Elfriede George Taylor (Adolf Hausrath) Erstes Kapitel »Heile mich, Vater der Liebe«, sprach die Seele zu ihrem Schöpfer. »Riß und Entzweiung kam in mein Inneres, seit ich durch der Wolken Spalt den Stern erblickte, den sie Erde nennen. Wenn Deine Hand mich nicht hielte, so wäre ich längst hinabgestiegen, denn ob ich wache oder träume, stets ist mir, als ob dort meine wahre Heimath wäre. So bin ich in mir getheilt; liebend hasse ich, wollend will ich nicht. Rings umgeben vom Lichte bin ich in Finsterniß, denn Streit gegen mich selbst macht mich friedlos mitten im Reiche des Friedens.« Indem sie so sprach, sank die Seele schon tiefer und tiefer, und der Magnet der ewigen Liebe schien schwächer zu wirken, als ob er sie lasse und sie hinabstürze in die untere Welt. Ihr Licht verbleichte, je ferner sie dem Urquelle alles Lichtes kam. Bald sah sie sich umgeben von Genossen, die denselben Weg nach unten betreten hatten. Gleich Schneeflocken trieben sie, von jedem Lufthauche hin- und hergeführt, nach unten, während ihnen andere entgegenkamen, die ihren irdischen Lauf vollendet hatten und in froher Eile heimkehrten in der ewigen Liebe Schos. Ein Lied, sanft wie Harfenklang, tönte aus den Reihen der heimwärts wallenden Pilger: O, seliges Sein In Gottes Schos! Einst ließ ich los Und war allein. Hell wie Krystall An der Grenze des All' Sah ich die Klippe; Sumpfiger Boden Schien lachende Au, Stickender Brodem Erstrahlete blau. Das salzige Meer Wie Silberschaum, Die starren Felsen Ein Riesentraum! So lockt's mich hinab In der Erde Grab. Von ihr gezogen, In's Elend gelogen, Hab' ich sie geküßt Und bitter gebüßt. Aus irdischer Höhle Entrinnt nun die Seele; Sie kehrt nicht wieder Zur Erde nieder, Glänze nur, Fluth – Ich kenne Dich gut, Nicht einen Blick Werf' ich zurück, Grünende Au', Tödtlicher Thau! Seit ich Ihn ließ, Mich selbst verstieß, Gleich irrendem Sterne Schoß in die Ferne, War Elend mein Loos. Nun kehre ich wieder Der Gottheit zu. Nur dort ist Frieden, Nur dort ist Ruh'. Als die Seele diesen Sang der heimkehrenden Pilger vernahm, hielt sie inne. Es war ihr, als ob der Ewige sie aufs Neue an sein Herz nehme, und sie hörte sein Wort: »Bleibe bei mir, mein Kind! Noch ist keiner zu seinem Heile hinabgestiegen in das Thal der Schatten, das alle täuschte, die den Weg dahin einschlugen. Mit einem Hunger und Durst, die nie gestillt werden, wirst du dort unten wandeln, heimverlangend nach der ewigen Heimath des Lichtes, da du der Seligkeit Fülle hattest.« »Es ist vergebens, mein Vater«, sprach die Seele verstockt. »Was soll der Friedlose im Reiche des Friedens? Nur im Kampfe werde ich das Gleichgewicht wieder finden. Gewähre mir nur, daß ich mein Loos auf jenem Sterne mir selbst wähle, und keine Bitte soll Dich fürder belästigen.« »So gehe«, sagte der Ewige ernst. »Ich strafe Dich, indem ich Deine Wünsche erfülle.« »Laß uns mit ihm ziehn«, riefen nun zwei Zwillingssterne, die in friedlichem Einklang neben einander am Himmel glänzten. »In gleichen Bahnen kreisten wir mit ihm, und es trübte unsere Seligkeit, als wir ihn ferner und ferner von Dir sinken sahen. Wir wollen ihn begleiten, daß er nicht verloren gehe, denn wie könnten wir forthin froh sein, wenn wir ewig die leere Stelle sähen, wo er einstmals glänzte?« Ein tiefes Mitleid lag in dem flehenden Tone, in dem diese Bitte ausgesprochen ward. »Die aus Liebe hinabsteigen, um Andere zu retten, hielt ich nie zurück«, erwiderte der Ewige. »Sie sind es, die auch dem Erdenleben seinen unvergänglichen Werth geben. Geht, Kinder, Ihr wißt, daß forthin Schmerz euer Theil ist, aber ohne Schuld hat der Schmerz keinen Stachel. Gehet hin, ich werde mit euch sein.« Und erdenwärts schwebten drei Sterne, der eine matt glänzend, mit schwachem zitterndem Strahle, die Zwillingssterne licht und freundlich, wie Hesperus am Abendhimmel versinkt. So sanken sie hinab und kamen der Erde näher und näher. Die quirlenden Wolken zertheilten sich, sie sahen der Berge Waldesgrün und der Flüsse Silberfäden, sie sahen blaue Seen und freundliche Rebgelände und Wiesenfluren und Saatfelder. Sie sahen altersgraue große Städte und schmucke Flecken und einsame Weiler, Häuser und Häuschen. Und während sie der Erde immer näher und näher kamen, drang Glockengeläute zitternd zu ihnen empor, denn es war auf Erden der Tag des Herrn. In tiefen dunkeln Tönen klang es aus den Kathedralen der Städte, und hell und fröhlich klimperten die Glöckchen der kleinen Dorfkirchen und der Kapellen, die für sich standen als fromme Einsiedler in Berg und Wald. Wie mächtiger Männerchor und wie mit feinen Kinderstimmchen priesen die Glocken, groß und klein, den Herrn. Man hörte es läuten in allen Tonarten, aus allen Ebenen, aus jeder Thalfalte, aus versteckten Schluchten und von einsamen Halden bis hinauf zum Schnee der Alpenwelt, so wie der Lerche Lied hier und dort vom Himmel fällt oder die Sterne aufblinken an allen Enden der Nacht. Die abtrünnige Seele aber schwebte einem glänzenden Schlosse zu, dessen helle Wände in den klaren Wellen eines breiten Stromes sich spiegelten. Nur zögernd folgten die beiden lichten Sterne, die sich lieber auf eines der freundlichen Dörfer oder kleinen Weiler niedergelassen hätten, die ihr Genosse verächtlich liegen ließ. Als sie so hart bei dem Schlosse angekommen waren, verstummte das Läuten der Dorfkirche, die ein wenig abwärts am Ufer des Stromes stand. Die feierliche Stille eines Sonntagmorgens lag auf Flur und Feld, und aus dem einfachen Gotteshause tönten, erst leise summend, dann deutlicher anschwellend, die Worte eines frommen Liedes den Kommenden entgegen: Seele, willst du dieses finden, Such's bei keiner Kreatur, Laß', was irdisch ist, dahinten, Erdengüter täuschen nur. Die drei Sterne standen jetzt genau über dem Schlosse, hier aber theilten sie sich; die beiden Zwillingssterne schwebten einem kleinen Hause zu, das in der nächsten Nähe des Parkes lag, vom Schlosse getrennt durch eine weite Wiesenfläche, auf der weiße Linnen sorgsam hingebreitet lagen. Es war eine gottumfriedete Halde, zu der der tosende Lärm der Stadt jenseits des Flusses nur wie ein fernes Rauschen herübertönte. Unter der Thüre des Häuschens saß eine junge Frau, die in ihrem Andachtsbuche las, während aus der Dorfkirche die Worte der Predigt herüber schallten, zu welcher die Gärtnerin ihren Mann heute allein hatte ziehen lassen, weil ihr Stündchen nahe war. Ein Strahl der Morgensonne spielte um die goldenen Haare des blühenden Weibes, ihre Wangen glühten bei dem Klopfen ihres Herzens, und leise bewegten sich ihre Lippen in stillem Gebete. Von diesem lieben Bilde angezogen, strebte das Doppelgestirn der freundlichen Hütte zu, noch einmal dem Genossen winkend mit einem hellen Freundesblicke. Einen Augenblick schien es, als ob der düstere Geselle ihnen folgen wolle, aber als er zum Schlosse hinabschaute, wurde er unschlüssig. Die plätschernden Brunnen des Gartens rauschten ihm verlockend zu, er sah helle glänzende Fenster, unter denen prangende Blumenbeete sich hinzogen, bunte Tulpenfelder erstrahlten vor ihm wie köstliche Teppiche, prangende Hyacinthen sendeten ihm ihre Wohlgerüche entgegen. »Erdengüter täuschen nur«, ertönte noch einmal die Stimme des Predigers aus dem offenen Kirchenfenster. Er aber säumte noch immer. Hinter den spitzen Dächern des Schlosses führte eine Brücke über den Zwinger nach dem Garten. Unter blühenden Bäumen bei einem Brunnen, in den ein Löwenkopf sein helles Wasser goß, daß es ununterbrochen aus der oberen Schale in die untere herabrauschte, lag in einen Stuhl hingegossen eine weibliche Gestalt, eingehüllt in weite weiche Gewänder und bedeckt mit warmen Teppichen. Wie bleich und vornehm sah sie aus mit ihren blonden Haaren und dem matten Achatglanze ihres blassen Gesichtes, und wie schwach und hülfsbedürftig! Als der irrende Stern ihre Mattigkeit und Erschöpfung sah, ward er selbst inne, daß auch er ermüdet sei. Er ließ sich auf sie nieder, während seine lichten Begleiter ihren Weg nach der Hütte fortsetzten. In gleichem Augenblicke aber fiel ein dritter Funke vom Himmel, oder war es eine Sternschnuppe, ein glühender Meteorstein? Er leuchtete grell, bald feuerroth, bald gelb. An der hinteren Mauer des Dorfes sah man ihn niederschlagen, da, wo dasselbe am winkligsten und schmutzigsten war. Es schien fast, als ob er nicht eilig genug in jene Region der Verkommenheit hätte gelangen können. Die beiden jungen Frauen im Schlosse und im Gärtnerhäuschen kehrten bald darauf mit langsamen Schritten nach ihren Stuben zurück, und aus dem Parkthore sah man einen Diener eilig nach der Brücke laufen, die zu der Stadt über dem Flusse führte. Zweites Kapitel Vier Wochen waren vergangen, da wurden vier Kinder, drei Knaben und ein Mägdlein, in der kleinen Kirche des Dorfes zur Taufe getragen. Der würdige Pfarrherr hatte darauf bestanden, daß die in gleicher Stunde Geborenen auch gemeinsam dem Herrn in der Taufe müßten dargebracht werden, und der Schloßherr, ein vor der Zeit gealterter Lebemann, wollte seinen braven Gärtner nicht kränken, da er wußte, wie stolz dieser auf seine Zwillinge, einen Knaben und ein Mädchen, war. So trat er etwas befangen an der Seite seines Untergebenen in die Dorfkirche ein, die er lange nicht von innen gesehen hatte. Zögernd und ungern entblößte er in dem kühlen Raume sein kahles, spiegelndes Haupt, und mit kleinen, unsichern Schritten, als ob Glatteis wäre, strebte er den vordern Bänken zu, während die Hünengestalt seines Gärtners fest und stampfend neben ihm einherschritt. Etwas verlegen betrachtete der Baron durch sein Augenglas die ärmlichen Veranstaltungen am Altare, denn er wußte nicht, ob er hier zu sitzen oder zu stehen habe, und wollte doch seinen Gärtner nicht danach fragen. Aus dieser unbehaglichen Lage befreite ihn der Pfarrer, der freundlich aus der Sakristei auf den Freiherrn zukam. Es war ein kleiner, grauköpfiger, geistlicher Herr, der mit in die Höhe gezogenen Brauen über seine silberne Brille hinweg den Baron mit klugen Augen anschaute und mit einem schlauen Lächeln seine Freude aussprach, den Freiherrn auch einmal hier zu sehen. Dieser machte gute Miene zu diesen Scherzen, denn der Prediger stand in hoher Achtung bei seiner Gemeinde. Er war vor Zeiten sogar königlicher Consistorialrath gewesen, aber er hatte seine Stelle im Consistorium bald wieder aufgegeben und war nach Brückenheim zurückgekehrt, indem er sagte, die Erziehung seiner Bauernkinder sei wichtiger als alle Berathungen über die Personalzulagen und Badgratialien der Herren Pastoren. Die Bauern hielten ihn darum hoch, und auch der Gutsherr mußte das respektiren. Im Verlaufe des Gesprächs lenkte der Pastor die Aufmerksamkeit des Freiherrn auf eine ärmlich gekleidete alte Frau, die gleichfalls ein Kind zur Taufe brachte. Es war ein armer Junge von der Dorfmauer, zu dem kein Vater sich bekennen wollte, der aber genau zu gleicher Stunde mit dem Sohne des Barons geboren worden war. »Er wird wohl zu Grunde gehn«, sagte der Pfarrer, »wenn man sich seiner nicht annimmt«, und er setzte dem gnädigen Herrn die höchst bedauerlichen Verhältnisse des vierten Sonntagskindes auseinander, wobei er während seiner halblauten Mittheilungen den Kopf mitleidig hin und her wiegte und schließlich aus silberner Dose eine Prise nahm. Es folgte eine Pause. Der Geistliche richtete erwartungsvoll seine milden, grauen Augen über die silberne Brille hinweg auf das blasse, verlebte Gesicht des jungen Freiherrn, der verdrossen die gewichsten Spitzen seines Schnurrbarts nach vorn drehte, sodaß sie den Fühlfäden eines Insektes glichen. Er hatte ein unbehagliches Gefühl in seinem Beutel und dachte: »kaum ist man in diese Falle gegangen, so fängt der Bettel schon an.« Aber es war der Tauftag seines lang erhofften Erben, und er war gestimmt, alte eigene Sünden durch einen Akt der Wohlthätigkeit wieder gut zu machen. Er strich also die Spitzen seines Schnurrbarts wieder abwärts, was ihm ein milderes Ansehen gab, und erklärte sich bereit, die Kosten der Erziehung für den vaterlosen Jungen zu übernehmen. Die Alte könne monatlich in das Schloß kommen und seinen Beitrag in Empfang nehmen. Auf der Orgel fing nun der Schulmeister an, langsam zu präludiren, während der Prediger sich in seine Sakristei zurückzog. Das Lied hatte schon begonnen, als die weiß gekleideten Pathinnen des kleinen Barons, gefolgt von behandschuhten Herren und sporenklirrenden Offizieren, in die Kirche rauschten, den Säugling in ihrer Mitte tragend, während die Gärtnerin und ihre Schwester mit den Zwillingen sich bescheiden anschlossen. Fast erdrückt von Bändern und Spitzen lag der bleiche, vornehme Knabe in den Kissen, auf denen die Wärterin den Stammhalter derer von Altenbrück nunmehr dem Pathen, einem Dragoneroffiziere mit hellblauer Uniform und gelben Aufschlägen, darreichte. Auf einen Wink des Predigers, der jetzt im Ornate an den Altar getreten war, stellte sich der stämmige Gärtner Glimm und seine Frau neben die Herrschaften. Während der Offizier sein Pathenkind von sich abhielt wie ein Präsentirbrett, beugte sich die breitschultrige, hochgewachsene Gestalt des Mannes der Arbeit liebevoll hinab auf das Knäblein, das in süßem Traume auf seinem Arme lag. Der mächtige Recke war fast zu alt für solches Glück, denn sein Haar fiel schon ins Graue und sein gutes, verständiges Gesicht zeigte tiefe Falten. Auch seine Frau stand nicht mehr in der ersten Jugendblüthe. Man heirathet nicht zu früh, wenn man arm ist, aber man weiß dann auch, was zu einem Haushalte gehört, und bekommt gesunde Kinder. Dennoch war die Gärtnerin Glimm noch immer eine schöne Frau, und man mußte sie lieb haben, wenn man ihre freundlichen Augen sah, die heute voll mütterlicher Zärtlichkeit auf das Kind an ihrer Brust herabschauten. Hinter sie drückte sich das alte, dürftig aufgeputzte Weib mit ihrem Enkel. Die alte Müllerin von der Dorfmauer galt für eine Säuferin von Profession, und ihr Aussehen strafte diesen Ruf nicht Lügen. Der Junge, den sie in den Armen hielt, war eine verkümmerte, kleine, gelbe Kreatur, schon vor der Geburt verwünscht und mißhandelt. Darum schrie er denn jetzt auch in den Armen seiner Großmutter mit einem so boshaften Eifer, daß man kaum einen Satz aus der Rede des würdigen Pfarrherrn verstehen konnte. Nur der Baron, der zunächst stand, vermochte zu folgen, aber er schaute betroffen auf, als er den Geistlichen sagen hörte: »Wir erflehen für diese Kinder nicht Reichthum, sondern Gesundheit des Leibes und der Seele, und lieber einen frühen Tod als ein beschmutztes und unnütz verbrachtes Leben.« Die freundliche Gärtnerin vernahm die Worte nicht. Sie würde sie auch nicht vernommen haben, wenn der kleine Dorfteufel neben ihr weniger heftig gebrüllt hätte, so selig gingen ihre Blicke zwischen den beiden kleinen Häuptern hin und her, die ihr zu eigen waren. Was konnte man auch Schöneres sehen als diese blauen Augen, die ernst und groß aus dem zarten, weißen Gesichtchen ihres Mädchens verwundert in die Welt sahen, oder als das energische Näschen und die fein geschlossenen Lippen des Knaben, der schon einen ganzen Busch dunkler Haare mit auf die Welt gebracht hatte, die ein Sonnenstrahl, der sich durch den Epheu des Kirchenfensters stahl, jetzt mit lichtem Goldglanze säumte. Der Reihe nach traten die Pathen zum Taufstein. Der kleine Freiherr marschirte auf seinem Dragoneroffizier sporenklirrend voran und erhielt die Namen Nikolaus Götz Maria Joseph Kunz Maximilian; die Zwillinge wurden Elisabeth Friederike und Fritz getauft, der dritte Knabe Johann. Als die heilige Handlung zu Ende war, verließen die vier jungen Christen die Kirche. Der Junker, den sein hellblauer Pathe so eilig zurückgab, daß die Wärterin ihn fast hätte fallen lassen, kehrte in den oberen Stock des Schlosses heim, wo alle Fenster noch dicht verhängt waren, denn die zarte Baronin erholte sich schwer und langsam, die Zwillinge in das Gärtnerhäuschen; den kleinen Johann aber trug seine Großmutter zunächst in das Wirthshaus. In dem untern Geschosse des Schlosses blieb es noch lange lebendig. Gläser klangen, Toaste wurden ausgebracht, Wagen fuhren vor und rollten nach der Stadt zurück. Im Gärtnerhäuschen bereitete die Gärtnerin selbst den Kaffee, um ihre Gevattern, den stattlichen Kutscher des Herrn und eine Freundin aus ihrem Heimathsorte, zu bewirthen, der kleine Johann aber blieb in der Schenke, bis der Wirth die Alte wegwies, weil der Junge durch sein Schreien die Gäste störe, worauf die würdige Ahne taumelnden Schritts den Weg nach der Dorfmauer suchte. Drittes Kapitel Am andern Morgen war alles wieder so still wie sonst in Schloß und Dorf, aber nirgends stiller als in dem Gärtnerhäuschen, das zwischen Dorf und Schloß gelegen war. Im ganzen Sachsenlande war keine Wiese so grün wie diese, kein Wald so schattig wie der Park, der sie begrenzte, kein Rebberg so sonnig wie der, der über dies schmucke Giebeldach wegsah. Die Gärtnerin hatte die Wäsche für das Schloß zu besorgen, und während sie in der Küche an ihrem Zuber stand und Wollenwäsche und Linnen reinigte, lagen ihre Zwillinge in der Stube daneben in einem Korbe, da die gekaufte Wiege nicht beide Kleinen hatte fassen können. Gleichzeitig gebadet, genährt und gepflegt, schliefen die Geschwisterchen auch in schönster Harmonie, strampelten mit den kleinen Beinen und bewunderten einer die Fußübungen des andern, oder sie schauten nach der glänzenden Glaskugel, die einst im Schloßparke gestanden, bis der Herr sie aus Unvorsichtigkeit beschädigt und durch eine neue ersetzt hatte. Der Gärtner aber, den es jammerte, das blanke Ding zu den Scherben zu werfen, gönnte der alten Kugel auf seinem Samenkasten einen ehrenvollen Ruheposten. Als er sah, wie die kleinen Kinderaugen immer wieder nach dem glänzenden Dinge wanderten, das die hellen Fenster, die hin und her schwankenden Zweige der Bäume, die gehenden und kommenden Menschen so hell widerspiegelte, da ging ein gutmüthiges Lächeln über sein gefurchtes Gesicht. »Wartet, ihr Krabben«, sagte er, »das können wir bequemer haben«, und während seine Frau von ihrem Waschzuber aus mit vergnügtem Lachen zuschaute, befestigte er zwei übereinander gelegte Querhölzer an einem Stricke, zog diesen durch die Kugel und hing dann sein reparirtes Kunstwerk am Fensterkreuze auf. So war die pensionirte Kugel wieder reactivirt worden. Sie drehte sich den ganzen Tag eifrig hin und wieder, so daß bald die helle Wäsche auf der Bleiche, bald die lichten Wolken am Himmel in ihr aufleuchteten. Die ernsten Kinderaugen aber schauten unermüdlich hinein, bis sie zufielen und der Schlaf die kleinen Gesichtchen mit dem offen athmenden Munde in lieblicher Röthe färbte. Meldeten die Erwachenden sich dann zu einer neuen Mahlzeit, so trocknete die Mutter den Seifenschaum von ihren bis zum Ellbogen aufgestreiften Armen, bedeckte die rosigen Gesichtchen der Aufgewachten mit Küssen, und nachdem beide sich satt getrunken, trug sie die zufriedenen Kreaturen auf den Rasen hinaus unter die blühenden Bäume, wo sie mit blinzenden Augen zuschauten, wie die Mutter ihre weißen Linnen an das Seil hängte oder auf dem üppigen Grase zum Bleichen ausbreitete. Mußte die Frau dann nach dem Markte, um die Früchte zu verkaufen, aus deren Erlös ihr Gehalt bestand, so trug sie die Kleinen in den Weinberg hinauf, wo der Vater, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen, mit zufriedenem Kopfnicken ihre Hut übernahm. Zehnmal umschauend machte sie sich auf ihren Weg, aber sie blickte nicht nur nach den Kindern, sondern eben so freundlich nach dem Vater zurück, der sich so gestellt hatte, daß er, während er die Reben festband, die Kinder im Auge behielt und dem geliebten Weibe nachblicken konnte. Die brave Frau war stolz auf diesen stillen, fleißigen, anspruchslosen Mann, obwohl er schon grau war, und jeder Baum, den er beschnitten und von den Raupennestern gereinigt hatte, sagte es ihr im Vorbeigehen, daß es in ganz Brückenheim keinen Gärtner gebe wie ihren Glimm. Er aber verfolgte ihre Schritte auf der Landstraße, sah zu, mit welchen Nachbarn sie sich begrüßte und wie sie schließlich mit einer Marktgenossin nach der Brücke einbog. Dabei überlegte er sich, wie schwer der Korb heute geladen sei, den sie so aufrecht auf ihrem blonden Kopfe trug, und keine Falte ihres saubern Kattunrocks und ihres weißen Umlegetuchs entging seinem aufmerksamen, zärtlichen Blicke. Während er so, ein behagliches Lächeln auf den Lippen, seine Reben band und dann wieder in dem Rebberg hackte und jätete, lagen seine Lieblinge unter einem schattigen Apfelbaume auf wollener Decke. Mit Wonne athmeten die jungen Wesen die würzige Maienluft, sie blinzten träumerisch durch die Aeste des Apfelbaumes nach dem Himmel und nach dem Schwanken und Wiegen der Blüthenzweige. Die Vögel musicirten rings um sie her, mit den kleinen Händchen griffen sie nach den gelben und weißen Blumen, die neben ihnen wucherten, die Fliederbüsche sendeten ihnen ihren süßen Wohlgeruch, die Hummeln summten um die nahen Blumenkelche, und das Rauschen der alten Bäume im Park bildete zu diesem Summen und Weben des Frühlings die einschläfernde Begleitung. Blieb die Mutter zu lang aus, so legte der Vater wohl auch seine Hacke aus der Hand, und es war schön zu sehen, wie der riesige Mann, in jedem Arme ein Kind, sich von einer Seite nach der andern neigte, als ob er sie wiege, und dabei sein: »Schlaf, Kindelein, schlaf«, mit rauher Stimme summte, bis die Kindelein wirklich seinem unermüdlich wiederholten Rathe gefolgt waren. So gediehen die Zwillinge und ihr kleiner Rücken erstarkte, so daß sie bald aufrecht saßen mit ihren weißen flaumigen Köpfen, und zu krabbeln begannen. Hatte dann der Vater sie zu hüten, so warf er ihnen von Zeit zu Zeit einen blühenden Zweig oder einen schimmernden Scherben zu, den er im Rebberge gefunden. Sie holten sich aber auch selbst, was ihnen in die Augen fiel. Schon führten sie miteinander in girrenden Tönen eine Unterhaltung, oder beschäftigten sich damit, auf dem Rücken liegend, ihre Füße zu betrachten und die Zehen zu zählen, oder die Sonnenstrahlen zu bewundern, die auf ihre Händchen fielen und ihren Teppich so roth erglänzen ließen. Wohl fiel auch einmal eines bei seinen Entdeckungsreisen in eine Ackerfurche. Dann blieb es geduldig liegen und strampelte mit den Beinen, bis der Vater es aufnahm und lachend wieder zu seinem Zwilling zurück trug. Kurz, während der Junker in seiner seidenen Wiege lag, genossen die Kinder seines Gärtners die Pracht seiner Wiesenflur. Für sie zwitscherten seine Vögel, für sie blühten seine Blumen, und um sie zu unterhalten, sprangen die Eichhörnchen von Zweig zu Zweig. Umgeben von Spielsachen, wie das vornehme Kind im Schlosse unter seinen silbernen Rasseln, Elfenbeinringen und lackirten Kautschuckpuppen keine besaß, wurden sie groß und stark. Auch der Winzer vertrieb sie nicht ganz von der Wiesenflur, da der sonnige Abhang warme Tage genug hatte, an denen die Eltern sie an die Luft trugen, denn wenn die Gartenarbeiten ruhten, blieb dem Vater um so mehr Zeit, sich mit seinen Kleinen zu beschäftigen. Jedes Jahr mehrte die Zahl ihrer Freuden. Bald können sie schon selbst am Fenster stehen und zusehen, wie auf der Wiese die Ziegen weiden, die der Vater mit einem Fuße an die Apfelbäume angebunden hat, damit sie den Reben keinen Schaden thun, oder wie der schöne Neufundländer des Barons und der treue Tyras sich um die Bäume hetzen, und wie die goldenen Ziffern der Dorfuhr in der Sonne glänzen und der Wetterhahn sich dreht. So wuchsen sie heran und wurden stark. Man hörte ihre hellen Stimmchen sogar drüben im Schlosse, wenn sie um ihr Häuschen verstecken spielten oder mit Tyras in die Wette sprangen. Das Mädchen ist womöglich noch wilder als der Knabe und beide glühen von Lebenslust. Die Wiese aber und der Garten des Schlosses sind ein wahrer Schmetterlingspark, die Bäume streuen ihnen das süßeste Obst vor die Füße, und während die Mutter die Kirschen bricht, dürfen die Zwillinge die fallenden aufheben. Finden sie zwei an zusammenhängenden Stielen, so heißen sie diese die Zwillinge; das Mädchen hängt sie als Gehänge an die Ohren, bis der Bruder ihr vorschlägt, sie solle den einen Zwilling in den Mund nehmen und er den andern, worauf sie mit den Köpfchen auseinanderfahren und die Zwillinge aufzehren. Daß sie sich mit den benachbarten röthlichen Stachelbeeren befassen, hat ihnen der Vater nicht ausdrücklich aufgetragen, aber die Mutter ist zuweilen mit einer merkwürdigen Blindheit geschlagen, die einer stillen Erlaubniß gleichkommt. Kein so fröhliches Loos hatte der Junker gefunden, der an jenem Sonntagmorgen im Schlosse angekommen war. Arme, reiche Kinder, denen schon die Mutter die Krankheiten von drei abgelebten Generationen vererbt! Wie viele gesellige Pflichten mußtest du miterfüllen, kleiner Baron, noch ehe du geboren wurdest! Deine thörichte Mutter, wie oft hielt sie bis tief in die Nacht sich krampfhaft aufrecht, während sie und du so gern geschlafen hätten! Aber es war ja unmöglich, die Einladung abzulehnen, nicht zu erwidern, sich zurück zu ziehn! Dein junges Leben kam so wichtigen Interessen gegenüber nicht in Betracht. Mit Migräne und einseitigem Kopfweh, dem Privilegium der Vornehmen, kamst du zur Welt. Blaues Blut nennen sie die wässerige Flüssigkeit in deinen Adern, und dein Stammbaum ist eine Anweisung auf eben so viel Krankheiten, als er Ahnen zählt. Wohl dem, dessen hohe Mutter sich dann wenigstens entschließt, ihrem Kinde eine kräftige Amme zu suchen. Die deine, kleiner Freiherr, war nicht so weise. Die bleiche, schwächliche Frau, die für sich selbst nicht Blut genug hat, konnte sich nicht entschließen, sich von dir zu trennen, und was sie dir nicht leisten konnte, sollte nicht gute Milch aus dem Stalle, sondern sollten Süppchen aus der Apotheke dir ersetzen. Während die Kinder des Gärtners draußen unter deinen Apfelbäumen lagen, wurdest du gehütet vor jeder Zugluft. Aber deine Schwäche hinderte dich nicht, vom ersten Tage an deine gesellschaftlichen Pflichten pünktlich zu erfüllen. Wer zählt die Freundinnen, Tanten, Vettern, Basen, Freunde, Bekannte, Gönner und Schützlinge, die da kamen, dich zu bewundern, und dich wenigstens im Schlafe sehen mußten, als ob Kinderträume der Stille weniger bedürften als die der Erwachsenen. Während die Zwillinge deines Gärtners ruhig den Himmel anstarrten und ein Loch in die Welt guckten, warst du der Amüsirvogel für deine Tanten, und augendienerische Clienten spielten mit dir vom Morgen bis zum Abend, stachelten dich immer wieder auf, überreizten dein junges Gehirn, und wunderten sich dann, daß du so wenig schlafen wolltest. Da fingst du nun eines Morgens, nachdem sie dir wieder das Apothekersüppchen in den Magen geschüttet hatten, seltsam zu grimassiren an; deine Glieder verrenkten sich, und die Augensterne kehrten sich nach oben. Die gnädige Frau sank fast an der Wiege nieder vor Schreck, die Kinderfrau aber sprach ängstlich: »das sind die Gichter.« Alsbald flog ein Diener durch den Garten nach der Landstraße und jagte, als ob es sein Leben gelte, nach der Stadt, um Hülfe zu holen. Wer ist es, der in dem geschlossenen Wagen jetzt über die Brücke rollt? Warum kommen alle Vögel im Parke in Aufruhr, als ob eine Weihe auf sie niedergestoßen oder eine Katze den Baum zu erklettern sich anschicke, wo sie ihre Nester gebaut? Nur die Krähen krächzen so freudig, als ob es ein Fest gebe. Braunrothe Buchfinken setzen sich auf den Baum vor dem Fenster des kranken Kindes und rufen: »Laß ihn nicht, nicht ein liebes Kindchen!« Die kleine Grasmücke zirpt: »flieh, flieh« und wieder »flieh, flieh!« Die Wachteln im Busche sträuben ihr braun und schwarz gemustertes Federkleid und schelten: »Schwere Noth, schwere Noth! Kommt der Tod? Kommt der Tod?« Und schadenfroh lärmen die häßlichen Krähen und kreisen um die Baumwipfel über dem Gartenthore, wo der Doktor anfährt. Nun wahre dich, kleiner Junker, nun erst ist die Stunde der Gefahr gekommen! Schütte alles aus, was er dir einrührt, bei Gefahr deines Lebens! Der finstere, geschlossene Wagen macht Halt, und ein schwarzer Schatten fällt über den sonnigen Vorgarten des Schlosses. Die Raben sehen, wie in dem dunkeln Busche ein Gerippe mit der Sense lauernd sich erhebt und dem Doktor freundliche Blicke aus den leeren Augenhöhlen zuwirft. Der Hausarzt, den der Diener durch den Garten zur Pforte geleitet, ist ein alter Herr mit fadem Lächeln und einem selbstgefälligen, wichtigthuenden Gesichte. Er ist stark parfümirt, und große Berloquen hängen an der schweren Uhrkette. In der Hand trägt er ein Rohr mit goldenem Knopfe, den er zuweilen an sein wohlrasirtes Kinn drückt, um sich ein nachdenkliches Aussehen zu geben. Sein Knopfloch ziert eine Rosette von Ordensbändern verschiedener Potentaten, die er von Krankheiten kurirt hat, die sie niemals hatten. Er hat drei Späße, die er mit jedem Kinde macht, und hat die Gewohnheit, die Kleinen auf den Arm zu nehmen, um ihnen so die Krankheiten, die er von der benachbarten Krankenstube in den Falten seines Gewandes trägt, um so sicherer zu vermitteln. Zuweilen küßt er sie auch, namentlich wenn er selbst den Schnupfen hat. Hat die Köchin einen kranken Finger, so erkundet er umständlich, woran ihr Großvater gestorben ist. Ist die Baronin krank, so läßt er sich täglich ihren Küchenzettel vorbeten, und verbietet, was er gestern erlaubt, und erlaubt, was er gestern verboten hat. Sie wundert sich dann, aber ein berühmter Arzt darf sich schon etwas gestatten. Heute will sein Besuch kein Ende nehmen. Ein Diener fährt im Wagen des Arztes nach der Apotheke, von wo er mit einer Last von Arzneien zurückkehrt. Endlich nach zwei Stunden zeigt der Lärm der Vögel, daß der Doktor das Haus verläßt. »Fort, du Schuft, fort, du Schuft!« ruft die Wachtel. »Geh, Geh!« schreit das Schwarzköpfchen, und selbst der große Neufundländer erhebt sich von seinem sonnigen Platze an der Schloßtreppe, bellt zornig, und wendet dann verächtlich dem alten Herrn den Rücken. Der brave Gärtner, der beschäftigt ist, den Granitsand im Vorgarten zu ebnen, läßt seinen Rechen sinken, und indem er sich hinter den Ohren kraut, sagt er bedenklich: »Jetzt haben sie ihn gerufen, nun sollen sie sehen, wann sie ihn wieder los werden.« »Ja, Herr Glimm«, erwiderte der Kutscher, der aus dem Teiche des Springbrunnens Wasser schöpfte für seine Pferde, »die Art ist wie die Wanzen, wo sie sich einmal festgesetzt haben, sind sie so leicht nicht wieder zu vertreiben.« Und so sieht denn die bleiche, junge Baronin den alten Herrn täglich kommen und gehen. Er verordnet Kräuterbäder zur Stärkung, Tränkchen zur Beruhigung, Einreibungen zur Geschmeidigung, Pülverchen gegen die Gährung, und bald ist kein Theil mehr an der armen kleinen Kreatur, der nicht medizinkrank wäre. Im Winter wird das Kind schlimmer und schlimmer und mit ihm ist die zarte Mutter zum Schemen abgemagert. Sie hört nichts, sie kümmert sich um nichts als um ihr wimmerndes Kind. Der Baron kommt schon lange nicht mehr in die Krankenstube, da er mit der Behandlung seines Söhnchens nicht einverstanden ist, aber erfahren hat, daß jede Einrede die schwache Frau in eine gereizte Löwin verwandelt, die meint, man bedrohe ihr Junges. Allein sitzt sie in der verdunkelten Stube neben der Wiege und betrachtet mit Todesangst die zuckenden Händchen und die eingesunkenen, fiebernden Augen des Kleinen. Da schleicht eines Abends die Kinderfrau, eine runzlige Greisin mit sauberer, weißer Haube, leise in's Zimmer und sagt: »Gnädige Frau, des Gärtners Weib ist draußen und wünscht die Frau Baronin zu sprechen.« »Ich kann jetzt nicht«, erwidert diese unwillig. »Du siehst doch, daß das Kind schlimmer ist als je.« »Das sagte ich ihr«, antwortete die Kinderfrau, »aber sie meinte, eben wegen des Kindes komme sie.« »So laß sie eintreten«, antwortete die Baronin nach einigem Besinnen. Die zur Zeit etwas volle Gestalt der stattlichen Gärtnerin mit dem gesetzten matronenhaften Wesen erschien alsbald unter der Thüre, aber sie mußte ihr Auge erst an die hier herrschende Dunkelheit gewöhnen, ehe sie die Baronin entdeckte, die wie ein weißes Phantom hinter der Wiege ihres Kindes stand. »Was bringen Sie, Frau Glimm«, ertönte nun die Anrede der gnädigen Frau, nicht ohne einen Ton der Ungeduld in der Stimme. Die Gärtnerin trat ihr ruhig näher mit der bescheidenen Festigkeit einer Frau, die nichts für sich sucht und nichts für sich will, die aber entschlossen ist, eine Pflicht zu erfüllen. »Die Frau Baronin wollen es mir nicht für ungut nehmen«, begann sie, indem sie mit der Hand ihre saubere Schürze glatt strich, »es hat mir aber keine Ruhe gelassen, wenn ich dachte, das Kind könnte vielleicht gesund werden, wenn ich nur den Muth hätte, den Mund aufzuthun. Die gnädige Frau wissen ja, daß ich bei dem Herrn Kommerzienrath diente, wo alle Kinder durch den Herrn Medizinalrath behandelt worden sind, und sind alle gestorben.« Die junge Mutter zuckte zusammen, aber die Gärtnerin fuhr ruhig fort: »Damals sah ich zu, wie er die Kleinen zu Tode kurirte. Die Mutter der Frau Kommerzienräthin sagte freilich: »die einzige Medizin für ein krankes Kind ist eine gute Amme.« Aber der Herr Kommerzienrath war wie vernarrt in den Medizinalrath und sagte, er dürfe ihn nicht beleidigen, denn er sei der Leibarzt des Königs. So verlor er lieber seine Kinder als die Gunst des Hofs. Ich war in jenen Tagen noch ein junges Ding und mußte bei Allem still sein. Aber jetzt, da ich selbst Kinder habe, die gedeihen, wollte ich nicht schweigen, damit ich mir nicht später einmal sagen muß, hättest du den Mund aufgethan, so lebte der junge Herr vielleicht noch heute.« Während sie so redete, ward sie sehr ernst, was aber dem wohlwollenden Ausdruck ihres blühenden Gesichtes, das ganz von den freundlichen klaren Augen beherrscht war, keinen Abbruch that. Die bleiche junge Mutter erwiderte nichts und schaute starr vor sich hin. Das Alles hatte ihr ihr Mutterherz seit Wochen selbst gesagt, aber sie hatte nicht den Muth gehabt, ihre Meinung dem berühmten Arzte gegenüber zu verfechten, und der Gedanke, ihr Kind einer Amme auszuliefern, war ihr um so unerträglicher, als sie ihren Mann mit der gleichen Zumuthung leidenschaftlich abgewiesen hatte. Aber die einfache Frau, die da vor ihr stand, mit ihrer stattlichen matronenhaften Gestalt, hatte etwas Mütterliches in Blick und Haltung, was Zutrauen erweckte. Die Baronin kam sich fast kindisch und unreif vor gegenüber dieser verständigen Frau, die keine zehn Jahre älter war als sie. Diese aber fuhr freundlich fort: »Ich kann wohl sagen, daß es meine eigenen Kinder sind, die mich schicken. Wie sie so satt und rosig da lagen und mich anblinzten mit ihren lieben hellen Augen, da fiel es mir plötzlich schwer auf's Herz, daß es dem Kinde meiner Herrschaft, das doch am gleichen Tage geboren ward, so schlecht gehe. Es schien mir fast ein Unrecht, daß mir meine Kinder alle Tage ihres Lebens nur Freude gemacht haben, und für die gnädige Frau war jeder Tag Sorge und Angst. Und wir sind doch arme Leute, und Sie sind vornehm und reich. Da war es mir, als ob ich mich meines Glückes nicht mehr freuen dürfte, wenn ich nicht zuvor auch hier geholfen, daß Alles in Ordnung komme.« In dem Gesichte der Baronin ging eine Aenderung vor sich. Der Eigensinn, ihre hervorragendste Eigenschaft, schien das Feld zu behaupten, und als sie sich aufrichtete, war sie wieder die gnädige Frau, die keiner Hülfe bedarf. Aber noch ehe sie zu Wort kam, trat die Kinderfrau hart an sie heran. Ihr gutes altes Gesicht schaute ängstlich aus der großen weißen Haube, und sie flüsterte leise: »Gnädige Frau, geben Sie ihr das Kind. Als ich vorhin von dem Dachboden, wo ich die Wäsche aufhing, nach den Tannen an der Parkecke sah, erhob es sich zwischen den dunkeln Bäumen wie eine weiße Gestalt. Es war die Brunnenfrau, und das Gespenst ging treppab gegen das Schloß zu, nicht wie sonst, nach dem Weinberge.« Die Baronin trat entsetzt zurück und winkte unwillig mit der Hand. »Unsinn«, wollte sie sagen, aber es lief ihr eiskalt über den Rücken. »Man soll an solchen Spuk nicht glauben«, fuhr die Kinderfrau fort. »Es sei der Abendnebel, sagt der Herr Pfarrer, aber ich kann mir nun einmal nicht helfen, wenn ich die Gestalt sehe, überläuft es mich kalt. Es sei, was es sei, ich weiß nur, daß ich nun vierzig Jahre im Schlosse bin, und so oft die Müllerstochter aufstieg über dem alten Brunnen, hat sie uns stets etwas Schlimmes gebracht.« Das Kind zuckte jetzt wieder und schlug mit den Händchen hart gegen die Wiege. Dann fing es in kurz abgebrochenen, stoßenden Tönen zu weinen an. Unschlüssig stand die junge unerfahrene Mutter mit gefalteten Händen vor dem armen Wesen, das dem Tode geweiht schien. Da trat die Gärtnerin kurz entschlossen zum Fenster und schlug die Vorhänge zurück. Das gedämpfte Licht des scheidenden Tages fiel auf die abgezehrte Gestalt der Baronin, die mit ihren spärlichen blonden Flechten und dem bleichen Angesicht neben der kräftigen Frau aus dem Volke ein Bild kläglicher Verkümmerung darbot. Das sonnenverbrannte junge Weib beugte sich über das wachsgelbe Püppchen in der Wiege, das zu schreien fortfuhr und dazwischen gierig an seinen Händchen lutschte. »Er hat Hunger«, sagte sie entschlossen, nahm das Kind heraus, setzte sich auf einen Schemel und reichte, ohne weiter zu fragen, dem hungernden Kleinen die Brust, der dieselbe auch sofort annahm. Die Baronin legte ihr bleiches Gesicht in ihre durchscheinenden magern Hände und ließ Alles über sich ergehn. Nach einer Weile klopfte es rasch an die Thüre und der Medizinalrath trat ein. Nachdem er einen kurzen verwunderten Blick auf die Gruppe geworfen, sagte er mit einem süßlichen Lächeln: »Ah, Sie haben sich entschlossen. Ich wagte Ihnen das nicht vorzuschlagen, aber das Beste ist es freilich.« Frau Glimm fuhr in ihrem Geschäfte fort, als ob der Arzt gar nicht da wäre, und nur die strenge Falte auf ihrer Stirne vertiefte sich etwas. Der Geheimrath beachtete sie weiter nicht, und nachdem er noch eingeschärft, mit seinen Mixturen pünktlich fortzufahren, empfahl er sich ungewöhnlich schnell wieder, seinen Verdruß als gewandter Weltmann unter vielen höflichen Worten verbergend. Der Knabe, den die hülfreiche Gärtnerin nun wieder in die Wiege legte, fiel alsbald in einen festen und gesunden Schlaf, während Frau Glimm, als ob es sich von selbst verstehe, in ihrer ruhigen bestimmten Weise alle Medizinkolben und Salbentöpfe in die dunkelste Ecke des Waschtisches schob, überhaupt in der Stube aufräumte und für Alles eine zweckmäßigere Ordnung herstellte. Als diese Arbeit gethan war, ließ sie mit einem zufriedenen Kopfnicken noch einmal ihr Auge durch das Zimmer gehn, und nun wurden die beiden jungen Frauen bald miteinander einig. Frau Glimm wollte ihre Zwillinge abgewöhnen und alle drei Stunden herüberkommen und den kleinen Junker nähren. Die Arzneien des Medizinalraths wurden pünktlich gemacht, aber von der resoluten Frau Glimm eben so pünktlich zum Fenster hinausgegossen. Endlich kam der eitle Herr hinter diesen Sachverhalt und nun erschien er seltner, und da Frau Glimm ihm sehr unverblümt andeutete, sie bringe das Kind schon allein durch, blieb er vorerst ganz weg. Der Knabe erholte sich allmählich, aber während die Zwillinge an freier Luft bei ihrem Sandhaufen saßen und mit Holzschüsselchen Kuchen buken, wurde der kleine Dulder vom Schlosse höchstens tief verschleiert in der Sonne hin- und hergetragen und die gnädige Frau trippelte ängstlich bald vor ihm, bald neben ihm, um zu spähen, ob kein Zuglüftchen ihn berühre. Gelegentlich kam auch der Pfarrer wieder auf das Schloß und ließ sich den Junker zeigen, aber er schüttelte mißbilligend den Kopf, und indem er seine Augenbrauen in die Höhe zog und über die silberne Brille hinweg die Baronin fixirte, legte er sein freundliches altes Gesicht in bedenkliche Falten. »Der junge Herr muß mehr an die Luft«, sagte er entschieden. »Er zahnt jetzt«, erwiderte die bleiche Mutter seufzend, indem sie das Kind wieder tief in seine warme Wiege steckte. Der Baron aber strich sein glattes, fein polirtes Haupt und indem er seine eigenen magern Beine durch sein Augenglas betrachtete, und dann wieder seinen Schnurrbart drehte, sagte er in schnarrendem Tone: »Gestehen Sie, mein lieber Herr Prediger, daß Ihrem lieben Gotte die Zähne gründlich mißrathen sind. Unter Schmerzen bekommen wir sie, unter Schmerzen wechseln wir sie, und noch haben wir die letzten nicht, so quälen uns schon die ersten wie das höllische Feuer.« »Da Gott sie gemacht hat«, erwiderte der Pfarrer ernst, »so werden sie auch gut gewesen sein, bis die Menschen durch ihr lasterhaftes Leben sie verdarben.« »Woher wissen Sie, daß Gott sie gut gemacht hat?« lachte der Baron mit seiner hölzernen Stimme. »Sie lassen freilich die Kinder lernen, Eigenschaften Gottes sind Weisheit, Güte, Vollkommenheit und so weiter, und beweisen das aus der Herrlichkeit seiner Werke, aber wenn ich an die Zähne meines Kindes und die meiner Frau und die meinen denke, könnte ich gerade so gut sagen, seine Eigenschaften sind Ungeschicklichkeit, Freude an der Qual der Kreatur und so weiter.« »Sie vergessen nur die Gerechtigkeit«, erwiderte der Pfarrer gelassen. »Hätten die Väter ihre Kraft nicht vergeudet, so würden die Kinder tausend Leiden weniger haben.« »Ah, die Väter haben Herlinge gegessen«, spottete der Gutsherr, »und den Söhnen werden die Zähne stumpf. Aber ist das Gerechtigkeit, daß mein Kind meine Sünden büßt und ich die meines Großvaters?« »Es ist gerechte und schwere Strafe für die Eltern, ihr Kind durch ihre Sünde leiden zu sehen«, sagte der Pfarrer in sehr bestimmtem Tone. »Das ist Gottes Gerechtigkeit bei der Sache. Gottes Liebe aber erweist sich darin, daß er dem Kinde das Leben nicht so leicht macht als es den Alten gewesen ist, damit es nicht in Gefahr gerathe, auch so leichtsinnig zu werden wie seine Vorfahren. Dann wird dem Knaben innerlich zehnfach ersetzt werden, was er jetzt äußerlich erduldet.« Die Baronin schaute den Pfarrer mit zustimmenden Blicken an. Der strafende Ton, den er gegen ihren Gemahl anschlug, war ihr wahrhaft entzückend. Auch freute es sie, daß der würdige Mann Nik's schlechte Gesundheit dem Vater zur Last lege und nicht ihr. Die Freudigkeit, mit der sie ihm beim Abschiede die Hand reichte, hatte fast etwas Triumphirendes. »Möge Ihre Vorhersagung sich an Nik erfüllen«, sagte sie. Der Baron griff mit einer Grimasse nach seinem Feuerzeuge, um sich eine Cigarre anzuzünden. »Ein grober Bauer«, brummte er verdrossen, noch ehe die Thüre sich völlig hinter dem Pfarrer geschlossen hatte. »Warum forderst Du ihn immer heraus?« erwiderte die Baronin. »Du wirst Dir doch keinen Prediger wünschen, der solche Reden, wie Du sie führtest, ruhig hinnimmt?« »Es ist aber doch Unsinn zu sagen, mein Kind leide mit Recht darunter, daß ich etwas rasch gelebt habe. Nik hat mich doch nicht freiwillig zum Vater gewählt!« »Weißt Du das so gewiß?« sagte die Baronin. »Ich möchte wohl wissen, was sie in ihrem Kinderbrunnen träumen, und ob sie dem Storche nicht sagen, wohin er sie tragen soll?« Viertes Kapitel Auf der Westseite des Dorfes, durch die alte Dorfmauer von demselben geschieden, lag der Kirchhof. An der Mauer waren die alten Grabsteine derer von Altenbrück eingelassen mit ihren gewaltigen Rittergestalten und altertümlichen Inschriften; nach den drei übrigen Seiten war der kleine Gottesacker durch einen lebendigen Hag von Weißdorn eingefriedigt, der soeben seine ersten grünen Blättchen ausgetrieben hatte. Die Gräber lagen eng beisammen, mit hölzernen Kreuzen besteckt, die sich nach rechts und links geneigt hatten und oft halb versunken über ihren unregelmäßigen Hügeln sich erhoben. Nur hier und da war eine Ruhestätte sauber mit Stein eingefaßt und durch ein Denkmal bezeichnet. Aber der Frühling hatte über diesen kleinen Raum seine Blüthen mit doppelt vollen Händen ausgestreut. Der Rasen war übersät mit einem Sternenmeere von Maßliebchen. An der Mauer wucherte die röthliche Anemone und glänzte hoher Seidelbast mit karminrothen Blüthen. Um die vornehmen Gräber erhoben, schön gereiht, gelber Krokus und weiße Schneeglöckchen ihre Häupter, wie der Schloßgärtner sie sorglich gepflanzt hatte. Die blaue Meerzwiebel und gelbe Primeln standen büschelweise in den Ecken beisammen, und der weiße Schlehbusch und die gelbe Blüthe der Kornelkirsche hoben sich so lustig von dem schönen Frühlingshimmel ab, daß die Sonne ganz vergaß, daß es der Ort des Todes war, den sie mit ihren fröhlichen Strahlen überschütte. Ringsum blauten in goldenem Dufte die welligen Hügel und Berge, und der silberne Strom wanderte fröhlich durch grün aufstrebende Wintersaat und frisch umgebrochene Aecker. So sah auch der Friedhof freundlich und einladend aus, wenigstens überall, wo nur ein bischen Liebe die grüne Ruhestätte geschmückt hatte. Nur von einem Orte, zwischen dem Kirchhofthore und der Dorfmauer, wendete sich das Auge sofort wieder erschrocken ab, wenn es zufällig in diesen Winkel gefallen war. Eine dreifache Reihe ganz kleiner Kindergräber erhob sich dort. Zum Theile waren sie gar nicht bezeichnet, auf andern stand ein Kreuzchen, nur auf wenigen hatte eine verschämte Hand, wie verstohlen, einen Kranz niedergelegt. Wo ein Name zu lesen war, war es immer nur ein Vorname. Im Verhältniß zu der geringen Gräberzahl des engen Friedhofs war es eine ganz unverhältnißmäßige Anzahl dieser kleinen, neu aufgeworfenen Hügel. Es waren das die Gräber der vaterlosen Kinder, die Niemand besuchte, Niemand schmückte, an die die Mutter nur mit Beklemmung dachte, und nur allzuoft mit Erbleichen und böser Gewissensangst. Verließ man durch das stets offen stehende Thor den Kirchhof, so sah man an die andere Seite der Mauer eine Reihe von alten Gebäuden angeklebt, in denen arme Leute wohnten, denn wer sonst hätte in der nächsten Nähe der Todten hausen mögen? Diesen zerfallenen Hütten war die Rückseite der bessern Häuser zugekehrt, so daß eine einsame schmale Gasse entstanden war, die schlechtweg den Namen trug: »An der Dorfmauer.« Es war still in dem ohnehin spärlich bewohnten Sträßlein, denn der Sonntagnachmittag hatte die wenigen Bewohner zum Bettel oder zum Spiele hinausgeführt an die Landstraße oder hinüber in die Stadt. Eine einzige Person der ganzen Einwohnerschaft schien an jenem Tauftage, von dem wir erzählten, hier zurückgeblieben zu sein. Am Ende der Straße saß vor der Thüre eines verfallenen alten Gebäudes eine grell gekleidete, nicht mehr ganz junge Dirne. Sie schien sich zur Abreise bereit zu halten, denn sie hatte einen großen Reisesack neben sich und einen zerknitterten, aber auffallend geschwungenen Hut mit einer alten Feder auf dem Kopfe. Ihre Augen lagen tief zwischen den verschwollenen Lidern und gaben dem gemeinen Gesichte etwas Müdes und Mürrisches. Verdrossen schaute sie die schmutzige schmale Gasse entlang, als ob sie noch Jemanden erwarte. »Wenn die alte Hexe jetzt nicht kommt«, sagte sie zornig, »so gehe ich, ohne das arme Wurm noch einmal gesehen zu haben. Am Ende ist es auch besser so.« Trotz dieser Worte aber blieb sie sitzen und schaute stumpf vor sich hin. »Wer weiß«, murrte sie in sich hinein, »ob die Mittel, die die Braunin ihr gegeben, wirken. Am Ende stirbt das Kind nicht, und dann habe ich vielleicht einen Blödsinnigen zu versorgen, den ich gar nie los werde. Es wäre besser, sie gäbe es auf, nachdem Käthchen alles gehört hat.« Bei diesem Gedanken schaute sie ängstlich in die große dunkle Stube hinter sich, wo ein Kinderbett stand. Starr blieben ihre Augen an dieser Bettstelle hängen, als ob sie ein unheimliches Geheimniß berge. Nicht viele Nächte war es her, daß sich dort an dem kleinen Bette eine Scene zugetragen, die dem verlorenen Weibe jetzt wieder deutlich vor die Seele trat. Sie selbst saß aufrecht auf ihrem Bette und stillte unmuthig das Kind, das durch sein bösartiges Geschrei sie und die Mutter geweckt hatte. Die Alte hatte das Licht, das in einer Flasche steckte, angezündet und murrte über die Störung ihrer Nachtruhe. »Thue, was ich Dir schon lange rieth«, sagte die Greisin erbost zu ihrer Tochter. »Die Braunin hat mir gestern gegen schweres Geld die Körner gegeben, wenn Du die dem Kinde in seiner Milch kochst, so geht es langsam zurück und löscht aus und der Doktor kann Dir nichts beweisen.« »Laß' mich in Ruhe mit Deiner Braunin«, erwiderte die Tochter zornig. »Mir hat die alte Hexe auch gesagt, ich solle von dem Busche hinter der Kirchhofthüre essen, und was half es mir? Krank bin ich geworden und habe ein Siebenmonatkind, das den geschlagenen Tag schreit und weder leben noch sterben will.« Eigentlich war es der Dirne so ernst nicht mit diesen Worten. Die Alte mochte thun, was sie wollte, aber zu wissen brauchte sie es nicht, denn ihr Gewissen war schon genug belastet. »So mache es wenigstens wie die Krautin mit ihrem Mädchen«, fuhr die Versucherin fort. »Der Krüppel bringt ihr alle Tage ein paar Mark ein. Wir lockern dem Buben die Gelenke, daß man die Aermchen nach hinten drehen kann, und dann bettle ich mit ihm im ganzen Lande.« »Thut es weh?« fragte die Mutter stumpf. »Was kümmert's Dich«, erwiderte die Alte. »Er schreit ja so wie so den ganzen Tag.« Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber das Wort erstarb ihr im Munde. Ihre rothen, vom Trunke blutunterlaufenen Augen traten ihr weit aus dem fahlen Gesichte und sie starrte erschrocken nach dem Lager der kleinen Käthchen, der fünfjährigen Schwester des verhaßten Schreihalses, die sich plötzlich aus ihrem Bette aufrichtete. »Wenn ihr dem kleinen Kinde etwas thut«, rief das Mädchen, »so sage ich es dem Polizeidiener. Die Kinderlehrerin hat mir ausdrücklich gesagt, ich solle gut aufpassen, damit das Brüderchen nicht zu den zwei andern auf den Kirchhof komme.« Die beiden Weiber wechselten erschrockene Blicke. »Willst Du schlafen, Du Kröte!« fuhr jetzt die Alte auf, indem sie einen Schuh vom Boden aufnahm und nach der Enkelin warf. »Ich schlage Dich todt, wenn Du noch eine Silbe redest.« Die Kleine aber hatte sich unter ihre Decke gesteckt und nur noch gerufen: »Ihr wißt es jetzt, was ich thue, wenn ihr das Kind mit einem Finger anrührt.« Die Großmutter wollte darauf in blinder Wuth das Mädchen mißhandeln, aber die Tochter hinderte es. Unter Flüchen und Schimpfreden hatte dann das böse Weib das Licht gelöscht und war wieder zu Bett gegangen, während die Junge in Furcht und Reue kein Auge schloß. Das war der Grund, warum das geputzte Weib von Zeit zu Zeit so ängstlich in die Stube zurückschaute und nach der kleinen Bettstelle schielte. »Der Balg bringt uns noch beide in's Zuchthaus oder gar an den Galgen«, murmelte sie. Und wieder versank sie in entsetzliche Erinnerungen an frühere kleine Wesen, die in dem gleichen Bette langsam dahingesiecht waren, und dann wanderten ihre Gedanken nach dem Platze in der Kirchhofecke, wo die kleinen Gräber lagen, so daß sie vor Angst und Noth sich nicht zu lassen wußte. Diese Erinnerungen lasteten wie Blei auf ihr. Sie wollte weggehn und konnte doch nicht, denn sie wußte, daß sie mit ihrem Wegschleichen die Mutter zu einem Verbrechen ermächtige. Um die Ecke der schmalen Gasse wurden jetzt Schritte laut. Die Horcherin fuhr zusammen. »Wenn Käthchen geplaudert hätte und es wäre der Büttel, der mich in's Gefängniß abholte«, so fuhr es ihr durch den Kopf. Aber das waren keine Männerschritte; es war die Mutter. Doch wie seltsam ging sie! Sie hielt das Kind ungeschickt in den Armen, während sie schwankenden Ganges an den Häusern hinschlich und zuweilen an dieselben anstieß. »Du wirst ihm den Kopf an der Wand einrennen«, sagte die Tochter, »dann kann ich das Geld für die Engelmacherin sparen.« »Ich thue es nicht zu der Braunin«, erwiderte die Alte lallend. »Ich behalt' ihn, meinen Schatz«, sagte sie, das Kind an sich drückend. »Oho, lauten die Glocken plötzlich so?« erwiderte die Junge verwundert. »Gestern schaltest Du ja, daß Du das Mädchen nicht satt bekämest, und jetzt willst Du auch den da behalten?« »Ich behalte ihn«, stammelte das betrunkene Weib, »ich ziehe ihn auf.« Die Tochter schaute sie scharf an: »Wer gab Dir das Geld für Deinen Rausch?« fragte sie nach einer Weile mürrisch. »Ich nahm's von dem Ziehgeld«, lachte die Betrunkene. Die Junge aber sprang auf, und eine Fluth von gemeinen Schimpfreden entströmte ihrem Munde. »Dafür also habe ich das Geld zusammengespart«, rief sie, »daß Du es durchbringst, alte Säuferin.« »Sachte, mein Schatz«, lachte die Alte, »sachte. Der Baron gibt mir monatlich das Doppelte, damit ich den kleinen Hund da aufziehe. Da hab' ich mir's anders überlegt.« Die Tochter riß die Augen weit auf und sah in ihrer Verwunderung noch etwas gemeiner aus als zuvor. »Der Baron?« fragte sie ungläubig. »Der Baron«, äffte die alte Hexe sie nach. »Große Herrn haben ihre Einfälle. Er bezahlt es und ich besorge Alles.« »Wie Du willst«, sagte das junge Weibsbild, indem sie sich erhob. »Ich war nie dafür, ihn zur Braunin zu tragen. Auch die Früheren hast Du zu verantworten. Aber Du weißt, daß ich nichts weiter beitragen kann. Jetzt gehe ich in die Restauration, denn am Abende muß ich wieder aufwarten.« Damit trat sie an das Kind heran, das in tiefer Betäubung lag. Vorsichtig nahm sie ihm den Sauglappen aus dem Munde. »Wenn es Dir ernst ist mit dem Aufziehn«, sagte sie dann zu der Alten, »so gib ihm auch keine Mohnkörner. Einen Simpel will ich nicht heranfüttern, hörst Du«, und sie gab ihrer Mutter einen Stoß in die Seite, daß diese aufschrie. Dann nahm sie ihren Reisesack und kehrte der Alten den Rücken. Nach ein paar Schritten wendete sie sich aber wieder um und rief: »Morgen früh kannst Du ihn mir hinüber bringen, ich gebe Dir dafür zu essen. Vom Sonntag Mittag bleibt in der Gartenwirthschaft immer viel übrig, und der Wirth ist nicht genau, wenn ich ihm sonst den Willen thue.« Damit ging sie raschen Schrittes weiter, während die Alte mit dem Knaben in ihre dunkle Höhle zurückkroch. In einer unordentlichen, schmutzigen Stube des Erdgeschosses warf sie das Kind auf ein Bett und legte sich neben dasselbe. Der Dienst, den dem armen Säugling die Mohnkörner thaten, leistete ihr der Alkohol, den sie genossen, und beide schliefen fest, bis am hellen Morgen die kleine Käthe, die zur Schule wollte, Lärm in der Stube machte, und die Alte unter Schelten auf das Mädchen sich ermunterte. Unter so traurigen Aussichten that das vierte Sonntagskind seinen ersten Schritt in's Leben, und wenn die Nachbarn davon redeten, welchen Erziehern ihn der liebe Gott anvertraut habe, so kamen sie zu der Vermuthung, er sei geboren, um gehangen zu werden. Die Meisten aber trösteten sich, die arme Kreatur werde nicht älter werden als ihre vorangegangenen Geschwister. Man hatte dabei nur ein kleines Herz vergessen, das einem verwahrlosten, schmutzigen, lügenhaften, zum Bettel abgerichteten Mädchen gehörte, aber immerhin ein Frauenherz war, in dem das Leben noch nicht den stärksten Nerv eines solchen, das Mitleid, ertödtet hatte. Diese Schwester des Knaben war eine fünfjährige kleine Dirne mit frischen Backen und kurzen blonden Zöpfen, deren Gesicht einen sinnlichen, aber gutmüthigen Ausdruck trug. In der Verwüstung rings um sie her hatte das kleine Mädchen an das Kind ihr Herz gehängt, und wie ein treues Hundchen wachte sie über ihm. Sie brachte ihm, was sie glaubte, daß der Kleine es bedürfe, und wenn die Alte abwesend war, ließ sich das Mädchen von den Nachbarinnen zeigen, wie man ein kleines Kind behandle. Selbst auf der Straße aufgewachsen, zehnmal aus der Gosse gezogen, in der sie hätte ertrinken können, zwischen den Rädern hindurchpurzelnd, die sie überfahren wollten, angewiesen ihre Nahrung zu stehlen oder mit Lügen listig zu erbetteln, im täglichen Kampfe mit Kindern und Alten, hatte sie in der Schule des Lebens, die für sie die Schule des Lasters war, mit fünf Jahren eine Selbstständigkeit und Brauchbarkeit erlangt, die doppelt so alten Kindern oftmals abging. Je mehr sie sich aber mit dem kleinen Knaben abgab, um so mehr wuchs er ihr an ihr Herz, das noch zu jung war, um schon ganz verdorben zu sein. Aber auch bei dem bösen, alten Weibe an der Dorfmauer sollte die Macht der Angewöhnung sich bewähren. Zunächst fütterte sie das Kind nur auf, um am ersten Monatstage das Geld auf dem Schlosse abholen zu können, das sie vertrank. Aber als der Kleine, dankbar für die gereichte Nahrung, ihr zulachte, fing auch sie an, in ihrer mürrischen Weise mit ihm zu spielen. Bald regte sich in ihrem thierischen Gemüthe eine Art von Zärtlichkeit für die kleine Kreatur, die ganz von ihr abhing, und bei ihrem Müßiggange wurde der rothhaarige Knabe ihr zu einem willkommenen Zeitvertreibe. Sie beschäftigte sich mit ihm, befühlte seine Wangen und Hände, und belauschte seine Bewegungen. Je länger, je mehr gewann der kleine Mann Einfluß auf sie. Nicht sie erzog ihn, sondern er erzog sie. Seine Wiege leise schaukelnd, strickte sie für ihn, das heißt, sie fing wieder an zu arbeiten, was sie lange nicht gethan hatte. Wenn er erwachte und sie anlachte, nahm sie ihn auf den Arm. Sie hatte es gern, wenn er ihre hornenen Finger mit seinen kleinen warmen Händchen umschloß und sie mit seiner lustigen Stimme ankrähte. Bald erwies er sich auch als ein nützlicher Partner bei ihrem Geschäfte des Bettelns. Sie wurde nicht oft abgewiesen, wenn sie eine Nachbarin bat, der verhungerten Kreatur ihr Fläschchen zu füllen, und gutmüthige Frauen schenkten ihr so viele abgelegte Kindersachen, daß sie von dem Erlös ihren Branntwein bestreiten konnte. So pflegte sie ihren Hans jeden Tag sorglicher, und hatte die bösen Absichten, die sie ursprünglich mit ihm gehabt, bald ganz vergessen. Käthchen aber, sobald sie aus der Schule kam, packte ihren Rothkopf auf und schleppte ihn hinunter nach dem sonnigen Vorlande des Flusses, wo wackelnde Enten und gackernde Gänse das Kind erfreuten, und das Treiben der Schiffe ihnen beiden eine angenehme Unterhaltung bot. Wenn dann der Kleine jauchzte, und der Schwester mit seinen flachen Händchen in's Angesicht schlug, dann regte sich in ihrem Herzen, ein so böser Range sie auch war, doch etwas wie Mutterliebe, als Ahnung ihrer eigenen höheren Bestimmung, und sie hätte es um die Welt nicht gestattet, daß Jemand ihrem Bruder, wie sie ihn mit dem Stolze einer legitimen Prinzessin nannte, etwas zu leid thue. Hans war jetzt ein hagerer, kleiner Mann mit brandrothen Haaren und sommersprossigem Gesichte. Seine Glieder waren lang und schlenkerten wie die eines Gliedermanns, aber der finstere Blick der weit zurückliegenden Augen hatte etwas Bohrendes und zeigte, daß er geistig nicht zurückgeblieben war. Alle Verwahrlosung hatte ihn nicht heruntergebracht. Auch die Stunden, die der Kleine allein, in seiner Stube eingeschlossen, zubrachte, schadeten ihm nicht. Er gedieh vom Schreien, seine Glieder streckten sich, er griff fest zu, und wollte man ihm seine Beute entreißen, so funkelten seine bösen, grauen Augen wie die eines jungen Raubthiers. Wenn die Alte in's Schloß ging, um ihre monatliche Unterstützung abzuholen, verfehlte sie nie, den Enkel auf dem Arme mitzubringen. Das nöthigte sie dann, doch ein Weniges auf Ordnung und Reinlichkeit zu halten, denn je sauberer sie ihn brachte, um so lieber schenkte ihr die Baronin die abgelegten Kleider des Junkers, die freilich dem rothen Dorfteufel viel zu klein waren, die sich aber leicht in Schnaps umsetzen ließen. Auch ein altes Bilderbuch erhielt sie für ihn, als er größer war, und Hans unterhielt sich bei dem einen Buche besser als der Junker bei dem Dutzend neuer, die er übersättigt hin und her warf. Ruhig kauerte er im Winter bei den geschenkten Spielsachen in der Ofenecke, oder er schaute auf die Großmutter, wie sie mit dem Kopfe wackelte, wenn sie nähte, auf das Stück Wachs, durch das sie ihren Faden zog, auf den messingenen Fingerhut, mit dem sie die Nadel regierte, er schlürfte den letzten Tropfen aus ihrem Branntweinglase und duselte dann bis Käthchen aus der Schule kam und ihn auf die Straße hinausschleppte. Bereits mit drei Jahren war er so selbstständig, daß er hinter der übrigen Dorfjugend einherjohlen konnte. Dort fragte Niemand nach seiner legitimen Geburt, sondern nach seinen Fertigkeiten. Die aber mehrten sich erstaunlich mit jedem Jahre. Er wußte Schlägen auszubeugen wie eine Katze, kletterte wie ein Eichhörnchen, schrie wie ein Waldteufel, und konnte Kirschen stehlen wie ein Sperling. Die Fortschritte, die er in dieser Richtung, leider unter Anleitung Käthchens, machte, verschafften ihm aber bald einen bedenklichen Ruf. Wenn aus einem offenen Erdgeschosse etwas abhanden gekommen war, so erkundigte man sich sofort, ob Käthchen Müller mit ihrem Bruder nicht um die Wege gewesen sei? Man wollte wissen, daß der kleine rothe Teufel vornehmen Herren die Taschentücher aus den Taschen zu stipitzen verstehe und solche seiner Großmutter zutrage. Der Polizeidiener hatte auf den sechsjährigen Knaben schon ein eben so wachsames Auge wie auf die alten Verbrecher, die aus der Strafanstalt zurückgekehrt waren, und so hieß es bald: der Krug geht zum Brunnen bis er bricht. Eines Tages trug es sich zu, daß der kleine Johann Müller in der Speisekammer eines reichen Bauern erwischt ward. Seine Schwester und Erzieherin hatte mit ihm eine Mauer bestiegen, wo sie scheinbar harmlos spielten. Als dann aber Niemand um die Wege war, hatte die robuste Dirne rasch den Bruder auf ihren Schultern bis zu einer schmalen Luftluke an der Rückseite des Nachbarhauses emporgehoben, und Hans war wie ein Marder in die Kammer hineingeschlüpft, während Käthchen sich auf die Mauer setzte und seelenvergnügt mit den Füßen baumelte. Endlich erschienen die brandrothen Haare ihres Brüderleins wieder in dem Mauerspalte, aber nur um mit einem entsetzlichen Wehegeschrei alsbald wieder zu verschwinden. Käthchen war bei diesen Klagetönen ihres Bruders sofort von der Mauer geglitten, um die Ecke gebogen und hatte sich geschickt zu den spielenden Kindern am Ufer des Stromes gesellt, als ob sie schon seit Stunden nur mit Hafenbauten im Sande, und Turnen auf den Zimmerbalken beschäftigt sei. Innerlich aber war sie natürlich sehr von der Frage erregt, was ihrem Rothkopfe widerfahren sein möchte? »Schläge hat es sicher gesetzt«, dachte sie, »und am Ende, wenn er nicht schweigt, komme auch ich vor den Bürgermeister.« Dem Rothkopfe war es wirklich recht schlimm ergangen. Er hatte sich in der Speisekammer, in die er leise hinabgeglitten war, erst satt gegessen, bis in seinen ausgehungerten jungen Leib durchaus nichts mehr hinein wollte. Dann hatte er alle seine Taschen, die die Großmutter in weiser Fürsorge ganz ungewöhnlich weit und tief zu machen pflegte, bis oben mit getrocknetem Obste, Würsten und Speckschnitten vollgestopft. Vorsichtig war er dann auf einen Schrank gestiegen und leise wieder zu der Luftluke emporgeschlüpft, aber nunmehr fand sich, daß er mit den übervollen Taschen die schmale Oeffnung nicht mehr passiren konnte. Indem er sich vergeblich abarbeitete, stieß er rückwärts eine Schüssel von dem Schranke, auf dem er stand. Ueber dem Lärm trat der Bauer ein, der gerade in das Haus zurückgekehrt war. Sein erstes war, den kleinen Einbrecher von hinten mit dem Stocke zu bearbeiten, den er in der Hand trug. Unter mächtigem Wehegeheule war der junge Verbrecher herabgesprungen, um durch die gegenüberliegende offene Thüre zu entwischen. Aber der Bauer ergriff ihn, bläute ihn nochmals tüchtig durch, und übergab ihn sodann dem Polizeidiener, der eiligst herbeigerufen worden war. Damit brach über die Familie an der Dorfmauer ein lange verdientes Strafgericht herein. Die ungewöhnlichen Taschen des jungen Hans warfen ein schlimmes Licht auf die Erziehungsgrundsätze der alten Müllerin. Um ein Haar wäre sie als Diebshehlerin dem Gerichte überliefert worden. Jedenfalls konnte man ihr die Erziehung der Kinder nicht länger überlassen. Der Pfarrer fand für Käthchen, deren Betheiligung an dem Diebstahle nicht erwiesen werden konnte, einen leichten Dienst, wo man sie unterbrachte, denn die Mutter hatte sich aus der Gegend verzogen, und war auch nicht danach, daß man ihr die Kinder hätte nachsenden mögen. Es fragte sich nur, was mit dem rothen Hans geschehen solle? Der Gemeinderath war zuerst der Meinung, Alles beim Alten zu lassen, aber die entrüsteten Nachbarn entrollten ein solches Register von Schandthaten des kleinen Sünders, daß der Bürgermeister vorschlug, man solle ihn einer benachbarten Rettungsanstalt anvertrauen, und der Baron solle dieser seinen Erziehungsbeitrag auszahlen statt der alten Müllerin, deren Einfluß der Knabe entzogen werden müsse. Das war nun aber dem Pfarrer nicht recht. Er wünschte die Unterbringung des Buben bei einem ehrbaren Meister, da solche Tugendspiegelfabriken, wie er sich ausdrückte, den Jungen nur die Köpfe verdrehten. Er habe schon mehr als ein verkehrtes Resultat bei jener Anstalt erlebt. Aber die Gemeinderäthe fanden es am bequemsten, den elternlosen Knaben abzuschieben, und da jeder Theil bei seiner Meinung blieb, kam man schließlich überein, daß der Baron, auf dessen Beutel in jedem Falle gerechnet war, die Entscheidung geben solle. Diesem aber war die ganze Sache gleichgültig. »Das kommt bei der Wohlthätigkeit heraus«, murrte er. »Nun habe ich mit meinem Gelde einen Gaudieb mehr herangezogen.