Leo Sternberg Land Nassau Ein Heimatbuch   Mit 88 Abbildungen im Text und 23 Kunstdrucktafeln nach Werken hervorragender Meister 1927 Friedrich Brandstetter in Leipzig Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig. Textbilder nach Originalzeichnungen von Hans Aulmann, Richard Biringer, Peter Cornelius, Paul Dahlen, Hermann Dienz, F. Grant, J. A. Lasinsky, Ferdinand Luthmer, Gräfin Clara Matuschka-Greiffenclau, Liane v. Matuschka-Greiffenclau, Willy Mulot, Adolf Presber, Paul Prött, H. Reifferscheid, Otto Ubbelohde, Ria Volland, Ernst Wolff-Malm, Karl Heinrich Zunn. Einbandzeichnung von Arnold Hensler.     Der Universität Marburg, der heimatlichen Hochburg akademischer Bildung, zur Feier ihres 400jährigen Bestehens in Dankbarkeit gewidmet     I. M. W. Turner, Rheinstudie (Marksburg) Landschaft. P. Dahlen, Holzschnitzerei am alten Rathaus zu Wiesbaden. Niederwald Von Ernst Bertram Land, große Mutter unser, du wirst auferstehn und wiederfahren mächtig aus der Unterwelt, Gewaltlos mildeste Herrin im Erdenkreis, Du Neugebärerin der weißen Stirnen uns, Du heilig Lehrende, du ohne Maß dich selbst Göttlich aussäende Saat, stumme Verschwenderin Danklosen Brots der Welt: du, ohne Opferbild, Wirst am befreiten Rhein in aller Herzen stehn. Du wirst nicht rächen. Wirst nicht sein wie sie, die kaum Befreit, mit noch gestriemtem Handgelenk den Strick Für deine Kinder knoten. Muttergütiger Sei, wie du muttergroß und mutterweise warst. Vergeltung überströme herrlich wie Gesang Die reuelosen Völker, deine Rache sei Unendlich wie du selber – Segen und Musik. Wiesbadener Bucht zur Diluvialzeit. Nach einem Gemälde von Prof. C. Nebel. Der Aufbau des Landes Von Albert Henche Nassau bildet zwar in dem geographisch strengen Sinne des Wortes keine natürliche Einheit, wohl aber in dem einfachen Aufbau der Landschaft ein wesenhaft bestimmbares Sondergebiet. Zu der größeren rheinischen Scholle gezählt, deren Werdezeit die nassauische Erde von der variskischen Krustenbewegung bis zu der Antlitzgestaltung der Oberfläche im Tertiär mit erlebte, ist das Nassauerland ein Teil jener ältesten Rheinlandschaft, die dem heiligen Strom der Deutschen in engem Durchbruchstal ihr Herz öffnet. Über ihn hinweg aber hat sie in Bergzügen und Senken, in Klima und Wasserläufen, in Siedelungsart und Menschentum die unlösbaren Bande einer in dem Gestern und Morgen der deutschen Ewigkeit verankerten Brücke geschmiedet. Der Tempel des geistigen Deutschtums am Rhein ruht so auf den festen Pfeilern der natürlichen Landschaftsgestaltung; das rechtsrheinische Widerlager seiner Wölbungen aber ist der östliche Block des Schiefergebirges – unser Nassauerland. So bleibt Nassau schon durch die naturgegebene Gebundenheit ein Wegweiser und ein Wegbereiter rheinher und rheinhin, ein Übergang zwischen Westen und Osten. Seine Gebirge schlagen in Gesteinsart und Schichtenzug Laufstege stromüber; seine Täler und Wasserläufe eilen dem Rheine zu und den jenseitigen Brüdern und Schwestern entgegen; seine Brücken bilden im Schwung ihrer Bogen das Echo des alten Schifferrufes »Hol über!« nach – ein Echo dessen geistigvölkischer Ursprung in dem gleichartigen Menschentum besteht, seinem Leben und Schaffen, seinem Lachen und Trauern, seiner Sprache und seiner Deutschheit auf beiden Seiten des Stromes. So hat mit der Geschichte zugleich die geographische Bedingnis völkischen und staatlichen Werdens unser Nassau eng und fest an das rheinländische Schicksalsland der deutschen Volkheit gefesselt, als sie seine Täler und Höhen, Wälder und Fluren, Erze und Wasser, Dörfer und Städtchen dem Vater Rhein in den Arm legte und das liebe Menschenkind unserer Heimat in die Wiege des rheinischen Schiefergebirges bettete. Dessen schaukelnder Ausschlag aber verteilte im rhythmischen Spiel der landschaftbildenden Kräfte und Wirkungen seine segnenden Gaben nach beiden Ufern des Stroms. Rheinisches Land – unser Nassau! Und mehr ... Mit seinem größten Binnenfluß, mit den Grenzflüssen auch, die es nördlich und südlich gegen andersartige Erdräume abschließen, bahnt es sich Straßen, die den rheinischen Geist, seine Geschichte und sein Geschick durch enge, aber seit uralten Tagen geöffnete Pforten nicht allein in den Bereich des eigenen Landes lockten, sondern dem Einfluß des Rheines auch weiteres Hinterland vermittelten und so dem Austausch der westdeutschen Landschaften und Volksstämme dienten. Von dem Zuge der rheinischen Steinzeitmenschen lahnaufwärts ins Herz des Nassauerlandes bis zu der großen Verbindungsbahn des Mittelrheines und der Mosel mit dem Hessenland und Innerpreußen nahmen alle Durchzüge durch unsere Heimat denselben Weg: die tastende Frühwanderung der bronzezeitlichen Pfahlbauer, der Wanderzug der Kelten, die Kriegs- und Siedlungszüge der Römer und Chatten, bis es des Landes Schicksal wurde, eine feste Besiedlung zu erhalten durch die Franken, einen Stamm des Übergangs, der Vermittlung, der hohen Kultur aus sich verflechtenden Wurzeln westöstlichen Pflanzbodens, doch von deutscher Kraft und Wesenheit. Als aber das engere Volkstum dieser Erde sich nun ferner bildete, daß es persönlich erkennbar wurde in geschichtlichen Zügen und menschlicher Eigenart, da war es aus guter Mischung geworden. Einbezogen in den bald überquellenden Frankenstamm, blieb ihm die ständige Verbundenheit mit nationaler Art. Doch in seinem Blut und Leben regte sich der Eifer befeuernder Widersprüche. Da es von Chatten, Niedersachsen und Alemannen umschwärmt war, blieben die befruchtenden Einschläge volksverwandter Nachbarschaft in unserm heimischen Menschenschlag nicht aus, und die Bewohner der alten Zugstraßen in den Tälern boten denn auch bald in Lebenshaltung und seelischer Einstellung zu den Männern des Bergwaldes und der einsamen Hochflächen einen zum Austausch drängenden Gegensatz, der auf dem Hintergrund des gleichen Nationalgepräges das Gesamtleben des Landes förderlich bewegte. Es ist bedeutsam, daß das nassauische Menschentum, wie seine staatliche Einordnung, aus Kleinem zu Großem, aus Vereinzeltem zu Gesammeltem emporstieg. Wie das Mosaik ihrer Staatenwirrnis bildete sich ein typisches Volkswesen der Nassauer durch Aufnahme und Ausgleich des Vielen. – Ein solcher geschichtlicher Entwicklungsgang aber führt zu einer in Aufnahme und Abwehr starken Landes- und Volkskultur, die den Höhenweg organischen Wachstums geht. Kein Zufall, daß es zu einem vermittelnden Wesen auf einem Boden der Vermittlungen geführt hat; volkspsychologisch bewertet ein nicht weniger stolzes Ergebnis als einseitige Starrheit. Wie Nassau so zum Sinnbild eines west-östlichen Übergangs aus den Zeiten heraufgestiegen, das in kultureller Beziehung mehr im Westen, in politischer Hinsicht stärker im Osten seine Ausgangspunkte hatte, erlangte es eine neue zeitgeschichtliche Bedeutung höchsten Ranges dadurch, daß es zu einem rheinischen Vorposten Preußens und mit zu einer Wache Deutschlands vor undeutschen Ansprüchen wurde. Freilich sind seine Grenzen nach Nord und Süd niemals zu Aus- oder Einfalltoren gegenüber der Nachbarschaft geworden, wie es schon die nur kleinen Quertäler und Bruchspalten des Gebirges und die geringe Zahl größerer und tiefeingreifender Verkehrsstraßen oder Schienenwege ahnen lassen: neben den altgeschichtlichen Fernstraßen der »Hohen Straße« und der »Hühnerstraße« die neuzeitliche »Bäderstraße« und die »Kanonenbahn«. Gleichwohl läßt sich im Überblick von Norden nach Süden die Sonder- und Eigenart unseres Landes am besten erkennen. Wie eine erstarrte Welle des Devonmeeres liegt es – so betrachtet – am Ufer des Rheines. In einer Beckenform (Lahntal) eingesenkt, steigen die Hänge ziemlich steilwandig im Norden und Süden dieses eine Landachse bildenden Flusses auf Uferhöhen, die bald schon als Hochebene ausgebildet, in allmählichem Aufstieg zu der Gebirgskulmination sowohl des Taunus wie des Westerwaldes anlaufen, um »über den Wald« und »jenseits der Höhe« in Steilhängen nach den Tälern der Sieg oder des Maines abzubrechen. Diesem bedeutenden Schwung des Urgrundes folgt die Oberflächengestaltung des gesamten Nassauerlandes: seine Wasserscheiden liegen beidseitig an den äußeren Rändern der Hochebenen, die Mehrzahl seiner Wasserläufe folgt beidseitig den großräumig gedehnten Abhängen zur Lahn, die als Sammelrinne »in Deutschlands schönsten Gauen« das Herzblut all der Bäche von Nord und Süden trinkt. In der Einheit dieses Aufbaus dabei eine starke meridionale Verklammerung des nordsüdlichen Geländes: Brücken zwischen Taunus und Westerwald. Devonische Schiefer sind der Untergrund für beide und bilden trotz der Verschiedenheit der basaltischen Westerwaldhöhen von den quarzitnen Taunusrücken für beide eine Gemeinsamkeit und eine Verbindung grundhafter Beständigkeit. Wälder bedecken die drei Stufen des Westerwaldes wie die drei Höhengürtel des Taunus – in verschiedenem Ausmaß, aber in verhältnismäßig sehr großem Umfang, hier wie dort. Bachläufe und Täler öffnen sich in naher Nachbarschaft an der Lahn nach Norden und Süden. Einzelne Klammern aber legen sich verbindend in Erzgängen und Quellenspalten quer über das ganze Gebiet – von der Sieg nach Braubach, von Dillenburg nach der Usa: Erz und Schiefer; von Ems nach Aßmannshausen, von Selters nach Homburg v.d. H.: Thermen und Säuerlinge. Dieser vertikale Schematismus der nordwest- und südwestlich streichenden Naturschätze zieht den parallelen Horizontalaufbau des Landes zugleich in einen Zusammenklang kultureller Arbeit und nähert Nord und Süd durch den Zwang des Wirtschaftslebens, ohne beide Landschaften in Gepräge und Menschentum doch jemals verwischen und vermischen zu können. Der »Wäller« aus seinen rauhen Gründen steht neben dem Sohn der taunensischen Berge – und die eigenartigen Charaktere der äußersten Sonderlandschaften, der junge Greis des ernsten »Hinterlandes« und das alte Kind des fröhlichen »Rheingaus« sind ohne Vergleich ... Über allem und allen aber wölbt sich der gleiche Himmel des Mittelgebirges. Im Limburger Becken jedoch, dem Nabel Nassaus, sammelt sich gewissermaßen Volkstum und Landesfülle, von hier aus gewinnen wir nicht nur Einteilung und Anordnung der nassauischen Einzelgebiete, sondern auch eine Stätte radialen Zusammenfassens geologischer Art: mitten im Devongebiet ruht hier ein Tertiär-Seebecken en miniature , nach beiden Richtungen hinaufgreifend. Heute läuft denn auch noch eine nord-südliche Klimaklammer über diesen Punkt, wie einst die Völkerzüge vorgeschichtlicher Zeit von Ost und West diesem fruchtbarsten Boden der Heimat zustrebten. Hier unterbricht nicht nur die einschneidendste Zäsur den linearen Verlauf des Sägetales der Lahn, hier liegt die Volkstumsmitte Nassaus, die zentrale Verkehrsbrücke des Binnenlandes: der landschaftliche Angelpunkt, um den die Längsachse von Westerburg bis Wiesbaden sich dreht und die Wage des Nord-Süd-Ausgleiches pendeln muß. Die Besiedlung Nassaus entspricht im ganzen der natürlichen Parallele der beiden Räume. Während in Dorfform und Hausbau, in Wohnung und Kleidung, in Sprache und Sitte im Rahmen der einzelnen Landschaft Unterschiede herrschen von einer oft erstaunlichen Gegensätzlichkeit, sogar auf eng benachbartem Gebiet, ist die Struktur und Dichte der Bevölkerung in der Überschau des Ganzen genau den Naturbedingungen angepaßt. Im Taunus sowohl wie im Westerwald gliedert sich die Zahl der Menschen nach den Aufbaustufen des Gebirgslandes, hier wie dort sucht die Siedlung räumlich die tertiären Böden auf, entwickelt sich zeitlich im Norden wie im Süden aus den Fluß- und Bachläufen und den Randbezirken ihrer Ufer nach den Höhen hin bis zur Waldrodung und schließlich zur Ödlandgewinnung in ständig neuer Not. Dort wie hier finden wir trotz aller Verschiedenheiten in Lage und Bauweise das Haufendorf als vorwiegenden Siedlungstyp, die Hofraite als beliebteste Wirtschaftsform. Im »Wald« wie auf der »Höhe« sind die Städtchen an die Rand- und Herzgebiete des Landes gebunden und steigen von dorther vorzugsweise den Wasserläufen nach ins Gebirge hinein, wohl angelehnt an eine alte Burg, die einst dort ihre Anpassungsform an die Natur gefunden hatte und nun die jüngere Stadt an sich heranzog, als die Ritter dem Bürger das Feld räumten und die Einsiedelei der Geselligkeit wich. Im Wald wie im Taunus überwiegen die Bauerndörfer noch die Fabrikdörfer. Dort wie hier zeugen die Ortsnamen von der Geschichte des Stammes, gleichen sich mehr noch der Wirtschaftsform an. Die Namen auf -feld, -bach, -heim, die jüngeren auf -rod, -hain, -struht, die südlichen auf -weil und -brunn, die Hinterländer Namen auf -hausen, zeigen für beide Landschaften Nassaus die Stufen der Landnahme, des Landbesitzes, des Landausbaus, ohne daß man deshalb berechtigt wäre, den Franken den Westerwald, den Alemannen den Taunus zuzuweisen, wenn auch zeitweilig die Grenze zwischen beiden Stämmen ungefähr an der Lahn verlief. Die Sondersiedlungen aber sind ebenfalls in fast gleichmäßiger Streu über ganz Nassau hingelagert: die Burgen und Klöster des Mittelalters, die Bergwerke und Fabriken der Neuzeit. Westerwald wie Taunus boten ihnen beide geeignete Stätten; beide Gebirge schenken uns daher heute durch solche Sondersiedlungen in der Fülle der Gesamtschau Einzel-Landschaftsbilder romantischer und elegischer, aber auch der heroischen und der energischen Stimmung. – Also doch eine »Einheitlichkeit« in unserm Land? Ja, es liegt die Ganzheit unserer »Heimat« vor uns: eine Sonderheit ohne Einheit; ein Weg von West nach Ost, von Ost nach West; ein Blatt in der Erdgeschichte, dessen Nachbarseite jenseits des Rheines in Eifel und Hunsrück aufgeschlagen ist; ein Wellenschlag der Erdrinde, dessen Kämme in Taunus und Westerwald, dessen Tal an der Lahn, dessen Strudel im Limburger Becken liegen. Eine Uferlandschaft des Rheins, eine Längslandschaft am 8. Längengrad des Erdballs – im Erlebnis aber eine Herzlandschaft des deutschen Westens. Nirgends ergibt sich für eine Gesamtüberschau ein Standort zu einem radialen Zusammenschluß des Blickfeldes; überall treibt Sicht zu Sicht, Übergang zu Übergang, Linie grenzt an Linie – und ihre letzte verläuft in der Unendlichkeit eines größeren Deutschland, dem auch unsere Heimat in den Formen seiner Landschaft wie seiner Geschichte den Weg bereitet hat. Weingrenze Von Ernst Bertram Heilige Grenze des Rauschs, durch unseres Landes Schöne Mitte schuf dich weise der Gott. Hier verbrandete Süd mit Traubenwellen An den Hügeln ebbend verschäumte sein Föhnsturm, Und helle Götter im letzten Blau Wagten den Ätherschritt Nicht hinüber ins Nornendickicht: Denn im Schauder welkt drüben, geliebt ihren Lippen, Das klar lachende Wort, und bewußtlos ihres Himmlischen Bildes hängt unter dem Erznord Nur die Windharfe Geheimes aufrauschend Über den sprachlosen Wäldern. Heilige Schranke des Traums, ins Wachende will, ins Blaue Bild zu den hellen Göttern hinüber All was eisern Du im singenden Netze wirrst. Aber nah dem Erwachen Wird nur schmerzlich bunter der Traum, mit leisern Fäden bindet der klingende Den, der schon Träumer sich ahnt, nur unentrinnlicher. Heimwehtönend schlafen gebannt unter der Windnacht die weinlos traurigen Hügel, Und unruhiger träumt Das stumme Land, Atmen am Mittagrand blau ihm herauf die Traubenbühel. Heilige Schwelle der Welt, mit Opferweinrot Übersprengteste, selig immer vermählst du Was du scheidest, im Sehnen, Tief im Rausche des Traums. Wein gießest du, Daß es aufrede, Ins stummere Herz, Mit Harfentönen verflorst du, Aus Schleiern zu singen, Das götternackteste Bild, Verwandelnd Durch das verwandelte Land Schuf dich weise der Gott. Verwandelte läßt du Über die brennende Stufe Groß ins Künftige ein. L. v. Matuschka-Greiffenclau, Reiher auf der Kribbe. Der Rheingau Von Leo Sternberg Der Rheingau, jener scharf begrenzte Landstrich, den nach zwei Seiten der Rhein, nach Osten und Norden die natürliche Schutzwehr eines dichtbewaldeten Gebirges abschließt, gilt von jeher als das deutsche Italien, und kein Geringerer als Bulwer hat ihn das schönste Tal der Welt genannt. Um von einer solchen Landschaft eine Vorstellung zu geben, wußte Niklas Vogt seine Vorlesungen über rheinische Geschichte nur damit zu eröffnen, daß er seine Zuhörer auf die Rheinbrücke von Mainz führte, wo man jenes Bild von dem Stromtal empfängt, das Goethe in den berühmten Versen von »Des Rheins gestreckten Hügeln, Hochgesegneten Gebreiten, Auen, die den Fluß bespiegeln, Weingeschmückten Landesweiten« nachzeichnete. In dieses Gemälde der episch sich ausbreitenden Ufer von Mainz bis Rüdesheim gehört zur Vervollständigung noch die balladeske Stromstrecke unterhalb des Binger Lochs, die die Schiffer das Gebirg nennen. Die Ufer rücken hier dichter zusammen. An ihren steilen Flanken lodert Wald empor, die tausend Balkone und Erker kleiner Weingärten kleben an den Hängen, und Burgen, die nur Felsenzacken zu sein scheinen, sägen sich in die feuchte Luft. Wie Homer die Schönheit der Helena daran entwickelt, daß er empfindungslose Greise bei ihrem Anblick in Tränen ausbrechen läßt, mag der Zauber des Gaues danach ermessen werden, daß er einer Zeit, die landschaftliches Empfinden sonst noch nicht kannte, dieses seelische Erlebnis aufschloß und schon im vierten und sechsten Jahrhundert zu Beschreibungen und Dichtungen begeisterte. Aber die Anziehungskraft einer Natur, die neben der Weltfreudigkeit von Rebenhängen und stampfenden Flotten Pflanzstätten der Mystik aufwachsen ließ, hat im Landschaftlichen nicht ihre Grenze. Wir ersteigen eins ihrer Felsennester und schauen von hoher Warte ins Stromtal hinab. Es ist die Rossel, die Gebirgskante, um die sich der Rhein rechtwinklig herumwendet, um seinen Lauf wieder nach Norden zu nehmen. Unter uns in dem Engpaß, den die Wassermassen in vorgeschichtlicher Zeit durch das uralte Schiefergebirge sich gegraben, keucht ein rauchender Schleppzug neben schäumenden Bänken durch die schmale Fahrrinne des Binger Lochs bergan, flankiert von der Mäuseturminsel und den Trümmern der Ehrenfels. Gegenüber, unter dem Rupertsberg, auf dem das Kloster der Mystikerin Hildegard gestanden, das eiserne Schienennetz von Bingerbrück; unter der Nahemündung die steinerne Brücke, die Drusus gebaut; aus Bingen sich emporgipfelnd Burg Klopp, wo Heinrich IV. als Gefangener seines Sohnes eingekerkert saß; noch überragt von der Kapelle des hl. Rochus, die das Andenken an die Pestzeit nach dem Dreißigjährigen Kriege wacherhält. Ingelheim taucht auf, wo die Pfalz des großen Karl gestanden; an unsrer Seite die Reben, die der Kaiser hier pflanzte, auf den Bergterrassen, die heute das Niederwalddenkmal krönt. Dies alles umfassen wir mit einem einzigen Blick. Entfernungen von Ewigkeiten scheinen aufgehoben. Urweltliches Spiel der Naturkräfte, Römerbrücken und Kaiserpfalzen, Sagentürme und Burgen, Mittelalter und Gegenwart, Kultur und Landschaft, der werdende, der Geschichte gewordene und der arbeitende Strom lagern dicht beieinander zwischen den Weinhügeln des Lebens zu einem untrennbaren Ganzen verwoben, sich beschauend in demselben Spiegel, in dem sie zusammenfließen. »Was kümmert das Vergänglichkeits-Gestöhne Unsterbliche? ... Was dich, daß Stein und Bein Dereinst als Staub in alle Winde fliegen, Solange deine Quellen nicht versiegen?« Heitere Monumentalität! Wie hier, so ist die Schrift meißelnder Naturkräfte und in Natur sich wandelnde Vergangenheit überall an Uferhang und Seitental zu lesen. Die Klöster Notgottes und Eberbach, der Teufelskadrich und der Nolling, die Burgen der Brömser, der Wild- und Rheingrafen und der Scharfensteiner, die Wisper, die Hungersteine – jeder Fußbreit Erde und jeder Möwensand hat sein Sagengewispel. Die Fußtapfen der Geschichte zeichnen sich in alle Wege. Schöpferträume der Kultur ranken sich durch den Werktag und schauen uns an mit den Augen ihrer gewachsenen Welt. Denn die offene Verkehrs- und Grenzlage wie die innere Geschlossenheit und Solidarität des Kurstaates Mainz, dem der Landstrich über 800 Jahre lang angehörte, haben ihn trotz seines nur vier Quadratmeilen großen Flächengehaltes in die Schicksalsgemeinschaft des ganzen Stromgebiets oder – was gleichbedeutend ist – ganz Deutschlands verflochten. Noch steht in Winkel das Graue Haus, das älteste Steinhaus Deutschlands, der Wohnsitz des Hrabanus Maurus, der, mit der Hofakademie Karls des Großen in Beziehung, sein Kloster zum Mittelpunkt der damaligen Bildung machte. Noch spiegelt sich die Ingelheimer Au in den Fluten, wo Ludwig der Fromme, von seinen Söhnen auf dem »Lügenfelde« verraten, kummervoll seine Tage beschloß. Noch besitzen wir die kostbar illuminierte Handschrift der Visionen, die Hildegard in Bingen und Eibingen schaute, die erste Mystikerin des Rheinlandes, die zugleich als erste deutsche Naturforscherin und Ärztin gelten darf. Noch steht die Stätte in Eltville, wo Gutenberg die Brüder Bechtermünze in der Buchdruckerkunst unterwies. Schloß Vollrads mit seinem alten Turm ragt auf, der Stammsitz Richards v. Greiffenclau, des mächtigen Trierer Kurfürsten, an dem Huttens Reformationspläne zerschellten. Der grandiose Renaissancebau des Reichsfeldmarschalls Hilchen, des Waffengefährten Sickingens, pflanzt stolz sich auf in der Straßenfront von Lorch, kaum eine Wegstunde entfernt von dem Friedhof von Sauerburg, wo von dem Letzten aus dem Geschlechte seines Freundes Sickingen die halbverloschene Inschrift meldet: »Er starb im Elend.« Natürlich mangelte es an den Ufern, wo die Schiffe der Normannen, der Kreuzfahrer und des Rheinischen Städtebundes vor Anker gingen, wie heute die Güterboote Hollands und die Schleppzüge des Ruhrreviers, nicht an Kunstschätzen. Von gleicher architektonischer Kraft wie die großen romanischen Dome, liegt Kloster Eberbach seit 700 Jahren in sein grünes Waldtal gebettet, während seine besten Bildwerke wegen ihrer mittelrheinischen Prägung die Zierde auswärtiger Museen bilden. Die weichen Madonnen von Kiedrich und Hallgarten sind ebenso wie diejenige von Eberbach, die sich im Louvre befindet und als » la belle Alsacienne « in die Kunstgeschichte eingeführt ist, echte Mittelrheinerinnen. Eine der seltensten Skulpturen besitzt die Kirche zu Hattenheim, eine weibliche Figur mit Bart am Kreuze, die hl. Wilgefortis, die zur Rettung vor dem Verfolger ihrer Unschuld sich in männliche Gestalt verwandelte – eine christliche Daphne. Die lebenswahren Grabdenkmäler und das mittelrheinische Altarwerk der gotischen Kirche zu Lorch, das romanische Aquamanile von Rüdesheim, der vorromanische Türsturz von Geisenheim – jeder Ort hat sein künstlerisches Juwel. Ebenso wie man hier durch einen Naturschutzpark der Geschichte zu wandeln glaubt, in dem alle Kultur nur ein Stück der Landschaft zu sein scheint, sind auch die Bewohner hier »gewachsen«. Es ist gut, daß die Rheingauer im Rheingau wohnen – pflegt der Volksmund über die schwachen Kinder der rheinischen Sonne zu spotten. Winzer und Schiffer sind sie. Der Wein ist das Gold, das in Schweden- und Franzosenkriegen ihnen das Leben rettete. In Wein ausgemessen sind sogar die Strafen in ihren alten Brunnenbüchern. Ihr Wald, dessen Äste sie zu der lebendigen Festungsmauer des sogenannten Gebückes verflochten, bildete ihren Schutzwall, gegen den Friedrich von der Pfalz und Bernhard von Weimar nichts auszurichten vermochten. Und Rheingauer Luft machte – nach altem Rechtssprichworte – frei. In diesem Himmelsstrich, dem deutsche Farbigkeit und italienische Formengröße das Gepräge geben, fanden Clemens Brentano und sein Kreis die phantastische Realität des romantischen Lebensgefühls. In dem Brentanoschen Landhaus zu Winkel, von dem die Rheinromantik ihren Ausgang nahm, schrieb Bettina in »kristallenen Mitternächten« jene Naturevangelien von »schwarzkantigen Pfalzen im Strom, die mit ihren elfenbeinernen Festen und silbernen Zinnen ganz ins Mondlicht eingeschmolzen sind«, und wies damit dem Zauber des Gaues in der deutschen Geistesgeschichte für immer seinen Platz an. Nur ein Uferstrich, versetzt er auch den Geist an die Schwelle des Grenzenlosen. Jenseitig ist der Blick. Man stößt vom Ufer ab. Man schwimmt auf der Woge. Unendliche Unbedingtheit weitet die Brust. Man schaukelt im Körperlosen – im andern Element ... Der Strom Von Rudolf G. Binding Ungebrochenen Laufes stürzt er dem Gau in die Arme, der sein heißt, dem Weingau, dem Rheingau. Vereint erstmals fühlbar mit anderem Flusse, der seine Kraft fast verdoppelt und doch seine Art nicht zu brechen vermag, fließt er, ein wenig beschwichtigt im Blut nur durch lindere Wasser des Mains, die sonnigen Hügel an, die von den Höhen des Gebirges quervor sich herunter zur Ebene erstrecken. Da sind sie auf einmal, in Mulden, auf Buckeln, die Heere der edlen Reben, hinauf und hinab, unabsehbar, von Mauern getrennt in die Lagen, blaugrün und golden im Licht. Ein stolzes Gedeihen, ein gegenseitiges Gefallen, ein Aneinanderbehagen herüber hinüber vom Fluß zum Land scheint wie vereinbart, als er vor der Schranke des Gebirges in mächtigem Winkel seinen Lauf umbiegt und zu den Füßen des Gaus, dicht an ihm hinrauschend, seinem sanften Zwange sich fügt. Doch nicht lange bequemt sich der Strom. Er gedenkt der verlassenen Fahrt. Und gerade durch das Schiefergebirge muß er hindurch, damit er sie wieder gewinne. Eng und enger wird die gebohrte Schlucht. Er leugnet Gemeinschaft. Fast feindlich jagt er den Felsen vorüber, die ihn aufzuhalten versuchen. Sein Wasser wird trübe vom Wühlen und Reißen in Sand und Geschiebe. Unbezwungen stehn Steine im Strom. Wirbel setzt er dagegen, Bänke, Löcher und Untiefen. Bis er gewinnt. Bis er von neuem den Lauf aufnimmt, stolzer, freier, tiefer, durch das besiegte Gebirge. Nun fassen weiße Bänder der Dörfer mit schmalem Saum den Sieghaften; lose knüpft sich eins ans andere, ungesammelt und haltlos. Aber dazwischen, eng in die seitlichen Täler geschmiegt, befestigen Winzerorte die Ufer. Kleine Scharen von Rebstöcken erklettern auf schmächtigen Gürteln, auf schmalen, verwegenen Stufen die grauen Steinhänge. Kräftige Mauern, darunter gespannt und die Berge längshin befestigend, halten spärliches Erdreich zu ihren Füßen. Bröckelnder Schiefer flimmert im Feuer. Und weiter ihm folgend, auf ihre Stäbe gelehnt, Stock bei Stock, in Gruppen, in Reihen, bald dünn, bald in Tiefe gegliedert, vom Gau hinab bis weit über die Mündung der Mosel stehn neue Völker von Reben mannhaft in Glut langer Sonne. Früh gilben die Pappeln, die Erlen der Auen und Ufer; aber unter den Blätterhelmen des Rebstocks reifen die Säfte der Traube. Grüngoldner Staub ist ausgeschüttet weithin ins Tal, erzittert in schwebenden Säulen: Sonne und Feuchte des Stroms. Drunten aber die Wasser werden zur Straße. Alte Pfalzen und Sperrtürme sitzen daran wie schlafende Wächter, die man nicht abgelöst hat in vorzeitlicher Rüstung. Verfallende Burgen auf vordringenden Höhen suchen vergebens ein Wort. Das Leben der fließenden Straße achtet ihrer nicht mehr. Die weißen Schiffe führen mit schäumenden Rädern und Schrauben fröhliche Menschen in dichtem Gedränge zu Tal, und stromauf dazwischen reißen die schwarzen Schlepper lange Gefolgschaften dunkler Schiffsleiber mit schwarzer beschwerlicher Last hinter sich her. Tief sind die Furchen der Kiele, tief die wühlenden, reibenden Wunden der Schrauben, der Anker, der Ketten. Düstere Rauchfahnen peitschen erregte Gewässer. Aber die Narben verheilen in silbernen Nähten, verrauschen hinter dem Schiff. Wie auch immer geknechtet in Fron, beengt von Straßen, gespannt zwischen Eisenschienen der Ufer: der Strom vergißt nicht des Strömens. Noch immer ist er's, der gebietet. Ununterworfen vom Land, von den Städten, den Dörfern, ununterworfen von jeglicher Last, offenen Gesichts wie von jeher, fast heiter, gewinnt er die Ebene. Mit Scheffel auf Burg Reichenberg Von Wilh. Heinr. Riehl Wenn ich eine schöne Gegend auf einsamem Gang entdeckte, dann dachte ich immer schon im ersten Genießen daran, wie ich sie andern zeigen wollte, und glückte mir's nachher, einen gleichgestimmten Kameraden zu finden, dem ich meine Entdeckung vorführte, dann war das ganze weite Land erst ganz mein eigen ... Wir hatten in St. Goarshausen übernachtet und waren früh aufgestanden, geweckt vom prächtigsten Sonnenschein. Unser nächstes Ziel, die Burg Reichenberg, war bald erreicht. Schon von fern freuten wir uns des Anblicks der großartigen Ruine, die an malerischem Reiz der Türme und Mauern die meisten Rheinburgen überragt, nur mangelt dem Vordergrunde der Schmuck des Stromes, denn Reichenberg erhebt sich etwa eine Stunde landeinwärts im Hügelland. Aber gerade die einsame Lage des weltvergessenen Gemäuers lockte uns. Wir waren beide der Ansicht, daß zu einer wahrhaft schönen Gegend auch schöne, recht gründlich ruinierte Burgen gehörten, »freie Burgen«, das heißt unbewohnte und unbewachte Trümmer, die dem Wanderer offenstehen, die wir beherrschen und auf eine Stunde unser eigen nennen, solange wir darin herumklettern, in alle Winkel kriechen und treiben, was wir wollen. Wir suchten in dem alten Mauerwerk nach syrisch-fränkischer Architektur, nach maurischen Hufeisenbogen, nach Alhambraornamenten, wir suchten den Orient im Herzen der Niedergrafschaft Katzenelnbogen. Ich hatte Scheffel schon den ganzen Morgen lüstern gemacht nach dieser merkwürdigen Burg, die den Einfluß der Kreuzzüge auf den deutschen Burgenbau bekunde. Der mächtige Hauptturm, auf dem Grundriß eines Vierpasses erbaut und also in vierfacher Rundung profiliert, oben mit einem Stachelkranze von horizontal weit hervorragenden Säulenbasalten phantastisch geschmückt, dünkte uns wenigstens von weitem sehr morgenländisch. Allein im Innern der Burg fanden wir zwar manche interessante Konstruktion und Ornamente, die von der großartigen und reichen Anlage des alten Baues zeugten, die wir aber doch trotz allen Widerstrebens nur für abendländisch erklären mußten, bis ich zuletzt Scheffel darauf aufmerksam machte, daß bei den ältesten Bauteilen nirgends ein Rest oder Ansatz eines Giebels zu entdecken sei. Die Dächer seien in der Tat alle flach gewesen, flache, massiv gebaute Dächer wie bei den Burgen der Kreuzfahrer in Syrien, auf Blanche-Garde bei Askalon, auf der Burg zu Saona. Wo die Wände aufhörten, da fange der Orient an. Nachdem wir uns im Schatten des großen Turmes gelagert hatten, erzählte ich, daß Graf Berthold von Katzenelnbogen den Vierten Kreuzzug im Jahre 1204 mitgemacht habe und glücklich wieder heimgekehrt sei; da sei nun nichts wahrscheinlicher, als daß er sich diese stolzeste Burg seines Landes zum Andenken im orientalischen Stile habe erbauen lassen. Scheffel meinte, man lerne doch jeden Tag etwas Neues. Bisher habe er nur gewußt, daß Franzosen und Italiener den Vierten Kreuzzug unternommen hätten, um in Konstantinopel sitzen zu bleiben und das »Lateinische Kaisertum« zu gründen; nun erfahre er, daß doch auch ein deutscher hoher Herr dabei gewesen sei. »Allein der Deutsche wurde totgeteilt, als die Lateiner die Beute teilten«, bemerkte ich dazu. »Die Venezianer erhielten die schönen Inseln des griechischen Meeres zu Lehen, ein Lombarde Mazedonien, der französische Kriegsberichterstatter Villehardouin Achaja, andere französische Ritter Athen und etliche weitere Städte; nur der deutsche Graf hat nichts gekriegt, und es wäre doch so schön gewesen, wenn Athen damals katzenelnbogisch geworden wäre.« Scheffel meinte, der Graf Berthold sei dann wohl aus Verdruß wieder nach Haus gegangen und habe sich im Herzen Katzenelnbogens sein eigenes Konstantinopel gebaut, dieses Reichenberg mit den platten Dächern, dem nur ein Stückchen Bosporus fehlt. So gestalteten wir, wie im Duett herüber und hinüber spinnend und erfindend, ein phantastisches Gewebe von mittelalterlicher Romantik und modernem Humor, und Scheffel meinte zuletzt, das sei ein prächtiger Stoff zu einem lustigen Gedicht, und er wolle von Reichenberg und dem Katzenelnbogener in Konstantinopel singen und sagen, sobald er wieder in der Stephanienstraße zu Karlsruhe sitze. Ob er diesen Plan wirklich weiter verfolgt, ob er wenigstens irgendwelche Skizze niedergeschrieben hat? Ich weiß es nicht. Der Stoff wäre wenigstens echt scheffelisch gewesen. Als wir die Burg verließen und wieder an der Pförtnerwohnung vorbeikamen, erhob ich warnend den Finger und sprach: »Es ist gut, daß uns vorhin der Mann nicht belauscht hat, dem die Burg gehört, Archivar Habel von Schierstein. Er hat Reichenberg vor dem schon begonnenen Abbruch gerettet, aber wenn er jetzt vor uns stände, würde er den ganzen romantischen Aufbau deines geplanten Gedichtes schonungslos umreißen und dir erklären, daß jener Berthold, der allerdings Herr dieser Lande war und den Vierten Kreuzzug mitgemacht hat, Reichenberg nicht erbaut habe, sondern vielmehr Wilhelm, ein anderer Graf seines Hauses, und zwar hundert Jahre später. Es wäre dann ein neues Rätsel, wie Graf Wilhelm lange nach den Kreuzzügen zu der orientalischen Bauweise seiner Burg gekommen sei, und wir könnten ihn zu diesem Zwecke etwa eine Pilgerfahrt ins gelobte Land machen lassen. Vielleicht würdest du nun aber noch lieber den kritischen Archivar Habel selbst besingen, der die Burgen rettet und die Burgenpoesie vernichtet, einen alten Junggesellen, den leibhaften Jonathan Oldbuck, Walter Scotts Altertümler ins Deutsche übersetzt, der eine ganze Anzahl schöner Burgen sein eigen nennt, auf denen er sich hier und dort ein kleines Stübchen hergestellt hat, um ab und zu einsame Tage in stiller Beschauung zu verbringen.« Scheffel meinte, die kritischen Einwände des Archivars würden ihn gar nicht stören; als Poet habe er das unumschränkte Recht, die Burg Reichenberg durch den Grafen Berthold hundert Jahre vor ihrer Erbauung erbauen zu lassen, allein er werde den Archivar Habel auch in das Gedicht bringen und das Dörfchen Reichenberg dazu, für welches der Burgherr Stadtprivilegien von Kaiser Ludwig dem Bayern erwirkt und das es trotzdem in einem halben Jahrtausend nicht einmal zu einem ordentlichen Wirtshaus gebracht habe. Er brummte noch eine Weile über diese urkundlichen Privilegien und das mißratene Dorf; denn es war sehr heiß geworden, und wir hatten großen Durst. Wir begannen darum so schnell wie möglich nach dem gastlichen St. Goarshausen zurückzukehren. Als wir uns aber nach einer Strecke Wegs noch einmal nach der Burg umschauten, fand Scheffel das Bild so wunderschön, daß er sich unter den nächsten Baum setzte und fast eine Stunde lang, trotz allen Durstes, Burg und Landschaft sorgsam zeichnete. Ich spann während der unerwarteten Rast an meinen Gedanken über die prächtigen Ruinen weiter; der Pförtner kam mir sehr glücklich vor, der Jahr um Jahr in der Burg und mit der Burg wie mit einer treuen Freundin leben durfte. Ich beschloß eine Novelle zu schreiben, worin solch ein verfallenes Mauerwerk das Glück und Geschick eines sonst aller Glücksgüter ledigen guten Menschen bestimme, und so entstand in mir der Plan zu der Novelle »Burg Neideck«, den ich dann nach meiner Gewohnheit jahrelang in mir herumtrug, bevor ich ihn ausführte. J. A. Lasinsky, Ruine Lahneck und die Johanneskirche (1828). Geistesgruß Gedichtet beim Anblick von Lahneck. Von Wolfgang von Goethe Hoch auf dem alten Turme steht Des Helden edler Geist, Der, wie das Schiff vorüber geht, Es wohl zu fahren heißt. »Sieh, diese Senne war so stark, Dies Herz so fest und wild, Die Knochen voll von Rittermark, Der Becher angefüllt: Mein halbes Leben stürmt ich fort, Verdehnt die Hälft' in Ruh, Und du, du Menschenschifflein, dort, Fahr immer, immer zu!« Schiffahrtzeichen Von Leo Sternberg Was für ein Strohwisch dort, der auf der Spitze der Buhne mitten aus dem Wasser ragt? – deuten die Fremden ... Und meinen den Weidenbusch drüben auf der Kribbe, in dem noch die Schlammnester der Überschwemmung kleben. Eine Weide, die in den Wogen lebt? In den Steindamm eingemauert, wie in grausamer Vorzeit das lebendig in den Bau gemauerte Kind? Sie erstickte nicht! Sie grünt ... Schaukelt verinselt im andern Element, ferngerückt der Festlandwelt, in der sie einst gewurzelt. Packeis zerfetzt sie ... Mit ihren eingewachsenen Gerten treiben die Schollen davon ... Leichen bleiben an ihr haken und kämmen sie ab mit unfühlender Krallenfaust ... Überschwemmung schält sie mit schrammendem Baumstamm ... Kalmus und Rohr verkrusten in ihrem Rechen ... Allein – sie ist über die Grenzen des Weidendaseins hinausgeschritten, über sich selbst hinaus in das Reich des Unfaßbaren, Fließenden. Im Bodenlosen schwankt ihr Fuß ... Für jeden abgedrosselten Ast schießen zwei andre hervor, für jede zerpeitschte Gerte wächst ein Paar. Kein Vogel baut sein Nest in ihren Zweigen. Keine Biene findet vom fernen Ufer zu den vollen Pollen ihrer gelben Kätzchen her. Sie streut das Gold ihres Samens auf den Spiegel unfruchtbarer Flut. Allein – sie dauert. Wenn vom Sog vorüberschaufelnder Dampfer die Wogenwalze über den Kribbendamm rast, in berghohem Kamm, als müßte der Busch im nächsten Augenblick entwurzelt auf der schäumenden Fläche schwimmen – so schaukelt die Flutwelle nur sein aufgelöstes Haar, und hinter ihr unverwüstlich schwebt der grüne Strauß überm Strom ... Taucht hoch hervor, taucht tief hinab, und der Schiffer liest den Pegelstand an ihm, wenn er drüben auf der Reede den Schleppkahn lädt ... Seine halbversunkene Kugel betonnt dem Schlepper den Fahrweg, wenn Hochwasser Klippen und Kribben, Bojen und Baken begräbt ... Seine Schattenfahne wahrschaut dem Steuermann noch den Kurs, wenn er in Nebel und Wetter die Verwechslung der Ufer verlor ... Nach seinem Umriß schaut der Kapitän im Morgengrauen, bevor er zur Abfahrt auf die Glocke schlägt ... Lampe und Leuchtturm der Menschenwelt, Türmer und Wahrschauer ihren Flotten, ein Stern dem schiffigen Volk – ist er über die Grenzen des Weidendaseins hinausgeschritten und ragt und wirkt in fremde Sphäre hinein: Unwissend! Nichts als sein schaukelndes Spiegelbild, das bernsteingrüne, sieht er unter sich in der Wellentiefe, während er die Räder einer andern Welt in Bewegung setzt, die sich stromauf und stromab an ihm vorüberdrehn. Niederlahnstein Von Carl Maria Weber Schlummernder Pforte zu bekränztem Tal Noch spät einschreitend, sind wir ganz beklommen, Der Mond kommt groß durch das Gewölk geschwommen, Und sickert mit der Sterne Sphärenzahl Durch dunkler Hänge laubichten Kanal. Die Nacht hat unsre Unrast aufgenommen – Schon sind wir auf der Brücke angekommen Und schaun zurück: in dunstigem Silberstrahl Löst leicht sich auf der Ferne Bergestrichter, Darein sich unser stilles Städtchen schmiegt. – Wir ließen wehn das Wort geliebter Dichter Und hoben, was am Tag in Schweigen liegt, Ins helle Streifen unsrer wachen Lichter. Nun sind wir stumm ... Matt aufglühn viel Gesichter. Das Lahntal Von Albert Henche Im Festgeleit ihrer waldumrauschten Berge kommt sie einhergezogen, »die liebliche Lahn«. So haben sie die Dichter erkannt und besungen, seitdem Goethes elegischer Wertherschmerz an ihren Ufern geweint, Brentanos romantische Liebe auf ihren Inselchen erblüht war. Eine ganz besonders getönte Heimseligkeit ruht auf diesem »stillen Fluß der Ruhe«, und das deutsche Geschick ist auch auf ihr lebendigen Weges gezogen von den keltischen Zügen bis in jüngste Vergangenheit. So ganz Fluß wird sie, das kleine Wiegenkind basaltischer Berggründe am Ederkopf, erst in den Sandsteinbetten bei Marburg. Hermann Dienz, Blick von der Uhuley auf Schloß Lahneck. Weit öffnet das Lahntal hier sein Herz. Bis Gießen hin gleicht es einem Seengrund; nirgends mehr wird es so weiträumig. Kleine Dörfer begleiten den Flußlauf, und an seinen Ufern reiht sich das hessische Bauerngehöft mit seinen schmucken Fachwerkbauten, Hessentrachten sieht der Fluß an seinen Saumpfaden wandeln, Hessenburgen liegen um seine verzweigten Wasserläufe, bis im Gießener Becken der ursprüngliche See den Fluß aufzusaugen scheint in der weiten Niederung der beginnenden Wetterau. Doch scharf biegt er um nach Westen, und in dem wundervollsten rechtsrheinischen Durchbruchtal sucht die Lahn sich Weg und Ziel zum Rhein. Gießen ist der geographische Drehpunkt dieser Richtungsänderung, zugleich die Angel, an der sich die fruchtbare Wetterau an die Lahn klammert. Weit wie flatternde Tücher breitet sich die Landschaft gen Osten hin, und südwärts lacht flaches Land. Romantik aber verheißt der westliche Flußweg. Schon springen Landschwellen und Ufertreppen auf, mählich gestalten sich die Berghänge der Lahn. Enger und winkliger wird ihr Bett, heimseliger schließt sich der Horizont ihrer Ufer. Hier war die Stätte mittelalterlicher Raubritter, hier brach Adolf von Nassau die trotzigste Ritterburg. Und hierhin flüchtete sich wie in ein wohlbehütetes Nest der Gelehrsamkeit und weltscheuen Lebensfremde jene pedantische Juristenkunst der bunten Maximilianszeit: »unmittelbar« ihm gehörig, schützte die Stadt Wetzlar des Deutschen Reiches langsam mahlende Rechtsmühle. Da steht wie ein gegürteter Schwertritter der Turm des Domes in der Landschaft, um ihn schweben die Gedanken an des größten Dichters Liebe und Leid. Durch die gewinkelten Gassen aber hallt noch heute der Wertherschritt in gepflegter Erinnerung, und in dem Häuschen einer wehmütig-edlen Liebe spürst du den Hauch unsterblicher Erlebnisse. Doch weiter drängt der Fluß sich durch die Schiefer der Rheinischen Scholle. Auf breit hingelagertem Basaltkegel trotzt in eigentümlich zerrissener, turmgezackter Silhouette Schloß Braunfels. Die Lahn schlingt einen anmutigen Bogen durch das gehügelte Land. Flußabwärts treten steil und trotzig von beiden Seiten die Felsufer heran, und ein reizvoller Wechsel zwischen Vorwärtsstürmen durch Schieferschichten und Seitwärtsfließen von mancher harten Quarzitbank läßt tausend Windungen, enge Durchlässe, Uferterrassen entstehen und fügt in Kulissen ständig neue und eigen gegliederte Bilder aneinander. Perlenschnüre einzelner Ausschnitte und Einblicke in märchenschöne Seitentäler sind hier aufgereiht, und vor dem stolzesten Bergsattel stehst du still wie vor dem Höhepunkt eines Dramas uralter Bergkräfte: Weilburgs Schloß beherrscht Landschaft und Geschichte dieser Gegend. Es liegt etwas wie Wehmut über dem weitgespannten, den Rücken des ganzen Berges einnehmenden Bau: ein altes Geschlecht saß hier, und keines der ewig vergessenen. Schöner liegt nicht das Heidelberger Schloß; idyllischer ist nicht sein Schloßhof. Wenn das glührote Herbstlaub um die Arkaden hängt, mußt du in Weilburg stehen – eine Symphonie aus Schönheit und Kraft, aus Tod und Leben schwingt in den Farben und Stimmungen, die das altnassauische Residenzschloß jedem Heimatfreund auslöst. Über der Stadt aber liegt ein Hauch humaner Gelehrsamkeit. In der Nähe aber ragen die Trümmer von Löhnbergs Burg – ein wuchtiger Akzent in der lieblichen Romantik dieser Landschaft. Gewaltiger freilich nicht als Runkels massige Burg! Nirgends wächst ein Ritternest straffer aus dem Fels seines Untergrundes, nirgends erdrückt ein Felsen so herrisch das Städtchen zu seinen Füßen. Finsteres Herrentum versinnbildlicht sich hier am Lahnufer. An diese Stätte einer romantischen Unvergänglichkeit hat die Kunst gern ihre Jünger gesandt, die Schönheit des Lahntals zu künden in einem ihrer charakteristischsten Zeugnisse. Hier haben Fritz von Wille und Friedrich Scheidemantel ihre Staffelei in die Uferwiesen gestellt und das Riesenwerk der Burg über der alten Lahnbrücke geschaut und gestaltet. Und wie diese Burg, so steht Dietkirchens Kirche im Lahntal. Fast wehrhaft, mit zwei verschieden hohen Türmen, die ein Wehrgang verbindet, ragt diese Stätte des lahnischen Christentums auf steilem Fels auf. Herrisch war der Gottesglaube, trotzig wie der Fels, der seinen Tritt ins Lahntal setzt. Und nun: die Berge treten zurück, ein weiter Grund öffnet sich zu einem Kessel, flach wird hier die Erde und reich wie eine Fruchtschale, köstlicher Gaben und täglichen Brotes voll – das Limburger Becken reißt die Lahntalufer auf und faltet seine engräumige Schönheit auseinander in nützliche Flächen, dem Bauer ein Paradies, dem Städter ein Segen. Denn hier entwickelte sich die größte Landstadt des Mittellaufes. Gewerbefleiß und Kaufmannsgeist sind hier zu Hause und gepaart mit einem frischen, hellen Menschentum voll Selbstbewußtsein und rascher Tatenlust. Der Dom aber steht als Mittelpunkt der Stadt und des Bistums, ein Meisterwerk des Übergangsstils und selbst ein eigener Stilbau; denn wo gibt es eine solche vollendete Harmonie zwischen Fels und Bau, zwischen Natur und Kunst, wie bei diesen Organen der göttlichen und irdischen Schöpferkraft? Als Kunststätte aber ist Limburg bedeutend. Sein Ruhm ist hinausgetragen worden in die Welt durch Leo Sternberg. Hier dichtete Dippel: »Es liegt eine Krone im tiefen Rhein.« Und nun läuft die Lahn, gleichsam als wollte sie noch einmal ihre ganze Schönheit auf ihrer letzten Strecke spiegeln, gestärkt durch die Ruhe im Limburger Becken und gegliedert durch einen nun immer stärker, bunter, belebter werdenden Wechsel der Ufer, ihren schönsten Lauf, ein prachtgekränzter Sieger. Dauernd zwischen bunten Mischwäldern, stetig in überraschenden Wendungen verschwendet hier das Lahntal seine Reize in unübersehbarer Fülle. Da ragt die Oranierfeste in Diez über giebelschöne, feinsinnig gepflegte Balkenhäuser. Gewaltig liegt das Schloß auf seinem steilen Herrschersitz im Herzpunkt einer Stadt, die ihre geschichtlichen Erinnerungen wachhält durch Geschlechter einer in seltener Geschlossenheit gefestigten Gemeinschaft. Vorbildlich ist der Schutz der Denkmäler aus alter Zeit, mag es ein Schloßbrunnen sein oder ein Grabmal der Diezer Dynasten, und hier sprechen noch der Name des Gäßleins, das Schild an der Hauswand ihre Sprache. Die Aarstraße ist mit ihrem Ufergerümpel, den Brücken über »die Bach«, den Fachwerkhäusern zur Seite eine Triumphgasse verblichener Gemütlichkeiten. Aber das Diezer Menschentum ist rasch und eifrig, und Mensch und Stadtbild stehen hier oft in wunderlichem Gegensatz. Flußabwärts liegt Fachingen. Wie ein sonderbares Launenspiel der Natur perlt die berühmte Quelle durch das stille Wasser der Lahn, die unterhalb des Brunnens in quirlend raschem Lauf an den uralten Eisensteingruben des Ortes vorübereilt. Nun liegt ein schweres Menschenschicksal in steingewordener Tragik am Flußufer; denn vom benachbarten Berg grüßt die mächtige Schaumburg. Hier baute der einsame Erzherzog Stefan seine Revolutionserlebnisse in die noch immer unvollendete Pracht des stolzesten Schlosses an der unteren Lahn. Da sperrt sich der in Trümmern noch ansehnliche Balduinstein ins enge Bergtal und offenbart noch heute den Sinn seines streithaften Daseins. Einsam ragt wie ein verwunschenes Märchen der Bergfried der Laurenburg; über dem Wald aber steht feierlich die letzte Wand des Klosters Brunnenburg und fängt in ihrem Rundfenster das Himmelsblau. Hier liegt die Heimat der Lahnwälder. Herrlich, im Herbste durchs Land zu schweifen: in reizvoller Nähe mit bergkletternden Wiesen und Weiden, umschmeichelt vom sanften Wasser eines lieblichen Stromes ruhen da die Bergwälder mit feinmodellierten Linien, und Wolken schweben lustig über ihre Häupter, und wir ziehen mit ihnen flußabwärts. Wechselreiche Kulissen werden in jeder neuen Flußkrümmung, an jeder Waldecke, bei jedem Bergvorsprung vor uns hingestellt. So hat sie der unvergeßliche Ubbelohde geschaut und ihre Schönheit in seinen Lahnbildern nachgezeichnet. Wo aber Gel- und Dörsbach in die Lahn fallen, versammelt sich zu Obernhof wohl ein ganzes Stück mittelalterlicher Kulturgeschichte: Kloster Arnstein und die mächtige Talburg Langenau in nachbarlicher und friedsamer Freundschaft gesellt. Einer der schönsten Lahntalblicke bietet sich hier in dem sogenannten Dreitunnelblick, der zunächst die Ausschau freigibt auf Kloster Arnstein und Langenau, dann auf das Schloß Langenau und schließlich nach der dunklen Endstrecke eines kleineren Tunnels auf das Dorf Obernhof. Wie ans Land gespült liegen die Häuser einer richtigen Ufersiedelung im Berggelände. Kaum findet sich Platz für die Hofanlage; denn schroff schneidet im Rücken der steile Berghang den Hintergrund der langgestreckten Häuserreihe, die sich am Ufer hinzieht, ab. So haben denn die Bewohner ihre Hausgärtchen nach dem Fluß angelegt; und zwischen engen »Ullesgäßchen« steigen niedliche Gärtchen mit alten Zäunen ans Wasser hinunter, unterbrochen von den alten Wasserstegen zur Lahn, die wohl auch mitunter den Weinschrötern dienten. Denn Obernhof ist heute noch der Mittelpunkt des lahnischen Weinbaus. Nassau folgt und öffnet das Tor zu einer neueren Zeit: des Freiherrn vom Stein Gedächtnis webt hier in den Trümmern seiner Stammburg und in dem freundlichen Schloß im Städtchen. Auf dem Burgberg aber liegt die Stammburg der Nassauer Grafen. Nassau selbst öffnet sein Herz in mittelalterlicher Geruhsamkeit. Schon Konrad I. hat hier geweilt auf königlicher Hube. Holzgeschnitzte Fassaden, enge Gassen, malerische Durchblicke, hier und da ein Mauerrest, hin und wieder ein trotzig-düsterer Turm lassen uns eine Zeit schauen, von der man sagt, daß sie gut gewesen sei, weil sie alt ward. Die natürliche Schönheit in und um Nassau wird bedeutsam ergänzt durch die Heilwirkung des Klimas und das Kurhaus, dessen sanitäre und medizinische Einrichtung den höchsten Anforderungen entspricht die ein moderner Mensch an eine Heil- und Erholungsstätte stellt. Um die Stadt liegt die Landschaft wieder offener. Frei schweift der Blick hinüber nach der sattelförmigen Berglehne von Bergnassau. Eine nassauische Rezeptur hat sich hier in trutzig-gemütlicher Behäbigkeit in den Sattel des waldigen Grates gesetzt. Wundervoll öffnet sich der Eingang zum Mühlbachtal, eine geradezu herausfordernd geeignete Naturbühne. Und über ihr das Steindenkmal des größten Sohnes dieser Erde, die geschichtssatt ist seit den Tagen der Nassauer bis in das dunkle Schicksal unserer Zeit. Lahnabwärts ist die Romantik daheim, wo Dausenaus Dorfbild auftaucht und das »Wirtshaus an der Lahn« den Wanderer einladet. Wie eine gewaltige Komposition des Schöpfers baut sich das wehrhaft gepanzerte Dorf am Lahnufer auf, gesammelt um die romanische Kirche mit ihrem warm gegliederten, heimselig beschirmenden Turm, überwölbt von dem mächtigen Berg des Hintergrundes. In schwingenden Linien umgürtet von Mauerresten und gebuckelten Giebeln, von heimatlich-alten Häusern und umlagert von einem geradezu idealromantischen Gelände. Wie aus der Fernansicht, so bietet Dausenau unendlich viele Innenansichten voll malerischer Schönheit: den Blick durchs Tor, den Aufstieg zur Kirche, den Straßenblick der gedoppelten Straße den Bach hinauf – es sind keine Maleraugen dazu nötig, diese Schönheit zu entdecken. Sie ist einfach da! Und es braucht nur eines winterlichen Sonntagsnachmittags, einen Blick in die landschaftliche Schatzkammer dieser Stätte zu tun! Seine Romantik wird nur überstrahlt durch das benachbarte Bad Ems. Berühmt als »Perle der deutschen Bäder«, vermittelt diese Stadt gewissermaßen in einer Schale den ganzen Reichtum der Lahnlandschaft. In dem gesunden und naturschönen, waldumrauschten Tal verbindet sich die Frische der ozonreichen Luft mit der Sonnenwärme des ungewöhnlich milden Klimas in diesem »deutschen Nizza«. Und die wechselvolle, stets liebliche Schau der reizenden Naturbilder innerhalb einer bildhaft geformten Landschaft gibt jene nervenstärkende Ruhe und Freude ins Gemüt, die den feinsinnigen Menschen vor vollendeter Naturschönheit überkommt. Man versteht hier die deutsche Landschaft in ihrer bergumkränzten Freundlichkeit – gleich weit entfernt von pittoresker Romantik wie langweiliger Weitschweifigkeit. In wundervoll gemäßigten, edlen Horizontlinien umranden die waldumschmeichelten Höhen das Bad im Flußtal, dessen große geschichtliche Vergangenheit seine anmutige Gegenwart so gar nicht antiquarisch werden läßt: wie traumversonnene Erinnerungen umschlingen die reichen Kränze der abgelaufenen Zeiten den bunten Spiegel des heutigen Lebens. Und mit den »abgelebten Tagen« Goethescher Stimmung und dem großen Zeitalter Wilhelms I. verbindet sich in der alltäglichen Gegenwart eine zwar kleinere, aber doch reizvolle Lebendigkeit voll kräftiger Eindrucksfülle und anmutiger Abwechslung der fließenden Tage. An der großartigen letzten Flußschleife der Lahn, zwischen Nievern und Lahnstein, grüßt über dem uralten Bergbaunest Friedrichssegen von der Früchter Höhe herab ein stilles, stolzes Gehölz, und ein Kapellchen darin ist zu erkennen. Ein Nationalheiligtum des Nassauer Landes: dort oben schläft in schlichtem Mausoleum der Freiherr vom Stein seinen letzten Schlaf. In Niederlahnstein zieht der rheinische Verkehr das Lahntal in sein Netz. Da ragt die sagenberühmte Lahneck, wo die letzten Templer ihr Leben ließen. Da taucht die Erinnerung an die christliche Mission der Lahn auf, an der Johanniskirche, wo die Lahn dem Rhein ihr in Schönheit erfülltes Dasein zum Opfer bringt. Hoher Westerwald Von Leo Sternberg Im Schneewasser badet die Goldammer dort und trocknet sich lang auf dem Block von Basalt, Wo die kohlschwarze Flechte verkrustet im Nord; Wo die Schneewächte hohl den zerfressenen Bord Der eisigen Wildwasser immer umschalt. Im flachen Schnee sind Inseln, tundrengrün, Wo der dürre Hase sitzt, das Fell vom Nebel naß, Kurzstielige Blümchen, mit Schnee in den Augen, blühn. Wildfährtengewimmel erzählt von nächtlichem Glühn ... Und es tropft von den Stämmen auf brandgelbes Stocklaub und Gras. Gewölk raucht über den Weg – jetzt kommst du hinein, Wo der Graurabe neben dir geht auf der Heide, binsenbebuscht. Dein härener Hut und Mantel bereifen sich fein. Wacholder gespenstert vorbei; schon hörst du den Falk nicht mehr schrein. Schneeböen wirbeln und die Holle huscht ... K. H. Zunn, Westerwälder Heide. Vom Westerwald Von Otto Rombach Eingeschlossen zwischen betriebsame Landschaften, deren jede eine eigene Charakteristik aufweist, liegt der Westerwald als ein Stück Einsamkeit. Mit waldigen Bergschwellen aus dem von Rhein und Lahn, Sieg und Dill gebildeten Geviert aufsteigend, schiebt sich dieses wenig besuchte und wenig bekannte Gebiet in einer welligen, von flachen Bergkuppen und Wäldern durchsetzten Hochebene aus. Ein Gürtel von Romantik liegt um seine Lenden: die Gigantik des Siegtales mit seinen mächtigen Schutthalden, Hochöfen und Hüttenwerken setzt sich vereinzelt fort in dem tiefgekerbten Dilltal, dessen stille Versonnenheit von der schwellenden Lyrik des Lahngrundes abgelöst wird, während vom Rheine, von letzten, vorgeschobenen Türmen aus der Blick in die verwandte Eifel hinüberreicht. Wohl zählen die Bergpartien rechtsseitig der Lahn noch zu den Ausläufern des Westerwaldes – vereinzelte Kegelberge wie die Montabaurer Höhe oder das Gruppenmassiv des Siebengebirges weisen auf den vulkanischen Ursprung dieses Mittelgebirges hin –, im Grunde aber weichen die Randzüge in ihrer Formation wesentlich von der charakteristisch flachwelligen des eigentlichen Plateaus ab. Es ist auch ihnen eine gewisse – manchmal an die Rhön anklingende – Eigenart nicht versagt; ihre regelmäßige Bewaldung tritt im Ansteigen zu der Hochfläche allmählich zurück und zeigt uns jene eigenartigen Berggebilde, die uns an der Bahnstrecke von Gießen aus begleiten. * Herborn, der eigentliche Brückenkopf des Hohen Westerwaldes, ist eines der am wenigsten beachteten Städtchen unserer näheren Landbezirke. Angefüllt mit allerlei mittelalterlicher Idylle liegt es, in vielen Zügen Marburg ähnlich, hineingeschmiegt in einen länglichen Bergkessel. Breit und beherrschend über treppenförmig an einer Hügellehne aufsteigenden Häusern ruht das Schloß. Die Straßen, die darunter hinziehen, sind alt und voller malerischer Winkel. In hohen, schmalgequetschten Firsten laufen die Häuser aus, deren Fronten, in Vorsprüngen übereinander gegliedert, fast durchweg mit Schiefer vertäfelt sind. Dieser stahlblaue Häuserverputz verleiht dem inneren Teile der Stadt ein eigenartiges, düsteres Gepräge, das von dem Rathaus mit bunten Wappenschildern alter Geschlechter an der Fassadenbrüstung wohltuend und warm unterbrochen wird. Vereinzelt stehen noch behäbige Wachttürme auf der vor zwei Jahrzehnten niedergelegten Umwallung, hinter der sich eine der ältesten Universitäten Deutschlands befand. * Eine von Herborn ausgehende Autochaussee führt in großen Serpentinen und anfänglich beträchtlicher Steigung auf den Hohen Westerwald, den sie bis Marienberg durchzieht, wo sie als Winkelung wieder in das Lahntal abbiegt, wie sie auch unterwegs von etlichen gut gehaltenen Landstraßen geschnitten wird, die eine direkte Verbindung des vorderen Westerwaldes mit dem Siegnerland begünstigen. Durch einen schluchtartigen Durchbruch aus dem Dilltal windet sich dagegen die Eisenbahn, die Randung des hohen Plateaus an seiner letzten Schwelle nachfahrend, hinauf zur Höhe. Von Rennerod aus, einer der am höchsten gelegenen Stationen, ist es ein Fußmarsch von nahezu zwei Stunden zu der unauffälligen, numerisch bedeutendsten Erhebung des Hohen Westerwaldes, dem Salzburger Kopf. Hier ist auch das Gebiet, in dem der eigentliche Typus der Westerwaldlandschaft seine deutlichsten Formen zeigt. * Schier endlose Straßen führen in die niedrigen Dörfer hinein, deren Häuser schuppenartig, dicht und ineinander verschachtelt nebeneinander ruhen. Erlenbäume säumen die Wege, an deren Ränder weite Weideflächen und magere Felder stoßen, die ein ständiger, kühlender Wind überweht. Möglichst hinabgesenkt in eine Mulde sind diese Absiedlungen. Lange Reihen von schmalen Tannenschonungen, sogenannte Schutzhecken, begrenzen den runden, zirkusartigen Prospekt der Flur. Ihre Bedeutung ist, den Wind und die winterlichen Schneestürme abzuhalten und die Feldgemarkung zu schützen. Die unzähligen Schafherden suchen Schutz dort, wenn unvermittelt ein Wetter hereinbricht. Dazu bieten den eigentlichen Ansiedlungen die langen, an der Wetterseite bis an den Boden reichenden, mit schwarzem Moos bewachsenen Strohdächer der Häuser wirksamen Widerstand. Diese niedrigen Bauten, deren Fachwerk mit Kalk bestrichen ist, und die langen Tannenschonungen bestimmen die Eigenart des Hohen Westerwaldes. Nie aber ist Eintönigkeit in der Landschaft. Und es ist auch keine kaleidoskopische Bilderreihe – diese Landschaft hat etwas von einer tiefen Schwermut und einer weiten Aufgeschlossenheit. Das ist keine laute Gestik, die aus den stillen Winkeln der Dörfer spricht, das ist keine überwältigende Romantik oder eine sonnige, warme Lyrik; Resignation möchte ich sagen, Herbheit und Schlichtheit sind ihre Grundnote. Genau wie ihre Menschen. Diese Menschen haben keine leuchtenden Farben; ihre Trachten waren grau, spielten in Schwarz und Blau. Recht selten trifft man sie noch. Diese Männer haben wetterharte Gesichter, wie die Fischer der Meere. Ihre Haut ist ledern, ihre Augen sind klar und aufrichtig. Sie tragen ihre Bärte wie gerollte Filze um die Kinnbacken. Sie sind verschlossen. Nicht leicht befreunden sie sich. Aber ihr Händedruck ist warm und stark. Sie sind hart; eben wie ihre Arbeit und ihr Leben hart ist. Der dürftige Acker und das Vieh sind ihr Leben; die jüngere Generation steigt hinein in die Basaltbrüche oder Braunkohlenbergwerke oder wandert aus in die Hütten- und Grubenwerke des Siegener Landes. Ihre Frauen sind von einer schlichten, in sich gekehrten Art. Sie haben einen schweren Schritt, mit dem sie weite Wege durchmessen, von Dorf zu Dorf oder zu den fernen Bahnhöfen, wenn sie am Wochenende oder zu den Märkten in die Stadt fahren. L. v. Matuschka-Greiffenclau, Schloß Herborn. An heißen, sommerlichen Tagen, wenn die Düsterkeit der Landschaft in holzschnittartige Konturmalerei getaucht vor dem Wanderer ersteht oder ein milder Abend die langen, flachen Bergrücken langsam überschattet, ist es eine Lust, über diese Höhen zu wandern; immer einen kühlenden Lufthauch an den Schläfen und grüne, weite Matten im Gesicht, zwischen denen sich die dunklen, schweigenden Tannenbestände wie schwarze Wälle hinziehen. Da weht mit dem Winde jene herbe Kräftigkeit heran, die an das Moor gemahnt und seine graue Romantik. Die dunklen, geduckten Häuser hocken gleich großen Tieren an der Landstraße und blinzeln mit unsicheren, fremden und trüben Lichtern. Da liegt ein Friedhof am Wege mit weißen Holzkreuzen, einer jener verlassenen Friedhöfe der Heide, mit Trauerweiden und wenigen, dürftigen Grabhügeln. Oder auf dem Berge steht eine Baumgruppe als graue, scharf umrissene Silhouette gegen den gelben Himmel. Ringsum aber ist eine Stille, die unheimlich und köstlich zugleich ist. Gigantische Basaltbrüche, die wie versunkene Wälder mit der Schraffur ihrer fünfkantigen Steinflöze aus dem Boden ragen oder in tiefen Löchern Stamm an Stamm wie eine groteske, mächtige und dennoch leichtfertige Spielerei der Natur ab und zu in dem Gelände wie kalte Oasen liegen, überzaubert ein fahles, weither fließendes Mondlicht und gibt ihnen ein seltsames, exotisches Gepräge. So ist der Steinkringsberg bei Schönbach ein seltenes Naturdenkmal mit zirka 40-50 Meter hohen Basaltsäulen, das nach und nach dem Verfall anheimfällt! Wir wissen vielleicht, daß der Schotter und die Pflasterung unserer Straßen oder das Kaibecken des Frankfurter Osthafens aus dem Westerwald stammt, daß Westerwälder »Kipper« mit erstaunlicher Kunstfertigkeit in wenigen Hieben dieses kubisch gleichmäßige Kleinpflaster behauen; aber jener Felsen dort, der Stück um Stück, Sprengschuß um Sprengschuß abblättert und vergeht, jener Felsen müßte von den vielen anderen erhalten bleiben, einer von allen, als der typischste, als Schulbeispiel, wenn man so will, als einer der gewaltigsten und schönsten Bergbrüche unserer näheren Landbezirke. Dem Westerwald aber möchte man wünschen, daß er vielen anderen erschlossen werde mit seiner eigenartigen Schönheit; denn ich weiß es: ein einziger Wanderer war ich auf der weiten Höhe – durch Tage hin. Ein Maler saß irgendwo an einem Tümpel, wo eine alte und zerfallene Hütte mit einem großen, dunklen Strohdach – verloren unter einer verlassenen Tanne – in der melancholischen Landschaft schlief. Spruch eines nassauischen Grafen Die Äcker und die Weinberg guht Zu Bawen ist mein lust und muht. Ein ander mag mit Krieg und streit Umbgehn, Ich bin es nicht bereit. (16. Jahrhundert.) K. H. Zunn, Ketzersteine. Basaltheide Von Leo Sternberg Ein lavaschwarzer Urweltblock Basalt, Auf den die Heidesonne prallt. Goldgelb vom Hochwald gaukelt der Pirol Auf seinen Lieblingsitz und flötet wundervoll. »Erloschne Hölle, ja auch du Hast Frühling und gehörst dazu.« Die junge Heckenrose strähnt Ihr Dorngerank um ihn ... Der Felsen tränt. Die Dornburg Von Georg Roedler Lautes Lärmen und Poltern hallt von den einst so still und verträumt daliegenden Kuppen und Hügeln des Westerwaldes. Menschenhände sind am Werk, die Steine, die Basalte, die erstarrte Lava, die in Vorzeiten glutflüssig aus den Spalten der Erdrinde gequollen, nutzbar zu machen. Wild mag es damals zugegangen sein, als die unterirdischen Steinströme den Schieferboden durchbrachen. Wenn auch nicht ganz so stürmisch wie drüben im Brudergebirge der Eifel, wo aus den Kratern kochendes Wasser, heiße Dämpfe und gespannte Gase mit aufstiegen und die Schmelzmasse zerrissen und zerstäubten, daß Tuff- und Bimsstein- und Sandregen weithin über das Land ging, und wo tiefe Trichterlöcher zurückblieben, die Maare. Hier bei uns im Westerwald mag es ruhiger geblieben sein, die aufsteigende Lava blieb in den Kratern stecken und ist wohl nur wenig über den Rand geflossen. Im Abkühlen hat sich dann die glühende Masse zu riesigen Kristallen zusammengeordnet. Als Basalt zu blauschwarzen, fünf- bis sechsseitigen Prismen, arm- bis fußdick und oft viele Meter lang mit senkrecht zur Längsachse gerichteten Endflächen; bald Säulenreihe auf Säulenreihe stehend, mehrere Stockwerke übereinander und Reihe neben Reihe zu gewaltigem unterirdischem Block; bald schräg oder wagrecht aus den Bergwänden ragend, drohend wie Geschützrohre; bald in breiten, dicken Platten; bald in groben oder feinen Brocken, Knollen, Kugeln und Schalen. Oder etwas anders zusammengesetzt und mehr grau bis hellgrau, mit kürzeren Säulen, aber oft über einen Meter dick und dann Trachyt, Phonolith genannt. Zu diesen Steinköpfen kamen die Menschen, mit Brecheisen, rissen die Steine auseinander, sprengten sie mit Pulver, nutzten die längsten und schönsten zu Uferbefestigungen bis weit nach Holland für Strom und Meer, spalteten mit geübten Händen Pflastersteine von genau vorgeschriebener Größe und Form. Als Menschenkraft nicht mehr ausreichte, stellten sie gewaltige Steinmühlen auf, Gesteinsbrecher, in deren unersättlichen lärmenden Rachen die Blöcke und Brocken und Abfälle verschwanden, um zwischen stählernen Kinnbacken zermalmt zu werden. In langen Schneckengängen rollte das Mahlgut durch riesige Zylindersiebe, bis es als grober Schrottel, als rauh- oder feinkörniger Splitt wieder zum Vorschein kam, um dann meist auf langer Luftseilbahn in munter surrenden Hängewägelchen dem Bahnhof drunten zuzuschweben, zur Verwendung bei Straßenbau, Betonarbeiten bis zum feinen Zierkies für Gartenwege. Rheinisches Geld meist war es, das die Brüche und Werke entstehen ließ in immer rascherer Folge. In ständig dichter ausgebautem Schienennetz rollten Tag und Nacht die immer längeren Eisenbahnzüge mit den Steinen hinab in die Randtäler des Westerwaldes. Aufschwung und Wohlstand kam: Geld in die Gemeinden, denen die waldbestandenen Kuppen vorwiegend zugehörten, Geld in die Familien, deren Ernährer nun nicht mehr auszuwandern brauchten wie früher, Brot und Verdienst fern der Heimat zu suchen. Freilich auch änderte sich mit der Abtragung der Basaltberge und der Steinwände manch Landschaftsbild. Doch wird sich in dem friedlichen Kampf zwischen Wirtschaftsleben und Landschaftseigenart wohl ein Ausgleich finden, der beiden Teilen gerecht wird. – Schon frühzeitig und fast mehr als andere Berge ist die Dornburg in die Basaltausnutzung einbezogen worden. Jener von Westen her das Elbtal, den nördlichen Ausläufer des Limburger Beckens, abriegelnde Steilabfall der mittleren Westerwaldstufe, der fast ein Ganzes bildet mit dem Kleesberg, dem Blasiusberg, und die Wacht hält von jeher da droben mit dem Ausblick hinunter auf das Land bis fernhin über die Lahn und jenseits hinauf nach dem Taunuswall im verdämmernden Süden. Stätten der Verehrung von Thor, von Donar, von Fricke, nach denen die Dornburg den Namen trägt und die beiden Dörfer Dorndorf und Frickhofen am Fuß der Berge. Als zusammengesunkene Ringwälle hat man die breiten Gürtel von Gesteinsblöcken und -splittern um die Berghöhe erkannt. Das Volk aber hat in den losen Gesteinsscherben, die unter dem Fuße des darüber Hinklimmenden hellaufklirren, die Reste riesiger Mauern einer Stadt gesehen, droben auf der Höhe, reich an Gut und Ehren. Die Sage hat verklärenden Schimmer über die Trümmerstätte gebreitet vom Untergang der unglückseligen Stadt. Verschuldet durch Jung-Hildegard, das Töchterchen des Bürgermeisters, das den Junker auf der Burg Ellar drüben am anderen Elbhang liebte, den die Dornburger um alter Fehde willen in ihrer Stadt gefangen hielten und dessen Waffengesellen das törichte Kind auf geheimem Gang in die Stadt eingelassen. Was in unbedachter Tat nur zur Befreiung des Ritters führen sollte, ward zur Zerstörung und Vernichtung der Stadt und ihrer unglücklichen Bewohner. Noch heute kann der Wanderer, der in nächtlicher Stunde an den Steinhalden vorbeihastet, im Rauschen und Raunen des Windes durch Bäume und Geklüft das Klagen und Stöhnen der von Entsetzen gepackten Hildegard hören, die noch immer in den Trümmern der Stadt umherirrt. Aber nicht nur aus geheimnisvollen Steinwällen entstand Sage und Mär. Als die Stadt zugrunde ging, sanken auch die zwölf Apostel, die aus Gold oder Silber in der Kirche standen, dahin. Doch kristallener Panzer aus Eis legte sich schützend um ihre Gestalten. Wer am Rande der Schutthalden nachgräbt, kann das unterirdische Eis sehen, in froststarrender Winterzeit wie in heißer Sonnenglut. Die Kellerräume des Wirtshauses an der Dornburg sind eisigkalt; so kühl weht es bei geöffneten Türen heraus, daß der Aufenthalt im Freien davor im Sommer unbehaglich wird. Eis und Schnee, im Winter in die kleinen, in das Geröll getriebenen Stollen, die Eishöhlen, eingebracht, halten sich ohne Verwahrung das ganze Jahr hindurch. Schneekrusten, und ein paar Schritte davon blühende Sommerblumen! Das Wundersame findet natürliche Erklärung. Eishöhlen, Eiskeller sind nicht allzu selten. Die Bierkeller von Niedermendig in der durchlöcherten feinporigen Lava der Eifel sind bekannt. Basaltgestein wird an der Oberfläche bei Witterungswechsel feucht, der Basalt »schwitzt«, jedes Straßenpflaster zeigt es. Durch die Poren, durch die Kanäle zwischen den Steinscherben streicht der Wind. Wie stark er durch unterirdische Klüfte wehen kann, ist in alten Bergwerksgängen öfters wahrzunehmen, und mancher hat's draußen in stollenartig verzweigten Unterständen empfunden. Die Verdunstungskälte mag so stark werden, daß sie die Luftwärme bis zum Gefrierpunkt des Wassers herabsetzen kann. Ob Eis und Schnee unter dem Steinschutt sich aus tropfbarflüssigem Wasser und feinem Nebelhauch gebildet oder sich gar noch immer weiterbilden, ob die Steintrümmer über winterliche Eis- und Schneefelder niedergeprasselt waren und sie unter schützenden Geröllmassen vor dem Abschmelzen bewahrt haben, oder ob Eis und Schnee gar noch als letzte Reste einstiger Eiszeit gelten sollen, wie schon aufgestellt wurde, ist vielleicht noch nicht geklärt. Und noch ein weiteres Wunder, wenn auch harmloses, weist die Dornburg auf. Die Magnetnadel wendet sich in der Nähe der Dornburg von der Nordrichtung ab und kehrt sich dem Innern des Berges zu. Ebenfalls eine Erscheinung, die an Vulkangesteinen nicht allzu selten ist. Spuren von Eisen oder Magneteisen in der einstigen Ausbruchmasse mögen den merkwürdigen Vorgang unschwer erklären. Der verdrossene Alte Von Willy Arndt Über den buckligen Westerwald Schleppt der Himmel Huckepack Blaugraue Ballen Wolkenzeug. Hui .. i .. i! Wie keucht er eiskalten Wind! Und was er prustet und schnauft Und sich schneuzt Beim Schleifen, Schlürfen Und Stolpern! Brummt und graunzt In den grauslichen Bart, Daß ihm die Tannen Und Giebel und Schorne All seine dicken Säcke Aufzupfen: Silbern Klickert und rinnt es herab – O! da giekst ihn Die Kirchturmspitz'! Seht mir den wütigen Alten: Zoppelt Dem bissigen Turmhähnlein Arg im güldnen Gefieder. Fluchend Schmeißt er Den nassesten Sack, Platsch! Dem Dorf auf die Dächer. Zickzack Flitzt Er zornig Geglüh Mit den giftigen Augen ... Haucht Schwefligen Atem ... Kollernde Donner Rumpelt er noch Aus rauhem Halse herunter – – Humpeldipumpel Trollt er sich fort. Stundenlang Noch hinterm Berg Hört man ihn polternd rumoren. Im Schneesturm Von Fritz Philippi Der Woost hatte sich hinter den Höllkopf auf die Lauer gelegt und verstellte sich, als sei er eingeschlafen. Da gab mir mein argloses Frauchen einen Rat, während ihr lustiges Ringellöckchen am Ohr wackelte. Ich sollte mir eine Männerfreundschaft suchen. Sie verwies mich an den Hasselbächer Luis, der eine Stunde Wegs weit auf einem niederen Stockwerk der Heide wohnte. Frauchen hatte den Hasselbächer richtig erkannt. Er hatte auf seinem Gesicht eine unsichtbare Tafel: Hier kann Schutt abgeladen werden. Als geschworener Menschenfreund fiel der Hasselbächer wie die Katze immer wieder auf die Beine, sooft er aus allen Himmeln geworfen wurde. Auch zu meinem Herzen hatte der Hasselbächer den Weg schon bald gefunden. »Lüfte dich gut aus!« hatte mir Amalie nachgerufen. Sie begleitete mich zwischen den hohen Schneemauern bis zum Armenhaus, um der Säulies ihre Aufwartung zu machen. Die Säulies war die abgedankte Schweinehirtin und lag krank. Die tiefverschneite Heide brach wie eine Eisscholle ab an der satten Himmelsbläue. Unbändig grell sprühte der Sonnenglanz von der Schneedecke auf und bestürmte meine Augen mit der übermütigen Lichtfülle, die ich nur in kleinen Schlucken mit halbgeschlossenen Lidern trinken konnte. Die verknorrten Ebereschen trugen wie verwundete Krieger einen einseitigen Watteverband. Es war ein mühsames Wandern. Weil ich mich aber durchschaffen mußte, erleichterte ich mein Gemüt und neckte mich mit Spitz Zottelohr. Die Hasselbächer freuten sich meiner, als sei ihnen ein Geschenk gemacht worden. Nach dem Kaffee zogen wir Männer uns allgemach in die Studierstube und zum Berg Horeb zurück. So hieß der eiserne Kastenofen, der unten Feuer spie und oben die Opferung Isaaks zur Schau stellte. In der Ofenplatte war mit mittelalterlicher Naivität der biblische Vorgang eingegossen. Vater Abraham wollte eben die gezückte Räuberpistole auf das Isaaklein abdrücken. Aber ein rettendes Engelbübchen sandte aus den Wolken auf die Mordwaffe einen Wasserstrahl, den es geistesgegenwärtig am nächsten bei der Hand hatte. »Schießen Sie los!« munterte mich der Hasselbächer an. Als ich ihm meinen Zustand freimütig bekannte, legte mir mein geistlicher Nachbar die Hand auf den Arm und besah mich mit gütigem Ernst. »Ich freue mich, daß Ihnen die Westerwälder Rauhbürstigkeit so hart zu schaffen macht!« Auch der Hasselbächer war vor einem Menschenalter aus der Stadt gekommen und nannte meinen Durcheinander eine Mauserung. Er hatte sich gleichfalls im ersten Winter, der mit Hörnern und Zähnen ihn anfiel, nicht so rasch wie sein Kirchengickel umstellen können. Der Woost wollte ihn aus seiner Stadthaut herausblasen. Der Hasselbächer besorgte wie ich, sich selber aufgeben zu müssen. »Dabei hatte ich mich noch gar nicht gefunden! Ich hielt das aufgelesene und zusammengeborgte Sammelsurium von Meinungen und Angewohnheiten für meine Persönlichkeit. Inwendig war ich noch nicht bei mir. Ich verwechselte mich mit dem, was mir außen auf dem Buckel hing als Huckepack wie den Kietzeleuten beim Hausieren. Darum mußte ich von vorn anfangen und erst auf der untersten Schulbank das Stillsitzen lernen. Ich saß gegenüber einer hohen Wandtafel, darauf eine sichere Hand weite Linien zog, die hinreichten bis in die Unendlichkeit. Endlich verstand ich: ›Siehe, hier auf unsrer hohen Heide ist alles unverbildet und echt, ob's lind oder rauh ist. Alles ist bei sich. Jeder Baum sagt: Ich hehle nicht, was ich bin! Und der Woost weht unter den Wolken wie der allmächtige Geist. – Wir aber machen ihn klein mit unserm Geplapper vom lieben Gott-Großvater.« Des Hasselbächers Brillengläser blitzten. Er wurde heute mein Bruder und gestand mir: Auf der Fuchskaute habe ihn der Sturm gegen die Wetterfichten taumeln lassen. Niemand kam zu Hilfe, aus den Wolken hing die Mondsichel wie ein bluttriefendes Augenlid. Da hieß es: »Du bist die Stadtlüge! Mach dich fort, oder wage zu sein, was du bist, ein Mensch allerwege!« Mir wurde seltsam zumute, als hörte ich unerhört Neues, das mir doch einfiel wie eine lang vergessene Selbstverständlichkeit. »Schau, alles was leibt und lebt im Hochland, ist aus der ersten Hand. Es hat wohl seine Nichtigkeit, daß Gott hier oben immer dicht dabei ist. Auch deine Wildendorner, das stachlichte Gewächs, sind wie ihre Wacholderheide, aber lauter Originale, ohne es zu wissen.« Der Hasselbächer zögerte, mich ziehen zu lassen und zog die Stirne kraus: »Ich glaube, das Wetter ändert sich!« Der Himmel hatte sich grau überzogen und baute hinter den weißen Giebeln der Nachbarhäuser eine steile Schlucht auf. Ob ich nicht im Hasselbächer Pfarrhaus zu nächtigen vorzog? Das mochte ich Frauchens wegen nicht. Mir schien schon überflüssig, daß mir mein Gastgeber seine Windlaterne aufnötigte. Eine Stunde Wegs bedeutete hierzuland einen Katzensprung. Kaum hatte ich den steilen Küppel vor Hasselbach, den Lungenschinder, wie ihn mein Herzbruder nannte, erklommen, als ich dessen Besorgnis mit Schrecken begriff. Jählings überfiel mich der Schneewoost, als habe er mir aufgelauert. Spitz Zottelohr hielt sich dicht an meinen Kniekehlen, die er ab und an mit der Schnauze anrührte, um sich meiner zu vergewissern. Gegen die Wildgewalt konnte ich nicht anders als seitlings mit der Schulter und mit tief geneigtem Kopf angehen. Die Augen vermochte ich kaum spaltweit offen zu halten. Das Untier Woost heulte voll schauriger Lustigkeit, raffte mit seinen Tatzen Schneestaub auf und warf ihn mir in die Augen. Die Luft zum Atmen wurde zu weißem Gewoge verdichtet, das jeden sichtbaren Anhalt für meine Wegrichtung fortschwemmte. Das Menschlein, das mit eigenem Willen vorwärts strebte, ging wie ein Taucher auf dem Meeresboden. Ich fühlte mich von tausend eisigen Fangarmen umschlungen, die mich als ungebührliches Weghindernis niederzuringen trachteten. Von Schritt zu Schritt steigerte sich die Not. Ich sank bis unter die Arme in eine Schneewehe ein. Mein Windlicht erlosch. Vom Weg erkannte ich keine Spur. Ich kroch auf Händen und Füßen in dem daunenweichen Schneebett, bis ich wieder Boden unter mir spürte. Dabei ging mir die Richtung verloren. Ich wußte nicht mehr, wo Wildendorn und wo Hasselbach lag. Meine Stimme gegen den Woost zu erheben, war vergeblich. Hohngelächter antwortete mir: ich sei das einzige Lebewesen weit und breit. Ich wurde dafür gegeißelt, weil ich mich nicht im Schlupf und Bau hielt, während der Unhold die Welt für sich allein haben wollte. Mein Eigensinn hatte mich in Lebensgefahr gebracht. Abermals wich mir der Halt unter den Füßen. Zugleich saß Spitz Zottelohr vor mir und leckte mir die Hände, während er in heller Angst aufheulte. Das Tier spürte unsre Todesnot. Mir fiel ein, welch grausam letzte Unerbittlichkeit dem Woost nachgesagt wurde im Munde der Leute, und daß ich bisher an der Wahrheit ihrer Worte gezweifelt hatte. Es war die wörtliche Wahrheit, daß einer, der sich im Schneewoost irrgelaufen hatte, gewärtig sein konnte, daß der Tod ihm begegne und mit ihm spiele wie die Katze mit der Maus. Nirgend fand dann der Verirrte einen Ausweg. Er ging und ging im Kreis herum, bis er entkräftet umsank und der Woost ihn einscharrte. Mancher wurde aufgefunden, als schon die Raben an ihm waren. Das Grauen trieb mich auf. Trotzdem ging die Wildnatur, deren Toben mir Hören und Sehen vergehen machte, nicht am ärgsten mit mir um. Vielmehr empörten sich aus meinem eignen Innern Stimmen gegen mich. Sie klagten mich an, nicht mit der Stimme des Hasselbächers, die voll gütigen Verstehens war. Aber die Stimmen eigneten sich dessen Worte an und verdammten mich. Sie richteten mein falsches Unwesen, das ich hochhielt als mein besseres Ich, während ich ein dummer Bettelstolz war. Nun erfuhr ich und bekannte, daß ich ein Nichts sei. Meine hochbeinige Gelehrsamkeit und verstädterte Hochehrwürdigkeit samt allen andern Heit und Keit befreite mich nicht aus der Gewalt des Unholds. So sah ich mitten in der eisigen Hölle den Tod greifbar vor Augen, bevor ich angefangen hatte, mich selber zu leben. Dies war die schlimmste Stimme, die am ärgsten mir zusetzte. Wenn ich jetzt fortgenommen wurde, starb ich an der Schwelle meines Lebensanfangs. Inmitten der tobenden Besinnungslosigkeit bedrängte mich der Widersinn eines solchen Sterbens. Ich konnte dagegen nur mit Bitten anhalten: »Kannst du so grausam sein und mich jetzt elend umkommen lassen?« Hintaumelnd stieß ich mit dem Kopf an einen Baum an und umklammerte ihn. Von seiner aufrechten Festigkeit ging ein sicheres Wissen aus, das mir aber nicht tröstlich war, sondern zur messerscharfen Erkenntnis wurde. Der Baum war Zeuge gegen mich und sprach die Wahrheit: »Ich bin, was ich bin! Aber – was bist du?« Ich nahm den Hund in meine Arme und bat ihm ab, daß ich mich über ihn erhoben hatte als sein Herr: »Auch du bist, was du bist!« Dies alles dachte ich nicht gedankenblaß auf der warmen Studierstube, sondern erlebte es in meiner letzten Not als Wirklichkeit. Mich ergriff es, daß Gott selber, als allen Lebens Leben der allmächtige »Ich bin«, ohne Anfang und ohne Ende sei. Indem ich mich so für den Allerletzten erkannte und mit Spitz Zottelohr zusammen wärmte im Rachen der fressenden Wildnatur, fand ich mich mit leisem Beginnen in eine große Veränderung hinein. Neue Stimmen wurden in mir hörbar. Ich hatte, wie die Wildendorner sagten, »erkannt und bekannt« und war dadurch bei der Wahrheit selber angekommen. Da gesellte sich zu dem Weltenaufruhr, der jeden Platz einnahm und Mund und Nase mir verstopfen wollte, eine höhere Macht, die in mir Raum schaffte für eine Stille, die an Weite und Tiefe zunahm. Deren Stimme sprach mir voller Sinn und Wissen: »Du bist mitten in dem allgegenwärtigen ›Ich bin‹, welches das Weltgeheimnis ist. Du bist in Gottes Hand gefallen.« Im Augenblick wandelte sich meine Lage von Grund aus, obwohl sie, von außen angeschaut, nicht im mindesten sich verbesserte. Vielmehr spürte ich, wie das warme Brünnlein meines Bluts erstarrte in der Umschlingung der Unholdigkeit und zum Herzen wich. Aber in mir schieden sich Leib und Seele und erwählten ihr gesondertes Los. Die Seele erfuhr ihre Sondernatur und Selbständigkeit. Der Mensch ist mit Leib und Seele ein Doppelgänger in zweierlei Welten. Dem Sinnlosen war nur meine armselige Leiblichkeit preisgegeben. So feuerheiß meiner Jugend das sichtbare Hinscheiden ankam, war doch das blitzgleiche Zucken meines Schmerzes vorübergehend. Es galt dem Abschied von Frauchen und meinem werdenden Kindlein, das soeben in mein Bewußtsein hineingeboren wurde. Aber gleichzeitig sänftigte mich die Zuversicht, daß alles Lebendige im Glauben eins und untrennbar sei. In dem neuen Raum, darin ich mich vorfand, waltete das Wirkliche, das mit Demut und Dankbarkeit gegrüßt werden wollte. Das Wirkliche machte mich Untertan und tief ergeben seiner allwaltenden Sachlichkeit. Ihr war alles Geschehen untergeordnet, selbst die Unholdigkeit, die mich fressen wollte. So war ich trotzdem getrost, weil ich in meiner mutmaßlichen Todesstunde das Höchste erfuhr: »Er ward entrückt im Geist«! Ich faltete meine Hände um mein Hündlein und lehnte mich gegen den Baum wie an meinen Bruder. Darum nahmen meine Ohren zuerst nicht den Wechsel auf, der in den heulenden Lüften vor sich ging. Erst als Spitz Zottelohr zu bellen anhob, horchte ich auf. Jetzt drang durch den Woost hindurch ein gleichmäßiges Rufen zu mir, im Auf und Ab eines hellen und dunklen Klangs. Glockengeläute! ... Die Hilfe rief: »Hier bin ich! – Wo bist du, den ich suche?« Es ist Brauch auf dem hohen Wald, daß die Glocken im Dorf geläutet werden, wenn einer im Schneewoost noch draußen ist. Dann kommt seine Freundschaft zusammen und hängt sich im Turm an die Glockenseile, damit der eherne Mund dem Vermißten draußen entgegenhallt durch den Sturm und den Tod von ihm scheucht. Wie herrlich als Gottesgeschenk solche Nachbarschaft war! Ich wußte wieder, wohin und nahm von neuem den Kampf auf. Wohl sank ich noch öfter in dem Unwegsamen ein. Aber die Glockenrufe ermüdeten nicht. Ich erhob mich, drang vor, wich auch einmal einen steilen Hang hinab. Zuletzt sah ich rotes Licht winken und hörte Hundegebell, das Spitz Zottelohr freudeheulend beantwortete. Beim ersten Haus klopfte ich an das erleuchtete Fenster und frug: »Wo bin ich?« Ich war wieder in Hasselbach. Mein Herzensbruder hatte mich ins Leben zurückgerufen. K. H. Zunn, Neukirch das höchste Dorf des Westerwaldes. Kornland Von Leo Sternberg Du armes Bauernland, Nur von der Lerche besungen; Von einem einzigen Straßenband Durchschlungen; Von einem Rennwagen durchrannt – Wieder verklungen! Statt des Tulpenbaums, der fern entstrebt, Kuhblumen in den österlichen Schollen! Den Hasenbanden, die hinter der Häsin hertollen, Gehört die Straße, weithin unbelebt ... Wie hoch in den Drähten und wie verschollen Das Weltenschicksal vorüberschwebt! Bald fliegt Mariengarn, In Stoppeln geht die Herde. Hausten, Hausten, Hausten! Es scharrn Die Erntepferde, Und die Täler hinunter knarrn Wagen und Wagen und nähren die Erde. Aus der entlegensten Ecke Von Karl Spieß So kann man den langgestreckten Zipfel wohl nennen, der als ehemals äußerster Ausläufer des Großherzogtums Hessen sich zwischen Nassau und Kurhessen einschiebt: den Kreis Biedenkopf. Von jeher ein »Hinterland«, ist er bis auf den heutigen Tag ultima Thule geblieben. Das mag seiner wirtschaftlichen Entwicklung geschadet haben, für die Ausbildung eines starken, eigenartigen und bodenständigen Volkstums ist es nur günstig gewesen. Das Hinterland vereinigt in sich die eigenartigsten Gegensätze. Schon rein äußerlich. Von dem fruchtbaren, dicht bevölkerten Lahntal zwischen Gießen und Wetzlar, reicht es bis zu den einsamen, waldbedeckten Höhen der Sackpfeife und des Kahlen Astenberg, deren stille Täler, seit sie vor mehr als tausend Jahren den erbitterten Kampf zwischen Franken und Sachsen sahen und seit die mittelalterliche Herrlichkeit der einst so mächtigen Grafen von Battenberg verblichen ist, einen Dornröschenschlaf gehalten haben. Die geschichtliche Vergangenheit dieses Stückchens Erde war immer an das Schicksal der größeren Nachbargebiete geknüpft. Bis in die altgermanische Zeit zurück reichen die neuerdings aufgedeckten Ringwälle auf dem Dünsberg im Süden und zahlreiche Hünengräber in den umliegenden Wäldern. In derselben Gegend, bei Rodheim an der Bieber, liegt der Himberg oder Königsstuhl, eine alte Malstätte. Auch der Norden hat seine historisch berühmten Plätze. Hier liegen die Orte Leisa und Battenfeld, die in den Sachsenkriegen Karls des Großen der Schauplatz einer mörderischen Schlacht waren. Als der Kaiser im Jahre 778 in Spanien weilte, erhoben sich die eben erst unterworfenen Sachsen unter ihrem Herzog Widukind und verheerten die Lande bis Deutz und Koblenz hin. Karl war gezwungen, eine Schar auserlesener Leute gegen sie zu senden. An der Eder kam es zum Kampf und » multitudo Saxonum occisa est « (eine Menge Sachsen wurde niedergemacht), berichtet der Chronist, der auch ausdrücklich den Ort Liesi super fluvium Adarna (Leisa am Ederfluß) als Schlachtort nennt. Eine ganze Reihe von adeligen Geschlechtern ist im Hinterland ansässig gewesen, darunter solche, die zwar längst ausgestorben sind, deren Namen aber, wenn auch nur in Seitenzweigen, heute noch bestehen. Die Herren von Hatzfeld, von denen einer vor wenigen Jahren die Herzogwürde erlangte, ein anderer sich als deutscher Gesandter einen Namen gemacht hat, leiten ihren Ursprung von dem Städtchen Hatzfeld an der Eder her, wo geringe Reste ihrer Stammburg noch vorhanden sind. Wenn auch die heutigen Prinzen von Battenberg ihrer deutschen Heimat entfremdet sind und mit den ehemaligen Herren der Grafschaft Battenberg in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen, so tragen sie doch den Namen eines alten Hinterländer Adelsgeschlechts, das im Mittelalter in den Kämpfen zwischen Hessen und Kurmainz eine bedeutsame Rolle spielte. Ein anderes altadeliges Geschlecht, die Freiherren von Breidenbach zu Breidenstein, die ehemaligen Grundherren des Breidenbacher Grundes, haben dagegen noch heute den alten Sitz ihres Geschlechts inne. Hier befinden wir uns in der interessantesten Gegend des Hinterlandes. Die ganz eigenartigen Rechtsverhältnisse, die hier bestanden und denen Stammler in seinem »Recht des Breidenbacher Grundes« eine fachmännische Darstellung gewidmet hat, waren bis vor hundert Jahren noch in Geltung und wirken in ihren wirtschaftlichen Folgen noch heute fort. Die bäuerliche Leibeigenschaft hat sich hier am längsten erhalten, und die dadurch geforderte und geförderte Inzucht ist auf die physische und moralische Entwicklung der Bevölkerung nicht ohne Einwirkung geblieben. Von den Herrn von Dernbach erschlug einer den Ketzerrichter Konrad von Marburg, während ein anderer in der Gegenreformation des Stiftes Fulda als Fürstabt von Fulda sich hervortat. Otto Ubbelohde, Blick auf das Biedenköpfer Schloß. So spiegelt selbst dieser kleine Bezirk die ehemalige unselige Zerrissenheit Deutschlands in zahllose Landesherrschaften getreulich wider. Hessen verdrängte schließlich die eingesessenen Grundherren und vereinigte die einzelnen Gebietsteile nach und nach in seiner Hand, aber die Abgeschlossenheit des Gebiets war das Hemmnis für eine gedeihliche Entwicklung; es wurde ein »Hinterland« und ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Seine eigentümliche Oberflächengestaltung war von jeher die hauptsächliche Ursache des geringen gegenseitigen Verkehrs der Bewohner, worunter das Land auch heute noch leidet. Die einzelnen Teilgebiete, die durch Höhenzüge geschieden sind, führen mehr oder weniger ein Sonderdasein; ihre örtlichen Interessen laufen denen benachbarter Ortschaften oft schnurstracks entgegen. Bei dem Mangel an Gemeinsinn unter der ländlichen Bevölkerung ist es verständlich, wenn die wirtschaftlichen Interessen der verschiedenen, von der Natur abgesonderten Gemeinden – beispielsweise in Verkehrsfragen – schwer in Einklang zu bringen sind. Die Querbahnen, die in jüngster Zeit gebaut wurden, erleichtern zwar den Verkehr nach Marburg, Gießen, Dillenburg und Herborn, aber für den Verkehr der Hinterlandorte untereinander haben sie keine Bedeutung. Die durch die politische Umgrenzung bedingte nordsüdliche Ausdehnung des Hinterlandes übt einen unverkennbaren Einfluß aus auf die wirtschaftliche Betätigung der Bewohner, die wieder in der Verschiedenheit der natürlichen Vorbedingungen des Gebiets begründet ist. Der südliche Teil, der zum Lahnbecken gehört, weist wohlhabende Bauerndörfer auf. Die Ortschaften des mittleren Teils haben mehr bäuerlichen Kleinbetrieb; sie liegen in engen Tälern, an deren Abhängen der Bauer seinen unsäglich mühevollen Feldbau betreibt. Die zur Landwirtschaft benutzten Bodenflächen sind meist zu klein, um den Bewohnern genügenden Unterhalt gewähren zu können. So ziehen denn im Frühjahr die Männer in Scharen hinaus in die Industriegebiete des Rheinlands und Westfalens, um dort als Bauhandwerker zu erwerben, was die Heimat versagt. Unleugbar hat sich infolgedessen der Wohlstand gehoben. Aber die lange Abwesenheit der Väter hat ihre bedenkliche Schattenseite; sie wirkt auf das Familienleben und die Kinderzucht ungünstig ein. Die Feldbestellung liegt hauptsächlich den Frauen ob, die unter der Last der Arbeit zusammenbrechen und früh altern. Die Hoffnung, daß die Eröffnung der Nebenbahnen Gelegenheit geben würde, bequem erreichbare Arbeitsstätten für die männliche Bevölkerung zu schaffen, hat sich bis jetzt nur zum Teil erfüllt. Im Winter blüht das Hausiergewerbe, ein hier seit langem heimischer Beruf. Als Strumpf- und Wollwarenhändler durchziehen die Männer den ganzen Westen Deutschlands. Die Mädchen finden im Sommer und Herbst lohnenden Verdienst auf den großen Bauernhöfen der Wetterau, wo sie wegen ihres Fleißes und ihrer Ausdauer besonders geschätzte Arbeitskräfte sind. Jedes Jahr um die Weihnachtszeit erscheinen die Agenten in den Dörfern, um die Arbeitsverträge für das nächste Jahr abzuschließen. Der Norden des Kreises ist, bis auf das fruchtbare Edertal, weniger bevölkert. Hier bilden die prachtvollen Laubwälder, die die Höhen bedecken und bis tief in die reich besiedelten Täler hinreichen, das Entzücken des Wanderers und bringen eine wohltuende Abwechslung im Landschaftsbild hervor. Die Bevölkerung zeigt in ihrem Wesen deutlich den hessischen Charakter. Zäh, verschlossen, am Alten hängend, fehlt ihr die geistige Beweglichkeit und Regsamkeit, die dem nassauischen Bauer eigen ist. Selbst auf landwirtschaftlichem Gebiet ist der Hinterländer kein Freund von Neuerungen. Der Ackerbau wurde bisher im großen und ganzen noch wie zur Altväterzeit betrieben. Erst in jüngster Zeit macht sich ein Streben zum Fortschreiten im landwirtschaftlichen Betrieb bemerkbar. Wenn man Feldvereinigungen vollzogen hat, Wasserleitungen baut, in steigendem Maße künstliche Düngmittel und landwirtschaftliche Maschinen verwendet, so beweist dies, daß man sich der Notwendigkeit nicht mehr verschließt, der Neuzeit auf diesem Gebiet Zugeständnisse zu machen. Man würde indes irren, wenn man von dieser Schwerfälligkeit auf einen Mangel an geistigen Fähigkeiten überhaupt schließen wollte. Die volkstümliche Kunst in Bauweise, Handwerk und Hausfleiß beweist das Gegenteil. Man beachte nur die Ausschmückung der Häuser mit den sogenannten Kratzmustern, die in den ehemaligen Ämtern Blankenstein und Biedenkopf sowie im Breidenbacher Grund am zahlreichsten verbreitet sind. Die Technik der Kratzmuster ist im einzelnen sehr verschieden. Der Vorgang an sich ist derselbe; in den feuchten, graugetönten Kalkbewurf werden mittels eines spitzen Eisens die Muster eingedrückt, dann mit Kalkbrühe, oft auch noch bunt bemalt. Technisch lassen sich zwei Verfahren unterscheiden: die Reliefmanier und die Strichelmanier. Bei dem ersten Verfahren wird das Muster dadurch erzeugt, daß es vertieft in den Bewurf eingedrückt wird, während bei dem zweiten Verfahren nur die Umrisse der Figur durch Striche angedeutet werden, die Oberfläche sonst aber unverändert bleibt. Die Strichelmanier ist offenbar die primitivere und weniger kunstvolle. Auch die künstlerische Behandlung des Gebälkes der Fachwerkbauten mit ihren Schnitzereien an Eckbändern und Riegelwerk bezeugt alte Wohnkultur. P. Dahlen, Kratzmuster von einem Hinterländer Bauernhaus Es handelt sich bei den schmückenden Zutaten nicht um überflüssiges Beiwerk wie etwa die Stuckornamente oder die Giebeltürmchen moderner Renaissancebauten. Vielmehr ist es für den künstlerischen Instinkt der Dorfbaumeister überaus bezeichnend, mit welcher Geschicklichkeit, oft ganz unbewußt, sie die konstruktiven Elemente zu dekorativer Wirkung gebracht haben und so wahre Schulbeispiele für die Wahrheit geliefert, daß ein zweckmäßiger, in sich wahrhaftiger Bau auch schön ist. Was dem Besucher des Hinterlandes am meisten auffällt, ist die Volkstracht, die in fast allen Dörfern noch getragen wird. Die Bevölkerung unterscheidet im Sprachgebrauch genau zwischen der einheimischen und der Marburger Tracht; jene heißt die »schwarze«, diese die »Hessentracht«. Dort ein einfarbig schwarzer Anzug, der den Eindruck düsteren Ernstes macht, hier eine lebensfrohe Buntheit an Jacke, Schürze und Rock; alles ist farbig bis zu den bunten Zwickeln in den Strümpfen und dem mit bunten Flittern und Perlen benähten und mit buntem Rand besetzten »Stülpchen« der spitzen Haube. Das Gemeinsame, das sich als das Kennzeichen der Hinterländer Tracht herausstellt, sind zwei ärmellose, hemdartige, ganz gleich geschnittene Gewandstücke, die als Ober- und Unterrock übereinander getragen werden. Beide, »Rock« und »Büffel«, trägt man in allen Dörfern, in denen die Hinterländertracht noch zu Hause ist. Doch kann man von zwei Unterarten der Hinderländertracht reden: der sogenannten »Ämtertracht« im ehemaligen Amte Biedenkopf und im südlichen Teile des ehemaligen Amtes Blankenstein und der »Grindschen Tracht«, wie sie im Breidenbacher Grund, also in den Kirchspielen Oberreifenhausen, Lixfeld, Simmersbach, Oberhörlen, Breidenbach und Wallau, üblich ist. Es fehlt im Hinterland nicht an Männern, die sich über die engeren Grenzen ihres Heimatsgebietes hinaus einen Namen gemacht haben. So ist Friedrich Diel bekannt als Begründer der wissenschaftlichen Obstkunde. Sein System ist heute noch in Geltung und dient allen pomologischen Werken als Richtschnur. Er brachte zuerst Ordnung in den Wirrwarr der Sortenbenennung. Sein Hauptwerk hat für die Pomologie dieselbe Bedeutung gewonnen, wie Linnés System für die Botanik. Über 30 pomologische Schriften hat er veröffentlicht, und die ersten Obstzüchter damaliger Zeit ehrten ihn dadurch, daß sie eine Birnensorte nach ihm »Diels Butterbirne« benannten. Diel, 1756 als Sohn eines Chirurgen und Arztes in Gladenbach geboren, starb 1839 zu Diez als Wirklicher Geheimer Rat. Das Weltbad Ems verdankt seinen Werken über Heilquellen und Thermalbäder hauptsächlich sein Aufblühen. Was Diel für die Obstkunde, bedeutet Hartig für die moderne Forstwirtschaft. Auch er ist in Gladenbach als Sohn des dortigen Forstmeisters 1764 geboren. Begründer der Forstlehranstalt zu Dillenburg, wirkte er bis zu seinem 1836 erfolgten Tode als Landoberforstmeister und Professor der Universität in Berlin. Auch Will, der Hofkupferstecher des Königs von Frankreich, des deutschen Kaisers und des Königs von Dänemark, Ritter der Ehrenlegion, der im Pantheon in Paris seine Ruhestätte fand, ist unmittelbar aus dem Hinterländer Bauerntum hervorgegangen. Seine hohe Kunst, von der zahlreiche prächtige Stiche Zeugnis geben, und seine Verdienste um die Wiedergabe und Verbreitung klassischer Bildwerke sichern ihm einen dauernden Platz in der Kunstgeschichte. Am Taunus Von Alfons Paquet Aus dem Tal der ziegelroten Stadt Geht die schwarze breite Straße Durch den Wald; sein Herbst umfängt mich still; Daß ich sanft in seinem Maße Dumpfer Stimmung lauschen will, Seiner Armut hager ohne Blatt. Staunend tret ich aus dem Holz. Berge nebeln fern ins Helle. Schnee verheißt der frische Wind. Wie vertraut ist mir die Welle Dieser Hügel, die die Heimat sind. Meine Narben machen weh und stolz. Vieles möcht' ich sagen diesem Land. Meine Seele sieht durch Jahreszeiten Wie die Sonne auf die Erde hin, Doch durch Maien und Dezember gleiten Tut mein Leben; Schaden und Gewinn Fügte ihm so manche fremde Hand. W. Mulot, Großer Feldberg. Die Reise nach dem Feldberg Die Taunusreise fällt in das Jahr 1811, da Cornelius aus seiner Vaterstadt Düsseldorf nach Frankfurt gekommen war, um von dort die Kunstfahrt nach Italien anzutreten. Von Peter Cornelius und Christian Keller Unter Furcht und Hoffnung, ob uns der Himmel günstig bleiben würde, bestiegen wir des Nachmittags die südliche Gebirgsstraße des Feldbergs, die uns von unsern Führern, deren wir zwei mitgenommen, angewiesen wurde. Diese, mit den Gefahren dieser wilden Berge bekannt, dienten auch zugleich, unsern nötigen Apparat und Proviant mitzunehmen, dessen man sich in diesen unbewohnten Gegenden wohl versehen muß. Das Gewitter hatte die Luft von der drückenden Hitze gereinigt, alles Grüne schien wie neuer Frühling der Erde entsprossen, und wie mit reinem Äther getränkt atmete jeder Halm und Blüte neues Leben und Wohlgeruch aus. Der Himmel ward immer heller und freundlicher. In Tälern, auf Wiesen und Blumen glänzte die Sonne in noch frischen Regentropfen tausendfärbig wider, und in tiefen Gründen rauschte der klare Quell unter kühler Wölbung durch Busch und Wiesen hin. – In so heiterer Stimmung von großer und erhabener Natur umgeben, die in reizenden Bildern wie lebendige Töne zu unserm Innern spricht und die äußere und innere Welt zu harmonischem Einklang verbindet, in solchen Momenten scheint die Muse auch dem Ungeweihten nicht ganz abhold zu sein. ...Aufwärts immer und himmelan! Es wird mir leichter um Herz und Brust. Immer steiler den Berg hinan, Immer näher des Himmels Blau, Wo ich atme und wo ich schau', Steigt die Bewunderung, wächset die Lust. Hoch und höher bis zu seinem Rücken; Endlich auf des Gipfels höchstem Rand. Staunend weilt das Auge mit Entzücken In der Räume unermeßnem Land. Über mir des Himmels lichter Bogen, Neben mir die Wolken spielend ziehn, Unter mir der Berge blaue Wogen Gleich des Meeres dunklen Wellen fliehn. Aus dem Westen glänzt in goldnen Reifen Fern der Abendwolke Purpurschein, Und es zieht in langen Silberstreifen Aus dem hohen Land der alte Rhein. Durch der Fluren blühende Gefilde Bildet er sich einen Hügelkranz, Und in seinem klaren Wellenbilde Spiegelt sich der Abendsonne Glanz. Ruhig seh' ich hier die Welt im Frieden, Tal und Wald liegt in der Dämmerung Schoß. Von der Tiefe bin ich abgeschieden, Fühle mich von allen Banden los. Nach der Ferne, ewig nach der Ferne Strebt des Geistes ungebundner Flug; Auf der Erden weilt er nicht mehr gerne, Und die Welt ist ihm nicht groß genug. So in Begeisterung vertieft, die sich bei jedem nur auf verschiedene Weise äußerte, hatten wir des Berges höchsten Gipfel erreicht, der sich oben in geräumiger Ebne verbreitet. Unser Gesichtskreis erweiterte sich nun nach allen Gegenden, die wir im Aufsteigen nur in zwei Richtungen, nach Süden und Westen, im Auge hatten. – Ein unbekanntes, wunderbares Gefühl, das sich in Staunen und heiliger Bewunderung der unendlichen Größe eines allwirkenden Geistes aller Welten äußert, ergreift das Gemüt beim Anblick dieser unermeßlichen Aussicht. Die Welt schwebt unter uns in verworrenen Formen, aber alles löst sich in großen Massen wie in goldnen Duft und Nebel auf. Wie im Regenbogen schmelzen in Licht und Glanz die farbigen Töne des fernen Horizont und vermählen sich mit den Strahlen des lichtblauen Himmels, eine Welt ohne Grenzen dem Auge, wie dem Geiste der Gedanke an die Unendlichkeit! – Auf die heroische Gesellschaft hatte diese Naturveränderung die herrlichste Wirkung. Mit unglaublicher Leichtigkeit bewegte sich alles auf dieser luft'gen Höhe, und jeder fühlte sich in dieser Sphäre wie neugeboren. Der überstandenen Mühe war beim Anblick dieses außerordentlichen Schauspiels der Natur vergessen, und wir selbst hätten uns am Ende in der Idee mit den Bewohnern jener obern Regionen verwechselt, hätte nicht der Magen an unsre irdische Existenz erinnert, welcher über diese geistige Disposition seine höchste Unzufriedenheit äußerte und jetzt mit so größerm Ungestüm sein ursprünglich Recht behauptete. Unbemerkt hatte sich die Gesellschaft ein günstig Lokal zu diesem Beruf ausgewählt, bei welchem die beiden Maler, durch malerische und poetische Betrachtung vertieft, sich zuletzt einfanden. Hinter hohen Felsen gegen Schutz und Trutz gesichert, lag die Heldentruppe in den schönsten Gruppierungen auf Stein und Moos gelagert. Einfach, ohne Zeremonie, wurde der Tisch auf eigne Faust zubereitet, ohne alles Gepräng und Gerät häuslicher Wirtschaft und andrer kleinen Bedürfnisse lebte jeder wie an Jupiters Tafel vom ambrosischen Duft des köstlichen Nektars bewirtet und sich und der Welt vergessend in frohem Genuß der heitern Gegenwart. Übrigens bleibt es ausgemacht, daß man mit vollem Magen mehr Empfänglichkeit für alles Schöne hat als mit leerem. Daher scheint, daß die Poeten, nämlich die hungrigen, bloß die Natur verderben; denn das Vollkommene erkennt sich nur in der Vollkommenheit wieder. In unserm Kreis wachte die Lust und Kraft mit immer neuen Schwingen. Im Angesicht des herrlichen Rheins ward man seiner Gaben doppelt froh; im ganzen Kreis äußerte sich die schönste Gemütseinheit und Kordialität, die durch das Romantische unserer Lebensweise noch einen höheren Schwung erhielt. Unsere Damen selbst wetteiferten nach alter Sitte, diese Nomadenzeit durch ihre Gegenwart zu verherrlichen. Unter Freude und Scherz wurde der goldne Wein spendiert und aus lieblichen Händen zum Nektar geschaffen. So führten wir im Augenblick sogar die holde Minnezeit zurück, die uns durch die Umgebung von alten Burgen und Türmen um so mehr in ihre Wirklichkeit versetzte, ja uns ganz in der Idee von allen Verhältnissen getrennt, ein älter Geschlecht in neuer Zeit zu bilden bestärkte. Früher, als wir es alle gewünscht, erinnerte die untergehende Sonne an den Abschied aus unserm Olymp (so möchte ich diesen Aufenthalt für sterbliche Bewohner nennen), denn jeder fühlte mehr denn je den göttlichen Funken durch die Nähe des Himmels in sich glühn. Was Wunder, wenn wir uns provisorisch für Götter selbst gehalten und wie diese mit Stolz auf die kleine Welt und ihre Bewohner herunter gesehen. Aber zu solchem Übermut kam es nicht, vielmehr hätten wir sie alle zu uns heraufziehn und jedem sagen mögen: »Kommt und folgt unserm Beispiel!« Nun hob sich die Gesellschaft mit neu gesammelten Kräften zum Aufbruch, deren sie, wie die fernere Geschichte unsers abenteuerlichen Rückzugs erweisen wird, sehr benötigt war. Allein nichts weniger als solche schreckliche Gefahren ahnend, ergötzten sich unsre Herzen an dem herrlichen Schauspiel des Sonnenuntergangs. Während um uns her schon alles in tiefer Dämmerung ruhte, weilte sie noch mit ihren letzten Strahlen auf des Berges Spitze und winkte uns ihren Abschied zu, den unsre Hüte noch immer in hoher Luft erwidernd auffingen, bis sie endlich auch ihren Kreisen entschwunden war. Ein allgemeines Lebewohl wie beim Abschied aus der Heimat tönte hinab durch die Lüfte; es galt prophetisch dem Vaterland unsrer beiden Autoren! R. Biringer, Oberreifenberg, der höchste bewohnte Ort im Taunus. Der einbrechenden Nacht soviel wie möglich auszuweichen und durch nähere Wege zu unserm Lager zurückzukehren, wählten unsre Führer den kürzesten, aber zugleich gefährlichsten Weg. Unter Scherz und Gespräch und allen Äußerungen der Fröhlichkeit traten wir unsere Rückreise an. Jede Dame empfahl sich ihrem Ritter in Schutz, welchen, durch ihr ritterlich Amt verpflichtet, sie nach allen Kräften auszuüben, sich erboten. Unser Pfad war durch den Schein der Abenddämmerung noch hinreichend erleuchtet, und wir gedachten ohne große Beschwerde unsre Wohnung zu erreichen. Allein die Änderung der Lage brachte bald eine andere Wirkung hervor. Ein enger, schmaler Pfad, von Bäumen und dichtem Gesträuch bewachsen, leitete uns immer tiefer in die Gebirgsschlucht, wo sich mit jedem Schritt die Dunkelheit vermehrte. Vom mittägigen Gewitterorkan hatten sich Fels und Erdschollen von den schroffen Bergwänden losgerissen und in ihrem verheerenden Sturz den ohnehin gefährlichen Talweg verschüttet. Über Klippen und Abgründe mußte jeder seine Dame wie durch den Orkus tragen und mit Lebensgefahr sich neuen Weg bahnen. – Bei solchem unzulänglichen Pfad, bald über Felsen und aufgewühlte Baumstämme, bald durch verborgne Hohlwege oder angefüllte Wasserschlünde, war es trotz aller Anstrengung und Sorgfalt doch nicht zu verhüten, die zarten Füße der Damen vor allen möglichen Übeln zu beschützen, da sie mit so vielem zu kämpfen und zu ringen hatten. Demungeachtet hörte man keinen Laut von Klage äußern, vielmehr stieg ihr Mut mit ihren Kräften in gleichem Grad und gaben bei dieser Gelegenheit ein seltenes Beispiel weiblicher Entschlossenheit und Ausdauer, die unser Geschlecht ihnen nicht freiwillig zugesteht. Mit Riesenkräften hatten wir uns endlich durch diese furchtbare Wildnis ins Freie gearbeitet, wobei aber noch nichts weiter als etwas Licht gewonnen war, um jedem Hindernis bequemer ausweichen zu können. Frankfurt, ein Lebensgebiet Von Alfons Paquet Die von der Schweiz nach den Niederlanden gerichtete Linie des Rheins teilt sich da, wo der Main in sie mündet und stark genug daherfließt, um den Rhein auf eine kurze Strecke in seinen Weg zu zwingen, gabelförmig. Die eine dieser beiden nach Norden weisenden Senken setzt sich im Strom selber fort, die andre weist nach Hamburg. Sie ist eine der großen Schnellzugsstrecken. In der ganzen Welt gibt es keine Linie, die bei ihrer verhältnismäßigen Kürze von einer so dichten Reihe von Hochschulen besetzt wäre; ein untrüglicheres Zeichen gesteigerten Lebens ist kaum zu denken; an ihr liegen, mit Basel beginnend, die Universitäten und Hohen Schulen von Freiburg, Karlsruhe, Heidelberg, Mannheim und Darmstadt, dann Frankfurt, Gießen, Marburg, Göttingen, Braunschweig, Hannover und Hamburg. An der Stelle aber, wo Rhein und Main einander begegnen, liegt der seit altgeschichtlicher Zeit bedeutende Landstrich der fränkischen Erde mit Frankfurt selber in der Mitte. Diese einst Freie Reichsstadt bewahrte ihre alte stadtstaatliche Selbständigkeit bis zur Annexion durch Preußen; ihre ehrwürdigen Hoheitsrechte waren wie die von Köln ein letzter Überrest mittelalterlich selbständigen Städtewesens im Rheintal, das einmal im rheinischen Städtebund seinen Weg zu einer kräftigen demokratischen Staatsform gesucht hatte. Die Politik des freien Frankfurt, dem es an kriegerischen Neigungen durchaus gebrach, ist immer ein wenig die des hausväterlichen, klugen, welterfahrenen Kaufmanns gewesen. Niemals seit den Söhnen Karls des Großen war Frankfurt der Sitz oder das Eigentum einer der zahlreichen deutschen Dynastien, dennoch sah diese Stadt mehr politisches Getriebe in ihren Mauern als irgendeine des innern Europas. Sie hat den Dreißigjährigen und den Siebenjährigen Krieg überdauert, ohne zerstört zu werden. Frankfurt war, was es als Verkehrsstadt und als Hauptstadt eines großen Wirtschaftsgebietes noch heute ist, schon vor einem Jahrtausend. Der Dom und der Römer zu Frankfurt waren der Schauplatz glanzvoller Kaiserkrönungen, wichtiger Reichstage, großer politischer Zusammenkünfte. Das Mainufer mit seinen Speichern, Kranen und Gewölben war Jahrhunderte hindurch der berühmte Ort der Frankfurter Messe, die zweimal jährlich die Handelsleute aus allen Enden Europas versammelte. Aus Franken und Sachsen, aus den Niederlanden wie aus der Schweiz sowie aus dem Elsaß und Lothringen brachten Planwagen und Lastschiffe die Gütermengen nach Frankfurt und führten sie nach Ende der Messe in neuer Verteilung nach allen Richtungen der Windrose, nach England, Italien, Böhmen und Polen davon. Mitten in dem bunten Treiben dieser Gütermesse lagen die Gewölbe und Stände der Buchhändler und Drucker. Schon wenige Jahrzehnte nach Erfindung der Buchdruckerkunst stand Frankfurt an der Spitze des europäischen Buchhandels. Peter Schöffer, Christian Egenolff, Siegmund Feyerabend, Andreas Wechel, Matthias Merian, das sind nur wenige aus den Namen jener großartigen Zeit. Das erste Volksbuch mit der Sage vom Doktor Faust erschien in Frankfurt um 1587, und noch im 17. Jahrhundert war die Büchererzeugung der Mainstadt mit ihren zahllosen Auflagen gelehrter Folianten und volkstümlichen Streit- und Flugschriften unermeßlich. Von seiner vielseitigen und überragenden Bedeutung für das Buchgewerbe ist Frankfurt in den spätern Jahrhunderten herabgestiegen; heute zeigen seine stark beschäftigten graphischen Gewerbe, denen eine Anzahl bedeutender Buchverlage zugehört, einen Wiederaufstieg. Einige der großen, neuzeitlichen, über die Welt bekannten Schriftgießereien des heutigen Frankfurt gehen übrigens in ihrer Wurzel noch bis in das mittelalterliche Frankfurt zurück, das den Druckern bis nach Holland und Italien seine schöngeschnittenen Bleibuchstaben lieferte. Man wird sich daran gewöhnen müssen, das ganze Stromgebiet des Rheins von Rotterdam bis an den Bodensee als eine natürliche Einheit zu erkennen. So wie die einzelnen Landschaften dieses Gebiets durch den Strom, der sie verbindet, zur Großlandschaft zusammenwachsen, so wachsen aber auch ihre wirtschaftlichen Einzelgebiete langsam zur größern Einheit zusammen. Am dichtesten besiedelt und vom größten Schwergewicht ist der Bereich der auf Kohle und Eisen gegründeten Industrien, der sich von Westfalen über den Rhein bis an die Mündung der Schelde erstreckt. Die jüngste dieser Einheiten wächst am Oberrhein empor, sie reicht von Basel bis zum östlichen Zipfel des Bodensees; ihre kommende Bedeutung stützt sich auf die Wasserkraftwerke dieses Oberrheins mit seinen neuen elektrochemischen Industrien. In der Mitte aber liegt das mittelrheinische Wirtschaftsgebiet mit seinen Ausläufern an Main und Neckar. Es umfaßt die Ufer des Rheins von Biebrich-Wiesbaden bis Ludwighafen, es umfaßt die Mainebene von Mainz bis Hanau und den Neckar aus dem Winkel von Mannheim heraus bis Heidelberg. Diese von Flußschiffahrt und Eisenbahnen belebte Fläche ist das Gebiet eines gewaltigen Umschlaghandels und hochentwickelter fertigverarbeitender Industrien, deren wissenschaftliche Grundlagen vor allem Chemie und Mechanik sind. Und in der Mitte jener noch jungen Industriegründungen am untern Mainlauf, die sich von Gustavsburg über Rüsselsheim und Höchst bis Offenbach mit seinen hundertfünfzig Lederwarenfabriken und bis zur Goldschmiedestadt Hanau fortsetzen, liegt Frankfurt, die Fabrikstadt. Die Industrieviertel dehnen sich an den Flanken der alten Stadt mainaufwärts bis zur Mainkur, mainabwärts bis nach Griesheim und Höchst; sie umfassen jene chemischen Werke, deren Farben in den Kleidern der ganzen Welt bis in die Tiefen Chinas und Südamerikas hineinleuchten. Frankfurt hat seine eignen Industrien spät gegründet; es hat den Weg zur Industrie zuerst über die bankmäßige Industriebeteiligung seiner Geldinstitute beschritten. Es hielt vor allem seine alte Bedeutung als Handelsstadt aufrecht und fand erst durch die sich immer weiter ausbreitenden, zu einem wahren Weltnetz ausgesponnenen Beziehungen seines Metallhandels den Weg zu den Werkstätten selber. Dasselbe Frankfurt, das vor hundert Jahren noch die Stadt der weltgebietenden Börse und der wichtigsten Bankhäuser des europäischen Festlandes war, kehrte nun zu seinem Boden zurück und wurde zum Standort wichtiger Industrien. So ist es Handels- und Arbeitsstadt zugleich geworden; seine berühmten Oberbürgermeister, Miquel und Adickes, haben früh die Bedeutung des Mainweges zwischen Rhein und Donau erkannt und allen Einfluß der Stadt aufgewandt, um den Ausbau des Mains zur modernen Schiffahrtsstraße zu fördern; sie haben durch die Anlage des Westhafens und des noch vor dem Kriege vollendeten Osthafens die beträchtliche Entwicklung vorweggenommen, die unser Zeitalter der binneneuropäischen Kanalpolitik einleitet. Die Namen der Rothschild, Bethmann, Passavant, de Neufville gehören heute zum Teil schon dem alten historischen Frankfurt an, mögen auch einzelne von ihnen noch in gesunden Zweigen fortleben. Neben der ansehnlichen Zahl seiner alten und jüngern Privatbanken sind jetzt auch alle die Großbanken Deutschlands mit dem unpersönlichen steinernen Stil ihrer Paläste an den Straßenzügen des modernen Frankfurt vertreten; die großen Konzerne des Metallhandels ordnen sich um die von Wilhelm Merton gegründete Metallgesellschaft, um die Veer-Sondheimer-Gruppe, um Adler jun. Die Fahrradwerke, Telephonfabriken, Apparatebauanstalten bauen ihre Arbeitsorganismen auf Metall und Mechanik; ihr Zeichen ist die Drehbank. Wie am westlichen Ende der Stadt, so entstanden auf dem neu geebneten Gelände des Osthafens Mühlen, Fabriken, Kontorhäuser und Lager. Dieses von breiten, proletarischen Stadtgürteln eingeschlossene, von den Dämpfen seiner Fabrikschornsteine umzogene Frankfurt mit seinen fast zum Gürtel gewordenen Bahnanlagen und seinen zahlreichen Bahnhöfen, die den siebenundzwanziggeleisigen Hauptbahnhof entlasten, vollzieht an sich selbst immerfort den Umschwung in einen Hamburg verwandten Charakter. Unzerstörbar in seinem sachlichen Ausdruck, tritt diese Stadt in die Reihe jener neuen Städte mit alten Namen, die am Bande des Rheins ihren modernen Zusammenhang immer deutlicher spüren: zu Rotterdam, Köln und Basel. Das Rheintal war einst der Weg der Mittelmeerkultur in den Norden, es war die Wiege der germanisch-romanischen Zivilisation, der Grundlage des europäischen Lebens. An dieser großen, nordsüdlich gerichteten Kulturstraße tat Frankfurt als Ort der Messe und des Bücherhandels seinen unvergeßlichen Dienst; als Bank- und Wechselplatz fand es seinen Vorteil in der Mitte zwischen den wichtigsten Plätzen Europas und im Wechsel der Epochen. Europäische Veränderungen haben begonnen, die Bedeutung des Rheintals zu ändern. Das Rheintal wird heute als eine der wichtigsten Verbindungen des Weltmeeres mit dem Binnenlande verstanden, und auch in dieser noch nicht abgeschlossenen Umstellung, die allen Strömen, Hafenorten und Binnenplätzen Europas einen neuen Stil gibt, findet Frankfurt ohne weiteres seinen Platz. Im Absterben der alten Messe, im Verfall des alten Römischen Reiches Deutscher Nation, im Aufstieg des kapitalistischen Zeitalters, in den Rückwirkungen des Weltkrieges hatte diese alte Stadt ihre Nöte wie alle, aber ihr Lebenswille blieb ungebrochen, sie erwies sich als wandelbar genug, um weltbürgerlich zu sein wie die großen Dichter und Maler, die die innern Kräfte des Bodens dieser Stadt verkörperten. Frankfurt verdankte der Geschicklichkeit, dem Einfluß und der Fürsprache seiner bedeutenden Kaufleute und Bankherren die politische Freiheit bis in unsre Zeit hinein und seinen oft etwas gravitätisch zur Schau getragenen Wohlstand. Etwas von jener Großzügigkeit drückt sich in dem alten Sprichwort aus, daß Frankfurt gewohnt sei, vierspännig zu fahren. Die Einsicht in die unzerstörbaren Möglichkeiten des Ortes und die Forderungen des Handeltreibens brachten unmittelbar nach dem Kriege die Frankfurter Messe in neuen Formen zum Entstehen. Dieses Wiedererstehen der Messe rechtfertigt das Erinnern an die alte, die einst aus dem juristischen Vorzug des kaiserlichen Privilegs neben dem geographischen ihre Gewinne zog. Die werkbundmäßigen, künstlerisch strengen Gebäude der Messe, ihre Plätze und Hallen, auf Turmhäuser und Säulengänge eingerichtet, beginnen dem Gesicht der Stadt einen neuen Zug einzufügen. Das Geheimnis in diesem Gesicht des heutigen Frankfurt ist der Wettstreit der schwarzen und der weißen Kohle. Frankfurt liegt auch hier auf der Linie der Übergänge. Bis zum Main herab wirkt die wirtschaftliche Nähe des niederrheinischen Kohlengebiets, aber auch die im Süden Deutschlands erschlossenen Wasserkräfte senden ihre Ausstrahlungen bis hierher, man erinnert sich des klassischen Versuchs der Frankfurter Elektrizitätsausstellung von 1890, die Energie der Stromschnellen bei Lauffen bis nach Frankfurt zu führen. Die neue Frankfurter Messe ist gewiß von der alten so verschieden wie die Neuzeit selber vom Mittelalter; aber ihre Bedeutung ist dieselbe. In der systematischen Anlage ihrer Einzelgebiete, in der technischen und architektonischen Einkleidung des Ganzen, im Ausstreuen ihrer Vertretungen über die Welt, in der Schaffung fester Arbeitsgemeinschaften mit Hamburg und mit den Handelsorganisationen des Auslandes hat sie manches Vorbildliche geschaffen, sie ist zu einem der Pioniere des kämpfenden deutschen Wirtschaftslebens geworden; welches wird ihre Rolle in der jetzt anbrechenden Epoche der Ausbeutung Deutschlands durch das amerikanische Weltkapital sein? Neues nationales Leben kündet sich im Westen des Reiches an, begleitet von neuen internationalen Beziehungen. Die stürmische Industrieentwicklung der neunziger Jahre schien auch Frankfurt mit der Gefahr zu bedrohen, eine Allerweltsgroßstadt zu werden. Wuchtigen Neubauten, brutalen Durchbrüchen fiel manches kostbare und unersetzliche Baudenkmal einer reichen Vergangenheit ohne innere Nötigung zum Opfer. Diese chaotische Entwicklung hat aufgehört. Frankfurt bewahrte im jähen Auf und Nieder der Wirtschaftskurve seine Bedeutung als einer der großen Brennpunkte der europäischen Wirtschaft; es verlor trotz allem nicht seine Eigenart, es vertieft sie eher. Man sehe nur, was eine Handvoll tatkräftiger Männer in wenigen Jahren aus dem einst verachteten, von gänzlicher Verunstaltung bedrohten Kern der innern Stadt gemacht haben: eine Augenfreude, ein Gewoge wie von bunten Schiffen und Barken um den roten Sandsteinfels des Domes, dessen schöner Turm mit der gedrungen ästigen Spitze hoch in die Schluchten niederschaut. Daneben eine Fundgrube künstlerischer und kunstgeschichtlicher Entdeckungen. Frankfurt, die Großstadt, hat den Vorzug eines organischen Wachstums, den ihr das räumige und leicht gewellte Gelände der Ebene vor den Höhen des Taunus gewährt. Man kann in dieser Stadt nur die drei Straßenzüge großstädtisch nennen, die an der laut umbrandeten Hauptwache zusammenstoßen. Alles übrige trägt das Gepräge einer gemächlichen, fast passiven Lebensentwicklung. Die Kontorgebäude dieser Handelsstadt liegen nicht in einer lärmenden City, ihre Fabriken nicht in stinkenden, vernachlässigten Vororten. Die meisten ihrer Arbeitsstellen liegen an ruhigen Straßen und im Grünen. Ihre Bevölkerung erneuert sich stetig aus den dörflichen und kleinstädtischen Bevölkerungen der benachbarten Landschaften, aber in ihrem ganzen Ausdruck, bis in den der Sprache hinein, ist sie einheitlich. Das kommt daher, daß Taunus, Odenwald, Rhön und Spessart, die Frankfurt in der Weite umkränzen, ihrer Staatlichkeit nach zwar preußisch, hessisch und bayrisch sind, aber alle diese Gebiete denselben Typus des fränkischen Menschen hervorbringen, der ja mit dem Typus des abwärtigen Rheinlands am nächsten verwandt ist. Über diesen breiten, bodenständigen Massen des Alt- und Neufrankfurtertums und in sie hineingewoben ist die kosmopolitische Schicht der Besitzenden und Eingeweihten, deren Aufmerksamkeit auf die Sachen des Geldes und der Fernbeziehungen ebenso unerschütterlich ist wie auf ihre Bereitschaft, sich in Neuyork und London wie auf dem eignen Boden zu bewegen. R. Biringer, Nied. Geschichte. R. Biringer, Schloß Biebrich. Durch die nassauische Geschichte Von Albert Henche Wie dem Lande, das den Namen Nassau trägt, ein beherrschender Mittelpunkt in der Gestaltung seiner Oberfläche fehlt und diese zum mindesten zweigipflig angeordnet erscheint, so mangelt auch dem Menschentum, das sich unter jenem Namen gesammelt hat, von Anfang seines staatlichen Werdens an der beherrschende und überragende Zentralpunkt, nach dem sich die staatliche Entwicklung hin orientieren könnte. Dezentralisation war daher das natürliche, Zentralisation das künstliche Entwicklungselement in der nassauischen Geschichte; das Widerspiel dieser beiden Kräfte aber wurde weder durch die sich führend durchsetzende Macht eines Mannes oder eines Territoriums, noch durch die zu einer Einheit strebende Zwangsläufigkeit eines durchschlagenden kulturellen oder wirtschaftlichen Prozesses zum Ausgleich gebracht. Die dynastischen und territorialen Belange richteten durch Teilungen und Absonderungen vielmehr stets neue Grenzen auf, die dann sich verhärtende Eigenbrötelei und ihre sorgsam gepflegte oder gewohnheitsmäßig gehegte Überlieferung ständig eifersüchtiger und eigenwilliger bewachte. Die großen Persönlichkeiten aber, an denen die nassauischen Länder durchaus nicht arm waren, fanden entweder in dem Umfang des kleinstaatlichen Betriebes und angesichts der beschränkten Mittel ihrer Heimat nicht die notwendige Auswirkung ihrer Arbeitsenergie, oder sie trugen diese, da ihr der enge Raum des eignen Staatslebens keine dem Persönlichkeitswert entsprechende Aufgaben zu stellen vermochte, über die Grenzen des Nassauerlandes hinaus in den Dienst größerer Staaten. Es mag als Tragik gewertet und gedeutet werden, daß der große Nassauer zu keiner Zeit Gelegenheit oder Verständnis für ein großes Nassau fand oder suchte. Der oranische »Schweiger« stand auf dem Boden eines fremden Staatsgeschickes, als er den Weg des Ruhmes ging, der Westerwälder Melander erlebte die Bestimmung seines Daseins im Kampf weltgeschichtlicher europäischer Gegensätze, der große Stein aber kannte in seiner nationalgeschichtlichen Majestät »nur ein Vaterland: das ist Deutschland«. Ohne Beispiel ist das Bewußtsein des Moritz von Oranien, daß ein Westerwälder sein: »ein doppelter Deutscher sein« heiße. Und dabei beweist gerade auch dieses Wort des Heimatstolzes, daß die Heimat zwar innerhalb der nassauischen Lande, nicht aber innerhalb eines solchen Staates gesucht und geliebt war. So haben Land und Staat und politische Persönlichkeiten Nassau nicht zu einer Einheit formen können, und ebensowenig das Heimatgefühl der vielen. Da es aber nicht zu einer solchen Formung kam, deshalb waren alle jene Gegensätze und Unstimmigkeiten der nationalgeschichtlichen Entwicklung auf nassauischem Boden und innerhalb der nassauischen Territorienentwicklung besonders ausgebildet. In Kleinformen, die aber verhältnismäßig nicht geringere Wirkungen hatten, verliefen, in engeren Kreisen und mit schwächeren Energien sich bekämpfend, die alten Gegenkräfte der deutschen Geschichte. Aber deshalb war der religiös-konfessionelle Widerspruch nicht leichter zu lösen, weil er auf nassauischer Erde zum Ausdruck gelangte; darum der absolutistische Gedanke nicht weniger anspruchsvoll, weil er auf Schlössern nassauischen Landes gehegt wurde; deswegen der revolutionäre Trotz nicht berechtigter, weil rheingauische Bauern oder Idsteiner Bürger ihm zuneigten. Im Ausmaß seiner Verhältnisse nahm Nassau an all jenen gesamtdeutschen Gegensätzen der Geschichte unseres Menschentums teil, und, wie es dadurch dauernd Teilhaber, nur selten Nutznießer der großdeutschen Schicksalsgemeinschaft blieb, so trug es auch die Lasten dieser Tatsache in ihren Leiden und Kämpfen, Wirrnissen und Ohnmächten der Uneinigkeit doppelt! Ja, auf dem kleinen Boden, um den und auf dem hier die Gegensätze ausgetragen werden mußten, war der Streit hitziger und der Zweck kleinlicher. Dabei aber konnte sich kein Grundsatz und seine Erscheinung mit ihren beschränkten Mitteln in derartig einseitiger Gewalt und siegreich durchsetzen, daß nun etwa aus den Gegensätzen eine erzwungene oder gewünschte Einheit entsprossen wäre: auch der Kampf der Widerstände hat nicht das einheitlich-einige Nassau durch Blut und Eisen oder Vertrag und Vernunft geschaffen. Die schließliche Vereinheitlichung der nassauischen Territorien erfolgte keineswegs aus dem organischen staatsgeschichtlichen Wachstum oder der Vernunft politischer Notwendigkeiten, sondern durch den Zufall dynastischer Vererbung oder den Zwang auswärtiger Machtfaktoren, und deren Interesse war Anreiz der Geschehnisse. So ist in der Tat, formalgeschichtlich betrachtet, der spätere Staat Nassau nur ein künstliches Gebilde gewesen, eine Organisation, kein Organon. Sollen wir Nassauer deshalb die Augen niederschlagen, Schuldige aus Unkraft? Es ist ein Trost, daß Sinn und Wert unserer Geschichte sich nicht in formalpolitischen Erwägungen erschöpften, daß ihr Wesensgehalt nicht erstarb, als sie in die größere Entwicklung des Staates aufging, der ihren äußerlichen Abschluß auf immer vollzog, indem er ihre innere Kraft zu steigern als Aufgabe übernahm. Der politische Gehalt, den die nassauische Geschichte birgt, ist deshalb mit Nassaus Aufgehen in Preußen nicht überwunden, weil er nicht allein an den negativen, sondern sogar in ganz augenfälligem Grade auch an den positiven Ideen und Tatsachen, Hoffnungen und Notwendigkeiten teilnahm, die sowohl den Weg als auch die Vollendung des größten Gedankens der gesamtdeutschen Geschichte bestimmten, den eines nationalen Zusammenschlusses. Durch die Kleinstaaterei in dem Umkreis nassauischen Volkstums erwachte hier früh, wenn auch unter der Decke der Theorien, der Wunsch nach festerem Zusammenhalt. Die Schikanen der Zollpolitik, die Beengungen durch dynastische Einstellung und herrschaftliche Selbstherrlichkeit, die Fesseln des »cuius regio – eius religio« -Zwanges und alle die ungezählten täglichen Erfahrungen der bunten Zerfahrenheit des Volkes in ständischer, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht – die sich kreuzenden Belange mehrerer Dutzend Regierungen, die gesamtherrschaftlichen Verwirrungen von der Ganerbenburg bis zur drei- und vierherrischen Landeshoheit mit ihren vielseitigen und mehrstelligen Ansprüchen an die Untertanen: alles dies ließ auf dem Mosaikboden der Herrschaften den Wunsch nach einer Herrschaft entstehen. Da man sie aber in den Grenzen des »Ländchens« nirgends fand, suchte man sie schon früh jenseits der Pfähle – ohne sie deshalb auszureißen – im Vaterland. Der Reichsgedanke hat so in Nassau eine starke, nicht genug gewürdigte Wurzel: von der Theorie des Freiherrn von Kruse und Gagerns bis zu dem Tatwillen des Holzappeler Grafen und des Nassauer Freiherrn, von dem Sehnen des Dichters bis zum begründenden Beweis W. Hrch. Riehls. Gerade weil die Kleinstaaterei ihre Unvollkommenheit so deutlich hier zur Schau trug, daß ihr Jammer, wie bei Ems, von einer einzigen Lahnbrücke zu beschauen war, drängte sich die politische Hoffnung auf Großformen, letztlich zum Reichsgedanken wenigstens in die Überzeugung der besten Nassauer. Und ferner: niemals hat trotz großer Macht in der nassauischen Geschichte der Gedanke der Staatsautorität den der Volksbedrängung ausgelöst. Wie schon das System der Leibeigenschaft gerade auf dem heimatlichen Boden oft durchbrochen war, hat sich früh im Gefolge volkseigentümlicher Sinnesart und fortschreitender Allgemeinkultur das Verlangen der Freiheit mit der Notwendigkeit der Regierung in vorwiegend freundlichem Ausgleich in den kleinen Herrschaftsbezirken gepaart. Von dem volkstümlichen Verhältnis zwischen Fürst und Volk zur Zeit des patriarchalischen Absolutismus bis zur Tatsache der ersten neuzeitlichen Verfassung in Deutschland ist Nassau den politischen Radikalismen aus dem Wege gegangen. Daher sind denn auch die Kräfte der politischen Energie in Strömungen und Gestaltungen allgemeingeschichtlicher Art in der Heimat in erfreulicher Besonnenheit zur Auswirkung gelangt, vom Bauernkrieg bis zum Tollen Jahr – ja bis heute. Doch weiter: Der Übergangscharakter des Landes bedingte den Zwang, wohl auch den Willen zu immer mehr sich entwickelndem Verständnis der Gegenseitigkeit aller politischen Handlungen – im Schlechten wie im Guten. So sind denn die Versuche des Verstehens im Nassauischen nicht alle geworden, von den materialistischen Erbverbrüderungen der Hausinteressen bis zu Gagerns Versöhnungsreise 1848 auf dem Boden einer ethischen, einer Idealpolitik; von dem Aufnehmen und Weitergeben in der heimatlichen Literatur bis zu den Ausgleichen in unserer Baukunst alter und neuer Zeit. Verstehen aber heißt politisch nichts weniger als Kampf für das Recht. In keiner Landesgeschichte spielt er, wenn auch in kleinen, oft kleinlichen Dingen, eine größere Rolle als in der unsrigen. Und schließlich: Heute ist gewiß die Form unserer Heimatgeschichte zerbrochen, aber ihre Mission ist noch lange nicht erfüllt. Aus dem Wesen und den Kräften, den Lehren und Wirkungen der heimischen Vergangenheit sind mehr als Schattenbilder schönen oder unschönen Gewesenen in die Geschichte der Jetztzeit mitgewandert. Die Frucht der nassauischen Geschichte ist vielmehr im Rahmen der preußischen Staats- und der gesamtdeutschen Reichsgeschichte eine überaus lebendige, realpolitische Kraft und gegenwärtige Notwendigkeit geworden. Der Gedanke des Ausgleichs, die Idee der Freiheit, die Tatsache der Großformen und die Notwendigkeit, neben der Reichs- die innere Volkseinheit zu schaffen, schöpfen auch im Umfang größerer Deutschheit als sie das Nassauerland je erreichen konnte, belebende Erfahrungen aus unserer Heimatgeschichte mit ihren vergangenen Ereignissen und Gestalten. Doch den politisch-historischen Wert erhält der Nassauer und sein Land, dessen hoher Kultur ein Großstaat die Macht gab, erneut zu werden und zu wirken, heute vorwiegend durch zwei nüchterne Tatsachen: Nassau ist mit seinen rheinischen Brüdern der nationaldeutsche Hüter der westlichen Grenzmark, und Nassau ist mit seinen rheinischen Brüdern der Vorposten Preußens am Strom der Gefahr und Entscheidung. – Beide Aufgaben erfüllt aber unser Heimatland in folgerichtiger Fortentwicklung seiner eigenen Geschichte, deren reifster Sinn und Wert durch jene politisch erhöht, bereichert und vertieft wurde. Wenn Nietzsche mit wahrer Symbolik es ausspricht, daß auf den Gefällten das Leben stehe, so ist das nassauische »Stirb« in wesenhaftem Sinne heute zu einem »Werde« geworden für die unvergängliche Wertung und Bedeutung des heimatgeschichtlichen Mikrokosmos in dem Makrokosmos der vaterländischen Politik. Ria Volland, Nassauische Städtewappen: Biebrich, Rastätten, Beilstein. Die Landnahme Nassaus durch seine Bewohner geschah nicht in geographisch einheitlicher Form. Ganz allmählich wurde die gesamte Landfläche in den Kreis menschlicher Belange und Kulturarbeit gezogen, und es vergingen lange Zeiträume, die wir in die Grenzen der letzten fünf Jahrtausende vor Christi Geburt zu bannen versuchen, bevor auf der nassauischen Heimaterde langsam vordringende Seßhaftigkeit die schwärmenden Wanderzüge ablösten, bis Siedlungen ethnologisch bestimmbarer Völker die Grundlage zu einem politischen Dasein in Rasse- und Gesellschaftsformen legten. Und wieder mußte ein Jahrtausend über unsere Zeitrechnung hinaus vergehen, bis dieses Dasein zur Bildung politisch-staatlicher Körper sich fortentwickelt hatte. Dem Gesamtgebiet der Heimat gab erst die Frankenzeit, besonders seit der freiwilligen Angliederung der Chatten an die fränkische Volksgruppe, mit der politischen und kulturellen Erschließung eine staatliche Zugehörigkeit und Struktur. Sie erst überwand zudem ältere landschaftliche Begrenzungen in Sondergebieten. Auch die erste durchgreifende Grenze fiel, die seit der späten Hallstattzeit vom Neuwieder Becken bis zur Mainmündung quer über das Gebirge zog, die Kelten-Germanengrenze, die sich seit der jüngsten La-Tène-Zeit an jener Zäsur gebildet hatte. Ebenso fiel auch die Römerscheide des Limes, die eine gallisch-römisch-germanische Mischbevölkerung des Westens von einer östlichen Germanenrasse getrennt hatte. Diese gewann jedoch nicht etwa in den alten Völkerschlachten der Usipeter, Tenkterer, Ubier, Mattiaken und Chatten ihre politische Struktur und Zukunftsbasis. Das heimatliche Geschick der Frühgeschichte gestaltete sich in dem Kampf um Land und Macht, den Alemannen und Frankreich während der Stammeszeit auf nassauischem Boden führten. Das Land fiel den Franken zu. In deren Gauverfassung gewann Ur-Nassau eine erste politische, in der Synodalverfassung eine erste kirchliche Organisation. In dem Ausgang der Karolingerzeit aber erblühte unsrer Heimat das glückliche Los einer erneuten Betonung ihres nationaldeutschen Wesens seit dem Untergang der Römerherrschaft; in den Teilungen der universalen Monarchie blieb sie eingebettet in das Ostreich. Ihr Boden wurde abermals in den Machtkreis des deutschen Gedankens gerückt, wie in den Zeiten, da der Alemannenhäuptling Makrian gegen die Römer gekämpft hatte, da der Frankenherzog Mallobaudes an der Lahn die fränkische Einung vorbereitet und der Zusammenschluß der Ripuarier und Chatten eine stammes- und landschaftsfeste Einheit begründet hatten. Ein halbes Dutzend Gaue hatten inzwischen im Verein mit Klöstern (Bleidenstadt, Gemünden) und Kirchen (Dietkirchen) den Grund fränkischer Zivilisation gelegt, königliche Guts- und Waldbezirke (Nassau, Königssondergau, Sporkenwald), Ringe und Schanzen aus keltischer (Altkönig) und germanischer (Heunstein) Zeit, römische Kastelle (Niederberg, Ems, Salburg) und kaiserliche Pfalzen (Frankfurt) hatten einen Weg der Entwicklung gewiesen, der zur staatlichen und zur deutschen Grundlegung nassauischen Menschentums geführt hatte. Das Ausstrahlungsgebiet um den Limes, die römische und christliche Kulturkraft aber hatten die Anfänge der vorgeschichtlichen Zeiten ausgewertet, und am Ende der Karolingerzeit stand Nassaus Boden in weiträumiger Wirtschaftsnutzung, und seine Menschen waren den Kultureinflüssen erschlossen, ohne ihnen erlegen zu sein. Hatte Einhard zwar noch über »die arge Finsternis und den schlimmen Nebel des von Wolken umlagerten Waldgebirges« zu klagen, so pflegte der Rheingau schon Reb- und Obstgärten. Während das Christentum in Südnassau seit dem 4. Jahrhundert einzog, mußte Gregor III. noch die Lahn- und Westerwaldbewohner vermahnen, daß sie »die Wahrsager und Losdeuter, die Totenopfer, die Weissagungen in Hainen und an Quellen und ... die gotteslästerlichen Gebräuche« von sich wiesen. Bald aber lassen uns doch Legenden (St. Goar, Lubentius, Ferrutius) und der programmatische Name des Rhabanus Maurus wissen, daß der christliche Gedanke über solche kultischen Formen gesiegt hatte, wie sie sich während der Römerzeit im Mithrasdienst und den sogenannten Jupitersäulen (Schierstein) gebildet hatten. In geistiger und materieller Kultur, in Volkstum und Staatsstruktur hat die Frankenzeit zwar unserm nassauischen Heimatland keine Selbständigkeit gegeben, dafür aber die Bindung an ein reichbegnadetes Universalreich und die Vertiefung in nationalgeschichtliche Bedeutung. Wo einst Makrians Krieger zogen, da gingen nun Einhards »Translationes« der Heiligengebeine vor sich. Und während unser Boden in vorgeschichtlicher Zeit durch die Rassenwanderungen in einen ost-westlichen Austausch gestellt war, während Tacitus von den Mattiaken schreiben konnte, daß sie »nach Wohnsitz und Gebiet auf ihrem Ufer drüben, in Gesinnung und Neigung aber bei den Römern« seien, war Nassau insgesamt am Ausgang der Frankenzeit so stark der nationalhistorischen Zukunft verbunden, daß es auf dem Boden der fortab geschichtsbildenden Idee des Föderalismus der alten deutschen Kaiserzeit den ersten Herrscher stellen konnte. So trug es gleich am Anfang der deutschen Reichsgeschichte trotz der Einstellung in die damalige partikularistische Form der deutschen Innenpolitik seinerseits zum mindesten den tatsächlichen Versuch bei, diese Tragik Deutschlands, die in dem Territorialgedanken sich aussprach, durch Überwindung der Sonderungen in einer nationalen Krongewalt zu bannen. Deren Träger war nicht unwürdig, aus dem Heimat- in den Reichsgedanken hinauszuwachsen. Aus dem Niederlahngau entsprossen, begriff Konrad I. die politische Wende des deutschen Schicksals und setzte seine ganze Kraft an die Aufgabe einer neuen Grundlegung. Zwischen dem zentralistischen Universalreich der fränkischen Vergangenheit und dem förderalistischen Nationalstaat der deutschen Zukunft steht, abschließend und aufbauend, eine nassauische Persönlichkeit. Als dieser König aber im »Weilburger Testament« die Unmöglichkeit seiner erhofften Ziele edel und groß zu einem Verzicht seines Geschlechtes auf die Krone gestaltete, und »das Heil des Staates in des Sachsen Hand« legte, begaben sich die Konradiner zugleich auch der Führung im Nassauerlande. Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts bildete sich dort kein beherrschendes Geschlecht; das Land aber zerfetzte politische Zugehörigkeit in eine Unzahl weltlicher und geistlicher Kleinherrschaften. Wohl hören wir von Männern von historischer Bedeutung, von Konrad Kurzibolds Andernacher Siegestat für die Ottonenmonarchie, vom Tode Hermanns von Salm im Dienste gegenköniglicher Rebellion gegen die Salier vor Limburgs Toren, auch von wilder Kriegszerstörung des Westerwaldes nach Heinrichs V. Niederlage gegen Köln. Wohl zeigte die große Reichsfeier Friedrichs I. vom Jahre 1184, die einen dynastischen Ehrentag auf nassauischen Boden verlegte, auf der Walstätte bei Erbenheim alle ritterlich-höfischen Kultur- und Kunstformen des deutschen Geisteslebens in nie gesehener Entfaltung – ein wahrhaft »kaiserlicher Wonnemond«. Die innere Struktur Nassaus aber war gelockerter als je zuvor. Da sammelte das Grafengeschlecht, das sich nach der um 1124 gebauten Burg Nassau nannte, allmählich so viel politische Macht auf diesem Boden der Zerrissenheit, daß seine Hausgeschichte zum Grundgerüst der Landesgeschichte sich ausgestalten konnte. Auf ihr wuchs der geographische Begriff Nassau in langsamer Entwicklung zu einem Staatsbegriff heran. Doch kaum war das Haus der Nassauer Grafen in eine führende Stelle emporgerückt, da hemmte sich in beispiellos zahlreichen Splitterungen seine politische Energie, und der Dezentralisation des Landgebietes gesellte sich die Verzweigung der wichtigsten weltlichen Herrschaft der geschichtlichen Zukunft; den mehr als zwei Dutzend Staaten auf nassauischem Boden standen mehr als ein Dutzend Linien der Hausgeschichte zur Seite. Nassau wurde ein Beispiel kleinförmiger Politika. Während aber so die Engräumigkeit des Landes und seine Kleinstaaterei verhinderten, daß eine nassauische Gesamtgeschichte entstand und als solche reichspolitische Bedeutung gewann, spiegelte sich zuweilen im nassauischen Geschick Deutschlands Schicksal und sandte mehr als einmal Nassau bedeutende Köpfe und große Männer in die Volks- und Staatsgeschichte der Deutschen hinaus. Seit 1200 stellten die Herren von Eppstein dem Mainzer Erzstift eine Reihe bekannter Erzbischöfe. Ihnen taten es in geistlichen Würden die Nassauer, die Kronberger, die von Greifenklau, Sayn, Westerburg auf verschiedenen Erzstühlen während des Mittelalters nach. 1292 aber bestieg der Nassauer Graf Adolf den Königsthron, und war auch seine Herrschaft eine erfolglose, so urteilt über die Persönlichkeit des Mannes das Volkslied nicht unrichtig: »Ich muis den rinen koninc clagen, want an eme wart erslagen Ein christen koninc, ein grewe wert, Ein rechte ritterschafte flucht ...« In derselben Zeit der königlichen Tragik aber erwarb nassauische Bürgerehre hohes Lob und weiten Ruf in dem Frankfurter Stadtrecht, das eine gesellschaftlich freilich noch beschränkte soziale Fürsorge pflegt: »Wie es Gewohnheit in unserer Stadt ist, so sollen wir den Bürger unterstützen und Unrecht von ihm abwehren.« Mittelalterliche Literatur und Kunst aber fand auch im Nassauischen ihre Sänger und Meister, der Minnesänger Reinhard von Westerburg und die Kirchenbauten von Limburg, Eberbach und Marienstatt sind des Zeuge. In der Limburger Chronik aber entstand gar eine der wichtigsten Geschichtsquellen und eine Volkskunde obendrein. Die Zeiten Karls IV. jedoch stellten unsre Heimat wieder in den Blickpunkt der großen Reichsgeschicke. Auf nassauischem Boden löste sich das Gegenkönigtum Günthers von Schwarzburg in ein Nichts auf, in der Mainzer Bistumsfehde wurde fast der gesamte nassauische Kleinadel in politisch-kirchliche Parteiungen verstrickt. Die Raubritter, an deren Spitze Philipp von Isenburg stand, leerten auf die Dauer die »reichen Pfeffersäcke« und Tuchtruhen der Limburger so wenig aus, wie die Ritterverbände der »Sterner« und »Löwen« die aufblühenden Städte bezwangen, ward »auch damals beraubet und geschindet alles Land«. Vielmehr hatte das 13. und 14. Jahrhundert im Nassauischen eine starke Vermehrung der Bevölkerung gesehen, und eine große Zahl von Stadterhebungen von Herborn (1251) bis Usingen (1466) erfolgte als Ausdruck größerer wirtschaftlicher Bedeutung heimatlicher Siedlungen, die seit dem 12. Jahrhundert bereits in stärkerem Maße in den Hochstufen des Gebirges, in die Wälder und Heiden vorgedrungen waren. Zugleich hatten die Bodenschätze und Quellen Nassaus das Wirtschafts- und Verkehrsleben bereichert; Bergordnungen und Baderegeln reden eine deutliche Sprache. Ihnen aber schließen sich Zunftregeln als Zeugnisse gesteigerten Gewerbefleißes und Arbeitswillens, zugleich als Beweise großformigerer Ständegliederung bürgerlichen Gepräges an. Die Siegener Bergordnung, der Herborner Weberzunftbrief, die Wiesbadener und Emser Baderegeln mögen wenigstens beispielhaft hier genannt sein. Die Beilsteiner Gerichtsordnung ist zugleich ein durchaus nicht einsamer Zeuge hoher und verantwortungsvoller Rechtsprechung, und auch die heilige Feme fand in einem Sayner Grafen einen nassauischen Statthalter der »Heymlichen Westvälischen Gericht«. Inzwischen aber hatte die Geschichte des Hauses Nassau, das seit 1255 in die walramische und die ottonische Linie gespalten war, den Weg von einem »Neun-Burgen-Besitz« zu einer stattlichen Landeshoheit zurückgelegt, die walramischen Erben besonders im Taunus, die ottonischen vorwiegend im Westerwald. In dem Walramer Gerlach erstand ein treuer Anhänger Heinrichs VII., Adolf I. von Nassau-Idstein setzte das Haus in verwandtschaftliche Beziehung zu den Hohenzollern, ein weiterer Adolf kämpfte 100 Jahre später mit den Isenburgern um den Mainzer Bischofsstuhl. Die ottonische Linie, seit 1328 in einen dillenburgischen und einen hadamarischen Zweig zerfallend, aber hatte in Raufereien und Fehden ihren Landbesitz vermehrt, bis ihr in Johann I. der Begründer einer bedeutenden politischen Macht erstand. Er vereitelte die Machtgelüste der Hessen im Lahntal und auf dem Westerwald: der Norden unsrer Heimat war für Nassau gerettet. Seit 1522 nun brach durch den Einzug der Reformation ins Nassauerland eine neue Quelle politischer Entzweiung, aber geistiger Kraft in unsrer Heimat auf. Dem Rheingauer Bauernaufruhr, den städtischen Unruhen in Frankfurt, Limburg und St. Goarshausen folgten unbedeutendere Bewegungen unter der heimischen Ritterschaft derer von Kronberg, der Brömser von Rüdesheim, der Hillin von Lorch u. a. m. In Hartmut von Kronberg dagegen erstand dem absterbenden Rittertum ein ebenso glänzender wie geistvoller Vertreter höfischer Zucht und humanistischer Bildung. Seit 1523 predigte der Weilburger Hofprediger evangelisch, und 15 Jahre später wünschte Martin Luther dem Lande »viel frucht ynn dem Evangelio zu vieler leute trost und heil«. Im Schmalkaldener Krieg mußte Nassau neben den Segnungen neuer religiöser Belebung freilich auch die Opfer brennenden Konfessionseifers erfahren: Wiesbaden brannte in dessen lohender Glut, und das Interim brachte Unruhe und Elend auch in unsere Heimat. Den größten und geschichtlich bedeutsamsten Anteil aber an der evangelischen Bewegung nahmen nassauische Persönlichkeiten. Wilhelm, der Befreier der Niederlande, war »von Nassawe ... von teutschem Blut«, und Moriz von Oranien fand gar den stolzen Mut, den Westerwälder als einen »doppelten Deutschen« anzusprechen. Damit aber war nassauisches Menschentum über die Heimat hinausgewachsen ins Weltgeschichtliche, Dillenburg gar hieß der »Nabel der Welt«. Wie mächtig hatte die geistig-seelische Erneuerung in nassauischen Herzen gezündet. Als jedoch der Dreißigjährige Krieg den furchtbaren Schlußstrich unter den Eifer der Religionskämpfe zog, da war auch das Nassauerland in tiefe Not und eine Rückwärtsbewegung geraten, die Bevölkerungsdichte, Wohn- und Wirtschaftszustände gleichermaßen betraf, eine Erscheinung, die in dem Bericht des Miehlener Pfarrers Plebanus noch heute uns ihre Schmerzensstimme entgegentönen läßt. Die spanischen Truppenmärsche, die Schlacht bei Höchst, die Zerstörung Wiesbadens, aber auch der Brand aller nassauischen Kirchen, die Vernichtung der Ortsakten, die Zunahme der Wüstungen, der Ausgang vieler Siedlungen sind Folgen des Krieges von einer solchen geschichtlichen Wirkung, daß man das schicksalerpreßte Dankeswort verstehen kann, mit dem ein nassauischer Beamter einen Wiesbadener Amtsbrief schloß: »Gott dem Höchsten sey lob, preyß, Ehr und Dank gesagt, daß wier diesen Freudentag erlebt haben.« Während des Krieges aber war auch persönliches Schicksal in Ingrimm und Seelennot erstanden, nirgends eindrucksvoller als in der dramatischsten Gestalt Nassaus, Peter Melander, in dessen Brust Glaubenstreue und Vaterlandsliebe einen tragischen Kampf kämpften. Das Land selbst aber bot in seinem Staatengemisch ein Beispiel für das Ergebnis des gesamtdeutschen Friedens: aller Streit hatte den Toleranzgedanken fördern müssen, und gerade in Nassau ist religiöse Duldung geübt worden, nachdem sich die Konfessionen in Hadamar, Dillenburg und im Katzenelnbogischen ihre staatlichen Zentren geschaffen hatten. Die Not des Landes fand verständnisvolle Hilfe bei guten Fürsten. Neusiedler wurden privilegiert, die Untertanen geschont. Noch in der Zeit höchster Blüte des Absolutismus beweist das Testament Johanns von Nassau-Idstein ein beispielloses soziales und echt patriarchalisches Gefühl für edle Regierungsweise: »mann muß der justitiae undt nicht fraudi helfen ... und seinen staat also anstellen, daß er nicht höher fliegt, als seine Federn zulassen.« Ein schlichtes Bild für eine besonnene Staatskunst, deren Same reift. Die innerstaatlichen Verhältnisse der nassauischen Territorien zu fördern, aber war um so schwerer, als auch unsere Heimat in dem nunmehr das 17. und 18. Jahrhundert durchziehenden Streit zwischen Bourbon und Habsburg als Grenzmark Opfer und Zweifel, Angst und Pein solcher peripherischer Gebiete tragen mußte. Bei Dausenau wurde der Franzoseneinfall zur Wegesprengung des nassauischen Hinterlandes, Sonnenberg und die Rheinburgen fielen in Trümmer, Homburg wurde französisch. Bei Rauenthal aber wurde mit den Welschen »Rheingauer Deutsch« geredet: Ludwigs XIV. pénétration militaire hatte in dem Deutschtum der Nassauer denselben unbesieglichen Feind gefunden, wie später trotz aller einzelnen dankbar angenommenen Fortschritte die pénétration pacifique nach den Gewalttaten der Revolutionsheere. Standen doch auch genug nassauische Herren im Dienste der Reichsarmee gegen die französischen Eindringlinge. Doch bevor die Revolution ihre Heere und ihre Emigranten ins Nassauische schickte, die weniger segensreiche Gäste unsrer Heimat wurden als die freudig aufgenommenen und dankbaren Hugenotten gewesen waren, gingen die Stürme des Siebenjährigen Krieges auch über den Westerwald: die Ruinen des Dillenburger Schlosses zeugen von ihrem harten Wehen, und die Taten der Marodeure waren lange unvergessen in der geängsteten Bevölkerung an Dill und Sieg und Lahn. Doch neben dem Tritt des Kriegers war der Pestreiter durch die nassauischen Lande geritten und mähte die Menschen in Stadt und Dorf. Ein Ort wie Ems wurde damals ganz aufgegeben; an der Lahn fand der Jesuitenhelfer, der »Pestmann« Lämmermann kaum einen Hof ohne Kranke. Und nach dieser Seuche raste der Menschen Aberwitz durchs Land, und die hohe Zeit der Hexenbrände entfachte auch in Nassau Scheiterhaufen und führte Zucht und Sitte, Glück und Wohlstand, Gewissen und Religion in die Irre. Darnach ergriff die Wucht der französischen politischen Geschichtswende zeitweilig Besitz von unsrer Heimat. Wie die revolutionäre, so hat die napoleonische Propaganda fremder politischer Theorie auf Nassaus Boden Eingang in Deutschland gesucht. Vergebens zogen die Heere Jourdans, Klebers, Marceaus, Hoches über nassauische Erde, vergebens gliederte Napoleon den von ihm erschaffenen nassauischen Rheinbundstaat des neuen Herzogtums in das System seines Programms, durch eine Militärdiktatur auf dem rechten Rheinufer » dépayser l'esprit allemand «. Mochten auch die Dynastien durch Säkularisation und Mediatisierung nach dem Zusammenbruch des Reichsgebäudes unter Napoleons Willen Vorteile für Haus und Land suchen und ihre Truppen in fremdem Solde kämpfen, im nassauischen Volke erwuchs nationale Ehre zur Rache. Ja, der vertriebene Nassauer Stein wurde Seele und Kraft der deutschen Befreiung. Am Rhein aber öffnete Blücher auf nassauischem Boden das Tor, den deutschen Freiheitswillen »in Frankreich hinein« zu tragen. Bei Waterloo jedoch statteten die Nassauer der französischen Fremdherrschaft wackeren »Dank« ab – »General Kruse war ein tapferer Held ...«. Der Herzog von Nassau aber hatte nach dem Volkslied »Geld und Brot für seine Soldaten«. Er hatte mehr für seine Untertanen: im Heimatlande des bedeutendsten großdeutschen Staatsmannes war von dessen Geist ein unauslöschbarer Funke zum Glimmen gekommen, die erste ständische Verfassung der neuen Zeit entstand in Nassau. Sie bewies einer besonnenen Obrigkeit schönes Ziel, »Bürgerglück und Wohlstand auf sicheren Grundlagen dauerhaft zu befestigen«. Freilich blieben auch im nassauischen Herzogtum die Strömungen einer Reaktion nicht aus, aber eine durchweg fortschrittliche politische Haltung, eine vorbildliche kulturelle und anerkennenswerte Fürsorge der Regierung ließ die Explosion des »Tollen Jahres« in unserer Heimat nicht die Spannung zerstörender Gewalt erreichen. Auch die inneren geistigen Gegensätze erreichten selten den Grad der trennenden Tat, besonders nicht im kirchlichen Leben: »Der Katholizismus muß sich vom Protestantismus und dagegen dieser wieder vom ersten ergänzen lassen, wenn die religiöse Erbauung gewinnen soll«, schrieb 1814 der katholische Pfarrer zu Gebertshayn. Derselbe Geist lag der Gründung des Bistums Limburg, der Feier der evangelischen Union, der Simultanschule zugrunde. Er spricht noch aus der Weiherede des Emser katholischen Pfarrers 1864, daß im Nassauischen »der Ausfluß der Religion gegenseitige Achtung und Liebe und Versöhnlichkeit sei«. Dem Geiste der Duldung aber gesellte sich die Kraft der Arbeit. Das herzogliche Regiment schuf seit 1816 eine natürliche Abrundung des Landes durch Einbeziehung der Niedergrafschaft Katzenelnbogen, so daß das Herzogtum Nassau seitdem 85½ Quadratmeilen umfaßte und über 300 000 Einwohner zählte. Herzog Wilhelm regelte die Landesverwaltung durch die Ämter- und Gemeindeordnung, die Armenpflegeordnung, durch neue Steuergesetzgebung, durch die Organisation des Kirchen-, Schul- und Gesundheitswesens. Unter ihm wurde, dank der Mithilfe der Minister von Marschall und von Ibell, Nassau zu einem Staate von klassischem Muster und wohlgepflegtem Staatsgebiet. Doch wuchs seine politische Energie über die Landesbelange auch jetzt in großdeutsche Geschichte hinaus. Das »Ländchen« entzog sich nicht nur nicht den Problemen der deutschen Frage, der schleswigischen Nöte, der innerstaatlichen Reformen – bei mehr als einer Gelegenheit fanden seine Staatsmänner die Kraft zum Handeln, und ihre Richtschnur war das Steinsche Bekenntnis »Ich habe nur ein Vaterland – Deutschland!«, das von der Tätigkeit Kruses auf dem Rastatter Kongreß, über Gagerns großdeutsche Sinnbildtaten bis zum Fürstenkongreß hin das Leitmotiv der besten Nassauer gewesen ist. Dem Herzog Wilhelm folgte Adolf. Er schuf die allgemeine Wehrpflichtordnung und gab unter Umbildung zugleich der Zentralbehörden eine neue Verfassung, die die Einheit des Staates bekräftigte und die Grundrechte seiner Bürger gewährleistete. Der Beitritt zum Zollverein verknüpfte das Herzogtum der gesamtdeutschen Entwicklung. So war Nassau zu einem einheitlichen staatlichen Raume, zu einer inneren Kulturgemeinschaft, zu einem neuzeitlichen Herrschaftsgebiet bis zum Jahre seines politischen Unterganges emporgeblüht. Unsere Heimat hatte in den Möglichkeiten ihrer Begrenzungen eine Vollendung erreicht, als ihr ausgelebtes Geschick der Notwendigkeit eines größeren vaterländischen Gedankens, der preußischen Idee, eingegliedert wurde, die bald mit durch sein Gebiet und Wesen zur Reichsidee erweitert wurde. Herzog Adolf hat selbst das schöne Wort gesprochen: »Dynastien erlöschen, die Völker leben fort!« So auch Nassau in Preußen, im Reich und im Deutschtum von den ersten Taten seiner Söhne für das große Vaterland im 70er Krieg bis zu den jüngsten Tagen, da auch Nassau Glied und Zeuge einer treuen »Wacht am Rhein« bildet. Drusus' Tod Nach der Sage auf der Saalburg. Von Karl Simrock Drusus ließ in Deutschlands Forsten Goldne Römeradler horsten, An den heil'gen Göttereichen Klang die Axt mit frevlen Streichen. Siegend fuhr er durch die Lande, Stand schon an der Weser Strande, Wollt' hinüber jetzt verwegen, Als ein Weib ihm trat entgegen. Übermenschlich von Gebärde Drohte sie dem Sohn der Erde: »Kühner, den der Ehrgeiz blendet, Schnell zur Flucht den Fuß gewendet! Jene Marken unsrer Gauen Sind dir nicht vergönnt zu schauen, Stehst am Markstein deines Lebens, Deine Siege sind vergebens. Säumt der Deutsche gerne lange, Nimmer beugt er sich dem Zwange, Schlummernd mag er wohl sich strecken, Schläft er, wird ein Gott ihn wecken.« Drusus, da sie so gesprochen, Eilends ist er aufgebrochen, Aus den Schauern deutscher Haine Führt er schnell das Heer zum Rheine. Vor den Augen sieht er's flirren, Deutsche Waffen hört er klirren, Sausen hört er die Geschosse, Stürzt zu Boden mit dem Rosse. Hat den Schenkel arg zerschlagen, Starb den Tod nach dreißig Tagen. Also wird Gott alle fällen, Die nach Deutschlands Freiheit stellen. R. Biringer, Reichenbachtal mit Ruine Falkenstein im Taunus. Die Römer im Taunus Von C. Blümlein Wie mächtige Felsenmauern, gebaut von Gigantenhänden, erhoben sich auf den Bergkuppen des Taunus die Wallburgen, ausgeführt aus Bruchsteinen mit Holzeinlagen. Noch heute erregen die Trümmer dieser Anlagen das Erstaunen des Besuchers, nachdem die einen festen Zusammenhalt gewährenden Holzbalken längst verfault sind, so daß die zusammengestürzten Felsmassen nur noch einen mächtigen Wall bilden. Solche Wehrbauten finden wir auf dem Altkönig, dem Bürgel bei Falkenstein, dem Hünerberg bei Cronberg, den Altenhöfen, der Goldgrube und dem Bleibeskopf. Auch weiter nördlich kommen sie noch vor. Hinter diesen Umwallungen, abseits der alten Wege, im dichten Urwald brachten vor 2000 Jahren die Bewohner der Mainebene und der nördlich des Taunus gelegenen Siedlungen Weib und Kind, Vieh und fahrende Habe in Sicherheit, wenn Feinde herannahten, die Dörfer und Gehöfte zu plündern. Bei der Eroberung des zwischen Rhein, Main und Lahn gelegenen Landes war die Reihe dieser Wehr- und Fluchtburgen auf dem Taunuskamme ein bedeutendes Hindernis. Als sich ums Jahr 83 n. Chr. von Mainz aus die römischen Heere in Bewegung setzten, mußten sie sie erst brechen. Der römischen Taktik und Bewaffnung unterlag die germanische Kraft und Tapferkeit. Von den Eroberern wurde nun die Grenze zwischen Römerreich und freiem Germanenland so gelegt, daß die meisten dieser Fluchtburgen im Besitz des Siegers blieben, damit sie bei künftigen Erhebungen nicht als Stützpunkte im blutigen Ringen dienen konnten. So kommt es, daß die Grenzlinie vom Rhein – etwa in der Gegend von Neuwied – ausgehend, bei Ems die Lahn überschreitet und dann auf den Taunus übergehend die Wetterau in großem Bogen umfaßt, dessen südliches Ende bei Groß-Krotzenburg an den Main stößt. Die damals längs der Grenzlinie errichteten Erdkastelle mit Holzbauten, welche die Mainebene mit der Wetterau in militärischen Schutz nahmen, wurden schon nach wenigen Jahren von den Germanen zerstört, aber in der Folgezeit wieder aufgebaut. Der Limes, im Volksmund Pfahlgraben genannt, bestand nunmehr aus einer mächtigen Palissadenwand, hinter der ein Graben und ein Erdwall lag. Die mit der Bewachung der Grenzsperre betrauten Posten lagen in Türmen, die sich in Holz- bzw. Steintürmen von quadratischem Grundriß unmittelbar hinter dem Limes in einer Distanz untereinander von rund 500 Meter erhoben. Diese Posten bildeten einen Teil der Besatzung der Kastelle. Sie liegen ebenfalls nahe hinter dem Limes und haben meist denselben Typus der Anlage, aber verschiedene Größe. Auf dem Taunus befanden sich u.a. folgende: Kaisergrube, Capersburg, Lochmühle, Saalburg, Heidenstock, Feldburg, Maisel, Alteburg, Zugmantel. Von keinem wissen wir den lateinischen Namen. Je nach der Größe der Kastelle lag in ihnen eine Kohorte (500 Mann), ein Numerus (200-400 Mann) oder eine Ala, eine Reiterabteilung von 480 Mann. Aus politischen Rücksichten legte man diese Hilfstruppen gewöhnlich nicht in die Garnisonen der Gegend, aus der sie sich rekrutierten; so kommt es, daß wir als Besatzung der Limeskastelle Britannier, Niederländer, Schweizer, Nordafrikaner, Syrier, Spanier, Gallier und andere Völkerschaften antreffen. Später werden diese Truppen bodenständig, ihre Mannschaften heiraten die Töchter des Landes, und so werden sie schließlich zu Grenzmilizen, die dem Ansturm der Alemannen und Franken um 260 n. Chr. keinen ernstlichen Widerstand mehr leisten können. Wer heute etwa von Friedberg aus den Limes entlang durch die herrlichen Tannenwälder über Saalburg und Feldberg wandert, trifft noch auf Schritt und Tritt die Überreste dieser Kastelle und der Türme wie den Wall der Grenzbefestigung an. Aber sie geben dem Laien keine klare Vorstellung dieser Anlagen. Hier tritt nun ergänzend die Saalburg ein. Sie ist das einzige der Kastelle auf deutschem Boden, das, in den wesentlichsten Teilen auf die Initiative des ehemaligen Kaisers Wilhelm II. wieder aufgebaut, jedem ein Bild einer römischen Grenzfeste gibt, das noch vertieft wird, wenn man in dem Museum die Funde durchmustert, die im Bezirk der Saalburg gemacht worden sind. Wandern wir vom heutigen Bad Homburg v. d. H. aus eine Stunde gen Norden, so treffen wir im tiefsten Walde die von der Mainfurt (Frankfurt a. M.) zur Taunussenke führende Römerstraße noch völlig unversehrt an. Sie zieht herauf und steigt hinab, Es weidet über ihr die Herde, An ihrer Seite manches Grab, So liegt sie drunten in der Erde. Es führt ob ihr dahin der Weg, Der Pflüger mit dem Jochgespanne Geht über ihren Grund hinweg, Und Wurzeln schlägt auf ihr die Tanne. Längs der Straße sahen wir die Gräber der Toten. Die Leichen scheinen der Mehrzahl nach verbrannt worden zu sein. Was von den Gebeinen übrigblieb, wurde in einer Grube beigesetzt. Krüglein mit Met oder Wein, ein Lämpchen, eine Münze werden dem Toten mitgegeben; in den Kindergräbern findet sich auch das Spielzeug, mit dem das Kleine sich bei Lebzeiten vergnügt hatte. Geht man nun die Heerstraße weiter, die einst unter den Schritten erzgepanzerter Kohorten erdröhnte, so erblickt man rechts und links die Steinfundamente kleiner Häuser, die das sog. Lagerdorf bildeten. Hier wohnten ausgediente Soldaten, Händler, Wirte und Handwerker. Jedes der kleinen Gebäude hatte einen Hof, eine Stallung und einen Brunnen, dahinter lag der eingefriedigte Garten. Nach wenigen Schritten erhebt sich vor uns der breitgelagerte Bau des Kastells. Seiner Form nach ist es ein Rechteck von 100:150 römischen Doppelschritten (1 Doppelschritt = 1,48 Meter). Umgeben ist es von einem wasserlosen Doppelgraben, hinter dem die zinnengekrönte Mauer von etwa 5 Meter Höhe aufsteigt. Hinter ihr liegt ein Erdwall, der sich nach dem Lagerinnern sanft abböscht. Auf ihm standen die Verteidiger und die Geschütze. Unterbrochen ist die Umfassungsmauer durch die Tore, die durch viereckige Türme gedeckt werden. Die einander gegenübergelegenen Tore sind durch breite Straßen miteinander verbunden. Auf dem Schnittpunkte der letzteren erhebt sich ein Komplex von Bauten, der die Hauptgebäude des Lagers umfaßt, so die große Halle, die zu Versammlungszwecken und Waffenübungen bei ungünstiger Witterung diente. Von ihr aus gelangte man in einen viereckigen Hof, dessen Abschluß das Lagerheiligtum bildete, in dem die Feldzeichen der Truppe sowie Bilder der Gottheiten und des Kaisers verwahrt wurden. Durch offene Gänge mit diesem Raum verbunden sind einige Gebäude, die als Wachtlokal, Waffenkammern u. ä. anzusprechen sind. Von andern Bauten im Lager selbst fällt das mächtige Doppelmagazin auf. Hier waren große Getreidevorräte aufgespeichert; bekam doch der Soldat täglich eine Ration Getreide, die etwa 2½ Pfund Brot entsprach. Von den Unterkunftsräumen der Soldaten ist nichts mehr erhalten. Sie waren Baracken aus Holz, zwei lange Räume mit einzelnen Kammern längs eines schmalen Hofes. Die Garnison der Saalburg rekrutierte sich aus Südbayern und Tirol und führte die Bezeichnung der 2. Kohorte der Räter (cohors II Raetorum) . Mauerfundamente im Lagerinnern zeigen, daß auch noch weiters massive Gebäude vorhanden waren, so das Lazarett, die Waffenschmiede, Pferdeställe und Bureauräume. Vor der Südfront sieht man die Grundmauern der sogenannten Villa, aus acht mit unterirdischer Heizung versehenen Räumen bestehend. Man darf sie wohl als das Offizierskasino bezeichnen. Jedenfalls war sie luxuriös eingerichtet, die großen Säle mit Wandnischen, Glasfenster und Wandmalerei, Badezimmer usw. weisen darauf hin. Vor dem rechten Seitentore liegt ein umfangreiches Gebäude, mit Kammern und Hallen, wohl ein Kaufhaus, wo die Germanen Felle, Frauenhaar, Laugenseife, Gänsedaunen u. ä. gegen römische Produkte, wie Tuche, echten und unechten Schmuck u. a., umtauschten. Auch verschiedene Heiligtümer sind aufgedeckt worden, vor allem das des Mithras. Dieser persische Lichtgott, der den Sündenbeladenen nach geheimnisvollen Prüfungen Heiligung, den Mühseligen und Beladenen nach dem Tode frohe Wiedergeburt verhieß, erfreute sich, vornehmlich bei den Soldaten, zahlreicher Verehrer. Das grottenähnliche, buntbemalte Heiligtum zeigt im Hintergrund das große Reliefbild des Gottes, wie er den Stier niederstößt, ein Symbol des Kampfes des Lichtes mit der Finsternis. Ein reges Leben und Treiben herrschte etwa anderthalb Jahrhunderte auf der Taunushöhe, über die eine vielbegangene Straße vom Lahn- ins Maintal hinabführte. Wohl wurden durch feindliche Überfälle die Saalburgbauten wiederholt zerstört, aber es herrschten doch lange Perioden des Friedens, in denen die germanische Kultur von der römischen reich befruchtet wurde. Einmal brachte der Limes die stets vorwärts drängenden, meist Land suchenden germanischen Völkerschaften zum Stehen. Überall erhoben sich Landhäuser und Gutshöfe der Eroberer, deren Land von der germanischen Bevölkerung bebaut wurde. Aus den kleinen Lagerdörfern entstanden stadtähnliche Anlagen; so bei Höchst, Hofheim, Wiesbaden, Heddernheim, Ems, Marienfels u. a. Die westlichen Stämme gewöhnten sich mehr an feste Siedlungen und intensivere Bebauung des Bodens, dessen Erzeugnisse im besetzten Gebiet gut verwertet werden konnten. Zugleich machte der Limes den ewigen Raubzügen und Streitigkeiten der Stämme untereinander ein Ende. Gleich segensreich war die Einrichtung der römischen Zivilisation. Die römischen Kulturbringer waren es, die die Unterworfenen gelehrt, die Gewässer einzudämmen und Brücken zu bauen, sie haben das Land mit einem Netz von trefflichen Straßen überspannt, auf denen sich auch später noch, das ganze Mittelalter hindurch, der Verkehr bewegte, den Ackerbau, in roher Form von den Germanen ausgeübt, haben sie gehoben und die Obstzucht veredelt. Unsere Vorfahren, die bei dem Reichtum an Wäldern ihre Bauten aus Holz ausführten, lernten von den Römern die Kunst des Steinbaues, so daß z. B. Kaiser Julian, als er 357 einen Streifzug ins Maintal machte, alle Gebäude sorgfältig nach römischer Art errichtet fand. Was das Handwerk den Römern verdankt, zeigt ein Blick auf die Funde der Museen in Wiesbaden, Mainz oder der Saalburg. Wir nehmen mit Staunen wahr, daß die römische Form der Schlosser-, Maurer- und Schreinergeräte auch noch heute angewendet wird, ebenso zeigen die Geräte der Landwirtschaft in Hacken, Schaufeln, Sensen usw. den römischen Typus, wie er sich auf Grund langer praktischer Erfahrung herausgebildet hatte. Die Keramik und Glasindustrie sind von den Römern auf die höchste Entwicklungsstufe gehoben worden, und noch lange, nachdem jede Kunde von den Römern verlorengegangen war, verfertigten Franken und andere Stämme Gefäße und Bauten nach römischem Muster und römischer Technik. Die Kunst, das flüchtige Wort in Buchstabenschrift zu bannen, haben die Deutschen von den Römern gelernt, das Wort »schreiben« ist ja nichts als das lateinische Lehnwort scribere . Als um 260 n. Chr. die römische Herrschaft auf dem rechten Rheinufer ein jähes Ende fand, wurde nun nicht, wie man früher vielfach annahm, auch die reiche römische Kultur wie mit einem Schwamme ausgewischt. Wohl zog das kaiserliche Heer und die Verwaltung für immer von dannen, aber die zum großen Teil noch germanische Bevölkerung der Städte wie des Landes blieb ruhig in ihren Sitzen und verschmolz mit den germanischen Eroberern. Die Römerschanze Von Martin Greif In der alten Römerschanze Ist es gar einsam und still, Obstbäume stehen im Kranze, Sonst wächst nur Gras und Kamill. Wallspuren und Graben umhegen Den halbverwilderten Ort; Die einst hier wachsam gelegen, Sie zogen schon lange fort. Der Apostel des Lahngaues Von Adolf Becker Vor tausend und mehr Jahren war der Felsen am Lahnufer, der die Dietkirche trägt, von dichtem Urwald umgeben. Stärker rauschte der Fluß, breiter waren seine Ufer. Meist ragte der Felsen einsam und still aus mächtigen Bäumen auf. Doch wenn hier im Reckenforst die Männer des Gaus am Tage des Dings zusammenkamen, drang das Gewirr rauher Stimmen und das Geklirr der Waffen über das Wasser. Dann mied das scheue Wild die Tränke drunten am Ufer und barg sich im schützenden Dickicht. Einst trat in den Ring der Freien ein Mann im langen, dunklen Gewand. Waffenlos war er gekommen, fremdartig klang seine Sprache, ernst war sein Antlitz und furchtlos. Und was er kündete, ward nur ungern vernommen. Laut tönte seine Stimme: »Wotan und Donar, Freya und Frigg und all die anderen Götter sind unholde Wesen. Sie haben nicht Macht über Menschengeschick. Einer nur ist es, der über alles gebietet, dem Sonne und Mond gehorsam sind, der Sturm in den Lüften und Gründen.« Er gab ihnen Kunde vom Gottessohn, dem Gekreuzigten, der fern im Südland litt und starb. Der Fremdling – Lubentius nannte er sich – fand Herberge im Hause des Edelings. Oft predigte er noch den Mannen des Lahngaus von Christus, dem Heiland und Friedebringer. Viele ließen sich taufen, Männer und Frauen, Freie und Hörige. Auf dem Felsen baute Lubentius ein schlichtes Kirchlein. H. Aulmann, Dietkirchen. Nach Jahren zog er flußabwärts zum Strande der Mosel, wo treue Freunde oft seiner gedachten. Hier warf ihn eine Krankheit aufs Siechbett. Doch ehe er die Augen für immer schloß, bat sein erblassender Mund: »Beim Kirchlein der Lahn begrabt meinen Leib.« Man trug den Entseelten zum Ufer der Mosel und bettete ihn in den Kahn. Trauernd standen die Freunde am Ufer und wollten das Schifflein besteigen. Doch siehe! Die Wellen führten es fort, es entschwand den Blicken. Kein Fährmann wies ihm die Bahn. Doch nahm es den Weg zur Mündung der Mosel, schwamm gegen den Strom rheinaufwärts und trieb dann auf den Wassern der Lahn. Die Wellen stauten sich, fluteten rückwärts, talauf. Ein wundersames Wehen durchzog die Luft, es raunten die Wasser. Es klang wie feierliches Geläut, wie verhallendes heiliges Lied. Sicher und schnell zog der Kahn dahin, vorüber an Sandbank und Riff. Bei Dietkirchen legte er an. Hier senkte man Lubentius ein, den Apostel des Lahngaues. Von weit her wallten Pilger zu seinem Grabe. Heilig war er den Schiffern der Lahn. Wenn Wind und Welle ihr Fahrzeug bedrohten, erscholl ihr Rufen: »Lubentius, schirm uns in Not!« Dann schwebte sein Schatten über den Wassern, und sicher kamen Boot und Schiffer ans Land. Ein silbernes Schifflein schenkten sie seiner Kirche. Jetzt ist es nicht mehr vorhanden, und auch das vergoldete Bild des Heiligen fehlt. Doch wenn ein leichter Talzug die Wellen stromaufwärts teilt, dann heißt es noch heute: »Wir haben St. Lubentiwind.« Der römische Tod Von Albert Henche In Faenza traf Anno 1167 Graf Heinrich von Nassau mit dem Mainzer Erzbischof Christian und Reinald von Köln, dem hitzigen Feldherrn des Rotbarts, ein Abkommen, daß Nassauer Knechte den Kaiser nach Rom geleiten sollten – und so zogen sie mit in die heilige Stadt und standen Wache vor der Peterskirche, als am 1. August Paschalis III. dem Deutschen die Krone aufs Haupt und seiner Gemahlin Beatrix ebenfalls das ungefüge Geschmeide in ihr Blondhaar drückte, ein Machtglanz und ein Marterreif. Am Abend des Krönungstages saß Heinrich von Nassau zur Rechten des Kölner Erzbischofs und links von Barbarossa, und ward ihm solche Ehre zuteil ob der Heldentaten in der Engelsburg, wo er des Kaisers Majestät gerettet hatte vor welscher Hinterlist. Und der Rotbart war gnädig zu dem Nassauer und löste seine Vogtei Ems aus dem Lehnsverband des Trierer Erzbischofs, der sich fern hielt von den deutschen Abenteuern in Italien. Heinrich aber trank die Gesundheit des Kaisers in edlem Falerner und die seiner Herrin im alten Genueser Firnewein und war ein fröhlicher Zecher und ein lustiger Graf diesen Abend am Tiber, fern der Heimat an der stillen Lahn. Und während Papst Alexander nach Benevent entfloh, hielt der Rotbart herrlich Quartier in der Stadt; und seine Getreuen wußten sich wohl zu lassen bei den schönen Römerinnen und den stolzen Römern zugleich. Heinrich aber war einer der Lustigsten unter ihnen, und doch stand der Tod hinter ihm ... Wo die via dolorosa in den dunklen Wänden verlief, wohnte Donna Lucrezia Ricci, ein Edelfräulein des päpstlichen Rom, und hatte des Nachts den Riegel nicht vor ihrer Kammertür und war dem Grafen der Barbaren nicht spröde. Und die Sommernächte der heiligen Stadt waren unheilig wie anderswo, und die Mädchenherzen töricht wie sonst in der Welt – und die Ritter die gleichen wie nördlich der Alpen; was soll's der Gerüchte: Rom ward ein Dorado der Liebe zwischen Nord und Süd, zwischen blonden Jünglingslocken und wirrem Schwarzhaar; und die heißen Augustnächte waren voll Glut und Verlangens und seliger Sünde, seit der Papst entwichen war und mit ihm das gute oder böse Gewissen der Stadt – wie man will. Eines Tages trat der Tod näher in den Kreis der frohen Gesellen und sandte den stärksten seiner Gehilfen, ob auf der Pfaffen Gebet oder aus eigenem Übelwollen ist nicht auszumachen, da keines der Opfer zurückkam aus der Hölle, in welche sie die Pest vertrieb. Mit den heißen Dünsten der Fieber aus der Campagna zog sie herauf gegen die Stadt, und Herzog Friedrich von Schwaben fiel zuerst bei üppigem Mahl besinnungslos zu Boden, und war nicht des Weines wegen. Es ergriff nun nach und nach die Seuche das ganze Heer, und fielen die Ritter an 6000 bei Zahl, und in Lucca, dem römischen Bad, füllte sich der Friedhof in acht Tagen mit 2000 Rittergräbern, weil die Lust hier größer gewesen war als anderswo. Da starb Rainald von Dassel, der gewaltige Erzbischof, in seidener Bettstatt, und Graf Konrad von Merenberg fiel vom Rosse wie eine Fliege von der Wand. Nun trat auch Herrn Heinrich der Tod an: doch des fröhlichen Nassauers Herz erzitterte ihm ebensowenig wie damals an der Engelsburg. Er gedachte vielmehr, wie ein rechter Rittersmann das Geschick zu ertragen im südlichen Lande, und rüstete ein Gastmahl und ließ Wein kommen und Spielleute und nachtlockige Dirnen. Und waren lustig wie zum Krönungsmahl sie nicht höher gewesen waren ... Als aber der Rotbart über die Zugbrücke der Engelsburg die schreckliche Stadt verließ, am 7. August, just um dieselbe Stunde klopfte Gevatter Tod dem Nassauer auf die Schulter, und als der sich umdrehte, das Glas Falerner in erhobener Hand, blieb ihm der Kopf stehen und sein Lächeln ebenfalls – auf einem blassen Gesicht. So trugen sie denn Heinrich ins kühle Grab im heißen Lande, und auf der Nassauer Stammburg hoch droben an der Lahn flaggte die Fahne noch halbmast, als des Nassauers Grab geschändet war von welscher Hand. Donna Lucrezia Ricci hatte den Geiern das Aas gezeigt. – Das Reichsfest beim Mechtildisstuhl Erbenheim bei Wiesbaden. Von Eduard Heyck Auf der Höhe tatsächlicher Siege, die die Zeit ihm noch mehr in den Schoß warf, als er sie erkämpfte, hat Friedrich Barbarossa an Pfingsten 1184 die Schwertleite seiner Söhne Friedrich und Heinrich begangen, die sich zu einem großartigen, noch niemals derart gewesenen nationalen Feste gestaltete. Allerdings hatte so etwas noch niemals da sein können, weil es erst seit kurzem ein mittleres Laientum gab, welches sich exklusiv nach unten gegen die Bauern abgrenzte und sowohl in seiner äußeren Lebensführung, wie in seiner inneren Freude am Unterwegssein, an festlichen Zusammenkünften und Gastereien, aber doch auch in seinen mehr oder minder tiefgehenden Bedürfnissen nach geistigen Anregungen und Genüssen gegen die frühere rustikale Einfachheit von Grund aus verwandelt war. Andere Mittelpunkte für dieses bewegte Leben des Adels und des Ritterstandes konnte es aber nicht geben, als die Höfe und voran natürlich den kaiserlichen. Der zeitbeherrschende Ordo equester , der Zusammenschluß aller ritterbürtigen Klassen von den Fürsten bis zu den Ministerialen zu einem ideellen Ritterorden, gipfelte seiner ungeschriebenen Verfassung, wie seinen Anschauungen nach im staufischen Hofe. Und dort waren Geselligkeit, Waffenspiel und vornehme Herrinnen, welche Frauendienst dankten, waren Sänger und Dichter, hörte man von Aventüre und Heldenmär, ward man geehrt, kam zu Lehen und Geschenken; dort war, was mit die Hauptsache für diese Schaulustigen war, der große Markt der Eitelkeit geworden, wo alles, was sich auf den Hoftagen traf, wetteiferte, einander in Pracht der Pferde und Rüstungen, in der Menge wohlgekleideter Mannen und Knechte und allem sonstigen Modewesen des Zeitalters zu übertreffen. Schon zur Zeit der Verhandlungen von Konstanz hatte Kaiser Friedrich das Reich zu jener Schwertleite geladen, und als nun 1184 das Fest im grünen Maien herannahte, da ritt so ziemlich der ganze Fürstenstand des Reiches in die hölzerne und linnene Feststadt ein, die zwischen Mainz und dem Taunus im freudenreichen Rheingau entstand und sich fortwährend vergrößerte. Die Herzöge von Schwaben, von Zähringen, von Bayern, von Österreich, von Böhmen (dieser allein mit 2000 Rittern), der Askanier von Sachsen, die von Nieder- und Oberlothringen, der Pfalzgraf Konrad, der uralte Wolf, die Markgrafen, die Erzbischöfe und Bischöfe deutscher Zunge, aber auch die von Besançon oder aus den Grenzgebieten wie Kambrijk, Verdun, Toul, und der burgundische Oheim der Kaiserin Beatrix waren erschienen. Am meisten Luxus entfaltete der Graf von Hennegau, der dafür aber auch geehrt wurde, das Schwert des Kaisers zu tragen. Die ritterbürtigen Anwesenden allein wurden auf 70 000 geschätzt. Dazu kamen die vielen, vielen Kleriker, die fahrenden Sänger, unter denen man Heinrich von Veldeke, aus der Maastrichter Gegend, den Sänger der Eneit, und berühmte Franzosen erblickte, Doetes von Troyes und Guiot von Truins, der letztere, wenn kein Bearbeiter des Parzival, so doch von den gutgläubigen Deutschen dafür genommen. Ferner fehlte natürlich nicht sonstiges »gerende diet«, wie der Veldeker sagt, das begehrende Volk der geringen Spielleute, der üblichen Gaukler und Gauklerinnen, und schließlich waren unermeßlich viel Zuschauer gekommen aus der zur Reise auf Feste stets entschlossenen Bevölkerung stromauf und stromab am fröhlichen Rhein. Das alles flutete um die bretterne Kaiserpfalz auf dem Festplatz, um die zugehörige Kirche und die große bretterne Festhalle. Eine Versammlung so vieler vornehmer und sonstiger Deutscher geht nie ganz ohne Rangstreitigkeiten und allerlei Reibereien ab, manche kamen auch schon von Hause mit der Absicht, den Hoftag mit ihren Beschwerden zu erfüllen. Auch Unglücksfälle fehlten bei solcher Menge nicht, und ein heftiger Wind warf die Festkirche mit ein paar sonstigen Holzgebäuden um, wobei 15 Menschen erschlagen wurden. So gab es auch ernste Stimmungen, und am ergreifendsten mochte es sein, als mitten in dem rheinischen Jubel ein Mann erschien, der jetzt Geleit und Schutz bitten mußte, um unter Deutschen zu sein: Heinrich der Löwe. Kaiserfeste mitzufeiern kann seine Sache nicht gewesen sein; aber falls er in der allgemeinen freudigen Einhelligkeit etwas für sich hat erreichen wollen, so ist er zunächst doch noch wieder in die Elende verabschiedet worden. Am Pfingstsonntag, dem 20. Mai, trugen Kaiser und Kaiserin die Krone, was immer ein besonderes Ereignis bei wichtigen oder hochfestlichen Anlässen war; am Montag wurden der junge Herzog und sein Bruder, der König Heinrich, mit dem Schwerte gegürtet und leisteten das Rittergelübde. An den nachfolgenden Turnieren nahmen zwanzigtausend Ritter, auch der Kaiser persönlich, teil. Vom Mittwoch an begann man den Festort mit seinen für die Herren sehr kostspieligen Freuden allmählich wieder zu verlassen, doch gingen die Ausläufer des glänzenden Treibens, des Tafelns und rheingauischer Weinlust noch durch die folgenden Tage. »Da von sprach man do witen.« Allgemein blieb der Eindruck einer Herrlichkeit dieses Kaisertums, die seit den Hoftagen Alexanders des Großen und des Königs Artus nicht geschaut worden sei. Heinrich von Veldeke hatte damals seine Umdichtung der Äneide schon seit Jahren ziemlich fertig, aber sie war ihm schnöde von einem Thüringer gestohlen worden, als er bei der Hochzeit der Gräfin von Kleve mit dem Landgrafen von Thüringen anwesend war. Später hat Heinrich sein Manuskript wieder bekommen und nachträglich für die Hochzeitsfeier des Äneas und der Lavinia die farbigen Bilder des miterlebten Mainzer Festes verwendet. Hundert Jahre, so traute er sich zu meinen, werde von diesem noch gesagt und geschrieben werden. W. Mulot, Schierstein, Hafen. Kaiser Adolf und Imagina Von Adolf Becker Kaiser Adolf kämpfte im Elsaß gegen den Bischof von Straßburg und wurde während eines Scharmützels schwer verwundet. Seine Getreuen trugen ihn aus dem Getümmel und brachten ihn in Sicherheit. Auf unbekannten Wegen irrten sie dahin, eine tiefe Ohnmacht hielt den kaiserlichen Herrn umfangen. Es dunkelte schon, als sie vor die Pforte eines Nonnenklosters kamen und mit dem Schwertknauf um Einlaß pochten. Der Regen goß in Strömen. Die Äbtissin verweigerte den Kriegsleuten Obdach; nur der Verwundete erhielt ein Lager im schützenden Raum des Klosters. Die Reisigen nächtigten im nahen Gehölz und empfingen reichliche Atzung. Am anderen Morgen ritten sie ohne den Herrn zum Lager zurück. Sorglich pflegten die Nonnen den Kaiser, und nach einigen Wochen war seine Wunde geheilt. Eine junge Novize, Imagina geheißen, war Tag und Nacht um den Verwundeten gewesen. Wenn ihn die Glut des Fiebers durchtobte, kühlte sie seine Stirne und goß lindernden Trank über seine Lippen. Dann war es ihm, als stände ein Engel an seinem Lager und scheuche die Qual. Als ihm das Bewußtsein wieder gekommen war, als seine Kräfte von Tag zu Tag wuchsen, durfte Imagina nicht mehr von seinem Lager weichen. Eines Tages ergriff er die Hand der Jungfrau und sprach: »Durch Eure Pflege bin ich genesen. Herzlich muß ich Euch danken. Doch Eure Sanftmut und Euer Liebreiz haben mich wiederum krank gemacht.« Imagina errötete und verließ das Gemach. Von stundan kam eine andere und pflegte ihn. Unmutig und traurig zugleich wartete der Kaiser auf Imaginas Kommen. Drei Tage vergingen. Am Abend des dritten Tages, als in den hohen Gängen und Zellen des Klosters schon tiefe Ruhe herrschte, öffnete sich leise die Türe zu Adolfs Gemach. Imagina trat hastig herein, sie trug in der Hand eine flackernde Kerze. Flüsternd und drängend sprach sie: »Flieht, hoher Herr! Der Bischof von Straßburg stellet Euch nach! In dieser Nacht noch will er Euch fahen! Eilt! Eilt! Geheimen Weg will ich Euch weisen! Den Schlüssel zum Pförtlein im Klostergarten – ich hab ihn! Zum Rheinstrom geht dann der Pfad durch den Wald, dort findet Ihr Fähre und Fährmann!« Adolf griff rasch nach Mantel und Schwert und folgte ihr eilenden Schritts durch den dunklen Garten. Der Regen troff und der Sturm raste durch die Bäume. An der Mauerpforte hielt Imagina an und wollte in das Kloster zurückeilen. Aber der Kaiser ergriff ihre Hand und bat sie so dringend und innig, mit ihm zu fliehen und immer bei ihm zu bleiben, daß sie nicht widerstand. Sie hatte ihn lieb gewonnen und hing mit ganzer Seele an ihm. Den Schleier löste sie von ihrem Gewand; der Nachtsturm trug ihn davon. Der Kaiser hüllte ihre bebende Gestalt in seinen Mantel. Glückselig faßte er ihre Hand und sorglich geleitete er sie an den Rheinstrom. Ein Fischer setzte die Flüchtenden über und bald war ein Schloß des Kaisers erreicht. Im stillen Aartal, nicht weit von Schwalbach, ließ Adolf sich eine Burg erbauen und nannte sie Adolfseck. Hier lebte er mit Imagina in verborgener Liebe; stets weilte er bei ihr, wenn ihn blutige Fehde nicht fernhielt. Doch kurze Zeit nur dauerte das heimliche Glück. Albrecht von Österreich griff nach Adolfs Krone, und am Donnersberg kam es zur Schlacht. Imagina hatte sich ohne Wissen des Kaisers in ritterliche Gewandung gehüllt und folgte ihm auf die Wahlstatt. Sie wollte an seiner Seite bleiben. Mit Mühe nur konnte sie Adolf bereden, im nahen Rosental auf den Ausgang des Kampfes zu harren. Vor dem hohen Kreuzbild der stillen Klosterkirche fiel sie nieder, betete und jammerte und bangte um das Leben ihres Herrn. Draußen auf dem Schlachtfeld dröhnte wilder Reiterkampf, draußen sank Nassaus Held blutend vom Streitroß; die Waffe des Gegners hatte ihn tödlich getroffen. Dunkle Schatten krochen aus den Winkeln und Wölbungen der Kirche, die Nacht brach herein. Noch lag Imagina vor dem Bilde des Erbarmers, noch immer stiegen ihre Bitten empor. Draußen wurde es still und stiller; tiefes Dunkel schwebte stumm und trauernd in dem heiligen Raum. Leises Gewinsel drang plötzlich an Imaginas Ohr. Entsetzt fuhr sie empor. Des Kaisers Windspiel, das ihn auch im Kampfe nicht verließ, zerrte die Herrin am Saum des Gewandes, lief zur offenen Kirchentüre und kam wieder zurück. Sie folgte ihm auf das Schlachtfeld, von schrecklicher Ahnung ergriffen. Bei der Leiche Adolfs blieb das treue Tier stehen und winselte aufs neue. In unendlichem Jammer sank Imagina neben dem Entseelten nieder. Im Kloster Rosental wurde der Kaiser bestattet; Imagina wollte verzweifeln. Weder Speise noch Trank kamen über ihre Lippen, und eines Morgens lag sie tot auf dem Grabe des Geliebten. Wilhelmus von Nassaue Von Ph. von Marnix, Herrn von Mont-St.-Aldegonde Wilhelmus von Nassawe bin ich von teutschem blut, Dem Vaterland getrawe bleib ich bis in den todt. Ein printze von Uranien bin ich frey, unerfehrt; Den könig von Hispanien hab ich allzeit geehrt. Leid Geduldet. euch, mein untersassen, die aufrecht sein von art; Gott wird euch nicht verlassen, all seit jhr nun beschwert. Wer from begert zu leben, der bitt gott nacht und tag, Das er mir krafft wöll geben, das ich euch helffen mag. Edel und hochgeboren, von keyserlichem stamm, Ein fürst des reichs erkoren, als ein from christenmann, Für Gottes wort geprisen, hab ich frey unverzagt, Als ein Held sonder fochten, forchten = Furcht. mein edel blut gewagt. Hadamar, Gußplatte mit dem Prinzen von Oranien. Wilhelm der Schweiger Von Friedrich von Schiller Wilhelm der Erste, Prinz von Oranien, stammte aus dem deutschen Fürstenhause Nassau, welches schon acht Jahrhunderte geblüht, mit dem österreichischen eine Zeitlang um den Vorzug gerungen, und dem deutschen Reiche einen Kaiser gegeben hatte. Außer verschiedenen reichen Ländereien in den Niederlanden, die ihn zu einem Bürger dieses Staats und einem geborenen Vasallen Spaniens machten, besaß er in Frankreich noch das unabhängige Fürstentum Oranien. Wilhelm ward im Jahr 1533 zu Dillenburg, in der Grafschaft Nassau, von einer Gräfin Stolberg geboren. Sein Vater, der Graf von Nassau, desselben Namens, hatte die protestantische Religion angenommen, worin er auch seinen Sohn erziehen ließ; Karl der Fünfte aber, der dem Knaben schon frühzeitig wohlwollte, nahm ihn sehr jung an seinen Hof und ließ ihn in der römischen aufwachsen. Dieser Monarch, der in dem Kinde den künftigen großen Mann schon erkannte, behielt ihn neun Jahre um seine Person, würdigte ihn seines eigenen Unterrichts in Regierungsgeschäften und ehrte ihn durch ein Vertrauen, welches über seine Jahre ging; ihm allein war es erlaubt, um den Kaiser zu bleiben, wenn er fremden Gesandten Audienz gab – ein Beweis, daß er als Knabe schon angefangen haben mußte, den ruhmvollen Beinamen des Verschwiegenen zu verdienen. Der Kaiser errötete sogar nicht, einmal öffentlich zu gestehen, daß dieser junge Mensch ihm öfters Anschläge gebe, die seiner eigenen Klugheit würden entgangen sein. Welche Erwartungen konnte man nicht von dem Geist eines Mannes hegen, der in einer solchen Schule gebildet war! Wilhelm war dreiundzwanzig Jahre alt, als Karl die Regierung niederlegte, und hatte schon zwei öffentliche Beweise der höchsten Achtung von ihm erhalten. Ihm übertrug er, mit Ausschließung aller Großen seines Hofes, das ehrenvolle Amt, seinem Bruder Ferdinand die Kaiserkrone zu überbringen. Als der Herzog von Savoyen, der die kaiserliche Armee in den Niederlanden kommandierte, von seinen eigenen Landesangelegenheiten nach Italien abgerufen ward, vertraute der Kaiser ihm den Oberbefehl über diese Truppen an, gegen die Vorstellungen seines ganzen Kriegsrats, denen es allzu gewagt schien, dem erfahrnen französischen Feldherrn einen Jüngling entgegenzusetzen. Abwesend und von niemand empfohlen, zog ihn der Monarch der lorbeervollen Schar seiner Helden vor, und der Ausgang ließ seine Wahl nicht bereuen. Die vorzügliche Gunst, in welcher dieser Prinz bei dem Vater gestanden hatte, wäre allein schon ein wichtiger Grund gewesen, ihn von dem Vertrauen seines Sohnes auszuschließen. Philipp scheint es, hatte es sich zum Gesetz gemacht, den spanischen Adel an dem niederländischen wegen des Vorzugs zu rächen, wodurch Karl der Fünfte diesen letztern stets unterschieden hatte. Aber wichtiger waren die geheimen Beweggründe, die ihn von dem Prinzen entfernten. Wilhelm von Oranien gehörte zu den hagern und blassen Menschen, wie Cäsar sie nennt, die des Nachts nicht schlafen und zu viel denken, vor denen das furchtloseste aller Gemüter gewankt hat. Die stille Ruhe eines immer gleichen Gesichts verbarg eine geschäftige feurige Seele, die auch die Hülle, hinter welcher sie schuf, nicht bewegte, und der List und der Liebe gleich unbetretbar war; einen vielfachen, fruchtbaren, nie ermüdenden Geist, weich und bildsam genug, augenblicklich in alle Formen zu schmelzen; bewährt genug, in keiner sich selbst zu verlieren; stark genug, jeden Glückswechsel zu ertragen. Menschen zu durchschauen und Herzen zu gewinnen, war kein größerer Meister, als Wilhelm. So langsam sein Geist gebar, so vollendet waren seine Früchte; so spät sein Entschluß reifte, so standhaft und unerschütterlich ward er vollstreckt. Den Plan, dem er einmal als dem ersten gehuldigt hatte, konnte kein Widerstand ermüden, keine Zufälle zerstören, denn alle hatten, noch ehe sie wirklich eintraten, vor seiner Seele gestanden. So sehr sein Gemüt über Schrecken und Freude erhaben war, so unterworfen war es der Furcht; aber seine Furcht war früher da, als die Gefahr, und er war ruhig im Tumult, weil er in der Ruhe gezittert hatte. Wilhelm zerstreute sein Geld mit Verschwendung, aber er geizte mit Sekunden. Die Stunde der Tafel war seine einzige Feierstunde, aber diese gehörte seinem Herzen auch ganz, seiner Familie und der Freundschaft; ein bescheidener Abzug, den er dem Vaterland machte. Hier verklärte sich seine Stirn beim Wein, den ihm fröhlicher Mut und Enthaltsamkeit würzten, und die ernste Sorge durfte hier die Jovialität seines Geistes nicht umwölken. Sein Hauswesen war prächtig; der Glanz einer zahlreichen Dienerschaft, die Menge und das Ansehen derer, die seine Person umgaben, machten seinen Wohnsitz einem souveränen Fürstenhofe gleich. Eine glänzende Gastfreiheit, das große Zaubermittel der Demagogen, war die Göttin seines Palastes. Fremde Prinzen und Gesandten fanden hier eine Aufnahme und Bewirtung, die alles übertraf, was das üppige Belgien ihnen anbieten konnte. Eine demütige Unterwürfigkeit gegen die Regierung kaufte den Tadel und Verdacht wieder ab, den dieser Aufwand auf seine Absichten werfen konnte. Aber diese Verschwendungen unterhielten den Glanz seines Namens bei dem Volke, dem nichts mehr schmeichelt, als die Schätze des Vaterlandes vor Fremden ausgestellt zu sehen, und der hohe Gipfel des Glücks, worauf er gesehen wurde, erhöhte den Wert der Leutseligkeit, zu der er herabstieg. Niemand war wohl mehr zum Führer einer Verschwörung geboren, als Wilhelm der Verschwiegene. Ein durchdringender fester Blick in die vergangene Zeit, die Gegenwart und in die Zukunft, schnelle Besitznehmung der Gelegenheit, eine Obergewalt über alle Geister, ungeheure Entwürfe, die nur dem weit entlegenen Betrachter Gestalt und Ebenmaß zeigen, kühne Berechnungen, die an der langen Kette der Zukunft hinunterspinnen, standen unter der Aufsicht einer erleuchteten und freieren Tugend, die mit festem Tritte auch auf der Grenze noch wandelt. Ein Mensch, wie dieser, konnte seinem ganzen Zeitalter undurchdringlich bleiben, aber nicht dem größten Kenner der Gemüter, dem mißtrauischsten Geist seines Jahrhunderts. Philipp der Zweite schaute schnell und tief in seinen Charakter, der, unter den gutartigen, seinem eigenen am ähnlichsten war. Hätte er ihn nicht so vollkommen durchschaut, so wäre es unerklärbar, wie er einem Menschen sein Vertrauen nicht geschenkt haben sollte, in welchem sich beinahe alle Eigenschaften vereinigten, die er am höchsten schätzte und am besten würdigen konnte. Aber Wilhelm hatte noch einen anderen Berührungspunkt mit Philipp dem Zweiten, welcher wichtiger war. Er hatte seine Staatskunst bei demselben Meister gelernt und war, wie zu fürchten stand, ein fähigerer Schüler gewesen. Nicht, weil er den Fürsten des Machiavell zu seinem Studium gemacht, sondern weil er den lebendigen Unterricht eines Monarchen genossen hatte, der jenen in Ausübung brachte, war er mit den gefährlichen Künsten bekannt geworden, durch welche Throne fallen und steigen. Philipp hatte hier mit einem Gegner zu tun, der auf seine Staatskunst gerüstet war, und dem bei einer guten Sache auch die Hilfsmittel der schlimmen zu Gebote standen. Und eben dieser letztere Umstand erklärt uns, warum er unter allen gleichzeitigen Sterblichen diesen am unversöhnlichsten haßte und so unnatürlich fürchtete. K.H. Zunn, Dillenburg. Den Argwohn, welchen man bereits gegen den Prinzen gefaßt hatte, vermehrte die zweideutige Meinung von seiner Religion. Wilhelm glaubte an den Papst, solange der Kaiser, sein Wohltäter, lebte; aber man fürchtete mit Grund, daß ihn die Vorliebe, die seinem jungen Herzen für die verbesserte Lehre gegeben worden, nie ganz verlassen habe. Welche Kirche er auch in gewissen Perioden seines Lebens mag vorgezogen haben, so hätte sich jede damit beruhigen können, daß ihn keine einzige ganz gehabt hat. Wir sehen ihn in späteren Jahren beinahe mit ebenso wenigem Bedenken zum Kalvinismus übergehen, als er in früher Kindheit die lutherische Religion für die römische verließ. Gegen die spanische Tyrannei verteidigte er mehr die Menschenrechte der Protestanten, als ihre Meinungen; nicht ihr Glaube, ihre Leiden hatten ihn zu ihrem Bruder gemacht. Diese allgemeinen Gründe des Mißtrauens schienen durch eine Entdeckung gerechtfertigt zu werden, welche der Zufall über seine wahren Gesinnungen darbot. Wilhelm war als Geißel des Friedens von Chateau-Cambresis, an dessen Stiftung er mitgearbeitet hatte, in Frankreich zurückgeblieben, und hatte durch die Unvorsichtigkeit Heinrichs des Zweiten, der mit einem Vertrauten des Königs von Spanien zu sprechen glaubte, einen heimlichen Anschlag erfahren, den der französische Hof mit dem spanischen gegen die Protestanten beider Reiche entwarf. Diese wichtige Entdeckung eilte der Prinz seinen Freunden in Brüssel, die sie so nahe anging, mitzuteilen, und die Briefe, die er darüber wechselte, fielen unglücklicherweise dem König von Spanien in die Hände. Philipp wurde von diesem entscheidenden Aufschlusse über Wilhelms Gesinnung weniger überrascht, als über die Zerstörung seines Anschlags entrüstet; aber die spanischen Großen, die dem Prinzen jenen Augenblick noch nicht vergessen hatten, wo der größte der Kaiser im letzten Akte seines Lebens auf seinen Schultern ruhete, versäumten diese günstige Gelegenheit nicht, den Verräter eines Staatsgeheimnisses endlich ganz in der guten Meinung ihres Königs zu stürzen. Nicht minder edeln Stammes, als Wilhelm, war Lamoral, Graf von Egmont. Die Schlachten bei St. Quentin und Gravelingen machten ihn zum Helden seines Jahrhunderts. Egmont vereinigte alle Vorzüge, die den Helden bilden; er war ein besserer Soldat, als Oranien, aber als Staatsmann tief unter ihm; dieser sah die Welt wie sie wirklich war, Egmont in dem magischen Spiegel einer verschönernden Phantasie. Menschen, die das Glück mit einem Lohn überraschte, zu welchen sie keinen natürlichen Grund in ihren Handlungen finden, werden sehr leicht versucht, den notwendigen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung überhaupt zu verlernen, und in die natürliche Folge der Dinge jene höhere Wunderkraft einzuschalten, der sie endlich tolldreist, wie Cäsar seinem Glücke, vertrauen. Von diesen Menschen war Egmont. Wilhelm von Oranien brach mit dem Thron, weil die willkürliche Gewalt seinen Stolz empörte; Egmont war eitel, darum legte er einen Wert auf Monarchengnade. Jener war ein Bürger der Welt, Egmont ist nie mehr als ein Fläminger gewesen. Philipp der Zweite stand noch in der Schuld des Siegers bei St. Quentin, und die Oberstatthalterschaft der Niederlande schien die einzig würdige Belohnung so glänzender Verdienste zu sein. Geburt und Ansehen, die Stimme der Nation und persönliche Fähigkeiten sprachen so laut für Egmont als für Oranien, und wenn dieser übergangen wurde, so konnte jener allein ihn verdrängt haben. Zwei Mitbewerber von so gleichem Verdienste hätten Philipp bei seiner Wahl verlegen machen können, wenn es ihm je in den Sinn gekommen wäre, sich für einen von beiden zu bestimmen. Aber eben die Vorzüge, mit welchen sie ihr Recht darauf unterstützten, waren es, was sie ausschloß; und gerade durch diese feurigen Wünsche der Nation für ihre Erhebung hatten sie ihre Ansprüche auf diesen Posten unwiderruflich verwirkt. Philipp konnte in den Niederlanden keinen Statthalter brauchen, dem der gute Wille und die Kraft des Volks zu Gebote stand. Die fehlgeschlagene Erwartung der Regentschaft benahm dem Prinzen von Oranien die Hoffnung noch nicht ganz, seinen Einfluß in den Niederlanden noch fester zu gründen. Unter den übrigen, welche zu diesem Amte in Vorschlag gebracht wurden, war auch Christina, Herzogin von Lothringen und Muhme des Königs, die sich als Vermittlerin des Friedens von Chateau-Cambresis ein glänzendes Verdienst um die Krone erworben hatte. Wilhelm hatte Absichten auf ihre Tochter, die er durch eine tätige Verwendung für die Mutter zu befördern hoffte; aber er überlegte nicht, daß er eben dadurch ihre Sache verdarb. Die Herzogin Christina wurde verworfen, nicht sowohl, wie es hieß, weil die Abhängigkeit ihrer Länder von Frankreich sie dem spanischen Hofe verdächtig machte, als vielmehr deswegen, weil sie dem niederländischen Volk und dem Prinzen von Oranien willkommen war. H. Aulmann, Hadamar. Die Glocke von Kadamar Von Börries Freiherr von Münchhausen »Wir wollen dies Jahr die Felder am Rhein Mit heißen Sicheln mähn, Wie Sensen soll der Flammenschein Über die Ernten gehn. Gott gnade der Burg und gnade der Stadt, Die meiner Faust widerspricht, – Du hältst wohl aus die Kanone am Rad, Aber Tilly – hältst du nicht!« Und der Brabanter sprang vom Pferd, Eisenumschlossen ganz, Hell klirrend schlug an Koller und Schwert Der eiserne Rosenkranz. Da stiegen die Wogen des Reiterkriegs, Da prasselten Hieb und Schuß, Und von dem Blute des Reitersiegs Ward rot der blaue Fluß. Was silberne Glocken gewesen einst, Klingelt als Geld durchs Land, Und wer die Messe gelesen einst, Bettelt am Straßenrand. – Zu Walmarod der Reichsbaron Die Zugbrück zog er herauf: »'s ist nicht für meine Religion, Die gäb ich gern in Kauf, 's ist nicht für meine Baronie, Für Thron nicht und Altar, Ich kämpfe nur für dich, Sophie, Sophie, und für dein Haar! Für jedes Haar und für jeden Kuß Einen Schwerthieb schlag ich dafür, Bis ich Tillys Herz zwischen diesem Fuß Und der alten Erde spür! Geliebte, nun tauche den roten Mund In den roten rheinischen Wein, Wir läuten mit klingendem Gläserrund, Wir läuten die Litanein!« – – »Im Namen des Sohnes der Marie, Des Jesusknaben von Prag, Ich will die Burg und ich nehme sie Vor Sankt Gertraudentag! Nie lag ich so lange im Hinterhalt Und nie so lang auf der Laur, Niemals im ganzen Westerwald Und im Walde von Montabaur. Ich schwör's: Wenn ich fange das girrende Paar; Sein Haupt vorm Beile sinkt, Wenn drüben vom Kloster in Hadamar Der Ton der Mette klingt!« – – Der Söldner mit Schienen die Schenkel umschloß Und prüfte des Flambergs Glanz, Und in die Musketenkugeln goß Er Perlen vom Rosenkranz. Und sie klommen empor trotz Pfeil und Tod Im scheidenden Abendlicht, Und sie fingen den Herren von Walmarod, Das Weib aber – fingen sie nicht! Durch den schweigenden Wald den verschwiegenen Pfad Hinfloh sie aus Schande und Schlacht, Und es säte der Hengst die Funkensaat In die dunkele Furche der Nacht. Zu Hadamar die alte Abtei Träumte im Mondenlicht. Sie schlich an der Türe des Pförtners vorbei, Den Klopfer hob sie nicht. Es klomm die Stufen zum Glockenturm Empor die schöne Sophie, Wohl atmete droben der Frühlingssturm, Viel stürmischer atmete sie. Und um den Klöppel der Glocke schlang Sie die runden Arme fest, Und hielt den schwankenden Glockenstrang Zwischen ihre Schenkel gepreßt. – Es zog der Mönch zur Mette das Seil, Die Glocke war heut tot, – Er riß zum zweiten am Glockenseil, Da ward es blutig rot. Anschlug er den Klöppel zum dritten Mal, Da klang ein Schrei so schrill, Ein Schrei von wild verzweifelnder Qual, Dann ward es totenstill, Und nur die große Glocke hallt Von Hadamar-Abtei Zitternd über den Westerwald Ihren letzten Sterbeschrei. Und als er klang in Walmarod, Ins Knie sank der Baron: »Erbarm dich, Herr, um meinen Tod Durch Christum deinen Sohn!« I. A. Lasinsky, Ruine Katz und St. Goarshausen (1828). Das Tagebuch des Pfarrers Plebanus aus dem Dreißigjährigen Krieg In diesen Tagen ist ein überaus böser Anfang zu diesem Jahre l636 bei den Miehlenern gewesen. Das kaiserliche Volk mit etlichen Regimentern, Fußgängern und Reitern, hat unterschiedliche Male über Nacht dort im Quartier gelegen. Sie haben in den noch übrigen unverbrannten Häusern niemand als einzig und allein die Kranken angetroffen, wohl auch den einen oder den anderen ausgehungerten, ohnmächtigen Menschen, der der Kranken wartete. Sie sind unbarmherzig, ja barbarisch mit den Kranken verfahren, haben sie in den Betten um- und herausgeworfen, Geld und Brot haben wollen. Im Oberdorf sind auch etliche Häuser und Scheuern wieder in Asche gelegt worden. Mir haben sie im Pfarrhaus mehr Schaden getan als vielen andern. Am Ende des Januar ist Margaretha, Michel Rörichs, des Bäckers Frau, sechzigjährig zu Miehlen verstorben. Sie hat einen Tag oder mehr in Hans Schreiners Haus unbegraben gelegen, weil sich kein Mensch im Dorf hat sehen lassen dürfen. Endlich ist Katharine, Hans Schreiners Frau, die mit ihrem Sohne krank gelegen hat, des Gestankes müde geworden. Sie hat mit Hilfe ihres Sohnes die Leiche die Stiege hinuntergeworfen und sie in ein anderes Gemach geschafft; Hunde und Katzen haben die Tote bis auf den Kopf aufgefressen und die Gebeine verschleppt. Nicht mehr als ein Röhrenknochen von ihr ist noch gefunden worden. Es sollen die Hunde mit ihren Händen auf der Gasse umhergelaufen sein. Dergleichen furchtbare Dinge hat man in diesen Tagen mehr gehört. Adam Huntzeler, früher Kirchenältester der Kirche zu Miehlen, ein sehr verständiger und für einen Bauern wohlberedeter Mann, hat in seiner und seiner Tochter Schwachheit und großem Hunger nicht ein Schnittlein Brot haben können. Als er mit seinem einzigen Kinde vor Hunger verkommen war, blieb er acht Tage und länger unbeerdigt liegen. Es war auch kein Sarg zu bekommen, weil die auf- und abreitenden, laufenden und streifenden Rotten keinem so viel Zeit gaben, daß jemand einen Sarg hätte machen können. So sind sie denn erbärmlich in Stroh eingebunden und zum Kirchhof geschleppt worden. Den 26. Februar bin ich mit meiner Hausfrau und etlichen geflüchteten Miehlenern wiederum nach Miehlen gegangen. Wir hofften, daß die Kroaten in Wellmich uns so viel Ruhe geben möchten, daß wir besehen könnten, wie innerhalb der fünf Wochen, da wir zum letztenmal dort waren, gehaust worden wäre. Wir haben in Miehlen niemand mehr antreffen können als in zwei Häusern und in der Obermühle einen Haufen kranker Leute, die dem Tode viel ähnlicher waren als lebendigen Menschen. Vier der Kranken krochen, als sie von meiner Ankunft hörten, in das Pfarrhaus. Sie baten mich, ich möge ihnen und den andern das heilige Abendmahl reichen. Diese Leute waren so entstellt, daß ich sie mit großem Schrecken und mit Verwunderung ansah. Ich hätte sie nicht erkannt, wenn sie sich nicht durch die, die mit mir nach Miehlen gekommen waren, hätten anmelden lassen. Ich habe ihnen – o der großen Armut! – das Abendmahl nicht reichen können, denn es war weder Wein zu haben noch Abendmahlsbrot. Das hatten die Soldaten in der Kirche gefunden und genommen. Aber selbst wenn ich es zur Hand gehabt hätte, so wäre mir dazu keine Zeit gelassen worden, denn einer der Kranken kam und zeigte mir an, daß jenseits des Baches, bei Johann Hahns Haus, in dem ungefähr sieben oder acht Kranke waren, sich Soldaten gezeigt hätten, die von Boppard kämen. Ich habe also alles stehen und liegen gelassen und bin in großer Furcht mit meiner Frau nach St. Goar geflüchtet. Den 29. Februar bin ich abermals gen Miehlen gegangen, um meine Kranken zu trösten. Weil jedermann sich gefürchtet hat mitzugehen, bin ich allein meines Weges geschritten. In drei Häusern habe ich zwanzig Leuten, besonders Kranken, das Abendmahl gereicht und mit ihnen gebetet. Die unter den Kranken noch gesund waren und vorher den Kranken zur Hand gingen, haben sich bald nach dem Abendmahl auch gelegt. In meinem Hinübergehen nach Miehlen kam ich nach Endlichhofen. Ich habe darin keinen lebendigen Menschen angetroffen. Vor Michelengens Haus standen zwei starke Hunde, die mich gräßlich anfletschten. Darüber habe ich mir meine Gedanken gemacht und gemutmaßt, daß tote Menschen in dem Hause liegen. Mit Furcht habe ich das Haus betreten, denn gleich im Eingang des Hauses lag ein Mensch, dem der Hals, Achsel und Arme abgefressen, das Hemd bis auf die Füße heruntergerissen waren. In der Stube haben ein paar alte Lumpen auf dem Boden gelegen, ferner Gebeine von Kindern. Bis jetzt sind in diesem Dörflein schon acht Menschen in das bestialische Gedärm der Hunde begraben. Die Kühhirtin zu Ruppertshofen hat in diesen Tagen einen Hund geschlachtet und gegessen. Der Kommandant auf Rheinfels, Herr Obrist-Wachtmeister Junker Görg Philipp von Buseck, hat mir von dieser Frau erzählt, daß sie von ihrem toten Manne ein Stück Fleisch gerissen, solches gekocht und mit ihren Kindern verspeist habe. Auch von der Leiche ihres Vaters habe sie die Schenkel abgehackt, gewaschen, gesotten, desgleichen den Kopf gesotten, aufgetragen und gegessen. Als sie gefragt worden sei, wie es geschmeckt habe, habe sie geantwortet, wenn sie nur ein wenig Salz gehabt hätte, hätte es gut geschmeckt. In diesen Tagen sind die Burgen Lahnstein und Stein Nassau von den Kaiserlichen blockiert und belagert worden. In Miehlen sind die Hasen, gleichsam als ob sie zahmgemacht wären, auf den verbrannten Plätzen haufenweise Tag und Nacht herumgelaufen. Den 23. März bin ich von St. Goarshausen mit meiner lieben Hausfrau zu Schiff ausgezogen, um mich nach Frankfurt und von da nach Butzbach zu begeben, damit wir unsere Gesundheit rascher wiederherstellen könnten. Wir haben die Reise gern angetreten, um uns auch so der unbilligen, übermäßigen Teuerung einigermaßen zu entziehen. Am Sonntag Lätare, mittags um 12 Uhr, kamen wir in dem Hause meines Bruders zu Frankfurt an und wurden sehr freundlich empfangen. Hier in Frankfurt kann man sehen, wie die Krämer uns übervorteilt und bewuchert haben. Sie sind hier nach Frankfurt gefahren und haben Käse, Butter, Stockfisch und andere Lebensmittel zentnerweise eingekauft und für ein Vielfaches in St. Goar wieder verkauft. Deshalb lobe ich mir die Geistlichen zu St. Goar, daß sie diese große Schinderei der Wucherer und den übermächtigen Hochmut und Kleiderstolz ihrer Weiber mit eifrigem Ernste rügen. Wenn hier in Frankfurt zwanzig Bürgersweiber trauern, so verkleiden sie nicht so viel Stoff an sich als dort eine schlichte Bürgerin. Da muß alles vorn und hinten mit reiner Leinwand bis zur Erde behangen sein. Ein ehrlicher Mann kann zwischen einer solchen Bürgerin, die vielleicht eines Schusters oder Schneiders Frau ist, und einer Edelfrau oder Gräfin in der Kleidung keinen Unterschied finden. Wegen der großen Unsicherheit zu Wasser und zu Lande konnte ich erst am 7. Juli in einem Kahn, der nur des Nachts fuhr, nach St. Goarshausen zurückkehren. Mit betrübtem Herzen vernahm ich nun von dem traurigen Zustande der armen, noch übriggebliebenen Miehlener. Es war nicht mehr ein einziger Mensch zu Miehlen. Die streifenden Parteien ließen niemand unbehelligt, und außerdem hatten die zu Nassau liegenden kaiserlichen Soldaten von den wenigen noch lebenden und vor Hunger schier verkommenen Miehlenern eine Kontribution von 52 Reichsgulden gefordert, die sofort erlegt werden sollte. Peter Beilstein, der das Schultheißenamt zu Miehlen zu verwalten hatte, und Roderich Schmitt, der Nassau-Saarbrückische Oberschultheiß im Vierherrischen, waren von einem kaiserlichen Leutnant gefangen genommen und eine Zeitlang herumgeführt worden. Endlich schleppte man sie nach Bingen und ließ sie erst los, als sie versprachen, daß die Ämter Nassau, Miehlen, Schönau und die Vierherrische Gemeinschaft eintausendundsechsunddreißig Goldgulden bis Michaelis erlegen wollten. Als Sicherheit mußten sie alle in diesen Orten noch lebenden Männer, Weiber, Kinder, Barschaft, Wälder, Felder, Acker, Wiesen, kurzum alles als Pfand verschreiben. Da flüchtete jedermann. Die armen Leute halten sich entweder in den Mauern der Städte auf, oder sie liegen in der Einöde und Wildnis in großer Furcht und leiden bitteren Hunger. Hasen, Füchse und andere wilde Tiere lassen sich in den zerstörten, leuteentblößten Dörfern haufenweise sehen. Hans Scharpfrichter zu Nastätten erzählte mir, daß er in Nastätten, wo er tags zuvor gewesen war, einen Hasen von dem Steg, der vor dem Rathaus über den Bach führt, geschossen habe. Der Hase sei in den Bach gepurzelt. Nach dem Schuß sei ihm eine solche Angst angekommen, daß er nicht länger gesäumt, sondern sich bald von bannen gemacht habe. Ich habe schon oft gehört, daß denen, die in ein zerstörtes und öde gewordenes Dorf kommen, in den verlassenen Wohnstätten eine viel größere Angst und Bangigkeit kommt, als wenn sie draußen im wilden Walde allein sind. Das Grauen, das in den Wüstungen wohnt, ist furchtbar. Am 15. Oktober bin ich mit meiner Frau nach Butzbach zurückgekehrt und schon am 16. zu Wehen angekommen. Es ist eine rechte Wüstenei in dem Flecken und Schloß, ja in dem ganzen Wehener Grund. Es war kein Mensch zu sehen. Diejenigen aber, die noch am Leben sind, halten sich wegen des stetigen feindseligen Anlaufens, Schlagens, Plünderns und Hungerns im Rheingau, zu Langen-Schwalbach, Diez, Hohenstein oder zu Idstein auf. Den 20. Oktober habe ich Herrn Georg Pistorius, den Pfarrherrn zu Strinz-Margaretha, zu Grabe geleitet. Bei diesem Leichenbegängnis ist es schier erbärmlich zugegangen. Aus dem ganzen Grund waren kaum so viel Mannspersonen zusammenzubringen, daß das Grab ordentlich gemacht und die Leiche aus dem Pfarrhaufe die wenigen Schritte getragen werden konnte. Wegen einer streifenden Rotte mußten wir schon bald vom Kirchhof entlaufen. Nur mit Hilfe eines Geleitbriefes kam ich ungeplündert davon. Nun ist in der ganzen Idsteiner Gegend kein Pfarrer mehr außer mir. Auch in Kettenbach, Michelbach, Dörsdorf, Rettert, Miehlen, Welterod, Strinz-Trinitatis, Strinz-Margaretha, Breithardt, Bleidenstadt, Wehen, Bechtheim, Auroff, Wörsdorf, Esch und Walsdorf fehlen die Geistlichen. Im Vierherrischen ist keiner, zu Eichrod, Wallmenach, Marienfels, Dornholzhausen, Obertiefenbach und Kördorf. Auch in der Niedergrafschaft Katzenelnbogen sieht es so traurig aus. Es ist an den meisten Orten kein Gottesdienst mehr gehalten worden. Da flüchtete jedermann. Die armen Leute halten sich entweder in den Mauern der Städte auf, oder sie liegen in der Einöde und Wildnis in großer Furcht und leiden bitteren Hunger. Hasen, Füchse und andere wilde Tiere lassen sich in den zerstörten, leuteentblößten Dörfern haufenweise sehen. Hans Scharpfrichter zu Nastätten erzählte mir, daß er in Nastätten, wo er tags zuvor gewesen war, einen Hasen von dem Steg, der vor dem Rathaus über den Bach führt, geschossen habe. Der Hase sei in den Bach gepurzelt. Nach dem Schuß sei ihm eine solche Angst angekommen, daß er nicht länger gesäumt, sondern sich bald von bannen gemacht habe. Ich habe schon oft gehört, daß denen, die in ein zerstörtes und öde gewordenes Dorf kommen, in den verlassenen Wohnstätten eine viel größere Angst und Bangigkeit kommt, als wenn sie draußen im wilden Walde allein sind. Das Grauen, das in den Wüstungen wohnt, ist furchtbar. Am 15. Oktober bin ich mit meiner Frau nach Butzbach zurückgekehrt und schon am 16. zu Wehen angekommen. Es ist eine rechte Wüstenei in dem Flecken und Schloß, ja in dem ganzen Wehener Grund. Es war kein Mensch zu sehen. Diejenigen aber, die noch am Leben sind, halten sich wegen des stetigen feindseligen Anlaufens, Schlagens, Plünderns und Hungerns im Rheingau, zu Langenschwalbach, Diez, Hohenstein oder zu Idstein auf. Den 20. Oktober habe ich Herrn Georg Pistorius, den Pfarrherrn zu Strinz-Margaretha, zu Grabe geleitet. Bei diesem Leichenbegängnis ist es schier erbärmlich zugegangen. Aus dem ganzen Grund waren kaum so viel Mannspersonen zusammenzubringen, daß das Grab ordentlich gemacht und die Leiche aus dem Pfarrhaufe die wenigen Schritte getragen werden konnte. Wegen einer streifenden Rotte mußten wir schon bald vom Kirchhof entlaufen. Nur mit Hilfe eines Geleitbriefes kam ich ungeplündert davon. Nun ist in der ganzen Idsteiner Gegend kein Pfarrer mehr außer mir. Auch in Kettenbach, Michelbach, Dörsdorf, Rettert, Miehlen, Welterod, Strinz-Trinitatis, Strinz-Margaretha, Breithardt, Bleidenstadt, Wehen, Bechtheim, Auroff, Wörsdorf, Esch und Walsdorf fehlen die Geistlichen. Im Vierherrischen ist keiner, zu Eichrod, Wallmenach, Marienfels, Dornholzhausen, Obertiefenbach und Kördorf. Auch in der Niedergrafschaft Katzenelnbogen sieht es so traurig aus. Es ist an den meisten Orten kein Gottesdienst mehr gehalten worden. Den 16. Juli ist das ganze Fußvolk der Armee des Grafen Johann von Werth nach Langenschwalbach und von da in den Wehener Grund gekommen, ohne daß wir verwarnt worden wären. Im Grund hat sie niemand eher gesehen als ich. Ich habe ihr Kommen auch zu Wehen als erster angezeigt. Als wir nämlich Martin Flam, den Schultheißen zu Bleidenstadt, zu Wehen bei der Kirche begraben hatten, lud Philipp Flam, sein Vater, mich und die, die beim Begräbnis geholfen hatten, in sein Haus zum Essen und zu einer Kanne Wein ein. Die anderen gingen mit, ich aber ging vor den Flecken auf das Feld, um die Sommerfrucht zu besehen und festzustellen, was die Mäuse für Schaden getan hätten. Indem ich nun von einem Stück zum andern spazierte, fiel mir ein Traum ein, den ich am Morgen gehabt hatte. Er schlug mir zu Herzen, daß mir angst und bange wurde. Indem kommt ein großer Haufen schreiender Raben. Fast fünfzig setzen sich auf den nächsten Eichbaum in der Wingsbacher Hohl, wenden sich mit ihrer Stimme zu mir, eilen aber wieder davon. Einer aber bleibt sitzen und ruft mir immer zu: Grab! Grab! Da dachte ich: das heißt Trab! Trab! Deswegen machte ich mich eilends auf den Weg nach dem Flecken. Wie ich auf den Damm auf dem untersten Weiher komme, sehe ich nicht ohne Furcht auf den Hahner Weg zurück. Siehe, da kommen auf Wehen zu spornstreichs fünf Reiter geritten. Kaum war ich in den Flecken geschritten und hatte den Trauerleuten von meiner Wahrnehmung erzählt, als auch schon die Reiter bei der Oberpforte hereinbrechen. Kaum war ich im Schloß und hatte rasch etwas zur Flucht gerichtet, auch dem Philipp Flam mit einem Pferd ausgeholfen, da marschierte auch schon das Fußvolk in hellen Haufen ein. Alles, was die armen Leute an Sam- und Eßkorn und andern Lebensmitteln dort wieder mit großer Mühe zusammengetragen und verborgen hatten, wurde geplündert und weggenommen. Auch nicht ein einziges Bett, nicht ein Kissen oder Überzug, der noch etwas getaugt hat, ist übrig gelassen worden. Das andere haben sie zerrissen, die Federn auf die Gasse oder sonstwohin gestreut, der kranken Müllerin die Kleider vom Leibe gerissen, die Balbiererin elendiglich geschlagen und keinen Kranken geschont. Auf dem neuen Bau in meiner Stube haben sie alles zerstört, die Bettüberzüge, Kissen, kurzum alles mitgenommen und zerrissen, desgleichen einige meiner wertvollsten Bücher, ferner zwei Wämser meiner Hausfrau, alle Lebensmittel, die wir in Mainz gekauft hatten, das Brot, das wir am vorigen Samstag gebacken hatten. In meinem Gemach haben sie alle Schubladen, Briefregister und Bücher herausgeworfen und zerstreut. Ja, sie ließen sogar den Graben ab und suchten darin nach versteckten Sachen. So haben sie das Zeugnis hinterlassen, daß solche barbarische Räuber und rasende Höllenhunde noch nie nach Wehen gekommen seien. Diese Plünderung hat von ein Uhr an bis in die finstere Nacht gewährt. Es ist zu Langenschwalbach und auch anderswo bei den armen, ausgeplünderten Leuten jetzt große und allgemeine Klage darüber geführt worden, daß niemand von den Beamten und der Obrigkeit sie wegen des Kommens der Räuber gewarnt habe. Ein Bauer am hiesigen Ort hat gesagt, die Raben seien viel besser als die Obrigkeit, denn sie warnten vor den Kriegern, den räuberischen Vögeln, während die Obrigkeit stillschweige. Von diesen Völkern haben zwei Regimenter, wohl an dreieinhalb tausend Mann, zu Langenschwalbach gelegen. Es sollen der Weiber und Buben, die sie begleiteten, so viel oder beinahe noch mehr als der wirklichen Soldaten gewesen sein. Zu Lindschied lag ein Fußregiment, zu Born ein Regiment, zu Hahn ein Regiment. Wehen ist zur Plünderung freigegeben worden. Es ist allenthalben, sowohl im Landgräflichen wie im Nassauischen rauh zugegangen, rauher als es bisher je geschehen ist. Was der arme Mann im Feld oder in der Scheuer gehabt hat, das ist hinweggenommen und jämmerlich verderbt worden. Es ist zu befürchten, daß wegen Mangel an Saatkorn an vielen Orten der Brachacker unbesamt liegen bleiben wird, und daß von den wenigen Menschen, die noch im Lande übrig sind, entweder viele verkommen oder nun davonziehen müssen. Jesus Christus, unser Heiland und Friedensfürst, der der Könige und Fürsten Herzen in seiner allmächtigen Regierungshand hat, wolle das kaiserliche Herz, wie auch die Herzen der Kurfürsten, Fürsten und Stände des Reiches und auch aller derer, deren Einsprüche, Räte und Anschläge in diesem Konvent gelten, so regieren, daß der lang erbetene und erwünschte Friede in unserm lieben Vaterland der deutschen Nation mit wohlgegründeter Sicherheit wieder aufgerichtet und aller Orten eingeführt werde. Das wird geschehen, wenn die hohen Häupter erkennen werden, was aus den hitzigen und verkehrten Räten, Anschlägen und Anstiftungen der Lärmenbläser und Friedensstörer für eine erbärmliche Tragödie folgt. Verlorene Dörfer Von Leo Sternberg Und der Eisriese zog sich zurück in den Westerwald. Hoch schloß der Schnee die Bauerntüren bald. Zwölf Mönche klommen hinauf, das Berghospiz zu baun – Eine Eiskirche war's; sie stiegen wieder hinab in wärmere Gaun ... Zäh ist der Bauer, und Dorf weitab von Dorf Liegt in den Bergessätteln – in Steinwall und Flechtenschorf. Doch ihre tannenen Schutzhecken brachen Wetter und Wind; Die Dörfer schwanden, und es weiß kein Mensch, wo sie sind. Das moosgrüne Strohdach drückte die Schneelast ein ... Sie wanderten barfuß in die Welt hinein. Nur einer lebte noch droben, der wollte nicht hinab – Da kam mit Schellen am Schlitten der Tod und holte ihn ab. Die Kuh im Stalle riß sich los und lief Hinter dem Schlitten mit in die Berge tief ... Im Schnee begraben das entseelte Haus – Aber mitternachts glühn alabasterne Fenster heraus. Der Kauz, der dagegen flattert wie gebannt, Dreht auf einmal schreiend – das Licht verschwand ... Zwei Schatten enttauchen der Erde ... Ein Bauer und eine Kuh Nebeln über die Heide – den weißen Bergen zu ... W. Mulot, Diez a. d. Lahn. Das verklungene Lied Von Albert Henche Wo heute die Berge auseinanderrücken und der Wald den Weg freigibt ins Augster Tal, liegt versteckt und dem Fremden verborgen ein Trümmerfeld im Dickicht. Noch ruhen die Erdmauern kleiner Häuser im waldigen Grund, und mag sein, daß du Steine findest, an denen noch Mörtel klebt aus alter Zeit. Dort lag ein Bergmannsdorf, Klingelbach geheißen; und die Sage weiß kaum seine Geschichte und sein Geschick. Die Greuel des Mordes und der Plünderung Werwolf stiegen über den Klopp und rasten im Klingeltal der Bergleute. Fremde Wegelagerer und Marodeure waren von den großen Heerstraßen in die Lahnberge geflohen; eidbrüchige Gesellen brandschatzten, wo ihre Laune und tierische Roheit Opfer und Schwäche fand. Das arme Bergmannsdorf blieb ohne Schutz, und die verrohten Horden des Krieges, den Tilly durch Nassau sich austoben ließ, während er in Schwalbach die Glieder im Stahlwasser erfrischte, hausten in den Lahnbergen schlimmer als anderswo. Kemmenau schmolz auf drei Familien zusammen, und Klingelbach sah sein Geschick in Raub und Tod sich blutig vollenden. Die Schweden hatten sich blutige Köpfe geholt gegen die Kaiserlichen am Main und flohen kopfüber nach Norden. Die Kroaten Tillys waren ausersehen, ihnen das Fersengeld auszuzahlen, und eines Abends, als die Bergleute eben zur Nachtschicht eingefahren waren, kam eine Rotte dieser wüsten Kerle in das friedliche Tal. Ihre Rosse stampften vor Hunger, und den Reitern rumpelte der Bauch nach scharfem Ritt. Aber sie fanden keinen freundlichen Empfang; denn die Not der Zeit hatte die Verbitterung und Wut der Dörfler endlich zur Verzweiflung gestachelt, und die Klingelbacher waren nicht gewillt, ihr Schicksal stumpf zu erdulden. Die Weiber flohen in die Wälder und alarmierten die Schächte. Und aus der Erde stiegen die Häuer, Schlägel und Spitzhacke in nerviger Faust. Und zäunten einen Platz im Wald, machten die Schanzen aus Stein, und Holz der Stollen und bauten ein wild Quartier für ihres Leibes Notdurft, während die Kroaten Haus um Haus in Asche legten. So lagerten die Knappen wie die Tiere im Eichforst, während ihre Heimat versank. Monate gingen ins Land, und die Bergleute hatten Gruben gegraben und in den alten Gängen der Erde Ausgang und Hilfe gewonnen. Eines Tages stießen sie weit vor im unterirdischen Stollen, und als einer den Schleichweg zum Licht fand, sah er, daß sie bis zur Martinskirche vorgedrungen waren. Da beschlossen sie, den Gang unter das Gotteshaus zu führen und hier das Ende der Not zu erwarten ... Die Kroaten ließen sich 's wohl sein in den Hütten der Bergleute und kümmerten sich erst ernstlich um die Waldmenschen in ihrem Verhau, als die letzte Ziege geschlachtet und das letzte Tuch zerrissen war. Da gedachten sie, neue Beute zu gewinnen. Und kletterten auf das Gebück. Es war verlassen, und vorsichtig krochen die Söhne des Mordes heran. Da kam ein Klingen aus der Erde, wie wenn die Wurzeln der Bäume Saiten seien, und die Adern der Gesteine Perlschnüre der Töne. Und ferne Stimmen strebten aus dem Boden, und die Erde tönte mit in geheimnisvollem Gesang. Scheu flohen die wilden Söhne des Mordes. Als die Bergleute auf dem unterirdischen Gang aus der Kirche heimkehrten in ihr Waldversteck, meldeten ihre Späher den Abzug der Feinde in Hast und Angst. Aber in den Trümmern war keine Wohnung mehr, und kein Feuer wurde mehr hier entzündet. Der Wald nahm sein altes Recht wieder auf an dem Boden, und die Menschen meiden noch immer die verlassene Stätte des Grauens. Melander von Holzappel Von Otto Anthes Wenn man von Laurenburg der Straße folgt, die hier das Lahntal verläßt und über die Berge nach Diez führt, kommt man nach kurzer Zeit zu dem Dorf Holzappel, das mit Peter Melander, dem berühmten General des Dreißigjährigen Krieges, in die Weltgeschichte eingegangen ist. Besagter Melander, von Haufe aus auf gut Deutsch Äppelmann geheißen, armer Bauern Kind, war durch die Kriegsläufte mächtig emporgekommen und hatte Witz genug, seine in niederländischen, venezianischen und hessen-kasselschen Diensten erworbenen Reichtümer auf den Kauf der Reichsgrafschaft Holzappel zu verwenden, mit der ihn dann auch bald darauf der Kaiser, als er dessen General wurde, förmlich und feierlich belehnte. Als er im frühen Frühjahr des Jahres 1648, von der Belagerung von Marburg kommend, nach der Donau unterwegs war, wo er die Schweden zu schlagen gedachte, machte er seiner Grafschaft einen Besuch und kam auch nach Holzappel, das der Hauptort des Ländchens war und ihn mit allen Ehren empfing. Man gab ihm auf dem Schloß ein Festmahl, zu dem man allerdings nicht sehr viele Personen von Stand aus der Grafschaft hatte auftreiben können; aber man hatte doch eine kleine Gesellschaft von Leuten zusammengebracht, denen man zutrauen konnte, daß sie mit einem Grafen, der früher ein Äppelmann gewesen war, anständig zu Tische sitzen würden. Beim vierten oder fünften Gang stand der Schultheiß auf und hielt eine Rede, die der Pfarrer ihm aufgesetzt hatte. Der Krieg, sagte er, sei das gerechte Schwert Gottes, damit die Bahn gehauen würde, auf der die wahrhaft Großen und Gewaltigen zu ihrem vorbestimmten Ziele kämen. So sei der anwesende Herr Reichsgraf, Erlaucht, durch mächtige Kriegstaten dahin gelangt, daß jetzo sein Name wie eine große Glocke durch die Lande schalle. Und wenn auch die Grafschaft in der Schale der Früchte, die ihm gereift wären, nur ein elender Holzappel sei, so werde dieser doch von dem Ruhme seines jetzigen Herrn derart beglänzt, daß er erscheine wie einer von den goldenen Äpfeln in den Gärten der Hesperiden. Darum solle der Krieg, der den Herrn und seine untertänige Grafschaft gleicherweise beglückt habe, gepriesen sein als ein scharfes, aber wohltätiges Werkzeug Gottes. So redete der Schultheiß und kam dann, indem er Gott mitsamt der Grafschaft wieder sachte in den Hintergrund treten ließ, zu einem dreimaligen »Vivat« für Seine Erlaucht den Herrn Grafen. Nun saß an der Tafel auch der Jakob Birnbaum aus Laurenburg, dem im Jahre vorher bei einem Durchzug der Kurkölnischen die kranke Frau im Bett erstochen, das Haus niedergebrannt und der einzige Sohn verschleppt worden war und der, während er vorher ein wohlhabender Mann gewesen war, nur als armseliger Flickschneider von Haus zu Haus sein kärglich Brot erwarb. Man hatte ihn aber trotzdem zugezogen, weil an gescheiten Leuten die Auswahl nicht groß war und an solchen, die auch mit einem hohen Herrn einmal ein Wörtlein reden könnten. Der hatte sich, des guten Weins seit langem ungewohnt, schon vorher in eine stille Wut hineingetrunken, daß es ihm nun so übel ging; als er aber nun auch noch das Lob des Krieges hörte, der ihm alles genommen hatte, da stach ihn der Hafer, daß er an sein Glas schlug und einen Spruch tat, der die ganze versammelte Grafschaft zum Erzittern brachte. Er sagte: Die Jahre sind verschieden. Einmal gedeihen die Äppel, das andere Mal die Birnen. Das Weltenjahr, das nun mit Krieg und Getös der Waffen schon so lange dauert, hat es mit den Äppeln gut gemeint; wie man an dem Herrn Grafen sieht, der ja auch aus der Familie ist, und an dem unbeschreiblichen Glück der Grafschaft Holzappel, von dem der Schultheiß so schön gesprochen hat. Ich will an der Gerechtigkeit Gottes nicht mäkeln, aber nun müssen auch einmal die anderen drankommen, denen es nicht so wohl ergangen ist. Ich wenigstens stehe da als ein gänzlich gerupfter und entlaubter Birnbaum. Und darum wünsche ich für meine geringe Person, daß nun bald das andere Weltenjahr mit Frieden und neuem Saft für die Birnbäume anfangen möge. Die rings um den Tisch duckten die Köpfe immer tiefer auf die Teller, während er sprach. Der Graf am oberen Ende saß aufrecht und starr wie eine Bildsäule von Erz, nur daß sein spitzer Kinnbart sich immer mehr nach vorn und nach oben schob. Aber er tat, als ob nichts Besonderes geschehen wäre, erkundigte sich nur unter der Hand, was das für ein Wesen wäre, das da so ungebührlich das Maul aufreiße, und erst als er genauen Bescheid wußte, befahl er den Birnbaum zu sich heran. Er drehte sich halb auf seinem Stuhle um, funkelte den Flickschneider an wie die Wildsau das Karnickel und sagte, nicht laut, doch so, daß jedes Wort den Anwesenden wie ein Messer ins Herz fuhr: Die Geschichte, sagte er, sei nicht dazu da, daß sie sich um jeden kleinen Lauskerl und sein Schicksal kümmere; sondern daß die großen Dinge der Welt gerichtet würden, wie es die Zeit erheische. Darum sei es jeden ehrlichen Mannes Pflicht, so lange den Krieg zu wünschen, bis seiner Großmächtigkeit dem Kaiser all das zugefallen sei, was er nach göttlichem und menschlichem Recht als das Seinige fordere. Der Birnbaum hatte sich schon schnell ernüchtert, als der Ruf zur oberen Tafel an ihn erging. Nun, da der Graf schwieg, machte er einen hastigen Kratzfuß und drückte sich. Worauf das Mahl seinen Fortgang nahm, und bald dachte keiner mehr vor überströmender Seligkeit an den Birnbaum und seine törichte Rede. Auch reiste der Graf am anderen Tage ab, ohne seiner noch einmal erwähnt zu haben. O. Ubbelohde, Laurenburg. Als er aber wenige Wochen später bei Zusmarshausen von einer Schwedenkugel tödlich getroffen war, da nahm der Jakob Birnbaum in seiner elenden Kammer sein Käpplein ab und sagte: Es ist dafür gesorgt, daß auch die Äppelbäume nicht in den Himmel wachsen. Und als wiederum nur ein paar Monate darauf die Kunde vom Frieden zu Münster nach Laurenburg gelangte – es war früh am Morgen im Oktober und die Sonne kam gerade über den roten Wäldern gegen die Schaumburg herauf – da rannte der Jakob Birnbaum wie ein Unsinniger an die Lahn hinaus, warf mit beiden Händen seine langen grauen Haarsträhnen wie Fahnen in die Luft und schrie: Es kommt, es kommt, das Angesicht Gottes! Friede, Friede auf Erden! Und den Birnbäumen ein Wohlgefallen! Dann aber ging er, plötzlich ganz ruhig geworden, zu der Stätte, wo sein Anwesen noch immer in schwarzen Trümmern lag, und fing bedächtig an, den Schutt hinwegzuräumen. Denn er fühlte zum erstenmal wieder Mut, sein Haus und Leben von neuem aufzubauen. Friedrichsdorf Von K. Kasper Ora et labora. (Wahlspruch von Friedrichsdorf.) In Frankreich lebte einmal ein König, Ludwig der Vierzehnte geheißen. Als der nun lange geherrscht und viel getan hatte, das Gott mißfällig war, so wollte er seine Seele loskaufen und einen Stuhl im Himmel gewinnen ... Derhalben entschloß er sich, zuvörderst alle Protestanten hineinzuschicken, und wenn er sie mit den Säbeln seiner Dragoner hineintreiben müßte. Louvois, sein Minister, der in Ungnade war, nutzte dies, sich wieder lieb zu machen beim König, und sprach zu ihm: ›Widerrufet das Edictum von Nantes, das Euer Vorfahr Heinrich der Vierte erlassen; die Hugenotten mögen katholisch werden oder sterben!‹« So ist es – in altmodischem Französisch – zu lesen in der Chronik der Friedrichsdorfer Familie Privat; und andere Überlieferungen berichten, wie die Scharen Flüchtiger, den Tod hinter sich, aus allen Teilen Frankreichs zum Rhein eilten; vertrauend auf den Ruf deutscher Fürsten, die besser beraten als der alte »Sonnenkönig«, den Wert solcher zu schätzen wußten, die bereit waren, ihrem Glauben alles Irdische zu opfern. Neben dem großen Brandenburger war es vor allem dessen einstiger Reitergeneral, der Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg, der berühmte »Prinz von Homburg«, der den réfugiés , die in sein Land kämen, Siedlungsboden und allen Vorschub, sowie zehnjährigen Abgabenerlaß verhieß. Mit den ersten, die kamen, gründete er die Homburger Neustadt, das eigentliche Homburg; als dann ihrer immer mehr wurden, wies er ihnen die geschützte, fruchtbare Talmulde jenseits des Hardtwaldes an; und dort entstanden zögernd – denn immer hofften die Armen in den ersten Jahren auf die Rückkehr – die ersten, hinfälligen Häuslein des »Neuen Dorfes«, das schon nach wenig Jahren – um 1695 – sich nach seinem Gründer nannte. In der Erinnerung der Nachkommen sind die großen und schrecklichen Tage der Flucht noch lebendig; halb legendär geworden, wurden sie von arbeitsrauher Hand an stillen Sonntagen niedergeschrieben; nicht in der geschliffenen Sprache Voltaires, sondern mit der altertümlich schlichten Strenge, die sie Kalvin, ihr Reformator, gelehrt hatte. Vieles klingt wie ein Märchen. Der alte Graf von Oudot, dessen Schloß zu Vitry-le-François in der Champagne stand, lag krank danieder und konnte nicht entfliehen. So vertraute er seine Tochter dem jungen Garnier, der sein Schäfer war und ein treuer Knecht. Sie nähten viele Louisdors in ihre Kleider, empfingen den Segen des Sterbenden; und des Grafen Segen waltete über ihrer Hütte, als der Schäfer Garnier die Vicomtesse d'Oudot geheiratet hatte und beide Strümpfe wirkten. Noch Rührenderes erzählt die Chronik der Privat. Abraham Privat schmachtete im Kerker zu St. Hyppolite im Languedoc; seine Frau hatten die Dragoner erschlagen. Von Gottes Vatergüte wunderbar gehütet, gelangten die Knaben Abraham und Antoine mit ihren neun kleinen Geschwistern über den Rhein nach der großen Stadt Frankfurt. Dort verstand keiner ihr Südfranzösisch, bis ein sprachenkundiger Pastor aus Offenbach sich ihrer annahm; der Kleinen erbarmten sich Frankfurter Familien. Nach ihren Angaben ließ der gute Pastor den Knaben einen Webstuhl machen, und nun zogen sie umher und verkauften Strümpfe. Aber die Geschäfte gingen schlecht, die Bauern der Gegend gingen zumeist barfuß. Einst kam Antoine in ein Dörflein, wo er Kinder mit Strümpfen laufen sah; und lauter rief er sein gebrochenes »Strümpf' kauf!« Vom Fenster fragte eine Frau: »Wieviel die Strümpf'?« – »Soundso viel.« – » Cela n'est pas cher ,« sprach die Frau ins Zimmer, »das ist nicht teuer.« Antoine glaubte zu träumen. » Vous parlez français? « – » Et vous aussi ? Vous êtes Français? un réfugié? « – » Mais oui, mais oui !« – Umarmung, Tränen; eine neue Heimat: Antoine Privat war in Friedrichsdorf. Im Schweiße ihres Antlitzes rodeten und bauten die vom Neuen Dorfe; und das Gedeihen blieb nicht aus. Hatten die Bauern von Köppern und Seulberg die neuen Nachbarn, meinend, sie seien Zigeuner, erst gemieden, so neideten sie ihnen bald die guten Ernten; und der Landesherr mußte die »Zwiweljeehs«, wie späterer Volkswitz die trefflichen Gemüsezüchter zubenannte, Indem er die neun weißen Rosen des Wappens in Zwiebeln umdeutete! tatkräftig gegen rohe Bedrängung schützen. Indessen trieben die Kolonisten nicht mehr Landwirtschaft, als sie zur eignen Ernährung brauchten. Einfache, bald immer vollkommenere Webstühle surrten fast in jedem Haus; nicht lange dauerte es, so holten die feindlichen Nachbarn als willige Heimarbeiter Rohmaterial bei Friedrichsdorfer Unternehmern; diese hausierten erst mit ihren Weberzeugnissen; dann mieteten sie zusammen ein großes Gewölbe in Frankfurt; und Kaufleute aus der Schweiz und aus Holland, aus Köln und aus Hannover priesen die Vorzüglichkeit der Friedrichsdorfer Webwaren, die in immer neuen Varietäten auf den Markt kamen, und die solide Ehrenhaftigkeit ihrer Erzeuger. Jetzt ist freilich der letzte Webstuhl schon lange stillgelegt; der Elberfelder Großbetrieb hat ihnen den Lebensatem genommen. Dafür blüht die Hutfabrikation noch heute; und an die Stelle der Textilwaren trat ein neues Produkt, das den Namen Friedrichsdorf ruhmvoll über die ganze Erde trug: der weltberühmte Friedrichsdorfer Zwieback. Solch tüchtigen Untertanen konnten die Landesherren vertrauensvoll die Selbstverwaltung überlassen. Nach altem Brauch wählten sie ihren maire ; wenn dieser schon in den ersten Jahrzehnten auch » choltus « genannt wird, so erkennen wir darin unschwer den wetterauischen »Scholtus« oder Schultheiß. Ihm stand der adjoint und der conseil municipal zur Seite, aus dessen Mitte vier échevins (Schöffen) die niederste Gerichtsbarkeit ausübten; und der bourguemaître waltete des Stadtsäckels. So gewissenhaft man dem Landesvater den Treueid hielt, so eifersüchtig wachte man über seinen Privilegien; und als die Ansiedlung vereinzelter deutscher Familien wegen ihres lutherischen Bekenntnisses Anlaß zu häßlichem Streit gab, verbot 1731 Friedrich III. Jakob die Niederlassung Deutscher ohne Zustimmung der Gemeinde. Daher zählte 1837 diese bei über 700 Einwohnern nur ein Dutzend deutscher Familien, die indessen französiert und stolz auf ihr Franzosentum waren. Daß sie dabei allesamt treudeutsche Staatsbürger geworden waren, beweist das nie nachlassende Wohlwollen des Herrscherhauses, das 1821 dem regen Industrieorte das Stadtrecht verlieh, dazu 1828 als Wappen neun weiße Rosen im blauen Feld. Nun, trotz allen Gedeihens waren auch die Friedrichsdorfer häufiger auf Dornen gebettet gewesen, denn auf Rosen. Seuche und Brand, Kriegsnot und Teuerung lernten sie gründlich kennen. Was half es, daß die Generäle der Revolution und Napoleons den unerwartet entdeckten Landsleuten Kriegslastenfreiheit einräumten; bis solche Erlasse nach unten durchdrangen, hatten sie viel von ihrer Kraft verloren. Und die Friedrichsdorfer erwarteten es kaum anders. Gerade in den schlimmen Jahren waren sie mit ihren Nachbarn zur Schicksalsgemeinschaft verwachsen. Von Kultur Franzosen, waren sie eifrige Deutsche geworden. Als 1787 das Toleranzedikt ihnen endlich, nach hundert Jahren, die Grenzen Frankreichs wieder öffnete, dachte nicht einer an Rückkehr. Ihnen, denen das Bewußtsein ihrer Herkunft so hohen inneren Wert gab, war der französische Staat zum Erbfeind geworden; und 1870 waren 30 Friedrichsdorfer überall dabei, wo's heiß herging. Eine schöne Schicksalsfügung lenkte die Kugeln der alten Heimat an ihnen vorüber. Alle kehrten heim, stolz auf ihren siegreichen greisen König; denn inzwischen waren sie gute Preußen geworden. Der Umschwung von 1866 hatte zunächst keine Änderung bewirkt. Ein huldvoller Erlaß des Preußenkönigs, der den Friedrichsdorfern im Rahmen der Staatsnotwendigkeiten die Pflege ihres Sonderlebens gestattete, sowie das oft bewiesene wohlwollende Interesse der Königin Augusta, die im Homburger Schloß oft die Geistlichen der französisch-reformierten Gemeinden – auch die nahe Waldenserkolonie Dornholzhausen gehörte dazu – freundlich empfing, zerstreute anfängliche Befürchtungen. Unangetastet blieben ihre beiden höchsten Güter: ihr Glaube und ihre Sprache. Patriarchalisch war seit Anbeginn das vertraute Verhältnis zu dem Geistlichen, dem eigentlichen Oberhaupt der Gemeinde. Ausgezeichnete Männer – meist waren es Schweizer – oft von weltmännischer Bildung, hielten den eifrigen Glauben der réfugiés lebendig. Da griffen täglich die Hände, die die Arbeit fahren ließen, zur alten Bibel, der Begleiterin auf der Flucht; da blieb kein Kind sitzen, wenn ein graues Haupt vorüberging; da lag heilige Sitte über den sonntäglichen Straßen. Und Beraterin, Helferin, Trösterin war nach guter protestantischer Sitte die Frau im Pfarrhaus. Als 1842 der Pastor Cérésole nach langem, segensreichem Wirken in die Schweiz berufen ward, rief ein Greis dem Scheidenden nach: »So einen Pastor kriegen wir vielleicht wieder, wie Sie; aber eine Frau Pastorin, wie Madame Cérésole eine war, nie mehr!« Daß sie den Glauben ihrer Pfarrkinder rein und stark nur in seinem ursprünglichen Gewande erhalten könnten, wußten die Geistlichen; und deshalb waren sie auch die eigentlichen Pfleger der französischen Sprache. Erklang diese von der Kanzel und beim Gesang der Psalmen des alten Clément Marot oder später des Recueil de cantique chrétiens in reiner Gestalt, so war die Umgangssprache, in der die Dialekte der Picardie, der Isle de France, des Dauphins und des Languedoc zusammenflossen, und die, vom lebendigen Mutterboden abgeschnitten, auf der Stufe des 17. Jahrhunderts stehen geblieben war, in Wortschatz und Lautform für den Forscher hochinteressant, für den Franzosen fremdartig geworden, bis nach 1800 ein verbessertes Schulwesen (bis dahin hatten Lehrer, die nebenbei ein Handwerk trieben, den Kindern kaum das Allernötigste beigebracht) das Friedrichsdorfer Französisch derart modernisierte, daß die Friedrichsdorfer bald weithin gesucht waren als Geschäftsangestellte und Hotelbedienstete. Die Gründung des nach Art französischer Internatsschulen eingerichteten »Institut Garnier« zog seit 1836 ungezählte deutsche Knaben nach dem schönen Taunusstädtchen, die ebenso wie die Besucherinnen der Töchterpensionate dort Französisch lernten wie in Frankreich selbst. Als Lehrer am Garnierschen Institut (das sich jetzt nach fast hundertjährigem Bestehen in eine städtische Mittelschule verwandelt hat) wirkte von 1858 bis 1874 Philipp Reis, der fast vergessene deutsche Erfinder des Telephons. Tempora mutantur . Der Franzose, der 1837, als die jetzige Kirche geweiht wurde, mit Erstaunen in Friedrichsdorf den reinen Typus des Pikarden oder des Provençalen wahrnahm, würde, käme er heute wieder, die Namen Achard, Ganterin, Rousselet und manch anderen wohl wiederfinden; aber selten nur würde sein Auge von einer französisch anmutenden Erscheinung gefesselt; umsonst würde er nach Jungens ausschauen, die, wie damals, ihr Spiel mit französischen Worten begleiteten. Schon vor 1866 war, trotz alter Privilegien, das langsame Eindringen deutscher Elemente nicht mehr hintanzuhalten; und Fr. Stoltzes bekannte Spottverse mit dem boshaften » Chassez le Gickel aus le jardin « übertreiben wohl nicht zu stark. Mit der preußischen Herrschaft kam die Freizügigkeit, und um 1890 waren unter 1200 Einwohnern schon 500 Deutsche. Um so fester freilich scharten sich die Réfugiéfamilien um ihr Palladium: noch war nicht nur die Sprache des Gottesdienstes, sondern auch die des inneren Hauses französisch; wenn auch für die neuen Bürger, ebenso wie deutsche Klassen in der Schule, so nachmittägliche deutsche Kirche eingeräumt wurde. Indessen, nicht nur die deutsche Ansiedlung, auch der Anschluß an Eisenbahn und Verkehrsstraßen lockerten die alte Abgeschlossenheit; der junge Glanz des deutschen Namens überstrahlte die verblassende französische Herrlichkeit: ohne die Ehrfurcht vor der bedeutenden Vergangenheit zu verlieren, ging die junge Generation mit dem tatenfrohen Eifer ihrer Vorfahren auf im großen deutschen Vaterlande; und nur, wenn sie Sonntags früh zum französischen Gottesdienst gingen, wurde die alte Tradition noch einmal in ihnen lebendig. Nun ist auch dies vorbei. Der Weltkrieg ist gewesen; und die ausgleichende, einebnende Walze »Gleichheit«, die seitdem an der Gestaltung des neuen Deutschland so bedeutenden Anteil nimmt, wird mit der ihr eigenen tödlichen Sicherheit die letzten Spuren eigentümlichen Wesens auch in Friedrichsdorf in nicht ferner Zeit endgültig erdrückt haben. Und dann wird Friedrichsdorf nichts mehr sein als ein gewerbfleißiger Ort, die Heimat des Zwiebacks, dessen köstlicher Duft dem Besucher leise entgegenweht, und ein reizend gelegenes, anmutiges Taunusstädtchen, der Schlüssel zum östlichen Taunus. Und das ist immer noch recht viel. Die Erlebnisse des Joseph Blees aus Niederwalluf auf der Haalsbank 1814 Nach Paul Wagner Die während des spanischen Feldzugs Napoleons zu den Engländern übergegangenen Herzoglich Nassauischen Truppen waren von diesen nach Plymouth übergesetzt worden. Die Transportflotte, die sie nach den Niederlanden befördern sollte, wurde vom Sturm zerstreut, wobei zwei Schiffe auf der Haalsbank, einer großen Sandbank der Nordsee, scheiterten. In der Nacht des 8. Februar 1814 morgens um 2 Uhr schlug uns der Sturm gegen die Seeküste Haxt nicht ferne von Texel. Ein fürchterliches Getöse des Schiffes von unten und ein ungewöhnliches Schwanken kündigte uns etwas Außergewöhnliches an. Der Schiffskapitän, der bisher immer noch seine Seekarte, seinen Sonnenzirkel und Kompaß, soviel es beim Sturme möglich war, zur Hand hatte, sagte: »Meine Kinder, wir sind verloren; wir sitzen zwischen zwei Felsen. Der Rum ist freigegeben.« Er brachte selbst Krüge und Flaschen. Das Lamentieren, das auf dem Schiffe herrschte, wird mir nie aus den Ohren gehen. Bisher hatte ich als geborener Schiffer den Matrosen auf dem Verdecke geholfen, war also von den überschlagenden Wellen ganz durchnetzt. Ich lief sogleich nach meiner Hangmatte, schnallte meinen Tornister auf, wechselte meine blaue leinene mit meiner Ordonnanzhose, weil es mich außerordentlich fror. Ich fühlte den Boden unter mir sich mit fürchterlichem Krachen heben. Venetianischer Dreimaster. Nach einer Holztafel in der Landesbibliothek zu Wiesbaden. (Ulm 1500.) Die Fässer mit süßem Wein gefüllt, die sich im unteren Teil des Schiffes befanden, drückten, von dem mit Gewalt durch das zerquetschte Schiff eindringenden Seewasser gehoben, unter dem schrecklichsten Getöse entzwei. Ich eilte, was ich konnte, mit den sich noch hier befindlichen Kameraden auf das Verdeck. Das erste, was ich erblickte, war unser zweites Schiff, das in dem nämlichen Augenblicke mit Mann und Maus in einer Entfernung von zwei Flintenschüssen vor uns unterging. Nun befahl der Kapitän, zur Erleichterung den hintern Mast abzuhauen und die schon zerrissenen Segel herunterzunehmen. Alles geschah nach Order. Während dieser Arbeit schlugen die Wellen schon viele von uns ins Meer. Das Schiff ward durch die anlaufende Flut öfters flott und gehoben und senkte sich bei der Ebbe mit solcher Gewalt, daß es, so stark es auch war, endlich in der Mitte brach. Auf dem gewölbten Verdeck des ohnehin wankenden und seitwärts liegenden Schiffes war es sehr mühsam, sich zu erhalten, besonders da die Nebengeländer schon zerbrochen waren. Von dem mit fürchterlicher Gewalt schwankenden Steuerruder sah ich viele meiner Kameraden ins Wasser geschleudert. Zwei Boote, die auf den englischen Schiffen aus dem Verdeck für den Fall der Not befestigt sind, nun von dem Sturm von ihren Seilern abgelöst und hin und her rollend, ergriffen und zermalmten den Herrn Leutnant Groß in dem Augenblicke, als er zu uns an den vorderen Mast eilen wollte. Da nun das Schiff durch die eingedrungene Masse Wasser völlig zu sinken drohte, und man keinen trockenen Fuß mehr auf das Verdeck setzen konnte, suchte die noch übrige Mannschaft ihre Rettung an den Seilern um den Mastbaum, doch mußten die Zeitpunkte, die die Wellen ließen, hier benutzt werden, welche jene, die weniger vorsichtig waren, verschlangen und ins Meer schleuderten. So sah ich unsern Schiffskapitän in dem Momente, als er zu uns an den Mast sich retten wollte, von den Wellen ins Meer geschwemmt. Ebenso verschlangen in meinen Augen die überschlagenden Wogen mehr als hundert meiner Kameraden, als sie sich zu uns an den Mast flüchten wollten. Hier waren nun die Verzweifelnden des ganzen Schiffes auf einem Punkte versammelt. Es waren ihrer ohngefähr noch hundert an der Zahl. Was den Mastkorb zuerst erreichen konnte, stürmte hinauf und saß oben gedrängt und glaubte sich geborgen. Da der ganze Mastbaum aus zwei aufeinander gesetzten Bäumen bestund, kann man die Höhe desselben mit der Höhe unsrer Kirchtürme vergleichen. Er ist mit armsdicken Seilern rundum festgehalten. Zwischen diesen Seilern sind Stufen angebracht, auf welchen die Matrosen zur Regulierung der Segel und in den Mastkorb auf- und absteigen. Diese Seiler, diese Stufen hingen voll von Menschen. Pechfinstere Nacht war es, der Sturm heulte immer so, daß mancher weniger Kräftige von den Seilern ins Meer geschleudert ward. Der Nordwind wütete hier mitten im Wasser so heftig und war so kalt, wie man ihn auf dem festen Lande nie fühlt. Wir wollten früher Notschüsse tun, da wir wußten, daß wir nur zwei Stunden von der holländischen Grenze entfernt waren; allein die Wellen hatten das Pulver unsrer Kanonen alle durchnetzt. Jetzt wollten die Offiziere auf dem Mastkorb ein Notfeuer machen. Man rief nach Zunder; jeder durchsuchte die Tasche und fand dessen; allein er war naß, so auch der meinige. Wir harrten also, mit Sturm, Kälte und den schrecklichsten Gefühlen kämpfend, des Tages. Er kam, aber welcher Tag! Es war der 9. Februar. Die Sonne ging freilich auf, allein wir sahen sie nicht; eine matte Dämmerung ließ uns vermuten, daß es Tag sei. Ein duftiger, mit dem stärksten Reif durchwirkter Nebel hatte die ganze Wasserfläche umhüllt. Wie der Reif in Wintertagen an den Bäumen hängt, so waren unsre Haare und unsre Montur weiß und steif mit Reif überzogen. Meine Haare waren an den Kragen angefroren, daß ich kaum den Kopf drehen konnte. Hier stand ich nun (denn ich hatte noch das Glück, eine Schiffsleiter zu erreichen) unter vielleicht hundert meiner ebenso elenden Kameraden. Keine andere Bewegung konnte ich mir machen, als immer mit den Füßen auf der Staffel zu trappeln, um nur das Gefühl in denselben zu behalten. Doch gab's nach den ersten vierundzwanzig Stunden Luft in den Seilern: teils fielen die mehrsten erfroren herunter. So mußten wir meinen Kameraden, den guten Brückmann aus Frauenstein (es schaudert mir noch die Haut, wenn ich daran gedenke), der ober mir auf der Leiter stand, ganz erfroren überschlug und an den Füßen hängen blieb, losmachen, damit er ins Meer fiel, und wir mehr Raum zur Bewegung erhielten. So hörte ich auch den 9. Februar gegen Abend den Herrn Leutnant von Krift, der nur in den Seilern hing und dieselben mit den Füßen umklammerte, zu dem Oberleutnant v. Goedecke sagen: »Lieber Goedeck, ich kann nicht mehr; komm mit, ich stürze mich hinunter.