Karl Friedrich Becker Erzählungen aus der alten Welt Odysseus Erster Abend. Telemachos' Entschluß. Ihr habt längst – begann der Lehrer, nachdem sich der Kreis seiner Zöglinge um ihn gesammelt hatte – von dem berühmten trojanischen Kriege gehört. Ihr wißt, daß es nach einer zehnjährigen Belagerung endlich der vereinigten Macht der Griechen gelungen war die stolze Stadt des Priamos zu erobern. Troja , oder wie Homer sie gern nennt, die heilige Ilios wurde zerstört und verbrannt, und die Fürsten, die nun des Kampfes und der Abenteuer genug hatten, zogen ihre Schiffe ins Meer und segelten mit ihren Gefährten in die Heimat zurück. Mancher erreichte dieselbe glücklich, mancher aber ward von Stürmen auf dem Meere umhergetrieben und irrte lange unter Elend und Gefahren aller Art umher. Agamemnon , der tapferste der übriggebliebenen Helden, erfuhr noch größeres Unglück. Frommen Herzens den Göttern für seine Rückfahrt dankend, erblickte er den väterlichen Palast, eilte freudig in die Arme seiner lang entbehrten Gattin, ohne zu wissen, daß die Treulose sich während seiner zehnjährigen Abwesenheit mit einem andern vermählt hatte. Die Ehebrecherin empfängt ihn mit verstellter Zärtlichkeit und bereitet ihm ein Bad; er entkleidet sich und streckt die müden Glieder mit Wohlbehagen. Da plötzlich, indem er sorglos ruht, überfällt ihn der Räuber seines Eigentums und seiner Gattin mit derselben und tötet ihn mit dem Schwerte. Nicht so handelte die edle Penelope , des tapfern Odysseus schöne Gemahlin. Auch sie hätte, wenn sie gewollt, sich längst wieder eines Gemahls erfreuen können; denn eine Menge junger Fürsten und Edlen bestürmte sie, da ihr Gatte von Troja nicht zurückgekehrt war, mit Bewerbungen, und jeder wünschte sie zur Ehe zu gewinnen. War sie doch ebenso klug als schön, dazu besaß sie großen Reichtum von Schafen und Rindern und allerlei Vieh, und wer mit ihr vermählt ward, der durfte hoffen an Odysseus' Stelle als der Erste auf der Insel die übrigen kleinen Fürsten derselben zu beherrschen. Das lockte die stolzen Jünglinge gar sehr, und sie drangen auf alle Weise in die schöne Königin, als Witwe in ihres Vaters Haus zurückzukehren, damit dort nach alter Sitte förmlich um sie geworben werden könne. Odysseus, meinten sie, komme doch nimmer zurück; der sei gewiß längst zu den Toten eingegangen. Aber so leicht verdrängten die Schwätzer das Andenken an den Gemahl nicht aus dem Herzen der Penelope; so leichtsinnig wollte sie nicht ein Bündnis auflösen, das einst das Glück ihrer Jugend gewesen war. Er kehrt dennoch wieder, dachte sie immer; und wenn sie Tag und Nacht in Sehnsucht und Angst verweint hatte, so richtete diese frohe Hoffnung ihre Seele wieder auf. Aber – es verging Jahr um Jahr, und kein Schiff brachte der treuen Königin den geliebten Gatten. Penelope hielt jeden Wanderer an, der nach Ithaka kam, und forschte bei ihm nach Kunde von den Helden. Die andern, erzählte man, seien längst zurück, Nestor in Pylos, Menelaos in Sparta; vom Odysseus wußte keiner, wo er geblieben, ob er lebe oder tot sei. Neun Jahre harrte so die Vielgetreue in ihren Thränen, und neunzehn Jahre waren bereits vergangen, seit der Gemahl von dannen gezogen war. Er hatte ihr bei der Abreise ein Knäblein hinterlassen, Telemachos geheißen, das nun zum schönen Jünglinge herangewachsen war. Der blieb ihr einziger Trost, aber auch er war viel zu schwach gegen die übermütige Rotte der Werber, die mit jedem Jahre zudringlicher wurde und zuletzt auf ein heilloses Mittel verfiel, die arme Frau mit Gewalt zur Rückkehr in ihres Vaters Haus zu zwingen. Empörender ist wohl nie die Hilflosigkeit eines verlassenen Weibes mißbraucht worden als von diesen überlästigen Freiern. Sie verbanden sich mit allen Fürstensöhnen aus der Nachbarschaft und beschlossen sämtlich, über hundert an der Zahl, jeden Morgen in Odysseus' Palaste einzusprechen, von Odysseus' Herden und Kornböden zu zehren und von seinem Weine zu zechen, mit einem Worte, so lange von seinem Besitze zu prassen, bis Telemachos durch die Furcht vor gänzlicher Verarmung genötigt sein würde, die standhafte Mutter mit Gewalt aus dem Hause zu stoßen und sie dadurch zu einer zweiten Heirat zu zwingen. Seit dieser schändlichen Verabredung waren die weiten Hallen im Palaste des Odysseus von früh bis in die Nacht mit den ungebetenen Gästen gefüllt, die alle Diener des Königs zu ihrem Willen zwangen, von dem fremden Gute an sich rissen, was ihnen beliebte, und mit rohem Spott und Gelächter den schwachen Besitzer verhöhnten. Der Reichtum der Herden nahm sichtbar ab, die Fülle des Kornes und Weines schwand, und niemand war, der den übermütigen Schwelgern Einhalt gethan hätte. Penelope saß oben in ihrem Gemach am Webstuhl und weinte; Telemachos, so oft er sich unter der anmaßenden Schar sehen ließ, ward verlacht und verspottet. Ein Gott hatte über Odysseus' Haus solches Weh gesandt. Poseidon, der Beherrscher des Meeres, zürnte dem Helden; denn er war schwer von ihm beleidigt. Daher peitschte er ihn von Süd nach Nord, von Ost nach West auf dem weiten Meere umher, er zertrümmerte seine Schiffe, tötete seine Gefährten und führte ihn durch Strudel und Klippen zu Völkern, deren Sitte und Sprache ihm fremd waren. Jetzt, während seine Habe von frechen Nachbarn verzehrt ward, saß Odysseus weit von der Heimat, gefangen auf einer einsamen Insel, wo eine Göttertochter, Kalypso , herrschte, die ihn nicht entlassen wollte, weil sie ihn zum Gemahl begehrte. Er aber, immer eingedenk des teuren Vaterlandes, der Gattin und des Sohnes, ging täglich hinaus ans Gestade, setzte sich wehmütig nieder bei der Brandung, und wünschte nichts sehnlicher, als nur einmal noch den Rauch von seinem Hause aus der Ferne aufsteigen zu sehen, um dann beruhigt zu sterben. Das rührte die Götter im hohen Olymp und vor allen seine Schützerin, Athene . Einst als sie alle im weiten Göttersaale versammelt saßen und der feindselig gesinnte Poseidon gerade abwesend war, um bei den fernwohnenden Äthiopen ein reiches Opfermahl einzunehmen, benutzte Athene die Gelegenheit dem Vater Zeus das traurige Schicksal des Odysseus und der Penelope recht beweglich vorzustellen. Der König der Götter fühlte Mitleid und willigte gern in seiner Tochter Bitten. Sie selbst wollte verkleidet zum Telemachos gehen und ihm Mut in die Seele hauchen, und Hermes – so wünschte sie – sollte nach der Insel Ogygia eilen und der Kalypso den Befehl der Götter überbringen, daß sie den Gefangenen alsbald entlasse und ihrer Leidenschaft entsage. Froh der erhaltenen Erlaubnis, schickte sie sich sogleich zur Reise an. Schöne goldene Sohlen band sie unter die Füße, nahm die mächtige Lanze in die Hand, schwang sich mit Windesschnelle zur Insel Ithaka hinab und stand plötzlich in der Gestalt des Taphier-Königs Mentes an dem hohen Palaste des Odysseus. Hier sah sie mit Erstaunen das wilde Gewühl der Freier, wie sie zechten und schmausten, spielten und lärmten, und wie die Diener alle beschäftigt waren Fleisch zu zerlegen, die Tische abzuwaschen, Wein einzuschenken und nach alter Sitte in mächtigen Krügen mit Wasser zu mischen. Unter ihnen saß der jetzt zwanzigjährige Telemachos bekümmerten Herzens, ohne teil an ihrem Jubel zu nehmen. Kaum sah er den fremden Mann an der Thür, so ging er ihm schnell entgegen, reichte ihm die Hand, nahm ihm die Lanze ab und begrüßte ihn freundlich. Hierauf führte er den unbekannten Gast in die Wohnung, doch nicht unter die Schmausenden, damit ihm das Mahl nicht verleidet würde durch das wüste, schwelgerische Getümmel. Der Fremde mußte sich auf einen erhabenen Sessel setzen; ein Fußschemel unterstützte die Füße. Telemachos nahm neben ihm Platz, und auf seinen Wink brachte sogleich eine Dienerin eine schöne goldene Kanne auf einem silbernen Waschbecken, besprengte beiden die Hände, daß sie sich wüschen, und stellte ein geglättetes Tischchen vor sie hin. Die Schaffnerin legte Brot darauf und Fleisch, während ein rascher Diener Wein einschenkte. Aber erst, nachdem der Fremde mit Speise und Trank sich geletzt hatte, fragte ihn Telemachos nach seinem Namen und nach dem Zwecke seiner Reise. »Ich bin Mentes«, sagte, die Göttin, »des Anchialos Sohn, und beherrsche die Taphier. So eben bin ich mit einem Schiffe hierher gekommen, welches samt meinen Leuten draußen in einer Bucht vor Anker liegt. Ich habe eine Reise nach Temesa vor, wo ich Kupfer gegen blinkendes Eisen eintauschen will. Odysseus und ich sind alte Freunde, darum habe ich bei dir einsprechen wollen, um zu sehen, wie es hier gehe.« Telemachos klagte darauf in einer langen Erzählung dem Gastfreunde sein Leid. Die Göttin hörte aufmerksam alles an, als erfahre sie es eben jetzt erst, dann nahm sie kräftig das Wort und flößte dem armen Jünglinge Mut ins Herz. Sie riet ihm einen männlichen Entschluß zu fassen, in öffentlicher Versammlung den trotzigen Freiern dreist das Haus zu verbieten, und vor allen Dingen sich aufzumachen nach Pylos und Sparta, wo die wackern Helden Nestor und Menelaos wohnten, welche des Odysseus Gefährten auf dem Zuge gegen Troja gewesen waren. Von ihnen solle er Nachricht einziehen, wo sie seinen Vater verlassen hätten, und fragen, wo er sich jetzt aufhalten möge. »Denn tot ist er nicht«, fügte Mentes hinzu, »das sagt mir eine göttliche Ahnung. Nur durch Stürme weit verschlagen und durch grausame Menschen aufgehalten, wartet er sehnend der Heimkehr, und gewiß wirst du ihn wiedersehen, wofern du meinem Rate folgst.« Der Jüngling fühlte sich von Hochachtung gegen den verständigen Mann erfüllt, und als einen alten Freund seines Vaters gewann er ihn schnell lieb. Er wollte ihm nach gastfreundlicher Sitte ein Geschenk zum Abschiede reichen, aber Mentes schützte seine notgedrungene Eilfertigkeit vor. Ungebadet sogar müsse er weggehen, bei der Rückfahrt jedoch werde er sich wieder einstellen und dann das Gastgeschenk mitnehmen. Er verschwand darauf plötzlich, wie auf Flügeln eines Vogels, und jetzt erst ahnte Telemachos, daß er mit einem Gotte gesprochen habe. Alles, was der Fremde gesagt hatte, überdachte er noch einmal, und sein Entschluß stand fest die göttlichen Ratschläge genau zu befolgen. Sofort nahm er gegen die Freier einen strengeren Ton an, und sie, die ihn noch nie hatten so männlich reden hören, verwunderten sich über seinen Mut und sahen ihn mit großen Augen an, Antinoos aber und Eurymachos , die übermütigsten unter allen, spotteten seines Eifers und erregten bald ein allgemeines Gelächter gegen ihn. Dann feierten sie den Abend mit Tanz und Gesang, und erst als die Nacht heran kam, zerstreuten sie sich wie gewöhnlich in ihre Wohnungen. Auch Telemachos ging, während seine alte, treue Pflegerin Eurykleia ihm die Fackel vorantrug, in sein Schlafgemach, zog das weiche, wallende Gewand aus und warf es in die Hände der Alten, die es säuberlich zusammenlegte und an dem hölzernen Pflocke zur Seite des Bettes aufhängte. Darauf streckte er sich auf sein Lager und hüllte sich in eine weiche, wollene Decke. Die treue Alte aber ging hinaus und verriegelte die Thür. Sobald der Morgen dämmerte, sprang er sofort vom Lager auf, legte seine Kleider an, band die schönen Sohlen unter die Füße und hängte das Schwert um die Schulter. So geschmückt trat er hervor aus seiner Schlafkammer und sandte Herolde aus, um schnell das Volk zur Versammlung zu berufen. Als die Menge schon in dichten Reihen sich drängte, begab er sich unter sie, in der Hand die eherne Lanze, begleitet von zwei schnellfüßigen Hunden. Nachdem nun der greise Ägyptios , dessen Sohn an der Seite des edeln Odysseus mit gegen Troja gezogen war, die Versammlung eröffnet hatte, trat Telemachos in die Mitte des Volkes, ließ sich das Zepter von dem Herolde reichen und sprach: »Ich habe euch berufen, ihr Ithaker, nicht, weil ich etwas zu eurem Besten vorzutragen hätte, auch nicht, um euch eine Botschaft zu melden, die das gemeinsame Wohl anginge. Nein, mich treibt meines eigenen Hauses doppelte Not. Mein Vater, wißt ihr, weilt ferne; vielleicht ist er auf ewig für mich verloren. Und ich, der Sohn, muß es nun leiden, daß sich täglich in meinem Hause ein Schwarm wilder Gäste einfindet, die da vorgeben um meine Mutter zu freien, während sie voll arger Tücke alle meine Habe verzehren und den Königssohn am Ende zum Bettler machen. Ich Armer bin nicht stark genug, und mir fehlt ein Mann, wie Odysseus war, um diese Plage abzuwenden. Darum bitte ich euch, erkennet doch selber das Unrecht und nehmt es zu Herzen. Schämet euch vor den Nachbarn und zittert vor der Rache der Götter. Hat euch etwa mein edler Vater jemals vorsätzlich beleidigt? Und bin ich nicht schon unglücklich genug dadurch, daß ich ihn verloren habe? O überlaßt mich meinem Kummer, und vermehrt ihn nicht durch euren Frevel!« Thränen des Schmerzes und des Zornes überwältigten ihn bei diesen Worten, und er warf das Zepter zur Erde. Da ergriff Erbarmen und Mitleid die ganze Versammlung. Alle waren verstummt; nur der trotzigste der Freier, Antinoos, nahm keck das Wort und erwiderte: »Unverschämter Knabe, was sprichst du so lästernd? Du möchtest uns wohl gern zum Abscheu vor den Leuten machen? Aber wer ist denn schuld an dem Unfug, als einzig du selber? Warum schickst du die Mutter nicht fort? Und sie – was geht sie nicht freiwillig? Hat sie uns nicht mit unerhörtem Trug geäfft und hingehalten mehr als drei Jahre? Sprach sie nicht damals: Jünglinge, wartet mit der Hochzeit, bis ich das Leichengewand fertig gewebt habe für meinen alten Schwiegervater Laërtes , damit nicht die Frauen mich tadeln, wenn einst der alte Mann unbekleidet hinaus getragen wurde, der im Leben so viele Güter besessen? Und was that die Arglistige? Sie webte Tag für Tag, aber das Gewand wurde nimmermehr fertig, bis wir durch eines der Weiber erfuhren, daß sie immer während der Nacht die Arbeit des Tages wieder auftrenne. Da zwangen wir sie das Gewebe zu vollenden, und nun, da es fertig ist, bestehen wir darauf, daß sie Wort halte. Du aber sollst ihr augenblicklich gebieten in ihres Vaters Haus zurückzukehren und zum Manne zu nehmen, wer ihr gefällt oder wen der Vater für sie bestimmt. Thust du dies, dann soll dich keiner von uns mehr drücken; wir aber weichen nicht, ehe sie sich aus unserer Mitte einen Bräutigam erwählt hat.« Mit gerechtem Unwillen verwarf der edle Telemachos die Zumutung seine eigene Mutter aus dem Hause zu verstoßen. Er beschwor die Freier nochmals, seiner Habe zu schonen, und drohte ihnen mit der vergeltenden Rache der Götter. Aber sie verhöhnten ihn und die zwei ehrwürdigen Greise, welche für den Gekränkten ihre Stimme zu erheben wagten. Endlich trug er darauf an, daß ihm wenigstens ein Schiff ausgerüstet würde, auf dem er nach Pylos oder Sparta reisen könne, um Kunde von seinem Vater einzuziehen. Höre er innerhalb eines Jahres nichts von demselben, dann wolle er's zugeben, daß sich die Mutter wieder vermähle, mit wem sie wolle. Dieser Vorschlag wurde mit Spott abgewiesen. Die Versammlung des Volkes ging auseinander; die Freier begaben sich zu neuem Gelage in das Haus des Odysseus. Traurig wandelte Telemachos am Meeresgestade hin, netzte seine Hände in der dunkeln Flut und flehte sie emporstreckend zu der Göttin, die ihm gestern erschienen war. Und siehe, als er noch einsam da steht, da kommt Mentor , ein alter Freund seines Vaters, auf ihn zu. Auch er war in der Versammlung gewesen und hatte entrüstet die Schmähreden der Freier gehört, ja er hatte selbst versucht für Telemachos zu sprechen, aber das Hohngeschrei der Übermütigen hatte ihn kaum zu Worte kommen lassen. Jetzt erschien er, wie Telemachos glaubte, um ihm zur Ausführung seines Vorhabens behilflich zu sein. Aber es war nicht Mentor, es war Athene, die nur Mentors Gestalt und Stimme angenommen hatte. Sie erhöhte seinen Mut, drang in ihn, nicht länger die Reise aufzuschieben, und erbot sich sogar für ein Schiff und für Gefährten zu sorgen. Er ging sogleich nach Hause, teilte seinen Plan nur der alten Pflegerin Eurykleia mit, und befahl ihr zu besorgen, was zur Reisekost not sei, Wein in irdenen Krügen, Mehl in Schläuchen u.s.w. Die gutherzige Alte weinte bitterlich, als sie den kaum herangereiften Jüngling bereit sah eine so gefährliche Reise in die weite Welt zu wagen; sie bat ihn tausendmal daheim zu bleiben und des Vaters Ankunft zu Hause abzuwarten. Er aber war fest entschlossen. Die Alte mußte ihm versprechen seine Reise geheim zu halten und selbst der Mutter Penelope nicht eher etwas davon zu sagen, als bis diese ihn vermissen würde. Athene, in Mentors Gestalt, war unterdessen geschäftig gewesen ein Schiff und Ruderer zu dingen, so daß am Abend alles bereit war. Als nun die Freier sich entfernt hatten und das ganze Haus im Schlafe lag, da holte Mentor den Telemachos heimlich ab; die ihn begleitenden Jünglinge trugen die Zehrung, packten alles ins Schiff, richteten den Mast empor und banden ihn fest mit Seilen. Die Gefährten stiegen ein. Schweigende Nacht umgab sie; aber die Sterne erhellten freundlich das Dunkel, und bald glitt das Schiff, von günstigem Winde getrieben, durch die Flut dahin. Zweiter Abend. Telemachos' Ausfahrt. Mit der erwachenden Morgensonne sahen die Reisenden Pylos vor sich, eine kleine Stadt auf der westlichen Küste des Peloponnes oder der heutigen Halbinsel Morea, da wo jetzt Alt-Navarin liegt. Hier lebte der alte neunzigjährige Nestor inmitten seiner Unterthanen, wie ein Vater bei seinen Kindern. Und wirklich war seine eigene Nachkommenschaft so zahlreich, daß er in den Volksversammlungen fast unter lauter Verwandten saß. Seine Erfahrung und Weisheit hatte ihm längst einen ruhmvollen Namen erworben und seine Achtung fest gegründet. Man begehrte seinen Rat, man freuete sich seiner Güte und Milde, und die Erzählungen von den großen Schicksalen seines Lebens verkürzten der aufhorchenden Jugend manche Stunde. Eben an dem Morgen, als Telemachos mit seinen Genossen sich Pylos näherte, hatte Nestor früh die Pylier am Gestade des Meeres versammelt, um dem Poseidon ein großes Opfer zu bringen. Es war ein wunderbarer Anblick, Tausende froher Menschen hier beisammen zu sehen, zu neun Reihen geordnet, in deren jeder fünfhundert Männer saßen. Jede Reihe hatte neun Stiere gegeben, die nun geschlachtet wurden. Die fetten Hüftenstücke dufteten auf dem flammenumloderten Altare dem Gotte zu Ehren, das andere Fleisch aber teilten die Opfernden unter sich und schmausten es behaglich, nachdem sich ein jeder seinen Anteil an Ort und Stelle im Feuer gebraten hatte. Athene in Mentors Gestalt und der junge Telemachos waren nun ausgestiegen, hatten das Schiff den Ruderern zur Bewachung überlassen und machten sich zu Fuß auf den Weg zu den Schmausenden. Der göttliche Führer stärkte des schüchternen Jünglings Herz durch ermunternde Worte, hieß ihn Mut fassen und den Greis ohne Zagen anreden, und lehrte ihn, was er sagen und wie er sich benehmen solle. Und kaum waren sie von den pylischen Männern aus der Ferne erblickt worden, als schon eine Schar von Jünglingen ihnen entgegen kam und nach der schönen gastfreundschaftlichen Sitte des Altertums ihnen die Hände zum Gruße bot. Vor allen zeichnete sich Nestors jüngster Sohn Peisistratos , der mit Telemachos in gleichem Alter stand, durch seine Herzlichkeit aus; er nahm die beiden Fremden bei der Hand, führte sie zu weichen Sitzen neben seinem Vater und Thrasymedes , dem Bruder, hin und holte Braten und Wein herbei, um die Ermüdeten zu erquicken. Darauf füllte er einen goldenen Becher und, trank ihn der Athene zu, indem er sagte: »Hier, lieber Gast, nimm teil an unserm frohen Opfer; wir bringen es dem meerbeherrschenden Poseidon. Sprenge auch du dem mächtigen Gotte von diesem Weine und bete zu ihm für unser Wohl. Kein Mensch kann ja der Götter entbehren. Aber wenn du geopfert und selbst getrunken hast, dann gieb deinem Freunde den Becher, daß er auch für uns bete. Du bist der Ältere, darum reiche ich dir zuerst den Becher.« Athene freute sich des bescheidenen und verständigen Jünglings, nahm den Becher aus seiner Hand, goß zum Opfer die ersten Tropfen auf die Erde und betete: »Höre mich, Poseidon, und erachte uns würdig, jedes von uns begonnene gute Werk zu fördern. Schmücke Nestor, den Greis, und seine Söhne mit Ehren, und auch den andern Pyliern vergilt mit Gnade das festliche Opfer, das sie dir heute bringen. Dann aber gieb auch mir und meinem Freunde Glück zu dem Vorhaben, um deswillen wir die Fahrt unternommen haben, und laß es uns wohl vollenden.« – Also betete sie, und während sie noch sprach, erfüllte sie schon heimlich durch ihre göttliche Macht das Erbetene. Dann empfing Telemachos aus ihrer Hand den Becher und trank, gleichfalls opfernd und betend, auf das Wohl der schmausenden Männer. Erst als die Gäste gesättigt waren, am Ende des Festmahles, hielt es der ehrwürdige Nestor für geziemend nach Namen und Geschäft der Fremdlinge zu fragen. Telemachos erzählte ihm alles der Wahrheit getreu und beschwor den Greis, auch ihm alles zu erzählen, was er von seinem Vater wisse, selbst das Schrecklichste nicht zu verschweigen, wenn es nur dazu dienen könne ihm über das Schicksal des edlen Vaters Gewißheit zu geben. Nestor fing darauf mit der Geschwätzigkeit, die oft dem Alter eigen ist, einen langen Bericht von seiner eigenen Rückfahrt an, erzählte umständlich, wie sich die Fürsten der Griechen entzweit und wie sie sich über den Weg nicht hatten verständigen können; wie dem einen das Schiff vom Sturm zerschellt, der andere weithin an fremde Küsten getrieben worden, und noch andere glücklich in die Heimat gelangt seien. Aber aus allen diesen Erzählungen konnte Telemachos nichts Tröstliches für sich schöpfen, denn gerade in der Hauptsache war der alte Nestor so unwissend als er selbst. Doch riet dieser ihm nach Sparta zu Menelaos zu reisen, der unter allen Helden am längsten unterwegs gewesen und erst jüngst aus der Fremde zurückgekehrt sei und deshalb gewiß am besten eine sichere Auskunft über Odysseus' Schicksale und Aufenthalt werde geben können. Mentor gab dem Vorschlage Beifall, und so ward die Reise nach Sparta beschlossen. Da aber über den langen Gesprächen – denn auch Telemachos hatte die traurige Geschichte von den Freiern ausführlich erzählen müssen – der Abend herangekommen war, so erinnerte die Göttin ihren jungen Freund, es sei Zeit aufzubrechen. Die Söhne Nestors füllten darauf noch einmal die Becher, reichten sie ringsherum und spendeten das gebräuchliche Trankopfer dem Poseidon und allen unsterblichen Göttern. Dann machten Mentor und Telemachos sich auf, um zu ihrem Schiffe hinabzugehen. »Behüte!« rief der greise Nestor fast ungestüm, als er dies sah; »das wären mir Gaste, die mich den Tag über besucht hätten und abends weggingen, um im feuchten Kahne zu schlafen; als wäre ich so ein armer Mann, der weder Mantel noch weiche Decken im Hause hätte! Nein, nein, meine Freunde, so geht's bei mir nicht zu; ich habe der prächtigen Polster und Gewänder genug, und meines alten Freundes lieber Sohn soll mir so nicht fortgehen, so lange ich lebe. Und auch wenn ich nicht mehr da bin, werden noch immer Nestors Söhne einen Fremden, der dies Haus besucht, nach Würden zu ehren wissen.« »Wohlgesprochen, lieber Greis!« sagte Mentor. »Dem Telemachos geziemt es die Einladung anzunehmen, und so mag er denn mit dir nach deinem Palaste gehen und dort schlafen. Ich aber will zu den Gefährten ans Ufer eilen und daselbst die Nacht zubringen, denn ich bin der einzige Alte unter den jungen Gesellen, und mir gehorchen sie gern. Morgen mit dem frühesten will ich mich aufmachen zu dem mutigen Volke der Kaukonen, die mir seit langer Zeit einen Schadenersatz schuldig sind. Du sende unterdessen den Telemachos mit deinen Söhnen nach Sparta und gieb ihm dazu einen Wagen und schnelle Pferde.« Mit diesen Worten wendete sich Mentor und schwang sich plötzlich gleich einem Adler in die Luft. Alle erstaunten darüber, Nestor aber erkannte sogleich die Göttin; denn er wußte, wie oft sie sonst schon dem klugen Odysseus beigestanden hatte. »Nun fasse Mut«, sprach er zu dem Telemachos, »du erkennst ja jetzt, wie sichtbar die Götter mit dir sind. Kein anderer von den Unsterblichen war es als Athene. Du aber, Herrscherin Athene, sei uns allen gnädig und verleihe uns Ruhm! Sieh, ich gelobe dir ein jähriges Rind mit breiter Stirn und ohne Fehl, das noch nicht unter das Joch gebändigt worden ist.« Jetzt zerstreuten sich die Versammelten, und Nestor ging mit seinen Söhnen und dem Gaste nach seiner Wohnung. Als sie hier angekommen waren, ward noch einmal alter Wein geopfert und getrunken, und darauf wies Peisistratos dem Telemachos ein Lager in der gewölbten Halle neben dem seinigen an; die andern aber, welche bereits vermählt waren, hatten ihre Schlafgemächer im Innern des Hauses. Früh, als der Morgen angebrochen war, erhoben sich die Söhne mit dem bejahrten Vater, begaben sich auf den großen Platz vor dem Thore des Hauses und ließen sich auf Sitzen von behauenen Steinen nieder, um dort zu beraten über die beabsichtigte Reise. Nestor beauftragte alsbald einige von den Söhnen mit den Vorbereitungen zu dem gestern gelobten Opfer. Einer mußte zu dem Schiffe des Telemachos gehen, um die Ruderer bis auf zwei herbeizuholen; ein anderer sollte den Goldarbeiter bestellen, um die Hörner des Rindes zu vergolden; ein dritter dem Hirten befehlen, daß er ein solches mit den verheißenen Eigenschaften aussuche und hertreibe; und noch ein anderer den Mägden ansagen ein festliches Mahl zu rüsten. Und nicht lange nachher erschien der Meister mit seinem Schmiedegerät, es erschienen die Ruderer von Telemachos' Schiffe, und der Hirt trieb das geforderte Tier herbei. Hier trug ein Jüngling ein Becken mit Wasser, dort kam ein anderer mit einem Körbchen voll Gerste, denn beides waren heilige Zuthaten zu dem Opfer. Und als nun der Goldschmied der Kuh die Hörner vergoldet hatte, führten zwei der Söhne sie in den Kreis. Nestor trat hinzu, nicht ohne sich zuvor nochmals gewaschen und so gleichsam von jedem Flecken gereinigt zu haben. Hierauf schnitt er ihr die Stirnhaare ab und warf sie betend in das Feuer, bestreuete dann mit der heiligen Gerste den Altar und das Opfertier, und nun schritt der kräftige Thrasymedes heran und hieb dasselbe mit der Schärfe des Beils in den Nacken, daß es zum Tode getroffen hintaumelte. Perseus fing das quellende Blut in der untergehaltenen Schale auf, und nachdem Peisistratos das Rind vollends getötet, begannen die andern es zu zerlegen. Sie lösten nach gewohntem Brauch die Schenkel ab, umwickelten sie zwiefach mit Fettstreifen und legten sie zum lieblichen Duft für die Göttin in die Flamme des Altars, sprengten Wein darauf und wendeten die Opferstücke oft mit langer Gabel. Andere Jünglinge zerschnitten das übrige Fleisch, steckten es an Spieße und rösteten es langsam am Feuer, für sich selber zum Mahle. Jetzt erst trat Telemachos zur Versammlung, schön wie ein Gott: ihn hatte vorher Polykaste, die jüngste Tochter des Nestor, gebadet, mit glänzendem Öle gesalbt und mit einem prächtigen Mantel geschmückt. Alle freuten sich, ringsum sitzend, des herrlichen Schmauses. Erst als sie sich gesättigt hatten, erinnerte Nestor seine Söhne an die Abreise. Hurtig schirrten sie zwei Pferde vor einen Wagen, eine Dienerin legte Brot, Wein und Fleisch hinein, Telemachos nahm Platz auf dem Sitze, und Peisistratos neben ihm lenkte die Rosse und trieb sie mit der Peitsche an. Sie fuhren rasch über die Felder hin den ganzen Tag und erreichten am Abend Pherä , den Wohnsitz des wackern Diokles , der sie gastfreundlich beherbergte. Am zweiten Tage kamen sie um Sonnenuntergang in der Burg des Menelaos zu Sparta an, dessen Gebiet sie schon längst an den breiten Weizenfeldern erkannt hatten. Peisistratos hielt die muntern Rosse vor dem Thore an, und die beiden Fremdlinge sprangen rasch aus dem Wagen. Schon draußen vernahmen sie ein jubelndes Getöse schmausender Männer, dazwischen die Stimme eines Sängers, begleitet von den Tönen des Saitenspiels, und durch die offene Pforte sahen sie das Gedränge der Gäste und in der Mitte derselben zwei Tänzer, welche im Takt der Musik sich bewegten. Denn es war heut in Menelaos' Palaste ein festlicher Tag; der alte Held stattete zwei seiner Kinder aus, eine Tochter Hermione, die er mit dem tapfern Sohne des Achilleus, dem Neoptolemos, vermählte, und einen Sohn, dem er eine Braut aus Sparta, des Alektor Tochter, ausgesucht hatte. Vor dem lärmenden Gewühle hörte man kaum im Hause das Rasseln des heranrollenden Wagens, bis ein Diener des Hauses, der zufällig die Fremden bemerkt hatte, es dem Herrn ansagte, »Da sind fremde Männer draußen, zwei Jünglinge, herrlich an Gestalt, Soll ich ihnen die Pferde abschirren?« fragte er, »oder sollen sie weiter fahren, damit ein anderes Haus zur Bewirtung sie aufnehme?« »Ei«, sprach Menelaos voll Unwillen, »sonst bist du ein kluger Mann, und jetzt bist du so kindisch und thöricht. Haben wir nicht so viele Gastgeschenke erhalten und freundliche Aufnahme gefunden bei fremden Menschen? Geh, spanne flink die Rosse ab und führe die Männer herein zu dem Mahle.« Jener that, wie Menelaos ihm befohlen hatte, und Telemachos und Peisistratos traten ein. Sie erstaunten über die Pracht des Palastes, denn Menelaos war mit großen Gütern heimgekehrt. Sklavinnen führten sie sogleich zum Bade, und als sie sich gesäubert und gesalbt hatten, warfen sie das Gewand und den Mantel wieder um und nahmen Platz auf hohen Sesseln neben dem fürstlichen Wirte. Sogleich erschienen Diener und Dienerinnen mit kleinen Tischen und Speisen. Eine goß ihnen aus der goldenen Kanne Wasser zum Waschen über die Hände und hielt ein silbernes Becken unter, eine andere trug Wein und Fleisch und Brot auf. »Langet nun zu und esset und trinket«, rief Menelaos, »und freuet euch! Nachher sollt ihr mir auch sagen, wer ihr seid; denn wahrlich, man sieht's euch an, ihr müsset von edler Herkunft sein.« Mit diesen Worten legte er ihnen ein breites, fettes Rückenstück vom Rinderbraten, sein eigenes Ehrenteil, mit beiden Händen auf den Tisch, und die Jünglinge ließen sich's wohlschmecken. Menelaos beobachtete sie unverwandt. Er sah mit Wohlbehagen, wie sie die Pracht seines Saales und der Geräte anstaunten, und wie heimlich einer den andern immer auf neue Gegenstände aufmerksam machte. Das bewog ihn von seinen Reisen zu erzählen, von den Gefahren, die er acht Jahre lang nach der Beendigung des trojanischen Krieges bestanden, von den Menschen, die er kennen gelernt und die ihn zum Teil so reichlich mit den Kostbarkeiten beschenkt hatten, die er jetzt besaß. Oft kam er in seiner Erzählung auf die Drangsale des Trojanerkriegs zurück, und die Erwähnung des schmählichen Todes seines Bruders Agamemnon preßte ihm bittere Thränen aus, »Aber«, fuhr er mit bewegter Seele fort, »alles wollte ich noch verschmerzen, hätte das Geschick mir nur den Freund erhalten, der mir unter allen der liebste war, und mit dem ich alles Gute und Böse geteilt habe, den edlen Odysseus! oder wüßte ich ihn nur gerettet und könnte ihn zu mir ziehen! Eine ganze Stadt von den meinigen wollt' ich ihm schenken und wir wollten nebeneinander wohnen und uns täglich besuchen, bis der Tod unsere Freundschaft zerrisse. Aber nur ein Gott weiß es, ob er noch lebt oder schon tot ist. Vielleicht betrauern ihn schon jetzt zu Hause sein alter Vater Laërtes und die züchtige Penelope und sein Sohn Telemachos, den er als Säugling im Hause zurückgelassen hat!« Wie mußte er auch gerade das erwähnen! Telemachos verbarg seine Thränen im vorgehaltenen Mantel und schluchzte. Menelaos bemerkte es und wußte nicht, sollte er den jungen Fremdling befragen oder ihn seinem Schmerze überlassen. Da trat seine Gemahlin, die einst so schöne Helena, in den Saal, von ihren Dienerinnen begleitet. Eine stellte ihr den Sessel hin, eine andere trug den weichen, wollenen Teppich, eine dritte das silberne Arbeitskörbchen mit Spindel und Wolle. Sie setzte sich zu den Fremden, betrachtete sie aufmerksam und sagte dann zu ihrem Gemahle: »Hast du schon die Gäste gefragt, wer sie sind? Ich möchte sagen, nie haben sich zwei Menschen mehr geglichen, als dieser Jüngling und der edle Odysseus.« »Ja wahrlich«, antwortete der Held, »ich denke dasselbe, was du jetzt vermutest. Es sind die Hände, die Füße, die Augen, es ist das Haar und der Scheitel des Odysseus. Und eben als ich von unserm alten Freunde sprach, stürzten dem Jünglinge hier die Thränen aus den Augen, und er verhüllte rasch sein Antlitz in den purpurnen Mantel.« »Du hast ganz recht gesprochen, Menelaos, göttlicher Herrscher«, fiel Peisistratos ein. »Dieser ist wirklich des Odysseus Sohn; aber er ist bescheiden und hat dich nicht gleich mit prahlendem Geschwätze belästigen wollen, da du uns so freundlich und liebreich anredetest. Siehe, mich sendet Nestor, mein Vater, mit ihm hierher, daß du ihm Auskunft und Rat erteilen möchtest; denn er leidet zu Hause gar viel und kann sich der Gewaltthätigkeiten nicht erwehren. Auch steht kein anderer im ganzen Volke für ihn auf, um das Unheil von ihm abzuwenden.« Gern hätte Menelaos sich der Freude hingegeben! aber die wehmütige Empfindung bei der Erinnerung an den verlorenen Freund überwältigte ihn. Er weinte, Helena weinte, Telemachos schluchzte noch immer, und auch der junge Peisistratos blieb nicht ungerührt. Noch eine Weile überließen sie sich den traurigen Gesprächen, bis endlich der letztere riet die Sache lieber morgen weiter zu besprechen, jetzt aber fröhlich zu sein und fortzuschmausen. Die verständige Rede fand allgemeinen Beifall. Sogleich besprengte ein Diener den Sitzenden noch einmal die Hände, und sie griffen aufs neue nach den fetten Bratenstücken und den Pokalen. Und Helena, klug und gewandt in allerlei Künsten, warf heimlich in den Wein ein Zaubermittel, das ihr einst eine ägyptische Fürstin geschenkt hatte: eine köstliche Würze, welche die Kraft hatte, jeglichen Zorn und Unmut zu tilgen und das Gemüt zu erheitern, selbst wenn dem Trinkenden Vater und Mutter, Bruder und Schwester, ja der eigene Sohn vor den Augen getötet würde. Und sie tranken alle davon und wurden fröhlich. Helena selbst erzählte aus eigener Erfahrung ein Geschichtchen von der erfindsamen List des Odysseus. Denn als sie noch in Ilios verweilte, war einst Odysseus, um Nachrichten von den Plänen der Trojaner zu erkunden, in die Stadt gekommen, in schlechter Kleidung, wie ein Knecht oder ein Bettler. Keiner hatte ihn in dieser Entstellung erkannt, nur der Helena hatte er sich entdeckt und die Absicht der Griechen mitgeteilt. Aber auch Menelaos berichtete gesprächig von manchem Zug und Trug des kühnen und verschlagenen Mannes. Odysseus war allein Gegenstand ihrer Unterhaltung. Als sie nun so den Abend verplaudert hatten, ließ Helena für die Gäste in der Halle ein Lager von Polstern, Teppichen und wolligen Mänteln bereiten, und ein Herold leuchtete ihnen mit der Fackel dahin, Menelaos aber und seine Gemahlin schliefen im Innern des Palastes. Am Morgen erst, als sich alle wieder auf den steinernen Sitzen vor dem Hause zusammengefunden hatten, fragte jener seine Gäste nach dem Zweck ihrer Reise. Telemachos sagte ihm dasselbe, was er bereits dem Nestor gesagt hatte, erzählte von den übermütigen Freiern und bat ihn um Nachricht von seinem Vater. »Ha, wahrlich!« rief der Held aus, da er alles vernommen hatte, »wie wenn die Hirschkuh ihre neugebornen Jungen ins Lager des starken Löwen gelegt und dann sich entfernt hat, um in dem Thale und auf den Bergen umher zu weiden, jener aber zurückkehrt und die fremde Brut findet und zerreißt, so wird Odysseus in sein Haus kommen und jenen Frevlern ein schreckliches Ende bereiten! Ja, sollten sie ihn sehen in der Götterkraft, mit der er einst den Phiomeleides in Lesbos ringend zu Boden schlug – wahrhaftig, das Freien würde ihnen vergehen! Aber mein Lieber, da du mich fragst, so will ich dir treulich erzählen, was mir einst in Ägypten der greise Seher Proteus von ihm verkündigt hat. Als ich auf meiner Heimfahrt dorthin verschlagen war, hielten mich die erzürnten Götter zwanzig Tage auf einer Insel an der Mündung des Nilstroms auf, weil ich Unbesonnener vergessen hatte ihnen die schuldigen Sühnopfer zu bringen. Kein günstiger Wind wollte sich vom Lande her erheben, und ich harrte seufzend von einem Tage zum andern – aber vergebens. Fast ging die Nahrung uns zu Ende, der Mut sank meinen Gefährten, und ich wäre vielleicht mit ihnen umgekommen, hätte sich nicht eine Göttin meiner erbarmt, Idothea , des Proteus blühende Tochter, sah uns mit Mitleid an, und als einmal meine Gefährten sich, von Hunger getrieben, auf den Fischfang begeben hatten und ich einsam umherschlich, trat sie zu mir und redete mich an. Da klagte ich ihr mein Leid und beschwor sie mir ein Mittel zu sagen, wie ich den Rat der Himmlischen erforschen möchte und erführe, wer von den Göttern meine Reise verhindere, und wie ich durch die weiten Fluten des Meeres nach Hause gelangen könnte. »Gern, Fremdling«, sprach sie, »will ich dir ein untrügliches Mittel verkünden. Siehe, mein Vater, der greise Meergott Proteus, weiß alle Dinge, und verständest du ihn mit List zu fangen, so offenbarte er dir leicht alles, was du zu wissen begehrst.« – Gut, sprach ich, aber sage mir die Lift, durch die ich seiner mächtig werde. – »So höre«, erwiderte die Göttin. »Täglich, wenn die Sonne im Mittage steht, steigt der Greis aus dem Meere und kommt ans Land und legt sich in kühlen Grotten nieder zum Schlummer. Mit ihm erheben sich die Geschlechter der Robben umher, um sich gleichfalls am Ufer zu lagern. Willst du nun unerkannt ihm nahen, so mußt du dich in eines Seehunds Haut verbergen und unter die übrigen Tiere mischen. Dazu will ich dir behilflich sein. Morgen früh stelle dich hier mit drei auserlesenen Gefährten ein, dann werde ich euch mit glänzenden Fellen versorgen. Kommt nun mein Vater herauf, so zählt er zuerst seine Robben, wie der Hirt seine Schafe, und dann legt er sich mitten unter sie. Aber sobald ihr seht, daß er eingeschlummert, dann ist es Zeit Gewalt anzuwenden. Ihr packt ihn an, haltet ihn von allen Seiten fest und lasset nicht los, wie sehr er auch sich frei zu machen bemühe. Alle Künste der Verwandlung wird er dann erproben, jetzt als Feuer, jetzt als Wasser, jetzt als reißender Panther die Flucht versuchen. Aber ihr lasset nicht nach mit Drängen, bis er ermattet die frühere Gestalt wieder angenommen hat. Dann machet ihn frei von den Fesseln und lasset euch von ihm weissagen, was ihr zu wissen begehrt.« Kaum hatte Idothea dies gesprochen, so tauchte sie wieder in die Tiefe des Meeres hinab. Ich aber ging zu meinen Schiffen zurück, durchmachte sorgenvoll die Nacht, und am Morgen erlas ich mir aus meinen Gefährten drei Männer von bewährter Stärke und Kühnheit, die mit mir das wunderbare Abenteuer bestehen sollten. Wir gingen nach der angewiesenen Stelle hin, und siehe – die Nymphe hielt Wort. Mit vier frischen Robbenfellen stieg sie aus der Tiefe des Meeres herauf, hüllte jeden von uns in eines derselben und wies uns unsere Plätze an dem sandigen Meeresufer an. Freunde, ihr glaubt nicht, wie uns zu Mute ward. Sicher hätte uns der thranige Dunst der Felle getötet, wenn nicht Idothea selbst uns lieblich duftendes Gewürz unter die Nase gerieben hätte, das die gräßlichen Gerüche tilgte. So in tierischer Vermummung saßen wir den ganzen Morgen, bis endlich in der Mittagshitze die Schar der Seehunde und nach ihnen der graue Meergott selbst aus dem Wasser hervorstieg. Er sah sich um, musterte und zählte seine Herde und uns mit, und legte sich dann mitten unter ihnen nieder. Alsbald sprangen wir auf, umklammerten ihn mit lautem Geschrei und drückten ihn gewaltig zusammen. Alles erfolgte, wie seine Tochter uns gesagt hatte; er verwandelte sich plötzlich in einen Löwen, um uns zu schrecken. Aber wir erschraken nicht, sondern drückten nur stärker. Da ward er zum Panther, und wieder zum Drachen, und endlich zum borstigen Eber. Noch glaubten wir die Borsten fest zu halten, da wollte er uns schon wieder als Wasser entrinnen, und kaum glaubten wir das Wasser umdämmt zu haben, so schoß er als schlanker Baum in die Höhe. Endlich ward der alte Zauberer der Verwandlungen müde, ging zurück in seine wahre Gestalt und sprach: »Sohn des Atreus, welcher der Unsterblichen verriet dir die Kunst mich zu fangen? Und was verlangst du von mir?« Ich legte ihm meine Fragen vor. Er hieß mich nach Ägypten zurückkehren und dort mit großen festlichen Opfern die beleidigten Götter versöhnen, dann, so verkündigte er mir, würde meine Heimfahrt glücklich sein. Da erlaubte ich mir noch eine Frage an den Gott. Er sollte mir sagen, was aus meinen Freunden geworden sei, ob sie alle glücklich nach Hause gekommen, und wer vielleicht eine Beute der Stürme oder der Seeungeheuer geworden sei. Und nun begann er eine lange Erzählung, die mir unaufhörliche Thränen entlockte. Zuerst erwähnte er das traurige Schicksal des Aias (Ajax), der übermütig geprahlt hatte, allen Göttern zum Trotze wolle er dennoch wohlbehalten heimkehren; aber ihn hatte Poseidon rächend mit demselben Felsen erschlagen, unter dem er jene Lästerung ausgestoßen hatte. Ach! auch meines lieben Bruders Agamemnon schreckliches Verhängnis erzählte er mir. Da brach mir das Herz vor Betrübnis; ich weinte laut und wünschte nicht länger zu leben. Aber der Greis richtete mich tröstend wieder auf und befahl mir, männlich als Rächer nach Hause zu eilen. Da fragte ich noch zuletzt nach meines lieben Freundes Odysseus' Schicksale, ob er noch lebe oder ob auch er bereits hingerafft sei? Und der willfährige Greis erwiderte mir dieses: »Wohl lebt Odysseus noch; aber fern von hier hält ihn auf einer Insel die Nymphe Kalypso gefangen. Ich habe ihn selbst dort gesehen. Thränen der Sehnsucht vergießt er täglich, und gern wagte er selbst auf den unbekannten Gewässern die Reise, aber er hat kein Schiff und keine Gefährten, und die Nymphe, die ihn liebt, läßt ihn nimmer ziehen.« – So meldete mir Proteus und tauchte dann plötzlich ins Meer. Ich aber ging schweigend zu meinen Schiffen, und ernste Gedanken bewegten meine Seele. Indes folgte ich seinem Befehle, brachte in Ägypten den Göttern die schuldigen Opfer, und versöhnt sandten sie mir günstigen Wind und führten mich glücklich in mein liebes Vaterhaus. Nun weißt du alles, was ich dir sagen kann, theurer Jüngling. Aber wohlan, verweile bei mir eine Zeitlang, dann sende ich dich heim mit würdigen Gastgeschenken, mit drei prächtigen Rossen und einem künstlich gearbeiteten Wagen, und dazu schenke ich dir noch ein schönes Opfergefäß, damit du dich beständig meiner erinnerst.« Telemachos wäre gern länger geblieben, um die Erzählungen seines freundlichen Wirtes zu hören, aber er mußte die Aufforderung dazu ablehnen, weil er die in Pylos zurückgelassenen Gefährten nicht über die verabredete Zeit hinaus warten lassen wollte, und weil auch Nestor ihn ermahnt hatte, sobald möglich, zum Schutze seiner Habe heimzukehren. Die Rosse verbat er, Ithaka sei für Pferde zu felsig. Der freigebige Menelaos verwandelte darauf das Geschenk in einen prächtigen silbernen Krug mit goldenem Rande von künstlicher Arbeit, den er einst selber vom Könige der Sidonier empfangen hatte. Und nun bereitete er den beiden Jünglingen zum Abschiede noch ein reiches Frühmahl von frisch geschlachteten Ziegen und Schafen; die geschäftigen Köche eilten hin und her, und die Mägde ließen es an Brot und Wein nicht fehlen. Telemachos fühlte sein Herz erleichtert, ja zur Freude gestimmt; denn wie konnte er wissen, was indessen die Freier daheim über ihn beschlossen hatten! Mit Erstaunen hatten diese Übermütigen diese Nachricht vernommen, daß Telemachos wirklich Mut genug gehabt habe die Reise zu unternehmen. Und konnte er nicht etwa gar mit mächtiger Hilfe von Nestor oder Menelaos zurückkehren und ihnen allen den Tod bereiten? Bisher war er ihnen stets nur wie ein Knabe erschienen; man hatte ihm nichts Kühnes zugetraut, aber jetzt? Dieser rasche Entschluß, dieser versteckte Plan – war es nicht, als erwache plötzlich des Vaters Geist in dem blöden Sohne? »Nein«, rief zornglühend Antinoos, der unbändigste unter allen, »den jungen Fant dürfen wir nicht aufkommen lassen, der droht uns in Zukunft viel Unheil. Nein, er werde aus dem Wege geräumt, ehe er uns Schaden bereiten kann. Wohlan, gebt mir ein Schiff und bemannt es mit zwanzig tapfern Männern! Ich will ihm entgegenrudern; in dem Sunde zwischen Ithaka und Samos will ich vor Anker gehen und ihm auflauern, wenn er zurückkommt. Treffe ich ihn, so denk' ich, er soll nicht lebendig dies Haus wieder sehen, und dann ist ja alles unser.« Der ganze Saal rief dem Mordplane Beifall zu, und sofort besprach man sich, wie der Jüngling am sichersten zu töten sei. Einige gingen sogleich hin, um das Schiff zu besorgen; zwanzig Jünglinge wurden auserlesen, um den Antinoos zu begleiten, und Waffen und Nahrungsmittel mußten des Odysseus eigene Diener herbeischaffen. Darauf brachen sie auf und ruderten nach dem bestimmten Hinterhalte hin, wo sie den rückkehrenden Telemachos erwarteten. – Medon , der Herold, hatte die Beratung der Freier belauscht und eilte die Penelope von der Gefahr ihres Sohnes zu benachrichtigen. Schon daß Telemachos die Seefahrt gewagt hatte, machte sie besorgt; aber als sie gar von den tückischen Anschlägen der Freier hörte, da zitterten ihr die Kniee, und ohnmächtig sank sie auf der Schwelle ihres Gemaches nieder. Alle Mägde weinten um sie herum, und nachdem sie lange starr vor sich hingeblickt hatte, brachen auch aus ihren schönen Augen die Thränen. Sie klagte laut und wußte sich nicht zu fassen. Bald wollte sie zu ihrem Schwiegervater Laërtes hinausschicken, aber der alte Mann war ja selbst so kraftlos; bald ersann sie andern, ebenso nichtigen Rat. Da fiel ihr gepreßtes Herz auf den letzten, tröstlichen Gedanken, eine Gottheit um Schutz anzuflehen. Sie betete inbrünstig zu Athene um Rettung des Sohnes, und als sie gebetet hatte, fühlte sie sich gestärkt und beruhigt. Sie streckte sich auf ihr Lager hin und verfiel alsbald in tiefen Schlaf. Athene hatte sie erhört und wollte die Gute nicht ohne Trost lassen. Sie sandte ihr einen schönen Traum. Iphthime , Penelopes Schwester, mußte der Schlafenden erscheinen und sie um die Ursache ihres Schmerzes fragen. Penelope erleichterte durch die Mitteilung ihr Herz, und die Traumgestalt goß der Geängsteten Mut in die Seele, indem sie sprach: »Sei getrost, Schwester, und wirf die kleinmütigen Zweifel und Sorgen ab. Dein Sohn wird wiederkehren in die Heimat; ihn begleitet eine Führerin, die wohl mancher sich zum Beistand wünschte. Pallas Athene selbst ist mit ihm, die sich seiner und deiner erbarmet, und die auch mich jetzt zu dir gesandt hat, damit ich dir dieses verkünde.