« Um so eifriger nahm die Baronin sich der Sache an. Sie zahlte schon seit vielen Jahren Beiträge für das Rettungshaus »zum verlorenen Sohne«, und deshalb sprach sie sich lebhaft für dieses aus. So kam es, daß, trotz des Widerspruchs des Pfarrers, der Knabe in den »verlorenen Sohn« eingeliefert wurde, wo der alte Hans sofort in einen neuen Johannes umgetauft ward. Fünftes Kapitel Das Schloß der Altenbrück bildete mit seinen glänzenden Zinnen und hohen Schieferdächern zu der dunkeln Höhle an der Dorfmauer den denkbar größten Gegensatz, wer aber in demselben auch ein entsprechend glänzenderes Glück gesucht hätte, wäre bei näherer Prüfung bald eines Andern belehrt worden. Gesitteter ging es in seinen Prachtsälen freilich zu als in der Spelunke der alten Müllerin, aber durchaus nicht fröhlicher. Der Freiherr hatte in seiner Jugend allzu flott gelebt, und die Folge war, daß er schon als Mann an allen Greisenübeln krankte. Irgend eine Schraube in seinem Kopfe war stets verdreht, und da sein Nervensystem völlig zerrüttet war, so hatte er selbst das Gefühl, daß er einem Hause gleiche, dessen Fundament erschüttert ist und dem alle Reparaturen darum nicht aufzuhelfen vermögen. Dazu war sein Unglück, daß er volle Zeit hatte, jede Verstimmung seines Körpers zu beachten und sich mit tausend Grillen zu quälen, wodurch er sich und Anderen zur Last ward. Er hatte immer etwas, was ihn stachelte und reizte und womit er sich und den Seinen die müssigen Tage verdarb. Seine einzige Erholung war, von Zeit zu Zeit nach der Stadt in den Club zu fahren, wo hoch gespielt ward. Aber er schien sich dort weder Erfrischung noch gute Laune zu holen. Im Gegentheil, er war dann immer mehrere Tage abgespannt und gereizt, und man that wohl daran, ihm aus dem Wege zu gehen. Unter diesen Umständen war sein Familienleben nicht das glücklichste. Der Baron und die Baronin hatten sich gegenseitig das Unrecht vorzuwerfen, daß sie einander geheirathet hatten, ohne sich zu lieben, und sie waren beide schlechter geworden in dieser Ehe, die ihnen nur Langeweile und ein einziges kränkliches Söhnchen bescheert hatte. Wurde der Kleine krank, was fast in jeder Woche einmal der Fall war, so ging der Baron mit wüthendem Gesichte durch die Zimmer und drehte die Enden seines Schnurrbarts zu gefährlichen Spitzen, und wehe Dem, der ihm dann in die Quere kam. Nach seiner Ueberzeugung war nur die völlig verkehrte Behandlung der Grund von Nikolaus' ewigem Kränkeln. Die Baronin aber schloß sich in solchem Falle mit dem kleinen Patienten ein, stets bereit, für jedes Zucken der fiebernden Händchen den lauten Schritt ihres Gemahls und sein ungestümes Schließen der Thüren verantwortlich zu machen, und fest überzeugt, er habe ihr das Kind erkältet, als er es vor Tagen in der Nähe des Fensters auf den Arm nahm. Statt zu einem Bande war so das zarte Kind zu einem Zankapfel zwischen Vater und Mutter geworden, da beide stets verschiedener Meinung waren, was für dasselbe zu geschehen habe. Natürlich setzte zuletzt doch die Mutter ihren Willen durch; da der Freiherr sich aber auf eine mürrische und unliebenswürdige Art unterwarf, bestärkte er sie nur in ihrer Ueberzeugung, eine unglückliche, unterdrückte, unverstandene Frau zu sein. Kränklich und schwächlich, wie sie war, machte ihr die Führung ihres Hauswesens keine Freude, und da ihrem grilligen Gemahle doch nichts recht zu machen war, ließ sie schließlich Alles gehen wie es ging. Am liebsten brachte sie ihre Tage damit zu, Briefe voll schmerzlicher Ergüsse an ihre Freundinnen zu schreiben, oder Stickereien und Strickereien zu Geburtstags- und Weihnachtsgeschenken herzustellen. Natürlich war das kein Mittel, ihrem Ehemanne ihren Umgang erfreulicher zu machen, und beide gingen neben einander her, ohne sich viel um einander zu kümmern, bis ein neuer Zank sie wieder gegen einander warf. Unterstützt wurde die Baronin in ihrem Kampfe gegen den eigenen Mann durch ihre Schwester. Tante Klara, wie diese sich seit der Geburt ihres Neffen am liebsten nennen ließ, war ein verbittertes altes Fräulein. Auch sie war krank, und ihre leidenden Augen quollen ihr so weit aus dem Kopfe hervor, daß man auf die Vermuthung kam, sie trage dieselben wie eine Schnecke auf Hörnern und werde sie im nächsten Augenblicke noch weiter hervorstrecken. Die von Seufzern lebende Dame hatte stets eine Klage gegen ihren Schwager auf den Lippen und einen Band Channing in der Tasche, für welchen Lieblingsschriftsteller sie eine unermüdliche, glaubenseifrige Propaganda machte. Für den Baron war die bleiche, magere Tante Klara, die ihn um eines Kopfes Länge überragte, einer der schlimmsten Nägel an seinem Ehekreuze, da sie jede Verkehrtheit seiner Gemahlin unterstützte. »Nicht wahr, Herr Pastor«, hatte einst der Baron den Prediger gefragt, »der liebe Gott schuf im Anfang Mann und Frau, aber keine Schwägerin.« Der Pfarrer lachte und meinte gutmüthig: »Da Eva sofort zwei Knaben gebar, wird doch wohl auch die Schwägerin von vorn herein in den Weltplan aufgenommen gewesen sein.« »Dann war sicher die Schlange im Paradiese die erste Schwägerin«, brummte der Baron ingrimmig. Tante Klara's geröthete Augen quollen zornig aus dem bleichen Gesichte hervor, aber sie arbeitete mit ihren großen Filetnadeln ruhig weiter, ohne ein Wort zu erwidern; durch solche taktlose Ausfälle ließ sie sich nicht »aus dem Hause ihrer Schwester«, wie sie mit Nachdruck zu sagen pflegte, vertreiben. Einen segensreichen, vermittelnden Einfluß übte bei diesen unerquicklichen Verhältnissen nur der alte Pfarrer, dem die Baronin, und in seiner Art auch der Baron, ein gewisses Vertrauen entgegenbrachte. Im Grunde beruhte das ganze Geheimniß seiner Einwirkung darauf, daß der alte Herr beide Theile ruhig sich aussprechen ließ, sie wohlwollend anhörte und schließlich der Meinung war, daß andere Leute auch ihr Päckchen zu tragen hätten und Geduld haben müßten mit den Grillen ihrer Ehehälften. Meist hatte er dann auch für den einzelnen Fall einen vernünftigen Rathschlag, dem beide Ehegatten sich lieber fügten, als daß Einer dem Andern nachgegeben hätte. Aus der Rede des geistlichen Herrn, daß Nik eine um so frohere Zukunft haben werde, je schwerer seine Kindheit sei, hatte die Baronin seiner Zeit großen Trost geschöpft. Sie hatte denselben auch nöthig, denn mit dem Befinden des Knaben wurde es vorerst nicht besser. Die Medizinen des Hausarztes hatten ihm für alle Zeiten den Magen verdorben, und die Süßigkeiten, welche die Kinderfrau und andere Dienstboten ihm zusteckten, weil sie den jungen Herrn an sich gewöhnen wollten, verdarben ihm auch noch die Zähne. Da der kleine Nikolaus aber gemäß seiner gesellschaftlichen Stellung den halben Sommer über Rundreisen bei der hohen Verwandtschaft machte, denn es verstand sich doch von selbst, daß seine Mama einige Wochen mit Adelinen, Josephinen, Lili, Mimi, einige mit Tina und einige mit Rudolfe zusammen sein mußte, so kam weder das junge Gehirn bei den langen Eisenbahnfahrten und der beflissenen Unterhaltung am fremden Orte, noch der Magen bei der stets wechselnden Kost jemals in Ordnung. Den Winter gehörte er dann wieder dem Medizinalrath. Das war nun eine der Gelegenheiten, bei denen der Prediger in höchst verständiger Weise eingriff, indem er der gnädigen Frau zuredete, es ein Mal einen einzigen Sommer in ihrem Schlosse auszuhalten, um zu versuchen, ob ihr Nik nicht besser gedeihe, wenn er nicht fortwährend hin und her geschleppt werde. Da der Pastor ihr die Hölle dieses Mal heiß machte, wagte sie nicht ungehorsam zu sein. »Ich muß wohl hier sitzen, wenn ich mir nicht von meinem Manne bis zu meinem Todbette will vorwerfen lassen, daß ich Nik's Gesundheit durch Reisen ruinirt habe«, sagte sie zu ihrer Schwester. Mit dem Bewußtsein einer Märtyrerin ergab sie sich darein, eine Weile so zu leben, wie es den Bedürfnissen ihres Kindes entsprach, und da der Pfarrer es verlangte, fand sie sich auch darein, den Knaben den Tag über in dem Garten und dem schattigen Parke zu lassen. Die guten Folgen für Nik's Gesundheit blieben nicht aus. Die wachsbleichen Züge des Kleinen belebten sich, der schlaffe, ermüdete Ausdruck wich, ein Schimmer von Jugendfreude legte sich über das feine liebliche Gesichtchen des Kindes, und durch den matten Milchglanz der zarten Haut sah man die blauen Adern an der Schläfe schimmern. Aber Nik's Verhängniß, ein vornehmes Söhnchen zu sein, gab ihn auch jetzt nicht frei. In Gestalt der alten Kinderfrau, die schon die Baronin erzogen, das heißt zu der launenhaften, verzärtelten, kränklichen und phantastischen Dame gemacht hatte, die sie war, blieb es dem kleinen Nikolaus getreulich zur Seite. In ihrer saubern weißen Haube und den altmodischen dunkeln Kleidern sah die alte Barbara äußerst würdig aus mit ihrem faltigen Gesichte und dem gefältelten weißen Kragen. Aber dazu, ein Kind fröhlich zu erziehen, war sie zu alt und ernsthaft. Den Kleinen zu den lustigen Gärtnerskindern an den Sandhaufen zu setzen, wäre gegen ihre Ehre gewesen, auch hätte die Baronin es nicht geduldet. Sie selbst aber wußte das Kind nicht zu beschäftigen, das freilich auch launischer war als gesunde Kinder zu sein pflegen. Wenn man mit ihm spielte, ermüdete es rasch, und allein wußte es nichts mit sich anzufangen. So verlegte sich die Kinderfrau auf's Erzählen. Den Geschichten, in denen der Wolf kommt, folgten die Märchen von Feen und Prinzen, dann kamen Braut und Bräutigam, Räuber und allerlei Dornröschen an die Reihe. Mit großen Augen und dem frühreifen Verständniß eines kränklichen Kindes folgte der Kleine den Erzählungen der alten Barbara. Der junge Kopf wurde vollgepfropft mit Märchengestalten und Liebesgeschichten, und so wurde auf eine neue Methode sein krankes Gehirn nochmals krankhaft überreizt. Oft fuhr er in der Nacht mit einem Schrei aus seinem Schlafe auf, weil der Wolf ihn am Kragen halte oder weil Sindbads Schiff an einer Klippe zerschellte, oder das Ei des Vogel Rock entzwei gegangen war und ihn ganz mit seinem gelben Dotter überschüttete. Als er älter wurde, widmete er die Liebesgefühle, von denen er gehört, bald dem Fräulein seiner Mama, bald den dienenden Geistern der Küche. Er bildete sich zu einem kleinen Don Quixote aus, und der weite Garten und Wald bot ihm reichlich Gelegenheit zu praktischer Betätigung seines überreizten Phantasielebens. Hier hatte er seine Wolfshöhlen und Tigerlöcher, vor denen er mit einem Speere Wache stand, seine Zauberburgen und Gefängnisse, aus denen er, tapfer mit seiner Gerte fechtend, eingekerkerte Prinzessinnen befreite und vor denen er, eine lange Stange unter dem Arme, mit den Mohrenkönigen der alten Bärbel tournirte, während sie bewundernd zuschaute und ihn in seinem überspannten, altklugen Wesen bestärkte. Sie zeigte ihm die dichten Hecken, hinter denen Dornröschen schlief, die Höhlen, wo der feuerspeiende Drache hauste, die Eismauern, hinter denen die Nordlandskönigin thronte, und das Häuschen der bösen Hexe. Auch war die weite Anlage, die die glänzenden Schieferdächer des modernen Schlosses umgab, ganz dazu angethan, dem kleinen Don Quixote einen weiten Spielraum für sein phantastisches Treiben zu eröffnen. Vor dem Schlosse, längs der Landstraße, breitete sich der Blumengarten und Obstgarten aus. Der Kleine mied den ersteren, weil er unter den Augen der Eltern lag, die ihn von ihren Fenstern oder von der säulengetragenen Vorhalle aus stets vor etwas zu warnen hatten. Er sollte nicht in das Bassin fallen, er sollte sich vom Springbrunnen fern halten, er sollte nicht zu lange in der Sonne bleiben, er sollte nicht in die Beete treten, er sollte sich die Füße nicht im Rasen naß machen. All diese Fürsorge bewirkte, daß der Knabe mit der Zeit Papa und Mama nur noch als eine große Belästigung empfand. »Komm, sie gucken«, pflegte er zu seiner Bärbel zu sagen, und unter dem Vorwande, nach den jungen Hühnern zu sehen, zog er sich sachte nach dem Obstgarten. Dort stand er dann und drückte sein bleiches, feines Kindergesicht an das Drahtgeflecht des Hühnerhauses, um dem Treiben der bunten Thiere zuzusehen. Es ging da geschäftig genug zu und ganz wie in der großen Welt. Die schwarzen, braunen und gesprenkelten Hennen redeten vom Wetter wie die Menschen, und der Hahn verkündete, daß es bald anders werde. Die weißen Cochinchinahühner mit den orangefarbenen Strümpfen hielten sich vornehm bei Seite und hackten auf die gemeinen Thiere, die ihnen zu nahe kamen. Diese aber vermeldeten, daß die Fremden nicht einmal weiße, sondern schmutzige gelbe Eier legten, und erhoben ein großes Gegacker darüber. Die Glucken, die gebrütet hatten, durften außerhalb des Hühnerhauses ihre Küchlein im Obstgarten umherführen. Unermüdlich scharrten sie für ihre Kleinen oder ließen sie von dem aufgeweichten Brote im Napfe fressen. Dann aber mußten die Küchlein ruhig unter die Fittiche der Alten schlüpfen, bis sie verdaut hatten, und war dieses Geschäft besorgt, so führte die Glucke sie wieder würdig spazieren. Liefen die Jungen, die noch keine Lebensart hatten, in die Blumenbeete und der Gärtner scheuchte sie zurück, so entflohen die Hühnchen eilig, nur die jungen Hähne waren obstinat und warteten bis Vater Glimm nach einer Erdscholle griff und sie durch Werfen verjagte. Auch untereinander rauften sich die jungen Hähne, und der alte Hahn hackte nach ihnen, kurz es ging ganz zu wie unter den Menschen, und die alte Barbara wußte ihrem Zöglinge dieses Abbild des Lebens weise zu deuten. War Nik dieses Schauspiels müde, so ging er nach dem Zwinger, wie man den schmalen Hof zwischen der Rückseite des Schlosses und den gewaltigen Stützmauern des Gartens nannte, über den eine kühne Brücke gespannt war, die Schloß und Garten verband. Unter der Brücke wölbte sich eine tönende Nische, in der der Abfluß der verschiedenen Gartenbrunnen und Bassins rauschend in einen gewaltigen Brunnensarg fiel. Hier ließ Nik kleine Schiffchen schwimmen und führte sein Pferd in die Schwemme. Hinter der Mauer hatte er alle Gefangenen seiner Märchen eingekerkert und spähte durch die Mauerlücken, um Bärbel zu erzählen, wie sie sich befänden. Ertönte dann von oben der unvermeidliche Zuruf: »Nik, erkälte Dich nicht«, so machte er sich weiter und entwischte dem ängstlichen Auge der Mutter über die leichte englische Treppe, die zum Garten hinaufführte. Die kunstvolle Anlage mit seltenen Nadelhölzern und fremden Blüthenbäumen, die der Rückseite des Schlosses zunächst lag, durchflog unser Held in Eile. Denn sobald die Mama ihn im Vorgarten nicht mehr erblickte, setzte sie sich zum Brunnen hinter der Brücke oder in die benachbarte Laube, um wenigstens Nik's Stimme vernehmen zu können, wie er in den Waldwegen des Parks herauf und herabgaloppirte und den Mohren dutzendweise die Köpfe abhieb. Die weiten Rasenflächen, zahllose verborgene Plätzchen, Pavillons, Urnen und Altäre reizten hier seinen Trieb zum Geheimnißvollen. Wenn ein Zweig sich bewegte, sah der dunkle Stamm dahinter aus wie ein Mann, der ihm drohte; oder über eine Bank lief der Schatten eines Astes so finster, als ob eine dunkle Gestalt auf derselben sitze. Seine überreizte junge Phantasie schuf sich tausend spukhafte Erscheinungen, und wie aus einem Zauberwalde trat er mit erleichtertem Herzen an der Ecke des Parks in's Freie heraus. Dort sah er über den Gemüsegarten und die Rebengelände nach der Wiese bei dem saubern Gärtnerhäuschen, wo die Zwillinge ihrer Mutter zur Hand gingen, wenn sie die Wäsche aufhing. Oft warf er sehnsüchtige Blicke zu den Kindern hinüber, mit denen er so gern gespielt hätte, wäre es nicht unschicklich gewesen, wie die alte Barbara sagte. Wohl hatte er einmal die Frage gewagt, warum es unschicklich sei, aber die Mama hatte erwidert, er würde unpassende Worte von ihnen lernen und Unarten, und damit hatte er sich zufrieden geben müssen. Uebrigens kam er auch nur selten hierher, denn es war stets feucht hier und zugig. Eine Gruppe von Tannen, zwischen denen weiße Birkenstämme geisterhaft hervorschimmerten, bezeichnete weithin dieses Ende des Schloßparks. Der saftige Rasen rings umher bewies, daß unter den Farnen und dem Moose, das um die alten Stämme wucherte, in der Tiefe Wasser sickere. In der That war hier einmal eine Cisterne gewesen, der Brunnen des längst abgetragenen alten Schlosses. Das zerfallene, von Brombeerhecken überwucherte Gemäuer war verrufen. Man erzählte, daß vor Zeiten eine Müllerstochter, die ein Junker von Altenbrück betrogen, sich an seinem Hochzeitstage hier ertränkt habe. Zuweilen erscheine sie, was stets dem Hause der Altenbrück Unheil bedeutete, und ihr schrieb man zu, daß der Mannsstamm der Familie auf so schwachen Füßen stand und jetzt zu erlöschen drohte. Die Cisterne war längst in sich zusammengebrochen; der Gärtner hatte sie mit Erde aufgefüllt und einfache Vorrichtungen hergestellt, um das spärliche Wasser der alten Rinne aufzufangen, aber seit der Baron für reichliche neue Leitungen gesorgt, hatte man die alte Leitung morsch und leck werden lassen. Als sich Nik einst in das Dickicht wagte, fand er eine in die Erde eingegrabene Tonne, über der eine abgebrochene Thonröhre hervorstand, und seine nassen Füßchen belehrten ihn, daß noch immer eine verlorene Quelle sich den Weg hierher suche. Gegen Abend ertönte hier trauriger Unkenruf und zuweilen erhob sich ein weißer Nebel über dem nassen Grunde, den der Luftzug bald nach dem obern Weinberge, bald nach der Treppe abwärts jagte, die nach dem Gemüsefelde zum Garten herabführte, bald auch webte er ruhig zwischen den dunkeln Tannen und bildete da seltsame Gestalten. Die Leute im Schlosse nannten den duftigen Streif die Müllerstochter oder die Brunnenfrau. Ungern gingen sie in der Nacht den Pfad am Waldessaume und hießen ihn den Geisterweg. Sie wollten dort schon Lichter gesehen und Stimmen gehört haben, und es bedeutete nie etwas Gutes, wenn der weiße Saum der Brunnenfrau bis zur Treppe sich hinzog. Der kleine Nik fühlte sofort hindurch, daß es sich mit dieser Erzählung seiner Bärbel anders verhalte, als mit der Drachenhöhle und dem Tigerloche, das die Alte ihm gezeigt hatte, und der Schauder, den die Erzählerin selbst empfand, theilte sich auch dem Kinde mit, das doch gern einmal von Weitem die Brunnenfrau gesehen hätte und traurig war, daß es immer den Garten verlassen mußte, ehe der Nebel aufstieg. Die Früchte dieser Ueberwucherung des Phantasielebens traten zu Tage, als mit dem sechsten Lebensjahre Nik's Unterricht beginnen sollte. Er war jetzt reizend, der kleine Nik, mit seinen großen hellblauen Augen und der verständnißvollen altklugen Miene; er war sanft und gutmüthig und von gutem Willen, aber es schien fast unmöglich, in den mit Märchen vollgepfropften Kopf etwas hineinzubringen. Zwar mit dem Lesen ging es noch, und nachdem er einmal die ersten Schwierigkeiten überwunden hatte, warf er sich mit einem wahrhaft krankhaften Heißhunger über die Märchenbücher und Kindergeschichten her, die ihm den Mangel aller Gespielen ersetzen mußten. Sein Hang zum Träumen wurde dadurch nur gefördert, und war ein Buch zu Ende gelesen, so konnte er noch stundenlang in den Sophakissen kauern und in's Blaue starrend seinen phantastischen Bildern nachhängen. Die ungesunden Träumereien entnervten ihn aber auf's neue. Jeden Winter gerieth er wieder in die Hände des Hausarztes, und da er zwischen Arzneikolben aufwuchs, konnte von einer Gewöhnung an geordnete Arbeit nicht die Rede sein. Seine schwache, zitternde Hand führte die Feder schlecht und er malte entsetzliche »oh« und »eh« in die Hefte. Die Geheimnisse des Addirens und Subtrahirens ihm einzuprägen, mußten Mutter und Tante Klara endlich aufgeben. So entschied man sich denn für einen Hauslehrer. Während die Zwillinge mit ihrer Schiefertafel lustig zur Schule trollten und sich ihnen dort täglich neue Quellen der Lebensfreude und der fröhlichen Entfaltung ihrer Kräfte aufthaten, lernte das Schloß eine Perlenschnur von Kandidaten kennen, die Nik's Unterricht übernommen hatten, weil sie Zeit gewinnen wollten, sich zu ihrem eigenen Examen vorzubereiten, mit dem es haperte, oder weil sie eine unüberwindliche Scheu hegten, in den Beruf einzutreten, den sie sich doch selbst gewählt hatten. Der erste war ein bleichsüchtiger, semmelfarbener junger Mann mit unreiner Haut, der täglich versicherte, daß das Examen ihm auf die Nägel brenne. Vermuthlich war es darum, daß er zum Entsetzen der Baronin fortwährend an seinen Fingern nagte. Mit Tante Klara hatte er es gleich am ersten Tage verdorben, da er ihren Channing zurückwies, indem er keine Zeit für unnütze Lesereien habe. Seitdem hatte sie ein scharfes Auge auf ihn und fand bald, daß er sich täglich verschlechtere. Nachdem er einige Wochen mit Nik gerechnet und ihm die Anfangsgründe des Lateinischen eingetrichtert hatte, ließ er »zur Uebung in der Selbstständigkeit«, wie er sagte, seinen Schüler für sich allein lernen, während er selbst seine Examenvorbereitung betrieb. Nun verlangte Tante Klara ungestüm seine Entlassung. Aber der Baron wollte von einem Wechsel nichts hören. »Einen fehlerlosen Gaul, meine Gnä'ge«, schnarrte er in seiner Weise, »habe ich immer nur in fremdem Stalle gesehen. Sobald ich ihn im Hause hatte, war er ein Durchgänger, ein Krippenbeißer oder sonst ein Racker. Bei dem Wechseln kommt also gar nichts heraus.« Aber Tante Klara war so leicht nicht zur Ruhe zu bringen, und der Herr Kandidat ließ wirklich nach. Als die Sommerhitze drückender wurde, traten an Stelle der Examenbücher Romane, in die der Zögling mit der Zeit auch einsah, und als der Freiherr in einer Stunde, wo ihn seine üble Laune durch das Haus trieb, Lehrer und Schüler darüber betraf, wie sie zusammen einen Band aus der Leihbibliothek verschlangen, gab er selbst dem jungen Manne in gröblicher Weise den Laufpaß. An seine Stelle trat ein rothbackiger, aufgeregter junger Doktor, der stundenlang auf den armen Nik einredete, so daß dieser fortwährend sein Gesicht mit seinem kleinen Taschentuche abwischen mußte. Er hatte für Channing mehr Interesse, aber bei der Mittagstafel brachte er durch seine Beredtsamkeit den Baron zur Verzweiflung, denn der junge Mann bereitete sich für die Tischunterhaltung eifrig aus Channing und andern Büchern vor, und wußte sich durch sein lautes Wesen bald so unleidlich zu machen, daß der Baron ihm kündigte, obwohl beide Damen fanden, daß das etwas taktlose Wesen des Doktors doch kein Grund sei, ihn auf die Straße zu werfen. An seine Stelle trat ein alter Student mit zerhauenem Gesichte. Er dressirte die Hunde des Barons mit größerem Erfolge als sein Söhnchen. Zuweilen war er angetrunken, und als das Fräulein, das den Weinkeller unter sich hatte, dahinter kam, daß die Quelle seiner Begeisterung in ihrem Weinschranke sprudele, jagte der Baron ihn fort. Ein ernst aussehender älterer Lehrer, der schon viel unterrichtet hatte, trat an seine Stelle. Er war von dunkler, galliger Gesichtsfarbe, die schwarzen Augenbrauen waren über der Stirn zusammengewachsen, was seinem Gesichte etwas Finsteres gab. Er schrie auf den Kleinen beim Unterricht ein, daß diesem Hören und Sehen verging, und Nik noch dümmer wurde als die Lectüre der Romane und Märchenbücher ihn schon gemacht hatte. Der Junge erschien oft bleich und aufgeregt bei Tisch und konnte kaum etwas essen. Gleich einem fremden Waisenknaben schlich er sich verschüchtert nach seinem Stuhle, aber es war nicht aus ihm herauszubringen, was ihm sei. Da war die Baronin eines Abends anwesend, als Nik gebadet und abgetrocknet wurde, und gewahrte auf seinem Rücken ältere und neuere Striemen, die in allen Farben glänzten. Nur schwer war der Knabe zu dem Geständniß zu bringen, daß der neue Informator ihn mit dem Stocke zu züchtigen pflege. Der energische Pädagoge hatte nämlich dem Kinde gedroht, er wolle ihm alle Rippen im Leibe entzwei schlagen, falls er sich bei den Eltern beschwere. Entrüstet stürmte die Baronin zu ihrem Gemahle, der die Narben seines Rekruten sofort in Augenschein nehmen mußte. So wurde denn auch der vierte Pädagoge entlassen und ein neuer gesucht. Derselbe fand sich im Lande Württemberg. Es war ein junger Tübinger Theologe, der zur Wohlbeleibtheit neigte. Der kleine Gottesmann hatte eine niedere Stirne und große starre Augen. Nik lebte unter seiner Pflege wieder auf, da der schwäbische Kandidat große Spaziergänge mit ihm machte. Die Stunden verliefen still und friedlich. Aber der schwäbische Pädagoge war ein Philosoph und gedachte die Welt mit einem neuen Systeme zu beschenken, und während er über den Abfall der Natur vom Absoluten brütete, und dabei Augen machte wie ein todter Hase, malte sein Zögling in alle seine Hefte Männchen und Weibchen, das Ei des Vogel Rock und Aladins Zauberlampe. Bei einer Prüfung zeigte sich, daß Nik das Wenige, was ihm der Vorgänger eingeprügelt hatte, wieder vergessen habe, und der Baron stellte nun ernstliche Betrachtungen darüber an, ob er das halbe Dutzend von Hauslehrern vollzählig machen oder seinen einzigen Sohn bei einem Professor unterbringen wolle. In solchen Betrachtungen aus dem Fenster schauend, sah er die Gärtnerskinder aus der Schule zurückkehren. Sie sahen so fröhlich aus, wie Nik noch niemals von seinem einsamen Unterrichte zu Tisch gekommen war. Fritz trug den Ranzen an einem Riemen, während er mit dem andern sich selbst das Gesicht bearbeitete. Elfriede schlenkerte ihren Schulsack, als ob es in der Welt nichts Lustigeres gebe, als in die Schule zu gehn. Da fragte sich der vornehme Mann, warum er eigentlich sein Fleisch und Blut dieses Glückes beraube. »Man bringt einen Knaben um den besten Theil seiner Jugend, wenn man ihn nach pennsylvanischem System erzieht«, sagte er bei sich selbst. Die Folge dieser Betrachtung war, daß der Baron seiner Gattin mittheilte, er wolle Nik in das Gymnasium thun. Da aber kam er schön an. Die Baronin verfiel in Weinkrämpfe, sie weissagte, daß sich Nik bei dem Gang in die Stadt die Rippenfellentzündung holen, an Gelenkrheumatismus sterben und außerdem ihnen alle ansteckenden Krankheiten in's Haus schleppen werde. Sie citirte den Medizinalrath, der dem Baron mit einem sehr bedenklichen Schütteln des Hauptes und wichtig emporgezogenen Brauen »positiv« erklärte, daß Nik's Constitution viel zu anämisch und zu rhachitisch disponirt sei, um den Temperaturunterschied der Straße und der überheizten Schulstube ertragen zu können. Die wässerigen Augen der Baronin erglänzten vor Triumph bei dieser »positiven« Erklärung des Hausarztes, der Baron aber stellte sich an's Fenster und trommelte unmuthig an den Scheiben. Er sagte vor der Hand weder ja noch nein, aber welcher Ehemann hätte auf die Dauer dem nervösen Zureden einer zarten blonden Gattin widerstanden, die zu Weinkrämpfen neigt. Er kannte den Quälgeist, der in solchen rastlosen, krankhaften Naturen liegt, und wußte aus der reichen Erfahrung seines langen ehelichen Lebens, daß diese Säge arbeiten würde bei Tag und bei Nacht, bis sein Widerstand würde gebrochen sein. Darum versuchte er einen solchen lieber gar nicht mehr. Nik blieb im Hause, und der schwäbische Kandidat, an dem der Freiherr nun all' seinen unterdrückten Ingrimm ausließ, nahm sich seines Unterrichts etwas mehr an, da er stets eines Ueberfalls des Barons, oder, was er noch mehr fürchtete, der Tante Klara gewärtig war. Der Freiherr aber hatte den Gedanken, Nik aus seiner Zellenhaft zu befreien, keineswegs aufgegeben, und unterhielt sich viel mit dem Pfarrer über eine vernünftige Pädagogik. Die zarte Baronin neigte sich dann abwechselnd bleich und roth über ihre Stickerei, und die bösen Augen der Tante Klara quollen auf wie die einer geärgerten Schnecke. Sechstes Kapitel Die Niederlage, die der Baron in der Fehde über den Schulbesuch Nik's erlitten, hatte für ihn doch einen Vortheil im Gefolge. Sie verschaffte ihm in dem zweimal siebenjährigen Kriege, den er gegen seine Frau und ihre Schwester führte, einen Bundesgenossen. Der alte Pfarrherr, nachgerade ein würdiger Greis, dessen Haare silbern unter dem schwarzen Käppchen hervorquollen, ward bei dieser Gelegenheit erst gewahr, daß der so grimmig dareinschauende Baron, den seine Gattin überall als tyrannischen Ehevogt verschrie, im Grunde nur ein armer Ehekrüppel sei, und der alte Herr beschloß, dem Bedrängten zu Hülfe zu kommen. Die Gelegenheit dazu fand sich bald, da Nik demnächst confirmirt werden sollte. Als der Pastor, kurz bevor der Confirmandenunterricht begann, auf dem Schlosse seinen Besuch machte, empfingen ihn die Baronin und ihre Schwester zuvorkommender als sonst, und Tante Klara holte eigenhändig für ihn einen Stuhl herbei. Der Pfarrer lächelte, denn er sah sofort, daß die Damen etwas im Schilde führten. Die Baronin begann denn auch alsbald mit ihrem alten Liede über Nik's zarte Gesundheit und rückte dann mit ihrem Anliegen heraus, für ihr Söhnchen eine Privatconfirmation auf dem Schlosse zu verlangen, da Nik unmöglich in den winterlichen Abendstunden zu dem allgemeinen Unterrichte in das Pfarrhaus kommen könne. Der Prediger wiegte nachdenklich sein graues Haupt, dann nahm er seine silberne Brille ab, und indem er der Baronin mit seinen milden grauen Augen freundlich in ihr bleiches Gesicht mit den beschränkten obstinaten Zügen schaute, sagte er ruhig, es thue ihm leid, diese Bitte nicht erfüllen zu dürfen. In die Gemeinde solle der junge Herr durch den Akt der Confirmation aufgenommen werden, mit der Gemeinde müsse er sich unterweisen lassen, und gemeinsam mit deren Kindern sein Taufgelübde erneuern. Der Baron, der etwas abseits am Fenster saß, spielte bei dieser Scene den völlig Neutralen. Er strich sich ironisch lächelnd den Schnurrbart, indem er die beiden bleich und bleicher werdenden Damen spöttisch von der Seite durch sein Augenglas betrachtete. Dieses Mal half der gnädigen Frau alle Berufung auf Nik's papierene Gesundheit nichts. Der alte Pfarrer war entschlossen, den sanften Teufel, der die kleine Frau plagte, energisch auszutreiben. Sie hatte nur die Wahl, zu gehorchen oder ihren Nik auswärts confirmiren zu lassen, was ihr noch schrecklicher gewesen wäre. Zum Troste sagte ihr der Pfarrherr nur, daß auch ihr Nachbar von Frankenstein seinen Knaben zu gleichem Zwecke in das Pfarrhaus schicke. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, aber zum ersten Male mußte sie sich fügen. Der Baron wurde förmlich gesund vor heimlicher Schadenfreude, und Nik trollte vergnügt in seinen Unterricht. Im Anfang begleitete die sorgliche Mutter ihn selbst, und wenn er zurückkam, mußte er sofort alle Kleider wechseln, da der Schulgeruch, den er aus dem Pfarrhause mitbrachte, der gnädigen Frau ganz entsetzlich war. Bald aber ward sie des Wegs nach dem Dorfe müde und ließ den Knaben allein ziehen. Nik selbst bekam der Gang durch die klare Winterluft vortrefflich, und das Zusammensein mit gleichalterigen Bauernkindern erweckte in ihm die Empfindung, wie sehr er gegen seine Altersgenossen zurückgeblieben sei. Diese Knaben und Mädchen erschienen ihm wie Riesen, und ihr resolutes, fertiges Auftreten imponirte ihm nicht wenig. Obgleich die Meisten ziemlich rücksichtsvoll mit ihm umgingen und seine kindischen Erzählungen scheinbar bewundernd anhörten, sah er doch bald, daß sie sich oft untereinander spöttische Blicke zuwarfen, und nach kurzer Zeit war er sich selbst überlassen, da die Andern nichts mit ihm anzufangen wußten. Auch kleine Reibereien blieben nicht aus. Ein rothhaariger Knabe aus der Rettungsanstalt, den es reizte, daß Nik, wie er sagte, den Vornehmen spiele, fing eines Tages an, wenn der Prediger es nicht bemerkte, ihn in die Seite zu stoßen, so daß Nik's schwache Rippen sich bogen. Beim Hinausgehen trat er ihn auf die Füße und suchte ihn umzurennen. Der unerfahrene Nik that das Verkehrteste, was er in dieser Lage thun konnte. Um seinem Peiniger zu entrinnen, lief er allen anderen Kindern voraus, so daß der Verfolger am Ausgange des Dorfes ihn ganz allein erwischte, wo alle Hülfe fern war. Mit überlegener Gewalt drängte der stämmige Proletarier den schwachen Junker gegen die geweißte Wand eines Hauses und sagte: »Baron, sage gleich: alle Freiherrn haben Plattfüße.« Dabei erhob er die Hand und ließ keinen Zweifel darüber, welches die Folge sein werde, wenn Nik diesen Naturmangel seiner Standesgenossen bestreite. Der kleine Mann war zum Märtyrer nicht veranlagt. Mit bleichen Lippen sprach er die beleidigenden Worte nach und meinte nun seines Peinigers ledig zu sein. Der aber lachte boshaft und sprach: »So ist's recht. Und nun sage: alle Freiherrn haben Säbelbeine.« Nik preßte die Lippen aufeinander und um seine Kinnladen zuckte es, als ob er das Weinen verbeiße. »Eins, zwei«, zählte der grobe Demokrat, indem er auf's neue die Hand zum Schlage erhob. »Drei«, rief da plötzlich eine Stimme hinter ihnen, und eine starke Hand schleuderte den frechen Angreifer mitten in die Straße, so daß er Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. Fritz Glimm hatte den gemeinen Angriff gegen den Schwächeren gesehen und war in großen Sätzen hinter beiden hergeeilt, um Nik beizustehen, nicht weil der Verfolgte der Sohn des Barons, sondern weil er der Schwächere war. Der Angreifer gab sich aber mit dem verfehlten Ausgange seines Anschlags nicht zufrieden. Er sprang nach dem nächsten Steinhaufen, um aus der Ferne seine Geschicklichkeit im Werfen zu erproben. Inzwischen war die schlanke Elfriede ihrem Bruder nachgekommen, und als sie den kleinen Nik zitternd und bleich an der Wand lehnen sah, während der Rothhaarige einen Stein nach dem anderen gegen ihn schleuderte, stellte sie sich vor ihn. »Sei nur ruhig«, rief sie, »mich wirft er nicht.« Diese Rechnung auf die Galanterie des rothen Dorfteufels war aber ein Irrthum des guten Mädchens. Im gleichen Augenblicke flog ein Stein gegen ihre Stirne, so daß das Blut niederfloß, und jetzt erst hörte der Unhold, nachdem er gesehen, was er angerichtet, zu werfen auf. Fritz wollte ihn verfolgen, ließ aber bald davon ab, weil er für seine verwundete Schwester besorgt war. »Es ist nichts«, sagte Elfriede. »Ein Loch im Kopf, es sind schon mehr da«, und sie preßte ihr Taschentuch gegen die Stirne, nahm mit der andern Hand Nik am Arme und zog ihn weiter, da alle Kinder in Haufen gesprungen kamen, um zu sehen, was es gebe. Es half nichts, daß Fritz abwehrte. Wie die Ameisen wimmelte die kleine Schaar hinter dem unwillig erröthenden Mädchen her, während einige der Stärksten den Rothkopf zur Rede stellten. »Was hat Dir Altenbrück gethan, daß Du ihn werfen wolltest?« schrieen sie auf den häßlichen rothen Jungen hinein, der trotzig dastand und, die Hand in der Tasche, mit den aufgelesenen Steinen spielte. Der Name Altenbrück schien ihn aber zu erschrecken. Er erbleichte unter seinen Sommersprossen und sagte betroffen: »Ich meinte, er heiße Frankenstein.« »Altenbrück heißt er«, erwiderte der Sprecher der Knaben, »und der Baron wird Dir's heimzahlen, daß Du sein Söhnlein knufftest. Sieh, wie er blaß wird«, setzte er dann verächtlich hinzu. In der That schien der Rothe völlig umgewandelt. Er that einige Schritte, als ob er den Kindern aus dem Schlosse folgen wolle, um Frieden zu machen. Aber sie waren schon weit voraus. So zuckte er die Schultern und kehrte mit hängendem Kopfe zum Dorfe zurück. Indessen hatte Elfriede den kleinen Pfad erreicht, der zu dem Gärtnerhäuschen führte. Dort nahm sie lachend von Nik Abschied, während ihm der Bruder noch bis zum Parkthore das Geleit gab, weil Nik noch immer fürchtete, von seinem Feinde eingeholt zu werden. Zu Hause erzählte dieser von seinem Abenteuer nichts, weil er fürchtete, die Gänge zum Pfarrhause könnten ihm sonst untersagt werden, wohl aber schloß er sich von da an auf seinem Heimwege jedesmal eng an die Zwillinge an. Nik's romantische Träumereien gewannen in Folge dieses ersten Eintretens in den uralten Kampf zwischen arm und reich einen lebendigen Inhalt. Er focht nicht mehr gegen die Mohrenkönige der alten Bärbel, sondern er hatte einen wirklichen Feind, den er in seiner Phantasie in dem imaginären Kerker hinter dem Zwinger unterbrachte, oder in die geheimnißvolle Brunnenstube einschloß. Einige Tage marterte er ihn dort auf jede Weise zu Tode, da die Erinnerung an die eigene feige Schwäche, die im Begriff gewesen war, nicht nur die Plattfüße, sondern auch die Säbelbeine eines hohen Adels zuzugeben, seinen Haß gegen den Rothen verschärfte. Doch schon nach wenigen Tagen wich dieser Haß einer milderen Stimmung, da ihm die Gärtnerskinder bei dem Gange nach dem Pfarrhause erzählten, der rothe Johannes aus dem »verlorenen Sohne« sei am frühen Morgen zu ihnen gekommen und habe Elfrieden um Verzeihung gebeten. Auch flehe er Nik an, ihn nicht anzugeben, denn der Baron sei es, der das Kostgeld für ihn in der Anstalt bestreite. Er würde entsetzlich bestraft werden, wenn die Sache zur Anzeige komme. »Was würdet Ihr thun?« fragte Nik, den es doch reizte, den Feind seine Macht gründlich empfinden zu lassen. »Er muß Dich um Verzeihung bitten«, sagte Fritz. »Pfui, nochmals«, sagte Elfriede, und ihr feines Gesichtchen erröthete vor Eifer. »Man muß vergeben können, ohne viele Feierlichkeiten. Sei froh, wenn er Dir keine solchen süßlichen Reden hält wie mir. Er thäte es doch nur aus Furcht. Die Sache ist abgethan, nicht wahr Nik?« Nik gab ihr beglückt die Hand und sagte »Ja, Elfriede.« Er wurde ganz roth, als er ihren Namen aussprach. Sie aber lachte und eilte den Knaben zwei Schritte voraus nach dem Pfarrhause. Als dort der rothe Müller Nik ehrerbietig grüßte, ihm während der Stunde das Bleistift aufhob, das ihm gefallen war, und ihm beim Schlusse, noch ehe der Pfarrer Amen gesagt, seinen Hut vom Nagel nahm und höflich darreichte, hatte Nik ihm auch innerlich vergeben. Am folgenden Nachmittage hörte die Baronin ihren einsam im Parke streifenden Sohn besonders laut und feierlich peroriren und deklamiren. Derselbe entließ bei Sonnenuntergang den gefesselten Feind aus seinem Kerker und ließ ihn bei den Hörnern eines einsam gelegenen Gartenaltars Urfehde schwören. Von dieser Stunde an war er auch im Pfarrhause gegen den Rothkopf sehr versöhnlich und dankte stets freundlich für die kleinen Dienste, die dieser zu leisten nicht müde ward. Dieselbe knabenhafte Phantasie aber, die den rothen, sommersprossigen Jungen aus dem Rettungshause zu einem höllischen Dämon gemacht hatte, und ihn unter eine durchaus bengalische Beleuchtung stellte, wob um die zarte Psychegestalt der blonden Elfriede eine Glorie, die die liebliche, blauäugige Gärtnerstochter zum Seraph mit Engelsfittichen umschuf. Sie war die Fee, die ihn, beschützte, das edle Fräulein, um das er kämpfte, die Dame, deren Farbe er bei allen Turnieren trug. Während die übrigen Confirmanden die Mädchen verachteten, weil sie weder werfen, noch sich prügeln konnten, Zöpfe trugen, an denen man sie rupfen konnte, und obendrein die niedrige Neigung hatten, ihre Beleidiger dem Pfarrer anzugeben, ging Nik's ganzes Sinnen und Trachten darauf, einige von den blonden Haaren seiner Dame zu rauben. Er entführte zu diesem Zwecke aus dem Arbeitskorbe seiner Mama deren beste kleine Scheere und brachte dadurch das Zimmermädchen in ungerechten Verdacht. Dennoch gebrauchte er das Werkzeug nicht, das er so unredlich sich angeeignet hatte, weil ihm bei jeder sich darbietenden Gelegenheit die Hand zu zittern begann. Auch Fritz war ihm im Wege, da der ernste Knabe Nik imponirte, so daß er in seiner Gegenwart mit seinen phantastischen Einfällen zurückhielt. Um so schwärmerischer besang er seine Geliebte, wenn er allein durch den winterlichen Garten streifte. Tausend Märchen gingen ihm durch den Kopf, in denen die Gärtnerstochter alle Abenteuer Dornröschens, der Adlerbraut und Schneewittchens zu bestehen hatte, »bis sie auf seinen güldnen Thron erhob der junge Königssohn.« Fritz dagegen war in den Träumen Nik's nur eine untergeordnete Rolle zugedacht. Er war der Knappe, der die Pflicht hatte, seinen Herrn rechtzeitig herauszuhauen, dann aber in den Stall geschickt ward, während der Ritter mit seiner Dame koste. »Knapp, sattle mir mein Dänenroß!« rief Nik ihm am Morgen zu, und es kam sogar vor, daß der Knappe – allerdings immer in seiner Abwesenheit – tüchtig ausgescholten ward. Innerlich und äußerlich gab es auch kaum verschiedenere Knaben, als den hochgewachsenen Gärtnerssohn mit seinen frischen Farben und klaren braunen Augen, die das Bild eines guten Gewissens und sauberen Innern waren, und den verkümmerten Nik mit seinem bleichen, greisenhaften Gesichtchen und den zerstreuten, unsteten Blicken, in denen sich sofort sein zerfahrenes Wesen offenbarte. Nach einer Jugend, die nur eine Abwechselung von Krankheit und Reconvalescenz gewesen, zwischen Frauen und Dienstboten aufgewachsen, mit ungesunder Lectüre vollgestopft und träumerisch durch Mangel an gleichalteriger Gesellschaft, war er frühreif und unreif, altklug und unklug. Wenn die beiden Gärtnerskinder ihn anhörten, so erstaunten sie bald über sein buntes Wissen, bald über seine kindische Albernheit. Im Ganzen aber herrschte bei Fritz die Geringschätzung, bei Elfrieden das Mitleid vor, obwohl auch sie mit Nik's Haltung in den Confirmationsstunden gar nicht zufrieden war. Denn der Unterricht des Pfarrers wurde von den Zwillingen mit strenger Andacht und Aufmerksamkeit aufgenommen, und beide waren innerlich sehr mit den tiefen Problemen des Lebens beschäftigt, die hier zum ersten Male, wenn auch nur im Bilde und Gleichniß, ihnen vorgelegt wurden. Woher stammst du, wozu lebst du, wohin gehst du? Das waren die geheimnisvollen Fragen, die der würdige Pfarrherr ihnen vorlegte und im Sinne der Kirche beantwortete, zu deren Gliedern er diese jungen Christen erziehen sollte. Elfrieden, die nach Mädchenweise religiös früher entwickelt war, als die Knaben, genügte manche Lösung nicht. Wenn sie den Rückweg vom Pfarrhause antraten, standen schon die Sterne an dem klaren Winterhimmel, und träumerisch schaute das holde Kind zu den leuchtenden Gestirnen empor. »Glänzen sie nicht da, wie die Vergißmeinnichte auf unserer Wiese«, sagte sie zu Fritz. »Wer weiß, ob nicht sie die wahren Kinder Gottes sind? Seht, wie sie dort an der Milchstraße sich drängen. Das ist der Weg, auf dem sie herauf und heruntersteigen. Vielleicht sind wir alle diese Straße gekommen und dürfen einst über sie heimkehren zum lieben Gott.« Fritz wollte von solchen Träumen nichts hören; er sagte in ziemlich rechthaberischem Tone, da man von diesen Geheimnissen nichts wissen könne, halte er sich einfach an das geoffenbarte Wort. Nik aber langweilten derlei Gespräche. Seine Phantasie wanderte andere Bahnen. Der Räuber Orbasan war ihm interessanter als Moses und die Propheten, und wenn es Elfrieden rührte, zu denselben Sternen emporzuschauen, zu denen Gott schon den Vater Abraham aufblicken hieß, meinte Nik, aus den Sternen mache er sich nichts, aber einen rechten Kometen mit feuriger Ruthe möchte er wohl einmal sehen, so wie er in seinem Bilderbuche abgemalt sei. Unter diesen Eindrücken war der Winter dahingegangen. Die Ulmen im Parke knospten, die Mandelbäume blühten und der Tag der Confirmation brach an. Wieder läuteten die Glocken und genau wie vor vierzehn Jahren an dem Tage, an welchem Schloß und Gärtnerhaus mit der Geburt heiß ersehnter Kinder beglückt worden waren, sang die Gemeinde auch heute das schöne Kirchenlied: »Eins ist Noth, oh Herr, dies Eine lehre meine Seele doch.« Die Kinder waren um den Altar des kleinen Kirchleins versammelt, dessen vom Epheu grün übersponnene Scheiben mit dem mystischen Glanze gemalter Domfenster wetteiferten. Unter den ernsten Klängen der Orgel traten die Kleinen zum Altar, die Knaben in schwarzen Röcken, die Mädchen weißgekleidet, gleichsam eine Prophezeiung auf ein Lebensstadium, das sie noch nicht erreicht hatten. Die Zwillinge waren tief ergriffen, während Nik auch heute mehr an Elfriedens blondes Haar und weißes Kleid dachte, als an die heilige Handlung. »Eure Eltern und Freunde«, so wendete sich der würdige Prediger an die jungen Christen, »tragen heute nur den einen Wunsch in ihren Herzen, daß Ihr möchtet glücklich werden. Wie aber, lieben Kinder, werdet Ihr glücklich? Die Welt hat auf diese Frage durch lange Zeiten geantwortet, glücklich werden wir, wenn wir für uns selbst sorgen, bis der Heiland kam und sprach: ›glücklich werdet ihr, indem ihr für Andere sorgt‹. Die Welt lehrt: ›Haltet zu euern Freunden, und eure Feinde tretet unter euere Füße‹. Der Heiland spricht: ›Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, thut wohl denen, die euch hassen‹. Die Welt spricht: ›Rache ist süß, der Heiland sagt: ›Es ist süß zu vergeben‹. Das ist die verkehrte Welt, die Jesus Christus gestiftet hat, und zu Bürgern dieser neuen Welt wollen wir euch heute weihen.« »Glücklich sein«, fuhr der Greis fort: »heißt lieben, Haß aber ist nur ein anderer Name für das tiefste geistige Elend. Darum lieben sie im Himmel, darum hassen sie in der Hölle, hassen Gott, hassen die Menschen, hassen sich selbst – und weinen und seufzen doch, daß sie nicht lieben können. Wollt ihr also glücklich sein, so dürft ihr keinen Menschen hassen, ihr müßt euch selbst vergessen und an die Anderen zuerst denken. Stirb dir selbst ab und du wirst leben, so lautet der Widersinn, der die größte Weisheit ist, das große Geheimniß, das nur die Einfältigen verstehen, das Grundgesetz des Gottesreichs, das Christus gegründet hat. Versuche es mit der Selbstliebe und du wirst dich selbst elend machen, versuche es mit der Selbsthingabe und du wirst das Glück finden, das du suchst. Dein Ich ist der Feind, den du tödten mußt, du hast keinen größeren, keinen anderen.« An Nik's Ohr waren diese Worte, für die er noch nicht reif war, wie ein tauber Schall vorübergegangen, und er wunderte sich, warum Elfriede sich so ergriffen zeigte. Sie hatte doch gewiß keine schwerere Sünde auf dem Herzen, als die, daß sie zuweilen die Haarbänder aus ihren langen blonden Flechten verlor, worüber sie dann immer sehr zerknirscht war, weil sie von ihrer Mutter dafür getadelt wurde. Unwillkürlich mußte Nik bei diesem Gedanken wieder hinüber sehen; Fritz bemerkte es und biß sich unwillig auf die Lippen. Endlich war der Gottesdienst zu Ende. Nik hatte schon lange seine Mütze unruhig in der Hand gedreht und drängte so rasch als möglich nach der Thüre. Aber er mußte noch auf den Vater warten, den er in ein ernstes Gespräch mit dem Pfarrer vertieft sah. Endlich erschien derselbe und die Eltern nahmen den Sohn in ihre Mitte. Der Vater war trüb gestimmt. Ein Wort aus der Rede des alten Pfarrers hatte ihn tief ergriffen. »Sorget«, hatte der würdige Greis den Eltern zugerufen, indem er sie mit festem Blicke in's Auge faßte: »daß diese Kinder besser werden, als wir es sind und als wir es werden konnten.« Dieses Wort hatte den Freiherrn im Mittelpunkte seines Herzens getroffen. »Werden konnten«, wiederholte er sich leise, als er aus der Kirche trat. »Wie hätte ich besser werden können, als ich geworden bin, verhätschelt von Kindesbeinen an, verführt von Jugend auf, müßig alle Tage meines Lebens.« So war es gekommen, daß er jetzt schon ein verbrauchter Mensch war, in den Jahren der Kraft gequält von allen Schwächen des Greisenthums. Das Alles aber rührte daher, daß er nichts ordentlich gelernt, nichts ordentlich getrieben, daß er mit einem Worte keinen Beruf gehabt hatte, denn der Müßiggang war aller Laster Anfang gewesen. Der Pfarrer hatte dann weiter, indem er von der rechten Erziehung sprach, das Bild des Evangeliums gebraucht von den Körnern, die nicht Wurzel schlagen konnten, weil sie auf den harten Weg gefallen waren, so daß die Vögel des Himmels kamen und sie wegpickten. »Wie«, hatte er gefragt, »ist der Weg doch so hart geworden? Wie viele leichtfertige Füße und schwere Lasten haben ihn so hart getreten, so daß der beste Same da nicht mehr aufgeht? So möchte man auch bei manchen Herzen fragen: wie ist der Weg doch so hart geworden?« Dieses Wort klang dem Baron in der Seele nach, gleich wie die Orgel noch weiter klingt auch wenn das letzte Lied zu Ende ist und die Gemeinde die Kirche schon verlassen hat. »Wie ist der Weg doch so hart geworden?« fragte er sich selbst. Und er gedachte der Zeit, da er so alt war wie Nik. Ja es war viel dahin gegangen über das weiche Herz des Knaben, bis es so hart wurde – schlechte Beispiele, schwere Erfahrungen und schwere Verschuldungen, verkehrte, harte Behandlung, bis das weiche Herz einem harten Wege glich, auf dem kein guter Same mehr aufgeht. Wohl aber kamen die Vögel des Himmels geflogen und pickten ihn weg. Es waren leichtsinnige Vögel darunter, Vögel mit häßlichen und mit schönen Federn, schmutzige Straßensperlinge und prunkende Ziervögel, aber alle waren eifrig gewesen, die guten Körner im Gemüthe des Jünglings nicht Wurzel schlagen zu lassen. Der Acker seines Herzens war nicht ordentlich umgearbeitet worden, er war nicht eingefriedigt gewesen und niemand hatte über der Aussaat gewacht. Aber bei Nik sollte das anders sein. Sollte der Sohn besser werden als der Vater gewesen war und hatte werden können, so mußte er für irgend einen bestimmten Beruf geschult werden. Es darf nicht dem Zufall überlassen werden, was aus dem guten Samen wird. »Ob er es so weit bringt, eine Compagnie zu führen«, dachte der Baron bei sich selbst, »oder auf der Gerichtsstube zu amten oder Gesandtschaftsberichte zu schreiben, das alles gilt mir gleich, nur das halbe Wesen nicht, an dem unsere vornehmen Söhnchen kranken, Männchen, unfertig wie halb gebackene Bretzeln, für niemanden genießbar und vor der Zeit sauer!« Während der Freiherr so in trübe Erinnerungen vertieft neben Frau und Sohn auf der Landstraße längs des Flusses dahinschritt und zuweilen im Gefühle eines unwiderruflich vergeudeten Lebens die Achseln zuckte, folgte ihnen einer der eben confirmirten Knaben aus der Ferne. Hielt der Baron stille, so blieb auch der schwarz gekleidete Junge stehen; schritt die freiherrliche Familie zu, so beschleunigte auch er den Gang. Nachdem der Baron in das Schloß verschwunden war, näherte sich die schattenhafte Gestalt zögernd dem Gartenthore; dort blieb der Knabe stehen. Es war, als ob er etwas vor sich hersage oder leise lerne. Nach einer Weile lüftete er seine Confirmandenmütze und trat gleichfalls in den Garten ein. Der Freiherr hatte sich eben seines Gesangbuchs und der schwarzen Kleider entledigt, als der Diener einen Knaben meldete, der sich Johannes Müller nenne und dem Freiherrn dafür danken wolle, daß er ihn habe erziehen lassen. Herr von Altenbrück erinnerte sich des Namens nicht. »Er hat rothe Haare und ein Gesicht voll Sommersprossen«, sagte der alte Lakai, »und redet wie ein Pfarrer; so wie sie es gelehrt werden im verlorenen Sohn.« Jetzt erinnerte sich der Freiherr seines Schützlings im Rettungshause und sagte: »Richtig, der Mensch war ja gerade so alt wie Nik. Der ist also heute auch confirmirt worden.« Und nun war er doch neugierig, wie der Altersgenosse seines Sohnes aussehe, den er selbst nur aus dem jährlichen Posten in seinem Ausgabenbuche kannte. Er fand im Vorzimmer einen lang aufgeschossenen Knaben, der mit seinen rothen Haaren, dem gelben, von Sommersprossen gefleckten Gesichte und den stechenden grauen Augen ihn daran erinnerte, daß sein Schützling früher den Namen des kleinen Dorfteufels getragen habe. Klein war er nun nicht mehr, aber ungelenk wie ein Gliedermann, und die große, langfingerige Hand, die er dem gnädigen Herrn reichte, war kalt und klebrig, so daß der Baron mit der seinen sofort in die Rocktasche fuhr und sich mit seinem seidenen Taschentuche zu schaffen machte. Noch ehe er ihn etwas fragen konnte, überschüttete aber der hagere Jüngling seinen Wohlthäter mit einer salbungsvollen Ansprache, in der viel von der Gnade der Herrschaft, von der ewigen Dankbarkeit seiner so geringen Person, von Zeit der Vergeltung und ähnlichen Dingen die Rede war. Diese Danksagung ward in einem Predigertone hergesagt, der dem Barone ganz unausstehlich war. »Das ist alles schön und gut«, unterbrach er den wortreichen Jüngling endlich, »aber was willst Du nun werden?« »Ich habe den Herrn auf den Knieen darum befragt«, erwiderte der Knabe, »aber die innere Stimme sagte: es wird dir gezeigt werden.« »Nun«, sagte der Baron gutmüthig, »in Deinen Jahren muß man die Beine nicht zum Knieen benutzen, sondern dazu, Andere flink zu bedienen, zu springen und meinetwegen zu tanzen. Ich will einmal mit dem Pfarrer reden.« Da flog ein Schatten über das sommersprossige Gesicht des rothen Johann und er sagte nun plötzlich sehr geradeaus: »Ich möchte Gärtner werden, und vielleicht könnte mich Herr Glimm als Lehrjungen annehmen.« »So, so«, meinte der Freiherr, über einen so bestimmten Vorschlag etwas überrascht, »Du hast wohl mit meinem Gärtner schon gesprochen?« Der Knabe legte pathetisch seine große knochige Hand auf sein Herz: »Wie sollte ich mich erdreisten, der Gnade des Herrn Baron vorzugreifen. Ich unterwerfe mich ganz den Anordnungen des gnädigen Herrn, der Alles zum Besten lenken wird. Wenn ich als Kind in meinem Bettlein den Herrn anflehte für den Herrn Baron und das ganze freiherrliche Haus, dann fragte ich mich oft, in welcher Stellung ich am frühesten meine Schuld abtragen könnte an meinen Wohlthäter, und dann dachte ich, wenn ich einmal Gartengehülfe wäre, dann könnte ich die Bänke besonders schön abstäuben, auf denen der Herr Baron am liebsten sitzt, ich könnte seine Lieblingsblumen eifrig gießen und pflegen, die vielleicht jetzt zu rasch abwelken, und ich könnte es dem Herrn an seinen milden Augen absehen, wie er Alles im Garten am liebsten hat.« Der Baron schaute den langen Menschen mit gemischten Gefühlen an. Das süßliche Gerede erschien ihm geschmacklos, aber im Grunde schmeichelte es ihm doch, daß er durch das kleine Opfer eines jährlichen Beitrags zur rettenden Vorsehung eines Kindes geworden sein sollte, das täglich für ihn gebetet hatte. »Laß das«, sagte er, den weiteren Redestrom abwehrend. »Ich werde mit Glimm reden. Kann er Dich brauchen, so sollst Du unter meinen Augen arbeiten. Ich werde dann sehen, was an Dir ist.« Der Knabe verstand den Wink sofort und verneigte sich, unter der Thüre aber blieb er stehen und fragte demüthig: »Wann dürfte ich nachfragen, was der Herr Baron beschlossen? Aus der Anstalt bin ich entlassen. Ich muß in die Höhle des Lasters zurückkehren, bis ich ein anderes Unterkommen finde.« »So komme morgen früh", erwiderte der Baron etwas ungeduldig. »Ich werde heute noch mit dem Gärtner reden.« Zum Mittagessen war der Pfarrer in's Schloß geladen, um Nik's Ehrentag gebührend zu feiern. Als er erschien, trug ihm der Baron sofort das Anliegen des Johannes Müller vor. »Ich erinnere mich«, sagte er, »daß ich vor einiger Zeit einen Bericht des Directors las, in welchem es von meinem Schützlinge hieß, in früheren Jahren habe er viel gelogen, aber in der Anstalt sei er ein anderer Mensch geworden.« »Ein Anderer ist er geworden", erwiderte der Pfarrherr ironisch, »aber ich fürchte der Andere lügt auch.« Gegen den Plan des Barons hatte er übrigens nichts einzuwenden. Im Gegentheil meinte er, bei Meister Glimm werde der Knabe wohl aufgehoben sein. »Würden Sie nicht geschwind noch zu Glimm hinübergehen«, bat der Baron den alten Herrn, »und mit ihm reden. Ich habe wenig Verständniß für solche Dinge, genehmige aber Alles zum voraus, was Sie mit meinem Gärtner ausmachen. Es wäre mir lieb, wenn ich dem Jungen schon morgen Bescheid sagen könnte.« Der Pfarrer war gern dazu bereit und sprach bei Glimm vor, der bereits mit seinem Mittagsmahl zu Ende war und sich zu einem zweiten Kirchgange rüstete. Als der Gärtner aber den Vorschlag des Pfarrers vernommen, zog er die Augenbrauen bedenklich in die Höhe und wollte von einem Lehrjungen aus dem verlorenen Sohne nichts wissen. »Die passen nur für's Amerika und so Länder dahinten«, meinte er. Aber der Pfarrer redete ihm eifrig zu. Bei verständiger Behandlung könne er noch immer aus dem Knaben, der so jung sei, etwas machen. Schließlich empfand es der gutmüthige Mann selbst als eine Art von Pflicht, den verdrehten Kunden, wie er ihn nannte, in die Reihe zu bringen. »Wissen Sie, Hochwürden«, sagte er, »sie meinen es gut im verlorenen Sohne, aber wenn man einen Jungen so vollpfropft mit frommen Redensarten, daß sie überall herausgucken, aus den Augen, aus dem Munde, aus den Taschen und wo sonst noch, dann meint man, sie seien nicht in das Herz gekommen, sondern daneben.« Der Pfarrer gab ihm darin vollkommen Recht, aber er fügte hinzu: »Wenn Sie ihn in die Kur nehmen, so seien Sie vorsichtig, daß er nicht mit der übertriebenen Schaustellung der Frömmigkeit die Frömmigkeit selbst wegwerfe.« »Der hat nicht mehr viel wegzuwerfen«, dachte Glimm, doch unterdrückte er diese Bemerkung aus Respect vor dem Pfarrer, und nachdem er diesem noch ein Stück Wegs das Geleit gegeben, kündigte er seiner Frau an, daß er einen Lehrjungen angenommen habe. Während die Gärtnersfamilie nunmehr nach der Stadt aufbrach, wo sie den Nachmittagsgottesdienst besuchen wollte, kehrte der Pfarrer zum Schlosse zurück, um dort der lästigen Pflicht eines endlosen Mittagessens zu genügen, das allen Theilen eine Plage war. »Wenn die Arbeiter nur wüßten«, dachte er bei sich, »wie es mit den Vergnügungen der oberen Zehntausend beschaffen ist, sie würden dieselben nicht so sehr beneiden.« Nachdem er dem Baron mit zwei Worten Bescheid gesagt, führte ihn dieser zu der Familientafel, an der die Gäste bereits Platz genommen hatten. Nik's Pathen waren vollzählig zu seinem Ehrentage erschienen und zu oberst thronte die treffliche Tante Rudolfe, eine dicke Frau, die ihre eigenen Kinder schlecht erzog, aber sich sehr für Armenschulen interessirte. Sie widmete ihre ganze Zeit dem Briefschreiben und war allzeit gern mit fremdem Gelde wohlthätig. Neben ihr saß die eben so wohlbeleibte Friederike, die drei Möpse hatte, für die Evangelisirung Spaniens wirkte und die Photographie des Tenors Ruffini stets im Strickbeutel mit sich führte. Auch die hagere, durchsichtige Magdalene war eine sehr interessante Cousine, denn ihre Specialität waren die verkommenen Familien und die Kanarienvogelhecken, von welchen beiden sie die fabelhaftesten Dinge zu erzählen wußte. Der Baron machte den drei Damen mit großer Ergebenheit den Hof, denn er gedachte der Zeit, in der seine ätherische Gattin, so mager sie war, doch siebzehn Busenfreundinnen hatte, und er war glücklich, daß sie diese Zahl heute officiell auf drei ermäßigte, denn er hatte in früheren Tagen schwer gelitten unter der Ueberfülle der Theilnahme an seinem Hauswesen. Nik selbst saß zwischen dem Prediger und seinem schwäbischen Hauslehrer, dessen Wohlbeleibtheit bei der guten Kost im Schlosse und seinem steten Brüten über das Absolute in letzter Zeit fast bedrohliche Proportionen angenommen hatte. Als der Braten aufgetragen ward, erhob sich der Pastor, um einen Toast auf Nik's Wohlergehen auszubringen, in welchem er die Hoffnung aussprach, der kleine Confirmand werde dereinst noch der Stolz seiner Eltern und die Zierde des sächsischen Adels sein. Die Gläser erklangen, und Nik ging von einer Tante zur andern, um mit ihr anzustoßen. Nach der Tafel wurde Nik von den drei Damen mit Geschenken, guten Lehren und Küssen überhäuft, welche letztere ihm noch fataler waren, als die guten Lehren, so daß er sobald als möglich in den Garten entwischte. Sobald er weggegangen war, brachte der Prediger bei dem Kaffee ein Anliegen zur Sprache, das der Baron ihm schon in der Kirche, unmittelbar nach dem Gottesdienste, vorgetragen hatte. Nik's Vater, innerlich bewegt von der Confirmationsrede seines Pfarrers, hatte diesem warm die Hand gedrückt, und ihm dann anvertraut, wie gern er seinen Knaben in eine öffentliche Anstalt bringen möchte, damit er für's Leben, wie er sich ausdrückte, gar gekocht werde. Da nun der Prediger es durchgesetzt hatte, daß Nik den Confirmandenunterricht mit den anderen Kindern besuchen durfte, so bat ihn der Freiherr, ob er nicht seine Frau auch dahin bringen könne, den Hauslehrer zu verabschieden und Nik in die Schule zu schicken. Die Gelegenheit dafür sei jetzt gerade besonders günstig, da Tante Klara abwesend sei, um ihre Augen operiren zu lassen, die immer bedenklicher aus dem Kopfe hervorquollen. Der Freiherr ahnte dabei nicht, daß in seiner Gattin selbst sich bereits eine Wandlung ihrer Gesinnungen vollzogen hatte. Die gnädige Frau, die bei ihrem Ueberfluß an Zeit eine ausgedehnte Correspondenz mit Tanten, Basen und Freundinnen führte, hatte sofort nach jenem Zank über Nik's Erziehung, den neuen Anschlag ihres tyrannischen Gatten auf ihre zarte Gesundheit allen ihren Correspondentinnen vermeldet. Zu ihrer Verwunderung hatten aber die theuren Rudolfen, Magdalenen, Friederiken, Emilien und wie sie alle hießen, fast übereinstimmend erwidert, ihre Neffen, Pathen oder Söhne gingen alle in öffentliche Anstalten und hätten für ihre Gesundheit nur Vortheil davon gehabt. Diese Übereinstimmung ihrer Orakel hatte die Ueberzeugung der sonst so eigensinnigen Frau doch in ihren Tiefen erschüttert, und da der Baron so klug war, sich jeder Aeußerung zu enthalten, weil erfahrungsgemäß ein Betreiben der Sache durch ihn nur einen um so hartnäckigeren Widerstand seiner theuern Lebensgefährtin hervorgerufen hätte, war sie dem Plane innerlich nicht mehr so abgeneigt wie vordem. Vielmehr entschied sie sich dahin, daß sie dem erfahrenen Rathe der weisen Frauen ohne Schande weichen könne, während sie um keinen Preis der Tyrannei ihres Mannes sich gefügt haben würde. So verlief denn die Verhandlung weit ruhiger, als der Baron erwartete. Schon mehrmals hatte er mit dem Prediger bedeutsame Blicke gewechselt, bis dieser endlich mit einer energischen Bewegung seine Brille abnahm und die Baronin mit seinen hellen Augen fest anschauend, mit dem Vorschlage herausrückte, Nik müsse nun, da er confirmirt sei, auch in eine öffentliche Anstalt verbracht werden. Wer für die Welt erzogen werden solle, sagte er, der müsse auch in der Welt erzogen werden, was die drei Pathinnen lebhaft billigten. Sie alle redeten gleichzeitig auf ihre theuere Cäcilie hinein, indem jede die Erfahrungen pries, die sie mit ihrer Schule gemacht hätte. Den Ausschlag aber gab weder die erfahrene Rudolfe, noch die beleibte Friederike, noch die zarte Magdalene, sondern zur allgemeinen Verwunderung der dicke, rothbäckige Kandidat, der lebhaft für das Project des Barons eintrat. Der schwäbische Philosoph war nämlich nach jahrelangem Brüten zu der Erkenntniß gelangt, daß die Natur sich überhaupt nicht als Abfall von dem Absoluten begreifen lasse, sondern eine für mich seiende Daseinsform des Absoluten sei. Um aber ein System auf dieser Grundlage auszuarbeiten, mußte er der ewigen Störungen durch den täglich unausstehlicher werdenden Nik enthoben sein. Ohnehin war ihm der Baron, seit er über Verbringung seines Sohnes nach dem Gymnasium brütete, unausgesetzt auf den Fersen und hatte sich bei Gelegenheit, in seltsamem Mißverstand der philosophischen Terminologie, die Bemerkung herausgenommen, das Fürsichsein imponire ihm gar nicht, der Mensch sei für die Welt da, und ein Hauslehrer namentlich sei nicht für sich da, sondern für seinen Zögling. So warf der Kandidat heute die Bemerkung in das Gespräch, daß für Nik jedenfalls ein neuer Lehrer gesucht werden müsse, da er sich um eine schwäbische Pfarrei beworben habe. »Und das sagen Sie uns jetzt erst« – brauste der Baron auf. Der Schwabe aber lachte mit dem ganzen dicken Gesichte. »Ja, wir Württemberger«, sagte er selbstvergnügt, »machen unser Sach' hehlingen.