Jugendfreunde. Lustspiel in vier Aufzügen von Ludwig Fulda.     Stuttgart 1898. Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger.     Personen. Dr. Bruno Martens . Pilipp Winkler , Musikschriftsteller. Heinz Hagedorn , Maler. Waldemar Scholz , Techniker. Dora Lenz . Amelie Siebert . Toni Leitenberger . Lisbeth Gerlach . Stephan , Diener. Ort der Handlung: Die Villa des Dr. Martens in einem westlich angrenzenden Vorort von Berlin.     Erster Aufzug. Gartenzimmer bei Martens. Sehr komfortable Junggesellen-Einrichtung. Im Hintergrund, nach dem Garten hin, eine zweiflügelige Glasthür, zu deren beiden Seiten je ein Fenster. In der rechten Seitenwand hinten die Eingangsthür und eine Thür ganz vorn; der letzteren gegenüber eine Thür in der linken Seitenwand. Weiter hinten links Kamin; auf dessen Sims Bierkrüge. Zwischen den beiden Thüren rechts großes, elegantes Regal mit Bibliothek. In der Mitte des Vordergrundes Ottomane; daneben Rauchtischchen mit Cigarrenkisten, Rauchutensilien und elektrischer Klingel; daneben Schaukelstuhl. Vorn rechts Schreibtisch; vorn links runder Tisch mit Wasserflasche und Stühle. Die übrige Ausstattung des Raumes verrät den geschmackvollen Sammler von Kunstgegenständen aus aller Herren Ländern: Schränkchen, Etageren, Statuetten, japanische Bronzen, orientalische Teppiche und Decken; an den Wänden Trophäen von exotischen Waffen und Gerätschaften, Reliefs, Aquarelle und Landschaftsphotographien. Kronleuchter für elektrisches Licht. Erster Auftritt. Winternachmittag. Die Scheiben der Glasthür und der Fenster im Hintergrund sind vereist und gewähren daher keine Aussicht. Im Kamin brennt Feuer. Bruno . (Dann) Stephan . Bruno (liegt, eine Cigarette rauchend, auf der Ottomane und liest in einem Roman; nach einem Weilchen drückt er auf die Klingel) . Stephan (eleganter Diener, gleich darauf von rechts hinten) . Bruno (deutet lässig nach dem Kamin, ohne von dem Buch aufzusehen) . Legen Sie noch ein bißchen nach, Stephan. 8 Stephan . Jawohl, Herr Doktor. Bruno . Muß heute draußen barbarisch kalt sein. Stephan (Holzscheite in den Kamin legend) . In Batavia hatten wir's wärmer, Herr Doktor. Bruno . Sehr treffend bemerkt. (Nach einer kleinen Pause, stets, ohne aufzusehen.) Wieviel Uhr ist denn? Stephan . Fünfe vorbei, Herr Doktor. (Er geht nach rechts.) Bruno (wieder nach einer kleinen Pause) . Ja, was ich noch sagen wollte, Stephan – heute abend kommen meine Freunde. Stephan . Hab' ich mir schon gedacht, Herr Doktor. Bruno . Sorgen Sie dafür, daß genug Bier im Hause ist. Stephan . Hab' ich schon besorgt, Herr Doktor. Bruno (das Buch zuklappend) . Ach, der Roman da langweilt mich. Den können Sie für mich zu Ende lesen, Stephan. Stephan . Hab' ich schon gelesen, Herr Doktor. 9 Bruno . Stephan , Sie sind eine Perle. (Es pocht an der Eingangsthür.) Hat es da nicht geklopft? Stephan (öffnet die Thür; zu Bruno, meldend) . Herr Winkler. (Er verneigt sich vor dem eintretenden Philipp und geht ab.) Zweiter Auftritt. Bruno . Philipp Winkler . (Im Verlauf des Auftrittes allmähliche Dämmerung.) Philipp (nervöser, etwas blutarmer Kulturmensch; feine, vergeistigte Gesichtszüge; sehr adrett gekleidet, aber nicht nach neuester Mode. Er ist merklich präoccupiert) . Guten Tag, Bruno. Bruno (in seiner Lage verharrend) . 'Tag, Philipp. Nimm mir's nicht übel, ich bin zu faul, um aufzustehn. Philipp . Na, dann bleib doch liegen. Bruno . Leg ab, setz dich, steck dir 'ne Cigarre an. Philipp . Ja, Bruno, das will ich gern thun. (Er nimmt sich eine Cigarre, setzt sich auf den Schaukelstuhl.) Eine Bärenkälte – wie? 10 Bruno . Ich bin nicht vor der Thür gewesen – 'ne Woche mindestens. Nicht einmal in meinem Garten. Hinaussehen kann ich glücklicherweise auch nicht; die Fenster sind vereist. Philipp . Aber was treibst du denn den lieben langen Tag? Bruno . Du siehst es ja. »Ich lieg' und besitze« – ganz wie der selige Fafner. Dagegen du, der Pflichtenmensch, der Normaluhrenmensch – das ist doch sonst deine Arbeitszeit. Was bedeutet es, daß dein Geist zu so ungewohnter Stunde bei mir umgeht? Oder hast du die Schamlosigkeit, mir für heut abend abzusagen? Philipp . I bewahre. Ich komme heute abend; natürlich komme ich. (Er zieht an seiner Cigarre.) Aber allerdings, ich . . . ich wollte vorher etwas allein mit dir besprechen. Bruno . Dann schieß los! – (Auf Philipps Cigarre deutend.) Die hat keine Luft; nimm dir 'ne andre. Philipp . Wirklich, sie hat keine Luft. Das kann ja vorkommen. (Er steckt sich eine neue Cigarre an.) Bruno . Also, was giebt es denn? 11 Philipp (etwas zögernd) . Siehst du, Bruno, im Frühjahr werden es volle zwanzig Jahre, seit wir unseren Freundschaftsbund begründet haben . . . Bruno . Ja, daran ist nichts zu ändern. Philipp . Als Knaben haben wir ihn geschlossen, als Jünglinge befestigt, als Männer erprobt. Wenn man bedenkt, vier so durch und durch verschiedene Menschen wie Heinz, Waldemar, du und ich, in so wechselnden Stadien der Entwicklung . . . Bruno . Philipp, du bist aber heute wieder mal beängstigend gründlich. Philipp . Ich bitte dich, mach keine Scherze! Das Leben ist so ernst. Bruno . Ich mache sie ebendeshalb. Erkläre mir also, warum du gerade jetzt diese feierlichen Reminiscenzen . . . Philipp . Von unserer Freundschaft muß ich reden; es gehört unmittelbar zur Sache. Bruno . In Gottes Namen. Philipp . Nun ja, wir haben die ganze Zeit treu zu einander gehalten, und obgleich wir uns heute eingestehen müssen, daß nicht alle Blütenträume reiften . . . 12 Bruno . Hab' ich mir schon längst eingestanden. Philipp . Es steckte damals doch in uns eine ungeheure Idealität. Bruno . Falls du es Idealität nennst, daß ich lange Locken trug und miserable Verse machte . . . Philipp . Deine Verse waren ebensowenig miserabel wie meine Kompositionen. Es war gärender Most. Bruno . Und als er ausgegärt hatte, war's Essig. Philipp . Du magst es bezeichnen, wie du willst. Immerhin, wir sind nun alle über dreißig, und wenn man nicht so genügsam ist wie Heinz oder so optimistisch wie Waldemar . . . Bruno . Oder so faul wie ich . . . Philipp . Wenn man ab und zu eine möglichst ehrliche Bilanz macht . . . Bruno . Und die Daseinskomödie so verflucht schwer nimmt wie du . . . Philipp (steht auf) . Bruno, bist du mit dem gegenwärtigen Zustand vollkommen zufrieden? 13 Bruno . Herrgott, warum denn nicht? Philipp . Ich meine, entbehrst du gar nichts? Hast du gar keine unbestimmten Wünsche, keine Sehnsucht? Bruno . Vorhin hatt' ich die Sehnsucht, daß es hier etwas wärmer wird. Jetzt ist mir wieder mollig. Philipp . Ach, deine ewigen Witze! Bruno . Nein, ganz im Ernst, mein Junge. Mollig, das ist die Hauptsache; darin faßt sich bei mir alles Wünschenswerte zusammen. Und wonach soll ich mich denn sehnen? Ehrgeiz hab' ich keinen, Illusionen erst recht nicht; Geld mehr als genug, drei famose Freunde, einen großartig dressierten Diener, eine gute Köchin und dazu den entsprechend guten Magen. Die Welt kenn' ich von einem Ende bis zum andern, und nun gar die Weiber . . . Philipp . Es giebt auch Frauen, vergiß das nicht. Bruno . Ja, ja. Aber die Frauen sind schließlich auch nichts anderes als Weiber, zumal wenn man sie heiratet. Der Himmel möge uns in seiner Gnade davor bewahren. Philipp . Bruno, ich begreife nicht, wie du . . . 14 Bruno (ihm ins Wort fallend) . Nein wahrhaftig, Sehnsucht hab' ich nie, höchstens manchmal Langeweile. Philipp . Das ist schon schlimm genug. Bruno . Wieso? Dem läßt sich ja abhelfen. Man raucht ein bißchen mehr; man schläft ein bißchen länger; oder man schreibt ein Buch. Philipp . Ist es wahr? Du willst also doch wieder . . . Bruno . Verse machen – nein, sei unbesorgt. In diesem Leben nicht mehr. Aber wozu ist man denn rund um die Welt gegondelt? Man hat das Zeugs mit offenen Augen angesehn, sich nichts weismachen lassen; man hat Eindrücke, Erinnerungen, Gesichtspunkte, und zum Zeitvertreib . . . Philipp . Wirst du sie niederschreiben? Bruno . Selber schreiben – gräßlicher Gedanke. Diktieren werd' ich sie – einem Stenographen. Weißt du vielleicht einen? Die Kerle, die sich bisher auf mein Inserat gemeldet haben . . . Philipp (auf und ab gehend, in Gedanken vertieft) . Das ist es auch nicht, Bruno. Thätigkeit allein füllt den Menschen nicht auf. Ich hab' im letzten Jahr 15 geschuftet – unglaublich. Einen ganzen Band Musikgeschichte, zwei Broschüren, fünfundzwanzig größere und kleinere Aufsätze . . . Bruno . Hör' auf; mir wird schlecht. Philipp . Aber der Friede des Herzens, die Abgeklärtheit, die Harmonie im Goetheschen Sinn, oder wie ich es früher nannte, die innere Musik der Dinge . . . Bruno . Das Klavezimbel in unserem Busen. Philipp . Wirklich, Bruno, es ging so nicht weiter. Im Kampf mit den Lappalien, mit den Bagatellen – da bin ich vollständig waffenlos. Ich hätte vielleicht ein Löwenjäger werden können . . . Bruno . Na, na, renommier' nicht! Philipp . Aber der ewige Krieg mit Mücken . . . dieses Chambre-garni-Leben, dieses Restaurationsessen . . . Bruno . Warum führst du nicht eigene Haushaltung wie ich? Philipp . Du hast leicht reden. Wenn man eine Villa geerbt hat und die Bedienung gleich dazu! Für solche Sachen bin 16 ich einfach zu unpraktisch; ich will mich nicht drum kümmern; gar nicht existieren sollen sie! Stell' dir nur vor, daß ich jede Woche selbst meine Wäsche abzählen muß. Bruno . Schaudervoll; höchst schaudervoll. Philipp . Und gestohlen wird sie mir trotzdem. Mit einem Wort, (nach seinem Hals zeigend) ich hab's bis hierher; ich bin schachmatt. Bruno . Mein lieber Philipp, nun setz dich mal manierlich hin; laß deine tiefe Weltanschauung möglichst beiseite und sag mir klar und deutlich: Was geht vor? Philipp (sich unruhig setzend) . Bruno, es wird mir faktisch nicht leicht, bei deinen Ansichten . . . Bruno . Mensch, du machst einem ja ordentlich gruslig. Diese Fahrigkeit, diese dunklen Anspielungen, diese Leichenbittermiene – was ist denn los mit dir? Willst du auswandern? Willst du ins Kloster gehn? Willst du dir das Leben nehmen? Philipp . Nichts von alledem, Bruno. Ich . . . (mit einem Ruck) ich habe mich verlobt. Bruno (von der Ottomane emporschnellend) . Donner und Doria! Da hört die Gemütlichkeit auf. 17 Philipp . Gott sei Dank, daß es heraus ist. Bruno (umherlaufend) . Schockschwerenot! Verlobt hat sich der Mensch! Meuchlings verlobt! Und das sagt er mir so ohne weiteres ins Gesicht. Philipp . Du bist der erste, der es erfährt. Bruno . Das ist Verrat, schnöder Verrat! Das ist Meuterei, Apostasie . . . Philipp . Lieber Freund, ich war ja auf einiges gefaßt; aber diese eigentümliche Kritik eines reiflich erwogenen Schrittes . . . Bruno . Verlobt! Weiß Gott, ich zittere am ganzen Leibe; solch einen Riß hat mir das gegeben. Verlobt! War das die Meinung, als wir nach meiner Rückkehr von der Reise unseren Junggesellenbund hier in diesem Zimmer neu besiegelten? Als wir die Kneipe verschworen und dieses Haus zum Tempel der Freundschaft machten? Als wir eine stolze Fahne aufrichteten gegen das Philisterium? Philipp . Ach was! Philisterium ist es, die Ehe so wie du in Bausch und Bogen zu perhorreszieren. Unser Freundschaftsbund steht mir genau so hoch wie dir; aber zum Cölibat hab' ich mich meines Wissens niemals verpflichtet. 18 Bruno . Heiliger Strohsack, was werden Heinz und Waldemar dazu sagen! Philipp . Aergeres als du gewiß nicht. Bruno (ihn bei den Schultern fassend) . Philipp, alter Junge, weißt du denn auch, was du thust? Bist du bei voller Besinnung? Hast du dir die Sache wirklich überlegt? Philipp . Kennst du mich so schlecht? Bin ich etwa der Mann der plötzlichen Entschlüsse? Aufs gewissenhafteste hab' ich es überlegt – das Pro und das Contra, monatelang, nach allen Dimensionen. Es ist ja auch wahrhaftig keine Kleinigkeit. Bruno . Sapperlot, das will ich meinen. Philipp . Glaubst du, ich unterschätze die riesige Tragweite, die kolossale Verantwortung? Bruno . Wie ist denn das Unglück passiert? Philipp . Bei meinem letzten Aufenthalt daheim – da hat es sich entschieden. Sie ist nämlich meine Landsmännin, mir sozusagen von Jugend auf bekannt. Seit vierzehn Tagen schlepp' ich die Geschichte mit mir herum und traue mich 19 nicht, euch was zu sagen, aus purer Angst vor eurem Junggesellenfanatismus. Ich kann nichts essen; ich schlafe keine Nacht . . . Bruno (ihm die Haare streichelnd) . Armer Teufel, du thust mir leid. Ich bin wütend; aber du thust mir aufrichtig leid. Philipp (sich von ihm losmachend) . Warum thu' ich dir denn leid? Das muß ich mir verbitten. Im Grunde genommen bin ich doch überglücklich, hab' auch alle Ursache dazu. Sie ist aus sehr angesehener Familie, wohlerzogen, gebildet, schon dreiundzwanzig, hat also die Tanzjahre hinter sich, schwärmt für eine stille Häuslichkeit . . . Ich bekomme eine Frau, die mich von allen Kleinlichkeiten befreien wird und dabei für mein Geistesleben das vollste Verständnis besitzt. Bruno (kopfschüttelnd) . Hm, hm! Philipp mit einer Frau am Arm; Philipp als Ehekrüppel; Philipp als Familienvater! Philipp (drängt ihn zur Ottomane) . Liebster, nun setz' dich doch auch wieder – oder leg' dich meinetwegen – und laß vernünftig mit dir reden. (Bruno setzt sich.) Siehst du, gerade unsere Freundschaft – die hatte ich mit im Auge. Denk dir nur, wie reizend das werden wird, wenn ihr euch künftig an meinem traulichen Herde versammelt . . . Ich hab' auch meiner Braut schon so viel von euch erzählt; sie hat schon ein so warmes Interesse für euch alle, und wenn du sie erst persönlich kennst . . . 20 Bruno . Gegen deine Braut hab' ich nicht das Geringste. Ich setze stillschweigend voraus, daß du dir das Beste ausgesucht hast, was zu haben war. Aber sie ist ein Weib; das kannst du nicht leugnen. Philipp (steht ärgerlich auf) . Bruno – ist ja thöricht! Ist ja einfach lächerlich! Diese blinde Aversion gegen die größere Hälfte der Menschheit. Deine Erfahrungen mit Ballettdamen oder mit Japanesinnen . . . Bruno . Lassen wir meine Erfahrungen. Du verheiratest dich, abgemacht – und wir bleiben ledig, gleichfalls abgemacht. Da beißt keine Maus einen Faden ab. (Aufstehend.) Und nun, mein guter Philipp – nun muß ich dir doch eigentlich gratulieren. Philipp . Es wäre deine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Bruno (ihm mit gelinder Rührung die Hände schüttelnd) . Werde glücklich, mein Sohn, werde glücklich! Stephan (tritt auf) . Herr Doktor . . . Bruno . Was giebt's? Stephan . Da ist eine junge Dame. Bruno . Junge Dame? 21 Philipp (diskret, nach vorn rechts deutend) . Ich kann ja durch dieses Zimmer . . . Bruno (ihn zurückhaltend) . Halt! – Stephan, habe ich die junge Dame einmal gekannt? Stephan . Nein, Herr Doktor. Bruno . Nun also, was will sie denn? Stephan . Sie sagt, sie käme wegen dem Inserat. Bruno . Ach so! Soll morgen wiederkommen. Ich habe Besuch. Philipp . Nein, Bruno, laß dich nicht stören. Ich muß so wie so . . . Bruno . Was denn? (Zu Stephan.) Oder soll warten. (Stephan ab.) Schrecklich – jetzt rücken mir gar noch Damen auf die Bude. Philipp . Ich will nämlich noch ein Geschenk für meine Braut besorgen. Kannst du mir nichts raten? Du hast so viel Geschmack. Bruno . Woher soll ich denn wissen, wie man Bräute beschenkt! Geh doch zum Juwelier. 22 Philipp . Das ist eine gute Idee. Das will ich thun. Bruno . Und komm bald wieder. Wir werden sie leben lassen; denn schließlich – Unmenschen sind wir nicht. Philipp (ihn umarmend) . Ich danke dir, Bruno, mein treuer, alter . . . (Die Stimme versagt ihm vor Ergriffenheit; dann, sich die Augen wischend.) Es ist ja keine Kleinigkeit. (Ab.) Dritter Auftritt. Bruno . (Gleich darauf) Dora Lenz . Bruno (allein; geht auf und ab, schüttelt den Kopf) . Unglaublich! (Er wirft sich auf die Ottomane, steckt sich eine neue Cigarette an. Es klopft.) Herein! Dora (tritt ein. Sie ist einfach, aber sorgfältig gekleidet, in ihrem Auftreten bescheiden, schlicht, bei voller Selbstsicherheit; in ihrem Mienenspiel ab und zu ein leichter Anflug von Ironie) . Ich bitte um Entschuldigung . . . Bruno (richtet sich halb auf, sie kaum ansehend) . Ach ja so! Womit kann ich dienen? Dora . Sie suchten durch die Zeitung einen Stenographen. 23 Bruno . Ganz richtig. Einen Stenographen. Aber keine Stenogra phin . Dora . Ich hätt' es mir denken können. Verzeihen Sie, daß ich . . . (Sie will sich zurückziehen.) Bruno . Na, warten Sie doch mal einen Augenblick Es läßt sich ja darüber sprechen. (Er klingelt.) Nehmen Sie Platz. – Es ist hier schon etwas duster – nicht wahr? (Zu dem eintretenden Stephan.) Stephan – Licht! (Stephan dreht neben der Eingangsthür die elektrische Beleuchtung auf und geht wieder ab.) Na, wollen Sie nicht Platz nehmen? (Dora setzt sich. Er sieht sie an.) Ei, ei – das ist aber merkwürdig. Dora . Was meinen Sie? Bruno . Sehr merkwürdig. Stenographin, so, so! Die Leute, die bisher deswegen bei mir waren, die . . . Dora . Ich verstehe Sie nicht. Bruno . Meine Gedanken sind für Sie nur schmeichelhaft. Ich bin erstaunt, daß eine Dame wie Sie sich um einen solchen Posten bewirbt. Sie sind so jung, so . . . Dora . Ich bin darauf angewiesen. 24 Bruno . Sie können fertig stenographieren? Dora (holt Papiere aus der Tasche) . Hier meine Zeugnisse. Bruno (abwehrend) . Danke; ich glaub's Ihnen. Verstehen Sie fremde Sprachen? Dora . Französisch, Englisch und Italienisch. Bruno . Potztausend! Dora . Ich gebe auch Sprachunterricht. Aber da ist gegen die Konkurrenz nicht aufzukommen. Wenn ich hoffen dürfte, noch ein paar Schülerinnen, vielleicht aus dem Bekanntenkreis Ihrer Frau Gemahlin . . . Bruno (lachend) . Haha, sehr gut! Frau Gemahlin! Ich habe gar keine Frau Gemahlin. Sie sehen in mir einen eingefleischten Junggesellen. Dora (steht auf) . Pardon, das wußt' ich nicht. Dann ist es doch wohl besser . . . Bruno . Was ist besser? – – Ach so! (Lachend.) Nun, was das anbelangt, da können Sie ganz ruhig sein, noch viel ruhiger, als wenn ich eine Frau Gemahlin hätte. Ich kann Ihnen versichern, in dieser Hinsicht haben Sie bei mir nichts zu befürchten. 25 Dora (ein wenig verlegen) . Ach Gott, das war auch dumm von mir. Man wird nur mit der Zeit etwas mißtrauisch. Bruno . Ja, das wird man. Ich bin es leider auch, im höchsten Grade. Und wenn ich mich überhaupt mit dem Gedanken befreunden soll, Sie zu beschäftigen, dann müssen Sie mindestens doppelt so gut stenographieren können als ein Mann. Denn – ehrlich herausgesagt – ich kann im allgemeinen die Weiber nicht ausstehn. Dora (schlicht) . Mir geht es mit den Männern genau ebenso. Bruno (steht auf; viel freundlicher als bisher) . Schau mal an! Da hätten wir ja einen Weg der Verständigung. Bitte, nehmen Sie doch wieder Platz. Da könnten wir uns ja miteinander vertragen. Wie ist Ihr Name? Dora (sich setzend) . Lenz. Dora Lenz. Bruno . Bin wohl vorhin, bei Ihrem Eintritt, nicht hervorragend höflich gewesen? Dora (mit seinem Lächeln) . O bitte, das bin ich nicht anders gewöhnt. Bruno . Um so beschämender für mich, Fräulein Lenz. Aber wissen Sie, ich habe heute noch eine ganz besondere Wut 26 auf Ihr Geschlecht. Gerade bevor Sie kamen, hat mir ein alter Freund aus heiterem Himmel seine Verlobung angekündigt. So etwas wirkt verstimmend – begreifen Sie das? Dora (überzeugungsvoll, mit leichtem Seufzer) . Ach ja, die Aermste! Bruno . Die Aermste? Nein, der Aermste! Sie kann voll Glück sagen. Dora . Du lieber Himmel, das ganze Leben ist ja zu Gunsten der Männer eingerichtet, und die Ehe erst recht. Bruno (heiter) . Hoho, Sie gehen tapfer ins Zeug. Dora (über ihre eigenen Worte erschrocken) . Um Vergebung; ich . . . Bruno . O bitte, macht nichts. Nur immerzu! Dora (wieder aufstehend) . Darf ich also darauf rechnen, daß Ihnen meine Dienste . . . Bruno . Freilich, freilich; versuchen wir's mal. Ueber das Honorar werden wir uns ja leicht einigen. Dora . Ich zweifle nicht. 