« Penelope wollte noch mehreres fragen, aber die leichte Luftgestalt verschwand. Da erwachte sie, freute sich des herrlichen Traums, und jammerte nun nicht mehr um das Schicksal der beiden Lieben, die sie für verloren gehalten hatte. Der Traum schien ihr Wahrheit verkündigt zu haben, daher hob ihr bald freudige Zuversicht das Herz. Dritter Abend. Odysseus im Schiffbruch. Wie glücklich machte doch schon jene einfachen Menschen der Glaube, daß die Sorge himmlischer Mächte der Unglücklichen auf Erden gedenke. Ein Traum, gewiß zufällig und unbedeutend an sich selbst, erquickte die verlassene, jammernde Mutter, weil sie glaubte, er sei ihr von einer Göttin gesendet. Sie war tief betrübt gewesen, aber bei dem bittersten Schmerze hatte sie sich flehend an die himmlische Helferin gewendet, und das innige Gebet hatte ihr Herz beruhigt. Wie kindlich fromm erscheinen uns diese Menschen! Sie fühlen ihre Schwäche und Ohnmacht, empfinden täglich ihre Abhängigkeit von höheren Schickungen, aber sie wissen auch, wo sie sich Hilfe suchen sollen. In der Überzeugung, daß die unsichtbaren Gewaltigen menschlich empfinden und denken, wie sie selbst, erheben sie ihre Blicke bittend zum Himmel, nennen die Götter, die sie nicht kennen, mit menschlichen Namen, thun schmeichelnd alles, was ihnen Wohlgefallen könnte, gewinnen sie mit Gaben und Opfern, und legen ihnen dann die Erhörung ihrer Bitte gleichsam als eine Art von Pflicht nahe. Eben so nehmen sie auch dankbar das Gute als Götterwohlthat an und genießen es fröhlich als eine himmlische Gabe. Das Böse, das sie trifft, betrachten sie nur als eine Einwirkung feindlich gesinnter Götter; ja selbst ein und derselbe Gott schützt bald hilfreich, bald wendet er erzürnt sich ab und erscheint schreckend und strafend. Das Glück ist ihnen daher kein Zufall, es ist eine Gunst der Götter; die Früchte des Feldes, der Saft der Trauben sind ihnen kein Erzeugnis der toten Natur, es sind milde Gaben aus Demeters und Dionysos' Hand, den Menschen zur Freude geschenkt. Was ein Künstler verfertigt, das hat Hephästos ihn gelehrt; was der Sänger singt, hat ihm Apollo oder die Muse eingegeben; wer klug ist, den liebt Athene; wer beredt ist und in allerlei Dienstverrichtungen geschickt, ist ein Liebling des Hermes. So führte die Betrachtung jedes Schönen und Herrlichen in der Natur und im Menschenleben jene alten Griechen zu frommer Einfalt. Sie ahnten auf jedem Schritte unbekannte heilige Wesen, glaubten sich überall umringt von unsichtbaren Gottheiten, wähnten sich von Göttern geliebt, wenn es ihnen wohl ging, eilten sie zu versöhnen, wenn sie Unrecht gethan hatten; ja sie hielten sich und die ganze Natur mit den Unsterblichen verwandt. Die Gottheit mochte ihrem kindlichen Sinne nicht anders erscheinen als etwa ein Fürst im Verhältnis zu seinen Unterthanen. Der Dichter hatte vielleicht in der Sage nur von Telemachos' glücklicher Reise gehört. Aber das konnte er so nüchtern nicht wieder erzählen. Telemachos sieht die Hand der Göttin in jedem Ereignis: die Göttin giebt ihm den Gedanken ein, sie geht mit ihm zu Schiffe, sie sagt ihm, was er dem Nestor antworten soll, sie tröstet seine Mutter; gewiß wird sie ihn auch aus der Gefahr erretten, die die Freier ihm bereitet haben. Athene, Telemachos' Begleiterin, war inzwischen nicht weniger bemüht, dem edlen Odysseus selber die Heimkehr zu erleichtern. Auf Zeus' Befehl mußte Hermes, der Götterbote, sich aufmachen, der Nymphe Kalypso , die den Helden gefangen hielt, den Willen der Olympier bekannt zu machen. Er legte die schönen goldenen Sohlen an, die ihn leicht wie einen Vogel durch die Luft trugen, nahm dann den Schlangenstab in die Hand, mit dem er Menschen töten und wieder erwecken konnte, und flog schnellen Schwunges über die weite Meeresfläche hin. Alsbald stand er auf der entlegenen Insel, wo die schöne Kalypso wohnte. Er freute sich der reizenden Behausung, die so anmutig versteckt zwischen Erlen, Pappeln und immergrünen Cypressen lag. In den dunkeln Verschränkungen des Laubes nisteten gesangreiche Vögel, und den Eingang der hochgewölbten Felsengrotte umrankten Reben, mit purpurnen Trauben prangend. Weiterhin dehnten sich üppige Wiesen, von vier Bächen durchschnitten, und tausendfarbige Blumen lachten aus dem frischen Grün hervor. Hermes selbst bewunderte den lieblichen Wohnsitz und trat dann in die luftigkühle Grotte, jedoch ohne den Odysseus zu finden. Der Arme hatte keine Ruhe in dieser schönen Gegend; der freundliche Zuspruch der Göttin war ihm lästig. Er suchte das einsame umbrandete Ufer, und, auf den hohen Hügeln sitzend, blickte er stundenlang über das dunkele Meer hin nach der Richtung, wo fern, ach allzufern! die Heimat lag. Die Nymphe aber saß daheim am Webstuhle, wob sich mit goldenem Weberschiffe ein Gewand und sang mit melodischer Stimme ein munteres Liedchen zur Arbeit. Sie erkannte sogleich den Hermes und empfing ihn voller Verwunderung über den seltenen Besuch. Er aber verkündigte ihr den strengen Befehl des Vaters der Götter und hieß sie den Odysseus alsbald entlassen, da die Götter die Rückkehr desselben beschlossen hatten. Als er so sprach, erschrak die Göttin und brach in bange Klagen aus über der Götter Grausamkeit und neidisches Herz. Anderen Göttinnen, die sich auch sterbliche Menschen zu Gatten erkoren, sei dies gestattet; ihr nur verarge man die Gemeinschaft mit dem Manne, den sie doch selber aus der Gefahr gerettet und freundlich gepflegt habe. Ihn, den geliebten, solle sie entlassen und wieder einsam wohnen in ihrer Grotte, fern von dem Verkehr mit Göttern und Menschen! Ach, was solle ihr nun der schattige Hain und Fülle der Trauben und Blumen, wenn sie den Freund entbehre, der alles Schöne mit ihr teile? Gewiß, sie fühlte sich recht unglücklich. Dennoch versprach sie zu gehorchen, aus Furcht vor dem Zorne und der Rache des Zeus. Hermes hatte sich unterdessen an dem gastfreundlichen Tische gestärkt; denn auch die Götter lieben es zu schmausen. Aber sie letzen sich nicht an irdischer Kost, sondern Ambrosia ist ihre Speise, und sie trinken einen Trank, den die Dichter Nektar nennen. Jetzt stand Hermes wieder auf, schärfte der Kalypso noch einmal das Gebot der Olympier ein und verließ sie eilig. Als sie sich satt geweint hatte, ging sie den Odysseus aufzusuchen. Sie fand ihn traurig am Gestade sitzend und redete ihn liebreich also an: »Armer Freund«, sprach sie, »verzehre hier nicht langer in Betrübnis und Schwermut dein Leben; ich fühle deinen Kummer mit dir; ich bin auch bereit dich von mir zu lassen. Aber du selber mußt für ein Fahrzeug sorgen. Geh in den Wald, suche dir Stämme aus, behaue sie mit der Axt, die ich dir geben will, und füge die starken Balken zu einem festen Floß zusammen. Ruderer kann ich dir nicht geben, denn ich habe hier niemand; aber mit Speise und Trank und mit Kleidern will ich dich reichlich versorgen, und einen sanften Fahrwind will ich dir mitgeben vom Lande aus, daß er dich eine Strecke ins Meer begleite. Wollen es dann die übrigen Götter gestatten, so hoffe ich, du wirst dein liebes Vaterland bald und ohne Gefahr erreichen.« Odysseus sprang freudig-erschrocken empor. Aber noch traute er nicht, das unerwartete Glück machte ihn zweifeln. »Schwöre mir, daß du Wahrheit sprichst und nicht ein anderes Übel zu meinem Schaden ersinnest!« rief er hastig. Die Göttin lächelte und gewährte ihm seine Bitte. Sie schwur bei der Erde, bei dem Himmel und beim Styx, dem eisigen Flusse des Totenreiches, und das war der größte und furchtbarste Eidschwur für die Götter, die sich für den Fall der Eidbrüchigkeit dadurch ihrer Unsterblichkeit begaben und dem Tode anheimfielen. Nun erst glaubte der Held ihren Worten. Beide kehrten zurück in die Grotte und ergötzten sich bei einem reichen Mahle, Odysseus mit der Speise der Menschen, Kalypso mit der Labe der Himmlischen. Alle Versuche ihn von dem Entschlusse zurückzubringen mißlangen; nicht die Gefahren des Meeres, nicht der Zorn mißgünstiger Götter konnte ihn schrecken; er bestand mutig und entschlossen auf seiner Heimkehr, um nur die teure Gattin wieder zu sehen. Am folgenden Morgen eilte er in den Wald mit Axt, Beil, Bohrern und Nägeln, fällte zwanzig Fichtenstämme und zimmerte daraus ein Floß, das nach viertägiger unermüdeter Arbeit fertig dastand, mit Mast und Steuer. Kalypso gab das Segel dazu und füllte dem Helden das Schiff mit Schläuchen voll süßen Wassers, mit Körben voll Weines und köstlicher Speisen, und am fünften Tage, nachdem sie ihn noch einmal gebadet und gesalbt hatte, begleitete sie ihn selbst ans Ufer, und er stieg freudig ein. Sie sandte ihm einen frischen Fahrwind nach, und er steuerte rüstig auf der unabsehbaren Wasserfläche hin, indem er sich am Tage nach der Sonne, bei Nacht nach den Gestirnen richtete. Siebzehn Tage vergingen so, ohne daß er ermüdete; denn er achtete alle Anstrengungen gering, die ihn der Heimat und der lieben Gattin näher brachten. Und siehe, am achtzehnten Tage erblickte er weitherdämmernd die grauen Berge der Insel Scheria (später Corcyra, jetzt Korfu), wohin zu kommen ihm vom Schicksale bestimmt war. Aber wehe ihm! Gerade jetzt kehrte Poseidon von den Äthiopen zurück und sah schon aus der Ferne mitten auf dem Meere den kühnen, gehaßten Mann seinen Hoffnungen entgegen eilen. Grimmer Zorn entbrannte im Herzen des Gottes. »Ha, gewiß«, rief er aus, »haben die andern Olympier einen Rat über ihn beschlossen, während ich die Äthiopen besuchte. Wahrhaftig, da kreuzt er schon hin, ganz nahe dem Lande, das ihm zur Rettung bestimmt ist. Aber so wahr ich selbst noch Götterkraft besitze, er soll mir bis dahin noch Angst und Jammer genug erdulden!« Kaum waren die drohenden Worte gesprochen, da sammelten sich auf Poseidons Wink finstere Wolken; er stieß den Dreizack ins Meer hinab und regte es in seinen innersten Tiefen auf. Dann rief er den Winden, daß sie aus ihren Höhlen kämen, miteinander zu kämpfen; und vom Himmel sank schwarze Nacht. Odysseus erbebte. Er sah sich einsam auf der Wasserwüste, das Land war seinen Augen entschwunden; rings umher, so weit seine Blicke reichten, nichts als dunkle Wogen, die sich brausend emportürmten, dann über ihn herstürzten und ihn selbst bald himmelan trugen, bald in den Abgrund versenkten. Wohl pries er die glücklich, welche in dem Kampfe vor Troja der Tod erreicht hatte, und denen eine ehrenvolle Bestattung zu teil geworden war. Ihm schien es anders beschieden. Festgeklammert an sein Floß schwankte er in Ängsten hierhin und dorthin; an Rudern war nicht mehr zu denken. Ein schrecklicher Windstoß riß Segel und Mast von dem Schiffe ab und warf sie ins Meer, und nun kam eine gewaltige Woge daher und, wie wenn ein Berg einstürzt, schlug sie auf sein Schiff. Es schoß jäh in die Tiefe, er selbst wurde hinausgeworfen und mit Wasser ganz überdeckt. Nur mit Mühe hob er sich wieder empor (denn die durchnäßten Kleider beschwerten ihn sehr), da erblickte er sein schwimmendes Fahrzeug in der Nähe, schwang sich wieder hinauf durch die reißenden Fluten und entfloh so diesmal noch dem drohenden Tode. Aber noch immer wüteten die Stürme, und die empörten Wellen trieben sein schwankendes Schiff auf und nieder. Er selbst dachte wohl, daß er in dem ungleichen Kampfe endlich erliegen müsse. Und doch war ihm Rettung zugedacht. Leukothea , die blühende Tochter des Kadmos, die Retterin der Schiffbrüchigen, sah ihn mitten in den aufgeregten Wellen und hatte Erbarmen mit ihm. Sie schwang sich aus dem Meere empor und setzte sich zu ihm auf das Floß. »Armer Mann«, sprach sie, »du hast gewiß den Poseidon schwer beleidigt! Aber verderben soll er dich nicht trotz seines Zürnens; die Götter wollen deinen Untergang nicht. An Scherias Ufer sollst du gerettet werden. Nimm hier den weißen Schleier und umwinde dich damit. Dann wirf die beschwerlichen Kleider ab, verlaß dein Fahrzeug und rette dich durch Schwimmen. Der Schleier bringt dich unversehrt ans Land; aber bist du erst dort, so versäume nicht, ihn hinterrücks mit abgewendetem Antlitz wieder ins Meer zu werfen. Mit diesen Worten übergab sie ihm den Schleier und verschwand wieder in den Wogen. Odysseus zweifelte noch, denn er vermutete in der Erscheinung eine Tücke Poseidons. Das Floß wollte er nicht verlassen, so lange es irgend noch zusammenhielt, und auch die Kleider der Kalypso waren ihm teuer. Dennoch behielt er die Wunderbinde, um im Notfalle ihre Kraft zu versuchen. Diese Not kam bald. Noch immer brausten und stürmten die Wogen; ja ein plötzlicher schwerer Wassersturz zerschmetterte jetzt das so lange erhaltene Schiff. Das Gebälk wich auseinander, der arme Schiffer versank im Wogenschwall und sah die Trümmer seines zerschellten Fahrzeuges um sich her treiben. Jetzt galt es Tod oder Leben. Odysseus schwamm einem der größten Balken nach, ergriff ihn mit den Händen, schwang sich hinauf, wie ein Reiter aufs Pferd, und schloß fest an mit den Lenden. So reitend zog er sich das schwere Gewand aus und warf es ins Meer, umgürtete sich dann unter der Brust mit der luftigen Binde und sprang getrost von seinem Balken herunter ins Meer, um das letzte Heil im Schwimmen zu versuchen. Jetzt erblickte den mit Händen und Füßen arbeitenden Schwimmer Poseidon. »Wohl«, sprach der rachsüchtige Gott, »mögest du denn für diesmal noch dein Tode entrinnen. Aber ich hoffe, du wirst mir die heutige Angst so bald nicht vergessen!« Poseidon lenkte nun sein Gespann nach Äga, wo er in den Tiefen einer Bucht eine Wohnung hatte. Allmählich besänftigten sich die wilden Fluten. Zwei Tage und zwei Nächte hatte der entsetzliche Sturm bereits gewütet, und in dieser ganzen Zeit hatte Odysseus weder gegessen noch getrunken. Er schwamm noch immer, und nur die Götterbinde erhielt ihn aufrecht. Aber Freude und Hoffnung kehrte zurück in seine Seele, als das Meer sich wieder zum heitern Spiegel glättete und die felsige Küste von Scheria dicht vor ihm lag. Doch noch hatte er nicht überwunden. So oft er sich dem Strande näherte, schleuderte ihn die Brandung von der steilen Felswand wieder zurück. Hier war der Kampf mit den zurückprallenden Fluten fast größer noch als im Sturme, und er mußte, oft zurückgeworfen und ganz zerschunden an den Händen, einen großen Teil der Insel umschwimmen, ehe er einen bequemen Landungsplatz fand. Endlich kam er an eine Stelle, wo ein kleiner Fluß der Insel sich ins Meer ergoß. Das Ufer war niedrig, ohne Klippen und vor dem Winde gesichert. Hier faßte er wieder Mut und flehte zu der Gottheit dieses Stroms: »Höre mich, Herrscher! wer du auch seiest, erbarme dich meiner! Siehe, ich bin dem Zorne Poseidons entronnen und vertraue mich nun deinem Schutze!« Der Flußgott erhörte ihn und beruhigte das Wasser, daß es sanft ausströmte und den kühnen Schwimmer nicht länger zurückhielt, Odysseus erreichte glücklich das Gestade, dessen Wiesenplan von Büschen und Bäumen überschattet war. Er sank nieder auf die Kniee und küßte dankbar die heilige Erde. Aber nun war seine Kraft auch erschöpft. Aus Mund und Nase strömte das eingeschluckte salzige Wasser, alles war ihm geschwollen. Und er verfiel in eine tiefe Betäubung; Atem und Stimme verließ ihn; die schreckliche Anstrengung hatte ihn fast aufgerieben. Als ihm die Besinnung wiederkehrte, gedachte er dankbar der hilfreichen Leukothea und ihres Befehles. Er stand auf, lösete den nassen Schleier ab und warf ihn mit abgewendetem Gesicht ins Meer. Dann ging er vorwärts, zweifelnd und bange. Er erblickte niemand, und die Nacht war nahe. Nackt wie er war, – wo sollte er unterkommen? Am Ufer war es feucht und kalt, und in dem Gebüsche, das er vor sich sah, konnten vielleicht wilde Tiere hausen. Dennoch ging er dem Walde zu und fand darin ein paar wilde Ölbäume, deren Zweige dicht ineinander verwachsen waren und ein sicheres, gegen Sonne, Regen und Wind schützendes Obdach bildeten. Unten auf dem Boden lag eine Menge dürren Laubes, das häufte er mit den Händen zu einem Berge zusammen und kroch dann tief hinein. Nichts als ein Teil des Kopfes sah noch hervor, der übrige Leib lag tief in den Blättern versteckt, wie etwa ein astiger Kienbrand auf dem Herde in einem Aschenhaufen liegt, damit er seine Glut bewahre und morgen wieder ein neues Feuer an ihm angezündet werden könne. Ein fester Schlaf umfing ihn hier in seinem Blätterlager, und sein langes Leiden war in einem Augenblick vergessen. Denkt, Kinder, der geehrte Beherrscher einer großen Insel, der kluge und tapfere Zerstörer einer berühmten Stadt, der reiche Besitzer massenhafter Herden fand jetzt seine höchste Erquickung in einem Haufen dürren Laubes, darin er seine Blöße barg; in einer ihm unbekannten Wildnis hatte er nichts als das Leben. Und noch dankte er den Göttern, daß sie ihm solches gewährt hatten. Vierter Abend. Nausikaa. Scheria ward von dem friedlichen, uralten Volke der Phäaken bewohnt. Es trieb mehr Handel und Schiffahrt als Ackerbau und Jagd, und hatte eine Stadt unfern des Hafens erbaut. Daneben sah man Schiffswerfte mit Arbeitern und Fahrzeugen aller Art. Ordnung, Sitte und Wohlstand blühte unter ihnen, und über sie herrschte ein milder König, Alkinoos genannt, der einen prächtigen Palast in der Stadt hatte, in welchem sich die Vornehmsten der Phäaken täglich zu versammeln pflegten, um mit ihrem Könige zu opfern und zu schmausen. Unter dem doppelten Segen des Friedens und einer fruchtbaren Natur hatte sich das Volk zu seltener Bildung und Betriebsamkeit erhoben. Des Odysseus göttliche Freundin, Athene, ersann nun, während der Ermüdete schlief, ein Mittel, um ihn, wenn er erwacht sein würde, mit guter Art zu der Bekanntschaft der Vornehmsten der Insel zu führen und ihm eine gastliche Aufnahme bei denselben zu bereiten. Der König hatte eine schöne junge Tochter, Nausikaa . Diese lag noch im erquickenden Morgenschlummer; da erschien ihr Athene im Traume, unter der Gestalt einer lieben Jugendgespielin, und redete sie scheltend an: »Du Träge, denkst du denn gar nicht daran die schönen Gewänder zu waschen, die jetzt schmutzig im Hause liegen? Bald wirst du Braut sein, und wie wird sich's dann schicken, wenn bei dem festlichen Brautzuge die Kleider nicht sauber und schön sind! Ein tadelloser Anzug ist eine Zierde des Menschen. Geh, mache dich hurtig auf, sobald der Morgen graut; laß dir vom Vater einen Wagen und Maultiere geben, und fahre alles Zeug hinaus auf den Waschplatz; ich selber will mitgehen, und Mägde nehmen wir auch mit. Da wollen wir waschen und trocknen, daß Vater und Mutter sich freuen sollen.« Nausikaa wunderte sich über den Traum, und nach dem uralten Volksglauben, der Träume heilig hält, beschloß sie ihm zu gehorchen. Sie bat ihren Vater um den Wagen, gedachte aber dabei nicht ihrer Hochzeit, sondern nur der Bedürfnisse der Brüder, um auch Männerkleider zur Reinigung mitnehmen zu können. Der König ließ anspannen, und nun holte sie die wollenen Mäntel, Gewänder und Decken (damals die einzige Wäsche, die man hatte) herbei und packte sie in den Wagen. Die Mutter legte Speisen und Salben in ein Kästchen und fügte einen ziegenledernen Schlauch mit Wein hinzu. So gut versorgt, setzte sich die schöne Wäscherin auf den Wagen, ergriff Peitsche und Zügel und fuhr zur Stadt hinaus. Ihr folgten zu Fuße die andern Jungfrauen. Sie kamen auf dem Waschplatze an. Er lag an einem klaren Strome, aus welchem das Wasser durch Rinnen in steinerne Behälter floß, die in die Erde gegraben waren. Denn die Einfalt jener Zeiten wußte noch nichts von Waschfaß und Seife; man warf das Zeug in eine solche Grube voll kalten Wassers, die Mädchen entkleideten sich und sprangen selbst hinein und walkten das Zeug mit den Füßen. Ebensowenig bedurften sie zum Trocknen der Leinen und Klammern. Man breitete die Gewänder auf einer reinen kiesigen Fläche am Ufer des Flusses aus, und waren sie getrocknet, so wurden sie sofort wieder getragen. Auf diese Art verfuhr nun auch die schöne Nausikaa mit ihren Gespielinnen. Aber während das Zeug zum Trocknen ausgebreitet lag, badeten sich die Mädchen, salbten sich und öffneten Kasten und Schlauch, um ein Frühstück im Freien einzunehmen. Fröhlich scherzend sprangen sie dann auf, stellten sich in einen Kreis, und nun stimmte Nausikaa einen reizenden Gesang an, während die Mädchen dazu tanzten und sich mit Ballspiel ergötzten. Nachdem sie des muntern Spieles genug getrieben hatten, rafften sie die Gewänder vom Boden auf, legten sie sorgsam zusammen und trugen sie wieder in den Wagen, spannten dann die Maulesel vor, welche unterdessen abgeschirrt auf der Weide gegraset hatten, und machten sich reisefertig. Aber ehe Nausikaa aufstieg, machte sich das schalkhafte Mädchen noch den Spaß, nach einer der anderen mit dem Balle zu werfen. Der Ball traf nicht und fiel weit weg in den Strom hinein. Wie kreischten die mutwilligen Mädchen auf! Von den Ufern schallte der Jubel wieder, denn die Mädchen konnten nicht aufhören frohlockend in die Hände zu klatschen. Und siehe, wunderbar hatte es Athene so veranstaltet! Denn gerade das laute Gelächter weckte den schlafenden Odysseus, der bis dahin in seinem Gebüsche weder etwas von den nahen Wäscherinnen gehört hatte, noch von ihnen bemerkt war. Er richtete sich horchend auf, rieb sich die Augen und zupfte sich die Blätter aus Haar und Bart. »Halt«, dachte er, »das sind Menschen. Aber wehe mir, was für Menschen werden es sein? Vielleicht gar wilde Räuber und rohe Barbaren, die meine Sprache nicht verstehen und von Göttern und Gastfreundschaft nichts wissen?! Doch es klang ja wie Mädchengekreisch, und sie lachten so herzlich; gefährlich kann das nicht sein. Ich muß nur hervorkriechen und die Menschenkinder besehen.« Er wand sich aus dem Dickicht heraus, schüttelte das Laub von sich, und weil er ganz unbekleidet war und sich billig schämte solchergestalt vor ihnen zu erscheinen, so brach er sich mit starker Faust einen buschichten Zweig ab, um sich damit zu decken. So kam er schier wie ein wildes Waldungeheuer hervor. Die Mädchen, die ihn auf sich zuschreiten sahen, erschraken, schrieen laut auf und liefen davon. Nausikaa nur war beherzter, denn Athene hauchte ihr unsichtbar Mut in die Brust. Sie blieb ruhig stehen und erwartete den vom Schlamme des Meeres ganz bedeckten, struppigen Mann. Er kam näher, wagte es jedoch nicht nach Sitte der Flehenden ihre Kniee zu umfassen, sondern richtete aus ehrerbietiger Entfernung seine Bitte an sie. Er achtete, wie von jeher edle und gute Menschen thaten, ihr Geschlecht. Denn nur der Verworfene naht sich der Unschuld frevelnd; dem Tugendhaften ist sie heilig. »Flehend nahe ich dir«, sprach er, »Göttin oder Jungfrau; denn ich weiß nicht, wer du bist. Bist du eine Göttin, so mußt du Artemis sein, das sagt mir deine schlanke Gestalt und deine herrliche Bildung. Bist du aber eine sterbliche Jungfrau, o so preise ich deine Eltern und deine Brüder glücklich; ihr Herz muß höher schlagen, wenn sie sehen, wie schön du im Tanze einherschwebst. Aber glücklicher als alle achte ich den Mann, von dem dein Vater die Freiergeschenke annimmt und der dich dann als seine Braut nach Hause führt. Ha, wahrlich, nie habe ich solche Schönheit gesehen! Nur in Delos einmal, da sah ich an Apollons Opferaltare einen eben so schlanken – Palmbaum emporgeschossen, und staunte über den Anblick, wie ich jetzt vor dir staune. Denn dort bin ich gewesen, und ach! viel weiter noch umher. Ich habe vielen Jammer erfahren, und auch jetzt noch bin ich in Ängsten; denn gestern hat mich das stürmische Meer an das Ufer dieses Landes geworfen, das ich nicht kenne, und worin niemand mich kennt. Ich wage es nicht, holdes Mädchen, deine Kniee zu umfassen. Aber erbarme dich meiner; denn nach unendlicher Trübsal bist du die Erste, die mir begegnet. Zeige mir die Stadt, wo die Männer dieses Landes wohnen, und gieb mir etwas Schlechtes zur Bedeckung, etwa ein Wickeltuch, worin du die Wäsche geschlagen hast. Möchten dir's die Götter tausendfältig belohnen; möchten sie dir schenken, soviel dein Herz nur begehrt, einen Mann und ein Haus und selige Eintracht darinnen. Denn nichts ist wahrlich so wünschenswert, als wenn Mann und Weib friedlich, in treuer Liebe vereinigt, ihr Haus verwalten, daß alle Bösen und Neider sich ärgern, die Freunde aber sich herzlich der Eintracht freuen. Aber die größte Freude genießen sie davon doch selbst!« Der schönen Nausikaa gefiel die herzgewinnende Rede des Fremdlings, und sein Schicksal jammerte sie. Sie sagte ihm ihren Namen, erzählte von ihrem Vater und von dem Volke der Phäaken und versprach ihm eine freundliche Aufnahme. Zuerst rief sie die entflohenen Mädchen herbei, die in scheuer Ferne standen, schalt sie über ihre Zaghaftigkeit aus und befahl ihnen, den Gast zu baden und mit Trank und Speise zu erquicken. Aber der Mann sah gar zu fürchterlich aus. Eine ermunterte immer die andere, den Anfang zu machen; endlich faßten sie sich ein Herz und führten den Odysseus an den Strom. Nausikaa schickte ihm ein Paar von den frisch gewaschenen Gewändern und den Rest ihres Öles; die Mädchen legten alles am Ufer nieder und entfernten sich schamhaft, während jener den salzigen Schlamm von seinem Körper abwusch und sich mit Öle salbte. Das Bad that ihm recht not, denn schon lange entbehrte er dieser Erfrischung. Aber dafür erschien er nun auch wie neugeboren; im Schmuck der Gewänder trat er verjüngt unter die Mädchen, die staunend das schöne, blühende Antlitz betrachteten. Es dünkte sie, als sei er größer und herrlicher geworden. Das struppige Haar ringelte sich nun in glänzenden Locken über Stirn und Nacken herab, und aus seinen Mienen strahlte eine Hoheit und Anmut, daß Nausikaa sich des Wunsches nicht erwehren konnte, es möchte ihm doch gefallen in Scheria zu bleiben und sie zur Gemahlin zu nehmen. Jetzt reichten ihm die Jungfrauen, was sie von Speisen und Wein noch übrig hatten, und wahrlich – der arme Mann hatte lange genug fasten müssen! Als er gesättigt war, rüstete sich die Gesellschaft zur Rückkehr, Nausikaa bestieg wieder ihren Wagen, die Mädchen folgten zu Fuße nach. Odysseus mußte mit ihnen gehen, so lange der Weg noch durch Felder und Wiesen sich hinzog. Als sie sich aber der Stadt näherten, hieß ihn die Königstochter beiseite gehen und in einem Pappelhaine zurückbleiben, bis sie selbst mit den Jungfrauen zu Hause angelangt sein werde. Dann solle er nachkommen und als ein bittender Gast im Hause ihres Vaters einsprechen. So wollte sie übeler Nachrede bei den Leuten ausweichen, daß keiner von ihr sagen sollte: »Ei seht doch, welchen stattlichen Fremdling hat sich denn dort Nausikaa auserlesen? Den wünscht sie wohl gar zum Gemahle! Sie kann's gewiß nicht erwarten, bis einer um sie wirbt! Besser war's auch aus der Fremde sich den Gatten zu suchen, denn die Freier aus den edlen Jünglingen unseres Volks sind ihr wahrlich zu schlecht. Nein, Fremdling«, fügte sie errötend hinzu, »das soll man nicht sagen. Ich selber habe ja oft andere Mädchen getadelt, die sich wider den Willen der Eltern zu einem Manne gesellten, ehe öffentlich die Vermählung veranstaltet war.« Noch eine Weisung gab Nausikaa dem Odysseus. Er solle, wenn er in den Saal des Palastes eingetreten sei, zuerst die Kniee der Königin umfassen und von ihr seine Rettung erbitten. Sei diese ihm gewogen, dann dürfe er getrost hoffen die Heimat wieder zu sehen. Nun erst solle er zu dem Könige herantreten. Odysseus merkte sich alles genau, und blieb ehrfurchtsvoll in dem Haine zurück, bis er die Jungfrauen an Ort und Stelle vermutete. Betend hob er indessen die Hände empor zu seiner Schützerin Athene, daß sie ihn Mitleid und Gunst finden ließe bei den Männern des unbekannten Volkes. Fünfter Abend. Der Gestrandete in der Königsburg. Die Sonne war schon untergegangen und alles dunkel umher, als der Held sich aufmachte, um in die Stadt der Phäaken zu gehen. Mit Absicht hatte er den Abend erwartet, damit er kein Aufsehen errege oder irgend ein übermütiger Einwohner ihn mit Fragen belästige oder gar mit Schmähungen kränke. Und siehe, kaum näherte er sich den ersten Häusern, da trat schon seine Freundin Athene ihm entgegen; aber er kannte sie nicht. Sie hatte die Gestalt eines Mädchens angenommen, das mit dem Wasserkruge vom Brunnen kam. »Liebe Tochter«, redete Odysseus sie an, »zeigtest du mir wohl den Weg zu Alkinoos' Wohnung, der hier bei euch König ist? Ich komme weither aus einem entlegenen Lande und kenne niemand in dieser Stadt.« »Recht gern, Väterchen«, antwortete die freundliche Dirne, »will ich dir das Haus, nach dem du verlangst, zeigen. Der König wohnt ganz nahe bei meinem Vater. Komm nur immer mit mir, ich will dich so führen, daß du keinen Menschen weiter zu fragen noch zu sehen brauchst. Denn hier sind die Leute nicht allzu freundlich gegen Fremde. Das macht ihr kühnes Handwerk. Denn es sind Schiffer, aber ihre Schiffe sind auch schnell wie die Vögel und wie die Gedanken.« Odysseus dankte dem lieben Mädchen und folgte ihr, von niemand gesehen. Er sah staunend den geräumigen Markt und den Hafen, dessen Schiffe und Mauern hoch und trotzig aus der Dämmerung aufragten. Als sie eine Weile gegangen waren, stand das Mädchen still und sagte: »Siehst du, Väterchen, hier ist des Königs Haus. Jetzt wirst du die Fürsten gerade bei der Mahlzeit finden. Da geh nur dreist hinein und fürchte dich nicht. Dem Kühnen gelingt ja alles am besten. Aber eines will ich dir noch sagen. Wenn du in den Saal kommst, so suche nur erst die Königin auf, sie heißt Arete und ist eigentlich des Königs Nichte, denn der vorige König – Nausithoos geheißen – hinterließ zwei Söhne, diesen Alkinoos und noch einen, Rhexenor mit Namen. Der lebte aber nicht lange und hinterließ bloß eine einzige Tochter. Die hat nachher Alkinoos geheiratet, und sie ist jetzt unsere Königin. Sie ist sehr klug und wird weit und breit geehrt vor allen übrigen Weibern, und der König selber hält sie gar hoch. Sie regiert alles und entscheidet sogar die Streitigkeiten der Männer mit Weisheit. Und wenn sie ausgeht, so grüßt sie alt und jung wie eine Göttin. Wenn diese dir wohl will, so kannst du gewiß hoffen in dein Vaterland zu kommen und alle deine Wünsche zu erreichen.« Mit diesen Worten verließ Athene ihren Freund. Er aber ging in den Vorhof des Palastes und blieb verwundert an der Schwelle des Hauses stehen. Denn überaus schön fand er alles, was er hier sah, die Mauern wie von Erz, die Pfosten wie von Silber, und golden war der Ring an der Pforte. Und in der Tiefe des offenen Saales waren rings an den Wänden Sessel gestellt, mit schönen Decken belegt; darauf saßen die Edeln der Phäaken und schmauseten. Neben ihnen standen schön gekleidete Jünglinge mit Fackeln in den Händen, die leuchteten jenen zum Mahle. Fünfzig Mädchen dienten in dem Palaste, von denen einige das Geschäft hatten, Korn auf der Handmühle zu mahlen, während andere Zeuge wirkten oder spannen. Denn so wie die phäakischen Männer erfahrene Schiffer waren, ebenso sehr waren die Weiber dieses Volks wegen ihrer kunstreichen Webereien berühmt. Doch Odysseus ging noch immer nicht hinein. Erst besah er sich noch den schönen Garten hinter dem Hause, der mit einer hohen Mauer umgeben war und voll stattlicher Obstbäume prangte. Hier hingen saftige Birnen, Feigen und Granaten herab, dort schimmerten rotgesprenkelte Äpfel und grüne Oliven, und halb versteckt hinter breiten Blättern blickten purpurne Trauben hervor. Wahrlich alle Jahreszeiten sah man hier vereinigt; hier erhob sich ein Baum im Frühlingsschmuck zahlloser Blüten, dort stand ein andrer, an dem die grünen Früchte hingen, dort wieder ein andrer, der trug schon reife in Fülle. Eben so auch die Trauben: einige lagen bereits abgeschnitten zum Dörren auf dem Boden, andere wurden gekeltert, andere schnitt der Winzer soeben, und wieder andere fingen erst an sich zu färben. Nützliche Gartengewächse standen in zierlich geordneten Beeten, deren Ränder mit duftenden Blumen eingeschlossen waren. Auch zwei Quellen schlängelten sich durch den Garten hin, wovon die eine den Palast mit Wasser versorgte, indes aus der andern, welche nach außen geleitet war, die Nachbarn schöpften. Jetzt erst, nachdem der Held alles betrachtet und bewundert hatte, ging er in den Saal des Königs hinein. Es war schon spät; die Fürsten, welche bei dem Alkinoos schmausten, dachten bereits an den Aufbruch und hielten eben den Becher in den Händen, dem Hermes zum Schlusse ein Trankopfer darzubringen. Da sahen sie mit Verwunderung noch einen Fremdling rasch den Saal durchschreiten und vor der Königin niederfallen. Sie richteten sich alle auf und horchten aufmerksam, was er sagen würde. Er aber umfaßte nach dem Brauche der Flehenden Aretes Kniee und sprach: »O Arete, Tochter des göttlichen Helden Rhexenor, siehe ich umfasse dir und deinem Gemahle die Kniee und allen Gästen umher: ich bin ein unglückbeladener, hartbedrängter Mann. Mögen euch die Götter Heil und langes Leben schenken und reiches Erbe euren Kindern im Hause und Ehre unter dem Volke. Mir aber seid zur Rückkehr in meine Heimat behilflich, denn schon lange bin ich von den Meinigen entfernt und irre im Elende umher.« Mit diesen Worten stand er auf und setzte sich, wie es Hilfebittenden ziemte, in die Asche neben dem Feuerherde. Weil er die Gesellschaft so plötzlich überrascht hatte, so verstummten die Anwesenden alle; erst nach einiger Zeit unterbrach ein bejahrter Gast das Schweigen. »Alkinoos«, sprach er, »es ist nicht anständig einen Fremdling am Herde in der Asche sitzen zu lassen. Die übrigen Männer schweigen, nur weil sie deiner Befehle harren. Wohlan, führe ihn doch zu einem silberbeschlagenen Sessel, und laß durch die Herolde noch Wein mischen zu einem Opfer für Zeus, dem Fremden aber frische Speise reichen durch die Schaffnerin.« Sogleich stand der König auf, faßte den Odysseus bei der Hand, hieß seinen liebsten Sohn Laodamas , der ihm zunächst saß, aufstehen und führte den Gast zu dem erledigten Sessel. Alsbald war nach der Gewohnheit eine Dienerin mit Wasserkanne und Waschbecken bereit und besprengte dem Fremdling die Hände. Dann ward ein reinliches Tischchen vor ihn hingestellt, das sich alsbald mit Brot und Speisen aller Art füllte. Das war ein anderer Abend, als der gestrige, wo der arme Mann, seiner Kleider beraubt, triefend und von Angst und Anstrengung abgemattet, ans Land gestiegen war, um sich ein Lager von Blättern zusammenzuscharren. Wie behaglich schmauste er jetzt im herrlichen Saale bei Fackelschein! So schnell wechselt oft mit banger Nacht ein froher Tag! »Wohlan«, rief der König dem Herolde zu, »mische noch einmal Wein in dem Kruge und fülle rings den Gästen die Becher, daß wir dem Zeus noch ein Opfer ausgießen, dem Beschützer der Hilfeflehenden.« Der Herold that, wie ihm gesagt war, und sie sprengten alle die ersten Tropfen dem Zeus zu Ehren auf die Erde, tranken das Übrige mit Wohlbehagen und erhoben sich dann von ihren Sitzen. Der König beschied sie auf den folgenden Tag wieder in sein Haus, um sich mit ihnen über die Fortschaffung des Fremden zu beraten, wenn dieser nicht etwa – so fiel ihm plötzlich ein – ein verkleideter Gott wäre, der ein Vergnügen darin suchte sich unter sterbliche Menschen zu mischen. Odysseus lehnte die allzu ehrenvolle Vermutung bescheiden ab. »Nein«, sagte er, »wenn ihr einen Menschen kennt, den ihr vor allen für den unglücklichsten und elendesten erachtet, dem bin ich zu vergleichen. Laßt mich nur jetzt noch ein wenig essen, denn obschon tiefer Gram meine Seele belastet, so geht der Hunger mir doch noch über den Kummer, und der leidige Magen erinnert selbst den Betrübtesten mit Gewalt an sein Bedürfnis. Morgen aber, ihr Fürsten, thut mir so, wie der König gesagt hat; entsendet mich in mein Vaterland, denn seit Jahren verzehrt mich die Sehnsucht nach meinem Weibe und meiner Habe.« Die Fürsten hörten dem Fremden mit Achtung zu, weil seine Reden und sein Wesen einen gewandten, verständigen Mann verrieten. Darauf gingen sie fort und ließen ihn mit dem Könige und der Königin allein zurück in dem weiten Saale. Die Mägde räumten die Tische und die Überreste des Mahles weg, und jetzt erst redete die kluge Königin, die in Gegenwart der Männer geschwiegen hatte, ihren Gast an. Bisher hatte sie ihn halb mit Verwunderung, halb mit Mißtrauen angesehen, denn sie erkannte die Kleider sehr wohl, welche er trug; sie hatte dieselben mit ihren eignen Händen gewebt. »Ich muß dich doch fragen«, sprach sie, »wer und woher du bist. Wer gab dir diese Kleidung? Du sagtest ja, du wärest über das Meer gekommen und vom Sturme an unsere Insel verschlagen.« »Ach, edle Königin«, antwortete Odysseus, »unmöglich kann ich dir jetzt alles vom Anfange an erzählen. Sieh, es liegt fern im Meere eine Insel, Ogygia, da wohnt einsam eine schöne und mächtige Göttin, Kalypso mit Namen. Dorthin kommt sonst gewöhnlich kein Mensch, auch nicht leicht einer der Götter; mich aber hatte ein schrecklicher Sturm, der mein Schiff zerschmetterte und meine Gefährten in den Abgrund riß, dorthin geworfen. Sieben Jahre hat mich die schöne, reizende Nymphe festgehalten. Sie nahm mich freundlich auf, pflegte meiner und verhieß mir Unsterblichkeit und ewige Jugend, wenn ich bei ihr bleiben und ihr Gemahl werden wollte. Aber sie konnte mich nicht bewegen. Immer sehnte sich mein Herz nach der lieben Heimat hin, und ich benetzte meine Kleider mit Thränen. Endlich wandte sich ihr Sinn. Kaum sind es zwanzig Tage, da entließ sie mich freiwillig und gab mir reiche Geschenke und dazu eine glückliche Fahrt, bis ich die blauen Berge eurer Insel vor mir liegen sah. Aber jetzt packte mich die Wut Poseidons; ein ungeheurer Orkan zerschellte mein Schiff, und nackt nur rettete ich mich aus tausend Ängsten durch Schwimmen an dieses Gestade. Das war gestern abend. Die Nacht habe ich kläglich im dichtesten Gebüsche zugebracht. Aber ich empfand nichts von meinem Elende, weil ein süßer Schlaf mich fast zwanzig Stunden hindurch gefesselt hielt. Erst diesen Nachmittag erwachte ich. Ich hörte Geräusch und sah deine Tochter mit andern Jungfrauen nicht ferne von mir. Ich nahte ihr in meiner bedrängten Lage, und siehe, ich war auf ein verständiges, edelgesinntes Mädchen getroffen. Sie erquickte mich mit Speise und Wein, badete und salbte mich und gab mir diese Gewänder. So bin ich denn hierher gekommen.« »Nun, das ist gut«, sagte Alkinoos; »aber verabsäumt hat das unartige Mädchen doch eine Pflicht. Sie hätte dich sogleich mit zu uns herbringen sollen. Sie war schon lange hier, ehe du kamest.« »O König«, erwiderte der Held, »hüte dich darum die treffliche Tochter zu tadeln. Wohl bot sie mir's selbst an, aber ich hielt es für unschicklich und wollte nicht, daß du Unrechtes von mir dachtest, darum blieb ich bescheiden zurück. Denn wir sind argwöhnisch, wir Menschen auf Erden!« So eignete sich der schlaue Mann das von der Nausikaa geäußerte Bedenken selbst zu; es sollte scheinen, als habe sie ganz in dem Sinne ihres Vaters und nach der gegen Fremde zu beobachtenden Sitte gehandelt. »Nun, ich bin so übereilt nicht im Urteilen«, versetzte Alkinoos, »indessen ist Ordnung in allen Dingen gut. Du bist ein trefflicher Mann, ich merke dir's an. O wenn doch so einer, wie du, meine Tochter begehrte, ich nähme ihn mit Freuden zum Eidam an; und wolltest du hier bleiben, sieh, Häuser und Grundstücke schenkte ich dir. Aber das wolle Zeus nicht, daß ich dich zwänge bei uns zu bleiben! Nein, wenn du es willst, so entsende ich dich morgen schon. Unsere Ruderer sollen dich unversehrt nach deiner Heimat bringen, und wäre sie auch noch so weit von hier. Du sollst liegen und schlafen können im Schiff, wie im Bette, so sanft und sicher werden sie dich fahren. Ich sage dir, du wirst dich verwundern über unsere Leute.« »O Vater Zeus«, rief Odysseus bei diesen Worten aus, »laß doch alles gelingen, wie es dieser edle Mann gesagt hat! Dann gelange ich sicher in die Heimat.« Und nun machte die Königin dem Gespräche ein Ende, indem sie den Mägden befahl dem Fremden unter der Halle ein Bett zu bereiten, prächtige Polster darauf zu legen, noch eine feine Decke als Laken und andere wollene Gewänder zum Deckbett darüber zu werfen. Sie gingen mit Fackeln hinaus, besorgten alles aufs beste, und riefen dann den Fremdling, der der willkommenen Ruhe freudig entgegeneilte. Unter der Halle schlummerte nun Odysseus, Alkinoos aber und die Königin in dem innern Gemach des Palastes. Sechster Abend. Lied und Spiel der Phääken. Mit der Morgendämmerung erhob sich der König Alkinoos und sein ihm noch immer unbekannter Gast vom Lager. Beide gingen auf den Markt und setzten sich auf schön behauene Steine nieder, dergleichen rings umher für die phäakischen Fürsten aufgestellt waren, wenn sie sich zu einer allgemeinen Beratschlagung einfanden. Noch war niemand da; aber Athene ging schon, als Herold verkleidet, von Haus zu Haus, und indem sie die Neugier und Teilnahme der Phäaken für den seltenen Fremden erweckte, lud sie alle die Häupter zu schneller Versammlung ein. Da kamen sie in Scharen und erfüllten die Sitze, während das Volk sich in den Gängen durcheinander drängte und auf den Fremdling schaute, über dessen Geleitung die Fürsten beraten wollten. Er aber stand wie ein Gott unter ihnen, denn Athene hatte ihm Hoheit der Gestalt und Anmut verliehen, um ihm die Bewunderung und Liebe der Phäaken desto sicherer zu gewinnen. Nachdem alle versammelt waren, nahm der König das Wort. »Hört mich an«, sprach er, ihr erlauchten Fürsten der Phäaken. Dieser Fremdling hier – ich kenne ihn nicht und weiß nicht, ob er vom Morgen oder vom Abend her zu uns gekommen ist, – hilfeflehend hat er mein Haus betreten und begehrt nun von uns weiter geleitet zu werden. Laßt uns also schnell daran denken; denn noch niemals ist jemand meinem Hause mit einer Bitte genahet, die ihm nicht gewährt worden wäre. Darum auf, ihr Jünglinge, versammelt euch, zweiundfünfzig an der Zahl, zieht ein gutbewährtes Schiff ins Meer und besorget alles, was dazu gehört. Dann kommt in meinen Palast, da will ich euch alle mit Speise und Trank versorgen. Ihr aber, ihr Fürsten, erfüllt mir eine andere Bitte. Folgt mir in meinen geräumigen Saal, daß wir den Fremdling noch einmal glänzend bewirten; und damit unserer Freude auch das Lied nicht fehle, rufet den göttlichen Sänger Demodokos herbei.