lief Rothari zornig. »Er meint, so verhindere er Zettelungen und Verschwörungen. Aber ich muß fort in's Lager. Den Untergang der Sonne habe ich nun schon verpaßt.« »Die Sonne ist hinunter, Augustus, das ist nicht zu läugnen«, sagte Rothari, indem er lächelnd zu dem Nachthimmel emporschaute, an dem bereits die Sterne glänzten. »Also lebe wohl, Barbar, morgen komme ich wieder zu dir und zu Medea.« Mit dem Panzer klirrend ging der junge Fürst hinaus, während der Germane ihm höflich, aber mit einer bösen Falte auf der Stirne bis vor den Garten das Geleit gab. Das Dunkel der Nacht verbarg Rothari's finstere Miene und arglos schwang sich der gutherzige Knabe auf's Roß und trabte von dannen. Fünftes Kapitel. Cäsar Gratianus hatte richtig gemuthmaßt. Das Hornsignal, das vom Lager ertönte und schmetternd in den Wäldern widerhallte, galt dem geheimnißvollen Händler, den Arator freigelassen hatte und dem Syagrius nachsetzte. Der Aufseher Gajus, beschämt durch den Verweis, den er erhalten und angeeifert durch die Anwesenheit des Notars, hetzte seine Leute nach Rothari's und Arator's Abschied alsbald wieder an die Arbeit. Zwei der Soldaten, die ihren Quaderstein bereits am Morgen fertig gestellt hatten, streiften im Walde, um einen neuen Findlingsblock zu suchen, da stießen sie auf den Pack mit Fellen, den der stolze Germane kurz zuvor von sich geworfen. Im Jubel trugen sie die Beute nach der Hütte, um sich und ihren Freunden gute Lagerstätten für die hier oben noch immer kühlen Nächte zu bereiten. Das Freudengeschrei und das ungehörige Treiben zog den Notar herbei und seine stattliche Spürnase witterte alsbald den wahren Sachverhalt. Sein erster Gedanke war: »Der Pelzhändler ist mehr als ein Kundschafter. Wer solche Waare wegwirft, gehört nicht zu den Kleinen im Volke. Vermuthlich war er bei der Flucht des Königssohns aus Mogontiacum betheiligt.« Der zweite Gedanke wendete sich gegen Rothari. »Er hat dem Verräther durchgeholfen. Das ist eine Verschwörung, bei der auch der Germane Merobaudes mitspielt«, und alsbald beschloß er an den Kaiser zu berichten. Bei dem dritten Gedanken aber strich er sich befriedigt den wohlgepflegten rothen Bart, denn er lautete: »Auch Arator hat sich bloßgestellt. Ich werde sein Amt erhalten« – hier aber stockten ihm die Gedanken. Eine hohe Gestalt, dunkle, schwärmerische Augen, eine gebieterisch erhobene schmale Frauenhand scheuchten seine bösen Anschläge rückwärts. »So oder so« ... murmelte er. »Jedenfalls macht das den stolzen Vater gefügig.« »Heda«, rief er den arbeitenden Soldaten zu. »Der Pelzhändler, der den Comes täuschte, ist ein Sendling Macrian's, ein vornehmer Alamanne, vielleicht der Räuber von Macrian's Sohn. Wer ihn einbringt, ist des Kaisers Freund und wird besser belohnt, als wenn er hundert Jahre Steine klopfte. Tretet an, rasch, ohne Lärm, daß das Wild nicht scheu werde. Ihr geht die Schlucht hinab und faßt ihn, falls er den Nicer überschreitet. Ihr geht auf die Höhe und schaut aus, ob er nach der Ebene zurückstrebt. Du, Gajus, folgst mit Zwölfen seinen Spuren im Walde. Nimm die zwei Hunde mit dir. Laß sie aber erst schnüffeln an den Fellen, damit sie wissen, wen sie jagen. Ich werde mit den Leuten der untern Hütte sofort über den Strom setzen, um das Ufer drüben zu bewachen. Lebendig oder todt müssen wir den Schurken einbringen, der drei römische Kastelle auskundschaftete und dem der treulose Rothari durchhalf.« In einem Augenblicke waren die Soldaten zum Dienste bereit. Solche Jagd gefiel ihnen besser als unter den heißen Strahlen der Mittagssonne Steine behauen. Der Klang des Meißels war verstummt, nach allen Seiten stoben die Jäger auseinander. Der Alamanne war inzwischen langsam und nachdenklich den Waldpfad weiter geschritten. Er mußte nach dem anderen Ufer des Nicer, aber er wählte dazu bedachtsam eine Stelle, an der der Wald näher zum Flusse herantrat, um sich den Augen der Römer zu entziehen. Sie brauchten nicht zu wissen, wohin er sich gewendet habe. Am Ufer angelangt rastete er eine Weile, um sich zu verkühlen. Dann schritt er vorsichtig, die Streitaxt in dem Gürtel, in dem seichten Strome vorwärts bis er den Grund verlor, um nun mit kräftigem Arme die grünen Wogen zu theilen. Da war ihm, als ob Streitruf das Rauschen der Wellen übertöne, er hörte es hinter sich klatschen, als schwämme man ihm nach. Eben fand sein Fuß festen Boden, da schaute er zurück und alsbald sieht er einen Kahn mit Soldaten auf sich halten. Ihm nahe taucht das Haupt einer Rüde auf, dahinter die zweite. Weiß blinkte ihm das scharfe Gebiß des Thieres entgegen, aber die Dogge kam nicht zum Gebrauch ihrer fletschenden Zähne. Mit einem Arme hatte der kriegsgewaltige Mann den Ast einer Weide erfaßt, mit dem andern die Streitart. Drüben hetzten die römischen Soldaten: »Sphinx! faß, hetz, faß, Phylax!« Aber das Haupt der grimmen Sphinx verschwand alsbald blutend unter den Fluthen. Da fand Phylax gerathen umzukehren und trotz aller Zurufe der Soldaten schwamm der Hund, mächtig das Wasser schlagend, daß es hoch aufspritzte, an's andere Ufer rückwärts. »Wir müssen den Hund haben«, riefen die Einen, »nein vorwärts!« spornten die Andern. Vorwärts und rückwärts zugleich gerudert, drehte der Kahn sich im Kreise. »Die Christianer müssen natürlich immer befehlen«, rief der Steuermann, indem er zornig sein Ruder erhob. »Mit euch braucht man nur zu jagen, so entgeht sicher das Wild«, lautete die Antwort. Während sie zankten, hatte Macrianus in mächtigen Sätzen den Waldessaum erreicht und tauchte in das Düster. Da schlug dicht vor seinen Füßen ein mächtiges Wurfgeschoß ein, daß die Steine zur Rechten und Linken auseinanderstäubten. Aus den Büschen sah er den verhaßten rothen Bart leuchten, der ihm schon zweimal Unheil bedeutet hatte. Zornig riß er den Wurfspieß an sich und zielte nach dem Neiding. Da verschwand der Feind; aber an dem Niederwerfen hörte er, es waren ihrer viele. So schwang er sich zur Seite. Von unten aber ertönte bereits wieder der Ruf: »such Phylax, hetz Phylax!« An ein Entrinnen war nicht zu denken. Noch eine Weile strebte der König wüthend vorwärts. Im Vorbeigehen sah er die Spur eines Hirsches, er lief in ihr, um den Hund irre zu machen. Sie führte zurück gegen die Ebene, von der er gekommen. Dann erklomm er den Ast einer Eiche und stieg von Zweig zu Zweig wie ein Eichhorn. Als er den Gipfel erreicht, schwang er sich hinüber nach einer Fichte, von da nach einer zweiten, einer dritten, um den Hund zu täuschen. In seiner Nähe blieb es still. Aber er hörte, wie der Rothbart seine Männer immer je zwei und zwei am Abhang vertheilte. Immer neue Feinde kamen über den Nicer. Bald wurde es laut auch unter ihm. Der Hund hatte seine Spur gefunden und folgte ihr kläffend. Wo sie in die des Hirsches einlenkte, ward das Thier unsicher und lief bellend hin und wieder. Einen Augenblick stand er schnüffelnd an dem Baume, aber die Soldaten trieben ihn weiter. »So laß doch den Hund gewähren, verdammter Götzendiener«, rief es unten. Wieder stritten die Soldaten hitzig herüber und hinüber. Dann folgte der Hund lustig der Spur des Hirsches und der Lärm verhallte in der Ferne. Aber das Alles konnte nichts helfen, die Wachen blieben und immer wieder nahten streifende Gruppen Macrian's Zuflucht. »Er muß hier sein, vielleicht in einem hohlen Baume«, hörte er den Rothbärtigen sagen. »Hier enden seine Spuren.« »Nicht umsonst hat dich Freya mit solcher Nase beschenkt, römischer Spürhund«, dachte der König und faßte die Streitaxt fester. Es blieb nichts übrig als den Abend hier oben zu erwarten und dann sich durchzuschleichen. Aber der Notar ging, um weitere Leute zur Durchsuchung des Waldes zu holen. Wieder schwang sich der König von Baum zu Baum, dann glitt er leise hinab und schlich behutsam zwischen den Büschen. Da kreuzte der mit Steinplatten belegte Pfad nach dem Wartthurm seinen Weg. »Vielleicht ist's am besten, ganz offen zu schreiten«, dachte er und hochaufgerichtet stieg er in mäßiger Eile den geplatteten Weg zum Wartthurme aufwärts. Wer ihn von Weitem sah, hielt ihn für einen Boten, der den beiden Soldaten dort oben Nachricht bringe. Wo eine Zwergkiefer den Pfad überschattete, verschwand er dann wieder in das Dickicht und suchte endlich todtmüde auf einer breitästigen Eiche Ruhe und Deckung. Aber es wollte nicht still werden im Walde, die Sonne sank, die Stämme glühten im Abendroth. Dann ward es dämmerig und dunkel. Aber die Krieger dachten nicht an Heimkehr. Der König sah fast muthlos, wie die Aufmerksamkeit der streifenden Soldaten unter ihm sich verdoppelte. Nur über ihm in der Nähe des Thurmes blieb es still. Da schoß ihm eine Jägerlist durch den Kopf, die vielleicht zum Ziele führte. Ein Ausdruck heiterer Schlauheit belebte auf's neue seine müden Züge. »Ich will den Wald säubern durch ihre eigenen Signale«, sagte er zu sich selbst. Leise glitt er vom Baume und schlich sachte gegen die Warte. Der römische Wartthurm auf dem Mons Valentiniani, der höchsten Erhebung auf dem linken Ufer des Nicer, war wie alle derartige Thürme ein schlanker viereckiger Bau, umgeben von einem Hofe von Palissaden und oben gekrönt von einer Galerie, auf der die Wache die Runde machte. Die in der Höhe angebrachte Thüre konnte nur mit einer Leiter erklommen werden, die die Wächter nach sich zogen, so daß sie nicht überrumpelt werden konnten. Der Innenraum war eng, denn ein Posten sollte stets wachen, während der andere in der Kammer ruhte, deren Lager nur für einen Mann Platz hatte. Mürrisch und wortkarg saßen Salvius und Lupicinus auf der Galerie und spähten, auf ihr Pilum gelehnt, der Eine nach Süden, der Andere nach Norden, ob der Flüchtling sich zeige, der auch ihnen bald nach ihrer Ankunft gemeldet worden war. Doch berührte sie die Sache wenig, da die Jagd sich auf den Nordabhang des Berges beschränkte. So standen die beiden Wächter den ganzen Mittag. Ueber den weiten einsamen Waldkuppen schifften, silbernen Schwänen gleich, hochgethürmte Wolken. Die Sonne ging hinab und ihr rother Wiederschein glänzte noch lange am Himmel; dann wob die Dämmerung ihre Schleier um die hohen Eichenwipfel und eine Bergkuppe nach der andern versank in dem Nebel, der vom Flusse empordampfte. Traumhaft regte sich hier und dort das Geflügel in den Büschen, die Nachtigall begann ihren schluchzenden Gesang, die Waldtaube lachte von ferne und noch in so später Stunde hörte man auch das Klopfen des Spechts an der Kiefernborke. Das Alles berührte die beiden trotzenden Genossen wenig. Es waren ihnen gewohnte Laute des Waldes. Aber ihr Interesse belebte sich plötzlich, als sie ganz in der Nähe das Schnalzen, Kurren und Zischen eines balzenden Auerhahns vernahmen. Immer lauter und lockender tönte das Töd öd öd öd Glack! des großen Vogels aus dem benachbarten Busche. »Ein Hahn«, sagte der blonde Lupicinus mit germanischer Freude am seltenen Thiere. Es war das erste Wort, das er seinem Kameraden gönnte. Aber Salvius schwieg. »Man kann sie greifen, wenn sie balzen.« »Thue, was du willst«, erwiderte Salvius mürrisch. »Dem wird der Hahn so gut munden, wie mir«, dachte der gutmüthigere Blondkopf. »Bei dem Braten wollen wir uns versöhnen.« Rasch verschwand er durch die Treppe, stellte sein Geschoß in die Ecke der Kammer und nahm dafür Bogen und Pfeile, dann hängte er die Leiter ein und kletterte leise abwärts. Der Genosse hörte noch, wie er den Balken von der Hofthüre schob, die er hinter sich offen ließ. »Pflichtgefühl eines Arianers«, sagte Salvius höhnisch. »Erst verleugnen sie den Herrn, dann verleugnen sie ihre Pflichten, und das alles um einen Vogel.« Er jedenfalls wollte nichts von diesem Thiere essen, nichts von der ganzen Sache wissen und er trat auf die andere Seite des hölzernen Umgangs. Dennoch erreichte ihn auch hier das Geräusch eines Sprungs, eines Falls, eines unterdrückten Schrei's. Die Jagd ist wohl mißlungen, dachte er hämisch. Nach einer Weile hörte er die Pforte der Palissadenthüre schließen, es stieg die Leiter herauf, sie wird nachgezogen und zur Seite gestellt. Es klingt, als ob Lupicinus die Hände nicht frei hätte. So hat er also die Beute dennoch gefangen. Doch Salvius rührt sich nicht von der Stelle; er will diesem Arianer zeigen, was er von seinem Betragen halte. Aber die polternde Wucht des Auftretens ärgert ihn und zornig fährt er herum und starrt in das furchtbare Angesicht eines Fremden. So sieht Kain aus, der Abel soeben erschlagen. Blutunterlaufene rothe Augen glühen ihn an, noch sieht er einen zum Schlag erhobenen Arm, dann fällt eine Streitaxt auf Salvius' Haupt – sie war schon von Blut geröthet – und lautlos sinkt der Römer an den Boden. »Stirb, römischer Hund«, ruft der vom Blutrausch betäubte König. Dick ist die Ader auf seiner Stirne angeschwollen und Mord steht in seinen Augen. Roth sieht er alle Gegenstände um sich her, roth die Berge, roth den Nachthimmel und er führt wilde Hiebe nach dem Gefallenen, bis der Mordgeist in ihm sich beruhigt. Dann greift er nach dem Pilum des Wächters und auf das Geschoß gelehnt sieht er fest dem Todesringen des Jünglings zu. Als er sicher ist, nicht mehr gestört zu werden, geht er bedächtig an ein seltsames Werk. Er holt die Pechpfanne und schichtet trockenes Holz. Auch Stahl und Feuerstein sind zur Stelle. In wenig Augenblicken lodert eine rothe Flamme zum Himmel empor. Starr schaut Macrian gegen Norden. Aufgeschreckt durch das ungewohnte Licht kreischen die Vögel, die Thiere des Waldes werden unruhig, die Fledermäuse, die Insekten stiegen geblendet in die verderbliche Flamme. Der Germane starrt unverwandt nach Norden. Nach einer Weile antwortet ein deutlicher Feuerschein von der Kuppe des Mons Piri und hinter demselben glänzt ein zweites Lichtchen in der Ferne auf und bis zum Melibocus stammen die Fanale; als er sich nach Süden kehrt, strahlt ihm auch dort schon das rothe Zeichen entgegen und nun ertönen unten im Lager die Hornsignale, die die Truppen zurückrufen und im Walde ein schmetterndes Echo finden. Ueberall wird es lebendig. Die zerstreut aufgestellten Wachen laufen, so schnell ihre Füße es vermögen, dem Strome zu. Ein panischer Schreck hat sie ergriffen und jeder hält den hinter ihm her jagenden Genossen für einen Alamannen, der ihn verfolgt. Viele stürzen über die von Kiefernwurzeln durchflochtenen Wege und bitten einander jammernd um Gnade. »Nun ist es Zeit«, sagt Macrianus spöttisch lächelnd. »Die Löwen sind Hasen geworden und der Weg ist gesäubert.« Die Leiter einhängend steigt er festen Schrittes hinab. Dann nimmt er dieselbe wieder ab und schleift sie hinter sich her. Als er an dem blonden Jüngling vorüberschreitet, der leblos an der Erde liegt, kommt eine weichere Stimmung über den harten Krieger. »Thörichter Knabe«, sagt er halblaut, »was brauchst du den Auerhahn zu jagen, wenn dir die Wache vertraut ist. Hättest du bei Macrian gedient, du wärest nicht in diese Falle ... Soll ich die Leiter zerschlagen? Aber wer weiß, ob ich nicht hierher zurück muß«, und er nahm sie noch eine Strecke mit sich und verbarg sie dann in dichtem Buschwerk. Drunten im Thale sah der König rothe Lichter hin und wieder irren. Signale wurden gegeben und erwidert. Sein Weg aber führte waldwärts und bald schritt der Held durch einsame Gründe, wo sein Pfad nur die Fährte des Wolfes kreuzte; und der Klageruf der Eule die Stille der Nacht unterbrach. Voll und groß stieg der Mond empor und beleuchtete die wirren Pfade des tapfern Kriegers. Als der Lärm am Nicer sich gelegt hatte, war König Macrian längst in den Gauen der Alamannen geborgen. Am Morgen traf er in einem Hofe ein, wo ihn Hortari und seine Mannen mit fröhlichem Schwertschlag am Schildrande und lautem »Heilo! Sigo!« empfingen. Zu derselben Stunde, daß der Alamannenkönig den Wartthurm auf dem Mons Valentiniani verließ, hatte sich Rothari, Zorn und Eifersucht im Herzen, von dem jungen Augustus verabschiedet, und wollte nach seinen Gemächern zurückkehren. Aber vom Vestibulum her überraschte ihn Fackelschein. Geleitet von einem Sklaven und der alten Phorkyas trat ihm Jetta entgegen. Es war ein seltsames Bild, die schlanke Gestalt mit den bleichen, geistvollen Zügen und das einäugige Hexenangesicht, beleuchtet von der rothen Fackel, deren Licht die bewegten Schatten an die weiße Wand des Eingangs zeichnete. »Verzeihe, edler Gast, wenn ich dich beunruhige«, sagte Jetta, und wieder machte der volle Metallklang ihrer Stimme Rothari im Innersten erbeben. »Mein Vater sendete eine Botschaft, die in erster Reihe an dich geht. Seit einer halben Stunde, so meldet er aus dem Lager, flammen Lichter auf allen Signalthürmen. Die Soldaten treffen in wilder Flucht theils bei der Brücke, theils bei der Porta prätoria ein. Niemand weiß etwas Bestimmtes, aber Syagrius fürchtet einen Ueberfall der Alamannen. Alle Truppen sind in's Lager zurückgezogen. Mir läßt der Vater die Wahl, entweder mich zu ihm in's Prätorium zu flüchten oder mich unter deinen Schutz zu stellen, damit du mich nöthigenfalls nach Alta Ripa bringst. Du, so meint er, würdest mich am ehsten vor Unbill durch die Barbaren zu sichern wissen.« Und sie schaute ihn erröthend an, während ein liebliches Lächeln ihre Züge verschönte. Rothari's Herz klopfte stürmisch. »Und wofür hast du dich entschieden, edle Jungfrau?« fragte er. »Ich?« und sie lachte hell auf über sich selbst. »Ich möchte vor allen Dingen einmal die Signale brennen sehen. Schon lange träumte ich davon, wie herrlich es müsse zu schauen sein, wenn ringsum im Kranze der Berge die Flammen lodern!« und ihr Lachen klang so hell und voll Uebermuth, als ob keine Gefahr sie rühre. »Wir wollen hinausreiten in die Ebene«, sagte sie bittend, »und dieses seltene Schauspiel genießen.« »Da beginne ich meine Mentorrolle mit einer Thorheit«, erwiderte Rothari, »aber auch der kluge Jason mußte ja thun, was Medea ihm geboten.« »Das Signal auf dem Mons Valentiniani ist erloschen«, meldete in diesem Augenblicke ein Sklave. »Oh weh«, sagte Jetta betrübt, »nun kommen wir wieder zu spät.« »Es war blinder Lärm, ich dachte es gleich«, sagte Rothari. »Das kommt dabei heraus, wenn ein Mann der Bücher, wie Syagrius, den Feldherrn spielt. Immerhin mögen meine Mannen für alle Fälle die Pferde bereit halten.« »Und du rüste mein Maulthier«, fügte Jetta, zu dem Sklaven gewendet, hinzu. »Wir brauchen kein Licht, der Mond wird gleich herauf sein.« Als der Fackelträger sich entfernt hatte, sagte Jetta mit anmuthiger Wendung zu dem Germanen: »Ist es dir genehm, so wollen wir hier den Vater im Garten erwarten. Die Maiennacht ist mild und ich liebe das Plaudern der Quelle.« Ob es dem jungen Krieger genehm war! Alle seine Pulse stürmten. Wie sie sich so vornehm lässig auf dem Lehnsessel neben einem marmornen Wasserbecken niederließ, in dem bereits der erste Strahl der heraufsteigenden Luna zitterte, glich sie dem Bilde der schönen Frau, die der Colonia Agrippina Köln. den Namen gegeben. »Fürchtest du dich nicht, edle Jungfrau«, sagte Rothari befangen, indem er sich auf einem Stuhle neben Jetta niederließ, »hier hart an der Grenze des Feindes zu Hausen? Ihr könnt euch ja hier niemals niederlegen und sicher sein, daß euch nicht Schlachtruf weckt und ihr am Morgen als Gefangene in die Berge geschleppt seid?« »Was hülfe mir die Furcht?« fragte sie heiter. »Dazu sind wir Frauen da, daß wir die Soldaten bei guter Laune erhalten, sonst müßte man uns aus der Nähe des Lagers verweisen. Je schlimmer es steht, um so fröhlicher muß ich mich zeigen, dann schämt sich auch der Feige seiner Schwäche. So mache ich den Leuten Muth mit meinen Scherzen.« Wiederum mußte Rothari an die schöne Agrippina denken, die in solchem Lagerleben die Soldaten gleich einem Feldherrn zu begeistern wußte und so gut wie ihr Gemahl Germanien dem Reiche erwarb. Das schöne Mädchen aber fuhr ruhig fort: »Ich will gerade den Soldaten zeigen, daß wir nicht als Gäste hier sind, sondern daß wir hier bleiben. Darum habe ich nun schon den zweiten Winter hier ausgeharrt, damit unsere Leute wissen: bis zu den Bergen ist Rom. Seit die flavischen Altäre errichtet wurden, gehörte das Decumatenland zum Reiche des Augustus und sollen volle zwei Jahrhunderte von Roms Größe ausgelöscht sein durch das eine unserer Schmach? Von allen Gedichten Martial's mag ich nur das eine leiden, das er damals schrieb. Das aber ist mir wie ein Gebet, weil es den Rhenus ganz uns zuspricht und nicht nur auf einem Ufer: Rhein, der Nymphen Vater und der Flüsse, Die des Nordlands Reif und Nebel trinken, Eisfrei mögen deine Wogen strömen, Daß kein Ochsentreiber schmachvoll Mit barbar'schem Rade dich befahre. Goldne Hörner mögest du als Gott empfangen, Und an beiden Ufern du ein Römer wallen, Dem Augustus folgsam und dem Herrscher Tiber. »Romanus utraque ripa! Das ist meine Losung!« rief sie und es lag etwas von dem schönen Wahnsinn der Pythia in ihrem Auge, als sie so sprach. Rothari sog ihr Wesen in sich mit allen seinen Sinnen. Ihre tiefen, blauschwarzen Seheraugen weit geöffnet schaute sie ihn an und wenn sie den Mund aufthat, glich der Ton dem dunkeln Schalle eines Beckens von Dodona, so daß er immer wieder neu verwundert auffuhr. »Das ist's«, fuhr sie fort, »warum auch ich Valentinianus für einen großen Mann achte. Man nennt ihn roh und grausam, doch sei er, was er wolle, er ist der Erste, der seit Probus und Julian Gedanken faßt, würdig des alten Rom. Statt ewig zu vertheidigen, fängt er wieder an zu erobern. Er ist ein Römer, auch wenn es zuweilen scheint, er sei selbst ein Barbar.« Rothari stimmte ihrem Lobe des Kaisers bei. Er erzählte ihr seine Erfahrungen mit dem Augustus, seine barbarische Begegnung mit Mica und die rührende Art, wie der Kaiser seine frevelhafte Uebereilung wieder gut gemacht. Andächtig und immer sympathischer gestimmt hörte Jetta ihm zu. Der feingeschnittene Kameenkopf neigte sich bei der aufregenden Erzählung immer näher zu ihm herüber, das Goldblech, das ihre Haare hielt, glänzte im Mondscheine, sie glich einer Königin, oder in dieser Zaubernacht einer Circe. Die vollen weißen Arme hielten ihre Kniee umspannt, weich fiel das wollene Gewand auf ihre Brust, die der Goldgürtel unterband, je mehr seine Erzählung ihr Herz erregte, um so näher neigte sie ihr Antlitz ihm entgegen, so daß er verwirrt ward und stockte. Berauschend wirkte auf diese beiden jungen und schönen Menschenkinder ihre eigene Nähe und ringsum das traumhafte Weben und Leben der Frühlingsnacht. Glänzende Glühwürmer sprühten in den Büschen und wo einer sich niederließ, erhellte er rings eine kleine Welt von Spitzen und Blüthen der Gräser, von glänzenden Blättern und weißen Blüthen. Würziger Duft von Geisblatt und Jasmin führte der Abendwind betäubend um das Haupt der Ruhenden und süßes Lebensgefühl, wie er es nie empfunden, durchdrang den jungen Krieger; er mußte an sich halten, das schöne Mädchen nicht an sich zu ziehn, aber er bezwang sich. »Setzen wir den Fall«, sagte er ernst, »daß es gelänge, diese Eroberung der letzten Jahre festzuhalten, würdest du wirklich hier an der Grenze des Reiches bleiben und nicht zurückkehren nach der Hauptstadt?« »Ich habe gelobt zu bleiben, bis« .. hier stockte sie. »Nun, bis« .. wiederholte er und schaute sie freundlich mit seinen hellen Augen an. »Es wird dich kränken, denn du bist ein Germane und wie sie sagen ein Königssohn. Ich aber war noch ein thörichtes Kind, als ich Valentinian einst sagte, womit sie mich heute verspotten, nicht eher würde er mich aus dem Lager los werden, bis ich gesehen, daß neun Könige der Alamannen vor ihm knieen, wie einstens vor Probus, und um Frieden bitten aus seiner Hand.« »Zu deinen Füßen«, sagte der Jüngling lächelnd, »wirst du sie eher sehen als zu denen Valentinian's. Aber es freut mich, daß wir noch lange Kampfgenossen sein werden, denn auch ich bleibe hier.« »Ich weiß es und freue mich dessen. Du wirst nicht kommen und gehn wie so viele deines Stamms. Bist du doch auch den alten Göttern treu geblieben, – das war es, was dir zuerst mein Vertrauen gewann«, und sie erröthete über das Wort, das ihr wider ihren Willen entfahren war. »Woher wußtest du das?« fragte er befangen. »Ich hörte es aus den hundert Neuigkeiten, mit denen mich der junge Augustus heute übersprudelte.« »Und wie gefiel dir Gratian?« »Aus einem aufgeregten Knaben wird, wenn die Götter ihn lenken, ein tüchtiger Mann. Nur die Trägheit wäre in seinem Alter ein Uebel.« Das klang sehr weise und mütterlich. Rothari war beruhigt, so sehr, daß er Gratian zu loben begann. »Auch er sprach Gutes von dir«, sagte sie nach einer Weile, »aber sein Lob klang wärmer.« Sie hatten ein feines Gehör diese kleinen Venusmuscheln der Medea. Rothari fühlte den Vorwurf und verstummte. Auch Jetta schwieg. »Eine Frage an deine Kunst«, sagte er nach einer Weile. »Ich habe heute eine gewagte That begangen. Bringt sie mir Verderben?« »Um welche Stunde war es?« »Zwei Stunden vor Mittag.« »Und wie alt bist du?« »Sechsundzwanzig Jahre und drei Tage.« »Auch die Namen deiner Eltern muß ich wissen.« Rothari zögerte. »Wirst du ihre Ruhe stören?« fragte er bedenklich, »sie sind in Asaheim, wie ich hoffe.« »Sie sollen ruhig in eurem Göttersaale sich erfreuen und damit du siehst«, sagte sie lächelnd, »daß ich dir vertraue, will ich dir genau sagen was ich thue.« »Auch ich traue dir«, sagte er abwehrend – »sie heißen Vadomar und Brechta.« »Gut. Die Antwort suche morgen nach Sonnenaufgang unter diesem Steine.« »Und tadelst du es nicht, daß dein Gast schon in der ersten Stunde dich um solchen Dienst bemüht?« »Du hast die gute Linie zwischen deinen Brauen«, sagte sie mit ihrem lieblichen Lächeln. »Wer sie hat, dem verweigere ich die erste Bitte nie.« Rothari schwieg. Hätte er das gewußt, dann hätte er etwas Anderes gebeten. Jetzt war es ihm leid und er erwog, ob man vielleicht noch eine zweite Bitte frei habe um der guten Linie willen. Aber noch ehe er das rechte Wort gefunden, traf Hufschlag sein Ohr. »Der Vater«, rief Jetta freudig aus. In der That sprengte der Comes heran. Eilig sprang er vom Pferde und warf dem Sklaven die Zügel zu. Jetta hastig grüßend ergriff er Rothari am Arme und zog ihn tiefer in den Garten. »Nun war es doch eine Thorheit«, sagte er leise, »die wir diesen Morgen zusammen verübten. Valentinian erschien heute ganz plötzlich in Alta Ripa. Macrian allarmirte durch seinen Uebermuth das ganze Lager. Die Wachen auf dem Wartthurme ließen sich überrumpeln. Salvius liegt todt auf dem Thurme, Lupicinus ist noch nicht gefunden. Das ganze Thal entlang sind die Truppen auf den Beinen und der Augustus selbst wird morgen hier sein.« »Ich nehme alles auf mich«, sagte Rothari ruhig. »Er hat mir die Verhandlungen mit Macrian übertragen, ich habe sie so geführt, wie ich es für Rom am besten hielt. Gefällt ihm meine Führung des Geschäftes nicht, so mag er mich strafen.« »Ich danke dir, Rothari, du bist ein Freund in der Noth.« »Als Freund meiner Freunde sollst du mich stets erfinden.« Beide kehrten nach dem Hause zurück, wo sie Jetta erwartete. Sie hatte sich bescheiden zurückgezogen, aber ihr Frauenohr hatte am Tone des Vaters schon gehört, daß der Germane ihm viel bedeute. Wie einem alten Bekannten reichte sie ihm die Hand, ehe sie nach ihren Gemächern hinaufstieg. Bald darauf entdeckte Rothari, daß er in seinem Gemache zwischen den alten Waffenstücken König Vadomar's sitze. Wie er dahin gekommen, wußte er nicht. Sie war wirklich eine Zauberin. Das Blut hämmerte ihm in den Schläfen und es dauerte lang bis der Traumgott seine erregten Gedanken beschwichtigte. Sechstes Kapitel. Am Morgen wurde es früh laut in Arator's Villa. Man brachte auf einer Bahre Lupicinus herbei, der im Walde in der Nähe des Wartthurms von streifenden Soldaten endlich aufgefunden worden war. Der junge Krieger war bei vollem Bewußtsein. Der Schlag des alamannischen Königs hatte ihn mehr betäubt als tiefer verletzt, obwohl häßliche Klumpen geronnenen Blutes in seinem blonden Haare klebten. Bereits hatte er Arator ein unumwundenes Geständniß abgelegt und war zur Pflege in dessen Villa zurückgebracht worden. Von seinem Schlafgemache hörte Rothari die tiefe, tröstende Stimme Jetta's, die um den Verwundeten beschäftigt war und die heiseren Flüstertöne ihrer alten Amme. Rasch sprang er auf und durch eine Oeffnung des Vorhangs sah er mit Entzücken, wie Jetta dem Verwundeten auf's lieblichste zusprach. Während die alte Phorkyas ihm seine Wunde auswusch und verband, kniete das schöne Mädchen bei der Bahre, hielt dem Kranken die schmerzlich zuckende Hand und tröstete ihn so hold, daß er unter Schmerzen schwach zu lächeln versuchte. Seine Furcht vor strenger Strafe, der er entgegengehe, wußte sie scherzend wegzutrösten. Sie werde bei Arator und nötigenfalls bei dem Augustus selbst sich verwenden, sagte sie, kein Haar solle ihm gekrümmt werden. Müsse er aber zur Strafe an den Schanzen von Alta Ripa bauen, so würde sie ihn täglich besuchen. Als Phorkyas mit ihrem Verbande fertig war, wurde der Verwundete nach seiner Wohnung gebracht, wohin die Frauen ihm folgten. Rothari hatte es nun mit eigenen Augen vor sich gesehen, warum das ganze Lager Arator's holde Tochter vergötterte und jeder einzelne Mann, wie man ihm erzählt hatte, für Jetta durch's Feuer gehen würde. Nach einer Begegnung mit der Wunderbaren dürstend trat der Germane in den Garten hinaus, um ihrer zu warten. Glänzend lachte die Maiensonne über den Wäldern, deren verborgenes Gethier diese Nacht durch Hörnerklang und Fackelschein in seiner nächtlichen Ruhe gestört worden war. Aus der Ebene schwangen sich zahllose Lerchen auf, die in's Blau verloren ihren tirilirenden Sang ertönen ließen in der gleichen Sprache, die ihr Geschlecht vor Jahrtausenden verstanden und nach Jahrtausenden noch verstehen wird, während der Menschen wandelbare Art in jedem Jahrhundert in neuen Lauten redet. Unter dem Steine, den ihm Jetta bezeichnet, fand Rothari ein kleines, rundgeschnittenes Blatt; er las es, lächelte und drückte es an seine Lippen. Aber auf die holde Zauberin selbst wartete er vergeblich. Er mußte schließlich aufbrechen, um mit den andern Führern den Kaiser zu begrüßen. Von der würzigen Morgenluft erfrischt und froh erregt von dem Meere des Lichts, das der Himmel auf ihn herabgoß, sprengte er sorglos dem Richter entgegen, dem er Rechenschaft geben sollte über sein gestriges Verhalten. Das Lager war einige hundert Schritte unter dem Thalausgange errichtet, damit es nicht von den Bergen überhöht werde und bildete ein längliches Viereck. Ein breiter Doppelgraben umgab die von einem Erdwall verkleideten Mauern und Zinnen, von denen hier und dort der Helm einer Wache oder die Spitze eines Pilum hernieder funkelte. Die rothen Vexilla flatterten im Morgenwinde und das Feldzeichen der Cohorte, ein goldenes Stierbild, strahlte auf der Höhe des festen Thors. Die Porta principalis passirend, befand sich Rothari in dem Soldatenquartier und ritt längs den Soldatenhütten, die mit Stroh oder Rasen bedeckt waren. Im Innern dieser Hütten standen ringsum die Schlafbänke und in der Mitte ein Feuerheerd, den massive Steinblöcke umfaßten. Die Straße entlang reitend, gelangte der Germane zu dem Prätorium. Dem stattlichen Gebäude war ein großer gedeckter Vorplatz vorgestoßen, der als Exerzierhaus diente. Drinnen klirrten die Waffen und man hörte, wie die Wurfgeschosse und die kurzen bleibeschwerten Pfeile auf den Scheiben aufschlugen. Von dem Centurio, der die Uebungen leitete, erfuhr Rothari, daß die hohen Officiere sich beim Vorwerk jenseits der Brücke versammelten, um dem Augustus bis Alta Ripa entgegen zu reiten. Während er hier an der Kreuzung der Straßen mit dem Untergebenen verhandelte, ergötzte sich das sinnige Auge des Germanen an dem reizenden Ausblick, den die Lagerthore umrahmten. Vorwärts und rückwärts schaute man auf die Brücke und die bürgerlichen Niederlassungen des Mons Piri, zur Rechten und Linken in das blaue Thal des Nicer und hinaus in die grüne Ebene, die in der schön geschnittenen Rundung der rothen Sandsteinthore sich gar freundlich ausnahmen. Den westlichen Theil des Lagers, die Retentura mit ihren Magazinen zur Seite lassend, ritt Rothari an der Fleischerei, dem Ziehbrunnen, der Küche und andern Wirtschaftsgebäuden vorüber zur Brücke. Auf der Mitte derselben, bei der Neptunskapelle, harrten seine germanischen Gefolgsleute ihres Herrn und von ihnen geleitet ritt der Königssohn nach dem Vorwerk, wo die übrigen Führer hielten. Gratian sprengte herbei und reichte dem Freunde die Hand. Auch Arator und Syagrius gesellten sich zu der Gruppe und nun jagte der ganze Trupp auf der Straße nach Alta Ripa dahin, dem Augustus entgegen. Von den Insassen der beiden Dörfer, des Vicusnovus auf dem rechten und des Pagus der Nemeter auf dem linken Ufer des Nicer, war heute keiner zuhause geblieben. In zerstreuten dichten Gruppen lagerten sie vor dem Thore des Vorwerks, das der Augustus zuerst passiren mußte. Die Sonne stieg und brannte mit heißen Strahlen auf die Blüthenbäume und die wachsende Saat. Die Wachen auf dem westlichen Thore des Lagers schauten scharf in der Richtung nach dem Rhenus. Endlich wirbelte Staub auf der Hochstraße. In bequemem Schritt kam ein ansehnlicher Reiterzug. Rothari's Germanen und eine Schaar von berittenen Batavern unter dem Gardetribunen Balchobaudes ritten weit voran. Dann kamen die beiden Augusti, Vater und Sohn, und hinter ihnen in ehrerbietiger Entfernung Arator, Rothari und der kleine Syagrius, der sich zu Pferde seltsam ausnahm. Ein größeres Geschwader von Panzerreitern im gleißenden Schuppenharnisch schloß den Zug. »Heil, dem Augustus Heil«, riefen die Dorfbewohner, als die Reiter dem Vorwerke nahten. »Dem Vater und Sohne Heil!« Aber kaum war dieser Ruf verklungen, so erschallte plötzlich mitten aus dem Haufen eine helle Stimme: »Dem wesensgleichen Gotte, Vater, Sohn und Geist sei Ehre, nicht den Menschen.« Alles schaute betroffen um, nur Valentinian that, als ob er nichts gehört hätte, und ritt ruhig weiter. Aber Rothari's scharfes Auge erspähte den kühnen Rufer. Er gewahrte einen bleichen Jüngling, der mit wirrem blondem Haupte von der festlich geschmückten Menge merklich abstach. Sein zerfetzter Mantel verrieth den Cyniker oder Anachoreten, doch war es Rothari, als ob er diesen jungen Menschen kenne. »Wer bist du, daß du den Augustus beleidigst?« rief er dem Jüngling zu, indem er sein Pferd auf ihn zulenkte und die Streitaxt erhob, so daß rechts und links die erschreckten Zuschauer auseinanderstäubten. Aber der Knabe trat ihm näher und sprach: »Vulfilaich, Vadomar's Sohn, dein Bruder!« Eine böse Falte legte sich um Rothari's Stirne, aber er ließ die Streitaxt fallen, riß sein Pferd herum und sprengte den Andern nach. Rasch flüsterte er Gratian einige Worte zu, dann kehrte er zu Vulfilaich zurück. Die Menge war eilig dem glänzenden Schauspiele nachgeströmt, nur der junge Mönch stand noch an der vorigen Stelle und starrte trüb vor sich hin. »Er hat die Streitaxt gegen mich erhoben«, sagte er zu sich selbst. »Wir sind wie Abel und Kain.« Da hielt Rothari bereits neben ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Knabe, Knabe, wie siehst du aus, du Sohn meines Vaters? Bist du ein Cyniker geworden, ein Philosoph oder gar ein Mönch am Ende?« »Ich bin gekommen, Rothari«, sagte der Jüngling, »um dir das Deine zu bringen, du wirst es gefunden haben, um dich zu bitten, mir meine Sünde zu vergeben und dich zu dem zu führen, der unser Aller Sünde vergibt.« »Drei Dinge auf einmal, von denen lang zu handeln wäre«, lächelte Rothari. »Ich aber muß zur Heerschau zurück. Erwarte mich dort unten in der Kiesgrube, da sind wir ungestört. Sobald ich abkommen kann, will ich dort dich suchen.« Und nochmals strich er zärtlich über das wirre Haupt des verwilderten Bruders, winkte einen Gruß und sprengte rasch nach der Brücke. Mehrere Stunden währte es, bis der ergraute Herrscher das ganze Lager abgeschritten und alle Magazine mit Pfeilen, Schleuderbleien und anderen Geschossen und Geschützen sachkundigen Blickes gemustert hatte. Endlich trat er mit Gratian und den höheren Officieren in das Prätorium, vor dem ein Centurio mit zwei Wachen nunmehr den Zugang sperrte. In dem geräumigen Vestibulum hörte Valentinian zunächst des Syagrius Vorschläge über die Einrichtungen des Kastells, das auf dem Berge gebaut werden sollte. Auch wenn der glänzende Kreis der hohen Officiere den Augustus nicht so ehrfürchtig umgeben hätte, würde das Auge sofort ihn als den Herrscher herausgefunden haben, so sehr gebot das majestätische Auftreten dieser gewaltigen Imperatorengestalt Ehrfurcht. Das war er, der Riese, der mit einem Zucken seiner herrischen Brauen meuternde Legionen zur Ruhe gebracht hatte. Seine Haltung war streng, der Blick der schielenden Augen stechend und niemand hielt ihn lang aus, den er starr in's Auge faßte. So fest der Kaiser an sich hielt, dennoch machte sein ganzes Benehmen den Eindruck einer mühsam verhaltenen Wildheit und seine Gegenwart legte sich wie etwas Furchtbares auch auf die Muthigen, denn jeder gedachte der Martern und entsetzlichen Todesarten, die der Schreckliche schon verhängt hatte. Er war gekommen, um die Ursache des gestrigen Allarms, der wie ein Lauffeuer die Kunde von einem neuen Raubzuge der Alamannen bis nach Gallien verbreitet hatte, zu untersuchen und man fürchtete, er werde über den Schuldigen eine seiner schauerlichen Strafen aussprechen. Aber was man stets an Valentinian rühmte, daß er sich im Dienste zu mäßigen wisse, bewährte sich auch heute. Wenn drängende Geschäfte, Sorgen, Gefahren andere Tyrannen seiner Art noch reizbarer machten, stellte die Noth in seiner von Leidenschaften zerrissenen Brust die Mannszucht her. Kam ein Staatsgeschäft von Belang an ihn, alsbald wandelte sich seine Wuth zu vollkommener Klarheit des Geistes, ja in eine fast heitere Ruhe und Milde um, denn es war ihm ernstlich um das Wohl des Reichs und um Gerechtigkeit zu thun. Während sein Privatleben von Ausschreitungen besteckt war, die an Nero und Caracalla erinnern, trugen seine Amtshandlungen ohne Ausnahme den wohlthuenden Stempel gelassener Energie und ruhiger Umsicht. Wäre er nicht maßlos gewesen im Strafen, man hätte über der geordneten Ruhe seines Regiments die leidenschaftliche Wuth seines Temperaments vergessen. So aber stand auch heute der Kreis hoher Generale bang um den finster blickenden Augustus, als er sich nach den gestrigen Vorgängen erkundigte. Alle schauten ängstlich nach Arator und Rothari, während Syagrius seine Anklage gegen beide mit schneidender Kälte, jedes Wort wie ein Messer zuspitzend, vortrug. »Wer war der Alamanne, dem du durchhalfst, Rothari?« fragte der Augustus mit rauher Stimme, als Syagrius geendet. »Der Alamanne war König Macrian«, erwiderte Rothari gleichmüthig. Die stolze Schaar der römischen Officiere schrak bei dieser Antwort zusammen, daß man das Klirren ihrer Rüstungen hörte. Ein unterdrückter Laut des Entsetzens ging durch den Saal. Valentinian allein behielt die Fassung und seinen schielenden Blick starr auf Rothari richtend, fragte er kalt: »Was bestimmte dich, den schlimmsten Feind Roms aus deiner Hand zu lassen?« »Hätte ich gewußt«, erwiderte Rothari, »daß du heute hier sein würdest, ich hätte Macrian ersucht, sich dir zu einer friedlichen Besprechung zu stellen.« Ein böses Zucken lief über das finstere Angesicht des Kaisers und sein Auge wurde bohrender. »Aber du liebst die Überraschungen«, fuhr Rothari trotzig fort, »weil du keinem von uns traust. Schon an der Mosella sagte ich dir, daß dein Argwohn das Reich um die Hälfte deiner Erfolge bringt. Auch jetzt bist du im Stillen überzeugt«, fügte der Germane mit leichtem Spott hinzu, »ich hätte als Alamanne mit Alamannen gegen dich gehandelt. Was wäre denn aber die Folge gewesen, wenn wir nach dem Vorschlage deines weisen Notars Macrianus festgehalten hätten? Schon heute stürmten die Alamannen diese schwachen Wälle. Du hättest den Krieg, den du jetzt doch am wenigsten brauchen kannst, da noch keine deiner neuen Anlagen vollendet ist.« »Aber wir hatten eine Geisel«, warf Syagrius dazwischen. »Lehre doch du mich die Alamannen kennen, Schreiber von Byzanz«, erwiderte Rothari mit Hohn. »Der König hätte sich eher das Haupt im Kerker eingestoßen, als daß er geduldet hätte, daß seinem Stamme ein Nachtheil aus seiner Gefangenschaft entspränge. Neue Könige wachsen den Alamannen in einer Stunde und mein Volk hätte auf den Schild erhoben, der um ein Haar schlechter gewesen wäre als Macrian.« »Mag sein«, erwiderte der Augustus mürrisch, »aber du hast dir eine Entscheidung angemaßt, die nur mir zustand.« »›Handle an meiner Stelle, ganz wie ich‹, schriebst du mir in deiner letzten Vollmacht. Daß du keinen Vertreter brauchtest, weil du selbst zur Stelle warst – wie sollte ich das wissen? ›Ich spiele ein gewagtes Spiel‹, sagte ich mir, aber Valentinian denkt groß; er wird verstehn, warum ich that, wie ich thue. Unter Julian hätte ich mich gehütet, denn der spielte den Großen aber er dachte klein. Habe ich mich geirrt, so nimm deinen Auftrag zurück. Ich kann seiner nur warten, wenn du mir traust.« »Und was hast du mit Macrian verhandelt?« »Er vermuthete, daß wir hier oben bauen wollen und droht mit Gewalt, falls wir den Verträgen zuwider die Berge befestigen. Für den Augenblick ist er aber offenbar zum Angriffe nicht gerüstet.« »Getraust du dir den Barbaren wieder in meine Hände zu locken, wenn wir zum Kriege bereit sind?« fragte der Kaiser lauernd. »Nein«, erwiderte Rothari unwillig und ein hohes Roth färbte sein edles jugendliches Angesicht. »Ich verkaufte Rom mein Schwert, nicht mein Gewissen. Ich will nicht, daß ihr ihn mordet wie Vithikab.« Der Kaiser biß sich auf die Lippen. Aber zu rechter Zeit mischte sich Arator ein. Auch er entwickelte, daß bei der augenblicklichen Lage des Reichs Rothari's Verfahren das klügste gewesen. Nach seiner Meinung wäre das Festhalten des Königs einer Kriegserklärung gleichgekommen und eine solche stehe niemandem zu als dem Augustus. Als Valentinian seinen Blick im Kreise umhergehen ließ, um zu sehen, wie die andern Führer die Sache beurtheilten, ward er gewahr, wie sein schmächtiger Sohn den Arm über Rothari's Nacken geschlungen hatte und ihm zärtlich die Wange koste. Da brach ein Strahl von Freundlichkeit auch aus seinem bösen Auge. Aber alsbald ward sein Angesicht wieder hart und starr und er sagte: »Ihr folgt mir alle nach Alta Ripa.« »Das Rothari nicht lebend verlassen wird«, spielte es deutlich um Syagrius' ironisch sich kräuselnde Lippen. Aber bereits schritt der Kaiser zur Thüre und das Gefolge schloß sich ihm an. Von Rothari hielten alle sich seitwärts, nur Gratian hing sich an ihn: »Sage, Bruder, woher nahmst du den Muth? Mir schlotterten ja die Kniee vor Angst und Sorge.« Rothari zog ein Pergamentblättchen aus dem Gürtel und Gratian las: »Fürchte nichts; dein Stern ist im Steigen.« Der lange Knabe schaute Rothari albern an. »Von deiner Medea«, sagte Rothari spöttisch. »Was, du jagst in meinem Revier?« erwiderte der Knabe ärgerlich. »Ich bewahre sie dir bis dir der Bart wächst«, sagte Rothari, indem er ihm lachend über das Haar strich. Da waren sie am Thore. Im Augenblicke saß die Schaar auf den Rossen und im Sturme flog die Cavalcade auf Alta Ripa. Siebentes Kapitel. Während im Lager sich diese stürmische Scene abspielte, saß Rothari's Bruder in der Kiesgrube unterhalb der Brücke und schaute träumerisch der vorüberrauschenden Welle des grünen Nicer nach. Der Sturm warf seinen Schaum in den Schilf am Ufer, wo er schleimig hängen blieb. Langbeinige Wasserfliegen erregten weitere und weitere Kreise in den stehenden Uferpfützen; hie und da platschte ein Frosch in das Wasser, der den kreisenden Reiher noch rechtzeitig wahrgenommen hatte. Sonst herrschte die tiefste Stille in der Grube, die der Strom in das hohe Ufer gerissen hatte und zu der er von vorn den Zugang hütete. Dem Mönche, der an einsames Träumen gewöhnt war, wurde die Zeit nicht lang. Knieend und mit dem Haupte auf dem Rasen liegend, ließ er die Gestalten seiner innern Welt an sich vorüberziehen und fühlte sich nicht allein in seiner Einsamkeit. Dann sprach er laut seine Gebete und endlich frischte er, am Strande hin und wieder schreitend, durch Hersagen die Erinnerung an alle Psalmen und Schriftstellen auf, die ihn sein Lehrer Benedictus gelehrt hatte. Ermüdet ließ er sich endlich am Strande nieder und reihte in geduldigem Spiele helle und dunkle Steine zum Monogramme Christi, zum Bilde der Arche, des guten Hirten, des Fischs zusammen, und all der Insignien, die er in den Kirchen zu Mogontiacum und Borbetomagus gesehen hatte. Endlich knirschte über ihm der Sand. Er hörte, wie Rothari sein Pferd verließ und es an einen Baum anband. Herabrollende Steine verkündigten den Nahenden. Bleich vor freudiger Erregung erhob sich der junge Alamanne. Aus des Kriegers Mienen war jede Erinnerung an den eben erlebten Verdruß verschwunden, als er Vulfilaich gegenüber trat. In wortloser Rührung umarmten sich die Brüder und standen eine Weile Hand in Hand beisammen. Dann begann Vulfilaich: »Hast du mir meine Uebelthat ganz und voll verziehen, mein Bruder?« »Ich wußte es ja«, erwiderte Rothari, »daß nur einen Augenblick das gelbe Gold dich verblenden konnte, und daß du nicht behalten würdest, was nicht dein war. Aber was du mir brachtest, ist nur zur Hälfte mein. Ich weise es zurück.« »Behalte es zur Sühne«, sagte der Mönch, »aber versprich mir, daß du nun auch zu der Halle unserer Väter wiederkehren willst.« Rothari schüttelte betroffen das Haupt, der Jüngling aber fuhr fort: »Siehe, Vithikab, unser Bruder, ist todt, Fraomar irrt als landflüchtiger Mann in der Fremde. Mich hindert mein Kleid, des Erbes unserer Väter zu walten, aber es ging mir durch's Herz, als ich jüngst all' die Plätze unserer glücklichen Jugend besuchte. Der Hof verfällt. In Vadomar's Wald stellen die Knechte dem Rothwild nach und fällen den Hirsch. Die Heerden der Nachbarn weiden auf unserem Grunde. Aus dem Bache tragen sie die großen Steine weg, so daß das Wildwasser unsere Erde abspült. Alles schreit nach dem Herrn und ich habe einem höheren Herrn mich gelobt, ich darf dort nicht hausen. Das ist die Strafe, dachte ich bei diesem trüben Anblick, daß wir an Rothari Unrecht thaten, nun soll unsere Stätte wüste gelassen werden. Und ich bin schuldig, warum nahm ich, was dein war!« »Nein, mein Knabe. Das rothe Gold spielte keine Rolle bei meinem Scheiden, dessen kannst du dich trösten. Der Treubruch der ganzen Sippe hat mich vertrieben, nicht Silber und Erz. Nun aber kann ich nicht zurück, mich halten heilige Eide.« Vulfilaich seufzte. Hätte es sich darum gehandelt, den Bruder für ein geistliches Leben zu gewinnen, er hätte den Kampf noch fortgesetzt. Für Irdisches länger zu werben, war er nicht gewillt und einem Gelübde untreu zu werden, durfte er dem Bruder nicht rathen. »Nach der Heimath willst du nicht«, sagte er sanft, »aber hast du nicht jene andere Heimath gefunden, die meine müde Seele fand, da du nun lange Jahre unter Christen lebtest?« Und er deutete auf die Symbole, die er am Strande gezeichnet hatte. Rothari schüttelte leise das Haupt: »Nein, mein Knabe«, sagte er, den Bruder scharf betrachtend. »Du gefielst mir besser, als ich dich im Waffenschmucke sah und deine Augen hell und deine Wangen blühend waren. Das sind nicht Linien, wie sie Glück und Seelenfrieden zu zeichnen pflegen.« »Oh sage das nicht!« rief Vulfilaich mit glänzenden Augen. »Es ist ein seliges Feuer, das mich verzehrt.« Wie eine Verzückung kam es bei diesen Worten über ihn und er redete plötzlich in einem ganz anderen Tone. Alle Schlaffheit und Müdigkeit war von ihm abgefallen und seine Stimme steigerte sich zu inbrünstiger Leidenschaft. »Die göttliche Liebe hat mich aufgesucht«, rief er, »sie hat mich durchdrungen. Der gute Same ist in mein Herz gefallen und hat ein großes Verlangen in mir entzündet. Ich mußte mich retten aus dem Gedränge der Welt, denn in mir wächst eine Saat, die des Platzes bedarf, um zu reifen. Benedictus hat mir die Augen aufgethan, daß ich die höllischen und himmlischen Heerschaaren schaue, die auf der Erde sich bekämpfen. Du gehst durch Wetter und Schlachten und denkst nicht daran, wer sie erregt. Du lebst umgeben von Sünde und Finsterniß, ohne an beide zu glauben. Tausende fallen zu deiner Rechten und Zehntausend zu deiner Linken an der Seuche, die durch die Welt schleicht, und du meinst, das müsse so sein! So ging auch ich dahin in der Fröhlichkeit zuerst der Thiere, in der Traurigkeit dann der Dämonen. Da fand ich meinen Lehrer und Führer, den dreimal Gesegneten. Er sagte mir, daß es ein Leben vollkommener Liebe und Reinheit für die Seele gebe, in dem keine unruhige Begier nach Lust, keine Furcht vor Leiden uns quäle, das Leben nämlich, das der Gottessohn auf Erden gestiftet hat, dessen Frieden ich verkündige.« »Ich will nichts hören von diesem Frieden«, sagte Rothari unmuthig. »Wie viel lieber würde ich dir auf einem feurigen Hengste, sei es im Gefolge Macrian's, sei es des Augustus begegnen als in dem Gewande, das du da trägst, und das keinem Königssohne ziemt.« »Es ist ein treuer König, dem ich diene, der mich in neun Nöthen rettete und in der zehnten nicht sinken ließ. Auch hat er jetzt schon eine größere Heeresfolge als alle Herren der Erde und eine bessere!« »Eine bessere?« erwiderte Rothari. »Die besten Leute freilich, die ich kennen lernte, sind Christianer gewesen, aber auch die schlechtesten. Ich rechte darum mit deinem Gotte nicht. Aber ich will die Götter meiner Jugend nicht missen. Noch sehe ich Donar auf den Wolken reiten, wenn das Gewitter emporsteigt, noch sehe ich die gute Frau mit ihrem Schleier über die Auen schweben, wenn der Abend sich senkt. Im rauschenden Wald und im murmelnden Quell reden die Holden zu meinem Ohre. Ich will sie nicht verfluchen als Teufel und Teufelinnen, denn sie haben mir nichts Böses gethan. Mein Auge ergötzt es, in eueren Kirchen die wehenden Fahnen zu sehen und die weißen Gewänder, aber auch im Tempel der Römer stehe ich gern und in der Grotte des Mithras, der die großen Geheimnisse des Daseins mir deutet.« »Herr der Herren, nimm die Binde von seinen Augen, daß er erkennt, daß es die Teufel sind, die er anbetet«, stammelte Vulfilaich schmerzlich. »Bedenke die Schrecken des Gerichtes dessen, der da kommt!« »Mein Freund, so predigten euere Priester schon, da ich ein Knabe war und die Welt steht heute noch fest wie damals. Ich fürchte, es wird nur allzuviel sich noch zutragen auf dieser harten Erde, Gutes und Böses, ehe der Fenrirwolf Sonne und Mond verschlingt. Ich habe die Weisen in Gräcia und Roma darum befragt und sie sagten mir: der uralte Kampf zwischen Nacht und Tag, Frost und Hitze, Wasser und Feuer, Licht und Finsterniß werde fortgehn in der Welt, bis sie verzehrt ist, aber kein Mann auf den Wolken wird kommen, um vor der Zeit ein Ende zu gebieten. Käme er aber auch, ich wollte von der Wolkenstadt nichts wissen, deren ihr wartet und nicht durch ihre Perlenthore eingehn. Mag es euch vergnügen dort oben zu knieen und einem Lamme Harfe zu spielen, wie du es hier gemalt hast, ich aber, wenn der Bluttod in der Schlacht und nicht unrühmlicher Strohtod mich hinwegrafft, will auf dem siebenfarbigen Bogen, der nach Asgard hinaufführt, in die Halle der Helden schreiten und mit ihnen Meth trinken und mir ihre Thaten erzählen lassen und selbst berichten, wie ich durch Schwerter und Pfeile gewandelt, bis Hel, die unter dem grünen Rasen lauert, meinen narbenvollen Leib hinabzog.« Vulfilaich sah betrübt vor sich hin und schien zu zittern vor innerer Erregung. Rothari aber schlug ihm fröhlich auf die Schulter. »Lassen wir die Obern und die Untern«, sagte er, »sie werden sich noch früh genug um uns kümmern, vielleicht früher als uns lieb ist. An die Gegenwart lasse uns denken und da, mein Freund, war es nicht klug von dir, unsere Beutestücke in das Haus des Römers zu tragen. Glaubtest du, sie wären gern daran erinnert, wie wir, unserer sieben Reiter, die ganze Bürgerschaft von Decempagi brandschatzten? Es fehlte nicht viel, daß du mir meine Gastfreunde zu Todfeinden machtest.« Der junge Mönch erbleichte. Daran hatte er nicht gedacht, aber mit einem Schlage übersah er die Gefahr, in die er durch seine prahlerischen Reden den Bruder gebracht hatte. »Sodann«, fuhr Rothari fort, »hat dein Eifer meine eigenen Pläne gekreuzt. In Rando's Halle prangt ein kostbarer Helm, den er im letzten Kriege bei Solicinium erbeutete. Gestern erst sendete ich einen Boten an unsern gesippten Freund, er solle ihn mir geben und dafür meinen Antheil von dem Hort auf dem Taunus von euch fordern. Schickt er mir den Helm und findet er den Schatz vom Taunus entführt, so wird er meinen, daß ich ihn äffte.« »Ich habe thöricht gehandelt«, antwortete Vulfilaich dumpf. »Wie soll ich es bessern?« »Gräme dich nicht«, sagte Rothari freundlich, »aber lasse Rando wissen, wie sich alles verhält. Er soll mir einen sichern Ort bezeichnen, wenn ihm der Handel recht ist, dorthin will ich schaffen, was mein, und wenn du willst, auch das Deine.« »Ich werde gehen und thun was du sagst. Zuvor aber muß ich nach Alta Riva, um eine Botschaft an Ithacius zu bestellen.« Rothari wollte eben losbrechen gegen den Bischof, den er haßte, als er oben Hufschlag vernahm. Der Reiter sprang ab und stieg nach der Grube herunter. Es war Arator. »Also hier bist du im Versteck mit dieser Nachteule«, rief er zornig. »Verräthst du uns wirklich oder willst du dich mit Gewalt um deinen Hals bringen? Valentinian hat dich keinen Augenblick aus dem Auge verloren und will wissen, mit wem du hier heimliche Zusammenkünfte abhältst?« »Ich bin ein freier Mann und Königssohn, ich werde thun und lassen, was mir gut dünkt. Dieser aber, den du schmähst, ist der Mönch, nach dem wir so eifrig suchten. Es ist Vadomar's Sohn, mein Bruder.« Dann wendete er sich langsam zu seinem Rosse. Unmuthig musterte Arator das zerfetzte Gewand des Alamannenprinzen. Dann sagte er barsch: »Dein Bruder mag es dir danken, wenn du ihn in's Verderben stürzest. In's Lager des Augustus trägst du ihm die Beute nach, die er im Lande des Augustus gemacht. Dem Gesinde und den Soldaten und dem Notar des Kaisers erzählst du vor, wo ihr zusammen geplündert. Hättest du deinem Landsmann Lupicinus seinen Glaubenshaß ausgeredet, statt ihn noch mehr zu entflammen, so hätte er nicht am andern Morgen auf dem Mons Piri Streit gesucht und läge nicht heute mit zerschlagenem Haupte auf dem Lager. Locke deinen Bruder nochmals in solche geheime Verstecke und du kannst seine Urne in's Columbarium beim Rosenhofe tragen.« Der junge Mönch stand starr und bleich, während der zürnende Comes ihm den Rücken kehrte. Erwidern konnte er nichts, denn sofort warf Arator sich auf's Roß und nöthigte durch den raschen Trab, den er anschlug, auch Rothari zu eiligem Abschied. Eine Weile stand Vulfilaich unbeweglich. Dann lief ein Zittern durch seinen Leib, seine Glieder wurden wie von einer innern Gewalt hin und hergeschüttelt, er fühlte noch, daß die Stunde seiner Anfechtung gekommen sei und legte sich ergeben nieder in den weichen Sand. Dann schwanden ihm die Sinne. Ruhig und einsam blieb es an dem stillen Orte, wo Vulfilaich lag. Die Wellen wanderten rastlos an dem ohnmächtigen Knaben vorüber. Zuweilen fuhr in gehöhltem Baumstamm ein Alamanne stromabwärts und schaute gleichmüthig auf den scheinbar Schlafenden am Ufer. Flöße von Bauholz schossen rasch vorbei, aber der Ruf der Knechte weckte ihn nicht. Die Sonne sank und die Grillen begannen mit den Fröschen um die Wette die milde Abendluft zu preisen. Auch eine blühende Frauengestalt hatte die erquickliche Kühle herausgelockt. Singend ging sie am Ufer hin und wieder und brach kleine blaue Blumen und schwanke Riedgräser zu einem Strauße, den sie mit kindlicher Freude betrachtete. Doch dies Farbengemisch des Gesichts – nicht ahmen es Künstler, Irdische Künstler nicht nach. Mit der Lilie Glanz misch', Maler, die duftige Rose, Und mit dem Hauche der Blumen male Bissula dann. So sang sie mit einem glücklichen Lächeln vor sich hin und die Verse konnten wohl von ihr selbst gelten, denn unter reichen blonden Haaren glänzte ein Angesicht, wie es das Lied des Ausonius pries, und heitere blaue Augen. Fröhlich schaute sie um sich nach neuen Blumen, da entfuhr dem frischen rothen Munde plötzlich ein Schreckensruf. Sie hatte Vulfilaich erblickt und ihr scharfes Auge erkannte sofort die unnatürliche Starrheit des im Sande liegenden Körpers. »Der arme junge Mann!« seufzte sie, »gewiß haben auch diesen die Soldaten erschlagen. Und er hat blonde Haare, er ist von meinem Volk.« Mitleidig stieg sie nach dem Strande herunter, ob dem Armen noch zu helfen sei. Da sie keine Wunde an ihm entdeckte, legte sie ihren Blumenstrauß zur Seite und schöpfte mit beiden Händen Wasser, das sie ihm auf die Stirne goß. Da schlug der bleiche Mönch langsam die Augen auf und schaute ihr starr in's Angesicht. Bissula, denn sie war es, des Ausonius alamannisches Weib, fuhr fort in ihrem Samariterdienste. Sie richtete das Haupt des Liegenden in die Höhe und rieb seine bleichen Schläfen bis ihm die Lebensgeister wiederkehrten. Aber der junge Mönch schien ihr nicht zu danken für die Mühe, die sie sich machte. Er wehrte ab und schien etwas sagen zu wollen, aber noch versagte ihm die Zunge. »Du wolltest wohl sterben?« sagte Bissula mitleidig, »daß dir meine Hülfe so wenig genehm ist. Du armer Knabe, was thaten sie dir zu leide?« und mütterlich gestimmt nahm sie sein Haupt an ihre Brust, wie das eines Kindes. Da raffte der Mönch sich auf: »Ich darf nicht allein sein mit einem Weibe«, war das erste Wort, das er mühsam hervorbrachte. Bissula lachte hell auf. »Freilich, du bist ja ein Mönch! Du thörichter Knabe, als du zur Welt kamst, warst du doch auch allein mit deiner Mutter. Verzeih, daß ich deine Regel verletzte. Ich hätte dich wohl sollen sterben lassen?« Vulfilaich schwieg. »Wohin, soll ich dich bringen, du frommer Mann? Hier allein kann ich dich nicht lassen, das sieht deine Heiligkeit doch wohl ein?« »Ich will zu Bischof Ithacius.« Die schöne Frau warf das blonde Haupt in den Nacken zurück und sagte spöttisch: »Dann freilich. Aber bis Alta Ripa kannst du nicht gehn«, und ihre hellen blauen Augen schauten stromaufwärts. »Da kommt soeben ein Kahn durch die Brücke.« Und mit heller Stimme rief sie dem Fischer, er möge hier anlegen. Der hochgewachsene, wetterbraune Alamanne steuerte sein plumpes Fahrzeug herüber. »Hier ist ein Kranker, der nach Alta Ripa will. Kannst du ihn fahren?« fragte ihn Bissula in alamannischer Sprache. »Kann er bezahlen?« antwortete der Schiffer mit einem mißtrauischen Blick auf Vulfilaich's rauhe Gewänder. Bissula löste eine goldene Spange von ihrem schönen vollen Arme. »Ich gebe sie dir zum Pfande. Bringe sie mir, wenn du zurückkommst nach dem Zehnthof und frage nach dem Weibe des Ausonius, so werde ich sie auslösen.« »Ich glaube dir ohne Pfand«, erwiderte der Alamanne freundlich, »behalte das Ding, ich könnte es verlieren oder versetzen, wenn ich Durst habe. Es ist sicherer so.« Und er half dem Kranken in sein Schiff und legte ihn sorglich am vordern Theile nieder. »Nimm auch mich mit«, sagte Bissula, »und setze mich drüben ab, daß ich nicht durch's Lager brauche, wo mich die Soldaten anstarren.« Mit einem leichten Sprunge saß sie im Nachen und ordnete die Blumen, die sie gepflückt hatte. Drüben nickte sie dem Fährmann freundlich zu und erklomm leichtfüßig den steilen Uferrand, von wo sie dem Fahrzeug noch eine Weile nachschaute. »Nicht einmal gedankt hat er mir, der junge Bär«, sagte sie lachend. »Das muß ich Ausonius erzählen, der hört gern solche Geschichten von unsern neuen Brüdern.« Und mit dem glücklichen Lachen eines Kindes strebte sie einem weitausgedehnten Gehöfte zu, das in einer Senkung der Ebene jenseits der Straße lag. Achtes Kapitel. Es war eine enge, vertrauliche Welt, diese römisch angelegten Städtchen mit den nach der Straße fensterlosen Häusern und den schmalen Gassen, von denen die breitesten eben nur breit genug waren, daß zwei Karren noch sich ausweichen konnten, die kleinen so eng, daß die Arme eines Erwachsenen beide Mauern streiften. Die Fenster und Thürme der Häuser gingen, das eine Thor abgerechnet, nach innen und in den unbedeckten Höfen und gedeckten Hallen lebte es sich behaglich genug. In der Mitte der Stadt war das Forum, auf welchem zwischen der Curie und der Basilica meist irgend ein berühmter Mann in Erz oder Marmor stand oder ritt. Hier in Alta Ripa sollte seine Stelle eine hohe Siegessäule vertreten, die eben in den Syenitbrüchen des Melibocus gemeißelt ward, nachdem der Krieg eine Weile die Arbeit unterbrochen hatte. Die Basilica hatte der Kaiser dem orthodoxen Bekenntniß zugewiesen, während in dem benachbarten Lopodunum ein arianischer Bischof residirte. Das stattlichste Gebäude aber war das Bollwerk, das dem Kaiser zugleich als festes Schloß diente. Der gewaltige Quaderbau, mit wohlgegliederten Rundfenstern und einem glänzenden Bleidach, bildete ein Glied in dem Mauerringe, der den Bergen der Alamannen trotzig seine Zinnen entgegenkehrte. Palatium und Propugnaculum zugleich, bestand das mächtige Gebäude aus zwei vierstöckigen Thürmen, die nach der Außenseite in einem Halbkreis über die Stadtmauer vortraten. Den Raum zwischen beiden Thürmen füllte ein fester Mittelbau, der im Erdgeschosse die Thore, in den zwei folgenden Stockwerken die die Thürme verbindenden Gänge und geräumige Hallen und Zimmer enthielt. Durchbrach der Feind das Thor, so befand er sich in einem geschlossenen Hofe, wo er von den Galerieen mit Geschossen überschüttet ward und ehe er den hintern Ausgang zu erzwingen vermochte, hatten die Bewohner der Stadt Zeit, über den Rhenus zu entweichen. Den hintern Theil des Hofes schloß ein gewaltiger Kuppelbau ab, dessen vergoldetes Kupferdach weit hinausgleißte in die Ebene. Von hier aus betrat man die kaiserlichen Gärten, die sich zur Seite der Stadt bis an den Rhenus erstreckten, dessen eiligen Lauf das Auge erst recht zu messen vermochte, wenn es die grünen Wellen hinter den starren Birken- und Weidenstämmen pfeilschnell dahinschießen sah. Wie die unerschöpfte Fülle Tag für Tag hier vorüberrauschte, unermüdet, ungemindert, unwiderstehlich, von Jahrtausend zu Jahrtausend, mochte dem Menschen, dem Sohne der Stunde, wohl der Gedanke kommen, daß hier ein Gott sei. Eine der nie versiegenden, nie stockenden Adern des Weltalls lag vor ihm offen, die die Wolken zum Meere leitete, damit sie wieder Wolken würden. Vor den Schanzen des Munimentum zogen sich die Gräben und das alte sumpfige Bett des abgeleiteten Nicer hin, das in das Befestigungssystem hineingezogen worden war und diese Wasserburg nahezu uneinnehmbar machte. Derjenige, der die Pläne zu dieser Feste entworfen hatte, war kein Geringerer als Valentinian selbst, was seine Höflinge ihm hoch anrechneten. »Ich war zugegen, ehrwürdiger Augustus«, sagt Symmachus in seiner Lobrede auf den Kaiser, »als du die Waffen niedergelegt, die Risse für die Fundamente entwarfst, und deine glückliche Rechte mit Bauarbeiten beschäftigtest.« Der Erfolg hatte des Kaisers Bemühungen gekrönt. Alta Ripa war der Platz auf dem rechten Ufer des Rhenus, der am längsten in den Händen der Römer blieb. In dem nördlichen Thurmgemache jenes massiven Baues saß eine schöne, blühende Frau, die das dreißigste Jahr noch nicht erreicht hatte und zu ihren Füßen spielte ein Knabe. Die vornehme Frauengestalt war die schöne Syrakusanerin Justina, Valentinian's zweite Gemahlin, ein Weib von südlichem Typus. Aeußerlich kalt und stolz, innerlich heiß und leidenschaftlich, abergläubisch und grausam, einsilbig und doch von beredter Augensprache, zurückhaltend und wollüstig, beschränkt und doch zugleich schlau berechnend, war sie eine ächte Tochter Siziliens. Vorherrschend unter diesen sich widersprechenden Eigenschaften war der Aberglaube, den sie auf der heimathlichen Insel frühe eingesogen und in dem sie glänzend erfüllte Weissagungen nur immer mehr bestärkt hatten. Ihre dunkeln, harten Augen schweiften heute unruhig durch die kleinen Bogenfenster hinüber nach der blauen Doppelkuppe des Mons Piri und wieder nach der andern Seite zurück nach dem Vosegus Mons und schauten dann wieder starr dem Rhenus nach, als ob sie von irgend einer dieser Weltgegenden eine wunderbare Hülfe erwarteten. Man sah, daß dieser schöne Weiberkopf voll Sorgen, Plänen und Projecten stecke und doch nicht wußte, wo anfassen, um zum Ziele zu kommen. Sie war ihrem Gemahle in das Land der Barbaren gefolgt, damit nicht auch sie durch ein schöneres Weib gestürzt werde, so wie sie selbst die erste Kaiserin durch ihre Schönheit vom Throne gestoßen hatte. Alle Künste der Ueberfeinerung hatte sie in das Lagerleben mitgebracht, denn sie wußte, daß gerade darin ein Reiz mehr lag für Valentinian's plumpe Soldatennatur. So hatte sie auch hier eine Fülle von Teppichen an den Wänden und auf dem Boden ausgebreitet; schwellende Divans umgaben sie und allerlei kostbare Schalen und kunstvolle Figuren standen auf den Tischen. Aber sorgenvoll neigte die schöne Frau ihr mit Goldstaub gepudertes braunes Haupt, dessen aufgebundene Haare den herrlichen schlanken Hals zur Geltung kommen ließen, und streichelte die braunen Locken ihres dunkeläugigen Knaben. Ihr Stiefsohn, Gratian, war nicht nur Cäsar, sondern durch Valentinian's Machtgebot auch Augustus und Mitregent geworden und ihr Söhnlein war leer ausgegangen. Zwar war Gratian harmlos und gutmüthig, in ihren Augen fast läppisch, aber wenn er einst Alleinherrscher wurde, konnte er es ihr verzeihen, daß sie seine Mutter verdrängt hatte? Würde er ihrem Söhnlein Antheil gönnen an der Herrschaft, oder waren sie beide dem Verderben geweiht, wie es in dieser verwildernden Zeit immer häufiger barbarische Sitte ward, sich der Verwandten mit gefährlichen Ansprüchen zu entledigen? Das Alles drückte auf dem argwöhnischen Geiste der harten Frau und wenn sie in den Armen Valentinian's dessen rohe Scherze erduldete, schoß es ihr durch den stolzen Sinn: »Ich bin ihm doch nur sein Kebsweib, sonst hätte er auch mein Söhnchen zum Cäsar gemacht.« Hatte sie diese Reihe von Möglichkeiten zu Ende gedacht, so zermarterte sie ihr Haupt wieder mit einer andern, die damals freilich durchaus nicht außerhalb des Bereichs des Wahrscheinlichen lag. Wer wollte dafür stehen, daß nicht heute oder morgen ein Soldatenaufstand dem Regimente der kaum begründeten Dynastie ein Ende machte? Was sollte dann aus ihr werden? Da war denn der abergläubischen Tochter Siziliens der Verlust von Valentinian's Goldhelm ein böses Omen. Das Reich hatte schon mehrere Söldnerkaiser erlebt, sollte dieses Ereigniß und ihre eigenen schweren Träume etwa einen germanischen Imperator bedeuten? Von solchen Aengsten gepeinigt, verfiel die müssige Fürstin immer tiefer der abergläubischen Sucht, die Zukunft erforschen zu wollen; sie füllte ihre Gemächer mit allerlei Zaubergeräthe und verrufene Weiber und bleiche Magier, die jedermann sich fern hielt, huschten im Zwielicht durch die geheimen Zugänge des Palastes. Wohl schalt Valentinian, wenn er sich des Abends die Beine an einem mystischen Dreifuß anstieß, der versteckt unter dem Ehebett gestanden oder des Morgens magische Rollen unter den Polstern ihres Lagers entdeckte. Aber in düstern Stunden nahm er selbst zu ihrer Kunst seine Zuflucht und brütete gemeinsam mit ihr über ihren kabbalistischen Rechnungen. In ähnlichen düstern Grübeleien war das schöne Weib auch heute versunken, als eine ihrer Frauen meldete, Bischof Anaklet von Lopodunum, der schlaue Arianer, wünsche ihr seine Aufwartung zu machen. Müde und verdrossen nickte Justina Gewährung, doch schien der Besuch sie nicht eben zu freuen. Der Teppich, der den Eingang verhängte, ging auseinander und der hochgewachsene kahlköpfige Anaklet erschien durch die Thüre. Sein demüthig verschmitztes Lächeln zeigte an, daß er nicht zum ersten Male hier eintrat. Ueber dem weißen Priestergewand mit den weiten offenen Aermeln trug er einen violetten Ueberwurf und darüber die mit dem Kreuze gezeichnete goldene Schärpe. In der Hand hatte er ein elfenbeinernes Kreuz, das er, ein Knie beugend, der Kaiserin darreichte, die es inbrünstig küßte und dann zurückgab. »Wie sieht es aus, ehrwürdiger Anakletus, an den Grenzen der Barbaren«, sagte die Augusta, indem sie ihm winkte, sich zu erheben, »hat das wahre Evangelium des Areios seine Heerde gemehrt, oder sind die Nicäner auch hier stärker geworden, wie überall im Westreich?« »Noch stehen die wahren Knechte Gottes siegreich, die dem Vater die Ehre geben und ihn als Schöpfer preisen, auch als Schöpfer des Sohns, aber der böse Feind jagt überall nach den Lämmern meiner Heerde und die Herzen aller Frommen sind tief betrübt, daß durch den erhabenen Augustus die Basilica dieser Stadt, die sein Hoflager im obern Germanien geworden ist, dem Schleicher Theodulos zugewendet wurde, der dem Sohne gibt, was des Vaters ist.« »Das läßt sich zur Zeit nicht ändern, ehrwürdiger Vater«, sagte Justina trüb. »So lang Ithacius Bischof des Palastes ist, werden auch an den Orten, wo der Augustus residirt, Leute seines Irrglaubens eingesetzt werden. Uns bleibt dafür das Landvolk und das Heer.« »Aber gerade beim Heere, erhabene Frau, sucht man uns zu verdrängen. Du weißt, daß die germanischen Hülfsvölker alle unserem wahren Glauben huldigen, unlängst aber erfuhr ich, daß ein wüthender Heide, der die Priester unserer Kirche mit den Ruthen des Lictors aus dem Lager zu Argentoratum Straßburg zu verhandeln. Das ist die Ursache, die mich zu dir führt, deine Verwendung zu erbitten. Alle Brüder, die längs des Rhenus wohnen, die heiligen Bischöfe von Tabernä, Aquä Aureliä, Noviomagüs, Borbetomagus und Mogontiacum, Zabern, Baden, Speier, Worms und Mainz. haben in einem gemeinsamen Schreiben mich gewarnt vor diesem Wolfe, der Hand angelegt hat an den Gesalbten des Herrn.« »Sollte das Rothari, der Alamanne sein?« »So lautet sein unheiliger Name.« »So beschwert euch bei Valentinian.« »Wir sind bang, der erhabene Augustus möchte es billigen, daß der Barbar die Priester aus dem Lager wies, auch fürchten wir Cäsar Gratian.« »Was hat der Cäsar damit zu schaffen?« fragte jetzt Justina aufmerksam, indem sie ihre großen schwarzen Augen auf das verschleierte Gesicht des Priesters richtete, der verlegen die seinen niederschlug. »Nun, er hat mit eben diesem wilden Heiden Blutbrüderschaft getrunken und ist darum gehalten, ihn gegen jede Gefahr zu decken.« »Blutbrüderschaft?« fragte die schöne Frau. »Was ist das?« und ihr mütterlicher Arm zog den spielenden Knaben an sich, als ob sie eine Gefahr für ihn in der Ferne ahne. Dem Priester entging die Bewegung nicht, obwohl er sein Auge nicht aufschlug. »Eine barbarische und höchst gottlose Sitte«, sagte er salbungsvoll, »den gräulichsten Mysterien vergleichbar. Die dieses unheilige Bündniß eingehen, verletzen sich ihren Arm, den Gott geschaffen und lassen gemeinsam ihr Blut in ein und denselben Becher Weines träufeln, dann trinkt ein jeder die Hälfte des Kelches, indem sie sich schwören, in jeder Gefahr sich beizustehn und« – setzte er mit einem schaudernden Seufzer hinzu – »jeden wegzuräumen, der dem Andern im Wege steht.« Justina riß ihren Knaben an sich und bedeckte ihn mit Küssen. »Dich, dich will er tödten, der Blutbruder Gratian's.« Aber das Kind wendete sich ab und kehrte sich zu dem Priester: »Du sagst Böses von meinem Bruder Gratian. Ich liebe Gratian, er ist freundlich und spielt mit mir. Dich aber habe ich nicht lieb, du hast ein böses Gesicht. Gehe fort, ich glaube, daß du lügst.« Justina legte rasch dem Knaben die Hand vor den Mund, aber sie erröthete, während der würdige Anaklet verlegen sagte: »Die arme Unschuld. Doch war ich ja weit entfernt, dem Cäsar Böses nachzureden. Nur wenn dieser Rothari fern gehalten werden könnte...« Justina erhob sich. »In Angelegenheiten des Heers«, sagte sie, »kann ich mich nicht mischen. Doch will ich deine Wünsche im Gedächtniß behalten und damit du siehst, daß ich thue, was ich kann, nimm hier diese Gabe für das Gotteshaus zu Lopodunum.« Mit diesen Worten griff sie in ein Gefäß und reichte ihm etliche Goldmünzen. Er nahm das Geld mit demüthigem Danke, dann ließ er sich wiederum auf ein Knie nieder und bot der Augusta das Kreuz, das sie küßte. »Der Herr sei mit dir«, murmelte er noch und verschwand hinter dem Teppich. »Du sollst dem alten Manne kein Geld geben«, sagte ihr Knabe, »er ist bös und Gratian ist gut.« »Wer weiß, mein Kind«, seufzte Justina, »wer dir gut ist außer deiner Mutter?« und sie beugte sich über den Knaben, den sie mit heißen Thränen überströmte. »Einen Barbaren zum Blutbruder«, sagte sie, »oh ich will die Sibylle befragen, ob sie dich morden?« Alsbald nahm sie ein Wachstäfelchen aus einer Truhe und schrieb etliche Worte; dann rief sie die Kammerfrau und gab ihr das Geschriebene. Ihr Söhnchen aber kletterte an ihr empor und begann so holdes Geplauder, daß auch ihre Thränen versiegten und nur wenn sie ihn stürmisch an ihr Herz zog und ihn mit Küssen bedeckte, dann sah man in ihrer Freude die Angst, die die Frucht einer durch Schuld erworbenen Krone war. Mit einem befriedigten Lächeln stieg dagegen Anaklet die Hintertreppe der Kaiserin hinab, indem er unter seinem Priesterüberwurf fröhlich mit den erhaltenen Golddenaren klimperte. Aber seine Stimmung verdüsterte sich, als er um eine Säule biegend auf der breiten Vordertreppe den nicänischen Hofbischof Ithacius gewahrte. Breit und voll Majestät stieg der Gewaltige die Treppe empor. Seine langärmlige weiße Tunica saß straff auf dem feisten Körper, das breite Cingulum schob sich hin und her auf dem runden Leibe, ohne irgendwo eine Vertiefung zu finden, wo es hätte haften können. Auch das Kinn ging würdevoll fast ohne Senkung zur Brust über. Auf den jungen Vulfilaich gestützt, schritt er behaglich den Gemächern des Kaisers zu und sein volles Gesicht strahlte von Amtsgnade, wenn er den rechts und links ausweichenden Höflingen den Segen ertheilte. »Die Fetten im Lande verzehren mich«, murmelte der hagere Anaklet, »aber sie mästen sich zum Schlachttag«, und gehobenen Hauptes ging er mit einem giftigen Blicke an dem glücklicheren Amtsbruder vorüber. »Wieder einer dieser falschen Brüder, die in die Häuser schleichen und fangen die Weiblein, die mit ihren Sünden beladen sind, indem sie ihnen predigen, wonach ihnen die Ohren jucken«, sagte der fette Bischof zu dem jugendlichen Begleiter. »Doch wir werden ihm die Hintertreppen zu verlegen wissen. Hier, mein Sohn, bleibe bis ich dich rufe, dann trittst du ein. Du antwortest aber nur, was man dich fragt. Alles andere Reden ist gefährlich in der Höhle des Löwen.« Damit ging Ithacius auf die Gemächer des Kaisers zu und gebot dem Velarius, ihn zu melden. Nach einer Weile rauschte der Teppich zurück und nachdem der Bischof etliche Säle durchschritten hatte, stand er Valentinian gegenüber. Er verneigte sich tief vor dem Augustus, aber der Riese schien heute unwirsch. Als ob er den dicken Prälaten übersähe, ging er auf und nieder und schaute durch die runden Fenster nach der blauen Bergkette hinüber und auf die Festungswälle unten. Dem beleibten Ithacius ward das Stehen sauer, aber er wartete bis der Kaiser sich seiner erinnerte. Der Schlaue wußte, was den kolossalen Recken gleich einem Bären in dem Gemache hin und wieder trieb und sein Anliegen paßte zu diesem Geheimniß. »Was bringst du?« fuhr plötzlich der Imperator den dicken Herrn an, als er sich dessen am wenigsten versah, so daß der Bischof doch zusammenschrak, denn der schielende Blick des Herrschers schien heute gefährlicher als jemals. »Verzeihe, erhabener Augustus, wenn ich deine Sorgen um das Staatswohl einen Augenblick ablenke auf eine Frage der Kirche. Du weißt, wie großen Vorschub nach dem Untergang des verruchten Julian meine Brüder deiner Herrschaft gethan haben. Daß Gallien und Hispanien dir huldigten, verdankst du uns.« »Wie oft soll ich dies unverschämte Lied noch hören, Ithacius. Sage, was du willst oder gehe.« »Ich will Genugthuung«, sagte der Bischof. »Siehe hier die Briefe meiner Brüder von Colonia Agrippina, Bonna, Rigomagus, Confluentes, Bingum, Bonconita, Mogontiacum, Borbetomagus, Alta Ripa, Noviomagus und Argentoratum, Köln, Bonn, Remagen, Coblenz, Bingen, Oppenheim, Mainz, Worms, Altrip, Speier, Straßburg. die sich über eine Schandthat beschweren, die selbst den Rhenus erröthen macht. Im Lager zu Argentoratum erfrechte sich ein Presbyter der Arianer einzudringen, um für seine gottverfluchte Irrlehre Umtriebe zu machen, indem er vorgab, die germanischen Hiilfstruppen seien von rechtswegen Glieder seiner Heerde. Der Bischof von Argentoratum, der am wahren Glauben hält, war natürlich, wie seine Pflicht gebot, alsbald zur Stelle, um zu zeugen gegen den Wolf im Schafskleide. Da, als beide im Zwiegespräch miteinander begriffen waren und die Herzen der Soldaten sich sichtbarlich der rechten Lehre zuneigten, erscheint dein Legat Rothari, dem du den Auftrag gegeben hattest, die Garnisonen zu bereisen. Erst gebietet er barsch den Priestern zu schweigen, dann weist er sie weg und als der Bischof erklärt, nur der Gewalt werde er weichen, läßt der gottlose Heide beide, den guten Hirten und den falschen Propheten mit Stockschlägen aus dem Lager treiben.« »Ich habe die Religionsgespräche in den Kasernen verboten, Rothari that nur, was seines Amtes war.« »Einen Bischof zu schlagen ist nicht seines Amts. Die Kirche Galliens wird solche Erneuerung der Glaubensverfolgung nicht ruhig tragen und deine Weisheit wird uns nicht gegen einen Aufrührer und Verschwörer, einen Spion der Alamannen und Spötter gegen deine eigene Majestät das Recht weigern.« »Also nunmehr wären wir bei der Sache. Du hast noch eine Anklage gegen Rothari. Sie lautet?« »Ich muß dich an ein Ereigniß erinnern, an das du nicht gern erinnert bist. Du weißt, wie in der großen Alamannenschlacht die göttliche Gnade dich errettete gleich einem Brande aus dem Feuer, während dein Kämmerer mit deinem Helme verschwand.« Valentinian's Angesicht färbte sich purpurn und sein Auge schoß Blitze, die um so unheimlicher erschienen, als der Bischof nicht wußte, ob der Schielende ihn anschaue oder die Wand. Doch fuhr er fort: »Dieser, dein verlorner Helm prangt als Trophäe in der Halle von Rothari's Sippe und er hat Auftrag ertheilt, den Helm für ihn selbst zu erwerben,« Der Kaiser fixierte den dicken Prälaten, indem sein eines Auge nach der Wand, das andere nach der Decke starrte. »Wer sagt das?« »Der Herr hat Gnade gegeben und das Herz von Rothari's Bruder dem Evangelium zugewendet, so daß er Mönch ward. Er selbst kann dir Alles bestätigen.« »Also seit er Christ ist, ist er bereit seinen Bruder zu verrathen?« sagte der Kaiser höhnisch. »Er weiß nicht, daß sein Bruder strafbar handelt. Ohne Ahnung davon erzählte er mir den Auftrag, den ihm Rothari gegeben.« »Ach so! Du mißbrauchst einen Arglosen, stürzest durch sein Zeugniß den Bruder in die Grube und ihn in Verzweiflung und dann hast du ein paar Sprüchlein bereit, um solche Schurkerei zu rechtfertigen?« Eine heiße Zornröthe überflammte das fette Angesicht des Bischofs, aber er bezwang sich und sagte voll Würde: »Ich schwieg, um einen Verräther zu entlarven, der sich deinen Helm nicht zum Spiele aufsetzt, sondern als Diadem.« »Beweise, Beweise!« brüllte Valentinian jetzt zornig und die Adern an seinen Schläfen schwollen. Der Bischof ging zur Thüre und sagte dem Centurio der Wache ein Wort. Bald darauf erschien, geleitet von dem Krieger, der bleiche, struppige, junge Mönch, der dem Kaiser erhobenen Hauptes gegenübertrat. Vor den Mächtigen nicht zu zittern, sondern unverzagt und tapfer auch vor den Göttern der Erde zu zeugen, war die oberste Regel seines Standes. Der Kaiser warf einen seiner schrägen, zornigen Blicke nach ihm, dann sagte er: »Du warst der Laffe, der gestern den Zuruf der Menge mit seinem Gekrächze unterbrach?« »Ich bin gesandt, die Gewaltigen zur Demuth zu mahnen, daß sie sich nicht Götter dünken und der Engel des Herrn sie nicht schlage, wie Herodes Agrippa, den die Schmeichler mit Heilruf ehrten und dann fraßen ihn die Würmer.« »Und ich bin gesendet, um freche Buben zu züchtigen!« rief Valentinian zornig. »Centurio, führe diesen Menschen hinaus und lasse ihn peitschen bis ihm der Dünkel ausgetrieben ist, dann bringe ihn wieder.« Der junge Mönch erbleichte. Sein Blick ging nach den Fenstern als denke er an Flucht, dann wendete er sich hülfesuchend nach Ithacius. Der aber machte ihm eifrig ein Zeichen zu gehen, um Schlimmeres zu verhüten. Gehorsam schloß Vulfilaich sich dem Centurio an und ging wie ein Lamm zur Schlachtbank. »Bedenke, es ist Rothari's Bruder, den du mißhandelst«, flüsterte der Bischof. Valentinian machte eine Bewegung, als wolle er den Centurio zurückrufen. »Ein heiliger Mann, ein Mönch« – Der Zusatz verdarb Alles. »Eben darum«, sagte Valentinian. »Ich werde der Frechheit dieser Zunft endlich ein Ziel setzen. Also wie war es mit dem Helme? Was fürchtest du?« fügte er dann barsch hinzu. In dem dicken Prälaten kämpfte die stille Wuth, daß der Kaiser seine Klage über körperliche Züchtigung eines Bischofs mit Auspeitschung eines Mönches beantworte und die Furcht, es könnte am Ende ihm selbst etwas Unliebsames widerfahren. Die letztere Erwägung behielt doch die Oberhand und unterwürfig begann er: »Deine Erlauchtheit weiß, welcher Glaube sich knüpft an den Besitz des augustischen Goldhelms, und welchen Eindruck es auf das Heer machen wird, wenn eines Tages Rothari ihm in der leuchtenden Zier entgegentritt, die sein Augustus in der Schlacht verlor.« »Wer sagt euch, daß er das will?« zürnte der Kaiser. »Wenn er das Beutestück zurückkauft, mit dem seine Brüder sich brüsten, ist er mein Freund. Ihr aber, hochwürdige Herren, die ihr meint, ich sei ein Bogen in eurer Hand, auf den ihr Pfeile legen und mit dem ihr zielen könntet, auf wen ihr wollt, ihr irret. Ist Rothari Heide, so hat er das mit dem kommenden Weltrichter auszumachen, ist er Hochverräther, so werde ich ihn strafen. Du aber, menge dich nicht in Dinge, die nur mich angehn.« »Verzeihe, wenn mein Eifer, dir zu dienen, zu weit ging«, erwiderte Ithacius kalt. »Ich sah nur, daß es ein Germane war, der Arianer Merobaudes, der Macrian 's Sohn aus Mogontiacum entführte, ich sah, daß es der Heide Rothari war, der Macrian entschlüpfen ließ, und der die Insignien der Herrschaft an sich zu bringen trachtet. Da deine Sache die Sache der orthodoxen Kirche ist, kam ich hierher, wo ich den Schmerz hatte, dem Wolfe Anaklet auf der Treppe der Kaiserin zu begegnen, aber ich that meine Pflicht; wenn Valentinian endet wie Julian und Jovian – ich bin es nicht, von dem der Herr diese Seele fordern wird.« »Gewiß, ihr versteht euch auf Schüsse in den Rücken und Kohlenbecken und Kalkdunst, wie euch Julian und Jovian bezeugen können. Ihr überlegt euch wohl schon, an welcher wunderbaren Fügung auch ich plötzlich vom Schauplatz abtreten soll, deine Drohungen zeigen es!... Stümper, die ihr seid. Wozu braucht ihr mich, wenn euch Rothari im Wege ist? Betet ihn todt, wenn ihr könnt. Könnt ihr das nicht, so verlohnt es sich überhaupt nicht, euch mehr zu fördern, als Arianer und Priestercollegien, die auch nichts können.« »Ferne sei es von den Dienern des Friedens, die Hand auszustrecken gegen das Leben des Sünders, ehe alle Mittel versucht sind. Da, wo wir das Schwert am Platze achteten, gegen Priscillianus und seine verruchte Sekte, hast du es uns verweigert, wo du uns die Wege frei gibst, ruft eine höhere Stimme, stecke ein dein Schwert Petrus. Meine Mission ist erfüllt. Ich habe dir das Unkraut gezeigt, das in deinem Garten wuchert, siehe nun du zu, ob du Feigen ernten wirst von dem Dornbusch. Als der Herr Pharao verderben wollte, verstockte er ihn vorher. Ich fürchte sehr, daß diese Schrift auf dich weissagte.« Der Kaiser schwieg. Die Bischöfe des Reichs waren es fast allein, die in diesem Tone zu ihm zu sprechen wagten und er hatte Ursache, diese Anmaßung zu tragen. Verdrießlich ging er auf und ab und der bunte Mosaikboden knirschte unter seinem stampfenden Schritte. Offenbar wollte er mit seinem letzten Worte warten, bis er den Mönch würde verhört haben. »Herein mit ihm«, fuhr er den Centurio an, der jetzt allein zurückkehrte. Der aber zuckte verlegen die Schultern. »Verzeihe, erhabener Augustus. Solcher Gewandtheit versah ich mich bei dem schwächlichen Knaben nicht – er entwischte. Wir führten ihn hinab nach dem Rhenus, damit sein Geschrei nicht die Ohren der Augusta beleidige, plötzlich sprang er vom Damme und versank in den grünen Fluthen. Wir eilten sofort am Ufer abwärts, um ihn zu greifen, wenn er wieder auftauche, aber der heilige Mann schwimmt wie eine Fischotter. Stromaufwärts tauchte er in der Mitte des Rhenus wieder empor und verschwand dann auf's neue. Nach einer Weile sahen wir ihn dann drüben im Schilfe sich bewegen. Ich habe sofort Schiffe hinübergeschickt und flog nur hierher, um dir das Geschehene zu melden.« »Ich rathe dir«, sagte der Kaiser kalt, »deinen Gefangenen noch heute wieder zu greifen, sonst lege den Helmbusch ab und klopfe Steine auf dem Mons Piri.« Der Centurio erbleichte und verschwand so rasch er konnte mit stummem Gruße durch die Thüre. Valentinian aber wendete sich verdrossen an den Bischof. »Der Aerger haftet an dir wie dein Schatten, er kommt bald vor dir, bald hinter dir, bald mit dir, aber er bleibt nie aus, sobald ich dich sehe. Den Tag hast du mir wieder gründlich verdorben und schließlich wird es mit dieser Geschichte steh«, wie mit hundert andern, mit denen du mich quältest. Sie zerfließen in nichts, sobald man sie prüft. Gehe und versammle den Staatsrath. Dort magst du deine Klagen anbringen.« Damit kehrte der Riese dem Prälaten geringschätzig den Rücken. Der dicke Priester wiegte wie bedauernd sein mächtiges Haupt. Dann schritt er hinaus zum Kämmerer, um dem Gebote des Kaisers zu genügen. Während der Staatsrath bei vorgerückter Mittagsstunde in der gewohnten Eckstube des Palastes sich versammelte, ging Valentinian in tiefen Gedanken in seinen Gemächern auf und nieder. Sollte das verlorene Symbol der Herrschaft sich wirklich in den Händen dieses Germanen befinden, den schon die Natur um eines Hauptes Länge über alle andern Männer erhöht hatte? Sollte er damit umgehn, dieses Symbol hierher zu schaffen, um es zur Hand zu haben? Es war nicht denkbar. Der Bischof log oder Rothari's Bruder hatte ihn zum Besten. »Was hülfe es auch, Rothari zu beseitigen«, dachte er, »es hat noch keiner seinen Nachfolger hingerichtet. Ob mich der beerbt oder ein Anderer!« Aber daß der plumpe Heuchler Ithacius an seine wundeste Stelle zu rühren wagte, um sich Genugthuung zu verschaffen für die Schläge, die einer seiner Genossen erhalten, daß er seinen Kaiser hetzen wollte wie einen Molosserhund, das reizte den Gewaltigen. Zornig rief er für sich: »Mag dein Bischof seine Prügel behalten – ich werde darum mir die Germanen der Leibwache nicht entfremden.« Aber ein böser Zweifel an des Alamannen Treue haftete dennoch in seiner Brust. Die eigenmächtige Entlassung des gefürchteten Königs, die Flucht des vergeiselten Hortari, die geheimen Zusammenkünfte mit dem alamannischen Mönche – man brauchte kein argwöhnischer Tyrann zu sein, um bei solchen Zeichen zu stutzen. »Genaue Ueberwachung thut noth, wehe ihm, wenn ich den Helm wirklich bei ihm finde!« sagte Valentinian leise. »Thor, der ich war, daß ich ihm damals aus der Grube half. Nun muß ich eine neue Mica suchen, während ich schon halb seiner los war.« In einem Gemache zur Seite, dessen Thüre sich nach dem weiten Bogengange des Hofes öffnete, traten inzwischen die Vertrauten des Kaisers zusammen: Justina, ihr Söhnchen an der Hand, und Gratian, Merobaudes und Arator, Gratian's ehemaliger Mentor Ausonius und der Staatssecretär Syagrius, der Bischof Ithacius und der Dux Hermogenes. Während Gratian harmlos mit seinem Brüderchen spielte und für einen Augenblick wieder durch den Zauber seiner Liebenswürdigkeit den Argwohn Justina's verscheuchte, maßen die andern Rathgeber des Kaisers sich mit kalten feindlichen Blicken. Hatte doch Valentinian den Grundsatz, die höchsten Gewalten nie zwischen Freunden, sondern nur zwischen Gegnern zu vertheilen. Der Augustus trat ein und ließ sich auf einem Sessel neben Justina nieder. »Deine Klagen!« sagte er dann mürrisch zu Syagrius. Der Notar erzählte scharf und schneidend seine Erlebnisse auf dem Berge, seinen Verdacht gegen den angeblichen Pelzhändler, seine dringende Warnung, Arator's Leichtsinn und Rothari's Verrath. Von Zeit zu Zeit unterbrach ihn der Bischof mit halb unterdrückten Ausrufen der Entrüstung, denen der behäbige Ausonius mit dem gutmüthigen fetten Antlitz und den leicht gerührten kleinen Mausaugen, ebensooft mit beschwichtigenden Lauten des Zweifels parirte. Immer mehr redete der Notar sich in die Hitze, seine große Nase glühte, seine Beredtsamkeit ward immer herrischer und mit dem Antrag auf einen Hochverrathsproceß gegen den verrätherischen Alamannen setzte er sich nieder. Daß Syagrius so weit gehen werde, hatte von den Anwesenden keiner erwartet. Die Sache sah sich jetzt viel ernster an als zuvor und Todtenstille herrschte in dem halbdunkeln Saale. Der Erste, der für Rothari das Wort ergriff, war Arator. Er erklärte, Rothari habe ihm alsbald nach der Flucht des Königs mitgetheilt, wer der Flüchtling gewesen. »So, so« – schaltete Syagrius ein, der nunmehr eine völlige Verschwörung witterte. Aber Arator fuhr gelassen fort, er habe Rothari's Gründe gebilligt, denn Macrian wäre als Gefangener eine Verlegenheit gewesen und kein Gewinn. Salbungsvoll erhob sich nun der Bischof. Er zeigte, wie Gnade zu üben das Vorrecht Gottes sei und seines Stellvertreters auf Erden, des Kaisers. Er beklagte, daß Valentinian um diese Gelegenheit zur Gnade an Macrian betrogen worden sei von einem alamannischen Söldner. Aus des Kaisers Gnade aber würde die liebliche Frucht des Friedens hervorgesproßt sein und diese Saat habe Rothari zertreten. Nicht unbedacht, sondern um dem Barbarenkönige einen Dienst zu thun und sich den Rückzug zu den Feinden Roms zu sichern, habe er gehandelt. »Lasse sich doch niemand durch diese Treuherzigkeit der Barbaren täuschen«, rief er. »Mit ihrer gutmüthigen Freundlichkeit sind sie schlauer als mancher Grieche, dessen verschlagenes Spitzbubengesicht die Leute vor Schaden warnt. Man kann blonde Haare und blaue Augen haben und doch ein großer Schurke sein.