27 Bruno . Also dann gleich morgen früh, wenn Ihnen das paßt. Dora . Gewiß. Bruno . Das heißt, unter früh versteh' ich eigentlich spät. Vor zehn Uhr bin ich nicht aus den Federn. Dora . Ich werde kommen. Guten Abend. Bruno . Guten Abend, Fräulein Lenz. – (Sie zurückrufend.) Nur noch eine Frage – wenn es nicht indiskret ist . . . Dora . Bitte. Bruno . Ich hoffe, Sie werden mich nicht mißverstehen. Was versetzt ein junges Mädchen von Ihrer Bildung in die Notwendigkeit . . . Dora . Mein Vater verarmte kurz vor seinem Tod; meine Mutter starb bald darauf, und ich blieb mittellos zurück. Bruno (bedauernd) . Hm! – Aber es müßte sich doch am Ende etwas Vorteilhafteres für Sie finden, etwas Ihren berechtigten Ansprüchen mehr Genügendes . . . Dora . Es giebt nicht allzuviel. Ich habe mancherlei ausprobiert – als Erzieherin zum Beispiel. Aber da ist mir denn doch meine jetzige Unabhängigkeit lieber. 28 Bruno Das gefällt mir von Ihnen. Das kann ich Ihnen nachfühlen. Jawohl, die Unabhängigkeit! Gar nicht zu begreifen, wie sich Menschen freiwillig ins Joch begeben können! Dora . Ich hab' es nie begriffen. – Guten Abend. (Sie nickt und will gehen.) Vierter Auftritt. Vorige . Heinz Hagedorn . Heinz (durch die Eingangsthür. Er macht in seiner Erscheinung den Eindruck eines Menschen, der auf sein Aeußeres wenig Sorgfalt verwendet; neigt zur Korpulenz; in seinem Wesen behäbig, phlegmatisch, alter Student) . 'nabend, Knorz. Bruno . 'nabend. (Er bemerkt, daß Dora ein Lachen verbeißt.) Erschrecken Sie nicht, Fräulein. Ich heiße für gewöhnlich nicht Knorz. Das ist nur mein alter Kneipname. (Vorstellend.) Mein Freund, Maler Hagedorn – Fräulein Lenz. Heinz (sich verbeugend) . Sehr angenehm. (Er schlendert zum Rauchtischchen, nimmt sich eine Cigarre, steckt sie an.) Bruno (Dora zur Thür begleitend) . Geben Sie acht, daß Sie sich nicht erkälten. Finden Sie denn den Weg? Gleich um die Ecke links ist die Pferdebahn. 29 Dora . Ich danke sehr. Guten Abend. (Ab.) Bruno (ihr nachrufend) . Also pünktlich um zehn. Fünfter Auftritt. Bruno . Heinz . Heinz . Wer war denn das? Bruno . Stenographin. Hab' ich eben engagiert. Sehr tüchtige Person. Heinz . Hübscher Schädel. (Er zieht mit der Hand eine Linie durch die Luft.) So im Profil – ganz fein. Bruno . Weißt du denn schon, Heinz, weißt du schon – das mit Philipp? Heinz . Oui. Bin ihm eben begegnet. Bruno . Nun, was sagst du dazu? Heinz . Was soll ich denn dazu sagen, Knorz? 30 Bruno . Na, höre mal – so kalt läßt dich das? Eine so rebellierende Neuigkeit? Heinz . Find' ich gar nicht so rebellierend. Bruno . Heinz, der Mensch will sich verheiraten – schlankweg verheiraten – und das rüttelt dich aus deinem Bierdusel nicht empor? Heinz . Nee – absolut nicht. Das ist doch seine Sache, Knorz. Bruno . So? Und wir – seine Freunde . . . Heinz . Wir werden ihm was zur Hochzeit dedizieren. Ich habe mir schon gedacht, ich schenk' ihm vielleicht die Skizze aus dem Spreewald – weißt du, die mit der Abendsonne. Die gefiel ihm sehr gut, und verkaufen kann ich sie doch nicht. Bruno . Ich beneide dich um dein Phlegma. Mich bringt sonst auch nicht so leicht etwas aus der Contenance. Aber die Geschichte hat mich in einer Weise aufgeregt . . . Heinz . Lachhaft. Aufregen ist unmodern. Der moderne Mensch stellt sich breitbeinig auf den Boden der Thatsachen. 31 Bruno . Und wenn er da steht, was dann? Heinz . Da bleibt er stehn und trinkt seinen Schoppen. Bruno . Recht geistvolle Beschäftigung das. Heinz . Du bist ein Schriftgelehrter, Knorz; du bist auch ein Weltumsegler, Knorz; aber was so im letzten Grunde der moderne Geist ist . . . Ja, was ich noch sagen wollte – kannst du mir vielleicht fünfzig Reichsmark pumpen? Bruno . Mit dem größten Vergnügen. (Er nimmt den Schein aus seiner Brieftasche und giebt ihn Heinz.) Heinz Mein Müggelsee ist so gut wie verkauft. Du bekommst alles zusammen am Ersten wieder. Bruno . Eilt nicht. Heinz (das Geld einsteckend) . Ja, wie gesagt, der moderne Geist . . . da muß dir erst noch eine Laterne aufgehn. 32 Sechster Auftritt. Vorige . Philipp . Philipp . Da bin ich wieder. Bruno . Der Bräutigam! Philipp . Waldemar noch nicht hier? Heinz . Noch nicht, Stöpsel. Philipp (zieht einige Etuis hervor und öffnet sie) . Seht einmal – wie findet ihr das? Ich habe mir dreierlei zur Auswahl geben lassen. Heinz . Feudal. Philipp . Neueste Façon, versicherte mir der Juwelier. Nun, wofür seid ihr? Heinz . Das ist doch deine Sache, Stöpsel. Philipp . Ja, ja; aber es ist immerhin eine schwerwiegende Entscheidung . . . Ich habe mir auf alle Fälle eine mehrtägige Bedenkzeit vorbehalten. 33 Bruno . Laß doch deine Braut selber wählen. Philipp . Ja freilich, da hast du recht. Aber nein, das geht nicht. (Die Etuis nervös zusammenklappend.) Ach, wär' ich nur erst weg über all diese Nebensächlichkeiten! Bruno (schadenfroh) . Das kommt noch ganz anders. Philipp . Wo nur Waldemar bleibt? Der ist doch sonst immer der pünktlichste. Bruno . Hast wohl ein bißchen Lampenfieber vor ihm? Philipp . Wieso denn? (Zu Heinz.) Thut dieser Mensch nicht accurat, als hätt' ich ein Verbrechen begangen? Heinz . Laß dich nicht klein kriegen, Stöpsel. Bruno . Na wartet nur, wenn Waldemar kommt! An dem hab' ich einen Bundesgenossen. 34 Siebenter Auftritt. Vorige . Waldemar Scholz . Waldemar (beweglicher Sanguiniker und geräuschvoller Enthusiast; neigt in Erscheinung und Auftreten zu einem gemäßigten Gigerltum. Er stürzt in höchster Ekstase herein) . Hurra! Hurra! Halleluja! (Die Freunde springen verwundert auf und wenden sich ihm zu.) Bruno . Waldemar, was hast du? Waldemar . Kinder, Kinder, ich bin der glücklichste Mensch unter der Sonne. Philipp . Was ist denn geschehen? Waldemar . Kinder meines Herzens, es giebt auf dieser Erde ein Götterweib! Ein Götterweib! Ein veritables Götterweib! Heinz . Das wievielste? Waldemar . Das erste und einzige! Bruno . Und was sagt dazu Lola, die feurige Reifenkönigin? 35 Waldemar . Mit allen Lolas und mit allen Reifenköniginnen bin ich fertig für immer! Bruno . Was?! Philipp . Wie? Waldemar . Heinz, Bruno, Philipp, Kampfgefährten, Waffenbrüder, vor einer Stunde hab' ich mich verlobt. Philipp . Nicht möglich! Heinz . Famos! Bruno (erstarrt) . Nein, jetzt wird es mir zu bunt. Waldemar . Wasser! Wasser! Ich ersticke vor lauter Wonne. Heinz (klopft ihm auf die Schulter) . Sei gut, Zephyr; mach keinen so mordsmäßigen Skandal. Waldemar . Wasser! (Zu Philipp, der ein Glas Wasser eingeschenkt hat und es ihm bringt.) Habe Dank, mein Engel. (Er trinkt; dann mit meckerndem Lachen.) Ehäha – ich mochte die ganze Welt umarmen. (Er geht auf Bruno los.) Bruno, mein Bruno . . . Bruno (zurückweichend) . Drei Schritt vom Leibe! – Die erprobtesten Säulen stürzen ein. An wen soll man noch glauben? Auf wessen 36 Wort soll man noch schwören? Mehr als hundertmal hast du es. mir beteuert . . . Waldemar . Was hab' ich beteuert, altes Haus? Bruno . Niemals zu heiraten, außer wenn du deinen Verstand verlierst. Waldemar (geht zuerst von einem zum andern; da Bruno ihn nicht anhören will, bleibt er zwischen Heinz und Philipp) . Aber ich hab' ihn ja verloren; vollständig hab' ich ihn verloren. Dieses Götterweib hat ihn mir geraubt. Auf dem Elektrotechnikerball – vor drei Wochen – hab' ich sie kennen gelernt. Eine Elfe – ehähä – eine Sylphide! Sie war dort mit ihrer Mutter, einer prachtvollen Frau; ihr Vater ist Gutsbesitzer – dahinten irgendwo – ein herrlicher Mann. – Sie sehen und lieben war eins. Mit ihr tanzen bis zur Bewußtlosigkeit war das zweite. Ich kam unzurechnungsfähig nach Haus; wütender Orkan all meiner Gefühle. Dann trafen wir uns auf der Eisbahn; alle Tage auf der Eisbahn; das gab mir den Rest. Gestern erfahre ich, daß Lisbeth heute abreisen wird – das Götterweib heißt Lisbeth. Unerhörte Qualen, Verzweiflung, männlicher Entschluß. Ich gehe in ihr Hotel; ich erkläre mich; sie liebt mich rasend; sie betet mich an. Die Mutter segnet uns mündlich, der Vater telegraphisch; darauf bringe ich die Damen zur Bahn: Rührung, Seligkeit und ein Abschiedskuß – o, daß ich ihn euch schildern könnte, diesen Abschiedskuß! Das ist Amor, Kinder, das ist Amor; da hilft kein Widerstreben. 37 Bruno (trocken) . Jawohl, da ist nichts mehr zu wollen. Du bist ebenfalls geliefert. Waldemar . Ebenfalls? Wer denn noch? Philipp . Ich, lieber Waldemar. Waldemar . Philipp, mein Philipp – du . . .?! Philipp . Ich kam dir um vierzehn Tage zuvor. Waldemar . Großartig, altes Haus – ehähä – großartig! Und das sagst du mir erst jetzt? Philipp . Du hast mich ja nicht zu Worte kommen lassen. Waldemar . An mein Herz, Bruder! Wie mich das elektrisiert! Geteilte Freud' ist doppelt Freud'. – Ist es dir da drinnen auch so weich, so butterweich? Philipp . Ja, Waldemar, es ist ein eigentümlicher Zustand. Waldemar . Wie heißt denn deine? 38 Philipp . Amelie. Waldemar . Amelie – schöner Name. Meine heißt Lisbeth. Hab' ich dir schon gesagt, daß sie Lisbeth heißt? (Sie gehen, eifrig zusammen weiter sprechend, nach hinten.) Bruno . Heinz, ist es denkbar? Das wollen zwei ausgewachsene Menschen sein. Heinz . Man muß sie austoben lassen, Knorz. Dauert nicht lange. Bruno . Aber ich halt' es nicht aus. Es geht mir auf die Nerven . . . Heinz Das kommt von deiner fabelhaften Ueberschätzung der ganzen Angelegenheit. Ob ein Mensch sich verheiratet oder nicht, ist ja total irrelevant. Bruno . Na, ich danke! Heinz . Was hat das mit der Humanität zu thun oder mit der Freundschaft oder mit was weiß ich? Bruno . Erlaube gefälligst! Heinz . Diese sogenannte brennende Frage kann mir gestohlen werden. Die Ehe, die Liebe, das Weib – nichts als 39 aufgebauschter Unsinn. Ob man seine natürlichen Funktionen so oder so vollzieht – total belanglos. Bruno . Haha, die Ehe hat wohl noch gar niemand zu Grunde gerichtet? Heinz . Pah, wer sich von so was zu Grunde richten läßt, an dem ist nichts verloren. Halbnaturen, Schwächlinge, Mollusken; Kerls, die sich ebensogut an einer Partie Billard den Tod holen könnten. Nee, mein Gutester, der Stöpsel wird weiter seine Musikbücher schreiben und der Zephyr weiter seine elektrischen Birnen fabrizieren, und wenn sie so nebenher noch für ein paar kleine Stöpsel und ein paar kleine Zephyre sorgen – allerhand Hochachtung. Bruno . Brrr, schauerlich! Der Canaille Natur als willenloses Werkzeug zu dienen; nur der Durchgangspunkt zu sein von einer Generation zur andern – nein, wir beide, Heinz, wir wollen uns zu so schnöden Bestimmungen nicht hergeben. Du und ich – wir sind jetzt natürliche Verbündete. (Die anderen herbeirufend.) Ja, das geht euch an, ihr Ueberläufer. Wir werfen euch den Handschuh hin, zwei gegen zwei, Macht gegen Macht. Hie Welf, hie Waiblingen! Laßt ihr als euer Banner die Schürze flattern; wir halten mit verdoppelter Kraft die Junggesellenfahne aufrecht! Heinz . Das kannst du doch nicht so schroff hinstellen, Knorz. 40 Waldemar . Hört, hört! Bruno . Warum denn nicht! Oder . . . oder willst du dich vielleicht auch verloben? Heinz . Denke nicht dran. Bruno (erleichtert) . Nun also! Heinz . Habe gar keine Veranlassung dazu. Bruno (triumphierend zu den anderen) . Da habt ihr's! Heinz . Denn ich bin schon über zwei Jahre verlobt. Philipp . Was?! Waldemar . Ehähä – großartig! Bruno (in einen Sessel sinkend) . Auch du, Brutus! Dann, Cäsar, hülle dich in deinen Mantel und gieb deinen Geist auf. Waldemar . Köstlich, köstlich! Heinz, mein Heinz . . . Philipp . Meinen innigsten Glückwunsch! 41 Heinz . Laßt mich zufrieden! Ich hab' nun mal keinen Sinn für Feierlichkeit. Philipp . Zwei Jahre schon? Und das hast du uns bis auf den heutigen Tag verheimlicht? Heinz . Herrjeses, muß man denn so 'ne Privatgeschichte gleich an die große Glocke hängen? Ich nehme das einfach nicht so tragisch. Philipp . Wer ist es denn? Kennen wir sie? Heinz . Die Toni Leitenberger. Philipp . Die Tochter deiner Wirtsfrau? Waldemar . Das schneidige Wiener Mädel? Ehähä – grandioser Geschmack! Heinz . Oui. Ein gutes Tier – und stilvoll – echte Rasse. Am Tag hilft sie ihrer Mutter bei der Putzmacherei, abends ist sie gern fidel. Da hab' ich sie manchmal mitgenommen, ins Theater oder so; ab und zu kam sie auch in mein Atelier – hat übrigens von der Malerei keinen Schimmer – na, und so hat es sich gemacht. 42 Waldemar . Aber Bruderherz, wenn ihr schon so ewige Zeiten verlobt seid, dann müßt ihr doch zuguterletzt mal heiraten. Heinz . Hat uns bis jetzt nicht pressiert. Waldemar . Ehähä – unbezahlbarer Mensch, dieser Heinz. Heinz . Zwar, um euch Gesellschaft zu leisten – da ließe sich der Fall nunmehr in wohlwollende Erwägung ziehn. Bruno . (hat wie gelähmt dagesessen, springt jetzt auf) . Alle drei! Alle drei! Wer mir das noch heute morgen gesagt hätte! Des Himmels Einsturz hätt' ich mir eher vermutet. Drei gegen einen! Da hocken sie nun schon beisammen, die Triumvirn, und ich bin ein entlaubter Stamm. Heinz . Knorz, nimm doch endlich Raison an. Waldemar . Bruno, mein Bruno, sei kein Frosch und laß jeden auf seine Façon selig werden. Ich bin selig. (Zu Heinz und Philipp.) Kinder, ihr nicht auch? Heinz . Nee; denn ich hab' einen zu schandbaren Durst. 43 Bruno . Die beste Gelegenheit zu einer edelmütigen Rache. Mir ist zwar – ohne Scherz – gottesjämmerlich zu Mut, und für ein gutes Wort könnt' ich heulen wie ein Schloßhund; aber (er klingelt) man soll es Bruno Martens dereinst nicht nachsagen, daß er die Verlobung seiner drei einzigen Freunde mit Bier gefeiert hat. (Zu dem eintretenden Stephan.) Stephan – Sekt! Stephan . Hab' ich mir schon gedacht, Herr Doktor. Bruno . Wieso wußten Sie . . . Waldemar . Von mir. Mein Herz lief über, als er mir die Thür aufmachte. Bruno . Vorläufig vier Flaschen, Stephan. Stephan . Sind scholl kaltgestellt, Herr Doktor. (Er geht ab, kommt während des folgenden Dialoges zurück mit den Champagnerflaschen und Gläsern und stellt sie auf den Tisch links, dann wieder ab.) Philipp (geht zu Bruno hin) . Sieh mal, mein Junge, es mußte so kommen. Es lag in der Luft. Du hast es nur nicht gemerkt, weil dieses Thema aus unserem Kreise verbannt war. Jeder von uns hatte Scheu vor den andern; daher dieser unerwartete Eclat. 44 Bruno . Besser auf einmal als tropfenweise. Um so geschwinder wird man damit fertig. Philipp (bittend) . Bruno, morgen früh reise ich zu meiner Braut . . . Waldemar . Und ich übermorgen zu Lisbeth – juchhe! Philipp . Es ist voraussichtlich der letzte gemeinsame Abend in unserer Junggesellenzeit. Bruno . Und das soll mich zur Feststimmung begeistern? Seht, irgend etwas muß es doch geben, woran man sich halten kann. Sämtliche sogenannten Herrlichkeiten der Welt verlohnen mir nicht mehr die Mühe, vom Sofa aufzustehn; aber euch drei hab' ich lieb. Philipp . Wir dich etwa nicht? Bruno . Ihr wart mir genug; drum hab' ich mir in meiner Dummheit eingebildet, es verhielte sich bei euch ebenso; drum hab' ich geglaubt, wir alle wären für dieses Leben versorgt. Nun ist es anders gekommen; von nun an wird es für jeden von euch ein Wesen geben, das ihm näher steht als ich . . . Protestiert nicht! Es ist so; es muß so sein. 45 Waldemar . Und ob ich protestiere! Aufs allerheftigste protestier' ich. Amor ist Amor; das steht auf einem besonderen Blatt – und wenn du vernünftig bist, altes Haus, dann folgst du so bald als möglich unserem Beispiel. Philipp . Bravo! Bruno (heftig) . Niemals! Niemals! Niemals! Die alte Garde stirbt; aber sie ergiebt sich nicht. Waldemar . Abwarten! Wenn du erst unser fulminantes Glück mit Augen siehst . . . Heinz (hat inzwischen mit Gemütsruhe den Champagner entkorkt und eingeschenkt) . Herrjeses, wollt ihr nun eigentlich mittrinken oder nicht? Bruno (geht zum Tisch, ergreift ein Glas) . Auf das Wohl eurer Bräute! (Alle stoßen lebhaft an und setzen sich dann um den Tisch. Bruno trinkt mäßig; die anderen sprechen dem Sekt eifrig zu. Heinz füllt immer nach.) Waldemar (singt nach der bekannten Melodie) . »Hoch sollen sie leben! Hoch sollen sie leben! Dreimal hoch!« – – Schade, daß sie nicht mit dabei sind. Ich habe schon eine Sehnsucht nach Lisbeth – nicht zu beschreiben. (Er zieht eine Photographie aus der Tasche.) O, du zuckersüße kleine Göttin du! (Er küßt die Photographie.) 46 Heinz . Zeig mal her. Waldemar (giebt ihm das Bild, welches cirkuliert) . Danach kannst du gar nicht urteilen – ehähä. Schwacher Abglanz. In natura ist sie zehntausendmal hübscher. (Zu Philipp.) Hast du von deiner Amelie auch eins? Philipp . Natürlich. (Die Photographie hervorziehend.) Hier. (Sie cirkuliert.) Waldemar . Pompös. Heinz . Na, die Toni habt ihr ja schon alle gesehn. (Er zieht auch eine Photographie hervor.) Hab' ich selbst aufgenommen. Bruno . Was? Du schleppst gleichfalls ihr Bild mit dir herum? Heinz . Macht ihr Spaß, Knorz. Warum soll ich ihr den Gefallen nicht thun? Philipp (erklärend) . Amelie hat viel lebhaftere Augen, als es hier den Anschein hat. Waldemar . Sapristi, Kinder – Lisbeths Augen, das sind überhaupt keine Augen – das sind feurige Kohlen. Prosit. (Er trinkt.) 47 Heinz (die Bilder vergleichend, trocken) . Nee, was nun grade dies Kapitel betrifft – da ist Toni hors concours . Bruno (verzweifelt) . Heiliger Strohsack, das ist ja, um die Wände hinaufzulaufen. Waldemar (zu Philipp) . Habt ihr schon ausgemacht, wann ihr heiratet? Philipp . Ich denke, so im Frühjahr. Waldemar . Viktoria, wir auch! Halt – einen Vorschlag! Wie wär's, wenn wir alle möglichst gleichzeitig Hochzeit feierten? Heinz . Könnte man ja machen. Waldemar (sich die Hände reibend) . Und dann – ehähä – dann auf die Hochzeitsreise. Wonnevoll! Philipp . Wir gehen wahrscheinlich nach Italien. Heinz . Aber Stöpsel, dieses ewige Italien! Ist ja furchtbar altmodisch. Philipp . Wohin möchtest denn du? 48 Heinz . Na, wenn es so weit kommt, dann setzen wir uns wohl auf ein paar Wochen nach Eberswalde. Erstens ist das 'ne vernünftige moderne Gegend, und zweitens haben wir für weiter weg kein Geld. Waldemar . Kinder meines Herzens, und wenn wir zurückkommen, dann muß es das erste sein, daß unsere Weiberchen sich gegenseitig kennen lernen. Philipp . Das versteht sich. Waldemar . Freundinnen müssen sie werden – und gebt mal acht – ehähä – sie werden großartig zu einander passen. Philipp . Sie werden sich ergänzen. Waldemar . Genau wie wir. – Hallo, hallo – jetzt hab' ich eine pyramidale Idee! Wißt ihr, wo sie sich kennen lernen müssen? Hier bei Bruno! Auf dem klassischen Schauplatz unserer Freundschaft – hier muß die erste Begegnung stattfinden. Philipp . Wirklich, ein glänzender Einfall. Heinz . Die Verliebtheit wirkt überraschend günstig auf seinen Denkapparat. 49 Philipp . Bruno, du bist doch einverstanden? Bruno . In drei Teufels Namen, ja. Denn ich fange jetzt an, eine diabolische Neugier zu kriegen, wie das werden wird. Waldemar . Göttlich wird es werden. Denn was hat unserem Bunde bisher gefehlt? Die himmlischen Rosen haben ihm gefehlt. Die werden von zarten Frauenhänden erst hineingeflochten. – Prosit. Philipp . Glaubt ihr, daß wir mit unseren Frauen die Kneipabende fortsetzen können? Heinz . Warum denn nicht? Toni kneipt mit. Waldemar . Nein, ihr Brüder, mir schwant noch Größeres in meinem prophetischen Gemüt. Verjüngen werden wir uns. Die goldenen Zeiten kehren wieder. Habt ihr nicht alle zu früh die Flinte ins Korn geworfen? Habt ihr mich nicht seit Jahren regelmäßig ausgelacht, wenn ich euch an unsere Jugendideale erinnerte? Heinz . Zephyr, mach's gnädig. (Zu Bruno, halblaut.) Der Weichling kann absolut nichts vertragen. 50 Waldemar . 