« Diese graziöse Erklärung gab denn den Ausschlag. Die Baronin wurde von allen Seiten mit Vorstellungen bestürmt, der Baron zuckte wohlweislich nur die Schultern, aber er deutete an, daß bei der Hartnäckigkeit seiner lieben Frau ja doch Alles vergeblich sei. Das schlug durch. Um ihren Freundinnen einen greifbaren Beweis zu liefern, wie ihr Gemahl sie verleumde, und wie nur er an allen Mißhelligkeiten schuld sei, gab sie feierlich nach, und der Baron ließ sofort anspannen, um alsbald zum Director der königlichen Lateinschule zu fahren, damit die Angelegenheit geordnet werde, ehe seine drei Bundesgenossinnen das Haus verließen. Schon nach einer Stunde kam er mit der Nachricht zurück, daß Nik zu Anfang des nächsten Curses in der Klasse erscheinen solle, in die er zunächst als Gast aufgenommen sei. Einstweilen aber versprach der Baron seiner Frau, dem armen Knaben nichts davon zu sagen, damit er die wenigen Wochen seiner Freiheit noch in voller Unbefangenheit zu genießen vermöge. Das aber war hauptsächlich darum nöthig, weil ein Besuch von Tante Tina und ihrer Tochter Valentine bevorstand, und bei diesem Zusammensein, erklärte die Baronin mit größter Bestimmtheit, dürfe Nik nicht »präoccupirt« sein. Zufrieden, in der Hauptsache seinen Zweck erreicht zu haben, verließ der Prediger das Schloß. »So war der Mittag doch nicht völlig vergeudet«, sagte er bei sich selbst. »Es war auch die höchste Zeit, dieser verkehrten Erziehung ein Ende zu machen.« Als er in dieser befriedigten Stimmung dem Schloßthore zuschritt, begegnete er im Vorgarten der alten Braunin, die diesen Tag nicht vorübergehen lassen wollte, ohne ihn zu einer Bettelei zu benutzen. »Heda«, sagte der Pfarrer zu ihr, »Ihr laßt ja die Käthe doch als Blumenmädchen in den Wirthshäusern herumgehen. Haltet Ihr so Euer Versprechen?« »Ach, Herr Paster!« erwiderte die Alte, indem sie that, als ob sie nach Luft schnappe. »Wißt Ihr nicht mehr, wie das Geschäft Euerer Tochter bekommen ist, müßt Ihr nun Euere Enkelin auch ruiniren?« sagte der Pfarrer streng. »Ach, Herr Paster«, schnappte die Alte auf's neue. »Warum habt Ihr sie nicht in den Dienst gebracht, den ich Euch nachwies? Nun?« »Ach, Herr Paster«, sagte die Alte, »das waren so harte Leute, und die Frau Baronin versprach der Käthe täglich einen Strauß abzukaufen. So stellen wir uns ja viel besser.« Der alte Herr stieß mit seinem Stocke zornig auf den Boden und sagte: »So, so, die Frau Baronin. Nun ich werde einmal mit dem Bürgermeister sprechen.« Damit schritt er auf die Landstraße hinaus, das Thor ärgerlich hinter sich zuwerfend. Siebentes Kapitel Am folgenden Sonntage trat der Baron in seinen Garten hinaus und fand den Gärtner, obwohl die Sonne schon hoch am Himmel stand, noch immer mit dem Begießen der Pflanzen beschäftigt, während der neu eingetretene Lehrjunge ihm dabei müssig zusah. »Warum hilfst Du nicht?« fragte der Freiherr den jungen Menschen, der überhöflich zur Seite trat. »Er sagt, daß er am Sonntage keine Arbeit thun dürfe«, lachte der Gärtner gutmüthig. »Dummes Zeug«, schnarrte der Baron, und seine gewichsten Bartspitzen sträubten sich in bedrohlicher Weise. »Du meinst wohl, es sei Gott wohlgefälliger, wenn bei dieser Trockenheit die schönsten Blumen zu Grunde gehn. Sogleich holst Du Deine Kanne!« Der Knabe rührte sich nicht von der Stelle. »Nun?« herrschte der Freiherr. »Es ist gegen meine Religion«, sagte der neue Lehrling. »So suche Dir einen andern Dienst!« erwiderte der Freiherr zornig. »Kopfhänger kann ich nicht brauchen.« Jetzt erst ging der rothhaarige Junge zu dem Hüttchen, wo die Gerätschaften lagen, aber er warf dem Herrn vorher noch einen so vorwurfsvollen Blick zu, daß dieser ihn beinahe zurückgerufen hätte. In diesem Augenblicke wurde die Glocke am Thore gezogen. »Ach, Besuch!« rief der Freiherr ärgerlich. »Johann soll sagen, ich sei nicht zu Hause. Ja so!« verbesserte er sich dann, »das wird der auch nicht sagen dürfen. Dieses verwünschte Rettungshaus!« »Doch, lügen dürfen sie«, erwiderte der Gärtner trocken. »Er hat mich schon zehnmal belogen, so kurz er hier ist.« »Nun, dann will ich ihn wenigstens nicht dazu anleiten«, erwiderte der Baron, in das Lachen des Alten einstimmend, und eilte über die Brücke nach seinem Zimmer, um rasch noch Toilette zu machen. Drinnen fand er Nik bei einem Romane, und jagte ihn sofort in den Garten. Als Nik, verstört von seiner wüsten Leserei, heraustrat, erblickte er der Brücke gerade gegenüber, wo man ihn von dem Zimmer des Barons am besten sehen konnte, einen hagern, rothhaarigen Knaben, der in schwarzen Kleidern, die Confirmandenmütze auf dem Kopfe, feierlich Blumen begoß, und über jede eine Art von Taufsegen zu murmeln schien. Als er näher heranging, trat derselbe ehrerbietig zur Seite und nahm seine Mütze ab. Nik war nicht wenig erstaunt, in dem salbungsvollen Blumenpfarrer seinen ehemaligen rothhaarigen Feind, den mehrfach zu Tod gemarterten und dann in Gnaden frei gegebenen Mohrenkönig wieder zu finden. »Wie kommen Sie hierher?« fragte er würdevoll. »Wollen der gnädige Herr doch Du zu mir sagen. Ich bin ja nur der Lehrjunge des Herrn Glimm, also in Euer Gnaden Diensten.« Nik fühlte sich nicht wenig geschmeichelt über diese unterwürfige Anrede. Dann kam ihm aber eine störende Erinnerung: »Du wolltest mich ja zwingen, alle Freiherren Mißgeburten zu nennen?« sagte er trotzig. »Es war der leibhaftige Satan, der aus mir sprach«, erwiderte der Rothe in zerknirschtem Tone. »Wahrhaftig, ich war damals besessen. Sie wissen nicht, Herr Baron, wie der Böse über unsereinen Gewalt hat, so daß wir dann gerade das Gegentheil von dem sagen, was wir denken, und thun müssen, was wir am wenigsten wollen. Die ganze Stunde hatte der Teufel mir in die Ohren geflüstert: ›beleidige den Besten unter allen Knaben, beschimpfe den Schönsten, den Adeligsten‹. Nur, weil ich Sie so bewundert hatte an all' den vorangegangenen Tagen, hat der Satan mich auf Sie gehetzt. Aber ich sehe es ein, ich hätte am Sonntage den Herrn Baron noch besonders um Vergebung bitten müssen.« Nik war nicht unempfindlich gegen so schöne Worte »Gut«, erwiderte er, »ich will hoffen, daß der Satan Dich nicht wieder plagt, und falls Du Deine Pflicht thust, erfahren die Eltern nichts von der Sache.« Damit ging er weiter, da ihm die Hausgenossenschaft des früheren Feindes, der ihn so schwach gesehen, eine unerfreuliche Ueberraschung war. Auch suchte er Elfrieden, nach der er schon die ganze Woche vergeblich ausgeschaut hatte. Heute war das Glück ihm günstiger. Als er durch den Park gegangen, fand er die beiden Zwillinge, wie sie, zärtlich die Arme um einander schlingend, am Waldrande hin und wieder gingen. Elfriede schien geweint zu haben. »Sie geht morgen nach der Residenz«, rief Fritz. »Du kannst ihr Lebewohl sagen.« Nik wurde bleich. Man sah ihm an, daß er ganz zerschmettert war von dieser Nachricht. »Ich soll mich in der Musik ausbilden«, sagte Elfriede ruhig. »Der gute Herr Pastor hat es den Eltern gerathen. Ich thue es auch gern, aber die Trennung wird mir schwer.« »Wann wirst Du wiederkommen?« stammelte Nik mit niedergeschlagenen Augen. »Wenn die Georginen blühn«, erwiderte die Gärtnerstochter, die nach den Blumen rechnete. Nik vermochte kein Wort hervorzubringen, aber es war ihm, als ob sein guter Engel von ihm weiche. »Lebe wohl«, sagte er leise zu Elfrieden, als sie an dem Wege zur Gärtnerswiese angekommen waren. Sie reichte ihm still die Hand und erröthete. Nik zögerte noch. Schon die ganze Woche trug er einen goldenen Ring mit schönem, rothen Steine in seiner Tasche, den er aus seinen zahlreichen Confirmationsgeschenken ausgewählt hatte, um ihn Elfrieden zu schenken. Er hatte sich ausgedacht, ihr zu sagen, sie solle ihn tragen zur Erinnerung an ihren gemeinsamen Geburtstag, Tauftag und Confirmationstag. Und in der Hoffnung, wollte er dann anzüglich hinzusetzen, auf einen gemeinsamen Hochzeitstag. Der Ring brannte ihn förmlich in seiner Westentasche, er fühlte sogar einen Druck in der Seite, aber in Fritzens Gegenwart vermochte er den Ring so wenig hervorzuziehen, wie früher die diebische Scheere. »Vergiß mich nicht«, waren die einzigen Worte, die er stammelnd herausbrachte, und noch ehe er sich besonnen, waren die Zwillinge schon gegangen, wie Leute, die sich noch viel zu sagen haben. Wenn sie nur wenigstens, wie seine Cousinen pflegten, ihm ihr Album gegeben hätte, um zur Erinnerung ein Blatt mit einem Verse auszufüllen, er hätte ihr sicherlich einen Heirathsantrag ins Album geschrieben. Nun aber stand er allein an der Weißdornhecke und zerpflückte die Blätter. Als er drüben auf der Wiese den Gärtner mit seiner Frau Waschseile aufspannen sah, erschrak er so, daß er sich an einem Dorne die Hand blutig stach. »Keine Rose ohne Blattläuse«, sagte er grimmig, »Wenn sie nur diese Verwandten nicht hätte!« Namentlich ein Gefühl des Hasses auf Fritz stieg in seinem Herzen auf, denn dieser trockene Schleicher war daran schuld, daß es mit seiner Liebe wieder nichts war. Planlos schlenderte er nun im Garten umher, den Ring von einem Finger an den andern schiebend. So in Träumen verloren gerieth er auf den Hauptweg des Parks, einen schön mit Kies geebneten Gang, von dem man durch hohe Bogen, die im Sommer sich mit wildem Wein umzogen, nach dem Flusse hinabschaute. Am Ende desselben stand vor einer Gruppe von Flieder und Jasmin, deren zartes, junges Laub wie ein grüner Schleier die Mauer überdeckte, eine Statue der Psyche. Die liebliche, knospende Mädchengestalt senkte ihr nachdenkliches Köpfchen über einem Schmetterlinge, nach dem sie traumhaft griff. Die verschleierte Frühlingssonne gab dem Bilde eine warme Farbe, und die wehenden Zweige warfen wechselnde Lichter auf die aus gelbem Thon geformte Figur, so daß sie zu leben schien. So oft der Schatten wich, wollte der Falter sich erheben, und die schlanken Finger Psyche's folgten seinen Bewegungen. Für Nik nahm die zarte Gestalt Elfriedens seine Züge an. Eine Weile stand er wie träumend vor ihr, dann bestieg er die Bank vor dem Bilde und drückte einen langen heißen Kuß auf Psyche's Lippen, und nachdem er seinen Ring vom eigenen Finger gezogen, steckte er ihn an den nach innen gewendeten Ringfinger der Statue, und siehe da – er hielt. Nun wollte er täglich hierher kommen und nachsehen, ob Psyche seinen Ring noch habe; so lang, beschloß er bei sich, werde Elfriedens Herz auch in der Ferne ihm treu sein. In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Er sah Elfriedens zartes Psycheköpfchen und daneben Fritz, der wie ein fröhlicher Posaunenengel dareinschaute. Eine lichte Glorie schwebte um beide Zwillinge, und er streckte ihnen seine zwei Hände entgegen, aber Fritz zog Elfrieden zurück, und sie entschwebten immer weiter, bis sie in der Ferne nur noch wie zwei freundliche Sterne auf ihn herniederglänzten. Nik hatte im Traume das peinliche Gefühl, daß er sich abmühe, ihnen zu folgen, und doch keinen Schritt vorwärts komme. Plötzlich aber leuchtete ein brandrother Stern, wie die Flamme eines brennenden Hauses, jäh vor ihm auf. Derselbe kam näher, und näher, und er hörte eine bekannte Stimme sagen: »Dich fesselt die Erde, und nimmer erreichst Du die, die Du liebst. Ich aber habe Dir nachgesetzt, um Dich ihnen abzujagen; ich bin vom Himmel gefallen, weil ich sie hasse. Mein sollst Du werden, mein!« Und immer näher kam die rothe Scheibe Nik's Antlitz, jetzt konnte er die Züge eines menschlichen Angesichts unterscheiden. Es war der Junge aus dem Rettungshause. Er stand wieder wie damals vor ihm, und drängte ihn an die Wand, und wollte ihn schlagen. »Hilf, Elfriede«, schrie Nik im Schlafe. Darüber wachte er auf und hörte die Dorfuhr zwei Uhr schlagen. Er war ganz in Schweiß gebadet vor Angst, und sein Herz klopfte hörbar. Lange dauerte es, bis er sich beruhigt hatte, und es fiel schon ein heller Schein durch das Fenster, ehe er wieder einschlief. Am folgenden Morgen drängte es ihn an die freie Luft, um seinen heißen Kopf zu kühlen. Auch fühlte er das Bedürfniß, nach den Schrecknissen der Nacht der holden Psyche seinen Besuch abzustatten. Von ferne schon leuchtete ihm die schlanke Gestalt in der Morgensonne entgegen. Ihr liebliches Antlitz beugte sich, wie vom Morgenthau gewaschen, über den Schmetterling, der von der Frühkälte erstarrt schien. Mit zärtlichem Lächeln trat Nik an das Bild heran und schaute nach seinem Ringe, aber wie erschrak er, der Ring war verschwunden. Eilig bückte er sich nieder und suchte, aber weder unter der Bank, noch unter den Fliederbüschen, noch im Rasen war der Goldreif zu entdecken. Jedes Stückchen der Buchseinfassung ließ Nik durch seine Hand gehen, er ward heiß und roth über der Anstrengung, aber es war alles vergebens. »Suchen Sie etwas?« hörte er nun plötzlich die Stimme des rothen Johannes, der mit zwei leeren Gießkannen neben ihm stand. »Ich habe einen goldenen Ring verloren«, erwiderte Nik ärgerlich. »Wissen Sie, daß er Ihnen gerade hier fiel?« fragte der Gärtnerbursche. »Man hat oft das Gefühl, als ob man einen Ring noch am Finger habe, nachdem man ihn längst verloren hat.« »Er muß hier sein«, erwiderte Nik. »Ich steckte ihn der Figur an den Finger.« Der Rothe verzog seine plumpen Lippen zu einem spöttischen Lächeln. »Eben jetzt?« fragte er. »Nein, gestern«, erwiderte Nik ungeduldig. »Sie hatte ihn am Abende noch.« »Ah, da haben sich der Herr Baron wohl mit einem schönen Bilde verlobt, wie Ihr Vorfahr auf der Brückenburg?« Nik wechselte die Farbe. Die Ähnlichkeit seines kindischen Spieles mit dem vermessenen Unterfangen seines übel berüchtigten Ahnherrn war ihm noch nicht in den Sinn gekommen. Die spukende Müllerstochter war nicht das einzige Familiengespenst der Altenbrück. Während jene tragische Thatsache sich zu Anfang des vorigen Jahrhunderts zugetragen hatte, gab es von dem gleichen alten Brunnen, in dem das betrogene Mädchen sich ertränkt hatte, eine noch viel schauerlichere Sage aus der Zeit, in der Nik's Vorfahren noch auf der in den Bergen versteckten Brückenburg hausten. Ritter Götz von der Brückenburg war ein sinniger Träumer gewesen, der Tage lang im Walde streifte, ohne mit einem Menschen zu reden, sondern einsam seinen Gedanken nachhing. Das aber kam daher, daß ihm seine geliebte junge Gattin schon nach kurzer Ehe gestorben war. Der Schmerz darüber hatte ihn tiefsinnig gemacht, und er strich nachdenklich draußen umher, hörte nichts und sprach nichts, sondern sah zu Boden wie Einer, der den gestrigen Tag sucht. Am liebsten saß er bei einem Ziehbrunnen am Abhange des Flußthals, auf dem ein altes Steinbild aus heidnischer Zeit eingemauert war. Dasselbe stellte eine Frau dar, die über einem Kruge lehnte, und eine Hand gleichsam einladend über dem Brunnen ausstreckte. Die ganze Gegend hing an dem schönen Bilde, und so kam es, daß auch die wildesten Buben dasselbe nie beschädigt hatten. Ritter Götz aber war förmlich in dasselbe verliebt, und setzte sich oft Stunden lang der steinernen Frau gegenüber, um sie zu betrachten, und von seiner verstorbenen Gattin zu träumen. Eines Abends aber, als die sinkende Sonne die Gestalt mit ihrem rothen Lichte übergoß, so daß sie zu leben und sich zu bewegen schien, ging er in seiner Leidenschaft so weit, daß er ihr den Ring seiner seligen Frau in ihre Steinhand legte, und seufzend sprach: »Dir möchte ich am ehesten mich wieder vermählen.« Da hatte er einen großen Schreck, denn das Bild schloß langsam die Hand zu und hielt seine Beute fest. Jetzt erst fiel dem Ritter ein, daß dieses Weib eine der sündhaften heidnischen Göttinnen sei, und daß er sich einer Teufelin verlobt habe. In der Nacht hörte er die Stimme seiner seligen Frau: »Götz, rette Deine Seele.« Das konnte er schließlich nicht mehr ertragen. Als das Osterfest kam, ging er zur Beichte und bekannte, was er gethan habe. »Mein Sohn«, sagte ihm der Priester, »Du hast schwer gesündigt, denn der Hölle hast Du Dich verlobt. Nun gehe hin und säge dem Bilde die Hand ab, in der der Ring liegt, daß wir sie in das Tabernakel zum Allerheiligsten legen, so wird die Hand sich aufthun und den Ring herausgeben.« Der Ritter machte sich denn auch sofort auf nach dem Brunnen, aber bis er den Weg zurückgelegt hatte, fing es schon an zu dämmern, und als er nach dem einsamen Platze kam, stand ein schönes Weib bei der Quelle, um das ein Schleier wallte, wie von Mondschein gewebt. Zaghaft trat der Ritter näher und sank auf ein Knie, indem er sprach: »Habe Erbarmen und gib mir meinen Ring zurück, daß meine Frau aufhöre zu weinen.« Das bleiche Weib aber lächelte gar wundersam, und schüttelte anmuthig mit ihrem schönen Kopfe, so daß der Ritter heißer als je gegen sie entbrannte. Er streckte die Arme aus und wollte das Phantom an sich ziehn. Sie aber entzog sich ihm, und aus der Brombeerhecke hinter dem Brunnen ertönte ein so schadenfrohes Kichern, daß das Herz des braven Götz ergrimmte. Er sprang auf und erhob den Arm gegen die teuflische Erscheinung, und rief: »So beschwöre ich Dich im Namen des dreieinigen Gottes, daß Du herausgibst, was nicht Dein ist.« Bis dahin hatte die Frau ihn lieblich und süß angeschaut, als er aber den Namen der heiligen Dreieinigkeit aussprach, verzerrten sich ihre Züge, ihr Auge sprühte Feuer, und aus den Brombeerbüschen hinter dem Brunnen ertönte ein gelles Lachen und Pfeifen, und als der Ritter entsetzt den Kopf nach jener Seite wandte, war die Erscheinung verschwunden. Da nahm Götz wüthend den Knauf seines Schwertes, und wie der Priester ihn geheißen, ergriff er die Hand des Steinbilds und schlug sie ab, um sie in die Kirche zu tragen. Aber alsbald schoß aus dem verstümmelten Arme ein Blutstrom, und er hörte, wie das Blut unten in das Wasser des Brunnens platschte. Darüber erschrak er so, daß ihm die abgehauene Hand entwischte und polternd in den tiefen Brunnen hinabfiel. Eine Weile stand der fromme Mann nachdenklich über den Rand der Cisterne gebeugt, dann sagte er zornig: »Den Ring meines Weibes muß ich wieder haben, es koste, was es wolle.« Damit gürtete er das Schwert ab und lehnte es an den Rand des Brunnens. Vorsichtig kletterte er sodann in den Lücken der alten Brunnenmauer hinab, wie er die Hirten zuweilen hatte thun sehen, wenn die Schöpfeimer stockten. Kaum aber hatte er den Rand des Brunnens losgelassen, so hörte er das teuflische Lachen wieder, so daß er vor Schrecken ausglitt, hinabfiel, und elend ums Leben kam. Aus der Tiefe aber ertönte es wie Jauchzen der Hölle. Am Morgen entdeckten seine Diener, die ihn suchten, sein Schwert, von ihm selbst aber ward nie wieder eine Spur gefunden. Nur einsame Wanderer, die in später Abendstunde am Brunnen vorbeikamen, sahen seine Gestalt, wie er vor einem bleichen Weibe kniete, die Hände rang, und sie anflehte, sie möge seinen Ring ihm wiedergeben. Die Fischer aber, wenn sie drunten vom Strome her die weiße Gestalt über dem Brunnen weben sahen, bekreuzten sich und kehrten heim, denn sie wußten, daß sie an einem solchen Tage nichts fangen würden. Das war die Sage, die an den Brunnen sich knüpfte, wie sie in der ganzen Gegend bekannt war, und an die der Gärtnerbursche jetzt seinen jungen Herrn erinnerte. Nik schaute den Rothhaarigen mit großen Augen an, während dieser sich ruhig mit seinem bunten Taschentuche den Schweiß von dem gesprenkelten Gesichte wischte. »Ich glaube weder an die Brunnenfrau, noch an die Müllerstochter«, sagte Nik nach einer Weile, indem es ihn reizte, dem Diener gegenüber den Tapfern zu spielen. »Es ist derselbe Nebelstreif, den sie erst für die Brunnenfrau, dann für den Geist des ertrunkenen Mädchens hielten.« »Wer weiß?« erwiderte der Rothe, indem seine bösen Rabenaugen listig funkelten, »ob es nicht dasselbe Gespenst ist, das sich bald als Brunnenfrau, bald als Müllerstochter zeigt. Solche Verwandlungen kommen vor. Warum hätte der Herr Baron den Brunnen zuwerfen lassen, wenn Alles geheuer wäre? Mit rechten Dingen geht es nicht zu, auch mit Ihrem Ringe nicht. Das Bild hier kann ja ein Abbild der Marmorbraut sein, die die Pfaffen zerschlagen haben. Wenn der Ring nicht hier ist, finden Sie ihn vielleicht dort oben«, und er wies mit dem Daumen nach der Parkecke, indem er listig mit den Augen zwinkerte. »Die Brunnenfrau oder Müllerstochter wird ihn über Nacht mit hinaufgenommen haben. Sie sind dann der Dritte der Familie, der sich mit ihr verlobt, und man sagt, daß mit dem Dritten das Geschlecht zu Ende gehe.« Nik wurde bleich, dann aber sagte er ärgerlich: »Ich glaube, Du willst mich foppen. Uebrigens, wenn Du den Ring findest, so erhältst Du ein Trinkgeld.« Damit kehrte der Knabe in seine Stube zurück, wo er lange in einer Sophaecke lauerte, und über Müllers Anspielungen nachbrütete, die ihm neue Phantastereien in den Kopf gesetzt hatten. War nicht am Ende doch bei dem räthselhaften Verschwinden seines Ringes eine höhere Macht im Spiele? Hatten die Unsichtbaren die Schwüre gehört, die er Psyche geleistet, und nahmen sie dieselben an durch das Zeichen, das sie ihm gaben? War es Elfriede, war es die Müllerstochter, war es die weiße Frau, an die sein Gelübde ihn band? Aber was ging das holde Bild die gespenstische Brunnenfrau an? Psyche, seiner Psyche, Elfrieden hatte er sich gelobt und Niemandem sonst, und wieder schwur er ihr tausend Eide. Als am folgenden Sonntage die Glocken anzeigten, daß der Gottesdienst zu Ende sei, verließ Johannes Müller das Schloß und ging über die Brücke nach der Stadt, wo zu dieser Stunde die Wirthshäuser und die Kaufläden sich aufthaten, damit das am Sonntage nach der Stadt strömende Landvolk seine Einkäufe besorgen konnte. Der Rothe, ehrbar angethan in seinen schwarzen Kleidern, blieb vor einem Juwelierladen stehen, scheinbar die glänzenden und funkelnden Reife und Steine in der Auslage bewundernd. Dabei gingen aber seine Augen argwöhnisch die Straße hinauf und hinab, ob Niemand um den Weg sei, der ihn kenne. Als er sich in dieser Beziehung beruhigt hatte, trat er bescheiden in den Laden. Der Juwelier hatte das auffällige Benehmen des Knaben schon von seiner Stube aus beobachtet, und fragte mit einem ungnädigen Blicke auf den rothhaarigen langen Menschen, was er begehre? Dieser brachte aus der Westentasche ein Papier zum Vorscheine, wickelte es langsam auf, und reichte dem Juwelier einen Ring, an dem ein rother Stein glänzte. »Könnten Sie mir sagen, was das werth ist«, sagte er, den Juwelier fest ansehend. Dieser prüfte den Stein und warf dabei einen argwöhnischen Blick auf den Verkäufer. »Ich habe ihn zur Confirmation erhalten«, sagte dieser, »ich habe aber andere Dinge nöthiger.« »Der Werth mag dreißig Mark sein«, sagte der Juwelier. »Ich kaufe aber nur von Leuten, die ich kenne.« »Nehmen Sie ihn auch nicht, wenn ich ihn um fünfzehn Mark gebe«, sagte Müller. »Dann um so weniger«, erwiderte der Juwelier und kehrte ihm den Rücken, und als der Knabe noch immer zögerte zu gehn, wies er ihm barsch die Thüre. Verdutzt verließ derselbe den Laden und ging verdrießlich seiner Wege. Bald aber fiel ihm ein neuer Laden mit Goldwaaren in die Augen. Er war klein und unscheinbar, und gehörte einem Juden. »Hier werde ich ankommen«, sagte der Knabe, und trat ein. Ein alter Mann mit einer Hornbrille saß an einem Tische und putzte seine Waaren. Johannes reichte ihm den Ring. »Woher haben Sie ihn?« fragte der Jude gleichgültig. »Gefunden«, gab Müller zur Antwort. »So tragen Sie ihn auf die Polizei«, erwiderte der Alte gleichmüthig, indem er den Ring zurückschob und eine nicht mißzuverstehende Geberde nach der Thüre machte. In einem dritten Laden verlangte die Jungfer ein Zeugniß, von wem er den Ring habe. Kurz, es läutete die Mittagsstunde und der brave Johannes hatte keinen Käufer gefunden; nur die Erkenntniß fing an in ihm zu tagen, daß er nicht sehr vertrauenerweckend aussehe, und es vielleicht vorteilhafter sei, sich mit einem bescheidenen Finderlohn von Seiten Nik's zu begnügen. Aber was konnte der einfältige Junge viel geben? Verdrießlich stand er auf der Straße und war nahe daran, den Ring in den nächsten Gossenstein zu werfen, denn gestohlenes Gut aufzuheben, war doch immer gefährlich. »Man kann nie wissen, wie der Teufel sein Spiel hat«, dachte er. Dann aber kam ihm ein Einfall. Er steckte mit einem spöttischen Lächeln den Ring wieder ein und schritt fürbaß. Die Mittagszeit war schon vorüber, als der rothe Johannes verstimmt in der Höhle des Lasters eintraf, wie er die Wohnung seiner Großmutter nannte. Wohl oder übel mußte er mit der schmalen Kost der Alten und seiner Schwester vorlieb nehmen, und doch hatte er darauf gerechnet, heute sich und Käthchen einen guten Tag zu machen. Nik war in der folgenden Woche durch den Besuch von Tante Tina in Anspruch genommen, die ihr hübsches aber grenzenlos verzogenes Töchterchen mitgebracht hatte. Die sechszehnjährige Valentine spielte schon ganz die junge Dame, und behandelte Nik mit einer Herablassung, die diesem sehr beleidigend war. »Elfriede ist zehnmal hübscher als sie«, dachte er, »und gibt sich lang kein solches Ansehen.« So war er froh, als die Tante bald wieder aufbrach und ihr anspruchvolles Dämchen mit sich nahm. »Adieu Bleichfisch«, knixte das junge Mädchen beim Abschied. »Adieu Backfisch!« erwiderte Nik unartig. Die Alten lachten, der Baron aber dachte für sich: »›Goldfisch ‹ würde auch passen; schade, daß sie für Nik zu alt ist.« Aber so froh Nik war, des launischen Plagegeistes ledig zu sein, so gelangweilt war er durch seine völlige Einsamkeit. Fritz hatte Elfrieden nach der Stadt begleitet, und Nik wußte nicht, ob er schon wieder zurück sei; der Hauslehrer war in seine schwäbische Heimath abgereist, um sich ganz dem »An sich sein« und »Für sich sein« zu ergeben, und der arme Nik war nicht nur, wie seine Mama wünschte, nicht »präoccupirt«, sondern nicht einmal beschäftigt, und wußte kaum, wie er den Tag hinbringen solle. So schlich er verdrossen an den Taxusbüschen vorbei hinauf in den Wald. Die Mittagssonne brannte ziemlich warm, und Nik strebte deshalb den hohen Tannen am Ende des Parkes zu, die mehr Schatten boten als die sich eben erst begrünenden Ahorne und Traubenkirschen. Auf diese Weise gelangte er zu der Hecke der Brunnenfrau. Als er vorüberging, fiel ihm das Gerede des Rothen ein und dessen mysteriöse Andeutung, wenn sein verlorener Ring überhaupt wieder zum Vorschein komme, so werde es wohl hier sein. Müßig, wie er war, drängte er sich durch die Brombeerhecken, an denen das erste junge Grün des Frühlings hing. Um diese Jahreszeit machte es keine Mühe, bis zu der alten Cisterne und der in derselben versenkten Tonne vorzudringen. Er warf einen flüchtigen Blick in dieselbe, im nächsten Augenblicke aber beugte er sich tief über sie hinab. Auf dem Boden des Fasses glänzte ihm etwas entgegen. Kein Zweifel, es war sein Ring. Mit beiden Füßen schwang er sich rasch hinab, so daß die morsche Tonne in allen Fugen erkrachte. Dabei wäre es ihm fast ergangen, wie seinem Ahnherrn Götz von der Brückenburg, denn der morsche Boden des Fasses gab nach, die Bretter versanken in den vom Frühlingsregen versumpften Boden, und Nik gerieth bis an die Knöchel in das hervorquellende Wasser. »Maria und Joseph!« rief er, die alte Barbara nachahmend, als ihm das kalte Naß in die Stiefel drang. Der Ring lag hart am Rande des Faßbodens, und Nik tappte danach, allein in dem trüben Schlamme, der von allen Seiten hervordrang, war der Goldreif verschwunden, den er doch eben noch deutlich gesehen hatte. In unbequemer Lage tastete Nik herüber und hinüber, ohne sein Kleinod zu finden. Neue Bretter lösten unter seinen Füßen sich ab, und er sank tiefer und tiefer. Als er den Rand der Tonne erfassen wollte, um sich aufzuschwingen, fand er, daß er sich nur immer weiter in den weichen Grund einarbeite. Zuerst hatte er nur gelacht, denn er dachte, ich werde doch in einer Regentonne nicht ertrinken, nun aber erinnerte er sich, gehört zu haben, wie tief der alte Brunnen gewesen sei, und hatte sich die aufgeweichte Erde unter ihm, mit der die Cisterne aufgefüllt war, in Sumpf und Morast verwandelt, so war die Sache durchaus nicht spaßhaft. Der Angstschweiß trat ihm auf die Stirne, und krampfhaft klammerte er sich an dem Rande der Tonne an. Die eine Hälfte des Faßbodens hielt noch, und es gelang ihm, sich auf dieselbe hinaufzuarbeiten, brach aber auch diese, so wußte er nicht, wie tief er sinken würde. Mit dem Aufgebot aller seiner Kräfte rief er deshalb um Hülfe, aber Niemand kam. Oft war es ihm, als ob er ganz in der Nähe mit der Hacke arbeiten höre, aber so laut er auch schrie, er erhielt keine Antwort. Allmählich fühlte er, daß seine Kraft nachlasse, und so machte er noch einen Versuch sich zum Rande der Tonne emporzuziehen, aber bei diesen Anstrengungen brach das Brett unter seinen Füßen; er fiel wieder hinab und versank dieses Mal bis an die Hüften. Dann blieb er stehen. Der Brunnen war zu seinem Glücke mit Bauschutt aufgefüllt worden, und so hatte er festen Grund unter den Füßen. Nun fing er auf's Neue an zu rufen, aber seine schwächer werdende Stimme versagte allmählich. Er wurde fast ohnmächtig vor Angst und Kälte. Also war es doch keine Fabel, daß hier ein boshaftes Wesen hause, das seinem Geschlechte Unheil spann! Lange konnte er es hier nicht aushalten. Nun stand er schon eine halbe Stunde im Wasser, er, den die Mutter vor jedem feuchten Fuße so sorglich behütete. Und nochmals nahm er alle Kräfte zusammen und rief: »Halloh! Hülfe! Hülfe!« Dieses Mal endlich schien man ihn zu vernehmen. Er hörte sich rufen. War das Fritzens Stimme? Aber der war ja verreist. Sollte er wieder zurück sein? Nik rief auf's Neue, und die Stimme antwortete ganz aus der Nähe. Nun brach der Retter bereits durch die Büsche. Nik nebelte es vor den Augen, und seine Ohren brausten. »Fritz!« rief er mit dem Aufgebote der letzten Kraft. »Ja, wohl, ich komme!« war die Antwort, und alsbald erschien das brave Gesicht des Gärtnerssohns über der Tonne. Einen Augenblick schien er erschreckt, dann aber brach er in ein unbändiges Gelächter aus: »Potz Prima und Secunda!« rief der fröhliche Junge. »Machst Du mit der Brunnenfrau Hochzeit? Kakojoannes erzählte schon lange, Du hättest Dich mit ihr verlobt,« Trotz der Angst, die er noch eben empfunden, ärgerte sich Nik über diese Verrätherei des Rothen. »So hat der schlechte Mensch auch noch geplaudert«, dachte er. »Ich will es Dir entgelten, Du ungläubiger Hund«, knirschte er, in seine Märchenphantasieen zurückfallend. »Reiche mir lieber die Hand, statt zu lachen«, sagte er dann weinerlich, »daß ich aus dieser Mördergrube entrinne.« Fritz versuchte es, Nik emporzuziehen, aber dieser stellte sich so ungeschickt an, daß sein Freund sich um Hülfe umsah. »Warum der Rothe ihn nur so ruhig schreien ließ«, dachte der Gärtnerssohn. »Er muß dort oben den Ruf doch eben so gut gehört haben wie ich auf der Wiese.« »Müller!« rief er nach dem Weinberge hinüber, und alsbald tauchte ein rothes Haupt aus den Reben empor, und Johann Müller fragte, was los sei? Fritz gab ihm Bescheid und befahl, er solle mit der Leiter kommen, damit Nik aus der Cisterne heraufsteigen könne. Es dauerte lang bis der Rothe endlich mit dem Verlangten erschien, und Nik klapperte vor Kälte. Nachdem die beiden jungen Leute die Leiter vorsichtig hinabgelassen, stieg Nik schwach und zaghaft über den Rand der Cisterne empor, wo er Fritz halb ohnmächtig in die Arme sank. Dieser führte ihn zu der nächsten sonnigen Bank, damit er sich wärme und von seinem Schrecken erhole. Aber kläglich sah er aus mit seinen aneinander klebenden Kleidern, die von Schmutz starrten. »Oh Fleisch, wie bist Du verfischt worden!« spottete Fritz. »Geh auf Dein Zimmer, schöne Nymphe, und hülle Dich in menschliche Gewänder.« Damit machte er sich von Nik und dem Rothen los, und es schien, als ob er sich so rasch verabschiede, weil er mit Müller nichts zu thun haben wolle. »Hochmuth kommt vor dem Fall", sagte dieser, indem er Fritz nachschaute, und Nik erschrak über den teuflischen Blick, den der Rothe seinem Retter nachschickte. Unwillkürlich fiel ihm sein Traum ein und unmuthig fragte er: »Warum ließest Du mich eine Stunde rufen und kamst mir nicht zu Hülfe? Warte, ich will es Dir gedenken.« »Ich dachte, der Herr Baron spielten Theater«, erwiderte Johann unterwürfig. »Ich hörte Sie schon oft so im Walde predigen und meinte darum nur, heute macht der gnädige Herr es besonders natürlich.« Nik biß sich auf die Lippen. Er fühlte wohl, daß der Andere ihn verhöhne, aber er wußte nichts zu erwidern, da der Spott leider zutraf. Johann fuhr jedoch ganz treuherzig fort: »Kommen Sie rasch. Ich will Sie neu kleiden, Sie erkälten sich sonst. Wir wollen die hintere Treppe für das Gesinde hinaufgehn, damit Niemand Sie sieht. Es gäbe Gerede.« Dagegen war nun nichts einzuwenden, und rasch begab sich Nik mit seinem Begleiter auf seine Stube, wo dieser ihn dienstfertig von den nassen Stiefeln befreite, ihn geschickt warm rieb und neu bekleidete. Die schmutzigen Gewänder aber hing Johann bedächtig am offenen Fenster auf, so daß Nik froh war, keine weitere Hülfe in Anspruch nehmen zu müssen. »Wie diese Leute doch geschickt sind«, dachte er dabei im Stillen, und gewahrte mit Behagen, wie auf das unfreiwillige Bad, das er genommen, sich nunmehr eine angenehme Lebenswärme durch alle seine Adern ergoß. Ueber seine Erlebnisse wollte er lieber schweigen. Aber der Rothe zog sein Geheimniß ruckweise aus ihm heraus wie ein Korkzieher. »Nun ist der Ring wohl für immer verloren?« sagte Nik verdrießlich. »Er war am Rande der Bretter eingeklemmt, und ich dachte ihn ganz sicher zu haben, als ich plötzlich einbrach.« »Das ist schlimm«, erwiderte Müller, indem er mit seiner knochigen Hand seine rothen Haare kraute. »Wir müssen den Ring haben, koste es, was es wolle. Die Müllerstochter würde sonst früher oder später Sie nachziehn.« Nik, der den ausgestandenen Schrecken noch immer in den Gliedern hatte, fragte betroffen: »Wie meinst Du das?« »Nun, Sie sahen es ja, wie ernst sie es nimmt mit Ihrer Verlobung und wie die Vermaledeite Sie in ihr Reich hinabziehen wollte. Vergessen Sie nicht, daß Sie der Dritte sind. Wir müssen den Ring wieder haben. Ich sage nichts weiter, aber wir müssen.« »Ich hätte ihn auch gern wieder«, sagte Nik, dem seine ersten abergläubischen Empfindungen über Johanns Worten wiedergekehrt waren. »Man muß den Schatz heben!« flüsterte der Rothe. »Aber sie gibt Gold nur für Gold. Wenn Sie heute um Mitternacht ein Goldstück hineinwerfen, so haben Sie den Ring morgen früh am Finger.« Nik sah ihn mißtrauisch an. »Wie könnte ich um Mitternacht in den Wald kommen«, sagte er. »Das hörte ja der Diener, und des Vaters Hund würde bellen.« »Dann will ich es für Sie thun«, sagte Johannes, scheinbar aufmerksam durch das Fenster nach dem Park hinüberschauend. »Schaffen Sie mir nur das Goldstück.« »Er will mich betrügen«, dachte Nik für sich und zögerte mit der Antwort. Aber das Abenteuer reizte ihn doch auch. Vor Allem aber wollte er Psyche's Ring wieder zurück um jeden Preis. »Wann mußt Du das Geld haben?« fragte er verlegen. »Vor Abend«, erwiderte der Rothe. »Je früher je besser.« »Ich will es mir überlegen«, sagte Nik, und der Rothe entfernte sich zögernd. Nik schaute ihm beklommen nach. Er wußte nicht, wie es kam, daß ihm plötzlich einfiel, daß zwei Thüren neben ihm Mamas Wohnzimmer sei und wie leichtsinnig diese ihr Geldtäschchen auf dem Tische oder in ihrem Arbeitskorbe herumliegen lasse. »Wie gemein, wie abscheulich«, sagte Nik zu sich selbst, als dieser Gedanke ihm immer wieder kam. »Du wirst doch kein Dieb werden«, sprach er bei sich selbst. »Bitte Deinen Vater darum und sage ihm, daß Du nicht verrathen dürfest, wozu Du das Geld brauchest.« Dabei öffnete er die Thüre und trat in den anstoßenden Salon. »Sage der Mama offen, Du habest den Ring verloren und könnest ihn nur gegen zwanzig Mark von dem Finder wieder erhalten«, dachte er dann, und mit diesem Gedanken trat er durch die zweite Thüre in das Zimmer der Baronin. Sie war abwesend, aber der Arbeitskorb stand auf dem Tische und das Geldtäschchen lag richtig in demselben. Nik öffnete es. Er wollte nur sehen, ob überhaupt ein Goldstück in demselben zu finden sein würde? Richtig, es waren ihrer dreie. Noch immer war er ganz betäubt von den Aufregungen, die er soeben im Garten erlebt hatte. Er schaute um; Niemand sah ihn, und unversehens war eines der Goldstücke in seine Tasche verschwunden, er wußte nicht wie. Es war, als ob seine Hand von selbst die That begangen hätte. Mit Herzklopfen schob er dann das Geldtäschchen wieder in den Korb, und als er draußen Schritte hörte, floh er wie sinnlos in sein Zimmer zurück und huschte dann leise die Treppe hinab in den Garten. Mit einer richtigen Diebsphysiognomie stand er gleich darauf in dem Rebberge neben Johannes, scheu nach allen Seiten umschauend. »Sie bringen das Geld«, sagte dieser lächelnd. »Hier«, flüsterte Nik, »aber sage es Niemand.« »Gewiß nicht«, antwortete der Rothe. »Es darf kein Wort darüber gesprochen werden, sonst rückt der Ring immer tiefer.« Gleichmüthig steckte er das Geld ein und griff wieder zu seiner Hacke, während Nik zögernd in das Haus zurückkehrte. Noch nie hatte ihm die Glocke, die zum Mittagstische rief, einen so widrigen Klang gehabt wie heute. Bleich und verstimmt setzte er sich neben seine Mutter und der Bissen quoll ihm im Munde. Die Erkältung von heute Morgen schien ihn jetzt erst heimzusuchen. Er fröstelte und seine Hand zitterte. Zu seiner Beruhigung sprachen die Eltern ganz unbefangen von allerlei Angelegenheiten, die ihn nicht angingen. »Weißt Du vielleicht«, sagte aber die Baronin plötzlich zu ihrem Gemahle, »wem ich gestern oder heute zwanzig Mark gegeben haben kann? Sie fehlen mir an meinem Gelde.« Der Baron zuckte unmuthig die Schultern: »Lasse Dein Geld nicht immer herumliegen, so wird Dir nichts fehlen«, sagte er. Nik wollte rasch Wasser trinken und bekam darüber einen Hustenanfall, daß ihm der Vater auf den Rücken klopfen mußte. »Es ist möglich, daß ich das Goldstück einem Bettler gab, indem ich es mit einem Zehnpfennigstücke verwechselte«, fuhr die Baronin fort. Nik athmete auf. »Wenn sie nur bei dieser Meinung bleibt«, dachte er. Der Baron murmelte unmuthig etwas zwischen den Zähnen. »Das sähe Dir ganz ähnlich«, verstand die Baronin und beeilte sich, auf ein anderes Thema überzugehn. Am folgenden Morgen stand Nik an der hintern Seite des Schlosses. Er hatte schlecht geschlafen und war innerlich beklommen. Ein Fieberschauer hatte ihn geschüttelt und er fand sich sehr elend. Sein linkes Ohr tönte ihm fortwährend und eine Stimme hatte ihm im Traume zugerufen: »Dieb, Dieb«. Auch als am Morgen die Mutter aus dem Garten seinen Namen rief, verstand er nicht Nik, Nik, sondern Dieb, Dieb! So war er bleich und zitternd vor ihr erschienen und schämte sich tief, als sie ihn liebkoste und in Wehklagen über sein schlechtes Aussehen ausbrach. Der Ring war ihm plötzlich ganz gleichgültig geworden. Nur das Eine war ihm stets gegenwärtig, daß er seiner Mutter Geld gestohlen und sich zum Spießgesellen eines verächtlichen Menschen gemacht habe. Tief verstimmt lehnte er sich über die Brücke und schaute hinab in den Zwinger. Er hörte die Schritte des Gärtnerjungen hinter sich, aber er blickte nicht um. Da schob dieser ihm ein Papier in die Hand und ging schweigend weiter. Als Nik das Papier aufwickelte, glänzte ihm der Ring entgegen. Nik betrachtete ihn lang und argwöhnisch. Es war derselbe, den er verloren. Man sah an den Kritzern der innern Seite die Spuren von Psyche's Hand. In der Vertiefung zwischen dem rothen Steine und der Goldfassung klebte noch der grüne Schlamm der versumpften Quelle. Das Alles machte auf Nik einen geheimnißvollen Eindruck. Noch eben war er überzeugt gewesen, daß der Rothe ihn zum Besten habe und seine Leichtgläubigkeit ausbeute, jetzt erschien ihm das Ganze doch wieder höchst mysteriös. Es war kein Zweifel, der Ring hatte an der Statue gesteckt und dann in dem alten Brunnen gelegen. Wie aber in aller Welt war er von der Hand der Psyche in die Tonne gekommen, die so weit entfernt war? Sollte nicht doch eine unsichtbare Gewalt hier im Spiele sein? Die Spuren von Psyche's Hand und die aus der Wohnung der Brunnenfrau waren nicht abzustreiten, und Nik war nur allzu geneigt, beide in eine geheimnißvolle Verbindung zu bringen. Daß aber der Rothe das Geld in seine Tasche habe wandern lassen, schien ihm auf der andern Seite doch auch wieder wahrscheinlich. Mit so widerstreitenden Gefühlen kehrte er in seine Stube zurück. Er konnte sich des wieder erlangten Kleinods nicht freuen. Die Art, wie er wieder in Besitz seines Heiligthums gekommen, entleidete ihm dasselbe. Er wollte nicht stets an seinen Fehltritt erinnert sein und legte darum den Ring, statt ihn zu tragen, in die hinterste Ecke seines Schrankes. Achtes Kapitel Das Abenteuer mit dem Ringe hatte gemischte Empfindungen in dem Herzen des Knaben zurückgelassen, und er würde sein junges Haupt vielleicht noch lange über dasselbe zergrübelt haben, hätte nicht die Nachricht, daß er in das Gymnasium eintreten solle, seinen Gedanken eine ganz neue Wendung gegeben. Obgleich er etwas der Art geahnt hatte, als der schwäbische Kandidat das Haus verließ, ohne daß von einem Nachfolger geredet wurde, erbleichte er doch vor Schrecken, als der Vater ihm sein Schicksal verkündete. Das Neue, was da kommen sollte, ängstete ihn, denn er hatte das unbestimmte Gefühl, daß er den Anforderungen, die in dem neuen Leben an ihn herantreten würden, nicht gewachsen sei. So ging er bleich und aufgeregt umher und schlief in der Nacht vor Angst nur wenig. Noch mehr aber als ihr Söhnlein fand sich die zarte Baronin angegriffen, als es am Montag Morgen halb acht Uhr schlug. Nur schwer ließ sie sich davon abbringen, den kleinen Dulder im Wagen zum Gymnasium zu bringen. Aber der Baron wurde ernstlich unwillig, und redete gar von Affenliebe. Schließlich mußte die aufgeregte Dame sich damit zufrieden geben, daß Fritz Glimm ihren Nik bis an die Thüre seiner Klasse führen solle. Zitternd und bleich erschien der vierzehnjährige Knabe unter der Horde fremder Jungen, die seine Furcht alsbald entdeckten, und feierlich beschlossen, ihm den Namen ›Milchsuppe‹ beizulegen. Allein Nik war von Natur nicht feig. Nach wenigen Tagen hatte er seine Befangenheit abgeschüttelt, und suchte durch schneidiges Auftreten sein erstes schwächliches Erscheinen in Vergessenheit zu bringen. Rasch holte er nach, was er in seinem bisherigen abgeschiedenen Leben versäumt hatte, denn die Flegelei, der er hier überall begegnete, hatte für ihn den Reiz der Neuheit. Er lernte mit der Schnelligkeit eines lang zurückgedrängten Talents pfeifen wie ein Schusterjunge, fluchen wie ein Feldwebel, Steine werfen wie ein Schleuderer. Bald fand die gnädige Mama auch wieder an dem Leibe ihres Söhnleins blaue und grüne Flecke, nicht kommaförmige wie die früheren, sondern von mehr rundlicher Gestalt. Sie entsetzte sich sehr, aber Nik blieb bei Befragung unerschütterlich dabei, daß er sich gestoßen habe, und der Vater sagte ungeduldig: »So lasse ihn doch! Jungen müssen sich raufen. Daran wird er nicht umkommen.« Und in der That schien Nik sich zum ersten Mal in seinem Leben von Herzen wohl zu fühlen. Einiger Mehlthau fiel freilich auf diesen Lenz seiner Schulfreudigkeit, als er sein erstes Zeugniß nach Hause brachte, das dem Herrn Baron die Röthe in die Wangen trieb. »Zerstreut, unaufmerksam, flüchtig, nachlässig, vergeßlich, unordentlich« waren noch die besten Prädikate, die Baronin aber stand da mit gewundenen Händen und sagte, »dazu also hast Du fünf Lehrer gehabt, um nun der Letzte in Deiner Klasse zu sein, während des Gärtners Fritz in der seinen der Erste ist, und zwei Jahre ist er Dir ohnehin schon voraus.« Nik war auch keineswegs taub für solche Vorstellungen und nichts weniger als ein verhärteter Sünder. Im Gegentheil, er faßte die schönsten Vorsätze und hatte die allerfesteste Absicht sich anzustrengen. Eine Weile saß er wirklich eifrig hinter seinen Büchern. Aber eben, als die entscheidende Zeit gekommen war, erschien Tante Tina mit ihrer Valentine bei der Baronin auf's Neue zu längerem Besuche. Ihrem Neffen Nik brachte sie als Gastgeschenk eine vollständige Ritterrüstung mit, die ihn alsbald wieder in seine alten Ritterphantasieen zurückwarf. Der Baron meinte zwar, Nik sei viel zu alt für solche Maskeraden, aber dieser selbst konnte von da an den Schluß der Schulstunden kaum erwarten, um sich in seinen Harnisch zu werfen und seine Beinschienen anzuschnallen, in denen er dann, von Valentinen bewundert, durch den Zwinger und den Obstgarten stolzirte, wo die Hunde ihn anbellten. Setzte er sich dann doch wieder auf die Stube, um zu lernen, weil er in der Schule gestraft worden war, so stellte sich Valentine vor seine Fenster und rief mit großer Beharrlichkeit: »Nik, bist Du noch nicht fertig?« Da sie diese Anfrage jede Viertelstunde wiederholte, so warf Nik schließlich die Arbeit, bei der seine Gedanken unter solchen Umständen doch nicht waren, zur Seite, und beschloß, dem Schelten der Lehrer mannhaft Trotz zu bieten. Die Folge war, daß sein zweites Zeugniß noch schlechter ausfiel als das erste, und er im Herbste nicht versetzt ward. An die Strafreden des Vaters war er nun schon gewöhnt, und als die Ferien begannen, hatten die Eltern den ganzen Tag Gelegenheit, seine unzweifelhaftesten Fortschritte, nämlich die in der Ungezogenheit, kennen zu lernen. Er lag immer auf wenigstens drei Stühlen, quälte den Hund, und schimpfte die Dienstboten. Die Frau Baronin war entsetzt über diese Umwandlung ihres kleinen Engels, und wollte sich von dem Pfarrherrn durchaus nicht überzeugen lassen, daß alle diese Neigungen in ihrem sanften Kinde stets geschlummert hätten, und früher oder später vielleicht zu einer noch schlimmern Entfaltung gekommen wären. Ihr war das Alles Verführung, schlechtes Beispiel, Ansteckung, die sie stets vorhergesagt, und es war ihr ein Triumph, für jede Flegelei ihres Sohnes den Gemahl vorwurfsvoll anzublicken. »Da hast Du's«, war immer ihr erstes Wort, noch ehe sie Nik selbst eine Bemerkung über seine Streiche machte. Auch hatte sie darin nicht Unrecht, wenn sie behauptete, ihr armer Nik verwildere durch die schlechte Gesellschaft, in die er gerathen sei, nur war sie auf falscher Fährte, wenn sie diese schlechte Gesellschaft in der Schule suchte. Wäre die gnädige Frau nicht wie eine Träumende durch ihr eigenes Haus gewandelt, so hätte sie dieselbe ganz in ihrer Nähe entdecken können. Ihres Sohnes Schicksal war in Gestalt eines häßlichen, rothhaarigen Gärtnerlehrlings an ihn herangetreten, von dem die vornehme Frau auch noch nicht ein einziges Mal Notiz genommen hatte, während der Freiherr sogar geneigt war, diesen Verführer seines Knaben für einen recht wackern und arbeitsamen jungen Menschen zu halten. Wenn der hagere, sommersprossige Jüngling mit den tiefliegenden Augen auffällig zur Seite trat und ehrerbietig die Mütze abnahm, so oft der Baron im Garten ihm begegnete, so dachte dieser: »der Junge weiß wenigstens, was sich gehört.« Der Baron fand die sonnigen Plätze, an denen er sich mit seinen rheumatischen Gliedern niederzulassen pflegte, stets besonders sauber hergerichtet. Der Lehrjunge las ihm die Wünsche von den Augen ab, und verstand seine Bedürfnisse noch ehe er sie aussprach. Es kam ein kühler Wind, da legte Johann bereits die Decke, die er im Hause geholt, schweigend neben dem Freiherrn auf die Gartenbank; die Sonne blendete, da erschien der dienende Teufel mit dem blauen Sonnenschirme; der Abend ward kühl, so war der anstellige Junge ungeheißen mit dem Ueberzieher zur Stelle. Darüber kam der Freiherr bald in Unterhaltung mit dem Knaben, und als dieser merkte, daß der geschraubte, süßliche Ton des verlorenen Sohnes dem Baron mißfiel, legte er ihn rasch ab, und gab mit militärischer Kürze Auskunft. »Verjage nur die Katzen«, sagte ihm der Freiherr eines Tages, »wir haben in diesem Jahre nicht eine einzige Nachtigall.« Als der Baron einige Tage später aus dem hinteren Schloßportale über die Brücke ging, hörte er aus den dichten Aesten einer kalifornischen Tanne Nachtigallentriller ertönen. Da die schluchzenden Töne immer von derselben Stelle laut wurden, trat er näher, um die kleine Sängerin zu belauschen, und sah nun dicht am Stamme der Tanne ein kleines Vogelbauer aus Holzstäben, in welchem der arme Singvogel gefangen saß. »Gut gemeint«, dachte der Freiherr. »Wie sollte der Junge auch ahnen, daß der Gesang eines gefangenen Waldvogels im Garten uns nur verstimmt. Aber wie kommt es, daß die kleine Kreatur um diese Morgenstunde musicirt?« Er drängte sich näher an das Bauer, so daß er selbst völlig in den Zweigen des Baumes verschwand. Dann wurde ein Ausruf des Abscheues laut. Der Freiherr hatte entdeckt, daß dem armen Thiere die Augen ausgestochen waren, damit ihm der Tag zur Nacht werde. Als er unwillig wieder aus dem Schatten hervortrat, stand der rothe Johann vor ihm und erwartete mit einem verschmitzten Lächeln auf den plumpen Lippen seinen Dank. »Hast Du das Thier gefangen?« fragte der Baron. »Der gnädige Herr sprachen den Wunsch aus, und da ließ ich es mich keine Mühe verdrießen«, erwiderte der Rothkopf unterwürfig. »Und Du hast es über Dich gebracht, der armen Kreatur die Augen auszustechen«, fragte der Baron entrüstet. Da gewahrte der Knabe, daß er zu weit gegangen war in seinem Eifer. »Oh«, sagte er schnell besonnen, in seinem frömmsten Tone, »wie können der Herr Baron so etwas von mir denken. Der Vogel muß früher in Gefangenschaft gewesen sein, wo grausame Menschen ihn blendeten, damit er auch bei Tage singe. Ich sah gleich, daß er ganz unsicher flog, darum ließ er sich auch so leicht greifen.« Die Mienen des Freiherrn hellten sich auf. »Du wolltest mir eine Freude machen«, sagte er, indem er in die Tasche griff und Johann ein Geldstück gab, das dieser zögernd annahm. »Ich danke Dir, aber nimm den armen Vogel in Deine Wohnung, es würde mir den Aufenthalt im Garten verderben, wenn ich seine klagenden Töne auch nur aus der Ferne vernehmen müßte.« Damit bog er in den Park ein, während der Gärtnerslehrling ihm verdutzt nachschaute. Mit einem Fluche auf den Lippen kletterte er in die Tanne, um das Opfer seiner Liebedienerei so rasch als möglich bei Seite zu schaffen. »Es wird sich schon ein Käufer dafür finden«, sagte er. »Nicht alle Leute sind so wehleidig.« Damit schleuderte er den Käfig zornig in das Hüttchen, wo seine Kleider lagen, so daß der arme blinde Vogel sich flatternd an den Stäben hielt. Nik hatte den Rothen seit dem Abenteuer mit dem Goldstücke gemieden. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm, daß dieser Umgang für ihn gefährlich sei. Aber in den Ferien machte es sich von selbst, daß sich die beiden Knaben im Garten wieder öfter begegneten. Täglich war der junge Gärtner Zeuge von Nik's phantastischen Spielen im Parke, und hörte seine Reden und Selbstgespräche. »Kommen Sie, Herr Baron«, rief er eines Tages ihm zu, »auf dem breiten Gange ist ein wirkliches Ungeheuer, eine gewaltige Schlange, die müssen Sie bekämpfen.« Nik galoppirte alsbald eifrig mit seiner Turnierstange den Abhang vom Parke hinab nach dem bezeichneten Sandwege, von dem man durch rebenumzogene Bogen nach dem Flusse hinabschaute. In der That wälzte sich dort eine unschuldige Ringelnatter behaglich durch den warmen, gelben Gartensand. Kampfbegierig stürzte Nik ihr entgegen, und zerschmetterte mit seinem Stecken den Kopf des harmlosen Thieres; dann schleppte er sie in den Wald und sah mit der Wollust erwachender Grausamkeit den qualvollen Windungen der geköpften Schlange zu, die noch Tage lang zuckte. Das mordgierige Schwelgen in Mohrenköpfen, zu dem ihn die Schauererzählungen der alten Bärbel verführt, wurde von nun an, unter Johanns Anleitung, zum Kampfe gegen lebende Thiere. Sein nächstes Taschengeld verwendete er darauf, sich ein großes Dolchmesser zu kaufen, mit dem er den grünen Eidechsen, von denen es an den sonnigen Mauern wimmelte, den gräulichen Drachen, wie er sie nannte, durch einen geschickten Hieb den Schweif vom Leibe trennte. Stunden lang konnte er mit der blanken Klinge in der Luft fuchtelnd und Probestöße führend, den Mörder spielen, wenn er nichts zu morden fand. Bald brachte ihm der Rothe auch ein Blasrohr, das er angeblich selbst gefertigt hatte. Nik nannte es sein Feuerrohr, mit dem er die Wilden, das heißt die Nachbarkinder, schreckte und Löwen und Tiger erlegte. Die Löwen waren die fremden Hunde, die zuweilen in der Hundehütte einen nachbarlichen Besuch abstatteten, die Tiger waren die Katzen, die im Park den Vögeln nachstellten; das Erlegen bestand jedoch darin, daß er nach ihnen zielte, und sie nicht traf. Seine Phantasie verwilderte darum doch immer mehr. Erst schoß er mit Beeren, dann mit harten Lehmkugeln, schließlich mit spitzen Bolzen, die ihm sein Sklave Johann anfertigen mußte. Dieser war auch zu Allem willig, aber nur unter der Bedingung, daß Nik es Niemandem verrathe, so daß sich stets neue Geheimnisse zwischen Nik und seine Eltern drängten, vor denen er früher nichts zu verbergen hatte. Der Baron bekam mit der Zeit freilich eine Ahnung von diesem Treiben; er fand in den Baumrinden spitze Bolzen stecken, und die Menge von kleinen grünen Eidechsen fiel ihm auf, die den Schweif verloren hatten. Einmal nahm er zwischen Wald und Rebberg kleine Fleischstücke wahr, die da als Köder ausgestreut waren, und als er eines derselben mit dem Stocke zerfaserte, kamen krumm gebogene Nadeln zum Vorschein. Aber Nik hatte ihn mit seinen Streichen schon so ermüdet, daß er sich begnügte, dem Gärtner zu sagen, er möge den Knaben besser auf die Finger sehen. Seit die blutdürstigen Träume Nik's sich so praktisch bethätigten, war er auch kühner geworden. Johann construirte ihm ein Werkzeug, das er einen Lasso nannte. Er befestigte eine bleierne Kugel an einer Leine und zeigte Nik, wie sie zu gebrauchen sei. Lange Stunden übte dieser sich im Garten, die Kugel so an die Bäume zu werfen, daß die Schnur sich zwei- bis dreimal in gewaltigem Schwunge um die Stämme legte. Dann wendete er diese Waffe auf die Ziegen des Gärtners an und erfreute sich an den Quersprüngen der geängsteten Thiere, die er bald an den Hörnern, bald um die Beine eingeschlungen hielt und nach Gefallen hin und her zerrte, bis die Schleife sich endlich löste und die mißhandelte Kreatur hinkend und klagend entlief. Nik's Leistungen in der Schule wurden dafür immer schlechter, und bald fand sich die gnädige Frau auch durch Arrestzettel und Drohungen der Ausweisung von Seiten der Anstalt erfreut. Unzufrieden mit sich selbst, der Schule überdrüssig bis zum Ekel, erbittert auf die Lehrer, auf den Pfarrer und die Eltern, die ihn nur zu tadeln und an ihm zu hudeln hatten, saß Nik eines Morgens an dem einsamsten Platze des Gartens, auf der Traumbank, wie man ein tief im Gebüsche verborgenes Plätzchen nannte. Die Mittagshitze war, obgleich man sich im September befand, selbst hier unerträglich, und halb boshaft, halb schwermüthig gestimmt, schlug der Knabe mit dem Bleigewichte seiner Fangleine an ein junges Bäumchen, stampfte Löcher in den schön geebneten Sand, köpfte mit seinem Dolchmesser die aufstiebenden jungen Tannen und zerkrümelte die neuen Triebe der benachbarten seltenen Nadelhölzer. »Der Alte wird schön schelten, wenn er das sieht«, sagte er dann, indem er hämisch lächelnd die Tannennadeln betrachtete, die er auf der Erde ausgestreut hatte. In diesem Augenblicke lief ein schwarzes, seidenhaariges Hündchen durch die Büsche. Als es den auf der Bank Sitzenden bemerkte, stellte es sich ihm kläffend in den Weg. Nik's Blut wallte tückisch auf. »Ich werde mich doch nicht in meinem eigenen Garten von fremden Hunden anbellen lassen«, sagte er. Boshaft lockte er das Thier näher, während er gleichzeitig seine Wurfleine wog. Dann warf er rasch das Blei um den jungen Ahornstamm, bei dem der kleine Hund stand. Die Bleikugel flog mit gewaltigem Schwunge um den jungen Baum, und die Schnur erfaßte die eine Hinterpfote und den Schweif des Wachtelhündchens, und heftete es fest an den Stamm. Kläglich winselte das kleine Thier, während Nik durch Anziehen der Leine seine Qual noch vermehrte. »Puck, wo bist du, Puck?« rief jetzt eine helle Mädchenstimme. Nik sprang auf, um die Leine rasch abzuwickeln, der Hund aber schrie doppelt kläglich, und im gleichen Augenblicke stand Elfriede vor Nik, die ihn erst entsetzt mit den Augen maß und sich dann mit einem Wehelaute nach ihrem Lieblinge bückte. Nik wollte ihr helfen, aber sie stieß ihn zurück, und befreite den kläglich winselnden Hund von der Schnur. »Die Pfote ist gebrochen«, sagte sie dann mit einer entrüsteten Stimme, in der eine Thräne zitterte. »Es war ein dummer Zufall«, sagte Nik, dem alles Blut zum Herzen geschossen war. »Das ist nicht wahr«, erwiderte die schlanke Elfriede, die, ihr Hündchen auf dem Arme, jetzt hochaufgerichtet ihm gegenübertrat. »Wir wissen wohl, wer unsere Ziege so ängstete, daß sie die Milch verlor. Sie haben eine Freude daran, wehrlose Thiere zu quälen. Sie haben ein schlechtes Herz.« Nik stand bleich vor Scham,, und es lief ihm eiskalt über den Nacken. Noch suchte er nach irgend einer Ausrede, da hatte das schöne Mädchen ihm bereits den Rücken gewendet, und er sah nur noch, wie ihre schlanke Gestalt durch die Büsche verschwand, worauf er mit zitternden Knieen sich auf der Traumbank niederließ. In diesem Augenblicke läutete es zu Tisch. Mechanisch folgte er dem Rufe, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen. Erhitzt und mit zitternden Gliedern saß er den Eltern gegenüber. Er konnte keinen Bissen hinabwürgen. Die Mutter seufzte. Der Vater dachte, »er wird wieder einmal eine tüchtige Strafe in der Schule zudiktirt erhalten haben und rückt mit der Sprache nicht heraus.« Mehrere Tage ging Nik in dieser Beklemmung umher. Er hatte sich vorgenommen, in der Schule sich anzustrengen, aber er konnte seine Gedanken in keiner Weise zusammenhalten. Immer sah er nur die zornigen Augen Elfriedens, er hörte den verächtlichen Ton ihrer Stimme, und doch war ihm an ihrer Achtung mehr gelegen als an der der ganzen Welt. Stundenlang konnte er dasitzen und den Ring betrachten, den er aus seinem Schranke hervorgesucht hatte, und mit Macht kamen die alten Empfindungen wieder über ihn. Endlich zeigte sich ihm ein Ausweg. Er wollte an Fritz schreiben, durch ihn bei Elfrieden um Verzeihung nachsuchen, und ihn bitten, sein Freund zu sein. Als er dem Papiere gegenübersaß und sich besann, was er Alles zu beichten habe, übermannte es ihn. Wie viele Schlechtigkeiten gegen Menschen, Thiere und Bäume hatte er in den letzten Monaten verübt; wie traurig hatte er seine Pflichten versäumt; wie wurde er von Lehrern und Schülern dafür verachtet. Niemand ging mehr mit ihm um. Er hatte keinen Gespielen als den rothen Gärtnerjungen, der allen andern zu schlecht war. Sobald er sich das wirklich einmal klar gemacht hatte, überwältigte es ihn. Wieder sah er die zornigen Augen Elfriedens, und er begann zu weinen. Auf das mit Thränen benetzte Papier schrieb er nur wenige Worte: »Lieber Glimm! Ich bin auf schlechten Wegen. Ich kann mir nicht selbst helfen, alle verachten mich. Du bist mit mir confirmirt worden, hilf mir. Ich will Dich bei dem Altare am Epheumeer im Park um sieben Uhr erwarten, und Dir Alles sagen. Jetzt kann ich nicht mehr vor Weinen.« Diesen Brief schickte er durch den Diener in das Gärtnerhäuschen hinüber, da er wußte, daß um diese Zeit Fritz bei seiner Arbeit saß. Es dämmerte schon unter den hohen Ahornstämmen, die den einsamen Platz umgaben, in dessen Mitte ein alterthümlich gearbeiteter Altar stand. Unterhalb desselben senkte sich das Terrain, und eine Fluth von Epheu ergoß sich gleich einem Strome den Abhang hinab. Hierher schlich sich um die festgesetzte Stunde Nik. Er war bleich und hatte verweinte Augen. Aengstlich wich er dem Geisterweg aus, da er von Ferne unter den Tannen etwas Weißes zu erkennen glaubte, und schmiegte sich dann in die Ecke der Bank bei dem verabredeten Platze. Aber es blieb Alles still. Hie und da löste sich ein gelbes Blatt von den Bäumen und fiel rauschend vor ihm nieder. Wie sehr hatte er sich verändert, seit er gemeinsam mit den Zwillingen sich des Knospens dieser Bäume erfreut hatte. Als Niemand kam, erfüllte eine namenlose Bitterkeit sein Herz. Also so tief war er verachtet, daß selbst der Sohn des eigenen Gärtners seinem Hülferufe kein Ohr mehr lieh. »Er glaubt mir nicht«, seufzte er. »Es glaubt mir Niemand.« Traurigkeit und Zorn gegen Fritz kämpften in ihm. Da hörte er einen leichten, leisen Schritt. Fritz war das nicht. Von den Tannen her kam eine lichte, weiße Gestalt, Nik schauderte. Er trat einen Schritt zurück und hielt sich zitternd an den Hörnern des Altars. Da stand Elfriede vor ihm. »Fritz durfte nicht kommen«, sagte sie mit ruhiger Stimme. »Der Vater verbot es ihm, weil er noch böse ist über die Ziege. Ich konnte es aber nicht über das Herz bringen, Sie hier allein warten zu lassen.« Dann schwieg sie, als ob sie eine Antwort erwarte. Es blieb aber Alles still, Nik wollte etwas sagen, aber als er zu reden versuchte, brach er in Thränen aus. »Weinen Sie nicht«, sagte Elfriede mild, »wir haben Ihnen Alles vergeben, und Puck ist fast schon gesund und fängt an, die kranke Pfote wieder zu gebrauchen.« »Ach, das ist es nicht«, sagte Nik unter Schluchzen, »so schlimm es war. Aber Niemand will mit mir umgehen. Erst haben sie mich gehänselt, mich Baron gescholten, Milchsuppe, Faselhans und was weiß ich. Was blieb mir da übrig, als mich an den schlechten Menschen zu halten, der mich in alle Schändlichkeiten eingeweiht hat. Und nun verachten auch Sie mich; und Fritz, den ich anflehte, kommt nicht einmal, um mich anzuhören.« Elfriede schwieg eine Weile, dann sagte sie: »Fritz will mit Ihnen sprechen. Sie sollen morgen von der Schule mit ihm nach Hause gehen, aber die Bedingung ist, daß Sie den Umgang mit Ihrem Verführer abbrechen.« »Das habe ich schon gethan«, erwiderte Nik. »Seit ich Sie bei der Traumbank sah, habe ich kein Wort mehr mit ihm geredet.« »Das ist gut«, meinte Elfriede freundlich. »Und daß Sie Alles so ernst nehmen, freut mich auch. Ich sehe, daß Sie nur verführt waren, und selbst kein schlechtes Herz haben. Halten Sie sich nur an Fritz, der ist ein braver Junge.« »Sie haben früher Du zu mir gesagt«, schluchzte Nik jetzt. »Wenn Sie mir wirklich verziehen haben ...« Er erröthete und wagte nicht fortzufahren. »Gut, Nik«, sagte sie, »wenn Du versprichst, wieder wie früher zu sein, so will ich Dich wieder Du nennen.« »Ich gelobe es bei den vier Hörnern dieses Altars«, rief Nik enthusiastisch, »und bei den vier heiligen Eschen an den Pforten meines Hauses.« »Papperlapapp«, sagte Elfriede unwillig. »Nicht gleich wieder Theater spielen, davon kommt all Dein Unglück. Erst hast Du mit eingebildeten Ungeheuern gefochten, und als Dir das endlich zu langweilig wurde, hast Du Thiere gequält. Deshalb haben Dich Deine Kameraden erst verspottet und nachher gemieden. Ich will ein ernstes Versprechen. Gib mir die Hand darauf, daß Du Dich bessern willst.« Er reichte ihr die Hand und drückte ihre zarte, schlanke Rechte. Damit war die Verhandlung zu Ende, und sie traten aus dem Parke heraus. Nik, der Elfrieden wie im Traume gefolgt war, wurde jetzt erst gewahr, daß er sich an der verrufenen Parkecke am Ausgang des Geisterwegs befinde. »Fürchtest Du Dich nicht, nach Sonnenuntergang hier zu sein«, fragte er Elfrieden, indem er ängstlich nach der Brombeerhecke schielte. Elfriede lachte laut auf. »Du bist confirmirt und glaubst noch an Gespenster. Siehst Du, was bei Deinen Märchenbüchern herauskommt.« Und mit einem fröhlichen »gute Nacht« sprang die schlanke Gestalt mit graziös zur Seite geneigtem blonden Haupte den Rebberg entlang, behend jedem fruchtbeladenen Zweige ausbiegend, bis sie hinter den Obstbäumen für Nik's Auge entschwand. Er sah dann, wie sie unter der Thüre des Gärtnerhäuschens noch einmal nach ihm zurückschaute und dann in's Haus trat. Dieses Mal kam er den Geisterweg hinab ohne anderen Schauder, als die selige Empfindung, daß die Geliebte ihm verziehen, und daß er von guten Menschen begnadigt sei. Am anderen Tage, nach dem Unterrichte, erwartete ihn Fritz bereits an der Schulthüre. Er machte nicht viel Worte, denn Elfriede hatte ihm verboten, Nik zu schelten. »Komme um vier Uhr mit allen Deinen Schulheften und Büchern zu mir«, sagte er, »dann will ich sehen, was zu thun ist. Erst muß man seine Pflicht erfüllen, dann findet sich das Uebrige ganz von selbst.