« Als Diener des guten Hirten sei er ein Mann des Friedens, aber als Rathgeber des Kaisers stimme er für den Tod. Nun aber brach der arianische Comes Merobaudes zornig gegen den Nicäner Ithacius los, der hier nur seinem Glaubenshasse fröhne. So wie Rothari's Vollmacht gelautet, habe er ein Recht gehabt zu handeln, wie er gethan, möge man die Handlung selbst klug oder thöricht nennen. Rothari werde von den germanischen Hülfstruppen vergöttert. Wenn man sich an ihm vergreife, stehe er für nichts. Mit Ausnahme der Bataver Reiter, polterte er heraus, würden alle Germanen abziehn. Der Dux Hermogenes bestritt das, ohne darum zur Härte treiben zu wollen. Dann redete der feiste Ausonius ein Langes und Breites. Er lobte den würdigen Bischof und den weisen Arator, er pries die Schneidigkeit des Syagrius und die soldatische Einsicht des Merobaudes, er citirte die Dichter und die alten Senatsbeschlüsse und fand schließlich, daß Rothari zwar sehr kühn gehandelt habe, daß es aber doch außerordentlich angenehm sei, daß man heute sich noch nicht im Alamannenkieg befinde. Denn wie sehr sei er gestern bei den Feuerzeichen erschrocken und wenn er sich erzählen lasse, in welchem Zustande die Truppen des Syagrius bei dem Lager am Nicer angekommen seien, wie sie sich fast gegenseitig in den Strom stießen, um nur rasch das Thor zu erreichen, dann müsse er, obwohl er kein Soldat sei, stark bezweifeln, daß es gut gewesen wäre, die Alamannen durch Wegfangen ihres Königs zu reizen. Gratian lachte bei diesen offenen Geständnissen seines Mentors, aber Merobaudes nahm sich der Truppen an und nun neigte Justina ihm zustimmend ihr schönes Haupt. Das nahm der Bischof zum Anlaß, nochmals gegen Rothari zu zeugen und Justina ermuthigte auch ihn durch vielsagende Blicke. Auch Syagrius wiederholte seine Anträge, der Kaiser aber saß stumm und nagte an seiner Unterlippe. Es war nachgerade dunkel geworden im Saale. Der Mond kam am Himmel zum Vorschein und warf mitten in den Saal ein weißes Streiflicht. Die Atmosphäre ward immer beklommener und es schien die Zähigkeit der Ankläger gegen die matte Vertheidigung die Oberhand zu behalten. Gern hätte Gratian für seinen Freund gezeugt, aber nach dem strengen Gebote seines Vaters sollte er ein für allemal im Staatsrathe nur zuhören und ein Wort seinerseits konnte darum alles verderben. So hielt er sein Brüderchen in den Armen, das längst ermüdet eingeschlafen war. Als der hartnäckige Ankläger seinen Antrag wiederholte, gab auch er die Hoffnung auf. Nur an die Gnade des Vaters gedachte er sich zu wenden, sobald die Sitzung zu Ende wäre. Der Kaiser richtete sich endlich auf. In seinem Antlitz stand nichts Gutes zu lesen. Die ihn kannten, erwarteten ein furchtbares Urtheil, während er doch nur unmuthig Justina mit dem Kinde wegschicken und Fackeln befehlen wollte, aber es kam nicht dazu. In diesem Momente nämlich rauschte der Teppich, wie von einem Windhauche bewegt, auseinander. In den Saal wehte es herein, da, wo der Mondschein einen hellen Streifen bildete, sahen die Versammelten plötzlich eine helle Gestalt stehen. Ein schlichtes weißes Gewand wallte ihr vom Halse bis zu den Füßen, unter dem Busen war es aufgenommen durch einen von den Falten überdeckten Gürtel, auch das Purpurband der freien Römerin um die Stirne sah man im Dämmerlichte strahlen. Mit festem Schritte, hoch aufgerichtet, trat die Erscheinung hart vor den Augustus. Sie erhob den vollen weißen Arm und sprach mit ernster, tiefer Stimme: »Ich habe ein Wort des Gottes an den Augustus.« »Jetta!« wollte Arator rufen, aber bereits hatte die Gottgesandte begonnen: »Heut' wäg' doppelt die That, denn zwiefach werden die Folgen, Wenn in das Zeichen des Zwillings tritt bei regierende Stern. Einen willst du ermorden, zwei werden's im Zeichen des Zwillings, Oder den Einen beglückend machst du der Glücklichen zwei. Denke des herrschenden Sternes, der zwiefach läßt alles gedeihen, Sei es dir selber zum Heil, sei es den Andern zum Fluch.« Die geheinmißvolle Stimme war verklungen, aber unbeweglich stand die dämmernde weiße Gestalt wie zerfließend im Mondlicht. Justina riß schaudernd ihren Knaben an sich. Wer konnte das zweite Opfer sein, das die Conjunctur verlangte, als ihr Söhnlein, auf das für sie sich alles und jedes bezog. Aber nun nahm Jetta gelassen den frei gewordenen Schemel und setzte sich voll Würde zu den Füßen der Augusta nieder, die schaudernd von ihr wegrückte. »Heidnischer Lug und Trug!« polterte Ithacius mit mächtiger Stimme. »Gräuel über Gräuel! In den Staatsrath des Augustus drängen sich besessene Weiber mit der Botschaft ihres Dämons.« Jetta strich gleichmüthig die Falten ihres Gewandes zurecht und schaute den Bischof an, als ob seine Worte nicht sie angingen. Aber bereits war Gratian aufgesprungen und helle Entrüstung glühte in seinem frischen Knabenantlitz. Die Nähe der Geliebten gab ihm Muth: »Lästre nicht, Priester!« rief er. »Die Seherin redet die Wahrheit und nichts als Wahrheit. Ich habe mit Rothari Blutbrüderschaft getrunken und sein Schicksal zieht das meine nach sich. Geht er in's Exil, ich muß ihm folgen. Stirbt er, sterbe ich, so lautet der Eid, ich werde ihn halten.« Hastig hatte der Jüngling die Worte hervorgestoßen und fiel nun wieder so gewaltsam in seinen Stuhl zurück, daß der kleine Valentinian erwachte und zu weinen begann. Valentinian hatte dem Allem ruhig zugeschaut. Innerlich war er Jetta dankbar, sie bahnte ihm einen Rückzug. Selbst sein Aberglaube regte sich. Er kannte den Spruch der Chaldäer und war froh, an ihn gemahnt zu werden. Conjuncturen waren ihm etwas und diese hatte er übersehen. Langsam erhob er sich. »Ich habe dich verwöhnt, mein Kind«, sagte er mild zu Jetta. »Hast du Botschaften dieser Art auf dem Herzen, so mußt du sie mir in der Stille bestellen, aber nicht im Staatsrath.« Jetta erröthete, aber keine Bewegung verrieth, wie sie innerlich den Verweis aufnahm. Lauter fuhr dann der Kaiser fort: »Ihr Herren gefallt euch heute alle in Uebertreibungen. Was soll der Lärm um Entlassung eines Bauern. Mir handelte es sich um einen Verstoß gegen die Disciplin, nicht um ein Staatsverbrechen. Ruft Rothari, daß ich der Sache ein Ende mache. Ich werde ihm selbst das Nöthige vorhalten. Im Uebrigen hat Jetta ganz recht. Es ist heute kein Tag zu großen Entschließungen.« Aber der herrschsüchtige Priester hatte nun alle Fassung verloren. »Wenn über das Schicksal des Reichs mondsüchtige Weiber entscheiden«, sagte Ithacius grimmig, »und astrologischer Wahnwitz, so werde ich nicht mehr im Staatsrathe des Augustus erscheinen.« Da wendete Valentinian sich majestätisch dem eifernden Prälaten zu. »Nein«, sagte er kalt, »du hast ihm heute zum letzten Male beigewohnt. Ich will den ehrwürdigen Bischof von Ossonuba nicht länger seiner Heerde entziehen«, fügte er mit kaltem Hohne hinzu. »Die Canones der Apostel haben angeordnet, daß ein Bischof bei seinem Gotteshause bleibe. Wichtige Verhandlungen mit der hispanischen und gallischen Kirche haben uns genöthigt, den ehrwürdigen Ithacius der Basilica zu Ossonuba für einige Zeit zu entziehen. Nunmehr aber können wir uns ohne ihn behelfen und wünschen, daß er schon morgen in aller Frühe nach seinem Bischofssitze abreise.« Betroffen schaute der beleibte Priester in dem Kreise rings umher; aber er begegnete nur spöttischen, schadenfrohen Mienen. »Ich werde gehen«, sagte er trotzig. »Wer Zauberei und Astrologie zu seiner Stütze wählt, kann die evangelischen Rathschläge rechtgläubiger Bischöfe freilich entbehren. Nur fürchte ich, daß die gallischen und spanischen Synoden eine minder freundliche Sprache führen werden als der milde Ithacius, der sich gerne scheidet von dem Hofe und der Zauberei.« Würdevoll verschwand der dicke Prälat durch die Thüre. Ein helles Lachen Gratian's folgte ihm, in das die Andern laut einstimmten. »Suche Rothari«, sagte Valentinian ärgerlich, »und schicke Lichter. Das Mondlicht irrt das Hirn. Mir selbst ist es ganz graulich geworden vor Arator's schönem Kinde.« Die Fackeln wurden gebracht, in die zackige Krone eines hohen Candelabers eingeschraubt und füllten mit traulichem rothem Lichte das schöne Bogengemach. Freundlich schaute jetzt alles aus und friedlich. Die Herren im Kreise, die im Mondlicht wie bleiche Todtenrichter sich ansahen, ließen sich in behagliches Plaudern ein. Der Dichter umarmte den Comes Merobaudes und erzählte ihm von einer neuen Fischsorte, die er im Nicer entdeckt habe und die gleichfalls eßbar sei. Syagrius nahte sich Justina, bei der er am wenigsten Abneigung gegen sein Vorgehen voraussetzte. Endlich erschien Gratian wieder, aber ohne den Alamannen. »Rothari«, sagte er, »hat vor einer Stunde die Decke auf sein Pferd geworfen und ist weggeritten, da er nicht gewohnt sei, halbe Tage im Vorzimmer zu warten.« »Nun werden wir ihn an der Spitze der Alamannen wiedersehen«, rief Syagrius und ein funkelnder Triumph leuchtete aus seinen harten Augen. »Entschuldige, wackerer Notar«, sagte Gratian von oben herab, »mein Freund sagte, er reite nach Arator's Villa und jenen Weg hat er eingeschlagen.« »Da werden wir uns herablassen müssen ihm dort unsere Meinung zu eröffnen«, sagte Valentinian mit leiser Ironie. »Also Arator, ich bin dein Gast in den nächsten Tagen. Ihr aber, edle Herren, bedenkt, daß wir einig sein müssen hier an der Grenze des Reichs. Vergeht, was hier gesprochen wurde und denket nur an eines, an das auch ich allein denke: an Rom.« Die Herren verbeugten sich und während Justina mit ihrem schläfrigen Knäblein auf Valentinian zuschwebte, entfernten sich die Andern. Gratian aber schloß sich Arator und Jetta an, die seine Schmeicheleien mit vornehmem Gleichmuth hinnahm. »Wann wirst du diese traurigen Künste lassen?« sagte Arator zu seiner Tochter, »und aufhören dich in Dinge zu mengen, die nur die Männer angehn?« »Wenn einst das Recht auf Erden einen so geordneten Gang geht, wie droben die ewigen Sterne«, erwiderte Jetta ruhig, »dann brauchen die Frauen nicht mehr in den Sternen zu lesen; aber Weib oder nicht, ich werde niemals ruhig zusehen, wie die Bosheit triumphirt.« »Ich fürchte, der Knabe wird demnächst diese traumwandelnde Velleda freien wollen«, sagte der Kaiser zu Justina, »dann wird vollends nichts aus der Heirath mit der Tochter des Constantius, die er von Monat zu Monat hinausschiebt.« »So verheirathe Jetta mit Syagrius«, erwiderte diese. »Das stiftet Frieden zwischen dem Notar und Comes und irgend eine Entschädigung sind wir Syagrius schuldig für seinen treuen Willen.« Valentinian lachte. »Wenn du das vermagst, lasse ich es mir gefallen. Da ich die schönste Frau des Reiches besitze, mag ich auch meinen Dienern etwas Gutes gönnen. Du magst es einfädeln, meine Hände sind zu plump für so feine Arbeit.« Justina neigte zustimmend ihr schönes Haupt, das die gesuchten Lippen des Herrn auch mit einem gnädigen Kusse beglückten. Noch ließ der kaiserliche Riese liebkosend die gewaltige Hand über das Haupt seines müden Söhnleins gleiten, dann schritt er hinaus. »Er liebt uns nicht, nicht mehr wie sonst«, murmelte sie. »Heute war der Tag nicht für Rothari, darin hat Jetta Recht. Aber eines muß ich haben, den Helm oder sein Haupt, beide dürfen sich nicht finden.« Valentinian aber, als er den Säulengang draußen betrat, sah im Mondenschein eine zusammengekrümmte Gestalt kauern, die ein unheimlich glänzendes Auge nach der Thüre richtete, als ob sie jemanden erwarte. »Ist denn des Spukens kein Ende in diesem verwünschten Palatium?« murrte der Kaiser. »Wie viele Schatten gleiten denn durch diesen öden Raum? Wir sind Wodan's Zauberwalde nah und wie Drusus einst tritt mir der Alraunen eine entgegen oder ist es ein Nachtgebilde der Wegegöttin? So rede!« rief er, indem er dem Phantome näher trat. Dann schlug er eine rohe Lache auf: »Du, du bist es, alte Hexe! Wandelst du noch immer im Lande der Lebendigen, verruchteste unter Hekate's Töchtern? Deine Geheimnisse wären im Grabe am besten bewahrt.« »Das Grab ist nicht stiller als Phorkyas' Mund. Dreimal lag ich drinnen«, flüsterte die Alte irrsinnig vor sich hin, »aber es hat mich nicht behalten, weil ihr mich braucht. Und ich diente euch gut«, kicherte sie wahnwitzig in sich hinein, indem ein Wetterleuchten der Befriedigung ihr zerrissenes Angesicht in tausend neue Falten kräuselte. »Bist du mit Jetta gekommen?« fragte der Kaiser, der nicht wußte, ob er es mit einer Tollen oder einer verschmitzten Gauklerin zu thun habe. »Nein«, krächzte Phorkyas, »Jetta kam mit mir. Mich hat die Kaiserin entboten, da wollte Jetta mit, weil sie uns nicht traute.« »Also daher ihre Kunde?« sagte Valentinian. »Meinethalben! Aber vergiß nicht, daß man in deinem Handwerk ein gebrauchtes Werkzeug gern zerbricht, und kreuze mir nicht wieder ungerufen die Wege.« Verzagt drückte die Alte sich in die Ecke. Sie, die vor nichts scheute, zitterte vor diesem schielenden Auge. Aber sobald der Imperator vorüber war, huschte sie in die Gemächer der Augusta. Neuntes Kapitel. Ueber Alta Ripa lag nunmehr Ruhe. Der Rhenus rauschte hinter dem Palaste seine alte Weise und von den Wällen her schallte der einförmige Schritt der Ronden oder der Anruf der Wachen. Der Nachtwind wimmerte in den langen Gängen und heulte dann wieder laut auf, wenn er sich zwischen den hohen Wänden verfing. Jedes Geräusch verzehnfachte das Echo der weiten Gewölbe und es hallte wie Donner, wenn unten im Hofe die Posten sich ablösten. Die Bewohner des weiten Gebäudes schienen alle zur Ruhe gegangen zu sein, Nacht und Schlaf begrub Stadt und Burg. Nur in dem Fenster des Thurmgeschosses, wo Justina wohnte, zitterte ein Lichtschimmer, der weder von einer Lampe noch von einem Kohlenbecken herrühren konnte. Ein flackernder Schein flimmerte dort wie von einer Opferflamme. In der That war in dem Gemache der Kaiserin auf einem Dreifuß eine mystische Flamme entzündet, die in dem hohen, aber engen Gelasse zitternde Ringe an die Wände malte. Unter dem Altar war eine Tafel mit allerlei Zaubergeräthe ausgebreitet und um dieselbe saß die Kaiserin mit drei Frauen. Die Eine war Jetta, die ihren Vater allein gelassen hatte, weil Justina sie tief in der Nacht nach dem verrufenen Thurmgemache entbot. Sie glaubte, für ihr kühnes Eindringen in den Staatsrath des Kaisers stehe ihr ein Verweis auch von Justina's Seite bevor, aber sie war unmuthig und entrüstet, als sie die Kaiserin eifrig beschäftigt fand, ihre kabbalistischen Berechnungen vorzubereiten, die Justina immer dann anstellte, wenn sie durch irgend ein Zeichen erschreckt worden war. Neben der Kaiserin saß eine bleich und leidend aussehende Frauengestalt, nicht viel älter als Jetta, aber mit den Zügen eines tiefen Seelenleidens in dem verfallenen Antlitz. Es war Fulvia, die Gattin eines plötzlich von Wahnsinn befallenen Centurio, der auf einem einsamen Gehöfte, der Villa ad Rosas, in der Ebene draußen hauste. Auch sie schien wider ihren Willen hierher gelockt und schaute müde und abgespannt dem Treiben der alten Phorkyas zu, die am Boden kauernd Blätter mit seltsamen Bildern und Ziffern vor sich ausbreitete, während sie geheime Formeln halblaut murmelte. Ein unheimliches Leben war in der Greisin erwacht. Gleich dem Nachtthier, das am Tage blöde und unsicher einhergeht, um mit einbrechender Dunkelheit Kraft und Sicherheit zu gewinnen, so bewegte die Alte sich jetzt fest und rasch, als ob sie die Last der Jahre abgeschüttelt hätte. Mit erstaunlicher Schnelligkeit breitete sie die Tafeln und Steine in seltsamen Combinationen vor sich aus, bis sie endlich die Hände ruhig übereinander legte und mit dem einen hörnenen Auge aufblickend, mit gleichgültiger Stimme sagte: »Es ist die Stunde.« Die Andern schwiegen. Die obere Leitung schien hier der alten Sklavin zuzustehn, der auch Justina sich fügte. ... »Drei Fragen sind gestattet, wähle«, sagte sie der Kaiserin. »Frage, ob mein Sohn herrschen wird?« erwiderte die schöne Frau. Die Augen der Greisin blickten nun auf Jetta: »Forsche nach Rothari's Loos«, flüsterte diese mit matter Stimme. Zuletzt wendete die Alte sich zu der bleichen Frau. Ein Seufzer und ein leises Schütteln des Hauptes war die einzige Antwort der Traurigen. »Nun, Fulvia«, sagte Justina scharf. »Ich bin gekommen, Augusta, weil du es befahlst. Aber seit mein Mann wahnsinnig ward von dem Liebestrank, den wir hier brauten« – – – »Beweist nicht auch dein Fall Hekate's Macht?« unterbrach sie Justina mit hartem Tone. »Gewiß«, erwiderte die Bleiche sanft, »aber ich habe gelobt, die nicht mehr in Bewegung zu setzen, die ich nicht zügeln kann, wenn ich sie aufgestört.« »So lasse sie«, sagte die Kaiserin ärgerlich zu Phorkyas. »Niemand darf müssig zuschauen«, erwiderte die Greisin trocken. »So gehe!« gebot Justina in schroffem Tone und Fulvia erhob sich sofort. Aber Phorkyas vertrat ihr die Thüre. »Niemand darf nach Beginn der Beschwörung das Gemach verlassen«, sagte die Alte gebieterisch. »Bleibe, wir wollen dich dämpfen. Sieh diesen Stein hier fest an«, wendete sie sich an die Kranke, die willenlos wieder auf ihren Schemel zurückgesunken war. Die Alte hielt ihr einen blinkenden Talisman entgegen. »Unverwandt!« Die bleiche Frau that, wie sie geheißen. Langsam hielt die Hexe den glänzenden Stein höher und höher. Die Blicke der blassen Matrone folgten gehorsam dem Talisman und wurden stier. Nun bewegte Phorkyas ihre braunen knochigen Hände geheimnißvoll über dem Haupte der Fascinirten und strich dann leise ihre Schläfen. Alles Blut wich aus dem Angesicht der Gequälten und sie ward starr wie eine Leiche. »So, nun ist sie unschädlich.« Mit mehr Kraft, als man der Greisin zugetraut, ergriff sie die in tiefe Bewußtlosigkeit Gesunkene und trug sie nach einem zurückliegenden Polster. Es war schauerlich zu sehen, wie die alte Hexe, der die Strähnen wirr über das Antlitz hingen, die scheinbar Todte dahinschleifte. Selbst Jetta überlief ein Schauder. »Die dritte Frage!« gebot Phorkyas, indem sie zu dem Dreifuß zurückkehrte. »Wen soll Jetta freien?« sagte Justina. Jetta wollte abwehren, aber beide machten ihr Zeichen zu schweigen. »Soll ich das Mondlicht an der Wand befragen oder das Wasser im Sieb? Die Sephirot oder die Mütter?« »Wir wollen abwechseln«, sagte Justina. »Nimm erst die Zahlen. Frage du nach meines Sohnes Zukunft, Jetta!« Die Alte reichte Jetta ein Kästchen mit Steinen und Täfelchen. Diese legte die Einen und Andern erst strahlenförmig, dann quer, dann senkrecht, bis die Buchstaben und Zahlen zu Reihen sich fügten. Dann rechnete sie. »Valentinian II. wird herrschen«, sagte sie leise. Justina prüfte die Rechnung und mit einem Seufzer der Erleichterung zog sie die Steine ein. Phorkyas wiederholte den gleichen Proceß. »Rothari wird leben«, sagte sie nach kurzer Frist. »Wen soll Jetta freien?« fragte Justina, indem sie hastig nach den Steinen griff. Jetta barg unmuthig das schöne Haupt in beiden Händen, die Alte starrte in die Flamme, während die Kaiserin das Kästchen in den Schos nahm und die Steine, einen nach dem andern, vor sich ausbreitete. Aber sie besann sich lang und schien weniger sicher als die Andern. »Syagrius«, sagte, endlich Justina zögernd. Jetta fuhr auf. Sie wollte protestiren, aber sie erschrak, denn hinter Justina stand die Frau des Centurio, geisterbleich, mit todtenartigen Augen und schüttelte mit dem Haupte, als ob die Rechnung nicht stimme. »Fulvia!« rief Jetta jetzt, um die Kaiserin aufmerksam zu machen. »Sie ist zu früh erwacht, wir müssen schließen«, sagte nun auch Phorkyas, hinter die Kaiserin deutend. Justina schaute um und maß die Wiedererstandene mit unwilligen Blicken, aber sie schwieg. »So sei es«, sagte sie dann. »Räume die Dinge weg.« Und Phorkyas hob einen Stein aus dem Mosaikboden. Eine geräumige Oeffnung kam zum Vorschein, in dem sie ihre Kasten, Phiolen und Futterale barg. Dann zündete sie eine Lampe an, löschte die Flamme und stellte den Dreifuß in die Ecke, vor die sie ein Polster rückte. So sah das Gemach wieder aus wie jede gewöhnliche Stube. Mit tiefer Neigung verabschiedeten sich die Frauen von der Augusta. Als Jetta aber vor der Thüre die Bogen der Galerie entlang ging, schmiegte die bleiche Fulvia sich an sie. »Glaube ihr nicht, sie hat zwei Steine beseitigt und die Zahlen gedreht. Die erste Chiffre gleich war R, sie aber kehrte das S nach oben. Ich sah es deutlich.« »R«, sagte Jetta nachdenklich. Die bleiche Freundin umschlang sie und gefolgt von Phorkyas, suchten die beiden Frauengestalten die ihnen zugewiesenen Gemächer. Zehntes Kapitel. Rothari's Alamannentrotz hatte sich gewaltig aufgebäumt, als er vernahm, Valentinian habe alle seine Vertrauten zu einem Staatsrathe berufen, ihn aber ausgeschlossen. Als er dann vollends erfuhr, über ihn selbst und seine Verhandlungen mit Macrian werde drinnen berathen, da wollte er im Zorne ungerufen eintreten und Valentinian sein Schwert vor die Füße werfen, aber der Velarius vertrat ihm den Weg und dem klugen Manne gelang es, durch freundliches Zureden den aufgebrachten Alamannen zu beschwichtigen. Aber eine Viertelstunde nach der andern verrann, ohne daß der Angeklagte vorgerufen wurde; da riß ihm endlich die Geduld; er ging nach den Ställen und warf die Decke über seinen Rappen. Unangefochten ließ die Wache den bekannten Heerführer durch die Thore des Munimentum. In's Freie gelangt durchritt er den seichten Strom und sprengte dann wild über die Ebene dem Mons Piri und Valentiniani entgegen, deren Kuppen von der Abendsonne vergoldet aus dem blauen Dufte des Flußthals emporragten. Die weiland so fruchtbare Fläche zwischen Nicer und Rhenus war nur theilweise bestellt. Zwischen spärlich bewachsenen Feldern und wildem Wiesengrün wucherte niederes Gestrüpp und das Krüppelholz der Zwergkiefer. Hier und dort bezeugten noch ausgebrannte, verfallene Gehöfte das Schicksal der Landschaft in den letzten Jahrzehnten. In den Senkungen des Bodens hatten sich flache Teiche gebildet, die der Schnee im Winter und der Frühlingsregen füllte und die die Sommersonne durstig austrank. Dann kamen wieder beackerte Striche mit ländlichen Villen, die die neu hergestellte Mauer umgab. Eine Kette von Wasserhühnern, die vor ihm aufflog, zeigte dem Reiter, daß ein Sumpf in der Nähe sei. »In solchem Moore«, lachte er grimmig, »verlor der tapfere Kaiser seinen Helm. Nun soll er ihn nicht wieder erhalten, nachdem er mich zum zweiten Male mißhandelt.« Und er gab seinem Rosse die Sporen, daß der Rappe in gewaltigen Sätzen dem Hause Arator's zuschoß, das im Abendlichte vom Abhang herüberglänzte. An der Thüre stand Lupicinus mit verbundenem Kopfe und die Diener Arator's, die den allein zurückkehrenden Gast ihres Herrn verwundert begrüßten. Aber bis zum folgenden Morgen war der Zorn des gutmüthigen Recken verschlafen, zumal er ein Schreiben Arator's vorfand, das ihm die Verzeihung des Kaisers meldete. Weich gestimmt verlebte er eine stille Morgenstunde in Jetta's Garten, andächtig den Spuren der Wunderbaren nachgehend, deren sinniges Walten hier überall sichtbar war. Ihrer gedenkend ging der Held jedem kleinen Blümchen aus dem Wege und gab jedem goldflügligen Käfer Raum, um ihn nicht zu zertreten. Endlich ließ er sich bei der plätschernden Marmorschale nieder, wo er jüngst den seligen Abend mit Arator's Tochter verbracht hatte. Die Sonne lag warm auf den hellen Kieswegen und Rothari sah träumend der Arbeit der summenden Bienen zu und dem taumelnden Fluge der Schmetterlinge. Was ihm die Zukunft, was ihm des Kaisers Gnade oder Ungnade bringe, war ihm gleich, er dachte nur an Jetta. »Nun, hat Medea richtig geweissagt?« hörte der in seine Träume Versunkene plötzlich die volle und dunkle Stimme fragen, die sein Gemüth stets in gleicher Weise in Schwingung setzte. Als er aufblickte, stand Jetta vor ihm. In aller Stille war sie aus Alta Ripa mit ihren Frauen zurückgekehrt. Bewegt griff er nach ihrer schmalen weichen Hand. »Ich danke dir. Der Muth, den du mir gabst, hat mich gerettet.« »Dich rettete dein Stern«, sagte sie ernst, »und nicht ein armes Mädchen. Wie hast du dir die Zeit vertrieben, die du uns entzogst?« fragte sie dann mit leisem Vorwurf. »Ich war in Flora's Reich und küßte die Spuren der schönen Füße.« »Wäre ich eine Göttin«, sagte sie heiter, »so möchte ich nicht Flora sein, sondern Bellona. Denn wenn ich auch der Blumen warte, so geschieht es doch nur, um zu beweisen, daß diese Hügel noch zu Italien gehören.« »Die Abhänge des Wodanwaldes rechnest du zu Italien?« fragte Rothari lächelnd. »Wo der Lorbeer gedeiht«, bestätigte sie ernsthaft, »ist Rom. So weit die Cypresse fortkommt, Feige und Traube reift, so weit hat die Natur selbst unsere Grenze gesteckt. Wo nur noch Fichten, Buchen und Eichen wachsen, da beginnt das Reich der nordischen Götter.« »So führst du einen Krieg gleich den Helden der Ilias, an deren Kämpfen die Götter selbst sich betheiligen! Vom Süden senden die Olympier ihrer schönen Prophetin die milden Lüfte zur Hülfe, während Wodan's wildes Heer und sein Nordsturm über den Wald braust und deine heitere Schöpfung bedroht. Die hohen Gewalten kämpfen mit dir und wider dich um dieses Land. Aber wisse, schöne Circe, die Götter Germaniens sind hier die stärkeren. Eine Weile magst du auf dieser harten Erde die Kinder eines milderen Himmels erziehen, dann aber kommen die deutschen Winterriesen und erschlagen dir in einer Nacht die ganze Herrlichkeit.« Das schöne Mädchen hob stolz das Haupt: »Du hast ganz Recht«, sagte sie, »in diesem Kampfe habe ich das Epos meines Lebens gefunden und bis zur Stunde habe ich gesiegt. Wer sagt dir, daß deine Götter die stärkeren sind? Sieh hier Apollo's schönblühenden Lorbeer, habe ich nicht sein heiliges Grün schon durch den zweiten Winter hindurchgerettet vor deinen Riesen? Du lächelst? Der Frühling kommt hier zur gleichen Zeit wie in Rom. Gehe im März durch den Wald hier oben und siehe, wie die sonnigen Abhänge mit röthlichen Anemonen bestreut sind, mit Narcissen und Primeln und dem blauen Sterne der immer grünen Vinka. Ich sah es nun zweimal, wie auf diesen Wiesen der Krokus sich erneuert, den die Römer, die vor uns hier hausten, in ihren bunten Safrangärten bauten. Als wir dieses Land betraten, hieß es die Einöde, unter unserer Hand ward es zum Garten und ein Jahrhundert der Alamannenwirthschaft hat die Spur davon noch nicht zu tilgen vermocht. Diesen Spuren gehe nach und dann frage dich, ob wir ein Recht haben auf diese Hügel?« »Siehst du uns denn so tief unter euch«, erwiderte er gekränkt, »daß alles, was gut und schön ist, euch, was böse und häßlich ist, uns zukommt? Ich denke, jedes Volk hat Antheil an beidem und der Germane ist nicht schlechter darum, weil er kein Römer ist.« »Seit ich fühle, bin ich stolz eine Tochter Roms zu sein«, sagte sie, »und seit ich denke, weiß ich warum.« Dann ward ihre Stimme milder und ihre Rede einfacher. Statt der majestätischen, rückwärts geworfenen Haltung, mit der sie neben ihm geschritten, ließ sie sinnend ihr schönes Haupt sinken und vertiefte sich in wehmüthige Erinnerungen. Sie erzählte Rothari die Geschichte ihrer Jugend, wie die fromme und geistvolle Mutter sie selbst gebildet, wie der Tod die vornehme Frau hinwegnahm, gerade als die Tochter reif genug war, ihrem hohen Gedankenfluge zu folgen. Nun führte sie der Vater nach Gallien, wo er an der Ostgrenze ein Commando erhielt. Unter häufigen Gefahren zogen sie in den Städten am Rhenus hin und wieder bis mit Cäsar Julian dem Reiche ein neuer Stern aufging. Seine Restauration der Tempel, sein rastloser Kampf für die ewigen Götter und seine kriegerischen Ziele waren das Ideal ihrer schwärmerischen Mädchenjahre. Ihre Stimme zitterte bei der Erzählung, wie dann nach des großen Cäsars Tod der schwächliche Abfall der Kampfgenossen, selbst des liebenswürdigen Ausonius, sie tief erbittert und wie sie erst wieder aufgelebt sei, als ihrem Vater die Aufgabe wurde, hier in Obergermanien einen Theil der Pläne Julian's zu verwirklichen. »Du spottest«, sagte sie, »daß ich hier Lorbeeren und Cypressen pflanze, Schlingrosen und Rebengewinde von Pfeiler zu Pfeiler und von Ulme zu Ulme leite, mir aber sind diese Blumengewinde Ketten, die ich dem Barbarenlande anlege, um es an Rom zu fesseln. So sollte es sein, daß die Männer fechten an der Grenze, die Frauen aber sollen hinter Bellona's Wagen einhergehn und die Verwundeten vom Boden aufnehmen und heilen, sie sollen der Altäre walten und durch Pflege des Schönen und Guten die Herzen versöhnen, sie sollen die Thränen trocknen und die Grabschriften mit Blumen zudecken. Ihnen kommt es zu, durch Milde und gütige Sorge das Volk auch innerlich zu gewinnen, das das Schwert der Männer unterjocht.« Eine so reine, himmlische Begeisterung leuchtete bei diesen Worten von dem Antlitz der schönen Prophetin, daß Rothari sich kaum enthielt, sich vor ihr niederzuwerfen und den Saum ihres Gewandes zu küssen. War doch eine solche Arbeitstheilung ganz nach seinem Sinn. »Doppelt tapfer wollte ich kämpfen«, sagte er mit glänzenden Blicken, »wenn auch mir ein solcher Garten blühte, von solchen Händen gepflegt.« »Du bist unser«, rief Jetta froh, »du wirst nicht wieder zurückkehren zu den Haufen da drüben, wie so viele, die jetzt unsere Heere schlagen mit den Künsten, die sie bei uns gelernt. Doch komm und laß uns den Vater begrüßen, der dort drüben naht.« Wie im Traume folgte Rothari der vornehm schlanken Gestalt, die in vollendeter Anmuth vor ihm herging, hoch und stolz gleich einer Königin. Arator begrüßte Rothari nicht ohne Vorwürfe über sein gestriges Verschwinden. »Du spielst mit deinem Kopfe«, sagte er, »als ob du deren hundert hättest und Valentinian zum Scherze Augustus hieße.« Er nahm Rothari mit sich und erzählte ihm den Verlauf des Staatsraths. Nur Jetta's Antheil an dem milden Urtheil des Kaisers verschwieg er. Als der reckenhafte Alamanne am Abend, von vielen Wegen und Berathungen müde, seine Waffen von sich gethan, zog es ihn mit mächtigen Banden nach dem Plätzchen an der Fontaine; wo er am Morgen mit Jetta gesessen. Still lag der Garten vor ihm und dahinter die weite blaue Ebene. Aus der Marmorschale fielen in rhythmischen Zwischenräumen die Wassertropfen in das untere Becken. Die Nacht that ihr dunkles Auge auf, von oben glänzten die Sterne und endlich stieg auch der Mond voll und groß hinter der Bergwand empor und wieder glänzte sein Silberschein in den Ringen des Wassers. In den Zweigen des Boskets wurden die ersten schluchzenden Töne der Nachtigall laut und die Glühwürmer schwebten wie grüne Funken durch die Büsche. So athmete der junge Krieger die berauschenden Düfte der Jasminhecken, während sein Ohr sehnsüchtig in die Ferne lauschte. Aber Jetta kam nicht. Eben rüstete sich der Alamanne betrübt zum Aufbruch, da hörte er auf der Terrasse ihren schwebenden elastischen Schritt. »Endlich«, sagte er treuherzig. »Ich hoffte schon längst, das Plaudern der Quelle werde die schöne Herrin hierher ziehn.« »Ich schlief bis jetzt«, sagte Jetta traurig, »bis Phorkyas mich weckte. Du wunderst dich über diese Verkehrung der Tagesordnung und es ist wohl besser, wenn ich dir selbst bekenne, welch seltsames Schicksal mich verfolgt, ehe dich Andere vor mir warnen oder ich, ohne es zu wissen, dich schrecke. Ich darf nicht schlafen im Mondlicht. Die Göttin zieht mich, ich weiß nicht warum und wie vom Lager empor, und ich muß dann, ohne daß ich erwache, ihrem milden Lichte folgen, stets ihr entgegen, höher und höher. Sie sagen, ich wisse dann manches, was in der Ferne vorgeht, sehe durch Wände und lese in den Herzen der Menschen. Ueber die Strahlen, die die Dinge und mich bescheinen, kommt es mir zu auf weite Strecken, aber es verschwindet, wenn sie in's Dunkel treten. Dem Vater machte es vielen Kummer und viele Aerzte haben mich mißhandelt und hätten vielleicht meinen Leib zerstört, denn es ward nur immer schlimmer. Da rieth mir ein alter Sklave, ich solle nur schlafen, wenn der Mond an meiner Thüre bereits vorübergezogen sei und das einfache Mittel half. Aber ich muß darum die gefährlichen Stunden bei den Büchern oder plaudernd bei den Menschen verbringen. Bis der Mond von dieser Wand des Hauses weicht, muß ich wachen und da du mich neulich batest, ich möchte dich einweihen in die heilige Kunst, komme ich, um die stille Stunde zu ernstem Zwecke zu nützen, denn nur wenn Selene selbst am Himmel steht, darf ich davon reden. Nur dann, wenn die Göttin ihr klares Licht hingießt durch die stille Nacht, nur dann erschließt sich die tiefste Seele des Menschen gleich dem Kelche der Blume, um den Thau aufzunehmen, der vom Himmel fällt.« Rothari war beklommen zu Muthe. Ihm schien es schon zu viel des Wunderbaren an dem Weibe, das er liebte und nun wollte sie ihn in immer weitere Geheimnisse führen. »Bist du so sicher«, sagte er zögernd, »daß deine Kunst wirklich Gewalt hat über Natur und Gottheit, und daß nicht der Zufall zuweilen deine Sprüche erfüllt und deine Gebete erhört?« »Es gibt keinen Zufall in der strengen Verkettung der Dinge«, erwiderte Jetta ernst, »und ich habe keine andere Gewalt über die geheimen Fäden, an denen sie hängen, als die, die auch du hast, nur daß ich weiß, wie sie laufen und verknüpft sind.« »Für meinen Theil weiß ich nichts von einer solchen Gewalt, die ich hätte«, meinte Rothari zweifelnd. »Hast du noch nie staunend erlebt«, gab Jetta zur Antwort, »daß ein heißer Wunsch sich dir plötzlich und wundersam erfüllte? Du wünschtest einen Freund herbei und im nächsten Augenblicke hörtest du seinen Schritt auf der Schwelle. Du dachtest an eine Freundin und der Sklave trat ein, dir einen Brief oder eine Gabe von ihr zu reichen. Du drohtest deinem Feinde Verderben und es traf ihn zur selben Stunde. Mit deinem starken Wollen und Wünschen hattest du die Fäden angezogen, an denen die Dinge hängen, aber es gehörte dazu, daß du zur rechten Stunde, am rechten Tage, in rechter Weise deinen Wunsch hineinwarfst in das Netzwerk, das der Demiurg gespannt hat. Es war also freilich bis jetzt Zufall, wenn du das Schicksal lenktest. Wohlan, was dir bis heute unbewußt zuweilen geglückt, das sollst du künftig wissend und schauend üben. Ich will den geheimen Zusammenhang der Dinge dir entschleiern und dir zeigen, wo du in die Speichen zu greifen hast, um das große Rad nach Gefallen zu lenken.« Rothari schauerte. Freilich hatte er jenes Zusammentreffen seiner Wünsche mit der Wirklichkeit auch schon erlebt, wie jeder Mensch durch dasselbe schon in Staunen gesetzt worden ist. Er hatte dann Wodan oder Donar oder Freya gedankt, daß sie ihn erhört hätten. Daß er selbst der Gott gewesen, der die Dinge solle gelenkt haben, entsetzte ihn. »Eine furchtbare Wissenschaft«, wollte er sagen, »laß ungelüftet den Schleier.« Aber Jetta fuhr bereits in ruhigem Tone in ihrer Rede fort: »Als meine Lehrerin mich in den Elementen der heiligen Zahlenlehre unterrichtete, wies sie mich darauf hin, wie deutlich der Gottheit Hand sich darin erkenne, daß alle Dinge so kunstvoll abgemessen, abgetheilt, abgezählt sind. Die Verhältnißmäßigkeit der Theile ist der Grund der ewigen, göttlichen Ordnung und alle Ordnung beruht auf der Zahl. Die Harmonie der Zahlen ist darum das Geheimniß der Welt und die mathematischen Verhältnisse jedes Dings sind seines Wesens Grund und Kern. Auf einem großen verborgenen Zahlensystem beruht das Universum, auf den Combinationen und Configurationen der einzelnen Zahlen beruhn die Körper. Da hast du das ganze Geheimniß des All.« Jetta schwieg und richtete ihre träumerischen dunkeln Augen auf den jungen Krieger. Rothari konnte nicht sagen, daß ihm diese Vorstellungen gerade neu wären, nur als Einleitung zur Magie hatte er sie nicht betrachtet. Neu war ihm nur das Unbehagen, das ihn beschlich. Ihr gelehrter Redefluß störte ihn. Frauen sind originell durch die Weise ihres Empfindens, sobald sie theoretisiren, es sei auch auf die untadelhafteste Weise, erscheinen sie dem Manne als eine Mißbildung, die vielleicht merkwürdig ist, aber niemals erfreulich. Der Germane hätte mit Anbetung gesehen, wie Jetta zauberte, aber daß sie philosophirte, war ihm unsympathisch. Das dunkle Gefühl beschlich ihn, daß, wenn sie so fortfahre, er am Ende der Lection sie nicht mehr lieben werde. Bis dahin hatte er ihr glücklicher Weise mehr mit den Augen zugehört als mit den Ohren. Er schaute sinnend auf diese festgeschnittenen Lippen und das starke Kinn, das der jugendlichen Rednerin den Ausdruck stolzer Beharrlichkeit und verhaltener Heftigkeit gab. Als sie nun aber plötzlich schwieg und eine Antwort von ihm erwartete, wußte er keine. Um wenigstens etwas zu erwidern, sagte er: »Pythagoras.« »Ganz recht«, rief die Philosophin eifrig. »Aus der geheimnißvollen Harmonie der Zahlen hat Pythagoras die Welt erklärt. Weil die Zahlen auseinandergehen in gerade und ungerade, gilt auch in der Erscheinungswelt das Gesetz des Gegensatzes, darum gibt es Gerades und Ungerades, Einheit und Vielheit, Rechtes und Linkes, Begränztes und Begränzendes, Mann und Weib, Ruhe und Bewegung, Licht und Dunkel, Glück und Unglück.« »Auch Plato lehrt«, schaltete Rothari nunmehr ein, »daß die Gottheit stets Geometrie treibe, denn in dem Abmessen und Setzen bestimmter Zahlenverhältnisse bestehe ihre weltformende Thätigkeit.« »Wohl«, sagte Jetta befriedigt, »Auf der mathematischen Notwendigkeit des Quadrats beruht die Welt mit ihren vier Enden, auf der der Pyramide das Feuer, auf der des Ogdoeder die Luft und weil eine Kugel sein mußte, ward diese Welt. Denn nichts Anderes ist die Welt als sieben ineinandergesteckte Kugeln, die sich nach verschiedenen Richtungen, in verschiedenen Geschwindigkeiten um einen gemeinsamen Mittelpunkt, den verborgenen Heerd der Hestia, drehen und so die Harmonie der Sphären ertönen lassen.« Rothari schaute zu den Sternen empor und diese weite Perspective, wie die Planetenhimmel und die der Sonnen sich durcheinanderschieben, diese Weltanschauung von phantastischer Großartigkeit, ließ ihn erschauern. Mit einem dankbaren Neigen des Hauptes kehrten seine Augen zu den Lippen der schönen Rednerin zurück. »Wollen wir nun«, fuhr Jetta fort, »die Gottheit nachahmen und schöpferisch thätig sein – nichts Anderes ist ja die Magie – so müssen wir die Bedeutung und wirkende Kraft der einzelnen Zahlen und Figuren erkunden. Die Eins ist, wie du aus Pythagoras weißt, noch keine Zahl, denn sie ist keine Summe. Auch die Zwei enthält nur den unvermittelten Gegensatz. Erst die Drei ist eine Zahl, sie hat den Gegensatz der Eins und Zwei in sich aufgenommen und überwunden. Sie hat Anfang, Mitte und Ende. Aus ihr, der ersten und Grundzahl geht alles hervor. Darum ist, wie auch die Christianer anerkennen, die Drei Grundzahl des göttlichen Wesens und das Dreieck die Signatur der Gottheit. Aus Gott geht die Welt hervor, aus der Drei die Vier. Darum ist die Vier die Grundform der Welt und das Quadrat die Signatur derselben.« Bei diesen Worten beugte sich das schöne Weib nach vornen, um auf dem Sande die beiden Figuren nebeneinander zu zeichnen. Rothari folgte der Bewegung und ihre dunkeln Flechten vermischten sich einen Augenblick mit dem Goldhaare des Germanen. Ein süßer Schauer überlief ihn und statt ihren Zeichnungen im Sande zu folgen, blieb sein Auge an den stolzen Conturen des Halses und der Schultern der blühenden Sibylle hangen. Sie aber erhob sich wieder und geröthet von der Anstrengung fuhr sie fort: »Also, weil die Vier die Signatur der Welt ist, gibt es vier Weltgegenden, vier Tageszeiten, vier Jahreszeiten und vier Enden der Erde.« »Die Erde ist ein Quadrat und das All ist eine Kugel«, bestätigte Rothari zerstreut. »So ist es«, sagte Jetta. »Addiren wir nun die Drei und die Vier, das heißt Gott und die Welt, so entsteht die heilige Zahl Sieben, deren Bedeutung ist das Ineinandersein von Gott und Welt. Durch sie ist der Verkehr zwischen beiden. Darum gibt es sieben Wochentage, sieben Planeten, sieben Pforten der Seele am Haupte, sieben hochheilige Geister, die die Gottheit der Parsen umgeben und bei uns unter verschiedenen Namen dem ewigen Zeus unterworfen sind. Nun aber lerne noch eine heilige Zahl, die Zehn, die Grundlage des Dekadensystems, das die kosmische Ordnung in ihrer ewigen Gesetzmäßigkeit begreift. Was über die Zehn hinausgeht, kehrt wieder in sie zurück. Darum ist die Zehn es, die den gesetzmäßigen Wechsel des kosmischen Lebens begründet.« Die Prophetin erhob sich. »Den Grund habe ich nun gelegt. Vertiefe dich in diese Anschauungen und morgen, wenn der Mond sich über jene Bergwand hebt, komm wieder an diese Stelle, so will ich mit der praktischen Anwendung dieser heiligen Bedeutung der Zahlen beginnen.« Gern hätte der Krieger das schöne Weib zurückgehalten in der lauen Maiennacht, obwohl sie ihm jüngst, da sie von Rom sprach, schöner erschienen war als in diesen mystischen Reden von heute. Aber Befangenheit schloß ihm den Mund und während er zögerte, war sie bereits nach oben entschwunden. Mit gemischten Gefühlen blieb der Alamanne unter den blühenden Büschen bei der plätschernden Schale zurück. Der Tiefsinn der Anschauungen, die ihm Jetta vorgetragen, wirkte stark auf seinen mystischen Hang. Er grübelte nach über das, was die geheimnißvolle Jungfrau ihm gesagt. Es war ja möglich, daß ihm von dieser Seite Licht kommen würde über die Geheimnisse des Daseins. Hatten nicht Seherinnen auch seines Volkes, wie jene Velleda, mit der Gottheit verkehrt und Zukünftiges verkündet? Seine Empfindung für dieses schöne Weib war durchaus durchdrungen von der Ehrfurcht des Germanen gegen das ahnungsvolle Gemüth der Frau. Und dennoch konnte er ein gewisses Mißbehagen nicht bewältigen, daß gerade sie es war, die sich ihm zur Führerin in diese dunkeln Tiefen aufwarf. Was sollte sie mit allem diesem Wissen, wenn sie sein Weib ward? Wenn er sonst davon träumte, sich eine Gattin zu suchen, so hatte er an die Jungfrauen seines Landes gedacht. Ein schüchternes, schuldloses, seiner selbst unbewußtes Herz mußte es sein, das ihn beglücken sollte. Von dem Allem war Jetta das Gegentheil. Sie war eine Zauberin, die ihn abwechselnd verwirrte und beruhigte, aber es war ihm unmöglich sie nicht zu lieben. »Zur Sibylle«, sagte er sich, »ist sie zu jung, zu reich an Liebreiz, darum sollte sie die traurigen Künste lassen. Sie hat bessere Geheimnisse zu verwalten, die glücklicher machen: das große Geheimniß von Mann und Weib.« Und über seine eigene Empfindung unklar suchte er sein Lager. Diese getheilte Stimmung verließ ihn nicht, als er am folgenden Morgen ausritt, um die neuen Anlagen dieser Gegend zu mustern. Die Gattin, die er sich wählte, mußte in der Stille des Hauses ganz ihm allein sein, aber würde Jetta darein willigen, so im Dunkel zu stehn und war es nicht Unrecht, sie in den Schatten zu stellen? Würde sie gern auf das verzichten, was sie ihre Mission nannte? Sie war gewohnt, mit den unteren und oberen Göttern zu verkehren, würde es ihr da genügen, den Mägden zu gebieten und Kinder zu erziehn? Mußte eine solche Ehe nicht enden wie Jason's Bund mit der Zauberin von Kolchis? Sein Haupt hing tief herab auf den Hals seines Rosses, als er in diesen Träumen dahinritt und seine Beklemmung wuchs, als er heimwärts kehrte und die Doppelhöhen des Mons Piri mit den beiden Steinringen der Alamannen vor ihm lag. Häufiger als sonst fuhr er ungeduldig aus mit seiner Gerte und riß sein Pferd dann wieder hart zurück mit dem Zügel, wenn das Roß sich, die Bewegung mißverstehend, in Trab setzte. »Ich bin ein schlechter Reiter geworden, seit ich begehre ein Magier zu sein«, sagte er unmuthig. Er fühlte sich mehr berauscht als glücklich. Gerade die Bewunderung, die ihm Jetta einflößte, war zugleich eine Gefahr für seine Liebe. Von einer Sappho geliebt zu werden, schmeichelte ihm vielleicht, aber welcher Mann möchte eine Ehefrau, die ihn geistig überragte? Das Alles sagte sich Rothari nicht so offen und klar, aber es wäre ihm lieber gewesen, Jetta hätte nur ihr liebliches Lächeln gehabt und nicht die hohe Kunde der geheimen Zahlen. Als er das Haus betrat, war er entschlossen, sie nicht zu freien. Dennoch trieb es ihn noch vor der von Jetta bestimmten Stunde aus dem Hause in den Garten hinaus. Eine laue, weiche Nacht lag über den blühenden Büschen und schwüle Gewitterluft brütete über der leise murmelnden Quelle. Nur von Zeit zu Zeit bewegte ein linder Hauch die Zweige und deutete an, daß ein milder Frühlingsregen bevorstehe. Rothari blieb auf der Terrasse, den traumhaften Lauten der Nacht und ihrem geheimnißvollen Gekose lauschend. Der Mond kam spät und als er endlich aufging, war er groß und bleich und sein Licht matter als gestern. Gehorsam der Ladung stieg Rothari nunmehr zum Marmorbrunnen hinab, da dämmerte ihm schon von Weitem Jetta's helle Gestalt entgegen. Sie saß, das Haupt gegen einen alten Ahornstamm gelehnt und hatte die bloßen Arme über die Brust gekreuzt. In dem bleichen Mondenlichte erschien sie noch blasser als gewöhnlich. Ein weites, weißes Gewand umhüllte sie in weichen Falten, die malerisch bis zum festen zierlichen Knöchel hinabspielten. Mit einem Blick voll trauernden Ernstes, das Haupt nur leise neigend, begrüßte sie ihn. Ihr Auge hing dann eine Weile an der bleichen Scheibe des Mondes; sie schien ein Gebet zu sprechen, dann ging sie, jeden persönlichen Austausch abschneidend, sofort zu ihrer Unterweisung über. »Ich habe dir gestern gezeigt«, begann sie mit ihrer tiefen melodischen Stimme, »wie die Zahlen die Keime alles Seins sind und daß die Sinnenwelt sich so gestaltete, wie die Gottheit die Zahlen durch ihren Willen zusammenfügte oder wie sie innerhalb des göttlichen Wesens sich ordnen. Nun aber weißt du, daß die Zahlzeichen der Chaldäer auch Buchstaben sind und sich aussprechen lassen als Wort. Darum sagen die Hebräer, Chaldäer und Christianer nicht mit Unrecht, die Welt sei geschaffen durch das Wort. Die Zahlen, die die Grundverhältnisse der Welt bilden, sind zusammen das göttliche schöpferische Wort. Wie finden wir nun dieses heilige schöpferische Wort?« fragte sie und ihre Stimme dämpfte sich und sank herab zu einem geheimnißvollen Flüstern. »Wir zählen die heiligen Zahlen zusammen und finden so den unaussprechlichen, geheimnißvollen Logos, durch den die Gottheit die Welt geschaffen und der noch heute schöpferisch ist. In allen seinen Abwandlungen werde ich das Wort dich lehren, wenn du dazu gereift bist. Für heute nur so viel: Nicht alle Zahlen und Buchstaben sind von gleichem Werthe. Der erste, mittlere und letzte Buchstabe des Alphabets, in dem das Ganze ruht, sind die Mütter, die geheimen Quellen des Daseins. Anfang, Ende und Mitte bilden sie, so beruht auf ihnen Satz, Gegensatz und Ausgleichung. Diese drei aber nimmst du wahr in Allem, was existirt. Du siehst Wasser und Feuer und als Ausgleichung die Luft, Geist und Körper und als Ausgleichung die Seele. Nichts existirt, das nicht in diesen Dreien hinge wie in den Müttern das ganze Alphabet. Anfang, Mitte und Ende hat jedes Ding. Zu diesen drei Buchstaben kommen sieben weitere, die sowohl hart, wie weich ausgesprochen werden können. Auf dieser ihrer Eigenschaft beruht der reine Gegensatz, der durch alles Irdische zieht. Durch sie ist Leben und Tod, Frieden und Krieg, Weisheit und Thorheit, Lust und Schmerz u. s. w. Nun bleiben noch zwölf einfache Buchstaben; sie bewirken die Mannigfaltigkeit und Vielheit der Dinge. Um dieser zwölfe willen hat der Horizont zwölf Winkel, das Jahr zwölf Monate, der Körper zwölf Glieder. Doch haben auch sie, jeder seine besondere Qualität, was für die Zusammensetzung der Zauberformeln hoch bedeutsam ist. In diesen Buchstabenreihen bergen sich geheinmißvoll wirkende Kräfte, theurgische Mittel, mächtige Talismane, schützende Amulete, furchtbare Bannformeln.« Während Jetta so leise redete, fing der weiche Westwind an sich zu verstärken und das Rauschen in den Kronen der alten Ahornbäume nahm zu; man hörte die Aeste aneinanderklappen, während die Wolken in wilder Hast über die Mondfläche hinjagten. Jetta schien es nicht zu beachten; mit erhöhtem Eifer fuhr sie fort: »Wegen dieser Eigenschaft der Buchstaben ist es nicht gleichgültig, wie ein Ding sich nennt. Daß die Gottheit diese Buchstaben zum Namen zusammenfügte, das macht sein Wesen, sein Leben und seinen Charakter. Die Chiffre jedes Dings ist seines Wesens Grund. Darum wenden auch Unwissende Namen übler Vorbedeutung ab, weil sie diese geheimen Kräfte der Namen ahnen.« Der Prophetin Blick richtete sich jetzt scharf nach dem Himmel, an dem immer wilder die Wolken jagten. »So gibt es Namen der Gottheit«, fuhr sie fort, »bei deren Nennung noch heute das Weltall in seinen Fugen ächzt.« Sie zögerte und schien sich zu besinnen. Dann sagte sie geheinmißvoll: »Der freundlichste ihrer siebzig unausgesprochenen Namen, der Name, den ich dir heute schon nenne, er heißt: Jao Kabao.« Am Horizonte wetterleuchtete es und man hörte das ferne Rollen des Donners. Rothari überlief ein leichtes, abergläubisches Grausen. »Die Wissenden aber, die Schüler der Chaldäer, verstehen aus diesem einen Namen alle andern abzuleiten. So ist der zweite, der schon gewaltiger wirkt: Kaulaukauch.« Ein greller Blitz erhellte Jetta's geisterbleiches Angesicht und ein stärkerer Donnerschlag zeigte das Hereinbrechen des Orkans. Aber die Prophetin harrte ruhig aus, während der Wind sie bereits mit Staub und losgerissenen Blättern überschüttete. »Der dritte Name aber ist der Name, der die Erde erschüttert, die Untern und Obern entsetzt« .... ein harter Donnerschlag, der fast gleichzeitig mit dem Strahle niederfiel, verschlang ihr Wort. Der Blitz beleuchtete ihre fanatisch aufgerichtete unheimliche Gestalt vom Haupte bis zu den Füßen. Ihre Lippen bebten, ihr Auge war starr. Rothari wußte nicht, hatte sie den Namen genannt oder verschwiegen. Entsetzt sprang er auf und rief: »Donar! höre sie nicht!« und zu Jetta gewendet: »Ich bitte dich schweige, schweige« .... Bleich und groß wendete sie sich ihm zu: »Was thust du? Nun ist die gute Stunde vorbei. Vor Jahresfrist darf ich dir nun die weiteren Zeichen nicht enthüllen.« Und während der Regen herniederprasselte und die Blüthen von den Bäumen schlug, während Blitz und Donner sich jagten, legte sie ruhig ihr Obergewand zum Schutze über das Haupt und ging langsam vor ihm her nach der Treppe. Er folgte ihr nicht. Sie erschien ihm grausenhaft schön, aber er fürchtete sie. »Ein entsetzliches Weib«, murmelte er. »Wie kommt sie nur dazu, diese reinen, jungfräulichen Lippen mit dem schwarzen Gräuel solcher Zaubersprüche zu beflecken!« Auf einer Steinrampe sitzend hielt er den stromweise niederstürzenden Regen aus. Er kühlte ihm sein Haupt, dieser Regen, den sie vor seinen Augen gewirkt hatte. Endlich zwang ihn der anhaltende Guß doch, sein Zimmer zu suchen. Hier entledigte er sich der nassen Gewänder und mit seinem Mantel bedeckt lag er auf dem bequemen Polster und hörte dem Tropfen des Regens auf dem Dache, dem Rauschen der Rinnen in das Impluvium zu, das draußen im Atrium sein einförmiges Geplätscher fortsetzte. Die dumpfe Gewitterluft in dem engen Gemache ängstete ihn zum Ersticken. Das Schauerliche, was er gesehen, regte ihn auf: »Sie würde sich geben wie eine Königin«, sagte er zu sich selbst, »aber wäre es wünschenswerth sie zu besitzen?« Nein, es war vorbei mit seiner Liebe. Ihm war, als habe er ein Buch ergriffen, weil es oben ein schön gesetztes Liebesgedicht zeigte, aber als er es weiter entrollte, war es mit dunklen kabbalistischen Zeichen, mit zauberischen Gräueln beschrieben und er schauderte. »Fliehe, Rothari, fliehe«, rief eine Stimme in ihm. Aber sie war so schön mit ihren dunkeln Augen, diese junonische Gestalt – – und er warf sich unruhig auf dem weichen Polster hin und wieder. Am liebsten hätte er sein Roß gesattelt und wäre hinausgesprengt dem Wetter und Sturme entgegen. Da hörte er einen leisen, schleichenden Schritt. Ein röthliches Lampenlicht fiel durch die Spalte, das Rauschen eines weiblichen Gewandes traf sein krankhaft erregtes Gehör. Es tappte nach seiner Kammer. Rasch stand er auf den Füßen und warf den Mantel über sich. Dann öffnete er behutsam die Thüre und schrak zurück. Das alte Weib stand vor ihm, das er bei seinem ersten Erwachen vor diesem Gemache belauscht hatte. Sein Zurückprallen schien sie zu belustigen. Sie hatte wohl öfter Gelegenheit, sich dieses Eindrucks ihrer Reize zu erfreuen. Das eine Auge leuchtete spöttisch auf und selbst das andere kam zwischen dem gesunkenen Lide zwinkernd zum Vorschein. Wie sie ihre Oellampe hoch hielt, furchten sich all die tausend Runzeln ihres gelben Gesichts tiefer und schärfer, und der graue Flaum ihrer Wangen erglänzte silbern. Dennoch fand sie Rothari heute nicht häßlich. »Wen suchst du, Mütterchen?« fragte er freundlich. »Dich, Herr«, kicherte sie leise. »Und was bringst du, gute Mutter?« »Eine Botschaft meiner Herrin.« Dem Helden schoß das Blut in's Angesicht und er erbebte, während die Alte still in sich hineinlachte. »Jetta«, fuhr sie hüstelnd fort, »verlangt deine Hülfe für sich und ihren Vater. Syagrius hat Anschläge auf sie und wird morgen mit dem Kaiser hier sein. Du giltst für den Einzigen, auf den der Kaiser hört. Sie bittet, du möchtest dem Comes zur Seite stehn und das Haus nicht verlassen, ehe Valentinian da war.« Einen Augenblick dachte er bei dieser überraschenden Wendung, eine Zusammenkunft mit Jetta zu verlangen. Aber ehrfurchtsvolle Scheu hielt ihn zurück. Seine Stimme klang rauh, als er hastig erwiderte: »Sage deiner Herrin, ich würde kommen und wenn sie mir Weiteres anvertrauen wolle, würde ich zu jeder Stunde und wo sie es wünsche, bereit sein.« Die Alte nickte mit dem Haupte, er wußte nicht, war es Schwäche der Glieder, war es Zustimmung, daß sie die Gebärde ohne Ende wiederholte. Sie schien ihren Kopf in's Schaukeln gebracht zu haben und nun vermochte sie ihn nicht wieder zu stellen. Dann kehrte sie sich ab ohne Gruß und verschwand schleichend in's Tablinum. Rothari sah noch das Licht roth zwischen den Säulen der Peristyls glänzen. Ihr schleifender Schritt verhallte dann nach oben und man hörte im ganzen Hause wieder nichts als das einförmige Niederrieseln des Regenwassers in das Impluvium und das Klopfen der Tropfen auf den flachen Dächern. Dieses monotone Lied schläferte den Helden endlich ein und es war spät als er erwachte. Elftes Kapitel. Stimmen und Schritte tönten im Tablinum. Erschreckt fuhr Rothari aus dem Schlafe empor, öffnete die Thüre und horchte gespannt hinüber. Er hörte Valentinian's herrische, mächtige Rede. »Diese Eifersüchteleien zwischen euch müssen ein Ende nehmen«, sagte der Kaiser. Rasch und entsetzt griff Rothari nach seinen Sandalen und fuhr in seinen Lodenrock. »Der Zustand der Provinz verlangt, daß ihr nicht nur äußerlich, sondern von Herzen zusammenwirkt.« Rothari ordnete rasch seinen Bart und seine Haare. »Syagrius hat der Augusta einen Wunsch vertraut, den mir meine Gattin an's Herz legte. Justina ist klug in allen Dingen, zumal in einer Sache, in der Frauenrath ganz am Platze ist.« »Donar möge sie erschlagen«, knirschte Rothari, warf seine Schwertgurt über den Arm und den Mantel über die breiten Schultern. Fest aber leise schritt er nach dem offenen Eingang, der Atrium und Tablinum schied und sah alsbald die Hünengestalt des Kaisers, der bequem in einem Stuhle lag. Sein Behagen glich dem eines ruhenden Löwen und nur das flammende Auge erinnerte, daß dies derselbe Valentinian sei, vor dem die Menschen zitterten. Hinter ihm stand der rothbärtige Notar in sorgfältigem Putze, zur Seite Arator, auf den Jetta sich leise lehnte, würdevoll wie immer, aber blaß. Sie richtete ihr Auge traurig auf den Eintretenden, als wollte sie ihm sagen: »So achtest du meine erste Bitte? Du schläfst, während sie über mein Schicksal würfeln.« Der Kaiser beantwortete Rothari's Eintreten nur mit einem Stirnrunzeln und fuhr lauter fort: »Justina also verwendet sich dafür, du möchtest deine Tochter Syagrius zum Weibe geben, damit der Friede zwischen euch ein dauernder werde.« Ein Scharren zur Seite ließ Rothari gewahren, daß auch Gratian an einer Säule lehnte, noch unruhiger als sonst die langen Glieder hin und wieder schleudernd. »Ich habe meine Tochter schon einem Andern halb und halb verlobt«, erwiderte Arator verlegen. »Verzeihe, Herr, wenn ich erst andere Verpflichtungen zu lösen suche, ehe ich neue eingehe.« Valentinian erhob sein Löwenhaupt und seine Miene ward finster. »Ich dachte, daß es so kommen werde«, nahm Syagrius nun mit schneidendem Tone das Wort. »Du siehst, Augustus, wie wenig es dem Comes um den Frieden zu thun ist. Das Alles sind Ausflüchte. Ich kenne die gesammte Jugend des Lagers. Niemand ist hier, der zu der Tochter des Comes die Augen zu erheben wagte.« Arator erwiderte stolz: »Das werde ich als Vater doch wohl am besten wissen.« »Ich kenne niemanden, niemanden«, gab Syagrius in scharfem Tone zurück. Rothari schaute nach Jetta, die sich zu ihrer vollen Größe aufgerichtet hatte und bleich aber in stolzer Fassung der Verhandlung zuhörte. Dieses schöne, blasse Antlitz verrieth nicht Furcht, aber verhaltener Zorn spiegelte sich in ihren Mienen. »Soll ich verhandelt werden wie sie um Pferde handeln?« schien die Falte auf ihrer jungfräulichen Stirne zu sagen. Als Syagrius aber so hartnäckig auf des Kaisers Zusage sich steifte und dieser unmuthig auf seinem Stuhle zu rücken begann, wurde sie bleicher und bei des Notars keckem Pochen: »ich kenne niemanden«, schlug sie plötzlich die dunkeln Wimpern auf und ein heißer Strahl ihres Auges traf den Germanen. Das war nicht mehr Medea, die ihn zwischen Grauen und Ehrfurcht gefesselt hielt. Es war der Blick eines Hülfe suchenden liebenden Weibes, das, wie jedes andere Weib, des Schutzes bedurfte. Wie von einer höheren Gewalt gestoßen, trat der Germane vor und rief: »Dieser niemand bin ich. Ich freie um Arator's edle Tochter!« Der Notar erbleichte. Aber auch von der andern Seite trat ein kleiner, dicker Togaträger hervor; es war Ausonius: »Möge deine Erlauchtheit mir verzeihen«, sagte er in süßestem Tone, »wenn so öffentlich darüber verhandelt wird, wer würdig sei, Gatte der schönen Jetta zu werden, dann muß auch ich bezeugen, daß von früher Jugend, das heißt Jugend ihrerseits, ein Band der Freundschaft uns verbindet, das ich gern in Hymen's Band verwandeln möchte.« »Und Bissula?« rief Gratian mit spöttischem Tone. »Bissula ist eine Sklavin und wird sich finden«, sagte der kleine Mann mit vieler Würde. Der Comes schlug vornehm betroffen die Arme übereinander und wickelte sich eng in seinen Mantel. Jetta hatte die Augen wieder gesenkt und keine Miene verrieth, was in ihr vorging. Der Kaiser aber brach in ein Gelächter aus. »Sagte ich es doch Justina gleich, daß ich mich zum Freiwerber durchaus nicht eigne! Da hätte ich am Ende Syagrius mit Rothari und Ausonius entzweit, statt ihn mit Arator zu versöhnen. Nun mag die Jungfrau selbst entscheiden. Ich bin's zufrieden, wenn zwei von euch sich verbinden, dann wird der dritte auch sich fügen müssen. Nun, stolze Tochter Roms, willst du den Alamannen lieber oder den Gallier Ausonius oder den Griechen?« »Erlaube, erhabener Herr, daß eine freie Römerin aus erlauchtem Geschlechte sich als Freie gebe und vielleicht weder dem Alamannen, noch dem Gallier, noch dem Griechen.« Der Kaiser lachte. »Ich sagte es ja immer«, scherzte er, »daß Arator's Tochter einer der schönen Griechinnen gleiche, um die die Helden kämpften und die Völker in Aufruhr kamen. Aber bedenke, mein Kind, daß der Griechen Schiffe fast zu Grunde gegangen waren über den schönen Augen der Briseis. Entscheide dich, ehe ich solchen Schaden erlebe wie König Agamemnon.« »Der Antrag der Herren ehrt mich sehr, aber ich muß mich prüfen«, erwiderte Jetta ausweichend. »Sie prüfen, heißt das wohl?« lachte der Kaiser. »Schön, aber prüfe sie wie Römer oder meinethalben wie die Freier der Penelope mit Bogen und Pfeilen!« »Ich nehme den Vorschlag an«, sagte Jetta heiter. Sie faßte mit ihrer Weißen schmalen Hand das Ende ihres Schleiers und zog ihn anmuthig über ihre Schulter. Die Furcht, die sie noch eben befing, schien sie gänzlich abgeschüttelt zu haben. Eher lag ein leichter Spott in ihrer Miene, als sie sich aufrichtete und gleich einer Königin sprach: »Mein Vater hat mir ein Gütlein geschenkt am Promontorium, den Bühl nennen es die alamannischen Knechte. Heute meldet mein Pächter, daß eine Wölfin in der Nähe Hause, die täglich ein Thier meiner Heerde, ein Huhn bald, bald eine Ziege, bald ein Lamm mir raube. Sie füttert wohl ihre junge Brut in der Nähe, aber die Leute konnten ihr Lager nicht finden. Wollt ihr, edle Herren, mit mir jagen? Ich sage nicht, daß ich dem gehöre, der das Unthier erlegt. Das könnte auch ein Sklave sein und wir leben nicht mehr in den heroischen Zeiten, da man Atalanta im Wettlauf gewann. Aber die Jagd im Maienwalde versöhnt die Gemüther und bis zum Ende der Jagd haben wir uns vielleicht alle anders besonnen.« »Der Augustus selbst beugt sich vor so viel Schönheit«, sagte Valentinian, und die plumpe Gestalt neigte sich mühsam vor der schlanken Jungfrau. »Ich weiß, daß Jetta viel auf mich hält und ich will ihr zeigen, daß auch ich auf sie halte.« Syagrius machte eine Bewegung des Unmuths, aber der Kaiser wendete sich ihm trostreich zu. »Du giltst ja für einen guten Schützen, Grieche, gib deine Sache nicht allzufrüh verloren. Ich kehre nach Alta Riva zurück. Es wird Justina freuen von dem Ausgang dieser Jagd zu hören. Wer auch der glückliche Jäger sei, ich wünsche ihm Glück zu solcher Beute.« Er wollte das Gemach verlassen, als ihm Rothari den Weg vertrat. »Erlauchter Augustus«, sagte der Germane kalt, »ich lege mein Amt hier in deine Hände.« Valentinian stutzte. »Ich war des Verraths beklagt«, fuhr Rothari fort, »und halte damit meinen Auftrag für erloschen, der vor Allem Vertrauen erfordert. Laß mich deinem Sohne dienen, aber die Verhandlungen mit den Alamannen kann ich nicht weiter führen.« Freundlich sagte der Kaiser, während sein eines Auge den Boden, das andere die Wand anstarrte: »Wer sagt dir, daß ich dir nicht vertraue? Du bleibst hier bei Arator und damit du siehst, wie sicher ich auf dich zähle, will ich die Wartthürme auf der südlichen Seite des Nicer dir unterstellen bis sich bessere Arbeit für dich findet.« Arator und Syagrius legten ihr Angesicht in ernste Falten. Statt zweier Befehlshaber waren es nun ihrer drei. Aber das entsprach ja Valentinian's Weisheit, der seine Stärke in der Schwächung aller Provinzialgewalten suchte. Ehe noch eine Bemerkung möglich war, hatte der Augustus das Gemach verlassen, während Arator ihm ehrerbietig das Geleit gab. »Also auf morgen, ihr Herren, zur Jagd«, sagte Jetta mit frohem Uebermuth. »Armer alter Freund, wie wirst du keuchen«, nickte sie noch Ausonius zu. »Aber auch ich möchte diese Jagd mitmachen«, rief Gratian, »die Jagd nach dem Glücke.« Die Erregung machte seine Stimme noch dünner, sie klang knabenhaft hell, so daß die Andern wider Willen unehrerbietig lachten. »Ei, mächtiger Augustus«, scherzte Jetta, »ich dächte, du hättest dein Herz an Constantia geschenkt?« »Mein Vater schenkte ihr, was selbst nicht sein war. Mir liegt nicht das Geringste an der Verwandtschaft mit dem alten Kaiserhause.« »Staatsgeheimnisse und Herzensgeheimnisse«, sagte Jetta, indem sie die Falten ihres Gewandes mit ihrer feinen Mädchenhand glatt strich, »muß man nicht vor so vielen Zeugen preisgeben, mein Erhabener und Erlauchter, und da der Kaiser heute noch reist« ... Gratian unterbrach sie: »Mein Vater mag reisen, ich aber bleibe. Wozu hätte er mich zum Mitregenten angenommen, wenn ich nicht einmal soll jagen dürfen, wann ich will?« Jetta zuckte die schönen Schultern und verschwand nach oben. Rothari schaute ihr in traumhafter Entzückung nach. Selbst die Marmorstufen der Treppe schienen ihm zu erglänzen, wo der kleine Fuß den kalten Stein berührte. Gratian trat hastig auf ihn zu: »Ich sah wohl den Blick, den sie dir zuwarf. Mein Vater hat ganz Recht, es war Helena's Blick, der Paris zum Schurken machte, der Blick, der die Griechen über das Meer trieb, der Blick, der Troja's Zinnen stürzte. Ich frage dich bei deiner Ehre: wen liebt sie, dich oder mich?« »Sie sprach recht freundlich von dir, recht mütterlich.« »Geh zum Styx mit allen Müttern. Aber ich schieße besser als du. Ich will euch allen zeigen, daß ich ein Mann bin.« Mit einer wüthenden Gebärde stürzte der Jüngling aus dem Hause. Syagrius und Rothari maßen sich noch mit einer fremden, kalten Miene, dann schieden auch sie. Vor dem Thore stieß Rothari auf Arator. »Wie werden wir unsere Gewalten abgrenzen?« fragte der Comes. »Wie Vater und Sohn«, erwiderte der Germane. Da traten dem alten Manne die Thränen in die Augen und er küßte den Jüngling auf die Wange. Rothari reichte ihm herzlich die Hand. »Machen wir durch Vertrauen gut, was Valentinian durch Argwohn sündigt«, sagte er und verließ den Alten in tiefer Bewegung. Zunächst ritt Rothari nach dem Lager, um sich seinen Truppen als Führer vorzustellen. Am Abende setzte er sich wieder an die Marmorschale, heute jedoch vergeblich. Die kastalische Quelle rauschte wie sonst, aber die Muse fehlte. Der Begegnung mit Rothari ausweichend war Jetta nach dem Zehnthofe unterhalb der Straße gegangen, wo Ausonius zu Hausen pflegte, wenn er nach Novus Vicus kam. Halb ärgerlich, halb humoristisch gestimmt, wollte sie dem alten Freunde den Kopf waschen für die Thorheit, die er diesen Morgen begangen. Aber als sie zu dem Gehöfte hinabgestiegen war, blieb sie zögernd vor der Thüre stehn, denn drinnen erscholl unbändiges Klagen und Weinen. Seltsame barbarische Laute einer flehenden Frauenstimme schlugen an ihr Ohr. »Barmo, liabo! Kanado, mina heroro, kanado!« so ungefähr klang es. Das kindische Weinen und Jammern ergriff Jetta tief, aber sie fürchtete eine entsetzliche Scene zu veranlassen, wenn sie eintrat. Nur zu wohl konnte sie sich denken, wer in diesen Jammertönen zu Ausonius flehe. »Erasinus! Erasinus!« hörte sie jetzt den Dichter rufen. »Bringe mir die Toga, die Sandalen, ich will in's Lager bis dieses Weib sich ausgeweint hat.« Der Rest seiner Worte wurde wieder von Bissula's Wehegeschrei verschlungen. Rasch trat Jetta hinter einen der hundertjährigen Nußbäume, die römische Colonen einst gepflanzt hatten, während Ausonius sich mit seinem Pagen Erasinus hastig entfernte. Man sah dem großen Dichter sein schlechtes Gewissen sogar von hinten an, so eilig machte er sich aus der Tragweite von Bissula's Kehle. Die verlassene Alamannin drinnen schwieg, sobald sie gewiß war, daß keiner ihrer Seufzer mehr zu dem hartherzigen Gatten den Weg finde. Jetta aber brachte es nicht über sich, das arme Weib seinem Jammer zu überlassen, sie trat in den ländlichen Hof. Ein gewaltiger Molosserhund kam ihr knurrend entgegen, da aber Jetta keine Furcht zeigte, machte er vor ihrem gebieterischen: »nieder« kehrt und legte sich in seine Hütte. In vornehmer Haltung, wie die Königin in das Haus des Armen, trat nun Jetta durch die offene Thüre in das Atrium, wo sie in der Dämmerung an einer Säule kauernd die Trauernde gewahrte. Bissula hatte ihr Angesicht in die Hände gestützt; ihre blonden Haare hingen aufgelöst über ihre Schultern und in dumpfem Schmerze starrte sie vor sich hin. »Weine nicht, Bissula, Ausonius wird dich nicht verlassen. Du ängstest dich ohne Noth«, sagte Jetta mit milder Stimme. Es lag so viel Sicherheit und herzlicher Trost in dieser Rede, daß das schöne Alamannenweib sich langsam aus ihrer Erstarrung aufrichtete. Verweinte blaue Augen trafen Jetta und alsbald flossen die Thränen wieder. »Oh, hohe Frau«, jammerte sie, »sie hat ihn behext, er wird sie heirathen. Ach, wenn du eine der guten Frauen bist oder eine Göttin der Römer, hilf mir. Sie werden mich verkaufen und er hat mir doch so oft versprochen, daß er mich nie von sich lassen wolle. Er werde mich freilassen und zu seiner Gemahlin machen, sagte er, so wahr er Decimus Magnus Ausonius heiße. Und nicht wahr, er heißt doch auch so und hat mich nicht am Ende schon damals belogen?« »Nur ruhig, gute Frau, er wird Jetta nicht heirathen.« »Weißt du das ganz gewiß?« fragte die Alamannin ängstlich. »Ich weiß ganz gewiß, daß Jetta ihn nicht bezaubert hat und daß sie ihn nicht heirathen will, denn ich bin Jetta.« Kaum hatte die Jungfrau diese Worte gesprochen als Bissula aufsprang, ihre Kniee umschlang und auf's neue zu weinen begann. »Oh, sei barmherzig, bei allen Göttern ... gib mir Ausonius wieder ... ich weiß, daß du zaubern kannst, wende mir sein Herz wieder zu. Er war so gut, ehe er dich heirathen wollte und lobte mich immer, daß ich so schnell lateinisch gelernt hätte. Und er sagte, ich spreche es ganz gut aus, ach und es war so schwer, euere Sprache zu lernen. Was soll ich nur anfangen, wenn er mich wegschenkt oder verkauft, denn geizig ist er.« »Nur ruhig, Bissula, ruhig. Habe nur zwei Tage Geduld. Zanke nicht, wenn er wiederkommt, weine auch nicht, sondern trage alles sanft und freundlich. Ich verspreche dir, morgen Abend um Sonnenuntergang schwört er dir auf's neue, er werde dich heirathen, so wahr er Decimus Magnus Ausonius heiße und so heißt er wirklich.« »Oh, du bist so mächtig, mache, daß das wirklich so kommt.« »Aber du darfst heute Abend nicht wieder weinen und schreien.« »Ach, das kann ich nicht, das kann ich nicht«, jammerte jetzt Bissula auf's neue. »Ich muß es ihm sagen, wie schlecht er an mir gehandelt hat. Noch nicht die Hälfte habe ich ihm gesagt von allem, was ich ihm sagen wollte, er ist ja weggelaufen mit seinem abscheulichen Erasinus. Nein, ich will ihm vorheulen die ganze Nacht und alle Nächte.« »Dann wirst du ihn verlieren, das sage ich dir.« »Oh, ich armes Weib«, weinte die Alamannin, »du weißt nicht, wie es mich hier am Herzen drückt. Oh, ich armes Weib ... so gib mir ein Zaubermittel, daß ich still sein kann, denn sonst wird mir das Herz brechen.« »Gut, gib mir einen Becher. Hier steht ja ein Krug, schön. Bleibe ruhig hier bis ich wieder komme. Jetta ging hinaus in's Viridarium, wo sie einen Brunnen rauschen hörte. Dort füllte sie den Krug und betrachtete sich eine Weile Ausonius' absonderliche Einrichtungen. Dann kehrte sie wieder zu der Alamannin zurück. »Hier«, sagte sie zu Bissula. »Sobald die Sonne vollends gesunken ist, legst du dich nieder und stellst diesen Krug mit geweihtem Wasser neben dein Bett. Sobald du Ausonius kommen hörst« ... »Soll ich ihn damit besprengen?« ... »Nein, höre genau zu. Alsbald nimmst du einen Schluck von diesem Wasser und behältst ihn im Munde und liegst ganz still und für dich denkst du immer die Namen Decimus Magnus Ausonius .... Wenn dir durch irgend ein Ungeschick das Wasser aus dem Munde kommen sollte, so nimmst du sofort einen neuen Schluck und denkst nichts Anderes als Decimus Magnus Ausonius. Wenn du so thust, wird Ausonius morgen wieder dein sein. Sprechen darfst du aber kein Wort, sonst geht er dir verloren. Hast du verstanden?« »Ja, ja, ich will es thun. Hast du es auch so gemacht, um ihn mir abzufangen?« »Du hörst ja, thörichte Frau, daß ich ihn gar nicht fangen wollte. Er ist viel zu klug für mich.« »Ja, das ist er«, sagte Bissula. »Oh, wie froh ich bin, daß ich dich nun nicht zu tödten brauche.« »Ei, sieh da, du wolltest mich tödten. Das sind ja schöne Dinge. Wie hättest du denn das gemacht?« »Oh«, sagte Bissula eifrig, »ich hätte diesen Strick von meinem Gewände genommen und dich so, siehe so, erwürgt. So machen wir es zu Hause. So drehen wir die Schlinge, dann so, nun so, dann ist es gleich vorbei. Ich lernte es, als ich noch im marcianischen Walde wohnte bei Tarodunum. Zarten. Manchen großen Truthahn habe ich auf diese Art erwürgt, weil Ausonius sagte, der verliere immer zu viel von dem Blute.« »Ich hoffe, du hättest dir doch vorher überlegt, daß ich kein Truthahn bin«, sagte Jetta lächelnd. »Ausonius ist wohl hart gegen dich?« »Oh, wie sich's trifft. Er ist eben ein Dichter. Bald schlägt er mir Beulen, bald macht er Verse auf mich. Ich will aber doch bei ihm bleiben.« »Gut, dann thue genau, was ich dir sagte.« »Sobald er kommt, werde ich das Wasser in den Mund nehmen«, versicherte Bissula eifrig. »So lebe wohl«, erwiderte Jetta, »und bedenke, daß ein unnützes Wort den Zauber zerstört. Schweigst du aber, so bist du morgen Abend aller Sorgen ledig.« Da sprang die Alamannin auf und ehe Jetta es sich versah, bedeckte sie ihr Angesicht mit Küssen, so daß diese froh war, so stürmischen Dankesbezeugungen nach der Straße zu entrinnen. »Wenn dieses große Kind so unversehens zu würgen, wie zu küssen versteht«, sagte sie, ihren Schleier wieder ordnend, »so bin ich freilich einer großen Gefahr entgangen.« Wie sie dann einige Schritte vom Hause entfernt war, hörte sie Bissula in den glückseligsten Tönen jauchzen und singen und sie eilte, so rasch sie konnte, weiter. »Wie Ausonius das nur aushält?« dachte sie. Dann blieb sie stehen: »Ob die Männer dieses Volkes nicht klüger sind als ihre Frauen? Rothari gewiß.« Und still vor sich hinlächelnd über ihr neues Zaubermittel zur Wiederherstellung des ehelichen Friedens, kehrte sie zurück in ihre Stube. Zwölftes Kapitel. Am Morgen des folgenden Tages polterten fünf Pferde über den Holzdamm zum Thore des Lagers. Einem kleinen, weißen Thiere war Jetta's Maulthiersattel aufgeschnallt und auf ihm saß Arator's schöne Tochter in stolzer Haltung. Ihr langes weißes Gewand war von einem goldenen Gürtel gehalten und über dem nach Diana's Vorbild zurückgenommenen Haare fiel der Schleier in schönen Falten nieder. Hinter ihr folgten der jugendliche Gratian mit seinem Mentor Ausonius, der rothbärtige Syagrius und der Recke Rothari, der die drei Andern um eines Hauptes Länge überragte. Sobald sie die Porta principalis passirt hatten, liefen die Soldaten von allen Seiten zusammen und begrüßten Jetta mit stürmischem Zuruf. Rothari sah, wie die Bewunderung des Lagers Jetta erfreute, während doch ein Blick auf ihn um Vergebung zu bitten schien für diesen öffentlichen Auftritt. Mit kritischen Blicken schauten die Officiere den vier Reitern nach, von denen doch nur der Germane von den Göttern bestimmt sein konnte, Jetta's Gatte zu werden. In Folge des kleinen Verzugs sahen sich die Jäger von ihren Knechten eingeholt, die lange Jagdspieße und Bogen trugen und hitzige Jagdhunde an der Leine führten. Endlich folgte noch, von den Soldaten mit Lachen begrüßt, ein mit Maulthieren bespannter, halbverdeckter Wagen, den eine derbe junge Dirne mit blaurothen Wangen munter regierte, während im Hintergrunde die alte Phorkyas gleich einer Eule im Schatten kauzte. Der Zug beschritt jenseits des Lagers die Brücke über den Nicer und bei der kleinen Kapelle des Neptun, die auf dem mittleren Pfeiler stand, führte Jetta, den Gott grüßend, die Hand zum Munde. Die Knechte schlugen das Kreuz oder wehrten durch Einziehen des Daumens der Macht des Dämons. »Wir werden heute nichts erjagen als Unglück«, flüsterte ein Christianer dem andern zu. Auch die Stimmung der vier Reiter schien nicht eben festlich. Syagrius machte sein gewöhnliches verbissenes Gesicht. Ausonius schaute stromabwärts nach den hellblauen Bergen jenseits des Rhenus, hinter denen sein geliebtes Gallien lag; ein langer Seufzer klang, als ob dem dicken Herrn etwas schwer auf dem Herzen liege. Rothari aber blickte stromaufwärts nach der duftigen blauen Bergwand des Wodanwaldes, wo die Alamannen hausten. Ihm war dieses öffentliche Werben um ein Weib verstimmend, obwohl Jetta selbst und die Welschen das nicht zu empfinden schienen. Seiner schweren Germanennatur war alles ernsthaft, wie erst eine Brautfahrt, und nach seinem Gefühle mußte sich ein solcher Schritt in das zarteste Geheimniß hüllen. So schwieg auch er. Nur Gratian war hellauf und unterhielt die schöne Führerin des Zuges jugendlich beflissen. Dennoch war dieser Morgen so herrlich über dem Thale des Rhenus aufgegangen wie nur einer in diesem schönen Frühling. Der Nicer floß mit tausend blitzenden Augen schimmernd zwischen dem leuchtenden Grün der Wiesen. Weiße Möven schwebten über der blinkenden Fläche und langhalsige Reiher. In den Wellen aber tummelten die römischen Soldaten ihre bunt bemalten Barken, während plumpe, aus Baumstämmen gehöhlte Alamannenkähne ihre Last nach Mogontiacum hinabführten. Als die Reiter jenseits des Vorwerks in den Vicus der Nemeter einlenkten, stürzten alsbald die Knaben und Kinder herbei und riefen Jetta ihre Grüße entgegen, sie aber ließ die Hand in die Busenfalte ihres Gewandes gleiten und warf ihnen kleine Geldstücke zu. »Jupiter bescheere dir einen schönen und reichen Gemahl!« rief ein kleiner vorlauter Junge. »Und dir eine tüchtige Ruthe«, rief Jetta zurück, worauf die Kinder doppelt lärmend an ihr emporsprangen. Dem Germanen aber mißfiel diese Vertraulichkeit, er lenkte mit einem scharfen Ruck der Zügel sein Pferd gegen die tobende und schreiende Schaar, daß sie unter Verwünschungen zur Seite sprangen. Gratian aber gewann Jetta's andere Seite und während sie an den dürftigen Hütten hinritten, sagte der junge Cäsar eifrig: »Du wirst dich erstaunen, wie ich auch hier schon in jedem Hause Bescheid weiß. Drüben im Vicus novus wohnt die Schönheit, der Geist, der Reichthum, hier aber diesseits der Brücke haust ein wunderlich zusammengewürfeltes Völklein. Siehe diesen kleinen Kerl mit seiner dicken Ehehälfte, die hier an dem offenen Thore stehen, das ist der sehr würdige Kaufmann Volcius und seine zärtliche Gattin Lucia Veria. Er und der biedere Candidius schachern den Alamannen ihre Felle für zwei Silberdenare ab, die sie uns dann in Rom für eben so viele Goldstücke verkaufen. Auch in Aepfeln, Eiderdunen, Pferdehaaren handeln sie, ja sogar in langen blonden Haaren der germanischen Frauen. Höre, Ausonius, hier könntest du die herrlichen Haare deiner Bissula losschlagen, ehe du sie im Ganzen verkaufst, dann machst du ein doppeltes Geschäft! Auch Gänse verkauft Dame Lucia Veria, und ihre Gänse sind so berühmt wie die Kraniche des Ibykus, weil sie den ganzen Weg von Tegulä, wo sie sie kauft, bis Rom zu Fuß zurücklegen.« Jetta lächelte und ermuthigt fuhr der Jüngling fort in seinem Redefluß. »Hier wirtschaftet ein Bäcker mit zwei runden Backöfen, der das lockerste Brot backt für unsere Soldaten. Dort drüben wohnt ein spaßiger Kerl, ein vertriebener Cybelepriester aus Gallien. Der Kauz ist dick und fett wie ein gemästetes Kalb. Sein Hauptstolz aber ist der runde Brunnen mitten in seiner Stube, der seine Weinkrüge kühl hält. Woher er's nimmt, mag Jupiter wissen, ich weiß es nicht, aber er praßt und schlemmt den ganzen Tag. Und was das Komischste ist, der dicke Schlauch hält sich dabei noch für den Hauptrepräsentanten der wahren Sittlichkeit. Sein drittes Wort ist das blutige Selbstopfer, das er in seiner Jugend der großen Göttin dargebracht. Erst wenn der Tempel der Göttermutter wieder aufgerichtet werde an diesen traubenreichen Rebhügeln und er, emporschwingend den Thyrsos, mit Epheu sein Haupt kränzen dürfe zur Ehre der Allmutter, erst dann, meint er, wird die Moral wieder auf die Beine kommen, nur so lasse sich die Gesellschaft retten und werde Rom wieder stark werden durch Tapferkeit und gute Sitte. Ich versprach ihm auch, er solle Oberpriester aller Cybeletempel werden, die in meinen Tagen noch stehn und um jeden Tempel würde ich einen Weinberg anlegen mit seiner Sorte.« Jetta zuckte mit den Schultern: »Was spottest du eines Priesters, der an seine Gottheit glaubt, ich finde das löblich.« »Mag sein, aber ich kann die dicken Leute nicht leiden und wenn ein Gallier fett wird, geht es immer gleich in's Kolossale«, setzte er mit einem Blicke auf Ausonius hinzu. »Auch über die rechte Strategie gegen die Alamannen hat der Eunuch mich belehrt. Man muß eine ›Phalanx bilden‹, rief er keuchend vor Eifer. ›Mit einer Phalanx hat Julian die lentischen Alamannen geschlagen‹.« »Hätten wir nur einen Julian«, erwiderte Jetta und schaute nach Rothari um. »Hier wohnen Baucis und Philemon«, fuhr Gratian fort, nicht geschreckt von Jetta's Kälte. »Sie sind jetzt Christianer geworden und setzen ihr ganzes Vertrauen auf einen Backenzahn des heiligen Nereus, den sie über ihrem Lager angebracht haben. Auch rühmten sie stolz, daß die Liturgie ihres Schutzpatrons die längste sei in der orthodoxen Kirche.« »Ein schöner Glaube, den ihr hegt, ihr Christianer. Dafür habt ihr die Bilder des hohen Zeus und der holden Kypris zerstört, um nun morsche Zähne anzubeten?« »Rede mir nicht so wegwerfend von den Zähnen«, sagte Gratian. »Der Zahnschmerz ist ein schlimmes Ding und ihr habt keine Göttin wie unsere heilige Apollonia, die speziell für die Zähne gut ist, seit der Richter ihr die ihren ausziehen ließ im Martyrium.« »Du bekommst wohl eben deine Weisheitszähne«, rief Jetta mit einem spöttischen Blick, »und wählst dir danach deinen Glauben.« Unter solchen Scherzen war der Jagdzug das von Schilf und alten Weidenstämmen gesäumte Ufer entlang geritten, nun aber riß Jetta ihr kleines Thier herum und lenkte es auf einen Saumpfad, der zur Rechten zu einem flachen Vorhügel des Mons Valentiniani hinaufführte. Sie kreuzten dabei den geplatteten Weg zum Wachtthurm, wobei die Rede auf den Ueberfall der beiden Soldaten kam und Jetta fragte, ob wirklich der Krieg wieder ausbrechen werde? Rothari bestritt, Syagrius vermuthete es und in eifrigen Gesprächen über diese Aussicht langte man auf dem Hügel an. »Hier, edle Herren«, sprach Jetta, »steht ihr auf meinem Grund und Boden. Das ist der Bühl, wie meine Sklaven den Hügel nennen. Hier werde ich bauen, wenn wir in den Tagen des Kaiser Gratian sicher wohnen vor den Speeren der Barbaren.« »Einen Tempel wohl, in dem du als Priesterin waltest?« sagte Syagrius spöttisch. »Wirst du ihn › Nicer und Rhenus ‹ weihen, oder ein Collegium der › Roma Dea ‹ stiften?‹ Das schöne Weib ließ einen langen kalten Blick über den kleinen Geheimschreiber hingehn, dann sprach sie in gemessenem Tone: »Priester sind alle, die die heilige Flamme weitergeben, die reine Hände vor ihnen unterhielten. Ich sah in deiner Provinz, als du Gallien verwaltetest, ein Licht nach dem andern auslöschen, Tempel, Schulen, Akademieen gingen ein und du lächeltest spöttisch; das sah vornehm aus und kostete wenig. Ich hoffe aber, Gratian wird als Pontifex ein wahrer Priester sein und die heilige Flamme hüten, die uns Augustus überliefert und Hadrian genährt hat.« Und einen leuchtenden Blick auf den jungen Cäsar werfend, wendete sie ihr kleines Thier und strebte dem Maierhofe am Walde zu, wo hinter weißgetünchter Umfassungsmauer eine Reihe von Ställen und Wirtschaftsgebäuden mit kleinen Fenstern und rothen Ziegeldächern hervorblickten. Aus der Thüre trat ihr der Pächter ehrerbietig entgegen. Auch in dieser Nacht hatte die Wölfin in der Nähe der Ställe gescharrt. Er führte die Jäger zu einer kleinen Oeffnung an der Mauer, wo das Thier vergeblich versucht hatte, einen Wasserablauf zu erweitern und pries redselig seine eigene Sorge und Vorsicht. Die Wolfsspur war deutlich in der weichen Erde bis zum Walde zu verfolgen. Rothari rief nun die Hunde heran. Sie wurden auf die Fährte gebracht und losgekoppelt folgten sie hastig schnüffelnd der Spur der Wölfin. Die Männer gaben ihre Pferde ab und schritten mächtig aus hinter den kläffenden Rüden. Jetta's kleines Thier erwies sich bald als Hinderniß. Sie vermochte nicht in das Dickicht einzudringen. So folgte sie nothgedrungen dem Saume des Waldes und ritt über die Lichtungen. Der Wagen aber ward umgepackt und die Sklaven nahmen einen Theil der Sachen auf ihren Rücken. Während die drei ältern Herren mit den Dienern und Hunden jagten, wich Gratian nicht von Jetta's Seite. Je weiter man vom Nicer abkam, um so deutlicher wurden die Zeichen der Zerstörung des Landes durch die Alamannen. Man überschritt eine alte Römerstraße, in die der Regen und Wildwasser des Frühlings tiefe Furchen gerissen. Weiterhin gewahrte Jetta mit Wehmuth einen eingesunkenen Meilenstein, der die Entfernung nach Noviomagus verzeichnete. An einer andern Stelle stand die Gedächtnißtafel einer glücklichen Jagd. Moos und Schilf hatten sie überwuchert. Jetta sprang vom Pferde, um die Inschrift zu lesen und warf dem jungen Cäsar die Zügel zu, der ihr nun gehorsam das Pferd nachführte. Leicht und ohne zu gleiten schritt ihr kleiner Fuß über den von Kienwurzeln durchflochtenen Pfad, den der Winter mit glatten Nadeln der Föhren bestreut hatte. Grüngoldenes Dämmerlicht umfing sie und würziger Harzduft. Fast violett erschienen über dem jungen Grün die Stämme der alten Föhren, die die Morgensonne küßte. Dem Wege folgend, stießen sie auf die Trümmer einer ausgebrannten römischen Villa. Bereits hundertjährige Bäume wuchsen zwischen ihren Mauern. Wehmüthig ruhte Jetta's Blick auf dem Mosaikboden, den die Regengüsse dieses Frühjahrs bloßgelegt hatten. Er stellte einen Gladiatorenkampf dar und in den Ecken sah man Köpfe von Thieren. Jetta seufzte. »Versprich mir, Cäsar«, sagte sie zu Gratian, »daß du dieses Land uns sichern willst. Der Rhenus soll unser sein auf beiden Ufern, von seiner Quelle am Berge Adulas in Rätien bis zu der Insel der Bataver, wo er sich in Rhenus und Vahalis theilt.« »Stehe du mir als Augusta zur Seite«, erwiderte Gratian mit verliebten Blicken, »und ich bin Manns genug, den Grenzwall wieder aufzurichten.« Jetta schaute ihn finster an. »Wenn Gratian dazu eines Weibes Hülfe bedürfte, wäre Rom übel berathen«, sagte sie herb. »Ich rede im Ernste, Augustus!« Gratian erröthete. »Ob ich mehr vermag als Valentinian – ich weiß es nicht«, sagte er dann bescheiden. »Ich kenne keinen größern Helden als ihn und doch haben weder der göttliche Julian noch er es vermocht, mehr zurückzugewinnen als diesen schmalen Streifen Landes. Soll ich die Alamannen mit großen Worten schlagen?« Zum ersten Male fühlte Gratian einen Blick tieferer Theilnahme aus diesem dunkeln Auge auf sich ruhen, der ihn erbeben ließ. Sie aber sprach mit einem Tone des Vertrauens, der ihn glücklich machte, indem sie einen Schritt ihm näher trat: »Wie Valentinian an Erfolgen den großen Julian übertraf, so übertriff du beide.« »Ich will es!« sagte der Knabe, und eine Thräne der Begeisterung trat in sein reines Auge. In diesem Augenblicke, den beide gern verlängert hätten, kam der Lärm der Jagd wieder näher. Das Horn Rothari's tönte lustig aus den Büschen. Mit Jetta's Hunden und Dienern brach der Germane aus dem Walde. »Euch suchen wir«, rief er waidmannsfroh. »Die Spur der Wölfin haben die Hunde lang verloren und den Notar mit ihr. Den dicken Ausonius mögen die Götter retten. Ich ließ ihn auf einem runden Alamannengrabe, von dem er sich nicht herunterzuhelfen wußte. Doch erfreut man sich dort einer schönen Aussicht. Aber auf diese Weise, vieledle Frau, erlegt man kein jagdbares Thier. Ich will dir deinen Wolf einbringen, wenn ich allein jage, aber das müßte eine dumme Bestie sein, die sich also fangen ließe. Mir kam es oft vor, als ob der Notar es darauf ablegte, den Wolf zu verscheuchen, da er sicher ist, ihn nicht selbst zu fällen.« »Er wird sich fürchten«, sagte Jetta trocken. Rothari wischte sich den Schweiß von der Stirne und fragte Jetta: »Was befiehlt die Herrscherin weiter?« »Zunächst, daß Gratian geht und uns den armen Ausonius zur Stelle schafft. Er darf den Mann, dem er seine ganze Weisheit verdankt, doch nicht verderben lassen. Wir suchen indessen einen Platz zur Mahlzeit und durch dein Horn lockst du die Herren und Diener herbei, damit wir speisen.« Gratian schulterte seinen Spieß und sagte: »Ich bringe ihn dir lebendig oder todt, schöne Diana. Wenn er schwitzt, ist er deinem Herzen nicht mehr gefährlich. Ich kenne das.« Damit tauchte er in die Büsche. »Suchen wir einen Platz zum Mittagsmahl, wo es sich gut sitzt«, sprach nun Jetta zu Rothari. »Was nennst du gut?« »Ich will Wald hinter mir haben und Aussicht vor mir, Sonne für die Füße und Schatten für das Haupt.« »Dann reiten wir rückwärts bis zum Waldessaum. Dort findest du, was du geboten.« An einer Lichtung, die hohe Bergkuppe zur Rechten, die Ebene zur Linken, machten beide Halt und Rothari band selbst Jetta's Thier an einem Buchenstamme an. Die Knechte breiteten Polster und Decken auf die Erde und brachten Körbe mit Erquickungen, worauf Rothari sie wegschickte, um die andern Herren zu suchen. Zum ersten Male seit seiner Werbung war er mit Jetta allein. Aber in ihrer gelassenen Majestät schien die Königin des Festes es nicht zu bemerken. Unbefangen wies sie rückwärts nach dem Mons Valentiniani und sagte: »Sieh, wie hier Winter und Frühling kämpfen. Oben ruht der Berg noch vornehm dunkel mit seinen alten Bäumen, aber von unten klettert das junge Grün der Birken und saftigen Buchen von allen Seiten empor. Ein prophetisches Bild! Rom kehrt wieder und es will Frühling werden im alten Decumatenlande!« »Der Frühling wird ausbleiben, wenn Tage wie die jüngsten sich wiederholen«, sagte Rothari trocken. »In dieser Atmosphäre von kaltem Argwohn und eisigem Neide kann nichts gedeihen. – – Aber, theuere Jetta, nicht um vom Decumatenlande mit dir zu reden, bin ich hierher gekommen. Als du gestern bleich und entrüstet Valentinian's Werbung für Syagrius anhörtest, da glaubte ich in deinem Auge die Erlaubniß zu lesen, dich zu schützen. Tochter Arator's, willst du mir gewähren, was du Syagrius abschlägst?« Lang und ernst blickte die Jungfrau ihn an. Eine leichte Röthe flog über ihr Antlitz und er sah, wie ihr Fuß bebte. Aber sie faßte sich. »Du drängst, Rothari, und doch ist das Leben lang, sehr lang. Dich ermüdet es jetzt schon, daß ich immer und immer wieder von Rom rede und doch wird mein Leben nur diesen einen Inhalt haben. – Ich bin nur ein Weib, aber seit den Tagen Julian's wohne ich hier und alle Feldherren und Cäsaren haben meine Stimme gehört und ich habe geschworen, nicht zu ruhen noch zu rasten, bis der Opferrauch wieder von den flavischen Altären aufsteigt, bis zu Curia und Augusta wieder ein Präses Rätiens den Barbaren Recht spricht, bis der Grenzwall von römischen Lanzen starrt. Kein Geringerer als Julian selbst hinterließ mir dieses Vermächtnis, als er zu Argentoratum von unserem Hause schied. Langsam ging es vorwärts mit unserer Arbeit, aber es ging. Und ich drängte den Vater, so daß wir unseren Wohnsitz immer bei der Vorhut nahmen, um den Soldaten Muth zu machen. Er wollte mich in Mogontiacum bergen, ich aber sagte ihm, im Lager sei ich am sichersten und gerade darum entging ich der Gefangenschaft, als Rando uns überfiel. Dann zogen wir stolz in Lopodunum ein. Darum liebe ich dieses Thal. Rhenus und Nicer waren die Gespielen meiner Jugend, in diesen Thälern wachte mein Herz mir auf, daß ich erkannte, was eine Römerin sei und unter allen diesen Hügeln ist keiner, der nicht Zeuge einer tapfern That Arator's, einer Jugendfreude seiner Tochter war. Eine Weile schickten sie mich nach Rom, damit ich werde wie andere Frauen. Aber mich ekelte des schalen Treibens, der eiteln Reden, des jämmerlichen Ehrgeizes der Weiber dort, denn ich war an große Interessen gewöhnt. Die Klagen meiner Briefe rührten des Vaters Herz und er selbst vermißte mich. Ich fand ihn hier, wo sie wieder ein Stück Landes den Alamannen abgedungen hatten. Ich setzte mich mitten hinein und du sahst, was ich geschaffen. Wohl weiß ich, daß sie über mich spotten. Iphigenie in Tauris nennen sie mich, weil ich wie Agamemnon's Tochter mich zu opfern trachte. Aber mehr als ein Mal hat mich Valentinian um Rath gefragt und wenn die Soldaten muthlos wurden, machte mein sorgloses Treiben sie wieder munter. Den Nicer heißen sie Jetta's Skamander, sie reden von der Iliade, die ich zu leben gedenke – und ich will die Spötter alle zu Schanden machen. Ja, ich will ein Theil der Iliade sein, die auf dieser Ebene sich abspielt und ich weiß nicht, warum die Bäche, die geschäftig hier von den Bergen rinnen, nicht so gut sein sollen wie die Bäche Homer's und diese Ebene so gut, wie die von Ilium.« Ihre Wangen glühten und ein holder Wahnsinn dämmerte auf in ihrem prophetischen Blicke. Sie erwartete, daß Rothari ihr antworte, als er aber befangen von ihrer Leidenschaft schwieg, fuhr sie fort: »Fühlst du, daß du ein Theil dieser Iliade sein kannst, daß du diesen Zweck meines Lebens willst verwirklichen helfen, sagst du mir, daß du dafür leben, kämpfen und sterben willst, Julian's Absichten an diesem Theile des Reiches zu verwirklichen, wenn du mir das sagst, dann will ich mich dir geben, dann bin ich dein.« Sie sagte das fast mit Resignation, als ob sie wie Agamemnon's Tochter sich selbst darbringe für der griechischen Schiffe glückliche Fahrt. Rothari war bewegt, aber seiner gewissenhaften Natur widerstrebte es, das Glück seines Lebens einer pathetischen Aufwallung zu verdanken. »Das Gelübde«, sagte er mit männlicher Ruhe, »das du von mir verlangst, habe ich einem Andern schon geleistet. Es war bei einem Feste zu Treveri, als ein trunkener Burgunder nach Gratian stieß. Ich fuhr mit der Hand dazwischen und rettete den Knaben. Schwärmerisch, wie er ist, fing er mein Blut in seinem Weinpokale auf, ritzte sich selbst die Hand und ließ das seine dazu rinnen. Damals habe ich ihm Blutbrüderschaft geschworen und mich Rom geweiht. Ich werde mit eurer Sache stehen und fallen, wie du dich auch entscheiden magst. Aber ich suche ein Weib, das noch aus einem andern Grunde mein sein möchte als darum, weil ich Rom diene«, fügte er mit einem leisen Vorwurfe hinzu. Jetta überhörte den Ton seiner Rede. Sie neigte ihr Haupt und sagte: »Unsere Sterne wandeln harmonisch dieselbe Bahn, unsere Namen geben gelöst und gebunden dieselbe heilige Zahl, sie gehören im Rade des Lebens der Seite des Lichts.