'ne Schande ist es, ihr genialen Spitzbuben, 'ne wahre Schande, daß ihr's nicht weiter gebracht habt. Philipp . O, da hat er leider nicht so unrecht. Waldemar (sich erhebend, immer emphatischer) . Ich sage euch – vier Kerle wie wir, wenn wir damals nur Ernst gemacht hätten mit dem Gesamtkunstwerk . . . Bruno . Gott steh' uns bei! Das unglückselige Gesamtkunstwerk. Heinz . Er ist schwer bezecht. Waldemar . Bruno die Poesie, Philipp die Musik, Heinz die Malerei und ich die Elektricität – die Welt hätten wir damit einreißen können. Philipp (wird immer melancholischer) . Ach Gott! Ach Gott! Heinz (zu Bruno) . Paß auf, jetzt ist Stöpsel fällig. Innerhalb fünf Bierminuten bekommt er das weinende Elend. Waldemar . Aber, meine geliebten Kampfgenossen, mit unseren holden Frauen an der Seite, da fängt ein neues Dasein 51 an, und ich sage euch, wenn wir zu einander stehen im Geist unserer Jugend, dann giebt es kein Ziel, das uns verschlossen wäre; dann ist das Gesamtkunstwerk realisierbar. Philipp . Ach ja, ihr Freunde, wir wollen uns . . . (fängt an zu schluchzen) wir wollen uns immer, immer treu bleiben. Heinz (zu Bruno) . Was hab' ich dir gesagt? Philipp (schluchzend) . Es ist ja wahrhaftig keine Kleinigkeit. Waldemar (in höchster Ekstase) . Nein, es ist der entscheidende Wendepunkt des Sieges! Es ist die Wiedergeburt! – Prosit. Philipp (stets von Schluchzen unterbrochen) . Wißt ihr noch – wißt ihr noch, wie wir den Hamlet mit verteilten Rollen lasen? Waldemar . Ja, ihr meine Brüder, jetzt brauchen wir die Frauenrollen nicht mehr mit Männern zu besetzen. Das dank' ich dir, meine zuckersüße Ophelia; das dank' ich dir. Ich bin der glücklichste Dänenprinz unter der Sonne. – Prosit. Heinz . Ist kein Laertes hier, der ihn totsticht? 52 Philipp (wie oben) . Sein oder nicht sein, das . . . das ist hier die Frage. Bruno (zu Heinz) . Meinst du nicht, wir sollten sie nach Hause schaffen? Heinz . Laß nur. Sie werden schon wieder zu sich kommen, Knorz. Wart' mal einen Augenblick. (Er holt vom Kaminsims vier Bierkrüge.) Bruno . Was denn? Heinz (Waldemar und Philipp anpackend) . Heda, seid ihr Männer? Könnt ihr noch auf euren Füßen stehn? Mit der Jugend ist es ex , mit dem Gesamtkunstwerk dito; aber einen Salamander wollen wir reiben auf die Freundschaft. (Er gießt Champagner in die Bierkrüge.) Waldemar (strahlend) . Auf die Freundschaft! Philipp (schluchzend) . Auf unsere Freundschaft! Heinz . Auf daß sie blühe, wachse und gedeihe. (Kommandierend.) Ad exercitium salamandri. – Parati estis? Bruno , Waldemar , Philipp . Sumus. 53 Heinz . Eins, zwei, drei. (Sie reiben die Krüge in kreisförmiger Bewegung auf dem Tisch.) Bibite! (Sie trinken.) Eins, zwei, drei. (Sie setzen die Krüge auf und klappern damit.) Eins – zwei – drei – (Das Klappern hört auf.) Eins, zwei, drei! (Bei »drei« stoßen sie die Krüge gleichzeitig fest auf den Tisch. Nur Philipp klappt nach.) Philipp (umarmt Waldemar) . Mein alter Waldemar! Waldemar . Philipp, mein Philipp! Philipp (umarmt Bruno) . Mein treuer Bruno! Waldemar (umarmt Heinz) . Heinz, mein Heinz – hab' ich dir schon gesagt, daß sie Lisbeth heißt? Bruno (händeringend) . Eine solche Vertrottelung ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen. 54 Zweiter Aufzug. Dieselbe Dekoration. Die Glasthür, nach außen mit einer Marquise versehen, und die beiden Fenster sind offen; man sieht in den frisch grünenden Garten; dort, halb von Gebüschen versteckt, Gartentisch und Stühle. Ueber der Glasthür ein »Willkommen« mit breiter Blumenguirlande. Vor der Bibliothek ein Stehspiegel. Erster Auftritt. Bruno (eine Cigarette rauchend, liegt behaglich auf der Ottomane). Dora (in schlichtem, sommerlichem Kleid., sitzt am Schreibtisch und stenographiert). Bruno (diktiert) . . . . Um mich zu revanchieren, lud ich meine liebenswürdigen japanischen Gönner für den nächsten Tag zum Abendessen in ein Theehaus ein. Mein Dolmetscher, dem ich das Arrangement überließ, bestellte mir, es sei alles besorgt; nur lasse der Theehausbesitzer mich fragen, wieviel Geisha's ich wünsche. (Deutlicher wiederholend.) Geisha's. (Er buchstabiert.) G–e–i–s–h–a. »Wieso?« erwiderte ich erstaunt, »Tänzerinnen bei einem Herrensouper? Der gute Mann verkennt meine Absichten.« »Aber, Herr,« rief mein Faktotum ganz entsetzt, »eine Gesellschaft ohne Geisha's – das ist die größte Beleidigung, die Sie Ihren Gästen zufügen könnten.« In der That, weitere Erkundigungen bestätigten mir, daß in Japan zu einer halbwegs anständigen 55 Gasterei, sogar in den besten Familien, nichts so notwendig gehört wie etwas Ballett. Von dieser harmlosen Naivetät der Sitten erlebte ich bald darauf noch ein viel drastischeres Beispiel, als ich . . . (Er stockt. Dora sieht ihn fragend an.) Hm. Nein. Lassen Sie da bitte einen freien Platz im Manuskript. Das schreib' ich selber. Dora . Fahren Sie doch nur ruhig fort, Herr Doktor. Bruno (sich erhebend) . Nein, nein, das schreib' ich lieber selber. (Er sieht auf seine Uhr.) Außerdem – wir müßten setzt doch abbrechen. Spätestens in einer halben Stunde werden sie kommen. Dora . Wie Sie wünschen. (Sie packt zusammen.) Es muß ein entzückendes Land sein, dies Japan. Bruno . Es ist das Land des Frühlings. (Nach dem Garten zeigend.) Na, der hat sich endlich wieder einmal auch bei uns eingefunden; hat Zeit genug dazu gebraucht. Dora . Aber nun holt er's nach. Die Wärme thut einem wohl. Bruno . Ja, unser deutscher Mai, das ist ein geriebener Bauernfänger; man fällt auf den alten Schwindel immer wieder hinein. Uebrigens, dieses lichte Kleid steht Ihnen ausgezeichnet. 56 Dora (ihre Mappe unter den Arm nehmend) . Das alte Fähnchen? Ach warum nicht gar! Bruno . Ausgezeichnet. (Er bemerkt, daß sie aufbrechen will.) Nein, nicht fortrennen! Seien Sie gemütlich; lassen Sie uns noch ein Endchen schwatzen. Dora . Jetzt, wo Sie nach so langer Trennung Ihre Freunde erwarten . . . Bruno . Stephan hat für alles gesorgt. Sie wissen, auf Stephan kann ich mich verlassen. Dora . Sie setzen ihm dafür in Ihrem Buch ein würdiges Denkmal. Bruno . Er verdient es. Eine Perle – unterwegs und daheim. Seit zehn Jahren kennt der Mensch alle meine Wünsche regelmäßig früher als ich. Heute morgen beim Aufwachen fiel mir ein, daß ich die Thüren bekränzen lassen will. Infolgedessen hatte er's schon gemacht, während ich noch schlief. Und sogar mit diesem eleganten Spiegel hat er mich überrascht. Dora (lächelnd) . Für europäische Damengesellschaft genau so unerläßlich, wie in Japan das Ballett. 57 Bruno . Es scheint so. Hier nämlich sollen die Herrschaften ablegen. Die Begrüßung findet im Garten statt. Drei junge Paare, die von der Hochzeitsreise kommen, dazu Blumenduft und Vogelgezwitscher – ist das nicht unerhört poetisch? Dora (sich setzend) . Ich finde die ganze Idee so hübsch – die jungen Frauen, die miteinander hier bekannt werden sollen und zugleich mit den Freunden ihrer Männer. Bruno . Ja, ich muß sagen, ich bin riesig gespannt auf die Geschichte. Dora . Es wird eine rechte Wohlthat für Sie sein, Ihre Freunde wieder zu haben. Bruno . Selbstverständlich. Jedenfalls hab' ich nach den Burschen mehr Sehnsucht gehabt, als sie nach mir. Besonders im Anfang. Ich war so daran gewöhnt, alle Tage wenigstens einen bei mir zu sehen, und dann unsere Kneipabende vier- bis fünfmal die Woche – ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie ich diese plötzliche Verlassenheit ertragen soll. Und schließlich ging es ganz passabel – ganz passabel. Dora . Weil Sie so fleißig arbeiteten. Bruno . Ja, das ist es. Sonderbar! Diese Arbeit, die ich nur als Lückenbüßer vornahm, nur, um täglich ein paar Stunden 58 totzuschlagen – ich hätte nie für möglich gehalten, daß die mir ein so diebisches Vergnügen macht. Dora . Der Reiz der Abwechslung. Bruno . Nein, nicht nur das. Denn sonst wäre meine natürliche Faulheit längst wieder an der Reihe. Aber im Gegenteil, ich kann nicht genug kriegen; es thut mir jedesmal leid, wenn ich aufhören muß. Ihre Art, mir nachzuschreiben, hat auch etwas so Anregendes . . . Dora (lachend) . Aber Herr Doktor . . . Bruno . In vollem Ernst. Sie machen beim Stenographieren ein so teilnehmendes Gesicht . . . Dora . Das ist doch kein Wunder. Ach, die Welt zu sehen in solcher Freiheit – wie schön muß das sein, wie wunderschön! Bruno . Ehrlich gestanden, es kommt mir in der Erinnerung schöner vor als damals. Ich habe erst jetzt den richtigen Spaß von der Sache. Und wenn nicht die einsamen Abende gewesen wären . . . Ins Wirtshaus zu laufen kann ich nun einmal nicht mehr über mich bringen; bin auch viel zu bequem dazu. Und da hockt man Abend für Abend 59 mutterseelenallein . . . Apropos, was fangen Sie für gewöhnlich des Abends an? Dora . Ich kopiere in Reinschrift, was Sie mir am Tage diktiert haben. Bruno . Ja richtig. Dora . Und darüber fallen mir meistens die Augen zu. Bruno . Gehen Sie niemals aus? Dora . Wohin sollte ich denn gehn? Bruno . Ist es denn wenigstens behaglich in Ihrem Stübchen? Sorgt Ihre Wirtin gut für Sie? Dora . Ich bin nicht anspruchsvoll. Bruno (nach einer kleinen Pause) . Sagen Sie mal, Fräulein Lenz, warum sind Sie eigentlich kein Mann geworden? Dora . Das hab' ich mich auch schon öfters gefragt. Bruno . Schade. Sie hätten gewiß etwas Tüchtiges geleistet. 60 Dora . Vielleicht. (Mit leuchtenden Augen.) Aber jedenfalls hätte ich mein Leben genossen; das hätt' ich ganz gewiß gethan. Bruno . Hm, hm . . . ja, ja . . . Und trotzdem sind Sie auf die Männer so schlecht zu sprechen. Dora . Man ist selten gut zu sprechen auf Leute, mit denen man gern tauschen möchte. Bruno . Ei, ei . . . das möchten Sie also. Sehr interessant. Dora . Glauben Sie, daß es überhaupt irgendwo in der Welt eine Frau giebt, die niemals gewünscht hätte, ein Mann zu sein? Bruno . Das müssen Sie besser wissen als ich. Dora . Ich weiß es. Und umgekehrt, glauben Sie, daß es einen Mann giebt, der lieber als Frau geboren wäre? Haben zum Beispiel Sie einen derartigen Wunsch jemals verspürt? Bruno . Himmlische Barmherzigkeit! Ich ein Weib! Entsetzlich! Dora . Sie beben davor zurück wie vor einem Verhängnis. 61 Bruno . Nehmen Sie mir's nicht übel. Aber unvorbereitet, wie ich bin, mir denken zu sollen, daß ich . . . ich als Brunhilde Martens . . . Dora . Sie möchten mit uns nicht tauschen, und trotzdem sind Sie so schlecht auf uns zu sprechen. Bruno (etwas verwirrt) . Ja, auf die Weiber; auf die Weiber im allgemeinen. Aber Sie . . . nun ja, Sie sind eben in meinen Augen kein Weib. Dora . Das muß ich wohl noch gar als Schmeichelei auffassen? Bruno . Sie sind in meinen Augen ein Mann – ein Ehrenmann. Dora . Gut, ich habe nichts dagegen. Bruno . Von jetzt an nenn' ich Sie einfach: Herr Lenz. Dora . Sehr verbunden. (Aufstehend.) Aber nun ist es höchste Zeit . . . Bruno . Spätestens um zwei bitte ich Sie wieder hier anzutreten, Herr Lenz. 62 Dora . Heute auch? Und Ihre Freunde? Bruno . Die bleiben nicht so lange. Die gehen zum Mittagessen nach Haus. Ich möchte dann bis fünf durcharbeiten. Das Kapitel über Kioto muß heut unbedingt fertig werden. Und nun kommen Sie; ich will Ihnen doch endlich mal meinen Garten zeigen – den Stolz meines seligen Vaters. Junge, sagte er immer, ich verstehe nicht, warum du in der Welt herumreisen willst, wo wir doch den wunderschönen Garten haben. Er war nämlich noch bequemer als ich, mein Vater. Dora (ihn ansehend) . Bequem – nein, das ist nicht das richtige Wort für Sie. Bruno . Welches denn? Dora . Blasiert. Bruno . Möglich, daß Sie recht haben. (Er geht mit ihr ein paar Schritte nach hinten; dann, sich besinnend.) Halt, ich will nur Stephan klingeln . . . (Geht auf die Klingel zu.) Stephan ( a tempo durch die Eingangsthür) . Haben Herr Doktor vielleicht noch Befehle? Bruno (zu Dora) . Sehen Sie, das hat er wieder vorgeahnt. – Also, Stephan, mein Sohn, ich bin im Garten. Geleiten Sie die 63 Herrschaften dorthin, und wenn alle da sind, servieren Sie mit bekannter Grazie Erfrischungen. Stephan . Sehr wohl, Herr Doktor. Bruno (bei der Gartenthür, zu Dora, komplimentierend) . Nach Ihnen, Herr Lenz. Dora . Galanterie unter Männern? Bruno . Nur unumgängliche Höflichkeit. Ich bin ja hier mehr zu Hause. (Beide ab durch die Gartenthür.) Stephan (allein, macht auf dem Schreibtisch Ordnung. Rechts hört man Stimmen. Er eilt zur Eingangsthür, öffnet sie, macht einen Bückling) . Wollen die Herrschaften nur eintreten. Der Herr Doktor sind im Garten. Zweiter Auftritt. Heinz . Toni . Heinz (im Eintreten) . Famos, das feierliche Grünzeug. – Na, wie geht's, edler Stephan? Immer wohlauf? Stephan . Zu dienen, Herr Hagedorn. 64 Toni (die unmittelbar hinter Heinz eintrat, ist eine lebhafte, rundliche Wienerin; in ihrem Benehmen von ungetünchter Natürlichkeit. Ihre Kleidung und Frisur ist auffallend, aber doch geschmackvoll; ihr Haar hat eine ungewöhnliche rotblonde Farbe. Sie sieht sich um) . Alsdann hier habt ihr sauberen Früchterln alleweil gelumpt. Heinz (zu Stephan) . Das ist meine Frau. Stephan (dienernd) . Hohe Ehre. Toni . Freut mich, Herr Stephan. Hab' schon g'hört, bei Ihnen muß man sich einschmeicheln, wenn man in dem Haus was gelten will. Stephan . Zu viel Ehre, gnädige Frau, zu viel Ehre. (Ab.) Heinz (will in den Garten) . Also komm, Toni. Toni . Ja, was glaubst denn, Heinzerl! Erst muß ich mich doch ein bisserl herrichten. Kannst dir noch immer nit merken, daß du jetzt verheirat' bist? Heinz (setzt sich resigniert) . Richte dich her. 65 Toni (legt ihr Cape auf den Schreibtisch und beschäftigt sich vor dem Spiegel mit ihrer Toilette) . Such' dir noch eine, die so g'schwind bei'nand ist wie ich. – Du, schau mich an! Meinst, daß ich deinen Freunderln so g'fall? Heinz Enorm. Toni (stets am Spiegel) . Weißt, ihr Norddeutschen seid ja kreuzbrave Leut; aber Geschmack habts nit für ein Sechserl. Heinz . Den hab' ich doch an dir bewiesen. Toni . Das war ein lichter Moment. Aber dafür deine Bilder! Wennst noch so malen thätst wie der Makart. Der war nit so geizig mit die Farben wie du. Heinz . Kind, davon verstehst du nicht die Bohne. Toni . Die Bohne? Was denn für a Bohne? Mit die Farben bist sparsam, und 's Geld wirfst zum Fenster 'naus. Aber damit hat's jetzt g'schnappt. Mit der Mutter ihr'm G'schäft is eh nit viel los; die Hüt', die's macht, sind für die Norddeutschen zu fesch. Heinz . Das laß nur meine Sorge sein. 66 Toni . Ja, jetzt heißt's hinterher sein, mein Lieber. Und das viele Biertrinken – das leid' ich auch nimmer. Ich mag kein' so dicken Mann. Heinz (ihr mit einiger Ungeduld zusehend) . Es wäre mir erfreulich, wenn du da bald fertig wärst. Toni . So, da bin ich. Heinz (aufstehend) . Na, dann komm schon. Toni (geht mit ihm zwei Schritte, kehrt um) . Wart! Nur die Haar' muß ich mir noch richten. Heinz (setzt sich wieder) . Dritter Auftritt. Vorige . Bruno . Bruno (aus dem Garten) . Was der Tausend! Heinz – schon hier? (Er schüttelt ihm beide Hände.) Heinz . Wie du siehst, Knorz. Bruno . Hat Stephan dir nicht gesagt . . . (Er geht zu Toni, küßt ihr die Hand.) Ich freue mich herzlich, unsre flüchtige Bekanntschaft zu erneuern, gnädige Frau. 67 Toni (abwehrend) . Ah, gehn's zu – gnädige Frau! Sagen's doch Frau Toni. Bruno . Einverstanden, Frau Toni. Damals, im Atelier, hab' ich noch nicht ahnen können, daß mein Freund und die reizende Tochter seiner Wirtin . . . Toni . Ja, eigentlich müßt' ich bös auf Sie sein, Sie Schlankel. Bruno . Sie auf mich? Weshalb? Toni . Weil Sie mein Heinzerl zur Ehelosigkeit haben verführen wollen. (Da Bruno Heinz fragend ansieht.) Müssen nit glauben, daß er Sie verklatscht hat. Ich hab's mit meinen eigenen Ohren g'hört. Bruno . Wirklich? Toni . Ich war ja immer nebenan, wenn's bei ihm auf Besuch waren. Und laut genug haben's dann g'schimpft auf die Weiber. Bruno . Teufel, wie unvorsichtig. Toni Aber – (sie reicht ihm drollig die Hand) sei'n wir wieder gut. Ich trag's Ihnen nit nach. 68 Bruno . Um so lauter werd' ich fortan Ihren Ruhm verkündigen; zum Beispiel, wie Sie Ihren Heinzerl in Eberswalde herausgefüttert haben. Toni . Jessas, ich bitt' mir's aus! Ich möcht' ja so gern, daß er ein bisserl dünner wird . . . . Bruno . Da müssen Sie ihm den Brotkorb höher hängen. – Darf ich Sie jetzt in den Garten führen? Sie sind die Ersten am dem Platz, und dabei wohnt Philipp mir nun schräg gegenüber. Der könnte schon da sein. Toni (an Brunos Arm) . Wie herzig Sie das alles aufputzt haben, Doktor. Bruno Bei so welterschütternden Ereignissen . . . Kommst du nicht, Heinz? Heinz . Gleich. Ich steck mir nur noch eine von deinen Cigarren an. Darauf freu' ich mich seit Wochen. Toni (zu Bruno, während sie durch die Gartenthür abgehen) . Wissen's, Doktor – jetzt kann ich's ja sagen – ich hab' Sie mir viel arroganter vorg'stellt. Heinz (allein, wählt mit Bedacht eine Cigarre, steckt sie voll Behagen an) . 69 Vierter Auftritt. Heinz . Philipp . Amelie . Amelie (Patrizierstochter, schlanke Gestalt; in ihrem Benehmen vereinigt sie mit prätentiöser Steifheit den stets verbindlichen, niemals unliebenswürdigen Ton guter Erziehung; sehr distinguiert gekleidet, mit leichtem provinziellem Beigeschmack; ist etwas kurzsichtig, trägt Lorgnette. Im Auftreten) . Gieb doch acht! Gieb doch acht! Philipp (hinter ihr drein stolpernd, erschrocken) . Was ist denn? Amelie . Du bist mir auf mein Kleid getreten. Wo hast du denn deine Augen? – Richtig, da haben wir's – ein großer Riß. Philipp . Schadet nichts. Amelie . Dir nicht. – Nein, es ist doch zu ärgerlich! (Sie beschäftigt sich mit dem Kleid.) Philipp (Heinz bemerkend) . Heinz! Grüß dich Gott, alter Junge. Heinz . 'Tag, Stöpsel. (Amelie horcht auf.) Philipp . Meiner Frau ist da ein kleines Malheur passiert . . . 70 Heinz . Willst du mich ihr nicht vorstellen? Philipp Amelie, da hast du den bewußten Heinz Hagedorn. Heinz (rauchend) . Aeußerst angenehm. (Er schüttelt ihr die Hand.) Amelie (markierend, daß der Händedruck ihr weh gethan) . Ich habe schon sehr viel Gutes von Ihnen gehört. (Sie beschäftigt sich wieder mit dem Kleid.) Heinz . Aufschneiderei. – – Wenn Sie vielleicht Stecknadeln brauchen, ich glaube, daß meine Frau . . . Amelie . Sehr liebenswürdig. Die hab ich glücklicherweise selbst. (Sie setzt sich und beginnt den Riß zuzustecken.) Heinz . Na, dann einstweilen. Philipp . Wir kommen sofort nach. Heinz . Wiedersehen, Stöpsel. (Ab durch die Gartenthür.) 71 Fünfter Auftritt. Philipp . Amelie . Amelie . Wie tituliert er dich? Stöpsel? Ich habe zuerst meinen Ohren nicht getraut. Philipp . Ach, eine alte Gewohnheit von ihm, aus der Studentenzeit, uns bei unseren Kneipnamen zu nennen. Amelie . Aber wir sind doch hier nicht in der Kneipe. Stöpsel! Ich finde den Namen schauderhaft. Philipp (nervös) . Amelie, wir werden draußen erwartet. Amelie . So viel Zeit, um mir das Kleid notdürftig zusammenzustecken, mußt du mir schon gönnen. (Sie setzt sich auf die Ottomane.) Philipp (auf und ab gehend) . Schon gut, schon gut. (Er bleibt vor ihr stehen.) Nun, wie hat er dir gefallen? Amelie . Dein Freund Hagedorn? Weißt du, die Cigarre hätte er beiseite lassen können, als er mit mir sprach. 72 Philipp . Aber, Amelie, halte dich doch nicht immer an solche Aeußerlichkeiten! Amelie . Um seine inneren Vorzüge zu bemerken, dazu ist unsere Bekanntschaft noch zu kurz. (Sie will zum Spiegel gehen und entdeckt Tonis Cape.) Nein, ist das gräßlich! Philipp (beunruhigt) . Was? Amelie . Sieh dir dieses Cape an – vermutlich von Frau Hagedorn. Ist das nicht geradezu unmöglich? Philipp . Amelie, wenn du wüßtest, wie solche Bagatellen . . . Amelie . Habe ich behauptet, daß es Staatsaktionen sind? Philipp . Bitte, beeile dich doch! Was soll denn Bruno denken? Seit vier Monaten haben wir uns nicht gesehen . . . Amelie . Dein Freund Bruno kann sehr zufrieden sein, wie mir scheint. Unseren allerersten Besuch machen wir bei ihm – bei einem Junggesellen. Wenn meine Verwandten das erfahren . . . Philipp . Bruno ist mir wie ein Bruder. 