« Nik ging beschämt neben ihm her, und wagte nicht zu reden, bis Fritz ihn nach seinen Schicksalen bei den einzelnen Lehrern fragte. Da war denn nicht viel Gutes zu vermelden, doch wurde ihm Fritz nicht durch Tadeln lästig. Am Mittage ging Nik mit seinen Büchern über die Wiese zum Gärtnerhause. Er war sehr pünktlich, denn er hoffte vorher noch einen Blick von Elfrieden zu erhaschen. Aber sie war nicht um die Wege. Nur die wohlbekannte Ziege sah er, die ängstlich zu schreien begann, als sie seiner ansichtig wurde. Mit Herzklopfen trat er unter das traubenschwere Rebdach, wo das Wachtelhündchen ihn grimmig anbellte. Das saubere Häuschen duftete bis in den Vorplatz so köstlich nach Aepfeln und Quitten, daß ihm der Mund nach ihnen wässerte. Durch die offene Thüre sah er dann die Gärtnerin, die an einem Waschgestell die feine Wäsche für das Schloß aufhing. Als sie Nik erblickte, streifte sie die bis über die Ellbogen aufgestülpten Aermel herab und trat ihm einige Schritte entgegen. Sie war ernster als sonst; eine kleine, scharfe Falte auf ihrer Stirne zeigte, daß sie etwas gegen Nik auf dem Herzen habe, und die großen hellen Augen, die sie jetzt auf ihn richtete, machten, daß er die seinen niederschlug. Die stattliche Frau hieß ihn in die Stube treten, und während sie in ihrer ruhigen Weise einen Tisch abräumte, auf dem die geplättete Wäsche ausgebreitet war, sagte Nik tief erröthend und mit stockender Stimme: »Ich möchte um Erlaubniß bitten, mit Fritz zu lernen.« »Daß Sie lernen wollen«, sagte Frau Glimm trocken, »ist schon recht, aber wird Fritz auch von Ihnen Gutes lernen? Wir haben eine arme Ziege und einen kleinen Hund im Hause, die nicht eben Ihr Lob singen. Wer keine Liebe zu den Thieren hat, hat auch keine zu den Menschen.« Sie fuhr dabei ruhig in ihrer Arbeit fort, nur daß ihre klaren Augen ständig auf Nik gerichtet waren. »Ich habe Fritz versprochen«, sagte Nik kleinmüthig, »daß keine Klage mehr gegen mich kommen soll. Versuchen Sie es nur einmal mit mir«, setzte er dann in einem vertraulicheren Tone hinzu. »Ich will Ihnen sagen, junger Herr«, fuhr die Gärtnerin in ihrer ruhigen Weise fort, »warum ich das erlaube. Mein Mann wollte erst nichts von einem solchen Verkehre wissen, denn er meinte, ›wer als Junker ein Thierquäler ist, wird als Offizier ein Leuteschinder. Mit solchen Herren will ich nichts zu thun haben‹, sagte er. Mich aber dauert Ihre Frau Mutter, und ich möchte nicht, daß Sie darauf angewiesen sind, mit dem rothen Müller umzugehen, den Ihr Herr Vater besser heute als morgen aus dem Hause jagte. Vornehme Kinder haben ihre geschworenen Verführer an solchen schlechten Dienstboten, die sich anschmeicheln wollen; das war Ihr Unglück von Jugend auf. Darum haben Sie keinen gesunden Zahn mehr im Munde, weil die alte Bärbel mit der Zuckerdüte sich um Ihre Liebe bewarb. Aber der Müller verdirbt Ihnen noch mehr als die Zähne, und ich will es nicht mit ansehen, wie dieser schlechte Mensch, der meinem Manne schon fast die ganze Stelle im Schlosse verleidet hat, auch noch Sie zu Grunde richtet. Deshalb habe ich es Fritz erlaubt, daß er mit Ihnen umgehe.« Während die brave Frau so sprach, war Fritz eingetreten, nickte dem beschämt dastehenden Kameraden freundlich zu, und nun setzten sich beide an die Arbeit. Nik gab sich wirklich viele Mühe, und während er auf seiner Stube oft drei Stunden träumend vor seinen Büchern saß und dann doch nichts wußte, hatte er heute in kaum zwei Stunden sein Pensum gründlich erledigt. Erst gegen Ende, als er Elfriedens Stimme draußen hörte, ließ seine Aufmerksamkeit nach. »Du wirst müde und dumm«, sagte Fritz offenherzig. »Doch ist's auch genug für heute.« Damit räumten die Knaben die Bücher zusammen. Als sie vor das Haus traten, sahen sie, wie Elfriede ihrer Mutter beim Brechen der Aepfel behülflich war. Es war ein anmuthiges Bild, wie beide unter dem alten Baume standen, beleuchtet von der untergehenden Sonne, in der die an den entlaubten Aesten hängenden Aepfel wie Lichter erglänzten. Die kräftige Gestalt der Mutter stand auf einer kleinen Stehleiter, von der sie ihren Arm nach den Früchten ausstreckte, während die schlanke Elfriede, die schwarze Schürze ausspreitend, dieselben geschickt auffing. Unter dem Vorwande, zu helfen, machte sich Nik alsbald herbei; Fritz schwang sich kühn in die Aeste des alten Baumes, und Nik folgte ihm. Mit Necken und Scherzen flogen die Aepfel nun Elfrieden zu, und nur all zu rasch war die lustige Arbeit vollendet. Dann gingen die drei jungen Leute noch eine Weile längs des Rebberges hin und her, und Elfriede erzählte, was sie in der Residenz gesehen und gelernt hatte. Dieses einfache Leben wiederholte sich nun Tag für Tag. Nik kam wohl vorbereitet in die Schule, und bald sagte der Klassenvorstand: »Sehen Sie, Altenbrück, Sie können ganz gut, wenn Sie wollen.« Nik war über dieses erste Lob so beglückt, daß ihn nun ein wahres Lernfieber überfiel. Er arbeitete unter Fritzens Aufsicht, dann erging er sich bis zur Abendmahlzeit mit den Geschwistern im Garten. Nach dem Nachtessen aber vertiefte er sich nicht mehr in Romane, sondern holte nach, was er zu Anfang des Schuljahres versäumt hatte. Am Sonntage griff er zum Staunen seiner Eltern sogar zum Gesangbuche und ging in die Kirche. Dabei war er heiterer, als früher, weniger launisch und zankte nicht mehr mit den Dienstboten. Seine alten schlechten Zerstreuungen aber vergaß er gänzlich. Seit Nik seine freie Zeit in Gesellschaft der Geschwister zubrachte, war ihm der Anblick des rothen Johann völlig unerträglich. Er wich ihm aus, wo er ihn von ferne sah, und wenn Müller sich ihm geflissentlich in den Weg stellte, fertigte er ihn kurz ab, oder schickte ihn wohl gar an die Arbeit. Dieser wußte nicht, wie er sich diese völlige Umwandlung in der Stimmung des jungen Barons zu erklären habe. »Er will vornehm werden«, dachte er bei sich. Auch sah er mit Unmuth, daß Nik sich immer enger an die Gärtnerskinder anschloß, denen von ihrem Vater jeder Verkehr mit ihm untersagt war. Das war schlimm, aber er gab die Hoffnung nicht auf, den jungen Herrn bei Gelegenheit wieder auf seine Seite herüberzuziehen. Bald wäre es auch gelungen. Eines Mittags erschien Nik im Gärtnerhäuschen, begleitet von einem schneeweißen, jungen Pudel. »Welch schönes Thier«, sagte Elfriede, indem sie ihn streichelte. »Und wie kluge Augen er hat. Kann er auch Kunststücke?« Nik pfiff: »Azor, wie spricht der Hund?« Der Hund bellte. »Mache Männchen, Azor«, sagte Nik, und der Hund stellte sich auf die Hinterfüße, indem er die Vorderpfoten vor dem Maule kreuzte. »Azor, hole den Stock«, rief Nik; seine Gerte von sich werfend, und der Hund brachte sie im Maule, und wartete auf den Hinterfüßen, bis Nik sie ihm abnahm. »Azor, trommle«, rief Nik, eine Gießkanne vor ihn stellend, und Azor stellte sich wie ein Tambour auf und trommelte mit den Vorderpfoten. »Azor, trage den Korb«, commandirte der Herr, Elfriedens Notentasche ihm hinreichend, und gehorsam trabte der Pudel neben Nik her, indem er die Tasche im Maule hielt. »Azor, lasse dich begraben.« Der Hund legte sich zur Erde, streckte alle Viere von sich und wartete, ohne sich zu rühren, bis Nik ihn durch einen Pfiff wieder an sich nahm. Elfriede jubelte auf vor Vergnügen und legte dem klugen Thiere die schönen weißen Hände um den Nacken, indem sie es liebkoste. »Ich wollte Dich bitten«, sagte nun Nik verschämt, »ihn als Andenken von mir anzunehmen.« Fritz hatte während dieser ganzen Vorstellung ernst bei Seite gestanden, ohne ein Wort zu reden. Jetzt trat er dazwischen. »Von wem hast Du den Hund?« fragte er in sehr bestimmtem Tone. Nik schwieg, er schaute auf Elfriede und schien die Frage zu überhören. »Du hast ihn von Johann Müller«, sagte Fritz zornig. Bei diesem Namen ließ Elfriede den Hund sofort los und schaute Nik ängstlich an. »Nun ja«, erwiderte Nik, »was ist dabei?« »Du darfst den Hund nicht behalten«, erwiderte Fritz in ernstem Tone. »Von dem Rothen läßt man sich nichts schenken.« »Wenn Ihr ihn nicht wollt«, sagte Nik achselzuckend, »dann behalte ich ihn.« »Nein«, erwiderte Fritz. »Du hast die Wahl zwischen uns und Deinem Johann. Wenn Du den Hund behältst, so ist Alles aus zwischen uns.« »Aber warum denn?« fragte Nik betroffen. »Ich kann ihn ja bezahlen.« »Jetzt nicht mehr«, sagte Fritz, »nachdem Du ihn als Geschenk angenommen, ist es dazu zu spät. Ich leide es aber auch nicht. Denn erstens ist der Hund sicher gestohlen, und zweitens war eine lange Quälerei nöthig, um das arme Thier so zu dressiren. Da, sieh einmal diese Schwielen und hier die Stelle, wo ihm die Haut vom Gelenke geschlagen ist. Du darfst Dich nicht wieder zum Genossen dieses Menschen machen. Wenn Du Geschenke von ihm annimmst, dann gehst Du wieder mit ihm um, aber nicht mit uns.« Nik zögerte eine Weile. Es reizte ihn, daß er sich so müsse schulmeistern lassen. Aber er überwand sich und sagte: »Elfriede soll entscheiden. Nur ihr wollte ich eine Freude machen, mir liegt an dem Köter nichts.« »Dann gib ihn zurück, Nik«, sagte Elfriede, ihn freundlich mit ihren blauen Augen anblickend. »Du hast mir dann eine doppelte Freude gemacht. Wir wissen besser, wie schlecht der Andere ist. Je weniger Du mit ihm zu thun hast, um so besser ist es.« »Gut«, sagte Nik beschämt. Er pfiff dem Hunde, und ging nach dem Garten zurück. Als er Johann gefunden, sagte er ihm: »Ich kann den Hund nicht behalten; ich danke Dir aber nochmals für Deinen guten Willen, und hier hast Du etwas für Deine Mühe.« Damit reichte er ihm einen Thaler, in welchem sein Taschengeld für diese Woche bestand. Ehe sich der Rothe noch auf eine Antwort hatte besinnen können, drehte Nik sich um und lief nach der Wiese. Der Hund schoß neben ihm her, aber Nik commandirte: »Azor, laß Dich begraben!« Da legte der Pudel gehorsam sich nieder, und Nik entkam unbehelligt zu seinen Freunden. »Abgemacht«, rief er schon von Weitem den Geschwistern zu und wurde mit freundlichem Lächeln von ihnen empfangen. »Nun aber zur Arbeit«, commandirte Fritz. »Wir müssen es dahin bringen, daß Du versetzt wirst, sonst kommen wir immer weiter auseinander.« Und Fritz brachte es dahin. Wenn Nik's Schlaffheit wieder überhand nehmen wollte, drohte er, die Hand von ihm abzuziehen. Elfriede zog ihre kleine weiße Stirne kraus und Nik bekämpfte seine Flatterhaftigkeit, so daß er am Schlusse des Schuljahres seinem Vater ein ganz erträgliches Zeugniß vorlegen konnte. Als dieser ihn dafür loben wollte, sagte Nik kurz: »Ich verdanke das Alles Fritz Glimm, mit dem Ihr mir früher den Verkehr verbotet. Hättet Ihr mich gleich mit ihm umgehen lassen, es wäre besser gewesen.« An den Sohn seines Gärtners freilich hatte der Baron am wenigsten gedacht, wenn er sich der völligen Wandlung Nik's erfreute, er hatte gemeint, seine eigenen Strafpredigten hätten dieses erfreuliche Resultat erzielt. Daß Nik den Eltern gegenüber so entschieden auftrat, hatte freilich noch besondere Gründe. Seit er drüben in dem Gärtnerhäuschen einen großen Theil des Tages zubrachte, waren ihm die Augen aufgethan worden, so daß er in seinem väterlichen Hause vieles sah, woran er früher achtlos vorübergegangen war. Er hatte bis dahin nur gefühlt, daß die üble Laune der Eltern über ihm hänge, wie eine trübe Wolke. Seit er aber an dem bescheidenen Glück im Gärtnerhause einen Maßstab gewonnen und er in die Jahre der Unterscheidung getreten war, ging ihm das Auge dafür auf, daß bei allem Glanze wenig Glück in dem prachtvollen Schlosse seiner Eltern herrsche. Wenn die Glocke gellend zum Abendessen rief, so verließ er nur ungern drüben die traulichen kleinen Räume der Gärtnersleute, wo die Zwillinge in der Dämmerstube Possen trieben und durch die Kammern tanzten. Kam er dann im Schlosse an, so fand er meist noch gar nichts gerüstet; Mama hatte nur schellen lassen, weil sie sich langweilte. Die zarte, kleine Frau saß am Ofen und schob mit ihrem Fuße einen locker gewordenen Messingreifen bald herauf, bald herunter. Der Vater ging in dem Salon auf und ab und warf jedesmal, ehe er umkehrte, einen Blick auf die Uhr über dem Schreibtisch, ob der Zeiger nicht auf den Schlag vorrücke, so daß er berechtigt wäre, über Ausbleiben des Essens zu schelten. Ihn verdroß es, daß alle Mittel vergeblich waren, das Stillschweigen seiner Frau zu brechen. Auf hingeworfene Bemerkungen antwortete sie nicht oder einsilbig und fuhr ruhig fort, mit ihrem Füßchen den verdammten Reif bald rechts, bald links in die Höhe zu schieben. »Du hättest den Reif auch schon lange fest machen lassen können«, murrte er. »Erst gestern war ja der Schlosser hier.« Die Baronin schwieg. »Ist der Uhrmacher immer noch nicht gekommen?« erneute der Baron die Unterhaltung. »Ich habe seine Rechnung gleich bezahlt«, erwiderte die Baronin leise, wie leidend. »Aber ich wollte ihm ja meine Uhr mitgeben«, fuhr der Baron auf, »und die Wanduhr geht auch nicht, die Stehuhr in meiner Stube eben so wenig.« »Das wußte ich nicht«, sagte die Baronin apathisch. »Aber die Uhren stehen ja seit acht Tagen.« Die Baronin zuckte nur die Schultern. »Nun kann ich morgen die Leute wieder von der Arbeit weg in die Stadt schicken«, grollte der Baron unmuthig. Dann hörte man wieder nichts in der Stube als den Schritt des Barons, und das Gähnen Nik's, oder das Krachen des Stuhls, auf dem er sich schaukelte. Endlich wurde zum Essen gerufen. Früher war es Nik wohl auch zuweilen aufgefallen, daß die Eltern oft Tage lang kein Wort mit einander sprachen, sondern beide das Wort nur an ihn richteten. Er machte sich dann wohl auch Gedanken, warum die Mutter so bleich, schmächtig und traurig aussehe, und ein Ausdruck des Leidens und der Niedergeschlagenheit über ihre ganze Person ausgebreitet sei, und warum anderseits der Vater mit seinem spiegelnden Kahlkopfe und dem gewichsten Schnurrbart so finster und verbittert darein schaue? Er erinnerte sich noch, wie er als Knabe still am Tische gesessen hatte, und seine Augen prüfend vom Vater zur Mutter und wieder zum Vater gegangen waren, und wenn der Vater dann fragte, was hast Du denn, so war er roth geworden. Aber Partei zwischen den Eltern zu ergreifen fiel ihm damals nicht ein. Beide waren freundlich gegen ihn, und wenn sie sich untereinander stritten, schienen ihm beide recht zu haben. War der Vater sehr gekränkt, so wendete sich seine Zustimmung ihm zu; fing die Baronin an zu weinen, so dachte er, der Vater habe Unrecht. Aber das Ganze war ihm doch nur peinlich gewesen, und er hatte dann stets gesucht, so rasch als immer möglich zu entwischen. So waren die Tage hingegangen, so weit seine Erinnerungen zurück reichten. Seit Nik nun aber bei den Gärtnersleuten gesehen hatte, wie andere Menschen lebten, fing er an, über die Ursache der drückenden Atmosphäre im väterlichen Hause nachzudenken. Im Gärtnerhause wurde nie gezankt, da dazu Niemand Zeit hatte. Jeder that seine Arbeit, und wenn man zusammen kam, freute man sich der gemeinsamen Erholung. Man war fröhlich, weil man fleißig und gesund war. Die Eltern aber, wie hätten sie sich nicht zanken sollen, da sie nichts zu thun hatten? Der Vater ging müßig durch das Haus, that nichts, aber kritisirte alles. Die Mutter saß traurig in der Ecke und brütete sich immer neue Hirngespinnste aus. Wie reinlich sah es in der kleinen Gärtnerwohnung aus, wo die tannenen Böden glänzten, und alle Scheiben spiegelten, während in den Prunkgemächern des Schlosses stets alles in Unordnung war. Immer waren die Dinge verräumt oder verlegt, verstäubt oder von Spinnweben beschmutzt, und man schaute unter damastenen Gardinen durch trübe Fenster. Das Haushalten der Baronin bestand wesentlich darin, daß sie die Mägde zwang, schneeweiße Schürzen zu tragen, daß sie bei Tisch die Teller wieder hinausschickte, wenn sie glücklich eine trübe Stelle an denselben entdeckt hatte, und die Fenster ringsum eben so oft aufreißen ließ, als der Baron sie ängstlich schloß, einmal, weil sie, blutarm, wie sie war, einen krankhaften Lufthunger empfand, vornehmlich aber deshalb, weil ihr rheumatischer Gemahl eine Furcht vor jedem Luftzügchen zeigte, die ihr lächerlich erschien, und die ihm jedenfalls vor seinem Tode noch abgewöhnt werden mußte. Den Tag über strickte sie an Pulswärmern für einen alten Säufer, dessen blaue Nase sie auf die Vermuthung gebracht hatte, daß er vom Froste leide, und Unterröckchen für die alte Müllerin, die diese für immer neue Enkel abholte, obgleich der Jüngste, den sie hatte, der rothe Johann, schon längst in Diensten des Barons stand. Das war sehr gutmüthig, aber nichts desto weniger war die zarte, blonde Dame durch ihre nervöse Unruhe eine wahre Plage für ihre Leute. Da sie, ohne das Geringste zu verstehen, doch in Alles hineinredete, hatten diese die Hölle auf Erden, und die Dienstboten wechselten darum auch kaleidoskopisch mit jedem Quartal, und oft mit jedem Monate. Nik sah das jetzt mit immer helleren Augen an. »Wie sollte es auch anders sein«, dachte er, »was sollte Mama sonst thun als die Leute quälen?« Im Gärtnerhause wurden keine Mägde gezankt, weil die Gärtnerin und ihre Tochter Alles selbst besorgten, und sie verrichteten Alles pünktlich, weil sie es für Vater und Bruder thaten. Auch waren die Zwillinge die Ordnung selbst, und wenn Nik seine zerrissenen und beschmutzten Schulbücher mit ihren Eselsohren mit denen des Gärtnerssohnes verglich, so schienen die von Fritz die vornehmen zu sein, so rein und neu sahen sie alle aus. Das kam aber daher, daß der Gärtner seine Kinder von Jugend auf gelehrt hatte, nichts im Garten zu beschädigen, auf keinen neuen Rasen zu treten, keine Ranke zu streifen, kein Blatt zwecklos abzureißen, überhaupt nichts zu verderben. So waren sie gewohnt, Alles zu schonen, auch die Gefühle ihrer Umgebung. Der Umgang mit den Blumen machte sie zart und rücksichtsvoll auch gegen die Menschen. Nik's romantischem Auge erschien der alte Glimm wie der Mann aus dem Lande Uz, schlecht und recht, gottesfürchtig und ein Feind alles Bösen. Noch mehr Respekt aber hatte er vor Frau Glimm. Die hatte keine Freundinnen wie seine Mama, denen sie ihre Klagen über das Verhalten ihres Mannes anvertraute. Sie trug eine einfache Haube, kochte das Mittagessen selbst, wusch für das Schloß, und flickte alte Strümpfe. Aber sie war stets gut aufgelegt, hatte für Nik immer einen freundlichen Scherz und einen köstlichen Apfel oder eine saftige Birne bereit, und Alle waren heiter und guter Dinge. So kam Nik die Ahnung, daß es kein besonderer Vorzug sei, vornehm zu sein, wenn nicht gar, wie ihm bei den verdrießlichen Gesichtern seines Vaters und den verweinten Augen seiner Mutter zuweilen vorkam, ein rechtes Unglück. Unter diesen Umständen, und bei der schwülen Stimmung, die stets im elterlichen Hause herrschte, war es kein Wunder, daß Nik selbst im Winter lieber im Gärtnerhause drüben mit seinen Büchern saß als zu Hause, wo nie gutes Wetter war. Hätte man den Eltern gesagt, daß der größere Theil der Anziehungskraft von der schlanken, elfenhaften Gärtnerstochter ausgehe, so würden sie nur gelacht haben über diese romantische Knabenliebe. Sie aber meinten, er lerne mit Fritz, den sie dafür sehr in ihr Herz schlossen, während es durchaus nicht bloß Schulbücher waren, die Nik hinübertrug in das Gärtnerhäuschen. Vielmehr suchte Nik Elfrieden ebenso zu bilden, wie Fritz ihn, indem er ihr pathetisch die Werke der neuesten Dichter vorlas, oder ihr dieselben zum Lesen zurückließ, da er selbst mit jedem Buche in kürzester Zeit zu Ende war. So verstrichen die Tage, die jedem Theile charakterbildende Momente zuführten, rasch und glücklich. Nik aber hatte in dem Verkehre mit den Geschwistern eine Ruhe und eine Zufriedenheit gefunden, die nur ein gutes Gewissen gibt, und die ihm bei seinem frühern Treiben ganz abhanden gekommen waren. Neuntes Kapitel »Euch danke ich es, daß ich überhaupt ein Mensch geworden bin«, sagte Nik an dem achtzehnten Geburtstage, an dem sich die drei jungen Leute bei dem Altar am Epheumeere versammelt hatten, um sich gegenseitig zu gratuliren. »Auch wir danken Dir viel«, erwiderte Elfriede erröthend, indem sie Nik mit ihrem lieblichen Lächeln anschaute. »Daß wir wie Kinder des Hauses in diesem schönen Parke verkehren durften, war der beste Theil unserer Jugendfreude. Wir haben keinen größern Wohlthäter als diesen Garten.« »Gewiß«, bestätigte Fritz. »Dieser Hain war mir Alles, Studirzimmer, Freund, Arzt, ich werde mich sehr nach ihm sehnen, wenn ich in der Universitätsstadt auf mein Theologenkämmerchen beschränkt sein werde.« Nik reichte beiden Geschwistern überglücklich die Hände. »Geloben wir es uns bei diesem Altar, an dem wir so selige Stunden feierten, bei dem wir so edle Dichterwerke gemeinsam lasen, daß wir nicht von einander lassen wollen.« Fritz drückte ihm fest die Hand und schaute ihm ernst in die Augen. Auch Elfriede streckte ihm schwesterlich ihre beiden schlanken Hände entgegen und sagte: »Gute Freundschaft, für immer.« Wie gern hätte Nik diese lieben Hände geküßt, wenn er nur gedurft hätte. »Nun aber wollen wir Elfrieden unser Geburtstagsgeschenk überreichen«, rief er fröhlich, um seine Verwirrung zu bemeistern. »Das Deine, heißt das«, erwiderte Fritz. »Ich wenigstens wüßte nicht, was ich dabei gethan hätte.« Nik flüsterte ihm darauf etwas in's Ohr, und Fritz erklärte, er gehe voraus, um Alles zu rüsten. »So, Schwesterchen«, sagte jetzt Nik, »nun mußt Du ganz folgsam sein, damit Du uns die Freude nicht verdirbst, Dich zu überraschen.« »Was muß ich thun?« sagte Elfriede lächelnd. »Dir die Augen verbinden lassen«, erwiderte Nik, indem er ein großes schwarzes Tuch zum Vorschein brachte. »Gib her«, erwiderte sie, das große dichte Tuch betrachtend. »Das wird ja gründlich.« Aber Nik erklärte, er müsse das selbst besorgen, und kam mit seinen zitternden Händen auch endlich mit einem festen Knoten zu Stande, indem er zugleich einen Kuß auf ihre blonden Flechten hauchte. Dann nahm er Elfrieden zärtlich unter dem Arme und führte sie die Kreuz und Quer im Parke umher, um sie irre zu machen. Elfriede merkte wohl, daß sie abwärts gingen. Das Gackern der Hühner verrieth ihr auch, daß sie sich im Obstgarten bei der Landstraße befanden, und das Oeffnen einer Thüre, aus der sie kalte Kellerluft anwehte, ließ ihr keinen Zweifel, daß Nik sie nach dem unterirdischen Gange führe, der vom Schlosse unter der Landstraße hinweg nach dem Flußufer ging, wo der Nachen des Barons bei seinem Badehäuschen angebunden war. »Welches Geschenk er hier mir zu überreichen hat?« dachte Elfriede, die dem Scherze längst ein Ende gemacht hätte, wäre nicht Fritz, wie sie glaubte, an demselben betheiligt gewesen. »Hier mußt Du nun ein wenig allein bleiben«, sagte Nik. »Thue ja die Binde nicht ab, Du verdirbst uns sonst die ganze Ueberraschung.« Damit ließ er sie in der dunkeln Grotte, deren Thüre gegen den Strom er fest hinter sich abschloß. Sie hörte ihn draußen mit Fritz reden. »Du hast den Schlüssel«, sagte der Bruder. »Ach«, erwiderte Nik, vergeblich in seinen Taschen suchend, »nun ließ ich ihn auf der Bank bei dem Altare liegen.« »Immer der Alte«, spottete Fritz. »Warte, ich hole ihn, ich bin schneller.« Er entfernte sich auf der Treppe, die nach der Landstraße hinauf führte. Elfriede hörte, wie Nik draußen mit einer Stange, so schien es ihr, im Wasser plätscherte. Dann sang er halblaut: Das waren mir selige Tage, Bewimpeltes Schiffchen, oh trage Noch einmal mein Liebchen und mich. Elfriede erröthete unter ihrer Binde. »Also einen Nachen wollen sie mir schenken, die guten Kerle. Oder haben sie den ihren neu bemalt und mir zu Ehren Elfriede getauft?« Plötzlich hörte sie Nik laut sagen: »Ach! Nun habe ich den Schlüssel doch!« Und sie vernahm, wie er sich niederbückte, und einen Schlüssel in einem Schlosse drehte. Eine Kette fiel klirrend an die Erde. »So, jetzt nimm die Binde ab«, rief Nik an der Thüre. Sie that, wie er befohlen. Grell, blendend, gleißend lag die Mittagssonne auf dem Flußspiegel. Da stieß Nik mit einem Schlage, in dem gleichen Augenblick, in dem Elfriede die Binde abgenommen hatte, vor ihr beide Thorflügel der Grotte auf. Der helle Glast einer schattenlosen Märzsonne überfluthete das zarte Mädchenantlitz, »oh!« rief das geblendete Kind mit einem Schmerzensrufe und hielt sich beide Hände vor die Augen. »So sieh doch«, rief Nik ungeduldig, »Dein Boot, ›Elfriede‹.« »Ach meine Augen«, seufzte Elfriede schmerzlich. »So mache sie doch auf, diese schönen Augen und freue Dich«, sagte Nik ärgerlich. »Ich kann nicht«, seufzte sie. »Ich kann nicht. Ich sehe nur roth um mich her.« »Was habt ihr gemacht?« fragte jetzt plötzlich Fritzens Stimme, der, ohne den Schlüssel gefunden zu haben, wieder vom Parke herabgestiegen war. »Die plötzliche Blendung«, stammelte Elfriede. »Ich glaube, ich bin blind.« »Da sei Gott vor«, erwiderte Fritz. »Komme gleich aus der Sonne. Wie konntet ihr so unvorsichtig sein?« Elfriede seufzte vor unerträglichen Schmerzen. Eine halbe Stunde saßen die Dreie in der Grotte. Fritz legte der Kranken ein im Flusse genetztes Tuch besorgt vor die Augen, während Nik noch immer mehr über die vereitelte Ueberraschung verdrießlich war als über Elfriedens Schmerzen. Von der Schwere des Unglücks, das er angerichtet, hatte er keine Ahnung. »Führe mich nach Hause«, bat Elfriede den Bruder. »Ich kann es nicht länger aushalten. Auch warten die Eltern mit dem Essen.« Sie brachen auf, und Nik folgte ihnen mißmuthig. So war nun durch Elfriedens Zimperlichkeit ihm die ganze Freude verdorben. Wie hatte er sich gestern gefreut, als der Zimmermann das bunte Boot in den Fluß gesetzt hatte, weiß und blau bemalt und mit der weithin sichtbaren Inschrift: »Elfriede.« Kaum hatte er sich überwunden, nicht am Abende schon mit ihr das Boot zu besteigen. Dann aber hatte er erwogen, daß nur bei Tage die Pracht des Geschenks den vollen Eindruck machen könne. Nun hatten ihre empfindlichen Augen alle seine Pläne zu Schanden gemacht. Unmuthig ging er hinter den Geschwistern her nach der Wohnung des Gärtners, wo die Eltern, verwundert über das lange Ausbleiben der sonst so pünktlichen Kinder, die Hand vor den Augen unter der Thüre standen und nach ihnen ausschauten. Als sie sahen, wie Elfriede mit verbundener Stirne am Arme des Bruders herbeiwankte, kamen sie ihr besorgt entgegen. Da Fritz über den Vorgang keine nähere Auskunft zu geben vermochte, mußte Nik selbst seinen thörichten Streich erzählen, während Frau Glimm ihre Tochter in's Haus führte. Der Vater hörte finster zu. »Das kann sehr schlimme Folgen haben, junger Herr«, sagte er dann in ernstem Tone. »Lassen Sie sich das zur Warnung dienen.« Dann kehrte er mit Fritz in die Wohnung zurück, und Nik stand rathlos vor der Thüre. Es war ihm unerträglich, daß er gar nichts solle thun können, um seine Uebereilung wieder gut zu machen. Da fiel ihm ein, er wolle möglichst rasch zu dem alten Medizinalrathe laufen, der noch immer Hausarzt war – »seit zwanzig Jahren«, wie er stolz zu sagen pflegte – und der jetzt noch mehr Orden hatte und noch mehr zu verschreiben pflegte, als vor zwanzig Jahren. Nach einer Stunde kam Nik mit dem alten Herrn in dessen Wagen angefahren. Sie stiegen an dem Pförtchen aus, das zur Gärtnerswohnung hinaufführte. Tyras bellte wie toll und wollte seine Kette zerreißen, um den Doktor nicht einzulassen. Auch die beiden Alten machten ungeduldige Gesichter, als sie den greisen Aeskulap mühsam den Berg heraufkommen sahen. Aber, was half es, er war nun einmal da, und sie mußten ihn zu der Kranken führen. Diese lag in verdunkelter Stube mit gefalteten Händen in ihrem Bettchen und klagte über heftige Schmerzen in der Stirne. Der alte Arzt quälte sie mit dem Lichte, das er einließ, mit dem Aufreißen der Augen, mit dem Augenspiegel, von dessen Gebrauch er nichts verstand. Dann sagte er: »Es ist nichts. In ein paar Tagen wird es vorbei sein.« Noch verschrieb er Tropfen zum Eingießen, feuchte Umschläge, Limonade zur Kühlung, und ging mit der tröstlichen Versicherung, er werde täglich wiederkommen. Und er kam täglich wieder und es wurde täglich schlimmer. Nik war außer sich vor Schmerz; Fritz finster und einsilbig. Man sah ihm an, wie er Nik's Leichtsinn und den aufgenöthigten vornehmen Arzt verwünschte. Warf ihm doch der Vater täglich vor, daß er ihn stets vor dem Umgange mit dem jungen Faselhanse gewarnt habe, und berieth mit der Mutter, wie er den Medizinalrath wieder los werden könne. War die Schule zu Ende, so strich Nik allein, Qual und Pein im Herzen, um die hintere Seite der Gärtnerwohnung, wo das Leidensstübchen der Geliebten lag. Da saß er hinter der Weißdornhecke und verlebte mehr als eine dunkle Stunde. Er erinnerte sich jetzt, wie ihm selbst damals, obwohl er zuvor durch die blendende Sonne gegangen, und er sich so an das Licht gewöhnt hatte, der gleißende Schein des Flusses die Augen gebeizt hatte. Aber an nichts denkend, als an seine Ueberraschung, hatte er die Augen der Geliebten vergessen. Und wie waren sie schön, diese Augen, wie liebte er sie. Wenn er nur die eigenen hingeben könnte, um die zu erhalten, die die Sterne seines Lebens waren. Endlich konnte er es nicht mehr aushalten. Er schlich im Schutze der blühenden Bäume nach dem offenen Fenster; er wollte hinaufsteigen, hineinschauen und ihr ein Wort zurufen. Als er unter dem Fenster angekommen war, hörte er ihre liebe Stimme. Sie betete sich selbst die Verse vor, die sie für den Pfarrer einst gemeinsam gelernt und die er längst wieder vergessen hatte: Wenn mir am allerbängsten Wird um das Herze sein, Dann reiß' mich aus den Aengsten Kraft deiner Angst und Pein. Nik konnte es nicht ertragen. Er legte sich flach auf den Rasen und weinte bitterlich. Nach einer Weile hörte er die Stimme der Kranken auf's neue: Und wenn es währt bis in die Nacht Und wieder bis zum Morgen, So soll mein Herz an Gottes Macht Verzagen nicht, noch sorgen. Convulsivisches Weinen erschütterte Nik's Körper, und die Qualen, die er in diesem Augenblicke empfand, waren größer, als die der Kranken, die nur am Körper litt, aber deren Seele mit ihrem schweren Schicksale bereits versöhnt war. »Ich Thor«, sprach Nik endlich zu sich selbst. »Ich Thor, der ich durch meine Bildungsschriften und Neuheiten, die morgen werden vergessen sein, meinte, ihren Geist nähren und formen zu müssen, damit sie meiner würdig werde. Und sie hat an ihrem Glauben einen festen Halt, während ich verzweifle.« Damit erhob er sich. Behutsam stieg er an dem Rebengeländer empor, bis er durch das Fenster die arme Kranke erblicken konnte. Bleich, aber mit einem Ausdruck rührender Ergebung lag sie da und athmete ruhig unter der schwarzen Binde die würzige Frühlingsluft, die durch das offene Fenster hereindrang. »Elfriede«, rief Nik mit einem Ausdruck unendlichen Schmerzes und unendlicher Liebe. Zum ersten Male hatte er ganz sich vergessen und hätte zehn Leben hingegeben, um das Leiden der Geliebten zu lindern. »Nik«, antwortete sie sanft. »Ich kannte Dich wohl an Deinem Schritte. Du weintest, armer Nik.« »Ach, Elfriede, kannst Du mir vergeben?« »Vergeben?« sagte sie mild. »Was soll ich Dir vergeben? Ich konnte ja selbst daran denken, daß es thöricht ist, so lange im Dunkeln zu stehen, wenn man dann in die Sonne muß. Wir waren beide thörichte Kinder.« »Aber ich war schuld«, sagte er gepreßt. »Es war Gottes Wille, lieber Nik«, erwiderte Elfriede. »Er hat uns diese Prüfung auferlegt.« »Wie lange mußt Du noch so liegen?« fragte Nik zaghaft. »Morgen will der Geheimerath die Binde abnehmen. Er meinte, es müsse dann alles gut sein. Ich glaube es nicht, aber warten wir ruhig ab, was Gott über mich beschließt.« Nik konnte sich in seiner schwebenden Lage nicht länger halten. »Lebe wohl, Du Theuere«, rief er, »ich komme morgen wieder.« Er sprang hinab, und die Hand auf's Herz pressend, stieg er langsam den Berg hinan, wo er sich nach einer Weile im Walde fand, immer dasselbe Gebet um Heilung der Geliebten wiederholend. Am anderen Tage kam der Arzt. Besorgt begleiteten ihn Vater, Mutter und Bruder in das kleine Stübchen der Dulderin. Der alte Herr schien aufgeregt. Seine selbstgefällige Zuversicht hatte ihn gänzlich verlassen. Er löste die Binde der Kranken mit zitternden Händen. »Können Sie sehen?« fragte er dann. »Bitte, öffne den Laden, Mutter«, erwiderte die Kranke. Da sahen sich die Dreie an, Thränen traten in ihre Augen und Fritz schluchzte laut. »Ist es denn hell hier?« fragte Elfriede beklommen. Sie sah nichts als das ewige Dunkel, das die Blinden sehen. »Weine nicht, Fritz«, sagte sie nach einer Weile. »Gott kann auch ein blindes Mädchen glücklich machen.« Da beugten sich die Eltern in Thränen über ihr süßes Kind, und streichelten ihm die Wangen. Der Vater begleitete den Geheimrath noch an die Thüre. »Es war nichts zu machen«, sagte der alte Herr. »Der Nerv war todt, ich sah es gleich, aber ich wollte Sie nicht erschrecken.« Der Gärtner zog die Augenbrauen finster zusammen, und eine böse Antwort schien ihm auf den Lippen zu liegen, aber er bezwang sich, zuckte die Achseln und wendete dem alten Gaukler den Rücken. Mehrere Tage waren verflossen, seit Elfrieden die Binde abgenommen worden war. Durch den vom Schmerze völlig betäubten Fritz hatte Nik erfahren, daß die Schwester blind, unwiderruflich blind sei. Tagelang war Nik umher gegangen wie ein Gerichteter. Er wagte es nicht mehr, das Gärtnerhaus zu betreten, und Fritz selbst hatte ihn gebeten, den Eltern, aber auch der Schwester, die der Schonung bedürfe, fern zu bleiben. Nur seinem Vater hatte Nik sich anvertraut und ihn angefleht, für das holde Kind, das durch seine Schuld so unglücklich geworden sei, zu sorgen. Der Baron hörte die Erzählung seines Sohnes ernst und theilnehmend an. Obwohl er Nik's Antheil an dem Unglück nicht so hoch anschlug als dieser selbst, war er doch voll Mitgefühl für das arme Mädchen, das er immer gern gesehen hatte. Was in seinen Kräften stehe, wolle er gern thun, sagte er, aber eine dauernde Versorgung könne er Elfrieden nicht bieten. Zum ersten Male erfuhr Nik, daß die Verhältnisse seiner Eltern sehr zurückgegangen seien, daß die Einnahmen des Barons nur knapp ausreichten, ihre Ausgaben zu bestreiten, und daß das Gut kaum so viel trage, als die Kosten der Bewirthschaftung ausmachten. Dennoch versprach der Freiherr die Ausbildung der Blinden auf sich zu nehmen, nicht als ob er damit anerkenne, daß Nik an dem Unfalle schuld sei, sondern einfach, weil er mit dem Unglück seiner Dienstleute Mitleid habe. So begab er sich zu dem alten Glimm, um in diesem Sinne das Nöthige zu besprechen. Er glaubte etwas Besonderes zu thun, wenn er sich erbot, die Kosten der mißlungenen Kur zu übernehmen und Elfrieden zwei Jahre lang in einem Blindeninstitut ausbilden zu lassen. Der Gärtner und seine Frau waren nicht die Leute, sich in unfruchtbaren Klagen zu ergehen. Nachdem einmal das Schicksal ihres armen Kindes unwiderruflich feststand, grübelten sie nicht viel über die Frage, wer die ganze oder die halbe Schuld trage, sondern sie fanden sich ohne Murren in die schwere Prüfung, die Gott über sie verhängt hatte. Frau Glimm fühlte das Unglück ihres geliebten Mädchens wie ihr eigenes. Wo waren nun ihre stolzen Träume, in denen sie ihr schönes Kind mit Myrten im blonden Haare als Gattin eines stattlichen Mannes am Altare gesehen, wo die Cherubsköpfchen der Enkel, die um die Kniee der Großmutter spielen sollten, – alles Traum, Schaum. Eine hülfsbedürftige Blinde saß mit gefalteten Händen im Krankenstuhle, in finsterer Ecke, und diese schattenhafte Kranke war ihr gestern noch so fröhliches, maienschönes Kind, dessen süßes Lachen, die himmlischste Musik für das Ohr der Mutter, wohl für immer verstummt war. Aber es war nicht der Gärtnerin Art durch Aeußerung aller dieser bittern Empfindungen ihrem armen Manne die Last noch schwerer zu machen. So nahmen die beiden Eltern den Vorschlag des Barons ohne viel Worte an, als dieser erklärte, er wolle Elfrieden in die berühmte Blindenanstalt zu N. bringen, wo das junge Mädchen sich in der Musik ausbilden könne, für die sie so sehr begabt sei. Während die beiden Männer darüber verhandelten, und Elfriede neben Fritz auf dem Lehnstuhle des Vaters saß, erschien auch die Baronin, die die arme Blinde mit ihren Fragen und ihrem weichmüthigen Bedauern peinlich aufregte. »Wie haben Sie diese entsetzlichen Tage nur überstanden, liebes Kind?« fragte sie Elfrieden, die aus ihrem Lehnstuhle sie mit glänzenden und doch so unheimlich todten Augen anstarrte. Elfriede schwieg eine Weile, dann sagte sie leise, so daß nur die Baronin und Fritz es hören konnten: »Ich sah bei Tag und Nacht ein Haupt voll Blut und Wunden, das schwerer litt als ich, und ohne Schuld, ein Haupt, das schon Vielen zum Troste erschienen ist, wenn sie sich in ihrem Leide zu ihm flüchteten. Ihr wißt nicht, wie sanft und voll Güte diese Augen sind. Wenn ich diesen liebevollen, traurigen Blick sah, dann wurde ich ruhig.« Die Baronin fuhr mit ihrem feinen Tuche nach den Augen. Dann sagte sie, warum sie eigentlich gekommen sei. Sie wollte Elfrieden eine Harfe schenken, denn sie hatte schon oft von blinden Mädchen gelesen, die die Harfe spielten, und sie hatte das stets so rührend gefunden. Die Mutter wollte verstimmt das Geschenk zurückweisen. Es verletzte sie, daß die Baronin mit ihrem unglücklichen Kinde auch noch eine Art von Schaustellung beabsichtige, aber die Blinde sagte mit leiser bittender Stimme: »Doch, Mutter. Ich nähme so gern die Gabe der gnädigen Frau an.« Glimm betrachtete die Sache einfach von der praktischen Seite. Er überlegte sich, daß es ganz gut sein würde, wenn seine Tochter noch ein zweites Instrument verstehe, bei dem ihr nicht so viele andere Künstler und Lehrer Concurrenz machen würden, und darum erklärte er sich mit dem Anerbieten kurzweg für einverstanden. Fritz saß still neben Elfriedens Lehnstuhl, die zarte Hand der Schwester in der seinen haltend, und diese wußte, was sein Händedruck besage, denn sie wendete das bleiche Antlitz mit den zarten Linien und den feinen Zügen ihm lächelnd zu. »Redet Ihr nur immer und thut, was Ihr wollt«, hieß sein Händedruck, »aber sobald ich Prediger bin, zieht Elfriede in mein Pastorhaus, und wie sie der Segen meiner Jugend gewesen ist, wird sie auch der Segen meiner Gemeinde, der Frauen und Kinder weit und breit sein.« Es war schon fest zwischen ihnen verabredet, in welchen Fächern Elfriede die Jugend seiner Gemeinde unterrichten werde. »Die Leute sollen erleben«, sagte er bei sich selbst, indem er den Kopf trotzig zurückwarf, »daß eine Blinde wie Elfriede der Welt nützlicher ist, als hundert Sehende wie die da. Wenn Ihr blind wäret, so hättet Ihr keine Sünde, nun Ihr aber sprecht, wir sehen, bleibt euere Sünde auf Euch«, dieses Wort der Schrift fuhr ihm durch den Sinn. Er war kaum weniger umgewandelt durch das Unglück, das Elfrieden betroffen hatte, als diese selbst. Der Schlag, der sein Lebensglück im Mark getroffen, hatte ihn schroffer gemacht in seiner Ueberzeugung, und indem er sich fest an das Einzige hielt, was hier Trost geben konnte, war ihm das tröstende Gerede dieser vornehmen Leute unerträglich. Er bemitleidete die Schwester, der diese vielen Worte eine Pein sein mußten, und dann beneidete er sie fast wieder, daß sie die theilnehmenden Grimassen dieses Ehepaars nicht zu sehen brauche. Je härter das Leben mit ihm verfahren war, um so starrer mußten seine Grundsätze werden. Wäre es auf ihn angekommen, der Vater hätte die Hülfe des Barons kurz abgelehnt, denn er war überzeugt, daß jede Verbindung mit diesen Leuten nur neues Unglück über Elfrieden bringen werde. Obgleich nun durch die Annahme der Anerbietungen des Freiherrn der Friede zwischen Schloß und Gärtnerhaus abgeschlossen war, fand doch Nik den Muth nicht, den tief betrübten Eltern unter die Augen zu treten, und er bat den Bruder, Elfrieden wie früher nach dem Garten zu führen, damit er dort mit ihr sprechen könne; er wolle gewiß gefaßt und ruhig sein, und die arme Kranke in keiner Weise aufregen. Aber Fritz beeilte sich nicht, diese Bitte zu erfüllen. So saß Nik oft lange unter dem Bilde der Psyche, da er vermuthete, Fritz werde für die Blinde am ehesten diesen breiten, ebenen Weg wählen, falls er sie herüber bringe. Er hatte den Ring, durch den er sich einst dem Bilde der Psyche verlobt, vor sich liegen und verfiel immer mehr in düsteres Brüten über alles Unheil, das er schon angerichtet, und wie er bestimmt scheine, den Menschen Fluch zu bringen mit seiner Liebe. Während er so eines Abends, das Haupt auf den Gartentisch gelegt, an seinem Lieblingsplatze saß, hörte er in der Ferne einen leisen, vorsichtig zögernden Schritt. Als er aufblickte, sah er Elfrieden. Wie ätherisch und zart sah sie aus nach ihrer langen Krankheit. Sie kam den breiten Gang herab, auf die Statue der Psyche zu, der sie jetzt mehr glich, als je, und die sie nun nicht mehr sehen konnte. Als sie in die Nähe eines Rosenbusches kam, hielt sie inne, um den köstlichen Duft mit einem tiefen Zuge in sich aufzunehmen. Indem sie ihren Schatten über die Rosenhecke warf, schienen die Blumen tiefer zu erglühen. Mit stiller Wehmuth belauschte der Jüngling jede ihrer Bewegungen. Sie hatte das feine Psycheprofil über die Blumen gebeugt, um ihren süßen Duft immer wieder einzuathmen. Dann ließ sie die zarten Fingerspitzen von Blume zu Blume gehen, als ob sie sich die Gestalt derselben wieder in das Gedächtniß zurückrufen wolle. Nik traten die Thränen in die Augen, als er sie, die einst wie ein Reh durch die Büsche huschte, in dieser Hülflosigkeit vor sich sah. Er machte ein Geräusch, bei dem sie sich rasch ihm zuwendete mit dem gespannten, ängstlichen Ausdrucke, der Blinden eigen ist, ehe sie wissen, wen sie vor sich haben. »Elfriede«, sagte Nik leise. Als sie die wohlbekannte Stimme vernahm, machte sie eine Bewegung ihm entgegen, während sie eben noch hatte entfliehen wollen. Dann blieb sie stehen und eine tiefe Röthe überzog ihr liebliches Antlitz. »Darf ich Dich führen?« fragte Nik mit schmerzlicher Zärtlichkeit. »Bleibe nur, Nik«, sagte Elfriede mit ihrer alten fröhlichen Stimme. »Ich muß es ja doch endlich lernen, allein zu gehen.« Indem sie mit dem Saume ihres Gewandes und zuweilen mit dem kleinen Füßchen sich an der Buchseinfassung des Weges hintastete und mit der linken Hand die Zweige des Spalierobstes und der Zierstauden flüchtig streifte, kam sie behutsam auf ihn zu und ließ sich leise, wie eine Elfe, neben ihm nieder. Er war stumm in seinem unendlichen Schmerze, sie aber sagte freundlich: »Du Guter, wie lange haben wir uns nicht gesehen.« »Gesehen«, dachte Nik betrübt. »Noch immer redet sie in den Ausdrücken, die für sie nichts mehr bedeuten.« Aber es war, als ob sie seine Gedanken unausgesprochen verstände. »Gewiß, Nik«, sagte sie. »Ich sehe Euch alle, wenn ich Euere Stimme höre. Ich weiß ja, wie Ihr ausseht, erinnere mich der Bewegungen, die Ihr macht, wenn Ihr redet. Wie gut war Gott, daß er mir das Alles so lange gewährt hat.« Nik seufzte, er konnte nichts erwidern. Ihn machte diese überirdische Resignation nur um so trauriger. Mit ihr zu weinen, wäre ihm wohlthuender gewesen. Sie aber fuhr fröhlich fort: »Mein armer Nik, wie viel hast Du um mich gelitten.« Schmerzlich bewegt ergriff er ihre Hand, aber sie entzog ihm dieselbe sanft und ließ sie leise über sein Gesicht gleiten. »Ich muß doch wissen, ob es wirklich der fröhliche Nik ist, den ich hier vor mir habe.« Nik kämpfte mit den Thränen, während sie so sprach, denn er konnte sich noch immer nicht an den Anblick dieser todten Augen gewöhnen, die einst so liebevoll geblickt hatten und die immer wieder wie Sterne in seiner Erinnerung aufleuchteten. Es war so unheimlich, daß diese Augen ihn anstarrten und ihn dennoch nicht sahen, und daß sie dann wieder unruhig hin- und hergingen, als ob sie etwas suchten und es nicht finden könnten, während sie doch nur mit ihm sprach. »Du bliebst so lange fern«, sagte Nik, zur Erde sehend, um ihrem leeren Blicke nicht zu begegnen. »Sie hielten mich alle zurück«, sagte die Blinde mit wehmüthigem Lächeln. »Sie meinten, es würde mich angreifen.« »Und Du bist doch gekommen, Du Gute«, rief Nik glücklich, indem er den Arm um ihre zarte Gestalt schlang, und sie auf die feinen Rosenlippen küßte. Sie duldete es sanft und legte ihr blondes Köpfchen auf seine Schulter. So saßen sie lange still nebeneinander. »Weißt Du, Nik, wann ich Dich lieb gewann?« fragte Elfriede nach einer Weile, indem sie ihre lichtlosen Augen dennoch mit einem Ausdruck unendlicher Zärtlichkeit zu ihm aufschlug. »Das war damals, als ich in meinem Stübchen lag und Dich wegen meines Leidens so schmerzlich weinen hörte. Damals sagte ich mir: ›Wie gut er ist, und er liebt mich so innig‹.« »Du Engel«, erwiderte Nik. »Wäre ich nicht eine Bestie, wenn ich keine Thränen gehabt hätte für Dein Schicksal, das ich verschuldet. Habe nicht ich Dich geblendet? ...« Sie legte ihm ihre zarte Hand vor den Mund und sagte: »Bitte, sage das nicht. Ich kann es nicht hören. Ich habe dieses Schicksal aus Gottes Händen, nicht aus den Deinen, und er hat Dich nur gebraucht, damit auch Du besser werdest.« »Oh, Elfriede«, sagte Nik, dem die Thränen wieder in die Augen traten, »wenn er Dich mir bestimmt hätte! Wenn ich Dir meine Augen leihen dürfte mein Leben lang.« Und er erzählte der Blinden, die mit einem seligen Lächeln zuhörte, wie er schon als Knabe sich ihr geweiht habe. Wie sie ihm Eins gewesen sei mit dem Bilde der Psyche, unter der sie säßen, wie er dem Bilde den Ring angesteckt habe, da er nicht den Muth gefunden, ihr ihn anzubieten. Damit holte er seinen Ring hervor, den er jetzt wieder Tage lang bei sich trug. Sie ließ es ruhig geschehen, daß er ihre Hand nahm, um den goldenen Reif ihr an den zarten Finger zu streifen. »Du zögerst und ziehst ihn wieder zurück«, sagte sie dann befremdet. »Was hast Du?« Sie hatte gefühlt, wie er zusammenschrak und seine Hand zitterte. Am Ende des Laubganges hatte sich die untergehende Sonne majestätisch herabgesenkt und ließ die Zweige der Gebüsche und der Rebbogen golden erstrahlen. Der Fluß glänzte im Abendsonnengold und die Stämme glühten wie im Feuer. Aber durch dieses Glanzmeer schritt am Ende des Ganges eine finstere Gestalt. Es war der Gärtnerbursche, der einen langen Schatten über den Weg warf, während sein rothes Haupt gleich einer brennenden Kohle erglühte. Unwillkürlich fiel Nik ein, daß an den Ring, durch den er sich Elfrieden verlobte, eine sehr trübe Erinnerung sich knüpfe, eine Erinnerung an die schlimmste Periode seiner Jugend. »Du bereust schon«, sagte Elfriede schmerzlich lächelnd. »Nein, Seele meiner Seele«, erwiderte Nik traurig, »aber eine unwürdige Handlung knüpft sich an den Besitz dieses Ringes. Ich will Dir einen andern geben.« »Ich verstehe Dich nicht«, sagte Elfriede beklommen. »Er war in Müllers Händen«, sagte nun Nik, die trübe Stimmung abschüttelnd, »in der Zeit, da ich schlecht war.« »So laß ihn mir dennoch«, erwiderte die Blinde. »Er soll mich daran erinnern, daß das Leben auch Schweres bringt; und Dich, daß Du Dich nicht wieder an böse Menschen bindest.« Leise, wie ein Lüftchen, erhob sie sich. »Und nun, Nik«, sagte sie, »führe mich zu meinem Boote. Du sollst mich auf meinem Nachen hinausfahren in den Fluß. Ich will das Murmeln der Wellen hören, die milde Abendkühle fühlen, dann wird mir auch wieder die Erinnerung kommen, wie schön sie ist diese Welt des himmlischen Vaters.« Ihn erschreckte dieser Vorschlag. Er hatte den Unglückskahn nicht wieder gesehen, seit jenem verhängnißvollen Tage. Am liebsten hätte er ihn verbrannt, aber er hatte nicht den Muth gehabt, die Stätte wieder zu betreten. Sogar die Farben haßte er, mit denen der Tüncher das Boot bemalt hatte. Aber Elfriede zog ihn mit sich. Sie stiegen die Treppe von dem Laubgange hinab nach dem Obstgarten, und als sie in den dunkeln Tunnel eintraten, sagte Elfriede: »Siehe, hier muß ich Dich führen. Ich gehe hier sicherer als Du. Und nun öffne die Thüre, aber schütze Deine Augen.« Er seufzte, und führte sie nach dem Boote hinab, wo noch immer der Schlüssel in dem Schloß der Kette steckte. Nik war völlig stumm vor schmerzlichen Erinnerungen. Elfriede aber flüsterte leise: »Das waren mir selige Tage, bewimpeltes Schiffchen, oh trage, noch einmal mein Liebchen und mich.« Als sie dann hinausgesteuert waren in die goldenen Wellen, da fing auch Nik an, sich des verführerischen Spieles zu erfreuen. Dunkel spiegelte sich die Stadt in der lichten Fluth und scharf hoben sich ihre Thürme ab von dem goldenen Abendscheine, der im Westen verglühte. Die Blinde neigte ihr Ohr nach den rauschenden Wellen, und der Abendwind spielte mit ihrem blonden Haare. »Nun sollst Du mich täglich fahren, mein guter Nik«, sagte sie, ihre feinen, weißen Hände auf seine Kniee legend. »Ich wollte es Dich nur selbst erleben lassen, welches Vergnügen Du mir zugedacht hattest, und wie lieb es von Dir war, daß es Dich so drängte, mir diese Freude zu bereiten.« »Du Engel«, sagte Nik, überwältigt von der tiefen Güte dieses Kindes, das ganz Seele war. »Gern, oh, wie gerne!« Es kam indessen nicht mehr zur Wiederholung dieser Stunde. Elfriedens reiner Sinn hatte kein Geheimniß vor den Ihren, und als der Vater erfuhr, sie habe sich mit Nik verlobt, drängte er auf ihre Abreise. Auch Fritz war mit seinen Eltern darin einverstanden, daß man dieses Kinderverlöbniß am besten übersehe, da es bei Nik's flatterhaftem Sinne schwerlich zu etwas Gutem führe. »Dein Nik kann sich nicht auf eigene Hand verloben«, sagte der Vater gutmüthig, »so lange er unter Aufsicht seiner Eltern steht. Bei solchen Familien ist das anders; das verstehst Du nicht.« »Wie willst Du heirathen«, seufzte die Mutter. »Du könntest ja Deine Kinder nicht pflegen, nicht hüten, sie würden in Deiner Gegenwart aus dem Fenster fallen.« Elfriede hielt sich beide Hände vor die blinden Augen. Es war, als ob sie ein entsetzliches Bild wegzuwischen strebe, das mit schrecklicher Klarheit vor ihr stand. »Er soll Dich in Ruhe lassen«, fuhr die Mutter bitter fort, »hat er doch Unglück genug über Dich und uns gebracht.« Die Blinde weinte leise vor sich hin, als sie die Ihren so sprechen hörte. Zum ersten Male erschienen ihr die Eltern hart. »Wenn ich ihm das Wort breche«, sagte sie, »dann wird er wieder schlecht. Wer einen Menschen bessern will, der muß damit anfangen, ihn zu lieben. Laßt mich, ich versäume ja nichts. Wenn ich ihn auf rechtem Wege erhalte, so habe ich meinen Zweck erreicht. Mag er dann eine Andere finden, wenn sie nur gut ist.« So reiste sie ab, nachdem sie in Fritzens Gegenwart dem Geliebten noch hatte Lebewohl sagen dürfen. »Schreibe mir nicht«, bat sie ihn. »Ich möchte mir Deine Briefe nicht durch Dritte vorlesen lassen. Fritz wird mir Nachricht geben, so lange er noch da ist.« Zehntes Kapitel Für Nik war es eine große Enttäuschung, daß Elfriede ihm verbot, an sie zu schreiben, während er doch so sehr das Bedürfniß fühlte, sich mit ihr von seiner Liebe zu unterhalten. Aber er mußte zugeben, daß seine Briefe sich nicht immer eignen würden, durch Dritte vorgelesen zu werden, und Antworten darauf zu diktiren – schreiben konnte die Blinde ja nicht – hatte doch auch etwas Mißliches. So erfuhr er schon an der Schwelle seines neuen Verhältnisses, was es heiße, eine blinde Braut zu haben. Doch tröstete er sich. »Vielleicht«, dachte er, »findet sie dort eine Freundin, der sie vertraut und die den Verkehr vermittelt.« Aber Elfriede schickte keine Briefe, denn sie hatte den Eltern versprochen, es nicht zu thun. Ein kurzer Gruß durch den Bruder, war Alles, was Nik von der Geliebten zukam. Um so mehr war er geneigt, mit Fritz, wenn sie nach der Arbeit im Garten lustwandelten, über seine Liebe zu reden. Aber Fritz brach dieses Gespräch immer schroff ab und gebot Nik, Alles der Zeit anheim zu geben. Dennoch konnte Fritz nicht hindern, daß Nik bereits den ganzen Park nach Elfriedens Bedürfnissen umgestalten wollte. Hier war der Weg nicht eben genug für die Blinde, dort sollte eine Treppe beseitigt werden, damit sie nicht falle; hier wollte er einen Ast absägen, um einem Sitze Sonne zu schaffen, der ihm für Elfrieden zu feucht schien, dort wollte er Rosen und Heliotrop pflanzen, damit die herrlichsten Düfte an ihrer Lieblingsbank sie umgäben. Es war kein Platz in dem ganzen Besitzthum, den er nicht in Beziehung zu der Blinden gesetzt hätte. Wenn er Müdigkeit empfand, so brauchte er nur an die Geliebte zu denken und sofort strömte ihm das Blut zum Herzen und seine Gedanken wurden wieder helle. An jeden Strauch, an jeden Busch im Garten knüpfte sich eine Erinnerung an Elfrieden. Für ihn war ein Theil ihres Selbst zurückgeblieben in der Luft, die mit ihren blonden Flechten gespielt, auf dem Rasen, den ihr kleiner Fuß betreten, in den zerfließenden Schatten, die der Abend über das Thal goß. Im Herbste verließ ihn nun aber auch Fritz, der zur Universität abging. Fest schaute ihm der Freund beim Abschied in die Augen. »Sei fleißig, Nik«, sagte er, »sehr fleißig, es ist das beste Mittel gegen schlechte Gesellschaft.« »Ich weiß ein besseres«, rief Nik lebhaft. »Ich denke an Elfrieden.« Fritz schüttelte den Kopf. »Träume sind Schäume«, sagte er, »und sind die verschäumt, so wird der Mensch schal. Nur die Arbeit ist die Würze des Lebens. Sie ist das Einzige, was uns frisch erhält.« Das Mißtrauen, das aus diesen Worten sprach, kränkte Nik, aber er unterdrückte seine Verstimmung, und unter herzlichen Dankesworten für Alles, was Fritz für ihn gethan, nahm er von dem Freunde Abschied. Eine Weile gingen Nik's Gedanken auch in den alten Bahnen weiter. Er schnitt Elfriedens Namen in die Rinden der Bäume, und zeichnete ihn mit Flußkieseln in den Ufersand. Er machte Verse an die Geliebte, die er leeren Flaschen anvertraute, und den Strom hinabschwimmen ließ, damit die Wellen sie bei Elfriedens neuem Wohnsitze an das Land treiben sollten. Aber auf die Dauer hielten diese Spiele nicht vor, und Nik suchte vergeblich auf seinen Streifereien durch den Park die Stimmungen lebendig zu halten, die bis dahin sein inneres Leben gewesen waren. Da Fritz alle seine Anspielungen auf seine Liebe in seinen Briefen völlig ignorirte, und Elfriede gar nichts von sich hören ließ, mußte die Quelle seiner Gefühle für das blinde Mädchen aus Mangel an Zufluß sich erschöpfen und schließlich versiegen. Mit den alten Gärtnersleuten hatte er überhaupt noch nicht über ihre Tochter geredet. Sie übersahen sein Verhältniß zu ihrem unglücklichen Kinde völlig und behandelten Nik lediglich als den jungen Herrn, höflich, aber durchaus ablehnend. Der frühere vertrauliche Ton mit Frau Glimm stellte sich nicht wieder her. Er selbst war befangen, und auf ihr lastete der Kummer, dessen Quelle Nik war, zu deutlich, als daß es ihm wieder wohl hätte werden können in ihrer Nähe. Mit der Zeit schien es Nik doch auch sonderbar, daß der Gärtner seines Vaters einst sein Schwiegervater werden solle. »Die Alten werden ja bis dahin todt sein«, dachte er dann. »Kommt Zeit, kommt Rath.« Fritzens Briefe verstimmten ihn aber je länger, je mehr. »Früher«, sagte er gereizt, »hat er mich geschulmeistert, seit er Theologe ist, fängt er nun auch noch zu predigen an. Der Henker hole den eindärmigen Gesellen.« Aber dadurch, daß er die Correspondenz mit seinem einzigen Freunde vernachlässigte, wurde seine Lage nicht erquicklicher und seine Existenz nicht reicher. Diese Vereinsamung schien ihm mit der Zeit völlig unerträglich, und er sah sich in der Schule nach neuen Freunden um. Zu einem geistigen Verkehre wie mit Fritz eignete sich keiner, das sah er bald, aber während er hier und dort anzuknüpfen suchte, forderten ihn einige lustige Brüder auf, sich einer Gesellschaft anzuschließen, die sie in der Stille gegründet hätten. Sie schlugen ihm vor, er solle an zwei Abenden der Woche in einer wenig besuchten Gartenwirthschaft, wo man vor einem Ueberfalle der Lehrer sicher sei, mit ihnen zusammenkommen. Die Mama freilich war entsetzt, als Nik zum ersten Mal um Erlaubniß bat, nach dem Thee noch einmal ausgehen zu dürfen, aber der Vater entschied: »Nik ist nächstens neunzehn Jahre alt, du kannst den Jungen nicht unter der Glasglocke erziehen wie eine Gurke.« Die Baronin seufzte; auch diesen Gräuel mußte sie über sich ergehen lassen. Dieses Mal freilich war das Recht auf ihrer Seite. Als Nik am Abende in die den Schülern vorbehaltene Stube der ihm bezeichneten Wirthschaft eintrat, sprangen sofort die zunächst sitzenden Kameraden auf, um ihn freudig zu begrüßen. Sein Platz wurde ihm unmittelbar neben dem Vorsitzenden angewiesen, der ein buntes Band um das nicht mehr ganz reine Hemd trug und eine blaue Sammtmütze aufhatte. »Prosit Fuchs«, rief es von allen Seiten, und man trank Nik aus allen Gläsern zu. Dann erhob sich der Präses und commandirte silentium . »Ich gebe hiermit bekannt«, sagte er, »daß Herr Nikolaus von Altenbrück hiermit feierlich in unseren Verein Lätitia aufgenommen ist, wir begrüßen ihn also als jüngsten Lätizen.« So hatte nun allerdings Nik seinen Besuch nicht verstanden, da aber alle Anwesenden mit ihren Gläsern auf ihn eindrangen und mit ihm anstießen, mußte er gute Miene zu dem bösen Spiele machen. Schweigend und etwas verlegen saß er zwischen dem Vorsitzenden und dem Kameraden, der ihn zuerst eingeladen hatte, denn er wußte nicht, was er mit dieser Gesellschaft reden solle. Das Gespräch, das Nik nicht zu unterbrechen bat, worüber die Andern lächelten, drehte sich um die Lehrer in der Klasse, die hier ganz besondere Namen hatten. Der Direktor hieß das Rüsselschwein, der Naturgeschichtslehrer der Urmolch, der Religionslehrer der lahme Hiob, der Mathematiker das fröhliche Ungethüm, und es wurden die unglaublichsten Dinge von ihnen erzählt, wie ihre Frauen mit ihnen umsprängen und wie schlecht sie zu Hause zu essen bekämen. Nach den Lehrern kam die feindliche Schülerverbindung an die Reihe, die »Hercynia«, auf die Lätizen hoch herab sahen. Sie nannten sie »die schmutzigen Brüder« und versicherten, daß kein »Hercyne« sich öfters als am Sonntage zu waschen pflege. Nachdem auch dieses Thema sattsam durchgesprochen war, gab man sich interessante Räthsel auf. »Altenbrück«, rief der Vorsitzende, »wie unterscheidet sich ein Briefträger von einer Kuh?« Nik strengte sich vergeblich an, eine witzige Lösung zu finden. »Die Kuh wird gemolken«, sprach der Präsident würdevoll, »der Briefträger aber braucht sich das nicht gefallen zu lassen.« Ein allgemeines Hurrah und schallendes Gelächter belohnte diese geistreiche Lösung. Sofort stellte der junge Witzbold eine zweite Frage: »Altenbrück! Was ist Seife?« Wiederum allgemeines Schweigen und Räuspern. »Seife«, sprach der Präsident endlich, »ist das, wo, wenn man's nicht hat, man Hercyne wird.« Dieses Mal war der Jubel grenzenlos und alle Lätizen stießen an auf den Untergang der Hercynia. »Möge sie in ihrem Schmutze ersticken!« rief der Präses, während Nik unwillkürlich die Bierflecken auf dem Hemde des Sprechers betrachtete. Die Begeisterung war jetzt zu groß geworden, um das Räthselaufgeben fortzusetzen, vielmehr ergötzte man sich an Reden in Küchenlatein. »Venio tibi aliquid!« rief einer der Kameraden, indem er das Glas erhob. »Venio post« , sprach Nik und leerte seinen Schoppen. Als die Zahl der leeren Gläser sich mehrte, und einer der hoffnungsvollen Jünglinge nach dem Andern sein Geldtäschchen hervorholte, hineinschaute und es schweigend wieder einsteckte, flüsterte der Präses Nik ins Ohr, es sei Sitte, daß jeder neu Eintretende ein Fäßchen für die Gesellschaft auflegen lasse. Nik, der dank der vereinten Spenden der Eltern und der Tante Klara, stets bei Kasse war, fand diesen Gebrauch sehr löblich, und der Vorsitzende übernahm sofort die Bestellung. Sobald die Gläser wieder gefüllt waren, ließ er die gesammte Lätitia auf ihr neues Mitglied, Freiherrn Nikolaus von Altenbrück einen feierlichen Salamander reiben, wodurch Nik sich nicht wenig geehrt fühlte. Das Gespräch kam dann auf die Universität, und man stritt, in welche Couleur man am besten eintrete. Es ward von Duellen geredet, von Schmissen, von Aufzügen und Exkneipen. Dabei vergaß man nicht, mit dem Spender des edlen Nasses fleißig anzustoßen, so daß Nik bald der Kopf wirbelte und er eine unangenehme Spannung im Magen empfand. Auf eine ihm in der Stille vorgetragene Bitte verbot deshalb der Vorsitzende, dem Fuchs Altenbrück noch weiter vorzutrinken, und gab Nik die Erlaubniß, die Halben und Ganzen, mit denen er noch rückständig war, das nächste Mal zu absolviren. Zum Glück war das aufgelegte Faß in unglaublich kurzer Zeit geleert worden, und ein großer Theil der schlanken Jünglinge benutzte die Gläser nur noch als Perspektive, durch die sie sich gegenseitig bewunderten. Unter diesen Umständen beschloß man aufzubrechen, und der erste Chargirte begleitete auf schwankenden Füßen den schwankenden Nik bis an das Thor seines Vorgartens, wobei er fortwährend wiederholte, man könne schon viel trinken, man dürfe nur die Direction nicht verlieren. So kam Nik in leidlicher Verfassung wieder im Schlosse an, wo er jedoch vorzog, sich sofort in seine Gemächer zurückzuziehn. Obgleich er am andern Morgen etwas leidend aussah, versicherte er der Mama mit großer Entschiedenheit, daß ihm das Zusammensein mit Freunden ein geistiges Bedürfniß sei und er aus demselben die reichsten wissenschaftlichen Anregungen schöpfe. So erhielt er denn die nicht ohne Seufzen ertheilte Erlaubniß, diese Zusammenkünfte fortzusetzen. Je länger um so mehr gewann Nik Geschmack an dem Commersiren und den darauf folgenden Nachtschwärmereien. Phantastische Naturen, wie die seine, rollen rasch, wenn es einmal bergab geht, und ihm vollends fehlte die Widerstandskraft, die die Andern in einem längeren Schulleben sich erworben hatten. Jeder Eindruck riß ihn mit sich, und war er einmal im Zuge, so vermochte er es nicht mehr, die Eingebungen des Augenblicks und seine eigene Aufregung zu zügeln. So übertraf der schwächliche Junge vom Schlosse bald alle Andern in Thorheiten. Wenn die Kameraden aufbrechen mußten, »weil der Alte sonst brummt«, begleitete Nik sie noch durch die Straßen der Stadt, wo allerlei Unfug getrieben wurde. Selten kehrte er ohne die abgehängte Tafel irgend eines Gewerbtreibenden, oder entführte Barbierschüsseln und abgedrehte Fensterriegel in sein Schloß zurück, wo er sich eine ganze Sammlung solcher Beutestücke anlegte. Er erklärte sich jetzt selbst für einen Raubritter und baute die auf solche Weise eingetragenen Kloben, Haken, Thürklinken und Tafeln als Trophäe in seinem Kleiderschranke auf. In Anerkennung dieser frischen Haltung rückte er bald zum Präses und Senior der Lätitia auf, wozu freilich das Meiste beitrug, daß man die Mittheilungen an auswärtige Verbindungen gern durch einen so schönen Namen wie den Nik's unterzeichnet sah. Diese hohe Stellung füllte mit der Zeit Nik's ganzes Denken aus. An Elfriede dachte er nur noch selten und der Briefwechsel mit Fritz schlief ein. Natürlich durfte er als Vorsitzender hinter keinem der Andern zurückbleiben, sodaß seine Gesundheit bereits unter dem angestrengten Dienste litt. Kam er dann spät in der Nacht oder angetrunken nach Hause, so war er auf den guten Willen und die Verschwiegenheit des Pförtners angewiesen. Dieser Pförtner aber war kein Anderer als Johann Müller, dem der Baron wegen seiner besonderen Zuverlässigkeit die kleine Wohnung neben dem Gartenthore angewiesen hatte. Anfangs begnügte sich Nik, dem Rothen nach solchen Diensten am Morgen vornehm ein Trinkgeld zu reichen. Bald aber fand er für nöthig, von Müllers Gruß etwas vertraulicher als früher Notiz zu nehmen. Ein bedeutungsvolles Lächeln wurde an manchem Morgen zwischen ihnen ausgetauscht, und bald waren auch gewisse Verabredungen nöthig, die Nik immer mehr zum Bundesgenossen Müllers machten und ihn schließlich ganz demselben in die Hand gaben. Die Folgen dieses Treibens traten aber früher zu Tag als Nik sich träumen ließ. Eines Morgens, als er nach seinem Kaffee schellte, da er ein außerordentlich ödes Gefühl in seinem Magen empfand, trat statt des Dieners mit dem Frühstück, vielmehr sein Vater ein. Derselbe schien sehr aufgeregt und herrschte Nik zornig an über die Unordnung und die abscheuliche Luft, die in dem Zimmer herrsche. In der zitternden Hand hielt er einen Brief, den er Nik zornig hinwarf. Dieser kannte die Handschrift. »Was das Rüsselschwein dem Alten geschrieben haben mag?