« »Ach, hätte ich nur ein Pistol,« entgegnete dieser, »da unten geht's zu lange zu.« In diesem Augenblick ließ Herr v. Krift die Hände gehen, stürzte sich hinunter, und wir sahen ihn nicht mehr. Wenige Stunden hernach fiel Oberleutnant v. Goedeck, von dem Froste erstarrt, auch ins Wasser. So hörte ich in der Nacht vom 9. auf den 10. sehr viele, die vom Froste einschliefen oder sich nicht mehr halten konnten, ins Wasser fallen. Ich dachte: so wird es dir auch gehen. Ich zeichnete die vier Buchstaben I.N.R.I., die mich ein alter Kriegsmann gelehrt hatte, und welches ich bei keiner gefährlichen Lage ausließ, auf die Stirne und befahl mich Gott. Die Sonne des 10. ging ebenso düster und ahnungsvoll auf als am 9. Der Sturm wütete immer noch; die Kälte ward noch heftiger. Der Wind hatte meine Kappe ins Meer gejagt. Zum Glück fand ich noch ein Tuch in meiner Tasche, das ich mir mit einer Hand um den Kopf band. Dies hätte mich bald mein Leben gekostet, indem ich mich mit der einen erfrorenen bloßen Hand (Handschuh hatte ich keine) nicht fest genug gegen den Sturm halten konnte. In dem Augenblick fiel ein Erfrorener, der drei Staffel ober mir stand, mit solcher Heftigkeit auf meine linke Schulter, daß ich schier gleiches Schicksal mit ihm gehabt hätte, nämlich ins Wasser zu stürzen. Dieser Unglückliche war der Korporal Andre. Gegen 3 Uhr nachmittags verlor sich der Nebel, und wir sahen den Helter auf dem Texel, sahen auch die französische Flotte in dem Hafen und bemerkten, daß man uns auf dem allda errichteten Telegraphen lorgnierte. Sogleich wurden alle weißen Tücher gesammelt, die sich bei der noch lebenden Mannschaft befanden, und zum Zeichen des Pardonbittens und unseres Unglückes an die Spitze des Mastbaumes gebunden. Sogleich liefen mehrere Boote zu unserer Hilfe aus, allein das Treibeis, das vielleicht aus der Oder oder Elbe an der Küste des Baltischen Meeres trieb, vereitelte die Absicht dieser guten Menschen. Es ward zum drittenmal Nacht, ohne daß ich seit dem 8. einen Bissen Brot oder einen Trunk Wasser über meine Lefzen gebracht oder für meine Füße einen anderen Standpunkt hatte, als jenen, den ich am 8. mit vieler Mühe vor meinen Kameraden eroberte. Eine fürchterliche und gräßliche Nacht brachte ich zu. Das Ächzen und Jammern meiner noch halb lebenden Kameraden um mich herum, die sinkende Kraft in meinen Händen und Füßen brachten mich zur Verzweiflung. Ich zeichnete die 4 gemeldeten Buchstaben auf meine Stirne und dachte: ach, wäre es nur überstanden. Auch diese schreckliche Nacht (dank der gütigen Vorsehung und meiner Natur!) hielt ich aus. Die Sonne ging zum drittenmal auf. Viele von uns sahen sie nicht mehr aufgehen; denn als ich bei der Morgendämmerung die Staffel und Seiler betrachtete, waren sie meistens leer. Die guten Kameraden waren erfroren und lagen im Wasser. Mein halbtoter Blick war nur immer nach der Gegend gerichtet, wo ich gestern das Boot auf uns zufahren sah. Es war ein heiterer Wintermorgen, zwar nicht weniger kalt als die vorigen Tage; doch erquickte mich der Anblick der Sonne und das nahe Land. Das Bedürfnis der Natur meldete sich bei mir; jetzt fühlte ich, daß ich in drei Tagen nichts gegessen und getrunken hatte. Wie erwünscht war mir also der Anblick eines Mehlfasses, das sich aus dem untern Teil des Schiffes durchgebrochen hatte und nun oben schwamm. Ich rief meinen noch wenig lebenden Kameraden zu und zeigte ihnen den glücklichen Fund. Wir strengten das noch übrige bißchen Lebensart an, um dieses Faß (jetzt unser größter Reichtum) mit Seilern zu befestigen. Es gelang uns. Wie bald war es aufgeschlagen! Gierig verschluckten wir das halbdurchnetzte Mehl. Erich Nikutowski, Pfalz bei Kaub im Winter Jetzt schlug die Stunde zu unserer Errettung. Mit dem frühesten Morgen sah ich schon 6 bis 8 Boote am Helter sich durch das Treibeis arbeiten. Endlich waren sie um 12 Uhr in der freien See. Gegen zwei Uhr gelang es einem Boote, die Flanke unseres versenkten Schiffes zu erreichen. Allein hier war es wegen der schlagenden Wellen nicht möglich, zu halten; es mußte sich unter das Bugsprit arbeiten, welches noch ein wenig außer Wasser stand. Hier krochen wir nun, so gut wir konnten, und es unser erfrorener halbtoter Körper erlaubte, aus dem Mastkorb, von den Seilern und Leitern einzeln herunter; denn mehr als einen Mann konnte wegen der noch immer heftig schlagenden Wellen das Boot nicht aufnehmen. Waren wir nun an den Seilern heruntergerutscht, so ließen wir uns entweder in dasselbe fallen, oder die Matrosen hoben uns hinein. Dieser Transport von 3 Offizieren, 26 Gemeinen und 8 Matrosen, die von ohngefähr 200 Mann, welche eingeschifft worden waren, noch übrig blieben, währte von 2 Uhr bis in die Nacht. Gegen halb fünf Uhr landeten wir an einem Dorfe auf dem Texel, dessen Name ich nicht mehr weiß. Hier hatten die guten Menschen schon alles zu unserem Empfang und unserer Verpflegung vorbereitet. Jene von uns, die nicht gehen konnten, wurden von diesen menschenfreundlichen Leuten getragen. Man brachte uns in mehrere Häuser dieses Dörfchens. Ärzte und Chirurgen waren schon da. Viele Bütten mit Wasser und Eisschollen darin standen in der Reihe herum. Wir wurden ausgezogen und mußten Hände und Füße, überhaupt alle verfrorenen Teile unseres Körpers in dieses Eiswasser stecken. Dies Gefühl und diese Pein kann ich mit nichts in der Welt vergleichen. Solche Schmerzen hatte ich auf meiner Leiter in den dreimal vierundzwanzig Stunden nicht ausgestanden. Nur ein wenig Tee und Biersuppe erlaubten uns anfänglich die Ärzte. Da wir in diesem kleinen Orte zerstreut lagen, verlangten dieselben, daß wir der bessern Pflege wegen näher zusammengebracht wurden, und so wurden wir auf Karren nach dem Städtchen Burg auf den Texel gefahren. In einem großen Gebäude (ob es das Rathaus war, weiß ich nicht) wurden wir einquartiert. Der Sergeant Lebrecht aus Erbach und ich kamen in ein Bett. Wir beide, sowie die ganze Mannschaft mußten dem dortigen Maire oder Bürgermeister (sein Name ist mir entfallen) die Lobrede vor der ganzen Mannschaft halten, daß er sich alle Mühe gab, uns wohl zu verpflegen. Heil und Segen ihm, wenn und wo er noch lebt! In diesem Städtchen blieben wir drei Wochen, bis wir so weit hergestellt waren, daß wir weiter transportiert werden konnten. Von hier wurden wir ins Hospital nach Alkemar eingeschifft. Allhier verweilten wir bis zu unsrer gänzlichen Herstellung und wurden alsdann nach Herzogenbusch gebracht. Hier ward ich aufs neue krank und kam ins Hospital. Meine Kameraden führte man nach Mastricht, wo sie visitiert und die mehrsten als zum Dienst untauglich erklärt wurden. Nach meiner Herstellung mußte ich ebenfalls nach Mastricht, wo ich auch dienstunfähig erkannt ward, meinen Abschied erhielt und nach meinem Vaterland zurückkehrte, wo ich den 11. April 1814 bei meiner guten Mutter ankam. W. Mulot, Marienhausen. Stukkatur des Empfangsaals. L. von Matuschka-Greiffenclau, Marksburg. Marksburg Von Leo Sternberg Steh ich noch auf der Erde? Schwebe ich, Die ich aus Stein bin? Wer hat mich geschaffen? Menschen, die sterben, mich unsterbliche? Vom Blut des Krieges färbte sich der Strom Zu meinen Füßen rot und spiegelte Die Uferhölle brennender Ruinen – Ich aber stand darüber, unbelagert Und unzerstörbar, Teil des blauen Himmels, Auf den kein Steilrohr sich zu richten wagt. Oh, Türmer Tod, an meines Wehrgangs Scharten Hoch überm Tal, vom Schwung des Stromes drunten Berauscht, läßt du weißbrüstige Schwalben friedlich In meiner Batterien Mündung nisten Und wachst, daß sich kein Staubkorn von mir löst ... Was knüpft mich Wolke noch an diese Welt? Mit Eisenschuh und Rosseshufen gruben Gefürstete Geschlechter ewige Narben In meines hohlen Torgangs Felsentreppen ... Jedoch sie sind nicht mehr. Ich bin allein – Einsam im Blau. Ins Blaue stößt der Turm, Und Augen schwindelt schon hinaufzuschauen ... Bin ich aus Glas, aus Luft und spiegelblank, Wie tief im Strom die Silberpyramide, Die unergründlich in der Welle schwankt? Der Übergang bei Kaub Von W. O. von Horn Oben auf den flachen Gipfeln der Kauber Berge verdeckte der alles umgebende Hochwald eine eigentümliche Tätigkeit. Hier arbeiteten russische Brückenbauer an den Rippen und dem Balkengebäude der Brückenschiffe, benagelten sie mit vielen Lagen geteerten Segeltuches und stellten so die ebenso eigentümlichen als leichten und zweckmäßigen Unterlagen einer Brücke her, über die eine Armee mit ihren Kanonen und Transporten gehen sollte. Am Tage vor Neujahr war eine Brücke fertig, und in der Umgegend von Weisel, einem nassauischen Dorfe auf der Höhe des Rheingebirges, begann es zu wimmeln von Truppen, Artillerie und dergleichen. Es war die Vorhut der Blücherschen Armee unter dem Befehl des Generals von Hühnerbein. Von Weisel führt durch eine äußerst enge Talschlucht eine Landstraße nach Kaub. Sie wurde heimlicherweise in den möglichst brauchbaren Stand gesetzt. Kaum senkte sich der letzte Abend des an wichtigen Ereignissen so reichen Jahres 1813 herab auf das Rheintal, so zogen Kopf an Kopf in lautloser Stille die Truppen den steilen Gebirgsweg hinunter nach Kaub, und in dem ohnehin engen Raum des Städtleins füllte sich's so gewaltig, daß niemand mehr durchkommen konnte. Kein Licht durfte die Dunkelheit erhellen. Auf dem Raume, welcher zwischen den Ufern des Rheines und den Mauern des Städtchens teils von Gärten, teils von Lagerräumen und dem Wege eingenommen war, sah man keine menschliche Gestalt, als etwa einmal einen Offizier, der verhüllt, um sich unkennbar zu machen, das jenseitige Ufer zu erforschen kam. Das lag aber im Dunkel der Nacht so stille da, daß man das Branden der Wellen hören konnte. Die Häuser Kaubs, welche am Rheine stehen, zeigten kein Licht. Mit der anbrechenden Nacht traf Blücher in Kaub ein. Kaum angelangt, begab er sich mit seinem Stabe nach dem an der Kirche liegenden Hause des evangelischen Pfarrers und eröffnete diesem, er habe sämtliche Schiffer der Stadt in die evangelische Kirche berufen lassen; er möge sogleich seinen Amtsrock anlegen und mit ihm zur Kirche gehen, weil er die dort versammelten Schiffer in Eid und Pflicht nehmen solle. So völlig unerwartet das auch kam, so eilte der Pfarrer doch, dem Befehle des Feldmarschalls zu entsprechen. Sie traten in die Kirche, die nur matt erleuchtet war. Kopf an Kopf gedrängt standen in stummer Erwartung hier die Schiffer. Der alte Blücher redete sie in kurzer, kerniger Weise an, eröffnete ihnen, daß seine Armee an der Pfalz übergehen würde, und zwar mit dem ersten Glockenschlage des neuen Jahres, und wie er dabei ihrer Beihilfe bedürfe und auf ihre Hingebung an die gute Sache rechne, da sie die Vorhut übersetzen sollten, weil das Schlagen der Brücke nicht in der zu wünschenden Schnelligkeit vor sich gehen könne. Daß sie treu und mit voller Hingebung die Dienste leisten wollten, deren er bedürfe, darauf sollten sie nun den Eid schwören. Er wandte sich deshalb an den Pfarrer und bat ihn, die Eidesleistung vorzunehmen. Tief ergriffen von der hohen Bedeutung des Augenblicks sprach dieser nun die Schiffer an und redete in der überwältigenden Macht des hohen Gedankens, der aller Seelen erfüllte, so begeistert zu den Männern, daß sie im Hochgefühle dessen, was sie jetzt dem Vaterlande tun und leisten sollten, den Eid freudig schwuren. Der alte Feldherr eröffnete darauf den Schiffern, sie müßten in der Kirche bleiben bis um Mitternacht, dann werde er sie holen lassen. Während in der verschlossenen Kirche die Herzen der dort Harrenden höher, aber auch nicht ohne Bangigkeit schlugen, rückten immer neue Truppen von der Weiseler Höhe in das Tal. Die Dunkelheit der Nacht ließ es zu, daß sie sich nun auch unmittelbar am Rheinufer ausbreiteten. Die Brückenschiffe waren angelangt, und die russischen Brückenbauer arbeiteten wacker daran, die Brettergasse auf den Rücken der Wellen des stark wogenden Flusses zu legen. Dennoch ging alles in möglichster Stille ab; nur das dumpfe Rollen der Geschütze, die den Berg herabkamen, hörte man durch die Stille der Nacht. Wie leicht hätte der Übergang gewehrt, ein unermeßliches Blutbad an dieser Stelle angerichtet werden können, wenn auf den Bergen des linken Ufers nur eine Batterie gestanden und wohlbedient operiert hätte! Wie hätten die Kartätschen gewirkt, wo die Mannschaft auf dem engsten Raume Brust an Brust stand! Doch der besonnene Plan war mit der genauesten Kenntnis dessen, was man etwa zu erwarten hatte, entworfen und demnächst mit ruhiger Sicherheit ausgeführt worden. Mit dem letzten Glockenschlage der Mitternachtsstunde wurde die Kirche geöffnet. Die Schiffer wurden an das Ufer des Rheins geleitet und beeilten sich, ihre Kähne, große wie kleine, in ruderfertigen Stand zu setzen; Lützows wilde Jagd, die freiwilligen Jäger, standen in der ungeduldigsten Erwartung, daß das Kommandowort erschalle, am Ufer; die Schiffer hatten die Ruder eingelegt und saßen auf ihren Bänken; aber der Befehl kam nicht. Als indessen die Glocke noch vom ersten Stundenschlag des neuen Jahres summte, da erging der Befehl. Die Kähne füllten sich; die Ruder griffen in die Flut, und ihr regelmäßiger, doch beschleunigter Schlag war der einzige Ton, der sich hören ließ. Rasch flogen die Kähne dahin und nahten sich dem linken Ufer. Doch die tapferen Lützower konnten es nicht erwarten. Sie sprangen in die Flut, die Büchse hochgehalten und wateten ans Land. Kein Feind harrte ihrer, kein Schuß knallte, keine Kugel pfiff. Rasch, von einem der Wege kundigen Schmuggler geführt, stiegen sie den Berg hinan, während die Kähne hinüber eilten, um neue Scharen zu holen, die jenen folgten, und so ging es fort; bis die Brücke vollendet war. Dieser Schmuggler war ein Schneider, namens Warroquier, ein Franzose von Herkunft, den Übelwollende als einen französischen Spion angegeben hatten. Er wurde zu Blücher geholt, und dieser bestimmte ihn zum Führer der Vorhut, unter der Androhung, daß, wenn der geringste Anschein von Verrat bemerklich sei, eine Kugel ihn niederstrecken würde. Er führte seine Aufgabe trefflich aus und schlug so die üble Nachrede und Verdächtigung nieder. Unterdessen waren ununterbrochen die Befreier übergesetzt worden. Allein das Übersetzen in Kähnen hatte seine Schwierigkeiten; selbst bei dem Feuereifer der braven Kauber Schiffer ging es verhältnismäßig langsam, da die Kähne nur wenig faßten. Der streng fließende Strom bricht sich gerade in seiner Mitte an dem Schieferfelsen, welcher die uralte Pfalz trägt. Er teilt sich dadurch in zwei Arme, und eben durch diesen Umstand legt sich hinter der Pfalz, rheinabwärts, ein Sandbank an, die weit hinabreicht, die Überfahrt erschwert und kundige Schiffer heischt, um nicht den Kahn festzufahren. Sie muß vorsichtig umschifft werden; alsdann aber faßt des Stromes linker Arm den Kahn und wirft ihn mit großer Gewalt abwärts ans linke Ufer, wo er leicht umschlagen kann, wenn nicht wieder die nötige Vorsicht angewendet wird. Schwere Ladung erschwert die Mühe und Arbeit. Alles drängt sich in die Kähne! Jeder wollte zuerst ans französische Ufer, und so kam es, daß meist die Kähne nur wenige Zoll Bord hatten. Dabei war's eine sehr dunkle Nacht. Begreiflich ist es, daß die Überschiffung der Pferde in sogenannten »Nähen«, breiten, flachen Fahrzeugen, noch schwieriger war. Der Kunst und dem treuen Eifer der Kauber Schiffer gelang es indessen, den Vortrab ohne Unglück und Nachteil überzusetzen, mit einer Aufopferung, welche sich bis tief in den folgenden Tag keine Ruhe gönnte. Die Vorbereitung zu dem Brückenbau waren unter Blüchers Augen mit Anstrengung betrieben worden. Sein »Vorwärts« ruhte nicht. Er brannte vor Ungeduld, hinüberzukommen. Auch hier mußten die Schiffer helfen, weil sie das Flußbett genau kannten. Die Pfalz und ihre Felsen wurden der Stützpunkt der Brücke. Kaum aber war sie fertig bis zum jenseitigen Ufer, als des Stromes Gewalt einige Joch mit sich fortriß. Da donnerte und wetterte der Zorn des alten, ungeduldigen Helden drüben am nassauischen Ufer, von dem er Brückenbau und Übergang leitete, wild auf. Wenn sie auch ziemlich schnell hergestellt wurde, so nahm die Herstellung doch eine geraume Zeit weg, und was konnte derweilen alles drüben vorgefallen sein, wo noch keine hinlängliche Truppenmacht stand, ja wo sie sich am schmalen Ufer nicht einmal gehörig entfalten konnte? Zu verargen war daher Blücher der Zorn nicht. Auf seiner Seele lag Schweres, und der Plan, den in Koblenz stehenden General Durutte abzuschneiden, konnte durch diesen Unfall vereitelt werden – und wurde es. Während dieser ganzen Zeit ruderten die todmüden Schiffer unausgesetzt Mannschaften hinüber. Endlich war die Brücke fertig, fest und benutzbar, und nun begann der Übergang, Regiment an Regiment, Batterie an Batterie, bis nur einmal die in Kaub Eingezwängten alle hinüberkamen; dann begann der Zug ununterbrochen von Weisel herab durch das Tal. Da bog sich oft die leichte Brücke unter der Last; aber ob sie gleich, wie schon bemerkt, aus geteertem Segeltuch bestand, dessen Unterlagen die Schiffsrippen waren, so hielt sie dennoch vortrefflich und zeugte von dem praktischen Talente der Russen. Noch am 1. Januar ging Blücher mit seinem Stabe über die Brücke, derselben Straße folgend, welche die Vorhut eingeschlagen. Sein entschiedenes Vordringen flößte den Langsameren Sorge ein, und man fragte an, was Blücher eigentlich beabsichtige. Er ließ melden: »Nach Paris müssen wir.« Schloß Nassau und Stein Schloß nach Merian Die Freifrau von Stein Von Leo Sternberg Wo das Licht ist oben im Wald, steht die Burg auf steilem Gestein. Tief unten – ein Flämmchen im Fluß – glimmt trüb der Widerschein.          Gar tief ist das Mutterherz ... Weißhaarig im festlichen Saale, inmitten der Kinder all, Zwölf blühenden Söhnen und Töchtern mit adligem Ehegemahl, Sitzt die Mutter mit strahlenden Wangen. Hell brennen die Kerzen im Saal; Und jede Brust trägt ein Lichtlein in Spange und Panzerstahl. Kristallen blinken die Schalen ... Die Paare vermischen sich bunt; Und schimmernde Zähne lachen aus rotem Frauenmund ... »Was trittst du ans Fenster, Mutter? Was schaust du ins Dunkel hinaus?« – »Von dem vielen, dem vielen Glanze ruh ich die Augen aus!« Aufgehen die Flügeltüren; es klirrt Chatelaine und Sporn ... Verneigen ... Es stimmen zum Neigen sich Geigen, Hoboen und Horn ... »Was deckst du die Augen zu, Mutter? Und willst du nicht zusehn?« – »Es brennen zwölf Kerzen herunter ... das schmerzt mich, anzusehn!« »Ach meine liebste Mutter, ich stürbe gern vor dir!« – »Mein Kind, so sollst du nicht sagen, zuviel des Glücks seid ihr! Ich möchte das Öl meines Lebens – ach, warum kann ich's nicht! – Zugießen in dieser Stunde zu eurem Lebenslicht!« Und die Schleier durchschlingen luftig den tanzdurchwogten Saal, Und gerötete Frauenschultern leuchten wider aus Panzerstahl. Der Sohn – aus dem Gedränge hinüber hält er den Blick ... Vom Sitz erhebt sich heimlich die Mutter – sie schaut nicht zurück – Sie schreitet zu der Türe – er sieht's und wehrt es nicht – Die Tür ist zugegangen ... Herunter sinkt das Licht. Wie Tränen laufen die Tropfen des Wachses die Kerzen entlang ... Eine Saite springt ... Die Hörner übertönen's mit lauterem Klang. Sieh, die Kerzen, die zwölf, werden heller und nehmen wieder zu ... »O, Mutter! ... Wo ist unsre Mutter? ... Mutter, was tatest du? ... – Sie suchten sie im Nebel, im Wald, am Fluß, im Tal, Mit Spürhund und mit Fackeln, mit Ruf und Hornsignal – Sie ward nicht mehr gesehen ... Zwölf Burgen ragen im Reich. Ein Stern mit goldenen Wimpern gießt Licht auf sie zugleich ...          Gar tief ist das Mutterherz ... Minister Freiherr vom Stein Von Hans Martin Elster Ein wirkliches Verständnis des Freiherrn vom Stein, seiner Persönlichkeit, seines Lebenswerkes und seiner Bedeutung für das deutsche Volk in Gegenwart und Zukunft ist nur möglich, wenn man sich ganz in die große Begriffs- und Anschauungswelt einfügt, die um das Jahr 1800 Deutschland geistig auf den Gipfel seiner schöpferischen Möglichkeiten führte und nun nach einer Auswirkung, nach einer Gestalt in der Wirklichkeit suchte. Stein ist nicht nur der Zeitgenosse Lessings, Herders, Goethes und Schillers, er ist auch wie W. v. Humboldt und Fichte ihr Wesensverwandter, weil er ebenfalls aus dem großen Maß und Wurf dieser Genies emporwuchs. Wie ihnen, war ihm nichts Kleines, nur Größe in allen Dingen eigen. Und zwar auf organische Weise. Schon die Vaterlandsvorstellung, so tief er auch der engeren rheinisch-westfälischen Heimat für immer und rein menschlich verbunden war, konnte ihn niemals in irgendeinen Kleinstaatbegriff hinüberwechseln. »Ich habe nur ein Vaterland, und das heißt Deutschland«, war nicht nur sein Bekenntnis im Jahre 1812, da er es von Petersburg aus dem Grafen von Münster schrieb. Nein, es war sein Bluterbe. Seit Jahrhunderten stand die Wiege seines Geschlechtes im Lahntale; im Schlosse seiner Väter zu Nassau war auch er (am 26. Oktober 1757) geboren; vom Vater war ihm die ganze Bedeutung ihres Reichsfreiherrntums übermittelt worden: nicht im Titel, in einer sozialen Bevorzugung, sondern in der Bedeutung, in einer Verpflichtung. Reichsunmittelbar war er als Reichsfreiherr; das Reich aber war jenes gesamte große Deutschland, das unter den salischen und fränkischen Kaisern im Mittelalter wahrhaft alle Deutschen umfaßt hatte; diesem Deutschland war er mit seinem Geschlechte verbunden, dieses Großdeutschland war ihm bluteigen und war ihm Sinn alles Wirkens in Politik und Verwaltung. Der Gang der vornehmlich dynastisch bestimmten Geschichte im neunzehnten Jahrhundert hat diesen Großdeutschlandbegriff im Wissen und Gewissen der Deutschen mehr als gut zurücktreten lassen. Nachdem die dynastisch bestimmte Politik ihr Ende gefunden hat, ist aber die Stunde gekommen, da eine nach der Volkheit bestimmte Politik wieder den Großdeutschlandbegriff aufnimmt. Niemand hat ihn als Lebenswirklichkeit stärker veranschaulicht denn Stein. Wenn er nach den Göttinger Studentenjahren und einer Bildungsreise nach den Reichsmittelpunkten in Wetzlar, Regensburg und Wien doch nicht in die Dienste dieses Großdeutschlands, des Reichs, sondern Preußens trat, so war dies keine Untreue gegen seine Blutverpflichtung. Es war nur die Entscheidung für den praktischen Arbeitsmittelpunkt, in dem das größere Aktivum für den Wiederaufbau des Reichs zu finden war. Und dies war damals, zu Lebzeiten Friedrichs des Großen, in Preußen der Fall. Wenn er als Direktor des Bergwerkdepartements und als Oberpräsident in Westfalen wirkte, wenn er als Minister Preußens Verwaltung reformierte und Preußens Politik leitete, immer geschah es um Deutschlands willen. Als Preußen bei Jena und Auerstedt zusammenbrach, entfuhr ihm der Schwur, und wurde ihm sein Schicksal darin nochmals klar: »Vergeß ich deiner, Deutschland, so werde meiner Rechten vergessen!« So wurde er auch niemals Preuße im engeren Sinne des Wortes. Hier unterschied er sich sein Leben hindurch von Bismarck, der zuerst Preuße war und sich von Preußen nach Deutschland, immer aber einem preußisch bestimmten Reiche hin entwickelte. Als Stein aber die deutsche Reichsverfassung neu aufbauen wollte – tragisches und leidenschaftliches Bemühen um die Krönung seines außenpolitischen Befreiungswerkes auch in einem innenpolitischen Befreiungswerke –, da spannte er wohl Preußen in völliger Gleichberechtigung neben Österreich an den Reichswagen, die Kaiserkrone wollte er aber in Wien lassen, in einem sicheren Instinkt: um die von Norddeutschland fortstrebenden, mit Ungarn und slawischen Völkern verbundenen süddeutschen Stämme stärker an den Norden zu kitten, an das Deutschtum im aktiven Sinne zu fesseln, um die norddeutsch-preußische Energie mit der süddeutschen Kultur- und Blutwärme zu verbinden. Aus seinem Deutschlandgefühl heraus konnte Stein auch niemals zum Vertreter irgendwelcher partikularistischen noch dynastischen Interessen werden. Sein Genie wurde auf dem Wiener Kongreß, der doch durch seine Politik der Bundesannäherung an den Zaren Alexander und seinen Kampf gegen Napoleon erst möglich geworden war, kaltgestellt, weil er an Deutschland und nicht an die Dynastien in erster Linie dachte. Schon damals wollte er mit dem Kleinfürstentum aufräumen. Dabei war Stein nicht etwa ein gleichmacherischer Anhänger des absoluten Zentralismus: Seine Gemeinde- und Städteordnung, seine Verfassungsanschauungen auf ständischer Grundlage beweisen zur Genüge, daß er den kulturellen Partikularismus in seinem Werte voll anerkannte, daß er dem Stammestum sein volles Recht ließ. Als Vertreter der großen Politik, als Deutscher aber mußte er aus der Kenntnis der Weltgeschichte und der Wirklichkeit heraus hinter seinen Schwur: »Ich habe nur ein Vaterland, und das heißt Deutschland«, die oft unterschlagenen Worte setzen: »Mein Glaubensbekenntnis ist Einheit.« Die Einheit der gesamten deutschen Nation! Schnorr von Carolsfeld, Freiherr vom Stein Dies Glaubensbekenntnis ist keine Konstruktion, wie Anhänger des absoluten Partikularismus und Einzeldynastentums zu überreden versucht haben. Sondern es fußt auf der Wesenserkenntnis des deutschen Volkes an sich. Dieses ist nämlich in seiner Grundnatur vom Norden bis zum Süden, vom Westen bis zum Osten eine Einheit, eine Volkheit bei aller Eigenart und Verschiedenheit seiner Stammesteile. Wer aber das Geheimnis der Größe und Wirkung Goethes nur einmal begriffen hat, der weiß, wie in ihm alle Deutschen einig sind, weil sie es in ihrem tiefsten Kerne von Natur sind. Stein ging von diesem Wesenskern und nicht von den formalen Unterscheidungen und Scheidungen, die die vorzugsweise dynastische Geschichte Deutschlands durch die Jahrhunderte vornahm, aus. Und er stellte, was die egoistische Geschichte einiger Familien und Gruppen auseinanderhielt, nun als Forderung und Ziel die Wiedervereinigung auf. Auf Grund seiner eigenen Deutschheit, die nicht im Kleinen aufgehen kann, sondern durch ihren universalen Grundtrieb das Ganze zu umschließen begehrt. Auf Grund aber auch seiner realpolitischen Erfahrungen, die ihm am Beispiel Englands und Frankreichs zeigten, daß die Völker im letzten Kern unbesiegbar waren, weil sie geeint waren. Mit dieser Grundrichtung seiner Persönlichkeit war Stein den Deutschen aber nicht nur zu seinen Lebzeiten, sondern noch ein Jahrhundert hindurch zu groß. Wohl flammte einmal, im Frankfurter Parlament, Steins Willen zum Tatwillen empor: aber die Fürsten, allen voran der preußische König Friedrich Wilhelm IV., versagten, und es versagte noch das Volk, in dem die nationale Idee noch nicht so lebendig war, daß sie sich gegen den dynastischen Kleinmut und Widerstand durchsetzte. Dann ward Steins Idee und Ziel ersetzt durch eine vorläufige Lösung: das Deutsche Reich Bismarcks! Wohlgemerkt: dieses Bismarcksche Reich ist niemals die Erfüllung Steinscher Forderung, sondern nur eine Vorstufe dazu. Bei der Kraft des Dynastentums und des Partikularismus gewiß eine notwendige und ursächliche Vorstufe, aber niemals der endgültige Bau. Denn Österreich, Süddeutschland von Steiermark, Kärnten bis Tirol, Salzburg und Deutschböhmen blieben »draußen«. Schon rein kulturell, gewiß aber auch politisch wäre Deutschböhmen nicht an die Slawen, Südtirol nicht an die Italiener und manche anderen Stammesgruppen nicht an die fremdrassigen Nachbarn verlorengegangen, wäre Steins Deutschland staatliche Wirklichkeit im 19. Jahrhundert geworden. Der langsame, schwerfällige Deutsche mußte aber erst das Leid des Weltkrieges und seiner Folgen erfahren, um zu erkennen, daß Rettung und Freiheit dem Deutschen allein bringen kann seine Einigung, seine Einheit im Steinschen Sinne. Deutschland wird auf diesem Wege zu seiner großen politischen Einheit nichts von seiner kulturellen Wertigkeit in den einzelnen Ländern, bei den einzelnen Stämmen verlieren. Wenn es seine Einheit nur auf Steinscher Grundlage und nicht auf einer formalen Demokratie, auf der westlerischen Demokratie, der Zivilisationsanschauung Frankreichs, Englands, Amerikas aufbaut. Auch hier weist Stein uns für immer den Weg in den Grundsätzen und Grundzügen seiner Arbeit. Er fußt im Kulturellen und Organisatorischen auf der germanisch erfaßten Volkheit. Sie kannte nicht den schematischen Gleichheitsgedanken, sondern sie ordnete die Masse nach dem Gefolgschaftsgedanken. Gefolgschaft wurde geleistet dem Führer. Der Führer wurde aber erst von Natur, durch seine Leistung und Persönlichkeit bestimmt, dann durch Erbschaft und Tradition, wenn er die Eigenschaften des Führers, höchste Leistung und höchstes Verantwortungsbewußtsein, behielt. Sonst trat Wechsel in den Führungen ein; allein das Moment der Sammlung im Gefolgschaftsgedanken blieb. Aus der Gefolgschaft konnte jeder Leistungs- und Persönlichkeitsüberragende zum Führer emporwachsen. Diese germanische Gliederung – im Mittelalter und seinem Kaisertum zur höchsten Blüte entwickelt – war sittlich geboren und sittlichen Wesens. Von hier aus ging der den Deutschen immer notwendige, von ihnen aber oft generationsweise vergessene ethische Strom durch das politische Leben aus. Von hier war Steins politische Weltanschauung ethisch durchdrungen. Stein war nun natürlich nicht der enge Kopf, der etwa jene germanische Gefolgschaftsidee einer anderen Zeit und Kultur aufpressen wollte. Er entwickelte sie vielmehr organisch aus den Zuständen der Zeit heraus, durch die Erfahrungen, die er im Bergwerkswesen gemacht hatte. Hier, wie in aller freien Wirtschaft, ist der Gefolgschafts- und Führergedanke auf Grund von Leistung und Verantwortung lebendig; kein freier Wirtschafter kann sich in der Industrie als Besitzer und Werkführer halten, wenn seine Leistung und sein Verantwortungsbewußtsein nicht die Gefolgschaft der Arbeiter, Angestellten, Abnehmer anzieht und festhält, an sich bindet. Und weiter: Stein sah, wie die freie Wirtschaft Kräfte entfesselte, entwickelte und band durch die Selbstverwaltung. Diese Erfahrungen übertrug er nun folgerecht auf den Staat. Er machte ihn durch den Gedanken der Verantwortlichkeit vor der Gefolgschaft, durch die Tat der Selbstverwaltung zum persönlichen Eigentum jedes Untertans: er verband die äußerliche Staatsform und -organisation mit der inneren Natur des Deutschen. Er machte den Deutschen frei und zugleich haftbar für das Ganze. Er germanisierte die demokratische Konstruktion der Westvölker. Er ist es gewesen, der uns unsere einzig mögliche Staatsform, unsere einzig mögliche staatliche Lebensweise schenkte. Wie der Baum aufwächst aus der einzelnen kleinen Zelle zur Einheit Baum, die Zelle aber nicht ohne die Einheit, ohne das Ganze, das Ganze, die Einheit aber nicht ohne die Zelle bestehen kann, so schuf Stein den Staat, indem er von der kleinsten Gemeinde, vom Dorf an über die Kreise, Regierungsbezirke, Provinzen zum Staate die Selbstverwaltung emporwachsen ließ. Dabei behielt jedes Teilchen seine volle Selbständigkeit in den kulturellen Fragen, mußte dagegen, um diese sich zu erhalten, von seiner politischen Selbständigkeit an das Ganze abgeben; das Ganze aber sicherte, durch Verwaltung der politischen Notwendigkeiten, wieder das kulturelle Leben der Teile. So konnte das Ganze nicht ohne die Teile, die Teile nicht ohne das Ganze leben. In Preußen dauerte es zwar bis zur Landgemeindeordnung von 1892 fast noch ein Jahrhundert, ehe der Steinsche Bau vollendet wurde. Nun steht er aber auch um so fester da, und alle anderen Länder mußten ihn übernehmen. Noch aber ist er nicht errichtet für die politische Einheit Großdeutschlands: auch dieses Ziel zeichnete Stein uns vor in seinem Reichsverfassungsplane, in jenem Bundesstaate unter der österreichischen Kaiserkrone, der 1815 nicht Wirklichkeit wurde. Dies Ziel zu erreichen, ist Lebensinhalt und Aufgabe des jetzigen und der kommenden deutschen Geschlechter. Dann wird einst das Steinsche Staatsideal erfüllt werden: »Der Staat ist kein landwirtschaftlicher und Fabrikverein, sondern sein Zweck ist religiös-sittliche, geistige und körperliche Entwicklung; es soll durch seine Einrichtungen ein kräftiges, mutiges, sittliches, geistvolles Volk, nicht allein ein kunstreiches, gewerbefleißiges gebildet werden.« O. Abbelohde, Nassau. Stein Von Ernst Moritz Arndt Auf! an die Lahn! vom Tode hin zum Leben! Von toten Steinen zum lebendigen Stein! Nach Nassau auf, wo heilige Geister schweben, Die deutschen Geister vom lebendigen Stein! Mit aller deiner Schöne, deinen Reben Und Wassern hast du Einen, stolzer Rhein, Nur Einen, der dem Manne sondergleichen Dem Sohn der kleinen Lahn sich könnte gleichen? Wir stehn in seinem Tal, auf seinen Bergen, Wir rufen: Sprich das Wort, erhabner Geist, Das Wort des Fluchs den Schelmen und den Schergen, Wodurch die Welt um deutschen Raub sich reißt, Wodurch man deutsche Ehre, wie aus Särgen Den Leichenmoder, durcheinander schmeißt – Sprich, Hoher! Du verstandest zu zerschmettern – Du, Donnrer, rede heut aus Donnerwettern! Komm nieder, laß es schallen, hoher Sprecher! Von deinen Sternen komm herab ins Tal! Du Ehrenzünder, komm! du Schandebrecher! Komm mit dem allerschwersten Donnerstrahl! Des Vaterlandes Mahner, Warner, Rächer, Auf deutscher Erde rede noch einmal! Wo Kleinste um das Größte sich befehden, Da sprich zu uns in lautsten Himmelsreden. Der heimliche Kaiser Von Ricarda Huch Zu einem bekannten Staatsrechtslehrer, Nikolaus Vogt in Frankfurt, kamen einige junge Leute mit der Frage, ob nach den Reichsgesetzen der Freiherr vom Stein deutscher Kaiser werden könne. Der Professor antwortete bejahend: denn wenn auch die Kaiserwürde erblich geworden war, so galt doch als Recht noch immer die alte germanische Anschauung, daß jeder freie Mann der höchsten Würde fähig sei, wenn seine Volksgenossen sie ihm übertragen wollten. Was für ein wunderbarer Augenblick, aus dem nichts als eine Anekdote wurde! So wollte es der erbarmungslose Gang der Völkergeschichte, der die Deutschen hatte sinken und immer wieder sinken lassen. In der verzweifelten Zeit, als Preußen sich von neuem an Frankreich gebunden hatte, schrieb Stein an einen Gesinnungsgenossen, den merkwürdigen Westfalen Justus Gruner: »Man muß soviel als möglich die wahre Ansicht verbreiten, daß das Vaterland da ist, wo sich die Ehre und Unabhängigkeit findet.« Zu jener Zeit hatte sich die Ehre und Unabhängigkeit bei Stein gefunden und denen, die ihm anhingen und ihn willig als ihr Haupt verehrten. Sollte der Mann, der das Bild des freien deutschen Reiches als eine Lebensflamme im Herzen bewahrte, nie davon geträumt haben, die heilige Krone selbst zu tragen? Jeder große Mann, so hatte er im Jahre 1811 an den Grafen Münster geschrieben, der fähig wäre, eine auf Einheit, Kraft und Nationalität gegründete Verfassung herzustellen, würde der Nation willkommen sein. Es ist undenkbar, daß er nicht einmal seine eigene Berufung im Herzen sollte erwogen haben. Nach der Schlacht bei Leipzig wurde Stein an die Spitze der Zentralverwaltung gestellt, welche die dem Feinde wieder entrissenen deutschen Länder einstweilen regierte; er beherrschte also tatsächlich das Reich, das heißt beinahe die ganze deutsche Ländermasse außer Österreich und Preußen. Gerade in dieser Zeit, wo man erwarten konnte, ihn befriedigt, triumphierend zu finden, war er reizbarer als je, so daß auch seine Vertrautesten nicht mit ihm auskommen konnten. An seine Heftigkeit war man gewöhnt und trug sie ihm nicht nach, es muß also eine Laune hinzugekommen sein, mit der es schwerer hielt, sich auszusöhnen; es fällt auf, daß selbst Arndt in dieser Zeit ein nicht ganz freundliches Urteil über ihn fällte, auch in dem Sinne, daß er doch der Retter nicht sei, dessen Deutschland bedürfe. Es war die wunderbare Mitternacht, wo die versunkene Krone aus unerreichbaren Abgründen an das Licht der Sterne stieg und von der Hand eines Glücklichen, Furchtlosen ergriffen und entzaubert werden konnte. Ein Augenblick mußte benutzt werden, dieser, wo das Reich noch aufgelöst, in Bruchstücken dalag, wo die bisher herrschenden Mächte erschüttert, teils ganz ausgeschaltet waren, wo das Volk bewaffnet, zur Teilnahme aufgeregt, bereit war, sich seine alte, ehrwürdige Daseinsform zu erkämpfen. Um diese Krone, das Symbol der Kraft eines edlen Volkes, hatte Gustav Adolf umsonst die verborgensten Wünsche kreisen lassen; noch früher hatte Johann von Sachsen, der Beschützer und Schützling Luthers, den Mut nicht gehabt, die Hand nach ihr auszustrecken. Wenn einer, so war Franz von Sickingen so geartet, daß die Deutschen ihn gern jenem Maximilian angereiht hätten, der dem Gedächtnis des Volkes so teuer ist. Ein stolzer Ritter: Fürstenfeind wie Stein, wie Stein nicht groß von Gestalt, denn im Volksmund hieß er das Fränzchen, wie Stein durch unvergeßlich sich einprägende Gesichtszüge ausgezeichnet; nennt ihn doch die Überlieferung das Urbild des Dürerschen Ritters. Ihm verwehrte der frühe Tod, die Entwicklung abzulenken, die unwiderruflich vorbereitet war; ein anderer, der dreihundert Jahre später kam, schien berufen, die unterbrochene Tat so zu vollenden. Es gibt innerste Gedanken und Wünsche, die niemals ausgesprochen werden, die kaum die äußerste Not auf die Lippen drängt wie der Tod dem Schwan seinen einzigen Gesang. Von seinem Sterbebette schrieb Scharnhorst seiner Tochter, er würde alle Auszeichnungen, Titel, Orden hingeben, wenn er ein einziges Mal eine Schlacht kommandieren könnte. Stein hat seine tiefsten Träume verschwiegen. Die verhängnisvolle Stunde, wo der Schatz blühte, überströmte Deutschland weithin mit ahnungsvollen Schauern. Die Jünglinge berauschten sich an fabelhaften Erinnerungen des Mittelalters, die lange vergessen waren, die Großes gewagt und errungen hatten, hielten sich zu gut, um wieder in die frühere Nichtigkeit zu versinken. Körner, der Freund Schillers, brachte Arndt auf den Gedanken, es sollten Gesellschaften zur Pflege deutscher Sprache, deutscher Gesinnung, deutscher Zukunftshoffnung gegründet werden; Arndt ergriff ihn lebhaft und warf mit der gewohnten Schwungkraft einen Aufruf hin, der dazu aufforderte. Vielerorts kam ihm Verständnis entgegen, in Steins Heimat, im Nassauischen, traten zwei begabte und feurige junge Männer, die Brüder Snell, in den Mittelpunkt der Bewegung. Der erste Gedenktag der Leipziger Schlacht wurde benutzt, um den Gedanken der Freiheit und Größe im Volke lebendig zu erhalten, die Gründung einer deutschen Freischar wurde geplant, die die Wache des künftigen Kaisers bilden und das Reichspanier tragen sollte. Wo aber war der Kaiser? Goethe hatte einmal grollend gesagt, nur an der Spitze einer Armee, mit dem Säbel in der Faust könne man befehlen und Gesetze geben. Steins Lage war nicht ganz so ungünstig. Blücher, der Abgott der Soldaten, war sein Freund, Gneisenau und andere Offiziere hingen ihm an, vielleicht hätte sich ihm, rechnet man dazu noch die Schar Studenten und anderer opferbereiter junger Leute, ein Heer zur Verfügung gestellt, wenigstens ansehnlich genug, um nicht ruhmlos zu fallen. So kühn er war, er war doch nicht der Mann, das zu wagen. Nicht die Gefahr scheute er, aber die Aussichtslosigkeit, die an das Lächerliche streifte. Das unentrinnbare Ende wäre gewesen, daß die siegreichen Fürsten mit strafenden Mienen auf den Überwundenen herabgeblickt hätten wie einst auf den sterbenden Sickingen. Das war erträglich für einen Soldaten, der, das Schwert in der Hand, fällt, nicht für einen Staatsmann, der bei aller Glut der Liebe und des Hasses kühl mit gegebenen Größen zu rechnen gewöhnt ist. Er war nicht phantastisch genug, um das Unmögliche zu wollen, was er selbst als unmöglich erkannte und fühlte. Wenn es möglich gewesen wäre! Er wäre der echte Volks- und Wahl-Kaiser gewesen, was ein Fürst niemals werden konnte. Vor dieser ungeheuren Tatsache hätte die usurpierte Fürstenherrschaft, die das Deutsche Reich und Volk sich selbst entfremdet hatte, sich aufgelöst. Kaiser und Reich, eine organische Harmonie widerstreitender und sich ausgleichender Kräfte, hätten lebenglühend wieder dagestanden. Allein nur in unendlich langsamer Verwandlung kann die Vergangenheit wieder Zukunft werden. Von Steins unterirdischen Kämpfen drang nichts in die Öffentlichkeit, außer daß es auffiel, wie zerrissen und gequält er erschien. Er sah die Krone in ihrem Geisterlicht schwimmen und fühlte sich magnetisch gezogen; aber er griff nicht nach ihr. Er zählte die Schläge der Mitternacht, ohne sich zu rühren, er sah das Licht erlöschen und die Krone versinken. Wird je eine Schicksalsstunde sie wiederbringen und den erlösenden Ritter dazu? Siegel Konrads I. Das Fräulein vom Stein Von Wilhelm Schäfer Marianne vom Stein, des Reichsfreiherrn Schwester, war von seiner unbeugsamen Art, nur kränklich und schon ein ältliches Fräulein, als der Minister aus Preußen flüchten mußte. Um den Plackereien der Kriegszeiten zu entgehen, war sie Stiftsdame in Wallerstein geworden, wo sie äußerlich das Dasein alter Damen teilte, die zwischen der häuslichen Absonderung ihrer Familien auf die leeren Plätze geraten sind und lesend, musizierend, wohl auch mit einer Partie Tarock die unnützen Tage füllen, wenn sie nicht irgendwo mit Handarbeiten oder sonst der Wirklichkeit die kleinen Liebesdienste tun. Doch auch dergleichen war damals staatsgefährlich; denn als nach dem verunglückten Putsch des Freiherrn von Dörnberg in Kurhessen eine gestickte Fahne gefunden wurde, hing irgendwie ein Faden daran, der den Franzosen den Weg nach Wallerstein zeigte, wo sie tatsächlich von einem Fräulein von Baumbach in aller Heimlichkeit gestickt worden war. Eines Abends langte dort eine geheime Warnung an, die alten Damen mit schlimmen Ankündigungen zu ängstigen, so daß ihrer neun am nächsten Morgen abreisten und Marianne vom Stein die alte Oberin mit einer halbtauben Dechantin nur mit Mühe dabehielt. Sie kannte aus eigener Erfahrung die Hinterhältigkeit solcher Warnungen und vermutete gleich, daß es den Franzosen mehr um das Stiftsvermögen von dreihunderttausend Talern als um die Fahne ginge. Fünf Tage später wurde Wallerstein frühmorgens von Husaren umzingelt, als ob es eine Festung wäre, und durch die Machtvollkommenheit ihrer Karabiner gedeckt, begann ein Kommissär die peinliche Untersuchung. Es war ein Franzose von der Zentralgewalt in Mainz, ein lang aufgeschossener Mensch, der seinen Schnurrbart in einem schwarzen Röllchen unter der Nase trug, um die Hasenscharte zu verdecken, er trat den Damen zunächst nicht bösartig und mit der sichtbaren Absicht entgegen, eine weltmännische Figur zu machen. Die Oberin, ein verdattertes altes Frauchen, das schon die Karabiner auf ihre Brust gerichtet sah, wollte ihm weinend ihre Unschuld beteuern; Marianne vom Stein aber drängte sie zu der Dechantin in den Stuhl zurück, der sie danach wie ein Kind weinend auf dem Schoße saß, und führte die Unterhaltung mit so kalter Würde, daß der Franzose seine galanten Versuche bald aufgab und diese Stiftsdame die umgedrehte Weltordnung höhnisch spüren ließ, wo ein Bedienter – denn das war er gewesen – auch einmal drei adelige Fräulein nach seinen Launen kujonieren konnte. Er machte ihnen zum Schluß, während draußen ein Frühlingswetter gemächlich heranballerte und die Oberin vollends blaß werden ließ, ein Protokoll, das die festen Versicherungen ihrer Schuldlosigkeit als überführte Ausreden und ziemlich alle Punkte der Anklage als Geständnis enthielt; danach quartierte er sich mit den Husaren im Stift ein, die Antwort von Mainz auf den Bericht abzuwarten. Es dauerte fast eine Woche, bis sie kam, unterdessen stolzierte der mit der Hasenscharte in den Gemächern, den Gärten und Feldern des Stiftes herum, als ob er der Gutsherr wäre und die drei Stiftsdamen als unumgängliche Gäste hätte. Jeden Nachmittag um sechs Uhr ließ er im Speisesaal die Tafel aufs sorgfältigste herrichten, wobei ihm seine Erfahrung sichtlich zustatten kam, und ließ die Damen dazu bitten. Die eingeschüchterte Oberin, die heimlich dem Fräulein vom Stein und seiner Unbeugsamkeit das ganze Unglück zuschrieb, wäre jedesmal gegangen, wenn nicht Marianne sie und die andere mit bestimmter Gewalt im Zimmer gehalten hätte, während der Kommissär allein an seiner Tafel saß. Als ob die beiden nicht von den Husaren, sondern von ihr gefangen wären, so mußte sie aufpassen, daß sie die sorglos offenen Tore nicht doch noch kopflos zur Flucht benutzten und so den Franzosen das gewünschte Eingeständnis ihrer Schuld gaben. Am sechsten Abend endlich kam der Reiter wieder mit dem Bericht aus Mainz; die Angeklagten sollten in vier Tagen dort erscheinen. Die Oberin, die sich schon erschossen in einem Festungsgraben sah, konnte ihren Jammer nicht mehr verhalten, auch die Dechantin verlor die Schweigsamkeit der tauben Ohren und klagte den gefährlichen Eigensinn an; Marianne gab den Pächtern am letzten Morgen die letzten Anweisungen, packte die beiden Alten mit einem Husaren als Wächter in den geschlossenen Wagen und setzte sich selber zu dem andern auf den Bock, indessen der Kommissar in seiner Kalesche nachfuhr und rechts und links Husaren ritten. Es war im Juni, als diese dreitägige Fahrt geschah, die durch ein gutes Stück von Deutschland führte. Die Sonne schien wieder nach langem Regen, und die Wiesen standen vor dem ersten Schnitt; von den dunklen Tannenhöhen hingen die Buchenwälder bis dicht an die Dörfer herunter; überall war die heimelige deutsche Hügellandschaft, in der nur manchmal am Horizont die blauen Rücken höherer Berge standen oder ein Fluß aus einem fernen Tal glänzte: immer wieder aber trennten Grenzpfähle mit neugestrichenen Landesfarben die Landschaft in die Gebiete der Rheinbundfürsten ab, die um ihrer Existenz willen Vasallen Napoleons und Könige oder Großherzöge von seinen Gnaden geworden waren. Marianne hätte nicht die Schwester des reichsunmittelbaren Freiherrn vom Stein sein müssen, um diese Fürsten als Sinnbild der deutschen Zänkerei zu hassen; nun aber auf ihrem Bock kamen sie ihr wie die weinerlichen Damen in dem Wagen vor. Und obwohl sie ihren Bruder nicht verstand, daß er nach Preußen gegangen war statt zum Kaiser, wohin ihr jeder gute Deutsche in dieser landesverräterischen Zeit zu gehören schien, so billigte sie doch mehr als früher während dieser gewaltsamen Wagenfahrt sein Ziel, aufzuräumen mit der deutschen Kleinfürstenschaft. Es war mehr als eine Stiftsdame aus Wallerstein, was da am dritten Abend auf dem Kutschbock durch das finstere Festungstor von Kastel rumpelte und nachher auf der Fähre über den breiten Rheinstrom hinüber in das neugebackene Rheindepartement eingebracht wurde. Es war die gefährliche Gesinnung des landesflüchtigen Ministers Stein, mit der die Hasenscharte um der mißachteten Manieren willen in einen bösartigen Zustand geraten war; ganz ahnungslos, und auch die Bureaukraten von der Zentralgewalt in Mainz, durch ihn berichtet, merkten nicht, wen sie da hatten. Sie ärgerten sich wie er als Sachverwalter der Revolution an ihrem freiherrlichen Hochmut in den Verhören; und da sich unterdessen das Fräulein von Baumbach freiwillig mit dem Geständnis in Mainz eingefunden hatte, sie allein habe die Fahne in aller Heimlichkeit gestickt – wodurch der Rechtsgrund der französischen Absichten auf das Stiftsvermögen ebenso klar wie durchscheinend wurde –, so daß sie die drei zu Unrecht beschuldigten Stiftsdamen auf freien Fuß setzen mußten; da ließen sie die beiden andern in Mainz vorläufig einen selbstgewählten Aufenthalt nehmen, das Fräulein vom Stein sollte erst noch um seiner hochmütigen Gesinnung willen eine schimpfliche Strafe leiden. Es war kein Urteil der Zentralgewalt, es war die Rachsucht mißachteter Behörden, der sich Marianne vom Stein nun ausgeliefert sah, als sie wie eine bösen Sieben nach einer hämischen Sitte die Gasse kehren sollte. Die Kommissäre versprachen sich einen Spaß davon, wie sich das Gassenvolk an dieser Freiherrin mit seinem Unflat auslassen würde, und ahnten nicht, wie übel ihre Rachsucht auslaufen sollte. Denn als sie am Morgen das Fräulein vom Stein hinausführten vor die Präfektur und sie vor den ersten Neugierigen den Besen in die Hand nehmen sollte, während die Trommler anfingen, ihre Felle zu schlagen: machte es sich, daß ihr zufällig mit der Hasenscharte ein Herr von Holm in den Weg trat, der hier zu den Franzosen in den Staatsdienst getreten war und den sie kannte. Irgendein verlorener Instinkt der Ritterlichkeit trieb den alten Galan, bestürzt zu ihr zu treten, als wenn er ihr mit seinem Einfluß aus der peinlichen Strafe helfen könnte; sie aber, die in diesen Tagen der Gefangenschaft an nichts so bitter als an solche Überläufer gedacht hatte und wie diese Rheinbunddeutschen den traurigsten Teil der französischen Beamtenschaft ausmachten; sie riß dem Büttel den verweigerten Besen als Waffe aus der Hand und begann zu kehren, daß der saubere Herr sich augenblicklich in einer Staubwolke befand und seine Schienbeine mit einem Satz auf die Treppe retten mußte; unter dem Gelächter des Volkes, das die Gebärde nicht mißverstand. Nachdem Marianne vom Stein aber einmal den Besen in der Hand hielt und sich darin verstanden sah, was es hier auszukehren galt, lag es nicht mehr am Büttel, sie zu treiben. Die Trommler vor ihr konnten lange Beine machen, um nicht in ihren Besen zu geraten, so saß ihr der Zorn in den Händen. Sie hatte wie ihr Bruder viel in Mainz gewohnt und war bekannt. Drum standen manche in der Gasse, die ihren Namen wußten; doch war es keiner von ihnen, sondern ein fremder Wanderbursch mit dem Felleisen auf dem Rücken, durch das drängende Volk aufgehalten, der mit einer stillen Gebärde zuerst den Hut abnahm. Irgend etwas daran mochte in den andern die Ahnung auslösen, was für ein Zeichen ihrer eigenen Demütigung dieses Schauspiel war, bald standen ihrer viele mit dem Hut in der Hand, bis auch die Buben es nicht mehr wagten, die Mütze auf dem Kopfe zu behalten: als ob ein Priester mit dem Sakrament durch die katholischen Mainzer Gassen käme, so feierlich geehrt wie nie im Leben ging das Fräulein vom Stein mit ihrem Besen durch die entblößten Häupter hin. Und ob ihr fast die Arme abfielen, sie kehrte, weil sie den Atem der Feierlichkeit fühlte, als ob aus dem Volk – nicht von den Fürstenhöfen – vielleicht doch einmal die Kraft und der Mut zum Kehraus ausbrechen könnte! Die Trommler durften nicht aufhören, und auch der Büttel vermochte nichts gegen den Befehl, so daß Hunderte von Franzosen aus den Fenstern ingrimmig das Schauspiel erblickten und den Sinn der Handlung erkannten. Bis endlich der Leutnant der Wache nach dem Lärm sah und kurzerhand den Zug kassierte. Es wurde keine Gewalttätigkeit begangen an dem Tag, und auch dem Fräulein, das auf der Wache fast ohnmächtig hinsank, weil es zuviel für seine Kräfte gewesen war, konnte nichts Widersetzliches nachgewiesen werden; aber es ging bis in die Nacht hinein eine Unruhe in den Mainzer Straßen, daß der Gouverneur selber nach der Ursache sah. Der freilich kannte den Namen Stein und wußte gleich, was für einen Vogel er da im Käfig hatte; doch auch, was für eine Ungeschicklichkeit mit ihm begangen war, so daß der Kommissär schon am Abend selber seinen Verweis erwartete. Die Sache schien ihm wichtig genug, dem Kaiser Meldung zu machen, auch wurde das Fräulein vom Stein danach mitten im Frieden als Kriegsgefangene mit allen Ehren nach Paris gebracht. Sie war krank, als sie dort anlangte, und mußte lange warten, bevor der badische Gesandte ihre Ungefährlichkeit auf Diplomatenwegen beweisen konnte; auch unternahm sie nichts mehr zum Werk der Freiheit, weil ihre Kräfte hinfällig waren; trotzdem blieb ihre Tat lebendig, bis der Kehraus begann. Doch heißt es, daß Marianne vom Stein den Kehrbesen in den Jahren danach noch manchmal gern in die Hände genommen hätte, wenn nicht auch ihrem Bruder des Staubes zu viel gewesen wäre. Karl von Ibell, ein nassauischer Staatsmann Von Wilhelm Frischholz Der nassauische Staatsmann und Regierungspräsident Karl von Ibell, der auf dem alten Friedhof in Unterliederbach seine letzte Ruhestätte gefunden hat, war in großer Zeit einer der größten Männer im nassauischen Lande. Er wurde am 29. Oktober 1780 zu Wehen als Sohn des nassauischen Amtmanns Ibell geboren. Bis zu seinem 7. Lebensjahre gab seine schwächliche Konstitution zu ernstlichen Sorgen Anlaß; eine planmäßige Körperpflege wirkte jedoch so günstig auf seine Entwicklung ein, daß er sich schon als Schüler die größten geistigen und körperlichen Anstrengungen zumuten konnte. Den ersten Unterricht erteilten ihm seine Eltern. Mit seinem 10. Lebensjahr trat er in die Erziehungsanstalt seines Oheims, des Pfarrers Schellenberg in Bierstadt, ein, der die hervorragenden Fähigkeiten des Knaben entdeckte und glücklich entwickelte. Nach dreijährigem Aufenthalt hierselbst wurde er dem Gymnasium zu Idstein zugeführt. Ein früh entwickeltes Pflichtgefühl verband sich bei ihm mit glücklichster Veranlagung. Die Heimat und das Elternhaus blieben Mittelpunkt seines Seelenlebens, und ein reger Briefverkehr mit den Eltern führte ihm den frischen Lebensstrom aus dem Elternhause zu. Nach glänzend bestandener Abgangsprüfung an dem Gymnasium zu Idstein bezog er die Universität Göttingen, die nach der Aufhebung der Hochschule zu Herborn zur nassauischen Landesuniversität erklärt worden war, um Rechtswissenschaft zu studieren. Daneben übte er sich im Reiten und Fechten und brachte es darin zur Meisterschaft. Die Briefe an seinen Vater aus jener Zeit offenbaren überraschende Reife der Gedanken und Klarheit des Urteils. 1801 bestand er nach kurzem Aufenthalt im Vaterhause das juristische Examen. Es zeugt für seine bescheidenen Ansprüche, wenn er als vornehmstes Ziel seines Lebens erstrebte, Nachfolger seines Vaters im Amte zu werden. Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt. In Regierungskreisen war man auf ihn aufmerksam geworden, und der nassauisch-usingische Regierungspräsident v. Kruse veranlaßte ihn, 1802 als sein Privatsekretär mit nach Regensburg zu gehen, wo die Reichsdeputation tagte. Hier bewährte er sich so glänzend, daß ihn sein Chef bei einer notwendigen Abwesenheit mit seiner Stellvertretung betraute. Nassau verlor in dem Reichsdeputations-Hauptausschuß alle seine linksrheinischen Besitzungen, wurde jedoch rechtsrheinisch so reichlich entschädigt, daß es sich um mehr als die Hälfte seines früheren Besitzstandes vergrößerte. Die Eindrücke, die Ibell in Regensburg empfing, waren so ungünstig, daß er sich von den beteiligten Persönlichkeiten wie ihrer Geschäftsführung lebhaft abgestoßen fühlte, wenn die gewonnenen Erfahrungen auch seine Menschenkenntnis bereicherten. Er schrieb ins Vaterhaus: »Liebe Mutter! Praktische Weltkenntnis sich erwerben heißt: sein Gefühl abstumpfen, seine Menschenliebe zerstören, seine Achtung für Menschenwerte verlieren, sich zum Egoisten umbilden, und was Sie alles noch hierher rechnen wollen, als notwendige Folge der näheren Bekanntschaft mit dem Menschengeschlecht. Wohl dem, der in seiner Familie Menschen findet, die ihn anderes vergessen machen. Wohl mir, daß mir das Schicksal so gute Eltern, Brüder, Schwestern gab. Ich streite nicht, aber ich fühle, daß diese Denkungsart innig mit meinem Ich verwebt ist, und daß sie mir viele individuelle Leiden verursachen wird.« Ahnungsvoll lag sein reiches Werk und sein Ringen vor ihm, ahnungsvoll sah er dessen Abschluß. Von Regensburg zurückgekehrt, wurde Ibell 1804 zum Regierungs-Assessor ernannt, obwohl seine Wesensart sich dagegen auflehnte; denn die Heimat, das schlichte Dörfchen mit seiner Umgebung, Einfachheit und Wahrheit waren seine Sehnsucht. Doch Kruse wußte ihm die Wahl zwischen Wohlbehagen und Pflichten gegen das Vaterland ins rechte Licht zu setzen. Er sagte ihm: »Wenn Sie die Wirksamkeit in Wehen vorziehen, so dürfen Sie auf ein angenehmes, unabhängiges Leben rechnen, wenn Sie aber bei der Regierung bleiben, werden Sie Ihrem Vaterland nützlich sein.« Da blieb er, wie es ihm die Pflicht gebot. Erst 35 Jahr alt, wurde er 1815 zum Regierungspräsidenten und Mitglied des Staatsrates ernannt. Bei seiner Ernennung zum Regierungsrat schrieb er seinem Vater einen Brief, der ein helles Licht auf seinen Charakter wirft. Es heißt darin: »Indem ich mit dem Eintritt in diese neue Laufbahn auf eigene Ruhe und Zufriedenheit und häusliches Glück Verzicht leiste, hoffe ich darin einigen Ersatz zu finden, daß ich zum Wohle und Glücke anderer so viel beitrage, als mein ausgedehnter Wirkungskreis mir erlauben wird. Ich werde bemüht sein, mich stets in einer solchen Unabhängigkeit zu erhalten, daß ich nie meine Stimme der Mehrheit zu entziehen und nach äußeren Verhältnissen zu modifizieren genötigt bin, sie soll immer der göttlichen geweiht und ihren kriechenden Gegnern furchtbar sein.« Ibells Geist war universell, sein Charakter lauter wie Gold, seine Arbeitskraft unermüdlich, sein Scharfblick nicht zu täuschen, seine Sachlichkeit nicht zu beeinflussen. Von Cäsar sagt man, er habe zu gleicher Zeit lesen, schreiben und mehrere Briefe diktieren können. Dasselbe gilt auch von Ibell. Was seit 1804 zur Verbesserung der inneren Einrichtung und zur Hebung der Landeswohlfahrt in Nassau geschah, ist vorzüglich Ibells Werk. 1809 erschien das Steueredikt. Es hatte den Ruf, daß es unter allen Steuersystemen, welche die neuere Zeit hervorgebracht, in seiner Anwendung das einfachste und zweckmäßigste sei und auf den Prinzipien der allgemeinen Rechtsgeltung und Gleichheit vor dem Gesetz beruhe. 1808 schon war das Gesetz über die Aufhebung der Leibeigenschaft erschienen, 1812 folgte das Gesetz über die Aufhebung der älteren Abgaben. Sein Werk war auch die Verminderung der Beamtenstellen durch Vereinigung der obersten Verwaltungsbehörden. Er verbesserte die Gerichtsordnung und die Einrichtungen zur Erhaltung der öffentlichen Sicherheit. Ebenso verdankt ihm der Verkehr den Bau neuer Straßen. Das Medizinalwesen förderte er durch Verteilung der Ärzte auf das Land, die Gemeinden wurden zur Unterhaltung ihrer Armen verpflichtet, und »4 Jahre nach Einführung des Armen-Unterhaltungsgesetzes sah man keinen Bettler mehr in Nassau«. Die Gemeinden verwalteten ihr Vermögen selber. Die Handelsfreiheit wurde eingeführt, und die Zölle wurden aufgehoben. Nur der Rheinzoll und der Wasserzoll in Höchst blieb bestehen. Seine ganze Kraft stellte er in den Dienst des Zollvereins. Jedoch gelang es ihm nicht, das Mißtrauen des Herzogs Wilhelm zu überwinden. Dunkle Kräfte in der Umgebung des Fürsten machten vorläufig einen Anschluß an den Zollverein unmöglich. Erst 1835 trat Nassau bei. Ibell war ein eifriger Vorkämpfer der nassauischen Simultan-Einrichtungen. Das 1817 gegründete Lehrerseminar zu Idstein bildete evangelische und katholische Zöglinge für den Volksschuldienst aus. Die allgemeine Schulpflicht und die Freiheit des Unterrichts wurden eingeführt, und das Schulwesen in Nassau wurde bald vorbildlich. 1818 entstand auch eine landwirtschaftliche Lehranstalt in Idstein. 1834 wurde sie auf den Geisberg bei Wiesbaden verlegt, wo sie noch heute blüht. Wenn Nassau bald den Namen eines freisinnigen Landes führte, freisinnig im besten Sinne des Wortes, so verdankt es diese Ehrenbezeichnung dem Präsidenten Ibell. Wie drückend der echte Vaterlandsfreund den Rheinbund, dem auch Nassau angehörte, empfand, und wie 1813 die Freiheit von ihm begrüßt wurde, bedarf keines Beweises. Nach der Schlacht bei Leipzig vermittelte Ibell den Anschluß Nassaus an die Alliierten durch die feindlichen Heere hindurch. Zwischen zwei Einlegesohlen seiner Schuhe verbarg er das geheime Dokument, in welchem sich der Herzog den Verbündeten zur Verfügung stellte, und brachte es glücklich durch die Reihen der Feinde in Blüchers Hand. Die großen Erfolge des Staatsmannes fanden einen dankbaren Fürsten. Dem uneigennützigsten aller Staatsmänner, der in seiner persönlichen Bescheidenheit dem Freiherrn v. Stein in Preußen glich, verlieh der Herzog von Nassau 1817 ein Landgut zu Unterliederbach, das sich heute im Besitz der Stadt befindet – die Villa Graubner. Die Verfassungskämpfe der Zeit nach 1817 spielten auch nach Nassau hinein, und es wurden Landstände gewählt. Am 3. März 1818 wurde der erste Landtag in Wiesbaden eröffnet. Es bildete sich eine Opposition, die jedoch nicht durchdrang. Ibell verstand es, sie zum Schweigen zu bringen. 1819, bei der Sitzung des zweiten Landtags, traten zwischen Ibell und dem Minister Marschall scharfe Gegensätze zutage. Die Ursache war die allzu scharfe absolutistische Verwaltungsordnung der Domänenangelegenheiten. Mit Mühe gelang es, Ibell zum Verbleiben in der Regierung zu veranlassen. Trotz seines Kampfes mit der Reaktion hielten ihn die Fortschrittler für ihren gefährlichsten Gegner, und Ibell stand zwischen beiden Parteien. Als er in Langenschwalbach zur Kur weilte, überfiel ihn der Apotheker Löning aus Idstein mit Dolch und Pistole, doch Ibell blieb unverletzt. Löning suchte und fand durch Verschlucken von Glasscherben den Tod im Kriminalgericht zu Wiesbaden. Durch diese Umstände begünstigt, gewann die Reaktion an Boden. Der nassauische Minister Marschall ließ sich in Wien für die Politik Metternichs gewinnen. Ibell vertrat nun immer schärfer die gegenteilige Ansicht. Er forderte: 1. Wiederherstellung der ediktalen Verfassung; 2. ihren weiteren und freien Ausbau; 3. Erhaltung der landständigen Rechte auch in Sachen der Domänenverwaltung. Nun suchte ihn die Opposition an sich zu fesseln; daraufhin wurde er 1821 plötzlich seines Amtes entsetzt. Die folgenden 7 Jahre brachte er durchweg auf seinem Gute in Unterliederbach zu. 1828 wurde Ibell hessen-homburgischer Regierungspräsident. In dieser Stellung machte er sich um die Gründung des Zollvereins so verdient, daß ihn der König von Preußen in den Adelstand erhob. Was Stein für Preußen war, bedeutete Ibell für Nassau, und er trägt mit Recht den Namen »der nassauische Bismarck«. Der Streit um die fortschrittliche Verwaltung in Nassau ging noch weiter, aber die alte Kraft war verpufft. 1836 kam die Einigung zustande. Die beiden Gegner Marschall und Ibell erlebten sie nicht mehr. v. Ibell starb am 6. Oktober 1834 zu Unterliederbach. Auf dem Friedhof neben dem alten Kirchlein ruht sein sterblicher Teil. Sein Werk wird nicht vergessen werden. Die Paulskirche in Frankfurt Von Max Spanier Ideen leben wie Völker. Man kann sie eine Zeitlang unterdrücken, ihnen das Recht des Daseins und der Geltung wehren, töten kann man sie nicht. Ihr heiliger Odem pulst in unterirdischen Strömen weiter, in der Erinnerung; Sage und Geschichte künden den Heroismus der verflossenen Zeit. Bis eines Tages eine neue Jugend ersteht, die alten Ideale mit neuem Daseinsrecht füllt und für ihre Verwirklichung in den Kampf tritt. Die deutsche Jugend, die siegreich aus dem Befreiungskriege heimkehrte, erhoffte von ihren Regierungen die ersehnte Verfassung, das geeinigte Vaterland. Schmählich sah sie sich betrogen. Viele Patrioten, der Freiherr vom Stein mit ihr. Die Märzrevolutionen achtundvierzig in Berlin, München, Wien geboten den Kabinetten Halt, das Volk proklamierte seine Forderungen. Die Morgenröte einer neuen Zeit leuchtete. Jubelnde Begeisterung flog durch die Lande. Aber fünfhundert Abgeordnete des deutschen Volkes, von Tirol bis zur Insel Rügen, vom Rhein bis zur Weichsel, zogen in die Paulskirche zu Frankfurt am Main, um den deutschen Einheitsstaat zu beraten. * Selten war die Paulskirche so voll besetzt wie an diesem Mittwoch, dem 28. März 1849, ihrer 196. öffentlichen Sitzung. Die entferntesten Abgeordneten sind herbeigeeilt, der Entscheidung beizuwohnen. Sie ist zu bedeutungsvoll. Auf der Tagung steht der Welckersche Antrag, die erbliche deutsche Kaiserwürde Friedrich Wilhelm IV., dem König von Preußen zu übertragen. Nie haben sich in Deutschland Männer mit mehr Geist, Charakter und Macht zu einem politischen Werk vereint: Fürsten, die Vertraute ihres Herrscherhauses, reiche Großgrundbesitzer, Philosophen, Rechtsanwälte, Theologen, Ärzte, Bankiers, Männer mit berühmten Namen, Jakob Grimm, die Dichter Ernst Moritz Arndt, Ludwig Uhland, Wilhelm Jordan (auch Anastasius Grün, die Lerche der Freiheit in Österreich, und Laube haben der Versammlung angehört), der Ästhetiker Fried. Theod. Vischer, der Turnvater Jahn, auffällig durch seinen weißen ehrwürdigen Bart, seinen altdeutschen Rock und sein Samtkäppchen; alle Konfessionen sind vertreten, Protestanten, Katholiken und Juden, alte Konservative und junge Revolutionäre. Die Elite einer Nation, wie sie kein Parlament herrlicher gesehen. Von den Emporen und Fenstern weht ein schwarzrotgoldener Fahnenwald. Kanzel und Orgel sind unsichtbar. Hinter dem Sitz des Präsidenten flattert der zweiköpfige Reichsadler. Aber seinem Haupte thront die Fahne und Schwert tragende Germania; rechts und links von ihr prangen Eichenkränze mit der Devise der Freiheit und Einheit. In der Diplomatengalerie harren die Gesandten Frankreichs, Englands, Rußlands und vieler Nationen der nahenden Entscheidung. Wie wird sich die Wage senken? Skeptisches Lächeln auf wohlgepflegten Gesichtern. Sie glauben nicht an die Einigung des deutschen Volkes, an die Geburt der neuen Nation. Auf den vordersten Bänken sitzen die Journalisten, die Korrespondenten deutscher und ausländischer Zeitungen. Die Galerien sind überfüllt, aus Mainz, Darmstadt und Heidelberg sind Neugierige herbeigeeilt. Es ist eine Sensation, einer Sitzung beizuwohnen. Stark sind die Damen vertreten, deren Liebe und Begeisterung der Linken gilt, die so mutig und voll Romantik das kommende Reich gestalten will. Seit über zehn Monaten tagt man. Kostbare Zeit ist in Ausschüssen, in endlosen Debatten über die Grundrechte, Stärkung der bewaffneten Macht, über Staat, Kirche und Schule und über viele nebensächliche Fragen verloren gegangen. Die Pessimisten, die schon den Tod der Versammlung ausgerufen, haben zu früh geweissagt. Heute soll die große Tat erfolgen. Vor dem Tore der Kirche bis zum Römer drängt sich das Volk, das schon durch viele Feste und Fackelzüge seine Sympathie mit der Nationalversammlung, seinen Glauben an Großdeutschland bekundet. Welcker, der einstige Vorfechter der großdeutschen Einheit, hat mit dem Ruf: »Das Vaterland ist in Gefahr ... retten Sie das Vaterland!« seinen Antrag glänzend eingebracht und mit Leidenschaft erhoben. Rießer, einer der besten Redner der Versammlung, die Flamme begeistert weitergetragen: » ... Wie Deutschland Preußen zu seiner Erstarkung, so bedarf Preußen Deutschland zu seiner inneren Versöhnung. ... Der Name ›Preußen‹ spricht mächtig zum politischen Verstand, aber der Name ›Deutschland‹ spricht zugleich zum Herzen ...« Nun kommt die Opposition zu ihrem Recht. Alle Augen richten sich auf den Führer der Linken, Karl Vogt aus Gießen, den »Affenvogt«, der schon manche kühne revolutionäre Rede in diese Versammlung geschleudert. » ... Ich bin der Ansicht, daß eine Krone, wenn sie von dem Volk oder dessen Vertretern gegeben wird, auch verdient sein soll ... Die Krone glänzt nicht, die man aus dem Sumpfe einer todesmüden Versammlung hervorzieht ... Ein Kaiserwort schmiedet heutzutage kein Volk mehr zusammen, ein Königswort ist nicht das, was in dem Sturm unserer Zeit hält ...« Die Abstimmung erfolgt. 290 Abgeordnete haben sich für den König Friedrich Wilhelm IV. entschieden, 248 Stimmen sich der Wahl enthalten. Der Präsident Eduard Simson verkündet das Ergebnis. »Gott sei mit Deutschland und seinem neugewählten Kaiser!« Ein dreifaches jauchzendes Hoch erschallt auf der Rechten, im Zentrum und auf den Galerien. Die Glocken beginnen zu läuten. Das Volk auf der Straße jubelt. Kanonendonner verkündet das große Ereignis. Dem Ruf des Volkes kann sich der König nicht versagen. Der deutsche Kaisertraum ist erfüllt. Barbarossa kann aufsteigen. Vox populi, vox Dei . * Ein südlicher Maiabend zieht den Main herauf. In seiner Mietwohnung sitzt Ludwig Uhland, der Dichter, der Abgeordnete der Wahlbezirke Tübingen-Rottenburg, und blättert in den Akten. Durch das Fenster strömen linde Lüfte; er hört das Rauschen der Bäume. Diese Melodie rüttelt ihn auf. Er beschließt auszugehen. Wenn die Sonne untergeht, die Dämmerung ihren Schleier streut, spaziert er am liebsten, dann gleitet er schnell hinüber in das goldene Märchenreich. Über ein Jahr ist er in Frankfurt und auch hier ein Einsamer geblieben. Die politischen Klubs hat er gemieden, die gesellschaftlichen Einladungen des Reichsverwesers v. Gagern und seiner württembergischen Freunde stets abgelehnt. In den Schwan will er diesen Abend nicht gehen, von der Stadt, die ihm viel von ihrer Vergangenheit geflüstert, an die fränkische Heldensage, seine Lieblingsmuse, erinnert, Abschied nehmen. Er wandert dem Ufer entlang. Der Strom singt. Vögel zwitschern in den dunklen Wipfeln. Er schleicht durch die Schatten der Bäume, will niemand begegnen, will von keinem erkannt werden, sonst bringen sie wieder ein Hoch auf den Dichter Uhland aus. Es ist still in den Straßen geworden, sehr still. Welch ein Leben, welch eine Begeisterung war gewesen, als im vorigen Mai die deutschen Abgeordneten mit den österreichischen Brüdern Arm in Arm einzogen! Mit welchem Jubel waren sie von den Republikanern Frankfurts empfangen worden. Großdeutschland sollte erschaffen, der hohe Dom der deutschen Einheit erbaut werden. Daß diese Versammlung so schmählich enden würde, hatte er nicht geglaubt. Sich selbst fühlte er frei von jeder Schuld. Wie ein tapferer Soldat hat er ausgeharrt, bis die letzte Kugel verfeuert war. Nun kehren sie mit leeren Händen zu ihren Wählern zurück. Österreich ist aufgegeben, die Hoffnung auf Großdeutschland, auf die demokratische Verfassung verloren. Die Wahl des Erbkaisers hatte er abgelehnt, und die Folge hatte ihm recht gegeben. »Ein König von Preußen nimmt keine Krone aus des Volkes Händen« – hatte die Antwort auf den Ruf des Volkes gelautet. Nur von Fürsten hatte sie der Fürst entgegennehmen wollen. Allein, eine so mächtige Volkserhebung wie die deutsche mußte sich aus ihrem eigenen Geist die rechte und lebenskräftige Form erschaffen. Nicht von den Fürsten, vom Volk waren sie nach Frankfurt gesandt worden. »Es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist.« Über die Mainbrücke eilt er dem Dom zu. Er kennt genau jede Gasse, weiß um ihre Geheimnisse und Schönheit. Dort jener hervorstehende Giebel: Goethes Geburtshaus. Auch der Weise von Weimar hatte ihn nicht verstanden, hätte er ihm sonst zürnen können? Die Politik verderbe den Poeten. Nie haben ihn Ehrgeiz oder Ruhmsucht getrieben. Er ist immer seinem Gewissen gefolgt. Die Liebe zu seinem Volk, zur Freiheit, zum großen Vaterland, dem er seine Lieder geweiht, hat ihn bestimmt, sein Studium über die Poesie des Mittelalters zu unterbrechen und die politische Rednerbühne zu besteigen. War ihr Wirken nicht auch ein Heldensang? Aus der Dämmerung ragt die Kuppel der Paulskirche. Eine heilige Stätte. Voll Ehrfurcht neigt sich sein Haupt. Reden und Bilder durchjagen sein Hirn, frohe Erinnerungen und verhallende Töne. Morgen wird die schwarzrotgoldene Fahne auf dem Turm nicht mehr wehen. So versinken auch wir. Was bleiben wird, ist die Erinnerung an unser Bemühen. * Mittwoch, den 11. August 1926. Wieder wallen schwarzrotgoldene Fahnen von den Wänden der Paulskirche, und eine festliche Menge hat sich in dem Schiff versammelt, um eines Tages zu gedenken und einen Toten zu ehren. Am 11. August 1919 gab sich das deutsche Volk aus eigenem Willen und Vermögen die demokratische Verfassung. Nicht alles, was unsere Väter erstrebten, ist erreicht, die 38 Throne sind zerbrochen, der Volksstaat ist geschaffen, nur Österreich fehlt noch. Auf dem Paulsplatz wird ein Erinnerungsmal für den ersten Präsidenten der deutschen Republik enthüllt. Auf einem Sockel erhebt sich die erzene Gestalt eines Jünglings. Seine Knie sind gebeugt, der Jüngling richtet sich erst auf. Der linke Arm fällt schlaff, der rechte reckt sich über den Kopf, allen Gefahren und feindlichen Angriffen Halt zuzurufen. Ein Erwachen durchzittert den Körper. Ein Glanz leuchtet auf dem Gesicht, der Glaube an die Freiheit, an den Sieg des neuen Reiches. Der Jüngling verkörpert Deutschland, das sich nach dem Zusammenbruch von 1918 verjüngt erhebt. Seine Seele leuchtet seinen Schritten voran. Die Zeit schreitet langsam ihrem Ziele zu, einmal naht den Ideen des Wahren und Guten ihre Erfüllung. Ein Jahrhundert ist im Ausmaß der Geschichte wie ein Tag in der Unendlichkeit. Was unseren Vätern ein Traum erschien, ist unser Besitz. Und wir stürmen darüber weg neuen Idealen zu. Die Emser Depesche Von Wilhelm Schäfer Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen: Bruderblut war um den Norddeutschen Bund in Böhmen und Franken geflossen; um das Reich mußte Krieg sein mit dem Erbfeind im Westen. Denn immer noch lag der Schatten des Rheinbunds quer vor den kommenden Dingen: bei dem Schiedsrichter der Tuilerien hatten die süddeutschen Fürsten Schutz gesucht gegen Preußen; Österreich war, Sadowa zu rächen, im Bündnis mit Frankreich. Sollte ein einiges Vaterland werden, so mußte die welsche Hand aus dem Spiel sein; Bismarck, der eiserne Kanzler, war tollkühn genug, den Schlag gegen den Kaiser von Frankreich zu wagen. Als sich der Kaiser danach um Luxemburg mühte, sagten die Spötter in Frankreich: Napoleon habe das Wild von Sadowa gefehlt und wolle nun rasch einen Hasen vom Händler heimbringen; aber der Sieger von Gastein brachte ihn auch um den Hasen. Alles verdarb der Dämon in Preußen dem grämlichen Kaiser, bis ihm der spanische Handel das rote Tuch war, seinen Zorn unklug zu machen. Isabella, die spanische Königin, war nach Frankreich geflüchtet; die Großen des Landes boten die Krone dem Eidam des Königs von Portugal an, der selber dem Kaiser verwandt, aber ein Hohenzoller war. Seitdem der Burggraf von Nürnberg nach Brandenburg kam und die fränkische Sippe der Zollern in Preußen ihr Glück machte, hatte der schwäbische Stamm bescheiden im Dunkel gesessen, bis Napoleon selber den Prinzen Carol auf den rumänischen Thron brachte. Nun sollte sein Bruder König von Spanien werden; das aber rief den Franzosen die Furcht der spanischen Weltherrschaft wach: was einmal Habsburg vermochte, sollte den Zollern nicht wieder gelingen. Der Zorn von Sadowa schrie Rache; Kaiser und Kammer in Frankreich, noch eben im Streit, sahen den Tag der Vergeltung und sprangen dem Kanzler hinein in die klug gestellte Verblendung. Einen Krieg über Deutschland zu bringen, vermochte der Prinz Leopold nicht; als der Sturm in Paris schon Donner und Blitz zuckte, meldete er seinen Verzicht. Wir haben gewonnen! rief der Minister von Frankreich; aber so billig wollte der gallische Zorn nicht verrauchen: diesmal sollte der König von Preußen das fränkische Siegerrecht fühlen. Der König von Preußen war schon ein Greis; er machte in Ems seine Kur, als der Gesandte von Frankreich, Venedetti, ihm morgens über den Weg kam: er solle dem Kaiser versprechen, daß niemals mit seinem Willen ein Hohenzoller in Spanien König würde. Das konnte kein König versprechen; und als der Gesandte den höflichen Greis am selben Tage weiter bedrängte, ließ er ihn wissen: der König von Preußen habe ihm nichts mehr zu sagen! Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen! Nun war die Stunde gekommen, da Deutschland dem Kanzler einstehen mußte für sein geharnischtes Wort. Was keiner zu denken kühn genug war, das vermochte die Emser Depesche; sie war nur ein rascher Bericht nach Berlin; der Kanzler kürzte und klärte den Ton und gab ihn der Zeitung: da las der Deutsche mit Zorn und mit Stolz, wessen sich ein Gesandter von Frankreich vermaß, und wie ein deutscher König die Würde bewahrte. Sie fühlten in Frankreich den Hieb, und rot brach die Flamme aus ihrem rauchenden Zorn: der Kanzler wollte den Krieg haben, sie wichen ihm nicht zurück und wollten die Antwort bald nach Berlin bringen. Aber die Völker im Reich verstanden die Stunde: jetzt oder nie mußte das Vaterland sein! und was an den Höfen der Fürsten noch hemmte und zagte, war durch den brausenden Willen gezwungen. I.A. Lasinsky, Tempel auf dem Niederwald (1828). Grenzland Von Leo Sternberg Der Blütenwald des Stromtals überzweigte Den blutigen Ball, daß mein berauschtes Auge Zum erstenmal das Weh des Kriegs vergaß; Und wie ein Schmetterling die Flügel spannt, Erhob ich mich und stieg den Berg hinan, Gelockt vom Blau – wer weiß: in wunder Flucht Vor dem Betrug sich spiegelnder Blütenhänge, Die jenen Höllenreiter mir entfernten ... Allein – je mehr ich aufstieg im Gebirge, An kahlen Rebenlehnen, zwischen Schnee Der Hecken, unterm ersten tropfenden Grün Der Buchenhallen, über Steingeröll, Wo Eidechsen im Sonnenbrande flitzen, Je tiefer war der Frieden um mich her – Bis mich der ebene Rasenplatz des Gipfels Aber dem gläsernen Meer der Waldeswogen Wie eine seidne Wolke schweben ließ ... Das Eichhorn lief am Fuß des Stamms zur Erde, Die überstickt mit Schlüsselblumen war; Des Spechtes dunkler Trommelwirbel hallte Von einem knospenden Hochwald klar herauf; Die süßen Düfte warmgeglühter Tannen, Denen das märchenblaue Harz entquillt, Schwankten in flimmernder Luft, und auf dem Steilhang Der hohen Holzung träumten Samenbäume Mit lichtgelöstem Wipfel in die Bläue ... Da – drang auf einmal in die sichere Stille Der singenden Höhe ganz von fern ein Ton, Der erst nur war wie Stampfen meines Bluts, Doch dann mit dumpf-gewaltigem Stoße deutlich Die pralle Luft erschütterte, bis endlich Das wunde Ohr den grausig-ängstigen Takt Todspeiender Mörserriesen unterschied – Vom ersten Bombenschlag und Doppeldonner Aufflackernder Duelle bis zum rollend Losbrechenden Höllensturm der Trommelfeuer ... Ja, in den Paarungsruf der wilden Tauben, Die Anemonenunschuld alles Blühns, Die Birkenwiesen dieses weltentrückten Spielgrunds der Winde und der Gipfelschatten – Gedämpft durch ungeheuere Länderweite – Brüllte der mörderische Krieg der Welt, Daß aus dem Innersten der Boden bebte, Die Waldhummel ihr zugerieseltes Schlupfloch nicht fand und steuerlose Falter Ins Laub geschlagen wurden von dem Ruck Des Raums ... Und dieses hört der Frühling Nacht und Tag! Bei unbewegter Luft wehen die Maien Im ewigen Todeswind ... F. Grant, Burg Ehrenfels. Geistesleben. H. Aulmann, Kamm der heiligen Hildegard. Karolingische Elfenbeinschnitzerei. Die heilige Hildegard Von Leo Sternberg Als der Archipoeta, in dessen kecken Liedern die urwüchsige rheinische Weltlust übersprudelte, bei der heiligen Hildegard Erlösung von der Sinnenfreude suchte und unter ihrem Einfluß das Mönchsgewand anzog, verebbte die letzte Woge überschäumenden Heidentums am Strande der Mystik. Was Heinrich III. bei seiner Hochzeit mit Agnes von Poitiers begonnen, als er die Spielleute, die sich in Ingelheim in Scharen zu dem Feste drängten, unbeschenkt abweisen ließ, vollendete sich jetzt. Die Zunft, die dem Kult der Frau Welt am hemmungslosesten diente, mußte vor der geistlichen Dichtung, die sich in der asketischen Luft der cluniacensischen Reform ausgebildet hatte, abtreten. Wie Bernhard von Clairvaux, ihr Zeitgenosse, betrachtete Hildegard von Bingen das unmittelbare Schauen des Ewigen als die Aufgabe der Menschheit. Noch war der Sonnengesang Franz von Assisis nicht erklungen, als die Visionen ihrer erleuchteten Stunden die Bewegung einleiteten, die mit Meister Eckhart und Heinrich Suso ihren Höhepunkt erreichte. Im Jahre 1098 als Tochter des Burgvogts von Böckelheim geboren, war sie ins Kloster Disibodenberg eingetreten und 1148 mit diesem auf den Rupertsberg bei Bingen übergesiedelt. Dort und in dem Tochterkloster Eibingen im Rheingau, das sie 1165 gründete, waltete sie als Äbtissin. Deutlich hat ihr das Schicksal, das sie sofort in große Zusammenhänge stellte, den Weg vorgezeichnet. Der Kampf zwischen Papst und Kaiser um die Oberhoheit von Gottes- und Weltherrschaft und das durch die Erschütterung des Erdkreises auch in die menschlichen Ordnungen einbrechende Chaos konnte nicht dramatischer in ihr Gesichtsfeld treten, als da Heinrich, der Büßer von Canossa, von seinem eigenen Sohne entthront und verraten, als Gefangener in Böckelheim eingebracht wurde, wo sie als Kind bei ihm im Kerker weilte. Ebenso wurde sie von den Wogen der religiösen Erneuerung emporgetragen, die Bernhard von Clairvaux und die strenge Disziplin der eben gestifteten Bettelorden aufwarfen, und wie leidenschaftlich sie in die Kreuzzugsbewegung hineingerissen wurde, erzählt die Sage vom Brunhildenstein im Taunus, wo sie im Gebet gekniet haben soll, um Bernhards Aufruf zum Zweiten Kreuzzug zu unterstützen. Dazu kam, daß die Gabe, übersinnliche Erkenntnisse zu empfangen, sich früh bei ihr einstellte. Aber so wenig wollte sie daran glauben, daß ihr Leben ins Metaphysische ragen sollte, daß sie ihre Gesichte verschwieg und lange schwer an dem Kassandraschicksal trug, verborgener »Wahrheit sterbliches Gefäß zu sein«. Bis es kam, wie Prophetenwort es ausdrückt: »Da ich schweigen wollte, brannte es mir in den Eingeweiden.« Sie verfiel in Krankheit, die in lebenslängliches Siechtum überging, und erst als eine Stimme ihr zurief »Schreibe« – ebenso wie Jesaia und Jeremia ihre Berufung zum Prophetenamte schildern –, folgte sie dem göttlichen Auftrag. Eine der kostbarsten alten Miniaturen des Codex Scivias , der sich mit ihren übrigen aus dem Tochterkloster Eibingen geretteten Schriften noch in der Landesbibliothek zu Wiesbaden befindet, stellt sie von feurigen Zungen umlodert dar, die vom Himmel herunter um ihre Stirne greifen. So schrieb sie, ihren beiden geistlichen Töchtern Richardis und Hiltrudis oder dem Benediktinermönch Volmar diktierend, der ihre Schriften auch grammatikalisch feilte. Denn sie schrieb wie alle frühen Mystiker, und auch Albertus Magnus noch, in lateinischer Sprache, von der sie nichts als die Anfangsgründe kannte. Nach zehnjähriger Arbeit lag ihr erstes mystisches Werk »Scivias« vollendet vor: 26 Visionen von der Erschaffung, der Trinität, dem Opfer, dem Antichrist, dem Weltende, in denen sie dogmatische und moralische Wahrheiten, eingekleidet in die Rätsel kühner und eigenartiger Bilder, vermittelt. In ihren beiden Werken »Physica« und »Causae et curae« , auf denen ihr Ruf als erste deutsche Naturforscherin und Ärztin beruht, deutet sie die Gesetzlichkeit der Natur als ein Sinnbild des göttlichen Lebens. Die Einheit der Schöpfung ist der Gedanke, der ihr »Buch von den göttlichen Werken« beherrscht, während sie in dem »Buch von dem verdienstlichen Leben« das System der christlichen Moral in dramatischen Zwiegesprächen zwischen Tugenden und Lastern entwickelt. Neben ihren Lebensbeschreibungen der Heiligen Disibod und Rupert ist ferner als literarhistorische Kuriosität die lingua ignota zu vermerken, die von ihr geschaffene, 900 Worte umfassende Geheimsprache. Von eigentlichen dichterischen Werken besitzen wir ein geistliches Singspiel von ihr, ein Melodram, das den Kampf einer Seele um die Tugenden vorführt, 70 Lieder, Antiphonen, Sequenzen, Hymnen und Responsorien, die sie selbst vertonte, sang und in Neumenschrift niederschrieb, »ohne von einem Menschen darüber belehrt worden zu sein, denn niemals hatte ich – wie sie sagt – irgendeinen Gesang gelernt«. Kraft der Inspiration und dichterische Phantasie sprechen hier vielleicht noch am lebendigsten zu uns. Ihrem gesamten Werk aber kommt schon als Erkenntnisquelle für das Seelenbild der frühen Mystik unvergleichliche geistesgeschichtliche Bedeutung zu. Hildegard stand nach ihrem eigenen Zeugnis in beständiger Anschauung eines Lichts, das ihr als »Schatten des lebendigen Lichtes« erschien und ihr zuweilen auch das wahrhafte lebendige Licht zu erkennen gestattete. In diesem Lichte, das sie nicht mit den leiblichen Augen erblickte, erfaßte sie alle Dinge; Schriften und Reden, Tugenden und Werke der Menschen leuchteten ihr daraus entgegen wie Spiegelungen im Wasser. Doch vernahm sie Worte und Stimme nicht, wie sie aus Menschenmund ertönen, sondern wie eine leuchtende Flamme oder eine in reiner Luft sich bewegende Wolke. Sinn und Auslegung des Psalters, der Evangelien, aller Bücher des Alten und des Neuen Testaments wurden ihr klar, ohne daß sie die Texte zu übersetzen verstand. Doch so wenig wie verstandesmäßiges Denken, waren Zustände des Außersichseins dabei im Spiel. Bei offenstehenden Augen, ohne je in Ekstase zu geraten, wurden ihr – wie sie bekennt – die Gesichte zuteil. Auch wenn Mystik sich zuweilen als sublimierter Eros darstellt, wie sie etwa in dem »Badeliedlein« oder dem »Geistlichen Trinklied der Nonnen am Niederrhein« vibriert, so tritt sie hier als Amor dei in reinster Form auf. Hildegard empfindet sich zwar nur als Posaune, als Zither, auf der ein Höherer spielt, als eine Feder ohne eigne Flugkraft, die vom Winde emporgetragen wird, allein damit charakterisiert sie dasselbe, was Tauler das Entwerden, das Verlieren der Ichheit und die Vergottung nannte. Die Zeitgenossen glaubten an eine magische Kraft. Bischöfe, Äbte, Fürsten, selbst Kaiser und Päpste traten mit der Prophetin in brieflichen Verkehr, unzählige Scharen wallfahrten zu ihr, sie reiste selbst lehrend und läuternd im Lande umher. Sagen und Wunder umwoben bald die heroische Erscheinung der Mystikerin, deren Wahlspruch hieß »Ich leide gern«; und noch heute bildet die Gottsucherin mit der verzehrenden Sehnsucht im Leben des Rheingaus eine geistige Macht. K. Aulmann, Kamm der heiligen Hildegard. Karolingische Elfenbeinschnitzerei. Die Limburger Chronik Von Leo Sternberg Unter den Chroniken des Mittelalters nimmt die Limburger Chronik des Tilemann Elhen von Wolfhagen eine ehrenvolle Stellung ein. Alle Heimsuchungen des Zeitalters ziehen darin an uns vorüber: Wasserfluten und Feuersbrünste, Teuerung und Erdbeben, Mißgeburten und Heuschreckenplage, Pest, Geißelfahrt, Judenmord, Veitstanz, Fehde und Aufstand – lauter Ereignisse, die der Verfasser mitangesehen oder mitangehört, wie er das ganze Buch dem Leben entnommen und ihm damit seine Anziehungskraft für alle Zeiten gesichert hat. Wenn er uns erzählt »und der großen pestelencien han ich vier gesehen unde irlebet«, so wird uns dieser Mann, der mit dabei war, fast ebenso unheimlich, wie die schwarze Domglocke, die wir nach soundso viel Jahrhunderten mit dem Finger berühren können, als hätte sie gestern den Geißlern geläutet. Aber wir finden auch helle Seiten beim Durchblättern des Buches. Wir hören von der Buntheit der Kleidermoden und Waffentrachten, von den Sitten und Gebräuchen; wir hören von Meister Wilhelm von Köln, »dem besten Maler in deutschen Landen«, der in seinen süßen, innigen Madonnen das deutsche Gemüt in der Kunst zu Ehren brachte und die Schule begründete, aus der Stephan Lochner hervorging, der Schöpfer des Kölner Dombildes und jenes Rosenhags, in dem musizierende Englein und zwitschernde Vögel mit Madonna und Kind sich zu einem rührenden Kinderidyll verbinden. Wir hören von dem Erfinder des Esels zwischen den zwei Bündeln Heu, dem Philosophen Buridan, der in Paris, dem Quell der Wissenschaft, lehrte, und dürfen daraus schließen, daß der Verfasser der Chronik selbst dort studiert hat. Wir erkennen seine Bildung nicht nur daraus, daß er mit allen religiösen und sozialen Ereignissen der Landes- und allgemeinen Geschichte vertraut ist, sondern auch aus seinem Zitatenschatz, der dem Cato, dem Aristoteles, den biblischen Schriften und dem Corpus juris entstammt. Daneben spiegelt sein Werk weitgehendes schöngeistiges Interesse für Plastik, Malerei, Gesang, Musik sowie die Technik der Künste, und es ist sehr wahrscheinlich, daß er in Mainz, wo er seine theologische Erziehung genossen, auch die dort von Heinrich Frauenlob begründete Meistersingerschule besucht hat, ehe er in Limburg Stadtschreiber und Notar wurde. Dort ist er nach einer Quelle um 1316 geboren und 1402 im Alter von 86 Jahren gestorben. Der Limburger Stadtschreiber war auch ein Dichter. Das verraten seine Verse allerdings kaum. Dafür hat er aber in dem auf dem Reckenforst gerichteten weißkrolligen Freiherrn von Dehrn, in dem Minoriten, der sich fälschlich für einen Weihbischof ausgab und »Leib und Haupt auf und nieder richtete in großer Hoffahrt«, in dem athletischen Hauptmann von Hatzstein, in dem Domherrn Kuno von Falkenstein, dem »sine backen puseden und floderten, wanne daz he zornig was«, in dem schwarzhaarigen Gerlach III., der »rasch und gedorstig war ein Ding zu tun«, und seinem goldbärtigen, gütigen Bruder Johann eine Porträtgalerie markanter Charakterköpfe gezeichnet, die einem Novellisten alle Ehre machen würde. Die eigentliche Bedeutung der Chronik liegt jedoch auf anderem Gebiete. Wie der Adel sozial die Herrschaft verlor, so schwand auch die höfische Kunst. Die Beteiligung der höchsten Stände an Poesie und Literatur hatte eine höfische Sprache entwickelt, die die Volksmundarten verdrängt und sich infolge ihrer Gleichmäßigkeit und Beweglichkeit als Literatursprache durchgesetzt hatte. Als aber das höfische Leben nun erlosch und die vom Adel aufgegebene Kunst in die Hände der Bürger überging, da verfiel auch die Sprache dermaßen, daß die Volksmundarten wieder das Übergewicht erlangten. Zumal in den Chroniken, die jetzt entstanden. Da diese für die gesamte Bürgerschaft einer Stadt oder doch für die Ratsversammlungen bestimmt waren, deren Mitglieder meist der gelehrten Bildung ermangelten, ergab es sich von selbst, daß die allen verständliche Muttersprache darin zum Schriftdeutsch erhoben wurde. Das macht die Bedeutung der Chronik Tilemanns als Sprachdenkmal aus, und sie steht als solches nicht hinter den berühmten Chroniken Closeners von Straßburg und Twingers von Königshofen zurück. Die einfach-treuherzige Redeweise Tilemanns von Wolfhagen ist die moselfränkische Form der mittelfränkischen Mundart, des Limburger Sprachcharakters. Freilich befindet sich unter den elf bekannten Handschriften seines Buches weder eine Originalhandschrift des Verfassers noch eine gleichzeitige Abschrift. Doch können wir nach dem auf die Sprache Tilemanns zurückgeführten Texte der Wyßschen Chronikausgabe in der Beurteilung des Stiles nicht fehlgehen. Kernig und kurz, ohne phantastische Ausschmückung, mit der Ruhe epischer Sachlichkeit schreibt Tilemann in reinen, festen Wortformen und oft überraschend farbigen Wendungen. Persönliche Anschauung gibt seinem Stil das Kolorit. Obwohl er ein Kind seiner Zeit ist und den beweibten Kleriker nicht verleugnen kann, macht sich doch überall ein freierer Geist bemerkbar. Nur ein von allen Musen verlassener Mann konnte von ihm sagen, »daß der Historikus sich hie und dort mit Kleinigkeiten aufhalte, zum Exempel mit der Kleidermode, mit der Witterung, mit einfältigen Liedgern«. Die Lieder, die sie uns überliefert, machen die vornehmste Bedeutung der Chronik aus und trugen ihr schon von Lessing, Herder, Heine und Uhland hohes Lob ein. Sie gewähren uns in die Volksliedpoesie des 14. Jahrhunderts tiefe Einblicke. Viele Gesänge teilt uns Tilemann zwar nur nach einzelnen Strophen oder Strophenanfängen mit, weil sie ihn offenbar nur musikalisch oder metrisch interessieren, wie er denn auch nicht zu bemerken versäumt, daß gegen das Jahr 1360 die Lieder sich »vurwandelten in widersänge mit dren gesetzen« – eine Art Rondeau – oder wie das »pifenspel« sich verwandelte und »uf gestegen: Dan wer vur funf oder ses jaren ein gut pifer was geheißen, der endauc itzunt nit eine flige«. Aber abgesehen davon, daß viele jener Bruchstücke durch andere Chroniken ergänzt werden, fällt uns des unversehrten Dichtergutes genugsam zu. Man kann drei Klassen von Liedern in der Limburger Chronik unterscheiden. Für die erste Gattung wird uns ein treffliches Beispiel in Verbindung mit einer interessanten Episode überliefert, die uns mit Reinhard von Westerburg, einem der mächtigsten Dynasten der Zeit, bekannt macht. Reinhard hielt treu zu Ludwig dem Bayern und bereitete den Koblenzern, die zu dem Gegenkönig Friedrich von Österreich hielten, bei Grenzau jene Niederlage, von der man sich erzählt, die Erde am Bolushügel bei Ballendar sei bis auf den heutigen Tag rot gefärbt vom Blute der Koblenzer Bürger. Der tapfere Degen hatte König Ludwig 1327 und 1328 in die Lombardei wie zu seiner Krönung nach Rom begleitet und seitdem an allen Zügen und Kriegen des Kaisers teilgenommen. Für seine Dienste gegen Kaiser und Reich wurde ihm der Kauber Weinzoll verliehen oder, wie es damals hieß: zwei große Zoll Turnose von jedem den Rhein auf und ab gehenden Fuder Wein. Der Kaiser war aber nicht allein seinem kräftigen Schwert verpflichtet; Reinhard unterstützte ihn auch mit seinen reichen Geldmitteln und hatte schließlich 22 000 Pfund Heller von ihm zu fordern. Ebenso charaktervoll wie in seiner politischen Haltung tritt uns Reinhard nun als dichterische Persönlichkeit entgegen. Dieser Mann der Tat, der manchen Strauß ausgefochten, war ein Minnesänger. So sang er: Ob ich durch si den halz zubreche, Wer reche mir den schaiden dan? So enhette ich nimans, der mich reche; Ich bin ein ungefrunter man. Darumb so muß ich selber warten, wi ez mir gelegen si. Ich eban nit trostes von der zarten, Si ist irs gemudes fri. Wel si min nit, di werde reine, So muß ich wol orlaup han. Uf ir genade achte ich kleine, Sich daz lasse ich si vurstan. Diese Westerwälder »Zärtlichkeit«, die gerade keinen Frauenlob verrät, liefert einen wertvollen Beitrag zu der Geschichte der untergehenden Minnepoesie, der den Kampf einer Übergangszeit zwischen zwei Weltanschauungen auch äußerlich aufs glücklichste illustriert. Als Kaiser Ludwig nämlich das Lied hörte, strafte er Reinhard mit den Worten: »He wollte es der Frouwen gebessert haben.« Da änderte der Herr von Westerburg die Weise und sang: In jammers noden ich gar vurdreven bin durch ein wif so minnecliche usw., worauf Kaiser Ludwig erklärte: »Westerburg, du hast uns nu wol gebessert«. Kaiser und Dichter! Überlebter Hofgeschmack und urwüchsiges Volksempfinden! Reinhard von Westerburg war nicht mehr der Minnetor, der sich wie Ulrich von Lichtenstein seiner Dame zu Gefallen die Oberlippe abschnitt, die Finger abhieb und als Frau Venus verkleidet durch die Lande zog. Der konventionelle Geschmack des Kaisers aber hing noch an dem süßlichen Nachklang des höfischen Minnesangs, der längst eine leere Form geworden war; er hatte kein Ohr für das heimliche Kichern hinter den affektierten Versen, die der Westerburger an die Stelle seiner markigen ursprünglichen Strophen setzte, noch weniger für den Abscheu eines gesunden Empfindens gegen die sklavische, krankhafte und im Grunde unsittliche Neigung der Minnesänger, die nicht Mädchen, sondern fast ausschließlich verheirateten Frauen galt und durchaus keine hohe Auffassung vom Weibe zur Voraussetzung hatte. Wir aber fühlen in dem, was der kaiserliche Beckmesser tadelte, gerade das, was den Westerburger für uns zum Dichter macht: ein volles, ganz von einer Empfindung volles Herz – westerwäldisch-derb, nicht posenhaft-ritterlich mehr, aber urwüchsig, unsentimental, individuell, erlebt und echt: Lahnrasse. Von demselben Interesse wie Reinhards Gedicht für die Geschichte der Minnepoesie, sind die von Tilemann überlieferten Heiligengesänge für die Entwicklung des religiösen Liedes, die uns zeigen, daß die deutsche Kirchenhymne nicht ganz eine Schöpfung Luthers ist, sondern lange vor ihm in Auflehnung gegen den lateinischen Kirchengesang unter dem Einfluß italienischer Vorbilder, welche die Geißler mitbrachten, aus der religiös begeisterten Volksseele emporstieg. Den höchsten Dank verdient Tilemann jedoch für die Überlieferung der Volkslieder seiner Zeit. Aus dem Vergleich dieser Zeugnisse des Volksgeistes mit früheren und späteren Beispielen erkennen wir, daß das deutsche Volkslied sich nicht etwa aus anderen Kunstformen entwickelt hat, sondern immer vorhanden war, gleichsam als das Urelement, aus dem alle Kunstdichtung hervorging, und in das sie wieder zurückkehrte, wenn ihre Kraft erstarb. So brach nach der falschen Sentimentalität der niedergehenden Minnepoesie und dem mechanischen Handwerksbetriebe des Meistergesangs der Quell des Volksliedes wieder mächtig hervor, und nichts verkörpert seine Gewalt besser, als der Barfüßermönch der Limburger Chronik, der aussätzig von Baum und Felsen herab seine Mailieder sang. »Unde waz he sang, daz songen di lude alle gern unde alle metster, pifer unde ander spellude furten den sang unde gedichte.« Das ganze Volksleben spiegelt sich in den Limburger Liedern; den breitesten Raum nimmt natürlich das Liebeslied ein. Liebesklage und Trennungsschmerz, Liebeskampf und Liebeshoffnung, Liebesglück, Liebespreis und Untreue erklingen in jenen ergreifenden Naturlauten, in denen ein schwermütiger Mollton vorherrscht, wieder Reinheit und Tiefe des Gefühls durchbricht und in wohltuendem Gegensatz zu dem schlüpfrigen Ton der Tagelieder ein edleres Frauenideal sich ankündigt. Welcher echte, kraftvolle Klang den Limburger Liedern eigen ist, möge die Nonnenklage zeigen, die zu den ältesten urkundlich überlieferten Volksliedern gehört und sich in ständiger Fortbildung lange im Munde des Volkes erhalten, aber nie wieder den unmittelbaren, reflexionslosen Ausdruck gefunden hat, in dem der schöne Zorn der Limburger Nonne ruft: Got gebe ime ein vurdreben jar Der mich machte zu einer nonnen Und mir den swarzen mantel gap Den wissen rock darunden. Sal ich ein nunn gewerden Sunder minen willen So wel ich eime knaben jung Sinen komer stillen. Und stilet he mir den minen nit Daran mach he vurlisen. Diese Nonne, die nach den Freuden der Welt verlangt, ist ein Sinnbild für das ausgehende Mittelalter, das aus den Schranken der religiösen Erziehung nach der Fülle des ganzen Lebens die Arme dehnt. Der Mönch von Limburg Von Leo Sternberg Du gabst meinem Körper die Pest, daß meine Seele klinge! Gabst meinem krebszerfressenen Mund, O Gott, meiner Kehle, röchelnd und wund, Das Lied, das sie droben im Dome singen – Mai, Mai, Mai, du hohe Zeit! Von dem Felsen des Doms, der aus Wassern sich türmt, Werfen sie mir entfernt das Brot Auf die Insel herab ... Meine Nähe ist Tod – Und doch hat mein Lied das Ufer erstürmt! Mai, Mai, Mai der Welt! Die Augen erloschen ... Nicht spiegelt der Fluß Den leeren Höhlen Himmel und Bucht. Ich brauche keine Klapper ... Flucht vor mir, Flucht ... Doch – bin ich nicht weltdurchfliegender Kuß? Ich, Mailoser, singe Mai und es fängt für euch an zu maien, Ich, Grindbedeckter, schalmeie die Lust Der Umarmung und ihr stürzt euch an die Brust – Hinweg! Nicht länger soll uns die Pest der Welt entzweien! In Brand – meine Insel! ... Ich praßle hinaus ... In Asche, du Fäulnis! ... Versinke im Strom, Du Klapper des Grauens! ... »Willkommen, Willkomm!« Aus Fenstern und Türen ... Ich wohne bei Menschen im Haus! Mai, Mai, Mai der Welt! Die Kulturarbeit der Benediktiner- und Cisterzienserklöster Nassaus Von P. Gilbert Wellstein, O. Cist Die Zahl der im Gebiet des ehemaligen Herzogtums Nassau gelegenen Klöster ist nicht sonderlich groß, und auch von diesen kann man nur wenige als eigentlich nassauische Klöster ansprechen, weil die Mehrzahl erst in säkularisiertem Zustand an Nassau fiel. Wenn wir von diesen wieder diejenigen des Benediktiner- und Zisterzienserordens herausgreifen, so soll damit nicht etwa bekundet werden, daß die übrigen Stifte und Klöster geringere Verdienste um die Kultur des Landes sich erworben hätten. Auch die idyllisch gelegene Prämonstratenserabtei Arnstein und das Kloster der Minderen Brüder zu Limburg z.B. haben sich überaus segensreich in nassauischen Landen betätigt. Die stetig fortschreitende Christianisierung der deutschen Stämme im 8. Jahrhundert führte auch bald die Söhne des hl. Benedikt ins Land. Die glückliche Verbindung des beschaulichen mit dem tätigen Leben, die ihrer Regel entspricht, ließ für die Befestigung und Vertiefung der christlichen Lehre in den Herzen der Bevölkerung niemand geeigneter erscheinen als gerade die Schwarzen Mönche, deren alter Wahlspruch lautet: Ora et labora ! Um das Jahr 778 faßten die Benediktiner zuerst in Bleidenstadt festen Fuß, von wo aus sie in unermüdlicher Arbeit die Segnungen des Evangeliums in der ganzen Umgegend verbreiteten. In kürzester Zeit wurde die Abtei als die Ruhestätte des Hl. Ferrutius zu einem Brennpunkt religiösen Lebens, der aus nah und fern ungezählte Pilger anzog und wiederum nach allen Seiten hin seine erwärmenden Strahlen entsandte. Während des Dreißigjährigen Krieges sank die älteste und berühmteste Stiftung Nassaus in Schutt und Trümmer, nachdem Jahrhunderte hindurch die friedlichen Mönche als Seelsorger und Träger höherer Kultur ein erfolgreiches Wirken entfaltet hatten. Viel später als in Bleidenstadt entstand zu Anfang des 12. Jahrhunderts das Doppelkloster Schönau, mit dessen Ursprung der Name des Hauses Nassau aufs innigste verknüpft ist. Denn zum Seelenheil des bei einem Jagdzuge meuchlings ermordeten Drutwin von Laurenburg, des Ahnherrn der Grafen von Nassau, ist es von dessen Bruder Dudo an der Mordstätte errichtet worden – wie die Schönauer Reimsage meldet. Seinen höchsten Ruhmesglanz aber verdankt Schönau der hl. Seherin Elisabeth, die bis 1164 Meisterin des dortigen Konventes war. Bis zum Jahre 1803 vermochten hier die Mönche ihre stille Tätigkeit zu entfalten, während das Nonnenkloster schon bei Beginn des 17. Jahrhunderts erlosch. Wenn in dem farbigen Holzschnitt vom Jahre 1460, auf dem der Abt von Schönau im Gebete vor dem hl. Florin, dem Schutzpatron des Klosters, kniet, ein Exlibris zu erblicken ist (wie Zedler vermutet), so besitzen wir darin das älteste seiner Art, das auf uns gekommen ist – eine Tatsache, die auf die Kunstpflege der Mönche ein bedeutsames Streiflicht wirft. Ebenfalls in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts oder kurz zuvor hatten sich die Söhne des hl. Benedikt auf dem Johannisberge, einem Doppelkloster, und in Gronau angesiedelt, wo bis zur Zerstörung beider Gründungen in den Wirren der kirchlich-politischen Umwälzung Großtaten der Menschenliebe ausgingen. Denn was dem Kloster auf dem Johannisberge neben seiner entzückenden Lage, dem zu seinen Füßen wachsenden Edeltrank und seiner kolonisatorischen Tätigkeit seine Bedeutung verlieh, war vor allem sein Leprosenhaus, das den Ärmsten unter den Siechen gastliche Herberge und liebevolle Pflege bot. Getreu den Vorschriften der Klosterregel übten die Schwarzen Mönche hier wie anderwärts in echt benediktinischem Geiste eine unermüdliche Gastfreundschaft aus, die auch dem geringsten und niedrigstehenden Manne aus dem Volke zugute kam – Akte der Wohlfahrtspflege, mit denen die Klosterbrüder den humanitären Bestrebungen späterer Zeitalter weit vorauseilten; wie sie denn – aus Gottesliebe – Wanderarbeitstellen, Herbergen, Gaststätten für die Reisenden und Lazarette unterhielten, die heute durch Gesetze für soziale Fürsorge erzwungen werden müssen. Neben den erwähnten Frauenklöstern erblühten im Verlauf des 12. Jahrhunderts drei weitere, nämlich die zu Eibingen, Walsdorf und Tiefental, zu welchen sich im folgenden Jahrhundert noch solche in Seligenstadt und Dirstein gesellten. Ohne Zweifel genoß von diesen das Kloster Eibingen, das unter der Fürsorge der großen Seherin, der heiligen Hildegard (gestorben 1179), ins Leben trat, das meiste Ansehen, das auch mit seiner Aufhebung im Jahre 1803 nicht erloschen ist. Denn fast hundert Jahre später sollte die ehrwürdige Stätte des Gebetes und stiller Entsagung im Jahre 1900 in der, in edelem Beuroner Stile erbauten und ausgemalten Abtei St. Hildegard bei Eibingen, ihre Auferstehung feiern. Während die Klöster Walsdorf und Dirstein um das Jahr 1560 ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet wurden, ging Seligenstadt, an das nur mehr spärliche Mauerreste erinnern, schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts unter. Die beiden großen, auch persönlich sich nahestehenden Mystikerinnen Elisabeth von Schönau und Hildegard, die Äbtissin vom Rupertsberg und Eibingen, die sich auserwählt fühlten, die religiösen Energien ihrer Tage zu neuem Leben zu erwecken, haben in zahlreichen geist- und seelenvollen Briefen an weltliche und geistliche Würdenträger das Gewissen der Zeit aufgerüttelt, aber auch durch das Beispiel ihres gotterfüllten Lebens wie durch ihre religionswissenschaftlichen und visionären Schriften stärksten Einfluß auf die Volksseele gewonnen. Neben den Scivias der heiligen Hildegard hat vor allem der Liber Viarum Dei , den Elisabeth unter dem Einfluß des Hildegardschen Codex schrieb, als eine Quelle frühmittelalterlicher Geistesbewegung unschätzbare kulturhistorische Bedeutung erlangt. Die Gestaltung, die Elisabeth der Ursulalegende, einer ihrer verbreitetsten Schriften, gab, diente allen späteren Arbeiten des Mittelalters zur Grundlage. Es kann kein eindrucksvolleres Beispiel als die Wirksamkeit beider Äbtissinen dafür geben, in welchem Maße wir die Kenntnis der Vergangenheit den Klöstern verdanken. Auch in den Schätzen ihrer Büchereien und Archive, die von den Mönchen mit liebender Sorgfalt behütet wurden, besitzen wir oft nur die einzige Quelle für die Geschichte entschwundener Zeiten. Außer seinen fünf Nonnenklöstern besaß der Zisterzienserorden auf nassauischem Gebiet nur zwei Abteien, Eberbach und Marienstatt, von denen die erstere an Bedeutung für die kulturelle Entwicklung des Landes jene der Schwarzen Mönche weit überragt. Vom heiligen Bernhard im Jahre 1131 gegründet, nahm Eberbach schon bald einen ungeahnt raschen Aufschwung. Durch den Ruf des in ihm herrschenden Geistes, sowie durch seinen vorbildlichen Wirtschaftsbetrieb errang das Kloster auf die weitesten Kreise unberechenbaren Einfluß. Im Gegensatz zu dem bisherigen Zinssystem hielten die Grauen Mönche lange Zeit zähe am Eigenbetrieb fest und verstanden als erfahrene Meister in der Landwirtschaft und im Weinbau ihre zahlreichen Höfe zu wahren Musteranlagen auszubauen, die Acker- und Weinbau auf eine vorher nicht gekannte Stufe der Kultur hoben. Eines ihrer Hauptverdienste bestand darin, daß die Brüder überall, wo sie Besitzungen erwarben, durch ausgedehnte Rodungen neues Land und damit weitere Möglichkeiten für rationellere Ausnutzung des Bodens erschlossen. Auf diese Weise legten sie auch die berühmten Weinberge an, die ihren Weltruf begründeten. Man braucht nur die Edelmarken wie den Steinberger, Markobrunner, Reichardshausener zu nennen, um zu wissen, daß die Weinbauern im Kloster Eberbach eine gute Schule besaßen. Ihr Handel mit eigenem Ausfuhrort (Reichartshausen), Zoll- und Abgabenfreiheit machten das Kloster reich und mächtig. Wer aber die alten, herrlichen, teils in wuchtig romanischem, teils in elegantem gotischem Stile aufgeführten Bauten der Abtei betrachtet, erstaunt nicht weniger über den feinen künstlerischen Sinn und Geschmack der um die Volkswirtschaft so verdienten Mönche. Die Abteikirche, das Dormitorium der Mönche, das Kapitel, das Refektorium der Konversen usw. sind Perlen edelster mittelalterlicher Baukunst und gehören unstreitig zum Besten, was uns aus jenen Zeiten erhalten geblieben ist. Im Jahre 1803 wurde das Schicksal des Klosters durch seine Aufhebung besiegelt. Jahrzehnte lang wurde der Bau als Zucht- und Irrenhaus benutzt – eine Kultursünde gegen ein Juwel der Baukunst und eine Pflanzstätte des Geistes, die sich selber richtet. Eine verwandte Stellung, wenn auch nicht von derselben Fernwirkung wie Eberbach, nahm die Abtei Marienstatt ein. Aus ähnlichen Gründen ward das Kloster für den ganzen Westerwald eine Quelle reichsten Segens und löste besonders durch seine blühende Wallfahrt im Volke unschätzbare Werte aus. Daß auch in dem einsamen Waldtalkloster Männer von tief-künstlerischem Empfinden wohnten, beweist der herbstolze Bau der Abteikirche, die in ihrer Art als ein vollendetes Denkmal zisterzienserischer Kunst dasteht. Mit Eberbach teilte auch Marienstatt das Los der Säkularisation, erstand aber im Jahre 1888 wieder zu neuem Leben. Wie die beiden Männerklöster des Zisterzienserordens, so erfüllten auch die fünf Frauenkonvente dieses Ordens: Gottestal, Tiefental, das sich im 13. Jahrhundert dem Orden angeschlossen hatte, Marienhausen, Affolderbach und Gnadental ihre stille Mission, die bei den zwei zuletzt genannten bereits im 16. Jahrhundert endigte. Fast das einzige, was wir noch von ihnen allen besitzen, ist ein Glasgemälde mit dem Judaskuß aus Tiefental. Aber ihre ganze künstlerische Kultur wird in diesem köstlichen romanischen Denkmal transparent. Hermann Dienz, Kloster Marienstatt (Westerwald) Ein milder Glanz schimmert aus all diesen Namen, auf welchen der Edelrost einer segensvollen Vergangenheit ruht. Für viele wurden die Klöster im Verlaufe der Jahrhunderte zu Inseln des Friedens und verinnerlichten Lebens. Von jeher waren sie Stätten des Gebetes, Stätten edelsten Dienstes in der Fron des Herrn. Doch keine Träumer und Müßiggänger wohnten in ihnen, denn wie der rastloseste und dabei der innerlichste Mensch, St. Bernhard, sagt: »Sich mit Gott beschäftigen, ist die vornehmste aller Beschäftigungen.« Darum bezeichnet auch der HI. Benedikt das Chorgebet als ein Opus dei, ein Werk Gottes; eine Arbeit, die sich auch nach außen hin wohltätig kundgibt. Bei dem erhebenden Eindruck, den der von den Ordensleuten mit hoher Kunst gepflegte, feierlich-ernste Chorgesang und der tiefsinnige, liturgische Gottesdienst auf die Gläubigen hervorriefen, nimmt es nicht Wunder, wenn von jeher viele, selbst aus den vornehmsten Häusern, an Festtagen zu den Klöstern zogen, um aus der unversieglichen Quelle des liturgischen Lebens Kraft und Erbauung zu schöpfen. Von welchem veredelndem Einfluß das Beispiel der strengen Klosterzucht auf manches verwilderte, unbändige Gemüt gewesen ist, läßt sich mehr ahnen als in Worte fassen. Wenn der Enterbte sah, wie namentlich bei den Zisterziensern der Edelgeborene dem schlichten Kinde vom Lande im Range gleichgestellt war, so mußte in seinem Herzen das beglückende Gefühl der allumfassenden Gotteskindschaft mächtig aufflammen. War nicht dieser Ausgleich eine laute und eindringliche Mahnung zu echter Nächstenliebe und Volksgemeinschaft? Es ist daher kein Zufall, daß es in jenen Zeiten, da das Klosterleben sich frei auswirken durfte, noch keine brennende soziale Frage gab. Vielmehr war es gerade die Wirksamkeit der Klöster, die mit dazu beitrug, daß die sozialen Spannungen sich nicht zu Katastrophen entwickelten. Ja, es ist eine unwiderlegbare Tatsache, daß die Klöster, abgesehen von ihrem tiefgehenden sittlich-religiösen Einfluß, auf sozialem Gebiet hervorragendere Leistungen aufzuweisen haben als die meisten unter großen Kostenaufwendungen ins Leben gerufenen Einrichtungen und Gesellschaften des bürgerlichen Lebens. Denn während diese äußeren Mißverhältnissen nur mit äußeren Mitteln abzuhelfen vermögen, was niemals zu einer Lösung des Problems, sondern immer nur zu einer Verschiebung der Not in andere Gesellschaftsschichten führt, ist der von den Klöstern gepflegte Geist stets darauf bedacht gewesen, mit Hilfe seiner inneren Maßstäbe das seelische Gegengewicht zu schaffen, das mit den Widersprüchen und Unvollkommenheiten der äußeren Welt versöhnt, und statt der vergoldeten Steine des Materialismus – das Brot religiöser Kultur zu spenden. W. Mulot, Katzenelnbogen. Graf Diether II. dem Katzenelnbogner Von Walter von der Vogelweide Dem Bogner, dem bin ich hold, Auch ohne Gabe, ohne Sold, Er ist mild, wenn ich auch nichts kann haschen, So füllt er Polen, Reußen doch die Taschen. Darüber will ich ihm nicht zürnen sehr. Ihn macht ein Meister mehr bekannt Als tausend Schwätzer in dem Land, Belohnt er höf'sche Meister mehr. Den edlen Stein, den Diamant, Gab mir des schönsten Ritters Hand: Ja, ohne Bitte ward die Gabe mein. Ich lobe nicht die Schönheit nach dem Schein: Wer milde gibt, ist schön und wohlgezogen. Nach außen innere Tugend kehre, So dient das äußere Lob zur Ehre Wie dem von Katzenelnbogen Die Hohe Schule Herborn Von Heinrich Schlosser Nur eine Wegstunde von Dillenburg, der Wiege des weltbekannten Oraniergeschlechts, liegt das freundliche Städtchen Herborn. Manch Straßenbild von rotenburgischer Schönheit erfreut den Kunstfreund; Mauern und Türme erzählen von alter Wehrhaftigkeit, und das mächtige, vieltürmige alte Oranierschloß schaut beherrschend über die Stadt. Sie träumt aber nicht den Schlaf verlassener Kleinstädte – reger Verkehr vom Westerwald und Hinterland zieht durch ihre Straßen, und vor der Stadt ist seit langem eine lebendige Industrie aufgeblüht, die Geld und Brot schafft. Die deutsche Welt in der Zeit der Großstädte kennt Herborn nicht mehr. Gehen wir aber dreihundert Jahre zurück, vor die verheerenden Sturmzeiten des Dreißigjährigen Krieges, so steht Herborns Name mit Ehren in der Zahl der akademischen Bildungsstätten, nicht eine Universität, nur ein Gymnasium mit akademischem Aufbau, aber durch die Leistungen seiner Professoren weit über Deutschlands Grenzen bekannt. Der Frühlingssturm der Reformation war verbraust; es kam die Zeit der großen Klärungen. Was der kühne Angriff der Reformation schnell erobert hatte, wurde auf weiten Gebieten durch die stille Arbeit der Gegenreformation zurückgewonnen. Unselige dogmatische Kämpfe zerrissen die Evangelischen in Lutheraner und Reformierte. Die Söhne Calvins führen die Kriege des Protestantismus: in Frankreich, Holland, England auf dem Schlachtfeld, in Deutschland in geistigen Kämpfen. Das Dillenburger Grafenhaus hat in diesen Streit jahrzehntelang seine Söhne entsandt, bereit, ebensogut ihr Leben zu lassen auf blutigem Feld, wie Waffen zu schmieden für die Wahlstatt des Geistes. Johann VI. von Nassau-Dillenburg († 1606) ist ein würdiger Bruder des großen Oraniers; die Wissenschaft schuldet ihm noch den Lorbeer, den sie Wilhelm dem Schweiger längst gewunden hat. Der weitsichtige Staatsmann und schlachtenerprobte Krieger ist ebenso groß in Kulturwerken des Friedens. Als Jüngling hatte er in Wittenberg zu Füßen Melanchthons gesessen, des »Lehrers Deutschlands«; als Landesherr förderte er das Schulwesen; als reformierter Fürst gründete er die Hohe Schule Herborn: dem reformierten Bekenntnis wollte er durch Erziehung der künftigen Führer des Volkes in reformiertem Geist Kraft zum Wagen wie zum Tragen verleihen. So schuf er 1584 die Hohe Schule, die kein Heidelberg und kein Weimar, aber eine Wartburg und ein Wittenberg geworden ist. In den Namen der ersten Professoren lag ein Programm: Caspar Olevian und Johannes Piscator, heimatlose, in der Wissenschaft wie im Leiden erprobte Männer, fanden hier arbeitsvolle Stille: Olevian, der Mitverfasser des klassischen Heidelberger Katechismus und tiefgründige Denker, und Piscator, der grundgelehrte Bibelforscher und Bibelübersetzer. So einte sich, Jahrhunderte lang den Geist Herborns bestimmend, das Pädagogische mit dem Akademischen. Ria Volland, Wappen der Städte Herborn, Schwalbach, Kaub. Lernbegierige Jugend strömte schnell zu. Sie bevölkerte den gymnasialen Unterbau, die vier Klassen des Pädagogiums und die Hohe Schule mit drei (später vier) Fakultäten. Ihre Heimat war Nassau, aber noch viel öfter das Ausland: alle reformierten Gebiete, von Dänemark bis Ungarn, von Schottland bis Danzig, sandten ihre Studenten. Wie mochte sich die naive Schuljugend des Pädagogiums und die lebensfrohe Studentenschaft der Hohen Schule mit dem ernsten, stillen und doch weltumfassenden und weitblickenden Geist der reformierten Kirche vertragen? Daß sie sich vertragen haben, zeigt die in den ersten Jahrzehnten ununterbrochene Fülle von Schülern und Studenten, ja die strenge Schulzucht und die ganz auf wissenschaftliche Ziele gerichtete Arbeit scheint vielen Eltern im Reich und darüber hinaus Herborn besonders als Bildungsstätte ihrer Söhne empfohlen zu haben. Das ist so geblieben, bis der Große Krieg die Blüte knickte; das siebzehnte Jahrhundert hat das sechzehnte nicht mehr erreicht, weder an wissenschaftlicher Leistung der Professoren noch an Zahl der Studenten, und das achtzehnte hat die Hohe Schule zu provinzieller Bedeutung herabgedrückt. Als Napoleon die Hohe Schule aufhob, war sie schon innerlich tot; aber sie war in Ehren gestorben, hatte sie doch das kirchliche Leben des Dilltals zu Ernst, Innerlichkeit und Tatkraft erzogen, dazu dem nassau-oranischen Staat tüchtige Beamte gebildet, die ihn zu einem der bestverwalteten Länder Deutschlands gemacht haben. Der Nachwelt erscheint heute noch viel bedeutender als die pädagogische Leistung der Hohen Schule die wissenschaftliche Arbeit ihrer Professoren, die ihr einen Ehrenplatz in der Geschichte der Wissenschaften sichern. Johann VI. hat gleichzeitig mit der Hohen Schule eine akademische Druckerei gegründet, aus der über 3000 Werke hervorgegangen sind, zum großen Teil Erzeugnisse Herborner Professoren. Der forschende Geist des Gelehrten und die geschickte Hand des Druckers haben sich Jahrhunderte lang verbündet, Heimat und Fremde mit Büchern zu versorgen und so Anteil zu nehmen am geistigen Leben der Zeit. Nie hat es der Hohen Schule an bedeutenden Lehrern und Schülern gefehlt. Unter den Theologen ragen außer Olevian und Piscator hervor Wilhelm Zepper († 1607), ein bedeutender Kirchenpolitiker und Theoretiker der theologischen Praxis; Georg Pasor († 1637), ein bahnbrechender biblischer Philolog; Johann Heinrich Alstedt († 1638), ein Mann von unendlichem Wissen. Wir könnten diese Namen mehren bis zum letzten großen Professor H. W. Lorsbach († 1816), der später als Orientalist in Jena mit Goethe befreundet war. Von den Juristen sei Johann Althusius erwähnt († 1638), ein Wegebahner der Rechtswissenschaft, und Ludwig Harscher v. Almendinger († 1827), ein geistvoller Lehrer des Staatsrechts. Herborns berühmteste Schüler sind Johann Buxtorf (hier 1585), der größte Kenner rabbinischer Schriftgelehrsamkeit, und Johannes Amos Comenius (hier 1611), eine der Leuchten der Pädagogik. So sind denn aus dem Bunde von Forschung und Technik hervorragende Werke hervorgegangen: neben Drucken der Lutherbibel die erste vollständige deutsche Bibelübersetzung nach Luther (1602-1604 von Joh. Piscator), durch ihre reichen Beigaben das erste deutsche »Bibelwerk«. Ferner erschien hier das erste Wörterbuch zum griechischen Neuen Testament (1619 von Georg Pasor), die erste Grammatik des neutestamentlichen Griechisch (1655 von Georg Pasor), das erste Wörterbuch zur Septuaginta (1634 von Z. Rosenbach). Die Philologie schuf in Herborn ein Lieblingsbuch der Gelehrten, die Sphinx des Pfarrers Joh. Heidfeld (seit 1600 oft gedruckt), ein lateinisches Rätselbuch, ein Dokument hohen Ranges zur Kultur- und Gelehrtengeschichte. Neben ihm steht die erste große Enzyklopädie Deutschlands, ein Riesenwerk von 2500 Folioseiten (1630 von Joh. Alstedt), die das ganze gelehrte Wissen der Zeit auf allen Gebieten zusammenfaßt. Die Heimat gedenkt des ersten nassauischen Geschichtswerks, Johannes Textors »Nassauische Chronik« (Herborn 1630), und der ersten Flora aus Frauenhand (Herborn 1777), in dem die gelehrte Botanikerin Catharina Dörrien in Dillenburg die Pflanzenwelt Oranien-Nassaus ausführlich darstellt. Herborn ist die einzige Hochschule gewesen, die unser kleines Vaterland gehabt hat; ihr gebührt darum heute noch das dankbare Gedächtnis der nachgeborenen Geschlechter. Preisen wir es als freundliche Fügung, daß sie nicht eine Ruine ist, deren Gemäuer nur der Historiker mit den Gestalten früherer Zeit zu beleben vermag. Der Hauptturm, der immer ihre Stärke war, die theologische Fakultät, steht in Gestalt des Theologischen Seminars der evangelischen Landeskirche in Nassau noch fest. Der älteste Bau Herborns, das altersgraue Oranierschloß, das die Blüte und den Verfall der Hohen Schule geschaut und überdauert hat, beherbergt Jahr um Jahr die jungen Männer, die die Macht einer großen Tradition mit hinausnehmen in das brausende Leben der kirchlichen Gegenwart. Goethe in Nassau Von Wolfgang von Oettingen Den Spuren Goethes nachzugehen, seine Wege und Ziele zu erforschen und die Ergebnisse festzustellen, die seine Berührungen mit der Umwelt ihm erwarben, ist uns ein Bedürfnis. Denn wer nach Bildung strebt, wer seine Zeit und Vorzeit kennenlernen möchte, der kann schwerlich von dem Manne absehen, dessen Wirkungen auf fast allen Gebieten des Denkens und Wissens erkennbar sind. So ist uns auch der Ausschnitt »Goethe in Nassau« von Wert: zeigt er uns doch scharf umrissen den Dichter und den Gelehrten in Jugend und Alter und gleichsam in seinem Aus- und Einatmen, indem er uns seine Auffassung der ihn umgebenden Menschen und Gegenden, und dann seine Gegenwirkung auf sie, nämlich sein Schaffen und seine Durchleuchtung des Begegnenden, veranschaulicht. Fassen wir dabei den Begriff »Nassau« nicht gar zu eng und erlauben uns einige Überschreitungen der politischen Grenzen des Landes, die ja übrigens nicht mit den bei weitem wichtigeren Volks- und Gesellschaftsgrenzen zusammenfallen, so wird unser Thema nicht unwesentlich an Ergiebigkeit gewinnen. Sein Leben lang ist Goethe, dem Sinne nach, ein Nassauer geblieben. Zwar ist ja Frankfurt seine Geburtsstadt, aber um Frankfurts Mauern, in der Frankfurter Ebene, weht die Luft des Rheingaues, und trotz der 57 Jahre, die Goethe in Weimar verbrachte, hat er nicht aufgehört, ein Frankfurter zu sein, obgleich er, zu gegebener Zeit, sich nicht entschließen konnte, als Ratsherr in die Heimat zurückzukehren. Die plastischen Schilderungen in »Dichtung und Wahrheit« zeigen ihn uns ja schon als Knaben und Jüngling im vollen Behagen des freien, breit dahinlebenden, seiner milden und bequemen Zustände frohen Reichstädters, dessen Lebensauffassung durch das sanfte Stadtregiment, die allgemeine Wohlhäbigkeit, die übersichtlichen Verhältnisse, auch durch das angenehme Klima günstig beeinflußt wurde, und der selbst im hohen Alter die Stimmung seiner Jugend nicht vergaß. Stand er doch auch als Sohn eines angesehenen, ganz unabhängigen Mannes und als Enkel des Stadtschultheißen (allerdings ja auch ausgezeichnet durch seine mit außerordentlichen Gaben ausgestattete Eigenart) auf der Höhe der bürgerlichen Gesellschaft und verfügte über alles, was deren oberste Schichten ihm bieten konnten; sein Gesichtskreis umfaßte und durchdrang allmählich das ganze Gemeinwesen, und er fühlte sich darin heimisch, bis er, die Flügel mächtig entfaltend, ihm entwuchs und entflog. Heimisch wurde er nicht minder, gleichsam mit Mainwasser getauft, hinauf und hinab an den Ufern dieses lieblichen Flusses. Wie er von seiner Arbeitstube aus weithin über Gärten und Gelände blickte, so eignete er sich auch wandernd und zeichnend die näheren und ferneren Umgebungen der Stadt an und stärkte mit Vollbewußtsein sein Heimatgefühl. Als er dann später, mit 26 Jahren, nach Weimar verpflanzt wurde, blieb er auch als Fürstendiener der unbefangene, selbständige Republikaner; und als Ordner der damals noch so kleinlichen Verhältnisse Thüringens war er keineswegs ein bureaukratischer Beamter, sondern bei aller Sachlichkeit ein die Menschen mit rheinländischer Leichtigkeit behandelnder Genius voll Schwung und Lebensfrische, der seine amtlichen Pflichten mit dem Schaffen eines unendlich reichen Innenlebens, das ihm hohe Freuden und tiefe Schmerzen brachte, zu verbinden wußte. Wenn nun die Frankfurter Knabenjahre Goethes von rheinischer Sonne bestrahlt wurden, so leuchtete ihm dieselbe Sonne in dem ebenfalls rheinischen Elsaß, in Straßburg, wohin er nach der Leipziger Studentenzeit, im Frühjahr 1770, kam und wo er im Verkehr mit mancherlei lieben Menschen sich in oberdeutsches Wesen einfühlte. Und kurz darauf, 1772, gelangte er als junger Jurist und Doktor an die Lahn, den nassauischen Fluß, nämlich nach Wetzlar, wo er am Reichsgericht die verzweifelten Zustände der damaligen deutschen Rechtspflege kennenlernte. Diese Beschäftigung beherrschte ihn aber nicht ganz, vielmehr durchkämpfte er in seiner Freundschaft und Liebe zu Lotte Buff während eines leidenschaftlich bewegten Sommers alle Seligkeiten und Herzensnöte, die dann in den »Leiden des jungen Werthers« Gestalt gewinnen sollten. Solche Erlebnisse verbinden aufs innigste das Gemüt mit den Stätten, an denen sie sich vollzogen; und so wissen wir, daß Wetzlar, wie Straßburg, für Goethe bedeutend wurde und blieb. Wir finden dafür ein ausdrückliches Zeugnis in »Dichtung und Wahrheit«: »Der Vorsatz, meine innere Natur gewähren und die äußere nach ihren Eigenschaften auf mich einwirken zu lassen,« sagt Goethe daselbst, »trieb mich an das wunderliche Element, in welchem »Werther« ersonnen und geschrieben ist. Dadurch entstand eine wundersame Verwandtschaft mit den einzelnen Gegenständen der Natur und ein inniges Anklingen, ein Mitstimmen ins Ganze, und der malerische Blick gesellte sich zu dem dichterischen, die schöne ländliche, durch den freundlichen Fluß belebte Landschaft vermehrte meine Neigung zur Einsamkeit und begünstigte meine stillen Betrachtungen.