« So sprach der König und stand auf. Die Fürsten folgten ihm in sein Haus, und der Herold eilte zum Sänger; die Jünglinge aber begaben sich in den Hafen, um die Fahrt zu rüsten nach des Königs Befehl. Eilig zogen sie ein Schiff ins Meer, richteten den Mastbaum auf, hängten die Segelstangen mit den Segeln daran und knüpften die Ruder an lederne Riemen. Hierauf verfügten sie sich dem Gebote gemäß in den Palast, dessen Hallen, Höfe und Säle von Gästen wimmelten. Alkinoos gab aus seinen Ställen zwölf Schafe, acht Schweine und zwei Stiere zum besten, davon ließ sich schon ein tüchtiges Mahl bereiten. Die Jünglinge übernahmen das Geschäft des Schlachtens, und unterdessen erschien der abgeschickte Diener mit dem alten Sänger, der die Fürsten im Saale mit seinem Gesange erfreuen sollte. Unter allen Völkern giebt es einzelne Menschen, die mit einem hellen Geiste eine ganz vorzügliche Stärke der Empfindung und Auffassung verbinden, in deren Seele sich alle Gegenstände lebhafter darstellen und fester eindrücken, und deren feiner, empfänglicher Sinn von einer schönen Gegend, von einer großen That und von allem, was andere Menschen oft nur flüchtig berührt, auf das lebhafteste ergriffen, entzückt und begeistert wird. Sie können dann die Begeisterung nicht in sich verschließen; was sie schön empfinden, wollen sie auch andern schön darstellen; was sie gerührt hat, das – wollen sie – soll auch andere Menschen rühren. Da genügt ihnen dann die Sprache des gewöhnlichen Lebens nicht mehr; sie reden gleichsam wie in einem holden Wahn, und ergehen sich in überraschenden Wendungen, neuen und gewählten Ausdrücken, kühnen, unerwarteten Gleichnissen. Solcher dichterischen Geister finden sich, ich wiederhole es, zu allen Zeiten, und ihr Wesen und Wirken offenbart sich oft am bedeutsamsten, wenn sie einem Volke von einfacherer Bildung angehören. Denn meistens sind sie da die eigentlichen Lehrer der Weisheit und die alleinigen Pfleger dessen, was wir Kunst nennen, mindestens sind sie stets auch Sänger. Ist daher ein Saitenspiel bereit, so wird ihre Rede ein begleitender Gesang, die Worte fügen sich wie ungesucht zu dem Takte der Musik, und so entsteht ein schöngemessener Vers, dessen Wohlklang die Begeisterung des Dichters nährt und erhöht und die Hörer desto lebhafter fesselt. Das Volk steht erstaunt und sieht in dem entzückten Sänger kaum noch einen Menschen; ein Gott scheint aus ihm zu sprechen; die Begeisterung, die ihn so wunderbar ergreift, muß ihm ein höheres Wesen einhauchen. Ja der Sänger selbst, indem er sich fähig fühlte alles, was er wollte, zu singen, war bei sich überzeugt, daß in diesem Augenblicke ein Gott sein Herz beherrsche. Auch bei den Griechen gab es in den Zeiten, welche Homer uns schildert, Sänger, die als begnadigte Lieblinge der Götter besondere Ansprüche auf Verehrung und auf freundliche, achtungsvolle Behandlung hatten. Sie erscheinen bei den Festmahlen der Fürsten, verherrlichen den Ruhm der Vorfahren, und während sie dem Ehrgeize schmeicheln, bieten sie durch ihre Gesänge zugleich eine Schule der mannigfaltigsten Bildung. Ein solcher Sänger – Aöden nennt sie der Dichter – war auch Demodokos, den der Herold jetzt zu dem Hause des Alkinoos führen sollte. Er war blind, aber sein Gedächtnis war voll von herrlichen Geschichten, die sein beredter Mund entzückend vorzutragen wußte, indes seine Hand kräftig die Saiten der Phorminx rührte. Dies war das Instrument, welches nicht bloß die Chortänze leitete, sondern auch bei dem Vortrage der Lieder angewendet wurde. Es diente dazu der Stimme die nötige Haltung zu geben und den Vortrag nicht bloß einzuleiten, sondern auch zu begleiten. So war der Vortrag der Heldenlieder einst bei den Arabern, so bei den Goten und Wandalen, bei unsern Vorfahren, und noch jetzt bei den Serben, die ein Saiteninstrument von dem einfachsten Bau, Gurla genannt, anwenden. Das gilt auch von der Phorminx, die mit Schafsaiten bezogen und bogenförmig gestaltet war. Der Herold führte ihn sanft am Arme herbei, stellte ihm mitten im Kreise einen Sessel hin an eine Säule des Saals, und über seinem Haupte hängte er die Phorminx an einem Nagel auf, lenkte auch freundlich dem blinden Manne die Hand dahin, damit er nachher sie finden könnte. Dann setzte er einen Tisch mit Fleisch vor ihn hin, holte den Brotkorb herbei, mischte Wein für ihn und bediente ihn wie alle die übrigen Gäste. Als nun die Eßlust der Schmausenden gestillt war, griff der Sänger nach seiner Phorminx, um das Lied zu beginnen. Und nun erscholl sein Gesang, wie Schlachtruf und Waffengeklirr, zur Feier des Trojanerkriegs. Alles lauschte begeistert den Klängen, die tief in jedem Griechenherzen widerhallten. Da wandte sich sein Gesang, und nun pries er den Streit der beiden siegreichsten Führer, deren Ruhm vor allen leuchtete, des Achilleus und des Odysseus. Das traf unsern Helden wie Schwertstreich. Die Erinnerung riß alle Wunden seines Herzens wieder auf; er zog den Mantel über das Haupt und verbarg sein Gesicht, damit die Phäaken seine Thränen nicht sahen. Erst als der Sänger schwieg, trocknete er sich schnell die Augen und nahm den Mantel von seinem Haupte. Aber sobald der Sänger wieder anhub, stürzten auch die Thränen wieder hervor, und seiner selber kaum mächtig, seufzte Odysseus tief auf. Das hörte Alkinoos, der ihm zunächst saß, aber schonend, als merke er's nicht, sprach er bei der nächsten Pause des Sängers zu seinen Gästen: »Hört, Freunde, ich denke, jetzt hat Mahl und Gesang uns alle sattsam erfreuet. Laßt uns nun hinaus gehen und Kampfspiele versuchen, damit unser Gast auch darin die Geschicklichkeit der Phäaken erkenne und seinen Freunden zu Hause davon erzähle.« Sogleich standen die Schmausenden alle auf und folgten dem Könige hinaus. Auch der blinde Sänger ging mit, nachdem ein treuer Diener ihm seine Phorminx abgenommen und sie an den Nagel gehängt, ihn selbst aber bei der Hand gefaßt hatte. Der Markt füllte sich wieder mit neuem Getümmel, die Fürsten setzten sich, rings umher stand das Volk, und die Jünglinge, welche ihre Kunst im Ringen, im Faustkampf, im Laufen und Werfen zeigen wollten, traten in den weiten Kreis hervor. Zuerst versuchten sich drei Söhne des Königs, Laodamas , Halios und Klytoneos , im Wettlauf, von denen der letztere den Preis davon trug. Dann traten die starken Ringer auf, unter denen der tapfere Euryalos alle besiegte. Hierauf ließen sich die Springer sehen, auf welche die Scheibenwerfer folgten. Den Beschluß machten die Faustkämpfer, und in diesem gefährlichen Spiele behielt der schöne Laodamas die Oberhand. »Hört, Freunde«, rief hierauf der junge mutige Mann, »wir wollen doch unsern Gast fragen, ob er nicht auch in Kämpfen geübt ist. Wahrlich! seine Gestalt ist edel; seht nur die hohe Brust, die Schenkel, die Arme und den starken sehnigen Nacken! Auch sein Wuchs verrät einen tüchtigen Mann, und alt ist er auch noch nicht. Das Unglück hat ihn nur so mitgenommen; denn wahrhaftig, ich kenne nichts, was einen Mann mürber zu machen im stände wäre, als das heillose Meerwasser, wenn einer auch noch so stark ist.« »Schön«, erwiderte Euryalos, der Ringer; »das ist ein guter Einfall! Geh nur hin zu dem Manne und fordere ihn auf.« Laodamas ging hin und forderte den Odysseus auf. Aber dieser lehnte es ab. »Ach«, sagte er, »mein Unglück liegt mir jetzt näher am Herzen als Kämpfe, und ich habe keinen andern Gedanken, als wie ich recht bald nach Hause kommen möchte. Ihr wißt nicht, was ich alles erduldet habe und wie tief Trübsal mich beugt.« »Schon gut, mein Freund!« rief höhnisch der vorschnelle Euryalos, »Man sieht wohl, daß du dich auf so etwas nicht verstehst. Ein Kämpfer bist du nicht, aber vielleicht ein Aufseher auf einem Kaufmannsschiffe, der die Ladung besorgt, die Waren bewacht und die Gewinne berechnet; nicht wahr? ha ha ha!« »Ei«, erwiderte mit finsterem Blick der edle Odysseus, »nicht fein war die Rede. Du scheinst mir ein übermütiger Gesell. Man sieht doch recht, wie verschieden die Götter ihre Gaben austeilen. Mancher Mann von unansehnlicher Gestalt ragt oft durch seinen Verstand hervor, und wenn er redet, erstaunt die Versammlung über seine treffenden Worte. Ein anderer dagegen von götterähnlichem Wuchs weiß oft nicht ein verständiges Wort herauszubringen. Sieh, so ist es mit dir bestellt. Du bist von trefflicher Schönheit, aber dein Witz will nicht viel sagen. Wahrlich wärst du nicht solch ein junger Thor, du hättest mich empört mit deiner unziemlichen Rede! Nein, glaube mir, ich bin kein Neuling im Wettkampfe; ich habe mich mit den Tapfersten gemessen, als ich noch jung war und Gram mich nicht niederbeugte. Denn ich habe erduldet, was nur ein Mensch erdulden kann, im Kampf der Feldschlacht wie in Sturm der Meereswogen. Aber wahrlich, so entkräftet ich auch bin, ich versuche den Wettkampf, zu dem du mich gefordert hast! Gebt her die Scheibe!« Er nahm die schwerste der metallenen Wurfscheiben, welche da lagen, schwang sie am Riemen ein paarmal im Wirbel herum, und nun schleuderte er sie hoch in die Luft, daß sie weit, weit hinter den Scheiben der andern niederfiel. Da lief einer der Zuschauer hin und steckte an dem Orte, wo die Scheibe liegen geblieben war, einen Pfahl zum Zeichen ein, und als er wieder zurückkam, rief er laut: »Das Mal findet wohl ein Blinder heraus im Tappen, so weit hat es die andern hinter sich gelassen. In dieser Kampfart kannst du sicher sein, fremder Mann, in dem Wurfe wird dir's hier keiner gleich thun!« »Nun«, rief Odysseus, »schleudert mir doch nach, ihr Jünglinge! Und hat nun jemand noch Lust etwas anderes mit mir zu versuchen – sei's mit der Faust, im Ringen oder im Laufen – der komme her und wage es einmal; denn ihr habt mich höchlich beleidigt. Wohlan, ihr Phäaken, trete her, wer da will; ich stehe bereit zu allem. Sei's wer es sei, nur Alkinoos nicht; er ist mein Wirt, und ungezogen ist es zum Kampfe den Gastfreund herauszufordern, der uns speiset und beherbergt. Aber sonst verschmähe ich keinen der andern, und wahrlich mit der Furcht hat's gar keine Not. Ich will mich mit jedem versuchen im Wettstreit. In keinem Kampf der Männer bin ich unerfahren, und im Bogen spannen suche ich meinen Meister. Mitten aus der Schar der Feinde erziele ich meinen Mann, und er fällt gewiß. Ein Einziger nur hat mich darin übertroffen, als wir vor Troja lagen, Philoktet; aber unter allen andern Schützen behauptete ich den Vorrang. Auch mit dem Wurfspieße treffe ich, so weit kein anderer mit dem Pfeile reicht. Nur im Laufen könnte vielleicht einer von euch mir's zuvorthun, denn das stürmende Meer und die lange Entbehrung haben mich über die Maßen entkräftet.« Jetzt schwiegen die Phäaken alle; keiner getrauete sich mehr den Helden herauszufordern. Da nahm der König das Wort und sprach: »Lieber Fremdling, wir glauben deinen Worten; denn nicht aus Prahlsucht rühmst du dich, sondern weil der junge Mensch dort dich wirklich bitter gekränkt hat. Damit du indes zu Hause doch alles Gute von uns erzählen könntest, so höre mich an. Nicht Kämpfen und Ringen ist unser Stolz, aber das hat uns Zeus vor allen Völkern gegeben, rasch im Wettlauf und Meister der Schiffahrt zu sein. Auch lieben wir immerwährenden Schmaus und Saitenspiel und Tanz, schöne Kleider und warme Bäder. Wohlan denn, ihr phäakischen Tänzer, zeigt eure Künste, damit der Fremdling daheim sie verkünde. Hole doch einer des Demodokos Phorminx herbei, die noch in dem Saale hängt.« Sogleich eilte ein Herold hin und holte die Phorminx. Die jungen Tänzer stellten sich in Ordnung und begannen mit Schwung und Sprung den künstlich gemessenen Tanz. Odysseus bewunderte ihre flügelschnellen Füße; er hatte so etwas noch nie gesehen. Lieblich begleitete die Musik die Bewegung der Tänzer, und rasch stimmte noch der alte Sänger ein lustiges Lied an, welches alle Zuhörer zu lautem Gelächter zwang. Als der Chortanz der Jünglinge eine Weile gedauert hatte, traten des Königs Söhne, Laodamas und Halios, einzeln hervor und erregten allgemeines Staunen. Einer warf einen wollenen Ball beinahe bis in die Wolken, und der andere fing ihn im Sprunge auf, so daß der Ball in seine Hand fiel, ehe des Tänzers Fuß noch die Erde berührte. Dann schwangen beide sich in mannigfaltigen nachahmenden Stellungen, und die Jünglinge rings umher klatschten mit den Händen dazu und erhoben freudigen Zuruf. Odysseus ergötzte sich sehr an den künstlichen Formen und Stellungen und machte dem Alkinoos darüber Lobsprüche, die den alten Mann in der Seele freuten. Er wollte nun einmal den Fremden recht glänzend entlassen, und darum schlug er jetzt in der Versammlung vor, jeder der zwölf phäakischen Fürsten solle dem Gaste ein Geschenk an Golde und ein schön gewirktes Ober- und Unterkleid geben, dazu wolle er selbst noch ein Übriges thun; so wolle man ihn fortsenden. Auch müsse noch der vorlaute Euryalos dem beleidigten Manne seine Schmähung abbitten und ihm ein Versöhnungsgeschenk reichen. Alle stimmten dem Könige bei, und jeder schickte einen Herold nach Hause, um das Geschenk herbeizuholen. Und jetzt stand auch, zu seiner großen Ehre, der unbesonnene Jüngling auf und sprach: »Alkinoos, mächtigster König, ja, ich habe mich an dem Fremdlinge vergangen, aber ich will ihn gern besänftigen, wie du gebietest. Siehe dies eherne Schwert will ich ihm schenken; es ist noch neu, das Heft ist von Silber und die Scheide von glänzendem Elfenbein. Gewiß, das wird ihm lieb sein.« Er trat mit dem Schwerte vor Odysseus hin und sprach beschämt mit niedergesenkten Augen: »Heil dir, fremder Mann; ist hier ein kränkendes Wort gefallen, so mögen es schnell die Winde verwehen. Dir aber wollen die Götter verleihen bald dein Haus und die Deinen wieder zu sehen, nachdem du so lange fern von der Heimat dich abgehärmt.« »Lieber,« erwiderte Odysseus, »auch dir werde herzliche Freude und Heil von den Göttern. Möge dir dein Geschenk nicht wieder leid werden, womit du mich hast versöhnen wollen.« Er hängte das Schwert um die Schulter, und aller Groll war vergessen. Indes war es Abend geworden. Die Diener kamen mit den Geschenken auf dem Markte an, legten sie alle zusammen und trugen sie dann in des Königs Wohnung. Dahin folgte auch die ganze Schar, und die Fürsten nahmen daselbst wieder, wie gewöhnlich, die rings im Saale aufgestellten Stühle ein, Alkinoos bat seine Gemahlin ein warmes Bad für den Gast bereiten zu lassen, und suchte die Geschenke aus, die er selbst für ihn bestimmt hatte. Sogleich ward ein großer Kessel auf den Herd gesetzt. Die Mägde legten Holz an und schürten die Glut. Die Königin selber holte die kostbaren Geschenke herbei und packte sie wohlgeordnet in eine Lade, die Odysseus nachher verwahren sollte. Schlösser kannte man damals noch nicht, Odysseus half sich statt dessen mit einem künstlichen Knoten, den ihn einmal die zauberkundige Kirke schürzen gelehrt hatte. Jetzt kochte das Wasser im Kessel, und die Schaffnerin rief den Gast zum Bade. Er ging hinaus, entkleidete sich und stieg mit Wohlbehagen in die dampfende Wanne. Nachdem er sich wieder getrocknet hatte, salbten ihn die Mägde mit Öl und umhüllten ihn mit einem prächtigen Gewand und Mantel. Eben wollte er nun wieder zu den schmausenden Männern hineingehen, da fühlte er sich vor der Thür des Saales von sanften Händen aufgehalten. Es war die schöne Nausikaa, die er seit gestern nicht gesehen hatte; denn es ziemte sich für die Töchter des Hauses nicht sich unter jubelnden Männern blicken zu lassen. Still und züchtig mußten die griechischen Jungfrauen oben in ihrer Kammer beim Webstuhl oder bei der Spindel bleiben; und die gute Nausikaa hatte sich auch den ganzen Tag über nach dieser Sitte gehalten. Jetzt hatte sie die Anstalten zur Abreise des Fremdlings vernommen; da trieb sie das Herz den schönen Mann noch einmal zu sehen, der ihr gestern so bescheiden und so edel genahet war. Es war Abend – sie schlich sich leise hinunter und wartete seiner vor der Thür, wenn er aus dem Bade zurückkehren würde. Er kam, und Anmut strahlte aus seinem Gesichte; Würde und Kraft trug seine Schritte. »Freude dir, Gast!« flüsterte sie. »Und – wenn du einst wieder in deiner Heimat bist, denke auch manchmal an mich; gedenke des Mädchens in Scheria, der du zuerst dein Leben verdanktest.« Sie schlug die Augen nieder und preßte die Thränen zurück. »O gewähren mir die Götter nur das,« erwiderte sanft der Fremdling, »daß ich glücklich nach Hause komme, so will ich deiner täglich gedenken und deinen Namen wie einer Göttin Namen feiern; denn du hast mir das Leben gerettet, holde Jungfrau.« Das Mädchen ging traurig auf ihr Zimmer. Odysseus trat wieder in den Saal, wo die Schmausenden saßen, und nahm auf seinem Sessel an der Seite des Alkinoos Platz. Jetzt eilten die Diener emsig umher, um auf die Tische das gebratene Fleisch zu legen und aus dem großen Mischkruge die Becher der Gäste ringsum zu füllen. Ein Herold leitete auch den ehrwürdigen Sänger an der Hand nach seinem Stuhle. Odysseus winkte jenem, schnitt dann von dem Fleische, welches man ihm als Ehrenteil vorgelegt hatte, ein fettes Rückenstück ab und sagte: »Gieb doch dies dem Demodokos. So arm und elend ich auch jetzt bin, so möchte ich ihm doch gern Liebes erweisen; denn überall muß man den Sängern Achtung und Ehrfurcht beweisen, weil ja die Muse selbst sie belehrt hat und huldreich über ihnen waltet.« Der Herold nahm das Stück Braten und drückte es dem blinden Sänger in die Hände. Demodokos empfing mit Freuden die Gabe und aß davon. Aber die andern auch streckten hastig die Hände nach dem leckern Mahle. Nachdem der Hunger gestillt war, wandte sich Odysseus wieder an den Sänger und bat ihn, da er doch alle Abenteuer aus dem Trojanerkriege wisse, noch das eine von dem hölzernen Pferde zu singen, mit welchem Odysseus die Trojaner getäuscht habe. Da sang der Alte zum Klange der Phorminx die seltsame Mär, nicht ahnend, daß der Held, dessen List er feierte, an seiner Seite lauschend saß. Und jener fand, daß der Mann alles nach der Wahrheit schilderte, als wäre er selber zugegen gewesen, und der treffliche Gesang erschütterte abermals sein Herz, so daß er nicht ruhig aufsehen konnte, wie die andern Gaste, sondern oft seufzte und sich verstohlen die Thränen trocknen mußte. Alkinoos bemerkte es wieder, und mit derselben Schonung, wie das erste Mal, gebot er dem Sänger Stillschweigen und sprach zu den versammelten Gästen: »Hört, ihr Fürsten der Phäaken, ich dachte, wir ließen jetzt den Sänger und die Phorminx ruhen; denn wahrlich nicht allen singt jener zur Freude. Unser Gast sitzt in Thränen, seitdem der Gesang ertönt; ihm scheint ein schwerer Gram an dem Herzen zu nagen. Laßt also den Sänger einhalten, damit wir alle fröhlich sein können; denn für den Gast ist ja doch alles bereitet, und lieb wie ein Bruder muß uns ein Fremdling sein, der uns mit Vertrauen nahet. Und nun sage du uns, Freund, ohne Ausflucht, was ich von dir zu wissen wünschte. Sprich, wie heißest du, und welchen Eltern und welchem Lande gehörst du an? Denn das müssen wir wissen, wenn wir dich geleiten sollen; und geleiten wollen wir dich gern, wenngleich ein altes Orakel uns droht, der eifersüchtige Poseidon werde einmal eins unserer Schiffe, wenn es von einer Begleitung zurückkomme, in den Meeresgrund versenken. Sage uns auch, wo überall du gewesen bist, und erzähle uns von den Menschen, die du angetroffen hast. Welche hast du noch wild und ohne Sitte gefunden, und wo hast du Völker gesehen, die Fremdlinge gern beherbergten und ehrfurchtsvolle Scheu vor den Göttern hatten? Erzähle uns alles, auch warum du geweint hast, als der Sänger von Troja sang. Hast du vielleicht auch bei jenem Unglückszuge einen Bruder oder Verwandten oder einen lieben Freund verloren? Ach, das ganze Elend war gewiß eine Götterschickung, und Troja hat untergehen, so viele Helden haben fallen müssen, um noch spät den künftigen Geschlechtern die Herzen zu rühren.« Siebenter Abend. Odysseus erzählt seine Abenteuer. Erst jetzt also wollte der Wirt den Namen seines Gastes wissen, nachdem er ihn schon lange freundlich beherbergt, gespeist und getränkt hatte. Sonderbar! Bei uns ist die erste Frage an einen Fremden, der in unser Haus eintritt, mit wem man die Ehre habe zu sprechen. Und hier scheinen wir sogar Gleichgültigkeit zu finden bei einem Volke, das doch in andern Fällen so feinen Sinn zeigt. Allein, das wäre wahrlich ein vorschnelles Urteil! Gerade in dieser Unterdrückung der unschuldigsten Neugier liegt ein Schicklichkeitsgefühl und zugleich eine Zartheit religiöser Empfindung, die in uns Neueren fast erloschen ist. In jenen Zeiten war das Land überall nur strichweise angebaut; die einzelnen Völkerschaften hatten fast gar keinen Verkehr miteinander, und ihr Zusammentreffen war öfter feindlich als freundlich. Ja jedes Volk, mit dem nicht besondere Verträge bestanden, galt als ein feindliches, und räuberische Einfälle in sein Gebiet waren nicht unerlaubt. Auch unter sich hing jedes einzelne Volk nur durch lockere Bande zusammen; die Macht des Königs hatte nicht viel zu bedeuten; nur daß er die Beratung und Ausführung bürgerlicher und religiöser Angelegenheiten leitete und im Kriege Anführer war, auch wohl Recht sprach unter seinem Volke. Die Beschäftigungen der Menschen waren noch alle höchst einfach, und an Abteilungen nach Zünften und Gewerken war noch gar nicht zu denken. Nur die drei Stände der Edeln , des Volkes und der Knechte waren voneinander geschieden. Ein höchst eingeschränkter Handel – denn nach ausländischen Waren fühlte man kein Bedürfnis – hatte kaum hie und da Wege von einem Volke zum andern gebahnt; man kannte nichts weiter von der Erde mit Gewißheit, als was man selbst gesehen hatte; und wer in die Ferne auszog, hatte gewöhnlich alle Gefahren einer Entdeckungsreise zu überwinden und mußte sich durch Wälder und unbetretene Gebirge und menschenleere Gegenden erst selbst die Pfade schaffen. Mit Recht wurde also der kühne Mann, der sich mit seinem Wanderstabe über das einheimische Gebiet hinauswagte, als ein halb Verlorener betrachtet. Mit Recht empfahl man ihn dem Schutze der Götter, und mit Recht staunte man den Pilger, der alle Mühsal solch einer Reise zur See und zu Lande glücklich überstanden und vieler fernen Völker Städte und Sitten kennen gelernt hatte, als einen Glücklichen an, über dessen Leben ein besonderes gnädiges Geschick gewaltet habe. Ja gewiß – meinte dann der kindlich vertrauende Sinn der Griechen weiter – gewiß nimmt sich der Vater Zeus selbst von seinem Olymp herab aller Reisenden an, sonst würden ihrer nicht so viele unverletzt zurückkommen. Gewiß sieht er's gern, wenn man seinen Schützlingen unterwegs wohlthut, und sicher muß man ihn tief beleidigen, wenn man diejenigen, die er behüten will, nicht aufnimmt und ihnen die Reise nicht erleichtert. Aus diesem frommen Glauben entstand die schöne Sitte der Gastfreundschaft und der allenthalben gültige Grundsatz, ein Reisender müsse aufgenommen werden, er sei wer er wolle; ja es sei das höchste Vergehen gegen die Götter überhaupt und besonders gegen den Zeus einen Fremdling abzuweisen, der sich hilfeflehend nahe. Daher die heilige Scheu vor der Person eines Reisenden, die selbst so weit ging, daß man lieber unwissend die Wohlthat reichte, ehe man vielleicht eine unglückliche Frage that. Denn der Fremde konnte ja ein Erbfeind des Hauses oder des Volkes sein, das ihn aufnahm; er konnte vielleicht gar einen Vater oder Bruder dessen, bei dem er nun einkehrte, erschlagen haben. Die Rache würde alsdann seinen Tod geboten haben, und die Pflicht der Gastfreundschaft wäre aufgehoben gewesen. Aber ehe man den Beschützer der Reisenden, den erhabenen Zeus, erzürnte, vermied man lieber ängstlich, den Namen des Gastes zu erfahren, so lange man nicht wußte, daß ein solcher Fall gewiß nicht zu befürchten sei. Dem Odysseus merkte man nun wohl hinreichend an, daß er bisher nichts mit einem Phäaken zu schaffen gehabt haben könne, und da sein ganzes Betragen die Neugier seiner Wirte aufs höchste spannte, so hatte nun endlich Alkinoos, der ja alles, was einem Reisenden frommte, in reichem Maße an Odysseus gethan, ein Herz gefaßt ihn nach seinem Namen und seiner Geschichte zu fragen. Alle saßen in stummer Erwartung umher und sahen den Fremdling an. »Ja«, begann Odysseus, »herrlich ist es hier bei euch, und eine Wonne ist es solchen Sänger zu hören und sein unsterbliches Lied. Schöneres kenne ich nicht, als wenn die Reihen der Gäste rings im Saale schmausend sitzen, der Herold von einem Tische zum andern geht und die Becher füllt, und nun der Sänger das Lied anstimmt von den Großthaten alter und neuer Zeit, daß alle Hörer sich freuen. Denn Spiel und Gesang sind ja die Würze des Mahles.« »Aber ihr fragt mich jetzt um mein jammervolles Schicksal. Ach, das wird mich noch trauriger machen! Was soll ich doch zuerst, was soll ich zuletzt euch erzählen? wo anfangen, wo aufhören? Denn die himmlischen Götter haben viel Elend auf mich gehäuft. Mein Name mag das erste sein, damit ihr mich kennet und mich als euren Gastfreund im Andenken behaltet, wie weit uns auch das Schicksal trennen mag. Ich bin Odysseus von Ithaka, der Sohn des Laërtes, durch klugen Rat und kluge That weithin bekannt; mein Ruhm geht über die Erde.« Die Phäaken starrten vor Verwunderung, und der alte Sänger beklagte den Verlust seiner Augen, daß er den Mann nicht sehen könne, dessen Heldenthaten er mit eigenem Entzücken so oft gesungen, und der jetzt plötzlich leibhaftig vor ihm saß. Nur durch den liederreichen Mund der Sage war bisher die Geschichte jenes berühmten Krieges nach Scheria gedrungen; man sprach von Achilleus und Agamemnon, von Odysseus und Hektor; jeder wünschte sich, diese Männer nur einmal zu sehen – und auf einmal sitzt der berühmteste von allen mitten unter ihnen, hat mit ihnen gegessen und getrunken, und ist jetzt bereit die Wunder zu erzählen, die er gethan, und die Schicksale, die er erlitten hat. »Ja, ich bin Odysseus«, sagte der Held, »Ithaka ist mein Vaterland, die hochragende, sonnige Insel. Noch mehrere kleinere Inseln liegen rings um sie, von denen ihr vielleicht auch gehört habt, Same, Dulichion, Zakynthos. Von dem unglücklichen Kriege lasset mich schweigen. Als er beendet war, wendete ich mich mit meinen Genossen zur Stadt der Kikonen, Ismaros, zerstörte sie, schlug die Männer in die Flucht, und die Weiber und andere Beute teilten wir untereinander. Jetzt riet ich zwar eilig die Gegend zu verlassen, aber die thörichten Gefährten folgten mir nicht. So lange sie noch von den geplünderten Vorräten Wein und Ziegen und Schafe übrig hatten, schwelgten sie täglich an dem Gestade, und daher kam sogleich unser erstes Unglück. Die entflohenen Kikonen riefen ihre Bundesgenossen aus der Mitte des Landes herbei. Sie kamen in Menge den Ihrigen zu Hilfe und fielen über uns her, um sich schrecklich zu rächen. Früh am Morgen begann der wütende Kampf bei den Schiffen und wir trotzten im Anfange der Übermacht der Angreifenden; als aber die Sonne sank, mußten wir weichen. Von jedem Schiffe wurden mir sechs Mann erschlagen, und kaum entrann ich selbst mit den übrigen.« »Aber das war nur das Vorspiel der folgenden Übel. Wir segelten, froh der bestandenen Gefahr, weiter nach Westen zu und hielten uns immer dem griechischen Ufer nahe. Da erhob sich ein heftiger Sturm, der die Masten unserer Schiffe zerbrach und die Segeltücher zerriß. Nur mit Mühe konnten wir das Ufer erreichen, an dem wir zwei Tage und zwei Nächte vor Anker lagen, um neue Segel aufzuspannen und die Masten auszubessern. Als wir uns am frühen Morgen des dritten Tages aufmachten und sichere Hoffnung hatten bald in die Heimat zu gelangen, da brach am Vorgebirge Malea ein neuer entsetzlicher Sturm los und warf uns weit, weit ins offene Meer hinaus. Neun Tage schwimmen wir, ein Spiel des fürchterlichsten Nordwinds, fast bewußtlos auf dem offenen Meere umher, bis uns derselbe Wind am zehnten Tage an die Küste der Lotophagen treibt. Das ist ein gutmütiges und hochbeglücktes Völkchen, denn ihnen ist eine Frucht zur täglichen Speise gegeben, Lotos genannt, die süßer schmeckt als Honig; und wer von der Frucht genießt, der wünscht sich ewig dort zu bleiben und vergißt ganz die Weiterreise. An ihrer Küste stiegen wir aus, um frisches Wasser einzunehmen. Aber ihre Frucht hatte die Wirkung nicht verfehlt. Mit Gewalt mußte ich meine Gefährten in die Schiffe zurücktreiben, sie in den Schiffsraum ziehen und dort festbinden, und hätte ich nicht eilig vom Lande abgestoßen, so würde kein Mensch mir weiter gefolgt sein.« »Nun ruderten wir traurigen Herzens wieder der unabsehbaren Flut entgegen und landeten an einer kleinen, dichtbewaldeten Insel, die von keinem Menschen bewohnt war. Ziegen durchstreiften in unzählbaren Haufen die Ebenen, wild und ohne Scheu vor lauernden Jägern, Wir hatten hier eine leichte und glückliche Jagd und versorgten uns reichlich mit Nahrungsmitteln. Aber als wir uns durch Speise und Schlaf erquickt hatten, gelüstete mich's nach einer andern Insel hinüber zu steuern, die groß und fruchtbar vor uns lag. Auch hörten wir Menschenstimmen da drüben, und Herden weideten auf den Hügeln umher. Dort nämlich hauset das berühmte Riesenvolk der Kyklopen, ein wildes Geschlecht, ohne Ackerbau, ohne künstliche Wohnungen, ohne gemeinsames Oberhaupt, ohne Volksversammlungen und Gerichte, bei dem jede Familie völlig gesondert für sich besteht. Wohlan denn, sagte ich zu meinen Genossen, bleibet hier mit euren Schiffen; ich werde mit dem meinigen und zwölf erlesenen Gefährten dort hinüber steuern und das Land untersuchen. Denn gern möchte ich wissen, welcherlei Menschen es bewohnen, ob sie noch wild und gesetzlos sind, oder ob sie Gastfreundschaft üben und die Götter ehren.« »So sprach ich und bestieg von neuem das Schiff. Mit mir nahm ich einen großen Schlauch des köstlichen Weins, den mir ein Priester der Kikonen in Ismaros geschenkt hatte, weil wir bei der Zerstörung der Stadt ihn und sein Haus verschonten. Mit großem Bedachte versorgte ich mich mit dem süßen, herzbezwingenden Trank; denn es ahnte mir, ich würde auf unbändige Menschen stoßen, nicht zu bewegen durch Recht noch durch Rede.« »Als wir angekommen waren, verbarg ich mein Schiff vorsichtig in einer kleinen Bucht und trat mit meinen Gefährten und meinem Weinschlauche an das Land. Nicht fern erblickte ich eine mächtige Felsenhöhle, rings umbaut mit einem Walle von großen Steinen und beschattet von einer Reihe hochstämmiger Fichten und Eichen. Das war die Wohnung des fürchterlichsten unter den Riesen, wo er nachts mit allen seinen Ziegen und Schafen hausete; denn Herden zu weiden war seine einzige Beschäftigung. Er war ein Sohn Poseidons, und Polyphemos sein Name. Auf der Stirn hatte er, wie alle Kyklopen, ein einziges, aber entsetzliches Auge, und in seinen Armen lag eine Kraft, Felsen wegzuwälzen und Granitblöcke wie Kiesel durch die Luft zu schleudern. Einsam zog er auf den Bergen umher, und alle andern Kyklopen mieden ihn, denn er war roh und sann nur auf Verderben und schmählichen Frevel.« »Ich Unglücklicher, das nicht vorher zu wissen! Ich ging mit zwölf der tapfersten Genossen auf die offene Höhle zu, die wir sogleich betraten. Wir fanden ihn nicht darinnen; denn noch war die Sonne nicht untergegangen, und er weidete in der Ferne noch seine Herden. Wunderbar erschien uns der Anblick der Ställe umher, die voll von Lämmerchen und jungen Ziegen waren, jede Gattung besonders eingesperrt. Da standen Körbe und Kübel mit Käse und Milch, auch Molken in großen Gefäßen und Eimer zum Melken. Meine Begleiter hatten große Lust ein paar Körbe mit Käse aufzuladen, eine Partie Lämmer und Zicklein vor sich hinzutreiben und so auf dem Schiffe schnell wieder zu entfliehen, ehe der grause Höhlenkönig nach Hause käme. Aber das verbot ich, denn ich war allzu begierig den Mann kennen zu lernen und hoffte wohl im guten ein Gastgeschenk von ihm zu bekommen, wie es unter gastfreien Menschen Sitte ist. Aber wie hatte ich mich geirrt!« »Wir setzten uns nieder in die Höhle, zündeten ein Feuer an zum Opfer und aßen zum Zeitvertreib ein paar Käse, bis der Kyklop zurückkommen würde. Erst am Abend erschien er mit seiner ganzen Herde vor dem Eingange; wir traten erschrocken beiseite, und er sah uns nicht sogleich. Auf seiner Schulter trug er eine gewaltige Last gespaltenen Holzes, das er sich mitgebracht hatte, um das Abendessen zu bereiten. Mit lautem Getöse stürzte er die ganze Ladung auf den Boden nieder. Da krachte der Felsen, und wir flohen aus Furcht in den innersten Winkel der Höhle. Dann trieb er die Ziegen und Schafe herein, und nun verrammelte er den Eingang mit einem Felsstück, das zweiundzwanzig vierrädrige Wagen nicht von der Stelle gebracht haben würden. Jetzt waren wir gefangen und in der Gewalt des Ungeheuers.« »Noch sahen wir ihm unbemerkt ein Weilchen zu, wie er sich gemächlich auf die Erde setzte und ein Tier nach dem andern heranzog, um es zu melken, wie er dann die Milch in dichtgeflochtene Körbe goß und dieselben rings herum stellte, und wie er zuletzt die Glut in der Asche aufschürte, um sich ein neues Feuer anzuzünden.« »Jetzt schlug die helle Flamme auf, und nun erkannte er uns, die wir noch immer zusammengedrängt in dem Winkel standen. Einen Augenblick starrte er uns an, dann donnerte er uns mit fürchterlicher Stimme entgegen: »Heda! wer seid ihr? Wo kommt ihr her? Habt ihr ein Gewerbe, oder schweift ihr nur herum, etwa wie Räuber, die den Leuten auf dem Meere aufpassen und ihres Lebens nicht schonen? He?« »Die Kniee zitterten uns vor dem Gebrüll des Ungetüms. Aber dennoch faßte ich mich geschwind und antwortete dreist: »Griechen sind wir, die von Troja kommen, und auf der Fahrt nach Hause von bösen Stürmen hier an diese entlegene Insel verschlagen worden sind. Wenn du von dem berühmten Agamemnon gehört hast, der im Bunde mit den übrigen Fürsten der Achäer Trojas feste Mauern zerstört hat – zu dessen Völkern haben wir gehört. Nun aber, da das Unglück uns verfolgt, flehen wir dich an uns zu beherbergen und uns ein Gastgeschenk zu geben, wie es hilfebittenden Fremdlingen gebührt und wie die Götter es gern sehen. Ehre du also, trefflicher Mann, die Götter, da wir in Demut nahen; denn Zeus ist der Rächer jeglichen Frevels, der an einem reisenden Manne verübt wird!« »Hoho! du thörichter Fremdling du!« schrie der Kyklop uns entgegen, »du scheinst sehr weit herzukommen, da du die Kyklopen so schlecht kennst. Hier ehrt kein Mensch die Götter, und von deinem Zeus wissen wir nichts, denn wir selbst sind ja viel besser; und wenn ich's selber nicht will, aus Furcht vor dem Gastvater Zeus verschone ich euch wahrhaftig nicht. – Doch sage mir, wo bist du mit deinem Schiffe gelandet? Ich möchte es gerne wissen.« »Ich merkte die Tücke. Frag' nur, dachte ich, du sollst mich doch nicht überlisten. – Mein Schiff? sagte ich laut. Ach wenn wir das noch hätten, so wären wir nicht hierher gekommen. Das hat uns der Sturm zerschellt, und hätten wir nicht schwimmen können, so wären wir alle miteinander ertrunken.« »So!« brummte der Kyklop. Und – Götter! wer hätte das gedacht! – statt aller Antwort streckte er beide Arme nach uns aus, packte zwei meiner Gefährten bei den Beinen, und schmetterte sie wie junge Hunde mit eiserner Faust gegen den Boden, daß Blut und Gehirn weit umherspritzte. Und sogleich zerriß er sie weiter, Glied für Glied, und fraß sie auf mit Haut und Haar, mit Eingeweiden und Knochen. Wir jammerten laut, als wir die entsetzliche Greuelthat sahen, und flehten zu Zeus, dem Beschützer der Reisenden. Aber den Kyklopen rührte unser Angstgeschrei nicht. Nachdem er sich den gewaltigen Wanst mit Menschenfleisch gefüllt hatte, schlürfte er noch einmal einen Kübel voll Milch zu der abscheulichen Mahlzeit, und streckte sich dann zum Schlafen der Länge nach in der Höhle nieder.« »Was thust du?« sprach ich jetzt zu mir selbst, als ich das Ungeheuer auf dem Boden schnarchen hörte. »Bohrst du ihm das Schwert ins Herz, ehe er aufwacht, und rächst auf der Stelle die blutige Schreckenstat? – Aber nein! wenn ich ihn tötete, wer öffnete uns dann die schwer verrammelte Thür? Keiner als der Riese selbst ist ja vermögend, den mächtigen Stein von der Stelle zu schieben. Der Anschlag wäre also nicht klug ersonnen gewesen; wir hätten uns selbst den jämmerlichsten Hungertod in unentrinnbarem Gefängnisse bereitet. Wir mußten etwas Besseres ersinnen und erwarteten unter Furcht und Zweifeln den Anbruch des Tages.« »Mit der Morgenröte erwachte auch der Kyklop und ging an die gewöhnlichen Verrichtungen. Er legte frisches Holz ans Feuer, melkte seine Herde Stück für Stück und legte die Säuglinge an die Euter der Alten. Dann trat er ohne Umstände, als müßte es so sein, an uns heran, packte wieder zwei von meinen lieben Gefährten und tötete und verzehrte sie, wie am gestrigen Tage. Hierauf stieß er den Stein von der Thür zurück, trieb die Herde hinaus, und schob den ungeheuren Fels wieder vor, wie man etwa einen Deckel auf den Köcher setzt.« »Da waren wir also wieder eingesperrt, einen langen Tag über! Jetzt ersann ich einen Plan uns zu befreien und zugleich die erschlagenen Gefährten zu rächen. Sein großes Auge wollte ich ihm ausbohren, und zwar nicht mit dem Schwerte, sondern mit einem glühenden Pfahle. Dazu erblickte ich in der Höhle ein herrliches Werkzeug, des Riesen eigene Keule aus grünem Olivenholz, so lang und dick wie ein Mastbaum. Die legte ich mir zurecht und hieb ein Ende von der Spitze ab, etwa ein paar Ellen lang. Meine Gefährten mußten mir's glätten, dann spitzte ich selbst den Pfahl oben zu und härtete die Spitze in der lodernden Flamme des Feuers. Jetzt war meine Waffe fertig, und sorgfältig verbarg ich sie unter dem Miste, womit der Fußboden dicht belegt war. Darauf losten meine Gefährten, wer den Pfahl ins Auge des schlafenden Riesen stoßen solle, und so erwarteten wir unruhig den Abend und des Kyklopen Rückkehr.« »Endlich kam er mit seinen gemästeten Herden und trieb sie wieder zu uns herein. Diesmal ließ er keine Tiere in dem Vorhofe zurück, sondern brachte die ganze Herde in die Höhle, mochte dies aus Argwohn geschehen, oder weil ein Gott es so fügte. Dann setzte er den Felsblock vor, melkte seine Schafe und Ziegen, fraß wieder zwei von meinen armen Gefährten auf und legte frisches Holz an, das Feuer zu unterhalten. Jetzt holte ich den versteckten Weinschlauch hervor und ging mit einer hölzernen Kanne Weins dreist auf ihn zu.« »Sieh da, Kyklop«, sprach ich, »hier hab' ich zu trinken. Versuch' einmal! Auf Menschenfleisch schmeckt der Wein gut. Nimm, damit du doch siehst, was für einen köstlichen Trunk wir auf unserm gestrandeten Schiffe gehabt haben. Ich hatte den Wein für dich zum Opfer mitgebracht, wenn du mir die Bitte gewährt hättest gastfreundlich meine Heimfahrt zu fördern. Aber wahrlich du machst es zu arg. Böser Mann, wer wird dich künftig wieder besuchen, wenn du so mit deinen Gästen verfährst?« »Er nahm den Krug und trank.« »Hei! das behagte gewaltig! Wie mit einem Schlage erheiterten sich seine Mienen, und als er den tiefen Krug geleert hatte, sprach er schmunzelnd: »Schenk' doch noch einmal ein aus deinem Schlauche da, und sage mir auch, wie du heißest, damit ich dich mit einem Gastgeschenk erfreuen kann. – Der Tausend! was ist das für ein herrliches Getränk! Hier wächst auch Wein, große Trauben, süß von Geschmack, aber wahrhaftig gegen diesen ist er nur Wasser. – So recht! mehr her!« »Ich schenkte ihm dreimal voll, und er schlürfte in vollen Zügen, der Tropf! Bald sah ich mit innigem Vergnügen, wie der starke Wein seine Sinne umnebelte. Da fiel mir eine treffliche List ein. »Höre«, sprach ich, »meinen Namen begehrst du? Nun, so wisse denn: Niemand heiß' ich, Niemand nennen mich Vater und Mutter und alle anderen Leute. Jetzt reiche mir aber auch das Gastgeschenk, das du versprochen hast.« »Wohl«, sprach der Grausame, »so soll Niemand der letzte sein, den ich von euch allen verzehre. Nehmt das als Gastgeschenk von mir an!« »Mit diesen Worten taumelte er rücklings nieder und war bald vom Schlaf überwältigt. Unruhig warf er sich umher, und nur zuweilen trieb der Rausch ihn vom Lager auf, bis er endlich durch ein viehisches Schnarchen seine gänzliche Erschöpfung kund gab. Jetzt war die Stunde gekommen. Ich zog hurtig den Pfahl hervor, steckte den Stachel ins Feuer und drehte ihn so lange um, bis er glühend und knisternd Funken sprühte. Nun ermahnte ich meine Gefährten mir herzhaft beizustehen und nicht furchtsam zurückzuspringen. Ein Gott hauchte uns Mut in die Seele. Wir faßten alle an, und in einem Nu bohrten wir den sengenden Pfahl ins Auge des Schlafenden. Wie wenn der Schmied ein glühendes Eisen plötzlich in kaltes Wasser stoßt, um es abzukühlen, so zischte das große Auge des Kyklopen, als der Kienbrand hineinfuhr. Wir aber drückten immer tiefer und drehten, wie man einen Bohrer ins Holz dreht, daß rings das siedendheiße Blut hervorquoll und über Stirn und Wangen herabfloß. Die Wurzeln des Auges prasselten, und die großen Augenbrauen wurden von der Hitze schnell versengt. Der Riese stürzte mit entsetzlichem Geschrei empor und sogleich flogen wir nach allen Seiten auseinander in die Winkel der Höhle. Er riß, betäubt vom höllischen Schmerze, den blutigen Brand aus dem Auge, schleuderte ihn wütend gegen die Felsenwand und tobte wie ein Wahnsinniger. Von seinem rasenden Gebrüll erwachten die andern Kyklopen in der Nachbarschaft. Sie kamen herbei gelaufen und standen draußen rings um die Höhle. »Was geschah dir für Leid, Polyphem«, riefen sie herein, »daß du so entsetzlich durch die Höhle brüllest? Du hast uns alle vom Schlummer erweckt. Hat dir jemand dein Vieh gestohlen oder überfällt dich gar ein Mörder mit Arglist oder gewaltsam?« »Wehe!« schrie der Kyklop, » Niemand tötet mich, Niemand thut es mit Arglist!« »Nun, wenn dir keiner Gewalt anthut, antworteten die andern Kyklopen, so sind wir hier unnütz. Gegen innere Schmerzen und Krankheiten haben wir kein Mittel. Darum mußt du den Meerbeherrscher Poseidon, deinen Vater anflehen.« – So sprachen sie und entfernten sich eilig. »Wie lachte mir das Herz vor Freude, daß mein schlau ersonnener Name sie getäuscht hatte! Aber noch hatte ich die größte Gefahr nicht überstanden. In den Winkeln der Höhle entwischten wir dem blinden Tapper wohl, so viel er auch um sich griff. Aber nun setzte er sich vor den Eingang der Höhle, schob den Stein nur zur Hälfte zurück und streckte die Hände aus, um uns zu fangen, wenn wir etwa mit den Schafen und Böcken hinausschleichen wollten. Auch eine tatarische Sage kennt einen Riesen Depeghöz (Scheitelauge), dem die Oghuzier täglich 2 Menschen und 500 Schafe zur Nahrung liefern müssen. Bissat der Held brennt ihm mit einem geglühten Messer das Auge aus. Darauf setzt sich der blinde Riese gleichfalls an die Thür und fühlt jeden herausgehenden Bock an. Nach einer esthnischen Sage kommt der Teufel um seine Augen, indem ein Mann, welcher sich Issi (Selber) nennt, ihm die alten blendet unter dem Versprechen neue zu gießen. Der Teufel lief in seinem Schmerze aufs Feld, wo die pflügenden Leute ihn frugen: Wer that dir das? Issi leggi (Selber that's), antwortete der Teufel. Da lachten die Leute und sprachen: »Selber gethan, selber habe,« – Das Zählen der Schafe aber erinnert an das deutsche Märchen (Grimm Nr. 191.) von einem Riesen, dem ein Räuber mit seinen Gesellen in die Hände gefallen war; die List mit dem Namen an den Schiffer »Selbergethan« in der Sage, welche sich in Haupts Zeitschrift IV, 393 und, von daher entlehnt, in Masius' deutschem Lesebuch, Teil I, Seite 32 findet. Denn er hielt uns für so einfältig.« »Aber das waren wir nicht. Auch für diesen Fall hatte ich eine List bereitet. Unter den Böcken waren gewaltige Tiere, groß und stark, und mit dickbuschiger Wolle bewachsen. Davon stellte ich in der Stille je drei und drei zusammen und verband sie mit starken Weidenruten; der mittlere aber trug immer einen von meinen Gefährten, der sich an dem Vließe des Bauches festhielt, während die beiden andern Widder zur Seite ihn schützten. Einen vorzüglich großen aber, den krauswolligen König aller Widder, behielt ich für mich zurück. So gerüstet erwarteten wir den Morgen.« »Die kleine dickgeschwänzte Schar rückte endlich aus und drängte sich vor dem lauernden Herrn vorbei, der alle Rücken sorgfältig betastete, ob etwa einer von uns mit hinausreiten würde. Daß wir unten hängen könnten, fiel ihm gar nicht ein. Endlich kam das erste Dreigespann heran und trug seinen Mann glücklich hindurch, das zweite gleichfalls und so alle folgenden. Ich allein war nur noch übrig mit meinem alten Bocke. Ich kroch unter seinen Bauch, klammerte mich mit Händen und Füßen in seinem dickwolligen Felle fest und drückte meinen Leib so dicht an den seinigen, als ich nur konnte. So keuchte getreulich das Tier mit seiner ungewohnten Last langsam dem Eingange zu, während ich mich mit unsäglicher Mühe an der gekräuselten Wolle festhielt. Der Kyklop erkannte ihn beim Streicheln sogleich, hielt ihn an und sagte traurig zu ihm:« »Liebes Böckchen, mein Tierchen, wie kommst du denn heute so spät aus der Höhle? Sonst bist du ja immer der erste und trabst lustig voran, wenn's hinaus oder herein oder zur Tränke geht. Und heute der letzte von allen! Bist du vielleicht auch traurig und jammert dich das Auge deines Herrn, das mir der Bösewicht, der Niemand, geblendet hat? Nun warte nur, der soll, meine ich, seinem Verderben nicht entgehen! Könntest du nur reden, mein Böckchen, wie ich, du sagtest mir sogleich, wo der Schurke sich vor meiner Gewalt versteckt hält. Da würdest du sehen, wie sein Blut und Hirn hierhin und dorthin in der Höhle herumspritzen sollte! Das würde meinem Herzen süße Rache sein!« »So sprach der Kyklop und entließ den Widder. Nur noch eine kleine Strecke ließ ich mich von ihm tragen, dann ließ ich zuerst los, raffte mich auf und erlöste nun auch meine Freunde, deren leider nur noch sieben waren. Die Schafe aber, unsere Retter, trieben wir still vor uns her und nahmen sie zum Danke mit. Der Kyklop schloß vorsichtig seine Thür wieder zu und lockte dann pfeifend seine Herde. Wir lachten heimlich im Herzen, schlichen uns hurtig mit den geraubten Tieren zu unserm Schiffe und stießen vom Lande ab. Nun ward aus Leibeskräften gerudert, und als das Schiff so weit vom Ufer entfernt war, wie die Stimme eines Mannes schallt, da fiel es mir noch ein dem Ungeheuer höhnend ein Lebewohl hinüber zu rufen.« »Heda! Kyklop! Merkst du nun, daß du keinen verächtlichen Erdensohn beherbergt hast? Ha wahrlich, du hast meine Freunde nicht umsonst gefressen! Endlich hat dich doch deines unmenschlichen Frevels Lohn getroffen. Jetzt fühlst du die Strafe des Zeus und der andern Götter.« »Wie kochte sein Zorn! So waren sie ihm dennoch entronnen die Spötter, denen er noch in seiner Höhle die schrecklichste Rache zugedacht hatte. Wütend brach er einen Felszacken ab und schleuderte ihn mit gewaltiger Kraft dahin, woher die Stimme erschollen war. Er hatte gut gezielt; dicht hinter unserm Schiffe fiel der Block nieder, daß das Meer hoch aufschäumte und wir alle schwankten im Strudel der Wogen. Fast trieb uns die empörte Flut wieder ans Ufer zurück, aber ich ermunterte die Gefährten mit aller Anstrengung wieder abzustoßen vom Lande, und so ruderten sie mit Macht ins hohe Meer hinein.« »Noch immer sah ich von weitem den Riesen da stehen und sich die blutige Stirn befühlen. Da gelüstete mich noch einmal ihn anzureden, ob auch die Genossen mir zuwinkten und leise bittend mich abmahnten, weil sie neue Gefahr von seinen Steinwürfen fürchteten. Ich aber faßte mir ein Herz und rief zum zweitenmale: »Höre doch noch eines, Kyklop! Wenn dich die Leute fragen, wer dir das Auge so schändlich geblendet hat, so kannst du nur sagen: das hat Odysseus gethan, des Laërtes Sohn aus Ithaka, der Zerstörer von Troja!« »Ha! verwünschter Gast!« sprudelte im höchsten Grimme der rasende Kyklop. »So ist es also doch erfüllt, was einst der Wahrsager mir hier prophezeite. Der hat mir deinen Namen genannt, und immer fürchtete ich, daß einst ein großer und stattlicher Kernmann, mit übermenschlicher Stärke ausgerüstet, mich hier heimsuchen würde. Und nun muß es so ein elender Wicht, so ein kleiner, erbärmlicher Gesell sein, der mich mit Wein überlistet und mir im Rausch das Auge blendet!