« dachte er gleichmüthig. Der Freiherr hatte inzwischen die Fensterflügel aufgerissen und schien sein kahles Haupt in der Morgenkühle zu baden, während er mit finstern Blicken Nik fixirte, aus dessen Antlitz beim Lesen des Briefes alles Blut gewichen war. Derselbe enthielt die Anzeige des Directors, daß man einer geheimen Schülerverbindung auf die Spur gekommen sei, bei der Nikolaus den Vorsitz führe. Würde der Director die Sache zur amtlichen Verhandlung bringen, so müßte die Ausweisung der Betheiligten die Folge sein. Um zahlreichen ehrenwerthen Familien Kummer zu ersparen, wolle man aber die Sache in der Stille abthun, falls Herr von Altenbrück seinen Sohn sofort aus der Anstalt nehme, was sich auch darum empfehle, weil die Leistungen desselben in der letzten Zeit wieder durchaus ungenügende gewesen seien und er trotz seines vorgerückten Alters auf Ostern nicht würde versetzt werden können. Nik schaute noch lange, nachdem er zu Ende gelesen, wie geistesabwesend auf das Schreiben. »Was hast Du darauf zu sagen?« knurrte nun der Baron vom Fenster her, indem er seine Bartspitzen grimmig in die Höhe drehte. Nik schwieg noch immer. Ihm war von dem plötzlichen Schreck so elend geworden, daß er fürchtete, er werde im nächsten Augenblicke dem Vater einen tatsächlichen Beweis von seinem tugendhaften Lebenswandel liefern. Sein Vater erschien ihm vor seinen schwimmenden Augen wie ein Engel des Gerichts. Der kahle Kopf des Barons spiegelte den Lichtschein des hellen Morgens, und Nik schien mit Interesse den Schatten zu betrachten, den sein ergrimmter Erzeuger auf dem bunten Smyrnaer Teppiche neben dem Fenster warf. »Ich will keine unnützen Worte verlieren«, sagte der Vater endlich. »Da Du, wie ich sehe, Dich nicht rechtfertigen kannst, so muß ich Dich natürlich aus der Anstalt nehmen.« Nik athmete erleichtert auf. Dieses Unglück ließ sich schließlich ertragen. »Mit dem Studium hat es nun natürlich ein Ende«, fuhr der Vater fort. »Dein Eifer ist ja ohnehin schon wieder verraucht. Zwingen kann ich Dich nicht, fleißig zu sein. Man kann einen Jagdhund nicht auf die Jagd tragen. Du gehst nach Neudorf auf die Ackerbauschule, damit Du wenigstens das Gut bewirthschaften lernst. Ich gestehe, daß ich etwas Besseres aus Dir zu machen gedachte, als einen Krautjunker, aber lieber ein Landwirth, als ein mißlungener Jurist oder ein leichtsinniger Offizier. Es ist ja auch ganz gleichgültig, in welchem Fache Du eine Null wirst. Dafür brauche ich kein Geld weiter auszugeben. Im April reisest Du. Den Verdruß wenigstens will ich mir sparen, einen Sohn wie Dich täglich vor Augen zu haben.« Ruckweise hatte der Freiherr diese für ihn ungewöhnlich lange Rede hervorgestoßen, indem er mehrmals dazwischen vor Aufregung Athem holen mußte. Jetzt verließ er sofort das Zimmer, und Nik faßte sich an den schmerzenden Kopf, um darüber klar zu werden, ob ihm seine schlechte Führung seit Fritzens Abgang eigentlich eine Strafe oder eine Belohnung eingetragen habe, denn daß er der Schule quitt und ledig war, freute ihn von Herzen. Dennoch war ihm am folgenden Morgen etwas beklommen zu Muthe, als er zur gewöhnlichen Stunde die Schulkinder und älteren Kameraden den gewohnten Weg nach der Stadt nehmen sah, während er müssig am Fenster stand; aber daran gewöhnte er sich. Da der Vater sich lediglich nichts um ihn kümmerte, und die Mutter nur Seufzer für ihn hatte, schlenderte er in der Stadt und auf den Bergen umher, oder lag auf seiner Stube und las ohne Wahl gute Bücher und schlechte. Vielleicht hätte dieses zwecklose Umhertreiben noch lange gedauert, aber in den Osterferien kam Fritz zum Besuche zu seinen Eltern und war wenig erbaut über den Zustand, in dem er Nik vorfand. Daß er wegen Betheiligung an einer verbotenen Verbindung aus der Schule habe austreten müssen, konnte Nik dem Freunde nicht verhehlen, sonst aber hütete er sich, ihm sein seitheriges Treiben allzugenau zu berichten. Da machte ein Zufall Fritz mit der Trophäensammlung bekannt, die Nik noch immer in seinem Schranke bewahrte. Diese entwendeten Schilde und abgebrochenen Riegel und Klinken erzählten deutlich genug Nik's Lebensgeschichte seit Fritzens Abgang. Der junge Theologe glühte vor Entrüstung. »Du Heuchler«, sagte er zu dem betroffenen Nik, »wie hast Du gegen die Junker des vorigen Jahrhunderts gepredigt, die dem Bauer seine Saaten niederritten, um ihrer Jagdlust zu fröhnen! Sind diese Dinge hier nicht auch sauer erworbenes Eigenthum, das Du dem armen Handwerker ruinirst, um Dir ein junkerhaftes Vergnügen zu machen? Was ist denn der Unterschied zwischen den Kornfeldern, die jene, und den Thüren und Fenstern, die Du zerstörst? Für die Ausgaben, die Deine Büberei dem armen Manne auferlegte, hätte er den Seinen einen vergnügten Sonntag machen können, während er jetzt vielleicht seinen Aerger an Weib und Kind ausließ. Das also sind Deine Freuden! Nun will ich Dir aber Eines sagen! Uns lies keine Bürger'schen Balladen mehr vor! Ich weiß jetzt, was von Deiner Entrüstung gegen die adeligen Unterdrücker zu halten ist.« »Amen, sagt der Pfaff, wenn er nichts mehr weiß«, spottete Nik. »Aber ereifere Dich nicht, Mann Gottes. Ich gebe ja zu, daß es Unsinn war. Langeweile ist die Mutter der Thorheiten. Lasse uns am Abende wieder etwas Vernünftiges treiben, dann hören die Possen von selbst auf.« Der gutmüthige Fritz ließ sich leicht versöhnen. War es ihm doch Gewissenssache, den Jugendfreund wieder auf bessere Wege zu leiten. Er behielt Nik nun fest an der Hand, und als die kurzen Ferien vorüber waren, wurde beschlossen, die Reise nach der Universität gemeinsam anzutreten. Nach bewegtem Abschiede von der Mutter und ziemlich kühlem von dem Vater, rollte Nik mit Fritz in dem Schnellzuge dem Norden zu, Nik nach Neudorf, Fritz noch ein Stück weiter nach der Universitätsstadt, an die sein Stipendium ihn band. Nik hatte dem Freunde die schönsten Zusicherungen gegeben. Er wollte durch eisernen Fleiß die Lücken ausfüllen, die das unvollendete Gymnasialstudium bei ihm gelassen hatte, er wollte sich gründlich für seinen Beruf als Landwirth vorbereiten, ohne doch über dem Fachstudium die allgemeine Bildung zu vernachlässigen, die ihn über das Niveau der gewöhnlichen Landwirthe emporheben sollte. Er wollte dies und wollte das, aber freilich machte er für sich auch den Vorbehalt, daß er einiges Verbindungsleben mitzumachen gedenke. Tages Arbeit, Abends Gäste, sollte sein künftiges Losungswort sein. Von Elfrieden war zwischen beiden nicht die Rede. Fritz mied dieses Thema und Nik suchte es nicht mehr auf. Erst während der Reise ließ er sich von ihrem Leben in der Anstalt, von ihren Fortschritten und von der Methode des Unterrichts durch den Bruder erzählen. So waren die beiden Passagiere dem Ziele ganz nah gekommen, als kurz vor Neudorf der Zug noch einmal anhielt. Auf dem Perron der kleinen Station sahen sie etliche junge Menschen in blauen Mützen stehen. Ein Mitreisender, der Nik und Fritz für Studenten hielt, sagte spöttisch: »Sehen Sie diese Ackerbauschüler von Neudorf, nun fangen diese Stoppelhopser auch an, die Studenten zu spielen.« Im gleichen Augenblicke aber drängten die Blaumützen sich an den Zug, wobei sie in alle Wagen hineinschauten. »Der Kleine, Blasse, muß es sein«, sagte dann der Aelteste der Schüler, ein Bursche mit breitem, gewöhnlichem Gesichte und werdendem Vollbarte. Er winkte dem Schaffner, damit er Nik's Coups aufschließe. Zu Fritzens lebhaftem Verdruß drängten sich die drei Jünglinge sehr ungeschlacht an ihm vorbei und besetzten die noch übrigen Plätze. Der Bärtige wendete sich darauf zu Nik, rührte an die blaue Mütze und sagte verbindlich: »Herr von Altenbrück!« Nik verneigte sich und erwiderte rasch: »So ist mein Name.« Er war verlegen, denn er konnte sich gar nicht denken, wie er zu dieser Bekanntschaft komme. »Sie sind an uns empfohlen«, erwiderte der Farbentragende. »Ihr Freund Louis hat uns die ganze Geschichte von der Auflösung der Lätitia berichtet und daß Sie das unschuldige Opfer geworden sind. Wir freuen uns sehr, daß Sie nach Neudorf kommen. Die Lätizen sind immer bei uns eingesprungen. Wir hoffen, daß Sie jedenfalls einmal die Neudorfer Blauen mit ihrem Besuche beehren und sich die Sache ansehen, Sie können ja dann immer noch thun, was Ihnen beliebt.« »Mein Freund beabsichtigt überhaupt nicht, einer Verbindung beizutreten«, mengte nun Fritz sich ein. Aber der Bärtige sah ihn nur flüchtig von der Seite an und fragte dann, als ob er Fritz keiner Beachtung werth fände: »Haben Sie schon eine Wohnung, Herr von Altenbrück?« Nik verneinte das, und da fand es sich, daß ganz in der Nähe des Bärtigen, der sich nun als Studiosus Naudigl vorstellte, eine vortreffliche Bude zu haben sei, die die Blauen für ihre Freunde vorläufig belegt hätten und die sich Nik jedenfalls besehen solle. Wieder schaltete Fritz ein, Herr von Altenbrück habe vor, die erste Nacht im Gasthofe zu bleiben, um am andern Tage mit Muße sich eine Wohnung zu suchen, aber der zweite Blaue, ein hochaufgeschossener Mensch mit weißblondem, wolligem Haare erwiderte in sehr herablassendem Tone: »Sie waren wohl der Hauslehrer des Herrn Baron, da Sie sich so besorgt zeigen?« Fritz brauste auf: »Durchaus nicht. Wie kommen Sie zu dieser Frage? Ich bin Student.« »Nun«, erwiderte der Andere gleichmüthig, »wenn man Sie zusammensieht, macht es den Eindruck. Sie sind so gesetzt, wohl Theologe? ...« fügte er in gedehntem Tone hinzu. Fritz schoß wieder das Blut in's Gesicht, aber in diesem Augenblicke hielt der Zug. Die drei Blauen bemächtigten sich sofort des Gepäcks von Nik, während Fritz diesem zuflüsterte: »Um alles in der Welt, Nik, mache Dich los von diesen Menschen. Gehe um keinen Preis in diese Falle!« Aber Nik fragte rathlos: »Was soll ich thun?« »Fahre sofort in den Gasthof.« »Rasch, rasch, meine Herrn", rief jetzt der Schaffner, »der Zug hält nur drei Minuten.« So konnten sich die beiden Freunde nur noch die Hand drücken. »Ich weiß gewiß, daß Du es bereuen wirst, wenn Du nicht fest bleibst«, sagte Fritz noch. Dieser aber zuckte wie hülflos mit den Schultern und ergab sich in sein Schicksal. Der Freund blickte ihm bekümmert nach. Sich weit aus dem Wagen beugend sah er noch, wie der eine Blaue dem unentschlossenen Neuling den Gepäckschein abnahm, um ihm seinen Koffer zu besorgen, während der Andere einen Wagen herbeiwinkte. Umgeben von den blauen Mützen wurde Nik in den Wagen gedrängt und gleichzeitig setzte sich der Bahnzug in Bewegung. »Es ist ihm schwerer gemacht«, seufzte Fritz, »als uns Andern. Was hat der Gärtnersohn Glimm, der Studiosus der Theologie, für Versuchungen zu bestehen? Keine! Diese Leute wollten mich nicht einmal haben, wenn ich ihnen nachliefe. Aber freilich ein Reichsfreiherr von Altenbrück! Dem fahren ihre Schlepper schon eine Station weit entgegen, um ihn in's Garn zu treiben. Sie wußten sogar, mit welchem Zuge er ankomme! Solchen Veranstaltungen zu entrinnen ist Nik nicht der Mann. Woher sollte er auch die Widerstandskraft nehmen, wie er erzogen ist? Oh, ihr vornehmen Leute, wie arm seid ihr doch!« Nik war inzwischen mit seinen drei neuen Freunden sofort vor der Wohnung vorgefahren, die die Blauen fürsorglich für ihn belegt hatten. Diese, freundlich und hell, wurde von einer redseligen dicken Wirthin, die mit den Blauen sehr vertraulich zu stehen schien, nach Gebühr angepriesen, und noch ehe Nik sich entschieden, wurde das Zimmer von einem hübschen aber dreist aussehenden Stubenmädchen in Stand gesetzt. »Der Herr behält die Stube«, entschied dann der Bärtige, und Nik erklärte mit etwas unsicherer Stimme, daß er mit den Bedingungen einverstanden sei. »Sie werden es nicht bereuen«, versicherte sein Patron. Zeit sich umzukleiden wurde dem Ankömmling nicht gelassen. Die drei Blauen versicherten, er sei ganz patent, und Herr Naudigl schlug vor, zunächst die Umgegend zu besehen und dann auf das Jagdhaus zu gehen, wo man sich am besten orientire. Am Abende saßen in einer Kneipe, deren rauchige Wände mit Trinkhörnern und vergilbten Bildern bedeckt waren, die älteren Leute aus der Verbindung der Blauen beisammen. Bei schäumenden Biergläsern, die eine dralle Kellnerin auftrug, tauschten sie die Erlebnisse des Tages aus. »Wenn Naudigl nicht mehr Glück hat als ich«, sagte einer der Aeltern mißmuthig, indem er die Mütze aus dem von Schlägerhieben zerfetzten Gesichte rückwärts schob, »so bekommen wir nicht einen einzigen Fuchs, die Grünen haben uns alle weggefangen.« Mit diesen verdrossenen Worten nahm der Karaibe, wie er in der Verbindung wegen seines tätowirten Gesichtes hieß, sein Glas und leerte es in zwei Zügen. »Ruhig Blut, Karaibe«, sagte ein Anderer, »Du bist ganz am Platze, um eine Forderung zu bestellen; die Grünen bekommen das Zittern, wenn sie dein Gesicht sehen, aber wie eine Einladung zum Eintritt sieht es nicht aus. Die Fuchsjagd überlasse Du dem sanften Heinrich." »Wahr gesprochen«, rief ein lang aufgeschossener Mensch, der wegen seiner Consumfähigkeit, die mit seinem schwindsüchtigen Aussehen in grellem Widerspruche stand, die Bierlatte genannt wurde. »Seht, hier kommt ja Naudigl! Nun, was habt Ihr ausgerichtet?« »Einen famosen Fuchs bringen wir«, rief der Eintretende, den wir bereits kennen. »Ich sage euch, einen Freiherrn, der auf einem Normannenschloß haust, das eine eigene weiße Frau hat, einen jungen Kerl, der zwei Gärtner hält und mit einem blinden Mädchen verlobt ist. Er ist bereits eingekleidet, aber vertragen kann er nichts, er ist schon knüll. Heiliger Strohsack, was hat er uns alles vorgestammert von seinem Herrn Papa und dem blinden Mädchen und seinem Freund Fritz, mit dem der Brandfuchs im Waggon aneinander gerieth, daß sie fast contrahirt hätten. Er ist furchtbar grün, also nehmt Euch zusammen. Gleich wird er da sein.« In der That wurde jetzt die Thüre des mit Rauch erfüllten Zimmers weit aufgerissen und von zwei neuen Freunden unter dem Arme geführt, trat Nik ein, der bereits eine blaue Mütze auf dem Kopfe trug. »Prosit, Fuchs«, rief die Bierlatte dem Eintretenden zu, der mit gläsernen Augen in den Nebel von Tabakswolken starrte und sich vergeblich zu orientiren suchte. »Au! Ein deutscher Händedruck«, rief Nik dann, indem er seine kleine zarte Hand aus der knöchernen Umklammerung durch die Riesenfinger der Bierlatte zurückzog. »Welch ein Damenpfötchen«, brummte der lange Student, »Dir wird der Fechtboden gut thun.« »Trinken wir eins zur Versöhnung«, rief Nik. "Wein her! Ich habe meinen ganzen Wechsel in der Tasche!« Die Andern lachten, da dem zarten Männchen bei diesem Versuche, imposant aufzutreten, die Stimme in die Fistel umschlug. Die Kellnerin brachte die Weinkarte, und Nik wählte. Der Wein kam, und Nik hielt die Flasche in der Hand, konnte sich aber bereits nicht mehr besinnen, was er mit derselben thun wolle. Naudigl schenkte an seiner Stelle ein und bestellte sofort eine zweite. Inzwischen war der Senior der Blauen eingetreten, der schon in vorgerückten Semestern stand, ein Koloß von einem Menschen mit einem aufgedunsenen Gesichte und einem dünnen, durchsichtigen Bärtchen. Der neue Fuchs wurde ihm vorgestellt. »Gib mir die Pfote«, sprach der Koloß mit mächtiger Baßstimme. Nik gehorchte mit einer Verbeugung, aber er seufzte auf's neue über den Händedruck des kräftigen jungen Oekonomen. »Habt Ihr Euch gut amüsirt«, fragte der Senior. »Famos«, erwiderte Naudigl. »Der Fuchs hat uns von seinem Schlosse erzählt und seiner Familie. Fidele Leute! Wir werden seinem Alten an Pfingsten die Ehre unseres Besuchs erweisen. Er wird sich gewiß freuen, uns kennen zu lernen. Prosit, Fuchs.« Alle Blauen tranken Nik zu, und dieser leerte sofort sein Glas bis zur Neige. Der Senior setzte sich neben ihn, streckte vertraulich seinen Arm über Nik's Stuhllehne und legte ihm die Grundsätze der Blauen klar und lichtvoll dar, ihren Comment, ihre Statuten und wie es ihre Absicht sei, der verbauernden Thätigkeit der Landwirthschaft gegenüber das ritterliche Element zu pflegen, das den Gutsbesitzer von dem Bauern unterscheiden müsse. Nik war mit Allem sehr einverstanden und berichtete, daß er ursprünglich habe studiren wollen und lieber an eine Universität als an eine landwirthschaftliche Schule gegangen sein würde, und wie er um so entzückter sei, hier Alles wie an einer Universität zu finden. Der Senior schwieg und begnügte sich, gravitätisch an seiner langen Pfeife zu saugen. Dann erzählte Nik, wie er auf der Schule Präses der Lätitia gewesen sei und unter welchen erschwerenden Umständen er seinen Abgang vom Gymnasium genommen habe. Das interessirte den Senior schon mehr und er ergriff die neue Flasche, die die Kellnerin, ohne auf Nik's Bestellung zu warten, herbeibrachte, und stieß mit Nik an auf das Wiedererstehen der Lätitia. »Gieß auch uns ein«, rief die Bierlatte, die selten Wein zu trinken bekam. »Wir wollen mit anstoßen auf unsern neuen Fuchs, Freiherrn Nikolaus von Altenbrück. Smollis, Du krasser Fuchs!« Nik schwamm in Wonne. Man erzählte ihm nun von den neuesten Duellen, von den letzten Relegationen, von den Bällen auf dem Casino und den Familien, bei denen er Besuch machen müsse. Dann nahm die Unterhaltung eine speciellere Wendung. Streitfragen der Blauen mit den Grünen wurden berathen, die Nik nicht verstand. Die Ermüdung der langen Eisenbahnfahrt, der Einfluß der ungewohnten Getränke, zumal des gefälschten Weines, machte sich geltend; die blaue Mütze, die Nik zu klein war, fiel ihm vom Haupte, und er schlief ein. »Führt ihn heim«, befahl nun der Senior würdevoll. »Den habt Ihr, seht, daß Ihr ihn haltet.« Die beiden Blauen, die Nik auf der Eisenbahn dingfest gemacht hatten, ließen es sich nicht nehmen, ihn auch nach der Wohnung zu bringen, die sie ihm aufgenöthigt hatten. Die kühle Nachtluft draußen machte Nik rasch wieder munter. Taumelnden Schrittes ging er zwischen den beiden Blauen her, hielt Ansprachen an die Straßenlaternen und Brunnen, versuchte mit den Vorübergehenden Streit anzufangen, und lallte, wenn sie verächtlich weiter gingen: »Ganz dummer Kerl das, ganz dummer Kerl .. losgehn .. Natur .. contra–hiren.« Zum Glück war der Weg nicht weit, und als er mit seinen beiden Genossen die neue Wohnung erreicht hatte, nahmen diese ihm den Schlüssel aus der Tasche und schlossen auf. Das Stubenmädchen, an solche Scenen schon gewöhnt, sprang mit dem Lichte herzu und leuchtete nach der Stube. Dort angekommen, warfen die Freunde den betrunkenen Nik der Magd zu wie einen Ball: »Hier, Gretchen, tröste ihn«, riefen sie, »Du verstehst das ja am Besten.« Damit verließen sie polternd und lachend die Wohnung. Als Nik am andern Morgen mit wüstem Kopfe erwachte, standen bereits wieder zwei Blaue vor seinem Bette, um ihn zu einem Katerfrühstück abzuholen, das er allerdings sehr nöthig hatte. Man ließ ihn überhaupt nicht zur Besinnung kommen, und noch ehe er eine einzige Vorlesung belegt hatte, war Nik bereits Fuchs bei den Blauen geworden. Zu Anfang des Semesters wollte der junge Oekonom noch neben den Verpflichtungen gegen seine Verbindung auch denen seines Studiums gerecht werden. Das aber wurde ihm rasch abgewöhnt. Während er im Colleg saß, begaben sich etliche der Blauen auf seine Stube, ließen sich da auf seine Kosten ein feines Frühstück serviren und versprachen dem mit seiner Mappe zurückkehrenden Fuchse, sie würden diese Besuche so lange fortsetzen, bis er seinem Laster des Colleghörens entsagt habe. Unter diesen Umständen fand er es allerdings selbst angenehmer, auf der Kegelbahn in Gemeinschaft mit den Anderen zu frühstücken, als abwesend ihrer Diskretion überlassen zu sein. Am Mittage lag man dann auf den Bierdörfern der Nachbarschaft, bis die obligatorische Kneipe im »wilden Mann« begann. Ward Nik seitdem im Hörsaale nicht mehr gesehen, so lag er um so fleißiger auf der Kneipe; er fuhr spazieren und ward auf dem Fechtboden übel zugerichtet. Hatte er seine Wunden geheilt, so ging es dann wieder an's Trinken und an neue Duelle. Die gleiche Ordnung wiederholte sich Tag für Tag, denn diese Art, das Leben zu genießen, ist keiner Abwechselung fähig. Eine Pause in diesen Genüssen drohte nur das Ausbleiben der Geldsendungen herbeizuführen, da der Freiherr auf Nik's Forderungen nur noch mit strafenden Episteln antwortete, und die Mutter und Tante Klara schließlich in ihren geheimen Sendungen gleichfalls ermüdeten, als sie sahen, daß Nik's Bitten kein Ende nahmen. Als dieser nicht mehr zu zahlen vermochte, klagten die Gläubiger ihre Forderungen ein, und eines Tages bekam der Freiherr eine ganz artige Sammlung von Rechnungen mit einem amtlichen Schreiben zugestellt, das ihn für die Schulden seines Sohnes haftbar machte. Bleich vor Zorn ging der Baron an diese angenehme Lectüre und mehr als einmal sträubten sich seine Bartspitzen zornig in die Höhe. Da waren Ausgaben für gemalte Wappenseidel, für Stöcke mit gravirten Ringen, für vergoldete Pfeifenköpfe und damascirte Schläger, Rechnungen von Delikatessenhändlern und Wirthen, – »ein Beefsteak für den Herrn Hund – zwei Mark«, – hieß ein ständiger Posten, der dem Baron immer wieder auf's neue das Blut in die Schläfen trieb. Schließlich raffte der empörte Vater den ganzen Bündel zusammen und befahl dem rothen Johann, seine Reiseeffekten zu packen und dabei sein spanisches Rohr ja nicht zu vergessen. Nachdem Johann dieses Geschäft mit gewohnter Pünktlichkeit besorgt hatte, reiste der Baron mit dem nächsten Zuge nach Neudorf ab. Der Winter neigte sich seinem Ende zu, und wie im vorigen Jahre, wollte Fritz einige Wochen bei den Eltern verleben, zumal Elfriede aus dem Blindeninstitut entlassen und wieder im väterlichen Hause eingetroffen war. Es drängte den Bruder, zu sehen, welche Fähigkeiten die berühmte Schule in der unglücklichen Schwester entwickelt habe. Sein Weg führte auch dieses Mal über Neudorf. Als der Schaffner den Namen der Station ausrief, sah Fritz eifrig aus dem Fenster des Eisenbahnwagens, ob er nicht Nik erblicke, der in letzter Zeit alle seine Briefe unbeantwortet gelassen hatte. Statt seiner sah er einen der Blauen, der in seine Wagenabtheilung einstieg. Da die beiden jungen Leute allein waren, kamen sie bald in ein Gespräch, und Fritz fragte, ob der Blaue den jungen Altenbrück kenne. »Ja«, erwiderte dieser ziemlich verdrossen. »Ist er noch in Neudorf?« fragte Fritz eifrig. »Nein, sein Vater hat ihn schon vor Schluß des Studienjahres selbst nach Hause geholt, weil er zu viel Geld brauchte.« »War er nicht in Ihrer Verbindung?« fuhr Fritz auf. »Nein«, sagte der Blaue unwirsch. »Das heißt, wir haben ihn dimittirt.« »Ausgestoßen?« fragte Fritz erschreckt, »und warum?« »Er war ganz verkommen und bezahlte nicht einmal seine Ehrenschulden.« »Wie kam er dazu, Schulden zu machen?« fragte Fritz anzüglich. »Was wollen Sie«, erwiderte der Blaue, »er war den halben Tag betrunken, und ließ sich dann das Geld von jedem Bummler abnehmen. Dabei spielte er, so lange er etwas in der Tasche hatte, und länger. An mich verspielte er sogar sein Normannenschloß, die weiße Frau, die darin haust, und seine Braut, ein blindes Mädchen. Ich glaube, er hätte Vater und Mutter verspielt, wenn ich es ihm angeboten hätte. Als er dann sein Ehrenwort nicht hielt, haben wir ihn hinausgeworfen.« Nun hatte Fritz genug, er fragte nicht weiter. Elftes Kapitel. Das Schloß der Altenbrück war glänzend erleuchtet und seine hellen Fenster spiegelten sich in dem vorüberfließenden Strome. Unter den alten Eschen am Gartenthore lehnte Johann Müller in blauer Livree, um den eintreffenden Gästen die Thüre aufzuthun. Ein Wagen fuhr an und zwei alternde Damen stiegen aus. Die hagere, große war Klara, die Schwester der Baronin, die kleine, rundliche, Friederike, die diesjährige beste Freundin. »Gewiß, liebe Friederike«, sagte Tante Klara, während beide den Vorgarten durchschritten, »Altenbrück hat ganz recht, Nik muß heirathen, sonst geht er völlig zu Grunde.« »Aber bedenke doch, liebe Seele«, seufzte die kleine Begleiterin, die wohlbeleibt, wie sie war, keuchend hinter der hastigen Freundin einhertrippelte, »Nik ist ja erst einundzwanzig Jahre und seine Cousine ist mindestens dreiundzwanzig.« »Um so besser kann Valentine ihren Mann hüten, wenn er jünger ist als sie«, sagte Tante Klara gereizt, und ihre Augen traten böse aus dem gerötheten Gesichte. »Einen Mann kann man überhaupt nicht hüten, meine Liebe«, sprach die dicke Friederike weise. »Das hast Du wohl bei Deinen Möpsen gelernt«, erwiderte Tante Klara zornig, »aber Nik ist kein Mops.« »Aber Klara!« rief Friederike entrüstet, »in welchen Ton Du gleich wieder verfällst.« Diese aber schüttelte mit einer Geberde des höchsten Abscheus ihre langen Locken, und indem sie ihre zahlreichen Röcke mit zitternden Händen aufnahm, stürmte sie zornig die Treppe empor. Keuchend folgte ihr die dicke, kleine Freundin, die ihren Widerspruch so schlimm nicht gemeint hatte. Eben holte sie Athem zu einem versöhnlichen Worte, als bereits die Thorflügel sich vor den beiden Damen öffneten. Der Rothe schaute ihnen aus dem Dunkel unter den Bäumen spöttisch nach. »Die alten Schachteln werden ja wohl die Letzten sein«, sagte er. »Nur das vortreffliche Barönchen, das liebe Nikchen, fehlt noch, mein hoher Gönner.« Dann schlug er plötzlich in den salbungsvollen Ton des verlorenen Sohnes über: »Es ist ein Aergerniß, wie dieser Mensch sich beträgt! Wenn man Alles hat, um sich jeden Wunsch zu erfüllen, und ruinirt sich dann mit Trinken, so gehört man doch wirklich geprügelt. Aber so geht es zu in dieser Welt. Da oben prassen sie, und ich darf hier in Nacht und Wind am Thore stehen als Wappenlöwe, und wenn es mich friert, darf ich singen: ›Schon hier lebt selig und vergnügt‹, wie sie mich's im verlorenen Sohne lehrten. Beschwert man sich aber, so stopfen sie einem mit ein paar Bibelsprüchen den Mund. Na, ich werd's ihnen anstreichen, sie sollen noch an mich denken.« Nach diesem philosophischen Selbstgespräche trat der rothe Johannes vor das Gartenthor, und indem er die eine Hand nachlässig in die Tasche steckte, schaute er, an den Thorpfeiler gelehnt, die Straße herauf und herunter. Oben im Saale hörte man jetzt das Rücken der Stühle; eine Harfe präludirte, und dann begann eine schöne, seelenvolle Altstimme die ewig schöne Arie aus Handels Messias: »Oh Du, die Wonne verkündigt zu Zion.« Aber die Laute der Ewigkeit, die über diesen Saiten schwebten, gingen an dem Ohre des Gärtnerburschen vorüber, und kaum hatte der Gesang geendet, so pfiff er einen Gassenhauer vor sich hin und spähte nach seinem jungen Herrn, der noch immer ausblieb. Statt seiner kam die Landstraße herab ein hochgewachsenes Frauenzimmer, das, obwohl nicht mehr ganz jung, doch sehr jugendlich herausgeputzt war. Sie ging erst auf der einen, dann auf der andern Seite der Straße und schaute oft um, als ob ihr Pfad nicht eben der schmale Pfad der Tugend sei. »Pst, Pst!« zischte der Rothe, der in der einsamen Pilgerin seine Schwester erkannte. »Käthchen!« rief er über die Straße, als das Mädchen ruhig ihren Weg fortsetzte. »Nun, was soll's?« sagte die Dirne unmuthig. »Hast Du heute die Laune, mich zu kennen?« »Nun ja doch, Tugendspiegel«, erwiderte der Bruder. »Du würdest mir aber einen großen Gefallen thun, wenn Du nicht gerade hier promeniren wolltest. Du weißt, wie viele Leute Dich kennen, und wir haben heute Gesellschaft.« »Was kümmert das mich«, erwiderte die Schwester schnippisch. »Ich kann gehen, wo ich will.« »Wenn Du vernünftig bist«, sagte Johann leise, »so will ich Dir einen Liebhaber verschaffen, der etwas einträgt.« »Du meinst am Ende gar den jungen Baron?« lachte die Dirne. »Den habe ich schon, dazu brauche ich Dich nicht, Du rothe Mähre.« »Du hast ihn schon?« sagte Johann eifrig. »Um so besser! Dann müssen wir ihn gemeinsam in die Klemme treiben, und wir können erst ihm und dann dem Alten so viel Geld auspressen als wir wollen.« »Was meinst Du?« sagte die Schwester näher tretend. »Zeugen mußt Du Dir verschaffen, meine tugendhafte Schwester, Zeugen!« »Ach, gehe mir mit solchen Geschichten«, erwiderte das Mädchen. »Ich will nichts zu thun haben mit der Polizei.« »So weit braucht es gar nicht zu kommen«, sagte Johann. »Solche Leute fürchten den Skandal, und darum kann man mit ihnen machen, was man will. Aber still!« unterbrach er sich. »Da kommt er, ich sehe ihn bei der dritten Laterne.« »Nun, ich will ihn anreden«, lachte das Mädchen und wollte weiter. Aber der Bruder hielt sie fest. »Dummheiten«, sagte er. »Gehe hier herein in meine Stube«, und er wies nach dem Portierhäuschen. »Ich werde ihn Dir nachschicken. Für das Uebrige lasse mich sorgen.« Man hörte jetzt nahende Schritte, und der Rothe stieß seine Schwester, die sich wehrte, und laut zu lachen begann, fast mit Gewalt in das Häuschen, wo er ihr mit der Hand den Mund zuhielt, und sie durch ein paar energische Worte zur Ruhe brachte. Müller war eben wieder herausgetreten, als Nik am Gartenthore erschien. Er war im Gesellschaftsanzuge, denn er hatte schon vor einer Stunde sich für den Abend gerüstet. Da er sich aber bereits wieder öde fühlte, war er nach der benachbarten Restauration hinübergegangen, um dort Wein in sich zu gießen, den man ihm zu Hause auf Befehl der Eltern verweigerte. Die Baronin meinte nämlich, der Freiherr könne, wenn er nur wolle, durch strenge Aufsicht dem Sohne die verderbliche Neigung zu geistigen Getränken, die er ohne Zweifel vom Vater geerbt habe, sicher wieder abgewöhnen. Der junge Mann sah erhitzt aus, und sein Anzug war in Unordnung. Johann warf einen prüfenden Blick auf ihn und schüttelte dann sein rothes Haupt. »Nun, was hast Du?« sagte Nik ungeduldig. »So können Sie nicht hinauf«, erwiderte Johann trocken, »man sieht auf zehn Schritte, wo Sie waren.« »So komme mit auf mein Zimmer und bringe mich in Ordnung, statt zu schwatzen«, rief Nik zornig. »Unmöglich«, erwiderte Müller, »die Herrschaften sind zum Theile noch auf dem Vorplatze. Gehen Sie hier in meine Stube, es liegt eine Bürste auf dem Tischchen. Einen Spiegel finden Sie in der Kammer. Aber lassen Sie die Rumflasche in Ruhe, sonst bin ich um meinen Dienst. Sie wissen, daß der Herr Baron Jeden mit Entlassung bedrohte, der Ihnen zu einem Tropfen verhelfen würde.« »Unverschämter«, knirschte Nik. »Du hast den Rum doch im Keller gestohlen.« Der Rothe fand nicht für nöthig, diesen Vorwurf zurückzuweisen. »Ich muß hinauf, es schellte schon zweimal«, sagte er kurz. Damit drängte er Nik gegen die Thüre des Portierhäuschens und sprang eilig nach der Freitreppe. Ehe er in die Flur trat, warf er noch einen Blick zurück und lachte höhnisch, denn er sah, wie Nik seinen Rath befolgte. Im großen Saale des Schlosses bewegte sich unter dem bronzenen Kronleuchter eine mäßig große Gesellschaft. Der Pfarrer war mit Frau und Töchtern zugegen. Klara und Friederike hatten bei der Baronin um den Theetisch Platz genommen, der Oberst, der Amtmann, einige Honoratiorenfamilien der Stadt und Edelleute aus der Umgegend saßen auf den Divans oder lehnten rings an den Wänden. Der Baron ging im Saale umher und sprach mit seinen Gästen. Seine Frau dagegen wich nicht von ihrem Platze am Tische, wo ihre Intimen sie umgaben. Ihr war jede Gesellschaft vor Allem eine erwünschte Gelegenheit, ihre Klagen gegen ihren Mann an die Hörer zu bringen. »Du bist zu bescheiden, liebe Schwester«, sagte jetzt Tante Klara, »darum respektirt Dein Mann Dich nicht. Du mußt Dich kostspieliger kleiden. Denke, wie einfach und schlicht die verstorbene Generalin Schreier auftrat. Was war der Dank? Ihr Mann behandelte sie wie eine Magd. Seine neue Frau versteht das ganz anders. Sie erscheint im Hauskleide von rothem Atlas mit gelben Puffen zum Frühstück, und Schreier springt in die Höhe wie ein Lakai, rückt ihr den Stuhl zurecht und fragt nach ihrem Befinden. So solltest Du es machen.« Der Freiherr warf jetzt einen zornigen Blick nach dem Tische, um seine Frau an ihre Pflichten als Wirthin zu mahnen. »Laßt uns aufstehn«, sagte die Baronin in weinerlichem Tone, »sonst werde ich wieder gescholten.« So erhob sie sich mit einem Seufzer und trat unter den Schwarm ihrer Gäste. Mit dünner Stimme erkundigte sie sich nach dem Befinden der werthen Familien, ohne auf die Antworten zu achten. Bei dem allgemeinen Getöse rings umher war das auch unmöglich. Es herrschte das Geräusch einer gemischten Gesellschaft in den Räumen, die noch eben die seelenvolle Stimme der Blinden mit den ernsten Tönen, Händels erfüllt hatte, jene schreiende, überlaute, ohne allen Grund lärmende Unterhaltung, deren einziger Zweck es ist, Conversation zu machen, damit es so aussehe, als ob man sich gut amüsire. Die Luft wurde bei der warmen Temperatur, die draußen herrschte, immer drückender. Die Damen fingen an ihre Fächer häufiger zu gebrauchen, und die Diener hatten Mühe, alle leergetrunkenen Gläser abzunehmen und durch gefüllte zu ersetzen. Trotzdem ertrug die Gesellschaft, an solche Freuden gewöhnt, mit Fassung ihre Lage, nur der Gastgeber selbst schien ungeduldig: »Wo bleibt mein Sohn?« herrschte er den rothen Johann an, der ein Servirbrett umherreichte. »Der Herr Baron trat vorhin im Portierhäuschen ab, um sich abzustäuben«, sagte Johann leise, »vielleicht könnte der Kutscher nach ihm sehen.« Der Freiherr trat sofort an den als Portier verwendeten Rosselenker heran und ertheilte diesem einen Auftrag. Dann legte er dem gelangweilt an der Thüre stehenden Pfarrer die Hand unter den Arm und führte ihn vertraulich im Saale auf und nieder. »Nik muß heirathen«, sagte er. »Ich dachte, daß seine Cousine eine Partie für ihn wäre, oder sind auch Sie der Meinung von Fräulein Friederike, daß die Kinder aus Verwandtenehen leicht geistesschwach werden?« »Die Kinder nicht«, sagte der Landpfarrer in seiner derben Weise, »aber die Alten werden Kretins.« Der Freiherr zog verletzt seine Hand aus dem Arme des alten Herrn und erwiderte verdrießlich: »Die Eltern? – wie so das?« »Nun, weil sich der Mensch selbst den Gesichtskreis zubaut, wenn er in seine eigene Familie heirathet, weil Vetter und Base sich als Mann und Frau in ihren Familienvorurtheilen noch bestärken, indem sie sich einbilden, ihre Familie sei die Welt, die Anschauungen ihrer Sippe sei die wahre Weisheit und der einzige Maßstab der Dinge, weil sie mit einem Worte nach ihrer Heirath doppelt so bornirt sein werden als sie es zuvor waren. Sehen Sie doch die schweizerischen oder englischen Familien an, in denen dieser Brauch besteht. Ihr vielgerühmter Familiensinn ist nichts als ein Egoismus, den mehrere gemeinsam haben. Für Alles, was außerhalb dieses Kreises liegt, haben sie keinen Sinn, und sie selbst sind für alle Andern unausstehlich.« »Hm«, murmelte der Freiherr zwischen den Zähnen, »so unrichtig ist das nicht. Cäcilie übertreibt ihren Verwandtencultus ohnehin schon. Es gibt nichts Lästigeres als diese Hypertrophie des Familienlebens.« Ein Ton von der Thüre des Nebenzimmers her bewog die beiden Männer die Köpfe dorthin zu wenden, wo Elfriede eben träumerisch in die Saiten ihrer Harfe gegriffen hatte. Wie herzgewinnend sah das schöne blonde Mädchen in seiner rührenden Hilflosigkeit aus. Die Blicke der beiden Männer begegneten sich unwillkürlich, und beide erinnerten sich in diesem Augenblicke, welche Verpflichtungen Nik gegen jenes unglückliche, schöne Kind habe. Aber der Baron kehrte sich rasch ab und ging zu den Damen am andern Ende des Saales hinüber, und der Pfarrer sah noch, wie er auf dem Wege zweimal mit den Schultern zuckte. Er verstand diese Bewegung wohl und sie veranlaßte ihn, sich nach der andern Seite der Blinden zu nähern. »Bleibe nur fest wegen Nik«, flüsterte in diesem Augenblicke Tante Klara der Baronin zu, die in ein Gespräch mit dem Obersten verwickelt war, »Dein Mann verhandelte eben mit dem Pfarrer, und der rieth von der Ehe mit Valentinen ab, er wünscht Wohl, daß Nik eine seiner langweiligen Töchter heirathe.« Der Oberst lachte. »Ja«, sagte er, »da haben Sie einen gefährlichen Feind, meine Gnädige! Solch ein Pfarrerstöchterlein spielt dem jungen Manne verschämt die Hand zu, und der Vater hat das Segnen so in der Gewohnheit, daß er beiden von hinten unversehens die Hände auf's Haupt legt. Dann haben sie seinen Segen, der junge Herr mag wollen oder nicht.« Der gute, alte Prediger war inzwischen auf die Blinde zugetreten, deren Vereinsamung in der großen Gesellschaft ihm leid war. Die zweijährige Abwesenheit in der Stadt hatte aus Elfrieden gemacht, was sie zu werden versprochen hatte. Ihre Gestalt war voller geworden, ohne ihre elfenhafte Zartheit und Geschmeidigkeit einzubüßen. In üppiger Fülle fiel ihr reiches, blondes Haar, an dem ein Glanz haftete, als ob es mit Goldstaub gepudert wäre, auf ihre runden Schultern. Ein weißes Kleid umschloß mit seiner Krause züchtig den schlanken Hals, und eine dunkle Rose auf der Brust war ihr einziger Schmuck. Unruhig irrten ihre großen, glänzenden Augen in dem hellen Saale hin und her, dessen Licht sie schmerzte, ohne ihre Finsterniß zu erhellen. Jetzt griff sie in die Harfe, und sofort verstummte jedes Gespräch. Nachdem sie auf dem seelenvollen Instrumente präludirt, wie die Brandung an den Klippen rauscht, oder der Wind durch tönende Felsen flüstert, begann sie eine schwermüthige, schottische Ballade zu singen, die fast unheimlich zu dem Unglück der Sängerin und ihrem traurigen Harfenschlage paßte. Es war ein Aufschrei der Verlassenheit, der als Echo alle Klagen weckte, die in dem ernsten Instrumente wohnten. Als sie endete, war es todtenstille im Saale. Hier und da hörte man einen Seufzer. Tante Klara flüsterte ihrer Nachbarin zu, daß der Anblick dieser leeren Augensterne und dieser trübe Gesang sie verstimme. Einen ähnlichen Eindruck schien die Gesellschaft empfangen zu haben. Der Pfarrer trat an die Harfenistin heran und sagte freundlich: »Warum hast Du ein so trauriges Lied gewählt, mein Kind? Spiele doch etwas Heiteres.« »Mir ist so beklommen um's Herz«, erwiderte die Blinde. »Sie wissen nicht, wie dieses Geräusch schmerzlich ist, wenn man seine Ursache nicht zu erkennen vermag, wenn man von den vielen Flammen, die hier angezündet sind, nur die Hitze empfindet und immer fürchtet, man könnte einer derselben so nahe kommen, daß man sich verbrenne. Ich war thöricht, daß ich kam. Meine Eltern hatten ganz recht, wenn sie meinten, ich solle hier nur zur Schau gestellt werden, damit die Leute einmal etwas sehen, was sie noch nie gesehen haben.« »So bitter, Elfriede«, erwiderte der alte Mann. »Ich kenne Dich nicht wieder. Du warst doch sonst so ergeben in Dein schweres Loos?« »Warum hat Nik mich noch nicht begrüßt?« sagte Elfriede, ohne des Pfarrers Frage zu beachten. »Er muß doch hier sein.« »Er ist nicht hier«, erwiderte der Pfarrer. »Ueberhaupt macht er den Eltern viele Sorgen und sein Aussehen gefällt mir nicht.« »Ist er krank?« fragte die Blinde, und es lag eine gewisse Schärfe in ihrem Tone. »Auch körperlich ist er gebrochen«, gab der Pfarrer zur Antwort. »Dem wilden Leben auf der Ackerbauschule war seine von Jugend auf verzärtelte Gesundheit nicht gewachsen, und was das Schlimmste ist, er hat sich an den Wein gewöhnt, so daß er gar nicht mehr davon lassen kann.« »Herr Pfarrer«, sagte jetzt der rothe Johann, der in der nächsten Fensternische das Gespräch belauscht hatte, »was soll ich thun? Der junge Herr kam vorhin in einem solchen Zustande nach Hause, daß ich ihm rieth, er solle sich erst ausruhen. Da er nicht mehr weiter konnte, schob ich ihn in die Portierloge. Nun habe ich schon den Karl und den Wilhelm hinuntergeschickt, um ihn heraufzubekommen, aber sie kamen lachend wieder zurück und sagten, der junge Herr habe keine Zeit.« »Gut«, erwiderte der Greis. »Da will ich ihm in's Gewissen reden. Ich suchte schon lange eine Gelegenheit, ihm einmal gründlich die Wahrheit zu sagen. Das Recht habe ich, denn ich habe ihn getauft und confirmirt. In dem Portierhäuschen sagtest Du?« »Ja«, erwiderte der Rothe mit einem boshaften Aufleuchten seiner tiefliegenden Augen. »Hier haben Sie die Schlinke zum Oeffnen; die Thüre hat keine Klinke.« Der Pfarrer nahm etwas zögernd den dargebotenen Schlüssel. Mit Kopfschütteln entfernte er sich dann durch die zurückliegenden Zimmer, während die Blinde ihr blondes Köpfchen leise an die Harfe lehnte. Johann stellte sich vertraulich neben sie. »Das nennen nun die reichen Leute ein Vergnügen«, flüsterte er ihr zu, »in dieser Temperatur stundenlang zu sitzen und zu thun, als unterhielten sie sich. Der dicke Amtmann ist bereits mehr blau, als roth von der Hitze, nächstens wird ihn der Schlag rühren. Da war es doch lustiger, als wir auf dem Platze hinter Euerem Hause Topfschlagen spielten.« »Was hast Du drunten wieder für eine Schlechtigkeit vor?« erwiderte die Blinde in scharfem Tone. »Warum holst Du Nik nicht selbst? Gewiß hast Du etwas angezettelt, daß Du den Pfarrer hinunterschickst?« »Es kann Nik nicht schaden, wenn der Pfarrer ihm die Leviten liest«, erwiderte der Rothe gelassen. »So kann es nicht mit ihm weitergehen.« »Als ob es Dir darum zu thun wäre«, sagte die Gärtnerstochter bitter. »Warst Du es nicht, der ihm stets bei allem Schlechten behülflich war?« Johann knirschte mit den Zähnen, und die Blinde hörte, wie er vor Zorn mit dem Fuße auftrat. Aber er erwiderte scheinheilig: »Man ändert sich auch mit den Jahren. Jugend hat keine Tugend, aber die Stunde der Einkehr kommt für die meisten, hoffentlich auch für Deinen Bräutigam.« Die Blinde wollte sich voll Abscheu weiter von dem heuchlerischen Menschen entfernen und stieß dabei mit den Knieen so heftig an ihre Harfe, daß dieselbe einen lauten Ton von sich gab, und die Gesellschaft herüberschaute, weil sie dachte, Elfriede wolle ein neues Lied beginnen, worauf sich der Rothe alsbald bescheiden in seine Fensternische zurückzog. Das blinde Mädchen schien die plötzlich eintretende Stille auch sofort zu verstehen, und suchte sich zu sammeln. Aber noch ehe sie beginnen konnte, wurden Stimmen auf dem Vorplatze laut. »Das Alles geht Sie nichts an«, hörte man eine kreischende Stimme. »Ich bin kein Confirmand mehr ...« Beschwichtigende Worte des alten Pfarrers wurden laut, er schien dem Lärmenden zuzureden. »Auch das ist mir gleichgültig«, schrie der Betrunkene, »was scheert mich Ihre Gemeinde? Auf mich ist mit Synodalbeschlüssen nicht einzuwirken ha, ha, ha ...« Mit Schrecken erkannte die Gesellschaft in dieser trunkenen Stimme den Sohn des Hauses. » Mon Dieu , welch ein Lärm«, seufzte Tante Klara, während ihre rundliche Freundin ihr einen erschrockenen Blick zuwarf. »Gehen Sie mir aus dem Wege«, rief Nik jetzt draußen. »Ich sage Ihnen nochmals, ich weiß, was ich zu thun habe. Lakaienpack, wollt Ihr, daß ich Euch Eure dicken Köpfe einschlage?« In diesem Augenblicke sprang die Thüre auf, und Nik taumelte in den Saal, mit rothem, erhitztem Gesichte, den Hut im Nacken, den Rock und die Weste aufgeknöpft, die Kleider beschmutzt, die weiße Halsbinde gelöst, das Hemd zerknittert und vom Weine fleckig. »Um des Himmels Willen, Nik«, seufzte die Baronin, und sank in ihren Stuhl zurück. "Gott weiß, von welcher Orgie er heimkehrt!« Aber der Baron war bereits aufgesprungen und eilte zur Thüre. »Ich habe ja gar nicht getrunken«, lallte Nik, »nein, ich habe nicht getrunken. Nur die frische Luft, die...« Er vollendete den Satz nicht, denn der Vater stand vor ihm, und er fühlte plötzlich einen so heftigen Schlag im Gesichte, daß ihm der Kopf brannte. »Hinaus, Bube«, donnerte der Vater ihn an, und in gleichem Augenblicke faßten der rothe Johann und ein zweiter Diener Nik unter beiden Armen, und zogen ihn nach dem Vorplatze, wohin der Freiherr ihnen folgte. Die Gesellschaft erhob sich sofort geräuschvoll von ihren Plätzen und berieth in flüsternder Geschäftigkeit, ob man nicht aufbrechen solle. »Nun, nun, nun«, ertönte die versöhnliche Stimme des dicken Amtmanns, »wir sind alle einmal Studenten gewesen. Ich begreife den Herrn Baron nicht. Solche Dinge muß man von der scherzhaften Seite nehmen.« »Natürlich«, bestätigte der Oberst, indem er mit seinem Säbel vor sich aufstieß, »Ich finde das Benehmen des Vaters eben so taktlos wie das des Sohns. Was braucht er uns denn zu Zeugen seiner pädagogischen Kraftkuren zu machen. Er konnte dem Jungen ja morgen den Kopf waschen.« Während die Herren so ihr Mißfallen über das Benehmen ihres Wirthes zu erkennen gaben, umdrängten die Frauen die Baronin, die über ihren Mann außer sich war. »Man schlägt seinen Sohn doch nicht vor fremden Leuten«, sagte sie weinend. »Nik ist ja nun völlig unmöglich«, und sie fing heftig an zu schluchzen. »Mein Mann ist an all' dem Unglück schuld; er hat ihn so erzogen.« Die drei Freundinnen redeten ihr zu. »Bitte, Cäcilie, so fasse Dich doch«, flüsterte ihre Schwester. »Bedenke, was Channing sagt ...« Aber Tante Klara kam mit ihrem Citate aus Channing nicht zu Stande, denn plötzlich gewahrte sie, daß die Harfenspielerin, ohne einen Laut, ohnmächtig an ihrer Harfe zusammengesunken war. Starr und bleich wie eine schöne Leiche lag sie an der Erde. Nun drängte sich Alles um die Blinde. Die Damen brachten ihre Riechfläschchen zum Vorschein und bestrichen Stirne und Schläfen der Ohnmächtigen mit dem Inhalt. Ein junger Offizier nahm lächelnd den schönen Körper in den Arm und trug sie sanft nach dem nächsten Divan. Der Pfarrer, der im gleichen Augenblicke eingetreten war, und dessen Blick sofort auf die Gruppe gefallen war, ergriff ein Glas Wein und suchte es mit seiner zitternden Greisenhand Elfrieden in die festgeschlossenen Lippen zu bringen, aber es dauerte eine geraume Weile, ehe die Farbe ihrem Gesichtchen wiederkehrte, und sie die starr glänzenden, blinden Augen aufschlug. Sofort machte sie eine abwehrende Geberde. »Bitte, nach Hause«, sagte sie dann mit leiser, flehender Stimme. »Das arme Kind«, flüsterte die dicke Friederike, »sie hat so zarte Nerven.« »Nerven«, erwiderte Klara in verweisendem Tone. »Sie liebt ihn, das einfältige Ding, das ist Alles.« Die Baronin war inzwischen bei der Kranken niedergekniet. Sie machte sich Vorwürfe, daß sie das Auftreten der Blinden in ihrer Gesellschaft, das den Eltern so unangenehm gewesen war, erzwungen hatte. Als Elfriede nun wiederholt verlangte, zu den Eltern gebracht zu werden, band sich die Baronin selbst ein Tuch um, um unter Unterstützung ihrer Jungfer das blinde Mädchen in das Gärtnerhaus zu begleiten. Nun aber drängte Alles zum Aufbruch. Als der Baron von Nik zurückkam, dem er auf seiner Stube noch einen so scharfen Verweis gegeben, daß er selbst die Dünste in Nik's weinschwerem Haupte zertheilt hatte, fand er seine Gesellschaft bereits in voller Auflösung. Die Mütter suchten ihre Mäntel und Tücher, die Töchter wechselten mit den jungen Herren Abschiedsworte und Händedrücke. Die Väter standen ungeduldig im Gange, oder zündeten auf der Treppe ihre Cigarren an. Aber die Damen konnten in dem Garderobezimmer kein Ende finden, die erlebten entsetzlichen Auftritte flüsternd zu besprechen. Der dicke Amtmann trabte ungeduldig mit den Füßen und summte das Lied: »Wenn Frauen auseinander geh'n, so bleiben sie beisammen steh'n«, indem er mahnende Blicke in das Garderobezimmer versendete. Im Salon fand der Baron nur noch den Ausschuß der drei Freundinnen versammelt, da er aber nicht das geringste Bedürfniß fühlte, seine häuslichen Calamitäten mit dem weiblichen Sanhedrin seiner Frau zu berathen, und er sah, wie die drei alten Jungfrauen schon geladen waren, ihn mit ihrer Theilnahme zu übergießen, sagte er kurz: »Ach, Cäcilie ist nicht hier. Entschuldigen Sie, ich werde sie sofort schicken.« »Sie ist mit Elfriede in die Gärtnerwohnung«, riefen die drei Parzen aus einem Munde. Aber der Baron antwortete nur: »So, so«, und rettete sich schleunig in seine Gemächer. Zwölftes Kapitel Am folgenden Morgen strich Nik in verdüsterter Stimmung durch den Garten. Sein Leben hatte in den letzten Wochen aus einer ununterbrochenen Kette sittlicher Niederlagen bestanden, die heute der Reihe nach an seinem inneren Auge vorüber gingen. Die Ausstoßung aus seiner Verbindung, die Bedrohung mit Wegweisung von der Ackerbauschule, das Erscheinen des Vaters, und die daran sich knüpfenden abscheulichen Scenen, das Alles lag wie ein wüster Traum hinter ihm. In solcher geistiger Verfassung heimkehrend, hatte er natürlich keinen Antrieb empfunden, alte Bekanntschaften zu erneuern oder sich im Gärtnerhäuschen unter die hellen Augen von Frau Glimm zu stellen, oder vor die Augen, die er noch mehr fürchtete, obwohl sie blind waren. Seine Verlobung mit Elfriede war er jetzt geneigt, wie die Eltern als ein kindisches Spiel zu betrachten, das man am besten in beiderseitigem Schweigen begrabe. Da Fritz noch nicht von der Universität zurück war, ward es ihm auch leicht, sich vor den Gärtnersleuten, die ihn gern mieden, verborgen zu halten. Der rothe Müller war in dieser Zeit der Selbstverachtung und Selbstwegwerfung der Einzige, mit dem er zuweilen eine von Menschenhaß und Spott getränkte Unterhaltung führte. Jetzt aber wußte er, daß er sich mit Elfrieden begegnet habe. Er hatte sie nicht gesehen, sie ihn nicht, aber sie hatte seine brutalen Worte gehört und war Zeuge gewesen, wie er vor aller Welt gleich einem Knaben gezüchtigt worden war. So weit sein schmerzendes Haupt sich des gestern Geschehenen erinnerte, mußte er ihr völlig verächtlich erschienen sein. Dessen, was er gethan, schämte er sich aber weit weniger als der Behandlung, die ihm in ihrer Gegenwart zu Theil geworden war. Der Scene mit dem Pfarrer, bei dessen Erscheinen Käthchen sofort die Flucht ergriffen hatte, erinnerte er sich nur noch dunkel, aber daß er in Gegenwart einer großen Gesellschaft von dem eigenen Vater, den er dafür nicht einmal zur Rechenschaft ziehen durfte, geohrfeigt worden war, diese Schmach würgte ihn wie ein Krampf in der Kehle. Mit sich und der Welt zerfallen schlich er durch den Garten, stieg den Rebberg in die Höhe und setzte sich mit schmerzendem Haupte endlich auf einer sonnigen Weinbergmauer nieder. »Das Beste wäre wohl, diesem elenden Leben ein Ende zu machen«, seufzte er. »Wie haben sie mich beneidet in Neudorf und es mir täglich vorgesagt, daß ich der einzige Sohn, der reiche Erbe, der Reichsbaron sei, bis sie mit mir machen konnten, was sie wollten, und nun würde der Elendste von ihnen nicht mit mir tauschen.« Er stampfte wüthend auf die Erde und zerpflückte einen Zweig, den er abgerissen, in tausend kleine Fetzen. Nach dieser Schmach hier zu bleiben, schien ihm völlig unmöglich. Konnte er doch keinem der Dienstboten mehr in die Augen sehen, ohne sich zu schämen. Aber wohin und was ergreifen? Was sollte er aus sich noch machen, nachdem es mit allen seitherigen Plänen nichts war? Einen Soldaten? – Er war wegen Schwächlichkeit bereits zurückgewiesen worden. Studiren? – Er würde das Examen nicht bestehen. Gewerbtreibender? – Wie konnte ein Reichsbaron auf dem Comptoir oder in der Werkstätte arbeiten! Stumpf brütete er vor sich hin. Sich tödten oder wieder trinken, um die angethane Schmach zu vergessen, das schien ihm der einzige Ausweg. So schlug er denn den Weg nach der Schenke ein. Durch das Schloß wollte er nicht, um nicht gesehen zu werden. Er betrat deshalb einen einsamen Pfad, der hinter dem Gärtnerhäuschen in vielen Krümmungen nach dem Dorfe führte. Der Weg war von den Reben fast überwachsen, so selten ward er begangen. Die Krähen, der Störung ungewohnt, fuhren schreiend neben ihm auf und flogen nach dem Walde. Ein Häschen, das von dem Klee zwischen den Rebwegen genascht hatte, floh in großen Sätzen den Berg hinauf. Doch in Nik's Kopfe sah es so wüst aus, daß er weder rechts noch links zu schauen vermochte. Plötzlich aber hielt er mit einem leisen Aufschreie inne. Als er bei einer einsamen Bank die Ranken des Weinlaubs zurückschlug, stieß er auf eine weiße Frauengestalt, die das Gesicht auf den hölzernen Sitz gedrückt, am Boden kniete. Nik hätte sie fast mit den Füßen gestoßen, so unerwartet fand er sie an seinem Wege. »Elfriede«, rief er erschreckt, »was thust Du hier?« Bei dem Tone seiner Stimme wendete die Blinde ihm erschreckt ihr bleiches, schwermüthiges Antlitz zu. Er hatte sie seit seiner Ankunft nicht gesehen, und unwillkürlich fühlte er sich jetzt durch die wunderbare Schönheit dieser feinen Züge getroffen. Sie sah leidend und traurig aus, und ihre blinden Augen waren vom Weinen geröthet. Wie sie sich geändert hatte, seit er an der Statue der Psyche sie zuletzt gesprochen! Als sie schwieg, sagte er mitleidig: »Mit verweinten Augen?« »Ja, dazu taugen sie noch«, erwiderte die Blinde bitter, und plötzlich fiel Nik ein, was er sich ganz aus dem Sinne geschlagen, daß er selbst diese blinden Augen zu verantworten habe, »sammt diesen Thränen«, setzte eine Stimme in seinem Herzen hinzu. Bei diesem Gedanken schien der böse Geist von ihm zu weichen, er schüttelte seine Müdigkeit ab und sagte leise: »Bitte, Elfriede, stehe auf. Warum liegst Du hier an der Erde?« »Ich habe gebetet«, erwiderte die Blinde ruhig, erhob sich von ihren Knieen und setzte sich auf die Bank, um ihn vorüber zu lassen. Er wollte auch schweigend vorübergehn. Aber es war etwas in dem Tone ihrer Stimme, was ihn festhielt. Statt weiter zu gehn setzte er sich auf dem kleinen Bänkchen hart neben sie, und nachdem er eine Weile schwermüthig ihre traurigen Züge betrachtet, brachte er sein Haupt ihr ganz nahe' und seufzte: »Arme Elfriede.« Sein heißer Odem schlug wie eine Flamme in ihr Ohr, ein Schauder flog durch ihre zarte Gestalt und sie rückte hastig zur Seite. »Nik, Du bist nicht mehr derselbe,« sagte sie dann in schmerzlichem Tone. »Auch Deine Stimme ist anders geworden.« Nik schwieg eine Weile, dann erwiderte er: »Du hast recht, vor mir zu schaudern, Elfriede! Ich selbst möchte mich am liebsten aus dem Wege räumen wie etwas, was diese schöne Welt nur schändet und von der Sonne nicht beschienen werden sollte. Noch gestern stand ich an dem Strome und wollte hinuntertauchen, um drunten Antwort zu suchen auf alle die Fragen, die mein verfehltes Leben mir vorlegt. Der Brunnen ist tief, aber wer weiß, ob auf dem Grunde die Wahrheit liegt? Vielleicht tauchen wir nur aus dem einen Reiche des Trugs in ein anderes.« Während er so sprach, wendete ihm die Blinde befremdet ihr bleiches, schönes Antlitz zu. Die leeren Augen, an deren Anblick er sich nicht gewöhnen konnte, waren starr auf ihn gerichtet, und ihre Miene drückte Verwunderung aus, ihn in so ganz anderer Stimmung zu finden, als sie erwartet hatte. »Du frevelst«, sagte sie vorwurfsvoll. »Denkst du nicht an die Deinen?« Er lachte höhnisch auf. »Es wäre deshalb wenig Schmerz weiter in der Welt, weil ich sie verließe. Selbst meine Mutter sagte mir vorhin: ›Wenn sie mich ertrunken aus dem Flusse zögen, würde sie der Anblick weniger entsetzen, als mich noch einmal so zu sehen wie sie mich gestern sah‹. Ich kann ihr nichts versprechen, so ist es wohl am besten, ich folge ihrem Rathe.« »Und die Sünde scheust Du nicht?« fragte Elfriede ernst. »Sünde!« lachte Nik bitter. »Niemand hat mich gefragt, ob ich geboren werden wolle, warum soll ich erst fragen, ob ich sterben darf?« »Wer sagt Dir«, erwiderte Elfriede, »daß es nicht ebenso deine eigene Wahl war, in dieser Welt zu sein, wie Du Dich jetzt in frevler Willkür in eine andere stürzen willst, die Dir, wie Du kommst, nichts Gutes bringen kann?« Nik schaute erstaunt zu Elfrieden hinüber, die ihr schönes Antlitz in die kleine Hand gestützt hatte und mit ihren blinden Augen starr vor sich sah. »Du redest seltsam«, sagte er nach einer Weile. »Aber auch ich muß oft denken: Es steckt wohl irgend ein Geheimniß dahinter. Vielleicht ist der Druck, der auf mir liegt, seit ich zum Bewußtsein erwacht bin, eine Strafe für etwas, was ich in einer andern Welt verbrach. Mit meiner Geburt schon begannen meine Qualen. Als ich schreiend in den Windeln lag, hatte ich doch noch nichts gethan, was einen so elenden Zustand verdiente. In den Verhältnissen, in denen ich aufwuchs, konnte ich auch nicht anders werden als ich wurde und bin, und doch klagt eine Stimme mich fort und fort an, all' das Elend sei meine Sünde, meine Schuld. Nun, dann muß ich wohl vor Jahrtausenden einmal etwas begangen haben, was diese Strafe über mich brachte, denn die Strafe begann ja schon mit dem ersten Tage meines Lebens.« In Elfriedens bleichem Antlitz war bei Nik's Worten der bittere Zug verschwunden, und der gewohnte Ausdruck milder Theilnahme sprach aus ihren feinen Zügen. »Nein, Nik«, sagte sie. »Wenn wir uns unglücklich fühlen, ist es nur, weil wir böse sind, nicht, weil wir ehemals böse waren. Dieses Gesetz, daß die Bösen nicht glücklich sind, geht durch die ganze Natur. Warum klingt der Schrei des Raubvogels so trüb und klagend, warum wimmert die Katze, die das Vogelnest umstreicht, so traurig und wehleidig, daß man wunder meinen könnte, welches Unrecht ihr geschehe, während die harmlosen Waldvögel den Jubel und die Lebensfreude in ihrem kleinen Herzen nicht zu bergen wissen? Warum flechten die bösen Krähen mißtrauisch ihre Nester in die höchsten Zweige, während harmlose Grasmücken und Nachtigallen hart am Wege nisten? Weil die Bösen trüb, mißlaunisch, argwöhnisch, voll Haß gegen alle Anderen sind, und die Guten glücklich und voll Vertrauen. Sei gut, Nik, und Du wirst das Leben nicht mehr als ein Unglück empfinden.« »Ich kann nicht mehr gut sein«, sagte er dumpf. »Ich fühle mich matt und niedergeschlagen bis ich getrunken habe, und habe ich angefangen zu trinken, so muß ich fortfahren; ich habe keine Macht mehr über mich, ich kann die thierische Gier nicht mehr bezwingen. Niemand könnte die Abspannung ertragen, die mich am Morgen quält, und habe ich angefangen, sie zu vertreiben, so höre ich nicht mehr auf. Auch eben war ich auf dem Wege nach der Schenke«, setzte er dann mit einem Ausdrucke grimmigen Hohnes hinzu, der Elfrieden tief durch die Seele schnitt. »So suche Gesellschaft«, sagte die Blinde leise. »Oh, wenn nur Fritz hier wäre!« »Ja, es war mein Unglück, daß Ihr mich verließet«, erwiderte Nik traurig und hoffnungslos. Elfriede seufzte und fuhr mit beiden Händen nach ihren reichen blonden Haaren, um sie zurückzustreichen, damit ihre heiße Stirne sich kühle, Nik sah dabei, daß sie seinen Ring noch immer trug, und es war, als ob eine matte Lebensregung bei diesem Anblick in seinem inneren Menschen sich einstelle. Schüchtern ergriff er ihre Hand. Aber sie zog sie zurück, als ob sie etwas Unreines gestreift habe, und sagte wie schaudernd: »Oh Nik, was hast Du aus Dir gemacht! Deine Hand ist kalt, wie die eines alten Mannes.« Verletzt wandte er sich von ihr ab. Sie aber sprach leise: »Nik, man kann wollen, glaube mir, man kann.« »Was soll ich Dir schöne Worte vormachen«, erwiderte Nik düster. »Ich habe schon so viel versprochen und nicht gehalten, so heiße Vorsätze gefaßt und übertreten. Es ist mir fast eine Wohlthat, offen zu sagen, daß ich ein moralischer Bettelmann bin und niemand weiter auf mich rechnen soll. Die Versuchung wird wiederkommen, ich werde sie vielleicht ein mal bestehen, aber dann wird sie einen neuen, stärkeren Anlauf nehmen, und ich werde rettungslos zurückgleiten in den Schmutz, aus dem keine rettende Hand mich emporzieht.« »So komme zu mir, Nik«, sagte Elfriede, indem sie ihr kummervolles, bleiches Gesichtchen ihm zukehrte, und wiederum erschrak er vor den unheimlich glänzenden und doch so leeren Augen, die ihn wie ein ewiges Geheimniß anschauten. »Ich will mit Dir plaudern, ich will Dir die Harfe spielen, wir wollen zusammen singen, Du sollst mir erzählen, was im Garten vor sich geht. Ach ich lasse mir so gern erzählen, welche Blüthen jetzt blühen. Es sind ja dieselben Sträuche und Bäume, die auch ich noch gekannt habe.« »Du bist mein guter Engel«, sagte Nik gerührt. »Siehe, manchmal ist es mir, als ob wir in unvordenklicher Zeit uns schon gekannt hätten. Oft wird es im tiefen Schlafe mir klar, daß dieses Leben nur ein Traum ist, und daß es ein waches Leben gab, in dem ich wußte, wer ich bin, woher ich kam und was ich sollte. Und stets bist Du dann an meiner Seite und leitest mich, und aller Schmerz ist dann von mir genommen.« Elfriede lächelte. »Wenn wir erwachen aus diesem Traume, so werden wir Alles erfahren. Aber versprich mir, Nik, daß Du den Traum nicht enden willst, bis Gott Dich weckt!« »Er ist schwer, dieser Traum«, seufzte Nik leise, »aber wenn schwere Träume am tiefsten uns schrecken, erwacht der Schläfer von selbst. Darauf rechne ich.« »Gut«, sagte Elfriede, »auch damit will ich zufrieden sein. Des Lebens Kern ist bitter, aber dadurch, daß man sich das immer vorsagt, wird er nicht süßer. Nochmals versprich, daß Du ein Mann sein willst!« Sie streckte ihm ihre kleine zarte Hand entgegen, die Nik leidenschaftlich küßte. Da erhob sie sich. »Komm, führe mich durch den Garten«, sagte sie. »Ich bin lange nicht drüben gewesen. Gestehe ich es nur, ich fürchtete mich, Dir zu begegnen.« Nik erhob sich und gab ihr den Arm. So kehrten sie nach dem Parke zurück und waren bald in Erinnerungen aus ihrer Jugendzeit vertieft. Der Morgen verstrich, ehe Nik es gedacht hatte. Als die Glocke zum zweiten Frühstück rief, war es ihm leid, von Elfrieden Abschied nehmen zu müssen, aber die Stunde der Versuchung war vorbei. Er setzte sich nach dem Frühstück, bei dem zwischen ihm und den Eltern kein Wort gewechselt wurde, auf seine Stube und benutzte den Nachmittag, um ein in Neudorf angefangenes Studienheft, das er dort nach wenigen Tagen hatte liegen lassen, mit Hülfe eines wissenschaftlichen Werkes zu vervollständigen. So brachte er die Stunden bis zur Tafel glücklich hin. Bei Tisch versuchte er, sein Verhältniß zu den Eltern wieder herzustellen, aber der Vater beantwortete diesen Versuch, eine Unterhaltung anzuknüpfen, nur mit einem wüthenden Blicke, die Mutter seufzte. Das warf ihn in seine alte, bittere Stimmung zurück. Er erhob sich sobald als möglich und streifte unmuthig im Garten umher. Wenn die Eltern ihn von sich stießen, was sollte er sonst thun, als in der Schenke Zerstreuung suchen, und Erlösung von dem Gefühle der Abspannung und Niedergeschlagenheit, das ihn auf's neue überwältigte. Mechanisch lenkten seine Schritte nach dem wohlbekannten Wege ein, aber als er, von seinem Gewissen gemahnt, einen Blick nach Elfriedens Wohnung hinüber warf, sah er, wie die Gärtnersleute soeben auf den Bänken vor ihrem Häuschen Platz nahmen. Ihnen, den Arbeitsamen, war es so wohl am Abend, »wenn zur Ruh' die Glocken läuten«, wie es keinem der vornehmen Leute im Schlosse jemals gewesen war. Angezogen von diesem freundlichen Bilde, blieb Nik stehen. Es kam wie eine dunkle, traumhafte Erinnerung über ihn, als ob er schon einmal so zwischen dieser Hütte und diesem Schlosse gestanden habe, schwankend in seiner Entschließung, wohin er sich wenden solle. Er konnte sich aber nicht besinnen, wann es gewesen sei. Jetzt war es ihm, als ob die Blinde einladend herüberwinke, aber sie konnte ihn ja unmöglich sehen, und die Eltern mochten ihn wohl absichtlich nicht gewahr werden, da sie ihre Blicke abwendeten. Wieder wallten die trüben Wasser in seinem Gemüthe auf, und er wendete sich dem Wege zur Schenke zu. Da griff Elfriede in die Harfe und fesselte seinen Fuß. Vom Abendwinde getragen, klang ihre mächtige, volle Altstimme zu ihm herüber. Es war ein spanisches Lied, das sie sang. Nur wenige Worte vermochte Nik zu verstehen:               ... in den Räumen Der Wunderwelt, worin wir schweben, Ist nur ein Traum das ganze Leben. Und jeder Mensch – erfahr' ich nun, Er träumt sein ganzes Sein und Thun. Der König träumt: er sei ein König, Der Arme träumt, er hab' zu wenig, Es träumet, wer beginnt zu steigen, Es träumet, wer da sorgt und rennt, Wer liebt und wer von Haß entbrennt. Kurz auf dem weiten Erdenballe, Was Alle sind, das träumen Alle. So träumen sie ihr ganzes Leben, Bis dann zuletzt die Träum' entschweben. Gar wenig kann das Glück uns geben, Denn nur ein Traum ist unser Leben, Und selbst die Träume sind ein Traum. »Das hat sie mir gesungen!