« Fritz Enders, Goethehaus in Frankfurt a. M. Goethe verließ Wetzlar im Spätsommer 1772 und wanderte die Lahn entlang dem Rheine zu, vor Lotte fliehend und dennoch ihr Bild im Herzen. Wieviel Erregungen und Eindrücke bestürmten damals und wenig später sein Herz und seinen Sinn in diesem Weltwinkel! In einem Zustande, in welchem uns die Gegenwart der stumm-lebendigen Natur so wohltätig ist, schwelgte er »in Betrachtung der Nähen und Fernen, der bebuschten Felsen, der sonnigen Wipfel, der feuchten Gründe, der thronenden Schlösser und der aus der Ferne lockenden Bergreihen«. Wohl oberhalb von Weilburg, vermutlich bei Löhnberg, kam er, am rechten Ufer der Lahn, an einen Punkt, wo der Fluß in einiger Entfernung, von reichem Weidengebüsch zum Teil verdeckt, im Sonnenlichte hinglitt. Da stieg in ihm der alte Wunsch wieder auf, solche Gegenstände würdig nachahmen zu können, das heißt also, ein bildender Künstler zu werden. Zufällig hatte er ein schönes Taschenmesser in der linken Hand, und in dem Augenblick trat aus dem tiefen Grunde seiner Seele gleichsam befehlshaberisch hervor: er sollte dies Messer ungesäumt in den Fluß schleudern. Sähe er es hineinfallen, so würde sein künstlerischer Wunsch erfüllt werden; würde aber das Eintauchen des Messers und Bemühung fahren lassen. Ohne auf die Brauchbarkeit des Messers zu sehen, das gar manche Gerätschaften in sich vereinigte, schleuderte er es gewaltsam nach dem Flusse hin. Aber auch hier mußte er die trügliche Zweideutigkeit der Orakel erfahren! Des Messers Eintauchen in den Fluß wurde ihm durch die letzten Weidenzweige verborgen, aber das dem Sturz entgegenwirkende Wasser sprang wie eine starke Fontäne in die Höhe und war ihm vollkommen sichtbar. Er legte diese Erscheinung nicht zu seinen Gunsten aus, und der durch sie in ihm erregte Zweifel war in der Folge schuld, daß er die Übungen im Zeichnen und Malen unterbrochener und fahrlässiger anstellte und dadurch selbst den Anlaß gab, daß die Deutung des Orakels sich erfüllte. Verstimmt ging er an Weilburg, Limburg, Diez und Nassau vorbei, genoß in Ems »einige Tage des sanften Bades«, und fuhr sodann auf einem Kahn den Fluß hinabwärts. Da eröffnete sich ihm der alte Rhein! Die schöne Lage von Oberlahnstein entzückte ihn – über alles aber herrlich und majestätisch erschien ihm Schloß Ehrenbreitstein, welches in seiner Kraft und Macht vollkommen gerüstet dastand. Dort kehrte er zunächst ein. P. Prött, Goethebildnis nach K. Stieler. Es kann uns nicht wundern, daß Goethe das kleine Abenteuer mit dem Messer so ausführlich erzählt: stand doch die ganze Reise unter dem Zeichen zarter Empfindsamkeit. Sein Herz blutete noch von dem Abschied aus Wetzlar. Das Leben daselbst in Gemeinschaft mit Lotte und deren Bräutigam Kestner war ihm wie ein Fest gewesen, der ganze Kalender hätte rot gedruckt werden müssen; man hatte gemeinsam in Haus und Garten gearbeitet, gemeinsam die Natur genossen, und zu der echt deutschen Idylle hatte das fruchtbare Land die Prosa und eine reine Neigung die Poesie gegeben. Goethe hatte sich sorglos gehen lassen, war aber bald eingesponnen und »kannte sich selbst nicht mehr« – dieser Zustand war gewaltsam beendigt worden, und der Schmerz begleitete den Liebenden lahnabwärts, obgleich er die Laune fand, in Gießen mit dem Professor Höpfner eine lustige Komödie zu spielen. In Ehrenbreitstein aber wurde er Gast bei dem Geheimrat Laroche, dessen Gattin, die berühmte Schriftstellerin Sophie, den Mittelpunkt eines Kreises von angeregten Menschen bildete. Goethe hielt sich zu den Töchtern des Hauses und wurde von Maximiliane besonders angezogen. »Es ist eine sehr angenehme Empfindung,« sagt er, »wenn sich eine neue Leidenschaft in uns zu regen anfängt, ehe die alte noch ganz verklungen ist. So sieht man bei untergehender Sonne gern auf der entgegengesetzten Seite den Mond aufgehen und erfreut sich an dem Doppelglanze der beiden Himmelslichter.« Nach Frankfurt zurückgekehrt schrieb Goethe den »Werther« und hauchte ihm alle Glut ein, welche keine Unterscheidung zwischen dem Dichterischen und der Wirklichkeit zuläßt. Die Briefe an und von Lotte und Kestner, die Gestalt der »Maxe«, das traurige Schicksal des jungen Jerusalem, der sich in Wetzlar erschossen hatte, weil er dem Leben nicht gewachsen war, dies alles gab ihm den Stoff zu einem Buch, das durch sein Erscheinen eine Krankheit der Zeit, den verderblichen Gefühlskultus, keineswegs erregte, aber aufdeckte – und in Nassau wurzelnd die ganze Welt durchzog. Und zwei Jahre später war Goethe wiederum in Ems: die Kurliste meldet unter dem 15. Juli 1774 den »Herr Dr . Goeddée aus Frankfurt«, der mit den Herren Lavater und Basedow im Nassau-Oranischen Badehause, in dem die Kränchenquelle und der Kesselbrunnen waren, wohnte. Er befand sich als Dunstschweif in der Gesellschaft der großen Propheten, des berühmten Diakonus von Zürich und des rauhen Philanthropen, der für seine Erziehungsanstalt in Dessau werben wollte. Hier war nun die Wertherstimmung verflogen – es gab lustige, ja ausgelassene Tage. Goethe tanzte und disputierte, neckte die Gesellschaft in der Maske eines Dorfgeistlichen von übertriebener Höflichkeit und machte Besuche in der Umgegend. So bei der alten Freifrau vom Stein in Nassau, der Mutter des späteren großen Politikers, und der Gräfin von Werthern: diese Dame, die nach Weimar verheiratet war, mag durch ihre Erzählungen von ihm dort den Wunsch erweckt haben, seine Bekanntschaft zu machen – so daß eine nassauische Beziehung der Anlaß zu der großen Wendung seines Schicksals nach Thüringen hin gewesen sein könnte. – Von Ems ging es zu Schiff hinunter bis Düsseldorf und langsam dann wieder stromaufwärts – es wurde viel gezeichnet und gedichtet (»Geistesgruß«, »Diné zu Coblenz«), und aus Lavaters Tagebuch erhalten wir das Augenblicksbild: Im Kahn. Goethe, in romantischer Gestalt, grauem Hut, braunseidenem Halstuch, grauem Kapottkragen, verzehrt sein Butterbrot wie ein Wolf und sieht sich nach dem übrigen eingepackten Essen schon weiter um. Jahrzehnte vergehen nun, bis der inzwischen nach Weimar Übersiedelte und an Reisen nach Osten, in die böhmischen Bäder, Gewöhnte den Weg in den Westen wiederfindet; vermied er doch sogar, als er 1788 aus Italien heimkehrte, die Vaterstadt, die so leicht ihm am Wege hätte liegen können – es scheint, als habe er sich gescheut, zu tiefe Empfindungen, die sich an jene Gegenden knüpften, von neuem aufzuregen. Erst 1792 berührte er wieder den Rhein, aber nicht wie früher fuhr er ihn entlang, die alten Schlösser und ihre Heldengeister begrüßend, sondern er kreuzte ihn nur, um sich der verhängnisvollen reichsdeutschen Campagne gegen Frankreich anzuschließen. Ermattet an Leib und Seele kehrte er nach dem schmählichen Zusammenbruche des Feldzugs heim, doch fehlte es ihm weder an Kraft noch an Wut, um auch im folgenden Jahre, 1793, seinen Herzog ins Feld zu begleiten. Diesmal galt es, Mainz zu belagern und zu erobern – eine langwierige Aufgabe, die Goethe sich durch allerlei Studien verkürzte. Nach der Einnahme der Stadt besuchte er Frankfurt, wo er seine Mutter zum letzten Male sehen sollte. In höherem Grade bewußt und die Heimat als solche, das heißt ihre kulturelle Eigenart studierend und ihre Erscheinungen einordnend, beschäftigte Goethe sich mit Nassau in den Jahren 1814 und 1815, als er, veranlaßt durch den Gebrauch der Wiesbadener Kur, dieser Gegend um ihrer selbst willen sein volles Interesse zuwandte, wovon er zunächst in einer Aufsatzsammlung »Aus einer Reise am Rhein, Main und Neckar« Zeugnis ablegte. Im Jahre 1814 verwandte Goethe drei, im Jahre 1815 gar viereinhalb Monate auf seinen Aufenthalt in Nassau. Die Kur selbst, bei der außer den Wiesbadener Quellen auch das Schwalbacher Wasser und die jetzt fast vergessene Weilbacher Schwefelquelle benutzt wurden, beanspruchte allerdings nicht viel Zeit – Goethe tat sie so nebenbei ab und genoß vielmehr mit vollen Zügen die Herrlichkeit des üppig prangenden Landes, durchforschte mit Nachdruck den Reichtum seines Bodens und seiner Geschichte, sammelte Eindrücke von der einheimischen Kunst und Kultur, nutzte den anregenden Verkehr mit erlesenen Personen und gab sich Rechenschaft von den organisch waltenden Kräften dieser gesegneten Gaue. – Zunächst wohnte er im »Adler«, dann im »Bären«; der getreue Zelter, sein Freund aus Berlin, ist sein Begleiter. Schon der erste Spaziergang führt zu der sinnenden Betrachtung der römischen Ruinen in der Stadt, dann zu mineralogischen Beobachtungen in einem Steinbruche, wie denn solche naturwissenschaftlichen Untersuchungen bei Goethe auf Reisen stets im Vordergrunde stehen. Bald wächst der Verkehr um ihn her und, wie überall, wird er der Mittelpunkt eines geistreichen Kreises. Aus Frankfurt erscheinen Gäste, auch Wiesbadener Herren, Fachleute von Interesse, werden herangezogen. Oberbergrat Cramer berichtet über nassauische Eisenstufen, Bibliothekar Hundeshagen über rheinische Altertümer und die Schätze seiner Bücherei; der Pädagog de Laspée, ein Schüler Pestalozzis, gibt Auskunft über sein Gebiet. Die Beziehungen zu dem fürstlich nassauischen Hofe in der Sommerresidenz Biebrich ergänzen diese mannigfaltige Gesellschaft. Aber auch weiter im Lande will Goethe sich umsehen. So taucht plötzlich der Gedanke auf, mit Zelter und Cramer für drei Tage nach Rüdesheim zu fahren, um das St.-Rochus-Fest mitzufeiern: der herrliche Aufsatz darüber gibt uns über diesen Ausflug ausführlichste Kunde. Und weiter ging es, in allen Richtungen, durch das Ländchen. Goethe vertiefte sich in seine Schicksale und Zustände, suchte das lebendig Wirkende, das ihm ja überall das Wesentliche und von höchster Bedeutung war, aus der Summe der Erscheinungen heraus zu erkennen und beleuchtete, von der Höhe eines weitschauenden Standpunktes aus, mit dem Zauberlichte seines Geistes alle Verhältnisse. Noch einmal bestieg er auch den Rochusberg: damals mag er den Plan gefaßt haben, für das Wallfahrtskirchlein auf ihm das Altarbild zu stiften, das später nach seiner Erfindung ausgeführt wurde. Der letzte dieser Ausflüge galt dem düsteren Weidicht bei Winkel, in dem Carolina von Günderode, die Freundin der Bettina Brentano, nicht lange vorher ihrem Leben ein Ende gemacht hatte. Aber von dem tragischen Eindrucke befreite sich Goethe wieder, indem er alsbald nach den Gewerben des Landes, insbesondere nach dem Weinbau, sich erkundigte. Übrigens beschäftigte er sich auch mit der Erhaltung der Kunstwerke, die in Klöstern und Städten verstreut waren, und suchte zur Gründung von Vereinen zu diesem Zweck und von Museen anzuregen. Und auch 1815, gelegentlich des zweiten Besuches von Wiesbaden, durchstreifte Goethe das geliebte Nassau, hauptsächlich der Betrachtung der Schiefergruben, der Eisen-, Silber- und Bleibergwerke, der Hüttenanlagen und der geologischen Phänomene hingegeben. So mit der genauesten Kenntnis des Landes ausgerüstet, gelangte er nach der Stadt Nassau, wo er den Freiherrn vom Stein, wie 40 Jahre vorher dessen Mutter, besuchte. Mit ihm befuhr er in einem Kahne die Lahn und den Rhein, zum letzten Male die Schönheit des Stromes in sich aufnehmend. Was schuldete er alles dem herrlichen Rhein – und wie reichlich hat er solche Schuld wieder eingelöst! Von Wiesbaden ging Goethe dann nach Frankfurt, und zwar auf die Gerbermühle bei Oberrad, wohin ihn die Freundschaft mit dem Geheimrat Willemer und die Liebe zu dessen junger Frau Marianne zog. Aus dieser Liebe erwuchs ihm ein spätes Glück, eine tiefe, aber beiderseits beherrschte Leidenschaft, die ihn zu ungeahnten Höhen dichterischen Schaffens und rein menschlichen Empfindens erhob. Die unsterblichen Lieder des »Westöstlichen Divans« waren die letzte Gabe, die die alte Heimat ihrem größten Sohne gewährte. Nach diesem Erlebnis hat Goethe nicht wieder in Nassau geweilt. Das Opfer Von Albert Henche Als Goethe sich löste, in innerer Qual, von dem tiefsten Glück seines Lebens, da weilte Frau von Stein in Ems zur Kur. Sie kramte in den Erinnerungen aus »abgelebten Tagen«, wo sie Mutter und Schwester des Großen genannt war. Mit dem Mondlicht, das in das Fenster des Kurhauses floß, zogen ihre Blicke in das wunderbare Tal, das seine Zauber vor ihrem Schmerz auftat, und linder Balsam träufelte ins Herz der todwunden Frau. Der Olympier hatte ihr den Abschied geschrieben, und in heller Sternennacht saß sie am Fenster, Worte zu finden zu einem Brief der Entsagung. Und ward nur ein wildes Lied der Anklage auf ungerechte Vorwürfe, und heiße Worte trank die kühle Nacht des Schmerzes einer verschmähten Frau. Sie schrieb an ihren fernen Freund Knebel. Und all ihre Klage und Enttäuschung trug sie zusammen nach jahrelanger Seligkeit und legte sie dem treuen Mann auf das mitfühlende Herz und war Rausch des Zornes um jedes Wort und trüber Grimm in der Feder. Da sie aber aufsah und in dem Fenster das Licht des Mondes lächelnd mit silbernen Strahlen auf das Blatt des Unmuts tastete, stand Frau von Stein bald an der Brüstung und blickte über das schlafende Tal. Sie sah den Fluß gleiten in träumender Heimlichkeit und die Berge stehen in flimmernder Pracht. Aber die schweigenden Wälder zogen feine, dünne Wolkenwimpel, und ein heiliges Weben war in der nächtlichen Luft. So mußte es Goethe gewesen sein, als er sein Mondlied empfing in schauernder Seele ... Und wie der Gedanke zu dem Großen sprang, der ihrem Herzen wehe tat, zog mildes Verzeihen in ihre Erregung, und alle Bitternis fiel von ihr ab wie häßliche Schale von edler Frucht. Um alter Seligkeit willen, und weil es Los des starken Weibes ist, schöner zu sein als das Leben und edler als das Geschick, legte Frau von Stein die Feder aus der Hand und griff nach einem kleinen Päckchen Briefe und las in ihnen sich in vergangenes Glück abgelebter Tage, in wehmütige Entsagung und ewigen Ruhm in der silbernen Mondnacht der Lahn. Und eines Großen ferner Geist schwebte über die Berge her in dankbarer Erlösung von schwerer Qual: »Selig, wer sich vor der Welt Ohne Haß verschließt –« Bernhard von Knebel hat nie den Brief des zerrissenen Herzens erhalten; die Süße des Opfers ist stärker als die Zufriedenheit der Rache. Albertine von Grün. Ein Westerwälder Frauenleben in der Wertherzeit Von Adolf Bach Zu allen Zeiten hochentwickelten kulturellen Lebens beobachten wir Gestalten, die, ergriffen von der Wucht eines neuen Gedankens oder einer vorläufig vielleicht mehr geahnten als wirklich erschauten Form künstlerischen Erlebens, dennoch nicht berufen sind, Künder des Unerhörten zu werden, sondern nur Resonanz; jene Gestalten, die ahnend und überwältigt stammeln, aber das große freie Wort, die befreiende künstlerische Tat nur ersehnen, nicht vollbringen können. Und setzen sie tausendmal die Feder an, so bleibt es das Schicksal ihrer Muse, nur Totes zur Welt zu bringen. So sind sie mehr als Publikum und doch nur Publikum. Einen solchen Typus glauben wir in der Hachenburger Honoratiorentochter Albertine von Grün wiederzuerkennen, die zu dem Kreise des jungen Goethe in entfernter Beziehung stand. In dem hinkenden, zeitig von der Schwindsucht dahingerafften Fräulein von Grün erblicken wir eine der charakteristischsten Vertreterinnen des Zeitalters der Empfindsamkeit. Sie wurzelte mit allen Fasern ihres Herzens in dem Boden, dem der Werther entsprossen war; sie fühlte in sich selbst das Wehen des Geistes, dessen weithin hallendes Sprachrohr er werden sollte. So mußte er ihr erscheinen wie ein goldner Spiegel, in dem sie ihre eigene Empfindungsweise künstlerisch verklärt wiederfand, jene Empfindungsweise eines stürmisch aufstrebenden, Altes zertrümmernden jungen Geschlechts, dessen ungestümes Frühlingswettern uns in Albertinen, durch die Anmut und den Takt liebewarmer edler Weiblichkeit, durch innige Frömmigkeit und Menschenliebe, durch eine treuherzige Innerlichkeit, einen köstlichen Humor in die Maße gebracht und in eine reinere Sphäre entrückt, entgegentritt. Bei der ihr eignen Feinheit und Selbständigkeit des Geistes hat sie ein feines Ohr für die urwüchsige Echtheit und das Unverbildete im Stimmengewirr ihrer Zeit und bleibt kalt gegenüber den seichteren, mehr der Mode als dem Ewig-Menschlichen entquellenden Tönen (etwa in den Werken der La Roche). Dies alles, in prächtiger Ursprünglichkeit vereint, stellt sie neben die liebenswürdigsten deutschen Frauengestalten auf der Bühne des 18. Jahrhunderts. Wir wissen nicht viel von Albertinens äußerem Lebensgang; sicherlich weil er alltäglich und alles Ungewöhnlichen bar gewesen ist. Ihre nächsten Verwandten waren »Pastöre und dergleichen ehrliche Leute«. 1749 als Tochter des Gräflichen Rates Detmar Heinrich von Grün in Hachenburg geboren, verbrachte sie fast 40 Jahre in der kleinen Westerwälder Residenz der Grafschaft Sayn-Hachenburg, und nur selten führten verwandtschaftliche oder freundschaftliche Beziehungen sie auf kürzere Zeit in die Städte und Städtchen der näheren und weiteren Umgebung: etwa nach Butzbach oder Montabaur, nach Gießen zu den Freunden, nach Wetzlar zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen, die sich hier die Beamtenaristokratie des Reichskammergerichts gab, oder nach Darmstadt, wo ihr in Merck ein lieber Freund wohnte, nach Frankfurt, wo sie, wie es scheint, mit jenem bei Frau Aja vorgesprochen hat. Als dann ihr Vater in den achtziger Jahren Komitialgesandter am Reichstag in Regensburg geworden war, folgte sie ihm dorthin; nach seinem Tode (1791) kehrte sie leidend in die Heimat zurück. Dort ist sie am 12. Mai 1792 noch nicht 43 Jahre alt gestorben. Erst mit dem Fahre 1772 tritt das schlanke, schöne Mädchen mit dem geistvollen, ganz italienischen Gesicht und dem braunen Haar, das ein Zeitgenosse »lebendig, komisch, behaglich im Umgang, eine Seele voll Liebe und Treue« nennt, in unsern Gesichtskreis, und gleichzeitig hören wir von dem großen Erlebnis ihres Erdendaseins, ihrer Liebe zu dem Stürmer und Dränger Maximilian Klinger. Auf einer ihrer Fahrten längs der Gevattermannstraße hatte sie in Gießen durch den dortigen Professor der Rechte Julius Höpfner, Goethes und Mercks Freund, der der Bräutigam ihrer Gießener Base Marianne Thom war, einen jungen genialischen Studenten, eben den Frankfurter Klinger, kennengelernt, der ihr eine kurze Zeit seine ernsten Huldigungen darbrachte. In seinem Wesen und Dichten die Verkörperung des himmelstürmenden Geistes der Zeit (Wieland nannte ihn später einen »Löwenblutsäufer«), von bestechenden äußeren Gaben, erlangte er bald Gewalt über Albertine. War das Mitleid die Mutter des Interesses, das das schöne Mädchen, das die Not nicht kannte, dem begabten, ehrgeizigen, mit den widrigsten Verhältnissen ringenden Sohn einer armen Wäscherin zunächst entgegenbrachte, so lohte aus dem Interesse bald »ohne alles Urteil und Recht« eine leidenschaftliche Liebe empor, die um so verzehrender werden mußte, als der Geliebte Albertinen nach kurzer Zeit den Rücken kehrte. Er dachte mit dem anmutigen, geistreichen Mädchen nur zu liebeln und wandte sich bestürzt ab, als er das Maß der Leidenschaft gewahrte, die er entzündet hatte. Albertine aber fühlte sich, da sie die tändelnde Absicht Klingers erkannte, in dem edlen Stolz ihrer weiblichen Seele, die sich rückhaltlos gab und rückhaltlose Hingabe verlangte, aufs tiefste verletzt. »Sie wissen (schrieb sie an Höpfner), daß ich ihn mit einer Liebe liebe, die zu den jetzigen Zeiten gewiß unerhört ist, doch will ich mir lieber gleich das Leben nehmen, als daß er denken sollte, er hätte eine Eroberung an mir gemacht, die er lieben könnte.« Ein ganzes Leben trägt sie diese unerwiderte Liebe in ihrem Herzen: »Es ist ein Unglück für mich (schrieb sie 1780), daß ich mein Herz nicht mehr von ihm losreißen kann, und ein Glück, daß ich ihn so ohne alle Gegenliebe viel eher fortliebe, als daß er mein Stolz litte, auch nur den kleinsten Grad weniger mich geliebt zu wissen, wie ich selbst liebe.« Als endlich die Jahre ihrer Liebe das Leidenschaftliche genommen hatten, begleitete sie die Erinnerung daran noch oft: 1789 interessiert sie Klinger noch so, »wie wenn ein Mädchen von 13 Jahren seine schöne Puppe fände, bei der es sich erinnerte, wie manchmal es die Rute bei diesem Götzen bekommen hatte«. Kam das lebhafte Mädchen von ihren kleinen Fahrten zu den Freunden zurück nach dem stillen Hachenburg, das trotz des höfischen Glanzes, der es umgab, die spießige Physiognomie der kleinen Städte nicht verleugnen konnte, zurück in die behäbigen, aber allem geistigen Luxus fremden Kreise ihrer Heimat, so mochte es doppelt schwer an der Umgebung tragen, die ihr Empfinden und ihre Interessen nicht verstand. Wie oft seufzte sie über alles dies in dem bescheidenen Stübchen, das sie im Elternhause bewohnte, aus dem man – ein Symbol ihrer traurigen Lage – nur in ein ringsum mit hohen Mauern umgebenes, von Scheuern und Ställen eingeschlossenes Höfchen sehen konnte und in ein ganz kleines Stück blauen Himmels. »Führe mir hier die Seele aus (klagt sie einmal), sie würde eine schiefe Richtung nehmen müssen, um sich zu einer höheren Sphäre schwingen zu können.« K. H. Zunn, Hachenburg, Schloßbogen. Nichts kam ihrem weiblichen Bedürfnis nach Anlehnung, nach sentimentaler Freundschaft, nach »Götzen«, wie sie die Gegenstände ihres schwärmerischen Aufopferungsbedürfnisses nennt, in Hachenburg entgegen, auch nicht bei denen, die ihr am nächsten standen. Da waren die guten biederen Mädchen, ihre Schwestern, und sie war ihnen innig zugetan. »Aber ich muß ganz stillschweigen von dem, was mir lieb ist. Ich darf in ihrer Gegenwart nicht einmal Volkslied sagen, weil es ein nicht ganz gewöhnlich Wort, und es möchte romantisch sein. Empfindung ist romanhaft bei ihnen. Wie müssen da nicht alle Freuden für mich tot sein! Nein, wenn ich fortführe, Vergnügen an etwas zu finden, käme ich mir vor, wie einer, der Bälle gäbe und tanzte allein.« Nicht anders als die Schwestern erschienen ihr die andern engen Menschen, mit denen sie umzugehen gezwungen war: »Was hilft mich nur um Gottes Himmels willen das Lesen (schreibt sie an Höpfner), wenn ich keine Seele habe, die mir ihre Bemerkungen, ich ihr die meinigen mitteilen kann – doch ich schweige! – denn wol schwerlich liegt die Schuld in etwas anderem als in mir selbst. Was kann der Himmel dafür, daß mir der Umgang mit den mehrsten Frauenzimmern beschwerlich ist? Warum wünsche ich mir doch lieber von einem achtzigjährigen Mann die Algebra zu lernen, als von einem schönen Putz und einer neuen Pariser Mode usw. Stunden, Wochen, Jahre unterhalten zu werden! Von der süßen Schwachheit, die wir Schwärmerei nennen, nicht befreit werden zu können, ist wahre Marter. An mir empfinde ich recht, daß die bedrängte Kirche die andächtigste ist.« Vor dem Beengenden, das in der trivialen, verständnislosen Umwelt für Albertine lag, hat sie nicht ohne weiteres die Waffen gestreckt; ihr ganzes Streben läuft vielmehr auf ein Sichselbstbehaupten den ihrem Wesen unverwandten Widerständen gegenüber hinaus. Sie will sich nicht kleinkriegen lassen, nicht kampflos herabsinken auf das Niveau ihrer Umgebung, und so lernt sie, wie sie sagt, für ihre alten Tage, um beizeiten ein dauerndes Gegengewicht zu schaffen – allerdings um sich dadurch nur noch mehr von ihrer Umgebung zu entfernen und an ihr noch schwerer zu tragen. Neben dem Studium fremder Sprachen – sie zitiert gern italienisch – scheint sie sich mit mathematischen Dingen beschäftigt zu haben. »Ein paar Bücher über die Malerei lese ich und bin in den mehrsten Stunden, die ich meinen nötigen Geschäften abzwacken kann, eine enthusiastische Zeichnerin.« Sie schriftstellert; sie verlegt sich planmäßig auf die »Charakterjagd« und studiert die Menschen ihrer Umgebung. Dann wieder sammelt sie Steine für Merck. Sie gibt sich einer ausgebreiteten Lektüre mit Leidenschaft hin, wenn auch ihr Bücherschrank »nicht die Physiognomie ihres Herzens und Kopfes, sondern ihres Geldbeutels« verrät. Sie dürfte im Grunde alles Wesentliche gelesen haben, was auf ihre Zeit gewirkt hat. Die Gestalten der älteren deutschen Volksbücher sind ihr ebenso lebendig wie dem jungen Goethe; sie liebt Klopstock und Bürger, sie lobt bei Gelegenheit Wieland und tadelt Voß; Goethe, Merck und Klinger verehrt sie als ihre »Götzen«. Dennoch wäre ihr bei alledem die Seele eingeschrumpft und verdorrt, hätte sie nicht auch in ihrer Einsamkeit das Bild der Freunde im Herzen tragen können, die ebenso empfanden wie sie, die in ihrer Leidenschaftlichkeit nicht stets nur die Auflehnung gegen die geheiligte Konvention honoratiorenhafter Reserviertheit sahen, aus deren Seelen ein ersehntes Echo ihr entgegenrief. So wurden ihr Liebe und Freundschaft »der armen Menschen einzige und wahre Glückseligkeit«, und nicht zuletzt in dem Kultus einer enthusiastischen Freundschaft zeigt sie sich als echtes Kind ihrer Zeit, zeigt sie aber auch in kindlicher Unbefangenheit des Gemütes die ganze Weichheit und Reizbarkeit des Gefühls, die Glut der Leidenschaft, die uns im Werther begegnet. Die Freundin, der sie sich ganz ergeben hat, ist Marianne Höpfner. »Ach ziehet doch nicht so geschwind, ihr Pferde (ruft sie ihr 1774 nach einem Besuche in Hachenburg nach), ihr reißt mir meine halbe Seele hinweg.« Ist ihre Freundschaft für diese Frau ganz sentimental, drängt sich diese Sentimentalität auch Höpfner selbst gegenüber, dem sie sich als einem Verwandten hüllenloser zeigen durfte, beherrschend in den Vordergrund, – so hat sie für Merck einen eigenen Ton: den frischer Kameradschaftlichkeit, die nicht viel Worte macht von dem, worauf sie in der Tiefe ruht. Gerade deshalb gehören die Briefe Albertines an Merck zu den schönsten, die sie geschrieben, und wir können uns recht lebhaft vorstellen, was der Kriegsrat empfunden haben mag, wenn ihm zwischen den ernsten wohlversiegelten Auslassungen seiner gelehrten Korrespondenten einmal ein Brieflein wie dies auf den Tisch flatterte: »Diese Nacht träumte mir, ich ritte auf meinem zukünftigen Reitpferde bis unter Ihr Fenster. Poch! Poch! Poch! Sie sahen heraus. »Lieber Herr Kriegsrat, leihen Sie mir doch Ihren Mantel, es regnet!« Freundlich sagten Sie: Ja! und machten das Fenster wieder zu. Ich stellte mich auf den Sattel meines Pferdes und sah in Ihre Stube und siehe! da saßen Sie mit sehr finstrer Stirn und schrieben. Unterdessen kam die Magd und brachte mir den Mantel. »An wen schreibt Ihr Herr? Weiß Sie's nicht, Jungfer?« – »Nach Hachenburg! hörte ich vorhin zu Madame sagen.« O weh! dachte ich, ließ ihr den Mantel und galoppierte so geschwind fort, daß mir der Wind um die Ohren sausete, so lange, bis mein Pferd stolperte. Holla, Brauner, sieh vor die Füße! rief ich so laut, daß ich davon aufwachte. Heute ist's Posttag. Ich bin in völliger Erwartung.« Das einsame Fräulein der Wertherzeit mitten in der schneeglänzenden Westerwälder Winternacht verstand sich auf das Geschäft des Briefschreibens, wenn sie es auch nicht wahr haben will. Dabei war Albertinen das Briefschreiben nicht die billige Gelegenheit, vor der Welt ihr Pfaurad zu schlagen, keine Spekulation auf das beifalldurstige Mitteilungsbedürfnis vieler Zeitgenossen, die auf sentimentalen Kongressen am Teetisch ihre Briefschatullen öffneten, um vor den Gästen ein geistreiches oder gefühlvolles Feuerwerk abzubrennen und mit dem Witz ihrer Korrespondenten zu prunken. Dazu war sie zu natürlich, zu sehr aller Schaustellung abhold; und so begreifen wir, wenn sie nicht abließ (ebenso wie etwa Goethe seinen Fritz Jacobi), die Freunde zu bitten, ihre Briefe niemand sehen zu lassen. Was uns Albertine aber recht eigentlich als Vertreterin der Wertherzeit ansprechen läßt, ist mehr als der Kultus der Freundschaft die widerstandslose Hingabe an eine mit Lust auch im Schmerze wühlende Schwärmerei, die wir allerdings mit gutem Recht zu dem Befreienden in ihrem Leben rechnen dürfen, denn ihr verdankt sie die Augenblicke höchster beglückender Begeisterung, sie ist die Achse ihres persönlichen Lebens, um die sich alles andere dreht, die allem seinen Schwung und seine besondere Not verleiht: dem Gefühl der Verlassenheit daheim unter den nüchternen, der Konvention verfallenen Menschen in ihrer Enge, den Flügen in die Domäne des Geistigen und Schönen, der heischenden Hingabe an den ungetreuen Geliebten und die Freunde, dem nimmer rastenden Briefwechsel. Bei allem vor Extremen zurückschreckenden feinen Takt ist diese Schwärmerei voll bewußt, voller Absicht und ein System: »Stella hab ich noch nicht gelesen (schreibt Albertine 1780). Hätte ich sie doch nur schon gelesen! Ich fürchte mich davor. O wer doch ein paar Maß kaltes Blut kaufen könnte! Doch nein! Pfui, Henker! Ich wollte ein Tröpfchen warmes Blut für eine ganze Maß kaltes geben ...« In ihrer Empfindsamkeit und Schwärmerei mag nicht zuletzt der Grund liegen, warum ihre rastlosen poetischen Versuche nie zur Reife gediehen. Sie hatte die lebhafte Phantasie und die Herrschaft über die Sprache, die Tiefe des Gemüts und den realistischen Scharfblick, die den Dichter machen. Der Empfindsame aber bringt meist deshalb nichts Bleibendes und Reifes hervor, weil er sich keines Dinges bemächtigen kann, sondern von allem selbst überwältigt wird. Immerhin lassen die Bruchstücke ihrer Lieder, die sich erhalten haben, in uns den Wunsch nach mehr lebendig werden, besonders aber jene Westerwälder Dorfgeschichte, die sie bezeichnenderweise mit den Worten einleitet: »Meine Geschichte ist mir nur dessentwegen so sehr lieb, weil sie die Heftigkeit der leidenschaftlichen Liebe anzeigt auch in Herzen, die nicht schwärmen.« Aber man täuscht sich, wenn man sich nun auf eine überspannte Herzensgeschichte gefaßt macht. Dazu fühlte Albertine trotz aller Schwärmerei zu realistisch. Werthers einfach-ergreifender Art verwandt, anschaulich und ohne viel Worte, ohne übertriebene Empfindsamkeit, zeigt sie uns ein Stück Wirklichkeit, gesehen im ungekünstelt-tiefen Sinne der Volksballade. Auch Albertine von Grün hatte das »Zurück zur Natur!« des Genfer Uhrmachersohnes gehört, und es doppelt tief empfunden, weil jeder Schritt, durch den sie sich von den schlicht-natürlichen Verhältnissen, in denen sie viele um sich glücklich sah, entfernte, sie in Konflikte brachte, deren lastende endlose Kette, wie sie glaubte, das Verhängnis ihres Lebens wurde. Von einem Bauern, der zehn Nester voll junger Nachtigallen aushebt, die Tierchen blendet, nur um den ganzen Winter ihren Gesang zu haben, schreibt sie: »Der Glückliche hat keine Romane gelesen, raubt sich durch romanhaftes Mitleid keineswegs das Vergnügen, den ganzen Winter den göttlichen Sänger zu hören, da er es doch kaum halb fühlte, wie melodisch sein natürlicher Gesang ist. Wie viele Tränen, Kummer und Sorgen hat mir schon mein (durch die Kultur) verderbtes Herz gekostet!« Rousseaus Optimismus hat sie sich allerdings nicht zu eigen gemacht. Der Kampf zwischen dem Beengenden der massiven Westerwälder Wirklichkeit, die sie umgab, und dem in ein weites ideales Land gerichteten Flug ihrer Seele, den sie ein Leben lang seufzend anzufechten hatte, konnte bei ihrer zarteren Natur und der Reizbarkeit ihres Empfindens ihre Lebensanschauung auf die Dauer nicht unbeeinflußt lassen. Denn da sie bei jedem Aufstieg, zu dem sie ansetzte, der Ballast der Realitäten unsanft wieder zur Erde zog, und sie, den Blick auf das ferne Leuchten gerichtet, ihm doch nicht näher kam, ein Menschenleben lang, mußte sie notwendig verzweifeln an der Verwirklichung dessen, was ihr begehrenswert erschien, und der Meltau des Pessimismus mußte ihr die bunten Blumen ihres Lebens bisweilen grau in grau erscheinen lassen. Vielleicht empfand sie dies drückender in jüngeren Jahren, ehe ihr das wehmütige Lächeln der Resignation um die Lippen spielte, wenn auch von einer tiefer gehenden Entwicklung ihrer Persönlichkeit in dieser Richtung nicht die Rede sein kann: sie ist dieselbe in all den 20 Jahre umfassenden Briefen. Trotz der Weltverachtung jedoch, die aus diesen Bekenntnissen spricht, fühlte sie sich in ihren gesunden Tagen nicht unglücklich. »Mein Leben fließt so ruhig dahin, wie der Bach Gideon, an dem die Gottheit vorüber wandelte (versichert sie Merck 1784). Ich kenne endlich, Gott sei Dank, meine Menschen so genau, daß ich jede Klippe weiß, die ich vermeiden muß ... Ich habe keine Leidenschaften und keine Vorzüge, die mich in Gefahr setzten, ein ruhiges Glück zu verlieren. Nur der Umgang mit meinen Freunden fehlt mir. Ich bin so unabhängig, als ich bei meiner mittelmäßigen Fortune sein kann, gesünder als ein Fisch im Wasser und fast immer guter Laune.« Manchmal allerdings, besonders in jüngeren Jahren, als das Leben noch begehrend in ihr flutete, übermannte die Erkenntnis des alles Lebende verzehrenden Leids sie mit solcher Gewalt, daß sie nur in dem Gedanken der Nichtigkeit aller Dinge unter der Sonne ihren Gleichmut wiederfinden konnte: »Laßt mich immer in Ruh mit der Liebe (schreibt sie kurz nachdem sie Klinger erkannt hatte). Wenn ich's nur hier (in Hachenburg) besser gewöhnen könnte, so wäre alles gut. Doch hab' ich mir ein Mittel gesucht, und das fängt an ziemlich gute Wirkung zu tun. Nämlich ich habe mir einen fürchterlichen Totenkopf in meinem Zimmerchen aufgehängt. Seitdem bin ich viel zufriedener. Ich sehe in ihm ein wohlgetroffenes Bild von mir und denke jede Stunde: Ach, wenn ich dir ähnlich bin, wird ja Ruhe, Zufriedenheit und Wonne von Ewigkeit zu Ewigkeit in meiner Seele wohnen.« Als Quell und Ursprung alles Unheils betrachtet sie ihr Mitleid. Das dem Mitleid entsprungene Interesse an Klinger, das sich bald in eine leidenschaftliche Liebe wandeln sollte, hatte sie tief unglücklich werden lassen. Überall und immer machte ihr zartes Empfinden die Leiden der gequälten Kreatur zu den ihrigen: »Ich habe schon erstaunlich viel traurige Folgen von meiner Gutheit gehabt, bin schon oft mißhandelt und verleumdet worden über gewiß wahrhaft gute Taten, und doch kann ichs nicht lassen, ohne alle Rücksicht auf mich selbst zu handeln.« Doch sie glaubt als Christin an das Heilige, das Ewige in diesem Zug ihres Herzens: »Es ist ein Richter in meiner Brust, der dem Sturm gewachsen ist.« Dies ist das Porträt des Westerwälder Fräuleins aus der Wertherzeit, und die Geschichte des einst so leidenschaftlich schlagenden Menschenherzens, das vor nun fast 150 Jahren unter dem schlichten Stein auf dem Hachenburger Friedhof endlich zur Ruhe kam. Wahrlich, eine rührende Gestalt! Von den vielen, die in dahingesunkenen Zeiten mit aufgeschlossenem Geist und Herzen über unsere heimische Erde gegangen sind, eine der wenigen, die uns noch heute menschlich nahe zu kommen vermag. Denn noch heute pulst in ihren Briefen das schöne rote Leben, frisch wie am ersten Tag, und die Stimme, die aus ihnen zu uns dringt, bewegt unser Herz noch zu derselben Ergriffenheit wie zu ihrer Zeit das ihrer Freunde. J. A. Lasinsky, Rüdesheim (1828). Die goldne Brücke Von Emanuel Geibel Am Rhein, am grünen Rheine, da ist so mild die Nacht, Die Rebenhügel liegen in goldner Mondespracht. Und an den Hügeln wandelt ein hoher Schatten her, Mit Schwert und Purpurmantel, die Krone von Golde schwer. Das ist der Karl, der Kaiser, der mit gewaltger Hand Vor vielen hundert Jahren geherrscht im deutschen Land. Er ist heraufgestiegen zu Aachen aus der Gruft Und segnet seine Reben und atmet Traubenduft. Bei Rüdesheim, da funkelt der Mond ins Wasser hinein Und baut eine goldne Brücke wohl über den grünen Rhein. Der Kaiser geht hinüber und schreitet langsam fort Und segnet längs dem Strome die Reben an jedem Ort. Dann kehrt er heim nach Aachen und schläft in seiner Gruft, Bis ihn im neuen Jahre erweckt der Traubenduft. Das Haus der Brentano zu Winkel im Rheingau Von Leo Sternberg Wenn mit der Wende des 18. Jahrhunderts die Geschichte der nationalen Erneuerung einsetzt, so hat die Romantik daran wesentlichen Anteil. Sie war der Sehnsucht eines Geschlechtes entsprungen, das unter der Trostlosigkeit der politischen Verhältnisse, unter der Ohnmacht, Armut, Enge und Nüchternheit eines durch Fremdherrschaft ausgebluteten und gefesselten Volkes litt und der die Welt entgötternden Aufklärung oder dem Klassizismus, der mit Winckelmann das absolute Ideal von Kunst und Leben in der Antike sah, daher kein gläubiges Ohr mehr lieh. Obwohl sie scheinbar ein ästhetisches Lebensideal an Stelle des sittlichen der Klassiker setzte, handelt es sich doch nicht um eine Kunstbewegung, sondern um eine neue Weltanschauung, die auf einer mystischen Empfindung beruht. Denn unter der Urpoesie, die darnach alles durchdringen sollte, verstand man nichts anderes als die Immanenz des Göttlichen, in dessen zentraler Harmonie und magischem Universalismus die Gegensätze zwischen Glauben und Wissen, Phantasie und Wirklichkeit, Kopf und Herz versöhnt waren. Wissenschaft, Natursinn, Vaterlandsliebe erfuhren in einem so verinnerlichten, übersinnlichen, aus einem religiösen Zentrum gespeisten Weltgefühl höchste Belebung. So wurde auch die deutsche Dichtung von ihr auf heimatlichen Boden zurückgeführt. Doch wenn Friedrich Schlegel auch derjenige sein mag, der sie zuerst auf den Rhein als das treue Bild unseres Vaterlandes, unserer Geschichte und unseres Charakters verwies, so hat die spezifische Rheinromantik doch im Rheingau ihren Ausgangs- und Mittelpunkt, und das Haus Brentano in Winkel ist ihr Stammsitz. Wohl haben Klopstock, Claudius, Hölty und Hölderlin ihre Rheinlieder gedichtet, aber der romantische Klang fehlt ihrer Harfe vollkommen. Anders verhält es sich mit Goethe. Wenn seine Rheingauerinnerungen in »Dichtung und Wahrheit« oder die Aufsätze von seinen Rheingaureisen in den Jahren 1814 und 1815 in ihrer wissenschaftlichen Sachlichkeit das Gefühls- und Stimmungsmäßige auch vermissen lassen, so bedeuten sie trotzdem einen Sieg der Rheinromantik. Denn sie bezeugen das unter ihrem Einfluß wiedererwachte Heimatgefühl des großen Kosmopoliten, das ihn auch zum deutschen Mittelalter bekehrte. Sicherlich hatten ihn die schwärmerischen Naturschilderungen Bettinas aus Winkel in das Brentanosche Landhaus dort gezogen, von wo er den Niederwald, Rüdesheim, Eibingen, Notgottes, Schloß Vollrads, Ingelheim und zum zweitenmal den Rochusberg besuchte, Wanderfahrten, die ihm das »St. Rochusfest zu Bingen«, »Im Rheingau Herbsttage« sowie die »Kunstschätze am Rhein, Main und Neckar« eintrugen. Die Fülle der geologischen, historischen, sozialen, volkswirtschaftlichen, landschaftlichen, kunst- und naturwissenschaftlichen Beziehungen, mit denen er darin den Rheingau umspannt, und die Tatsache, daß er als Fortsetzung der Aufsätze die Zeitschrift »Aber Kunst und Altertum« begründete und bis zu seinem Tode redigierte, verraten deutlich, daß der Rheingau auch ihn in seinen Zauberkreis gezogen hatte. Wenn im Lande selbst Pater Bär aus Kloster Eberbach die Kultur des Rheingaus erforschte, in der Gerichtsrepositur zu Eltville eine Handschrift des Schwabenspiegels ausgegraben wurde, der ehemalige Franziskaner Kindlinger aus Neudorf und Bodmann die rheingauische Altertumskunde förderten, die Familie von Ostein das Jagdschloß auf dem Niederwald mit phantastischen Zauberhöhlen und Aussichtstempeln in hoch überm Rhein hängendem Parke schuf, so sind auch darin Auswirkungen der neuen Lebensrichtung zu erkennen. Alle einheimischen Einzelleistungen treten jedoch zurück vor der seltsamen Erscheinung, der schon Bodmer Ausdruck verliehen: Hier ist poetisches Land, das die Gabe vom Himmel empfangen, Dichter in seinem Schoß zu erziehn. Denn tatsächlich wurde jetzt eine Landschaft zur schöpferischen geistigen Macht und formte sich eine Dichtergeneration, in der sie sich vermenschlichte. Es ist die balladeste Stromstrecke, die die Schiffer das Gebirg nennen, im Gegensatz zu den episch sich ausbreitenden Ufern oberhalb der Binger Lochbänke. Hier fand Brentano das Element, in dem er nach dem Ideal der Romantik Zauberer und Verzauberter zugleich sein konnte. Auf zwei Reisen, einer mit Arnim und einer mit Savigny, sog er die belebende Atmosphäre ein: O, willkomm! willkomm! willkomm! Wer einmal in dir geschwommen, Wer einmal aus dir getrunken, Der ist Vaterlandes trunken. Mit blauer Halsbinde, roter Freiheitsmütze auf den schwarzen Locken und dünnem Rohrstöckchen, zu Fuß und zu Schiff ging es stromabwärts mit dem Vertrauten – Der Braune trug die Laute, Das Lied der Blonde gab – und fast jede Örtlichkeit zwischen Winkel und Bacharach lieh seiner Dichtung Farben. Seine durch Rüdesheimer Schauplätze inspirierten Rheinmärchen, entzückende Gebilde volksmäßiger, mit alten Sagenzügen frei schaltender Phantasie, sind ebenso wie sein Roman »Godwi« von solchen Romanzen durchrankt, und manches, was er hier aus dem Munde des Volkes erlauscht, wurde bei der Überarbeitung des mit Arnim herausgegebenen »Des Knaben Wunderhorn« in diese erfrischende Volksliedersammlung eingeschmolzen, die durch ihre überraschende Urwüchsigkeit Epoche machte. Denn man fühlte darin den geborenen Schatzgräber der deutschen Seele an der Arbeit, dem sein Hang, sich das Leben zur Poesie zu machen, dabei trefflich zustatten kam. Wie er, auf der Rheinfahrt zufällig mit einem Theaterdirektor bekannt geworden, der ein neues Stück sucht, das Notizbuch zieht und das Singspiel »Die lustigen Musikanten« für ihn entwirft, so fand er in jedem, der seinen Weg kreuzte, in Bürger und Bauer, Mann und Weib, Wandergefährten, griff zur Gitarre und lockte alte Mären und Weisen, an denen der Mittelrhein so ergiebig ist, als reisender Spielmann aus ihrer Verschollenheit. Wie Brentano, so durfte auch seine Schwester Bettina vom Rheingau sagen: Wie Reben sich ranken Mit innigem Trieb, So, meine Gedanken, Habt hier alles lieb. Sich wesensgleich, wie Zwillingsgeister, entdeckte Bettina den Rheingau episch, wie ihr Bruder ihn lyrisch entdeckt hatte. Freilich ist ihre Prosa vollkommen in Lyrik aufgelöst, wie es nicht anders sein kann bei einer dämonischen Elementarkraft, die selbst bekennt: »Ich bin elektrischer Natur; alles Elektrische regt den Geist zu musikalischer, fließender, ausströmender Erzeugung.« Niemals hat eine Dichterseele solche Zwiesprache mit einer Landschaft gehalten, wie sie mit den rheingauischen Nächten, wo sie allein durch die langen, bis zum Rhein führenden Traubengänge ihres Winkeler Gartens geht, sich über die Mauer lehnt, ins Geplätscher der Wellen; ringsum »glanzverhüllt liegen die Berge da mit ihren Rebstöcken und saugen schlaftrunken das nahrhafte Mondlicht. Soll vielleicht der Mensch die Natur erlösen?« Sie fährt in laubbekränztem Nachen den Rhein hinab, um die hundertfältige Feier des Weinfestes an beiden Bergesufern mitanzusehen, während auf allen Ruinen große Tannen aufgepflanzt sind, um bei anbrechender Dämmerung entzündet zu werden; sie folgt den Prozessionen, die den steilen Rücken des Johannisberges hinaufklettern, um den Weinbergen Segen zu erflehen; sie durchstreift den nächtigen Bergwald mit dem Felsennest, das über dem schäumenden Bingerloch hinabsieht, wo die schlanken Dreiborde wie Eidechsen durch die reißende Flut am Mäuseturm vorbeischießen; morgens, abends, in Nebel, Regen und Sonnenschein ersteigt sie den Rochusberg, der von der Ferne lockt, so glatt und sammetartig, daß man ihn gerne befühlen, streicheln möchte; sie legt sich auf eine der Felsenplatten, die wie harte, kalte, heilige Betten aus der Wisper ragen, und läßt sich beregnen von den stürzenden Wassern; sie begleitet den Leinpfad entlang das fackelntragende Nachtschiff, dessen Schatten in dem erleuchteten Rhein wie ein Ungeheuer mitsegelt und mit grellem Feuer über die Auen flammt; liest, von der zuhörenden Bauernschaft umlagert, auf mondweißen Uferwiesen die Homerischen Gesänge – und verwebt dies alles in kristallenen Mitternächten zu jenen einzigen Naturevangelien, die voll sind von der Musik des Stroms und die Seele der Landschaft atmen, als fühle die Natur sich hier selig im Geiste des Menschen. Sie richtete diese berauschendsten Stimmungsbilder in deutscher Sprache seit »Werther«, die später in ihrem Buche »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« erschienen, nach Weimar. Denn ihre Liebe zu dem Goetheschen Genie wie zu den Mächten dieser Natur flossen aus derselben Quelle, und ihr Verkehr mit beiden bewegte sich daher auf der »Geisterbasis des Übermenschlichen«, die sie in ihnen fand: »Als ich von meinem Bett aufstand in die kühle Nachtluft am Fenster, da war der Mond schon eine halbe Stunde aufgegangen und hatte die Welten unter sich getrieben ... Ich nahm das volle Laub des Weinstocks, der an meinem Fenster hinaufwächst, in den Arm ... Keinem Lebendigen hätte ich den Augenblick dieser Liebe gegönnt.« So hat sie das Winkeler Landhaus, wo ihr »die Allmacht Gottes zu jedem Fenster hereinschaute«, zur Hochburg der Romantik erhoben und mit der überströmenden Zärtlichkeit ihrer franziskanischen Naturbefreundung der Landschaft des Rheingaus die gültige romantische Gestalt gegeben, wie nur ein sympathetischer Geist sie bleibend unserer Vorstellungswelt einverleiben konnte. F. Grant, Hof der Pfalz bei Kaub. Blut von ihrem Blut pulst in ihrer Freundin Karoline von Günderode, die sich aus unglücklicher Liebe zu dem Geschichtsprofessor Creuzer in den Uferweiden von Winkel den Dolch in die Brust stieß. »Erde, du meine Mutter, du, mein Vater, der Lufthauch, Und du Feuer, mein Freund, du mein Verwandter, o Strom« beginnt die Grabschrift, die sie sich selber wählte, und Novalissche Vorstellungen sind es, denen wir auch bei Bettina begegnen, wenn sie in ihrem »Mohamed« sagt: »Die Seele des Menschen stirbt nicht mit dem Tode des Leibes; sie steigt empor in den Raum der Gestirne und bildet sich einen Körper aus Luft, der alle Sinne hat wie der vorige, nur in einem höheren Grade.« Aber während Bettinas Drang, sich über das ganze Erdenleben hinauszuheben, immer von dem Flügel südlichen Temperamentes und rheingauischer Fröhlichkeit getragen ist, wendet sich bei Karoline von Günderode, auf deren Dichtung noch Ossianische Sturmwolken niederhängen, alles in Düster und Schwermut, ein Gegensatz, dem sie selbst den ergreifenden Ausdruck verliehen: Phönix der Lieblichkeit, Dich trägt dein Fittich weit Hin zu der Sonne Strahl – Ach, was ist dir zumal Mein einsam Leid! Die Novelle »Melück Maria Blainville«, in der Arnim das Andenken ihres »musenheiligen Lebens« ehrte, sowie das aus Erinnerungen und phantastischen Ausschmückungen gemischte Briefbuch »Die Günderode«, in dem Bettina der Jugendfreundin das Denkmal setzte, haben dazu beigetragen, daß auch die unglückliche Sängerin, deren »leerer Nachen im nächtigen Rheine treibt, zur Huldin jener Sagengaue« geworden ist. Als Urbild zur Ottilie lebt sie in Goethes »Wahlverwandtschaften« fort. So wurde der Same der Romantik, der an dem Winkeler Stromufer aufgegangen war, von dem Brentanoschen Freundeskreise weiter ausgestreut, und bald hatten sich um die von Arnim, Brentano und Görres herausgegebene »Zeitung für Einsiedler« alle aufbauenden Kräfte der zerrütteten Nation gesammelt: die Brüder Grimm, Creuzer, Eichendorff, Fouqué und Uhland. Die Pflege des deutschen Geisteserbes vereinte sie alle und bereitete damit nicht nur den Boden für die vaterländische Bewegung vor, die der Druck des völkischen Schicksals allmählich unter ihnen auslöste, sondern verklammerte zugleich Grenzland und Mutterland aufs innigste, als die Fremdherrschaft ihren Zusammenhang gefährdete. Mit Recht konnte daher der Freiherr vom Stein sagen, daß in diesem Kreise ein guter Teil des Feuers sich entzündet habe, das später die Franzosen verzehrte. Ernst Wolff-Malm, Lorelei. Die Loreleisage Von J. Kohl Wenn unsere Augen auf der zauberhaften Rheinfahrt längs der Nassauischen Stromstrecke sich auf die sonnenbeglänzte Höhe der Lorelei richten, so scheint uns die Sage von der Jungfrau auf dem Felsen ein so ewiges Symbol für die sinnenverwirrende Schönheit der Landschaft, daß wir uns tatsächlich eines »Märchens aus uralten Zeiten« zu erinnern glauben. Und doch ist die Loreleisage in der uns bekannten Form erst von dem Romantiker Clemens Brentano frei erfunden worden. Obwohl eine Kunstsage, ist sie im Volke freilich lebendig geworden, wie kaum eine Volkssage. Die Klippen, die vor noch nicht langer Zeit von der Lorelei in den Strom hineinragten, bildeten eine schwere Gefahr für die Schiffer, zumal sie sich vielfach nur dadurch verrieten, daß das dahinfließende Wasser, gegen die tiefliegenden Felsvorsprünge getrieben, Wirbel bildete, die auch von den erfahrensten Schiffern und Floßführern gefürchtet wurden. Es ist eigentlich erstaunlich, daß eine solche Örtlichkeit nicht schon eher von der Sage umsponnen wurde, zumal die allbekannten Fluß- und Seemärchen der Griechen Anknüpfungspunkte genug boten. Noch im Jahre 1856 schreibt Chr. v. Stramberg in seinem rheinischen Antiquarius: Von den Sagen auf die Lorelei bezüglich, habe ich, obgleich vielfältig an ihrem Fuße herumtreibend, einigemal zu ihrem Gipfel gelangt, nie das Geringste vernommen. Alfred Rethel, Der Mäuseturm Nur das Echo, das die Felswände vom gegenseitigen Ufer als Antwort geben, mag schon seit uralten Zeiten immer so wie heute erklungen sein und bot schon in früherer Zeit Anlaß zur Sagenbildung. Dies erhellt daraus, daß der Marner, ein mitteldeutscher Dichter des 13. Jahrhunderts, den »Lurenberg« als den Ort erwähnt, wo der sagenberühmte Nibelungenhort versenkt liege. Im Mittelhochdeutschen hieß dieser berühmte Echofels lurlinberc, lôreberg, neuhochdeutsch Lurelei, Lorelei. Dieser Name, den die Romantiker als Personennamen in die Literatur einführten, ist ein mißverstandener Ortsname. Das beweisen die altdeutschen Bezeichnungen mit -berg, aber auch die neuhochdeutschen mit -lei. Denn letzteres bedeutet am Rhein und an her Mosel nichts anderes als Schiefer oder Schieferfels. Etwas schwieriger ist der erste Bestandteil lur- oder lor- zu deuten. Wie der Germanist W. Hertz nachgewiesen hat, hängt er mit dem altdeutschen Wort: luren, lauern, französisch lorgner zusammen. Von diesem Verb ist abzuleiten das Substantiv lur, lure, was der »Blinzelnde« bedeutet, also ein Wesen, das mit halbgeschlossenen Augen aus dem Verborgenen hervorspäht. Aus zahlreichen Belegen läßt sich nachweisen, daß damit ein elbisches Wesen bezeichnet wird, und daß der berühmte Echo-Fels von diesen Luren seinen Namen hat. Aus alten Nachrichten wissen wir, daß der Brauch, das Echo des Loreleifelsens anzurufen, uralt ist. Schon der Humanist Konrad Celtes besingt das Echo in lateinischen Versen. Ja, wir wissen, daß damals schon das Echo von den Vorüberziehenden mit mutwilligen Zurufen, mit aller Art Schall und Klang herausgefordert wurde. Mathis Quad berichtet um 1607: Auf der Coûber seiten ligt der große steinerne Berg Lourley; frag denselben einmal mit fester stim, was er mache. Du wirst wol hören, wie er dich bescheiden wird. Dies bezieht sich auf einen bei den Schiffern üblichen Scherz. Der Vorübergehende rief Fragen und Antwort gaben die im Innern des Berges hausenden »kleinen Zwerge«, die »edlen Wichtlein«. Das Echo aber galt von jeher als die Stimme elbischer Wesen, der Berg- und Waldgeister. Der Berg galt also für hohl, und in seinem Innern hausten die Zwerge. Nun begreift man, warum die Volkssage den Nibelungenhort, das alte Elbengold, dort verborgen sein ließ. Am Fuße des Berges, wo jetzt die Eisenbahn den Felsen durchbrochen hat, war ehedem eine Höhle zu sehen, in welcher sich zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges oft Flüchtlinge verborgen haben sollen, weil das Grauen des Ortes sie vor Verfolgern sicherte. Diese Höhle hieß Lurleloch oder Hanselmannsloch. Hanselmänner aber hießen die Zwerge am Rhein und im Lahntal. Nach mündlicher Überlieferung – und damit hätten wir doch eine lebende Volkssage von der Lurlei – wohnen die Hanselmänner darin, und von diesen rührte das berühmte Echo. Die Loreleisage, wie wir sie kennen, ist eine freie Erfindung Clemens Brentanos. In seiner Ballade »Zu Bacharach am Rheine wohnt eine Zauberin« ist Lore Lay eine Jungfrau von unwiderstehlichem Liebreiz, die alle durch ihren Anblick bezaubert, nur den einen nicht, den sie liebt: Von dem wird sie betrogen. Der Bischof fordert sie vor Gericht, fühlt aber selber die Macht des Zaubers und läßt Lore durch drei Ritter nach einem Kloster geleiten. Unterwegs äußert sie den Wunsch, auf den steilen Felsen zu steigen, um noch einmal nach dem Schlosse ihres Geliebten zu sehen. Sie erklimmt den Felsen, die drei Ritter ihr nach. Sie aber stürzt sich von dort in den Rhein, und die drei Ritter, welche den Weg nicht mehr finden, verderben ohne Priester und Grab. Die Ballade schließt: Wer hat dieses Lied gesungen? Ein Schiffer auf dem Rhein. Und immer hat's geklungen Von dem Dreiritterstein: Lore Lay, Lore Lay, Lore Lay, Als wären es meiner drei. Diese Ballade hat Brentano eingelegt in sein Erstlingswerk: Godwi oder das steinerne Bild der Mutter, ein verwilderter Roman von Maria. Nach des Dichters Angaben fällt die Abfassungszeit der Ballade ins Jahr 1799. Der erste, der sich Brentanos Phantasiegebilde aneignete, war Eichendorff, der während seiner Studienzeit in Heidelberg 1807/08 allabendlich mit Brentano zusammenkam. In seiner düster gestimmten Ballade, welche nach Schumanns Melodie viel gesungen wurde, ist Loreley eine Hexe, die von ihrem Felsenschloß am Rhein in berückender Schönheit durch den abendlichen Wald reitet, um im Schmerze betrogener Liebe alle ihr begegnenden Männer zu verderben: »Es ist schon spät; es wird schon kalt. Was reitest du einsam durch den Wald?« Erschienen ist diese Ballade Eichendorffs 1815. Um dieselbe Zeit, als Eichendorff seine Ballade dichtete, verfaßte Nikolaus Vogt, dessen Herz im Mühlstein bei Rüdesheim ruht, seine »Jugendphantasien über die Sagen des Rheins«. Darin erzählt er den Inhalt des Brentanoschen Gedichtes mit geringen Abänderungen als ein Gegenstück zu der Fabel vom Echo nach. Bei ihm ist der dreifache Widerhall die Stimme der Loreley, die sich von der Höhe des Felsens herabstürzt, als sie unten auf dem Rheine ihren treulosen Geliebten von dannen ziehen sieht, so wie einst sich die griechische Dichterin Sappho herabgestürzt hat. Brentanos drei geleitende Ritter sind bei Vogt ihre getreuesten Anbeter, die sich ihr von dem vorderen Felsen nachstürzen, der daher bis auf den heutigen Tag der »Dreiritterstein« genannt wird. Neben dieser Kunstsage von der Zauberin Lorelei geht in der Sagenliteratur eine andere her, in der die Lorelei nicht als menschliches Wesen, sondern als eine den Felsen bewohnende Nixe dargestellt wird. Auch diese jüngere Gestalt der Sage, welche durch Heines Gedicht die bekannteste geworden ist und die ältere in Schatten gestellt hat, geht auf Clemens Brentano zurück. Als Brentano im zweiten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts seine Märchen sammelte, nahm er auch die Loreleisage auf und vergeistigte das Bild der ursprünglichen Zauberin Lore Ley zu einem reineren Märchenwesen. In dem Märchen von den Ahnen des Müllers Radlauf läßt er den Müller also erzählen: »Wir waren einigen Felsen sehr nahe, zwischen welchen der See einen heftigen Wirbel bildet. Ich wendete meine Augen nach dem Fels; da sah ich eine wunderschöne junge Frau sitzen – es war die Lorelay, wie es in dem Märchen heißt – ganz schwarz war ihr Röcklein, weiß ihr Schleier, blond ihre Haare, und in tiefer Trauer; sie weinte heftig und kämmte ihre langen Haare (die rudernden Knappen verhöhnten sie); da ward der Sturm immer heftiger; das Schiff wurde mitten in den Strudel geworfen und hinabgeschlungen.« Clemens Brentanos Märchen sind erst nach des Dichters Tod erschienen. Sie waren jedoch schon früher handschriftlich unter den Freunden verbreitet. Zu diesen zählte auch der Graf Löben. So darf man wohl voraussetzen, daß er die Brentanoschen Märchen, wenn nicht durch eigenes Lesen, so doch durch Hörensagen gekannt hat. Er schrieb eine Erzählung »Loreley, eine Sage vom Rhein«, erschienen 1821. In deren Eingang finden sich Anklänge an die zuletzt erwähnte Brentanosche Schilderung und die männermordende Hexe Eichendorffs. Mit dieser Erzählung ist auch das bekannte Gedicht verflochten: »Dort wo der Mondschein blitzet Ums höchste Felsgestein, Das Zauberfräulein sitzet Und schauet auf den Rhein. Es schauet herüber, hinüber, Es schauet hinab, hinauf. Die Schifflein ziehn vorüber: Lieb' Knabe, sieh nicht auf. Sie singet dir hold zu Ohre; Sie blicket dich töricht an. Sie ist die schöne Lore; Sie hat dir's angetan. Dieses vor der Erzählung selbständig abgefaßte Lied legt Löben als Warnungsruf einem alten Jäger in den Mund, der einen Jüngling im Nachen dem Felsen zutreiben sieht. Auf dem höchsten Gipfel sitzt eine schöne Jungfrau und wirft zum Spiel schimmernde Felsstücke herab. Aber der Jüngling hört nicht, und der Strudel verschlingt ihn. Dieses Sirenenmotiv ist aus der griechischen Sage entlehnt und ist Löbens Zutat. In der griechischen Mythologie sind die Sirenen anfänglich fabelhafte Doppelwesen. Als solche werden sie auch in der bildenden Kunst als Vögel mit Mädchenköpfen, später mit weiblichem Oberleib dargestellt. In der Odyssee jedoch erscheinen sie noch als Dämonen, die auf blumiger Aue sitzend, durch ihren zauberischen Gesang die Schiffe anlocken und dann die Insassen zerreißen. Doch ist Löbens Bearbeitung des Gegenstandes nicht ohne Bedeutung für die Entwicklung der Loreleisage; denn fast alle jüngeren Dichter knüpfen an seine Erfindung an, so besonders die musikdramatischen Bearbeitungen. Die wichtigste Wirkung der Löbenschen Sagenbearbeitung aber war, was kaum zu bezweifeln ist, daß Heinrich Heine sich von ihr zu seinem allbekannten Gedicht anregen ließ. Heine behandelte das Sirenenmotiv am Eingang der Löbenschen Erzählung für sich. Sein Gedicht schrieb er kurz nach dem Erscheinen der Löbenschen Erzählung. Es erschien 1827 im »Buch der Lieder«. Durch Silchers Komposition wurde es eines der beliebtesten Lieder des deutschen Volkes. Im fremden Land erinnert sich der Dichter seiner Heimat, des schönen Rheinlandes und seiner unglücklichen Liebe, die fast sein ganzes Lebensschifflein zum Scheitern gebracht hätte und die sein Leben immer noch zu vergiften drohte. Da kommt Traurigkeit über ihn; er weiß nicht, wie das geschehen ist und was es bedeuten soll. Die süßen Erinnerungen an seine Heimat und die schmerzlich wehmütigen an seine unglückliche Liebe vereinen sich und gewinnen sichtbare und faßbare Gestalt in einem rheinischen Märchen, einer früher gehörten Sage: der Sage von der bezaubernden Lorelei am Rhein. Eine Naturszene, eine Sage und ein Erlebnis fließen in dem Gedicht zu einer wunderbaren poetischen Einheit zusammen. Raubburg Von Leo Sternberg Sieh, die Burgruine spiegelt gegenüber auf dem Waldhang ihren violetten Schatten – Zwillingsschloß, sich wiegend auf den Wipfeln, fliegend übers Knospenmeer ...! Hat die brandgeschwärzte Raubburg plötzlich das Visier geöffnet, Odem übern Wald gehaucht? Aufgeflogen sind die Dohlen, und der tausendjährige Turmbusch weht es in die Himmelsbläue: »Seele ist hervorgeschwebt, mögen Mauern auseinanderfallen!« Das Ende der Günderode Von Bettina von Arnim-Brentano Du warst die Huldin jener Sagengaue: ihr planlos Feuer, Mond und Geisterscheine hast du mit dir gelöscht hier an der Aue ... Ein leerer Nachen treibt im nächtigen Rheine. Stefan George, Grab der Günderode in Winkel. Da wir in Geisenheim ankamen, wo wir übernachteten, lag ich im Fenster und sah ins mondbespiegelte Wasser. Die Magd, die den Tisch deckte, sagte: »Gestern hat sich auch eine junge schöne Dame, die schon sechs Wochen hier sich aufhielt, bei Winkel umgebracht. Sie ging am Rhein spazieren ganz lang, dann lief sie nach Hause, holte ein Handtuch; am Abend suchte man sie vergebens; am andern Morgen fand man sie am Ufer unter Weidenbüschen, sie hatte das Handtuch voll Steine gesammelt und sich um den Hals gebunden, wahrscheinlich, weil sie sich in den Rhein versenken wollte; aber da sie sich ins Herz stach, fiel sie rückwärts, und so fand sie ein Bauer am Rhein liegen unter den Weiden an einem Ort, wo es am tiefsten ist. Er riß ihr den Dolch aus dem Herzen und schleuderte ihn voll Abscheu in den Rhein, die Schiffer sahen ihn fliegen. – Da kamen sie herbei und trugen sie in die Stadt.« Ich hatte im Anfang nicht zugehört, aber zuletzt hört' ich's mit an und rief: »Das ist die Günderode!« Man redete mir's aus und sagte, es sei wohl eine andere, da so viel Frankfurter im Rheingau wären. Ich ließ mir's gefallen und dachte: Gerade, was man prophezeie, sei gewöhnlich nicht wahr. – In der Nacht träumte mir, sie käme mir auf einem mit Kränzen geschmückten Nachen entgegen, um sich mit mir zu versöhnen; ich sprang aus dem Bett in des Bruders Zimmer und rief: »Es ist alles nicht wahr, eben hat mir's lebhaft geträumt!« – »Ach,« sagte der Bruder, »baue nicht auf Träume!« – Ich träumte noch einmal, ich sei eilig in einem Kahn über den Rhein gefahren, um sie zu suchen; da war das Wasser trübe schilfig; die Luft war dunkel, und es war sehr kalt; ich landete an einem sumpfigen Ufer, da war ein Haus mit feuchten Mauern, aus dem schwebte sie hervor und sah mich ängstlich an und deutete mir, daß sie nicht sprechen könne; – ich lief wieder zum Schlafzimmer der Geschwister und rief: »Nein, es ist gar nicht wahr, denn mir hat geträumt, daß ich sie gesehen habe und ich hab gefragt: ›Günderode, warum hast du mir das angetan?‹ Da hat sie geschwiegen, hat den Kopf gesenkt und hat sich, traurig, nicht verantworten können.« – Am andern Morgen fuhren wir bei früher Zeit auf dem Rhein weiter. Dort stand der Fritz Schlosser am Ufer, und der Bauer, der sie gefunden, zeigte ihm, wo der Kopf gelegen hatte und die Füße, und daß das Gras noch niederliege, – und der Schiffer lenkte unwillkürlich dorthin, und da mußt' ich denn mit anhören die schauderhaften Bruchstücke der Erzählung vom roten Kleid, das aufgeschnürt war, und der Dolch, den ich so gut kannte, und das Tuch mit Steinen um ihren Hals und die breite Wunde; – aber ich weinte nicht, ich schwieg. Wir landeten in Rüdesheim; überall erzählte man sich die Geschichte; ich lief in Windesschnelle an allen vorüber, den Ostein hinauf, eine halbe Stunde bergan, ohne auszuruhen; – oben war mir der Atem vergangen, mein Kopf brannte, ich war den andern weit vorausgeeilt. – Da lag der herrliche Rhein, mit seinem smaragdenen Schmuck der Inseln; da sah ich die Ströme von allen Seiten dem Rhein zufließen und die reichen friedlichen Städte an beiden Ufern und die gesegneten Gelände an beiden Seiten; da fragte ich mich, ob mich die Zeit über diesen Verlust beschwichtigen werde, und da war auch der Entschluß gefaßt, kühn mich über den Jammer hinauszuschwingen; denn es schien mir unwürdig, Jammer zu äußern, den ich einstens beherrschen könne. Stein Von Ernst Lissauer Macht war in ihm, die Fürsten niederschrak. – Nacht war die Zeit. Um ihn allein, Von seines Wesens weißem Wetterschein, War Licht, als sei schon Tag. R. Volland, Parktor des Steinschen Schlosses in Nassau. Die beiden größten Deutschen Von Ernst Moritz Arndt Im Sommer des Jahrs 1815 kam Stein nicht lange vor seiner zweiten Fahrt nach Paris in Köln an, wo ich damals saß. Er schickte einen Bedienten, ich möge nach dem Dom kommen, wo ich ihn finden werde. Da kam auch sein Adjutant Eichhorn frisch aus Berlin auf einen Morgengruß zu mir, im Begriff nach Paris weiter zu gehen, wo er als des preußischen Ministers Freiherrn Altenstein Adjutant wirken sollte. Altenstein nämlich war als ein sehr wissenschaftlicher Mann dem Staatskanzler besonders empfohlen, um aus der großen französisch-napoleonischen Löwenhöhle Paris den Raub deutscher Denkmäler, Bibliotheken, Urkunden usw. wieder herauszuholen, ein Diebsraub, welchen das erste gebildetste Volk Europas, wie es sich immer betitelt, mit der schamlosesten Habgier aus allen Ländern zusammengeschleppt hatte. Ich sagte ihm: »Stein ist da, wir finden ihn im Dom« – und wir gingen flugs dahin. Er begrüßte uns auf das allerfreundlichste – und wen erblicken wir nicht weit von ihm? Da stand der neben ihm größte Deutsche des 19. Jahrhunderts, Wolfgang Goethe, sich das Dombild betrachtend. Und Stein zu uns: »Liebe Kinder, still! still! nur nichts Politisches! das mag er nicht; wir können ihn da freilich nicht loben, aber er ist doch zu groß.« Wunderbar gingen die beiden deutschen Großen hier nebeneinander her wie mit einer gegenseitigen Ehrfurcht; so war es auch im Gasthause am Teetisch, wo Goethe sich meistens sehr schweigsam hielt und sich früh auf sein Zimmer zurückzog. Wie waren die beiden zusammengekommen? wie dann miteinander nach Köln gekommen? Goethe hatte seine Vaterstadt und einige alte Genossenschaft und Freundschaft einmal wieder besucht. Da hatte ihn sein Herz gefaßt, und er hatte sich wieder das Herz gefaßt, die Pfade, auf welchen seine lustige, genialische Jugend sich ergangen und getummelt hatte, die Pfade, welche bei Wetzlar an der Lahn und durch ihre schönen Täler nach Nassau, Koblenz, Ehrenbreitstein und Valendar hinlaufen, noch einmal wieder zu durchwandeln. Da vernimmt Stein in seinem Schlosse die Nachricht, Goethe ist in Nassau im Löwen abgestiegen. Er flugs in den Löwen und holt und zwingt den Sträubigen in sein Schloß hinauf. Da nun Goethe einen Ausflug nach Köln vor hat, so läßt Stein seinen Wurstwagen vorspannen, und sie rollen zusammen den Rhein bis nach Köln hinunter. Ich kann mir denken, wie die beiden Reisegefährten jeden Zusammenstoß vermieden; es war gewiß die äsopische Reise des steinernen und irdenen Topfes. So gingen sie auch in Köln nebeneinander hin mit einem zarten Noli me tangere . Nimmer habe ich Steins Rede in Gesellschaften stiller tönen gehört. Er war ungewöhnlich sanft und mild, hielt den kühnen und geschwinden Atem seiner Natur an und zügelte den Löwen, daß er nimmer herausguckte. Hier konnte ich mir unsern Heros Goethe ein paar Tage recht ruhig betrachten, mich seines herrlichen Angesichts erfreuen: die stolze, breite Stirn und die schönsten, braunen Augen, die, immer wie in einem Betrachten und Schauen begriffen, offen und sicher feststanden und auf jeden Gegenstehenden und Gegenschauenden trafen; aber doch gewahrte ich, was mir in seiner Haltung früher schon aufgefallen war, ein kleines Mißverhältnis in der Gestalt des schönen Greises: wenn er stand, gewahrte, wer überhaupt dergleichen sehen kann, daß sein Leib eine gewisse Steifheit und gleichsam Unbeholfenheit hatte: seine Beine waren um sechs, sieben Zoll zu kurz. Ich habe mir das Wesen der Zukurzbeinigen im Leben genug betrachtet. Sie entbehren immer einer leichten, natürlichen Beweglichkeit und Schwunghaftigkeit des Leibes, und ich glaube daher, daß der junge Goethe, von seinem 18. bis 35. Jahr gerechnet, als Reiter, Fechter, Tänzer, Schlittschuhläufer nimmer ein Leichtfliegender hat sein gekonnt. Es gab ihm dieser leibliche Mangel wohl etwas von einer natürlichen Steifheit; anderes mochte in Art und Gewohnheit liegen. Goethe war ja Minister und Exzellenz und in Wahrheit eine der exzellentesten Exzellenzen des Vaterlandes; aber hier in Köln wie? wie? Es kamen von den jungen Offizieren, die in Köln standen, einige, sich vor ihm zu verneigen, solche, deren Väter oder Vettern er kannte, Thüringer und andere, Ministersöhne, Baronensöhne, unter ihnen Wilhelm Humboldts Erstgeborener, Jungen, vor welchen Stein, ja nicht einmal unsereiner, nicht die Mütze abgezogen hätte – und Goethe stand vor ihnen in einer Stellung, als sei er der untere. Eine solche Ungefügigkeit des Leibes, eine solche fast dienerliche Haltung einem Altadeligen gegenüber, vielleicht aus Jugendgewohnheit, womit eine gewisse Steifheit verknüpft war, ist dem sonst zwar stolzen, aber sehr großmütigen, liebenswürdigen Manne von den Unkundigen wohl oft als Hoffart ausgelegt worden. Aus dem Gefühl eines gewissen körperlichen Mangels hat er in Beschreibungen und Schilderungen seiner sogenannten ritterlichen Männer auf jene körperliche Bequemlichkeit und Gewandtheit, welche jeder Jagdjunker und Kammerjunker von Kind auf leicht und umsonst gewinnt, wie mir deucht, im kleinen zu großen Wert gelegt. Er war übrigens äußerst liebenswürdig und freundlich mit allen und zu allen und eroberte nicht bloß das Herz des alten, wackern Wallraff, der für ihn sich gern zum Cicerone machte, sondern die Herzen aller andern, die in seine Nähe kamen. Im Sommer das Jahres 1817 kam Stein auf vier Tage mit Goethens Herrn, dem Herzog von Weimar, nach Köln. Sie wollten in der alten heiligen Stadt allerlei Raritäten beschauen, der Herzog hat dort auch eine ganze Reihe schöner gemalter Glasfenster des Mittelalters eingekauft und eine schönste silberne Schüssel, welche Friedrich Barbarossa seinem Paten, dem Sohn des Grafen von Kappenberg, wo Stein jetzt wohnte, als Taufgeschenk verehrt hatte; so besagte die Inschrift. Ich konnte hier in der Stadt nun schon den Cicerone machen und war viel mit ihnen auf den Beinen. Die abendliche Teestunde war immer die allgemeine Versammlungsstunde. Stein war gesund und von der köstlichsten Laune, der Herzog nach seiner gewöhnlichen alten, sehr soldatischen Weise: der geborene Fürst über jeden Zwang hinaus und immer der helle, frische Mann von Mut und Geist. Er hatte von seiner welfischen Mutter Amalia wohl das Beste in seinem Naturerbteil bekommen; der Eindruck, den er auch den nur oberflächlich Betrachtenden machte und hinterließ, höchst liebenswürdig; er blieb der Herr in der Gesellschaft und machte doch jeden frei. Die beiden hohen Herren gingen höchst ungezwungen miteinander um, fast wie alte Jugendgenossen; der hochgeborene Reichsfreiherr schien dem höher geborenen Fürsten auch keinen Augenblick unterlegen. Das war aber das Besondere, daß, wo von ernsten Gegenständen gesprochen, ja wo nur, wie im leichten Gespräch geschieht, darüber hingewinkt oder nur gelächelt ward, Stein immer als der Fürst und der andere oft nicht viel über dem Diener zu stehen schien. Da empfand man klar, dies war ein Gebiet, auf welchem der Herzog sich fremd fühlte, oder vielmehr, wo er sich mit allen Sitten und Gewohnheiten auf sein gemeines Feld verlief und verlor. Hier erschien er nur als der leichtfertige Hohnlächler und Spötter oder als der krittelnde und zweifelnde Noten- und Glossenmacher, als ein Mephistopheles, der vielleicht auch Goethen oft mehr herabgezogen als gehoben hat. Hierbei war auch das wunderlich, daß ihn immer der Kitzel stachelte, Stein zum Zorn zu reizen und sich an seiner Heftigkeit gleichsam zu ergötzen: denn er selbst blieb bei allen geschwindesten Einhieben und Gegenhieben des Freiherrn in fürstlicher Gleichmütigkeit. Der Herzog erzählte eine Menge anstößlicher Geschichten von dem Dichter, welcher eine Zeitlang unter seinen Augen in Weimar gelebt hatte, alles in seiner leichtfertigen, lockeren Weise, so daß dem Freiherrn der Kamm schwoll: »Der arme dünnschalige Kerl«, sagte der Herzog, »hatte sich eingebildet, er könne und müsse in einer Art körperlicher Seelenwanderung durch alle möglichen weiblichen Naturen den Durchgang machen, bis er die finde, welche Gott recht eigentlich für ihn geschaffen habe. Das war so seine poetische Naturlehre.« Stein fiel ihm hier ein: »Sie sollten sagen, es war eine fürstliche.« Der Herzog schloß mit der Nutzanwendung, daß eigentlich jeder Mann Ähnliches durchgemacht habe, »und Sie«, wendete er sich an Stein, »haben auch wohl nicht immer wie Joseph gelebt«. – »Wenn das wäre,« erwiderte Stein, »so ginge das niemand was an, aber immer habe ich Abscheu vor schmutzigen Gesprächen gehabt, und halte es nicht für passend, daß ein deutscher Fürst dergleichen vor jungen Offizieren (es saßen mehrere solche neben älteren Männern da) so ausführe.« Der Herzog verstummte, und es erfolgte eine Totenstille. Nach einigen Minuten fuhr der Herzog mit der Hand über das Gesicht und setzte, als sei nichts vorgefallen, die Unterhaltung fort; den Anwesenden aber war heiß und kalt geworden. Der Oberst von Ende, jüngst noch in herzoglich weimarschen Diensten, jetzt Kommandant der Stadt Köln, gestand beim Nachhausegehen seinem Begleiter, er wolle lieber das Feuer von zwei Batterien als solche Reden lange aushalten; und Graf Solms-Laubach, Oberpräsident der preußischen Rheinlande, rief doch auch im Gefühl des alten Reichsgrafen und früheren Reichshofratsmitglieds in Wien aus: »Nein! wie der mit Fürsten umgeht! Ich zittere immer, es würde Szenen geben.« Und es hatte, mein' ich, eine ganz bunte, muntere Szene gegeben. Ludwig Börne Von Heinrich Heine »Das ist der Doktor Börne, welcher gegen die Komödianten schreibt!« Als ich aufblickte, sah ich einen Mann, der, nach einem Journale suchend, mehrmals im Zimmer sich hin- und herbewegte und bald wieder zur Tür hinausging. So kurz auch sein Verweilen, so blieb mir doch das ganze Wesen des Mannes im Gedächtnisse, und noch heute könnte ich ihn mit diplomatischer Treue abkonterfeien. Sein Auftreten, seine Bewegung, sein Gang hatten etwas Sicheres, Bestimmtes, Charaktervolles. Sind außerordentliche Menschen heimlich umflossen von dem Ausstrahlen ihres Geistes? Ahnet unser Gemüt dergleichen Glorie, die wir mit den Augen des Leibes nicht sehen können? Das moralische Gewitter in einem solchen außerordentlichen Menschen wirkt vielleicht elektrisch auf junge, noch nicht abgestumpfte Gemüter, die ihm nahen, wie das materielle Gewitter auf Katzen wirkt. Ein Funken aus dem Auge dieses Mannes berührte mich, ich weiß nicht wie, aber ich vergaß nicht diese Berührung und vergaß nie den Doktor Börne, welcher gegen die Komödianten schrieb. Ja, er war damals Theaterkritiker und übte sich an den Helden der Bretterwelt. Wie mein Universitätsfreund Dieffenbach, als wir in Bonn studierten, überall, wo er einen Hund oder eine Katze erwischte, ihnen gleich die Schwänze abschnitt, aus purer Schneidelust, was wir ihm damals, als die armen Bestien gar entsetzlich heulten, so sehr verargten, später aber ihm gern verziehen, da ihn diese Schneidelust zu dem größten Operateur Deutschlands machte, so hat sich auch Börne zuerst an Komödianten versucht, und manchen jugendlichen Übermut, den er damals beging an den Heigeln, Weidnern, Ursprüngen und dergleichen unschuldigen Tieren, die seitdem ohne Schwänze herumlaufen, muß man ihm zugute halten für die besseren Dienste, die er später als großer politischer Operateur mit seiner gewetzten Kritik zu leisten verstand. Es war Varnhagen von Ense, welcher den Namen Börne wieder in meiner Erinnerung heraufrief, und mir Aufsätze dieses Mannes zu lesen gab. Der Ton, womit er mir diese Lektüre empfahl, war bedeutsam dringend, und das Lächeln, welches um die Lippen der anwesenden Rahel schwebte, gab der Empfehlung ein noch größeres Gewicht. Auch über seinen Stil äußerte sich Rahel, und zwar mit Worten, die jeder, der mit ihrer Sprache nicht vertraut ist, sehr mißverstehen möchte; sie sagte: »Börne kann nicht schreiben, ebensowenig wie ich oder Jean Paul.« Unter schreiben verstand sie nämlich die ruhige Anordnung, sozusagen die Redaktion der Gedanken, die logische Zusammensetzung der Redeteile, kurz jene Kunst des Periodenbaues, den sie sowohl bei Goethe wie bei ihrem Gemahl so enthusiastisch bewunderte. Ungleich jener großen Frau, hegte Börne den engsten Widerwillen gegen dergleichen Darstellungsart; in seiner subjektiven Befangenheit begriff er nicht die objektive Freiheit, die Goethesche Weise, und die künstlerische Form hielt er für Gemütlosigkeit; er glich dem Kinde, welches, ohne den glühenden Sinn einer griechischen Statue zu ahnen, nur die marmornen Formen betastet und über Kälte klagt. Wie sehr ich aber auch geneigt war, an der Außenschale, an dem Stile Börnes zu mäkeln, und namentlich, wo er nicht beschreibt, sondern räsonniert, die kurzen Sätze seiner Prosa als eine kindische Unbeholfenheit zu betrachten, so ließ ich doch dem Inhalt, dem Kern seiner Schriften die reichlichste Gerechtigkeit widerfahren, ich verehrte die Originalität, die Wahrheitsliebe, überhaupt den edlen Charakter, der sich durchgängig darin aussprach, und seitdem verlor ich den Verfasser nicht mehr aus dem Gedächtnis. Als ich mehrere Jahre später, Anno 1827, durch Frankfurt reisen mußte, hatte ich mir bestimmt vorgenommen, dem Doktor Börne in seiner Behausung meinen Besuch abzustatten. Sonderbar! Hören wir in der Ferne von einer Stadt, wo dieser oder jener große Mann lebt, unwillkürlich denken wir uns ihn als den Mittelpunkt der Stadt, deren Dächer sogar von seinem Ruhme bestrahlt würden. Wie wundern wir uns nun, wenn wir in der Stadt selbst anlangen und den großen Mann wirklich darin aufsuchen wollen und ihn erst lange erfragen müssen, bis wir ihn unter der großen Menge herausfinden! So sieht der Reisende schon in weiter Ferne den hohen Dom einer Stadt; gelangt er aber in ihr Weichbild selbst, so verschwindet derselbe wieder seinen Blicken, und erst hin und her wandernd durch viele krumme und enge Sträßchen kommt der große Turmbau wieder zum Vorschein, in der Nähe von gewöhnlichen Häusern und Budiken, die ihn schier verborgen halten ... Ich hatte Mühe, den Mann wieder zu erkennen, dessen früheres Aussehen mir noch lebhaft im Gedächtnis schwebte. Keine Spur mehr von vornehmer Unzufriedenheit und stolzer Verdüsterung. Er empfing mich mit Herzlichkeit und Liebe; es vergingen keine drei Minuten, und wir gerieten ins vertraulichste Gespräch. Wovon wir zuerst redeten? Wenn Köchinnen zusammenkommen, sprechen sie von ihrer Herrschaft, und wenn deutsche Schriftsteller zusammenkommen, sprechen sie von ihren Verlegern. Sobald die Verleger abgetan sind, beginnen die wechselseitigen Komplimente zwischen zwei Schriftstellern, die sich zum ersten Male sprechen. Ich übergehe, was Börne über meine Vorzüglichkeit äußerte, und erwähne nur den leisen Tadel, den er bisweilen in den schäumenden Kelch des Lobes eintröpfeln ließ. Er hatte nämlich kurz vorher den zweiten Teil der »Reisebilder« gelesen, und vermeinte, daß ich von Gott, welcher doch Himmel und Erde erschaffen und so weise die Welt regiere, mit zu wenig Reverenz, hingegen von dem Napoleon, welcher doch nur ein sterblicher Despot gewesen, mit übertriebener Ehrfurcht gesprochen habe. »Ich habe noch diesen Morgen«, setzte Börne hinzu, »ihn bewundert, als ich in diesem Buche, das hier auf meinem Tische liegt – er zeigte auf Thiers' Revolutionsgeschichte –, die vortreffliche Anekdote las, wie Napoleon zu Udine eine Entrevue mit Kobentzel hat und im Eifer des Gesprächs das Porzellan zerschlägt, das Kobentzel einst von der Kaiserin Katharina erhalten und gewiß sehr liebte. Dieses zerschlagene Porzellan hat vielleicht den Frieden von Campo Formio herbeigeführt. In Bilderläden sieht man den Napoleon gewöhnlich, wie er auf bäumendem Roß den Simplon besteigt, wie er mit hochgeschwungener Fahne über die Brücke von Lodi stürmt usw. Wenn ich aber ein Maler wäre, so würde ich ihn darstellen, wie er das Service von Kobentzel zerschlägt. Das war seine erfolgreichste Tat. Jeder König fürchtete seitdem für sein Porzellan, und gar besonders Angst bekamen die Berliner wegen ihrer großen Porzellanfabrik. Sie haben keinen Begriff davon, liebster Heine, wie man durch den Besitz von schönem Porzellan im Zaum gehalten wird. Ich habe mir leider vor kurzem ein schönes Teeservice angeschafft – die Kanne war so lockend prächtig vergoldet – auf der Zuckerdose war das eheliche Glück abgemalt, zwei Liebende, die sich schnäbeln – auf der einen Tasse der Katharinenturm, auf einer andern die Konstablerwache, lauter vaterländische Gegenden auf den übrigen Tassen. – Ich habe wahrhaftig jetzt meine liebe Sorge, daß ich in meiner Dummheit nicht zu frei schreibe und plötzlich flüchten müßte. Am Ende glaub' ich gar, der Porzellanhändler war ein österreichischer Polizeiagent, und Metternich hat mir das Porzellan auf den Hals geladen, um mich zu zähmen. Ich verdenke es ihm nicht im mindesten, daß man mir auf solche Weise beizukommen sucht. Wenn man kluge Mittel gegen mich anwendet, werde ich nie unwirsch; nur die Plumpheit und die Dummheit ist mir unausstehlich. Da ist aber unser Frankfurter Senat – –« Ich habe meine Gründe, den Mann nicht weiter sprechen zu lassen, und bemerke nur, daß er am Ende seiner Rede mit gutmütigem Lachen ausrief: »Aber noch bin ich stark genug, meine Porzellanfesseln zu brechen, und macht man mir den Kopf warm, wahrhaftig, die schöne vergoldete Teekanne fliegt zum Fenster hinaus mitsamt der Zuckerdose und dem ehelichen Glück und dem Katharinenturm und der Konstablerwache und den vaterländischen Gegenden, und ich bin dann wieder ein freier Mann, nach wie vor!« Börnes Humor, wovon ich eben ein sprechendes Beispiel gegeben, unterschied sich von dem Humor Jean Pauls dadurch, daß letzterer gern die entferntesten Dinge ineinanderrührte, während jener, wie ein lustiges Kind, nur nach dem Naheliegenden griff, und während die Phantasie des konfusen Polyhistors von Baireuth in der Rumpelkammer aller Zeiten herumkramte und mit Siebenmeilenstiefeln alle Weltgegenden durchschweifte, hatte Börne nur den gegenwärtigen Tag im Auge, und die Gegenstände, die ihn beschäftigten, lagen alle in seinem räumlichen Gesichtskreis. Er besprach das Buch, das er eben gelesen, das Ereignis, das eben vorfiel, den Stein, an dem er sich eben gestoßen, Rothschild, an dessen Haus er täglich vorbeiging, den Bundestag, der auf der Zeil residiert und den er ebenfalls an Ort und Stelle hassen konnte, endlich alle Gedankenwege führten ihn zu Metternich. Sein Groll gegen Goethe hatte vielleicht ebenfalls örtliche Anfänge, nicht Ursachen; denn wenn auch der Umstand, daß Frankfurt ihre gemeinschaftliche Vaterstadt war, Börnes Aufmerksamkeit zunächst auf Goethe lenkte, so war doch der Haß, der gegen diesen Mann in ihm brannte und immer leidenschaftlicher in ihm loderte, nur die notwendige Folge einer tiefen, in der Natur beider Männer begründeten Differenz. Hier wirkte keine kleinliche Schelsucht, sondern ein uneigennütziger Widerwille, der angeborenen Trieben gehorcht, ein Hader, welcher, alt wie die Welt, sich in allen Geschichten des Menschengeschlechts kundgibt und am grellsten hervortrat in dem Zweikampfe, welchen der judäische Spiritualismus gegen hellenische Lebensherrlichkeit führte, ein Zweikampf, der noch immer nicht entschieden ist und vielleicht nie ausgekämpft wird, der kleine Nazarener haßte den großen Griechen, der noch dazu ein griechischer Gott war. In großer Gesellschaft war Börne wortkarg und einsilbig, und dem Fluß der Rede überließ er sich nur im Zwiegespräch, wenn er glaubte, sich neben einem gleichgesinnten Menschen zu befinden. Daß Börne mich für einen solchen ansah, war ein Irrtum. Schon damals in Frankfurt harmonierten wir nur im Gebiete der Politik, keineswegs in den Gebieten der Philosophie oder der Kunst oder der Natur, – die ihm sämtlich verschlossen waren. Wir waren überhaupt von entgegengesetztem Wesen, und diese Verschiedenheit wurzelte am Ende vielleicht nicht bloß in unserer moralischen, sondern auch physischen Natur. Es gibt im Grunde nur zwei Menschensorten, die mageren und die fetten, oder vielmehr Menschen, die immer dünner werden, und solche, die aus schmächtigen Anfängen allmählich zur rundlichsten Korpulenz übergehen. Die ersteren sind eben die gefährliche Sorte, die Cäsar so sehr fürchtete – »ich wollte, er wäre fetter«, sagte er von Cassius. Brutus war von einer ganz anderen Sorte, und ich bin überzeugt, wenn er nicht die Schlacht bei Philippi verloren und sich bei dieser Gelegenheit erstochen hätte, wäre er eben so dick geworden, wie der Schreiber dieser Blätter – »Und Brutus war ein braver Mann«. R. Biringer, Weiden an der Ridda. Die Eichbäume Von Friedrich Hölderlin Aus den Gärten komm ich zu euch, ihr Söhne des Berges! Aus den Gärten, da lebt die Natur, geduldig und häuslich, Pflegend und wieder gepflegt, mit den fleißigen Menschen zusammen. Aber ihr, ihr Herrlichen! steht wie ein Volk von Titanen In der zahmeren Welt, und gehört nur euch und dem Himmel, Der euch nährt und erzog, und der Erde, die euch geboren. Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen, Und ihr drängt euch, fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel Untereinander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute, Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet. Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen. Könnt ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben. Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich, Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen! Hölderlin in Homburg vor der Höhe Von Carl Blümlein Zweimal hat der Dichter Friedrich Hölderlin zu längerem Verbleib in Homburg geweilt, das erstemal 1798-1800. Sein Studienfreund, der damals Legationsrat des Landgrafen Friedrich V. von Hessen-Homburg war, hatte dem hochstrebenden Jüngling eine Hauslehrerstelle bei dem reichen Bankier Gontard in Frankfurt a. M. vermittelt. Aufs liebenswürdigste wurde er von der Hausfrau Susette, eine geborene Hamburgerin, aufgenommen, und an seinen Zöglingen, einem Mädchen und zwei Knaben, hatte er seine helle Freude. So konnte er damals schreiben: ... nimmer vergess' ich dich, So fern ich wandre, schöner Main! und Deine Gestade, die vielbeglückten. Gastfreundlich nahmst du, Stolzer! bei dir mich auf Und heitertest das Auge dem Fremdlinge. Und stillhingleitende Gesänge Lehrtest du mich und geräuschlos Leben. Mit Verehrung und Bewunderung schaut er zur Herrin des Hauses auf; sie erscheint ihm die lebendige Verkörperung seines griechischen Ideals. Aber bald wandelt sich diese Verehrung in Liebe, in glühende Leidenschaft, und sie bleibt seitens der Angebeteten, die liebeleer neben dem ungeliebten Gatten durchs Leben geht, nicht unerwidert. Leicht ertrug er dabei die beinah täglichen Kränkungen, die er von dessen Seite erdulden mußte. Dieser zeigt stets »unhöflichen Stolz, geflissentliche tägliche Herabwürdigung aller Wissenschaft und aller Bildung, er äußert, »daß die Hofmeister auch Bedienten wären, daß sie nichts Besonderes für sich fordern könnten, weil er sie für das bezahle«. Die Beziehungen zwischen den Liebenden müssen Gontard wohl zu Ohren gekommen sein, und eines Tages, als er beide wieder im Gespräch beieinander trifft, beschimpft er den Dichter nicht nur aufs gröbste, sondern vergreift sich auch an ihm. Bei Nacht und Nebel verläßt dieser das Haus und eilt nach Homburg, wo Sinclair Rat und Hilfe weiß. Er verschafft ihm eine freundliche Wohnung im Reinemerschen Hause in der Nähe der jetzigen Haingasse. »Für mich hab' ich,« schreibt er an seine Schwester, »was meine Wirtschaft betrifft, genug. Ein paar hübsche, kleine Zimmer, wovon ich mir das eine, wo ich wohne, mit den Karten der vier Weltteile dekoriert habe, einen eigenen (eichenen) großen Tisch im Speisesaal, der auch zugleich Schlafzimmer ist, und eine Kommode daselbst, und hier im Kabinett den Schreibtisch, wo die Kasse verwahrt ist, und wieder einen Tisch, wo die Bücher und Papiere liegen, und noch ein kleines Tischchen am Fenster, an den Bäumen, wo ich eigentlich zu Hause bin und mein Wesen treibe, und Stühle hab' ich auch für ein paar Freunde ... Wohlfeile Kost, die doch gesund ist, einen Garten am Hause, wo der Hausherr mir die Laube vergönnt, schöne Spaziergange in der Nähe.« In einem Briefe an die Mutter ergänzt er diese Angaben dahin, daß er für Zimmer, Bedienung und Wäsche jährlich 70 Gulden (etwa 125 Mark) zahle. »Für das Mittagessen, welches wirklich im Verhältnis mit seinem Preise außerordentlich gut zubereitet ist, zahle ich 16 Kreuzer (etwa 80 Pfennig). Abends bin ich lange gewohnt, nur Tee zu trinken und etwas Obst zu mir zu nehmen.« Sinclair machte ihn auch mit der Fürstenfamilie bekannt: »Die Familie des Landgrafen besteht aus echtedeln Menschen, die sich durch ihre Gesinnungen und ihre Lebensart von anderen ihrer Klasse ganz auffallend auszeichnen.« Daneben hatte er anregenden Verkehr mit jungen Männern »voll Geist und reinen Triebs«. »Sonst machen«, so berichtet er an die Schwester, »die seltenen Schönheiten der hiesigen Gegend mein einzig Vergnügen. Das Städtchen liegt am Gebirg, und Wälder und geschmackvolle Anlagen liegen rings herum; ich wohne gegen das Feld hinaus, habe Gärten vor dem Fenster und einen Hügel mit Eichbäumen, und kaum ein paar Schritte in ein schönes Wiesental. Da geh' ich dann hinaus, wenn ich von meiner Arbeit müde bin, steige auf den Hügel und sehe über Frankfurt in die weiten Fernen hinaus, und diese unschuldigen Augenblicke geben mir dann wieder Mut und Kraft zu leben und zu schaffen. Es ist so gut, als ob man in der Kirche gewesen wäre, wenn man so mit reinem Herzen und offenem Auge Licht und Luft und die schöne Erde gefühlt hat.« Aber all das konnte ihm die Ruhe der Seele nicht wiedergeben, die von der Sehnsucht nach der geliebten Diotima – unter diesem Namen besang er Susette – verzehrt wurde. Immer wieder wanderte er hinauf zu den nahen Höhen des Hardtwaldes und blickte von dort, unter den hohen Eichen am Waldrand sitzend, gen Süden, wo die feine Silhouette des Frankfurter Domes ihm zeigte, wo der Gegenstand seines Sehnens und Dichtens sich gleichfalls abhärmte im Verlangen nach dem geliebten Jüngling. In Briefen voll glühender Ergüsse tauschten sie ihre Gefühle und Empfindungen aus, und am ersten Donnerstag jeden Monats eilte Hölderlin zu Fuß nach Frankfurt, wo er heimlich Gelegenheit hatte, die Geliebte zu sprechen. Der letzte Brief Susettens stammt aus dem Anfang das Mai 1800. Sie schreibt: »Wirst Du nun kommen? – Die ganze Gegend ist stumm und leer ohne Dich! und ich bin so voll Angst. Wie werde ich die starken Dir entgegenwallenden Gefühle wieder in den Busen verschließen und bewahren? – wenn Du nicht könntest!« – Ende des Monats sahen sie sich dann zum letztenmal. Der Homburger Aufenthalt trug wohl herrliche Früchte seines dichterischen Schaffens: mit wahrem Eifer förderte er seine Tragödie Empedokles, eine stattliche Reihe herrlicher Gedichte – darunter »Die Eichbäume« – entstanden, in denen er »die grelle Dissonanz seines Lebens in wunderbare Akkorde auflöste, und in denen die bitteren Qualen, die seine Brust zerrissen, zu süßem Wohllaut wurden«. Die Krone aber seiner Tätigkeit war der Roman Hyperion, auf eigenstem Erleben beruhend, denn er schilderte in dem Verhältnis Hyperions zu Diotima seine eigene Liebe zu Susette Gontard. Aber er erlebte auch schwere literarische Enttäuschungen, vor allem, daß der ihm sonst wohlgewogene Schiller eine Mitarbeit an einem von Hölderlin geplanten Journal ablehnte. Nun mußte er einsehen, daß eine bloß schriftstellerische Tätigkeit nicht imstande war, ihm ein auskömmliches Leben zu sichern. So verläßt er denn Homburg. Dreißig Jahre alt, wendet er wieder seine Schritte der Heimat zu. Mutter und Schwester fahren erschreckt zusammen, als sie ihn wiedersehen, nicht mehr den frischen, lebensmutigen Jüngling, als der er einst hoffnungsfreudig auszog, sondern nur einen Schatten von ihm, krank, abgehärmt, körperlich und seelisch zusammengebrochen. Unter ihrer Pflege erholt er sich langsam, die Bronnen seiner Poesie beginnen wieder zu fließen, und er strebt nach einer dauernden Festigkeit. Ein Vierteljahr ist er Hauslehrer in der Schweiz, dann nimmt er eine Hofmeisterstelle bei dem hamburgischen Konsul Mayer in Bordeaux an. »Ins abhängige Leben muß ich hinein, es sei, auf welche Art es wolle, und Kinder erziehen ist jetzt ein besonders glückliches Geschäft, weil es so unschuldig ist.« Über seine neue Tätigkeit am Ufer der Garonne wissen wir nichts; es ist nur ein Brief aus Bordeaux an die Mutter erhalten, und in diesem steht nichts davon. So kommt der Sommer 1802. In Stuttgart hielt sich damals der Dichter Matthisson auf. Da pochte es eines Tages an seine Tür, und eine hohe Gestalt trat ein, »leichenblaß, abgemagert, von hohlem, wildem Auge, langem Haar und gekleidet wie ein Bettler«. Mit »dumpfer, geisterhafter Stimme« stellte er sich vor: »Hölderlin!«, um dann wieder wie ein Schemen zu verschwinden. In Nürtingen taucht er wieder bei der Mutter auf. Mit Entsetzen sehen alle, daß der Wahnsinn ihn ergriffen hat. Am 10. Mai hatte er Bordeaux verlassen, welche Gründe ihn dazu veranlaßten, wissen wir nicht. Jedenfalls war jetzt seine Gemütsstimmung eine verzweifelte, denn wiederum sieht er das Scheitern seiner Hoffnung auf eine gesicherte Existenz, wiederum steht er vor einem Nichts. Und kurz darauf eine neue und furchtbare Erschütterung: Diotima ist am 22. Juni 1802, während er ruhelos durch Frankreich der Heimat zuwanderte, verschieden! Wiederum ist es der treue Sinclair, der helfend eingreift; er schreibt der bekümmerten Mutter: »Ich glaube, daß nichts für ihn Besseres sein könnte, als bei jemand zu sein, der ihn und sein Schicksal ganz kennt, und vor dem er nichts Verborgenes hat. Gäbe es einen andern solchen Freund, als mich, so wollte ich es nicht sein, der ihn aufnähme, weil es eine große Verantwortlichkeit ist, die Gefahr eines solchen Kleinods als es Ihr Sohn ist, auf sich genommen zu haben.« Im Sommer 1804 holte ihn Sinclair selbst ab nach Homburg. Der Landgraf verleiht ihm die Anstellung des Bibliothekars mit bescheidenem Gehalt. Da dieses zum Leben nicht ausreicht, fügt Sinclair mit Einwilligung des Fürsten 200 Gulden seiner eigenen Besoldung hinzu. Der Landgraf machte ihm eine Freude durch Übersendung der Wakefieldschen Ausgabe des Vergil, Prinzessin Auguste hatte ihm schon früher ein Klavier geschenkt, das nun in seiner neuen Wohnung bei dem französischen Uhrmacher Calame in der Dorotheenstraße aufgestellt wurde. Aber da dieser ihn wegen seiner Wutanfälle nicht mehr behalten wollte, siedelte er zu dem Sattlermeister Lattner, einem Württemberger, über, der in dem Hammelmannschen, später Schickschen Anwesen wohnte. Der Aufenthalt in Homburg übte nicht den gewünschten günstigen Einfluß aus. Vielleicht wäre der Besuch einer anderen, ihm fremden Gegend für den Kranken heilsamer gewesen. Aber hier in der kleinen Residenz erinnerte ihn jeder Schritt, den er tat, jede Örtlichkeit an die Tage, wo er zum ersten Male hier geweilt, gleich verzweifelt wie jetzt, und riß die alten Wunden aufs neue auf. Immer häufiger erfolgten die Wutanfälle, auf der Straße brachte er den Pöbel gegen sich auf, das Klavier, das ihm einst seines Fürsten Tochter verehrt, zerschlug er, so daß Sinclair am 3. August 1806 folgenden Brief an des Dichters Mutter zu richten gezwungen war: »Hochzuverehrende Frau Kammer-Rätin! Die Veränderungen, die sich leider! mit den Verhältnissen des Herrn Landgrafen zugetragen haben, die Ihnen auch schon bekannt sein werden, nötigen den Herrn Landgrafen zu Einschränkungen, und werden auch meine hiesige Anwesenheit wenigstens zum Teil aufheben. Es ist daher nicht mehr möglich, daß mein unglücklicher Freund, dessen Wahnsinn eine sehr hohe Stufe erreicht hat, länger eine Besoldung beziehe und hier in Homburg bleibe, und ich bin beauftragt, Sie zu ersuchen, ihn dahier abholen zu lassen. Seine Irrungen haben den Pöbel dahier so sehr gegen ihn aufgebracht, daß bei meiner Abwesenheit die ärgsten Mißhandlungen seiner Person zu befürchten stünden, und daß seine längere Freiheit selbst dem Publikum gefährlich werden könnte, und, da keine solchen Anstalten im hiesigen Lande sind, es die öffentliche Vorsorge erfordert, ihn von hier zu entfernen. Wie sehr es mich schmerzt, können Sie glauben, aber der Notwendigkeit muß ein jedes Gefühl weichen, und in unseren Tagen erfährt man nur zu oft diesen Zwang. Ich werde mir es auch für die Zukunft zur Pflicht machen, für Hölderlin möglichste Sorgfalt zu tragen, die Umstände aber erlauben mir jetzt nicht, mich hierüber bestimmt zu äußern.« So mußte man denn den Kranken in die Heimat zurückbringen. Sein Hauswirt Hammelmann gab ihm das Geleite. Sinclair gelang es, ihn zur Reise zu bewegen, nachdem man ihm gesagt hatte, er solle als Bibliothekar Büchereinkäufe in Tübingen machen. Und nun wich die Nacht des Wahnsinns nicht mehr von ihm; in kurzen lichten Momenten griff er zur Feder und warf flüchtige Verse aufs Papier, wie: Das Angenehme dieser Welt hab' ich genossen, Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen, April und Mai und Junius sind ferne, Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne. Manchmal taucht die Erinnerung an die Homburger Tage auf; er sieht den weißen Turm, den alten Bergfried des Schlosses, das Wiesental, den eichenbestandenen Hügel und den durch das Wiesengrün hineilenden Bach: Das grüne Feld ist herrlich ausgebreitet, Da glänzend schon der Bach hinuntergleitet, Die Berge stehn bedecket mit den Bäumen, Und herrlich ist die Luft in offnen Räumen, Das weite Tal ist in die Welt gedehnet Und Turm und Hang an Hügeln angelehnet. 36 Jahre lebt oder vielmehr vegetiert er so dahin, bis ihn ein sanfter Tod erlöst und aus der Nacht zum Licht führte. Alle, die er geliebt, waren ihm im Tode vorangegangen, die Mutter, der hochverehrte Schiller, der treue Sinclair, dem er in seiner Ode »An Eduard« ein so schönes Denkmal setzte. Nur die homburgische Prinzessin Auguste, später Erbgroßherzogin von Mecklenburg, überlebte ihn († 1871). Mehrfach hatte er sie in dankbarer Verehrung besungen, und was er in einer dieser Oden so herrlich zum Ausdruck gebracht, das gilt so recht von ihm selber: Aus stillem Hause senden die Götter oft Auf kurze Zeit zu Fremden die Lieblinge, Damit, erinnert, sich am edlen Bilde der Sterblichen Herz erfreue. Homburg hat dem edlen Sänger in dem herrlichen Kurpark ein Denkmal gesetzt: eine dreiseitige Pyramide in klassischen Formen aus rotem Sandstein mit einem in weißem Marmor ausgeführten Oval, das des Jünglings edles Angesicht zeigt. Sinnsprüche aus des Dichters Werken schmücken die beiden andern Seiten. Riehl Von Theodor Matthias Wilhelm Heinrich Riehl wurde den 6. Mai 1823 zu Bieberich a. Rh. geboren, wo sein Vater Schloßverwalter des Herzogs Wilhelm von Nassau war. Dort genoß auch Riehls Großvater mütterlicherseits als herzoglich nassauischer Haushofmeister nach vielbewegter Jugend und schwerer, aufopfernder Manneswirksamkeit einen wohlverdienten Ruhestand. Von ihm hat der Enkel eingestandenermaßen die Wanderlust geerbt, die ihn den Stoff seiner Schriften über deutsche Stämme und Landschaften, Sitten und Bräuche selbstschauend und fragend zu sammeln drängte. Von ihm leitet er auch den religiösen Grundzug her, der uns aus allen seinen Schriften so gesund entgegenweht. Aus der großväterlichen Saat erwuchs schon seiner gottergebenen Mutter »der Mut nicht nur des Duldens und Tragens, sondern auch pflichttreuen Zugreifens«, und nur dadurch bewahrte sie sich und ihre zwei Kinder, Wilhelm Heinrich und eine Tochter, vor schlimmster Not und schaffte dem Sohne die Möglichkeit zu studieren, als das Glück des Hauses Mitte 1836 jäh zusammengebrochen war und der Vater Anfang 1839 in Tiefsinn und Verbitterung ein tragisches Ende suchte. Dem Sohne fehlten damals noch zwei Jahre bis zum Abgange vom Gymnasium zu Weilburg. Der Vater war nämlich Sommer 1836 als Verwalter des verwaisten Stammschlosses der nassauischen Herzöge dorthin versetzt worden, nachdem ihn eine tollkühne Stromüberfahrt bei Eisgang in die Wellen des Rheins und aufs Krankenlager geworfen hatte, und davon eine Erschütterung seines körperlichen und geistigen Wohlbefindens zurückgeblieben war, die es dem längst eifersüchtigen neuen Hofmarschall am Biebericher Hofe ermöglichte, unter Verleihung jenes Titels seine Entfernung nach Weilburg durchzusetzen. Richard Biringer, Taunustal Die Beeinflussung der Charakterbildung und Gedankenrichtung des Sohnes rührt aus der glücklichen Zeit in Bieberich her, wo der Vater, der Jugendgespiele des Herzogs, als einfacher Schloßverwalter eine weit über diese Stellung hinausgehende Bedeutung gewonnen hatte. Denn er war nach dem Urteile einer nassauischen Prinzessin der gebildetste Mann am Hofe. In dem weithin bekannten Riehlschen Hausquartett, zu dem er sich mit der vom Herzoge selbst nicht benötigten Hofkapelle fast jeden zweiten Tag der Woche in seinem Hause vereinigte, ist dem Sohn die Vorliebe für Haus- und Kammermusik und seine Schätzung reiner und edler Tonwerke erwachsen. Ein andrer, freilich nur mittelbarer Einfluß des Vaters war es, wenn ihn dessen rationalistisch freimaurerische Weltanschauung und etwas französisch gefärbte Weltbürgerlichkeit durch ihren Gegensatz zu der biederfrommen Deutschheit des Großvaters in seiner Neigung für die innigere heimische Art bestärkte, doch so, daß er vom Vater den Sinn und Blick für das Weite, für die Größe der Zusammenhänge hinzugewann. Vom Vater sog er auch den festen Unabhängigkeitssinn und aus dessen Stolz auf den Stand eines Hofbediensteten etwas von seiner Abneigung gegen die damals mächtig aufsteigende Bureaukratie ein; und von dem oft herben Humor, mit dem der ewig, selbst in der glänzenden Biebericher Zeit Unzufriedene bei innerer Unruhe andre durch Witz und Laune erheiterte, glänzt uns der gemilderte Widerschein aus manchem humorvollen Beispiele, mit dem der Sohn den lehrhaften Ton seiner wissenschaftlichen Werke belebt, wie aus mancher tragikomischen Wendung seiner Novellen entgegen. Vor allem aber wurden für den Sohn die Dienstreisen bedeutsam, auf die ihn der Vater mitnahm, um die Schulpflicht nach dem Grundsatze unbekümmert, daß man in der Welt mehr lerne als in der Schule, ein Grundsatz, den auch der Sohn so oft predigt. Auf diesen Reisen sah der Sohn nicht nur des Vaters Schaffen bei den Neubauten, sondern er konnte auch in alten Schlössern und Abteien des Landes die alten Kunstwerke und seltsamen Hausrat, zwischen denen er daheim in weiten, damit vollgestellten Magazinen spielte, staunend an ihrem ursprünglichen Platze betrachten. Hier empfing er den Anstoß zu seiner in erster Reihe kulturgeschichtlichen Betrachtung der ganzen Weltgeschichte. Vielseitig angeregten Wissensdrang brachte also der junge Riehl mit auf die Universität Marburg, die er Anfang 1841 bezog. Obwohl ihn zunächst eine tiefsinnige Sehnsucht, Landpfarrer zu werden und als solcher einmal in eigener Unabhängigkeit tröstend, beglückend und veredelnd wirken zu können, dahin geführt hatte, war es demgemäß kein Wunder, wenn er begierig, das Geistesleben der Völker und den Geist der Menschheit überhaupt in seiner geschichtlichen Entwickelung erkennen zu lernen, auch Geschichte der Philosophie und Kirchengeschichte hörte und schon dabei auf die kulturgeschichtliche Fährte kam. Ja, indem sich ihm die Kulturgeschichte zur wahren Philosophie der Geschichte erweiterte und vertiefte, insofern ihm Philosophie die Erkenntnis vom Wesen des Geistes aus seinen verschiedenartigsten Werken war, fand er schon damals das kulturgeschichtliche Hauptproblem seines späteren Lebens, wonach ihm die Kulturgeschichte »die Geschichte der gesamten Gesittung der Völker ist, wie sich dieselbe in Kunst, Literatur und Wissenschaft, im wirtschaftlichen, sozialen und politischen Leben und dazu auch in den – meist allein dafür gehaltenen – Privataltertümern ausspricht«. Die vom Großvater ererbte Wanderlust aber und die geringe Höhe des Jahreswechsels (300 Gulden), den durch Bitten um Unterstützung zu erhöhen ihm sein Selbstgefühl verbot und der ihm nicht gestattete, seinen Wanderdrang durch weite Reisen in entlegene Gegenden Deutschlands und des Auslandes zu befriedigen, wiesen ihm gleichfalls schon damals die Wege, die allein zu unverfälschten Belegen seiner Ansichten und zu ungetrübten Einblicken in das soziale Leben des eigentlichen Volkes führen konnten: die nächsten Berge und Täler bis in die entlegensten Winkel durchwandernd und in billigen Dörfern unter Bauern lebend, beobachtete er das Leben des Volkes persönlich und zeichnete es nach dem Leben, machte sich aber bei allen Erscheinungen über die darin wirkenden geistigen Kräfte seine eigenen Gedanken. Auch in Tübingen und Gießen fesselten den Wissensdurstigen namentlich die Philosophen, dort Zeller und Vischer, hier Carrière, von denen die beiden letzten seine kulturgeschichtlichen Einsichten durch kunstgeschichtliche und kunstphilosophische vertieften. Trotzdem unterzog er sich im Herbst 1843 nach dem landesüblichen Brauche in Herborn der theoretischen Prüfung für nassauische Theologen. Da er der einzige war, den es zu prüfen galt, ward er mit einem ansehnlichen Stipendium nach Bonn geschickt, um dort die praktische Hälfte des theologischen Studiums zu treiben, für die sonst in Herborn ein Seminar eingerichtet zu werden pflegte. Hier traten die theologischen Studien bald hinter geschichtlichen und philosophischen zurück. Als er in der klaren Erkenntnis, daß er zu etwas anderm als einem nassauischen Landpfarrer berufen sei, nunmehr die kleine stille Universität Gießen besuchte, war sein Vorsatz, mit ganzem Herzen ein Schriftsteller zu werden, schon mehr als Vorsatz. Denn schon jetzt erschrieb er sich neben dem Studium die Mittel zu diesem wie seinem gesamten Lebensunterhalt, und so beginnt mit Frühjahr 1844 seine Tätigkeit als Schriftsteller, die er selbst auf zehn Jahre ansetzt (1844 bis 1853). Echt konservativ von Haus aus, verband er überzeugte Treue gegen den Landesfürsten mit einer auf engeren und kräftigeren Zusammenschluß aller Deutschen gerichteten offen großdeutschen Gesinnung. Die Beobachtung des Treibens in der Frankfurter Nationalversammlung, die ihm sein Aufenthaltsort Wiesbaden aus nächster Nähe ermöglichte, bestärkte ihn in dieser Richtung; ja nach eigenem Bekenntnis erst damals bewußt konservativ geworden, gab er mitten in den Revolutionsstürmen seinem Heimatlande eine konservative Zeitung. In Wiesbaden gründete er nämlich damals die »Nassauische Allgemeine« und war zugleich mit der musikalischen Leitung des dortigen Hoftheaters betraut. Seine letzte derartige Stellung begleitete er an der »Augsburger Allgemeinen« von 1851 bis 1853. Hier hatte er auch Muße, seine seit der Universitätszeit durch die ebenso aufgeregten wie lehrreichen Revolutionsjahre rastlos fortgeführten Studien und Skizzen über Volkszustände zu verarbeiten. So konnte er 1851 sein erstes Buch, »Die bürgerliche Gesellschaft«, 1853 ein verwandtes, »Land und Leute«, und in dem Jahre dazwischen seine »Musikalischen Charakterköpfe« veröffentlichen. Da berief ihn König Maximilian II., für den und in dessen Auftrage der geistvolle Volksschilderer später auch eine ethnographische Skizze über die Pfälzer entworfen hat, für Ostern 1854 als Professor der Kulturgeschichte und Statistik an die Universität München. Über 43 Jahre hat er dort des Amtes gewaltet, ein Stolz der Münchener Hochschule. Er durfte sich als den ersten betrachten, der die Gesellschaftslehre in Deutschland behandelte. Der Verbreitung der Kunde deutschen Wesens, der Erhaltung und Wiedergewinnung deutscher Art und damit dem allgemeinen deutschen Gedanken, dienten alle seine größeren Werke; ebenso wie die zahlreichen wissenschaftlichen Wandervorträge, deren Einrichtung mit auf ihn zurückgeht und deren er allein von 1869 bis 1895 nahezu 700 gehalten hat. Die schon in der Augsburger Zeit erschienenen beiden Werke: »Die bürgerliche Gesellschaft« und »Land und Leute« erhielten ihre Ergänzung durch »Die Familie« (1855) und das »Wanderbuch«; diese vier Bücher, als Naturgeschichte des Volkes zusammengefaßt, werden immer das Werk bleiben, das seiner Volkskunde in breiten Kreisen Eingang verschafft. Verwandten Inhalts sind die »Kulturstudien aus drei Jahrhunderten« (1859) und das durch einen Wunsch und Gedanken König Maximilians angeregte, so gemütvolle wie gedankentiefe Buch »Die deutsche Arbeit« vom Jahre 1861, sowie viele seiner in mehreren Sammlungen herausgegebenen »Freien Vorträge«. Auch die »Musikalischen Charakterköpfe« fanden eine Ergänzung in der »Hausmusik« vom Jahre 1855. Im besonderen mag hier auf die vielseitigen »Kulturgeschichtlichen Charakterköpfe« hingewiesen werden, die gesammelt 1891 erschienen. Ihr erstes Stück ist zugleich typisch für einen schönen, aus unsern Gelehrtenschulen längst entschwundenen Geist und ergänzt den vorstehenden Abriß von Riehls Entwicklungsgange durch eine Schilderung der Gynmasialjahre in Weilburg. Andre Stücke darin gewähren einen gleich willkommenen Einblick in des späteren Professors Beziehungen zum Hofe und zu den Künstler- und Gelehrtenkreisen Münchens. Wir sehen ihn in der Schilderung einer Fußreise mit König Max, seinem verehrten, unausgesetzt lernbeflissenen Herrn, echt freimütig verkehren. Aus dem elfjährigen persönlichen Verkehre fußt auch die Charakteristik des Königs im siebenten Stück, den wir darin als den anregenden und treibenden Mittelpunkt jenes Gelehrtenkreises schätzen lernen, der in München etwa 1854 bis 1864 auf geistigem Gebiete die Einigung Deutschlands vorbereitete. Doch die Reihe der Schriften des Meisters ist damit nicht erschöpft. In dem Gelehrten und Publizisten Riehl steckte zugleich eine Künstlernatur, die sich nicht darin erschöpfte, daß er gelegentlich komponierte, nach der Natur malte und seinen lehrhaften Schriften, namentlich seinen Charakterköpfen, plastische Form verlieh. Sie drängte ihn auch zu frei erfindendem, dichterischem Schaffen, und so wertete er seine kulturgeschichtlichen Erlebnisse und seine reichen Erfahrungen in zahlreichen Novellen aus, die, wenn nicht gewaltig, so doch immer geistvoll und feinsinnig gestaltet sind. Diese Sammlungen heißen der Zeitfolge nach: »Kulturgeschichtliche Novellen«, »Geschichten aus alter Zeit« (2 Bde.), »Neues Novellenbuch«, »Aus der Ecke«, »Am Feierabend«, »Lebensrätsel«. Er selbst hat mir mehr als einmal versichert, daß er »seine Novellen für das Dauerhafteste halte, was er geschrieben habe«. Es sind durchweg kulturgeschichtliche Novellen, für die er diese Bezeichnung mit der ersten Sammlung aus dem Jahre 1856 selbst geprägt hat. Sie sind nicht um geschichtlicher Belehrung willen geschrieben, sondern wollen durchaus dem Kunstgenuß dienen, nur daß ein auch die Gegenwart noch bewegendes psychologisches Problem, ein Seelengeheimnis seine Lösung auf dem sachkundig gezeichneten Hintergründe einer Zeit findet, mit der es naturhaft verwachsen ist. Und mögen diese nach Art vorklassischer Sarabanden und Suiten graziös im doppelten Kontrapunkt über zwei thematischen Motiven aufgebauten Erzählungen in ihrer wohlgegliederten und durchdachten Gedankenführung immerhin nicht die Leidenschaftsglut, die sich überschlagende Laune anderer Meister der Novelle haben, eines zeichnet sie vor allen andern aus: »weil ihm vor allem unser deutsches Land und Volk lieb war, ist der Verfasser stets auf deutschem Boden geblieben«. Vielfach bewegt er sich darin auf nassauischem Schauplatz, dem Boden seiner Heimat. Er umspannt mit seinen 50 Novellen über ein Jahrtausend deutscher Geschichte, von 762 bis 1880, und seine Erzählungen enthüllen von den mannigfachsten Seiten alle Eigenarten der deutschen Volksseele. Mit den ersten drei Bänden seiner »Naturgeschichte des Volkes« sind sie weit über die deutschen Grenzen hinaus gelesen. An der Schwelle des Greisenalters, im Jahre 1892, ward dem rastlos Tätigen eine schwere Prüfung auferlegt in einem sich rasch fast bis zur vollständigen Erblindung steigernden Starleiden. Doch er, der in seinem Buche von »Der deutschen Arbeit« wahrhaft ein hohes Lied von der Arbeit gesungen hat, überwand auch dieses Hindernis. Fast ohne daß außer seinen Angehörigen jemand die Schwere seines Lebens ahnte, hielt er seine bis zuletzt begeisternden Vorlesungen. Vor allem aber sammelte er sich in diesem »dunklen Jahre« zu geistigem Schauen, zu einem inneren Überblick über seinen Entwicklungsgang und die Einwirkung all seiner reichen Erfahrungen und Studien auf sein innerstes, seelisches Teil. Die Frucht dieser Sammlung war ein Buch, das er einer Freundin seines Hauses, seiner späteren zweiten Gemahlin, in die Feder diktierte: »Religiöse Studien eines Weltkindes«. In der schlichten Sprache des echten Künstlers erhalten wir darin zu der heute wieder mächtiger als seit langem die Welt bewegenden Frage vom Wesen und Werte der Religion und der Kirche ein Zeugnis, wie es so ernst, vielseitig und gewichtig nur ein Mann abzulegen vermag, der wie Riehl neben dem umschauendsten Studium des Kunst- und Geisteslebens aller Völker und Zeiten auch denkend ein eigenes Leben reicher Erfahrung leben durfte und der mit evangelischer Bekenntnistreue den Geist echter Duldsamkeit verbindet. – Gerastet hat der Unermüdliche, der »den wahrhaft Gebildeten den Vorschmack des Himmels auf Erden in der Seligkeit der Arbeit finden« läßt, bis zuletzt nicht. Als er am 16. November 1897 starb, war eben noch ein Roman von ihm ausgegeben worden unter dem Titel: »Ein ganzer Mann.