73 Amelie . Hab' ich das bestritten? (Ungeduldig, mit Bezug auf ihr Kleid.) Ach, das Zeug hält aber auch gar nicht! – (Sich wieder setzend.) Ich versichere dir nochmals, lieber Philipp, ich habe den allerbesten Willen, mich mit deinen Freunden gut zu stellen, und mit ihren Frauen gleichfalls. Aber um so mehr kann ich verlangen, daß du meinen Kreisen dieselbe Aufmerksamkeit entgegenbringst. Philipp . Gewiß! Wie oft soll ich dir das noch versprechen? Wir werden alle deine hiesigen Onkel und Tanten und Vettern besuchen. Aber jetzt . . . Amelie (unbeirrt fortfahrend) . Und ich glaube, daß dir diese Anknüpfungen nur von größtem Nutzen sein können. Sowohl für deine gesellschaftliche Position, als auch für deine Carriere. Philipp . Amelie, das sind Fragen, die wir entschieden besser ein andermal . . . Amelie (erhebt sich, auf das Kleid deutend) . Kann man noch etwas sehen? Philipp . Nicht das mindeste. (Er reicht ihr den Arm.) 74 Sechster Auftritt. Vorige . Waldemar . Lisbeth . Waldemar (im Auftreten zu Lisbeth) . Was hab' ich dir gesagt, meine Zuckermaus? Wir sind die Letzten. – Philipp, mein Philipp! (Er eilt auf ihn zu, umarmt ihn.) Ehähä – da wären wir wieder. Philipp . Waldemar, wie ist dir's ergangen? Waldemar . Himmlisch! Ist das anders möglich mit solch einer süßen, süßen Fee? (Er kneift Lisbeth zärtlich in die Wange.) Lisbeth (zierliche kleine Frau, noch halber Backfisch; von leidenschaftlicher Gemütsart und sehr verliebt; Fremden gegenüber schüchtern und unsicher) . Aber Waldichen, artig sein! Waldemar (stolz präsentierend) . Das ist nämlich die Lisbeth – ehähä – das ist sie. (Zu Lisbeth.) Und das sind Winklers. Philipp (reicht Lisbeth die Hand) . Mir eine große Freude. (Vorstellend.) Meine Frau – Ehepaar Scholz. 75 Waldemar (Amelie die Hand küssend) . Meine Allergnädigste – ganz besonderer Vorzug – werden von mir schon gehört haben. Ja, meine Allergnädigste, nun wollen wir miteinander fidel sein. Amelie (von diesem Ton unangenehm berührt, ablenkend zu Lisbeth) . Sie sind auch erst jetzt von der Reise gekommen? Lisbeth . Ja, wir waren zuletzt noch bei Mama und Papa auf dem Gut. (Waldemar streicht ihr über die Haare.) Aber, Waldi, laß doch! – Ich fühle mich noch so fremd hier; deshalb freue ich mich doppelt . . . Amelie . Ganz auf meiner Seite. Lisbeth . Haben Sie schon Dienstboten? Amelie . Ja. Sie noch nicht? Lisbeth . Wir hatten eine. Die mußten wir aber gleich wieder wegschicken. Waldemar . Ehähä – hatte zu großen Anhang. Lisbeth . Es ist hier wohl recht schwer, ordentliche Mädchen zu bekommen? 76 Amelie . Ich weiß nicht. Mir hat das eine Tante besorgt. Philipp (drängend) . Aber nun müssen wir endlich . . . Waldemar . En avant, meine Damen, en avant! (Philipp und Amelie gehen voraus nach hinten; er folgt mit Lisbeth, singend.) »Auf in den Kampf, Torero . . .« Lisbeth (ihn zurückhaltend) . Nur noch ein Augenblickchen, Waldi. (Philipp und Amelie ab in den Garten.) Siebenter Auftritt. Waldemar . Lisbeth . Waldemar . Was willst du, meine Taube? Soll ich dir in der Geschwindigkeit noch ein Dutzend Küsse geben auf dein allerliebstes kleines Rosenmündchen? (Er kommt mit ihr wieder nach vorn.) Lisbeth (abwehrend) . Nein, geh fort, du falscher Mann! – Warum hast du Frau Winkler die Hand geküßt? Waldemar . Angeborene Ritterhaftigkeit. 77 Lisbeth . Herr Winkler hat mir nicht die Hand geküßt. Waldemar . Der Leimsieder! Wie man dieses zaubervolle Patschhändchen nicht küssen kann – ehähä, mir schleierhaft. (Er will ihre Hand an die Lippen ziehen ) Lisbeth . Nein, laß, bitte! Gegen das Dienstmädchen warst du auch so, so . . . (Leidenschaftlich ausbrechend.) Ich will das nicht; ich ertrage das nicht! Waldemar . Schatz, Herzenskind, Mäuschen, bist du schon wieder mal eifersüchtig? Und im allerungeeignetsten Moment! Lisbeth . Nein, nein; aber wenn ich dir nicht mehr alles bin – alles, alles, wie auf unserer Reise . . . Waldemar . Meine Göttin bist da, mein Augapfel, mein Idol . . . und nun sei vernünftig und komm! Lisbeth (ihn festhaltend) . Ach, Waldi, mir ist ohnehin mein Herz so schwer. Warum sind wir nicht wenigstens noch acht Tage bei Papa und Mama geblieben? Waldemar . Liebchen, Liebchen, ich mußte doch mal wieder an die Arbeit. 78 Lisbeth . Das ist ein Vorwand. Das hat Mama auch gesagt. Die Wahrheit ist, daß du Sehnsucht hattest nach deinen Freunden. Waldemar . Meinetwegen auch das, meine Puppe. Lisbeth . Siehst du? Siehst du? Ich genüge dir nicht mehr – schon nach sechs Wochen! Du liebst mich nicht mehr so, wie du mich geliebt hast. Waldemar . Ich dich nicht lieben? Das ist ja holder Wahnsinn, mein Engel. Lisbeth . Dann beweise mir's und geh mit mir auf und davon! Waldemar . Ja, zunächst einmal bis in den Garten. Lisbeth . Waldi, ich will dich allein haben, hörst du – ganz allein für mich. Ich gönne dich niemand, niemand! Waldemar . Ich dich auch nicht, mein Zuckerlamm. Aber nun thu' mir den einzigen Gefallen . . . 79 Achter Auftritt. Vorige . Toni . Heinz . Toni (mit Heinz aus dem Garten zurückkehrend, im Auftreten) . Nein, weißt, Heinzerl, das ist mir zu fad. Heinz . Ach, Kinderei. Waldemar (auf Heinz zueilend) . Heinz, mein Heinz, ich . . . (Er will ihn umarmen, besinnt sich aber, mit einem eingeschüchterten Blick auf Lisbeth; giebt ihm die Hand.) ich grüße dich. – Darf ich bekannt machen? Meine Lisbeth. Heinz (ebenso) . Meine Toni. Waldemar (sich Toni vorstellend) . Hatte bereits den Vorzug. – Scholz. Heinz (ebenso zu Lisbeth) . Hagedorn. – (Zu Waldemar.) Knorz fragte schon, wo ihr bleibt. Waldemar (eifrig) . Ja, wir wollten eben . . . Heinz . Laß nur. Es fängt an zu regnen. Sie kommen gleich alle herein. Knorz zeigt nur noch Frau Winkler sein Treibhaus. 80 Waldemar (unruhig) . Aber . . . Toni . Frau Scholz, wissen Sie vielleicht, was eine »Ortschidee« is – oder so ähnlich? Lisbeth . Ja, eine Blume mit weißen oder roten Blüten. Toni . Ich hab's nit g'wußt – sag' ich ganz ehrlich. Is das a Schand', wenn man das nit weiß? Lisbeth . Nein, sicher nicht. Toni . Die Winklerische hat so gethan, als wenn's a Schand' wär'. Heinz . Aber, Toni . . . Toni . Ja, ich sag's Ihnen gleich, Frau Scholz, ich bin in keine so gute Schul' gangen. Was ich g'lernt hab', das hab' ich halt so g'lernt. Fesche Hüt' kann ich machen und 's Herz hab' ich auf dem rechten Fleck. Wem das nit paßt, der soll mich auslassen. Lisbeth . Wie können Sie nur glauben, Frau Hagedorn . . . Ich bin auch nicht so gelehrt. Ich bin auf dem Lande aufgewachsen. Deshalb komm' ich mir auch noch so fremd hier vor . . . Sie sind wohl gleichfalls nicht von hier? 81 Toni . Hören S' mir das nit an? Lisbeth . Ja, Sie sprechen so reizend süddeutsch. Toni . Was für a Sprach' ich red', das weiß ich selber nit. Bin schon vier Jahr' fort aus der Wienerstadt. 's Wienerische kann ich nit mehr, und 's Berlinerische kann ich noch nit. Lisbeth . Ach ja, es muß schwer sein, sich hier einzuleben. – Haben Sie schon Dienstboten? Toni . Dienstboten – o Jegerl! Dazu hab'n wir kein Geld. Lisbeth . Aber wer kocht Ihnen denn? Toni . Die Mutter. Und ich sag' Ihnen, die Mehlspeisen, die's macht, die bringen alle Berlinerischen Köchinnen mitnander nit zamm'. Waldemar (der mit Heinz gesprochen hat, nach dem Garten deutend, lebhaft) . Da kommen sie, Lisbeth! Da kommt Bruno. (Er eilt ihm entgegen.) Bruno! 82 Neunter Auftritt. Vorige . Bruno . Philipp . Amelie . Bruno . Waldemar, wo steckst du? Wenn der Berg nicht zum Propheten kommen will . . . Waldemar (verlegen) . Ich . . . Wir . . . Bruno (geht zu Lisbeth) . Meine gnädige Frau, seien Sie mir – last not least – herzlich willkommen. Meinen Garten muß ich Ihnen nun freilich für heute unterschlagen. Es gießt. Philipp . Der Tag fing zu vielversprechend an. Bruno (klingelnd) . Aber nun wären wir wenigstens glücklich alle beisammen. Stephan (kommt mit einem Tablett, worauf Sherry, kleine Brötchen und Konfekt, serviert während des folgenden und geht dann wieder ab) . Waldemar . Ja, meine verehrten Herrschaften, das ist der große, bedeutungsvolle Augenblick . . . Philipp . Den wir schon so lange herbeiwünschen. Bruno (zu Lisbeth) . Und auf den Ihr Gatte als Bräutigam eine zündende Rede hielt. 83 Waldemar . Aber die holde Wirklichkeit – ehähä – die ist noch viel zündender. Bruno . Ganz besonders für mich, meine Damen. Sie verpflichten mich zu aufrichtigem Dank. Denn Sie bringen mir in vermehrter und verbesserter Auflage zurück, was Sie mir so grausam entwendet haben. Waldemar (zu Lisbeth) . Hat er brillant gesagt – nicht wahr, meine Puppe? Bruno . Vor allem bitte ich Sie, es sich bequem zu machen. Ihre Herren Männer sind schon seit etlichen Jährchen bei mir zu Haus. Ich wäre glücklich, wenn ich von Ihnen dasselbe behaupten dürfte. (Die Damen nehmen auf und neben der Ottomane Platz. Amelie und Toni sehr steif gegeneinander. Waldemar setzt sich neben Lisbeth auf den Schaukelstuhl und liebkost sie fortwährend.) Philipp (mit Bruno und Heinz links vorn eine Gruppe bildend) . Sag, Bruno, hab' ich in meiner Abwesenheit irgend etwas Interessantes versäumt? Bruno . Daß ich nicht wüßte. Philipp . Ich habe so viel, so unendlich viel mit euch zu reden. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. (Sie setzen sich an den Tisch links.) 84 Heinz Ja, man kann's brauchen. Mal wieder ein wackeres Gespräch unter Männern. (Auf Waldemar deutend.) Seht euch nur diesen verliebten Schäfer an! Philipp . Dazu hat er doch weiß Gott zu Hause Zeit genug. Ich finde es jetzt viel nötiger, daß unsere Frauen untereinander Fühlung gewinnen. Heinz . Sehr richtig. (Er ruft.) Zephyr! Waldemar . Ja, was giebt's? Heinz . Komm mal hierher, Zephyr! Waldemar (unschlüssig) . Jawohl. Lisbeth (ihn zärtlich festhaltend) . Ach, Waldi . . . Waldemar . Gewiß, mein Schatz; ich bin gleich wieder bei dir, mein Liebling. (Er geht zum Tische links.) Heinz . Setz dich mal hierhin, Zephyr. Waldemar (mit einem Blick auf Lisbeth halb widerwillig gehorchend) . Aber . . . (Die Freunde sprechen miteinander.) 85 Toni (zu Lisbeth) . Ganz recht haben S', Frau Scholz. Erst kommen wir, und dann die Freunderln Lisbeth . Nicht wahr? Ach, ich habe nicht umsonst so grenzenlose Angst davor gehabt. Toni . Wenn die so die Köpf' zammstecken, da schaut sicher nix G'scheites 'raus. Amelie . Ja, meine Damen, mir scheint, alle Männer bringen in die Ehe gewisse Junggesellengewohnheiten mit. Lisbeth . Und das halten Sie für etwas Gutes? Amelie . Im Gegenteil, ich meine, man muß das systematisch bekämpfen. Toni (herzlich) . Schaun's, das ist das erste Wort von Ihnen, das mir g'fallt. Amelie (spitz) . Ich hoffe noch öfter Ihren Beifall zu erringen.– – Natürlich ist es von großem Wert, wenn wir in dieser Hinsicht miteinander einverstanden sind. Lisbeth . Ach, durchaus einverstanden. Toni . Aber wie meinen's, daß wir . . . 86 Amelie . Nicht so laut! Sie könnten uns hören. (Sie rücken ganz nahe zusammen. Amelie fährt mit gedämpfter Stimme fort.) Vor allem müssen wir darauf dringen, daß sie von jetzt an . . . (Ihr weiteres Geflüster wird unverständlich.) Bruno (aufmerksam machend) . Eure Frauen scheinen sich schon recht gut zu verstehen. Philipp (hinübersehend, freudig) . Nein, das übertrifft meine kühnsten Erwartungen! Heinz . Famos, famos: Waldemar . Kinder, was hab' ich euch prophezeit? Sind schon ein Herz und eine Seele. Philipp (tief atmend) . Ah, mir fällt ein großer Stein vom Herzen. Heinz . Na, dann wollen wir die Sache mal gleich ins reine bringen. Philipp . Das wollen wir. Waldemar . Auf mich könnt ihr zählen, Brüder. (Mit einem Seitenblick auf Lisbeth.) Aber wer soll . . . ? Philipp . Bruno, du könntest vielleicht so gut sein . . . 87 Bruno . Schön. (Er steht auf, tritt in die Mitte.) Verzeihen Sie, meine Damen, wenn ich Ihre Unterhaltung störe. Aber Sie können sich denken, welcher Wunsch uns in dieser Stunde besonders naheliegt, nämlich der, daß wir unsere regelmäßigen freundschaftlichen Zusammenkünfte unter Ihrer Aegide möglichst bald wieder aufnehmen. Amelie . Dagegen haben doch wir gewiß nichts einzuwenden. Toni . Wir sind alleweil mit dabei, wo's lustig hergeht. Bruno . Vortrefflich. Dann möchte ich also vorschlagen, daß wir gleich heute abend . . . Amelie (lächelnd) . Heute – nein, das ist nicht gut möglich. Wir haben ja noch nicht einmal vollständig ausgepackt. Waldemar . Thut nichts. Verschieben wir's auf morgen, Kinder. Lisbeth . Morgen, Waldi? Morgen wolltest du doch mit mir ins Theater gehen. Waldemar . Ei, fatal, das hatt' ich ganz vergessen, mein Engel. Heinz Herrjeses, lassen wir's eben bei übermorgen. 88 Toni Aber Heinzerl, was redst denn daher? Uebermorgen is ja Sonntag. Da hast doch der Mutter versprochen, daß wir mit ihr den ganzen Tag am Land sind. Heinz . Oui, leichtsinnigerweise hab' ich das gethan. Philipp (nervös) . Ach, dann wird es am Montag endlich so weit sein. Amelie . Pardon, mein lieber Philipp. Das ist gerade der Abend, den wir bereits von unterwegs Onkel Julius fest zugesichert haben. Bruno (maliciös) . Hm, wenn ich meinerseits nunmehr für Dienstag plaidieren dürfte . . . Dienstag zum ersten, Dienstag zum zweiten . . . (Er sieht nach rechts und links.) Es kommt mir in der That so vor, als ob der Dienstag ernstliche Chancen hätte. Amelie . Gewiß. Aber darf ich mir nun die Frage erlauben, was am Dienstag eigentlich vorgehen soll? Philipp . Amelie, du hörtest doch . . . Amelie . Denken Sie sich das zum Beispiel als Diner oder als Abendgesellschaft im kleinen Kreise? 89 Bruno . Nein, gnädige Frau, etwas so Offizielles liegt gar nicht in unserer Absicht. Amelie . Schon recht. Nur müssen wir Genaueres darüber erfahren. Lisbeth (mehr zu den Damen) . Man muß doch wissen, was man anziehen soll. Toni . Ja, ob ich mir bis am Dienstag schnell noch was zammrichten kann . . . Bruno . Ich bitte Sie, meine Damen, nehmen Sie die Sache nicht so schwer. Sie sollen einfach gemütlich mit dabei sein, wenn vier alte Freunde vollkommen zwanglos das Fest ihrer Wiedervereinigung feiern und natürlich zugleich auch das Fest der Vereinigung mit Ihnen. Amelie . Und wo soll dieses Fest stattfinden? Bruno . Falls ich im Hinblick auf unsere Traditionen proponieren darf . . . Heinz . Nein, Knorz, daraus wird nichts. Wir drei haben gerade lange genug bei dir gefuttert. Philipp . Bin ganz deiner Ansicht, Heinz. 90 Waldemar . Ehähä, wir haben setzt unsere eigene Haushaltung – nicht wahr, mein Geliebtes? (Er geht zu Lisbeth.) Amelie . Ja, Herr Doktor, die Ehepaare beim Junggesellen – das wäre die verkehrte Welt. Heinz . Also abgemacht. Ihr kommt Dienstag abend auf meine Bude. Amelie (zu Toni) . Seine Bude? Was hat denn Ihr Herr Gemahl für eine Bude? Toni . So heißt man doch bei die Norddeutschen, was man in Wien a Wohnung nennt. Amelie . Ach so, Ihre Wohnung! Toni . Aber wissen's, unsere Wohnung is halt wirklich nur a Bude. (Sie geht zu Heinz hinüber.) Nein, mein liebs Mannerl, da kannst zwei so feine Damen wie die Frau von Scholz und die Frau von Winkler nit raufkraxeln lassen. Da muß erst a mal ordentlich aufg'waschen werden; sonst scham' ich mich z' Tod. (Zu den andern.) Wenn ich Ihnen sag', nit ein einziges Paar ganze Strümpf' hat der Mann mit in die Eh' bracht, und jetzt will er schon gleich G'sellschaften geben. Waldemar . Heinz, mein Heinz, dir macht es Umstände, und uns macht es keine. Süße Lisbeth, hab' ich recht? 91 Lisbeth . Ach, Waldi, wir haben doch kein Dienstmädchen. Waldemar . Sapristi! Sapristi! Philipp (ist nach rechts zu Amelie gegangen, nimmt sie beiseite) . Amelie, willst du dieser peinlichen Situation nicht ein Ende machen? Der Abend muß selbstverständlich bei uns sein. Amelie . Ich begreife dich nicht, Philipp. Ich kann doch niemand einladen, der noch nicht einmal Besuch bei uns gemacht hat. Philipp . Ist es möglich?! Wegen solcher kleinlichen Bedenken . . . Amelie . Und selbst wenn ich dir zulieb mich darüber hinwegsetzen wollte, überlege doch nur: Kann ich in meinem Haus zum erstenmal Gäste sehn, ohne wenigstens meine allernächste Familie aufzufordern? Philipp . Ach, das ist ja lamentabel; das ist ja . . . (Kleine Pause allgemeiner Verlegenheit.) Bruno (der alles mit sarkastischem Lächeln beobachtet hat, in der Mitte zwischen den drei Paaren) . Meine Herrschaften, ich weiß nicht, ob ich mich täusche; aber ich habe den Eindruck, daß der Fall weit verwickelter ist, als nur in unserer Schulweisheit uns träumen ließen. 92 Heinz . Stimmt auffallend, Knorz. Bruno . Zusammenkommen wollen wir am Dienstag, so viel steht fest, und die Hindernisse sind zwar groß, aber nicht unübersteiglich. Verbringen Sie also diesen berühmten Abend bei mir! Solange Sie mit Ihrer Häuslichkeit noch nicht in Ordnung sind, ist es doch unstreitig das bequemste für uns alle. Ich ersuche Sie, mir schon den Nachmittag zu schenken: ein paar Stunden im Freien, und später ein kaltes Abendbrot, gewärmt durch Ihre Gegenwart – sagen Sie ja, meine Damen; ich bitte Sie darum; es soll mir eventuell sogar auf einen Kniefall nicht ankommen. Toni . Na, wann's so schön bitten . . . Philipp (heftig) . Wir kommen, Bruno; wir kommen unbedingt! Dieses Thema muß nachgerade unter allen Umständen erledigt sein. Waldemar . Bravo! Philipp . Denn ich finde, wir haben jetzt noch so viel Wichtiges miteinander zu sprechen . . . Amelie . Jetzt, lieber Philipp? Und unsere notwendigen Besuche? Philipp (unterdrückt eine Gebärde der Verzweiflung) . 93 Waldemar (zu Amelie) . Aber, meine Allergnädigste, Sie wollen doch nicht jetzt schon aufbrechen? Lisbeth (ihn beiseite ziehend) . Waldi, höre mich . . . Waldemar . Was denn, mein Heideröschen, was denn? Lisbeth (halblaut) . Das ist schändlich von dir – die andern noch darin zu bestärken, daß sie nicht fortgehn. Waldemar . Wir sind ja eben erst gekommen, meine Taube. Lisbeth (weinerlich) . Siehst du, daß ich dir nichts mehr bin? Waldemar . Ihr Himmelsmächte, wieso denn? Lisbeth . Nach Tisch gehst du in dein Bureau, und statt dich zu freuen, daß wir uns vorher wenigstens noch ein Stündchen allein haben . . . (Mit thränenerstickter Stimme.) Wenn das Mama wüßte! – Waldemar (ratlos) . Kind meines Herzens, ich thue alles, was du willst . . . Nur hier keine Scene; wir wären ja schrecklich blamiert! 94 Philipp (hat inzwischen links mit Bruno und Heinz gesprochen; zu Bruno) . Wir müssen also das auch verschieben, mein Teurer. Bruno . Augenscheinlich. – Waldemar, ihr bleibt doch noch? Heinz . Zephyr bleibt. Waldemar (nach links gehend, höchst verlegen) . Ich . . . nein, ich bedaure . . . ich habe . . . ich muß allerdings . . . Toni . Ja, ja, Doktor, für mein Heinzerl is auch höchste Zeit. Heinz . Da muß ich dir denn doch bemerken, Toni . . . Toni . Bemerk' du mir gar nix. Du alter Bummler gehst jetzt z' Haus und malst – hast mich verstanden? Amalie (rechts vorn zu Lisbeth) . Was sagen Sie nur zu dieser Frau Hagedorn? Lisbeth . Sie hat etwas sehr Natürliches. Amalie (ironisch) . Ja, wahrhaftig, das hat sie! Lisbeth . Und die Farbe ihrer Haare ist außerordentlich pikant. 95 Amalie . Sie holde Unschuld, die halten Sie für echt? Lisbeth . Sie glauben? . . . Amalie . Gefärbt. Das sieht ein Blinder. Toni (zu ihnen hintretend) . Wir gehn. Kommen's mit? (Sie nimmt ihr Cape um.) Amalie (sehr freundlich) . Bedaure unendlich, meine liebe Frau Hagedorn. Wir wollen herumfahren, Besuche machen. (Zu Bruno hinübersprechend.) Würden Sie uns eine Droschke besorgen lassen, Herr Doktor? (Sie spricht dann weiter mit Toni und Lisbeth.) Bruno . Sofort. (Er klingelt, geht dann zu den Freunden nach links.) Lebt wohl, meine Getreuen. Das Vergnügen war kurz, aber um so intensiver. (Zu dem eintretenden Stephan.) Stephan – eine Droschke. (Stephan ab.) Waldemar . Nun gesteh' mal ehrlich, mein Bruno, hast du nicht ein klein bißchen Neid auf uns? Bruno . Durchaus nicht. Waldemar . Wenn wir so abziehen, jeder mit seinem lieben Weibchen am Arm, und du einsam zurückbleibst . . . 