« jauchzte Nik. »Es ist ja nur die Fortsetzung unseres Gesprächs von heute. Nun kümmerte ihn die kühle Haltung ihrer Eltern wenig. Festen Schrittes ging er auf die Gruppe zu und sagte guten Abend. Elfriede hatte ihn am Schritte erkannt und winkte schon von Weitem freundlich mit dem blonden Köpfchen. Frau Glimm strickte ruhig an ihrem Strumpfe fort, als ob sie Nik vor einer Stunde zum letzten Mal gesehen hätte, und erwiderte Nik's Gruß mit einem kühlen guten Tag. Auch Glimm nahm ihn gelassen auf, und ruckte nur wenig zur Seite, als Nik sich ungebeten zu ihm auf die Bank setzte. Aber Elfriede griff sofort wieder in die Harfe und sang ein fröhliches Lied, das die Stimmung rasch herstellte. »Meinetwegen«, dachte der alte Gärtner. »Will der junge Mann seinen schlechten Wegen entsagen, so ist es Christenpflicht, ihm die Hand zu bieten, und meines Kindes bin ich sicher.« Von da an begann für Nik ein neues Leben. Wohl regten sich in der ersten Zeit fast täglich wieder die alten Begierden. Ein unwiderstehlicher Zug trieb ihn aus seiner Stube, in der es ihm eng und dumpf war, und er schielte hinüber nach der nächsten Schenke. Aber er hatte Elfrieden versprochen, ehe er dieser Versuchung nachgebe, stets noch erst zu ihr zu kommen, und seine Liebe behielt die Oberhand. Er suchte sie im Garten oder bei ihrem Häuschen, und über ihrem lieblichen Geplauder wich der böse Geist von ihm. Schon der Gedanke an sie hatte bald die Kraft, das böse Gelüste zu unterdrücken, und nachdem er nur erst einige Wochen seinen Körper des verderblichen Giftes entwöhnt, wurde der Reiz schwächer und blieb endlich ganz aus. So war er in ruhiger und verhältnißmäßig zufriedener Stimmung, als vier Wochen nach seiner Rückkehr auch Fritz zu Hause wieder eintraf. Dieser glühte vor Entrüstung über das, was ihm der Ackerbauschüler unterwegs über Nik's Betragen in Neudorf erzählt hatte. Sobald er mit Elfrieden auf eine Stunde allein war, verlangte er von ihr, daß sie Nik seinen Ring zurückschicke und jeden Umgang mit ihm abbreche. Die Blinde hörte den Bruder ruhig an. Dann sagte sie: »Du redest von einem Nik, der nicht mehr ist. Er selbst sieht mit Reue auf seine Verirrungen. Du wirst ihn willig zu allem Guten finden, wenn Du ihm freundlich entgegenkommst. Bitte, zerstöre nicht durch Vorwürfe und unnütze Rückblicke das gute Werk, das ich begonnen. Nik ist immer der, als den man ihn behandelt. Er wird gut sein, wenn Du ihn als gut gelten läßt, er wird in seine Fehler zurückfallen, wenn wir die Hand von ihm abziehen.« »Aber ich kann nicht dulden«, rief Fritz stürmisch, »daß Du Dein Schicksal an einen solchen Schwächling bindest. Du brauchst der Stütze und willst Dich stützen auf solch ein markloses Rohr.« »Das will ich nicht«, sagte Elfriede sanft. »Dieser Ring bedeutet nichts, als daß ich ihn nicht gegen seinen Willen verlassen darf. Wenn es Dich beruhigt, so will ich es Dir ausdrücklich aussprechen. Ich hatte ja zwei Jahre Zeit darüber nachzudenken, und ich habe gefunden, daß die Eltern recht haben, wenn sie sagten, eine Blinde kann nicht heirathen. Darüber also sei ruhig.« Auch jetzt noch hatte Fritz so manches Bedenken. Sein lebhaftes Ehrgefühl hatte eine tiefe Wunde empfangen durch Nik's Frevel, den Namen seiner Schwester in seinen trunkenen Würfelspielen zu entweihen. Aber als er Elfriede die Geschichte erzählte, lachte sie nur: »Ich war ja in guter Gesellschaft«, sagte sie scherzend. »Er hat die Brunnenfrau mit mir verspielt, und ich weiß, daß er noch immer an sie glaubt und sie fürchtet. So sehe ich aus Deiner Erzählung nur, wie schlecht die Umgebung war, in die seine Eltern ihn brachten. Sie konnten wissen, daß er noch heute ein verführbares Kind ist.« »Ich fürchte, er wird es auch bleiben«, sagte Fritz, doch nahm damit sein Widerspruch ein Ende. Als er Nik dann am Abende persönlich gesprochen, konnte er ihm nicht mehr böse sein. Des armen Jungen bescheidenes Schweigen, das beredter war als die wortreichsten Entschuldigungen und Versicherungen, söhnte den jungen Theologen fast wider Willen mit Nik's Schwäche aus. Die gemeinsamen Arbeiten und Ausflüge wurden wieder aufgenommen, und Alles ließ sich danach an, als ob Nik doch endlich ein verständiger Mensch zu werden beginne. Selbst Fritz schaute ihm mit getrostem Auge nach, wenn er des Abends vom Gärtnerhause nach dem Schlosse zurückkehrte. »Mag hinter ihm liegen was da wolle«, dachte er, »jetzt gehört er zu uns. Wenn nur seine Vergangenheit ihn frei gibt!« – Dreizehntes Kapitel Ein lang erwarteter Besuch war endlich auf Schloß Altenbrück eingetroffen. Nik's Cousine Valentine hatte den oft wiederholten Einladungen der beiden Tanten Folge gegeben, und Niemand in der Familie war darüber im Zweifel, welche Absichten die beiderseitigen Eltern mit diesem Besuche verbänden, das junge Mädchen, das in solchen Dingen sehr klaren Bescheid wußte, am wenigsten. Sie hatte lange gezaudert, als sie aber die Einladung annahm, war sie auch entschlossen auf den Familienplan einzugehen. Nik's Jugendgespielin war eine glänzende Weltdame von blendender Schönheit geworden, wenn sie auch zu Elfriedens geistiger Anmuth den denkbar größten Gegensatz bildete. Die rothe Rose und die weiße Rose pflegte Nik in seiner Weise beide zu nennen. Elfriede war lichten Haars, sanft, ganz Seele; man wünschte selbst besser zu sein, wenn man in ihre milden, reinen Züge schaute; Valentine hatte reiches kastanienbraunes Haar, ein energisches, römisches Profil, frische Farben und üppige, volle Formen. Elfriede war die Einfachheit selbst in ihrem hellen Kattunkleide, das sich züchtig dem feinen Halse anschmiegte, Valentinens volle Gestalt umwogten reiche Florgewänder, die die Phantasie reizten, in die duftigen Geheimnisse dieser geschmackvollen Toilette tiefer einzudringen. Und Nik war nicht unempfänglich für die raffinirten Künste der Residenz. Er folgte der schönen Cousine bei ihrem ersten Gange durch den Garten auf Schritt und Tritt, und als sie sich unter der großen Linde niederließ, setzte er sich hart neben sie; sein Athem ging tiefer und seine Rede stockte. Der Baron hatte im Frühling unter dem Riesenbaume einen Rundsitz anbringen lassen, um den süßen Duft des blühenden Laubgewölbes in aller Behaglichkeit einzuschlürfen, und dem Summen der Bienen und dem traumhaften Weben des Windes in dem gewaltigen Blätterdome zu lauschen. Nur eine einzige dichte Rhododendronhecke schied diesen neu angelegten Sitz von der sogenannten Traumbank, Elfriedens tief in den Büschen verstecktem Lieblingsplätzchen. »Ich bin sehr enttäuscht, Vetter«, sagte Valentine, mit ihrem rothen Sonnenschirme allerlei Figuren vor sich in den Sand zeichnend, die sie dann mit ihrem kleinen Füßchen wieder verwischte. »Man hat Dich mir als einen wilden Harald, einen Zecher und Spieler, als einen wahren Karl Mohr geschildert, und nun finde ich einen solchen geschniegelten und fürchterlich tugendhaften Cousin, daß mir der unschuldigste Cadett in Dresden als ein wahrer Don Juan gegen Dich erscheint. Oder ist das Alles Heuchelei, dann müßte man sich wirklich vor Dir hüten.« »Mein Ruf ist wohl nie das Beste an mir gewesen«, sagte Nik gezwungen lachend, »aber ich kann nicht leugnen, daß es eine Zeit gab, in der ich den Abscheu meiner sämmtlichen Tanten verdiente.« »So«, sagte das schöne Mädchen gedehnt, indem sie Nik kokett von der Seite anblickte, »und was hat Dich denn so gründlich umgewandelt, daß jetzt selbst Tante Klara Dein Lob in allen Tonarten singt?« »Die Musik«, erwiderte Nik zerstreut. Valentine lachte laut auf und spottete: »Die Musik?« »Der Gesang eines blinden Mädchens«, fuhr Nik fort, »der mich festhielt, wenn ich aus Langeweile zu den dummen Studentenvergnügungen wieder zurückkehren wollte, eine seelenvolle Altstimme, neben der mir das Lärmen in den Wirthsstuben roh und bäuerisch erschien, und die mir stets im Ohre und im Herzen war, so daß mir meine frühere Gesellschaft völlig unerträglich wurde.« »Nun, da wirst Du Deine Retterin wohl heirathen müssen«, erwiderte die Cousine spöttisch. Nik schwieg. Dann sagte er: »Die Blinde steht zu hoch, um über sie zu scherzen; sie ist eine Heilige und mein guter Engel.« »Das soll wohl heißen: Engel heirathet man nicht, nur Teufelinnen und schwache Evastöchter. Nun bin ich aber wirklich begierig, Deinen Schutzgeist mit meinen sündigen Augen zu schauen. Ich denke sie mir blaß und mager mit einem sichtlichen Ansatz zu Engelsflügeln? Sie heißt wohl auch Seraphine?« Das schöne Mädchen begleitete diese Spöttereien mit einem Lachen, das nicht ganz natürlich klang. Dann stand sie auf und bat Nik, ihr die große Blattpflanze zu zeigen, von der der Onkel so stolz geredet habe. Jenseits der Rhododendronhecke saß auf ihrer Lieblingsbank Elfriede. Sie hatte ihr bleiches Gesichtchen seitwärts an die Bank gelehnt, und die schlanken, zarten Kinderhände bewegten sich in nervöser Unruhe, indem sie unablässig Nik's Ring um den Finger drehte. Kein Wort der Unterhaltung zwischen Nik und seiner Cousine war ihrem feinen Gehöre entgangen. »Der gute Mensch«, lächelte sie still vor sich hin: »Ob sie wohl auch gut ist? Ihre Stimme hat etwas Hartes.« Und wieder sank die Blinde in tiefes Sinnen zurück. »Ich habe ihn gewiß nie als etwas Anderes angesehen, als für ein verwahrlostes Nachbarkind, für dessen Erziehung ich dem lieben Gott verantwortlich war, weil ich nun einmal Einfluß auf ihn hatte. Aber die Mutter hat Recht, wenn sie sagt, es sei schwer, ein Kind, das man erzogen, in fremde Hände zu geben.« Von der anderen Seite des Parkes, wohin Nik und Valentine sich gewendet, ertönte jetzt helles Lachen. Elfriede wußte nicht, warum diese Fröhlichkeit sie so widrig berühre, und wiederum drehte sie an dem Ringe, der sich von dem stärker gewordenen Finger nicht wollte abziehen lassen. »Er ließ sich doch sonst so leicht abstreifen«, sagte die Blinde, »nun ist er durch Gewohnheit mit mir verwachsen.« Die Stimmen der beiden jungen Leute kamen jetzt wieder näher. Erschreckt fuhr Elfriede in die Höhe, so daß sie ihr Köpfchen an einen Ast anstieß. »Wie thöricht ich bin«, seufzte das blinde Mädchen, und sich behutsam an den Büschen hintastend, hatte sie mit ihren leisen Schritten den Pfad zum Gärtnerhause eben erreicht, als sie angerufen wurde. Gerade an der Parkecke, im Gebiete der Brunnenfrau, traf sie mit Nik und seiner Cousine zusammen. »Elfriede«, rief Nik herzlich, »bitte, bleibe, ich möchte Dich mit Fräulein Valentine von Altenbrück bekannt machen.« Die Blinde hielt an und neigte nach der Seite, von der die Stimme kam, ihr blondes Köpfchen. »Mein Vetter hat mir so viel Schönes von Ihnen erzählt«, sagte Valentine herablassend, »daß ich sehr erfreut bin, Sie kennen zu lernen.« »Es ist Nik's beste Seite, daß er nur Schönes von den Leuten erzählt«, erwiderte die Blinde ruhig. »Er hat wohl auch minder gute Seiten«, lachte Valentine mit einem spöttischen Seitenblick auf ihren Vetter. »Aber er sagt, Ihr Gesang habe ihn gebessert?« »Musik bessert alle Herzen, die nicht von Stein sind«, erwiderte Elfriede. »Singen Sie auch, Fräulein?« »Nein«, rief das schöne Mädchen, »dazu sind mir meine Mitmenschen zu lieb. In der ganzen Familie hat niemand so wenig Gehör wie ich. Tante Klara meint, ich müsse einen Fehler am Trommelfell haben, daß ich so gar nicht empfinde, was schöne Musik sei.« Elfriede erröthete. – Jemand, der die Musik nicht liebte, konnte der gut sein? »Aber wir halten Sie an dieser zugigen, feuchten Stelle auf«, sagte Valentine, der die Unterredung mit der Blinden unbehaglich wurde, während ihr zugleich diese todten Augen einen physischen Widerwillen erregten. »Hier wächst ja Schierling und alle möglichen Sumpfpflanzen. Hu, dieser Platz wäre nicht mein Geschmack.« Ein Laubfrosch sprang neben ihr auf und platschte in die Pfütze bei der Tonne. Das Fräulein kreischte laut und rief: »Fort, Nik, fort, Du erkältest Dich. Auf Wiedersehen, Fräulein Elfriede.« Die Blinde neigte leise ihr Köpfchen und ging zögernd den Berg hinan. Sie wußte nicht, warum ihr plötzlich kalt geworden war. Als sie an Nik's Ring drehte, glitt er ihr so leicht vom Finger, daß er ihr fast entfallen wäre. Rasch hielt sie ihn fest, indem sie ihr kleines Händchen ballte. »Nik hätte auch ein Wort sprechen können«, dachte sie. »Aber er war wohl zu sehr versunken in ihre Schönheit.« Ihre feinen Lippen kräuselten sich verächtlich. »Pfui, Elfriede«, sagte sie dann zu sich selbst, »ich weiß gar nicht, wie Du mir vorkommst!« Ueber diesen Gedanken hatte sie die Richtung des Weges verloren, so daß sie durchaus nicht mehr wußte, wo sie sich befinde. Mit ausgestreckten Armen mußte sie erst rings umher fühlen, was sie eigentlich umgebe. Nach langem Tasten erst fand sie ein Geländer, an dem sie sich wieder orientirte, und nun huschte sie so rasch, daß sie fast gefallen wäre, auf ihren Pfad zurück und eilte auf dem gewohnten Wege nach ihrem Stübchen. »Schweig stille, mein Herze«, seufzte sie dann, die kleine Hand auf die klopfende Brust legend, »schweig stille, Du thörichtes, selbstsüchtiges, verkehrtes Ding, schweig stille! Du wußtest es ja, daß Alles ein Ende nehme.« Tapfer erhob sie bei diesen Worten ihr blondes Haupt, aber eine Thräne fiel auf den goldenen Kinderring an ihrem Finger, und unwillkürlich fuhr sie mit der Hand über die blinden Augen. »Thörin!« seufzte sie endlich, »wie konntest Du denken, daß dieses Band ewig halten werde? Ja, der gute Pfarrer hatte recht, als er bei dem Anblick dieses Ringes sagte: binde dein Herz an nichts als an Gott – der Anker hält.« Und sie faltete ihre Hände zu stillem Gebete. – Nik war inzwischen schweigend und befangen der schönen Cousine den Waldpfad hinab gefolgt, sie aber schaute plötzlich um, und sagte in verdrießlichem Tone: »Jetzt weiß ich, warum Ihr diesen Weg den Geisterweg nennt. Ich bin sogar geneigt, an Deine Brunnenfrau zu glauben, denn es lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, als ich dort oben an der verrufenen Ecke stand.« Nik antwortete nicht. Er dachte noch immer an Elfriede, die seine Cousine ganz gegen ihre Gewohnheit so seltsam kühl empfangen hatte. Nach einer Weile erst sammelte er sich und bestätigte: »Du hast ganz recht, Valentine. Auch ich hatte eine Gänsehaut, wie wir prosaischen Sachsen das nennen. In Neudorf kannte ich einen Lievländer, der pflegte, wenn ihn ein solcher Schauder anwandelte, zu sagen: ›eben muß jemand auf mein Grab getreten sein, es überlief mich.‹ Die Redensart machte mir Eindruck. Unwillkürlich muß man denken, in welchem Winkel der Welt wohl das Plätzchen liegen mag, wo man einst ruhen wird unter dem Rasen. Ist das nicht viel poetischer?« Valentine hielt sich die schönen Hände vor die beiden Ohren. »Um des Himmels willen, Nik«, sagte sie, »man könnte meinen, Du führst mich auf dem Kirchhofe spazieren. Wir unterhalten uns ja wie die Todtengräber im Hamlet. Diesen Weg gehe ich nicht mehr mit Dir und wenn ich noch so lange in Altenbrück bleibe.« Es war das eine starke Provocation. Wenn es Nik Ernst war, konnte er ihr ja sofort vorschlagen, das Schloß nie wieder zu verlassen. Aber ihm fiel das nicht ein. Er suchte allerdings nach einer galanten Antwort, aber es kam nicht dazu, denn als Beide um einen gewaltigen Taxusbusch traten, stellte sich der rothe Johann ihnen breit und unverschämt in den Weg und sagte: »Herr Baron, ich wünschte Sie zu sprechen.« Nik fuhr zornig auf und sagte: »Was soll's? Was hast Du hier mit mir zu reden?« »Nun, wegen meiner Schwester?« erwiderte Müller grob, »die Sie unglücklich gemacht haben.« Valentine that, als ob sie nichts höre, und setzte ruhig ihren Weg fort, aber sie hatte wohl bemerkt, wie Nik zusammenfuhr und die Farbe wechselte. »Komm um zwei Uhr auf mein Zimmer«, sagte Nik rasch und folgte Valentinen. Der Gärtnerbursche stieß ein freches Gelächter aus, so daß Nik nochmals stehen blieb und mit drohender Geberde eine Verwünschung murmelte. Der Rothe wollte etwas erwidern, aber Nik verhinderte es, indem er den Berg hinab eilte, bis er Valentinen eingeholt hatte. Das schöne Mädchen sah kalt und schweigend in die Ferne. »Seine Schwester ist krank«, sagte Nik auf das Gerathewohl, da er fühlte, daß er diesen seltsamen Zusammenstoß seiner Cousine irgendwie erklären müsse. »Der Mensch ist gewohnt, daß wir sie unterstützen.« »Ein seltsamer Ton für einen Bittsteller«, erwiderte Valentine kühl, noch immer nach den fernen Bergen ausschauend. »Was fehlt der Dame?« »Ich bin schuld an der Geschichte«, fabelte Nik verzweifelt weiter. »Mein Pferd hat sie getreten, aber bitte, sage den Eltern nichts. Ich habe ohnehin so viel Verdruß mit meinem grämlichen Vater.« »Wie soll ich dazu kommen«, erwiderte Valentine trocken, und sich zu der Brücke über den Zwinger wendend, sagte sie, ohne Nik eines Blickes zu würdigen: »Es ist Zeit, daß ich hineingehe und Toilette mache vor dem Frühstück.« Kaum hatte seine Cousine den Rücken gewendet, so eilte Nik in den Garten zurück, um den Unverschämten zu züchtigen. »Was unterstehst Du Dich, Du rother Hallunke«, rief er dem Gärtnerburschen zu, »mich in dieser Weise vor Fremden anzureden.« »Unter vier Augen würde es den Teufel helfen, mit Ihnen zu sprechen«, erwiderte Müller frech. »Sie haben meine Schwester ruinirt, jetzt sorgen Sie für das arme Mädchen, oder ich habe Ihnen bereits gesagt, was ich thue.« »Du weißt«, sagte Nik plötzlich geschmeidig, »daß ich so viel Geld nicht habe. Was ich aufbringen konnte, habe ich Dir bereits gegeben.« »Hundert Thaler«, erwiderte Müller höhnisch. »Meinen Sie, das sei ein Ersatz für ein verpfuschtes Leben? Wir werden klagen, ich kann Käthen Alles bezeugen.« »Du bist ein schöner Zeuge«, spottete Nik. »Dir werden sie glauben.« Der Rothe warf ihm einen höhnischen Blick zu. »Zum Glück waren der Kutscher und Wilhelm auch unten im Portierhäuschen und der Herr Pfarrer. Damals bei der großen Gesellschaft meine ich. Sie werden sich des Abends ja erinnern«, fügte er mit einem boshaften Blicke hinzu. Nik stampfte mit dem Fuße. Dann aber sagte er fast demüthig: »So viel als die Gerichte Deiner Schwester zusprechen, werde ich mit der Zeit auch aufbringen und mehr. Was hast Du also davon, mich zu ruiniren. Wenn Du selbst Deine Stelle über die Geschichte verlierst, so ist Deiner Käthe auch nicht geholfen.« »Die Käthchen muß weg von hier«, sagte der Rothe tückisch. »Dazu braucht sie mindestens tausend Thaler. Können Sie die nicht schaffen, so wende ich mich an Ihre Eltern.« »Ich will sie ja schaffen,« erwiderte Nik weinerlich, »Aber lasse mir nur Zeit.« »Ich will meinethalb noch acht Tage warten«, sagte der Rothe in anmaßendem Tone. »Sie müssen aber nicht meinen, daß Sie uns so lange hinauszögern können, bis der Zeitpunkt für die gerichtliche Klage verpaßt ist. Die Altenbrück haben das so in der Gewohnheit, aber dieses Mal soll sich keine Müllerstochter in den Brunnen stürzen. Da verlassen Sie sich darauf«, und er lachte höhnisch. Nik sah stumm vor sich hin. »Vielleicht gibt es einen Wucherer«, dachte er, »der mir das Geld auf meine spätere Erbschaft vorschießt.« »Ich will es versuchen«, sagte er finster zu Müller und kehrte verstimmt und aufgeregt in das Schloß zurück, während jener ihm mit einem spöttischen Blicke nachschaute. Im Lesezimmer traf Nik Valentinen, die in einem englischen Stuhle liegend, die Stahlknöpfe an ihren kleinen grauen Schuhen betrachtete. Nik war verlegen. Er stand fremd und verschüchtert in der wohlbekannten Stube, als ob er bei fremden Leuten wäre, und fühlte, daß er den vertraulichen Ton von vorhin nicht mehr zu finden vermöge. Seine Kniee zitterten, und selbst der Gedanke stieg in ihm auf, ob er nicht rasch in das Speisezimmer gehen, und durch eine Flasche Wein das verwünschte Gefühl in seiner Kehle vertreiben solle. Plötzlich sagte Valentine: »Könnte ich das kranke Mädchen nicht besuchen? Ich meine, das schickte sich für mich besser als für Dich?« Es war Nik auf's neue, als ob er einen Schlag vor die Brust erhalte. »Welches kranke Mädchen?« fragte er mit heiserer Stimme, indem ihm eine verrätherische Röthe in die Wangen trat. »Nun die, die Dein Pferd getreten hat«, erwiderte Valentine, indem sie ihn fest anblickte. Nik sah zur Seite und sagte: »Ach diese Geschichte. Nein, das geht wirklich nicht. Sie ist auch gar nicht hier.« Fräulein Valentine rümpfte die Nase, stand auf und nahm vom Tische ein illustrirtes Blatt, mit dem sie sich an das hohe runde Fenster setzte. »Sie weiß recht viel von der Welt«, dachte Nik ingrimmig, »doch was kümmert es mich, wenn sie nur reinen Mund hält.« Die Cousine schien sich indessen nach einer Weile überlegt zu haben, daß ihr Betragen zweckwidrig sei. Sie hatte ja gewußt, wie es mit den Sitten ihres Vetters aussehe, und man hatte ihr erklärt, daß es mit denen anderer junger Edelleute auch nicht viel besser stehe. Im Grunde war es ja ganz gut, daß ihr der Zufall einen Faden zuspielte, an dem sie Nik in der Hand behielt. Was lag auch daran? Die Schwester eines Gärtnerburschen! Es war geschmacklos von Nik, aber ein solches Wesen konnte ihr nicht gefährlich sein, und heirathen wollte sie den Vetter aus hundert Gründen, namentlich aber aus dem einen, sehr triftigen, daß ihr dreiundzwanzigster Geburtstag vor der Thüre stand und alle ihre Freundinnen schon verheirathet waren. Unter diesen Umständen fand sie plötzlich eine Abbildung ihrer illustrirten Zeitung so merkwürdig, daß sie Nik herbeirief, um sich dieselbe von ihm erklären zu lassen. Dieser war über den unerwarteten Umschlag des Wetters freudig überrascht. »Sie läßt den Verdacht fallen«, dachte er, und kam eilig herbei, um mit der wißbegierigen Leserin sich das interessante Bild anzusehen. So, die Köpfe in dasselbe Buch geneigt, fast Wange an Wange, fand sie der Baron, der mit Tante Klara eintrat. Der befriedigte Vater lächelte und schaute Tante Klara an, die Tante lächelte und schaute Valentinen an, die beiden jungen Leute aber errötheten, worauf Tante Klara ein kleines Buch aus der Tasche zog und liebevoll sagte: »Hier, meine gute Valentine, bringe ich Dir den Band Channing, den ich Dir gestern Abend versprochen.« Die schöne Nichte dankte der gütigen Tante mit einem Eifer, der dem Baron etwas übertrieben schien. Nik aber trat an das Fenster, trommelte leise an den Scheiben und überlegte, ob nicht Tante Klara ihm vielleicht tausend Thaler borgen könnte, um ihm die widerliche Geschichte mit dem Rothen vom Halse zu schaffen. Wie er sich jetzt der kläglichen Lage schämte, in die er sich gebracht hatte! Unwillkürlich fielen ihm Worte aus einer Predigt des Pfarrers ein, zu der ihn Fritz einst mitgenommen hatte. »Nicht den hundertsten Theil der Kraft hätte es bedurft«, hatte der würdige Greis gesagt, »um der Versuchung rechtzeitig zu widerstehen, als der Sünder später wird aufbieten müssen, um die Folgen seiner Schwäche abzuwenden.« Wie das auf ihn nun zutraf. In welcher Situation befand er sich doch! Er, der Sohn dieses Hauses, abhängig von der Gnade der Familie Müller! Sie gingen der Reihe nach an seinem Auge vorüber, diese würdigen Personen, in deren Hände er sich gegeben hatte: die Ahnfrau des Geschlechts, die stets angetrunkene alte Müllerin, die verlogenste Bettlerin der ganzen Gegend, sodann Käthchens und Johanns würdige Mutter, die jetzt an den Ecken der Straßen Aepfel und Birnen feil hielt, und endlich die üppige Käthe selbst, der er in's Garn gegangen, obwohl sie so viel älter war als er. Er stampfte mit dem Fuße, daß aller Augen verwundert nach ihm hinschauten. Aber Nik bemerkte es nicht. Wie würde der Vater toben, wenn er den Sohn nun auch von dieser Seite würde kennen lernen, wie würde die Mutter seufzen, welche Gesichter würden die altjüngferlichen Tanten machen! Wo sollte er den Muth hernehmen, um Valentinen wieder unter die durchdringenden Augen zu treten – und, ach vor jenen Augen fürchtete er sich am allermeisten, die nicht sehen konnten, wie er erröthete, wie er bleich und krank geworden war vor innerer Qual, vor Elfrieden, die nichts sagen würde, was ihn kränkte, die ihn nicht sah, und vor deren todtem Blicke er doch in die Erde versinken mußte vor Scham. Sein Kopf sank zitternd an die hohe Fensterscheibe, und finster schaute er dem Spiele des Springbrunnens drunten im Garten zu, als der Diener zum Frühstück abrief. Indem er ietzt endlich aus seinen Träumen auffuhr, sah er, daß Valentine am Spiegel ihre Haare glatt strich und, wie es schien, schon geraume Zeit neben ihm gestanden hatte, ohne daß er es bemerkt hätte. Sie blickte ihn scharf von der Seite an, nahm aber dann ruhig seinen Arm und sagte: »Ist es gefällig? Man träumt nicht, wenn die Damen warten.« Vierzehntes Kapitel. Der Herbst begann sich zu melden. Die Morgen wurden frisch, und die inneren Aeste der Linden zeigten bereits gelbe Blätter, während die Beeren der Ebereschen, die die Landstraße einfaßten, wie rothe Korallen an den gefiederten Zweigen hingen. Hatte gegen Mittag dann der Nebel sich verzogen, so glänzte ein tiefblauer Herbsthimmel über dem Flußthale, das in goldenen Duft getaucht war, und man schaute zwischen den Baumstämmen über das frische Grün der Wiesen mit Entzücken auf die klaren Wellen des Stromes, der um diese Jahreszeit besonders rein und hell dahinrauschte. Nik freilich, der von einem Gange in die Stadt müde und schlaff zurückkehrte, hatte heute kein Auge für die bunte Pracht des sich färbenden Waldes und den wechselnden Schimmer des majestätisch dahinrauschenden Stromes; starr vor sich sehend trat er wie ein Träumender durch das Gartenthor des Schlosses. Hier erst schaute er verstört um sich, ob Johann Müller nicht in der Nähe beschäftigt sei. Die letzte Frist, die dieser ihm gegeben, um die Forderungen seiner würdigen Familie zu befriedigen, war abgelaufen, und der Rothe hatte gedroht, das Verhältniß, das Nik mit seiner Schwester unterhalten, den Eltern anzuzeigen und diese für die angeblichen Folgen desselben verantwortlich zu machen. Vergeblich hatte Nik Alles aufgeboten, um das Geld, das sein Peiniger verlangte, irgendwie aufzutreiben. Bei allen Wucherern der Umgegend hatte er vorgesprochen, keiner aber wollte ihm eine so große Summe ohne jede Sicherheit vorstrecken. »Ihr Herr Vater ist ja noch nicht fünfzig Jahre alt, wie sollten wir Ihnen auf Ihr Erbe etwas borgen«, so hatte ihm einer dieser Geschäftsleute nach dem Andern erwidert. Als er sah, daß nach dieser Seite kein Ausweg sich aufthue, war ihm der Gedanke gekommen, sich persönlich mit der Schwester des Rothen auseinander zu setzen. Die leichtfertige Käthe schien ihm im Grunde ein gutmüthiges Ding zu sein, und war vielleicht persönlich williger zu einem Vergleiche als ihre Familie. Dabei konnte er sich dann auch überzeugen, ob denn die Angaben des Rothen überhaupt richtig seien, oder ob das Ganze sich am Ende nur als eine plumpe Schwindelei ihrer sauberen Familie herausstelle. Aber auf seine vorsichtigen Erkundigungen hatte er in der Schenke erfahren, daß die Person seit einiger Zeit sich nicht mehr auf der Landstraße sehen lasse, sondern sich in einen ehrbaren Dienst begeben habe. Vielleicht war das nur eine Veranstaltung ihres Bruders, um ihren Ansprüchen einen besseren Schein zu geben, doch wer konnte das wissen? Möglicher Weise waren des Rothen Aussagen dennoch richtig, und das Mädchen war besser, als Nik sie genommen hatte. Jedenfalls war er nun völlig rathlos, und so schaute er blaß und niedergeschlagen nach Johann Müller aus, um von diesem eine neue Frist zu erflehen. Aber als er ihn im Garten suchte, lief er auf dem breiten Gange dem Freiherrn in die Hände, der ihn sofort für ein Gespräch über seine Heirathsprojekte in Beschlag nahm. Während Nik mit hängendem Kopfe seinem Vater folgte, der hastig und sprudelnd auf ihn hinein redete, saß Elfriede mit einer Handarbeit beschäftigt, die sie in der Blindenschule erlernt hatte, auf ihrem Lieblingsplätzchen im Walde. Sie war ernst gestimmt, denn Nik's Niedergeschlagenheit in den letzten Tagen war ihr nicht entgangen, und ebensowenig hatte man von Seiten der Ihren ihr ein Hehl daraus gemacht, daß der Freiherr mit dem Aufenthalte seiner Nichte im Schlosse sehr bestimmte Absichten verbinde. Während ihre geschickten Hände an der bunten Matte, die sie aus schmalen Tuchstreifen zusammenflocht, emsig weiter arbeiteten, beschäftigten sich ihre Gedanken viel mit Valentinen. »Ob sie wohl gut ist?« Diese Frage legte sie sich schon zum hundertsten Male vor, und das gute Kind war betrübt, sich kein fröhliches Ja zur Antwort geben zu können. Aus diesen Träumen wurde sie plötzlich durch die schnarrende Stimme des Barons aufgeschreckt, der jenseits der Rhododendronhecke mit Nik sich niederließ, weil er mit seinen gichtigen Beinen jeden Augenblick einer neuen kurzen Ruhe bedurfte. »Wie unleidlich«, dachte die Blinde, »daß der Freiherr seine Bank gerade an der Linde anbringen mußte. Ich werde meine süße Traumbank künftig meiden müssen, wenn ich nicht wider Willen zur Lauscherin werden soll.« Gern hätte sie sich in der Stille entfernt, aber sie vermied es so viel als möglich, dem Freiherrn in seinem Garten zu begegnen. Zwar hatte er ihr wiederholt mit den stärksten Versicherungen den freiesten Besuch desselben gestattet, aber sie wußte wohl, daß er es dennoch ungern sah, wenn man seine Wege kreuzte. Vater und Sohn fuhren inzwischen in ihrem Gespräche fort, das sie sehr zu erregen schien, denn der Vater sprach mit großer Schärfe, und Nik antwortete mit unsicherer, trauriger Stimme. »So begreife doch«, hörte die Blinde den Freiherrn in seinem schnarrenden Tone sagen, »daß wir unter dem Zwange der Verhältnisse stehen. Ein Freiherr von Altenbrück kann nicht heirathen wie Gevatter Schuster und Handschuhmacher. Du würdest bei unserer Vermögenslage Dich unterwerfen müssen, auch wenn Valentine alt, unliebenswürdig und häßlich wäre. So sei froh, daß sie von all dem das Gegentheil ist. Du kannst Dir gratuliren, weiß der Himmel!« Nik schwieg eine Weile, dann sagte er in mattem, traurigem Tone: »Das Alles ist wahr, lieber Vater, aber Elfriede hat mein Wort.« »Der alte Unsinn«, brauste der Baron auf. »Du kannst nicht der Schwiegersohn meines Gärtners werden, das habe ich Dir hundertmal gesagt. Das kluge Mädchen kann auch keine solche tollen Pläne in ihrem Kopfe hegen. Wie kannst Du eine Blinde heirathen, Narrheiten, Du bist einfach unsinnig.« »Wer als ich hat die Schuld, daß sie blind ist?« erwiderte Nik. »Ich habe mich in jenen traurigen Tagen mit ihr verlobt, und sie trägt noch heute meinen Ring am Finger. Du bist ein Edelmann, Vater, und mußt darum einsehen, daß ich unter solchen Umständen nicht den ersten Schritt thun kann, mit ihr zu brechen. Wäre ich frei, so hätte ich gegen eine Verbindung mit Valentinen nichts einzuwenden, da Ihr so sehr für sie seid. Die Mutter sagte mir, daß wir uns nicht halten können, ohne eine sogenannte gute Partie« ... Die weiteren Worte verstand Elfriede nicht mehr, denn der Baron war ungeduldig sofort wieder aufgestanden, und beide Redende gingen nach unten. Es war wieder ganz still um sie her. Hie und da raschelte eine Amsel im Gebüsch oder eine Mücke summte um das Antlitz des blinden Mädchens. Elfriede war wie gelähmt. Die blinden Augen starrten in den blendenden Himmel und empfanden Schmerz, ohne daß ihre Finsterniß dadurch lichter geworden wäre, und ihre zarten Arme lagen in rührender Hülflosigkeit ihr im Schoße. Von der Landstraße unten hörte sie jetzt eine schöne Männerstimme singen: »Kann von dir nicht lassen, kann ohn' dich nicht sein.« Das schreckte sie auf, und sie fuhr mit der Hand über ihre kalte Stirne. »Ich wußte nicht, wie sehr ich ihn liebe« ... bebten ihre bleichen Lippen. »Er wird schlecht werden ... Sie ist nicht gut; nein, sie ist nicht gut ... Aber habe ich ein Recht, ihn zu hüten? .. Sagte er es nicht deutlich genug, daß es ihm leid ist, an mich gefesselt zu sein? Ein Freiherr von Altenbrück kann nicht heirathen wie Gevatter Schuster und Handschuhmacher! Oh, ihr armen, vornehmen Leute!« und sie stützte ihr blondes schönes Haupt in ihre Hände, und ein Ausdruck schmerzlicher Resignation gab ihren feinen Zügen etwas unendlich Rührendes. Nik hatte seinem Vater freilich nicht versprochen, daß er sein Wort brechen wolle, aber war das der liebeglühende Bräutigam, der ihr so oft in überschwänglichen Ausdrücken seine Treue betheuerte? Die matte Art, wie er sich vertheidigte, der verschleierte Ton seiner Stimme, schien ihr Alles zu sagen. War sie doch gewohnt, sogar an dem Schritte seiner Füße zu erkennen, ob er fest, in sich zufrieden und auf guten Wegen sei, oder ob er wieder schwächlich, jeder Versuchung zur Beute, sich müssig umhertreibe. Dennoch hatte sie heute falsch gehört, denn ihre reine Seele hatte keine ferne Ahnung von den schmutzigen Geheimnissen, die Nik's Gewissen bedrückten. Die Trauer, die seine Stimme umflorte, galt nicht dem Unbehagen, an sie gefesselt zu sein und des Vaters Willen nicht erfüllen zu können, es war Angst vor den Folgen seines Fehltrittes, die ihn bedrückte und die ihn hinderte, dem Vater so fest gegenüber zu treten, wie seine Ehre und seine Liebe zu Elfrieden es erfordert hätte. Brachte der Rothe heute seine Klage an, wie er gedroht hatte, so durfte er den Vater um keinen Preis schon vorher durch schroffe Zurückweisung seines Lieblingsprojectes erbittern. Das war es, was ihm die Kehle zuschnürte, und hätte Elfriede das bleiche, gelbliche Gesicht und die schwarzen Ringe um Nik's Augen sehen können, sie hätte sofort gewußt, daß ihn eine schwerere Kette drücke, als der kleine Kinderring an ihrem Finger. Aber sie sah diese Spuren schlafloser Nächte und geheimer Angst eben nicht, und so bezog sie seinen traurigen Ton auf das, was in ihrem reinen Herzen lebte, und in ihrer tiefen Seelengüte dachte sie darüber nach, wie sie Nik seinen Irrthum benehmen könne, ohne ihn an ihrer Freundschaft irre zu machen. »Er hat doch keinen Ring von mir an der Hand«, seufzte sie. »Er hat mich gebunden, nicht ich ihn.« Sie wollte ihm seinen Ring wiedergeben. Ihr Entschluß war gefaßt. »Aber was sollst Du thun, wenn er ihn Dir wiederbringt?« fragte sie dann. War es eine leise Hoffnung, die ihr diese Frage zuflüsterte? Da hörte sie Schritte. Sie fuhr auf, als ob man sie über bösen Gedanken erhascht hätte. »Elfriede«, hörte sie Nik rufen. Noch ehe sie aus dem dichten Gebüsche sich hervorarbeiten konnte, stand Nik vor ihr und zog sie auf die kleine Bank zurück, indem er sich hart neben sie setzte. Elfriede fühlte die Aufregung, in der er sich befand, und sie dachte: »Der Vater hat ihn überzeugt; der Arme, wie ihm der Abschied schwer wird!« Das gab ihr ihre Ruhe wieder. »Warum zitterst Du, Nik? Was regt Dich auf?« fragte sie in mildem Tone. »Ich kann es Dir nicht sagen«, erwiderte der junge Mann. »Ich bin nun einmal nicht im Stande Ruhe und Glück zu finden.« Elfriede lächelte. »Du bist wie Einer, der in der Stube umherrennt und etwas sucht, was er in der Hand hat. Du hast ja Glücks genug, öffne nur Deine Augen.« »Ich habe sie offen«, sagte er, »und sehe in einen Abgrund. Mir kann Niemand helfen. Ich bin ein verlorener Mensch«, und er seufzte. »Ich kenne Deinen Kummer«, erwiderte Elfriede fest indem sie ihre Augen ihm zuwendete, deren leerer Glanz ihn immer so sehr verwirrte. »Du weißt es?« rief Nik erschrocken, und die Blinde fühlte, wie er von ihr zurückfuhr. »Freilich, Müller ist ja den ganzen Tag mit ihrem Vater zusammen«, dachte er. »Er wird die Sache in einem schönen Zusammenhange erzählt haben.« »Gräme Dich nicht darum, ich werde selbst mit Deinen Eltern reden«, sagte Elfriede schmerzlich lächelnd. »Um Gottes Willen, Elfriede«, rief Nik, »Du kennst sie nicht, Du würdest mich völlig zu Grunde richten.« »Ist es denn ein so schweres Verbrechen, das Du begangen hast?« sagte sie, indem sie schwesterlich ihre Hand auf seine Schulter legte. Nik war einen Augenblick betroffen. Konnte Elfriede sein Vergehen wirklich so leicht nehmen, oder was meinte sie? Aber der Eindruck Ihrer süßen Nähe verdrängte für einen Augenblick seine Sorgen. Er ergriff ihre zarte weiße Hand und drückte einen glühenden Kuß auf dieselbe. Die Blinde zog die Hand zurück. »Laß das, Nik!« sagte sie abwehrend. »Du weißt ja, daß wir uns trennen müssen.« »Uns trennen!« rief er, indem er ihr näher rückte. »Wer sagt das?« Sein Arm legte sich schmeichlerisch um ihren Nacken und zog ihren Kopf gegen den seinen. Elfriede fühlte eine süße Beklemmung und war für einen Moment regungslos. Sie vergaß den festen Entschluß der Entsagung. Er neigte seine Wange zu der ihrigen hinab, und im nächsten Augenblicke berührten sich ihre Lippen. Alle Vorsätze, die die arme Blinde noch eben gefaßt, schmolzen dahin in der Wonne des Moments, da Nik seine Lippen auf die ihren preßte. Plötzlich aber schrak Elfriede auf. Ihr Ohr hatte einen Schritt ganz in der Nähe vernommen. Aber ehe sie sich den Armen des Aufgeregten entwinden konnte, ertönte die scharfe kalte Stimme Valentinens: »Bitte, Fräulein, lassen Sie sich ja nicht stören. Ich dachte nicht in diesen Büschen ein Liebespaar zu finden. Recht viel Vergnügen«, und mit einem höhnischen Lachen kehrte das schöne Mädchen den Beiden den Rücken. Nik fuhr zusammen wie ein Schulknabe, den der Lehrer über einem Fehltritte erwischt hat. »Auch das noch!« rief er. »Ich muß ihr nach und sie beschwichtigen. Ich darf die Eltern nicht erbittern, heute am allerwenigsten. Wenn Du alles weißt, so schweige. Verrathe mich nicht«, und er riß sich los, um der zürnenden Cousine nachzueilen. Die Blinde stand erstarrt. Nach einer Weile streifte sie den Ring von ihrem Finger und steckte ihn in ihre Tasche. Dann fühlte sie rings an den Büschen, wo sie sich eigentlich befinde. Sie hatte es völlig vergessen, so hatte der Schlag sie erschreckt, der sie getroffen. Unsicheren Schrittes schwankte sie dahin, bis sie am Rebberge das Geländer fand, an dem sie sich weiter tastete. Das Benehmen Nik's war ihr unerklärlich, verächtlich. Wenn er entschlossen war, Valentinen zu heirathen, wie durfte er ihre Schwäche benutzen, um eine Liebkosung zu erhaschen, die sie nie hätte dulden sollen. Mit einem Gefühle peinlicher Beschämung trat sie den Rückweg an. »Du mußt ein Ende machen, Elfriede, da Du Deiner selbst nicht sicher bist«, sagte sie. »Hast Du Dich so lang auf diese Stunde vorbereitet, um nun, da es ernst wird, so zu bestehen? Schäme Dich, altes Mädchen, schäme Dich!« Und leisen Schrittes schlich sie in ihr Kämmerlein, nachdem sie der Mutter im Vorbeigehen gesagt hatte, falls Fritz nach Hause komme, wünsche sie ihn zu sprechen. Nik hatte die zürnende Cousine kurz vor dem Schlosse eingeholt, noch ehe sie die Brücke überschreiten konnte. »Valentine«, rief er ihr nach. Das schöne Mädchen wendete sich stolz um, und betrachtete ihn langsam vom Kopf bis zu den Füßen. »Bitte, Cousin«, sagte sie, »wie viele Blumenmädchen werde ich noch kennen lernen, für die Du Dich intim interessirst. Die Schwester Eueres Johann war ja wohl die Erste. Oh, oh, mache mir keine Flausen vor«, rief sie streng, als Nik Miene machte zu widersprechen. »Die Situation mit der rührenden Blinden ...« »Ist harmloser als Du denkst«, unterbrach sie Nik, der sich mit dem Muthe eines Verzweifelten zusammenfaßte. »Natürlich, ganz harmlos«, spottete Valentine. »Sich tief im Gebüsche mit einer schönen Gärtnerstochter zu küssen, was ist daran? Ich bin recht begierig, welche Ueberraschungen meiner noch weiter harren in diesem verwünschten Parke. Du hast die Geschichte mit der weißen Frau wohl erfunden, damit Du um so sicherer bist bei Deinen nächtlichen Abenteuern?« »Aber Valentine«, sagte Nik zornig, »Du weißt doch, daß Elfriede und ich zusammen aufgewachsen sind, daß ich es war, der an dem Verluste ihrer Augen schuld ist.« Die gereizte junge Dame war aber durchaus nicht in der Stimmung, sich eine so traurige Geschichte auf's neue erzählen zu lassen. Hartherzig erwiderte sie: »Fräulein Müller hast Du beim Reiten verletzt, Fräulein Glimm beim Schifffahren, man muß sich wirklich vor Dir hüten. Ich verbiete Dir ernstlich, mir den Hof zu machen. Du könntest mich am Ende überfahren oder auf der Jagd erschießen.« »Ich begreife nicht, wie Du über solche Dinge scherzen kannst«, erwiderte Nik, den der unweibliche Spott über Elfriedens Unglück widrig berührte. »Ich denke, daß ich ein Recht habe, eine Erklärung von Dir zu verlangen«, sagte Valentine schroff. »Ich finde diese Liebschaften mit den Dienstboten Deiner Eltern höchst geschmacklos.« Nun verlor auch Nik die Ruhe. Ein zorniger Blick schoß aus seinen grauen Augen auf die üppige junge Dame, die so herausfordernd vor ihm stand. Wie unbewußt entfuhr ihm das Wort: »Elfriede gehört nicht unter die Dienstboten, sie ist meine Braut.« »Ah« – sagte Valentine, »ich gratulire.« Sie war bleich geworden, dann schoß ihr das Blut purpurn in die Wangen, und mit einem gezwungenen Gelächter kehrte sie Nik den Rücken und ging nach der Brücke. »Diese Verlobung muß ich doch gleich Tante Klara berichten, sie ist gar so interessant«, sagte sie, und höhnisch auflachend verschwand sie durch die Thüre. Nik blieb stumm bei dem Löwenbrunnen stehen, indem er von einer herabhängenden Schlingrose die halbreifen Hagebutten pflückte und in das Bassin warf. Lange stand er so vor dem halbrunden Becken. Der Löwenkopf spie ohne Aufhören mit gurgelnden Tönen sein Wasser, und Nik starrte nach den schwimmenden rothen Früchten, die der Strudel bald an das Ufer warf, bald wieder auf's neue in seine Kreise zog. »So werde auch ich von den Wellen umhergeworfen«, sagte er, »und muß schließlich versinken, wenn Elfriede mir nicht die Hand reicht. Nun, ihrer bin ich wenigstens sicher. Es ist am Ende gut so. Valentine ist schön, aber offenbar ein Drache. Ich werde vorerst freilich durch alle möglichen Widerwärtigkeiten gerüttelt und geschüttelt werden, aber schließlich werde ich mit der Blinden glücklich sein.« Eben wollte er die letzte zerpflückte Rose in den Teich werfen und in's Haus zurückkehren, als der Freiherr zornig über die Brücke kam. »Was bedeutet dieser plötzliche Entschluß Valentinens?« fragte der Vater zornig, während die spitzen Enden seines gewichsten Schnurrbarts sich nach oben sträubten. »Welcher Entschluß?« fragte Nik, ein wenig erblassend. »Sie kündete soeben Tante Klara an, daß sie übermorgen abzureisen gedenke, ihre Mutter wünsche es.« »Was weiß ich«, sagte Nik erleichtert, »ihre Mutter wird sie nöthig haben.« »Ich bitte mir aus, daß Du mich nicht anlügst«, rief der Baron erbittert. »Sie hat Tante Klara gesagt, ihre Ehre erlaube ihr nicht länger mit Dir unter einem Dache zu wohnen.« So sehr Nik sich fürchtete, Valentine möchte geplaudert haben, so entfuhr ihm doch bei diesen Worten des Vaters ein höhnisches Lachen, das den Baron völlig außer Fassung brachte. »Sie hat Elfrieden und mich belauscht«, sagte Nik nun mit etwas unsicherer Stimme, »und ich mußte um Elfriedens willen ihr sagen, daß wir verlobt sind. Ein weiteres Attentat auf ihre Ehre habe ich nicht gemacht.« »Du bist nicht verlobt!« schrie der Baron wüthend. »Du kannst Dich nicht verloben ohne meine Einwilligung.« Nik zuckle die Achseln. »Ich habe Valentinen nicht geheißen, Gespräche zu belauschen. Du weißt, daß ich mein Verhältniß mit Elfrieden nicht lösen kann, wenn sie es nicht löst, und sie denkt nicht daran. Nachdem ich sie um die Augen gebracht habe, kann ich ihr nicht auch noch das Herz brechen.« »Larifari«, sagte der Baron. »Ich werde einmal mit dem alten Glimm sprechen, damit dieser Unsinn ein Ende hat. Komm herein zum Frühstück und sei gegen Deine Cousine manierlich. Nachher werden wir eine Ausfahrt machen, und Du wirst die Gelegenheit ergreifen, Valentinen wieder umzustimmen. Wir sind ruinirt, wenn ihre Mutter die Hand von uns zurückzieht. Ich wirthschafte schon seit drei Jahren mit ihrem Gelde. Erst heute hat sie mir wieder tausend Thaler geschickt, ohne die ich meine Schuldzinsen nicht bezahlen könnte.« Nik zuckte die Schultern und folgte dem Vater schweigend nach dem Schlosse. Das Gabelfrühstück wurde eingenommen, die Ausfahrt fand statt, aber Fräulein Valentine blieb frostig und hochmüthig. Die Liebschaft mit der Schwester eines Gärtnerburschen hätte sie ignorirt, aber die geheime Verlobung mit der Blinden, von der sie instinctiv fühlte, wie hoch sie geistig über ihr stehe, hatte sie gänzlich abgekühlt. Nach dem Plane ihrer Mutter wollte diese mit ihr nach dem Schlosse ziehen, während Onkel und Tante dafür abwechselnd ihr Haus in der Residenz bewohnen konnten. Hatte Nik aber an allen Ecken und Enden geheime Verpflichtungen, denn wer konnte wissen, wie viele solcher Geschichten er in der Umgegend noch angezettelt hatte, dann war ihr der Aufenthalt hier entleidet, so schön das Schloß war, und damit war das ganze Project für sie begraben, denn Nik selbst war ihr völlig gleichgültig. Bei sich dachte sie: »Es ist gut, daß ich rechtzeitig hinter alle diese Dinge gekommen bin. Tante Klara redete mir vor, Nik sei völlig harmlos und leicht zu beherrschen. Da irrt sie sich entweder, oder sie wollte mir absichtlich etwas vormachen. So knabenhaft er aussieht, er ist durch und durch ein Heuchler, und kein Verlaß auf seine Treue. Onkel und Tante thun mir leid, aber sie mögen nun sehen, wie sie ihre Schulden bezahlen. Hoffentlich hat Mama das Geld nicht schon geschickt, um das sie baten.« Das waren die Gedanken, mit denen die junge Dame ihren Verwandten bei Tisch gegenübersaß, und da sie durchaus nicht gewöhnt war, ihre Stimmungen zu verbergen, so betheiligte sie sich mit keiner Silbe an der Unterhaltung, sondern ließ ihre Augen kühl durch die Stube gehen, als ob sie im Gasthofe zwischen Fremden speise. Auch Nik saß schweigend neben ihr, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln. Beim Nachtische flüsterte ihm Johann, der servirte, etwas in das Ohr, worauf er sich sofort erhob und ohne eine Silbe zu sagen, hastig das Zimmer verließ. Valentine schaute ihm mit einem höhnischen Blicke nach. »Ich könnte mich doch noch bei der Blinden näher nach Fräulein Müller erkundigen«, dachte sie. »Ich möchte, ehe ich gehe, beide noch miteinander bekannt machen.« Der Baron hatte kaum das Verschwinden seines Sohnes bemerkt, als er demselben sofort nachfolgte. Auf der Brücke holte er ihn ein. »Was läufst Du weg. Nik«, sagte er hastig, »habe ich Dir nicht gesagt, Du sollest Dich mit Valentinen versöhnen. Augenblicklich kehrst Du in den Saal zurück.« Aber Nik's Geduld war nun auch zu Ende. »Nein«, sagte er entschieden. »Ich bin kein Kind mehr. So lasse ich mir meine Gefühle nicht abfordern.« »Ein Narr bist Du, der uns alle zu Grunde richtet«, rief der Vater, ohne den rothen Johann zu beachten, der boshaft lächelnd den Beiden gefolgt war und nun in der Thüre stehen blieb, während einige Schritte seitwärts der alte Glimm die Geranien eines abgeblühten Beetes aus der Erde nahm, um sie für den Winter im Keller einzuschlagen. Nik war es ganz recht, daß Elfriedens Vater durch diesen Zufall Zeuge seines tapferen Widerstandes wurde. »Ich werde dieses Mädchen nicht heirathen«, sagte er entschieden. »Sie ist herzlos und bösartig, davon habe ich mich heute überzeugt. Ich will nicht mit meinem Lebensglück Deine Schulden bezahlen.« »Frecher Bube«, rief der Freiherr außer sich, indem er die Hand zum Schlage erhob. »Herr Baron«, rief nun der alte Glimm mißbilligend, indem er sich von seinem Geranienbeete erhob, über das er sich bis dahin gebeugt hatte, um ruhig seine Blumen auszugraben, als ob ihn das Alles nichts angehe. »Was ist gefällig«, schnarrte ihn nun der Freiherr wüthend an. »Ich hätte Sie auch für vernünftiger gehalten, als daß Sie die Liebelei dieses lüderlichen Menschen mit Ihrer Tochter dulden.« Der alte Glimm legte den Bündel Geranien, den er in der Hand hatte, säuberlich bei Seite, wischte sich die Hand an seiner blauen Schürze ab und trat in aufrechter Haltung seinem Dienstherrn gegenüber. »Herr Baron«, sagte er in ernstem Tone, »ich hoffe, Sie wissen, daß meine Tochter mit Niemandem liebelt. Wenn meine Kinder sich des jungen Herrn annahmen, so war es, weil sie Mitleid hatten mit dem elenden Leben, das er führte bei all seinem Reichthum, und weil er selbst bat, sie möchten mit ihm umgehen, indem er sonst ganz zu Grunde gehe. Verbieten Sie ihm nur, uns zu besuchen und mit meiner Tochter zu reden. Mir kann's recht sein. Meinem armen Kinde ist nicht viel Glück gekommen aus dieser Freundschaft.« Nik stand vernichtet. »Vater«, wollte er beginnen. Aber der Baron fuhr ihn an: »Schweige! Und was Sie betrifft, Glimm, so gibt es ein einfaches Mittel, diesem verderblichen Umgange mit uns aus dem Wege zu gehen. Sie brauchen nur ihre Stelle zu kündigen, wenn es Ihnen hier nicht gefällt. Ich finde schon einen neuen Gärtner.« Der alte Mann wurde bleich, aber er sagte ruhig: »Gut, Herr Baron, die Herbstarbeiten sind demnächst zu Ende. Sobald ich die Zwiebeln für das kommende Frühjahr gesteckt habe, ist hier nichts mehr zu thun, was der da« – er deutete auf Müller – »nicht auch besorgen könnte. Ich werde dann in die Stadt ziehen, bis ich eine andere Stelle finde.« Damit kehrte er den Dreien den Rücken, nahm seine Geranien und ging, als sei nichts geschehen, nach seinem Häuschen hinüber. Der Baron zuckte zusammen vor Aerger. »Das Alles verdanke ich diesem nichtswürdigen Buben«, zischte er in sich hinein, denn er wußte, daß er nicht leicht einen Gärtner finden werde, der wie Vater Glimm aus eigenem Interesse an jedem Baume des Parkes, und an jedem Gemüsefelde und Blumenbeete sein Eigenthum pflegen werde. Seine blinde Wuth machte plötzlich einem Aerger auf seinen Sohn Platz, der an Haß grenzte. Er ballte die Faust und that einen Schritt auf Nik zu, als er aber das teuflische Lächeln sah, mit dem der rothe Johann seine Bewegung verfolgte, wendete sich seine Wuth gegen diesen. »Was stehst Du hier und horchst?« donnerte er ihn an. »Gehe an Deine Arbeit.« Verdutzt zog der Bursche sich zurück. Im nächsten Augenblicke hatte er die Livree abgeworfen und eine Gießkanne ergriffen, mit der er an den Brunnen ging, während der Baron mit einer wüthenden Geberde in das Haus zurückkehrte. Nik sah gleichmüthig den Beiden nach. Es fiel ihm nicht ein, nach dem Familienzimmer zurückzukehren. Die Rede des alten Glimm hatte ihm plötzlich zum Bewußtsein gebracht, was er an Elfrieden besitze. Seine Lippen dürsteten nach dem süßen Munde, auf dem sie diesen Morgen geruht hatten, als die widrige Valentine den köstlichen Augenblick störte. Er wollte zu der Blinden, aber er fühlte, daß er nun offen mit ihren Eltern reden müsse. So suchte er seine Gedanken zu ordnen, denn die Erinnerung an Frau Glimms klare, blaue Augen hatte etwas Beklemmendes für ihn. Als er sich so mit zögernden Schritten gegen die Gärtnerwiese wendete, hörte er auf der englischen Treppe, an der er vorüber mußte, schlürfende Tritte, und im gleichen Augenblicke tauchte das rothe Gesicht und das graue, strähnige Haar der alten Großmutter Müller hart vor ihm auf. Fünfzehntes Kapitel Aus all' dem Wirrwarr und den Bedrängnissen, in die er sich verwickelt, hatte Nik, wie er seit lange gewohnt war, sich in das Gärtnerhäuschen flüchten wollen, da wirkte der Anblick der alten Frau, die ihm mit ihren vom Trunke gerötheten Augen höhnisch in's Angesicht starrte, auf ihn wie der Anblick der Meduse. Schreck und Wuth kamen gleichzeitig über ihn, und mit dem Muthe der Verzweiflung vertrat er dem alten Weibe den Weg und fragte barsch: »Zu wem wollen Sie hier?« Die alte Hexe drängte seinen Arm grob hinweg und sagte: »Zu Ihrem Vater will ich, und Sie wissen auch warum.« »Mein Vater ist jetzt nicht zu sprechen«, sagte Nik gelinder. »Was wünschen Sie von ihm?« »Nun, wegen Ihres Kindes mit ihm reden«, erwiderte die Alte giftig. »Ich habe Johann bereits gesagt, daß ich Alles thun will, was in meinen Kräften steht«, stammelte Nik. »Ja, ja, gesagt«, erwiderte die Alte höhnisch. »Ich frage nichts nach ihrem Sagen. Ihr Vater soll zahlen, da Sie kein Geld haben.« In diesem Augenblicke kam auch der rothe Johann, um seine Gießkanne an dem Brunnen zu füllen. »Ich habe Geld«, log Nik in seiner Verzweiflung. Johann stellte bei diesen Worten seine Kanne nieder und trat zu den Beiden. »Schicke sie fort«, sprach Nik in bittendem Tone zu ihm. »Wir wollen die Sache untereinander abmachen. Ich bin mit Allem einverstanden, was Du vorschlägst, aber schicke sie fort.« Der Rothe zögerte. »Mein Vater wirft sie die Treppe hinab«, setzte Nik erbittert hinzu, »und dann erhaltet Ihr keinen Heller.« Dieses Argument schien Eindruck auf die Alte zu machen, und sie trat einen Schritt rückwärts. Auch Johann wurde zweifelhaft, ob er so hoch spielen dürfe, nachdem der Baron noch eben ihn grob angefahren hatte. »Heute ist wirklich ein schlechter Tag«, dachte er. »Du kannst morgen eben so gut zu dem Herrn Baron, wie heute«, sagte er zu seiner Großmutter. »Ich will einmal hören, was der da zu sagen hat.« Die alte Frau schien zu zögern, als ihr aber ihr rothhaariger Enkel nochmals bestätigend zunickte, wendete sie sich langsam um, und humpelte wieder die Treppe hinab, indem sie sich sorgsam an dem Geländer anklammerte. Auf der untersten Stufe aber blieb sie sitzen. Sie wollte nicht ganz umsonst den Weg gemacht haben. Wenigstens einen Thaler sollte er ihr geben, damit sie sich betrinken könne. »Sie haben Geld?« fragte Johann nun barsch. »Nein«, erwiderte Nik. Johann machte einen raschen Schritt gegen die Treppe, als ob er das alte Weib zurückrufen wolle, aber Nik faßte ihn am Arme und flüsterte: »Ich habe keines, aber ich werde es schaffen.« »Wie das?« erwiderte Johann lauernd. »Ich schreibe einen Wechsel«, sagte Nik, während er den Andern am Arme nahm und gegen den Weg zum Walde drängte. »Was soll mir Ihr Wechsel? Sie haben ja keine Deckung. Auf wen wollen Sie denn ziehen?« »Auf meine Tante, auf meine Mama, auf meinen Vater – auf wen Du willst?« Der Rothe überlegte eine Weile, dann sagte er: »Das ist alles Unsinn. Keine Bank löst den Wechsel ein, ehe Ihre Eltern oder Ihre Tante Deckung zugesagt haben, und die werden sich hüten. Ich weiß aber einen andern Weg. Der Postbote brachte diesen Morgen ein Packet mit tausend Thalern. Ich meinte schon, Sie hätten mit Ihrem Vater von unserer Forderung gesprochen und sich, das Geld kommen lassen.« Nik schüttelte mit dem Kopfe. »Es ist von meiner Tante«, sagte er. »Einerlei«, erwiderte der Rothe. »Das Packet legte Ihr Vater in den Geldschrank in seinem Schlafzimmer, den Schlüssel hat er in seinem Portemonnaie, das er beim Schlafengehen stets auf das Tischchen neben seinem Bette legt.« »Woher weißt Du das so genau?« fragte Nik betroffen. »Natürlich weiß ich es, da ich am Morgen seine Kleider reinige«, antwortete der Rothe mit einem boshaften Aufleuchten seiner teuflischen Augen. »Nun und was weiter« – erwiderte Nik. Müller lachte laut auf. Er betrachtete Nik wie eine Katze, die mit der Maus spielt. »Eine naive Frage«, dachte er. »Der ahnt nicht einmal, daß wir Beide dieses Geld stehlen werden, und zwar so, daß er als der Dieb erscheint, und ich das Geld einstecke. Der Herr Baron wird sich hüten zu klagen, wenn man ihm klar darthut, daß der Herr Sohn seine Hand dabei im Spiele hat. Der verlöre ja seinen Adel, würde satisfactionsunfähig, und was weiß ich, wenn es herauskäme. Diese Einrichtungen sind doch für unser Einen so übel nicht«, und er lachte wieder. Nik schaute ihn erbittert an. Er wußte nicht, was den gemeinen Menschen belustige, und warum er ihn so frech vom Kopf bis zu den Füßen mustere. »Also, was weiter?« wiederholte er. »Das Weitere ist Ihre Sache«, sagte der Rothe. »Die meine? – Du glaubst doch nicht, daß ich die tausend Thaler stehlen solle?« Die Beiden waren während dieser Berathung bis zur Parkecke gelangt, wo der Rothe stehen blieb. »Haben Sie nicht die zwanzig Mark auch gestohlen, die ich damals verlangte, um Ihren Ring wiederzufinden?« und er deutete nach der zerfallenen Cisterne, wendete dann aber sofort den Tannen den Rücken, als ob es ihn grause. »Das geht nicht«, erwiderte Nik. »Um keinen Preis.« »Gut«, erwiderte Johann, »so gehe ich selbst zu Ihrem Vater.« Der arme, junge Mensch zuckte zusammen. »Meinetwegen hole Du das Geld«, sagte er zitternd vor Aufregung, während ihm alles Blut zum Herzen schoß. »Ich werde schweigen.« »Das glaube ich«, höhnte der Rothe. »Wenn ich an den Geldschrank könnte, so hätte ich Sie gar nicht gefragt. Der Herr Baron schließt aber alle Thüren von innen, und vor der seinen liegt zudem der große Neufundländer, der mich in Stücke reißen würde. Von Ihrem Zimmer aber können Sie durch die drei Gesellschaftszimmer in das Rauchzimmer des Herrn Vaters, und von da in sein Schlafzimmer. Sie nehmen leise den Schlüssel aus dem Portemonnaie und öffnen den Schrank. Haben Sie das Packet, So brauchen Sie nicht mehr zu schließen.« »Schweig stille«, rief Nik zornig. »Ich bin kein Einbrecher. Lieber gehe hin und verklage mich.« »So geben Sie mir Ihre Schlüssel, und kommen Sie nicht vor zwölf Uhr nach Hause. Dann besorge ich es selbst.« »Nein«, sagte Nik. »Wie Sie wollen«, erwiderte Johann grob. »Siehe, da ist ja noch die Alte. Es ist eine Goldfrau, sie ist gar nicht weggegangen. Großmutter!« rief er nach dem Gemüsefelde hinüber, und zu seinem Entsetzen sah Nik die alte Müllerin dort zwischen den Kohlstrunken und kahlen Bohnenstangen einherhumpeln. »So schweig doch!« rief Nik verzweifelt. »Großmutter!« rief Johann mit verdoppelter Anstrengung, und Nik sah, wie die Alte sich umwendete und so schnell als ihre alten Beine es vermochten auf die Parkecke zukam. Da übermannte Nik die Angst, die Verwirrung. Er hatte die Empfindung, daß in den Händen dieser häßlichen Kreaturen seine Ehre, seine Liebe, sein Leben, sein Alles liege. »Sie dürfen nicht zu meinen Eltern«, stammelte er. Zitternd vor Aufregung griff er in die Tasche, nahm seine Schlüssel heraus und reichte sie dem Versucher. Johann steckte dieselben hastig ein und sagte: »Gut, Sie werden Ihr Zimmer offen finden.« Damit wendete er sich ab und ging zu der Alten hinüber, die er hastig mit sich fortzog. Nik ging wie im Traume zum Walde zurück. Bei dem einsamen Altar, an dem er einst Elfrieden seine Lieblingsdichter vorgelesen, warf er sich auf die Bank und verbarg das Antlitz in den Armen. Die ganze lange Schmach seines jungen Lebens ging an seinem inneren Auge vorüber. So sollte es denn keine Rettung für ihn geben. »Ein Hehler, ein Diebsgenosse!« Gleichsam mechanisch ergänzte er: »Ein Dieb.« Und das Wort schlug plötzlich bei ihm ein; seine Gedanken ordneten sich wieder. »Wenn die Sache untersucht wird, wenn festgestellt wird, daß der Dieb ein Hausgenosse gewesen, da der Hund nicht anschlug, wenn ermittelt wird, daß er aus meinem Zimmer den Weg zu dem Geldschrank gefunden, wird dann nicht der argwöhnische Vater, der Dir stets das Schlechteste zutraute, Dich für den Dieb halten?« Der Gedanke durchzuckte ihn wie ein Blitz, Er setzte sich wieder auf und raufte sein Haar. Sollte er sofort den Vater warnen, sollte er der Sache ihren Lauf lassen, dann aber die Anzeige verhindern, indem er dem Vater die Wahrheit gestand? Das Letztere schien ihm das Beste, da Abwarten leichter war, als Handeln. Aber er war in einer entsetzlichen Angst und Beklemmung, die sich nicht geben wollte, obwohl er schon eine Stunde hier saß, und die Dämmerung längst hereingebrochen war. Wie ein Verbrecher schrak er zusammen, als er nun Schritte vernahm, und sich rufen hörte. »Hier«, antwortete er mit heiserer Stimme. Es war Fritz. »Den sendet Gott«, dachte Nik. »Ihm will ich mich anvertrauen?« »Ich suchte Dich im ganzen Parke«, sagte der Theologe, »ich habe mit Dir zu sprechen.« Nik erwiderte nichts. Er besann sich, wie er seine Beichte beginnen solle. Aber Fritz war nicht gekommen, um Nik's Klagen zu hören, sondern um eine Botschaft auszurichten. Ohne sich zu setzen, stellte er einen Fuß auf die Bank, auf der Nik saß, und begann in einem trockenen, kalten Tone: »Du warst diesen Mittag Zeuge des Auftrittes zwischen unseren Vätern. Meine Eltern werden die Scholle verlassen, wo meinem Vater jeder Strauch theuer geworden ist, und die seiner vierzigjährigen Arbeit es verdankt, daß das Gut schöner ist, als alle anderen der Nachbarschaft. Es kostet ihm ein Stück seines Herzens, aber seine Ehre ist ihm lieber, als selbst sein Leben.« Nik war zu beklommen, um irgend ein Wort zu finden. Die Qual seines Verbrecherbewußtseins lag so dumpf auf ihm, daß er vergeblich sich zu sammeln suchte. »Ich habe Euch Fluch gebracht mit meiner Liebe«, wollte er sagen, aber seine Kehle war trocken. Dieses Schweigen verdroß Fritz. In schärferem Tone fuhr er fort: »Wir haben seit lange Elfrieden vorgestellt, daß sie Pflichten gegen sich habe, gegen uns habe und das Verhältniß zu Dir zu nichts führen könne. Sie lehnte unsere Warnungen früher immer ab, indem sie behauptete, Du habest sie nöthig. Erst heute machte ein Zufall sie zum Zeugen eines Gespräches zwischen Dir und Deinem Vater, das ihr zeigte, daß Du ihre Güte gründlich mißverstandest, und daß Du sogar meinest, sie sei es, die Dich halte.« Fritz griff bei diesen Worten in seine Tasche und brachte den Ring zum Vorschein, den Nik einst Elfrieden gegeben. »Hier schickt sie Dir Deinen Ring zurück und läßt Dir sagen, daß sie in ihm nie etwas Anderes gesehen habe, als eine Erinnerung an Deine tausendfache Versicherung, ohne ihre Freundschaft würdest Du wieder auf schlechte Wege gerathen. Davon wollte sie Dich abhalten, aber eine Kette sollte der Ring niemals werden.« Zornig stieß Nik den Ring zurück. »Wer sagt, daß ich los wolle von Elfrieden? Ich habe ja mit Valentinen gebrochen um ihretwillen.« »Was auf dem Schlosse vorgefallen«, sagte Fritz kalt, »um Deinen Vater so zu erbittern, daß er einen alten, treuen Diener auf die Straße wirft, das weiß ich nicht und begehre es nicht zu wissen. Aber an Elfriede hast Du keinen Anspruch. Du hast sie ja zu Neudorf im Würfelspiel an einen Deines Gleichen verspielt«, setzte er bitter hinzu, »als Ihr um das blinde Mädchen und um die weiße Frau würfeltet.« Der Vorwurf, den er so lange still mit sich umhergetragen, und den er Elfrieden zu lieb nie hatte aussprechen wollen, war ihm nun doch von den Lippen gefallen. Es war ihm aber alsbald leid. Er machte eine Pause und schaute Nik ernst in das bleiche Antlitz. Er wollte ihm Zeit lassen, sich zu rechtfertigen. Aber Nik rührte sich nicht. Er hatte nur die Empfindung, daß nun das lange erwartete Unheil Schlag für Schlag über ihn hereinbreche. Wenn sie im Gärtnerhause so genau unterrichtet waren über sein Leben in Neudorf, was mußte Elfriede von ihm denken! Ein Gefühl völliger Stumpfheit kam über ihn, aber er dachte noch immer mehr an die Gefahr, die ihm von dem Rothen drohte, als an Fritzens Botschaft, die er nach dem Liebesbeweise, den ihm Elfriede diesen Morgen gegeben, nicht allzu ernst nahm. Noch immer wollte er sich an ihn, den einzigen Freund, wenden, damit er ihn dem Abgrunde entreiße, über dem er hing. Da schlug das Klingen des goldenen Ringes an sein Ohr, den Fritz auf den Altar warf. Jetzt fuhr er auf und rief mit heiserer Stimme: »Fritz, Fritz, so höre doch!