« »Und andere Gründe hast du nicht, Rothari's Gattin zu werden?« sagte er schmerzlich. »Unbarmherziger Mann«, rief sie, »so muß ich es dir denn ausdrücklich sagen, was einer Jungfrau so schwer zu sagen ist«, und sie reichte ihm die weiße weiche Hand und blickte ihm mit feucht glänzendem Auge in's Angesicht: »Und wenn dein Stern in den Abyssos führte und dein Name mich den Dämonen weihte – wenn du nur ein Römer sein willst, so bin ich dein.« Da preßte er sie selig an sich und in dem Himmel, der in dieser Stunde sich aufthat, gingen alle Zweifel unter, die ihn seit der ersten Begegnung über ihren magischen Büchern gequält. Während die Glücklichen Hand in Hand am sonnigen Raine sich niederließen und in die leuchtende Ebene hinausschauten, schlenderte Oratian singend und pfeifend durch die Hecken. Mit dem Jagdspieße schlug er vergnügt nach den blühenden Zweigen und erzählte den Vögeln das Glück seiner jungen Liebe. Heirathen könne er Jetta freilich nicht, dachte er, aber lieben wolle er sie recht lange. Daß sie so groß von ihm dachte, that ihm im innersten Herzen wohl und in seiner Freude schwang er sich an seinem Jagdspieß in kolossalen Sprüngen über die Hecken, so daß er bald dem Orte nahe kam, den ihm Rothari als Ansonius' Rastort bezeichnet hatte. Auf dem Grate des Vorbergs, der vom Mons Valentiniani vorsprang, war am nordwestlichen Ende ein weithin sichtbares Hünengrab der Alamannen aufgeschüttet, das die Leichen vieler Tapferen barg, die einen Sieg über Rom mit ihrem Leben bezahlt hatten. Auf diesen runden Hügel steuerte Gratian eben zu, als ein seltsames Geheul ihn erschreckte. Es war wie das Winseln eines Hundes oder Bellen eines Wolfes und schien doch von menschlicher Stimme hervorgebracht. Gratian fällte seinen Spieß und rückte im Sturmschritt vor. Welcher Triumph, wenn er die Wölfin einbrachte, die der hochmüthige Germane nicht hatte fällen können. Aber je näher er der Quelle des Geheules kam, um so klarer wurde ihm, daß dasselbe aus menschlicher Kehle stamme. Endlich theilten sich die Büsche und Gratian brach alsbald in ein unauslöschliches Gelächter aus, denn er sah sich seinem würdigen Mentor gegenüber, der auf dem Alamannengrabe sitzend, kirschblau im Gesichte, das Wolfsgeheul herauswürgte. »Magne Decime!« rief Gratian, »würdiger Lehrer meiner Jugend, ziemt es sich auch für einen erst jüngst getauften Christen in der Sprache der Dämonen dieses stille Thal mit solchem Geheule zu erfüllen? Ich werde das in meinem nächsten Briefe dem hochwürdigen Ithacius melden.« »Gelobt sei mein Schutzpatron«, rief Ausonius freudig, »und Diana Abnoba, die Göttin des marcianischen Waldes und Wodan und die Genien aller Religionen, die ich schon gehabt habe und noch haben werde, gelobt seien sie alle, daß du kamst, mein würdiger Schüler und erlauchtester Cäsar, schon fürchtete ich, ihr würdet gottlos genug sein, meinen Leib hier bei den sündhaften Resten der blinden Heiden liegen zu lassen nach tausend Qualen des Hungers, die ich von allen, wie du weißt, immer am meisten floh. Komm, trefflicher Jüngling, und hilf mir' herunter, denn meine Beine sind kurz und mein Körper schwer von der Last der Jahre,« »Erst sage mir, warum du nicht riefst wie ein Mensch, sondern heultest wie ein geprügelter Hund?« »Kriegslist, Erlauchtester; ich wußte, daß ihr dem Unthier eifriger nachtrachtet als einem bedrängten Nebenmenschen. Darum spielte ich den Wolf, um euch herbeizuziehen. Auch dachte ich so die gefräßige Bestie zu verscheuchen, die am Ende den unsterblichen Dichter der Mosella lebendig verzehrt hätte.« »Höre, sehr Ehrbarer, es waren höchst unchristliche Laute, und ich fürchte sehr, du bist, seit meine Erziehung vollendet ist, wieder in die Leichtfertigkeiten deiner Jugend zurückgefallen, als du deinen Cento nuptialis schriebst, das einzige deiner Gedichte, das du vor mir stets verbargst, das ich aber eben darum genauer kenne, als irgend ein anderes. Soll ich es dir zu deiner Beschämung hier aufsagen?« »Beleidige die Ohren der keuschen Diana nicht, mein theurer Schüler, und vergiß diese Sünde meiner unreifen Jugend.« »Aber du gehst wieder auf Freiersfüßen, alter Schäker, und achtest nicht die Thränen deiner blonden Bissula, die doch ohnehin für dich viel zu gut war.« »Bitte, Cäsar, lassen wir das und hilf mir herunter.« »Nicht ehe du geschworen, daß du deine Werbung um Jetta zurücknimmst.« »Sei vernünftig und hilf mir, liebster Knabe. Gedenke der elenden Scripturen, die ich viele Jahre dir corrigiren mußte, ehe du den schönen Stil dir aneignetest, den kein anderer gallischer Rhetor dich hätte lehren können.« »Mich wundert nur, wie du dich da hinauf kugeltest, mein runder Meister?« »Der tückische Rothari zog mich und dann sprang er mit einem Satze hinüber in die Büsche. Ich verderbe ihm die Jagd, sagte er, aber er wollte nur allein auf Jetta pirschen.« »Beim Hercules, da könntest du Recht haben und nun sitzt er schon eine Stunde mit ihr allein, indeß wir schwatzen; komm, halte dich an meinem Spieß. So, nun tritt hierher. Wollsack, du zerquetschest mich ja! Da – nun liegt er im Grase.« »Ich geschlagener Mann«, wimmerte Ausonius, »oh mir schmerzen alle Glieder.« »Dir geschieht dein Recht und solches Vergnügen würdest du als Jetta's Gatte täglich haben, wolltest du nicht etwa, daß dein Eheweib allein mit den Jagdgesellen durch Büsche und Wälder streift. Dieser Silen Dianens Gatte! Es ist zum Lachen. Nun komm, ich will dich führen.« Als nach einer seligen, bräutlichen Stunde Rothari's scharfes Ohr das Nahen der Jagdgenossen vernahm, ließ er Jetta's Hand los. Noch einmal schauten sie sich in die Augen mit der lieblichen Verwirrung junger Liebe, die zum ersten Male von dem süßen Kelche genascht hat. Dann sagte Jetta ihm rasch, ihre Aufgabe sei, Ausonius zu freiwilligem Rücktritt von seiner Werbung zu bestimmen und Syagrius nicht noch mehr zu erbittern. Beides habe ihr der Vater sehr ernstlich an's Herz gelegt. »Hier liegt für den Einen das Werkzeug der Versöhnung«, und sie deutete auf eine Rolle mit Ausonius' Gedichten. »Syagrius wird, hoffe ich, gar nicht wiederkommen. Vielleicht besinnt er sich schon auf eine Andere, die auch schmale Hände und kleine Ohren hat. Das sei es, worauf er sehe, sagte er zu meinen Vettern. Mein innerstes Leben war ihm stets nur ein Spott. Begeisterung ist freilich lächerlich für den, der sie nicht fühlt. Die Furcht vor den Göttern selbst erscheint dem albern, der nicht an Götter glaubt und so ist es mit der Liebe zum Vater, zu Rom, zur Menschheit. Nur für sich selbst zu sorgen, das nennt Syagrius vernünftig.« Röthe der Entrüstung färbte Jetta's Stirne, als sie so sprach. Doch brach sie ab, da Gratian erschien und den keuchenden Ausonius hinter sich herzog. Es währte nicht lang, so war die gesammte Jagdgesellschaft an dem sonnigen Raine gelagert. Nur der Notar blieb wirklich aus. »Um so besser«, sagte Jetta. »Er hat eine eigene Gabe, die Welt um sich her zu entzaubern mit seinen schnöden Betrachtungen. So sind wir Schwärmer unter uns und können gute Freundschaft halten.« Und sie lud mit anmuthiger Gebärde die drei Männer zum Genuß des ländlichen Mahles. Die Diener mit den Hunden lagen zur Seite, selbst die alte Phorkyas und ihre Begleiterin hatten sich eingefunden. Jetta saß mit den beiden Helden auf einer kleinen Erhöhung des Erdreichs, von wo sie in die blaue, von Nicer und Rhenus durchschnittene Ebene hinausschauten. Aber Gratian kehrte der Aussicht und dem Himmel den Rücken, platt auf die Erde hingestreckt stützte er sein Angesicht auf beide Hände und schaute gleich einem treuen Hunde unverwandt in das Auge der schönen Jetta. Rothari legte den Jagdspieß über die Kniee und bot die Speisen herum, die ein Diener zutrug. Der beleibte Dichter sprach zunächst mit großer Inbrunst dem Weine und den köstlichen Speisen zu. »Hunger«, bemerkte er weise, »ist eine Krankheit, die durch Essen geheilt wird.« Dann wischte er noch einmal den Schweiß von seinem fetten Gesichte und schaute mit seinen kleinen freundlichen Augen nach Nicer und Rhenus hinüber. »Hier, Rothari«, begann er in lehrhaftem Tone, »kannst du die Stromcorrectur sehen, die Valentinian vornahm, um das Munimentum vor Unterwaschung zu schützen, da der Wellenschlag des Nicer unsere Arbeit gefährdete. Siehst du, wie der Fluß dort in gerader Linie abbiegt von seiner Richtung, das ist das neue Bett, das unsere Soldaten ihm gruben. Es war keine geringe Arbeit, die alte Oeffnung durch beschwerte Kästen und Schleußen zu verstopfen und den Strom in die neue Bahn zu zwingen. Mehrere Tage standen die Soldaten bis zum Halse im Wasser und es war, als ob der Flußgott zürne, daß wir ihm andere Wege wiesen als die, die er sich selbst gewühlt. Es half ihn doch nichts, wir Römer warfen den Barbaren aus seinem Bette. Aber des Symmachus Rede mußt du lesen, das rollt auch wie ein Strom in vollen Perioden und wohlgemessenen, stolzen Cadenzen: ›Nicer‹, so ungefähr sagt er, ›um sich folgsam zu erweisen, macht Platz und Rhenus ist ausgewichen, damit wir um so mehr glauben mögen, daß auch die Ströme Germaniens dem Cäsar dienen. Nun wir den Nicer wie ein Pfand empfangen haben, dürfen wir uns weniger wundern, daß dir der Könige Kinder für zugestandene Bündnisse angeboten werden. Auch der Rhenus, daß ich so spreche, würde sich des Römerfriedens nicht zu erfreuen haben, hätte er nicht den mit ihm sich vereinigenden Fluß wie eine Geisel ausgeliefert.‹ Der Germane lächelte leise vor sich hin. Er dachte an Macrian's vergeiselten Sohn, der seitdem glücklich entwischt war. Ausonius aber fuhr behaglich fort: »Es ist hell heute, ich sehe deutlich die schlanken Thürme an den Mauern von Alta Ripa und die schrägen Wälle und Schanzen. Die Kuppel des Palastes gleißt wie eine Sonne.« »Ich hoffe, mein Vater wird noch die Vollendung der Stadt erleben«, sagte Jetta mit einem leichten Seufzer. »Wenn wir die Säule, die drüben am Melibocus schon halb vollendet liegt, auf ihrem Forum zum Andenken an unsere Siege aufrichten, dann müßt ihr alle euch einfinden, denn ich betrachte Valentinian's Ehrentag als meinen eigenen.« »Wir gehen gar nicht mehr von hier weg, schöne Bellona«, sagte Gratian zufrieden, indem er sie, auf seinen Arm gestützt, behaglich anstarrte. »Wie lieblich diese dunkelgrünen Schatten des Flusses sind«, sagte Jetta ablenkend, »und der Silberschein, der dort liegt, wo der eine Sonnenstrahl ihn streift. Erinnert er nicht an des Ausonius Tanz der Nymphen um die Mittagsstunde, die durch diesen Schein jedes sterbliche Auge verblenden, damit es ihre Spiele nicht zu belauschen vermag? Ich habe das Büchlein mitgebracht«, unterbrach sie sich, und schaute den dicken Herrn mit ihrem wonnigen, lieblichen Lächeln an, daß diesem das Herz in der Brust zu schmelzen begann. »Wenn ihr wollt, lese ich es euch. Ich finde, was mein Freund in der Stadt der Treveri von der Mosella schrieb, das gilt ebenso von meinem Nicer.« Ausonius blickte die schöne Muse dankbar an und ein seliges Lächeln lagerte sich über seinem glänzenden Angesichte. Bissula's Thränen, die ihn den ganzen Morgen, gequält, waren in diesem Augenblicke wieder vergessen. »Wir bitten darum«, riefen Rothari und Gratian, und der Knabe fügte erröthend hinzu: »Mir ist es immer wie ein Gebet im Tempel, deine tiefe Stimme.« Jetta fuhr ihm mit der Rolle leicht über seine Wange, rollte das Buch auf und begann zu lesen. Dreizehntes Kapitel. Ueber die eilende Naha, Nahe. da Morgennebel sie deckte, Kam ich und schauete stolz die neuen Mauern von Vincum. Bingen. Alsdann den einsamen Weg durch Wald und Oede betretend, Sucht' ich vergeblich umher nach Spuren von menschlichem Anbau. Durch Dumnissus, das dürre, mit ringsum dürstender Landschaft Hunsrück. Ging ich hindurch, wo slavische Knechte den Boden beackern. Auch Noviomagus Neumagen. endlich im vorderen Lande der Belgen Sah ich, die herrliche Burg des vergötterten Constantinus, Reiner ist hier den Gefilden die Luft und Phöbus verschickt nicht Durch das Geäste des Waldes gebrochenes grünliches Zwielicht, Sondern zu schauen den Lichtglanz gönnt er dem fröhlichen Auge, Gleichwie das Bild und die Zier Burdigala's, Bordeaux meiner geschmückten Heimath traf mir das Herz der hold einschmeichelnde Anblick. Ragende Villen dahier, auf hangenden Ufern gegründet, Dort von Reben umgrünete Höhen des Liber, dazwischen Rinnend in murmelndem Laufe die leise gleitende Mosel. Sei mir gegrüßt, o Strom, den Fluren loben und Pflanzer, Dem die Belgen die Stadt, die des Thrones gewürdigte danken, Trier. Strom, deß' Hügel umher bepflanzt mit duftendem Bacchus, Strom mit dem prangenden Saume der grün umgürteten Ufer, Schiffbar gleichwie das Meer. Wo abwärts eilen die Wogen Trägst du behende den Kahn, weil Ruder die Wellen dir schlagen, Stromauf an strafferem Tau schleppt ihn der Nacken der Schiffer, Dann erstaunest du selbst ob der weißlich schäumenden Rückfluth, Meinest gehemmet mit Mühe den eigenen Lauf zu verfolgen. Das Obige ist nur ein Auszug aus Antonius' schönem Idyll. Wir verweisen auf Böcking's treue Übersetzung. Lieblicher Fluß, dich umgibt nicht moorerzeugetes Röhricht, Noch auch deckest du träg mit ekelem Schlamme die Ufer; Rein gelanget der Fuß bis hin zur vordersten Welle. Hier glänzt körniger Sand an dem leichtbespülten Gestade Und nicht bleibet zurück die Gestalt eindrückender Tritte. Durch den Spiegel der Fluth zeigt deine krystallene Tiefe, Wie sich kräuselt der Sand, durchfurcht von leiser Bewegung, Wie die Gräser gebeugt auf grünlichem Boden erzittern Und wie gelblicher Kalk und Kiesel blinken am Grunde, Solcherlei Bild wohl kennen die Kaledonischen Briten, Wenn das ebbende Meer entblößt das grünliche Seegras, Rothe Korallen und muschelentkeimt hellschimmernde Perlen.« Also las Jetta; auch die Aufzählung aller eßbaren Fische, die des Ausonius wichtigstes Anliegen war, vergaß sie nicht. Schalkhaft blickte sie den Dichter an, als sie den wohlschmeckenden Hexameter las: »Auch dich preis ich, o Salm, mit dem röthlich schimmernden Fleische.« »Das Wasser läuft mir im Munde zusammen«, spottete Gratian. Aber Jetta fuhr fort: »Und die Forelle, den Rücken besprengt mit den purpurnen Sternlein.« Nach den Fischen kam dann das Lob der Reben, die an den Hügeln des gepriesenen Flusses wuchsen, nebst der Vergleichung, die der Dichter zwischen dem Weine der Mosella und dem von Burdigala Bordeaux. anstellt. »Dorten der Wandrer, Schreitend am flachen Gestab' und im Kahne gleitend der Schiffer Singen den säumigen Winzern ein Schmählied, das schallend zurückgibt Hallender Fels und der flüsternde Wald und die wogende Strömung, Doch nicht Menschen allein ergötzt die prangende Landschaft. Sage erzählt, wenn mitten am Himmel glühet die Sonne, Satyre dann, am gemeinsamen Strom, und die grünlichen Nixen, Feieren Reigen, gesellt, weil einige Stündchen vergönnet Jetzt nicht gestört von der Menschen Gedränge, die glühende Hitze; Und im Gewoge der Wellen dann hüpfen und schäkern die Nymphen, Uebergießen der Satyre Haupt, und den linkischen Schwimmern Schlüpfen sie weg aus den Händen, und welche getäuscht nach den glatten Körperchen haschen, umsahen nur lautere Wogen für Leiber. Aber es sei mir, was keiner erblickt, noch schauend erkannt hat, Nur theilweis zu verkünden erlaubt. Umhüllt in dem Strome Bleib' uns bewahrt das geheim' Ehrwürdige, das ihm vertraut ist. Doppelt zu schauen die Pracht ist vergönnt, wenn den schattigen Hügel Spiegelt der bläuliche Fluß. Von Belaubung scheinen zu grünen Gleitende Wellen und rebenbepflanzt die lautere Strömung. Anhöhn schwimmen in rieselnder Wog', und es gleitet der Schiffer Mitten hindurch, wo im Flusse das Bild des Hügels verschwimmet. Lieblich erscheint auch dem Blick dies andere glänzende Schauspiel, Wenn in der Mitte des Stroms umruderte Nachen im Wettstreit Nun sich in mancherlei Wendungen drehn, an dem grünen Gestad nun Sprossende Hälmchen bestreifen auf niedergemäheten Wiesen, Während sich hinten im Kahn, auch vornen geschäftige Steurer Tummeln, und Knaben zuhauf umschweifen den Spiegel des Flusses. Auf dem Cumäischen Meere beschauest du solcherlei Treiben, Wenn sie des Krieges Getös nachahmen in fröhlichem Schlachtspiel Und wohl hundert Gesellen die blinkende Fläche durchkreuzen: Jugend und Wellen und Kähne mit buntbemaleten Schnäbeln. Wenn nun diese die Sonne begoß mit der Gluth Hyperion's, Spiegelt der Knaben Gestalt sie wieder im hellen Krystalle, Aber verkehrt zeigt dann sie das Bild gebogener Körper; Wie sie rechts sich und links in raschen Bewegungen tummeln, Und ausgleichen die Mühe, der Reih' nach wechselnd die Ruder. Selbst am eigenen Bilde ergötzt sich die schiffende Jugend, Staunend, wie sich im Fluß abspiegeln die täuschenden Formen. Aber wo leicht das Gestade heranzugehen gestattet, Sucht die verheerende Schaar ringsum in der Tiefe des Flusses. Ach, wie schirmet euch, Fische, des Stroms Schos heute so wenig! Der zieht weit aus der Mitte der Fluth das triefende Wurfgarn, Schleift in geknoteten Netzen heraus die bethöreten Schaaren; Dieser dagegen, wo ruhigen Laufs hingleitet die Woge, Lenket das schwimmende Netz, das Korkholzstückchen bezeichnen; Jener vom Felsen geneigt zu den unten strömenden Wellen, Senkt die gebogene Spitz' der geschmeidigen Ruthe hinunter, Werfend die Angel, verseh'n mit lebenbedrohendem Köder; Wenn, unkundig der List, nun der wimmelnde Haufen der Fische Sie mit dem Maule gefaßt, und hinten im klaffenden Schlunde, Aber zu spät nun, die Wunde gefühlt des verborgenen Eisens, Kunden sie selbst es durch Zappeln und kräuselndes Beben der Welle. Eilig mit schwirrendem Zug hinschleudert die zappelnde Beute Seitwärts der feurige Knab'. Es begleitet den Aufschwung der Angel Lautes Geschwirr, gleichwie von der Gert', im Freien geschwungen Sauset die Luft, und der Wind hinziehenden Schlages ertönet. Schnellend empor von dem trocknen Gestein springt triefend die Beute, Von des strahlenden Tags todbringenden Pfeilen geängstet. Schon in matteren Schlägen erzucket der sterbende Körper, Und hinstarret der Schwanz, zuletzt nur krampfig erbebend: Klaffend stehet der Schlund; die Luft, die sie schnappend geathmet, Stößt die ersterbende Kiem' jetzt aus in dem Hauche des Todes. Noch las Jetta mit ihrer melodischen Stimme den Preis der Villen, die auf dem Damme des Ufers oder der Höhe der Rebberge sich erheben, die in den Fluß selbst ihre Fundamente vorschieben und deren Hallen im Wasser sich spiegeln, während die Bäder mit rauchendem Schlote zum Spiele der Wannen und der Badesäle laden. Endlich aber neigte sich der Lauf der Verse, wie der der Mosella selbst, dem Ausgang zu: Rhenus, den bläulichen Schos, das krystallene Fluthengewand nun Breite du aus, und gewähre den Raum zuströmenden Wellen, Daß dich mehre verbrüderter Strom; nicht Lohn in den Wogen Wird dir allein, denn wallend daher von den Mauern der Hofstadt In vereintem Triumph erschauete Vater und Sohn sie, Welche die Feinde verjagten vom Nicer und Lopodunum Und der Quelle des Ister, die Roms Annalen nicht kennen. Jüngst des beendeten Kriegs kam dieser Bericht mit dem Lorbeer. Andr' und andere bringet er bald. Ihr, wallet gemeinsam, Und mit gedoppeltem Strom drängt fort die purpurne Meerfluth. Heg' auch geringer zu scheinen, nicht Sorg', o prächtiger Rhenus, Nicht ist höhnisch der Gast; und ewig dauernder Name Wird dir werden. Du sicher des Ruhms, umarme den Bruder; Reich an Fluthen, an Nymphen auch reich, und geräumig euch beiden, Wird dein Bett, auch getheilt, in Zwillingsufern noch breit sein, Und die gemeinsame Fluth ausströmen in mancherlei Mündung.« Damit ließ die schöne Leserin das Buch sinken und rollte es mit ihren schlanken, weichen Händen anmuthig zusammen. »Dank, Dank!« riefen die Männer. »Noch nie sind mir des Ausonius Verse so schön erschienen«, fügte Gratian mit einem heißen Blicke auf Jetta hinzu. »So, wie unser Freund es hier geschildert«, sagte die Jungfrau, »sah es, ehe die Alamannen kamen, auch am Nicer aus. Schafft, ihr Herren, daß dieses Thal einen ähnlichen Sang verlohne, wenn man einst unsere Urne in das Columbarium beim Rosenhofe stellt. Dafür wollen wir leben und sterben!« und sie reichte den beiden neben ihr sitzenden Genossen die Hände, während sie Ausonius freundlich zuwinkte. »Aber weißt du, was mir an deinem Gedichte mißfällt?« wendete sie sich dann zu dem Dichter. »Das ist im Eingang die verächtliche Schilderung des Waldes mit dem Gegitter der dichtverschlungenen Zweige. Wer mein Gemahl sein will«, sagte sie mit einem feinen Lächeln, »muß den Wald lieben und den Krieg und die Jagd, denn ich gehöre zum Geschlechte der Amazonen.« Ausonius seufzte und fühlte seine zerschlagenen Glieder auf's neue. »Den Wald lieben!« rief er unmuthig. »Welcher Römer, der Varus' Schicksal kennt, vermöchte Germaniens Wälder zu lieben? Ueberfiel nicht sogar den tapfern Severus, als er nördlich vom Venetersee in das Grauen der Wälder eingedrungen war, solcher Schauder vor diesem Irrsal, daß er die Wegführer bestach, auszusagen, sie hätten sich verirrt, nur um auf gute Weise aus diesem Entsetzen der Wildniß umkehren zu können und wie ging das Herz ihm auf, als er den blauen See und die liebe Sonne und den Schnee der rätischen Alpen wieder vor sich sah. Ich bin nicht besser als des Constantius tapferster Feldherr. Sehe ich ringsum nur dieses unheimliche Dickicht, die dämmernden Schatten, höre die Fichten rauschen, den Strom in der Ferne tosen, während die Sonne kaum einen Strahl hereinschickt in das grüne Dämmerlicht, dann ist mir's wie dem Kinde im Dunkeln. Nicht nur meine Rüstung rostet in diesem Nebellande, auch mein Muth. Wo die Sonne nicht hell scheint, bin ich nur halb Ausonius.« Rothari lachte über dieses aufrichtige Geständnis des tapfern Römers, als dieser jedoch die Stirne kraus zog, sagte er begütigend: »Edle Jetta, mich dünkt, die schönsten Verse unseres Freundes hättest du uns noch vorenthalten?« »Wie du gewollt hier, Paulus, hast du alle Vers' auf Bissula, Die zu meines suev'schen Mädchens Lob ich scherzend dichtete?« fragte Jetta schalkhaft. »Bissula singen wir hier, doch vorher trinke!« » Ante bibas !« rief Gratian und goß Rothari einen vollen Becher ein, während Ausonius' Züge sich bedenklich verfinsterten. Aber unerbittlich fuhr Jetta fort: »Bissula, jenseits des frostigen Rhenus gezeugt und erzogen. Bissula, die du erblüht, nah des Danubius Quell: Bei Donaueschingen. Einst gefangen im Krieg ist Siegerin sie in der Liebe, Hohe Wonne für den, welchem zur Beute sie ward. Römerin so durch Bande der Freundschaft bleibt sie Germanin, Blieb doch des Auges Blau, blieb doch das röthliche Haar. Zwiefach erscheinst du uns jetzt, denn es schmücken mit doppelter Anmuth Latiums Sprache den Geist, suebischer Reiz die Gestalt.« »Süßes Kleinod!« recitirte nun Gratian boshaft: ... »Wonne und Lieb und Gesang und einzige Freude, Die als Barbarin die Schaar römischer Mädchen besiegt. Bissula, bäuerlich klinget dein Name, du Tochter Germaniens, Wunderlich dünket dem Römer das Wort, mich kitzelt's im Ohre.« »Das ist das Beste, was er gedichtet! Als Sänger Bissula's wird er leben, wenn seine Mosella längst vergessen ist«, sagte der Jüngling pathetisch. »Auf das Wohl von Bissula's Gatten!« rief Jetta und die Becher wurden gefüllt und geleert bis zur Neige. »Er hat mitgetrunken!« rief Gratian. »Er scheidet aus aus der Schaar der Freier!« »Da thust du wohl, mein Freund«, rief Jetta, indem sie Ausonius die schöne Hand bot. »Was würde die Nachwelt sagen, wenn es hieße: so hat er die liebliche Bissula besungen, und dann lief er einem reichen Mädchen nach, das ihn zu gerechter Strafe zu Tode hetzte. Ausonius, denk' an deine Ruhe, denk' an die Nachwelt! Du bist ein angenehmer Jünger Epicur's, aber da dir deine Ruhe so lieb ist, darfst du dich nicht einem Wirbelwinde wie Jetta verbinden.« Ausonius schwieg noch immer, aber er bedachte, wie viel er schon an dem einen Tage herumgehetzt worden war. Doch trat er den Rückzug langsam an, wie einem Staatsmanne ziemte. »Das ist ja eine völlige Verschwörung, ihr Herren«, sagte er pustend. »Aber, daß ich's gestehe, den ganzen Morgen schon war mir's elend zu Sinn, da ich den Jammer der guten Bissula bedachte. Gestern, so lang sie zankte und tobte, kannte ich kein Erbarmen. Ich kehrte in meine Wohnung, aus der mich ihr Geschrei vertrieben, mit dem festen Vorsatze zurück, bei der ersten Scene, die sie mir mache, sie sofort aus dem Hause zu schicken. Aber sie lag still auf ihrem Bettlein und wagte kein Wort. Dieser lautlose Jammer, ich gestehe es, rührte mich tief. Oft fürchtete ich, sie habe am Ende Gift genommen, da sie einen Krug neben sich hatte, aus dem sie jedesmal trank, sobald das Schluchzen wieder hervorbrechen wollte. Als ich dann diesen Morgen erwachte, schlief sie noch, aber sie sah so rührend aus in ihrem Schmerze, daß ich mich kaum enthielt sie zu umarmen und um Vergebung zu bitten für meine Härte.« »So lieb ich dich, mein Freund, du bist ein guter Mensch, nicht blos ein großer Dichter. Für das erste neue Gedicht an Bissula werde ich dir aus meinem eigenen Garten einen Lorbeerkranz flechten und du weißt, wie ich damit geize. Aber jetzt lasse die arme Kleine nicht länger schmachten. Phorkyas!« sie klatschte in die Hände, »lasse den Wagen rasch richten. Ausonius wird fahren, ich folge auf dem Pferde. Ihr mögt zu Fuß gehn.« So brach man auf. Jetta bestieg ihr Pferd. Ausonius begab sich mit den Dienern hinab nach dem Wagen. Rothari und Gratian schritten neben dem Zelter Jetta's den Waldpfad entlang und das Auge der Männer hing mit Bewunderung an der hohen Gestalt der schlanken Reiterin, die hier mit geschickter Hand einen Zweig zur Seite bog, dort mit gewandter Bewegung einem Aste ausbeugte. »Syagrius und Ausonius wären wir los«, flüsterte Gratian dem Alamannen zu. »Nun steht die Wahl nur noch zwischen uns und damit du siehst, wie ernst ich es nehme mit unserem Bunde, so trete auch ich zurück. Jetta sei dein!« Rothari wollte mit einem Scherze erwidern. Als er aber sah, daß eine Thräne an Gratian's Wimpern hing, fuhr er dem Knaben zärtlich über die kurzgeschorenen Haare und sagte: »Mein guter, treuer Gratian!« Stumm schritten sie ihren Waldweg weiter und Jetta war auf ihrem ungeduldigen kleinen Zelter ein Stück voraus, als das Thier plötzlich zu schnauben begann, seine Mähne sträubte und einige Schritte rückwärts that. Im selben Augenblicke sah Jetta mitten auf dem Saumpfade die Wölfin vor sich. Ihre Pfoten krallte die Bestie in ein todtes Reh, das ihr zu schwer war, um es wegzutragen, aber die grünlich leuchtenden Augen des Unthiers zeigten, daß es keineswegs gewillt sei, seine Beute aufzugeben. Jetta's Pferd warf den Kopf in die Höhe; mit weit aufgerissenen Nüstern stemmte es sich rückwärts, um den Ansprung der Bestie zu erwarten. Da hatte Rothari mit scharfem Auge an der Unruhe von Jetta's Thier erschaut, daß irgend ein Hinderniß im Wege sein müsse. Rasch sprang er auf den Abhang, um zu sehen, was vor sei. Mit Grauen und Entzücken erfüllte ihn der Anblick, der sich ihm bot. Während die Hand der Reiterin das scheuende Pferd durch Streicheln beruhigte, genügte ihr flammender Blick, die Wölfin zu entwaffnen. Die Bestie fletschte ihr weißes Gebiß, aber sie wagte keinen Schritt nach vornen. Auf's neue sah Rothari eine Probe der magischen Gewalt des zauberkundigen Weibes. Wie fascinirt stand das Unthier vor der wehrlosen Jungfrau und der Alamanne konnte den Augenblick berechnen, in welchem der feige Gegner knurrend seinen Raub im Stiche lassen werde, allein in Flucht geschlagen von diesem flammenden Auge. Er wollte Jetta dieses Sieges nicht berauben. So begnügte er sich, seinen Jagdspeer zu fassen, um das Thier zu fällen, sobald es sich gewendet. Allein Gratian hatte indessen, zitternd vor Aufregung, seinen Bogen herabgerissen. Er zielte und traf geschickt wie immer, aber dem Pfeile die volle Kraft zu leihen, hatte ihm die Ruhe gefehlt. Die Spitze hing im Schulterblatte der Wölfin fest, diese aber gereizt fuhr gegen das Pferd, das sich bäumte und mit dem Vorderhufe das Haupt der Wölfin traf. Beide Männer sprangen hinzu. Gratian fing Jetta auf, die geschickt von dem scheuenden Roß herabglitt. Rothari war mit einem Satze hinter der Wölfin her und verschwand ihr folgend in den Büschen. »Höre, mein Cäsar«, sagte Jetta mit ihrer ruhigen, tiefen Stimme zu Gratian, »deine Pfeile treffen, aber sie ritzen nur. Das kann gefährlich werden für deine Freunde.« »Du hast recht«, erwiderte Gratian beschämt. »Selbst dein Pferd hat dich geschickter vertheidigt als ich. Ich hätte wohl besser gethan, mich auf das Zuschauen zu beschränken wie der Germane.« »Rothari's Ruhe macht mich stolz. Er wußte, daß ich der Hülfe nicht bedurfte.« In diesem Augenblicke ertönte ganz in der Nähe Rothari's Jagdhorn. Er stand offenbar in den nächsten Büschen. Jetta ließ das Pferd den herbeieilenden Dienern und ging gewandten Schritts über die mosigen Steine, durch Farren und Hecken dem Tone nach, gefolgt von Gratian, der des Lautes wenig froh schien. An einer hohen Felswand, die ein geräumiger Grasplatz und mäßiges Buschwerk umgab, fanden sie den Alamannen, der ein zappelndes junges Wölflein am Schopfe hielt und ihm mit einem seiner Jagdriemen das Maul verkörbte. Nachdem er so den kleinen Feind unschädlich gemacht, legte er ihm mit einem zweiten Riemen ein Halsband an, während er zugleich durch freundliches Streicheln und Kosen das erschreckte Thier zu beruhigen suchte. Näher tretend, sah Jetta die Wölfin todt an der Erde liegen, mit einer blutenden breiten Wunde vorn an der Seite. Drei junge Wölfe lagen erschlagen daneben. »Einer ist mir entwischt«, sagte Rothari lachend. »Eine Jagd wie diese verdient es nicht besser.« »Wo hast du das Lager entdeckt?« fragte Jetta. Rothari bog mit seinem Speere etliche Zweige vor der Felswand zur Seite, so daß der Eingang einer Höhle sichtbar ward. Neugierig kroch Gratian hinein, um eine Nachlese zu halten. Die Pforte war nieder und die herabhängenden Aeste und Wurzeln verdeckten sie völlig. Im Inneren aber wurde die Höhle geräumiger. Menschliche Kunst hatte ihr nachgeholfen. Schon manchem Flüchtling vor Alamannen oder Römern mochte sie zur Zuflucht gedient haben, ehe die Wölfin das verlassene Asyl sich zugeeignet hatte. Der scharfe Geruch des Wolfslagers trieb aber den jungen Cäsar rasch wieder zurück an die Luft. »Ich habe nichts gefunden als diese Spolie«, sagte er, indem er Jetta den Flügel eines Huhns zu Füßen legte. »Von meiner Lieblingshenne«, rief Jetta klagend. »Arme, gemordete Galla, jetzt hättest du Ruhe vor deinen Feinden.« Sie pflückte eine Feder ab und warf dann den Fittich zur Seite. Rothari's Horn rief nun die Knechte herbei, die neugierig und froh die erlegte Beute umstanden. Jagdglück macht Herren und Diener zu Freunden. Die Sklaven prüften der Wölfin Gebiß und maßen ihre Länge, sie lobten Rothari's sichern Wurf und spielten mit dem kleinen Gefangenen. Endlich luden sie die Beute auf. Der Eine nahm das Unthier über die Schultern, der Andere trug die drei todten Wölflein gleich erlegten Hasen auf dem Rücken, ein Dritter schleppte das Reh herbei, das Jetta der Wölfin abgejagt hatte. Dann wollten sie lachend das Wölflein aufpacken, aber der Kleine schnappte ihnen mit scharfen Zähnen nach den Fingern. »Wann werden Römer und Gallier wohl lernen, wie man Thiere behandelt?« lachte Rothari und er kraulte dem Wolfe mit zwei Fingern den Nacken und das Ohr. Das Thierchen hielt behaglich still, schmiegte sich an Rothari's Beine und leckte ihm dankbar die Hände. Nachdem er einem der Knechte gezeigt hatte, wie er das Wölfchen tragen und durch Streicheln beruhigen müsse, zogen die Diener voraus und Jetta schickte sich an, ihr Pferd wieder zu besteigen. Rothari aber ergriff kühn die zarte Gestalt und setzte sie mit sicherer Hand in ihren Sattel. Die Jungfrau hatte es lächelnd geduldet und ihre Wange streifte beim Aufheben leicht die Wange des Germanen, der ihr nun die Zügel reichte und die Falten ihres Gewandes zierlich zurecht strich. Gratian ward bleich. »Also so weit seid ihr bereits«, dachte er und im bittern Unmuthe über die thörichte Rolle, die er selbst gespielt, blieb er zögernd hinter den beiden Andern zurück, die sich fröhlich über die Erziehung des jungen Wolfes unterhielten, den Rothari für die Herrin vollkommen zu zähmen versprach. Nach einer Weile hielt jedoch Jetta ihr Pferd an. Sie mochte ahnen, was in Gratian's Herzen vorgehe und um ihn zu versöhnen, bat sie Rothari, zu warten, damit nicht auch er wie Syagrius und Ausonius ihnen verloren gehe. Während sie so standen und zurückschallten, schwirrte es durch die Luft. Ein Zischen und ein Schlag erfolgte; in der Buche, an der Rothari stand, stak zitternd ein Pfeil. »Das galt mir«, sagte der Alamanne. »Das Geschoß flog mir hart am Auge vorüber.« Er schaute scharf nach der Richtung, von der der Schuß gekommen, aber es regte sich nichts. Jetta beugte sich von ihrem Pferde nach der Buche hinüber und zog den Pfeil aus dem Stamme. In diesem Augenblick kam Gratian um die Ecke und Jetta reichte ihm den Pfeil. »Soeben ward auf deinen Freund geschossen«, sagte sie schreckensbleich. Auch Gratian verfärbte sich und griff hastig nach der dargebotenen Waffe. Die Spitze war klein aber scharf und mit Kupfer umschlossen. Der Bart war eine Reiherfeder, das Holz fest, aus polirtem Kirschbaum. »Es ist römische Arbeit«, sagte Rothari. »Kein Alamanne schießt mit solchem Spielzeug.« »Wenn nur die Hunde da wären, daß wir nach dem Schurken fahnden könnten«, rief Gratian. »Aber es war kein Römer, der dies Eisen schliff. Aus Damascus oder Antiochien mag es stammen. Hüte dich, die Spitze ist vergiftet. Beim Hercules, wo sah ich solche Pfeile!« »Es ist Syagrius' Geschoß«, sagte Jetta düster. Rothari zerbrach lächelnd den Pfeil und warf ihn in die Büsche. »So fahre hin, Syagrius' Rache!« Doch Gratian schüttelte das Haupt: »So feig handelt der Grieche nicht; auch musterte ich seinen Köcher. Er schießt mit ausgegossenen Rohren.« »Halte Jetta's Pferd«, sagte Rothari plötzlich. »Dort bewegt sich der Busch, vielleicht daß ich den versteckten Schützen doch noch ertappe.« Schweigend und kummervoll saß Jetta auf dem Zelter, der still und erschrocken stand, während Gratian ihm die Hand am Gebisse hielt und ihm den Hals streichelte. »Warum traust du Syagrius so Schlimmes zu?« fragte er endlich seine schöne Gefährtin. »Ihm traue ich alles zu«, sagte Jetta mit plötzlich hervorbrechender Leidenschaft, »er wird Rom noch verrathen. Wenn man erst die Begeisterung lächerlich findet, so bleibt nichts mehr übrig. Man ist dann zu allem fähig, weil man an nichts mehr glaubt.« Gratian ward nachdenklich. »Der Urheber der gefiederten Botschaft«, sagte er endlich, »ist der Notar nicht, aber vielleicht der Besteller. Darin könntest du Recht haben.« Auch Jetta versank in tiefes Sinnen. Aber sie schüttelte die schweren Gedanken ab. »Wer weiß«, tröstete sie sich. »Vielleicht hängt auch alles ganz anders zusammen.« Nach einer Weile kam Rothari wieder. Er hatte niemanden entdeckt als die alte Phorkyas, die hinter den Dienern zurückgeblieben war. Mehr als je hatte sie ihm den Eindruck einer Verrückten gemacht. Jetzt folgte sie hinter dem Pferde und den beiden Begleitern, verlor sich aber bald wieder in den Büschen. Jetta spähte unablässig nach allen Seiten, als fürchte sie einen zweiten Angriff, aber Rothari beruhigte sie. »Reden wir nicht davon, aber behalten wir die Augen offen.« »Du hättest den Pfeil nicht wegwerfen sollen«, sagte Jetta. »Um Sperlinge zu schießen war er gut genug«, erwiderte Rothari, »aber Pfeile, die tödten, sehen anders aus.« Kurz vor dem Lager stießen sie wieder auf die Knechte, die die Pferde vom Bühl hierher geführt und während Gratian und Rothari aufstiegen, erblickten sie auch Syagrius, der vom Walde zurückkehrte. »Warum hast du uns so früh verlassen?« redete ihn Rothari an, um Jetta zu zeigen, daß er ihren Verdacht nicht theile. Der Grieche warf die Römernase stolz gen Himmel. »Andere«, sagte er hochmüthig, »eignen sich besser dazu, einem gestohlenen Huhne nachzulaufen als der Notar des Kaisers.« »Da hast du recht«, erwiderte Rothari kalt. »Ist man aber wegen eines gestohlenen Huhnes nun einmal ausgezogen, so muß man ohne den Hühnerdieb nicht heimkehren, und wäre es nur, um zu zeigen, daß man auch im Walde sein Ziel nicht verfehlt.« Damit gab er seinem Rosse die Sporen und sprengte zu Jetta. Auch er war nunmehr geneigt, den Griechen für den versteckten Schützen zu halten. Vierzehntes Kapitel. Festgehalten von diesen schönen Augen hatte Rothari der Rückkehr nach Rom entsagt und jedem Gedanken der Heimkehr in die Halle seiner Väter den Abschied gegeben. In süßer Vertraulichkeit lebte er mit Jetta zusammen und reich durch Erbe und Krieg, beschloß er, sich hier zwischen Nicer und Rhenus einen Besitz zu gründen, dessen Königin Jetta zu werden versprach. Ihnen war, als hätten sie schon viele Jahre zusammen verlebt, da das süße Neigen der Herzen, die Erinnerung an gemeinsam bestandene Gefahr und das Geheimniß jenes Pfeiles sie mit dreifachem Bande umschlang. So flossen ihre Tage in dem blüthenreichen Garten dahin, als ob sie auf der Insel der Seligen lebten. Gratian's knabenhafte Verliebtheit war Gegenstand ihrer Scherze und ihrer vereinten Erziehungskünste; außerdem aber hatten sie einen weiteren gemeinsamen Zögling an dem jungen Wolfe, der sich an Jetta bald ebenso traulich gewöhnte wie an Rothari selbst und wenn Jetta das Thier an sich emporspringen ließ, es am Halse kraute, ihm die Hand durch das junge scharfe Gebiß zog, machte Rothari mit ihr eine Ausnahme von seiner Regel, daß nur Germanen mit Thieren umzugehen verständen. Arator konnte sich bald der Einsicht nicht mehr verschließen, daß Jetta und der Germane innerlich einig seien. In ihm aber kämpfte die Furcht, Syagrius möchte seine Werbung erneuen, mit der Abneigung, sein einziges Kind einem Barbaren zu vermählen, während Rothari in treuherziger Unbefangenheit alles als erledigt betrachtete. Entweder hielt der Germane die Werbung bei Valentinian in Arator's Gegenwart für hinreichend, oder er hatte der Erklärung, Arator möge die Macht mit ihm theilen wie der Vater mit dem Sohne, eine Bedeutung beigelegt, die der stolze Greis nicht in derselben gesucht. Auch Jetta schwieg, aber ihr ganzes Benehmen trug den Stempel einer freudigen Entschlossenheit. So mußte der Vater schließlich selbst das erste Wort reden und ihr erklären, wie es durchaus nicht sein Wunsch sei, daß sie ihre Hand einem Barbaren zum Ehebunde reiche; in Roms Palästen suche er seinen Eidam. Aber Jetta behandelte seinen Widerspruch als unerheblich. Er werde sich schon fügen, lachte sie ihn an, wenn er Rothari besser kenne, den Liebling der Götter und der Menschen. »Glaubt Arator, seine Tochter werde sich einem Barbaren schenken?« fragte sie ihn mit blitzenden Augen. »Du kannst Roms Paläste umwenden, bis du einen Römer findest wie diesen.« »Thue, wozu dein Starrsinn dich treibt«, erwiderte der Vater düster. »Ich sehe nichts Gutes sprießen aus solchem Bunde. Rothari wird sich eine Weile bestreben, den Barbaren auszuziehen, aber ich sah noch keinen als Römer sterben, der nicht als Römer geboren ward. Früher oder später wird der Alamanne die fremde Haut abstreifen und du bist dann heimathlos. Aber ich bin nicht darauf eingerichtet, mit meinem einzigen Kinde in Feindschaft zu leben. Möge dein Weg heller sein als ich ihn sehe. Soll es geschehen, so beeile dich, denn meine Tage sind gezählt.« Seine freundschaftliche Zuneigung zu Rothari's tapferer Soldatennatur erleichterte dem alten Manne das Opfer, das er brachte, aber er war auch entschlossen, diese Ehe wieder zu trennen, und wäre es durch Eisen und Blut, falls der Alamanne sein Kind betrog. Es war natürlich, daß Jetta sich bedang, ihre Vermählung müsse in streng römischen Formen gefeiert werden und Rothari's Wunsch, ganz ein Römer zu werden, kam diesem Verlangen auf halbem Wege entgegen. Das hatte nun aber die Folge, daß vor dem Feste der Reinigung des Vestatempels am fünfzehnten Juni die Hochzeit nicht gehalten werden durfte. Sah auch Rothari nicht ein, was seine Heirath mit dem Tempel der Vesta zu thun habe, so mußte er doch zugeben, daß einige Zeit nöthig sei, um die Villa in Stand zu setzen, die Arator seinem Eidam zum Wohnsitze zudachte. Dieselbe lag an dem Südwestabhange des Mons Piri, wo Rothari die ihm unterstellten Wartthürme sowohl, wie das Lager im Auge hatte. Ihre hellen Mauern glänzten, umbüscht von reichem Blüthenschmucke, freundlich auf die Ebene herab. Warum das Haus die ganze Zeit leer gestanden, ward Rothari nicht klar. Die Villa sei für Feste vorbehalten gewesen, hieß es, der Kaiser habe sie beziehen wollen, die Officiere hätten sie benützt. Einsehen solle er sie nicht, bat ihn Jetta, damit er ihr die Freude der Ueberraschung nicht verkümmere. Auf seine Bitten stieg sie doch eines Mittags, als die Sonne sich neigte, mit ihm die Treppen der Terrassen empor, die von der Hitze des Sommertages glühten. Mit Wonne schritt der Alamanne auf den säubern Kieswegen die wohlgepflegten Hecken und Blumenbeete entlang und freute sich des freien Blickes, rückwärts in das waldgrüne Thal und vorwärts in die blühende Ebene. Das Haus selbst mußte er allein besichtigen. Ihr zieme nicht, die Schwelle zu überschreiten, über die sie als Neuvermählte getragen werden müsse, sagte Jetta und ließ sich auf den Stufen der Area nieder, während Rothari das glänzend geschmückte Vestibulum überschritt. Mit Ueberraschung schaute der Alamanne die spiegelnden Mosaikböden und bunten Wände des kleinen Raumes. Seltene immergrüne Büsche blühten im Viridarium. Leise plätscherte der Brunnen im Atrium, in das er, nach flüchtigem Durchgang, mit sehnsüchtigem Herzen zurückkehrte. Hier war ja der Schauplatz seines künftigen Glücks, hier sollte der Thalamos aufgeschlagen werden am Tage der Hochzeit, hier sollte dereinst die Domina herrschen über die spinnenden Mägde. Mit banger Seligkeit ließ er sein Auge umherwandern von den schön getünchten Säulen nach dem kostbaren Geräthe und dem kunstvoll gefaßten Impluvium und dann blieb der Blick wieder an den bunten Masken und Fruchtstücken des Mosaikbodens hängen, die von unten heraufglänzten. Aber der Alamanne konnte sich nicht verhehlen, daß es kein Gefühl reinen Entzückens war, das ihn bei dem Gedanken durchdrang, hier zu hausen. In diesen niedern geschmückten Räumen kam er sich selbst ungeschlacht vor, die Seitenkammern benahmen ihm die Luft und auch die geräumigsten Zimmer hatte der Recke mit wenigen Schritten durchmessen. Die kunstvollen Stühle vollends und Bänke fürchtete er zu zerdrücken mit seiner Riesenlast. Er wußte mit sich selbst nichts anzufangen inmitten all dieser Herrlichkeit. So lang hatte Rothari gewünscht als Römer zu leben und einen Augenblick hatte es ihm auch heute ein stolzer Gedanke geschienen, über dieses spiegelnde Haus zu gebieten. Dann aber stieg die braune Halle seiner Väter vor seinem Auge auf, wo seine Mutter mild und doch gebietend vom Hochsitze das Gesinde und die Mannen mit ihren hellen Augen regierte und er dachte, wie wohl Jetta sich in jener Umgebung ausnehmen würde? Besser jedenfalls als er in dieser, sagte er sich. Es war wie das Erwachen eines Naturgesetzes in ihm, daß es ihm unbehaglich ward in dieser Umgebung. Nach dem braunen Blockhause der Alamannen verlangte es ihn und die lächelnden Hirten an den Wänden und die grinsenden Faunen, die von den Böden zu ihm heraufstarrten, waren ihm widrig. Während er so mit seltsam getheilten Empfindungen um sich schaute in den glänzenden Gemächern, zog der schwere Teppich eines Raumes zur Linken seine Aufmerksamkeit auf sich. Er schob ihn zur Seite und trat in einen kahlen und leeren Winkel, der nur den Durchgang bildete zu einer schweren wohlverwahrten Thüre, die mit seltsamen Zeichen verziert war. Vergeblich suchte er das Thor zu öffnen. Durch die Ritzen strich ein pfeifender Zug, als ob ein tiefer Schlot hinter der Thüre münde. Als er das Ohr anlegte, hörte er den Wind heulen wie durch ein Felsthal. Gleichmäßiges Fallen von Tropfen unterbrach rhythmisch das monotone Sausen des Luftzugs und in der Ferne brauste es wie das Rauschen des Stroms. Durch die Oeffnung des Schlosses schaute er in einen dunkeln Raum, aus dem ein feuchtkalter Hauch ihm entgegen wehte. »Düster und eisig, gleich dem Wege nach Niflheim!« sagte er. Eine unbehagliche Empfindung kam über ihn. Er fühlte sich nicht allein mit seinem Glücke, wenn hier ein Zugang zu dem Heiligthum seines Hauses sich barg. Der Gedanke war ihm so peinlich, daß er zum flachen Dache hinaufstieg, um zu sehen, welcher Art der Raum sei, der sich hier anschließe. Aber er sah nur, daß ein Gang zwischen das Haus und die anstoßende Felswand gestellt war und konnte sich die Bestimmung des fensterlosen Querbaues nicht deuten. Als er sich vorbeugte, um genauer zu sehen, rief ihn Jetta an, wie lange sie sich noch werde gedulden müssen? Sie scherzten herauf und herunter, bis Jetta ihn ernstlich zu sich entbot. Aber nochmals unter der Thüre mußte sein Auge zurückkehren zu der geheimnißvollen Pforte. »Ich mauere sie zu«, sagte er bei sich selbst, »sobald ich hier Herr bin.« Damit schloß er das Haus wieder ab und wandelte kosend mit Jetta durch die südlichen Pflanzen des Gartens. Als er den Kiesweg zurückschaute, war derselbe schon weniger schön als vorhin. Der schwere Schritt des Helden hatte tiefe Spuren in dem weichen Sande hinterlassen. »Jetta, Jetta«, sagte er, indem er auf den gestifteten Schaden deutete, »dein Recke zerstampft dir die bunten Böden und Apollo's heiligen Lorbeer wird dir der Reifriese erschlagen.« »Oh weh, mein Riese«, erwiderte sie, »wie wird es da erst mir ergehn?« »Du hast den deinen gezähmt«, sagte er und sie duldete lächelnd seinen Kuß. Unter solchen Wonnen und Scherzen war auch das Warten und Hoffen süß. Der einzige Anstoß auf dem blumenreichen Wege seines Liebeslebens war für Rothari Jetta's Beziehung zu den jungen Römern des Lagers, unter denen gerade die Arator's Hause am nächsten stehenden, Statius und Nasica, dem Germanen am wenigsten zusagten. Diese verzärtelten, salbenduftenden Schöngeister schienen dem tapfern Germanen mehr Eunuchen als Soldaten zu sein. Sie hatten in seinen Augen alle Fehler der Weiber und die Laster der Männer dazu. Die großen Erinnerungen Roms schienen bei ihnen nur in gespreizten Phrasen und antikem Faltenwurfe nachzuwirken. Sie trugen den Soldatenmantel wie eine Toga und declamirten gegen die Barbaren wie Cicero gegen Catilina. Dem schlichten Germanen aber ward wind und weh bei diesem gezierten Römerthum und er wunderte sich, daß Jetta harmlos an die Wahrheit dieses aufgebauschten Patriotismus glaubte. Daß die Vettern seine Ehe mit Jetta ungern sahen, machte ihm eher Freude als Verdruß, aber er war nun doppelt bestrebt, bei Ausstattung des ihm zugewiesenen Hauses zu zeigen, daß auch er reich war durch die Gunst des Kaisers und das Glück des Kriegs. Arator nahm es weniger leicht mit diesen gespannten Beziehungen Rothari's zu seinen Neffen und als der Tag der Vermählung herannahte, rückte er noch mit einer Forderung heraus, die auf Beilegung dieses Mißverhältnisses zielte. »Du begreifst«, hob er in ernst besorgtem Tone an, »daß ich den Mann, der meine Tochter freit, sicher und geehrt sehen möchte in unserem Lager. Ich wünsche, daß Brüder seine Ehre vertheidigen, wenn er abwesend ist, über seiner Sicherheit wachen, wo er selbst es nicht vermag und daß jedermann wisse, dieses Mannes Blut ist kostbar, denn es wird gerächt. Du bist ein Fremder unter uns und keine Sippe steht dir zur Seite. Aber es gibt einen Ersatz für diesen Mangel. Wärest du einer der Christianer, so hättest du ihn in deiner Kirche. Aber auch für uns Diener der alten Götter gibt es ein geheimes mächtiges Band, das die Befehlshaber des Heeres mit heiligen Eiden verpflichtet, das die Einheit in der Armee erhält in dieser Zeit des Verfalls, einen Kitt, der fester hält als Blut.« Rothari machte eine Bewegung mit der Hand, als wolle er sagen, spare das Weitere. Der Comes staunte und winkte verstohlen ein Zeichen. Rothari reckte zwei Finger aus. »Dann sind wir schon Brüder!« rief Arator freudig. »Ein Rabe bin ich« – »Verehre den Vater«, erwiderte der Comes und Rothari neigte das Haupt und sprach: »Ich ehre den Vater.« »Nun gut«, erwiderte Arator. »Es wird alle Guten freuen, daß du zu uns gehörst. Aber es ist nöthig, daß du hier in unserer Grotte dir den nächsten höheren Grad verdienest, damit die Kameraden von deinem Muthe sich überzeugen.« »Dazu war sonst das Schlachtfeld der Ort«, gab Rothari verwundert zurück. »Du mußt die Krieger von heute nehmen wie sie sind«, erwiderte Arator gelassen. »Das Natürliche setzt sie nicht mehr in Erstaunen, nur das Ertragen raffinirter Qualen vermag sie zu überzeugen und bestimmt hier des Mannes Werth.« »So will ich ein Knabe sein mit den Knaben«, erwiderte Rothari lächelnd. »Ich will hungern und dürsten, ich will auf scharfen Muscheln liegen oder spitzen Dornen, sie mögen mich geiseln oder auf's Marterbett strecken, ich will in qualvoller Stellung im Nicer liegen, Dolche gegen mein Auge zücken lassen, durch Feuer und Wasser gehn, schwimmen so lang mein Athem reicht, oder welche Knabenproben die Diener des Mithras sonst ersonnen haben, um den Muth eines Mannes zu prüfen. Aber was mich bindet, sind nicht diese blutigen Proben, sondern daß du, Vater, einen weiteren Theil des Schleiers lüftest von den sinnvollen Symbolen, die sie vor Jahren in der capitolinischen Grotte mir, wie neidisch, nur von ferne zeigten.« »Gut, mein Sohn«, erwiderte Arator. »Der Gott aus dem Felsen nimmt dich auf's neue an. Du wirst den Kriegergrad erhalten und das Wissen werde ich selbst dir spenden, das dieser Stufe gesetzt ist. Bist du bereit zu jeder Stunde dich der Prüfung zu unterwerfen, zu der die Väter dich rufen?« »Bereit bei Tag und bei Nacht.« »Gedenke dieses Wortes, daß du es lösest«, sagte Arator bedeutsam. »Gerne«, erwiderte Rothari, »und wo ist die Grotte des Mithras, die meiner harrt?« »Das bleibe dir verborgen bis der Gott dich ruft,« Der Alamanne neigte das Haupt und Arator ging befriedigt von dannen. Fünfzehntes Kapitel. Endlich war zum letzten Male die Sonne gesunken und die Nacht angebrochen, die unsern Helden von der Erfüllung aller seiner Hoffnungen schied. In der Villa des Comes saß Jetta nachdenklich in ihrer Mädchenstube und legte die magischen Bücher zur Seite, die sie noch ein Mal über die Zukunft befragt hatte. Zu ihren Füßen saß Bissula mit der Zurüstung des rothen Hochzeitsschleiers beschäftigt und neben ihr stand jene bleiche, kränklich aussehende Matrone, Fulvia, die Gattin des schwermüthigen Centurio auf dem Rosenhofe, die Jetta seit dem Tode ihrer Mutter als Freundin geleitet hatte. Aber Jetta sah in diesem Augenblicke nicht ans wie eine glückliche Braut. »Alle werden sie wegbleiben?« fragte sie die ältere Freundin mit einem Ausdruck, in dem Zorn und Beschämung sich mischten. »Du weißt, theuere Jetta«, sagte die Andere, »wie sehr sie den Bischof fürchten. Er predigte in der Basilica über das Wort: ›ihr könnt nicht zu des Herrn Tisch treten und zu der Dämonen Tisch.‹ Die Folge war, daß sämmtliche Frauen beschlossen, sich den heidnischen Ceremonien fern zu halten.« »Wenn ihnen ihr Priester mehr ist als ihre Freundin, so mögen sie gehen. Aber ich werde mich dessen erinnern, wer allein von allen Frauen den Flüchen des Mächtigen trotzte.« Und sie umschlang den Hals der bleichen Frau und küßte sie mit Leidenschaft. »Aber weshalb bleibt Justina aus? Sie macht sich doch sonst nichts aus des Bischofs Zorn?« fragte sie dann auf's neue. Fulvia zuckte die Achseln. »Das kann ich dir sagen«, platzte Bissula heraus. »Du weißt doch die dumme Geschichte mit dem Helme, den der Kaiser verlor?« Fulvia winkte ab, aber Bissula's Redestrom war nicht mehr zu bändigen, »Seit Valentinian den Helm sich von einem Germanen rauben ließ, glaubt Justina felsenfest, das Reich werde wieder an einen Barbaren fallen wie unter Maximinus Thrax oder Philippus Arabs, aber dieses Mal an einen Alamannen. Es muß Valentinian selbst so etwas geträumt haben.« »Aber was hat das mit meiner Hochzeit zu thun?« fragte Jetta befremdet. »Das ist es gerade, sie meint ja« ... »So schweige doch mit den albernen Reden«, sagte Fulvia unmuthig, »und lasse die Thoren, die sich im Lager langweilen, ihre Märchen erzählen. Ein verlorener Helm bedeutet einen verlorenen Helm und nicht einen neuen Kaiser.« Jetta war still geworden. Nach einer Weile fragte sie träumerisch: »So glaubst du nicht an Vorbedeutungen?« »Ich glaube an die Vorbedeutung meiner Thaten«, erwiderte Fulvia. »Handle ich schlecht, so bedeutet das Unglück für die Zukunft. Andere Vorbedeutungen gibt es nicht.« »Du redest, wie eine Christin«, erwiderte Jetta lächelnd. Sie war in tiefes Sinnen versunken. Fragte sie sich, ob Rothari und Jetta das Perlendiadem schlechter kleiden würde als Valentinian und Justina? Inzwischen hatte Bissula den rothen Brautschleier vollends hergerichtet und mit sanfter Freundlichkeit nahm nun die bleiche Matrone der trüb lächelnden Braut ein Stück ihrer Mädchenkleidung nach dem andern ab, indem sie es, wie die Sitte verlangte, durch die entsprechende Frauentracht ersetzte. Die Mädchenkleider nahm die alte Phorkyas in Empfang, um sie mit dem Kinderspielzeuge, das sie für diesen Tag bewahrt hatte, zusammenzupacken und beides den Laren des väterlichen Hauses zu weihen. Es war eine traurige Feierlichkeit so ganz ohne die Schaar der neugierigen Freundinnen, die sonst dieser Ceremonie beiwohnten, jede den Gedanken im Herzen, wann die gleiche heilige Handlung einmal mit ihr selbst werde vorgenommen werden. »Wolltest du nicht auch die magischen Rollen hinzuthun?« fragte die bleiche Matrone sanft. Jetta schüttelte das Haupt. Aber die blasse Frau legte mütterlich ihre feine abgemagerte Hand auf Jetta's volle Schulter. »Bedenke, Jetta, diese Schicksalsstunde! Die verhängnißvollen Schwestern umschweben dich. Sie weben neue Fäden in das Gespinste deines Lebens. Wenn nun durch unsere Schuld der Einschlag schwarz wäre!« Sie trocknete sich die Augen, dann fuhr sie fort: »Der schwarze Faden kommt immer wieder zum Vorschein, immer wieder, bis schließlich die hellen Fäden ausgehn und er allein übrig bleibt – – du kennst mein Schicksal, laß dich warnen.« Und von ihrem Unglück übermannt begann sie laut zu schluchzen. »So weine doch nicht«, schalt jetzt Bissula. »Das gerade zieht das Unglück herbei.« »Du glaubst ja nicht an Vorbedeutungen«, sagte Jetta sanft, indem sie Fulvia's Hand nahm. »Ich bin nun einmal anders als du. Auch ein schwarzer Faden wäre mir lieber als das einförmige Gewebe, das die Parze den meisten Frauen spinnt. Die tausend Nichtigkeiten, die ein Weiberleben ausmachen, wären nichts für mich. Meinst du, ich habe meine großen Pläne aufgegeben? Nicht um ein still zufriedenes Eheweib zu werden, nehme ich meinen Helden. Ihr sollt von Jetta noch hören.« »Mögen die Götter alles zum Besten lenken«, sagte Fulvia mild, indem sie die Thränen sich trocknete. »Vielleicht weißt du heute noch nicht, wie glücklich die sind, denen die Göttinnen einen glatten Faden spinnen und wie es an unserem eigenen Herzen zerrt, wenn wir das Werk ihrer Hände verwirren. Der Weg ist lang zwischen den beiden Flammen, der Fackel Hymen's, die uns das tiefste Geheimniß menschlicher Beglückung zu erhellen verspricht und der Fackel des Holzstoßes, der all unserer Enttäuschung und Qual ein Ende macht. Mögest du nicht dereinst, wie ich, die Ruhe im Columbarium dir erflehen, den Frieden der Urne, auf der das letzte Trostwort steht: › sie war ‹.« »So lasse doch den Grabsermon«, zürnte Bissula auf's neue. »Bei einer Bestattung geht es heiterer zu als bei dieser Hochzeit.« »Verzeihe«, sagte Fulvia. »Bissula hat recht. Es gibt Leute, die sich nicht mehr freuen können« – »und sich nicht mehr freuen sollen«, setzte sie nach einer Weile bitter hinzu. Die alte Amme aber raffte rasch den Bündel mit Mädchenkleidern und Kindertand zusammen und verschwand damit nach dem Heiligthum des Hausgötzen. Die Brautkleider, den mit verticalen Kettenfäden gewebten Rock, den wollenen Gürtel und den rothen Brautschleier neben sich, legte Jetta sich zur Ruhe. Die Freundinnen küßten sie noch. »Morgen küßt dich ein Anderer«, sagte Bissula in ihrer derben Weise. »Nun, dann kannst du ja ganz unbesorgt sein für deinen Ausonius«, erwiderte Jetta lächelnd. Damit entfernten sich die Frauen nach unten. Lang lag die allein Gelassene noch in ihren Gedanken, die ruhelos hin und hergingen zwischen der hellen Vergangenheit und der dunkeln Zukunft und allen Schlaf verscheuchten. Nach einer Weile erhob sie sich leise und zündete eine Lampe an. Mit derselben setzte sie sich zu den Rollen, die noch immer auf dem Tische lagen. Sie zählte, sie schrieb, sie zählte wieder. Die Rechnung schien nicht zu stimmen und sie begann auf's neue. Mitternacht war nahe, als sie das Licht endlich löschte und zu ihrem jungfräulichen Lager zurückkehrte. Jetzt schlief sie wirklich ein. Als der Tag aber graute, schritt sie in früher Morgenstille in den Garten hinaus, um sich selbst die Blumen zum Brautkranze zu pflücken, wie die Sitte es vorschrieb. An der Ecke der obersten Terrasse fand sie die alte Amme, die mit ihrem einen Auge starr nach dem Himmel schaute, welcher Vogel zuerst auffliegen werde und von welcher Seite? Aber es zeigte sich nichts Ersprießliches. Nur am Waldabhange hörte man das unablässige Schreien eines jungen Habichts, der sich vom Neste verirrt nach demselben zurücksehnte. Als Jetta mit dem Pflücken der Blumen geendet und es noch immer still blieb, schlich auf Phorkyas' Wink ein Sklave nach dem Taubenhause und öffnete die Lucken. So flatterten Aphrodite's heilige Vögel zuerst von der Glücksseite her über das bräutliche Haupt. Jetta hob lächelnd den Finger: »Phorkyas, Phorkyas! Solche Omina gelten nicht. Sieh zu, daß nicht die Göttin sich räche.« »Oh, es war ein großes Zeichen am Himmel, als die Sonne sich hob«, flüsterte die Alte. »Ein Adler stieg senkrecht in die Höhe und nahm den Flug nach Süden gegen Rom! Dein Herr wird Kaiser, sonst hätte der Pfeil im Walde ihn getroffen.« »Thorheiten, alte Phorkyas, du siehst Krähen für Adler an, wenn es dir paßt. Seit zwölf Jahren wohne ich am Rhenus und noch niemals sah ich einen Adler.« »Um so sicherer hat ihn Jupiter gesendet, mein Töchterlein!« »Schweig«, sagte Jetta streng. »Der heutige Tag ist zu ernst für solche Possen.« Damit begab sie sich zum letzten Male nach ihrer Mädchenstube, um sich von den beiden Freundinnen und den weinenden Mägden schmücken zu lassen. Sie legte die Frauentunica an und den wollenen Gürtel mit schwer zu lösendem Knoten. Fulvia ordnete ihr das Obergewand in schöne Falten und setzte ihr den Kranz auf's Haupt. Dann wurde das Oberkleid aufgenommen und leicht über den Hinterkopf gesteckt und über die Schultern der flammend rothe Brautschleier geworfen. Inzwischen war es im Atrium bereits laut geworden. Man hörte die Stimme Arator's, der seine Gäste empfing und die Glückwünsche der Kameraden für Rothari. Bissula lief jedesmal lauschend nach dem Vorplatz, horchte hinunter und meldete der unter Beklemmungen lächelnden Jetta, was unten vorging. Als Jetta endlich mit jungfräulich geneigtem Haupte, aber festem Schritte, von ihren Frauen gefolgt, aus ihrer Thüre hervortrat, begrüßten leise gesprochene Segenswünsche und halb unterdrückte Rufe der Bewunderung die Kommende. In der Haltung einer Königin kam sie die Treppe herab. »Sieht sie nicht aus, als ob sie aus dem Marmorfriese des Parthenon herausgetreten wäre, wo sie den Zug der Jungfrauen anführte?« fragte Gratian seinen Nachbar. »Wie die Priesterin der Pallas, die die Stufen des Minervatempels herabsteigt«, bestätigte der Angeredete. »Herab, ja herab« – murmelte einer der eleganten Vettern des Hauses. In majestätischer Selbstbeherrschung trat Jetta in den festlich geschmückten Raum und ließ ruhig ihre dunklen Augen über die Versammelten hingehn. Wenige Frauen und Jungfrauen, doch viele Freunde Arator's waren erschienen. Etliche, die Jetta gern gesehen hätte, fehlten, denn alle Christianer hielten sich von dem heidnischen Theile der Feier fern. Daß Ausonius den Muth gefunden, den kirchlichen Satzungen zu trotzen, lohnte Jetta mit einem ihrer lieblich freundlichen Blicke. Auch Gratian reichte sie die Hand, der sich stolz neben seinen glücklichen Freund gestellt hatte. Rothari war zu Jetta's Freude ganz in römischem Kleide und sah auch in der Toga aus wie ein Held. Sein blonder Bart fiel wohlgeordnet um die freundlichen Lippen und seine blauen Augen strahlten hell von Glück und innerer Seligkeit. Er konnte es nicht lassen, zuweilen einen Schritt zurückzutreten, um sich immer wieder in stillem Entzücken an Jetta's adeliger Schönheit zu weiden, während sie stolz auf seine Liebe, im frohen Vollgefühle ihres Werthes, ihm gegenüber stand. Auch sie schaute ihn strahlend an und in diesem Blicke lag so viel Ehrerbietung für ihren Helden, so viel Stolz auf ihre Wahl, daß er an sich halten mußte, um seine Ruhe zu bewahren. Endlich war der Ehecontract vollzogen, Jetta ward durch den Vater vor Rothari gestellt und sprach mit fester tiefer Stimme die bindende Formel: »Wo du Herr bist, will ich Herrin heißen, wo du Hausvater, bin ich Hausmutter.« Darauf nahm Fulvia als Brautführerin ihren Arm, führte sie an Rothari's Seite und legte ihre Hand in die seine. Die ganze Hochzeitsgesellschaft, das junge Paar voran, schritt nun zum Lararium, vor dem die Brautleute Hand in Hand sich auf zwei Stühlen niederließen, die mit einem gemeinsamen Schaffließe überdeckt waren. Freunde und Freundinnen traten hinzu und stellten kleine Körbchen mit Früchten und weißem Brote auf dem Altare auf und opferten Weihrauch, dessen blaue Wölkchen das Haus mit Wohlgeruch füllten. Arator selbst sprach hierauf die Formeln des Gebetes, die alle Götter der Ehe anriefen. Juno, die himmlische Herrin, erwähnte er zuerst. Auch Tellus, den Grund und Boden nannte er, darauf das neue Haus sich gegründet, auch Picumnus und Pilumnus, die Götter der Fruchtbarkeit. Während er sprach, erhob sich das junge Paar und wandelte nach rechts hin um den Altar, während Gratian lächelnd eine verdeckte Kiste mit den Symbolen des Hausstandes ihnen vorantrug. Arator hatte geendet und nun schallte der Zuruf: » feliciter « in hellem Jubel durch die Hallen. Pfeifen und Zinken ertönten fröhlich vom Viridarium her. Die Vermählten nahmen die guten Wünsche aller Einzelnen entgegen und die Gesellschaft zerstreute sich plaudernd durch die Räume des Hauses, um sich zur Stunde der Mahlzeit im Triclinium wieder zusammenzufinden. In Gestalt eines Hufeisens waren Tischchen mit je zwei Polstern aufgestellt und auf dem mittleren ließ das junge Paar sich nieder. Der Vorhang des Speisegemachs war zurückgezogen, so daß die Gäste über die Blumenbeete nach der plätschernden Fontaine sahen und der Blick darüber hinaus durch alle Gemächer des Hauses schweifte. Bald erfüllte eine Mischung von Weindunst und Blumenduft, von Glanz der strahlenden Gewänder und Blumenkränze das festliche Haus und betäubte die Sinne. Die Unterhaltung der Gäste rauschte, die Flöten tönten aus der Vorhalle. Ab und zu wandelte ein Paar, dem es drinnen zu heiß ward, die Hallen des Peristyls auf und nieder. Junge Sklaven in glänzenden Gewändern und Epheukränze auf dem Haupte eilten mit silbernen Schüsseln und rothen Krügen heraus und herein. Drinnen ward eifrig gezecht, Scherze, doch minder freie als sonst bei solcher Gelegenheit, flogen hin und wieder. Von dem Allem aber hörte der germanische Held nur wenig. Er war bräutlich versunken in sein Glück und sein Auge hing an dem Kameenprofil seiner Gattin, die mit hellem Geiste und der ihr eigenen Grazie jeder Ansprache, auch der unziemlichen, schlagfertig Bescheid gab. Als aber die Freuden der Tafel die jungen Häupter erhitzten, wurde die Unterhaltung stürmischer. Jetta's Vettern, der dicke Statius und der abgelebte Nasica, die Rothari bis jetzt keiner Beachtung werth gefunden, hatten mehr Wein in sich geschüttet als sie vertragen konnten und fingen an dem benachbarten Tische an, zu bramarbasiren und durch große Worte die Barbaren zu Paaren zu treiben. Lang hörte es Rothari mit Gleichmuth an, als aber die Reden immer herausfordernder wurden, schleuderte er einen Zornesblick nach den jämmerlichen Burschen. »Ja, blicke nur, Barbar«, rief der betrunkene Statius. »Wir werden eure Könige wieder, wie der vergötterte Constantin es that, im Amphitheater den Löwen und Bären vorwerfen« ... »Nieder auf die Kniee müssen sie, wie die neun Alamannenkönige vor Probus«, lallte der schwächliche Nasica. »Sieh nur du, daß du aufrecht bleibst«, rief Rothari dem Gecken zu, »wenn du noch weiter trinkst, wirst du bald selbst den Boden küssen.« Mahnend legte Jetta ihre schöne Hand auf Rothari's Schulter. »Wie deine Vettern vor Julian«, rief Statius zurück, denn der hochmüthige Geselle verfluchte die Heirath Jetta's mit einem Germanen. Rothari wollte aufspringen. »Laß sie, mein Held, sie sollen dir morgen abbitten«, flüsterte Jetta. »Ich will aber nicht sitzen, wo nebenan Schweine sich wälzen und meine blanke Ehre bespritzt wird«, sagte Rothari und er erhob sich. »Was hat das alamannische Torfschwein gegrunzt?« lallte der betrunkene Nasica. »Laß es, es sucht ein Versteck«, rief der Dicke. »Fahr wohl, du Held im Schafsfell und dem Panzer von Roßhaut.« Da stand Rothari bereits hinter ihm, ergriff den Lästerer an der Tunica, hob ihn mit mächtiger Faust in die Höhe und setzte ihn mitten auf dem Tische nieder. Dann kehrte er sich ruhig zur Thüre, wohin Jetta sich bereits geflüchtet hatte. Mit ihr schritt er stolz hinaus, während sie drinnen weiter tobten und lärmten. »Das geht ja zu wie bei der Hochzeit des Pirithous«, hörte Rothali hinter sich Ausonius sagen, der sich eilig von dem Schauplatz des Kampfes zurückzog. »Das kommt dabei heraus, wenn Lapithen und Centauren sich sippen.« Auf's neue stieg Rothari die Zornröthe in's Angesicht. Also selbst diesem befreundeten, gutmüthigen Gallier war er nach wie vor ein Centaur. Inzwischen war Arator herbeigeeilt und brachte mit strengen Worten die jungen Leute zur Ruhe. Im Garten hatten sich nun, nachdem alle heidnischen Uebungen vorüber waren, auch die übrigen Freunde des Hauses versammelt und Jetta begrüßte sie der Reihe nach mit vornehmem Gleichmuth, als ob sie nichts Anderes erwartet und niemanden vermißt hätte. Aber die häßliche Scene, obwohl nur wenige sie mit angesehen, ward doch flüsternd von Ohr zu Ohr gesagt und es wollte keine rechte Feststimmung mehr aufkommen. So waren alle froh, als endlich der Tag scheiden ging und es möglich wurde, die Hochzeitsfackel zu entflammen. Aus den Armen der Matrone Fulvia, die die Mutter vertrat, entführten Rothari's Freunde, von Gratian geführt, mit vielem Lärme die junge Gattin. Der Zug ordnete sich, um das glückliche Paar nach seinem eigenen Hause zu geleiten. Draußen lag eine Schaar von Nachbarn und entfernten Bekannten, die sich nun alle herzudrängten. Die Flötenspieler stimmten die oft gehörte fröhliche Weise an und Fackelträger gingen zur Seite. Jetta hatte zwischen Statius und Nasica einhergehen sollen, da das Recht der Verwandtschaft den Vettern diesen Platz zutheilte. Aber der Dicke hatte für gut gefunden zu verschwinden. Jetta zuckte unmuthig die Schultern und bat Gratian, ihn zu vertreten. Hocherfreut nahm der junge Augustus diese Ehre an, obwohl auch er sich nicht ganz sicher auf den Beinen fühlte. Rothari war froh, als er aus dem lärmenden Hause hinaustrat in die feierliche Stille der nächtlichen Flur. Wie stimmte diese laue, milde Sommernacht zu seiner eigenen weichen Seligkeit. Das Rauschen des Stroms in der Ferne und die flimmernden Sterne oben schienen dasselbe, nur in einer andern Sprache zu sagen, was auch sein Herz bewegte. Wie tief empfand er in diesem Augenblicke, als sie das Haus mit seinen Fackeln, Dienern und trunkenen Gästen hinter sich ließen und die Herrlichkeit einer Sommernacht über der Ebene des Rhenus sich vor ihnen aufthat, daß nur die Natur Feste zu geben verstehe, die auch das höchste Glück noch verklären und die nie ein Mißton entweiht. Eine ähnliche Empfindung war es, die aus Jetta's mildem Blicke sprach. Ein lieblicher Knabe trug der Braut die Fackel voran, während zwei Jungfrauen ihr Rocken und Spindel nachführten. Dem Bräutigam hatte man eine Tasche mit Nüssen, Confect und kleinen Gaben zugesteckt, die er rechts und links den lärmenden Knaben zuwarf. So ging es den Weg am Bergabhange hin und fröhliches Lärmen, Singen und der Zuruf talasse tönte hinaus in die abendlich schweigende Ebene. Als das Haus des jungen Paares am Hügel auftauchte, und die Fackeln sich schimmernd im Nicer spiegelten, wurde Catull's beliebtes Hochzeitslied angestimmt: Hügelwohner am Helicon, Holder Sohn der Urania, Der zum Manne die zarte Braut Reißt, die bebende, Hymen o, Hymen o Hymenäus. Blumen wind' um die Schläfe dir Würzigtduftenden Majorans, Nimm das Flammengewand und komm, Komm daher mit dem Silberfuß Auf gerötheten Sohlen. Zieht vom Thore die Riegel weg: Komm, o Braut! wie so freudig, sieh, Schwingt die Fackel ihr Flammenhaar! Schamhaft zögert die Gute noch, Weint wohl, weil sie nun gehen muß. Weine nimmer! du darfst ja Aurunculeja befürchten nicht Daß ein schöner geschaffnes Weib Aus dem Meere den jungen Tag Sah in Strahlen heraufgehn. Also hebt in des reichen Herrn Blumenbuntestem Gartenbeet Eine Prachthyacinthe sich. Doch du säumst; es vergeht der Tag; Schreite vor, o Verlobte! Schreite vor, o Verlobte, wenn Dir's gefällt, und vernimm den Ruf Unsrer Stimmen. Es schüttelt hell, Sieh! die Fackel ihr güldnes Haar, Schreite vor, o Verlobte. Nie verworfner Buhlerin Schnöde Fährte bewandelnd wird Sinnesflatterig dein Gemahl Deiner liebebewegten Brust Fern zu liegen begehren; Sondern fest wie der Rebe Drang Anerwachsenen Baum umstrickt, Wird er dir in die Arme sich Stricken; doch es vergeht der Tag, Schreite vor, o Verlobte. Unter solchem Sang war der festliche Zug an der untern Pforte der Villa angekommen, wo das junge Paar von nun an wohnen sollte. Fulvia reichte Jetta eine Schale mit Oel, mit der sie den rechten Pfosten des Thores salbte. Eine zweite Matrone gab ihr eine wollene Binde, die sie um den andern Pfosten schlang. Die Thüre öffnete sich und Gratian und Nasica faßten die Braut in zärtlichem Umschlingen und trugen sie über die Schwelle. Bis zur Thüre des Hauses selbst folgten die näheren Freunde und hoben die Braut auch hier in das Haus. Das Erste, was Jetta sah, war der junge Wolf, der in der Grotte des Haushunds, an neuer funkelnder Kette gebunden, mit dem Schweife wedelte und vor Freude heulend an Jetta emporzuspringen versuchte. Scherzend liebkoste ihn die neue Herrin, während Rothari Gratian die Hochzeitsfackel aus der Hand nahm, um sie an dem hohen dreifüßigen Candelaber zu befestigen, der am Eingang des Atriums stand und sinnig mit Myrte und Lorbeer umwunden war. Die rothe Flamme verbreitete ein mildes Licht, an das das Auge sich nach dem hellen Fackelglanze draußen erst gewöhnen mußte, um an der Wand zur Linken den Thalamos zu gewahren, der nach altem Brauche hier aufgeschlagen war. Vor der Thüre aber, durch die Gratian sich entfernt hatte, lärmten die Jünglinge weiter: Auf! zum Glück in die Pforte denn Ueberschlüpfe den Schwellensteg Dein Goldfüßchen und strauchle nicht! Hymen o Hymenäus o Hymen o Hymenäus. Sieh, wie drinnen am Tyrer Pfühl Hingelehnt der Geliebte rings Dich umfassende Blicke zielt, Hymen o Hymenäus o Hymen o Hymenäus. Sechszehntes Kapitel. Noch lange hörte man draußen die muthwilligen Rufe der Hochzeitsgäste und ihr Schwärmen und Treiben, während die beiden Liebenden sich schweigend umfaßt hielten. Rothari's Unmuth, das Glück seines Lebens aus so verhaßten Händen zu empfangen und das Hochzeitslied von Lippen zu hören, die sein Volk gelästert, begann in der Umarmung des holden Weibes sich zu lösen. Auch wurde es draußen endlich stille und durch die offene Decke des Atrium senkte sich milde Kühlung der Sommernacht in den von dem hohen Leuchter traulich erhellten Raum. »Juno sei Dank, daß sie weg sind!« sagte Rothari aufathmend. »Komme, setze dich zu mir, mein Weib, und sage, was dein Herz bewegte an diesem langen, lärmenden Tage?« »War es dir des Lärms zu viel, mein Freund«, sprach sie sanft, indem sie sich zu ihm auf das Polster niederließ und mit leiser Hand in seinen Locken spielte. »Die rohen Bursche haben dir den Tag verdorben?« »Nicht sie allein; doch ich bin zu glücklich, um zu zürnen. Aber die Andern alle, wie dürfen sie so laut reden, nein schreien von unserem Glück? Ich hasse dieses Herauswinden des Innersten und finde die Bräuche meines Volkes züchtiger. Niemand dürfte von dem sprechen, was uns beglückt, geschweige daß sie noch gar hier selbst vor der Pforte lärmen.« Jetta sah ihn seltsam, fast wie mit leisem Schrecken an, indem sie den rothen Brautschleier abnahm. Sein Auge aber fiel auf den seltsam geschlungenen Knoten des Brautgürtels. »Darf ich ihn nun lösen, diesen gordischen Knoten?« sprach er schüchtern. Sie aber drängte ihn sanft zurück und indem sie einen Kuß auf seine Stirne hauchte, sagte sie: »noch nicht, mein Held, deine Prüfungen sind noch nicht zu Ende.« Indem war es Rothari, als ob ihm von hinten ein scharfer Zugwind in den Nacken schlage. Er hörte Geräusch. Als er umblickte, bewegte sich der Vorhang, der aus dem Atrium nach dem geheimnißvollen Seitengemache führte, das ihn bei seinem ersten Besuche so sehr beunruhigt hatte. Hastig riß er den Vorhang zurück, da stand Syagrius in weißem Gewande vor ihm, hinter ihm Gratian und der heute gezüchtigte Statius, der ihn frech anblickte. Sie alle kämpften mit einer spöttischen Schadenfreude, während sie sich bemühten, ernst und feierlich zu erscheinen. Rothari ward bleich vor Zorn und fuhr mit der Rechten nach der Schwertseite, aber im Gewande des Bräutigams barg sich kein Eisen. Da erhob Syagrius die Rechte und sprach: »Aus der Pauke hast du gegessen, aus der Cymbel hast du getrunken, folge mir!« Starr sah der Alamanne ihn an und strich mit der Hand über seine Stirne, als müsse er sich alte, vergessene Worte in's Gedächtniß zurückrufen. Dann schaute er nach Jetta. Ein Blick in ihre Augen lehrte ihn, daß sie im Einverständniß war und ein Gefühl unendlicher Bitterkeit durchzuckte sein Herz. Syagrius erhob auf's neue die Hand in seltsamer Verkrümmung und sprach nachdrücklicher noch als vorhin: »Der Gott aus dem Felsen hat dich geladen, Mithras hat dich entboten, folge mir!« Da erwiderte Rothari mit rauhem Tone: »Ein Rabe bin ich, Löwe, ich folge.« Mechanisch kehrten seine Augen nochmals zu Jetta zurück. Wehmuth, Vorwurf, Verwunderung, Verachtung, das Alles schien zumal in ihm zu kämpfen und in seinen Augen stand deutlich der Gedanke: »das hätte kein alamannisches Weib gethan. Schamlos sind sie alle, diese Töchter Roms.« Aber bereits hatte Syagrius die geheime Thüre geöffnet. Fackelschein fiel in das düstere Gemach. Man sah abwärts in einen jäh sich senkenden Gang, der in den Felsen gehauen war. Zwei weißgekleidete Jünglinge, mit Kränzen auf dem Haupte, standen im Hintergrunde. Der Eine hob, der Andere senkte die Fackel. Auch sie mahnten mit heller Stimme: »Aus der Pauke hast du gegessen, aus der Cymbel hast du getrunken, der unbesiegte Gott hat dich geladen, folge uns!« Da kehrte Rothari sich hart ab und schritt durch das Thor, die nasse, finstere Treppe abwärts. Syagrius ging ihm zur Seite, Gratian und der Vetter folgten. Aber als sein Begleiter einige Schritte voraus gethan, kehrte der junge Augustus zurück, warf die Thüre in den Riegel und kam unsicheren Schrittes auf Jetta zu. »Du hast des Massikers zu viel getrunken«, rief Jetta zornig, »was suchst du hier?« »Schönste Belleda«, stammelte der Jüngling, ungeschickt nach ihrer Hand greifend, »erlaube, daß ich dir Gesellschaft leiste, bis dein glücklicher Gatte wiederkehrt.« Jetta schaute ihn befremdet an. »Lasse sie mir, diese schöne Hand«, sagte Gratian lallend, »ich bin Rothari's bester Freund und muß heute seine Stelle vertreten.« »Gewiß, Cäsar«, sagte Jetta, »du bist heute mehr als je dazu berufen«; und sie warf einen spöttischen Blick auf die unsicher wandelnden magern Beine des hochaufgeschossenen Knaben. »Du gleichst ihm zum Verwechseln und du sollst mich bedienen, wie ich es von ihm verlangte. Das Erste, was ich deinen besten Freund gebeten hätte, wäre, mir einen frischen Becher kalten Wassers zu bringen, denn das im Kruge ist lau von der Mittagshitze. Also wandere nach der Quelle.« Gratian versuchte, eine schlaue Miene anzunehmen, brachte es aber nur zu einem blöden Lächeln, indem er sagte: »Damit du hinter mir den Riegel vorschiebst, nicht wahr und ich ausgeschlossen bin?« »Ich werde dich begleiten«, sagte Jetta herrisch. »Hier ist der Krug.« »Schöne Gottheit, ich diene wie ein Sklave, dann aber wirst du mich belohnen wie einen König.« Damit nahm er den Krug, während Jetta mit der Lampe ihm voranging. Sie begleitete ihn bis zu der Thüre des Vestibulum, dort blieb sie stehn und spielte mit dem Wolfe. »Ist er nicht bissig«, sagte Gratian, indem er ihn gläsern anstarrte. »Fürchte nichts, er ist ein kluges Thier und hat Ehrfurcht vor den Beinen eines Augustus.« Gratian entfernte sich lachend nach der Fontaine, Jetta aber löste die Kette des Wolfes so weit, daß er die ganze Breite des Vestibulum beherrschen konnte. Dann kehrte sie gelassen zum Atrium zurück, dessen Thüre sie hinter sich abschloß. Als Gratian zurückkam und die Schwelle betreten wollte, stellte sich der Wolf ihm in den Weg und zeigte scharfe weiße Zähne. »Ruhig mein Wölfchen«, sagte Gratian, »ruhig«, aber das Thier sprang an und schnappte nach seinen Beinen. Der Cäsar spritzte Wasser nach ihm, da begann die junge Bestie so mächtig zu heulen, daß es im Wohnhause der Sklaven lebendig ward. Schritte nahten und als Gratian umschaute, sah er in das verwitterte Antlitz der alten Amme, deren eines Auge boshaft zu fragen schien, was der Jüngling hier wolle? »Deine Herrin begehrte Wasser«, sagte Gratian barsch, gab ihr den Krug und verließ im Cäsarenschritte Garten und Villa. An der Treppe strauchelte er, doch kam er glücklich im Lager an. »Weißt du, Davus, was das beste Mittel ist gegen verliebte Anwandlungen?« fragte er dann im Prätorium seinen Sklaven, während dieser ihm die Riemen seiner Sandalen löste. »Nein, Herr.« »Sorge, daß ein Wolf dir nach den nackten Beinen schnappt. Ich habe das Mittel versucht. Es wirkt vorzüglich.« Jetta war nach dem Sitze zurückgekehrt, wo sie neben Rothari geweilt. Die Amme fand sie, als sie das Wasser brachte, in tiefen Gedanken, so daß Phorkyas sie nicht anzureden wagte. Sie legte einige Amulete und Zaubermittel unter das Kopfende des Thalamos, Jetta sah es nicht, aber als ihr die Alte nahte, winkte sie ungeduldig Entfernung. Was war es, was Rothari gegen sie erbittert hatte? fragte sie sich; denn sein vorwurfsvoller und fast verächtlicher Blick hatte sie im Innersten getroffen. Ihr eigener Vater hatte ihr vorgeschlagen, Rothari's Prüfung solle darin bestehen, daß man ihn aus der Brautkammer in die Mithrasgrotte abrufe. Ein so jäher Wechsel, eine so harte Probe des Gehorsams konnte dann die strengen Züchtigungen des Gottes ersetzen. Daß es kein Geringerer als der junge Augustus gewesen, der diesen kecken Einfall hingeworfen, daß die Vettern durch diese kleine Rache am leichtesten mit Rothari ausgesöhnt werden konnten, waren Arator's Gründe gewesen, nicht die ihren. Aus anderer Ursache war sie eingegangen auf den gewagten Vorschlag. Ihr hatte gegraut vor den harten Prüfungen der Grotte, aus denen schon mancher starke Mann als Krüppel hervorgegangen war, den man Stunden lang im Wasser hatte liegen, oder unversehens in eine Grube hatte fallen lassen. – Ihm das zu ersparen, hatte sie die Hand geboten zu des Vaters Plan. Die zarte germanische Scheu vor der Profanation des Brautgemachs, die Rothari verletzte, kannte die Römerin nicht und das stolze Ehrgefühl, das alles leichter nimmt als Eingriffe in die Mysterien des eigenen Hauses, war ihr unverständlich. Dennoch saß sie angstvoll und beklommen in dem einsamen Raume. Wie, wenn alles nur eine Falle war, und man ihren Helden ihr weglockte, um ihn zu tödten? Der Meuchler, der den Pfeil im Walde versendet, konnte recht wohl unter den Genossen der Grotte sein und dort vollenden, was ihm im Walde mißlungen. Ja trotz allem, was Gratian gesagt, hielt sie noch immer Syagrius für den tückischen Schützen. Alle schauerlichen Erzählungen von Leuten, die in der Mithrasgrotte verschwunden seien, um nie wieder zum Vorschein zu kommen, stürmten bei diesem Gedanken auf sie ein, und, selbst eingeweiht in die Mysterien des Lichtgotts, drängten die Gefahren dieser Stunde sich ihr vor die Seele. Sie sah das entsetzliche Götterbild deutlich vor sich, den Jüngling in phrygischer Tracht, der dem Stiere das Messer in den Nacken bohrt. Dieses Mal aber war es Rothari, nach dem sein Stahl zückte. Ein Hund springt an das Opfer heran, eine Schlange leckt sein Blut, ein Skorpion nagt seine Beine – so hatte sie den Stein in der Höhle da unten gesehen, »so werden sie ihn tödten«, rief sie und hielt sich die Hand vor die Augen. Eine finstere Vorstellung jagte die andere in ihrem übermüdeten Haupte. Sie sah den Raben der Mithrasgrotte, den Vogel der Weissagung und der Schlachtfelder, wie er die Augen ihres todten Freundes hackte. Die Löwenköpfe der Pilaster wurden lebendig und ihre Zungen leckten Rothari's Blut. Achtzig verschiedene Qualen, hatte Arator bei ihrer eigenen Weihe ihr gesagt, habe der Mithrasdiener zu bestehen, ehe er zu der Stufe der Väter aufsteige. Was hatte er nicht alles damals aufgezählt: Hungern und Schwimmen in weitem Umkreis, Berührung des Feuers und Liegen im Schnee bis auf zwanzig Tage, jähe Ueberraschungen und Aengstigungen aller Art, zweitägige Geiselung und Aushalten in qualvollen Stellungen. Das Marterbett hatte sie selbst gesehen, auf dem man den Muth und die Standhaftigkeit der Jünger erprobte, ehe dem Geprüften der neue Grad zu Theil ward. Dann erst erhielt er die Deutung der neuen Symbole und wusch zum Schlusse seine Hände in Honig als Zeichen der Reinigung von all den vergebenen Missethaten, oder nahm ein entsündigendes Bad, um zuletzt in weitläuftigen Riten durch ein Brot und einen Becher reinen Wassers in die Gemeinschaft des neuen Grades aufgenommen zu werden. Um ihm diese Qualen zu kürzen, hatte Jetta in die seltsame Prüfung gewilligt, die Gratian's Uebermuth sich ausgedacht und nun verstrich dennoch Stunde auf Stunde und Rothari kehrte nicht wieder. Es ward ihr schließlich gewiß, daß man sie getäuscht. Ihr Held sollte heimlich hingeopfert werden, da man zu feig war, ihn öffentlich zu fällen. Die Hochzeitsfackel war niedergebrannt bis auf einen kleinen Rest. Jetta vermochte das unruhige flackernde Licht nicht länger zu ertragen. Sie zündete die kleine Lampe in der Nische an und löschte die Fackel. Ein böser Geist raunte ihr dabei zu, sie werde mit dem Reste dieser Fackel Hymen's vielleicht morgen schon den Scheiterhaufen entflammen, auf dem Rothari liege. Immer düsterer malte ihre geschäftige Phantasie dieses entsetzliche Bild sich aus. Dann sprang sie wieder auf, um die schwarzen Vorstellungen abzuschütteln. Mit wankenden Knieen schlich sie zu der Thüre der Entsetzlichen. Sie legte ihr Ohr an und hörte drinnen das Fallen der Tropfen, das Rauschen und Heulen des Windes. Sie rüttelte an der eisernen Pforte, die sich nur von innen öffnen ließ. Endlich kehrte sie muthlos zu ihrem Sitze zurück, wo die, Müdigkeit sie schließlich übermannte. Da plötzlich scheuchte sie ein Geräusch aus ihrem Schlummer auf. Rothari war eingetreten. »Mithras sei gepriesen«, stammelte sie, noch halb vom Schlafe gebunden, »der dich mir heil entließ.« Müde und traurig stand ihr Gatte vor ihr, sie mit einem bittern Blicke musternd. Als er schwieg, legte sie ihre beiden Hände auf seine Schultern und sagte innig mit ihrer schönen dunkeln Stimme, die tönte wie geschlagenes Erz: »Verzeih, es waren die Pflichten der Mysterien, denen ich nachgab.« Aber dieser Klang, der ihn sonst im Innersten bewegt, ließ ihn kalt. »Die wahren Mysterien des Weibes hast du entweiht«, lautete seine schneidende Antwort. »Rothari«, rief sie leidenschaftlich und umklammerte seinen Hals. Aber er machte sich los und sagte finster: »Nun gefällt es mir, die Prüfungen noch weiter fortzusetzen.« Er ging in das Nebengemach, breitete einen Wolfspelz auf den Boden und legte sich nieder. Unwillig blieb Jetta in dem leeren Hochzeitsgemache zurück. Ein starres Staunen hatte sich ihrer bemächtigt. So hatte noch kein Mensch auf Erden sie behandelt, wie dieser Germane. Hätte es ihr der Stolz nicht verboten, sie wäre noch zur selben Stunde zu ihrem Vater zurückgekehrt. Unwillig wollte sie sich entfernen. Aber wohin? Zu wem? Nochmals drängte sie ihren Zorn zurück. Sie trat an den Eingang seines Gemachs und flüsterte, während eine Thräne in ihrer Stimme zitterte: »Rothari, zürnst du noch immer?« Aber keine Antwort erfolgte. Seine Athemzüge gingen ruhig, als ob er schliefe. Müde mußte sie sich endlich auf den geschmückten Thalamos stützen. Einsam, schlaflos, kummervoll lag sie auf dem jungfräulichen Linnen bis auch sie endlich vor Traurigkeit entschlief. Als Rothari am andern Morgen mit wüstem Kopfe sich erhob, war ihm alles wie ein gräßlicher Traum, daß er in der Grotte von Knaben geäfft worden sei, daß er ein römisch Weib, daß er ein römisch Haus habe, daß er ein Römer geworden. Schaal und albern schienen heute die Geheimnisse und Symbole dem Manne, die dereinst in der capitolinischen Grotte den empfänglichen Jüngling berauscht hatten. Lästerung waren ihm die Bundeseide, die er in die Hand von Brüdern abgelegt, Welche frech hineingegriffen hatten in sein innerstes Heiligthum. Das ganze fremde Wesen widerte ihn an wie eine Fratze. So lang hatte er begehrt als ein Römer zu leben, jetzt sah er durch die offene Thüre diese bunten Böden, diese spiegelnden Wände, die sanften Schwingungen des Schattens an den kunstvoll gerundeten Säulen und das Alles that ihm weh. Es schien ihm zuchtlos, daß diese Masken auf dem Mosaikboden, diese lächelnden Hirten an der Wand allen heiligsten Vorgängen seines häuslichen Lebens zuschauen sollten. Eine jähe Sehnsucht nach dem schmucklosen Eichengetäfel der germanischen Pfahlhütte kam über ihn. »Ich bleibe hier nicht«, rief er zornig aus. »Ich will kein Heim mit Hinterthüren und mystischen Gängen.« Mit mächtigem Ruck warf er das germanische Wolfsfell über die römische Tunica, die er seit gestern nicht abgelegt. So trat er in das Atrium hinaus. Da sah er auf dem Polster, auf dem er am Abende mit Jetta gesessen, seine Frau, seine Braut. Bleich, still, mit gefalteten Händen, saß sie da und sah finster vor sich. »Jetta!« rief er mitleidig aus. Sie schaute ihn starr an mit ihren müden, überwachten Augen. »Ich will ein anderes Haus bauen«, sagte er, »aus festen Eichen und gedeckt mit warmem Stroh. Willst du dort mein Weib sein?« Sie blickte ihm traurig in die Augen. »Auf deinem Grunde und Boden«, fuhr er fort, »drüben am Bühl wollen wir Hausen, fern von diesen frechen, zuchtlosen Menschen. Willst du mir folgen?« »Ich habe es ja gelobt«, sprach sie matt, »wo du Herr bist, will ich Herrin sein«, weiter kam sie nicht. Sie brach in Thränen aus und verbarg schluchzend ihr Angesicht in den Händen. »Meine Jetta«, rief er, »mein süßes Weib!« Weinend lag sie ihm im Arme. Er küßte ihr die Thränen von den Wangen. Sein Groll war dahin. Nun erst war sie seine Gattin. Siebzehntes Kapitel. Wenn Rothari seine junge Ehe mit einem Wortbruche an der Geliebten begann, so war er doch fest überzeugt, nur das ungeziemende Verhalten der römischen Vettern und Jetta's eigene thörichte Conspirationen trügen daran Schuld. Aber so sehr er in seinen Gedanken Jetta belastete, was in seinem Innern vorgegangen, war im Grunde doch nur ein natürlicher und unvermeidlicher Proceß, die Reaction seines germanischen Blutes gegen die römische Sitte. Das Leben des Stamms hatte sich empört gegen die Launen des Individuums, das die Gattung in sich vergewaltigen wollte. Rothari hatte sich zum Römer geträumt, aber bei der ersten ernsten Probe schlug der Germane wieder durch. Wie jeden Vogel der Instinct treibt, sein Nest so zu bauen, daß es seiner Art gemäß ist – die flüchtige Schwalbe klebt es an das Dach, die kleine Grasmücke polstert es im Rasen, der argwöhnische Rabe sticht es als Dornkranz in die höchsten Wipfel – so folgte auch Rothari dem unbezwinglichen Triebe der Natur, die ihn hausen hieß, wie Vater und Mutter vor ihm im hercynischen Walde gehaust hatten. Er brauchte eichene Böden, die nicht splitterten unter seinem Heldenschritte, breite Bänke an den Wänden, wo ruhende Helden sich dehnen konnten, dunkle Wände, die die müden Sinne nicht reizten mit unruhigem Bildwerk. So kündigte er schon am ersten Morgen seiner jungen Ehe dem Vater seiner Gattin an, er werde auf Jetta's Gütchen einen Bau aufrichten, um so den Wartthürmen jenseits des Nicer näher zu sein. Dieser wies besorgt darauf hin, wie vielen Gefahren er Jetta dort aussetze, aber Rothari erwiderte kurz, er werde das Haus befestigen und ohnehin kränke kein Alamanne Rothari's Gattin. Arator schwieg, aber um so lauter lärmten die Vettern und Freunde. »Das gleicht seiner einsamen Wolfsnatur«, rief Gratian, als er von Rothari's Plane hörte, sich auf dem Bühle anzubauen. »Ich dachte doch stets, der Barbar werde früher oder später in ihm zum Durchbruch kommen. Nun soll die schöne Frau in einem einsamen Blockhause sitzen, bewacht von einem Wolfe.« Und er warf einen verstohlenen Blick nach seinen mageren Beinen. »Gestatte es nicht«, suchte der bleiche Nasica Arator aufzuhetzen. »Der Bühl liegt zu weit vom Wartthurme, um von dort gehütet zu werden und zu fern von der Brücke, um einen raschen Rückzug zu erlauben. Der Barbar gibt sein eigenes Weib vollkommen preis.« Aber Arator schwieg und zuckte die Schultern. Er sah in Rothari's Übersiedelung in eine Barbarenhütte den Anfang des Rückfalls, vor dem er Jetta gewarnt hatte. Eingreifen wollte er nicht, zumal Jetta viel zu stolz war, um über ihren Gatten zu klagen. Aber wenn in dem Landhause Arator's die Verwandten sich entrüsteten, an einem anderen Orte erregte Rothari's Entschluß großen Jubel. Die alamannischen Knechte auf dem Bühle strahlten vor Glück, als sie hörten, daß Rothari nach germanischer Weise zu hausen begehre. Ihr Eifer zu graben, zu untermauern, zu bauen verzehnfachte sich, weil es eine Strohhütte war, die sie bauten. Pfahl neben Pfahl wurde senkrecht eingerammt, die einzelnen Pfähle mit Flechtwerk verbunden und mit Moos gepolstert und schließlich die innere Wand mit glatten Bohlen verkleidet. Die Balken richteten und schichteten sich fast von selbst, und bald prangte der grüne Maienbaum auf dem Giebel. Die Pfriemen und Farren, das Dach zu decken, wurden fast unsichtbar bei Tag und bei Nacht herzugetragen. In unglaublich kurzer Frist stand der weite, stattliche Holzbau fertig, umgeben von schützendem Graben und mächtigen Pfählen, von außen heiter getüncht, von innen wohlgeölt und glänzend abgerieben. Ein helles »Heilo, Sigo« empfing die schone Frau, als sie zum ersten Male kam, ihr neues Haus zu besuchen. Zwischen Eichen und Buchen erhob sich ein mächtiger Holzbau mit weit oben angebrachten Fenstern, die breiter als hoch waren. Das Dach sprang stark hervor, um die längs der Wand aufsteigende Treppe zu decken sammt der hölzernen Laube, die an der Seite des Hauses herlief. Durch die vordere Thüre trat man sofort in den weiten Saal, in welchem ein langer Tisch für das Gesinde aufgestellt war, überhöht von dem Hochsitz des Herrscherpaars; denn als rechter Edeling dachte Rothari hier zu thronen. Im Hintergrunde sah man den Heerd und den Aufgang zu der Kammer der Hausfrau. An die Rückseite des Hauses gegen die grüne Bergwand lehnte sich die Halle, an deren Balkensäulen Rothari's barbarische Waffen und römische Beutestücke prangten, denn hier dachte er nur Männer seines Stammes, die wie er im Heere des Augustus dienten, beim Trinkhorne und der Methkufe zu versammeln. Das Alles schaute Jetta fremd und seltsam an, aber es mißfiel ihr nicht. Sie kam sich nur wie vertauscht vor. Hatte sie nicht Rothari geheirathet, um ihn zum Römer zu bilden? Nun war vielmehr sie, ehe sie es gedacht, zum Barbarenweibe geworden. Aber es war eigen, diese Kraft der Herrschaft imponirte ihr. Eine Frau liebt im Manne vor allem den Mann und den hatte Rothari sie kennen gelehrt. Selbst ihr Haupt trug sie etwas mehr geneigt als zuvor und ihr Auge hatte zuweilen einen schüchtern fragenden Ausdruck, der ihm früher völlig fremd gewesen war. So ließ sie auch heute sich von dem freudigen Bauherrn den Zweck jeder Einrichtung erklären und nahm selbst das Fremdartige und Unvollkommene hin, ohne zu widersprechen. Nachdem beide das Haus besichtigt und freundlich mit den Knechten geredet hatten, wollten sie wieder zum Nicer hinabsteigen, aber am Brunnen vor dem Hause erhob sich ein schlanker, bleich aussehender junger Alamanne, der bescheiden vor Jetta und Rothari hintrat. »Sieh da, Lupicinus, so weite Gänge wagst du schon mit deiner kaum geheilten Wunde«, fragte Jetta freundlich. »Wie geht es?