« »Aber höre doch, Odysseus«, rief er gleich darauf, »komm doch noch einmal heran und laß uns Frieden machen! Ich will dich als Gast herrlich bewirten und dir vom Poseidon ein sicheres Geleit erflehen. Er ist mein Vater, und er heilt mir gewiß auch mein Auge wieder; da soll dir alles vergeben sein.« »Ha ha ha! schrie ich hinüber; könnte ich dich nur so sicher zu den Toten schicken, als weder Poseidon noch sonst ein Gott dein Auge heilen wird!« »Und nun hörte ich ihn laut zu seinem Vater flehen, daß er alles Ungemach über mein Haupt senden und mich in Stürmen und grausen Wasserfluten meinen Tod finden lassen möchte. Und wäre mir das nicht vom Schicksale bestimmt, so sollte er mich wenigstens erst spät und nach langem Irrsal, traurig, ohne Freund und Gefährten nach Hause kommen und dort mich Jammer und Unglück treffen lassen. Ach, der Gott hat ihn nur zu sehr erhört!« »Indessen ruderten wir fort, aber noch nicht ohne Gefahr. Denn plötzlich kam wieder ein Steinblock uns nachgeflogen und stürzte, wie der erste, hart hinter unserm Schiffe ins Meer. Noch einmal wurden wir in dem schwankenden Fahrzeuge ans Ufer getrieben und mußten uns von neuem losarbeiten. Endlich erreichten wir glücklich die kleine Ziegeninsel, auf der wir unsere Gefährten zurückgelassen hatten und verteilten die mitgebrachte Beute unter die ganze Schar. Die armen Zurückgebliebenen hatten uns schon für verloren gehalten und Tag und Nacht traurig harrend am Ufer gesessen. Mir erkannten sie den großen Bock zu, der mich aus der Höhle getragen hatte, und sogleich opferte ich ihn dem Zeus, und wir aßen und tranken den ganzen Tag in herzlicher Fröhlichkeit zusammen, nachdem wir so großen Ängsten entronnen waren. Als nun die Sonne ins Meer sank, legten wir uns dicht am Strande nieder zum Schlafen.« Achter Abend. Odysseus' weitere Abenteuer. Ihr seht, in jenen uralten griechischen Märchen erscheinen die Riesen schon ebenso, wie in unseren deutschen. In der That hat der kindliche Sinn der Völker sich zu allen Zeiten an der Vorstellung von Gestalten übermenschlicher Größe und Stärke geweidet, weil eben der einfache Naturmensch kaum etwas Begehrenswerteres kannte als die Gaben körperlicher Kraft. Durch sie schien er alles erreichen zu können, und daher denn nun der Wunsch, Riesenstärke zu besitzen, daher die Sage von gigantischen Geschlechtern, deren Wohnstätten gewöhnlich in eine weite, unbekannte Ferne verlegt wurden. Selbst in späterer Zeit konnten Reisende, die aus entlegenen Gegenden kamen, der Begierde nicht widerstehen ihre Abenteuer in der Erzählung zu vergrößern und sich der wirklichen Bekanntschaft mit Riesen zu rühmen, um desto mehr Bewunderung zu erregen. Noch im sechzehnten Jahrhundert, als die Spanier meinten in den Patagoniern Magellan, der Ritter Pigafetta, Wallis und alle nach ihnen kommenden Seefahrer haben von Menschen erzählt, die so schnell laufen, als das beste Pferd im gestreckten Galopp, die einen halben Eimer Wasser in einem Zuge austrinken und die von solcher Größe sind, daß der Kopf des größten Europäers kaum ihren Gürtel berührt. Aber vor einer genaueren Prüfung hat keine dieser Fabeln bestehen können. Männer von etwas höherer Statur als der europäischen kennen gelernt zu haben, fabelten dieselben alsbald von einem nun wirklich entdeckten Riesenvolke. So gewaltig nun auch überall diese Riesen erscheinen, so sehr sie in Wuchs und Stärke das menschliche Maß überragen, so tief stehen sie an Geist und Gesinnung. Ihre Roheit und Beschränktheit vermag nichts gegen den höhern Verstand selbst schwächerer Menschen, und trotz ihrer plumpen Kraft unterliegen sie überall den Helden. Wie wir den David siegen sehen über den Goliath, wie in den griechischen Sagen Herakles den Kakos und den Antäos überwindet und wie eben hier Odysseus des Polyphemos Meister wird, so fehlt es auch in unsern deutschen Sagen und Märchen nicht an ähnlichen Erscheinungen, die das Übergewicht geistiger Bildung auf die deutlichste Weise zeigen. Doch Heil dem Odysseus, daß er dem ungeheuren Polyphemos entronnen ist. Was wird er nun beginnen? Er mag's nur wieder selbst erzählen, denn ihr wisset doch noch, daß er bei dem König Alkinoos sitzt und den Phäaken seine Abenteuer zum besten giebt? »Ja«, fuhr er in seiner Erzählung fort, »mein alter Bock schmeckte mir vortrefflich. Als wir uns nun von dem Schrecken erholt und durch den Schlaf gestärkt hatten, banden wir unsere Schiffe wieder vom Ufer los und stachen in See. Wir fuhren und fuhren, bis wir an einer Insel von sonderbarer Gestalt landeten. Sie schwamm auf dem Meere umher und war ringsum von einer ehernen Mauer eingeschlossen. Das war die berühmte Insel, auf der Äolos wohnt, der König der Winde, dem die Götter jeglichen Wind in Verwahrung gegeben haben, daß er sie wehen und ruhen lassen kann, wie er will.« »Hier ward ich einmal wieder freundlich aufgenommen und einen ganzen Monat lang köstlich bewirtet. In dem Palaste wohnten mit dem Könige seine sechs Söhne mit ihren sechs Schwestern. So in Gesellschaft der lieben Eltern freuten sich die Kinder täglich des lieblichen Mahls und lebten in traulicher Eintracht. Ich mußte ihnen ausführlich von Troja erzählen und alles, was mir nachher auf meiner unglücklichen Fahrt begegnet war; und als ich endlich um sicheres Geleit bat, da gab mir Äolos ein Geschenk, das mich ohne die Thorheit meiner Genossen höchst glücklich gemacht haben würde. Aber das ist nun einmal das Schicksal der Menschen sich durch eignen Unverstand ins Verderben zu stürzen.« »In einem Schlauche von der Haut eines neunjährigen Stieres, den er selbst fest zuband mit silbernem Seile, hatte er sämtliche Winde eingeschlossen. Diesen gab er mir auf die Reise mit, damit ich mich seiner bediene, wenn etwa der rachsüchtige Poseidon mich wieder auf Irrwege führe. Ich legte den Schlauch auf den Boden des Schiffs, ohne den Genossen etwas von seinem Inhalte zu sagen, und so fuhren wir mit einem sanften Westwinde von Äolos' Insel weg und legten fast die ganze Länge des mittelländischen Meeres ohne Unfall zurück. Neun Tage und Nächte waren wir gefahren, als plötzlich in der zehnten Nacht die Ufer der heimischen Insel aus ferner Dämmerung auftauchten. Ja sie war es wirklich, die alte Ithaka! Schon sah ich die nächtlichen Wachtfeuer glänzen: das Ende meiner Irrsale war gekommen. Müde von der Hitze des Tages und der langen Anstrengung, legte ich mich im Schiffsräume nieder und überließ mich sorglos dem Schlummer und den süßen Heimatsträumen. Wußte ich doch, daß ich am Ufer des teuren Vaterlandes erwachen würde. Aber das Schicksal hatte es anders mit mir beschlossen!« »Während ich schlief, besprachen sich die Gefährten über unser nahes Glück, dachten zurück an alles, was sie mit mir erduldet hatten, und wie arm sie trotz aller dieser Mühen in ihr Vaterland zurückkehrten. Mich hingegen betrachteten sie mit neidischen Blicken; meine reiche Kriegsbeute und die Menge meiner Gastgeschenke ärgerte sie. Überall, sagten sie, wo der hinkommt, wird er geehrt und beschenkt; wir aber müssen immer leer ausgehen und kommen als Bettler in die Heimat zurück. Was er nur da in dem Schlauche verborgen haben mag? Gewiß hat ihm Äolos darin ein köstliches Geschenk von Gold und Silber verwahrt.« »So verlockte Neugier und Neid die Unglücklichen, und sie beschlossen den Schlauch zu untersuchen, den der König mit großem Bedachte so fest zugebunden hatte. Und kaum hatten sie das Band gelöst, da brachen alle Winde sausend hervor und rissen uns mit fürchterlicher Gewalt plötzlich zurück ins weite Meer, und immer weiter zurück, daß wir Tag und Nacht wie im Fluge wieder dahin getrieben wurden, woher wir gekommen waren. Weh uns Armen! Schon hatten wir gehofft in wenigen Stunden auf Ithaka zu landen, und siehe, nun waren wir wieder an der Insel des Äolos. Ganz ermattet stiegen wir aus, und nachdem wir uns durch Speise und Trank ein wenig erquickt hatten, machte ich mich mit meinem einzigen Freunde und dem Herolde auf den Weg nach Äolos' Behausung.« »Hier fand ich die ganze Familie wieder in traulichem Kreise bei der Mahlzeit. Alle staunten bei meinem Eintritte in den Saal. Sie fragten, woher ich komme und was mir begegnet sei; denn sie hatten mich längst zu Hause geglaubt. Ich erzählte ihnen die tolle Verblendung meiner Gefährten und bat um neue Hilfe zu meiner zweiten Reise. Aber der König fuhr entsetzt auf und rief mir mit zornbebender Stimme zu: Unglückssohn, flieh! fliehe aus meinem Hause! Ich beherberge keinen Mann, den der Zorn der Götter verfolgt, und entsende keinen, den ihre Rache trifft! – Mit diesem Fluche jagte er mich aus seinem Palaste.« »Ich eilte hinaus und kam bekümmert bei meinen Genossen an. Abermals mußten wir das wilde Spiel der Wellen wagen, und meinen Gefährten schwand der Mut. Sechs Tage ruderten wir rastlos fort, endlich am siebenten erblickten wir die Küste der Lästrygonen . Wir lenkten die Schiffe in einen sicheren und ruhigen Hafen hinein; ich band sie mit Stricken fest am Gestade und erstieg dann eine Anhöhe, ob ich vielleicht Spuren von Menschen erspähen könne. Aber nichts verriet mir den Fleiß menschlicher Hände, nirgends zeigten sich bebaute Felder, nur in weiter Ferne sah ich Rauch aufsteigen. Ich sandte zwei meiner Freunde mit einem Herolde aus, um das Land zu erforschen. Diese machten sich auf und gelangten in ein Gehölz, wo sie bald eine Wagenspur fanden, die sie verfolgten. So kamen sie an die Wohnungen der Eingebornen. Vor der Stadt begegnete ihnen ein lästrygonisches Mädchen, welches Wasser vom Brunnen geholt hatte: es war die Tochter des Lästrygonenkönigs Antiphates; diese fragten sie nach dem Volke und dessen Beherrscher. Das Mädchen bezeichnete ihnen sogleich die Wohnung ihres Vaters, und sie gingen arglos hinein. Aber wie erschraken sie, als sie nur die Mutter erblickten, ein baumhohes, fürchterliches Weib, das sogleich mit krähender Stimme den Gemahl herbeirief. Er kam, ein ungeschlachter Barbar von Riesengröße, und ohne ein Wort zu sprechen, packte er wie der Kyklop einen der Gesandten, um ihn zur Nachtkost zu verspeisen. Entsetzen ergreift die beiden andern; sie fliehen von Todesangst gejagt und eilen zu den Schiffen zurück. Wir sehen sie kommen, schon ahnen wir Schreckliches, aber eine noch grausenvollere Gewißheit folgte der Ahnung. Eine ganze Schar von Riesen, durch des Königs Gebrüll zusammengerufen, stürzte hinter ihnen her, und während wir noch die Schiffe loszubinden bemüht sind, fliegen schon ungeheure Steine auf uns los und zerschmettern Menschen und Schiffe. Ich allein hatte das meinige hinter einem Felsenhange befestigt, wohin die Steine nicht dringen konnten; schnell hieb ich mit dem Schwerte das Seil durch, rief alle Gefährten, welche noch nicht erschlagen waren, in mein Schiff, und nun arbeiteten wir uns hastig vom Lande los ins weite Meer hinein. Mit Schaudern sahen wir die Lästrygonen unsere armen Zurückgebliebenen aufspießen und zur unmenschlichen Mahlzeit nach Hause tragen. Die andern Schiffe versanken alle in den Abgrund.« »Nun trieb die Strömung das einzige gerettete Schiff an die Insel Ääa . Hier herrschte die Göttin Kirke , eine Tochter des Helios und der Perse. Doch das wußten wir damals noch nicht, denn zunächst zeigte uns die Insel nur wildbewaldete Höhen. Das unablässige Rudern hatte uns ganz entkräftet, und die Betrübnis über die Folgen unserer Thorheit und über das klägliche Schicksal unserer Genossen nahm uns vollends allen Mut. Aber wir fanden doch einen sichern Hafen und somit einen Platz zum Ausruhen. Zwei Tage und zwei Nächte lagen wir in dumpfer Betäubung am Ufer, bis der gewaltige Hunger uns mahnte nach Lebensmitteln umherzuspähen. Ich ergriff Lanze und Schwert und ging in die nahe Waldung. Und ein Gott erbarmte sich meiner und sandte mir einen Hirsch mit hohem Geweih entgegen, der, ohne mich gewahr zu werden, zum Bache hinabstürzte, um seinen Durst zu löschen. Wie ein Blitz drang ihm mein Wurfspieß in die Seite, daß er jenseits wieder hervordrang, und mit einem Schrei sank das Tier zu Boden. Ich trat hinzu, und indem ich den Fuß gegen den Leib des Hirsches stemmte, zog ich den Speer wieder heraus. Mit schmeidigen Weidenruten band ich die Füße des Tieres zusammen, warf mir's mit Macht über den Nacken und trug es, unter der ungewohnten Last wankend und die Hand auf die Lanze gestützt, nach dem Schiffe.« »Seht da, ihr Freunde«, rief ich, indem ich das Wild niederwarf, »noch sorgt ein Gott für unser Leben. Fasset Mut! Eher können wir ja doch nicht in das Reich des Todes versinken, als bis der vom Schicksal bestimmte Tag gekommen ist. Wohlan denn, so lange im Schiffe noch Speise und Trank ist, lasset uns fröhlich sein und der Pflege des Leibes nicht vergessen!« »Und siehe, neues Leben goß der Anblick des stattlichen Tieres in die Adern meiner entkräfteten Genossen. Sie sprangen auf, wuschen sich die Hände und machten sich daran den Hirsch abzuhäuten und auszuweiden. Aus dem Fleische ward ein köstlicher Abendschmaus bereitet; wir aßen und tranken; der alte Mut kehrte wieder. Darauf erquickte uns ein süßer Schlaf am Gestade, und als die Morgenröte uns weckte, beschlossen wir auf Kundschaft auszugehen, ob vielleicht gastfreundliche Menschen die Insel bewohnten.« »Ringsum war nichts zu sehen als öde Steppen und düsterschwarze Waldung. Aber mitten aus dem Dickicht wölkte ein starker Rauch sich empor. Dahin müssen wir gehen, rief ich; doch wer geht voran? – Die Gefährten traten alle scheu zurück; sie dachten noch mit Schrecken an den Kyklopen und an die Lästrygonen und fürchteten hier ein ähnliches Schicksal. Wohlan, sprach ich, teilt euch in zwei Haufen, den einen will ich anführen, den andern übergebe ich dem Eurylochos. Nun wollen wir losen. Diejenige Hälfte, deren Anführer das Los bestimmt, soll die gewagte Wanderung unternehmen.« »Sie teilten sich unmutsvoll, auf jeder Seite standen zweiundzwanzig. Eurylochos und ich warfen zwei Lose in einen Helm. Der Helm ward geschüttelt, und siehe, des Eurylochos Los sprang zuerst heraus. Er machte sich darauf mit den Seinigen zögernd auf den Weg. Die armen Menschen weinten bitterlich, als sie von uns andern am Ufer Abschied nahmen; ich suchte sie wohl zu trösten, allein ich bedurfte selbst des Trostes, und mir ahnete nichts Gutes.« »Der Rauch, den wir gesehen hatten, war aus der Behausung der Kirke aufgestiegen, einer heillosen Zauberin, gewandt in allerlei bösen Künsten, womit sie den Menschen schaden konnte. Sie besaß das Geheimnis Kräuter zu kochen, deren Genuß den Menschen sogleich in eine ihr beliebige Tiergestalt verwandelte, und schon erfüllte den Wildgarten, der ihre Wohnung umgab, eine ganze Schar von ausländischen Tieren – lauter Unglückliche, die ein Sturm oder Schiffbruch an die Küste verschlagen hatte und denen statt freundlicher Aufnahme ein trauriges Los zu teil geworden war. Aber der verständige Menschensinn war ihnen nicht genommen worden, daher schlichen alle die Löwen und Wölfe ganz friedlich umher, und nur dem Anblick schrecklich, trugen sie innen in der fühlenden Seele schweren Kummer. Das wußten meine Gefährten nicht und staunten daher die sanftmütigen Tiere an, die gleich freundlich wedelnden Hunden auf sie zukamen, als wollten sie dieselben bitten, sich von diesem gefährlichen Orte zu entfernen. Ach, daß sie doch die stumme Bitte verstanden hätten! Aber so gingen sie unwissend ihrem Verderben entgegen.« Sie kamen an den Palast, in welchem die Göttin wohnte. Eben saß sie daheim und webte sich ein köstliches Gewand und sang mit heller, melodischer Stimme ein fröhliches Lied zur Arbeit. – Horch! den herrlichen Gesang! sprach einer der Freunde, laßt uns hineingehen! Und sie ließen laut rufend ihre Stimme erschallen, damit jemand herauskäme. Die Göttin, welche drinnen den Ruf der Männer vernahm, stand von ihrer Arbeit auf und öffnete die Pforte. Tretet herein, ihr Fremdlinge, fügte sie schmeichelnd, daß ich euch bewirte. Die Freunde gehorchten und gingen in das Haus; nur der besonnene Eurylochos blieb draußen und entzog sich dem Blicke der Zauberin, als ahnte er das Unheil.« »Als sie in den Saal eingetreten waren, mußten sie sich ringsum auf schöngepolsterte Stühle setzen. Darauf reichte Kirke ihnen zu essen und mischte süßen Wein, aber in den Wein that sie heimlich jene verderblichen Kräuter. Und als die Armen von dem Gemisch getrunken hatten, siehe, da berührte die Zauberin sie alle mit ihrem Stabe, und im Augenblick waren sie in grunzende, borstige Schweine verwandelt. Eilig trieb Kirke diese nun hinaus und sperrte sie in den Kofen, schüttete ihnen Eicheln, Buchnüsse und rote Kornellen (Corneliuskirschen) vor und schloß lachend hinter ihnen den Stall.« »Dies alles hatte Eurylochos mit Entsetzen aus seinem Versteck angesehen, und nachdem Kirke wieder in ihr Gemach gegangen war, eilte er mit klopfendem Herzen davon, um mir die böse Nachricht zu überbringen. Schon von ferne erschreckte mich sein bloßer Anblick; auch konnte er lange nicht sprechen, denn die Angst beklemmte sein Herz, und Thränen erstickten seine Stimme. Endlich erzählte er in abgebrochenen Worten das Schicksal der Freunde.« »Ich sprang sogleich auf, hängte mein ehernes Schwert um die Schulter und warf den Bogen darüber. Führe mich den nämlichen Weg, rief ich hastig; ich will die Unglücklichen rächen, wenn ich sie nicht retten kann!« »Er fiel mir zu Füßen und bat mich weinend, doch nicht mich selber noch aufzuopfern. Laß uns eilig fliehen von der verwünschten Insel, schrie er, damit wenigstens wir dem bösen Schicksale entrinnen!« »Nun, so bleibe du ruhig zurück, antwortete ich höhnisch, und iß und trink dich satt hier am Gestade. Mich treibt Pflicht und Neigung. Ich werde den Weg schon allein finden.« »Mit diesen Worten eilte ich von dannen und fand mich glücklich durch den Wald, bis ich im fernen Thale die Wohnung der Kirke liegen sah. Siehe, da kam mir ein blühender Jüngling entgegen; Hermes war es, ich erkannte ihn sogleich an seinem Stabe und dem stattlichen, jugendlichen Ansehen.« »Freund, redete er mich an und faßte vertraulich meine Hand, was irrst du einsam durch dies wilde Waldgebirge, ganz unbekannt mit der Gegend? Weißt du auch, was dir bevorsteht? Deine Freunde liegen als Schweine in Kirkes Stalle eingeschlossen. Oder willst du sie etwa befreien? Armer Mann, das möchte dir kaum gelingen! Ich fürchte, sie wird auch dich zu den andern sperren, und du kehrst schwerlich zurück.« »Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, und sah den Götterjüngling ratlos an.« »Höre«, fuhr er fort, »ich will dir wohl und vermag dir zu helfen. Laß dich daher vor Kirkes Ränken warnen. Zuerst, wenn du hinkommst, wird sie dir ein süßes Weinmus mit jenem Gift einmengen, das jeden, der es genießt, ihrem Zauber unterwirft. Aber nimm hier die Gegenmittel. Mische sie heimlich hinzu, ehe du von der Speise issest, dann können dir ihre Kräuter nicht schaden. Hast du nun das Mus verzehrt, so wird sie auch dich in eitlem Wahne mit ihrem Zauberstabe berühren, um die Verwandlung zu vollenden. Aber diesen Augenblick nimm wahr sie ganz zu bändigen; spring mit gezücktem Schwert auf sie los, als wolltest du sie durchbohren, dann wirst du sie bittend zu deinen Füßen sehen. Was sie da bittet, schlag ihr nicht ab, aber laß dir mit einem hohen Eide bei den seligen Göttern schwören, daß sie ferner keine Tücke an dir üben wolle. Dann wird sie besänftigt sein, und allmählich im trauten Gespräche erlangst du auch wohl von ihr die Erlösung der unglücklichen Freunde.« »Mit diesen Worten gab mir der Gott die heilsame Pflanze, die er aus dem Boden riß, und erklärte mir ihre Kraft und Beschaffenheit. Darauf eilte er zurück zum hohen Olympos. Ich sah ihm dankbar nach, verwahrte sein Kraut sorgfältig und prägte mir seinen Rat tief ins Herz. Ganz in Gedanken verloren fand ich mich an Kirkes Wohnung, ehe ich's dachte, und vernahm gleichfalls den himmlischen Gesang. Ich rief und sogleich öffnete mir die Göttin. Ich mußte mich auf einen schönen Sessel setzen, und bald war sie mit dem Weinmus da, wovon mir Hermes erzählt hatte. Aber als sie den Rücken wandte, mischte ich schnell meine Kräutchen darunter und aß nun ohne Furcht. Ich sah schon die Schadenfreude über meine Eßlust in ihren Mienen glänzen; aber da ich wußte, was sie nicht wußte, so lachte ich im Herzen.« »Auf einmal senkte sie die Spitze ihres Zauberstabes auf mein Haupt und sprach: Wandre nun auch in den Kofen, mein Tierchen, wo deine Freunde sind! In demselben Augenblicke schob ich meinen Stuhl zurück, sprang hinter dem Tische hervor und mit gezogenem Schwerte rannte ich auf die Falsche los. Erstaunen und Schrecken ergriff sie bei der unerwarteten Wendung; sie warf sich zu Boden und umfaßte meine Kniee.« »Wer bist du, Mann? rief sie bewegt, und aus welchem Lande kommst du? Du bist der erste, an dem mein Zauber bricht; kein sterblicher Mensch hat bis jetzt seiner Stärke widerstanden. Ha! solltest du vielleicht Odysseus sein, von dem mir einmal Hermes geweissagt hat, er werde auf seiner langen Irrfahrt von Troja her bei mir einkehren und meine Künste zu Schanden machen? – Aber weg jetzt mit der grimmigen Miene! Stecke dein Schwert ein; alle Feindschaft schwinde zwischen uns. Setze dich vielmehr hier in Frieden zu mir, damit wir Vertrauen zu einander gewinnen.« »O Göttin«, erwiderte ich, »wie könnte ich Vertrauen zu dir fassen, da du mich meiner lieben Freunde beraubt hast und ich nicht weiß, was du gegen mich noch beabsichtigst. Soll ich dir trauen, so gelobe mir mit dem großen Schwure der Götter, daß du keine Tücke mehr an mir üben willst, ich mag schlafen oder wachen.« »Sie schwur mir auf der Stelle, wie ich es verlangte, und beruhigte dadurch mein Herz. Und nun zog sie mich sanft auf ihren Ruhesitz und liebkosete mich, wie ich's' lange nicht mehr gewohnt war. Mägde, schöngegürtete Töchter der Fluß- und Waldgötter, rüsteten unterdessen ein köstliches Mahl, und eine setzte Wasser in einem großen kupfernen Kessel über das Feuer, um mir in der Wanne ein laues Bad zu bereiten. Als das geschehen war, lud sie mich zum Bade ein, goß mir selber das Wasser über Haupt und Schultern und kleidete mich in prächtige Gewänder. Darauf mußte ich mich an die schöngeglättete Tafel setzen, welche mit leckeren Speisen besetzt war. Aber ich streckte keine Hand danach aus, sondern stützte bekümmert mein Haupt und versank in tiefe Traurigkeit. Kirke selbst ward traurig und nötigte mich oft mit schmeichelnden Worten, aber vergebens.« »Wie könnte ich hier des Mahles fröhlich genießen, o Göttin«, seufzte ich, »hier in demselben Hause, in dem meine Unglücksgefährten gefangen wimmern! Ehe ich sie nicht von dem schrecklichen Banne befreit weiß, wirst du umsonst dich bemühen mit deinen Liebkosungen und Gaben mich zu erheitern.« »Die Göttin ward gerührt. Sie ging hinaus in den Kosen, ließ die Schweine heraus und bestrich ein jedes mit einer heilenden Salbe, die sie mitgenommen hatte. Und welche Freude! Die Tiere richteten sich auf, das borstige Fell und die langen Rüssel verschwanden, und meine lieben Landsleute standen jünger und schöner vor mir, als sie vorher gewesen waren. Sie jauchzten laut auf und sprangen bald auf mich, bald auf ihre Befreierin zu, die sie nun sämtlich, und diesmal ohne weitere Arglist, bewirtete.« »Höre, Odysseus«, sagte Kirke darauf zu mir, »bleibe noch eine Zeitlang bei mir und ruhe erst recht aus von deinen vielen Mühseligkeiten, ehe du wieder neue auf dich nimmst. Gehe hin und ziehe dein Schiff herauf ans trockene Ufer, verbirg dein Gerät und die Güter im Gebüsch, damit dir's nicht gestohlen werde, und dann komm mit deinen übrigen Leuten wieder hierher. Ich will sie alle beherbergen, und es soll ihnen an nichts mangeln.« »Ich stutzte einen Augenblick: allein da ich das eidliche Versprechen der Göttin hatte, durfte ich keine Bosheit fürchten. Ich machte mich also sogleich auf den Weg und langte bei den lieben Gefährten an, die sich von Herzen freuten, als ich wohlbehalten und mit heiler Haut wiederkehrte. Sie kamen mir entgegengelaufen, wie Füllen ihren Müttern entgegenspringen, umarmten mich froh und beteuerten mir, der Anblick des Vaterlandes hätte sie nicht mehr entzücken können, als daß sie mich gerettet sähen und wieder hätten. Ich erzählte ihnen darauf von den glücklich entzauberten Freunden, und wie das alles gekommen war, und ihre Freude wuchs mit jedem Worte. Ich befahl ihnen das Schiff ans Land zu ziehen und die Geräte zu verbergen, und dann hieß ich sie alle mit mir gehen, wo Ruhe und herrliche Mahlzeiten ihrer warteten.« »Siehe da erhob sich auf einmal der überkluge Eurylochos, dem die Furcht noch in allen Gliedern lag, und mahnte in langer Rede die Gefährten, doch ja nicht zu der Zauberin zu gehen; es würde ihr sicheres Verderben sein. Odysseus besäße immer mehr Vorwitz als Klugheit, und wenn ich damals die Gefährten nicht in des Kyklopen Höhle eingeladen hätte, so lebten die armen Zerschmetterten noch diesen Tag. Er rate also, man solle lieber ihm folgen und mich allein gehen lassen, wohin ich wolle.« »Blutrot ward ich vor Zorn, als ich ihn so reden hörte. Durch und durch hätte ich ihn mit dem Schwerte gehauen – denn ich hatte es schon zum Streiche gefaßt –, wenn nicht alle andern mir in den Arm gefallen wären.« »Laß ihn doch laufen«, sagten sie, »wir folgen ihm doch nicht, wir gehen alle mit dir.« »So führte ich sie denn sämtlich zu Kirkes Wohnung, und selbst Eurylochos schlich von weitem nach. Wie freuten sie sich, als sie hier im weiten Saale die Brüder alle gebadet und mit stattlichen Kleidern angethan beim fröhlichen Schmause sitzen sahen! Auch jene sprangen laut jauchzend auf, sie weinten einer an des andern Halse, und Kirke selber ward von dem Anblick gerührt. Jetzt wurden auch die Neuangekommenen gebadet und gespeist, und Kirke, die uns alle so heiter sah, sprach liebreich zu uns: »Freuet euch so lange bei mir, ihr Lieben, bis ihr all eurer Trübsal vergesset und der alte Mut euch wiederkehrt wie damals, als ihr zuerst euer Vaterland verließet.« »Wir nahmen das dankbar an, denn es gefiel uns über die Maßen. Ich mußte immer um Kirke sein und kam nie von ihrer Seite. So brachten wir ein ganzes Jahr auf der verführerischen Insel zu und lebten alle Tage herrlich und in Freuden. Endlich aber regte sich doch in uns allen wieder die Sehnsucht nach dem lieben Vaterlande, und meine Gefährten drangen in mich, so oft sie meiner allein habhaft werden konnten, ich solle mich doch loszureißen suchen von der Kirke und sie um unsere Entsendung bitten.« »Ich faßte ein Herz und offenbarte ihr unsere Wünsche eines Abends, ehe wir einschliefen. Ich umfing ihre Kniee und flehte sie um freundliche Entlassung an. Sie antwortete mir gütig, sie wolle mich nicht aufhalten gegen meine Neigung, doch müsse ich zuvor erst einen Befehl von ihr ausrichten, ehe ich den geraden Weg nach meinem Vaterlands einschlagen könne. Ich versprach alles und hörte mit Entsetzen folgenden Auftrag: »In das Reich der Unterwelt will ich dich senden, den Geist des thebanischen Sehers Teiresias zu befragen, dem allein unter allen Schatten Persephone, die Königin des Hades, das köstliche Vorrecht verlieh mit wachen Sinnen wie ein Lebender auch dort noch zu wandeln, indes die andern Seelen nur schwebende Schatten sind.« »Ich rang die Hände und jammerte. Weinend saß ich neben der Göttin und wünschte mir den Tod; das war ja die schwerste unter allen Prüfungen, die ich zu bestehen hatte. Jedoch beruhigte sie mich. Aber, rief ich, wer wird mir den Weg dahin weisen? Nimmermehr stieg ja ein lebender Mensch zum Hades hinab, nimmermehr kehrte von dort ein Lebender wieder zum Lichte.« »Sorge nicht um dein Leben noch um einen Führer«, fuhr sie fort, »sondern spanne ruhig die Segel aus, setze dich mit deinen Gefährten ins Schiff und laß dich getrost von dem Nordwinde treiben, der jetzt eben wehet. So wirst du im fernen Westen an das Gestade des erdumfassenden Stromes Okeanos kommen, und da wird sich dir bald die Kluft zeigen, die zur Unterwelt hinabführt. Dort steig hinunter und nimm zum Opfer mit, was ich dir sagen werde. Hast du nämlich das weite Thal erreicht, durch welches die furchtbaren Flüsse Styx, Kokytos und Pyriphlegethon sich winden, dann grabe eine Grube in die Erde, eine Elle lang und breit, und gieß hinein Milch, Honig, Wein und Wasser zum Opfer für die Toten. Bestreue dies alles mit weißem Mehle, flehe auch die unterirdischen Götter an und gelobe ihnen bei deiner Zurückkunft nach Ithaka ein tadelloses Rind, und dem Teiresias noch besonders einen schwarzen, stattlichen Widder. Dann nimm zwei Schafe, ein männliches und ein weibliches, opfere sie, dein Gesicht nach dem Strome hinwendend, und laß ihr Blut in die Grube fließen; die Leiber aber sollen die Gefährten seitwärts abhäuten und verbrennen. Dann werden scharenweise aus der Ferne die Schatten der Toten nahen, begierig von dem Blute zu trinken; du aber wehre es ihnen mit gezücktem Schwerte, daß keiner trinke, bevor du den greisen Teiresias gesprochen hast. Bald wird auch dieser kommen und die Schicksale deiner Heimfahrt dir verkünden.« »Unter diesen Gesprächen war die Morgenröte angebrochen. Ich stand traurig auf, warf Gewand und Mantel über, und auch Kirke hüllte sich in das glänzende, silberweiße Kleid, band den schönen Gürtel um und befestigte den feinen Schleier auf dem Haupte, um uns zu dem Schiffe zu begleiten. Ich durchlief das Haus, die Gefährten zu wecken und ihnen die nahe Abfahrt zu melden.« »Noch sollte ich einen Verlust erleiden in dem Hause, worin es uns allen so wohl ergangen war. Elpenor, der jüngste von meinen Gefährten, hatte sich den Tag zuvor im Weine ein wenig übernommen, und um sich eine kühlere Lagerstätte zu suchen, war er auf das flache Dach des Hauses gestiegen. Bei den alten Griechen und Römern kannte man nicht jene spitz zugegipfelten Ziegeldächer, welche wir auf unsere Wohnungen stülpen. Meist waren sie platt, wie noch jetzt im Morgenlande und in den Ländern Südeuropas, so daß der Anblick einer solchen Ortschaft bei weitem etwas Freundlicheres hatte als die verdüsterten Giebelhäuser unsrer alten Städte. Auf diesem Altan des Daches (Söller nennt ihn die Bibel) versammelte man sich gern, sei's zur Rast, sei's zur Arbeit oder zur Zwiesprach in der Kühle des Abends, wo dann oft eine schöne Fernsicht sich öffnete und wohl auch von einem Dach zum andern verbindende Gänge führten. Jetzt wird der bezeichnete Raum zuweilen in einen Garten verwandelt, und auch diese Blumen- und Fruchtkrone gewährt eine heitere Zierde. Als er nun jetzt am Morgen das Getöse der unten herumschwärmenden Gefährten vernahm, erhob er sich noch taumelnd und mit halbgeschlossenen Augen, aber seines luftigen Lagers vergessend stürzte er von der Höhe des Söllers herab und brach das Genick. Er war immer ein schwacher Mensch gewesen und gegen den Feind nicht eben tapfer.« »Wir andern wanderten darauf mit schwerem Herzen nach dem Schiffe. Hier fanden wir schon die zwei Opferschafe angebunden, und auch für Mehl und Wein und Honig hatte Kirke freundlich gesorgt. Wir zogen das Schiff ins Meer, richteten den Mast auf und stiegen traurig ein. Ein günstiger Wind, den uns die Göttin nachsandte, führte uns in gerader Richtung den Enden der Erde und dem Okeanos entgegen.« Neunter Abend. Odysseus schließt die Erzählung seiner Abenteuer. »Wir kamen«, fuhr Odysseus fort, »an das Gestade des Kimmerierlandes; dort ist das äußerste Ende der Erde und des Meeres, welches nicht mehr von der Sonne beschienen, sondern ewig von Nebel und Finsternis umhüllt wird. Wir zogen unser Schiff an den Strand, nahmen die Opfergaben heraus und stiegen zu dem Orte hinab, der uns von Kirke bezeichnet war. Wir fanden alles, wie sie gesagt hatte. Nun fing ich an mit meinem Schwerte die Grube zu graben, eine Elle ins Gevierte, und hinein goß ich genau nach der Vorschrift ein Opfer für die Toten, erst von Honig und Milch, dann von lieblichem Weine, und dann von Wasser, und alles bestreuete ich zuletzt mit weißem Mehle; darauf ließ ich mir beide Schafe reichen und durchschnitt ihnen mit dem Schwerte die Gurgel, daß ihr dunkles Blut in die Grube rann. Alsobald stiegen aus der Unterwelt die abgeschiedenen Seelen in großen Scharen herauf und drängten sich mit grauenvollem Geschrei heran. Ich aber wehrte ihnen – im Herzen voll Entsetzens – mit meinem Schwerte und befahl den Genossen die abgehäuteten Schafe zu verbrennen. Während das Opfer brannte, flehten wir alle zu den Göttern der Unterwelt, und ich vergaß nicht die Gelübde für sie und für Teiresias, wofern ich einst nach Hause zurückgekehrt sein würde.« »Ich betrachtete die herbeiziehenden Schatten mit stillem Schauer. Geharnischte Männer erblickte ich voll tiefer Wunden, bejahrte Mütterchen und blühende Mädchen, kummerbeladene Greise und rüstige Jünglinge. Die alten Griechen glaubten, daß die abgeschiedenen Seelen auch in der Unterwelt alle ihre ehemaligen Neigungen und Verbindungen beibehielten; sie betrachteten die Unterwelt als ein völliges Abbild der Oberwelt: eine ähnliche Vorstellung, wie man sie bei den Südsee-Insulanern gefunden hat. Denn nach ihrem Glauben liefern die Seelen einander Treffen, und die ehelichen Bündnisse werden wieder erneuert. In der nordischen Mythologie kommen die in der Schlacht Gefallenen oder an Wunden Verstorbenen nach Walhall, der himmlischen Halle Odhins, und das Leben, welches sie dort führen, ist eine Fortsetzung des irdischen. Sie trinken mit den Göttern den süßen Met und speisen von dem Fleische des Ebers; jeden Morgen wappnen sie sich und gehen in den Hof und kämpfen miteinander; das ist ihr Zeitvertreib. Von allen Seiten umdrängten sie die Grube, und ich hatte viel Mühe sie mit meinem Schwerte abzuhalten von dem Blute. Und siehe, es schwebte auch Elpenors Schatten herbei, und ich war sehr verwundert ihn in der Unterwelt anzutreffen. Ei siehe da, Elpenor, rief ich, wie bist du gestorben? bist du zu Fuße hier eher angekommen, als ich mit meinem schnellen Schiffe? – Ach nur zu früh, antwortete er, und erzählte mir nun selbst ausführlich die klägliche Geschichte seines Falles, bat mich auch inständigst, wenn ich wieder auf die Insel käme, seinen Leichnam gehörig zu bestatten und ihm auch ein Grabmal zu errichten, damit seine Seele im Hades Ruhe hätte. Denn wir hatten wirklich bei den größeren Sorgen seinen Unfall nicht bemerkt und es deshalb auch verabsäumt seinen Leichnam zu begraben. Das sagte ich ihm auch zu, und nun ging er getröstet von dannen.« »Die andern Geister schienen insgesamt sprachlos zu sein, bis auf den einzigen Teiresias, der mich, da er sein geistiges Leben bewahrt hatte, sofort erkannte und anredete. Er befahl mir, das Schwert wegzuhalten und ihn trinken zu lassen, denn erst mit dem Genusse des Blutes kehrt auch das volle leibliche Leben in den Schatten der Toten zurück. Nachdem er getrunken hatte, lehnte er sich auf seinen goldenen Stab und begann folgende Weissagung: »Edler Odysseus, du wünschest dir eine glückliche Heimfahrt, aber ein Himmlischer wird sie dir sehr erschweren. Weißt du nicht, wie tief du den Poseidon beleidigt hast dadurch, daß du seinem teuren Sohne das Auge geblendet? Dennoch aber kann dir noch alles, wiewohl mit Mühe gelingen, wofern du nur auf der Insel Thrinakia die Stiere des Helios unangetastet lassest. Aber tötest du einen derselben, dann ist Rettung kaum weiter zu hoffen. Und ob du auch dein Vaterland noch wieder sähest, so würde es doch nur spät geschehen. Erst nach unendlicher Trübsal wirst du, verlassen von allen deinen Gefährten und unbekannt wie ein Bettler, auf fremden Schiffen heimkehren, und auch zu Hause wirst du nur bitteres Elend finden. Andere werden von deiner Habe prassen, um deine Gattin werben und deinem Sohne Todesschlingen legen. Dann aber wird sich eine Gottheit deiner erbarmen, daß du mit List oder Gewalt die unbefugten Gäste in deinem Palaste tötest. Aber eben das wieder wird dich zwingen deinen väterlichen Wohnsitz zu verlassen und tief im Lande dich anzubauen, wo sie weder Schiffe noch Segel kennen. Dann laß dir das ein Wahrzeichen sein: wenn du auf deinem Zuge, das Ruder auf der Schulter tragend, einem Manne begegnest, der dir sagt, du tragest eine Schaufel Nichts weiter sagt der Seher in sinniger Einkleidung als: Bist du einmal wieder in sicherem Besitze deines Hauses, so bleib ruhig daheim und meide das gefahrvolle Leben auf der See. – so bleib stehen; das ist der Ort, den die Götter dir als Ruhesitz für dein Alter bestimmt haben. Da wirst du mitten unter den Deinen nach einem glücklichen Greisenalter heiter und in Frieden sterben.« »Wohl, Teiresias«, sprach ich. »Das also wird mein Schicksal sein. Nun sage mir doch, ich erblicke dort unter den Schatten auch meine alte Mutter, aber sie würdigt den Sohn keines Wortes, noch schaut sie mir gerade ins Antlitz. Wie fange ich's an, daß sie mich erkennt?« »Welchen dieser Geister du auszuforschen verlangst«, versetzte Teiresias, »den laß von diesem Blute trinken, dann kommt ihm Bewußtsein und Sprache und alles menschliche Gefühl zurück; wer aber nicht trinkt, der schwebt besinnungslos und schweigend wieder vorüber.« »Und sogleich ließ ich die liebe Mutter zu dem Blute. Sie trank und erkannte mich plötzlich mit freudigem Schrecken. Ich erzählte ihr kurz die Geschichte meiner Leiden und fragte sie, wie sie gestorben sei, und was der Vater, die Gattin und der liebe Sohn zu Hause mache. Sie sagte mir, daß alle drei noch lebten und täglich mit Sehnsucht an mich dächten; der Vater sei schon ganz schwach vor Alter geworden; er wohne nicht mehr im Palaste, sondern auf dem Lande, wo er sich einen Weingarten angelegt habe. Alle Pracht des Reichtums, sagte sie, verschmäht er und alle Bequemlichkeit flieht er, so lange er dich nicht glücklich weiß. Er härmt sich darüber so ab, daß er ganz zum Kinde wird. Im Winter schläft er mit den Knechten in der Stube, neben dem Herde auf die Erde hingestreckt, und im Sommer bettet er sich auf den abgefallenen Blättern des Weingartens unter freiem Himmel. Und so wird ihn bald der Kummer verzehren, wie er mich verzehrt hat. Denn kein bösartiges Fieber, auch keine verderbliche Seuche hat mich dahingerafft; nur der Gram um dich, mein Sohn, hat mir das Leben geraubt.« »Sie ging, und an ihre Stelle drängten sich Scharen anderer Weiber, einst die Gattinnen berühmter Helden, die ich gekannt hatte. Sie tranken von dem Blute und erzählten mir ihre Schicksale. Aber mächtiger schwoll mir das Herz, als ich die Geister der lieben Freunde heranschweben sah, die einst vor Troja meine Kampfgenossen gewesen. Da war Agamemnon und Achilleus, Patroklos und Aias; denn sie alle hatte der Tod ereilt, ehe es ihnen noch vergönnt worden war das teure Vaterland wieder zu sehen. Agamemnon hier zu finden wunderte mich am meisten. Ich fragte ihn nach seinem frühen Ende, und er erzählte mir jammernd die traurige Geschichte. Sein Weib hatte sich während seiner Abwesenheit einen andern Buhlen erwählt, und als er nun unvermutet nach Hause gekommen war, hatten beide ihn meuchlerisch beim frohen Mahle, wie den Stier an der Krippe, erschlagen und mit ihm die Königstochter Kassandra, die er als Gefangene von Troja mitgebracht hatte, und wer ihm sonst noch anhing. Ich sollte dem Unglücklichen von seinen nachgebliebenen Kindern erzählen, aber ich Armer wußte ja selbst kein Wort aus Griechenland. Jedoch dem tapfern Achilleus konnte ich desto rühmlichere Thaten seines Sohnes Neoptolemos verkündigen, von dessen Tapferkeit im Kriege ich oft Zeuge gewesen, nachdem der Vater bereits gestorben war. Wie freute sich des Vaters matter Schatten noch in der Unterwelt darüber! Stolz schritt er über die Asphodeloswiese hin.« Diese Wiese, mit dem lilienähnlichen Asphodeloskraut bedeckt, ist Aufenthalt auserwählter Helden; nicht alle gelangten dorthin. Auch die deutschen Sagen kennen eine Aue der Seligen, wie z. B. Kinder, die in Brunnen fallen, durch grüne Wiesen in das Haus der freundlichen Frau Holla gelangen. »Auch längst gestorbene berühmte Helden der Vorwelt erblickte ich von ferne. Minos, der weise Beherrscher und Gesetzgeber von Kreta, setzte noch jetzt im Hades als bloßer Schatten sein Königsamt fort, und Orion, der wilde Jäger, trieb auch hier noch mit gewaltiger Keule zahlloses Wild vor sich her. Tityos, jener riesige Sohn der Erde, der es einst freveln Mutes gewagt hatte die göttliche Leto, die Mutter des Apollon und der Artemis, zu entehren, als sie nach Pytho ging, lag hier zur Strafe am Boden fest geschmiedet, und ein gieriges Geierpaar hackte ihm die Leber aus dem Leibe.« »Nicht minder schrecklich war die Strafe des Sisyphos, der einst als König viele Ungerechtigkeiten auf Erden verübt hatte. Er war hier verdammt zu der Qual einer ewig vergeblichen Arbeit. Einen schweren Stein mußte er eine steile Anhöhe hinaufwälzen, und jedesmal, so oft er ihn dem Gipfel nahe gebracht hatte, verließ ihn die letzte Kraft, und der tückische Fels glitt ihm aus den Händen zurück und stürzte rollend bis tief unten ins Thal hinein. So begann die beschwerliche Arbeit immer von neuem und war doch immer wieder vergeblich.« »Auch den Tantalos sah ich, jenen berühmten König, den Zeus selber würdigte an seiner Tafel zu sitzen und mit den Göttern zu schmausen. Aber sein eitles Herz war zu schwach für so große Ehre; er mißbrauchte das Vertrauen der Götter und schwatzte ihre Geheimnisse aus, und dafür wird er nun in der Unterwelt mit schrecklicher Marter gequält. Ein glühender Durst foltert ihn unaufhörlich, und ob er gleich bis an den Hals im Wasser steht und herrliche Birn-, Feigen- und Apfelbäume ihre süßen Früchte über sein Haupt hinbreiten, so kann er doch nie die brennende Begierde stillen. Denn so oft er sich zum Wasser bückt, versiegt plötzlich die Flut, und so oft er die Hand erheben will, um der saftigen Früchte eine zu pflücken – rasch beugt ein Sturmwind die Äste zurück und schleudert sie hoch in die Wolken.« »Endlich sah ich auch noch den Schatten des Herakles. Er selbst wohnt im Olymp bei den seligen Göttern, wo er in Hebes Armen Götterglück genießt, zum Lohn für alle seine Erdenmühen; nur sein Schatten ist im Hades. Auch Theseus und Pirithoos gingen in der Ferne an mir vorüber. Ich aber wagte nicht länger an diesem Orte des Grauens zu verweilen, sondern erfüllt von dem, was ich gesehen und gehört hatte, kehrte ich hastig mit den Gefährten um, suchte unser Schiff auf und ruderte wieder durch den Okeanos in das weite Meer hinaus.« »Ein günstiger Wind trieb uns glücklich wieder an die Insel der Kirke. Hier war unser erstes Geschäft dem Leichname unseres Freundes Elpenor einen Scheiterhaufen am Gestade zu errichten, die Asche zu begraben und darüber einen Hügel zu türmen, aus welchem das Ruder hervorragte, das er im Leben geführt hatte. Kirke hatte kaum von unserer Ankunft gehört, als sie uns sogleich freundlich aufsuchte und uns zu essen und zu trinken schickte. Wir mußten es uns noch einen Tag bei ihr gefallen lassen, und erst am folgenden Morgen erlaubte sie uns weiter zu segeln. Während die andern schmausten, nahm sie mich beiseite und gab mir heilsame Ratschläge für meine bevorstehende Reise. Zuerst warnte sie mich vor schwimmenden Felsen, bei denen ich vorbeikommen würde, dann vor den Sirenen, die mit hinreißendem Gesange alle Vorüberreisenden an sich locken und ihnen den Tod bereiten. Weil es aber nicht möglich ist, fuhr sie fort, den verführerischen Gesange zu widerstehen, so nimm hier diese Scheibe Wachs, knete daraus Pflaster und verklebe damit beizeiten die Ohren deiner Gefährten; dich selbst aber laß an den Mastbaum binden, und wenn du, hingerissen von dem Zaubergesange dich loszumachen strebst, dann mögen jene die Bande verdoppeln, bis ihr vorüber seid. Noch eine weit größere Gefahr harrt deiner in der schrecklichen Meereskluft, wo Skylla und Charybdis hausen. Hier drängt sich das Meer zwischen zwei schroffe Felsen hinein, die kaum einen Bogenschuß weit voneinander abstehen. Tief an dem Fuße des einen lauert Charybdis, das eine Ungeheuer, und schlürft mit gewaltigen Zügen unendliche Ströme Wassers in sich, auch Schiffe und Menschen und was ihr zu nahe kommt, und lange nachher speit sie es im Strudel zerschmettert wieder von sich. Vor dieser Seite hüte dich und halte dich mehr auf der andern, wo das zweite Ungeheuer, die Skylla, haust. Die hat sechs lange Hälse und Köpfe, zwölf Füße, und in jedem Rachen drei Reihen Zähne, womit sie Seehunde und Delphine zermalmt, die sie im schnellen Untertauchen mit ihren langen Hälsen erhascht. Auch du, wenn du hindurch ruderst, wirst diesem Wächter einen schrecklichen Zoll zahlen müssen, denn mit jedem Rachen wird er dir rasch einen Gefährten von der Ruderbank wegschnappen; aber besser, daß du sechs Mann verlierest, als daß dein ganzes Schiff in der Charybdis Strudel unterginge. Endlich warne ich dich noch vor den heiligen Stieren des Helios auf der Insel Thrinakia. Vergreift ihr euch an einem von diesen, dann wehe dir! du wirst eine bittere Heimkehr finden.« »Durch Kirkes Güte wurden wir noch reichlich mit Lebensmitteln versorgt. Dann traten wir bei einem günstigen Winde, den uns die Göttin selbst nachwehen ließ, unsere Fahrt von neuem an. Den Irrfelsen wichen wir glücklich aus, und als ich die Sirenen in der Nähe vermutete, nahm ich meine Scheibe Wachs zur Hand und fing an kleine Kugeln zu kneten. Das sollt ihr vor die Ohren haben, sagte ich zu meinen Gefährten und erzählte ihnen, was mir Kirke gesagt hatte. Sie ließen sich geduldig die Ohren verkleben, und ich gab Stricke heraus, womit sie mich an den Mastbaum binden mußten. So ruderten wir den Sirenen entgegen. Und siehe, reizende Mädchenköpfe blickten vom grünen Strande her, und zarte Arme, glänzender als Alabaster, streckten sich verlangend nach uns aus. Aber über alles sanft und melodisch waren die schmelzenden Stimmen, welche von den rosigen Lippen ertönten.