96 Bruno . Laß dir darüber keine grauen Haare wachsen, Geliebter. Meine Zeit ist aufs angenehmste ausgefüllt. Heinz . Na, jedenfalls hast du dich nun überzeugt, daß zwischen uns alles beim alten geblieben ist. Philipp . Wir dürfen wahrlich mit dem Resultat des heutigen Tages zufrieden sein, und ich zweifle nicht, daß . . . (gleichzeitig rufend.)     Amalie . Philipp!     Toni . Heinzerl!     Lisbeth . Waldi! (Die Männer eilen zu ihren Frauen.) Lisbeth (zu Waldemar, höchst ungeduldig) . Kannst du dich denn gar nicht entschließen . . . Waldemar (halblaut) . Bin ja bereit, mein Schatz. – Sag Bruno noch etwas Verbindliches. Lisbeth (geht zu Bruno) . Ich danke Ihnen vielmals, Herr Doktor. Es war reizend. (Sie grüßt die Herren und nimmt Waldemars Arm.) Toni (zu Bruno) . Ja, sehr amüsant war's bei Ihnen, Doktor – und so urgemütlich. – (Zu Heinz.) Vorwärts, Heinzerl. 97 Waldemar (nach einem vergeblichen Versuch, von Lisbeths Arm noch einmal loszukommen) . Auf Wiedersehen, Kinder; auf Wiedersehen! (Er geht mit Lisbeth schnell ab.) Heinz (verbeugt sich vor Amelie) . Empfehle mich. – Addio, Stöpsel; addio, Knorz. (Er geht mit Toni ab.) Bruno (zu Amelie) . Die Droschke muß im Augenblick hier sein, gnädige Frau. Philipp . Und im übrigen, Bruno – wir sind jetzt Nachbarn. Ich hoffe, du machst einen recht häufigen Gebrauch davon. Amalie . Das hoffe ich ebenfalls, Herr Doktor. Wir sind täglich von vier bis fünf Uhr zu Hause. Philipp (schnell einfallend, zu Bruno) . Für dich aber natürlich auch zu jeder anderen Zeit. Stephan (tritt auf) . Die Droschke ist da. – Auch Fräulein Lenz ist eben gekommen. Bruno . Nur herein mit ihr. (Stephan ab. Bruno will Amelie und Philipp das Geleit geben.) Amalie . Nein, wir gestatten nicht, daß Sie uns begleiten. – Sie bekommen Besuch . . . Bruno . Meine Stenographin. 98 Zehnter Auftritt. Bruno . Philipp . Amelie . Dora . Bruno (vorstellend) . Fräulein Lenz – Herr und Frau Winkler. (Verbeugungen.) Amalie (zu Bruno, abwehrend) . Nein, bitte, bleiben Sie; nur keine Ceremonien. Bruno . Wenn Sie es befehlen . . . Amelie . Wir waren ja auch nicht ceremoniell. Ich kam zu Ihnen, noch ehe Sie bei uns waren. – Philipp, deinen Arm. (Mit ihm nach hinten gehend, halblaut.) Seltsam – diese junge hübsche Person . . . Philipp . Seine Stenographin. Amalie . So, so! (Beide ab.) Elfter Auftritt. Bruno . Dora . Bruno (explodierend) . Bombenelement! Da soll doch gleich das Wetter hineinschlagen! Bombenelement! 99 Dora (die sofort zum Schreibtisch gegangen ist) . Was haben Sie? Bruno . Es ist ja nicht zu sagen; es ist ja nicht zu beschreiben! Dora . Was ist geschehen? Bruno . Meine armen Freunde! Meine armen, armen Freunde! Aber ich hab' es vorausgewußt; ich bin der Schlaue gewesen. Dora . Du lieber Himmel, was ist denn passiert? Bruno . Nicht wiederzuerkennen sind sie! Nicht mehr zu mucksen trauen sie sich! Und zuletzt heißt es: Ganzes Bataillon linksumkehrt, marsch! Und die edle Heldenschar trottet im Paradeschritt zum Tempel hinaus. Diese Weiberknechte, diese Sklaven, diese Heloten – das sind meine alten Freunde! Ein Jammer, ein wahrer Jammer! Dora . Verzeihen Sie, Herr Doktor – aber Ihre große Aufregung ist mir nicht recht verständlich. Ihre Freunde haben es doch gar nicht anders gewollt, und . . . Bruno . Strengen Sie sich nicht an! Geben Sie sich gar keine Mühe, mich zu trösten! Im Grunde sind Sie ja doch meiner Ansicht. Sie denken über die Konsequenzen der Ehe nicht um ein Haar besser als ich. 100 Dora . Aber lediglich vom Standpunkt der Frauen. Ihre Freunde, die hatten wohl grade genug Erfahrung, um zu wissen, was sie thun. Mit denen hab' ich nicht das allergeringste Mitleid. Bruno . Aber Herr Lenz, wenn Sie gesehen hätten . . . Dora (eifrig) . Nein, wahrhaftig, wenn die Männer es immer so hinstellen, als wären allemal nur sie das bedauernswerte Opferlamm, da muß ich doch fragen: Ist das Wagnis für uns nicht mindestens ebenso groß? Bruno . Nun, ich denke doch, Sie sind aus dem Spiel. Dora (aufstehend, leicht pikiert) . Nein, Herr Doktor, ich bin gar nicht aus dem Spiel. Bruno . Nicht? Dora . Ich weiß noch lange nicht, wer in diesem Augenblick vor einem größeren Risiko steht: ich selbst, oder . . . Bruno . Oder . . .? Dora . Der Herr der Schöpfung, der so gnädig war . . . Bruno . Von wem reden Sie? 101 Dora . Von einem, der mich heute in aller Form mit einem Heiratsantrag beglückt hat. Bruno (aufspringend) . Nein, da hört alles auf! Dora . Ich fand, als ich eben nach Hause kam, seinen Brief. Ich war ja ein bißchen perplex. So aus heiterem Himmel . . . Bruno (umhergehend) . Haha, ich verstehe! Ein Heiratsantrag! Und all Ihre schönen Grundsätze natürlich wie fortgeblasen. In der Theorie verschwört man das Heiraten, beklagt man die Ehefrauen, verketzert man die Männer; aber in der Praxis – ja, Bauer, das ist ganz was anders. Und Sie wollen ein Mann sein, Fräulein Lenz? Nichts da! Sie sind ein Weib, Herr Lenz! Sie haben keine Logik; Sie haben keine Prinzipien. Dora . Herr Doktor, ich . . . Bruno . Unverantwortlich! Ins Joch wollen Sie sich begeben, Ihre Freiheit verkaufen für einen elenden Trauschein, Mit sehenden Augen in Ihr Verderben rennen. Und wer ist denn dieser unverschämte Mensch, der es gewagt hat . . . Dora . Unverschämt – ach nein, das ist er nicht. Ein Witwer mit zwei Kindern, der vor Jahren bei meinem Vater 102 Buchhalter war. Die Bescheidenheit in Person, und er meint es gewiß aufrichtig gut mit mir. Bruno . Ei, ei, soll bedankt sein. Dora . Und außerdem – es wäre eine sogenannte Versorgung. Bruno . Versorgung! Damit kommen Sie mir nun nicht! Dazu haben Sie doch den Witwer und seine zwei Kinder nicht nötig. Woran fehlt es Ihnen? Haben Sie bei mir nicht Ihr Auskommen? Nur ein Wort, und ich werde Ihr Gehalt verdoppeln; ich werde es verdreifachen. Oder sehen Sie mehr auf gute Behandlung? Ich werde riesig nett zu Ihnen sein; ich werde mich um den Finger wickeln lassen. Sie sind mir ja unentbehrlich – für meine Arbeit ganz unentbehrlich. Dora . Das alles ist sehr schmeichelhaft für mich, Herr Doktor. Aber Ihre Arbeit wird doch einmal fertig, und dann . . . Bruno . Dann werd' ich Ihnen etwas Neues diktieren, und dann wieder etwas Neues. Immerfort, jahraus, jahrein, Band auf Band – und wenn mir gar nichts mehr einfällt, dann diktier' ich Ihnen Schlossers Weltgeschichte und Meyers Konversationslexikon. Dora (lächelnd) . Aeußerst verlockend. Und doch, Sie müssen einsehen: Falls ich für den braven Mann etwas empfinden könnte . . . 103 Bruno . Aber Sie empfinden nichts für den braven Mann; das hab' ich gleich gemerkt; er ist Ihnen vollkommen gleichgültig, der brave Mann. Dora (nach kurzem Besinnen) . Ich . . . Ich werde den Antrag ablehnen, Herr Doktor. Bruno (aufatmend) . Na, Gott sei Dank! Dora (schnell) . Aber durchaus nicht aus Mitleid mit dem braven Mann. Bruno (sich die Hände reibend) . Das glaub' ich gerne. Dora . Sondern weil mir meine Freiheit zu lieb ist. Bruno (triumphierend) . Das ist die rechte Tonart! So gefallen Sie mir! Dora . Bei der Freiheit weiß man, was man hat. Bruno . Und beim Heiraten weiß man's nicht. Dora . Es ist ein Lotteriespiel. 104 Bruno . Eine Dummheit ist es – und Frauen oder Männer, das kommt dabei vollständig auf eins heraus. Galeerensträflinge, die man paarweis zusammenschmiedet – da ist der eine so übel dran wie der andre. Nein, Herr Lenz, so, wie wir zwei – das ist das einzig Wahre! Zwei selbständige, zurechnungsfähige Menschen, in unbefangenem Verkehr; keine Rücksichten, als die der guten Lebensart; keine Fesseln als die der gegenseitigen Hochachtung und Sympathie – ich möchte wissen, mit wem wir zwei zu tauschen hätten. Dora . Mit niemand. Bruno (mit steigender Heiterkeit) . Nicht wahr? Und da fragen die armen Teufel noch, ob man ihr Glück nicht beneidet! Wir die beneiden, Herr Lenz! Dora (ebenso) Wir haben's nicht nötig. Bruno . Wir denken nicht dran. Dora . Wir haben das bessere Teil erwählt. Bruno . Wir können sie alle miteinander auslachen! Haha, wenn die eine Ahnung hätten, wie unglaublich vergnügt wir sind . . . (Beide lachen.) 105 Dora (plötzlich abbrechend, etwas verlegen) . Wollen Sie mir jetzt nicht diktieren? Bruno . Ja gewiß; ja freilich. Sie erlauben doch, daß ich mich wieder ein bißchen strecke? Dora (am Schreibtisch) . Ich denke, das ist ein für allemal ausgemacht. Bruno (legt sich auf die Ottomane, zündet sich eine Cigarette an) . Ach, wie angenehm! – Ach, wie unsagbar mollig! – Also . . . ja, wo waren wir doch gleich stehen geblieben? Dora (lächelnd) . Bei einem leeren Platz. Bruno . Richtig! Haben Sie den leeren Platz? Dora . Ja, den hab' ich. Bruno . Dann schreiben Sie: (Er diktiert während dem Fallen des Vorhangs.) Ich hielt es für ratsam, meine japanischen Sittenstudien damit vorläufig abzuschließen, und als ich am Morgen des nächsten Tages ziemlich spät erwachte . . . 106 Dritter Aufzug. Dieselbe Dekoration. Der Blumenschmuck und der Stehspiegel sind beseitigt. Erster Auftritt. (Aus der Thüre links treten) Bruno , Philipp , Amelie , Waldemar , Lisbeth . Bruno (als Erster eintretend, spricht zurück) . Und hier sind wir am Ausgangspunkt wieder angelangt. Die Rundreise ist beendigt. Amelie . Wahrhaftig, Herr Doktor, eine solche Einrichtung bei einem Junggesellen, das hab' ich noch nicht gesehen. Lisbeth . Prächtig. Amelie . Ihnen fehlt auch nicht das kleinste Stück. Und alles so geschmackvoll . . . Bruno . Hauptsächlich das Verdienst meines seligen Vaters. Amelie . Aber diese Ordnung, diese peinliche Sauberkeit . . . 107 Bruno . Das Verdienst meines Stephan. (Er geht mit den Herren nach rechts, bietet ihnen Cigarren an.) Lisbeth (mit Amelie links vorn Platz nehmend, halblaut) . Nein, was Sie mir da vorhin gesagt haben, Frau Winkler – wenn das wahr ist . . . Amelie . Sie können sich darauf verlassen. Lisbeth . Sie halten es für denkbar, daß zwei Menschen, ohne miteinander verheiratet zu sein . . . Amelie . Das passiert alle Tage. Lisbeth . Entsetzlich! (Ihr näher rückend.) Und Sie glauben, daß auch unsere eigenen Männer, bevor sie uns kannten . . . (Sie sprechen flüsternd weiter.) Waldemar (rechts vorn, zu Bruno und Philipp) . Ja, ihr Kinder, mein süßes Weib hat gestern glücklich zwei Dienstmädchen aufgegabelt, oder richtiger – ehähä – zwei Dienstmatronen; denn sie sind steinalt und mordshäßlich. Und nun ist alles gut. Philipp . Auch ich bin froh, daß wir diese ersten Tage hinter uns haben. Aber jetzt läßt sich bei uns existieren; jetzt 108 fang' ich an, mich in den neuen Verhältnissen heimisch zu fühlen. Weißt du, Bruno, unsere Zusammenkunft neulich war verfrüht. Wir hatten ja noch kaum den Staub der Reise abgeschüttelt, und diese plötzlichen Uebergänge . . . Waldemar . Mein Philipp, du redest wie ein Buch. Philipp . Was ich einstmals die innere Musik der Dinge zu nennen pflegte, das will sich entwickeln; das braucht seine Zeit. Bruno . Dann haben offenbar die vier Tage, in denen wir uns nicht sahen, Wunder gewirkt. Waldemar . So was liegt in der Luft. Als wir neulich von hier fortgingen, sagte ich zu Lisbeth: »Amor ist Amor; aber gieb mal acht, nächsten Dienstag wird es brillant.« – Na, und merkst du nicht, wie inzwischen unsere Weiberchen sich acclimatisiert haben? Philipp (mit gedämpfter Stimme) . Unter uns, meine Frau hatte anfänglich eine ganz grundlose Angst, ich würde um euretwillen ihre Familie vernachlässigen. Aber nachdem sie sich gestern abend überzeugt hat, daß davon keine Rede ist . . . Ich habe da übrigens wirklich einige sehr nette Menschen kennen gelernt. Ich spielte ein paar von meinen alten Kompositionen, und man ermutigte mich allgemein, wieder produktiv zu werden. 109 Waldemar (strahlend) . Was hab' ich dir immer gesagt? Und dir auch, mein Bruno? Das Gesamtkunstwerk . . . Bruno . Ich bitte dich, hör' mir auf! Zweiter Auftritt. Vorige . Heinz . Toni . Heinz (durch die Eingangsthür kommend) . 'Tag allerseits. (Begrüßung.) Bruno . Endlich! – Warum so spät? Toni . Entschuldigen's, Doktor, mein Mannerl hat fleißig sein müssen bis jetzt. Heinz . Und mein Weiberl war mit ihrer Toilette nicht fertig. Toni . Ah, geh zu! Is ja nit wahr. Bruno . Wir haben nur auf Sie gewartet. (Er klingelt.) Wir wollen den Thee im Garten trinken, wenn es Ihnen recht ist. Heute droht kein Regen; der Himmel ist ungetrübt. (Zu dem auftretenden Stephan) Also, Stephan, den Thee draußen, und das Essen pünktlich um acht. – Noch eines! Gegen Abend wird Fräulein Lenz Manuskript abliefern. Ich 110 möchte sie dann einen Augenblick sprechen; bestellen Sie ihr das. (Stephan ab.) Philipp (ist zu Amelie gegangen) . Ich bin dir so dankbar, Amelie. Es thut mir unendlich wohl, daß du heute zu Bruno so reizend bist, und zu allen andern. Amelie . Aber, Philipp, das versteht sich doch von selbst. Bruno (nach dem Garten weisend, laut) . Darf ich bitten? Waldemar . Wir sind bereit, Bruderherz. Ehähä – das schöne Fest kann beginnen. (Alle gehen nach hinten. Bruno, Philipp, Amelie, Waldemar, Heinz ab in den Garten. Dort setzt man sich an den halb verdeckten Tisch, für die Zuschauer bemerkbar.) Dritter Auftritt. Toni . Lisbeth . Toni (ist neben Lisbeth gleichfalls nach hinten gegangen, bleibt halbwegs stehen) . Wissen's, Frau Scholz, heut sind's viel schöner frisiert wie neulich. Lisbeth . Finden Sie? Toni . Sehr chic. So müßten's immer gehn. 111 Lisbeth . Das hat unser neues Stubenmädchen gemacht. Toni (verwundert) . A Norddeutsche? Lisbeth . Ja. Aber ich wünschte nur, ich hätte so schöne Haare wie Sie, Frau Hagedorn. Toni . Sie müssen's halt fleißig mit Kamillenthee waschen. Lisbeth . So? Ist das gut? Toni . Vorzüglich. Heinz (ruft von außen) . Toni! Toni (antwortend) . Gleich komm' ich. Lisbeth . Aber die Farbe, die prachtvolle Farbe! Toni . Haben's die gern? Lisbeth . Wunderbar. (Völlig harmlos.) Wie kann man nur behaupten, daß das nicht Natur ist! Toni (auffahrend) . Wer hat das behauptet? 112 Lisbeth (erschrocken) . Ach, niemand. Ich meinte nur so . . . Toni . Nein, nein, mir machen's nix weis. Sagen's mir, wer das behauptet hat! Lisbeth . Wenn ich Ihnen versichere . . . Bitte, kommen Sie doch mit in den Garten! Toni (sie nach vorn ziehend) . Erst möcht' ich wissen, wer so was von mir aufbringt. Lisbeth . Ach, es thut mir furchtbar leid, daß ich . . . Waldemar (ruft von außen) . Lisbeth! Lisbeth . Gleich, Waldi! (Zu Toni.) Wir können doch jetzt nicht länger . . . (Sie will nach hinten.) Toni (sie festhaltend und weiter nach vorn ziehend) . Frau Scholz, wer hat gesagt, daß die Farb' von meine Haar' nit Natur is? Lisbeth . Liebe Frau Hagedorn, ich hab's ja nicht einen Moment geglaubt. Toni . Aber g'hört haben Sie's. Von wem haben Sie's g'hört? 113 Lisbeth . Ach Gott, ich darf doch nicht . . . Toni . Gewiß dürfen's. Ich behalt's für mich. Ich sag's keinem Menschen weiter. Nur wissen möcht' ich das. Lisbeth . Sie versprechen mir, daß Sie niemand etwas davon verraten? . . . Toni . Was glauben's denn von mir? Lisbeth . Daß niemand etwas erfährt – auch der Betreffende nicht? Toni . Die Betreffende, sagen's lieber! So was is alleweil a Weibsbild. Lisbeth . Sie werden ihr nichts nachtragen? Toni . Nein, ganz gewiß nit. Lisbeth . Sie versprechen mir's? Toni . Jessas, ja, ich versprech's. Lisbeth . Es war Frau Winkler. 114 Toni . Ob ich mir's nit denkt hab'! Die hochnasete Gans! Lisbeth (schnell) . Aber sicher in keiner bösen Absicht. Toni (umhergehend) . Die Frau von Winkler – da schau her – die erzählt die Leut, daß meine Haar' g'färbt sind. Lisbeth (ihr nach) . Sie haben mir fest versprochen . . . Toni . Die hat's nötig! Vierter Auftritt. Vorige . Heinz . Heinz (aus dem Garten, eine Theetasse in der Hand) . Toni, wo bleibst du? Wollen die Damen keinen Thee trinken? Lisbeth . O gewiß. Toni . Gehn's nur voraus, Frau Scholz. Ich komm' gleich. Lisbeth (dringend) . Ich habe Ihr Wort. (Ab in den Garten.) 115 Fünfter Auftritt. Toni . Heinz . Heinz . Was hattet ihr denn so lange . . . Toni . Ein' Moment, Heinzerl. Stell mal die fade Tassen hin! (Sie nimmt sie ihm fort, stellt sie auf den Schreibtisch.) Heinz . Was willst du? Toni . Du weißt, ich hab' a gutes Herz. Ich könnt' keiner Fliegen a Haxerl ausreißen. Aber das geht über den G'spaß. Heinz . Erkläre dich deutlicher. Toni . Die Winklerische hat g'sagt, daß mein Haar' g'färbt sind. Heinz (sich setzend) . Na, und weiter? Toni . Hörst etwa nit gut? Daß meine Haar' g'färbt sind, hat's g'sagt. Heinz . So laß ihr doch das Vergnügen. Ist ja total schnuppe. Toni . Schnuppe? Nein, mein Lieber, mir ist das gar nit schnuppe. Und wenn dir das schnuppe ist, nachher kannst mir leid thun. 116 Heinz Toni, wie kann man sich über so etwas aufregen! Toni . Alsdann darf man voll dir aus deiner Frau nachreden, was man will? Heinz . Als Maler sehe ich darin nichts Ehrenrühriges. Ich betrachte das einfach vom koloristischen Standpunkt. Toni . Wenn eine rumtratscht, ich hätt' g'färbte Haar'? Heinz . Die Frage ist doch nur, ob sie gut gefärbt sind. Und das sind sie. Toni . Wär' ja nit übel! Heinz . Mir zum Beispiel gefallen deine Haare jetzt viel besser, als wie sie noch braun waren. Toni . Sei stad! Heinz . Du siehst, ich habe mehr Farbensinn, als du mir zutraust. Toni . Und weniger Courag'. Denn sonst thätst so was auf deinem Weib nit sitzen lassen. Heinz . Toni, du verlangst doch nicht im Ernst, daß ich deswegen die Gemütlichkeit stören soll? 117 Toni . Freilich, wenn dir's recht ist, daß mich die andern für so a Dahergelaufene halten . . . Heinz . Wer thut das? Toni . Wenn du willst, daß die uns über die Achsel anschau'n, weil wir kein Geld haben . . . Heinz . Toni! Toni . Oder is dir schon leid, daß du mich g'heirat' hast? Möchtst lieber eine, die so geschwollen daherred't wie die Winkler? Brauchst's nur zu sagen. Zehn andre weiß ich, die nehmen mich auf der Stell'. Heinz (aufstehend) . Lachhaft! Ich lasse dir von niemand zu nahe treten. Toni . Heinzerl, jetzt ist die Gelegenheit. Wenn du jetzt nit zeigst, daß wir grad so viel wert sind wie die ganze Bagag' . . . Heinz . Herrjeses, ich kann doch nicht heute bei unserem Freundschaftsfest . . . Toni . Das hat damit nix zu schaffen. Ueberhaupt – dich hätt' ich gar nit dazu braucht; ich hätt's der Schnackerlmadam' schon selber geben. Aber ich hab' der Frau Scholz 118 versprochen, daß ich keinem Menschen was wiedersag', und was ich versprochen hab', das halt' ich. Heinz . Also – was soll ich thun? Toni . Gleich gehst hin zum Winkler und sagst ihm, seine Frau muß das z'rucknehmen. Heinz . Bon. Aber damit ist der Gall auch abgemacht, verstehst du? Toni . Ja. Nur soll's mich wundern, wenn ich nit 's Gallenfieber krieg'. Ich hab' mich so furchtbar gift' . . . Heinz . Geh hin und trink eine Tasse Thee. Toni . Mit der?! Könnt' mir einfallen. Nein, wenn ich mich so gift' hab', dann muß ich a Zeitlang meine Ruh' haben. Heinz . Auch gut. (Er weist nach rechts.) Geh ein bißchen da hinein, du Kindskopf. Ich rede mit Stöpsel und bringe dir deine Rehabilitierung. (Er ruft nach hinten.) Stöpsel! Toni (nach rechts gehend) . So a Person! Ich werd' sicher krank. Das hat man von die Freunderln. (Ab vorn rechts.) Heinz (rufend) . Stöpsel! 