« »Dank, edle Frau«, erwiderte der Alamanne, »ich bin gesund, aber zum Soldaten bin ich nicht mehr zu verwenden, weil ich den Helm nicht mehr tragen kann. Der Kopf schmerzt, sobald ich warm werde. Da wollte ich den Herrn fragen, ob er einen Diener gebrauchen könne, der ihm das Haus in Ordnung hält und auf die Sklaven achtet.« Jetta sah bittend zu Rothari empor, doch dieser zögerte. »Ich sah dich nur einmal«, sagte er dann, »als du mit Salvius dich rauftest wegen eueres Glaubens. Was mich angeht, so lasse ich jedem seine Götter, aber im Hause halte ich auf Frieden.« Lupicinus erröthete. »Ich will zu meinem Gotte beten, wie meine Mutter es mich gelehrt«, sagte er bescheiden, »aber, sei gewiß, Herr, daß ich keinen Zank mehr anrichte. Ich weiß nicht, wie es geschah, aber durch das Loch, das Macrian mir schlug, ist der Eifergeist entwichen, der damals so gewaltig in meinem Kopfe rumpelte.« Rothari und Jetta lachten. Lupicinus aber schaute sie treuherzig an, indem er mit der Hand verlegen nach dem Ohre fuhr. »Glaube, Herr, es kommen einem gar seltsame Gedanken, wenn es an's Sterben geht. Ich werde es nie vergessen, wie mir war, als ich im Walde lag und die Morgenfrische mich weckte aus meinem Todtenschlafe. Deutlich glaubte ich wahrzunehmen, daß der grimmige König noch immer hinter den Büschen lauere, der mich mit dem Vogelrufe lockte und dann mich niederschlug. Ich sah wieder und wieder seine gräßlichen Augen und das geschwungene Beil. Aber so oft ich auch zusammenschrak, er kam nicht. Dann fing ich an zu frieren und ward starr. Nur der Kopf war ganz hell und die Augen sahen deutlich. Als die Sonne heraufkam, fing es an sich zu regen im Walde. Der Specht klopfte an den Stämmen, der Kibitz rief im Grase, scheue Rebhühner trippelten durch die nassen Hecken. Dann kam es geflogen, schwarz, mit langem Schnabel, und setzte sich mir gegenüber auf einen Ast. Es war eine Krähe. Mit grimmigen Blicken faßte sie mich in's Auge und schlug mit den Flügeln und krächzte, kräh, kräh, und ihr Schnabel ward länger vor Gier und wieder schrie sie. Da rauschte es nochmals und zwei andere Krähen kamen und die schrieen auch und starrten mich an mit ihren rothen Augen und reckten ihre Schnäbel. Und nun schrieen sie alle drei kräh, kräh. Und bald ward der Himmel schwarz von dem Geziefer und das lärmte und krächzte und alle warteten nur auf mein Abscheiden. Immer tiefer flogen sie herab von Zweig zu Zweig, jetzt saßen sie bereits am Boden und liefen ganz nahe heran und sahen mich bös von der Seite an mit ihren zornigen Augen, als zürnten sie, daß ich ihnen so lang vorenthalte, was ihr gutes Recht war. Mit einem Male krachte es in den Zweigen und ich dachte, nun kommen die Wölfe und befahl meine Seele den lieben Heiligen. Da flog die ganze höllische, schwarze Schaar plötzlich auf und verschwand mit häßlichen Klagerufen hinter dem Eichwald. Vor mir aber standen die Kameraden, die mich gesucht hatten und sie luden mich auf und trugen mich weiter. Im heidnischen Hause aber ward ich so freundlich gepflegt, als ob ich bei Vater und Mutter wäre. Damals hatte ich Zeit nachzudenken, was bei dem Streite zwischen Salvius und mir herausgekommen war. Eigentlich verstanden wir gar nicht, um was wir zankten. Es ärgerte ihn nur, daß ich anders wollte als er. Darüber waren wir auf den Wartthurm gekommen und in's Unglück. Als ich nun wieder heil war, gelobte ich meinem Gotte, ich wollte den Zorngeist von mir thun und nach dem Worte der Schrift handeln, das sagt, die rechten Jünger sind nicht, die sagen: wesensgleicher Herr oder wesensähnlicher Herr, oder Herr, Herr, sondern die die Liebe üben, die Samariter und Zöllner öfter haben als Leviten und Priester. Doch das gehört nicht hierher«, unterbrach er sich. »Ich habe das nur damals so gedacht, als ich krank war.« »Er war immer ein braver Soldat«, sagte jetzt Jetta, »bitte, nimm ihn.« Rothari lachte und nahm den jungen Invaliden in Gnaden an, da er eine so mächtige Fürsprache gefunden habe. Lupicinus solle sofort in dem neuen Hause bleiben als Beschließer. Zunächst werde er keinen Genossen hier haben als den Wolf, den möge er pflegen und ihn an sich gewöhnen. Sobald alles fertig sei, folge die Herrin nach. So geschah es. Schon Ende des Augustmonats hielt Jetta oben ihren fröhlichen Einzug und brachte ihre alte Amme mit sich. Darüber runzelte Rothari freilich seine Stirne, aber er wagte nicht, nach so vielen Opfern, die Jetta ihm gebracht hatte, sie auch noch von der alten Dienerin zu scheiden. Hinter der Herrin folgte ihre Mädchenhabe in Kisten und Körben. Das Herrengemach des jungen Ehepaares füllte sich mit Büchern und Rollen und wunderlich stand zwischen den eichenen germanischen Bänken römisches Geräthe umher. Aber Jetta war glücklich und ihr Held mit ihr. Den alten Genossen von Jetta's Jugend war es freilich fast unerklärlich, daß Arator's minervagleiche Tochter, die sich bis dahin nur mit Dichtern und Philosophen, mit politischen Projecten und magischen Studien beschäftigt hatte, den schlichten Soldaten so schwärmerisch lieben konnte, der ihre Gaben mehr unterdrückte als anregte und den hohen Flug ihrer Gedanken vielleicht nicht einmal verstand. Aber das Herz sucht in der Liebe nicht, was es selbst hat, sondern was ihm fehlt. Zumal geistig reizbare Naturen haben Stunden, in denen sie ihrer selbst und ihres eigenen Wesens vollkommen überdrüssig sind und darum werden sie von dem, was ihnen ähnlich ist, am wenigsten verführt. So ging es Jetta. Gerade ihr unruhig erregtes Gefühl, der durch tausend Grübeleien zermarterte Kopf, ruhte gern an dem Herzen des festen, seiner selbst gewissen Mannes, der einen klaren Lebenszweck gelassen verfolgte und in jedem Schritte seine Tüchtigkeit erwies. Manchen Morgen saßen die Gatten vor dem Hause in der warmen Septembersonne, er schnitzte an einem Pfeile, sie las in ihren kabbalistischen Büchern und der Wolf kratzte die Erde mit den Hinterfüßen. Gelbschnäbelige Amseln huschten hart am Boden hin durch die Büsche und die jungen Vögel flatterten zwitschernd von Zweig zu Zweig. Wie träumend suchte die weiche Hand der schönen Frau dann zwischen dem Lesen das blonde Haupt des Gatten. Die blauen freundlichen Augen des Germanen tauchten glückselig in die unergründliche Nacht der schwarzen Augen der Römerin und ein langer heißer Kuß beschloß diesen stillen Austausch der Seelen. Oft durchstreiften die Beiden auch den stillen Buchwald, wenn die Morgensonne glänzende Streiflichter zwischen die alten weißen Stämme warf, während im Moose die Farren wie Siegespalmen im Morgenwinde winkten und die Glockenblumen ihr blaues Köpfchen schaukelten. Wie freute sich Rothari dann an der Andacht, mit der die Tochter der Städte dem Treiben der Vögel lauschte oder den Athem anhielt, wenn in der Ferne ein Rudel Rehe über die Wiese zog. Jetta hatte die frischen grünen Berge des Wodanwaldes, von denen hundert geschwätzige Bäche zum Nicer hinabeilten, stets höher geschätzt als Italiens vertrocknete Herrlichkeit, jetzt aber lehrte sie Rothari die nordische Natur auch tiefer verstehn. Er zeigte ihr, wie Wodan als Gott des Himmels in blauem Mantel throne über dem All. Ihm sind Wolf und Rabe heilig, die Thiere des Schlachtfelds. Auch den Mythus erzählte er ihr, warum der Gott nur ein Auge habe, die Sonne, weil er das Andere Mimrir verpfändete, dem Riesen des Wasserbrunnens, um so auch die Kunde der Unterwelt zu erhalten; nur wenn sein himmlisches Auge über einem Wasser steht, kommt auch das den Untern verpfändete zum Vorschein. Ein andermal zeigte ihr Rothari an einer sonnigen Waldecke die Eberesche mit ihren rothen Beeren, die dem Gotte des Blitzes mit dem rothen Barte, Donar, geweiht ist, dem auch das Eichhorn und der Fuchs nach ihrer Farbe zu eigen sind und er erzählte ihr von Zin, dem Gotte des Krieges, der nur einen Arm hat, wie das Schwert nur eine Klinge. Jetta's bewegliche Phantasie träumte sich gern für eine Weile hinein in die tiefsinnigen Mythen des nordischen Himmels. Wenn der Sturm durch den Buchwald brauste, fühlte sie an ihrer Wange den Flügelschlag des Riesenadlers, der am Ende der Welt den Sturm erregt. Es machte ihr Eindruck, zu hören, daß die Welt ein großer Baum sei, an dessen Wurzeln Loki's schwarze und weiße Maus nagen, Nacht und Tag, bis einst die Esche zusammenstürzt. Sie glaubte, daß hinter den blauen Bergen im Osten Asaheim liege, nach dem der Regenbogen hinaufführt und wo Iduna dereinst ihren Helden mit dem Methhorn empfangen werde. Im Walde suchte sie Baldur's blaue Blume und achtete darauf, ob der Hase von der Rechten oder Linken ihren Weg kreuze. Auch daß die Felsen am Wege das Gebein des Urriesen seien und der Menschen Gedanken aus dem Nebel der Urzeit stammten, ließ sie sich gerne gefallen. In solchen Gesprächen saßen die Gatten oft bei dem plätschernden Brünnlein vor ihrem Hause bis die Sterne heraufzogen und die weiße Straße sichtbar ward, auf der die Götter ihre silbernen Kühe trieben. Das beliebteste Ziel von Rothari's und Jetta's Wanderungen war aber ein einsamer Waldteich, der eine halbe Stunde hinter dem Bühle lag. Die hohen Buchen und Erlen hingen ihre Aeste andächtig in das stille, grüne Wasser, die Sonnenflecken schwammen wie Märchenaugen auf dem beschatteten Weiher, es war die Poesie der Waldeinsamkeit, wie sie kein Dichter schöner träumte. Dort langte Jetta, von Rothari's festem Arme gehalten, nach der bleichen Wasserrose und flocht sie ihm und sich um's Haupt oder pflückte die kleine blaue Blume, die an den Ufern wucherte. »Oh du germanischer Wald!« rief sie glücklich einst aus. »Alles bin ich müde geworden nach kurzer Zeit, die blaue Woge von Bajä, die reine Linie der Albanerberge, nur dich nicht, grüner Hain mit deinen spielenden Lichtern und flüsternden Schatten!« Dann preßte Rothari sie heiß an sich und selig schaute die schöne Frau in der reinen Quelle das Spiegelbild ihres Glückes. Nur einer war im Blockhause, dem dieses Idyll durchaus nicht gefiel und der sich zusehends vernachlässigt fühlte, während Herr und Herrin so gänzlich sich selbst lebten. Es war das der Wolf. Zum ersten Male gab es für ihn in dem Leben Rothari's Augenblicke, die er durchaus nicht verstand. Waren Gatte und Gattin in gutem Einvernehmen, so sprangen sie nicht, wie er für schicklich hielt, hin und wieder und rissen sich mit den Zähnen am Ohre, sondern sie saßen still in der dichten blühenden Bohnenlaube hinter dem Hause und schauten zum Himmel empor oder sahen sich in die Augen, drückten die Lippen aufeinander und machten mit denselben ein kleines Geräusch, das sie von Zeit zu Zeit wiederholten. Das alles schien ihm so eintönig und traurig, daß es ihn erbarmte. »Vermuthlich«, so dachte er, »sind sie beide krank«, und wenn jenes seltsame Gebahren mit den Lippen sich wiederholte, so fing er an zu heulen, denn die Sache war ihm durchaus nicht geheuer. Mit der Zeit fand doch auch er wieder seine Stelle. Wenn Rothari die einsamen Wartthürme auf den Vorbergen des Wodanwaldes besuchte oder jenseits der Grenze Verhandlungen mit den Alamannen führte, dann war das hohe zottige Thier sein einziger Begleiter und ein verläßlicher Kampfgenosse, der schon durch sein trüb blutiges Auge jeden Gegner schreckte. An der Grenze selbst blieb es aber merkwürdig stille, seit der Germane ihre Hut übernommen hatte. Früher, wenn ein Alamanne in der Nähe der Wartthürme sich zeigte, wurde er niedergeschossen, jetzt kamen die Häuptlinge oft zum Besuche zu Rothari. Wilde, bärtige Gesellen mit halb germanischer, halb römischer Bewaffnung, saßen sie um Jetta's Heerd und tranken von dem Methe und aßen von dem Hirsche, den Rothari's Knechte für sie zubereitet hatten. Jetta schauderte vor ihren barbarischen Namen: Chnodomar, Rumorid, Richomer, Bauto, Fraomar, Bitherid, Hortari, Fullofaudes und Balchobaudes, aber bald lernte sie doch so viel von ihrer Sprache, daß sie scherzende Worte mit ihnen wechseln konnte und obwohl sie klagte, daß ihr Hals schmerze und sie Kinnbackenkrampf von Rothari's Sprache davontrage, machte es ihr doch Freude, daß ein neues Gebiet für ihren lebendigen, lernbegierigen Geist sich hier aufthat. Als sie so einst mit einer ganzen Schaar von Häuptlingen vollkommen geläufig in ihrer Sprache geredet, scherzte ihr Gemahl, nun sei sie ihrem Ziele ganz nahe, neun Könige der Alamannen zu ihren Füßen zu sehen. Sie wußte nicht, warum dieses Wort sie wie bitterer Spott berührte. Ein Ehemann, der besitzt, scherzt freilich anders, als ein Liebender, der wirbt, aber es war nicht das allein. Sie hatte in der That von einer andern Unterwerfung der Alamannen geträumt und ward gewahr, daß sie in Gefahr sei, sich selbst zu verlieren. Auch kam ein Abschnitt ihres Lebens, der sie an die ersten Ideale desselben ernstlich erinnerte. Wie auf einen Tag ließ sie alles Spielen mit germanischen Vorstellungen fallen und ward gegen Rothari's Scherze dieser Art immer mehr empfindlich. Als er befremdet fragte, warum ihr plötzlich alles germanische Wesen entleidet sei, legte sie die Hand auf das Herz und sprach mit niedergeschlagenem Auge: »Ich wünsche, daß mein Sohn ein Römer werde.« Rothari aber küßte sie, indem er sagte: »Und weißt du so sicher, daß es ein Sohn ist?« Als sie aber zur Antwort auf ihre magischen Rollen deutete, runzelte er die Stirne. Ein hartes Wort lag ihm schon auf den Lippen, aber die zarte Frau bedurfte der Schonung, das war's, warum er den Tadel zurückhielt. In den Tagen des süßen Liebesglücks hatte Jetta immer seltener sich mit ihren kabbalistischen Büchern zu schaffen gemacht, zumal sie Rothari innig bat, der schwarzen Künste sich zu enthalten. Ihr Gatte hatte aufgehört, an dieselben zu glauben. Um Jetta auf die Probe zu stellen, hatte er ihr bald nach der Hochzeit eine Aufgabe gegeben, die jede der Zauberfrauen seines Landes spielend gelöst hätte. Jetta hatte sie nicht bestanden. Seitdem hielt er sie nicht mehr für eine Meisterin ihrer Kunst und war damit auch vollkommen zufrieden. Um sie davon zu überführen, ließ er sie zuweilen wegen der Gunst des Wetters oder des Ausfalls der Jagd ihre Rollen befragen und triumphirte dann, wenn sie sich irrte. Ihr aber konnte kein Mißerfolg den Glauben an ihre Wissenschaft erschüttern. War sie doch überzeugt, daß so viele Geheimnisse hinter dem Schleier der Sichtbarkeit durcheinander spielten, daß sehr leicht eine unberechenbare Strömung ihre Rechnungen kreuzen konnte. Vor Allem aber handelte es sich ihr viel mehr um eine mystisch tiefsinnige Befriedigung ihres philosophischen Triebs als um praktische Versuche, die ihr vielmehr als Mißbrauch des heiligen Wissens erschienen. War doch in ihrem eigenen Leben des Wunderbaren zu viel, als daß sie an ihren höheren Kräften hätte zweifeln können. Hatte ihr nicht Phorthas, dem Verbote des Vaters zum Trotz, in Argentoratum die schwindelnde Zinne der Burg gezeigt, auf der sie im Mondlicht einst sicheren Fußes gewandelt war? Hatte sie nicht, als am Rhenus keine Seele eine Ahnung davon hatte, über Länder und Meere hinweg Julian liegen sehen, den Pfeilschuß im Rücken, den eine verrätherische Hand entsendet? Nur den Mörder selbst konnte sie nicht erkennen, denn der stand im Schatten. Kehrte sie darum doch von Zeit zu Zeit zu ihren Studien zurück, so warf ihr Rothari vor, daß sie über den Künsten des Ueberirdischen oft im Hause das Nächstliegende übersehe. Er spottete, daß sie den Mann im Monde besser kenne als die Sklaven, die er ihr zugebracht und daß Phortyas' Zaubertränke kräftiger seien als ihre Suppen. »Das Zaubern ist ganz schön«, sagte er spöttisch, »aber was fängt man zu Haus damit an?« »Weissage mir, ob dein Thier ein Wolf ist oder eine Wölfin?« höhnte er sie einst im Uebermuthe. Durch den Namen verführt, machte Jetta zu seinem großen Gelächter die Wölfin zu einem Wolfe. Von da ab wollte er von ihrer Weisheit durchaus nichts mehr hören. Aber es war damit auf einem Punkte eine Scheidung zwischen ihnen eingetreten, obwohl noch keines von beiden dachte, dieser Punkt könne sich zum Risse erweitern. Als der Wald sich roth und gelb zu färben begann, griff Rothari öfter zum Jagdspieß und bereits war des Wolfs Erziehung so weit gediehen, daß er den Herrn auf die Jagd begleiten durfte. Auch war er kein Spielverderber. Schlau beschlich er die gesuchte Beute und hütete die erlegte. Was ihm zur Bewachung vertraut war, war gefeit, wehe jedem, der daran rührte. Nie verdarb er, wie die Hunde, durch unzeitiges Kläffen dem Herrn die Jagd, aber wenn er ein Wild aufgetrieben oder einen Feind gestellt hatte, kündete sein hohles Gebell in charakteristischer Weise die Art des Gegners. Bald kamen sie dann mit Hasen und Kaninchen zurück, die Rothari's sicherer Pfeil in dem Sande der Ebene, zwischen dem Kieferngestrüpp, erlegt hatte, bald mit einem fetten Dachse, den er auf den Bergen jenseits des Nicer ausgegraben; oder sie stiegen höher hinauf, um den Auerhahn und das Birkhuhn für Jetta's Heerd zu erschleichen. Als der Schnee seine weiße Decke über die Erde gestreut, drang Rothari tiefer in entlegene Jagdgründe, wo er den Spuren des breitschaufligen Elch folgte und den gemahnten Wisent oder Auerochsen, oder die Heerden breitköpfiger Büffel beschlich, die in den Waldsümpfen sich wälzten. Die erbeuteten Felle verarbeiteten dann Rothari's Knechte zu Pelzen und Häuten und die Halle des Helden auf dem Bühl füllte sich mit stolzen Geweihen an den Wänden und warmen Teppichen und weichen Polstern. Aber während der Germane der Leidenschaft seiner Nation nachging, fühlte Jetta sich allein in dem einsamen Blockhaus. Wohl hatte sie in ihren Büchern eine Zerstreuung, die Andern abging, aber ihre reiche innere Begabung verlangte danach, sich auszusprechen. Ihre Phantasie war stets geschäftig, in ihrem Herzen war eine große Fähigkeit zu lieben, ihr Geist war unerschöpflich in Plänen und Projecten – aber eben darum sehnte sie sich nach einem lebendigen Austausch, und kehrte der Germane müde von der Jagd zurück, so war ihr sein Schweigen lästig und ihm ihr Reden. Gerade die geistig begabten Menschen sind es, die eine theilnahmlose Gesellschaft langweilt, die ein Bedürfniß der Zerstreuung haben, denen ein einförmiges Leben nicht genügt. So kam es, daß Jetta zwar nach wie vor ihren Gatten liebte, aber dennoch weniger glücklich war. Ihn verdroß diese geistige Bewegung ohne Zweck als nutzloses Geräusch und sie krankte an ihrer Kraft, der zur Bethätigung der Gegenstand abging. Blaß und schwermüthig saß sie in dem dunkeln, einsamen Blockhause, das tief mit Schnee überdeckt war. Auch körperlich vermißte sie die reine Luft und die warmen Böden und Bäder des römischen Hauses, hier, wo ihr der Heerd mit seinem Qualme die Augen beizte und dennoch die Füße nicht warm hielt. Sie kränkelte und die Hoffnung, die sie unter dem Herzen trug, schuf ihr eben so viele schwarze Sorgen, wie sie Rothari mit stolzen Träumen füllte. Natürlich kam der alte Aberglaube wieder mächtig über sie, seit sie sich Mutter fühlte. Was sollte sie auch thun an den langen Winterabenden, als die Aspecten ihres Kindes berechnen und sorgen, daß alles zur rechten Stunde geschehe? Das Eine that sie am Neumond, das Andere am Vollmond und nichts geschah ohne Rücksicht auf Conjuncturen. Betraf sie Rothari über diesen Künsten, so waren Zerwürfnisse unausbleiblich. Anfangs redete er ihr freundlich zu, bis er ihr endlich dies Treiben barsch verwies und sie schließlich ernst bedrohte. Schon häufig waren über diesen einen bösen Punkt Zerwürfnisse zwischen ihnen entstanden, aber erst jetzt beharrten beide Theile starr auf ihrem Willen. Dem Schelten des Gatten setzte sie Schweigen entgegen, aber sie schritt dann Tage lang mit dem stolzen Schmerze einer Niobe durch das Haus, als ob ihr Apollo's Pfeile durch das Herz gegangen wären. Natürlich, daß auch des Gatten Unmuth durch dieses Gebühren sich steigerte und als er in einer Nacht wieder geweckt von einem unerklärlichen Geräusche emporfuhr und Jetta nicht an seiner Seite fand, beschloß er, ihre Cirkel ein für alle Mal zu zerstören. Leisen Schritts ging er die Treppen hinab nach dem braun getäfelten Saale, in welchen der Mond hell durch die breiten viereckigen Fenster schaute, Tische und Bänke mit seinem silbernen Lichte überglänzend. Zornig schritt er auf Jetta zu, aber sie schien ihn nicht zu hören. Mit geschlossenen Augen, die Hände gegen das Mondlicht ausgebreitet, ging sie wie träumend dahin, jetzt war sie mit einem Schritt auf dem erhöhten Sitze am Fenster, sie schwang sich empor und verschwand. Rothari graute. Wie von einer unsichtbaren Gewalt gebunden, stand der Germane eine Weile. Dann stürzte er hinaus, sie zu suchen. Nirgends eine Spur. Da wimmerte der Wolf in seiner Hütte und seinem Blicke folgend sah er Jetta auf dem Firste des Hauses einherschreiten, immer das Angesicht dem Monde zugewendet. Entsetzt eilte er in's Haus zurück, um sie vor Sturz zu bewahren. Aber als er die Kammer betrat, sah er sein Weib bereits leise und lautlos, wie das Mondlicht selbst, durch die Dachluke herniedersteigen, sie hing sich an das hohe Fenster, erreichte den Boden, kehrte zu ihrem Lager zurück und als Rothari sich über sie beugte, lag sie in festem Schlafe. Ruhig und tief gingen ihre Athemzüge, an Verstellung war nicht zu denken. Bekümmert und voll abergläubischen Schauders setzte der Germane sich auf sein Lager und starrte auf die Schlafende, unwissend, wie er diese Erscheinung, eine Krankheit höherer Civilisation, sich deuten solle. Hatte ein Dämon Gewalt bekommen über sein Weib zur Strafe ihres ständigen Umgangs mit der Geisterwelt? Stand sie unter einem höheren göttlichen Zwange und hatte er das Gefäß solcher Wunder, seit es sein eigen war, sträflich verkannt und mißachtet? Er wußte nicht, was er von dem allem halten sollte, was er soeben mit Augen gesehen. Sein Glaube an ihre Kunst stellte sich nun wieder her, aber er schauderte vor einem Weibe zurück, das den Walkyren gleich im Monde dahinschwebte und durch die Fenster fliegend, als hätte sie Freya's Federhemd entlehnt, über das Dach zu ihm zurückkehrte. Zu schelten wagte er sie jetzt nicht mehr. Fand er sie bei der Heimkehr an dem Granitblocke sitzend, den sie sich zum Altare gesalbt und bekränzt hatte, wie sie starr in die Flammen schaute, um aus den züngelnden Figuren die Zukunft zu erforschen, so hielten Grauen und Mitleid das tadelnde Wort zurück. Aber unmuthig ging er dann am Morgen an ihr vorüber und schien sie nicht zu sehen. Höchstens auf Phorkyas entlud sich sein Unwille. Jetta's eigene Stimmung aber wurde immer trüber und thatloser und Rothari mied gern die Räume, in denen ein ewiges Seufzen hauste. Dem kräftigen Manne war es widrig, daß sie aus ihrem Zustand ein solches Recht zu Klagen schöpfte, während die Weiber seines Volkes im gleichen Falle ihrer Arbeit wie sonst nachgingen, auf dem Felde gebaren und nach wenigen Tagen ihre Geschäfte wieder aufnahmen. Was wußte er, wie es der vornehmen Römerin zu Sinn war, wenn sie in den Winkeln umhersaß, zerschlagen an Leib und Seele. Ihr war, als ob der ganze Zauberhimmel der Ideale mit ihrer Heirath zerflossen sei und sie fühlte sich innerlich wie erstorben. Zuweilen legte sie die Hand unter ihr Herz und dachte, es wird ein Sohn sein, der wird ausrichten, was ich vergeblich erstrebte. Auf ihn will ich meine hohen Pläne vererben, die nicht für ein Weib waren. Dann malte sie sich ihren künftigen Tullius aus mit Römernase und streng geschlossenen Lippen und scharfem Adlerblick, der in die Ferne späht. Ein Staatsmann schon in der Wiege sah sie ihn deutlich vor sich. Rothari, des Aechzens und Seufzens müde, war jetzt meist im Lager und betrieb beim Herannahen des Frühlings den Umbau der Wartthürme und die Besserung ihrer eilig gebauten Mauern. Den trübsten Gedanken überlassen ging Jetta ihrer schweren Stunde entgegen und statt des Gatten saß Phorkyas bei ihr und murmelte seltsame Reden, erzählte von alten Dingen, bei denen sie sich einbildete, zugegen gewesen zu sein, spann Zukunftspläne und war unerschöpflich in Mittheilung von Geheimmitteln, durch die Jetta den gefürchteten Tag glücklich überstehen könne. An den Iden des März tönte das schwache Schreien eines Knäbleins aus der Kammer Jetta's in den Saal hernieder. Bleich und erschöpft lag die junge Frau und wartete der Tageshelle, um den jungen Römer zu sehen, den sie am Todestage Julius Cäsar's geboren. Als sie aus ihrem ersten Schlummer erwachte, war es hell und sie ließ das Kind sich reichen. Es war blond und schaute sie fremd an mit hellen blauen Augen. Erschrocken fast fiel die junge Mutter in die Kissen zurück. »Phorkyas«, rief sie, »ich habe einen Alamannen geboren.« Leise weinte sie vor sich hin, aus Aufregung mehr als wirklichem Kummer. »Oh«, sagte die Alte, »ruhig, ruhig, mein Täubchen. Die Härchen, die färben wir schwarz und Phorkyas weiß auch ein Mittel, dem Knäbchen dunkle Augen zu schaffen« . . Entsetzt fuhr Jetta auf. »Ich verbiete dir, an das Kind zu rühren«, rief sie, und als ob sie es vor der Alten sichern müsse, legte sie es zwischen sich und die Wand und indem sie es weinend an sich drückte, drohte sie: »Du bist des Todes, wenn du ihm ein Haar krümmst.« Phorkyas schwieg und Jetta sank wieder in heilsamen Schlaf. Plötzlich erwachte sie aber, da sie fühlte, daß zwei Hände nach ihrem Kinde griffen. Entsetzt fuhr sie auf, während ein alter Knecht das Knäblein über sie weg hob und ein Anderer einen Schild bereit hielt. »Was wollt ihr, was thut ihr?« rief die Kranke voll Schrecken. »Auf dem Schilde muß es dem Herrn dargebracht werden«, riefen die Knechte. »Laßt mein Kind!« rief die Mutter entrüstet. Da trat Rothari ein und nahm das Knäblein liebreich in seinen Arm und wie er lächelnd auf das kleine Wesen niederschaute, kehrte auch Jetta's Ruhe wieder und verlangend streckte sie die heiße feuchte Hand ihrem Herrn und Gebieter entgegen. So führte das gemeinsame Glück noch einmal diese sich fremd gewordenen Herzen zusammen. Als die milde Sonne des Frühlings auf dem Jettenbühle lag, den Granitsand wärmend, der sauber um das Blockhaus gebreitet war, saß das glückliche Paar, ihr Knäblein im Korbe neben sich, auf dem Eichstamm, der dem Hause gegenüber zum Sitze gelegt war, während der Wolf sich vergnüglich des warmen Sandes freute. Silbern ergoß daneben das Brünnlein seinen hellen Wasserstrahl in einen gehöhlten Holztrog zur Tränke für die Pferde. Jetta lehnte ihr schönes Haupt an die Schulter des starken Mannes und seine blauen Augen sahen zärtlich auf sie nieder, während sein nerviger Arm die zarte Gestalt umfaßte. Der Sonnenschein lag hell auf der gelb geblümten Wiese, bunte Falter flogen von Blüthe zu Blüthe, Jetta's Blicke aber folgten träumerisch dem Laufe des Flusses und hingen an den blauen Bergen des Vosegus Mons, der heute so hell herüberschaute, daß Rothari's scharfes Auge die einzelnen Flecken und Villen des Abhangs deutlich erkannte. »Wenn ich nun gehe«, sagte Rothari, Jetta an sich ziehend, »willst du wieder hinüberziehen in die Nähe des Vaters, oder hast du dich an die braune Barbarenhütte gewöhnt, so daß du auch allein hier bleibst, bewacht von unserem treuen Thiere?« Der Wolf richtete verständnißvoll sein Angesicht dem Herrn zu und stieß ein fröhliches, Helles Bellen aus. »Ich bleibe, mein Freund«, sagte sie innig, »aber mich ängstet dieser Krieg, konnte er nicht vermieden werden?« »Meine brisgovischen und lentischen Vettern wollen die Feste Robur nicht dulden, die Valentinian an der großen Krümme des Rhenus gebaut hat, so wie Macrian zürnt, daß wir hier oben uns eingraben. Zum Glück sind beide verfeindet, sonst würde ich dich nicht hier lassen können. Es wird ein heißer Kampf werden, aber im Herbste denke ich, kehre ich wieder.« »Ach wenn du nur wiederkehrst, alle Zeichen weisen nach unten.« »Mein theueres Weib«, sagte Rothari herzlich, »laß das, und wenn ich wiederkehre, so sorge, daß ich diese fluchvollen Rollen nicht mehr finde. Begrüße mich mit der Nachricht, du habest sie verbrannt.« Jetta schüttelte leise das Haupt. »Du siehst doch, daß dieses Wissen dich nicht glücklicher macht.« »Wir sind nicht hier, um glücklich zu sein«, sagte sie trübe, »sondern den Willen der Götter zu erforschen.« »So gehe mit den Lichtgöttern um, nicht aber mit den Untern.« Und er machte eine Gebärde, als wolle er ein Unheil abwehren. Als sie schwieg, fuhr er unmuthig fort: »Dann schaffe die Alte weg: Phorkyas ist es, die dich fort und fort an diese traurigen Künste erinnert. Sie hat den bösen Blick, mir graut vor ihrem Auge. Wenn ich am wenigsten an sie denke, taucht sie plötzlich aus irgend einem Busche empor oder huscht um eine Ecke und stets ist mir dann die Stunde verdorben. Im Hause schleicht sie wie eine gebrechliche Greisin und doch sah ich sie schon Lasten heben, daß ich erstaunte, wie ihre Zaubermittel sie stärken. Zuweilen erscheint sie mir wie wahnwitzig. Jüngst hörte ich ein Aufschlagen von Pfeilen an der Eichwand und dachte, ein Knecht übe sich im Schießen, wie ich mich aber zum Fenster hinausbeuge, sehe ich die Alte mit einem kleinen, zierlichen Bogen hantieren. Ich rufe ihr zu, mir Pfeile und Bogen zu weisen, da erschrickt sie, als sei sie bei einem Morde erwischt. ›Ich wollte nur sehen, ob ich auch hätte ein Soldat werden können?‹ krächzte sie dann und dabei begann sie hölzern zu lachen. Mich ekelte und ich wandte mich ab. Nachher wunderte mich doch, woher sie Pfeile und Bogen hatte?« Jetta horchte mit zunehmender Verwunderung auf diese Erzählung und schüttelte leise das schöne Haupt. Nach einer Weile sagte sie aber: »Bei manchen Beschwörungen werden die Entfernungen mit Bogenschüssen abgemessen; möglich, daß sie dazu sich übte.« »So entferne die Hexe aus unserem Hause! Gewiß, sie bringt uns kein Glück. Auch von dem Wolfe mußte ich sie schon befreien, der sie niedergerissen hatte, weil sie sich mit meinen Waffen zu schaffen machte.« »Sie sagte mir, sie hätte sie feyen wollen.« »Ich will ehrliche Waffen und keinen Zauberspuk«, sagte Rothari zornig. »Ich hoffe, bis ich wiederkehre, hat der Tod mich von ihr erlöst, oder ich erlöse dich von ihr auch gegen deinen Willen.« Aber Jetta umschlang den Zürnenden mit weichen Armen: »Vor einem alten Mütterchen fürchtet sich mein Held?« »Nicht für mich, aber für dich.« »Ich bin ihr einziger Schutz auf Erden, was sollte sie mir anhaben?« Rothari's Beredtsamkeit war vergeblich. Als er am andern Morgen kam, um seinem Weibe das letzte Lebewohl zu sagen, saß Jetta mit ihrem Kinde in der Laube bei der Thüre, während die Alte bei seinem Nahen rasch um die Ecke verschwand. Das Kind, das Jetta an der Brust hing, erschien ihm klein und schwach, wie sterbend. Andere Pflege war hier dringend geboten. Aber in dieser Abschiedsstunde wollte er Jetta nicht kränken. Er küßte beide, sprang auf sein Pferd und sprengte über die Wiese, während aus einem Fenster des Dachs die alte Phorkyas ihm böse Zeichen und Flüche nachschickte. Rothari aber schaute noch einmal mit einem Ausdruck tiefer Sorge auf die zarte Gestalt Jetta's und ihr Knäblein zurück. »Wird das ein Held werden, den eine so zarte Mutter genährt hat?« dachte er beklommen und unmuthig gab er dem Rosse die Sporen. Achtzehntes Kapitel. Der Krieg mit den lentischen Alamannen zog sich in die Länge. Rothari's Vermittlung gelang es zwar, die Könige des Breisgau's von dem Bündnisse mit Roms Feinden zu lösen und indem er selbst durchaus als Alamanne auftrat, die Schaaren seiner germanischen Hülfsvölker zu verdreifachen, aber den ganzen Sommer über wurde bald diesseits bald jenseits der rätischen Grenze gefochten und bei einbrechendem Winter waren die Lentienser um so weniger zum Frieden geneigt, als sie gerade in der rauhen Jahreszeit sich den verweichlichten Römern überlegen fühlten und sicher darauf rechneten, das Zufrieren des Rhenus zu vortheilhaften Streifzügen nach Gallien benützen zu können. So saß Jetta einsam unter ihrem Strohdach, ausschließlich mit der Pflege ihres Knäbleins beschäftigt. Aber das Kind wollte nicht gedeihen. Bleich und schwach hing der Knabe an der Brust der Mutter und seine blauen Augen schienen etwas zu suchen, worauf er ein Recht habe und was ihm niemand bot. Ein schmerzlicher Ausdruck lag stets in dem kleinen, verschrumpften Angesichte, und erzählte von stetem Unbehagen des armen Wesens, dessen Fäustchen sich oft zornig ballten. Um so behaglicher hatte die alte Phorkyas sich auf dem Buhle eingerichtet seit Rothari fort war. Sie saß bei Jetta, erzählte von deren Kindererlebnissen, und wer ließe sich nicht gern von der eigenen Jugend berichten, von Eltern und Großeltern und wenn die Alte dann zu deliriren und phantasiren begann und die Grenze zwischen Erinnerung und Traum schwer zu ziehen war bei den Schilderungen der bösen Greisin, es war für Jetta doch eine Zerstreuung in der tiefen Einsamkeit, in der sie lebte, diesen Erzählungen aus alter Zeit zu lauschen. Auch grausenhafte Geschichten aus ihrer Zaubererfahrung wußte die Alte mitzutheilen, wie Justina in ihrer Gegenwart nur durch ihr Wort Vipern den Rachen aufgesperrt, zerschnittene Schlangen wieder heil zusammengefügt und über eine Leiche gebeugt, dem Todten Aufträge an die Unterwelt in den Mund gesprochen habe, die dieser ausgerichtet, wie der Erfolg erwies. Jetta ließ die Wahrheit dahingestellt, obwohl sie, Justina solche Dinge wohl zutraute. Als auch dieses Thema erschöpft war, begann Phorkyas Kräuter und Wurzeln einzutragen, lehrte Jetta ihre Namen und Kräfte und diese schrieb sich auf einer mit allerlei kabbalistischen Zuthaten verbrämten Rolle die Art und Weise auf, wie jedes Kraut zu gebrauchen und jeder Trank zu bereiten sei. Es war das wohl der reellste Theil der Zauberkunde der Alten, wie Jetta später noch einsehen lernte. Die Knechte aber bekamen das Joch der alten Phorkyas zu fühlen. »Der ist noch kein Zahn ausgefallen«, pflegten sie zu sagen, denn sie empfanden die bissigen Bemerkungen der Greisin und scheuten ihr böses Auge. Die schlimmsten Tage aber waren über den unmündigen bepelzten Genossen des Hauses mit Rothari's Entfernung hereingebrochen. Phorkyas' erste Sorge war gewesen, den Wolf, den sie verabscheute, an die Kette zu legen. Hätte sie nicht anderseits seines Schutzes bedurft, sie würde die Abwesenheit des Herrn benutzt haben, ihn zu vergiften. So lag der Wolf ingrimmig in seiner Hütte und betrachtete die Welt von einem neuen Standpunkte. Jeden, der vorbeiging, flehte er heulend um Befreiung an, aber er mußte erfahren, daß Menschen kein Erbarmen kennen mit den Qualen der Kreatur. In Folge dessen warf er einen Haß auf das ganze Geschlecht und wenn er sich auch gewöhnt hatte, die Hausgenossen schweigend, zu dulden, so sprang er doch bei jedem neuen Individuum der verhaßten Gattung wüthend in die Höhe und heulte vor Schmerz, daß er es nicht zerreißen durfte. Besonders zürnte er den Arbeitern, die große Lasten auf dem Kopfe trugen. Es erschien ihm durchaus unsinnig, daß solche Massen auf so dürftiger Stütze und zwei Beinen dahinwandelten. Auch daß der Mond des Nachts in der Luft umherschwamm, hatte nicht seinen Beifall und stundenlang konnte er ihn darum anheulen. Nannte ihn dann die alte Phorkyas ein dummes Thier, so war er innerlich entrüstet, denn er war im Gegentheil der Ueberlegenheit der Vierfüßler sich bewußt, auch der geistigen. Verstand doch er vollkommen richtig, was die Menschen zu ihm sagten: »Fass, los, bringe, gehe, komm, trage, hüte, leg' dich«, die Menschen aber hatten die Bedeutung seines Bellens und Heulens offenbar noch immer nicht begriffen. Wollte er trinken, so brachten sie ihm salziges Fleisch, quälten ihn die Mitbewohner und Hausgenossen seines Pelzes, so gaben sie ihm Schläge. In langen und bitteren Erfahrungen mußte er sich überzeugen, daß diese Blaßgesichter durchaus nicht zu den bildungsfähigen Säugethieren zu zählen seien, »Da sind sie stolz auf ihre Sprache«, murrte er, »und verstehen sich doch selbst nicht. Hat aber je Einer die Zeichen mißverstanden, die ein Hase mit seinen Ohren macht, wenn er sie legt oder stellt oder die Mimik meines Schweifes? Bücher freilich, wie die Domina, kann ein Wolf nicht lesen, aber im Angesichte der Menschen und Thiere liest er viel besser als sie.« Moralisch vollends fehlte den Menschen jede Selbstbeherrschung. Hatte nicht er die schwere Kunst gelernt, den niedergeworfenen Feind nicht zu verletzen bis Rothari es befahl, so große Ueberwindung ihn das oft auch kostete? Die Menschen dagegen, seit er gefesselt war, stachen und warfen nach ihm mit Prügeln und Steinen und warum? – weil er heulte, wenn er Schmerz empfand. Aber war das eine Antwort? In Folge solcher Erfahrungen schloß sein Herz sich zu und ein grimmiger Unwille gegen die Zweibeinigen zog in ihm ein. Auf ihr Mitgefühl war nicht zu rechnen, so dachte er über andere Mittel der Befreiung nach und von einem ganz bestimmten Momente an hörte sein Heulen auf. Kein Zeichen seines Unmuths ward mehr vernommen, höchstens daß er mit seiner Kette rasselte oder mit der Ruthe die Hütte peitschte, was in der Nacht laut und polternd klang. Des Tags aber lag er ruhig im Hintergrunde seines Häuschens, aus dem die grünlich leuchtenden Augen unheimlich hervorglühten. Das Geheimniß dieses Umschwungs seiner Stimmung verrieth er niemanden. Er hatte sich endlich selbst geholfen. Als Jetta ihn einst besuchte und tröstete, warf er sich vor ihr nieder und rieb so kläglich seinen Hals am Grase, daß sie sich seiner Schmerzen erbarmte und das Halsband lockerte, in der Meinung, es sitze zu fest. Von da an wußte der Wolf kunstfertig den Riemen mehr und mehr zu erweitern und allmählig lernte er auch mit saurer Mühe, seinen Kopf durch das Halsband heraus- und hereinzuschieben. Sobald es im Hause still geworden war, entledigte er sich seiner Kette, kroch zu einer versteckten Stelle des Palissadenzauns, wo er sich einen kunstgerechten Laufgraben nach dem Vorbilde der römischen Soldaten und ihres Vegetius angelegt hatte. Durch diesen entrann er fröhlich in's Freie. Ein frohes Leben in den Wäldern begann nun für ihn. Bald jagte er auf dem Mons Valentiniani, bald schwamm er durch den Nicer, um sich seines Ungeziefers zu entledigen, bald stahl er in den Villen der Reichen ein Huhn, bald schreckte er die römischen Wachen in der Nähe des Lagers. Dabei hielt er sich aber streng an die Regel aller gewitzigten Diebe, das eigene Revier sauber zu halten, so daß nicht der Schatten eines Verdachts auf ihn fiel, auf »das gute Thier«, wie Jetta sagte, das sich wie ein Lamm in sein Schicksal ergeben und das bei Nacht und Tag still und fromm an seiner Kette lag, ohne mit einem Laute über sein hartes Schicksal zu murren. So wußte er schlau die Vortheile eines freien Vagabundenlebens mit den Vorzügen eines geordneten Nahrungsstandes zu vereinigen. Aber er selbst war doch nicht ganz zufrieden mit seiner Rolle, weil er fand, daß der specifisch menschliche Hang zur Heuchelei ihn übel kleide. Auch eine andere Erfahrung warf einen Schatten auf sein neues Glück. Zuweilen wollte der Zufall, daß er beim Jagen draußen von Brüdern seines Stammes erwischt ward. Dann wurde er übel gezaust, da diese sofort es heraus hatten, daß er ein Menschendiener, gezähmt und elend verweichlicht sei. In großen Sätzen entrann er in solchen Fällen nach dem Hofe und die gesenkte Ruthe wehmüthig nach innen krümmend schlich er beschämt in seine Hütte. »Wenn nur meinesgleichen eben so blödsinnig wäre«, dachte er dann, »wie diese albernen Menschen. Die wissen nur das, was man ihnen ausdrücklich sagt, während meinen Brüdern ein Athemzug genügt, um mit scharfen Sinnen meine ganze Geschichte, meine Vergangenheit und meine Grundsätze auszuspüren.« So machte er die Erfahrung, daß es auch seine Unbequemlichkeiten habe, einer höheren Rasse anzugehören, und in solchen trüben Stunden beneidete er den mit seiner Pflege betrauten Lupicinus um sein friedliches Dasein innerhalb eines leicht zu täuschenden schwachsinnigen Geschlechts. Auf diese Weise gingen den Genossen des Blockhauses die Tage unter den verschiedensten innern Erfahrungen vorüber. Bereits färbten die Ahornkronen vor der Strohhütte an der Spitze sich roth und gelb und die Heimchen sangen laut ihr zirpendes Lied über den gemähten Wiesen. Jetta aber saß noch immer auf dem Bühl, zuweilen besucht von der bleichen Frau des kranken Centurio und den Dienerinnen aus Arator's Hause – von Männern nur dann, wenn einer aus dem Felde zurückkam, um seine Wunden zu pflegen oder Transporte aus dem Lager nach dem Kriegsschauplatze am obern Rhenus zu geleiten. Diese erzählten ihr von Rothari's Tapferkeit und wie er an der Spitze seiner germanischen Hülfstruppen sich selbst ganz als Germane trage, was schreckhaft anzusehen sei. Eines Abends, als die Sonne eben nach dem Bosegus Mons sich herabsenkte und die Ebene von violettem Lichte übergossen vor Jetta's Auge lag, saß sie, ihr Kind stillend, bei dem Brunnen vor dem Hause, als ein Männerschritt sie aufstörte. Als sie umblickte, stand ein verwilderter junger Geselle mit wirren blonden Haaren und blondem Barte neben ihr, der unverwandt nach dem Knäblein starrte, das mit langen Zügen aus der Mutterbrust trank, bis Jetta unwillig sich verhüllte. Als sie des Fremden aus einem langen, härenen Gewände und einem Schaffelle bestehende Kleidung näher betrachtete, schoß ihr der Gedanke durch den Kopf, der Besucher möchte am Ende gar der Bruder ihres Gatten sein, von dem ihr Rothari mit Liebe und Mitleid erzählt hatte. So verfallen und unheimlich hatte sie sich Vulfilaich nicht gedacht und auch Rothari würde ihn nicht wieder erkannt haben, eine solche Veränderung war mit dem Jüngling in dem einen Jahre vorgegangen, in dem er als Schüler der Bischöfe und Mönche, dann als Landfahrer und Einsiedler gehaust hatte. Eckig traten die Backenknochen aus dem abgemagerten, bleichen Gesichte hervor, die Augen waren eingesunken und von tiefen Schatten umgeben. Scharfe Falten um den Mund gaben dem Antlitz den Ausdruck unendlicher Bitterkeit. Eine gebrochene Jünglingsgestalt wankte er einher, gleich einem Wahnsinnigen verzehrt von einem inneren Feuer. Jetta zog sich fast ängstlich gegen das Haus zurück, aber mit dumpfer, gleichgültiger Stimme fragte der Fremde, wann wohl Rothari zurückkehren werde. »Vor dem Winter gewiß nicht«, meinte Jetta, »und dann ist ungewiß, ob der Krieg alsdann zu Ende sein wird.« Ob er wolle, daß sie durch den nächsten Boten an Rothari etwas bestelle? Er habe nichts zu melden, sagte er dann, als daß er nichts ausgerichtet, da Rando, an den ihn Rothari gesendet, während des Krieges sich in keine Verhandlungen einlassen wolle. Jetta fragte, ob sie den Bruder ihres Gatten mit Speise und Trank erquicken dürfe? Er nickte trübe mit dem Haupt und als Phorkyas Milch und Brot gebracht hatte, verzehrte er langsam sein Mahl, unverwandt Jetta's Arme anstarrend, deren volle Schönheit das ärmellose Kleid dem Auge preisgab. Die Sonne neigte sich und unter dem Vorwande, ihr Kind zur Ruhe zu bringen, ging Jetta in's Haus und schickte ihm einen Knecht, der, falls er obdachlos sei, Rothari's Bruder in dem Nebenbau eine Unterkunft für die Nacht bieten sollte. Vulfilaich gehorchte dem Rufe schweigend. Aus der Wolfshütte aber folgten zwei glühende Augen mißtrauisch dem Fremden und der Wolf beschloß unter diesen besondern Umständen heute das Haus nicht zu verlassen. Der Mönch aber schritt schweigend nach dem ihm angewiesenen Gemache, wo er sich ermüdet und traurig auf eine Bank hinstreckte, »Herr«, betete er, »Versuchungen ergehen über mich bis zum Verzagen. Unstet wandere ich über die sündenbefleckte Erde, selbst ein Sünder. Ich wollte die Heiden bekehren zu deinem heiligen Namen und sie verlachten mich. Ich wollte die Altäre der falschen Götter umstürzen und meine Kraft war zu schwach. Wie einen tollen Hund haben sie den Königssohn verjagt, der dich, den König, verkünden wollte. Meine Seele ist ermattet von all' den eitlen Worten, die ich hörte. Wohin ich schaue, sehe ich Götzendienst, Eitelkeit und Sünde. Ach, nicht zum Sehen hast du mir diese Augen gegeben, sondern zum Weinen über alle Gräuel in mir und außer mir. Von mir stehet geschrieben: Ich mische meinen Trank mit Thränen bei Tag und bei Nacht. Und nicht mit der Bosheit der Menschen allein habe ich zu kämpfen. Der Satan selbst schlägt mich mit Fäusten und wenn meine müden Augen sich zuthun, erscheinen seine bösen Geister und schrecken mich, verlocken und versuchen mich, daß meine Seele oft verzagen und verzweifeln will. Meine Harfe ist ein Klagen geworden, sagt der Prophet, und meine Pfeife ein Weinen. Herr, nimm hin meine Seele, ich bin nicht besser als meine Väter.« Still und geduldig lag der Mönch auf dem harten Boden, die Polster verschmähend, die an der Wand gebreitet waren. Aber nur unruhige, unterbrochene Träume gaukelten vor seinen halbwachen Sinnen. Oft schon hatten ihn die bösen Dämonen besucht als wilde Thiere oder schöne Frauen, aber so deutlich wie heute, hatte er die Nähe des Fürsten der Finsterniß noch nie vernommen. Bald hörte er ein Wimmern, Heulen und Winseln der verdammten Seelen. Dann klopfte es wieder wie mit Fäusten an die Holzwand, als ob der Teufel sein begehre, er hörte deutlich das Rasseln der Kette, mit der Satanas gebunden ist und das Knirschen seiner Zähne. Sank dann der Schlaf auf seine Augen, so umgaukelten üppige Träume seine Sinne. Er lag wieder an der warmen Brust der blonden Alamannin, die ihn am Ufer des Nicer gepflegt hatte. Jetta's weiße Arme umschlangen ihn und wenn er auffuhr, hörte er deutlich wieder das Poltern und Kettengeklirre des bösen Geistes, der ihm alle diese sündhaften Gedanken zuschickte. Aber wie eine unwiderstehliche Gewalt scheuchte es ihn vom Lager auf. Koste es sein Leben und seiner Seelen Seligkeit: er mußte hinüber nach dem Hause, wo das schöne Weib lag und horchen, ob er ihren Athem hören, ob er ihre blühende Gestalt im Schlafe belauschen könne. Der Mondenschein lag voll und hell über dem Hofe, der ihn von Jetta's Hause trennte. Er sah Rothari's Waffen aus der Halle flimmern und glänzen. Vielleicht war die Thüre nach dem Saale offen und vom Saale führte die Treppe nach oben. Wider Willen, mit klopfendem Herzen und stockendem Athem trat er hinaus. Es war Sünde, aber er mußte, wenn nicht eine höhere Macht den Zauber brach. So kam er bis zu der Holztreppe jenseits des Hofes, da glühten ihm zwei leuchtende grüne Augen entgegen, der böse Feind in Gestalt eines Wolfes trat ihm knurrend entgegen, er fühlte sich niedergerissen, die Stücke seines Gewandes flogen von ihm, da nahm er alle Kraft zusammen, der Arge ließ von ihm ab und zitternd fand sich der Mönch wieder in seinem Gemache, wo er sich zur Erde warf, eine Geisel hervorholte und seinen nackten Rücken geiselte, bis das warme Blut an seinem Leibe herablief. So lag er, als ein heller Schein über dem Mons Valentiniani den nahenden Morgen kündete. Schuldbewußt wagte er es nicht, das Erwachen der Hausgenossen zu erwarten. Sein Schaffell über sich werfend, schritt er in die Morgenluft hinaus. Als er an der Hundehütte vorüberging, und der Wolf seine Zähne fletschte, kam ihm wohl der Gedanke, das Rasseln und Winseln, das er gehört, sei am Ende von hier ausgegangen. Aber als ihn das Thier mit flimmernden Augen starr ansah, erkannte er in dem Wolfe den Dämon. Er riß den Balken von Thore und entfloh in den dämmernden Morgen. Die frische Herbstfrühe streute glänzende Thautropfen über Rasen und Büsche. Der junge Mönch streifte sie von den Zweigen, indem er auf's gerathewohl vorwärts stürmte, einen trocknen Platz zu suchen, wo er sich niederlegen könne, da ihm das schmerzende Haupt zu springen drohte. Vielleicht daß jene Felswand, über dem Walde überhängend, ihm Schutz gewährte? Eine Weile suchte er hin und wieder; da, als er einige Zweige zurückbog, fand er den Eingang zu einer Höhle. Es war dieselbe, in der der Dämon war zur Welt geboren worden, vor dem er floh. Die Höhle war trocken und mäßig erhellt von einem angenehmen Dämmerlichte, wie es die Reflexe des rothen Sandsteins zurückwarfen. Der Eingang schien wie künstlich verhängt durch einen leuchtenden grünen Vorhang, der im Winde schwankte, wenn die dichten Buchenzweige hin und wieder wehten. Ein geräumiger Felsendom wölbte sich nach innen zu und mündete zur Linken in einen trocknen und dunklen Gang, wie gemacht für das Ruhelager eines Anachoreten. Dankbar warf sich Vulfilaich nieder. Er hatte gefunden, was er lang vergeblich gesucht. Im ganzen Thale des Rhenus war keine Höhle wie diese so geeignet, abgeschieden von der Welt, den Frieden seiner Seele zu bedenken. Hier wollte er sich niederlassen, beten, sich kasteien, den Heiden predigen, Götzenbilder zerstören und allen verborgen sich dann wieder hierher zurückziehen, um im Gebete Kraft zu sammeln zu neuem Kampfe. Er reinigte die Höhle von den unreinen Resten der letzten Bewohner, trug aus dem Walde dürre Reiser zusammen, entstammte mit geschickter Hand trocknes Moos durch einen Funken, den er dem Stahle entlockte und Vertrieb durch Gebete und Rauch die bösen Dünste und bösen Geister. Nachdem der bläuliche Qualm sich langsam verzogen hatte, legte er sich im Innern der Höhle nieder und versank in festen tiefen Schlaf. Jetta war am andern Morgen nicht wenig erstaunt, zu vernehmen, daß Vulfilaich ohne Abschied weiter gezogen sei, zumal Phorkyas meldete, sie habe sein Lager unberührt, die Diele mit Blut befleckt und Theile seines Gewandes im Hofe zerstreut gefunden. Aber welches Unglück konnte ihm in dem wohlverwahrten Hause zugestoßen sein? So beruhigte sie sich, indem sie den seltsamen Abschied der gewöhnlichen Absonderlichkeit dieser Mönche zuschrieb und war froh, daß sie den unheimlichen Besuch so rasch wieder los war. Auch währte es nicht lang, so berichtete Lupicinus, er habe Vulfilaich im Walde gesehen, aber derselbe habe jede Erinnerung an ihre frühere Begegnung rauh zurückgewiesen. Schließlich habe er doch um einen Spaten und um ein Beil gebeten und beides habe Lupicinus dem Bruder seines Herrn nicht verweigert. Jetzt sammle der Mönch Beeren, Moose und Wurzeln und Lupicinus vermuthete, er werde wohl in irgend einer Kluft sich eine kleine Hütte zimmern wollen wie der Klausner, der vor Jahren drüben auf dem Mons Piri gehaust und allen Menschen befreundet gewesen sei, bis man ihn eines Morgens von bösen Buben erschlagen vor seiner Zelle gefunden habe. Jetta schüttelte ihr Haupt über das Alles, aber sie fand nicht, daß es ihre Sache sei, sich weiter um einen solchen wunderlichen Heiligen zu kümmern. Mit einem Schlage brach in diesem Jahre der Winter herein. Ueber Nacht erhob sich ein kalter Novembersturm und fegte die Blätter von den Aesten, während die gefrorenen Fluren vom Reife erglänzten. Regen und Schnee umwirbelten die dunkle Strohhütte und in Erinnerung dessen, was sie im vorigen Jahre in dem dumpfen Raume erduldet, ward es der Römerin bald unlustig in dem einsamen Hause. Der Wind rüttelte bei Tag und bei Nacht an den Fenstern, ganz in der Nähe hörte man den bellenden Ruf der Wölfe und seit Rothari mit den Hunden sie nicht mehr hetzte, streiften sie wieder bis nah an den Bühl. Dazu ward Phorkyas nicht müde zu versichern, daß für das zarte Knäblein die Luft unten am sonnigen Abhang in den steinernen geheizten Zimmern heilsamer sein würde als auf dem Hügel, den der rauhe Ostwind bestrich. So packte schließlich Jetta ihre Habe zusammen, befahl das Haus den Knechten und kehrte in ihre väterliche Wohnung zurück. Wie glücklich fühlte sie sich mit einem Male in den hellen Höfen, den warmen Stübchen, zwischen den freundlichen Bildern an den Wänden, die sie wie in vergangenen frohen Jahren anlachten und nach denen ihr Knäblein mit schwachem Lächeln die Händchen ausstreckte. Jetzt erst kam ihr zu Bewußtsein, wie geistig arm ihr Leben oben in dem Blockhaus gewesen. Mit der Gier einer Ausgehungerten stürzte sie sich über die lang entbehrte Büchersammlung und bald hatte sie über Plato, Plutarch und Epiktet alles Andere vergessen. Zu Anfang des neuen Jahres kamen Statius und Nasica vom Kriege heim. Der dicke Statius war leicht blessirt, Nasica erklärte der Ruhe zu bedürfen. Beide waren glimpflich vom Feldzuge ausgeschlossen worden, da sie, der Eine durch Nachlässigkeit, der Andere durch Feigheit Anstoß gegeben hatten; doch hüteten sie sich wohl, diesen Grund ihrer Rückkehr Jetta zu verkünden. Die beiden Vettern waren freilich zwei unerfreuliche Menschenkinder, aus denen Jetta sich nie viel gemacht, aber auch sie trugen noch immer etwas von dem Stempel der Vornehmheit, den der Romane vor dem Germanen voraus hat. Einsam und gelangweilt ließ Jetta sich die Huldigungen der leeren Menschen gefallen und bald war wieder jener nichtige, lärmende Ton zwischen der schönen Frau und den jungen Leuten im Gang, den Jetta in dem früheren Lagerleben um des höheren Zweckes willen geduldet hatte, und der jetzt wenigstens dazu gut war, ihr die Langeweile zu verscheuchen. Ihr ernster Geist bedurfte eines Gegengewichts und hatte sie sich einmal eingelassen auf Scherze und Possen, so übertraf ihre wilde Ausgelassenheit leicht alle Andern. Für ihre Phantasie war es eine Versuchung, sich in tolle Situationen zu werfen. Dieses Streben, stets etwas darzustellen, jedes Ereigniß phantastisch zu nehmen, war ihr großer Reiz, es war aber auch ihr Fehler, den sie vor Rothari hatte verbergen müssen, dem nichts mehr zuwider war als solcher Lärm um nichts. Indem sie sich im Umgang mit den alten Genossen auf's neue diesem Triebe rückhaltslos überließ, kehrte ihr die frühere Luft am Leben und Lärmen wieder und gab ihr zugleich die alte Frische und Elasticität ihres Geistes zurück. Jetzt erst ward sie gewahr, wie sehr Rothari durch seine geistige Schwere und Unbeweglichkeit sie niedergedrückt hatte. So glich Jetta einer Sängerin, die ihre verlorene Stimme wieder erhalten. Vom Morgen bis zum Abend ergoß sich ihre herrische Beredtsamkeit. Jetzt war sie wieder ganz Römerin, die Jetta von ehedem. Doch ging ihr Leben keineswegs in Scherzen und Lachen auf. Unermüdlich war sie in den beiden Dörfern diesseits und jenseits des Nicer unterwegs, um den zurückgelassenen Frauen und Kindern der Soldaten beizuspringen, sie stärkte im Lager selbst die Verwundeten, die vom Kriegsschauplatze hierher verbracht worden waren, durch ihren Zuspruch, sie erhielt in der ganzen Umgegend die Stimmung der römischen Colonen aufrecht. Es war eine Freude zu sehen, wie die Gesichter der alten Graubärte in den Soldatenhütten aufleuchteten, wenn des Feldherrn Tochter bei ihnen eintrat und wie in den bürgerlichen Niederlassungen groß und klein Jetta umstand, wenn sie kam, einen neuen Sieg zu verkünden. Nur Eines lastete auf ihr: ihr Knabe machte ihr Sorge. Langsam wuchs er heran und schaute bleich und trüb mit seinen hellblauen Augen in die Welt. Die Alte wußte täglich ein neues Mittel, seine Kräfte zu heben. Sie hatte Weintränkchen und Kraftbrühchen bereit, Salben und Einreibungen, Kräuterbäder und Abwaschungen. So wechselten Abhärtung und Verweichlichung bunt durcheinander, wie es die Einfälle des unerfahrenen jungen und die unbeschäftigte Langeweile des alten Weibes mit sich brachten. Das Kind ward größer aber schmaler und müder. Ein weinerlicher Zug war wie festgeheftet auf dem kleinen, gelben Angesichte als Anklage der fortgesetzten Mißhandlungen, mit denen eine unverständige Liebe es heimsuchte. Im Frühjahr kam auch Arator und des Vaters ernste Gegenwart verscheuchte die Vettern rasch, da der greise Soldat seinen Verwandten nicht verhehlte, was er von ihren Leistungen im Feldzuge halte. Auch Jetta's Gedanken kehrten jetzt häufiger zu Rothari zurück, von dessen Lobe Arator voll war. Kaum daß im März die Lüfte milder wehten, zog sie, der Ankunft des Gatten gewärtig, nach dem Blockhaus, wo der Wolf mit tollen Sprüngen der Freude, die Knechte mit gewohnter Ehrfurcht sie empfingen. Sie fand alles in bester Ordnung; kein Faden fehlte und Jetta ließ der Treue und Arbeitsamkeit des alamannischen Gesindes alle Gerechtigkeit widerfahren. So nahm auch sie die frühere Lebensweise wieder auf, aber ihres Gatten harrte sie vergeblich. Als die Primeln im Walde in gelben Büscheln sich über das dürre Laub hervorarbeiteten, die Narcissen vor dem Hause blühten und die Blutströpfchen des Adonis, da dachte sie, Rothari sei nicht ferne. Aber die Veilchen kamen und die blauen Sterne der Vinca, der Holder duftete süß, die Rosen glühten und die Jasminhecken bestreuten sich mit weißen Sternen, in den Büschen sang die Nachtigall ihr schmelzendes Lied und Rothari war noch immer nicht gekommen. Statt seiner hatten die welschen Vettern Statius und Nasica es in Rothari's Haus sich bequem gemacht. Sie ritten Rothari's Pferde auf steinigen Pfaden und brachten sie des Abends abgetrieben und wundgeschlagen wieder, so daß die germanischen Knechte den welschen Thierquälern fluchten. Sie reizten den Wolf an der Kette, bis er durch Anstrengung sich loszureißen sie zum Rückzug zwang. Sie nahmen Rothari's Waffen von der Wand und höhnten die barbarische Arbeit. »Wer weiß, Statius, ob du den Bogen spannen kannst, wenn Ulysses heimkehrt«, spottete Jetta. Die Vettern nannten sie deßhalb Penelope und die einsame junge Frau, unbeschäftigt und gelangweilt, wie sie war, ließ es sich gefallen. Es entsprach ihrem phantastischen Sinne, auch ein Mal ein Stück der Odyssee durchzuspielen, nachdem sie lang genug von der Iliade geträumt. An Verachtung für die Schaar der Freier fehlte es ihr auch nicht und lästig machten diese sich gleichfalls. Kein Beutestück Rothari's blieb von ihren Händen unbelastet und mit seinen germanischen Waffen feierten sie mehr als einen Maskenscherz. Zuweilen hätte Jetta ihrem Treiben gern gesteuert, aber sie bedurfte der Vettern, wie sehr sie auch ihre Leichtfertigkeit haßte, zu ihren Missionen im Lager. Aufträge waren zu besorgen im Dorfe und in den Soldatenhütten. Sie rechnete auf ihre Begleitung, wenn sie oft spät erst von den Besuchen bei den Armen und Verwundeten zurückkam. Die kleinen Freuden, die sie den Soldaten im Lager bereitete, konnten nur sie vermitteln. So tröstete sie sich, daß wenn auch Nasica und Statius jetzt ihre Tage vergeudeten und im letzten Kriege keine Lorbeeren gepflückt hätten, beide doch, durch ihren Umgang gefördert, nunmehr ernstlich gesonnen seien, künftig ihren Mann zu stellen. Die Besserung der jungen Verwandten erschien ihr als ein Theil ihrer hohen Mission, von der sie jetzt wieder träumte wie in den Tagen, bevor sie Rothari's Weib ward. Bei genauerer Selbstprüfung würde sie freilich erkannt haben, daß sie in diesem Umgang fast mehr Schülerin als Lehrerin war. Der unausgesetzte Spott ihrer Vettern über Rothari's Germanenthum, über die Bauernhütte und das barbarische Geräthe machte ihr größeren Eindruck als sie sich selbst gestand und sie war fest entschlossen, dieses Leben im Alamannenhofe nicht fortzusetzen. Wollte Rothari nicht in der Mitte der Genossen drunten beim Lager wohnen, so mochte er ihr hier oben ein römisches Haus bauen, wozu Werkleute in Atta Ripa und Noviomagus zu finden waren, aber auf die Bedürfnisse ihrer Jugend, ihres Schönheitssinns, ihres Auges, ihres Geistes wollte sie nicht länger verzichten. Vor allem aber sollte auch ihr Sohn nicht im Blockhause aufwachsen. Natürlich bestärkten sie die Vettern in ihren Plänen. Sie suchten mit ihr bereits den besten Platz zur Anlage einer neuen Villa aus und über das Brett von glattem Lindenholz gelehnt, halfen sie Jetta Baupläne und Risse zeichnen, bis sie auch davon gelangweilt zu Rothari's Waffen zurückkehrten. Wieder war in dieser Weise ein Tag vergeudet worden, da ertönte eines Abends im Mai, als die Sonne hinter dem Vosegus Mons versank und die ganze Ebene des Rhenus in goldenem Lichte erglänzte, das »Heilo, Sigo« der germanischen Knechte, während der Wolf ein fröhliches Geheul ausstieß und an seiner Kette zerrte. Der dicke Statius, einen von Rothari's Helmen auf dem Haupte und den barbarischen Schmuck König Vadomar's um den Hals, reckte den Kopf aus dem Fenster, um zu sehen, was es gebe und kehrte dann von dem Zornblick des Ankömmlings getroffen in raschem Laufe nach der Halle zurück, wo er Jetta zuflüsterte: »der Barbar, dein Gemahl, steht draußen.« Eilig entledigte sich der Andere des Bärenfells, das er um sich geschlungen, während Jetta, das Kind auf dem Arme, zur Thüre schritt. Auf der Treppe trat ihr ein reckenhafter Germane entgegen, das lange blonde Haar in einem gewaltigen Knoten mitten auf dem Haupte zusammengeflochten und mit einer flammrothen Hauptbinde zusammengeknüpft. Von der Oberlippe hing der gewaltige Schnurrbart über das kahle Kinn, den Hals umgab eine schwere Kette, von dem nackten Arme glänzten die goldenen Spangen, die er den erschlagenen Feinden abgenommen. Der germanische Streitmeißel in der Hand, Beinkleider von Hirschleder und das Bärenfell auf dem Rücken, vollendeten das Bild eines Wilden. Jetta fuhr zurück, als habe sie einen Schlag in das Angesicht erhalten. »Was zitterst du, Jetta«, sagte Rothari bitter, »sogar deine Vettern lieben ja, wie ich sehe, die Kleidung meines Volks.« Die Knechte hatten ihn bereits von dem Treiben der Verwandten in Kenntniß gesetzt. Er warf einen finstern Blick durch die Thüre, aber Statius und Nasica hatten für gut gefunden, durch eine hintere Pforte zu entweichen. Mit einem mitleidigen Wiegen des Kopfes betrachtete Rothari dann sein Knäblein, das furchtsam, das kleine Haupt abwendete und zu weinen begann. Er nahm es nicht, denn er fürchtete, das zarte Ding zu zerbrechen. Jetta gab es der Alten, deren böses Auge Rothari's Zornblick höhnisch zurückgab, die junge Frau aber folgte dem Gemahle in's Haus. Hier nahm sie ihm still den schweren Pelz von der Schulter, löste die barbarischen Spangen von den Armen, strich ihm den Bart von den Lippen, die sie küßte und mit der Hand über den entsetzlichen Haarknoten auf dem Haupte fahrend, fragte sie mit einem bittenden Blicke: »Muß das so bleiben?« »So lang ich die Germanen im Felde führe, ja«, erwiderte er. »Nur die Sklaven gehen bei unserem Volke geschoren, und was ihr einen Cäsarenkopf nennt, würde bei uns ein Sklavenschädel heißen. Ist der Krieg zu Ende, so opfern wir die blonden Locken Aphrodite und verstecken die nackten Arme unter der Toga.« Die Aussicht als Gattin dieses Häuptlings unter ihrer Sippe zu leben, den täglichen Spottblicken der Vettern, des Notars und des jungen Augustus preisgegeben; entsetzte Jetta, aber es regte sich in ihr etwas wie ein böses Gewissen über die Scherze, die sie Nasica und Statius verstattet hatte und für heute schwieg sie. Auch fiel ihr ein, wie sie einst in dem Buche der Christen von einem Helden gelesen, dem sein Weib die Haare kürzte, als er schlief. So wollte auch sie sich verhalten und sie gab sich. Neunzehntes Kapitel. Jetta's Hoffnung, durch Bitten bei ihrem Gemahle zum Ziele zu kommen, hatte sich nicht erfüllt. Der beiden Gatten Neigungen und Wünsche gingen mehr als je auseinander. War Jetta in der Zeit seiner Abwesenheit zu den römischen Gewohnheiten ihrer Jugend zurückgekehrt, so war Rothari im Felde und im Umgang mit den germanischen Söldlingen wieder ganz Alamanne geworden. In Folge dessen hatten beide für die Einrichtung ihres Hauswesens genau entgegengesetzte Gedanken. Sie hatte ihm ihre Pläne, eine römische Villa auf dem Bühle zu errichten, vorgetragen und er schlug diesen heißen Wunsch ihres Herzens in rauhen Worten ab. Sie hatte ihn angefleht, die barbarische Tracht von sich zu werfen und er hatte ihren Abscheu als kindische Grille verlacht. Um auf die Alamannen Einfluß zu behalten, müsse er als Alamanne leben und auftreten – so hatte er hingeworfen, diese Notwendigkeit aber näher zu erläutern, hielt er nicht einmal für nöthig. Seine Meinung war eben, daß das keine Dinge seien, über die man mit Weibern rede. Jetta war sich ihres tadellosen Verhaltens während seiner Abwesenheit stolz bewußt, ihm aber erschien der gewohnte freie Verkehr der Römerin mit jungen Männern schon als eine halbe Untreue. Niedergeschlagen und müde saß die junge Frau nunmehr in dem Saale ihres Blockhauses, zu betrübt, um auf die alltäglichen Vorgänge draußen zu achten. Sie hörte vom Hofe her scheltende Worte ihres Mannes. Sein Ton klang barsch und rauh und that ihr weh in ihrem kranken Herzen. Als er beim hellen Morgenlichte in seiner Häuptlingstracht durch diesen Raum gegangen, schien ihr ihre ganze Umgebung verändert. Jetzt waren sie nicht mehr ein römisches Paar, das die Laune hatte, hier an der Grenze der Alamannen in alamannischer Hütte zu hausen, sondern sie war wider ihren Willen eines Barbaren Beute. Wie eine jener edlen Frauen kam sie sich vor, die Armin, Sigimer's Sohn, weggeschleppt oder die einer der Erstürmer des Drususcastells am durchbrochenen Grenzwall sich zu eigen gezwungen. Nur sie selbst war jetzt noch römisch in diesem Hause und sie glich einem der in der Ecke stehenden römischen Geräthe, die nicht hierher paßten; wer sie neben den Hausgenossen und dem wilden Rothari sah, mußte sie für eine Gefangene halten oder eine Sklavin. »Wo ist jene Jetta«, seufzte sie, »die an der Spitze des Jagdzugs mit Rothari auszog und die die Soldaten im Lager mit ihren Rufen begrüßten! Er hat mich vom Triumphwagen herabgestürzt und mich zur Magd entwürdigt. Das war es nicht, was er mir versprach, als ich ihm bei dem Marmorbrunnen mein Herz gab. Damals wollte er ein Römer sein – und nun? Wie lang wird es noch währen und er fordert, daß auch ich mein Haar in einem zwiebelförmigen Knoten auf dem Haupte festbinde und in das ärmellose Kleid seiner germanischen Weiber schlüpfe und habe ich mich auch darein gefügt, so wird er mir einige alamannische Nebenweiber geben, wie es die Sitte ihrer Häuptlinge ist, bis ich als alte Sklavin im Hause ende. Das Alles wäre nur das folgerichtige Ende seines Treubruchs. Wie gleißnerisch versprach er mir, als Römer leben und schleppte mich statt dessen hierher in ein Blockhaus. Als Feldherr des Augustus zieht er aus und kehrt als Häuptling der Barbaren wieder. Ihre Sprache zu lernen zwang er mich schon, obwohl sie den Lauten der Thiere ähnlicher ist als denen der Menschen. Meine Vettern verjagt er, dafür soll ich mit den Chnodomar und Fraomar und Bitherid seiner Sippschaft Hausen.« Während sie diesen trüben Betrachtungen sich hingab, hörte sie den Schritt des Gatten unter der Thüre, aber sie war unvermögend, sich umzuwenden, sich zu erheben, ihn zu begrüßen. Auch er kehrte mit finsterer Miene in den Saal zurück und sagte in rauhem Tone, in dem ein noch nicht überwundener Aerger nachklang: »Du wirst deinen Vettern ihre Besuche hier verbieten. Sie haben meine Waffen beschädigt, meine Pferde zu Schanden geritten und überhaupt desgleichen gethan, als ob sie Herren wären in meinem Hause.« »Ich soll wohl nur noch mit Wilden umgehn, die eben so gekleidet sind wie du und ebenso geizen mit Waffen und Thieren«, erwiderte Jetta bitter. »Deine Vettern sind Buben, die keine Liebe, weder zu einem Menschen, noch einem Thiere kennen. Mein Roß trägt überall die Spuren ihrer Mißhandlung. Es soll aber kein Fremder mein Schlachtroß reiten, wie keiner mein Weib küssen soll. Das ist Germanenehre.« Jetta stand zornig auf, bereit ihm trotzige Worte entgegenzuschleudern. »Frecher Barbar, bin ich ein Pferd?« zischte es in ihr, aber sie bezwang sich. »Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, daß du so zu mir sprichst«, sagte sie von Erbitterung glühend, aber mit der Selbstbeherrschung, die ihre höhere Bildung ihr gab. »Als ich deine Gattin ward, war nicht davon die Rede, daß ich meine Verwandten ausweisen und mit Chnodomar und Fraomar und Vulfilaich hausen solle. Ich wußte nicht, daß ich dazu da sein würde, für deine Rosse zu sorgen und statt wie eine Römerin zu leben, mich hier im Walde verkriechen müsse gleich einer Schildkröte.« Rothari horchte zornig auf diesen ihm ganz neuen Ton und die Ader auf seiner Stirne schwoll. »Ich zwinge dir unsern Bund nicht auf«, sagte er hart. »Bereust du deine Opfer, so kehre zu deinen Vettern zurück, zu den glatten Böden und gemalten Gesichtern deiner Villa. Ihr nehmt es ja leicht mit euren Gelübden, ich sah vornehme Frauen in Rom, die den siebenten Ehebund hinter sich hatten.« Jetta stand aufrecht da und maß ihn mit stolzen Blicken. »Wer seine Gelübde gebrochen am ersten Tage unserer Ehe, am zweiten und alle Tage, warst du, nicht ich. Du weißt, welche Versprechen du mir gabst und du weißt, wie du sie gehalten.« Ihre Augen flammten und eine leidenschaftliche Verachtung klang aus jedem ihrer Worte. Er aber kehrte nur halb sein finsteres Angesicht ihr zu, und sprach gelassen: »In Wortgefechten vermag unsere Zunge euere welsche nicht zu bestehn. Frage dich selbst, ob ich Treue gehalten. Ich versprach für euch zu kämpfen, dein Vater kann dir berichten, ob ich es that. Auch von den Heldenthaten deiner Vettern kann er dir erzählen«, setzte er mit verächtlicher Ironie hinzu. Jetta erröthete. Nur allzuwohl wußte sie, daß Arator ihrem Gatten allein den Sieg über die lentischen Alamannen zuschreibe. »Daß wir überhaupt noch diesseits des Rhenus sind, ist deines Gatten Verdienst«, hatte ihr Arator gesagt und wie stolz hatte sie damals dieses Wort durchschauert. Derselbe Stolz aber verbot ihr, das jetzt zu bekennen. In Germanentracht für Rom kämpfen war freilich römischer als in der Rüstung der Scipionen dem Feinde den Rücken zu zeigen wie Statius und Nasica, aber die Kränkung, die in dem Bruch der Formen lag, schmerzte Jetta fast mehr als wenn Rothari es in der Sache hätte fehlen lassen. Ihre bittern Reden reuten sie freilich, aber er hatte ja auch keine Silbe der Entschuldigung für das, was sie kränkte. So schwieg sie. Er aber schritt stumm hinaus in die Halle, wo er mit Lupicinus seine beschädigten Waffen besserte und neu zu ordnen begann. Traurig und wie innerlich vernichtet blieb Jetta in dem verhaßten Saale zurück. Nicht ein Wort hatte er ihr gegönnt über seine Erfolge im Felde, keine Silbe von den Aussichten für das Reich und über ihre eigenen großen Entwürfe geredet. Daß sie ihn ausgesendet, daß er die Alamannen schlagen müsse, um ihrer würdig zu sein, kam ihm offenbar nicht in den Sinn. Er that, als ob sie in diesen Zusammenhang seines Lebens gar nicht gehöre. »Dem Germanen ist sein Weib nicht Genossin seiner Pläne, sondern nur ein Hausthier und nicht einmal sein erstes, das Roß geht ihr vor«, sprach der böse Dämon in ihr. Sie grollte, ja sie haßte ihn und von Stunde an ging sie ihren Weg für sich. Die Sorge für Gatten und Haus überließ sie dem eifrigen Lupicinus und lebte ausschließlich ihrem Kinde und ihren Büchern. Rothari dagegen war meist im Lager und besuchte die Wartthürme. So hätten beide ohne weiteren Kampf nebeneinander hergehen mögen, wäre das Kind nicht gewesen, um das beide in ihrer Weise sich sorgten. Der Knabe war nun so weit, daß er furchtsam an den Bänken des Saales hintastend, seine ersten Gehversuche anstellte. Rothari aber entdeckte eines Tages, wie ihm die alte Phorkyas den Gürtel mit allerlei Zaubermitteln behängt hatte und warf dieselben zum wortlosen Schmerze der Frauen durch's Fenster. Von da an achtete er scharf auf all' die Tränkchen und Einreibungen und Waschungen, die mit seinem Knaben vorgenommen wurden, und unterbrach mehr als einmal ihre für heilsam erachteten Kuren. Als er sah, daß Jetta, völlig unfähig, etwas zu unterlassen, was ihr zweckmäßig schien, seine Verbote in keiner Weise achtete, verlangte er die Entfernung der alten Phorkyas, die ihre Herrin all' diesen quacksalberischen Unfug lehre. »Fort mit der Hexe aus meinem Hause«, rief er. Jetta schwieg und schaute starr vor sich hin; sie sagte weder ja noch nein, die Alte aber wußte sich so weislich zu verbergen, daß Rothari im Unklaren blieb, ob sein Gebot vollzogen sei oder nicht und er begnügte sich damit, daß die verhaßte Greisin ihm die Wege nicht mehr kreuzte. Kaum aber, daß der zürnende Germane den Bühl verlassen, so kroch auch die Alte wie eine scheue Kröte aus ihrer dunkeln Ritze und fing an, Jetta halblaut allerlei Vorschläge und Mittel zur Umstimmung ihres Gatten zuzuraunen. Diese hatte traurig das Angesicht in die Hände gestützt und sagte: »Nein, nein – ich will nichts wissen von Liebeszauber. Soll ich wie Fulvia den Gatten wahnsinnig machen? Hast du vergessen, welchen Jammer wir auf der Villa bei den Rosen gesehen haben?« »Das war ja ganz anders«, hüstelte Phorkyas. »Die Kaiserin nahm Colchicum und Tollwurzeln und Geifer eines kranken Hundes ... ich meinte damals, daß sie den Centurio tödten wolle, darum widersprach ich nicht. Hier aber sind zehn unschuldige Mittel verzeichnet, die ich alle vorkosten will, damit du siehst, daß deinem Gatten kein Unheil daraus erwachse.« »Lies«, sagte Jetta mit matter Stimme. Die Alte nahm eine Rolle, die neben ihr lag: »Mittel Abu Buthma's zu versöhnen Gatten, die sich hassen. Liegt die Schuld an dem Manne, so nimm die Leber eines Wolfs und das Herz einer Taube. Die Taube tödte am Neumond, wenn die Sonne aufgeht, den Wolf eine Stunde ehe sie untergeht. Nimm eine ungebrauchte Schüssel und spüle sie sieben Mal in fließendem Wasser und sprich die Formel Uriel's und Phaniel's. Dann entzünde eine Flamme von trockenem Holze des Wachholderbaums, in dem kein Wurm ist und streue Samen darauf von Liebesäpfeln, lege die Leber und das Wolfsherz und das Herz der Taube so in die Schüssel, daß sie ein Dreieck bilden und gieße dann einen Theil Milch einer Kuh darüber, die nur einmal gekalbt hat, einen Theil Honig und einen Theil Wein. Wirf Liebesäpfel darüber bis die Schüssel voll ist. Dann koche das Alles bis der Saft in eine kleine Flasche geht. Den Rest aber vergrabe unter einem Eibenbäume oder einer Steineiche oder einer Palme. Gib dem zürnenden Gatten vierzehn Tropfen weniger einen, und das Herz des Wolfes wird sich der Taube wieder gesellen.« »Es wird nichts helfen«, sagte Jetta, »ich bin keine Taube.« »Doch, mein Täubchen, wir versuchen es. Ich werde alles kosten und wenn es nur brennt im Halse, will ich's wegschütten.« Jetta schwieg und Phorkyas nahm das als Zustimmung. Es war auch keine Zeit zu verlieren, denn draußen hallten Rothari's Schritte, der vom Lager zurückkam. Als Jetta am dämmernden Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, hörte sie das klägliche Piepen einer Taube, die hinter dem Hause geschlachtet wurde und ihr Herz kämpfte sich zusammen, als lüde sie schwere Sünde auf sich. Aber mochte Phorkyas Liebestränke bereiten, Jetta war ja nicht verpflichtet, sie Rothari zu reichen, weil sie dieselben besaß. Aber woher kam es, daß sie dennoch den klagenden Ton der sterbenden Taube den ganzen Tag im Ohre behielt? Gegen Abend war Rothari in's Lager hinuntergestiegen und Jetta setzte sich in die Halle hinter das Haus, sie wollte nicht wissen, was im Hofe vorgehe. Das treue Thier, mit dem sie so viel gespielt und gescherzt, that ihr leid. Aber ein finsterer Unmuth lähmte ihren Willen. Mochte der Wolf Phorkyas oder Phorkyas den Wolf zerfleischen, ihr galt jetzt alles gleich, am liebsten hätte sie selbst geendet. Die Alte hatte indessen einen gewaltigen Trog mit duftendem Fleische gefüllt und trug ihn in die Nähe der Hütte des Wolfs. Freudig winselnd sprang ihr das Thier entgegen, sie aber hielt sich mit ihrer Gabe weislich außerhalb des Bereichs seiner Kette. Mit einer halb geschälten Haselruthe zeichnete sie dann zwischen dem Wolfe und sich einen Kreis, den sie in zwölf Dreiecke abtheilte. Dabei murmelte sie unverständliche Gebete. Der Wolf hielt mit seinen Sprüngen ein und wimmerte. Das Abracadabra der Alten schien ihm zu imponiren. Mit eingeklemmtem Schweife kehrte er in seine Hütte zurück, denn auch er war nicht ohne abergläubische Anwandlungen. Endlich war Phorkyas mit ihrem Hokuspokus zu Ende und schritt zum Werk. »Von hinten«, dachte sie, »ist das Thier gefesselt, nun gilt es, ihn vorn an den Füßen fest zu machen, daß er nicht rückwärts entweiche.« Das alles hatte sie wohl überlegt und vorbereitet. An den Henkeln ihres Eimers brachte sie einen kunstvoll geschlungenen festen Strick an, dann schob sie mit einer langstieligen Axt das Futter dem Wolfe zu. Kaum daß der Nimmersatte sich über das Fleisch herstürzte, so war auch sein rechter Fuß eingefangen und mit eiliger Hand befestigte Phorkyas das Ende der Schlinge an dem nächsten Baume. Nun konnte das Thier weder vorwärts noch rückwärts; nach vorn hinderte ihn die Kette am Halse, nach rückwärts die künstliche Schlinge an seiner Pfote. Einen Augenblick hielt der Wolf im Fressen inne und zerrte an dem festen Seile, aber alsbald überwog die Freßgier. Nach genossenem Mahle, dachte er, sei es noch Zeit genug, sich von der Schnur zu befreien, die er nur für eine Veranstaltung hielt, ihm die Nahrung wieder zu entziehen. Solcher unlogischer Handlungen machten sich ja die Menschen häufig schuldig, daß sie ihm das Futter erst beischleppten und ihn dann boshaft damit reizten, es ihm vor der Nase hin und herzuziehn. Doch behielt er im Fressen jede Bewegung der Alten scharf im Auge. Da ergriff die Megäre plötzlich das Beil, ihr grünes Auge leuchtete und die grauen Strähnen flogen rückwärts. Mächtig aufgerichtet holte sie aus zum mörderischen Hiebe. In demselben Augenblicke aber hatte das Thier mit energischem Schütteln des Hauptes das weite Halsband sammt der Kette abgeschleudert und mit einem Sprunge warf er die Hexe zur Erde, so daß ihr Beil ihr aus der Hand flog und polternd auf die Hütte schlug. Die Besiegte konnte von Glück sagen, daß der Wolf gelehrt war, die niedergeworfene Beute nicht zu berühren. Zwar schnupperte er an ihrem Halse, dann aber schüttelte er voll Ekel das Haupt und kehrte zu seinem Fleische zurück, während Phorkyas unter Preisgebung ihrer Waffe das Schlachtfeld verließ. Als Rothari bald darauf zurückkehrte, fand er den Wolf des Halsbands entledigt, einen Strick benagend, der ihn mit der Vorderpfote an einem Baume festhielt. Die kabbalistischen Zeichnungen der Alten hatte er zu Phorkyas' Glück mit den Füßen und dem Schweife verwischt. Rothari machte den Gefangenen frei und seine tollen Sprünge und das gehorsame Bezeigen bestimmten ihn, ihm das Halsband für heute nicht mehr anzulegen, da er das gezähmte Thier gänzlich ungefährlich wußte. Seine Frage, wer den Wolf so seltsam gebunden, beantwortete Jetta mit der Miene tiefer Kränkung, an die Rothari nun schon gewohnt war. »Ich bin nicht da, deine Rosse und deinen Wolf zu hüten«, sagte sie mit einem Tone, aus dem er hochmüthige Verachtung heraushörte. »Du konntest ja eine Frau nehmen, die sich auf die Ställe besser versteht. Ueberhaupt wünsche ich im Hause eine römische Dogge und nicht einen gezähmten Wolf«, setzte sie spitz hinzu und er fühlte wohl, daß sie mit dem letzten Worte ihn meine. Zwanzigstes Kapitel. Die Zustände im eigenen Hause hatte Rothari seinen Erwartungen wenig entsprechend gefunden, aber das war nicht seine einzige Sorge. Jetta hatte ihm von dem wunderlichen Auftauchen und Verschwinden seines Bruders erzählt und der Alamanne hielt sich für verpflichtet, dem jungen Mönche nachzuforschen. Ihm erschien das ganze Gebahren des Knaben als ein stiller Wahnsinn, den die Christianer über ihn gebracht und den auszutreiben er als Haupt des Geschlechtes sich berufen fühlte. Von den Knechten erhielt er endlich Andeutungen, wo Vulfilaich sich umhertreibe und nachdem ihn Lupicinus auf die Spur gebracht, blieb dem geübten Auge des Jägers des Einsiedlers geheimes Versteck nicht lange verborgen. Den Fußtapfen nachgehend, gelangte er an die ihm wohlbekannte Höhle und zahlreiche Feuerspuren auf dem Rasen, ein warmes Lager aus Heu und geflochtenen Matten in der Tiefe der Grotte, reiche Vorräthe an Früchten und trocknen Körnern, deuteten darauf, daß Vulfilaich nicht nur vorübergehend in der Höhle weile, sondern daß er seinen dauernden Wohnsitz hier oben genommen habe. Aber der Einsiedler selbst war weder in seinem stattlichen Felsgemache, noch im Walde zu finden. »Wunderlich hat mich mein Schicksal zwischen Propheten und Sibyllen gebettet«, seufzte Rothari und ging nach dem Lager, um dort seine Forschungen fortzusetzen. Dieselben führten ihn aber auf sehr unliebsame Spuren von Vulfilaich's Thätigkeit. Arator erzählte auf Befragen seinem Schwiegersohne, daß je und je in letzter Zeit Altäre und Denksteine nächtlicher Weile seien umgestürzt worden, daß selbst im Innern der Häuser Götterbilder vor Verstümmlung nicht sicher seien und daß man Vulfilaich solcher Frevel beschuldige. Sollten die heidnischen Soldaten seiner habhaft werden, schloß der Comes seine Erzählung, so würden sie ihm übel mitspielen. Auch er selbst, sagte er, sei von Valentinian angewiesen, Gewaltthätigkeiten der Christen gegen die Tempel nicht minder streng zu strafen, wie Störungen des Cults der Christen durch die Verehrer der alten Götter. »Mir aber wäre lieber, er ließe sich anderswo hängen«, schloß der alte Soldat seine Rede. »Darum sieh zu, wie du ihn los wirst.« Rothari hatte nach diesem Gespräche verstimmt das Prätorium verlassen und war am Abhange des Mons Piri hingegangen, ob er vielleicht auf dieser Seite des Stromes den Mönch entdecke, den er drüben vergeblich gesucht. So kam er gegen Mittag an den Brunnen, hinter dem die Pforte zur Grotte des Mithras lag. Eine dunkle Ahnung flüsterte ihm zu, daß wenn Vulfilaich auf Zerstörung der Heiligthümer der Heiden ausgehe, er vor allem hier sich würde zu schaffen machen. Ein lauter Fluch entfuhr seinen Lippen, als er seine Vermuthung bestätigt fand. In die verborgene Thüre hatte eine freche Hand ein Loch gebohrt und die Riegel von innen geöffnet. Die Pforte war angelehnt, der Zugang zu dem streng zu hütenden Heiligthume stand jedem Profanen offen. Zornig griff der Germane nach seinem Schwerte und beschritt den dunklen Gang. Der junge Einsiedler war in der That der Dinge schuldig, die der würdige Comes Militiä ihm zur Last gelegt. Nach jener Begegnung mit Jetta hatte Vulfilaich beschlossen, sich nicht mehr hinauszuwagen in den Bereich der bösen Geister, die ihm nachgestellt. Nur in früher Morgenstunde verließ er sein Asyl, um Beeren, Wurzeln und Kräuter zu sammeln, gefallene Früchte aufzulesen oder wohl auch Bäume und Felder zu zehnten für seinen frommen Dienst. Sobald aber das Leben im Thale begann, zog er sich in sein Versteck zurück, um dort aus seinem treuen Gedächtniß all die Psalmen und Gebete täglich abzubeten, die Bruder Venedictus ihn gelehrt hatte. Aber alles Beten, Fasten und Geiseln wollte den bösen Feind und sein höllisches Heer nicht vertreiben. »Warum verfolgt ihr mich«, klagte er oft, »da ich euch kein Leid thue?« Oder er seufzte: »Wehe dem, der allein steht! Wenn er fällt, hat er niemanden, der ihn aufrichtet.« Manchen Morgen erhob er sich frisch gestärkt und heiteren Sinnes, so daß er beim Sammeln der Beeren seine Hymnen nach fröhlichen, weltlichen Weisen sang. Dann aber in der Höhle kauernd, ermüdet vom Beten und Fasten, stellte sich Niedergeschlagenheit ein, Verwirrung, Haß auf sich selbst und sein Leben. Der Kopf summte ihm und oft ertönten Donnerschläge in seinem Ohre, als ob das Haupt ihm berste. Dann spalteten sich die Wände seiner Höhle, die Dämonen erschienen als Schlangen, Asseln, Krebse und Krabben, ein buntes Gewimmel, oder als Stiere, Wölfe und Bären brüllend und drohend. Machte er das Zeichen des Kreuzes gegen sie, so verwandelten sie sich in Menschen, pfiffen freche Lieder, sagten ihre Lästerungen ihm in's Ohr, daß das Ohr ihm brannte; lärmend, singend und tanzend umschwärmten sie ihn und schlugen ihn bis zum Tode, so daß er sich beim Erwachen wie gerädert fand. Nach solchen Stürmen kamen dann wieder Tage stiller, trauriger Ergebung, kein guter und kein böser Geist wagte sich herbei. Aber er war dann auch innerlich todt und trocken und seufzte nach einer Berührung mit den Seligkeiten der höheren Welt, die er früher in den Stunden seines gesteigerten Seelenlebens empfunden hatte bis die Entrückungen in das Paradies eines Tages plötzlich in jene höllischen Heimsuchungen umgeschlagen waren. Mechanisch betete er Tag für Tag alle seine Psalmen und heiligen Stellen ab, suchte Wurzeln und Kräuter, oder rang auf den Knieen liegend nach Offenbarungen von oben. Dann grübelte er wieder, was er wohl wirken könne für die Welt, ohne in der Welt zu erscheinen. Denn draußen fürchtete er auf's neue jenen Versuchungen zu begegnen, die ihn nur allzuoft zu Zorn, Wollust und eitlen Gedanken entflammt hatten. Ein glücklicher Zufall spielte ihm eines Morgens einen jungen Staar in die Hände, der vom Morgenthau erstarrt, sich von ihm greifen ließ. Bulfilaich machte ihm ein Vogelbauer und für eine Weile war es ihm eine Zerstreuung, das Thier aufzufüttern und ihm das Symbol der Nicäner vorzusagen, damit der Vogel sich dasselbe einpräge. Sobald der Staar die Hauptsätze des Glaubens deutlich zu sprechen vermöchte, wollte er ihn dann in den Wald entlassen, zum Zeugniß über die im Walde streifenden Soldaten, die zumeist dem Areios huldigten. Aber dem Staare wurde der gehäufte Unterricht in Symbolik und Dogmatik zur Last und als Vulfilaich einst unvorsichtig das Pförtchen öffnete, entwich der theologische Zögling, der Ueberbürdung müde. Immerhin hatte diese Beschäftigung den Lehrer für eine Weile vom Besuche der Dämonen befreit und schon meinte er erlöst zu sein. Aber mitten in der Nacht kündete ihm ein Schütteln seiner Glieder auf's neue die Nähe des Bösen an. Rings umher hörte er das Wimmern von Kindern, das Blöken von Schafen, das Gebrüll von Rindern, das Klagegeschrei von Weibern und dann wieder den dröhnenden Schritt eines Kriegsheers. In Schweiß gebadet fand er sich mitten in der Alamannenschlacht, bei hellem Mondschein stürzte ein Wagen mit schnaubenden Rossen auf ihn zu, aber bei dem Angstruf »Jesus« wurde er von der Erde verschlungen. Lockende Weiber, reichbesetzte Tische erschienen ihm, selbst bei Tage oder während er betete sprangen heulende Wölfe oder bellende Füchse an ihm vorüber. Einmal war er im Traum in der Arena zu Treveri und sah die Gladiatoren kämpfen. Da stürzt sich Einer vor ihn, mit tiefer Wunde am Hals und bittet ihn, er möge ihn bestatten. Aber alle Gestalten verwandelten sich zuletzt fast immer in das Bild einer schönen bleichen Frau, die ein Kind an der Brust hielt. Zuweilen beugte sie sich über ihn herab und fragte mit sanften Worten, was ihm fehle, dann lachte sie plötzlich hell auf, saß ihm auf dem Rücken und umklammerte ihm mit ihren Schenkeln den Hals, daß er erstickte. Er fällt nieder und schlägt um sich und wenn er erwacht, ist er wüste in seinem Kopfe und zerschlagen in seinen Gliedern. Diese Anfechtungen kamen Nacht für Nacht und wurden je länger, je ärger. Da faßte ihn grimmiger Haß gegen die Dämonen, die dem Zeichen des Kreuzes nicht mehr weichen, sondern es mit frechen Gebärden verhöhnen. So müde war er des Kampfes, daß er beschloß zu entfliehen. Aber eben jener weibliche Dämon, der ihn verfolgte, hielt ihn auch fest. Er fürchtete ihn, aber er fürchtete noch mehr, jene wunderbaren Augen nicht mehr zu schauen. Und war es auch nur recht zu entfliehen? Besser er nahm den Krieg auf und versuchte, die böse Schaar nun auch seinerseits zu schädigen, wie er konnte. »Warum sind es ihrer so viele in diesem Thale?« fragte er sich. Nicht weniger als zehntausend glaubte er in einer Nacht gezählt zu haben. »Kein Wunder, stehen doch noch überall ringsum ihre Altäre, Grotten, Kapellen und Tempel, die der christliche Eifer des Constantius in Gallien zerstört hat. Alle, die dort Vertrieben wurden, haben sich hier im Thale des Nicer zusammengedrängt. Also waffne dich, Vulfilaich, schlage die Schlachten deines Gottes!« Eines Morgens kürzte er den Stil seiner Axt, um sie bequem unter seinem Mantel von Fellen zu verbergen und fing an, die Berge zu durchstreifen und wo er einen geformten und gesalbten Stein entdeckte, wo ein Jäger aus Dank für glückliche Jagd der Diana, wo ein glücklich wiedergekehrter Reisender dem Mercurius Cimbrius oder Neptun ein Heiligthum aufgestellt, wo eine fromme Mutter den Manen ihres gestorbenen Kindes ein Gedächtniß gestiftet, da fiel erbarmungslos sein Beil hernieder. »Fort ihr Teufel«, schrie er dabei in heiserer Wuth und in den stiebenden Funken und dem scharfen Kieselgeruche glaubte er den entweichenden Dämon zu verspüren. »Hab ich dich, hab ich dich«, rief dann seine gellende Stimme in die Einsamkeit und ein Triumphlied singend und vor sich hinlachend, schritt er mit geschwungenem Beile seine Straße. Und in der That, seit er so draußen umherschweifte, die Arme brauchte, gewaltige Lasten umstürzte, zogen die Teufel sich sichtlich von ihm zurück. Oft schlief er jetzt wieder viele Stunden fest und erquicklich, ohne daß ein einziger böser Geist sich an ihn gewagt hätte. Als er so einstmals beim hellen Mondenscheine jenseits des Nicer seinen nächtlichen Geschäften nachging, sah er aus dem östlichen Thore des Lagers eine Reihe geschmückter Soldaten einen Pfad zwischen den Häusern nach dem Berge verfolgen. Etliche waren weiß gekleidet und trugen Opferkränze auf den gesalbten Locken. Leise schlich er ihnen nach und sah, wie sie hinter einem Brunnen verschwanden, als ob die Erde sie verschlungen hätte. Bei genauerem Forschen entdeckte er eine verborgene Thüre und als er das Ohr an dieselbe legte, hörte er deutlich den Gesang heidnischer Hymnen im Berge, götzendienerisches Gemurmel drang an sein Ohr, Schläge und Stimmen unterschied er und er beschloß einzudringen und ein Märtyrer zu werden in dem Kampfe gegen den Teufel. Aber wie sehr er sich auch abmühte, er konnte die Thüre nicht öffnen. Seine Finger bluteten, seine Nägel waren zerbrochen. Da streckte er sich hin vor die Thüre, um den Austritt der Heiden abzuwarten; als aber Stunde auf Stunde verrann, erhob er sich schließlich doch und gedachte in einer andern Nacht mit Beil und Eisen wiederzukehren und gründlich aufzuräumen in dem Hause des Satans. Aber auch einem erneuten Angriff hielt die Pforte der Hölle stand. Weinend vor Zorn lag der junge Mönch vor der festen Thüre, die aller seiner Angriffe spottete. Da ward ihm geoffenbart, er solle Tag für Tag mit einem spitzigen Eisen das Holz bearbeiten bis er durch eine Oeffnung seinen Arm stecken könne, um die gewaltigen Riegel von innen zurück zu schieben. Jetzt hatte er Arbeit für viele Nächte. Sobald es still geworden war im Thale und keine Störung zu befürchten, saß er an der geheinmißvollen Pforte und bohrte und meißelte, daß ihm der Schweiß von der Stirne troff. Auch dabei stellte der böse Feind ihm häufig den Fuß. Ein boshafter Dämon stieß das Eisen zur Seite, so daß es Vulfilaich tief in den Ballen der linken Hand eindrang und er mehrere Tage lang die Arbeit aussetzen mußte. Der Herrscher der Luft warf zornig Gewitterregen gegen die Thüre und traf den heißen Nacken des Gottesknechts mit eisigem Hagelschlag, so daß er erkrankte und am Morgen kein Glied zu rühren vermochte. Aber des Mönches Eifer überwand alle Tücken des Satans und sobald er seine Glieder wieder zu rühren vermochte, schlich er zur heißen Mittagsstunde sich hinüber, um an der selten betretenen Stelle sein Werk zu vollenden. Wer beschriebe seinen Triumph, als die Oeffnung nun weit genug war, um den Arm hindurch zu stecken, als der Riegel wich und das Thor sich aufthat. Er sprach ein kräftiges Gebet und betrat den Gang. Nur wenige Schritte mußte er bei Dämmerlicht zwischen schmalen Wänden sich hindurchzwängen, dann wendete die Höhle sich und ward breiter, wendete sich nochmals und aus dem dunkeln Gange schaute der Jüngling in einen von oben erhellten Tempelraum, dessen gewaltiger Bilderwand er nun mit frohem Schaudern, sein Beil in der Faust, gegenüberstand. So war er nun wirklich in der Grotte des Mithras, vor dem Heiligthume des Gottes, den seine Kirche am kräftigsten haßte und am spätesten überwand. Vor ihm erhoben sich zwei Säulen, die aus einer breiten Basis emporwuchsen. Reblaub und Vögel, kunstvoll nachgebildet, zierten den Fuß derselben, während die Capitelle, schauerlich zu sehen, vier menschliche Köpfe darstellten. Rechts und links waren zwei Altäre zu sehn, Lampen von Erz und Thon standen an den Simsen. Die gegenüberliegende Hauptwand aber war eingenommen von einem gewaltigen Reliefbild, auf dem ein Jüngling in phrygischer Mütze einen Stier zur Erde wirft. Grausam bohrt sich die linke Hand des Jünglings in die Nüstern des Thiers und reißt den Kopf nach oben, während die Rechte ihm das Opfermesser in den Nacken stößt. Dennoch lag ein Ausdruck tiefen Mitleids in dem schmerzlichen Angesichte des opfernden jungen Priesters. Ein Hund sprang an dem Stiere empor und leckte gierig sein Blut und ein Skorpion nagte an den Attributen der Fruchtbarkeit. Schaudernd sah Vulfilaich an der Basis eine steinerne Schlange sich ringeln, die aus einem Wassergefäße trank. Zur Rechten war ein Knabe mit erhobener, zur Linken ein gleicher mit gesenkter Fackel gebildet und an beiden Seiten, wie auf dem obern Simse, zählte Vulfilaich zwölf kleine Bilder mit symbolischen Darstellungen, die er sich nicht zu deuten vermochte. Daß die Schlange an der Erde die alte Schlange, der Satan war, zu dem die Heiden beten, verstand sich von selbst. Ihm ward dieser Stier geschlachtet zum Brandopfer. »Geht nicht nach dem Scheine des Feuers«, recitirte der Mönch, »du siehst ihn ganz nahe und er ist fern. Geht lieber nach der Stimme des Wassers« ... »Ein falscher Dienst ist hier verherrlicht. Ich will nicht die Menge euerer Opfer, spricht der Herr!