« Nicht mehr allzu gestaltungskräftig und oft reichlich lehrhaft, hat er damit gleichwohl seinen lieben Deutschen als Bürgern wie Menschen einen letzten köstlichen Mahnruf hinterlassen, worin mit liebenswürdigem Humor die mannigfaltigen Erfahrungen eines erfolgreichen Lebens und Forschens und einer vielseitigen Verwaltungs- und Lehrtätigkeit verbucht sind. Wie der bürgerliche Alfred Saß, der führende Mann mit dem niederdeutschen Namen, in der Vereinigung mit der wärmer empfindenden Hermine Aweling, der Trägerin eines süddeutschen Namens aus adligem Hause, erst völlig hineinwächst in die große neue Pflicht, auch zu können, was man soll in der großen neuen Zeit, steht die liebevolle Versenkung in die deutsche Vergangenheit und das Wirken für die größere Gegenwart darin in innigster Wechselwirkung. Skizze zu einem Selbstbildnis Von Alfons Paquet Von den Gottesdiensten der kleinen christlichen Glaubensgemeinschaft, der meine Eltern angehörten, bis zu den geschäftigen und glänzenden Tagen der Stadt, wenn der Kaiser im goldenen Kürassierhelm die Burgstraße hinauf zum Schlosse ritt, war nur ein Schritt. Die Stadt ist meine Heimat, die Straße, die Hauptstraße, die bescheidene Wohnung im dritten Stock des Mietshauses an der Ecke vom Badgäßchen, das mit veränderten Fassaden noch heute dasteht. Meine Eltern lehrten mich, »in der Welt zu sein, aber nicht von der Welt zu sein«. Dieses Doppelte erlaubte mir eine Hinwendung zur Welt, die zuweilen hemmungsloser war als bei anderen. Aber sie gab mir auch einen Abstand zu ihr, der zuweilen notwendig ist, um zu sehen, daß sie nur ein paar Fetzen Land in riesigen Meeren ist, ein nur wenig gerunzelter Boden in einem Ozean von Luft, Höhe und Geist. Meine Eltern gingen den schmalen Weg der ehrsamen kleinbürgerlichen Geschäftsleute, hinter denen noch ein Handwerk steht; ich brauchte nichts, als ihnen zu folgen. Aber das war in der Stadt, die sie zum Wohnort gewählt hatten, nicht möglich, denn diese Stadt heißt Wiesbaden, sie ist ein eigentümlich auseinandergezogenes Gewächs über den versteckten Vulkanen des mittelrheinischen Bodens, wie eingefüllt in einen Becher vor den Höhen des Taunus, die sie umziehen. Ihre Winter sind lau, ihre Sommer dumpf und glühend. In der Mitte kocht jene starke, heiße und heilende Quelle, die den Einwohnern kaum noch etwas anderes ist als der Motor ihrer Beschäftigungen. Überall sind Gasthäuser, Ärzte und Pensionen. Die ewige Dampfwolke dieser Quelle wehte einst aus breiten Sümpfen und Wäldern hervor, aber sie schlägt sich längst an der Glaswand der Kochbrunnenhallen nieder, in denen unablässig die Prozession der Fremden wandelt, die aus trüben Gläsern das kräftig schmeckende bräunliche Wasser trinken und zuweilen auf den gelben Strudel hinstarren, zu dem sich vom niedern Rand aus Marmor die Wasserschöpferin hinunterbeugt. Es ist leicht, in der angenehmen Landschaft um Wiesbaden, die in Täler ausläuft und sich zum Rheingau hin verbreitert, ein Kind zu sein. Aber dem Menschen, der hier wachsen muß, fehlt zu sehr der Werktag. Es sind viele Besucher hier, junge Leute in Tenniskleidern, alte in Peieslocken und langen Kaftanen. Alle kommen wie aus dem Grenzenlosen, und die Stadt gehört ihnen zu sehr. Ich mußte viele Städte gesehen haben, bis ich endlich in Peking und in Athen glücklich war. Wenn ich aber jetzt von Heimat spreche, meine ich Frankfurt. Meine Vorfahren waren Stadtleute, und ich liebe nichts so sehr wie Städte. Ich fühlte mich immer wieder zu Städten hingezogen, bestieg Türme, las Landkarten immer wieder, um die Städte, diese dichten, oft rätselhaften Gestaltungen, zu übersehen. Allmählich lernte ich die mittelmäßigen beiseitelassen und wählte einzelne Städte gleichsam zu meinen Göttern. Sind nicht heute die Städte allein noch die Träger des großen, künstlichen, planmäßig geschaffenen Glanzes, die über den dunkeln Gewölben bedrückter Existenzen und unheilbaren Elends mutig das ganze Dasein der Menschenmasse in den Wind des Schicksals, in die Entscheidungen einer noch unausgetragenen Krisis drängen? Sie sind alle zusammen der Ausdruck einer großen, noch unausgetragenen Krisis, in die der ewig forschende, tätige, genußfrohe Mensch verwickelt ist, dieser tapfere, kühne Mensch des Fortschritts und des Besitzes, der sich vor keiner Verantwortung scheut. Aber vielleicht scheut er sich nur deshalb nicht vor seiner Verantwortung, weil er sie in ihrem ganzen Maße nicht kennt? Alle Städte wollen das Unmögliche. Sie sind tragisch. Deshalb liebe ich sie. Ich selbst komme mir manchmal vor wie eine Stadt. Mein Vater, der die Sprachen liebte, nahm den Fünfzehnjährigen aus der Schule. Er fand meine Neigung zu den Büchern bedenklich, und er schickte mich nach London. Ein ungewöhnliches Experiment für einen kleinen Geschäftsmann. Ich begann als Lehrling im Tuchgeschäft meines Onkels an der Oxfordstreet, verlor mich aber bald in die Dockhöfe, die Parks, die Museen. Ich mischte mich in die von Straßengängern, Straßenschauspielern und Straßenpredigern unterhaltenen und aufgewühlten Menschenrudel am Rande des Hyde Park. Ich lief mit meinen vom Mund abgesparten Schillingen zu Mr. O'Dell, einem Phrenologen, der am Ludgate Circus ein schmales Schaufenster mit seinen schematischen Kartons und Anerkennungsschreiben füllte. Ich spüre noch heute die leichte, intelligente Hand, die mir in diesem dunkeln Lädchen, als ich auf einer Bank vor einem offenen Schalter Platz genommen hatte, von rückwärts über Brauen, Stirn und Schädelwände fuhr, ich höre noch die angenehme und ruhige Stimme der unsichtbaren Person, die das Inventar meiner geistigen Anlagen vor mir hinbreitete und schließlich alles in dem Satz zusammenfaßte, ich sei zu einem Künstler der Sprache, vielleicht zu einem Volksredner geboren. Ich war fast noch ein Knabe, meine damalige Umgebung; meine unterbrochene Schulausbildung, alles, was mich erwartete, schien wie ein Hohn auf diese Verheißung. Aber ich fühlte, jedes Wort, das ich dort in dem Halbdunkeln kleinen Lädchen hörte, war die Wahrheit. Ich begriff auf einmal, was es war, wenn ich im Londoner Regen, die Lederdecke bis an die Brust gezogen, eine billige Ausgabe Byrons, die Romane des alten Dumas in der Wachstuchtasche, auf der Höhe des Omnibus dahinjagte. Ich besuchte die Ausländerklasse in einer Sprachschule, um irgend ein Fleißzeugnis mit nach Hause zu bringen, aber ich verbrachte Tage in den Dockhöfen, Marktstraßen und Versammlungshallen von Whitechapel; abends von sechs bis neun saß ich in der Guildhall-Bibliothek und las alte Bände der »Deutschen Rundschau« mit ihren krausen, langen, erregenden Polemiken für und gegen Nietzsche, mit den indologischen Aufsätzen Max Müllers, mit den niederschmetternd schönen Erzählungen Gottfried Kellers, mit dramaturgischen Aufsätzen, die mir heiß machten. Jeden Morgen lockte mich die endlose Stadt auf denselben Weg nach Chancery Lane, jeden Mittag der Themsedamm, jeden Abend die Bibliothek mit ihren livrierten Dienern, ihren Lesepulten, ihren Gänsekielen, und dann der abenteuerliche Heimweg durch eine von Fischbratereien und Märkten erfüllte, von Fackellicht erleuchtete Straße hinter den wild daherjagenden vier Pferden der Trambahn. Als mich die Eltern an den Weihnachtsbaum zurückriefen, war ich ihren vier Wänden so fremd geworden, daß meiner Mutter die Tränen aus den Augen stürzten. Ich wurde Lehrling daheim in der Werkstatt eines früheren Arbeiters meines Vaters. Als ich später für ein Jahr Volontär in einem Herrenmodengeschäft in Mainz geworden war, stieg mein Widerwillen. In Berlin war ich noch ein paar Monate im Kontor einer Großhandlung und wagte dann den Absprung. Ohne ein Wort russisch zu können, reiste ich nach Sibirien. Die Ostchinesische Eisenbahn war eben fertig geworden, ich fuhr hin, um sie als einer der ersten zu beschreiben. Ich kam bis an den Rand des Stillen Ozeans und kehrte aus einigen Abenteuern nach Heidelberg zurück. Ich konnte das Studium fortsetzen und blieb von nun an immer ein wenig von dem, was ich dort draußen hatte sein müssen, bereit zu jedem Aufbruch. Ein halbes Jahr später landete ich in Neuyork. Ich ging nach Saint Louis, dann durchstreifte ich die Staaten bis nach Denver, schrieb für die Mississippi-Blätter und sammelte ein paar Kisten voll Bücher für die sozialen Institute Wilhelm Mertons in Frankfurt. Im Herbst 1904 saß ich im Kolleg bei Lujo Brentano in München. Dort in meiner Dachstube in der Richard-Wagner-Straße schrieb ich die Gedichte nieder, die ich aus Amerika mitgebracht hatte, und dachte an die Türkei. Ich brach im Sommer auf, reiste auf der Anatolischen Bahn und ritt über den Taurus, um Jerusalem zu sehen. Die mystische Stadt, das Gegen-London! Aber ich sollte sie nicht erreichen. Noch nicht! Es war wie eine Prüfung. Erst nach Jahren durfte ich den Boden dieser Stadt betreten, die wie ein Schiff mit gläsernem Boden ist, über einem unergründlichen, niemals zu erhellenden Meer. Ich schleppte aus Syrien meinen vom Fieber federleicht gewordenen Körper nach Hause und gesundete in der Nähe der Mutter. Ihre Flamme war im Erlöschen. Es waren die letzten Monate ihres Lebens, ich nahm von der noch Lebenden in angstvollen Träumen Abschied. Als ich dann nach Jena gegangen war, ging auch sie aus dem alten Kreise, in dem sie dreißig Jahre gelebt hatte, und starb einsam in einem stillen Waldtal ihrer Heimat. Ich blieb zwei Jahre in Jena. Meine Arbeit war ein dickes Buch über das Ausstellungsproblem in der Volkswirtschaft, ein Werk, das sich unter der Hand zu einer Systematik des Ausstellungswesens auswuchs. Ohne meine eigenen Beobachtungen auf den großen Ausstellungen in Düsseldorf und Saint Louis und ohne die Gedanken, die ich mir über die Ausstellungsformen machte, zu denen die Museen und die Messen, die Schaufenster, die alten gefestigten Symbole wie alle die vergänglichen Reklamezeichen unseres mit Schaustellungen durchsetzten Städtelebens gehören, wäre ich wohl nicht auf den Gedanken gekommen, mir gerade diese Aufgabe zu wählen. Es war ein Reiz und eine eigentümliche Angst in der entsagungsvollen Klausur jener Universitätsjahre; der Reiz, einem Phänomen des Sichtbaren einmal bis in seine letzten Absichten und Verästelungen zu folgen, ein Entdecker vorher noch nicht gesehener Zusammenhänge zu sein, und die Angst, daß diese Gefangenschaft in der ordnenden, reinen Verstandesarbeit länger dauern könnte, als mir zuträglich war. Als ich fertig war, brach ich alle Fortsetzungsmöglichkeiten ab. Es war Winter. Ich reiste mit einem kleinen Vorschuß der Frankfurter Zeitung und der Geographischen Gesellschaft zu Jena in der Tasche sofort nach Sibirien zurück. Bei Nacht, in tiefem Schnee und in bitterster Kälte feierte ich mein Wiedersehen mit Tomsk. Hier blieb ich einige Monate wohnen, bis die Steppe zu blühen begann. Dann reiste ich den Strom hinauf, mietete Knechte und Pferde und stieg über das Altaigebirge. Ich war Odysseus in den Sandwüsten der Mongolei, in schneebedeckten Bergen, ein Fremdling unter den Mongolen, dem ritterlichsten und armseligsten der Völker. Ich warf eine ungeheure Last von mir. Unter diesen Menschen lebte ich auf der Stufe eines früheren Jahrtausends, in diesen Wildnissen lernte ich kennen, was Freiheit ist. Seht doch den einzelnen, den aus allem Stillstand entlassenen Eremiten, den Entdecker auf eigne Faust, mit der Handvoll Leute, die er um sich hat, sibirische Fuhrleute und mongolische Reiter. Er kennt von diesen wettergebräunten Burschen nicht einen, er ist auf ihre Erfahrungen, auf ihre Ausdauer, ihre Geduld, ihre Scheu vor dem Unmöglichen angewiesen. Seht den beharrlichen, schweigsamen, von derben Flüchen und heimlichem Geflüster durchwürzten Kampf der kleinen Karawane mit dem Sand, mit den Kristallmassen des Gebirges, mit reißenden kleinen Flüssen, mit den Gummiflächen der Sümpfe, mit dem Wetter, das morgens Frost und mittags Rotglut ist. Ihr Führer, losgelöst von der geistigen Masse, der er entstammt, schwebt in der Luft. Als ein armer Späher und Pilger überschaut er die Landschaften, auf denen sonst das kühl merkende Auge nicht ruht. Der Fremdling verläßt die Landschaft auf Nimmerwiedersehen. Doch ein Faden zieht sich hinter ihm her durch das Labyrinth des Unerforschten, der das Gesehene nun in das Netz des Gekannten einmal für immer verknüpft. Der Himmel zeigt Haufenwolken, Strichwolken, dünnen oder dicken Schnee, Feuchthitze, klare Spiegelungen. Die Erde stäubt das trockene Mehl des Löß, schlingt Strudel von Sand, setzt Kiesel unter den ewig bewegten Fuß. Der Bruder Mensch dort draußen übt seine Energien in Widerspenstigkeiten, in groben und seinen Lügen, im gastlichen Schenken, im heiteren Diebstahl, in plumpen oder blitzenden Drohungen. So charakterisiert er sich selbst, und der Eindringling hilft ihm dazu. Kein Wunder, daß die Luft zuweilen sehr dünn ist. Innerlich befreite sich so der dichterische Mensch in mir von dem wissenschaftlichen. Oder der Gegensatz begann sich zu lösen. Der naturforschende Mensch blieb der Begleiter des höheren, geistgesandten, deutete ihm herb und treu die Welt und empfing von ihm die schönen, gaukelnden Deutungen. Ich fühlte unermeßliche Jugend im Stolz eines hohen Dienstes. Ich empfand mich pflanzenhaft als einen Trieb am Wachstum eines freudigen Deutschland zwischen Geist und Natur in der Mitte. Ich hatte gewagt, die ersten geographischen Gedichte zu schreiben. Es waren Gedichte des Auges. Ich studierte, um reisen zu können, die fremden Länder, die für Europa wichtigen, noch unbekannten Verhältnisse des Ostens. Das bloße Beschreiben und Darstellen der Dinge war mir nie die Hauptaufgabe. Es war mir trotzdem ein Weg zum Wesentlichen, ein Stück Weltphysiognomik. Das Auge bescheint das Sichtbare wie das Unsichtbare, man kann im Sichtbaren nicht leben, ohne Unsichtbares zu fühlen. Auch das Unsichtbare kann nicht sein, ohne daß es einmal sichtbar würde. Meine Erzählungen entstanden aus Ansätzen, in denen noch die großen Vorbilder der erzählenden Menschendarstellung nachwirkten, in meinen wenigen Romanen lebt der Mensch unter dem Schicksalszwang seiner Gesichte. Meine Erzählungen haben eine klare Linie, sie bleiben gleichsam als Wegzeichen meiner persönlichen Entwicklung stehen, sie sind da, wo der Mensch von heute seine Unwelt, seine Gesellschaft in ihrer Unruhe durchschaut. Auch meine Reisebücher zeigen das; mir waren sie ein notwendiger Ausdruck des dichterischen Wollens, das vor den Wirklichkeiten nicht die Segel strich. Jedes der Reisebücher ist in einer anderen Tonart geschrieben, unter anderen Vorzeichen, vom selben Menschen wohl, doch in einer andern Schicht. »Li oder Im Neuen Osten« ist Bericht von einer Entdeckung des fernen Ostens in seinen schärferen Konturen, in seiner Typenverwandtschaft zu unserer abendländischen Welt, in seinem Anlauf zum Schicksal von heute. »In Palästina« ist die Begegnung mit einem Wesen, das zweitausendjährig in uns selber wirkt, ein Umkreisen dieses Wesens in seiner magischen, unwiderstehlichen Anziehungskraft. »Im kommunistischen Rußland« ist ein Augenzeugenbericht höchste, stoisch-empfindliche Aufmerksamkeit; »Delphische Wanderung« ein Buch der reinsten Freude am Sichtbar-Farbigen, ein Wort der Liebe und der Ironie vor einer mit kostbaren Zeichen beschriebenen, in neuen Gärungen stehenden, Farbe wechselnden Welt. »Der Rhein, eine Reise« aber ist nicht meine Reise, – ich machte sie in vielen Etappen, in Wiederholungen und Erinnerungen, – sie ist die Reise des Stromes selber. Von seinen Abenteuern, Wandlungen, Entschlüssen, Aufenthalten und Wesenskräften ist die Rede; nicht mehr von den Übernachtungen, Abenteuern, Geschwindigkeiten des Reisenden. Ich war immer wieder im Osten, immer wieder zieht mich der Osten an wie eine große schöne Ahnung. Dreimal in China, öfter noch auf vorasiatischem Boden. Ich bin ein Mensch des Westens, aber ich habe genug vom Osten in mich aufgenommen, um zu wissen, daß im Osten jede Frage schlummert, deren Antwort unser europäisches Schicksal heißt. Unsere westliche Welt hat ein großes Wissen. Aber dieses Wissen in wenigen Menschen, in wenigen Büchern verborgen, es gehört nicht allen. Sie ist abgeschlossener, unwissender als wir ahnen. Vielleicht wird sich eine Welt, die kommen wird und die bereits begonnen hat, unsere eigene zu durchdringen, wenig um unsere Gewohnheiten von heute kümmern. Unsere Art des Denkens und Handelns braucht mehr Gültigkeit. Mag sein, daß dem Europa der Maschinen und der Konferenzen zuletzt noch der Entwurf zu einer neuen Welt gelingen wird, ich sehe wohl die Möglichkeiten zu einem solchen Entwurfe, der große Experimente fordert. Aber keines dieser Experimente wird gelingen, das nicht den Osten mitbedenkt und ihm Rede steht. R. Biringer, Burg Runkel. Nassaus Anteil am Schrifttum der Gegenwart Von Karl Lehmann Rheinlands Notzeit, die seit dem unglücklichen Ausgange des Krieges herbes Schicksal über die einst so frohen Lande brachte, führte vielleicht tiefer, als es die Jahre des Glückes getan hatten, in die Seele des rheinischen Menschen. Als die Begehrlichkeit der Sieger auf geraden, dann auf krummen Wegen, die Rheinlande dem deutschen Vaterlande entreißen wollte, ward man drinnen und draußen des ungeheueren Geschehens sich bewußt, bei dem es um die deutsche Seele ging. Die deutsche Seele in doppeltem Sinne. Des rheinischen Menschen Seele kann nur stark und frei sein als deutsche Seele, und die deutsche Seele mußte verarmen, wenn ihr nicht aus der ewig sich erneuernden Frische der rheinischen Seele die Kräfte immer wieder zuströmten. Am ewigen Strome deutschen Schicksals leben diese eigenartigen Menschen, die bei allem Zeitergreifen, aller überschäumenden Lebenslust die Ewigkeitssehnsucht in ihren Herzen tragen. So ist es kein Wunder, daß am Rheine von der Quelle bis zum Niederrhein, bis dort, wo der Strom, müde und zum Sterben bereit, in ein anderes Land fließt, zu allen Zeiten Denker und Dichter wohnten. Vom lustigen Fabulierer bis zum grüblerischen Sucher sind sie alle vertreten, und wenn es auch in der zünftigen Literaturgeschichte bisweilen bestritten wird, so mag es dennoch nicht unwahrscheinlich sein, daß am Rheine die Wiege der deutschen Literatur gestanden hat. Wen sollte es wundern, daß dort, wo im wahrsten Sinne das Rheinland Weinland ist, in jenen Gefilden, wo einst Karl der Große die Reben pflanzte und heute noch in lauen Sommernächten über die Brücke schreitet, die goldne Strahlen über den Strom bauen, im Nassauischen, so etwas wie eine Dichterecke zu finden ist, die im Rahmen der zeitgenössischen Literatur ihre Bedeutung hat. Als die Waffen ruhten und die Stürme der Revolution über Deutschland dahinbrausten, erstand der wild zerklüfteten, zerrissenen Zeit in Fritz von Unruh , ihrem »chaotischen Sohn«, der Deuter und Dichter. Mit seinen Dramen »Geschlecht«, »Platz«, »Der Rosengarten« wird er als Repräsentant des deutschen Expressionismus seine Bedeutung behalten. Bilder von rasender Glut stempeln sein »Geschlecht« zu einem der leidenschaftlichsten Dramen, rücksichtslos ist im »Platz« der falsche Revolutionsgeist gegeißelt, während es im »Rosengarten« um die Rettung der deutschen Seele geht, die in der Wirrnis der Zeiten heimatlos geworden ist. Eigenartig ist Unruhs Entwicklung in der Lösung vom Zwange der Tradition. Er, der als Offizier einst noch den Krieg als etwas Heiliges betrachtete, sah diese angelernte Meinung draußen zerbrechen, rang sich durch zum Pionier neuen Menschentums: »Ich sehe tief in das Herz der Welt, da deine Kraft aus neuer Liebe neue Menschen schafft.« Auch in seinen Reden, in seinem Reisebuch »Flügel der Nike« tritt sein neues Ethos klar heraus, will Unruh der Zeit Verkünder und Führer werden, zu deren bedeutendsten Köpfen er gehört. In diesem Sinne ist er, so verschieden auch sonst die beiden Dichter in allem andern sein mögen, eng mit Leo Sternberg verknüpft. Sternberg ist im Laufe der letzten Jahre immer mehr auf den ihm gebührenden Platz in der deutschen Literaturgeschichte gestellt worden. Seine blutverbundenen, in der Heimaterde wurzelnden Dichtungen sowie die Farbigkeit, Fülle und Geistigkeit seiner rheinischen Erzählungen: »Der Venusberg« und »Von Freude Frauen sind genannt«, tiefer, ewiger Gleichnisse, die seinen Ruhm als Erzähler fest begründen, machen ihn zum Repräsentanten des mittelrheinischen Kulturkreises. Typisch in dieser Hinsicht ist sein »Frühmesser«, jene ergreifende Erzählung, in der er, an ein schweres Schiffsunglück auf dem Rheine anknüpfend, in grauenvoller Realistik die Unglücksminuten schildert und im Anschluß daran, fast mystisch, von der Kraft des Glaubens, dem Wunder des Wollens redet. – Vielseitig, von edlem Suchertum erfüllt, ist Sternbergs Lyrik, deren Spannweite, vom reizenden Naturlied bis zur tiefsten Menschheitsdichtung reicht. Auch um die Anerkennung als Dramatiker ringt Sternberg. Ein starkes Erlösungsdrama »Gaphna« hat sich leider ebensowenig wie das geschichtliche Drama »Die Junggräfin« trotz guter Aufnahme der Uraufführungen weiter durchgesetzt. Aus dem Erleben der letzten Jahre erwuchs das Schauspiel »Judas«, das noch der Erprobung auf der Bühne harrt. Eine Auseinandersetzung mit den Menschen in den Tiefen des Menschenlebens ist vielleicht das charakteristischste Merkmal im Schaffen Fritz Philippis . Sein Schaffen ging aus von der innerlichsten Erfassung der Westerwälder Bauern, unter denen er lebte, um dann, durch die Erschütterungen des Berufslebens – Philippi war eine Zeitlang Zuchthausgeistlicher –, dem Seelenleben der Gefangenen nachzugehen und auch ihrer Seelennot gerecht zu werden. Es klingt in seinen Werken viel auf, was im Grunde an Gerhart Hauptmanns geistige Welt erinnert. Es ist der gleich brünstige Schrei nach Menschenliebe, es ist die gleiche innere Entrüstung über das kalte, selbstgefällige, unmenschliche Richtertum, das ihm, wie Hauptmann, das Richteramt als die größte menschliche Anmaßung erscheinen läßt und ihm, dem stillen Dichtersmann, der uns einen Strauß der zartesten Dichtungsbücher flocht, die Feder zur Kampfschrift über »Strafvollzug und Verbrecher« in die Hand drückte, einem Büchlein, das damals zu schreiben, Mut und Mannhaftigkeit erforderte. Die Welten von Unruhs, Sternbergs und Philippis faßt in gereiftem Künstlertum Rudolf G. Binding in erstaunlich wesentlichem Werke zusammen. Quelle seiner Dichtung ist eine fast mystische Liebeskraft: ein liebender Glaube, der die Menschen in ihrer Schwäche groß und in ihrem Fehlen noch rein sieht. Zu immer leidenschaftlicherer Kraft wuchs seine dichterische Gabe auch im Kriege. Was andere zerbrach, – ihm formte sich auch das schrecklichste Erleben nur zu neuem Glauben: Alles Leben wird schön durch diese Kraft. Wenn wir uns nur »den Strom des Alls nicht bannen« lassen, dann wird uns »Leben und Tod ... gleiches Berauschen«. Überall in Bindings zahlreichen Werken findet sich diese Einstellung, die Binding nicht nur innerhalb des nassauischen, sondern auch des deutschen Schrifttums unserer Tage zu einem eigenen, und was die Form angeht, glänzenden Dichter unserer Tage macht. – Eine andere Seite des rheinischen Wesens offenbart Alfons Paquet . In seinen Adern rast das unruhige Blut, das durch die Welten treibt. Seinem Geiste genügt es nicht, am friedlichen Herd zu rasten und stille Weisen zu sinnen. Er gehört zu dem Schlag, den wir in den rheinischen Gauen so oft finden, der brüderlich die Menschen erkennen und umschlingen will. Er ist sich seines Odysseusloses aus der Erde innerlich bewußt. So liebt er die Welt und ihre Städte und setzt sich ein, »die Erde zu bezwingen und in allen Fugen sie auszuforschen und zu deuten wie ein Bote und Kundschafter von einem andern Stern«. Seine Dichtungen erfassen so die Welt, die Städte, die Menschen; sie gehen an die sozialen Fragen und finden von ihnen aus, wie es nun einmal Leitsatz unserer Tage ist, den Weg zur Menschheitsdichtung im anderen Sinne. Eine »Ehrerbietung des Menschen vor dem Menschen, des nächsten vor dem fernsten« muß wiederkommen, dann wird der Mensch auch wieder Gott schauen. Auch unseres rheinischen Landes Schicksalstage sind ihm nur eine Station auf dem Wege, auf dem wir Menschen, wie er einmal sagt, »durchs Trübe schauen und zur Reinheit dringen«. Neben die bisher genannten Dichter, die über ihre Heimatgrenzen hinaus schon lange verdiente Anerkennung gefunden haben, tritt eine wackere Schar junger Talente, die aus der heimatlichen Scholle ihre Kraft nehmen und sich berufen fühlen, mitzuweben an einer neuen Zeit. Da ist das vielseitige Talent Otto Stückraths , der in jeder Dichtungsform in künstlerischster Weise und Gedankentiefe sein Suchertum ausströmt. Stückraths Weg führte in zähem Ringen aufwärts. Ihm wuchs seine dichterische Kraft aus den Tiefen des Volkstums. Je mehr er sich darin versenkte, mit um so größerer Instinktsicherheit lernte er Menschen und Volk zeichnen in all ihren Lebensäußerungen. In ihrer Vielgestaltigkeit lockten sie den Dichter, ihnen in jeder dichterischen Form nachzugehen, was Stückraths Schaffen einen besonderen Stempel ausdrückt. Aus seinen tiefen volkskundlichen Kenntnissen erwachsen ihm blutwarme Erzählungen von unerbittlicher Wahrheit. Erfreulicherweise hat in den letzten Jahren auch Willy Arndt die Anerkennung gefunden, die dieser ehrliche Ringer und verinnerlichte Lyriker verdient. Sein Dichten treibt aus dem Herzen, strömt aus der Verbundenheit mit der Erde; so ist seine Kunst tief, bodenständig, und seit seinem lyrischen Erstling »Leben, Liebe und Licht« und dem »Eitelborner Krippenspiel«, einer echten Volksdichtung, in ständigem Aufstieg begriffen. Man muß weiter Hans Gäfgen nennen, mit seinem Faltermärchen, das mit seiner verträumten Welt einen Romantiker offenbart, wie er nur am Rhein gedeihen kann. Heinrich Leis , ebenfalls »ein Romantiker der Jetztzeit«, ist ein Dichter mit Spielmannsblut, dem's darum geht, »mit seiner Träume erdentbundenem Schweifen / Den Mantel der Unsterblichkeit zu streifen«. Sein letztes Büchlein »Zwischen Traum und Tag« wird gewiß nachdrücklicher auf ihn aufmerksam machen, nachdem er bereits mit »Der König und der Narr« und »Der Wanderer ins All« von der Bühne zu uns sprach. – Durch die Welt gekommen wie Paquet ist Hans Grimm . Doch formten sich ihm die Erlebnisse in Afrika und Europa zu ruhigeren Bildern, ernst und beschaulich gestaltet er das Leben, und aus abgeklärter Lebensauffassung verkündet er sein Ethos. Dieser Dichter konnte deshalb auch mit seinem großen Roman »Volk ohne Raum« daran gehen, den Roman des deutschen Menschen »im Geflechte deutscher Erfahrungen« zu schreiben. Welterfahrung und Lebensweisheit schufen hier ein Buch, das in einer Sachlichkeit ohnegleichen das Wesentliche eines Volkesschicksals in zwingender Weise Erlebnis werden läßt. Mit diesem Buche ist Hans Grimm mit entscheidendem Schritt in den Kreis der Dichter der Zeit getreten, mit denen man sich noch lange wird auseinandersetzen müssen. Hans Ludwig Linkenbach hat für sein Talent in dem Berufe, der ihn ins Reich der unterirdischen Erzadern führte, die Anregung gefunden. So wird dieser Sohn des Lahntales zum Dichter der Arbeit, ein Vorläufer eines heute besonders im Schwange stehenden Schrifttums. Die frische Kraft und der unbändige Freiheitsdrang seines Werkes macht es auch da sympathisch, wo der Dichter noch nicht das Letzte leistet. – Auch Willy Rath ringt noch um dauernde Bedeutung. Auf der Bühne hat er, gestützt auf eine Reihe schlagkräftiger Lustspiele, z.B., »Der Scharfrichter«, »Hans Distelfink« u.a. schon manchen Erfolg errungen. Daneben ist er als Epiker, Lyriker, Satiriker nicht zu übersehen. Mit Recht sagt Leo Sternberg Die nassauische Literatur. (Staadt, Wiesbadens) von ihm: »Die schon in dem Grundton seines Prosastils vernehmbar gewordene lyrische Begabung ..., die durch seine »Vielverschlagenheit« erlangte Weltkenntnis, die für den Lustspieldichter unerläßlich ist, der echte rheinische Humor und die menschliche Weise Raths sind Eigenschaften, die bei seinem ausgesprochenen Lustspieltalent zu schönsten Erwartungen berechtigen«, die Rath gewiß zum Teile schon erfüllt hat. Wie Linkenbach seine Stoffe in seinem Berufe suchte, Grimm und Paquet sie oft in fernen Landen fanden, hat sich auch bei Otto Anthes das Talent in der Schule des Berufes gebildet. Grazie des Geistes und Ernst der Problemstellung, die er seinein nassauisch-rheinischen Blute verdankt, erheben ihn zu einem beachtenswerten Epiker und Dramatiker von allgemeiner Bedeutung. Als feinsinniger Lyriker, vor allem als Vermittler zartfarbener Naturstimmungen muß August Kruhm mit seinem kleinen, zu Hoffnungen berechtigenden Gedichtbande »Klänge« hier ebenfalls genannt werden. Am bekanntesten nach außen hin ist aber wohl Rudolf Presber geworden. Im Geiste seiner Dichtung will man das echte Rheingauer Blut erkennen. Und in der Tat: von seinen ersten Werken, wie etwa: »Aus dem Lande der Liebe« oder »Von Leutchen, die ich liebgewann« bis zu »Haus Ithaka«, dem letzten frohgestimmten Roman, liegt über Presbers Werken der behagliche Humor, wie er wohl dort seine Heimat hat, wo beim Dufte der Rebenblüte frohen Menschen im Sonnenglanze des Lebens goldne Jugend lacht. Das nassauische Schrifttum, vielseitig, von anspruchsloser Heimatdichtung bis zum tiefsinnigen Problemwerke, hat seinen unbestreitbaren Platz im deutschen Schrifttum der Gegenwart: es ringt, mit den Brüdern stromabwärts zusammen um den neuen Menschen, der schließlich kommen muß, wenn das Geschehen der furchtbaren Jahre auch nur irgend einen Sinn gehabt haben soll. Nassaus Dichter mühen sich als geistige Kämpfer mit darum, daß Deutschland in Zukunft »ein Volk des Weltbeseelens neben und über dem Weltbesitzen, ein Volk des Denkens und Dichtens, neben und über dem Welterraffen werde«. K.H. Zunn, Schloß Montabaur. Nassauische Mundart und Mundartdichtung Von Otto Stückrath Von einer nassauischen Mundart kann man, streng genommen, nicht reden. Der Ausdruck aber hat sich für die Mundarten des Regierungsbezirks Wiesbaden eingebürgert. Willkürlich gezogene neustaatliche Grenzen kennt die Mundart nicht; die vorhandenen Grenzen für einzelne sprachliche Erscheinungen sind durch die ältere politische Gestaltung des Landes bedingt. Gerade das Gebiet des jetzigen Regierungsbezirks Wiesbaden ist mundartlich keineswegs einheitlich. Wenn auch das gesamte Land von Franken besiedelt wurde, denen sich nach Osten zu Chatten zugesellen, so sind doch innerhalb des Gesamtfrankenstammes sprachliche Unterschiede so deutlich bemerkbar, daß man zu der Dreiteilung Rhein-, Mosel- und Kölnische Franken gekommen ist. Fast der ganze Taunus gehört zu dem rheinfränkischen, fast der ganze Westerwald zum moselfränkischen Gebiet. Nur ein verhältnismäßig kleiner Zipfel um Hachenburg weist die kölnische Mundart auf. Wir stellen also, aus einem kleinen Gebiete zusammengedrängt, drei verschiedene Mundarten desselben Volksstammes fest. Gehen wir nun von Ort zu Ort, so finden wir auch da örtliche Besonderheiten. Beobachten wir die Mundart eines Ortes, so gliedert sie sich unschwer in die Mundart der älteren und die der jüngeren Leute. Achten wir einmal auf die Rede eines Menschen, der die Mundart spricht, so bemerken wir, daß auch der einzelne die Mundart ganz verschieden behandelt. Er spricht mit seinesgleichen anders als mit dem Fremden, bemüht sich, wenn er mit hochgestellten Leuten spricht, die Mundart nach Möglichkeit abzustreifen; denn er hat ja in der Schule Hochdeutsch gelernt. Bei den nassauischen Mundarten setzt eine literarische Überlieferung erst verhältnismäßig spät ein. Alte Sprachdenkmale, die die ältere Mundart der Gegend festhalten, gibt es nur wenige. Auch in späterer, vorneuhochdeutscher Zeit, trat sie als Mundart, die von irgend einer größeren Kanzlei gebraucht worden wäre, nie in bedeutenderem Ausmaße in Erscheinung. Es ist also ganz anders als bei den niederdeutschen Mundarten, die schon in alter Zeit ihren Schreiber und Dichter fanden und dadurch an Fülle, Kraft und Schmiegsamkeit so gewannen, daß sie den nassauischen Mundarten darin überlegen sind. Bis vor hundert Jahren gab es Dichtungen in den Mundarten des Nassauer Landes wohl kaum. Dann begann es in den größeren Städten, vor allem in dem damals noch selbständigen Frankfurt a.M. sich zu regen. Hier war eine alte Überlieferung, ein berechtigter Bürgerstolz, eine Neigung zum Festhalten des Alten, Überkommenen vorhanden. Carl Malß versuchte sich als einer der ersten mit großem Geschick und ausgezeichneter Kenntnis der Mundart Frankfurts in verschiedenen Dialekttheaterstücken, von denen der »Bürgerkapitän« geradezu als Kultur- und Sprachdenkmal bezeichnet werden muß. Weit über den Kreis seiner Vaterstadt hinaus bekannt wurden die Mundartdichtungen Friedrich Stoltzes . Seine Reime: »Es is kää Stadt uff der weite Welt, Die so merr wie mei Frankfort gefällt, Un es will merr net in mein Kopp enei: Wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei! sind Volksgut geworden. Es eignet diesem tapferen, geradherzigen Manne eine wundervolle Beweglichkeit der Sprache; er macht nicht etwa nur Witze, sondern hat einen köstlichen, frechen Humor, der bis zu einer barocken Stimmungslyrik ausreicht; ernste Vorwürfe dagegen gestaltet er nur schwer, dichtet aber ganz aus dem Geiste der Mundart. Überall merkt man den Schalk, der sich, über die Gefühle und Gefühlchen des ehrsamen »Berjersch« lustig macht. Von seinen Nachahmern ist er nicht übertroffen worden, und nur die Dichtungen Karl Ettlingers »von eme alde Frankforder« haben etwas von echtem Humor und virtuos gehandhabter Mundart. Noch ehe Dichter sich um die nassauische Mundart bemühten, gab es literarische Erzeugnisse, die im Munde des Volkes gingen. Es ist die »kleine schöne Literatur des Volkes«, wie sie in Kinderreimen, Rätseln, Märchen, Schwänken und in selteneren Fällen auch im Volksliede vorliegt. Hier aber zeigt sich die Mundart in prachtvoller Plastik, und es ist leicht begreiflich, daß die ersten Sammler und Forscher auf dem Gebiete der Mundart gerade auf diese Stücke zurückgriffen, wenn ihnen die eigentliche Mundartliteratur fehlte. So finden wir schon in der Firmenich'schen, alle Dialekte des germanischen Sprachgebiets umfassenden Sammlung »Germaniens Völkerstimmen« (Berlin 1846) eine stattliche Anzahl von Proben nassauischer Mundarten. Auch der zweite Band des mundartlichen Sammelwerkes von Joseph Kehrein »Volkssprache und Volkssitte in Nassau« (Bonn 1872) wartet mit einer ganzen Fülle von ernsten und heiteren Stücken auf, von denen eine Reihe durch Herübernahme in die von Otto Stückrath veranstaltete Sammlung »Mir sein von hie« vor Vergessenheit bewahrt bleiben. Ein anderer Sprachforscher, Karl Christian Ludwig Schmidt, veröffentlichte in seinem »Westerwälder Idiotikon« (Hadamar 1806) sein »Hotzelmouslied«, das, wenigstens in Bruchstücken, heute noch im Volksmunde lebt und sich mit einem Preise des »Hotzelmous« (Mus von getrockneten Birnen) nach Art des Claudiusschen »Kartoffelliedes« begnügt. »O, wer nor hätt' der Hotzeln vill, Dö wör aus aller Nut! Doi Känn sei dobei mouterstill, En blären em ka Brut; Ag spart mer domöt Botter 'n Kös, daht Salz, dett Schmalz, dett Fett, Der G'sondhat sei se ag gemöß; Wer nor vill Hotzeln hätt!« Eine Art traditioneller Mundartdichtung besitzt das ehemalige Residenzstädtchen Dillenburg, dessen »Wochenblatt« in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts manchen Beitrag in der Mundart enthält. Auch die Weilburger Kerb hat schon frühzeitig einen Mundartdichter gefunden. Alle diese älteren Zeugnisse einer beginnenden nassauischen Mundartdichtung kommen über eine gewisse bürgerliche Hausbackenheit, die die Mundart fast nur in scherzhafter oder gar tölpelhafter Weise benutzt, nicht hinaus, und diese traditionelle Benutzung hat der ganzen nassauischen Mundartdichtung geschadet und die Meinung aufkommen lassen, sie eigne sich nur zur Darstellung scherzhafter Dinge. Ein starkes Talent auf dem Gebiete der dialektischen Schwankdichtung war der Wiesbadener Franz Bossong , der in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit seinen »Gedichten in Wiesbadener Mundart« und »Gelunge Gescherr« einen Zeitabschnitt der nassauischen Mundartdichtung einleitete, der anscheinend noch nicht völlig zum Abschluß gekommen ist. Franz Bossong hat eine außerordentlich gemütliche Art, zu erzählen; das Wiesbadener Idiom ist ihm biegsam genug, wirkliche Reime zu schaffen, die nicht nur Übersetzungen aus dem Hochdeutschen sind, sondern sich als aus dem Geiste der Mundart geboren darstellen. Wie Friedrich Stoltze sein Frankfurt und die Frankfurter verherrlichte, so erfand Bossong für Wiesbaden und die Wiesbadener charakteristische Strophen. Auch in Prosa erzählt Bossong ganz vortrefflich; seine Nachfahren haben die von ihm erzählten Scherze vielfach nachgedichtet und da sie schärfer zu pointieren wußten wie das »Birreche«, so werden ihre kürzeren, drastischeren Fassungen den echteren Stücken des ersten Erzählers vielfach vorgezogen. Bossong machte auch den Versuch, die Mundart für die ernste Dichtung zu erobern. Otto Klein , der unter dem Decknamen Nielk in zwei Gedichtbändchen »For'n Kreizer Allerhand« veröffentlichte, reicht an Bossong nicht heran, wenn auch sein »Hännesche von Ailertche« lange Zeit ein beliebtes Vortragsstück war. Nur da, wo er in sein eigenes Erleben hineingreift und naiv erzählt, wirkt er ganz echt. Von Bossong angeregt ist auch Rudolf Dietz , der in seinen ersten Dichtungen sich der Mundart von Naurod bei Wiesbaden bediente, dann aber jene Mischmundart der Gebildeten schreibt, die sich an das Hochdeutsche oft bewußt anlehnt. In seinen sieben Versbüchern »Deham is deham«, »Lustige Leut'«, »Nix for ungut«, »Pefferniß«, »Siwwesache«, »Uhrtornspäß« und »Zwiwwele« drängt alles zur Kürze, zum scharf ausgearbeiteten Witz. Aber seiner ganzen Arbeit könnte der Kehrreim seines Gedichtes »Sunndags« stehen: »Was is doch die Welt an em Sunndag so schee', Ich meecht jo mei' Lebdag nit sterwe!« Das ist völlig ernst gemeint und entspricht der Wesensart des Dichters in vollstem Maße. Er erzählt einen Spaß mit Virtuosität, und ein Gedicht, wie »Die Deppedazion« gewinnt der Situationskomik des beliebten, von Bossong schon in Prosa bearbeiteten Stoffes sogar eine politische Pointe ab. »Der Herzog hatt de Engehahner En Wald geschenkt, un's wor kaa' klaner. Drei Mann sich machte uff die Baa', Dofir dem Herzog Dank ze saa', Un innerwegs wor festgesetzt, Was jeder met dem Herzog schwetzt. Der irscht sollt saa': »Der Herzog lewe!« Der zwaat: »Die Herzogin dernewe!« Der dritt: »Un 's ganze Land soll lewe!« Se kome glicklich in die Stadt. Der Herzog aach erlaabt dann hat, Deß sich die Engehahner Leit Bedanke fir sei' Freindlichkeit. Der Adjutant, der fihrt se nuff Un micht en aach die Dihr noch uff. Der irscht, wie der enin will gih', Der stolpert, schmeißt virn Herzog hi' Nn sät: »Des Laad, des sollste kriehe!« Baaf, daht der anner uff em liehe Un krext: »Die Fraa Gemahlin aach!« Un schrumm, der dritt om Burrem lag: »Un 's Ländche aach!« – – – E poor Johr druff – 's is ewig schad – Do hatt des Herzogtum des Laad!« Jedenfalls hat Dietz die von ihm benutzte Mundart als »nassauische« auch außerhalb der Grenzen des Landes bekannt gemacht und eine Fülle von Nachahmern gefunden. Neben ihm haben unter andern Lina Forst, Karl Heinz Hill, Gottfried Cramer, Wilhelm Römer und Theodor Wittgen die Mundart in Vers und Prosa benutzt. Mancher ihrer mundartlichen Leistungen gegenüber muß jedoch bemerkt werden, daß die Mundart nicht zum Spielzeug in der Hand irregeleiteter Gebildeter entarten sollte. Denn sie ist, um mit Goethe zu reden, doch immer noch »das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft«. Eigenes bringen nur Frieda Reuting , die außer ihren Geschichten aus dem alten Höchst auch ein Wörterbuch der Höchster Mundart schrieb, der jugendliche Georg Rieser , der unter dem Titel »Eure« eine kleine Sammlung von Gedichten in der Mundart von Auringen-Medenbach herausgab, und Ludwig Rühle , von dem das lustige Buch »Als gebloose ihr Buwe« erschien. Rieser versucht sich mit Glück und Geschick auch bei ernsteren Stoffen, schmiedet seine Liebesliedchen und hat in seinem »Staaklopper« tatsächlich aus der Seele des einfachen Mannes gedichtet: »Jetzt iß de Winter do, Schnieferrern falle leis. Mei Knochehänn wärn bloo, Mei grooe Hoorn wärn weiß. – Mei Herz kloppt leis unn mied. Fest kloppt mei Faust die Staa. Die Staa, die misse klaa, Guck nor, wies Feuer sprieht, Sprieht uff unn muß vergieh. Bahl isses schworz versunke. Mei Lewe wor nit mieh, Nit mieh, wie su en Funke. Aanst hots jo mieh geleucht, Wie mer noch jinger worn, Dochs hot nit weit gereicht. – Ich worn fir noh geborn. Ganz noh, fir unser Erd. Ich hunn mich dief gebickt Unn hunnse dreu geflickt, Wenn aaner se verheert. – Jetzt is de Winter hie, Sei Dureglocke läure. Mei Hammer leiht im Schnie Un bei em Laad unn Freure.« Seine »Motzerei« aber ist flott und schmissig hingeworfen, fast an gute Volksreime gemahnend: »Mädche, worim schmollste? Mach kaa Sache! Ewig lieb sei, sollste, Ewig lache! Motzkopp, gebb mer Put. Sei mer gut!« Ludwig Rühle schreibt die Mundart der oberen Lahn unübertrefflich echt. Die Vorrede zu seinem Büchlein ist ein Kabinettstückchen mundartlicher Prosa: »Wäi aich noch su e ganz klaa Buibche wor, do hot mer mei Kermespatt mol vom Herwerscher (Herborner) Mirtesmaad e Bloosdeng mitgebrocht. Wann mer dodroff gebloose hot, glaabt mer grood, de Gehannstrauwel wern off Ustern reif, or mer dät off de Kresdoog Vajule (Veilchen) blecke – e su schie blous ds Bloosdeng. De Honn hu gehoilt, wann se's hurte, un de Annern sin fortgelaafe, de Leu maan aich. Wann aich e su met mei'm Bloosdeng off'm Puddelfaß gesässe hu, aut schienersch gobs doch net off dr ganze Welt. Stonnelang könnt aich bloose, als immer däi aa Surt. En wann daa däi annern Buwe aus dem Kerchspill zesome kome – bai maich – offs Puddelfaß, deß gob irscht en Spitokel! Mer hu allemol us Schlä kräit – en da wäi! weirer saa'n aich dr naut! Jo, su sein se, de grusse Leu. Irscht kaafe se aam e Bloosdeng, daß mer bloose soll. Mer douts aach, so goud, wäis met dem junge Maul giht, un wann mer bläst, daa soll mer net bloose. 's eß alles verkihrt off der Welt. A meinem Bloosdeng hun aich dersch derallerirscht geprowiert. Däi Schlä worn jo bal vergesse. Su aut haalt rasch. Daa hu mer sich off de Quetschebäm gesaßt un hun weirer gebloose, deß des Backes bal engesterzt eß wäi de Mauern vu Jericho. Als gebloose, ihr Buwe! deß wor mei Wort. Als gebloose, ihr Buwe! Us Herrgott Hot de Bloosdenger gemoocht, un deshalb aach de klaane Buwe. Drim derfe mer aach bloose, su lang wäis uns gout dout. Als gebloose, ihr Buwe, en wenn aach de Stern um Himmel net mih leuchte, dei Fraad um Lewe derfe se dir net strebse, däi murre dir'sche lorre, däi es dei, do host dau e Recht off. Drim: Als gebloose, ihre Buwe, un wann aach dr Hobch (Habicht) die Gaaß noch helt!« Seine Verse reichen nicht an seine Prosa heran, und es fällt ihm augenscheinlich schwer, stofflich das rechte Maß zu halten. Die Urwüchsigkeit und Kraft dieses Dichters aber darf nicht verkannt werden; selbst in stofflich anfechtbaren Stücken offenbart sich ein ursprüngliches, derbes, in seiner Echtheit bezwingendes Können, das vorwärts weist. Eigene Bahnen wandelt auch Wilhelm Reuter, der in der moselfränkischen Mundart seiner Heimat, des Dorfes Prath aus der Höhe bei Kestert am Rhein, denkt und dichtet. Hier sind Töne angeschlagen, die der nassauischen Mundart bis dahin fremd waren. Der weitaus größte Teil seiner Gedichte ist ernsten Inhalts. Was die Bossong, Klein und Dietz nur einmal versuchen durften, das rundet sich hier zu dichterischem Klang: Obschied. Mei Modder dhout die Hand mer drecke: »Gott sähn dich, Kend, un bleiv mer brav!« – Ich glaav, en Trän kemmt mir gelaaf, Jed Wort well mir em Hals verstrecke; Ich dräh mich rem, beiß off die Zänn, Et wouhlt mer dejf em Herze drenn. »Gott sähn dich, Kend, – bes off de Gorte Bes on de Noßbamm gihn ich met.« – »Naa, Modder, naa, dat sollst de net!« – Noch mol die Hand, ganz ohne Worte, Dann eil ich fort de Hob henous, Mei Herz bleivt do em Modderhous. Et wouhlt un giht mer dejf em Herze, Ich eile fort bes off die Hih; Ich dräh mich rem – un nau net mih Kann ich et länger noch verschmerze; Ich setz mich on de Därnepesch, – Do soß ich lang un hon gegresch. Schon rein formal betrachtet bedeutet Wilhelm Reuters Schaffen einen entschiedenen Aufschwung der nassauischen Mundartdichtung. Wie in seinem Sonett »Ich bär' em eind« hat er auch in einer ganzen Reihe von Balladen bewiesen, daß die nassauische Mundart in der Hand eines Meisters sich formen und bilden läßt. Bis jetzt liegen von ihm zwei Sammlungen »Su gihn die Gäng« und »Gott dau host vill Behlcher« vor, die sich langsam aber desto nachdrücklicher durchsetzen. Richard Biringer, Oberursel, Rathaus Der Vollständigkeit halber sei auch der gelegentlichen Versuche von Hans Ludwig Linkenbach, Heinrich Nieder, Fritz Philippi und Selma Lempp gedacht. Mit seiner Prosaskizze »'s Päckelche« steht Otto Stückrath, dessen bereits genannte, in der »Hessen-Nassauischen Bücherei« herausgegebene Sammlung »Mir sein von hie!« Mundartproben aus ganz Nassau enthält, einstweilen allein. Jedenfalls berechtigt das neuere Geschehen auf dem Gebiete der nassauischen Mundartliteratur zu der Hoffnung, daß sie eines Tages, gemeistert von einem Kenner und Könner, aus ihrem Aschenbrödeldasein herausgeführt wird, zu neuem Leben erwacht und sich innerhalb der deutschen Dichtung ihren Platz erobert. Bildende Kunst. Ria Volland, Die Wildweiberlei bei Diez a. d. Lahn. Aus Vor- und Frühzeit der Nassauer Lande Von Ferdinand Kutsch Durch alle Jahrtausende seines Daseins ist es das Schicksal des menschlichen Geschlechtes, nicht frei werden zu können von den Fesseln, durch die es mit den natürlichen Verhältnissen seiner Umgebung verkettet ist, und mit jeder Errungenschaft der Technik, mit der es über die Natur Herr zu werden neue Hoffnung schöpft, wird es sich letzten Endes seiner Hilflosigkeit immer wieder neu bewußt. So bedeuten die »Fortschritte«, die Generationen aneinander heften, bedeutet die »Entwicklung«, wie wir die Abfolge der Erscheinungen nennen, eine lange Kette von Bemühungen, sich durch Überwindung der widrigen natürlichen Verhältnisse selbst zu behaupten und darüber hinaus die Natur dienstbar zu machen. Zu diesem Kampf gesellt sich die Auseinandersetzung der Menschen untereinander, die sich nach ihrer natürlichen Veranlagung schon innerhalb der kleinsten Gemeinschaft, der Familie, nicht, geschweige zwischen größeren Verbänden reibungslos vollzieht. Beide Momente, das Ringen mit der Natur und das der Menschen untereinander, vereinigen sich im Begriff des »Kampfes ums Dasein«, zu dem der Mensch seine stärkste Kraft aus dem Selbsterhaltungstrieb schöpft. Daraus erwächst ihm auch die Fähigkeit, sich Gerät und Waffe zu schaffen, mit denen Unterkunft und Lebensunterhalt, Wehr und Schutz gewonnen werden. Darüber hinaus aber ist ihm ein Etwas eingepflanzt – wir wissen nicht, woher es stammt, aber es ist von Uranfang an vorhanden –, das Verlangen und die Fähigkeit, über das rein Notwendige hinaus zu veredelter Form der Dinge zu gelangen, der Trieb, sie künstlerisch zu gestalten. Wie all diese Momente sich in Vor- und Frühzeit äußerten, das lassen die Bodenfunde der Jahrtausende auch aus dem Nassauer Lande uns erkennen. Unweit außerhalb seiner Grenzen gibt es Fundplätze, die weit ältere Spuren menschlichen Daseins aufweisen als Nassau. So sind die entwicklungsgeschichtlichen Vorstufen, die der Mensch bis zu seiner bis jetzt ältesten Kultur im Lande durchlaufen hat, hier nicht zu verfolgen, und er tritt uns als schon recht weit entwickelter, der Sprache fähiger Typ entgegen, der sich von dem Menschen der jüngsten Erdperiode nicht mehr allzusehr unterscheidet. Die drei nassauischen Fundstellen der älteren Steinzeit, die Steedener Höhlen, die Wildweiberlei bei Altendiez und der Brunnen von Lindenholzhausen, sind während der letzten Eiszeit vom Urmenschen aufgesucht worden. Gegen die Unbilden der Witterung, die wir uns ähnlich den klimatischen Verhältnissen des dem Polareis nahen Sibirien vorstellen müssen, gaben die Höhlen in den Kalkfelsen der Lahn besseren Schutz als Sturmschirme und Zelte, auch Zuflucht vor menschlichem und tierischem Feind. Die Lahn aber und ihre Seitenbäche und die umliegende Steppe lieferten Nahrung durch Fische und jagdbares Wild. Denn an den Feuerstellen, die wir finden, gesellen sich zu den Geräten die zur Markgewinnung aufgeschlagenen Knochen der Höhlenlöwen und -bären, der Wildpferde, Urrinder, Renntiere, Mammute und anderen Wildes. Waffen und Werkzeug sind, soweit aus vergänglichem Stoff wie Holz, natürlich längst verschwunden, doch Stein und Bein sind erhalten und liefern uns von Kulturstufe zu Kulturstufe immer zierlicher werdende scharfe Klingen aus heimischem und fremdem Stein, daneben Lanzenspitzen, Pfriemen und anderes Gerät aus Elfenbein und Knochen, zum Teil mit exaktem Zickzack- oder primitivem Gittermuster. Neben den roheren Erzeugnissen, die den spröderen heimischen Gesteinen, wie Kieselschiefer und Hornstein, wenigstens gebrauchsfertig abgerungen werden, sind denn doch viele andere, besonders solche aus Feuerstein, außerordentlich fein in der Form, in ihrer Art also schön gearbeitet. So haben wir hier wenigstens die Ansätze, die zu gleicher Zeit im Westen Europas zu jenen Kunstwerken der Malerei und Plastik geführt haben, die wir von hier aus fast neidvoll bewundern. Heute noch nicht recht faßbare Vorgänge klimatischer oder auch geologischer Art haben das Ende der Eiszeit herbeigeführt. In langen Jahrtausenden hat sich damit allmählich das Landschaftsbild durch den Wechsel des Pflanzenkleides verändert, vor allem halten Wald und Getreide ihren Einzug. Doch ist die Vorstellung falsch, daß nun alles Land mit dichtem Urwald überzogen gewesen sei, sondern weite Strecken, die von dem in der Eiszeit entstandenen Löß bedeckt sind, waren zu allen Zeiten waldfrei und gaben dem Menschen die Möglichkeit des Ackerbaus und der Siedelung. Das Zurückgehen des Eises hatte zunächst das Abwandern der Kälte gewöhnten Tiere und dann der Menschen, die ihrem Jagdwild nachzogen, zur Folge. Manche blieben freilich und gewöhnten sich langsam um. Über sie kamen wieder andere herein, die nach dem eisfrei werdenden Gebiet heranzogen, und so ist der Übergang zur Waldzeit eine Periode des Wechsels. Der große von der Natur hervorgerufene Fortschritt war der Ackerbau, der zur erfolgreichen Bebauung des Bodens das Aufgeben des eiszeitlichen Nomadentums und Seßhaftwerden erforderte, und das stete Wohnen an einer Stelle hatte auch wieder kulturelle Errungenschaften zur Folge, vor allem die Möglichkeit, zerbrechliche Töpferware für dauernden Gebrauch herzustellen. Stellen wir uns den Eiszeitmenschen über weite Strecken Landes ewig wandernd vor und war seine Kultur ebensoweit gleichartig, so grenzen sich nun in der jüngeren Steinzeit an Hand der Gefäß- und Steinbeilformen Kulturkreise ab, die von Haus aus größtenteils auch Völkerschaften oder Stämme voneinander scheiden. Auch im Grabritus, selbst nach der Lebensweise, die sich aus der Verschiedenheit des Charakters ihrer Fundorte – Waldland oder Ackerboden – erkennen läßt, sind sie zu trennen. Ursprünglich saßen die »Pfahlbauer«, ihren natürlichen Schutz nutzend, in den größeren Strömen in Pfahlbauten und lebten von den Fischen des sie umgebenden Wassers und den Erträgnissen der Felder, die sie auf dem nächstliegenden Lande bestellten. Allmählich siedelte man auch auf das Festland über und umzog, die gewohnte Sicherheit nicht zu missen, die Dörfer mit Wall und Graben. Unregelmäßig lagen darin die Hütten zerstreut, deren Wohn- und Schlafteil der Wärme wegen in den Boden eingegraben war, während das Dach darauf aufstand. Unmengen zerbrochenen Geschirrs, unter dem tulpenförmige Becher in allen Größen vorherrschen, pflegen in der Grubenfüllung um die Herdstellen nebst aufgeschlagenen Knochen fast aller unserer heutigen Haustiere zu liegen und veranschaulichen uns oft genug, wie die Wohnstätten nach und nach vom Boden bis zum Rande vollgewohnt worden sind. So in Schierstein in der Ziegelei Dr . Peters. Dieser Fundort weist auch die Kultur eines anderen Ackerbau treibenden Volkes auf, von dem wir allerdings vorerst noch nicht sicher wissen, ob es den Pfahlbauern vorausging oder sie ablöste. Es hat dieselben fruchtbaren Lößfelder bestellt und in ähnlichen Wohngruben gehaust wie jene. Aber in den Formen des Geschirrs und seiner Zierweise hat es ganz andere »Mode« gehabt. Es fehlt ihm der tulpenförmige Becher, seine Töpfe sind bauchig und tragen hohl geschwungenen Hals. Der Pfahlbauer liebte lederglatte, unverzierte Gefäße, der »Rössener«, wie wir den anderen nach einem Hauptfundort bei Merseburg nennen, schmückt sie mit eingestochenen und mit weißer Paste ausgelegten Verzierungen, die der Korbflechterei mit ihren mannigfaltigen Mustern entnommen sind. Nie haben wir bisher gleichzeitig benutzte Dinge beider Kulturen in einer Grube gefunden, auf ein Nebeneinanderwohnen und gegenseitiges Durchdringen beider Völker ist also auch nicht zu schließen. Ein drittes und viertes Bauernvolk, die »Bandkeramiker«, sondern sich noch von jenen beiden ab durch bomben- und flaschenförmige Gefäße. Eingetiefte Linien, oft mit weißer oder roter Paste gefüllt, zieren die feineren Töpfe, während die groben nur Schnurösen und Griffwarzen aufweisen. Dies haben beide Völker gemeinsam. Aber bei dem einen grenzen bogenförmige Linien Bänder auf den Gefäßen ab, bei dem anderen winklige, und bei diesem sind die Bänder oft genug noch schraffiert und mit groben Stichen versehen. Von der mittleren Donau aus sind die Bandkeramiker bis in unsere Gegend gezogen und sind in Rheinhessen später als die Rössener, bei Marburg an der Lahn aber früher als diese eingetroffen, ohne daß wir für die Nassauer Lande bisher ein Urteil fällen können. Ihr Nachlaß ist bis jetzt zwischen Taunus und Main-Rhein, im Innern in Dauborn zutage getreten. Alle die bisher genannten jüngersteinzeitlichen Völker hatten ihre dörflichen Siedelungen inmitten ihrer Lößfelder, und mitten drunter lagen auch ihre Gräber, oft im Boden der Häuser. So fand sich bei Wiesbaden ein liegender Hocker der Rössener Leute. Weit seltener als die Funde der Ackerbauer sind die Reste zweier Kulturen, die wir an das Ende der jüngeren Steinzeit setzen müssen. Sie stammen, soweit es nicht Einzelfunde sind, bisher nie aus Wohnstätten, sondern aus Gräbern. Das ist wohl kein Zufall, sondern die Behausungen waren zu flüchtig angelegt, als daß sie dauernde Spuren hinterlassen hätten. Seßhaft scheinen diese Leute danach nicht gewesen zu sein, also auch nicht Ackerbauer. Dazu stimmt denn, daß uns ihre Hinterlassenschaft weniger in den Gebieten fruchtbaren Ackerbodens entgegentritt als an den Rändern des Waldgebirges und in der Nähe fischbarer Bäche und Flüsse. Sie sind also Jäger und Fischer gewesen, die je nach der Ergiebigkeit der Jagdgründe ihre Wohnsitze wechselten, wie einst der Urmensch. Ein großer Grabhügel im Heberkies bei Wiesbaden lieferte Becher, deren Wandung in noch feuchtem Zustand durch Eindrücken von Schnur verziert ist, daneben eine bauchige Urne mit schmaler Standfläche, engem Ausguß und Schnuröfen. »Schnurkeramiker« nennen wir nach dem genannten Becher die Träger dieser Kultur. Als Steinbeile führen sie solche von facettierter Form. Sie sind schon Kupferbeilen nachgebildet, und damit rückt diese Kultur ganz an das Ende der jüngeren Steinzeit. Sie ist nicht bodenständig, sondern aus NO , aus thüringischsächsischem Gebiet zugewandert und hat mit der Kultur der Glockenbecher oder Zonenkeramik im Kampf gestanden, in dem sie unterlag. Wie sich diese Vorgänge abgespielt haben, ist natürlich aus nassauischen Funden allein nicht, sondern nur aus größerem Zusammenhang zu ersehen. Da zeigt es sich denn, daß die Schnurkeramiker nicht über den Rhein nach Westen, wohl aber die Glockenbecherleute von Westen her weit über den Strom vorgestoßen sind. Auch der Name der Zonenbecherkultur ist wieder einem technischen Moment entlehnt, denn das charakteristische Gefäß hat Glockenform und ist mit Zonen von eingeritzten Linien und Rädchenmustern verziert. Einen spitzen Nacken (das der Schneide gegenüberliegende Ende) zeigt das begleitende Steinbeil. Auch diese Kultur steht am Ende der jüngeren Steinzeit, aber ohne – im Gegensatz zu schnurkeramischen Formen – bei uns den Übergang zur Bronzezeit spüren zu lassen. Im Wechsel von der älteren zur jüngeren Steinzeit waren es Vorgänge in der Natur, die letztlich die großen Umwälzungen in der menschlichen Kultur verursacht hatten. Eine Erfindung des Menschen hat es im Übergang von der Stein- zur Bronzezeit getan, die Nutzung des Metalls, das der neuen Epoche ihren Namen gegeben hat. Freilich ist es auch diesmal nicht ein jähes Abschneiden des Alten und unvermitteltes Anfangen des Neuen, sondern der Übergang hat sich allmählich vollzogen. Und wenn auch im Umschwung der Zeiten Verschiebungen von Völkern vorgekommen sind, so ist doch nie ein altes Volk so restlos ausgetilgt worden, daß es nicht in dem neu hinzutretenden durch allmähliche Verschmelzung einen wesentlichen Bestandteil ausgemacht hätte. So haben wir oben in der schnurkeramischen Kultur Steinbeile kennengelernt, die schon Kupferformen nachahmen, und wir finden in der Bronzezeit bauchige Gefäße, die noch die Form der schnurkeramischen haben. Die Kunst, Kupfer und Zinn zu Bronze zu mischen, war in den südlichen Mittelmeerländern Jahrtausende früher als in Mittel- und Nordeuropa bekannt und ist um die Wende des 3. zum 2. Jahrtausend v. Chr. von dort hierher gebracht worden. Zunächst ahmte man in den Äxten noch die Formen der Steinbeile nach, aber bald fand man alle Möglichkeiten des Bronzegusses für Gerät und Schmuck heraus und entfaltete nun ein reiches Können in diesem Kunsthandwerk. Aus kurzen Dolchen wurden lange Schwerter mit eleganten Formen; einfach durchbohrte Nadeln, die ursprünglich durch einen gedrehten Faden am Gewand verschlungen waren, wurden im Laufe der Zeit zur federnden Sicherheitsnadel, der Fibel entwickelt; Anhänger aus Ketten und Scheiben, Armbergen aus langen Spiralen und breiten Bändern und viele andere Arten von Schmuck erhielten immer vollendetere Form. Ein durch die Kenntnis des Metalls den steinzeitlichen Leuten weit überlegenes, kriegerisches Volk hat die neue Kultur in das Land gebracht. Ihre Grabhügel sind im Nassauer Land nur wenig gefunden, und im landwirtschaftlichen Gebiet des Löß sind ihre Reste selten. Mit Ackerbau haben sie sich also wenig befaßt, sondern die Feldarbeit den Bauernvölkern, die sie vorfanden und unterwarfen, überlassen. Erst gegen Ende der Bronzezeit ändert sich das Bild. Weisen die früh- und mittelbronzezeitlichen Funde sehr viel Bronze und sehr wenig Töpferware auf, so wächst in der jüngsten Bronzezeit wieder die Masse des Geschirrs, die Bronze wird selten, und nun liegen die jetzt wieder zahlreichen Wohngruben gegenüber den steinzeitlichen räumlich nur wenig verschoben im alten Ackergebiet. Es scheint, daß die alteingesessene Bauernbevölkerung allmählich die eingedrungenen Herren aufgesogen und damit ihre Lebensweise wieder durchgesetzt hat. Freilich sind die Formen von Geschirr und Gerät ganz andere geworden. Alles steht unter der Einwirkung des Metalls, dessen dünne Wände, scharfe Kanten, Treibmodellierung und ziselierte Linienornamentik auf die Tonware übertragen sind. So war aus Altem und Neuem bis um 1000 v. Chr. wieder eine einheitliche Kultur und ein einheitliches Volk geworden, das seine Toten verbrannte und nicht mehr, wie in der mittleren Bronzezeit, in Grabhügeln, sondern in flachen Gräbern bestattete. Da trat zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends, in der beginnenden älteren Eisenzeit, neue Bewegung ein. Völkerdruck von Süden schob die eingesessene Bevölkerung aus dem Lößgebiet hinauf in das Gebirge, und nun wird es in Taunus und Westerwald lebendig. Neuhäusels befestigte Siedelung und die zahllosen Grabhügel, die sich den alten Straßen im Gebirge, besonders ihren Kreuzungen, anschließen und noch die gewohnte Brandbestattung enthalten, sind damals entstanden. Unweit davon, wo die lichten Täler mit ihren Wiesengründen Möglichkeit der Viehwirtschaft und wo Rodung im benachbarten Wald Gelegenheit zum Anbau wenigstens des nötigsten Getreides bot, müssen wir die Siedelungen suchen. Mit den eben genannten Resten räumlich oft vereint tritt der Nachlaß eines Volkes zutage, das um die Mitte des Jahrtausends zum erstenmal in einer frühen Welle auftaucht, der Kelten oder Gallier. Ihre Kultur hat den nächsten Jahrhunderten der jüngeren Eisenzeit ein ausgesprochenes Gepräge gegeben. Im Gegensatz zu der etwas ärmlichen Bevölkerung der älteren Eisenzeit haben sie oft genug ihren Toten köstliche Stücke mit ins Grab gegeben, wie den Wendelring aus den Erdbacher Höhlen. Reichen Schmuck für Pferde, getriebene, gedrehte und gestanzte Scheiben, hat ein Händlerdepot bei Langenhain geliefert und zahlreiches Gerät und Waffen aus Eisen der Ringwall bei Rittershausen. Die Kelten bergen in den Grabhügeln die Toten unverbrannt, im Gegensatz zu der Bevölkerung, die die Gallier im Lande vorfanden, und einmal (bei Hahnstätten) fand sich zwischen Gräbern beider Kulturen eines, in dem die Asche des Toten in einem sargförmigen Ausschnitt beigesetzt war. Die beiden Grabriten haben sich also gegenseitig beeinflußt, und so müssen beide Völker gleichzeitig nebeneinander gelebt haben. In dem schon genannten Neuhäusel dagegen lagen die Schichten beider Kulturen übereinander, einmal ein größeres jüngeres Gehöft über einem kleineren älteren. Es war wohl wieder das neue, häufig vorkommende Metall, das den Kelten die Macht gab, sich über die weiten Strecken Europas, ja bis nach Kleinasien auszubreiten, und zu der technischen Ueberlegenheit gesellte sich eine kulturelle. Denn an der Südküste Galliens, vor allem durch Massilia (Marseille) strömten die Einflüsse hellenistischer Kultur herein und förderten die Gallier außerordentlich. Keltisch verarbeitet findet sich dies Gut in den Formen des 3. bis 2. Jahrhunderts, die in unserem Gebiet zutage treten: köstlicher Schmuck aus Bronze mit all seinen charakteristischen geschwungenen Schnörkeln, Import von westlich des Rheins zum Teil, zum Teil aber sicher auch im Lande gefertigt. Diese Gallier sind in ausgedehntem Maß Ackerbauer gewesen. Ihre dörflichen Siedelungen bedecken wieder die Lößflächen in auch heute noch bevorzugter Lage (z. B. Winkel, Wiesbaden). Kommt noch die Möglichkeit von Bergbau wie bei Braubach-Oberlahnstein hinzu, so ist ein gewisser Wohlstand der Niederlassungen zu erkennen. Aber auch in die Berge hinauf sind diese Gallier gegangen, wie die zahlreichen Hügelgräber, z.B. des Rheingaugebirges, zeigen. Schon im 4. Jahrhundert scheint das nördliche Nassauer Land den Kelten verlorengegangen zu sein. Denn damals ist die genannte »Burg« von Rittershausen in Schutt und Asche gesunken, aller Wahrscheinlichkeit nach durch den größten Gegner, den die Gallier je außer den Römern gefunden, die Germanen. Vereinzelte frühe Vorstöße dieses Volkes weiter nach Süden, z.B. Hofheim i. T., sind ohne nachhaltige Wirkung verpufft. Erst allmählich ist es in das Rhein-Maingebiet vorgedrungen. Spätestens aber im Beginn des letzten vorchristlichen Jahrhunderts ist das ganze Nassauer Land in der Hand der Germanen. P. Dahlen, Karolingischer Türsturz aus Geisenheim. Groß muß die Landnot gewesen sein, außerordentlich aber auch die Kraft, die ihre Scharen aus dem nordöstlichen Europa nach Süden und Westen trieb, bis die Römer ihnen westlich des Rheins Einhalt geboten. Dann schob sich der Schauplatz der Kämpfe auf das östliche Ufer des Stromes. Auch das Nassauer Gebiet hat seinen Anteil daran gehabt, wie in einem besonderen Abschnitt über die Ringwälle erzählt werden soll. Diese Burgen, die in den Gebirgen liegen, bilden neben den vorgelagerten Landstrichen mit ihren Dörfern und Brandgräbern die Hauptfundplätze ihres Nachlasses. Sehr überrascht uns dabei, daß entgegen der landläufigen, durch Tacitus hervorgerufenen Anschauung von undurchdringlichem Urwald und Sumpfgebiet weit in das Gebirge hinein das Land nach Ausweis der Ackerraine und Hüttenpodien in ausgedehnterem Maß als heute unter den Pflug genommen war. Waren wir froh, für den Beginn der jüngeren Eisenzeit endlich einen Volksnamen erfassen zu können, so finden wir nun durch die antike Literatur auch die einzelner Stämme. Von Niederhessen her schoben sich die Chatten zu verschiedenen Zeiten verschieden weit in die Nassauer Lande herein. Bis sie von Drusus wieder abgedrängt wurden, reichten sie einmal bis in das nördliche Main-Rheinknie hinein. Hier ließen sie bei ihrem Abzug um Christi Geburt die Mattiaker (Mattiumleute, nach dem chattischen Hauptort Mattium in Niederhessen genannt) zurück, deren Gau in Wiesbaden seinen Vorort hatte. Ihnen waren hier am Rhein die Ubier vorausgegangen, deren Nachlaß im Gegensatz zu dem der Chatten und Mattiaker westlichen Kultureinfluß zeigt. Im Lahngebiet haben vielleicht Usipeter und Tenkterer gesessen, ohne daß wir sie bisher scharf erfassen können. Mit diesen Namen gewinnen wir ein viel persönlicheres Verhältnis zu den Kulturen ihrer Träger, als es in gänzlich namenloser Zeit möglich war. Fällt der künstlerische Wert ihres Kulturapparates gegen die Schätze ihres älteren nordischen Kulturgutes ab, so ringen uns doch die Germanen durch ihre kriegerischen und staatlichen Qualitäten (vgl. den Abschnitt über Ringwälle) hohe Achtung ab; selbst die Römer, ihre Feinde, haben dem oft Ausdruck verliehen. Und im Kampfe mit diesem Gegner sind die Germanen von Jahrhundert zu Jahrhundert gewachsen, bis sie in absoluter Überlegenheit sein Reich in Trümmer schlugen. Seit die weitgehenden Pläne des Augustus, die Elbe zur Grenze des Reiches zu machen, durch die Schlacht im Teutoburger Walde hinfällig geworden waren, blieb im nassauischen Gebiet zunächst nur ein Ort, der für die Römer Bedeutung hatte: Wiesbaden, Aquae Mattiacorum . Die heißen Quellen und der »Brückenkopf Mainz« ließen die Römer diesen Streifen Landes nicht mehr aufgeben, und er wurde auch wieder gehalten, als nach dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft rechts des Rheins der Strom von der Mitte des 3. nachchristlichen Jahrhunderts ab wieder die Reichsgrenze war. Wenn im ersten Jahrhundert, von 40-50, Hofheim i. T. besetzt wurde, so war dies nur eine Erweiterung des Brückenkopfes, die nicht von Dauer blieb. Erst der Chattenkrieg des Kaisers Domitian, 83 n. Chr., führte durch den Ausbau seiner Erfolge zu einer Grenze, die fast zwei Jahrhunderte das heutige Nassauer Land in zwei Teile zerschnitt. Um das Neuwieder Becken mit seinem Lößland, die Silber- und Bleilager von Ems mit einzubegreifen, wurde der Limes über den Westerwald nach Ems geführt. Von hier aus sind militärische Gründe maßgebend gewesen. Die Grenze strebt nach dem Pohl bei Kemel, jenem beherrschenden Punkt im Taunus, von dem man die Lande nach Norden und Osten weit übersieht, und läuft dann auf der nördlichen Abdachung des höchsten Gebirgskammes über den hohen Taunus dem Nordrand der Wetterau zu. An der Grenzsperre haben Jahrhunderte gebaut, in engem Zusammenhang mit der Organisation des Grenzheeres, die sich den jeweils veränderten Verhältnissen sehr geschickt anpaßte. Hinter dem Limes dehnte sich zunächst noch eine militärische Zone aus. Dann kam das bürgerlich verwaltete Gebiet der civitates Mattiacorum und Taunensium , der Gaue um Wiesbaden und Nida, einem Ort, der zwischen Praunheim und Reddernheim bei Frankfurt a. M. lag. Der Charakter dieser Städte, der natürlich auch auf die ländlichen Siedelungen abfärbte, war durchaus der provinzieller Niederlassungen an der Grenze des Reiches. Öffentliche, bisweilen auch private Bauten aus Stein zeugten von ihrer Wohlhabenheit, die auf dem Gewerbe und vor allem auf dem Grenzhandel beruhte. Neben wenigen wirklichen Römern, höheren Offizieren und einigen Kaufleuten, war die Bevölkerung einheimisch, d.h. ein Gemisch von Germanen und Kelten, zu denen noch die ausgedienten Soldaten verschiedener Herkunft kamen. Wiesbaden hatte durch seine warmen Quellen natürlich eine besondere Bedeutung, genoß sogar damals schon einen Ruf, der bis in des Reiches Hauptstadt reichte. Das »flache Land« war großenteils an die Gutshöfe angesiedelter Kolonen verteilt, dazwischen lagen Dörfer der Ortsansässigen. Der Hausrat der provinzialen Gutsbesitzer war zwar »römisch«, d.h. in örtlichen Werkstätten in verwässerter römischer Form hergestellt, römisch frisiert auch ihre religiösen und geistigen Anschauungen, aber von der wirklich römischen Kultur des Südens waren die Leute doch sehr weit entfernt. Gleiche Erscheinungen beobachten wir unter entsprechenden Verhältnissen ja auch heute noch. Je weiter von der nächsten Stadt weg, desto stärker war natürlich der Einfluß der heimischen Bauernbevölkerung, wie es uns z.B. das Gemenge »römischer« und rein germanischer Funde in dem Landgut bei Bogel (Kreis St. Goarshausen) deutlich zeigt. Etwa drei Generationen genoß das Grenzland ruhigen Friedens, schon vom Ende des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts an wurde er nicht unerheblich gestört. Die geringen Ausstrahlungen provinzialrömischer Kultur über die Reichsgrenze hinaus waren nicht imstande, die Völker außerhalb zu dauernder Ruhe zu erziehen, im Gegenteil reichten sie gerade dazu aus, sie militärisch zu den gefährlichsten Gegnern auszubilden. Andererseits sank aber auch der innere Halt des römischen Heeres mit dem des Staates mehr und mehr, so mußte schließlich ein allgemeinerer germanischer Angriff zum Erfolge führen. Um die Mitte des dritten Jahrhunderts ging das rechtsrheinische Land dem römischen Reich verloren. Gewiß versuchten vereinzelte energische Kaiser im Laufe der nächsten 150 Jahre noch hin und wieder, die alte Grenze wiederzugewinnen, und teilweise scheinen sie sogar den Limes wieder erreicht zu haben. Von Dauer aber waren diese Erfolge nicht. Schließlich wird man froh gewesen sein, den Rhein selbst wenigstens der lebensnotwendigen Schiffahrt zu erhalten. Noch Valentinian hat hart an dem rechten Ufer des Stromes Befestigungen angelegt (z. B. Burgus von Niederlahnstein), die nur diesen örtlichen Zweck verfolgen. Interessant ist nun, die kulturelle Hinterlassenschaft dieser späten »Römer« zu sehen, denn neben römischem Geschirr liegt in den Trümmern solches, das man allein gefunden eher für jüngereisenzeitlich halten würde. Die Leute dieses Strom- und Grenzschutzes waren also eine Milizart aus in dem Land angeworbenen Leuten, die von römischer Kultur so weit entfernt waren, wie die Marokkaner von der französischen. Solchen Grenztruppen gegenüber, selbst wenn sie um 250 noch besser waren, hatten die germanischen Eroberer natürlich leichtes Spiel. Doch sind im einzelnen die Vorgänge dieser »Völkerwanderungszeit« noch schwer zu durchschauen, sogar hinsichtlich des archäologischen Nachlasses der Völker, die das Nord und Süd, West und Ost verbindende Land in jener Zeit durchzogen haben. Im südlichen Nassau sitzen im 3. Jahrhundert schon Alemannen, schwerlich über das Taunusgebirge hinaus nach Norden. Schon wie wir die gleichzeitigen Leute im Lahngebiet und Westerwald nennen sollen, wissen wir noch nicht. Im 5. Jahrhundert sind auch Burgunden den Main herunter gewandert und haben höchstwahrscheinlich in Gräbern von Wiesbaden Reste hinterlassen. Erst mit dem Eindringen der Franken um 500 sehen wir wieder klarer. Bodenfunde und Ortsnamen lassen uns im Verein miteinander erkennen, wie in weitgehendem Maße sofort das alte römische Kulturland im Rhein-Maingebiet von den fränkischen Kriegern besiedelt wurde, im Innern des Landes aber zunächst nur die militärisch wichtigen Straßenübergänge über Täler und Bäche, vor allem die Lahn. Von hier aus greift dann die Siedelung erst nach und nach in die dazwischen liegenden Lande. Diese Jahrhunderte beginnen erst allmählich das Dunkel zu lüften, das über ihnen schwebt. Die Gräber, deren Beigaben bis in die karolingische Zeit reichen – diese verschwinden unter dem Einfluß der Kirche –, geben uns gewiß einen Begriff von dem täglichen Gerät, im übrigen aber sind wir mit Ausnahme der siedelungsgeschichtlichen Schlüsse auf spätere Quellen angewiesen, die schriftlich in der karolingischen Epoche einsetzen. L. v. Matuschka-Greiffenclau, Das graue Haus zu Winkel. Besonders ist dies hinsichtlich des wichtigsten Kulturträgers zu bedauern, der auf jene Zeit gewirkt hat, der Kirche. Denn die Franken, die unser Gebiet in Besitz nahmen, waren ja seit Chlodewigs Sieg über die Alemannen Christen, wenn auch das Christentum nach dem offiziellen Übertritt erst nach und nach in dem Volke Boden faßte. Mehr und mehr fand aber doch durch seine Lehre und seinen Kult und schließlich sehr stark durch den Hof der karolingischen Kaiser auch der Faktor wieder Eingang in die Lande, der bis in die modernste Zeit hinein unsere Kultur beeinflußt hat, die Antike. Damit begann die Überwindung des Unheils, das die kriegerischen Ereignisse der Völkerwanderung in kultureller Hinsicht gebracht hatten. Aber grundlegend ist nun die Art, wie die Kultur des Südens im Lande wirkt, gegenüber der römischen Zeit geändert. Zwar haben schon die Franken des 5. Jahrhunderts von den späten Römern technische Fertigkeiten, wie Töpfern auf der Drehscheibe, Glasschmelzen und andere hand- und kunstgewerbliche Zweige übernommen, aber der antike Formenschatz dringt nicht mehr in die breite Masse, in der durchaus das hergebracht Germanische herrscht, sondern nur in eine gesellschaftliche Oberschicht, wird aber auch hier schon abgewandelt. Sehr deutlich empfindet man diesen Prozeß bei der verhältnismäßig spät wieder einsetzenden Steinarchitektur. Richard Biringer, Höchst, Justinuskirche Von Hause aus kannten die Franken nur Holz- und Fachwerkbau, und erst im 8. Jahrhundert beginnen sie wenigstens bei den hervorragenderen Gebäuden zum Steinbau überzugehen. Außer den Sitzen höherer Verwaltungsbeamter sind es vor allem die Kirchen, die aus den Holz- und Fachwerkdörfern durch ihren massiven Bau aus Stein herausragen. Von weltlichen Gebäuden steht in Lorch noch eine starke Mauer mit einem Portal im Erdgeschoß und mit drei Säulen einer Fensterarkade im ersten Obergeschoß. Auch das Graue Haus in Winkel gehört noch mit wesentlichen Teilen jener Zeit an. Häufiger sind noch in Kirchen karolingische Reste nachweisbar. Urkundliche Überlieferung, Beobachtung des Mauerwerks, Maßverhältnisse und Architekturstücke vereinigen sich, uns ihre Zeitstellung erkennen zu lassen. So ist die Justinuskirche in höchst bald nach 826 errichtet, und spätere Jahrhunderte haben so wenig an dem Bau geändert, daß nicht nur der Grundriß – von ihm hat man im spätgotischen Chor neuerdings auch die Fundamente der karolingischen Apsiden gefunden –, sondern auch aufgehendes Mauerwerk hinreichend hoch erhalten ist, um seine dünnen, exakten Steinschichten mit einem derben Fugenstrich als charakteristisch erkennen zu lassen. Es ist der Typ der altchristlichen Kreuzbasilika, bei der sich mit äußerster Schlichtheit im äußeren Aufbau im Innern eine scharfe wagrechte Linienführung paart, die von allen Punkten aus den Gläubigen zum Hochaltar leitet. Einfacher noch als die Justinuskirche in Höchst ist die des hl. Egidius in Mittelheim, wo unter Benutzung karolingischer Reste das 12. Jahrhundert ganz auf dem alten Grundriß eine Basilika erbaut hat. An ihr ließ sich unter Kontrolle von Höchst, Seligenstadt, Steinbach im Odenwald und Bierstadt ein karolingisches Fußmaß wiedergewinnen, das naturgemäß kein geringes Kriterium zur Beurteilung weiterer Kirchen bildet. Aus Geisenheim und Bierstadt – hier noch an Ort und Stelle – besitzen wir Türstürze, die durch ihre Verzierung ganz in Kerbschnittmanier aufs deutlichste verraten, daß sie in einer Zeit entstanden sind, in der die »Steinmetzen« zur Ornamentierung der Steine nur den altgewohnten Vorrat der Holzschnitzereien an den Fachwerkhäusern besaßen. Auch die Kapitale in Mittelheim haben zum Teil noch rechte Holzprofile, zum Teil aber Eierstäbe, die ihre antike Herkunft gerade noch fühlen lassen. Welche Steinarchitektur muß aber schon damals im Lande gewesen sein, wenn wir auf verhältnismäßig engem Raum außer in den genannten Orten auch im Kloster Eberbach und Östrich, an der Lahn in Limburg und Dietkirchen solche Reste haben. Was uns die Kirche aus religiösen Gründen in den Gräbern seit dieser Zeit an Beigaben genommen hat, gibt sie uns an Architektur über der Erde wieder. Mit der Konsolidierung des fränkischen Staates unter den Karolingern und seiner Expansion nach Osten und mit der damit verbundenen Kolonisation und Kultivierung durch den Staat in engster Verknüpfung mit der Kirche sind nach den Stürmen der Völkerwanderungszeit für die Länder am Rhein und so auch für die Nassauer Lande endlich wieder Verhältnisse entstanden, die eine stetere Entwicklung und Entfaltung auch in kulturellen Dingen gewährleisteten. Und gleich dieser Anfang, die Zeit Karls des Großen und seiner Erben, war eine der Höhen im Wandel der Geschichte, die zu erklimmen das Schicksal dem deutschen Volk nur in Abständen von Jahrhunderten vergönnt. Nassauische Kunstdenkmäler seit dem Mittelalter Von Rudolf Michel Das Zeitalter der Hohenstaufen bedeutet die Blüte der deutschen Kunst des Mittelalters und hat auch im Bereich unserer nassauischen Heimat kirchliche Baudenkmäler von hohem Rang hinterlassen. In der geschichtlichen Sonderentwicklung unseres Landes liegt es begründet, daß die zweite Blüte deutscher Kunst, in der Zeit des Humanismus und der Reformation, wohl bedeutende Bildhauerarbeiten, wenigstens in dem ehemals kurmainzischen Gebiet, aber keine hervorragenden Bauten und keine Erzeugnisse bodenständiger Malerei hervorgebracht hat. Unter stärkerer Anlehnung an die Formen bildender Kunst des Auslandes hat schließlich deutsches Barock des 18. Jahrhunderts kleine, aber anmutige Residenzen nassauischer Fürsten geschaffen. Ungemein malerisch eingebettet in romantische Waldtäler liegen Eberbach im Rheingau, Marienstatt an der Nister in des hohen Westerwaldes »Kroppacher Schweiz« und Arnstein, dieses etwas erhöht auf einem Hügel, der dem Dörsbach des engen und vielgewundenen »Jammertals« eben noch den Eintritt in die Lahn verriegeln zu wollen scheint. Alle drei heute noch fast unveränderte Bilder tiefsten Klosterfriedens, wie in den Tagen der Staufen, dem Zeitalter ihrer Gründung. Es ist dasselbe, das uns zu seinem Beginn die ersten großen romanischen Gewölbebauten in den unserer Heimat benachbarten Domen am Rhein in Speier, Mainz und Worms geschenkt hat, während an seinem Ende schon gotische Bauweise aus dem Westen her ihren siegreichen Einzug hält. In dem königlichen Dom zu Limburg an der Lahn, der Perle aller Baukunst in Nassau, erscheinen klar und entschieden die ersten Sprossen der neuen nordfranzösischen Art in glücklichster Vermählung mit der alten romanischen Grundlage. In Marienstatt, der jüngsten dieser vier Kirchen, zeigen sich noch mehr Einflüsse französischer Gotik in etwas rauherer Behandlung. Es ist nicht von ungefähr, daß sich diesen zwei Beispielen aus der in Deutschland so kurzen frühgotischen Epoche in Nassau zwei andere unweit unserer Grenze zugesellen: der Chor von Heisterbach und die Marienkirche in Gelnhausen. In jener Zeit schweren Ringens zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt waren nicht mehr die Kaiser und die Bischöfe die Bauherren, sondern es treten als solche die Mönchsorden am stärksten hervor, und zwar jetzt mit den treibenden Kräften ihrer großen Reformbestrebungen. Es sind nicht mehr die vornehm ruhigen, kulturfreundlichen Benediktiner, es ist die neue Kerntruppe der Zisterzienser und Prämonstratenser in ihrem zunächst rücksichtslos schroffen Kampf gegen die Welt, deren Loslösung aus den Fesseln kirchlicher Gewalt man langsam, aber unaufhaltsam sich vorbereiten sieht. Das Ziel der klerikalen Gegenwirkung ist Ausrottung alles Weltlichen, mindestens innerhalb der Kirche, die zu vermönchen ist. Beherrschung der Gewissen gilt ihnen mehr als Erziehung des Volkes zu weltlichem Fortschritt im Ackerbau und im Gewerbe, in Kunst und Wissenschaft. So scheinen sie aus tief religiös-kirchlichen Gründen kunstfeindlich und haben doch einen neuen, eben ihren Zielen entsprechenden, großzügig herben Baustil geschaffen. Ein gutes Beispiel dieses neuen mönchisch-asketischen Stils ist – neben Maulbronn – unser Eberbach bei Eltville am Rhein, wie jenes eine Gründung der Zisterzienser 1131. Aber nicht mehr wie dort ist die Klosterkirche eine flachgedeckte Pfeilerbasilika, sondern (nicht aus Konzession an größeren Formenreichtum, vielmehr nur aus Nützlichkeitsgründen) ein Gewölbebau, 1186 geweiht und wohl auch vollendet. Vorbild ist das deutsche, gebundene romanische System, nur daß die den Pfeilern vorgelegten rechteckigen Glieder, die die Gurte tragen, nicht bis zum Boden reichen, sondern oberhalb der Arkadenpfeiler von schlichten Konsolen aufgefangen werden. Soll man diese für alle Bauten des Ordens fortan typische Eigenheit auch aus dem Streben nach möglichster Einfachheit erklären? – Diese waltet bis ins kleinste hinein. Aller Schmuck durch Plastik und Malerei ist verpönt, sogar die Schlußsteine der Gewölbe spart man. Die Türme fehlen ganz, der Fassade auch die Portale. Der Dachreiter statt Vierungsturm ist später aufgesetzt. Chor und Seitenkapellen sind nicht rund oder polygonal, sondern rechteckig begrenzt. Jede andere Form, alles Zuviel wäre als weltlich erschienen. Und doch entbehrt ein solcher, rein auf das Nützliche und Notwendige eingestellter Bau nicht des künstlerischen Reizes, im Innern durch die fein abgewogenen Raumverhältnisse, im Äußeren durch die malerische Lage am Eingang zu der weitläufigen Gruppe der anderen geräumigen Klosterbauten inmitten des verträumten Waldtales zu Füßen des steil sich erhebenden Rheingaugebirges. Das 14. Jahrhundert zog die kleinen alten Fenster der oberen Reihe in ein einziges sehr großes, gotisches zusammen, schuf auch die dem südlichen Seitenschiff vorgelagerten Kapellen mit edlen Maßwerkfenstern und brach ein gotisches Portal. Der Abt von Schönau und der heilige Florin. Holzschnitt von etwa 1460. Dieselbe Zeit verwandelte den unter den übrigen Klostergebäuden hervorragenden Kapitelsaal in ein besonderes Schmuckstück mit einem auf einem einzigen Mittelpfeiler ruhenden, vielfächerigen, graziösen Sterngewölbe. Ihm zuliebe mußte die Decke auf Kosten des darüber liegenden zweischiffigen Schlafsaales erhöht werden. Das wird der Grund sein, weshalb in diesem prachtvollen, langgestreckten Raum die niedrigen frühgotischen Säulen der Mittelreihe in unregelmäßigen Intervallen auf dem langsam aufsteigenden Boden nach Norden hin kleiner werden, so daß in nicht beabsichtigter perspektivischer Wirkung der Raum mit den 22 Feldern des hoch- und weitgespannten Kreuzgewölbes sich noch stärker zu dehnen scheint, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Die Abtei Arnstein an der Lahn haben die Prämonstratenser 1139 zu errichten begonnen als Tochterkloster von Gottes Gnaden in Kalbe a. d. Saale. Wie dort in jener Zeit religiöser Begeisterung der Kreuzzüge ein Verwandter des letzten Grafen von Arnstein (Arnoldstein) eine fromme Stiftung vollzog, so entsagte auch dieser selbst, erst 30jährig, verheiratet und kinderlos, den Gütern dieser Welt, stiftete an Stelle der Stammburg seines mächtigen und angesehenen Geschlechts ein Kloster, in das er dann selber als Laienbruder eintrat. Die Kirche wurde 1208 geweiht. Im Gegensatz zu der in Eberbach zeigt sie das Bild reichster romanischer Außenarchitektur als kreuzförmige Basilika mit zwei Turmpaaren, davon das westliche mit Rhombendächern versehen, das östliche schon frühgotisch ist, mit Westchor und fünf staffelförmig nach Zisterzienser Art angeordneten Apsiden am Ostchor. Die Seitenschiffe haben grätige Gewölbe; das Mittelschiff mag ursprünglich flachgedeckt gewesen sein und hat bei dem gotischen Umbau der Kirche, der aber den alten Gesamteindruck nicht wesentlich verändern konnte, spitzbogige Gewölbe erhalten. Das Ganze von machtvoller Gruppierung, trotz zierlicher Verhältnisse, wundervoll in die anmutige Landschaft hineingestellt. Im Gegensatz zu Eberbach hat sich von der Innenausstattung noch manches erhalten, wie ein steinerner dreiteiliger Levitensitz mit Baldachin und schon Kielbogen aus dem 14. Jahrhundert, dem auch das Chorgestühl in derber Eichenholzschnitzerei (charakteristische Köpfe und Wangen mit Maßwerk) entstammt. Reste des Fußbodenmosaiks aus gebrannten, gelblichweißen, schwarzen und roten Tonplatten sind neben dem ihm verwandten Muster in der Eberbacher »Bibliothek« einzig in ihrer Art in Nassau und zeigen außer Schachbrett und Rauten heraldische Hirsche und Adler in konzentrischen Kreisen, sonst Blatt- und Maßwerk eingepreßt. Die dritte der drei bedeutsamen nassauischen Klosterkirchen, Marienstatt, liegt in noch tieferer Waldeinsamkeit fernab der Heerstraßen und größeren Städte und gehört schon der zweiten Hälfte des 13. und dem Beginn des 14. Jahrhunderts an. Dem entspricht die entschlossene Wendung auch dieses Zisterzienserbaues zur frühen Gotik burgundischer Schule, allerdings mit ihm eigentümlicher Aufnahme von zwei wichtigen nordfranzösischen Elementen: des Kranzes von sieben Kapellen um den Chor und des durchgehenden offenen Strebewerks. Als seltener Kontrast zu solcher Belebung des Äußeren und Inneren mutet die Fortdauer der alten Zisterzienser Bau-Askese im Fehlen der Türme und des Fassadenschmuckes an. Aber einem schönen großen Fenster aus dem 14. Jahrhundert ragt der steile Giebel der Westwand fast beleidigend nackt und kahl zum Himmel empor, nicht anders die Fassaden des weit ausladenden Querhauses. Der Bau, wie meist mit dem Chor beginnend, zeigt dort noch bescheidenere Ausmaße, deren Steigerung im Langhaus einen trapezförmigen Grundriß der Vierung als Übergang bedingte. Die den Binnenchor und den Kapellenkranz trennenden Rundpfeiler stehen frei auf achteckigen Sockeln mit derben Basen und enden in Kelchkapitellen mit grobem Blattwerk; darüber achteckige Deckplatten, die dreiteilig gruppierte Dienste von den Gewölben her aufnehmen. Zwischen den spitzbogigen Arkaden und den zu ihnen rundbogig kontrastierenden Oberfenstern ist ein blindes Triforium mit Kleeblattbogen eingeschoben. Die Fenster des Chorumgangs haben zum Teil noch Grisaillen, d.h. farblose Verglasung nach der Zisterzienserregel, mit Bandmuster; nur die späteren Fenster an den drei genannten Fassaden zeigen Maßwerk. Solches findet sich in üppiger, hochgotischer Fülle als holzgeschnitzte und vergoldete Umrahmung der in zwei Rängen angeordneten Nischen des Flügelaltars der heiligen Ursula (aus dem 14. Jahrhundert) mit den zwölf Aposteln oben zu Seiten einer Krönung der Maria und zwölf weiblichen Reliquienbüsten unten zu Seiten einer Sakramentsnische, die mit dem mittleren Bildwerk darüber auch beim Schließen der Flügel sichtbar bleibt. Einer jetzt auf dem nördlichen Seitenaltar befindlichen Pietas aus Holz mit erneuter Bemalung kann man besondere Innigkeit in Bewegung und Ausdruck der Madonna wohl nachrühmen, was auch von derjenigen über dem Portal mit dem Kinde gilt. Ebenso eindrucksvoll sind die holzgeschnitzten Grabfiguren des stattlichen gräflichen Paares Gerhards II. und Elsa von Sayn. Sie zeigen deutlich den Übergang zur neuen künstlerischen Haltung des 16. Jahrhunderts. Wie ein Präludium zum Limburger Dom mutet uns in nächster Nähe S. Lubentius in Dietkirchen aus dem 12. Jahrhundert an, ganz ähnlich auf einem steilen Felsen über der Lahn thronend, in freier Landschaft weithin sichtbar ohne jeden störenden Nebeneindruck im Gesamtbild. Der Patron der Kirche Lubentius ist der sagenumwobene Apostel der Lahngegend, von größter Ehrwürdigkeit und heimatlicher Bedeutung. Er war ein Schüler keines Geringeren als des hl. Martin von Tours, rodete auf jenem Felsen, der Malstatt des Niederlahngaues, einen Hain aus und errichtete dort ein hölzernes Kirchlein als Stützpunkt seiner Mission. Die malerische Erscheinung der Kirche wird durch die Ungleichheit der Westtürme erhöht, die, beide mit Rhombendächern geschmückt, einen Verbindungsgang zwischen den inneren Giebelfeldern haben. Die eigentlich nur scheinbar kreuzförmige Basilika endet in drei östlichen Apsiden von einfachen romanischen Formen. Die grätigen Kreuzgewölbe der Seitenschiffe und die Flachdecke des Mittelschiffs erinnern an die ursprüngliche Gestaltung des Arnsteiner Kirchenraums, die Emporen über den Seitenschiffen klingen leise und von ferne an Limburg an. Der Taufstein aus dem 13. Jahrhundert ist ein einfaches Prachtstück mit sechs Säulchen, die in Knospenkapitellen endigen. Derselben Zeit gehört das Bronzeschild der Sakristeitür an mit seinem furchtbar die Zähne fletschenden und die Augen rollenden Löwenkopf zwischen den Symbolen der vier Evangelisten. Von Kunstinteresse ist auch das Frührenaissancegrabmal eines Ritters aus dem in der Nähe ansässigen Geschlechte der Dehrn, ganz besonders aber das silbervergoldete, edelsteingeschmückte Kopfreliquiar des Kirchenpatrons von 1477, auf der Brust seine fein ziselierte Statuette im Meßgewand mit Kelch und Evangelienbuch. Sein römischer Steinsarkophag fand sich in der Krypta mit der Inschrift: HIC QUIESCIT CORPUS ST. LUBENTII CONFESSORIS. Der Dom zu Limburg ist das hervorragendste, ja das eigentliche Kunstdenkmal Nassaus, genau in des Landes Mitte am Schnittpunkt vieler alter und neuer Verkehrszüge gelegen, einzig in seiner Art unter den Denkmälern der Kunst überhaupt, zumal der deutschen, ein Kleinod und Juwel, fast unverändert auf uns gekommen. Graf Konrad Kurzbold lebt nicht nur im Bildnisrelief seines eigentümlichen Grabmals, sondern auch in der geschichtlichen Überlieferung als ein Regent kraftvollen Charakters fort. Er hatte 910 den Vorläufer unseres Doms gegründet. Im Grafen Heinrich von Isenburg fand er in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts einen würdigen Nachfolger als Herrn des Neubaus. Wie die alte, so wurde auch die neue Stiftskirche dem heiligen Georg, dem Drachentöter, geweiht, dessen Legende aber eben damals erst, von den Kreuzfahrern aus dem Morgenland herübergebracht, in deutschen Landen recht volkstümlich wurde. Wie dieser fromme Held den Drachen unter die Füße gezwungen, so steht sein Dom trotzig und fest, wuchtig und breit im Schmuck seiner sieben wehrhaft zum Himmel ragenden Türme auf steilem, lahnumrauschtem Felsen, als habe er im Dienste seines höchsten Herrn alle irdischen Mächte überwältigt; so muß der Fels ihn tragen, der als prächtiger Natursockel, mit ihm in eins verschmolzen, über seine Umgebung siegreich ihn emporragen läßt. Limburg gehörte zum Erzbistum Trier. Die Mosel hinunter, die Lahn hinauf – seit alters haben diese beiden Rheintöchter eine Verbindung zwischen dem Westen und dem Herzen Deutschlands hergestellt, seit alters ist diese Straße eine der völkerverbindenden Kulturwege von Frankreich zu uns herüber. Die Zeit der Kreuzzüge, die die Edlen des Abendlandes ohne Unterschied der Nation Schulter an Schulter in den heiligen Kampf geführt hatte, brachte den Austausch der Geistesgüter nicht nur mit dem Morgenland, sondern auch zwischen den nationalen Kulturkreisen innerhalb des Abendlandes. Wie in der mönchischen Reform-Bewegung der noch romanischen Bauperiode die stärksten Anstöße aus dem Westen zu uns kamen, so auch jetzt im 13. Jahrhundert, als sich in Nordfrankreich der neue »gotische« Baustil immer konsequenter entwickelte. Aber, wie stets, hat sich bei solchen Verschmelzungsprozessen die deutsche Art nicht verleugnet, sondern durchgesetzt. So hat auch der unbekannte Meister des Limburger Doms aus Heimischem und Übernommenem ein Neues, ganz Eigenes geschaffen von höchstem Reiz und einzigem Wert. Hat man beim Erdgeschoß an nichts anderes als gleichzeitige rheinische Kirchen zu denken, vor allem an »Unserer lieben Frauen« zu Andernach, so liegt für die Weiterführung des Baues deutlich die Anlehnung an die Kathedrale von Laon zugrunde, nur daß deren starker Grundrißstreckung hier in Limburg kompaktere Verhältnisse vorgezogen sind, genau wie später das Straßburger Münster trotz aller französischen Vorbilder schlanker Eleganz nach der Seite des Breiten und Wuchtigen hin so echt deutsch geblieben ist und deshalb der deutsche gotische Dom heißen sollte, im Gegensatz zu dem französischem Einfluß zugänglicheren Kölner Dom. Aber mehr noch als in Straßburg ist die Anlage in Limburg konzentriert, am deutlichsten in der Außengruppierung. Im Inneren kommt die Längsachse, obwohl das Langhaus nur aus zwei Jochen besteht, zu verhältnismäßig stärkerer Geltung, weil Turmhalle und Chor mit dem Schiff gleiche Höhe seiner übrigens sechsteiligen Gewölbe haben. Wie ein Dreiklang mit der Oktave seines Grundtons, umrahmt das vierteilige System des inneren Aufbaus die Kreuzform des Ganzen in ununterbrochener Durchführung auch der zierlichen Arkadenreihen der Emporen und des besonders graziösen Triforiums, wodurch eine malerische Erscheinung voll ungemeinen Formenreichtums bei aller Gesetzmäßigkeit erzielt ist. Man stelle sich in die Nähe eines der selbst von sprühendem Leben erfüllten Vierungspfeiler und lasse den Blick nach allen Richtungen gleiten. Man kann sich nicht satt sehen. Pflegt die innere Bemalung in romanischen Kirchen in figürlichem Flächenschmuck zu bestehen, die der gotischen in Betonung der architektonischen Glieder durch Ornamente, so zeigt unser Dom ein gewisses Schwanken zwischen beidem. Die malerische Wirkung des Äußeren beruht außer auf seiner reichen formalen Gliederung auf dem Wechsel des Materials: einheimischer Kalkstein und Tonschiefer im rauhen Bruchsteinmauerwerk zwischen vielfältigen Gliedern aus dem Trachyt des Siebengebirges und aus dem Tuffstein der Eifel. Auch der vulkanische Westerwälder Basalt hat, zu Säulen verarbeitet, Verwendung gefunden. Dem beherrschenden Turmpaar der Westfassade sucht mit Glück der spitzbehelmte Vierungsturm (die sechs anderen Türme haben noch romanische Rhombendächer), umgeben von seinen vier Trabanten, den grazilen Türmen der Querhausfassaden, das Gleichgewicht zu halten; alle sieben aber sind zu einer einzigen geschlossenen Gruppe von unbeschreiblicher Harmonie vereinigt. Zeigt der Chor noch das freundliche Motiv der Zwerggalerie rheinisch-romanischer Herkunft, so die Hauptfassade einen vornehmen Versuch selbständigen Abschlusses mit frühgotischem Einschlag, besonders in dem Rosenfenster als beherrschendem Hauptstücke. Das Hauptportal, mit reichen Band- und Blattgewinden, zeigt als einzigen figürlichen Schmuck des Baues zwei am Fuß des inneren Bogenlaufes sitzende Gestalten, die man als Bauherren und Baumeister zu deuten pflegt. Die es wirklich waren, haben unserer Heimat, und nicht nur ihr, Großes geschenkt. Aus der Zeit der Erbauung des jetzigen Doms in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammt die eine sehr schlanke Glocke, die älteste wohl in Nassau, ferner außer dem schon genannten Grabmal Konrad Kurzbolds ein Taufstein, der jenem in seiner phantastischen Ausschmückung ähnelt, in seiner Grundform aber noch an den Taufstein in Dietkirchen erinnert. Das spätgotisch überschlanke Sakramentshäuschen ist vom Jahr 1496, etwa gleichzeitig das schöne Grabmal des Daniel v. Mudersbach und seiner Frau Jutta, ausdrucksvoll in den Köpfen, die anbetend zu einer kleinen Pietas hingewendet sind. Der Domschatz bewahrt Wunderwerke mittelalterlicher Goldschmiedekunst, wie ein von Kreuzfahrern aus der Hagia Sophia in Konstantinopel entführtes byzantinisches Kreuzreliquiar, die goldene Kapsel des Petrusstabes aus Trier, beide aus dem 10. Jahrhundert, mit reichem Edelsteinschmuck, aus dem 13. ein Bleireliquiar in Kirchenform und einen silbervergoldeten Meßkelch mit Patene; später sind die silbernen Deckel eines Evangeliars und eines Epistolars mit Kreuzigung und Krönung der Maria nebst Adoranten, dann noch eine Kußtafel aus Eberbach mit figürlichen Gravierungen; aus dem 16. Jahrhundert stammt ein Abtstab aus Marienstatt, aus dem 17. und 18. Jahrhundert ebenfalls vortreffliche und wertvolle Stücke. Wie der Dom auf der Flußseite im herrlichsten natürlichen Landschaftsrahmen steht, so schmiegen sich ihm als ebenso harmonische Umrahmung auf der Stadtseite mancherlei alte prächtige Bauten an, noch auf gleicher Höhe die Burg aus dem 13. Jahrhundert und mit Fachwerkbau aus der Renaissancezeit, weiter unten zu Füßen des Doms und Burgfelsens die Franziskaner- und die Wilhelmitenkirche, etwa hundert Jahre jünger als der Dom, und viele alte Häuser in engen, winkeligen Gassen, darunter der Walderdorffer Hof, eine besonders malerische Anlage. Durch seine reizvolle Lage zeichnet sich der altertümliche Flecken Dausenau im engen Tal der unteren Lahn aus. Die Hallenkirche aus dem 14. Jahrhundert, aber noch mit romanischem Turm, ist sehr gedrungen und wie Dietkirchen und Limburg mit Emporen versehen. Nach Verlust ihrer einstmals berühmten Glasmalereien hätte sie kaum etwas Besonderes, wenn nicht in den drei Chornischen – leider schlimm restauriert – Wandmalereien aus der Entstehungszeit des Baues sich fänden: Geschichten aus der Passion Christi zwischen Apostelfiguren, das Martyrium der Thebaischen Legion, der Heiligen Sebastian und Eulalia, alles überaus lebendig und ausdrucksvoll, zum Teil mit grausigen Einzelheiten. Auch in der spätgotischen Hallenkirche des Städtchens Haiger im Dillkreis wurden 1912 bemerkenswerte Malereien des ausgehenden 15. Jahrhunderts mit Darstellung der zwölf Apostel, der Evangelistensymbole, der Passion Christi, des Jüngsten Gerichts und des Begräbnisses des hl. Sebald entdeckt. Ebenso fand man 1915 in der Dorfkirche zu Ballersbach im Dillkreis friesartige, durch gotisches Rankenornament umrahmte und voneinander getrennte Fresken, gut komponiert mit vielen Figuren, alle aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Wir wenden uns nun auch in baugeschichtlicher Hinsicht zur spätgotischen Zeit und damit zugleich von der Lahn wieder in das ehedem kurmainzische und darum mit Kunstschätzen gesegnetere Rheingebiet und pilgern auf einer dereinst viel begangenen Wallfahrerstraße nach dem Flecken Kiedrich bei Eltville. Seit dem 14. Jahrhundert ließen sich Lahme und Epileptische dorthin zum hl. Valentin bringen. Wir meinen in dem altertümlichen Ort noch das Gedränge vor uns zu sehen, in dem jetzt so stillen Hof zwischen der Pfarrkirche und der Totenkapelle St. Michael. Beide sind an kirchlichen Bauten das Beste, was wir in Nassau aus dem 14. und 15. Jahrhundert besitzen, von liebevoller Hand eines Gönners wiederhergestellt. Die Pfarrkirche, ein dreischiffiger Hallenbau mit Emporen und Netzgewölben, überrascht im Innern durch den Reichtum der Bau- und Schmuckglieder wie der übrigen Ausstattung. Außer dem Lettner, der Kanzel, dem Sakramentshäuschen und den sieben Altären ist das Eichenholzgestühl des »Erhart Falkener von Abensperg uß beiern« (1510) hervorzuheben. Die Michaelskapelle, außen und innen gleich zierlich, hat ein entzückendes, nach Osten vorgekragtes Chörlein, gegenüber ein schlankes achteckiges Türmchen mit von Maßwerk durchbrochenem Helm und eine Predigtempore für die im Hof versammelten Scharen. Das Rathaus mit seinen beiden Erkern gehört schon der Renaissance an und bildet im Verein mit vielen alten Privathäusern die den beiden Kirchen angemessene stimmungsvolle Umgebung unter dem Schutz der Burg Scharfenstein vor dem dunklen Hintergrund des Waldgebirges. Auch Geisenheim hat neben seinen schönen Schlössern (Schönborn, Ingelheim und Ostein) eine spätgotische Kirche. Man pflegt sie ihrer imposanten Erscheinung wegen den Rheingauer Dom zu heißen, aber sie verdankt ihre jetzige Gestalt wesentlich erst dem 19. Jahrhundert. Die hinter modernen Bauten heute versteckte Rüdesheimer Kirche verdiente weit mehr beachtet zu werden, auch wegen ihrer Wandmalereien aus Christi Passion. Hans Reifferscheid, Schiefer Turm in Dausenau bei Ems. Vor allem aber ist Lorch hervorzuheben mit seiner prächtigen Pfarrkirche St. Martin, auffallend unsymmetrisch mit nur zwei Schiffen. Ein jedes von vier Jahrhunderten hat das seine dazu getan. Auf stolzer Höhe überragt der Bau den alten Ort, mit ihm und den Rebenhügeln auf beiden Seiten des nun enger und romantischer werdenden Rheintals zu einem herrlichen Landschaftsbilde vereinigt. Das Innere birgt Schätze der Plastik aus den verschiedensten Zeiträumen, darunter eine lehrreiche Folge von Grabdenkmälern vom 14. bis 16. Jahrhundert und aus dem 13. gar ein großes bedeutsames Holzkruzifix (ein steinernes vor der Kirche von 1491 mit vortrefflicher Auffassung des Körperlichen). Der spätgotische große Schnitzaltar mit seinen himmelanstrebenden Fialen zeigt lebendigste tektonische und ornamentale Gliederung. Daneben das ältere reizvolle Sakramentshäuschen. Von hohem Wert sind auch der Taufstein von 1464 und das reichgeschnitzte Chorgestühl aus dem Ende des 13. Jahrhunderts. Reste des alten Chorgestühls in der Nähe des Eingangs weisen Verwandtschaft mit dem in Kiedrich auf. Unter den sehenswerten alten Profanbauten Lorchs ist das Haus des eingesessenen Rittergeschlechts der Hilchen mit seiner prunkvollen Fassade hervorzuheben, wohl eines der merkwürdigsten Beispiele deutscher Baukunst der Renaissance in unserer Heimat. Wir können den Rheingau nicht verlassen, ohne eines Kurmainzer Bildhauers und seiner Schule zu gedenken, der uns Werke von Eigenheit und hohem Kunstwert in großer Zahl hinterlassen hat. Es ist der erst in neuester Zeit erkannte und gewürdigte Hans Backofen aus Sulzbach (vielleicht bei Höchst und dann ein Sohn unserer Heimat), von 1505 bis 1519 in seiner Mainzer Werkstatt nachweisbar. Aufs stärkste bricht bei ihm das Kunstgefühl der neuen Zeit hervor, und zwar in persönlichster Intuition ohne Vorgang und Vorbild. Kühn sprengt er die erstarrten Formen der Gotik. Als Material verschmäht er das weiche Holz und bedient sich nur des seinem Kraftbewußtsein kongenialen Eifeltuffsteins. Volles, starkes Leben rauscht dahin. Wir bewundern es an den Kreuzigungsgruppen in Hattenheim und Erbach, in Eltville auch am Ölberg und an einem Taufstein, in Kiedrich an der gedoppelten Kronleuchtermadonna von St. Michael, an Grabmälern in Geisenheim, Cronberg, Höchst und vor allem an denen der Herren von Allendorf und Eselweck in der Eberbacher Klosterkirche. Über Riemenschneider hinausgehend, ist Backofen den großen Meistern Nürnberger Bildhauerkunst seiner Zeit ebenbürtig. Damit wenden wir uns von der älteren kirchlichen Kunst in Nassau zu den noch in ihren Trümmern stolzen Zeugen weltlicher Macht im Mittelalter, den Burgen am sagenumwobenen Teil des Rheintals, dessen rechtes Ufer Nassau angehört und mit seiner Fülle romantischer Denkmäler durchaus im großen und ganzen dem kulturell reicheren linken Ufer die Wage hält. Hatte Kurmainz am Bingerloch seine Zollsperre in der Verbindung der Burg Ehrenfels mit dem Mäuseturm mitten im Strom, so hielt zu demselben Zwecke Kurpfalz auf dem Pfalzgrafenstein bei Caub einen Zollturm, von stärkeren Ausmaßen seit etwa 1325, fünfeckig im Grundriß, um solchergestalt, mit einem Wellenbrecher ausgerüstet, der Wut des Hochwassers und des Eisgangs sich erwehren zu können. Aus dem gleichen Grunde hat der später um den Turm gelegte starke Wehrgang die Gestalt fast eines gedrungenen Schiffes erhalten. Und nun bildet diese einzigartige, völlig unversehrte phantastische Wasserburg mit ihrem malerischen Innenhof und ihrer reichen Dächerbekrönung das Entzücken jedes Rheinfahrers. Ihr Gegenstück am rechten Ufer ist die trotzige Feste Gutenfels, hoch über Caub thronend, das sich von allen Städtchen am deutschen Strom aufs reinste sein altertümliches Gepräge bewahrt hat. Es folgen unterhalb der Loreley die beiden Burgenpaare »Katz« (Neukatzenelnbogen) und »Maus« (Thurnberg), Sterrenberg und Liebenstein (»die feindlichen Brüder«) über dem Kloster Bornhofen bei Camp und als Perle der rheinischen Wehrbauten die Marksburg auf hohem Kegel über Braubach, wohlerhalten und neu ausgestattet. Wir sind im Herrschaftsbereich der ehemals mächtigen Grafen von Katzenelnbogen. Von ihrem noch vorhandenen Stammsitz in dem verborgenen Flecken gleichen Namens, weit landeinwärts und schon näher der Lahn, dehnten sie ihre Gewalt bis aufs linke Rheinufer aus und behaupteten sie in dem mächtigen Bollwerk der Festung Rheinfels bei St. Goar gegenüber der »Katz«. Die Heerstraße dahin, in einem Seitental des Rheins, deckten sie mit der Burg Reichenberg, deren großartige Ruine noch reiche Zeugnisse ablegt von der interessanten Baugestaltung dieser bedeutenden Feste. Wie Katzenelnbogen nachmals an Kurhessen und spät erst an Nassau kam, so ging es ähnlich mit mancherlei schließlich zugunsten Nassaus mediatisierten kleinen Herrschaften und geistlichen Landesteilen. Sie leben fort in Bildern wehrhafter und immer landschaftlich wie baugeschichtlich und künstlerisch erwähnenswerter Fürstensitze, wie in denen der Grafen von Sayn-Hachenburg, der von Westerburg-Leiningen oder auch des Kurfürsten von Trier in Montabaur, alle auf dem Westerwald; besonders aber ist durch unzählige Gemälde und Zeichnungen das in melancholischer Stille, düster wuchtig und doch heimelig an der Lahn oberhalb Limburg gelegene Schloß Runkel der Fürsten von Wied weit über Nassaus Grenzen hinaus bekannt und geschätzt. Zu Füßen des Hohen Taunus liegen die alten Herrschaften Eppstein, mit interessanter Kirche und Grabmälern, Falkenstein mit wohlerhaltenem Bergfried, Königstein mit den imposanten Resten seiner ehedem starken Festung, die so wechselvolle Schicksale gehabt, und Cronberg, dessen Kirche reiche Erinnerungen an das angestammte, bedeutende Grafengeschlecht birgt. Von den Residenzen der verschiedenen Linien des zuerst gräflichen, dann gefürsteten und schließlich herzoglichen Hauses Nassau selbst ist Dillenburg als Geburtsstätte Wilhelms des Schweigers, des Befreiers der Niederlande, am berühmtesten geworden, aber leider gänzlich zerstört. Das nahgelegene Schloß zu Herborn, kraftvoll und einfach, früher meist oranischer Witwensitz, beherbergt jetzt das Predigerseminar der Evangelischen Landeskirche als den Überrest der einst weithin anerkannten nassauischen Hochschule, deren altes Gebäude im verkehrsreichen Städtchen noch heute die Würde seiner ehemaligen Bestimmung bewahrt hat. Nassau-oranisch war auch das Felsenschloß zu Diez an der Lahn und das benachbarte spätere freundliche Oranienstein. Die Residenz in Hadamar, flankiert von einem hohen Turm, erhielt ihre weitläufige Gestalt im 16. und besonders im 17. Jahrhundert durch J. G. Sprenger. Der derbe Außenschmuck, nicht ohne Reiz, wie überhaupt die ganze vielgliedrige Anlage, wird übertroffen durch die schöne Barockdekoration mit prächtigen Stuckdecken im Innern. Auch das leider im 19. Jahrhundert abgebrannte Schloß zu Usingen im Taunus war mit seinen mäßig großen, schönen Parkanlagen nicht unansehnlich. Bedeutsamer, auch geschichtlich, ist dasjenige in Idstein, dessen Kirche wegen ihrer barocken Ausstattung und Ausmalung und der darin 1817 abgeschlossenen Union der Nassauischen Evangelischen Landeskirche ebenfalls Erwähnung verdient. Zwei nassauische Residenzen aber übertreffen an Schönheit und Großzügigkeit bei weitem alle die andern, nämlich Weilburg an der Lahn und Biebrich am Rhein. Von der Lahn fast rund umspült, liegt gleichsam auf einer beinahe kegelförmigen Insel im schönsten Teil des ganzen Flußtals Weilburg. Seine Bürger taten recht daran, daß sie ihrem Grafen Johann Ernst ein Denkmal setzten inmitten der prächtigen Anlagen, die er in den Jahren 1703 bis 1713 geschaffen. Es war die Zeit, da Deutschland anfing, sich von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges zu erholen. Zwar hatte sich das jetzt über tausend Jahre alte Städtchen schon einer karolingischen Burg und eines schönen Renaissanceschlosses rühmen können, das Graf Philipp III., der Schirmherr der Reformation in Weilburg und Gründer des dortigen, nachmals so berühmten Nassauischen Landesgymnasiums, errichtet hatte. Wer den Hof dieses Baues betritt, glaubt sich, umgeben von vier malerischen, mit Efeu übersponnenen Fronten, in das Märchen vom Dornröschen versetzt. So träumt hier alles von längst versunkener Herrlichkeit, wie sie unter Johann Ernst sich am glänzendsten entfalten sollte. Als Siebzehnjähriger kurze Zeit im Strudel von Paris und von dem Prunke am Hofe des »Sonnenkönigs« geblendet, kannte er, gleich andern deutschen Fürsten, keinen heißeren Wunsch, als aus seiner kleinen Residenz ein Miniatur-Versailles zu machen. Seine erfolgreiche kriegerische Laufbahn in hessischen, pfälzischen und kaiserlichen Diensten trug ihm nicht nur viele hohe Ämter und Titel, wie die eines Feldmarschalls und Großhofmeisters, ein, sondern auch die Mittel, seine fürstliche Baulust endlich zu befriedigen. In das vorhandene Schloß wurden neue Prachträume eingefügt, nach Süden und Osten wurde die geringe Hochfläche des Burgbergs erweitert und seine Senkung terrassenförmig ausgebaut. So entstand der reizvolle »Lustgarten« mit seinen pompösen Treppen und den beiden Orangeriegebäuden, von denen das eine in fein geschwungenem Bogen und delikater Gliederung im Äußeren und Innern das Schloß mit der damals völlig erneuerten Kirche verbindet. An diese, die Garten und Stadt voneinander trennt, ist das Rathaus glücklich angefügt mit seinen kräftigen Arkaden, die sich im unteren Stockwerk aller Häuser des Marktes fortsetzen um den monumentalen Neptunsbrunnen herum. Als trutziger Wächter überschaut diesen fein ausgedachten Platz der alte Turm von St. Martin, damals um ein Stockwerk erhöht, mit Kuppeldach und Laterne gekrönt. F. Luthmer, Kiedrich, Chorpartie an der Pfarrkirche. Die Kirche selbst verdient genauer beschrieben zu werden. Höchst originell in Grundriß und Aufbau, wird sie der Aufgabe gerecht, eine protestantische Predigtkirche zu sein, und entbehrt doch nicht des reichen Schmuckes barocker Baukunst, der wir sie, wie alle die andern damaligen Anlagen, verdanken. Das Rechteck des gesamten Grundrisses ist zu dem Quadrat des Schiffes verkürzt durch Einbauten an den beiden Schmalseiten. Hier befinden sich zwischen emporenhaften Nebenräumen von dreistöckiger Anordnung Halbkreisnischen, von denen die südliche die also zentral gestellte, prunkvoll verzierte Kanzel vorspringen läßt. Zu ihren Füßen der Altar mit schöner Brüstung eines halben Oktogons, zu ihren Häupten die mächtige Orgel mit ihrem lebhaften Prospekt. Gegenüber, in der südlichen Nische, die wappengeschmückte fürstliche Loge. Andreas Gallasini hat an Deckengewölben und Wänden die prächtige Stuckdekoration, J. M. Seekatz d. Ä. den Bildschmuck der Kirche gegeben. Als ihren genialen Baumeister, wie den der übrigen Anlagen unter Johann Ernst, kennen wir jetzt den Obristleutnant und Ingenieur Julius Ludwig Rothweil aus Mainz. Die der unsrigen sehr verwandte, aber weniger prunkvolle Schloßkirche in der ehemals Nassau-Weilburgischen Residenz Kirchheim-Bolanden am Donnersberg ist das einzig noch vorhandene Beispiel dieser ganz eigentümlichen Art und geht ebenfalls auf Rothweil zurück. Beide Kirchen zeigen Anklänge an die allerdings erheblich spätere Ludwigskirche F. J. Stengels im nassauischen Saarbrücken. Damit tritt Rothweil in den Kreis der vornehmen Meister des deutschen Barock, das durchaus nicht nur in Nachahmung französischer Vorbilder sich erschöpfte, sondern genug des Eigenen aufzuweisen hat. Das Werk Rothweils in Weilburg wurde später von anderen Händen in kongenialer Erweiterung des Schlosses nach Norden durch terrassenförmig absteigende Anbauten mit reizvollen Einzelheiten, auch durch Anlage des Jagdschlosses Windhof und des, leider vor wenig Jahren abgebrannten, märchenhaft verwunschenen Jagdpavillons im Tiergarten fortgesetzt. Als heimische Arbeiten von beträchtlichem Kunstwert haben wir die seit Johann Ernst reichlich zu großzügiger Dekoration in Balustraden, Treppengeländern, Toren, Öfen usw. verwendeten Arbeiten aus der durch Jahrhunderte blühenden Eisengießerei Audenschmiede im Weiltal anzusprechen. Daneben erlangte die Weilburger Steingutfabrik kunstgewerbliche Bedeutung. – Unter den Bildern im Schlosse, zumeist guten Porträts, verdient die feine Komposition Tischbeins: die herzogliche Familie mit der lieblichen Prinzessin Henriette, nachmaligen Erzherzogin Karl v. Österreich, rühmliche Erwähnung. Der schon genannte J. F. Stengel war berufen, das zunächst als Absteigequartier bei den Jagden der Nassau-Idsteinischen Fürsten gedachte Schloß in Biebrich am Rhein zu vollenden. Begonnen wurde es 1707, fortgesetzt 1711 von M. v. Welsch aus Mainz. Er schuf die schmale Galerie mit dem Festsaal der Rotunde, deren Kuppelgewölbe acht Säulen tragen, zwischen ihnen ein Rundgang als Empore. Stengel gab dem Ganzen die nach dem herrlichen Park sich öffnende Hufeisenform, während gleichzeitig die feingegliederte Rheinfront ihren Abschluß fand. Das Ganze ein schlichter und doch eindrucksvoller Bau. Die Parkseite mit ihrem Verzicht auf einen Sockel und ihren dicht aneinander gereihten Flügeltüren statt Fenstern erinnert an Friedrichs des Großen allerdings späteres Sanssouci von Knobelsdorf, einem Architekten, der wie Rothweil aus dem Soldatenstand hervorgegangen und ebenso frei wie jener von sklavischer Nachahmung des Französischen war. Wieder am Rhein und im Bannkreis von Mainz, haben wir noch des kunstsinnigen Kurfürsten Emmerich Joseph am Ende des 18. Jahrhunderts zu gedenken. Er plante für Höchst am Main, das als ehrwürdige Zeugen alter Zeit die Justinuskirche und die Reste des kurmainzischen Schlosses aufwies, eine großartige Neustadtanlage und nahm mit Freuden in diesen Plan den Palast des Bankiers und Tabakfabrikanten Bolongaro auf, dem die Freie Reichsstadt Frankfurt hartnäckig die Aufnahme verweigerte. So ist nicht dort, sondern im benachbarten Höchst ein patrizischer Bau ersten Ranges entstanden. Nur im allgemeinen an Biebrich mit seiner Hufeisenform erinnernd, ist er nach der Straßenseite hin in einer durchgehenden Front abgeschlossen, die aber schon die Teile der nach der Gartenseite, dem Main zu, sich ausstreckenden, terrassenförmig absteigenden Anlagen erkennen läßt. Die reichen Innendekorationen, teilweise in den Klassizismus übergehend, zeigen noch gutes Rokoko, das im übrigen durch die graziösen Erzeugnisse der Höchster Porzellanmanufaktur diese moderne Industriestadt damals schon bekannt gemacht hat. Im nahen Flörsheim lebt ebenfalls das Andenken Emmerich Josephs in der schönen Barockkirche fort, deren ebenbürtige Schwester diejenige von Hochheim ist. Beiden ist vor allem die prächtige Raumwirkung nachzurühmen. Sonderbarerweise ist erst am Ende dieses Überblicks über die Kunstdenkmäler Nassaus dessen jetzige Hauptstadt, das weltberühmte und schon von den Römern geschätzte und besiedelte Wiesbaden zu erwähnen. Noch vor 150 Jahren war die Stadt kleiner und unbedeutender als Weilburg, dessen Nachfolgerin als nassauische Hauptresidenz und Sitz der Regierung Wiesbaden im Jahre 1816 wurde. Im 19. Jahrhundert verschlang das unheimlich schnelle Aufblühen unserer Landeshauptstadt als Weltkurort die wenigen Zeugen alter Zeit und bodenständigen Kunstempfindens. Die Mauritiuskirche wurde ein Raub der Flammen; das schöne alte Rathaus wurde seiner Schnitzereien am Oberstock entkleidet, und das vornehme Kurhaus, die bedeutendste der feinsinnigen klassizistischen Schöpfungen des Baurats Zais aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, durfte nicht einmal ganz 100 Jahre alt werden und hat einem pompösen Neubau weichen müssen. Dieser aber kann den Kunstfreund trotz allen Aufwandes von Mühe und Mitteln den Verlust des alten nicht verschmerzen lassen. Eins aber sichert Wiesbaden dennoch einen ehrenvollen Platz innerhalb dieser Kunstbetrachtung. Es ist das wohlgeordnete, sachkundig und liebevoll verwaltete Neue Landesmuseum, das in seiner kunstgeschichtlichen Abteilung nicht nur eine Reihe wertvoller Kunstdenkmäler des Landes bewahrt, wie z.B. die Bildnisgrabsteine zweier Grafen Diether von Katzenelnbogen, den Kruzifixus von Walsdorf, die Tiefentaler Madonna, den Eberbacher Mönch und andere versprengte Zeugen der Vergangenheit, sondern auch bemüht ist, in einer Sammlung von Abbildungen und Modellen einen Überblick über die Entwicklung der bildenden Künste in unserer Heimat zu geben und damit dem Nachweis zu dienen, welchen beachtenswerten Anteil der Bereich des vormaligen Herzogtums Nassau an dem vielfältigen Kunstschaffen der deutschen Vergangenheit genommen hat. W. Mulot, Rauenthal, Pfarrkirche, Schmiedeeiserner Standleuchter. Der Dombau zu Limburg Von Leo Steinberg Nachdem die erste, von Gaugraf Gebhard in Limburg errichtete Kirche zugrunde gegangen war, erbaute im 10. Jahrhundert der Salier Konrad Kurzbold, der damalige Graf des Niederlahngaues, neben der Lintpurg, seiner auf dem Lahnfelsen gelegenen Feste, eine dem heiligen Georg geweihte Basilika. Er ist der erste eigentliche Nationalheros Limburgs. Trotz seiner kleinen Körpergestalt, der er seinen Beinamen verdankt, erscheint er uns als eine machtvolle Persönlichkeit von markanter Eigenart. Zu seinen geschichtlichen Verdiensten gehört, daß er Otto den Großen, seinen Vetter, durch Vernichtung der Herzöge von Franken und Lothringen, von denen er den ersten beim Brettspiel und den zweiten beim Besteigen des rettenden Kahnes bei Andernach niederstieß, erst in den ruhigen Besitz der Kaiserwürde setzte und ihm den Krieg mit den Slawen dadurch entscheiden half, daß er eitlen riesenhaften Sarazenen, der zum Einzelkampfe herausgefordert hatte, als ein zweiter David mit der Lanze durchbohrte. Auch erlegte er einstmals einen dem Käfig entsprungenen Löwen, der auf den König losstürzte, mit einem Schwertstreich. An Klugheit ragte er nicht minder hervor als an Kühnheit. Das Volk nannte ihn den Weisen, und der Kaiser machte ihn zu seinem vertrauten Rate. Er war es auch, der das Chorherrenstift gründete, das für die Stadt Limburg so bedeutungsvoll wurde und wohl infolge der Beziehungen Konrads zum Königshause von Ludwig dem Kind mit dem königlichen Saalhofe zu Oberbrechen, von Otto dem Großen mit dem Hofe zu Niederzeuzheim und von den Kaisern Konrad I. und Heinrich IV. mit reichem Grundbesitz im Westerwalde dotiert wurde. Es bildete sich ein ganzer Legendenkranz um ihn, und seine Taten lebten lange in Liedern, die uns leider nicht erhalten sind. Auch die Silberschale hat sich nicht erhalten, die nach ihm der »Herzog Conrad« genannt wurde und uns als ein überaus »schon altes mazern holzernes Trinkgeschirr« mit silbernen Füßen beschrieben wird, groß, weit und innen mit einem Silberbelage bedeckt, in dessen Zentrum Konrad auf einem Throne sitzend in Gold und Silber kunstreich gebildet war. So rauh, ernst und fest, wie dieser Mann uns erscheint, der Frauen nicht ansah und Äpfel als eine Leckerei verschmähte, mochte die Kirche gewirkt haben, die er baute. Sie mochte ebenso aus dem Felsen wachsen, wie die Kirche von Dietkirchen sich auf dem Reckenforst, der uralten Malstatt des Niederlahngaues, erhebt, auf dem Felsen, an dessen Fuße der Kahn mit dem Leichnam des heiligen Lubentius stehenblieb, der nach der Legende ohne menschliches Zutun die Mosel hinab, den Rhein hinüber und die Lahn hinauf geschwommen kam, damit der Schüler des heiligen Martins zur Tours an der Stätte begraben werde, wo er im 4. Jahrhundert den Christenglauben gepredigt. So ist uns die Lubentiuskirche nach dem Verfall der Conrad-Basilika gleichsam als die Ahnenform des Domes erhalten, der sich wie ein Phönix aus den Trümmern der vom Blitz zerstörten Stiftskirche erheben sollte. Noch ragten von dem Burgfelsen die brandgeschwärzten Mauern der gewaltigen Ruine in den Himmel, als die alte Lahnbrücke ein seltsames Bild bot: Donnernd führte ein endloser Wagenzug die Steine zum Dombau herbei. Jahraus, jahrein zitterte die Brücke von den schwerbeladenen Wagen, die mit sechs Gäulen bespannt aus dem dunklen Torbogen kamen. Aus allen Gegenden kamen sie: die brachten milchbläulichen Kalkstein aus den Brüchen über der Lahn und aus dem Amte Walmarod; die mit ihren blusig gegürteten Ärmelröcken brachten Tonschiefer vom Rhein; die mit ihren Gamaschenriemen um die Waden brachten gefleckten Trachyt vom Siebengebirge; diese, deren Kittel aschenfarb waren wie der Tuffstein, den sie brachten, kamen aus der Eifel; und jene kurzgeschorenen mit den Leinwandhosen kamen mit schwarzgrünen Basaltlavablöcken, die zu den Säulen bestimmt waren, aus dem Westerwalde. Vor dem Brückentore hatte sich ein förmliches Marktleben entwickelt. Es hielten dort die Fronbauern aus Neesbach, Oberbrechen, Niederzeuzheim und allen Orten, die für die Fahrt auf den Domfelsen hinauf Vorspann leisten mußten, mit ihren Gäulen. Zu ihrem Zeitvertreib hatten Marketender Schenkzelte errichtet und Spielleute und Hansnarren in ihren Schellenkappen sich eingestellt. Die Hufschmiede hämmerten; vor dem Stand der Sattlerzunft wurden Peitschen probiert. Quacksalber und Pflasterschmierer trieben sich umher, die ihre Hilfe anboten, wenn die Pferde sich geschmissen oder – was oft geschah – beim Anziehen der schweren Wagenlasten, Funken aus den holprigen Steinen schlagend, niederstürzten. Auch war die Torwacht, die im Lederwams und Eisenhaube mit langem Spieße einherschritt, wohlweislich verstärkt worden. Denn allerhand bettelndes Gesindel bildete Spalier an der Straße, auf der die Fuhrleute mit gefülltem Säckel und entladenen Wagen zurückkehrten. Nicht selten mischten sich aber auch die schwarzen Brüder aus dem Inselkloster der Lahn in die Menge und teilten unter den graubärtigen Pilgern, die den Fortgang des frommen Bauwerkes zu schauen barfüßig hergewallfahrt waren, Almosen aus, oder einer der Braunkutten mit dem Strick um die Hüften trat unter die mächtige Uferakazie, die das Wasser mit ihren Blüten bestreute, und predigte einem allmählich sich füllenden Kreise beim Rauschen des schäumenden Wehrs von dem Drange zum Lichte, indem er zu der Höhe hinüberwies auf den werdenden Dom, auf dessen immer höher steigendem Mauerwerk die Arbeiter schwarz und schwindelerregend gegen den Himmel standen. Stockwerk um Stockwerk baute sich das gewaltige Werk auf. Schon stand das Untergeschoß mit dem säulenumschlossenen Portal, das im Kleeblattbogen gipfelt und die Mitte einnimmt zwischen je zwei spitzbogigen Blenden. Mit reicher gegliederten säulchengeschmückten Spitzbogenblenden wurde das zweite Geschoß aufgesetzt, das rundum ein Bogenfries umzieht. Dann – indem die Höhe der Geschosse wachsend zunimmt – das dritte mit paarigen, säulengeteilten, schlankeren Blenden zu beiden Seiten des herrlichen neunäugigen Radfensters, über dem sich in der Höhe des vierten fensterreichen Geschosses der Giebel des Mittelbaues mit dreiteiligen Fenstergruppen und kleineren Fensterrosen erhebt, gekrönt von der Kreuzblume, welche die Gestalt des heiligen Georg trägt. Und durch die Galerie der Fensteröffnungen kommt Licht in den Stein; und Licht durchbricht mit einem Male das Spiegelbild im Wasser, das lange ein massiver Schattenfelsen war. Und das Licht wächst; ein Feenschloß tut in der Tiefe silberne Hallen auf. Das fünfte Geschoß mit durchbrochener Maßwerkzier in den Schallöffnungen ist vollendet. Und immer zauberischer schimmert durch die Arkaden des zackenreichen Wasserschlosses das Geheimnis der Tiefe, welches das Geheimnis der Höhe ist. Zwischen den Zacken von acht friesumzogenen Giebeldreiecken mit mannigfaltigen zierlichen Fensterbildungen steigen die kreuzüberragten Rhombendächer der beiden ersten Türme in den Himmelsraum. Phantastisch inmitten des werdenden Werkes stand noch immer und diente als Gotteshaus die Ruine des alten Chors. Darum nahm man nunmehr den Chor in Angriff, den man um die alte Choranlage herumbaute. Erst als auch die Chorseite mit ihren beiden übereinanderstehenden Säulengalerien vollendet war, die sich mit ihren dunklen Öffnungen wie geheimnisvoll vergitterte Altane im Halbkreis um die steile Höhe des dohlenumflogenen grauen Lahnfelsens ziehen, wurde der alte Chor abgebrochen und das Querschiff mit seinen zwei Giebeln und Turmpaaren eingeschoben, die im kleinen die Motive und die Gliederung der Fassadentürme wiederholen. Und endlich, mitten unter den anderen Türmen herauswachsend und alle überragend, stieg aus ihrem achtblätterigen Giebelkelche die hohe Pyramide des Kuppelturmes empor, bis hoch hinauf gleichsam umdornt von den kleinen spitzen Türmchen zahlreicher Gauben. Man darf, um die Bedeutung eines Kunstwerkes festzustellen, es nie mit späteren, nur mit früheren vergleichen. Bei einem Bau ist die Lage schon das halbe Kunstwerk. Es ist staunenswert, wie der Baumeister in Fühlung mit der umgebenden Natur stand, als er just einen Bau dieses Stils auf diesen Felsen stellte, wo sich weder ein hochgotischer Dom denken läßt – der wie ein Spielzeug gewirkt haben würde – noch ein romanischer, der schwer und ungefüge nur Stein gewesen wäre auf Stein. Nein, es ist, als hätte dieser Dom in dem Felsen längst geschlummert und nur auf das erlösende Zauberwort gewartet, um siebentürmig daraus emporzusteigen. Auf beherrschender Höhe mitten in weitem Tale gelegen; an inseldurchwachsenem Flusse, der sein Bild widerspiegelt; die Akropolis der Stadt; fern umrahmt von sanft geschwungenen Bergeslinien; niedrige Burghäuser dicht um seinen Fuß; wildes Buschwerk und brennenden Goldlack in den Spalten seines Felsensockels – verbindet er sich in Formen und Farben mit seiner Umgebung zu einem Gesamtbilde, von dem sich das Auge nicht trennen mag. Trotz seiner romanischen Grundform hat er infolge der Verlegung auf den Felsen, um dessen Höhe er selber an Höhe gewinnt, infolge der Nachbarschaft kleiner Burgwohnungen, an denen gemessen seine eigene Größe lebhafter in die Erscheinung tritt, infolge der reichen Anwendung von Spitzbogen, Streben, ornamentalen Fensterordnungen, Säulenstellungen und mannigfachem Einzelschmucke, hat er schließlich durch die Auflösung der Massen in sieben sich übergipfelnde Türme die romanische Gebundenheit überwunden und eine fast gotische Eleganz und Leichtigkeit erreicht, die den französischen Einfluß verrät. Wenn sonst bei groß angelegten Werken wegen der Unterbrechungen des Baues und des zwischenzeitlichen Wandels des Geschmackes die Arbeit verschiedener Zeiten häufig unvermittelt nebeneinandersteht, so ist hier eine Verschmelzung zweier Spielarten zu vollkommener Harmonie gelungen. Ohne Unterbrechung fortgeführt, wurde der Bau ein Werk aus einem Gusse. Während die Arbeiter auf den Turmgerüsten standen, meißelten in den Bauhütten zugleich die Steinmetzen an der Ausstattung des Innern; meißelten zierliche Kapitale, Säulenfüße mit schönen Eckblättern, blumig durchbrochene Steinleisten; meißelten Schneewittchen im gläsernen Sarge, von sechs Zwergen getragen – nein, die sechs Zwerge sind Bär und Löwe und singende und lesende Mönche, und auf der laubkranzumrandeten Bahre, die sie freischwebend tragen, liegt anmutig auf gefälteltem Laken mit dem Gaugrafenstab im Arme Konrad Kurzbold, der Held, ein Märchen in Stein, wie einst ein Märchen im Liede. Eine ganze Fabelwildnis zaubert ihr Meißel um das Taufbecken, unter dessen Säulenstämmen geringelte Lindwürmer hervorkriechen, und um dessen Schale zwischen Lilien und Laubgewinden ein Spuk von verrenkten und verbogenen Gestalten phantastisch aus dem Blattwerk der Kapitale steigt, gebändigt von Christus, der hoheitsvoll in ihren Reigen tritt. Karl Langhammer, Limburg an der Lahn In wie glücklicher Weise aber hier mit der starren Erdenschwere gebrochen war, zeigte sich erst, als die Bauhütten nun abgeräumt waren und das Domportal aufging. Noch war es nie geöffnet gewesen, und der Erzbischof von Trier, der den Tag vorher einsam mit Fasten und Beten zugebracht, stand auf der obersten Treppenstufe bleich davor und klopfte mit seinem Stab an die verschlossene Kirchentür. Aus den engen Gassen der Stadt war ein buntes Festgedränge unter dem Hufgetrappel glöckchenbehangener Rosse die Rampen zu dem Dome hinaufgeströmt und füllte nun tausendköpfig in atemlosem Schweigen den großen freien Platz vor dem Dom. Wieder klopfte der Erzbischof an die verschlossene Kirchentür, und als er zum dritten Male klopfte und mit dem Stabe das heilige Kreuzzeichen daran machte, da öffnete sie sich, und weinend vor Bewegung schritt der Erzbischof in den Rahmen des weiten Portals. Der Einzug in das hochgewölbte Kirchenschiff aber, in dem Weihrauchschleier schwebten und anstatt der Fenster farbensatte Teppiche zu hängen schienen, nahm kein Ende. Durch das Mittelschiff bewegte sich zum Chore hinter einem Edelknecht, der das Zepter vorantrug, ganz in Hermelin gekleidet der Dynast, gefolgt von Hofstaat und Ritterschaft mit Wappenmänteln und Standarten. In orange- und violenfarbenen Gewändern schlossen sich die Chorherren an. In die Arkaden der Seitenschiffe strömten die Zünfte ein, an lang bewimpelten Stangen runde Kränze mit den Zeichen ihres Handwerks. Vor den schwarzen Brüdern, den Bettelmönchen in ihren braunen und den Wilhelmiten in ihren weißen Kutten schritten Ratsherren und Schöffen in pelzbesetzten Talaren der Mitte zu. Oben hinter den Säulengalerien der Emporen leuchteten die weißen Kapuzen der Nonnen, und langsam rückte oben und unten die Prozession der umliegenden Pfarreien nach, mit einem Wald von Kirchenfahnen, die, mit Heiligenbildern geschmückt und von Quastenschnüren umhangen, grünseiden, rotsamten und golddurchwirkt über den Köpfen der Menge hervorragten. Und die Kirchenfahnen und die Scheiben und das bunte Gewoge der Menschen, darüber die Pfeiler und Gewölberippen, bemalt, als wären sie mit Wimpeln umwunden, verschmolzen zu einem Farbenrausch von maurischer Pracht. Auf dreiunddreißig Altären brennen hochgestielte Kerzen. In drei übereinander aufsteigenden Galerien lichten sich die Wandflächen zu belebtem Stabwerk von zahllosen Säulen und Säulchen; konsolengekrönte Stützen und Träger strahlen in einen Fächer von Gewölberippen aus, und graziöse Pfeilerbündel streben hüben und drüben in freistehender Schlankheit hinauf, um sich am Scheitel der Gewölbe in den Bogen des Rippenwerkes verjüngt zu vereinen. Und die Vergeistigung des Steines zu einem lichten Säulenwalde und der Rhythmus der beschwingt hinaufstrebenden Linien zieht auch die Seele der Menge empor, und in dem Dome, der selbst hinaufragt wie eine gewaltige Sinfonie, erklingt tausendstimmig das Menschheitslied einer neuen Himmelssehnsucht ... Wer hat das Werk, in dem der Geist der Zeit jenen bedeutsamen Ausdruck fand, gebaut? Aber einer Säule des Portals ist ein Mann in Stein gebildet, der wie von Reisen heimgekehrt auf dem Stocke ruhend in schlichter Bürgerkleidung dasitzt und seit Jahrhunderten in dem Antlitz eines jeden, der ein- und ausgeht, zu forschen scheint, ob das Werk ihm gefalle. Wer war er? Des baumeisters Name ist ohnbekannt, Man findet seines Gleichen nit in dem Land ... H. Dienz, Kloster Arnstein b. Obernhof. Das Bild von Arnstein Von Ernst von Wildenbruch An den Ufern der Lahn, oberhalb der Ems, nicht weit davon, liegt ein Ort, der sich Arnstein nennt. Ein Bach geht zwischen den Häusern entlang; über den Häusern steigt ein Hügel auf, und auf dem Hügel, weit sichtbar, erhebt sich eine prächtige Kirche. Ein Bild hängt darin, ich glaube, nur ein einziges; und dieses Bild hat es bewirkt, daß ich die Kirche nie wieder vergessen habe. Nicht, daß es ein besonderes Kunstwerk gewesen wäre – im Gegenteil, eine mittelmäßige Schilderei, vielleicht aus dem siebzehnten Jahrhundert. Aber der Gegenstand! Ein Mann ist im Brustbilde dargestellt. Der Mann ist unbekleidet; Flammen umlodern ihn, zur Rechten und Linken, mit großen, roten Zungen, so daß er mitten im Feuer zu stehen scheint. Zwei Schlangen ringeln sich über die Schultern des Mannes, zwei große, dicke Schlangen: die eine hat sich in seine Brust verbissen, da, wo in der Brust das Herz schlägt; die andere sperrt den Rachen auf, um gleichfalls hineinzuschlagen in das unbeschützte Fleisch. Gerade weil man dem Bilde ansieht, daß es dem Maler nicht auf die Malerei angekommen ist, sondern auf den Vorgang, wirkt dieser Vorgang so gräßlich. Mit der einen Hand hat der Mann die beißende Schlange gepackt, als wollte er sie von sich losreißen; aber es hilft ihm nichts; das Untier haftet fest. Und so muß er aushalten in der Höllenqual. Denn daß es Höllenflammen sind, die ihn umlecken, Höllenqualen, die ihn zerreißen, das sieht man seinem Gesicht an, dem fahlen, aschgrauen, das in Verzerrung dem Beschauer in die Augen blickt. Um den oberen Rand des Gemäldes läuft eine Inschrift, ein Distichon in lateinischer Sprache. Ich kann mich des Wortlautes nicht genau mehr erinnern, nur den Inhalt habe ich behalten: »Der du mich anschaust und fragst, was mich in diesen Höllenpfuhl gestoßen, wisse, es war der Neid.