119 Sechster Auftritt. Heinz . Philipp . Philipp (in der Gartenthür erscheinend) . Heinz? Was giebt's? Heute ist es doch hier entzückend, nicht wahr? Heinz . Nur auf eine Minute, Stöpsel. Philipp (eintretend) . Was denn? Uebrigens Pardon, da wir grade allein sind – ich hätte eine kleine Bitte an dich. Heinz . Sprich sie aus. Philipp . Ach, kaum der Rede wert. Es handelt sich nur darum, daß du mir zu Gefallen auf eine Schwäche meiner Frau Rücksicht nimmst. Sie hört es nämlich nicht gern, wenn du Stöpsel zu mir sagst. Heinz . Ich kapiere. Philipp . Unter uns Freunden, so oft du willst; aber vor ihr . . . Heinz . Ich werde vor ihr nicht mehr Stöpsel zu dir sagen, Stöpsel. Philipp . Ich danke dir, mein Alter. 120 Heinz . Ich dir auch. Denn um so leichter wird es mir nun, dich um dasselbe zu bitten. Philipp . Du mich? Heinz . Meine Frau hat ebenfalls eine Schwäche. Sie hört nämlich nicht gern, wenn man hinter ihrem Rücken etwas Unvorteilhaftes über sie sagt. Philipp (beunruhigt) . Wer sollte . . . Heinz . Ich meinesteils hätte dich deshalb nicht strapaziert. Aber die Frauen sind große Kinder. Der moderne Mensch muß damit rechnen. Philipp . Wer hat über deine Frau etwas gesagt? Heinz Deine Frau. Philipp . Ach, um Gottes willen! – Zu wem denn? Heinz . Zu Zephyrs Frau. Philipp . Was hat sie ihr gesagt? Heinz . Daß Toni sich die Haare färbt. 121 Philipp . Ach, wie fatal, wie fatal! Und da heiratet man nun, um die Bagatellen los zu werden! Heinz . Diese kannst du sehr geschwind los werden. Du bittest einfach deine Frau, die Aeußerung zurückzunehmen, und alles ist wieder in schönster Ordnung. Philipp . Heinz, wie mir das vorkommt – daß du und ich über solche Dinge verhandeln müssen . . .!,^ Heinz . Nur keine Tragik, Stöpsel! Sei modern! Nimm die Sache wissenschaftlich. Philipp (entschlossen) . Falls Amelie etwas Derartiges wirklich geäußert hat, so wird sie es revocieren. Heinz . Famos. Das werd' ich Toni gleich bestellen. (Er geht nach rechts.) Philipp (ist nach hinten gegangen, ruft) . Amelie! Heinz . Na, das wäre erledigt. (Er öffnet die Thür rechts vorn und spricht hinein.) Also, Toni . . . (Ab rechts vorn.) 122 Siebenter Auftritt. Philipp . Amelie . Amelie (aus dem Garten) . Hast du mich gerufen, Philipp? Philipp . Ja, Amelie. Amelie . Was wollte denn Herr Hagedorn von dir? Und wo ist seine Frau? Philipp . Ach, Amelie, es giebt da einen peinlichen Zwischenfall. Amelie . So? Philipp . Und, wie ich leider annehmen muß, durch deine Schuld. Amelie . Durch meine Schuld?! Philipp . Hast du zu Frau Scholz gesagt, daß Frau Hagedorn die Haare färbt? Amelie . Ist es das? Philipp . Ja, allerdings. Frau Hagedorn hat es wieder gehört . . . Amelie . Von Frau Scholz! 123 Philipp . Offenbar. Amelie . Das ist ja sehr hübsch! Das ist ja äußerst niedlich! Eine vertrauliche Bemerkung zur Frau eines deiner Jugendfreunde – die wird sofort weitergeklatscht. Darauf soll man vorbereitet sein – auf eine so impertinente Zwischenträgerei! Nein, das hätte ich hinter dieser kleinen Kröte nicht gesucht. Philipp . Du hast ja recht. Es war unschön von Frau Scholz . . . Amelie . Unschön! Wie zartfühlend du das ausdrückst! Philipp . Es war sehr häßlich. Aber immerhin, das ist für dich keine Entschuldigung. Amelie . Ja, Philipp, es ist unentschuldbar, daß ich in deinen Kreisen dieselben Begriffe von gesellschaftlichem Takt voraussetzte, die ich von zu Hause gewohnt bin. Philipp . Ich bitte dich, keine Erregung! Laß uns in aller Ruhe . . . Amelie . Aber es wird mir dadurch von neuem bewiesen, daß ich hier deplaciert bin, und du nicht minder. Philipp . Amelie, wie kannst du . . . 124 Amelie . Sei doch nur ehrlich gegen dich selbst! Du bist ein feinbesaiteter, vornehmer Mensch; du bist aus guter Familie, und nur aus falscher Pietät für deine Schulkameraden willst du dir nicht eingestehen, daß ihre Zigeunermanieren deinen geselligen Bedürfnissen nicht mehr genügen. Philipp . Da irrst du, Amelie; da irrst du ganz gewaltig. Wenn du dich nur bemühen wolltest, diese ausgezeichneten Menschen näher kennen zu lernen . . . Amelie . Ich habe mich bemüht; das hast du selber vorhin anerkannt. Ich habe mir um deinetwillen sogar gewaltsam eingeredet, daß ich mich hier behaglich fühle. Aber vergleiche doch nur die heutige Gesellschaft mit der gestrigen! Hättest du etwa den Mut, Herrn und Frau Hagedorn oder Herrn und Frau Scholz mit Onkel Julius zusammenzubringen, mit diesem vollendeten Kavalier? Philipp . Nun, was das anbelangt: ein vollendeter Kavalier ist Bruno mindestens auch. Amelie . Ein allzu vollendeter, wie mir scheint. Ueber diesen komfortablen Herrn will ich mich jetzt nicht aussprechen. Es hat mich Ueberwindung genug gekostet, die Gastfreundschaft in seinem luxuriösen Junggesellenheim anzunehmen. Aber es ist ein Wink des Schicksals . . . 125 Philipp . Wohin soll das führen, Amelie! Du weißt, was diese Freunde mir gewesen sind, zwanzig Jahre lang. Ich hänge an ihnen; ich kann sie nicht entbehren. Und eine Verstimmung zwischen uns, noch dazu an einem Tag wie dem heutigen, das wäre ja . . . Ach, wie mich die Geschichte alteriert! Amelie . Glaubst du vielleicht, mich nicht? Philipp . Dann schaffe sie aus der Welt! Amelie . Wie kann ich das? Philipp . Indem du den Unfrieden, den du gestiftet hast . . . Amelie . Wer hat Unfrieden gestiftet, ich oder Frau Scholz? Philipp . Einerlei. Wenn du erklärst, daß du deine unbedachte Aeußerung bedauerst . . . Amelie . Philipp, ist es denkbar? Eine solche unerhörte Demütigung mutest du mir zu – mir! Philipp . Darauf muß ich unbedingt bestehn. 126 Amelie . Leb wohl, Philipp! Philipp . Wohin? Amelie . Ich gehe nach Hause. Philipp . Amelie! Amelie (umkehrend) . Höre mein letztes Wort! Frau Scholz ist an der Sache schuld – sie ganz allein. Wenn du willst, daß ich mit ihr und der andern noch ein einziges Mal zusammenkomme, dann veranlasse sie, daß sie ihre blöde Klatscherei wieder gutmacht. Philipp . Ich werde verrückt! Amelie . Sie muß erklären, daß sie mich falsch verstanden hat; daß ich so etwas nie behauptet habe. Philipp . Und wenn sie das thut, versprichst du mir dann . . . Amelie . Dann soll meinetwegen alles sein wie vorher. Philipp (bestimmt) . Das muß sie thun! Das ist nicht zu viel verlangt. Amelie . Du kannst mir Nachricht hinübersenden. 127 Philipp . Wie? Du gehst trotzdem? Amelie . Dir und dem Frieden zulieb. Oder hältst du es für besonders opportun, daß ich mich mit den beiden Damen an einen Tisch setze, bevor der Sturm in der Theetasse vorüber ist? Philipp . Ach Gott, ach Gott, wie soll ich denn deine Abwesenheit motivieren? Amelie . Sag', ich hätte heftige Kopfschmerzen bekommen; ich sei nach Hause gegangen, um ein Pulver zu nehmen. (Ihre Hand auf die Stirn pressend.) Damit entfernst du dich nicht einmal von der Wahrheit. Philipp . Ich schicke dir Stephan, sobald wir im reinen sind. Amelie . Gut. Philipp (ihr zur Thür folgend) . Aber dann kommst du auch sofort zurück! Amelie . Ja. – Nur vergiß nicht, Philipp: Auch die höchste Selbstverleugnung hat ihre Grenzen. (Ab rechts hinten.) Philipp (halb ihr nachrufend) . Und wir waren auf dem besten Wege heut! 128 Achter Auftritt. Philipp . Waldemar . Waldemar (erscheint in der Gartenthür) . Philipp, mein Philipp, was soll denn das bedeuten? Einer nach dem andern verkrümelt sich. Ursprünglich waren wir zu siebent, und jetzt sitzen Lisbeth und ich mit Bruno da draußen allein. Ehähä – ist wohl das neueste Gesellschaftsspiel? Philipp . Komm mal her, Waldemar. Waldemar (eintretend) . Sapristi, wo steckt ihr? Ich habe den offiziellen Auftrag, euch tot oder lebendig abzuliefern. Wo ist Heinz und seine Frau? Philipp (zeigt nach rechts) . Da drinnen. Waldemar . Was du nicht sagst! Wie unpassend! Und wo ist deine Gnädigste? Philipp . Ach, Waldemar! Waldemar . Warum seufzest du so herzbrechend, altes Haus? Philipp . Dergleichen auch noch explicieren zu müssen! Ich schäme mich gradezu . . . . 129 Waldemar . Du spannst mich auf die Folter. Philipp (mit Ueberwindung) . Waldemar, meine Frau hat zu deiner Frau eine Bemerkung über Heinzens Frau gemacht . . . Waldemar . Das mit den gefärbten Haaren? Philipp . Wieso weißt du? Waldemar . Lisbeth sprach mir schon neulich davon. Ja, diese Toni! Eminent schneidiges Weib. Philipp . Deine Frau hat das Heinzens Frau wieder erzählt. Waldemar . Mein ahnungsloses Lamm! Philipp . Darüber ist Heinzens Frau sehr erzürnt, und meine Frau gleichfalls. Waldemar (sich setzend) . Ich bin erschossen. Philipp . Es liegt nun an dir . . . Waldemar . Sapristi, mein Philipp, was macht man da? Wie vertuschelt man das vor Bruno? 130 Philipp . Du bist der Mann, die ganze Mißhelligkeit aus dem Wege zu räumen. Waldemar . Aber mit Wonne! Philipp . Deine Frau braucht Heinzens Frau nur zu sagen, sie habe sich verhört . . . Waldemar (aufstehend) . Brillant! Philipp . Glaubst du, daß sie dazu bereit ist? Waldemar . Meine Lisbeth? Wenn ich sie darum bitte? Du kennst meine Lisbeth nicht! Philipp (erleichtert) . Ach, Waldemar, wie soll ich dir danken! Waldemar . Keine Ursache. Versteht sich von selbst. Philipp . Wenn du ahntest, wie mich das gedrückt hat! Waldemar . Kopf hoch, mein Philipp! Brust heraus! Wird prompt geordnet. 131 Neunter Auftritt. Vorige . Lisbeth . Lisbeth (aus dem Garten) . Aber, Waldi, soll ich denn noch länger mit dem Herrn Doktor allein im Garten sitzen? Waldemar . Süße Lisbeth, ich . . . Lisbeth . Du gingst doch nur, um die andern zu holen – und nun kommst du selbst nicht wieder. Waldemar . Schickt der Herr den Jockel aus – ehähä. Lisbeth . Herr Doktor Martens ist nun ganz allein. Philipp . Ich gehe zu ihm. Lisbeth . Und wir? Waldemar . Nur eine Sekunde, mein Engel! Philipp (halblaut zu Waldemar) . Ich möchte so bald wie möglich erfahren . . . Waldemar . In null Komma fünf Minuten. (Philipp ab in den Garten.) 132 Zehnter Auftritt. Waldemar . Lisbeth . Lisbeth . Mich so in Verlegenheit zu bringen, Waldi! Ich wußte ja gar nicht, was ich mit dem Herrn Doktor reden soll. Erst macht ihr so ein Wesen von eurem Zusammensein, und dann . . . Waldemar . Mein Schatz, du liebst mich über alles, nicht wahr? Lisbeth (ihn leidenschaftlich umfassend) . Waldi! Waldemar . Und ich liebe dich auch über alles. Lisbeth (freudig) . Das hast du mir schon lange nicht mehr gesagt. Waldemar . Nun höre, du mußt mir einen kleinen Gefallen thun. Lisbeth . Ich thue für dich, was du willst. Waldemar . Du hast Frau Hagedorn die Geschichte mit ihren Haaren erzählt. Lisbeth (sehr erschrocken, rasch) . Waldi, woher weißt du das? 133 Waldemar . Sie hat es ihrem Mann gesagt, und dieser . . . Lisbeth (ausbrechend) . O, das ist empörend! Das ist niederträchtig! Waldemar . Aber, Mäuschen, bedenke . . . Lisbeth (mit steigender Leidenschaftlichkeit) . Ich hab's ihr absolut nicht sagen wollen. Sie hat nicht geruht; sie hat es mir herausgelockt. Und erst, nachdem sie mir zehnmal versprochen hatte, keinem Menschen etwas zu verraten! Das ist ein Betrug, Waldi; das ist ein Wortbruch. Das kann ich mir nicht bieten lassen. Du mußt sie zur Rechenschaft ziehen; du mußt . . . Waldemar . Aber so sei doch vernünftig, mein Herz! Lisbeth . Vernünftig? Bin ich vielleicht unvernünftig, Waldi? Willst du damit sagen, daß ich unvernünftig bin? Waldemar . Kindchen, Kindchen, wenn du auch noch anfängst . . . Lisbeth . Auch noch?! Die beiden sind wohl schon tüchtig über mich hergezogen? Und deine Freunde sollen von mir glauben, daß ich eine Klatschbase bin? An mir soll es ausgehn, wenn Frau Winkler eine böse Zunge hat, und wenn Frau Hagedorn den Mund nicht halten kann? Waldi, ehe du das zugiebst . . . 134 Waldemar . Niemals geb' ich das zu. Du brauchst ja nur einzugestehn, daß es unüberlegt von dir war . . . Lisbeth . Unüberlegt? Ich bin auf dem Lande aufgewachsen, Waldi; bei Papa und Mama durft' ich reden, wie ich wollte. Bei dir hab' ich das im Anfang auch gedurft. Und wenn du mir nicht verschwiegen hättest, daß ich dich teilen muß mit fünf wildfremden Menschen . . . Waldemar . Aber . . . Lisbeth . Was gehen die mich an? Was hab' ich mit denen zu schaffen? Waldemar . Geliebte . . . Lisbeth . Nenne mich nicht Geliebte! So hast du vor mir schon andere genannt! Und was für welche! Auch mit denen muß ich dich teilen, und das hast du mir ebenfalls verschwiegen. Waldemar . Wie kommst du denn jetzt auf so was? Lisbeth . Weil du mich getäuscht hast, Waldi – ja, getäuscht. Du hast mir geschworen, außer mir gäbe es für dich nichts auf der Welt. Und meinen Eltern hast du's auch geschworen. Waldemar . Aber . . . 135 Lisbeth . Und Papa hat geschworen, daß er dir den Hals herumdreht, wenn du mich nicht glücklich machst. Waldemar . Thu' ich denn das nicht? Lisbeth . Nein, Waldi, wenn du mich nur noch ein bißchen lieb hättest, dann würdest du mich so nicht kränken lassen; dann würdest du mich beschützen; dann würdest du Frau Hagedorn zur Rede stellen, oder Herrn Hagedorn . . . Aber ich fühle es ja – du liebst mich nicht mehr. Waldemar . Lisbeth, meine Lisbeth! Lisbeth . Ach, ich bin so unglücklich! Ich . . . (Sie wirft sich vornüber auf die Ottomane und bricht in krampfhaftes Schluchzen aus.) Waldemar (ratlos) . Himmlische Barmherzigkeit! Lisbeth, Schatz, Maus, Lamm – ich will ja alles thun! – Komm doch nur zu dir! Beruhige dich doch nur! Lisbeth (heftig weiter schluchzend) . Ich will fort! Waldemar (rennt zum Tisch, benetzt aus der Wasserflasche sein Taschentuch, betupft ihr damit Stirn und Schläfen) . Dieser Zustand . . . Wenn jemand kommt . . . Ich weiß ja gar nicht . . . (Verzweifelt.) Lisbeth – hörst du mich – Angebetetes . . . 136 Lisbeth . ich will fort! Waldemar . Du bist ja ganz aufgelöst. So kannst du doch nicht . . . Willst du, daß man dich hier so findet? (Nach links deutend.) Komm wenigstens da hinein, bis der Anfall vorüber ist! Dort legst du dich ein paar Minuten hin, und ich werde unterdessen . . . (Er hat sie mit sanfter Gewalt fortgezogen.) Lisbeth . Ich will zu Mama! (Beide ab links.) Elfter Auftritt. Heinz . (Gleich darauf) Waldemar . Heinz (erscheint in der Thür vorn rechts, sieht sich um, spricht dann zurück) . Sie sind nicht mehr hier, Toni. Bleib nur noch! Wollen erst mal sehn, wie der Hase läuft. (Er schließt die Thür.) Waldemar (erscheint in der Thür links, spricht zurück) . Ja, gewiß, mein Engelchen – alles, was du willst, alles! Jetzt ist dir schon besser, nicht wahr? Nur ruhig liegen bleiben! Bin gleich wieder bei dir. (Er schließt die Thür.) Heinz . Was ist denn da los? Waldemar (wendet sich um) . Heinz, mein Heinz – deine Frau hat mir einen netten Salat angerührt. 137 Heinz . Meine Frau? Erlaube mal . . . Waldemar . Lisbeth hat ihr unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit etwas anvertraut . . . Heinz . Was?! Schon wieder diese Geschichte? Nee, weißt du, Zephyr, das wird mir allmählich zu dumm. Waldemar . Kann ich denn dafür? Lisbeth liegt da drinnen mehr tot als lebendig. Heinz . Toni hier drinnen dito. Waldemar . Aber, Bruderherz, wenn deine Frau nur geschwiegen hätte . . . Heinz . Deine hätte schweigen sollen! Waldemar . Aber deine hatte sich durch ihr Wort verpflichtet . . . Heinz . Herrjeses, nun soll Toni wohl noch gar der Sündenbock fein? Waldemar . Heinz, überlege doch . . . 138 Heinz . Da ist nichts zu überlegen. Wenn ihr euch einbildet, daß ich für Toni nicht denselben Respekt verlange, weil sie keine so gute Schule besucht hat . . . Waldemar . Sapristi, eine solche Verdächtigung! Heinz, wie kannst du dich denn so aufhetzen lassen? Heinz . Aufhetzen hast du dich lassen, du Pantoffelheld. Waldemar . Pantoffelheld, das ist stark – das ist sehr stark! Da möcht' ich doch wissen, wer von uns beiden der größere Pantoffelheld ist. Heinz . Zephyr, ich hab' einen breiten Buckel; aber wenn's zu dicke kommt . . . Zwölfter Auftritt. Vorige . Philipp . Philipp (aus dem Garten) Nun, Waldemar, wie steht's? Waldemar . Frage Heinz! Philipp . Aber du versichertest mir doch . . . Ihr Freunde, welche Situation! Ich hocke da draußen bei Bruno und rede mit ihm krampfhaft gleichgültiges Zeug. Dabei merkte ich an 139 seinem verschmitzten Gesicht, daß er längst Lunte riecht. Und nun ist er schon wieder ganz allein – unser Wirt, unser Festgeber! Heinz . Scheußlich! Waldemar (rennt zur Thür links, horchend) . Still! Philipp . Was ist? Waldemar . Mir war, als hätte Lisbeth mich gerufen. Heinz . Hat deine Frau revociert, Stöpsel? Philipp . Nein. Das war ja nicht mehr nötig. Heinz . Inwiefern? Philipp . Weil Waldemars Frau erklären wollte, sie habe falsch gehört. Waldemar (zurückkommend) . Sie kann lediglich erklären, daß sie berechtigt war, von Heinzens Frau Diskretion zu erwarten. Heinz . Höre, Stöpsel, hätte deine Frau dir's vielleicht verschwiegen, wenn meine sie beleidigt hätte? Philipp . Beleidigt! Nun, dieser Ausdruck ist entschieden zu schroff. 140 Waldemar . Ja, mein Philipp, das läßt sich nicht leugnen: deine Frau hat uns die Suppe eingebrockt. Philipp . Ich ersuche euch dringend, laßt meine Frau jetzt aus dem Spiel! Sie ist abwesend; sie kann sich nicht verteidigen. Heinz . Aber revocieren hätte sie können. Philipp . Ich sagte dir ja bereits . . . Herr meines Lebens, wo soll denn das hinaus? Haben wir uns zwanzig Jahre vertragen oder nicht? Und sollen uns jetzt wegen so etwas in die Haare kommen? Heinz . In die Haare? Soll das eine Anspielung sein? Philipp . Es wäre ja unerhört, wenn wir durch so ein Nichts, durch so eine Lawine von Bagatellen . . . Besinnt euch doch! Stellt euren Frauen doch vor, was auf dem Spiele steht! Heinz . Fang du nur bei deiner an! Philipp . Amelie befindet sich momentan in einer so hochgradigen Erregung . . . Waldemar . Und Lisbeth? 141 Heinz . Und Toni? Philipp . Ach, zum Kuckuck, dann wär' es ja wahrhaftig das beste . . . Dreizehnter Auftritt. Vorige . Bruno . (Während des Auftrittes beginnende Abendröte.) Bruno (schon während der letzten Worte sichtbar, kommt durch die Gartenthür) . Störe ich, Kinder? (Verlegenheitspause.) Ich führe da im Garten zwar ein sehr beschauliches Dasein und labe mich am weihevollen Schweigen der Natur; aber dessenungeachtet kann ich nicht umhin, mich über das Abhandenkommen meiner Gäste zu beunruhigen. Waldemar (nit forcierter Heiterkeit) . Bruno, mein Bruno – ehähä – wir sprachen nur . . . Bruno . Im Ernst, meine Lieben, dieses Versteckspiel hat keinen moralischen Hintergrund. Ich kann unmöglich länger auf Begriffsstutzigkeit posieren. In meine grüne Einsamkeit sind Laute gedrungen – Laute, die ich mir rein vom Standpunkt einer Freundschaftsfeier nicht mehr zu deuten weiß. Philipp . Nun ja, du hast leider recht. Wir sind – ohne zu wissen, wie – in eine so greuliche Affaire verwickelt worden . . . 142 Bruno . Es handelt sich natürlich um eine Uneinigkeit zwischen euren Frauen? Philipp . Wieso natürlich? Laß doch den ironischen Ton! Heinz . Hätte Stöpsels Frau nicht an der meinigen Kritik geübt . . . Philipp . Hätte Waldemars Frau das nicht weitergetragen. Waldemar . Hätte Heinzens Frau es nicht sofort ihrem Mann rapportiert . . . Philipp . Hätte dieser nicht eine cause célèbre daraus gemacht . . . Heinz . Erlaube – erlaube . . . Bruno . Ihr Teuersten, jetzt erlaubt mir auch einmal! Wenn ihr diesen legendarischen Boden unserer Freundschaft in einen Kriegsschauplatz verwandeln wollt, da hab' ich ein Wort mitzureden. Seid ihr aber noch halbwegs dieselben, die ihr wart, dann reicht euch augenblicklich die Bruderhände, holt eure Frauen herbei und . . . Waldemar . Als ob das so im Handumdrehn . . . Bruno . Oder fürchtet ihr euch, ihr Helden? 