« rief er, daß es donnernd in den öden Gängen der Grotte wiederhallte. Er selbst erschrak vor dem gewaltigen Echo, aber um so zorniger erhob er die Axt, um das schöne, schmerzliche Angesicht des opfernden Jünglings zuerst zu zerschmettern, gerade weil sein reiner Ausdruck ihn rührte. Aber wider Willen ließ er sein Eisen sinken. Es war ihm, als ob der fremde Mann ihn anschaue und frage, was habe ich dir gethan, daß du mich schlägst? Was der Jüngling dem Stiere zufügte, war grausam, aber es machte ihm selbst Schmerz, das war deutlich auf seinem edlen Angesichte zu lesen. Ein tiefes Mitgefühl ergriff Vulfilaich's Herz, daß dieser schöne Knabe für ewig verdammt sei und leiden solle ohne Ende in dem feurigen Pfuhle, der von ewigem Schwefel brennt. Auch hätte er gern gewußt, was das Bild wohl bedeute? Aber alsbald hörte er die Stimme des Geistes in seinem Ohre: »Ich habe dich gesendet zu zeugen wider dieses Götzenbild und nicht die Kniee deines Herzens vor ihm zu beugen.« Und wieder holte er aus zum mörderischen Schlage. Da zog eine überlegene Hand ihm von hinten das geschwungene Beil aus der Hand. Wie über einer bösen That ertappt, fuhr Vulfilaich zusammen. Er schaute zurück und vor ihm stand Rothari, sein Bruder. »Was hat dir der Lichtgott gethan, daß du gegen ihn frevelst?« fragte Rothari mit strenger Stimme. Vulfilaich mußte sich erst sammeln, so hatte der plötzliche Ueberfall ihn erschreckt. Doch war er denn nicht in seinem Rechte? Hatte nicht der Geist selbst ihn so gewiesen? Sein Trotz kehrte alsbald wieder und, er sprach: »Stieropfer verherrlicht ihr hier, als ob sie helfen könnten, blutige Baalspriester bildet ihr mit Engelsmienen, um die Schwachen zu verführen; die alte Satansschlange betet ihr an, statt ihr den Kopf zu zertreten! Gib mir mein Beil, damit ich dem Gräuel ein Ziel setze.« »Du meinst also, ein Stieropfer werde hier dargestellt und die Schlange des Paradieses, von dem euere Priester erzählen?« »Was sonst?« fragte Vulfilaich, aber seine zusammengeraffte Fassung schwand, da er sich seiner Kunde durchaus nicht sicher fühlte. »Thörichter Knabe«, sagte Rothari mit einem strafenden Tone, aus dem Vulfilaich empfindliche Geringschätzung heraushörte. »Heilige Steine zerschlagen ist freilich leichter als sie verstehn. Es ist verboten, die Geheimnisse des Gottes dem Uneingeweihten zu verrathen, aber der Dinge, von denen du träumst, enthält dieses Bild keines. Den Lichtgott, den unbesiegten stellt es dar, der das Naturjahr sich unterthänig macht. Er tödtet voll Erbarmen das alte Jahr, damit das neue wieder beginne. Aehren sprießen aus dem Schweife des Thiers, weil mit dem Naturjahr die Pflanzen kommen und gehn. Der Hund, der sein Blut leckt, d. h. die glühende Hitze des Sirius, und der rauhe Herbststurm, wenn die Sonne in das Zeichen des Skorpions tritt, sind die Feinde seiner Fruchtbarkeit. Die Schlange bedeutet die segnenden Ströme, die das lechzende Erdreich erquicken und Phosphorus mit der gehobenen, Hesperus mit der gesenkten Fackel erinnern an das aufsteigende und sich senkende Licht der zunehmenden und abnehmenden Tage. Lerne erst den reichen Inhalt und tiefen Sinn dieser Tafel verstehn, unwissender Mönch, ehe du mit frevelnder Hand dich an ihr versündigst.« »Mag es weise klingen, wie ihr die Götzen deutet«, sagte Vulfilaich verstockt, »ihr gebt doch dem Herrn des Alls nicht die Ehre und treibt dunkle Gräuel.« »Es ist der Herr des Alls, der die Zeiten heraufführt und Leben spendet, an den dies Bild uns erinnert und Gräuel nennst du die Gelübde der Tugend, die wir hier ablegen? Was weißt du denn von den Erprobungen der Kraft, weibischer Knabe, die Männer in diesen Räumen bestanden? Steige diesen Gang empor auf glitschrigen Brettern, auf steilen Leitern, durch Teiche und Gräben und Feuerstellen und dein Blut wird erstarren über die Proben der Treue, die Männer hier bestanden. Aber dein unheiliges Auge darf diese Dinge nicht schauen und wärest du nicht meines Vaters Kind, du würdest diesen Raum, in den du frech dich drängtest, nicht lebend verlassen. Den Bruder will ich schonen und den Kranken. Vulfilaich, was hast du aus Vadomar's liebstem Sohne gemacht, wohin ist es mit dir gekommen? Ist das das Leben eines Mannes, das du führst? Du liegst wie die Thiere des Waldes in einer Höhle, betest, winselst zu deinem Gotte, der dich von einem Manne zu einem Thoren gemacht hat. Als ich dich zuerst sah, da erschrak ich, aber heute möchte ich über dich weinen, so hat der Wahnsinn, den du deinen Glauben nennst, dich verwüstet. Heraus aus deiner Höhle, heraus unter die Menschen, oder du bist verloren!« Der Mönch erbleichte; dann sagte er in stehendem Tone: »Oh sage das nicht, Sohn meines Vaters,! Du kennst nicht die Stimme, die mich Tag und Nacht rief, nicht den höllischen Versucher, der überall, bei der Arbeit, bei der Erholung, ja in deinem Hause selbst mir nachstellte. Wenn ich thue, was du gebietest, ja dann bin ich wirklich verloren.« Der Ton, in dem Vulfilaich sprach, war so sehr Ausdruck eines gequälten Herzens, daß Rothari mitleidig das Haupt schüttelte und milder fortfuhr: »Ich will dir deinen Glauben nicht rauben, aber ich habe doch auch schon Christianer gekannt, die der Welt nützten, die das Leben nahmen, wie es ist und kämpften und arbeiteten statt sich wie eine Unke in Ritzen und Höhlen zu verkriechen.« »Sie sind stark und ich bin schwach«, erwiderte Vulfilaich. »Ich fliehe die Versuchungen, die stärker sind als ich. Ich hatte Ithacius und den andern Bischöfen meine Dienste gewidmet. Aber was fand ich in dem Bunde, den sie Kirche nennen? Eitelkeit der Eitelkeiten! Ich sah, daß selbst unter den Dienern des Kreuzes, die vorgeben, der Welt entsagt zu haben, derer, die nicht glauben, mehr sind als derer, die glauben. Ich fragte Priester und Bischöfe um Rath, aber ihr Rath war irdisch und nicht himmlisch. Ich öffnete den Genossen mein Heiligstes und sie tappten danach mit schmutzigen Händen. Da entfloh ich ihnen. Ich flüchtete zu Vater Benedictus, der mich bekehrt hatte, aber ich fand ihn auf dem Todbette. ›Mein Sohn‹, sagte er, ›nicht in Jerusalem wanderst du hienieden, sondern in Jericho. Vom himmlischen Jerusalem zum irdischen Jericho herabsteigend fiel deine Seele unter die Mörder, die zogen sie aus und schlugen sie und gingen davon und ließen sie halbtodt liegen. Die Kirche die du suchst, ist die Stadt, die droben ist, aber indem das obere Jerusalem herabstieg, verfiel es dem Gesetze der irdischen Kräfte. In dieser Stadt wirst du Steine finden, die dir zum Anstoß gereichen, Scherben, die dich verletzen und Schmutz vollauf in ihren Gassen. Bist du nicht stark genug, das alles zu überwinden, so fliehe in die Einsamkeit. Es ist besser mit den Thieren zusammen zu Hausen als mit der Sünde!‹ So sprach der fromme Mann und starb. Als ich ihm die Augen zugedrückt, die einst so liebevoll geblickt hatten, fragte ich mich: Wohin, Vulfilaich? Zurück zu den Menschen oder allein in die Einsamkeit? An dem Tage nun, da man Benedictus begrub, war der ganze Klerus des Landes zugegen und sie luden mich mit gleißnerischen Worten, zurückzukehren in ihren Dienst. Aber ich fühlte, daß unter denen, die sich Heilige nannten, das Leben, das Gott in mir angefangen, ersticken würde von dem Odem der Heuchelei, der Wollust und des Stolzes, den sie ausathmeten. Gott hat mich nicht stark gemacht wie den gewaltigen Bischof Ambrosius oder Martinus, die Sünder niederzuschmettern, er gebot mir zu fliehen. ›Ziehe aus von ihnen‹, sagte die Stimme in meinem Ohre. Ich folgte des sterbenden Benedictus Rath. Ich lebte wie ein Geschöpf anderer Art. Die Menschen sollten mich verspotten, verfolgen und mißhandeln, damit meine Seele gezwungen sei, sich zu dem zu flüchten, bei dem allein Frieden ist.« Rothari schüttelte mitleidsvoll das Haupt: »Ist es dir nicht wohl in der Menge«, sagte er, »bist du weder ein Mann des Schwerts noch des Raths, so werde ein Weiser. Lies die Bücher, die die Philosophen geschrieben, lebe in deiner Zelle, um zu lernen und zu lehren. Forsche, was die früheren Geschlechter von Gott und Welt gedacht.« »Auch das habe ich versucht«, sagte Vulfilaich traurig. »Ich habe über eueren Büchern gesessen den ganzen Winter, da ich zu Borbetomagus in der Schule des Bischofs vor Valentinian mich barg, bis der Spott der jungen Kleriker mich vertrieb. Auch philosophische Bücher gaben sie mir da. Aber was sollte ich mit dieser Weisheit? Wenn ich im Fieber glühte, so sprach sie, du sollst gesund sein; sie gebot mir stark zu sein, wenn ich mich schwach fühlte und wenn mein Blut siedete von sündiger Lust redete sie von Tugend. – – Der, der mir die Geisel in die Hand gab, meines Fleisches Hoffart zu dämpfen, der war der einzige Philosoph, der meine Natur verstand.« »Wenn du dich erziehst, wie man Thiere erzieht«, sagte Ruthari hart, »so wirst du den Thieren immer ähnlicher werden, bei denen dir jetzt schon in deiner Höhle am wohlsten ist.« »Nein, Rothari, nein!« rief Vulfilaich. »Oh hättest du sie nur ein Mal gekostet, diese himmlische Seligkeit«, sagte er geheimnißvoll und seine Augen glänzten, »du würdest nicht so reden. Die in Höhlen sitzen, schauen nicht das Licht der Sonne und das Angesicht der Menschen, das auch die Thiere sehn, aber das Angesicht der Engel, die Gott schauen. Niedergebeugt das Antlitz hören sie deutliche Stimmen, so heilsame als verborgene. Wie spricht der Geist? Der Mensch ist wie eine Lyra und ich schwebe über ihm wie ein Plektron. Der Mensch schläft und ich wache. Siehe der Herr ist es, der die Seelen der Menschen außer sich setzt.« Der junge Mönch schwieg und der Ausdruck einer stillen Verzückung hatte sich über sein Angesicht gelegt. Aber Rothari lachte und fragte hart: »Und wozu nützt das alles?« »Mein Gebet nützt der Welt, ich vertreibe damit die Teufel«, sagte Vulfilaich trotzig. »Ist ein einziger böser Geist weniger, seit du hier hausest? Schleichen nicht Fieber und Seuchen wie sonst die Niederung des Flusses entlang, schlug nicht der Hagel gestern so tückisch wie je die Blüthen und Früchte von den Bäumen, rast nicht Leidenschaft gegen Leidenschaft mehr als je in der Welt? Gib du ihn auf, den Kampf gegen die boshaften Mächte, die unter dem grünen Rasen lauern! Dein geweihtes Wasser vertreibt die nicht, die den Mondschein trinken, deine Gebete helfen nichts gegen Geister, die keine Ohren haben, deine Beschwörung zu hören. Etwas Anderes suche zu beginnen, junger Thor, wovon meine Augen einen Vortheil sehen für das Reich und die Menschheit.« Vulfilaich wollte nochmals widersprechen, aber Rothari machte eine gebieterische Bewegung mit der Hand und sagte: »Ich bin der Aelteste der Sippe. Mich hat auch dein Gott dir zum Haupte bestellt und ich gebiete dir, daß du den trägen Wahnsinn lassest.« Der Ernst, mit dem der mächtige Held zu ihm redete, verfehlte auf den Mönch seines Eindrucks nicht. »Sprich«, sagte er kleinlaut. »Was soll ich thun? Ist es nicht gegen den Herrn, dem ich diene, so gehorche ich gern.« »Endlich ein vernünftiges Wort, du armer Knabe! Doch wozu kann man dich nun brauchen, wie du so vor mir stehst.« Betrübt musterte Rothari die traurige Gestalt des jungen Büßers, daß diesem die Röthe des Unwillens in die Wangen stieg. Nach einer kurzen Ueberlegung sprach dann der ältere Bruder rund und bündig: »Du mußt hier weg. Dein tempelschänderischer Unfug ist ruchbar im Lager und wenn die Soldaten dich greifen, so wanderst du an's Kreuz oder auf den Holzstoß. Gehe zu Rando nach den heißen Quellen Macrian's. Sage ihm, daß ich seine Vorschläge wegen des Helmes annehme und bringe mir das kostbare Stück hierher. Runzle nicht die Stirne, es handelt sich nicht um ein Gelüste der Eitelkeit, wie du dir sofort wieder einbildest. Ich will den Augustus mir versöhnen durch diese Gabe und mehr noch, ich will den Stachel aus einer Wunde nehmen, die sonst, niemals heilen wird. Daß er seinen Helm verloren bei Solicinium, den Goldhelm, der ein Feldzeichen war in jeder Schlacht, daß er ihn verloren angesichts seiner eigenen Reiter, das quält den Stolzen bei Tag und Nacht und er meint, zehn gewonnene Schlachten gegen die verhaßten Räuber brauche er zum mindesten, um diesen Schimpf zu tilgen und in Vergessenheit zu bringen. Liefern die Alamannen aber freiwillig das Beutestück aus, dann hat er keinen Grund mehr, in wahnsinnigen Streifzügen danach zu suchen, dann haben wir Frieden und ein Grund des Blutvergießens ist weniger in der Welt. Begreifst du, Knabe, daß das eine hohe Sendung ist, die dich ehrt?« »Frieden zu stiften bin ich gesendet«, sagte Vulfilaich ernsthaft. »Ich will thun, was du sagst, damit Abel's Blut nicht immer auf's neue wider Kain zeuge. Hat mich der Herr erwählt, dem Morden ein Ziel zu setzen, so nehme ich seine Weisung auch aus deinem Munde.« »Lege es dir zurecht, wie du magst, aber thue, was ich sage«, erwiderte Rothari streng. »Stiehl dich durch die Berge zum Vicus Nedensis, Neidenstein am Neckar. dort bist du sicher. Rando kennt meine Bedingungen und nimmt sie an. Bringe dann deine Gabe wohl versteckt und so geheim als du kannst in mein Haus auf dem Bühl, damit der gefährliche Besitz dich nicht verderbe. Hast du das vollbracht, so hast du ein Werk gethan, das ich lobe und es findet sich dann schon eine andere Aufgabe, die Vadomar's Sohn geziemt und deinem Gewande nicht zuwider ist. Jetzt aber komme heraus aus dieser Zelle, die du nie hättest betreten sollen.« Beschämt folgte Vulfilaich dem älteren Bruder nach. Draußen lag die Mittagshitze auf dem Abhang, an dem sie zwischen den hohen Brombeerhecken und dem blühenden Weißdorn hingingen. An einem Waldpfade gab Rothari mit einem ernsten Blicke dem Mönche sein Beil zurück, indem er ihm zugleich die Hand zum Abschiede reichte. Vulfilaich beugte sich nieder und zwei heiße Thränen fielen auf die rauhe Hand, die er zitternd ergriff. Gerührt schaute Rothari dem Knaben nach, als er in den Schatten des Eichwaldes verschwand. »Wenn er die Schmach seines Zustands so brennend empfindet«, sagte er, »so ist er vielleicht doch noch zu retten.« Einundzwanzigstes Kapitel. Wäre Rothari mit der gleichen Milde, die er gegen Vulfilaich zeigte, auch seiner Gattin entgegen getreten, so hätte noch alles gut werden mögen, aber gerade darin erwies sich der Trieb des Blutes mächtig, daß der Germane für die verwandte Natur des Bruders auch in ihren Verirrungen noch ein Verständniß hatte, während er sich gegen die römische Art seines Weibes empörte, sobald sie nur von ferne Anderes wollte als er. Ihm war nachgerade vollkommen klar geworden, daß ein so zielbewußtes und stolzes Wesen wie Jetta ihn nicht zu beglücken vermöge. Der Tapfere wünschte sich ein Weib, um es zu schützen, eine Frau, die gestützt sein wollte und der Stütze bedurfte. Auch ehren wollte er sie und anbeten, aber sie sollte das nicht als ihr Recht verlangen wie Jetta. Sie mochte eine Göttin sein, aber nicht eine Göttin, die Orakel gab, sondern die durch ihren Liebreiz wirkte und dem Hause in der Stille Glück brachte gleich den Penaten. Von dem Allem war Jetta das Gegentheil. Ihre Nähe bedrückte ihn, weil er sie keinen Augenblick vergessen sollte. Einsilbig und mürrisch im Hause brachte er darum den größeren Theil des Tages bei Arator im Lager zu, Jetta aber saß mit Phorkyas zusammen und von der Alten gehetzt, verbitterte sie sich immer mehr gegen ihr ganzes Loos. An Beifall und Bewunderung gewöhnt, fühlte sie sich in der neuen Lage einer gescholtenen Gattin, die ihr Eheherr geringschätzt, innerlich wie vernichtet. Ihre Kraft hatte allein auf dem reichen Enthusiasmus beruht, der wie, eine Flamme ihr ganzes Wesen durchglühte. Sie nannte diese heilige Flamme, Liebe zu Rom, aber sie verstand unter diesem Namen alles Große, woran ihre schwärmerische Frauenseele hing: Religion und Poesie, Musik und Plato, Rosen und Marmor, Liebe und Tapferkeit, Philosophie und Kabbalah. Ihr Garten mit der immergrünen Vegetation gehörte so gut zu diesem »Rom«, wie die Statuen der Villa und die geheimen magischen Rollen. Für dieses Rom ihrer Phantasie hatte sie gekämpft mit ihrer ganzen Seele, mit aller Begeisterung ihres poetischen Gemüths. Die römische Form des Lebens war ihrem Frauenauge Rom und das barbarische Treiben um sie her war das Ende von allem, was sie liebte. Für jede Beziehung auf ihre Ideale hatte ihr Gatte nur ein unwirsches Wort und unter den Barbaren, die ihn umgaben, war niemand, an den sie sich hätte wenden mögen. So brannte die schöne Flamme in ihr selbst immer trüber und Staub und Asche dämpften die heilige Gluth. Man ist keine Priesterin mehr, wo niemand an uns glaubt. Der Geist begann von ihr zu weichen. Auch wenn sie sich in ihre heiligen Rollen vertiefen wollte, sie verstand sie nicht mehr und die erhabensten Stellen ihres Plato ließen sie kalt. Wenn sie dann der stolzen Gesichte ihres Brautabends gedachte, wie sie geträumt, dieser Mann werde sie erheben bis zum Perlendiademe, dann lachte sie auf in gellendem Hohne. »Der Goldhelm des Imperators hätte ja keinen Platz auf dem Haarwulste des Germanen. Bis zum Troßweibe der Barbaren wird er mich erniedrigen und wer weiß noch wie tief.« So saß sie in dumpfem Hinbrüten, aller Freude am Leben, aller Hoffnungen beraubt, und sann darüber nach, wie sie sich aus diesem Dasein retten könne, aber nirgend sah sie einen Ausweg. Wenn die Begeisterung dahin ist, ist der Verstand nur noch ein Unglück, denn er ergrübelt sich doch nur, daß es mit allem nichts sei. Das erfuhr die arme Prophetin auf dem Bühle. Ihre hohen Pläne von vordem erschienen ihr jetzt leer und kindisch, aber sie war glücklich gewesen, als sie noch so thöricht schwärmte und jetzt, da ihr die Augen aufgegangen waren, war sie elend. Dem scharfen Blicke Arator's entging die Veränderung nicht, die mit seiner Tochter vorging, aber Jetta wies alle Fragen nach ihrem Kummer unwillig von sich und auch Rothari redete niemals mit ihm von seinem Weibe. Zuweilen stahl sich Statius noch hinauf nach dem Bühle, wenn er Rothari fern wußte. Als ihn Nasica fragte, wie er Jetta gefunden, sagte der Dicke spöttisch: »Sie gleicht der Pythia, die auf dem erkalteten Dreifuße sitzt und vergeblich wartet, daß der Gott sie erleuchte.« Das Bild war boshaft, aber es bezeichnete Jetta's Lage. Wieder war einer der langen und leeren Tage für das grollende Paar im Blockhaus verstrichen. Rothari hatte Verdacht gefaßt, daß Phorkyas noch immer in seinem Hause spuke, und brütete darüber nach, wie er der Wahrheit auf den Grund komme. Jetta aber trug ihre Niobidenmiene, die er scheute und nur einsilbige Antworten waren den schmerzlich verzogenen Lippen zu entlocken. Sie hatte gehört, daß Gratian im Lager drüben eingetroffen sei und erwog still für sich, ob sie nicht ihm sich anvertrauen solle. Er würde ihr gewiß in ihren Klagen Recht geben und auf Rothari einwirken, damit er ihren Wünschen nachkomme. Verstimmt und wortlos saßen die Gatten in dem vom Heerdfeuer mit flackerndem, unsicherem Lichte übergossenen Saale. Als Jetta in ihrem Trotze beharrte, trat Rothari zum Heerde und schürte die Flamme. Er bedurfte der Arbeit, um seines Unmuths Herr zu werden. So warf er einige Eisenstangen in die Gluth und sing an auf dem Schmiedeblock zu hämmern, bis Jetta durch die Thüre sich dem Lärme entzog. Hell angestrahlt von der Flamme stand der Held mit geschwungenem Hammer am Feuer. Kling, klang! fielen die Hammerschläge auf den glühenden Stab. »So möchte ich die Verräther treffen, die mich aus der Heimath vertrieben« – kling, klang; »so sollte man mich mit rothen Eisen brennen, daß ich ein Römer geworden bin« – kling, klang; »so sollte Phorkyas sich krümmen unter meinen Hieben, daß sie mein Weib verführt.« Da fuhr der ritterliche Schmied plötzlich von jähem Schmerze berührt zusammen. In seinem Arme stak ein Pfeil. Er kam aus der offenen Thüre, durch die Jetta soeben entschwunden. Kein Geräusch hatte der Held gehört bei dem Lärme des Schmiedens, sein Auge war geblendet von der Flamme und sah in der Tiefe der Halle nur Dunkel. Rasch riß er den Pfeil aus der Wunde. Es war dieselbe Arbeit, die er aus dem Anfall im Walde schon kannte. Der Schaft fest gedreht, die Spitze nur klein aber scharf und mit Kupfer eingefaßt, der Bart eine Reiherfeder. Sein erster Gedanke war, den Meuchelmörder zu verfolgen, ihn niederzuschlagen mit dem weißglühenden Eisenstabe, den er in der Hand hielt und aus dem er ein Schwert hatte schmieden wollen. Da schoß ihm der Verdacht durch sein erregtes Gehirn: »wie, wenn dein Weib selbst diesen Pfeil entsendet hätte?« Der Gedanke lähmte ihm jede Bewegung. Aber plötzlich kehrte ihm die Klarheit wieder. Ein Stechen in der Wunde, eine rasche Schwellung des ganzen Armes erinnerte ihn an Gratian's frühere Warnung, daß diese Pfeile vergiftet seien. Wohl hundert Narben, gegen die diese Wunde ein Ritz war, trug er an seinem Riesenleibe, aber so hatte noch keine geschmerzt. Rasch entschlossen nahm er den glühenden Stab, der noch in der Flamme lag und brannte sich, wo die Spitze gehaftet hatte, eine tiefe Grube. Dann die Zähne vor Schmerz zusammenbeißend, nahm er das tückische Geschoß vom Boden und wankte nach der Kammer. Als Jetta nach einer Stunde mit leisem Schritte das Gemach betrat, fand sie den Gemahl in wilden Fieberträumen. Rasch holte sie die Lampe. Bewußtlos, aber mit offenem Auge und einer gewaltigen Wunde am Arme, fand sie ihren Gatten und an der Erde einen Pfeil gleich jenem, der auf der Jagd nach ihm versendet worden war. In ihrem Schreck und Entsetzen war all ihr Groll dahin. Sie wollte Phorkyas zur Hülfe holen, aber die Alte war verschwunden. »Wasser, Wasser«, stammelte der Kranke, als Jetta wiederkehrte. Sie hielt ihm den Krug an die Lippen, er trank mit fieberhafter Gier und ward dann ruhiger. Die Wunde ließ er sie nicht berühren, ja es war ihr oft, als ob er sie fürchte, sie verabscheue. Gegen Morgen sank er in tiefen Schlaf und nun ging sie vor's Haus, um frische Luft zu schöpfen. Hier stieß sie auf Phorkyas, die gekommen war zu horchen. Wären Jetta's Sinne nicht verstört gewesen, sie hätte bemerken müssen, daß Phorkyas sich über nichts verwunderte als darüber, daß ihr Gatte nicht todt sei. Auch daß die Alte zufällig Wundbalsam bei sich trug und ihn ihr anbot, war der von Schreck und Furcht verwirrten Frau nicht verdächtig. »Davon schütte auf ein Tuch und binde es auf die Wunde«, sagte die Greisin. Jetta nahm mechanisch das Fläschchen, das eine braune Flüssigkeit enthielt. Dann kehrte sie leise an das Bett des Kranken zurück, der sie mit offenen gläsernen Augen anstarrte. Sie riß ein Stück Leinwand von einen Kleide und legte es auf das Lager, ein anderes wollte sie mit dem braunen Safte feuchten, da flog ihr das Glas aus der Hand und schmetterte sammt dem Inhalt an einen Balken des Daches. Der Kranke hatte sich erhoben. »Giftmischerin!« zischte es von seinen bleichen, vertrockneten Lippen. »Es ist ja Wundbalsam, Rothari!« sagte Jetta sanft und eine aufsteigende Thräne zitterte in ihrer Stimme. »Von Phorkyas, nicht wahr, der trefflichen Schützin?« »Du wirst doch nicht glauben?« .... »Sie und keine Andere oder ihr beide«, sagte er hart und kehrte sich gegen die Wand, von dem Schmerze der Brandwunde und dem Gifte in seinen Adern gepeinigt. Stumm stand Jetta eine Weile an dem Lager, dann setzte sie sich ruhig auf eine Lade zu seinen Häupten. Aus ihrem schönen bleichen Angesichte war jetzt jeder Ausdruck des Stolzes und Trotzes verschwunden. Nur tiefe Trauer über die Enttäuschung eines ganzen Lebens lag in ihren Zügen und ein Gebet zitterte auf ihren Lippen. »Ich will auf dem Altare der Sirona, den Fulvia beim Rosenhofe errichtete, die schönsten Früchte meines Gartens opfern, wenn sie dieses Leid mir überstehen hilft.« Nach einer Weile verlangte der Kranke Wasser, dann Leinwand. Nur widerwillig duldete er, daß Jetta ihm die Wunde verband. Dann schlief er ein und als er wieder erwachte, hatte seine Riesennatur das Gift überwunden. Aber eine reizbare, böse Stimmung war in ihm zurückgeblieben. Alles, was seine Gattin that, erbitterte ihn. Seit Jetta über sein Leben beruhigt war, war ihre gewöhnliche einfache Würde auch wieder gekehrt. Aber die königliche Haltung, die ihr natürlich war, reizte ihn, statt ihn wie sonst zu entzücken. Schon das Quieken ihrer Sandalen war ihm verdrießlich. Nichts that sie ihm schnell genug und er meinte, daß ihre gesuchte Majestät sie an der gewünschten Eile hindere. Um als gnadenspendender Schutzengel in den Soldatenhütten aufzutauchen und zu verschwinden möge dieses huldvolle Bezeigen ganz am Platze sein, was es aber heiße, als Eheweib den eigenen Mann zu pflegen, davon habe die schöne Zauberin offenbar keine Ahnung, so murrte der Kranke in seine Kissen. »Jede Bauerndirne meines Volkes«, dachte er bei sich, »würde mich besser pflegen.« In der That war die vornehme Römerin für solche Verrichtungen nicht erzogen. Sollte sie seine Wunde verbinden, so machte sie es oft so verkehrt, daß er ihr die Binden zornig aus der Hand riß. Unverdrossen stellte sie sich dann neben ihn und reichte ihm zu, was er brauchte. Aber bald war ihm das Tuch zu feucht, bald zu trocken. Sie bot ihm zuerst, was zuletzt kam, und hatte nie zur Hand, was er wollte. Als sie nun gar in ihrer königlichen Haltung die Binden zur Erde fallen ließ, daß sie staubig wurden, schickte er sie zornig weg und rief nach Lupicinus. Nun aber war auch ihre Geduld erschöpft. Sie nahm ihren Knaben vor das Haus und überließ dem Schaffner die Pflege des mürrischen Gatten. Auf's neue kam tiefe Trauer über sie und unwillkürlich dachte sie darüber nach, wie tief sie gesunken, die man einst die Königin dieses Thales genannt hatte. Ein Barbar behandelte sie gleich einer Magd und sie sah voraus, daß er sie um so tiefer erniedrigen werde, je mehr sie sich vor ihm beuge. Daß seine Vorwürfe doch auch ein Körnchen Wahrheit enthielten, fühlte sie nicht. Seit er in der Tracht eines Wilden zu ihr zurückgekehrt, hatte sie in dem Worte »Barbar« für alle Zerwürfnisse eine ausreichende Erklärung. Noch düsterer aber waren die Gedanken, denen Rothari auf seinem ungewohnten Schmerzenslager sich hingab. In Allem, was er erlebt, sah er die Strafe für den Abfall von seinem Volke. »Ich bin kein Römer, wer hieß mich dem Adler dienen? Ich bin kein Prophet, wer hieß mich eine Sibylle freien?« – – und ein Gefühl der Geringschätzung überschlich ihn, wenn er an Jetta's Zauberkünste dachte. »Ja die weisen Frauen meines Volkes«, sagte er, »die Schicksalsverkünderinnen, die Blutbesprecherinnen, die Todtenbeschwörerinnen und Wahrsagerinnen, die wissen Wunden zu verbinden und Kranke zu heilen.« Noch hatte er den Spruch im Ohr, mit dem seine Amme ihm die geschundenen Glieder einst besprach: »Haut zu Haut, Blut zu Blut, Bein zu Bein und Glied füge dich zu Gliedern!« Und war er nicht heil geworden von ihrem Segen? Dagegen diese Töchter Hekate's können nur Wunden schlagen, Wunden aber heilen können sie nicht! Nach einer Weile kam Jetta wieder, sie ordnete unten im Saale, was sie dachte, daß ihm genehm sei, aber ihr lautes Reden, der Lärm, mit dem sie alles besorgte, that ihm wehe. »Hüte dich vor leise sprechenden Männern und laut redenden Frauen«, hatte ihm ein weiser Alamanne einst gesagt. Den ersten Theil dieses Rathes hatte er befolgt, den zweiten leider nicht. Jetzt, da er der Ruhe, der stillen Pflege bedurfte, wie war es lästig, daß dieses römische Weib immer auf dem Kothurne war. Wie haßte er dieses aufgeregte Wesen der Welschen, das laute Erschrecken, den Lärm um nichts, das Lachen und Schwatzen der Vettern, die sich unten täglich nach seinem Wohlergehen erkundigten. Dabei hatte die Eingeschüchterte auch jetzt immer etwas zu verstecken und zu verheimlichen, bald eine Sendung an Phorkyas, bald ihre kabbalistischen Rollen, bald einen Besuch der ihm verhaßten Weiber oder Courmacher. Stündlich zurückgestoßen schloß sich ihr Herz auf's neue zu. Sie fand seinen Unmuth außer allem Verhältniß mit dem erlittenen Mißgeschick und nahm seine starre Ruhe für Trägheit des germanischen Bärenhäuters, der zu Hause seinen Winterschlaf hält und nur lebt, wenn er im Kriege oder auf der Jagd ist. So hatte das Krankenlager die Gatten einander nicht näher gebracht. Ihr Antlitz sprühte Blitze bei manchem barschen Worte des Barbaren, sein Angesicht versteinte sich. In solch mißmuthiger Stimmung lag er eines Abends ungeduldig auf seinem Schmerzenslager und hörte unten, daß Jetta besucht ward. Die Augusta in eigener Person war erschienen, begleitet von einem Gefolge von Frauen, unter denen er Fulvia und Bissula an der Stimme erkannte. Ihn ärgerte dieser Besuch, da er Justina's Theilnahme bezweifelte und der Lärm ihm zuwider war. Erst ward ein Langes und Breites über seine Wunde verhandelt, über das Räthselhafte dieses zwiefachen Attentats mit den gleichen Mitteln. Mit höhnischem Lächeln hörte er die klugen Rathschläge an, die die vornehmen Weiber Jetta gaben für Behandlung seiner Wunde. Dann wünschte Justina den Knaben zu sehen. Bissula ging, um ihn zu holen. Aber was war das? Die Wärterin, die seinen Knaben brachte, war ja Phorkyas! Also die Hexe war doch noch im Hause, sie behütete sogar sein Kind! Er wollte aufspringen, sie wegjagen, doch er besann sich, daß es die Kaiserin war, die eben huldvoll mit dem Mordweibe redete. So mußte er sich bezwingen. Aber welche Berathung der Weiber begann nun über die Gesundheit seines bleichen Erben! Die Eine rieth, das Kind alle drei Stunden kalt zu waschen, die Andere wollte es ganz in wollene Binden stecken, die Eine fand außerordentlich gut, alle Speisen mit Wein zu geben, die Andere empfahl Pfeffer und Safran und Eier. Oh wenn er sie nur alle hätte erwürgen dürfen mit diesen Fäusten, er wäre gern gestorben, sobald er sie nebeneinander an der Leine hängen sah wie todte Drosseln! Und jetzt begann Jetta mit ihrer tiefen Stimme zu erzählen, was sie alles schon mit dem Knaben versucht und angestellt habe. »Ihr Organ klingt nie seelenvoller«, knirschte er, »als wenn sie fanatischen Wahnsinn vorträgt.« Der Kranke zitterte vor Wuth, so daß der Tisch an seinem Lager schwankte. »Der Knabe muß fort«, beschloß er, »fort zu meiner Freundschaft, daß sie einen Helden aus ihm erziehen. Wenn sie ihn auch nicht in ihrer ruchlosen Dummheit morden, was für ein Mann würde er hier werden? Solch ein süß redender Affe wie Jetta's Vettern! Nein, Vadomar's Enkel soll ein Held werden wie seine Ahnen, das walte Wodan, Donar und Ziu!« Am andern Morgen erwachte Rothari hell und freudig. Sein Zorn hatte ihn belebt, so daß die alte Spannkraft wiederkehrte. Er ließ von Lupicinus die Wunde am Arme fest verbinden und erhob sich. In der Laube, die der Westseite des Hauses entlang lief, saß er nun und schlürfte die würzige Morgenluft, während Jetta das Knäblein in der Sonne auf und nieder führte. Die frische Luft that ihm wohl. Nach wenigen Tagen war er so weit hergestellt, daß er einer Ladung Valentinian's in das Lager folgen konnte, wo wichtige Verhandlungen bevorstanden. König Macrian in Person war mit reisigem Gefolge erschienen, und verlangte von dem Augustus die Abstellung der Bauten auf dem Mons Piri. Den ganzen Tag war Rothari abwesend und Jetta wartete ungeduldig seiner Rückkehr. Sie fürchtete neuen Krieg vor ihres Gatten voller Genesung. Aber sie fürchtete auch, der Hof könne nachgeben und die Burgen räumen. Viel war von dem Glanze geschwunden, mit dem Jetta einst Julian's und Valentinian's Eroberung verklärt hatte. Der Enthusiasmus, der die Quelle ihrer Kraft war, war erloschen, seit dieses Land der Schauplatz ihres Unglücks geworden. Aber dennoch hielt sie an diesem Thale fest und es wäre ein Stück ihres Lebens von ihr gefallen, hätte sie es räumen müssen. Es war ihr heilig als Reliquie ihres Jugendglaubens und der schönen Ideale ihrer besten Zeit. Auch Rothari erschien ihr in diesem Augenblicke wieder in seinem Heldenglanze, wenn es sich darum handelte, eine Schmach abzuwenden von der Partei, die er ergriffen. Es war ihr fast, als ob sie nach seiner Genesung den Krieg gern sehen würde, denn dann standen er und sie wieder auf einer Seite und ein großes Gefühl verband sie auf's neue. In diesem Sinne wollte sie mit Rothari sprechen, wenn er zurückkam. Erwartungsvoll saß sie im Schatten der Laube, als endlich Schritte draußen laut wurden. Aber Rothari war nicht allein. Ein reckenhafter Alamanne, mit einem Eberfelle auf den Schultern, schritt neben ihm und befremdet sah Jetta, wie ihr Gatte so ehrfurchtsvoll zu dem bärtigen, ungeschlachten Barbaren sprach, als ob es Valentinianus selbst wäre. »Mein König!« redete er ihn an, so daß Jetta hoch aufhorchte. In den Schatten der Laube zurückgebeugt blieb sie den beiden Männern unsichtbar, während sie jedes Wort zu vernehmen vermochte. Es war von dem Castelle die Rede. Vergeblich suchte Rothari den ihn verlachenden Macrian zu überzeugen, daß ein Castell der Römer auf dem Berge den Alamannen nicht gefährlicher sei als das Standlager am Nicer oder die Befestigungen von Lopodunum und Alta Ripa. »Bis zu den Bergen haben wir zu beiden Seiten des Nicer das Land dem Augustus abgetreten. Ausdrücklich versprach er, die Berge selbst nicht zu befestigen. Trotzdem baute er Wartthürme, und da wir uns das gefallen ließen, soll nun da oben ein Bollwerk angelegt werden, aus dem er zu jeder Stunde niederbrechen kann in unsere Thäler. Auf der letzten Dingstätte ward beschlossen, das nicht zu dulden, obwohl vieler Edlen Söhne noch als Geiseln in den Händen der Römer sind. Nur die Rücksicht auf diese band uns bis jetzt die Hände, aber das Volk ist ungeduldig. Es verstattete seinem Adel noch einen letzten Versuch, seine vergeiselten Söhne zu befreien. Mir gelang das, wie du weißt, aber um so schärfer werden seitdem die andern Knaben gehütet. Morgen kehre ich zu den Meinen zurück und wenn Valentinian nicht bessere Botschaft schickt, als er heute in Aussicht stellte, so habt ihr den Krieg.« Rothari schwieg, denn er hatte den Worten des Königs nichts entgegenzusetzen. Sein Volk war im Recht und Rom war treulos. Aber als Macrian aufbrechen wollte, hielt Rothari ihn doch noch zurück: »Noch eine Bitte, mein König«, sagte er bescheiden, »habe ich, die ganz allein mich betrifft.« Jetta horchte hoch auf. »Ich habe ein Knäblein«, sagte ihr Gatte verlegen, dann stockte er und blickte nach der Laube, als ob dort sich etwas geregt hätte. Aber als es still blieb, fuhr er fort: »das Kind wird hier verzärtelt. Thörichte Affenliebe und der Weiber Aberglaube haben es vergiftet. Ich aber wünsche, daß mein Sohn ein Held werde. Meine Bitte ist nun, du möchtest das Knäblein durch Einen deines Gefolgs mit nach deiner Halle nehmen und es meiner Freundschaft übergeben, daß es aufwachse wie andere Knaben unseres Blutes. Rando's Gemahl oder die Schwestern Fraomar's werden ihrem Blutsfreunde diese Bitte nicht abschlagen.« »Und dem Weib?« forschte Macrian, »ist sie einverstanden, ihr Kind in Feindesland zu geben?« »Sie würde sich wehren, wenn sie es wüßte«, erwiderte Rothari. »Wenn sie aber den Knaben nach einer Zeit blühend und gesund wiedersieht, müßte sie kein Mutterherz im Busen tragen, wenn sie die Gewalt nicht segnete, die ich ihr heute anthue.« »Das Kind ist des Vaters«, sagte Macrian, »und ich bin in deiner Schuld. Der alte Bitherid mag den Knaben schleppen, wie er kann. Wir nächtigen zu Tegulä, da wir Valentinian's Gastfreundschaft nicht trauen. Dorthin bringe den Knaben am Morgen, denn bald nach Mittag werden wir reiten. Sorge, daß die Mutter das Kind beruhigt, denn wir sind schlechte Ammen.« »Jetta darf das Alles leider erst erfahren, wenn das Kind weg ist«, sagte Rothari. »Aber eines gelobe mir, König Macrian, daß du das Kind nicht als Geisel hältst, falls der Krieg beginnt.« »Wenn ich dich auf der Wahlstatt treffe«, erwiderte der König nachdrücklich, »werde ich dich tödten wie du mich, dein Knabe aber wird mir sein wie mein eigener Sohn.« »Ich danke dir, König meines Volkes«, sagte Rothari und Jetta hörte, wie ihre Hände ineinander schlugen. Dann verließen beide den Hof und schritten dem Walde zu. Rasch stand Jetta auf. Wie eine Löwin, deren Junges bedroht ist, stürzte sie nach der Kammer, wo ihr Kind lag. Sie wollte es nehmen, entfliehen. Aber das würde Rothari alsbald entdecken und ihr nachsetzen. Sie mußte warten bis ihr verrätherischer Gatte schlief. Angekleidet legte sie sich auf ihr Lager und zog die Decke über sich. Den Arm über ihr Kind gebreitet lag sie da, als Rothari eintrat. Wohl sah er, daß sie nicht schlafe, aber sie zürnte ja oft in dieser Weise. So legte er sich nieder. Es erleichterte ihm seine Härte, daß sie in ihrem Trotze fortfuhr. Um so weniger brauchte er mit ihr sich zu verständigen, wenn sie das Reden mit ihm ablehnte. So schlief er ein. Sobald seine Athemzüge ruhig gingen, erhob Jetta sich leise und verschwand. Lang kehrte sie nicht wieder. Rothari hörte das Kind einmal weinen, da es sich aber beruhigte, legte er sich auf die andere Seite und schlief weiter. Der Morgen nahte bereits, als Jetta wieder erschien. Sie nahm den Knaben und trug ihn hinaus. Lautlos glitt sie die Treppe hinab und ging mit ihm über den Hof zur Thüre. Der Wolf sprang verwundert auf und wimmerte, als er seine Herrin zu dieser Stunde auf nächtlichen Wegen betraf, aber auf ihren Befehl legte er sich gehorsam wieder in seine Hütte. Vor dem Thore stand Phorkyas. Sie nahm das schlafende Kind behutsam Jetta ab. »Das Maulthier wartet schon an der Brücke«, sagte sie. »Ehe der Tyrann erwacht, sind wir halbwegs Alta Ripa. Aber du hättest ihm das Wasser der Vergessenheit reichen sollen, wie ich dir sagte.« »Still, ich will nichts davon hören.« »Nun, so thue vorsichtig, wie ich dich gelehrt. Drei Tage zum mindesten wird es ihn an der Verfolgung hindern und bis dahin sind wir alle geborgen.« »Aber mit deinen eigenen Augen haftest du, daß es ihm nicht schadet«, sagte Jetta zitternd. »Ja, ja, er ist noch immer dein Augapfel, der Elende«, zischte die Hexe. »Du weißt aber, daß ich nicht lüge, wenn ich schwöre, wie ich schwor. Er wird keinen Schaden haben, so sehr er ihn verdient. In drei Tagen wird er sein wie zuvor.« So trennten sie sich und draußen krähten die Hähne. Unter dem Dache lag Rothari vom Schlafe gefesselt. Wohl hörte er Jetta's Stimme Zauberformeln murmeln, aber müde Schwere lähmte noch alle seine Empfindungen. Doch fühlte er mit geschlossenen Augen, daß Jetta vor ihm stand und ihre weiche Hand seinem Gesichte nahe brachte. Als er die Augen aufschlug, sah er ihr ernstes, schönes Antlitz mit einem Ausdruck zärtlicher Besorgniß über sich gebeugt, während sie eine Schale über ihm hielt und noch ehe er die Hand zur Abwehr erheben konnte, schüttete sie ihm etliche Tropfen in beide Augen. Als er sich gewaltsam aufraffte, stürzte es wie ein Feuerstrom über ihn herein. Er sprang auf, aber es war ihm, als ob er in einem Meere von Lichte wandle. Dann wurde dasselbe trüber. Weißliche Ströme wie Milch umgaben ihn, dann kam Finsterniß und nur eine schwache Lichtempfindung verrieth ihm die Lage der kleinen Fenster. Von der Gegend der Thüre her hörte er dann Jetta's Stimme: »Du wirst wieder sehen, Rothari, sobald ich mit meinem Kinde in Sicherheit bin. Deine Schuld ist es, daß es solcher Mittel zwischen uns bedurfte.« Wüthend sprang er nach der Richtung ihrer Stimme, aber er strauchelte und fiel über sein eigenes Lager. Noch hörte er sie einen Augenblick anhalten, als ob sie sich überzeugen wolle, daß er sich nicht verletzt. Dann verklangen ihre Schritte nach unten. Tastend fand er endlich die Treppe. Aber das Licht im Saale schmerzte ihn; er wusch die Augen mit Wasser, aber nun umgab ihn völlige Finsterniß. Da ließ er gramvoll am Heerde sich nieder, voll Rachegedanken gegen diese Tochter Hel's und grübelnd, mit welchen dunkeln Künsten sie sein Geheimniß erforscht und ob sie Wort halten werde und ihm sein Gesicht wiederschenken, sobald sie den Knaben geborgen. Während er so tief in seinen Gram versunken dasaß, fühlte er an der Hand eine feuchte kalte Berührung und dann das Lecken einer Zunge. Der Wolf war zu ihm geschlichen, um ihn zu trösten. Gerührt fuhr Rothari über den zottigen Pelz des Thieres, ihn zu liebkosen. Der Wolf wimmerte in leisen Klagelauten, als ob er den kummervollen Zustand seines Herrn begreife. »Du treues Thier«, sagte Rothari wehmüthig, »dich nennen sie tückisch und grausam. Ich möchte wohl wissen, wer von euch das Herz einer Wölfin hat, du oder sie.« Aber in dieser finstern Stunde des Hasses selbst stieg das leuchtende Bild ihrer Schönheit und aller ihrer Reize in seiner Erinnerung auf und wenn er, um sich zu zerstreuen, nach den glänzendsten Erinnerungen seines bewegten Lebens griff, kam er doch nur immer wieder auf sie zurück, mit der all sein Glück begonnen und geendet. Das krankhaft gereizte Auge zeigte ihm nur immer das Bild jener Jetta im Garten, die ihm in ihrer lieblichen Majestät, mit dunkel strahlenden Augen einst entgegenschritt und er sah noch jetzt die Glorie um ihr Haupt, die er damals gesehen hatte. Auch den Ausdruck zärtlicher Besorgniß, mit dem sie sich über ihn geneigt, als sie ihr dunkles Werk an ihm verübte, konnte er nicht vergessen. Gewiß, sie liebte ihn noch, hätte sie ihn doch viel schlimmer schädigen können. »Ich will sie nicht strafen«, sagte er. »Das Kind muß fort, ich werde es finden, und wenn sie es bei den Zwergen und Trollen im Mons Valentiniani verborgen hätte; dann werde ich es dahin bringen, wo ein Mann aus ihm werden kann und nicht ein Affe. Ihre Strafe aber sei, zu wissen, daß all' ihre Künste nichts vermögen gegen Rothari's Willen.« Als die Knechte von der Arbeit zurückkehrten, fand Lupicinus, der den Saal betrat, den Herrn am Heerde, Er saß da mit starren Augen, die schwarzen Pupillen weit aufgerissen, wie die einer Eule und gleich ihr empfindlich gegen alle Helle. Einsilbig gab er vor, er sei auf's neue erkrankt, ließ sich Milch und Brot reichen und blieb ruhig in seinem Winkel sitzen, doch befahl er, einer der Leute solle sich in seiner Nähe halten. Den treuen Lupicinus selbst aber schickte er nach Tegulä, um Macrian zu sagen, der Knabe komme nicht. »Ein Anderer könnte die Botschaft auch bestellen«, dachte Lupicinus, der das Wiedersehen mit dem furchtbaren Könige, hinter dem die Raben flogen, mit nichten begehrte. Aber aus Mitleid mit Rothari's Zustand vermied er jede Widerrede und machte sich auf den Weg nach Tegulä, dem ersten Dorfe, das thalaufwarts am Nicer lag. »Wer weiß, ob er dich erkennt«, tröstete er sich, »und wenn auch, an Rothari's Boten wird er sich nicht vergreifen.« Diese Hoffnung täuschte ihn nicht. Er fand den König in heiterster Stimmung mit seinen Mannen um eine Kufe mit Gerstenbräu gelagert. Mit fester Stimme verkündete Lupicinus seine Botschaft. »Wieder Einer, der den Herrn spielte, so lang die Frau nicht zu Haus war«, rief der König in derbem Scherze und seine Helden lachten. »Reicht ihm den Botenlohn«, rief Macrian und der Jüngste brachte ein Trinkhorn, das Lupicinus mit einem Zuge leerte. Da erkannte Macrian den Wächter vom Mons Valentiniani. »Ei, sieh da«, rief er, »du bist wieder heil von der Auerhahnenjagd? Jetzt erst erkenne ich den Blondkopf. Das freut mich. Ich machte es aber auch glimpflich. Dein junges Haupt that mir leid. Doch wenn du wieder Wache stehst, mein Knabe, so bleibe bei deinem Spieße und lasse die Hähne balzen.« – Zweiundzwanzigstes Kapitel. Am Tage nach ihrer Flucht saß Jetta sicher geborgen im Palaste zu Alta Ripa. Valentinian hatte ihren Bericht, warum sie ihren Gatten verlassen, so freundlich angehört als sein mürrisches Temperament es irgend erwarten ließ; dann hatte er entschieden, er könne nicht zugeben, daß Rothari dem Alamannenkönige seinen Sohn als Geisel ausliefere. Im Gegentheil werde nun er den Knaben als Unterpfand für Rothari's immer zweifelhaftere Treue im Palaste behalten, wo Jetta, wie immer, ein willkommener Gast sei. Ihr war das recht, denn es erschien ihr als die sicherste Form, sie zu schützen. Rothari konnte das Kind jetzt nicht von ihr, er mußte es von dem Augustus fordern. Ein weiterer Stein ward Jetta vom Herzen genommen, als ein heimlich nach dem Bühl entsendeter Bote mit der Nachricht zurückkehrte, Rothari's Blindheit weiche. Schon jetzt bewege er sich in dem dämmerigen Saale ohne Anstoß und in wenigen Tagen werde er ohne Zweifel ganz genesen. Phorkyas hatte sie mithin nicht getäuscht und ihr Vertrauen sowohl auf die Kunst, wie auf die Treue der alten Dienerin befestigte sich auf's neue. Das wäre nun alles schön und gut gewesen, hätte nur der zarte Knabe, über den all dieses Leid begonnen, nicht bei der übereilten nächtlichen Flucht sich eine Krankheit zugezogen. Das Kind glühte im Fieber und von Zeit zu Zeit lief ein Reißen und ein Zucken durch seinen Leib, wie es Jetta nie an ihm wahrgenommen hatte. Angstvoll saß die bekümmerte Mutter an der Wiege, in der einst das eigene Söhnchen der Augusta gelegen und suchte durch feuchte Tücher das heiße Haupt des Kindes zu kühlen. In ihrem Herzen aber wühlte der Vorwurf, daß, wenn der Knabe nun sterbe, nur ihr Widerstreben gegen Rothari's Willen ihn getödtet habe. In einem benachbarten Gemache flüsterten Justina und Phorkyas und nicht blos, um den Kleinen nicht in seinem Schlummer zu stören, sprachen sie leise. »Warum bestandest du nur auf den persischen Pfeilen«,, fragte Justina, »die ich sonst nur im Schlachtgewühl meinem Boten auf den Bogen lege?« »Ich wählte das Mittel, sagte Phorkyas, »bei dem man am wenigsten an ein altes Weib denkt. Wenn er durch Männerwaffen fiel, rieth man nicht auf mich. Auch hatte ein Knecht mir vertraut, es sei Rothari geweissagt, von einem Pfeile werde er fallen.« »Eine unsichere Waffe in deiner Hand«, seufzte Justina. »Deßhalb spielte ich Jetta das Fläschchen zu, damit sie es in die offene Wunde gieße, er aber schlug es ihr aus der Hand, daß es am Pfeiler zersplitterte.« »Das Schicksal schreitet seinen festen Weg«, seufzte Justina mit kummervoller Miene. »Soll ein Germane Augustus werden, so prallen die Pfeile an ihm ab und Gift findet ihn nicht. Der Goldhelm wartet seiner und das Schicksal bewahrt ihn zu meines Kindes Verderben, ihn und seinen Blutbruder. Ich fürchte es wird sich alles erfüllen.« In diesem Augenblicke erschien Jetta todtenbleich an der Thüre: »Phorkyas, schnell, schnell, das Kind will sterben!« Die Frauen fuhren auf wie ertappte Verbrecherinnen und folgten hastig Jetta an das Bett ihres Knaben. Der kleine Tullius lag in Krämpfen. Wie zerhackt lagen seine Glieder in den unnatürlichsten Stellungen nebeneinander. Das Auge war nach oben gedreht, so daß der Augapfel oft ganz verschwand, die kleinen Zähne knirschten, während ihm Schaum vor dem Munde stand. »Er ist dämonisch«, sagte Justina mit kalter Bestimmtheit. Phorkyas stimmte bei. »Nur Beschwörung kann hier helfen.« »»Ach nein, übergieße ihn mit Wasser«, rief Jetta. Die Alte zögerte. Endlich rüstete sie ein Bad. Die Kaiserin aber brachte mit fanatischem Eifer aus dem Versteck eine Räucherpfanne zum Vorschein. Während Jetta und Phorkyas die Wanne füllten und die kleine verkrümmte Jammergestalt hineinhielten, schüttelte Justina Kohlen auf die Pfanne und entzündete sieben Weihrauchschalen, Dann zog sie einen mystischen Kreis mit Kreide und legte rings umher ihre Amulete. Jetta fühlte indessen mit Entzücken, wie die Glieder ihres Kindes im Bade geschmeidiger wurden. Phorkyas goß kaltes Wasser auf das kleine Haupt und alsbald hörten die Convulsionen auf und die bleichen Augen blickten wieder natürlich. Glücklich hob Jetta das Kind empor, um es mit Tüchern zu trocknen. Inzwischen hatte die Kaiserin die Kohlen entzündet. Nun legte sie ihren Gürtel ab und streifte die Sandalen von den Füßen, dann nahm sie Jetta am Arme. »Tritt hierher und halte das Kind über die Kohlen bis ich das Gebet gesprochen«, sagte sie leise. Jetta, noch betäubt von ihrem Schrecken und gewohnt, der Augusta zu gehorchen, folgte der wilden Energie des herrischen Weibes. Diese selbst stützte ihr den rechten, Phorkyas den linken Arm, damit sie bei dem langen Gebete nicht ermüde. Und nun begann Justina ihre Beschwörungen. Es war zuerst nur ein verworrenes Gemurmel, das keiner menschlichen Sprache anzugehören schien und bei dem sich ihre Lippen kaum merkbar bewegten. Dann aber steigerte sich ihr Ton, bald einförmig singend, bald leidenschaftlich mit gellenden Anrufungen sich aufbäumend, schoß sie ihre Worte wie Pfeile. Was der Uhu dem Walde klagt und der Wolf heult, schien sie zu wiederholen und das Zischen der Schlangen. Endlich ermüdete sie, ihre Haltung ward schlaff und sie erging sich nur noch in monotonen Anrufungen: »Elan, Elan, Elan, pugna oh Sabaoth, Bel, Balsumith, Oromazo, pugna, Anubis, Michael, Gabriel, Neoriel, pugna! Abraxas luminis superni affusor custodi infantem! Custodi, Elan, Elan, Elan!« So ging das eine Weile. Mitten während dieser Beschwörungen fühlte Jetta, wie das Kind dreimal zuckte. »Siehe, wie es der Dämon verläßt!« flüsterte Phorkyas, während Justina ihren Arm mit eisernem Griffe festhielt und mit wildem Fanatismus ihre Beschwörungen auf's neue begann. Da hing der Knabe plötzlich das Köpfchen zur Seite. Mit einem lauten Schrei fuhr Jetta auf: »Er ist todt«, rief sie in wilder Verzweiflung und machte sich, sogar den Fuß gegen die Kaiserin stemmend von dem wahnsinnigen Weibe los, das ihren Arm auch jetzt noch umklammerte. »Rasch, rasch, Wasser«, schrie sie in entsetzlicher Angst. Phorkyas sprang auf und brachte den Krug, es war umsonst, das Kind war erstickt und kein Reiben und Besprengen brachte es wieder zum Leben. »Es wäre doch gestorben«, sagte Justina mit eisiger Kälte, indem sie Gürtel und Sandalen wieder anlegte und ihren Zauberapparat zusammenräumte. »So möge dein Sohn verderben!« rief Jetta in grauenvoller Verzweiflung. »Dir vor den Augen sollen sie ihn zerschmettern! Fluch über euch beide; ihr habt mich meinem Gemahle entfremdet, ihr habt mein Kind getödtet, Fluch über dich und deinen Knaben!« Justina stand bleich und zitternd. Sie glaubte an die Kraft solcher Worte. Wo es sich um das geliebte Haupt des kleinen Valentinian handelte, war die herzlose Herrscherin ein Weib wie Andere. Alles Empfinden hatte sich bei ihr in diesen einen Nerv zurückgezogen, das war der Punkt, von dem aus sie in Bewegung zu setzen war. Mit heroischer Kälte konnte sie die Welt um sich her verderben sehen, nur ihr Kind durfte kein rauher Hauch kränken. »Die Wahnsinnige hat meinen Sohn verflucht!« – das war das Einzige, was sie in diesem Augenblick zu denken vermochte. Herbeigezogen durch die entsetzlichen Schreie, die wild hinausklangen in den Hof des Palatium, trat jetzt Valentinian in das Gemach seines Weibes. Er kannte diese Stube und wußte, was Justina hier in dunkeln Nächten zu treiben pflegte. Ein Blick auf Jetta, die über den Körper des kleinen Tullius hingestreckt war, auf die Räucherpfannen, deren blauer Dunst noch beklemmend die Luft erfüllten, auf seine Gattin, die ein Bild des bösen Gewissens bleich zur Seite stand, ohne Worte zu finden, die ihr doch sonst niemals fehlten, sagten ihm alles. »Hast du wieder Unheil angerichtet mit deinem magischen Wahnsinn?« fragte der Kaiser finster. Dann verstummte er, als er die kleine Leiche sah und Jetta's thränenlose Verzweiflung. Die schöne junge Mutter weckte etwas wie Mitleid in seinem versteinten Innern, zugleich aber dachte er mit Unmuth an Rothari, der hier einen neuen Grund zu schwerer Klage erhalte. Er überlegte, wie das Geschehene am besten zu verbergen sei. Für den Augenblick freilich konnte es sich nur darum handeln, Jetta zu beruhigen. Mild und gütig redete er der Bedauernswerthen zu, und um nur überhaupt etwas zu thun, ordnete er an, daß nach Sonnenuntergang der Scheiterhaufen für die kleine Leiche auf der Terrasse hinter dem Palatium, angesichts des heiligen Stromes solle errichtet werden, den Jetta liebe. Die kostbarste Urne des Palastes bestimmte er dazu, die Asche des kleinen Tullius aufzunehmen, er selbst wolle der heiligen Handlung beiwohnen. Jetta schüttelte heftig das Haupt. »Bitte nicht«, sagte sie mit angstvoll erweiterten Augen. Sie wolle allein mit Phorkyas die Bestattung besorgen, flehte sie, niemand, niemand solle dabei sein. Ihr graute davor, neben Justina zu stehen in der Scheidestunde von ihrem Kinde. Auch das sagte Valentinian ihr zu. Froh, auf gute Art von diesem beklemmenden Orte so vielen Leids zu entkommen, führte er Justina hinaus, um sofort das Nöthige anzuordnen. Die kleine Leiche in ihren Armen haltend, blieb Jetta in dem Gemache zurück, in ihrer dumpfen Verzweiflung selbst des Trostes der Thränen entbehrend. Allein, einsam, verlassen fühlte sie sich von aller Welt, selbst von ihrem Gatten, nach dem ihre Seele nun schrie in heißem Verlangen. Hatte ihr Rothari nicht immer gesagt, sie werde das Unglück noch über sich herabziehen mit ihrem Frevel! Nun war es da. In traurigem Dahinbrüten vergingen ihr Stunden auf Stunden und sie fühlte nichts, als daß ihr Leben vernichtet sei. Als endlich die Dämmerung einbrach und Phorkyas meldete, der Scheiterhaufen sei entflammt und die Terrasse von allen Zuschauern geräumt, vermochte es die erschöpfte Mutter nicht, den kleinen Leichnam der gierigen Flamme selbst zu überliefern. Auch ihn zu tragen waren ihre Kniee nicht fähig. Man solle das Feuer löschen, befahl sie jetzt, sie wolle Tullius balsamiren. Aber, wer sollte das thun hier in Alta Riva? Welcher Unwissende sollte das Messer ansetzen an die theueren Glieder? »Nein«, schluchzte sie, »nimm ihn, lege ihn sanft in die Flamme und wenn alles niedergebrannt ist, dann führe mich hin, daß ich die Asche selbst mir sammle. Keine fremde Hand soll mir daran rühren. Hörst du!« Phorkyas nahm die kleine Leiche, fuhr mit der Hand noch einmal liebkosend über das kleine Haupt, indem sie es in der Hand wog und stieg dann schweigend die Treppe nach dem Garten hinunter. Eine lange, lange, Stunde saß Jetta allein in der einsamen Stube, von Göttern und Menschen verlassen, dann kam die Alte, um zu melden, die Kohlen seien nunmehr so weit erloschen, daß es möglich sein werde, das kleine Häuflein weißer Asche herauszunehmen. Wankenden Schrittes, mit umflorten Augen stieg Jetta zu der Terrasse hinter dem Palatium hinab, wo der letzte Abendschein auf den gleitenden Wellen des Rhenus verglühte und die gallischen Berge sich dunkel abhoben von dem trüben Abendroth. Bei dem unsicheren Zwielichte der Dämmerung sammelte die unglückliche Mutter die letzten Reste ihres Lieblings in die Urne, die ihr der Kaiser geschickt. Ach es war so wenig übrig von dem süßen kleinen Wesen, an das all' ihr Stolz, an das eine Welt von Hoffnungen sich noch gestern geknüpft hatte, so unbegreiflich wenig! Sie selbst schüttete die Holzreste in den heiligen Strom, damit nicht der kleinste Theil ihres Kindes im Winde verwehe. Die Urne mit der Asche drückte sie an ihr Herz und kehrte wankenden Schrittes nach dem Hause zurück, noch oft zurückschauend nach dem geheiligten Platze, über dem noch immer eine dünne Rauchschichte schwebte. »Auch ein Theil von ihm«, schluchzte sie und suchte weinend, die theuere Urne in den Armen, ihr Lager. Ein herrlicher Morgen war über dem Buhle angebrochen, als Rothari, seiner Blindheit ledig, das Blockhaus verließ. Wie hell strahlten ihm die Farben der Welt entgegen, die er fast eine Woche im Dunkeln sitzend hatte entbehren müssen. Licht und Luft thaten ihm so wohl, daß er fast seines Zornes gegen Jetta vergaß. Im Lager unten erfuhr er von Arator, wo sein entflohenes Weib sich aufhalte und auch daraus machte der Comes kein Hehl, daß Valentinian sein Knäblein als Geisel für Rothari's Treue zurückzuhalten gedenke. Kalt und nach kurzem Austausch der Thatsachen schieden beide, keiner dem Andern trauend. Der neue Schlag gegen seine väterliche Gewalt empörte Rothari tief. Finsterer Groll gegen sein treuloses Weib, Haß gegen die Bande, die er sich selbst geschmiedet, Zorn auf den Augustus und Arator bestürmten zumal sein Herz. In dieser finstern Stimmung traf er in Alta Ripa ein, wo man ihn, wie es ihm schien, bereits erwartete. Aber die bekannten Diener und Beamten zogen sich scheu vor ihm zurück. Irgend ein Unheil las er in aller Mienen. Sollte Valentinian eine Gewaltthat gegen ihn im Schilde führen? Nicht anders begrüßte man zu Treveri diejenigen, die bestimmt waren, in Mica's Zwinger zu enden. Rothari faßte sein Schwert fest und beschloß sein Leben nötigenfalls theuer zu verkaufen. Aber der Velarius, an den er sich wendete, geleitete ihn ohne Widerrede zu den Gemächern Jetta's. Rothari schlug den Teppich zurück und sah sich seinem flüchtigen Weibe gegenüber. Ein Bild des Jammers saß sie an der Erde, beide Hände um eine Urne geschlungen. Ihre Lippen regten sich nicht, nur unendlich traurig sah sie ihn an mit ihren starren, todten Augen. Eine düstere Ahnung beschlich ihn. »Wo ist mein Sohn, Jetta?« fragte er mit strengem Ernste. »Hier«, rief sie mit einem Aufschrei wilden Schmerzes und streckte ihm die Urne entgegen und Rothari las: TVLL . ROTHAR . FIL . PVER . AN . II . Er verstummte. »O, warum wolltest du ihn mir nehmen, Rothari?« sagte Jetta schmerzlich, »nun haben wir ihn beide verloren.« War das noch Jetta, die in diesen weichen Tönen zu ihm sprach? Aus ihrem schönen bleichen Antlitz war jeder Stolz, aus ihrer Haltung alle Majestät verschwunden. Der brennende Schmerz, die Reue, Mangel an Schlaf und Nahrung hatten sie verwüstet, aber der große starre Blick ihrer dunkeln Augen, der Anblick ihres Elends war so herzbrechend, daß kein Vorwurf, keine Frage von Rothari's Lippen kam. Zugleich aber stand ihm der Beschluß fest, dieses Land zu verlassen, nachdem der Tod seines Kindes das letzte Band gelöst hatte, das ihn diesem Weibe verknüpfte. Die andern hatte sie ja selbst zerschnitten. Aber das Unglück macht scharfsichtig. Es war, als ob Jetta in seinen Mienen zu lesen verstehe. Jetzt hatte sie ja nichts mehr als ihn und er wollte gehen! Alle die unausgesprochene, unbethätigte Liebe, die sie trotz allem und allem zu ihm im Herzen trug, wallte heiß in ihr auf. Wild warf sie sich zu seinen Füßen und umklammerte seine Kniee: »Verlasse mich nicht, Rothari, vergib mir, verstoße mich nicht, siehe mein Elend«, schluchzte sie. Ruhig und mild schaute der Germane auf sie nieder, aber im Innern unerschüttert. Eher zog ein Gefühl von Widerwillen gegen dieses leidenschaftliche Gebahren der Italiänerin durch seine gefaßte Seele. Er suchte nach einem beruhigenden, tröstenden Worte, aber ehe er es gefunden, trat Syagrius ein, ihn zum Kaiser zu bescheiden. Sem Auge hatte kalt und vornehm das an der Erde liegende schöne Weib gestreift, um das er einst so heiß geworben. Beschämt erhob Jetta sich vom Boden, indem sie that, als habe sie eine Spange an ihrem Fuße in Ordnung gebracht. So schieden beide Gatten. »Mit einer Lüge«, zuckte es durch Rothari's ehrliches Herz. Zunächst mußte er zu Valentinian, der ihn entbot, denn der Kaiser selbst hatte es über sich genommen, Rothari von dem Geschehenen in Kenntniß zu setzen und ihn mit der Gattin zu versöhnen. Zu derselben Stunde, in der Rothari sich innerlich für immer von Jetta schied, waren die beiden Urheberinnen aller dieser Leiden, Justina und Phorkyas, in ihrer geheimen Werkstätte in dem Thurmgemache mit neuen Künsten und Beschwörungen beschäftigt. Das Zimmer war künstlich verdunkelt und nur der bleiche Schein einer flackernden Flamme erhellte die Stube. Es mußte eine dreifach grausenhafte Arbeit sein, an der die beiden Megären sich heute befanden, denn auf dem Boden war ihr magisches Werkzeug unordentlich verstreut, als ob die Besitzerin in höchster Aufregung darin gewühlt hätte. Bleich und geisterhaft beleuchtete die bläuliche Flamme aus der ehernen Opferschale die zwei Gestalten, so daß die schöne Justina fahl erschien wie eine Leiche, während Phorkyas einer lebendig gewordenen Mumie glich. Eine fieberhafte Erregung schien die Kaiserin bei ihrer mysteriösen Beschäftigung zu schütteln. Sie hielt sich zitternd an dem Tische und alle ihre Bewegungen waren krampfig und unstet, während der halbgeöffnete Mund nach Odem rang. Der Gegenstand, mit dem die beiden Weiber zu thun hatten, war auch grausenhaft genug. Beide starrten nach einer seltsamen gelblichen Kugel, die auf einem Teller lag, der mit abenteuerlichen Charakteren bemalt war. Die Kugel glich dem wächsernen Haupte eines Kindes und bei dem unsteten Flackern der bläulichen Flamme sah es aus, als ob die todten Züge des kleinen Kopfes sich bewegten. Bald schienen die bleichen Augen sich zu drehen, bald schienen die dünnen Lippen sich zu öffnen. »Wie viele Jahre wird der Augustus noch leben?« flüsterte Phorkyas in das kleine vertrocknete Kinderohr. Aber alles blieb still. »Er möchte es sagen«, krächzte die Alte, »ich sah deutlich, wie er die Lippen bewegte und sein Auge sich gegen mich wendete, aber der Talisman ist nicht stark genug.« »So lege ihm das Sigillum Saturni auf statt der Skarabeen«, lispelte die Kaiserin. Der Versuch wurde wiederholt, aber der Teraph blieb so still wie zuvor. »Hätte ich ein Schwert, mit dem drei Männer getödtet wurden«, sagte Phorkyas, »darin steckt eine Kraft, der könnte er nicht widerstehn.« »Valentinian berühmt sich, daß das seine mehr denn dreißig Feinde nach dem Orkus gesendet«, sagte Justina. »Warte, ich hole es«, und sie verschwand schwankenden Schritts und in den Knieen zitternd durch die Thüre. Die Alte blieb, aber das Spiel der Flammen auf den leidenden Kinderzügen schreckte selbst sie in dieser Einsamkeit. Das kleine Antlitz schien in der flackernden Bewegung sich schmerzlich zu verziehen, die todten Augen schauten nach ihr, der singende Ton der Flamme lautete wie stilles Weinen. Ihr schauerte. Sie löschte die Flamme, indem sie einen Deckel über die eherne Schale fallen ließ, entzündete statt dessen eine Lampe und verließ die Stube. Da fiel ihr ein, daß auch sie ein starkes Siegel in Verwahrung habe und sie ging es zu holen. Als sie an der Treppe aber Schritte eines Mannes hörte, floh sie eilig nach den Zimmern zurück, um von innen nach ihrer Kammer zu gelangen. Der Nahende war Rothari, der zum Kaiser bestellt war. In seinen tiefen Träumen war er eine Treppe zu hoch gestiegen. Als er es wahrnahm, wollte er umkehren. Aber war das nicht Phorkyas, die dort um die Ecke huschte? Also hier wurden die Tränke gebraut, mit denen man sein Auge geblendet und sein Kind vergiftet? Ein Berserkerzorn übermannte ihn. Die Hexe kam ihm eben recht. Mit dieser Faust wollte er die alte Vettel vor den Kaiser schleppen, sie der Magie, der Verführung seines Weibes, des Mordversuchs, der Blendung beklagen und verweigerte ihm Valentinian sein Recht, so warf er dem Römer sein Schwert vor die Füße und ritt zu den Alamannen; seiner Eide war er dann quitt und ledig. Leise folgte er der Alten und trat in das nächste Zimmer. Es war leer. Aber ihm fiel auf, daß das Gemach daneben verdunkelt war und bei hellem Tage Lampenlicht durch die Vorhänge glänzte. Behutsam schlug er den Teppich zurück, aber auch in diesem Gelasse war keine Seele. Phorkyas' Spuren freilich waren nicht zu verkennen. Seltsamen Hexenhausrath unterschied er bei dem schwachen Scheine der flachen Lampe, so daß er neugierig näher trat. Würfel, Bälle, Zirbelnüsse, Aepfel, Kreisel, eigenthümlich geformte Spiegel, gemalte Schalen und Scheiben waren theils auf dem Tische in der Mitte der kleinen Stube, theils auf dem Boden zerstreut. Ohne die ekle Waare näher zu beachten, spähte Rothari, ob Phorkyas etwa hinter den Polstern sich verberge? Bei diesem Umgang fiel des Suchenden Auge auf einen räthselhaften Gegenstand, der mitten auf dem Tische auf einer thönernen Platte stand, die mit allerlei geheimnißvollen Charakteren grell bemalt war. Als er sich darüber beugte, um die seltsam geformte Kugel naher zu betrachten, wollte ihm das Blut in seinen Adern gerinnen, denn er sah das Haupt eines todten Kindes. Ekel und Abscheu schüttelten ihn, denn er wußte, daß ruchlose Magier es verstanden, solche bleiche und dünne Lippen zu öffnen, um von ihnen Auskunft zu erhalten über alle Geheimnisse, die unter der Erde sind. Mit tiefem Mitleid betrachtete Rothari das kleine Haupt, das man so schändlichem Unterfangen geopfert hatte. Aber dieses helle blonde Haar schien ihm so bekannt, diese starren bleichen Augen hatte er schon geschaut. Da war es, als ob ein Blitz in ihn geschlagen hätte und durch alle seine Glieder schmettre. Ein lautes Stöhnen entrang sich seiner mächtigen Brust. Das waren ja seines Kindes Züge, das waren seine lieben blonden Haare, hier war die Narbe am Auge, die es von ihm selbst geerbt, und er nahm das kleine Haupt in seine Hand und die Zornader auf seiner Stirne schwoll und der Berserkerzorn ergriff ihn auf's neue. In diesem Augenblicke rauschte es im Nebenzimmer, jetzt huschte es durch den Vorhang. Da hatte der Germane mit eisernem Griffe die Alte bereits am Arme. Sie erschrak und ihre Kniee schlotterten, er aber schleppte sie vor das kleine Haupt des unschuldigen Kindes, indem er mit flammenden Augen in ihre verzerrten Züge starrte. »Was glotzest du?« rief er in entsetzlichem Tone. »Rede, bekenne! oder ich schüttle dir die Seele aus dem Leibe!« und er rüttelte sie, daß sie zu sterben meinte. »Sage es Jetta nicht«, keuchte die Alte in heiserem Tone. »Ihr Herz würde brechen, sie würde wahnsinnig, wenn sie es erführe. Die Kaiserin hat es gethan. Es ging so schnell, ich konnte es nicht hindern und Jetta hatte sie gekränkt, indem sie ihr Kind verfluchte. ›Was trägt es aus‹, sagte sie, ›ob ein todtes Kind mit oder ohne Kopf verbrannt wird. Ihr eigener Knabe soll mir bekennen, ob ihre Flüche an dem meinen sich erfüllen?«‹ »Warum fluchte Jetta dem Prinzen?« fragte Rothari finster. »Jetta wollte ihrem Kinde den Dämon austreiben, da erstickte der Knabe ... Er wäre doch gestorben ... Sie hat das Kind zu lang über die Kohlen gehalten ... Justina sagte die Formel so langsam ... Schon zehn Kinder habe ich mit dieser Beschwörung gerettet, aber die Kaiserin verdirbt alles.« So erfuhr Rothari die ganze jammervolle Geschichte. »Nun ist sie wirklich zur Medea geworden«, dachte er, »und hat ihr eigenes Kind geschlachtet.« »Laß mich«, flehte die Alte, seine mildere Stimmung gewahrend. Aber zu ihrem Unheile wollte sie sich losreißen. Er ergriff sie an der Kehle, indem sein Zorn nur um so wilder entbrannte. »Wer hat die giftigen Pfeile auf mich entsendet?« rief er in furchtbarem Tone. »Ich nicht ... ich nicht« ... röchelte sie. »Du nicht?« »Gratian« – stammelte Phorkyas. »Lügnerin!« rief Rothari entrüstet, »verruchte, verläumderische Hexe!« Phorkyas suchte mit ihren zitternden alten Händen seine Faust von ihrer Kehle zu entfernen, da griff er fester. Ihre Augen starrten kraß und quollen aus ihren Höhlen. »Viper, Viper!« rief er. »Oh, daß ich dich zehnmal erwürgen könnte!« Und er warf ihren Leichnam auf die Erde, der strahlend schönen Justina vor die Füße, die eben, ein Schwert in der Hand, triumphirenden Blickes eintrat. Mit einem Schrei sprang die Augusta zurück und entfloh, so rasch ihre Füße sie trugen. »Nun wird sie die Wachen gegen mich hetzen«, lachte Rothari mit wildem Hohne und griff nach seinem Schwerte. »Aber es sind Germanen. Wenn ich mit diesem Haupte vor sie trete und ihnen sage, was Justina mir gethan, dann ist es aus mit diesem Herrscherhause.« Einen Augenblick erhob er die Hand, dann aber sagte er: »Nein, ich will nicht auch deinen Frieden stören, du armes Kind und ich halte den Eid, den ich Gratian geschworen.« Zärtlich fuhr er über die kleinen blonden Haare. »Vor mir habe Ruhe.« Dann legte er sorgsam das kleine Haupt wieder auf den kabbalistischen Teller. »Ich lasse dich hier«, sagte er laut, »als Zeugen gegen die Gräuel dieses Hauses. Magst du das Mordweib selbst verklagen. Sie werden deinen blassen Lippen kein anderes Geheinmiß mehr entlocken; fürchte dich nicht, mein süßer Knabe!« Damit stieg er die Treppen wieder hinab, aber nicht zu Valentinian. Er fühlte, er würde den Tyrannen niederstoßen bei seinem ersten trotzigen Worte. Was hatte er auch dort zu suchen? Im Stalle suchte er sein Pferd und ritt von dannen. Jetzt hatte er genug gesehen von dieser römischen Welt voll Lug und Trug und magischer Gräuel und er lechzte förmlich nach der reinen Luft seiner heimischen Berge. »Fort zu deinem Volke!« rief er sich zu. »Oh daß du es nie verlassen hättest!« Und indem er einsam über die weite Ebene dahinritt, erwog er in tiefem schmerzlichem Ernste, wie er am besten seine Eide löse, um dem Dienste dieser Menschen zu entrinnen. Dreiundzwanzigstes Kapitel Die Rufe der Kaiserin hatten Hülfe herbeigezogen, aber die, die in diesem Augenblicke ihr die unerwünschteste war von allen. Gratian, im Begriffe zur Jagd zu ziehen, hörte auf dem Gange das Schreien der Kaiserin und flog die Treppe hinauf zu ihren Gemächern. Justina, aus einem Schrecken in den andern fallend, kehrte mit neuen gellenden Hülferufen um und verschwand durch die entgegengesetzte Thüre des Ganges. War es doch der Blutbruder des mörderischen Alamannen und ihr eigener Feind, der ihr bewaffnet entgegentrat. Sie meinte in diesem Augenblicke wirklich, Gratian stehe mit Rothari im Complott und der Jagdspieß in seiner Faust gelte ihrer Kehle. Befremdet folgte der junge Augustus der Fliehenden und während Rothari die vordere Treppe hinabstieg, kehrte er durch die ganze Flucht der Gemächer der Kaiserin zum Eingang zurück, ohne zu entdecken, was denn Justina so erschreckt habe. Da erblickte er unter der Thüre des letzten Gemaches, das Rothari soeben verlassen hatte, den Leichnam der alten Phorkyas. »Hat ein Dämon die Hexe erschlagen, während sie ihrem dunkeln Handwerk oblag oder starb sie am Anblick der Schrecken, die sie selbst citirt?« sagte Gratian kopfschüttelnd. Seine Waffe fester fassend stieg er über die Leiche hinweg und betrat die geheime magische Werkstätte. Das Erste, was sich seinem Auge darbot, war das von der Lampe beleuchtete Haupt des kleinen Tullius, das Gratian mit einem Laute des Abscheues zur Seite schob. Dann musterte er die mystischen Schalen, Pfannen, Würfel und Amulete. Auch die ausgehobene Platte auf dem Estrich entging dem scharfen Auge des Jägers nicht und er erkannte alsbald, daß hier die geheime Vorratskammer Justina's sich berge, aus der alle diese Gräuel entnommen waren. Mit einem grimmigen Lächeln machte sich der Jüngling daran, dieselbe auszuräumen, um dem Auge Valentinian's den ganzen Umfang dieses nächtlichen Treibens zu enthüllen. Unwillig ließ er die Unzahl von Fläschchen und kleinen Töpfen durch seine Hände wandern, die Todtengebeine, Skarabeen, bemeißelten Steine und gravirten Metallplättchen, bis ein Bündel von Pfeilen seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihm war, als ob er diese Waffen schon irgendwo gesehen, und plötzlich kam ihm auch die Erinnerung wieder. Ganz dasselbe kleine Geschoß mit dem grauen Reiherbarte sah er in der Buche bei der Höhle zitternd stecken, wo Rothari die Wölfin erlegt hatte. »Die muß ich Rothari zeigen«, sagte er, »vergleichen wir sie mit dem Geschoß, das jüngst wieder nach dem Einsiedler auf dem Bühle versendet worden ist.« Hastig raffte er die Pfeile zusammen und ließ den ganzen Bündel in seinen eigenen Köcher gleiten. Nachdem er sich dann überzeugt, daß das Versteck nunmehr geleert sei, breitete er den ganzen Zauberkram ringsum auf dem Tische und den Polstern aus, wartend bis jemand käme, den er nach dem Kaiser senden könne. Aber Valentinian trat selbst ein, die bleich dahinwankende Justina mit seinem Arme stützend. Schon im Nebenzimmer hörte Gratian, wie die Kaiserin Valentinian voll Leidenschaft bestürmte. Vor ihren Augen, in ihren eigenen Gemächern, habe Rothari Jetta's Dienerin erwürgt, wobei sie mit zwei Worten auf die Todte und Jetta alle Schuld des magischen Treibens ablud. Auch sie habe Rothari tödten wollen und mit gefälltem Speere habe Gratian sie verfolgt. Weiter kam sie nicht, da Gratian nunmehr selbst mit einem Blicke voll Verachtung aus dem kleinen Gemache hervortrat. Er riß den Vorhang zurück, daß die Tageshelle grell hereinfiel auf die nächtlichen Gräuel. Von Entrüstung glühend sprach er dann zu Valentinian: »Ehe du urtheilst, siehe mein Vater, wie die erhabene Kaiserin ihre Gemächer ausgestattet hat. Siehe hier, das Haupt eines erst jüngst geschlachteten Kindes, Rothari's Kind ohne Zweifel.« Valentinian fuhr zurück, als ob er die Meduse gesehen und vor seinem schielenden Blicke sank Justina zitternd auf ein Polster. »Deine Erlauchtheit wußte wohl nicht, daß das Edict des Kaisers die Aufbewahrung solcher Dinge mit dem Feuertode bedroht?« sagte Gratian mit unverhehltem Hohne. »Auch möchte ich dir rathen, deine mystischen Karten künftig besser zu mischen, ehe du sie weglegst. Sieh hier E.N.T.I.N.I.A. , das hieß doch wohl Valentinianus?« »Mein Sohn war gemeint«, hauchte Justina. »Richtig, mein armes Brüderchen, dessen Herz du schon jetzt mit Argwohn gegen mich füllst, damit der Krieg um die Herrschaft nur ja nie ende ... Doch deine Augen suchen etwas. Du vermissest wohl die vergifteten Pfeile? Ich bedauere. Rothari will erst vergleichen, ob sie nicht mit gewissen kleinen Geschossen Aehnlichkeit haben, die ihm zweimal aus dem Dunkel zugesendet worden sind.« Justina erbleichte auf's neue und fing an sich in Krämpfen zu winden. »Wahnsinnige!« rief jetzt Valentinian, noch immer starr von dem, was er vor sich sah. »Wenn Rothari dieses Haupt auf eine Lanze steckte, in's Lager ritt und dort vor den Germanen ausrief, was du gethan, wie lange glaubst du, daß unsere Herrschaft noch währte? Ich rathe dir, seinen Mund mit Schwüren zu schließen, ehe er die Soldaten zum Kampfe gegen uns aufruft und wenn du auf den Knieen seine Verzeihung erflehen müßtest! Gehe, ehe mein Zorn entbrennt, gehe, es könnte mich gelüsten, dein Haupt von dem schlanken weißen Halse zu hauen und es dem Germanen zur Sühne zu senden. Fort, fort«, rief er zornig, als Justina sich vor ihm niederwerfen wollte – »du bist eine Gefangene, bis ich selbst dir die Freiheit wiedergebe, wahnwitzige Megäre!« Langsam und mit wankenden Knieen entfernte sich die Schuldbeladene, indem sie sich zitternd an den Wänden hinschob. Gratian stand als stummer Zeuge bei dieser häßlichen Scene. Er selbst hätte an des Vaters Stelle Justina mit einem Faustschlage zermalmt, aber Valentinian's Kälte imponirte ihm auch wieder. Er sah auf's neue, wie der Kaiser, der über kleine Reizungen oft maßlos zürnte, alsbald Kälte und Fassung gewann, sobald eine ernste Gefahr ihr Haupt erhob. »Rufe den Velarius!« gebot Valentinian nunmehr seinem Sohne. »Ich werde diese Stube der Gräuel verschließen lassen für ewige Zeiten.« Als Gratian mit dem Beamten zurückkehrte, sagte Valentinian, auf die Leiche der alten Phorkyas deutend, mit majestätischer Gebärde: »Gerechte Strafe hat hier eine alte Sünderin ereilt; wirf ihre Leiche in den Rhenus. Diese Dinge hier verbrenne, ohne daß die Diener sie schauen. Das Kinderhaupt magst du im Garten begraben und sieh, wie du seinen Dämon sühnest. Du haftest mit deinem eigenen Kopfe für das strengste Geheinmiß.« Der Beamte verneigte sich und der Kaiser verließ mit dem Sohne das Gemach, um nach Rothari zu spähen. Seine Rechtlichkeit empörte sich gegen den Gedanken, so sehr in Nachtheil gerathen zu sein gegen einen Mann, den er haßte. Er wäre gern Rothari's ledig gewesen, aber daß Justina so schwer gegen den Germanen gefrevelt, band ihm nun wieder die Hände, denn es war eine der besten Seiten in des Kaisers Natur, daß er nur da wüthete, wo er selbst seine Härte für Gerechtigkeit halten konnte. Aber wenn er hier allen Verdacht, den er gegen Rothari hegte, in die Wagschale warf, sie schnellte in die Höhe vor dem Gewichte der Thaten, die sein Weib an diesem Manne verübt. Auch wenn die Gräuel, mit denen Justina sich besudelt, ihn nicht gegen das teuflische Weib empört hätten, sie hatte sein vermeintliches Recht an Rothari in Unrecht verwandelt und das konnte er selbst ihrer Schönheit nicht verzeih«. Aber das Gewitter, das sich über dem Haupte der sündigen Justina aufgethürmt hatte, kam nicht zur Entladung. Die Vorsehung, die oft lange Rechnungen auflaufen läßt, ehe sie die Schulden eintreibt, hatte auch Justina einer späteren Abrechnung aufbewahrt. Für jetzt war über dem Wodanwalde eine andere Wolke aufgestiegen, die des Kaisers Gedanken von dem frevelnden Weibe abzog. Als Valentinian nach dem Hofe des Palastes hinabstieg, um eine scheinbar zufällige Begegnung mit Rothari herbeizuführen, sah er sich plötzlich umringt von einer Schaar unbewaffneter Alamannen, die in wilden Klagerufen sein Erbarmen anriefen. »Auch das noch«, murrte Valentinian und die Ader auf seiner Stirne schwoll und sein schielendes Auge schaute tückisch. »Unsere Söhne, Augustus«, riefen die Germanen. »Gib die Kinder, die Geiseln!« tönte es immer wieder aus dem Gewirre alamannischer Reden, die er nicht verstand. Hoch richtete der Gewaltige sich auf und winkte Ruhe. Da trat einer der wilden Gesellen hervor. Der Reif des Alters lag bereits auf seinen Haaren, kluge blaue Augen funkelten unter den buschigen rothen Brauen. Trotz des unscheinbaren Harnischs von Leder und des zerfetzten Mantels von Schaffellen gebot seine Haltung Ehrfurcht. Des Lateinischen war er mächtig, wie viele dieser Recken, die abwechselnd dem einen Cäsar als Söldnerführer gedient und dann wieder gegen den andern gefochten. »Du siehst uns hier, zehn Edelinge unseres Volks«, begann der graubärtige Held, »die wir bei Abschluß des Friedens dir unsere Söhne als Geiseln dafür gaben, daß die Alamannen den Frieden halten würden. Wir haben ihn gehalten. Geiseln von dir forderten wir nicht, da wir deine Angriffe nicht fürchten, aber wir dachten, du würdest auch selbst den Vertrag achten und nicht uns zwingen, zum Schwerte zu greifen. Bis zu den Bergen sollte das Land dein sein, von den Bergen an unser. Du aber bautest erst hölzerne Warten auf diesen Bergen und sagtest, du müssest die Ausgänge der Thäler hüten gegen die Grenzläufer, die auch ohne Auftrag des Volks deine Höfe plünderten. Wir ließen es hingehn, denn, dachten wir, ein hölzerner Thurm ist rasch verbrannt. Aus dem Holze ward bald Stein und nun hast du dort oben auf dem heiligen Berge, den ihr den Mons Piri nennt, ein Castell zu bauen begonnen. Unser König sagte dir, daß das den Krieg bedeute. Du aber fährst fort, dein Wort zu brechen. Du willst den Krieg. Ist es dein Wille, den Vertrag zu lösen, den du beschworst, so gib uns unsere Söhne wieder. Vertrauend auf deine Eide haben wir sie dir gegeben; daß du uns nöthigen würdest zu neuem Kampf, konnten wir nicht erwarten.« Ruhig und bescheiden hatte der Alte geredet, treuherzig fast, auf eine Loyalität bauend, wie sie der Alamanne gegen den Alamannen voraussetzt. Nun aber begannen die Andern wieder ihre Rufe: »Unsere Söhne!« »Meinen Knaben!« »Halte deine Eide, Augustus«, tönte es wild durcheinander. Valentinian hatte mit finsterer Miene dem Sprecher der Barbaren zugehört. Daß die Sache sich genau so verhielt, wie der Germane sagte, konnte er durchaus nicht läugnen. Aber die Bedenken der Rechtlichkeit, die Valentinian einem Waffengefährten wie Rothari gegenüber fühlte, schwiegen hier gänzlich. Hier handelte es sich um Politik, um das Reich, um die Feinde Roms und wie er in ähnlichen Fällen sogar den Meuchelmord gut geheißen hatte, falls er das feindliche Volk damit tödtlich zu treffen meinte, so scheute er auch jetzt nicht vor treuloser Gewaltthat zurück. Je mehr er sich aber im Unrecht fühlte, um so zorniger brach er los. Statt auf die Bitte der Edelinge zu erwidern, schalt er auf die Treulosigkeit der Lentienser, die ihn am obern Rhenus zum Kriege genöthigt hätten. Den Geiseln wolle er nichts zu Leide thun, falls ihr Volk den Frieden halte, aber stärkere Garantieen brauche die Sicherheit des Reiches als die Hälse ihrer Söhne. Er müsse den Thalausgang des Nicer in seiner Hand haben, auch wenn es den Barbaren eines Tages gefalle, ihre Geiseln preiszugeben.« Die Gesandten verstanden von, dem Allem nur, daß der Cäsar ablehne. »Unsere Söhne gib uns, Meineidiger, unsere Kinder«, riefen sie in wildem Schmerze. Aber Valentinian blieb kalt und schüttelte zornig sein böses Haupt. Da brachen die Barbaren in ein so zügelloses Klagen aus, die Namen ihrer Kinder rufend und Roms Verrath verfluchend, daß die Wände des Palastes davon wiederhallten. Bittend neigte sich Gratian vor seinem finstern Vater und sprach: »Gib ihnen ihre Knaben und laß morgen das Spiel der Waffen beginnen.« Aber nur ein: »Schweige!« brüllte der Augustus ihm zu, daß der Jüngling bleich zurücktrat und traurig sich an einen Pfeiler lehnte. Die Alamannen aber stürzten unter lauten Weherufen zum Thore, den Tod ihrer Söhne bejammernd. Unter Flüchen und Verwünschungen warfen sie sich auf ihre sattellosen Pferde und jagten wild über die Ebene nach den Bergen, bis sie den Blicken der Römer entschwanden. Mürrisch, mit sich selbst und den Seinen zerfallen, zog sich Valentinian in seine Gemächer zurück, wohin er den Notar Syagrius entbot, der ihm diese Maßregel der Staatsklugheit hauptsächlich empfohlen hatte. Gratian schüttelte traurig sein Haupt. Ein Krieg, der mit einer solchen Handlung des Verraths begann, schien ihm wenig Gutes zu verheißen. Die Luft der Lüge und Gewaltthat in diesem Hause drückte seinen offenen und frommen Sinn. »Der Vater ist ein Anderer geworden in Justina's Armen«, seufzte er. »Es geht hier zu wie in der Burg des Juden Herodes.« So pfiff er seinen Hunden und stieg nach dem Ufer des Rhenus hinab, um auf der Jagd in dem Schilflande sich den Unmuth in seiner Weise zu vertreiben. Auch eine andere Zeugin hatte diesem empörenden Schauspiele mit ähnlichen Gefühlen gelauscht wie der junge Augustus, die trauernde Jetta. Hinter den Vorhängen ihres Gemachs, das auf den Hof hinausging, war sie fast wider Willen gezwungen gewesen, die Verhandlungen der Germanen bei Valentinian mit anzuhören und die Abscheulichkeit des ganzen Vorgangs rüttelte sie zum ersten Male auf aus ihrer Agonie. »Nur fort aus dieser Burg der Lüge und des Verraths«, rief sie ihrem Vater zu, der vom Standlager herübergekommen war, um sie zu trösten. »Ich will nicht länger Justina's Brot essen, nicht vor diesem wortbrüchigen Tyrannen mich beugen. Ich will mich demüthigen vor meinem Gatten und so lang ihm zu Füßen liegen, bis er mir das Unheil vergibt, das ich über uns beide gebracht habe.« Der Greis zog seine Tochter an's Herz und nachdem sie sich ausgeweint, versprach er Jetta, sie nach der Villa am Mons Piri zurückzubringen, sobald er sich bei dem Augustus beurlaubt und in dem Namen der Tochter für eine Gastfreundschaft gedankt habe, die sie so theuer bezahlt hatte. Arator fand den Augustus in Berathung mit Syagrius. Er war offenbar in gedrückter, argwöhnischer Stimmung. »Auch ich will mich hinüberbegeben«, sagte er in seiner mürrischen Weise zu Arator, »und sehen, wie weit das Castell auf dem Berge gefördert ist und wie es aussieht in euerem Lager. Kommt es zum Kriege, so werde ich von Mogontiacum aus gegen die Ortschaften der Barbaren im Taunus vorbrechen und dadurch Macrian nöthigen, sich dorthin zu wenden. So lang müßt ihr ihren Ansturm aushalten. Unter euch selbst aber muß Eintracht und Frieden sein, wenn der Kampf glücklich enden soll. Um das Meine dabei zu thun, werde ich Justina mit hinübernehmen nach dem Zehnthof, damit sie deinem Eidam ihr Vergehen abbitte.« Arator verstand dieses Wort nur halb und er staunte, daß Valentinian Justina's Schuld an dem Tode des Kindes so unumwunden zugebe. Als der Comes schwieg, sagte Valentinian in scharfem Tone: »Rothari darf jetzt nicht fort in dem Augenblick, in dem der Krieg mit Macrian vor der Thüre steht. Er weiß zu viel von uns, als daß wir ihn in das Lager der Alamannen entlassen könnten. Halte ihn durch Güte oder ich halte ihn mit Gewalt. Ihr haftet mir beide«, sagte er zu Syagrius sich wendend, »für sein Verbleiben.« Der Notar neigte sein Haupt und es schien Arator, als ob der Gegner ein hämisches Lächeln unter seinem rothen Barte verberge. Während diese Verhandlungen im Palatium zu Alta Ripa spielten, herrschte in Rothari's Blockhaus auf dem Bühle ein geschäftiges Leben. Umringt von Kisten, Säcken und Bündeln stand Lupicinus vor dem Hause und regierte mit jugendlichem Eifer die Knechte, denn er war geheißen worden, das gesammte Eigenthum seines Herrn nach dem Nicer hinabzuschaffen, wo etliche Kähne der Alamannen es aufnehmen würden. Der Herr, erzählte er den aufhorchenden Leibeigenen, verlasse den Dienst des Augustus und kehre in die Halle seiner Väter zurück. »Und geht die Domina mit?« fragte ein feingliedriger kleiner Gallier. »Das mag der heilige Bartholomäus wissen«, sagte Lupicinus. »Man sagt, sie habe selbst ihr Kind zu Tode gezaubert – oder war es Phorkyas, die jetzt den Rhenus hinabschwimmt, die alte Hexe – und der Herr habe im Zorne sein Weib verstoßen.« »Es sieht ja hier aus, als ob ihr von hinnen weichen wolltet«, ertönte nun die wohlklingende Stimme eines jungen Mannes am Thore, »was sollen diese Rüstungen?« Lupicinus schaute auf und sah einen Alamannen in einfacher Tracht, der unter dem Mantel einen großen Pack trug, den er sorgsam hütete. »Soll ich meinen Augen trauen oder nicht?« fragte Lupicinus, »aber wenn mich der Böse nicht äfft, so bist du Vulfilaich, des Herrn Bruder.« »Der bin ich, guter Lupicinus, und ich suche Rothari.« »Der Herr ist unten im Lager, wohin ihn Arator entbot im Namen des Kaisers.« »Dann werde ich dort ihn suchen, denn sprechen muß ich ihn. Aber diese Last lasse ich hier. Hüte den Bündel wohl, es ist deinem Herrn viel daran gelegen.« Lupicinus wollte ihm den Pack abnehmen und sagte: »Das sieht ja ganz wunderlich aus mit seinen Ecken und Spitzen;« aber Vulfilaich lieferte ihm den geheimnißvollen Gegenstand nicht aus. Selbst ging er nach dem Saale und setzte ihn dort auf den Tisch. »Nun«, begann Lupicinus, »du bist des Höhlenlebens müde, du frommer Mann, und trägst dich wieder wie unser Einer?« Der schwache Schimmer eines Lächelns ging über das bleiche Antlitz des Mönches, dann sprach er: »Ich bin, der ich war, und mein Herr ist derselbe. Er hieß mich diesen Gang antreten, nun kehre ich zu meinem Orte zurück bis er mich wieder ruft.« Lupicinus hätte gern noch mehr erfahren, wo Vulfilaich gewesen und was er gebracht habe, aber inzwischen war der Wolf des Mönches ansichtig geworden und begann zu heulen, an seiner Kette zu zerren und sich so unsinnig zu gebärden, daß der Mönch rasch den Hof verließ. Auch ihm schien die Erinnerung an die letzte Begegnung mit diesem Thiere wenig erfreulich. Erst vor der Thüre wendete er sich nochmals zurück und rief: »Daß mir keiner den Pack öffne, den ich gebracht, es würde den Herrn sehr erzürnen.« Natürlich bedurfte es nur dieser Warnung, um sämmtliche Knechte nach dem Saale zu führen, wo Vulfilaich sich seiner Last entledigt hatte. Neugierig umstanden sie den seltsam geformten Bündel. »Es ist ein Hirschgeweih«, sagte der Eine. »Dazu ist es viel zu schwer«, erwiderte Lupicinus, indem er die Last in die Höhe nahm. »Hm, schwer ist es nicht«, sagte ein Dritter, »aber es fühlt sich glatt an, wie ein Prunkgeräth.« »Dann muß es geputzt werden«, meinte der Erste wieder. »Wir sollen die Sachen einpacken«, entschied Lupicinus, den gleichfalls die Neugier plagte, »da muß ich wissen, ob das Ding noch ganz oder schon zerbrochen ist, damit nicht die Schuld auf uns falle. Gib mir dein Messer, Gallier!« So löste er die Hüllen und ein allgemeines Zeichen des Staunens und Entzückens brach aus dem Munde der Knechte, denn zum Vorschein kam ein getriebener goldener Helm mit schön gearbeiteten erhabenen Figuren und strahlend von Edelsteinen. »Welche Rubine!« rief der Eine. »Diese Topase! Sieh den Smaragd und den Carneol!« »Aber da, das Band hängt herunter, der Stift ist ab«, sagte Lupicinus. »Gut, daß wir ihn nicht so weiter gehen ließen, das Band wäre zu Grunde gegangen. Was die Figuren nur vorstellen?« »Es ist die kluge Pallas, die den tobenden Ares bändigt«, sagte der Gallier, stolz auf sein höheres Wissen. Die Alamannen schauten ihn auch staunend an. »Das Bild will sagen«, fuhr der beredte Sklave fort, »die wilde Kraft der Barbaren kann nur bezwungen werden durch höhere Kriegskunst, durch die besonnene Strategie der schlachtendenkenden Pallas. Ueber beiden aber stehet das Schicksal, dessen Hand hier aus den Wolken greift.« »Du bist ein kluger, alter Knabe«, sagte Lupicinus wohlwollend zu dem Gallier. »Mich wundert, daß der Herr dich nicht zu seinem Notare macht. Aber er haßt die Bücher.« Der Gallier seufzte. »Rasch, rasch«, sagte Lupicinus. »Der Herr kommt.