« Invidia – so lautet das lateinische Wort. Ich drehte mich um. »Was hat es für eine Bewandtnis mit dem Bilde da?« fragte ich die Beschließerin, die hinter mir stand. »Wie kommt es her? Wen stellt es dar?« »Das ist das Bild«, erwiderte die Frau, »von dem Mann, der die Kirche hier gestiftet hat und hat bauen lassen.« Merkwürdige Art, den Stifter einer Kirche zu verewigen, indem man sein Bild in solcher Gestalt in seine Kirche hängt! »Wer hat das Bild von ihm malen lassen?« forschte ich weiter. »Er selber hat sich so malen lassen und bestimmt, daß das Bild für alle Zeit da hängen sollte.« »Er selber – wer war der Mann?« Das wußte die Frau nicht. »Was hatte er getan?« Das wußte sie auch nicht. Düsteres Geheimnis. Wir waren allein in der Kirche, ich, die Beschließerin und der da auf dem Bilde. Und in meiner Vorstellung erschien es mir, als stände hinter dem Bilde etwas auf, etwas Dunkles, irgendein grauenvolles Ereignis, eine furchtbare Tat. Niemand wußte mehr, was es gewesen. Die Zeit hatte alles in Schweigen begraben, die Tat und das Opfer. Nur einer war übriggeblieben, ein Zeuge, der das Schreckliche aus nächster Nähe mit angesehen hatte, aus allernächster, der Täter selbst. Und der hatte dafür gesorgt, daß sein Andenken der Nachwelt erhalten blieb in solcher Gestalt. Was für eine Art von Mensch mußte das gewesen sein. Meine Gedanken tasteten an dem verzerrten Gesichte herum, das auf mich herabblickte. Ein Mensch, in dem ein furchtbares Blut furchtbare Leidenschaften geheizt hatte, dem das wilde Blut keine Ruhe gelassen hatte, bis daß er die Tat vollbrachte, und in dessen Seele, nachdem die Tat geschehen war, mit der gleichen elementaren Gewalt des bösen Antriebs der Rückschlag gekommen war, die Reue. Wie sie ihn gepackt haben mußte! Wie sie ihn geschüttelt, zerrissen und zerfleischt haben mußte! Mir war, als sähe ich ihn, wie er zum Beichtiger in den Beichtstuhl kniete, mit heulenden Tränen sein Bekenntnis stammelnd, mit klappernden Zähnen sein: »Was soll ich tun? Was soll ich tun?« herausfragend. »Faste, bete, kasteie dich,« kam die Antwort, »und baue eine Kirche.« Und er fastete, betete, kasteiete sich und baute eine Kirche. Eine große Kirche, eine mächtige; je mächtiger, desto besser, wie eine Riesenlast, die er auf den Wurm wälzen wollte, der an seiner Seele fraß, daß sie den Wurm erdrückte. Und als die Kirche erbaut, war alles umsonst, der Wurm war nicht erdrückt, lebte immer noch und nagte und nagte. Da, als er fühlte, daß sein Leben zum Ende ging, ließ er einen Maler an das Bett rufen, auf dem er versiechend lag, und hieß ihn ein Bild malen. Nicht ein Bild, das ihn darstellte in Kraft und Gewandung seines Lebens – denn offenbar war es ein reicher und mächtiger Mann gewesen –, sondern so, wie er sich in seinem Jammer fühlte, als armer Sünder, in aller Nacktheit der schuldbewußten Seele, von Flammen gebrannt, von dem Schlangenrachen der Reue zerfleischt. Er selber gab die Inschrift an, die man auf das Bild setzen sollte, und bestimmte, daß es aufgehängt würde in der Kirche, die er selbst gebaut, sein eigenes Ich im eigenen Werke eingesperrt, sein Schatten, den er von Grabesruhe und vom Frieden des Vergessens ausschloß, damit es dort hinge wie der graue Aschenrest einer schrecklichen Feuersbrunst, wie der fahle Widerschein eines mit Blut gemalten Vorgangs, solange die Kirche stehen würde, jahrhundertslang, immer und für alle Zeit. Immer wieder, so oft die Augen zukünftiger Menschen sich auf das Bild richten würden, den Schauder erweckend, der mit tastenden Fühlfäden hinunter langte in das Grab, wo der Verbrecher lag, und für immer, wenn kein Besucher in der Kirche war, mit sich allein in der furchtbaren Einsamkeit, jahrelang, jahrhundertelang mit sich allein und der Erinnerung an das, was einstmals gewesen. W. Mulot, Rabenscheid. Die Kultur des Westerwaldes Von Leo Sternberg Seltsamerweise hat ein Himmelsstrich, der heute noch auf weite Strecken sich im Paradieseszustand der Natur zu befinden scheint, uns ein Denkmal der Uranfänge aller Menschenkunst bewahrt. Wenige Jahre liegt es zurück, da fand man unter den Ausgrabungen der »Wildscheuer«, der bei Steeden an der Lahn gelegenen großen Felsenhöhle, einen kleinen Gegenstand, der einer aus Stein gebildeten Perle gleicht. Diese Entdeckung bedeutet nichts weniger, als daß wir in der unscheinbaren Steinperle, die sich unter den Knochenresten bepelzter Urelefanten verbarg, einen Schmuckgegenstand des Diluvialmenschen besitzen – eines der ersten Kunstgebilde der Menschheit. Jahrmillionen hat es gedauert, bis die westerwälder Erde jenes Juwel der Menschheitsentwicklung aus der Tiefe heraufreichte, als wenn sie die schöpferische Phantasie endlich auf ihre verborgenen künstlerischen Inhalte hätte hinweisen wollen. Das Kunstgewerbe, das den freien Künsten immer vorauszugehen pflegt, hat die Mahnung auch hier zuerst verstanden; denn ihm hatte die Natur zugleich das Material zugetragen: goldnen, scharlachfarbnen, seidengrauen Edelton legte sie ihm auf die Töpferscheibe, die schon in keltischen Zeiten die bildsame Erde zu Steinzeuggefäßen geformt haben mochte. Mehr als gutes Handwerk waren im allgemeinen auch die mittelalterlichen Wandmalereien nicht, von denen uns in mancher einheimischen Kirche noch Spuren erhalten sind. Der eigentlichen Malkunst aber hat sich der Westerwald erst im 20. Jahrhundert zu erschließen begonnen. Zwar haben westerwälder Persönlichkeiten (vor allem die Oranier) schon im 16. und 17. Fahrhundert dem Porträtmaler gesessen, und die Heldengestalt Wilhelms des Schweigers lebt in Rubensscher Apotheose fort. Allein mit dem Westerwalde haben jene, meist nur geschichtlich noch interessierenden Stücke – einige Landschaften derselben Zeit mit einbegriffen – wenig zu tun. Nur das Genie des Nutzens läßt sich vielleicht in höherem Maße, als es bisher geschehen ist, für den Westerwald in Anspruch nehmen, insofern, als das beispiellose Temperament und das titanische Kraftmaß dieses Großen sich unschwer in psycho-physiologische Beziehung setzen lassen zu dem heroischen Schicksal seiner geprüften Eltern, deren in der Gefangenschaft zu Dillenburg und Siegen eingekerkerte, aber von den Eutern des derben Bauernlandes heimlich erhaltene Lebensgeister bei dem Sohne wieder als die überschäumende Lebensfreude hervorbrechen mochten, die seine Kunst kennzeichnet. Aber wie die Romantik überhaupt erst die Landschaft entdeckte, so hat sie den Maler auch erst westerwaldreif gemacht. Allerdings haben Künstler wie Jakob Becker und Jakob Dielmann, die in den ersten Zeiten der Düsseldorfer Schule ihre Studienfahrten in den Westerwald richteten und sich dort ihre Modelle und landschaftlichen Hintergründe holten zu genrehaften Bildern wie »Der erschlagene Schäfer«, »Das Gewitter«, »Der Kirchgang«, »Die Heimkehr von der Ernte« oder was der wohlbekannten Motive mehr sein mögen, nach der idealisierenden Richtung der Zeit und bei der Verrufenheit des Westerwaldes die örtlichen Anklänge möglichst verwischt, so daß es heute nur dem Kenner gelingt, den Anteil des Westerwaldes an diesen Idyllen festzustellen. Obwohl derselben Schule angehörig, hat Ludwig Knaus in einigen Skizzen, wie dem »Waterlooinvaliden« und der »Bäuerin von Rennerod«, wenigstens Ahnenformen des Westerwälder Personentypus geschaffen. Doch ist der Maler noch nicht erstanden, der – wie Thoma den Taunus oder Volkmann die Eifel – den Westerwald zu erfassen vermochte mit seinen sich ins Unendliche verlierenden Straßen, seinen in die Waldbuchten hineingrünenden Wiesengründen, seinen flach über die Bäche sich spannenden Steinbrücken, seinen auf der Grenze des Horizonts nebelnden Tannenwänden, seinen wetterkrummen Bäumen – der Maler, der die Wolkenflüge und den Farbenhauch, die ungreifbaren Stimmungen des Höhengeheimnisses, die Atembewegung und die Seele des Landes erschlossen hätte. Die Pastelle Johannes Manskopf's kommen diesem Ideal noch immer am nächsten. Als Vertreter des Schrifttums unsres Gebietes ist lange Zeit nur Riehl angesehen worden, der in seinem »Land der armen Leute« und einigen seiner kulturhistorischen Novellen wie etwa »Gräfin Ursula« oder »Werke der Barmherzigkeit« von westerwälder Volkstum und Landschaft allerdings ein klassisches Bild entworfen hat. Aber auch der Zeugen des dichtenden Volksgeistes sind viele bei dem in hartem Kampf mit langen Wintern ringenden Bauerngeschlecht, über das die Nebelharfe der Höheneinsamkeit seit urdenklicher Zeit ihre Klänge hinweht. Und man braucht nur den Reichtum an natürlichen Sagenmotiven zu überschauen, den eine über vulkanische Hochebenen sich erstreckende elementare Landschaft der Phantasie von jeher darbot, um zu begreifen, wie weit die Wurzeln der heimischen Volksdichtung zurückreichen. Auch ist die Limburger Chronik, die uns mit der ganzen Ritterschaft von Dehrn, Molsberg, Runkel, Staffel, mit ihren Fehden und Burgbauten bekannt macht, zum guten Teil eine Westerwälder Chronik. Wenn man dagegen treffliche Gelehrte der im Jahre 1584 in Herborn errichteten Hohen Schule als das »Dichtersiebengestirn« Nassaus gelten lassen will, so handelt es sich jedenfalls um Sterne letzter Größe. Denn was Johann Pincier diesem Ruhm eintrug, war eine Anatomie des Menschen in lateinischen Versen, und die »Sphinx philosophica« des Professors Johann Heidfeld aus Bergebersbach verdient höchstens als Quelle alter deutscher Sprichwörter und Rätsel Beachtung. Nur kulturhistorischen Wert kann schließlich die Jungfrauenordnung von Driedorf beanspruchen, einer jener in Reimversen geschriebenen Rechts- und Sittenspiegel, die schon Reinhard von Westerburg zwangen, ein rauhes Lied, das vor der Zensur der »Jungfrau« nicht bestand, »der frouwen zu bessern«. Der Name eines Ausländers, des Herrn von Aldegonde, ist an die Schöpfung des Nationalliedes von »Wilhelmus von Nassouwe« geknüpft, den in Dillenburg geborenen Befreier der Niederlande, durch dessen Person auch Goethes »Egmont« mit dem Westerwalde verbunden ist und von dessen Sohn Moritz von Oranien der Ausspruch herrührt, den sich nach ihm auch Graf Melander von Holzappel zu eigen machte: »Ich bin ein Deutscher und noch dazu ein Westerwälder, was soviel als zwei Deutsche gilt.« Die Kirchenbücher von Höchstenbach sind es, die das Andenken an einen anderen Freiheitskämpfer des Westerwaldes bewahren: den ehemaligen Studenten der Herborner Universität und späteren Wildschützen Balzer von Flammersfeld, den Helden des einzigen eigentlichen Westerwälder Romanes, der C. Spielmann zum Verfasser hat – wenn man nicht Goethes »Werther« hierher zählen will, dessen Kolorit freilich wenig davon erkennen läßt, daß er zum größten Teil auf westerwälder Erde spielt. Eine Westerwälderin im eigentlichen Sinne aber ist die in Hachenburg geborene und in Altstadt begrabene Albertine von Grün, deren Herzensbeziehung zu dem Kraftgenie Friedr. Maxim. Klinger von Alfred Bock in einer nach ihr benannten anmutigen Novelle behandelt ist. Ihre Briefe beanspruchen freilich mehr Interesse als ihre Gedichte und Novellen, wenn sich auch eine reichbegabte Frauenseele in allen ihren schriftstellerischen Versuchen ausspricht. Doch ist die sonstige poetische, Memoiren- und Novellenliteratur des Westerwaldes ungleich bedeutender. Da ist von Brentano die ergreifende »Chronika des fahrenden Schülers Johannes Laurenburger von Polsnich an der Lahn«, des Sohnes der schönen »Laurenburger Els« und des Ritters Hans von der Laurenburg, die dem Kloster Arnstein gegenüberliegt. Da ist das Lied von dem »Wirtshaus an der Lahn«, in dem Dausenau verewigt zu sein beansprucht; ist das Lied »Es liegt eine Krone im grünen Rhein«, dessen Text- und Tondichter Hill und Dippel beide Limburger waren; ist W. O. von Horn mit seiner Erzählung von den »Elsern«, dem Dorf der Harfenmädchen, Seiltänzer und wandernden Musikanten und Wolfgang Müller von Königswinter mit seiner »Fahrt durchs Lahntal«. Von der modernen Literatur wird an andrer Stelle die Rede sein. Es ist bezeichnend für einen Landesteil, in dem die Beschäftigung mit geistigen Werten noch nicht über das Stadium lokalgeschichtlicher Interessen hinausgekommen ist, daß man sich bei dem Ausspruche von Riehl, im Westerwalde gäbe es keine Kunst, bislang beruhigt hat, obwohl dieses Urteil noch ungerechtfertigter erscheint, wenn wir unsere Betrachtung von Schrifttum und Malerei auf die übrigen Kunstgebiete ausdehnen. Es wäre auch verwunderlich, wenn die Kunst nicht sogar sehr frühe Eingang gefunden hätte in einem Lande, wo schon im vierten Jahrhundert Lubentius des Christentum predigte, wo die Burgen mächtiger Rittergeschlechter alle Berghöhen krönten und ein Netz von großen Verkehrsstraßen den kulturellen Beruf erfüllte, der heute auf große Eisenbahnlinien übergegangen ist. Der Westerwald war nämlich, ehe seine Bäume die Dillenburger Eisenhütten heizten oder als oranische Schiffe zur Befreiung der Niederlande hinausschwammen, wirklich ein Waldgebirge, das die Bildung stattlicher Gemeinwesen in anderem Maße ermöglichte als in späterer Zeit, wo wegen des Regens und des Windes der kahlgeholzten und versumpften Hochfläche allenthalben Dörfer zu Wüstungen wurden. Tatsächlich spiegelt sich die baugeschichtliche Entwicklung Deutschlands hier in glänzenden Beispielen der herrschenden Kunstrichtungen wider. Die romanische Kunst ist allerdings diejenige, die von dem Lande am entschiedensten Besitz ergriffen hat und bodenständig geworden ist, weil sie wie kein anderer Stil sich Volksempfinden und Landschaft einfügte. Wenn auch auf die Kirche von Dietkirchen als einen der hervorragendsten Bauten dieser Art besonders hingewiesen werden muß, so sind doch fast bei allen Kirchen und Kapellen des Gebietes romanische Bestandteile aus dem 10. bis 13. Jahrhundert nachweisbar, ob es sich um bedeutendere Bauten handelt, wie bei den Basiliken von Haiger, Herborn und Gemünden, oder ob kleine und kleinste Kirchlein in Betracht kommen, die aus gewöhnlichen Bruchsteinen in einfacher Handwerkerkunst hingestellt wurden, aber gerade vielleicht deswegen so organisch aus der Umgebung herauswachsen, daß sie, wie die Kapelle in Langenhahn oder die Kirchen zu Altstadt und Salz, noch heute die entzückenden Wahrzeichen ihrer Gegend sind. Oft verleihen ihre starken Portaltürme der ganzen Silhouette ihres um den Berg gelagerten Dorfes das Ansehen einer befestigten mittelalterlichen Stadt. Oft – wie in Kroppach, Meudt oder Daubhausen – stehen sie festungsartig zwischen der Schildwacht ihrer mistelbesetzten Linden und erinnern mit ihrem scheinbar zum Ausguck bestimmten, an den Kanten bastionartig gerundeten Galerietürmen – gleich der zinnenbekrönten Kirche der Normandie, der Flämen oder des Early-English – an die Zeit, wo das Gotteshaus in Kriegsnöten wirklich eine »feste Burg« war. Wir meinen noch die ganze Kastellanlage wahrzunehmen, wie sie bei vielen bayrischen Kirchen und Friedhöfen erhalten ist, wenn wir vor dem wuchtigen Pylonenturm der Kirche von Rabenscheid stehen oder in den eigentümlichen Kreis eintreten, der die alte Kirche von Höhn umzirkt. In weitem Bogen umzieht uns eine Umwallung, die ein Teil der alten Befestigungsmauer sein mag, von einem Kral von Bauernhütten außerhalb umschlossen, die mit grünen Moosdächern darüber hereinschauen, während innerhalb der Umfassungsmauer eingesunkene Steinkreuze wie ein keltischer Dolmenring den dritten Kreis um die Kirche ziehen, die sich mit ihrem romanischen Turme, mit den Pultdächern ihrer Seitenschiffe und dem dunkel in einen massiven Strebepfeiler hineinführenden Eingangstore als Bollwerk aus der Mitte erhebt. Es ist zweifellos, daß die beiden mächtigen Lehnsherren des Westerwaldes: Trier, von dem die Christianisierung des Gebietes ausging, und Köln, der Mittelpunkt des damaligen Kunstlebens, mit ihren großen Vorbildern rheinischen Basilikenbaues den romanischen Stil in die Westerwaldberge verpflanzten, wo ihm durch die heimische Eigenart der Boden förmlich bereitet war. Der Einfluß dieser Kunstzentren, zu denen auch Mainz trat, blieb während des ganzen Mittelalters für das Westerwaldgebiet bestimmend. Wenn manche Kirchenbauten geradezu den Kölner Typus aufweisen, so läßt sich im allgemeinen doch beobachten, daß die romanische Form sich mit dem einheimischen Wesen durchaus zu einer bäuerlichen Spielart dieses Stiles verband, die ebenso wie das Fachwerkhaus auch unter der Herrschaft neuer Kunstströmungen sich erhielt. Man ist versucht, fast an eine Massenverbreitung romanischer Plastik zu denken, wenn man das edele steinerne Taufbecken von Dietkirchen in Hachenburg, Altstadt und vielen Kirchen der Sieggegend wiederfindet. Der auffallendste Beweis für den durchgehends romanischen Charakter des westerwälder Kirchenstils liegt aber in der ungemein weiten Verbreitung der Wandmalerei, die sich naturgemäß nur da auszuleben vermag, wo die Flächen noch nicht durch gotische Ausgestaltung der Architektur beschränkt sind. So weisen die Kirchen von Erdbach, Altstadt, Dausenau, Haiger und Montabaur Gemälde jener Art von einfacher Umrißzeichnung und schlichter Kolorierung im Charakter des 14. und 15. Jahrhunderts auf. Den Schenkungen reicher Rittergeschlechter ist es zu verdanken, daß die kirchliche Bautätigkeit bis ins 15. Jahrhundert nicht aussetzte. So stiftete Reinhard von Westerburg die Kirche von Gemünden; so stifteten die Grafen von Sayn außer Marienstatt eine ganze Anzahl Klöster, Kirchen und Kapellen; und da die zahlreiche Kleinritterschaft des Westerwaldes dieses Beispiel durch Stiftung kirchlicher Gegenstände nachahmte, so wurde selbst unbedeutenden Kirchen oft eine so unverhältnismäßig reiche Ausschmückung zuteil, daß z. B. das kleine Kirchlein zu Altstadt Altäre genug hatte, um einen hohen Chor mit zehn Geistlichen darin zu feiern. Wir finden Gnadenbilder, unter denen z. B. die dem 14. Jahrhundert angehörige Holzskulptur der Maria mit dem stehenden Jesusknaben in der Liebfrauenkirche zu Westerburg hervorragt; finden Bildstöcke mit plastischem Schmuck in der Art der Darstellung im Tempel in einem Heiligenhäuschen in Hadamar, einer wunderbar geschlossenen und doch ganz frei und höchst individuell behandelten Holzbildgruppe voll ruhiger Bewegung, bei der es ein Genuß ist, dem künstlerischen Gedanken nachzugehen; und finden in Grenzhausener Steingut ausgeführte Haustabernakel und Taufstühle, wie die bemalte Holzschnitzarbeit dieser Art aus Merenberg, die das Landesmuseum zu Wiesbaden besitzt. An Glasmalereien besitzt der Westerwald Meisterwerke, die einen eigenen Darsteller erforderten. In der kostbaren Sammlung, die der Freiherr vom Stein in seinem Schlosse zu Nassau zusammentrug (und die mit dem Freiherrlich vom Steinschen Besitze der Gräfin von der Groben zugefallen ist), befinden sich außer Glasbildern aus der Kirche von Dausenau auch zwei romanische Glasgemälde von hoher Schönheit und eigenartiger Darstellung. Während das Jessefenster nämlich die Abstammung Christi von Isai, David und Salomo bei drei übereinanderstehenden Figurenfeldern abweichend von deutschen, nach dem Vorbild englischer und französischer Denkmäler veranschaulicht, steht das Mosesfenster, das den Völkerhirten von säugenden Lämmern umgeben am brennenden Dornbusch, vor dem blühenden Stabe Arons und mit den Gesetzestafeln auf dem Sinai liebevoll darstellt, insofern einzigartig da, als der ausführende Glasmaler Gerlachus seine meisterhaft gezeichnete Gestalt auf dem Gemälde anbringt, obwohl auf alten Fenstern sonst nur Donatorenbilder bekannt sind. Wie verbreitet vortreffliche Glasgemälde aber allenthalben hier waren, veranschaulicht die Schloßkapelle zu Westerburg, deren Fenster aus Bilderscheiben der Kirche zu Willmenrod und vieler anderer kleiner Gotteshäuser der Umgegend zusammengesetzt sind und namentlich in den romanisch gehaltenen Motiven durch Farbenpracht auffallen. Außer Altarbildern und Kirchenfenstern, bei denen es sich meist um Werke rheinischer Kunstschulen handelt, mit denen sich der reichere Donator naturgemäß größeren Glanz verlieh als mit primitiven einheimischen Arbeiten, gab es aber auch hier – neben dem früh geübten berühmten Steinzeugkunstgewerbe – bodenständige Techniken, und die Glocken mit der Inschrift »alle boze weder vertriben ich, dielmann von hachenborg gos mich« hatten einen guten Klang. Auch die heutige Glockengießerei in Sinn ist kein Zufall in einem Lande, wo die Basaltsäulen in der Erde klingen. Ebenso mußte in den Bergen, die schon im 16. Jahrhundert von saynschen und oranischen Eisenhämmern widerhallten, die Gußplastik zu der Blüte gelangen, die sich in der ritterbildgeschmückten Grabplatte des Barthram von Haldnickhausen zu Lüzelauen in der Kirche von Kroppach und derjenigen des Johann von Seelbach in Marienstatt sowie in zahlreich verbreiteten Reliefofenplatten ausspricht, die zuletzt in dem Schablonenbetriebe der Christianshütte zu Schuppach alle mit einer Darstellung der Hochzeit zu Kana, häufiger noch des verlorenen Sohnes versehen und darnach benannt wurden. Eine der künstlerischsten schmückt das Rathaus in Hadamar, während das Kloster Marienstatt in der Grabplatte für den Chorherrn Joh. Pithan das für Deutschland seltene Beispiel einer noch mit beweglichen Stempeln geformten Bildplatte besitzt. In demselben buchstäblichen Sinne bodenständig ist die Holzschnitzerei; und in einer Gegend, wo man so viel Holz verbrauchte, daß eine »hochwohlweise« landesherrliche Verordnung »zur Vermeidung übermäßigen Bauholzes« die Errichtung neuer Fachwerkhäuser auf dem Lande verbot, befremdet es nicht, wie Rosen im Kartoffelacker allenthalben liebliche Schnitzbildlein unter dem nüchternen Inventar der Dorfkirchen zu finden. Daß Balkenwerk und Holzfüllung des Fachwerkhauses, Tür und Fensterrahmen, Standuhr und Schrank, Bett und Truhe geschnitzt wurden, versteht sich von selbst; und vom gotischen Milchschrank mit seinen alten Punktierornamenten bis zur blumigen Rokokokommode hat das Schnitzmesser des bäuerlichen Kunsthandwerks nie geruht. – Trauernd sitzt die Kunst vor den gebrochenen Ritterburgen des Westerwaldes. Denn seitdem mit der neuen Kriegsverfassung des 16. Jahrhunderts die Bedeutung des Adels zunichte geworden, fand sie nur dort Gunst und Heimstätte, wo blühende Gemeinwesen dem Geiste der neuen Zeit die Tore öffneten. Die Epoche kunstvoller Profanbauten beginnt, die in dem Rathause zu Hadamar und vielen dortigen Privatbauten, in der »Krone« zu Hachenburg und in dem ganzen Stadtbilde von Herborn ihre Denkmale hinterlassen hat und sich dem zum Ganzen rundet, der in dem Wilhelmsturme zu Dillenburg, in Schloß Friedewalt oder in dem Landesmuseum zu Wiesbaden ihren Spuren nachgeht ... K. H. Zunn, Schloß Westerburg. Wer aber die Lichtfülle der Welt auch im blinkenden Tautropfen zu sehen imstande ist, der erkennt in dem Idyll, wie die Türmchen der Dorfkirchen aus mauerpfefferüberblühten Moosdächern hervorragen; wie die Kirchhöfe, deren friedliche Blumenwildnis eine grasende Kuh nicht entheiligen würde, an Waldabhängen liegen; wie die kleinen Steinbrücken von Tännchen flankiert den flachen Bach überspannen; wie das Heiligenhäuschen überm wogenden Kornfeld schwebt und das Wetterkreuz aus der Lavaheide starrt, daß die schöpferischen Kräfte auch in der dörflichen Hütte nicht erstorben und die Geister der Träume aus den einsamen Sitzen ihrer Heideblöcke am Werke sind, zu weben und zu weben ... Freilich derjenige, der den schiffsbelebten Strom in breitem Bette dahingleiten sieht, denkt nicht, daß droben im Gebirge die kleinen Quellbäche es sind, denen er seine Kraft verdankt – und doch sind Heldengestalten wie Wilhelm von Oranien, der Freiherr vom Stein und Reinhard von Westerburg aus dem Westerwalde hervorgegangen. Von hier – durch Heinrich den Großen von Sayn, der dem Treiben Konrads von Marburg ein Ziel setzte – ist eine der ersten mutigen Taten gegen die Ketzergerichte ausgegangen. Hier, wo es in manchen Gebieten nie unfreie Bauern gab, ist Graf Johann zu Dillenburg mit der Aufhebung der Leibeigenschaft, dem Verbot der Hexenverbrennungen, dem Schutze der Wissenschaften vorangegangen. Hier liegen die kleinen Anfänge Peter Eppelmanns, jenes Grafen Melander von Holzappel, der als Feldmarschall über das gesamte kaiserliche Heer die letzten Siegeskränze des Dreißigjährigen Krieges an die kaiserlichen Fahnen heftete. Und ohne den führenden Geist Wilhelms von Oranien wäre die Freiheit der Niederlande nicht erkämpft worden. Mit Recht sagt daher Heyn in seinem grundlegenden Buche »Der Westerwald und seine Bewohner«, der Westerwald sei seinen Nachbarn in der Kultur vielleicht um Jahrhunderte voraus gewesen. Daß dieses Wort auch für die ästhetische Kultur seine Berechtigung hat, scheint ein feiner, echt deutscher Zeug aus dem mittelalterlichen Rechtsleben von Driedorf bestätigen zu wollen, der Stadt, die als wichtiger Kreuzungspunkt der Köln-Frankfurter, Köln-Leipziger und Rheinstraße beständig von Raubrittern (darunter auch einmal von Goetz von Berlichingen) umlauert war. Inmitten dieser Räuber entschied, wenn Sitte und Sittsamkeit verletzt worden waren, nicht das Recht, sondern es kam vom Schlosse und trat in die Gerichtsversammlung feierlich eine schöne Jungfrau, die zur Richterin ernannt wurde, und – die Schönheit richtete. Die Madonna mit der Scherbe. Eine rheingauische Legende Von Otto Stückrath Es hatte der Klaus Sybold aus Hausen auf der Höhe in Hallgarten ein Faß firnen Weines erworben, denn er gedachte mit seiner Sippe die Hochzeit der einzigen Tochter zu begehen. Sie heiratete auf die Arde, bekam einen reichen Bauern aus der güldenen Grafschaft zum Manne und deshalb sollte bei der Hochzeit etwas draufgehen; denn der Mann von der rauhen Höhe dachte dem Freier aus dem Weizenlande zu zeigen, daß man auch auf dem Gebirge zu leben verstehe, und daß seine Annelies imstande sein würde, die Taler so gut unter die Leute zu bringen wie die armen Weißpfennige. Heiß war es hergegangen bei dem Kaufe, denn der Freund Kunz Baldringer zu Hallgarten geleitete ihn in den Keller, der wie ein unterirdisches Kapellchen eingerichtet war, schöner als die schönste Staatsstube in Hausen, legte einen tüchtigen Kringen Wurst auf ein Faß, Milchwecken dazu und begann dann bald von diesem, bald von jenem einzuschenken. Es waren immer kleinwinzige Pröbchen, Fingerhüte voll, die Klaus zu schlucken bekam, und er merkte im Keller nicht eine Spur von Weindunst im Kopfe. Mit fröhlichem Mute suchte er sich unter den zwölf kleinen Propheten, recht handlichen Fässern, eines aus, das auf den Namen Maleachi hörte, hieß den Freund die Schröter herbeiholen und stand breitbeinig neben seinem Gefährt, als die zünftigen Männer das Faß aus der Tiefe heraufschroteten und auf dem Wagen so wohl versicherten, daß es, wenn Gott wollte, nicht schalkhafter Weise herunterspringen und in Stücke gehen konnte. Darauf bezahlte er seine Schuld, tat noch einen mächtigen Umtrunk mit dem Freunde und den Schrötern, knallte mit der Peitsche und fuhr wohlgemut seines Weges. Nun macht dieser Weg nach der Höhe wenige hundert Schritte hinter Hallgarten eine scharfe Biegung, die Klaus Sybold, obwohl er bei der Hinfahrt des Weges gekommen war, nicht mehr recht im Sinne hatte. Die beiden Braunen gingen wacker los, und Klaus knallte einmal über das anderemal mit der Peitsche. Plötzlich sah er sich in der Wegbiegung, packte das Handpferd am Kopfe und drängte es ungestüm herum. Die Pferde standen einen Augenblick, der Wagen rollte zurück, wurde hart angezogen und schwenkte in scharfer Kehre zur Seite. Auf dem Wagen gab es einen Laut, als sei eine Saite auf einer Baßgeige gesprungen, das Faß schwankte und schlug mit einem hellen Krach auf den Boden. Wie ein goldener Springquell ergoß sich das köstliche Naß auf die Straße; süßester Weinduft erfüllte die Luft. Einen Augenblick stand Klaus Sybold wie betäubt. Dann schleuderte er die Peitsche weg, warf die Arme gen Himmel und rief: »Heilige Maria, Mutter Gottes, hilf mir!« »Schrei nicht, Klaus, pack an!« sagte da eine schlichte Frau, die das Kleid geschürzt hatte, als käme sie eben von der Arbeit im Wingert, griff nach der zersprungenen Faßdaube und preßte die Rande des Bruches fest zusammen. Und so künstlich fügte sich Riß an Sprung, daß der herausquellende Wein zurückgehalten und der Sprudel geendet wurde. Nun aber bückte sie sich flink und schöpfte mit der Scherbe, die sie in der Hand trug, den Wein aus den Lachen der Straße, hieß Klaus den Spunden vom Faß nehmen und goß den geschöpften Rebensaft zurück. Er rann so klar und hell, daß Klaus kein Bedenken trug, ihn zu dem geretteten Weine gelangen zu lassen. Die Pfützen wurden trocken, und selbst die feinen Weinspritzer an Gräsern und Blumen nahm die Scherbe der Frau auf. Spundvoll wurde das Faß; nichts war verloren. Tiefen Dankes voll wollte Klaus ihr ein Geschenk reichen, aber als er die Geldtasche aus seinem Büchsenranzen genestelt hatte und sich umschaute, war die Frau verschwunden. Beschämt ließ Klaus das Haupt sinken und wandte sich mit schweren Schritten dem Orte zu. Als er barhaupt – der Hut war ihm entfallen – vor seinen Freund trat und ihn bat, ihm die Schröter noch einmal zu rufen, damit sie ihm hülfen, das Faß wieder auf den Wagen schroten, lachte der Baldringer hell auf: »Das Faß vom Wagen gefallen, und die Schröter sollen es wieder hinaufschroten? Sybold, da nimm dir eine Mahn mit und einen Stalleimer; in den Stalleimer tu den Rest Wein, der vielleicht noch im Fasse hängt, in die Mahn aber lege die Dauben und komm mit deinem Gefährt ruhig zurück. Daß der Maleachi solche Geschichten machen würde, hätte ich ihm nicht zugetraut!« Als aber der Sybold auf seinem Wunsche beharrte und eine krause Geschichte erzählte von einer zersprungenen Daube, die wieder ganz geworden war, von klarem Wein aus der Straßenlache, da dachte er, es möge dem Überhöhischen der im Keller genossene Trunk doch so schwer zu Kopf gestiegen sein, daß er in einer seltsamen Art von Betrunkenheit, wie sie bei Leuten, die des Weines ungewohnt sind, als eine besondere Rarität dann und wann gefunden wird, von seinem Gefährt umgekehrt sein und es seinem Schicksal überlassen haben. Deshalb erhob er sich lachend von seinem Stuhle, setzte die Kappe auf, packte den Freund unter dem Arme und ging mit ihm die Straße hinauf. Er stand bei dem Fasse, pochte daran, fand es heil und ganz, schüttelte den Kopf, klopfte abermals an das Faß, ließ sich die ganze Geschichte noch einmal erzählen und sagte dann: »Klaus, da steckt die heilige Jungfrau dahinter, so wahr ich der Kunz Baldringer bin!« Dann wandte er sich mit raschem Schritte dem Orte zu, holte die Schröter herbei, erzählte ihnen, was er wußte und hieß sie dann ihre Schuldigkeit noch einmal tun. Die Schröter packten zu, und als Meister Konrad Tilemann sein »Gut und richtig!« gesprochen hatte, hieß Klaus Sybold die Pferde anziehen und trottete mit seiner Fuhre von dannen. Wilhelm Thielmann, Töpfer aus Breitscheid Meister Konrad aber, nachdem der Bauer davongefahren, nahm die Mütze vom griesen Kopf, begann seine Ansprache an die Gesellen und Zunftgenossen und sprach also: »Werte Freunde! Herzliebe Zunftgenossen, Gesellen und Brüder! Da ich Konrad Tilemann, einer ehrsamen Schröterzunft zu Hallgarten Obermeister, den Maleachi des Kunz Baldringer zum ersten Male heute fest machte und mein »Gut und richtig« sprach, da war es mir in meinem Herzen, als müsse mit diesem Fasse, mit dem mein Vater selig eine absonderliche Freude gehabt, weil er es, noch ledig des Weines, als ein junger Gesell mutterseelenallein in den Keller von Kunz Baldringers seligem Vater geschrotet und darob einen halben Gulden zum Lohn erhalten, – als müsse mit diesem Fasse etwas Besonderes geschehen. Und so gab ich ihm ein Sprüchlein heimlich mit, also lautend: So, du wohlgefügtes Faß, gebunden nach Binders Macht und Gewohnheit, geschrotet nach Schröters Wert und Brauch, so du ein Leid haben solltest, möge dir Maria helfen, die jungfräuliche Magd. Und geschähe dir etwas, und hülfe sie dir, so will ich, Meister Konrad Tilemann, dir Maria, verloben ein fein Standbild oder Statuettlein, dir gewidmet von einer ehrsamen Schröterzunft zu Hallgarten.« Als er diese Worte gesprochen hatte, warfen die Gesellen die Mützen in die Höhe und schrien Vivat, und Kunz Baldringer nahm seine Kappe, warf einen harten Taler hinein und ging von Mann zu Mann. Da neigte sich die Kappe zum Umkippen und ward voll harter Taler. Ein halb Jahr später aber kam ein Mann aus Aulhausen, ein Bossierer in Wachs und Ton, dem hatte Meister Tilemann die Geschichte erzählt, und nun trug er, wohl verhüllt durch ein Tuch, in seinen Armen das verlobte Standbild der Madonne. Sie hatte die wunderlieblichen Züge einer rheinischen Frau und trug in der Hand die Scherbe. Und hätte sie nicht die Krone getragen, so hätte man wohl meinen mögen, sie käme eben aus dem Wingert von schwerer Arbeit, aber fröhlichen Mutes und allezeit bereit zu helfen. Frau Elisabeth Malß, Frankfurt a. M. Nach einer Zeichnung von Peter von Cornelius. Das Nassauer Land in der bildenden Kunst Von Wolfram Waldschmidt Es gibt wenige Gegenden in Deutschland, die sich an landschaftlicher Schönheit mit Nassau messen können. Die steilen Hänge des rheinischen Schiefergebirges, dessen emporgeschrägte Felsen von Weingehegen umkränzt sind, wetteifern mit lieblichen Badeorten, die sich um die grünen Ausläufer des Taunus lagern. Im Osten schließt das Gebiet mit einer modernen Großstadt ab, in der sich Kunstverständnis mit Handelssinn in einer für beide Richtungen förderlichen Weise verbindet, im Westen spiegeln sich in den Wogen des heiligen Stromes fröhliche Winzerorte. Zerfressene Burgruinen trotzen auf Felsenhöhen, während drunten in der Ebene der Rauch der Fabriken den Horizont verfinstert. Dicht neben dem Bauernvolk, das mit seiner Scholle verwurzelt ist und in Sprache und Lebensgewohnheit Urväterliches bewahrte wie lieben Hausrat, bewegen sich die Gestalten eines internationalen und eleganten Reisepublikums. Ein Land, wo sich geschichtliche Erinnerungen mit den Eindrücken des neuzeitlichen Lebens kreuzen, wo der Taunusforst an den Obstgarten, die Waldeinsamkeit an die lärmende Straße des Weltverkehrs grenzt, ein solches Land der natürlichen, wirtschaftlichen und geistigen Gegensätze scheint wie geschaffen zu sein, der bildenden Kunst fruchtbare Anregungen zu bieten. Es ist vielleicht kein Zufall, daß Goethe gerade im Lahntal angesichts der nassauischen Landschaft besonders stark von seinem alten Zweifel beunruhigt wurde, ob er zum Maler oder zum Dichter geboren sei. Ein spielerisches Orakel ließ ihn damals die Malerei endgültig verabschieden, aber wir können ihn trotzdem als den Entdecker des malerischen Nassau feiern, und die Worte, die der in Naturstimmungen ossianisch Schwelgende für die Umgebung Wetzlars fand, lassen sich in erweitertem Sinne auf das nassauische Land anwenden: Ringsum ist eine unaussprechliche Schönheit der Natur. Dann drangen die wanderlustigen Romantiker tiefer in die »Nassauische Schweiz« ein und tranken in vollen Zügen den Zauber von Wald und Burg. Daß gerade der knorrige und im Grunde ganz unromanische Peter Cornelius als erster die Erlebnisse einer Taunusreise im Jahre 1811 festhielt, geschah zufälligerweise. Rom, nicht Nassau war das Ziel seiner jugendlichen Wünsche, als der Sechsundzwanzigjährige Düsseldorf verließ, den Rhein hinauffuhr und in Frankfurt liegen blieb. Die neuere Kunstbetrachtung tut gut daran, daß sie Cornelius und seinen Nazarenerkreis, der christliches Fühlen in antike Formen goß, von den eigentlichen Romantikern und ihrer altdeutschen Einstellung sondert. Der mit einem gewissen gravitätischen Humor geschriebene Bericht über den Abstecher nach Königstein und dem Feldberg wirkt persönlicher als die beigefügten, sauberen und dünnen Umrißzeichnungen, die in mancher Beziehung an die gleichzeitig entstandenen Faustillustrationen erinnern und eine Prügelei mit Bauernburschen in den Stil der Ilias übertragen. Wenn heute ein Teil der Städelschen Sammlung als ein Campo santo der Nazarenerkunst bezeichnet werden muß, so ist Philipp Veit dafür verantwortlich, der im Jahre 1830 sein Amt als »Vorsteher der Malschule und Direktor der Galerie« antrat. Seit diesem Augenblick beginnt Frankfurt als ausgesprochene Kunststadt eine starke Anziehungskraft auf ältere und jüngere Romantiker auszuüben. Alfred Rethel und Moritz von Schwind wirken hier. Schwinds »Rose«, die in Frankfurt entstand, schwelgt zwar Uhlandisch in einem nie dagewesenen Mittelalter mit Theaterburg und treudeutschem Rittertum, aber der Hintergrund läßt uns doch an das Waldesrauschen des Taunus denken, und tief in den grünen Schacht des Buchenforstes führt der »Hirsch, den die Nymphen tränken«. Dagegen bleibt Eduard von Steinle auch während seines Frankfurter Aufenthaltes dem römischen Präraffaelitentum treu, und so erinnert denn seine pathetische Lorelei mehr an eine christliche Sibylle als an die Zauberin Brentanos und Heines. Die eigentliche Hochburg aller Romantik war Düsseldorf, das den nassauischen Bedarf an Rheinpoesie deckte. Von Düsseldorf eroberte aber auch die neue Kunst der Genremalerei das Feld und ging mit der altdeutschen Weinstuben- und Ruinensentimentalität einen üblen Bund ein. Diese für den Hausgebrauch verwässerte Romantik ist glücklicherweise heute so gut wie abgestorben. Mit der Berufung Jakob Beckers gelangte in Frankfurt die neudüsseldorfer Richtung zum Siege, die als Genremalerei das höchste Entzücken aller deutschen Kunstvereine bildete, obwohl sie eigentlich nicht deutschen, sondern englischen Ursprungs war und mit der Kunst weit weniger als mit dem Theater zu tun hatte. Immerhin bedeutete sie einen Schritt in der Richtung des Realismus, und ohne Jakob Becker und den ihm in mancher Beziehung verwandten Karl Engel hätte Ludwig Knaus seinen Weg nicht gefunden. Die Verdienste dieses bekanntesten nassauischen Malers um seine Heimat werden gewöhnlich überschätzt, weil er in Wiesbaden geboren wurde und hier auch später einige Jahre wohnte. Aber in den großen Kunstzentralen Düsseldorf, Paris und Berlin war er viel mehr zu Hause als in Wiesbaden, und dieser kosmopolitische Zug seines Wesens macht seinen Wert als Heimatkünstler fraglich, auch stehen die nassauischen Motive hinter anderen, besonders den hessischen, an Zahl stark zurück. Dabei sind seine Nassauer und seine Hessen kaum auseinanderzuhalten, weil sie alle in der gleichen Weise verschönert und zur Vorstellung für die Besucher des Kunstvereins abgerichtet wurden. Die Gebärdensprache dieser lebenden Bilder war international, sie wurde überall in der Welt verstanden, und das erklärt die beispiellosen Erfolge des Malers und die Anerkennung, die ihm Napoleon III. in eigener Person zuteil werden ließ, indem er ihm das Offizierskreuz der Ehrenlegion überreichte. Knaus war das Kind einer Zeit, die Gemälde lediglich auf ihren Inhalt prüfte. Wenn er heute noch nicht vergessen ist, so verdankt er das seinem ganz ungewöhnlichen Können und seinem feinen Gefühl für malerische Werte. Näher als die ausgeführten Gemälde stehen uns heute die Studien und Bleistiftskizzen, bei denen sich Knaus durch keine Wünsche des geehrten Publikums eingeengt fühlte. Sein Schüler Kaspar Kögler, der in den Fresken des Wiesbadener Rathauskellers den Stil der »Fliegenden Blätter« monumentalisierte, könnte mit mehr Recht als Knaus der Maler des nassauischen Volkes genannt werden, wenn nicht seine überdeutliche Gebärde voll beziehungsreicher Komik eine höhere Wertung nahezu ausschlösse. Doch wird man sich seiner aquarellierten Taunusbilder gern erinnern. Inzwischen hatte aber die Kunst, unbekümmert um die gemalte Ballade und die gemalte larmoyante Komödie, längst den Weg zur Sachlichkeit gefunden, und wieder war die Anregung von Frankfurt ausgegangen, das zwar staatengeschichtlich nicht zu Nassau gehört, aber in künstlerischer Hinsicht Kopf und Herz dieses Landes bedeutet. Was wäre Nassau ohne den geistigen Blutkreislauf, der von Frankfurt gespeist wird? Da saßen bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der engen, steilgegiebelten Altstadt ein paar stille Leute und malten. Sahen sich zwischendurch die alten Holländer an. Ruisdael, Hobbema, van der Heyden. Ließen aus Versehen ein paar Tropfen braunen Galerietons in ihre scharf und nüchtern beobachteten Studien fallen. Karl Morgenstern, aus einer weitverzweigten Kunstfamilie stammend, hatte nach der Mode der Zeit viele italienische Veduten mit südlichem Knallblau getränkt, bevor er der gewissenhafte Chronist des alten Frankfurt wurde. Und dann ist auf einmal ohne alle Voraussetzungen Peter Becker da, der die Rhein- und Maingegend in duftiges Freilicht taucht. Seine Radierungen und Lithos, in herber Manier ausgeführte Städtebilder, haben ihm den Namen eines »Merian des 19. Jahrhunderts« eingetragen. Peter Becker war aber auch die Seele einer neuen Bewegung, die zur Grundlegung einer Künstlerkolonie führte, er schlug die Brücke von Frankfurt nach Cronberg. Allzu eilfertig prägte eine westlich eingestellte Kunstschreiberei für Cronberg die Bezeichnung des deutschen Varbizon. Der französische paysage intime und die deutsche Stimmungslandschaft entstanden aber unabhängig voneinander, und nur das gleiche Thema, der Wald, rechtfertigt den Vergleich. Die geschichtliche Bedeutung der Cronberger besteht nicht nur darin, daß sie mit der Atelierkunst aufräumten und sich zum Freilicht bekannten, sondern daß sie als die ersten die nassauische Lokalfarbe trafen. Neben Peter Becker steht als Begründer der Schule Jakob Dielmann, der noch einen Rest genrehafter Düsseldorferei zu überwinden hatte, bis es ihm gelang, seinen flüssig aufgetragenen Farben das juwelenhafte Funkeln zu verleihen, das er aus den Strahlen der sommerlichen Sonne gewann. Anton Burger dagegen kehrte nach einigen Streifzügen durchs Grüne immer wieder in die Dorfschenken, Dorfschmieden und Kramläden zurück. Seinen bei aller Gewissenhaftigkeit doch flott und bunt behandelten Marktszenen hat die deutsche Kunst jener Tage wenig Ebenbürtiges zur Seite zu stellen. Auch Jakob Maurer und Hugo Kauffmann beobachteten, ohne viel von Dupré oder Corot zu wissen, das aus der heimischen Scholle hervorbrechende Dasein. Erst bei Peter Burnitz lassen sich, wenn man danach sucht, französische Anklänge feststellen. Statt Bäume und Hintergrund wie Kulissen und Prospekt des Theaters aufzubauen, gab er impressionistisch empfundene Naturausschnitte. Nicht ohne Bedeutung für die Weiterentwicklung der Nassauischen Kunst blieb der Aufenthalt Courbets in Frankfurt, und außer Otto Scholderer verdankt ihm auch Louis Eysen mancherlei, so daß er die malerische Überlieferung Cronbergs durch neue Farbklänge bereichern konnte. Einen, nämlich Angilbert Göbel, hat der Anhauch von Courbets monumentaler Größe gestreift, als er seine »Bettlergruppe« in mächtigen Pinselstrichen heruntermalte. Nie wieder hat das nassauische Land eine Kunst von der bodenständigen Art der Cronberger Schule hervorgebracht, nie hat das Wesen der Natur, der Städte und der Menschen eine so klare und sichere Darstellung gefunden. An dieser Tatsache vermag auch das Auftreten Hans Thomas in Frankfurt nichts zu ändern. Wir wissen längst, daß Thoma nicht das Genie war, als das ihn übereifrige Apostel ausriefen, sondern ein guter und reiner Mensch, dessen Herzlichkeit auch da erwärmt, wo der Künstler versagt. In Frankfurt widmete sich Thoma mit Eifer dem Steindruck, dessen derber Stil sich für die Wiedergabe verwitterter Bauerntypen besonders eignete. Indessen hat Thoma nicht den nassauischen Bauer gezeichnet, sondern den Bauer schlechthin in jener patriarchalischen Verallgemeinerung, die schon bei Ludwig Richter nicht ganz echt ist. Dagegen gehören die Taunuslandschaften zu Thomas glücklichsten Schöpfungen, obwohl sie auf die malerische Kultur Cronbergs verzichten und mehr im zeichnerischen Sinne den Bau des Bodens und die individuellen Formen der Bäume herausarbeiten. Überdies steht hinter den weichgebetteten Taunustälern und den umbuschten Ufern des Mains stets die Erinnerung an den Schwarzwald, dem der Bernauer Bauernsohn die Treue wahrte. Das Beste gab Thoma als Idylliker, und niemand hat die bunte Blumenpracht einer sommerlichen Wiese schöner gemalt als er. Bei Wilhelm Steinhausen, der mehr als ein nacheifernder Freund Thomas war, lösen sich die Linien der Landschaft auf, an die Stelle der festen Form tritt die träumerische Stimmung, »Herr, es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.« Diese Worte der Bibel könnten als Unterschrift für viele der in graugrünen und blaßblauen Tönen verdämmernden Bilder gelten. Seine Waldwinkel liebt Steinhausen mit religiösen Darstellungen zu beleben, die das alte Nazarenertum ins sanft Pietistische übertragen. Es würde zu weit führen, wollten wir all den Anregungen nachspüren, die das nassauische Land Künstlern wie Ubbelohde, Nikutowski, Egersdörfer, Thielmann oder Willy von Beckerath bot. Dagegen müssen wir der Auffrischung gedenken, die das Frankfurter Künstlerleben durch die Anwesenheit Wilhelm Trübners erfuhr. Seine gesunde, naturverbundene und gänzlich unromantische Art gibt dem alten Cronberger Thema eine neue Fassung. Während Trübner seine Natureindrücke in breiten Pinselquadraten aufbaute, strebte Wilhelm Altheim in seinen Dorfbildern mit spitzem Pinsel den charakteristischen Einzelformen nach. Fritz Boehle endlich war in seiner Kunst wie in seinem Leben ein Einsamer. In den stillen Vororten Frankfurts nistete er sich ein und zeichnete die knochigen Gestalten der Bauern, Mainschiffer und Äpfelweinwirte. In der Art, wie er sehnige Arme, schwielige Hände und von Runzeln zerwühlte Gesichter gleichsam mit dem Schnitzmesser herausarbeitete und gelegentlich fast heraldisch stilisierte, wie er die holzschnittmäßige Wucht Dürers in die Welt des Alltags hineindachte, steckte noch immer ein Rest der alten Frankfurter Romantik. Die junge Malerei zeigt sich infolge ihres großstädtischen, wurzellosen und abstrakten Charakters der sogenannten Heimatkunst wenig geneigt. Diese sinkt allmählich zur Provinzkunst herab, während die Radiowellen ästhetischer Verständigung über kleinbürgerliche Engen hinweg von einer Weltstadt zur anderen fluten. So kommen die Plastiken von Bischof und Elkan für unser Gebiet ebensowenig in Frage wie die Gemälde eines Max Beckmann, obwohl dieser gelegentlich den strengen Rhythmus seiner Linien und Farben auf Frankfurter Straßenbilder übertrug. Erwähnung verdienen dagegen die Landschaften und Stadtansichten von Jakob Nußbaum. Eine wertvolle Ergänzung zu dem künstlerischen Gesamtbilde Nassaus lieferte Richard Biringer mit großzügigen Industriezeichnungen. In Höchst, wo der aus dem Schlosserhandwerk hervorgegangene Künstler ansässig ist, begriff er den stahlharten Rhythmus des Maschinenzeitalters. In der Fabrik sieht er kein gefräßiges Ungeheuer wie einst Zola, mit ihren Trägern und Stangen, ihren Schienen und Schornsteinen erscheint sie ihm ebenso beseelt wie die Taunuswälder und ebenso phantastisch wie das mathematisch errechnete Gewirr gotischer Strebebogen und Pfeiler. Neben Frankfurt blühte in den letzten Jahren als eine der jüngsten Pflegestätten der Kunst die Kurstadt Wiesbaden auf. Das ist um so beachtenswerter, als gerade hier starke traditionelle Hemmungen zu überwinden waren. Fast alle jungen Kräfte, Erbach wie Ritschel, Mely Josef wie Jawlensth, begabte, hohe Erwartungen erweckende Bildhauer wie Arnold Hensler und Vinecky, streben aus dem Engeren ins Weitere und suchen Verbindung mit dem Ideenstrom der Zeit. Dagegen muß ein monumentales Werk in diesen Zusammenhang besonders erwähnt werden, nämlich der Freskenschmuck des Kaiser-Friedrich-Bades, in den sich Hans Völcker, Fritz Kaltwasser und Ernst Wolff-Malm teilten. Dieser Zyklus schildert die verschiedenartigen Beziehungen der Menschen zum Wasser und umschreibt in dekorativen Farben und Linien das Thema der Heilquelle, die Nassaus Ruhm auf der ganzen Erde verbreitete. Die genannten Maler haben auch in Ölbildern nassauische Motive verarbeitet, doch überwiegen hier rein künstlerische Absichten. So sah Wolff-Malm seinen persönlichen Linienrhythmus in die Landschaft hinein, während bei Kaltwasser luministische Probleme überwiegen. Wolken, Sonnendurchbrüche, Regenschauer läßt er über die Höhen seines geliebten Taunus hinziehen. Ein ausgesprochen nassauisches Gepräge tragen sodann viele Bilder Willy Mulots, der seinen Stadtansichten, seinen Sommer- und Winterlandschaften durch flächige Farbenbehandlung eine raumbeherrschende Wirkung zu sichern weiß. Und Paul Dahlen, der das Rheintal, besonders die Umgebung von Lorch, zu seiner Domäne machte, lieferte Heimatkunst im besten Sinne des Wortes. Seine bescheidenen, aber alle charakteristischen Züge der Landschaft klar erfassenden Bilder sind gewissenhafte Ansichten und doch gleichzeitig Kunstwerke. Der Versuch eines Josef Eberz, in dem großen Steindruckwerk »Kloster Eberbach« die Forderungen der Heimatkunst mit der neuzeitlichen Formenanschauung zu verbinden, ist vorläufig Versuch geblieben. Als einen glücklicheren Versuch muß man die Wandmalereien begrüßen, mit denen die schöpferische Religiosität Adolf Presbers Kirchen und Gemeindesaal von Himmighofen, Diethardt und Gemmerich in rhythmischer, kompositioneller und koloristischer Großartigkeit ausgestattet hat. Solche Werke geben der Hoffnung Raum, daß nach einem Jahrhundert nassauischer Kunst neben den stillen Gärten der Romantik und den wohlbestellten Äckern des Realismus auch die Visionen des neuen Stils Boden gewinnen werden. »Taunus und Main.« Von Eugen Bracht Es war im Juli 1861; meine zweijährige Lehrzeit in Karlsruhe war etwas vorschnell abgebrochen, weil meine meisten Freunde nach Düsseldorf überzusiedeln im Begriffe standen und ich dem Zuge folgte. Es war für die erste Sommerhälfte eine gemeinsame Studienfahrt beschlossen worden und Ziel war das Dorf Schwanheim bei Höchst am Main mit seinen herrlichen Eichen. So wurden denn in Schwanheim die alten Eichengruppen gezeichnet, Blatt um Blatt, fünf Tage an einer einzigen Zeichnung, auch Einiges farbig versucht. Beim Malen hatten wir ziemliche Beklemmungen, weil dies ja den Bildbegriff in sich schloß – mit diesem aber wußten wir uns noch nicht recht abzufinden! Wie mußte wohl ein Stoff auf die Fläche gebracht werden, damit es nachher »ein Bild« sei? Denn daß die Bilder von Schirmer und Lessing so ohne weiteres in der Natur nicht vorkommen, das war klar; die Andreas Achenbachschen schon eher, aber etwas zurechtgemacht waren sie doch auch, und dabei schien uns diese Art etwas nüchtern! Wir Jungen hätten ja mit den Älteren über diesen Zwiespalt sprechen können, aber wir taten es nicht, wohl aus der Empfindung heraus, daß Worte in Kunstfragen keine Brücke bilden, über die man gehen kann. Eine wahre Angst befiel mich damals zuweilen, daß ich zwar zeichnen und malen lernen könnte, aber das Bildersehen draußen ausblieb! Dabei waren wir wahrhaft bescheiden in unserer Selbsteinschätzung – waren davon durchdrungen, daß Lehrer und ältere Kollegen die uns fehlende Erkenntnis besaßen, und wir mühten uns redlich ihnen nachzustreben. Eine Überraschung hatte ich allerdings schon in Sachen »Bild« erlebt, als ich einige Schwarzwald-Studien von 1860 bei meinem Lehrer, Galerie-Inspektor Seeger, als Kohlezeichnungen bearbeitete – als »Karton«, wie man damals sagte. Zu meinem Erstaunen durfte ich dabei kaum etwas weglassen noch hinzufügen, sondern es wurde nur unter seiner Anleitung die Licht- und Schattenverteilung etwas gesammelt oder gesteigert. Da wäre am Ende die »Bildmäßigkeit«, dieses Buch mit sieben Siegeln, doch nicht so unnahbar! Aber ich traute doch nicht recht, so einfach konnte die Sache unmöglich sein! Inzwischen arbeiteten wir frisch drauf los – die Zukunft mußte ja zeigen, was nötig war. Nun war für einen Nachmittag ein Bummel nach Höchst vorgeschlagen, und nach dem Mittagessen saßen wir rauchend in der Laube des Wirtsgartens; von diesem etwas erhöhten Standpunkt sah man direkt auf den Wasserspiegel des Mainstromes herab – davor der Leinpfad, auf dem die Zugpferde Schritt um Schritt die Lastkähne stromauf zogen. Drüben das flache Ufer mit Feldern – seinen Waldsäumen – noch weiter allerlei Hausgiebel von Dörfern und darüber in herrlicher Linie der dreigipfelige Taunus; schön geballte Sommerwolken belebten das Himmelsblau, und über die seinen Flanken des Gebirges mit den Orten Falkenstein, Cronberg und Königstein zogen langsam wechselnd bläuliche Schatten und zarte Sommerstreifen hinweg. Wir hatten dies Bild jeden Tag vor Augen gehabt, aber heute kam für mich etwas Neues hinzu! Die herrlichen Wolken spiegelten sich nämlich in dem schwach ziehenden Wasserspiegel des Mains, nicht als richtiges Gegenbild, sondern als langgestreckte vertikale Bahnen – voller Bewegung und Leben und zwischen diesen beiden Elementen von Luftgebilden und Wasserfläche erschien die Tanuskette majestätisch und thronend in ihrer ruhigen Klarheit. Ich war ganz wie abwesend in der Betrachtung des Schauspiels vor mir und suchte einen Vorwand, dem Bummel fern zu bleiben – denn die Sehnsucht, das Geschaute festzuhalten, schnürte mir die Kehle zu! Dabei wollte ich nicht von etwas reden, das noch nicht gemalt war! – endlich schoben die andern ab, und ich schleppte das Malgerät herbei! Die Hauptsache war für mich die blitzartig gekommene Erkenntnis, daß hier ein Bild war – man mußte nur zugreifen, und zwar war es mir sofort klar geworden, daß es etwas Neues – Nochnichtgewagtes sei – ein Bild ohne Vordergrund! Für 1861 ein unerhörter Gedanke! Aber so viel stand fest, das Motiv des Taunus in der Mitte – Luft und Wasser darüber und darunter – damit war der Bildgedanke erschöpft, und ein Viertes war ausgeschlossen – konnte nicht mehr sein als eine nicht mitwirkende Abgrenzung der Wasserfläche nach vorn! Dem 19jährigen war an jenem Tage zumute, als habe ihm die Natur die Hand gereicht und ihn zum Vertrauten gemacht. Der Herbst des Jahres fand mich in Düsseldorf als selbständigen Landschaftsmaler, doch hatte sich ein angesehener Künstler erboten, von Zeit zu Zeit nach meinen Arbeiten zu sehen. Ich begann mit zwei Stoffen aus dem Hunsrück, Heidebildern nach Studien desselben Jahres, im Anschluß an Schwanheim, dann kam eine größere Leinwand für den »Taunus«. Hierbei gab es sofort Zwiespalt mit meinem Berater, denn gerade das, was mir an dem Stoffe wertvoll war, wurde als eine Unmöglichkeit bezeichnet, als Geschmacklosigkeit; ich würde mich lächerlich machen, und von Erfolg könne dabei keine Rede sein! Nun merkte ich, daß ich zu früh aufgestanden war, es war noch nicht Zeit für dergleichen, und wenn ich meinen Willen durchsetzte und meiner Überzeugung folgte, blieb der gekränkte Ratgeber weg! So nahm ich mir vor, zunächst ein Bild zu malen, wie es mir empfohlen wurde, und dann wollte ich später das Richtige schaffen, so wie ich es vor der Natur empfunden und geschaut hatte. Trotz des künstlich vorgebauten Vordergrundes mit Damm, Kahn und Schilf, durch die das Wesentliche – die Wolkenspiegelung – bis auf einen Rest verkümmert wurde, hatte das Bild in Düsseldorf einen gewissen Erfolg, es kam nach Darmstadt in die Kunstvereinsausstellung, wurde sogleich verkauft und gelangte in Besitz des Herrn Wendelstadt; zu, dem eigentlichen Bilde sollte es aber mehr Zeit kosten, als ich damals ahnen konntet Denn – zwei Jahre später gab ich entmutigt und künstlerisch gelähmt die Malerei auf und wurde Kaufmann. – Für 10 lange Jahre – erst 1875 kehrte ich wieder zur Kunst zurück. Das Taunusmotiv war aber nicht vergessen, und 1897 gelang es mir, auf der Insel Sylt eine Wolkenstudie zu sichern, die genau derjenigen des Motivs entsprach – aber erst 1908, d.h. 47 Jahre nach dem Erlebnis – entstand das Gemälde: »Taunus und Main« zu meiner eigenen größten Genugtuung und Freude. Die kleinen Ereignisse im Leben gehen uns oft näher und sind uns bedeutungsvoller als die großen. Feste Königstein im Taunus Von Ludwig Bäte Die Holpergassen lachen leise Und kichern sacht in sich hinein. Ein Posthorn ruft von seiner Reise, Verebbt gemach und schläft dann ein. Der Buchen festlich helle Wände Stehn rein im gelben Mittagslicht. Durchs Rot der Ebereschenbrände Das Blau der Schiefergiebel bricht. Kein Vogel schallt. Doch singen Mauern Geheimnisvollen Zwiegesang. Ein erstes Herbstesabendschauern Weht fröstelnd schon das Tal entlang. Höchster Porzellan Von Kurt Röder Am 1. März 1746 verlieh der Kurfürst von Mainz den beiden Frankfurter Kaufleuten Johann Christoph Göltz und Johann Felician Clarus sowie ihrem Teilhaber Adam Friedrich von Löwenfinck ein Privileg zur Einrichtung einer Porzellanmanufaktur. Der Speicherhof in Höchst am Main wurde zu ihrer Unterbringung bestimmt. Da damals erst zwei Porzellanmanufakturen in deutschen Landen arbeiteten, die Kursächsische in Meißen und die Kaiserliche in Wien, und die große Beliebtheit, deren sich das Porzellan erfreute, bedeutenden Gewinn versprach, kann es nicht Wunder nehmen, wenn das seltene Wissen von der Porzellanbearbeitung so hoch gewertet wurde, daß Löwenfinck als technischer Direktor gleichen Anteil an dem Ertrag des Unternehmens haben sollte wie die beiden Geldgeber. Es erwies sich jedoch bald, daß Löwenfincks Kunst zwar zur Herstellung von Fayence, keineswegs aber zur eigentlichen Porzellanbereitung ausreichte, was erklärlich erscheint, da er in der Meißener Manufaktur nur als Buntmaler und im übrigen nur in Fayencefabriken gearbeitet hatte. Seine getäuschten Teilhaber hatten Mühe, vom Kurfürsten die Aufhebung des Gesellschaftsvertrages zu erreichen. Im Februar 1749 schied der unfähige Direktor aus dem Unternehmen aus. Dem nunmehr mit der Leitung der Manufaktur betrauten Johannes Benckgraff gelang es tatsächlich, Porzellan herzustellen; wie es scheint, hatte er seine Kenntnisse in Wien erworben. Jedenfalls stand er mit der Kaiserlichen Manufaktur in Beziehung, denn Johann Joseph Ringler, von dem sich Benckgraff den richtigen Brennofen für Porzellan bauen ließ, kam aus Wien. Es ist wahrscheinlich, daß die Höchster Manufaktur etwa 1750 in der Lage war, Porzellan herzustellen, denn schon kurz danach erreichten den erfolgreichen Direktor die verlockendsten Angebote der Besitzer anderer Manufakturen. Im Mai 1753 siedelte er denn auch nach Fürstenberg über. Dort ereilte ihn zwar schon nach Monatsfrist der Tod, doch hatten seine Angaben genügt, um der braunschweigischen Manufaktur zu dem ersehnten Erfolg zu verhelfen. Die Höchster Manufaktur wurde nunmehr von einem ihrer Besitzer geleitet. Da die Porzellanproduktion jedoch über die Absatzmöglichkeiten hinaus gesteigert wurde, kam es 1756 zum finanziellen Zusammenbruch, von dem das schließlich an eine Aktiengesellschaft übergegangene Unternehmen sich nie mehr recht erholen sollte. 1778 sah sich der Kurfürst genötigt, es in eigene Verwaltung zu nehmen. Auch danach gesundeten die Verhältnisse nicht. Obwohl der Kurfürst Zuschüsse zur Deckung des Defizits der Kriegskasse entnahm, der damit die Unterhaltungsgelder für die Festungswerke von Mainz entzogen wurden, und seine Unterstützung sogar noch fortsetzte, als Custine 1792 die vernachlässigte Stadt erobert hatte, mußte das unfruchtbare Unternehmen, das dem Kurfürsten 57 000 Gulden gekostet hatte, 1798 versteigert werden. Es wurde dem Amtsschreiber Hinz aus Höchst um 6800 Gulden zugeschlagen. Die Erzeugnisse der Höchster Manufaktur, der dritten, die auf deutschem Gebiet gegründet wurde, nehmen in der Geschichte der deutschen Keramik eine bemerkenswerte Stellung ein. Für die Fayencen, die sie während der drei ersten Jahre ihres Bestehens ausschließlich und auch hernach noch bis 1758 herstellte, ist die Verwendung naturalistischer Motive bei der Gefäßbildnerei charakteristisch, die andernorts zwar nicht unbekannt war, aber kaum mit gleicher Vollendung geübt wurde. So gibt es Terrinen in Form von Kohlköpfen, Kürbissen, Spargelbünden und anderen Gemüsepflanzen ebensowohl wie in Gestalt von Geflügel und Wildbret jeder Art. Auch wurden Kannen wie knorrige Eichenstrünke mit Schmuck von Eicheln und Blättern gebildet. Bei den anderen Geschirren herrscht ein plumpes Rokoko vor, dessen zarte und flüchtige Ornamentik in diesem Material nicht glücklich zu gestalten war. Die figürliche Plastik wurde zwar auch geübt, trat aber hinter der Gefäßbildnerei zurück. Allen Fayencen von Höchst ist der sorgfältige, geschmackvolle Dekor gemeinsam; von Löwenfinck und seiner Frau, einer geborenen Schick aus Fulda, sind uns gute Arbeiten an Malereien erhalten. Löwenfinck scheint auch den Dekor der Geschirre mit Blumen im ostasiatischen Geschmack in Höchst eingeführt zu haben, den er in Meißen kennengelernt hatte; wie er überhaupt einen Stamm guter Maler seinem kenntnisreicheren Nachfolger als Erbe hinterließ. R. Biringer, Höchst, Schloß. Mit dem Beginn der Porzellanfabrikation änderte sich die Art der Höchster Produktion nicht nur insofern, als die Manufaktur seitdem das Porzellan bevorzugte. Auch der Charakter der Erzeugnisse wird ein anderer: die figürliche Plastik nimmt nunmehr den Vorrang gegenüber der Gefäßbildnerei ein. Die Schwierigkeiten, die zunächst die Verarbeitung des neu gefundenen Materials bereitete, zeigen sich vor allem darin, daß die Figuren aus Porzellan mit ihrer Plumpheit sehr an Erzeugnisse aus Fayence erinnern. Sehr bald jedoch änderte sich das. Hatte Höchst, da ihm ein für Porzellan geeigneter Vorrat an Formen fehlte, in den ersten Jahren Figuren aus Meißen einfach abgeformt, so gewann es bald eigene Modelleure und damit die Möglichkeit individueller Entwicklung. Es kann nicht erstaunen, daß die wechselvollen äußeren Schicksale der Manufaktur sich auch in der Gestaltung der Erzeugnisse spiegeln. Das Porzellan aus der Epoche Benckgraff läßt sich nach den Malersignaturen bestimmen. Es wurden damals allegorische Figuren als Verkörperungen der Tugenden und der Jahreszeiten gefertigt, mythologische Gestalten und Heiligenfiguren. Daneben begegnet man aber auch schon Motiven aus der Zeit. Es finden sich italienische Komödianten, Bauersleute, Schäfer und Gärtner. Sogar exotische Vorwürfe, wie sie Herold seinerzeit als Dekor von Meißener Porzellan einführte, gestaltete Höchst mit Geschick, wofür die Gruppe des Türkischen Kaisers ein Beispiel bildet. Während bei den zuerst genannten Gruppen ein schlichter massiver Sockel von unregelmäßiger Form verwendet wurde, dessen einziger Schmuck in aufgelegten bunten Blättern und Blüten besteht, führt die Gruppe des Türkischen Kaisers das modische Rocailleornament, das schon bei der Gefäßbildnerei benutzt wurde, nun auch zur Ausschmückung der Gruppen und Figuren, vor allem ihrer Sockel ein, was bereits hohe Vervollkommnung der Porzellantechnik voraussetzte. Unter seinem Nachfolger Göltz fand das Porzellan dann ausschließlich die Ausgestaltung, die die Mode forderte. Zunächst lassen schon die leichtgewölbten, von einem Rahmen reliefierter Rocaillen eingefaßten Sockel über den Einfluß des Rokoko keinen Zweifel. Dargestellt sind zumeist Damen und Kavaliere in der reichen Zeittracht, galante Schäfer, Jäger, kurz alles, was sich irgendwie auf das Leben der höfischen Gesellschaft bezieht. Als Vorbilder dienten Stiche nach den Gemälden französischer Künstler, wie überhaupt in Höchst der Einfluß des in der Mode tonangebenden Frankreich immer eher und nachhaltiger wirksam war als in anderen deutschen Manufakturen. Diese fruchtbare Epoche der Herrschaft des Rokoko fand durch Göltzens Bankerott 1756 ein vorzeitiges Ende. Es besteht Grund zu mutmaßen, daß der Künstler, der in Höchst die Rokokoperiode inaugurierte und der vermutlich Johann Friedrich Lück geheißen hat, sehr bald nach dem finanziellen Zusammenbruch die Höchster Manufaktur verließ und in Frankenthal Beschäftigung fand. Als dann 1759 Johann Heinrich Maas die Leitung des Unternehmens erhielt, verbot sich ihm eine weitere Ausformung und Verwertung der alten Modelle, da diese in genügenden Mengen zu billigen Preisen von der Konkursverwaltung feilgeboten wurden. Die Mode selbst zeigte ihm den Weg, auf dem er sich den Absatz für seine Porzellane sichern konnte. Auf die Darstellung höfischen Lebens verzichtete er. Das Leben der großen Gesellschaft hörte langsam auf, mit seinem Glanz zu blenden. Schon Chardin und Greuze wählten für ihre Gemälde Vorwürfe aus dem bürgerlichen Leben, und die geistige Strömung der Zeit entwickelte immer mehr eine Vorliebe für das natürliche und unschuldige Leben der Kinder und Landleute. Auch der neue Höchster Modellmeister Laurentius Russinger scheint für Maas in dem neuen Geiste gearbeitet zu haben. Wieder sind es die Sockel, die zunächst von der neuen Gesinnung künden. An die Stelle der zierlichen Rocaillesockel sind solche aus Felsstücken und Rasen getreten. Auf diesen stehen nun die Kinderfiguren, die Bauern und braven Leute, die gemeinsam mit dem Felssockel für Höchst so charakteristisch geworden sind, daß man an sie vorwiegend denkt, wenn der Name der kurmainzischen Manufaktur genannt wird. Im Anfang erinnert die Sorgfalt, mit der die Gewandung dieser schlichten Naturkinder behandelt wird, die zierliche Fältelung der Röcke sowohl wie auch der geschmackvolle Dekor, an die Schulung der Manufaktur durch das Rokoko, bald aber wird eine natürlichere Behandlung der Vorwürfe Brauch. Der Felssockel wird wie natürlicher Felsboden mit Rasenbelag durchaus in Braun, Grau und Grün gemalt, wobei aber der Deutlichkeit halber die Grashalme noch in schwarzer Zeichnung aufgetragen werden. Das Inkarnat, das früher am liebsten durch das Weiß des Porzellans selber wiedergegeben wurde und höchstens eine leichte Aufhöhung mit Rot erfuhr, erhebt sich allmählich durch Auftragung einer Farbschicht von stumpfem Rosa zur sinnfälligen Vorführung blühender Gesundheit. Allein das köstliche Material, dessen Bereitung unter großen Opfern erreicht war, eignete sich wenig zur Reproduktion so schlichter Vorwürfe. In dem Maße, in dem das Gefühl für die Erlesenheit des Porzellans schwand und seine Herstellung fabrikmäßig betrieben wurde, mußte es die Schätzung der Gesellschaft verlieren. Aus den prunkvollen Räumen der Fürsten, die meist große Summen für den Erwerb von Porzellan aufgewendet hatten, wandert es in die Bürgerhäuser, die keineswegs gesonnen und in der Lage waren, für den freundlichen Zimmerschmuck Opfer zu bringen. Der Künstler, der die Verbürgerlichung des Porzellans mit heiligem Eifer durchgeführt hat, war der 1767 zum Modellmeister der Manufaktur ernannte kurmainzische Bildhauer Johann Peter Melchior. Seine berühmten Kinderfiguren weisen in nichts mehr die zarte Delikatesse der vergangenen Jahre auf. Auch bei den mythologischen Vorwürfen, an die er sich wagte, blieb er seinen Idealen treu. In schlichter Natürlichkeit formt er die üppigen Formen seiner Venus, die strotzenden Muskeln seines Flußgottes. Sogar einen Kalvarienberg modellierte er, der zwar in den Einzelheiten trefflich durchgebildet ist, aber für die Reproduktion in jedem anderen Material geeigneter erscheint als in Porzellan. Die besten Leistungen Melchiors sind seine Porträts, die er mit Vorliebe anfertigte. Wir verdanken ihm Bildnisse der Eltern Goethes sowie ein Reliefbild des Dichters selbst, den Melchior als den Verfasser des Werther hoch verehrte. Es ist bezeichnend für ihn, daß er das unglasierte und unbemalte Porzellan, das sog. Biskuit, besonders liebte. Dieses Halbfabrikat wurde als willkommener Ersatz für den von der Mode geschätzten Marmor angesehen. In ihm wurden die unpersönlichen antikisierenden Gruppen ausgeführt, die der Zeitgeschmack forderte. Die schwache Schätzung, die Melchiors Kunst dem Porzellan noch zu verschaffen vermochte, schwand bald. Im Jahre 1790 vergab der Kurfürst, der Besitzer der Manufaktur, den Auftrag für ein Prunkservice, das er zur Kaiserkrönung in Frankfurt benötigte, nach – Sèvres. Volkskultur. H. Aulmann, Deckel einer Steinzeugkanne aus Grenzhausen, Museum zu Mettlach. Westerwälder Steinzeug Von E. Berdel National in ihrem tiefsten Wesen ist die Steinzeugkunst des Westerwaldes. In unserm ganzen Vaterlande treffen wir keine Töpfergegend, die eine derart eigenartige und blühende Kunst erstehen ließ, wie in den waldigen Bergen, die zwischen Lahn und Sieg auf dem rechten Rheinufer sich ausbreiten. Nur die alten Erzeugnisse aus Köln und Raeren, die im innigsten Zusammenhang mit ihnen stehen, sind auf gleiche Höhe gelangt. Es ist einzig und allein das Material selbst, das die Möglichkeit zu solcher Entwicklung in sich trug. Und so, wie Gold und Edelstein schon ihrem innersten Wesen nach höher zu schätzen sind als unedle Stoffe, so steht das Steinzeug, das Porzellan des Mittelalters und der Renaissance, an Adel und natürlichem Wert hoch über den schwachen, erdigen Produkten der Töpferei, der Majolika, der Fayence. Nicht umsonst hat man seit Jahrhunderten die Waren des Westerwaldes »steinern« genannt, man erkannte scharf und deutlich das Besondere dieser hochgebrannten Kunstprodukte, die hart, dicht, versintert, klingend wie Naturgesteine sich darbieten, mit milden Naturfarben und zartem Glanz. Die Steinzeugtone aber, die aus den frühesten geologischen Epochen stammen, findet man nur in besonderen Gegenden, wo die alten Schichtungen der Erdbildung erhalten geblieben sind. Nur dort konnte sich, gleichsam aus dem Boden heraus, in organischer Entwicklung eine wahrhaft »bodenständige« Keramik entwickeln. So ist Höhr im Westerwald das uralte keltische »Horle«, dessen Name bereits auf Ton und Kannen hindeutet. Als die Römer über den Rhein drangen und ihren Grenzwall zogen, da schufen sie, ihrer eigenen Heimat entnommen, blühende Töpfereien und Ziegeleien – ohne zu ahnen, daß tief in den Waldbergen eine bescheidene Industrie herrschte, die den Keim zu späterer hoher Kultur in sich trug. Wir finden in den Gräbern der germanischen Edelinge und Herzöge große, mächtige Urnen, roh und kraftvoll, adelig in Stoff und Form. Steinklingend schon manche, in langsamer, Jahrhunderte währender Entwicklung höheren Formen und Dekoren entgegenreifend – ein Abbild der gesamten germanischen Kulturentwicklung. Schon damals haben die feingebildeten Römer von dem Naturvolk gelernt: hie und da, dem limes entlang, brannten sie Töpfe, in deren Resten wir heute kopfschüttelnd echtes Steinzeug erkennen, mit zarter Salzglasur bedeckt! Aber die Hauptmasse der Töpferei blieb germanisch, sie paßte nicht zur Überkultur und zur Zierform der Fremden. Ganz allmählich bildete sie sich aus, und erst mit dem sinkenden Mittelalter gab es eine deutsche Steinzeugkunst, die ihren Siegeszug in die nordische Kulturwelt antreten konnte. Aus dem lebhafteren Verkehr, wie er in den Städten sich entwickelte, entstammte das Bedürfnis nach schöneren Formen, das Suchen nach Dekoren und Zierat. So erwuchs zuerst an der Nordgrenze des Westerwaldes, in der alten Abteistadt Siegburg, aus der uralten Töpferei für Gebrauchsgeschirre schon im 14. und 15. Jahrhundert ein eigenartiges Steinzeugkunstgewerbe, das fast keine romanischen Einflüsse spüren läßt. Zur selben Zeit begann rheinaufwärts im Unterwesterwald eine Steinzeugindustrie aufzublühen, die berufen war, die Siegburger abzulösen und weiterzuführen. Das eigentliche kunstlose Töpfergewerbe war daselbst ebenfalls uralt, seit Jahrhunderten eingesessen. Auch hier brannten die Euler steinerne Gefäße mit zarter Salzglasur, meist feurig braune Krüge und Töpfe. Dabei war das Gewerbe ländlich, nicht zentralisiert in einer Stadt. Eine ganze Reihe von Orten ist zu nennen, welche zum Teil – und das ist das Wichtigste! – auch heute noch hohe Bedeutung in der kunstkeramischen Industrie besitzen, und zwar in neuester Zeit mehr denn je: Höhr, Grenzhausen, auch Grenzau, Hillscheidt sind die bedeutendsten. Den ersten Anstoß, das Gewerbe auf künstlerische Höhe zu bringen, gaben kluge Meister aus Raeren links des Rheines, das um die Mitte und das Ende des 16. Jahrhunderts ein so prachtvolles Kunststeinzeug schuf, daß selbst die Siegburger Arbeiten zum Teil in den Schatten gestellt wurden. Raerener Meister, deren Nachkommen heute noch im Unterwesterwalde wirken, wie die Mennicken und Kalb, wanderten gegen Ende des Jahrhunderts nach Grenzhausen und Grenzau aus und brachten Ideen und neue Techniken. Vor allem lernten die Westerwälder von ihnen das graue Steinzeug, verziert mit blanken blauen Schmalten (Kobaltglasuren) zu brennen, das in Raeren neben dem leuchtenden Rotbraun fabriziert worden war. Und nun zog auch aus Siegburg der Meister Knütgen aus nach Höhr, wo ebenfalls heute noch seine Nachkommen leben und wirken. Weshalb kamen all die Fremden in die stille, unbekannte Provinz? Wir mögen uns vorstellen, daß ihnen die Welt, besonders die Welt der Zunft zu enge wurde. Die alten Schriften deuten an, daß Knütgen in Pön genommen ward, also von Zunft wegen Strafe dulden mußte. Vielleicht auch wurden sie gerufen von den Landesherrn, die Ausschau hielten nach guten Meistern, um ihren Provinzen eine blühende Kunstindustrie zu schenken. Und tüchtige Meister waren es, die eingewandert waren. Nicht umsonst wurden sie mit Privilegien ausgestattet, und wie eine Katastrophe scheint ihr Wegzug aus der Heimat gewirkt zu haben: Keine 20 Jahre dauerte es, daß die Siegburger Industrie von der höchsten Blüte jäh zum kläglichsten Verfall heruntersank. Es ist ein tragischer Sturz gewesen, den die Töpfer der alten Abteistadt erlitten; und die Kriegsstürme, die dann zu Anfang und Mitte des 17. Jahrhunderts die Gaue des deutschen Landes durchtobten, rissen den stolzen Bau der Siegburger Töpferindustrie vollends zu Boden. Das Gewerbe wurde unheilbar, von Grund auf vernichtet, die letzten Töpfer flohen vor den Schweden in die schützenden Wälder des Unterwesterwaldes – und bis heute ist die Siegburger Steinzeugkunst nicht wieder erstanden! Auch die Kölner und Raerener Kunsttöpfereien verschwanden, und in den stillen Waldtälern des Unterwesterwaldes blühte nun eine neue Kunst empor, die sich wiederum völlig eigenartig entwickelte und vor allem den ganzen Prunk der Hoch- und Spätrenaissance und des Barocks prachtvoll zum Ausdruck bringt. Von den Raerener Meistern hatten die Westerwälder die lebhafte Dekoration des rauchig gebrannten grauen Steinzeugs mit leuchtenden blauen Glasuren übernommen und arbeiteten sie zu prächtigen Wirkungen aus. Auch die zarten intimen Reize des weißgrauen Siegburger Scherbens, den sie anfangs von Knütgen übernommen hatten, mußten bald diesem kräftig gerauchten Grau und dem Leuchtblau weichen. Bald schufen sie eine noch schönere Schmalte, indem sie die Gläser mit Braunstein tief violett färbten, eine Technik, die mit vielen Brennschwierigkeiten zu kämpfen hat. Wettstreit und Ehrgeiz waren groß. Die eingewanderten Meister hatten lange ein Privileg auf die neueren Techniken und Dekore, und die Westerwälder mußten in langen Streitigkeiten durch Bittschriften und Bittgänge sich das Recht erkämpfen, den Graubrand und die Schmalten ebenfalls anwenden zu dürfen. So entstand also im Westerwald, im »Kannenbäckerland«, zu Ende des 16. und das ganze 17. Jahrhundert hindurch, sogar während der wilden dreißig Kriegsjahre das berühmte »altdeutsche« Steinzeug der Renaissance. Wir freuen uns heute noch der prächtigen Formen dieser Krüge und »Krausen«, wie die reich verzierten Stücke genannt wurden, wir bewundern ihren feinen architektonischen Aufbau, die kräftige harmonische Wirkung der reichen Ornamente. Sei es, daß Wappen aufgelegt, Zierformen eingestempelt oder Ornamente eingeritzt wurden, stets ist alles aus einem Guß, von stiller, wuchtiger Größe. Von besonderer Eleganz waren die Schnabelkannen zum Eingießen des Weines; die Flach- und Ringkrüge (aus der Feldflaschenform entstanden) wurden zu den reichsten und prächtigsten Ziergefäßen ausgearbeitet; von figürlichen Friesen finden wir auf Krügen und Kannen wieder, wie in Siegburg, vielfach epische und biblische Motive liebevoll ausgestaltet; Flaschen und Maßkrüge, Kannenkrüge mit herrlichen Stern- und Rosettenverzierungen, Bauchkrüge und Blumenvasen, Tafelaufsätze und Fruchtschalen, Schreibzeuge und Sandstreuer, aber auch hervorragend schöne Blumenkübel und Gartenständer, sowie Dachspitzen – kurz alle erdenklichen Gegenstände und alle erdenklichen Formen und Ornamente schufen die unermüdlichen und geschickten Euler. Auch als das Barock sich aus der Renaissance entwickelte, wurde der bewegliche Geist der Westerwälder Künstler von der Zeitströmung befruchtet; immer reicher und phantasievoller werden Formen, Ornamente und Henkelansätze, sogar ganz eigenartige, materialechte Steinfiguren entstanden damals, die in Form und Auffassung älteren Figuren aus Porzellanmanufakturen oft nicht unähnlich sind. Wie schon die unendliche Mannigfaltigkeit der Erzeugnisse andeutet, haben wir es hier im 17. Jahrhundert mit einem äußerst blühenden Kunstgewerbe zu tun, das nicht nur in der Güte, sondern auch in der Masse seiner Fabrikate seinesgleichen sucht. Zur Zeit, als der Dreißigjährige Krieg seinem Ende zuging, dürfte seine höchste Blüte zu verzeichnen sein. Den modernen Menschen berührt diese Tatsache eigenartig: aber wir dürfen uns jene wilde Zeit nicht als einen zusammenhängenden Kriegszug vorstellen! Gerade die Berge und Täler des Kannenbäckerlandes, darinnen wir heute noch meilenweit durch die Wälder streifen können, blieben ziemlich verschont, wenn auch die Burg Grenzau einer streifenden Schwedenschar zum Opfer fiel. Die Kannenbäckerei hatte damals solche Bedeutung, daß sämtliche Meister all der verschiedenen Dörfer, von den Landesherren – Trier, Wied, Isenburg, Sayn, Metternich – unterstützt, eine mächtige gemeinsame Zunft gründeten, die von sieben Meistern geleitet wurde. Ein Kartell, ein »Trust« im kleinen. Die Zahl der selbständigen Meister soll darin auf 600 angestiegen sein – etwa das Sechsfache von all denen, die heute im Unterwesterwald tätig sind, selbst wenn Krugbäcker und Kannenbäcker kunstloser Betriebe dazu gezählt werden. Natürlich trug die massenhafte Ausbreitung der erstmals von wenigen gediegenen Meistern geübten Kunst bald zum Verfalle bei, den wir in bedenklichen Ausartungen des Barockstils, in gequälten, auffallenden Plastiken wahrnehmen; die schöne Kunst der Flächengliederung und der farbigen Flächenornamente ging verloren. Aber wie ein gesunder innerer Kampf gegen diesen Verfall mutet es an, daß in einzelnen Werkstätten, und besonders in dem stillen einsamen kleinen Grenzau in dieser Zeit wunderschöne Ritz-Ornamente geschaffen wurden von einer so bewußten und so betonten Einfachheit und Eigenart, daß man von einer Sezession sprechen könnte. Oft gar nicht mehr an Renaissance oder gar Barock erinnernd entstanden einfache Krüge und Kannen, deren Hauptreiz der Künstler in farbige Flächenornamente zu legen suchte. Es ist begreiflich, daß Zierformen, die mit der Hand eingeritzt werden, schöner, frischer und eigenartiger wirken als die mehr oder minder konventionellen Beläge, die aus den vielbenutzten Hohlformen hervorgingen. Frisch und lebendig, die Farben von höchster Leuchtkraft, besonders oft ein herrliches Violett und auch Blau auf der grauen Salzglasur tragend, präsentieren sich noch heute diese Stücke, die künstlerisch an die feinste Prunkware der Renaissance heranreichen. – Im Laufe des 18. Jahrhunderts aber starb die Kunst des Kannenbäckerlandes. Wohl mag die Majolika, die Fayence, dann auch das Porzellan, die nun immermehr hochkamen, unsere herrliche deutsche Steinzeugware verdrängt haben, aber auch die Kannenbäcker selbst legten durch ihr Zuviel die Axt an die Wurzel ihrer blühenden Industrie. Wie in Dornröschenschlaf versank das ganze reiche Kunstleben – Einmachtöpfe, Wasserkrüge wurden wieder das einzige Fabrikat. Traumhaft regte sich manchmal ein höheres Streben; einzelne Geschirre, Krüge, Kannen zeugten hin und wieder von verborgenem Leben. Bis im deutschen Volke dann im vergangenen Jahrhundert das Sehnen und Drängen nach nationaler Einheit entstand und im ruhmreichen Kaiserfrieden der Traum Wahrheit geworden war. Da: reich, lebendig, farbenprächtig, in erstaunlich kurzer Frist erstand auch die alte deutsche Steinzeugkunst wieder im Westerwalde. Museen und Burgen öffneten ihre Pforten, die alten Formen und Ornamente erstanden zu neuem Leben. Viel wäre zu künden von den Strömungen und Kämpfen, die seitdem schaffen und wirken. Wie von jeher die Kunst des Westerwaldes in enger Berührung stand mit dem gesamten Kunstleben der Nation, so fühlen wir auch heute in unsern stillen Waldtälern deutlich den Pulsschlag aller technischen und künstlerischen Neu-Strömungen im Blute unseres deutschen Volkes. So wohltätig das Erwachen des Alten, des »Antiken«, wie der Kannenbäcker sagt, gewesen ist – durch das technische Raffinement der Vervielfältigung und die daraus resultierende Massenproduktion mit bunten Farben, unscharfen Dekorationen, dicken Steingutglasuren und all dem – wurden die Nachahmungen bald den Prachtwerken der Väter möglichst unähnlich. Und mit vollem Rechte und wahrhaft erlösend setzte die Moderne ein, im engen Bunde mit moderner wissenschaftlicher Erforschung des Materials und der Feuertätigkeit der Glasurschmelzen. Trotz manches Extravaganten hat die Moderne mit dieser liebevollen und warmherzigen Vertiefung in Material und Technik gesiegt. Und erst jetzt entdecken wir neu die Schönheiten des Alten, seit wir nicht mehr als schwächliche Nachahmer, sondern als eigene schaffende Künstler uns mitfühlend ihm nähern. So ist die Moderne im Kannenbäckerland heute dem wahrhaft Antiken verwandt, wesensähnlich geworden, und Künstler wie Chemiker reichen den alten Meistern verständnisvoll die Hand. Daß bedeutende Kulturwerte hier zu schaffen sind, erkannte auch der Staat: Seit 45 Jahren wirkt in Höhr still und geräuschlos die Keramische Fachschule, die dem Besucher wohl manches Fesselnde zeigen mag und in den letzten Zeiten sogar vom Ausland dankbar als Bildungsstätte gepriesen wird. Sie hat vielen Anteil an dem siegreichen Durchdringen moderner Strömungen, aber auch das Eigenstreben mancher Fabrikanten bewegt sich auf schöpferischen Bahnen. Heute arbeiten die bedeutendsten Künstler Hand in Hand mit der Industrie des Kannenbäckerlandes, die in der ganzen Kulturwelt wieder hohe Bedeutung gewonnen hat und – wenn wir die einfachen Gebrauchswaren mit heranziehen – in Höhr, Grenzhausen, Baumbach, Ransbach, Mogendorf, Hillscheidt zusammen etwa 3000 Personen lohnende und dankbare Beschäftigung gibt. P. Dahlen. Aus Idstein i. T. R. Biringer, Feldbergweg mit Altkönig. Von den Ringwällen Von F. Kutsch Ihrer gibt es fast unendlich viele im Nassauer Land, und zu den Ringwällen, die sich geschlossen um die Berge ziehen, gesellen sich noch die Abschnittswälle, die nur hervorragende Teile eines Bergmassivs oder -rückens gegen das nähere Hinterland abschließen. Von diesen wird von vielen begangen und doch von wenigen gekannt die Wehr des Loreleiplateaus, ein anderer wurde schon in anderem Zusammenhang genannt, der Fichtenkopf von Neuhäusel. Von den Ringwällen sind die gewaltigsten im Taunus der Altkönig und unweit davon die Heidetränktalsperre, beide zusammen ein System, wenig nördlich der Lahn der Dünsberg bei Gießen, im oberen Dilltal der Heunstein, im Westerwald die Dornburg. Dazwischen reihen sich viele kleinere ein. In ihrer Gesamtheit besäumen sie z. T. die Ränder der Gebirgsmassive, so daß man ganz von selbst auf die Frage kommt, ob sie nicht einmal in Beziehung zueinander standen. Andere beherrschen im Binnengebiet wichtige Straßen wie die Alteburg bei Niederems, der Almerskopf bei Selbenhausen oder die Burg bei Rittershausen. Fragt man einen Einwohner aus der Nachbarschaft eines Ringwalles nach dem Berg, so erzählt er gewiß allerhand Sagen, die über ihn im Umlauf sind. Da sollen Geister umgehen um die Mitternachtstunde oder Schätze vergraben sein, und zuweilen will sogar einer den Zugang dazu wissen. Oder man kann durch Pflücken einer gewissen Blume zu bestimmter Stunde des Schlüssels zur Schatzkammer habhaft werden. Die Fragen der Forschung freilich sind nüchterner und auch praktischer zu lösen: durch den Spaten. Er gibt uns über die Bauart der Wälle Aufschluß, und die mißachteten Scherben und andere Funde nennen uns Leute und Zeit, die die Berge befestigt haben. Mühselig allerdings und kostspielig sind solche Grabungen und ausgiebig nur für ein kundiges Auge. Durchschneidet man einen Wall, so zeigt es sich bald, daß darin noch ein Stumpen Mauer steckt; die Masse davor und dahinter ist ihr Schutt. Mörtellos, nicht einmal mit Lehm, sondern trocken waren die Steine aufgesetzt. Halt gaben ihnen Holzgerüste, bei denen Anker gegenständige Pfosten durch die Mauer hindurch verbanden. Waren Steine in der Nähe wenig vorhanden, so wurden nur außen und innen Stirnmauern von 2-3 Fuß Dicke errichtet und der Hohlraum dazwischen mit Erde angefüllt. Manchmal sind die Verschalungen auch nur aus Holz gewesen, oder man hat überhaupt nur die Außenseite senkrecht befestigt und dahinter einen Wall aufgeschüttet. So wechselt das Bild von Fall zu Fall. Aus der Masse des Schuttes läßt sich die Höhe der Mauer annähernd bestimmen, wenn sich ihre Dicke hat feststellen lassen. Beide Maße sind bisweilen gewaltig: so ist eine Mauer des Altkönigs 6,50 Meter stark, eine andere des gleichen Berges 4,5 Meter hoch. Vor den Mauern ist – besonders in germanischer Zeit – die Böschung künstlich versteilert worden. An ihrem Fuß liegt meist ein Graben, dessen Aushub für die Mauer verwertet wurde. Die Torstellen, vor denen die Gräben unterbrochen sind, sind naturgemäß verstärkt, da sie an sich schwache Stellen des Beringes bildeten. Im ganzen gesehen müssen die so befestigten Berge einen ganz gewaltigen Eindruck gemacht haben. Für uns erhebt sich nur die Frage: Sind diese Burgen dauernd bewohnte befestigte Städte gewesen oder nur Fliehburgen, in die man sich im Falle der Not mit Hab und Gut, mit Kind und Kegel flüchtete, bis der Feind das Land wieder verlassen? Nur in ganz besonders günstigen, seltenen Fällen war für größere Mengen Menschen und Vieh hinreichend Quellwasser für längeren Aufenthalt vorhanden. Vielleicht ist die Dornburg mit ihrer dreiviertel Quadratkilometer großen Siedelungsfläche und ihren Quellen als dauernde Niederlassung anzusprechen. Auch der Fichtenkopf bei Neuhäusel ist lange bewohnt gewesen. Im allgemeinen aber sind die Wasserverhältnisse der Berge so dürftig, daß auch die künstlich angelegten Tagwasserbehälter nicht abhelfen konnten. Die mühsame Führung mancher Mauern steilste Hänge hinab nach einer Quelle läßt uns die Qual des Durstes spüren, der die Verteidiger bedrängte. So ist es von vornherein wahrscheinlich, daß man nur in Kriegszeit bei wirklicher Gefahr die Bergfesten bezog. Dafür spricht auch der Befund innerhalb der Wälle. Denn wohl treten Scherben fast überall zu Tag, und man sieht, daß einmal größere Menschenmassen da gehaust haben, aber andererseits ist die Menge der Funde nicht so, daß sie auf lange Dauer menschlichen Aufenthaltes schließen ließe. In ruhigen Zeiten bebauten die Leute eben in den umliegenden Tälern ihre Felder. Das Bild, das hier von den Ringburgen in großen Zügen entworfen ist, hat im Nassauer Land für die Anlagen aller Zeiten allgemeinere Geltung. Im einzelnen muß natürlich vor allem die Zeitstellung der Befestigungen gewonnen werden. Es kann allein durch die Funde auf Grund ausgedehnter Grabung geschehen. Bisher ist mit ganz geringen Ausnahmen noch kein Ringwall älter als keltisch datiert. Freilich harren noch viele eingehender Untersuchung, und ein endgültiges Urteil wird noch lange nicht möglich sein. Aber aus ein paar gelegentlichen Einzelfunden, z.B. auf dem Dünsberg, die Befestigung in die Bronzezeit zurückzuführen, geht denn doch nicht an. An anderer Stelle dieses Buches ist die frühgallische Anlage auf der »Burg« von Rittershausen schon genannt worden. Die Germanen haben sie nicht mehr benutzt, da die Front dieses Ringwalles offensichtlich nach Norden wies, ihre Gegner, die Römer, aber von Süden kamen. Auf der Goldgrube im Taunus und dem Altkönig sind keltische Funde gemacht worden. Die Annahme, daß hier Befestigungen erst dieses Volkes, dann der Germanen gewesen seien, hat also etwas für sich. Doch müssen eingehendere Grabungen erst diese Frage klären. Sicher ist nur, daß der letzte Ausbau dieser Berge durch die Germanen vollzogen wurde. Neben den rein keltischen und gemischtzeitlichen Ringwällen stehen – anscheinend weitaus in der Mehrzahl – die rein germanischen. Der Dünsberg bei Gießen muß eine der Hauptburgen dieses Volkes gewesen sein, von Bedeutung auch der Heunstein bei Dillenburg. Beide, auch der Almerskopf bei Merenberg, sind erst in den Kämpfen gegen die Römer entstanden. Der Heunstein ließ sogar mit sehr großer Wahrscheinlichkeit die Bauschichten der augusteischen Feldzüge, die mit der Schlacht im Teutoburger Walde ihre Wendung zuungunsten der Römer nahmen, und des domitianischen Chattenkrieges scheiden. Die Ringburgen dieser Zeit führen uns also in die Frühzeit deutscher Geschichte hinein, deren Ereignisse den modernsten nicht unähnlich waren, und diese Riesenbefestigungen mit ihrer planvollen Anlage und ihren gewaltigen Pionierarbeiten lassen uns ihren Erbauern große Achtung abgewinnen. Welche Ordnung und Zucht muß innerhalb des Volkes, das sie erbaute – hier handelt es sich im wesentlichen um die Chatten – geherrscht haben, um allein die Leute zu solchen Arbeiten zusammenzuhalten. Bedenken wir weiter, daß alle die Burgen des Westerwaldes und Taunus in dieser Zeit als eine große Wehr des Landes zu betrachten sind, so erhellt, daß dieses Volk ein außerordentlich straffes Staatsgefüge besessen haben muß, von dem man aus anderen Quellen nur wenig weiß. So sind die Ringwälle mit die wertvollsten Zeugnisse nicht nur unserer engeren Heimat, sondern überhaupt deutscher Frühzeit, und wir haben alle Veranlassung, sie unseren Nachfahren zu erhalten, daß nicht eine spätere Zeit, die wieder mehr Sinn für unsere Vergangenheit hat als die Gegenwart, Steine auf uns werfen wird. Das Gebück Von Ferdinand Luthmer Die Rheingauer waren, wie es freien Männern ziemt, ein wehrhaftes und tapferes Geschlecht. Wenn sie dem Erzbischof Heeresfolge leisteten, so kämpften sie unter eigenen Hauptleuten als die vordersten der Schlachtordnung; die Bewachung des erzbischöflichen Palastes bei Erledigung des Stuhles war ihr besonderes Vorrecht. Vor allem aber suchten sie ihr eigenes Land gegen fremde Einfälle zu sichern. Während im Süden und Westen der Strom den natürlichen Schutz gewährte, wurde die Ost- und Nordseite durch einen lebenden Zaun von riesenhaften Abmessungen gesichert, »des Landes Bannzäune« genannt. In dem hauptsächlich mit Buchen und Eichen bestandenen Hochwald wurden in einem etwa 50 Schritt breiten Streifen alle Bäume in verschiedener Höhe abgeworfen und die unten ausschlagenden Triebe zu einem Zaun verflochten, der allmählich für Fußgänger und Reiter undurchdringlich wurde. Um die wenigen durch diesen Zaun führenden Wege zu sichern, wurden bei ihrem Austritt befestigte Tore errichtet. Ob dieselben schon in sehr früher Zeit bestanden, muß dahingestellt bleiben. Die Hauptanlage scheint in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstanden zu sein, wobei die Feuerverteidigung zugrunde gelegt wurde. Ein ganzes System solcher Verteidigungsbauten fand sich im Tal der Waldaffa, wo das Gebück seinen Anfang nahm. Es bestand auf der Strecke von Niederwalluf bis zum Engpaß der Klinge (oberhalb Neudorf bei der jetzigen Klingenmühle) aus 16 niedrigen, massiv erbauten Türmen, nach der Angriffsseite rund, innen gerade abgeschnitten, in zwei Stockwerken kasemattiert mit Scharten für Geschütz. Von ihrer Form führten sie im Volk den Namen der »Backöfen«. Besonders bezeichnet wurden unter ihnen das 1470 erbaute Bollwerk am damals sogenannten Molkenborn bei Neudorf, die »Leuchte« oder das Winkeler und das obere Östricher Bollwerk oder der »Stock«, vom Erzbischof Berthold (1484-1504) erbaut. Das befestigte Tor an der Klinge, wo ein vortretender Schieferfels das Tal sperrte, lehnte sich an diesen mit einem mit Wehrgang versehenen Torbogen, während nach der Bachseite ein viereckiger Turm den Abschluß herstellte. Hinter der Klinge verließ das Gebück das Tal der Waldaffa und stieg den ziemlich steilen Hang der linken Talseite empor, wo in dem jetzt bestehenden Jungwald jede Spur verwischt ist. Den ersten Gebückbäumen begegnet man auf der Höhe des Dreibornskopfes. Sie sind unter dem übrigen Waldbestand unschwer zu erkennen und machen den Eindruck riesiger Weidenstümpfe. Der uralte, fünf bis sechs Jahrhunderte zählende Stamm steigt etwa 6 Meter nackt in die Höhe; starke Wulste an seinem unteren Teil verraten die Stellen, wo die zu einem Dickicht verflochtenen Zweige gesessen haben; aus der Krone haben sich seit der Zerstörung des Gebücks 1771 neue Zweige nach oben entwickelt, welche jetzt die Stärke ansehnlicher Stämme haben. Auf der Höhe angelangt, wendete sich das Gebück westlich, umzog die süd-westlich von Bärstadt gelegene kreisrunde Schanze, welche wahrscheinlich ehemals einen Wartturm trug, im Bogen und wendete sich süd-westlich nach dem Dorf Hausen vor der Höhe. Hier hatten süd-östlich vor dem Dorf die Kiedricher im Anfang des 15. Jahrhunderts das Hauser Bollwerk errichtet, einen starken burglichen Bau mit hohem Turm, durch einen halbmondförmigen Erdwall geschützt, der jetzt gänzlich verschwunden ist; nur ein besonders schöner Gebückbaum am Eingang des Waldes erinnert hier an die Landbefestigung. In süd-östlicher Richtung dicht nördlich neben dem uralten Rennweg oder der »Hohen Straße« fortschreitend, wo an der Kreuzung desselben mit der von Eltville nach Obergladbach führenden Straße wieder eine schöne Gruppe von Bäumen erhalten ist, erreichte dann das Gebück die Mapper Schanze, einen befestigten Torbau, welcher die von Östrich das Gebirge überschneidende Straße schützte. Von diesem steht noch eine ansehnliche Ruine, ein viereckiger Torturm, durch dessen spitzbogige Toröffnung die Straße führt, östlich angelehnt an ein Rundell von 3,50 Meter innerem Durchmesser, mit Kuppelgewölbe und vier inneren Nischen für ebensoviel Maulscharten. Zu beiden Seiten schließen sich kurze, ebenfalls mit Scharten versehene etwas gebogene Mauerstücke an. Vor dem Tore liegt an der Westseite ein halbmondförmiges Erdwerk mit 1,5 Meter hoher Brustwehr und Graben. Nach der über einer Scharte des Rundells eingemeißelten Zahl wurde das Bauwerk 1494 errichtet. Bis nördlich von dem Dorf Stephanshausen behält das Gebück die süd-westliche Richtung bei und nimmt dann, der von Winkel ins Wispertal führenden Straße folgend, nordwestliche Richtung an. Auf dieser Strecke lag das starke Bollwerk Weißenturm, seit 1816 ebenfalls verschwunden, dessen Name noch in dem Forsthause erhalten ist. Von hier zog sich das Gebück auf der Höhe westlich vom Elmachbach und dem Wehrgraben zum Tal der Wisper hinab, das es bei der Kammerberger Mühle überschritt, um jenseits zwischen Rheinberg und der Aacher Schanze wieder zur Höhe emporzusteigen. Von hier in westlicher Richtung überschritt es das Sauertal südlich von der Sauerburg und lief im Niedertal bei Lorchhausen gegen das Rheintal aus. Diese starke Landwehr wurde in hohen Ehren gehalten und durch strenge Gesetze geschützt. Als sich 1619 die ersten Wolken des großen Religionskrieges zusammenzogen, verordnete ein zu Östrich abgehaltener Landtag, daß an den Bollwerken und Schlägen alles Schadhafte ausgebessert, kein Pfad außerhalb der allgemeinen Pforten zugelassen und das Gehen oder Kriechen durch das Gebück, ja selbst das Abschneiden einer Spießgerte mit 10 Goldgulden bestraft werden sollte. Dennoch vermochte dies Landbollwerk den Angriffen des Dreißigjährigen Krieges nicht zu widerstehen; wiederholt fanden feindliche Kriegsvölker durch Verrat Eingang in dasselbe, so daß es 1771 nicht mehr in wehrhaftem Zustande befunden und dem Abbruch und der Ausrodung überliefert wurde. Die »Backöfen« mußten zu Ende des 18. Jahrhunderts das Material zum Bau der Straße durch das Waldaffetal hergeben. Ad. Presber, Gebückbäume. W. Mulot, Die sieben Laster. Gebälkschnitzerei in Limburg. Die schwarze Glocke Von Leo Sternberg Als die schwere alte Sturmglocke, die das Diözesanmuseum zu Limburg bewahrt, grün bekränzt und von Weihrauch und Myrrhen umwölkt, gleichzeitig mit dem Dom ihre Weihe erfuhr, da dachte niemand, daß sie der Stadt zur schwarzen Glocke werden würde. Sie hat auch Freude herabgeläutet in den siebenhundert Jahren, die sie ihres Amtes waltete; aber Schauder geht von ihr aus, wenn ihr schwarzer Mantel uns an die Verzweiflung erinnert, die der Schreckensschrei des ganzen vierzehnten Jahrhunderts zu ihr hinaufschickte. Sie läutete die Wende der neuen Zeit ein, als sie die ungeheure Feuersbrunst verkündete, die halb Limburg in Asche verwandelte, gleichsam als sollte die Todesreife der alten Kultur auch äußerlich offenbar werden. Man meinte, es sei ein Meteor vom Himmel gefallen, um die sündige Stadt zu strafen. Ein großer Teil des Adels und der Bürgerschaft, an deren verlassene Heimstätten nur noch die Namen der Hofraiten erinnern, wanderte aus. Und die schwarze Glocke läutete wieder; kein Unglück pflegt allein zu kommen. Verheerende Wasserfluten folgten, die das Vieh aus den Ställen herausschwemmten, die Gärten vernichteten und Mühlen und Hütten wegrissen, wie sie zuvor die steinerne Lahnbrücke donnernd gesprengt hatten. Fürchterliche Stürme brausten über die Stadt, die Obstbäume, Türme und Dächer abbrachen. Erdbeben kamen, welche die Bevölkerung monatelang in wahnsinniger Angst vor den Toren der Stadt hielten, wo man in rasch aufgeschlagenen Zelten einen Augenblick ausruhen konnte von der Erschöpfung schlafloser Nächte. Schneewehen begruben Wanderer und Wagenzüge. Die Lahn trocknete aus. Hagel und Heuschrecken vernichteten das Getreide, Fröste die Rebenblüte; das Obst fraß der Wurm. Teuerung folgte auf Teuerung. Die Verwahrlosung, die Ungunst der Witterung, die Gleichgültigkeit, die sich heimgesuchter Menschen bemächtigt, waren der Entstehung von Krankheiten günstig, die sich bei der Enge des Zusammenlebens seuchenartig verbreiteten und ganze Stadtteile entvölkerten. Der Adel, der nichts mehr zu rauben fand, geriet in Schulden. Die Dynasten führten die Hofhaltung zwar in dem alten Glanze fort. Sie beschenkten die kirchlichen Anstalten, beteiligten sich an allen kostspieligen Unternehmungen von Kaiser und Reich, schritten zu Gerichtssitzungen in königlichem Pomp, veranstalteten Jagden, Sängerkriege, Turniere und bauten. Johann, der blinde Herr, baute im Schlosse die zum Teil noch erhaltene St.-Peters-Kapelle. Seine Gemahlin errichtete ihrem Hofnarren ein Standbild, dessen jetzt im Diözesanmuseum untergebrachter Inschriftstein mit seiner in gotischen Majuskeln gefaßten Reiminschrift noch zu lesen ist. Gerlach II. baute den Stadtgraben, dessen Verlauf noch heute die Kastanienallee der »Schiede« bezeichnet. Allein, der Glanz war Schein. Durch die Mißernten, die Stockung des Verkehrs, die Entvölkerung und den Untergang ganzer Ortschaften, die erhöhte Unsicherheit der von Besitzlosen und Unzufriedenen belagerten Straßen, die allgemeine Not des heimgesuchten Landes und der häuserleeren, halb abgebrannten Residenz, auf deren freien Plätzen das Gras wuchs, waren die Einkünfte der Dynasten beträchtlich geschmälert worden. Der Verlust tüchtiger Hauptleute, wie des Hauptmanns v. Hatzstein, der so stark war, daß er ein Ohm Wein aufhub und aus dem Spunden trank, hatte den unglücklichen Ausgang mancher Fehden zur Folge, deren wirtschaftliche Schäden seit der Anwendung des Schießpulvers sich überdies bedeutend vergrößert hatten, wie z.B. einem Überfall die halbe Brückenvorstadt zum Opfer fiel. Zudem war Gerlach II. ein Dichter, also unfähig zu wirtschaften. Und so erleben wir denn das klägliche Schauspiel, wie er, in beständiger Geldverlegenheit, Korngülten und Judengeld, Münze, Mühlen- und Marktzoll, alle seine Regalien nacheinander gegen Darlehen und Bürgschaften verpfändet, Turm und Tor, Mauer und Graben seiner Residenz versetzt, sich in Abhängigkeit bringt von Zünften, wohlhabenden Juden, der ganzen Bürgerschaft, bis er zuletzt sogar seine Herrschaft, Burg und Stadt Limburg, für 28 000 alte kleine Florentiner Gulden zur Hälfte dem Erzbischof von Trier verpfändete, der nach dem Aussterben des Hauses im Mannesstamm schließlich die ganze Herrschaft Limburg an sich zog. Der Reichtum und die Macht, die der Adel innegehabt, gingen zwar auf das Bürgertum über. Alles wurde demokratisiert. Die Stadt hatte sich als Preis ihrer Zustimmung zu jenen Verpfändungen eine Vertretung der Bürgerschaft aus zwölf Räten mit zwei Bürgermeistern neben den bisherigen zwölf Schöffen errungen. Sie hatte das Recht erlangt, von jedem Frachtwagen, der die Brücke passierte, einen großen Turnos als Zoll zu erheben. Sie genoß Zollfreiheit im Verkehr mit Frankfurt, Köln, Mainz und den Städten der Wetterau sowie das Privilegium, daß ihre Bürger weder vor einem andern Gericht als dem Schultheißen von Frankfurt verklagt noch wegen der Schulden des Dynasten gepfändet werden durften. Die Ritter mußten sich gegen die Übermacht des Bürgertums zu Innungen zusammenschließen, deren Spottnamen – die Bengeler, die Spieler, die Narren, die Heufresser, für die Limburger Rittergesellschaft »die Pfaffen« – bezeichnend genug sind. Den höchsten Sieg aber feierte die städtische Selbstherrlichkeit in jener denkwürdigen Gerichtssitzung auf dem lindenbepflanzten Platze vor der Dechanei, in der der Schöffe Johann Voppe aufstand – »gar herrlichen« – und sich gegenüber den geistlichen und weltlichen Fürsten, die erschienen waren, darauf berief, daß über einen Limburger Bürger immer zuerst der Schöffenstuhl zu Limburg zu richten habe und ohne dessen Genehmigung kein Limburger von den Herren oder dem Amtmann verhaftet werden dürfte – also daß die Fürsten mit ihrem ritterlichen Gefolge aufstanden und sich »der großen vursichtigkeit« wunderten. Allein, der Feudalismus blieb; nur daß an die Stelle der Ritter jetzt die Patrizier traten. Wie immer, wenn neue Gesellschaftsschichten emporkommen, suchte man den Ritterstand an Üppigkeit und Luxus womöglich noch zu überbieten. Die Kleiderstoffe wurden grellfarbig; man ging mit flatternden, bis zur Erde herabfallenden Überärmeln, mit federgeschmückten Gugeln, mit Schellchen an den Schwänzchen des Hermelins und an den Spitzen der Schnabelschuhe; die Frauen zeigten sich bei öffentlichen Gelegenheiten in einer nach unsern Begriffen wenig züchtigen Tracht. Unmäßigkeit, Trunksucht und Laster nahmen überhand, die der Chronist nur in lateinischer Sprache zu erzählen wagt. Die Zünfte verloren sich in engherzige Bestimmungen, die den Zuzug neuer Kräfte verhinderten, die Gesellenfreiheiten unterdrückten und ein bedrohlich anschwellendes Proletariat großzogen. Derselbe zunftgerechte Krämergeist führte in der Poesie an Stelle des Schwungs und der Phantasie Lebhaftigkeit und Regelzwang ein: die Öde des Meistergesanges. Von einer Erweiterung des geistigen Horizonts über die Grenzen der Theologie hinaus konnte keine Rede sein. Trotzdem war der Quell der wahren Religiosität so sehr versiegt, daß die Stimme der wieder und wieder warnenden Bußprediger in dem Festlärm verhallte, in den das oberflächliche Geschlecht sich stürzte, um sich selbst, der innern Langeweile und der Mahnung des Gewissens zu entfliehen. Und wieder ertönte die schwarze Glocke ... Aus den Sümpfen und Unratstätten Ägyptens kam mit schwarzen Flügeln und langem Drachenhalse, den Reiter Tod auf ihrem Rucken tragend, die Pest über Europa geflogen, an der Spitze eines Zuges von Raben und Aasvögeln, deren Schwärme den Himmel verfinsterten. Den Hals tief herabgebogen in die Gassen, flog sie über die Städte und hauchte in Türen und Fenster das Gift. Dreimal strich sie über Europa, und dreimal tauchte sie ihren Hals in die Brunnen und engen Gassen der unglücklichen Lahnstadt, deren Mauern und Dächer und Domtürme schwarz waren von Krähen und Raben. Denn wo ihr Rachen hinhauchte, da lagen die Straßen voll Leichen, und die Säuglinge krochen darüber und sogen sich aus den Brüsten der Mutter den Tod. Man floh entsetzt ins Weite, aber die Bauern, denen die ersten Flüchtlinge die Pest in die Gehöfte getragen, steinigten jede fremde Seele, der sie begegneten. Wer verdächtig aussah, wurde von Haus und Herd geholt, um draußen in den Siechenbaracken zu verschwinden. Viele entflohen und versteckten sich in Gräben und Sielen, jeden tötend, der nahekam. Man schüttete auf dem Massengrab, in dem man die Leichen begrub, einen ganzen Berg auf, der noch lange der Pestberg hieß, um den Seuchenherd zu ersticken. Aber es half nichts. Man verteilte Wacholder und Essig; ließ Scheiterhaufen von Fichtenholz rauchen, um die Luft von dem furchtbaren Gerüche zu reinigen. Aber das Geläute der schwarzen Glocke hörte nicht auf. Man strömte in die Kirchen, die man auch nachts nicht verließ; und der erleuchtete Dom mit dem Spiegelbild seiner blutroten Fenster im Wasser verkündete im Dunkel fernhin den Jammer der Stadt. Wallfahrten und Bußgänge und Pilgerzüge nach Rom wurden unternommen; Fasten wurden befohlen; die Reliquien wurden jeden Tag auf den Altären ausgestellt. Und da alles nichts half, ergriff die Pest auch die Seelen. Man lästerte den Himmel, warf die Kruzifixe ins Wasser, ließ die Leichen in den Häusern verfaulen, ergab sich wüstem Sinnestaumel und lebte in wilder Zuchtlosigkeit dem Heute, dem kein Morgen mehr folgen mochte. Da erschienen in langer Prozession mit schwarzen Holzkreuzen und Bannern, auf denen Feuer- und Schwefelregen niedergingen, die Flagellanten, rote Kreuze auf den finstern Kapuzen, die das Gesicht bis auf die Augenlöcher verhüllten, geführt von Kerzenträgern und Vorsängern, in deren traurige Weise der Zug der Vermummten einfiel. Und in ihren Händen trugen sie Geißeln. Und als sie in den Dom eingezogen waren und der Vorsänger das Miserere anstimmte Nu recket uf die uwer hende, Daz Got daz große sterben wende; Nu recket uf die uwer arme, Daz sich Got ober uns irbarme! – da entblößten sie sich bis zum Gürtel und schwangen, auf den Knien liegend, die gestachelten Riemen über den Rücken, Schlag auf Schlag, in wahnwitzigem Hatz gegen den verruchten Körper, bis sie Schaum vor dem Munde, in einem Rausche von Selbsterniedrigung, mit schwarzen Ringen um die Augen, in Krämpfen zuckten und das Blut an den Fersen herunterlief. Und indem sie sich mit der Wollust der Selbstvernichtung des Mords, des Meineids, der Hoffart und jeder Ehrlosigkeit bezichtigten, versetzten sie das arme Hirn der leicht umgelenkten Massen in einen solchen Zustand von Reue, hündischer Selbstanklage und Märtyrersehnsucht, daß Ritter, Bürger und Bauern weinend in das Geheul der Bußlitaneien einstimmten und selbst Frauen und Kinder fanatisiert ihren Leib marterten. Zweimal am Tage wand man sich blutüberrieselt unter der furchtbaren Zuchtrute und schloß diesen »Gottesdienst« damit, daß man einen von einem Engel vom Himmel herniedergebrachten Brief Christi verlas, wonach Gott aus Zorn über die Sünden der Christenheit den Schwarzen Tod sandte und nur auf Fürbitte Marias nicht bis zur völligen Vernichtung schritt. Aber das Sterben hörte trotz der Verkündigung und trotz aller Peitschenhiebe nicht auf, und das Volk, am Ende seines Vertrauens und müde der Almosenlast, welche die Geißelfahrer ihm aufbürdeten, drohte wieder von der Bewegung abzufallen. Schon hatte sich zu allen andern Übeln als Folge der schauerlichen Erregungszustände Epilepsie eingestellt. Die Tanzwut kam hinzu, bei der die Besessenen in religiösem Wahnsinn wie Derwische tanzten, bis sie mit geiferndem Munde und unförmlich aufgetriebenem Leibe unter Zuckungen zusammenbrachen, eine Erscheinung, die ebenso wie die Geißelzüge das Laster sich zunutze machte, um unter dem Deckmantel der Krankheit und der Frömmigkeit Greuel zu verüben. Auch Geistlichkeit und Obrigkeit drohten jetzt einzugreifen. Da wandten die Geißler ein teuflisches Mittel an, um ihre Popularität wiederherzustellen. Sie verbreiteten das Märchen, die Juden – in deren Reihen sich viele Ärzte befanden – hätten Flüsse und Brunnen verpestet mit einem Gift, das aus Christenherzen, Hostienteig, Basiliskenfleisch und Kröten bereitet sei. Dies war die Losung, um sich gleich wilden Bestien auf die Juden zu stürzen, sie zu verbrennen, mit Heugabeln, Dreschflegeln und Äxten zu erschlagen oder so lange zu foltern, bis sie in den Delirien des Schmerzes Giftmischerei und alles zugestanden, was man wollte. Nur diejenigen blieben verschont, die zum Kreuze griffen oder es vorzogen, sich lieber mit Weib und Kind dem Feuer zu überliefern als jenen Händen. Wenn auch im Grunde ihr bares Geld die Vergiftung war, wegen der sie getötet wurden (wie ein Chronist aus jener Zeit sagt), so spielte der religiöse Fanatismus doch ebenso dabei eine Rolle, wie bei der Judenschlacht, die der nassauische Bauer Armleder einige Jahre vorher, um die Marter und Wunden Christi zu vergelten, ins Werk gesetzt hatte. Freilich – auch jene entsetzliche Seuche war wie jedes Unglück verschuldet, wenngleich das Zeitalter in der Erkenntnis der Ursachen und der Mittel ihrer Bekämpfung irrte. Man wußte nichts von Hygiene. Die Straßen waren so eng, daß den Planwagen, die durch die Fahrgasse von Limburg fuhren, ein Ausscheller vorangehen mußte, der die Bäcker veranlaßte, ihre Fensterauslagen hereinzunehmen. In vielen »Ahlen« stießen die vorgekragten Giebel zusammen. Nirgend zeigten sich Vorboten des folgenden Jahrhunderts, von dem Äneas Sylvius meint, kein Volk Europas habe reinlichere und luftigere Straßen als die Deutschen, und ein schottischer König würde wünschen, so zu wohnen, wie ein mittelmäßiger Bürger einer deutschen Stadt. Vielmehr starrten die krummen, winkligen Straßen mit ihren Sackgassen, Höfen und Durchgängen von Unsauberkeit. Das Volksbuch von Till Eulenspiegel läßt uns erkennen, wie es darin ausgesehen haben mochte. Hunde, die die eitrigen Lappen eines Hautkranken berochen, wälzten sich dort mit Kindern auf der Straße. Die Schornsteine fehlten oder waren so mangelhaft, daß alles verrußte und verräucherte. In dem Unrat, den Düngerhaufen und städtischen Abfällen, für deren Abfuhr nichts geschah, wühlten die Schweineherden. Die Abwässer, von keinem Kanal aufgenommen, standen verschlammt in allen Vertiefungen der unebenen Wege, eine Brutstätte von Larven und Gewürm. Die Toten wurden innerhalb der Stadt, im Hof der Pfarrkirche begraben, und da die alten Gräber immer wieder benutzt werden mußten, so deckte man eine Leiche mit den Überresten der andern zu, soweit die aufgelesenen Knochen nicht im Beinhaus zur Schädelburg aufgeschüttet wurden. Die ekle Lauge des fauligen Gerinnsels der ganzen Stadt sickerte in das Grundwasser und vergiftete – freilich in andrer Weise als der finstere Volksglaube annahm – tatsächlich die Brunnen. Weder in das dunkle, feuchte, übelriechende Gäßchengewirr, in dem die Katzen schlichen, noch in die kleinen fensterarmen Holz- und Lehmhütten, die mehr Höhlen oder Ställe als Häuser waren, drang ein Strahl des keimetötenden heilkräftigen Sonnenlichtes. Unmäßigkeit, Schlemmerei, Schmutz und ein unerhörter Tiefftand der gänzlich vom Aberglauben beherrschten Medizin kamen hinzu – und es starben während eines Vierteljahrs in Limburg zweitausendvierhundert Menschen, außer den Kindern. Und die Straßen, an denen der Würgengel diesmal vorübergegangen, zeichnete er bei dem zweiten Sterben, und wo er bei dem zweiten vorübergegangen, da kehrte er bei der dritten Seuche ein, bis der letzte Schlag der schwarzen Glocke endlich ausschwang, verschwebend wie summende Luft, und der Friede des Todes lag über der verstummten Stadt. Ihr Glanz war dahin. Es läßt sich ermessen, welche Lücken jene Sterblichkeitsziffern in ein Gemeinwesen rissen, das zur Zeit seiner höchsten Blüte zweitausend Ritter und Bürger unter Waffen aussenden konnte und achttausend Menschen zählte, die zu Ostern das Abendmahl empfingen. Allenthalben sah man auf Tod und Ruinen. Verlassene Häuser, die niemand wieder aufbaute, schwarz ausgeschlagene Kirchen, brachliegende Felder, greisenhaarige Armut, gebrochene Männer, bleichwangige Witwen, Kinder mit ernsten Augen, die nicht lange leben, Verwachsene – denn niemals hatten die Frauen so viel mißgestaltete Wesen zur Welt gebracht wie in diesen schreckensvollen Jahren. Überall ragte Golgatha, die Schädelstätte, und predigte, daß die Welt nur ein Kerker sei, das Leben ein Abel; daß man einzig danach streben müsse, die Befreiung daraus zu verdienen, und jederzeit gerüstet sei, vor den Richterstuhl des Höchsten zu treten, der das furchtbare Strafgericht verhängt. Man suchte die Erlösung durch den Glauben und unterwarf sich in Demut der Leitung der Kirche. Alles verkirchlichte sich. Die Kirche regelte die Sitten; die Kirche übernahm die Wohlfahrtspflege; sie unterwies in praktischen Dingen und belehrte in geistigen. Es wurden neue Brunnen angelegt; das Heilige-Geist-Hospital wurde durch die reiche Stiftung des Limburger Bürgers Werner Senger zu einem der großartigsten Krankenhäuser ausgestaltet. Kruzifixe mit ewigen Lampen wurden an den Straßenbiegungen aufgestellt. Heiligenfiguren belebten die Ecken, Nischen und Thüreingänge der Häuser, wie sie noch allenthalben in Limburg zu finden sind, Heiligenhäuschen, Bildstöcke, Marienbilder bewachten das Feld. Man stiftete Laternen zur nächtlichen Beleuchtung gefährlicher Wege und das Stundenläuten für verirrte Wanderer. Die Wilhelmiten, die ihr Kloster wegen der häufigen Überschwemmungen von der Lahninsel vor das Diezer Tor verlegt hatten, bauten die St.-Anna-Kirche; die Barfüßerkirche erstand in ihrer jetzigen Gestalt; die Zisterzienser von Eberbach gründeten sich ein Bruderhaus und jene Kapelle, die später nacheinander als Salzmagazin, als evangelisches Bethaus und als Synagoge gedient hatte. Die Kalandsbrüder, die bei der Pest den Verschmachtenden beigestanden, siedelten sich an, und lange noch wohnte auf der weidenbewaldeten Arnoldschen Insel im Schatten des Domfelsens Bruder Siechenhorst, dessen Lied und Geigenspiel die Kraft hatte, unheilbare Kranke zu trösten und das Auge der Sterbenden noch einmal zu verklären: das Volkslied erklang in seiner schmerzvollen Innigkeit. Das Verlangen nach dem Jenseits kehrte die tränengeröteten Augen des Zeitalters glühend nach oben und riß die Entwicklung aller Lebensformen mit hinauf, so hoch, daß das Leben gleichsam nicht mitkonnte – eine Vorstellung, die sich beim Anblick der vielen unvollendeten gotischen Kathedralen unwillkürlich unsrer bemächtigt. Wer in den Formen den ewigen Gehalt sucht, wird empfinden, daß Seelen solcher Art sich in einfachen gewöhnlichen Bauformen nicht ausleben können. Sie bedürfen wundersamer, überschwenglicher Eindrücke. So schlank wie die magern Gestalten in ihren enganliegenden Gewändern werden die Säulen. Schmal schauen die Wände auf. Der Rundbogen streckt sich und streckt sich zum steilen Scheitel zweier sich schneidenden Biegungen. Die Mauern werden so leicht, daß sie von einem Wald von schlanken Strebepfeilern als Widerlagern umstellt werden müssen. Die ruhevolle Breite der Horizontallinie ist geschwunden. Führer und Hauptausdruck des Baues ist der Turm, nach dessen Vorbild die ganze Kirche stilisiert wird – anders als bei den Italienern, die den Turm unorganisch als Kampanile neben die Kirche stellen, weil er nicht aus dem Geist geboren ward, jenem Geiste, der die Kirche zu einem Gerüst von lauter aufwärtsstrebenden, nach Entwicklung und Auflösung drängenden Kräften macht, als wäre sie die in Stein verzauberte Seele der Zeit, wie diese auch im Innern erfüllt von unbestimmtem Zwielicht. Denn der klare Tag darf nicht hereindringen. Obwohl die Fenster die ganze verfügbare Wandfläche einnehmen, webt er, durch gemalte Scheiben verwandelt, aus blutendem Purpur und geheimnisvoll glutenden Feuern die farbige Dämmerung, in der sich die Mystik der Zeit, noch genährt von der deutschen Mondscheinsehnsucht, in ihrem Elemente befand. Die letzte Nonne von Clarenthal Von Hans Grimm In der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts kamen schlechte Zeiten für das einsame neue Kloster in Clarenthal, so schlimme, daß es daran zugrunde ging. Erst ritt der tolle Markgraf von Brandenburg-Kulmbach stöbernd und marodierend den Rhein herunter, und die guten Clarissenfrauen mußten sich hinter den festen Mauern der Burg von Wiesbaden verbergen, dann schlich sich ohne Lärm die Pest in den Waldfrieden hinein. Knechte und Mägde fielen, niemand wußte recht warum, und während man sich noch verwunderte, räumten die Sterbensläufte schon unter den Nonnen auf. Gerade vor Weihnachten im Jahre 1553 machten die dünne Äbtissin und der vergnügte alte Beichtiger Heinrich die Augen zu. Im folgenden August starb die Priorin, und die junge Schwester Maria, die man schon in ihrer Kindheit in das Clarenkloster getan hatte, blieb allein übrig, denn was sonst von den verwirrten frommen Frauen dem »Sterbend« nicht erlegen war, das war in der höchsten Not zu den bestürzten Verwandten ausgewichen. Sobald die verlassene Nonne das Nötige vollzogen und viel geweint und viel gebetet hatte, schrieb sie nachdenklich zwei Briefe. Davon war der eine an den Grafen Philipp gerichtet, den Herrn Fundator, Oberen und Protektor: Sie könne nicht allein bleiben und wolle in das Mutterkloster nach Mainz hinüber, er möge seinen Amtmann schicken, daß dieser bis auf weiteres die Schlüssel des Klosters nehme. Den anderen Brief sandte sie an die gute Mutter, die Äbtissin von Reichsklaren in Mainz, und bat um Aufnahme bei ihr. Die Antwort der Äbtissin brachte der Zehentknecht Peter gleich zurück, die soror Maria solle kommen und nit vergessen, die von ihr erwähnten Ornata und Kirchenkleinod mitzunehmen. Auch der recht zufriedene Graf zögerte nicht, sondern versprach, der Amtsvorsteher und Rentmeister würden nächsten Tages erscheinen, um alle Siegel und Briefe des Klosters zu besichtigen und den Inhalt zu verzeichnen. Auf diese Männer wartete die einsame Jungfrau. Wie aber drei Tage lang niemand aus Wiesbaden heraustrabte oder fuhr, und ihr des Klosters Hofmeister Hen von Erbenheim und Theiß, der Verwalter des Armenruhegutes, erzählten, die Herren in der Stadt hätten noch Furcht vor der Ansteckung, da beschloß sie, ohne längeren Verzug nach Mainz zu übersiedeln und den Meister Hen inzwischen zum Rechten sehen zu lassen. Mit andächtigen und sorglichen Händen packte sie die heiligen Gegenstände zusammen, die nach Reichsklaren genommen werden sollten, die leuchtende Monstranz, die große silberne Krone unserer lieben Frau, unserer lieben Frau Zopf, den seidenen Umleger mit dem großen englischen Gruß, die Kleinodien von unserer lieben Frau Kindchen, die drei feinen Hostienhäuschen, unserer lieben Frau blauen Rock mit den goldenen Buchstaben, das purpurne Altartuch, daran die Borde mit den zwölf Aposteln, und drei Meßkelche und Patenen und noch mehr. Als die ordentlichen Ballen fertig waren, und der Hofmann sie vorsichtig selbst herunter trug, damit sie von dem Zehentknecht Peter und dem alten Sauhans auf den Packsätteln gehörig verschnürt würden, war es schon spät geworden am Nachmittage, und die Nonne hätte vor Torschluß nimmermehr in Mainz sein können. Deshalb ließ sie den Leuten sagen, sie sollten sich für den Frühmorgen wohl bereit halten. Durch die Verschiebung des Abzuges und nach Erledigung aller Arbeit wuchs die Unruhe des Scheidens ganz gewaltig in ihr, und alle ernsten Versuche im brünstigen Gebete und den Meditationen der heiligen Clara Selbstvergessenheit zu finden, blieben umsonst. Mit klopfenden Herzen durchstrich sie das geweihte Haus, an dem die ganze Freude und das ganze Wehe ihres jungen Lebens hing, und verweilte dann wieder an den offenen Fenstern, als müsse sie sich immer von neuem vergewissern, daß jedes Bodenfältchen und Strichelchen des Forstes und der Flur im Gedächtnis die richtige Stelle für alle Zeiten habe. Draußen sonnte sich ein reicher Spätsommerabend, die vielen Schwarzamseln in den Wipfeln an den Waldrändern sangen ihm ihre Kantilenen dazu, und die wilden Blumen und das Gras und das Grumt auf den Wiesen bei der Klostermühle am Druderbach gaben ihren ganzen Duft her. Als Maria von Nassau aus dem Dormenter nach Osten schaute hinüber zur Rodung des Hanges, wo der neue Wingert angepflanzt werden sollte, spielten die Lichtstrahlen just mit der Aureole und dem Glasperlengürtel Sankt Johannis des jungen Apostels, der blauröckig dort oben aus seinem steinernen Bethäuschen unter den Eichen auf das Kloster herunter lächelte. Es gab ein seltsames Blitzen, und das heilige Bild schien ordentlich zu leben und sich zu bewegen. Da dachte das unruhige Mädchen: »Es wird nichts schaden und nichts Unrechtes sein, wenn ich ein wenig zu ihm gehe und auch von ihm Abschied nehme.