« »Komm«, so lautete ihr lockender Gesang, »komm, preisvoller Odysseus, du berühmtester der Achäer; lenke dein Schiff zu uns her ans Gestade und laß dir unsere Lieder gefallen. Noch ist hier keiner vorübergesegelt, der sich nicht derselben erfreut hätte. Komm, wir wollen dir singen von Troja und von deinen Freunden, von den toten und von den lebenden; denn wir wissen alles, was vorgeht auf dem weiten Raume der Erde,« »Also sangen jene. Mich aber ergriff heißes Verlangen noch weiter ihrer Stimme zu lauschen. Ich strebte mich loszumachen, ja ich bat die Freunde mit Winken und Mienen, aber sie banden mich nur fester, bis wir die Singenden weit hinter uns hatten und leiser, immer leiser der zauberische Klang verhallte. Da erst lösten sie meine Bande und nahmen sich selber das Wachs aus den Ohren.« »Als wir danach auf die Insel zusegelten, erblickte ich schon von ferne mit Grausen die schroffen Felsen, und meinen Ruderern erstarrten die Arme, als sie den Donner der wütenden Brandung vernahmen. Ich ermahnte sie mit aller Anstrengung so schnell als möglich hindurchzurudern, und dem Steuermanne befahl ich, sich auf der rechten Seite zu halten, damit wir nicht in den Strudel der Charybdis hinabgerissen würden. Von der fürchterlichen Skylla schwieg ich weislich, sonst hätte mir niemand ferner gerudert, sondern alle hätten sich in dem Schiffsraume verkrochen. Indem ich nun, völlig gerüstet und zwei Speere in der Hand haltend, auf dem hohen Verdeck da stand und links in den schäumenden Strudel staunend und zagend hinabsah – da auf einmal hörte ich ein Wehgeschrei zur Rechten, und siehe, das fürchterliche Ungeheuer zog eben mit seinen sechs Rachen sechs meiner besten Ruderer in die Luft, wie ein Fischer den zappelnden Fisch an der Angel hinaufschwingt. Wir alle erschraken und jammerten laut; die armen Ergriffenen riefen mich flehend um Hilfe an, aber was konnte ich thun? Ich mußte nur treiben, daß das Schiff vorwärts kam, damit wir in der furchtbaren Kluft nicht noch mehr Unheil erlebten. Endlich kamen wir glücklich hinaus und wendeten unsere Augen an dem herrlichen Anblick der grünen Hügel Thrinakias, von denen wir schon im Schiffe das Gebrüll der herrlichen Rinder und das friedliche Geblök der Schafherden hörten. Helios, der Sonnengott, hatte diese Herden der Hut zweier Nymphen übergeben und ergötzte sich an ihnen, so oft er seinen goldenen Wagen über Thrinakias Berge hinlenkte. Nimmer vermehrten oder verminderten sie sich, denn ihre Zahl war abgemessen, auch alterten sie nicht, sondern glänzten in unvergänglicher Jugendfülle.« »Freunde«, sprach ich, »das ist die Insel, an die unser Schicksal geknüpft ist. Schon sehe ich die verführerischen Herden des Helios, auf deren Berührung der Tod steht. Laßt uns lieber der Versuchung entfliehen und steuert an dieser Küste vorbei; wir finden ja wohl ein anderes Eiland, um anlegen zu können.« »Aber das war ihnen eine unwillkommene Rede. Ein allgemeines Murren erhob sich, und der widerspenstige Eurylochos nahm das Wort und sprach: »Grausamer Mann, du trotzest vor Mut, denn dir erschlafft nie ein Gelenk, du bist wie von Stahl und Eisen. Aber wir andern alle sind von der schweren Arbeit so ermattet, daß wir nicht weiter können, und du willst uns nicht einmal die nötige Erquickung vergönnen? Blind sollen wir in die Nacht hineinrudern, wo wir weder Weg noch Steg kennen und wo wir verloren sind, sobald sich nur ein widriger Wind erhebt! Laß uns doch wenigstens ans Land stoßen, damit wir dort etwas Nahrung zu uns nehmen und die Nacht bei dem Schiffe ausruhen. Morgen mit dem Frühesten können wir ja dann wieder einsteigen und ins offene Meer steuern.« »Alle stimmten in dies Verlangen ein, und ich sah nun wohl, daß ein Gott mir zuwider war und Böses über uns verhängte. Da sprach ich zu ihnen: Ihr alle zwingt mich Einzelnen leicht zum Gehorsam; allein schwört mir keines jener Tiere anzurühren, sondern euch mit der Speise zu begnügen, welche uns Kirke mitgegeben hat. Das schwuren sie bereitwillig, und so legte der Steuermann am Ufer an.« »Wir stiegen aus und aßen zu Nacht. Dann schütteten wir im Gespräch den Gram des Herzens aus über den schrecklichen Tod unserer lieben Gefährten, und spät erst stillte der süßbetäubende Schlummer unsere Thränen. Aber ach, welch ein Erwachen stand uns bevor! Noch war die Nacht nicht vorüber und die letzten Sterne funkelten noch am Himmel, als ein ungeheurer Orkan sich erhob und Meer und Land sich in dickes, schwarzes Gewölk verhüllte. Mit dem Anbruch des Morgens zogen wir unter fürchterlichem Regen das Schiff in eine Felsgrotte und bargen uns selbst, so gut wir konnten.« »Freunde«, sprach ich, »wir kommen heute nicht fort von dieser Insel, aber wir haben zum Glück noch Vorrat von Speise und Trank im Schiffe. Darum beschwöre ich euch nochmals, rühre mir keiner die heiligen Stiere an, damit uns nichts Böses begegne.« »Sie alle versprachen's und ich beruhigte mich. Aber den ganzen Monat hindurch wechselte Südwind mit rauhem Ostwinde, und wir mußten noch immer liegen bleiben. So lange es an Speise und Wein nicht fehlte, schonten meine Gefährten der Rinder in ängstlicher Sorge für ihr eigenes Wohl. Als aber endlich der ganze Vorrat verzehrt war, da zerstreuten sie sich und suchten kümmerlich Muscheln zu ihrer Nahrung, oder sie fingen sich Fische oder schossen einmal einen Vogel aus der Luft. Allein das alles reichte nicht hin den nagenden Hunger zu stillen. Da ging ich einmal weit weg vom Schiffe, trat ans Ufer, wusch die Hände in der heiligen Meeresflut und flehte lange und inbrünstig zu den Göttern, meinem Elend ein Ende zu machen. Und als ich so heiß gebetet hatte, überfiel mich ein tiefer Schlaf, und ich sank ermattet am Gestade nieder.« »Inzwischen erwachte in meinen Gefährten die böse Begierde ihren Schwur zu brechen. Vorzüglich ermunterte jener Eurylochos sie mit trüglichen Worten zum Ungehorsam. Wie? sagte er, ist uns einmal der Tod bestimmt, so mag uns Zeus lieber auf einmal im Schiffe zerschmettern, als daß wir hier langsam von des Hungers fürchterlichster Qual verzehrt werden. In dieser Not kann der Raub kein Unrecht mehr sein. Auf! laßt uns einige jener Stiere fangen und opfern, und dem beleidigten Sonnengott einen stattlichen Tempel in Ithaka geloben, sobald wir glücklich nach Hause gekommen sein werden.« »Leicht waren die Gemüter überredet. Die besten Rinder wurden gefangen und den Göttern unter Gebet und Gelübden geopfert. Statt der heiligen Gerste streuten sie zartes Eichenlaub unter, und statt des Weines besprengten sie die Eingeweide mit Wasser.« »Eben als auf kunstlosem Altare die fetten Hüftenstücke bratend aufdampften, erwachte ich von meinem langen Schlummer und lief eilig herbei. Götter! wie ward mir, als mir der unerwartete Duft schon von ferne entgegenwehte! Vergebens zürnte ich mir selbst, daß ich mich so weit entfernt hatte, vergebens schalt ich die Gefährten; ach, nun war ja alles zu spät! Aber Kalypso hat mir nachher erzählt, wie die Nymphen sogleich den Raub angezeigt, wie mich Helios darauf beim Zeus verklagt und gedroht, wenn er nicht Genugthuung erhalte, so wolle er nicht mehr den Göttern und Menschen, sondern nur den Unterirdischen leuchten; darauf habe Zeus ihm heilig versprochen mein ganzes Schiff zu zertrümmern, sobald ich mich wieder auf dem Meere würde sehen lassen. Ach, ich armer Mann, was sollte ich noch alles erdulden! Hätte ich's vorher gewußt, ich hätte es für unmöglich gehalten.« »Nur sechs Tage reichte das Fleisch der Rinder zu, aber am siebenten legte sich der Ostwind, und der Himmel versprach uns eine ruhige Fahrt. Wir stiegen also schnell ein und eilten mit schimmernden Segeln der vaterländischen Küste zu. Indessen waren wir nicht lange gefahren, als sich plötzlich ein gewaltiger Westwind erhob, der dunkle Gewitterwolken über uns auftürmte. Unter den Schlägen des Donners und dem Geheul des Sturms schwankte unser schwaches Fahrzeug hin und her und füllte sich ganz mit Wasser. Und auf einmal – mit lautem Gekrach – brach der Mast mitten entzwei und erschlug im Fallen den Steuermann, daß er kopfüber ins Meer stürzte. Und gleich darauf zuckte ein fürchterlicher Blitz herunter, schlug mir die Wände des Schiffs platt ab, und alle Gefährten stürzten hinaus, wie sie auf den Ruderbänken gesessen hatten. Schwimmend tauchten sie rings um die Trümmer des Schiffes noch eine Weile auf, faßten auch wohl in der Angst ein Brett, aber bald entfloh einem nach dem andern kraftlos der Atem. Ich hatte mich fest an den Kiel geklammert, und als ich den zerbrochenen Mastbaum, welcher neben mir schwamm, mit dem großen Segeltaue erreichen konnte, nahm ich dasselbe und band den Kiel mit dem Mastbaum zusammen. Auf diesem elenden Floß suchte ich mich mühsam zu erhalten, da verwandelte sich der Westwind plötzlich in Süd und trieb mich in gerader Richtung wieder in die Meerenge der Skylla zurück. Nur warf mich die Flut diesmal mehr nach dem Strudel der Charybdis hin. Mir gleichviel! Denn hier wie dort schien ich verloren; nur ein Wunder konnte mich retten.« »Und siehe! Es war aus einer mit Moos und Erde bedeckten Klippe, welche dicht über dem Schlunde der Charybdis hing, ein Feigenbaum hervorgewachsen. Als nun der jähe Wirbel des Stromes mich in den Abgrund schleudern wollte, ergriff ich mit beiden Händen den schlanken Stamm und schwang mich schnell auch mit den Beinen hinauf. Hier schwebte ich zwischen Tod und Leben, indes mein Floß in die Tiefe versunken war. Aber ich wußte, daß das Ungeheuer alles bald wieder ausspeie, und so hoffte ich denn mein treues Floß, meine einzige Rettung, auch bald wieder hervortauchen zu sehen. Es kam glücklich zurück; ich wagte den schnellen Sprung, klammerte mich fest an dasselbe und ward durch dieselbe Gewalt des Strudels wieder aus der Kluft hinaus ins hohe Meer getrieben. Der Sturm hatte sich unterdessen gelegt, und ich ruderte nun auf gut Glück mit bloßen Händen neun Tage auf dem Meere umher, fast aufgerieben vom grimmigsten Hunger. Am zehnten Tage erreichte ich glücklich das Land. Es war die Insel Ogygia, wo Kalypso wohnt, die mich neun Jahre allein dort festgehalten hat, wie ich euch gestern schon erzählt habe. Was soll ich es also wiederholen? Ohnehin ist Mitternacht schon vorüber, und die sinkenden Sterne mahnen zum Schlummer.« Zehnter Abend. Auf dem Boden der Heimat. Noch waren alle Augen unverwandt auf den Erzähler gerichtet, der so wunderbare Schicksale und Abenteuer bestanden und sich aus allen mit so großer Kühnheit und Besonnenheit gerettet hatte. Alkinoos, wie reichlich er auch seinen Gast bereits beschenkt hatte, glaubte doch solch einen Mann noch höher ehren zu müssen und schlug daher vor, daß jeder der zwölf Fürsten noch ein dreifüßiges ehernes Geschirr und ein Becken zu den früheren Geschenken hinzufügen solle. Sie waren's alle zufrieden und verließen den Palast, um sich in ihren Wohnungen zur Ruhe zu begeben. Mit dem Anbruch der Morgenröte waren sie wieder beisammen. Ein jeder kam mit seinem Geschenke, und Alkinoos selber stieg in das Schiff, besah es überall und ließ sich die Sachen hineinreichen, um sie an die bequemsten Orte unter den Ruderbänken zu packen, damit sie weder dem Odysseus noch den Rudernden im Wege stünden. Darauf versammelten sich alle die Fürsten und Edeln noch einmal zum Abschiedsopfer im Königspalaste, wo Alkinoos dem Zeus ein junges Rind opferte und das Fleisch davon seinen Gästen zum besten gab. Die Herolde mischten Wein, auch sang der treffliche Sänger wieder. Odysseus aber sehnte sich ungeduldig nach der Heimkehr und redete den König also an: »Hochgepriesener Held Alkinoos, mächtigster König, und ihr übrigen Fürsten der Phäaken, entsendet mich jetzt, da alles vollbracht ist, was mein Herz sich gewünscht hat. Ich habe nun eine sichere Fahrt und werte Geschenke. Mögen mir die Götter eure Gaben segnen, und möchte ich zu Hause meine Gattin und alle Freunde wohlbehalten antreffen! Ihr aber, die ich jetzt verlasse, beglückt die Weiber eurer Jugend und die teuren Kinder lange in Freude! Die gütigen Götter mögen euch Heil und Tugend verleihen, und nimmer erhebe sich Böses im Volke!« Allen gefiel diese herzliche und verständige Rede. Der König gab hierauf den Wink zum Aufbruch, doch mußte der Herold noch einmal zum letzten Sprengopfer den Gästen Wein herumreichen. Jeder sprengte von seinem Sitze den seligen Göttern mit halblautem Gebete. Da stand Odysseus auf, reichte seinen Becher der Arete zum Abschiedstrunke und sprach zu ihr die freundlichen Worte: »Leb auf immer wohl, o Königin, bis Alter und Tod sanft über dich kommen, die ja allen Menschen bevorstehen. Jetzt muß ich von dir scheiden; du aber freue dich lange hier im Palaste deiner Kinder, deines Gemahls und deines Volkes.« Er ging nun eilig davon, und ein Herold begleitete ihn an den Strand. Auch sandte die Königin noch drei Mägde, um ihm die saubern Gewänder und die Reisezehrung nachzutragen. Sie legten alles ordentlich im Schiffe beiseite, und für Odysseus breiteten sie auf dem Steuerdeck ein zottiges Fell und eine Decke aus, damit er ruhig schlafen könne. Nachdem sie alles besorgt hatten, stieg er selbst hinein und legte sich nieder; die Ruderer nahmen ihre Sitze ein, und, sich weit hintenüber beugend, schlugen sie kräftig mit ihren Rudern das Meer. Das Schiff glitt über die Fläche leicht wie ein Vogel. Odysseus aber sank in tiefen, tiefen Schlaf. Der tapfere Held, der so viele Thaten verrichtet, so viele Leiden erduldet hatte, da lag er nun gleich einem Toten und schlief so ruhig, als ob alle Leiden nur ein Traum gewesen wären. Eben ging der Morgenstern auf – denn sie waren schon die ganze Nacht hindurch gefahren – als das Schiff in einer Bucht von Ithaka landete. Selbst der starke Stoß des auf den Kiessand laufenden Schiffes konnte den Helden nicht ermuntern, und die Jünglinge, die dem armen Dulder seinen Schlaf von Herzen gönnten, faßten leise die Zipfel des Unterbettes und des Leintuches, auf dem er ruhte, und trugen ihn so sanft ans Land. Auch die Geschenke packten sie schweigend aus und stellten sie neben ihn, abseits von dem Wege, unter einen Ölbaum, und dann setzten sie sich wieder in ihr Schiff und steuerten fröhlich nach Hause. Die Unglücklichen! sie entrannen der Rache Poseidons nicht. Er sah sie zurückfahren und versteinerte ihr Schiff wie einen Felsen im Meer, und um die Stadt der Phäaken türmte er einen hohen Felswall. So erfüllte sich an dem gutmütigen Volke die alte Weissagung. Unterdessen erwachte Odysseus auf dem feuchten Boden. Er sah sich um; ein trüber Nebel umhüllte rings die wilde Gegend, und der Arme erkannte sein Vaterland nicht. »Wehe mir!« rief er aus, »an welches fremde Land haben mich diese trügerischen Männer ausgesetzt? Ist das die Treue der Phäaken? Wer mag hier wohnen? Unbändige, grausame Horden vielleicht! Wohin wende ich mich? Wo berge ich diese Güter? Ha, wäre ich nimmer zu diesen heimtückischen Phäaken gekommen! Aber Zeus möge es ihnen vergelten, daß sie solche Ungerechtigkeit an hilfebittenden Fremden üben. Gestohlen mag mir ohnehin genug sein. Ich will nur einmal nachzählen und alles durchmustern. – – Nein, daran fehlt nichts, das ist alles richtig. Ach! aber –« Er wankte trostlos am Gestade umher und erforschte die Gegend. Da kam Athene in der Gestalt eines schönen Hirtenknaben auf ihn zu, einen Wurfspieß in der Hand und Sohlen an den Füßen. Freudig erblickte Odysseus den Knaben, ging ihm schnell entgegen und redete ihn an: »Lieber, sei mir gegrüßt, da du mir zuerst hier im fremden Lande begegnest. Sei mir nicht feindlich gesinnt; denn wie zu einer Gottheit flehe ich zu dir und umfasse mit Demut dir die zarten Kniee. Vor allen Dingen sage mir, wo bin ich hier? Wie heißt das Land, und was für Männer bewohnen es? Ist es eine Insel oder eine vorragende Küste des festen Landes?« »Du mußt wohl aus weiter Ferne kommen, Fremdling«, versetzte der Gefragte, »weil du dieses Land nicht kennst, denn wahrlich! es ist berühmt genug. Zwar ist's rauh und gebirgig und taugt nicht, um Rosse darauf zu tummeln, aber Getreide und Wein gedeiht hier trefflich, und an Rinder- und Schafherden ist ein reicher Segen. Bäche tränken das Land, und überall wuchert herrliche Waldung. Wahrhaftig, Ithakas Ruf ist bis Troja gedrungen, und das, sagen die Leute, liegt sehr weit vom achäischen Lande.« »Ithakas Ruf!« Also war es wirklich Ithaka, wo der Zweifelnde stand? wirklich das liebe, lang ersehnte Vaterland? Welche Freude! Aber noch mißtrauend verbarg er seine Empfindung; er wollte noch nicht verraten sein. »Ja wohl«, sprach er kalt, »habe ich den Namen oft in Kreta, meiner Heimat, gehört. Flüchtig komme ich jetzo von dorther; phönikische Männer haben mich freundlich hierher geführt mit diesen Gütern; denn ich habe zu Hause einen Königssohn erschlagen, der mir meine Beute vom Trojanerkriege streitig machen wollte. Darum mußte ich Weib und Kind verlassen, und – – »Schweig«, unterbrach ihn Athene, indem sie sich plötzlich in ein blühendes Mädchen verwandelte und ihn freundlich mit der Hand streichelte. »Du bist doch immer der Alte, und darum liebe ich dich eben und habe dich immer beschützt und dir auch anderer Liebe erworben, zumal bei den Phäaken. Spare bei mir die List, wir kennen uns ja; ich bin Pallas Athene und komme jetzt mit dir zu erwägen, wie du deine reichen Geschenke bergest und die übermütigen Freier in deinem Hause züchtigest. Denn sie treiben's nun schon drei Jahre lang und umwerben deine sittige Gattin mit Heiratsgeschenken. Aber sie verweigert es allen; sie hält nur dich im Herzen und sehnt sich unsäglich nach deiner Zurückkunft.« »Ha wahrlich«, versetzte Odysseus, »es ist schwer, o Göttin, dich in menschlicher Hülle zu erkennen. Zwar bist du mir oft erschienen im Kampfe und in andern Nöten, aber verzeih, oft schien mir's in meinen letzten Drangsalen, als habest du mich verlassen und als sollte ich nie dich wiedersehen. Aber sage mir, wie kann das Ithaka sein! Ich erkenne noch immer nicht die wunderbare Gegend.« »Ich habe dich nie vergessen«, antwortete die Göttin, »aber ich wollte nicht dem mächtigen Poseidon zuwider handeln, meinem erhabenen Oheim, der dich mit seiner Rache verfolgte. Auch wußte ich ja, daß gänzliches Verderben dir nie vom Schicksale bestimmt war; daher blieb ich ruhig. Jetzt endlich komme ich wieder, um dir zu raten. Aber damit du mir völlig trauest, so laß dir die Gegend zeigen. Siehe hier ist die Bucht, Phorkys, dem Seegott geweiht. Dort am Gestade grünt der weitschattende Ölbaum, den du als Knabe so oft erklettert; hier ist die weite Felsengrotte, in der du den Nymphen so manches Opfer gebracht hast; dort das Gebirge mit der dunkeln Waldung ist Neriton. – Besinnst du dich noch nicht?« So sprach sie und zerstreute die Nebel, so daß die Gegend hell vor ihm lag. »Ja, ja!« rief er entzückt aus, fiel nieder auf sein Angesicht und küßte die heilige Muttererde und betete mit aufgehobenen Händen zu den Nymphen, den Schutzgöttinnen des Ortes, auf dem er stand. »Ja, dort ist die Grotte der Nymphen! Hohe Najaden, nicht hoffte ich mehr euch jemals wieder zu sehen. Aber seid mir nun im frommen Gebete herzlich begrüßt! Bald hoffe ich euch wieder dankbare Gaben, wie sonst, zu spenden, wenn mir des Zeus siegende Tochter Leben und Heil vergönnt und den lieben Sohn mir erhielt!« Jetzt erinnerte ihn Athene, daß es nötig sei seine Kostbarkeiten zu verbergen, damit sie ihm nicht entwendet würden. Sie stieg zu dem Ende selbst in die Grotte, und Odysseus reichte ihr Stück für Stück sowohl von den feinen Gewändern als von den kostbaren Gefäßen zu. Sie verbarg alles sorgfältig in einem Winkel und wälzte einen Stein vor den niedrigen Eingang. Dann ließ sie sich mit dem Helden unter dem alten Ölbaume nieder, noch ferner Rats mit ihm zu pflegen. So sehr sie ihm ihren Beistand versprach, so dringend empfahl sie ihm doch Vorsicht, weil der Freier über hundert seien. Vor allen Dingen meinte sie, dürfe niemand etwas von seiner Ankunft ahnen, bevor er nicht unter der Hand seine Freunde kennen gelernt und eine Anzahl zuverlässiger Anhänger heimlich auf seine Seite gebracht habe. Darum wolle sie seine Gestalt umwandeln, damit er allen unkenntlich sei, und ihm einen Anzug verschaffen, in welchem niemand auf der ganzen Insel den großen König erkennen solle. Sie berührte ihn darauf sanft mit dem Stabe, und sogleich schrumpfte das schwellende Fleisch und der schlanke Wuchs der Glieder zusammen, es verhärtete sich die Haut in grobe Runzeln, wie bei einem Greise, der stolze Nacken krümmte sich, das braune Haar fiel aus, und blöde wurden die feurigen Augen, die sonst von Mut und Heiterkeit strahlten. Aus den langen glänzenden Gewändern, die in weiten Falten seinen Leib umhüllten, wurde ein grober häßlicher Kittel, zerlumpt und garstig eingeräuchert, und als Mantel hängte sie ihm ein altes abgetragenes Hirschfell um. Den Bettleraufputz zu vollenden, verehrte sie ihm noch einen geflickten Ranzen an einem geflochtenen Tragbande und gab ihm einen knotigen Knittel in seine Hand. In diesem Aufzuge befahl sie ihm den Sauhirten aufzusuchen, der einer der treuesten Anhänger des königlichen Hauses und ein Erzfeind der Freier sei, und von dem er bald mehr erfahren werde. Sie wolle unterdessen dem jungen Telemachos entgegeneilen, denn dieser kehre soeben von Sparta zurück, und schon laure auf ihn im Hinterhalte zu Schiffe die Schar der Freier. Allein sie werde ihre Anschläge vereiteln und hoffe den Jüngling bald seinem Vater wohlbehalten in die Arme zu führen. So trennten sie sich. Odysseus aber erklomm den rauhen Pfad über die waldbewachsenen Berghöhen nach der Richtung hin, wo ihm Athene die Wohnung des braven Sauhirten Gumäos bezeichnet hatte. Dieser Mann war eigentlich der Oberaufseher der sämtlichen Schweineherden des Königs und hatte vier Knechte unter sich, denen das Austreiben und Hüten oblag, und die mit den gemästeten Tieren gewöhnlich erst abends spät aus den umliegenden Eichen- und Buchenwäldern nach Hause kamen. Auch war nach den Begriffen jener Zeit der alte Sauhirt gar kein verachteter Mann, und es war nichts weniger als schimpflich in seiner Gesellschaft zu sein. Odysseus selber hatte ihn ehedem wegen seiner Einsicht und Treue immer wert gehalten und freute sich auch jetzt insgeheim darauf den ehrlichen Mann wiederzusehen, aber er durfte sich vor der Hand noch nichts merken lassen. Der alte Sauhirt hatte sich aus eigenem Antriebe, wider den Willen der Penelope, ein geräumiges Gehege und für seine Schweine zwölf große Kofen darin erbaut, wozu er die Steine mühsam zusammengeschleppt hatte. Der Zaun bestand teils aus festen Eichenpfählen, teils aus lebendigen Hagedornhecken. In dem Gehege stand seine eigene Hütte, ärmlich, aber bequem, und alles zeigte einen thätigen und ordnungsliebenden Haushalter. Leider war nur trotz seines Eifers eine große Verminderung der Tiere entstanden, denn schon seit drei Jahren hatte er täglich auf Befehl der Freier ein fettes Mastschwein nach der Stadt senden müssen, und das hatte allmählich selbst den fürstlichen Reichtum gewaltig beschränkt. Es waren ihrer nur noch dreihundert und sechzig. Der wackere Sauhirt saß eben in der Halle vor seiner Hütte und schnitt sich aus einer Rindshaut Sohlen, sie unter die Füße zu binden, wenn er einmal nach der Stadt ginge. Neben ihm lagen vier große Hunde, wolfsähnlich von Ansehen. Als diese den Odysseus mit dem Bettlerranzen von weitem ankommen sahen, sprangen sie bellend auf und rannten ihm wütend entgegen. Er ließ absichtlich seinen Stab aus der Hand fallen und setzte sich ruhig nieder zur Erde, um so klüglich die Wut der Hunde zu bändigen. Dennoch hätten sie ihn vielleicht noch gepackt, wäre nicht der Sauhirt schnell hinter ihnen hergesprungen, indem er sie mit Rufen und Steinwerfen zum Gehorsam brachte. Er hatte in der Eile Leder und Messer aus der Hand geworfen und freute sich, daß er noch eben zur rechten Zeit erschienen war. »Tausend!« rief er, »da fehlte nicht viel, so hätten dich die Bestien zerrissen, und ich müßte auf ewig den Vorwurf tragen. Ach, ich habe so schon Kummer und Trübsal genug; denn ich sitze hier und härme mich ab um meinen lieben Herrn, von dessen fettgemästeten Schweinen ich täglich den Schurken da drinnen das beste geben muß, indes er selbst vielleicht nicht das Brot hat und unter fremden Menschen wie ein Bettler umherirrt, wenn er ja noch leben und nicht vielleicht schon den Raubvögeln zum Fraße geworden sein sollte. Aber komm nur herein in meine Hütte, Alter, daß ich dir ein wenig Brot und Wein vorsetze und du mir dann nachher sagest, wer und von wo du bist, und was für traurige Schicksale dich in der Welt umhertreiben.« Odysseus folgte dem Sauhirten in seine Hütte, wo ihm dieser sogleich statt der Polster ein Lager von zusammengehäuftem Laub und Reisig mit einem darüber gebreiteten zottigen Ziegenfelle zurecht machte. Odysseus freute sich des gastfreundlichen Empfanges und sprach: »Möge dir Zeus gewähren, Freund, was du am liebsten wünschest, da du mich so gutherzig aufnimmst!« »Einen Gast muß man nicht verachten, Fremdling«, erwiderte der Sauhirt, und wenn er auch noch so gering wäre; denn alle Fremde und Darbende stehen ja unter dem Schutze des Zeus. Aber freilich, bei mir heißt's: arm und klein ist meine Gabe; denn du weißt wohl, ein Diener hat nicht viel zu verschenken, zumal so einer, wie ich, über den ein jüngeres Geschlecht als Herrscher waltet. Ja wenn mein alter Herr noch lebte und hier wäre auf der Insel, da hätte ich gute Zeit. Der hätte mich sorgfältig gepflegt und mir auf meine alten Tage ein kleines Eigentum gegeben dafür, daß ich ihm so lange treu gedient habe. Da hätte ich jetzt vielleicht ein Gütchen und ein liebes Eheweib und muntere Kinderchen. Aber der gute Herr ist dahin! O daß doch Helenas Stamm von Grund aus vertilgt würde, der so vielen tapfern Männern den Untergang gebracht hat!« Mit diesen Worten schürzte er sich den langen Hirtenrock in die Höhe und ging in einen der Kofen, wo Spanferkel in Menge lagen. Davon nahm er zwei heraus, schlachtete sie, sengte die Borsten ab, zerschnitt das Fleisch in Stücke, steckte es auf Spieße, die er langsam am Feuer herumdrehte, und bestreute es fleißig mit weißem Mehl. Als es gar gebraten war, legte er die Stücke vor den Wanderer hin, holte dann Wein herbei und mischte ihn in hölzerner Kanne. »Da, fremder Mann«, sprach er, »iß nun und trink, so gut wir Hirten es haben. Laß dir am jungen magern Fleisch genügen; denn die fetten Mastschweine sind für die Freier, die weder vor Göttern noch vor Menschen sich scheuen. Ich weiß es freilich nicht – sonst mißfällt doch den Göttern jede gewaltsame That, und nur Frömmigkeit und Billigkeit ehren sie; ja andere böse Menschen, selbst Räuber und Mörder, haben doch noch Scheu vor den Göttern, aber diese hier fürchten und achten nichts, und die Himmlischen zögern noch immer mit der Strafe. Ach, sie mögen wohl unter der Hand sichere Kunde haben, die Verruchten, daß Odysseus nicht mehr lebt, sonst würden sie nicht so frech seine Güter verprassen. Denn das geht Tag für Tag; die Hirten können nicht Schlachtvieh, die andern Diener nicht Brot und Wein genug für sie schaffen. Ach mein armer, armer Herr! Wahrlich er war der reichste an Gütern umher auf dem Lande und auf den Inseln. Kein König war so von den Göttern gesegnet. Außer mir dienten ihm noch drei Oberhirten, deren hatte jeder zwölf Herden unter sich: Rinder, Schafe und Ziegen. Ach, wie ist das alles jetzt geschmolzen!« Dem auf jedes Wort begierig horchenden Odysseus empörte sich das Herz; aber er unterdrückte den Grimm, und als er sich stillschweigend mit Speise und Trank gelabt hatte und der Hirt ihm den Becher reichte, trank er scheinbar fröhlich und sprach: »Wie wär' es, Freund, wenn ich dir Kunde von deinem Herrn, und zwar erfreuliche Kunde brächte? Nenne mir doch den mächtigen und reich begüterten Mann, welchem du dienst; vielleicht ist er von meiner Bekanntschaft, denn ich habe viel Menschen auf meinen weiten Reisen gesehen.« »O still«, erwiderte der Sauhirte, »erspare dir diese Mühe! Solcher Kundenbringer haben wir schon zu viele hier gehabt, und weil es bekannt ist, wie emsig die gute Penelope, wo sie nur kann, nach ihrem Gemahl forscht, so stellt sich fast alle vier Wochen ein armer Landstreicher bei ihr ein, lügt ihr vor, wie und wo er den Odysseus selbst gesprochen habe, und verdient sich damit statt seines Kittels einen wärmenden Mantel und Leibrock. Willst du die auch erhalten, so geh nur hin und ersinne ein Märchen. Sie glaubt jedem leicht, was sie so sehnlich wünscht. Aber er wird nicht wiederkehren! Wer weiß, an welchem felsigen Gestade seine unbegrabenen Gebeine bleichen! Wehe mir! wehe! Nicht Vater noch Mutter habe ich so lieb gehabt und betraure sie nicht so sehr als den lieben, gütigen Herrn. Ach was sage ich Herrn? Wie einen Bruder hat er mich immer freundlich und liebreich behandelt, wie einen Bruder habe ich ihn immer geliebt!« »Höre, Lieber«, sprach Odysseus, »weil du doch meinen bloßen Worten nicht trauest, so will ich's durch einen Eidschwur bekräftigen, daß dein Herr zurückkommen wird. Und ist er erschienen, so sollst du mir gleich zum Lohn für meine fröhliche Botschaft einen schönen Leibrock und Mantel schenken. Eher begehr' ich das nicht, wie sehr ich auch jetzt entblößt bin. Denn verhaßt wie der Tod ist mir der Elende, der Lügen schwatzt, um sich dadurch zu bereichern, drängte ihn der Mangel auch noch so sehr. Aber wohlan, so höre es denn Zeus und dieser gastliche Tisch hier und Odysseus' Herd, dem ich genaht bin, daß das alles geschehen wird, wie ich es jetzt verkündige: Wenn der jetzige Mond aufhört und der andre beginnt, wird Odysseus in seinem Hause sein und jeden züchtigen, der seine Gemahlin und seinen Sohn nicht geehrt hat!« »Still, still, Greis«, fiel hier der Sauhirt ein; »ich werde dir so wenig den Lohn für deine Botschaft bezahlen, als Odysseus sein Haus betreten wird. Trink nur und rede von etwas anderem. Den Eid mögen dir die Götter vergeben. Ach! ich werde immer trauriger. Jetzt jammere ich wieder am meisten um Telemachos, dem ein böser Geist eingegeben hat nach Kunde von seinem Vater auf dem Meere herumzuirren, und nun höre ich gar, daß die schändlichen Freier ihm mit einem Schiffe auflauern, um ihn zu töten, wenn er zurückkommt. Der ist also auch dahin, und Arkeisios' herrlicher Stamm soll dann in Ithaka gänzlich aussterben! – Aber erzähle du mir doch auch etwas von deinen Abenteuern, und wie du hierher gekommen bist.« Jetzt fing der erfindungsreiche Mann ein langes Lügengewebe an, worin er sich für den Sohn eines kretensischen Fürsten ausgab und viel von seiner ehemaligen Tapferkeit und Kriegslist rühmte. Er putzte seine Erzählung mit einer Menge auffallender Abenteuer auf, wie er bald große Ehre genossen habe, bald in Sklaverei geraten sei. In Troja war er natürlich auch gewesen und hatte da den Odysseus kennen gelernt, auch gute Waffengenossenschaft mit ihm gepflogen. Nachher wollte er wieder bei dem Könige der Thesproter etwas von ihm gehört haben; ja er versicherte, Odysseus habe diesen König eben verlassen, um des Orakels wegen eine Reise nach Dodona zu machen, gerade als er – der Bettler – daselbst angekommen sei, und was der Lügen mehr waren. »Gewiß, es ist, wie ich dir sage«, fuhr der Erzähler fort, »als ich bei dem Thesproterkönig zu Gaste war, hatte Odysseus sich eben nach Dodona begeben und wurde bald wieder zurück erwartet. Da zeigten sie mir noch die mitgebrachten, teils erbeuteten, teils geschenkten Güter, die er dort in Verwahrung gelassen hatte, und ich erstaunte über den gewaltigen Reichtum, den wohl der Nachkomme im zehnten Gliede noch nicht verbraucht. Noch mehr! ich habe das Schiff gesehen, worauf ihn die Thesproter nach Hause senden wollten, sobald er von Dodona zurückkäme. Mich entsandte der König früher, weil ich schnell nach Dulichion zu fahren begehrte und gerade ein Kaufmannsschiff dahin abging. Ach, das war mein Verderben! Die Schurken auf dem Schiffe wollten ihren Vorteil von mir ziehen und mich irgendwo unterwegs als Sklaven verkaufen. Ich sah mich plötzlich von ihnen überwältigt, sie rissen mir den Mantel samt dem Rocke vom Leibe und hängten mir die schmutzigen Lumpen um, in denen du mich hier siehst, um mein edleres Ansehen zu verbergen. An Händen und Füßen banden sie mich darauf und ließen mich im Schiffsraume liegen. So kam das Schiff hierher nach Ithaka. Sie legten an, um auszusteigen und am Lande die Nachtkost zu genießen. Mich ließen sie hilflos im Schiffe. Aber es war, als ob ein Gott mir die Bande lösen half; sie gingen leicht auf, da ich's versuchte, und kaum fühlte ich mich frei, so ließ ich mich leise am Steuer hinunter, legte mich mit der Brust aufs Meer und schwamm seitwärts fort ans Gestade, heimlich und von keinem gesehen. Hier kroch ich in ein dickes Gebüsch und drückte mich an die Erde nieder. Bald darauf hörte ich sie fluchen und toben, daß ich entsprungen sei; sie liefen auch viel am Gestade umher, indessen mochten sie es doch nicht für ratsam halten tiefer ins Land zu gehen. Sie gaben also die Hoffnung auf mich wieder zu finden, und reisten ärgerlich weiter. Da habe ich mich denn so hergeschlichen, bis ich eine menschliche Wohnung ersah, und ich freue mich nur auf einen so verständigen Mann getroffen zu sein. Daran erkenne ich, daß die Götter die Erhaltung meines Lebens wollen.« »Unglücklicher Fremdling«, versetzte der Sauhirt, »du hast mir das Herz bewegt. Aber sprich, warum hörst du nicht auf, mir vom Odysseus vorzufabeln, der doch nimmer wiederkehrt? Glaube mir, dieses Märchen habe ich schon so oft gehört, daß mich's verdrießt, wenn mich einer von neuem damit betrügen will. Damit wirst du dir meine Gunst nicht erschmeicheln, alter Mann; denn wenn ich dir Ehre erweise und Liebe, so thue ich das einzig aus Achtung vor dem gastlichen Zeus und aus Mitleid mit deinem Schicksale.« »Nein«, rief Odysseus fast zürnend, »ich kann dich nicht in dem starren Unglauben lassen. Nicht einmal mein Schwur bewegt dich mir Glauben zu schenken! Höre mich an: wir wollen einen Vergleich machen. Ich bleibe hier, bis Odysseus kommt, und ist er da, so sendest du mich, wohl ausgestattet mit Mantel und Leibrock, nach Dulichion, wohin mein Herz verlangt. Kommt dein Herr nicht in der bestimmten Zeit, so sollst du mich mit deinen Knechten binden und von diesem Felsen da hinabstürzen, damit auch andere Bettler sich scheuen Unwahres zu schwatzen. Bist du nun zufrieden?« »Behüten mich die Götter«, erwiderte der Sauhirt, »daß ich so etwas thäte! Das würde mir ein schönes Lob unter den Menschen erwerben, wenn ich einen armen Bittenden erst in die Hütte aufnähme und dann vom Felsen stürzte. Nimmer hätt' ich ja Freudigkeit nach solcher That zu Zeus zu beten!« Unter diesen Gesprächen war der Abend herangekommen, und die Unterhirten kehrten mit ihren Herden zurück. Ein gewaltiges Grunzen erscholl rings umher, und es dauerte lange, ehe die borstigen Tiere alle in ihr Gehege hinein kamen. Als sie sich endlich gefügt hatten, befahl der Sauhirt den Knechten ein fettes fünfjähriges Mastschwein herbeizuholen; denn er meinte, ob die Freier nun unrechtmäßigerweise täglich eins verzehrten, oder ob er sich und seinem lieben Gaste auch einmal gütlich thue, das möchte wohl so ziemlich einerlei sein. Während die Knechte draußen waren, spaltete er Holz und legte es an das Feuer. Als nun das Schwein ankam, schnitt er der Sitte gemäß zuerst das Stirnhaar ab und warf es den Göttern zu Ehren in die Flamme, wozu er ein leises Gebet sprach. Dann schlug er das Tier mit einem eichenen Knüttel, daß es niedersank. Nun schlachteten es die Knechte und vergaßen nicht die fetten Hüftenstücke den Göttern zu verbrennen. Darnach schnitten sie auch das andere Fleisch in Stücke, steckten es an Spieße, brieten es langsam und nahmen es dann wieder herunter. Jetzt, da das Mahl bereitet war, ließ sich's der wackre Sauhirt angelegen sein eine gerechte Teilung zu treffen. Er machte sieben Portionen, die erste ward für die Nymphen und den Hermes hinausgetragen, die andern waren für seinen Gast, seine vier Knechte und für ihn selbst bestimmt. Odysseus bekam einen langen Schnitt von dem fetten Rückgrate, ein Ehrenstück, welches man allemal dem Gaste zu reichen pflegte. Dieser freute sich herzlich darüber und sprach: »Braver Eumäos, mögest du vom Zeus so geliebt werden, als von mir, da du mich so mit Wohlthaten überhäufst!« »Iß, mein unglücklicher Freund«, erwiderte der gutmütige Mann, »und freue dich dessen, was du hast; denn die Götter gewähren und versagen uns dies und jenes, wie es ihrer Allmacht gefällt.« Jetzt mischte er auch den Wein und sprengte den Göttern die ersten Tropfen. Dann reichte er dem Gaste den Becher. Einer der Knechte holte Brot herbei; derselbe räumte auch, nachdem sie alle gesättigt waren, die Überbleibsel wieder weg. Inzwischen war es Nacht geworden, und ein stürmischer Westwind sauste kalt durch die Hütte. Draußen regnete es in Strömen, und finstere Wolken verhüllten alle Sterne. Odysseus fror in seinen Lumpen kläglich, und der Sauhirt schien nicht daran zu denken ihm seinen wärmenden Mantel abzutreten. Da ersann der Held einen Schwank, um zu versuchen, ob er ihn nicht durch List gewinnen könne. »Hört einmal«, sprach er, »du Eumäos und ihr andern Hirten, weil mich eben der Wein heute so munter gemacht hat, so muß ich doch noch etwas Lustiges schwatzen. Es ist zwar nicht schicklich, daß ich es heraussage, aber weil ich einmal davon angefangen habe, so muß ich's wohl schon vollenden. Ich dachte so eben: wenn ich doch noch so rüstig und jugendlich wäre, als damals, da ich mit deinem Herrn vor Troja lag! und da fiel mir ein listiger Streich von Odysseus ein, womit er mir einmal aus großer Not half. Wir wollten uns eines Abends dicht an der Stadtmauer in einen Hinterhalt legen, Menelaos, Odysseus und ich; wir hatten aber nur wenig Leute mit uns genommen. Da kam die Nacht heran, und wir legten uns in dichtverwachsenes Gesträuch zwischen Röhricht und Sümpfen, Auf einmal wurde der Himmel trübe, und ein greulicher Nordwind pfiff uns durch die Haare Schnee stöberte wie Reif herunter und überzog uns die Schilde ganz mit Glatteis. Dabei war nun keiner übler daran als ich, denn die andern hatten alle ihre Mäntel bei sich; in diese wickelten sie sich und deckten ihre Schilde über die Schultern. So schliefen sie, ohne viel von dem Unwetter zu merken. Ich allein hatte unbedachtsamerweise keinen Mantel mitgenommen und mußte da im bloßen dünnen Leibrock in der Nasse liegen – wahrhaftig, die Zähne klapperten mir, und alle Glieder zitterten wie im Fieberfrost. Nach Mitternacht endlich, als ich's nicht länger aushalten konnte, stieß ich den Odysseus an, der mir zunächst lag; und sagte zu ihm: »Ach, ich sterbe fast vor Frost, ich habe keinen Mantel mitgenommen; hilf mir doch!« – »Still«, sagte er leise flüsternd, »der Not ist abzuhelfen.« Und nun räusperte er sich laut und schrie die andern vom Schlaf auf. »Hört Freunde«, rief er, »mich schreckte so eben ein bedenklicher Traum. Unser sind so wenige, und wir haben uns so weit von den Schiffen entfernt. Wenn doch einer geschwind zu Agamemnon liefe und ihm sagte, daß er uns Hilfe schickte.« Da war sogleich ein dienstfertiger Helfer bei der Hand, Thoas, Andrämons Sohn, der sprang hurtig auf und ließ seinen warmen Mantel liegen. Schnell warf mir Odysseus ihn zu, und ich hüllte mich lachend hinein und schlief sanft bis an den Morgen. – Seht, Freunde, da dacht' ich nun, wenn ich noch so stark und jugendlich wäre, wie damals, da gäbe mir vielleicht jetzt auch einer von euch einen Mantel zur Nacht, entweder aus Liebe, oder aus Scheu vor meiner Stärke. Aber freilich, der unansehnliche Mann in dem Gewande des Bettlers wird verachtet.« Die Männer lachten, und der Sauhirt gewann den beredten Gast immer mehr lieb. »Höre«, sprach er, »du hast nicht unziemlich geredet; dein Gleichnis paßt sehr wohl. Darum will ich dir auch geben, was ich habe. Hier ist noch ein alter Mantel, nimm ihn für die Nacht, aber morgen mußt du ihn zurückgeben und deine Lumpen wieder umwerfen; denn wir Hirten haben nur wenige Kleider, und jeder braucht das seinige selbst. Kommt aber Telemachos zurück, so schenkt er dir gewiß eine ordentliche Kleidung und geleitet dich, wohin du verlangst.« Indem er dies sprach, bereitete er dem Gaste am Feuer ein Lager von Schaf- und Ziegenfellen und legte ihm den Mantel zur Decke hin. Neben Odysseus legten sich die Knechte nieder, aber der Oberhirt schlief nicht in der Hütte, sondern seine Herden sorglich hütend, nahm er nahe dabei sein Lager in einer Felskluft, die ihn gegen den Nordwind schützte und sein ganzes Reich übersehen ließ. Odysseus freute sich innerlich der gewissenhaften Treue, womit der brave Mann die Güter seines abwesenden Herrn bewachte. Er sah, wie derselbe ein scharfes Schwert umgürtete, dann den dicken Mantel überwarf und zuletzt die schwere Lanze zur Hand nahm, um jeden Räuber abzuwehren. Zu seinem Lager nahm er nichts als ein zottiges Ziegenfell mit. Elfter Abend. Telemachos Rückkunft. Die Göttin Athene hörte unterdessen nicht auf für ihre Lieblinge thätig zu sein. Noch in der Nacht ging sie nach Sparta in den Palast des Menelaos, um Telemachos an die Rückreise zu erinnern. Sie trat an sein Bett und fand ihn bereits wach, weil die ängstliche Sorge um den geliebten Vater ihn nicht ruhen ließ. »Auf, Telemachos!« rief sie ihm zu; »nicht länger ziemt es dir, fern zu weilen von deinem Hause, wo übermütige Gäste schalten. Auf! damit sie nicht alles verzehren und deine Reise ganz fruchtlos sei. Dringe bei dem mutigen Menelaos auf schnelle Entsendung, damit du die Mutter noch ungefährdet im Hause treffest; denn Vater und Brüder bedrängen sie jetzt mehr als sonst, und es ist nahe daran, daß Eurymachos sie gewinnt, der die meisten Geschenke bietet und nach der Hochzeit noch mehr zu geben verspricht. Geschieht das, so nimmt sie ihr ganzes Eigentum aus deinem Hause mit sich, und was bliebe dir dann noch übrig? – Noch will ich dir etwas vertrauen, das du dir zu dringlicher Warnung dienen lassen magst: die tapfersten der Freier lauern wachsam auf dich in dem Sunde, der Ithaka von Same Same oder Samos, sonst bei den Alten Kephallonia, jetzt Kefalonia, die größte der Inseln des jonischen Meeres im Westen Griechenlands, gebirgig und daher wenig fruchtbar. trennt, um dich zu ermorden, bevor du die Heimat erreichst. Doch hoffe ich, ihr tückischer Plan solle zu Schanden werden. Du also halte dein Schiff so viel als möglich in einiger Entfernung von den Inseln, umsegle sie im weiten Bogen und lande dann am nördlichen Ende von Ithaka; fahre auch nur bei Nacht, um ihnen desto sicherer zu entrinnen. Bist du glücklich gelandet, so laß sogleich die Genossen nach der Stadt rudern, du selbst aber gehe allein nach der Hütte des Sauhirten Eumäos, der dir mit treuer Liebe anhängt. Dort bringe die Nacht zu. Am folgenden Morgen laß ihn dann in die Stadt gehen und der lieben Mutter heimlich verkündigen, daß du gesund und wohlbehalten von deiner Reise aus Pylos zurückgekommen seiest.« Mit diesen Worten verschwand die Göttin. Telemachos hatte nun keine Ruhe mehr, und obgleich die Sterne noch am Himmel glänzten, so weckte er doch schon seinen Genossen, den Sohn des Nestor, und trieb ihn an schnell die Rosse vor den Wagen zu schirren. »Nun, warte doch«, murrte dieser, »es ist ja noch finstere Nacht. Wie würde sich's denn schicken, wenn wir dem edlen Menelaos so heimlich davon führen, ohne daß er dir ein Geschenk gereicht und ein freundliches Wort zum Abschiede gesagt hätte! Schlaf nur noch einmal ein; wenn die Morgenröte das Dunkel verscheucht, wollen wir aufbrechen.« Als endlich der Morgen dämmerte, war auch schon der treffliche Menelaos bereit und erkundigte sich nach seinen Gästen. Telemachos bat ihn sogleich um schnelle Entsendung. »Wie du willst, mein Lieber!« antwortete Menelaos, »ich wäre ein eigennütziger Freund, wenn ich dich wider deine Absicht hier aufhielte. Auch weiß ich sehr gut, daß man anderen selbst mit aller Wohlmeinung und Liebe lästig werden kann, und ich meinesteils halte es immer mit dem Satze: Besucht dich ein Freund, so pflege ihn; und will er gehen, so laß ihn ohne Zwang. Aber ich muß dir doch ein Gastgeschenk mitgeben und den Weibern befehlen, daß sie uns zum Abschiede noch einen schmackhaften Imbiß bereiten. So lange darfst du schon noch verziehen. Es reiset sich gleich besser, wenn man sich vorher mit Speise und Trank gut bedacht hat. Und wenn du vielleicht noch weiter auf Kundschaft durch Hellas ausziehen willst, etwa nach Argos, so will ich gern dein Begleiter sein.« »Ach nein, du göttergleicher Herrscher der Völker«, sprach Telemachos, »mich verlangt sehnlich nach Hause; denn ich bin heimlich von dort weggegangen, ohne den Meinen einen Schutz zurückgelassen zu haben, und es thut wahrlich not, daß ich auf meine Habe achte.« Jetzt gebot Menelaos den Mägden eiligst das Mahl zu bereiten. Ein Diener mußte Feuer anzünden, um das Fleisch zu braten, und inzwischen ging der treffliche Wirt in die Vorratskammer, worin sein bestes Gut verwahrt lag, um dem scheidenden Gaste ein Ehrengeschenk auszusuchen. Auch Helena ging dorthin und öffnete ihre Kleidertruhe voll schön gewirkter Gewänder, die sie selbst mit kunstfertiger Hand gearbeitet hatte. Sie nahm das größte und schönste heraus und ging damit zum Telemachos. Menelaos folgte mit einem goldenen Becher und einem schön geformten silbernen Kruge. »Möge dir Zeus«, sprach er, indem er ihm die Geschenke überreichte, »eine glückliche Heimkehr gewahren! Siehe, ich schenke dir hier von allem, was ich habe, das Prächtigste, ein Geschenk des Sidonierkönigs Phädimos, das er mir verehrte, als ich durch Phönikien kam. Wahrlich! es ist so künstlich gearbeitet, als habe Hephästos selbst den Becher verfertigt.