« Er wollte geschwind den Helm wieder einpacken, aber der Wolf auf dem Hofe ward laut und man rief nach dem Schaffner. Lupicinus schob darum für jetzt die Hüllen an die Erde, deckte ein Tuch über den glänzenden Goldhelm und ging mit den Knechten nach dem Hofe, wo sie Rothari trafen. Diesem erstattete Lupicinus seinen Rapport und Rothari erwiderte, die Reise sei um zwei Tage verschoben, doch bleibe alles zum Aufbruch gerüstet. Der Held schien zerstreut und verstimmt. Es war offenbar, daß der Aufschub ihn keineswegs freute. Rothari hatte eine lange Unterredung mit Arator gehabt, die zunächst Jetta betraf. Mild, aber in festem Tone, trug er dem Vater seine Klagen gegen Jetta vor, ihre dunkeln Künste, die Entführung des Kindes, die Blendung ihres Gatten und ihre Schuld an dem Tode des Knaben. Arator hatte dem nichts entgegenzusetzen. Um geringeren Anlasses willen schieden sich vornehme Römer von ihren Weibern und Rothari konnte Jetta strenger Strafe überantworten, wenn man ihn reizte. Auch war der Comes zu stolz, seine Tochter dem Barbaren aufzudrängen. Innerlich freilich traf ihn Rothari's Härte tief, denn er wußte, daß dieser Schlag die gebeugte Gattin, die einsam drüben bei dem Marmorbrunnen seiner Villa saß, vollends niederwerfen werde. Die Worte Rothari's schienen ihm aber nicht unwiderruflich. Wenn es Valentinian gelang, den Alamannen festzuhalten, so war die Versöhnung der Gatten doch nur eine Frage der Zeit. Es lag so viel Erbarmen, so viel Schmerz in Rothari's schlichten Worten, daß Arator die Hoffnung für sein Kind nicht aufgab. Es galt nur Rothari's Reise hinauszuschieben. So rückte er denn mit der Forderung des Augustus heraus, Rothari dürfe jetzt bei Ausbruch des Krieges nicht das Heer verlassen. Aber Rothari fragte stolz, wer ihn daran hindern wolle? Die Augusta habe an seinem Kinde gefrevelt, schlimmer als Arator wisse und er ihm enthüllen wolle, Valentinian habe ihn schwer gekränkt, zwei Mal habe ein verkappter Meuchler auf ihn geschossen und kein Vertrag binde ihn an Rom. Arator freilich widersprach und Rothari wollte ihm den letzten und schrecklichsten Grund, der ihn vom Hofe schied, nicht nennen. Durch ihn sollte Jetta das Grauenvolle nicht erfahren und in der Leiche seines Kindes fühlte er sich selbst geschändet. Zudem, wenn Justina läugnete, wie sollte er ihr Verbrechen beweisen? Die einzige Zeugin war stumm wie die Fische, die ihre Leiche auf dem Grunde des Rhenus beschnupperten, wo sie die Strudel hin und wieder wogten. Als Arator sah, daß er Rothari zum Bleiben nicht bestimmen könne, verlangte er einen heiligen Eid, geleistet vor den Führern des Heeres, daß Rothari nicht gegen Rom fechten werde. Dieser erklärte, daß er sich an dem Kriege betheiligen wolle, den die Alamannen an ihrer Nordgrenze gegen die Burgundionen führten, wegen der Salzquellen, die beide Völker sich bestritten. Die Salzquellen von Schwäbisch Hall im Kocherthale. Der weiland römische Pfahlgraben schied damals Burgundionen und Alamannen in diesen Gegenden. Er sei bereit, drei Jahre keine Waffen gegen Rom zu tragen. In jeder Form, die Valentinian gefällig sei, wolle er dieses Gelöbniß bekräftigen. Damit schied er von Arator ohne Gruß für Jetta. Aber in seinem Innern war er so einig nicht mit sich, wie er äußerlich schien. Sein Herz hing noch immer mit einem starken Faden an der Frau, in deren Armen er die höchste Seligkeit der Erde genossen, deren tiefer Blick ihn auch jetzt noch verfolgte wie ein geheinmißvolles Räthsel, deren Anmuth und Majestät er nie tiefer empfand als in dem Augenblicke, in dem er nach den rauchigen Hütten seines Volkes sich zurückwendete, nach denen nie eine Grazie und keine von allen neun Musen sich jemals verirrt hatte. Aber Jetta zu den Alamannen nehmen? – Was sollte sie dort? Ihm zum zweiten Mal das Leben verderben? »Man führt nicht dieselbe Tragödie zwei Mal auf«, seufzte er. »Diese römische Welt gleicht einem glänzenden Theater, in dem man ein abscheuliches Stück spielt. Unsere Höfe aber sind überhaupt keine Bühne. Wie würde sie sich dort allein fühlen, sie, die Tag für Tag der Zuhörer, Zuschauer und des Applauses bedarf.« Das Alles war ihm völlig klar, aber er seufzte. Kurz nachdem Rothari das Lager verlassen, traf der Kaiser dort ein. Er hatte mit Syagrius das Castell auf dem Berge besichtigt und war mit dem Stande der Arbeit zufrieden. Da alle Steine und Quadern in langer Vorbereitung zurecht gehauen waren, konnte das ganze Werk in wenig Wochen vollendet stehn. Valentinian lobte Syagrius' Leistung und kehrte zu den Befestigungen am Nicer zurück. An der Porta Decumana kam ihm Arator entgegen, um ihm über Rothari's Pläne zu berichten. Aber der Kaiser schüttelte das Haupt noch ehe Arator geendet. »Der Alamanne bleibt, und da ich nun doch einmal hier bin, werde ich selbst mit ihm reden.« Sofort saß er im Sattel und ritt allein hinüber nach dem Bühle. Zu dem, was er mit Rothari zu verhandeln hatte, brauchte er keinen Zeugen. Die Strafe für Justina's Verbrechen, die er nicht fand, sollte Rothari selbst bestimmen und indem er Justina züchtigte, verhinderte er Rothari's Entweichen. Das Alles war nur die kalte Berechnung eines Tyrannen, dem im Grunde doch nichts wichtig erscheint, als seine Herrschaft, aber er selbst war geneigt, sich diesen Schritt als Großmuth anzurechnen. Konnte er doch Rothari nach Spanien schicken, wie es in ähnlicher Lage Julian mit Rothari's Vater Vadomar gemacht. Er konnte ihn niederstoßen lassen, wie Constantin unbequeme Feldherren zu beseitigen pflegte. Statt dessen bot er ihm Sühne. Aber es war nicht nur Großmuth, die ihn so handeln hieß. Von allen jenen starken Mitteln fürchtete er einen schlechten Eindruck auf die Germanen im Heere. Sollten sie sagen: Justina tödtete Rothari's Kind, zerriß seine Ehe, versuchte ihn zu morden und nach dem Allem schickt ihn der Kaiser in das Exil oder in den Tod? Das sah häßlich aus und mußte die germanischen Hülfsvölker erbittern. Es war freilich ein saurer Gang für den gewaltigen Imperator und seine Züge wurden düsterer je näher er dem Hause des Alamannen kam. Dieser hatte inzwischen seinen Saal betreten, wo er in ernste Gedanken versunken zwischen den aufgestellten Kisten und Körben hin und wieder ging. Noch einmal betrachtete er den verödeten Schauplatz seines geschwundenen Glücks, den die Abendsonne durch die kleinen Fenster mit ihren goldenen Strahlen überglänzte. Der Kampf, ob er sich von Jetta scheiden könne, begann auf's neue. Wenn er nun in einem andern Theile des Reiches Kriegsdienste nähme, dachte er. Dort würde Jetta in ihren Lebensgewohnheiten bleiben und die Trennung wäre ihnen beiden erspart. Aber würden sie glücklicher sein bei einem zweiten Versuche? »Nein, nein, nein!« rief er endlich. »Soll ich der kaiserlichen Furie dienen, die mein Kind geschändet? Meine Rache habe ich der Bundestreue und Gratian geopfert, aber soll ich erst noch warten bis ein dritter Pfeil dies Herz traf, das die Mörder zwei Mal verfehlten? Soll ich noch neue Gräuel kennen lernen zu denen, die ich gestern geschaut? Fluch auf dieses treulose, meineidige Geschlecht! Ich will heimkehren zu meinem Volke!« und er schlug mit mächtiger Hand auf den Tisch, so daß das Tuch von dem Goldhelme niedersank. Wie rothes Feuer sah er es plötzlich aufleuchten vor seinen Augen. Die blanke Kuppel des Helms schoß helle Strahlenbüschel durch den dämmerigen Saal. Die Edelsteine funkelten wie rothe und grüne Sterne, die niedersinkende Sonne spiegelte sich in dem gleißenden Golde und die sonst so dunkle Stube des Alamannen erstrahlte in wunderbarem, magischem Lichte. Geblendet stand Rothari vor diesem Anblick. War das ein Zeichen? Stolz nahm er den Helm: »Dich wollte ich dem meineidigen Augustus zurückstellen, der vielleicht morgen schon zehn junge Edle meines Stammes schlachtet, nachdem er uns die Treue gebrochen. Nein, nun werde ich ihn tragen. Freue dich, Valentinian, wenn ich in drei Jahren mit dir fechten darf, dann sollst du mich schauen in deinem eigenen Schmuck und dann weh dir, meineidiger Kaiser!« Er setzte den Helm sich auf und ging in demselben stolz im Saale hin und wieder. Es war, als ob eine lodernde Gloriole das furchtbare Haupt des Recken umgebe, so zückten die Lichtstrahlen feurig nach allen Seiten. Dieses Spieles endlich müde, wollte Rothari das Band befestigen, das auf der einen Seite herabhing. Als er damit nicht zum Ziele kam, rief er den Schaffner. Lupicinus nahm den Zierrath auseinander und während er den Stift festdrehte, sagte er: »Der Augustus sah so seltsam aus, als er ging und blieb so kurz?« »Wo?« fragte Rothari. Der Schaffner sah ihn betroffen an. »Wo sahst du Valentinian?« wiederholte der Germane. »Nun, er kam hier die Treppe herunter, nachdem er kaum am Thore gefragt hatte, ob du drinnen seist?« »Valentinian war hier?« fragte Rothari ungläubig. »Ich hielt selbst sein Pferd, aber nach wenigen Augenblicken kam er zurück. Er schien zornig zu sein und vor dem schielenden Blicke, mit dem er mich anstierte, wich mir alles Blut zum Herzen. Er aber sprang auf sein Pferd und ritt wie rasend den Berg hinunter.« Rothari schwieg. Der Kaiser vor seiner Thüre ohne einzutreten, das bedeutete nichts Gutes. Sollte er ihn im Helme belauscht, den Helm als den seinen erkannt haben? Wohl möglich. Dann, Rothari, hüte dich vor deines Kaisers Rache! Aber war es auch glaublich? Möglicher Weise hatte es den launischen Tyrannen gereut, daß er den ersten Schritt der Versöhnung thun wollte. Sicher, daß der Jähzornige sich nicht so ruhig wieder entfernt hätte, wenn er Rothari in seinem Goldschmuck überraschte. Daß er ihn dann hinterrücks niedergestochen, wäre viel wahrscheinlicher. Einen Augenblick dachte Rothari daran, ob er ihm den Helm nicht schicken solle? »Nein, das wäre feig. Noch gestern konntest du das, heute wäre es gegen deine Ehre ... Aber Vorsicht, die Augen offen!« Am folgenden Morgen erschien Arator wieder. Der ehrwürdige Greis war noch ernster als sonst, als er Rothari den Bescheid des Kaisers bestellte. Valentinian zürne, sagte er, daß Rothari den Frieden seines Palastes durch eigenmächtige Bestrafung der Phorkyas gebrochen und seine Gattin beleidigt habe. Auch seinen Eiden, die Waffen drei Jahre nicht gegen Rom zu erheben, lege er geringe Bedeutung bei. Nur mit Mühe habe er den Augustus zu einem Vergleiche bestimmt. Rothari solle durch die Bluttaufe der Taurobolien sich entsühnen von der Blutschuld, die er auf sich geladen und in der Grotte mit dem Empfang der letzten Weihen den Friedenseid leisten. »Du weißt, daß morgen die großen Feste des aus dem Steine Gebornen beginnen. Dort sollst du dich durch hohen Schwur und Handschlag binden und in heilige Gluth Trankopfer gießen unter Fluchbetheuerung.« Rothari schaute Arator fest in die Augen. Die Falle schien ihm so plump, daß er nur Hohn für diese Menschen empfand. Aber Arator hielt offenen Blicks das prüfende Auge des Germanen aus. »Er wenigstens scheint nichts Arges im Schilde zu führen«, dachte Rothari. »Aber, daß ich die Grotte nicht lebendig verließe, ist sicher.« »Setzen wir List gegen List«, war dann seine weitere Erwägung. »Ich unterziehe mich den Taurobolien und sind sie dann sicher gemacht, so reite ich vor den Mithräen heimlich von dannen. Mein Versprechen halte ich deßhalb doch, ob ich es Arator allein in meinem Hause gelobte oder ihnen allen in den Schrecken der Grotte.« Ohne eine bestimmte Zusage zu geben, fragte er deßhalb: »Wo sollen die Taurobolien begangen werden?« »Am Steine des Giganten«, erwiderte Arator. »Und wer wird mir zur Seite stehen?« »Wähle selbst deine Begleiter.« Rothari besann sich eine Weile, dann sagte er: »Gratian und dich.« »Ich leite das Opfer als Pontifex«, erwiderte Arator. »So schlage mir einen Begleiter vor«, sagte Rothari. »Ist mein Neffe Nasica dir recht?« »Der ist treulos«, dachte Rothari, »aber ein Schwächling. Er wird nichts wagen.« Um also Arator nicht zu kränken, stimmte er bei. Beide kamen nun überein, daß an diesem Abende der Akt der Entsühnung, in der folgenden Nacht das Gelöbniß in der Grotte vor sich gehen solle. Sobald der Comes sich entfernt hatte, befahl Rothari den Sklaven, sein Eigenthum, den Goldhelm inbegriffen, nach dem Nicer hinabzubringen und auf den bereitliegenden Kähnen einzuschiffen. Er selbst gab in den Wirthschaftsräumen noch Weisungen, wie es mit Pferden und Thieren zu halten sei. Alles bleibe zu Jetta's Verfügung, auf deren Grund und Boden er das Haus gebaut. Das Wohnhaus werde er abschließen und Jetta die Schlüssel ausliefern. Am Mittage kehrte Lupicinus vom Nicer zurück. Niemand hatte sich der Einschiffung der Güter widersetzt, die beim Takte der Ruder langsam aber sicher den Nicer aufwärts schwammen und jetzt vielleicht schon außer dem Machtbereiche des Kaisers waren. Rothari sah darin ein gutes Zeichen. Vielleicht hatte er doch Valentinian mit seinem Argwohn zu viel gethan. Das Haus war nun bestellt und nur den Schlüssel mußte er noch verwahren. Sobald die Diener sich entfernt hatten, löste Rothari den Wolf von seiner Kette, der mit fröhlichen Sätzen den Herrn umsprang. Der Alamanne liebkoste ihn und nahm ihn mit in den Saal, dessen Fenster er von innen verwahrte. Dann verriegelte und verschloß er die Thüre und zeigte dem Wolfe den Schlüssel. »Hüte, Wolf, hüte«, sagte er zu dem Thiere, das zornig knurrte. Dann schritt er mit dem Getreuen dem Walde zu, den Schlüssel stets vor ihm her in der Hand tragend. An dem Waldteiche, wo er mit Jetta so oft gewesen, machte er Halt. Wehmüthig ließ er sein Auge hinschweifen über die stille Stätte eines versunkenen Glücks. Dann nahm er vor einem Moospolster, auf dem er oft mit Jetta gesessen, eine große Steinplatte hinweg. »Hüte, Wolf, hüte«, sprach er wieder und brachte den Schlüssel an den Platz, worauf er die Steinplatte darüber legte. Der Wolf aber knurrte, als werde er jeden zerreißen, der auch nur zu nahen sich erfreche. »Leg dich, hüte«, befahl Rothari wiederum, worauf das gewaltige Thier sich gehorsam auf der Platte niederwarf. Nach einer Weile ertönte vom Waldesrande ein Pfiff, worauf der Wolf in großen Sätzen dahinschoß, bis er seinen Herrn eingeholt hatte. Als er den Bühl wieder erreicht, setzte sich Rothari, von all der Arbeit und all dem Leide müde, still vor sein Haus, Gratian und Nasica erwartend, die ihn der Abrede gemäß zu dem Opfer abzuholen hatten. Im innersten Gemüthe war ihm noch immer, als ob sich irgend etwas ereignen müsse, was ihm Jetta wiederum zuführe. Diese unklare Hoffnung hielt ihn fast mehr als sein Wort, das ihn an diese Wortbrüchigen nur locker band. Vielleicht war es unklug, nicht sofort zu fliehen. Aber was konnte ihm bei einem Opfer zustoßen, bei dem Arator und Gratian ihm zur Seite standen? Und so seltsam es war, auch das mystische Verlangen, zum Abschluß seines Lebens in der Fremde jene höchste und wirksamste Sühne zu empfangen, wirkten auf seinen frommen Sinn. Ja selbst die letzte Weihe der Grotte hätte er sich gern ertheilen lassen, wäre er sicher gewesen, wieder zum Tageslichte zurückzukehren, falls er sie betrat. Aber in den Prüfungen der Mysterien konnten ihn weder Arator noch Gratian beschützen; die Schwerter, mit denen man dort den Muth erprobte, waren scharf und niemand konnte dafür einstehn, wer sie führe. Vierundzwanzigstes Kapitel An dem bekannten Gartenplatze der Villa Arator's saß Jetta allein und traurig. Wer sie in den Tagen ihres Glanzes gekannt, hätte in dieser bleichen, zitternden Gestalt mit den tiefliegenden Augen die sonnige Tochter dieses Hauses nicht wieder erkannt, die vordem einen Abglanz ihres Lichtes auf jedem Antlitz aufleuchten ließ, das ihr gegenübertrat. Das war nicht mehr die stolze, heftige, gebieterische Minerva von ehedem. Die Kraft ihres mächtigen Lebens schien erschöpft und die innere Vernichtung, die mit der Zerstörung ihrer Ehe und dem Tode ihres Kindes über sie gekommen, gab ihrem Wesen eine Gelassenheit, die ihr nicht natürlich war. Selbst die Nachricht von Phorkyas' plötzlichem Tode machte ihr keinen Eindruck. Sie wußte, daß Rothari wieder drüben auf dem Bühle hause, aber er hatte ihr keine Botschaft gesendet. Alle ihre Vergehen standen ihr in dieser Abendstunde düster vor Augen und wie die Schatten wuchsen mit der sinkenden Sonne, so wuchs die Trauer in ihrem Gemüthe. Das einförmige Plätschern des Marmorbrunnens erzählte ihr heute nur dunkle, trübe Geschichten. Einen Tag ihrer Ehe nach dem andern ließ sie an ihrer Erinnerung vorübergehn und die Geister, die sie beschwor, zeugten wider sie. Welche Vermählungsfeier hatte sie Rothari bereitet in den Schrecken der Grotte, wie hatte sie ihn gequält mit verstocktem Schweigen und geärgert mit leidenschaftlichem Widerspruch, wie hatte sie jeder krankhaften Stimmung nachgegeben und den Gesunden durch schwächliche Launen sich entfremdet. Wie thöricht und unwürdig war das Treiben mit den Vettern gewesen. Vor allem aber die traurigen Geheimnisse, die zwischen ihnen gestanden, vom ersten Tage an! Ihr kabbalistisches Treiben, das sie ihm zum Trotz fortgesetzt, bis Feindschaft zwischen ihnen sich eingenistet, bis die Thörin Phorkyas mehr ihr Vertrauen besaß als ihr Gemahl und ihr schließlich selbst das Augenlicht ihres Gatten nicht mehr heilig war. Nun saß sie wieder hier an der Stätte ihres früheren Glücks – eine schuldbeladene Frau, einsam, allein, verlassen. Und zu dem andern Leid kam anderes Leid, konnte sie mit dem Dichter sagen. Die Gattin war unglücklich und die Mutter war elend. Ihr Kind hatte sie vor dem Vater retten wollen und hatte es getödtet; ihr ganzes Glück hatte sie der dunkeln Kunst geopfert – das war der traurige Kreislauf, in dem ihre Gedanken sich umtrieben. So fand sie sich an dem Platze, wo sie vor zwei Jahren gleich einer Königin gethront. Droben gingen die Sterne auf, doch was kümmerte es sie, was ihre Figuren für heute bedeuteten. Ihr konnten sie nichts mehr nehmen und nichts mehr bringen. Freilich – noch war sie jung, noch war sie schön, und frei war sie auch, wenn Rothari sich von ihr schied. Syagrius würde ihr beweisen, daß alles mit ihr stehe ganz wie zuvor. Aber sie selbst war nicht mehr die, die sie zuvor war. Wir sind nicht mehr dieselben, enttäuscht, ohne Vertrauen, ohne Glauben, ohne Hoffnung; der Purpur ist abgefallen, das Diadem verloren und unsere Seele schauert. Wir vermögen nichts mehr, weil wir selbst nicht mehr an uns glauben. Indem Jetta so stumpf und traurig in ihrem Stuhle lag, hörte sie Schritte, aber sie mochte sich nicht umwenden, bis eine zaghafte Stimme in fremdartiger Aussprache hinter ihr sagte: »Du kamst einst zu mir, Jetta, als ich traurig war und mein Gatte mich verlassen wollte, heute sagen sie, es stehe mit dir so, wie es damals mit mir stand. Da wollte ich sehen, ob ich dir nicht helfen könnte?« Es war Bissula. Jetta schaute sie müde an. War es mit ihr so weit gekommen, daß dieses unbedeutende, ungebildete Barbarenweib ihr ihre Hülfe anbot? Finster richtete sie ihre großen Augen auf den unerwünschten Besuch. »Nicht diesen Blick!« sagte Bissula. »Sieh, ich hielt dich einst für stolz, und das bist du auch. Aber ich hielt dich auch für böse, weil du mit den heimlichen Gewalten umgehst. Da sah ich dich in deinem Garten, wie du jede Blume segnetest und ich sagte zu Ausonius, sie ist doch gut. Ich liebte dich, weil du so schön warst, nun liebe ich dich, weil du weinen kannst, wie wir Andern. So sage mir deinen Kummer.« Jetta erwiderte, indem sie ungeduldig zur Seite blickte: »Du kennst ihn ja!« »Rothari will weg und läßt dich hier? Warum folgst du ihm nicht wider seinen Willen?« »Soll ich mich, wie seine Wölfin an seine Fersen heften und ihm die Hände lecken?« sagte Jetta bitter. »Hat er dich geschlagen oder getreten?« »Jetta schlägt man nicht.« »Ach, dann ist ja alles gut. Meinst du, daß ich heute Ausonius' rechtmäßige Gattin wäre, wenn ich ihn jedesmal hätte entlaufen lassen, so oft er weggehen wollte? Ich setzte ihm nach, holte ihn ein, ich weinte, ich umfaßte seine Kniee und siehe, jetzt sind wir glücklich und er denkt gar nicht mehr daran, mich zu verlassen, denn seit er das Podagra hat, sagt er immer, so wie ich würde ihn doch kein Diener pflegen.« Jetta schwieg. Zwar dachte sie, was sich für Bissula schicke, schicke sich nicht für Jetta, aber eine innere Stimme sagte ihr, »sie ist glücklich bei diesem Mangel an Frauenstolz und ich bin elend. Was hilft es mir da, Jetta zu sein. Nichts habe ich mir vergeben, ganz, unversehrt, spiegelrein habe ich meine Ehre, aber kann ich davon leben und glücklich sein? – Ich wollte, ich wäre auch ein Weib wie diese, aber ich bin es nun einmal nicht.« »Jetta«, fing Bissula nun auf's neue an, »du möchtest wieder zu deinem Manne. Solchen schönen Mann, so groß und mit einem blonden Barte läßt man nicht ohne weiteres fortlaufen. Aber zwischen euch liegt ein Graben, das ist dein Stolz. Ich aber weiß ein Brett über diesen Graben, daß du hinüberkommst mit trockenem Fuße. Du kannst hinübergehn, um ihn zu retten, so daß er dir noch zu Füßen fallen muß und dir danken.« »Ist Rothari in Gefahr?« rief Jetta und fuhr auf wie eine Tigerin. »Siehst du, daß du ihn noch liebst«, sagte Bissula pfiffig. »Gib Antwort! Was weißt du von Rothari?« »Nun«, sagte Bissula, »sie versammeln sich diesen Abend am Steine des Giganten, wo Rothari die Bluttaufe erhalten soll, wie sie das nennen. Morgen aber wird er in der Grotte des Mithras einen heiligen Eid ablegen, daß er nicht gegen Rom fechten wolle. Unter dieser Bedingung hat ihm Valentinian erlaubt von dannen zu ziehn. Ich fragte Ausonius, ob Rothari wirklich übermorgen gehen werde, der aber antwortete: ›Ja, wenn er dann noch lebt.‹ Nun dachte ich, wenn du dich mit ihm versöhntest, würde er aus freien Stücken bleiben und dann brauchte der Augustus ihn nicht umzubringen. Es ist doch schade um den schönen Mann.« »Am Steine des Giganten, sagst du? Und heute? Ich muß hinüber, komm, begleite mich! Wenn ich ihn mit meinem Leibe decken müßte, die Mörderbrut soll mir nicht rühren an sein heiliges Haupt.« Bereits hatte sie in leidenschaftlicher Hast einen dunkeln Mantel übergeworfen und befahl Bissula ihr zu folgen. »Ausonius wird schelten«, sagte Bissula, »wenn du aber meinst, daß wir Rothari nützen können, will ich mit dir gehn. Er war ja immer gut gegen mich.« Ohne Antwort schritt Jetta hinaus und Bissula folgte. Der Himmel hatte sich umzogen und Regenwind wehte vom Rhenus her. Der Nicer floß dunkel und schaurig dahin. Die Anhöhen waren finster und das Lager glich mit seinen hohen Böschungen einem unheimlichen Sarkophage, der mitten in der weiten Ebene stand. »Sie feiern wieder ihre Mysterien im Walde«, sagte der römische Posten zu seinem christlichen Genossen, als die beiden Frauen in später Stunde so allein die Brücke passirten. Schwieriger war die Wache am Ausgang der Brücke zu bestimmen, die Frauen durchzulassen, aber Jetta nannte sich, sie wolle noch nach ihrem Hause auf dem Bühl und ehe der Posten sich schlüssig gemacht hatte, schritt sie eilig weiter. Denn bereits sah sie Lichter an der Bergwand sich bewegen, die ihr zeigten, daß die Feier am Steine des Giganten beginne. Es war eine Lichtung im Walde, einige hundert Schritte über der Thalsohle, hart an einer Felswand gelegen, die diesen Namen trug. Mitten zwischen riesigen Eichen hatte der Sturm der Urwelt hier gewaltige Felsenklötze so seltsam übereinandergeworfen, daß eine große Steinplatte, einem Tische ähnlich, auf zwei riesigen Felsen lag. Die Natur hatte sich gleichsam selbst einen riesenhaften Altar gebaut, den die Menschen nur benützten. Schon in den Tagen der Kelten waren hier zahllose Menschenopfer geschlachtet worden. Hingestreckt auf dem flachen Steine hatten Gefangene und Sklaven unter dem Messer langbärtiger Druiden in diesem heiligen Haine geendet und die Rinne war auf der Platte noch sichtbar, in der das Blut nach unten abfloß. Das Rauschen der hohen Wipfel erzählte von Seufzern und Weherufen und die Wurzeln der rothen Eichen waren reichlich getränkt mit Blut. Dann kamen die Sueven. Der Menschenopfer wurden es weniger, aber edle Pferde fielen unter dem scharfen Stahle des Opfermannes und die bleichen Schädel der Rosse starrten mit ihren weit aufgerissenen Nüstern von den Eichstämmen, an die man sie genagelt. Wie oft hatten die Tapfern hier um die Kufe mit Gerstensaft gesessen und hatten von der Pferdebrühe gekostet. Als die Sueven abgezogen waren und Rom das Land am Nicer besetzt hatte, wurden die Pferdeschädel, die die Germanen da hinterlassen hatten, von den Bäumen geworfen und die blutigen Menschenopfer wurden den zurückgebliebenen Germanen, wie den zugewanderten Galliern untersagt. Aber der Ort blieb verrufen. Der stille Hain galt jetzt als Heiligthum der dreigestaltigen Hekate, der Göttin der Kreuzwege und des Mondwechsels, die in der Mondhöhle haust. Auch jetzt erzählten die flüsternden Schatten unter den alten Bäumen nur von dunkeln Gräueln, die blutiger Wahn in der Stille hier verübte, heute, wie vordem. Diesen unheimlichen Platz am Steine des Giganten hatten die Gläubigen der Mithrasgrotte sich erwählt, um Rothari die Taurobolien zu spenden. Diese schauerliche Handlung bestand darin, daß der zu Weihende das Blut eines über ihm geschlachteten Thieres auf sich niederrieseln ließ, um durch das Blut des Opferthiers seiner eigenen Vergehungen ledig zu werden. Jetta hatte zunächst die unbestimmte Ahnung einer Gefahr getrieben, bei dem heiligen Akte zugegen zu sein. Auf dem Wege machte sie sich dann den Plan, sie wolle als Nothari's Weib Antheil an dem sühnenden Werke verlangen, wie sie auch an seinem Vergehen reichlichen Antheil gehabt habe, ia die eigentliche Urheberin desselben sei. Stand sie, Arator's Tochter, mit ihm in der Grube oder unter dem Opfersteine, so würden die mörderischen Hände doch wohl von ihrem Unternehmen abstehn und schlimmsten Falls starb sie dann im Verein mit ihrem Gatten. Etwas Auffallendes konnte in ihrer Bitte nicht liegen, da auch Frauen die Taurobolien gespendet wurden und Jetta selbst zu den Geweihten der Mithrasgrotte gehörte, ja sogar den Rang einer »Löwin« einnahm. Während sie so, vielfach aufgehalten von der in dem nächtlichen Walde ängstlichen Bissula, dem Lichtscheine zustrebte, der den Anfang der Mysterien verkündete, zog vom Bühl herüber der feierliche Zug der Geweihten. Ein Stier, ein Widder und eine Ziege waren aus Rothari's Ställen gegen Abend ausgewählt worden und die mit schweren Eichenkränzen behängten Thiere eröffneten die Prozession, welche von dem Hause des Alamannen nach dem Steine des Giganten herabstieg. Hinter den Thieren und ihren Begleitern schritt Rothari's hohe Gestalt, angethan mit Goldschmuck und weißen Gewändern. Seine Begleiter waren Gratian und Nasica, bekleidet mit dem fliegenden Mantel des phrygischen Gottes und seiner nach vornen fallenden spitzen Mütze. Hinter ihnen kam Arator als Pontifex oder heiliger Vater, in weitem, wallendem Priestergewande. Neben ihm schritten Statius und Syagrius mit Kränzen in den Haaren, der eine das Opferbeil, der andere das Opfermesser tragend. Eine bunte Reihe von Geweihten, die Meisten in weißer Toga, Andere in dem von den Stürmen gebleichten Soldatenmantel oder in der kriegerischen Pracht ihrer scheckigen Pardelfelle und wallenden Helmbüsche beschloß den Zug. Am Opferplatze angelangt, wurden die Opferthiere über eine Brücke zum Felsen emporgeleitet und an den dort eingeschmiedeten Ringen befestigt. Dumpf tönte das Brüllen des Stiers durch die stille Nacht, von den Klagelauten der beiden kleineren Genossen begleitet. Jetzt, nachdem die Thiere gefesselt waren, ward auf dem Steine ein Feuer entzündet, das die Spitzen der Bäume phantastisch beleuchtete. Geisterhaft nahm der Kreis der Mysten sich aus, der von der Flamme bestrahlt den Stein umschloß, während phantastische Schatten der dunkeln Gestalten an der Felswand und den hohen Stämmen sich hin und her bewegten. Inzwischen dieser Vorbereitungen stand Gratian neben Rothari, jede Bewegung des andern Begleiters Nasica belauschend, um Rothari etwas mitzutheilen, falls Nasica sich abwende. Aber dieser wich keinen Augenblick von ihrer Seite. Rothari ward Gratian's Unruhe gewahr und von Argwohn erfüllt, wie er gekommen, war ihm des Jünglings Erregung verdächtig. Schon auf dem Wege hatte ihn befremdet, daß Gratian in seinem Mantel eine Waffe berge, wie seinem scharfen Auge nicht entging. Der Jüngling, unwillig, seinen Zweck nicht erreichen zu können, warf eben jetzt seinen Phrygermantel auf die andere Seite und aus dem Köcher, den der Germane schon lang beobachtet, sahen etliche Pfeile hervor. Scharf faßte Rothari dieselben in's Auge. Da wurden plötzlich seine Brauen finster und seine Augen blitzten. Er zog eines der kleinen Geschosse heraus, ohne daß Gratian es merkte. Es waren dieselben, die er nur allzuwohl kannte. In ihm schrie es auf vor bitterer Verachtung: »Auch du Brutus!« Dann lachte er höhnisch. »So sprach die Hexe dennoch die Wahrheit und ich war ein Thor an eines Welschen Treue zu glauben!« Während dessen hatte Arator den Felsen betreten, verhüllte das Angesicht und sprach mit leiser Stimme nur halbverständlich die geheimnißvollen Gebete. »Tritt herzu«, gebot er dann mit lauter Stimme. »Wer wird dein Führer sein?« fragte nun Syagrius, der den Strick hielt, den man dem zu Weihenden als Symbol um den Hals zu legen pflegte. »Du selbst«, erwiderte Rothari, »und Statius.« »Was soll das?« flüsterte Gratian. »Du wähltest ja Nasica und mich zu Begleitern?« »Ich fürchte, ich könnte mich an deinen vergifteten Pfeilen ritzen«, erwiderte Rothari schneidend und warf die zierliche Waffe, die er noch immer in der Hand hielt, Gratian vor die Füße. »Ich sage mich los von dir, der Blutbund ist gekündet«, fügte er kalt hinzu und wendete Gratian den Rücken. Der Jüngling zitterte vor Erregung, die Thränen traten ihm in's Auge. Aber hier, wo er Justina schonen mußte, wußte er keine Antwort zu finden. Inzwischen hatten auch Statius und Syagrius Blicke und leise Worte gewechselt und Syagrius trat heran und legte den festgedrehten Strick Rothari zweimal um Hals und Schulter. Als Gratian abwehren wollte, sagte Statius mit spöttischem Lächeln: »Lasse mich, Augustus, ich schulde ihm noch eine Sühne für die Freuden seines Hochzeitsmahles und er mir.« Damit ergriff er das eine Ende des Stricks, während Syagrius das andere festhielt. So geleiteten sie, nach der Vorschrift des heiligen Brauches, Rothari, gleichsam als Opferthier, unter den Stein und verschwanden mit ihm im Dunkel. Rothari stellte sich zu der Rinne, durch die das Blut von dem Opfersteine abfloß. War die Taufe vollendet, so kehrte er durch denselben Weg unter dem Steine zu den Andern zurück, um seine blutigen Gewänder zu zeigen und als »Neugeborner, Entsühnter« ihre Glückwünsche zu empfangen. Aber der Germane war sofort inne geworden, daß er sich aus schlimmen Händen in schlimmere begeben habe und sobald sie in das Dunkel unter dem Steine getreten waren, schob er die linke Hand zwischen Strick und Kehle und machte die andere frei zum Kampfe. Arator hatte indessen oben auf dem Steine die Gebete vollendet, ergriff die Axt und trat zu dem Stiere. Mit nervigem Arme erhob der Greis die blanke Waffe, sie sauste nieder, das Thier bäumte sich noch einmal auf, hoch spritzte der Blutstrahl und verendend lag der Stier auf der Felsplatte, während sein Blut warm auf Rothari herniederrann. Indessen hatten Jetta und Bissula von der andern Seite her den Weg erklommen, der nach dem etwas tiefer liegenden Steine hinabführte. Unter ihnen erglänzte Fackelschein und dumpfes Gemurmel drang an das Ohr der beiden Frauen. Bissula, die nicht zu den Geweihten zählte, blieb zaghaft zurück, während Jetta muthig den schmalen Fußpfad an der steilen Felswand herabstieg, immer dem Scheine nach, der von unten durch die Büsche leuchtete. Jetzt thaten sich die Zweige auseinander und das schauerlich schöne Schauspiel lag offen vor ihren Augen. Auf dem Steine sah sie den getödteten Stier; hell angestrahlt von der Flamme stand daneben die ehrwürdige Greisengestalt ihres Vaters; gegenüber schloß sich der Ring der ernsten Opfergenossen, geisterhaft beleuchtet von dem Ungewissen, zitternden Scheine des Feuers. Jetta bemerkte nun, daß sie zu spät gekommen, aber wo ihr Vater des Opfers waltete, konnte Rothari keine Gefahr drohen. Sie blieb ruhig auf ihrem Felsvorsprunge stehen. Jetzt ward auch sie von den Männern drüben bemerkt. Alle Blicke richteten sich nach der in einen schwarzen Mantel gehüllten Gestalt, die auf der Felskante über allen schwebte, bald vom Feuer flackernd beleuchtet, bald vom Rauche verschleiert. »Jetta, die Zauberin«, ging es von Mund zu Munde. Nie hatte sie der Göttin der Kreuzwege mehr geglichen als in dieser geheimnißvollen Stunde, in der ihre dunkle Gestalt über Fels und Büschen aufdämmerte. Aber während alle Blicke sich nach Jetta richteten, wurde es unter dem Steine laut wie ein Kampf ringender Männer. »Mörderische Brut, feige Meuchler!« hörte man Rothari's gewaltige Stimme: »hier, hier«, rief er und man hörte das Knirschen von Knochen, die an den Felsen gestoßen wurden und noch ehe Jetta einen Schritt vorwärts thun konnte, kam der Notar Syagrius in wilder Flucht hinter dem Felsen hervor, verfolgt von dem Germanen, der nun einen Augenblick einhielt, um sich des Strickes zu entledigen. Mit weit aufgerissenen Augen, geisterhaft, hatte Jetta das Schauspiel mit angesehen, das zu ihren Füßen sich abspielte. Was sie nun aber schaute, schien ihr ein Traum. Sie sah das weiße Haupt ihres Vaters sich bücken, Arator ergriff die Axt und setzte Rothari nach, hart an den Rand des Steines vorspringend schlug der Greis nach unten. Jetta sah noch, wie die hohe Gestalt Rothari's ausbeugte, aber die Axt traf statt des Hauptes seinen Hals und mit einem Schmerzensrufe stürzte der Held zusammen. Während der plötzliche Schreck Jetta's Sinne mit tiefer Ohnmacht umhüllte, begann wildes Getümmel jenseits des Opfersteins, wo Gratian den Notar an der Kehle faßte und mit zitternder Hand nach einer Waffe suchte, um den Meuchler zu durchbohren. Aber Nasica legte die Hand auf seinen Arm und hielt ihn zurück. Doch auch andere riefen: »Verrath!« und schalten über Entweihung des heiligsten unter allen Opfern. Da gebot der Notar mit mächtiger Stimme Ruhe. »Was wir thaten«, rief er laut, daß es im Waldthale wiederhallte, »geschah auf des Kaisers Befehl. Der Meineidige, den wir tödteten, wollte an der Spitze der Feinde Roms den Rhenus überschreiten und mit der Germanen Hülfe sich zum Imperator ausrufen lassen, Valentinian selbst traf ihn gestern in dem Goldhelm, der bei Solicinium so räthselhaft verschwand und ihr wißt, was dieser Helm bedeutet. Ihr wißt, welche Sage geflissentlich verbreitet wurde im Lager, um dem heimlichen Besitzer den Weg zur Herrschaft zu bahnen. Wer des Kaisers Freund ist, billigt, was hier geschehen. Und nun löscht die Fackeln und das Opferfeuer.« Nasica war indessen nach dem Opfersteine gegangen, um nach Rothari zu sehen. »Ist er todt?« fragte Syagrius den Zurückkehrenden kalt. »Er wird sich nicht mehr erheben«, erwiderte Nasica, »aber Statius bittet um Hülfe, der Alamanne hat seinem Schädel übel mitgespielt.« Zwei der weißgekleideten Bundesbrüder schlüpften unter den Opferstein und führten den schwer verwundeten Vetter Jetta's den Berg hinab. Während dem Allem lehnte der greise Arator bleich und erschöpft an einem Baume. Das Beil war seiner Hand entfallen. Als Syagrius an ihn herantrat, machte er eine Gebärde des Abscheus. Dann rief er: »Oh meine Tochter, meine Tochter!« Er allein hatte Jetta, während er opferte, nicht gesehen und suchte nun trostlos den Weg zu seinem Hause, um ihr dort die Kunde zu bringen und ihr zu sagen, warum er so und nicht anders habe handeln müssen. Inzwischen lösten andere die kläglich schreienden Opferthiere und entließen sie in den Wald. Schließlich wurden die Feuer gelöscht und die Fackeln ausgetreten. Gratian machte noch eine Bewegung nach Rothari, an dessen Schuld er auch jetzt noch immer nicht glaubte, aber ein wohlmeinender alter Soldat hielt ihn zurück. »Lasse den Sterbenden mit seinem Weibe allein«, sagte der Graubart. »Ich bleibe hier in der Nähe, um ihr zu helfen.« Der Jüngling gehorchte, aber er entfernte sich nur, um eine Bahre zu besorgen und das Nöthige zu einer ehrenvollen Bestattung seines Freundes vorzubereiten. So zerstreute sich alles den Berg hinab, voll der Schauer und Schrecken dieses entsetzlichen Opfers. Jetta war bei dem Schauspiele, das sie sah, zusammengebrochen, sie lag starr an die Felswand gelehnt, während ihre Begleiterin, als sie den Lärm und den Weheruf vernahm, weinend entlief. Aber nicht lang dauerte Jetta's Erstarrung. Sie mußte zu ihrem Gatten, vielleicht lebte er noch, vielleicht konnte sie ihn noch retten. Während die Männer drüben sich eilig entfernten, stieg sie zu dem Opferplatze hinunter. Noch lag ein schwacher Lichtschein der glimmenden Kohlen und einer am Boden liegenden Fackel über dem Schauplatze der ruchlosen That. Jetta stieg hinab, ergriff den brennenden Kienspan und ging festen Schrittes nach dem Felsen. Hier lag ihr Gatte. Sie steckte ihre Fackel in die Erde und kniete bei der Leiche nieder. Der Kopf Rothari's hing nach unten und die Wunde am Halse klaffte. Sanft nahm Jetta des Helden Haupt, brachte die Ränder der Wunde aneinander und verband sie mit ihrem Schleier. Dann lehnte sie ihn leise an die Felswand. Noch war er warm, noch fühlte sie ein schwaches Schlagen seiner Adern. »Wären sie nicht alle entlaufen, auch Bissula, wir könnten ihn retten«, seufzte sie. »Ach, daß Phorkyas todt ist, sie würde sicher ihm helfen.« Da bewegte er die Lippen, oder war es das Spiel der Fackel im Winde? Nein, groß und hell schlug er die Augen auf. »Jetta«, hörte sie ihn jetzt leise lispeln, »Jetta, mein treues Weib!« Oh, mein Gatte, du hast mir verziehen?« rief sie mit einem Tone, aus dem durch tiefen Schmerz alles Glück der Seligen klang. Er winkte mit der Hand, ihr Haupt näher an seine Lippen zu bringen. »Ich will dir verzeihen«, flüsterte er, »wenn du unsern Sohn zu den Alamannen bringst.« »Rothari, besinne dich, unser Kind ist ja todt, todt durch mich, durch Justina.« Der verhaßte Name schlug wie ein heller Blitz in seine Finsterniß, er sah mit einem Schlage die rechte Lage der Dinge. »Richtig .... er ist todt .... ich weiß, ich weiß, oh.« Ein Lächeln glitt über sein schmerzhaft verzogenes Angesicht. »Ich werde meinen Knaben wiederfinden in der Halle der Götter. Ich werde ihn lehren Pfeile schnitzen ... unvergiftete Pfeile.« »Oh, Rothari, brich nicht mein Herz.« »Sie kamen von Gratian, ich sah sie in seiner Tasche. Er hat mich hierher gelockt. Sie sind alle Mörder« .. »Ich werde sie verlassen, ich schwöre es« und sie küßte seine sterbenden Lippen. »Mir ist mein Recht geschehen«, sagte er, »was trennte ich mich von meinem Volke, so hat mich Wodan's Rache getroffen. Aber du gehe zu Macrian, sage ihm, er solle mich rächen .... er soll den heiligen Wald Wodan's säubern von diesen Vipern.« »Rothari«, rief sie schmerzlich. »Du willst nicht, weil du noch nicht alles weißt.« Und er schaute ihr hell und klar in die Augen, wie in den Tagen seiner Kraft. »Als ich in Alta Ripa von dir gerufen wurde«, sagte er laut, »da meinte ich, das sei die schwerste Stunde meines Lebens. Aber es sollte noch anders kommen, mein armes Weib! Auf dem Gange, als ich zum Kaiser wollte, sah ich Phorkyas. Ich setzte ihr nach ... sie floh – ich folgte ihr – so kam ich in ein Thurmgemach mit kleinen runden Fenstern, du wirst es kennen. Euere magischen Schriften und Tafeln und Schüsseln waren am Boden und auf dem Tische ausgebreitet« ... Jetta seufzte. »Aber alles ließ mich kalt«, fuhr Rothari heiser fort, »neben einem Anblick. Auf einem Teller, gemalt mit bunten Figuren, lag – der Kopf eines Kindes!« Jetta stieß einen wilden Schrei aus. Sie ahnte, was kommen werde, und mit angstvoll erweiterten Augen starrte sie den Sterbenden an, während sie seine Wunde vergessend ihn am Arme faßte. »Ich trete hinzu«, sagte Rothari lauter, »ich betrachte das bleiche Angesicht und wer war es, Jetta? Es war das Haupt unseres Tullius, das Haupt meines todten Sohnes.« ... Aus Jetta's Angesicht war alles Blut gewichen und selbst ihre Lippen erbleichten, sie sah einer Todten ähnlich, aber diese bleichen trocknen Lippen stammelten: »Justina, das konnte nur sie.« »Und dafür, Jetta, verlange ich Rache. Nicht für mein Blut, sondern für mein Kind. Phorkyas erschlug ich, aber Justina lebt, lacht, verhöhnt uns. Ich kann den Krieg gegen die schöne glatte Viper nicht führen. Gehe du zu Macrian und sage ihm, er solle ihr den Kopf zertreten, ihr und der ganzen Brut.« Jetta sah starr vor sich hin. Sie sah nichts mehr als das vom Rumpfe getrennte Haupt ihres Kindes, sie sah die beiden Megären an dem furchtbaren Werke. Das Kind öffnete die Lippen, verdrehte die Augen, fing an zu sprechen. – – Entsetzliche Gesichte! .. und sie preßte ihre Hände vor das blutlose Angesicht und stöhnte auf in namenlosem Weh. Rothari aber begann wieder: »Siehe, die Götter haben uns mit dem gestraft, womit du sündigtest, so versprich mir, daß, wenn du in unser Haus zurückkehrst, dein erstes Geschäft sein wird, die Zauberrollen zu verbrennen.« ... Seine Stimme wurde schwächer, aber noch einmal raffte er sich auf. Ein angstvoller Ausdruck auf seinem sterbenden Antlitz zeigte, daß er fürchte, nicht mehr sagen zu können, was doch so wichtig war. »Der Schlüssel zum Hause«, flüsterte er, »liegt am Waldteich unter dem Steine vor der Moosbank. Aber binde den Wolf, er hütet ihn. Hörst du, binde ihn.« .... Leise, kaum hörbar sagte er dann noch: »Wenn du wieder das Haus beziehst, hänge mein blutiges Gewand in die Halle und erzähle jedem Alamannen, wie die Römer den Blutbund halten ... damit sie mich rächen an Justina ... an Valentinian ... an Gratian, auch an Gratian, hörst du!« Die Worte des Sterbenden suchten vergeblich sich Bahn zu machen. Es rauschte in den Wipfeln, die Walküre, die über Schlachtfeldern und Opferstätten schwebt, küßte ihn. Sein Athem stand still. Rothari, Vadomar's Sohn, des Sohnes der Götter, war nach Usgard gegangen in die Halle der Helden, Speere zu werfen, des Sängers Lieder zu hören und Meth zu trinken mit den Göttern, von denen er stammte. Still blieb Jetta bei der Leiche. Aber selbst dieser Augenblick ging ohne Eindruck an ihr vorüber. Sie sah nur immer das todte Kinderhaupt, das sie einst geherzt und dessen blonde Haare sie geküßt hatte, und sie sah den schmerzlich anklagenden Zug in seinem kleinen Angesichte und die kleinen bleichen Lippen zitterten, als wollten sie ihr etwas sagen. »Ich will dich rächen«, flüsterte sie, »euch beide.« Dann starrte sie wieder vor sich, als ob ihr Geist sich verfinstert habe wie die Fackel neben ihr, deren rothes Licht trüber und trüber brannte und endlich erlosch. Der klagende Schrei der Eulen scholl unheimlich aus dem dunkeln Walde, sie hörte es nicht. Der Nachtthau legte sich fröstelnd über ihre Glieder, aber sie hielt aus bei ihrer Todtenwache. Da, als der Tag sich hob, hörte sie Gratian's Stimme, der von unten eine Bahre heraufbringen ließ, um den Todten zu holen. Jetzt kehrte ihr Geist zur Gegenwart zurück. Immer näher kamen die Stimmen. Ihr schauderte. Sie wollte der Mörder keinen sehen, diesen am wenigsten. So wankte sie mühsam einige Schritte zur Seite und warf sich in die Büsche. Dort lag sie am Boden, das Angesicht in die Erde gedrückt, eingehüllt in ihren dunkeln Mantel, starr gleich einer Todten. Als sie nach einer Stunde sich wieder hervorwagte, war die Stelle leer und verlassen. Nur das zertretene Gras und die um die Blutspuren schwärmenden Fliegen gaben Kunde, daß die Chronik des Opferplatzes reicher war um eine dunkle That. Einen Augenblick überlegte Jetta, ob sie nach ihrem Hause zurückkehren solle? Hatte er nicht gesagt, der Schlüssel liege dort, wo sie beide ihn auch sonst oft geborgen hatten? Aber dort kam sie zu Menschen und sie wollte allein sein, ganz allein, bis sie sich klar geworden, was sie thun solle? Mechanisch folgte sie der Spur eines Fußes durch das hohe blühende Gras, die am Abhang hinleitete, als diese aber abwärts führte, ging sie wieder nach oben. Lange irrte sie so durch den Wald. Die Sonne stach heiß auf ihr ungeschütztes Haupt, sie fühlte es nicht. Die Dornen verletzten ihren Fuß, sie achtete es nicht. Endlich sank sie ermüdet nieder. Als das Blut in ihren Schläfen minder stürmisch hämmerte und sie sich umschaute, meinte sie den Platz zu erkennen. Es war die Lichtung, wo Rothari damals den jungen Wolf als Gefangenen einbrachte. Hier oben, hinter diesen Büschen mußte die Höhle sein. Da fuhr ihr ein Gedanke durch den Sinn. Hier in der Verborgenheit wollte sie bleiben bis die Stunde gekommen, Rothari's Vermächtniß zu erfüllen. Sie stieg empor, fand den Eingang zur Höhle, drinnen sank sie erschöpft zusammen und tiefer Schlaf erlöste sie von dem Jammer dieser Mordnacht. Am Abend erwachte Jetta, als die Strahlen der Westsonne tief in das Innere ihrer Höhle fielen. Starren Auges betrachtete sie die Reflexe der Abendsonne an den rothen Sandsteinwänden, der Abendhimmel glühte durch die grünen Büsche. Alles schwamm in Blut. Ihr Herz Kämpfte sich in dumpfer Erinnerung zusammen, aber sie entschlief auf's neue. Erst das eindringende Wehen des Thalwindes führte um Mitternacht ihren Geist klar und hell in die Gegenwart zurück. Draußen lag silberner Mondenschein und das milde Licht der Göttin spielte magisch um die alten Stämme. Glühwürmer lagen im Grase, umschwärmt von stäubenden Funken. Drunten im Thale rauschte der Nicer und alles athmete Lust und Wohlbehagen einer warmen Sommernacht. Sie aber lag hier einsam und verlassen. Ihr Kind todt durch ihre Hand, zerstückt noch im Tode. Ihr Gatte erschlagen, ihr Vater Mörder ihres Gatten, ihre Freunde Verräther, Mordgenossen, verflucht von dem letzten Worte ihres Gemahls ... Sie war allein, in schauerlicher Einsamkeit allein. Sollte sie mit all dem Leide ein Ende machen? Aber die Fülle jungen Lebens, die in ihr war, scheute vor dem Tode zurück und ihr thatkräftiger Geist sah auch jetzt noch einen Lebenszweck und der hieß Rache. Die furchtbaren Schläge der letzten Stunden hatten in der Harfe ihres Gemüths alle Saiten gesprengt, die Harmonie war dahin, aber eine Saite gab noch einen Ton und der hieß – Rache. Diesen Mißlaut ward sie nicht los, er war das Einzige, was ihr geblieben. Ihr Leben hatte keinen andern Zweck: sie mußte Justina strafen und die Mörder ihres Gatten. Wie – wußte sie noch nicht, aber sie würde es wissen, fühlte sie, denn die Notwendigkeit stand ihr fest wie die ewige Gerechtigkeit und der geordnete Lauf der Sterne. Während sie so brütend im tiefsten Innern der Höhle sich barg, hörte sie ein Geräusch, das bald näher, bald ferner schien. Sie schrak zusammen, denn sie fürchtete, daß man sie suche. Da ertönte ein frohes Heulen. Der Wolf hatte auf seinen nächtlichen Streifzügen ihre Fährte gefunden. Schon strebte er ihr zu, leckte ihr die Hand das Gesicht und immer wieder rannte er hinaus und herein, um seiner Freude Luft zu machen. Jetta rührte selbst jetzt in ihrer tiefen Seelenpein die Freude des unmündigen Genossen. Sie streichelte ihn mit sanfter Hand und sagte: »Ja, du treues Thier, ja wir gehören zusammen. Auch ich bin zur Höhlenbewohnerin geworden, zur Wölfin. Bleibe bei mir, Genosse, wir haben ein nächtliches Werk und wollen uns nicht trennen bis es vollbracht ist.« Sie legte ihre Hand auf das gewaltige Thier und gehorsam streckte es sich neben ihr nieder und wieder sank sie in ihre todtenähnliche Erschöpfung zurück. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Vulfilaich hatte im Lager vergeblich auf Rothari gewartet. Als die Nacht eingebrochen war, kehrte er deßhalb zum Bühl zurück. Hier erfuhr er von einem heidnischen Sklaven, der ihn mißtrauisch aufnahm, daß der Herr dagewesen sei, nun aber vor Tagesanbruch nicht mehr heimkehren werde. Einen Augenblick schwankte der junge Büßer, ob er die Gastfreundschaft seines Bruders in Anspruch nehmen solle, aber das stärkere Klopfen seines Herzens sagte ihm, daß dieser Gedanke nur eine Eingebung des Bösen sei. Zwar hatte er alles auf dem Hofe in größter Auflösung gesehen, aber war Rothari noch nicht weiter gezogen, so weilte auch Jetta wohl noch hier, und rasch kehrte der Jüngling sich ab und stieg zum Flusse hinunter. Wie fröhlich war er alle diese Tage seines Weges gezogen! Er hatte etwas gethan für das Wohl der Welt, er hatte etwas ausgerichtet. Als Friedensstifter zwischen Valentinian und Rothari, zwischen ihrem Volke und seinem Volke fühlte er sich, während er seine geheim gehaltene Last unter dem Mantel barg. Legte er sich dann an einem einsamen Orte nieder, den Helm neben sich, dann genoß er die Wonne einer durch Arbeit, nicht durch Visionen erworbenen Müdigkeit. Er streichelte den wohlverwahrten Schatz mit einer gewissen Zärtlichkeit und sang seine Hymnen nach fröhlichen Weisen. Was war es nun, daß plötzlich der alte Kampf ihn wieder überfiel, als er an dem Platze stand, wo er damals Jetta mit dem Kinde an der Brust getroffen? Wie in Fieberhitze wanderte er dahin. Die Unholden hatten auf's neue Macht über ihn gewonnen. Als er unten am Strome anlangte, warf er mit raschem Entschlusse seine Kleider ab und stürzte sich in die brausenden Wellen. Die Kühlung that ihm wohl. Mitten im Flusse legte er sich auf einer seichten Stelle nieder und ließ die Strömung über sich weggehn, daß sie in weißen Strudeln um ihn aufbrauste. So lag er lange Stunden und schaute in den düstern Gewitterhimmel hinauf, an dem die Wolken wanderten und blickte in die schwarze Fluth und nach den dunkeln Kuppen der Berge. Bald war er selbst nur noch ein schwach empfindender Punkt inmitten des allgemeinen Lebens der Natur. Rings um ihn rauschte und brauste es und er lag in dem Strome wie ein Stein und mehrte den Strudel und das Brausen. Seine Augen konnten in jedem Augenblick sich schließen, dann floß er dahin und war vom Krampfe des Lebens erlöst. Seine Leidenschaften und Stürme hatten sich beruhigt. Endlich erhob er sich wieder, schritt hinaus, nahm die Kleider, mit denen Rando ihn beschenkt und sank am Fuße eines Felsen in erquicklichen Schlaf. Als er erwachte, war er sich seines gestrigen Falles mit Beschämung bewußt und er beschloß, den Tag mit Bußübungen zu begehen und Rothari und Jetta erst gegenüberzutreten, nachdem er sich durch fromme Uebungen gestärkt und durch langes Fasten und stündliche Geiselung seines Fleisches Hoffahrt gedämpft hätte. Bei einer Wand von hohen Granitpfeilern hinter den Hecken und Hollunderbüschen kniete er nieder und begann sein frommes Werk. Die Sonne beschrieb ihren Weg über ihn weg und sie allein sah die harten Uebungen, mit denen der Jüngling sich peinigte. Als sie längst wieder niedergegangen und die Nacht hereingebrochen war, legte der Mönch sich wiederum in den Strom und ließ die Wellen über sich hingehn. Dann erhob er sich. Der Tag der Uebungen war absolvirt. Er wollte sich nun stärken an den Vorräthen seiner Höhle, schlafen und dann vor Rothari treten, ob er ihm ein neues Werk zu bezeichnen wisse, durch das er ein Friedensstifter werde auf Erden. Aber als der Weg auf der Höhe über Rothari's Haus hinführte, fühlte er, daß er seinen Leib vergeblich gepeinigt hatte. Sie waren alle wieder da, die bösen Geister, die ihn in diesem Thale verfolgt hatten. Bald als entsetzliche Thiere, bald als Faune, bald als Nymphen schwebten sie vor ihm her und vor allem lockte ihn die Eine, der schöne Dämon mit dunkeln Augen und schlangengleichen schwarzen Haaren. Wie seines Bruders Weib sah die Teufelin aus, bald stillte sie ein Kind, bald schmeichelte sie ihm mit ihren schlanken schönen Armen ... Vulfilaich schlug ein Kreuz, denn je näher er seiner warmen Lagerstätte kam, um so deutlicher machte sich die Nähe des schönen Unholds auch heute geltend. »Ob es Lilit ist oder Asmodäa oder die Helena des Simon Magus?« murmelte er. »Ich werde das Gebet des heiligen Sisinnius gegen sie brauchen«, sagte er, als er, sich zwischen den Büschen hindurchzwängend, vor dem Eingange zu seiner Höhle stand. Aber was war das? In sein Heiligthum selbst war heute der Feind eingedrungen. Er hörte in seiner Höhle ein böses Knurren und eine besänftigende Stimme, nach der es wieder still ward. Vulfilaich trat ein, aber wieder knurrte der böse Teufel aus dem Hintergrunde seiner Höhle. »Michael trete dich unter seine Füße, Gabriel durchbohre dich mit seiner Lanze, Uriel blende dich mit seinem Lichte« ... stammelte Vulfilaich, indem er an der Seite des Eingangs nach Stahl und Schwamm suchte und eine Fackel entflammte. Aber wieder hörte er die beruhigende Stimme des weiblichen Dämons. Mit dem Gebete Salomonis gegen die Starken der Unterwelt drang er, die Flamme in der Faust, vorwärts. Da sah er bleich und groß im Hintergrunde den schönen Dämon sich erheben; das sind ihre dunkeln Augen, das sind ihre schwarzen Haare, ihre üppigen weißen Arme. Und er breitet die Hände gegen sie aus, die Hölle ist stärker als alle Gebete, – er muß sie besitzen. Aber plötzlich springt neben ihr der Satan selbst in Gestalt eines Wolfes empor, grüne Augen glühen ihn an. Vulfilaich fährt zurück. Es war wieder ein Trugbild des bösen Geistes, aber so deutlich hatte er ihn nie zuvor geschaut. »Nieder Wolf«, – rief jetzt eine herrische Stimme. »Ich wußte nicht, daß das dein Versteck ist, Vulfilaich«, hörte er Jetta sagen. »Du weißt, warum ich obdachlos bin und bei den Thieren des Waldes Hause?« Vulfilaich schwieg und noch immer betrachtete er sie mit abergläubigem Grausen. Sie aber drängte sich mit ihrem Thiere an ihm vorbei in's Freie und sagte: »So komm! wenn du es nicht weißt. Sie haben deinen Bruder gestern feig erschlagen. Drunten am Steine des Giganten ward er ermordet, gestern vor Mitternacht. Noch ist das Blut nicht trocken, das sie vergossen.« »Rothari todt!« rief der Mönch von plötzlichem Schmerze überwältigt. »Wehe über sie, dreifaches Wehe. Wie lange richtest und rächest du nicht unser Blut an den Bewohnern der Erde. Wie lange noch!« rief er zornig zum nächtlichen Himmel empor. »An ihn wende dich«, sagte er dann zu Jetta, »der da kommt auf den Wolken des Himmels und von den Heuchlern fordern wird alles gerechte Blut, das vergossen ward auf Erden von dem Blute Abel's bis auf das Blut des Sohnes Barachja, den sie getödtet haben zwischen Tempel und Altar.« »Richten und rächen! Ja, Mönch, das ist das Wort, das mir auf der Seele lag und ich konnte es nicht finden. Ich bin nur ein Weib, aber sie haben mir mein Herz in der Brust versteint. – Wie sie mich so weit gebracht, kann ich dir nicht sagen. Die Zunge im Gaumen würde mir vertrocknen, die Bäume und der Rasen würden welken, wenn ich es ausspräche und der Mond sich verdunkeln, wenn er es hörte. Auch ich war gebunden und erdrückt von dem Entsetzlichen, aber, richten und rächen« das ist das Wort, die Formel, die meine Erstarrung löst!« »Mein ist die Rache, spricht der Herr«, sagte der Mönch. »Nein, Mönch! Diese Rache ist mein«, rief Jetta gellend. »Die Mutter, der man das Kind stiehlt, der man das Kind verstümmelt, deren Kind man im Tode selbst nicht Ruhe gönnt, so daß der kleine Geist nicht schlafen darf, wenn alle schlafen am Busen der liebenden Mutter Erde, dessen Seelchen sie aufstacheln, daß es weinend Auskunft geben muß über alles, wonach Justina's Neugier gelüstet.... Mönch, hörst du? Hast du das verstanden? Diese Rache ist mein und wenn du ein Mann bist, so führe mich zu Macrian. Rothari sagte mir, zu ihm solle ich fliehn. Der letzte Hauch in seiner Brust war eine Botschaft an den Barbaren.« »Macrian liegt drüben im Walde mit den Vätern der Geiseln, die der Augustus schlachten will, um zu berathen, wie man sie befreie.« Jetta schrie laut auf in wilder Freude. »So führe mich, Mönch, Feigling, Christ, Götterbote! Richten und Rächen, du bist ein wahrer Prophet, mein Knabe.« Sie ergriff ihn am Arm und stieß ihn vorwärts, während der Wolf scheu und tückisch ihnen zur Seite schlich. So schlugen sie sich hinunter nach dem Nicer. »Wie kommst du hinüber?« fragte Vulfilaich, als sie am Strome standen. »Kein Wasser kann mich trennen von meiner Rache«, erwiderte Jetta und schritt unerschrocken in die kalte klare Fluth und der Wolf folgte ihr. Als das gewaltige Thier neben ihr zu schwimmen begann, hing sie sich mit dem rechten Arm an seinen Hals, mit der Linken die Fluthen theilend. Wer sie so im Glanze der Sterne, das Unthier umhalsend, dahingleiten sah, der zweifelte nicht an den Künsten, an denen sie selbst seit gestern zweifelte und die sie heute verfluchte. Eine milde Nacht lag über dem Wodanwalde. Die Bäume flüsterten in stillem Zwiegespräch und rauschten wiederum in gewaltigem Chor, wenn ein stärkerer Nachtwind über sie hinzog. Leuchtkäfer stäubten wie Lichtfunken durch die Büsche. Eine Gruppe Alamannen, die einen Mönch in ihre Mitte genommen, zieht eilig durch den Wald. Voran aber schreitet ein Weib mit fliegendem Haare, Wahnsinn im Auge, gefolgt von einem mächtigen Wolfe. Es ist Jetta, sie suchen Macrian, den Schrecklichen, hinter dem die schwarzen Raben flattern, weil sie stets Futter finden an seinem Wege. Plötzlich hält der Wolf und stößt ein Geheul aus. Er steht den blitzenden Waffen der alamannischen Vorposten gegenüber. Im Walde hinter dem Mons Piri lag am Stamm einer gewaltigen Eiche gelagert der Mann, den Jetta suchte, um Rom zu verrathen. Die Stelle war trocken durch das hohe Schutzdach des gewaltigen Baums und vor Ueberraschungen sicher, da ihre erhöhte Lage rings die Umgebung beherrschte. Dennoch waren überall Wachen ausgestellt, um jede Annäherung eines Feindes zu rechter Zeit zu melden. König Macrian hatte sich hier mit jenen Edeln seines Volkes zusammengefunden, deren Söhne den Römern vergeiselt waren. Hatte der König seinen eigenen Knaben listig aus Mogontiacum entführt, so hielt er für gerecht, ehe er den Krieg eröffnete, den Edelingen zu gleichem Versuche Gelegenheit zu geben. Aber der Versuch mochte glücken oder mißglücken, daß die Römer von diesem Thalausgang vertrieben werden müßten, war Beschluß des Dings. Bis tief in die Nacht hinein hatte man berathen, aber alle Vorschläge, wie man bis zu den Geiseln hindurchdringen könne, hatten sich als unausführbar erwiesen. Unmuthig hatten die Einen, in tiefer Trauer die Andern nach fruchtloser Berathung sich niedergelegt. Zeigte sich bis zum Morgen nicht die Gelegenheit zu einem glücklichen Handstreich, so war die Heimkehr beschlossen, um alle Könige des gesammten Volkes zu gemeinsamem Kriege aufzurufen. Die Sonne stieg eben hinter dem dunkelblauen Bergriegel des Wodanwaldes empor und das Morgenroth flammte über den grünen Buchengipfeln, als der gedämpfte Ton des Horns die sich vom Schlafe Ermunternden zur Eiche rief, wo der König lagerte. Rings aus den Büschen erhoben sich die Edlen mit ihrem Gefolge und die Krieger, die der König mit sich gebracht. Man zählte hundert Lanzen, als der Ring sich schloß. An der Eiche stand der König, einen gezähmten Wolf zu seinen Füßen und bei ihm ein römisches Weib und Vulfilaich der Christ. Neugierig richteten aller Augen sich auf diese Ankömmlinge, deren Anwesenheit keiner der Edlen sich zu deuten vermochte. »Wie der Wolf am verschlossenen Stalle«, begann der König, »suchten wir gestern vergeblich einen Zugang zum Gewahrsam euerer Söhne. Ueber Nacht aber kam uns besserer Trost. Die ihr hier seht, sind Rothari's Bruder und Rothari's Weib. Er selbst aber liegt, wie meine Späher mir melden, auf der Bahre beim Rosenhofe, nachdem er die Treue seiner Bundesfreunde gekostet, wie ich ihm oft vorher gesagt. Sie haben ihn ermordet am Riesensteine. Diesen Morgen werden sie seine Leiche verbrennen und nach ihrer Sitte seine Asche in einer Urne beisetzen. Seine Wittib aber kam und lud uns zu Gast, daß dem Königssohne ein Gefolge von Römern mitgegeben werde auf dem dunkeln Wege in Hel's Reich. Ich sagte ihr, was unseren Arm binde, da erbot sie sich, Valentinian's Weib oder Kind, oder auch beide uns in die Hände zu liefern, um die Kaiserin zu strafen, die ihr Gatten und Kind gekränkt hat. Haben wir ein solches Unterpfand, so wird es leicht sein, euere Söhne zu lösen, ja vielleicht steht der Kaiser dann ohne Krieg von seiner Untreue ab.« Ein Murmeln des Beifalls war die Antwort auf des Königs Rede. Aber auch Mißtrauen regte sich und Jetta ward einem scharfen Verhöre unterworfen. War sie Rothari's Gattin, so war sie doch auch Arator's Tochter. Einsilbig, aber bestimmt stand Jetta Rede und die tiefe Trauer in ihren dunkeln Augen, der bleiche Zorn ihrer Stirne und die von Schmerz bebenden Lippen ließen selbst den Argwöhnischsten keinen Zweifel an dem Ernste ihrer Absicht. Die Meisten dieser Germanen kannten Jetta's Sprache nicht, aber der Ausdruck eines großen Schmerzes wird verstanden von einem Ende der Welt zum andern und von dem Barbarenweibe des Urwalds bis zur Niobe der Königsburg sehen sich über der Leiche ihres Kindes alle Frauen gleich. Wer sie ansah, dachte nicht mehr an Verrath. Macrian bat Jetta nun, ihre Pläne vorzutragen. »Die Vornehmen im Lager«, sagte Jetta finster, »feiern heute ein Fest des Mithras in der Höhle des Gottes. Auch dort könnt ihr Geiseln finden, falls mein Anschlag auf Justina mißlingt.« Die Führer traten nun mit Jetta zu einer kurzen Berathung zusammen. Nachdem man das gemeinsame Ziel bestimmt hatte, verschwanden die einzelnen Haufen in den Büschen. Eine Stunde später ertönte bei den Bauhütten auf dem Mons Piri das Signal zum Beginne der Arbeit. Mit rastlosem Eifer betrieben, näherte sich das in der Stille vorbereitete Werk rasch der Vollendung. Die Form des Castells, ein an den vier Enden abgerundetes Viereck, war bereits deutlich zu erkennen. Mannshoch ragten die Fundamente der Thore und Thürme aus der Erde empor, der Unterbau des Prätoriums war nahezu vollendet. Quadern und Bausteine lagen wohl zugehauen rings umher. Die beiden alten Bollwerke der Alamannen, den engeren und weiteren Steinwall, die den ganzen Gipfel des Berges doppelt umgaben, hatte man als Vorwerk erhalten. Auch heute herrschte eine emsige Thätigkeit, neu angespornt durch den gestrigen Besuch des Kaisers. Die Soldaten standen schaufelnd in dem Graben, der das Werk umgab, andere führten Erde zu oder entfernten den Schutt. An den Kalkgruben arbeiteten die Einen, die Andern setzten Stein auf Stein, Die Waffen hingen in den Bauhütten, alle waren leicht, bekleidet, die Schaufelnden sogar halbnackt. Nichts war zu hören ringsum als das fröhliche kling, kling der Eisenhämmer, die auf die Mauersteine niederfielen. Da plötzlich unterbricht ein schriller Schrei die fröhliche Musik, aber der innere Ring des alten Alamannenbollwerks verdeckte für das Auge der Soldaten, was jenseits desselben vorging. Aller Augen richten sich nach unten; da tauchen plötzlich überall auf dem Steinringe riesige Lanzen empor, wilde Häupter, geschwungene Streitmeißel. Die der Bauhütte zunächst stehenden Soldaten stürzen nach ihren Waffen. Aber wie die im Kessel zusammengetriebenen Thiere des Feldes sehen sie sich umringt. Der Eine endet niedergeschmettert von dem Schlachtbeil, des Andern nackten Leib durchbohrt der lange alamannische Spieß, die Wenigen, die zum Fechten gelangen, sind nach kurzem Widerstande gebändigt. Auf der Höhe des Ringes aber steht der König, furchtbar anzusehen in seinem Eberhelme und von zehn Schritten zu zehn Schritten ist ein Alamanne mit dem Wurfgeschoß aufgestellt und wo ein Flüchtling eilenden Fußes von oben entrinnt, trifft ihn der Speer, ehe er keuchend die Höhe des Steinrings zu erklimmen vermag. Sterbend, seufzend, still liegt in einer halben Stunde die Schaar der Tapfern nebeneinander, die den Tag so frisch und arbeitsfroh begonnen. Neben Macrian aber steht Jetta. Sie wendet dem furchtbaren Schauspiele den Rücken und schaut starren Auges nach den Bergen jenseits des Rhenus, die Gallia und Germania scheiden. Nun ist sie es, die die Provinz den Alamannen überliefert. Als die blutige Arbeit gethan ist, ruft wieder gedämpfter Hornklang die Alamannen in die Nähe des Königs. Von Jetta geführt, in keilförmiger Ordnung, Holzschild und Waffe fest in den Händen, steigen sie vorsichtig den Berg hinab. Gedeckt von Hecken, den Falten des Gesteins sich anschließend, oft gebückt und selbst auf dem Leibe kriechend wälzt sich der Heerwurm leise den Abhang hinunter, bis Macrian mit seiner Führerin an der Pforte einer Gartenmauer angekommen ist. Jetta greift nach einem geheimen Riegel und durch wohlgepflegte Wege und blühende Beete folgt ihr die kriegerische Schaar. Ein Schauer scheint Jetta zu überlaufen, als sie auf die Terrasse heraustritt und das Haus vor ihr liegt, wo sie einst mit Rothari hatte hausen sollen. Aber wieder taucht ein bleiches Kinderhaupt auf vor ihrem geistigen Auge, es schwebt vor ihr her und zeigt ihr den Weg und wie traumwandelnd schreitet sie vorwärts, als ob sie einem Gesichte nachgehe. Sie öffnet eine Thüre. Ein Sklave starrt sie verwundert an, aber ein Schwertschlag Macrian's wandelt das Schweigen des Schreckens alsbald in das Schweigen des Todes. Ein römischer Soldat erhebt das Schwert gegen die Eindringlinge. Jetta's Wolf reißt ihn nieder und ein Lanzenstoß bettet ihn bei seinem Genossen. Ein Theil der Mannen bleibt als Wache im Garten, die Andern folgen Macrian. Unheimlich klingt der Schritt der leise schleichenden Krieger in dem leeren Atrium, die bunten Hirten und Nymphen der Wandgemälde lächeln den germanischen Wölfen so freundlich zu wie sonst den römischen Herren. Die bunten Fruchtstücke des Mosaikbodens knistern unter den wuchtigen Füßen der Wilden. Vor einer schweren Thüre eines Seitengemachs bleibt Jetta stehn. »Hier unten feiern die Führer heute die Mysterien ihres Gottes. Ihr werdet sie fesseln können ohne Blutvergießen. Nehmt die Fackeln dort von den Leuchtern«, sagte sie, »und haltet Eisen bereit, diese Thüre zu sprengen. Mir gib zehn Krieger, um den untern Ausgang zu besetzen. Dort in der Kammer werden Stricke sein, die Gefangenen zu binden. Mit der Arbeit beginnt nicht eher, als bis ich von unten die Losung gebe. Welches Zeichen begehrst du?« Macrian reichte ihr eine kleine silberne Pfeife, ein Beutestück seiner gallischen Züge. Einen Augenblick nur dauerte es und alles war gerüstet. Geführt von Jetta stieg ein Dutzend Krieger den Abhang hinab, zu der Ecke des Berges, wo unter Buschwerk verborgen, hinter einem hohen Brunnensarge ein Thürchen sichtbar ward. Hier machte, die Führerin Halt. Ein schriller Pfiff verkündete den Genossen oben, daß der Ausgang besetzt sei. Athemlose Stille lagert über der kleinen Schaar, die, die Lanze gefällt, das Pförtchen fest im Auge behält, während ihrer zweie nach dem Nicer gewendet den Rückzug und Jetta selbst bewachen. Plötzlich hört man polternde Schritte, das Thürchen wird von innen aufgestoßen. Mit schreckensbleichen Zügen, gleich einem von den Furien gehetzten Orestes, kommt der bebende Nasica zum Vorschein. Als er die Lanzenspitzen sieht, prallt er zurück. »Haltet ihn fest«, ruft Jetta hart, »er half Rothari morden.« Nasica will rückwärts entweichen, aber die hinter ihm Drängenden stoßen ihn nach vorn, so fällt er den lachenden Germanen in die Hände, die ihn knebeln und zur Seite werfen wie einen Baumstamm. Schreckensbleich strecken nun die Folgenden die Arme entgegen als Zeichen ihrer Ergebung. Im weißen Kleide der Mysten, ohne Waffen, manche noch die Kränze im Haare treten sie Einer nach dem Andern aus dem schmalen Gange hervor und lassen sich binden. Dann kommen zwei, die schon gefesselt sind und hinter ihnen taucht das wilde Gesicht Macrian's auf. Blutflecken auf seinem Mantel zeugen von der Arbeit, die er drinnen gethan hat. Jetta läßt düster ihr Antlitz über die Gesichter der Gefangenen schweifen. Arator und Syagrius fehlen. Sie wohnen der Verbrennung Rothari's am Rosenhofe bei, wo Gratian soeben dem Freunde die letzte Ehre erweist. »Ihr seid zu schwach an Zahl«, sagte Jetta mit kaltem Tone zu Macrian, »um das Lager zu bestürmen. Justina aber ist mit ihrem Sohne im Zehnthof. Haltet diese hier gefangen, ich will suchen die Kaiserin oder ihr Kind zu ergreifen. Auch Vulfilaich, der Christ, bleibt hier, er könnte uns verrathen.« So wurden die Gefangenen wieder in den dunkeln Gang zurückgetrieben bis in die Grotte, wo sie dem Mithrasbilde gegenüber sich zur Erde kauerten. Auch Vulfilaich saß unter ihnen und starrte traurig das Bild des Gottes an, dessen edel geformtes Antlitz einst Rothari vor seinen Axthieben gerettet hatte, und der nach der Bosheit der Dämonen zum Dank den Retter sich hatte bei seinem Feste zum Opfer schlachten lassen. Während dessen führte Jetta durch Gärten und Baumplätze drei der Barbaren zur Pforte des Zehnthofs. Leise öffnete sie dieselbe. Drinnen hörten sie Bissula's Stimme, die mit dem Kinde Justina's scherzte. »Eine bessere Gelegenheit hätten Jahre des Wartens nicht herbeiführen können«, sagte Jetta und in ihren Augen funkelte ein wilder Triumph. Ihr ganzes Wesen schien sich zu beleben, ihre Haltung ward straff, ihr Ausdruck hart und drohend. »Kind um Kind«, murmelte sie, »die Rache ist da.« Sie wies ihre Begleiter hinter die gewaltigen Stämme der Nußbäume und trat starren Angesichts durch die Thüre. Bissula, den kleinen Valentinian auf dem Arme, stieß einen Schrei der Ueberraschung aus, als sie Jetta erblickte. »Endlich«, rief sie, »endlich, arme Jetta, wie haben wir uns alle geängstet, selbst der Kaiser ließ nach dir senden und Justina war auf das Schlimmste gefaßt. Aber ich dachte mir wohl, du würdest kommen, wenn sie Rothari's Leib der Flamme übergeben!« Die arglose Alamannin setzte den Knaben auf die Erde, um den bleichen Gast nach dem Hause zu geleiten. Aber Jetta nahm das Kind auf und sagte: »Rufe Justina!« Bissula sah sie fragend an. »Die Augusta soll hier vor mir erscheinen«, rief Jetta mit flammenden Augen, so daß Bissula sich kopfschüttelnd nach dem Hause wendete. »Der Schmerz hat sie verstört«, sagte sie vor sich hin, aber sie gehorchte. Der Knabe streckte ängstlich seine Arme nach seiner Wärterin aus, die eben im Begriff war, am Boden Blumen für den Kleinen zu pflücken, dann aber erstaunt und neugierig das Erscheinen der jungen Witwe Rothari's beobachtete, über deren unerklärliches Verschwinden man gestern den ganzen Tag gesprochen. Als sie sah, daß das Kind sich vor Jetta's stillem Wesen ängstete, erhob sie sich, ihrer Pflichten gedenkend. Da verschwand Jetta mit dem Knaben durch's Thor. Die Amme sprang ihr eilig nach, aber sie sah nur, wie Jetta das Kind in die Hände eines Kriegers legte. Hinter den Bäumen traten Gewaffnete hervor, die das flirrende Auge des geängsteten Weibes verzehnfachte. Halb ohnmächtig schoß sie nach dem Hause zurück. Unter der Thüre stieß sie auf Justina, die eben hochfahrend zu Bissula sagte: »Weise sie hinaus. Wäre sie nicht wahnsinnig, so ließe ich das freche Weib mit Ruthen züchtigen.« In diesem Augenblicke stürzte die Wärterin des Knaben mit lautem Schreckensrufe durch die Thüre: »Die Alamannen! Der Cäsar ist geraubt!« rief sie verzweifelt, Justina fuhr auf, bleich vor Entsetzen. »Wo ist der Knabe?« – Zitternd wies die Wärterin nach dem Thore und wie eine Wölfin, der man ihr Junges genommen, stürzte die Augusta, gefolgt von den beiden Frauen nach der Straße. Alles war still ringsum, nur Jetta lehnte mit unterschlagenen Armen an dem gewaltigen Stamme eines alten Wallnußbaums. Die Wärterin deutete auf sie. »Sie nahm es.« »Mein Kind, mein Kind!« rief Justina. Jetta lächelte wie die Meduse, bei der der Schmerz in Hohn übergeht. »Gib Valentinian heraus«, schrie Justina »oder ich lasse dich mit glühenden Zangen zerreißen.« Und sie wendete sich nach dem Hause zurück, als ob sie rufen wolle. Aber Jetta faßte sie mit eisernem Griffe am Arme. »Sieh diese silberne Pfeife«, sagte sie zu Justina. »Ein Pfiff bedeutet, daß dort hinter jenem Zaune deinem Sohne das Haupt vom Rumpfe getrennt wird, wie du den meinen schändetest.« »Dein Kind war todt«, lallte Justina und ihre Zähne klapperten. »Du hattest es getödtet.« »Bitte, was soll ich? Was willst du? Fordere was du magst, ein Gut, ein Land, eine Provinz, du sollst sie haben, aber gib mir meinen Knaben.« »Höre Augusta«, sagte Jetta kalt. »Dein Kind haben die Alamannen als Geisel. Sobald sie ihre Söhne zurückerhalten haben, die ihr treulos festhieltet, wird dein Knabe herausgegeben werden – an mich. Ich gebe ihn dir zurück, so wie du mir den meinen gabst. Den Leib für mich, das Haupt für dich. Du kannst es ja dann sprechen machen mit deinen Zauberbüchern.«. Entsetzt reckte die Kaiserin die Hände gegen Himmel, ihre Augen kreisten in ihren Höhlen. Wieder wendete sie sich zurück nach dem Hause. »Vergiß nicht die Pfeife, Augusta!« und Jetta setzte das silberne Spielzeug an ihre Lippen. Da fiel das bleiche Weib vor Jetta auf die Kniee. »Gnade, Gnade!« kreischte sie. »Sicher, erlauchte Frau – Gnade, wie du sie übtest an Rothari, an Tullius, an mir – Kind für Kind, wir tauschen die Köpfe« und sie lachte hart auf wie der Eumeniden eine. Justina röchelte und wand sich an der Erde. »Höre wohl, Weib«, rief Jetta, indem sie mit dem Fuß verächtlich der Liegenden an den Leib stieß wie sonst wohl ihrem Wolfe, »kommen die Geiseln binnen drei Tagen nicht in unsere Hände, so schlachten die Alamannen deinen Sohn und füttern mit seinen Gliedern ihre Hunde. Haben wir unsere germanischen Knaben wieder, so erhältst du von mir das Haupt des deinen und lehrst es sprechen. Das ist ja deine liebste Unterhaltung. Und nun bleibst du hier liegen bis wir uns nicht mehr mit den Augen sehen, erhebst du dich zu früh, so werde ich pfeifen.« So lag die harte stolze Frau an der Erde, zitternd, bebend, verzweifelt, während Jetta's Schritt sich unhörbar auf dem Rasen verlor. Nach einer Weile wagte sie aufzublicken, ob sie Jetta noch sehe, aber sie lag allein vor der Thüre des Zehnthofs. Wie trunken, wahnsinnig vor Angst und Schmerz kehrte sie taumelnd nach dem Hause zurück und rief nach der Wärterin ihres Kindes. Die war entlaufen, aber auch Bissula war nicht zu finden. Es blieb der Kaiserin nichts übrig, als rasch ihr Gesinde zu versammeln. Die germanischen Knechte schickte sie auf Kundschaft und versprach jedem die Freiheit und fürstlichen Reichthum, falls er den Knaben wiederbringe. Mit den Andern flüchtete sie rasch nach dem Lager, froh, daß sie die Wege noch offen fand. Dort erfuhr sie, daß Valentinian, um der feierlichen Beisetzung Rothari's aus dem Wege zu gehen, in aller Frühe nach Alta Ripa geritten sei, wohin er auch Gratian entboten habe. Auch für sie lag der gemessene Befehl vor, sich schleunig nach dem Munimentum zurückzuziehen, da der Ausbruch des Krieges unmittelbar bevorstehe. Aber wie konnte die Mutter den Ort verlassen, wo man ihr soeben ihr Kind geraubt hatte? Wie die Henne um den Platz hin und wieder läuft, wo der Habicht ihr Küchlein entführt hat, so rannte sie am Thore des Lagers hülfesuchend umher, jeden Soldaten anhaltend, der beim Blasen der Tuba nach der Caserne zurückeilte. Endlich sammelte sie sich unter dem Zuspruch ihrer Frauen so weit, daß sie ein Schreiben an Valentinian aufsetzte, in welchem sie ihn flehentlich bat, er möge alsbald die Geiseln der Alamannen entlassen, da sonst ihr eigenes Kind dem Tode geweiht sei. Der beste Reiter des Lagers erbot sich, den Brief nach dem Hoflager zu bringen, Justina aber eilte, noch immer halb wahnwitzig vor Schmerz und Angst, nach dem Prätorium, um Arator gegen die Alamannen zu hetzen. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Genau um die Stunde des Ueberfalls in der Grotte kehrten Arator und Syagrius vom Columbarium zurück, wo der Comes die Asche seines Schwiegersohns, den er selbst gemordet, in der Urne geborgen hatte. Schweigend schritten der Verschwörer gegen Rothari's Leben und der ehrwürdige Greis, der wider Willen das Urtheil hatte vollstrecken müssen, nebeneinander, bis sie das Prätorium erreichten. Nun erst sagte der Notar: »Da oben liegt schon seit vorgestern eine schriftliche Ladung für dich bereit, die dich nach Atta Riva bescheidet, sobald Hermogenes hier eingetroffen sein wird, den der Kaiser dir zum Nachfolger bestimmt hat.« Der alte Mann schaute seinen Gegner lang und ernsthaft an, dann fragte er: »Des Kaisers Notar wird mir auch sagen können, was der Grund zu dieser auffallenden Abberufung ist?« Syagrius lächelte spöttisch: »Deine allzuenge Verbindung mit dem Verräther Rothari.« Arator ward bleich, er fühlte das Walten der Nemesis, aber er kehrte dem herzlosen Spötter schweigend den Rücken und betrat das Prätorium. Noch war er mit den Vorbereitungen zur Uebergabe des Dienstes an den neuernannten Dux Militiä beschäftigt, als ein Centurio hastig eintrat und die Ankunft der Augusta im Lager meldete. Gleichzeitig schmetterten draußen die Hörner, die die Truppen gegen die Alamannen auf die Wälle riefen. Der Comes eilte hinaus, befahl die Thore zu schließen und bestieg den Thurm der Porta Decumana um sich durch eigene Rundschau zu überzeugen, was der Grund des Allarmes sei. Seine Officiere waren noch immer in der Grotte und auf dem Mons Piri antwortete kein Signal auf das Blasen der Tuba. Statt dessen nahm das scharfe Auge des fernsichtigen Greises hinter dem alten Steinringe lange Lanzen der Alamannen wahr. Sollte die ganze Mannschaft da oben niedergemacht worden sein? Kaum glaublich. Als er eben nach dem Mithräum senden wollte, um die Geweihten zu warnen, kam Justina ihm nach, voll Ingrimm, daß nicht Arator's erste Sorge gewesen war, sie zu begrüßen. Ihn faßte sie an, als den Vater der Verrätherin, die ihr Kind entführt hatte. Sie überfluthete ihn mit Vorwürfen, daß seine schlechten Vorkehrungen den Ueberfall ermöglicht; von ihm verlangte sie ihren Knaben bei Gefahr seines Hauptes, von ihm wollte sie wissen, wohin Jetta den Prinzen geschleppt habe? Arator stand betäubt von der seltsamen Mär, die ihm Justina von seiner verschwundenen Tochter berichtete. Daß Jetta's wilder Schmerz und ihr excentrischer Sinn sich eine abenteuerliche Rache ausdenken werde, hatte er sofort gefürchtet, aber was Justina ihm erzählte, überbot seine Erwartungen. Stumm ließ er die Zornergüsse der Furie über sich ergehen. »Solche Scenen spielen stets eine Stunde vor dem Untergange eines Herrscherhauses«, sagte er für sich. Aber in diesen Wirren, die seit gestern hereingebrochen und dem wilden Gezerre der Leidenschaften wollte er wenigstens, wie der alten Römer Einer, seine Kälte bewahren und seine Pflichten erfüllen. Dann allein konnte er dem Reiche retten, was noch zu retten war. So schaute er ruhig das Flußthal aufwärts. Von dort mußten die Feinde kommen, kamen sie überhaupt. Durch sein Schweigen noch mehr erbittert, faßte die kaiserliche Megäre, ihrer Wuth nicht mehr mächtig, den Feldherrn am Arme und schrie: »Antworte, Verräther, antworte!« Da sprach Arator in schroffem Tone: »Schweige! Nicht um dich handelt es sich heute und deinen Buben, sondern um die Provinz und um Rom«, und der Blick, der sie traf, drohte wie das scharfgeschliffene Beil des Lictors. Ihr böses Gewissen regte sich. Sie wußte von der tückischen Abberufung Arator's, der demnach nichts mehr zu verlieren hatte; so kam ihr die Angst, der Comes handle am Ende im Einverständniß mit seiner Tochter und werde die Stunde nützen, die die Gewalt noch sein war. Der Muth entfiel ihr und ihre Rache auf eine bessere Stunde verschiebend, kehrte sie stumm zu dem Prätorium zurück, wo sie Syagrius mit Abfertigung von Eilboten an Valentinian beschäftigt fand. Durch ihre Bitten bestimmte sie den Notar, auch an Anakletus von Lopodunum eine Einladung in das Lager zu senden. Der arianische Bischof konnte ihr am ehsten zum Unterhändler bei Macrian dienen, dem sie ihren Knaben mit Bergen Goldes abzukaufen bereit war. Von da ab blieb es im Thale vollkommen still. Kein Mann vom Mons Piri bat um Einlaß, keiner aus der Grotte war zu blicken. Unter diesen Umständen ließ Arator die leichten gallischen Bogenschützen, die Petulantes, ausschwärmen, um die Lage zu erforschen. Sie sahen am Eingänge des Thals zwei hochgewachsene Reiter auf sattellosen Pferden, die sich aber alsbald zurückzogen. Bis zur Grotte getrauten die Römer sich nicht vorzudringen, um nicht in einen Hinterhalt zu fallen. Ein anderer Zug, der die Ebene absuchte, sah zwei Alamannen auf ihren kleinen Pferden in der Richtung auf Alta Ripa reiten. Es waren die Boten der Edelinge, die die Befreiung der Geiseln von Valentinian verlangen sollten. Weiteres wurde nicht gemeldet. Die Truppen blieben die Nacht über auf ihren Posten. Von den Wartthürmen leuchteten die Feuerzeichen und meldeten über den Rhenus die Nähe des Feindes. Der Schritt der Ronden dröhnte auf den Wällen, in einem schmalen Gemache des Prätoriums aber lag Justina hingegossen vor einem Crucifixe, weinte, betete, geiselte sich, bekannte ihre Sünden und Verbrechen und gelobte, sich aller magischen Künste zu enthalten, falls ihr der Gekreuzigte ihr Kind zurückgebe. Am andern Morgen fand sie den Bischof von Lopodunum vor ihrer Thüre. Der fromme Herr erschrak zwar sehr, daß man ihn, den Mann des Friedens, an Macrian senden wolle, aber die Kaiserin ließ ihm so entschieden die Wahl zwischen Gehorsam oder Verlust seiner geliebten Basilica, daß er einwilligte, ihr Bote an die Alamannen zu sein und jedes Lösegeld für Auslieferung des Knaben zu versprechen. Noch am selben Mittag kehrte er erregt und unwirsch von Macrian zurück. Ein Vorposten hatte ihn erst als Spion bedroht, dann unter Mißhandlungen in die Berge nach der großen Wodanseiche hinter dem Mons Piri geschleppt. Dort hatte er mit den Barbaren zwei Stunden, wie er sagte, verhandelt. Den Knaben habe er nicht gesehen. Er befinde sich in weiblicher Pflege, habe der König lachend erwidert. »Bei Jetta!« schrie Justina entsetzt. Macrian gelobe aber, den Knaben und die gefangenen Officiere unverletzt herauszugeben, fuhr der Bischof in seinem Berichte fort, sobald die Geiseln aus Mogontiacum in dem Lager der Alamannen eingetroffen seien. So erfuhr auch Arator zuerst von dem Schicksale seiner Leute. Die Besatzung auf dem Berge war erschlagen, die Führer in der Grotte in des Barbaren Hand. Offenbar aber war Macrian zu schwach zum Angriff und benützte die Frist, die er Valentinian stellte, um die Stämme der Alamannen aufzubieten. Die Kaiserin beschloß darum, die Reise nach Alta Ripa zu wagen, um Valentinian zur Auslieferung der Geiseln zu bestimmen und den Kaiser selbst von allem zu unterrichten. Der Bischof blieb im Lager zurück unter dem Vorwande, der Weg nach Lovodunum sei nicht mehr frei. Justina dagegen langte unangefochten vor dem Thore des Munimentum an, das der Kaiserin sich alsbald aufthat. Aber Valentinian empfing seine weinende Gattin mit namenloser Wuth. Ihre Bosheit habe ihm Rothari entfremdet, ihr Leichtsinn habe den Alamannen den Knaben in die Hände fallen lassen, bereits sei der Befehl ertheilt, die Geiseln auf den schnellsten Pferden nach dem Mons Piri zu entlassen. Damit habe sie selbst ihren Gatten des wirksamsten Mittels beraubt, auf die Feinde zu drücken, sie zu entzweien und auf die Seite des Kaisers herüberzuziehen. Noch nie hatte der quere Blick des Tyrannen sie so getroffen, noch nie hatte er so zu ihr geredet. Schließlich gebot er ihr, ohne den Knaben zu erwarten, solle sie alsbald nach Treveri abreisen, damit sie nicht des Unheils noch mehr stifte. Mit gebrochenem Herzen bestieg die harte Frau am Abend ihr buntes Prachtschiff und fuhr von Ausonius geleitet den Strom hinab nach der Mündung der Mosella. Auch ihr Begleiter Ausonius war in der gedrücktesten Stimmung. Der Dichter der eßbaren Fische und trinkbaren Weine war besorgt um seine Bissula, über deren Verbleiben ihm niemand Auskunft zu geben vermochte. Der Gedanke, sie zu verlieren, oder vielleicht schon verloren zu haben, brachte ihm plötzlich ihren Werth zum vollen Bewußtsein. Bereits stiegen Nänien und Elegieen um Bissula, nebst neuen Liebesliedern in seinem beweglichen Geiste auf und er ermüdete die Begleiter mit dem Preise seiner blonden Alamannin, die vielleicht durch dasselbe Recht des Kriegs jetzt Weib eines Barbaren werden müsse, durch das sie Weib des großen Dichters und Staatsmanns Magnus Decimus Ausonius geworden war. Hätte der besorgte Ehemann bei seiner Abfahrt genauer nach dem Strande zurückgeblickt, er hätte auf der Terrasse des Gartens, an dem der Rhenus vorbeiströmte, eine Frau sehen können, die mit einem Kinde auf dem Arme dem enteilenden Schisse winkte und sich abmühte, dasselbe durch Zeichen zur Umkehr zu bestimmen. Es war Bissula mit dem kleinen Valentinian. Aber niemand beachtete die Rufe und das wehende Tuch, so daß Justina erst zu Treveri erfuhr, daß ihr Kind bereits gerettet war, als sie trostlos den Rhenus hinabschwamm. Die thatkräftige, schöne Alamannin hatte den Prinzen ganz allein befreit und damit ihr Glück und das ihres Gatten an dem kaiserlichen Hofe für immer begründet. Während Justina die leidenschaftliche Unterhaltung vor dem Thore des Zehnthofs mit Jetta führte, hörte Bissula's scharfes Ohr noch hinter den Büschen des Abhangs einen Schrei des unglücklichen Knaben, dem die rauhe Hand des Barbaren für einen Augenblick den Mund frei gegeben hatte. Jüngst in den Schauern der Nacht und den unheimlichen Gräueln des Riesensteins gegenübergestellt, war Bissula furchtsam entlaufen. Heute beim fröhlichen Sonnenlichte gab ihr die Energie weiblichen Mitleids den Muth, flüchtigen Fußes den davoneilenden Barbaren nachzusetzen und sobald sie ihrer sichtbar ward, rief sie die Krieger in alamannischer Sprache an: »Jetta schickt mich, ich soll das Kind tragen, damit es sich nicht fürchtet. Der Knabe stirbt ja vor Angst, du ungeschickter Bärenhäuter. So haltet doch, ich bin ja eine Alamannin.« In der That standen die drei Krieger endlich mit ihrer Beute still, um zu hören, was das alamannische Weib hinter ihnen wolle? Athemlos kam Bissula bei ihnen an und nahm den Knaben an sich, der sich in ihren Armen alsbald beruhigte. »Jetta sagte, ich solle ihn pflegen«, log Bissula geläufig weiter. »Wenn er stirbt unter euern rohen Händen, ist er uns nichts mehr werth, lebend ein Königreich. Komm, mein süßer kleiner Mann, nicht wahr das sind böse Tölpel, die nicht wissen, wie man mit jungen Römern umgeht.« Und ruhig schritt sie vor den Kriegern her, als ob es niemand so eilig habe, Macrian zu finden, wie sie. Bald hatte sie aus den Reden der Begleiter erhorcht, daß der Knabe zur Lösung der alamannischen Geiseln dienen solle und als sie nun die Eiche an der Kreuzung der Berge erreicht hatten, wo der König lag, nahm sie alsbald das Wort, als ob sie zur Befreiung ihrer Volksgenossen zu Mogontiacum, deren Namen sie geläufig aufzählte, sich mit Jetta verbündet habe. Hier sei Valentinian's Söhnlein, das den Erfolg verbürge, vor allem aber verlange sie nun Ruhe für das Kind, passende Nahrung und eine etwas abgelegene stille Hütte, damit der Knabe sich erhole. Eine Laube aus grünen Zweigen und breiten Farren war rasch errichtet und im weichen Moose mit ihrem Schützling gelagert, flüsterte sie demselben leise Worte des Trostes und der Hoffnung zu, so daß er beruhigt in ihrem Arme entschlief. Um folgenden Tage kam der Bischof von Lopodunum an, der sich bitter bei Macrian beschwerte, daß die begleitenden Krieger ihn so hart behandelt hätten, während er doch weder dem Kaiser diene, noch dem Könige, sondern allein seinem Herrn im Himmel. Justina's Botschaft berichtete er nebenbei und erhielt zur Antwort, Valentinian sei schon verständigt, daß er nur gegen Herausgabe der Geiseln seinen Sohn und die gefangenen Mithrasdiener lebend wiedersehen werde. Dem Bischof aber lag mehr als Valentinian's Söhnlein seine Basilica zu Lopodunum am Herzen und die heiligen Gefäße, durch die Justina's Großmuth der tiefen Armuth seiner Kirche zu Hülfe gekommen war. Bald durchschaute der schlaue König diese Sachlage und machte den frommen Mann zutraulich. Er setzte ihm auseinander, die Kaiserchristen zwar, die Nicäner oder Orthodoxen, wie man sie nenne, werde er in seinem Lande nie dulden, weil sie Knechte Roms seien, gegen die Arianer aber habe er nichts. Die Basilica zu Lopodunum solle vor jeder Plünderung bewahrt bleiben, wenn der Bischof bewirke, daß alle, die zu seinem Glauben gehörten, ihr Schwert niederlegten und so weit sie Germanen seien, friedlich in ihre Heimath zurückkehrten. Die Lateiner dagegen könnten sich in dem verödeten Lopodunum niederlassen, wo noch für viele Raum sei. Hocherfreut hörte der hagere Bischof die Worte des Barbaren und erklärte, er werde eifrig thun, was in seinen Kräften stehe, um des Königs Willen zu erfüllen. Gern verkünde er sofort, daß zwischen dem Volke der Christen und dem Volke der Alamannen der Friede geschlossen sei und er die Seinen abhalten werde vom Kampfe für die Römer. Als er dann noch den Knaben sehen wollte, antwortete Macrian ausweichend, er sei in sorgsamer weiblicher Pflege. »Ich soll wohl sein Versteck nicht erfahren«, dachte der Bischof für sich und trat zufrieden den Heimweg an, wo er Justina in ihrem Vorsatz, nach Alta Ripa zurückzukehren, nach Kräften bestärkte. Allein der Knabe befand sich bereits nicht mehr in den Händen Macrian's, als der schlaue Barbar denselben durch Anaklet nochmals wie ein Unterpfand für die Rückgabe der Geiseln verwerthete. Bissula hatte am Abend ängstlich die Rückkehr Jetta's erwartet, die alle ihre Lügen an den Tag bringen mußte. Aber Jetta war auf der Villa bei der Mithrasgrotte zurückgeblieben und hatte dort, das Haupt auf ihrem Wolfe, übernachtet. Mit der Entführung des Knaben war ihr Rachedurst gestillt. Justina fühlte nun auch, wie es dem Mutterherzen thue, um einen Liebling sich zu ängsten, und das genügte ihr. An eine Ausführung ihrer blutigen Drohungen hatte sie ohnehin nie gedacht. Im Gegentheile legte sie sich gerade darum in der Nähe der Mithrasgrotte zur Ruhe, um nöthigenfalls die Gefangenen gegen Gewaltthaten der Barbaren zu schützen. So blieben Bissula's Lügen unenthüllt und niemandem auf dem hohen Waldplatze fiel ein, die Fremde zu bewachen, die ja selbst den Kaiserssohn eingeliefert hatte. Als nun aber am Morgen die Alamannen nach der Hütte schauten, waren Magd und Kind entflohn. Alles, was Macrian unter diesen Umständen thun konnte, war, den Verlust möglichst lang zu verhehlen. Er bestärkte Anaklet und dieser bestärkte Justina und sie wieder Valentinian in der Meinung, der Knabe sei noch immer in der Hand der Alamannen. So wurde die Entlassung der jungen Edelinge durch Eilboten beschleunigt und in der Stunde, in der Valentinian seinen Knaben aus Bissula's Händen wieder erhielt, jagten die Söhne der Alamannen, längst aus Mogontiacum entlassen, auf raschen Pferden den freien Bergen zu. Der Kaiser versprach trotzdem der beherzten Retterin, ihren Gemahl reich für das zu belohnen, was sein Weib ihm geleistet. Den Vorgang selbst aber, der dem kaiserlichen Hause so wenig zur Ehre gereichte, empfahl er ihrem tiefen Schweigen. Am übelsten freilich wirkte Bissula's List auf das Loos der andern Römer zurück, die in Macrian's Hände gefallen waren. Denn da Valentinian seinen Knaben entführte, statt seine Auswechselung abzuwarten, war Macrian seines Wortes entbunden und erzürnt über den Streich, den ihm die treulosen Römer auf's neue gespielt, bestimmte er die Gefangenen zum Opfer bei dem kommenden Siegesfeste. Bange Tage verstrichen nun den Bewohnern der kleinen Römerstädte am Nicer und Rhenus, wie sie zwischen der Kriegserklärung und dem ersten Zusammenstoß zu liegen pflegen. Dann aber ward es lebendig im düstern Wodanwalde. Von allen Seiten stiegen die Schaaren der Alamannen die Bergpfade abwärts. Vom Süden waren die Lentienser und Brisgaven heraufgeeilt; das Thal des Nicer stiegen die Juthungen und Hermunduren herab und vereinigten sich mit Macrian's Buccinobanten, die vom Norden herbeizogen. Stündlich meldeten die Fanale der Wartthürme neue Ankömmlinge, bis ihre helle Flamme erlosch, zum Zeichen, daß sie selbst in die Hände der Feinde gefallen waren. Zum letzten Male hatten sie ihre stumme Römersprache diesseits des Rhenus geredet. In der Nacht aber ward das Thal des Nicer hell von der Flamme, in der der Holzbau des Mons Valentiniani prasselnd zusammenstürzte. Mit blutigem trübem Morgenrothe brach der Tag an, der die Entscheidung in seinem Schoße trug und die aufgehende Sonne fand Arator bereits auf dem Walle, um die Wachen zu ermuthigen und nach den Feinden zu spähen. Die Feldzeichen der Barbaren waren ihm wohlbekannt. Dort erhob sich Macrian's Lanze mit dem gräulichen Eberhaupte, drüben sah er das Hirschgeweih, das schon die Heere der Sueven vor sich hergetragen, grell gemalte Schwertzeichen und goldene Pferdeköpfe sah er blinken und seine Stirne umwölkte sich: »Haben denn die Wälder Germaniens«, sagte er, »alle ihre Schluchten aufgethan, um Juthungen, Hermunduren, Lentienser, Brisgaven und Buccinobanten zugleich auszuspeien?