« Aber dieser hatte sich bereits entfernt und hörte ihn nicht, oder wollte ihn nicht hören. Inzwischen war der Abend hereingebrochen, und ein kalter Wind strich durch das Flußthal. Ringsum zwischen den Gebüschen lösten sich kleine Nebelflocken von dem feuchten Rasen, und wie eine große Schlange kroch der Herbstnebel von der nassen Wiese bei dem Gärtnerhause zu den roth und gelb gefärbten Rebbergen empor. Hier und dort unter den Bäumen quirlten weiße Wölkchen, die mit dem nächsten Luftzuge wieder verwehten. Endlich stieg der Mond empor und beleuchtete die Nebelschicht, die gerade abgeschnitten über dem Flusse hing. Alles war trostlos still, nur von der Parkecke her tönte einförmiger, trauriger Unkenruf. Nik aber saß in tiefer, geistiger Erstarrung, fröstelnd an dem einsamen Waldplatze, und ließ sein verlorenes Leben an seinem Geiste vorübergehen. Sein Herz war krank, schwer krank. Das letzte Ankertau, das ihn noch an das Gute gekettet, war zerschnitten; er fühlte sich selbst als Wrack hülflos preisgegeben den Winden und Wellen. Wenn er darüber nachdachte, warum er das Eine gethan, und das Andere gelassen hatte, so war sie allein der Grund gewesen, und dieser wirksamste Grund des Daseins sollte nun ausgelöscht sein aus seinem Leben. Warum hatte ihn Elfriede emporgezogen aus seinem früheren Zustande, wenn sie sich nun dennoch von ihm wenden wollte? Die Scham vor ihr hatte ihn dem Verführer in die Hände geliefert. Hätte er weiter getrunken, den Rothen klagen lassen, während er zechte, die Wuthausbrüche des Vaters hingenommen und wieder getrunken, dann war er vielleicht verächtlich, aber er war doch kein Dieb. Gerade, daß er sich schämte, vor Elfrieden schämte, hatte ihn in's Verderben gestürzt. Aber vielleicht war es noch Zeit, Alles rückgängig zu machen? Was lag ihm jetzt am Zorne seines Vaters! Er begriff bereits nicht mehr, wie er so unsinnig hatte sein können und so feig, sich zum Spießgesellen eines Diebes zu machen, nur um einer Scene mit den Eltern auszuweichen. Was hatte er denn gewonnen, wenn der begangene Fehler nicht an den Tag kam, aber dafür ein Verbrechen auf seiner Seele lastete? Wenn er nun rasch in sein Zimmer zurückkehrte, den Rothen zurückwies, oder Lärm machte, falls er ihn bereits an der Arbeit traf? Freilich würde ihn Müller der Mitschuld bezichtigen. Sollte er dann leugnen, daß er selbst es gewesen, der dem Einbrecher die Schlüssel ausgeliefert? Er würde schwören müssen? Ach, er war bereits unlösbar in einen Knäuel von Lügen und Verbrechen verstrickt, das fühlte er jetzt erst. Dennoch erhob er sich, um nach dem Schlosse zurückzukehren, aber in diesem Augenblicke schlug der Hund an, der des Vaters Thüre bewachte. Des Rothen Vorhaben war also mißlungen. Sobald das Thier Lärm machte, mußte der Vater erwachen, und der Dieb sich zurückziehen. Aber warum Tyras nur fortfuhr zu wimmern? Es war Nik sogar, als ob er durch die Stille der Nacht den Hund an einer Thüre scharren höre. Dann wurde es wieder still. Was auch geschehen sein mochte, es war zu spät, Nik konnte nichts mehr verhindern, nichts mehr gut machen. Er wurde nur um so sicherer zum Genossen des Einbrechers, wenn er sich jetzt im Schlosse einfand. Von Furcht und Scham gelähmt, sank er in seinen Sitz zurück. Drüben an den Tannen braute der Nebel seltsame Gestalten, und an den Stämmen leuchtete hier und dort ein phosphorescirender Schimmer. »Die Brunnenfrau steckt ihre Irrlichter an«, sagte sich Nik. »Sie feiert die Stunde, in der einer des verhaßten Hauses zum Schelme wird. Ja der Rothe hatte recht! Ich war der Dritte, der sich ihr verlobte, und mit dem Dritten endet das Geschlecht.« Wieder versank er in trübes Sinnen. »Hier ist meines Bleibens nicht länger«, sagte er endlich. »Ich werde morgen der Mutter Alles gestehen und dann hinausziehen in die Welt. Ich kann Schreiberdienste thun, ich kann als Agent eines Kaufmanns oder einer Gesellschaft umherreisen, meinethalben selbst eine Zeitung schreiben helfen, aber ich kann nicht unter dem Dache meines Vaters bleiben, der den Knaben verzog, um den Mann zu mißhandeln. Als mir die Ruthe gehörte, thaten sie mir alle den Willen. Nun ich das Recht hätte, einen Willen zu haben, werde ich geschlagen wie ein Kind. Aber ich will ihnen zeigen, daß ich ein Mann bin.« Mit diesem Entschlusse erhob er sich. Im nächsten Augenblicke freilich kamen ihm seine Pläne schon wieder völlig chimärisch vor. Wie würde er, der Verweichlichte, Verwöhnte, sich sein Brot selbst verdienen können? Er lachte bitter auf, und der Gedanke, sich zu tödten, trat auf's neue vor seine Seele. Tiefsinnig schritt er in dem einsamen Walde hin und wieder. Dann sagte er: »Nein! Elfriede hat recht. Es ist gar nicht ausgemacht, daß ein solches Ende wirklich ein Ende macht. Mir ist oft, als wäre ich schon einmal gewesen, und wenn ich mich tödte, werde ich wieder sein. Es ist kein Entrinnen aus der Hand dieser furchtbaren Mächte, mögen sie Götter heißen oder Teufel.« Mechanisch war er bei diesen Worten an den Altar zurückgekehrt, und ließ seine Hand über den vertieften Stein gleiten. Er suchte im Dunkeln Elfriedens Ring und nahm ihn, als er ihn gefunden, in seine Hand. Aber wohin damit? Unwillkürlich fiel ihm das Bild der Psyche ein. Sollte er den Ring ihr wieder bringen? Da sah er zwischen den Tannen die weiße Nebelsäule aufsteigen. Ein Strahl des bleichen Mondlichts streifte sie jetzt, so daß sie mit gespenstischer Deutlichkeit, wie er sie nie gesehen, vor ihm stand. Ein eisiges Frösteln schlich dem Einsamen über den Rücken. Mit blechernem Klange schlug unten am Flusse die Dorfuhr Mitternacht. Da hielt er es nicht länger aus in dieser furchtbaren Einsamkeit; er wollte hinauf in seine Stube. Aber als er zwei Schritte vorwärts gethan, erschauerte er. Die weiße Gestalt neigte sich im Nachtwinde ihm entgegen und streckte einen ihrer luftigen Arme zu ihm herüber. Nik's Gehirn begann zu fiebern. »Ja, ich will Dir den Ring wiederbringen«, rief er, »Dir, Dir, der ich ihn geraubt!« Sich aufraffend, mit irrem Auge und kaltem Schweiß auf der Stirne, stürzte er durch Dorn und Dickicht der weißen Gestalt entgegen. »Weg, weg!« rief er zu den Brombeerranken, die ihn fest hielten, und er arbeitete sich hindurch bis zu der Cisterne. Dann rief er feierlich: »Dir verlobe ich mich, Du alter Vampyr unseres Geschlechts! Hörst Du, ich, ein Dieb, Genosse eines Einbrechers, ich bin nun Dein Bräutigam«, und er warf den Ring hinab in die Tonne, daß er ihn unten klingen hörte. »Jetzt bin ich Dein«, lachte er gellend, »hole mich bald in Dein kühles Brautbett, Hörst Du, bald, bald, ehe sie ihn greifen, Deinen Verlobten; den Dieb und Diebsgenossen.« Ein starker Windstoß fuhr durch die alten Ahornstämme, und ein Regen der schweren, herbstdürren Blätter rauschte hernieder, und kühler Thau fiel auf Nik's Haupt. »Nimmst Du ihn an, Deinen Bräutigam?" rief er mit wahnsinnigem Lachen. »Warte, ich küsse Dich«, und er suchte sich durchzuarbeiten durch die dichte Brombeerhecke. »Siehe, sie halten mich, aber ich komme doch, ich komme.« Durch den Lärm aufgestört, wurden die Vögel in den Büschen wach und ihre Stimmen tönten wirr durcheinander: »Thu' es nicht, thu' es nicht.« Aber Nik drang vorwärts, obwohl seine Kleider zerrissen und seine Hände und sein Gesicht blutige Wunden davontrugen. Als er hindurch war durch das Gesträuch, fand er die weiße Gestalt nicht mehr; sie war zerflossen, und er stand schaudernd in der nächtlichen Einsamkeit. Da sah er drüben am nächsten Busche den Spuk wieder. Sie wollte sich verbergen, aber der weiße Saum ihres Gewandes verrieth sie. Leise folgte er ihr, um sie zu haschen, und wie eine Nebelwolke schwebte sie vor ihm her. Da brach der Mond durch die Wolken. Der weiße Schleier war wiederum verschwunden, und Nik blickte fröstelnd auf die lange Flucht von Bäumen, die kühl und traurig im Mondschein sich ausdehnte. Er stand mitten auf dem Geisterwege. Aengstlich ging er vorwärts, bei jedem Geräusche erschauernd. Zuweilen war es ihm, als ob in nächster Nähe Jemand arbeite; er glaubte leise, schleichende Schritte zu hören, und tiefes Athmen wie von Einem, der eine schwere Last trägt. Aengstlich beschleunigte er seinen Lauf, aber als er den breiten Gang passirte, dessen Bogen mit rothem Weinlaub sich scharf von der Nebelwand des Flusses abhoben, entsetzte er sich auf's neue. Das Bild der Psyche war herabgestiegen von seinem Postamente. Die Braut seiner Knabenjahre stand am Boden und schaute traurig vor sich hin. Nik fuhr zusammen, und floh so rasch er konnte den Berg hinab. Aber ein Schatten huschte neben ihm her. Er saß auf der Brücke, als er dort Halt machte, er folgte ihm in's Haus, und verließ ihn erst, als er athemlos in seinem Zimmer ankam. Die Thüre nach des Vaters Gemächern stand offen. Er sah in den dunklen Raum mit klopfendem Herzen. Welches Geheimniß er wohl barg? Aber Alles blieb still. Man hörte nur den ruhigen Pendelschlag der Uhr. Vorsichtig zog er die Thüre zu und schob den Riegel vor. Mit einem tiefen Seufzer warf er sich sodann in einen Lehnstuhl und todtmüde schlief er ein. Aber es war der Schlaf eines Fieberkranken, aus dem der Schläfer mit einem Schrei emporfährt. Ein drückender Alp hatte sich auf seine Brust gelegt. Er träumte, seine neue Braut habe ihn hierher verfolgt, sie neige sich durch das Fenster herein und umfasse ihn mit ihren kalten, todten Händen. Ihr lang gezogenes Gesicht beugte sich über ihn, er sah ihre Augen, es waren die leeren Augen einer Blinden. Da fuhr er auf und starrte in die halbdunkle Stube. All' die bekannten Gegenstände schienen ihm fremd in dem Dämmerlichte, das sie umgab. Der Mond war hinter dem Berge versunken, und eine schwere Nebelmasse lagerte draußen über dem Garten. Der Wind stöhnte und wimmerte im Kamin, und ein Käuzchen wiederholte seinen unheimlichen Klageruf. Der fröstelnde Kranke hatte es noch nicht über sich gebracht, sich zu erheben, als ein Laut in den Gemächern seines Vaters ihn erschreckte. Es war, als ob Jemand mit mühsamen, schleppenden Schritten sich durch die Zimmer schleiche. Dann schien es wieder der Hund zu sein, denn es schleifte am Boden hin. Dazwischen hörte man ein tiefes schmerzliches Stöhnen, das Nik durch Mark und Bein schnitt. Es war ein rauher, gebrochener Ton, der vom Boden her oder aus dem Innern der Erde zu kommen schien. Zitternd saß Nik in seinem Lehnstuhle. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, daß er es hörte. »Du hast ein Verbrechen begangen, und nun naht die Rache«, sagte eine Stimme in seinem Ohre. »Dieb, Dieb!« rief es in ihm. Aber nun schleppte sich das Geräusch immer näher, es tastete an seiner Thüre. Jetzt hielt Nik es nicht länger aus. Auf dem Tische stand sein Leuchter; er trat zwischen das offene Fenster und den Tisch, so daß ihm die Nachtkühle feucht in den Nacken schlug. Als er das Licht entzündete, fiel sein Schatten rückwärts, geisterhaft sich hin und herbewegend auf den Nebel draußen. Wieder fühlte Nik die feuchte Hand der Brunnenfrau an seinem Nacken. »Es ist der Nebel«, sagte er sich, »die kühle Nachtluft.« Allen seinen Muth zusammennehmend, wendete er sich hastig um; er wollte das offene Fenster schließen, das ihm diese Schauer schuf, und er hatte die Arme bereits zu diesem Zwecke ausgebreitet, da sah er die Brunnenfrau vor sich stehn, dunkel, riesengroß, wie das Brockengespenst. Mit ausgebreiteten Armen neigte sie sich ihm entgegen, um ihn zu umfassen; kalt hauchte sie ihn an mit ihrem eisigen Odem, und er stürzte zusammen mit gellendem Schrei. »Nik, so öffne doch, Nik!« wimmerte an der Thüre eine Stimme. »Nik, so höre doch!« Aber Nik hörte nicht. Er lag in tiefer Ohnmacht an der Erde. Sechszehntes Kapitel Als Nik wieder zu sich kam, lag er in seinen beschmutzten, zerrissenen Kleidern auf dem Divan. Die Morgensonne fiel hell in's Zimmer, und der starke Geruch einer Essenz, mit der man ihn übergossen hatte, belästigte ihn. Zuerst unterschied er das alberne, aufgeregte Gesicht des alten Hausarztes, das über ihn gebeugt, ihn aus nächster Nähe beobachtete. Wüst blickte der Erwachende in seiner Stube umher und suchte vergeblich seine Gedanken zu ordnen. »Können Sie mir sagen«, hörte er nun eine tiefe männliche Stimme ihn anreden, »warum Sie bei unserem Anblicke so erschraken, daß Sie ohnmächtig wurden?« Nik wendete seine stieren Blicke nach dem Fragenden. Er sah eine hohe, breite Gestalt in der Uniform eines Polizeicommissärs vor sich. Mit leeren Augen, als ob er noch immer geistesabwesend wäre, starrte er dem Frager in sein rothes Gesicht. Dann entdeckte er, daß noch zwei Polizeisoldaten hinter dem Commissäre standen. »Sie wissen doch, was sich begeben hat«, sagte der Commissär auf's neue. Der Kranke nickte mit dem Kopfe. »Wer hat es Ihnen gesagt?« fragte der Polizeimann rasch. »Gesagt?« erwiderte Nik mit leiser Stimme, »ich habe es selbst gesehen.« »Was haben Sie gesehen?« Nik schwieg, und es schien ihn ein Schauder zu überlaufen. »Warum antworten Sie nicht? Seien Sie offen!« sagte der Commissär streng. Nik suchte den Krampf, der ihm die Zunge lähmte, zu überwinden, dann sagte er leise: »Zuerst sah ich es im Garten ... da kam es zuerst; dann folgte es mir hierher. Als ich das Fenster schließen wollte, stand sie mir gegenüber mit ausgebreiteten Armen und wollte mich umarmen. Dann wurde es dunkel.« Der Arzt und der Commissär sahen sich verwundert an. »Wer wollte Sie umarmen?« fragte der Geheimrath. Nik schaute den alten Arzt starr an. Dann sagte er: »Die Brunnenfrau.« »Der nächtliche Kampf und die Gewissensbisse haben ihm die Sinne zerrüttet«, flüsterte der Commissär dem Arzte zu. »Sind Sie sicher, daß er der Thäter ist?« erwiderte dieser eben so leise. »Wie können Sie zweifeln?« erwiderte der Beamte. »Er hat Wunden an den Händen und im Gesichte. Die Kleider selbst zeigen, wie der Vater sich gewehrt hat. Bei dem Nahen der Polizei fällt er in Ohnmacht, noch ehe ihn irgend Jemand beschuldigt. Die Blutspuren reichen bis an seine Thüre.« »Aber sie hören dort auf«, sagte der Arzt, indem er seine Dose herauszog und eine Prise nahm, wobei er den Polizeimann mit selbstgefälligem Zwinkern der Augen schlau ansah. »Natürlich reinigte er sich«, erwiderte der Commissär, »ehe er seine eigene Stube betrat. Er wird die Stiefel unter der Thüre ausgezogen haben. Was ihn verdächtig machen konnte, vergrub er im Garten, denn daß er dort gearbeitet, zeigen seine Kleider.« »Aber was sollte er dort arbeiten?« fragte der Arzt. »Die Sache ist ja völlig klar«, erwiderte der Commissär mit einer Handbewegung, als ob sich Alles ganz von selbst verstehe. »Der junge Mann, der mit dem Vater schlecht stand, und wie mir der Diener Müller sagte, unlängst sogar in großer Gesellschaft von ihm geohrfeigt wurde, der sich zudem stets in Geldverlegenheiten befand, wollte den Geldbrief, der gestern ankam, heimlich an sich nehmen. Bereits hatte er den Geldschrank geöffnet, als der Vater erwachte. Nun entspann sich ein Kampf. Er würgte den Vater bis er ihn am Boden hatte, und dann stieß er ihm ein Messer, oder einen Dolch, oder sonst ein scharfes Instrument in den Hals. Die Wunde ist halb geschnitten, wie mit einem Rebmesser. Der Baron folgte ihm noch bis zum zweiten Zimmer, dort brach er zusammen. Nachdem der Mörder die tausend Thaler an sich genommen, kehrte er in sein Zimmer zurück, reinigte sich, und vergrub das Geld, vielleicht auch die blutigen Kleider oder dergleichen im Garten. Hier ruhte er dann aus.« Der Commissär deutete nach dem Lehnstuhle, um welchen rings die Spuren von Nik's Füßen sichtbar waren. »Sein Bett, wie Sie sehen, ist unberührt. Vermuthlich wollte er gerade seine bei den Erdarbeiten beschmutzte und im Kampfe mit dem Vater zerrissene Kleidung wechseln, als er uns eintreten hörte, und von seinem bösen Gewissen übermannt ward.« Die Unterhaltung war flüsternd geführt worden, so daß Nik nur wenige Worte verstand. »Ist meinem Vater etwas zugestoßen?« fragte er jetzt tonlos, da er noch immer sich das Gebahren der Anwesenden nicht zu deuten wußte. »Sie wissen doch«, erwiderte der Arzt, indem er Nik scharf ansah, »daß Ihr Herr Vater in dieser Nacht ermordet wurde.« Nik fuhr todtenbleich von seinem Sitze empor und stieß einen gellenden Schrei aus. Seine Augen schienen aus dem Kopfe zu treten, dann hielt er beide Hände vor sein Angesicht und rief in herzbrechendem Tone: »Oh, ich Elender, ich Elender!« Von tiefer Reue, wie es schien, übermannt, sank er dann kraftlos in den Divan zurück. Der Geheimrath wollte ihm beispringen, aber der Commissär trat dazwischen. »Er hat gestanden«, sagte er, »so gut als gestanden, und ich muß nun jeden Verkehr mit Dritten abschneiden.« »Bitte, bitte«, erwiderte der Geheimrath, »hier waltet noch ein wesentlicher Irrthum ob. Gethan hat er es freilich, das gebe ich nunmehr gleichfalls zu, aber der Ausgang des Kampfes war ihm unbekannt. Sie sahen seine Bestürzung. Er wußte nicht, daß sein Vater todt ist. Was also folgt daraus?« und er sah den Polizeimann mit überlegener Miene an. Als dieser schwieg, sagte er mit selbstzufriedenem Lächeln: »Er handelte im Delirium. Der junge Mann ist ein Trinker und zugleich von nervöser Constitution. In Folge des Uebergenusses von Alkohol verfiel er in Raserei, und in diesem besinnungslosen Zustande beging er die That.« »Kann auch sein«, erwiderte der Commissär kurz, »das Alles kann später ermittelt werden, für jetzt werden wir uns des sauberen, jungen Herrn versichern.« Und indem er den Arzt unhöflich bei Seite schob, fragte er seinen Sergeanten: »Ist der Wagen bereit?« »Zu Befehl«, war die Antwort. Die beiden Beamten faßten nun den noch immer halb ohnmächtigen Nik unter den Armen und führten ihn hinaus auf die Flur. Eine gegenüberliegende Thüre stand offen, und man sah auf einem Tische die Leiche des Barons. Der Commissär machte ein Zeichen, zu halten, und beobachtete scharf, welchen Eindruck der grauenhafte Anblick auf den Gefangenen mache. Das fahle Gesicht des Ermordeten war in furchtbarem Todeskampfe verzogen, das Auge starrte weit offen nach der Decke, das Hemd war über Schulter und Arm vom Blute schwarz. Wie fragend richteten sich alle Augen auf das verstörte Angesicht des Sohnes. Aber Nik schien diesem grauenhaften Bilde gegenüber stumpf und empfindungslos. Eine völlige geistige und körperliche Erschöpfung war über ihn gekommen. Ruhig ließ er sich die Treppe hinab nach dem Wagen geleiten, der ihn rasch nach der Stadt entführte. Eine Stunde lang lagerte die tiefste Stille über dem Schlosse, denn alle Insassen waren stumm, und keiner wagte laut aufzutreten, als fürchte er, den Tobten in seinem Schlafe zu stören. Bald aber wurde es um so lauter und belebter. Kaum hatte sich in der Stadt die Nachricht verbreitet, daß der Baron von Altenbrück am frühen Morgen in seinem Blute schwimmend in dem Besuchszimmer aufgefunden worden sei, so erschienen dutzendweise die Boten der befreundeten Familien, die sich vorsichtig nach dem Befinden der gnädigen Herrschaft erkundigen sollten, oder erröthend fragten, ob Alles wohl sei? Meist empfing sie der rothe Johann, der in dem Tone eines Kastellans, welcher dieselben Merkwürdigkeiten seines Schlosses schon hundertmal vorgezeigt und erklärt hat, den Fragenden erzählte, daß er am Morgen die Kleider des gnädigen Herrn zur gewohnten Stunde habe holen wollen, aber die Thüre verschlossen fand. »Nun«, fuhr er dann in weinerlichem Tone fort, »ich dachte, der Herr' wird in den Garten gegangen sein, denn ein großer Blumenfreund war er all' seine Tage, und wenn er etwas Neues gepflanzt hatte, ging er oft schon am frühen Morgen im Schlafrock und den Filzschuhen in den Park, um zu sehen, ob das Bäumchen gedeihe. Wie ich nun über die Brücke gehe, die über den Zwinger führt, sehe ich durch das Fenster im Salon etwas Weißes auf dem Boden liegen, was dahin nicht gehörte, und wie ich näher zusehe, Sie können denken, wie ich erschrak, war es der Baron, der flach an der Erde liegt. ›Karl! Wilhelm!‹ rufe ich, ›den Herrn Baron hat der Schlag gerührt‹, denn wer denkt an einen Mord, wenn man selbst kein Mörder ist. Es steht ja geschrieben: ›wer Blut vergießt, dessen Blut soll vergossen werden‹. Die Anderen meinen, ich sei nicht bei Sinnen, weil ich verlange, sie sollten die Leiter bringen, wir müßten durch's Fenster einsteigen, weil Alles von innen verschlossen war. Ich hole also selbst die Leiter, die Anderen folgen mir, und ich steige nach dem Fenster hinauf und schlage die Scheibe ein, um zu öffnen. Ein Glück war es, daß ich mich dabei nicht schnitt und blutig machte, denn sonst hätte ich ja selbst in Verdacht kommen können. Aber wer denkt an so etwas in einem solchen Augenblicke. Kurz, ich steige ein, und die zwei Anderen hinter mir. Da sah ich denn, daß mein lieber Herr am Boden lag und hatte einen Stich im Halse, von einem Dolche, wie ihn die vornehmen Leute zu tragen pflegen. Der Geldschrank stand offen, wo viele Hunderttausende zu liegen pflegen, ein Stuhl war umgefallen, eine Fensterrosette lag an der Erde, als ob man da gekämpft hätte. In den Teppich hatten sie sich verwickelt, und da war der Herr zu Fall gekommen, und so war es geschehen, das sah man. Die Anderen wollten nun gleich den jungen Herrn holen, aber seine Thüre war verschlossen. ›Halt‹, sage ich, ›wenn all unser Laufen und Wehklagen ihn nicht von selbst herbeizieht, so ist da etwas nicht in Ordnung!‹ Der Kutscher aber läuft zu der anderen Thüre und will die aufschließen. Nun aber trat ich dazwischen und sagte: hier bleibt Alles, wie es ist, bis die Polizei da war. Wer hier etwas ändert, der macht sich selbst verdächtig. Das sahen denn auch die Anderen ein. Wir kehren also alle auf demselben Wege zurück, wie wir gekommen. Der Wilhelm bleibt im Hause, um es zunächst der Schwester der gnädigen Frau zu melden, was geschehen ist, der Kutscher läuft zum Arzte, und ich, so schnell mich meine Füße tragen, zum Polizeibureau. Der Commissär ging denn auch sofort mit mir. Das ist ein sehr geschickter Mann. Er rieth gleich auf den Rechten. Wir steigen also alle wieder durch das Fenster ein, und der Herr Commissarius constatirt sofort, daß alle Thüren von innen geschlossen sind, nur die des jungen Herrn von außen. Da überlief mich denn ein Schauder, wie ich sah, daß der Sohn den eigenen Vater getödtet hatte. Ich ging nicht mit hinein, das konnte ich nicht mit ansehen. Der junge Herr aber fiel in Ohnmacht, sobald er die Polizei erblickte. Und wie sah er aus, mit Wunden an den Händen und im Gesicht, und besudelt mit Blut, mit dem Blute seines leiblichen Vaters! Es ist schwer zu sagen für einen treuen Dienstboten, aber was wahr ist, ist wahr. Mit Absicht hat er es nicht gethan, sondern, wie der Herr Medizinalrath sagt, im Delirium. Warum trank er auch so viel, daß der Branntweinteufel über ihn kam! Nun, da haben sie ihn denn gleich mitgenommen, und nun sitzt er und das von Rechts wegen, denn es steht geschrieben: ›Du sollst Vater und Mutter ehren, damit du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr dein Gott gibt‹. Und das gilt nicht nur für die alten Juden, sondern auch für die jungen Freiherrn.« Für einen treuen Dienstboten sei das eine schwere Sache, pflegte er dann zu wiederholen, aber es könnte mancher daraus lernen, wie vergänglich die Erdengüter seien, denen der junge Mann nachgetrachtet, denn er habe seinen Vater offenbar bestehlen wollen, um mit dem Gelde nach Amerika zu gehen. Der rothe Müller betete diese Geschichte herunter wie eine Litanei, die er wörtlich auswendig wußte, und es war merkwürdig, zu sehen, wie seine Augen während seiner Erzählung unruhig hin und her gingen, als ob sie in den Zimmern umherspähten, ob etwa noch irgend eine Spur des Verbrechens aufzufinden sei. »Ein fataler Kerl«, dachte Mancher, der ihn so reden hörte, »man könnte denken, er selbst sei der Mörder, so scheu stehen ihm die Augen im Gesichte.« Während so Johann Müller plötzlich die Hauptperson im Schlosse geworden war, die den Polizeileuten Bescheid sagte, die Besuche empfing, und die Neugierigen abwies, lag die Herrin des Hauses in Krämpfen auf ihrem Bette, niedergeschmettert von dem Blitze, der sie von heiterem Himmel getroffen hatte. Ihr erstes Wort, als ihr ihre Schwester vorsichtig am frühen Morgen mittheilte, daß ein schweres Unglück ihren Gemahl betroffen habe, war der Ruf gewesen: »Nik soll kommen, wo ist Nik?« Tante Klara hatte sich darauf hinaus begeben, um ihren Neffen zu suchen, aber wie eine Wahnsinnige stürzte sie nach einer Weile wieder in die Stube und rief: »Soeben verhaften sie Nik! Er hat es gethan, oh, welch' ein Gräuel, welche Schande!« Das war zu viel für die schwache Frau. Sie fiel in heftige Krämpfe, und während ihre Kammerfrau und ihre Schwester sich um sie bemühten, rief sie fortwährend: »Oh, warum hat er ihn auch in's Gesicht geschlagen? Was brauchte er ihn zu schlagen vor allen Leuten. Ach, mein armes, armes Kind!« Ihre Schwester dachte für sich, sie wisse, warum Alles so habe kommen müssen. Sie hatte es stets gesagt, daß die falsche Stellung, in die Cäcilie sich hatte drängen lassen, schließlich sich rächen werde. Den armen Nik haßte sie, seit er auf ihr Heirathsproject nicht eingegangen war, und ihre Herzensmeinung war, daß nach dein Benehmen, das ihr Neffe seit Jahren angenommen, man auch über diese Unthat sich kaum mehr wundern dürfe. Unter solchen Umständen fand sie es sehr selbstverleugnend von sich, daß sie diese Gedanken, angesichts des Jammers, den sie hier vor sich sah, vorläufig in ihrem jungfräulichen Busen verschloß. Fräulein Valentine dagegen ließ sich bei der unglücklichen Tante überhaupt nicht blicken. In aller Stille reiste sie ab, um nicht, wie sie sich ausdrückte, in den Skandal verwickelt zu werden. Der Pfarrer und die Dienstboten mußten die nöthigsten Anordnungen treffen, bis endlich die verschiedenen Freundinnen der Baronin eintrafen und die Ordnung im Hause wieder herstellten. Endlich gab das Gericht auch die Erlaubniß, die Bestattung des Todten vorzunehmen, nachdem die Leiche zuvor nochmals einer genauen Besichtigung unterworfen worden war. Das Trauergefolge war eng beisammen. Die auswärtigen Verwandten hatten sich entschuldigt, und von den Bekannten in der Stadt lud die Baronin nur die Nächsten ein. Sie selbst aber schloß sich von der Feier aus. Sie zürnte dem Todten, in dem sie den Feind ihres einzigen Kindes sah, nicht dem Sohne, der nur in Geistesverwirrung gehandelt haben konnte. Nicht einmal den Geistlichen wollte sie empfangen Er hatte ihr ja stets Unrecht gegeben, hatte sich stets auf die Seite ihres Mannes geschlagen und es befürwortet, daß man Nik in schlechte Gesellschaft bringen müsse. Das waren nun die Früchte seines Systems; jetzt, da sie elend und krank war, wollte sie wenigstens mit seinem verhaßten Zuspruch verschont bleiben. In warme Decken gehüllt, kauerte sie in ihrem Lehnstuhle in ihrer Stube und hörte so durch die Thüre die mächtige Stimme des Predigers und die monotonen Formeln des Gebets. Sie seufzte, daß der alte Herr gar kein Ende finden könne, und Alles so in die Länge ziehe. Endlich rauschten die Schritte des Leichengefolges auf der Treppe. Sie hörte, wie man den Sarg in den Wagen schob, und die Thüre desselben zuschlug. Langsam und feierlich bewegte sich der Leichenzug an ihren Fenstern vorüber, während sie ihm mit starren, thränenlosen Blicken nachschaute. Nun erschienen auch die in tiefe Trauer gehüllten Freundinnen, vor Allem Klara und Friederike mit verweinten Augen und gerötheten Gesichtern. Sie erzählten, daß der greise Pastor sich sehr seltsam benommen habe. Er hatte in seiner Rede gebetet, Gott möge das Geheimniß dieser dunkeln Nacht erhellen, und das steinerne Herz des Thäters erweichen, daß er nicht einen Unschuldigen büßen lasse für seine Schuld. Er möge die Zunge der Zeugen lösen, daß jeder ohne Menschenfurcht bekenne, was er wisse, und was ihm aufgefallen, und dem Verbrecher den fest geschlossenen Mund aufbrechen, daß er sich verrathe wider Willen. Dabei habe er die Dienerschaft, die an der Thüre beisammen stand, so strafend angeschaut und fortwährend zu ihr gesprochen, so daß die Leute ganz verwunderte Blicke gewechselt hätten. Namentlich der redliche Johann habe erhitzt und zornig ausgesehen, als ob ihn die taktlose Rede entrüste. Auch das fanden die tröstenden Freundinnen merkwürdig, daß der Pfarrer vor der Beerdigung in das Gärtnerhäuschen gegangen sei, und bei der Blinden so lange verweilt habe, daß man nach ihm schicken mußte, weil die Versammlung auf ihn wartete. Dort habe man ihn wohl auf so seltsame Gedanken gebracht, denn die Glimms behaupteten noch heute, selbst wenn Nik den Mord gestehe, habe er ihn dennoch nicht verübt, er sei dessen gar nicht fähig. Die bleichen Lippen der Mutter bebten, und sie sagte leise: »Ach, und wäre es denn nicht möglich, daß sie Recht hätten?« »Aber Cäcilie!« rief ihre Schwester, und ihre Augen quollen mit einem bösen Ausdruck aus dem Gesichte, während die dicke Friederike mitleidig den Kopf wiegte. Die unglückliche Mutter aber verbarg ihr Gesicht in dem Spitzentuche und weinte auf's neue. Während die Frauen so in warmer Stube der Wittwe ein schwächliches Mitleid zollten, stand draußen auf dem herbstlichen Friedhofe der Sarg des Ermordeten über dem geöffneten Grabe, das vielleicht für immer über dem blutigen Geheimniß sich schloß. Traurig und trostlos sah hier Alles aus. Der Herbstwind trieb in kurzen Stößen die dürren Blätter über die Gräber, die Todtenkränze rauschten an den Grabsteinen, und zuweilen löste sich einer von seinem Kreuze und flog mit seinen schwarzen Bändern gleich einem Gespenste durch die Luft, bis er an der Ecke der Mauer neben der Thüre auf den kleinen Kindergräbern liegen blieb. Der Sturm heulte und stöhnte, und die theilnahmlos umherstehenden Bekannten des wenig beliebten Abgeschiedenen hielten mit den Händen Hut und Mantel fest, und dachten nur an baldiges Abkommen von dieser unerfreulichen Stätte. Fröstelnd standen sie auf den schweren, übermächtigen Granitplatten, die dafür gelegt schienen, damit die begrabenen reichen Leute nur ja drunten blieben und nicht wieder heraufkämen, um ihre Erben im Genusse ihrer Güter zu stören. Selbst die gewaltigen Rittergestalten, die von den alten, in die Dorfmauer eingefügten Grabsteinen dem trübseligen Schauspiele zusahen, schienen die Vergänglichkeit alles Erdenglanzes zu predigen, und ihre Hünengestalten spotteten der kümmerlichen Reste des Enkels, der hier bestattet ward, und der ihnen kaum zur Schulter reichte, falls er sich aus dem kleinen Sarge erhob. Wohin auch die anwesenden Freunde dieses ruhmvollen Hauses ihre Gedanken lenken mochten, es war Alles trüb und trostlos. Der letzte Sproß dieses alten Geschlechtes saß, während man hier den Vater beisetzte, verwirrten Geistes hinter Kerkermauern, des Mordes beklagt, und die kränkliche, verbitterte Wittwe im Schlosse grollte dem Todten, daß er den Sohn so weit gebracht, und sie der Stütze ihres Alters beraubt habe. Sollte da der Sturm nicht heulen und die Todtenkränze von ihren Kreuzen zerren! Nun aber erhob der greise Prediger noch einmal seine Stimme zu dem Gebete: »Herr, sende Licht in unsere Finsterniß!« Die Stimmung der Ungeduldigen wurde ruhiger, selbst der Wind legte sich, und als der Prediger den Segen sprach: »Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Euch, und gebe Euch seinen Frieden«, da brach durch das trübe Gewölke des Herbsthimmels ein Lichtstrahl, und nachdenklich, unter flüsternden Gesprächen kehrten die Teilnehmer zu den Wagen zurück, die sie in raschem Trab nach der Stadt entführten. Nur der alte Pfarrer schritt von dem ländlichen Friedhofe wieder dem Schlosse zu, aber nicht die Wittwe suchte er auf, die ihre egoistische Verbitterung für Trauer hielt, sondern zum Gärtnerhäuschen wendete er den Schritt, überzeugt, daß ihm dort manches Räthsel gelöst werden könne. Elfriede saß mit der Mutter allein, als der Pfarrer eintrat, denn Vater und Bruder hielten trotz Wind und Kälte draußen auf dem Kirchhofe aus, um die letzte Scholle auf den Sarg des armen, reichen Mannes zu werfen, mit dem ernst gemeinten Gebete, daß ihm die Erde leicht sein möge, nachdem ihm das Leben so schwer gewesen war. Vater Glimm trug es dem Todten nicht nach, daß er eine mehr als dreißigjährige Arbeit ihm mit Undank gelohnt hatte, sondern nahm bewegten Herzens von dem Grabe seines unglücklichen Herrn Abschied. Der greise Pfarrherr setzte sich einstweilen am Fenster bei Elfrieden nieder, die auf ihrem Schemel kauerte, während sie ihr blondes Köpfchen traurig an ihre Harfe lehnte. Sie sah bleich und niedergeschlagen aus, und hatte verweinte Augen. »Glaube, mein Kind«, sagte der Prediger, indem er freundlich ihre schlaff herabhängende Hand ergriff, »daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Wenn der junge Mann unschuldig ist, so wird diese Prüfung ihn zur Besinnung bringen, daß er seinem lasterhaften Treiben entsagt. Es war eine harte Schule, aber sie that noth. Der liebe Gott muß in einer kurzen Leidenszeit nachholen, was die vornehmen Eltern in langen Jahren an dem armen Jungen versäumt haben. Wenn man so sieht, wie eine Familie nach der andern ihre Kinder zu Grunde richtet, so begreift man die Blindheit dieser Leute nicht. Aber sie meinen immer, reich sein sei Alles.« Während dieser Worte traten der alte Glimm und Fritz ein. »Ich traute dem jungen Herrn nie viel Gutes zu«, nahm der Gärtner das Wort. »Ich kann ihm nicht vergessen, daß er mir immer die Knospen von den Nadelhölzern abpflückte, und keine Liebe hatte weder zu einem Menschen noch zu einem Thiere, aber das Alles hat er von dem Rothen gelernt, und wenn ich dem in seine unsteten Diebsaugen sehe, so will es mich immer bedünken, als ob er mehr wisse als er sagt.« »Er ist auch schon dreimal vernommen worden«, fügte Fritz hinzu, »und wir wunderten uns immer, wenn er wieder zurück kam und dann den Kopf plötzlich wieder hoch trug. Es wäre besser, wenn sie ihn dort behielten.« »Wie kommst Du auf den Verdacht«, fragte der Prediger, indem er über seine silberne Brille hinweg Fritz einen prüfenden Blick zuwarf. »Habt Ihr irgend etwas wahrgenommen?« »Er verkehrte wieder viel mit Nik in der letzten Zeit«, sagte Elfriede, die mit einem rührenden Ausdruck von hülfloser Trauer ihr verweintes Gesichtchen zu dem Greise erhob. »Ich hörte beide mehrmals in der Ferne eifrig sprechen, Müller frech und drohend, so daß ich seine Stimme zuerst gar nicht wiedererkannte, Nik bittend, fast weinerlich. Wenn Nik Böses gethan hat, so hat ihn Müller dazu verführt«, schloß die Blinde ihre Rede mit großer Energie, und ihre Augen nahmen den unruhigen, flirrenden Glanz an, der immer in ihnen aufleuchtete, wenn sie tief erregt war. »Noch ein Anderes will mir nicht aus dem Kopfe«, sagte nun der alte Glimm. »Vor drei Wochen kam ich in das Portierhäuschen, um die Zeitungen für den Baron zu holen, die der Rothe nicht gebracht hatte. Da sah ich Gedrucktes hinter einem Brette und zog es hervor, weil ich dachte, es seien die Journale, aber es waren vier Schriften über Amerika und ein Tarif für die Dampferverbindungen mit New York. Hm, dachte ich, wenn der nach Amerika will, muß man seine silbernen Löffel zählen, denn der geht nicht ohne ein Andenken. Und wozu versteckte er die Schriften und redete mit keiner Seele davon, daß er auswandern wolle, wenn er nicht etwas Geheimes im Schilde führte? Deshalb will mir's nicht aus dem Sinne, daß Müller mehr weiß von den tausend Thalern als der junge Baron, der keinen Grund hatte, seinen Vater umzubringen wegen des bischen Geldes. Der Rothe aber kann nicht nach Amerika ohne Reisegeld. Woher sollte er es aber nehmen, da die Löhne bei dem Herrn Baron nicht groß sind?« Die Blinde saß mit bleichem Angesichte da und verschlang jedes Wort, das der Vater sagte. »Bitte, retten Sie ihn", flehte sie dann zu dem alten Pfarrer. »Sprechen Sie mit dem Richter. Ich begreife nicht, daß Fritz so wenig Glauben an Nik's Unschuld hat." Der Pfarrer, dessen weiße Haare im Lichte des Fensters silbern erglänzten, strich ihr tröstend und beruhigend über ihr blondes Haupt. Aber er erwiderte nichts. Er blickte nur nach Fritz hinüber. Dieser hatte dem Gespräche schweigend und mit bekümmerter Miene zugehört, jetzt aber nahm auch er das Wort und sagte: »Wenn ich es mir recht überlege, so hatte Nik weder den Muth, noch die Kraft zu der furchtbaren That. Er mag auf räthselhafte Weise in die Sache verwickelt sein, das fürchte ich allerdings, denn die Zerrüttung seines Geistes deutet auf irgend einen schrecklichen Eindruck hin, der ihn völlig zerschmettert hat. Aber als ich ihn wenige Stunden vor dem traurigen Ereigniß im Garten sprach, machte er mir einen gedrückten, niedergeschlagenen Eindruck, den eines Knaben, der Alles über sich ergehen läßt, nicht den eines Mannes, der zu Allem entschlössen ist. Mit Johann ist das anders. Er war in den letzten Tagen stets erhitzt und aufgeregt. Er wußte sofort, durch welches Fenster man die Leiche des Barons sehen könne. Statt den Sohn zu wecken und durch dessen Zimmer einzutreten, zieht er es vor, die Dienerschaft beizuziehen und unter dem Vorwande, daß alle Thüren von innen verschlossen seien, durch's Fenster einzusteigen. Ein Beweis, wie sehr er Nik's Anblick scheute, sonst hätte er sich erst verlässigt, ob der Durchgang von Nik's Stube her nicht frei sei. ehe er die Scheiben einschlug. Dann läuft er selbst zur Polizei, und schwatzt dem Commissär die Ohren voll, so daß dieser mit einer völlig abgeschlossenen Ueberzeugung an die Untersuchung herantritt. Er hütete sich aber wohl, in das Zimmer von Nik mit einzutreten. Natürlich, Nik hätte ja auf ihn deuten können und rufen: ›Der ist der Mörder!‹ Denn daß Nik von der Sache wußte, ist nach der Erzählung des Medizinalraths leider sicher.« Der Pfarrer nickte zustimmend mit dem Haupte; Niemand redete, denn Alle dachten still darüber nach, was wohl zu thun sei. Wie in tiefen Gedanken verloren, griff die Blinde leise Akkorde auf ihrer Harfe, während der alte Pfarrer seine Brille abnahm und sie sorgsam reinigte. Endlich erhob sich Elfriede und sagte: »Fritz, Du mußt zu dem Richter und ihm das Alles vortragen. Du mußt auch Nik sprechen, Dir wird er sagen, was er Anderen verschweigt. Oh, wenn sie nur mich zu ihm ließen. Ich wollte bald Licht schaffen, blind wie ich bin.« Auch der Pfarrer stimmte bei. Fritz solle einen Versuch machen, zu dem Gefangenen durchzudringen. »Gehe, mein Sohn, ehe die Nacht anbricht«, sagte der Prediger. »Die Herren vom Gericht sind nicht allzulange auf ihrer Amtsstube zu finden.« »Ich gehe, wie ich bin«, erwiderte Fritz, indem er seine Hand tröstend auf die Elfriedens legte. »Mir selbst drückt es auf der Seele, daß wir nur ja thun, was irgend möglich ist. Das Ende legen wir in Gottes Hände.« Damit machte der wackere, junge Theologe sich auf den Weg. Am Thore fiel ihm auf, daß noch immer ein Schutzmann die Ausgänge bewachte, und ihn mit seinen Blicken verfolgte, als er so eilig den Weg nach der Stadt einschlug. Er aber beschleunigte seine Schritte, um noch vor Ablauf der Geschäftsstunden auf der Gerichtskanzlei einzutreffen. Siebzehntes Kapitel Als Fritz das düstere Amtsgebäude erreicht hatte und durch die dunkeln Gänge desselben dahinschritt, zog ihm der Gedanke das Herz zusammen, daß irgendwo in diesen kellerartigen Räumen der kränkliche, furchtsame und schreckhafte Jugendfreund hinter vergitterten Fenstern sitze, und unwillkürlich kam ihm die Sorge, ob der aufgeregte, phantastische Geist des Jünglings diese Eindrücke ohne Schaden überstehen werde, die selbst ihn, den Gesunden, beklemmten. Mit vor Aufregung zitternder Hand klopfte er an der Thüre, an der der Name des Untersuchungsrichters angeschrieben war. »Welch' furchtbare Verantwortung«, dachte er dabei, »liegt doch in den Händen eines solchen Mannes, dem das Leben eines Menschen und das Lebensglück einer ganzen Familie auf Gnade und Ungnade ausgeliefert ist!« Von innen ertönte jetzt ein barsches »Herein!« und Fritz sah sich alsbald einem hochgewachsenen, breitschultrigen jungen Beamten gegenüber, dessen Gesicht von zahlreichen Narben entstellt war, und der in burschikosem Tone nach seinem Begehren fragte. Als Fritz erklärte, er glaube in der Angelegenheit des Freiherrn von Altenbrück einige Angaben machen zu können, musterte der Beamte ihn schärfer, und mit einem gedehnten »So« setzte er sich auf die Kante eines Tisches und sagte: »Da schießen Sie los.« Fritz sah sich nach einem Stuhle um, als der Untersuchungsrichter aber diesen Blick nicht zu verstehen schien, begann er seine Erzählung. Er bestritt, daß Nik einer solchen That überhaupt fähig sei. Sodann machte er auf den geheimen Verkehr zwischen Nik und Johann Müller aufmerksam und sprach seine Ueberzeugung aus, daß der Letztere irgendwie bei der Sache betheiligt sei. Der Beamte lachte. »Wenn Sie sonst nichts zu sagen haben«, erwiderte er, »so hätten Sie mir die Zeit sparen können. Das weiß ich auch, daß dieser Müller dahinter steckt. Er hat den jungen Herrn zu dem verzweifelten Diebstahle getrieben, aus dem durch das unglückliche Erwachen des Alten ein Vatermord wurde.« Fritz erbleichte und sah den Richter mit dem Ausdrucke des tiefsten Entsetzens an, denn er glaubte, was dieser so leichthin mittheile, müsse nach Nik's eigenen Aussagen unwiderleglich feststehen. Der Beamte lächelte. Ihm war es schmeichelhaft, daß seine Mittheilungen solchen Eindruck auf Fritz machten, und so ließ er sich herbei, dem jungen Theologen seine scharfsinnigen Maßregeln des Näheren zu erläutern. »Ich nahm die rothe Kanaille genau in's Gebet«, sagte er in seiner rohen Weise, »und verlangte zu wissen, was er in den letzten Wochen fast täglich mit dem jungen Herrn zusammenzustecken hatte? Anfangs machte der Mensch Ausflüchte, als ich ihm aber sagte, ich würde ihn so lang hinter die Gitter stecken, bis ihm die Sache wieder einfalle, rückte er heraus, der Baron habe seine Schwester unglücklich gemacht und dafür habe er einen Schadenersatz von tausend Thalern für das Mädchen verlangt und habe gedroht, sich an die Eltern zu wenden, falls der junge Herr nicht zahle. Der habe bei verschiedenen Wucherern vergebliche Versuche gemacht, das Geld aufzutreiben, und habe immer neue Fristen erbettelt. Darüber und über nichts Anderes will er mit dem Barönchen gesprochen haben. Nun ist seine Schwester eine Dirne, die gar keine Ansprüche solcher Art zu machen hatte, und man muß schon, wie dieser junge Altenbrück, hinter der chinesischen Mauer eines Schlosses erzogen sein und von der Welt gar nichts wissen, um sich in einer solchen Hasenschlinge fangen zu lassen. Einen Augenblick dachte ich, ich wolle den rothen Hallunken, der durch seine Drohungen den jungen Mann in's Verderben gehetzt, festsetzen und ihm wegen Erpressung den Proceß machen, aber ich hätte dann meinen besten Zeugen verpufft. Ein gutes Bild, nicht wahr? Den Angeklagten als Hasen, den Zeugen als Schrot Nr. 5 gedacht«, und er lachte überlaut über seinen eigenen Witz. Als Fritz nicht einstimmte, fuhr er fort, indem er beide Hände behaglich in die Taschen steckte, und sein breites narbenreiches Gesicht zu einem plumpen Grinsen verzog: »Wissen Sie, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Reihe kommt auch an ihn; einstweilen aber handelt es sich darum, wo das Geld steckt, und das wird er leichter verrathen, wenn er sich draußen in scheinbarer Freiheit bewegt, als wenn wir ihn hinter Schloß und Riegel setzen. All' unser Suchen war nämlich bis jetzt umsonst. Bei dem Graben an dem alten Brunnen wurde nichts entdeckt als dieser Ring.« Mit diesen Worten nahm er aus einer Schublade den Goldreif, den der junge Theologe recht wohl kannte. Fritz nahm ihn in die Hand und sagte: »Es ist der Verlobungsring meiner Schwester, den ich am selben Abende in ihrem Auftrag dem Baron zurückbrachte.« »Donner!« fuhr der Beamte auf, »Sie wollten der Schwager des Herrn von Altenbrück werden?« »Nein, das wollte ich eben nicht«, erwiderte Fritz in abweisendem Tone, »Ich sagte, daß ich ihm den Ring zurückgab.« Nun schien dem jungen Juristen die Mittheilung verständlicher. »Ach so, Sie erkannten den Vogelleim. Ein wahrer Don Juan, dieser Altenbrück«, lachte er; als aber Fritz die Stirne runzelte, fuhr er ernster fort: »Nun also, der junge Herr hat das Alles zugegeben. Er gesteht, daß er alle möglichen Versuche gemacht habe, das Geld für die Müller aufzutreiben; er gesteht, daß er die Großmutter des Mädchens – auch eine schöne alte Vogelscheuche – noch am selben Tage nur dadurch an der Anzeige der Sache verhinderte, daß er ihr sofortige Zahlung von tausend Thalern versprach. An dem Verbrechen selbst aber will er natürlich unschuldig sein.« Fritz athmete auf und trocknete den Schweiß ab, der auf seiner Stirne perlte. »Gottlob«, sagte er. »Ja was gottlob«, spottete der junge Richter. »Sie wissen ja, daß die einzige Thüre, durch die man zu dem Schlafzimmer des Ermordeten gelangen konnte, die des Angeklagten war, daß beide sich haßten, daß der alte Baron sich sogar so weit vergaß, den Sohn vor versammelter Gesellschaft zu ohrfeigen, daß seine eigene Mutter ihn für schuldig hält, was wollen Sie da noch zu seinen Gunsten sagen?« »Daß er es dennoch nicht gethan hat«, erwiderte Fritz ruhig. »Seine Mutter war nur das Echo ihrer albernen Schwestern und Freundinnen, die den jungen Mann für einen Karl Mohr ansehen, weil er sich zuweilen betrank. Uebrigens kann ich Sie mit Bestimmtheit versichern, daß Frau von Altenbrück diese Meinung längst wieder aufgegeben hat, und jetzt felsenfest an die Unschuld ihres Sohnes glaubt.« Der Richter zuckte die Achseln, und Fritz fuhr fort: »Die Sache mit der leichtsinnigen Käthe Müller mag ihre Richtigkeit haben, der Pfarrer sagte mir davon, das Geld aber wollte ihr Bruder nicht für sie, sondern für sich, um nach Amerika auszuwandern.« »Nach Amerika?« fragte der Beamte. »Das wäre ein Novum. Woher wissen Sie das?« Fritz erzählte, wie sein Vater hinter Müller's heimliche Reisepläne gekommen sei, und setzte dann hinzu: »Wer von den drei Müllers das Geld hat, weiß ich nicht, aber der, der es hat, behält es und theilt nicht mit den Andern, dessen können Sie gewiß sein. Für Johann war diese ganze Geschichte sicher nur ein Vorwand.« Der Beamte ging ein paar Mal die Stube auf und ab. Dann sagte er: »Der Alibibeweis des Müller beruht nur auf dem Zeugniß seiner Familie. Man könnte immerhin die ganze Sippschaft einziehen, aber so bekommen wir das Geld nicht, das Müller allein der Mitschuld überführen könnte. Ich will noch ein paar Tage damit warten. Haus und Garten werden jetzt schon überwacht. Halten auch Sie die Augen offen. Vielleicht begeht der rothe Hallunke doch eine Unvorsichtigkeit, bei der wir ihn fassen können.« In diesem Augenblicke klopfte es leise an der Thüre. Der Richter rief ein donnerndes Herein, worauf ein schnauzbärtiger alter Diener erschien und sagte: »Ich melde gehorsamst, daß der gefangene Baron schon wieder Wein begehrt. Er ist aber schon ganz betrunken.« »Immer zu«, rief der junge Beamte. »Er mag sich um den Verstand trinken, aber gestehen soll er. Wenn das Elend über ihn kommt, werden wir die Wahrheit schon erfahren.« »Aber«, rief Fritz entrüstet, »heißt das die Gefangenen bessern?« »Bessern kann er sich im Zuchthause«, sagte der Jurist, »dort hat er Zeit genug; hier hat er nur zu gestehen, dann können Sie ihn bessern so viel Sie wollen.« Dabei lachte er, und baumelte, auf seinem Tische sitzend, mit den Beinen. »Aber Sie ruiniren ihm seine Gesundheit«, zürnte Fritz. »Wir sind auch keine Klinik, mein Bester«, höhnte der Andere. »Uebrigens hat er als reicher Mann das Recht der Selbstverpflegung. Ich heiße ihn nicht, sich betrinken, er thut es aus eigenem Antriebe.« »Wieder eines der gefährlichen Vorrechte der Reichen«, dachte der junge Theologe, aber die Rohheit dieses Menschen empörte ihn. »Erlauben Sie, daß ich den Gefangenen besuche?« fragte er unmuthig. »Mir wird er Alles sagen, verlassen Sie sich darauf. Er hatte keine anderen Freunde als mich und meine Schwester.« Der Beamte sah Fritz mit prüfendem Blicke an, dann nahm er Elfriedens Ring vom Tische und sagte: »Gut, bringen Sie dem Gefangenen diesen Ring. Erzählen Sie ihm, wo man ihn gefunden. Fragen Sie ihn, ob er ihn beim Graben im Garten verlor, und suchen Sie herauszubringen, wo das Geld steckt. Sie können sich ja erbieten, es ihm aufzubewahren. Bringen Sie ihn zum Reden, verstehen Sie. Es ist nicht schwer, denn er ist meist betrunken. Entweder er singt oder er schwimmt in Thränen. Lange wird er nicht mehr Stand halten, aber vor der Hand leugnet er noch immer.« Damit entließ er Fritz und gab dem Diener Befehl, den Herrn zu dem Gefangenen von Altenbrück zu führen, Fritz nahm den Ring an sich, ohne etwas zu erwidern, und schritt zur Thüre. »Gleich nachher kommen Sie wieder hierher«, rief der Mann des Gesetzes ihm nach. »Ich muß Alles zu Protokoll nehmen, was Sie erfahren.« So schritt denn der junge Theologe durch die langen finsteren Gänge, viele Treppen hinauf und wieder hinab, bis sie nach einem hohen Seitenflügel kamen, wo der Diener Halt machte. Es war schon ziemlich spät geworden, und fast dunkel in dem Gange. »Hören Sie nur, wie er schreit«, sagte der Amtsdiener. Aus einer Zelle erschallte ein heiseres Brüllen. »Es ist nicht schön und auch nicht angenehm, den eignen Vater zu ermorden«, sang eine abgeschrieene, weintrunkene Stimme. Ein eisiger Schauer überlief den jungen Mann. »Er ist wahnsinnig geworden«, sagte er. Der Gefängnißwärter öffnete, und Fritz trat mit ihm ein. Aber Nik saß im Dunkeln. Er sah nicht, wer da war. »Nun, bekomme ich noch Wein?« sagte er unwirsch, den Kopf wendend. »Nein, aber Gesellschaft«, erwiderte der Schnauzbart. »Einen Mitgefangenen«, lachte Nik höhnisch. »Hat er auch seinen Vater ermordet?« Bei diesen Worten erhob er sich taumelnd vom Tische, als er aber Fritz ganz aus der Nähe in das Antlitz gesehen, fuhr er entsetzt zurück, so daß er mit dem Rücken an die Wand stieß, und mit beiden Händen sich an sie ankrampfend, dort wie ohnmächtig kleben blieb. Der Wärter zündete gelassen das Licht an, das er mitgebracht, und verließ die Stube. Fritz erblickte eine geweißte Kammer, ein einfaches Bett, einen Tisch, auf dem eine Bibel lag, und zwei Stühle bei dem vergitterten Fenster. Auf dem Fenstersimse stand ein Glas und drei leere Flaschen. Nik schien sich indessen gesammelt zu haben. Der Freund trat auf ihn zu, und schaute ihm ernst in die Augen. Der Gefangene verzog sein bleiches Gesicht, er wollte lächeln, aber plötzlich fing sein Unterkiefer an zu zucken, und seine Lippen verzogen sich, als ob er mit dem Weinen kämpfe, dann stieß er heiser und mit sichtbarer Anstrengung die Worte hervor: »Glaubt Elfriede, daß ich der Mörder sei?« Seine Füße taumelten noch, aber in seinem Kopfe schien es plötzlich hell geworden zu sein. Fritz schaute ihn ernst an. Er überlegte einen Augenblick, ob es nicht gerathen wäre, den Trunkenen darüber im Zweifel zu lassen, damit er sich um so vollständiger ausspreche, aber Nik's Angesicht nahm immer mehr den Ausdruck qualvollster Seelenpein an, und mit einem Tone der Verzweiflung, der Fritz durch das Herz schnitt, rief er: »Sie glaubt es, sie glaubt es – sage die Wahrheit, glaubt sie es?« Da erfaßte Fritz ein tiefes Erbarmen, und mit ernster Herzlichkeit, die fast etwas Feierliches hatte, sagte er: »Nicht einen einzigen Augenblick hielt Elfriede Dich einer solchen That für fähig.« Wie ein Sonnenstrahl lief es über Nik's bleiches Antlitz, und Freude blitzte aus seinen Augen. »Dank Dir«, sprach er, »danke. Nun ist das Schlimmste vorüber. Wärest Du nicht gekommen, siehe, ich hätte mich in dieser Nacht getödtet.« »Warum verzweifelst Du am Leben, Nik, wenn Du frei bist von Schuld?« antwortete Fritz, indem er ihm wieder prüfend in die Augen sah. »Stehst Du wirklich ganz rein da vor Gott und vor Deinem Gewissen?« Nik erbleichte wieder und schlug die Augen nieder, dann versuchte er, Fritz fest anzusehen, aber es gelang ihm nicht. »Sei offen, Nik«, sagte Fritz, »Du hast in den letzten Tagen viel mit dem Rothen verkehrt, und Du weißt, daß Dir nie etwas Gutes aus diesem Verkehre erwachsen ist.« Wieder würgte sich Nik mit seinem Schmerze; wieder zuckte es um seinen Mund, als ob er im nächsten Augenblicke in Thränen ausbrechen werde. In dem ersten Verhöre, nachdem man ihn hier eingebracht, hatte er trotz seiner Geistesverwirrung mit der Schlauheit eines Irrsinnigen die Auslieferung der Schlüssel an Müller verschwiegen. Auch jetzt konnte er sich nicht entschließen, eine Uebereilung einzugestehen, die ihn zum Diebsgenossen stempelte, ja ihn als mitverantwortlich an dem Morde des Vaters erscheinen ließ. Sich hart an Fritz vorüberdrängend, warf er sich auf einen der beiden Stühle bei dem Tische und sagte dumpf vor sich hin: »Ich weiß von nichts.« Fritz setzte sich an das andere Ende des Tisches und sprach: »Du hattest dem Rothen das Geld versprochen. Du mußt wissen, wo es geblieben ist.« Nik trommelte mit den Fingern auf dem Tische, und sagte zornig: »Nein, ich weiß es nicht.« »So«, erwiderte Fritz in vorwurfsvollem Tone, »dann will ich Dir etwas zeigen, was Du beim Graben im Garten verloren hast.« Nik blickte befremdet auf. »Unter den Tannen«, fuhr Fritz ruhig fort, indem er in der Tasche nach dem Ringe suchte, »im Reiche der Brunnenfrau, wie Du sagen würdest, fanden sie dieses«, und er schob Nik Elfriedens Ring hin. Nik betrachtete den kleinen goldenen Reif und fuhr alsbald in convulsivischem Schrecken zusammen. In unsinnigem Entsetzen sprang er auf, und sich gegen die Wand stemmend, rief er: »Wieder schickt sie ihn mir, zum dritten Male! Sie läßt nicht von mir.« Der junge Theologe dachte, er ist verrückt geworden. Theilnehmend faßte er ihn an der Hand und zog ihn nach seinem Sitze. »So erzähle doch«, sagte er, »was ist denn geschehen, seit ich Dir bei dem Altar diesen Ring zurückbrachte?« Aber Nik fuhr fort zu zittern. Dann sagte er leise: »Ich gab als Knabe den Ring der Psyche am breiten Gange; er verschwand und kam bei der Brunnenfrau wieder zum Vorschein. Ich gab ihn Deiner Schwester, aber er haftete nicht an ihrer reinen Hand. – Am Altar brachtest Du ihn mir wieder. Da sah ich ein, daß die Brunnenfrau ältere Anrechte an mich habe, und um Mitternacht warf ich ihn in die Cisterne und verlobte mich feierlich der weißen Frau. Sie stieg greifbar vor mir auf; sie war mir so nah wie Du hier« ... »Unsinn«, erwiderte Fritz. »Es war nebelig an jenem Abende. Auch ich sah die Wolke, als ich Dich verließ.« »Warte nur«, schrie Nik ungeduldig. »So habe ich sie noch nie gesehen, wie damals. Als ich nach ihr greifen wollte, entwischte sie mir, aber sie jagte vor mir her, schließlich war sie verschwunden, aber als ich auf den breiten Gang kam, was glaubst Du, daß ich da sah?« Fritz zuckte ungeduldig die Schultern. »Die Gestalt der Psyche war herabgestiegen von ihrem Postamente. Sie stand ruhig an der Erde und blickte vor sich hin, als suche sie etwas. Diesen Ring suchte sie.« »Er ist irrsinnig geworden«, dachte Fritz auf's neue. »Die Figur konnte doch nicht von selbst herabsteigen«, rief er aus. »Warum tratest Du nicht näher, um Dich zu überzeugen, ob das Mondlicht Dich nicht täuschte?« »Der Mond war schon hinunter«, erwiderte Nik. »Auch graute es mir. Ich weiß kaum, wie ich auf mein Zimmer gekommen bin. Dort schlief ich in dem großen Lehnstuhle vor Ermüdung ein. Ich weiß nicht, wie lange ich da gesessen habe, aber plötzlich tappte mir eine kalte Hand in das Gesicht. Ich fuhr auf und sah am Fenster etwas Weißes hin- und herwallen. Da sagte ich wie Du, es ist der Nebel, stand auf und machte Licht. Aber ich fühlte wohl, wie die kalte Hand mir wieder gegen meinen Nacken griff. Wieder sage ich, es ist ja nur der Nebel, und rasch entschlossen wende ich mich um, um das Fenster zu schließen, da steht sie riesengroß mit ausgebreiteten Armen vor mir und bewegt sich mir entgegen, um mich zu ergreifen. Ich fühle noch, wie mein Haar sich sträubt, wie mein Blut zu Eis gerinnt, dann stürze ich zusammen. Aber mitten in dem Starrkrampf sah ich, wie sie sich über mich beugte. Sie grinste mich höhnisch an. Bald war sie verschwunden, bald kam sie wieder näher und näher. Ich wollte um Hülfe rufen, aber es war kein Laut in meiner Kehle. Immer war sie über mir, bald warf sie mir entsetzliche Blicke zu und sagte mit funkelnden Augen: ›Dieb, Dieb!‹« Fritz horchte befremdet auf und sah Nik prüfend an. Dieser aber beachtete den Blick nicht und fuhr unbefangen fort: »Dann streichelte sie mich wieder mit ihrer kalten Hand und wollte mich küssen. Aber sobald sie mir ganz nahe gekommen, zog sich ihr weißes Gesicht in die Länge und es zerfloß wie Nebel, Endlich hörte ich Geräusch, es klopfte, man rief mich. Ich wollte mich ermannen, aber der Starrkrampf lähmte jede Bewegung. Dann fühlte ich einen scharfen Geruch, der mir prickelnd in das Gehirn aufstieg, ich empfand einen Schmerz am Herzen und erwachte. Da waren sie, mich zu holen. Das Weitere weißt Du.« Er schwieg und sah traurig vor sich hin, aber die Weindünste schienen nun gänzlich verflogen. »Warum glaubst Du«, fragte Fritz in tiefem Ernste, »daß das Gespenst Dich Dieb nannte?« Nik fuhr zusammen. Er wollte etwas sagen, dann aber zuckte er unmuthig die Schulten: und erwiderte: »Ich weiß es nicht.« »Bitte, Nik«, sagte Fritz, »erleichtere Dein Gewissen. Sage mir Alles. Ich will schweigen, wenn Du es verlangst, aber ich kann Dir nur helfen, wenn Du ganz offen bist.« Nik schüttelte trübe den Kopf. »Mir kann Niemand helfen«, sagte er. »Beobachtet den rothen Müller«, fügte er dann nach einer Weile leise hinzu. »Das ist das Einzige, was Ihr für mich thun könnt.« »Hast Du denn keine bestimmten Verdachtsgründe gegen ihn?« fragte der Freund, Nik schwieg wieder eine Weile, dann sagte er leise: »Nein.« Der junge Theologe erhob sich betrübt. Er sah, daß er heute nichts aus dem Gefangenen herausbringen werde. »Aber«, so dachte er bei sich, »Eines ist tröstlich, die Brunnenfrau sagte ›Dieb‹, sie sagte nicht ›Mörder‹.« Er schwankte sogar einen Augenblick, ob er nicht Nik auf dieses indirecte Geständniß hin geradezu des Diebstahls bezichtigen solle. Schließlich sagte er jedoch zu sich selbst: »Nein, noch ist er verstockt; wenn die öffentlichen Verhandlungen näher rücken, wird er schon einsehen, daß gerade sein Schweigen ihn in's Verderben stürzt.« Dennoch stand er zögernd, ob er bleiben, oder gehen solle, nach kurzer Erwägung aber griff er nach seinem Hute, und reichte Nik die Hand. Dieser nahm sie lässig und müde, aber plötzlich sprang er auf, warf sich Fritz an die Brust, bedeckte sein Gesicht mit Küssen, und brach in Thränen aus. »Bitte, sage die Wahrheit«, flehte Fritz. »Jetzt nicht, heute nicht. Komme wieder, dann wollen wir berathen. Aber glaube mir, ich war es nicht, ich wußte es auch nicht, ich habe auch das Geld nicht. Ich bin nicht so schuldig, wie Ihr denkt.« Fritz zögerte, aber Nik drängte ihn jetzt selbst gegen die Thüre und klopfte dem Wärter. Dieser trat auch sofort ein; es schien fast, als ob er gehorcht hätte. Noch einmal reichten sich die Freunde die Hand, und in tiefen Gedanken kehrte Fritz den Weg zu der Stube des Untersuchungsrichters zurück. Dieser empfing ihn in derselben burschikosen Weise wie zuvor. »Nun, Herr Pfarrer, hat er gebeichtet?« redete er den jungen Theologen spöttisch an. Fritz setzte sich erschöpft auf einen Stuhl und sagte: »Er lag in jener Nacht im Starrkrampfe. Es ist wohl möglich, daß der Mörder seine Ohnmacht benutzte, um durch seine Stube einzudringen.« »Dann sagen Sie mir, Verehrter«, erwiderte der Richter höhnisch, »wodurch er in Starrkrampf fiel? Er ist kein Epileptiker, ich habe seinen Hausarzt befragt, auch litt er nie an Ohnmachten.« »Aber er war stets ein Phantast und abergläubisch wie ein Köhler«, sagte Fritz. »An jenem Abende hatte er das Brockengespenst gesehen. Er kam aufgeregt aus dem Garten zurück, wo er sich schon mit allerlei Hirngespinnsten herumgeschlagen hatte. Er sah dort den Nebel für die weiße Frau an; er behauptet, die Figur der Psyche auf dem breiten Gartenwege sei von ihrem Postamente herabgestiegen, und ähnliches ungereimtes Zeug. Als er sich dann in seiner Stube Licht machte und das Fenster schließen wollte, sah er seinen eigenen Schatten auf dem quirlenden Nebel draußen für das Schloßgespenst an. Da er sich mit ausgebreiteten Armen, um die Fensterläden zu schließen, hinausbeugte und das Licht hinter ihm stand, beugte natürlich die Schattengestalt sich ihm entgegen, er aber glaubte, sie wolle ihn umarmen, und fiel, überreizt wie er war, in Ohnmacht. Diese Zeit benutzte der Verbrecher, um durch seine Stube einzudringen.« »Nein, Verehrter«, erwiderte der Richter. »Das Verbrechen fand bald nach elf Uhr statt, denn um diese Zeit heulte der Hund des Barons und kratzte wie verzweifelt an der Thüre. Der junge Baron aber behauptet, er sei erst nach Mitternacht heimgekehrt.« »Nun, dann ist er es ja um so weniger gewesen«, erwiderte Fritz. »Behauptet, sage ich«, widerholte der Beamte. »Er hat allerdings nach der That sich wieder in den Garten begeben, um die Spuren seines Verbrechens zu vertilgen und das Geld zu verbergen. Denn das soll er einem Andern weismachen, daß er bei dieser Jahreszeit zu seinem Vergnügen bis Mitternacht im Garten gesessen habe.« Fritz erbleichte. Ihm war schon damals aufgefallen, wozu Nik denn um so späte Stunde sich noch im Garten herumtreibe? »Entweder«, fuhr der junge Jurist fort, »rückt er mit dem Geständniß heraus, wo er bis zwölf Uhr gewesen, oder gibt einen vernünftigen Grund an, warum er im Garten geblieben; wenn nicht, so nehme ich an, er war auf seiner Stube und ging erst nach dem Morde in den Garten, um das Geld bei Seite zu schaffen. Dann ist Alles klipp und klar, und ich brauche keine weiße Damen, Brunnenfrauen und Brockengespenster.« »Wohl«, sagte Fritz traurig, »aber der Arzt hatte doch auch den Eindruck, daß er sogar bei seinem Erwachen noch Geister sah.« »Kann sein«, erwiderte der Richter, indem er die Achseln zuckte. »Der junge Mann ist kein verhärteter Sünder, im Gegentheil ein Gemüth wie Butter, nur ruinirt durch den Wein und die Frauenzimmer. Er mag das Ganze im Delirium gethan haben, wie der Doktor meint, und als ihm dann klar ward, er habe einen Vatermord verübt, möglich daß da die Furien ihn ergriffen, daß er sich mit Banko's Geist herumschlug, und die Statuen von den Postamenten stiegen, um ihn zu verfolgen. Nur mit Starrkrampf und solchen Geschichten bleiben Sie mir vom Leibe. Meine Leute sahen deutlich, daß er sich noch regte, als sie eindrangen.« Fritz war tief niedergeschlagen und wagte nicht zu widersprechen. »Wo war Müller um elf Uhr?« fragte er nach einer Pause. »Bei seiner Großmutter und Schwester, um ihnen Bericht zu bringen, daß der junge Herr zahle. Die beiden Weibspersonen sind bereit, es zu beschwören.« Fritz schüttelte nachdenklich den Kopf. »Also sonst haben Sie nichts ermittelt?« fragte der Richter. »Er versichert seine Unschuld«, erwiderte Fritz, »aber in seinen Beziehungen zu Müller ist auch für mich noch ein dunkler Punkt.« »Hic haeret aqua«, erwiderte der Andere. »Wenn Sie sich getrauen, das aufzuhellen, so können Sie morgen noch einmal zu ihm gehen. Ich werde Befehl geben, Sie einzulassen. Wir müssen durchaus herausbringen, wo das Geld verblieb. Hätte der Rothe dasselbe wirklich erhalten, so würde ich ihn natürlich als Anstifter einziehen.« Fritz dankte für die Erlaubniß, Nik nochmals sehen zu dürfen, und kehrte in tiefem Sinnen nach Hause zurück. Dort erzählte er Elfrieden jedes Wort, das er mit Nik gesprochen. Sie weinte leise vor sich hin. »Wie glücklich bin ich«, sagte sie, »daß ich mich nicht getäuscht. Du wirst sehen, daß er unschuldig ist.« Als Fritz am folgenden Morgen wieder bei Nik eintrat, saß derselbe lesend am Tische. Er hatte Elfriedens Ring am Finger, und die Bibel lag aufgeschlagen vor ihm. »Du hast Dich an die rechte Quelle des Trostes gewendet«, sagte Fritz, als er Nik's Beschäftigung sah, und mit Vergnügen gewahrte, daß dieses Mal keine Weinflasche zur Hand war. Der bleiche Gefangene schlug die überwachten, roth geränderten Augen zu dem Besucher auf und lächelte: »Ich wundere mich, daß Du es für erlaubt hältst, aus der Bibel sich Orakel zu holen. Von Dir habe ich diesen Aberglauben gelernt.« »Ich habe die Ueberzeugung«, sagte Fritz ruhig, »daß jedes dieser Worte zu unserer Belehrung und Heiligung geschrieben ist. Was sollte also Böses dabei sein, sich für jeden Tag hier eine Losung zu holen? Schon oft ist eine solche Tageslosung mir ein Stern gewesen in dunkler Stunde.« »Nun gut«, erwiderte Nik, »ich suche diesen ganzen Morgen Antwort auf die Frage, welches mein Schicksal sein wird, aber die Losungen widersprechen sich, und eine straft die andere Lügen.« »Das heißt das Wort mißbrauchen«, zürnte Fritz. »Nicht heidnische Orakel sollst Du hier suchen, sondern Losungen für Dein Leben. Was Dein Schicksal sein wird, muß Dir Dein eigenes Gewissen verkünden.« Nik schlug das Buch zu. »Gut, so wollen wir es lassen. Leider sagt mir mein Gewissen weniger als Du meinst«, setzte er dann trotzig hinzu. »Du wolltest mir gestern noch etwas mittheilen, Nik«, sagte Fritz ernst. »Hast Du heute Dein Herz wieder zugeschlossen, das Du gestern mir zu öffnen im Begriffe warst?« »Das, was ich zu sagen habe«, sprach Nik, trüb vor sich hin sehend, »würde die Sache nur verwirren, mich sogar ungerecht belasten, und beweisen könnte ich es doch nicht. Es würde als ein halbes Geständniß ausgelegt werden, und der einzige Zeuge, den ich habe, würde mich Lügen strafen, da er selbst der Thäter ist. Kann man mich verurtheilen auf das hin, was gegen mich vorliegt, so würde man es nach meiner Mittheilung erst recht können. Muß man mich freisprechen, so habe ich jene Mittheilung besser nicht gemacht, da sie mich ganz ungerechtem Verdachte preisgibt. Ist Alles zu Ende, dann will ich Dir sagen, was ich noch zu sagen habe, wenn Du mir schwörst, es treu zu bewahren wie eine Beichte.« Fritz schüttelte ernst das Haupt. »Aus dem Allem«, sagte er, »geht hervor, daß Du bis zu einem gewissen Punkte Dich schuldig fühlst, wenn Du auch die tragische Wendung nicht voraussahst.« Nik neigte leise das Haupt, als ob er diese Frage bejahe. »So wirf doch das Geheimniß von Deiner Seele«, rief Fritz dringend. »Es liegt wie ein Stein auf Dir, und erdrückt Dich. Du wirst erst wieder athmen können, wenn Wahrheit ist zwischen Dir und Deinen Brüdern!