« Sie schlüpfte schnell hinaus. Es war nicht weit steil hinauf, doch keuchte ihre junge aufgeregte Brust ob dem ungewohnt raschen Laufe und dem eiligen Bücken nach Blüten und Blättern. Sie kniete deshalb nicht sehr lange auf der Stufe, sondern ließ sich zur Rast neben dem glücklichen Liebling des Herrn nieder und fing an, ein Kränzlein für ihn zu flechten, und sah dazwischen mit ihm in die Welt, und bald wanderten ihre Augen immerfort vom freundlichen Kloster im grünen Tale zur Hohen Wurzel, hinter der die Sonne versinken wollte, und von der Hohen Wurzel links hinüber am Hügelland her bis in den Taleinschnitt, wodurch im Dunst des Rheinstromes ein paar Türme von Mainz noch eben erkennbar waren. Der fertige Kranz fiel ihr aus den Händen, und bei aller Frömmigkeit und Gottergebenheit merkte sie, daß sie viel lieber hier geblieben wäre, als hinein ziehen zu müssen in die dumpfe, enge Stadt fern vom Walde, und sie fing an, die toten Nonnen im Kreuzgang zu beneiden und fast auch die leichtsinnigeren, entflohenen Schwestern. An der Traumverlorenen wandelten sie alle vorüber: die ehrwürdige, magere Mutter Anna mit den strengen Falten, die kecke Agnes von Hattstein, die stille Marie Echtern und auch die tolle Christel und die Greth, die Stickerin, die jetzt auf irgendwelchen Höfen der Verwandtschaft saßen und wohl längst das geistliche Gewand mit dem irdischen vertauscht hatten. Zuletzt kam die entschlafene Priorin, die Margarete von Rheinberg. Da neigte die kindliche Schwester ihren Kopf tief, und die Tränen begannen ihr zu rinnen, denn diese hatte sie sehr lieb gehabt, und die bona et diligentissima cantrix, von der man weit herum erzählte, hatte sie nicht nur die Kunst des Singens durchaus gelehrt, sondern es dahin gebracht, daß sie mit ihr vor den anderen Schwestern die Antiphonen vortragen durfte in der Klosterkirche. Seitdem hatten alle Hörer immer gesagt, daß die hohe Stimme der Schülerin so wundervoll rein und mit solch seltener Kraft der Ergänzung der tieferen vollen Stimme der Margarete entgegen klänge, daß man wahrhaftig vermeinen dürfe, unter den Seligen zu sein. Ganz rot wurde Maria von Nassaus Gesicht, sie vergaß zu weinen. Die Hymnen klangen voll in ihr an und namentlich die eine an die Himmelskönigin, zu der sie mit der guten Margarete vor kaum vierzehn Tagen trotz Not und Sterbend eine neue Weise eingeübt hatte. Sie merkte auf einmal, daß sie den Kopf zurücklehnen und den Mund öffnen mußte, weil die starken aufquellenden Töne sich nimmer halten lassen und durchaus hinaufschwingen wollten in den Abendhimmel. F. Luthmer, Kapelle von Oberoetzingen. »Salve regina, mater misericordiae, vita, dulcedo et spes nostra salve, salve regina ...« Die Schwarzamseln stockten beim ersten jubelnden Einsatz, aber dann packte sie gleich der Ehrgeiz. Sie spannten die kleinen Brüste bis zum Zerspringen fast, und es war ein schmetterndes Jauchzen über dem Waldtal wie noch nie – – Vor der Klostermühle schafften die Bärbe, des Klostermüllers Tochter, und der Hannes, des Klostermüllers Knecht. Der Hannes hatte keine rechte Arbeitsfreude. Er war vor Jahr und Tag als Soldat mit dem Schwarm des tollen Markgrafen gelaufen und hatte sich wohl gefühlt bis zur unerwünschten Ablösungsstunde. Danach war er nun kurrend und quengelnd nach Hause gerannt gekommen, und nachdem er kein richtiges Handwerk je gemeistert hatte, half der starke und eisenfeste Kerl hier aus und dort, und die Leute ließen es sich noch halb furchtsam und nicht allzu gerne gefallen. Mit der Bärbe war der Hannes einmal versprochen gewesen vor seiner Reiterzeit. Der Hannes hielt wenig mehr von dem Verspruch. Er wußte, die Bärbe wollte rechtschaffen geheiratet sein, vordem sie einen heranließ an ihren straffen, jungen Leib, und er wußte auch, daß der Klostermüller keinen landfahrigen, verzweifelten Burschen zum Eidam nehmen würde. Dienen um die Bärbe, wie Jakob um die Rahel, wollte aber der trotzige Hannes nicht. Die Bärbe dagegen dachte anders. Sie sagte es dem Hannes jeden Tag vor, daß er sich dranhalten müsse, damit er bald etwas hinter sich gebracht habe, und sie beide nicht länger zu warten brauchten. Der Hannes hörte ihr stets eine Weile zu, dann reckte er gelangweilt die Arme mit den gewaltigen Muskeln und erwiderte ihr, sie sei doch nicht das einzige Mädchen in der Welt, da gäb's noch ganz andere Weiber da draußen von besserer Manier, und die viel mehr könnten, und von denen hätten sich auch schon manche umsonst die Finger nach ihm geleckt. Das machte wiederum der Bärbe jedesmal Angst, und das tüchtige Kind sah den ungeschlachten Riesen mit klopfendem Herzen an und fragte: »Ach, lieber Hannes, was kann ich denn wieder nit, und was macht so ein fremdes Mensch da draußen besser?« Die Bärbe konnte wirklich viel, und mühte sich zu allem, und dem Hannes wurde es immer schwerer, ein gültige Ausstellung zu finden, desto langweiliger aber däuchte ihm die Bärbe. Gerade als der verlassenen Schwester oben ihre tote Freundin und Lehrerin vorüber glitt und das Gedächtnis an all die gemeinsamen frommen Wechselgesänge in ihr aufweckte, zankten sich die Bärbe und der Hannes wieder, das heißt, die Bärbe schwätzte gründlich ihre Meinung her, immer eifriger, je mehr sie merkte, daß sie den Mann schon verloren hatte, der Hannes selber, der gähnte meistens. Da fluteten des Antiphons erste Klänge zu ihnen: Salve regina ... und auch über der Mühle hielten die Schwarzdrosseln einen Atemzug lang ein, vordem sie den Wettstreit um den Preis der Himmelskönigin aufnahmen. Wie die Vögel schwieg die Bärbe gleich still und sah zum Hannes hinüber, und sie erstaunte sich sehr. Der grobe, harte Bursche stand lauschend auf den Rechen gestützt mit einem versonnenen Gesichte. Die Bärbe dachte: »So, so hat er ausgesehen vor seiner Reiterzeit, damals, als wir uns einander versprachen, und schon als Bub.« Sie wurde sehr froh und schob sich leise an ihn heran und berührte seinen Arm: »Hannes!« Er antwortete nur: »Horch!« und wandte sich von ihr ab. In der Bärbe Augen glänzte es naß. Sie warf sich nieder und vergrub den Kopf in die Hände. »Jetzt meint er gar, ich könnt' nit so singen, als wär' ich nit von klein auf in der Kapell' gewesen und hätt' nit auch die heiligen römischen Lieder gelernt.« Maria von Nassau brach ab, Margarete von Rheinberg war an der Reihe, den Hymnus aufzunehmen, und in ihrer seligen Traumbefangenheit wartete die junge Nonne wirklich auf der entschlafenen Schwester Stimme. Da sprang die Bärbe auf, heftig wie ein Wild, das hochfährt vom Lager: »He, Hannes, wart', du glaubst, ich wüßt' nit die römische Weis'? Wart'!« Sie spreizte die Beine auseinander und stemmte die Arme in die Hüften und schüttelte das Haar zurück, und obgleich sie merkte, daß ihr das Hemd aufgerissen und über die linke Schulter und Brust herabgerutscht war, drehte sie sich nicht fort, sondern griff zornig mit ihrer starken Altstimme die Strophe: »Ave Maria, gratia plena, Deus tecum, benedicta, tu in mulieribus ...« Und auch in dies Lob der allerheiligsten jungfräulichen Mutter fielen die Amseln ein, aber nicht wie sie sonst im Spätsommer singen; sondern wie sie es im Frühjahr tun, vor dem Nestbau, wenn etwas Fremdes und Neues heiß aus ihnen heraus das Leben verlangt, und die feste Bärbe zitterte, wie die Vögel zittern im Frühling. »Ave Maria, gratia plena, Deus tecum, benedicta tu in mulieribus et benedictus fructus ventris tui Jesus. Sancta Maria, mater domini ora pro nobis peccatoribus.« Der Clarissin am Waldsaum war die Strophe ungewohnt gleich nach der Anrufung und ganz fremd solche Art des Gesanges, doch hörte sie in ihrem reinen Herzen nur den Hymnus an unsere liebe Frau, getragen von der tiefen Stimme der Priorin, und überglücklich, fast ekstatisch, sandte sie den Chorsatz in das Tal: »Salve regina, ad te clamanus exsules filiae Hevea, Amem, Amen!« In der klaren Luft aber fügten sich die Töne prächtig zusammen, die aus der Kehle der feinen, keuschen Nonne und der heißen, schamroten Bärbe kamen, als könnte es gar nicht anders sein. Die Bärbe hatte beim Amen die Augen geschlossen und die Arme sinken gelassen und sah gar nicht mehr trotzig und kampfeswild aus, und in der Stille danach blieb sie mit halbgeöffneten Lippen schweratmend stehen, jetzt mußte der Hannes kommen und sie umfassen, und dann wollte sie zu nichts mehr nein sagen. Doch der Hannes kam nicht, der war auf einmal verschwunden, da knüpfte das gequälte Mädchen hastig das Hemdenband und lief schluchzend nach Hause. Dieweil kroch der unstete Mann schon oben durch den Wald. Er trat sehr behutsam und vorsichtig gleich einem pirschenden Wildschützen und machte oft sichernd und lauschend halt. Ausfinden wollte er, wer die ihm fremde Sängerin war. Es dauerte eine ganze Weile, bis er das steinerne Bild durch die Bäume leuchten sah. Obgleich der Hannes es längst mit den Lutherischen hielt, griff er nach dem Kopfe und war ein wenig verlegen, weil er doch nach diesem Heiligen genannt worden war, und Sankt Johannes sich ihm als Kind auf manche Bitte an dieser Stelle freundlich und hilfsbereit gezeigt hatte. Blöde und zögernd schob er sich heran, immer die Hand an der Mütze, da bemerkte er den schwarzen Weihel, das gelbe Kapulier und den grauen Oberrock und wußte nun freilich, daß eine von den Klosterfrauen gesungen hatte. Der Hannes nahm die Mütze völlig ab, um demütig zu grüßen, als er aber mehr zur Seite aus dem Randgebüsch heraus kam, erkannte er, daß die Sängerin nach ihrem Liede in dem Abendfrieden eingeschlummert war. Die Kappe hin- und herwendend in den Fäusten, stand der Hannes und blickte von dem lächelnden Apostel auf die ruhende Jungfrau und von der ruhenden Jungfrau auf den lächelnden Apostel, und er hörte sein Herz immer lauter und rascher pochen, und es ward ihm eigen zumute. Er dachte an die Nonnen, die er in seiner Bubenzeit in der Clarenkapelle von ferne gesehen hatte. Damals durfte er selbst als Meßknabe dem Herrn Beichtiger Henrikus Hammer ministrieren, und die geistlichen Frauen erschienen ihm alle alt oder fett oder verschrumpft. Die Schlafende vor ihm aber war jung und hatte ein wunderbar feines Mädchengesicht, und unter dem groben frommen Kleide zeichnete sich ein eben erblühender Körper ab, und aus dem Rocke aus den einfachen schmalen Schuhen zwinkerten ihm so weiße zarte Knöchel zu, daß der Hannes gar nicht begriff, solche wären überhaupt fähig, ein junges Weib zu tragen. Der Hannes konnte nicht anders, er ließ sich auf beide Kniee nieder, und die Hände verschränkte er über der Mütze ganz fest ineinander, und dann rutschte er heran, langsam, langsam, immer näher, bis er hart an Maria von Nassaus Seite war. Sein lauter Herzschlag weckte die Schwester nicht, da sah er noch einmal furchtsam zu dem Heiligen hinüber, und dann suchten seine Lippen den leise atmenden Mädchenmund. Der Hannes wollte ihn nur einmal küssen in allen Züchten, etwa wie eine Frau den Crucifixus küßt, aber als Marias Lippen antworteten und sich ihre Augen, freilich um sich gleich wieder zu schließen, ein paarmal selig öffneten, wurden viele Küsse aus dem einen, und nur die Hände, die rührte der Hannes in seiner Scheu nicht. Im Kloster unten da läuteten sie den Angelus. Maria von Nassau begann sich zu bewegen, da sprang der Hannes erschreckt auf und trat ehrfürchtig zur Seite, und nun erhob sich auch die Jungfrau. Der Hannes sah, daß ein himmlisches Leuchten auf ihrer Stirne war, und es ärgerte ihn, daß sie gar nicht zu ihm hinüberblickte, sondern über ihn fort schaute, als wäre er lauter Luft. Vor dem Heiligenbilde beugte sich die Jungfrau inbrünstig, dann schritt sie mit gekreuzten Armen glücklich zu Tal, und ein paar hundert Schritte hinter ihr drückte sich der Hannes drein in der Art eines gereizten Hundes. Wenn der Hannes sich noch an dem Abend bereuend und bußfertig an die allerheiligste Mutter gewandt und auch in früherer Frommheit die Fürbitte St. Johannes des Jüngers nachgesucht hätte, vielleicht hätten er und die Bärbe noch ein Paar werden können, und ein langes mürrisches einsames Irreleben wäre ihm erspart geblieben. Der Hannes aber gesellte sich aushorchend zu den Klosterknechten und trank mit ihnen und übertat sich in seiner tückischen Stimmung, und während er von den Leuten in seinem stumpfen Brüten geneckt wurde, wälzte sich die Bärbe schlaflos in ihrem Bette bei offener Türe und weinte nach ihm, und als er endlich schnarchend in die Ecke fiel, ritt Maria von Nassau mit dem Hofmann und dem Zehentknecht Peter auf bequemem Pferde aus dem Tore ihres lieben Klosters Clarenthal gen Mainz. Sie hatte dasselbe Leuchten auf der reinen Stirne wie am Abend und sah, solange sie konnte, in tiefer Andacht hinauf zu dem heiligen Bilde. Die Madonna und St. Johannes fügten es, daß sie ihr ganzes langes, gottseliges Leben meinte, von dem Heiligen selbst geküßt worden zu sein, der aus seinem Hause herausgetreten sei, wie sie ihn auch deutlich gesehen habe. Sie erzählte nie jemand davon, bis es ans Sterben ging, und sie vor lauter glücklicher Erwartung reden mußte. Den Hannes aber ließen die allerheiligste Mutter und der von ihm so gering geachtete Schutzheilige in seiner Verblendung ein paar Stunden hinter Maria von Nassau drein mit brennendem Kopfe nach Mainz laufen. Dort trieb er sich viele Tage wie ein Tollhäusler um das Reichsklarenkloster. Schließlich jagten ihn des Kurfürsten Polizisten aus den Toren der Stadt. Der Hannes blieb ein einspänniger, scheuer, zerfahrener Mensch alle seine Tage, und obgleich er später viel bei St. Johannes seine Andacht verrichtete, lernte er nie begreifen, daß ein Frauenzimmer doch den nicht zu meinen braucht, dessen Küsse just ihr Mund erwidert. Auch die Bärbe strafte unsere liebe Frau. Sie trug schwer an eines ungeliebten Mannes Kindern, und wenn sie den Hannes sah, so mußte sie ihn ankeifen, wenigstens erzählten das des alternden Hannes Kameraden, des Grafen Philipp Holzhacker. H. Aulmann, Limburg. Winzerfest unter Kaiser Maximilian Von Leo Sternberg Limburg stand im Zeichen der Erwartung. Kaiser Maximilian, der glänzendste Vertreter der neuen Zeit, sollte die Stadt besuchen, der Kaiser, der von seinen beiden Frauen die äußeren und inneren Werte der Renaissance als Mitgift empfangen zu haben schien, indem Maria die Großartigkeit Burgunds, Blanca Sforza die Bildung Italiens repräsentierte. Tagelang schauten die Wachtposten von der Stadtmauer und dem Hundshause, dem äußersten Vorsprung des hoch auf dem Domfelsen gelegenen Friedhofes, über die Lahn hinüber auf die alte Heerstraße, die vom Rheine kommt; und ebenso lange ging die Bevölkerung schon auf vorsorgliche Anordnung der Zünfte in ihrer besten Kleidung, die Bürger in Schweizer Wams und Hosen mit braunschweigischen Mänteln darüber, die Landbauern in schnürenbesetzten roten Röcken und Eisenhauben; und den Ackergäulen, auf denen sie saßen, flatterten rote Bänder an Mähne und Schweif. Nur den Winzern, die sich zu dieser Zeit in der Lese befanden, war es gestattet, den Herbst zu beenden. Denn es war ein gutes Weinjahr und den ganzen Dietkircherberg und die Offheimer Höhe entlang erschollen zu dem Holpern der gefüllten Faßwagen durch den Novembernebel fröhliche Lieder. Endlich eines Mittags teilte sich der Nebel und von der durchbrechenden Sonne vergoldet erschien der kaiserliche Zug. Schon früher einmal war Maximilian durch Limburg gereist, damals so arm an Mitteln, daß seine Braut Maria von Burgund selbst das Geld zur Bräutigamsreise schicken mußte. Jetzt kehrte er siegreich aus dem Geldernschen Feldzuge zurück, und Limburg durfte als eine der ersten Städte ihn als Kriegshelden feiern. Sobald die Spitze des Zuges unter das Brückentor trat, erscholl vom Domfelsen der Horndreiklang der Scharwache, und sofort erhoben die Glocken aller sieben Kirchen der Stadt ihr mächtiges Geläute, während von den Türmen und dem Postengang der Stadtmauer herab die Trompeten bliesen. Wie zwischen lebenden Guirlanden fuhr der Kaiser durch das Volksgewimmel, das heilrufend und hüteschwenkend zu beiden Seiten der schmalen Gasse sich aufgestellt hatte, vor dem Rathause begrüßt von Bürgermeister und Schöffen in langen schwarzen und roten Gewändern, von den achtzehn Vikaren, den Domherren und dem würdigen Stiftsdechanten Johann Genshirn, der den Majestäten den Ehrenwein reichte. Neben dem Kaiser, der mit rotsamtenem Hut und Mantel des Ritterordens zum Goldenen Vließ und der Halskette mit dem goldenen Widderfell bekleidet war, saß in der Baldachinkarosse die Kaiserin in der hohen, von einem Mailänder Spitzenschleier bedeckten Burgunderhaube. Auch die geistlichen Kurfürsten von Trier und Köln in ihren Hermelinschulterkragen begleiteten den Kaiser. Sieben Bischöfe, zwölf Fürsten und achtzehn Grafen fuhren Wagen hinter Wagen vorüber. Man sah die Hühnengestalt des Feldobristen Frundsberg, des Vaters der Landsknechte, auf feurigem Brabanterhengst. Man sah Kunz von der Rosen, den lustigen Gesellschafter und beständigen Begleiter des Kaisers. Man sah Treitzsauerwein, den Geheimschreiber, mit dem Kaiser Max in seinen Mußestunden an dem Roman vom Weißkunig arbeitete. Man sah Peutinger und Cuspinian, die gelehrten Räte und wissenschaftlichen Berater Maximilians, sah einen ganzen Troß noch unberühmter junger Maler und Dichter, die der ewig-junge Fürst um sich zu versammeln liebte. Ein Fähnlein Frundsberger Landsknechte in Kugelbrust und Federhut beschloß den Zug mit seinem Hellebardenwald. Das Dauborner Haus neben dem Beginenhof am Roßmarkt hatte man als kaiserliches Quartier bestimmt. Das Gefolge wurde in die kurfürstlichen Schloßwohnungen, in die Adelssitze der Propstjunker und die Häuser der angesehensten Bürger verteilt. Man hatte das Winzerfest auf den Abend des Einzugstages verlegt, um den Gästen ein Schauspiel zu bieten. Ein Chor von Winzerinnen mit bänderdurchflochtenen Zöpfen eröffnete den Festzug, und unter den Tönen des Liedes »Ein Kaiser auserkoren, ein Kaiser ehrenreich«, das sich von Gruppe zu Gruppe fortpflanzte, zog der ganze Verlauf des Weinbaues in Bildern vorüber. Da kamen hinter der Fahne des St. Nikolaus, des Stadtheiligen, Bauern mit Eimern voll Stecklingen in den Händen und Bündeln von Rebenstäben über die Schulter. Es kamen unter der Fahne der Winzerzunft mit dem Limburger Kirchenwahrzeichen der »zwo dauben, die klauben an einem trauben« Arbeiter mit Winzermessern und Weidengerten. Es kamen die Leser mit Legeln auf dem Nucken; die Leserinnen mit Bütten auf dem Kopf – alle verschieden gekleidet nach den verschiedenen Lagen Creuch, Traubenhöhe, Weißerhelgenstock, Kaltloch, Hammer, Weinzehnte und Rottenberg. Da sah man das gute Weinjahr: Sechs Pferde, das Halfter an der Schläfe mit Trauben geschmückt und Goldpapierschleifen am Sattelzeug, zogen auf rebenumwundenen Wagen ein Riesenfaß, auf dem eine weinlaubbekränzte Schöne saß, während ein dicker Kellermeister am Zapfen des Fasses aus großem Pokal einen trunkenen Volksschwarm bediente, dem sich hinter einem treberstreuenden Hirten eine Herde von Schweinen anschloß. Dann kam das schlechte Weinjahr: Ein hängeohriges Grautier zog ein armes Wäglein voll dürrer Rebenblätter, das zwei Geißen von hinten berupften, und verarmte Wirte trugen die großen Stößel, mit denen man die Ratzmanntrauben stoßen mußte, die nicht nur so hart waren wie die Holzäpfel, sondern auch so schmeckten. Mägde brachten paarweise in gehenkeltem Zuber die Hausenblase an, mit der man den »treuben Wein« schönen mußte (»was sonst vorher eins Heimlichkeit unter den Kaufherren gewesen«). Auch die Pantscher kamen, die den Wein mit Weidasche versetzten. Es kamen die Küfer, die Böttcher, die Spundendreher, die Weinschröter (die ebenso wie die Limburger Salzträger wegen ihrer herkulischen Stärke berühmt waren), die Wirte und Meßfuhrleute, alle mit ihren Zunftschildern und den Fahnen der Schutzheiligen. Aber als der Zug vorüber war, schüttelte Kunz von der Rosen die schellchenverzierten Eselsohren seiner Narrenkappe und sagte trocken: »Vieh- und Krammarkt! Kram- und Viehmarkt! Wollen wir nicht ein Pantherfell umhängen und auf einer Kuh hintennach reiten?« »Du hast recht, Kunz,« sagte der Kaiser, »aber laß uns nachdenken, wie wir sie aus Bauern zu Menschen erziehen von klassischem Geschmack.« Und der Kaiser lud die Edlen und Räte von Limburg nebst dem Drompropst Opilio, dessen Gelehrsamkeit er hatte rühmen hören, zur Abendunterhaltung. Denn er trieb nicht allein selbst Sprachen, Geschichte und Medizin, schrieb nicht nur selbst Dichtungen sowie Abhandlungen über Gärtnerei, Kriegs- und Baukunst, sondern er war auch ein starker Anreger. Wie er die Dichtungen des Mittelalters sammeln ließ, die gelehrten Gesellschaften zur Pflege humanistischer Studien unterstützte, Reuchlin zum Lehrer der Beredsamkeit ernannte, Hutten zum Dichter krönte, Dürer, Schäufelein, Burgkmair, Peter Bischer Aufträge erteilte und das » Collegium poetarum « an der Wiener Universität gegründet, so wollte er im Kleinen auch hier wirken. Er bemühte sich, den Stadthäuptern zunächst verständlich zu machen, daß die Kunst kein Spiel, sondern ebenso wie die Wissenschaft ein erhabener Versuch sei, die letzten Ursachen des Daseins zu offenbaren. Aber ebenso wie die Wissenschaft Griechenlands und Italiens frisches Leben in die Forschung der Jetztzeit gebracht, so sei jetzt das Maß, der Adel und die Klarheit der antiken Kunst als das höchste Stilgesetz erkannt und das schön zu nennen, was Kraft, Gesundheit, einfache Größe und Freude an den Wundern der Welt ausdrücke. Nicht der anspruchslose Klausner, sondern der vollentfaltete Mann, der stolz sein dürfe auf seine Herrschaft über das Leben, müsse das Menschheitsideal sein, und wie die Künstler jetzt nicht mehr den Kopf allein, sondern die ganze Gestalt des Menschen darstellten, dürfe man keine Seite seines Wesens auszubilden vernachlässigen, so wenig wie er, der Gemsjäger und Schöpfer der Landsknechte, neben seinen Büchern die Stählung seines Körpers versäumt hätte. Wollte man es aber zu dieser breiten Entfaltung seiner Persönlichkeit bringen, so müsse man in weiträumigen Häusern wohnen, wie sie auf deutschen Bildern schon gemalt gewesen, ehe sie auf deutschem Boden erbaut worden seien; müsse sich mit Möbeln und Gerätschaften von edlen Formen umgeben, die das Auge erfreuten und dem gegenwärtigen Stande der Naturbetrachtung und Gelehrsamkeit entsprächen; müsse überall vom Leben Schönheit verlangen. Natürlich dürfe es sich nur um würdige Gegenstände handeln, damit man nicht länger von den Deutschen sage: »Wenn sie lieber Pferde und Hunde haben wollen, als Dichter, werden sie auch ruhmlos wie Pferde und Hunde dahinsterben.« Rohe Spaße würden mit Recht als »Läuten mit der Sauglocke« bezeichnet. Auch gäbe es höhere Aufgaben, als die Verherrlichung des Weinrausches und der Trunksucht. Das Winzerfest, das Lorenzo Medici einst veranstaltet habe, sei als Vermählung von Bacchus und Ariadne vonstatten gegangen, von einem Geiste beseelt, der sich in dem fünfzehnstimmig gesungenen Chore kundgegeben: »Wie schön die Jugend ist – Sie fliehet jedoch – Wer glücklich sein will, der sei es sogleich. – Es gibt keine Gewißheit auf morgen.« Darin sei alles einheitlich gewesen und hinausweisend übers Leben, nicht grotesk und nüchtern. Nun wolle er nicht der Nachahmung das Wort reden – und nichts hasse er mehr als in kaltem Latein zu sprechen – aber Schönheit, Weisheit und Harmonie könne man von den Alten lernen, ohne sich aufzugeben, denn sie hätten ewige Wahrheiten niedergeschrieben und ewige Gefühle in Stein gehauen, daß alle Völker zu allen Zeiten sich darin wiederfänden. Und er verwies rühmend auf das Vorbild des Limburger Propstes Opilio, der den Aristoteles, den Seneca, den Vergil, den Plutarch und die mit guten Holzschnitten und seinen Initialen geschmückten Werke, wie das Beichtbüchlein, das Sterbebüchlein und die Betrübnisse Marias in den schönen Wiegendrucken nach Limburg verpflanzt hat – die heute noch in der bischöflichen Seminarbibliothek aufbewahrt werden. So sprach der Kaiser, und die Stadtväter hörten nachdenklich nickend zu, als erinnerten sie sich, irgendwann einmal Ähnliches gehört oder gedacht zu haben. In entfernten Gruppen aber standen der Erzbischof von Trier, der Graf von Walderdorff und andere Edlen umher und erwogen im stillen neue Baupläne. Der verlobte Tag Von Otto Stückrath Man schrieb das Jahr 1666. Der Pfarrer zu Flörsheim, Herr Licentiat Laurentius Münch, legte mit einem schweren Seufzer die Feder, mit der er soeben einen Eintrag in das Kirchenbuch gemacht hatte, nieder. Es war nun schon das drittemal, daß er sie an einem einzigen Tage ergriff, um abermals das Ableben eines seiner Pfarrkinder in die Totenliste einzutragen. Das Sterben war über Flörsheim gekommen, eine dumpfe Angst brütete über dem Orte, über den die Stürme des unglückseligen Religionskrieges mit ihren Schrecken dahingebraust waren, ein trostloses, unaufhaltsames Sterben. Im Hause des Schneiders Johann Peter Schumacher war es angegangen. Der hatte, arm wie er war, nicht auf die ergangenen Befehle der kurmainzischen Regierung geachtet, hatte zu Sindlingen im Hause eines Bekannten die Kleider eines aus Mainz geflüchteten Mannes, der aber dennoch an der Pest verstorben war, erhalten, sie glückselig heimgetragen und aus ihnen für seine Kinder Hosen und Röcke gefertigt. Aber es sollten die Totenkleider für die Kinder sein. Eines nach dem andern starb dahin. Unvermögend, ihren brennenden Durst zu stillen, lagen die Kleinen auf dem Lager, erlitten die grausamen Qualen eines hitzigen Fiebers und starben geschwind dahin. Noch konnte er sie zu Grabe geleiten, dann aber legte er sich selbst, seine Frau folgte, und die Stille des Todes lastete schwer über dem verlassenen Hause. Und nun flog der Krankheitsstoff durch die engen Gassen. Wie einen blauen Dunst glaubte ihn die Grete Best gesehen zu haben. Sie war vor ihm geflohen wie eine von einem Dämon verfolgte, aber der Tod hatte sie eingeholt, und da sie allein in ihrem Häuslein wohnte, so ahnte keine sterbliche Seele, daß sie mehr als eine Woche unbeerdigt lag. Johannes Theis, ein Büblein von zehn Jahren, saß auf einem Baume um Vögel zu fangen; da kam das Übel an seinen Arm geflogen und der kleine Held packte sein Messer und schnitt sich alsbald die kranke Stelle aus dem Arme. Und nun ging das Entsetzen von Haus zu Haus. Wer mochte Pfleger sein bei einem solchen Sterben? Laurentius Münch faltete die Hände. Es war furchtbar, was er gesehen hatte, und sein Herz krampfte sich zusammen vor Weh und Leid. Noch hatte er Tag für Tag mit seinem getreuen Nachbar, Adam Krämer einen Gruß und ein Wort gewechselt, wenn er in der Morgenfrühe ausgegangen war, von Haus zu Haus zu eilen und zu pflegen, leibliche und geistliche Hilfe zu spenden. Heute aber, als er an das Fenster pochte, war nur ein dumpfes Stöhnen die Antwort gewesen. Er war eingetreten und hatte seinen alten Freund in Todesnöten gefunden, während sein Weib bereits stumm und starr im hohen Bette lag. Es war, als ob die Welt zu einem ernsten, tiefen Stillschweigen gekommen sei. Die Saaten reiften, aber kein Mensch setzte die Sichel an. Für Fremde war der Ort verschlossen, und scharf wachte man, daß nicht verdächtiges Gesindel heimlich einschleiche und zu der Pest die Greuel des Raubes bringe. Nun ertönte das Glöcklein vom nahen Kirchturme. Laurentius Münch machte das Zeichen des Kreuzes und schritt aufrechten Hauptes, harte Zucht im Antlitz, zur Türe. Ob sie kommen würden? Er hatte sie alle bestellt, Alte und Junge, Eltern und Kinder, um mit ihnen zu den vier Stationen, an denen am Fronleichnamsfeste die heiligen Evangelien gesungen wurden, zu schreiten zu Bitte und Gelöbnis. Vor der Türe streifte er die Schuhe von den Füßen und ging barfuß, wie ein Büßer. Und nun wallte es aus den Häusern. Starke und Gesunde, Kranke und Hilflose, Kinder und Greise. Schweigend, ernst, feierlich formte sich der Zug. Nun standen sie an dem ersten Kreuze, warfen sich auf die Knie und beteten stumm. Dann aber erhob sich Anneliese Clee, hob ihr acht Wochen altes Kindlein gen Himmel und rief: »O, ihr Kindlein, betet! Betet, ihr Unschuldigen! Flehet auf und schreiet zu Gott unserem Herrn, daß er doch euch erhöre, wenn wir dessen nicht würdig sind l« Da erhob sich das Gebet der Kinder zu einem gewaltigen Dröhnen und das »Herr, erhöre uns! Herr, erbarme dich unser!« klang wie ein Schrei gen Himmel. Den Alten stockte der Atem in der Brust, als sie dies Rufen hörten; zerknirscht, die Hände zum Gebete verkrampft, Tränen in den Augen, lagen sie am Boden. Nun erhob sich der Geistliche. Hoch aufgerichtet stand er da, das Heiligtum gen Himmel erhoben. Mit zitternder Stimme begann er: »So wollen wir, eine christkatholische Gemeinde zu Flörsheim alljährlich tun am Feste des heiligen Sebastian und des heiligen Rochus. Wie am Fronleichnamsfeste soll unsere Prozession sein, und eine Wachskerze, die die Gemeinde aus einem reumütigen und bußfertigen Herzen zu stiften gelobt, soll dabei getragen werden. Ein Dankamt zur allerheiligsten Dreifaltigkeit soll es sein, und die nach mir kommen, sollen tun, wie ich jetzt tue!« Er schlug das schmale Evangelienbüchlein auf und las mit bebender Stimme das Evangelium des 13. Sonntags nach Pfingsten, das Wort von der Heilung der zehn Aussätzigen. And als er seine Augen erhob, da stand ein überirdisches Leuchten auf seinem Angesicht. Mit fester Stimme begann er das Lied zu singen: »Maria, Himmelskönigin, Durch alle Welt ein Herrscherin, Du Schutz und Schirm im Maingau bist, Der schön Waingau dein eigen ist; Darum dein Hand, o schön Jungfrau, Halt gnädig über dein Maingau!« Erst zaghaft, dann voller und sicherer setzten die Stimmen der Gläubigen ein und wundervoll feierlich verklang im Weiterschreiten der Choral. Und siehe, die Seuche stand still und schritt im Flecken nicht weiter vor, kam überhaupt nicht mehr in den oberen Teil des Ortes oberhalb der Kirche, wenn sie auch im unteren noch ihre Opfer forderte. »Zu größerer Ehr Gottes und Danksagung der allergnädigsten Erlösung von der Pest, so in Ao . 1666 grassiret, hat dieses Bild lassen auffrichten Georg Adam Seler und Maria Margaret« seine Hausfrau Anno 1712.« Diese Inschrift las bewegten Herzens ein Jahr vor seinem Ableben der im Ruhestand lebende Geistliche Laurentius Wünch, als er barfuß an der alljährlichen Prozession teilnahm. Seine müde gewordenen Augen grüßten den Schmerzensmann, der mit schmerzhaften Augen herniederschaute auf die Schar, die dem alten Gelübde Treue hielt. Ria Volland, Schlußstein, Kloster Marienstatt. Die Eisjungfrau Von Leo Sternberg Ritza Perabo war keine Heilige, wie ihre Namensschwester, die einst schwebend über die Wellen des Rheines schritt – es sei denn, daß man die glühende Lebenslust, die nicht minder als der Glaube trockenen Fußes über Wogen wandelt, als das Walten einer heiligen Macht begriffe. Kurzum: Ritza wollte als Teufelin auf dem Maskenfest erscheinen – wozu es freilich, wie die Base meinte, in deren kleinem Hinterstübchen das Gewand des Satans allmählich Gestalt gewann, keiner Verkleidung bedurft hätte. Allein sie wußte, wozu eine Maske gut war, wenn man von einem blondkrolligen Steuermann bemerkt werden wollte, der in holländischer Rotwangigkeit über das Mädchenvolk stolperte und die Schifferschlappen nur diesmal auszog, weil der zugefrorene Rhein seinen Schleppzug fest in den Hafen schloß. Zudem war ihr die Nadel beim Nähen in drei Teile zersprungen, und das bedeutete nicht weniger, als daß sie in dem Kleidungsstück sicher ihrer Brautschaft entgegenging. Sie müßte nicht mit Rheinwasser getauft gewesen sein, wenn sie nicht auch ohnedies Hemd und Herrlichkeit um einen Fastnachtsball versetzt hätte – wie denn im Lande der Reben nicht selten das Oberbett mit dem Unterbett der Narrenwalzer zusammen schwingt. So fiel es ihr also nicht schwer, mit der Base allein in das Stübchen eingeriegelt an der Teufelin zu schneidern, obwohl das ungewohnte Schauspiel des zugefrorenen Stromes das ganze Land schon tagelang auf der magischen Eisdecke versammelte, die wie eine Gletscherzunge zwischen den dunklen Uferbergen die Landschaft in starre Polareinsamkeit zu entrücken schien. Eine schellenklingelnde Maultierpost, die in tief eingeschnittenen Schlittengleisen von Ufer zu Ufer kutschierte, setzte stündlich neue Ankömmlinge aus, die sich in schwarzem Gewimmel über das silberfahle Schollenmeer fröhlich verteilten. Man schlängelte sich zwischen Schlittschuhläufern zu Kreppel- und Grogbuden, die zwischen den Tännchen der eingepfählten Christbaumallee errichtet waren. Man drängte sich in neugierigen Klumpen um die Eiswachen, die Wasserlotten für die Feuerspritzen aufhackten und mit Strohwischen umsteckten. Walzerklänge der Blechmusik luden zum Tanz – über dem Abgrund. In wahren Pilgerzügen kamen sie über die Höhe die Weinbergpfade heruntergestiegen, um mit eigenen Augen das Wunder zu schauen, wie der Strom der Füße von Tausenden spottete und mit schweren Belgiern bespannte Lastfuhrwerke knirschend auf seinem Rücken trug. Mitten auf dem Eise bogen die Küfer bei flammenloderndem Feuerkorb einen Kreis von Dauben zum mächtigen Stückfasse, das schließlich zusammengefügt im Triumph durchs Land gefahren wurde und dem immer ins Rosenrote schauenden Rheingau wieder einmal ein üppiges Weinjahr zu verheißen schien. Die Schulkinder liefen dem Lehrer davon, um sich auf dem Schlittentriller um die Eispfähle zu drehen; und der Herr Pfarrer, der seinen lieben Rheingauern bescheinigte, sie wären die besten Christen, wenn sie so stark im Glauben wären wie in der Hoffnung, sprach von »Wasseranbetern«, die ihm aus der Kirche liefen, um auf dem Rüsterrech herumzustehen. Nur die Alten, die am Ufer den Leinpfad entlang trappelten, sahen mit Besorgnis die Stunde näherrücken, wo der Rhein seinen Panzer sprengen und die Ufer überschwemmen würde, daß die Fässer in den Kellern schwammen und die Nachen in den Gassen von Tür zu Tür fahren würden wie die Hausgondeln von Venedig, der meerdurchplätscherten Lagunenstadt. Unterdessen saß Ritza in dem Hintergäßchen des ausgestorbenen Wasseranbeter-Reiches an der Arbeit, wie die Henne auf dem Nest. Voll Fusseln und Fäden, drehte sie die Nähmaschine, daß die Schere auf dem Tische tanzte, zog Fischbeinrippen in gedornte Fledermausflügel und schnitt – zwischen farbenbunten Garnrollen und Lappenschnipseln – die gefährlichsten Höllenflammen züngelnd aus ritzerotem Stoffe heraus, bis der Balltag schließlich herangekommen war. Aber als sie nun mit dem dreizackigen Höllenzepter in der Hand und den Teufelshörnern im Haar vor dem Spiegel die letzte Anprobe hielt, schnitt sie eine bedenkliche Brutsche und fand, daß die Flammenbänder, so sehr die Base sie zurechtbahnte und zupfte, Büste und Arme noch immer nicht satanisch genug umflackerten. So warf sie denn kurzentschlossen Mantel und Kapuze über den höllischen Staat und eilte mit der Base über den Rhein, um in einem großstädtischen Maskenbasare drüben die Fürstin der Finsternis zu vollenden und rechtzeitig zum Feste zurückzukehren. Es war zu später Nachmittagsstunde, als die beiden vermummten Gestalten, um den Rückweg anzutreten, das Modenhaus verließen. Sie stutzten nicht wenig, daß statt der klaren Winterbläue, bei der sie hinübermarschiert waren, ein leichter Taunebel sie umfing, in dem die hängenden Zierbirken der Marktanlagen wie Paradiesvögel mit lang herabschleiernden Schleppen und Pfauenkrönchen auf dem Haupt vorüberglitten. In unbestimmter Ahnung beschleunigten sie die Schritte. Kaum aber hatten sie durch die hohlen, winkligen Gäßchen, die unter ihren trippelnden Füßen unterirdisch hallten, sich hindurchgewunden, als mit Donnergeklirr ein erschütterndes Krachen erscholl, vor dem sie erbleichend zurückprallten: das Rheineis sprang! Und nun pflanzte sich der Ruf »Der Rhein geht« sofort wie ein Lauffeuer durch die Straßen; und aus allen Türen rannten Erschreckte und Schaulustige zum Ufer, um den Strom aufbrechen zu sehen, der seine geborstene, aber noch geschlossene Decke von Zeit zu Zeit, wie ein Bergsturz polternd und scherbenklirrend, vom Land abriß und mit Erdbebenhall einen Ruck weiter schob. Allein die Höllenfürstin zog ihre Begleiterin, die sich wie ein Hemmeisen an ihr schleifen ließ, nach kurzem Besinnen längs der Stadtmauer auf Winzerpfade fort, auf denen sie weit unterhalb der den Damm entlang harrenden Menge unbemerkt ans Ufer gelangten, an einer Stelle, wo ein Anlandebrett die Wasserspalte überbrückte, die schon den Eisrand von der Leinpfadböschung trennte. Die Base hielt sich bei dem Dröhnen des arbeitenden Abgrunds, das hier mit rollendem Echo zwischen den Bergen hing, entsetzt die Ohren zu und klammerte sich flehend an Ritza, daß sie von ihrem Beginnen abstehe, wo selbst der Wahrschauer schon aus seinem Uferhäuschen ausgezogen sei. Ritza lachte hell auf. Sie gäbe eine schlechte Steuermannsfrau, wenn sie wegen eines Wasserspritzers die Segel striche. Eine Ballnacht! Aber kaum hatte die Tollkühne, die nun wahrhaft den Teufel im Leibe zu haben schien, sich mit diesen Worten aus der Umklammerung befreit, als die Sturmglocke zu läuten anfing, um alle Stromanwohner vor dem drohenden Eisgang und der gleichzeitig mit ihm hereinbrechenden Überschwemmung zu warnen, wegen deren regelmäßiger Wiederkehr die rheinischen Häuser vorsorglich zwischen zwei Straßenzügen, mit Ausgängen nach beiden Seiten errichtet sind. Da warf die Base die feuerrote Höllenforke, Hörner und Larve, die sie unter dem Mantel getragen, auf die Erde und ergriff kopflos die Flucht. Ohne sich nach ihr umzusehen, aber schritt Ritza trotzig über das Trittbrett auf das Trümmerfeld der Schollen, die hier in der wilden Bewegung, in der sie bei der Rückstau gegeneinander gekämpft, zu Bergen aufgetürmt, ihre zackige Felsenwüste ausbreiteten und nur schmale Hohlwege und Zickzackpfade für die goldgrünen Pantöffelchen der bunten Maskengestalt freiließen. Als sie, bald hinter Eisblöcken auftauchend, bald wieder verschwindend, sich allmählich sicherer fühlte, hielt sie hinter einem klüftig verworfenen Schulpenhaufen Rast, schwang dort die roten Vampyrflügel über dem flatternden Mantel auf den Rücken, nestelte die Teufelshörner ins Haar, zog die langen feurigen Krallenhandschuhe über und setzte dann mit entlasteten Händen ihren Marsch mutiger fort, zumal sie in dem wogenden Angstgeschrei der am Ufer versammelten Menge, die mittlerweile auf sie aufmerksam geworden war, sich gleichsam an dem Anker der Menschennähe befestigt fühlte. Denn der Schrecknisse gab es genug. Jetzt galt es einer morschen Tafel zu entrinnen, die sich unter ihren Füßen zu biegen begann, jetzt flog ihr eine riesenhafte Möve gegen das Antlitz, die fischend hinter einer Eisklippe gesessen; einen Augenblick wähnte sie, getäuscht von umgefallenen Wegebäumchen, die der den offenen Lotten entströmende Kältewind hoppelnd fortbewegte, Wildsauen von ferne auf sich anrücken zu sehen, die vom Hunsrück über den zugefrorenen Rhein herüberzuwechseln pflegen; jetzt tat es unter ihren Sohlen einen Krach, als wenn ein Sprung durch die ganze Welt ginge; und ihre güldenen Füße wußten nicht, wohin sie entfliehen sollten vor dem Schwellwasser, das von allen Seiten über die Eisplatten schwenkte. Aber die Gefahren schienen nur da zu sein, um sie von neuem mit Unverzagtheit zu wappnen. Lächelnd bedachte sie, wie sie, kaum geboren, bereits die Wasserprobe bestanden hatte. Es war zur Zeit des großen Eisganges, der die Pappeln und Ulmen der Auinsel wie dürres Röhricht abrasierte und so schnell hereinbrach, daß sie während der Zeit, wo die Eltern ausschauend die Mansardenstiege hinauf- und zurückeilten, schon in ihrer Kinderwiege durch die Wirtsstube schwamm. Und wer hatte sich, als das alte Marktschiff sank, kaum den Rocksaum genäßt und sich fidel auf eine Scholle geschwungen, wie die Raben und Möven auf dem Treibeis spazieren fahren! Nein, man mußte Ritza Perabo schon in eine Klippe einbleien, wenn der Strom sie behalten sollte, wie das Herz des rheinischen Sängers, das im Mühlsteinfelsen begraben liegt. Sie fand es im Grunde recht schlecht überlegt, daß sie nicht in die Gestalt einer Rheinnixe gefahren war. Solchermaßen in Selbstvertrauen gewiegt und den Blick immer nach dem Heimatufer gerichtet, bemerkte sie schließlich kaum mehr, was sich hinter ihr vorbereitete, zumal das donnernde Krachen, das sie mit seinem Echo beständig umrollte, eben durch diesen gleichförmigen Rhythmus seine Schaurigkeit verlor. Bis die Gletscher aus der Alpenheimat des Stroms plötzlich nachzudrücken schienen, daß die Eisfläche von den Schüben zerknitterte, als wenn Herden von Ungetümen unter ihr tummelten und sie mit den vereinten Kräften ihrer Rücken in die Luft zu sprengen drohten. Das Stauwasser kam aus allen Fugen gequollen und floß fern und nah zu weit ausgedehnten Lachen zusammen, daß es den Überrheinern am fernen Ufer deuchte, als ob ein Wunder geschähe und Ritza, die Heilige, über den Fluten wandle. Die hinter ihr herschleichenden Wasserseen drängten sie nun im Laufschritt dem heimischen Ufer zu, dem sie näher und näher kam. Aber noch hatte sie den rettenden Strand nicht erreicht, als in das Scherbengeklirr, das Gepolter und Gezisch der Pressungen, die Bombenschläge der Sprünge, den ganzen Hexensabbat der sich befreienden Geister der Tiefe auf einmal der Kanonendonner hineindröhnte, mit dem ein Uferort dem anderen rheinaufwärts sich fortpflanzend verkündete, daß der Strom seinen mächtigen Eispanzer endlich gesprengt habe. Nun war an nichts mehr zu denken, als Boden zu gewinnen. Während sie aber schon schwindelnd von den Schwankungen des Grundes umzusinken drohte, bäumte sich die Scholle, auf der sie mit eingeschlagenem Teufelszinken sich festhielt, plötzlich wie ein Untier aus dem wogenden Eise herauf und raste mit der rotgeflügelten Reiterin ans Land, als wäre die Hölle aus der Tiefe gefahren und ritte flatternden Mantels zur Walpurgisnacht ... Alles, was am Strande versammelt war, wich vor dem seltsamen Ankömmling, der so unheimlich aus den tobenden Elementen tauchte, scheu zurück; und Ritza konnte den Augenblick der allgemeinen Erstarrung benutzen, um durch die geöffnete Gasse unerkannt in der Dämmerung zu verschwinden. Aber magnetisch nachgezogen, wälzte sich eine Menschenmenge hinter ihr her, die Gefahr vergessend, die sie zum Ufer gerissen, und strömte in die Tanzsäle, wo tausend flackernde Augen die kühne Teufelsmaske suchten, die an ihren Strand gestiegen. Und die Unerkannte zog den ganzen Schwärm, an dessen Spitze immer der Steuermann stürmte, von Ballsaal zu Ballsaal durch die Nacht – in wildem Siegeszug. Draußen türmte sich und tobte das Eis, daß dem steinernen Löwen, der vor dem Wehrgang der Pfalz mit dem Schilde thront, in dieser Nacht die Pranke mit dem erhobenen Schwerte abgedrückt wurde und die Wasserwogen bis in die Schwalbennester stiegen, die den Rundbogenfries des türmchenumzackten Bollwerks hoch umziehen. Die Geflügelte aber, der Schrecken lachend, riß mitten im tollsten Wirbel die Fenster auf und schleuderte ihren höllischen Schürhaken dem brüllenden Eis in den schnappenden Nachen, daß der Jubel ihres trunkenen Schwarms das Donnern der Elemente laut übertönte. und auf der am weitesten hinausgebauten Ballterrasse, wo die Wasserfluten unter ihren Füßen klopften, tanzte sie, von Arm zu Arm fliegend, bis ihr der Atem verging – über dem besiegten Strom. Badeleben in Langenschwalbach im Jahre 1728 Von David François de Merveilleux Ist man nur halbwegs bekannt, so kann man mit leichter Mühe zu Schwalbach an einen guten Tisch kommen, wo man eine gute Mahlzeit tun und herrlichen Wein trinken kann, zumal, wenn der Fürst von Nassau-Weilburg daselbst zugegen ist. Man kann wohl sagen, daß sein Haus eine rechte Niederlage für die Schmarotzer sei; man tut darinnen nichts als Trinken, Essen und sich auf eine angenehme Art die Zeit vertreiben. Ohne eine einzige Tafel in ganz Deutschland auszunehmen, kommt die Tafel des Fürsten von Nassau-Weilburg wenigstens den besten an Überfluß und Gefälligkeit gleich. Er hat jederzeit einen geschickten französischen Koch, gute Bediente, unvergleichliche Weine; und was alles dieses noch übertrifft, ist das gnädige Bezeugen gegen alle diejenigen, die man zur Tafel gezogen hat. Die Frau Fürstin, seine Gemahlin, ist die Freundlichkeit und Höflichkeit selbst; sie heget alle mögliche Gefälligkeit gegen ihren Gemahl, der sie seinerseits wiederum zärtlich liebt. Die Fürstin nimmt gemeiniglich an der einen Tafel und der Fürst an der andern den ersten Platz ein. Man läßt sich ohne Unterschied des Ranges bald an die Fürstentafel, bald an der der Fürstin nieder. Gleichwie auch sonst niemand als Standespersonen oder Kammerräte von Weilburg zugegen sind, denen man schmeichelt, weil jedermann dieser Herren benötigt sein kann, also befindet man sich allemal in einer guten Gesellschaft. Alle Gepränge sind von diesen Tafeln verbannt; man speiset daselbst abends und mittags mit gleichem Vergnügen und mit gleicher Schmackhaftigkeit. Es sind wenigstens sechzig bis achtzig Personen, die alle Tage entweder bei dem Fürsten von Nassau-Weilburg oder bei dem Fürsten von Thurn und Taxis speisen. Wenn man diese Menge von Standespersonen abzieht, so bleiben gewiß nicht viel Wassertrinker von gutem Stande in den Wirtshäusern. Wenn der Fürst von Thurn und Taxis zu Schwalbach ist, hat er immer eine kleine Oper bei sich, die ihm überall nachfolget, welches für die Wassertrinker eine große Ergötzlichkeit ist. Sie brauchen nur aus dem Spielsaal in den anderen herunterzugehen, wo die Oper ist, und so folgen die Belustigungen ziemlich nahe aufeinander. Alle zwei Tage ist Konzert, Ball und Oper. Das Konzert und der Ball kostet die Wassergäste nichts; der Fürst von Nassau-Weilburg nimmt sie ganz allein auf seine Rechnung. Die großen Herren in Deutschland können überhaupt mit wenig Kosten ziemlich gute Musikanten haben. Sie sind unumschränkte Herren über ihre Untertanen, also lassen sie etliche Bauernkinder auf eine zu ihren Diensten sich schickende Art auferziehen. Solchergestalt haben sie unter der Menge ihrer Bedienten, die ihren Hofstaat ausmachen, Leute, die auf allerhand Instrumenten spielen. Sie haben ordentlicherweise einen Kapellmeister, dem man einen ansehnlichen Sold gibt. Dabei ist noch zu merken, daß nur bloß der Adel auf einem Ball zu Schwalbach tanzet, doch läßt man auch wohl einige Herren Kammerräte von Weilburg diese Ehre mitgenießen, denn was nicht adelig ist, darf sich auch nicht unter den Adel mischen. Gleichwohl kann jedermann dem Ball und dem Konzert beiwohnen, er muß aber hinter den Stühlen sich aufhalten. Dieses ist ein Gebrauch, von dem der deutsche Adel nicht das geringste nachläßt. Es ist in Deutschland nicht genug, wenn man in Betrachtung gezogen werden will, daß man Vermögen habe und etwas draufgehen lasse, sondern man verlangt auch noch, daß man ein Mensch von gutem Herkommen sei. Bei diesen Umständen kann ein jeder, der gilt, alle Ergötzlichkeiten der Gesellschaft mitgenießen. Der Versammlungsplatz, wo man spielt, nebst den Spaziergängen, die umher gehen, kann gar wohl 800 bis 1000 Personen fassen. Ich habe allein bei dreißig Spieltische von allerhand Arten darin gezählt, worunter an vielen ohne den Einsatz von noch nicht zehn Weißpfennigen ganze Hände voll Gold ungezählt zugesetzt wurden. Bei alledem ist doch viel zu wagen, denn alle Landstreicher, die den Wessen im ganzen Reich beiwohnen, kommen nach Schwalbach und machen Bank. Vornehmlich trifft man allda viele Sachsen und Piemonter an, welche in allen Arten von Spielen geschickte und erfahrene Leute sind. Es befindet sich auch jederzeit unter denjenigen, die verlieren, einer, der um ein Ansehnliches betrogen wird. Die Juweliere von Genf spielen in Schwalbach so possierliche Rollen, daß es wohl angebracht ist, etwas davon zu erwähnen. Einige darunter sind als Edelsteinhändler bekannt. Sie laufen von einem deutschen Hof zu dem anderen, um da ihren Handel zu treiben. Andere hingegen, die wie Edelleute leben, unterlassen nicht, sich in den besten Wirtshäusern einzufinden. Wenn sich nun die auswärtigen Kaufleute unaufhörlich um die vornehmen Herren herummachen, so fangen diejenigen Genfer, die sich mit dem Degen an der Seite das Ansehen von etwas Rechtem geben, von den Edelsteinen und Galanteriewaren an zu reden, weil sie sich auf die Sache verstehen. Die deutschen Edelleute nehmen sie auch öfters mit zu Ratgebern, wenn sie die benötigten Sachen einhandeln wollen. Die verschlagenen Genfer machen nun, daß an dem gar zu hohen Preis, den man anfangs den deutschen vornehmen Herren abgefordert hatte, ein ansehnlicher Rabatt gewonnen wird. Dabei ist es aber ausgemacht, daß diejenigen Genfer, die sich für Edelleute ausgeben, gemeiniglich die Handelsherren selbst oder doch Kameraden derjenigen Kaufleute sind, die die Edelsteine verhandelt haben. Ist es ihnen gelungen, daß sie einen deutschen Edelmann hinters Licht geführt haben, so werden sie sogleich unsichtbar und suchen ihr Glück in anderen Bädern. Es ist kein großer Unterschied unter der Lebensart, wenn man die Wasser in Frankreich trinket, und unter derjenigen, die man bei dergleichen Umständen in Deutschland beobachtet. In Frankreich wird man bei solchen Gelegenheiten es niemals für gut befinden, mit Edelsteinen und köstlichen Kleidern ein Aufsehen zu machen. Die deutschen vornehmen Herren hingegen und ihre Gemahlinnen legen zu Schwalbach alle ihre Reichtümer aus. Sie lassen dasjenige sehen, was sie von bester Wäsche, von Kleidern und Diamanten besitzen. Winter- und Sommerkleider, alles kommt zum Vorschein. Das verursacht an den Tagen, an denen Ball und Konzert ist, einen ziemlich schönen Anblick. Der Schloßhof in Weilburg. Nach einer Federzeichnung von Otto Ubbelohde. Außer den Bällen, Konzerten und Opern befindet sich auch eine deutsche Komödie zu Schwalbach, der es an Beifall bei den Damen und den Bürgerlichen nicht ermangelt, obgleich tausend grobe Späße darin vorkommen, worüber die Deutschen dennoch von Herzensgrund lachen. Der Harlekin auf der Bühne, oder besser zu sagen, die lustige Person, nennt sich Hanswurst. Diese Wurst ist hinten und vorne, und das Wort wird in einem Stück wohl zweihundertmal wiederholt. Ein Stück habe ich spielen sehen, in welchem ein spielendes Frauenzimmer auf der Bühne in Ohnmacht fiel. Der Hanswurst brachte ihr hierauf statt der Arznei einen Teller voll Bratwürste mit den Worten: »Es gibt nichts Kräftigeres als dieses, die Schwachheiten und Unpäßlichkeiten des Herzens zu rühren!« Dabei bezog er sich auf das Urteil der anwesenden Damen. In diesen sehr schlecht ausgeführten Komödien gehen viele seltsame Begebenheiten vor und dienen insgemein den Verliebten zur Zusammenkunft. Es ist in diesen Versammlungen kein Platz von dem andern unterschieden. Ringsherum befinden sich schlechte Sitze, wo sich jeder einflickt, so gut er kann. Die Standespersonen setzen sich allerdings allemal gerade vor die Schaubühne. Würde sich ein Bürgerlicher dort befinden, so würde man ihm nicht erst viel gute Worte geben, einer Dame von hohem Stande Platz zu machen. Die Juden halten an einem von dem Brunnen ziemlich weit entfernten Orte einen Spielsaal. Dahin geht man und vertreibt sich mit einem kleinen Spielchen die Zeit, erleidet aber auch manchmal einen großen Verlust. Der Spielsaal stößt an die bedeckten und bei Abendzeit sehr dunklen Spaziergänge. Doch muß man sich da nicht zu weit verlaufen, denn diese Gänge sind voller Banditen und Beutelschneider, die um diese Zeit anfangen, darin ihren Aufenthalt zu nehmen. Es geschieht beständig, daß einer in dieser Galgenvögel Netze fällt. Er hat dann keine obrigkeitliche Hilfe zu erwarten, wenn ihm ein Unglück zustößt, weil man der Schuldigen nicht leicht habhaft werden kann und überdies Schwalbach an viele unterschiedliche Staaten grenzt, wohin sich die Räuber nach verrichtetem Streich auf einige Tage verlaufen. Die Beutelschneider sind so verwegen, daß es schon öfters geschehen ist, daß sie von einem Teller weg einen silbernen Becher entwenden, wenn ihn der Bediente seiner Gebieterin auf einer silbernen Schale reichte. Auch haben sie, während der Brunnenmeister dem Bedienten den Becher mit Wasser füllte, die silberne Schale vom Geländer des Brunnens weggenommen. Die Quelle des Schwalbacher Brunnens entspringt an der Höhe des Ortes. Sie ist sehr reich und bricht mit Gewalt hervor. Der Brunnenmeister reicht einem allemal den Becher voll grübelnden und perlenden Wassers, das weder etwas Widerwärtiges noch einen übeln Geschmack, wie andere mineralische Wasser, bei sich führt. Man kann daselbst im Schatten unter einigen ziemlich übel gebauten Bedeckungen umherspazieren. Da aber die meisten Leute sehr frühe das Wasser zu trinken pflegen und es in diesem, von den Bergen ganz eingeschlossenen Tal ziemlich kalt ist, so kann man ohne Beschwerlichkeit die Wärme der aufgehenden Sonne vertragen. Die Kaufleute haben, wie allenthalben, wo Wassertrinker zusammenkommen, auch bei dem Brunnen ihre Läden. Von den Brunnenknechten und den Frauen, die am Brunnen Hilfe leisten, wird nichts gefordert; ein jeder gibt ihnen von Zeit zu Zeit, was er will, und diese kleinen Freigebigkeiten werden allemal mit vieler Höflichkeit angenommen. Auf einem Erker bei dem Brunnen hält sich ein Trupp von Judenmusikanten auf, die ohne Aufhören allerhand Tänze aufspielen. Einer von ihnen kommt von Zeit zu Zeit herunter und geht mit dem Hut herum, in den dann ein jeder hineinwirft, was ihm beliebt. Diese musikalische Zusammenstimmung ist sehr lustig und abwechslungsreich. Man gibt sogar vor, daß sie viel dazu beitrage, das Wasser mit leichterer Mühe hinunterzubringen, denn weil die Geister in Bewegung sind und durch die Musik auf eine angenehme Art gerührt werden, so verrichten auch die körperlichen Gliedmaßen ihre Schuldigkeit mit weniger Mühe. Diese Judenmusikanten sind an den Balltagen nicht übel zu gebrauchen, weil sie alle Arten von Arien und Tänzen, die in anderen Ländern gebräuchlich sind, innehaben. Schwerlich wird man anderwärts eine bessere Bande mit Violinen antreffen. Sie dienen auch den ausländischen Kavalieren zu großer Bequemlichkeit, wenn sie rein aus Neugierde den Brunnen besuchen und sich ein Vergnügen daraus machen, den Damen die neuen Tänze ihres Vaterlandes zu zeigen. Das gibt einen großen Zeitvertreib und macht die Bälle viel lebhafter, als sie ohne das sein würden. Die Deutschen haben durchgehends von dem Wasser, das sie zu Schwalbach trinken, wenig Nutzen. Es fällt auch gar nicht schwer, die Ursache davon zu begreifen. Die Mannspersonen, von welchem Stande sie auch immer sein mögen, beobachten daselbst wenig Ordnung und trinken viel ausländischen Wein, den sie vornehmlich in der Zeit schmackhaft finden, in der er sie nichts kostet. Die Frauen denken gleichfalls an nichts als an Ergötzlichkeiten; sie gehen sehr spät schlafen, spielen und tanzen stark. Gemeiniglich pflegt es daher zu geschehen, daß sie während der Zeit, während der sie hier Wasser trinken, die Ärzte brauchen müssen. Schwalbach ist derjenige Ort der Welt, wo sich diese Herren Arzte am besten auf die Marktschreierei in ihrer Kunst verstehen. Kein einziger ist darunter, der nicht seine besonderen Kräuter habe, durch die man die mineralischen Wasser laufen lassen muß, ehe man sie trinkt. Sie wissen die Tugenden und wunderwirkenden Eigenschaften ihrer Kuren ungemein herauszustreichen. Sobald man sich den Händen der an diesem Orte befindlichen Ärzte überläßt, muß man sich entschließen, alle Tage einige Arzneien einzunehmen. Man mag sich in einem Zustand befinden, in was für einem man nur immer will: sie verstatten nicht, daß man unterlasse, täglich eine vorgeschriebene Menge Wassers in sich zu gießen. Oft zwingt sie auch der Eigennutz, wider ihr Gewissen zu reden, denn die wohlgebautesten Häuser dieses Ortes, in denen am gemächlichsten zu wohnen ist, gehören den Ärzten großer Städte entweder als Eigentum oder sind ihnen wenigstens verpfändet. So geschieht es denn, daß ein Kranker oder Fremder, der nach Schwalbach reist und vorher einen Arzt zu Frankfurt oder Mainz um Rat fragt, unfehlbar in ein Haus gewiesen wird, das entweder dem Arzt gehört oder aus dem er doch seinen jährlichen Nutzen zieht. Es gibt zwar viele Quellen des mineralischen Wassers zu Schwalbach, aber man bedient sich nur einer davon. Man kann aber auch das Bad in einem mitten in dem Flecken gelegenen Hause benutzen, wo eine Quelle befindlich ist, die mit derjenigen, wo man zu trinken pflegt, fast einerlei Eigenschaft hat. Lieber verfügt man sich von Zeit zu Zeit nach Schlangenbad und bedient sich der dortigen Bäder. Kaiserkrönung im Römer zu Frankfurt Von Wolfgang von Goethe Der Krönungstag brach endlich an, den 3. April 1764; das Wetter war günstig und alle Menschen in Bewegung. Man hatte mir, nebst mehreren Verwandten und Freunden, in dem Römer selbst, in einer der oberen Etagen, einen guten Platz angewiesen, wo wir das Ganze vollkommen übersehen konnten. Mit dem frühesten begaben wir uns an Ort und Stelle und beschauten nunmehr von oben, wie in der Vogelperspektive, die Anstalten, die wir tags vorher in näheren Augenschein genommen hatten. Da war der neuerrichtete Springbrunnen mit zwei großen Kufen rechts und links, in welche der Doppeladler auf dem Ständer weißen Wein hüben und roten Wein drüben aus seinen zwei Schnäbeln ausgießen sollte. Aufgeschüttet zu einem Haufen lag dort der Haber, hier stand die große Bretterhütte, in der man schon einige Tage den ganzen fetten Ochsen an einem ungeheuren Spieße braten und schmoren sah. Alle Zugänge, die vom Römer aus dahin und von andern Straßen nach dem Römer führten, waren zu beiden Seiten durch Schranken und Wachen gesichert. Der große Platz füllte sich nach und nach, und das Wogen und Drängen ward immer stärker und bewegter, weil die Menge wo möglich immer nach der Gegend hinstrebte, wo ein neuer Auftritt erschien und etwas Besonderes angekündigt wurde. Bei alldem herrschte eine ziemliche Stille, und als die Sturmglocke geläutet wurde, schien das ganze Volk von Schauer und Erstaunen ergriffen. Was nun zuerst die Aufmerksamkeit aller, die von oben herab den Platz übersehen konnten, erregte, war der Zug, in welchem die Herren von Aachen und Nürnberg die Reichskleinodien nach dem Dome brachten. Diese hatten als Schutzheiligtümer den ersten Platz im Wagen eingenommen, und die Deputierten saßen vor ihnen in anständiger Verehrung auf dem Rücksitz. Nunmehr begeben sich die drei Kurfürsten in den Dom. Nach Überreichung der Insignien an Kurmainz werden Krone und Schwert sogleich nach dem kaiserlichen Quartier gebracht. Die weiteren Anstalten und mancherlei Zeremoniell beschäftigten mittlerweile die Hauptpersonen sowie die Zuschauer in der Kirche, wie wir andern Unterrichteten uns wohl denken konnten. Vor unseren Augen fuhren indessen die Gesandten auf den Römer, aus welchem der Baldachin von Unteroffizieren in das kaiserliche Quartier getragen wird. Sogleich besteigt der Erbmarschall Graf von Pappenheim sein Pferd, ein sehr schöner schlankgebildeter Herr, den die spanische Tracht, das reiche Wams, der goldne Mantel, der hohe Federhut und die gestrählten fliegenden Haare sehr wohl kleideten. Er setzt sich in Bewegung, und unter dem Geläute aller Glocken folgen ihm zu Pferde die Gesandten nach dem kaiserlichen Quartier in noch größerer Pracht als am Wahltage. Dort hätte man auch sein mögen, wie man sich an diesen Tagen durchaus zu vervielfältigen wünschte. Wir erzählten einander indessen, was dort vorgehe. Nun zieht der Kaiser seinen Hausornat an, sagten wir, eine neue Bekleidung, nach dem Muster der alten karolingischen verfertigt. Die Erbämter erhalten die Reichsinsignien und setzen sich damit zu Pferde. Der Kaiser im Ornat, der römische König im spanischen Habit besteigen gleichfalls ihre Rosse, und indem dieses geschieht, hat sie uns der vorausgeschrittene unendliche Zug bereits angemeldet. Das Auge war schon ermüdet durch die Menge der reich gekleideten Dienerschaft und der übrigen Behörden, durch den stattlich einherwandelnden Adel; und als nunmehr die Wahlbotschafter, die Erbämter und zuletzt unter dem reichgestickten, von zwölf Schöffen und Ratsherren getragenen Baldachin der Kaiser in romantischer Kleidung, zur Linken, etwas hinter ihm, sein Sohn in spanischer Tracht langsam auf prächtig geschmückten Pferden einherschwebten, war das Auge nicht mehr sich selbst genug. Man hätte gewünscht, durch eine Zauberformel die Erscheinung nur einen Augenblick zu fesseln; aber die Herrlichkeit zog unaufhaltsam vorbei, und den kaum verlassenen Raum erfüllte sogleich wieder das hereinwogende Volk. Was in dem Dome vorgegangen, die unendlichen Zeremonien, welche die Salbung, die Krönung, den Ritterschlag vorbereiten und begleiten, alles dieses ließen wir uns in der Folge gar gern von denen erzählen, die manches andere aufgeopfert hatten, um in der Kirche gegenwärtig zu sein. Nun verkündigte der Glockenschall und nun die Vordersten des langen Zuges, welche über die bunte Brücke ganz sachte einherschritten, daß alles getan sei. Die Aufmerksamkeit war größer denn je, der Zug deutlicher als vorher, besonders für uns, da er jetzt gerade nach uns zuging. Wir sahen ihn sowie den ganzen volkserfüllten Platz beinah im Grundriß. Nur zu sehr drängte sich am Ende die Pracht; denn die Gesandten, die Erbämter, Kaiser und König unter dem Baldachin, die drei geistlichen Kurfürsten, die sich anschlossen, die schwarz gekleideten Schöffen und Ratsherren, der goldgestickte Himmel, alles schien nur eine Masse zu sein, die nur von einem Willen bewegt, prächtig harmonisch und soeben unter dem Geläute der Glocken aus dem Tempel tretend, als ein Heiliges uns entgegenstrahlte. Eine politische religiöse Feierlichkeit hat einen unendlichen Reiz. Wir sehen die irdische Majestät vor Augen, umgeben von allen Symbolen ihrer Macht; aber indem sie sich vor der himmlischen beugt, bringt sie uns die Gemeinschaft beider vor die Sinne. Denn auch der einzelne vermag seine Verwandtschaft mit der Gottheit nur dadurch zu bestätigen, daß er sich unterwirft und anbetet. Der von dem Markt her ertönende Jubel verbreitete sich nun auch über den großen Platz, und ein ungestümes Vivat erscholl aus tausend und abertausend Kehlen, und gewiß auch aus den Herzen. Denn dieses große Fest sollte ja das Pfand eines dauerhaften Friedens werden, der auch wirklich lange Jahre hindurch Deutschland beglückte. Endlich kamen auch die beiden Majestäten herauf. Vater und Sohn waren wie Menächmen überein gekleidet. Des Kaisers Hausornat von purpurfarbener Seide, mit Perlen und Steinen reich geziert, sowie Krone, Zepter und Reichsapfel fielen wohl in die Augen: denn alles war neu daran und die Nachahmung des Altertums geschmackvoll. So bewegte er sich auch in seinem Anzuge ganz bequem, und sein treuherzig würdiges Gesicht gab zugleich den Kaiser und den Vater zu erkennen. Der junge König hingegen schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen, wie in einer Verkleidung, einher, so daß er selbst, von Zeit zu Zeit seinen Vater ansehend, sich des Lächelns nicht enthalten konnte. Die Krone, welche man sehr hatte füttern müssen, stand wie ein übergreifendes Dach vom Kopf ab. Die Dalmatika, die Stola, so gut sie auch angepaßt und eingenäht worden, gewährte doch keineswegs ein vorteilhaftes Aussehen. Zepter und Reichsapfel setzten in Verwunderung; aber man konnte sich nicht leugnen, daß man lieber eine mächtige, dem Anzuge gewachsene Gestalt, um der günstigeren Wirkung willen, damit bekleidet und ausgeschmückt gesehen hätte. Kaum waren die Pforten des großen Saales hinter diesen Gestalten wieder geschlossen, so eilte ich auf meinen vorigen Platz, der von andern bereits eingenommen, nur mit einiger Not mir wieder zuteil wurde. Es war eben die rechte Zeit, daß ich von meinem Fenster wieder Besitz nahm; denn das Merkwürdigste, was öffentlich zu erblicken war, sollte eben vorgehen. Alles Volk hatte sich gegen den Römer zu gewendet, und abermaliges Vivatschreien gab uns zu erkennen, daß Kaiser und König an dem Balkonfenster des großen Saales in ihrem Ornate sich dem Volke zeigten. Aber sie sollten nicht allein zum Schauspiel dienen, sondern vor ihren Augen sollte ein seltsames Schauspiel vorgehen. Vor allem schwang sich nun der schöne schlanke Erbmarschall auf sein Roß; er hatte das Schwert abgelegt; in seiner Rechten hielt er ein silbernes gehenkeltes Gefäß und ein Streichblech in der Linken. So ritt er in den Schranken auf den großen Haferhaufen zu, sprengte hinein, schöpfte das Gefäß übervoll, strich es ab und trug es mit großem Anstand wieder zurück. Der kaiserliche Marstall war nunmehr versorgt. Der Erbkämmerer ritt sodann gleichfalls auf jene Gegend zu und brachte ein Handbecken nebst Gießfaß und Handquehle zurück. Unterhaltender aber für die Zuschauer war der Erbtruchseß, der ein Stück von dem gebratenen Ochsen zu holen kam. Auch er ritt mit einer silbernen Schüssel durch die Schranken bis zu der großen Bretterküche und kam bald mit verdecktem Gericht wieder hervor, um seinen Weg nach dem Römer zu nehmen. Die Reihe traf nun den Erbschenken, der zu dem Springbrunnen ritt und Wein holte. So war nun auch die kaiserliche Tafel bestellt, und aller Augen warteten auf den Erbschatzmeister, der das Geld auswerfen sollte. Auch er bestieg ein schönes Roß, dem zu beiden Seiten des Sattels anstatt der Pistolenhalftern ein paar prächtige, mit dem kurpfälzischen Wappen gestickte Beutel befestigt hingen. Kaum hatte er sich in Bewegung gesetzt, als er in diese Taschen griff und rechts und links Gold- und Silbermünzen freigebig ausstreute, welche jedesmal in der Luft als ein metallener Regen gar lustig glänzten. Tausend Hände zappelten augenblicklich in der Höhe, um die Gaben aufzufangen; kaum aber waren die Münzen niedergefallen, so wühlte die Masse in sich selbst gegen den Boden und rang gewaltig um die Stücke, welche zur Erde mochten gekommen sein. Da nun diese Bewegung von beiden Seiten sich immer wiederholte, wie der Geber vorwärtsritt, so war es für die Zuschauer ein sehr belustigender Anblick. Zum Schlusse ging es am allerlebhaftesten her, als er die Beutel selbst auswarf und ein jeder noch diesen höchsten Preis zu erhaschen trachtete. Jedermann wußte nun, daß Kaiser und König aus dem Kabinett, wohin sie vom Balkon abgetreten, sich wieder hervorbegeben und in dem großen Römersaal speisen würden. Man hatte die Anstalten dazu tags vorher bewundern können, und mein sehnlichster Wunsch war, heute womöglich nur einen Blick hineinzutun. Ich begab mich daher auf gewohnten Pfaden wieder an die große Treppe, welcher die Türe des Saales gerade gegenübersteht. Hier staunte ich nun die vornehmen Personen an, welche sich heute als Diener des Reichsoberhauptes bekannten. Vierundvierzig Grafen, die Speisen aus der Küche herantragend, zogen an mir vorbei, alle prächtig gekleidet, so daß der Kontrast ihres Anstandes mit der Handlung für einen Knaben wohl sinnverwirrend sein konnte. Das Gedränge war nicht groß, doch wegen des kleinen Raumes merklich genug. Die Saaltür war bewacht, indes gingen die Befugten häufig aus und ein. Ich erblickte einen pfälzischen Hausoffizianten, den ich anredete, ob er mich nicht mit hineinbringen könnte. Er besann sich nicht lange, gab mir eins der silbernen Gefäße, die er eben trug, welches er um so eher konnte, als ich sauber gekleidet war; und so gelangte ich denn in das Heiligtum. Das pfälzische Büfett stand links, unmittelbar an der Tür, und mit einigen Schritten befand ich mich auf der Erhöhung desselben hinter den Schranken. Am andern Ende des Saales, unmittelbar an den Fenstern, saßen auf Thronstufen erhöht, unter Baldachinen, Kaiser und König in ihren Ornaten; Krone und Zepter aber lagen auf goldenen Kissen rückwärts in einiger Entfernung. Die drei geistlichen Kurfürsten hatten, ihre Büfette hinter sich, auf einzelnen Estraden Platz genommen: Kurmainz den Majestäten gegenüber, Kurtrier zur Rechten und Kurköln zur Linken. Dieser obere Teil des Saales war würdig und erfreulich anzusehen und erregte die Bemerkung, daß die Geistlichkeit sich solange als möglich mit dem Herrscher halten mag. Dagegen ließen die zwar prächtig aufgeputzten, aber herrenleeren Büfette und Tische der sämtlichen weltlichen Kurfürsten an das Mißverhältnis denken, welches zwischen ihnen und dem Reichsoberhaupt durch Jahrhunderte allmählich entstanden war. Die Gesandten derselben hatten sich schon entfernt, um in einem Seitenzimmer zu speisen; und wenn dadurch der größte Teil des Saales ein gespensterhaftes Ansehen bekam, daß so viele unsichtbare Gäste auf das prächtigste bedient wurden, so war eine große unbesetzte Tafel in der Mitte noch betrübter anzusehen: denn hier standen auch so viele Kuverte leer, weil alle die, welche ebenfalls ein Recht hatten, sich daran zu setzen, anstandshalber, um an dem größten Ehrentage ihrer Ehre nichts zu vergeben, ausblieben, wenn sie sich auch dermalen in der Stadt befanden. Viele Betrachtungen anzustellen erlaubten mir weder meine Jahre noch das Gedräng der Gegenwart. Ich bemühte mich, alles möglichst ins Auge zu fassen, und wie der Nachtisch aufgetragen wurde, da die Gesandten, um ihren Hof zu machen, wieder hereintraten, suchte ich das Freie und wußte mich bei guten Freunden in der Nachbarschaft nach dem heutigen Halbfasten wieder zu erquicken und zu den Illuminationen des Abends vorzubereiten. P. Dahlen, Wahlkapelle am Dom zu Frankfurt a. M. Eine Mutter Von Hans Christian Andersen »Ich will dir ein Bild aus Frankfurt geben!« sagte der Mond. »Ich betrachtete dort besonders ein Gebäude; es war nicht Goethes Geburtshaus, auch nicht das alte Rathaus, wo durch die vergitterten Fenster noch die gehörnten Schädel der Ochsen hervorragen, die bei der Kaiserkrönung gebraten und zum besten gegeben wurden; es war ein bürgerliches Haus, grün angemalt und armselig, an der Ecke der engen Judengasse, es war Rothschilds Haus. Ich sah durch die offene Tür hinein, das Treppenhaus war hell erleuchtet; da standen Diener mit brennenden Lichtern in massiven Silberleuchtern und verbeugten sich tief vor einer alten Frau, die in einem Tragstuhl die Treppe herab gebracht wurde. Der Besitzer des Hauses stand mit entblößtem Haupte da und drückte einen ehrerbietigen Kuß auf die Hand der Alten. Es war seine Mutter, sie nickte ihm und den Dienern freundlich zu, und sie brachten sie in der engen, dunklen Gasse in ein kleines Haus; da wohnte sie, da hatte sie ihre Kinder geboren, von da war ihr Glück aufgeblüht; verließ sie die verachtete Gasse, das kleine Haus, so würde das Glück auch sie vielleicht verlassen; das war nun einmal ihr Glaube.« – Der Mond erzählte nicht mehr; allzu kurz besuchte er mich heute abend, aber ich dachte an die alte Frau in der engen, verachteten Gasse; nur ein Wort von ihr, und sie hatte ihr glänzendes Haus an der Themse; nur ein Wort von ihr, und ihre Villa lag an Neapels Golf. »Verließe ich das geringe Haus, wo meiner Söhne Glück entsprang, so verließe sie vielleicht das Glück!« Das ist ein Aberglaube, aber von der Art, daß, wenn man die Geschichte kennt und das Bild sieht, man nur, um es zu verstehen, die beiden Worte darunter zu setzen braucht: »Eine Mutter!« Nassauischer Glockenspruch Von Leo Sternberg Meine Schwester ward zerschlagen, Ich läute neuen Tagen ... Sankt Martin, du gabst deinen Mantel her, – Wir gaben den Mantel und noch viel mehr. Ich läute am Strome den Frommen. ... Mögen alle hinüberkommen! L. v. Matuschka-Greiffenclau, Die Sauerburg. Der letzte Sickingen Von Alphons Baron Engelhardt Ein Gemälde des Unterganges und Verfalles, ein ergreifendes Bild von Schicksalskampf und der zermalmenden Wirkung der Geschichte, die Geschlechter zu hohem Glanz emporhebt und dann mit einem Male fallen laßt, ist die alte Sickingensche Sauerburg im Nassauischen, von Kaub oder Lorch von einem rüstigen Fußgänger bequem in einer Stunde zu erreichen; während der Reunionskriege Ludwigs XIV. zerstört und noch als Ruine in ihrer mächtigen Anlage mit dem stolzen Bergfried einen gewaltigen Eindruck gewährend. Denkwürdig ist sie als der letzte Besitz, der dem letzten seiner Linie von allen seinen ausgedehnten Ländereien zu eigen verblieben war; die Ebernburg wurde 1792 von den Franzosen bei einem Rückzug niedergebrannt, und die Herrschaft ging an Kurpfalz über; die linksrheinischen Besitzungen zu Landstuhl, Schallodenbach usw. verlor er in der Französischen Revolution und sah sich später genötigt, seine bedeutenden Güter in Böhmen zu veräußern, wozu im Jahre 1818 noch das Stammschloß Sickingen kam. Nun war dem in Reichtum, Macht und hohem Ansehen (1760) geborenen Reichsgrafen Franz von Sickingen, der mittlerweile im neunundfünfzigsten Lebensjahre stand, in der Tat nichts übrig geblieben als die Ruine Sauerburg nebst einem kleinen dazugehörigen Bauernhofe; hier schlug er seinen Sitz auf und lebte bei dem Pächter, in dessen Hände das Gut gegen geringe Anzahlungen alsbald überging. Aber den letzten Lebensabschnitt des Grafen finden wir in der »Naturgeschichte des Volkes« von Riehl, dem Soziologen und Kulturforscher ohnegleichen, folgende Betrachtung: »Es gedenkt mir,« so schreibt er, »aus meinen Knabenjahren eines armen Mannes. Ob er schon keinen Beruf hatte und nichts tat und in abgetragenem Rocke umherging, hatten doch die Leute eine gewisse Achtung vor ihm; denn der arme Mann war ein Reichsgraf und dazu der letzte unmittelbare Nachkomme eines großen Kriegshelden und gewaltigen Geistes, dessen Name unter den besten in der deutschen Geschichte genannt wird. Das Besitztum dieses Grafen war zerronnen bis auf einen kleinen Rest, auf dem nur noch ein einziger Pächter saß, und dieser kleine Rest war so überschuldet, daß der Graf weit ärmer war als sein eigener Pächter. So ward dieses Gut zuletzt auch noch Eigentum des Pächters. Und der vordem reichsunmittelbare Graf wanderte eines Tages zu Fuß auf jenes, einst sein kleinstes Gut, um sich bei, der Wohltätigkeit seines früheren Pächters, der unlängst noch sein Untertan gewesen, ein Unterkommen zu suchen. Dieser nahm ihn auf und gab ihm das Gnadenbrot von dem Acker, den er einst von ihm zu Lehen getragen; allein der Acker hätte den Grafen auch nicht mehr standesgemäß nähren können. Und ob der Graf auch nichts mehr hatte, begleitete ihn doch noch – sein Privatsekretär! Er lebte von treuer ehemaliger Dienstleute Barmherzigkeit und lebte dennoch wie ein Graf; niemand konnte sagen, daß der Kostgänger des Hofbauern, der kein Gefolge mehr befaß als einen Privatsekretär, zum Adel gehöre, und doch war er auch kein Bürger, kein Bauersmann. Die Bauern sagen heute noch, er sei so eigentlich kein Graf mehr gewesen, aber wenn man ihn dann schlechtweg bei seinem Namen nannte, fielen sie einem doch gleich berichtigend ins Wort und sagten: der Herr Graf! Und in diesem Widerspruche deckten's die Bauern auf, wes Standes Glied der Graf eigentlich gewesen: er war ein Glied des Standes der Widersprüche, des vierten Standes. Eines Tages bewegte sich ein Karren, davor zwei Kühe gespannt waren, von dem Hofe gegen das Dorf; des Hofbauern Junge führte das Fuhrwerk, auf dem Karren stand ein Sarg, und hinter demselben gingen der alte Hofbauer und der Privatsekretär als Leichengefolge. Der Sarg umschloß die Hülle des letzten Reichsgrafen aus einem der berühmtesten deutschen Geschlechter. So begruben sie ihn aus dem kleinen armen Kirchhofe zwischen versunkenen Bauerngräbern. Und auf den Kirchhof schaut die stolze Burg herab mit ihrer geborstenen Warte: es war die letzte Burg, die der Reichsgraf da unten besessen, freilich nur, da sie schon halb in Trümmern lag. Das Grab stand längere Zeit ohne Zeichen und Schmuck und ward vergessen wie die versunkenen Bauerngräber zur Rechten und zur Linken. Da kamen eines Morgens Steinmetzen in das stille Tal, brachten einen Grabstein, setzten ihn auf des Reichsgrafen Grab, und keiner weiß bis auf diesen Tag, wer den Stein hat setzen lassen. Auf der Vorderseite des Steines ist in goldenen Lettern des Verstorbenen berühmter Name zu lesen. Darüber das Wappen des stolzen Geschlechtes. Auf der Rückseite aber steht in schwarzen Lettern: »Er starb im Elend.« Und am Sockel sind die Worte eingegraben: »Von einem Freunde vaterländischer Geschichte.« Das ist die Mär vom aristokratischen Proletariat. Der Reichsgraf, welcher zuletzt nichts mehr auf der Welt besaß, war an seiner Geburt gestorben; seines Geschlechtes große Geschichte hatte ihn nicht erhalten, nicht ernähren können. Und ein Unbekannter, ein Freund eben jener zermalmenden Geschichte, nicht ein Freund des Hauses oder des Verstorbenen, erweist ihm die letzte Ehre, weil die Tragödie dieses hochgeborenen Proletariers, den er vielleicht nie mit Augen gesehen, ihn erschüttert hat. ... Dieser Reichsgraf, dem noch ein Privatsekretär folgte, hatte lange Zeit ein schönes Besitztum, und als er nichts mehr hatte, hatte er doch noch einen Freund, und wenn es auch nur ein geringer Bauersmann, ein ehemaliger Dienstmann war, der ihn pflegte, der ihm die Augen zudrückte; und doch war er unendlich ärmer gewesen als der arme Arbeiter, den oft genug der wirkliche Hunger beißt, den man ohne Hemd begräbt, und dem man trotzdem nur auf sein Grab schreiben würde: er entschlief im Herrn – und nicht: er starb im Elend!« H. Aulmann, Dreifelder Weiher. In den Zwölfnächten Von Leo Sternberg Schmelzwasserbäche durchrinnen den narbigen Schnee; Nässend über den Schneefeldern graut die Luft. Schwärzer hebt sich der schwitzende Stamm in die Höh. Schwärzer enttauchen die Hecken gespenstigem Duft. Kirchhofkreuze wanken aus schneeiger Gruft. Und die Nacht erfüllt ein Nebelsee. Hat der Schatten dort sich nicht bewegt? Morsch entweicht der Schnee unter patschendem Gang. Durch die Hecke, die den Garten hegt, Ziehn Gestalten ein, im Zuge, lang, Die, geweckt von Tau- und Tropfenklang, Ihre Totenlaken abgelegt. Pfähle sind übers Kreuz mit Seilen bespannt, Linnentücher über die Leinen gehängt. An die Klammern greift es mit knöcherner Hand, Mäntel werden um knöcherne Schultern geschwenkt. Bald ist Laken nach Laken abgehängt – Patschend verläßt der Zug das Gartenland. Und es geht ein Fenster auf am Haus: »Wessen Schritte hör ich immerzu? Welcher Mund sprach meinen Namen aus, Zwingt mich anzuziehen meine Schuh, Nachzufolgen in die Nebelruh Dieser tödlich-feuchten Nacht hinaus?« Tritt sie vor die Türe, tut es einen Schlag, Daß sie auf das Herz die Hände drückt – Nicht die Schneelast, donnernd von dem Dach, Nicht das leere Seil, was sie erschrickt! Wer hat ihr das Totenhemd geschickt? – Aber die Hecke bleich noch ein Leintuch lag ... Und das Wasser drang in ihren Schuh, Doch sie holte sich das Laken dort. Legte dann sich wiederum zur Ruh. Frost kam wieder – eisigkalter Nord. Und den nächsten Abend ging sie fort. – Und der Schnee deckt ihren Hügel zu. Schinderhannes Von Kurt Elwenspoek Verfasser von Schinderhannes, der rheinische Rebell. Aus Akten, Dokumenten, Anekdoten. Stuttgart 1925. Süddeutsches Verlagshaus G.m.b.H. Jede Generation braucht einen abenteuerlichen Helden, den sie bewundert, an dem sie sich erbaut, für den sie sich begeistert. Ein solcher Held kann – je nach Umständen – Odysseus oder Achilles, Old Shatterhand oder Kara ben Nemsi, Sherlok Holmes oder Buffalo Bill heißen. Wer dem jetzt heranwachsenden Geschlecht als Idol vorschwebt, muß ich bekennen, nicht recht zu wissen; aber wenn mich nicht alles trügt, so ist es Henry Ford. Das Abenteuerliche, soweit es erdacht oder konstruiert ist, will nicht mehr recht locken; so bleibt denen, die die aufregenden Reize spannender Geschehnisse nicht entbehren mögen, nichts anderes übrig, als diejenigen Historiker oder Biographen zu bemühen, die ihre Aufmerksamkeit den Außenseitern der Gesellschaft, den Gaunern oder Verbrechern, zuwenden. Das Räuber- und Gaunerwesen hat in Deutschland immer eine große Rolle gespielt, eine größere, als man gemeinhin denkt, und seit dem Dreißigjährigen Kriege hat es sich besonders in Schwaben, am Main, am Rhein, an Nahe und Mosel in ununterbrochener Tradition fortgepflanzt und behauptet. Von all diesen Räubergestalten hat sich keine so lebendig erhalten wie der Schinderhannes. Dieser Räuberhauptmann war ganz gewiß besser als sein Ruf, denn die Legende hat ihm nach und nach so ziemlich alles zur Last gelegt, was zwischen 1780 und 1815 auf deutschem Boden an kühnen Verbrechen geschah. Im Hunsrück, im Odenwald und weit über diese seine engere Heimat hinaus dient heute noch sein Name als Kinderschreck. Schinderhannes, dessen Name vielleicht nur deshalb so volkstümlich geworden ist, weil er grausige Vorstellungen von »schinden« und andern Martern erweckt, hieß bürgerlich Johannes Bückler und wurde im Jahre 1778 oder 1779 zu Miehlen bei Rastätten rechts des Rheins geboren. Sein Vater war, wie der Großvater, Abdecker, Schinder, Hannes war also der Hannes des Schinders, der nach Ortsgebrauch ebenso »Schinderhannes« hieß, wie etwa der Sohn des Lehrers »Lehrerstoffel«. Anfang der achtziger Jahre gab der Vater seine Abdeckerei wegen Bankerotts auf; wie einige Quellen behaupten, hatte ihn ein unglücklicher Prozeß mit einem Wucherer ruiniert. Er wurde Soldat in Olmütz, desertierte nach einigen Jahren und kehrte mit seiner Familie in die Heimat zurück, wo er teils als Feldschütz, teils als Kleinbauer sich kümmerlich ernährte. Der kleine Hannes Bückler besuchte die Schulen, er hat auch leidlich Lesen und Schreiben gelernt und wurde zu Cappeln in der lutherischen Religion konfirmiert. Zeit und Ort waren ruhig-bürgerlicher Entwicklung wenig günstig; der Rhein, von jeher Zankapfel und Kriegsschauplatz, bildete seit fast einem Jahrtausend das Dorado verzweifelter, kühner, wilder, revolutionärer Existenzen. Nach dem Westfälischen Frieden gar hatte das Räuber-, Diebes- und Wegelagererunwesen im Hunsrück, im Taunus, im Odenwald, im Spessart ununterbrochen geblüht. Alle Räuber und Verbrecher jener Gegend begannen mit dem Pferdediebstahl. Dieser richtete sich zunächst gegen die durchmarschierenden feindlichen Truppen, denen man auch durch ein ausgebildetes Franktireurwesen nach Möglichkeit Abbruch zu tun suchte. Der heimtückische Kleinkrieg galt als verdienstlich und ertötete naturgemäß die angeborene Scheu vor fremdem Eigentum und fremdem Leben. – Auch Schinderhannes begann mit einem Pferdediebstahl. Er sollte für einen Gastwirt im benachbarten Städtchen Branntwein besorgen, tat sich von dem Gelde aber im Wirtshaus gütlich, so daß er nicht mehr heimzukehren wagte und nach einigem Herumstreichen, vom Hunger getrieben, ein Pferd stahl, das er verkaufte. Dazu muß freilich bemerkt werden, daß damals der Pferdediebstahl als ein sozusagen erlaubtes Verbrechen, als eine Art Sport galt, wie heute bei den Arabern. – Seine beabsichtigte Rückkehr zu den Verwandten scheiterte schließlich an der schlechten Gesellschaft, in die er geriet, mit der er weitere Diebstähle, Einbrüche und Raubüberfälle beging. Man braucht nur einige Namen dieser seiner Kumpane zu hören, um eine ganze Welt von Kneipendunst, Brutalität und hinterwäldlerischer Räuberromantik erstehen zu sehen. Da war der Petronellen-Michel, der Schwarze Peter, der Rote Fink; da gab es einen Hampel-holmi, einen Placken-Klos, einen Scheelen Franz, einen Schlechten Freier und viele andre. Schinderhannes begründete seinen Ruhm dadurch, daß er in kurzer Zeit dreimal aus festen Kerkern auf nahezu wunderbare Weise ausbrach. Dies Glück stärkte sein Selbstbewußtsein so sehr, daß er im Jahre 1800 eine eigne Bande gründete und sich als »Herr des Soonwaldes« fühlte – mit einer deutlichen Spitze gegen die unwillkommenen Machthaber der jungen französischen Republik. Sein erster Minister war der hinkende Schuster Johannes Leyendecker aus Lauschied, der seinem Kapitän den poetischen Namen »Johannes durch den Wald« beilegte, die Brand- und Drohbriefe redigierte und das System der Sicherheitskarten begründete. Diese Karten, deren Mindestpreis einen Kronentaler das Stück betrug, verbürgten dem Inhaber für eine gewisse Zeit Schutz vor den räuberischen Überfällen der Bande und lauteten feit 1801 folgendermaßen: Im dritten Jahr meiner Regierung im Soonwald              ††† Johannes durch den Wald. Sei es nun, daß Schinderhannes den angeblich an seinem Vater begangenen Unglimpf eines israelitischen Handelsmannes an dessen ganzem Volke rächen wollte, sei es, daß bei der jüdischen Bevölkerung damals allein etwas zu holen war – jedenfalls richtete Hannes seine größeren Unternehmungen fast ausschließlich gegen Juden, von denen er in der ganzen Gegend vor Eröffnung der Feindseligkeiten zunächst einen sehr willkürlichen Tribut einzuziehen begann. Zu offener Gewalt ging er erst über, wenn er auf »Unbotmäßigkeit« stieß oder ein »Strafgericht« zu vollziehen hatte. Solch einer Strafexpedition war schon im Dezember 1799 das Leben seines Kameraden Placken-Klos, der sich an einer der vielen Geliebten des Räuberhauptmanns hatte vergreifen wollen, zum Opfer gefallen, ebenso das Leben des Müllers Riegel zu Otzweiler, der seine Tochter einem braven Burschen vorenthalten und an einen reichern Schwiegersohn verheiratet hatte. Seit dem Jahre 1800 geschahen die gewaltsamen Einbrüche, bei denen nie mehr als 15 bis 20 Mann beteiligt waren, auf Rat des Generalstabschefs Leyendecker folgendermaßen: Nachts wurde die Tür des Opfers mit einem Rennbaum eingerannt und die erschreckten Bewohner zur Hergabe von Geld und Kostbarkeiten, häufig sogar durch Mißhandlungen und Foltern, gezwungen. Vorher pflegte man den Nachtwächter durch Branntwein, die Sturmglocke dadurch zum Schweigen zu bringen, daß man das Schlüsselloch der Kirchentür mit Sand und Steinen verstopfte. Späterhin respektierten die amtlichen Nachtwachen den Räuberhauptmann viel zu sehr, um ihm auch nur, wie er selbst sagte, »die mindeste Hindernis« entgegenzusetzen. Solche Einbrüche hat Schinderhannes zu Dutzenden unternommen, und es muß zu seiner Ehre gesagt werden, daß er dabei Roheiten stets entgegentrat. Er selbst hat notorisch nie einen Menschen getötet, kaum einen mißhandelt. Auch hat er selbst öfters versucht, in die bürgerliche Gesellschaft zurückzukehren. Das wäre ihm um so leichter gefallen, als er ein bildschöner Mensch von gewandtem Auftreten, großer Liebenswürdigkeit, herzlicher Gutmütigkeit und urwüchsigem Humor war. Als flotten Tänzer und Don Juan von vielen Graden liebten ihn nicht nur die Frauen, sondern auch ehrenwerte Männer in Amt und Würden schätzten ihn gewissermaßen hoch. Die französische Behörde knüpfte sogar Verhandlungen mit ihm an, die sich allerdings zerschlugen. Man war geneigt, ihm Straffreiheit zuzusichern, falls er seine Bande auflöste. Auch rechtsrheinisch, um Heidelberg und Wiesloch, hat er, zum Teil im Bunde mit Abraham Picard, dem Führer der Niederländer Bande, manchen »Strauß«, wie er sagte, unternommen. Auch den berühmten Leihhauskassendiebstahl zu Nürnberg hat man ihm – fälschlich – zur Last gelegt. Eine Fülle von Anekdoten, in denen er fast immer als Freund der Armen, als Feind der Reichen und der fremden Unterdrücker erscheint, zeigt deutlich, wie sehr Schinderhannes ein wahrer Räuberkönig, ein echter Volksheld war. Als im Frühjahr 1802 seine Verhandlungen mit der französischen Behörde gescheitert waren, ließ sich Schinderhannes bei den kaiserlichen Truppen in Limburg anwerben, um dem Räuberleben zu entsagen, hatte seinen Heiratskonsens schon in der Tasche – da wurde er erkannt, verraten und über Frankfurt nach Mainz ausgeliefert, wo die Franzosen ihn vor ein Spezialgericht stellten. Die Voruntersuchung dauerte über ein Jahr. Schinderhannes legte ein rückhaltloses Geständnis ab und deckte damit eine weitverzweigte, Hunderte von Mitgliedern umfassende Organisation auf, der auch Lehrer, Förster, Dorfschulzen und andere Amtspersonen angehörten. Neben ihm saßen gleichzeitig 67 Mitschuldige auf der Anklagebank. Am 24. Oktober 1803 begann im Akademiesaal des Kurfürstlichen Schlosses zu Mainz die öffentliche Verhandlung. Dabei erwarb sich Schinderhannes durch sein freimütiges, chevalereskes und humorvolles Auftreten, Julchen durch ihre Schönheit große Sympathien beim Publikum. Trotzdem sprachen die Geschworenen ihn in allen 53 Anklagepunkten schuldig, und am 24. November 1803 fiel sein Kopf unter der Guillotine. Mit ihm starben neunzehn seiner Spießgesellen. Das Schafott war gegenüber der Mainmündung auf dem Platz der ehemaligen »Favorite« in den jetzigen Mainzer Anlagen errichtet. Schinderhannes starb ruhig und gefaßt. Noch heute bezeichnet ein Kreis von neunzehn Pappeln, in dessen Mitte ein besonders stattlicher Baum emporragt, das Grab des Räuberfürsten und seiner Kumpane. Wer unter den Wurzeln dieser Bäume dem Jüngsten Tage entgegen schlummert, wissen freilich die wenigsten, sonst diente dieser Ort nicht seiner gegenwärtigen Bestimmung als – Kinderspielplatz. Die drei Raben Von Leo Sternberg Es sitzen drei Raben – ihr Schnabel ist grau und alt – Auf der ältesten Eiche im Westerwald. Sie sitzen mit silberner Kronen Last Auf kahlgeschältem, krummem Ast. Der ragt überm Schnee, wie aus Grab und Gruft, In die frostig gerötete Bergabendluft. Und der eine sagt: »Es ist ein Jahrtausend her. Da ließ ich ein Samenkorn fallen im Schnee und sah es nicht mehr. Und eh nicht ein Kind in der Wiege gewiegt, Die aus dem Eichenstamm gefügt, Der aus dem Samenkorne sproß – Eh darf ich nicht heimkehren in mein Vaterschloß.« Sagt der zweite: »And wenn das Kind mit seiner Tränen Weh Einen Gang gewaschen durch die Berge von Schnee Und zu dem versunkenen Paradiese dringt, Und die eingefrorene Glocke plötzlich klingt, Tiefinnen klingt mit verschüttetem Klang – Dann holen mich Wagen und Roß und der Zauber zersprang.« Sagt der dritte: »Und schaufelte wieder Schnee über alle der Tod, Und es wächst eine Rose rot Aus dem Herzen des Letzten über das weiße Grab, Und der Tod schlägt die Sense danach, doch der Schlag prallt ab Und die Sense des Todes zerschellt – Dann reite ich heimwärts über das demantbestäubte Feld.« Und während sie sprachen – in leis-leisem Fall Tränenglitzernd rieselte auf sie der Schneekristall, Bis sie schliefen im Monde ... Im Mond silbergrün Sah ich heut nacht die Zacken der Kronen glühn ... O. Ubbelohe, Der Grenzgang Das Grenzgangfest in Biedenkopf Von O. Merkel Eins der wenigen wahren Volksfeste, die in der Seele des ganzen Volkes wurzeln und eine wertvolle Überlieferung pflegen, ist das Grenzgangfest zu Biedenkopf, das aus dem alten, fast überall in deutschen Landen geübten Brauche der Grenzbegehung hervorgegangen ist. Als es noch keine Grundbücher und Katasterämter gab, die heute den Grundstückbesitz jeder Gemarkung nach Größe und Grenzen genau beschreiben und festlegen, kam es zwischen den einzelnen Gemeinden häufig zu Grenzstreitigkeiten, weil den Gemarkungsgrenzen, die nur durch mündliche Überlieferung und Urkunden bestimmt waren, die genaue Absteinung fehlte und die oft nur durch einzelstehende Bäume, Waldecken, Wegkreuzungen gekennzeichneten Grenzpunkte nicht immer zuverlässig blieben. Daher wurde es üblich, alljährlich oder in bestimmten mehrjährigen Zwischenräumen die Gemarkungsgrenzen gemeinsam mit den Grenznachbarn und unter Beteiligung möglichst vieler Ortsbewohner zu begehen, um den Verlauf der Grenzen dem Gedächtnis einzuprägen und etwaige Meinungsverschiedenheiten an Ort und Stelle zu schlichten. Wo die Gemarkungsgrenzen vorwiegend bebautes Feld im Einzelbesitz berührten, hatte die Einrichtung weniger Bedeutung, da die Feldbestellung im Laufe des Jahres häufig Gelegenheit gab, etwaige Übergriffe die Nachbarn zu bereinigen, die übrigens bei den auf Grenzverletzungen stehenden harten Strafen selten vorkamen. Anders da, wo die Gemarkung, wie in Biedenkopf, fast ausschließlich mit Wald abschloß. Ohne die Grenzbegänge würde hier außer den Forstbeamten jahrzehntelang niemand die Grenzlinien festgestellt haben, und die Prozesse und Streitigkeiten hätten kein Ende genommen. Für Biedenkopf war daher die gemeinsame Abschreitung der Gemarkungsgrenzen eine wichtige Angelegenheit, an der sich stets die ganze Bürgerschaft beteiligte, um so mehr, als die Biedenköpfer von jeher stolz waren auf ihren ausgedehnten Waldbesitz. Besonderes Gewicht wurde darauf gelegt, daß schon die Knaben den Gang mitmachten, und an wichtigen Punkten soll man ihnen eine kräftige Ohrfeige verabfolgt haben – als »Gedächtnisstütze«. Alle Hindernisse, übergewachsene Zweige, Dornsträucher und dergleichen wurden von den Stadtknechten sofort mit ihren Beilen entfernt. Den Beschluß des Grenzbeganges bildete ein fröhlicher Trunk, namentlich dann, wenn man mit keinem der zahlreichen Nachbarn Streit bekommen hatte. Aus diesen Grenzbegängen hat sich im Laufe der Zeit ein Volksfest entwickelt, das dank den eigenartigen Gebräuchen, die mit ihm verknüpft sind, bis auf den heutigen Tag sich erhalten hat, obwohl ein sachlicher Grund für die Abschreitung der Grenze nicht mehr vorliegt. Grenzgang wird alle sieben Jahre gefeiert. In dem betreffenden Jahre fallen alle übrigen Feste aus: es ist Grenzgangsjahr. Der Grenzgangsvorstand, der dauernd besteht, beschließt gegen Pfingsten in aller Form, daß das Fest wieder gefeiert werden soll, und nun beginnen die Vorbereitungen. Nicht nur Bürger und Bürgerinnen erhalten ein neues Gewand, sondern auch die Häuser und Wohnungen. In diesem Jahr gibt es nicht genug Schneider und Schneiderinnen, Anstreicher, Tapezierer, Maler und Schreiner. Bald ergeht ein öffentlicher Aufruf zur Gründung von Burschen- und Männerschaften, die ersten meist nach Stammlokalen, die andern nach Straßen gebildet. Jede Burschen- und Männerschaft besitzt ihre Fahne, und wer in die Gesellschaft aufgenommen werden will, muß einen Fahneneid leisten. Bis nun möglichst einzeln nacheinander zwei Führer, ein Fahnenträger, zwei Fahnenbegleiter, ein Kassierer und ein Schriftführer von jeder Gesellschaft gewählt sind, erweist sich noch manche Sitzung als notwendig, und bald findet sich kein Bürger mehr, der nicht »organisiert« ist. Besonders wichtig ist die Kürung eines Männerobersten, der die Leitung des ganzen Festes übernehmen muß. Es ist nicht immer leicht, für diesen höchsten Ehrenposten eine geeignete Persönlichkeit zu finden, da der Oberst allen Gesellschaften seinen Besuch abzustatten und nach dem Herkommen sich dabei freigebig einzuführen hat. Ihm zur Seite stehen zwei Adjutanten. Als zweiter Oberführer wählen auch die Burschen einen Burschenhauptmann mit zwei Adjutanten. Noch einige »Reiter« vervollständigen die Grenzgangsoberleitung. Genau vorgeschriebene Uniformen, aus blauer Joppe, grauer Hose, Filzhut mit Federschmuck und umgeschnalltem Degen geben den Führern, die alle beritten sind, ein malerisches Aussehen. Unter all diesen Vorbereitungen naht der erste Festtag, stets ein Donnerstag, heran. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die auf das mit Fahnen und Kränzen festlich geschmückte Städtchen fallen, wird es lebendig darin. Drei merkwürdige Gestalten wecken mit lautem Peitschenknallen die Schläfer auf. Zuerst kommt der Mohr mit schwarzem Kleid und schwarzem Gesicht, mit Federhut und langem Degen. Hinter ihm folgen zwei ebenso phantastisch gekleidete Wettläufer in buntem Gewand, mit federgeschmücktem Barett und langen Peitschen, mit denen sie unablässig knallend die Straßen durchlaufen. Alles strömt aus den Häusern und versammelt sich auf dem Marktplatz, wo sich der Festzug bildet. In Reih und Glied stehen die Männer- und Burschenschaften hintereinander, die Führer und Fahnen am Flügel. Ist die Aufstellung beendet, so wird die »Oberleitung« mit Musik eingeholt, und die Führer melden den Obersten ihre Gesellschaften. Noch einmal ergreift der Bürgermeister als Stadtoberhaupt das Wort, um auf die Bedeutung des Tages hinzuweisen, dann steigt er für drei Tage vom Throne herab; denn während des Festes steht dem Männeroberst das Kommando über alle Biedenkopfs zu. Jetzt gibt er mit dem Degen das Zeichen, und unter Hörnerklang setzt sich der Festzug in Bewegung. Er durchschreitet einen Teil der Straßen und marschiert dann nach dem ersten Grenzstein, der an der Straße nach Wallau steht. Hier beginnt der eigentliche Grenzgang. Steil den Berg hinan und dann abwechselnd bergab, bergauf, über Stock und Stein, die Schneisen entlang, über Straßen hinweg, schreiten die Gewissenhafteren mit den Führern und Fahnen von Grenzstein zu Grenzstein, während die Fahnenflüchtigen auf bequemen Wegen dem Frühstücksplatz zueilen, wo nach zweistündigem Grenzmarsch die Morgenrast gehalten wird. Jede Gesellschaft hat dort ihr eigenes Zelt erbaut, und an Speise und Trank ist kein Mangel. Fröhliches Treiben entwickelt sich bald, und Singen und Lachen ertönt aus den Zelten. Wer ein fremdes Zelt betritt, wird mit Jubel empfangen und muß sich durch eine Freibierspende wieder auslösen. Von Zeit zu Zeit erschallen Lachsalven vom nächsten Grenzstein her. Die beiden Wettläufer haben einen Neuling an Armen und Beinen erfaßt und »huppchen« ihn dreimal mit seiner Kehrseite auf den Grenzstein. Eine »Gedächtnisstütze«, die eine besondere Ehrung darstellt und daher verpflichtet, tief in den Beutel zu greifen. Nach längerer Rast geht der Grenzmarsch weiter, bis der dritte Teil der Gemarkungsgrenze abgeschritten ist. In derselben Weise werden die beiden übrigen Grenzdrittel am Freitag und Samstag begangen. An der Spitze des Zuges stets die beiden »Sappeure« mit Schurzfell und Beil, obwohl sie nichts mehr zu hauen haben. Am letzten Grenzstein die Schlußansprache des Männerobersten; am letzten Nachmittag noch einmal überschäumende Lust; am folgenden Sonntag ist Ruhetag. Und wenn endlich die Fahnen eingewickelt sind, dann ist das Grenzgangsjahr vorüber, und die Grenzsteine träumen im stillen Walde sieben Jahre lang von dem lauten Jubel, der an ihnen vorüberzog. Es gibt keinen Biedenköpfer, dem nicht das Herz höher schlägt, wenn er vom Grenzgang hört, und der nicht aus der Fremde herbeieilte, um Grenzgang zu feiern. Denn es handelt sich um ein wirkliches Volksfest, das nicht einzelne gesellschaftliche Schichten, sondern alle angeht. Alle Standesunterschiede sind aufgehoben, alle Fehden ruhen, alte Feindschaften werden nach Möglichkeit geschlichtet und mancher Händedruck der Versöhnung ist schon beim Grenzgang gewechselt worden. Nur einmal seit Menschengedenken fiel das Fest aus: Im Grenzgangsjahre 1914. Alles war vorbereitet, und die Biedenköpfer gerüstet, im August ihren Fahnen folgend die Grenzen abzugehen. Da lohte die Kriegsfackel auf, und ein ernsterer »Grenzgang« mußte gehalten werden, der nicht bloß 1914, sondern noch 1921 nicht an Festefeiern denken ließ. P. Dahlen, Rheinau. K. H. Zunn, Biedenkopf, Stadtgasse. Lahnstadt Von Hans Ludw. Linkenbach Das kleine Städtchen schlummert sachte ein ... Wie flüssig Silber flicht das Mondenlicht Auf Turm und Erker, die der wilde Wein Mit Lenzgirlanden liebevoll umflicht. Altmodische Giebel drängen sich im Kreis Am stillen Marktplatz, wo der Roland steht Und überm breiten Brunnenbecken leis Der leichte Wind durch Lindenkronen geht. Nur hier und da ein Laut – Vom nahen Wald Ein Lied der Liebe, das nicht schweigen will, Ein Wächterschritt, der in den Gassen hallt, Ein Hundebellen – und sonst alles still ... Die Rheinschiffer Von Otto Anthes Die ersten Schollen treibt der Rhein. Was Schiff heißt, ruht im Hafen. Und die Schiffersleute, die braven, Die liegen in den Tag hinein Und schlafen. Und gähnen durch den Nachmittag. Aber beim ersten Glockenschlag, Der zu der Abendkirche ladet – Den Flausrock an, der hält schon warm, Dann das Gesangbuch untern Arm, Ein Stümpfchen Kerze eingesteckt, Den Spitz aus seinem Traum geweckt Und durch den Schnee gewatet. Die alten Weiber, zwei und zwei, Der Küster schafft im Chore, Und oben auf der Empore Sitzen die Schiffer in langer Reih, Ein bißchen scheu, Ein bißchen fremd im Gotteshaus. Aber ihr Flüstern wie Windsgebraus, Wie Knarren in den Stangen Anhebt die Orgel, dünn und hell. Entzündet jeder sein Kerzlein schnell Und tröpfelt's fest. Eine Pause groß – Und dann wie Wetter fegt es los: Wie soll ich dich empfangen? Nun bläst man sacht sein Lichtlein aus. Der Orgel entfährt noch ein Quarrer. Still werden die Huster, die Scharrer Und rutschen tiefer in den Flaus. Und dann der Pfarrer Mit frommer Kunst die Worte rollt: Wie ihr den Christ empfangen sollt! Den Schiffern gar so eigen ist: Sie schämen sich der Sünde wohl – Den Sommer ging das auch zu toll – Und freun sich doch der lieben Zeit Und daß man nach so langer Frist Wieder einmal beim Herrgott ist. Das macht das Herz so warm, so weit, Daß man nur still sein Sacktuch hißt And schwimmt in süße Schläfrigkeit – Zu Kindern Kommt der heilige Christ. Gräfin Clara Matuschka-Greiffenclau, St. Urban in den Weinbergen. P. Dahlen, Markuskapelle bei Lorch. Rheingauer Humor Von Peter Scherer Der Rheingauer Humor hat seine besondere Färbung, die ihn von dem Berliner, Mecklenburger, süddeutschen und niederrheinischen Humor merklich unterscheidet. Nicht als ob er an den feinen Duft und süßen Hauch der Nebenblüte erinnerte. Im Gegenteil. Drastische Bilder, derbe Vergleiche und die scharfe Beimischung von Witz oder spöttischer Satire geben ihm seine urwüchsige Eigenart, die sich um so weniger begriffsmäßig abgrenzen läßt, je charakteristischer sie sich in Wortwahl, Tonfall, Mienen und Handbewegung darstellt. Ich habe oft Wortgefechte und Neckereien angehört, die ihren vollen Reiz erst durch das schelmische Mienenspiel und die sprechenden Gebärden der Beteiligten empfingen: sie wirkten wie lustige Texte mit treffendem Bilderschmuck. Zur Zeit, als in Mainz die Rheinhalle gebaut wurde, fuhr ich auf dem »Kaffeemühlchen« (so nannte man den kleinen Trajektdampfer, der zwischen Mainz und Biebrich kreuzte) über den Rhein. In meiner Nähe plauderte ein mir bekannter Winzer aus Geisenheim mit einem riesigen Metzger, der an seiner schwarzseidenen Ballonmütze und dem blauen Kittel als solcher kenntlich war und sich durch seine Sprache als Mainzer auswies. Auf die Frage des Landmanns: »Was is denn das do driwwe for e neu Baajes (Gebäude)?«, antwortete der Metzger: »Das wißt Ihr nit? Das gibt e Narrehaus, for die verrickte Bauern eninn ze stecke.« »Aah ... soo ...«, war die schlagfertige Antwort. »Ich hatt' mer doch gleich gedenkt, daß das for die Meenzer nit groß genug wär.« Als im Jahre 1866 das Herzogtum Nassau preußisch wurde, waren die Rheingauer nicht wenig erbost auf die norddeutschen Eroberer. Eine Gesellschaft von Rüdesheimern setzte in einem Kahn von Bingen her über den Rhein. Es wurde natürlich politisiert und weidlich auf die Preußen geschimpft. Ein Schlaukopf warf die Frage auf, wo denn das Wasser noch Hessisch sei und wo es anfange, preußisch zu werden? »Das is doch leicht zu finne«, bedeutet ihm sein Nebenmann. »Halt' de Finger ins Wasser un riech als emol dra(n), dann inertste gleich, wann 's preißisch is.« Am 22. März 1867 wurde zum ersten Male Königsgeburtstag gefeiert. Am Schluß des Festgottesdienstes in der Rüdesheimer Pfarrkirche sang der Geistliche das vorgeschriebene Gebet: Domine salvum fac regem nostrum Guilelmum (Schütze, o Herr, das Leben unseres Königs Wilhelm), worauf von der Orgelbühne herab ein klingender Tenor antwortete: Et libera nos a malo (und erlöse uns von dem Übel). Eine gerichtliche Untersuchung blieb ohne Ergebnis. Wie auf ihren Wein, so sind die Rheingauer stolz auf das prächtige Geläute ihrer Glocken. Voll dröhnen sie von Ort zu Ort und rufen einander feierlich zu: vinum bonum, bonum vinum . Die überrheinischen Glocken aber verraten nach der Ansicht der Rheingauer durch ihren dünneren Klang die geringere Qualität der hessischen Weine. Daher ihr gellender Ruf: Bembelwei(n), Bembelwei(n), Bembelwei(n). Und »über der Höhe«, d. h. tiefer im Taunus, wo gar kein Wein wächst, da tönt es wie spöttisches Lachen vom Kirchturm herab: »Heb' 's Hemd uff, klopp hinne druff.« In den Jahren vor 1866 tobte heftig der Wahlkampf durch das Herzogtum Nassau. Dem langjährigen konservativen Volksvertreter Bürgermeister Fuchs in Caub erwuchs ein gefährlicher Gegenkandidat in dem Führer der Fortschrittspartei Rechtsanwalt Dr. Braun aus Wiesbaden, der später auch in den Berliner Parlamenten eine Rolle gespielt hat. Besonders eifrig und gehässig wurde Fuchs in Caub selbst bekämpft und angefeindet. Auf einem Feldweg begegnet ihm ein Bauer mit einem Ochsenwagen. »Hott, Bräunche, hott«, drängte der Fuhrmann das hellgelbe Zugtier zur Seite. »Gelt mei(n) Öchsche, das paßt der nit, daß ich dich umgedaaft (umgetauft) hawwe, awwer 's muß halt sei(n); jetzt heeßt de Braun, du host lang genug Fuchs gehaaße.« »Alle Rheingauer hawwe ihr eige Schenie«, sagt der Volksmund. Wer dorch Geisenem kimmt ohne geroppt (gerupft), Un dorch Gehannsberg, ohne gefoppt, Un dorch Hallgarte ohne dodgeschlah(n), Der kann von Glück sa(n). Die Geisenheimer sin Krakehler, die Gehannsberger utze gern und die Hallgarter sin grob wie Bohnestroh; das sin schon halwe »Überhöhische« (d. h. vom Gebirg). Das Urteil über die Hallgarter wird denn auch bestätigt durch die sprichwörtliche Redensart: »Zahnweh un e Fraa vun Hallgarte, das sin zwaa beese Iwwel (Übel).« Mcht viel besser kommen die Kiedricher weg. Auch sie galten gewissermaßen als »Überhöhische«. Sie bildeten sich auf ihre Birnenzucht fast ebensoviel ein wie auf ihren Kirchenpatron, den hl. Valentinus. Sie kelterten Birnenmost und kochten aus Birnen und süßem Runkelrübensaft ein Mus (Latwerge) zum Brotaufstrich. Man dichtete ihnen daher das »Nationallied« an: Wer esse Beern (Birnen) Und trinke Beern Un henn aach Beern Ufs Brot ze schmeern: Vivat Lakwaari (Latwerge). Die Bewohner der einzelnen Ortschaften haben ihre besonderen Spitznamen. So heißen die Johannisberger »Schlappehanjer«, die Geisenheimer »Spätzer«. Grund und Bedeutung dieser Benennungen ist mir unbekannt. Wenn aber die Rüdesheimer als »Struntzer« (Prahler) und die Eibinger, in deren Dorf ein kleiner Weiher oder Entenpfuhl liegt, als »Puhlschi.. er« bezeichnet werden, so ist das zwar recht derb, aber verständlich. – Ein Stückchen humorvoller Gemütlichkeit erlebte ich im November des gesegneten Weinjahres 1865, da ich spät vom Geisenheimer Katharinenmarkt heimwärts ging. Eine Unmenge von Schoppen des »federweißen« Bizzlers (gärender Most des Fünfundsechzigers, den sie Bizzler nannten) war getrunken worden. Vor mir her schwankten im fahlen Sternenlicht Arm in Arm die Gestalten des Vetters Vinzenz und eines anderen Nachbars. Ich hielt mich im Fahrwasser der beiden Alten, natürlich ohne ihren Zickzackkurs mitzumachen, und lauschte mit bubenhaftem Vergnügen ihrem weinseligen Geplauder. »Gewwe Se acht, Nachher,« warnte Vetter Vinzenz, »mer müsse mehr rechts gehe; wenn mer nit aufpasse, falle mer in de Chausseegrawe.« »Gott bewahre, Vetter Vinzenz, mer gehn jo so hibsch in de Mitt; eher mein ich, mer müßte uns e bißche mehr links halte.« Der Nachbar behielt das letzte Wort, und nach wenigen Schritten stolperten die Zecher über den linken Straßenrand hinunter und legten sich sanft in den feuchten Graben. »Ei, ei, ei«, meinte gottergeben Vetter Vinzenz. »Do hawwe mersch.« »Guck emol do«, lautete die freundliche Antwort, »Sie hawwe recht behalte; mer liege richtig drinn!« Während der Johannisberger Mission in den sechziger Jahren war scharf gegen das Fluchen und Schwören gepredigt worden. Wie viele andere, so war auch der alte Schloßjosep, ein fürstlich-metternichscher Fuhrknecht, von Reue tief ergriffen. Nach beendigter Andacht hörte ich ihn vor der Kirchentüre seine guten Vorsätze in folgende Form kleiden: »Der Deiwel soll mich lotweis hole, wenn ich noch emol fluche. Wahrhaftig, ehnder soll mich en Himmelkreizmillionedunnerwetter in Grunderdsboden enei(n) schla(n), als daß ich noch en aanziges Mol fluche tat.« In Winkel lebte ein sehr ungleiches Ehepaar. Er war klein, schmächtig, zaghaft, sie eine bäuerische Semiramis, stark, schaffig, über die Maßen herrschsüchtig und gewalttätig. Wieder einmal gab es einen häuslichen Auftritt, dem die Nachbarn mit boshafter Freude zuhörten. Mit lauter Stimme schilt die Frau: »Ob de gleich hergehst, du Schmachtlappe, du Has', du Ferchtlies ...« Aber entschlossen piept das Männchen dagegen: »Naa, ich kumm nit, du bees Fraa. Ich werd' mich doch noch vor dir ferchte derfe!« Und ein lautes Beifallsgelächter der Zuhörer billigt dem Geängftigten das bescheidene Recht zu, das er beansprucht. W. Mulot, Niederseelbach, Pfarrkirche. Nassauern Von Fritz Reidis Wie die Bewohner vieler Dörfer und Städte, so tragen auch die Einwohner ganzer Länder oft besondere Namen, die nicht immer gern gehört werden. Bekannt ist die Bezeichnung »Blinde Hessen«. Wenn man die Bewohner des Hessenlandes ärgern will, so führt man den Ursprung dieses Namens darauf zurück, daß hessische Soldaten einst einen großen Misthaufen als eine feindliche Truppe angesehen und blind darauf losgeschossen hätten. In Wahrheit enthält der Ausdruck jedoch eine Ehrenbezeichnung, die den Hessen Anerkennung dafür zollt, daß sie wie blind auf die Feinde losgingen, wenn sie Vaterland. und Fürsten verteidigten. So hat auch der Name »Nassauer« verschiedene Bedeutung. Im eigentlichen Sinne versteht man darunter die Bewohner des Nassauer Landes. Der Ausdruck, es kommt ein »Nassauer«, wenn ein Gewitter oder überhaupt Regen in Aussicht steht, hat natürlich keine Beziehung zur nassauischen Bevölkerung; denn man will in diesem Falle nur andeuten, daß man bald »naß« wird. Etwas anderes versteht man am Niederrhein unter der Bezeichnung »Nassauer«. Wahrscheinlich in Erinnerung an die in früheren Kriegen von den nassauischen Truppen ausgeteilten wuchtigen Hiebe nennt man dort solche Männer so, die ordentlich drauf losgehen, wenn es ans »Keilen« geht, oder in verächtlichem Sinne manchmal solche, die gern Händel suchen, um ihre Rauflust befriedigen zu können. Eine andere, nicht ganz ehrenhafte Deutung gibt man dem Namen »Nassauer« wieder in anderen Gegenden. Man versteht dort Leute darunter, die gern umsonst mitessen und -trinken, und sagt von solchen, die gerne dabei sind, wenn etwas los ist, ohne daß es sie selbst etwas kostet, sie »nassauern«. So las ich in einer Erzählung, wie ein Handwerksbursche zum andern sagte: »Dann bezahlst du wohl deinen Schnaps nicht, sondern »nassauerst« bei deinen Nachbarn herum.« In diesem Sinne ist das »Nassauern« in ganz Norddeutschland eingebürgert und dem Berliner so geläufig wie dem Hamburger. Die Bezeichnung entstammt wie viele in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommene Ausdrücke der studentischen Redeweise. Ihre Entstehungszett liegt noch nicht allzuweit zurück. Jedenfalls hat die Hohe Schule zu Herborn daran keinen Anteil. Diese im Jahre 1584 von Johann VI. von Nassau-Dillenburg, dem würdigen Bruder Wilhelms des Schweigers, gegründete Bildungsstätte, mußte nämlich schon 1817 ihre Pforten schließen. Obwohl die theologische Fakultät in der Form des heute noch bestehenden Predigerseminars erhalten blieb, hatte das Herzogtum Nassau also keine eigene Landesuniversität. Man begegnet nun vielfach der Meinung, man habe die studierende nassauische Jugend infolgedessen an preußischen, hessischen und sächsischen Universitäten immer als Zaungäste auf den Hinteren Bänken der Hörsäle sitzend gefunden und diese Bänke deshalb mit »Nassau« bezeichnet und Leute, die ohne entsprechende Aufwendungen sich Vorteile verschafften, demgemäß »Nassauer« genannt. So wird von einem Universitätsprofessor erzählt, daß er eines Tages eine Handspritze mit den Worten erprobt habe: »Sie reicht bis Nassau«, d. h. bis zu jenen letzten Bänken, die man für Nichtlandeskinder freizulassen pflegte. Diese Erklärung stimmt jedoch nicht ganz mit den Tatsachen überein. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war vielmehr Göttingen als nassauische Landesuniversität bestimmt worden. Die Kollegiengelder für die nassauischen Studierenden wurden von der herzoglichen Regierung direkt dorthin eingezahlt, so daß der nassauische Student umsonst Kollegien hören konnte, im beneideten Gegensatz zu den andern, die aus eigner Tasche bezahlen mußten. Daneben bestanden an der Universität Göttingen reiche Stipendien für unbemittelte nassauische Studenten in Form von Freitischen, die fleißig benutzt wurden. Auch der regierende Herzog hielt für seine Landeskinder einen solchen Freitisch. Von den Teilnehmern hieß es: »Es ist ein Nassauer und bezahlt nichts.« Wenn nun ein berechtigter Teilnehmer vorübergehend verhindert war, so fanden sich zuweilen auch Studenten anderer Bundesstaaten ein, die den freistehenden Platz einnahmen und sich stillschweigend für Nassauer ausgaben. Dieses Vorgehen nannte man scherzhafterweise »nassauern«. Ebenso verhielt es sich bei dem Kollegienbesuch. Wenn Studenten eine von ihnen nicht bezahlte Vorlesung per nefas besuchten (das »Kolleg schinden« lautet ein anderer Ausdruck dafür) so pflegten sie sich dem Kollegiendiener gegenüber als »Nassauer« zu bezeichnen und so entstand in der Göttinger Studentensprache der Ausdruck ein »Kolleg nassauern«. Das Wort wurde bald auch für andere gleichartige Handlungen angewendet und verbreitete sich von Göttingen aus über die norddeutschen Universitäten weiter. Besonders günstigen Boden fand die Redensart im Berliner Jargon, der in dem dummen »Potsdamer«, der sich von andern ausbeuten läßt, bereits den Antipoden zum »Nassauer« ausgebildet hatte. So ist schließlich eine für Nassau ehrenvolle Einrichtung in ihr Gegenteil umgedeutet und berüchtigter Mißbrauch der Nichtnassauer auf den nassauischen Namen abgewälzt worden – bei der Ironie der Welt der übliche Dank für genossene Wohltaten. Das Elslein von Caub Von Hermann Harry Schmitz Ich habe hier meine kurzsichtige Tante Anisplätzchen Wilbert zwei Tage zu Besuch gehabt. Am ersten Tag ging ich mit ihr zum Blücherdenkmal. Kopfschüttelnd blieb sie eine Weile schweigend davor stehen. Dann sagte sie, sie finde die Auffassung des Bildhauers immerhin merkwürdig. Aus dem Kostüm werde sie vor allem nicht so recht klug. Der Kopf gehe ja, die Züge seien von einem außergewöhnlichen Liebreiz. Ich guckte sie groß an. So konfus hatte man den famosen Marschall Vorwärts noch nicht kritisiert. »Das ist doch ein sehr verständliches Monument«, warf ich ein. »So, findest du? Ich kann mir nicht helfen,« beharrte Tante Wilbert, »ich habe mir das Elslein von Caub anders vorgestellt.« »Das ist doch das Blücherdenkmal«, belehrte ich sie. »Ach so, warum hast du das nicht gleich gesagt?« Fast jedes Nest am Rhein hat seine «Reminiszenz an einen deutschen Dichter. Meistens nehmen Gasthäuser für sich die Ehre in Anspruch, daß gerade ihr Wein oder ihre Wirtin einstens die Anregung zu dem oder jenem bekannten Gedicht gegeben habe. Häufig wetteifern mehrere Prätendenten um dieselbe Ehre. In Königswinter gibt es eine Wirtschaft »Zum kühlen Grunde« und eine andere »Zum wirklich kühlen Grunde«. Wie ich höre, soll noch ein dritter Wirt den kühlen Grund für sich in Anspruch nehmen und sein Lokal »Zum amtlich beglaubigten und privilegierten kühlen Grunde« nennen. Original-Lindenwirtinnen, Original-Mädchen von Stolzenfels usw. gibt es hier massenhaft am Rhein. So sagt wenigstens Toni Bender, der sich darüber ärgert, daß die Dichter gerade gut genug sind, um als Aushängeschild für spekulative Hoteliers zu dienen. Toni Bender ist und bleibt ein Nörgler. Auch geriet er in Wut, als ich ihn nach dem Elslein von Caub fragte. »Nicht weniger als vier behaupten, das echte Elslein von Caub zu sein«, sagte Toni Bender, »davon heißt eine Mathilde, die scheidet mal sofort aus. Die zweite hat die Gicht, die dritte wiegt 280 Pfund, und die vierte ist vor einigen Tagen Großmutter geworden. So viel Phantasie kann ich nicht aufbringen, in diesen Matronen, so rüstig sie auch sein mögen – selbst wenn sie die Tradition auf ihrer Seite haben –, das im Cauber Nationallied gepriesene Elslein von Caub, die ›Schönst‹ im ganzen Reich' zu sehen. Ein Elslein von Caub, an das ich glauben soll, muß einen roten Mund zum Küssen haben und mit den blitzenden Augen der siegenden Jugend in die Welt lachen. Dann braucht sie von mir aus nicht einmal Else zu heißen!« »Das ist ja Quatsch,« warf ich ein, »ein Elslein von Caub kann nicht Marie oder Stina heißen. Das ist meines Erachtens die Hauptbedingung.