« Aber er war bemüht, den Truppen ein heiteres Antlitz zu zeigen. Baldigen Entsatz konnte er den Seinen nicht in Aussicht stellen, denn der Kaiser wollte die Besatzung von Alta Ripa nicht schwächen. Das Heer sollte bei Mogontiacum zusammengezogen werden, um durch einen Einfall in ihre nördlichsten Gaue die Alamannen zum Abzug zu nöthigen. Die Truppen wußten, daß sie bestimmt seien geopfert zu werden; das war der geistliche Trost, den der Bischof von Lopodunum, von Hütte zu Hütte gehend, den Seinen gespendet hatte. »Sollen wir unsere neugebaute Basilica zu Lopodunum auf's neue ausplündern lassen?« hörte Arator selbst den Bischof einem Soldaten zuflüstern. Er schlug an's Schwert, aber bereits fühlte er sich zu schwach, den Verräther auszuweisen, denn er fürchtete eine Meuterei der Christianer. Auch konnte er nicht sagen, daß der Priester Unordnung angestiftet hätte. Die Truppen standen auf ihrem Platze, die rothen Vexilla flatterten im Winde, das Drachenzeichen der Legion glänzte in der Sonne, Helme und Schilde blitzten, aber kein Zuruf, kein Zeichen der Kampfbegierde begrüßte den Feldherrn. Hier und dort hielt der greise Krieger eine Ansprache, aber er fühlte, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehre. Dabei sah er stets hinter sich in unmittelbarster Nähe Syagrius' rothen Bart und mächtige Nase, unter der die Lippen ironisch sich kräuselten. »Der Widerstand ist unnütz«, nahm endlich der Notar das Wort. »Diesen Abend steht hier kein Stein mehr auf dem andern. Verhandle über freien Abzug.« »Bis Hermogenes eintrifft, habe ich zu befehlen«, sagte Arator scharf, »es ist nicht Roms Gewohnheit, ein Lager ohne Schwertstreich den Barbaren zu räumen.« Der Notar zuckte die Schultern und stieg hinunter zu dem Bischof. »Dieser Gallier, der den letzten Römer spielt«, murmelte er zwischen den Lippen. Arator seinerseits bestieg den Wall, der sich von innen an die Mauer lehnte, um den Feind zu erwarten. Rings um die Mauer lief ein Doppelgraben, der ungefähr zwanzig Schritte breit war, das heißt so weit als ein Soldat von oben mit Sicherheit das Pilum zu werfen vermochte. Die Zinnen der Brüstung waren genau hoch genug, um einen Mann vollkommen zu decken und die Oeffnung zwischen ihnen so geräumig, um die Handhabung jeder Waffe bequem zu gestatten. Die vier Ecken des Lagers waren abgerundet und sprangen stark hervor, um die Seiten der Mauer zu flankiren. Hier standen die Wurfmaschinen und commandirte der Centurio. Auf jeder der vier Seiten hatte die Anlage ein Thor, das durch zwei viereckige Thürme vertheidigt ward. An diesen Stellen war der Graben überdämmt. Die Porta Prätoria lag auf der Schmalseite gegen Osten, von wo der Feind zu erwarten war. Sie war darum eng und stärker befestigt. Ihr gegenüber, gegen die Ebene des Rhenus, öffnete sich das breite Doppelthor, die Porta Decumana, über deren Mittelpfeiler die Bildsäule des Mercurius Cimbrius aufgestellt gewesen war, bis die christlichen Soldaten sie nächtlicher Weile herabgeworfen hatten. Arator begab sich nach der Porta Prätoria, die zunächst bedroht war. Die Soldaten standen hinter der Brustwehr, das Pilum oder die Schleuder in der Hand, um die Feinde mit eisernen Spitzen und schweren Schleuderbleien zu begrüßen. Aber die Feinde mußten noch auf weitern Zuzug warten. Der Angriff begann nicht, nur an dem Fallen der Bäume auf den Bergen sah man, Macrian bereite Material zum Sturme. Stunde für Stunde standen die Soldaten auf den Wällen und die Sonne versandte unbarmherzige Strahlen auf die schwer gewaffneten Männer, während die Feinde draußen im Walde vom Marsche ruhten und ihre Kräfte schonten. Endlich, bei einbrechendem Abend, als die müden Wachen es nicht mehr erwarteten, ertönte plötzlich in der Nähe des Lagers ein furchtbarer Ton gleich dem Brüllen eines gewaltigen Ungethüms. Alles stürzte nach den Zinnen und spähte nach dem Orte, von dem der Schall herüberdrang. Hinter einem Baume sah man im Dämmerlichte Macrian, der in den hohlen, vor den Mund gehaltenen Erzschild den Schlachtruf anstimmte. Nun wurde es rings im Thale und auf den Höhen lebendig. Man hörte leise anschwellend den summenden Kriegsgesang der Germanen, das taktmäßige Anschlagen der Holzschilde, den sich zum Heulen steigernden furchtbaren Schlachtgesang, der jetzt klang, wie wenn die Meeresfluth an die hohlen Felsen anklatscht. Auf beiden Seiten des Lagers glänzten Waffen durch die Büsche. In acht keilförmig geordneten Zügen kamen sie den Mons Piri herab, vereinigten sich auf der Straße und hielten direct auf das Thor. Voraus schritten riesige Gesellen, Bündel von Strauchwerk als Schilde vor sich tragend, hinter ihnen schleppten andere ganze Bäume und kahle Stämme. In Schußweite des Pilums gekommen, sprangen sie in gewaltigen Sätzen vorwärts; mit einem Wurfe lagen ihre Bündel in dem Graben, die Balken wurden darüber geschoben und der Zwischenraum ausgefüllt mit neuem Strauchwerk. Wohl fiel hier und dort einer von den Geschossen, die die Soldaten hinter der Brustwehr versendeten, aber immer neue Feinde mit Strauchbündeln, Körben, Sandsäcken tauchten hinter den sich auflösenden Reihen empor und als die Sonne sank, war der Graben an dieser Stelle eben. Wieder hörte man das Summen des Schlachtgesangs, das sich steigerte bis es schließlich klang wie Heulen des Sturms. Der Anlauf begann. Arator trat auf die vorderste Brüstung neben den Soldaten, der, am meisten ausgesetzt, das Pilum krampfhaft in der Hand hielt. Er hörte, wie der Feind unten anstürmte. Der Schütze wog das Geschoß mit der Hand, um zu werfen, aber plötzlich setzte er es mit einem Ausrufe des Schreckens nieder. »Was zögerst du?« fragte Arator verwundert. »Mercurius Cimbrius stehe mir bei«, stammelte der Krieger, »ich sehe ein Weib. Voraus kommt deine Tochter mit fliegenden Haaren, ein Wolf ihr zur Seite. Es ist Jetta, Rothari's Witwe, dessen Blut du vergossen.« Und mit einem Zeichen des Entsetzens trat der Krieger zurück. Arator riß ihm das Wurfgeschoß aus der Hand. Mit der einen Hand an der Zinne sich haltend, erhob er sich zu halber Höhe über die Mauer und zielte auf Jetta. »Sie soll wissen, wessen Eisen sie traf«, rief er, sich hoch aufrichtend, da stürzte er von einem Pfeile getroffen kopfüber von der Rampe. »Verrath!« rief es im selben Augenblicke. »Die Christianer ziehen ab!« Betroffen schauten die Kämpfer nach rückwärts. Das nördliche Thor, das sturmfrei geblieben war; war geöffnet. Ein langer Zug speerloser Leute verließ das Lager. Sie trugen ihre Schilde wie Ranzen auf ihrem Rücken und das Schwert in der Scheide. Sack und Pack nahmen sie mit, ein deutliches Zeichen, daß eine förmliche Abrede vorausgegangen war. Voran zog der Bischof, ein weißes Segel, das von einer Querstange herabwallte, trug er als Kirchenfahne vor sich her und neben ihm schritt der Notar in der Tracht des Forums, ohne Waffen. Jetzt stimmten sie den Kirchengesang an: »Hirt der königlichen Heerde.« Dort hielt Macrian zu Pferd und sprach mit Anaklet, darauf setzte sich der ganze Zug in Bewegung nach Lovodunum. In diesem Augenblick erkrachten die Mauern unter den Füßen der Vertheidiger des Ostthors. Die Alamannen stürmten mit langen Baumstämmen gegen sie an. Die Zinnen wankten und fielen. Nun legten auch hier die Soldaten die Geschosse nieder und drängten nach dem Prätorium hinunter, wo Macrian bereits seinen Einzug hielt und die Römer entwaffnete. Nur das Vorwerk jenseits der Brücke war noch in den Händen der Truppen und das aufgerichtete Stierbild der Cohorte zeigte, daß das kleine Häuflein den Tod der Schande vorzog. Als Arator wieder zu sich kam, fand er sich am Ufer des Nicer, wo Vulfilaich beschäftigt war, ihm die Stirne zu kühlen. Hinter ihm, unsichtbar für den Sterbenden, kauerte neben ihrem Wolfe seine Tochter. Noch verklang in der Ferne die monotone Hymne: Unlenksamer Füllen Zügel, Nie verirrter Vöglein Flügel, Hirt der königlichen Heerde Führe die Deinen, sammle die Kinder, Zu heiligem Liede, zu wahrem Gebet. Vulfilaich kniete nieder neben dem todtwunden Manne: »Vergiß jetzt«, flüsterte er ihm zu, »die irdischen Thore und Wälle, die dir anvertraut waren. Steige hinauf in das obere Jerusalem, zähle ihre Thürme, betrachte ihre Mauern, bewundere ihre Paläste, daß du deiner Seele davon erzählen kannst.« Da brach der Sterbende in ein gellendes Lachen aus: »Ist es wahr, daß in euerem Himmel die Seelen blaue und grüne Schatten werfen?« sagte er höhnisch. »Da könnt ihr mich nicht brauchen, denn meine Seele ist schwarz von allem Verrath, den meine Augen sahen. Freue dich, Mönch! Euere Zeit ist da! Winsle Gebete, kniee vor Knochen, thue Wunder und Zeichen! Die Geschichte des Lichts ist zu Ende, die Geschichte der Lüge beginnt. Im Lager herrscht der Priester und das Letzte, was Arator's Ohren hörten, war, daß römische Soldaten das Lied des Gekreuzigten sangen und entwichen, von einem Priester geführt, während die Barbaren das Standlager bestürmten und der Feind vor den Thoren seinen Schlachtgesang brüllte. Wehe, wehe Rom!« »Ja, wehe der großen Babel«, fiel Vulfilaich ein, »die Stunde ihres Gerichtes ist gekommen. Ehe ein Jahr vergeht werden ihre Mauern bersten wie die Mauern deines Lagers!« »Brav, brav, mein Sohn«, sagte der Sterbende und es war, als ob der so lang zurückgedrängte Mittheilungstrieb dieses schweigsamen Greises in der Todesstunde plötzlich alle Bande sprenge, so floß der sonst so fest geschlossene Mund des Staatsmanns über von bösen Worten. »Weissage nur immer das Schlimmste, mein guter Knabe, und du wirst meistens Recht behalten. Siebzig Jahre sah ich diesem schalen Schauspiele zu und ich sage dir: alles ist möglich und das Dümmste ist wahrscheinlich. Ich sah einen Kaiser, der ein Hercules sein konnte und der einer Omphale seine besten Freunde opferte. Einen Helden, dem eine Niederlage lieber war als ein Sieg, wenn er nicht selbst ihn erfocht, einen Tyrannen, der seine treusten Diener mordet und nur den Feigen traut.« In diesem Augenblicke hörte Arator Jetta hinter sich weinen. Bei dem Grolle ihres Vaters brach ihr eigenes starres Weh und zum ersten Male war sie der Thränen fähig. Arator wendete unwillig sein Haupt ihr zu: »Du bist hier, Wahnsinnige«, rief er zürnend, »die du die Roma Dea in Person spieltest und dennoch zu den Barbaren liefst, sobald Rom das Leben deines Gatten heischte.« »Was hat euch Rothari gethan, daß ihr ihn tödtetet?« schluchzte Jetta in namenlosem Schmerze. Der Sterbende richtete sich auf, seine Züge wurden milder und ein heller Strahl von Mitleid und Vaterliebe brach aus seinem Auge. »Ich habe dich hart getroffen, mein Kind«, sagte er sanft, »und es ist mir selbst nicht leicht geworden. Der Augustus hatte mir Rothari's Leben zugesagt, falls er Rom Frieden gelobe. Hätte ich gewußt, daß alles nur Lug und Trug war, ich wäre nicht bei dem Opfer erschienen. Nachdem aber Statius und Syagrius die Verrätherei begangen, war an keinen Frieden zwischen Rothari und uns mehr zu denken. Ihn zu fesseln war unmöglich, es sind der Germanen im Lager zu viele. Ihn zu entlassen war unser Verderben, denn gegen uns zu kämpfen war jetzt sein gutes Recht. Jede unserer Schwächen kannte er, er wußte, wie leer unsere Magazine, er kannte die Zahl unserer Truppen, die Unfähigkeit unserer Führer, alle Zugänge zu unsern Festen, die Dicke der Mauern und die Schäden unserer Wälle. In zwei Wochen, wenn er das Schwert zog, hatte er uns unter die Füße getreten. Das Alles, wie von einem Blitze erhellt, stand mir vor der Seele in jenem Augenblick. ›Er darf nicht weg‹, rief es in mir. So erhob ich das Beil und schlug ihn nieder wie ein Opferthier und dann trauerte ich um ihn wie um einen Sohn. Ich habe nie einen Mann geliebt wie ihn, ich habe nur einmal geweint und das war um ihn und um dich, du arme Jetta!« Wiederum hörte er hinter sich das heiße Schluchzen seines Kindes und fuhr in mildem Tone fort: »Fasse dich, meine Tochter! Nicht du bist Schuld am Einsturz unseres Werkes. Wir haben nicht Treue gehalten, daran gehn wir zu Grunde.« Leise weinend beugte Jetta sich über den Sterbenden und suchte den Pfeil aus seiner Brust zu lösen. »Ziehe das Eisen nicht«, sagte er, »sonst verblute ich und ich habe noch mit dir zu reden. Kehre nach Rom zurück zu ...« Jetta seufzte laut auf und wehrte mit einer Gebärde des Abscheus dieses Vermächtniß ab: »Sie werden mir eine Ehrenpforte bauen«, sagte sie bitter, »nachdem ich ihr Standlager überliefert. Hörst du den brausenden Jubel des Schildgesangs? Soeben stürmen die Brisgaven das Vorwerk. Gajus hält es. Arme Knaben, warum liefet nicht auch ihr hinter dem Bischof? Sieh, wie die Flamme an den Thürmen leckt!« Arator erhob mühsam das Haupt, um zu sehen, was der neue Lärm bedeute. Taghell lag das Thal und die Berge strahlten in gelblichem Schimmer von dem Wiederschein der brennenden Häuser, Thürme und Palissaden und der Nicer stoß roth wie ein Gluthstrom der Unterwelt. Als ob die Erde sich gespalten und Hel's Feuer gen Himmel schlage, so loderten die Strohhütten der Soldaten und der Nachtwind führte die brennenden Garben wie Meteore dahin. »Sieh da, auch die Höfe brennen«, sagte Arator mit bitterem Hohne, »hier die Villa, wo dein Brautbett stand, da wirbeln die babylonischen Teppiche und persischen Vorhänge als Aschenregen in der Luft. Sieh den Zehnthof, wie das Stroh leuchtet und Heu, und dort hinten eine neue Rauchsäule, das wird unsere Wohnung sein. Fahrt wohl, Statuen und Urnen, Marmor und Rosen! – Aehnliches könnt ihr nicht schaffen, Mönch, da thut ihr wohl, daß ihr es zerstört, damit die Leute es nicht vor Augen haben, was ihr seid und was wir! Lebewohl, Jetta, Roms Zeit ist um. Die Helden im Schaffell und der Roßhaut und Mönche, wie dieser, zimmern die neue Welt. Ich danke den Göttern, sie nehmen mich zu rechter Stunde hinweg.« Jetta hielt ihm das Haupt und richtete den Körper weiter in die Höhe. »Was willst du thun, allein, wie ich dich in der Welt zurücklasse?« sprach er flüsternd und seine Augen hafteten mit einem Ausdruck väterlicher Besorgniß auf dem bleichen, schönen Antlitz, das sich über ihn beugte. »Die Asche meines Gatten und Kindes will ich hüten«, sagte sie sanft, »auch deine Asche, mein Vater. In dem Thale, das ich liebe, seit meine Seele zum innern Leben erwachte, will ich, eine Fremde, sitzen. Den Barbaren will ich zeigen, daß nicht alle Römer Verräther und Mörder sind.« Arator erwiderte nichts; der alte Mann neigte sein Haupt und mit fester Hand riß er den Pfeil aus seiner Brust und schaute dem sanft rieselnden rothen Bächlein nach, in dem sein Leben hinabrann in die kalten Wellen des Stromes. Das Feuer im Lager und in den Dörfern diesseits und jenseits des Wassers erlosch. Die Rauchsäulen beugten sich wie riesige Gespenster im Winde herüber und hinüber, oben aber blaute der Himmel und die ewigen Sterne glänzten wieder herab auf den dunkeln Strom und Jetta saß bei der Leiche ihres Vaters. Ihr ganzes verfehltes Leben ging in dieser Stunde an ihr vorüber gleich den Wellen, die im Dunkel vor ihr dahinrauschten. Was sie einst in der Begeisterung einer reinen Jugend Rom nannte, als Rom liebte, das Große, Wahre und Gute, liebte sie noch, oh daß sie nie etwas Anderes geliebt, hätte! Aber sie war entschlossen, nicht zu ihrem Volke zurückzukehren. Was sie auch geirrt und gefehlt haben mochte, vor den Richterstuhl Valentinian's und Justina's wollte sie sich nicht stellen. Auch rächen wollte sie sich nicht weiter. Der Schmerz, der sie gestern noch bis zum Wahnsinne getrieben, hatte nach den Gräueln des heutigen Tages seinen Stachel verloren. Wo so viel Elend zum Himmel schrie, schien ihr ihr eigen Leid leichter zu tragen. Sie erhob sich mit der Absicht, nach Kräften weiteres Blutvergießen zu verhindern und die Wunden zu heilen so weit sie es vermöchte. Zunächst aber galt es, hier eine Pflicht zu erfüllen. Der Leib ihres Erzeugers sollte nicht der Wildheit der Barbaren überlassen bleiben, noch sollten die Vögel des Wodanwaldes sein zerstücktes Gebein verschleppen. Sie schaute sich nach Bulsilaich um, ob er ihr helfen wolle bei dem frommen Werke. Aber von Arator's Reden verletzt war der Mönch verschwunden; nur der Wolf hatte bei ihr ausgehalten. So ging sie denn selbst an die harte Arbeit. Sie lockerte mit Arator's Schwert den weichen Sand und ergriff dann einen Schild, den ein Flüchtling von sich geworfen, um eine Grube zu graben. Aufmerksam folgte der Wolf mit klugen Augen ihrem Beginnen und als sie erschöpft einen Augenblick innehielt, sprang das mächtige Thier in die begonnene Grube und unter seinen gewaltigen Tatzen flog rückwärts und vorwärts der Sand, so daß sie nur noch wenig nachzuhelfen brauchte. Dann nahm sie die Leiche Arator's und legte sie in die Grube. Bald hatte sie mit dem Schilde einen Sandhügel über ihn gehäuft, so daß er nach dem Rechte der Untern für beerdigt galt; auch falls der übertretende Strom im Herbste ihn wieder auswühlen und mit sich führen sollte. Als der Morgen graute, ließ sie ihre ernsten dunkeln Augen im Thale umhergehn. Sie sah ausgebrannte Häuser und nur eine Rauchschicht verkündete, wo gestern das Lager gestanden. Von der Brücke hing noch das mittlere Joch über dem Flusse, am linken Ufer hatte die Besatzung des Brückenkopfs sie niedergerissen, am rechten hatte der Brand sie zerstört. Jetta's Blockhaus dagegen auf dem Bühl stand unverletzt. Nur gegen römische Mauern hatten die Barbaren gewüthet, die Alamannenhütte war ihrem Zorne entgangen. Aber dorthin zurückzukehren vermochte Jetta nicht. Sie wollte ihn nie wieder betreten den Schauplatz ihres kurzen Glückes und tiefsten Schmerzes, wo der zürnende Schatten ihres Gemahles umging und das blutige Haupt ihres Kindes aus jeder Ecke starrte. Noch jetzt mußte sie die Hände vor's Angesicht pressen und stand wie von einem Krampfe gelähmt, wenn sie an das Gräßliche dachte. Irgend ein anderes Versteck mußte es ja geben in diesen schluchtenreichen Bergen, wo sie sicher war. Die Höhle im Walde fiel ihr ein, in die sie schon einmal geflüchtet. Dort war sie allein, dort reizte sie keine Neugier und Raubsucht. Dort konnte sie in stiller Einkehr bedenken, welchen Inhalt sie ihrem Leben geben wolle, nachdem es den alten, einer zerbrochenen Opferschale gleich, an der Erde verschüttet hatte. Ernst und gefaßt erhob sie sich, indem sie den Wolf zu sich lockte und staunend sahen die alamannischen Wächter das gewaltige Zauberweib, das ihnen den Weg zu so leichtem Siege gebahnt, in die Fluthen schreiten und das graue Thier des Waldes umarmend hinüberschwimmen nach der andern Seite des Stromes. Kalten Angesichts schritt sie durch die verlassenen Brandstätten des jenseitigen Ufers dem Walde zu, wo sie den Blicken der Alamannen entschwand. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Jetta fand ihre Höhle in demselben Zustand, in dem sie sie verlassen. Der Wolf lief ihr in die Grotte voraus, die Vorräthe beschnuppernd, die Bulfilaich da zusammengetragen hatte und forschend, ob irgend ein Feind, der Mönch etwa, im Hintergrunde sich berge. Aber die nur den Unterirdischen bekannte Krypta des Berges war leer und Jetta legte sich nieder, um zu ruhen, während der Wolf als Wächter sich vor dem Eingang mächtig hinstreckte. Manche wilde Scene des Kriegsrechtes spielte inzwischen drunten im Thale sich ab, die ein gütiger Schlaf Jetta's Augen entzog. Sie erwachte erst, als die Strahlen der Abendsonne tiefer in das Innere ihrer Höhle fielen und ein milder Thalwind ihr die heißen Schläfen kühlte. Traurig richtete sie sich empor, um die neue Lage zu bedenken, in die sie nunmehr gerathen war. Was sie in den letzten Tagen gethan, verstand sie bereits selbst nicht mehr. Sie war wie der Pfeil gewesen, der vom Bogen geschnellt ward, gestoßen von einer höheren Gewalt. Nur der entsetzliche Trieb hatte sie beherrscht nach Rache für ihren Gatten, für ihr Kind, die unklare Idee, die Mörder, die Rothari's Blut vergossen, seien nicht würdig die Erde zu besitzen, die sein Fuß betreten, die sein Schwert vertheidigt, dieses Thal, das sie von Jugend auf geliebt. Nun hatte sich die heilige Wuth gelegt und ihre Bestimmung hatte sich erfüllt. Einem zerbrochenen Weihgeschenk verglich sie sich, zu nichts mehr gut, als daß man es zu den andern Scherben werfe. Was sonst aus ihr werden solle, wußte sie nicht. Nicht, daß sie sich vor den Barbaren fürchtete, Macrian würde sie ungekränkt entlassen, das wußte sie, aber wohin? Auch vertreiben würde er sie nicht, aber wofür sollte sie leben im Lande der Feinde? Welcher Zweck des Daseins blieb ihr noch, nachdem sie nicht Tochter, nicht Gattin, nicht Mutter mehr war und Rom sie ausgestoßen? Es gab keine Arbeit mehr, die verlangte von ihr gethan zu werden. Jenen erhabensten und heiligsten Grund zu leben, den die Menschen Pflicht nennen, hatte ihr das Schicksal entzogen. Sie würde wohl die Tage weiter spinnen, fühlte sie, aber das Leben schaute sie grau und farblos an. Die Visionen einer großen Sendung, die sie einst emporgetragen, waren zerflossen. Bis zu dieser Stunde hatte sie selbst die ganz gewöhnlichen Vorgänge des Lebens mit der mystischen Gluth ihres Glaubens verklärt. Aber eine rauhe Hand hatte das rothe Glas, durch das auch Stein und Staub wie Feuer leuchtete, ihr aus der Hand geschlagen. Sie sah die Dinge nüchtern vor sich liegen und ein Ekel am Dasein überflog sie. Nur ein Gefühl war nach all den furchtbaren Aufregungen der letzten Tage so stark in ihr, daß es die Gestalt eines Wunsches annahm, das war das Bedürfniß der Stille, der Ruhe, der Wunsch, allein zu sein. Ob sie so einsam hier bleiben könne, wie Bulfilaich einst, daran dachte sie nicht, es genügte ihr, daß sie vorerst hier einsam war. Zukunft und Vergangenheit waren ihr gleich. Die Schläge und Erschütterungen waren so stark gewesen, daß es ihr schien, als ob alles Wollen und Denken in ihr zerbrochen sei und nie mehr arbeiten werde. Gerade da, wo sie war, fand sie sich in dieser Stimmung am besten. »Ich bin wie ein Stein«, seufzte sie, »wohin mich das Schicksal warf, da bleibe ich liegen.« Vor den verhaßten Angesichtern der Menschen wenigstens war sie in dieser grünen Einsamkeit sicher. Ihre Höhle war ein geschützter Winkel der Erde, sie konnte hier sich verbergen, bis sie fähig sein würde, einen Plan zu fassen oder bis eine äußere Macht sie des Entschlusses überhob und sie weiter stieß. So weit ihr müdes Sinnen zu einem Gedanken sich erhob, bewegte sie der Wunsch, nicht von dem Orte zu weichen, wo ihr Kind und ihr Gatte gestorben. »Wer weiß«, weinte sie in sich hinein, »ob es den Schatten der Abgeschiedenen vergönnt ist, uns in die Ferne zu folgen. Vielleicht ist es ihnen Gesetz, um den Platz zu schweben, wo sie den letzten Seufzer verhaucht. Wie traurig, wenn des Kindes und des Vaters Geist hier umgingen und fänden mich nicht.« Es war ihr nicht vergönnt gewesen, der Todten Pokal auf den Rücken der Erde zu gießen, wo Arator ruhte, oder den süßen Trank aus Milch, Wein und Honig in goldenem Henkelkrug auf Rothari's Scheiterhaufen zu schütten oder die abgeschnittene Flechte um seine Aschenurne zu winden. Aber in ihrer Nähe wollte sie weilen und den Untern das Opfer ihrer Thränen weihen. An die materiellen Bedingungen eines solchen Lebens hatte sie noch nicht gedacht. Sie wußte, daß in der Nähe eine Quelle rinne, ein Lager aus Laub und Moos war leicht gehäuft und um Wurzeln und Beeren konnte sie die Erde angehn. Ertrug der zarte Körper dieses Leben nicht, so war es ja nur um so besser. Stunde auf Stunde waren in diesem träumerischen Brüten an ihr vorübergegangen, als sie endlich aufgescheucht wurde durch Schritte, die von der Bergwand her sich näherten. Nicht sofort konnte sie in der Dämmerung den Nahenden erkennen, doch mußte es ein Freund sein, denn der Wolf begleitete ihn und sprang ihm voraus. Es war der treue Lupicinus, der verlegen und traurig sie begrüßte. Er und alle andern alamannischen Diener und Knechte hatten Jetta's That mit Begeisterung begrüßt. Sie hatte ihren Gatten gerächt, das war ein Motiv, das diese einfachen Seelen verstanden. Ob Römer oder Alamannen in den Thälern seiner Heimath herrschten, galt Lupicinus gleich; es war jetzt eben wieder so, wie es in seiner Jugend gewesen, und er war das zufrieden. So war seine Meinung, die Herrin werde nach dem Buhle zurückkehren und, unterstützt von dem treuen Gesinde, des Hofes walten. Zunächst pries er ihr die Klugheit des Thieres, das ihm die Wege zu der flüchtigen Herrin verrathen habe. Der Wolf hatte ihn im Stalle gefunden und sich seltsam gebärdet. Stets war er ein Stück vorausgesprungen und dann wieder zurückgekehrt, indem er kläglich heulte. Endlich war es Lupicinus klar geworden, daß das Thier wünsche, er solle ihm folgen. So hatte er Jetta's Versteck entdeckt und er glaubte nun der Herrin versichern zu dürfen, sie könne in aller Sicherheit ihr Haus wieder beziehen. Auch ihrem Abzug mit aller Habe würden die Alamannen sich nicht widersetzen. Aber Jetta erklärte, sie wolle bis zur Rückkehr des Friedens ihr Asyl nicht verlassen. Lupicinus verstand das nicht; er verbürgte sich mit seinem Haupte, sie werde im Hause sicher sein. Freilich, er sah die Schatten nicht, die in jenem Hause an allen Wänden hingen, aus allen Ecken nach ihr starrten, aber als er die Gebärde des Entsetzens bemerkte, mit der ihr Auge sich schreckhaft erweiterte und ihr Antlitz bleich ward, da ahnte er, daß hier ein Geheimniß sich berge, an das er nicht rühren dürfe und unterwarf sich schweigend. Ohne auf Befehle zu warten, kam er nach einer Weile mit Milch und Brot wieder. Er brachte köstliches reines Stroh, das noch frischen Feldgeruch aushauchte, er brachte Decken und Vorräthe und ehe er Jetta allein ließ, entfachte er ein Feuer und zeigte der Herrin, wie sie die Kohlen mit Asche bedecken müsse, um stets wieder eine neue Flamme zu gewinnen. Täglich erschien er nun, um für Jetta zu sorgen, während den andern Bewohnern des Bühls streng verborgen blieb, woher Lupicinus die Befehle erhalte, die er im Namen der Herrin ihnen gab. Jetta aber fühlte sich bald erstarken und genesen bei ihrem Höhlenleben. Ihr Geist gewann wieder seine Spannkraft und sie folgte aufmerksam den Berichten des treuen Knappen, der ihr von dem Treiben der Alamannen und dem Fortgang des Krieges erzählte. Der Waffenlärm verzog sich nach Norden, wo Valentinian zu Mogontiacum ein Heer versammelte, um einen Angriff auf die festesten Plätze der Alamannen vorzubereiten. Aber es kam nicht dazu. Ueberlistige Rathgeber spiegelten dem Kaiser vor, er könne seinen Gegner Macrian durch einen raschen Streifzug aufheben, da dessen Aufenthalt zu Aquä Mattiacä durch Ueberläufer im römischen Lager bekannt geworden war. Rasch ging das Heer über den Rhenus und das Fußvolk drang durch die Thäler des Taunusgebirges vor. Der Kaiser selbst stieß hier auf eine Schaar von Gauklern, die vom Hoflager des Königs sich nach der Halle eines andern Fürsten begeben wollten, um durch ihre Künste die Barbaren zu erfreuen und wohlabgerichtete Sklaven zum Verkaufe anzubieten. Valentinian ließ sich ihre Scherze vormachen und zum Lohne für die Unterhaltung, die sie ihm bereitet, hängte er sie sämmtlich auf, damit keiner der Landfahrer seine Nähe den Alamannen verrathe. Aber die Unthat verfehlte ihren Zweck. Die Soldaten plünderten und mißhandelten die Bauernhöfe; am Abende stieg der Feuerschein der in Brand gerathenen Hütten zum Himmel empor und warnte Macrian. Der Anschlag war mißlungen. Wüthend kehrte der Kaiser nach Treveri heim. Wie ein Löwe erschien er seiner zitternden Umgebung, der wüthende Bisse in die Luft macht, nachdem ihm die Beute entgangen. Unterdessen saß Jetta, aus deren schönen Händen einst der Augustus so gern den ersten Kranz nach jedem Siege entgegen genommen hatte, von ihm und der Welt vergessen, in ihrer Höhle. Wer sich unter den Thieren des Feldes niederläßt, ohne sie zu schädigen, wird bald ihr Freund sein. Das erfuhr die verlassene Frau, die den Füchsen gleich in einer Schlucht, den Vögeln gleich in einem Neste hauste. Zutrauliche Finken holten erst die abfallenden Bröckchen von ihrem Mahle, indem sie mit klugen kleinen Augen sie von der Seite anschauten und mit feiner Stimme einen Laut des Dankes zirpten. Gelbschnäbelige Amseln huschten durch die Büsche am Boden hin und belauschten neugierig den fremden Gast. Jetta liebte den tiefen Brustton ihrer einfachen Weise und gewöhnte sie an sich mit dem Brote, das Lupicinus ihr täglich brachte. Bald schritten auch äsende Rehe langsam über die nahe Wiese und muntere Hasen tanzten auf dem Rasen beim Abendschein. Unschädliche Schlangen lockte die Wärme der Höhle und ein Käuzlein, dem das Sonnenlicht weh that, kehrte in seine Felsspalte zurück, aus der seine Augen wie ewige Lampen hervorglühten, während die Zauberin mit ihrem Thiere unter dem Eingang ihrer Höhle saß. Dem Wolfe wuchsen von Zeit zu Zeit die Augen, wenn die Hasen gar zu frech auf dem Plane tanzten und die langen Ohren rührten, oder wenn ein Reh sein Haupt aus den Büschen streckte und mit sanftem dunkelm Auge herüberschaute. Dann erhob der Wolf zornig sein Haupt, aber ein leiser Druck mit Jetta's Fuße oder ein tadelndes Wort genügte, ihm wieder den Kopf zur Erde zu zwingen, so daß die scheuen Thiere ihn bald als einen der Ihren ansahn. Des Abends aber hielt er sich schadlos, indem er hinüberschwamm über den Nicer und in seinem alten Jagdbezirke jagen ging. Kam er dann frisch gebadet zurück, so nannte ihn Jetta ein reinliches Thier und ihre weiche Hand streichelte, was er sehr liebte, sein zottiges Fell. Nach den Bewohnern des Waldes fanden auch die Menschen, scheuer und argwöhnischer als jene, sich bei der Höhle ein. Denn nicht lang beherrschte Verwüstung und Oede die blühenden Abhänge. Zu den Trümmern des Dorfes diesseits und jenseits des Stroms kehrten nach wenigen Tagen schon die versprengten Bewohner zurück, denen die Flucht über den Rhenus mißlungen war. An einem hellen Sommertage aber schallten jauchzende Rufe der Germanen durch's Thal. Geleitet von Reitern und Fußvolk kamen auf kleinen Wagen, schwerfälligen viereckigen Kasten, die auf vier massiven Scheibenrädern ächzten, die Weiber und Kinder eines alamannischen Stammes, um die neu erkämpften Wohnsitze zu besiedeln. Jetta konnte drunten am Steine des Giganten den Rauch der Opferflamme sehen, mit dem das Volk Besitz ergriff von der neuen Flur. Der Lärm der Pauken, die die Priesterinnen schlugen, erfüllte das stille Thal. Unter »Heilo und Sigo« wurden die gelb und rothen Wappenschilder der Alamannenkönige an den alten Buchenstämmen angeheftet und während Trommeln und Hörner den Wald erschreckten, stellten die Häuptlinge die Feldzeichen des Volks, gräuliche Schlangen und Drachenbilder, Eberköpfe und Hirschgeweihe, am Steine des Giganten in die Hut der greisen Priesterin, die mit ihren Sklaven und Mägden ihr Blockhaus bei dem Steine aufschlug. Ein großes geflochtenes Rad, mit einer Kuhhaut bespannt, wurde dann herbeigerollt. Die Greisin schlug in ununterbrochener, eintöniger Folge die Trommel im Takt, während das Methhorn und die Krüge mit Gerstensaft im Volke kreisten. Dann zog die ganze Masse nach dem jenseitigen Ufer, wo sie zunächst in dem Ring auf dem Berge sich Hütten bauten. Nur die Priesterin blieb in dem heiligen Haine zurück. Für Jetta waren diese barbarischen Laute, die aus der Tiefe zu ihr empor drangen, ein großer Schmerz und sie flüchtete tief in das Innere ihrer Höhle, um die verhaßten Töne nicht zu hören. Hatte sie dazu dieses Thal den Göttern Roms geweiht, daß nun diese Wilden des Wodanwaldes mit ihrem häßlichen Lärme die guten Genien verscheuchten? Nein, sie wollte bleiben und kämpfen für die alten Götter, die nun keine Priesterin mehr hatten in diesen Bergen als die Tochter Arator's. Aber noch lange Tage saß sie ungestört und unbehelligt in ihrer Einsamkeit und nur der treue Lupicinus meldete ihr, was drunten vorgehe. Macrian's strenger Befehl hatte den Bühl als Jetta's Eigenthum vor jedem Eingriff gesichert und noch immer warteten die Knechte ihrer Heimkehr. Der Alamannenring auf dem Mons Piri war wieder hergestellt worden und dort hatte sich die neue Volksgemeinde einstweilen gelagert zwischen den Trümmern des in seinen Anfängen unterbrochenen Castells. Bald aber stiegen zwischen den hellen Büschen dunkle Blockhäuser empor, wie Jetta sie vordem im marcianischen Walde geschaut hatte. Der Forst ward strichweise niedergebrannt und in die Rodung warfen fleißige Hände die Wintersaat. Unmuthig, aber von jeder Störung unbehelligt, schaute Jetta diesen Veränderungen zu. Noch immer war sie mit sich und der Vergangenheit beschäftigt, gleich Iphigeneia verstrickt in unausweinbares Weinen. Das Girren der Waldtaube in den Wipfeln, das Zirpen der Grille auf der Wiese war der einzige lebende Laut um sie her und er stimmte zu ihrem trüben Sinnen. Selten, daß ein holzholendes Alamannenweib oder beerensuchende Kinder sie scheu von ferne betrachteten. Ihnen galt die hohe schöne Frau mit den ernsten, bleichen Zügen für ein Zauberweib, das selbst der König fürchte. Man flüsterte sich zu, sie habe ihr eigen Kind der furchtbaren Hel geopfert, um alle Geheimnisse und Schätze zu erkunden, die unter dem grünen Rasen sich bergen. Wenn sie den gewaltigen Wolf zu ihren Füßen, die leuchtenden Augen der Eule im Hintergrund, vor ihrer Höhle saß, dann scheute sie auch der Muthige und Donar's Segen murmelnd verschwanden die erschreckten Wanderer rasch in den Büschen. Als vollends ein Wächter, der die Runde machte, in einer hellen Mondnacht die fremde Frau auf schwindelnden Sandsteinfelsen wie im Traume dahinwandeln sah, das schöne Antlitz starr dem Monde zugekehrt, stand Jetta's Zauberruf bei dem ganzen Volke fest. Wenn sich die neuen Ansiedler in ihren Mußestunden zum Plaudern am Ufer des Nicer zusammenfanden, ward halblaut erzählt, wie die Knaben, die die Rosse am Bergesabhang hüteten, das fremde Weib des Nachts gespenstisch durch den Wald irren sahen, wie sie einhergehe, jammere, weine, und die Hände ringe, daß es kläglich anzusehen sei. Mit heimlicher Scheu blickten sie am Abende hinauf nach dem flackernden rothen Lichte, das oben am Berge, von der Höhle her, durch die Büsche herniederglänzte. »Jetzt sinnt sie Zaubersprüche aus«, flüsterten die Frauen sich zu, »und braut aus giftigem Schierling böse Tränke und spricht mit den Unholden, die auf den Fittichen des Nachtsturms einherfahren.« Bald hatte ein ganzer Sagenkranz um Jetta sich gelagert. Ein Drache, so erzählten sich die Knaben auf der Pferdeweide, habe einst in der Höhle gehaust. Den sang sie zauberisch in den Schlaf und trennte ihm dann mit dem Messer das blaue Haupt von seinem dünnen rothen Halse, um seine Höhle und seinen Schatz zu erben. Andere hatten selbst gesehen, wie sie mit ihrem Zauberliede den Mond vom Himmel zog, daß er hart an der Bergwand stand und wie sie die Hand ausstreckte und etwas aus der Mondhöhle holte, so daß das Mondlicht noch nachher silbern an ihren Fingern klebte. »Ich weiß, wovon sie lebt«, sagte ein rothbäckiger Junge, der für den Kecksten der kleinen Schaar galt, die am Nicer die Pferde hütete. »Als sie schlief, habe ich mich zu ihrer Höhle geschlichen. Rings war alles mit kleinen Gebeinen besät, die ihr Wolf benagte und an der Seite sah ich viele Kinderköpfe, da machte ich, daß ich weiter kam.« So umgab tiefes Grausen Jetta's Höhle und hütete ihre stille Einsamkeit. Sie freute sich dieses Banns, den der Aberglaube der Barbaren um sie zog. Denn ihr eigenes Verlangen stand danach, vergessen zu bleiben. Ihr genügte, nichts zu hören von der Welt, die sie verletzt und der besseren Tage zu gedenken, in denen sie noch den Glauben gehabt hatte, daß sie dem Reiche nöthig sei und den Göttern. Da scheuchte sie eines Tages die Botschaft des treuen Lupicinus aus ihrem Brüten empor, das Siegesfest der Alamannen solle in diesem Thale gefeiert werden. An dem Tage, an dem die Germanen die Feuer zu entzünden Pflegten, zur Bestattung des Frühlingsgottes Baldur, den die Sommerhitze erschlagen, würde Macrian auch die Gefangenen opfern, die in seinen Händen geblieben. »Viele von unseren alten Freunden«, sagte Lupicinus traurig, »werden auf dem Riesensteine geschlachtet werden; der tapfere Gajus und deine Vettern Statius und Nasica sind auch darunter.« Entsetzt erhob sich Jetta. All ihre Gleichgültigkeit, in der sie geglaubt hatte, der Welt abgestorben zu sein, war mit einem Schlage gewichen. Eine klare Pflicht erhob sich vor ihr und heischte ihre Hülfe. Sie wollte diesem gräuelvollen Kriege ein Ende machen und die Opfer retten, für die die Priesterin am Steine des Giganten bereits das Opfermesser schärfte. Genau befragte sie Lupicinus nach dem Aufenthalte des Königs und beschloß, ihre Maßregeln zu nehmen. Die Nacht über war ein unheimlicher Lärm im Walde zu hören gewesen. Fremde Tritte hatten das Wild verstört, Jetta's Wolf heulte zornig und der klagende Eulenschrei ihres Käuzchens schnitt ihr in dieser Nacht mehr als einmal durch die Seele. Endlich graute der Morgen und blutig gefärbte Wolken standen über den dunkelblauen Bergen des Wodanwaldes. Unten am Opfersteine bei der Hütte der Priesterin saßen des Königs Knabe Hortari und ein graubärtiger alter Krieger. Der Königssohn, den wir schon auf dem Steinringe des heiligen Bergs begegneten, erwehrte sich der Morgenkühle, indem er auf und nieder ging. Die zurückgeschlagene Kapuze des Wolfsfells, das als Mantel um seine Schultern flatterte, ließ das Haupt mit den langen blonden Haaren frei und das junge Gesicht, vom frischen Winde geröthet, schaute fröhlich auf den greisen Genossen. Der Alte hüllte sich dichter in seine Büffelhaut und betrachtete mit Wohlgefallen den stattlichen Knaben. Sie beide, der Aelteste und der Jüngste im Gefolge Macrian's, hatten die Wache gehalten bei den Feldzeichen des Volks. Schilde, aus Weiden geflochten, bemalt mit den grellen Wappenzeichen der Geschlechter hingen an den alten Bäumen. Hier und dort bleichte ein Pferdeschädel von dem letzten Opfer. In der Hütte hörte man die befehlende Stimme der Priesterin und das Rüsten der Opfergeräthschaften. Die beiden Wachen ließen sich durch diese unheimliche Geschäftigkeit nicht stören in ihren Gesprächen. Sie kürzten sich die Zeit mit Räthseln und der alte Wulf freute sich der guten Schule des Königssohns, der auf keine Frage die Antwort schuldig blieb. Daß die Weiber keinen Bart, die Berge keine Wurzeln und der Katzentritt keinen Schall habe, hatte Hortari bereits glücklich gerathen. Jetzt aber sagte der Alte: »Nun, Vielgewandt, was ich dich fragen wollte: Ich möchte nur haben, Was gestern ich hatte, Weißt du, was es ist? Es löset die Zunge, Es lähmet die Sprache Und bringet zum Schweigen,« Der frische Hortari erwiderte alsbald: »Der gute Trank Er löset die Zunge. Aber im Uebermaß Lähmt er die Sprache Und bringet zum Schweigen.« Wieder begann der Alte: »Nun, Vielgewandt, was ich dich fragen wollte: Was war das Wunder, Das ich draußen gewahrte? Es hatte sein Antlitz Tief unter der Erde, Wogegen die Sonne Die Füße beschien.« Hortari gab zur Antwort: »Wohl sahest du wachsen Am Boden die Zwiebel, Das Haupt in der Erde, Wogegen die Sonne Die Füße beschien.« Da lachte der Alte und fragte nochmals: »Nun, Vielgewandt, was ich dich fragen wollte: Vier gehen, Vier hängen, Zwei wehren den Hunden, Einer hängt hinten, Und ist alles ein Thier.« Hortari besann sich eine Weile, dann sprach er: »Eine Kuh ist es, Die vierbeinig schreitet, Vier Euter ihr hängen, Sie wehrt sich zweihörnig. Der Schwanz hängt ihr hinten.« Und wieder begann Wulf: »Nun, Vielgewandt, was ich dich fragen wollte: Was war das Wunder, Das ich draußen gewahrte? Mit zehn der Zungen, Mit zwanzig der Augen, Mit vierzig Füßen Ging es auf vieren Langsam einher.« Auch das wußte Hortari: »Eine Sau ist es, trächtig Mit zehn der Jungen, Schleppt sie sich langsam Im Hofe umher.« »Du wirst ein wackerer Sagamann werden«, lachte der graue Wulf, wenn du heute schon Sprüche und Räthsel kennst wie ein alter Held. Nun aber hebt sich die Sonne dort über dem Bergrand, siehe wie der Fluß erglänzt gleich Silberschuppen, mit denen der Nix sich schmückt, nun setze das Horn an, daß sie den Schlaf von sich schütteln und herbeikommen zum Opfer.« Da sprang Hortari zu einem Baume, ergriff ein dort hängendes gewundenes Büffelhorn und ließ dröhnende Laute erschallen in den grünen Wald. Von der Hütte her antwortete der dumpfe Paukenschlag der Priesterin, die in langsamem Takte den Stab niederfallen ließ auf die gespannte Kuhhaut. Bald wurde es lebendig in dem heiligen Haine. Hier traten junge Fante mit leichten Spießen herzu. Ihr blondes Haar war mit Sorgfalt in großen Knoten aufgewunden, aber ein Tuch um die Lenden und ein Schaffell auf dem Rücken war ihre einzige Kleidung. Andere kamen mit Hemden und Hosen von Hirschleder, andere im Schuppenpanzer, andere in römischer Rüstung, die sie im Felde erbeutet. Endlich erschien auch Macrian, schrecklich anzusehen in dem Helme, der aus dem Haupte eines Ebers gearbeitet war; weiß glänzten die Hauer noch an den Seiten und roth funkelte der Achat aus den geschlitzten Augenhöhlen des ausgebalgten Thiers. Hortari trat an seine Seite und auf die andere der Opfermann Sunno, ein finsterer Greis, den sein langer weißer Vollbart von den schnurrbärtigen Kriegern ringsum unterschied. Die weiße Binde und der Eichkranz bezeichnete ihn als Priester und er befahl den Sklaven, die Gefangenen vorzuführen. Aus der Thüre der Hütte schritt zuerst die greise Priesterin, mit nackten Füßen, das feine weiße Gewand von goldenen Spangen gehalten, einen ehernen Gürtel um die Hüften, und den dicken Eichenkranz über den grauen Haaren. Hinter ihr folgten, die Arme auf den Rücken gebunden, ein Dutzend Gefangene, voran Nasica und Statius, die vor Schwäche und Furcht zusammengebrochen wären, hätte nicht der junge Bulfilaich sie gestützt und ihnen zugeredet, indem er ihnen zuweilen ein Kreuz zum Kusse reichte. Diese Bekehrung war die Arbeit seiner letzten Wochen gewesen, in denen er den Gefangenen treulich zur Seite geblieben war. Aber wo war nun der Stolz des hochmüthigen Nasica, wo die Leibesfülle des kecken Statius? Arme, abgehärmte, vor Furcht zitternde Menschenkinder traten sie dem Könige gegenüber, der einen kalten und gleichgültigen Blick über sie gleiten ließ. Die Priesterin nahm nunmehr einem Knechte das Opferbeil aus der Hand und fing an, ihre Sprüche über demselben zu murmeln, während die höher steigende Sonne ihre ersten Strahlen über den Riesenstein warf. Indem so die Alamannen im Kreise des lang entbehrten Schauspiels harrten, entstand im Hintergrunde eine Unruhe. Der König sah seine Mannen scheu, zum Theil voll Schrecken zurückweichen. Hoch aufgerichtet, in glänzendem weißem Gewande, die aufgelösten langen Flechten rückwärts von einem Goldreif umfaßt, trat Jetta vor die Gefangenen und voll Würde erhob sie ihre warnende Hand und sprach mit ihrer dunkeln Stimme: »Ich bin es, König Macrian, der du den raschen Sieg verdankst. Ich komme, um meinen Antheil an der Beute zu fordern.« Der König schaute mit einem Blicke heißer Bewunderung nach dem schönen, geschmückten Weibe. »Gern«, sagte er, »hätte das Volk der Prophetin und Fürstin, die uns beistand, Beute zugetheilt, aber sie war verschwunden, als wir theilten und was freien Männern das Loos zugeschieden, kann der König nicht zurückfordern.« »So gib mir diese«, rief Jetta stürmisch und breitete die Arme schützend über die gebeugten Gefangenen aus, auf deren bleichen Wangen plötzlich die Röthe des Lebens und der Hoffnung wiederkehrte. Auf's neue begann Jetta mit ihrer dunkeln vollen Stimme, indem sie die Hand warnend gegen Macrian erhob: »Thränen, du stolzer Germane, hast du genug gesät. Sieh zu, daß nicht die Saat der Rache aus ihnen dir reife. Ihr Krieger der Alamannen, glaubt ihr, daß das Land euch Brot und Wein bringen wird, das ihr mit salzigem Naß und rothem Blute düngt? Nesseln wird es euch tragen und züngelnde Vipern und eine Drachensaat des Krieges. Entlaßt die Gefangenen, das ist der erste Schritt zum Frieden mit Rom. Diese hier, Statius und Nasica sind Valentinian und mir selbst verwandt; sie werden euch den Frieden mit Rom vermitteln oder freiwillig wiederkehren in eure Haft.« Tiefe Stille antwortete auf Jetta's Rede, die die wilden Krieger nur halb verstanden hatten. Der König schaute zaudernd im Kreise seiner Mannen umher und sah, wie mancher Edeling verlangende Blicke nach dem schönen Weibe sendete. Nur die Priesterin schoß unter ihrem dicken Eichenkranz und ihren grauen Strähnen tückische Blicke nach der fremden Frau, die einen Triumph der Schönheit über die Herzen der Barbaren feierte. Aber von den Alten stießen etliche die Schilde zusammen: »Wir wollen keinen Frieden, wir wollen den Krieg! Ihr Blut fließe am Wodanstein.« »Still«, rief der König. »Man befrage das Loos. Hole die Runen«, befahl er der Priesterin, die widerwillig und zögernd nach ihrer Hütte zurückkehrte. Während die Edlen zusammentraten, um leise zu berathen, schritt Jetta mit ruhiger Hoheit zu den Gefangenen und löste Nasica's Bande, wobei ihr Bulfilaich behülflich war und niemand wagte sie zu hindern, da der König sie ruhig gewähren ließ. Auf der andern Seite hatte inzwischen die Priesterin ein weißes Linnen auf den Rasen gebreitet und reichte dem Priester eine Urne, in der Buchenstäbe lagen, auf die verschiedene Zeichen geritzt waren. Der greise Sunno sprach Wodan's Rabenzauber, die heilige Formel: Alfen verstehen, Nornen verkünden, Menschen erdulden, Walkyren vollenden. Dann griff er blind in die Urne und warf eine Hand voll Runen auf das Tuch. »Deute!« sprach Macrian herrisch zu der Alten. Es waren eben so viele Zeichen für R wie andere Lettern. Die Greisin starrte die Buchstäbe an, dann sprach sie: »Rom reitet rückwärts, raunet die Rune, Schwertbiß im Nacken tödtet den Wurm.« Die Alamannen schlugen die Schwerter zusammen, aber plötzlich ward es still, denn hoch aufgerichtet war Jetta zu dem Linnentuche getreten. Kaum ein größerer Gegensatz höchster Schönheit und äußerster Häßlichkeit ließ sich denken als dieses blühende Weib mit den dunkeln Seheraugen und die verschrumpfte Greisin, deren Blick tückisch und quer zur Seite schaute. Aller Augen hingen an Jetta's Mund. Und als ob sie von alten Zeiten gewohnt sei, die heiligen Zeichen zu deuten, rief sie: »Roß und Reiter sinken im Rhenus, Ruhmlos verrauschet, wer rathlos rennt.« Aber die Zauberfrau begann auf's neue: »Rastlos reiten Riesen und Recken, Rückwärts rufet römischer Trug.« Aber auch Jetta erwiderte: »Rosen und Reben rächen zu rasten, Rauschtrank und Rundtrank regt richtigen Rath.« Der Blutdurst der Krieger war über diesem aufregenden Spiele des Scharfsinns bereits geschwunden und ein unterdrücktes Lächeln war auf manchem bärtigen Angesicht zu merken. Der letzte Götterspruch vollends leuchtete den Helden ein. Die Andacht war dahin. »Gerstensaft! Wein! Meth!« rief es in der Runde. »Wodan will sein Opfer!« sprach schroff die Priesterin. Der König aber entschied: »Versparen wir die Gefangenen bis der Vorschlag, Frieden zu schließen, berathen ist. Wodan aber opfere ich das Roß, das ich reite. Führt den Rappen herbei!« Hortari eilte hinweg nach einer Lichtung, wo des Königs Schlachtroß an einer Buche angebunden war. Am Zügel führte er es zum Steine des Giganten. Das edle Thier witterte den Blutgeruch früherer Opfer und scheute zurück vor den bleichen Pferdeschädeln, die mit weit aufgerissenen Nüstern von den Bäumen herabblickten. Jetta jammerte des stolzen Rosses, aber sie schwieg. Inzwischen hatte die Priesterfrau auf dem Steine das Opferfeuer entfacht und der Rappe ward bis hart an denselben herangeführt. Sunno, der Opfermann, ergriff ein langes Messer und fuhr dem Pferde in die Kehle, daß ein Blutstrom wie ein rother Springquell weit hervorschoß und die Zunächststehenden besprengte, während das Thier zitternd in die Kniee sank. Nun riß es der Opferpriester nieder, drückte es zur Erde und sein Genosse durchschnitt ihm noch vollends die Kehle. Eine Schüssel fing das Blut auf und alsbald ward ein gewaltiger Kessel an's Feuer gerückt, in dem nun die Priesterin aus dem zerstückten Thiere das Opfermahl kochte, während die gewaltigen Keulen an der offenen Flamme brieten. Mit dumpfer Stimme sang der Priester das Blutgebet und jeder der Freien trat herzu und tauchte seine Hand in die rothe Lache. Widerwillig wendete Jetta sich ab und setzte sich zu den Gefangenen, die in ihre alte stumpfsinnige Ergebung zurückgefallen waren und ohne an Flucht oder Rettung zu denken, dem Treiben um sie her zuschauten. Der König aber hatte große Krüge voll süßen Methes kommen lassen und nachdem das Opfermahl bereitet war, kreisten die Becher und gehöhlten Trinkhörner, denen die Opferfrau selbst nicht am bescheidensten zusprach. Auch Jetta wies die Gaben, die der König ihr und den Gefangenen sendete, nicht zurück, nur Vulfilaich weigerte sich mit Abscheu von dem Mahle der Dämonen zu speisen. Die Germanen lachten und ließen ihn gewähren. Stundenlang hatten die Krüge gekreist und waren mit stummer Andacht geleert worden. Die Priesterin war des Gottes voll entschlafen und damit war der blutdürstigste Feind der Gefangenen beseitigt. Nun hoben die Jünglinge zu singen an, barbarische Kriegsgesänge zum Lobe Wodan's und Donar's, dann sehnsüchtige, mildere Weisen zu Baldur's Preis und der schönen Freya. Endlich, als der Abend sich über das Thal legte und der Mond voll und groß emporstieg, ward es still. Die Jugend lag ruhig an den Felsen gelehnt, die Alten saßen berathend beisammen und ihre Stimmung, milder geworden, neigte sich zum Frieden mit Rom. Eines der Wahrsagerweiber aus der Hütte entflammte auf dem Opfersteine ein gewaltiges Feuer, das mit seinem flackernden röthlichen Lichte die wild umhergelagerten Gruppen übergoß. In den Büschen sprühten die Glühwürmer und zogen zwischen den dunkeln Zweigen ihre mystischen Kreise. Am Feuer kauerte die Gehülfin der Priesterin, um je und je wieder einige trockene Scheite aufzulegen. Neben ihr saß Jetta, das Antlitz auf die schönen Hände gestützt, während ihr Wolf, der endlich ihre Spur gefunden, sich zu ihren Füßen hinbreitete. Als Jetta zum Himmel emporschaute, überflog sie plötzlich ein Schauder. An der Scheibe des Mondes sah sie einen kleinen schwarzen Schatten, der langsam wuchs. Das bedeutete Unheil, aber für wen? Gespannt horchte sie auf und da das Durcheinandersprechen der Häuptlinge eben verstummte, trug die Luft von der Berathung der Edlen etliche Worte ihrem scharfen Ohre zu. Als sie begriff, daß es sich um Krieg und Frieden, um Leben und Tod ihrer Schützlinge handle, erhob sie sich und bestieg feierlich den Opferstein. In dem unsichern Schimmer der sich verfinsternden Mondscheibe und des flackernden Feuerscheins stand sie geisterhaft da, so daß ein abergläubisches Grausen die Versammelten beschlich. Laut und vernehmlich erschallte ihre volle Stimme. Stolze Worte der Anerkennung richtete die Prophetin zunächst an die Tapfern, die sie ihre Kriegsgenossen nannte, sie huldigte den Gefallenen, aber sie beklagte den Krieg, Mit schönen Bildern begann sie den Römerfrieden zu preisen, in dem die Gaben der Völker in freundlichem Austausch hin und hergingen von Hand zu Hand. Sie redete davon, wie heilsam es wäre, wenn die Jünglinge des Volks hinüberwanderten in das Reich und lernten die Runen zu lesen, die weise Männer geschrieben, kunstvolle Gefäße über den Rhenus holten und edlen Wein und das alles für Waaren, wie Germanien im Ueberfluß sie erzeuge, ohne blutigen Kampf und schwere Wunden. Nur die Minderzahl der in römischen Diensten gealterten Germanen verstand ihre Rede. Aber ihre dunkle Stimme, ihre schwärmerischen Augen, das Wetterleuchten des Geistes auf dem schönen Angesichte hatten eine eigene Beredtsamkeit für sich und wenn sie den vollen weißen Arm erhob und ausdrucksvoll wieder sinken ließ, waren diese Wilden von ihren Worten überzeugt, auch wenn sie nicht genau wußten, was Jetta meine. »Du, Chnodomar, was sagt sie?« flüsterte ein Jüngling dem Andern zu, der Jetta mit den Augen zu verschlingen schien. »Sie meint, wir sollten mit den Römern einen Bund machen, dann erhielten wir goldene Spangen und Wein.« »Das wäre gut«, sagte Rufilo, »aber umsonst?« »Büffelhäute und gefangene Chatten sollen wir geben.« »Büffel und Chatten sollen sie haben«, sagte Chnodomar, »die fangen wir gern, das macht Spaß, auch dicke Bojer und Burgundionen, so viel sie wollen. Aber was sagt sie jetzt? Der Mönch starrt sie ja an, als wolle er sie erwürgen.« »Die römischen Götter sollen wir annehmen und ihnen ihre Tempel wieder aufbauen, dann würden wir glücklich sein. Da, da – sieh den kleinen Mann!« Jetta's Rede hatte eben die Wendung genommen, die der Alamanne richtig verstanden. Sie mahnte an die Götter Roms, deren Zorn zu sühnen auch dem Volke der Alamannen heilsam sei, als Vulfilaich sich zu regen begann. Schon die Opferhandlung, der er beigewohnt, hatte ihn tief beunruhigt, aber es waren das Formen, die er von Jugend auf gewöhnt war und so ließ er denn das Ganze über sich ergehn. Als nun aber Jetta von der Wiederaufrichtung der römischen Tempel redete, bäumte sich der germanische und mönchische Trotz gemeinsam in ihm auf und je öfter er in den letzten Wochen in heißen qualvollen Nächten gegen das Bild dieses Weibes gekämpft hatte, um so leidenschaftlicher erhob er sich, um den Zauber zu brechen, den sie um ihn gesponnen und dessen Fäden sie auch hier über die Herzen der Edlen seines Volkes warf. »So entscheidet euch«, rief Jetta mit einem Blicke so stolz, als ob Jupiter Capitolinus in Person es ihr aufgetragen hätte, »entscheidet euch, ob ihr die Götter des Reiches zu Freunden haben wollt oder zu Feinden?« Da stürzte Vulfilaich hinauf auf die Felsplatte und über das Opferfeuer hin hielt er sein Kreuz ihr entgegen: »Verstumme der ungesegnete Mund«, rief er kreischend, »der die Götzen verkündet.« In plötzlichem Entschlusse, um sich selbst zur Aufnahme des Kampfes zu zwingen, war er hinaufgesprungen, wie man sich in die Strudel eines Flusses stürzt. Aber um zu schwimmen fehlten ihm die Flossen. Er fand keine weiteren Worte. Er fühlte nur, daß er hier oben stehe, daß alle Augen auf ihn gerichtet seien und daß er nicht wisse, was er reden solle. Jetta aber schaute ihn ruhig und fest an, ein stiller Hohn lag auf ihrem Angesichte. Eine leichte Bewegung ihrer Schultern schien zu sagen: »Du?« und Vulfilaich verstand nur zu wohl diese beredte Geste. Ihre Augen sahen ihn durch und durch. Er meinte in ihnen zu lesen: »Warst du es nicht, der in jener Nacht sich zu mir schleichen wollte, wie das Thier hier zu meinen Füßen bezeugt? Wolltest du mich nicht in deiner eigenen Höhle umarmen, die du zu einer Laube der Ueppigkeit machtest in deinen bösen Gedanken? Hattest du nicht die frechen Arme schon ausgebreitet, um mich an dich zu ziehen, als der Wolf hier dich schreckte?« Das Alles las sein böses Gewissen in dem bleichen Angesichte, das mit kaltem Spotte auf ihn gerichtet war. Da erhob sich der Wolf und schaute ihn knurrend an. Die Wilden riefen dem Wolfe Beifall und Vulfilaich brach in der tiefen seelischen Erschütterung aller seiner Kräfte zusammen. Sein Dämon schüttelte ihn und in wilden Krämpfen wälzte er sich zu Füßen der stolzen Prophetin. Alsbald aber erscholl ein Murmeln des Grausens, des Entsetzens. »Der Mond, der Mond!« riefen etliche Krieger. Die Weiber bei der Hütte stießen ein Wehegeheul aus und rührten die Pauke, um dem Gotte zu helfen, den eben der Fenrirswolf eingeholt hatte, so daß sein Schatten ihn schon verfinsterte. Jetta's Wolf begann zu heulen, als ob er Gefahr für den Gott ahne, der jetzt nur noch am Rande sichtbar war. Aber der Feind wich nicht, die Scheibe verdunkelte sich völlig. Als Jetta emporblickte, ward sie des schauerlich schönen Schauspiels am Himmel gewahr und rasch entschlossen, mit erhobener Rechten nach der Mondfinsterniß deutend, trat sie vor Macrian: »So wird euer Glück sich verfinstern wie euer Gott«, tönte ihre volle Stimme, »wenn du die Zeichen am Himmel verachtest. Willst du die Gefangenen entlassen, o König, willst du Frieden mit mir schließen und mit Rom, oder willst du nicht?« »Ich will«, sprach der Fürst der Alamannen, den ein abergläubiger Schrecken überschauerte. »So gib diese frei.« »Sie sind dein.« »Und du bist bereit, mit Valentinian ein Bündniß aufzurichten zu Schutz und Trutz, auf Leben und Sterben, in Treue und Festigkeit?« »Ich bin bereit«, sprach Macrian, denn als er um sich schaute, sah er sein ganzes Volk an der Erde liegend, die Priesterin rührte leise die Pauke und der Mönch zu Jetta's Füßen krümmte sich in stummer Qual. Nur er stand noch bei der Flamme und das furchtbare Weib. Da kniete auch er andächtig in den Staub, damit sie dem schauerlichen Schauspiele ein Ende mache. Als er es wagte, einen Blick nach dem Himmel zu senden, ward die silberne Scheibe von der entgegengesetzten Seite her wieder hell und nach einer Weile goß der Gott sein mildes Licht auf's neue herab in die stille Waldschlucht, als wäre nichts geschehn. Leise und wortlos brachen die stolzen Krieger auf, um sich im Walde zur Ruhe zu legen. »Halte dein Wort, König, daß dich meine Götter nicht strafen«, sagte Jetta. Die zwölf Römer aber warfen sich vor der Prophetin nieder und küßten den Saum ihres Kleides. Als Jetta sich nach der Priesterin umsah, war dieselbe verschwunden. »So werde ich dieses heiligen Haines walten«, sprach sie und befahl ihren Gefangenen, sich in dem Hause des Wahrsagerweibes niederzulegen, während sie selbst mit ihrem Wolfe nach ihrer Höhle zurückkehrte. Achtundzwanzigstes Kapitel Das Opferfest hatte damit sein Ende gefunden. In kleinen Gruppen streckten die wetterharten Krieger ringsum unter den mächtigen Bäumen sich hin. Hier und dort hörte man noch ein leises Gespräch über die wunderbaren Dinge, die sich begeben hatten. Dann ward es still und man vernahm durch viele Stunden nichts als das Rauschen des Stromes in der Ferne und das Brausen des Nachtwindes im Eichwald. Als der Schein im Osten heller ward, erhob sich König Macrian und ging schweigend zwischen den schlafenden Kriegern am Opfersteine hin und wieder. Ihm hatte das Wort der Seherin das Herz im Innersten getroffen, denn er wünschte den Frieden. Die Jugend seines Volks verwilderte in dem endlosen Kriege und es war unmöglich, das eroberte Land durch fleißigen Anbau sich zu eigen zu machen so lang der Waffenlärm währte. Während er so in tiefen Gedanken zwischen den alten Stämmen hinschritt, von denen die bleichen Pferdeschädel grinsend auf ihn niederschauten, hörte er ein Seufzen, das kein irdisches Weh erpreßt zu haben schien, so schmerzlich klang es in der stillen Frühe. Macrian blickte um und sah den jungen Mönch an einem Baume sitzen, das Angesicht schaamvoll in die Hände gepreßt. Der König blieb stehen und betrachtete sich den seltsamen jungen Büßer, der in der Königshalle geboren als Bettler lebte. Ein tiefes Mitleid mit diesem verfallenen Menschenbilde wandelte den Helden an und er sagte mild: »Tröste dich, Vadomar's Sohn. Es schändet dich nicht, daß sie dich besiegte. Vergaßest du den Götterspruch: Es sitzet die Riesin im Erlengebüsch Und füttert im Walde Fenrir's Geschlecht, Des Mondes Mörder, den schlimmen Wolf. Dein Gott war zu schwach für das Weib, das selbst den Mond verdunkelt.« Vulfilaich schüttelte abwehrend sein wirres Haupt und sah den König ernsthaft an mit seinen tiefliegenden, traurigen Augen. »Mein Gott ist stark«, sagte er ruhig, »aber ich war schwach. Seit Wochen liebte ich dieses Weib mit sündigem Herzen und darum fehlte mir die Kraft, ihren Zauber zu brechen.« »Wenn dem so ist«, erwiderte Macrian mit gutmüthigem Lächeln, »so ziehe das Kleid aus, das du trägst und nimm Schwert und Panzer.« Wiederum starrte Vulfilaich dem Könige in's Angesicht, als verstehe er nicht, was Macrian meine. »Siehe, mich jammert des großen Erbes«, fuhr der König fort, »des schönsten zwischen Spechtshardt und Wodanwald, das brach liegt seit Jahren und seit Rothari's Tode nur noch auf zwei Augen steht, nämlich auf deinen. Rothari ist todt, die Römer haben ihn geopfert, Vithikab ist todt, die Römer haben ihn gemeuchelt, Fraomar irrt als landflüchtiger Mann in der Fremde, die Römer haben ihn verdorben – nur du bist noch übrig von Vadomar's Söhnen und du versprachst einst ein Held zu werden, ehe dein Kopf sich verwirrte. Schüttele den trüben Wahnsinn ab und wenn du nur erst wieder ein Roß zwischen den Schenkeln fühlst und ein Schwert in der Faust, dann wirst du genesen.« Vulfilaich's Antlitz leuchtete auf bei diesen Worten und er richtete sich in die Höhe. Fest trat er dem Könige einen Schritt entgegen und sprach: »Hoffe das nicht, König der Alamannen. Du ziehest eine blutige Straße und Rabe und Wolf heften sich an deine Fersen, denn sie wissen, sie finden Erschlagene an deinem Wege. Zwei Tage folgte ich deinem Heere, weil jenes Weib mich nach sich zog, aber ich sah die Spuren des rothen Rosses am Himmel im Feuerschein, ich sah sie in den rothen Lachen Blutes an deinen Wegen. Ich begehre sie nicht wieder zu schauen, denn ich stehe in dem Dienste eines Friedens, der älter ist als aller Kampf und Streit auf Erden. Ich werde dieses Thal verlassen, das mich schwach sah, sobald ich noch ein Werk gethan, das die himmlische Stimme mir auftrug.« Der König sah ihn verwundert an, so hatte die Gestalt des jungen Büßers sich verändert. Er hatte den Schmerz abgeschüttelt und schaute Macrian fest in die Augen. »Darf man das Werk wissen, das dein Gott dir befahl?« fragte der König mißtrauisch. »Verehre sein höheres Walten«, sprach Vulfilaich. »Der Christengott ist gerecht und wo wir mit unserem Witze seine Befehle meinten meistern zu müssen, zeigt er uns zu unserem Schaden, daß er weiser war als wir. Drüben in der Tiefe des Bergs steht das Bild des Dämons, der dieses Thal beherrscht. Der Geist aber sprach zu mir vor vielen Tagen: ›Du sollst zeugen wider dieses Götzenbild und wider alle, die davor anbeten, und es zerstören.‹ Als ich eben thun wollte, wie die Stimme geboten, fiel mir Rothari in den Arm und schickte mich weg, so daß ich unterließ, was ich deutlich geheißen war. Was war die Folge, König Macrian? Bei dem Feste des Gottes, den Rothari gerettet, haben die Heiden ihn selbst als Opfer geschlachtet und bei dem Altarsteine dieses selben Götzen ließ er gestern auch mich zu Schanden werden. Erst heute habe ich seine strafende Hand begriffen. In dieser Nacht ward es mir aufgeschlossen und nun hindere nicht auch du mich, meines Amtes zu walten. Es würde dir und mir zum Unheil sein.« »Meine Knaben haben nicht viele Bilder übrig gelassen in dieser Gegend«, sprach der König mit stolzem Lächeln, »doch weißt du eines, das Menschen und Thieren Schaden bringt, so zerstöre es immerhin und verbaue dem Dämon den Weg zum Thale, daß er sich nicht rächt. Wohin aber willst du, wenn du das gethan?« »Ich werde zum Bischof Martinus von Turonia ziehen. Er wird mir sagen, was ich thun soll.« »So ziehe denn, Vulfilaich, Vadomar's Sohn. Dein Erbe ist verfallen, bist du aber einst des Wanderns müde, so kehre wieder zu meiner Halle. Mein Volk wird stets eine Hufe Land übrig haben für Rothari's Bruder.« »Der Gott Hiob's, der Frieden macht auf allen Höhen, möge auch euch Ruhe schaffen«, erwiderte der Mönch und wendete sich zum Thale. Bald hatte er die Furt gefunden, durch die er den Fluß zu überschreiten pflegte und jenseits angekommen, kletterte er den Abhang hinan zur Grotte des Mithras. Der Eingang war halb verschüttet vom Brande der Villa und die Alamannen, die ihre Blockhäuser rechts und links dort errichtet, hatten den Bauschutt hinter dem Brünnlein abgelagert. Mit Mühe zwängte sich der Jüngling durch den zwischen Nesseln und Unkraut versteckten Spalt. Innen war alles unverändert und wie vordem schaute der opfernde Jüngling auf dem Steinbilde den jungen Mönch traurig an. »Du täuschest mich nicht zum zweiten Male«, sprach Bulfilaich kalt und sein Hammer schmetterte gegen das schöne Angesicht, daß es zersplitterte. Dann schlug er mit sicheren Streichen das erste Eisen zur Seite, das die mächtige Steinplatte hielt. Auch das zweite wich einem gewaltigen Schlage. Aber ehe er es erwartet, fiel die schwere Last herab, schlug um und begrub den Mönch in ihrem Falle. Bis zur Brust bedeckt lag Bulfilaich unter dem schweren Steine und kein menschliches Ohr hörte sein Todesröcheln. Aber sein Tod war süß. Engel umstanden ihn und lächelten ihm zu; in seligem Entzücken sah er wieder jenen blauen Himmelssaal, den er vordem in seinen Gesichten gesehen und sein heißes, unruhiges Herz stand still. Der Kampf zwischen Natur und Gesetz war geschlichtet. Heiter und schön war der Ausdruck seines Angesichtes, er war gestorben als Märtyrer seines Glaubens. Der obere Eingang zur Grotte war beim Brande der Villa eingesunken. Den andern, vom Thale her, warfen die Umwohner allmählig zu und die Hecken überwucherten ihn. Nur das Brünnlein unten erhielt im Gedächtniß der Anwohner die dunkle Erinnerung, daß hier einst ein Heiligthum der Römer gewesen und in dem Berge ein Dämon hause, bis auch dieses Gedächtniß erlosch. Die alamannischen Heerhaufen hatten am Tage nach dem Opferfeste eben so rasch das Thal verlassen, wie sie gekommen waren. Der König führte die Gefangenen, die dem entsetzlichsten Tode so nahe in's Angesicht geschaut hatten, das Thal des Rhenus hinab und sendete an Valentinianus Botschaft, er sei bereit, sie frei zu lassen, falls der Kaiser sie lösen wolle mit Silber und Gold. Wie ihm Jetta vorhergesagt, antwortete Valentinian mit einem Antrag auf Abschluß des Friedens. Macrian gab eine rauhe Antwort, aber er bezeichnete dennoch eine Dingstätte am Rhenus, zwei Stunden oberhalb Mogontiacum, wo sich die Römer ihm stellen könnten, falls sie Frieden von den Alamannen begehrten. Der Augustus fand sich gehorsam da ein, wohin ihn der Barbar entboten. Nothdürftig verschanzt lagerte das Gefolge des Kaisers hinter den Lederzelten auf der linken Seite des Stroms. Auf der Höhe der Düne hielten etliche Reiter in Schuppenpanzern Ausschau, wahrend Valentinian selbst mit Ausonius und dem Franken Merobaudes auf dem weichen weißen Sande am Ufer einherging. Unmuthig schweifte der Blick des Herrschers nach den Bergen Macrian's hinüber und folgte dann wieder sinnend den hellgrünen Fluthen des Rhenus, die hier und dort eine Schaumflocke oder ein Holzstück mit sich führten. Aber er hatte kein Auge für das Farbenspiel der grüngoldnen Welle und kein Ohr für das Rauschen der träumenden Woge. Starr sah er vor sich hin. Auch die beiden Begleiter schwiegen, da sie die trübe Laune des Herrschers fürchteten. »Wollte nur mein erhabener Augustus«, so nahm Ausonius endlich das Wort, »die kleine Wolke nicht für den Anfang der Nacht halten, sie wird verschwinden und Valentinian's Sonne strahlt dann hell wie zuvor.« »Mag sein, Ausonius«, sagte der Kaiser bitter. »Aber zehn Jahre Arbeit waren vergeblich. Drüben haben die Alamannen meine Kastelle gebrochen und am Danubius fahren die Quaden über den Strom. Wer aber ist Schuld? Der Uebereifer ungehorsamer Diener, die zu stark sind, um meine Strafe zu fürchten. Hier begannen unsere Niederlagen mit der feigen Ermordung Vithikab's, die Syagrius befahl und die ich nachträglich billigen mußte, weil ich seine Sippe fürchtete. Am Danubius geht alles rückwärts seit der treulosen Niedermetzelung des Quadenkönigs, die ich nicht wollte und doch nicht bestrafen kann. Welchen Strom soll ich nun halten, den Rhenus gegen die Alamannen oder den Danubius gegen die Quaden? Wie ich mich stelle, ein Theil des Reichs bleibt den Barbaren offen.« »Du hast keine Wahl«, nahm der gewaltige Franke Merobaudes das Wort, »du mußt mit Macrian abschließen, er fordere, was er wolle. Was jenseits des Rhenus liegt, ist verloren schon seit hundert Jahren und nur Narren wie der vergötterte Julian oder Arator's verrückte Tochter träumten von Wiedereroberung. Ich habe den Kampf um den Nicer nie für etwas Anderes gehalten als für eine gute Uebung für die Soldaten. Nun aber weicht das Spiel dem bittern Ernste. Die Quaden schwärmen bereits diesseits des Danubius. Die weise zurück.« Valentinian schaute scharf über die breite Wasserfläche. »Siehst du die Köpfe über dem Sandhügel? Ist das nicht mein erhabener Gegner, der wilde Macrian? Richtig, ich erkenne den Eberhelm. Jetzt steigen sie herab. Laß die Goldbeschildeten antreten!« Der Franke wandte seine Schritte dem Lager zu und bald marschirte ein glänzendes Gefolge auf mit goldenen Rüstungen und strahlenden Helmen. Die rothen Fähnchen flatterten im Winde und das goldene Kreuz des Heerwimpels glänzte im Morgenlichte. Aber drüben bestieg nur ein gemeiner Alamanne den Kahn und arbeitete, von einem kundigen Fährmann gesteuert, mit mächtiger Stange gegen die Strömung. Es war der alte Wulf, der sich allein in das Lager der treulosen Römer wagte. Als die Kunde von der Nähe Macrian's sich im Lager verbreitete, strömten alle Soldaten auf die Höhe der Düne und der weiße Sandhügel starrte von Lanzen. Jetzt legte der Nachen an und Wulf trat in seiner Büffelhaube und dem Lederkoller dem Augustus gegenüber. Hoch aufgerichtet schritt der wetterharte graubärtige Krieger vor den Feind. Er grüßte nicht, sondern rief laut mit seiner eingerosteten knarrenden Stimme: »Macrian, der König der Buccinobanten und aller Alamannen Herzog, entbietet dich hinüber auf unser Ufer und verheißt dir Sicherheit, den Streit mit ihm zu richten und zu schlichten und zu hören, was unser Volk von Rom verlangt.« »Was?« sagte Valentinian und die Ader auf seiner Stirne schwoll. »Ich soll dem Gaukönige über den Rhenus entgegenfahren? Ich bin der Augustus des römischen Reichs! Macrian soll herüberkommen zu mir, der Kleine zum Großen, so will es die Ordnung der ganzen Welt.« »Wer bittet, kommt zu dem, von dem er bittet«, lachte der alte Wulf und nickte dabei bekräftigend mit dem Haupte, daß die Stierhörner auf seinem Helme sich rührten. »Wir sind es nicht, die den Frieden begehrten. Wollt ihr ihn nicht, so kommen wir freilich herüber, aber mit zehntausend Mann. Es soll ja alles wieder hübsch eingerichtet sein zu Mogontiacum seit Rando es ausräumte.« Merobaudes schlug an sein Schwert: »Hüte deine Zunge, alter Isegrimm, oder du hast zum letzten Male gebellt.« »Wie ihr wollt«, lachte der Alte. »Ihr mordet auch Gesandte, wie wir wissen, und eben deßhalb, weil euch kein Eid, kein Vertrag, kein Recht heilig ist, will Macrian nicht auf euer Ufer. Wo blieb Rothari's Vater Vadomar, den Julian herüber lockte? Nach Spanien und dann zu den Persern und Phönikern habt ihr ihn entsendet. Wohin habt ihr Vithikab geschickt und Rothari und jetzt wieder den König der Quaden? In Hel's Reich, von dannen keiner wieder kehrt. Wer keine Treue hält, kann kein Vertrauen fordern. Fahre mit mir, König Valentinian, oder warte bis zehntausend junge Wölfe herüberschwimmen über diese seichte Lache.« Valentinian stand unschlüssig. »Wie viele Begleiter darf ich mit hinübernehmen?« fragte er zögernd. »So viele in dieses Schiff gehn«, erwiderte Wulf treuherzig. »Und was sichert uns, daß ihr uns nicht tödtet?« »Das Wort eines Alamannen, eines Königs«, sagte Wulf ernst und seine Augen blitzten unter der Büffelhaube. »So kommt«, sagte Valentinian und sprang in den langen Nachen. Merobaudes folgte und etwas bedenklich auch Ausonius. Dann stiegen noch vier der Goldbeschildeten ein und ein Geheimschreiber mit Pergamenten und Rollen. Der Kahn stieß vom Lande und keiner sprach ein Wort, während die zwei Germanen mit Rudern und Stangen das schwere Schiff gegen die Strömung trieben, bis sie weit genug hinaufgerudert waren, um nun mit dem Strome den Landungsplatz drüben zu erreichen. Dort stand Macrian stolz aufgerichtet wie ein Leuchtthurm am Hafen. Die Barbaren, die ihn umgaben, waren in lebhafter Bewegung. Wie Kinder machten sie ihrer Freude Luft, als Valentinian mit seinem Gefolge in sichtlich unbehaglicher Stimmung ausstieg. Die Wilden lachten und spotteten in Worten, die zum Glück kein Römer verstand. »Er soll knieen, knieen muß er, wie unsere Könige vor Probus und Julian!« »Wir wollen ihm den Bart abschneiden, daß er es weiß, daß er unser Knecht ist«, rief ein Anderer. »Seht, wie sie sich behängt haben wie gallische Weiber. Goldblech, Blech, nichts als Blech«, lachte der übermüthige blonde Hortari und hieb mit der Framea nach dem Goldschilde des Nächststehenden, daß ein Stück davon wegflog. Ein allgemeines Gelächter der Barbaren belohnte diese Waffenprobe. Die Römer aber erbleichten. »Sollen wir hier ermordet werden?« rief Valentinian mit wüthender Stimme. »Nein«, erwiderte Macrian, »du bist nicht bei einem Römer, sondern bei den Königen der Alamannen. Der Knabe wollte nur proben, was euere Waffen werth sind.« »Wo hast du den schönen Goldhelm, den Rothari dir wieder brachte«, rief Rando. »Hast du ihn dir schon wieder vom Kopfe reißen lassen? Dafür hätte ihn Rothari nicht zu lösen gebraucht. Und zum Danke hast du den Geber erschlagen. Schmach über euch meineidige Schelme!« »Gemordet am Opferstein, in Anwesenheit der Götter«, sagte Macrian, indem er Valentinian verächtlich musterte. »Fluch auf euer Haupt, ihr treulosen Hunde!« riefen die Gefolgsleute und schulterten mit den Schilden, daß man es jenseits des Rhenus hörte und die Römer drüben ängstlich zusammen liefen, Valentinian aber erbleichte und trat zurück. Er suchte den Weg zum Kahne wieder zu gewinnen. Dort aber stand der greise Wulf und stützte sich gelassen auf seine Ruderstange. Endlich gebot Macrian Ruhe: »Du willst wissen, um welchen Preis wir dir den Frieden gewähren«, sagte er hochmüthig. »Die Castelle und Wartthürme auf unserem Ufer brauchst du nicht mehr zu schleifen, wir haben die Arbeit selbst schon besorgt. Was noch steht bei Alta Ripa und oben bei Basilia mag bleiben, falls die Besatzung den Frieden hält, sonst wehe dir und ihnen. Den Tribut, den du vordem zahltest, zahlst du nach und von nun an jährlich die doppelte Summe in Gold und Silber, Ferner verlangen wir hundert geschulte Sklaven, die sich auf Steinbauten verstehn und auf Töpferei. Dazu jährlich tausend völlige und untadelige Eisenrüstungen für Reiter und Fante. So hat das Volk es im Ding beschlossen.« Valentinian wendete sich an Ausonius und den Notar. »Entwerft den Vertrag. Statt Tribut saget Geschenke«, setzte er griechisch hinzu. Die Beiden ließen am Ufer auf der Düne sich nieder und leise mit miteinander berathend, schrieben sie die Urkunden gleichlautend nieder, während die Alamannen neugierig sie umgaben und verwundert schauten, wie rasch Ausonius die fremden Runen male. »Wer gut schreibt«, sagte Wulf, »pflegt schlecht zu fechten.« Andere betasteten neugierig die Waffen der Feinde und versuchten, ob sie mit dem Finger in die Goldschilde Buckeln zu treiben vermöchten. Niedergeschlagen standen die Römer umher, während Valentinian schweigend, das Antlitz nach den Bergen gewandt, auf und ab schritt, als ob er die Schmach des Reiches nicht zu schauen vermöge. Endlich waren die Documente fertig. Macrian ließ durch Rando, der der Schrift kundig war, die Rollen prüfen und gab dann die seine Hortari zur Aufbewahrung. »Drei von euch bleiben bei uns als Geiseln«, sagte er gebieterisch zu Valentinian, »bis die erste Zahlung erfolgt ist. Dann werde ich dir auch die Gefangenen ausliefern, die Jetta freibat.« Valentinian trat an die Jüngsten seiner Leibwache heran und auf die freundlichen, bittenden Worte des tiefgebeugten Augustus gingen drei der Jünglinge zu Macrian und boten sich dar als Bürgen. Ohne Gruß bestieg der Kaiser mit den Andern den Kahn und während die Germanen einen barbarischen Siegesgesang anstimmten, fuhr Valentinian, das mächtige Haupt auf die sehnigen Arme gestützt, hinüber zu den Seinen. Beim Aussteigen trat Merobaudes ehrfürchtig zur Seite. Er aber sah ihm verstört in's Angesicht und sagte: »Diesen Tag sah ich nicht, wenn Rothari lebte«, aber der Franke verstand nicht, was der Kaiser meine. Neunundzwanzigstes Kapitel. Wenige Tage später traf Macrian am Nicer wieder ein, um nach beendigtem Kriege die Feldzeichen seines Volkes im heiligen Haine zu bergen. Fröhliche Siegesfeuer loderten am Abende auf allen Höhen und am Riesensteine entfachte am folgenden Morgen die Priesterin die heilige rothe Flamme. Des Königs Schlachtroß ward Wodan geopfert und bei der Pferdebrühe und dem großen Kessel mit Gerstensaft schwelgten die Helden. Als das Fest im Gange war, gedachte die fröhliche Schaar der Zauberin, die das letzte Opfermahl verherrlicht und ihr weiser Rath ward von den Königen gepriesen. Indem sie ihrer geheimen Kunst und hohen Worte gedachten, drangen manche darauf, man solle Jetta zur Priesterin des Haines einsetzen und ihr die Hut der Trophäen vertrauen. Aber Macrian schwieg. Er hatte dem schönen Weibe eine andere Stelle zugedacht, die Jetta für immer an seine Seite fesseln sollte. Der Schlaue hatte es sich überschlagen, daß das Zauberweib mit ihren geheimnißvollen Künsten ihm manchen guten Schatz ausfindig machen werde, der unter der Erde verborgen ist und nur der Hände harrt, die ihn heben. Ihren erfahrenen Rath wollte er haben bei seinen Verhandlungen mit Rom. Sie kannte alle Länder, Völker, Sprachen und mächtigen Leute, so wollte er sie zu seinem Notare machen, damit auch er auftreten könne wie ein rechter Fürst. Wie schön mußte es sich machen, wenn er in der braunen Halle saß über den Helden und das herrliche Weib an seiner Seite thronte im römischen Gewande und den Goldreif im dunkeln Haare. So sollte es werden. Hatten nicht auch andere Edelinge, die zuvor in römischem Solde oder als Geiseln in Italien gelebt, edle römische Frauen in die Heimath mitgebracht und wie hoch hatte ihr kluger Rath und ihre feine Sitte diese Männer erhoben. Darum wollte er Jetta als seine Hausfrau in eine seiner Hallen führen, dort sollte sie als Fürstin hausen, neben den fünf andern Frauen, die er in andern Burgen bereits besaß. Leise stahl sich der König vom Feste und ging allein zur Höhle der neuen Velleda und verweilte dort länger als eine Stunde. Aber er kam schweigsam und zerstreut am Mittag wieder und blickte finster vor sich hin. Bald nach ihm kehrte auch der alte Wulf vom Walde zurück und nahm am Opfersteine neben dem Könige Platz, der mit unmuthigem Gesichte in die Flammen starrte. »Als ich heute durch den Wald dort oben streifte«, begann der Alte endlich, indem er mit der knochigen Hand wie verlegen durch den Bart fuhr, »da hörte ich die Stimme eines Königs, der zürnend rief: ›Wir sind keine Barbaren wie die Skythen. Bauern sind wir, ein seßhaftes Volk mit festen Sitten und Gesetzen! Sind wir roh geworden in diesem langen Kampfe mit Rom, so ist's euere Schuld. Gallien war schon zur Hälfte unser, als ihr kamt und vollends, was hattet ihr hier zu suchen, diesseits des Rhenus? In diesem Kampfe ist unser Volk verwildert, deßhalb sei du ihre Fürstin und zähme sie!‹ Mir aber gefiel es nur halb, daß der König bei einem fremden Weibe mein Volk entschuldigte, auf das ich stolz bin. Aber ein anderes Wort hörte ich gern, als der König sagte: ›Darum liebe ich mein Volk, weil es Freude hat an Mühe und Arbeit, an Kampf und Gefahr, an Sturm und Wogen und nicht scheut Wetter und Wind.‹ Das war geredet, wie ein König soll. Was man dem Könige antwortete, konnte ich nicht verstehn, aber ich hörte ihn weggehn mit zornigem Schelten. Als ich dann herabstieg von dem Hügel, in dem unsere alten Hünen bestattet sind, da sah ich vor einer Höhle ein schönes bleiches Weib sitzen mit gewundenen Händen; ich kannte sie und da sie uns gut gedient, fragte ich sie, was sie zittre und bange? Sie aber starrte mir mit ihren dunkeln Augen in's Angesicht, daß ich nicht wußte, wie mir wurde und ich sagte ihr: ›Sei unbesorgt, der alte Wulf wird dich schützen gegen des Königs Haß.‹ Sie aber fuhr auf und sagte: ›Seinen Haß fürchte ich nicht, aber schütze mich vor seiner Liebe!‹ So ungefähr klang es. Meines Königs Angesicht aber finde ich trüb. Wie soll ich's deuten?« Finster blickte Macrian zur Seite. »Sie ist Sklavin nach dem Rechte des Kriegs, ich kann sie halten, falls sie gehn will, wie sie drohte.« »Gewiß, mein König, das kannst du. Du kannst ihr die Flexen am Knöchel verschneiden wie Wieland dem Schmied geschah, so daß er trotz seiner Zauberkünste nicht entfliehen konnte, aber dann hüte dich, daß sie dich nicht schädige, wie Wieland seines Königs Kind und schließlich doch entrinne mit künstlichem Federhemde oder auf dem Drachenwagen durch die Lüfte.« »Ich wollte sie zu meinem Weibe machen«, zürnte Macrian, »aber sie stieß mich von sich wie einen niedriggeborenen Knecht. Nun ist mir der Trank vergällt trotz aller Siege und der Meth schmeckt bitter. Ich rühmte meine Ahnen und sagte ihr, daß wir von Donar stammen. Sie aber lachte höhnisch auf und sagte: ›Am Heerde Rothari's saßen sechs Helden in der Roßhaut und jeder stammte von einem Gotte!‹ Soll ich solche Lästerung dulden?« »Weiber muß man mit Blumen schlagen, sagt das Sprüchwort. Vielleicht wird sie noch kirre«, lachte der Alte. »Kirre? Sie will entfliegen wie eine wilde Taube.« »Weißt du, König der Buccinobanten, wie man Tauben zähmt?« Macrian schaute den Alten fragend an. Der lachte in seinen weißen Bart, dann sagte er schlau: »Man sperrt das weiße Vögelchen ein, aber man bestreicht das Gefängniß mit Thymian und mit Anis und gibt der Taube alles, was sie liebt. Ist schönes Wetter draußen, so hält man die Thüre fein geschlossen. Regnet es aber mit Kübeln oder schüttelt Frau Holle ihre Betten, daß die weißen Flocken fliegen, dann thut man auf und nicht am Morgen, sondern wenn eine recht stürmische Nacht bevorsteht. Zuerst wird das Täubchen hinausstürzen und seine Freiheit preisen. Dann wird es umschauen und frösteln und kommt die Nacht, so kehrt es von selbst in den Käfig zurück, an dem es gestern noch so zornig pickte und findet ihn ganz erträglich.« »Was soll das hier?« fragte der König gereizt. »Halte sie gefangen bis der Winterschnee die Wege verweht oder bis der Krieg wieder ausbricht. Zu ihrem Volke kann sie nicht mehr, das sie verrathen. Im Winterwetter oder zu Kriegszeiten umherschweifen im Lande, kann sie auch nicht. So wird sie froh sein, dir als Magd zu dienen, die sich heute weigert, deine Königin zu sein.« »Vielleicht hast du Recht, alter Graubart«, nickte Macrian und Wulf lächelte. »Ein altes Messer hat oft auch noch eine Stelle, wo es schneidet«, sagte er wohlgefällig und schüttelte sich dann vor Lachen, daß er Rath gebe in Liebessachen. Der König aber erhob sich. »So sage du ihr, ich wolle meine Wünsche schweigen. Sie solle eines der römischen Häuser beziehn, die vom Brande verschont wurden. Aber nach Gallien soll sie nicht gehn, wie sie drohte; der Augustus würde sie tödten. Habe sich in Jahr und Tag die Freundschaft mit Rom erprobt, dann möge sie ziehen, wohin sie wolle.« Damit wendete sich der König ab und Wulf mußte seinen sauern Gang antreten. »Wulf als Liebesbote«, lachte der Graubart, daß seine Büffelhaube wackelte. »Wenn mir nur etwas einfiele, was verrückt genug wäre, um auf solch ein römisch Weib Eindruck zu machen«, murrte er in sich hinein. »Ginge es nach mir, so sperrte man sie in eines der römischen Häuser da drüben, die sie früher bewohnte. Sie wird schon bleiben, weil sie nicht weiß, wohin sie gehn soll. Wird ihr freilich schlecht gefallen in ihrer Villa nach dem unsänftlichen Abgang ihres Marmorbrunnens und der weißen Götterbilder. Aber im Walde kann sie doch im Winter nicht hausen.« Je näher so der alte Graubart der Höhle Jetta's kam, um so unbehaglicher wurde ihm zu Muthe. Der Meth hatte seine Beine schwer gemacht und sein Geist war nicht ganz so klar, wie er zu so schwieriger Sendung wünschte. Als er einen Steinwurf noch von der Höhle entfernt war, fand er für besser, sich auf einem Baumstrunke niederzulassen und zu bedenken, wie er die Sache am besten einfädle. Nach einer Weile hörte Jetta zwischen den Bäumen eine rauhe Stimme, die erst halblaut und eintönig, bald aber mächtig anschwellend ein barbarisches Lied sang und dasselbe mit gewaltigem Taktschlag begleitete. Nachdem sich Jetta an den seltsamen Tonfall gewöhnt hatte, vermochte sie folgende Worte zu unterscheiden: Schaust du dies Schwert, Maid, so zauberscharf, Das ich halt' in der Hand hier? Es fiel seiner Schneide dein Vater, und todt ist der Alte. Setze dich nieder, so nenn ich dir zwiefachen Kummer und schwere Schmerzensbrandung: Angst und Klagen – Unruh und Kerker. Je mehr der Trübsal, je mehr der Thränen. Gram ist dir Wodan, der Waltenden Krone! Geh nur heraus oder gaff nur am Gatter, So raufe dich Reifner, Einer der Winterriesen. Beäugle dich Alles, So werde zum Wunderding, Weiter bekannt als der Wächter des Himmels! Ich wandert' in's Holz, zum wilden Walde, Springwurzel suchen. – Springwurzel fand ich. Mit dem Zähme-Zweige treff' ich dich, zwing' ich dich, Weib, mir zu Willen. Sollst dahin gehen, wo gar nie dich sehen Der Irdischen Augen; Sollst sitzen frühe am Felsen der Adler Zur Unterwelt ächzend; Soll Mahlzeit dich ekeln wie Menschen auf Erden Die schillernde Schlange; Soll ängsten der Alb dich durch alle Zeiten Im Riesenbereiche! Sollst dauernd mit dreiköpf'gen Dursen leben; Sollst mannlos bleiben, von Morgen zu Morgen Gedankenbedrückt. Sollst dürren wie die Distel, gedrängt in's Vorhaus Droben am Dache. Durch der Reifriesen Wohnung jeden Tag Schleppe dich Wahl-beraubt, schleppe dich Wohl-beraubt! Leid sollst du tauschen für Lust und mit Thränen Deine Trübsal tragen! Frostgrimm dem Riesen, dem folgst du als Weib Zum Thore der Todten, Wo werthlose Knechte in Wurzelknollen Dir Untrank bieten. Schön're Getränke schenkt man dir nimmer, Weib, nach meinem Willen – und deinem. Nach einer Weile begann dieselbe Stimme, aber hell und fröhlich, wie die alte Kehle es erlaubte, folgende Strophe und Gegenstrophe: »Sag, Schirner – den Sattel nicht schnall' erst vom Rosse, Noch thu einen Tritt: Was hast du erreicht zu Riesenheim Mit unserer Absicht?« Blüthenhain ist, wie Beide wir wissen, Ein windstiller Wald: Nach neun Nächten dem Nord-Sohn will Gerda Zum Weibe dort werden. »Lang ist die Nacht – länger sind zwei – Wie drängt mich's zur dritten! Oft meint' einen Monat ich minder lang Als harrend die Halbnacht.« Wie Jetta diese barbarische Serenade aufnahm, darüber ist nichts berichtet, ihr Wolf aber begann beträchtlich zu heulen, noch ehe der rauhe Sänger geendet und als derselbe nunmehr mit steifem, stapfendem Schritte aus dem Gebüsche hervortrat, begrüßte ihn das Thier mit bösem Knurren. Den Alten kümmerte das nicht; er ließ sich bei Jetta nieder und fragte, wie ihr sein Gesang gefallen? »Er klang bedrohlich genug aus dem finstren Walde«, sagte Jetta. »Es war wohl ein Kriegsgesang?« »Es ist eine heilige Hymne«, sagte Wulf nicht ohne Selbstgefühl, »und schildert Freyr's Werben um die Erde, die in der Haft der Winterriesen liegt.« »Werben deine Götter alle so höflich?« sagte Jetta mit leisem Spotte. »Götter und Helden«, erwiderte der Alte rauh und seine Augen blitzten. »Mein König läßt dir seinen Gruß entbieten und fordert dich auf, zu wählen unter den steinernen Häusern im Thale, da nach seiner Meinung ein edles Weib nicht wohl daran thue, schutzlos und allein im Walde zu liegen.« »Mein Thun will ich selbst verantworten«, sagte Jetta schroff, »und brauchte ich ein Haus, so wollt' ich's deinem Könige nicht sagen.« Der alte Wulf runzelte die Brauen. Dann sprach er weise: »Die Nachtigall lebt nicht vom Singen, sondern von Madwürmern und eine Prophetin ist am Ende auch nur ein Geschöpf mit Mund und Magen. Der Winter wird es dich schon lehren. Aber eine edle und züchtige Frau sollte gar nicht in einer Höhle hausen wollen. Mag ein landfahrend Weib mit ihren Buhlen hier unterkriechen, wer dereinst einmal Geltung haben will im Volke, den wird es übel kleiden, wenn sie sagen, ihr Gatte holte sie aus einem Erdloch.« »Ich habe keinen geheißen, mich zu holen«, sagte Jetta, indem Röthe des Unwillens ihr Stirne und Wangen färbte. »Für mich aber sei unbesorgt. Mein Wolf wird schon Ordnung halten vor Jetta's Höhle.« Wulf zögerte, aber er sah, wie die Wölfin ihn mit bösen Augen betrachtete. Im Hintergrunde glühten die grünen Augen des Käuzleins, da wandelte auch den Alten ein abergläubiges Grausen an. Vielleicht war doch mehr an ihren Künsten als er gedacht und so verlangte er nur, Jetta solle von seinem Volke nicht heimlich entweichen, sondern falls sie ziehe, in ehrlichem Abschiede von ihnen gehn. Darauf gab sie ihm gern ihre Hand. Nichts stand ihrem stolzen Sinne ferner als sich heimlich davon zu stehlen. Auch ward sie jetzt erst inne, daß sie keine Wahl mehr habe. Valentinian hätte sie zum mindesten lebendig einmauern lassen, gleich einer Vestalin, die ihr Gelübde verletzt, falls er ihrer habhaft wurde. So blieb sie, weil sie bleiben mußte. Aber sie war nicht mehr die weltabgeschlossene Einsiedlerin, als welche sie zuerst nur ein Versteck in der Höhle gesucht hatte. Seit sie die römischen Gefangenen vom Tode gelöst und den Frieden zwischen zwei Völkern durch ihr Eingreifen herbeigeführt, war sie sich ihrer Macht über die Gemüther wieder bewußt geworden. Die dumpfe thatlose Stimmung, in der sie durch viele Wochen hindurch gewähnt hatte, es genüge ihrem Herzen, sich selbst und ihrem Schmerze zu leben, war von ihr genommen. Die glückliche Begeisterung ihrer schwärmerischen Mädchenträume freilich war dahin. Auf dem Wege durch Schuld und Unheil hatte sie einen guten Theil des Idealismus und Enthusiasmus eingebüßt, der die Quelle ihrer Kraft gewesen war. Ihre Seele hatte ihren Kranz und ihre Schmetterlingsschwingen verloren, aber nicht ihre Tapferkeit. Gewohnt, ihr Thun unter die höchsten Gesichtspunkte zu stellen und ihre Aufgaben von dem weiten Standpunkte eines an das Hohe glaubenden Geistes aufzufassen, stellte sich ihr das Bild eines Berufes, der ihr geblieben sei, allmählig wieder her. Ihre Ehe war ein Irrthum gewesen und alles Wirrsal der letzten Jahre war aus diesem falschesten Schritte ihres Lebens geflossen. Um das Wort auszurichten, das ein Gott ihr auf die Seele gelegt, mußte sie Jungfrau bleiben wie Velleda oder die Töchter des Hystaspes. Daß sie der Stimme, die in ihr war, die Treue gebrochen, hatte sie mit den Leiden als Gattin und Mutter gebüßt. Vielleicht, daß eben darum die heilige Kunst ihr zum Unheil ausgeschlagen war, weil sie sich mit irdischer Liebe befleckt hatte. Jetzt aber konnte sie ihr Leben neu beginnen. Was sie liebte, lag bei den Todten, alle Fesseln waren gefallen, nun konnte sie ganz Sibylle, ganz Prophetin sein. Zurück nach Rom konnte sie nicht. Sie hatte die Brücken abgebrochen. So wollte sie hier bleiben, den Barbaren die Künste des Friedens predigen, den Römerfrieden verkünden, für ein Bündniß mit Rom werben. Der verlassenen Altäre wollte sie walten als einzige Priesterin der Götter des Reichs. Die Abendsonne brach warm und feurig durch die alten Stämme des geliebten Hains. Die Ebene lag so duftig und golden vor ihr wie in den Tagen ihres Glücks. Indem ihre Augen auf dem geliebten Thale ruhten, war es ihr, als ob die dunkle Vergangenheit von ihr falle und neue Pflichten das Gefühl der Leere auszufüllen begönnen, das sie seit dem Tode ihres Kindes in sich umhertrug. Sie gedachte des kleinen Häufleins der römischen Bevölkerung, das wie sie würde genöthigt sein, unter den Alamannen zurückzubleiben. Ihnen wollte sie als Beratherin und Trösterin zur Seite stehn. Auf die alten stolzen Zwecke des Lebens hatte sie verzichtet. Ihre Schicksalsgenossen zu trösten, schien ihr in diesem Augenblicke des Berufs genug. Mochte auch alles Andere Traum und Schein gewesen sein, die Leiden, die sie lindern konnte, waren etwas Gewisses. Ihr Werk in diesem waldgrünen Thale war noch nicht vollendet, es begann erst. Sie wollte umhergehn und die zersprengte römische Gemeinde sammeln, sie trösten, zusammenhalten. Wo noch ein Fünkchen höheren Lebens glühte, wollte sie es anfachen zur heiligen Flamme. Wo die verlassene Schaar an den besseren Gütern der Menschheit verzweifeln würde, wollte sie ihr die Hand reichen. Die Barbaren selbst wollte sie gewinnen für Bildung und Sitte: Dann würde sie in einem höheren Sinne der Genius dieses Thales werden, wie sie immer geträumt hatte. Ihr Schicksal würde vielleicht dem der Tochter Agamemnon's bei den Skythen oder auch dem der armen Kassandra, Priam's unseliger Jungfrau, gleichen, indem sie den Alamannen und zugleich den zurückgebliebenen Römern sich widmete. Schweres war ihr beschieden, sie wußte es und sie beweinte sich auch zum voraus und streute Blumen auf ihr Grab, aber wie viel Unklarheit und Selbstanbetung bei diesen phantastischen Plänen mit unterlaufen mochte, ihr Drang, der Welt etwas zu leisten, obwohl sie ein Weib war, trug einen Hauch von Größe in sich und adelte sie vor Tausenden, die sich in dieser Lage in einen Winkel geflüchtet hätten, um egoistisch ihrer eigenen Sicherheit zu leben. Daß sie auch jetzt in der Höhle blieb, wollte Lupicinus und ihren Leuten als seltsame Laune erscheinen. Aber sie verstanden das Grausen nicht, das Jetta bei dem Gedanken an die Wohnung empfand, in der Rothari's Schatten umging und wo das bleiche Haupt ihres Kindes ihr immer wieder vor die Seele treten mußte. Auch eine andere Scheu hielt Jetta von den früheren Räumen ihres kurzen Glückes fern, eine Scheu, die sie sich selbst kaum einzugestehen wagte. In dem Hause waren ihre kabbalistischen Bücher verborgen, die letzte Quelle so unsäglichen Leids, und eine geheime Stimme in ihrem Herzen sagte ihr, daß sie nicht stark genug sein werde, das Gelübde, das sie dem sterbenden Gatten gegeben, zu halten, wenn es ihr so leicht sein würde, an die heiligen Rollen zu gelangen. »Entfliehe der Versuchung!