« »Auch ich will dir ein Geschenk reichen«, sprach darauf Helena und trat mit dem herrlichen Gewande hervor. »Sei dir's ein Andenken von Helenas Hand, und am Hochzeitstage schmücke es festlich deine junge Braut; bis dahin mag es dir die liebe Mutter in ihrer Kiste aufheben. Lebe wohl und kehre fröhlich von hinnen heim in dein stattliches Haus zu dem Gute deiner Väter.« Telemachos empfing die köstlichen Gaben mit dankbarer Freude und übergab sie seinem jungen Gefährten Peisistratos, der sie still bewundernd in den Wagenkorb packte. Hierauf gingen sie alle in den Saal und setzten sich nieder. Die Diener stellten Tische vor einem jeden hin, eine Magd besprengte ihnen aus goldener Kanne die Hände, während sie zugleich ein Waschbecken unterhielt; ihr folgte die Schaffnerin mit Körben voll reichlichen Vorrats an Brot und Fleisch, und des Königs Sohn selber füllte aus dem Mischkruge die Becher ringsum. Als sie sich gesättigt hatten, brachen die beiden Jünglinge eilends auf; Peisistratos schirrte die Rosse an, ergriff die Peitsche, und so stiegen sie ein. Menelaos ging noch mit einem Becher Weins neben dem Wagen her und begleitete sie mit Helena durch die Hallen und den Vorhof. Vor dem Thore hielt er ihre Rosse nochmals an, trank ihnen mit einem Handschlage zu und rief: »Lebt recht wohl, ihr Jünglinge, und grüßt mir den alten Vater Nestor! Wahrlich wie ein Vater hat er mich immer geliebt, als wir vor Troja kämpften.« »Gern wollen wir's ausrichten«, erwiderte Telemachos, »wie du gesagt hast. O daß auch ich meinen Vater fände, wenn ich heimkehre, damit ich ihm erzählen könne, wie freundlich ich von dir beherbergt und gepflegt worden bin, und wie reichlich du mich beschenkt hast!« Als er noch so redete, siehe da flog zur Rechten ein Adler bei ihnen vorüber, der eine große geraubte Gans in den Klauen trug. Männer und Weiber des Hofes, von dem er sie entführt hatte, liefen mit Geschrei hinterher, um dem Adler die Beute wieder abzujagen; er aber stürmte mit ausgebreiteten Flügeln vor den Rossen vorbei und schwang sich hoch in die Luft. Da freuten sich Menelaos und Helena und die beiden Jünglinge im Wagen über die Maßen. – »Aber das ist doch auch nicht löblich«, unterbrach hier Wilhelm den Lehrer, »sich über anderer Schaden zu freuen!« »Nicht doch, Kind; darüber freuten sie sich nicht, sondern weil sie nach dem Glauben jener Zeiten in dem ganzen Vorfalle ein verheißendes Zeichen der Götter erblickten. Sie meinten nun der Erfüllung ihrer eben ausgesprochenen Wünsche gewiß zu sein. Man sah im Altertume, wie zum Teil auch noch jetzt in jeder plötzlichen, unerwarteten, auffallenden Erscheinung ein Wahrzeichen von höherer Hand und folgerte daraus Heil oder Unheil. Am meisten beobachtete man die Vögel, denen die freiere, durch nichts gehemmte Bewegung in der Luft an sich schon etwas Wunderbares, fast Geisterhaftes verlieh. Und wie die Griechen aus dem Fluge und dem Geschrei der Vögel die Zukunft weissagten, so übten auch die Römer eine Kunst der Vogelschau in sogenannten Auspicien und Augurien, und besondere Priester waren mit diesem Amte beauftragt. Auch bei den Deutschen galten die Vögel für Boten wichtiger Nachrichten. Flog der Vogel zur rechten Hand, so galt das für glücklich, das Fliegen zur Linken aber für unglücklich. Hier übernahm Helena, scharfsichtigern und schnellern Geistes als die andern, das Geschäft der Deutung; denn kaum hatte sie die Erscheinung wahrgenommen, so rief sie freudig aus: »Hört, was die Götter mir jetzt in die Seele rufen und was sicher geschehen wird. So wie dieser Adler die Gans packt und, sie erwürgend, ins Gebirge zu seinem Nest zurückkehrt, so wird Odysseus mit dem Racheschwerte in seinem Hause eintreffen und den übermütigen Freiern Tod und Verderben bringen.« »O, das gebe Zeus!« rief Telemachos, indem er die Pferde zu raschem Jagen antrieb. Sie eilten von dannen und rannten den ganzen Tag und brachten die beiden Jünglinge am Abend zu einem Hause, in welchem der schon erwähnte Gastfreund Diokles sie freundlich beherbergte. Am folgenden Tage setzten sie ihre Reise fort und kamen nach Pylos. Telemachos wünschte sehr, nicht länger hier aufgehalten zu werden; er bat daher den jungen Peisistratos, ihn sogleich ans Gestade zu seinem Schiffe hinzufahren und ihn in der Stadt bei dem Vater Nestor bestens zu entschuldigen, daß er an seinem Hause diesmal so vorübergehe. Peisistratos übernahm die Entschuldigung, setzte seinen Freund bei dem Schiffe ab und fuhr allein nach der Stadt zurück. Telemachos befahl seinen erfreuten Gefährten, das Schiff sofort segelfertig zu machen. Sie richteten den Mast auf, spannten die Segel aus, lösten das Seil, mit dem das Fahrzeug am Lande befestigt war, und setzten sich auf die Ruderbänke. Telemachos, hinten am Steuer sitzend, goß der Athene zu Ehren unter stillem Gebete ein Trankopfer ins Meer, und nun ruderten sie bei nächtlicher Stille davon. Ein günstiger Wind begleitete ihre Fahrt. Während dessen saß in der Hütte des wackern Eumäos der Bettler Odysseus und schmauste mit den Hirten bei der kärglichen Abendmahlzeit. Er unterhielt sie mit manchem Gespräche, und um zu erforschen, ob er wohl noch ein paar Tage länger hier verweilen dürfe, fing er gewandt genug also an: »Fürwahr, Eumäos, ich bin dir nun lange genug beschwerlich gewesen und denke morgen mit dem frühesten nach der Stadt zu gehen. Darum aber laß mich noch das eine von dir bitten, daß du mir einen Menschen mitgebest, der mir den Weg bis an die Häuser zeige. Durch die Gassen will ich mich dann wohl selber finden. Ich möchte wohl gern einmal die schöne Penelope sehen und auch den Tumult der Freier im Palaste. Ich will mich unter sie mischen; denn, magst du wissen, ich verstehe mich gar trefflich auf häusliche Dienste. Im Feueranmachen, Holzspalten, Bratenvorlegen, Weinmischen und was dergleichen Dinge mehr sind, welche bei vornehmen Leuten gefordert werden, thut mir's kein Mensch zuvor.« »Alter, wo denkst du hin!« rief Eumäos zürnend aus. »Das würde dir übel bekommen, wenn du unter den Schwarm der Freier gerietest, deren Trotz und Gewalt ja wahrhaftig bis zum Himmel reicht. Nein, mein Freund, solcher Diener bedürfen sie nicht; die haben ganz andere Leute! Jünglinge in schön geschürzten Kleidern, das Haar und das Antlitz von Salben duftend, harren ihrer Befehle, und unter denen würdest du eine schlechte Rolle spielen. Aber warum willst du denn fort? Du bist ja hier keinem beschwerlich. Warte doch wenigstens, bis des Odysseus Sohn von seiner Reise zurückkehrt. Der schenkt dir gewiß einen schmucken Mantel und Rock und sendet dich zu Schiffe, wohin dein Herz begehrt.« Das wollte der schlaue Odysseus nur hören. »Trefflicher Sauhirt«, erwiderte er, »möge dich Zeus so lieben, wie ich dich liebe, der du mir nach langer Trübsal Ruhe in deiner Hütte gewährst; denn es ist doch nichts trauriger als unstät und flüchtig leben. Nun, weil du mir denn zu bleiben vergönnst so erzähle mir doch noch etwas von den Eltern deines lieben Herrn. Lebt Vater und Mutter noch oder sind sie schon tot?« »Ja«, antwortete der Sauhirt mit Achselzucken, »der Vater der alte Laërtes, lebt zwar noch; aber wie lebt er! Alle Tage fleht er weinend zu den Göttern, daß sie ihn doch von dem Grame erlösen möchten, den er so lange schon um den lieben Sohn im Herzen trägt. Er wünscht sich sehnlich den Tod und kann doch nicht sterben. Die Mutter hat es so lange nicht zu ertragen vermocht; sie ist dem Kummer erlegen und ruht längst im Grabe. Ach, als die gute Frau noch lebte, da hatte auch ich noch Lust am Leben; denn sie hatte mich von Kindesbeinen an geliebt und mir immer viel Gutes erwiesen. Sie zog mich auf mit ihrer eignen Tochter, die nachher nach Samos vermählt ward. Die jetzige Königin ist wohl auch freundlich gesinnt; aber die Arme darf nicht thun, wie's ihr das Herz eingiebt; denn sie muß ja in beständiger Furcht vor den frechen Freiern leben und wagt sich den Tag über kaum herunter von ihrem Gemach. Ach, das war sonst ein gar anderes Leben! Und unser eins sieht es doch gern, sobald er einmal nach der Stadt kommt, wenn er liebreich aufgenommen wird von der Herrschaft, auch wohl hier und da einen leckern Bissen davon trägt, den er mitnehmen kann aufs Land.« »Ei«, unterbrach ihn hier der Gast, »so bist du schon als Kind deiner Heimat entführt worden! Sage, wie ging das zu? Wurde etwa deine Vaterstadt von Feinden verheert und verbrannt, oder raubten dich vorüberziehende Schiffer, als du allein bei den Schafen auf dem Felde warest?« Der ehrliche Sauhirt gab dem Odysseus auf seine Frage folgenden Bescheid: »Dort über Ortygia hin liegt eine Insel, Syria mit Namen; vielleicht hast du auch von ihr gehört. Sie ist eben nicht sonderlich bevölkert, allein die Menschen leben dort in glücklichem Frieden und wissen von keiner Krankheit; nur das Alter führt sie sanft hinweg zur Ruhe der Toten. Über dieses gute Völkchen herrschte mein Vater als König; er war ein würdiger Mann und an Ansehn den Göttern zu vergleichen. Ich war ein kleiner Knabe, der im Hause herumlief, als gerade ein phönikisches Schiff bei uns landete, welches vielerlei künstliche Sachen zum Verkauf brachte und des Handels wegen lange an unserer Küste liegen blieb. Die Phöniker, gewandte, verschlagene Krämer, machten in allen Häusern Bekanntschaft und kamen auch in meines Vaters Wohnung. Nun hatten wir damals eben eine phönikische Magd, schön von Wuchs und Angesicht, die mein Vater als Sklavin gekauft und teuer bezahlt hatte. Diese fing mit einem der Schiffer einen vertraulichen Umgang an, der Schiffer versprach ihr sie in ihr Vaterland zurückzubringen, und sie willigte mit Freuden ein. Aber – so kann Liebe bethören – die Treulose versprach ihrem Buhlen, sie wolle an Kostbarkeiten aus meines Vaters Hause mitnehmen, was sie verbergen könne und mich wolle sie dazu fortführen, denn von mir würden sie gewiß einen beträchtlichen Gewinn erhalten. Ich hing in kindlicher Arglosigkeit an dem Mädchen, und wenn sie ausgeschickt ward, begleitete ich sie immer. So war es gar nicht auffallend, daß sie mich mit fortführte.« »Es war verabredet, daß keiner der fremden Männer öffentlich mit dem Mädchen reden sollte, um allen Verdacht zu vermeiden; aber wenn sie von unserer Insel genug erhandelt haben würden und absegeln wollten, dann sollte einer in unsern Palast kommen und ihr einen Wink geben, daß es nun Zeit sei. Wirklich kam auch einmal der Phöniker zu uns mit einem goldnen Halsgeschmeide, das er den Frauen des Hauses zum Verkauf anbot. Ich stand einfältig dabei und sah den fremden Mann an, und als meine Mutter und viele andere Weiber, auch die Mägde im Hause sich neugierig drängten das Halsband genau zu besehen, da bemerkte ich, daß der Mann dem Mädchen allerlei Zeichen machte, die sie mit Nicken erwiderte. Endlich kaufte meine Mutter den Schmuck, und der Phöniker ging weg. Gleich darauf nahm mich das Mädchen bei der Hand, und als wir durch den Vorsaal gingen, steckte sie drei goldene Ringe in ihren Busen. Hierauf ging sie mit mir zum Hause hinaus und nach dem Hafen zu. Ich trabte lustig mit und ahnete nichts Böses. Die Schiffer hoben mich ins Schiff und ruderten eiligst fort. Ich schrie oft, aber das Mädchen redete mir zu und die Männer drohten. Am siebenten Tage starb das Mädchen plötzlich auf dem Schiffe, und die Männer warfen sie ins Meer. Bald darauf kamen sie hier bei Ithaka vorbei und legten dort in der Bucht an. Ihr Erstes war mich auszubieten, und alsbald kaufte mich auch Laërtes, der damals hier König war, und übergab mich seiner Gattin zur Erziehung. So ist denn aus dem Königssohne ein Schweinhirt geworden!« »Armer Mann«, sagte Odysseus, »du hast mir durch deine Erzählung das Herz im Busen bewegt. Aber dennoch bist du glücklicher als ich, da du einen liebreichen Herrn gefunden hast, der dir reichlichen Unterhalt und ein ruhiges Alter gewährt. Sieh mich an! von endloser Not verfolgt und in der ganzen Welt umher geirrt, sehe ich noch immer nicht das Ziel vor mir.« Über diesen Gesprächen war die Mitternacht hereingebrochen, und die Knechte hatten sich längst schon ringsumher zur Ruhe gelegt. »Jetzt wollen wir ein wenig schlummern«, sagte der Sauhirt. »Wir hätten es schon früher gekonnt, aber die verplauderten Stunden gereuen mich nicht. Denn auch das ist süß, sein Herz ausschütten zu können, und du bist mir ein lieber, verständiger Gast, mit dem ich gern frei und offen rede. Zum Schlafen ist ja immer noch Zeit, und zuviel Schlaf ist ohnehin schädlich.« In derselben Nacht hatte sich das Schiff, das den Telemachos trug, der Insel Ithaka glücklich genähert, ohne von den Spähern bemerkt zu werden, und mit dem ersten Strahle der Morgenröte landete es an der nördlichen Küste. Telemachos stieg mit seinen Gefährten aus und opferte. Der gute Jüngling wußte nicht, wie nahe er seinem geliebten Vater war. Er legte sich die glänzenden Sohlen an und nahm die schwere Lanze in die Hand, im Begriff sich von seinen Genossen zu trennen, denen er nach der Stadt zu rudern befahl. Er bestellte sie auf morgen zu sich in seines Vaters Palast, um ihnen den Reisedank, ein stattliches Mahl von Fleisch und Wein, zu entrichten. Eine Sorge nur hatte Telemachos noch. In Pylos hatte sich zu der Reisegesellschaft ein Seher aus Argos, Theoklymenos, gesellt und um ein Plätzchen im Schiffe gebeten. Man hatte ihn gern bis Ithaka mitgenommen; allein er wollte weiter, und Telemachos fürchtete so viel von den Freiern, daß er es kaum wagte einen Gast in sein Haus mitzubringen. Es ward also beratschlagt, wo man den Fremden beherbergen wolle, und Telemachos schlug gerade seinen ärgsten Feind, den Eurymachos, den übermütigsten Freier seiner Mutter, vor, weil dieser der angesehenste Mann auf der Insel sei und ihn am anständigsten bewirten und weiter senden könne. »Er ist jetzt«, fuhr er fort, »da mein Vater fern ist, hier fast unumschränkter Gebieter und will eben darum meine Mutter heiraten, damit er mit meines Hauses Gütern auch die Königswürde und den Vorsitz in der Volksversammlung überkomme, der auf unserm Hause ruht. Nur Zeus mag wissen, ob er seinen Zweck erreichen wird oder nicht,« Indem er dies sagte, siehe da flog ihnen zur Rechten ein Habicht auf, der eine Taube in den Klauen hielt und sie im Fluge so zerriß, daß die Federn zwischen Telemachos und seinem Schiffe zur Erde niederfielen. Da zog Theoklymenos, der kundige Seher, den Jüngling rasch beiseite und sprach heimlich zu ihm: »Freund, was du jetzt gesagt hast, wird nimmer erfüllt werden. Dieses Götterzeichen sagt mir, daß die Herrschaft über die Fürsten von Ithaka ewig bei deinem Hause bleiben wird.« Telemachos freute sich herzlich der Weissagung und nahm von dem Fremden Abschied, den einer der Gefährten sogleich in Eurymachos' Wohnung begleitete. Er selber ging in des Sauhirten Hütte, wie ihm Athene befohlen hatte. Zwölfter Abend. Wiederfinden. Als Telemachos das Gehöft des Oberhirten erreichte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Die Hirten hatten sich mit ihren Herden schon in Feld und Wald zerstreut, und der biedere Eumäos lagerte mit dem Odysseus um die lodernde Flamme, an welcher sie sich eben ein Stück Fleisch zum Imbiß gebraten hatten, das sie nun in behaglicher Ruhe verzehrten. Da hörten sie Tritte vor der Thür. »Horch«, sagte Odysseus, »ich höre Tritte, und doch bellen die Hunde nicht. Gewiß besucht dich einer der andern Hirten oder sonst ein Bekannter.« Kaum war das Wort gesprochen, so stand der schlanke Telemachos an der Schwelle, und alle Hunde sprangen schmeichelnd an ihm in die Höhe und umschnoberten ihn freudig. Dem überraschten Sauhirten fiel vor Freuden das Geschirr aus der Hand, in welchem er eben den Wein mischen wollte, und hastig eilte er hinaus dem kommenden Herrn entgegen. Er schlang seine Arme um ihn, wie ein Vater um den lange entbehrten Sohn, küßte ihm Wangen und Augen, Mund und Hände, benetzte ihn mit Thränen, küßte ihn wieder und sah ihn frohverwundert an, als sähe er einen vom Tode Erstandenen. Spät erst kam er zu Worte, und mit dem Tone des zärtlichsten Vaters rief er aus: »Kommst du, Telemachos? Bist du da, du Trautester? Ach! ich fürchtete schon dich nimmer wieder zu sehen, da ich hörte, du wärest nach Pylos geschifft. Aber tritt doch herein, geliebter Sohn, daß mein Herz sich deines Anblicks in Ruhe erfreue. Du bist mir ohnehin ein seltener Gast, denn du kümmerst dich gar nicht um uns arme Hirten; in der Stadt gefällt es dir besser. Das Leben unter den Freiern in Saus und Braus macht dir wohl mehr Freude?« »Wie du nur so reden kannst, Alter!« versetzte der verständige Jüngling. »Aber laß das jetzt; ich komme vor allen Dingen dich zu fragen, ob noch zu Hause alles beim Alten ist, oder ob meine Mutter unterdessen einem der Freier Gehör gegeben hat und mein armes Haus verlassen dasteht.« »Nicht doch!« entgegnete der Sauhirt. »Noch sitzt sie und verweint ihre Tage und Nächte in deinem Palaste. Du wirst sie wieder finden, wie du sie verlassen hast.« Jetzt erst traten die beiden in die Hütte. Der Sauhirt nahm dem Königssohne die Lanze ab und stellte sie in einen Winkel. Der unbekannte Bettler, dem das Herz beim Anblick des schönen Sohnes mit freudigen Schlägen klopfte, unterdrückte seine tiefe Bewegung. Mit der Ehrerbietung eines Armen stand er von dem Lager auf, um seinen Platz dem Fremden einzuräumen, aber der bescheidene Telemachos hielt ihn zurück und sprach: »Bleib sitzen, Fremdling, ich finde wohl sonst noch ein Plätzchen. Eumäos wird mich schon unterbringen.« Odysseus setzte sich wieder, und der Sauhirt machte sogleich einen neuen Sitz von Reisig und Schaffellen zurecht, welchen Telemachos einnahm. Dann holte er die Überreste der vorigen Mahlzeit herbei und reichte dem letztern zu essen, mischte auch Wein für seine Gäste und bot freigebig dar, was er hatte. Nachdem das Mahl beendigt war, fragte der Jüngling den Sauhirten, was er da für einen Gast bekommen habe, und wie derselbe hier angelangt sei. »Er sagt, er stamme aus Kreta«, erwiderte der Hirt, »und habe große Reisen gemacht und auf denselben viel Ungemach erduldet. Thesprotische Männer haben ihn zu Schiff hierher gebracht, und nun harret er auf weitere Entsendung. Ich gebe ihn dir anheim, zumal ich ihn längst auf deine Freundlichkeit vertröstet habe.« »Wehe mir«, entgegnete seufzend Telemachos, »woran erinnerst du mich! Weißt du doch selbst, wie mir's geht. Wie kann ich jetzt einen Fremden in meinem Hause beherbergen? Siehe, ich selber bin noch jung, und mein Arm ist noch nicht stark genug, um den Gast vor den Frevlern zu schützen. Auch der Mutter Herz schwankt in bangen Zweifeln, ob sie im Hause bleiben, oder ob sie einem mächtigen Freier ihre Hand bieten soll. Gern thäte ich wahrlich an dem guten Manne, was das Herz gebietet, aber ich weiß nur ein Mittel. Behalte du ihn in deiner Hütte, da er nun einmal zu dir gekommen ist und dir wohl auch sonst nicht mißfällt; ich will unterdessen Speise und Trank für ihn täglich heraus senden damit er dir nicht zur Last werde. Auch einen Mantel und Rock und ein Schwert will ich ihm schenken und dann ihn entsenden, wohin er begehrt. Pflege du ihn indessen, wie du nur kannst; er selber, denk' ich, wird mir's nicht verargen, daß ich ihn nicht in den frechen Schwarm der Freier einführe, denn ihn und mich würde es kränken, wenn er dort verhöhnt und beschimpft würde.« Jetzt nahm Odysseus das Wort und sagte so demütig, wie es seiner Bettlertracht geziemte: »Lieber, wenn's mir vergönnt ist auch ein Wort mitzureden – glaube mir, was ich da höre von der verruchten Wirtschaft in deinem Hause, verwundet mein innerstes Herz, und ich kann gar nicht begreifen, wie solch ein Frevel möglich ist. Sage mir doch leidest du das willig, oder ist dir das Volk etwa nicht gewogen, oder hast du habgierige Brüder, die dich verderben wollen? Wahrlich, wäre ich des Odysseus Sohn – eher sollte mir ein Fremder das Haupt vom Rumpfe schlagen, als ich solchen Gewaltthätigkeiten ruhig zusähe. Ja fiele ich auch in dem ungleichen Kampfe: besser tot, als lebend solche Schmach erdulden. Immerfort mit anzuschauen, wie man Fremdlinge kränkt und verstößt, die Mägde des Hauses nichtswürdig mißbraucht und allen Reichtum des Hauses verpraßt – das ist abscheulich! abscheulich!« »Lieber«, antwortete Telemachos, »du sprichst wie ein – Fremder. Nein, weder verabscheut noch verfolgt mich das Volk, ich habe auch keine bösen Brüder, denn immer hat sich unser Stamm nur in einzelnen Söhnen fortgepflanzt. Arkeisios, mein Urgroßvater, zeugte den einzigen Laërtes, Laërtes den einzigen Odysseus, und auch ich bin meines Vaters einziger Sohn. Aber in meinem Hause prassen ja alle Fürsten, so viele ihrer hier in Ithaka sind und so viele die benachbarten Inseln, Dulichion, Same und Zakynthos, bewohnen, über hundert an der Zahl. Was vermag ich einzelner gegen eine solche Schar? – Aber höre, Vater Eumäos, jetzt mußt du mir einen Gefallen thun. Mache dich auf nach der Stadt und sage meiner Mutter heimlich, daß ich gesund aus Pylos zurückgekommen bin. Doch hüte dich, daß keiner der Freier es hört! Ich bleibe indessen hier, bis du wieder zurückkehrst.« »Wohl!« sprach der Sauhirt und stand auf. »Wie wär's, wenn ich auch dem alten Laërtes die Botschaft brächte? Der arme Mann soll nichts genossen haben vor Gram, seitdem er weiß, daß du weg bist. Er würde sich gewiß sehr freuen.« »Recht gut«, versetzte Telemachos, »aber du darfst mir nicht zu lange ausbleiben. Der Großvater wohnt doch weit ab von der Stadt. Die Mutter mag eine alte Dienerin mit der Botschaft zu ihm hinaussenden. Hörst du? sag' ihr das.« »Gut, gut!« sprach der Hirt, und band sich die Sohlen unter die Füße, nahm dann den Stab in die Hand und ging. Noch sah ihm Odysseus nach, als ihm durch die halbgeöffnete Pforte die Gestalt eines schönen, schlanken Mädchens erschien, die ihm herauszukommen winkte. Die Hunde krochen schweigend in die Winkel; denn sie sehen Geister und erkennen den nahenden Gott, auch wenn er dem menschlichen Auge verborgen bleibt. Telemachos gewahrte die Erscheinung gar nicht. Odysseus aber ahnte sogleich die Nähe seiner göttlichen Freundin und ging unter einem Vorwande zur Thür hinaus. Hastig ergriff ihn Athene und sprach: »Edler Odysseus, jetzt ist es Zeit, jetzt entdecke dich deinem Sohne und beratschlage mit ihm, wie ihr den Freiern in der Stadt ihr Ende bereiten wollet. Ich selber werde mich euch nicht lange entziehen, denn auch mich drängt die Begierde nach dem Rachekampfe.« Indem sie dies sprach, berührte sie ihn mit ihrem goldenen Stabe, und augenblicklich verwandelte sich der Bettlerkittel in einen schönen purpurwolligen Mantel, das verschrumpfte Gesicht in ein männlich blühendes Antlitz, und der haarlose Scheitel bedeckte sich mit glänzenden dunkelbraunen Locken. Mit königlicher Würde trat er in die Hütte, der kurz zuvor in Lumpen hinausgegangen war. Telemachos staunte und sah ihn zweifelhaft, ja bange an; er glaubte, ihn versuche ein Gott. »Fremdling«, redete er ihn mit ungewisser Stimme an, »wie erscheinst du mir jetzt so anders in Kleidung und Gestalt! – Ha, ich ahne es, mir naht ein Gott! O schone unser, heiliges Wesen, und sei uns gnädig! Gern wollen wir dir Geschenke und Opfer bringen!« »Sohn!« rief Odysseus mit funkelnden Augen und schloß ihn freudig in die Arme; »nein, ich bin kein Gott; wie wäre ich Unsterblichen ähnlich? Dein Vater bin ich, um den du so lange trauerst, um den du so viele Schmach von den trotzigen Männern ertragen hast! Ich bin Odysseus!« Jetzt rannen die lange verhaltenen Thränen und mischten sich mit unaufhörlichen Küssen. Ja in diesem Augenblicke dünkte sich Odysseus ein Gott, denn des Wiedersehens himmlische Freude, des Wiedersehens Freude in dem lange ersehnten Vaterlands durchschauerte alle seine Glieder. Vergessen war in diesem Augenblicke der Umarmung aller Kummer der vergangenen Jahre, alle Not der Irrsale und Schiffbrüche, aller Schmerz der oft getäuschten Hoffnung; verschwunden war auch die Besorgnis vor den noch zu bestehenden Wagnissen. Er hielt den lieben Sohn in den Armen, den er einst als einen Säugling in den Windeln verlassen hatte, und der jetzt in stummem Erstaunen vor ihm stand und immer noch nicht glauben konnte, daß der verwandelte Bettler etwas anderes als ein Gott, daß er gar sein Vater sei. »Zweifle nicht länger, lieber Sohn«, fuhr Odysseus fort. »Nicht ich selber bewirkte das Wunder, sondern Athene, die mit mir ist. Götter vermögen ja alles; sie wissen nach ihrem Gefallen einen sterblichen Mann zu verherrlichen und zu entstellen. Ja, ja, ich bin's, bin der zwanzig Jahre entfernte, weit umhergetriebene Odysseus, und du bist mein teurer, mein geliebter Sohn, und das ist meine Freude – ja, Kind, das ist meine höchste Freude, daß ich dich hier in meinen Armen halte!« Er konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen. Und sie weinten lange und herzlich, Brust an Brust und Arm in Arm verschlungen – Vater und Sohn. Zuweilen sahen sie sich schweigend an und weinten dann wieder und redeten nichts, aber in ihren stummen Thränen floß gleichsam ihre ganze Liebe hin. Endlich begannen die zärtlichen Fragen, deren manche der Vater auf müßigere Tage verweisen mußte. Vor allem war die Hauptsache zu besprechen. »Die Freier müssen ermordet werden. Wir beide und Athene und Zeus, denk' ich, werden hinreichend sein«, sagte Odysseus. »Du gehe nur morgen früh nach der Stadt und geselle dich sorglos unter die Freier. Bald werde ich mit dem Sauhirten nachkommen und als Bettler in ihre Versammlung treten. Mögen sie dann mich verhöhnen mit Worten oder mit Thaten – laß du es immerhin geschehen und vergiß einen Augenblick den Vater vor den Übermütigen. Ich werde alles standhaft ertragen, damit die Rache sie zur rechten Zeit desto sicherer treffe. Eines noch bereite mir vor: die Waffen, welche ringsum an den Wänden des Saales hängen, nimm alle weg und verbirg sie in einer oberen Kammer; nur zwei Schwerter, zwei Wurfspieße und zwei stierlederne Schilde halte für uns beide bereit, doch so, daß kein anderer sie sieht. Fragen sie nun am folgenden Tage, wo die Waffen geblieben sind, so sage nur: »Ich habe sie weggetragen, weil es mir längst zuwider gewesen ist, sie hier in dem beständigen Rauche Die Alten hatten noch keine Rauchfänge, mithin mußte sich der Rauch des Herdes seinen Weg durch die offenen Thüren und Fenster suchen, und erfüllte also auf eine unangenehme Art den ganzen Saal. Außer dem gemauerten Herde hatte man noch tragbare Feuerfässer, auf welchen man zur Erleuchtung Kienhölzer brannte. erblinden zu sehen. Schon haben sie allen Glanz verloren und sollen doch so schön gewesen sein, als mein Vater sie aufgehängt hat. Aber auch um euretwillen habe ich sie weggenommen, da ihr so unbändigen Mutes seid und beim Weine oft hart aneinander geratet. Sind euch nun Waffen so nahe – das Sprichwort sagt: Eisen ziehet den Mann an – welch Unheil könnte in meinem Hause unter Freunden geschehen, und das mögen die ewigen Götter verhüten!« »So sprich, mein Sohn, wenn sie fragen. Und nun gieb mir dein Manneswort, daß du treu das Geheimnis bewahren willst. Niemand darf es erfahren, daß ich hier bin, selbst Laërtes und Penelope nicht, auch nicht der Sauhirt. Unter der fremden Hülle will ich das ganze Haus erst durchspähen, um zu wissen, wer mir treu blieb, und wer mir untreu ward und dir deine Ehre entzieht.« Telemachos gelobte tiefes Stillschweigen und prägte sich des Vaters Worte fest ins Herz. Unterdessen war das Schiff, das ihn geführt hatte, um die Insel herumgesegelt und lief in den Hafen nahe bei der Stadt ein. Die Jünglinge zogen es ans Land, der treueste derselben nahm Telemachos' Ehrengeschenke an sich, und ein andrer lief als Bote in den Palast, um der Königin die Ankunft des Sohnes zu verkündigen; aber unvorsichtig rief er ihr die Nachricht laut vor allen Freiern zu, die nun des Jünglings Rettung und seinen jetzigen Aufenthalt erfuhren und aufs neue seinen Untergang beschlossen. Bald nachher traf auch der ehrliche Eumäos ein, der besorgten Mutter die heimliche Botschaft zu verkündigen; aber er kam zu spät, und alsbald nahm er schnell wieder den Weg nach seinen Ställen zurück. Die Freier knirschten vor Unmut, als sie ihren mörderischen Plan mißlungen sahen. Einer winkte dem andern, und so gingen sie sämtlich zum Saale hinaus und setzten sich auf die Bänke vor dem Thorwege, einen neuen Rat zu ersinnen, den die Diener im Hause nicht hören sollten. »Zuerst«, sprachen sie, »laßt uns nur ein Boot aussenden zu unsern Freunden dort im Sunde, daß sie nicht länger vergeblich harren, sondern zurückkehren.« Während sie noch so sprachen, ruderte schon das Späherschiff mit niedergelassenem Maste langsam heran. Da lachte Amphinomos, der es zuerst erblickte, laut auf und rief: »Spart euch die Mühe, da kommen sie schon an; sie müssen's wohl selber gemerkt haben, daß ihnen der Vogel entwischt ist.« Darauf gingen sie alle dem Schiffe entgegen und zogen es auf den Strand. Es starrte von Lanzen und andern Waffen, die sie mitgenommen hatten, um den einzigen Jüngling zu töten. Diese wurden nun ausgepackt, und ein jeder nahm die seinigen zu sich. Sodann gingen sie auf den Versammlungsplatz und trieben jeden, der ihnen etwa aus Neugier folgte, mit Gewalt aus ihrer Nähe fort. Als sie auf den umhergestellten Steinen Platz genommen hatten, nahm der rohe Antinoos, der das Schiff angeführt hatte, das Wort. »Freunde«, sprach er, »wunderbar haben die Götter diesen Telemachos beschützt, denn wir haben es wahrlich an Wachsamkeit nicht fehlen lassen. Am Tage stellten wir Kundschafter aus rings auf den Spitzen der Berge, von denen man die weiteste Aussicht ins Meer hat, und bei Nacht kreuzten wir mit dem Schiffe immer an der Küste herum; dennoch haben wir ihn verfehlt. Aber ihn hat sicher einer der Götter nach Hause geführt. Nun wohlan, wir wissen ja, wo er jetzt ist; laßt uns hier auf dem Lande, wenn er allein nach Hause zurückkehrt, ihm den Tod bereiten. Denn sterben muß er, ehe das Volk unsern ersten verunglückten Anschlag auf ihn erfährt. Wahrlich, er ist jetzt ein kühner, trotziger Bube geworden, und was gilt's? er ruft, sobald er hier ist, das gesamte Volk auf dem Marktplatz zusammen und erzählt öffentlich, was wir gegen ihn unternommen haben! Und dann wehe uns, wenn uns der Haß des Volkes ereilt! dem sind wir doch wahrlich nicht gewachsen! Tod und Verderben würden sie uns bereiten, denn sie lieben Telemachos und sehen unser Treiben hier im fremden Hause längst mit stillem Zorne an. Also fort mit ihm, ehe er die Schwelle betritt! Dann teilen wir gleichmäßig seine Besitzungen unter uns, und bloß die Wohnung lassen wir seiner Mutter oder dem, den sie zur Ehe nimmt. Mißfällt aber mein Rat der Versammlung und wünschet ihr, daß dem Telemachos Leben und Gut erhalten werde, so rate ich, daß wir nicht länger in solcher Masse seine Schätze verprassen, sondern jeder für sich mit den üblichen Brautgeschenken um die Hand der Penelope werbe.« Da trat, während die andern noch stumm blieben, Amphinomos auf, ein edler Fürstensohn aus Dulichion, der beste und verständigste unter den Freiern, der auch der Penelope am meisten gefiel, weil er in Wort und Tat bescheiden und liebenswürdig war und von edler Gesinnung, wie keiner der übrigen. »Hört, Freunde«, sprach er, »mir graut vor dem Gedanken, den ihr da jetzt im Herzen hegt. Es ist doch eine ungeheure und gräßliche That ein Königsgeschlecht zu vernichten. Daher dächt' ich, wir unternähmen das nicht ohne der Götter Rat. Laßt uns den Willen des Olympiers Zeus erforschen. Billigt dieser die That, so mag sie geschehen, und ich wage sie selber; verwehrt er sie, so laßt den frevelhaften Anschlag ruhen.« Dieser Beschluß schien allen der beste. Sie standen daher auf und gingen zum Palaste des Odysseus zurück. Einer ihrer Herolde aber, der im Herzen sie alle haßte und der edlen Penelope treu war, schlich heimlich zu ihr hinauf und verriet ihr die Pläne der Freier. Medon hieß er, der ehrliche Mensch; nur gezwungen diente er den Frevlern. Die Königin zitterte, als sie die schreckliche Nachricht vernahm, und alsbald verhüllte sie ihr Gesicht in den langen Schleier und ging mutig und mit edlem Zorne nach dem Saale, wo die argen Gesellen zechten. Gleich an den Antinoos wandte sie ihre Rede und sprach mit Heftigkeit: »Trotziger Unheilstifter du! Wenn die Leute von dir sagen, du seist der bravste und klügste unter den Herrschersöhnen in Ithaka, so geschieht dir wahrlich zu viel Ehre. Rasender, stehe mir Rede! warum suchst du des unschuldigen Telemachos Tod und Verderben? Fluch dir, der du die Stimme der Leidenden verachten kannst, die doch Zeus selber hört! Schändlich ist's anderer Verderben zu suchen. O dächtest du doch zurück, wie einst dein eigner Vater um Schutz bettelnd in unser Haus floh! Das Volk ringsumher war erbittert auf ihn; mit Gewalt wollten sie ihn töten und ihm das Herz aus dem Leibe reißen, denn er hatte oft im verräterischen Bunde mit taphischen Seeräubern ihre Habe geplündert. Und da, als er sich nicht zu retten wußte, da nahm ihn Odysseus auf, besänftigte das Volk und sorgte, daß er hier ruhig wohnen konnte. Und dieses eures Retters Haus entehrst du Undankbarer nun, buhlst um seine Gattin, ermordest ihm den einzigen Sohn. Ungeheuer! laß ab und ermahne auch die andern dazu!« Der Bösewicht war bestürzt und beschämt, und antwortete nichts. Aber ein anderer Freier, Eurymachos, nahm für ihn das Wort und suchte ihr die Furcht auszureden, indem er versicherte, es sei von solchen Plänen nie die Rede gewesen; ja er beteuerte, daß er selbst jeden, der so etwas zu unternehmen wagen sollte, mit seiner Lanze durchbohren würde. Denn der verstorbene Odysseus habe ihn oft als Kind auf den Knieen geschaukelt und ihn mit Braten und Wein erfreut, und seitdem sei seine Achtung für dies Haus unerschütterlich. Der Nichtswürdige! Gerade er sann auf die ärgsten Ränke, den Telemachos aus dem Wege zu räumen. Auch war Penelope durch seine gleißnerischen Reden nicht beruhigt, sondern sie ging traurig hinauf und weinte lange auf ihrem einsamen Lager, bis der Schlaf sie umfing und ein süßes Vergessen über das schmerzgebeugte Haupt goß. Am Abend langte der Sauhirt auch wieder in der Hütte bei seinen Gästen an. Athene hatte unterdessen zu rechter Zeit des Königs Gestalt wieder mit der vorigen Bettlerhülle bekleidet, und der gute Eumäos ahnte nicht, welche Erkennungsscenen während seiner Abwesenheit in der Hütte vorgefallen waren. Er sorgte geschwind für ein einjähriges Schwein zur Abendmahlzeit, mit gewohnter Dienstfertigkeit bemüht, seine Gäste rasch und gut zu bewirten; aber da er aus der Stadt nicht viel Neues zu erzählen wußte, so stockte das Gespräch bald, und Wirt und Gäste begaben sich zeitig zur Ruhe. Dreizehnter Abend. Odysseus als Bettler in seinem Palaste. Mit der ersten Morgendämmerung schon verließ Telemachos das Lager, band sich die Sohlen unter die Füße und ergriff die Lanze. »Nun, gehab' dich wohl, Vater«, sprach er zum Eumäos, »ich will jetzt in die Stadt gehen; denn eher hört die Mutter doch nicht auf sich um mich zu härmen, als bis sie mich selbst gesehen hat. Du aber führe deinen Gast auch in mein Haus, er mag da sein Heil mit Betteln versuchen. Die Hilfe wird ihm nicht fehlen. Ich selbst kann mir unmöglich aller Menschen Kummer aufbürden, da mich der meine schon schwer genug drückt.« »Wohl«, sprach Odysseus, »ich wünsche auch nicht länger hier zu bleiben. In der Stadt, wo der Begüterten viele sind, findet ein Bettler ja eher seinen Unterhalt als auf dem Lande. Zu schwerer Handarbeit bin ich zu alt, sonst nährte ich mich anders. Doch bitte ich dich, Eumäos, jetzt noch ein wenig zu warten, denn noch weht die Morgenluft kalt, und mein Kittel ist dünn und die Stadt soll weit weg liegen; es wird mir wohl thun, mich zuvor hier am Feuer zu erwärmen.« Jetzt ging Telemachos raschen Schrittes davon. Er kam noch früher in die Stadt, als die Freier sich in seinem Hause eingefunden hatten, stellte nach der Sitte die Lanze außerhalb der Thür an eine Säule und trat in den Saal. Hier hatte so eben die alte Pflegerin Eurykleia gescheuert und aufgeräumt und war jetzt dabei die Sessel wieder mit den ausgestäubten Decken zu belegen. Als sie den Jüngling erblickte, ließ sie alles liegen und eilte weinend auf ihn zu. Selbst die andern Mägde des Hauses hießen ihn fröhlich willkommen und küßten ihm unbefangen und herzlich Gesicht und Schultern. Auch Penelope kam aus ihrem Gemache und umarmte unter Thränen den geliebten Sohn und hielt ihn lange fest umschlungen, indem sie ihn bat zu erzählen, was er auf seiner Reise erfahren habe. »Mutter«, sprach er, »errege mir jetzt nicht neuen Gram im Herzen, da ich kaum dem Verderben entflohen bin. Gehe vielmehr mit deinen Mägden hinunter und bade dich und lege dir reine Gewänder an. Hernach gehe wieder auf dein Zimmer und gelobe den Göttern Dankopfer, wofern sie unsere Schmach im Hause rächen. Ich gehe jetzt auf den Markt, um einen Fremdling zu mir zu laden, der sich auf der Reise zu mir gesellt hat und der inzwischen von Peiräos beherbergt ist.« Die Mutter unterließ nicht dem Rate des Sohnes zu folgen und die Opfer zu geloben. Telemachos aber fand die Freier bereits auf dem Markte in voller Versammlung. Sie grüßten ihn freundlich und hatten doch Arges im Herzen. Er kehrte sich nicht an sie, sondern setzte sich zu den wenigen Greisen, die treue Freunde seines Vaters geblieben waren, und beantwortete ihnen ihre neugierigen Fragen. Als er aber des Sehers Theoklymenos gewahr ward, stand er auf, ging ihm entgegen und führte ihn in sein Haus, ehe noch der wilde Schwarm die Ruhe störte und die Plätze besetzte. Mägde und Schaffnerinnen beeiferten sich ihnen Waschwasser zu reichen, Tische vorzusetzen und Speisen aufzutragen. Während sie aßen, kam Penelope mit ihren Frauen herunter, die ihr die Spindel nachtrugen, und setzte sich zu ihnen, begierig das Nähere über die Reise zu erfahren. Indem sie spann, erzählte ihr Telemachos alles, was Nestor und Menelaos gesagt hatten; allein dessen war eben nicht viel. Das Geheimnis von der Ankunft des Vaters durfte er nicht verraten, mithin ward durch alle seine Erzählungen Penelopes Sehnsucht wenig gestillt, bis sie zuletzt durch ein Wort des fremden Sehers getröstet wurde, der ihr nach untrüglichen Zeichen die nahe Heimkehr des teuern Gemahls als ganz sicher und unausbleiblich verkündigte. Mitten in ihrer Freude über die tröstende Weissagung ward die edle Königin durch das Getöse der Freier gestört, die sich draußen vor dem Palaste mit Scheibenwerfen ergötzt hatten und nun in den Saal stürmten, um nach ihrer Gewohnheit zu zechen und zu schmausen. Sie ging sogleich auf ihre Zimmer, und auch der Fremde verließ den Saal. Die Diener schlachteten indessen im Hofe die Rinder, Ziegen, Schafe und Schweine, die für heute von den Hirten geliefert worden waren, und bereiteten den Freiern leckere Braten. Odysseus hatte sich noch bis Mittag in der Hütte des Sauhirten aufgehalten, ehe beide den Weg antraten. Der Weg war weit; man brauchte mehrere Stunden. Unfern der Stadt führte der verschlungene Bergpfad an einem Brunnen vorüber, aus dem die Jungfrauen Wasser zu holen pflegten. Einer der früheren Könige hatte ihn gebaut und mit einer Mauer umfaßt. Rings umschirmten ihn hohe Pappeln, und an einer Seite begrenzte ihn eine hohe Felsenwand, aus welcher stets klares Wasser hervorquoll. Auch ein Altar war auf der Höhe errichtet, auf dem die vorüberziehenden Wanderer den Nymphen des Quells zu opfern pflegten. Bei diesem Brunnen stieß der Ziegenhirt Melanthios, der, von einer andern Seite herkommend, Ziegen für die Freier nach der Stadt trieb, auf die beiden Wanderer. Er war der entartete Sohn des treuen Dieners Dolios, ein grober, unverschämter Mensch, seinem Herrn untreu, den trotzigen Gästen für jede Unbill freudig zur Hand, und ein Erbfeind des Sauhirten wie aller ehrlichen Leute. Kaum sah er diesen und dessen zerlumpten Begleiter, so lief er höhnisch mit schnarrender, widriger Stimme: »Nun, da heißt's wohl mit Recht: ein Lumpenhund führt den andern! Wie doch Gott beständig Gleiche zu Gleichen gesellt! Wo willst du denn mit dem Hungerleider hin, du nichtswürdiger Schweinhirt? Soll er da in seiner scheußlichen Tracht den Gästen zum Ekel an der Thür stehen und sich tagelang an den Pfosten die Schulter reiben und Brocken betteln? Weißt du was? gieb mir den Kerl mit, er kann mir die Ställe ausmisten und den Zicklein Laub unterstreuen, dafür soll er Molken saufen, soviel er haben will, vielleicht kriegt er davon noch Fleisch auf die Lenden. Doch so ein Herumstreicher hat selten Geschick und Lust zur Arbeit; er wird nicht wollen, weil er an ein träges Leben gewöhnt ist und Bettelbrot ihm keine Anstrengung kostet. Aber wahrhaftig, ich sage dir, bring' uns den Kerl nicht ins Haus, sie werfen ihm wahrlich die Knochen und die Schemel an den Kopf. Pfui! solch ein Unflat!« Er begleitete das pöbelhafte Wort mit einer noch pöbelhafteren That, denn er gab aus bloßem Mutwillen dem Odysseus einen derben Fußtritt in die Hüfte. Der verkappte Bettler besann sich einen Augenblick, ob er den Schurken mit einem Streich zu Boden schmettere – denn das wäre seiner Stärke ein Leichtes gewesen – oder ob er sich schwach und furchtsam stellen solle. Er that das letztere und nahm die Beleidigung schweigend und duldend hin. Eumäos schalt zwar den Ziegenhirten über sein unverschämtes Betragen, erhielt aber dafür nur Grobheiten und neue Beleidigungen zurück. Um dem Ungezogenen auszuweichen, ließen die beiden Freunde ihn nun mit seinen Ziegen vorangehen und blieben geflissentlich zurück. Als er in den Palast kam, nahm er geradezu seinen Platz mitten unter den Freiern, und zwar dem Eurymachos gegenüber, der sein guter Gönner war und ihn oft zur Ausführung boshafter Streiche gebrauchte. Ihm ward Fleisch und Wein gereicht, wie allen andern, und er blähte sich in seinem Übermute, als ob er ihresgleichen wäre. Etwas später nahten auch Odysseus und der Sauhirt dem königlichen Hofe. Schon von außen drang der Duft der gebratenen Schweine und Rinder entgegen und das liebliche Saitenspiel, begleitet von der Stimme des Sängers Phemios. »Ha, man erkennt's!« rief der Bettler mit einer wunderbaren Empfindung im Herzen; »man erkennt's, daß dies die prächtige Wohnung des Odysseus sein muß. Innen Jubel und festliches Gelage, und außen die Zinnen, die unbezwingliche Mauer und die weit sich streckenden Gebäude, in denen Zimmer an Zimmer sich reiht. Vorn das Schloßthor mit zwei Flügeln – wahrlich ein König muß hier hausen, der an Ruhm und Reichtum viele übertrifft!« »Du hast recht«, erwiderte der Sauhirt, »dies ist der Königssitz. Nun sage mir, willst du zuerst hineingehen oder soll ich es thun? Aber zögere nicht zu lange; hier draußen möchte dich wieder jemand schlagen oder werfen.« »Gehe nur voran«, sprach der Bettler, »bald komme ich nach.« Indem er das sagte, traten sie in den Vorhof. Siehe da lag in einem Winkel auf dem Kehricht ein alter Hund, mager und abgezehrt und starrend von Ungeziefer, den hatte Odysseus das Jahr vor seiner Abreise groß gezogen und ihn zur Jagd abgerichtet; oft hatte er mit ihm, da er klein war, gespielt; aber seit Odysseus entfernt war, hatte sich niemand seiner angenommen, und nun war er so kraftlos, daß er nicht mehr kriechen konnte. Doch erkannte er noch am Geruche den alten lieben Herrn, so verändert der auch war; mühsam richtete er sich auf und wedelte mit dem Schwanze, als er aber heranspringen wollte, sank er matt in die Kniee. Odysseus erinnerte sich sehr wohl des treuen Tieres; er kehrte sich ab und wischte heimlich eine Thräne vom Auge. Dann wendete er sich scheinbar gleichgültig zu Eumäos und sprach: »Sieh doch, Eumäos, da liegt ein schöner Hund auf dem Kehricht und kann nicht aufstehn. Was fehlt dem Tiere? Ist es krank?« »Du lieber Himmel!« antwortete der Sauhirt, »auch der sogar vermißt den lieben Herrn, um den wir alle trauern. Den hättest du sehen sollen vor zwanzig Jahren, ehe Odysseus fortzog. Da war er der Liebling des Herrn; er selber hat ihn zur Jagd abgerichtet; und da war wohl kein Wild so schnell, das dieser Hund nicht einholte, der sich trefflich auf die Fährten verstand. Aber seitdem bekümmert sich niemand um ihn, er muß sich kärglich im Hofe sein elendes Futter suchen, und das Ungeziefer zehrt ihn auf. Du weißt wohl, wie die Diener sind, wenn kein gestrenger Hausherr da ist, der sie zu ihrer Schuldigkeit anhält. Da werden sie saumselig und mögen nicht gern von der Arbeit etwas wissen.« Mit diesen Worten ging der Sauhirt in das Haus, wo ihn Telemachos freundlich willkommen hieß. Er setzte sich zu diesem, und ihm ward von den Dienern Fleisch und Brot vorgelegt. Odysseus blieb noch eine Weile im Hofe und sah, wie der treue Hund, nach fruchtlosem Streben sich ihm zu nähern, zuletzt zuckend das elende Leben verhauchte, nachdem er noch zum letztenmale den Duft seines lieben Herrn eingesogen hatte. Jetzt schlich auch er in das Haus und setzte sich still innerhalb des Saales auf die Schwelle nieder. Anfangs beachteten die Schmausenden ihn nicht; nur Telemachos, der ihn sogleich bemerkte, ließ ihm durch den Sauhirten Fleisch und Brot reichen. Er that beides auf seinen schlechten Ranzen, der auf der Erde lag, und aß davon, während der Sänger den Freiern liebliche Lieder zur Phorminx sang. Als der Sänger verstummte, stand Odysseus auf und bettelte bei den Freiern einzeln herum, damit er sähe, welche von ihnen billig dachten, und welche hartherzig und grausam wären. Jeder steckte ihm aus Mitleid etwas Fleisch in seinen Ranzen, und er bedankte sich viel, nach Bettlerweise. Jetzt fingen sie unter sich zu reden an, wer der Alte wohl sei und woher er kommen möge. »Der Sauhirt hat ihn hergeschleppt«, rief der Ziegenhirt; »wer er übrigens ist, kann ich nicht sagen.