« – Es war mir aufgefallen, daß Toni überall von den bezüglichen Wirtstöchtern mit einer außergewöhnlichen, direkt verblüffenden Liebenswürdigkeit behandelt wurde. Sämtliche Backfische Caubs schienen für ihn zu schwärmen. Ich, der ich doch viel schöner war, wurde fast gar nicht beachtet, so große Mühe ich mir auch gab. Ich wechselte geradezu beängstigend häufig meine Krawatte, sorgte peinlich dafür, daß die Strümpfe in der Farbe zur Krawatte stimmten, band die Schnürbänder an den Halbschuhen zu höchst graziösen Schleifen. Ich versuchte als angenehmer Gesellschafter zu glänzen, indem ich Kartenkunststücke machte, launige Schnurren erzählte, eine gedachte Zahl zu erraten versuchte, auf einem mit Seidenpapier überzogenen Kamm trompetete, mir die Haare ins Gesicht strich und schwermütige Lieder sang. Ich bot mich an, Garn zu halten oder Ableger von Geranien zu besorgen. Alles umsonst. Es gelang mir nicht, diesen Toni Bender auszustechen. Ich beschloß, ihn mit einer gewissen Kälte zu behandeln. Eines Tages erfuhr ich vom wackeren Turmwirt die Ursache von Tonis Erfolgen. Er hatte es verstanden, sich ein unerhörtes Ansehen zu geben und so nebenbei verlauten lassen, er werde dafür sorgen, daß Caub wieder eine Attraktion in einem einwandfreien Elslein von Caub erhalte. Das hatte sich bei den ehrgeizigen Backfischen herumgesprochen. Jetzt ging mir ein Licht auf. Er hatte eine Schwäche für eine gemütliche, altertümliche Schenke, in der ein braunlockiges Mädel den Wein kredenzte. Eine ausgeschlissene Steintreppe führte in die braungetäfelte Gaststube. Wenn Toni Bender sagte, er habe eine wichtige Besorgung zu machen, fand ich ihn stets hier bei der braunen Else. Auch umgekehrt überraschte er mich, wenn ich eine dringende, höchst wichtige Kommission vorgeschützt hatte, sehr häufig hier. Diese höchst seltene Übereinstimmung des Geschmackes brachte uns wieder näher, und eines Tages, als Toni gerade besonders guter Laune war – er hatte mich erfolgreich angepumpt –, erzählte er mir seinen Plan, das entzückende Wirtstöchterlein hier offiziell zum Elslein von Caub zu stempeln. Bei einer monumentalen Bowle haben wir in Gegenwart von alteingesessenen Bürgern die Belehnung vor sich gehen lassen. Es fing höchst feierlich im Gehrock und mit wohlgebauten Reden an und endete in höchst unfeierlicher Trunkenheit. Jetzt hat sich plötzlich das Interesse der hiesigen Backfische auch mir zugewandt. Und ich finde das nicht mehr als recht, denn ich bin wirklich schöner als Toni Bender. Was emal e altfrankforter Nachtwächter hat erlewe misse Von Friedrich Stoltze Merr sollt nicht glawe, daß es meglich wär, awwer es verhält sich so un net annerschter un is dessentwege werth uff die erstaunt Nachwelt zu komme, was emal e altfrankforter Nachtwächter hat erlewe misse. – Die Geschicht mit dem Nachtwächter is vor reichlich neinzig Jahr bassirt un dadirt noch in die Zeit zurick, wo's zwische Frankfort un Meenz noch lang kää Taunusbah gewwe hat, geschweihe e Ludwigsbah. Zu dere Zeit hawwe iwwerhääpt in Deutschland noch kää Eisebahne existirt, dann es war zu Anfang der Dreißiger Jahrn. Die Verbindung zwische Frankfort un Meenz is dazemal noch dorchs Meenzer Markschiff, en berihmte Schnellsegler, vermittelt warn, mit dem merr stromab nach Meenz dheurer gefahrn is als stromuff nach Frankfort. Dann stromab hat merr for 24 Kreuzer nor sechs Stunn fahrn derfe un stromuff for ewesoviel Geld zehe Stunn. – Zwettens is zwische Frankfort un Meenz e Postwage gange, dann von selbst geloffe is err eigentlich nor dem Wickerter Beerg erunner. Die dritt un Hääptverbindung awwer zwische Frankfort un Meenz ward zemeist von Meenzer Hauterer besorgt, die in Frankfort ihr Absteihquartier un ihrn Haltblatz uff dem »Stääweg« hatte, am damalige »Nassauer Hof« odder am »Weidebusch« odder am »Schwane«. – Uff der Fahrt von Meenz nach Frankfort, odder umgekehrt, ward in Hatterschheim beim Wörle gefittert. – Zu Aafang der dreißiger Jahr also begab sich emal in ere scheene Sommernacht e gar aagenehmer, lauer, sinniger Rege, der nach des Dages Hitze un des Awends Schwile des Plaster erfrischt und dem aagefeuchte Stääb en erquickende Duft entlockt hat. Der Nachtwächter im Quadier hatt ewe in de »Drei Haase« uffem Comedieblatz Feierawend gebotte, dann es war in der Krawallzeit un gung stark uff Elf. Eigentlich hätt err schont um zehe n'Uhr Feierawend biete sölle; so geschwind konnt merr awwer nicht, wann merr emal in dene »Drei Haase« drin war, noch sechs Schoppe Eppelwei drinke. Alles was geht un steht. Un wie err dann endlich gange is, hat en draus schon sei Colleg aus dem benachbarte Quadier mit dem Morjendstern erwaart. Der Morjendstern war e großer Stern von Blech, uff ere lange un dicke Stang aagebracht, un ward von ääm Nachtwächter immer dem annern zugestellt, un hat so die Rund dorch die ganz Stadt gemacht, bis err mit Dagesaabruch uff der Constaweler-Wacht widder abgeliewert ward. – Err war so e Art Controll iwwer die Nachtwächter, ob se ääch uff ihrm Poste wärn, un wer en dann von dene Nachtwächter an sein Colleg abgeliewert hatt, der war – außer Controll. Also unserm Nachtwächter, wie err aus de »drei Haase« eraustrat, ward von seim Colleg der Morjendstern iwwerreicht. Den nahm err dann un gung in dem laue, sinnige Sommernachtsrege nach der Allee zu, dem jetzige Goetheblatz. – Die sechs Schoppe Eppelwei hatten em e Bissi waarm gemacht, un err nahm sei Kapp ab, um sich ebbes abkihle ze lasse. Awwer uff äämal fungs stärker ze regne aa, wie deß so geht, un gleich druff hats als wie aus Kiwel erunnergeschitt. Der Nachtwächter hat geschwind Widder sei Kapp uffgesetzt un is mit seim Morjendstern in die Allee geloffe un hat sich da unner en Lindebääm gestellt. Awwer Lindebääm tröppele ab, wann se naß wern, un dem Nachtwächter is daderrvo ebbes in die Ank geloffe. Err hat sich dessentwege ääch eiligst mit seim Morjendstern nach dem »Weidebusch« begewwe, um sich da unnerzestelle. – Der Herr Mohr awwer, der damalige Gasthalter zum Weidebusch, scheint sich nicht viel aus Regenwasser gemacht ze hawwe un kään große Werth druff ze lege, dann am Weidebusch besänne sich, wie damals noch an viele Häuser in Frankfort, kää Kennelrohrn, die den Rege erunner in e Regefaß odder in's Floß gefihrt hawwe, sonnern zwää mächtig große Dachtraufe in Gestalt von zwää speiende Drache. – Von da owe dem Weidebusch sin also zwää ganz aaständige Wasserfäll uffs Plaster erunnergesterzt, wodurch der Nachtwächter fortwährend nicht ganz unbedeitende Spritzer uff die Stiwel, die Hose un den Rock krieht hat. Da awwer ganz in der Näh, vorm »Nassauer Hof« e Meenzer Retourkutsch stand, so war dem Iwelstand leicht abzuhelfe. Der Nachtwächter hat sich nach dere Meenzer Retourkutsch hibegewwe un hat sich mitsammt seim Morjendstern eneigesetzt. Es war hireichend Blatz for alle Zwää. dann es war e Retourkutsch for sechs Persone, wo vier bequem Platz drinn hatte. Da saß err dann im Trockene, un bald empfand err, dorch die sechs Schoppe Eppelwei, die err im Leib hatt, un sein e Bissi aagenäßte Rock, e sehr aagenehm feucht Wärm un hat sich behaglich ausgestreckt. Un e paar Minute speter lag err in Morpheus Arme un schlief de diefe Schlaf des Gerechte. – E halb Stunn speter hat sich der sommernächtliche Himmel widder uffgeklärt, die Stern trate aus de Wolke evor, un die Meenzer Retourkutsch mit dem Frankforter Nachtwächter un seim Morjendstern drin is sanft un behaglich uff der Meenzer-Schossee nach Höchst zu gerollt, dann der Kutscher hatt sich widder uff den Häämweg gemacht un hatt sein Gaul eigespannt, ohne daß es der Nachtwächter gemerkt hätt. – Trotz de Stumper, die der Kutschekaste uff dem Nieder un Höchster Plaster krieht hat, is unser Nachtwächter doch net uffgewacht, un so kam err dann glicklich in Hatterschheim aa. Da, beim Gasthalter Wörle, hat der Kutscher Halt gemacht, is vom Bock erunner un hat sein Gaul gefittert. Während Der sein Hawwer gefresse hat, is der Kutscher in die Werrthsstubb, um ääch sich ze stärke – Kaum war err drin, wacht unser Frankforter Nachtwächter in dere Meenzer Retourkutsch uff, reibt sich die Ääge, guckt sich verwunnert um, erblickt sein Morjendstern un erinnert sich glicklicherweis gleich der Sach, un daß err sich von wege dem Rege in die Kutsch gesetzt hätt un eigeschlafe wär. – Nach seiner ungefähre Schätzung konnt err e gut halb Stunn geschlafe hawwe, – es mißt also jetz wenigstens Mitternacht schont geschlage hawwe. Um des Versäumte geschwind nachzehole, dappt err sein Morjendstern, springt aus der Kutsch eraus un rieft aus vollem Hals: Hiert ihr Hirrn un lasset euch sagin! Die Glock hat Zwölf geschlagin, Und lobet Gott den Hirrn! Zwölf is die Glock. Unser Frankforter Nachtwächter war nämlich e damals sogenannter »I«-Rufer, der alle »e«, wo's erjend gung, wie »i« gerufe hat, zur Unnerscheidung von de »Ö«-Rufer die alle »e« wie »ö« gerufe hawwe. – Uff dem Nachtwächter sein Ruf in dem Wörle sein Hof is alles, was noch drin in der Werrthsstubb war, erausgeloffe, wodurch sich der Nachtwächter bewoge fand, sich, ohne weiter umzegucke, enaus uff die Gaß ze begewwe. – Kaum war err da draus, so hat in ere Newegaß e Nachtwächterhorn geblase: »Duht! Duht! Duht!« – Un e Stimm hat gerufe: »Drei is die Glock!« – »Wos segst de?« hat der Frankforter Nachtwächter gesacht. »Gew acht, ich wern derr zeige, wer in der Näh is!« Un daderrmit hat err aus vollem Hals gerufe: Hiert ihr Hirrn un lasset euch sagin! Die Glock hat Zwölf geschlagin, Und lobet Gott den Hirrn! Zwölf is die Glock! »Was is dann deß for e Kerl, der sich unnersteht hie in Hatterschem die Uhr auszurufe un ääch noch Zwelf anstatt Drei?« hat der Hatterschheimer Nachtwächter in der Newegaß gesacht. »Waart, Volleul, ich wern Derr zeige, wer in der Neh is.« Un daderrmit hat err widder sei Horn an den Mund gesetzt un hat eneigestoße: »Duht! Duht! Duht! Drei is die Glock!« »No, waart, Berschi, ich krieh dich!« hat der Frankforter Nachtwächter gesacht un is vorwärts geeilt un dere Stimm zu. – Fuffzig Schritt weiter trafe der Frankforter un der Hatterschheimer Nachtwächter zesamme un faßte sich bääde vorn an der Brust un hawwe sich gegeseitig geschittelt. »Was soll dann deß vorstelle? Wie kann err sich unnersteh un hie in Frankfort die Stunn ausrufe un derrzu duhte wie der Seckbächer Kihherrt? Un ääch noch Drei anstatts Zwelf!« hat der Frankforter Nachtwächter gekrische un hat drohend sein Morjendstern geschwunge. »Deß frag ich Ihn!« hat der Hatterschheimer Nachtwächter gekrische. »Wie kann Err hie in Hatterschheim die Uhr ausrufe, un ääch noch Zwelf statt's Drei?« – »Wu? in Hatterschem? Err will sich ääch noch mit merr uhze! – Alleh! Vorwärts uff die Constaweler Wacht! –« »Constaweler Wacht? Gibbt's net in Hatterschheim. Hie heeßt's Brummstall. – Alleh vorwärts! –« »Dere Hack wern merr gleich en Stiel finne!« hat awwer der Frankforter Nachtwächter gerufe, hat sei Peifche an de Mund gesetzt un hat gepiffe. »Do kannst de lang peife, bis noch e Annerer kimmt als ich!« hat der Hatterschheimer Nachtwächter gerufe. »Ich wern derr weise, was nassauisch Bollezei is.« – Un da hawwe se sich enanner net ganz liebreich umarmt un hawwe mit enanner gerunge, bis se alle Zwää am Boddem läge, der Frankforter Nachtwächter owe un der Hatterschheimer unne, dann Dem war beim Balge der Morjendstern zwischen die Bää komme. Un wie der Frankforter Nachtwächter so owe lag, hat uff äänml uff dem Haiterschheimer Kerchthorn die Glock halwer Vier geschlage. – Dieser fremde Glockenton, der dorchaus kää Ähnlichkeit hatt mit der Glock uff dem Katharinethorn un de Pathornsglocke in Frankfort, hat en uffmerksam gemacht. »Ei, zum Deibhenker, wo bin ich dann?« hat err ganz verwunnert gesacht. »Ei in Hatterschem!« hat der Hatterschheimer Nachtwächter unnerm gekeischt. – »Ei, ich glääb selwer. Gottverdamm mich, wie sein ich dann hieher nach Hatterschem komme? – Ewe geht merr e Licht uff. – Nix for ungut, Herr Colleg! – Wann De emal nach Frankfort kimmst un riefst in meim Quadier die Stunn aus, da leihst Du unne un ich owe, wollt ich sage, leih ich unne un Du owe.« Ad. Presber, Chorstuhlfratzen aus Kloster Arnstein. Wirtschaft. Im Hauptbahnhof zu Frankfurt Von Alfons Paquet Die hohe weite Eisenhalle braust, ein Stöhnen, Stoßen, Knirschen, Klirren und Donnern hallt da innen Von Eisenzügen, die den Port gewinnen. Gewölbte Dämmrung. Mit gewaltig großen Trüben Glaswänden fängt-umfängt sie Rauch und Licht, Lärm, Ruh und Eile; fahler bricht Des Himmels Blau durch ihres Giebels Bogen, Laternen glühn tiefrot, rubinengleich, Wie Sterne klar als Zeichen hochgezogen. Ein weiter Saal. Viel Lichter, Menschen, Tische. Es dunkelt drauß. Durch eine Tür von Glas Blinkt hell die Straße her. Elektrisch bleich Strahlt eine Lampe, bläulich, oft gespiegelt Von Scheiben, Gläsern, Spiegeln, Türen – Sie scheint durch einer Laube Grün zu führen: Zart blüht ihr Licht im Laub von Schwarzdornbäumchen, Sie scheinen prall durchsonnt, doch stehn in kühler Frische. Laub, Rasen sind smaragd vom grünsten Licht. Und heiter, Geschäftig, leuchtend, – so vom Schein Der frühn Beleuchtung wie des späten Tags – Kreuzt hier das Leben einer großen Stadt. Blinkfein Spurwagen laufen, klingeln, Droschken rollen. Weiter Öffnet der Platz sich, wieder jetzt verdeckt Von Wagen und von Leuten. Drüben flammen In Fenstern, Läden Lichter, bunt versteckt – Traumhaft und mild und flüchtig klingt's zusammen. R. Biringer, Höchst, Untermaintor. Höchster Farbwerke Von Joseph Hensler Was für ein abscheulicher Geruch? Das schmeckt ja nach Krankenhaus und Apotheke!« So hat schon mancher Reisende gefragt, wenn der Zug in Höchst hielt und das geöffnete Wagenfenster einen Hauch »frischer« Luft herein ließ. Die Gedankenverbindung Höchst mit Farbwerken ist schnell hergestellt, zumal es kilometerlang an Fabrikgebäuden, rauchenden Kaminen, kugelförmigen Kesseln, wolkenkratzenden Silos, langgestreckten, raupenähnlichen Lagerhäusern bis zum nächsten Bahnhof Sindlingen weitergeht. Bei allen Weltreisenden, aber auch bei vielen Nassauern steht das Urteil fest: Höchst in ein langweiliges Fabriknest, verpestet durch die Farbwerke. Ein wenig ändert sich das Urteil schon für den besinnlichen Beobachter, der den Strom der Arbeitermassen gewahrt, die in dichten Kolonnen, Heeressäulen vergleichbar, in beängstigendem Rhythmus die Straßen des Städtchens von und zu der Fabrik durcheilen, und der davon hört, daß den Bahnhof täglich zwanzigtausend Menschen passieren. Wer es nicht wüßte, müßte sich fragen: Woher und Wohin? Und die Antwort auf diese Schicksalsfrage lautete immer wieder: Farbwerke. Dort geht buchstäblich für viele Tausende die Sonne auf und unter. In den Wintermonaten sieht mancher Arbeiter Heim und Herd, Frau und Kind nur im Scheine künstlichen Lichtes. Auch vielen Chemikern und selbst Direktoren geht es nicht anders. Alle die Menschen mit ernstem Antlitz und karger Unterhaltung, die Mütze auf dem Kopf oder die Aktenmappe unter dem Arm, mit kurzer Pfeife oder Zigarette, dem Inbegriff des Lustgefühls für freie Stunden, sie gehen, jung und alt, tagaus tagein, nachtaus nachtein, in regelmäßigem Schichtwechsel von der Bahn zum Werk, von dem Werk zur Bahn. Es liegt etwas Ehernes in dem Pendelschlag dieser Bewegung. Man möchte wissen, wo die Flut verebbt. Nach der einen Seite gehen die Schwingungen bis in die hochgelegenen Taunusdörfer hinter dem Feldberg; bis nach Nieder- und Oberreifenberg kann man sie verfolgen. Nach der anderen Seite muß man vor eisernen Toren halt machen. Kein Neugieriger darf es wagen, auch nur den Vorhof des Heiligtums zu betreten. Ein dunkles Etwas, ein geheimnisvolles Ungeheuer, eine Sphinx an der Straße des Lebens verbirgt sich in den Farbwerken, die im Wunde der alten Höchster nur mit der Einzahl verbunden werden. Die Farbwerke »ist« ein Ganzes, ein Einziges, eine Erwerbsquelle, ein Auftraggeber. Die Stadt lebt davon, die Geschäfte sind durch sie groß geworden, die Handwerker, Schlosser, Schreiner, Anstreicher und alle andern erhalten von ihr Lieferungsaufträge von einem Umfange, wie sie sonst in kleinen Städten nicht zu finden sind. Die Altstadt hat ihren Rahmen längst gesprengt. Die Festungsgräben der mittelalterlichen Burg sind zu Grünanlagen geworden. Neue Stadtteile mit der langweiligen Bauweise des ausgehenden 19. Jahrhunderts bilden einen merklichen Gegensatz zu manchen malerischen Winkeln der einst blühenden mittelalterlichen Stadt. Wie stark das wirtschaftliche Leben der Stadt von den Farbwerken gespeist wird, zeigt sich im weiteren Umkreis an den neuzeitlichen Arbeitersiedlungen und geschmackvollen Einfamilienhäusern, die zum größten Teil von den Farbwerken errichtet wurden. Wenn schon im 18. Jahrhundert ein großzügiger Bebauungsplan durch den Mainzer Erzbischof und Kurfürsten Emmerich-Joseph vorlag, der als erstes industrielles Unternehmen in Höchst die später eingegangene Porzellanmanufaktur gründete, so wird das Höchst der Zukunft mit Gärten und Alleen geschmückt sein, wie sie den städtebaulichen Bedürfnissen einer Einwohnerschaft entsprechen, die nach Luft und Licht dürstet. Durch den Main liegt Höchst am Meer, und durch das Meer in der Welt wie Amsterdam und Neuyork. Aber nicht deshalb kennt man Höchst in Chikago und Singapore. Es gibt noch viele Städtchen am Main, die der Berliner nicht einmal dem Namen nach kennt. Aber Freude an der Farbe findet man in allen Ländern. Sie ist eine Weltfreude ähnlich wie die Musik. Daher hat Höchst seine Weltgeltung. In Indien liebte man Farben von alters her, woher kommt sonst der Name »Indigo«? Wer kennt heute nicht »Indanthren«-Farben? Über den ganzen Erdball sind sie verbreitet. Wer freut sich nicht an dem Farbenspiel des Regenbogens? Schon im Jahre 1912 hatten die Farbwerke elftausend verschiedene Farbstofftypen. Man spricht nicht mehr von den giftigen Anilinfarben. Die stolzen Zeiten der »reinen« Spektralfarben sind vorüber. Das patentierte Aldehydgrün, Bleu de Paris und andere gehören ins Laboratorium. Woher kommen die zartgetönten Seiden- und Sammetstoffe, die Leinen und Ripse in allen Schattierungen, die Buntpapiere und farbigen Leder, die den verwöhntesten Geschmack der Buchliebhaber entzücken, die wundervollen lichtechten Tapeten? Geh in die Krankenhäuser Brasiliens oder nach München. Woher kommt das Tuberkulin, Diphterieheilserum, Salvarsan, Veronal, Novocain, Panflavin und viele andere Arzneimittel zur Bekämpfung des Heeres von Krankheiten, die den Menschen plagen. In welches Haus ist noch nicht Pyramidon eingedrungen, wem ist noch nicht durch seinen Gebrauch lästiges Kopfweh oder lähmendes Fieber ins Nichts verflogen. Weiß auch jeder, daß es in Höchst hergestellt wird? Fiebermittel wie Aspirin haben sich von Höchst aus die Welt erobert. Es gibt wohl keine Krankheit, die Schlafkrankheit nicht ausgenommen, gegen die nicht von den Höchster Farbwerken mit Aussicht auf Erfolg der Krieg erklärt wird. Man mag über die chemischen Heilmittel als Verfechter der Naturheilkunde den Kopf schütteln, man mag die reinen Erzeugnisse der Natur höher schätzen als künstliche Präparate, aber wer möchte bezweifeln, daß ein unermeßlicher Strom des Segens für die leibliche Gesundheit von Tausenden und Abertausenden hier seine Quelle hat? Neuen Ruhm haben sich die Höchster Farbwerke durch ihre Abteilung für Schädlingsbekämpfung erworben. Die Landwirte, Gärtner und Baumzüchter, die Winzer und Förster, alle kennen die künstlichen Düngemittel, den Raupenleim, die Rattengifte und so viele andere feurige Pfeile, die den kleinsten Raubtieren in den Rachen fliegen. Die Herstellung von Mischdünger aus Stickstoff, Kali und Phosphaten steht gegenwärtig im Vordergrunde des Interesses. Es braucht nicht darauf hingewiesen zu werden, welche Bedeutung die Farbwerke dadurch für die deutsche Landwirtschaft erlangt haben. Was ist aus der kleinen chemischen Fabrik geworden, die unter der Firma: »Meister, Lucius \& Co.« im Januar 1863 gegründet wurde, um sich »mit der Darstellung der Anilinfarben und der in diese Branche einschlagenden Artikel zu beschäftigen«, wie es in ihrer ersten Geschäftsanzeige heißt! Ein Chemiker, ein Kolorist und fünf Arbeiter stellten damals täglich in einem Schuppen etwa 12 Pfund roten Farbstoff, sogenanntes Fuchsin her. Alle Gerätschaften fanden auf einem Handwagen Platz. 1925 beschäftigte die »Rotfabrik«, wie sie der Volksmund nennt, rund 10 000 Arbeiter, 1000 Aufseher. 1000 kaufmännische Beamte, 400 Chemiker und andere Wissenschaftler. Das Werk hat eine Schmalspurbahn von etwa 120 Kilometer Länge, vielfach als Hochbahn über die ganzen Anlagen geführt, eine eigene große Kai-Anlage für die Rheinschiffe, einen Grundbesitz von über 6 Millionen Quadratmeter und einen Aktienbesitz, der sich zahlenmäßig nicht gut aussprechen läßt. Nachdem die »Farbwerke vorm. Meister, Lucius \& Brüning, Höchst am Main« im November 1925 mit sechs anderen Werken eine große Interessengemeinschaft gebildet haben, die ihren Gesellschaftssitz nach Frankfurt am Main verlegte, haben sie der kapitalistischen Wirtschaftsform des Trustes ihre Selbständigkeit geopfert. Die Firma besteht nicht mehr für sich. Der Kopfdruck aller Formulare lautet: »I. G. Farbenindustrie A. G.«, bescheiden darf »Werk Höchst« hinzugefügt werden. Der überaus vielseitige Farbenkonzern gliedert sich in fünf Arbeitsgebiete: 1. Farben, 2. Stickstoff, 3. Pharmazeutische und Schädlingsmittel, 4. Photographie und Kunstseide, 5. anorganische Produkte und organische Zwischenmittel. Für Höchst dürfte bei der Umgruppierung die Herstellung von Farbstoffen und Pharmazeutischen Mitteln im weitesten Sinne auch fernerhin die Hauptsache bleiben. »Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.« Das mag man als Gesichtspunkt für die Bildung von Weltkonzernen gelten lassen. Der deutsche Farbentrust hat denn auch schon der außerdeutschen Wirtschaft das Gesetz des Handels mehrfach aufgezwungen. In neuester Zeit erregt die größte Aufmerksamkeit die Frage der Kohleverflüssigung, d.h. der Gewinnung von Treibölen aus Kohle, wie sie dem Heidelberger Professor Bergins geglückt ist. Die Durchführung des »Bergin-Verfahrens« hat in größtem Ausmaß die I. G. Farbenindustrie übernommen. Dies wird voraussichtlich nicht nur die gesamte deutsche Kohlenwirtschaft auf neue Bahnen lenken, sondern auch das Monopol der großen amerikanischen Erdöl-Gesellschaften brechen, die bisher die Versorgung Deutschlands mit Mineralöl-Produkten »von der Quelle bis zur Lampe« in Händen hatten. Die internationalen Verhandlungen, die Verständigung über Benzinpreise und Benzinabsatz mit England, Amerika, Japan, können ohne die Vertreter der I. G. Farbenindustrie nicht geführt werden. Wer unser liebes Nassauer Ländchen mit seinen mannigfaltigen Sehenswürdigkeiten durchwandern will, darf an Höchst nicht vorübergehen. Die unangenehmen Abgase werden mehr und mehr entgiftet. Es bleibt nicht nur der Duft und die Patina der Justinuskirche, des alten Schlosses und des Bolongaro-Palastes, es weht auch frischer Zug neuzeitlicher Schaffensfreude um den Turm und durch die lichterfüllten Räume des neuen Verwaltungsgebäudes der Farbwerke von Peter Behrens. Mit dem alten Direktionsgebäude von 1893 ist es durch eine die Straße kühn überquerende Brücke verbunden. Wie ein Sinnbild der Arbeit und des Wiederaufbaues wirkt dieser streng-sachlich gegliederte Bau eines neuen Geschlechtes. Kein falsches Zierstück wie an seinem Gegenüber, keine einen italienischen Palast vortäuschende Front und Freitreppe stört den Ausdruck deutschen Willens. Von der Straße geht man ebener Erde in die Eingangshalle, die uns wie ein Farbenhimmel empfängt, aus dem Alltag in den Feiertag, der uns ahnen läßt, was das Goethewort bedeutet: »Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.« Lahnmarmor Von Carl Birkenholz Das Lahntal zwischen Weilburg und Diez ist weit über die Grenzen Nassaus wegen seiner landschaftlichen Schönheiten bekannt und von Freunden der Natur gerne aufgesucht. Leider wenig außerhalb Nassaus bekannt ist aber die Tatsache, daß sich hier das Lahnmarmorgebiet befindet. Und zwar wird an den Höhenzügen des Westerwaldes der größte Teil des deutschen Marmors überhaupt gefördert. Die Nassauer Marmore, die eine Farbenüppigkeit und Farbenmannigfaltigkeit ohnegleichen auszeichnet, werden bei Diez, Villmar und besonders in den Gemarkungen Schupbach, Wirbelau und Gaudernbach, kleinen Dörfern bei Weilburg, gefunden. Sie erscheinen bald in feurigroten Farbtönungen, weiß und gelb geflammt, bald in Silbergrau mit schwarzen und weißen Tupfen, oder in einer Färbung, die dem Anblick eines Laubwaldes im Herbstkleid ähnelt. – Das Ausland hat keinen farbigen Marmor aufzuweisen, der sich an Schönheit mit dem Lahnmarmor messen könnte. – Alle jene Sorten, die der Marmorbruchbesitzer vor dem Kriege nur unter hochtönenden fremdländischen Bezeichnungen, wie Porvenir oder Rojizonazzo verkaufen konnte, haben während des Krieges ihre guten deutschen Namen »Brunhildenstein« und »Grafenstein« wiedererhalten. Die Geschichte der Marmorindustrie im Lahntal entbehrt nicht des Reizes. Um die Wende des 17. Jahrhunderts gründeten die Fürsten von Nassau in ihrer Residenz Weilburg a. d. Lahn ein Arbeitshaus, in dem die Gefangenen mit nutzbringender Arbeit beschäftigt wurden. Die Sträflinge zogen in Abteilungen nach den Marmorbrüchen von Villmar, Schupbach und Odersbach, und hier mußten sie die Marmorblöcke aushauen. Andere Kolonnen fertigten unter Leitung von Steinmetzen Grabmäler, Altar- und Kanzelstücke an. All die herrlichen Marmorarbeiten im Schloß und in der Schloßkirche zu Weilburg sind damals entstanden. Das Arbeitshaus wurde im Jahre 1784 von Weilburg in die Burg nach Diez a. d. Lahn verlegt. Nach Becker (Die Marmor- und Granitwerke am Mittelrhein, Ffm. 1884) beteiligten sich aber nicht allein Gefangene der Burg an den Brucharbeiten, sondern auch freie Arbeiter, die sich allmählich zu kleinen Meistern heranbildeten, um dann in eigener Arbeitsstätte Gegenstände für den Hausgebrauch und kleinere Grabsteine anzufertigen. Die Werkstätte in Diez nahm im Laufe der Jahre einen immer größeren Umfang an. Denn neben den Kunstwerken in der nächsten Umgebung sind die Marmordenkmäler des Rheingaus und der Maingegend in Diez zugeschnitten worden. Als Herzog Adolf 1847 die Lahnkanäle anlegen ließ, nahm die Lahnmarmor-Industrie einen bedeutenden Aufschwung. Denn nun konnte man die zentnerschweren Blöcke und fertigen Arbeiten leichter verfrachten und damit den Absatz vergrößern. Doch dauerte der Aufschwung nicht allzu lange. Die Fortschritte, die der Bahnbau um die Mitte des 19. Jahrhunderts machte, führte zwar zu einer Verbindung mit den westlichen Ländern, doch bedeutete dieser Fortschritt in Wirklichkeit einen Rückschritt. Frankreich und Belgien überschwemmten Deutschland mit ihren Marmorartikeln und sie konnten die deutschen Preise unterbieten, weil ihre Arbeit maschinell eingestellt war, während in der Diezer Werkstätte noch alles handgearbeitet wurde, was natürlich zur Folge hatte, daß die Arbeit langsamer und auch teurer war. Auch die Umstellung des Betriebes auf eine rationelle Arbeitsweise vermochte den Untergang des Lahnwerkes nicht aufzuhalten. Dies wurde von der ausländischen Konkurrenz erdrückt, seine Werke wurden stillgelegt und die Brüche zerfielen. Das geschah im Jahre 1863. Erst Jahrzehnte später begann man wieder mit dem Abbau. Auf der Weltausstellung in St. Louis und später auf den Ausstellungen in Brüssel und Chicago waren Marmorportale zu sehen, die höchste Bewunderung erregten. Die Portale waren in grauer bis tiefschwarzer Grundfarbe mit weißer, zartrosa und gelblicher Äderung. Dieser Marmor stammte aus unserer nassauischen Heimat, und ebenso wie in den Schlössern von Homburg oder Hohkönigsburg, den Kurhäusern von Ems und Wiesbaden würden die Besucher ohne sichtbaren Hinweis nicht merken, daß dieser von einer wunderbaren Schönheit ausgezeichnete Marmor deutscher Marmor – Lahnmarmor – ist. Auch manchen Schreibtisch ziert Schreibzeug in feurigrot, schwarz, oder weiß, in rosa oder gelb und der Besitzer weiß ebensowenig, wie die Frau des Hauses, die feine geschliffene Marmorschalen besitzt, daß der Marmor ein »Brunhildenstein«, ein »Schupbach«, ein »Grafenstein« oder ein »Auberg grau« ist. Auch die nach dem Entwurf des Bildhauers Schreiner ausgeführte Löwenfigur des Hochhauses in Düsseldorf ist aus Lahnmarmor »Wirbelau« gehauen. Der riesige Block hatte ein Gewicht von 26 000 Kilogramm. – Ebenso wird der Lahnmarmor zu Dekorationszwecken bei der Innenarchitektur gern verwandt, denn seiner Farbenüppigkeit entspricht eine fast unbegrenzte Verwendungsmöglichkeit. In Platten geschnitten dient er zur Herstellung von Wandverkleidungen, Möbelaufsätzen aller Art, Treppenstufen, zur Ausschmückung von Wohnungen und vielen anderen Zwecken. Auch der erst vor kurzem entstandene Rathausneubau in Rotterdam zeigt in Gestalt von Säulen und Wandverkleidungen die Farbenpracht des Brunhildensteiner Marmors. Lahnmarmor! Wer kennt seine Schönheit, seine Farbenpracht und Güte. Viel zu wenige wissen davon und doch sind so viele Schlösser, Dome, Theater und Kirchen, öffentliche und private Bauten mit farbenprächtigem Lahnmarmor geschmückt. Der Tempel Von Leo Sternberg In den blutbraunen Dünsten, den finstren, über den Eisenhütten Aufwehen die himmlischen Inseln, die blauen und grünen ... Männer, die zu den Ladebühnen Steinloren rollen und donnernd in Schleppkähne schütten, Erblicken im Strome zart den Widerschein ... Noch keiner sah an südlichen Gestaden Durch Tempelsäulen aus Gold und Marmorstein Des dunklen Meeres pfauengrüne Weite blaun. Doch wenn sie die Steinlasten in die Kähne laden, So wissen sie ihre Hände mit an dem Tempel baun, Der leuchtet von ferner Küste, wohin die Schlepper ziehn: Der Giebel sich spiegelnd in Bläue, die Stufen vom Meer befeuchtet.. Die Schlepper ziehn .. Nicht sie, noch ihre Kinder sehen ihn – Allein, der Tempel leuchtet! Ad. Presber, Alte Weinkelter zu Schloß Vollrads. Land und Leute im Rheingau Von Wilhelm Heinrich Riehl Man hat nach einem zweihundertjährigen Durchschnitt ausgerechnet, daß im Rheingau auf 20 Jahre elf geringe Weinjahre kommen – für den größeren Gutsbesitzer; für den kleinen Bauern sind das elf Not- und Hungerjahre! In den 9000 Morgen Weingelände des Rheingaues, die dem auf dem Dampfschiff vorüberjagenden Touristen im Rebengrün so lustig entgegenschimmern, wird gar manche bange Hoffnung in jedem Frühling mühselig eingegraben, und im Herbst findet sich's doch, daß mehrenteils nur Hunger und Kummer darinnen aufgewachsen sei. Mehr als sieben und eine halbe Million Flaschen großenteils vortrefflichen Weines erzeugt ein guter Rheingauer Herbst, aber es sitzen viel bittere Tränen in dem süßen Wein. Das Würfelspiel der »Weinjahre« ist die Angstfrage des Rheingauers. Der fromme Glaube hat nicht umsonst so viele Herrgottsbilder in die Weinberge gestellt; er läßt sich den Johanniswein in der Kirche segnen, und schüttet ihn als den letzten Aufguß zu dem jungen Wein ins Faß, damit gleichsam ein Segen das Faß schließe und den edlen Stoff behüte. Selbst wenn der Most aus der Kelter rinnt, weiß der Winzer noch nicht ganz, was er an ihm hat. Mancher scheinbar geistlose Most ist schon mit der Zeit zu einem wahren Genie von einem firnen Wein herangewachsen – so ging es zum Beispiel vielfach mit dem 1848er –, und umgekehrt offenbart mancher vielversprechende »Federweiße« erst dann seine Flachheit und Mattheit, wann er ausgegoren. Das ist das Geheimnis des Geistigen im Wein, seines Duftes, seiner Würze, die sich mit der Mostwage nicht wägen lassen, so wenig als eines Menschen Genius, seiner »Gäre«, die sich nicht vorherbestimmen läßt, so wenig als eines Menschen innerer Entwicklungsgang. Ein Spielball aber für diese dunkle Mystik der Naturkräfte ist des armen Weinbauern ganze Existenz. Der Rheingauer Herbst ist nicht mehr das farbenbunte Fest, wie es in Büchern beschrieben, in Liedern besungen ist, auch in den besten Jahren nicht, wo der plötzlich reiche Gewinn das Volk selber noch zu festlicher Stimmung berauschen mag. In kleineren Weingütern wird in schlechten Jahren wohl der ganze Traubenwuchs gegen ein Spottgeld an den Stöcken verkauft, weil der Besitzer sich nicht getraut, das Kapital der Erntekosten hineinzustecken. Wenn man dann mit den Weinbeeren der rauheren Lagen, wie der örtliche Kunstausdruck ist, »Spatzen schießen« kann, mag man wohl das Pulver zu den sonstigen herbstlichen Freudenschüssen sparen. Das »Spätherbsten« ist ein großer technischer Fortschritt, aber es hat den Novemberreif auf das Volksfest der Weinlese geworfen. In laublosen Weinbergen mit durchweichtem oder halbgefrorenem Boden, den aschgrauen Himmel des Vorwinters über sich, vor Kälte zitternd, kann man kein Volksfest im Freien begehen. Die alten sinnigen Herbstbräuche sind im Rheingau in gleichem Grade schlafen gegangen als das Spätherbsten überhand nahm. Fast am längsten noch hat sich das uralte Schlußstück dieser Volksfeste erhalten, die sogenannte »Herbstmucke«, indem nach vollendeter Lese das schönste Mädchen und der schmuckste Bursche der Gemeinde in buntem Maskenputze zusammen auf das zum letzten Male gefüllten Ladefasse gesetzt und unter Gesang und Musik, von allen Winzern begleitet, ins Dorf gefahren werden. Das Elend des Weinbaues hat aber doch die Fülle der Lebenslust nicht vertilgen können, die dem rheingauischen Volkscharakter innewohnt. Die Leute vertrinken ihre Not; denn je weniger Geld der Weinbauer hat, um so mehr hat er ja zu trinken. Seit tausend Jahren ist das Rheingauer Leben gleichsam in Wein getränkt, es ist »weingrün« geworden wie die guten alten Fässer. Dies schafft ihm seine Eigenart. Denn es gibt vielerlei Weinland in Deutschland, aber keines, wo der Wein so eins und alles wäre wie im Rheingau. Hier zeigt sich's, wie »Land und Leute« zusammenhängen. Man erzählt sich im Rheingau von Müttern, die ihren neugeborenen Kindern als erste Nahrung ein Löffelchen guten alten Weines einschütteten, um ihr Blut gleich in der Wiege zum rechten Pulsschlag der Heimat zu befeuern. Ein tüchtiger »Brenner«, wie man am Rhein den vollendeten Zecher nennt, trinkt alltäglich seine sieben Flaschen, wird steinalt dabei, ist sehr selten betrunken und höchstens durch eine rote Nase ausgezeichnet. Die Charakterköpfe der gepichten Trinker, der haarspaltenden Weingelehrten und Weinkenner, die übrigens doch gemeinhin mit verbundenen Augen durch die bloße Zunge noch nicht den roten Wein vom weißen unterscheiden können, der Weinpropheten, der Probenfahrer, die von einer Weinversteigerung zur anderen bummeln, um sich an den Proben gratis satt zu trinken, finden sich wohl nirgends anders in so frischer Eigenart als im Rheingau. Das Zeitbuch des Rheingauers teilt sich nicht ab nach gewöhnlichen Kalenderjahren, sondern nach Weinjahren. Leider fällt die übliche Zeitrechnung, welche von einem ausgezeichneten Jahrgang zum anderen zählt, so ziemlich mit der griechischen nach Olympiaden zusammen. Die ganze Redeweise des Rheingauers ist gespickt mit ursprünglichen Ausdrücken, die auf den Weinbau zurückweisen. Mehrere der landesüblichen schmückenden Beiwörter des Weines sind ein Gedicht aus dem Volksmunde, in ein einziges Wort zusammengedrängt. So sagt man gar schön von einem recht harmonisch edlen firnen Trank: »es ist Musik in dem Wein«; ein guter alter Wein ist ein »Chrisam«, ein geweihtes Salböl. Die »Blume«, das »Bukett« des Weines sind aus ursprünglichen örtlichen Ausdrücken bereits allgemein deutsche geworden. Aber nicht minderen Überfluß hat des Rheingauers Wortschatz an spöttischen Geißelworten für den schlechten, aus der Art geschlagenen Wein, in denen sich der rheinische Humor gar luftig spiegelt. Malerisch anschaulich ist die Bezeichnung als »Dreimännerwein«, welcher nur dergestalt getrunken werden kann, daß zwei Männer den Trinker festhalten, damit ihm ein dritter das edle Naß in die Kehle gießen könne. Des Dreimännerweins leiblicher Bruder ist der »Strumpfwein«, ein Gesell von so sauren Mienen, daß bei seinem bloßen Anblick die größten Löcher in den Strümpfen sich von selber zusammenziehen. Der leichte, flaue, milde, charakterlose Wein, der Philister unter den Weinen, den man täglich wie Wasser trinkt, läuft als »Flöhpeter« mit. Dem oberdeutschen »Batzenwein« entspricht der rheingauische »Groschenburger«, als der Chorführer sämtlicher »Kutscherweine«. Nicht minder unerschöpflich als die Poesie des Weinbergs, aber noch viel weniger ergründet, ist die Poesie des rheingauische« Kellers. Nicht Schloß Johannisberg und Kloster Eberbach allein haben ihren Wein in prachtvollen Kreuzgewölben lagern, wo der Doppelschein des gebrochenen Tageslichts und des Lampenschimmers so magisch an den Wölbungen wiederstrahlt, während schwer lastende Mauerpfeiler die riesig ausgereckten Schatten dazwischen werfen. Das wiederholt sich im kleinen in Hunderten von alten Privatkellern – stolze unterirdische Prachtbauten in ihrer Art, zweischiffig, dreischiffig, mit einem Querschiff, fast wie eine Kirche anzusehen, darin manches »ewige Licht« brennt. Füllen sich im Vorwinter die Kellerräume mit den tödlich betäubenden Dünsten des gärenden jungen Weines, dann werden, wenn man hinuntergehen muß, Feuerbrände von einem Absatz der Kellertreppe zum anderen vorgeschoben, und während die dunkle Tiefe von dem grellen Schein durchzuckt wird, steigt man unter dem Schutz und der Vorhut der reinigenden Flamme mählich zu den Fässern hinab. Dringt im Frühjahr unversehens die Rheinflut in die weingefüllten Keller, dann fahren die Küfer nicht selten gleich dem heiligen Theonest in Weinkufen drunten herum, um die Fässer zu sprießen und solchergestalt am Boden zu befestigen. Der Einfluß der Rebe auf den Mann, der Weincharakter des einzelnen, wiederholt sich in den größeren Gruppen des Volkes. Es sitzt auch Politik im Wein. Die Rheingauer versichern wenigstens, daß 1848 ihre ganze Märzrevolution durch den Wein gemacht worden sei. Nicht daß er die Leute durch Verzweiflung zur Revolution getrieben hätte. Aber weil er so schlecht war, daß man ihn nicht verkaufen konnte, schenkte man ihn weg, man ließ ihn laufen, und in der Richtung, in welcher man ihn laufen ließ, durchsäuerte er als rechter politischer Sauerteig auch das süßeste Gemüt. Der Siebenundvierziger führt bis auf diesen Tag den Namen »Revolutionswein«. Die Revolution hat ihn aufgetrunken – bezahlt hat sie ihn freilich nicht. Die uralten Bannrechte bei der Bewirtschaftung des Grundes und Bodens sind fast überall verschwunden: im rheingauischen Weinberg werden sie noch zähe behauptet. Beginnt die Traube zu reifen, dann werden alle Wingerte der Gemeinde geschlossen, selbst für den Besitzer, und er darf nur mit der Erlaubnis des Schultheißen, wohl gar nur unter dem Geleit des Flurschützen in seinen eigenen Weinberg gehen. Er darf die Lese nicht beginnen, bevor der allgemeine, öffentlich verkündete Termin erschienen ist. Er darf während der Lese das Tagewerk nicht anfangen lassen, bevor Böllerschüsse oder Glockengeläute die Anfangsstunde für alle kundgeben; er darf nach dem Zeichen des Feierabends keine Viertelstunde mehr auf seinem eigenen Grund und Boden fortarbeiten. Wir stehen in einem durchaus modernen Lande, wir bewegen uns unter Leuten, die in Sitte, Tracht, Lebensweise eifrigst mit der Zeit fortgeschritten sind, Dampfschiffe und Lokomotiven jagen um die Wette an den Rebenhügeln vorüber, aber das alte Bannrecht ruht noch auf diesen Hügeln, wie es vor mehr als zweitausend Jahren aus der altgermanischen »Feldgemeinschaft« erwachsen ist. Der heutige Rheingau hat keine echten Städte und keine echten Dörfer. Alle Ortschaften sind Mitteldinge zwischen beiden. So ist der rheingauische Winzer kein eigentlicher Bauer mehr, ob er gleich das Land baut. Anderseits ist er aber zum ganzen Bürger auch noch nicht fertig. Diese Vermischung der natürlichen sozialen Gegensätze läßt allemal auf ein Volk schließen, das seine beste Kraft bereits in früheren Zeitläuften ausgelebt hat. Auch in dem geschäftlichen Beruf des Rheingauer Weinproduzenten kreuzen und verschmelzen sich, wie oben gesagt, drei Hauptgruppen der Arbeit: Landbau, Industrie und Handel. Man kann aber sagen, daß hier weder im Ackerbau, noch in der Industrie, noch im Handel ein rechter Segen wohne, obgleich fast alle Einwohner Ackerbau, Industrie und Handel zugleich betreiben. Es gibt fast nur ganz reiche und ganz arme Leute; sehr große Güter, die aber größtenteils auswärtigen Besitzern gehören, neben einem aufs äußerste zerstückten Boden. Die Geschichte des Rheingaues seit dem Ausgange des Mittelalters zeigt, wie trügerisch der allgemeine Satz ist, als müsse die Einwanderung reicher Leute in ein Land und das Einströmen eines großen Verkehrs notwendig auch Wachstum und Erstarken des Volkswohlstandes zur Folge haben. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts hatte sich eine bedeutende Zahl von Mainzer Patriziern nach dem Rheingau gezogen, eine Schar reicher Forensen brachte Luxus und Wohlleben dorthin, die Mainzer Erzbischöfe betrachteten den Gau als ihr kostbarstes Besitztum, als die vergnüglichste Wohnstätte in guten und den sichersten Zufluchtsorten in bösen Zeitläuften, sie statteten ihn deshalb mit allen möglichen Freiheiten und Vergünstigungen aus, – und doch erwuchs aus all diesen scheinbar so glücklichen Umständen gerade der soziale Ruin der Bewohner, welchem überall auch der materielle Ruin auf dem Fuße folgt. Die Bevölkerung war zu klein und zu unselbständig, um sich vor dem Eindringen dieser fremden Elemente zu schützen. Damit wurden allmählich alle natürlichen Grundlagen der Gesellschaft erschüttert; die Bauern wurden bürgerlich, die Bürger sahen aus wie vornehme Leute, die alten Sitten wurden zerbrochen, es kam namentlich damals eine förmliche Revolution über das vordem sehr strenge und einfache Hauswesen der Rheingauer. Abgeschlossenheit eines Landes schafft ein in seinen Sitten gefestetes, am überlieferten Staatsleben festhaltendes Volk. Dies gilt aber nur, wo die Geschlossenheit des Landes eine natürliche, wo das Volk groß genug ist, um in seinen gesellschaftlichen Gebilden sich selbst genügen zu können. Die willkürliche Abschließung eines Landes, das von Natur kein selbständiges Ganzes bildet, erzeugt den Partikularismus. Dieser löst die Sitte des Volkes und tilgt in ihm den Sinn für eine in stetiger Gemessenheit fortschreitende politische Entwicklung. Die mittelalterliche Landesverfassung des Rheingaues gibt das anschaulichste Bild solch eines falschen Abschlusses. Der Gau, obgleich viel zu klein, um sich selbst genügen zu können, war geschlossen gleich einer Burg. Im Süden und Westen sperrte der breite Grenzgraben des Rheinstromes das Land ab; längs der Ostgrenze erhob sich vom Rheine bis zum Gebirg hinauf ein festes Vollwerk von Mauern und Türmen, und wo diese Landesmauer aufhörte, da zog sich nördlich über das ganze Waldgebirge bis wieder zur Westgrenze des Rheines hinüber eine Grenzwehr der eigensten Art, das sogenannte Rheingauer Landgebück. hier war der Wald selbst zur Festung gemacht, indem Baumzweige und Buschwerk auf Meilen weit zu dem festesten Zaun ineinandergeflochten und im Laufe der Jahrhunderte so dicht Zusammen verwachsen waren, daß sie das Land besser als eine Mauer absperrten. Man konnte den ganzen Gau wie ein Haus zuschließen. Dieser territorialen Geschlossenheit entsprach die soziale und politische Abschließung des Volkes. Der Landesfürst schloß den Gau politisch durch seine Vogtei, und die Bewohner selbst schlossen sich sozial ab durch die äußersten Schwierigkeiten bei der Aufnahme eines Fremden in ihre Genossenschaft. Allein auch positiv sprach sich das sozialpolitische Sondertum aus in dem höchst merkwürdigen uralten Markverein der »rheingauischen Heimgeraide«. Im ursprünglichen Geiste dieses Markvereins sind alle Landesinsassen als eine große Familie gedacht. Die Heimgeraide bildete das gemeinsame Eigentum dieser Familie, die Almende des Landes. »Wald, Weide, Wasser, Weg und Steg« sind die Nutzungen, auf welche jeder Rheingauer ein angeborenes Recht hatte, aber nur im Sinne der Gütergemeinschaft, denn keiner durfte sich von diesen Stücken etwas zum Privatbesitz aneignen. Die Grenzen der Markvereine durchkreuzten mitunter die Grenzen der fürstlichen Territorien und trugen so noch eine soziale geographische Zersplitterung in die politische hinein. Die wetterauische »hohe Mark von Oberursel« zum Beispiel griff in Mainzer, Hanauer, Solmser, Frankfurter und anderherrisches Gebiet hinüber. Umgekehrt schloß dann die Rheingauer Mark wieder einen Teil rein mainzischen Gebiets als selbständiges Ganze ab. Die deutsche Kleinstaaterei ist keine Schöpfung der Fürsten, sie gründet sich auf den Partikularismus des Volkslebens, der altersgrau ist neben dem noch sehr jungen Institute der fürstlichen Landeshoheit. Der Bürgerstolz, diesem hochbegünstigten Gau anzugehören, und die Eifersucht, daß kein Unberufener eindringen möge, spricht sich in der alten rheingauischen Landesverfassung aufs kräftigste aus. Wer den Charakter eines Gaugenossen hatte, dem fielen die Ansprüche aus Teilnahme an den Freiheiten und Nutzungen zu, wenn er auch nur so viel Grundeigentum besaß, »daß man einen dreibeinigen Stuhl darauf stellen konnte,« während ein anderer, der, ohne jenen Charakter, die größten Liegenschaften im Gau sein eigen genannt hätte, dennoch davon würde ausgeschlossen gewesen sein. Hier liegt der Vergleich mit den alten Reichsstädten nahe. Aus ihrer früher so heilsamen Abschließung entwickelte sich bei vielen der Städte später ein versteiftes und verknöchertes Gemeinwesen; bei andern, namentlich den kleineren, trat das gegenteilige Übel ein; sie verloren alle Eigenart und der ganze Charakter ihres Bürgertums löste sich gründlicher als irgendwo in der sozialen Ausgleichung der Gegenwart auf. Das letztere gilt auch vom Rheingau. Im Mittelalter hat er sein Volksleben aufs individuellste entfaltet und – ausgelebt. Das Übermaß der Abschließung schlug in sein Gegenteil um, in die Verflüchtigung alles Besonderen. Der Gau, welcher früher so spröde tat bei der Aufnahme von Fremden, war in unserem Jahrhundert, wie zur Strafe, einmal geraume Zeit eine wahre Freistätte für fahrendes Gesindel geworden. Allein obgleich fast alle die früheren sozialen Charakterzüge des rheingauischen Volkes erloschen sind, so war doch ein einziger nicht zu vertilgen: der Rheingauer ist der Mann des deutschen Weinlandes, des Weinbaues und des Weintrinkens als solcher. Das ist die wunderbare natürliche Wahlverwandtschaft zwischen »Land und Leuten«, die durch keine politische Umwälzung zerstört werden kann. Der Wein blüht Von Leo Sternberg Das Volk der Rebenhügel riecht es nicht. Ihm ist es der Duft der Jahreszeit, der die Luft erfüllt, die Kleider ihm durchdringt und Haar und Haut. Man steigt zwischen mauerpfefferglühenden Weinbergswänden hinan und tastet witternd in die Ferne, von der es so würzig heranweht. ... Ein Lindenbaum? ... Ein wildes Resedenfeld? Endlich gewahrst du die bewimperten Gescheine, die bekrönten Traubenküglein und die sandig berieselten Nebenblätter darunter, die den goldnen Blütenstaub mit schützenden Manschetten fangen. Doch zugleich mit dem Quell des Wohlgeruchs entdeckst du auch das heimliche Genist, das Knospenhütchen, Kelch und Stiel in filzigen Klumpen zusammenspinnt. Der Heuwurm frißt sich darin groß. Das schmarotzende Insekt, das in gleichem Rhythmus mit dem Pflanzensafte lebt und webt und ständig sich verwandelt. Als Motte stieg es aus der Erde und legte die Eier in die geschlossenen Gescheine. Jetzt seilen sich die schwarzköpfigen Würmer weinfarben in die Erde hinab. Kaum aber fängt die Traube an zu schwellen, so flattert es wieder als Motte aus dem Grund, die Frucht mit Eiern übersäend, aus denen nun der – Sauerwurm hervorkriecht, sich durch das Traubenfleisch miniert, bis er herausschnellt, eine peitschende Schlange, und sich wieder in die Erde seilt, um als Heuwurmmotte in den nächsten Lenz zu flattern ... Ewiger Kreislauf. Vom Blut der Rebe abgezweigt und abrollend mit ihrem Wachsen und Werden. Denn Verwandlung ist auch ihr Gesetz. Doch noch der Wein in den Fässern will von dem Mutterstocke sich nicht lösen. Wenn die Rebe blüht, wird es unruhig in den Kellern. Er fühlt, wie die goldnen Antennen der strahlenden Blütenfäden die Süße droben aus der Sonne holen; wie die Antennenbündel der Wurzelfasern die Kräfte drunten aus den Gründen fangen; wie Himmel und Hölle zu künftigem Trank sich mischt. Da gären im alten Wein die gefesselten Himmel und Höllen. ... Die Julinacht ist schwül und in den Straußwirtschaften singen die späten Zecher. Sie singen laut in die Stille und hören nicht, wie in den Weinbergen leis die unscheinbare Rebenblüte singt: »Wie viele werden uns fluchen, wie viele uns segnen. ... Wir haben Kriege entzündet und öfter noch Frieden geschlossen. ... Goldne Paläste sind in uns versunken und goldne Paläste sind uns entstiegen. ... Wir haben ins Grab gestürzt und Geschlechter gezeugt. ... Ehen gestiftet und Ehen geschieden. ... Mit Tränen der Freude Meere gefüllt und mit Tränen der Trauer. ... In Götter und Tiere Sterbliche verwandelt. ... Und weben ewig am Schicksal der Erde. ...« Weinlese Von Ernst Stadler Die Stöcke hängen vollgepackt mit Frucht. Geruch von Reben Ist über Hügelwege ausgeschüttet. Bütten stauen sich auf Wagen. Man sieht die Erntenden, wie sie, die Tücher vor der braunen Spätjahrssonne übern Kopf geschlagen, Sich niederbücken und die Körbe an die strotzendgoldnen Euter heben. Das Städtchen unten ist geschäftig. Scharen reihenweise gestellter Beteerter Fässer harren schon, die neue Last zu fassen. Bald klingt Gestampfe festlich über alle Gassen, Bald trieft und schwillt von gelbem Safte jede Kelter. Bittprozession im Rheingau Von Herm. Aug. Weber Unter den Traumbüchern aus vielen Seiden Beten schlankhändige Madonnen schön. Unter dem Traumdach blauer Himmelsweiten Gehen die vielen mit Mittagsgebärde Am Ufer des ruhig zitternden Stroms, Auf dem der leichte Fuß des Geistes schwebt. Andächtig durch die Bienensüße blumiger Gräser Schreiten die schweren fruchtbaren Frauen. Rosenkränze blühen auf den Lippen Mädchenhafter Scham, die sich nicht weiß. Kerzen sterben in den ungeheuren Liedern Und es ist ein milder gelber Duft von ihnen, Der sich gleich der Mosessäule sammelt Um des Priesters goldne Hände, Der des Herren Leichnam trägt. Daß der Lebenswein uns Süße werde Hebt er die Monstranz gewaltig zu den Hügeln. Männer knien dumpf und Frauen beten hastig Alte Bitten, schauen zu des Herren Leib, Der sich in dem goldnen Glanz verhüllt. Kleine Knaben klingeln ernst vor ihrem Gotte, Tragen stolz ihr weiß und rot Gewand ... Aus der Gotik ihrer Heimat wallfahrn Glockensänge Ob den Häuptern der Gemeinde. Erschütternd grellt Musik in aufgehobne Silberfahnen. Kinder singen laut das Lied vor Gott, Streuen mild gewandet einen Blumenteppich. Und die Alten haben in den matten Brüsten Weinen, Wenn vom Friedhof sich die Schmetterlinge heben. Tiefvergangnes wird jetzt Trost und hohes Spiel. Nüchtern heilig treibt der Strom, Nimmt den Schatten großer Inselpappeln, Die im Wohllaut vieler Glocken beben, In die Ferne seiner Ahnung, seiner Meere mit. P. Dahlen, Eberbach, Klostergarten. Der Rheingau als Weinbaugebiet Von Wilhelm Ruthe Das Stromgebiet des Rheines und seiner Nebenflüsse ist die Heimat des deutschen Qualitätsweinbaus. An erster Stelle steht unbestritten der Rheingau, das Mutterland der edelsten Hochgewächse der Welt. Im Norden begrenzen den Rheingau die westlichen Ausläufer des Taunus. Dieser ist ein sogenanntes einseitiges Gebirge, dessen Abfall vom Kamm nach Süden etwa 7  Kilometer, nach Norden dagegen etwa 32 Kilometer beträgt. Durch die geschilderte Formation ist das Rheingauer Rebgelände nicht nur gegen die rauhen und kalten Nordwinde geschützt, sondern durch seine Neigung zum wärmespendenden Süden klimatisch vor vielen Landstrichen gleicher geographischer Breite bevorzugt. Die Luft des Rheingaus ist zudem infolge der Verdunstung aus dem Rhein, der hier seeartig erweitert und bis 800 Meter breit ist, reichlich getränkt mit Feuchtigkeit, die besonders im Herbst als Nebel und sogenannter »Traubendrücker« die Reife der Beeren ungemein fördert. Zu diesen hervorragend günstigen, klimatischen Faktoren gesellen sich außergewöhnlich gute Bodenverhältnisse, die in erster Linie entscheidend sind für die Entwicklung des Körpers und des Buketts der berühmten Rheingauer Hochgewächse. Die Grenzen des Rebgeländes fallen vielfach mit bestimmten geologischen Formationen zusammen. Die blumenreichsten Weine wachsen hier in der Hauptsache auf zwei Bodenarten, dem kalireichen und leicht verwitterbaren Serizitschiefer der älteren Gebirgsschichten (Nauenthalerberg, Gräfenberg, Steinberg, Johannisberg, Geifenheimer Rothenberg, Rüdesheimer Berg), und auf tertiärem Cyrenen-Mergel (z. B. zwischen Erbach, Hattenheim und Markobrunn, bei Eltville und Hallgarten). So vereinigt der Rheingau für seine Trauben die günstigsten Wachstumsbedingungen: vorzüglich tiefgründigen Boden, intensives Sonnenlicht, Wärme, Windschutz und ausreichende Feuchtigkeit. Eine Betrachtung der Rheingauer Weinorte erfolgt am besten in der Reihenfolge, in der wir sie in der Richtung des Flußlaufes antreffen. Dabei müssen wir merkwürdigerweise mit einem Ort beginnen, der eigentlich gar nicht zum Rheingau gehört, dessen Weine seit alter Zeit aber den Rheingauer Gewächsen zugerechnet werden. Hochheim am Main liegt unweit der Stelle, an der der Main in den Rhein mündet. Der Name Hochheim gelangte in England zu solchem Ansehen, daß nach ihm die Rheinweine überhaupt genannt wurden. » Good Hock keeps off the doctor «, lautet ein englisches Sprichwort. Die bekanntesten Lagen nennen sich: Domdechaney, Kirchenstück und Hölle. Der eigentliche Rheingau gehörte früher politisch zum Erzbistum Mainz und die Spuren dieser Zusammengehörigkeit sind auch heute noch mancherorts zu erkennen. In späterer Zeit wurde Wiesbaden, der Hauptort des dem Rheingau benachbarten Gaues (Königshunderte), als nassauische Residenz auch für den zu Nassau gehörigen Rheingau Hauptstadt und ist es auch beim Übergang des Landes an Preußen als Sitz der Regierung des gleichnamigen Regierungsbezirkes geblieben. Aber nicht nur als Haupthandelsplatz für Rheingauer Wein hat Wiesbaden eine stetig wachsende Bedeutung erlangt, sondern der Weinbau ist auch selbst im Stadtbezirk zu Hause. Mitten zwischen Stadt und Wald, weithin sichtbar, grüßt der Neroberg als vereinzelter Vorposten des rheingauischen Weinbaus ins Land hinein. Biebrich hat nur einen sehr kleinen Weinbergsbesitz. Sein Name ist indessen durch den Nassauischen Cabinetskeller im Biebricher Schloß berühmt geworden. Im Jahre 1866 wurden die Schätze dieses Weinmuseums vor den anrückenden Preußen nach Straßburg in Sicherheit gebracht. Später kamen sie zurück und wurden von der Herzoglich Nassauischen Verwaltung allmählich verkauft. Schierstein hat einige 20 Hektar Weinbergland im Ertrag stehen. Bekannte Lagen sind: Schiersteiner Hölle und Platte. Auch der Weinhandel und die Sektindustrie sind am Platze vertreten. An der Mündung der Walluf in den Rhein finden wir Niederwalluf, etwas oberhalb des Baches Oberwalluf. Beide Orte haben in der mittelalterlichen Geschichte des Rheingaus eine beachtliche Rolle gespielt. An der Waldaffa, wie der Walluf früher hieß, aufwärts zog sich ehemals das bereits früher erwähnte »Rheingauer Gebück« hin, bis auf die Höhe des Gebirges, von wo aus es sich nach Westen wieder dem Rhein zuwandte, um so den ganzen Gau nach der Landseite abzuschließen. Die Stadt Eltville war zu kurmainzischer Zeit Hauptort des Rheingaus und vorübergehend auch Residenz. Heute hat die preußische Domänenverwaltung für den Rheingauer Bezirk hier ihren Sitz. Zahlreiche Baudenkmäler verweisen den Beschauer auf die Bedeutung des Platzes. Besonders bemerkenswert ist der Freiherrlich Langwerth von Simmernsche Besitz, sowie das Graf Eltzsche Haus. Auch die Sektindustrie ist durch eine ihrer bedeutendsten Firmen vertreten. Von den Weinbergslagen sind Sonnenberg, Taubenberg, Klümbchen, Sandgrube, Kalbspflicht und Dickned die bekanntesten. Taleinwärts in der Richtung Schlangenbad finden wir den bekannten Weinort Neudorf. Nicht weit davon, aber auf sonniger Höhe, Rauenthal. Ebenso wie der Hallgartner und Rüdesheimer Bergwein nimmt der Rauenthaler Wein unter den Rheingauern eine besondere Stellung ein. Seine eigentümliche herrliche Blume, vornehmer Ton sowie Süße und rosenölartiger Schmelz erregten stets die Bewunderung der Weinkenner. Die Lagen Baiken, Gehrn, Wieshell, Nonnenberg und Rothenberg haben Weltruf. Am Rhein unterhalb Eltville folgt Erbach mit den edlen Marcobrunn (Grenzbrunnen) und Siegelsberg. Unmittelbar am Ausgang von Erbach nach Hattenheim liegt Schloß Reinhartshausen, dessen Besitzer, Prinz Friedrich Heinrich von Preußen, vorzügliche Weinbergslagen in der Erbacher und Hattenheimer Gemarkung sein eigen nennt. In nördlicher Richtung finden wir landeinwärts Kiedrich mit dem berühmten Gräfenberg. Außer ihm sind an guten Lagen zu bezeichnen: Wasserrose, Turmberg und Steeg. Hattenheim mit über 100 Hektar in Ertrag stehender Weinberge besitzt eine große Anzahl bevorzugter Lagen, unter denen sich Nußbrunnen, Wieselbrunnen und Mannberg neben anderen einen hervorragenden Namen geschaffen haben. Die Bahn durchschneidet in dieser Gemarkung besonders kostbares Weinbergsgelände, dessen hoher Wert sich durch die Zahlreichen Grenzpfähle veranschaulicht. Das Streben nach Weinbergsbesitz gerade in dieser Gegend hat die zahlreichen Parzellierungen verursacht. Die preußische Staatsdomäne und Graf Schönborn sind neben dem zu Reinhartshausen gehörenden Besitz in erster Linie an dem wertvollen Gelände beteiligt. Im Hattenheimer Bezirk liegt auch der ehemals Wilhelmische Besitz Schloß Reichartshausen, mit dem reichgeschnitzten Riesenfaß, das den Inhalt von einigen 60 000 Flaschen in sich aufzunehmen vermag und seinerzeit von Ignaz Müller aus Eltville verfertigt worden ist. Das bekannte Heidelberger Faß ist kaum halb so groß. Im Kloster Eberbach hatten die Zisterzienser ein fast gleich großes Faß errichtet und es soll im Jahre 1500 zum ersten Mal mit köstlichem Steinberger Wein gefüllt worden sein. Aber nach einigen Dezennien wurde es von aufständigen Bauern zerstört. Von Hattenheim gelangen wir auf einer allmählich steigenden Landstraße zum Kloster Eberbach, das im Jahre 1131 von, Erzbischof Adalbert I. von Mainz gestiftet und schnell durch den vorzüglichen Weinbau seiner Mönche berühmt wurde. Heute ist es das Juwel unter den Gütern der Staatsdomäne im Rheingau. In seinen Hallen rinnen die edlen Tropfen aus dem Steinberg, dem Marcobrunn und Gräfenberg aus der Kelter, und im Gewölbe seines alten Kapitelsaales finden die Proben der ausgebauten Hochgewächse statt. Ganz in der Nähe des Klosters finden wir den berühmten Steinberg, mit dessen Anlagen die Mönche des Klosters im 13. Jahrhundert begannen. Wegen der ziemlich bedeutenden Traubendiebstähle ließ der Abt Adolf Werner den Steinberg in den Jahren 1761–1763 mit der noch jetzt vorhandenen Mauer umziehen. Nördlich von Östrich liegt als echtes Weindorf mitten im Neuland Hallgarten, mit den bekannten Lagen Schönhell (im Besitz des Fürsten Löwenstein-Wertheim-Rosenberg), Sandgrube und Kies. In der Gemarkung der drei engzusammenhängenden Ortschaften Östrich, Mittelheim und Winkel werden hervorragende Weine produziert. Das Wahrzeichen von Östrich ist der am Wasser gelegene alte, dunkle Kran, mit dem gar manches Fäßlein auf die stromauf- und abwärts gehenden Schiffe verladen worden sein mag. Östrich ist mit über 150 Hektar ertragsfähigen Weinbergen eine der größten Rheingauer Gemarkungen. Besonders hervorzuhebende Lagen sind Eiserweg, Lenchen und Doosberg. Mittelheim mit seiner alten Kirche, dem Muster einer romanischen Basilika, hat gleichfalls über 100 Hektar im Ertrag stehender Weinberge. Auch in Winkel finden wir Baudenkmäler früherer Kunstrichtungen. Unter anderen aus frühromanischer Zeit das sogenannte »Graue Haus«, in dem nach der Überlieferung der Erzbischof Rhabanus Maurus gestorben sein soll, dem vor der Kirche zu Winkel ein Denkmal errichtet ist. Bemerkenswert ist ferner der Brentanosche Familienbesitz. Von den etwa 125 Hektar Weinbergen Winkels sind die besten Lagen Hasensprung, Dachsberg, Bienenberg und Honigberg. Von Winkel aus führt uns die bergansteigende Landstraße nach Schloß Vollrads, dem alten Familiensitz der Freiherren von Greiffenclau. Der Weinbergsbesitz mit rund 120 Morgen liegt in unmittelbarer Nähe des Schlosses, zum größten Teil in der Gemarkung Winkel, einige Morgen in der Gemarkung Hattenheim. Die Weine werden ebenso wie die des Schlosses Johannisberg nicht unter dem Lagenamen, sondern unter dem Schloßnamen abgegeben. Die Gutsverwaltung verwendet vorwiegend Rieslingsatz und legt das Hauptgewicht auf die Erzielung von Qualitätswein. Die Auslesen und Trockenbeerauslesen der großen Jahre zählen zu den hervorragendsten Weinen der deutschen Produktion. Der Greiffenclauschen Familie entstammen eine Reihe hervorragender Kirchenfürsten. Richard v. Greiffenclau, 1511 zum Kurfürsten und Erzbischof von Trier gewählt. – Georg Friedrich v. Greiffenclau, Kurfürst und Erzbischof von Mainz 1626–1629. – Johann Philipp v. Greiffenclau, 1699 zum Fürstbischof von Würzburg und Herzog von Franken gewählt. – Karl Philipp v. Greiffenclau, Fürstbischof von Würzburg und Herzog von Franken 1749–1754. Eine der am meisten ins Auge fallenden Weinbergslagen des Rheingaus ist der Johannisberg mit dem weithin sichtbaren Schlosse gleichen Namens. Ursprünglich befand sich auf dem früher sogenannten Bischofsberg ein Benediktiner-Kloster, das dem heiligen Johannes geweiht war. Daher der Name. Mit der Aufhebung des Klosters im Jahre 1802 kam die Besitzung an das Haus Nassau-Oranien. Später schenkte es Napoleon I. seinem Marschall Kellermann, der in dem köstlichen Weinjahr 1811 den gesamten Ertrag noch am Stock für 32 000 Gulden an das Haus Mumm in Köln verkaufte, das mit diesem Geschäft den Grundstein zu seinem bedeutenden Vermögen gelegt haben soll. Denn ein einziges der 50 geernteten Stücke brachte ihm bereits den Erlös von 11 000 Gulden. Nach den Freiheitskriegen bewarben sich Stein und Gneisenau um den Besitz. Aber im Jahre 1815 wurde es dem Kaiser von Österreich zuerkannt, der seinen Kanzler von Metternich für sich und seine Nachkommen unter Vorbehalt des Weinzehntes im August 1816 damit belieh. 1826 erhielt das Schloß durch einen Umbau seine heutige Gestalt. Geisenheim mit etwa 170 Hektar Weinbergsfläche steht der Größe nach unter den Rheingauer Gemarkungen an zweiter Stelle. Aber auch seine Weine stehen mit an der Spitze der Rheingauer Produktion. Die Lagen Morschberg, Mäuerchen, Rothenberg, Fuchsberg, Decker, Lickerstein, Kläuserweg und Kosackenberg haben guten Klang. Im Orte selbst befindet sich die staatliche Lehranstalt für Obst- und Weinbau. Auch die Sektindustrie ist mehrfach vertreten. Von geschichtlich interessanten Baulichkeiten ist der Gräflich Ingelheimsche Besitz hervorzuheben. Das Schloß in Geisenheim wurde im Jahre 1683 durch den Kurfürsten Anselm Franz von Ingelheim als Sommerresidenz erbaut und später dessen Neffen, dem Reichsgrafen Franz Adolf Dietrich von Ingelheim, wirklichem Kammerrichter und Präsident des Reichskammergerichtes in Wetzlar, vermacht. In der Geisenheimer Gemarkung ist die Gräfliche Familie im Rothenberg und Morschberg begütert und hat den Kosackenberg als Alleinbesitz. In der Gemarkung Rüdesheim gehören ihr die Lagen Rottland und Burggarten. Ein Teil ihres Rheingauer Weinbergbesitzes liegt in Hochheim in den Lagen Domdechaney, Stein und Kirchstück. – Hier ist auch der Gräflich Schönbornsche Besitz zu erwähnen. Die Familie ist an zahlreichen Stellen des Rheingaus von Lorch bis Hochheim begütert und auch an der Lage Marcobrunn beteiligt. Nach dem Ertrag an der Spitze aller Rheingauer Gemarkungen steht Rüdesheim mit über 190 Hektar. Auf dem mächtigen, weithin sichtbaren Bergrücken, der vom Niederwald steil bis zum Flußufer abfällt, gedeiht in den Lagen Rottland, Hinterhaus, Engerweg und Berg der in seiner Art einzig dastehende Rüdesheimer Bergwein. Neben dem Weinhandel sind auch die Sekt- und Weinbrandindustrie seit einer Reihe von Jahren in Rüdesheim ansässig. Nach Aßmannshausen mit seinen vorzüglichen Rotweinen bildet Lorch mit angenehmen und milden Tischweinen den Abschluß des Rheingaus nach Norden. Von Lorcher Weinen bekannt sind insbesondere die des Gräflichen Walderdorffschen Gutes. – In großen Weinjahren haben die Rheingauer Trockenbeerauslesen Mostgewichte von 200–300 Grad (Öchsle) erreicht. Die von keinem anderen deutschen Weinbaugebiet erzielte Harmonie der Bukett- und Ertragsstoffe, ihre Honigsüße und ihr unerreichtes Aroma haben sie zu den begehrtesten und auch teuersten Weinen der Welt gemacht. P. Dahlen, Dorfstraße in Lorch. W. Mulot, Wirtshausschild aus Rüdesheim (17. Jahrhundert). Weinfuhre Von Jakob Kneip Hohlwegdüster! Birkenstand zur Seiten. Durch den Nebeldunst, durch Busch und Stämme Will sich voll ins Tal das Mondlicht breiten. Langsam, langsam: Schnurr und Schnarr der Achsen. Viergestapf der buschigschweren Hufe, Gaul und Fuhrmann holpern jeden Schritt; Und die langen, gliedverrenkten Schatten Holpern – stolpern – Nicken – bücken mit. »Schimmel – joh – hüh!« »Was hast geladen, Bauer?« »Elfer, a mächtiges Fuder; Säuft das der leibhafte Beelzebub, Herzt er dich Trauter und Bruder! Joh – hüh?« Langsam, langsam: Schnurr und Schnarr der Achsen; Und der Wein im Wagen klingt und klunkert, Schwabbt und wabbt und an die Faßwand bunkert, Gaul und Fuhrmann holpern jeden Schritt; Und die langen, gliedverrenkten Schatten Holpern – stolpern – Nicken – bücken mit. Im Klosterkeller Eberbach Von Wilhelm Schäfer Der Küchenbruder kam zu Eberbach an einem Morgen in den Keller und fand den Bruder Kellermeister betrübt vor einem Fäßchen sitzen, darin ein edler Steinwein der letzten Reife wartete. Weil er den Spund gehoben hatte, war der Duft des Weines herrlich in dem Keller. Doch schien der Trunk, den er in dünnen Zügen über die Zungenspitze laufen ließ, ihm weniger zu behagen, denn sorgenvoll wie ein Vater, dem ein Kind mißriet, sah er in seinen Becher und schüttelte den grauen Kopf, so daß der Bruder Küchenmeister schon meinte, der Wein sei ganz verdorben. Der Wein ist gut gepflegt und wäre ohne Tadel, wenn er nur nicht – und dabei trank er wieder und schüttelte von neuem den Kopf und sah den Küchenmeister mißmutig an – nach Leder schmeckte. Der aber war ein Schalk und meinte augenzwinkernd: wenn der Geschmack nur nicht vom letzten Braten käme! Weil jener aber mißmutig blieb, so fing er selber an zu kosten; und so erging es ihm nicht besser als dem andern: erst fiel ein Geleucht in sein Gesicht vom Duft und von der Kraft des Weines, bis dann beim Nachgeschmack die kahlen Mundwinkel sich nach unten zogen und er dem Kellerbruder, gleich wehmütig, in die Augen sah. So saßen denn die beiden Alten bei dem Fäßchen und waren recht betrübt, daß solch ein edler Steinberger-Riesling einen Makel hätte. Doch leckte sich der Küchenbruder noch ein paarmal die Lippen: »Das ist kein Leder, Bruder Kellermeister!« und nahm noch einen Spritzer auf die Zunge: »Das wäre nicht schlimm, wenn er nach Leder ein wenig bitter schmeckte!« und trank den Rest zornmütig aus: »Er schmeckt nach Eisen, Bruder Kellermeister!« Darüber gab es einen seltsamen Streit; der Kellermeister wollte wohl auf seinem Wein, doch auf der Zunge keinen Tadel sitzen lassen. Sie probten beide noch einmal, nicht so bedächtig wie zuvor und standen auf und sprachen jeder vor sich hin: »Er schmeckt nach Leder! Nach Eisen schmeckt er!« Und probten noch einmal, blieben getrennter Meinung und gingen zornmütig voneinander. Doch weil sie vordem gute Freundschaft hielten und keiner sonst im Kloster war, dem sie in solcher Kennerschaft ernsthaft ein Urteil zugestanden hätten, so kamen sie am Abend überein, in Ruhe noch einmal zu schmecken, und blieben jeder doch dabei: »Er schmeckt nach Eisen! Nein, nach Leder!« Dann mieden sie das Fäßchen ein paar Tage und probten an den andern herum; doch weil sie sonst in allem einig waren, bekam der Kellermeister Zweifel an seiner eigenen Zunge und machte – recht gewillt, das Eisen auch zu entdecken – allein die Probe und schmeckte gar nicht mehr den starken Wein, nur immer mehr das Leder und begriff nicht, wie der Küchenbruder ihm darin widersprechen konnte. Der aber tat heimlich desgleichen. R. Volland, Kloster Eberbach, Kapitelsaal. Und so geschah es eines Tages, daß in dem Fäßchen nichts mehr zu proben war; und wie sie da fast fröhlich beieinander standen, daß nun die Quelle ihres Streites verronnen wäre: wollten sie das Fäßchen schwenken und hörten etwas darin klirren, das nicht von Leder war. Der Kellermeister wurde blaß und ließ den Sieger das Fäßchen schütteln, bis aus dem Spundloch ein Schlüsselchen von Eisen auf die Platte klirrte: rot verrostet. Doch als der Küchenbruder es ihm zeigen wollte, hing auch ein seines Lederriemchen dran, tiefschwarz von alter Nässe. Da standen beide mit ihrer Meinung wie in eins verklärt und sanken sich als Freunde in die Arme und rochen an dem Schlüsselchen und rochen an dem Riemchen und gingen mit ihrer Eintracht rasch, als ob sie einen Schatz gehoben hätten – auch wohl, weil sie das leere Faß gestehen mußten – hinauf zum Abt und zeigten dem das Wunder an. Der war ein seiner Greis bei alten Büchern. Er drohte schalkhaft mit dem Finger, weil er die alten Freunde kannte, davon ihm jeder lieb mit seinen Kenntnissen war, und hieß sie schleunigst den Schlüssel mit dem Riemchen zum Gartenbruder tragen, daß der ihn tief vergrübe; denn, sagte er, und lächelte in sein Pergament, er möchte sonst noch manchmal in ein Fäßchen fallen und euch entzweien. Von eines Wingertmanns Arbeit, Freud und Leid Von Otto Stückrath Es hat im 1581. Jahr von der Geburt unseres Herrn und Heilandes her gerechnet der eifrige und tugendsame Pfarrherr zu Aßmannshausen, Herr Joist Moyß, zu Köln am Rheine mit römischer kaiserlicher Majestät Freiheit ein Büchlein in Druck ausgehen lassen, in welchem »von dem schweren Mißbrauch des Weines« in lieblichen Reimen und Knittelverslein ergötzlich und lehrhaft zu lesen. Es ist mir dies Büchlein erst heute zu Händen gekommen, und schreiben wir schon das 1608. Jahr, so daß es fast freventlich erscheinet, jetzo des gelehrten Autoris Werklein widerlegen zu wollen, mangelt mir auch jegliches Geschick zum Reimeschmieden, dieweil ich ein einfacher rheingauer Wingertsmann bin, welcher nur schwer den Gänsekiel in der Hand hält, viel lieber mit der Rodhacke gehet. Will darum auch dem Herren Pfarrer seine Meinung als eine, so er sich selbsten, vielleicht an unserem Zinsweine, welcher ein trostlos Gesöff und nur über die Trester aufgegossen, erworben, nicht bestreiten oder ihr einen Abtrag tun, vielmehr denen guten Deutschen, Männern sowohl als Frauen, erzählen von eines einfachen Wingertsmannes Arbeit, Freud und Leid, und so der günstige Leser dabei einen Tropfen trinket, der ihm lieblich durch die Gurgel rauschet, so möge er wissen, daß die Trank gewordene Sonne nur hervorgelocket wird durch Wingertsmannes Müh. Mir, dem Schreiber, hats in diesem Jahr den Keller zerschlagen, ist kein Tröpflein darinnen, so daß mir die Zung am Gaumen klebet ob meiner harten Schreibarbeit, denn es ist ein uralt Sprüchlein: »Im Rhingau leben und kein Wein haben ist härter als Stein graben!« Will dies vorausgeschicket haben, so vielleicht eine barmherzige Seel mir ein reiflich überlegtes, gut faßlich gemachtes Weinlein als eine Sondergab und Gratification sollt zuschicken wollen. Es hat mein Vater selig, da ich an die zehen Jahr gewesen bin, unseren alten Wingert in der »Höll« ausgehauen. Es hat dies Flecklein Land danach gelegen an die drei Jahr. Darauf, im bitterkalten Winter, haben mein Vater und ich dorten gestanden, einen Graben gezogen wohl an drei Schuh tief und darauf das ganze Flecklein gerodet. Es ist aber über dieser schweren mühsamen Arbeit der Winter dahingegangen, und sind mir gar oft die Hände klamm und die Füße wie Eis gewesen. Wir haben auch die Mauer, so das Stücklein gegen unsern Nachbar Hans Sturm abgrenzet, säuberlich wieder errichtet aus lauter harten Felssteinen, und haben sie Stück um Stück getragen mehr denn zweihundert Schritt gegen den Berg. Auch einen ehrsamen, tüchtigen Mist haben wir mit eingegraben und Fladen um Fladen geleget, also, daß es fast schön war anzuschauen. Darauf aber, als der Mai kam, haben wir unsere Blindreben gestecket, alle nach der Schnur, stunden allda wie ein Fähnlein Landsknecht. Also nun, wie mein Vater dazumalen getan, muß ein Wingertsmann jedesmal tun, so er einen alten Wingert ausgehauen und in Geruhsamkeit hat liegen lassen an die drei Jahr. Hat also von seinem Stücklein, so er nicht etwas Grünfutter holet, drei Jahr keine Arbeit damit, aber auch keine Ernt, darauf aber im vierten Jahr viel Arbeit und lang noch keine Ernt, da sich solche erst völlig einstellet, nachdem fünf oder gar sechs Jahr dahingegangen, statt dessen aber Arbeit genug. Es ist nämlich in den rheingauischen Ländern der Brauch, vier Baue zu machen im Wingert, und ist der erste Bau, welchen man schon im November, Dezember oder im Märzen vornimmt, genannt der Winter- oder Märzbau, wobei man die Erde rauh herumwirft, daß der Frost die Schollen klein mache. Im April oder Anfang Mai kommet das erste Graben. Da zieht man die Erde von den Stöcken weg in die Mitte der Zeilen, setzet sie dort mächtiglich auf, daß sie gar erhöhet ist, nennet dieses auf Balken setzen. Ende Juni, Anfang Juli folget dann das Rühren oder Gleichgraben, wobei man die Erde wieder einebnet, so daß der Wingert fast fein anzusehen. Endlich aber, wenn die Trauben lautern, demjenigen, so des Wingertbaues und der Reben fremd, sei gesagt, daß dies die Zeit, da die Beeren weich und ihre Haut durchsichtig werden, fällt der vierte Bau. Nun lasse sich aber keiner bedünken, daß das alles so sein ginge, wie es allhie beschrieben stehet. Wie das Wetter, so die Arbeit, und wie das Unkraut wächset, so wächset die Müh, also daß man oft mehr Zwischenarbeiten machet als wirkliche Baue. Und nun hast du nur die Erden bearbeitet, noch nichts an den Stöck getan, welches auch ein Ding für sich und nicht das leichteste. Da kommet das Schneiden, eine gar subtile und nicht von einem Dümmling zu machende Arbeit. Darauf, so gerten wir die Bogreben an den Mittelpfahl, heften die Loden, wie wir die jungen Triebe zu nennen pflegen, an die Pfähle, müssen die Schosse aus dem alten Holz auspflücken, geizen die überflüssigen Seitentriebe und dürfen auch das Gipfeln nicht vergessen, da sonsten bald ein Wingert gar wild aussähe, hier einen hohen, dort einen gar niedrigen Rebstock trüge. Wer will es einem armen Wingertsmann verargen, wenn ihm das Herze hüpfet, so die ersten Gescheine sich zeigen und ihren lieblichen Duft gen Himmel senden gleich einem Weihrauch? Wer kann ihm böse sein, wenn er Freudensprünge tut, so der Wingert zur Lese bereit ist? Jetzo soll er einheimsen, was Wintersmüh und Sommerarbeit, was sein Fleiß, der Sonne Kraft und des Düngers Saft in der Reben gekochet und mit Gottes Hilf gereifet. Da ist er fast fröhlich den ganzen Tag, gehet mit Singen an sein Werk, welches ihm schwer sein sollt, so er unter schweren Lasten keuchet. Er gehet aber auch fast frei, das Winzermesser in der Hand und löset die Trauben mit einem fröhlichen Gemüt, füllet sie in die Legel und freuet sich, wenn der erste Most hell und klar und süß rinnet, ein Labsal der Zunge, und dem Leibe eine starke Reinigung. Es hat mir einmal ein Studentlein, welches der Chymie ergeben, ein Langes und Breites geredt, wie es zuginge, daß aus dem Most erst das rechte Traubenblut würde durch das Sausen und Gären im Fasse; hab davon nichts behalten, da er mir das sagete, als der Most eben anfinge zu bützeln und gar lieblich hinten die Nasen herauf zu steigen, also daß man schon einen linden Vorschmack des künftigen Weins gewann, ist wohl auch kein Schade, wenn ich dies in meinem Schreiben, welches mir fast schwer fället, daneben lasse und nur noch sage, daß es der Sprüchlein vom Weine immer zwei gibt, eines dafür, das ander dagegen. Saget man: »Im Wein ist Wahrheit«, so krätschet ein anderer dagegen: »Ein Bündel Lügen ist der Wein!« Jubilieret der eine: »Aus dem Weine steigt die höchste Fröhlichkeit auf Erden!«, so jammert der andere: »Viel Leid kommt aus dem Weine!« So gehet es hin und her, stimmet und stimmet auch nicht. Das aber stimmet: ein Weinlein, wenn es in heißer Sonne geboren, tuet der Zungen sehr wohl; da wird jed Fäserlein von der annehmlichen Sauerkeit umspület, wird gereizet, daß es für Freud den Mund zu einem spitzigen, ründlichen Mäululein formieret, auf denen Backen zwei Runen lässet erscheinen, die voll Zufriedenheit sind, gibt den Augen einen Schein als wie die liebe Sonne und scheuchet wie ein Zaubertrank oder Wunderarzenei alle hypochondrische Gedanken. Es ist ein gar liebliche Fabula, daß sich einst ein Rheingauer wollt erhenken. Hatte sich auch schon ein Stricklein gekaufet, mit welchem er wollt sein arm Leben zu einem End bringen. Ging also in den Keller, welchen er, nach Art der guten rheingauischen Keller – da er doch vorher ein habsamer Mann gewesen – gar lieblich ausgezieret und mit langen Faßreihen als denen Lusttrummeln ausgestattet hatte, fand dorten noch ein rundlich Fäßlein, das einen lieblichen Schall gab, nun, da es angeschlagen, läutete es nämlich die volle Mette. Ei, denket er, sollst du gutes Weinlein ungetrunken bleiben? Probieret also einmal, und siehe, wie er in den Geschmack gekommen, da nimmt er den Totmacher, meine damit den Strick, versenket ihn in das Faß und lässet fürs erste- und für allemal das Henken sein. Es war dies aber der einzige Rheingauer, welcher sich selbsten um sein Leben bringen wollte, sonsten tuet es der Wein und das liebe Leben, auf welches der Tod als ein Punkt und Schlußstrich folget. Hätte aber dieser Rheingauer, wie es mir einmal ergangen, einen richtigen Strumpfflicker getrunken, so wäre ihm die Kehl von selbsten zugegangen, denn siehe, ich habe in selbigem Jahre auf einer Nachbarschaft einen Becher dieses rambassigen Weins getrunken, hätte es wahrlich nicht bis auf den Grund ausgeläppert, so mich nicht drei Nachbarn hart gehalten, dieweil ich dabei schuckerte, als ob mich der Frost hätte. Meinem Nachbar Jost hat dazumal der gar saure Wein einen zinnern Becher ratzebutz gefressen, und bei meinem Vetter Hannlipps haben die Fässer ramuret, als wehreten sie sich. Das ist Wingertsmanns Leid, wenn der Keller riechet wie ein Essigstall. Meiner in diesem Jahr, er riechet gar nicht, alle Weinlein sind vertan, weiß Gott, ob bald ich wieder eins soll han ... W. Mulot, Haus in Kiedrich. Die Predigt vom Wein Von Wolfgang von Goethe Der Genuß des Weins war durch solche Gespräche nicht unterbrochen. Wir sendeten unsere leeren Gefäße zu dem Schenken, der uns ersuchen ließ, Geduld zu haben, bis die vierte Ohm angesteckt sei. Die dritte war in der frühen Morgenstunde schon verzapft. Niemand schämt sich der Weinlust, sie rühmen sich einigermaßen des Trinkens. Hübsche Frauen gestehen, daß ihre Kinder mit der Mutterbrust zugleich Wein genießen. Wir fragten, ob denn wahr sei, daß es geistlichen Herren, ja Kurfürsten geglückt, acht rheinische Maß, das heißt sechzehn unserer Bouteillen, in vierundzwanzig Stunden zu sich zu nehmen. Ein scheinbar ernsthafter Gast bemerkte, man dürfe sich zu Beantwortung dieser Frage nur der Fastenpredigt ihres Weihbischofs erinnern, welcher, nachdem er das schreckliche Laster der Trunkenheit seiner Gemeinde mit den stärksten Farben dargestellt, also geschlossen habe: »Ihr überzeugt euch also hieraus, andächtige, zu Reu' und Buße schon begnadigte Zuhörer, daß derjenige die größte Sünde begehe, welcher die herrlichen Gaben Gottes solcherweise mißbraucht. Der Mißbrauch aber schließt den Gebrauch nicht aus. Stehet doch geschrieben: Der Wein erfreuet des Menschen Herz! Daraus erhellet, daß wir, uns und andere zu erfreuen, des Weines gar wohl genießen können und sollen. Nun ist aber unter meinen männlichen Zuhörern vielleicht keiner, der nicht zwei Maß Wein zu sich nähme, ohne deshalb gerade einige Verwirrung seiner Sinne zu spüren; wer jedoch bei dem dritten oder vierten Maß schon so arg in Vergessenheit seiner selbst gerät, daß er Frau und Kinder verkennt, sie mit Schelten, Schlägen und Fußtritten verletzt und seine Geliebtesten als die ärgsten Feinde behandelt, der gehe sogleich in sich und unterlasse ein solches Übermaß, welches ihn mißfällig macht Gott und Menschen und seinesgleichen verächtlich. Wer aber bei dem Genuß von vier Maß, ja von fünfen und sechsen, noch dergestalt sich selbst gleichbleibt, daß er seinem Nebenchristen liebevoll unter die Arme greifen mag, dem Hauswesen vorstehen kann, ja die Befehle geistlicher und weltlicher Obern auszurichten sich imstande findet, auch der genieße sein bescheiden Teil und nehme es mit Dank hin. Er hüte sich aber, ohne besondere Prüfung weiterzugehen, weil hier gewöhnlich dem schwachen Menschen ein Ziel gesetzt ward. Denn der Fall ist äußerst selten, daß der grundgütige Gott jemanden die besondere Gnade verleiht, acht Maß trinken zu dürfen, wie er mich, seinen Knecht gewürdigt hat. Da mir nun aber nicht nachgesagt werden kann, daß ich in ungerechtem Zorn auf irgend jemand losgefahren sei, daß ich Hausgenossen und Anverwandte mißkannt oder wohl gar die mir obliegenden geistlichen Pflichten und Geschäfte verabsäumt hätte, vielmehr ihr alle mir das Zeugnis geben werdet, wie ich immer bereit bin, zu Lob und Ehre Gottes, auch zu Nutz und Vorteil meines Nächsten mich tätig finden zu lassen, so darf ich wohl mit gutem Gewissen und mit Dank dieser anvertrauten Gabe mich auch fernerhin erfreuen. Und ihr, meine andächtigen Zuhörer, nehme ein jeder, damit er nach dem Willen des Gebers am Leibe erquickt, am Geiste erfreut werde, sein bescheiden Teil dahin. Und auf daß ein solches geschehe, alles Übermaß dagegen verbannt sei, handelt sämtlich nach der Vorschrift des heiligen Apostels, welcher spricht: ›Prüfet alles und das Beste behaltet.‹« Die nassauischen Heilquellen Von L. Katzenstein Von allen Gegenden der Welt ist wohl keine so reich an Mineralquellen, wie Nassau und innerhalb seiner Grenzen wieder das Taunusgebirge. Fast 20 Mineralbäder von mehr oder minder großer Bedeutung befinden sich hier, und noch eine weitere Anzahl liegt an der Grenze des Gebietes, geographisch noch zu ihm gehörig. Die Ursache für das reiche Zutagetreten der Mineralquellen dieser Gegend beruht wohl darauf, daß durch frühere vulkanische Eruptionen sich tiefe Spalten in der Erde gebildet haben, die die Erdoberfläche mit dem Erdinnern verbinden; hier aber befindet sich ein glutflüssiger Gesteinsbrei, Magma genannt, der außer Gasen und Salzen die Mineralstoffe der Lava enthält. Beim Emportreten dieses glühenden Breies kondensiert sich der Wasserdampf zu flüssigem Wasser, die Gase und Salze werden frei, und das Ganze steigt dann, indem es auf seinem Wege zur Erdoberfläche noch die Salze der durchlaufenen Erdschichten auslaugt, als Mineralquelle zu Tage. Die verschiedene Zusammensetzung der Mineralquellen hängt ab von der Art der Salze, die das vulkanische Wasser aus den Erdschichten auslaugt, die Temperatur der Quellen dagegen von der Tiefe, aus der sie kommen. Da nun erfahrungsgemäß die Temperatur im Erdinnern von 30 zu 30 Meter um 1 °C zunimmt, so kann man aus der Temperatur des Wassers auch einen Rückschluß auf die Tiefe seines Herkommens ziehen, die z.B. bei dem Wiesbadener Kochbrunnen mit seiner Temperatur von 65,7 °C etwa 2000 Meter unter der Erdoberfläche beträgt, bei den Emser Quellen mit ihrer zwischen 30 und 50 °C liegenden Temperatur zwischen 700 und 1400 Meter, während die kalten Quellen von Homburg und Langenschwalbach nur eine Tiefe von 200-300 Meter aufweisen. Die Mineralquellen Nassaus sind in der verschiedensten Weise zusammengesetzt, und fast alle Charaktere von Mineralquellen sind unter ihnen vertreten; sie genügen also auch in therapeutischer Hinsicht den mannigfaltigsten Anforderungen und haben sich daher in ihren spezifischen Heilwirkungen auf die verschiedensten Krankheiten einen Weltruf erworben, wie ihn kein anderes Quellengebiet genießt. Die Perle der Nassauischen Bäder, wie der deutschen Bäder überhaupt, ist Wiesbaden, berühmt seit Jahrtausenden durch die Heilkraft seiner Quellen und seine klimatischen Vorzüge, bekannt durch die großartigen Kureinrichtungen, deren hervorragendste das Kurhaus und das Kaiser-Friedrich-Bad sind, denen kein anderes Bad der Welt an Schönheit, Eleganz und Großartigkeit der Einrichtungen etwas Ähnliches an die Seite zu stellen hat. Am Südabhang des Taunusgebirges, in der Nähe des Rheines gelegen, bettet es sich malerisch hingezaubert in eine Talmulde, die von drei Seiten von schützenden Bergen umgeben, nur nach dem wärmespendenden Süden hin geöffnet ist. Wie aber das milde Klima die zarte Pflanze schont, so schont es auch den empfindlichen Organismus der Rekonvaleszenten, der Blutarmen, Neurastheniker und aller derer, denen ein rauher Landstrich Erkrankungen bringt; deshalb hat sich Wiesbaden in letzter Zeit immer mehr auch den Ruf eines klimatischen und Winterkurortes erworben. Zu dem klimatischen Heilfaktor tritt der Heilung bringende Quellgeist. Schon den Römern waren Wiesbadens Quellen, die Aquae Mattiacae , bekannt. Sie errichteten in Wiesbaden eine prächtige Bäderstadt, deren großartige Anlagen zum Teil bei dem Bau des Palasthotels und des Schützenhofes wieder frei gelegt wurden. Während Plinius etwa 70 n. Chr. schon von den heißen Quellen berichtet, besitzen wir allerdings erst in den aus dem 3. Jahrhundert stammenden Votivtafeln, auf denen den Göttern Dank für die Heilung dargebracht wird, Zeichen dafür, daß die Quellen Wiesbadens auch zu Heilzwecken verwendet wurden. Nach dem Sturz der Römerherrschaft im 4. Jahrhundert verschwindet auch das Interesse und Verständnis für die Wiesbadener Quellen; erst aus dem 14. Jahrhundert kennen wir wieder einen Bericht über ein Badefest in Wiesbaden, wobei wir erfahren, daß Männer und Frauen gemeinsam badeten, daß Kurgäste sich selbst beköstigen mußten und die Bäder durch Gegenleistungen bezahlt wurden. Im 17. Jahrhundert wird das erstemal der Trinkkur Erwähnung getan. Im 18. Jahrhundert war Wiesbaden schon eine Badestadt von internationalem Gepräge, in der Ungarn und Polen, Schweden, Engländer und Franzosen als Badegäste weilten. Einen besonderen Aufschwung nahm Wiesbaden unter Wilhelm I. von Nassau im Anfang und Adolf von Nassau in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die durch die Errichtung der bemerkenswertesten Bauten und Kureinrichtungen den Grund legten für die großartige Entwicklung, die das Bad Wiesbaden zur Zeit der Hohenzollern nahm. Wiesbaden besitzt 27 Quellen, die zur Gruppe der warmen einfachen Kochsalzquellen gehören. Einige der Quellen, aber die wichtigsten, befinden sich in städtischem Besitz, die meisten im Besitze verschiedener Hotels, »Badhäuser« genannt. Die wichtigste Quelle ist der Kochbrunnen, der auch das Wasser für die Trinkhalle liefert; er ergibt täglich 5472 Hektoliter, während alle Quellen zusammen etwa 20 000 Hektoliter zutage fördern. Der Kochbrunnen – ich will ihn als Vertreter der anderen Thermalquellen nennen – enthält 8,8 Gramm feste Bestandteile im Liter, unter denen das Kochsalz die Hauptrolle spielt. Außer Kochsalz enthält er von wesentlichen Mineralien noch 0,0037 Gramm pro Liter Lithium, dem auch in dieser geringen Menge eine stark harnsäurelösende Wirkung zugesprochen wird, sowie Eisenoxydul- und Manganverbindungen, die selbst in geringster Menge als sogenannte Katalysatoren durch ihre bloße Anwesenheit bedeutende chemische Wirkungen entfalten. Erst in neuester Zeit hat Ludwig Fresenius auf die große Bedeutung dieser Verbindungen und der Wasserstoff-Ionen-Konzentration aufmerksam gemacht. Die Temperatur des Kochbrunnens beträgt 65,7 °C. Die übrigen Quellen kommen in ihrer Zusammensetzung und Temperatur dem Kochbrunnen ziemlich gleich. Was die Heilanzeigen für die Wiesbadener Thermen anbetrifft, die zu Bade-, Trink- und Inhalationskuren verwendet werden und als Quellprodukte auch zum Versand kommen, so genießen sie einen Weltruf für die Heilung der gichtischen und rheumatischen Erkrankungen der Gelenke, der Muskeln und Nerven, unter Letzteren vor allem von Ischias, ferner für die Heilung der Erkrankungen der Schleimhäute des Magens und Darms und der Kartarrhe der Stimmorgane, auf die sie einen vorzüglichen Einfluß haben, ferner für die Rekonvaleszenz nach erschöpfenden Krankheiten und für die Heilung von Weichteilverwachsungen nach Knochenbrüchen und Verwundungen. In der Nähe Wiesbadens, an einer der schönsten Stellen des rechten Rheinufers, unterhalb des Niederwalddenkmals, liegt das »Gichtbad« Aßmannshausen. Auch diese Mineralquellen waren wahrscheinlich schon den Römern bekannt und wurden schon im 15. Jahrhundert zu Heilzwecken verwendet. Nachdem sie mehrere Jahrhunderte in Vergessenheit geraten waren, kamen sie 1878 wieder in Aufnahme. Sie gehören zu den warmen alkalischen Kochsalzquellen und werden gegen Gicht und Rheumatismus, Magen- und Darmkatarrhe, Nieren- und Blasenleiden angewandt. Aßmannshausen hat einen starken Mineralwasserversand. Das bedeutendste Taunusbad nach Wiesbaden ist Homburg v. d. H., vor dem Kriege ein internationales Bad von vorwiegend englischem Gepräge. Auch die Homburger Quellen benutzten die Römer schon im 2. und 3. Jahrhundert zu Badezwecken und zur Salzgewinnung. Wie bei keiner anderen Niederlassung ist uns hier auf der wiedererbauten Saalburg ein einzigartiges Denkmal der Römerzeit erhalten. Aber auch die Homburger Quellen benutzten die Römer nicht zu Heilzwecken; erst 1744 werden sie zum erstenmal als Heilquellen erwähnt. Es sind ihrer acht, die zusammen täglich 1300 Hektoliter Wasser liefern. Die bekannteste von ihnen ist der Elisabethenbrunnen, der ja auch zu »Homburger Kuren« in die ganze Welt versandt wird. Mit seinen beträchtlichen Mengen von Calcium, Magnesium und seiner reichen Kohlensäure, gehört er, wie mehrere andere Quellen, zu den erdigen Kochsalzsäuerlingen, während der Stahlbrunnen und der Luisenbrunnen mit ihrem hohen Eisengehalt und ihren Eisenionen zu den erdig-muriatischen Eisensäuerlingen zählen; sie werden, ebenso wie der Kaiserbrunnen und der Soolsprudel, zum Baden und Inhalieren benutzt, während der Elisabethenbrunnen zu Trinkkuren Verwendung findet. Die Temperatur des Elisabethenbrunnens beträgt 10,6 ºC. Das hauptsächlichste Indikationsgebiet für die Homburger Quellen sind die Krankheiten des Verdauungsapparates, wie Magen-, Darm-, Leber- und Gallenleiden; aber auch Herzkrankheiten, ferner Gicht und Rheumatismus, Frauenleiden und Blutarmut werden in Homburg mit Erfolg kurgemäß behandelt. P. Dahlen, Alt-Wiesbaden, Rathaus. In der Nähe Homburgs liegt Bad Soden a. T. Von seinen 25 Quellen, von denen heute 9 zu Heilzwecken verwendet werden, sind einzelne schon von altersher bekannt. So wurde der Milchbrunnen schon 1494 gefaßt, der Sprudel aber erst 1858 erbohrt. Die Quellen Sodens werden wegen ihres mehr oder weniger hohen Gehaltes an Kochsalz und an freier Kohlensäure ebenfalls zu den Kochsalzsäuerlingen gerechnet. Sie enthalten außerdem an wesentlichen Bestandteilen Calcium, Magnesium und Eisen. Ihre Temperatur schwankt zwischen 15 und 30 ºC. Sie werden zur Bade- und Trinkkur und zu Inhalation – in dem ganz modernen Inhalatorium – mit sehr gutem Erfolg angewandt, einerseits wegen ihrer Eigenschaft, die Sekrete der Schleimhäute zu verflüssigen und diese wieder zu normaler Sekretion anzuregen, bei allen Katarrhen der Atmungsorgane und des ganzen Verdauungsapparates, andererseits wegen ihres Einflusses auf die Anregung des Gesamtstoffwechsels und die Aufsaugung pathologischer Produkte in der Behandlung der Skrofulose, Rhachitis, der Gicht und des Rheumatismus, ferner der Blutarmut und der verschiedenen Exsudate. Als Stahl- und Moorbad seit vielen Jahrhunderten bekannt ist Langenschwalbach, am nördlichen Taunusabhang in einem langgestreckten Tale gelegen. Seine Entwicklung zum Badeort fällt in die Mitte des 16. Jahrhunderts, wo der Arzt Tabermontanus aus Worms durch seine Schriften auf die heilsame Wirkung der Quellen hinwies. Durch die Fürsorge der Landgrafen zu Hessen-Darmstadt blühte Langenschwalbach schon zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges zu einem der bedeutendsten Luxusbäder Deutschlands auf. Nach dem Übergang an das Herzogtum Nassau im Jahre 1816 förderten die Schriften des Arztes Fenner und des englischen Majors Head seine Entwicklung, die auch unter der Herrschaft der Hohenzollern (seit 1866) weitere Fortschritte und Langenschwalbach zu einem weltbekannten Badeort von spezifischer Wirkung bei Blutarmut, Frauen- und Herzkrankheiten machte. Das Bad besitzt 8 Quellen, die zu den stärksten reinen Stahlquellen Deutschlands gehören und sich durch einen sehr hohen Kohlensäuregehalt auszeichnen. Auch seinen vorzüglichen Moorbädern, deren Moor aus benachbarten Lagern stammt und mit Mineralwasser angerührt wird, verdankt Langenschwalbach einen Teil seiner Besucher. Nicht weit von ihm entfernt liegt in einem idyllischen Tal, von grünen Bergen umschlossen, Schlangenbad, dessen neun Quellen, schon im 17. Jahrhundert zu Heilzwecken benutzt, auch heute noch ebenso geschätzt sind wie das anregende und besonders in der heißen Sommerszeit erfrischende Waldklima Schlangenbads. Seine Quellen gehören zu der Gruppe der warmen Wildbäder und enthalten nur 0,4 Gramm feste Bestandteile im Liter, unter denen das Kochsalz überwiegt. Ihre Temperatur schwankt zwischen 28 und 31 ºC. Zur Behandlung in den Badehäusern und dem neu errichteten, prächtigen Kurhaus kommen hauptsächlich chronische Hautausschläge, Nervenkrankheiten und chronische Frauenleiden; auch bei Stoffwechselkrankheiten sind die Quellen, getrunken oder in der Form des Bades, heilsam. Zur Behandlung chronischer Hautleiden wurde früher vielfach die kalte alkalische Schwefelquelle des Bades Weilbach (zwischen Frankfurt und Wiesbaden gelegen) benutzt, das heute nur noch einen Wasserversand hat. Die Quelle enthält Glaubersalz und Kochsalz sowie ziemlich viel freien Schwefel-Wasserstoff; in der Form von Trinkkuren und Inhalationen wirkt sie auch auf die chronischen Katarrhe des Atmungsapparates, Leberanschoppungen, Hämorrhoiden, Syphilis und Metallvergiftungen günstig. Die andere Quelle Weilbachs ist eine Natronlithion-Quelle, die bei der Behandlung der harnsauren Diathese, bei Gicht und Rheumatismus, Blasen- und Nierenleiden Verwendung findet. Eines der berühmtesten Bäder nicht nur Nassaus, sondern überhaupt, ist Bad Ems a. d. Lahn, wegen der geschichtlichen Ereignisse, die sich an seinen Namen knüpfen, ebenso bekannt wie als einziger warmer alkalisch-muriatischer Säuerling Deutschlands. Seine zahlreichen Quellen, unter denen das Kränchen und der Kesselbrunnen die hervorragendsten sind, wurden schon zur Römerzeit zu Heilzwecken benutzt, wie eine dort aufgefundene römische Badeanstalt beweist. Danach hörte man erst wieder 1172 von ihnen. Von 1429 bis 1803 gemeinsam Nassau-Oranien und Hessen-Darmstadt gehörend, erfreute sich Ems im 16. Jahrhundert schon solcher Schätzung, daß viele berühmte Ärzte ihm Schriften widmeten. So im 17. Jahrhundert Dr. Weigel und der Frankfurter Arzt Dr. Horst, und im Anfang des 19. Jahrhunderts der Wirkl. Geh. Rat Friedrich Diel. 1852 wurde von Dr. Spengler das erste Inhalatorium errichtet. Nachdem Ems 1866 vom Herzogtum Nassau an Preußen übergegangen war, begann für das Bad eine ungeahnte Blütezeit. Wie Temperatur der Emser Quellen schwankt zwischen 30 und 50 ºC. Die Summe der gelösten festen Bestandteile im Liter ergibt etwa 3,9 Gramm, unter denen das Kochsalz überwiegt. Die Quellen werden meistens für die Trinkkur, für Inhalationen und Gurgelungen verwendet, die Neuquelle und die Römerquelle auch für Bäder. Sehr groß ist der Versand des Emser Wassers – etwa 3 Millionen Flaschen jährlich – des Quellsalzes und der Pastillen. Auch ein zahnsteinlösendes Zahnpulver, aus Emser Salzen gewonnen, wird jetzt hergestellt. Zur Behandlung kommen vornehmlich die Katarrhe der Nase, des Rachens, des Kehlkopfes und der Bronchien, ferner Rückstände von Lungen- und Rippenfellentzündungen, Emphysem und Asthma, Katarrhe des Verdauungsapparates und der Harnorgane, Frauenleiden, Gicht und Rheumatismus. Es gibt noch eine Reihe sonstiger bemerkenswerter Quellen in Nassau, die aber weniger zu Kuren am Ursprung der Quellen, wie als Tafelwasser Verwendung finden. Am bekanntesten sind Fachingen, ein alkalischer Säuerling; Cronthal, ein erdiger Kochsalzsäuerling, sowie Oberselters und Niederselters, die zu den alkalisch-muriatischen Säuerlingen gehören. Auch die Quellen von Kiedrich, die in ihrer Zusammensetzung den Wiesbadener Quellen sehr nahe kommen, dienen hauptsächlich zum Versand. In alle Lande der Welt tragen die Nassauischen Quellen den Ruf ihrer Heimat, und bringen der kranken Menschheit der ganzen Erde ihren Segen. So bildet der Gesundbrunnen, den die Menschenträume von jeher in weiter Ferne suchten, in Wahrheit eins der Wunder unsres heimischen Bodens, wo er aus den Straßen dampft, über die wir gehen, und aus den Waldtälern schäumt, in denen wir lagern. Schlangenbad Volkslied Der Jäger längs dem Weiher ging, Die Dämmerung den Wald umfing. Was plätschert in dem Wasser dort? Es kichert leis in einem fort. Was schimmert dort im Grase feucht? Wohl Gold und Edelstein, mich deucht. Kronschlänglein ringelt sich im Bad, Die Kron sie abgeleget hat. »Jetzt gilt es wagen, ob mir graut; Wers Glück hat, führet heim die Braut!« – »O Jäger, laß den goldnen Reif, Die Diener regen schon den Streif! O Jäger, laß die Krone mein, Ich gebe dir Gold und Edelstein! Wie du die Kron mir wieder langst, Geb ich dir alles, was du verlangst!« – Der Jäger lief, als sei er taub, Im Schrein barg er den teuren Raub. Er barg ihn in dem festen Schrein: Die schönste Maid, die Braut war sein. Der Bauer nach der Kur von Wiesbaden Von Friedrich Lennig Wie bei em greeschte Feier uff em Hard Quorrelt und brotzelt dort des Wasser aus der Ard. Des is d'r e Gekoch und e Gegähr, M'r sollt net maane, daß es Mensche mihlich wär. Was mah do drunne sein? ze grawe härr eich Luscht, Wann's aah die Hell net is, es is in kaam Fall juscht. Die Hauptsach awwer is der Kursaal, dodruff halle Die Leit gewaltig viel, meer hot er net gefalle ... Der Saal is gruß un kann viel Batze koschte; Er ruht uff acht un zwanzig staanern Poschte. Deß sein zeviel, in meiner Scheier stieht nor aaner, Dar trägt genung; freilich, die es e gut Daal klaaner. De Borrem reiwe se dort als met Bettstreich ein, Daß m'r hibsch falle kann un daß er glatt soll sein. Die glasern Dhere dhun grad uff enanner ziehe; Wamm-mer'sch Gicht noch net hot, dann kamm-mer'sch do noch kriehe. Noch ebbes; denkt emol uff baade Seite – Eich hunn mich drum befroht, 's sein Getze vun de Heide – Stiehn d'r su Statewa vun weißem Marmelstaan; nix um hunn die, fui Deiwel, un nix an. Vom gruße Saal do gieht mer in die Newestubb, Do sein die merschte Leit und spiele uff aam Trupp. Dort hunn se uff em Disch su e rund Ding im Spiel, Deß leeft erum wie's Rad an-ere Kaffeemihl. Wie's is, deß waas eich net, eich glaab, 's sitzt aaner unne, Und wo des Kihelche hinleeft, dar hot gewunne. Dort fliehe die Karlin im Aaheblick ewek, Bald hin bald har, m'r maant, des Geld wär Dreck, Do mache, die verleern, Gesichter wie e Bauer, Wann 's Hußje zu em kimmt, ganz deiwelmäßig sauer. Wamm-m'r vorhar wißt, wie dar Klicker fällt zuletzt, Hätt unseraans emol for Spaß aah druff gesetzt. Weil awwer kaaner waaß, ob ar gewinnt, do docht eich: Der Hunn-eich is mer doch noch liewer als der Hätt-eich. Des Spiel ze Wißbad gieht in aam Stick fort, aan Leier. Gleih vor em Kursaal is e großer hibscher Weiher; Dort kumme Sunndahs Gäscht aus alle Ecke Un schneire Kumplemender zum Verrecke. Un dhun was vornehm, aans dem annern um die Wett, Als wann e jedes Geld volluff ze fresse hätt. Die treiwe d'r vun aans bis in die Nacht ehr Wese, Die merschte kumme an un fahre fort mit Chaise. Ehr Leit! Wann d'r noch net im Wißbad wart, Gieht hin, aanmol ze siehn is es der Mih doch wart. Naun war eich dort, un hott's aach nix gebatt, Säht m'r im Sprichwort, no, do hot's aach nix geschadt; – Ja scheen. – Mein Knolle Geld war fort in aaner Woch, Die Knolle vun meim Gicht, adjees, die hunn eich noch. Aus dem Leben der Dorfgemeinschaft in Nassau Von Otto Stückrath In der dörflichen Gemeinschaft ist der Einzelne von den mit ihm lebenden Dorfgenossen viel abhängiger als ein Stadtbewohner von dem anderen. Schon die Enge des Personenkreises, der die Gemeinschaft bildet, gewährleistet eine stärkere Teilnahme des einen für den anderen. Dazu kommt, daß bei einer ganzen Reihe bäuerlicher Arbeiten und Verrichtungen der Einzelne auf die freundnachbarliche Hilfe des anderen angewiesen ist. Noch ehe es Genossenschaften mit Satzungen und gerichtlicher Eintragung, mit Rechten und Pflichten gab, hatte sich in den dörflichen Siedelungen, teilweise auch in kleineren städtischen Gebilden, genossenschaftlicher Geist betätigt und führte hier und da sogar zu satzungsartigen Bindungen, die niedergeschrieben und hoch in Ehren und Ansehen gehalten wurden. Was, an räumlich oft ziemlich weit getrennten Orten beobachtet und aufgezeichnet, an Beispielen für das Leben der Dorfgemeinschaft in Nassau erzählt werden kann, soll dem Gesagten Farbe geben und das bunte Leben jener Schicksalsgemeinschaften von der Seite der gemeinschaftlichen Arbeit beleuchten, die im Arbeitsfeste so vortrefflich verstanden hat, das unangenehmste Tun in eine zum mindesten unterhaltsame Angelegenheit zu verwandeln. Ludwig Knaus, Nassauische Bäuerin Im mittleren Taunus und im oberen Westerwald, vor allen Dingen in jenen Ortschaften, die vom eigentlichen Verkehr abseits liegen, hat sich das Gemeindebackhaus als eine alte Gemeinschaftseinrichtung der Dorfgemeinde fast überall noch erhalten und wird häufig selbst da noch weiter benutzt, wo neben ihm der frei in seinem Gewerbe arbeitende Bäcker tätig ist. Das gemeinschaftliche Backhaus ist nur dann wirklich benutzbar, wenn sich die Benutzer einer bestimmten Ordnung fügen, ihrem Tun Maß und Gesetz geben. Dazu bedarf es nun keineswegs einer gedruckten oder geschriebenen Backhausordnung, sondern das alte Herkommen, der Brauch bestimmt neben der Reihenfolge der Backhausbenutzer alles Notwendige und sorgt dafür, daß jedem Benutzer einmal die Last des Anheizens oder die widerwärtige Arbeit der Backhausreinigung zufällt. Je größer das Dorf und je zahlreicher die Zahl der Benutzer, desto schwieriger gestaltet sich die Ordnung im einzelnen, aber sie regelt sich schier von selbst und läßt nie das Gefühl aufkommen, daß ein Einzelner bevorzugt würde. An einem Samstagabend durchschreitet der Ortsdiener, in der Rechten die Schelle schwingend – vor hundert Jahren handhabte er statt ihrer eine Klapper oder schlug eine mächtige Trommel –, die reinlich gesäuberten Gassen des Dörfleins. Nach einer Stunde aber sammelt sich am Backhaus die Schar derjenigen, die in der nächsten Woche backen wollen. Der Bürgermeister tritt unter sie, stellt an Hand einer Liste fest, wer erschienen ist, und läßt nun um die Reihenfolge im Backen losen. Die eigentliche Brotbereitung ist Frauenarbeit. Fast regelmäßig schließt ein Gebäck mit der Herstellung kleiner Gebildbrote, die in ihrer Gestaltung den Festzeiten folgen. Neben den dreieckigen »Scheeken« gibt es die aus Kuchenteig geformten Bubenschenkel und Totenbeinchen, die Jungfern und Hasen, die Reiter und Schößchen, die Apfelbrötchen und Plätzchen, und da diese Gebildbrote selten nur für den eigenen Bedarf, sondern vor allem auch zum Verschenken an die wartende Kinderwelt des Dorfes bestimmt sind, so mündet die Arbeit am gemeinschaftlichen Backhaus, die unter dem Zeichen der Einordnung in eine selbstgewählte Form der Reihenfolge in der Betätigung begann, ein in ein schenkendes Geben an diejenigen, die in der Zukunft wieder die dörfliche Gemeinschaft zu bilden berufen sind. Beim Ernten des Flachses und seiner nachfolgenden Bearbeitung geht das Maß der zu leistenden Arbeit weit über das hinaus, was die bäuerliche Einzelfamilie zu leisten imstande ist. Soll eine einigermaßen geregelte Verwertung dieser in den letzten Jahren nicht mehr so häufig angebauten Gespinstpflanze, die einst den Grundstock für die Erhaltung der bäuerlichen Tracht hergab, gewährleistet sein, so bedarf es einer Menge fleißiger Hände und einheitlicher, einem gleichen Ziele zustrebender Arbeit. Auf dem oberen Westerwald nennt man die Arbeitsgemeinschaften, die sich innerhalb eines Dorfes für diesen Zweck bilden, »Hosten«. Wer heute im eigenen Betriebe half, der steht morgen, derselben Arbeitsgemeinschaft angehörig, bei dem Nachbarn in der Scheune und hilft, nachdem der reife Flachs eingefahren ist, auf der Tenne den Flachs von den Samenkapseln, den Knotten, befreien. Beim Schein der Ölleuchte reichen die Mädchen den Burschen, die an dem an der Scheunenwand befestigten, rechenartigen Reff ihren Platz haben, Handvoll um Handvoll von dem geernteten Flachs hin; die Eisenzinken des Gerätes ergreifen die Knotten und streifen sie ab, so daß sie sich tanzend und hüpfend zu den Füßen des Reffers ein Plätzchen suchen. Lieder begleiten die Arbeit und geben ihr Takt und Abwechslung; da fast nur Jungvolk sie verrichtet, fehlt es nicht an Fröhlichkeit. Zu den näselnden Tönen der Ziehharmonika dreht man in einer Arbeitspause ein Tänzchen, und wenn die Arbeit geschafft ist, so nimmt das Haus, in dem der »Reffhosten« gehalten wurde, die ganze Gesellschaft zu einem Mahle auf, dem sich ein fröhlicher Umtrunk mit Lied und Tanz nicht selten anschließt. Auch das nach erfolgter Wasser- oder Tauröste des Flachses einsetzende Brechen ist Gemeinschaftsarbeit. Der Brechplatz befindet sich gewöhnlich vor dem Dorfe, manchmal in der Nähe des Waldes, in einem Hohlwege, manchmal in einer besonderen Brechhütte. In der sogenannten Brechkaute, einer primitiven Feuerstelle, die nach oben einen Rost zur Aufnahme des brüchig dürr zu trocknenden Flachses hat, wird ein langsam brennendes Feuer entzündet, und die »Dörrfrau« – sie führt diesen Namen auch dann, wenn ein Mann ihre Stelle vertritt – legt Flachsbündel um Flachsbündel auf den Rost, wendet sie um und sorgt dafür, daß sie recht gut dörren, um dann unter den harten Laden der Knätsche gequetscht zu werden, damit die, die weitere Bearbeitung übernehmende Breche desto leichtere Arbeit habe. Männer handhaben die Knätsche, Frauen und Mädchen, oft auch Männer, bedienen die Breche. Die Arbeit ist keineswegs leicht, aber da sie sich in der Gemeinschaft vollzieht, so unterliegt sie dem Rhythmus der Gemeinschaft, erhält durch sie die Bewegtheit edlen Wetteifers und die Stetigkeit gemeinschaftlichen Wollens. Die äußeren, harten Stengelteile des Flachses werden unter dieser Behandlung losgelöst, während die eigentliche Flachsfaser zutage tritt. Die abfallenden Stengelteile, Schewe oder Ahne genannt, geben der Dorfjugend das Material zu den beliebten, wenn auch nicht ganz ungefährlichen Ahnefeuerchen, in denen sich Kartoffeln ganz prächtig braten lassen. Daß auch bei diesem Arbeitsfeste Essen und Trinken nicht vergessen werden, ist selbstverständlich, und daß sich im Laufe der Zeit ein gewisser Kanon für die Beköstigung während dieser Tage gebildet hat, ist auch erklärlich. F. Luthmer, Cleeberg, Rathaus. Ganz in den Händen der Frauen liegt die dem Brechen folgende Bearbeitungsstufe des Flachses, das Schwingen. Es wird vielfach im gedeckten Raume des Backhauses vorgenommen und schon zu nachtschlafender Zeit damit begonnen. Die Frauen ziehen Männerröcke über, steigen manchmal auch in Mannshosen hinein und umhüllen das Haar mit einem Tuche, denn die Arbeit mit dem Schwingmesser fördert gewaltige Staubmengen zutage, seine Stengelfäserchen, die sich unter dem Schwingstocke sammeln und den Namen Hotch führen. Gegen die Mittagszeit wird diese Arbeit gewöhnlich beendet; man nimmt kein gemeinschaftliches Mittagsmahl ein, aber die Frauen sammeln sich am Nachmittag zu Kaffee und Kuchen bei der Nachbarin, der sie in ihrer Arbeit beigestanden haben. Nach der Einzelarbeit des Hechelns, die in den meisten Fällen durch berufsmäßige Wanderhechler ausgeführt wird, jedenfalls aber in den Händen der Männer liegt, vereinigt erst das Spinnen des Flachses die weibliche Welt des Dorfes wieder zur Gemeinschaft, die hier wohl gemeinschaftlich dieselbe Arbeit verrichtet, aber nun nur für den Eigenbedarf tätig ist, so daß also jeder einzelne das eigene Produkt verspinnt. Wie ungemein stark das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser »Spinnstuben« ist, geht daraus hervor, daß sie auch da und dann noch weiterbesteht, wenn das Spinnen selbst nicht mehr geübt wird, sondern andere weibliche Handarbeiten an ihre Stelle getreten sind. Als die Stätte, in der das literarische und musikalische Leben des Dorfes seinen Mittelpunkt fand und findet, als der Ort, der der männlichen und weiblichen Jugend des Dorfes Gelegenheit zur harmlosen Zusammenkunft in Zucht und Ehren gibt, ist die Spinnstube oft genug gepriesen und ihre Umgestaltung in die Formen der »Visite« bedauert, als »Brutplatz der teufflischen Laster der Völlerey und der Unzucht« ist sie ebenso oft verdammt und mit behördlichen Maßnahmen verfolgt worden, um sich in ihren Grundzügen dennoch zu erhalten als eine Einrichtung, deren Dauer in ihrer Idee, der gemeinschaftlichen Arbeit, begründet ist. Als man die Frucht in der langen Winterarbeit noch flegelte, da besorgte jedes Haus das Ausdreschen des Getreides selbst. Auch nach der Einführung des Göpels und der Scheunendreschmaschine war das Maß der zu leistenden Arbeit nicht so hoch bemessen, als daß nicht die einzelne Familie sie hätte ausführen können. Mit Einführung der Dampfdreschmaschine ist das anders geworden. Auf einen, zwei, höchstens drei Tage drängt sich nun die gesamte Körnergewinnungsarbeit zusammen; sie ohne fremde Hilfe zu erledigen ist ein Unding. Und nun setzt wieder die ohne bindende rechtliche Abmachungen tadellos arbeitende dörfliche Gemeinschaft ein: die Nachbarschaft ist da und hilft den Körner- und Strohsegen bergen, die Vielheit der Anschauungen im Einzelnen, die Mannigfaltigkeit der gegenseitigen Gefühle füreinander wird beiseite gestellt, an dem einen Werke, dem einzelnen zugutekommend, und durch die Arbeit all der einzelnen die Gesamtheit fördernd, betätigt man sich an diesen Tagen friedlich nebeneinander, selbst wenn sonst die Einzelinterressen weit auseinandergehen. Gleiche Arbeit, gleicher Lohn, nämlich Arbeit bei demjenigen, der einem vorher Helfer war oder später Helfer sein wird, führt zu einer gemeinschaftlichen Arbeitsbetätigung, deren Schöpfer in diesem Falle die Maschine ist. Die meisten dörflichen Siedelungen entstanden um einen Brunnen herum, denn die erste Bedingung für das bäuerliche Leben war das Vorhandensein von Wasser für Mensch und Tier. Die Einführung der Wasserleitung hat vielerorts den alten Dorfbrunnen überflüssig gemacht und eine Reihe von Gebräuchen, für die die ehemals den Grund abgebenden Bedingungen nicht mehr vorhanden sind, werden erst verständlich, wenn man sie durch die Vergangenheit sieht. Es galt, den gemeinschaftlichen Brunnen jährlich mindestens einmal einer Generalreinigung zu unterziehen, denn die Art seiner Anlage, offen oder halboffen, bot keine Gewähr für eine völlige Reinhaltung. Am weitesten entwickelt und zu sozialen Gebilden geformt erscheinen die rheinischen Nachbarschaften, die sich schon frühzeitig zu Gemeinschaften zusammenfanden, in denen auch die äußere Gesetzmäßigkeit staatlichen Lebens sich abspiegelt. Es läßt sich recht gut verfolgen, wie die »Brunnengesellschaft« einen immer größeren Kreis gemeinschaftlicher Verrichtungen zu umfassen und genossenschaftlich zu regeln suchte, die mit der Instandhaltung des Brunnens schließlich nichts mehr zu tun haben. Die Reinigung des Brunnens verlegte man gewöhnlich ins Frühjahr, und besonders das Pfingstfest ist auf dem Taunus und im Westerwald die Zeit der Brunnenfeste, der Bornkirmessen. Um den Gangolfsbrunnen zu Meudt rankt die Legende ihr buntes Laub. Irgendwann einmal soll der Brunnen, der auf Geheiß des heiligen Gangolf an der Stelle aus der Erde sprudelte, wo er seinen Stab in die Erde stieß, entweiht worden sein. Er verschwand von der Erde, und erst die sofort begangene Prozession bannte ihn in die Gemarkung und hieß ihn wieder aus der Tiefe hervorsprudeln. Was einst Zweckmäßigkeit gebot, vielleicht noch beeinflußt durch die Volksmeinung eines dämonenbevölkerten Elementes, das man von Zeit zu Zeit versöhnen mußte, das erhält eine eigene religiöse Weihe. Das profane Geschäft des Brunnenreinigens, von der männlichen Dorfjugend bereitwilligst übernommen, von Scherz und Lärm begleitet, gliedert sich klug und fein in das religiöse Leben der Dorfgemeinschaft ein und wird durch die Kirche, die Pflegerin des religiösen Lebens, erhalten, vertieft und vergeistigt. Wo anderwärts, wie etwa in Niederlauken, bei der Reinigung des Brandweihers oder der »Weed«, bei den Gängen nach dem »Pingstebörnche« in vielen Taunusorten, nur eine Veräußerlichung eintritt, die den Zerfall der Sitte zur Folge hat, nachdem ihre Zweckmäßigkeitsvoraussetzungen im Laufe der Zeit gefallen sind, da bildet hier das Herüberführen der Profansitte in den kirchlichen Brauch ein wertvolles Mittel zur Erhaltung einer alten, schönen Form, die zwar auch in ein Fest einmündet, aber doch eine höhere geistige Einstellung verrät als andere Brunnenfeste. Wenn da nach vollbrachter Brunnenreinigung ein Bursche, den Brunnensäbel in der Hand, von Haus zu Haus geht und Speck heischt, während andere Eier einsammeln und Gaben an Geld in Empfang nehmen, so läuft doch alles auf eine mehr oder weniger gute Esserei hinaus, bei der auch das Trinken nicht fehlen darf. Das Drum und Dran ist dasselbe wie bei jedem dörflichen Feste. Man muß dabei bedenken, daß es sich hier um Entspannungen handelt, für deren Stärke einem nicht so schwer körperlich Arbeitenden jedes Maß fehlt und deren Rhythmus ihm deshalb fremd, plump und ungeschlacht erscheint. Durch Alter und Herkommen geregelte und schriftlich fixierte Satzungen regeln den Verband der rheinischen Brunnengesellschaften, die sowohl im Rheingau als auch weiter rheinabwärts zu beiden Seiten des Flusses, aber auch oben im Gebirge bis auf den heutigen Tag lebendig sind. Zwei jedes Jahr neu zu wählende »Brunnenmeister« sorgen für die Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung und die Regelung der festgesetzten Nachbardienste. Zu den Nachbardiensten rechnete man früher die Brunnenreinigung, die Instandsetzung der Feuerlöschgeräte und andere gemeinschaftliche Angelegenheiten. Heute beschränken sie sich meist auf Nachbarhilfe bei Sterbefällen, Hilfeleistung bei Feuers- und Wassersnot, bei Wahlen zur Erzielung der nötigen Übereinstimmung, bei Bittgesuchen, Instandsetzung der Lotten bei zugefrorenem Wasser usw. Jeder Bürger ist Nachbar und bezahlt bei seiner Aufnahme ein gewisses Nachbargeld. Junggesellen können erst mit 25 Jahren Nachbar werden. Die Jahresversammlungen gestalten sich zu Festen, in denen eine eigenartige Mischung von Ernst und Scherz ihren Ort hat. Ähnliche festgesetzte genossenschaftliche Vereinigungen finden wir in der Märkerschaft des rheinischen Westerwaldes, wenn auch mit anderer Zwecksetzung und in den Formen ihrer Betätigung örtlich gebunden. Aber auch jede, noch so kleine dörfliche Siedelung, die weder dem modernen genossenschaftlichen Wesen in irgend einer Form sich angliederte, noch auf althergekommenen Satzungen beruhende Vereinigungen kennt, ist eine Schicksalsgemeinschaft, erfüllt von einem lebendigen Gemeinschaftsleben, das sich außer in den angeführten besonderen Fällen äußert in gemeinschaftlichem Tun überall da, wo der einzelne durch die Eigenart der Arbeit versagen muß. In den Wochenbesuchen, die die junge Mutter von den Nachbarn empfängt, in den Zusammenkünften zum Birnenschälen oder Latwergkochen, in den gemeinschaftlichen Arbeiten einer Dorfgemeinde, seien sie der Erhaltung eines Verkehrsweges, der Freimachung einer Straße von Schnee, der Aufforstung einer Waldstrecke oder sonstigen Dingen zugewandt, äußert sich der Geist der Gemeinschaft, der Schicksalsverbundenheit, begleitet den Menschen der dörflichen Siedelung von der Wiege bis zur Bahre, geht mit ihm in die gemeinschaftliche religiöse Übung und läßt auch den Weg zur letzten Ruhestätte als eine Angelegenheit der Gemeinschaft erscheinen. So sind Freude und Leid, Glück und Unglück innerhalb eines dörflichen Gemeinwesens nicht rein Äußerungen eines Einzelwesens, sondern werden gehalten durch die Gemeinschaft, in feste Formen gebunden durch eine Beteiligung aller schicksalhaft Verbundenen. Und in dieser Gemeinschaftsseele lebt und webt das Wertvollste, das dem nassauischen Volkscharakter eignet. W. Mulot, Kirche in Kroppach. Elz und die Musikanten Von Joh. Plenge Die Elzer Überlieferung schweigt über den Beginn des bunten Musikanten- und Gauklerlebens, das den Ort weit herum berühmt gemacht hat. Schon im 18. Jahrhundert lebten Elzer von der Musik. Dann weiß man allerhand von einem gewissen Ötz (Heler) zu erzählen, der etwa seit den Befreiungskriegen mit zwei bis vier dummen Buben nach Holland, später sogar nach Norwegen zog; er selbst blies die Klarinette, die Jungen lernten auf der Reise notdürftig Harmonika, Horn, Guitarre oder Klarinette spielen und betrieben im Ausland – unterwegs, in Preußen war's verboten – den ehrlichen Spiel- und Bettelmannsberuf. Gleichzeitig wanderten noch etwa fünf andere Elzer mit Knaben als Unternehmer fort und in denselben Jahren spielten Elzer Mädchen in holländischen Kneipen Guitarre und sangen dazu; die ersten sollen von einer nach Cleve verzogenen Frau aus Hartenfels mitgenommen worden sein. So ist Elz musikalisch geworden. Als die ersten Unternehmer starben, war die Musik schon ein verbreitetes Gewerbe, das bereits viel solider betrieben wurde, als die bettelhaften Anfänge verheißen hatten. Seit den ersten 30er Jahren traten an Stelle der Knabenbanden mehr und mehr vollbesetzte Kapellen, die eine Ehre darein setzten, gut und richtig zu spielen, und in holländischen, englischen und französischen Bädern, bei einem Zirkus oder einer Schaubude Engagement fanden. Das Betteln hörte auf. Die Leiter von Musikvereinen in Limburg und Hadamar und ein Lehrer in Elz gaben den Kindern Unterricht; einige Elzer, die draußen Geld verdient hatten, schickten ihre Söhne sogar auf das Konservatorium, freilich nicht, um sie als Wandermusiker auszubilden. Aus den Wirtshaussängern, die mit der Guitarre herumzogen, sollen namentlich seit den 50er Jahren die »Elzer Tiroler« geworden sein: Sängertruppen und Streichmusikanten, die das Geschäft viel feiner betreiben und in Vergnügungslokalen in der Gegend von Frankfurt auftreten. Noch vor wenigen Jahren spielte aber in Elz selbst eine 90jährige Frau in der Weihnachtsnacht mit der altgewohnten Guitarre, eine andere alte Veteranin, die Alma von Niedererbach, ist vor nicht langer Zeit im Rausch in eine Pfütze zwischen Elz und ihrem Heimatdorf gefallen und hat ihr bewegtes Leben traurig geendet. Der Ruhm von Elz stammt aber nicht allein von seinen Musikern her, sondern ebenso sehr von dem Jahrmarktsvolke, das sich in dem alten Dorfe niedergelassen hatte, der Zahl nach freilich weit weniger Bedeutung besaß als die Musiker. Elz ist die Heimat der berühmten Seiltänzerfamilie Müller. Der alte Gottfried Müller stieg bis in sein 80. Jahr auf das Schwungseil; in den 40er Jahren begann sein Sohn Johann die Kunstreiterei und entzückte daheim die Elzer Jugend, wenn er als Clown, auf ungesatteltem Pferde stehend, zwölf Westen nacheinander auszog. Später hatte die Familie einen richtigen Wanderzirkus mit 12-15 Pferden, einem Hirsch usw. Der Zusammenhang mit der Heimat lockerte sich, eine Tour hielt die Familie 12 Jahre von Hause fern und die 10 Kinder des Johann sind seit den 60er Jahren ganz fort geblieben, haben aber noch etwas Grundbesitz in Elz. Andere Elzer Familien waren an der Seiltänzerei nicht beteiligt. Ein französischer Zirkusreiter war durch Heirat mit einer Musikantin nach Elz verschlagen. Er war in seinem Fach ein Künstler und verdiente viel Geld, das er nach Elz schickte, damit Frau und Schwiegereltern Land kaufen sollten. Schließlich versuchte er selbst in Elz eine Wirtschaft zu betreiben und dressierte nebenbei Pferde für den Adel der Umgegend; das Geschäft wollte sich aber nicht machen, das verdroß ihn, weil er ein genauer Mann war, und da er auch mit seiner Frau Streit hatte, ging er auf und davon. Von den 50er bis Anfang der 70er Jahre hatte ein Elzer ein Karussell, später ein Ballspiel, drei oder vier besaßen damals Schießbuden, von denen noch eine vorhanden ist, kurz Elz war ein Dorf der fahrenden Leute. Heute sind das vergangene Zeiten. Jahrmarktsgaukler gibt es in Elz nicht mehr und die Musik verschwindet. Mindestens seit den 60er Jahren war sie bei den Kapellen wie bei den »Tirolern« ein durchaus anständiger Erwerb gewesen, den rechtliche Leute betrieben, die das Ihrige zusammenhielten. Es war nichts in der Nähe, womit man recht verdienen konnte und draußen war Geld zu erwerben. Die 60er und 70er Jahre waren glänzend. Ein alter Musiker wird auf ein Gesamtvermögen von 70 000 Mk. geschätzt; ein anderer, der auch wesentlich damals sein Geld gemacht hat, war für die Ergänzungssteuer auf 6000 Mk. Kapitalbesitz veranschlagt worden, bei einer Steuerreklamation führte er dann aus, daß er nur 18 000 Mk. verlehnt habe. Von 1880 an etwa ist das musikalische Künstlertum der Elzer in Verfall. In den 60er und 70er Jahren gab es sechs große Gesellschaften mit je 10-12 Mann und im ganzen zogen über 100 als Musiker fort. Jetzt ist die Zahl auf ein Drittel herabgesunken und sie treten nur noch in Vergnügungslokalen auf: die wandernden Kapellen sind ausgestorben. Die Elzer gehen heute in Fabriken und arbeiten als Maurer oder Bahnarbeiter. Aber es sitzen in Elz noch gegen vierzig Personen, die musizieren können und größtenteils auch auf Kirchweihen in der Umgegend sieben- oder achtmal jährlich Musik machen. Die ganze Einwohnerschaft ist noch musikalisch und gilt in der Gegend noch immer als ein eigentümliches Volk. Die Elzer Musiker, deren erste Verbindungen nach England und Holland sich nicht mehr erklären lassen, scheinen die ältesten im Elbtal gewesen zu sein, die ins Ausland zogen, und sie haben das Gewerbe unzweifelhaft auf eine Reihe von Ortschaften, wie Oberhausen, Nentershausen, Niederhadamar, Niedererbach, Niederzeuzheim, Thalheim, Wölferlingen übertragen. Zuerst wurden Knaben und Mädchen zur Bettelmusik engagiert, später Mitglieder für richtige Kapellen angeworben. Von Niederzeuzheim z. B. wurden nach und nach sechs Frickhofener mitgenommen, so daß direkt und indirekt der Einfluß von Elz weit herum von Bedeutung war. Die neuen Kräfte hatten vielfach schon vorher ein Musikantengewerbe betrieben. In manchem Dorfe findet sich ja eine Kirchweihkapelle, die aus kleinen Bauern und Tagelöhnern besteht, oder in der der Schuster, der Weber, ein Steinschläger, einige Maurer zusammenwirken, die ihr Handwerk schlecht ernährt: Rekruten für den Zug ins Ausland waren also leicht zu gewinnen. In ähnlicher Weise wurde das Gewerbe nach Irmtraut übertragen. Dort wurde zuerst 1835 ein Kirmesmusikant Groß von einem Darmstädter aus der Wetterau für dessen Kapelle engagiert, um mit nach England zu ziehen. Gleichzeitig wurde ein Elsoffer mitgenommen und vermutlich auch Steinbacher und Waldernbacher für die Reise ins Ausland gewonnen. Damit stoßen wir zuerst auf den Einfluß, den das Wanderleben der Wetterau auf den Westerwald gehabt hat, weil die dortigen Händler und Musikanten über den Westerwald nach Köln zur Reise nach Holland und England zogen. Bei den vollbesetzten Kapellen verschwand diese Beziehung in kurzer Zeit; der Irmtrauter Musikant machte sich bald selbständig und stellte eine eigene Kapelle zusammen, und in wenigen Jahren gab es in Irmtraut drei Gesellschaften, in denen gelegentlich auch Ellarer, Langendernbacher, Wilsenröther, Pottumer, Hergenröther, Waldmühler, Renneröder und Hintermeilinger usw. mitgingen. An einzelnen Orten entstanden infolgedessen weitere selbständige Kapellen, die all ihren Zug nach Holland, Belgien (aus Niederhadamar), England und Frankreich hatten; nur vereinzelt wurde einmal die weite Reise nach Rußland unternommen. Man spielte in Bädern oder in Schaubuden, einem Zirkus usw. Eine Irmtrauter Kapelle ging lange Jahre nach Cork in Irland und musizierte auf Lustdampfern, eine andere war im Frühjahr vier Wochen in Bath für die Milizen engagiert und ging dann als Badekapelle mit Monatsgehalt nach Clevedon bei Bristol, um den Kurgästen mittags und abends am Strand eine Stunde aufzuspielen. Seit der Blütezeit der 50er und 60er Jahre geht das Geschäft zurück, aus manchen Orten sind wohl noch jetzt einige Musiker draußen, aber sie haben die alte Heimat ganz aufgegeben. Mit dem Bettelleben der Elzer Knaben und dem späteren Treiben in Rußland, das auch von der Wetterau her übertragen wurde, haben diese wandernden Dorfmusiker nichts zu schaffen gehabt, sie hielten auf ihre Kunst und den ganzen Winter über wurde fleißig geübt, damit man draußen gut bestehen konnte. Als das Gewerbe in Flor gekommen war, zog man nicht nur geübte Kirmesmusikanten aus der Umgegend heran, sondern bildete auch im Winter junge Kräfte besonders aus. Der Feldweg Von Willy Arndt Ein Feldweg nur. Tiefausgefahren die Räderspur. Drüber zog jahraus, jahrein Die Wucht der Wagen, Die ins Dorf hinein Ernten getragen, Garbe an Garbe, Sack an Sack. Brav und strack Geht der Weg durch seine Flur. Mit seiner Farbe Und seinen Rinnen und Runzeln spricht Er wie ein lieb alt Bauerngesicht, Darüber hartes Leben mit reichen Frachten fuhr. P. Dahlen, Kratzmuster von einem Hinterländer Bauernhaus