« rief sie sich zu und sie blieb in ihrem Felsensaale, der sie viel erfreulicher dünkte als alle Prunkgemächer, die sie vordem bewohnt. Welches Haus wäre zudem für ihre hohe Sendung geeigneter gewesen als diese Grotte, die für ihr Sibyllenthum gerade wie gemacht war. Auch war es, als ob ihre Lage sich freundlich verändert hätte, seit der Stunde, die ihr so peinlich erschien, da der König in seiner derben und geraden Weise um sie freite. Hatte bisher nur der treue Lupicinus täglich ihr Nahrung gebracht und sie mit dem Nöthigen versorgt, so fanden jetzt freundliche Alamannenkinder mit gelben Haaren und unschuldigen blauen Augen vor der Höhle sich ein. Sie brachten der schönen fremden Frau, in Körbchen von Binsen, Beeren und Blumen und baten, sie solle ihnen erzählen und sie lehren, denn der König wolle, daß alle so klug würden wie sie. So erzählte Jetta ihnen Geschichten, lehrte sie die lateinischen Runen lesen und schreiben und sang mit ihnen kleine lateinische Lieder, die sie ihnen dann übersetzte. Wenn sie so des Morgens hervortrat und ihre Blicke über all die Blondköpfe hingehen ließ und scherzend fragte: »Wie viel Strohdächer sind es heute?« dann jubelte die kleine Schaar auf und versprach morgen noch mehr »Strohdächer« mitzubringen. Bald mußte Lupicinus, um Raum zu schaffen, den Platz vor der Höhle von Strauchwerk säubern, so daß die vordem versteckte, wie das Portal eines Felsenschlosses, aus freiem Plane sich aufthat. Nach den Kindern kamen die Alten. Wenn die Prophetin am milden Sommerabende auf dem Steine vor ihrer Höhle saß, den Wolf zu ihren Füßen, dann lagerten Frauen und Jungfrauen, Männer und Jünglinge im Kreise um sie her. Mit ihrer wohlklingenden schönen Stimme berichtete Jetta ihren Besuchern von der Geschichte Roms und seinen großen Männern; sie pflegte die Erinnerung an das Gute, was Rom auch diesem Lande gebracht, sie predigte den Römerfrieden und mahnte die Jungen, hinüberzuziehen über den Rhenus, um Kriegsdienste zu suchen und das Wunder der Welt zu schauen, die Stadt der sieben Hügel und das Forum Trajani. Dann werde der Erde der Friede wiederkehren, sagte sie, wenn ein Held wie Rothari, den Valentinian gemordet, als Augustus herrsche über beide Völker. Wenn sie so sprach, riß ihre Begeisterung sie oft über sich selbst hinaus und sie überließ sich prophetisch dem Fluge ihrer hohen Gedanken. »Eine Zeit wird kommen«, rief sie einst, als das Volk in besonders starker Zahl sich eingefunden hatte, »eine Zeit, in der die schilfumkränzten Ufer des Nicer sich bedecken mit Villen und Häusern von Stein, wie ihr sie drüben in Gallien geschaut habt. Auf dem Bühle wird der Herrscher, der beide Völker regiert, sein Palatium bauen, wie es die Stadt der sieben Hügel nicht herrlicher zeigt. Reben werden diese Hügel überspinnen und Schiffe werden herauf- und herabgleiten auf des Nicers grünen Wellen und Alamannen und Römer werden ein Volk sein. Könige werden ausgehn von diesem Thale und alles Volk beherrschen vom blauen Meere bis zum Wodanwalde.« Mit weit geöffneten Augen schauten die einfachen Frauen und unverdorbenen Jünglinge und Helden des Volks die Prophetin an. Sie war so schön, wenn sie in diesem Feuer sprach und ihre Stimme klang voll und metallisch hinaus in das weite Thal. Sie selbst aber fühlte diese Wirkung stolz und sie glaubte ihren eigenen Verheißungen, obwohl sie nicht wußte, woher sie ihr kamen. »Friede wird werden, wenn ein Germane wie Rothari Kaiser wird und als solcher Römer und Barbaren versöhnt«, das war ihre neue Offenbarung. Wenn sich dieselbe erfüllte, dann würden wie zu Velleda, so träumte sie, die Völker von Mitternacht und Mittag zu ihrer Höhle ziehen, um ihre Träume zu behorchen und ihre Gesichte zu deuten. Dem Wandel der menschlichen Geschicke entrückt und dennoch schicksalskundig würde sie dann thronen vor ihrer Höhle, den Völkern Zukünftiges offenbaren, den Frommen die Schätze unter der Erde zeigen und allen Streit schlichten zwischen Volk und Volk. Je stolzer sie aber redete, um so sichtlicher wuchs der Glaube der Alamannen, die ihr bereits das Höchste zutrauten und sich in Schaaren zu ihren Reden einfanden. Gelehnt auf seine lange Lanze stand hier ein junger Krieger und Bilder einer großen Zukunft stiegen vor ihm auf; dort lagerte eine Gruppe von Müttern mit ihren Kleinen, die mit großen verwunderten Kinderaugen die hohe Frau anstarrten; auf moosbewachsenen Felsen saßen alte Recken, die in früheren Jahren für Rom gekämpft hatten und nun dieses schwärmerische Lob des Reichs mit ihren eigenen Erinnerungen verglichen, auf die sie doch auch stolz waren. Wie vor dem Pfarrhof an schönen Abenden die Gemeinde sich noch zuweilen vereinigt, um den Erzählungen und Ermahnungen eines ehrwürdigen Priestergreises zu lauschen, so versammelte sich Abend für Abend die Thalgemeinde vor Jetta's Höhle, begierig, was die Zauberfrau heute ihnen erzählen werde. Noch nie hatte eine ähnliche Macht der Beredtsamkeit auf die Herzen dieser einfachen Menschen gewirkt und daß die Sibylle die alamannischen Laute so fremdklingend sprach, erhöhte nur ihren Reiz. Es lag in der Art dieser schlichten Naturkinder, daß die dichtgedrängte Schaar noch mehr mit den Augen als mit den Ohren auf die beredten Lippen dieser schönen Prophetin achtete. Die Anmuth der Bewegungen, das Feuer des fesselnden Auges, die Melodie ihrer Stimme, der Fluß ihrer Rede verstrickte Männer und Jünglinge in den Bann dieser Erscheinung. Sie gedachten der runenkundigen Frauen ihres eigenen Volks und nannten die Prophetin Jettrun, da eine höhere Stimme durch sie zu ihnen sprach. So hatte Jetta den wahren Zauber gefunden, den Zauber ihrer Person, der ein ganzes Volk berückte, dessen Glaube und Liebe von ihr bald größere Wunder erzählte als sie jemals mit ihren krausen Zeichen und geheimnißvollen Büchern gethan. Nun war sie auch nicht mehr verlegen, was sie den Tag über thun solle. Sie dachte darüber nach, was sie zu ihren Hörern am Abende reden werde und wie sie das eine Thema »Völkerfrieden und Bildung« in immer neue Bilder kleide. War dieser Stoff erschöpft, dann trug sie aus treuem Gedächtniß die schönsten Erzählungen der Hellenen und Römer vor und das mächtige Anrauschen und Abrauschen der Verse Homer's, das der kommenden und gehenden Woge des Oceans gleicht, klang noch nach in ihrem melodischen Vortrag. Alle Vorbilder hellenischer Tugend, wie Alceste für den Gatten starb, wie Penelope dem Abwesenden die Treue bewahrte, wie Iphigenie sich für Hellas opferte, alle großen Gestalten der heiligen Geschichte ließ sie vorübergehen vor dem gläubig horchenden Volke und der Schatz ihrer Erzählungen schien unerschöpflich. Bald war der Ruf von der neuen Velleda, die sich in dem waldgrünen Thale des Nicer niedergelassen habe und den Frieden verkünde, im ganzen Lopodunumgau verbreitet. Die Christen warnten vor ihr als einer Dienerin des Bösen, aber die sie nur einmal gesehen in ihrer hohen, reinen Begeisterung, waren für sie gewonnen und überzeugt, daß Jetta eine rechte Alrun sei. So wurde sie auch bald von den Gaugenossen, die Zutrauen zu ihr gefaßt, in ihren Geschäften berathen. Kamen Kaufleute von drüben aus Gallien oder Rätien, so machte Jetta die Dolmetscherin; mancher Streit zwischen lateinischen Colonen und Alamannen, der nur auf Mißverständnis beruht hatte, ward von ihr geschlichtet, manchem verschmitzten Kaufmann redete sie in's Gewissen und bewahrte ihre alamannischen Clienten vor Schaden. Durstige Wanderer tränkte sie aus ihrer Quelle, mit den Kindern theilte sie ihr Brot und zog ihnen die Dornen, die sie sich im Walde in den kleinen Fuß getreten; Kranken gab sie Rath, so weit ihre Kenntniß der Kräuter reichte. Auch Zerwürfnisse der neuen Ansiedler legte sie mit ihrem weisen Schiedspruch bei und alle Theile beugten sich vor ihrer uneigennützigen Entscheidung, die sie mit der Würde einer Fürstin ertheilte. Minderes Glück hatte Jetta dagegen mit ihrem Plane, der Pflege des römischen Lebens bei der zurückgebliebenen lateinischen Bevölkerung sich zu widmen. Es war dieser Lateiner keine ganz geringe Zahl, aber nicht Einer sprach bei ihrer Höhle vor. Sie sahen in Jetta nur die Verrätherin, die das Lager den Alamannen überliefert hatte und bewahrten ihr grimmigen Haß in ihren rachsüchtigen Herzen. Der stolzen Frau kam es sauer an, aus der Einsamkeit ihres Haines herauszutreten und den ersten Schritt zu thun, um sich ihren Volksgenossen zu nähern. Begleitet von Lupicinus und dem riesigen Wolfe erschien sie zur Verwunderung der Dorfbewohner eines Tages im alten Pagus der Nemeter. Sie selbst bewegte es tief, als sie, zum ersten Male wieder hervortretend aus dem Dunkel ihrer heiligen Eichen, die Veränderungen wahrnahm, die sich in dem geliebten Thale begeben. Verschwunden waren die roth und gelb gemalten Kähne von der klaren Fläche des dunkelgrünen Nicer. Der Muthwille der überkräftigen Eroberer hatte die feingeschnäbelten Spielzeuge rasch zu Schanden gefahren und nur hier und dort ragte ein bunter Kiel vom Grunde herauf. Von der Brücke hing noch ein Bruchstück mit der Capelle des Neptun auf dem mittleren Pfeiler. Auch der Verkehr nach dem Rhenus hatte aufgehört, seit beide Völker sich feindlich gegenüberstanden. Wie fröhlich war doch einst das Bild aller dieser buntgefärbten Barken gewesen, die sich im Wettkampfe neckten. Wie lieblich die Abende am Ufer, wenn fröhliche Lieder aus den Kähnen erschallten, deren Töne lang über dem Wasserspiegel nachhallten. Jetta seufzte. Sie hatte dieses Ende verschuldet, aber sie hatte es nicht gewollt. Die Wiesen längs des Ufers prangten dagegen wie sonst in saftigem Grün. Sie waren gleich Argolis zu einem roßreichen Gefilde geworden, da die Alamannen hier ihre Herden von Pferden weideten. Aber der Bergabhang drüben schaute Jetta fremd und traurig an. Die ausgebrannten Mauern der Villen hatten zum Theil Strohdächer oder schwarze hölzerne Obergeschosse erhalten, dazwischen erhoben sich dunkle Blockhäuser der Alamannen, die dem Thale einen ganz neuen Charakter gaben. Den Wald hatten die neuen Ansiedler nach der primitiven Landwirthschaft der Barbaren vielfach niedergebrannt, um in die Rode Hirse und Buchweizen zu säen. Der Gipfel des Berges aber war durch den wiederhergestellten zwiefachen Alamannenring mit einem doppelten Kranze umgeben. Wehmüthig schaute sich Jetta um in dem verwüsteten Thale, das ihr so fremd erschien, als habe sie es nie gesehen, während die Bewohner der umliegenden Häuser neugierig vor die Thüre traten, um die Tochter Arator's zu schauen, die das Märchen des Landes geworden war. Die Nächstwohnenden waren der Kaufmann Volcius und seine Gattin Lucia Veria, die mit Gänsen nach Noviomagus handelte. »Euer Flecken, Freund«, sagte Jetta zu dem Manne, »hat weniger gelitten im Kriege als die Häuser drüben. Es wird mir schwer, das Dorf wieder zu erkennen, das einst so viel versprach.« Der kleine Händler schaute sie giftig an. Ein Schimpfwort schien ihm auf den Lippen zu liegen, aber seine Augen schielten nach dem mächtigen Wolfe und er drehte hart vor Jetta um und riß sein Weib in's Haus. Als er die Thüre geschlossen hatte bis auf einen Spalt rief er dann mit einer Stimme, die vor Zorn heiser klang: »Es ist dir wohl leid, Mordbrennerin, daß wir nicht ganz zu Grunde gerichtet sind? Bleibe du bei den Alamannen, denen du dientest, du Ueberläuferin, die ihren eigenen Vater verrieth!« Jetta zuckte schmerzlich zusammen, aber sie faßte sich und ging ruhig weiter. Vor der Schwelle des nächsten Hauses saß ein altes Ehepaar, Baucis und Philemon hatte Gratian sie einst genannt. Jetta grüßte sie, die alten Leute nickten verlegen mit den Köpfen. »Ich hatte gedacht«, sagte Jetta, »daß gemeinsames Unglück die Menschen verbinde. Ich wollte die Volksgenossen besuchen im Pagus der Nemeter, aber es scheint nicht, daß ich ihnen willkommen bin.« »Wer Gutes bringt ist stets willkommen«, antwortete der Greis gelassen. »Ich bringe Gutes«, sagte Jetta, »ich bringe meinen Glauben an Roms Gestirn. Ich will mit den Genossen unseres Volkes reden von den alten Zeiten und einer schöneren Zukunft, ich will sie sammeln zu einer kleinen Gemeinde, die ihre Sprache, ihre Bildung pflegt, die sich gegenseitig stützt und trägt, damit römische Sitte in unserem Thale nicht untergehe.« »Da mußt du weiter gehen, edle Jetta«, sagte die alte Frau. »Wir glauben nicht an Rom, sondern an den Herrn Christus. Den Bund, den du stiften willst, haben wir schon durch unsern Bischof und seine Heerde. Er sorgt, daß wir nicht verloren gehn, besser als du es durch deine Zauberkünste könntest. Dort drüben wohnt ein alter Priester euerer Götzentempel, vielleicht, daß er dich anhört, wenn er eben nüchtern ist« und damit winkte die alte Frau eine so energische Verabschiedung, daß Jetta nicht zu verweilen wagte. Den verrufenen Cybelepriester mochte sie nun gar nicht aufsuchen, vielmehr stieg sie zum Nicer hinab, wo sie etliche rohe Baumkähne der Alamannen liegen sah. Ein greiser Ferge stand an seine Stange gelehnt am Ufer. Auch er gehörte zu den alten Dorfbewohnern, die früher Jetta wie ein Wesen höherer Art verehrt hatten. Sie bat ihn, er möge sie übersetzen, Lupicmus und sie wollten nach ihren früheren Nachbarn beim Zehnthofe sehen. Aber der Mann regte sich nicht von der Stelle. Er starrte nach den Bergen und that, als habe er nichts gehört. Da trat Lupicinus zornig vor ihn und fragte, was das bedeuten solle. »Das bedeutet«, sagte der Andere, »daß es der Bischof verboten hat, mit ihr zu verkehren und wenn du das nächste Mal zur Basilica kommst, wird er mit dir noch ein Wörtlein reden, dafür, daß du einer Heidin und Zauberin Vorschub thust bei ihren gottlosen Plänen.« Lupicinus erbleichte. Er wußte nicht, was Jetta mit ihren Gängen beabsichtige. Galt es wirklich Wiederherstellung der von den Alamannen verbrannten römischen Tempel, dann mußte auch er sich von ihr scheiden. Jetta las diese Gedanken mit Leichtigkeit von dem ehrlichen Gesichte des Blondkopfs ab. Traurig wendete sie sich und kehrte zurück nach ihrer Höhle. Der Versuch, die römische Diaspora zu organisiren war gründlich mißlungen. Sie war organisirt in einem Verbände, der sie ausschloß, falls sie ihr stolzes Haupt nicht der christlichen Taufe beugte. Die Erfahrungen dieses Tages hatten sie tief erschüttert. Von dem Umfang des Hasses, den sie auf sich geladen, hatte sie jetzt erst einen Begriff erhalten und wenn sie darüber nachdachte, was sie gethan, fand sie es begreiflich, daß ihre Volksgenossen sie verabscheuten. Mit einer Reihe schlafloser Nächte und trüber Tage bezahlte sie den mißlungenen Versuch. Aber die zutrauliche Freundlichkeit der neuen alamannischen Dorfgenossen heilte ihre Wunde bald wieder aus. Sie fuhr fort in ihrem Verkehr mit diesen neuen Nachbarn, half, berieth, unterrichtete, belehrte, wo sich Gelegenheit fand und lebte weiter mit dem kräftigen Impulse, sich nützlich zu machen, wenn auch im Kleinen, nachdem die großen Pläne sich als Traum und Schaum erwiesen hatten. Dieses Waldleben selbst aber war ihr gedeihlich. Leichter als früher in den engen Kammern der römischen Villa oder unter dem heißen Dache des Blockhauses rollte ihr das Blut durch die Adern. Zu einer wilden Schönheit hatte die einst so zarte Jungfrau als Weib sich entwickelt. Kraft und Gesundheit hatte der Wald ihr geschenkt. Ungepflegt, aber doppelt so reich als vordem, fiel das dunkle Haar um ihre Stirne, ein gesundes Braun legte sich über ihre Wangen und in kräftigem Muskelspiel arbeiteten ihre Arme an den Matten, mit denen sie ihre Höhle für den Winter zu polstern gedachte. Denn auch jetzt konnte sie den Gedanken nicht tragen, daß sie endlich doch, wie der alte Wulf ihr sagte, in ihr Haus werde zurückkehren müssen. Ein einziges Mal hatte sie, am Waldrande hingehend, sich nach dem Bühle gewagt, wo sie auf Hof und Brunnen hinabzusehen vermochte. Aber die niedern Fenster, hinter denen sie vordem gestanden, die Bäume, unter denen sie mit ihrem Kinde gesessen, das Brünnlein, dessen Plaudern sie an Rothari's Schulter gelauscht, schauten sie an wie Gespenster ihrer eigenen Vergangenheit und stellten ihr diese mit gräßlichen Zügen wieder vor Augen. Es hatte Tage gebraucht bis sie diesen schmerzlichen Eindruck verwunden. Denn kamen jene Erinnerungen über sie, dann starrte sie wild vor sich hin, daß die Besucher erschraken und sich entsetzt Einer nach dem Andern von dannen stahl. Die Jünglinge liebten, die Weiber fürchteten sie, aber daß sie Königin werde, wünschten alle, denn sie dachten, sie werde Macrian zum Könige Roms erheben, sobald er ihr Gemahl sei. Rechnete man einzelne düstere Tage ab, so war in Jetta's Brust ein Friede eingekehrt, den sie so nie gekannt hatte. Wenn sie die freundlichen blauen Augen der Alamannenkinder auf sich gerichtet sah, während sie ihnen Roms Geschichten erzählte, dann stieg es in ihr auf wie ein mütterliches Gefühl und sie wollte alle diese jungen Vögel bergen unter ihren warmen Fittichen, sie wollte eine Mutter dieses Volkes sein, nur so nicht wie Macrian es meinte. Als der November mit seinen trüben Nebeln hereinbrach, lichteten sich freilich die Reihen ihrer Besucher. Der treue Lupicinus unterhielt ein gewaltiges Feuer vor ihrer Höhle, an dessen Gluth sich zuweilen ein Jäger wärmte, der dem Fuchse und Dachse nachstellte, und die Frauen, die Holz im Walde sammelten. Aber eben, als der Winter drohte, stieg auch eine andere Gefahr gleich einer Wolke an ihrem Horizonte auf. Jetta erfuhr durch Lupicinus, daß im Dorfe jenseits des Nicer der Bischof von Lopodunum angekommen sei und mit den Edelingen verhandle, ob sie sich bekehren wollten zum Glauben an den weißen Christ. Die Kunde klang Jetta schlimm. Faßte ein Priester der Christen hier Fuß, so waren ihre Tage in diesem Thale gezählt. Und sie fühlte bereits Anaklet's Wirken. Es war nicht nur das herbstlich stürmische Wetter, warum die Versammlungen vor ihrer Höhle aufhörten. Die Gefolgschaft des Bischofs hatte sie bei gar vielen verdächtigt. Die Alten im Volke mißbilligten ihr Werben für Rom, die Frauen aber ließen sich von dem klugen Bischof gern überzeugen, daß in den schwarzen Augen der Fremden ein böser Zauber wohne, der ihren Männern gefährlich sei. Bewegungen, wie Jetta sie erregt, müssen rasch zur That übergehn, oder sie zerrinnen. Was aus Begeisterung geboren ist, wallt und siedet eine Weile empor, dann erkaltet es oder es verdunstet. Sie hatte die Alamannen nicht zu einem Entschlusse fortreißen können, nun mußte ein Rückschlag eintreten. Das fühlte Jetta und sah besorgt in die Zukunft. Durch den Lopodunumgau aber ward ausgerufen, daß die Lentienser zu einem neuen Kriege gegen Rom rüsteten. Auch die Gaugenossen beriethen, ob sie sich anschließen sollten oder ausschließen. Mit Jetta darüber zu berathen, fiel den Alten nicht ein. So ward die Frau in der Höhle von vielen vergessen. Das Schauspiel im heiligen Walde hatte eine Weile die Jugend angezogen, aber mit dem Reize eines neuen Krieges hielt es den Wettkampf nicht aus. Mehr und mehr vereinsamt saß die Waldfrau allein in ihrer Höhle. Selbst Lupicinus war ein Anderer geworden. Er fürchtete für sein Seelenheil, seit Jetta so offen für die falschen Götzen eintrat und die andern Christen ihm vorhielten, wer der Priesterin diene, diene auch ihren Göttern. Mit ernster Miene trat er darum eines Tages vor sie und stellte ihr vor, daß sie in der Höhle unmöglich den Winter verbleiben könne, dazu wisse er nicht, wie lang er ihr noch weiter beistehen dürfe, denn die Gemeinde bedrohe ihn mit Ausschließung, wenn er sich nicht von ihr lossage. Sein Rath sei, sie möge in ihr Haus zurückkehren, wo die alamannischen Knechte, die nicht unter der Botmäßigkeit des Bischofs ständen, ihr treue Diener sein würden. Er aber wolle eine Weile nach Lopodunum gehn bis er den Bischof freundlicher gegen sich gestimmt habe. Jetta schwieg und schaute düster vor sich hin. Der Alamanne aber sagte gutmüthig, die Entscheidung eile nicht, doch möge Jetta seinen Vorschlag überlegen und er schied mit freundlichem Gruße. In Jetta's Geist aber war ein anderer Plan aufgetaucht. Hier abzuwarten bis der Bischof ihre Vertreibung durchgesetzt, wäre freilich verkehrt, das sagte sie sich selbst. Sie wollte sich also verbergen bis die schlimme Stimmung vorüber. War sie aus dem Wege, so mußten die Gegner sich beruhigen und sie gewann Zeit, zu überlegen, was zu thun sei. Auch erinnerte sie sich alsbald eines Verstecks, das ihr zur Zuflucht dienen konnte. Wenn man von dem Teiche, wo sie mit Rothari so oft geweilt, aufwärts stieg, immer der Quelle nach, so gelangte man zu einem Gemäuer, innerhalb dessen das Brünnlein entsprang. Es war vordem eine heidnische Kapelle gewesen, der Nymphe der Quelle geweiht und hatte zur Brunnengrotte gedient in römischen Tagen. Dort konnte ihr Lupicinus aus Moos und Fellen eine warme kleine Klause bereiten. Wasser war zur Stelle und ihre Vorräthe konnte er von Zeit zu Zeit erneuern bis das Schicksal ihr andere Wege aufthat. So lockte sie ihren Wolf und trat durch den herbstlichen Wald die Wanderung nach dem Teiche an. Bei dem Abhange über dem Bühl wendete sie ihr Angesicht dem Walde zu, um unten nicht zu sehen, was ihr zu sehen so schmerzlich war. Als sie bei dem Teiche anlangte, der dunkel und trüb zwischen den kahlen Bäumen stand, schwarz von dem Laube, das in ihm versunken, schauerte ihr. War dieses stygische Gewässer der gleiche klare Brunnen, der vordem das Bild ihres Glückes zurückgeworfen? Statt der bleichen Wasserrosen schwammen jetzt braune Blätter auf der dunkeln Fläche, um schwergetrunken langsam zum Grunde zu sinken. Der unter dem dürren Laube rieselnden Quelle folgend, stieg sie schmerzlich beklommen die Schlucht aufwärts. Das Laub rauschte um ihre Füße und der Wolf folgte nur zögernd. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und wimmerte, als ob er Gefahr wittere. So kam sie bei dem Gemäuer an, aus dem der Brunnen hervorbrach. In der kahlen Schlucht, überhäuft von braunem Laube, sah die Ruine freilich weniger einladend aus, als sie Jetta umbüscht von grünen Zweigen und umblüht von blauen Glocken und würzigen Dolden in Erinnerung trug, doch wollte sie wenigstens prüfen, in welchem Zustande die trocknen Gelasse seien? Aber als sie die Mauerlücke durchschritt, heulte ihr Begleiter laut auf und in demselben Augenblicke glühten ihr die funkelnden Augen einer Wölfin entgegen, die knurrend und die Zähne fletschend ihr entgegen trat. Tückisch duckte sich die Bestie nieder; mit gesträubtem Haare und blitzendem Auge rüstete sie sich zum Ansprung. Aber in demselben Augenblicke stürzte Jetta's Wölfin muthig auf den Gegner los. Ein furchtbares Ringen begann. So gewann Jetta Zeit, in eiligem Laufe den Berg abwärts zu fliehen, während ihr das Knirschen und Heulen der kämpfenden Thiere in den Ohren lag. Die Ueberraschung hatte ihr alle Besinnung geraubt und in athemloser Eile kam sie bei ihrer Höhle wieder an, traurig freilich, daß sich ihr tapferes Thier für sie geopfert habe und sie in ihrer Bestürzung ihm nicht einmal beigestanden. Aber Wie jubelte sie auf, als sie in der Höhle ihren treuen Genossen erblickte, der sich auf kürzerem Wege als sie bereits gerettet hatte. Langsam kroch er auf sie zu und legte sich ihr winselnd zu Füßen. Er war mit Wunden überdeckt, aber er wußte, daß er seine Herrin gerettet. Zärtlich streichelte Jetta seine rauhen Haare, holte Wasser an der Quelle und wusch ihm seine Wunden aus und er leckte ihr dafür dankbar zärtlich die wohlthätigen Hände. Die Treue ihres Thiers hatte Jetta erprobt, aber den Plan des Rückzugs nach der Quelle mußte sie aufgeben. Der Wald selbst kündigte ihr das Gastrecht. Dreißigstes Kapitel Im Thale am Nicer und auf den Höhen des Mons Piri herrschte lautes Leben. Der junge Augustus Gratian war in Person von Alta Ripa herübergeritten, um mit Macrian über die Erneuerung des Bundes zu berathen. Macrian sollte die Lentienser nicht unterstützen, so war der Vorschlag des Römers, dann wollte ihm der neue Augustus die Geschenke verdoppeln. Macrian war dem nicht abgeneigt. Er brauchte den Frieden, er liebte das Gold, und die Waffen, die Gratian ihm, dem Vertrage gemäß, geliefert hatte, waren besser als die früheren des Vaters. Vor allem aber waren die Gaben an den König selbst glänzend und werthvoll. Und wie anmuthig hatte der junge Fürst die verstärkte Bestechung gerechtfertigt. »Da ihr«, sagte er, »wie ich hoffe, recht bald an unserer Seite kämpfen werdet als Bundesgenossen Roms, ist es unser Vortheil, wenn ihr gut gerüstet seid.« Dennoch mußte der König erst die Versammlung der Freien und Edlen befragen, ehe er den Vertrag bestätigte. »Sende einen unkriegerischen Mann«, bat Macrian, »einen von deinen Schreibern, den ich in die Versammlung des Volkes führen kann, denn deiner Krieger darf keiner den heiligen Berg besteigen und unsere Wälle mustern.« Die Römer traten zusammen und nach einer Weile erklärte Ausonius sich bereit, dem Könige zu folgen, falls er sein Weib mitbringen dürfe, die der Sprache der Alamannen besser mächtig sei als er. Nicht lange währte es und von dem Abhang des heiligen Berges dröhnten die dumpfen Töne des Stierhorns, das die Freien zum Landsting lud. Von allen Seiten stiegen die Männer die Schluchten des Berges hinan nach dem alten hochragenden Baume im innern Ring, den der König als Dingstätte bezeichnet hatte. Der Baum im Odenwalde hieß in der Umgegend der alte Birnbaum, der auf der abgewaldeten Höhe weithin sichtbar war. Den Alamannen rings umher war er ein heiliger Baum und mancher hatte darum mit doppeltem Eifer zur Streitaxt gegriffen, weil man ihm gesagt, die Römer würden, wenn ihr Castell fertig sei, die heilige Birne fällen, nach der der Mons Piri doch auch für sie seinen Namen trug. Unter ihren tausend Aesten ward auch jetzt wieder der Steinsitz des Königs errichtet und an dem alten schwarzen Stamme hing der rothgelbe Schild des Alamannenbundes. Die Edlen und Freien beschritten den innern Ring, während draußen das gemeine Volk sammt Frauen und Kindern lärmte. Neben dem Steinsitze des Königs standen, von den Alamannen trotzig betrachtet, etliche Fremde. Es waren Ausonius und sein Weib und neben ihnen der arianische Bischof Anaklet und ein würdiger Greis mit silberweißem Haare, der nicänische Presbyter von Lopodunum. Als die Mannen versammelt waren, bestieg der König den Hochsitz und der alte Wulf schlug drei Mal an seinen ehernen Schild, da ward Stille unter allem Volke. Die Freien und Edelinge, die nach Gefolgschaften und Sippen geordnet waren, traten näher an des Königs Stuhl heran und schlossen einen Kreis um den heiligen Baum. Macrian setzte nun den Versammelten in bündiger Weise auseinander, der neue Augustus des römischen Reichs begehre den Bund zu festigen, den sein Vater einst mit dem Volke geschlossen. Die besten Waffen und große Geschenke habe er gegeben, um den Edlen seinen guten Willen zu bezeigen. Er sei ein hochsinniger und wahrhaftiger Jüngling, so sei zu erwarten, daß er sein Wort auch halten werde. Mangel an Weiden, wie die Lentienser, habe man nicht, also auch keinen Anlaß zu neuem Kriege. Besser sei es, das gewonnene Land zu bestellen und abzuwarten bis die Lücken in der Volkszahl sich wieder ergänzt hätten, denn um sich jenseits des Rhenus im Alisat niederzulassen, sei man doch zu schwach. Darum rathe er als König den Frieden, sei aber Einer im Volke anders gesinnt, so möge er seine Meinung vorbringen. Es blieb still; niemand erhob Einwand und als der König nun nochmals die Frage vorlegte, ob der Bund mit den Römern, wie Gratian begehre, zu verlängern sei, schlugen die Krieger zum Zeichen ihrer Zustimmung an ihre Schilde und riefen Beifall. Nur der alte Wulf murrte: »Das verdanken wir der Zauberfrau drüben, daß sie alle wieder römisch geworden sind.« Ausonius war froh, so leichten Kaufes aus dieser wilden Umgebung zu entkommen. Er sprach wenige lateinische Worte, um des neuen Augustus große Freundschaft für den tapfern König Macrian und sein Volk zu versichern, dann bat er um seine Entlassung, da der Herrscher ihn erwarte. Macrian reichte ihm zur Bekräftigung des Bundes vor allem Volke die Rechte, aber er sah dabei lächelnd Bissula an und sagte: »Wirst du bald wieder als Wärterin eintreten, schöne Frau? Ich hätte in einer meiner Burgen einen Prinzen zu hüten.« »Du würdest gut mit mir fahren«, rief Bissula fröhlich. »Der Amme Pflicht ist, zu schaffen, daß Kind und Mutter nicht weinen, du hast erfahren, daß ich dafür sorge.« Der wilde König aber lachte und schied von dem schönen Weibe in Freundschaft. Als Ausonius und Bissula sich entfernt hatten, kehrte Macrian zu dem Hochsitze zurück und sprach: »Noch eine Sache ist von dem Ding heute zu schlichten. Zwei Priester des Christengottes haben sich eingefunden, die begehren in unsern Frieden aufgenommen zu werden. Wir haben vor der Erstürmung des Lagers dem Bischof von Lopodunum zugesagt, daß der weiße Christ dürfe Tempel haben in unserm Lande und seine Priester nicht sollen gehindert werden, die Leute zu lehren. Nun aber erschien der Bischof bei mir und verlangte die Austreibung des andern Christenpriesters, der in Lopodunum haust, da dieser einen falschen Christus predige. Von den römischen Colonen zu Lopodunum aber verlangen viele, daß der Bischof verjagt werde als ein falscher Mann, der nicht gerade denke in seinem Herzen. Welchem von beiden bewilligt ihr das Gastrecht in unserem Gau?« Wulf runzelte die buschigen Brauen und meinte, wenn die Glattgesichter sich nicht vertrügen, solle man sie beide wegschicken. Des Volkes Götter sähen den Weißen Christ nicht gern, da er sie schmähe. Wodan, Ziu und Donar hätten das Volk der Alamannen groß gemacht, nicht die Götter der Christen. Aber andere priesen den weißen Christ. Er sei gut gegen die Winde auf der See und gegen das Fieber auf der Streu. Große Wunder hätten sie gesehen, größere seien ihnen erzählt worden, die durch ihn seine Diener gethan hätten. Der alte Wulf schüttelte bei diesen Reden grämlich sein Haupt, und zog seine Büffelhaube ärgerlich über die Stirne, so daß die Hörner sich neigten, als wollten sie stoßen. »Ihr sollt einen Gott nicht befrieden, der unsere Götter kränkt«, sagte er mürrisch. »Kommt der Römer über uns, so kann uns der weiße Christ nicht helfen. Er ist ein unkriegerischer Gott, der kein Schwert je geführt hat und keinen Pfeil zu schießen vermochte. Ziu und Donar brauchen Schwert und Hammer; er aber trägt das Kreuz, daran sie ihn genagelt haben. So sah ich ihn in allen Kirchhäusern, die wir verbrannt haben. Er ist kein Krieger, sondern eines Zimmermanns Sohn, darum war er auch, als ich jung war, nur Gott der Knechte. Wenn ihr ihn zulaßt, so wird er die Leute feig und knechtisch machen. Frage diese, ob er nicht lehre, wenn man einen Schlag in das Angesicht erhalte, solle man einen zweiten begehren. Ist es so, Alter?« wendete er sich an den Presbyter. »So dich einer schlägt auf den rechten Backen, so biete ihm auch den linken, so spricht mein Herr«, bestätigte der Greis mit mildem Lächeln. »Und was sagt dein Gott?« fragte Wulf herrisch den Bischof. Anaklet erhob sich stolz und sein Auge blickte siegesfroh. »Mein ist die Rache«, rief er, »spricht der Herr, ich will vergelten. Auge um Auge, Zahn um Zahn.« Die Krieger murmelten beifällig. Dieser Gott gefiel ihnen besser. »Wird dein Gott nicht als Lamm dargestellt?« fragte dann Wulf wieder den Presbyter. »Er ist das Lamm, das der Welt Sünde trägt«, sagte der Greis mit sanftem Ernste. »Und der deine?« forschte Wulf zu Anaklet gewendet. Anaklet aber sprach, schlau: »Mein Herr ist ein Reiter auf weißem Roß und ihm folgt das Heer im Himmel auf weißen Pferden, angethan mit weißer und reiner Seide und er hat ein Schwert, damit er die Völker schlägt und eine eiserne Ruthe.« Durch die Reihen lief wiederum ein Murmeln des Beifalls und manche schlugen an die Schilde. Macrian aber erhob sich und sagte: »Beide Priester können wir hier nicht befrieden, da sie im Kriege miteinander leben. Anaklet aber hat beigetragen, das Lager der Römer in die Hände unseres Volkes zu bringen. Er hat bereits unser Wort. Auch gehört er zu den Christen, die vom Hofe des jungen Augustus verwiesen sind, dagegen der Presbyter hält zu den Kaiserlichen. Der Priester selbst gefällt mir wohl, er scheint ein gerader Mann zu sein und hat freundliche Augen, aber sein Gott ist ein Gott für arme Leute, nicht für uns. Darum soll er von hinnen gehn. Den Bischof aber wollen wir befrieden, denn er hat den besseren Gott.« Die Edelinge gaben durch Schütteln der Schilde und Zuruf ihre Beistimmung zu erkennen. Mit feierlicher Würde wendete sich nun der König zu den beiden Priestern. »Die Freien und Edlen«, begann er, »haben euer Verlangen geprüft und sie sind der Meinung, daß nur der Christ des Kaiser Constantius wie von Alters bei uns Tempel haben soll. Ihm dient Anaklet, der auch uns gedient hat. Dein Christ«, sagte er zu dem Presbyter, »ist der des Augustus und wird den Römern helfen, wie der des Anaklet uns half. Anaklet also soll im Frieden in diesem Gaue weilen, dir aber weigert das Volk das Gastrecht. Kehre zurück in die Halle deiner Väter oder gehe über den Rhenus zu den Priestern deines Gottes. Hier bist du schutzlos und gegen den, der dich kränkt, hast du keine Klage.« Der Greis machte mit der Hand eine abwehrende und schmerzliche Bewegung. Er wollte endlich reden und seinen Gott vertheidigen, aber der König winkte ungeduldig Entlassung. Da verließ der alte Mann gebeugten Hauptes die Versammlung, während Anaklet sich mit triumphirender stolzer Miene zu den Edelingen stellte. Als der Priester sich entfernt hatte, dankte der Bischof in salbungsvollen Worten, daß die tapferen Volksgenossen ihn in ihren Schutz aufgenommen hätten, dafür werde sein Gott ihr Volk in seinen Schutz aufnehmen und seine Felder und seine Waffen segnen. Um aber den Schutz seines Gottes sich zu sichern, solle das Kreuz als sein Feldzeichen bei den Feldzeichen der Stämme am Steine des Giganten aufgepflanzt werden. Auch wolle er eine Kapelle hier auf diesem Berge bauen aus den Steinen, die die Römer ringsum aufgethürmt hätten, für den heiligen Michael. Wolle man den heiligen Hain drüben unter die Hut eines seiner Diakonen stellen, statt unter den der alten Opferfrau, so werde man es nicht zu bereuen haben; vor allem aber möge man Jetta, die Zauberin, die in der Höhle ganz nahe dem heiligen Haine Hause, aus dem Gaue entfernen. Sie sei eine Römerin und spreche und arbeite nur für Rom. Ihr ganzes Bestreben sei, die Jugend des Landes zum römischen Kriegsdienst zu gewinnen. Dazu sei sie in Magie und bösen Künsten, wohl bewandert und bereits seien viele Klagen ihm zugekommen, wie sie die schädige, die nicht ihren Anhang mehren wollten. Der Priester hatte in mildem Tone aber mit großer Entschiedenheit gesprochen, während der König mit finsteren Mienen zuhörte. Als er diese Rede des Bischofs vernommen, reute ihn bereits, daß er nicht den andern Christenmann bei sich behalten und diesen verwiesen habe. Aber ein Edeling nach dem andern trat auf und verlangte, daß man den Umtrieben der Römerin steuere. Nicht dafür habe man diese Abhänge besetzt, damit nun die jungen Fante den Kriegsdienst des Augustus um so näher hätten; das aber sei Jetta's ständiges Werben. Wenn man die Lentienser im Stiche lasse, um die eigene Volkskraft zu schonen, so dürfe man auch nicht dulden, daß die Jungen die Kriege der Römer führten gegen die Genossen des eigenen Bunds. Auch Klagen über Zauberei, über Schaden, den sie dem Manne gethan, der ihren Vater durch einen Pfeilschuß gefällt habe, kamen zum Vorschein, bis Wulf zornig die Altweiberfabeln aus dem Rathe der Männer verwies. Der König solle Jetta verwarnen, und wenn es nicht helfe, des Landes verweisen, weil sie zu Rom stehe, ob sie aber den Priestern der Christen gefalle und furchtsamen Weibern, darum kümmere die Versammlung der Edlen sich nicht. Des Alten Rede fand Beifall und ihm selbst ward der Auftrag, Jetta ernstlich zu bedrohen. Noch fragte der König, ob einer eine Sache habe, die hier zu verhandeln sei und als keiner sich meldete, wurde das Ding geschlossen. In tiefem Gespräche mit dem Könige sah man den alten Wulf, als die Versammlung sich zerstreute, zum Nicer hinabsteigen. Erst am Ufer des Flusses trennten sich beide und als nun Wulf einen Baumkahn bestieg, um des Königs Botschaft der stolzen Zauberfrau drüben in der Höhle zu bestellen, schauten Weiber und Kinder, die vor den Alamannenhütten saßen, dem Greise und seiner Büffelhaube neugierig nach, was er dort wohl schaffe: eine Königin oder ein fahrendes Weib? Der Schlag, der Jetta bedrohte, kam der Seherin nicht unerwartet. Seit der Bischof der Arianer sich wieder zu regen begann, hatte Jetta das sichere Vorgefühl kommender Kämpfe. Leise, aber deutliche Zeichen zeigten ihr, daß eine mächtige Hand gegen sie wirke. Ihre jugendlichen Gäste blieben aus und es fiel ihr auf, daß Kinder, die ihren Pfad kreuzten, die Schritte beschleunigten. Auch an schönen Tagen fand sie sich oft gänzlich allein. Gelegentlich hörte sie, daß man trotz ihrer Lehren und Reden an einen neuen Krieg gegen die Römer denke, ja, daß man Krankheit und Unfall ihren Künsten zur Last lege. Mit Lupicinus mochte sie über diese Erscheinung nicht allzuviel reden. Sie fürchtete, er werde auf seinen Vorschlag, in das Haus zu ziehn, zurückkommen, und das wollte sie nicht. Daß aber der Kampf mit ihrer schließlichen Vertreibung enden werde, sah sie klaren Blickes voraus. Seit der Novemberwind das Laub von den Bäumen warf und die Büsche kahl standen, lag das Thal unten deutlich vor ihr ausgebreitet und sie konnte alle Vorgänge mit scharfem Auge beobachten. So war ihr am Morgen des Volksdings die Bewegung in den Hütten der Alamannen nicht entgangen. Sie hörte das Stierhorn vom Mons Piri erschallen, sie sah, wie das Volk in langen Zügen nach dem Gipfel des Berges emporstrebte und wie sich die Mannen bei dem heiligen Baume versammelten. Gern hätte sie Lupicinus gefragt, was vorgehe, der aber war heute gerade ausgeblieben. Der Mittag kam und sie sah, wie die Leute vom Berge drüben wieder nach ihren Häusern herabstiegen. Aber niemand kümmerte sich um das fremde römische Weib. Sie saß allein in der hellen aber kalten Herbstsonne und während sie ihr Feuer unterhielt überlegte sie, wie lang sie ihr Eremitenleben noch werde fortführen können. Ihre Seele war zu stark und durch zu schwere Schläge erprobt, als daß sie einer noch vollkommen gestaltlosen Furcht sich hätte hingeben mögen. Kampf sah sie voraus, zumal mit dem Bischof, der ihr immer als ein Schleicher erschienen war, aber ihm wußte sie sich gewachsen, ja sie freute sich der Bewegung, die durch Rede und Gegenrede mit ihm in ihr einförmig gewordenes Leben kommen müsse. Dem Kampfe für ihre Götter hatte sie sich ja geweiht; vielleicht, daß solche Streitgespräche das Volk wieder um ihre Höhle versammelten. »Endlich!« rief sie erfreut, als jetzt ein Männerschritt im dürren Laube lauschte. Nun mußte sie doch durch Lupicinus erfahren, welcher Art die Gefahr sei, der sie entgegen gehe. Aber es war nicht Lupicinus. Statt des treuherzigen Schaffners trat der grämliche Wulf aus dem Walde. Der Alte setzte sich ungeladen bei ihrem Feuer nieder, schalt auf Nebel und Regen und pries sich des Königs feste Häuser, an denen der Sturm vergeblich rüttle. Jetta schwieg, denn der Tag war sonnig und kein Grund zu den Klagen des Greises. »Mich wundert, daß ich dich noch lebend finde«, fuhr Wulf fort. »Dies ist der Monat, in dem die Wölfe des Wodanwaldes ihre Schluchten verlassen und herabsteigen in die Ebene. Warte nur bis der erste Schnee fällt, in welchen Rudeln sie dann durch den Wald streifen.« »Ich höre ihr Bellen Nacht für Nacht«, erwiderte Jetta, »aber sie scheuen mein Feuer und mein eigenes Thier schützt mich.« »Auch Krieg wird's bald geben«, sagte Wulf und als Jetta ihn forschend ansah, fuhr er listig fort: »Du weißt, daß auch unsere Priester aus den Strudeln des Flusses und dem Wiehern der Rosse die Zukunft erforschen und der Kluge hält Auge und Ohr offen, wie, die Vögel fliegen und die Eule schreit. Noch nie sind die Wölfe in solchen Massen zu Thal gezogen und die Raben sammeln sich in Schaaren, sie wissen, daß sie bald Futter finden auf diesem Blachfeld. Dann wird es böse sein, im Walde zu sitzen statt in fester Königsburg.« »Wenn du es nur von den Raben hast«, sagte Jetta trocken, »wollen wir's abwarten.« Aber der Alte ließ sich nicht abschrecken. Als die Raben und Wölfe keinen Eindruck machten, begann er von dem Christenbischofe zu reden, der in dem heutigen Volksding Freiheit erhalten habe, für seinen Gott zu werben und Unholde zu vertreiben. Wieder schaute ihn Jetta scharf und durchdringend an, »Das Volk«, sagte Wulf, »hat heute dem Bischof von Lopodunum seine Bitte gewährt, er darf hier bleiben und predigen und Rauch machen in seinem Kirchhause, wie sie pflegen. Aber die Christen thun nichts halb und theilen mit keinem. Sogar die Austreibung unserer Priesterin aus dem heiligen Haine hat er begehrt, vor allem aber verlangt er, daß wir dich ächten.« Jetta erbleichte und schaute Wulf finster an. Der aber erwiderte ihr Erblassen mit einem verschmitzten Lächeln. »Du hast dich an unser Volk gewöhnt«, sagte er, »die Jungen verehrten dich schon wie ihre Königin ehe dieser Priester kam. Aber du hast auch gesehen, wie sie von dir abfallen und sich dem neuen Gotte zuwenden. Wirst du vertrieben, so mußt du wie eine gehetzte Wölfin in den Schluchten dich bergen bis dich einer erlegt. Unserem Volke bist du friedlos, dem deinen verfehmt. Wo willst du hin? Weder diesseits des Rhenus wird für dich Raum sein noch jenseits. So ergreife die Hand, die Macrian dir nochmals bietet. Er ist ein König, kein Liebe girrender Knabe, und kann nicht zum zweiten Male zu dem Weibe kommen, das ihn zurückwies. Hast du dich aber eines Besseren besonnen, so sag es und ich werde alles noch schlichten.« Nachdenklich neigte Jetta ihr Haupt in die Hand und sah trübe vor sich. Schon meinte der Alte, er habe ihren starren Sinn gebrochen, da erhob sie sich stolz zu ihrer vollen Höhe und sagte: »Greis, spare deine Worte. Nicht diesseits noch jenseits des Rhenus, du redest die Wahrheit, findet Jetta Ruhe, aber zwischen dem diesseits und jenseits stießen des Gottes Wellen. Eher wird des Stromes Bett Jetta's Leib empfangen als das deines Königs.« »Bedenke, was du sagst«, murrte der Alte. »Junges Blut ist warm und der Strom ist kalt, das Leben ist süß, der Tod ist bitter.« »Lieber zehnmal den Tod, als einmal die Schande!« rief Jetta außer sich. Da sprang der Alte entrüstet von seinem Sitze auf: »So fahre hin, du Thörin, der es Schande heißt, eines Helden, eines Königs Weib zu sein. Ich hätte dich geschützt gegen die murmelnden und näselnden Priester. Nun mögen sie morgen kommen und deine Höhle ausräuchern. Ich werde selbst den Knaben wehren, die sich um deine Augen grämen, in denen der Wahnsinn haust.« Zornig kehrte der alte Held ihr den Rücken, während Jetta ihm entrüstet nachschaute. Sein Zorn gab ihr die Zuversicht wieder. Wenn Macrian sie noch immer liebte, tröstete sie sich, so würde er sie auch niemandem opfern. »Sie werden eine Weile dem Bischof Vorschub thun, bis er die Krallen herauskehrt, dann wenden sie sich um so sicherer zu mir zurück.« So schüttelte sie den Unmuth von sich. Der helle Tag stimmte sie freudig und hoffnungsvoll. Es ging ihr, wie es jedem geht, der lange Zeit von derselben Gefahr bedroht ist. Er denkt, das Unglück werde vielleicht nie kommen, weil es so lang nicht kam. Von der alten Esche, die ihre Höhle überrauschte, fiel langsam Blatt für Blatt und wehte in den Eingang ihres Felsgemachs. Sie sah dem Spiele des Windes mit dem raschelnden Laube zu und freute sich der letzten hellen Strahlen, die die herbstliche Sonne noch spendete. Dabei legte sie träumend zuweilen einen dürren Zweig auf ihr glimmendes Feuer und schaute den blauen Ringen des Rauches nach. Sie war ernst, aber Furcht war ihr fern. Als sie auf's neue Männerschritte vernahm, schrak sie doch zusammen. Sie meinte, der König komme nun selbst und sie suchte ihre Gedanken zu ordnen, wie sie ihn am besten versöhnen könne, ohne ihm doch Hoffnung zu lassen für seine begehrlichen Wünsche. Aber zu ihrem Erstaunen schritt wiederum Wulf an der Spitze der nahenden Männer und neben ihm der greise Opferpriester Sunno, dessen sie von der denkwürdigen Nacht im heiligen Haine nur allzuwohl sich erinnerte. Stolz und würdevoll lehnte sie auf ihrem Sitze sich zurück und die Arme ruhig gekreuzt wartete sie der Dinge, die da kommen sollten. Die Männer schlossen einen Kreis um sie und der Opfermann trat, einen Stab in der Hand, der halb geschält, geheimnißvoll aussah, hart an sie heran. Die Andern schauten düster zu Boden; der Priester aber sprach die feierlichen Worte: »Weil du es hältst mit dem Feinde des Volks, weil du es hältst mit den bösen Gewalten unter dem Rasen, weil du das graue Thier des Waldes zum Hausgenossen hattest und nicht die Menschen, weil du schädigtest Menschen und Vieh, weil du verführtest Kinder und Knaben, löschen wir dir das Feuer, widersagen wir dir den Quell, künden wir dir den Frieden. Wir machen dich achtlos, rechtlos, friedlos, ehrlos, sicherlos, misthätig, fehmpflichtig, leiblos, also daß niemand an dir frevelt, als man thut mit einem verführten, verzweifelten Menschen.« Bei diesen Worten nahm der Greis seinen Stecken und brach ihn in zwei Hälften und warf die Stücke Jetta vor die Füße, indem er sprach: »So brechen wir dir den Bund, so sagen wir dir ab den Frieden, so löschen wir dir den Heerd.« Damit schleuderte er mit dem Fuße die Kohlen von Jetta's Feuer auseinander und die Männer zertraten sie. »Binnen Tag und Nacht hast du zu weichen von unserem Gau. Die Thüre sollen sie dir schließen, dein Lager sollen sie dir verstören, dein Feuer sollen sie dir verlöschen, du sollst nicht Wald noch Feld gebrauchen, noch eigenen Rauch haben. Unsere Brunnen sollen dir nicht fließen, verflucht, sei die Hand, die dir Speise reicht. Wir sagen dich ehrlos, wir künden dich rechtlos, wir setzen dich friedlos an allen Enden und an allen Stätten. Frei sollst du sein wie der Vogel in der Luft, wie der Wolf, der über die Haide läuft. Klaglos soll dich beschimpfen Mann und Knecht, wer dich kränken will an Haut und Haar soll dich kränken, wer dich tödten will soll dich tödten. Die Markgenossen und Gaubewohner brechen dein Dach, verpfählen dein Thor, verschütten deinen Quell, löschen deinen Heerd. Ziehe aus, wenn die Sonne sinkt, denn ehe ein Tag und eine Nacht verstrichen, gehört dein Leben dem, der es nimmt und kehrst du wieder, so sollst du einen dürren Baum reiten, einen Hund sollst du tragen und einen Hagedornknebel an deinem Halse und die Unverschämten sollen dich mit Steinen werfen und deinen Leib kränken. Wir hängen dich mit einem Weidenstrange unter dem Kinn zwischen Himmel und Erde, daß die, Sonne deinen Leib anscheine und der Wind ihn verwehe und die Krähen und Raben ihn verführen und verzehren. Du sollst landflüchtig sein und vertrieben so weit Feuer brennt und Erde grünt, Kind nach der Mutter schreit und Mutter Kind gebiert, Holz Feuer nährt, Schiff schreitet, Schild blinket, Sonne den Schnee schmilzt, Feder fliegt, Föhre wächst, Habicht sich schwingt und der Wind stehet unter beiden seinen Flügeln, Himmel sich wölbt, Welt gebaut ist, Winde brausen, Wasser zur See strömt und die Männer Korn säen. Versagt soll dir sein guter Leute Gemeinschaft und jederlei Wohnung, die Hölle ausgenommen. Man soll dich schlagen, wo man dich trifft, zu Wasser oder zu Land, zu Schiff oder auf Klippe, zu Meer oder auf Pferderücken und keiner soll mit dir theilen Ruder oder Schöpfe, Grund oder Diele. Wir nehmen dir dein Landrecht und all' deine Ehre und setzen dich aus Gericht in Ungericht, aus Gnade in Ungnade, aus Landfried in Unfried, also daß niemand, er thue mit dir, was er wolle, an dir frevelt. Wir geben dein Haar dem Winde, deinen Leib den Thieren in den Wäldern, den Vögeln in den Lüften, den Fischen in den Wogen, wo jeder frei Geleit hat, sollst du keines haben, und weisen dich in die vier Straßen der Welt.« Damit kehrte der greise Priester hart vor ihr sich ab, daß ihr die Falten seines Gewandes um die Wangen schlugen und die Andern folgten ihm. Abwärts hörte man die stapfenden Schritte der barbarischen Rechtsboten und wie betäubt blieb Jetta auf ihrem Platze. Selbst der Wolf neben ihr lag stumm und gebunden, als ahne er eine höhere Gewalt, die über seine Herrin hereingebrochen. »Das ist es, daß du dich schiedest von deinem Volke«, so ging es durch Jetta's Brust, der ein dumpfer Druck jeden Herzschlag lähmte. Es war, als ob alle ihre Spannkraft von ihr genommen sei. Ein landfahrend Weib sollte sie durch die Lande ziehn, ein Weib, nach dem die Männer ihre Hände strecken, das die Frauen von ihrem Hause weisen. »Dein Feuer sollen sie dir verlöschen, unsere Brunnen sollen dir nicht stießen, verflucht sei die Hand, die dir Speise reicht«, so klang es in ihr nach. Schon seit Wochen gemieden wie das Thier der Wildniß, war sie nun ganz allein in der weiten Welt. Der Baum, an den sie sich lehnte, hatte mehr Recht an Leben und Sicherheit als sie. Die Sinne schwanden ihr. In seltsamem Doppeltgesichte sah sie sich selbst vor ihrer Höhle sitzen und sie glich der Roma Dea, die man auf Münzen prägte. Ihr Hirn glühte und ihre Augen erglänzten im Irrsinn. In einem fast wahnsinnigen Aufschrei machte ihr gequältes Herz sich Luft: »Ja, ich bin Rom, das von den Barbaren geschändete Rom!« Aber gab es gar kein Mittel, sie zu retten? Sie, die gewähnt hatte, mit ihren heiligen Rollen Sonne, Mond und Sterne zu lenken – sie saß hier hülflos, ein jammerndes Weib! Wenn sie ihre heiligen Bücher hätte, dachte sie, würde manches Pförtchen im Geheimen sich aufthun; hatte sie nur erst in einem Palaste Fuß gefaßt, so wollte sie schon sich wieder emporheben. Der Gedanke richtete sie auf. Aber alsbald trat Rothari's blutiges Haupt ihr vor's Auge. Mit wie heiligen Eiden hatte sie gelobt, sich der schwarzen Künste zu enthalten. Hinter sich hörte sie das Wimmern ihres Knäbleins, das diesen Künsten zum Opfer gefallen und laut aufweinend stützte sie ihr Haupt in die Hände und die Thränen flossen unablässig an den schönen Armen hernieder. So saß sie lang und hörte nicht, daß Schritte ihr nahten. »Weine nicht, Jetta«, sprach jetzt eine Stimme, so mild, so sanft, so befreundet, daß es ihr war, als ob eine warme Hand ihre Thränen trockne. »Weine nicht, ein Freund hat deiner nicht vergessen.« Jetta schaute auf. Ihre Augen wurden größer und größer, aber ihr Antlitz versteinte sich und sie zog sich entsetzt gegen ihre Höhle zurück, denn es war Gratian. »Weg die Hand, es klebt Blut daran«, schrie ihre gellende Stimme, »und wenn ich in den Qualen des Erebus wimmerte, von Rothari's Mördern sollte mich keiner herausziehen und Valentinian's Sohn gewiß nicht.« »Richte die Todten nicht!« sagte Gratian ernst. »Valentinian war ein großer Mann, trotz aller seiner Fehltritte.« »War? So ist der Tyrann todt?« rief Jetta in wildem Triumphe. »Was er auch verbrochen haben mag«, sagte Gratian mild, »er war mein Vater und er hat schwer gebüßt. Laß mich zu dir sitzen, arme Jetta«, fuhr er wehmüthig fort, »ich habe dir viel zu erzählen.« Jetta rührte sich nicht, er aber setzte sich auf eine mächtige Wurzel der alten Esche ihr gegenüber. »Du allein also hast in deinem Walde nicht erfahren«, fragte er, »wovon seit einem Monde die ganze Welt erfüllt ist?« Jetta schüttelte finster das Haupt. »Aber von ihrem stolzen Friedensschlusse werden dir die Alamannen doch berichtet haben, von dem mein Vater nie reden konnte, ohne daß ihm das Wort im Munde vor Grimm und Schmerzen stockte?« Ein Nicken des Hauptes war die einzige Antwort, die Jetta gab. Sie stützte ihr Antlitz in die Hände und ließ Gratian reden. Wohl hielt er zuweilen inne, wartend, ob nicht irgend ein Zeichen der Theilnahme ihn zum Fortfahren ermuthige, sie aber hielt ihr Gesicht verborgen und that, als ob sie nicht angehe, was der Jüngling hier vortrug. »Mit Hohn und Spott«, fuhr Gratian traurig fort, »hatten deine neuen Freunde den Augustus überschüttet und der Vertrag selbst war eine Schmach für Rom! Genug davon! Am gleichen Tage brachen wir gegen die Quaden auf. Nur indem er sofort die Arbeit begann, um deretwillen er den Uebermuth der Barbaren am Rhenus hingenommen hatte, fand er den Schmerz erträglich und vergaß die Wunde, die Macrian seinem Stolze geschlagen. Ich sah, wie die Schmach ihm am Herzen fraß, aber er wies jeden Zuspruch hart zurück. Wie ausgetauscht war er und wir zitterten alle vor ihm, Justina so gut wie ich. Auch seine Kriegführung war grausam und unmenschlich. Als ich widersprach, jagte er mich aus dem Lager. Ich mußte zurück nach Gallien.« Ein höhnischer Laut, der Jetta entfuhr, ließ Gratian wieder einen Augenblick innehalten. Aber als sie auch jetzt schwieg, fuhr er fort in seinem Berichte. »Sengend und brennend fielen die Legionen in das Land jenseits des Ister ein. Der Quaden ganze Ernte ging in Flammen auf und als ihre Vorräthe erschöpft waren, erschienen Gesandte zu Bregetio Szöny unweit Komorn . vor meinem Vater und baten um Frieden für ihr vom Kriege fast aufgeriebenes, von Hungersnoth gepeinigtes Volk. Sie zitterten vor Angst und schienen halbtodt vom Hunger. Der Imperator, in voller Pracht des Hofes, betrachtete die kümmerlichen Gestalten, ihre elenden Waffen, die Lumpen, in die sie sich hüllten und als ihm die fremden Boten sagten, in allem ihrem Elend seien sie die Vornehmsten des ganzen Stamms, da schlug er eine jähe Lache auf, daß seine Begleiter meinten, er sei irre. Dann aber trat die Zornader blau aus seiner Stirne und er rief, als ob die Wuth ihn ersticken wolle: ›Und wegen dieser verhungerten Cicaden habe ich mich vor Macrian gebeugt! Dahin ist es mit dem Reiche gekommen, daß uns ein solches Volk zu plündern wagt.‹ Und noch einmal schwoll die Ader an und er rief: ›Unter meinem Imperium! unter mir !‹ Dann ward er bleich, er taumelte, die Nächststehenden fingen ihn auf. Der Zorn hatte ihn getödtet.« Gratian schwieg. Auch Jetta senkte den Blick. In ihr schienen zwei Gewalten zu kämpfen: der Geist ihrer Jugendideale und die Verbitterung der Gegenwart. Als sie schwieg, fragte, Gratian sanft: »Und du, Jetta, was sagst du zu diesem Ausgange des Mannes, der dich und Rom geliebt hat?« Sie stockte, aber der böse Geist behielt die Oberhand: »Mögen alle so verderben, die an meines Gatten heiligem Haupte gefrevelt!« sprach sie mit dumpfer Stimme. Gratian zuckte zusammen, er wollte sich erheben, aber Mitleid und Liebe zu dem unglücklichen Weibe hielten ihn fest. »Ich kam, Jetta«, sagte er ernst, »um dich zu suchen, um dich zurückzuführen in die Heimath, schicke mich nicht weg wie einen Knaben, du weißt, daß du hier nicht bleiben kannst.« »Aber in Rom werden sie mich mit offenen Armen empfangen«, sagte Jetta mit bitterem Hohne. Gratian winkte mit der Hand und schaute sie mit traurigem Blicke an, als wollte er bitten: nicht diesen Ton. Dann fuhr er fort: »Ich war fern, als die alamannische Brandfackel in unsere Wartthürme fiel und die letzte Cohorte diesseits des Rhenus von einem Priester geführt, so schmachvoll diesen blutgetränkten Boden räumte. Vielleicht, daß ich darum dir weniger zürne, weil ich das Entsetzliche nicht mit Augen sah. Aber ich ritt diesen Morgen über das Schlachtfeld. Die Mauern des Lagers stehen, wie die Flammen sie verlassen haben. Noch ist das Rechteck deutlich sichtbar, das unser Lager umfaßte und in der Mitte steht das ausgebrannte Prätorium. Rings umher liegen die gebleichten Gebeine, zerstreut oder aufgehäuft, wie sie eben Widerstand geleistet haben oder flohen an jenem furchtbaren Abende. Es waren doch auch deine Freunde, die dort unbeerdigt ruhn. Daneben sah ich Bruchstücke von Waffen und Gliedmaßen von Pferden. An die Baumstämme aber haben sie die Häupter genagelt nach ihrem barbarischen Brauch. Wer weiß, an welchem Opfersteine das Blut der Gefangenen geflossen ist? Lupicinus, der mich führte, und von dem ich erfuhr, daß du noch immer hier seist, zeigte mir den Ort, wo Arator starb, wo die Alamannen das Feldzeichen der Cohorte dem tapfern Gajus aus der Hand gerissen, wo die Vertheidiger des Brückenthors gefallen und wo die siegreichen Barbaren bei ihrem Meth die Nacht durchzecht, indem sie unsere Feldzeichen höhnten. Das Alles hat den Schmerz der Unsern erneut und während Arator's Haupt sich Rache heischend über den eingeworfenen Mauern erhob, hörte ich Flüche auf seine Tochter! Gewiß, Jetta, es ist hart an dir gefrevelt worden, aber fühlst du nicht, welche schwere Schuld auch du auf dich ludst?« Jetta hatte ihr Haupt bei Gratian's Erzählung geneigt und starr vor sich hingesehen, aber bei diesem Vorwurfe erhob sie ihr bleiches Antlitz wieder und sie sprach finster: »Ich bin gestraft, wie du siehst, andere Frevler spotten noch immer der Götter.« »Nein, Jetta, auch wir haben geerntet, was wir säten. Wie sollten uns die Götter Treue halten, da wir selbst die Treue brachen. Du warst nur das Werkzeug der göttlichen Rache, aber nun laß das Vergangene vergangen sein.« Seine Stimme begann zu zittern, in seinem Auge schimmerte zärtliches Mitleid für dieses schöne verlorene Weib und als sie in ihrem verstockten Schweigen beharrte, begann er aufs neue: »Komme mit mir, Jetta, du kannst hier nicht bleiben. Du bist jeder Gewaltthat preisgegeben und ebenso verfehmt wie deine Wölfin wirst du durch das Thal streifen bis du dem Frechsten zur Beute wirst. Sobald die Nacht hereinbricht, werden wilde Buben deine Höhle heimsuchen und dein Haus auf dem Buhle plündern und niederbrennen. Komme zu uns. Die Zeit wird Roms Haß gegen dich versöhnen. Einstweilen verbirg dich. Ich weiß auf dem See der Veneter Bodensee. eine Insel, wo einst Tiberius die Vindeliker besiegte. Bei Lindau. Sie liegt vergessen wie das Eiland der Seligen an den Grenzen des Reichs. Rings umfluthet sie die grüngoldene Fluth, in der die Alpen mit ihren Schneehäuptern sich spiegeln, und wie weiße Möven schwimmen hier und dort die dreieckigen Lateinersegel in der blauen Fläche. Der Alamanne, der gegenüber haust, ist mir verbündet. Er wird dich schützen. Noch stehen dort um die zerfallenen Villen hohe Cypressen und dunkle Lorbeerbüsche, wie du sie liebst. Dort wollen wir glücklich sein und Rothari's gedenken, wenn wir zu den Firnen emporschauen, die so stolz sind und so rein wie er.« Jetta athmete tief, sie schien bewegt. »Lasse den Germanen ihre Wälder und Sümpfe und flüchte an mein Herz«, sagte Gratian zärtlich. »Ich habe Bissula mit herübergebracht von Alta Ripa unter dem Vorwand, wir bedürften ihrer als Dolmetscherin, damit es nicht heiße, du ziehest allein durch's Land mit den Soldaten. Auf dem Rhenus liegt ein Schiff bereit, das unter dem Drachenbilde des Augustus sicher reist. Kein neidisches Auge kann uns da belauschen und niemand braucht zu wissen, daß das Schiff den Cäsar trägt und sein Glück. In wenig Wochen kann ich vom Mons Brisiacus, wo ich den Befehl gegen die Brisgaven übernehme, dir folgen nach dem See der Veneter und wenn ich komme, wirst du auf dem Dache deines Hauses stehn und hinausschauen in die blauen Gewässer nach dem Nachen, der dir deinen Freund bringt, ich schwöre es, deinen treusten Freund.« Der Wolf hatte Jetta bis dahin ruhig angesehen. Jetzt erst begann er zu wimmern, als ob er Gefahr wittere bei den Reden des Versuchers. Aber auch ein lauer Wind von Süden schien Jetta zu grüßen. Es war, als ob die Novemberstürme noch einmal einem Nachsommer Raum gäben. Die Sonne schien warm wie im Frühling. Es rauschte in den dürren Zweigen der Esche, traumhaft wiegten die alten Föhren ihre Häupter und streuten ihre Nadeln auf die Erde und der laue Föhn trug kräftigen Waldgeruch in seinen feuchten Schwingen. Wie ein Gruß aus dem Süden wehte es Jetta an. Sie richtete ihre dunkeln starren Augen auf Gratian. Das war nicht mehr der Knabe, über dessen Huldigungen sie einst gescherzt. Es war ein Jüngling, dessen Wange ein bräunlicher Flaum umspielte, dessen feuriges Auge ihre Gestalt begehrlich umfaßte und sie wußte nur allzuwohl, daß sie nur schöner geworden war in der Schule der Wildniß, ein volles reifes Weib. Wie eine Vision sah sie es vor sich stehn. Er würde sie nach Alta Ripa geleiten, beschwatzt von Bissula würde sie mit ihm das Schiff besteigen. Er würde den Lohn ihrer Rettung einfordern, sie würde ihn zahlen müssen und zahlen. Sie schauderte. Zugleich aber regte sich in ihr ein wildes Verlangen nach Rache für die Beleidigung, die ihr der Treulose anthue. Zu dem Morde des Gemahls wollte er noch die Schmach der Witwe fügen. Justina war nur halb bestraft, und er, der Mörder, der bundbrüchige falsche Freund sollte ganz straflos ausgehn? Gratian sah, wie sie kämpfte und wollte schmeichelnd Jetta's Hand erfassen, sie aber zog sie zurück und fragte kalt: »Du wirbst um mich?« »Ich warb immer um dich, du weißt es.« »Und Constantia?« warf Jetta schneidend hin. »Constantia ist in Rom und wird unser Glück am Venetersee nicht stören.« Es ward der stolzen Frau schwer, dem Knaben nicht als Antwort in's Angesicht zu schlagen. Also die Ehre, seine Geliebte zu werden, hatte er ihr zugedacht! »Du sollst mir büßen und nach dir Justina«, schoß es ihr durch das leidenschaftlich klopfende Herz. Aber sie bezwang sich und ließ ihn reden. »Auf zwei Stunden nur«, sagte Gratian, »muß ich noch scheiden. Hier darfst du nicht bleiben und nicht in deinem Hause. Nicht einen Augenblick bist du sicher vor Gewaltthat und Schmach. Weißt du kein Versteck, wo ich dich sicher finde, sobald die Sonne hinab ist?« Einen Augenblick zögerte sie wieder, als ob sie mit halbem Ohre dem Sirenenliede des Jünglings lausche und die alte Zuneigung zu dem Gratian von ehedem in ihr sich rege. Aber sie raffte sich auf. Sie hatte Rothari Rache gelobt und der schmählich Gemordete sollte sein Todtenopfer haben. »Ist es dein Ernst«, sagte sie, »mich zu retten, so finde dich, sobald die Sonne gesunken, bei dem Waldteiche hinter dem Buhle ein, wo wir mit Rothari so oft zusammen weilten. Wenn du von dort die Schlucht hinauf der Quelle folgst, wirst du auf altes Gemäuer stoßen; dort findest du mich. Rufe meinen Namen und ich werde alsbald vor dir stehen, als ob ich aus der Erde aufgestiegen wäre.« »So eile, Geliebte«, rief Gratian erfreut. »Sobald die Sonne hinab ist, komme ich dich zu holen.« Er wollte sie an sich ziehn, aber Jetta lehnte mit finsterer Gebärde seine Umarmung ab. So schied er mit einem hoffenden Blicke, der Wolf aber sprang mit fröhlichen Sätzen an Jetta empor, froh, daß der Versucher von der Herrin gewichen. Diese aber schaute dem Enteilenden mit einem harten Blicke nach: »Gehe nur hin, du wirst dort eine Freundin treffen, wie sie eines so treuen Freundes würdig ist, sie wird Blutbrüderschaft mit dir trinken und dieses Mal in deinem Blute. Ich aber will einen Fährmann suchen, der mich über den Rhenus setzt. Ein Gastfreund unseres Hauses wird sich ja noch finden lassen, der Arator's Tochter aufnimmt, wenn auch unter falschem Namen.« Einunddreißigstes Kapitel. »Still, mein Wolf!« sagte Jetta zu dem Thiere, das sie wie toll umlärmte, bald in die Höhle, bald in den Wald jagte, mit glänzenden Blicken die Herrin anschaute und wiederum in die Höhle schoß. »Still, mein treuer Genosse, hier haben wir nichts mehr zu thun, wir müssen wandern.« Das Nöthigste zur Wegfahrt und kleine Erinnerungszeichen raffte sie dann zusammen und trat im Mantel, mit einem kleinen Bündel in der Hand, das Haupt mit dem weißen Schleier verhüllt, wieder hervor, um ihre Wanderung anzutreten. Die Ebene des Rhenus glänzte ihr im Abendlichte zwischen den kahlen Stämmen entgegen. Das Thal, das sie verlassen sollte, war in Gold getaucht. Ein wehmüthiges Gefühl des Scheidens von dem Schauplätze ihrer Freuden und Leiden ging durch ihre Seele. Sie schaute hinauf nach den Buchen des Mons Piri, die sich dunkel von dem Himmel abhoben, sie blickte dem goldenen Laufe des Nicer nach, der in der dunkelblauen Ebene sich verlor, sie sah den Wodanwald und die hohe Kuppe des Mons Valentmiani düster in den Abendschatten ragen und da drüben, wohin sie nun wandern wollte, erglänzten die bläulichrothen Berge Galliens, gleich einer Verheißung, daß die Götter auch für sie noch Sonnenschein übrig hätten, daß auch für ihr sturmverschlagenes Herz noch ein stilles Asyl vorhanden sei, wo Blumen blühen, wo Lämmer an friedlichen Abhängen weiden und eine Hütte, in der das Glück wohne für sie so gut, wie für Andere. Eine mildere Stimmung kam über sie und sie wendete sich noch ein Mal nach ihrer Grotte zurück. »Lebe wohl, du traute Höhle«, sprach sie, »die du Jetta bargst, als das Ungewitter an ihrem Himmel stand, du stille Klause, wo ich allein war mit meinem Gram und meiner Stimme nur deine Stimme Antwort gab. Auch du lebe wohl, du schönes Thal! Dein neues Grün werde ich nicht mehr schauen, aber ich segne dich für alle Blumen, mit denen du den Garten meiner Kindheit schmücktest!« Dann suchte ihr Auge noch einmal den Abhang drüben, den die Abendsonne mit hellem Feuerscheine übergoß und hinter dem Arator's Villa lag. »Lebt wohl ihr alten Bäume, unter denen ich an Ihn mein Herz verlor und du plaudernder Marmorquell, an dem ich meine Mädchenträume träumte. Mögest du Andern gleich süße Geschichten erzählen, und lasse sie freudiger enden«, setzte sie traurig hinzu. Mit einer Thräne im Auge wollte sie scheiden. Aber der Wolf neben ihr schlug an und ließ ein böses Knurren vernehmen, das bedeutete, daß ein Feind in der Nähe sei. In der That vernahm Jetta ein Geräusch, das sich verstärkte und bald von allen Seiten auf sie eindrang. Es war wie das Rauschen vieler Schritte ringsum im dürren Waldlaub und dann wieder wie das Summen einer aufgeregten Menschenmenge. Der Wolf sprang einige Schritte vor und heulte wild, so daß Jetta unwillkürlich nach einer Waffe ausschaute. Aber sie fand nichts als den zerbrochenen Haselstecken, den ihr der Priester vor die Füße geworfen. Er war halb geschält und sah mit seiner weißen und schwarzen Schlangenwindung aus wie der Stab der Circe. Ihn nahm sie an sich. Vielleicht hätte sie noch fliehen können, aber sie dachte nicht daran. War ihre Stunde gekommen, so wollte sie würdig enden und sie dankte den Göttern, daß sie ihr Werk der Rache an dem treulosesten von Rothari's Mördern noch hatte vollbringen dürfen. Die Kunde, daß Jetta geächtet sei, hatte sich wie ein Lauffeuer unter den Bewohnern des Thales verbreitet und nirgend wurden lautere Rufe der Schadenfreude gehört als im Pagus der Nemeter, wo die lateinischen Colonen frohlockten, daß der Verrätherin nunmehr ihr Lohn werde. Vor allem lärmte und tobte der kleine Volcius, der Jetta den Ruin seines Handels und sein ganzes Elend zuschrieb. Auch die Alamannen standen an den Ufern des Nicer beisammen und wunderten sich, daß der König so rasch den Beschluß des Volksdings betreibe. Sie konnten sich nicht sofort entschließen, den harten Spruch an der Verfehmten zu vollziehn. Beide Gruppen ließen ihre Blicke herüber und hinübergehn, um zu sehen, was die Andern thun würden. Die Welschen setzten sich zuerst in Bewegung. Volcius und seine beleibte Gattin und der dicke Cybelepriester riefen in die Häuser, alles solle sich aufmachen und der Hexe die Höhle ausräuchern. Man müsse ihr heimzahlen, was sie an dem Lager und den Dörfern gefrevelt. Als die Welschen aufbrachen, beschlossen auch die Alamannen mitzuziehen. Nicht als ob ein großer Haß sie geleitet hätte wie die Welschen, aber sie wollten sehen, was vorgehe. Böse Buben dachten im Stillen, ihre Lust zu büßen, zu plündern, Lärm zu machen. Die Frauen schlossen sich an, um Böses zu verhindern, die Kinder weinten, daß die freundliche Frau ausgetrieben werden solle und liefen um Schonung bittend neben den Alten her. Der kleine affenartige Volcius war allen vorausgeeilt, aber am Eingang zum Walde hielt er still. Er fürchtete, die Zauberin könnte ihm ein Uebel auf den Hals wünschen. Erst als auch der germanische Haufe in Sicht kam, ging er mit seinen Genossen und seinem Weibe zögernd im Walde vorwärts. Plötzlich aber hielt er wieder an. Er hatte das Heulen des Wolfes vernommen und überlegte sich, daß er keine Waffe habe, falls das Thier ihn an der Kehle nehme. So waren die Alamannen die Ersten, die bei der Höhle ankamen. Mit finsteren Blicken starrten sie auf die zum Abzug gerüstete Zauberin, die sie mit strenger, und kalter Miene musterte. Den abergläubischen Wilden graute vor diesem bleichen Antlitz und diesen dämonischen Augen, die keinerlei Furcht verriethen. Die Kinder drängten sich ängstlich an ihre Mütter und die Frauen sahen die Schutzlose bang und mitleidig an. Nun erst getraute auch Volcius mit seiner Rotte sich herzu. »Verlegt ihr den Weg«, schrie er, »sie darf nicht weg, die Mordbrennerin, knüpft sie auf vor ihrer Höhle.« Da richtete Jetta sich stolz zu ihrer ganzen Höhe auf und schwang mit ihrer Zauberruthe einen Kreis durch die Luft und rief zornig mit drohender Stimme: »Wer diesen Cirkel überschreitet, ist ein Kind des Todes.« Laut aufschreiend wich die dicke Lucia Veria rückwärts; ihr tanzten alle Farben vor den Augen. Der schwarzweiße Stab schien Funken zu sprühen und sie fürchtete, sie sei innerhalb des gebannten Bezirks. Jetta aber nützte ihr Entsetzen. »Verstehst du, was die Raben krächzen?« rief Jetta ihr zu, »nach deinem Fleische! nach deinem Fleische!‹ Schaut diesen Wolf an«, fuhr sie fort und ließ ihre dunkeln Augen drohend im Kreise umhergehn. »Er war ein Mensch wie ihr; ich habe ihm Wohlthaten erwiesen, ihn gepflegt, als er krank war, ihm von Rom erzählt und allem Großen. Er aber verrieth mich – da wandelte ich ihn zu einem Wolfe.« Das Thier hörte sich nennen, hob das Haupt und leckte Jetta die Hände, als sie ihn aber rauh zurückstieß, begann er kläglich zu heulen. Wieder schrie Lucia Veria auf vor Entsetzen, daß das Thier die Aussage der Zauberin bestätige. Jetta aber schritt mit funkelnden Augen gegen das tückische Ehepaar vor: »Ich werde dich in eine Gans verwandeln«, fuhr sie auf die Zitternde ein, »und dich in einen Affen für deine Bosheit, falls ihr nicht heimkehrt.« Zornig hob sie ihre gesprenkelte Zauberruthe, ihre großen Augen stammten, aber bereits rannte Dame Lucia Veria heulend den Abhang hinunter, denn eine solche Metamorphose schien ihr gar nicht unmöglich und schimpfend folgte ihr der feige Gatte. »Was suchst du hier, unwürdiger Schlemmer, Verräther der großen Göttin?« herrschte Jetta nun den feisten Cybelepriester an. »Soll ich Gratian berichten, wie du mit den Germanen dich verbündest?« Da zog auch er sich zurück. Er konnte dieses entsetzliche Auge nicht ertragen. »Kniet, Kinder«, sprach Jetta jetzt sanft zu den Kleinen, »kniet«, und gewohnt der Waldfrau zu gehorchen, sanken die Kinder eines nach dem andern nieder. »Kniet nieder!« wiederholte Jetta herrisch den Frauen, »daß euch meine Götter nicht strafen«, und ihre Augen blitzten. Eines der Weiber nach dem andern folgte dem Beispiel der Kleinen. Nur die Männer lehnten trotzig an den Bäumen. Ueber Jetta aber war der Wahnsinn der Pythia gekommen. Mit wilder Gebärde und flammenden Augen wendete sie sich gegen die Männer: »Auf den Knieen sollt ihr vernehmen, was mein Gott euch sagt!« Ihre aufgelösten Haare flogen im Winde, ihr malerisch zur Reise umgeworfener Schleier wehte wie ein fliegender Fittich um ihr Haupt, ihr Auge sprühte Flammen und sie erhob ihren Circestab und stürzte sich auf den Nächsten, der bleich am Baume stand. Sie hatte in diesem Augenblicke die Empfindung, daß sie dem Himmel gebieten könne, seine Blitze auf diese stumpfen Barbaren zu schleudern. »Nieder«, rief sie, »nieder«, und sie streckte ihre Hand nach dem Säumigen aus, aber ihm graute vor der Berührung mit dem schwarzgeringelten Stabe und er warf sich schaudernd zur Erde. Da folgten auch die Andern. Tief aufathmend, stand Jetta jetzt in der Mitte des knieenden Volkes. Ihre Wangen glühten von dem Sturme der Leidenschaft, ihr Busen wogte, sie mußte sich erst sammeln, um zu der Menge zu reden. Als die Männer vom Boden her tückische Blicke nach ihr sendeten, was sie nun eigentlich vorhabe, sahen sie die Zauberin im Strahle der Abendsonne, von grellem Lichte übergossen. In ihrem hellen Gewande stand sie vor der dunkeln Höhle wie eine Feuerflamme. »Ich habe euch Gutes gethan«, begann sie nun mit ihrer mächtigen, dunkeln Stimme, »ich habe euch Glück gebracht von der ersten Stunde an, da ihr mich auf dem Berge sahet; ich habe euch dieses Thal gegeben, ich wies euch die Wege, ich erstürmte euch das feste Lager, ich habe mein Volk gedemüthigt und euch erhoben, ich habe euch die Quellen gezeigt, die ihr nicht kanntet. Ich segnete euere Felder, ich gab euch blauen Himmel und fruchtbare Gewitterregen zu rechter Zeit, ich lehrte euch, was gut und was groß ist und wollte euch mächtig und weise machen. Ihr aber lohntet mir mit Undank. Ihr löschtet mir das Feuer, an dem ihr euch an kalten Tagen gewärmt, ihr widersagtet mir den Quell, aus dem ich euch zu trinken reichte, wenn ihr dürstetet, ihr kündetet mir den Frieden, den ich euch predigte. Ich habe euere Kinder gespeist, gelehrt, unterwiesen und ihr habt die Hand verflucht, die sich rege, um mir zu helfen. Klaglos soll mich beschimpfen Freier und Knecht, so lautete euer alberner Spruch. Zwischen Himmel und Erde wolltet ihr mich hängen, sagte der Freche, daß die Sonne meinen Leib anscheine und Krähen und Raben ihn verführen und verzehren. So hieß ja wohl die Narrenrede eueres Sunno, der in Schande grau ward und des greisen Wulf, der seine weißen Haare am Tage vor seinem Tode noch schändet. Ihr Thoren, als ob ihr Macht hättet, Jetta zu kränken, die den Strom rückwärts wird fließen lassen, wenn es ihr gefallt, und Sonne und Mond widereinander wirft, wenn es ihr gut dünkt. Glaubt ihr, ich wäre hier geblieben, wenn ich euch fürchtete oder Jetta hätte euere Pläne nicht gekannt, sie, die das Klingen der Sterne vernimmt und versteht, was die Wolken rauschen? So höret nun, wie Jetta sich rächt!« Ein Schauder lief über das Volk hin und die Weiber erhoben bittend ihre Hände. »Ich segne dieses Thal«, begann Jetta nach einer Pause, mit weicher melodischer Stimme. »Ich segne es, daß es euch Früchte bringe vor allen andern Thälern des Wodanwaldes. So weit Sonne den Schnee schmilzt, so weit der Himmel sich wölbt, so weit Winde brausen und Männer Korn säen, so weit der Habicht stiegt, soll sein Auge nichts Schöneres schauen als diese Hügel, als diesen Fluß, als diese Gauen. Fische sollen wimmeln in dem grünen Strome, süße Trauben sollen reifen an diesen sonnigen Hügeln, euere Hütten sollen Häuser werden, euere Dörfer Städte, auf des Berges Rücken sollen Fürsten in Schlössern wohnen und von Morgen und Abend, von Mitternacht und Mittag sollen sie kommen und den Segen schauen, den Jetta auf dieses Thal gelegt. Höre es, du Volk der Alamannen, das ist Jetta's Rache!« Die Kinder fingen an zu weinen, die Frauen schluchzten. »Und nun lebt wohl«, sagte Jetta kurz. »Lebe wohl«, »verzeihe uns«, »habe Dank«, sprachen hier und dort thränenerstickte Stimmen. Jetta aber war bereits mit ihrem Wolfe in dem dämmernden Walde verschwunden. Niemand wagte, sie aufzuhalten, niemand ihr zu folgen. Sie aber ging mit festen Schritten und gehobenen Hauptes zwischen den kahlen Stämmen weiter. Der ganze Römerstolz, das ganze Vollbewußtsein ihrer höheren Macht war wieder über sie gekommen. Konnte sie noch zweifeln, daß sie so gut als Circe und Medea eine Zauberin sei? Sie zweifelte nicht. Ihre Wangen glühten im Triumphe, ihre Augen blitzten und sie warf stolz die dürren Blätter auseinander, die um ihre Füße rauschten, als ob sie allen Widerstand der Welt auf gleiche Weise zu zerstäuben gedenke. Selbst der Wolf schien zu wissen, daß sie gemeinsam einen großen Sieg erfochten. Er gebärdete sich wie toll, wälzte sich fröhlich in dem dürren Laube und umkreiste Jetta in immer weiteren Sätzen und Sprüngen. So zog die Verfehmte unangefochten ihren Waldpfad. Die hülflose Stimmung, die sie unter den Flüchen des alamannischen Priesters einen Augenblick überwältigt hatte, war von ihr genommen. Nach der neuen Probe ihrer höheren Gewalt fühlte sie die Kraft in sich, sich allein durch eine Welt von Feinden zu schlagen. Sie war wie im Rausche und sie fühlte, daß einem Lieblinge der Götter wie ihr nichts unmöglich sei. Während sie so in tiefen, stolzen Gedanken dahin schritt, erwägend auf welchem Wege sie am besten die Straße nach Noviomagus gewänne, um die Gastfreundschaft der alten Genossen Arator's anzusprechen, hörte sie von unten ihren Namen rufen. Ein eilender Schritt kam näher. Es war Lupicinus. So hatte der Treue sie doch nicht ganz vergessen und sie hielt inne. Wenigstens Abschied wollte sie von dem Christen nehmen und ihm danken für das Gute, das er ihr gethan hatte. Vielleicht konnte er ihr auch das Geleit geben bis zu einem neuen Asyle. Eilig kam er den Berg herauf und rief dann völlig außer Athem: »Den Heiligen sei Dank, daß ich dich finde! Schon glaubte ich dich verloren, da ich unten im Dorfe hörte, sie seien ausgerückt, um die Acht an dir zu vollziehen. Nun sind wir gerettet. Ich war den ganzen Morgen bei Gratian, dem neuen Herrscher. Er weiß dir eine Zuflucht und wollte selbst dich suchen, um dir seine Hülfe zu bieten.« »Und du glaubst«, sagte Jetta hart, »deine Herrin werde sich dem Mörder ihres Gemahls in die Arme werfen? War nicht Gratian es, der zwei Mal nach Rothari schoß? Auf der Jagd, sobald er sah, daß ich Rothari ihm vorgezogen, ja am heiligen Heerde des Hauses selbst, am ersten Tage gleich, an dem er wieder am Nicer eingetroffen? Er selbst holte Rothari zum Steine des Giganten ab, wo sie ihn würgten wie ein Opferthier und mein eigener Vater Priester war! Ihn, Lupicinus, bietest du Rothari's Witwe als Beschützer?« Lupicinus wehrte fröhlich ab mit beiden Händen: »Nein, nein, nein«, rief er jauchzend. »Das ist ja das Beste, was ich erkundet. Ich sagte Gratian, ohne dich zu nennen, man habe uns allen auf dem Bühl einreden wollen, daß er der schlimme Schütze gewesen sei, der unsern Herrn getroffen. Da hättest du aber sehen sollen, in welchem heiligen Zorne er entbrannte. ›Sehe ich aus, wie ein Meuchler‹, rief er, ›der mit vergifteten Pfeilen schießt? Ich fand die Pfeile bei der einzigen Feindin, die Rothari hatte und die ich nicht nenne, deine Herrin aber kennt sie – ihr entführte ich die Geschosse, um sie Rothari zu zeigen und ihn zu warnen. Zum Opfergenossen drängte ich mich auf, um ihm stets zur Seite zu sein und ihn mit meinem eigenen Leibe zu decken. Der arme Rothari aber sah die Pfeile in meinem Köcher, ehe ich mit ihm reden konnte. So ward er an mir irre, stieß meine Begleitung zurück und gab sich selbst in die Hände der Mörder.‹ Jetta schaute den Boten erbleichend an, als höre sie ihr eigen Urtheil. »Du lügst, Mann des Todes«, stammelte sie. »So mögen mich die Heiligen verlassen in meiner Todesstunde«, rief Lupicinus, »wenn ich lüge. Gratian schwor es mir bei dem heiligen Haupte seiner Mutter, daß er unschuldig sei.« »Dann zehnfaches Wehe über mich, die ich ihn strafen wollte und er hat nichts verbrochen! Gerechte Götter, warum überließ ich nicht euerem allsehenden Auge die Rache, die ihr euch vorbehieltet? Doch noch ist es Zeit. Eile zum Lager und suche Gratian: sage ihm, er solle vorsichtig sein am Teiche, wohin ich ihn beschied. Es hausen dort Wölfe, deren Schaar täglich wächst. Ich eile inzwischen den obern Weg, um ihm zuvorzukommen, falls du ihn unten nicht mehr findest. Er darf nicht zur Quelle hinauf, dort liegt die Wolfsbrut, die ihn zerreißen sollte. Unten am Teiche holt mich ab, aber bringt Fackeln und Waffen, damit ihr die Thiere schreckt.« »Aber du selbst, ein schutzloses Weib, willst dich preisgeben?« Jetta erhob s«h stolz. »Glaubst du, die Wölfe würden an Jetta rühren? Sie, die die Alamannen bändigte, den tückischen Volcius in die Flucht schlug, sie wird auch die Wölfe zu Paaren treiben. Für mich fürchte nichts.« Lupicinus zögerte: »Das heißt Gott versuchen«, stammelte er. »Eile«, rief sie herrisch, »eile, warne Gratian. Für mich werde ich selbst sorgen. Fort, ehe es zu spät ist!« Dem Ungestüm, mit dem sie ihn drängte, vermochte Lupicinus nicht zu widerstehen. Er ging den Berg eilig hinab, während sie zum Teiche flog, damit nur ja Gratian ihr nicht zuvorkomme. »Noch ist die Sonne nicht hinab, den Göttern sei Dank, er kann noch nicht da sein«, rief sie aufathmend. So gelangte sie zu dem stillen Waldteiche, der im gelben Abendlichte zitterte. Hier mußte Gratian vorüberkommen, falls er zur Quelle wollte. Athemlos stand sie still und ihr Ohr horchte in die Ferne. Der Wolf war ihr nur ungern hierher gefolgt. Stumm und zitternd schmiegte er sich zu ihren Füßen. Witterte er Gefahr oder gedachte er des letzten Zusammenstoßes, dem sie beide nur mühsam entgangen? Scheu drückte er das Haupt zur Erde, als ob er sich zu verrathen scheue. Freilich hätte sie Gratian einfach abbestellen können, aber sie wußte ja nicht, ob Lupicinus ihn noch erreichte, bevor er aufgebrochen war, sie hier zu suchen. Und finden lassen wollte sie sich jetzt. War seine Hand rein, so trug sie kein Bedenken, diese Hand zu ergreifen, die der junge Herrscher ihr bot; dann war ja alles gut und auch sie war geborgen. Ihr war, als ob alle Last und Sorge nun mit einem Male von ihr gefallen sei. An der Seite des Augustus wollte sie in die Welt zurückkehren und er mochte dann zwischen Constantia und ihr sich entscheiden. Nachdem ihr der Dorn, der sie so blutig gestachelt hatte, aus dem Gemüthe genommen war, kamen wie von selbst die milderen Instincte ihrer Frauenseele zum Durchbruch. Hier an diesem stillen Weiher, wo jeder Baum, jedes Zittern der Welle, jedes Rauschen des Waldes sie an Tage früheren Liebeslebens erinnerte, überfiel eine heiße Sehnsucht nach Glück mit Macht ihre Seele. Das Gedächtniß der Zeit, da sie geliebt wurde, da ihr Leben einem Andern nothwendig war, da sie sich unaufhörlich von ihm unterstützt und beschützt fühlte, beschlich sie wie ein Fürsprecher, der sie in Gratian's Arme zu locken begehrte. Ach, jene Zeit war so selig gewesen bis die traurige Einöde folgte, die tiefe Einsamkeit, in der der Wald und seine Höhle ihre einzigen Freunde waren. Sie fühlte, daß sie im Begriffe sei, sich von Rothari zu scheiden. Es ging wie ein Wehen durch die dürren Blätter, das schmeichelnd Liebe warb und eine Stimme sagte in ihrem Herzen: »Du hast Gratian geflucht durch viele Monde und er war rein von allem Vorwurf, du bist ihm eine Sühne schuldig.« Wohl fühlte sie ihre Untreue gegen den Todten und doch war es nur die Erinnerung an ihn, die sie zugänglich machte für ein neues Glück. Inzwischen fing der Wolf zu ihren Füßen an, sich unruhig zu gebärden. Er warf sein Haupt in die Höhe, seine Haare sträubten sich und er begann zu knurren. Die Abendschatten hatten sich verdunkelt und Jetta vermochte in der Tiefe des Waldes die Dinge nicht mehr deutlich zu unterscheiden. Aber sie gewahrte hinter dem nächsten Busche einen dunkeln Gegenstand. Der Fleck bewegte sich und zwei grünlich leuchtende Augen glänzten ihr entgegen. Der Feind war im Anzug. Langsam kriecht er gleich einer Schlange näher und näher und legt sich lauernd in einem Graben nieder. Dort harrt er, ohne sich zu regen. Aber dort – und dort – und dort, überall tauchten die grünen Lichter auf. Und nun wurde es oben bei der Quelle lebendig. Ein heiseres Geheule, ein hohles Kläffen, vermischt mit einem lang gezogenen Bellen ließ sich in der Ferne vernehmen. »Sie kommen in Rudeln«, rief Jetta erbleichend, »aber ich werde die Bestien bändigen wie die Menschen.« Sie raffte einen derben Stock von der Erde auf und lehnte sich an eine dicke Buche, um sich den Rücken zu decken. So gedachte sie sich jedes Angriffs zu erwehren, bis Gratian und Lupicinus sie entsetzten. Wie würden sie staunen, wenn Jetta auch diesen letzten Kampf bestand. »Die Bestien des Wodanwaldes mögen kommen«, rief sie. »Heran, ihr Götterhunde, wenn ihr dürft! Hier ist Jetta, die euch meistern wird!« Jetzt brachen die Vorläufer der bellenden Schaar durch die Büsche. Jetta's Wölfin hatte bis dahin winselnd an der Erde gelegen. Nun wendete sie sich zur Flucht. Heulend entlief sie mit eingezogenem Schweife in das Dunkel. Da rasten die Gegner schon heran, magere, hochbeinige Bestien. Aber die Augen der hochaufgerichteten Weißen Gestalt der Prophetin hatten Gewalt auch über die Dämonen des Waldes. Knurrend blieben die Ersten stehen und auch der folgende Rudel hielt einen Augenblick im Jagen inne. Die Thiere zogen einen regelrechten Kreis um ihre Beute. Ringsum glänzten die grünlich leuchtenden Augen, von allen Seiten blinkten die weißen Zähne, so rückten sie näher und näher. Die Vordersten schickten sich zum Sprunge an und Jetta stemmte sich fest gegen den Baum, den Angriff erwartend. Doch wozu fürchtete sie sich? Hatte sie nicht damals im Walde die Wölfin in die Flucht geschlagen, die zehnfach gewaltiger erschien als diese ausgehungerten Schakale und damals kämpfte sie ohne Keule allein mit dem Zornblitze ihres Auges? »Wagt es, wenn ihr könnt, an Jetta zu rühren!« rief sie mit herrischer Stimme, und sie erhob ihre Waffe und ihre Götter versuchend stürzte sie sich auf die Vordersten der grimmigen Meute. Feig stäubten die Bestien auseinander. Aber im gleichen Augenblicke erhielt sie einen Stoß von hinten. Ein altes tückisches Thier, das ihrem Auge scheu vorübergeschlichen war, hatte den Ansprung im Rücken gewagt. Jetta fiel zur Erde – und nun war der ganze Rudel über ihr her. Es war zu Ende. Jetta's Todesseufzer verklang in dem Geheule der Bestien, die um die Beute stritten. Nur einen Augenblick später tauchte ein rothes Licht in der Ferne auf. Rufe tönten durch das Thal. Der Weiher erstrahlte von Glanz und Fackelschein. Da warf der Führer der höllischen Schaar sein Haupt in die Luft und stieß einen kurzen bellenden Ruf aus und alsbald ließen auch die Andern von der Leiche. Ein zorniges Geheul wurde laut, aber das Licht schüchterte die Bestien ein. Der Führer schwenkte und in rasendem Laufe stürmte der ganze Rudel das Thal hinauf und verschwand im Dunkel. Die Schatten der Dämmerung webten wieder ihre Schleier um den einsamen Teich und die Stücke der weißen Gewänder, die die Wölfe zerfetzt, schimmerten gleich Gespenstern durch das Dunkel. Die zitternden Wasser aber spiegelten das Bild der blutig entstellten Leiche. Es war wieder so still in der nächtlichen Schlucht, daß man das Fallen der dürren Blätter hörte. Nichts regte sich, als Gratian und Lupicinus in raschem Schritte von unten nahten. »Jetta! Jetta!« tönte es durch die öde Waldschlucht, aber nur das Echo gab Antwort. Wieder riefen beide ihren Namen, aber alles blieb still. »Mir war vorhin, als ob ich das gellende Bellen von Wölfen hörte, doch war es noch in weiter Ferne«, sagte Lupicinus. Und wieder ertönten die Rufe: »Jetta! Jetta!« »Hier ist etwas nicht richtig«, sagte Gratian. Er senkte die Fackel und schritt suchend vorwärts. Da ward er mit einem Aufschrei des Schreckens einen Fetzen von Jetta's Schleier gewahr und, stürzte weinend vorwärts nach dem Teiche, der das Bild der rothen Fackel blendend zurückwarf. Plötzlich stand er still vor Grausen, eine zerfleischte Leiche lag vor seinen Füßen. Nur das edle Antlitz war unentstellt und schaute mit einem Ausdruck herausfordernden Trotzes nach dem dunkeln Himmel. »Romulus und Remus!« stammelte der junge Augustus entsetzt, »hier liegt die Siegerin über Roms letzte Cohorte zerrissen durch eure Wölfin! Ihr wolltet nicht, daß ich sie rette!« Erschüttert standen die Jünglinge an den traurigen Resten der schönen Frau und Reue und Schmerz über seine eigensüchtigen Wünsche gingen durch Gratian's weiches Gemüth. »Lasse sie uns hier unter diesen schattigen Bäumen bestatten«, sagte er zu Lupicinus. »Ein schöneres Grab fände sie nicht, auch wenn sie an der appischen Straße ruhte.« Sorgsam gruben die beiden Männer mit ihren breiten Schwertern ein kühles, weiches Bette, aus dem sie mit eigenen Händen die Steine entfernten. Dann legten sie die Leiche hinein und deckten sie mit den Resten ihres Gewandes, mit grünen Tannenzweigen und breiten Farren. Ueber die weiche Erde des Hügels aber wälzten sie eine gewaltige Felsplatte, damit kein Feind die Ruhe der Armen störe, deren Herz im Leben so heiß und stürmisch geschlagen hatte. Mitternacht war vorüber und der volle Mond stand mit seinem milden, versöhnenden Lichte über der einsamen Waldschlucht, als sie mit dem frommen Werke zu Ende waren. Noch einen heiligen Spruch beteten sie über dem kleinen Hügel, dann eilten sie zu ihren Pferden und jagten durch die nächtliche Ebene auf Alta Ripa. Es waren die letzten Römerhufe, die ihre Spuren in den weichen Sand dieser Ebene drückten. Blondköpfige Alamannenkinder erzählten im Dorfe nach einiger Zeit, am Teiche im Buchenhaine hätten sie einen todten Wolf gefunden und die Knaben versicherten, es sei das Thier der Zauberin, die der König aus dem Lande getrieben. Aber erst durch den zurückkehrenden Lupicinus ward kund, welches Ende Jetta genommen. Noch heute geht um Teich und Höhle Jetta's Name, aber nur dunkle Kunde von ihren Zauberkünsten, von dem Segen, den sie auf das schöne Thal gelegt und ihrem Tod durch die Wölfe des Wodanwaldes lebt im Munde des Volks. Alte Buchen und Erlen hängen ihre Aeste in den stillen grünen Teich, auf dem bleiche Wasserrosen schwimmen, und über der Waldschlucht ertönt der langgezogene, klagende Schrei des Bussard, der in weiten Kreisen sich emporschwingt und endlich bewegungslos in der Luft hängt über dem Thale, das er, seit das graue Thier des Waldes es geräumt, als sein Eigenthum betrachtet. Valentmian's Bollwerk zu Alta Ripa hielt noch drei Jahrzehnte den Anprall der Alamamen aus, bis es zu Ende des Jahrhunderts dem unwiderstehlichen Vordringen der Germanen erlag. Der Rhein aber änderte seinen Lauf und wälzt heute seine grünen Wogen über des mächtigen Kaisers gewaltiges Haus. Nur das Aufschäumen der Wellen, die sich an behauenen Quadern brechen, zeigt noch die Stelle und wer nach dem Dorfe Altrip übersetzt, dem erzählen die gurgelnden Strudel, wo der Palast von Alta Ripa lag, in dem der Kaiser Edicte unterschrieb, die wir besitzen, und sein Weib das Leid über Jetta brachte, von dem wir dem Leser berichtet.