« »Nein«, sagte Nik traurig. »Ich sagte Dir, daß die Sache dadurch nicht heller wird, sondern dunkler.« »Mir ist schon jetzt nichts mehr dunkel«, erwiderte Fritz streng. »Warum nannte die weiße Frau, die Ausgeburt Deines bösen Gewissens, Dich einen Dieb? Mörder nannte sie Dich nicht, aber einen Dieb!« Nik erbleichte. Er fühlte, daß er sich unbewußt bereits verrathen habe, und stützte beschämt sein Gesicht in beide Hände. Und wieder mahnte Fritz in herzlichem Tone: »So erleichtere doch Deine Seele, mein armer, armer Freund! Gestehe, nimm Deine Strafe auf Dich! Oh, wenn Du wüßtest, welche Wohlthat dem kranken Herzen die Sühne ist, welcher Balsam, welcher Trost! Du würdest es bald empfinden, daß die Strafe nur ein Gegenreiz ist, der den viel schlimmeren Seelenschmerz ablenkt, das Aetzmittel, das die Wunde reinigt. Gewiß, Nik, es ist ein Geheimniß dabei. Der Sünder soll leiden, der Christ will leiden, er freut sich, daß er leiden darf. Dein wundes Gewissen wird nie ausheilen, wenn Du Dich einer Strafe entziehst, die Du verdient hast. Was daraus wird, wenn Du bekennst, das überlasse Gott, er ist barmherzig, und wird Dich schon wieder auf die Füße stellen, wie tief Du auch gefallen sein magst.« »Fritz, lieber Fritz!« rief Nik, und Thränen standen ihm in den Augen, »oh, wenn Du wüßtest, wie Du mein Herz zerreißest, wie ich Dich liebe, Dich und Elfrieden. Aber ihr versteht mich nicht. Ich will ja Strafe erdulden, ich will ja leiden, obwohl ich nicht schuldig in Deinem Sinne, und auch in Deinem Sinne kein Christ bin. Was über mich kommen soll, wird kommen. Ich weiß, es waltet ein böser Stern über mir. Diesen Ring, den ich am Finger trage, habe ich einst mit Gold ausgelöst, das ich meiner Mutter entwendete. Darum läßt mich die, die ihn mir wieder schickte, als Dieb enden.« Er schaute mit einem ängstlichen Ausdruck hinter sich, als ob ihm wieder ein Schauder über den Rücken kröche. »Sie wollte keine gestohlenen Gaben«, flüsterte er. »Auch Psyche, mit der ich mich zuerst verlobt, stieg von ihrem Postamente, um mich zu verfolgen. Der Rothe ist nur ihr Werkzeug. Ich soll zu Grunde gehen, sie läßt mich nicht los. Auch diese Nacht war sie da. Oh, sie sind fürchterlich, diese Nächte!« Nik sagte das Alles leise und schnell vor sich hin. Er war bleich, und seine Lippen bebten. Fritz schaute ihm in die Augen und erschrak. Es waren die Augen eines Irrsinnigen. Der Wein des Untersuchungsrichters, die Aufregungen, die Einsamkeit, hatten ihr Werk vollbracht. Aber so sehr den jungen Mann schauderte, er bezwang sich und gab auf all' die wirren Reden keine Antwort, sondern, indem er zu seinem Hute griff, sagte er ruhig: »Also der rothe Müller ist der Mörder?« Der Gefangene fuhr erschrocken auf, dann nickte er lebhaft mit dem Kopfe, während seine Augen gegen die Thüre abirrten, ob nicht irgend Jemand das verhängnißvolle Wort gehört habe? »Ihr wolltet den Vater bestehlen, und Müller tödtete ihn, weil er euch überraschte«, sagte Fritz. »Ich nicht«, flüsterte Nik. »Ich nicht. Ich war nicht dabei, Müller war es allein.« »Aber warum redest Du denn nicht, Unglücksmensch!« rief Fritz außer sich. »Ich will leiden, ich muß leiden«, sagte Nik. »Sie will es«, er sah stier mit allen Zeichen des Entsetzens nach der Wand. »Bleibe da, siehe hier kommt sie wieder.« Fritz ergriff bei diesem offenbaren Ausbruche des Wahnsinns ein Schauder. Er beschloß, alsbald die Verbringung des Kranken in ein Spital zu verlangen, und klopfte dem Beschließer. Auch heute war derselbe sofort zur Stelle. Der junge Theologe sagte ihm, er möge bei dem Kranken bleiben, und obwohl Nik ihm hastige Zeichen machte, er wolle den Wärter nicht, ließ er beide allein, um den Untersuchungsrichter aufzusuchen. Dieser saß heute auf einem hohen Schreiberbock an seiner Arbeit, und ohne denselben zu verlassen, drehte er sich gegen den Eintretenden und fragte: »Nun?« »Ihre Methode hat gewirkt«, erwiderte Fritz bitter, »Baron von Altenbrück ist wahnsinnig geworden.« »Pah«, rief der junge Mann, seinen Bart drehend. »Ein wenig Delirium. Das geht vorüber. Hat er Ihnen nichts anvertraut?« »Er beschuldigt Johann Müller«, erwiderte Fritz. »Der in der Stunde der That gar nicht im Hause war«, sagte der Beamte kalt. »Das alte Weib und die schlechte Dirne können lügen«, rief Fritz zornig. »Möglich, aber wie kam Müller dann durch das Zimmer des jungen Herrn in die Wohnung des Barons?« fragte der Andere. »Er kann des jungen Freiherrn Schlüssel gestohlen oder gefunden haben«, meinte Fritz. »Er kann, und kann und kann; das Alles sind Möglichkeiten, aber keine Beweise«, sagte der Richter grob. Der junge Beamte war zu weit gegangen gegen den Angeklagten, nun wollte er nicht Unrecht haben. Nik sollte schuldig sein. »Ich muß darauf bestehen, daß der Gefangene in das Spital verbracht wird«, erwiderte Fritz heftig. Der Jurist schaute ihn hochmüthig von der Seite an. Dann erwiderte er kalt: »Zu einem solchen Antrag sind Sie nicht legitimirt. Seine Mutter kann bei dem Oberlandesgericht derlei Wünsche vortragen. Ihnen steht das nicht zu.« »So lassen Sie mich ihn wenigstens so lang pflegen«, rief Fritz glühend vor Entrüstung, »bis die Sache entschieden ist.« »Im Gegentheil«, erwiderte der Beamte, »bei Ihrer Parteinahme für den Gefangenen, muß ich Ihnen den weiteren Zutritt zu ihm verbieten.« »Sie wollen ihn also an Leib und Seele zu Grunde richten?« rief Fritz entrüstet. Dem jungen Richter schoß bei diesem Vorwurfe das Blut in den Kopf, und sein von Schlägerhieben zerfetztes Gesicht verzerrte sich. Er sprang von seinem Sitze herab, riß die Thüre auf und brüllte: »Hinaus! Sie haben hier überhaupt nichts weiter zu suchen, bis ich Sie als Zeugen vorführen lasse! Verstanden!« Fritz selbst war es nun leid, daß er sich von seiner Hitze hatte hinreißen lassen. Aber er war noch allzu erregt, um sich zu entschuldigen. Vielmehr verließ er hoch aufgerichtet die Stube des rohen Burschen und begab sich hinüber in das Schloß, um mit der Baronin wegen einer Eingabe an das Gericht Rücksprache zu nehmen. Freilich konnte eine solche im besten Falle erst nach Tagen Nik in bessere Umgebung bringen, und wer konnte wissen, ob es dann nicht zu spät war. Achtzehntes Kapitel Die verwittwete kleine Baronin war eine seltsame Frau. All' die Jahre hatte sie am hellen Tage Gottes lieben Sonnenschein nicht sehen wollen, weil ihr Mann ihr im Lichte stand, jetzt, da nach der Meinung der Welt die Nacht der Trübsal über sie hereingebrochen war, lebte sie in einer gewissen Vergnüglichkeit dahin und sah Alles in rosigster Beleuchtung. Das Mißverständniß mit Nik mußte sich demnächst aufklären; Nik würde zu ihr zurückkehren, ein neuer Mensch werden, und sie würden dann zusammen auf dem Schlosse all' die entzückenden Einrichtungen treffen, an deren Ausführung sie bisher nur durch die Tyrannei ihres grimmen Ehevogtes verhindert worden war. Sobald sie sich von der ersten Bestürzung wieder erholt hatte, ging sie mit verhältnißmäßigem Frohsinn an die Ordnung ihrer neuen Verhältnisse, und setzte allen theilnehmenden Besuchern mit solcher Fröhlichkeit auseinander, wie sich nunmehr in ihrem Hause Alles herrlich und schön gestalten solle, daß diese den Eindruck hatten, die Erlösung von ihrem Ehejoche mache die thörichte Frau so glücklich, daß sie nicht einmal im Stande sei, das schwere Unglück ihres einzigen Kindes ernsthaft zu nehmen. In der That war sie viel zu albern und zu egoistisch, um sich ihre schwere Lage anders zu erleichtern, als mit dem einfachen Mittel, daß sie so wenig als möglich an dieselbe dachte. Für Niemanden war das kindische Gebahren und die rosigen Erwartungen der so rasch getrösteten Wittwe eine stärkere Reizung und Herausforderung, als für das altjüngferliche Gemüth ihrer Schwester Klara, die sich verpflichtet fühlte, die arme Cäcilie darauf vorzubereiten, daß Nik wahrscheinlich würde hingerichtet, jedenfalls zu lebenslänglicher Einsperrung verurtheilt werden. So geschah es denn, daß die beiden, langjährigen Verbündeten, die gegen den verstorbenen Freiherrn so treulich zusammengestanden hatten, sich nunmehr so gründlich veruneinigten, daß sie nicht mehr gemeinsam speisten, überhaupt gesonderte Wege gingen, und Tante Klara in eifriger Correspondenz mit ihrer Nichte Valentine sogar ihre Uebersiedelung nach der Residenz betrieb. Aber auch die anderen Freundinnen hatten der armen Baronin immer nur neue Beweise für Nik's Schuld vorzutragen, im besten Falle vertrösteten sie ihre theuere Cäcilie auf die öffentlichen Verhandlungen, die die volle Wahrheit an das Licht bringen müßten. Darüber kam es denn auch mit ihnen fast zum Bruche. Denn so verschroben die thörichte Frau auch war, ihr Mutterherz war doch so weit noch gesund genug, sich aus diesem trostlosen Gerede ihrer Intimen lieber nach dem einfachen Gärtnerhäuschen zu flüchten, wo Menschen wohnten, die an Nik's Unschuld glaubten, die etwas für Erleichterung seiner Lage thaten, und mit denen Nik selbst am meisten verkehrt hatte. Die Gärtnersfamilie saß jetzt wieder Abend für Abend vor ihrem Hause, denn das Wetter war mild und freundlich geworden. Auf die trüben Herbsttage war ein warmer Nachsommer gefolgt, und die Oktobersonne lag golden auf den Abhängen des Stromthals, das in buntem, herbstlichem Blätterschmucke prangte. Auch heute trippelte die Baronin hinüber, um sich von Fritz berichten zu lassen, wie der Präsident des Oberlandesgerichtes die Eingabe aufgenommen habe, die sie zusammen ausgearbeitet hatten. Fritz hatte demselben persönlich vorgetragen, welchem Verfalle der junge Gefangene bei der Behandlung seines Untersuchungsrichters entgegen gehe. Der alte Herr nahm seine Vorstellungen nicht nur freundlich auf, sondern zeigte sich auch sehr entrüstet über das rohe Verfahren des jungen Richters. In warmen Worten ließ er der unglücklichen Mutter seine innigste Theilnahme bestellen, und sie versichern, daß ihren Beschwerden sofort abgeholfen werden solle. Die Baronin war aufgelöst in Dank gegen Fritz und drückte ihm immer wieder seine großen, rothen Hände, während Frau Glimm und Elfriede sie versicherten, wie gern Fritz sich der Sache annehme, und wie es sich doch von selbst verstehe, daß er für seinen Freund thue, was möglich sei. Die Kündigung der Gärtnerstelle hatte die Baronin natürlich schon längst zurückgenommen, und so vertiefte sie sich mit dem alten Glimm in ein Gespräch, welche Aenderungen in der Verwaltung des Gutes vorgenommen werden müßten, um seinen Ertrag zu steigern. Da war denn Vater Glimm in seinem Elemente. Er zeigte der aufmerksam zuhörenden kleinen Frau, wie sich Alles wohlfeiler einrichten lasse. Statt Wein zu bauen, der nur alle drei Jahre reif werde, solle sie die Rebberge in Ackerland umwandeln, die Gartentrauben verkaufen, statt sauern Wein zu keltern, die Steine könne man selbst gewinnen, wenn man einen Steinbruch anlege, den Sandbruch und die Lehmgrube müsse man verpachten, kurz, sie solle alles das thun, was der Freiherr aus Hochmuth und aus Rücksicht auf seinen Stand unterlassen hatte. Die kleine Frau verstand von all' dem wenig, aber sie hörte doch eifrig zu, und es that ihr wohl, zu erfahren, daß sie Alles praktischer einrichten werde, als ihr Gemahl, der ihr doch sein Leben lang vorgeworfen hatte, daß sie ein wahres Lehrbuch des Unpraktischen sei. Es war schon spät, als sie aufbrach, und Elfriede gab ihr am Arme von Fritz das Geleite bis zum Park. Als sie mit einem mütterlichen Kusse sich von dem blinden Mädchen verabschiedete, stand ihr fest, daß sie auch diesem lieben Kinde gegenüber sich ganz anders verhalten wolle, als ihr verstorbener Gemahl. Ihr schien, daß Nik gar nichts Besseres thun könne, als Elfrieden zu heirathen. Ein Makel blieb an ihm, auch wenn er frei ward, und Valentine, das wußte sie, würde das Ihre thun, um ihm eine standesgemäße Ehe zu erschweren. Unzuträglichkeiten mit der Gesellschaft konnte die Verbindung mit der Gärtnerstochter nicht nach sich ziehen, da es sich von selbst verstand, daß eine Blinde außerhalb der Gesellschaft lebte. Wer aber wäre geeigneter gewesen, die Bewirthschaftung des Gutes auf möglichst verständige Weise zu besorgen, als der alte Glimm, der auch Takt und Bescheidenheit genug besaß, sich nicht als Schwiegervater lästig zu machen. So träumte sie sich eine schöne Zukunft, in der sie, befreit von der Tyrannei ihres übellaunigen Ehevogtes, in der lieben Gesellschaft der sanften Elfriede, ihre Enkel erziehen würde, die ja hauptsächlich der Großmutter gehören mußten, wenn die Mutter hülflos und blind war. Kurz, es waren nur sonnige und rosige Träume, die, in ihr aufstiegen, als sie fröhlich singend den Weg nach dem Schlosse hinabging, nur freilich, daß all' ihre schönen Pläne mit dem bösen Nachsatze endeten: »Wenn er frei wird.« Während das Licht in dem Schlafzimmer der Baronin aufleuchtete, gingen die Zwillinge in der milden Abendluft noch eine Weile unter den alten Ahornstämmen des Parks hin und her, um zu berathen, was geschehen könne, um Müller zu überführen, von dessen Schuld sie sich je länger, je mehr überzeugt hatten. »Die gute Baronin«, sagte Fritz, »ist in ihrer Phantasie schon über alle Berge, aber wenn es uns nicht gelingt, gegen Müller zwingende Beweise zu finden, so habe ich wenig Hoffnung. Auch wenn die Geschworenen ihn frei sprechen, bleibt Nik ein bescholtener Mann.« »Ach könnte ich dem häßlichen Müller nur in die Augen blicken«, seufzte Elfriede, indem sie ihr blondes Köpfchen an die Schulter des Bruders lehnte, »ich würde ihm gewiß seine Schuld auf dem Antlitz ablesen. Wie deutlich ich ihn noch vor mir sehe mit seinem tückischen Blicke und seinem gefleckten Gesichte. Alles war an ihm unwahr, sein gekünsteltes Lächeln, jede Geberde, ja der Vater sagte einmal, er habe sogar einen lügenhaften Gang, denn jeder Schritt trage eine Geschäftigkeit zur Schau, die die Leute täuschen solle. Da war keine Bewegung, die nicht ein Werben um Beifall gewesen wäre, und man sah, daß er stets an den Eindruck dachte, den er auf Andere mache. Mitten unter allen Geräuschen erkenne ich noch jetzt seine hüpfenden Schritte. Ich würde sie aus Hunderten herausfinden, und immer steht dann die ganze widrige Gestalt mir deutlich vor Augen.« »Für mich ist sein Aussehen auch beweisend«, sagte Fritz. »Er ist stets erhitzt, wechselt die Farbe; blickt man ihn an, so wagt er es nicht, die Augen aufzuschlagen, sehe ich weg, so verfolgt er mich argwöhnisch mit seinen grünen Schlangenblicken. Neulich sagte der Kutscher unten, jetzt erst sei man dem Rechten auf der Spur, da fuhr er zusammen, daß die Blumentöpfe klirrten, die er in dem Korbe trug. Das Alles sind für mich überzeugende Beweise, aber vor Gericht kann man nicht viel damit ausrichten.« »Weiß er, daß er beobachtet wird?« fragte Elfriede. »Er müßte dümmer sein, als er ist«, erwiderte Fritz, »wenn er es nicht merkte. Der Schutzmann steht ja bei Tag und bei Nacht vor dem Gartenthore.« »Dann wird er sich nicht fassen lassen«, sagte Elfriede. »Du weißt, wie der Vater ihn oft wegen Betrügereien in Verdacht hatte, und wie es doch niemals gelang, ihn auf der That zu betreten.« »Hoffen wir, daß es Gott gefalle, den Schuldigen an's Licht zu ziehen«, sagte Fritz. »Wer weiß, was er wollte, als er Nik so schwer traf. Zunächst hat er den Armen nur in um so tiefere Finsterniß gestürzt, aber ich bin gewiß, daß ihm aus diesem Dunkel der Morgenstern aufgeht.« Die Nacht war über diesen Gesprächen hereingebrochen, und beide Geschwister kehrten in das Haus zurück. Elfriede legte sich bald nieder, aber es kam kein Schlaf in ihre Augen. Allzusehr hatte sie das Gespräch mit Fritz aufgeregt, und sie zergrübelte ihren kleinen Mädchenkopf, was sie thun könne zu Nik's Rettung. Die Liebe, die sie zurückgedrängt, als sie erfahren, wie wenig Nik ihrer würdig war, und wie er sie nur als Kette und Hinderniß betrachte, stahl sich mit dem Mitleid, das sie für ihn fühlte, auf's neue in ihr Herz, und wenn sie an die Zärtlichkeit der Baronin dachte, wie mütterlich diese sie geküßt, wie sie ihr Haar gestreichelt, wie sie ihr zugeflüstert hatte, es werde noch Alles gut werden, so fing ihr armes, unruhiges Herz auf's neue an zu schwellen, sich zu sehnen, und sie träumte von einem Glücke, von dem ihr heller Kopf ihr doch sagte, daß es mit einem so schwachen Menschen wie Nik nicht zu finden sei. Daß aber das Haupthinderniß einer Verbindung durch den Tod des Barons hinweggeräumt sei, konnte sie sich nicht verhehlen. »Es ist schon ein Uhr«, sagte sie endlich, als sie die Thurmuhr draußen schlagen hörte, »du mußt endlich schlafen, du thörichte Elfriede.« Energisch drückte sie auch ihr Köpfchen in die Kissen, aber der Schlaf wollte nicht kommen. »Ach, was ist meiner Mutter Tochter für ein thörichtes Mädchen«, sagte sie nach einer Weile. »Aber es ist auch unerträglich dumpf und schwül in dem Stübchen wie noch nie.« Leise glitt sie aus dem Bette und öffnete ihr Fenster. Sie konnte die sternenlose schwarze Nacht nicht schauen, die draußen herrschte, aber sie sog ihre milde, laue Luft in tiefen Zügen ein. Erst nach einer geraumen Weile riß sie sich los, um ihr warmes Lager wieder zu suchen. Aber mitten in der Stube hielt sie inne. Ihr war, als höre sie in der Ferne einen leisen, schwebenden Schritt. Sie fuhr zusammen und strich sich mit beiden Händen über die Schläfe, denn es war der Schritt, von dem sie noch diesen Abend behauptet hatte, unter Hunderten und im größten Geräusche würde sie ihn erkennen. Kein Zweifel, er war es. Was hatte der unheimliche Mensch um diese Stunde im Garten zu thun? Erst dachte sie, »ich will Fritz wecken«, aber bis dahin war es zu spät, und Fritz war nicht leise genug. Rasch fuhr sie in ihre Kleider und huschte an die Thüre. Für sie war ja die Nacht wie der Tag; vor dem Hause angelangt hielt sie still, als ob sie auf einen Ton in der Ferne horche, nach dem sie ihre Richtung nehmen müsse. Die Schritte gingen den Geisterweg hinab und lenkten nach dem Gange zur Psyche ein. Rasch folgte die Blinde. Wie mit Schwalbenfittichen die Büsche streifend, gleitete sie den Bergpfad hinab und hielt vorsichtig an dem breiten Wege inne. Eine Fledermaus macht beim Fliegen nicht mehr Lärm als sie mit ihrem leisen, vorsichtigen Gange. »Was hat er an der Psyche?« sagte sie dann zu sich selbst. Sie hörte deutlich, wie er die Figur aufnahm und schwer abstellte. Jetzt wußte sie genug. Mit Gedankenschnelle stand nun der ganze Zusammenhang von Nik's Visionen ihr vor der Seele. In jener Nacht hatte ja Nik die Psyche an der Erde gesehen. Es war also keine Hallucination des verwirrten jungen Mannes gewesen, dort hatte der Mörder das Geld versteckt. Nur einen Augenblick überlegte Elfriede, indem sie vor Aufregung in ihren gekrümmten kleinen Finger biß, dann wendete sie leise um und eilte nach der Wohnung zurück, um Vater und Bruder zu rufen. Der Rothe besorgte indessen mit aller Ruhe und Umsicht seine nächtliche Arbeit. Er schien auch die Eigenschaften eines Nachtthiers zu haben, daß seine grünen Augen im Dunkeln sahen, wenigstens leuchteten sie in der Finsternis; gleich denen einer Katze. Vorsichtig legte er die Thonfigur der Psyche auf die Erde und nahm dann aus der Höhlung im Innern zunächst einige Kleidungsstücke hervor; dann wickelte er aus einem blutigen Tuche ein großes Messer, das er zu sich steckte. Endlich kam ein versiegeltes Packet zum Vorschein, das er sorgfältig betastete, dessen unverletzte Siegel er befühlte und das er dann sorglich in dem Schafte seiner Stiefel verbarg. Alsdann brachte er die blutige Leinwand und die Weste wieder in der hohlen Thonfigur unter. Nachdem er sich dann genau umgesehen, ob er nichts vergessen habe, nahm er die Figur vorsichtig auf und stellte sie sorgsam wieder auf ihr Postament. Hierauf prüfte er mit der Hand, ob sie auch genau in der Mitte stehe, und schob sie mehrfach herüber und hinüber, bis wieder Alles in der Ordnung war. Als er damit zu Ende gekommen, ergriff er einen Rechen, den er am Abende geflissentlich hier hatte stehen lassen, und machte die Stelle wieder eben, wo die schwere Gestalt gelegen hatte. Tief aufathmend strich er sich dann den Schweiß von der Stirne, setzte seinen Hut wieder auf und sagte: »So, das wäre geglückt. Nun mit dem Frühzug nach Hamburg. Wer weiß, wie lange sie noch warten, ehe sie mich einziehen. Käthchen wird sich wundern, daß sie das Geld nur für mich verdient hat.« Zum letzten Male wollte er nun das Portierhäuschen betreten und, nachdem er seine Sachen an sich genommen, über den Berg einen Weg nach der nächsten Station suchen; indessen mochten sie die Landstraße und den Bahnhof hier bewachen bis er über der Grenze war. Aber als er die Treppe nach dem Vorgarten hinabgestiegen war, schrak er zusammen, daß ihm seine langen Glieder schlotterten. An der Ecke des Schlosses lehnte eine dunkle, breite Gestalt. Sein erster Antrieb war, umzukehren und so schnell als möglich den Berg hinaufzulaufen und durch die Reben zu entfliehen. Aber eine wohlbekannte Stimme sagte ganz unbefangen: »Guten Morgen, Johann! Woher so früh?« Es war die des alten Glimm. Müller schwieg einen Augenblick, dann sagte er: »Ich hatte meine Uhr auf dem Tische oben liegen lassen und fürchtete, sie könnte wegkommen, wenn ich den Tag abwartete.« »Ja, ja, so etwas kann vorkommen«, lachte der Alte, indem er sich ihm anschloß. »Warum er sich nur so hart an meiner Seite hält?« dachte der Rothe, und vorsichtig machte er eine Bewegung nach der Tasche, um sein Messer zu ergreifen, aber im gleichen Augenblicke hatte die riesenstarke Faust des Gärtners seine Hand fest umklammert. »Hierher!« rief er laut, »hierher!« Müller hatte erst versucht, sich loszureißen und mit der linken Hand das Messer zu erwischen, als er aber in dem gleichen Augenblicke die breite Gestalt des Kutschers und hinter demselben den am Thore stationirten Schutzmann um die Ecke kommen sah, gab er den Widerstand auf. »Was wollt Ihr denn«, fragte er in grobem Tone, obwohl seine Stimme zitterte. »Das ist ja ein förmlicher Ueberfall.« »Ja, ja«, sagte der Gärtner vergnügt. »Schon manche Spinne lauerte auf ihren Raub, und als sie meinte, ihn im Garne zu haben, zerdrückte sie der Daumen des Gärtners. So, mein Sohn, nun wollen wir abrechnen über allen Verdruß, den Du mir in acht Jahren gemacht hast.« »In die Portierloge mit ihm, bis der Commissär kommt«, rief nun der Schutzmann. Die Thüre des Häuschens wurde geöffnet, und es fand sich, daß Johann seine Lampe nur zugedeckt, nicht gelöscht hatte. Der Kutscher nahm an der Thüre Platz, Vater Glimm stellte sich vor das Fenster, dessen Laden übrigens geschlossen war, und der Beamte schaute sich in der Stube um, deren Schubladen und Schränke offen standen, als ob soeben hier ausgeräumt worden sei. Als er die Decke vom Bette zog, kam eine schwer gepackte Reisetasche zum Vorschein. Der Gefangene knirschte wüthend mit den Zähnen und setzte sich trotzig am Tische nieder, wo er den Kopf in die Hand stützte. »Die Waffe wollen wir ihm lieber gleich abnehmen«, sagte Vater Glimm, indem er ihm das Messer aus der Seitentasche zog. Der Rothe ließ es ruhig geschehen, er schielte nur nach der Thüre. Als aber in diesem Augenblick auch Fritz eintrat, schien er jede Hoffnung auf Entwischen aufzugeben. Mit einem Blicke voll Haß schaute er den früheren Genossen an, und wendete ihm dann den Rücken. Der Schutzmann legte indessen die Reisetasche des Gefangenen auf dem Tische auseinander. Sie enthielt nichts, als Bücher über Amerika, Fahrpläne, Wäsche und einen Anzug, den der Beamte genau durchsuchte. Als er nichts Verdächtiges fand, brachte er Alles wieder in die Tasche zurück, und fuhr fort, die Stube zu durchmustern. Ueber dieser Haussuchung erschien derselbe Commissär wieder, der seiner Zeit Nik verhaftet hatte, gefolgt von einem Polizeisergeanten. »Ihre blinde Tochter hat ja Wunder gethan«, sagte der Commissär zu dem alten Gärtner. »Respect vor dem Mädchen. In tiefer Nacht hat sie sich bis zu der Polizeistube hindurchgefunden.« »Für sie ist es immer Tag und immer Nacht«, erwiderte Glimm mit einem Seufzer. »Das also ist der Patient«, sagte der Beamte, indem er mit der Hand über Müller's Taschen fuhr. »Ihnen soll es schlecht bekommen, daß Sie mich an der Nase herumgeführt und auf eine falsche Fährte geleitet haben. Nichts da versteckt? Ziehen Sie doch einmal die Stiefel aus.« Der Rothe fuhr auf, und sagte trotzig: »Kehren Sie mir meinetwegen die Taschen um. Aber auskleiden lasse ich mich nicht.« »Ziehen Sie ihm die Stiefel aus«, wiederholte der Commissär barsch, indem er sich zu dem Schutzmanne wendete. »Die Scherze kennen wir.« »Hier steckt etwas«, sagte der Sergeant, nachdem er Johann's Beine mit der Hand geprüft hatte, und alsbald stand dieser barfuß, wie ein armer Sünder, vor den Anwesenden. Der Commissär nahm das Packet auf, das bei dem Entkleiden des Delinquenten zur Erde gefallen war, und betrachtete es. »Die tausend Thaler hätten wir«, sagte er, indem er das Packet sofort an sich nahm. »Schön, daß Sie die Siegel nicht verletzt haben, das erspart mir das Nachzählen. Also in der Gartenfigur hatte er die Sachen verborgen! Daß wir daran nicht dachten! Nun, Herr Glimm, führen Sie uns. Ich bitte um eine Laterne. Eine Lampe thut aber auch den Dienst, da es windstill ist. Es wäre recht schönes Reisewetter gewesen, Herr Müller. Aber für künftige Fälle merken Sie sich, daß gerade in solchen dunkeln Nächten wir auch besonders aufmerksam sind. Weiter als bis zum Bahnhofe wären Sie schwerlich gekommen.« Der Rothe murrte etwas zwischen den Zähnen und warf dem Commissär einen höhnischen Blick zu, der aber nahm gleichmüthig die Laterne, die der Gärtner gebracht hatte, und entfernte sich mit den beiden Glimm nach dem Garten, während die Schutzleute bei dem Gefangenen zurückblieben. Nach einer Weile, die Johann Müller wie eine Ewigkeit erschien, kehrten sie zurück. Zuerst trat der Commissär ein, dann die gewaltige Gestalt des alten Glimm, die Thonfigur der Psyche auf seinen Schultern tragend, zuletzt Fritz mit der Laterne. Die Gartenfigur wurde auf dem Tische niedergelegt. Der Commissär besichtigte sie erst von außen, wobei er auf der Rückseite die Spuren einer blutigen Hand entdeckte. Alsdann griff er in die Höhlung. Das Erste, was er herauszog, war eine Weste, auf der sich deutliche Blutspuren befanden, dann ein Tuch, an dem ein blutiges Messer abgewischt worden war, endlich ein Hemd, dessen einer Aermel ganz in Blut getaucht schien. Ein Schweigen des Grausens legte sich über die Versammlung. Selbst Johann Müller war todtenbleich geworden. »Erkennen Sie diese Sachen als die Ihren an?« fragte er. Der Rothe nickte unmerklich mit dem Kopfe. »Ja oder Nein?« fragte der Commissär scharf. »Es sind Ihre Kleider, Johann«, sagte Glimm ernst. »Erschweren Sie Ihre Lage nicht durch Leugnen von Dingen, die Ihnen jeder beweisen kann.« »Ja«, sagte der Rothe jetzt zitternd. »Gestehen Sie, daß Sie den Baron ermordet haben?« »Es war Nothwehr«, rief der Gefangene nun mit Geläufigkeit, als ob er etwas schon lange Ausgedachtes hersage. »Ich wollte das Geld holen, das der Bote am Morgen gebracht hatte. Die Versuchung war eben zu groß. Die vornehmen Leute sollten solche Summen nicht vor unseren Augen umher liegen lassen und uns zeigen, wo sie dieselben aufbewahren. Als ich das Geld eben an mich genommen hatte, überfiel mich der Baron, und ich setzte mich zur Wehr, denn er wollte nach seinem Revolver greifen, um mich zu erschießen. Als ich ihn nicht festhalten konnte, griff ich nach meinem Messer. Es war mir leid, aber ich konnte mich selbst nicht anders retten.« »Hatten Sie das Messer für einen solchen Nothfall mitgenommen?« fragte der Beamte. »Nein«, erwiderte der Rothe rasch, »es ist mein Gartenmesser, das ich immer bei mir trage.« Glimm bestätigte das, setzte aber hinzu: »Er hatte es heute offen in der Tasche.« »Weil ich es offen in der Figur da versteckt hatte«, rief Johann grob. »Wie gelangten Sie in das Schlafzimmer des Barons?« fragte jetzt der Beamte weiter. »Durch das Zimmer des jungen Herrn.« »Das Zimmer war am Abend von dem Zimmermädchen wie sonst abgeschlossen worden«, setzte der Beamte sein Verhör fort. »Wer öffnete Ihnen?« fragte er, indem er den Gefangenen fest anblickte. Dieser schwieg. Er war klug genug, sich bei dieser Frage zu berechnen, daß sein Diebstahl als ein vorher geplanter Einbruch erscheinen müsse, wenn er gestand, er habe sich die Schlüssel von Nik eigens zu diesem Zwecke ausgebeten. Viel besser, er stellte Alles als eine Kette von Zufälligkeiten hin, die ihn ohne jede Vorbereitung überraschten, und ihn unversehens in das Unglück lockten. Vor Allem durfte es nicht den Anschein gewinnen, als ob er im Komplotte mit dem Sohne des Ermordeten gehandelt habe. Er beschloß also, Nik ganz aus dem Spiele zu lassen. »Nun? Werden wir bald die Wahrheit erfahren?« mahnte der Commissär. »Der junge Herr«, sagte Müller langsam, und jedes Wort überlegend, »hatte seinen Schlüssel stecken lassen, und die Thüre von da nach dem Salon stand offen. Es war mondhell, das verführte mich einzutreten, und so kam ich von Zimmer zu Zimmer. Das Portemonnaie mit dem Schlüssel zum Geldschranke lag auf dem Tischchen neben dem Bette des Barons; ich hatte auch den Schrank schon glücklich geöffnet und das Geld eingesteckt, da fiel eine Rosette von dem Vorhang, den ich streifte, und alsbald war der Herr aus dem Bette und packte mich am Arm.« »Ihre Großmutter und Ihre Schwester logen mithin, als sie aussagten, sie seien bis nach Mitternacht in ihrem Hause an der Dorfmauer gewesen?« fragte der Beamte. »Ja«, erwiderte Johann trocken. »Sie haben früher ausgesagt«, forschte der Commissär weiter, »Sie hätten tausend Thaler von dem jungen Baron verlangt als Entschädigung für Ihre Schwester. Hängt Ihr Einbruch damit zusammen?« »Gar nicht«, sagte der Rothe, der jetzt Nik durchaus nicht in der Angelegenheit brauchen konnte. »Jene Forderung war überhaupt nicht so ernst gemeint. Der Herr Commissär wissen ja, daß meine Schwester ein leichtes Ding ist, das keine tausend Thaler werth gewesen wäre.« »Damit nehmen Sie also Ihre früheren Beschuldigungen gegen den jungen Freiherrn zurück?« forschte der Beamte weiter. »Ja«, bestätigte der Rothe laut. »Er ist völlig unschuldig.« Fritz athmete tief auf. »Gott, im Himmel sei gedankt«, rief er aus voller Seele. Der Commissär stand eine Weile nachdenkend. »Wer hätte das gedacht?« sprach er, den Kopf schüttelnd, zu sich selbst. »Nun, auch der Vorsichtigste greift einmal fehl, und der junge Herr benahm sich gar so verdächtig.« Dann trat er zum Tische, und bat Fritz um Schreibgeräthe, um ein Protokoll aufzunehmen. Eine halbe Stunde hörte man nur das Knistern seiner Feder, während er ab und zu dem Rothen seine Aussagen wiederholen ließ. Schließlich wurde das ganze Aktenstück vorgelesen, und von dem Angeklagten, sowie von allen Anwesenden als Zeugen unterschrieben. Als der Commissär dann die Laden des Fensters öffnete, stand draußen bereits der Transportwagen, den einer der Schutzleute herbeigeholt hatte. Johann wurde mit Handschellen geschlossen, und nach dem Wagen gebracht. Die beiden Glimm traten hinaus in die Nacht, die sich gegen Osten bereits lichtete. »Johann«, sagte der alte Gärtner ernst, »ihr seid noch jung, erst einundzwanzig Jahre, wenn ich recht weiß, und der Mensch lebt siebzig Jahre. Noch ist es nicht zu spät für Euch, Euch zu bessern. Kommt Ihr mit dem Leben davon, so ziehet einen neuen Menschen an.« Aber der Gefangene kehrte sich trotzig um. »Diese Sprüchlein kennen wir alle«, sagte er, »ich habe sie von Jugend auf gehört bis zum Ekel. Hättet Ihr mich entkommen lassen nach Amerika, so hätte das neue Leben nicht gefehlt. Jetzt spart eure Worte.« »Vorwärts«, rief der Commissär. »Sitzt er erst im Spinnhause, so wird er schon andere Saiten aufziehen.« Damit schob er den Gefangenen in den Wagen, wo die beiden Schutzleute sich zu ihm setzten, worauf der Commissär selbst bei dem Kutscher auf dem Bocke Platz nahm. Mit klopfendem Herzen schauten Vater und Sohn den Abziehenden nach. Als der Wagen in der Nacht verschwand, und nur noch sein Licht gleich einem röthlichen Sterne durch den Nebel schimmerte, da war es Fritz, als ob das böse Gestirn in die ewige Finsterniß zurückkehre, das so unheilvoll über diesem Dache geleuchtet hatte. Nachdenklich, aber mit erleichtertem Herzen, kehrten Vater und Sohn in das Portierhäuschen zurück. Noch stand die Thongestalt der Psyche auf dem Tische, und in der flackernden Beleuchtung des Talglichts erschien sie wie ein lebendes Wesen. Vater Glimm aber packte sie auf, um sie wieder an ihren alten Standort zu bringen, wo ihr süßes Kindergesicht, unschuldig wie zuvor, sich über den Falter neigte, um ihn zu haschen, unbewußt all' der Schrecken, die sie so lang in ihrem Innern geborgen hatte. »Ich werde die Gestalt nie wieder ansehen können«, sagte der alte Gärtner, »ohne an diese Nacht zu denken. Sie war es, die den häßlichen Nachtfalter einfing.« »Sie und Elfriede!« rief Fritz, und Vater und Bruder beeilten sich, das heldenmüthige Mädchen zu suchen, dessen feine Hände den verhängnißvollen Knoten entwirrt hatten, der unlösbar verschlungen schien. Sie fanden sie in der Wohnung, wo sie ihr erregtes, glühendes Antlitz in dem Schoße ihrer Mutter verbarg, die beide Hände über ihrem Haupte faltete. Als sie die Beiden eintreten hörte, erhob sie sich wie in süßer bräutlicher Verwirrung. »Nun werden sie ihn doch frei geben müssen«, sagte sie zu Fritz, und dieser erzählte ihr voll Freude von Müller's rückhaltslosem Bekenntniß. Elfriede aber berichtete von ihren abenteuerlichen nächtlichen Gängen, bei denen sie Gedächtniß und Ortssinn in staunenswerther Sicherheit geleitet hatten. So tauschten die guten Menschen ihre Erlebnisse, Hoffnungen und Wünsche miteinander aus, bis der Morgen hell durch die Fenster brach. »Also nun glaubst auch Du«, sagte Elfriede scherzend zu dem Bruder, »daß Nik völlig unschuldig ist.« »Möge sein eigen Gewissen ihn so unbedingt lossprechen, wie das Zeugniß Müller's«, erwiderte Fritz. »Niemand wird glücklicher sein als ich, wenn ich höre, daß das Geheimniß, von dem er noch immer sprach, nur eine Grille seines überreizten Hirnes war.« »Schwarzseher!« rief Elfriede, »so sei doch fröhlich, daß wir es sind, die sein Gefängniß öffnen und ihn der schönen Welt zurückgeben. Nun wird er sicher gut und fest bleiben nach solcher Prüfung!« Neunzehntes Kapitel Es war ein glückliches Erwachen, als die Baronin schon in der Frühe mit der Kunde begrüßt wurde, daß Nik in dieser Nacht durch Elfriedens Verdienst von allem Verdachte gereinigt worden sei, und der wirklich Schuldige bereits hinter Schloß und Riegel sitze. Ihr Jubel war grenzenlos, und sie ließ es sich nicht nehmen, sofort selbst hinüberzufahren in die Stadt, um ihren Sohn heimzuholen in das Schloß, das nun das seine war. Elfriede hatte auf Wunsch der Mutter sich wieder niederlegen müssen, um auszuruhen von den Anstrengungen der Nacht. Doch die goldene Oktobersonne schien zu hell und warm in ihr Stübchen, und bald erschien die Blinde wieder bei den Ihren und sagte: »Ich bringe es nicht fertig zu schlafen, aber ich wüßte, was mich am besten erfrischen würde. Rudere mich hinaus, Fritz, in den Strom, ich will die milden Lüfte athmen und das Rauschen der Wellen hören, das besänftigt am besten das aufgeregte Blut. So bringen wir die Zeit fröhlich hin bis Nik zurückkehrt.« Fritz war gern bereit, Elfriedens Wunsch zu erfüllen, und auf den Bruder gestützt stieg die Blinde zum Strome hinab. Während sie den dunkeln Gang vom Hause zum Ufer durchschritten, fuhr der Wagen der Baronin bereits am Thore an, und der alte Glimm sprang herzu, um die Thüre zu öffnen. Auf den Arm der Mutter gestützt stieg Nik aus und schritt mit niedergeschlagenen Augen an dem alten Gärtner vorüber. »Wie bleich und verstört er aussieht«, sagte der Kutscher, Nik nachschauend, der, von der Mutter geführt, die Treppe zum Schloßthor emporschwankte. »Seine Augen gefallen mir nicht«, erwiderte der alte Glimm. »Er schaute über uns hin, als ob er uns gar nicht wahrnähme. Selbst den Granatbaum neben mir hat er aufmerksamer betrachtet als uns.« »Aber die Baronin ist eine ganz andere Frau geworden seit dem Tode des Herrn«, erwiderte der Kutscher. »Haben Sie nicht gesehen, wie freundlich Sie Ihnen zunickte, als ob Sie ganz zur Familie zählten.« »Ja, ja«, sagte Glimm, »das Unglück macht demüthig. Unser Einer thut aber doch besser, immer daran zu denken, daß es seine Herrschaft ist, die er vor sich hat.« Damit nahm Glimm seinen Rechen wieder auf, um die welken Blätter, mit denen der Herbst ihm Nacht für Nacht seine sauberen Wege überstreute, in große Haufen zu sammeln. Nik war von seiner Mutter inzwischen nach seiner Stube geführt worden, wo sie sein Gesicht nochmals mit Küssen bedeckte. »Nie, nie«, sagte sie, »habe ich das Entsetzliche von Dir geglaubt.« »Gute Mutter«, stammelte Nik, ihr mit matter Hand die Wange streichelnd. »Oh, welch ein Trost mir in dieser schweren Zeit die Glimms gewesen sind«, sagte die Baronin unter Thränen. »Sie waren es allein, die mich aufrecht erhielten. Ja diese Klara und Friederike und Magdalene habe ich nun kennen lernen. Sie alle predigten mir, Du seist schuldig, und ich solle mich der Wahrheit nicht verschließen. Sie thaten gerade, als ob ich ein Verbrechen begehe, wenn ich an die Unschuld meines Kindes glaubte.« Nik verzog verächtlich den Mund und ließ sich müde in seinen Lehnstuhl fallen. Seine Mutter aber trat näher an ihn heran, sie wußte ein Mittel, ihn wieder zu beleben. »Weißt Du, Nik«, flüsterte sie leise, als fürchte sie doch, daß jemand es hören könnte, »ich wäre ganz einverstanden, wenn Du Elfrieden heirathen wolltest. Zwar gehört sie nicht in unsere Kreise, aber eine Blinde würde ja ohnehin nicht zur Gesellschaft zählen und compromittirte uns nicht. Sie könnte hie und da auf ihrer Harfe spielen, oh sie spielte am Abend oft so wunderschön, und Deine Gäste könnte ja ich und Tante Klara empfangen und Dir auch Deine Kinder erziehen. Wir haben Dich ja auch erzogen!« »Und wie!« dachte Nik bei diesen Worten. »Es bliebe dann Alles beim Alten, und wir brauchten uns nicht mit Valentinen zu quälen. Die habe ich auch kennen lernen, das boshafte Geschöpf.« So vertiefte sich die gute Baronin, die Hand ihres Kindes in der ihren haltend, in die Zukunftspläne, die sie während Nik's Gefangenschaft sich ausgedacht hatte. Nik ließ das Alles über sich ergehn; als aber die Baronin in ihrem Eifer ihn geradezu fragte, ob sie mit den alten Gärtnersleuten reden solle, schüttelte er traurig den Kopf. »Das Alles ist vorbei«, sagte er mit abgewandtem Angesichte. »Es ist in diesen Tagen etwas in mir entzwei gegangen, ich weiß nicht, ist es hier oder hier«, und er fuhr mit der Hand vom Kopfe zum Herzen. »Lasse uns Zeit. Ich glaube gar nicht, daß Elfriede mich jemals heirathen wollte, und jetzt will sie es sicher nicht mehr.« Die Baronin verzog ihr kleines Gesichtchen zu einem pfiffigen Lächeln. Ihr war so wohl wie einem Kanarienvogel, seit ihr Ehevogt todt und ihr Nik frei war. »Da bist Du aber sehr im Irrthum«, sagte sie. »Du hättest nur ihre verweinten Augen und ihre bleichen Wangen sehen sollen während dieser Zeit, und den Jubel der ganzen Familie, als durch ihre Klugheit die Wahrheit an's Licht kam. Denke Dir, das blinde Kind sieht ohne Augen mehr als wir alle. Ich glaube sie sieht mit ihren kleinen Ohren. Sie erkennt in finstrer Nacht den schlechten Menschen an seinem Schritte, sie hört, daß er die Gartenfigur herabnimmt, sie erräth gleich, daß er an jenem schrecklichen Abende das Geld dort versteckte, und rasch in den Schatten getreten war, als er Dich kommen hörte, so daß Du glaubtest, die Psyche sei von selbst von ihrer Säule gehüpft. – Das war doch eine recht tolle Idee von Dir, Nik! – Sie läuft in die Gärtnerwohnung und weckt Vater und Bruder, sie schickt ihre Mutter aus, um den Kutscher und den Lakaien zu rufen, sie unterrichtet selbst den Schutzmann und geht in tiefer Nacht – ich begreife nicht, wo sie den Muth hernahm – nach dem Polizeibureau und bringt die ganze Polizei auf die Beine.« Nik hatte sich bei dieser Erzählung höher aufgerichtet. Zum ersten Male schien er lebendigeren Antheil zu nehmen an dem, was die Mutter sprach. In diesem Augenblick aber meldete der Diener Besuch an, und müde fiel Nik wieder in seinen Stuhl zurück. Die Frage der Mutter, ob er Tante Klara sehen wolle, erwiderte er nur mit einer Geberde des Abscheus, worauf die Mutter sich rasch entfernte und ihn allein ließ. Fremd und theilnahmlos ließ er sein Auge in dem Raume umhergehen, den er so viele Jahre bewohnt hatte. Da hingen noch die Kaulbach'schen Goethebilder an den Wänden, da stand noch die schlanke Hebe auf dem Ofen mit dem Kruge und den steifen, fliegenden Falten, und hier war sein schwedisches Bauerntischchen mit Bibel und Gesangbuch. Die gute Mutter hatte es sich Mühe kosten lassen, Alles wieder herzustellen, wie es damals war. »Damals!« sagte er leise und warf einen ängstlichen Blick im Zimmer umher. Alles schaute ihn so gespenstisch an. Dort war das Fenster, durch das die weiße Frau hereingesehen; das war keine Täuschung, kein Mißverständniß, wie jenes mit der Psyche. Dort war die Thüre, zu der der Vater todtwund sich geschleppt hatte. Auch das war kein Traum einer überreizten Einbildungskraft. Er hörte noch den schleifenden Tritt, das gespenstische Geräusch. Mit Zusammennahme aller Kräfte sprang er auf und ging zur Thüre; er wollte sie öffnen, wollte durch diese Zimmer gehen, um den Zauber zu brechen, aber als er die Klinke in der Hand hatte, schauderte er zurück. Er konnte den Fleck nicht sehen, wo sein Vater im Blute gelegen. Er war ja doch schuldig, er hatte ja selbst dem Mörder den Schlüssel ausgeliefert. Die Klinke in der Hand stand er da. Ihm war, als ob er wieder den schleppenden Schritt höre, das Stöhnen, das Rufen des Gemordeten. Kraftlos fiel ihm die Hand herab, und ohne die Thüre geöffnet zu haben, kehrte er nach seinem Sitze zurück und stützte das heiße Haupt in beide Hände. Wie sollte er diese Erinnerung ertragen, sein ganzes Leben lang! Dazu die Ungewißheit über den weiteren Verlauf des Processes! Wenn nur ein gnädiges Geschick ihn heute abberufen wollte! Heute glaubten sie noch Alle an seine Unschuld, schon morgen mußte er ihnen wieder der verabscheuungswürdige Helfer des Mörders seines Vaters sein. Er wußte ja, er würde in Müller's Proceß als Zeuge vorgeladen, er würde beeidigt werden. Er konnte doch nicht meineidig die Wahrheit verschweigen, und wenn er es thäte, was könnte es ihm helfen, da Müller ja doch gegen ihn aussagen würde. Frei war er freilich, aber war seine Lage darum im Geringsten besser? Klar, als ob er es schon erlebt hätte, stand ihm das Kommende vor Augen. Die Bewillkommnungsbesuche der nächsten Tage, die befangene Freundlichkeit der Intimen seiner Mutter, die ihn für schuldig gehalten, und die eigene Seelenpein, alle die Reden über seine Unschuld anhören zu müssen, bei dem entsetzlichen Gefühle der Schuld. Wie sollte er es ertragen, von Elfrieden als gereinigt von jedem Vorwurfe begrüßt zu werden, den Tod im Herzen. Und dann würde der Tag kommen, der allem diesem Lug und Trug ein Ende machen mußte. Er würde mit den Freunden und Hausgenossen in dem Zeugenzimmer sitzen. Einer nach dem Anderen würde hineingehen in den Gerichtssaal, um dem rothen Müller gegenübergestellt zu werden. Mit der Klarheit eines Hellsehers stand ihm der ganze Vorgang vor Augen. Jetzt wird auch er aufgerufen – sein Herz klopft bei diesem Gedanken, als ob er sofort vor die Richter treten solle. – Der Saal ist gedrängt voll Menschen. Sie alle starren ihn an. Sie bemitleiden ihn, der so unschuldig geduldet. Die Damen trocknen sich die Augen. Nur Müller sieht ihn boshaft an, und seine grünen, tiefliegenden Augen funkeln vor Freude. Nun muß er schwören, nichts zu verheimlichen. »So wahr mir Gott helfe«, bebt es von seinen Lippen. Wie es still wird im Saale, als er seine Geschichte erzählt, wie die Nächsten von ihm weg rücken, wie ein Laut der Entrüstung durch die Menge geht, als sie hören, daß der Sohn es war, der dem Mörder den Schlüssel zum Zimmer des Vaters gab! Auch in das Zeugenzimmer dringt alsbald die unerhörte Kunde, und entsetzt ziehen sich die Hausgenossen von ihm zurück, als er wieder eintritt. Warum reicht ihm denn keiner die Hand, warum sagt ihm keiner ein Wort? Es schaudert ihnen, Dich zu berühren. Und verzweifelt drückt er beide Hände vor sein Angesicht, und ein Seufzer dringt aus seiner Brust, wie das Stöhnen eines sterbenden Thieres, das im Waldesdickicht, in tiefer Einsamkeit, nur von Gott gesehen, verendet. Der Zeiger der Uhr neben der Thüre hat nur wenige Minutenstriche auf seinem Zifferblatte zurückgelegt, seit die Baronin durch diese Thüre hinausgegangen ist, aber in dieser kurzen Spanne Zeit liegt für Nik seine ganze Zukunft. »Ich kann das nicht ertragen«, stöhnt er. Eine Weile sieht er starr vor sich hin, er versucht es, den furchtbaren Druck, die entsetzliche Angst abzuschütteln, die auf ihm liegt. »Gott, wie wird das Alles enden«, fragt er. In dieser Noth und Beklemmung des Herzens fällt sein Auge auf die Bibel, die die Mutter sorglich auf sein Tischchen gelegt hat. Er greift mechanisch nach ihr, wie er es im Gefängniß so oft gethan. Vielleicht weiß dies schwarze Buch eine Antwort, einen Trost. Es ist ja nicht bloß für Fritz geschrieben, sondern für jede gequälte Menschenseele. Noch halb träumend nimmt er von dem Nadelkissen auf dem Tische eine Nadel, läßt die Blätter des Buches auseinander fallen und sticht auf das Gerathewohl hinein. Die erste Losung gilt nicht, denn er hat die Bibel verkehrt aufgeschlagen, die Zeilen stehen auf dem Kopfe. Er dreht das Buch um und fragt auf's neue. Dann liest er die Worte, die er getroffen. Sie lauten: » so sollst Du des Todes sterben .« »Oh, wenn das Gottes Wille wäre«, seufzte er, »wie gerne, wie gerne.« Aber seine Beklemmung nimmt nur zu, er zittert. Ein banges Gefühl zieht ihm durch das Herz, daß jetzt wohl der Gedanke, mit dem er gespielt, zum Ernste werden könnte. Freilich hatte ihn Elfriede gewarnt, sich von einer bekannten Welt in eine unbekannte zu stürzen, wo vielleicht noch schlimmere Strafen auf ihn warteten, aber wenn ein gütiges Geschick ihn befreite von der Last dieses Lebens, wie dankbar wollte er sein. »Des Todes sollst Du sterben!« Leise zittert von seinen bleichen Lippen die Frage: »Wie lange noch, wie lange muß ich es tragen?« Und er wiederholt seine Stichfrage in dem heiligen Buche. Fiebernden Auges sucht er die Antwort, und liest: »Heute noch wirst Du mit mir im Paradiese sein .« Sein Athem stand still. Mit irren Blicken schaute er um sich, und ein kaltes Frösteln schlich ihm über den Rücken, wie damals, als ihm das Gespenst nach seinem Nacken griff. »Wird sie mich erwürgen?« dachte er. »Oder steht noch ein Mörder bereit, der das Herz des Sohnes trifft, wie jener das Leben des Vaters getroffen?« Er warf einen scheuen Blick nach dem Fenster. Draußen erhob sich vielleicht die weiße Frau. Dann gingen seine irren Augen nach der Thüre, hinter der am Ende der blutige Geist seines Vaters lauerte. »Wie soll ich sterben, heute noch sterben«, stammelte er, »durch wen?« Und mit zitternder Hand versuchte er zum dritten Male sein Glück. » Und mich mit eigener Hand erlöset habe «, sprach dieses Mal das Orakel. Nik legte sein Haupt auf das Buch. So saß er lang, eine lange gottverlassene Stunde. Oft schien es ihm, als ob hinter der Thüre sein Vater nach ihm rufe, dann schrak er wieder auf, wenn der Ostwind des hellen Herbstmorgens gegen sein Fenster stieß. Endlich erhob er sich. »Der Rath ist gut«, flüsterte er leise vor sich hin. »Wozu immer warten und warten. Und mich mit eigener Hand erlöset habe – erlöset!« Er trat zum Spiegel. Sein bleiches, verstörtes Antlitz schaute ihn fremd an. Kein Zug war übrig von dem fröhlichen Nik von ehedem. Ja, er wollte ein Ende machen, statt in das leere, öde Leben wieder einzutreten, das ihn doch nur, er fühlte es, dem Laster wieder zuführen würde. Langsam und sorgfältig kleidete er sich an. Als er den Hut bereits aufgesetzt hatte, und schon unter der Thüre stand, kehrte er nochmals zu dem schwarzen Buche zurück. Nochmals befragte er es. Vielleicht widerrief es seine dunkle Losung. Aber mit einem Fluche schleuderte er es alsbald an die Erde. » Wer mit Dieben Theil hat, der hasset sein Leben «, hatte er gelesen. Mit großen Schritten durchmaß er den Vorplatz. Er hörte in den Gemächern der Mutter die Stimmen der Tanten und Freundinnen. »Das wäre mein Loos für die Zukunft, dieses Gewäsche anzuhören Tag für Tag«, sagte er mit grimmigem Hohne. »Nein, wer weise ist, erlöset sich selbst ... ›und mich mit eigener Hand erlöset habe!‹«? Dennoch schwankte er noch einen Augenblick. Selbst die Versuchung kam ihm, die Niedergeschlagenheit, die sich seiner bemächtigt hatte, mit der im Gefängniß neu gewonnenen Uebung im Trinken zu bekämpfen. Aber mit einer Geberde des Ekels wies er die gemeine Lockung von sich. Ohne Jemanden zu beachten, zu begrüßen, zu sehen, mit nach innen gewandten Augen suchte er den Weg nach dem Flusse. Durch den Obstgarten, der schon halb entlaubt stand, betrat er die dunkle Grotte, die zum Ankerplatze der Schiffe führte. Die gegenüberliegende Thüre stand heute offen, und ließ einen hellen Strahl des bläulichen Oktoberlichtes durch den unterirdischen Gang streifen, und an der gewölbten Decke zitterten die Reflexe des Wassers. Sein Entschluß war gefaßt; er wollte hinausfahren in den Strom und dort Erlösung suchen, sei es, daß er an irgend einer gefährlichen Stelle in seine Wirbel sprang, sei es, daß er unter einen der großen Dampfer steuerte, und so zu Grunde ging. Hastig schritt er die schmale Treppe nach dem Ufer hinab, wo die Kähne im Schatten einer alten Weide lagen. »Bist Du es, Fritz?« hörte er nun von unten eine süße, wohlbekannte Stimme fragen. Nik schrak zusammen. Sein Fuß zögerte, ja er wendete sich rückwärts. Plötzlich aber war es, als ob ein Blitz in ihn einschlage. »Sie soll mich begleiten in jene Welt!« dachte er: »Mit ihr zusammen ist es leicht zu sterben, und ich will sie nicht zurücklassen, wenn ich gehe. Wir gehören einander.« Er bog die Zweige zurück, und sah Elfrieden in dem Boote sitzen, das er ihr einst hatte bauen lassen. Die Kette war um den Baum geschlungen, damit die Strömung die Blinde nicht mit sich ziehe. Die grellen Farben des Schiffchens waren matter geworden, aber noch immer trug es deutlich den Namen Elfriedens. Sie sonnte ihr blondes Köpfchen, das sie in die Hände stützte, und lauschte auf das träumerische Geplätscher der Wellen, die am Strande sich brachen, und gurgelnd zurückrollten. Fritz war nach dem Schlosse gegangen, um ein Segel zu holen, und zugleich zu fragen, wann Nik wohl zu erwarten sei, bis dahin wollten die Zwillinge auf dem Strome weilen, der Elfriedens müdem Kopfe Kühlung zuwehte. Als Nik das junge Mädchen so sorglos in dem leichten Boote sitzen sah, hielt er einen Augenblick inne. Aber der Dämon in seiner Brust stieß ihn vorwärts. Allein hätte er vielleicht nicht zu sterben gewußt, aber indem er sein Liebstes zugleich vernichtete, schien der Tod ihm leichter. Mit hastiger Hand löste er die Kette des Schiffchens und sprang in das Boot. »Das ist nicht Fritz!« rief die Blinde erschrocken, »um Gottes Willen, was soll das?« Nik erwiderte nichts, sondern stieß mit einem Rucke vom Lande ab, und legte sich kräftig auf seine beiden Ruder. »Wer ist es?« rief die Blinde, indem ihre Augen in ihren Höhlen kreisten, während ihre Hand wie zum Schutze nach dem nächsten Ruder griff. »So sprecht doch! Wären Sie blind, Sie wüßten, wie Sie mich ängsten!« »Ich bin es, Elfriede«, sagte jetzt Nik in traurigem Tone. Als sie den Laut dieser Stimme vernahm, schlug ihr die Röthe wie eine Flamme in ihr liebliches reines Kinderangesicht, und indem sie ihr Ruder aus der Hand legte, streckte sie ihm beide Hände entgegen, und rief: »Du böser Nik, wie konntest Du mich so erschrecken, weißt Du denn nicht, wie sehnlich wir Alle Deiner harrten«, und sie holte tiefen Athem, und preßte ihre kleinen weißen Kinderhände auf ihr Herz, als ob sie sich von der ausgestandenen Angst erholen wolle, aber in ihrem Antlitz lag bereits wieder die seligste, reinste Freude. Hätte sie die Augen ihres Steuermanns gesehen, sie hätte sich nicht gefreut, sie hätte um Hülfe gerufen. Es waren die Augen eines Irren. Ein seltsames Paar, das Mädchen mit dem Blicke der Blinden, der glänzend und dennoch leer war, in dem Auge des bleichen Jünglings aber flirrte der Wahnsinn. Beide wollten reden, konnten aber nicht, da die Thränen sie würgten; beide waren jetzt bleich und elend. »Du bist so seltsam, Nik«, sagte endlich Elfriede. »Warum sprichst Du nicht?« Er schaute sie düster an, zog beide Ruder ein, und ließ das Schiff mit der Strömung weiter treiben. Dann sprang er auf die nächste Bank, so daß das Schiff schwankte, und flüsterte leise: »Ich wollte ganz allein mit Dir reden, ohne Zeugen.« Die Blinde hielt sich mit beiden Händen an dem schaukelnden Schiffchen und bog ihr Haupt zur Seite, da Nik's Wesen sie ängstete. »Du hältst mich für unschuldig«, sagte er mit heiserer Stimme. Entsetzt fuhr Elfriede auf und streckte wie abwehrend ihre Hände gegen ihn aus. Er aber lachte und sagte: »Ein Dieb bin ich. Ich habe Müllern den Schlüssel gegeben, damit er sich das Geld stehle, das ich ihm nicht schaffen konnte, und so ist das Schreckliche geschehen. Begreifst Du nun, daß ich nicht mehr leben mag?« Sie überhörte den Sinn dieser Frage. Konnte sie doch den Todesentschluß nicht sehen, der in seinen düster glühenden Augen zu lesen war. Sie faltete nur wie betend ihre kleinen Hände zusammen und sagte gramvoll: »Du armer, armer Mann!« Eine Weile schwiegen sie, während das Boot von der Fluth weiter gezogen in den Mühlgraben einlenkte, der an dieser Stelle vom Strome abzweigte. »Würdest Du mich auch jetzt noch heirathen wollen«, nahm Nik wieder das Wort, »nachdem Du weißt, daß ich ein Dieb bin?« »Wie Du redest«, sagte Elfriede unwillig. »Ich wollte Dich nie heirathen. Wie kann denn eine Blinde heirathen? Ich könnte ja nie Dein Hauswesen leiten, nie Kinder erziehen. Es wäre nur Selbstsucht, wenn ich es thäte. Deine Schwester wollte ich sein, Dir Deine Sorgen abnehmen, Dich warnen vor Deinen Schwächen und vor dem bösen Menschen, der all' dieses Leid über Dich gebracht hat.« Nik lachte bitter vor sich hin. »Du thust wohl daran. Wer mit Dieben Theil hat, der hasset sein Leben.« »Nik, rede nicht so«, sagte Elfriede, »es zerreißt mir das Herz.« Sie fing an zu weinen. »Nicht wahr, nun begreifst Du, daß ich nicht mehr leben kann«, sagte Nik milder. »Du sollst aber leben«, rief Elfriede. »Jeder kann sich erheben, wie tief er gefallen sein mag, wenn er Gottes Hand nur ergreifen will. Du hast doch selbst in der Kirche gesprochen: ›Ich glaube an die Vergebung der Sünden.‹ So glaube auch, wie wir Alle es glauben und Alle es nöthig haben.« »Es ist zu spät«, rief Nik. Die Blinde aber horchte in die Ferne. Beide hörten vom Ufer her Fritz rufen. Elfriede verstand nicht, was der Bruder wolle, aber das unklare Gefühl einer drohenden Gefahr hatte sich ihrer bemächtigt. Nik's Reden klangen so sonderbar, und der Mühlgraben wurde reißender. Selbst die Blinde fühlte, wie das Schiff pfeilschnell dahinschoß. Wieder hörte sie Fritz zornig vom Ufer her Nik zurufen: »So halte doch rechts, rechts steuern.« Aber die Mahnung erbitterte diesen nur. Statt aller Antwort warf er beide Ruder weit von sich in's Wasser. »Was thust du, Nik?« sagte die Blinde, sich ängstlich erhebend. Ihr scharfes Ohr vernahm bereits das Rauschen des Wehrs, dem sie mit jedem Augenblicke näher kamen, und sie fühlte, wie das steuerlose Boot sich um sich selbst drehte. Jetzt erst wurden ihr Nik's verworrene Reden klar, und Todesgrauen überrieselte sie. In dem gleichen Augenblicke hörte sie aber am Ufer einen Fall in's Wasser. Fritz hatte sich in die reißenden Wellen gestürzt und schwamm auf sie zu. »Nik, bedenke Deine und meine Seele«, rief Elfriede in bleicher Verzweiflung. Er aber hatte seine Arme übereinandergeschlagen und starrte, den rührenden Anblick ihrer hülflosen Angst vermeidend, an ihr vorbei nach dem Wehr, über das das Schiffchen hinabschießen mußte unter die Mühlräder. Jeder Augenblick brachte sie dem tosenden Falle näher, während anderseits Elfriede durch das Brausen hindurch bereits Fritzens keuchend arbeitenden Athem vernahm, und hülfesuchend beugte sich die Blinde dem Bruder entgegen. Nik sah ein geröthetes Antlitz sich durch die Wellen drangen, während kräftige Arme die Fluth theilten. Bis dahin hatte er es mehr dem Zufall überlassen, wohin die Strömung den Nachen treiben werde, sie sollte entscheiden. Als aber Fritz dieser Entscheidung in den Arm fallen wollte, kochte sein Blut tückisch auf. Er rieß Elfriedens Ruder an sich und lenkte mit einem Schlage in die Mitte des Stroms. Im nächsten Momente erkrachten die dünnen Planken des Schiffchens, das auf dem Wehr aufgefahren war. Im selben Augenblicke hatte auch Fritz den Rand des Boots mit fester Hand erfaßt. »Hierher, Elfriede!« rief er der Blinden zu, sich mit seinem ganzen Gewichte an das Schiff klammernd, so daß es einen Augenblick über dem Wehre schwebte. Elfriede sprang auf, ihm entgegen. Noch erreichte sie seinen Arm. Aber indem Fritz mit der rechten Hand losließ, um die Schwester aufzunehmen, schoß der Nachen das Wehr hinab, ihn selbst mit sich ziehend. Einen Augenblick später schlug das Schiffchen um, und die drei Gestalten versanken in dem brausenden Gischt der gewaltigen Mühlräder. In der Mühle wurden die Mühlknappen im gleichen Augenblicke gewahr, wie das Rad mit einem Hindernisse kämpfe und ungleich arbeite, bis es plötzlich ganz still stand. Der Müller selbst eilte hinaus, um zu sehen, was es gebe, aber bereits war es zu spät zur Hülfe. Er sah die Trümmer eines bunt bemalten Schiffchens in den Wellen treiben, während zwischen den Speichen des wieder in Gang gekommenen Mühlrads eine jugendliche Gestalt auf und ab geschleift wurde, in der er zu seinem Schrecken den jungen Gutsherrn erkannte. Zwanzigstes Kapitel In dem Gärtnerhäuschen über der Wiese herrschte stille Trauer. Vor der Thüre standen Männer und Frauen in schwarzen Anzügen, das Gesangbuch in der Hand. Sie warteten auf den Gärtner und seine Frau, die sich drinnen zu einem schweren Gange bereit machten. Die Wasser der Trübsal waren brausend über das arme Paar hereingebrochen und hatten den alten Glimm in einer einzigen Stunde zum Greise gemacht. Man hatte seine geliebten Zwillinge, innig umschlungen, aus dem Mühlgraben gezogen, und Niemand ahnte, wie das Schreckliche sich zugetragen. Der ganze Hergang war ein Geheimniß geblieben. Den jungen Baron hatte der Müller mit eigener Lebensgefahr aus den Speichen seines Mühlrads befreit. »Rührt mich nicht an, ich bin der Räuber Orbassan«, hatte der junge Mann in tollem Wahnsinn gerufen. »Der Vogel Rock hat mir mit seinem Fittiche den Arm verletzt.« Aber wie sehr er sich auch sträubte, gegen seinen Willen war er gerettet worden, denn vornehme Leute dürfen nicht sterben, wann sie wollen. So tobte er nun drüben in der Irrenzelle, in die man ihn geschleppt hatte. Alle Märchenphantasieen seiner Knabenjahre waren in seinem kranken Hirne wieder aufgewacht. Er hielt lange Gespräche mit der Brunnenfrau, und man durfte ihn darin nicht stören, da er sonst in Tobsucht verfiel. Dennoch gaben die Aerzte Hoffnung auf Wiederherstellung, gerade weil sein Geist noch so kräftig reagirte. Ueber der Zeit, die der Müller mit der Rettung des jungen Gutsherrn verlor, waren die Geschwister zu Grunde gegangen. Als man mit den Belebungsversuchen begann, war es bereits zu spät. Bleich und schön lagen die Zwillinge jetzt in ihren Särgen bei dem Altare der kleinen Dorfkirche, und die Glocke lud die Gemeinde ein, den Geschwistern, die die Freude ihrer Eltern und der Stolz des Dorf's gewesen, die letzte Ehre zu erweisen. »Nun ist unser Haus öde und unser Leben zwecklos«, sagte der alte Glimm, indem er einen traurigen Blick durch die leeren Stuben gehen ließ. »Wie kannst Du so reden«, erwiderte seine Frau, indem sie ihm die Hände auf seine gebeugten Schultern legte und ihn innig anschaute. »Sieh diese Bäume, die Du gepflanzt, diese Beete, die Du angelegt, diese Rebberge, die Du gepflegt hast. Das Alles ist Dein Werk. Die da drüben haben nichts dazu gethan, sie haben nur immer gehindert. Daß das Gut das schönste ist, das Thal hinauf und hinunter, wem ist es zu danken als Dir? Wem unser Herrgott ein solches Stückchen Erde anvertraut hat, der soll nicht sagen, sein Leben habe keinen Zweck.« »Du hast Recht, Hanne«, erwiderte Glimm, indem er sich aufzurichten versuchte. »Es hat mir doch fast das Herz abgedrückt, als der Baron mir kündigte und den rothen Johann zum Gärtner setzen wollte, der jedes Pflänzchen mit einem frommen Spruche in die Erde steckte, um dann am Abende mit den gestohlenen Pfirsichen zum Fruchthändler zu schleichen. Da will ich doch lieber selbst zum Rechten sehen.« »Und unsere Kinder«, fuhr die Frau fort, indem sie sich die Augen trocknete, »wie werden sie sich freuen, wenn sie das Plätzchen, das sie liebten, auch vom Himmel her noch so schön sehen. Jetzt sieht sie wieder«, rief die arme Mutter, und überwältigt von diesem Gedanken fiel sie ihrem Manne um den Hals, und unter Thränen wiederholte sie: »Jetzt sieht sie wieder!« Aber es waren Thränen, die nicht auf der Seele brennen, sondern das Leid kühlen. Gleich darauf griff sie gefaßt nach ihrem Gesangbuche, und Hand in Hand stiegen die treuen Gatten die Treppe hinab und machten sich, umgeben von ihren Freunden, auf den Weg nach der Kirche. Man hatte die Särge auf Befehl des Pfarrers bereits geschlossen, um den Eltern den schmerzlichen Anblick zu ersparen. Gefaßt und fest nahmen beide in der vordersten Bank Platz, während die Orgel ernste, leise Weisen präludirte. Wieder sang man jenes Lied, das vor einundzwanzig Jahren gespielt worden war, als die treue Hanne drüben vor ihrem Hause unter den blühenden Obstbäumen saß, ihres Stündchens wartend: Eins ist Noth; oh Herr, dies Eine Lehre meine Seele doch! Auch beim schimmerreichsten Scheine Ist sonst Alles nur ein Joch. Und die ganze frohe Hoffnung jenes Morgens wachte wieder auf in ihrer treuen Seele. Sie hörte ergeben zu, als der greise Prediger, der ihrer Kinder treuester Freund gewesen, in der Eltern Namen das Gebet sprach, das Gott dankte, daß er diese beiden seltenen, schönen Blumen in den Garten ihres Lebens gepflanzt habe. Sie erröthete, als er die Treue lobte, mit der die Hand des Gärtners und der Gärtnerin dieser beiden Pflänzchen gewartet habe, sie wischte sich die Augen, als er das Glück ihrer Kinder pries, die noch umfangen von den Blüthenträumen der Jugend, unenttäuscht und unverbittert, hätten heimkehren dürfen in den schönen Garten des Paradieses, den die Sonne nicht sticht und der Frost nicht beschädigt. »Reich an Frieden hießen sie beide«, sagte er, »Friedrich und Friederike. Diesen Frieden habt Ihr ihnen gewünscht, als Ihr ihnen so schöne Namen wähltet, und frühe schon haben sie diesen Frieden gefunden.« Nicht viel mehr von dem, was um sie her vorging, vermochten die Eltern zu fassen. Sie sahen die Grube, in die man beide Särge hinabsenkte. Mit zitternden Händen warfen sie mit dem Spaten eine Scholle auf jeden der beiden Särge, eine für Fritz, eine für Elfriede. Dann hörten sie noch die Stimme des Geistlichen: »und gebe Euch seinen Frieden!« Die Freunde umringten sie, und sie verließen den Kirchhof wie Träumende, um nach ihrer Hütte zurückzukehren. In ihren Augen aber lag der stille Glanz jener Liebe, die nimmer aufhört. * Durch den unendlichen Weltraum aber unseres Gottes schwangen sich die Zwillingssterne hinauf, und kehrten heim zu dem hellen Lande, aus dem sie, dem Zuge ihres Mitleids folgend, herabgestiegen waren in das Thal der Schatten. Die drei Mal sieben Jahre waren ihnen jetzt wie ein einziger Tag. »Wir konnten ihn nicht retten«, klagten sie vor Gottes Thron. »Er ging verloren, wie so Viele verloren gegangen sind.« Aber eine milde, tröstende Stimme ging aus vom Throne des Ewigen: »Indem Ihr einen Anderen zu retten suchtet, habt Ihr Euch selbst gerettet, und nicht anders, wenn die Zeit seiner Läuterung vollendet ist, wird auch er die Heimkehr finden in der ewigen Liebe Schos.«