« »Höre Sauhirt«, fing darauf der trotzige Antinoos an, »du könntest etwas Besseres thun, als solch Gelichter ins Haus bringen. Haben wir nicht schon Landstreicher in Masse hier, die uns mit Betteln beschwerlich fallen? Ha und ich meinte doch, es zehrten bereits Männer genug von den Gütern des abwesenden Herrn, daß man keine Bettler herbeizurufen brauchte.« »Hm!« antwortete der Sauhirt, »so vornehm du bist, so schlecht ist deine Rede. Wer ruft doch wohl Herumziehende in ein Haus, wenn sie nicht von selber kommen; es müßten denn Künstler, Seher, Ärzte oder Baumeister und göttliche Sänger sein. Solche Bedürftige, wie diesen, ladet wohl niemand ein. Aber du bist ja von jeher hart gegen Odysseus' Gesinde und am meisten gegen mich gewesen. Jedoch kann ich das leicht verschmerzen, so lange Penelope und Telemachos leben und meine einzigen Gebieter sind.« »O still doch, Eumäos!« fiel Telemachos ein; »du weißt ja, Antinoos kann nun einmal nichts sprechen, das nicht grob und beleidigend wäre. Ist das übrigens, Antinoos, dein einziges Bedenken, daß die Gabe, die du den Armen reichst, von meinem Vorrat genommen wird, so scheue dich nicht ihm zu geben. Weder meine Mutter noch ich sehen dazu scheel. Aber das ist ja doch deine wahre Gesinnung nicht, du willst nur lieber alles allein verzehren als andern davon etwas schenken.« »Ha, du trotziger, schmähsüchtiger Jüngling«, versetzte Antinoos, »wenn ihm jeder der Freier soviel zuwendete als ich, so würde er in drei Monaten das Haus nicht wieder besuchen.« Er begleitete diese Worte mit einem Griffe nach seinem Fußschemel unter dem Tisch und wollte ihn eben dem Bettler an den Kopf werfen, als zum Glück ein Nachbar ihm in den Arm fiel. Auch Odysseus wollte jetzt den unbändigen Mann noch weiter versuchen. Er trat selbst vor ihn hin und flehte ihn um eine Gabe an, ja er suchte sein Herz zu rühren durch eine Erzählung seiner Wanderungen und Unfälle, wobei denn – versteht sich – Kreta und Ägypten und diesmal auch die Insel Cypern (Kypros) oft genug vorkamen. Aber bei ihm verfehlte er seinen Zweck gänzlich. »Hat man je einen frecheren, unverschämteren Bettler gesehen!« rief er zornig. »Mach', daß du fortkommst, oder ich werde dir Ägypten und Cypern zeigen! – Verlangt der Gesell, man soll ihn von fremdem Gute füttern!« »Ei ei!« sagte Odysseus mit Würde, »wahrlich deine Gesinnung ist deiner Gestalt nicht gleich. Du reichest gewiß von dem Deinigen dem dich Ansprechenden nicht ein Körnchen Salz, da du nicht einmal hier, wo du an anderer Tische schwelgst, dich des Dürftigen erbarmst.« »Unverschämter! Du sollst gewiß nicht heil aus diesem Saale entkommen, da du noch Schmähungen gegen mich redest!« rief Antinoos jetzt im höchsten Zorne, und warf aus aller Kraft dem armen Bettler den hölzernen Schemel an die Schulter. Odysseus aber – trotz des heftigen Schmerzes – zuckte nicht einmal. sondern stand wie ein Fels, ging dann langsam zu seiner Schwelle zurück und setzte sich, den gefüllten Ranzen öffnend. »Hort ein Wort von mir an, ihr Freier der weitgepriesenen Fürstin«, sprach er jetzt. »Wenn jemand im gerechten Kampfe für Freiheit oder Eigentum Wunden empfängt, das schmerzt nicht sehr. Aber daß mich jetzt dieser Mann da um eines Brosamens willen mißhandelt hat, das thut mir sehr wehe. Wenn es noch Rachegöttinnen giebt, so müsse ihn das Todesverhängnis ereilen, noch ehe er den Tag der Vermählung sieht.« »Noch nicht ruhig?« erwiderte Antinoos. »Ich rate dir, schweig und iß, oder ich zerfleische dich mit den Jünglingen hier im Saale.« Alle andern aber hörten die harte Rede unwillig an und mißbilligten laut den Wurf mit dem Fußschemel. Telemachos hielt sich mit Mühe zurück, und selbst Penelope, die durch die offene Thür alles in ihrem Gemache hören konnte, hatte herzliches Mitleid mit dem Fremden, obgleich sie ihn noch nicht gesehen hatte. Eumäos, der treffliche Sauhirt, ging zu ihr und erzählte ihr von dem Manne, lobte seinen Verstand und seine Denkart, und machte ihr Hoffnung von ihm etwas Näheres über ihren Gemahl zu erfahren; denn der Fremde rühme sich, einst dessen Waffengefährte vor Troja gewesen zu sein, und versichere, seine Güter nicht fern von hier bei den Thesprotern gesehen zu haben. »O daß er käme, mein edler Gemahl!« rief Penelope. »Daß er schon hier wäre, um dem Elende ein Ende zu machen, das mein unglückliches Haus nun schon so lange drückt! Ha, erscheint er nur erst, gewiß, er wird mit dem wackern Sohne den Freiern die Frevel vergelten, wie sie's verdienen!« In dem Augenblicke nieste Telemachos unten so laut und deutlich, daß man's im obern Gemache vernahm. Da freute sich die Königin und rief: »Hört ihr, es wird mir doch endlich noch alles nach Wunsch erfüllt, eben jetzt hat mein Sohn meine Worte benieset.« Hier bekräftigt das Niesen alle Worte der Penelope, weil es dieselben nicht unterbrach, sondern gleich darauf folgte. Den jetzt noch üblichen Wunsch beim Niesen hatten auch Griechen und Römer schon. »Aber rufe mir doch, lieber Eumäos, den fremden Mann herauf«, fuhr Penelope fort, »daß ich ihn selbst ausforsche. Gern will ich ihn zum Danke kleiden mit Mantel und Rock, wenn er mich von der quälenden Ungewißheit befreien kann, in der ich nun so lange schon seufze.« Der Sauhirt ging in den Saal und verkündete dem Bettler, der indessen an den geschenkten Knochen nagte, Penelopes Wunsch. Aber der kluge Mann fand für gut die Erfüllung desselben auf den Abend zu verschieben, wenn die lästigen Gaste, die alles beachteten, sich entfernt haben würden. Die Königin billigte die weise Vorsicht des Mannes und geduldete sich gern. Gegen Abend machte sich der Sauhirt wieder auf den Weg nach seinen Ställen. Telemachos bat ihn morgen wieder zu kommen, und er versprach es. Odysseus blieb bescheiden auf seiner Schwelle sitzen, während seine Gäste, deren keiner den Wirt in ihm ahnete, sich nach vollendetem Schmause mit Liedern und Tänzen erlustigten, deren Anblick ihm weit weniger Freude machte, als er sich merken ließ. Sehnlich wünschte er, daß sie nach Hause gingen, damit er endlich sein liebes Weib sehen könne. Aber ehe es dahin kam, sollte er noch ein seltsames Abenteuer bestehen. Vierzehnter Abend. Neue Verunglimpfungen. Schon seit längerer Zeit pflegte sich abends um die Stunde des Mahles in dem Hause des Odysseus ein Bettler einzufinden, Iros mit Namen, den die Freier gern beschenkten, weil er ihnen oft zum Ziel ihrer Späße diente, sich alles gefallen ließ, kleine Bestellungen übernahm und andere derartige Dienste verrichtete. Er war eine lange, hagere Gestalt, aber trotz der unersättlichen Gier, womit er täglich in dem fremden Hause sich mästete, hatte er doch keine Kraft in den Gliedern. Jetzt kam er eben herangeschritten und wunderte sich höchlich seinen Platz auf der Schwelle schon besetzt zu finden. Er sah den runzeligen, kahlköpfigen Greis mit Verachtung und Ärger an, und im Vertrauen auf seine Größe und auf den Beistand der Freier fuhr er den Nebenbuhler trotzig an: »Weg hier von der Thür, oder ich schleppe dich bei den Beinen fort! Gleich aufgestanden! – Nun? wird's bald? – Höre, Kerl, mache, daß du fortkommst, oder es giebt einen Zweikampf zwischen uns beiden!« Odysseus sah den kecken Wicht an und sprach mit finsterem Blicke: »Elender, was habe ich dir denn zu Leide gethan? Ich mißgönne dir ja gar nicht dein Geschenk und werde dich nicht darum bringen. Aber die Schwelle hat Raum genug für uns beide. Wahrlich, es steht dir schlecht an neidisch bei fremden Leuten zu sein, denn du scheinst mir ein armseliger Flüchtling, wie ich selber es bin. Und beim Zeus! von dem Faustkampfe schweige ganz still; denn so alt ich bin, so könnt' ich dir doch vielleicht im Zorne noch eins versetzen, daß du das Wiederkommen vergäßest. Da hätt' ich auf einmal Ruhe vor dir.« »Ei sieh, wie der Lump noch prahlt!« rief Iros erhitzt. »Wie einem Waschweibe geht ihm das Maul! Ha! du Schuft, ich will dir's gedenken; ich habe große Lust dir die Kinnbacken einzuschlagen, daß dir die Zähne auf die Erde fallen sollen! Komm her und gürte dich, daß alle Leute es sehen, wie ich dich zerschlagen werde. So ein alter Krüppel will mit einem jüngeren Manne den Kampf wagen! Ha ha ha!« Bisher hatten die Freier vor ihrem eigenen Lärmen nichts von dem Bettlergezänk gehört; aber jetzt ward Antinoos, der zunächst an der Thür saß, aufmerksam, und als er den höhnenden Herausforderungen der beiden einen Augenblick zugehört hatte, wendete er sich mit schallendem Gelächter zu den andern Freiern und rief überlaut: »Freunde, ich bitte euch, seht her! solch einen Spaß haben wir hier noch nicht erlebt! Der Fremde dort und Iros fordern sich auf die Faust! Kommt heran, wir wollen sie noch tüchtig gegeneinander hetzen!« Alle lachten laut auf. »Ha ha ha! ein Bettlergefecht! Das müssen wir sehen! Nur zu! immer frisch!« Sie sprangen alle von ihren Plätzen auf und stellten sich rings um die beiden in einen weiten Kreis. »Hört mich an!« rief Antinoos, »ich will euch etwas sagen: Hier sind noch Ziegenmagen, mit Blut und Fleisch und Fett gefüllt und auf glühenden Kohlen am Spieße gebraten. Wer von den beiden Boxern siegt, der soll sie haben und künftighin auch immer hier frei bei uns zechen und zehren; ja wir wollen ihm das Vorrecht geben, daß kein anderer Bettler diese Schwelle betreten darf.« »Trefflich! ja, so soll's sein!« riefen sie alle beistimmend. »Nun schlagt zu! ha ha ha ha!« Da stand Odysseus langsam auf, als wäre er lahm an allen Gliedern. »Liebe Herren«, sprach er mit erkünstelter Schüchternheit, »so ein alter Mann, den das Elend entkräftet hat, – es ist fast hart, daß der sich mit einem jüngeren messen soll, welcher so groß und wohlgenährt ist. Aber weil ihr doch solchen Preis darauf gesetzt habt, lieber Himmel, was würde ich da nicht wagen, da ich so arm und verlassen bin! Meinetwegen, ich thue es! Aber zuvor schwört mir, daß keiner dem Iros beistehen oder mir zum Schaden in den Kampf sich mischen will.« Alle schwuren's, und zugleich trat Telemachos, jubelnd im Herzen, hervor und sprach: »Fürchte nichts, Alter, und wenn du dich sonst getraust, so treibe ihn frisch hinweg. Ich bin hier Wirt; wer dich verletzt, hat's mit mir zu thun und mit Antinoos und Eurymachos. Denn beide Helden sind meiner Meinung.« Alle wiederholten die Zusage, und nun machte sich Odysseus fertig. Er gürtete seine Lumpen um die Mitte des Leibes zusammen, und erschien nach Kämpfersitte mit nackten Armen und Beinen, Und was für Gliedmaßen zeigten sich da! Kraftvollere Schenkel, schwellendere Arme, breitere Schultern hatte wohl der stärkste Jüngling in der Versammlung nicht aufzuweisen, als so eben der runzelige Greis aus seinen Lumpen hervorstreckte. »Ei ei, du armer Iros«, dachte mancher jetzt, der es vorher nicht geglaubt hatte, »die Sache kann doch schlimm ablaufen!« Iros selber ahnete es fast, und gern hatte er sein erstes trotziges Wort zurückgenommen; aber leider war es gesprochen, und nun galt kein Zurücknehmen mehr. Da er noch immer zauderte, gürteten die Diener ihm die Kleider um den Leib und führten ihn hervor. Er zitterte an Händen und Füßen. »Elender Wicht«, rief Antinoos, der sich durchaus das Schauspiel nicht versagen wollte, zornig aus, »du fürchtest dich vor dem alten greisen Manne, den das Elend so entkräftet hat? Ja fürwahr, ich schwöre dir's, wo du zurückweichst, so packe ich dich auf ein Schiff und schicke dich nach Epeiros, wo die Barbaren dir Nase und Ohren abschneiden sollen!« Er riß ihn mit Gewalt auf den Platz. Das Gefecht begann. Da überlegte Odysseus, ob er dem Unglücklichen mit kräftiger Faust den Schädel einschlagen oder ob er ihn nur leicht mit mäßigem Hiebe zu Boden strecken solle. Er beschloß klüglich das letztere, damit nicht die überraschten Zuschauer vielleicht Argwohn schöpften. Iros schlug aus und traf des Gegners Schulter; aber gleich darauf erhielt er von unten herauf einen fürchterlichen Faustschlag an die Kinnlade, daß der Backenknochen aus seinem Gelenk brach, die Zähne gegeneinander prallten und das helle Blut aus dem Munde stürzte. Mit entsetzlichem Geschrei sank er nieder, preßte beide Hände vor das Gesicht und schlug mit den Füßen vor Schmerz den Boden. Da erhoben die Freier ein unbändiges Gelächter. Aber Odysseus zog den Besiegten bei den Beinen hinaus in den Hof und setzte ihn dort in einen Winkel, mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt; seinen Stab holte er nach und gab ihm denselben in die Hand. »Hier sitze, mein guter Freund«, sprach er, »und verscheuche die Hunde und Schweine; vor allen Dingen aber werde nach der Züchtigung klüger.« Er warf sich die Kleider wieder gehörig um Schultern und Lenden und hängte auch den Ranzen um, den häßlichen, geflickten, mit dem geflochtenen Tragbande. So ging er hinein und nahm seinen Platz auf der Schwelle ein. Da kamen sie alle lachend heran und schüttelten ihm die Hände. Antinoos legte ihm zuerst den Ziegenmagen wurstähnlichen Inhalts auf seinen Ranzen, wozu Amphinomos ihm zwei Brote aus dem Korbe reichte und einen Becher trefflichen Weines einschenkte, den er ihm mit herzlichem Handschlag zutrank und mit einem Glückwunsch auf bessere Zeiten begleitete. Amphinomos war ein braver Jüngling, bei weitem der beste unter den Freiern, darum zog ihn jetzt Odysseus gutmütig näher und sagte zu ihm mit sanfter Rede: »Junger Mann, du scheinst mir von edlem, verständigem Sinne, so wie du aus edlem Geschlechte stammst. Ich weiß, auch dein Vater ist brav und hochberühmt unter den Fürsten auf Dulichion. Darum höre jetzt ein gut gemeintes Wort von mir und nimm es zu Herzen. Siehe, es ist auf Erden nichts so hinfällig und unbeständig als der Mensch. Wer heute steht, kann morgen fallen, und mancher Glückliche bedenkt nicht, wie plötzlich sich sein Schicksal wenden kann. Ach! und dasjenige Unglück ist immer das bitterste, das man selbst durch Leichtsinn verschuldet hat. Was ich in diesem Hause höre und sehe, ist heilloses, schreiendes Unrecht, und du bist mit unter den Übelthätern. Glaubst du, daß die Götter solchem Frevel ein gutes Ende gewahren werden? Nimmermehr! Sicher, sicher kehrt der zurück, den ihr tot glaubt, und zwar bald, und alle Erinnyen mit ihm. Ich sehe schon im Geiste die ganze ruchlose Schar ins Verderben stürzen. Darum bitte ich dich, Lieber, entferne dich von hier und kehre still in dein Haus zurück, ehe dich Odysseus' Rache erreicht.« Der Jüngling schien nachdenkend und ging langsam an seinen Platz. Hätte er die Warnung beachtet! Aber die Verführung riß ihn hin, und er entrann dem Verderben nicht. Früher schon, als dies im Saale vorging, hatte Athene, die eigentliche Rachegöttin der Freier, der Penelope den Gedanken in die Seele gelegt, sich den Freiern zu zeigen und dadurch ihre Begierde aufs höchste zu steigern. Die Göttin wollte zugleich ihrem Schützlinge, dem unbekannten Bettler, die Freude machen sein treffliches Weib in aller ihrer Hoheit und in dem reinen Glänze ihrer Unschuld und Treue zu sehen. Die schöne Penelope stieg hinab, ein köstliches Gewand um den schlanken Leib gehüllt und das Gesicht schamhaft mit einem langen Schleier bedeckt. Ihr zur Seite gingen zwei dienende Jungfrauen. Alle sahen sie mit bewundernden Blicken an, als sie majestätisch in den Saal trat, und jeder wünschte von ihr zum Gemahle erkoren zu werden. »Bei allen Göttern! Penelope«, rief Eurymachos, »könnten dich die sämtlichen Söhne Griechenlands so sehen, wahrlich, dein Palast würde noch voller von Freiern sein, als er schon ist; so weit übertriffst du alle andern Weiber an Schönheit des Körpers und an Adel der Seele.« »Ach Eurymachos!« antwortete die sinnige Penelope, »mir ward ja wohl die Schönheit von den Göttern genommen, seitdem mein trauter Gemahl mit den Achäern gegen Troja zog. Wäre der mir wiedergegeben, so möchte ich mich wohl eines schöneren Lebens erfreuen, aber nun traure ich verlassen und von großer Not geängstigt. Damals, als er wegging, faßte er zum letztenmale meine Hand und sagte: Liebes Weib, nun muß ich in einen langen Krieg und in ein fernes Land ziehn. Ob ich wiederkehren oder fallen werde, wissen die Götter; denn man sagt, auch die Trojaner seien kriegskundige und tapfere Männer. Nimm du indessen, eine treue Gattin, des Hauses und unserer Güter wahr, pflege meinen Vater und meine Mutter und erziehe den Knaben zum Guten. Ist er ein verständiger Jüngling geworden, und ich bin noch nicht wieder zurück, dann mache ihm Platz im Hause und vermähle dich mit einem andern Manne. – Ach, damals dachte ich nicht, daß es so kommen würde; aber nun hat es doch zu meinem Schmerze das Schicksal so gelenkt, und schon naht sie, die gefürchtete Nacht der Vermählung! Ich unglückliche Frau! – Und wie werbt ihr um mich! Ganz gegen alle Sitte und Ordnung und Menschlichkeit! Sonst bringen Freier, die eines reichen Mannes Tochter begehren, selbst die Rinder und Schafe zum Schmause mit und laden die Verwandten der Braut dazu, dieser aber machen sie köstliche Geschenke, Doch wer hat je gehört, daß sie der Braut Vermögen verprassen und fremdes Gut ohne Vergeltung verschwenden?« Als das die Freier hörten, entsandten sie sofort ihre Diener, um reiche Geschenke herbeizuholen, und wirklich bekam Penelope der herrlichen Sachen an Geschmeide und Kleidern so viele, als sonst wohl keine Braut zu bekommen pflegte. Nachdem sie sich entfernt hatte, setzten die Freier ihre Spiele bis zum späten Abend fort. Niemand hätte es wohl dem alten Bettler auf der Schwelle angesehen, was sein Herz empfand, als er die Königin erblickte und ihre liebliche Stimme vernahm; wie alle die trüben Stunden, auf Kalypsos und Kirkes Inseln in Sehnsucht verweint, sich jetzt vor seine Seele drängten; und wie es ihm ins Herz schnitt das teure, zwanzig Jahre entbehrte und dennoch schuldlos wieder gefundene Weib nur so aus scheuer Ferne sehen zu können, sie nicht umarmen, ihr nicht sagen zu dürfen: siehe ich bin da, bin dein Gemahl! – Aber bis dahin war ihm noch viel Schmach und Mühsal vorbehalten. Eben jetzt bei einbrechender Nacht beschimpften ihn die Mägde im Hause. Sie waren hereingekommen, um den Gästen Licht anzuzünden, das heißt nach damaliger Sitte Späne in Kohlenbecken auf hohen Gestellen anzubrennen, und setzten sich dann müßig daneben, um, wenn die Späne heruntergebrannt wären, frische aufzulegen; da sagte Odysseus, sie möchten doch lieber hinaufgehen zur Königin und spinnen oder Wolle kratzen, er wolle schon für die drei Feuerbecken sorgen, selbst wenn die Freier bis zum Morgen sitzen sollten. – Ei, da kam er übel an! Sie schimpften was sie konnten und ließen nicht nach, bis er aufstand und es dem Telemachos zu sagen drohte. Da fürchteten sie, er werde mit der Drohung Ernst machen und liefen eilig davon und machten ihm Platz; er aber versah das Geschäft mit allem Fleiß, und an den Feuerbecken sitzend beobachtete er genau aller Freier Thun und Reden. So sehr es indessen schien, als habe er sich durch seinen glücklich bestandenen Faustkampf die Gunst der Freier erworben, so konnten sich doch die Übermütigen nicht lange des Neckens und Spottens enthalten. »Seht, Freunde«, rief Eurymachos lachend, »in dem Bettler steckt wahrlich ein verkappter Gott, dergleichen sich zuweilen den Wohnungen der Sterblichen nahen. Seht nur den Lichtglanz, der seine kahle Glatze umstrahlt; solcher Glanz ist nur den Unsterblichen eigen!« Das Gelächter der übrigen ermunterte den Eurymachos in seinem Spaße fortzufahren, »Höre einmal, Alter«, rief er laut, »wenn du nur zu etwas zu gebrauchen und nicht an ein herumziehendes Schmarotzerleben gewöhnt wärest, so wüßte ich wohl etwas für dich. Was meinst du, verdingst du dich bei mir wohl zum Knechte, um das Feld zu bestellen, Baume zu pflanzen und Laub zur Streu einzutragen? Lohn sollte dir reichlich werden, auch wollte ich dir Kleider auf den Leib geben und Sohlen unter die Füße. Aber du wirst wohl lieber herumstreichen und bei Faulenzen und Betteln den gefräßigen Bauch füllen wollen?« »O Eurymachos«, antwortete stolz der Verhöhnte, »sollten wir beide einmal auf dem Felde pflügend oder mähend um die Wette arbeiten, wer weiß, wer von uns den Preis davon trüge! wer weiß, wer am längsten Hunger und Durst erduldete, und wessen Bauch am ersten gefräßig genannt zu werden verdiente! Ja wahrlich, und ginge es zur Schlacht, und ich wäre gerüstet mit Helm und Harnisch, und Schwert und Schild wäre in meinen Händen: in den ersten Reihen der Kämpfer solltest du mich sehen, und ich würde nicht ermatten um des hungernden Magens willen. Aber du bist ein Trotzer, und dein Herz weiß nichts von Freundlichkeit, und weil du hier mit wenigen nur umgehst und unter vielen Schwächlingen der stärkste bist, so dünkst du dich wundergroß und gewaltig. Aber ich meine, wenn Odysseus hierher käme, so möchten wohl bald beide Thürflügel dir zu eng sein, um dem Tapfern zu entfliehen,« »Hört, bei allen Göttern hört, wie dreist der Kerl spricht!« rief Eurymachos. »Elender, ich will dich lehren, mir zu trotzen!« Mit diesen Worten ergriff er zornig seinen Fußschemel und schleuderte ihn mit aller Kraft nach dem Odysseus. Der aber bückte sich geschwind und warf sich zu Amphinomos Füßen nieder. Da flog der Schemel über ihn hin und traf des Schenken rechten Arm, daß die Kanne ihm aus der Hand fiel und der Arme ein lautes Geschrei erhob und rückwärts zu Boden stürzte. Alle Freier wurden unwillig und schmäheten den Fremden, der an allem Unfuge schuld sei. Aber Telemachos stand auf und ermahnte sie ruhig zu sein und still sein Haus zu verlassen, da ohnehin die Stunde des Schlafens gekommen sei. Der sanfte Amphinomos unterstützte diese Rede und redete allen gütlich zu, daß keiner die Worte mißbilligen konnte. Und sie gingen sämtlich, nachdem sie den Göttern die letzte Opferspende dargebracht hatten, ein jeglicher in seine Wohnung, um dort zu schlafen. Fünfzehnter Abend. Penelope und der Bettler. Odysseus blieb noch zurück im Saale, und als alle Freier gegangen waren, winkte er schnell dem Telemachos, um mit ihm die Waffen in die obere Kammer zu tragen. Die alte treue Eurykleia mußte auf Telemachos' Geheiß die Mägde so lange zurückhalten, bis das Geschäft verrichtet war; sie selbst suchte man zu überreden, es geschehe um des Rauches willen. Und siehe, als die beiden mit den Schildern und Schwertern die Treppe hinauf stiegen, erhellte sich der dunkle Gang mit geheimnisvollem Lichte, daß der Jüngling erstaunte und still stand, um dem Vater das Wunder zu zeigen. »Still, mein Sohn«, sagte leise der erfahrene Mann, »das ist Götterglanz. Athene ist mit uns. Gehe schweigend in Ehrfurcht mitten hindurch und forsche nicht nach. So pflegen sich Unsterbliche zu offenbaren.« Nachdem alle Waffen beiseite geschafft waren, hieß der Vater den Sohn zu Bette gehen. Er selbst begab sich aufs neue in den Saal, um die Penelope zu erwarten, die ihn zu einem Nachtgespräch beschieden hatte. Sie kam aus ihrer Kammer, und ihre Begleiterinnen setzten ihr am Feuer einen schönen Sessel zurecht, mit Silber und Elfenbein ausgelegt, und drüber legten sie einen weichen Schafpelz. Auch Mägde kamen jetzt in großer Anzahl, um die Überbleibsel des Schmauses aufzuräumen, die Tische zu waschen und jegliches Gerät an seinen Ort zu stellen. Sie stürzten die Feuerbecken um auf den Herd und legten noch frische Scheite nach, die leuchtende Flamme zu unterhalten. Als sie den bettelnden Greis noch immerfort dastehen sahen, erhoben sie noch einmal ihr schimpfendes Geschrei, und die unverschämteste von allen drohte ihm sogar mit einem Feuerbrande, wenn er sich nicht sogleich zum Hause hinaus begebe. Aber die Königin hörte die Drohung und schalt das Mädchen, wie sie es verdiente. Zugleich befahl sie einer andern, einen Stuhl für den Gast ans Feuer ihr gegenüber zu setzen, und als er Platz genommen, hub sie sogleich zu fragen an. Er suchte den Fragen: wer? und woher? lange auszuweichen, und schützte den tiefen Schmerz vor, den die Erzählung in ihm erneuern würde. Gern hätte er seinem lieben Weibe die Täuschung erspart; aber sie drang zu sehr in ihn, ihr seinen Namen und Ursprung zu nennen, und so war er denn genötigt das alte Lügengewebe aufs neue auszuspinnen, mit dem er schon einmal den Sauhirten getäuscht hatte. Noch fügte er hinzu, wie er vor zwanzig Jahren den Odysseus in Kreta gesehen, als dieser daselbst ihn und den Idomeneus zur Fahrt nach Troja abgeholt habe. Hier wollte rasch die kluge Penelope die Wahrheit seiner Erzählung prüfen und fiel ihm daher ins Wort: »Liebster Gast, wenn du damals meinen Gemahl gesehen, ja selbst im väterlichen Hause bewirtet hast, wie du erzählst, so sage mir doch, wie war er damals gekleidet? und wen hatte er bei sich?« »Es ist zwar schwer nach einer so langen Reihe von Jahren genau alles anzugeben, trotzdem weiß ich es noch«, antwortete der Bettler. »Einen prächtigen Mantel hatte er an, von dunkler zottiger Wolle, und mit goldener Spange vorn auf der Brust befestigt. Herrlich prangte oberhalb goldene Stickerei: ein Rehkalb stellte sie vor, das vom Hunde gepackt wird, und ganz natürlich sah man den gierig fassenden Hund und das zappelnde Reh, das mit den Füßen sich loszumachen strebte. Unter dem purpurnen Mantel aber schimmerte, wenn er sich bewegte, ein feiner Leibrock von glänzend weißer Wolle hervor. Wahrlich ein stattlicher Held! und die Weiber zumal sahen ihn mit Wohlgefallen an.« »Welche Gefährten aber deinem Gemahl alle folgten, kann ich dir jetzt nach so langer Zeit unmöglich noch sagen; nur des Herolds erinnere ich mich, weil er bucklig war und braun von Gesicht und lockigen Haares, und wo mir recht ist, nannten sie ihn Eurybates. Es schien, als wenn der edle Odysseus große Stücke auf ihn hielt, denn er mußte immer um ihn sein.« »Ja, er liebte ihn sehr«, sagte Penelope schluchzend. Denn schon während der ganzen Erzählung hatte sie still geweint. »Ja, Fremdling«, fuhr sie fort, »du hast mir alles der Wahrheit getreu beschrieben. Jene Kleider webte ich selbst, und die Spange hatte ich zur Zierat daran befestigt. Wie schön war mein trefflicher Gemahl in dem Gewande! Ach jetzt modert vielleicht schon Mantel und Gemahl, oder die Vögel des Himmels haben sein Fleisch am Gestade des Meeres gefressen! Ach, wie ich gehofft habe und immer gehofft, er würde wiederkehren! wie meine Thränen um ihn geflossen sind, und was ich armes Weib noch täglich von den Freiern leiden muß, ach das könntest du nicht empfinden und nicht fassen!« Odysseus bezwang sich mit fast mehr als menschlicher Gewalt. »Weine nicht mehr, du würdigste der Frauen, laß mich vielmehr meine Erzählung vollenden; ich habe noch viel Trost für dich. Er kommt gewiß, um den du weinst; er kann nicht mehr fern sein. Vor wenigen Tagen habe ich selbst das Schiff gesehen, worin thesprotische Männer ihn herbringen werden, und die köstlichen Geschenke, die er bei sich führt; ja er wäre schon hier, wenn ihn nicht von dort aus verlangt hätte das Orakel bei der heiligen Eiche zu Dodona um Rat zu fragen, wie er die Freier am sichersten überwinden könne. Traue mir, Königin, und zweifle nicht ferner! Sieh, ich schwöre dir bei Zeus, dem höchsten der seligen Götter, und bei diesem gastlichen Herde, dem ich genaht bin, daß ich die Wahrheit verkünde und daß es geschehen wird, wie ich dir jetzt gesagt habe.« »O wenn das geschehen sollte, guter Fremdling«, versetzte Penelope, »so sollte es dir nicht fehlen an reichem Dank für deine Kunde, und wer dir begegnete, sollte dich glücklich preisen. Aber auch jetzt schon will ich dich mit Mantel und Leibrock wohl versehen, sobald du weiter ziehen willst; denn du hast mir die Seele gerührt durch deine herzigen Worte. Wohlan, ihr Mägde, ehrt mir den Mann hier im Hause, und schafft ein Bettgestell und Teppiche für ihn, daß er bequem und sanft ruhe; vorher aber wascht ihm die Füße, wie sich's gebührt. Morgen früh sollt ihr ihn baden und salben, daß er mit Anstand unter den Männern sitze und an Telemachos' Seite das Frühmahl genieße. Und wehe der, die ihn kränkt oder seiner spottet!« »Ehrwürdige Frau«, erwiderte Odysseus, »seit ich von Kreta entfernt bin, habe ich mich zierlicher Betten und weicher Decken entwöhnt; laßt also auch hier mich ruhen, wie ich so lange geruht habe, auf der bloßen Erde am Feuer, mit einem Mantel bedeckt. Auch das Fußwaschen verbitt' ich, besonders von den übermütigen Mägden da, wofern nicht ein altes treues und sorgsames Mütterchen unter den dienenden Weibern ist, die auch Unglück im Leben erfahren hat und mit Unglücklichen schonend umzugehen weiß. Eine andere soll nimmermehr den Fuß mir berühren!« Penelope sprach: »Fürwahr, lieber Gast – denn lieb bist du mir und wert, und nie ist mir aus der Ferne ein so willkommener Fremdling ins Haus gekommen, der alles mit Bedacht redet – fürwahr, ich habe solch ein Mütterchen im Hause, die hat noch meinen lieben Gemahl aufgezogen und ist von Kindheit an seine Pflegerin gewesen; die soll dir die Füße waschen. Gute Eurykleia, stehe doch auf und verrichte das lange unterlassene Geschäft. Denke, es wäre dein lieber Herr, dem du ja sonst so gern die Füße wuschest. Ach so vertrocknet mögen jetzt seine Hände und Füße auch wohl sein, als die des alten Mannes; denn im Unglück altert man schnell.« Die Erinnerung preßte der alten Wärterin bittere Thränen aus. Sie weinte sich erst satt, ehe sie aufstand. »Die Götter«, sprach sie, »sind meine Zeugen, ich habe den edlen Herrn von Kindheit an fast wie einen Sohn geliebt, und immer denke ich noch an ihn und hoffe, er werde sicher zurück kommen. Wie glücklich wären wir alle, wenn er bei uns wäre! Aber ach, er schleppt sich vielleicht auch so, wie der arme Mann hier, von Ort zu Ort und bettelt sich durch, fern von der Heimat! Vielleicht verhöhnen ihn da, wo er hinkommt, die Mägde auch so in den Häusern, wie diese schlechten Geschöpfe hier, vor welchen du guter Mann dich scheust, und die es auch wahrlich nicht wert sind dich zu waschen. Nun warte, ich will deiner redlich pflegen, weil meine Gebieterin es befiehlt, und gewiß auch aus Liebe zu dir selber. Denn ich kann es dir nicht verschweigen, fremder Mann; seit ich dich zuerst sah, fiel mir's aufs Herz, daß ich nie einen Mann gesehen, der dem Odysseus an Stimme und Gestalt so ähnlich war als du.« Odysseus verbarg die seltsame Empfindung, die ihn bei diesen Worten überraschte. Im gleichgültig scheinenden Tone antwortete er: »Mütterchen, das sagen alle, die uns beide gekannt haben, und wohin ich gekommen bin, haben sie mich immer im Scherz Odysseus genannt.« Jetzt holte die Alte die hell blinkende Wanne herbei, goß kaltes Wasser hinein und mischte es mit heißem. Indessen wendete sich der Bettler geschwind vom Herde ab, denn ein plötzlicher Einfall erregte ihm große Besorgnis. Er hatte seit seiner Jugend eine starke Narbe über dem rechten Knie, die war ihm von dem scharfen Hauer eines Ebers geblieben, der ihn einmal auf der Jagd verwundet hatte. Die Alte kannte diese Narbe wohl, und daher setzte er sich jetzt in den Schatten, damit sie dieselbe nicht bemerken sollte. Aber sie entdeckte sie dennoch durch das Gefühl, als sie ihm mit flacher Hand beim Waschen das Bein strich, und vor freudigem Schrecken ließ sie plötzlich das Bein in die Wanne fallen, daß diese umschlug und alles Wasser verschüttet wurde. »Wahrlich«, rief sie, »du bist Odysseus! habe ich doch den eigenen Herrn nicht eher erkannt, als bis ich deine Füße betastet habe!« Zum Glück hörte Penelope nichts von dem Freudengeschrei, das die Alte erhob. Da sprang Odysseus hastig auf, hielt ihr mit Gewalt den Mund zu und flüsterte mit schneller Stimme: »Mutter, du bist des Todes, wenn du mich verrätst! Kein Mensch darf erfahren, was du jetzt entdeckt hast. Schweig, wenn dein Leben dir lieb ist!« Die Alte versprach alles und ging sogleich, um ein neues Bad zu bereiten, denn das erste war ganz verschüttet. Hierauf begann Penelope wieder das Gespräch: »Ach, es ist, als sollte ich gar nicht zur Ruhe kommen. Selbst die Wohlthat des Schlafes muß ich allzusehr entbehren. Bei Tage gewährt mir die Arbeit und die Beaufsichtigung der Dienerinnen einige Zerstreuung; suche ich dann bei Nacht das Lager, so jagen mich Träume auf, und alle zeigen mir meinen Gemahl und verheißen seine Rückkehr. Und doch kann ich ihn fast nicht länger erwarten; denn viele schelten bereits meine Treue, da meines unschuldigen Sohnes Güter darüber zu Grunde gehen. So lange er noch unerwachsen war, mußte ich wohl das Haus bewahren; jetzt aber, da er groß und verständig ist, denke ich immer, er zürne mir selber, daß ich nicht gehe und mich mit einem andern vermähle. Denn er leidet am meisten von der Raubsucht der Freier, und ich kann ihm das durch sie verpraßte Gut nicht ersetzen. Auch meine Eltern dringen in mich, daß ich mich der zweiten verhaßten Heirat füge. Ach, ich bin meiner selbst nicht mehr mächtig und weiß nicht, was ich thun soll! Da hatte ich nun die vorige Nacht wieder einen seltsamen Traum. Ich habe im Hofe zwanzig Gänse, die ich füttere und die meine Freude sind. Auf diese Gänse – so erschien mir's im Traume – kam ein Adler aus dem Gebirge herabgeflogen, würgte sie alle und schwang sich wieder in die Luft auf. Und als ich darüber wehklagte und jammerte und eine Menge Weiber aus der Stadt herkamen und mich trösteten, siehe, da kehrte er zurück, setzte sich auf das Gesimse, und sprach mit menschlicher Stimme: »Mutig, du Tochter des Ikarios! das ist kein eitles Traumgebild, sondern eine sichere Verkündigung, die dir zum Heile vollendet werden wird. Die Gänse sind die Freier, und ich selber, der ich zuvor ein Adler war, bin dein Gemahl und komme, um dich und mich zu rächen und den Freiern ein schreckliches Ende zu bereiten.« »Ich erschrak so heftig, daß ich erwachte. Schnell ging ich zum Fenster, um nach meinen Gänsen zu sehen; aber sie waren noch alle da und fraßen am Trog, wie gewöhnlich.« »Nun fürwahr, edle Fürstin«, versetzte Odysseus, »der Traum ist doch wahrlich deutlich genug. Und so wird es auch erfüllt werden, glaube mir's. Die Götter selber übernehmen deine Rache,« »Ach, guter Fremdling«, erwiderte Penelope, »nicht allen Träumen ist zu glauben; viele täuschen, wenige treffen ein. Und zögern die Götter, so kann ich doch nicht länger zögern. Den morgenden Tag habe ich zur Entscheidung bestimmt. Es ist der Neumond. Möchte er mir doch glücklich dahingehn! Ich habe beschlossen den Freiern einen Wettkampf anzubieten, und wer darin den Preis davon trägt, dem will ich als Gemahlin folgen. Oben liegt noch der Lieblingsbogen meines Odysseus, mit dem er oft zur Übung das Kunststück machte einen Pfeil durch die Öhre von zwölf hintereinander aufgestellten Äxten zu schießen. Dasselbe sollen nun morgen die Freier auch versuchen, und wem es am besten gelingt, dem will ich folgen.« Der Unbekannte gab ihr seinen Beifall zu erkennen und freute sich im Herzen der schönen Gelegenheit, welche es am folgenden Tage geben würde, die Freier alle zu überwinden. Jetzt ging die edle Penelope hinauf in ihre Kammer und legte sich zur Ruhe, denn es war schon spät. Odysseus blieb im Saale und bereitete sich daselbst am Feuer ein Lager von einer Ochsenhaut und einigen Schaffellen, und Eurynome, die treue Schaffnerin, deckte ihn noch mit einem Mantel zu. Sechzehnter Abend. Der Sieger im Kampfspiel. Odysseus warf sich sorgenvoll auf seinem Lager umher, ohne Ruhe zu finden. Schwere Gedanken durchkreuzten sein Haupt; er dachte mit Verwunderung an das, was geschehen war, und mit Zweifel und Bangen an das, was zu thun ihm noch bevorstand. Durch das Haus schlüpften indes die Mädchen, die es heimlich mit den Freiern hielten und, während Penelope schlief, das Haus verließen, um die Freier in ihren Wohnungen aufzusuchen. Alle diese Unsitte und Unbill aber versetzte den bekümmerten Odysseus zugleich in den heftigsten Zorn, und im Herzen drohte er den frechen und schamlosen Dirnen schreckliche Vergeltung, wenn der Tag der Rache gekommen sein würde. Dann aber dachte er wieder an den zahllosen Schwarm der Freier, und sein Mut brach, wie er jedem gebrochen sein würde, der es mit hundert Jünglingen hätte aufnehmen sollen. Da plötzlich erschien ihm wieder Athene, seine göttliche Freundin, und stand ihm zu Häupten. »Was bekümmert dein Herz so sehr? Du hast alle Ursache zufrieden zu sein und dich nicht mehr zu grämen. Bist du doch in deinem Hause bei der treuen Gattin und dem wackeren Sohne!« sprach ermutigend die Göttin. Er bekannte ihr seine Besorgnisse. »Freilich«, entgegnete sie, »wenn dir ein sterbliches Weib seinen Beistand zum Kampfe zusagte, da möchtest du mit Recht mißtrauen; aber auf mich, die Göttin, solltest du doch wohl bauen, kleinmütiger Mann! Schäme dich! Ich sage dir, wenn fünfzig Rotten solcher Freier gegen dich anrückten, und ich beschützte dich, so sollten die fünfzig Rotten dir just wie so viel Kinder thun. Jetzt aber schlafe ein und beruhige dein Herz. Die Göttin heißt dich das Beste hoffen.« Er entschlummerte, doch nicht auf lange Zeit. Noch vor der Morgendämmerung weckte ihn ein rührender Klageton, von Schluchzen und Seufzen unterbrochen. Es war Penelopes Stimme, leicht hörbar durch die Bretter der oberen Decke des Zimmers. Sie weinte trostlos auf ihrem Lager und rief in ihrem Schmerz wohl hundertmal Odysseus' Namen, der jedesmal dem unten Wachenden durch die Seele drang. Ein lebhafter Traum hatte sie abermals erschreckt: Odysseus in voller Rüstung, so wie er nach Troja gegangen war, ruhte neben ihr. Nun war ihr Schlaf dahin, und ihre Thränen flossen wieder. Dem treuen Gatten wollte das Herz zerspringen. Er warf die Decken von sich, stand auf und machte einen raschen Gang, durch den Saal. Dann trat er ans Fenster und richtete das Haupt zum Himmel. Es war noch finster, die Sterne flimmerten. Die schaurige Stille der Nacht ward nur durch Penelopes Seufzer und durch das häßliche Knarren der Handmühle Im ganzen Altertume mahlte man das Getreide noch, wie wir den Kaffee, auf Handmühlen, welches eine der schwersten Sklavenarbeiten war. unterbrochen, auf der eine Magd in der Nebenkammer Korn für die Freier zermahlte. Das war ein Geschäft, welches täglich auf zwölf Mägden ruhte; in dieser Nacht aber waren die übrigen alle früher fertig geworden, als das arme Mädchen, welches schwach und kränklich, jetzt noch immer die matten Arme rührte. »O Gott«, betete Odysseus mit leiser Stimme, »erhabener Zeus, wenn du Gutes mit mir beschlossen hast und mir gnädig sein willst, so gewähre mir jetzt ein Zeichen, daß ich dir vertrauen kann!« Und horch! nicht lange darauf rollte ein lange anhaltender Donner am weiten Morgenhimmel hin. Und in dem Augenblicke hörte die Mühle zu rasseln auf, und das ermüdete Mädchen sprach vernehmlich in der Kammer: »Heiliger Vater Zeus! du donnertest laut, und doch ist der Himmel gestirnt und heiter. Gewiß giebst du einem Sterblichen ein Zeichen. O erhörtest du doch auch meine Bitte, daß ich elendes Mädchen diese Nacht zum letztenmale für die heillosen Freier gearbeitet hatte, die Tag für Tag unter Jubel verzehren, was die armen Sklavinnen des Nachts mit saurem Schweiße bereiten müssen. O daß sie alle umkämen und dieser Schmaus ihr letzter wäre!« Beides, der Donnerschlag und die zufälligen Worte des Mädchens, dünkte den edlen Mann ein doppeltes siegverkündendes Zeichen. Nun wuchs ihm plötzlich der Mut, und alle Furcht schwand aus seiner Seele. Dröhnend schritt er auf und ab in dem weiten Saale und entwarf Pläne für den kommenden Tag. Mit Ungeduld erwartete er den Anbruch der Morgenröte. Sie kam, und mit ihr ward alles lebendig im Hause. Telemachos ging auf den Markt, und Eurykleia rief die Mägde herbei, um ihnen ihre Geschäfte anzuweisen. »Hurtig an die Arbeit! Ihr da sprengt und fegt mir den Saal, setzt die Stühle zurecht und legt die purpurnen Decken darüber. Ihr andern dort scheuert die Tische mit Schwämmen rein und spület die Becher und Krüge, wie sich's gehört. Ihr übrigen lauft zum Brunnen und holt Wasser herbei. Aber nicht viel geschwatzt unterweges; denn heute werden die Gäste früh hier sein, weil ein Festtag zu Ehren des Apollon ist. Ihr wißt, wir haben Neumond.« Die Mägde thaten, wie ihnen befohlen war. Und als die Wasserträgerinnen von der Felsenquelle zurückkamen, erschienen auch schon die Diener der Freier in dem Hofe, um Holz zu spalten und die Tiere zu schlachten, welche die Hirten zum heutigen Schmause liefern mußten. Auch der treffliche Sauhirt hatte sich früh aufgemacht und trieb diesmal selber seinen Anteil, drei fette Schweine, vor sich her. Als er sie durch den Thorweg getrieben hatte, ließ er sie im Hofe herumlaufen und suchte seinen Freund aus Kreta auf. Odysseus kam ihm schon entgegen und drückte ihm herzlich die Hand. »Nun wie geht's?« fragte der Sauhirt, »Treiben sie's noch mit dir, wie zu Anfange, oder hast du jetzt mehr Ansehn bei ihnen erlangt?« »O, daß die Götter sie bestraften für den frevelhaften Unfug, den sie schamlos in dem fremden Paläste verüben!« erwiderte Odysseus. Jetzt kam auch der Ziegenhirt Melanthios herzu, welcher die trefflichsten Ziegen zum Schmause für die Freier gebracht hatte. Er konnte auch diesmal nicht vor dem Fremden vorbeigehen, ohne ihn zu beschimpfen und ihm mit Schlägen zu drohen. »Willst du noch immer«, rief er ihm zu, »den Leuten durch dein Betteln beschwerlich fallen? Mache bald, daß du fortkommst! Jedoch zuvor sollst du meine Fäuste noch kosten.« Odysseus schwieg noch immer, schüttelte sein Haupt und versparte die Rache auf gelegenere Zeiten. Desto wohler ward ihm wieder, als er den Rinderhirten kennen lernte, der gleichfalls herbeikam, um seinen Beitrag zu dem großen Festmahle zu liefern. Philötios hieß der brave Mann; er war ein Freund des Sauhirten und haßte, wie dieser, im Herzen die schändlichen Freier. Wohl hätte er längst diesen Dienst verlassen, wenn er nicht aus Liebe zu Odysseus' Hause und aus Besorgnis, die Herden möchten nach ihm in schlechte Hände geraten, geblieben wäre. Auch hielt ihn insgeheim die unvertilgbare Hoffnung, der König werde doch einmal wiederkommen. Er sah den Bettler im Hofe stehen und ging sogleich zum Sauhirten, um diesen vertraulich zu fragen: »Sauhirt, wer ist der fremde Mann hier, und woher kommt er? Wahrhaftig, wunderbar ähnlich sieht er unserem Herrn, nur daß er gealtert und eingeschrumpft ist. Aber das Elend kann auch wohl eine königliche Gestalt entstellen!« Als er so sprach, trat Odysseus näher und grüßte ihn. Der ehrliche Rinderhirt faßte ihn sogleich bei der Hand und sprach treuherzig zu ihm: »Glück auf, alter Vater! künftig müsse dir's wohlgehen, obgleich du jetzt schwere Trübsal erduldest. Wahrlich, Zeus, hart bist du gegen manche deiner Menschenkinder; du lassest sie in Not und Jammer verschmachten und erbarmst dich ihrer nicht! Immer, wenn ich einen Mann sehe, wie diesen hier, fällt mir der treffliche Odysseus ein. Ach! denke ich dann, vielleicht irrt er jetzt auch so herum unter fremden Menschen in der Ferne, den Leib mit elenden Lumpen verhüllt, ein Gespött der Buben und Dirnen! Und dazu den Jammer, der hier seine herrliche Gemahlin und den edeln Sohn trifft! diesen heillosen Unfug schamloser Freier, die weder die Götter ehren noch Menschlichkeit kennen! Ha, daß er wiederkäme, plötzlich, unverhofft wie ein Gott, und jählings den frevelnden Schwarm aus seinem Hause jagte!« »Kuhhirt«, erwiderte ihm Odysseus, »weil du mir ein verständiger und redlicher Mann scheinst, so verkündige ich dir hiermit und schwöre mit heiligem Eide bei Zeus und diesem gastlichen Herde, dem ich genaht bin: du selber sollst zugegen sein und, wenn du willst, mit diesen deinen Augen es sehen, wie der König kommen und die ganze Brut der Freier erwürgen wird!« »O daß es die Götter erfüllten!« versetzte jener. »Wahrlich du solltest sehen, was dabei meine Kraft und meine Hände vermögen!« Wahrend sie so miteinander sprachen, entwarfen die Freier, die sich wie gewöhnlich zuerst auf dem Markte versammelt hatten, neue Mordanschläge gegen den verhaßten Telemachos, dessen Reden mit jedem Tage drohender wurden. Aber ein Gott war ihnen entgegen. Denn eben als sie miteinander beratschlagten, erschien zur Linken hoch über ihren Häuptern ein Adler, der eine flatternde Taube in seinem Schnabel hielt. Der stille Amphinomos bemerkte zuerst das Unglückszeichen und riet von dem Vorhaben ab. Alle stimmten ihm bei, und so ward das Bubenstück für diesmal abgewendet. Vom Markte stürmte jetzt der lärmende Troß nach der Königswohnung und drang in den Saal. Hier legte jeder den Mantel ab und setzte sich auf seinen Stuhl, und nun ging's an ein Befehlen, daß die Diener nicht schnell genug laufen, nicht Braten und Brot genug herbeiholen konnten. Unterdessen setzte auch Telemachos dem alten Bettler ein Tischchen und einen schlichten Sessel an der Schwelle zurecht, und befahl den Dienern ihn wie jeden andern Gast zu bedienen. »So, mein Freund!« sprach er dann mit lauter Stimme zu ihm, daß alle Freier es hörten. »Hier sitze ruhig und iß von meinem Vorrat und trinke des Weins, soviel dir beliebt. Ich werde dich vor Schmähungen und Beleidigungen schützen, denn wisse, hier ist kein öffentliches Gasthaus, sondern meinem Vater gehört's, und ich bin der Erbe desselben. Daß ihr euch also aller Beschimpfung enthaltet, ihr Freier, und nicht etwa Hader und Zank beginnt!« Die erstaunten Freier schwiegen und bissen sich auf die Lippen. »Laßt uns nur das vermessene Drohwort dieses Jünglings hinnehmen!« sagte Antinoos. »Ihr wißt ja, es ist nicht unsere Schuld, daß er nicht längst auf immer zum Schweigen gebracht ist.« Telemachos achtete nicht auf diese Reden, sondern aß und trank ruhig an seinem Tische. Da erhob sich ein neuer Übermut. Ein junger Gesell aus Same, der Erbe eines sehr begüterten Vaters, hatte sich im Vertrauen auf sein Vermögen auch unter die Freier der Penelope gemischt. Sein Name war Ktesippos ; an Frechheit und Trotz kam er dem Eurymachos und Antinoos gleich. Der sprach jetzt laut zur Versammlung: »Hört einmal, ihr Herren, der Fremde dort an der Thür hat zwar schon sein Teil von der Mahlzeit; aber ich hoffe, er wird's nicht übel nehmen, wenn ich ihm noch besonders ein Gastgeschenk verehre. Mag er's der Magd schenken, die ihn gebadet hat, oder einer andern Dienerin im Hause des Odysseus. Seht hier den prächtigen Kuhfuß! der mag ihm wohl bekommen!