143 Heinz . Lachhaft! Bruno . Wollt ihr lieber mich ins Feuer schicken? Ich habe Mut. Ich bin überdies hier der geborene Unparteiische. Wo sind denn eure Frauen? Ich erbiete mich zum Friedensengel mit dem Palmenzweig. Heinz . Das ist unsere Sache, Knorz. Bruno . Um so besser. Aber warum zögert ihr dann, euren Einfluß aufzubieten, oder im Notfall eure Autorität? Philipp . Ach, was verstehst du davon! Heinz . Knorz, du redest wie der Blinde von der Farbe. Waldemar . Du bist nicht verheiratet. Bruno . Gott sei Lob und Dank! Philipp . Bruno, das geht zu weit! Heinz . Willst du damit etwa andeuten, Knorz . . . Bruno (ärgerlich) . Ach, ich deute nichts an, was ihr nicht wißt. 144 Waldemar . Einen unpassenderen Moment konntest du für deine ehefeindlichen Scherze nicht wählen. Heinz . Wenn du mit der Thatsache nicht rechnen willst, daß deine Freunde jetzt auch Gatten sind . . . Bruno . Damit rechnet ihr schon genug. Philipp . Du hast niemals die Pflicht gekannt, Bruno. Bruno . Oho! Philipp . Deshalb ahnst du nicht, was an der Ehe sittlich Großes ist. Waldemar . Du bist ein Libertin. Bruno . Und ihr seid Hanswurste. Waldemar . Wir haben ein Herz, und du hast keines. Bruno . Bombenelement, brauch' ich mir das gefallen zu lassen in meinem eigenen Hause? Haben wir dazu den heutigen Tag mit Mühe und Not, mit Ach und Krach herausgeschunden? Steht dazu der Abendtisch reinlich gedeckt . . .? Heinz . Mir ist der Appetit vergangen. 145 Philipp . Bruno, das wirst du doch einsehen, daß heut an ein ersprießliches Zusammensein nicht mehr zu denken ist. Bruno . Wie ihr wollt. Aber nun rühr' ich keinen Finger mehr um einen gemeinsamen Abend. (Er setzt sich an den Schreibtisch.) Heinz . Ich erst recht nicht. Bruno . So eine Freundschaft kann mir gestohlen werden! Philipp . Vorderhand muß ich zu meiner Frau. Waldemar . Ich muß zu Lisbeth . . . Heinz . Und ich bringe Toni nach Haus – gleich durchs andere Zimmer durch. Bruno . Schön. Heinz , Philipp , Waldemar (gleichzeitig) . Guten Abend! Bruno . Hol' euch der Teufel! (Waldemar ab links, Heinz rechts vorn, Philipp rechts hinten.) Heinz (kehrt gleich darauf noch einmal zurück, ohne Bruno eines Blickes zu würdigen, nimmt sich eine Cigarre; dann wieder ab rechts) . 146 Vierzehnter Auftritt. Bruno . (Gleich darauf) Waldemar . Bruno (trommelt auf den Schreibtisch) . Waldemar (streckt den Kopf aus der Thür links) . Bruno. Bruno . Was beliebt? Waldemar . Lisbeth ist noch sehr schwach. Es war eine förmliche Nervenkrisis. Bruno . Mein aufrichtiges Beileid. Waldemar . Du hast doch nichts dagegen, wenn ich sie hier noch ein wenig ruhen lasse? Bruno . Nicht das mindeste. Waldemar (verschwindet, streckt gleich darauf den Kopf wieder heraus) . Du könntest ihr vielleicht nachher ein paar begütigende Worte . . . Bruno . Mit Vergnügen. Waldemar . Wenn es nur ihrer Gesundheit nicht schadet! (Er verschwindet.) 147 Fünfzehnter Auftritt. Bruno . (Gleich darauf) Dora . (Allmähliche Dämmerung.) Bruno (starrt einen Augenblick vor sich hin, seufzt tief. Es klopft. Er steht auf; grimmig) . Herein! Dora (durch die Eingangsthür, mit ihrer Manuskriptenmappe) . Guten Abend, Herr Doktor. Bruno (geht ihr lebhaft entgegen) . Gott sei Dank; ich sehe wieder einen unverheirateten Menschen! Dora (legt die Mappe auf den Schreibtisch) . Hier. – Es ist alles fertig. (Sich umsehend, erstaunt.) Sind denn Ihre Gäste noch nicht da? Heute ist doch bei Ihnen der Freundschaftsabend? Bruno . Der Abend unserer Freundschaft, ganz recht. Die große Dämmerung. Dora . Wie? Bruno . Sie stehen hier auf einem Schlachtfeld, Herr Lenz. Ein heftiges Scharmützel hat stattgefunden. Die Blessierten sind bereits fortgeschafft. (Nach links deutend.) Nur da nebenan befindet sich noch eine kleine Ambulanz. Dora . Ich hab's ja immer gesagt: die Männer . . . ! 148 Bruno . Nein, die Weiber! Dora . Die Männer! Bruno . Die Weiber und die Männer. Auf den heutigen Tag hab' ich gebaut, mich auf ihn gefreut an all den vergangenen Abenden, wo ich trotz der Rückkehr meiner Freunde allein saß. Und nun heute abend wieder allein, und morgen, und übermorgen – eine recht erquickliche Perspektive! Dora . Das ist auch noch nicht das schlimmste, Herr Doktor. Bruno . Nun ja, Sie wissen es nicht anders. Aber ich! Und wenn Sie die Wahl hätten, dann würden Sie jedenfalls auch lieber . . . (Elektrisiert.) Fräulein Lenz! Mir kommt da plötzlich ein Gedanke – ein vortrefflicher Gedanke! Aber Sie dürfen mir nicht böse sein. Dora . Böse – weshalb? Bruno . Sie werden es nicht sein. Sie sind ja kein Philister – wie? Dora . Ich hoffe. Bruno . Und Sie wünschen auch nicht, daß ich heute abend in unheilbaren Tiefsinn verfalle? Dora . Durchaus nicht. 149 Bruno . Nun also! Ich habe ein kaltes Abendbrot für sieben Personen. Das kann ich unmöglich allein aufessen. Helfen Sie mir ein bißchen: Seien Sie mein Gast. – (Dora schweigt.) Wollen Sie? – O weh, nun sind Sie mir doch böse. Dora (sich fassend) . Böse – nein. Aber das . . . das kann ich nicht. Bruno . Und warum nicht? Dora . Das erlaubt mir meine Stellung nicht, Herr Doktor. Bruno . Larifari! Stellung! Sie wissen ganz genau, daß Sie mehr für mich sind als die erste, beste Stenographin. Sie und ich, wir sind Freunde geworden. Sie sind mein Freund Lenz. Warum soll ich das Freundschaftsfest nicht gerade so gut mit Ihnen feiern können, wie mit den andern? Warum nicht tausendmal besser, als mit diesen verängstigten, verärgerten Ehesklaven? Dora . Es geht nicht. – Bruno . Sind Sie mein Freund? Dora . Eben weil ich Ihr Freund bin . . . Bruno . Der einzige, auf den ich noch zählen kann. Ich sah Sie zum erstenmal an dem Tag, wo ich anfing, die andern zu verlieren. Es war eine Dämmerstunde wie jetzt. Nur 150 ein paar kurze Monate liegen dazwischen; aber es kommt mir schon höchst unglaubwürdig vor, daß wir uns einmal nicht gekannt haben. Dora . Und Sie waren zuerst so mißtrauisch. Bruno . Sie waren es auch. Oder sind Sie es vielleicht noch immer? Dora . Nein. Bruno . Was also bestimmt Sie, mir diese große Freude zu versagen? Dora . Ich versage sie auch mir. Bruno . Sehen Sie, sehen Sie! Dora . Und dennoch . . . Bruno . Und dennoch wollen Sie uns beide zur Einsamkeit verdammen! Sie in Ihrem Stübchen bei der Petroleumlampe, und ich bei meinen sieben Gedecken! Giebt es dafür einen plausiblen Grund? Konventionelle Bedenken können's doch nicht sein! Sie sind ja ein unabhängiger Mensch, unabhängig auch in Ihrem Fühlen und Handeln. Dora . Das alles stimmt, Herr Doktor – und doch stimmt es wieder nicht. Mit guten Gründen kommt man dabei 151 nicht aus; da spricht zu vieles mit, wovon man abhängt – mag man sich dagegen sträuben, wie man will. Bruno . Zum Exempel? Dora . Zum Exempel, ich wäre in Verlegenheit, was für ein Gesicht ich künftig vor Ihrem Diener machen sollte. Bruno (lachend) . Vor Stephan? Dora . Und wenn ich mir ausmale, wie er vielleicht darüber reden wird . . . Bruno . Stephan ist die Verschwiegenheit selbst. Dora (rasch) . Das hätten Sie jetzt nicht sagen sollen, Herr Doktor. Bruno . Wie? Dora . Sie hätten mich nicht erinnern sollen, was Stephan schon alles verschwiegen hat. Bruno (ihr beide Hände reichend, mit tiefer Herzlichkeit) . Vor diesen Erinnerungen braucht mein Freund Lenz sich nicht zu scheuen. Dora . Sie haben recht. Bruno . Und Sie werden bleiben. Dora . Ja. – 152 Sechzehnter Auftritt. Vorige . Waldemar . (Dann) Lisbeth . Waldemar (streckt den Kopf aus der Thür links) . Bruno! Bruno . Wer ist hier? – Ach, du! Waldemar . Lisbeth hat sich jetzt so weit erholt. Bruno . Freut mich. Waldemar . Willst du ihr nun ein paar besänftigende Worte . . . Bruno . Jawohl. Waldemar . Ich bringe sie. (Er verschwindet.) Bruno (zu Dora) . Die Ambulanz. (Bemerkend, daß sie sich nach dem Garten zurückziehen will.) Wo wollen Sie denn hin? Hiergeblieben. Zur Warnung bei etwa wiederkehrenden Heiratsgelüsten! (Dora bleibt ganz im Hintergrund.) Waldemar (kommt mit Lisbeth von links, sie besorgt führend) . Stütze dich nur, mein Herzchen! – So! Bruno (geht Lisbeth entgegen) . Gnädige Frau, ich hörte zu meinem Bedauern . . . 153 Lisbeth (matt) . Ich bin unschuldig, Herr Doktor – ganz unschuldig. Bruno . Wer zweifelt daran? Lisbeth . Ich bin keine Klatschbase. Bruno . Das glaub' ich Ihnen. Lisbeth . Warum erzählt mir Frau Winkler, was sie nicht verantworten kann? Bruno . Wir wollen zu ihren Gunsten annehmen: aus Harmlosigkeit. Lisbeth (wieder leidenschaftlich) . Nein, Herr Doktor, wenn Sie die für harmlos halten . . . Waldemar . Kindchen, alteriere dich nicht wieder! Lisbeth . Waldi, wenn der Herr Doktor wüßte, was diese harmlose Frau über ihn gesagt hat . . . Bruno . Ueber mich? Waldemar (geängstigt) . Lisbeth, thu mir den Gefallen . . . 154 Bruno (lachend) . Laß doch, Waldemar. Die Medisance der Frau Winkler kann doch für mich nur spaßhaft sein. Lisbeth . Daß in Ihrem Hause Damen nicht verkehren können, hat sie gesagt. Bruno . Das also! Waldemar . Lisbeth. (Er sucht sie vergeblich fortzuziehen.) Bruno . Und hat sie auch gesagt, warum nicht? Lisbeth (fast weinend) . Weil den ganzen Tag ein Fräulein hier wäre . . . Waldemar (verzweifelt) . Sapristi! Bruno (sich mühsam beherrschend) . Allerdings, meine Gnädige, das ist nicht harmlos. Lisbeth (während Waldemar sie fortschleppt) . Und die Frau, Herr Doktor – die wagt zu behaupten, daß ich eine Klatschbase bin! Ich bin auf dem Lande aufgewachsen! Ich habe keine Schuld! Waldemar . Komm nach Hause! – (Zurückgewendet, flehentlich.) Bruno, ich bitte dich um alles in der Welt . . . Bruno . Sei unbesorgt! (Waldemar und Lisbeth ab.) 155 Siebzehnter Auftritt. Bruno . Dora . (Später) Stephan . Dora (kommt nach vorn) . Auch ich bitte Sie dringend, in dieser Sache nichts zu thun. Bruno (grimmig) . Wir wollen sehn! Dora . Um unserer Freundschaft willen! Bruno . Hätte ich geahnt, mein lieber Freund, daß Sie solche Dinge bei mir hören würden . . . Dora (bitter) . Darauf muß unsereins immer gefaßt sein. Bruno . O schändlich! – Dora (ihm die Hand reichend) . Haben Sie vielen Dank! Bruno . Sie gehen? Dora . Wollen Sie noch, daß ich bleiben soll? Bruno (mit Ueberwindung) . Ich darf es nicht mehr wollen – Um Ihretwillen darf ich es nicht. 156 Dora . Leben Sie wohl! Bruno . Aber morgen früh . . . morgen früh . . . Dora . Ich . . . ich weiß noch nicht. (Schnell ab.) Bruno (ihr nachrufend) . Fräulein Dora! Fräulein Dora! – (Er kehrt um.) Auch das vorbei! Auch das! – (Mit ausbrechender Wut.) Himmeldonnerwetter! – (Er läuft zur Eingangsthür, ruft hinaus.) Stephan, meinen Hut! Stephan, meinen Stock! – (Er rennt nach links.) Stephan (kommt a tempo mit Hut und Stock, dreht beim Eintritt die elektrische Beleuchtung auf; dann hinter Bruno drein) . Bruno (dreht sich um, nimmt ihm Hut und Stock ab; wild) . Ich geh' ins Wirtshaus. Stephan . Hab' ich mir gleich gedacht, Herr Doktor. Bruno (brüllt ihn an) . Sie haben sich nichts zu denken! Gar nichts! Verstehn Sie mich? (Er stülpt sich in höchster Wut den Hut auf den Kopf.) Himmelherrgottsakrament! (Er eilt hinaus.) Stephan (nun ebenfalls aufgeregt, im gleichen Ton wiederholend) . Himmelherrgottsakrament! 157 Vierter Aufzug. Dieselbe Dekoration. Heller Morgen. Erster Auftritt. Bruno . (Dann) Stephan . Bruno (im Hausrock, übernächtig aussehend, geht auf und ab, seufzt ärgerlich, greift sich wiederholt an die Stirn) . Stephan (kommt durch die Eingangsthür, bleibt abwartend stehen; dann schüchtern) . Herr Doktor . . . Bruno (setzt seine Promenade seufzend fort, ohne Stephan zu beachten) . Stephan (einen Schritt vortretend) . Wollen Herr Doktor noch nicht frühstücken? Bruno (barsch) . Nein. Stephan . Es ist schon dreiviertel zehn. Bruno . Ich frühstücke nicht. . Stephan . Befehlen vielleicht, daß ich den Arzt hole? 158 Bruno . Unsinn! Stephan . Herr Doktor sehen sehr schlecht aus. Bruno . Ich bin riesig wohl. Stephan . Herr Doktor sind heute um sechs Uhr aufgestanden. Das ist in den zwölf Jahren, seit ich die Ehre habe, Herrn Doktor zu bedienen, nicht vorgekommen. Bruno . Geht Sie nichts an. Stephan . Um Verzeihung; aber wenn Herr Doktor Gott behüte krank würden . . . Bruno . Dann erlaub' ich Ihnen, mich zu pflegen. Stephan . Das ist es ja eben. Ich weiß nicht, wie lange ich noch die Ehre haben werde . . . Bruno (stehen bleibend) . Was soll das heißen? Stephan . Denn da ich mir nicht einmal mehr etwas denken darf . . . Bruno . Ach, Unsinn! Stephan . Und überhaupt ist es wohl besser . . . 159 Bruno . Was ist besser? Stephan . Man kommt in die Jahre, Herr Doktor. Man hat sich etwas gespart. Man hat Lust, sich selbständig zu machen . . . Bruno . Stephan, Sie denken daran, mich zu verlassen? Stephan (gedehnt) . Ja, es wird wohl so kommen müssen. Bruno . Und weshalb? Stephan . Wenn Herr Doktor gütigst entschuldigen – ich will mich verheiraten. Bruno . Was?! Sie auch? – Nette Ueberraschung das – und gleich auf den nüchternen Magen! Sie also auch. Alter schützt vor Thorheit nicht. Nun gut, nun gut. Ich werde sogar diesen Verlust überleben. Mir bleibt ja wenigstens noch die Köchin. Stephan (verlegen schmunzelnd) . Die Köchin? Nein, um Verzeihung, die geht wohl mit. Bruno . Wieso? Stephan . Die will ich doch eben heiraten. Bruno (perplex) . Heiliger Strohsack! 160 Stephan . Wir wollen zusammen eine Restauration übernehmen, und wenn der Herr Doktor uns dann manchmal die Ehre schenken würden . . . Bruno . Nun machen Sie aber schleunigst, daß Sie 'rauskommen. (Stephan ab.) Zweiter Auftritt. Bruno . (Dann) Philipp . Bruno (geht schnaubend auf und ab) . Es ist denn doch . . . (Er tritt zum Schreibtisch, nimmt das von Dora gebrachte Manuskript aus der Mappe, blättert wie geistesabwesend darin, wirft es heftig auf den Tisch zurück.) Philipp (kommt sehr gedrückt durch die Eingangsthür) . Guten Morgen, Bruno. Bruno (barsch) . 'morgen. Philipp . Soll ich dir schildern, wie dein Brief auf mich gewirkt hat? Bruno . Nicht nötig. Philipp . Ich hatte ohnedies eine schlaflose Nacht hinter mir . . . Bruno . Ich auch. 161 Philipp . Meine Frau auch. Und gleich beim Aufstehn diese neue Bombe. Bruno . Konnt' ich dir nicht ersparen. Es handelt sich um den guten Namen einer dritten Person, die sich selbst nicht beschützen kann. Philipp . Ach, Bruno, wenn du wüßtest, in was für einer Verfassung ich bin . . . wie das alles an mir nagt . . . Ein wirklich großer Schmerz wäre ja Kinderspiel dagegen. Und meine Frau . . . sie leidet vielleicht noch mehr als ich. Sie hat ja so viele ausgezeichnete Eigenschaften . . . Bruno . Wie verhält sie sich zu meinem Brief? Philipp . Sie ist bereit, alles zu erklären, was du verlangst. Aber – auch wenn ich jetzt nicht in erster Linie ihre Gesundheit schonen müßte – seien wir doch gerecht, Bruno! Bedenken wir doch das Milieu, in dem sie erzogen ist. Muß es da nicht verzeihlich sein, wenn sie an dieser Geschichte Anstoß nimmt? Bruno . An welcher Geschichte, wenn ich bitten darf? Philipp . Ach, du weißt doch! Und nicht nur sie allein. Auch unsere Hausleute haben darüber Bemerkungen gemacht Dein Ruf in der Nachbarschaft ist ja von früher her nicht der beste. 162 Bruno . O pfui! Wie niedrig! Wie erbärmlich! Also man darf einer achtbaren Dame nicht einmal mehr einen anständigen Broterwerb verschaffen! Haarsträubend! Philipp . Du achtest diese Dame – und sicherlich mit gutem Grund. Aber um so weniger solltest du dir dann verbergen, daß du sie in eine schiefe Beleuchtung bringst. Bruno . Weil ich ihr mein Buch diktiere! Philipp . Binde das den Leuten auf die Nase. Man weiß nur, daß sie von morgens bis abends deine alleinige Gesellschaft ist. Bruno . Und das ist Philipp, der so zu mir spricht; Philipp, der Idealist; Philipp, der Verherrlicher des Weibes! Philipp . Zum Verächter des Weibes spreche ich so. Du selbst hast dafür gesorgt, daß man bei dir leichter Verdacht schöpft als bei einem andern. Bruno (getroffen) . Dann sag doch lieber gleich, daß ich in deinen Augen ein Lump bin. Philipp . Wie kannst du die Sache so verdrehn! Ich wollte dir nur das große Verbrechen meiner Frau in milderem Lichte zeigen. Und du findest jedenfalls Mittel und Wege . . . 163 Bruno (bitter) . Ich hatte also nicht das Recht, einem schutzlosen Mädchen meine Freundschaft anzubieten! Philipp . Freundschaft zwischen Mann und Weib – glaubst du daran noch, Bruno? Bruno . Ich glaube nicht einmal mehr an die Freundschaft zwischen Mann und Mann. Philipp (ihm die Hand auf die Schulter legend, weich) . Ach, mein lieber, guter Junge – in gewissem Sinn hast du ja leider recht behalten. Bruno . Ich? Philipp . Auch die Ehe ist der ideale Zustand nicht, von dem wir träumten. Bruno (in eigene Gedanken vertieft) . Bedaure. Philipp . Meine Frau hat unendlich viel Vorzüge, und trotzdem . . . Hörst du, Bruno, was ich zu dir sage? Bruno . Jawohl, rede nur weiter! Philipp . Ob man trotzdem der inneren Musik der Dinge nicht relativ näher kommt, wenn man unverheiratet bleibt . . . Bruno (vor sich hin) . Was thu' ich nur? Was thu' ich nur? 164 Dritter Auftritt. Vorige . Waldemar . Waldemar (schleicht verlegen herein) . Guten Morgen, Kinder. Philipp . Guten Morgen. Bruno (nur mit sich beschäftigt, beachtet Waldemar nicht) . Waldemar . Mein Bruno, ich komme so früh . . . bin eigens vom Bureau weggeblieben . . . Ich habe heute nacht kein Auge zugethan. – Bist du böse auf mich? Bruno . Laß mich zufrieden. Waldemar . Meine arme Lisbeth liegt zu Bette. Der Arzt war schon da. Er meinte, es sei von der größten Wichtigkeit, ihr jede Aufregung fernzuhalten. – Philipp, ich will deiner Frau keine Vorwürfe machen . . . Philipp . Ich will deiner auch keine Vorwürfe machen. Waldemar . Lisbeth hat keine Spur von Welterfahrung; aber sie ist ein Götterweib – nichtsdestoweniger! Und sie liebt mich bis zum Wahnsinn. (Er trocknet sich die Stirn.) Es hat geradezu etwas Beängstigendes, so geliebt zu werden. 165 Bruno (von steigender Unruhe gepeinigt, sieht wiederholt auf seine Uhr; vor sich hin) . Was thu' ich nur? Philipp (zu Waldemar) . Glaubst du, daß deine Frau bereit wäre, sich mit der meinigen auszusprechen? Waldemar (erschrocken) . Lieber Himmel – erhoffst du dir davon etwas Gutes? Philipp . Unter gewissen Voraussetzungen . . . Waldemar . Philipp, du hast gehört, was der Arzt gesagt hat. Wir können die Sache nicht übers Knie brechen. Wir müssen erst einmal Gras wachsen lassen . . . Philipp . Ja, ja; aber bis das Gras gewachsen ist – da muß doch irgend ein modus vivendi gefunden werden. Bruno, was meinst denn du? Waldemar . Ja, mein Bruno, gieb uns einen Rat. Bruno (unwirsch) . Was wollt ihr denn von mir? Warum laßt ihr mich denn nicht in Ruhe? Macht eure Angelegenheiten unter euch aus! Ihr seht doch, daß ich meine eigenen Sorgen habe. Philipp . Wenn wir dir zur Last sind . . . 166 Waldemar . Wenn du für uns kein Interesse mehr hast . . . Philipp . Dann können wir ja gehn. Bruno (hat wieder auf die Uhr gesehen) . Bleibt hier, solang ihr wollt. Beratet euch, soviel ihr Lust habt. Ich muß jetzt in die Stadt. Ich habe allerlei zu thun. Ich weiß noch nicht, wann ich wiederkomme. Addio! (Schnell ab vorn rechts.) Vierter Auftritt. Philipp . Waldemar . Waldemar . Der arme Bruno! Er thut mir furchtbar leid. Philipp . Es geht ihm näher, als wir dachten. Waldemar . Meinst du das mit der Stenographin? Philipp . Das auch. Aber in erster Linie unsere gestörte Harmonie. Er hängt ja so an uns. Waldemar . Und wir an ihm. 167 Philipp . Ach, Waldemar, wir haben unsere Frauen, und daß die den ersten Platz beanspruchen . . . Waldemar . Versteht sich am Rande. Philipp . Haben wir nicht die Verpflichtung, für sie einzutreten? Waldemar . Unbedingt. Philipp . Müssen wir ihnen vor der Welt nicht recht geben, auch wenn sie unrecht haben? Waldemar . Allemal. Philipp . Oder können wir sie zwingen, den alten Bund mit unseren Augen anzusehn? Können wir ihnen Sympathien aufnötigen, die sie nun einmal nicht empfinden? Waldemar . Undenkbar. Philipp . Und da ist noch Heinzens Frau. Läßt es sich leugnen, daß sie mit den unsrigen nicht auf gleicher gesellschaftlicher Stufe steht? Waldemar . Und weil der gute Heinz das selber spürt, deshalb wird er ausfallend. Philipp . Er ist nicht mehr, der er war. 168 Waldemar . Kein Wunder. Hat selbst keinen Groschen und muß sich jetzt noch für Frau und Schwiegermutter plagen. Philipp . Ein rechtes Elend. (Beide seufzen tief auf.) Fünfter Auftritt. Vorige . Heinz . Heinz . (langsam eintretend, mit unterstrichener Gleichgültigkeit) . 'morgen. Philipp , Waldemar . Guten Morgen. Heinz . Wo ist Knorz? Philipp . Ausgegangen. Heinz . Da werd' ich warten. (Er geht zum Rauchtischchen, nimmt sich eine Cigarre, steckt sie an, setzt sich auf die Ottomane.) (Auch die beiden anderen setzen sich, Philipp vorn rechts, Waldemar vorn links. Längere Pause.) Philipp . Was macht dein neues Bild, Heinz? Heinz (rauchend) . Danke. Geht vorwärts. (Pause.) 169 Waldemar . Ist das letzte verkauft? Heinz . Noch nicht. (Pause.) Viel zu thun in der Fabrik, Zephyr? Waldemar . Es macht sich. (Pause.) Heinz War eigentlich nicht meine Absicht, euch hier zu treffen. Philipp . Wir trafen uns auch zufällig. (Pause) Heinz . Na, was habt ihr miteinander ausgeheckt? Waldemar . Nichts von Bedeutung, Heinz. (Pause.) Heinz . So viel will ich euch sagen: Toni wird den ersten Schritt nicht thun. Das hat sie auch absolut nicht nötig. Philipp . Wir hoffen, daß nach Verlauf einiger Zeit . . . Heinz . Toni und ich, wir haben keine Eile. Waldemar . Nun, wenn ihr keine Eile habt . . . (Pause.) Heinz . Soll ich einmal mit euch wie mit Männern reden? 170 Philipp . Nur zu! Waldemar . Rede mit uns wie mit Männern. Heinz . Dann will ich euch also mitteilen, daß ihr keine Männer seid. Waldemar (geärgert) . Falls du nichts Klügeres vorzubringen hast . . . Heinz . Wart's ab. Denn wäret ihr Männer, dann hättet ihr den ganzen Fall nicht so schwer genommen. Philipp . Nahmst du ihn leichter? Heinz . Pah, ich rede nicht von dem gestrigen Fall. Ich rede vom Verheiratetsein überhaupt. Philipp . Wie? Heinz . Die Ehe, die Liebe, das Weib – lauter Privatangelegenheiten – häusliches Departement – Ministerium des Innern. Das sollte der moderne Mensch sich endlich klar machen. Seht mich an! Ueber zwei Jahre bin ich mit Toni verlobt gewesen: habt ihr viel davon gemerkt? Waldemar . Was willst du daraus folgern für heute? 171 Heinz . Ich folgere daraus: Zu viert kann man befreundet, aber zu siebent kann man nicht verheiratet sein. Philipp . Darin hat er recht, Waldemar. Waldemar . Ja, mein Philipp, darin hat er recht. Heinz . Na also! Und wenn ihr jetzt mal von euren Weibern absehen wollt . . . Philipp . Das kann ich nicht. Waldemar . Ich auch nicht. Heinz . In Gedanken absehen, mein' ich – giebt es da zwischen uns Männern irgend eine Differenz? Philipp . Zwischen uns? Waldemar . Falls du den Pantoffelhelden zurücknimmst . . . Heinz . Der kompensiert sich. Philipp (warm) . Zwischen uns giebt es keine Differenz. Waldemar (auf Heinz zugehend) . Heinz, mein Heinz . . . 172 Heinz . Komm her, Zephyr – und du auch, Stöpsel! (Er streckt jedem eine Hand entgegen.) Philipp . Da bin ich, alter Junge. Heinz . Bon. Und jetzt will ich euch etwas proponieren. (Philipp und Waldemar setzen sich zu ihm auf die Ottomane.) Waldemar . Was denn? Heinz Das Ei des Columbus. Philipp . Du machst mich neugierig. Heinz . Wollt ihr, daß unter uns vieren alles beim alten bleibt? Philipp , Waldemar . Ja. Heinz . Daß wir so friedlich und harmlos miteinander verkehren wie ehedem? Philipp , Waldemar . Ja. Heinz . Dann schlag' ich euch also vor, unsere Bierabende bei Knorz ohne weiteres wieder aufzunehmen. Philipp . Und unsere Frauen? 173 Heinz . Das ist ja grade der Witz. Waldemar . Was? Heinz . Die Frauen lassen wir zu Haus. Philipp (aufstehend) . Das läßt sich hören. Heinz (aufstehend) . Ehe apart, Freundschaft apart. Waldemar (aufstehend) . Brillant. Philipp . Ja, Heinz, das ist die richtige Lösung! Wir Männer wieder unter uns, und dabei doch mit dem erhebenden Bewußtsein, daß daheim unsere lieben Frauen sitzen. Das ist die innere Musik der Dinge! Nur . . . bei näherer Ueberlegung . . . Wirst du dich immer frei machen können, Waldemar? Waldemar (sich hinterm Ohr kratzend) . Lisbeth ist nicht gern allein. Philipp . Und meine Verpflichtungen Amelie's Familie gegenüber . . . Heinz . Meint ihr vielleicht, daß Toni besonders erbaut sein wird? Aber ich werde ihr kategorisch erklären: Ein- bis zweimal die Woche wird bei Knorz gekneipt. 174 Philipp (entschlossen) . Es muß unter allen Umständen durchgesetzt werden. Waldemar (mit einem Ruck) . Unbedingt! Heinz . Absolut! (Sie reichen sich die Hände.) Waldemar . Ehähä – der Schwur auf dem Rütli! Philipp . Vor allem andern sind wir es Bruno schuldig. Heinz . Oui. Waldemar . Der gute Bruno wird sich freuen wie ein Kind. Philipp . Das wird er! Heinz . Basta! – Und nun, ihr Männer, nun will ich euch noch einen zweiten Vorschlag machen. Philipp . Sprich! Heinz . Jetzt wollen wir einen Frühschoppen trinken. Philipp . Ob das heute geht . . . Amelie wird ungeduldig werden . . . Waldemar . Lisbeth auch. 175 Heinz . Toni auch. Aber darum erst recht. Höchste Zeit, unseren Weibern ad oculos zu demonstrieren, daß Eheleute keine siamesischen Zwillinge sind. Philipp . Bist du dabei, Waldemar? Waldemar . Wenn du dabei bist, Philipp . . . Heinz . Abgemacht. Und wißt ihr, wo wir den Frühschoppen trinken werden? In Knorzens Garten werden wir ihn trinken. Und wenn er zurückkommt, dann werden wir ihn einladen, mitzutrinken. (Er klingelt.) Waldemar . Großartig! Philipp . Ja, besser können wir ihn von der Klärung der Situation nicht überzeugen. Stephan (tritt ein) . Die Herren haben befohlen? Heinz . Edler Stephan, bringen Sie uns in den Garten Bier. Stephan . Sofort. (Ab.) Waldemar . Mein Heinz, du bist doch ein pyramidaler Kerl. 176 Philipp . Wahrhaftig, nun wird alles gut. Waldemar . Wird urfidel! Heinz . Was hab' ich euch immer gesagt? Wenn man nur die Dinge wissenschaftlich betrachtet . . . (Er hat unter jeden Arm eine Cigarrenkiste genommen.) (Sie gehen zusammen nach hinten.) Waldemar . Denkt euch nur: Lisbeth glaubt, daß ich mich vor ihren Eltern fürchte. Einfach lächerlich! (Alle drei geräuschvoll ab in den Garten.) Sechster Auftritt. Stephan . (Gleich darauf) Bruno . Stephan (kommt mit drei Bierseideln und geht nach der Gartenthür) . Bruno (eilt gleich hinter ihm herein, sehr erhitzt und unruhig, den Hut noch auf dem Kopf. Erst mitten im Zimmer bemerkt er Stephan, der eben durch die Gartenthür abgeht; ruft) . Stephan! Stephan (umkehrend) . Herr Doktor? Bruno . Was machen Sie da? 177 Stephan . Die Herren Freunde haben Bier bestellt. Bruno . Sind die noch immer hier? – (Man hört, durch die Entfernung gedämpft, die drei Freunde im Garten singen: » Ça, ça, geschmauset, laßt uns nicht rappelköpfig sein« u. s. w.) Jemand gekommen in meiner Abwesenheit? Stephan . Ja. Bruno (rasch) . Wer? Stephan . Herr Hagedorn. Bruno . Sonst niemand? Stephan Nein, Herr Doktor. Bruno . Auch nicht Fräulein Lenz? Stephan . Nein, Herr Doktor. Bruno . Nicht! – Halt, Stephan! Sagen Sie meinen Freunden vorerst nichts davon, daß ich wieder da bin. Stephan (mit zustimmender Gebärde ab in den Garten, die Glasthür hinter sich schließend. Der Gesang wird dadurch unhörbar) . 178 Siebenter Auftritt. Bruno . (Dann) Dora . Bruno (wirft sich auf einen Sessel) . O je! O je! – (Er lauscht.) Schritte? (Er springt auf, eilt zur Eingangsthür, öffnet sie.) Endlich! Endlich! (Dora hereinführend.) Das ist brav; das ist gut von Ihnen! Geglaubt hab' ich's nicht mehr. Dora . Noch nie in meinem Leben war ich in solcher Ungewißheit, was ich zu thun habe. Bruno . Sie sind gekommen! Sie sind da! Mehr wollt' ich nicht. Dora . Den ganzen Morgen bin ich im Freien herumgelaufen und habe mir recht gründlich den Kopf zerbrochen. Nur eines war mir klar: daß um meinetwillen zwischen Ihnen und Ihren Freunden kein Mißton entstehen darf. Bruno . Ach, meine Freunde.! Auf die haben Sie doch wahrlich keine Rücksicht zu nehmen. Dora . Aber Sie müssen es, Herr Doktor. Bruno . Haben meine Freunde Rücksicht auf mich genommen? 179 Dora . Es wäre mir entsetzlich, wenn durch mich Ihre Beziehungen getrübt würden. Bruno . Unsre Beziehungen? (Er führt sie zum Fenster Hintergrund rechts) Bitte, sehen Sie einmal da hinaus! Dora (erstaunt) . Da sitzen Ihre Freunde ja. Bruno . Und trinken mein Bier. – Sind Sie jetzt beruhigt? Dora . Aber warum gehen Sie nicht zu ihnen? Bruno . Weil wir uns nichts Gescheites mehr zu sagen haben; weil die lieben Jungen mich fürchterlich ennuyieren; weil ich den innigen Wunsch hege, daß sie bald wieder fortgehn. Dora . Dann wäre es doch an mir . . . Bruno . Nichts da! An denen ist es. Biertrinken können die woanders grade so gut. Sie dagegen – Sie sind hier in Ihrem Amt und Beruf. Dora . Das hab' ich mir schließlich auch gesagt. Das war für mich das Entscheidende. Ich sah den Grund nicht ein, warum ich mich selbst so hart strafen soll, eine Stellung, die mir Freude macht, zu verlieren. 180 Bruno . Recht so, Herr Lenz. Dora . Ich habe mir ja nichts vorzuwerfen – und Ihnen auch nicht. Und nur wegen eines so thörichten Geschwätzes . . . Bruno . Bravo! Dora . Vor derartigen Verleumdungen werd' ich mich doch niemals schützen können. Bruno . Hm, was das betrifft . . . Dora . Niemals. Aber es liegt mir nichts daran. Die Menschen sollen von mir reden, wie sie wollen. Die Hauptsache ist, was ich selbst von mir denke. Bruno . Tapfer gesprochen, Herr Lenz. Dora . Und deshalb will ich an Ihrem Schreibtisch ausharren, solang ich Ihnen nützlich sein kann. Bruno . Nützlich! Finden Sie nicht noch ein bescheideneres Wort, mein Freund? Dora . Ich will ausharren, solang ich Ihr Freund sein kann. 181 Bruno . Sehr schön; wunderschön. Und nun glauben Sie, daß alles ruhig so weiter geht wie bisher? Dora . Ja, das glaub' ich. Bruno . Ich aber sage Ihnen: so geht es nicht weiter. Dora . Wie? Bruno . Ich kann mir Ihre Freundschaft nicht mehr gefallen lassen. Dora . Weshalb nicht? Bruno . Mit Ihrer Erlaubnis: ich habe mir ebenfalls den Kopf zerbrochen – gestern abend im Wirtshaus, dann die ganze Nacht, und als es wieder Tag wurde, setzte ich diese anmutige Beschäftigung fort. Ich hatte zuerst eine schmähliche Wut über unser gestriges Auseinandergehn, und dann eine noch viel schmählichere Angst wegen heute. Die gewohnte Stunde ging vorüber; wer nicht kam, waren Sie. Endlich riß mir die Geduld. Ich wollte wissen, woran ich bin. Ich lief davon, ich nahm mir eine Droschke und fuhr nach Ihrer Wohnung. Dora . Nach meiner Wohnung! Bruno . Ich kletterte die vier Stiegen hinauf; ich stand vor Ihrer Thür; ich las Ihre Visitenkarte; ich klingelte, schüchtern, wie ein Bittsteller, und erfuhr von der Wirtin, Sie 182 seien nicht zu Hause. Dann kletterte ich wieder hinunter und sagte mir dabei: Du Einfaltspinsel, nun hast du sie womöglich auch noch vor ihrer Wirtin kompromittiert. Dora . Das macht nichts. Bruno . Gut. Aber bei der Gelegenheit hab' ich gesehen, wie Sie wohnen. Abscheulich wohnen Sie. Und noch einen anderen Einblick hab' ich gethan: in meine rabenschwarze Seele nämlich. Im Vertrauen: Ihr Freund Martens war ein niederträchtiger Egoist. Dora . Herr Doktor . . . Bruno . Ein niederträchtiger Egoist. Weil es für mich ein äußerst molliger Zustand war, Ihre angenehme Gegenwart zu genießen, drum hab' ich Ihnen schnöderweise vorgeflunkert, der Platz an meinem Schreibtisch bedeute auch für Sie den Gipfel irdischer Glückseligkeit. Dora . Ah, nun versteh' ich, worauf Sie hinaus wollen. Bruno . So? Dora . Sie machen sich Gewissensbisse, daß Sie mir den Witwer ausgeredet haben. Bruno (in den Bart brummend) . Das nun eben nicht. 183 Dora . Und ich bin Ihnen doch so dankbar dafür. Bruno . Wirklich? Dora . Denn ich bin mehr als je mit Ihnen einverstanden. Bruno . Worin? Dora . Daß es eine Dummheit von mir wäre, zu heiraten. Bruno . Nun ja; aber . . . Dora . Eine unbeschreibliche Dummheit. Bruno . Zweifellos; aber . . . . Dora . Sie meinen wohl, das sei nicht mein Ernst? Bruno . O doch; indessen . . . Dora . Sie trauen mir noch immer keine Logik zu? Sie glauben, daß nur ein Mann im stande ist, seine Grundsätze durchzuführen? Nun, ich werde Ihnen beweisen . . . Bruno . Ich will nichts bewiesen haben. Dora . Hat sich Ihre Meinung denn geändert? 184 Bruno . Was für 'ne Meinung? Dora . Finden Sie nicht mehr, daß die Freiheit das Beste ist auf der Welt? Bruno (herausplatzend) . Herrgott, was haben Sie denn von Ihrer Freiheit? Und was hab' ich davon, wenn wir nicht einmal einen Abend zusammen verplaudern dürfen? Wenn wir nicht nach Herzenslust miteinander verkehren können ohne Demütigungen für Sie, ohne Selbstvorwürfe für mich? Wenn ich mit verschränkten Armen zusehen muß, wie mein bester Freund ein Hundeleben führt . . . Dora . Sie täuschen sich, Herr Doktor. Ich habe mich nie wohler gefühlt als jetzt. Bruno . Ich will aber nicht, daß Sie sich wohl fühlen bei einem solchen Leben! Und ich glaub's Ihnen auch gar nicht, daß es Ihnen besonderes Vergnügen macht, einsam und schutzlos in der Welt herumzulaufen. Und wenn es Sie befriedigt, ein karges Stück Brot zu suchen bei Menschen, denen Sie an Bildung, an Geist und Charakter ebenbürtig oder überlegen sind – mir genügt das alles nicht für Sie – mir nicht. Dora . Mir aber muß es genügen. Es wurde mir ja manchmal ein bißchen schwer gemacht, meinen Mut zu behalten. Aber daß es zuletzt doch gelungen ist, dieses Bewußtsein lass' ich mir von niemand abkaufen. 185 Bruno . Ach, die Scherze kenn' ich. Wenn man sonst nichts vom Leben hat, dann hat man wenigstens ein Bewußtsein. Abkaufen läßt man es sich um keinen Preis; aber am Ende giebt man es gerne gratis her für ein ganz klein bißchen Glück. Dora (leise) . Glück . . . Bruno . Jawohl, Glück. Und unsere Freundschaft, Herr Lenz – die ist auf die Dauer kein Glück, weder für Sie noch für mich. Dora . Sie wollen also . . . Bruno . Was will ich? Dora . Daß wir uns trennen? Bruno . I, das könnte mir grade fehlen! Dora . Ja, dann weiß ich nicht . . . Bruno . Ich weiß auch nicht. – Es ist doch eine ganz verflixte Geschichte! – Und Sie haben mich blasiert genannt! Steht ein blasierter Mensch um sechs Uhr morgens auf? Läuft ein blasierter Mensch den ganzen Tag wie verrückt im Zimmer herum? Redet ein blasierter Mensch alles mögliche durcheinander, ohne zu wissen, was er will? Oder vielmehr . . . Haben Sie mich verstanden? 186 Dora . Nicht ganz. Bruno . Eine verflixte Geschichte! (Er geht auf und ab. Pause.) Dora . Herr Doktor . . . Bruno . Was? Dora . Wollen Sie mir nicht diktieren? Bruno . Diktieren? (Von einem Gedanken erfaßt.) Aber natürlich! Jetzt werd' ich Ihnen diktieren. – Setzen Sie sich! Nehmen Sie ein neues Blatt! Ueberschrift: Preisfrage. – Haben Sie das? Dora (verwundert) . Ja. Bruno . Dann schreiben Sie! (Diktierend.) Wie können zwei verständige Freunde ohne Bedenklichkeiten ihre Abende zusammen verbringen, wenn zufällig der eine von diesen Freunden ein Mann und der andere ein Weib ist? Dora . Das soll ich . . .? Bruno . Schreiben Sie nur! . . . und der andere ein Weib ist. Diese Frage läßt sich von den verschiedensten Seiten beleuchten. – Haben Sie: beleuchten? Dora . Aber Herr Doktor . . . 187 Bruno . Nur weiter! Beleuchten. Wenn man jedoch die Beleuchtung vollendet hat, dann entdeckt man zu seinem nicht geringen Schrecken, daß es in unseren mangelhaften und geistig zurückgebliebenen Zeitläuften für dieses Problem eine vernünftige Lösung überhaupt nicht gibt. Aber es gibt eine unvernünftige. Gesetzt nämlich den Fall . . . Dora (will aufstehen) . Nein, jetzt streik' ich! Bruno . Wozu sind Sie hier angestellt? Schreiben Sie weiter! – Gesetzt nämlich den Fall, daß dem einen von den beiden Freunden das Leben ohne den anderen nicht den geringsten Spaß mehr macht, und daß der andere . . . (Die drei Freunde sind im Garten sichtbar geworden, bemerken Bruno und treten dann in sehr animierter Stimmung ein, ihre Bierkrüge in der Hand.) Achter Auftritt. Vorige . Philipp . Heinz . Waldemar . Philipp (noch im Garten, ruft) . Bruno! Heinz (ebenso) . Knorz! Bruno (ärgerlich) . Verwünschte Störung! Waldemar (mit den anderen eintretend) . Mein Bruno, du bist schon zurück! 188 Philipp . Und davon sagst du uns gar nichts! (Sie bemerken Dora, die am Schreibtisch sitzen geblieben ist, grüßen sie und stellen ihre Bierkrüge fort; nur Heinz behält den seinigen in der Hand.) Bruno . Was wollt ihr denn schon wieder? Seht ihr denn nicht, daß ich beschäftigt bin? Meint ihr, ich habe meine Zeit gestohlen? Philipp . Wir werden dich nicht lange aufhalten. Waldemar . Wir müssen so wie so gleich nach Hause! Philipp . Wir haben dir nur noch eine große Neuigkeit mitzuteilen. Waldemar . Die dich kolossal erfreuen wird. Bruno . Legt los! Aber geschwind! (Auf Dora zeigend.) Vor meinem Herrn Sekretär hab' ich keine Geheimnisse. Philipp (sensationell) . Bruno, es soll alles wieder werden, wie es war. Bruno . Ei potztausend! Heinz . Ja, Knorz, dir gegenüber sind wir von heute an wieder Junggesellen. 189 Bruno . Ist die Möglichkeit! Philipp . Zwei Abende in der Woche werden wir regelmäßig bei dir verbringen. Heinz . Ohne die Weiber. Waldemar . Bruno, mein Bruno – ehähä, was sagst du nun? Bruno . Ihr geliebten Freunde, euer wahrhaft edelmütiger Entschluß rührt mich aufs tiefste. Heinz . Keine Phrasen, Knorz! Philipp . Wir waren es dir schuldig. Bruno . Ich danke euch, ihr Teuren. Ich danke euch aus innerstem Herzen. Aber es giebt da leider ganz erhebliche Schwierigkeiten. Heinz . Wieso? Philipp . Wenn wir es ermöglichen können . . .! Bruno . Ja, Kinder, diesmal kann ich es nicht ermöglichen. Waldemar . Du? Bruno . Ich kann euch fürs erste keinen Tag bestimmen. Philipp . Wie? Bruno . Ich werde für absehbare Zeit verhindert sein, euch bei mir zu empfangen. Heinz . Mach keine Witze! Bruno . Mein Haus wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein Jahr und darüber geschlossen bleiben. Waldemar . Was? Bruno . Und deshalb, meine Lieben, sag' ich euch bereits heute lebewohl. (Ihnen die Hände schüttelnd.) Lebt recht, recht wohl. Philipp . Du willst wieder verreisen? Bruno . So bald wie möglich. Heinz . Und die Erklärung für diesen plötzlichen Entschluß? Bruno . Die Erklärung? Nun, Philipp kann ja stenographieren. (Er nimmt das Diktat vom Tisch und giebt es ihnen.) Laßt euch einmal von ihm dies Bruchstück vorlesen. Ich diktiere inzwischen die Fortsetzung. 191 Heinz , Philipp , Waldemar (bilden ganz links vorn eine Gruppe) . Philipp (liest vor, mühsam entziffernd) . Preisfrage . . . (Das Weitere unverständlich, wobei die Gesichter der drei immer länger werden.) Dora (ist erschrocken aufgestanden) . Was haben Sie gethan? Bruno (ganz nahe zu ihr hintretend, mit gedämpfter Stimme) . Sollt' ich hier allein sitzen und Trübsal blasen? Da ist es doch wirklich gescheiter, ich zeige meinem Freund Lenz die schöne Welt, die hier (auf das Manuskript deutend) nur auf dem Papier steht. Dora (nach Worten suchend) . Aber . . . Bruno . Und zu diesem Zweck bin ich genötigt, Ihnen eine grenzenlose Dummheit vorzuschlagen: Heiraten Sie mich! Dora (sucht lächelnd ihre Ergriffenheit und Verwirrung zu bemeistern) . Herr Doktor, sollen wir mit sehenden Augen ins Verderben rennen? Bruno . Aber, Herr Lenz, bedenken Sie doch: Etwas Schwärzeres, als wie wir beide uns die Ehe vorstellen, giebt es ja gar nicht. Wir erwarten uns von ihr das denkbar Schlechteste. Die Enttäuschungen, die sie uns bereitet, können also höchstens angenehme sein. 192 Dora . Unter diesem Gesichtspunkt . . . Bruno (leise, innig) . Hast du mich denn ein klein wenig lieb? Dora (leise) . O ja. Bruno (sie an sich ziehend) . Wie dumm das von dir ist! (Philipp hat das Papier verblüfft fallen lassen; gleichzeitig sehen alle drei auf die Gruppe rechts.) Philipp . Bruno will heiraten! Waldemar . Die Welt geht unter! Heinz . Der Schwächling opfert uns einem Weibe. (Er trinkt resigniert seinen Bierkrug aus.)