« Er warf ihn mit voller Wucht dem Odysseus nach dem Kopfe, aber dieser bog geschickt aus und vermied den Wurf der nur die Wand traf. Aus aller Freier Kehlen erscholl ein wieherndes Gelächter. Auch Odysseus lachte, aber es war jenes bittere Lachen, in welchem der wütendste Ingrimm sich Luft macht. Zornig drohend sprang Telemachos auf: »Das war ein Glück für dein Leben, Ktesippos, daß du den Fremden nicht getroffen hast! Durchbohrt hätt' ich dich mit der Lanze, daß der Vater dir hier statt der Vermählung ein Leichenmahl hätte feiern müssen! Und keinem rate ich etwas Ähnliches zu versuchen, denn selbst von dem Stärksten werde ich solches nicht dulden! Mögt ihr meine Habe aufzehren – schlimm genug, daß ich's nicht ändern kann! Mögt ihr mich selbst ermorden, wie ihr vorhabt! Thut es! Lieber will ich das Leben lassen, als täglich sehen, wie man in meinem Hause Fremdlinge kränkt und verstößt und wie euer Mutwille die Mägde des Hauses nicht verschont!« Alle schwiegen umher. Endlich begann ein junger Mann von einer rechtlichen Denkart: »Freunde, mich freut es, daß ihr nichts erwidert, denn Telemachos hat wahrlich nicht ungeziemend gesprochen. Laßt uns auch von nun an weder jenen Fremdling, dort noch andere Leute im Hause mißhandeln. Dir aber, Telemachos, möchte ich auch wohl einen billigen Vorschlag machen. Siehe, so lange du unmündig wärest, und deiner Mutter die Pflicht oblag dich zu erziehen und deine Güter in Ordnung zu erhalten, da konnte man nicht tadeln, daß sie sich der zweiten Heirat entzog und unsere Anträge zurückwies. Jetzt aber, da du erwachsen bist und Verstand hast dein Eigentum selbst zu verwalten, jetzt ist es unrecht, daß sie länger zögert. Denn sie thut dir damit offenbar Schaden an deinem Vermögen, da bloß ihr Eigensinn schuld ist, daß wir nicht längst dieses Haus verlassen haben. Darum solltest du ihr selbst zureden, daß sie sobald als möglich zu einer Wahl schreite; denn jetzt ist doch sicher keine Hoffnung mehr, daß dein Vater zurückkehrt. Ginge sie so aus dem Hause, dann verzehrtest du das Deine in Ruhe, und niemand von uns störte dich ferner im Besitz deiner Herden und Äcker.« »Nun, beim Zeus!« entgegnete Telemachos, »ich halte ja die Mutter weder zurück, noch verzögere ich ihre Wahl. Mag sie doch wählen den Mann, den sie will; das überlasse ich ganz ihrem freien Entschlusse, und wenn sie sich zur Heirat entschließt, bin ich selbst bereit ihr noch reiche Geschenke zu geben. Nur das sei ferne von mir, daß ich durch ein gewaltsames Wort oder sonst durch Zwang die eigene Mutter aus dem Hause triebe!« War es Mutwille oder Trunkenheit, oder verkehrte ein Gott die Sinne der Freier – ein wüstes Gelächter erfolgte auf diese edlen, verständigen Worte. Und immer wilder ward das Gelächter und hörte nicht auf; die Gesichter der Freier verzerrten sich grinsend, die Augen verdrehten sich: ein wilder Wahnsinn schien alle zu ergreifen, da sie selbst von dem noch vorrätigen rohen Fleische zu essen anfingen. Odysseus aber und Telemachos und die aufwartenden Diener staunten entsetzt, denn sie ahnten die schreckliche Nähe der Rachegöttinnen. Theoklymenos endlich, der fremde Seher, den Telemachos mit aus Pylos gebracht und seitdem täglich zu Gaste geladen hatte, rief laut, wie entzückt von prophetischer Begeisterung: »Unglückliche Männer, welch Elend ist euch begegnet? Euer Auge verdüstert sich, eure Häupter sind zerrüttet und die Wangen mit unnatürlichen Thränen benetzt. Ha! ich sehe Blut! Da, dort! da trieft es an den Wänden – in den Nischen! Und draußen der Hof – er ist voller Schattengebilde! – Zum Schattenreiche eilten sie in Finsternis. – Und die Sonne am Himmel ist verlöscht. – Ha! rings herrscht gräßliches Dunkel!« Diese schreckliche Vision des gottbegeisterten Sehers wirkte auf die verwirrten Gemüter nur noch verwirrender; die Freier erhoben von neuem ein wildes Gelächter. Darauf nahm der übermütige Eurymachos das Wort: »Hört, Freunde«, rief er, »wie der Mann da raset, der jüngst aus der Fremde zu uns kam! Hier ist's ihm zu dunkel, sagt er; faßt ihn doch an und führt ihn auf den Markt, ob er auch da nichts sehen wird!« »Eurymachos«, entgegnete der Fremde, »deines Geleites begehre ich nicht; denn noch sind Augen und Ohren und Füße gesund, auch der Verstand ist mir nicht irre geworden. Aber euch hat ein Gott die Seele verfinstert. Wehe, wehe! Hier weile ich nicht länger! Denn schon sehe ich das Verderben euch nahen, dem keiner entrinnt! Fort, fort von hier! Hier ist das Feld des Todes.« Er ging rasch hinaus. Dem Telemachos und den Dienern im Saale zitterten die Glieder, als sie die zürnenden Worte vernahmen. Aber die Freier achteten dessen nicht und tobten fort in ihrer rasenden Verblendung. »Wahrlich, Telemachos«, rief einer derselben, »keiner hat je so schlechte Gäste beherbergt als du! Der eine wird toll mitten im Essen und fängt an zu wahrsagen; der andere liegt da und hungert und kann den Wanst nicht gierig genug füllen. Weißt du was? ich dächte, wir lüden sie beide auf ein Schiff und verhandelten sie im nächsten Lande, da bekämen wir am Ende doch noch etwas Erkleckliches für sie.« Telemachos schwieg und sah seinen Vater an, ob er jetzt das Zeichen geben würde. Aber Odysseus blieb still; seine Zeit war noch nicht gekommen. So verging das Frühmahl in wilder Ausgelassenheit; welcher Abendschmaus ihnen bevorstand, ahnte noch keiner. – – Indessen zerstreuten die Freier sich draußen im Vorhofe und verkürzten sich die Zeit mit allerhand Spielen, bis der Nachmittag herankam. Jetzt gedachte die edle Penelope ihres Vorsatzes die Freier zum Wettstreit einzuladen, und stieg zu dem Ende in die obere dicht verschlossene Kammer, wo die Geräte und Kostbarkeiten ihres lieben Gemahls ruhten. Auch sein Lieblingsbogen von geschmeidigem Horne war darunter, ein wertes Geschenk eines vornehmen Gastfreundes, das er zu hoch gehalten hatte, um es mit in den Krieg zu nehmen. Aber zur Jagd hatte er den Bogen immer am liebsten gebraucht, so lange er noch in Ithaka war. Jetzt hing er da, bestäubt und unscheinbar, denn seit zwanzig Jahren hatte niemand ihn berührt. Als das gute Weib ihn herunter nahm von dem Nagel und den Staub abwischte, fielen ihre Thränen auf die Waffe des teuern Mannes, und sie mußte sich erst niedersetzen und weinen, ehe sie aus der Kammer hinunter in den Saal gehen konnte. Hinter ihr trugen dann noch die Mägde die schwere Kiste mit scharfen, eisernen Pfeilen und den zwölf Äxten. Sie trat an die Pforte des Hofes, züchtig verhüllt in den langen Schleier und von ihren Dienerinnen umgeben, und rief die Freier zusammen. »Wohlan, ihr mutigen Freier«, sprach sie, »die ihr euch täglich in Scharen zu Schmausereien und Tänzen in meinem Hause versammelt und trüglich vorgebet, daß ihr mich als Gattin heimzuführen begehrt! Hört mich und vernehmet die Probe, die der bestehen muß, welcher mein Gemahl werden will! Seht da den Bogen und den Köcher meines lieben Gemahles, und hier die Äxte, durch welche er den raschen Pfeil zu schnellen pflegte. Wer nun am leichtesten von euch den Bogen spannt und durch die zwölf Öhre hindurch schießt, dem will ich als Gattin folgen, damit mein lieber Sohn durch meine Schuld nicht ganz um seine Habe komme.« Sie gab die Geräte dem Eumäos in die Hand, daß er sie in den Saal trage und dort den Freiern reiche. Als der ehrliche Mann den alten wohlbekannten Bogen seines teuern Herrn in die Hände bekam, begann er zu weinen und küßte die Waffe. Auch Philötios, der treue Rinderhirt, weinte; so lebendig hatte ihn nie das Andenken an den geliebten Herrn überrascht als jetzt, da er den Bogen sah. Aber der rohe Antinoos schalt die treuen Diener und rief zornig aus: »Nun, ihr albernen Viehhirten, was heult ihr denn und macht die Königin durch eure thörichten Thränen noch trauriger? Ist ihr das Herz nicht schon genug mit Kummer erfüllt, seitdem sie den lieben Gemahl verloren hat? Setzt euch still nieder an eure Tische und sättigt euch, und wollt ihr das nicht, so geht nach Hause und weint da, soviel ihr wollt. Erst aber bringt den Bogen herein, daß wir den Wettkampf versuchen, der wohl nicht leicht sein wird. Solch ein Mann, wie Odysseus war, ist schwerlich in der ganzen Versammlung, denn ich erinnere mich seiner noch wohl aus früher Kindheit her.« Sie gingen alle in den Saal, und Eumäos trug ihnen Bogen und Köcher nach. Telemachos riß eine gerade Linie in den Dielen des Saales auf und schlug genau nach der Richtschnur die zwölf eisernen Äxte ein, so daß in immer gleicher Entfernung ein Öhr hinter das andere zu stehen kam. Alle bewunderten die Geschicklichkeit, mit der er in kurzer Zeit das Werk zu stände brachte, das er noch nie zuvor verrichtet hatte. Jetzt trat er an die Schwelle und ergriff den Bogen. »Wahrlich, eine herrliche Übung!« rief er aus, »ich selber habe Lust, mich in diesem Wettstreite zu versuchen.« Er setzte den Bogen an, ihn zu spannen, allein vergeblich. Nach kurzer Erholung versuchte er es abermals, aber auch jetzt wollte es ihm nicht gelingen. Er zog zum drittenmale scharf an und näherte die Sehne bis auf eines Fingers Breite der Fuge. Und sicher wär's ihm beim vierten Versuche geglückt, hätte nicht sein Vater ihm heimlich mit den Augen gewinkt, daß er es unterlassen solle. Er verstand den Wink, lehnte den Bogen an die Wand und sagte mit verstelltem Unmut: »Nein, das ist nichts für mich! Entweder bin ich zum elenden Schwächling geboren, oder ich bin noch zu jung und muß die fehlende Kraft noch erwarten. Aber ihr andern versucht es jetzt, die ihr mir weit an Kräften überlegen seid. Fangt an, damit der Wettstreit entschieden werde.« »Ein jeder setze sich auf seinen Platz!« rief Antinoos, »und nun laßt's rechts herum gehen, wie beim Weinschenken!« Dem zufolge fing ein junger Mensch an, dem das Bogenspannen eine sehr ungewohnte Arbeit schien. Er rieb sich schon die Hände, als er ein paarmal angezogen hatte, und die Sehne zerriß ihm eher die Haut, als daß sie sich in den Einschnitt gefügt hätte. »Nein!« rief er, und stellte den Bogen hin; »ich will's nur bleiben lassen. Auf diese Art bekomme ich die schöne Penelope nicht. Je nun, es giebt ja noch andere reizende Töchter im Lande. Werbe um jene, wer will. Da ist der Bogen!« »Nun freilich«, rief Antinoos wieder, der beständig das große Wort führte, »du siehst auch nicht wie Bogenspannen aus. Dazu hat deine Mutter dich nicht geboren. Dafür aber giebt's noch andere Leute, die das Werk schon vollbringen werden. Nur frisch weiter! Einer nach dem andern!« Und einer nach dem andern versuchte es, und einer nach dem andern stellte den Bogen ungespannt wieder hin. Da rief Antinoos wieder dem Ziegenhirten zu: »Melanthios, stelle doch einen Sessel an den Herd und lege tüchtig Holz zu; dann geh und laß dir von den Mägden Fett geben, damit die Jünglinge am Feuer das Horn durchwärmen und einschmieren können; so wird der Bogen geschmeidiger werden, nachdem er jahrelang ungebraucht blieb und eben deshalb hart und spröde geworden ist.« Der Ziegenhirt entzündete ein flackerndes Feuer und holte eine große Scheibe Fett herbei. Da bestrichen sie den Bogen auf und ab und hielten ihn lange über der Glut; aber wie oft sie ihn strichen und wie lange sie ihn wärmten, so ließ er sich doch noch immer nicht spannen. Vergebens war er nun schon durch den ganzen Saal von Hand zu Hand gegangen, und nur die beiden trotzigen Prahler, Eurymachos und Antinoos, waren noch übrig. Jetzt gingen zufällig der Sauhirt und der Rinderhirt, beide zugleich, zur Thür hinaus, Odysseus, von keinem bemerkt, schlich ihnen nach und zog sie im Hofe geheimnisvoll beiseite. »Freunde, ein Wort!« flüsterte er ihnen zu. »Ihr seid beide brav, beide eurem Herrn getreu, und wünscht ihn sehnlich zurück. Und wenn er nun käme und bedürfte eures Beistandes, um die Freier zu töten, ihr würdet ihm beistehen auf Leben und Tod. Nicht wahr?« »Auf Leben und Tod!« rief der Rinderhirt. »Ha, wenn mir Zeus diesen Wunsch gewährte, ihr solltet sehen, was noch meine Arme vermögen!« »Und meine!« fiel der wackre Sauhirt ein. »O daß es wahr würde!« »Nun! es ist erfüllt!« sprach Odysseus mit Hoheit. »Euer Herr ist hier und rechnet auf euch. Deine Ahnung hat dich nicht betrogen, du ehrlicher Kuhhirt. Ich bin Odysseus. Gedenkt ihr noch der Wunde, die mir einst der wütende Eber schlug? Seht hier die Narbe.« Er schlug die Lumpen zurück, und sie erkannten das Mal, fielen ihrem geliebten Herrn um den Hals und küßten ihm freudig Angesicht und Schultern. Und wie sie an ihm hingen, da rollten Thränen über ihr ehrliches Angesicht. Aber Odysseus befahl ihnen ihre Freude jetzt zu bezwingen, ehe jemand sie überrasche. »Geschwind«, flüsterte er, »hört meinen Plan und was ihr dabei zu thun habt. Heute oder nie muß es vollbracht werden. Die Götter werden mir beistehen. Ihr aber, wackre Freunde, sollt mir – wenn alles gelungen ist – wie Telemachos' leibliche Brüder sein. Mit Gütern und Ländereien will ich euch beschenken, ihr sollt neben mir wohnen, und zwei brave Mädchen will ich ausstatten, die sollen eure Weiber werden. Nur thut mir jetzt, was ich sage. Wenn wir wieder drinnen sind, werde ich mir den Bogen fordern, und da werden alle Freier ein trotziges Geschrei erheben. Du aber, Eumäos, beachte das nicht, sondern schreite mutig durch alle hindurch und bringe mir den Bogen. Dann gehe hinaus und sage der alten Wärterin, daß sie die Mägde während des Tumults in ihrer Kammer hinter Schloß und Riegel halte, damit keine hinauslaufe. Du, Philötios, eile alsdann die Pforten des Hauses zu verschließen, damit uns keiner der Freier entwische. Jetzt werde ich vorangehen; in einer Weile kommt mir nach, doch einzeln, und laßt euch nichts merken.« Mit diesen Worten ging er hinein und setzte sich auf seinen Sitz an der Thür, während die beiden Hirten, noch überrascht von der plötzlichen Entdeckung und staunend über solche Kühnheit, im Hofe weilten, bis sie ihm späterhin, einer nach dem andern, folgten. Eben war jetzt der Bogen in des stolzen Eurymachos Händen, der am Feuer saß und ihn durch Fett und Wärme geschmeidiger zu machen bemüht war. Er setzte wohl zehnmal an, aber umsonst! die Senne wollte sich nicht spannen lassen. »Pfui!« rief er endlich ganz erschöpft und keuchend aus; »das ärgert mich doch um meiner und um unser aller willen. Wahrlich aus der Hochzeit mach' ich mir nicht soviel als aus dem Schimpfe; denn hohnlachend werden noch die Enkel, die es hören, von uns sagen: alle Freier, soviel ihrer im Hause der Penelope waren, vermochten nicht des Odysseus Bogen zu spannen,« »Ach, Possen!« rief der Prahler Antinoos, der es nun lieber ganz unversucht ließ: »laßt das plumpe Gemächt liegen! wer wird auch heut am Festtage Bogen spannen! Des Gottes heiliger Tag soll auch in Ruhe gefeiert werden. Stellt den Bogen in die Ecke; die Äxte können wir stehen lassen bis morgen, denn wegnehmen wird sie wohl niemand. Aber morgen laßt uns das Werk noch einmal mit Ernst vornehmen, und es wird gewiß auch besser gehen. Jetzt, Schenke, geh herum und fülle die Becher. Heute ist ein Jubeltag, heute muß doppelt gezecht werden!« Die Rede gefiel allen, und sogleich setzten sich die Diener in Bewegung. Während die ganze Schar das Gefühl ihrer Scham im Wein zu ertränken suchte, erhob der völlig übersehene Bettler an der Thür sein Haupt und sagte mit einfältigem Tone: »Hört doch, ihr Freier der weitgepriesenen Fürstin, und besonders ihr beiden Edlen, Antinoos und Eurymachos; ich mochte euch wohl ein Wort im Scherz vorlegen! Weil ihr denn, wie billig, heute am Festtage den Bogen ruhen lasset, so lasset mich doch einmal versuchen, ob mir noch die sonstige Jugendkraft inwohne, oder ob Alter und Unglück mich schon ganz entkräftet haben.« Da erhob sich, wie er vermutet hatte, ringsum höhnendes Gemurmel und heftiger Zorn unter den Freiern, und Antinoos nahm auch jetzt wieder statt aller das Wort. »Elender!« rief er; »bist du von Sinnen? Wahrlich! froh solltest du sein, daß wir dich dulden in unserer Gesellschaft, und daß du essen kannst was wir essen und dir vergönnt wird unsere Gespräche mit anzuhören; denn das darf kein anderer Fremdling, geschweige ein Bettler. Aber das kommt von dem unmäßigen Essen und Trinken! Nun bethört dich der Wein so unziemliche Worte zu reden. Hüte dich, daß du nicht noch heute auf ein Schiff geladen und zum König Echetos nach Epeiros geschickt wirst, dem Schrecken der Fremden! Da möchtest du schwerlich unbeschnitten an Nase und Ohren davon kommen. Also sei ganz ruhig und genieße, was dir gereicht wird. Solchen Wettkampf aber überlaß du jüngern Männern.« Ihm antwortete sogleich Penelope, die mit ihren Frauen noch unten im Saale geblieben war, um das Ende des Wettkampfes abzuwarten: »Ei, Antinoos, wie unbillig hast du gesprochen! Wer wird denn Fremde übergehen, die unsere Wohnung besuchen? Glaubst du vielleicht, wenn dieser Mann den Bogen spannte, er werde mich als Gemahlin heimführen? Daran hat schwerlich sein Herz gedacht. Nein, diese Sorge laßt euch nicht kümmern; das wäre ja unmöglich.« »O«, sprach Eurymachos, »das ist's auch wahrlich nicht, edle Fürstin, was uns bange macht, sondern wir fürchten nur das Gerede der Menschen, wenn am Ende gar ein alter hergelaufener Bettler den Bogen spannte, den wir jüngeren alle nicht zu spannen vermögen. Das wäre für uns ja ewige Schande!« »Sollte man's glauben«, entgegnete Penelope, »daß euch noch Furcht vor Schande quälte, euch, die ihr euch doch nicht schämt im Angesicht des ganzen Volks das Haus meines hohen Gemahls durch tägliches Schwelgen zu entehren! Wahrlich, ihr braucht die Stimme der Wahrheit nicht mehr zu scheuen! Und bedenkt doch, daß der Fremde gar nicht aus unedlem Geschlechte stammt. Seht nur den starken, gedrungenen Bau seiner Glieder! Nein, ich will's, daß auch er den Bogen versuche, und gelingt es ihm durch die Löcher zu treffen, so will ich ihn mit Mantel, Leibrock und Sohlen versehen, ihm Schwert und Lanze schenken und ihn zu Schiffe geleiten lassen, wohin sein Herz begehrt.« Jetzt erhob sich auch Telemachos und sprach mit Nachdruck und Würde: »Mutter, du hast recht gesprochen, aber über den Bogen hat keiner Macht im Hause als ich, und ich werde ihn geben, wem ich will. Wehe dem, der mich daran verhinderte! Aber du gehe jetzt hinauf in dein Gemach, besorge deine Geschäfte und siehe auf die dienenden Weiber. Männern gebührt das Geschoß; geh, Mutter, geh!« Sie ging staunend über die Rede des Sohnes hinauf in ihre Gemächer. Ihr war das Herz so schwer und voll banger Ahnung; sie mußte sich niederlegen, und Athene sandte ihr süßen Schlaf, daß sie von dem wilden Getöse nichts vernahm, das sich nun bald erheben sollte. Der Sauhirt erwartete unterdessen im Saale Odysseus' verstohlenen Wink, ging dann beherzt dahin, wo der Bogen stand, und reichte ihn dem Bettler. Da sprangen alle Freier von den Sitzen und schalten den Mann mit harten Worten, daß ihm schon bange ward, sie möchten Hand an ihn legen. Aber sogleich fuhr Telemachos auf und rief mit drohender Stimme: »Recht so, Vater, bringe dem Manne den Bogen! Allen kannst du nicht gehorchen, und jetzt befehle ich. Ha, könnte ich nur diesen übermütigen Schwarm so in die Flucht jagen, als ich deiner Meister bin, so sollte mir mancher gar übel bedient das Haus hier verlassen!« Ein lautes, schadenfrohes Gelächter folgte auf diese Worte; indes ließen sie den Sauhirten gehen, der sich nun sogleich hinausbegab, um der alten Eurykleia zu sagen, wie sie die Mägde einschließen und keine derselben hinauslassen sollte, wenn sie Kampfgeschrei und Ächzen sterbender Männer im Saale vernähme. Auch Philötios, der Rinderhirt, schlich sich aus dem Saale, riegelte die Pforten des Hofes zu und band noch die Riegel mit starken Stricken und Bast zusammen. Dann kehrte er still zurück und nahm wieder seinen Platz neben dem Sauhirten ein. Aller Freier Augen waren jetzt auf den Bettler gerichtet, der den Bogen in seiner Hand hielt, ihn von allen Seiten umwendete und mit forschenden Augen beschaute, ob etwa Würmer das Horn zernagt hätten oder sonst ein Schade geschehen wäre. »Seht«, sprach mancher der Jünglinge zu seinem Nachbar, »wie klug der Alte den Bogen beschaut! Ob er vielleicht einen ähnlichen zu Hause haben mag, oder ob er diesen hier nachbilden will? Seht nur, wie er ihn umdreht, der Schlaukopf!« Nun, das Spannen wird er sich doch vergehen lassen müssen!« sagte ein andrer. Jetzt rückte Odysseus seinen Tisch bei Seite, stemmte den Bogen auf die Erde und drückte den Kolben an seine Brust. Leicht wie ein Sänger die Saite am Wirbel der Laute aufspannt, spannte er die straffe Senne des Bogens, riß dann prüfend mit dem Finger daran, und sie klang so hell, wie einer Schwalbe Gezwitscher. In dem Augenblicke schmetterte ein heftiger Gewitterschlag durch das Haus, daß alle Freier sich entsetzten; der König aber frohlockte über das günstige Zeichen des Olympiers. Darauf legte er einen Pfeil auf den Bogen, und ohne von seinem Sitze aufzustehen oder lange zu zielen, schoß er durch die Öhre und verfehlte keines. Alle sahen in stummem Erstaunen; er aber sprach zum edlen Sohne: »Siehst du, Telemachos, dein Gast bringt dir nicht soviel Schande im Hause, als die edeln Herrn hier in ihrem Dünkel sich einbilden. Nein, ich fühle es, noch ungeschwächt ist meine Kraft! Aber ich dächte, du sorgtest für den Abendschmaus der werten Gäste, weil es noch Tag ist, damit sie sich nachher noch des Gesanges und Tanzes erfreuen können.« Er begleitete diese Worte mit einem Winke, den Telemachos sogleich verstand. Der Jüngling eilte hinaus, und nach einer Weile trat er bewaffnet wieder herein und stellte sich voller Erwartung und düstern Blicks neben seines Vaters Sessel hin, hinter welchen er heimlich Schild und Schwert für diesen gelegt hatte. Siebzehnter Abend. Das Rachegericht. Rasch stand Odysseus auf, gürtete sich die Lumpen um den Leib, schüttete die Pfeile aus dem Köcher vor sich nieder zur Erde und sprang mit gespanntem Bogen auf die Schwelle. »Den einen Wettkampf«, rief er den Freiern zu, »hätt' ich vollendet! Jetzt wähle ich mir ein anderes Ziel, das noch kein Schütz getroffen hat. Laßt sehen, ob Apollon mir auch da Ruhm und Ehre verleihen wird!« So sprach er, und in demselben Augenblicke flog der Todespfeil dem Antinoos durch die Gurgel, eben da dieser den goldnen Becher ergriff, um zu trinken. Zuckend stürzte er seitwärts vom Stuhle, der Becher entsank seinen Händen, und aus dem Munde quoll ein dunkler Blutstrom hervor. Da lag er im Todeskampf sich auf der Erde wälzend und schlug mit den Füßen gegen den Tisch, daß dieser umfiel und Fleisch und Brot mit Staub bedeckt wurden. Ein allgemeiner Aufruhr entstand. Die Freier fuhren von ihren Sitzen empor, durchlärmten den Saal und sahen sich vergeblich nach den Waffen an den Wänden um. Dann schrieen sie alle zugleich: »Mensch, bist du toll? zielst auf die Männer in deinem Übermute? Ha, Rasender, den besten Jüngling in Ithaka hast du getroffen; jetzt ist deine Stunde gekommen, und die Geier sollen dein Fleisch fressen!« Die Thoren! sie wähnten, der Held habe den Antinoos nur zufällig getroffen. Aber er benahm ihnen bald den Irrtum; denn mit einer Löwenstimme, die alle Hörer zittern machte, donnerte er sie an. »Ha, ihr Hunde! ihr wähntet, der Herr dieses Hauses und dieser Insel werde nimmer zurückkehren in die Heimat, und darum verpraßtet ihr sein Gut, mißbrauchtet ihr seine Dienerinnen und kränktet sein armes Weib jahrelang mit unverschämter Frechheit! Weder die strafenden Götter noch euren Ruf unter den Menschen habt ihr gescheut, aber heute ist über euch alle der Tag des Verderbens gekommen! Wisset, ich bin Odysseus! und mein ist die Rache!« Odysseus! Bei diesem Namen ergriff die Freier bleiches Entsetzen; wie gelähmt starrten ihnen die Glieder. Alle schauten umher, dem schweren Verhängnis zu entfliehen. Des Helden Blick aber war durchbohrend, und zu seinen Füßen lagen unzählige Pfeile, jeder ein Bote des Todes. Bereits war der Bogen aufs neue gespannt, und in der Hand zuckte das Geschoß. Da sprach Eurymachos, der erste, der in dem allgemeinen Schrecken die Fassung wieder fand: »Wenn du wirklich Odysseus bist und gekommen, um die Unthaten der Freier zu vergelten, so zürnest du zwar mit Fug, denn viel ward des Unrechts in diesem Hause verübt; aber deiner Rachsucht ist schon ein Genüge geschehen. Denn da liegt er, der an allem Unheil Schuld war. Wahrlich, er kam nicht um deiner Gemahlin willen; ihn lockte einzig der Gedanke, selber als König in Ithaka zu herrschen und deshalb arglistig deinen Sohn aus dem Wege zu räumen. Doch nun hat er sein Teil dahin; Unschuldige wirst du gewiß nicht strafen wollen. Siehe, wir wollen dir an Rindern und Schafen mit Freuden ersetzen, was hier verzehrt worden ist, und alles thun, was du verlangst, um dich zu versöhnen,« Mit finsterm Blicke erwiderte ihm heftig Odysseus: »Und wenn ihr alle euer Erbgut mir zu Füßen legtet, so tilgte das nicht den ungeheuren Frevel. Elende, die ihr die Rache mir abkaufen wollt! Nein, eure Stunde ist erschienen! Wohlauf ihr Helden, tapfer meine Rinder zu erlegen; kühn ein schwaches Weib und einen unerwachsenen Jüngling zu verhöhnen; listig ihm mörderisch nachzustellen! wohlauf, jetzt gilt es List und Tapferkeit und Kühnheit gegen mich! jetzt fechtet, wenn ihr könnt!« »Nun so kommt, Freunde!« rief Eurymachos, »der Mann läßt sich nicht abhalten von der Rache und wird kämpfen, bis er uns alle getötet hat! Ergreift die Tische statt der Schilde, ziehet die Schwerter und rennt auf ihn los; wir insgesamt werden ja den einen wohl hinausdrängen!« Aber er konnte nicht so schnell mit dem gezückten Schwerte hinter seinem Tische hervorspringen, als Odysseus' Pfeil ihm durch die Brust drang und wieder zur Schulter hinausfuhr. Er taumelte schwindelnd über den Tisch hin, krümmte und wand sich gleich dem zerschnittenen Wurme und schlug zuckend zu Boden, bis Todesnacht die brechenden Augen umhüllte. Jetzt wollte Amphinomos den Helden mit dem Schwerte durchbohren, ehe dieser den Bogen wieder spannte, und schon sprang er heran, als Telemachos ihm von der Seite die Lanze durch den Rücken stieß, daß sie vorn aus der Brust hervordrang. Er sank mit der Lanze nieder, und Telemachos sprang schnell hinweg, um sich eine andere zu holen. Indessen sandte der Vater Pfeil auf Pfeil unter den dichten Haufen, und einer nach dem andern stürzte getroffen in den Staub. Ha welch ein Anblick! Da standen sie alle, in die äußersten Winkel des Saales zusammengedrängt: die letzten duckten sich hinter die vorderen nieder, und diese bargen Gesicht und Brust hinter den vorgehaltenen Tischen. Der jähe Schrecken brach die Kraft ihrer Glieder, und wie in großer Furcht auch der schnellste Läufer keinen Fuß bewegen kann, so waren auch hier im ersten Augenblick den Jünglingen Arme und Beine wie erstorben, daß sie des eines Mannes Pfeile nicht abzuwehren vermochten. Kein Schuß verfehlte seinen Mann, und ob sie auch Kopf und Brust zu schirmen suchten, so fielen sie doch, in den Unterleib oder in die Schenkel getroffen, ächzend danieder. Jetzt kam auch Telemachos wieder und brachte Helme und Schilde und Wurfspieße in Menge für die beiden Hirten. Diese hatten bis jetzt nur zu Hütern der Seitenthüren gedient, damit keiner entflöhe; jetzt warfen sie sich schnell in die Rüstung und traten den Helden tapfer zur Seite. Auch Telemachos nahm seinen alten Platz wieder ein, und nun flogen, von vier gewaltigen Männern geschleudert, Pfeile und Wurfspieße wie zuckende Blitze durch die Länge des Saals und durchbohrten die Freier. Aber der höchste Grad des Schreckens dauert nur kurze Zeit. Auch die Freier, deren noch mehr als die Hälfte übrig waren, faßten sich allmählich und dachten auf Flucht oder auf Verteidigung. Jetzt schien es allen schimpflich, ja unglaublich, wie eine solche Schar vor vier Männern erzittern könne, und Melanthios, der Ziegenhirt, der besonnenste unter allen, ergriff schnell ein verzweifeltes Mittel, um die Freier zu retten. Er schlüpfte unbemerkt durch die im Augenblick unbewachte Seitenthür hinaus und holte vom Söller die Waffen herunter, die Odysseus und Telemachos weislich daselbst verborgen hatten. Auf einmal erschien zu Odysseus' Erstaunen die Hälfte der Vordermänner bewehrt, und unerwartet flogen Lanzen von dorther zu ihm und seinen Mitstreitern herüber. Er erschrak; denn jetzt war offenbar der Kampf ungleich geworden, und bange ward ihm vor dem Ausgange, da er so manche Lanze bei sich vorbei sausen und hinten in die Wand fahren hörte. »Was ist das?« rief er bestürzt dem Telemachos zu, indes er immerfort Speer auf Speer hinschleuderte – denn die Pfeile waren längst verschossen. – »Ha! gewiß hat eine der Mägde oder auch Melanthios ihnen Waffen herbeigeholt. Sieh nur, wie mutig sie jetzt schleudern!« »Ihr Götter«, sprach Telemachos, »das habe ich selber verschuldet! Ich lehnte die Thür der Waffenkammer nur an, und das hat der bübische Ziegenhirt benutzt. Sieh, da schleicht der Schurke schon wieder hinaus, um neue Waffen zu holen!« »Ha! ihm nach, Eumäos, Philötios!« rief Odysseus. Bindet ihn! Hängt ihn auf, hoch an den Balken! Ich fechte indes allein mit meinem Sohne; wir werden ja schon den wild anstürmenden Haufen der Freier im Saale aufhalten!« Beide eilten dem Ziegenhirten nach und fanden ihn bereits auf dem Söller. Alsbald rissen sie ihn nieder, banden ihm gewaltsam die Hände mit den Füßen zusammen und steckten dann durch diese Bande ein starkes Seil, welches mit dem einen Ende an der Decke befestigt war. Daran zogen sie ihn grausam in die Höhe, so daß er krumm gebunden und von schrecklichen Qualen gepeinigt zwischen Decke und Fußboden schwebte. In dieser Lage ließen sie ihn hängen und kehrten zum Gefechte zurück. Hier waren unterdessen die beiden Kämpfer mehr als einmal in Lebensgefahr gewesen. Als die Freier sahen, daß sie nur noch mit Odysseus und Telemachos allein zu thun hatten, faßten sie neue Hoffnung, und frischer Mut erwachte in ihnen. Schon hielten sie sich nicht mehr entfernt in den hintersten Winkeln, sondern den Schild in der Linken und in der Rechten das Schwert, kamen sie hervorgesprungen und verwandelten das Lanzenspiel in ein Schwertgemetzel. Auch Odysseus und Telemachos zogen rasch das scharfe Schwert von der Hüfte, und mit Blitzes Schnelle ward hier ein Schädel gespalten, dort ein Arm heruntergeschlagen, da eine Brust aufgeschlitzt. Odysseus hielt sich noch auf der alten Stelle, und keiner seiner kräftigen Hiebe ward vergeblich geführt; aber Telemachos war schon zurückgedrängt und fast umzingelt, auch floß ihm schon Blut aus einer leichten Wunde am Knöchel. Schwerlich hätten beide die gesamte Wut der Gegner noch langer ausgehalten, wäre nicht eben in dem gefährlichsten Augenblicke Athene, mit Schild und Speer und vom Haupt bis zum Fuße gerüstet, in Mentors Gestalt zur Thür herein getreten, um sofort mit einem gewaltigen Stoße ihres Schildes die nächsten zurückzuwerfen. »Ha, Mentor! Mentor!« rief Odysseus laut, als er die verkappte Göttin erblickte; »stehe mir bei, Mentor! Es gilt mein Leben! Verlaß deinen Freund nicht in Todesnot, da er dir viel Gutes gethan hat!« »Mentor! verruchter Graukopf!« schrieen die Freier alle, »unterstehe dich nicht diesen beiden hier zu helfen und uns zu bekämpfen; denn wahrlich, wenn wir sie besiegt haben, so ergeht es dir fürchterlich, und wehe deinem Hause und deinen Kindern, die wir alle umbringen!« »Zum Hades, ihr Hunde!« entgegnete die Göttin und schlug sie bei Haufen zu Boden, daß Telemachos erstaunte; aber Odysseus ahnte die Göttin und schwieg; doch focht er noch immer, triefend von Schweiß und fast atemlos von der entsetzlichen Anstrengung. Jetzt traten die beiden Hirten wieder herein mit einem Vorrate frischer Lanzen. Aber Mentor, nachdem er viele der Freier erschlagen und die übrigen wieder weit zurück in den Hintergrund gedrängt hatte, ging hinaus und überließ den vier Männern noch eine gefährliche Arbeit. Sie aber voll hohen Mutes, einer durch des andern Tapferkeit gestärkt, ließen nicht ab von dem stürmenden Angriff und warfen noch manchen Jüngling zu Boden; denn jetzt ward wieder das Schwert mit dem Wurfspieße vertauscht, und schrecklich zischten die Speere hin und her. Mit wunderbarer Gewandtheit wich der kampfgeübte Odysseus den heranfliegenden Lanzen aus oder schlug sie mit der linken Hand zurück, indes die rechte unaufhörlich warf und immer traf. Die beiden Hirten waren schon, wie Telemachos, verwundet; doch achteten sie der Schmerzen nicht in der Hitze des Kampfes. Eumäos hatte einen Wurf von dem kühnen Ktesippos bekommen, dafür zielte der Rinderhirte auf ihn und schleuderte ihn glücklich mit dem Speere zu Boden. »Da! du trotziger Prahler!« rief er, »nimm dies Ehrengeschenk für den Kuhfuß, den du so geschickt zu werfen verstandest!« Jetzt war der größte Teil der Freier gefallen. Einige hatten schon das Leben ausgehaucht; die meisten krümmten sich noch stöhnend an den Spießen, mit denen sie durchbohrt waren, oder wälzten sich zuckend in ihrem Blute. Ein gräßlicher Anblick! Ein weiter Saal voll Sterbender, die hoch übereinander getürmt und unkenntlich vor Blut und Staub, verzerrt von den Krämpfen der Todesangst da liegen und röcheln! Hinter ihnen noch ein paar Flüchtlinge, die gleich gescheuchten Hühnern hin und her laufen, um den Würfen zu entweichen; manche ängstlich unter den Toten versteckt auf den Knieen, manche starr wie Bildsäulen in die Nischen der Wände gedrückt, auf allen Gesichtern Totenblässe! Die vier Helden hatten abermals ihre Lanzen verschossen, und jeder zog sich nun aus einem der Getöteten eine heraus, mit denen sie noch die übrigen Lebenden, von denen keiner mehr die Gegenwehr versuchte, aufspießten. Unter diesen sprang jetzt schnell Leiodes hinter einer Säule hervor, umfaßte flehend Odysseus' Kniee und rief laut um Erbarmen. »Schenke mir das Leben«, bat er, »ich habe keinen Teil gehabt an den Übelthaten der Freier; denn ich war ihr Opferpriester und verrichtete nur die heiligen Gebräuche und Gebete, wenn sie von deinen Stieren opferten.« »So?« entgegnete der König mit finsterm Blicke, »wenn du ihr Opferprophet gewesen bist, so wirst du auch nicht unterlassen haben ihnen recht viel Böses von mir zu weissagen und Unglück genug von den Göttern auf mich herab zu bitten, daß mir der Tag der Heimkehr nie zu teil werde. Und dafür stirbst du jetzt den verdienten Tod!« Er bückte sich, um das Schwert aufzuheben, welches der Hand des jählings durchbohrten Amphinomos entfallen war, und durchhieb den noch immer knieenden Priester mit einem raschen Streiche den Nacken, daß der Kopf in den Staub hinrollte. Dann wandte er sich mit dem Schwerte in die Tiefe des Saales, um aufzuspüren, wo etwa noch unter dem Leichenhaufen ein Lebender verborgen wäre. Und siehe, Phemios , der Sänger, knieete in der Tiefe des Saales hinter der Treppenthür, todesbange zusammengekauert bei seiner Phorminx. Weinend fiel er dem Könige zu Füßen, als dieser bei ihm vorbeikam. »Gnade!« rief er, »Gnade! Odysseus, erbarme dich meiner! Dich selber würde es reuen, den schuldlosen Sänger erschlagen zu haben, der Götter und sterbliche Menschen besungen hat. Sieh, keines Menschen Mund hat mich belehrt, sondern ein gütiger Gott hat die Gabe des Gesanges mir in die Seele gelegt. Auch dein Herz, das lange geängstigte, zu erfreuen ward mir die süße Stimme gegeben. Siehe, dein lieber Sohn Telemachos kann mir's bezeugen, daß ich nie freiwillig noch aus Gewinnsucht hierher kam dem Mutwillen der Freier zu frönen, sondern daß sie immer nur mit Gewalt mich herbeigezogen haben.« »Ja, Vater«, sprach Telemachos, der den Sänger bitten hörte; »schone seiner, er ist unschuldig. Auch Medon, den Herold, verwunde nicht, wenn er noch lebt; er hat mich so treulich in der Kindheit gepflegt und mich immer neue Spiele gelehrt, da ich ein Knabe war. Aber ich fürchte, er liegt schon getötet unter dem Haufen.« Während der Jüngling noch redete, siehe da regte sich's plötzlich unter einer großen Stierhaut, die über einen Sessel gebreitet war, und ein Mann kroch hervor und umfaßte dem König die Kniee: Medon war's, für welchen Telemachos so eben gebeten hatte. »Nun, es mag dir verziehen sein um des bittenden Sohnes willen«, sprach lächelnd Odysseus. »Aber jetzt gehe mir hier fort, hinaus in den Hof, du und der Sänger, bis ich alles im Hause vollendet habe, wie sich gebührt,« Er durchsuchte noch alle Schlupfwinkel, fand aber keine lebendige Seele mehr. Und mit Staunen und Grausen überblickte er jetzt das fürchterliche Werk seiner Hände. Wie ein Haufe toter Fische, die der Fischer aus dem Behälter gesondert und ans Ufer geworfen hat, so lagen hier die Leichen der am Morgen noch so trotzigen Schwelger übereinander geschichtet. Da erst legte er kampfesmüde das Schwert aus der Hand und nahm den ehernen Helm von dem schweißbedeckten Haupte. »Geh, rufe mir Eurykleia her, denn ich habe noch etwas auf dem Herzen«, sprach er zum Sohne. Telemachos ging und brachte die Alte. Ha, wie erstarrte sie über die wilde, blutige Wahlstatt! Aber furchtbarer selbst als die Haufen der Erschlagenen erschien ihr der Mann der ungeheuren That, der – wie ein Löwe, gesättigt vom Fleische des zerrissenen Pflugstiers – besudelt von Blut und Staub, mit zornigen Blicken im Saale auf und nieder ging. Sie hob die Hände in die Höhe und frohlockte über den Erfolg; aber Odysseus wehrte ihr und sprach mit verweisendem Tone: »Still, Mutter, im Herzen magst du dich freuen, daß Gerechtigkeit geübt worden ist, aber zu jauchzen über erschlagene Menschen ist unrecht. Sie haben nun ihren Lohn, aber ich rühme mich nicht der schrecklichen That; die Götter haben nur durch mich ihren Willen vollzogen. Jetzt nenne mir noch die Weiber im Hause, die es mit den Freiern gehalten haben und mir ungehorsam gewesen sind.« »Gern will ich dir alles umständlich erzählen«, erwiderte die Alte mit lästiger Redseligkeit. »Fünfzig Mägde dienen hier im Hause, zu den verschiedenen Geschäften bestimmt. Davon haben, sich zwölf allen Lastern ergeben und mich und deine Gemahlin auf jede Weise gekränkt. – Aber höre doch, vor allen Dingen soll ich nicht hurtig hinaufgehen und die Königin wecken? Noch weiß sie gar nichts von dir, denn eine Gottheit hat ihr mit bleiernem Schlafe die Augenlider geschlossen. Was wird sie sagen! wie wird sie staunen!« »Nicht doch, Mutter, wecke sie jetzt noch nicht. Erst rufe die zwölf Mägde hierher in den Saal.« – »Gleich! gleich!« rief die Alte, und eilte hinaus. »Wenn sie kommen«, fuhr Odysseus zu seinem Sohne und den beiden Hirten fort, »so mögen sie uns erst die Wohnung reinigen helfen. Ist das geschehen, so lockt sie hinaus in den hinteren Hof, treibt sie dort alle in den engen Gang zusammen und stoßt sie geschwind nieder. Da mögen sich ihre Seelen zu den Schatten ihrer Buhlen gesellen!« Als er so sprach, da traten wehklagend die Weiber herein, erschrocken über den Anblick und zagend für ihr eignes Leben. »Schleppt mir die Toten hinaus«, befahl Odysseus. »Dort unter die Hallen legt sie nieder!« Sie griffen widerstrebend an; die Hirten halfen; und Odysseus sah ihnen genau nach und ordnete alles. Als die Leichname hinausgeschafft waren, befahl er den Fußboden zu fegen und das Blut und die Spuren des Fleisches von Tischen und Stühlen abzuwaschen. Hierauf winkte er dem Sohne. Der sprach zu den Mägden: »Folgt mir!« und so führte er sie in den hinteren schmalen Hof. Der Kuhhirt und der Sauhirt folgte ihnen auf dem Fuße nach. »Freunde«, rief Telemachos, »sie sind es nicht wert eines gewöhnlichen Todes zu sterben. Viel zu boshaft haben sie an mir und der Mutter gehandelt. Drängt sie zusammen und greift eine nach der andern heraus. Hier sind Stricke!« – Und in wenigen Minuten hingen sie sämtlich an der Wand, wie eine Reihe Drosseln, die sich in den Schlingen des Jägers gefangen haben. Indessen duldete Melanthios, der Ziegenhirt, oben auf dem Söller noch immer seine Folterqual. Jetzt suchten ihn die Männer auf und gaben ihm den Tod nicht eher, als nachdem sie ihn grausam verstümmelt hatten. Denn sie schnitten ihm Nase und Ohren ab und hieben Füße und Hände vom Rumpfe. – Das Mordgeschäft war abgethan. Nun wuschen sich die Hirten das Blut ab und gingen darauf in den Saal zurück. Hier befahl eben Odysseus der alten Eurykleia Feuer anzumachen und Schwefel herbeizuholen, dessen Dampfe man in jenen Zeiten eine fluchabwendende, sühnende Kraft zuschrieb, weil er dem Blitze, dem himmlischen Feuer, ähnlich zu sein schien. »Alles, alles!« plapperte die geschwätzige Alte. »Ja, ja, du hast ganz recht; mit Schwefel muß geräuchert werden. Und dann – was meinst du? – bringe ich dir auch einen glänzenden Leibrock und Mantel mit, daß du nicht so da stehst in den häßlichen Lumpen.« »Feuer! Hab' ich gesagt!« unterbrach sie Odysseus mit heftigem Tone. Da gehorchte sie schnell, und erschreckt brachte sie Feuer und große Schwefelstücken. Odysseus durchräucherte Saal und Vorhof, indes jene die Mägde nun aus den Kammern ließ, welche scharenweise herbeistürzten und vor lauter Freude dem lieben Herrn Gesicht und Hände und Schultern küßten. Das rührte sein Herz. Die älteren von ihnen erkannte er alle wieder und drückte ihnen zum herzlichen Gruße die Hände. Achtzehnter Abend. Penelope und Odysseus. Nun endlich erlaubte Odysseus der alten Dienerin das Geschehene der schlafenden Gattin zu verkündigen. Wie hastig trippelte sie fort die Treppe hinauf! Atemlos trat sie in die Kammer, wo die Königin schlummerte. »Penelope!« rief sie, »mein Töchterchen, wach auf! Jetzt ist nicht Schlafens Zeit! Er ist da! Odysseus ist gekommen! Es ist schon geschehen! Alles vorbei. Siehe nur in den Hof, da liegen sie alle zu Haufen, die sein Haus gekränkt und sein Gut verschwelgt haben!« »Mütterchen«, erwiderte ihr Penelope, »dich scheinen die Götter verblendet und ganz blödsinnig gemacht zu haben. Warum willst du mich verspotten, da ohnehin mein Herz voll von Kummer ist? Mit solchen Vorspiegelungen weckst du mich aus dem lieblichsten Schlummer! O ich schlief so süß! Du böse Alte! Ich sage dir, hätte sich eins der jüngern Weiber einen solchen Spaß mit mir erlaubt, es sollte ihm nicht so leicht hingehen! Doch dich schützt für diesmal dein Alter.« »Ha ha ha! Kind!« erwiderte die Alte, »ich spotte ja nicht, mein Töchterchen, Er ist da, sag' ich dir, er ist da, und alle Freier haben sie erschlagen, er und Telemachos und noch ein paar Männer. Alles ist geschehen, während du schliefest!« »Mutter, du scherzest nicht? O Mutter, sag' mir die Wahrheit! Wie wäre er denn hergekommen, so geschwind?« Sie war aufgesprungen und hing mit ungeduldig forschenden Blicken der Alten am Halse. »Hergekommen?« lachte die Wärterin. »Ha ha, er ist schon seit gestern im Hause, du selbst hast ihn gesprochen – gestern Abend.« »Wie, Eurykleia? Der alte zerlumpte Fremde?« – »Ja doch, ja, der Bettler mit dem schmutzigen Ranzen, den die Freier so schnöde verhöhnt haben. Wenn sie das gewußt hätten!« »O weh, Mutter! Wie enttäuschest du mich! Das ist mein Gemahl nicht! Nein, das ist Odysseus nicht!« »Odysseus nicht? Kind, du bist wunderlich. Ich habe es schon gestern Abend gewußt; aber ich durfte nichts sagen, so gefährlich drohte er mir. Der hätte mir's auch sicher nicht gesagt, wenn ich's nicht selber gemerkt hätte. Aber als ich ihm die Füße wusch, da kam ich mit der Hand an die große Narbe, du weißt noch, die Narbe von der Eberjagd.« »Es ist nicht möglich!« wiederholte Penelope. »Und Telemachos hat es längst gewußt, dem hat er sich schon beim Sauhirten entdeckt, und da haben sie alles verabredet. Der Sauhirt hat tüchtig mit angegriffen und der Rinderhirt auch. Und dann ist noch ein Fremder hinzugekommen; sie sagen, es sei ein Gott gewesen.« »Aber sage mir nur, wie ist es zugegangen?« fragte die Königin. »Ja Kind, ich durfte nicht dabei sein. Ich mußte hinten in der wohlverschlossenen Kammer sitzen und die Mägde hüten, da habe ich nichts gesehen. Aber gehorcht habe ich mit Angst und Schrecken; erst erhob sich ein fürchterlicher Tumult, ein Schreien und ein Gekrach, als wenn alles zusammenstürzte; dann wieder eine Stille; dann ein Ächzen und ein Stöhnen, daß mir das Haar starrte. Wir Weiber hatten uns alle angefaßt und sprachen stille Gebete; der Angstschweiß stand uns auf der Stirn. Das geht nimmermehr gut ab! sagte die eine. – Ach, Götter! wenn sie ihn nur nicht ermorden! sagte die andere. – Der arme Herr! – Der arme Telemachos! – So wenige gegen so viele! – So schwatzten die thörichten Weiber, aber mir ahnete es gleich, daß ein Gott mit unserm Herrn sein würde. Endlich, indem wir so zusammengedrängt dasitzen – geschieht auf einmal ein Schlag gegen die Thür. Bebend öffne ich – da steht Telemachos vor mir. Ich erkannte ihn fast nicht vor Blut und Staub, ihm trieften die Hände, alles war besudelt. – »Eurykleia, der Vater ruft dich!« – Denke, wie ich flog! Und nun, ihr Götter, was sah ich! Den ganzen Saal voller Leichen und Blut, alle Tische umgestürzt, wohl fünfzig Lanzenschafte ragten aus den Leichnamen hervor. Und mitten darunter Odysseus, ganz mit Blut bespritzt. Da mußten wir nun alsbald die Toten hinausschaffen; der Saal ward gereinigt und durchräuchert, und nun steht der liebe, lang ersehnte Gemahl nach der blutigen Arbeit unten an der Thür und harret deiner. O komm, komm geschwind, um ihn zu umarmen!« »Ach Mutter! frohlocke nicht zu früh! Du weißt, wie ich mich nach Odysseus sehne; wahrlich würde erfüllt, was du sagst, meine Freude würde die größte sein. Aber ich kenne die Götter. Oft wandeln sie, unerkannt von sterblichen Menschen, auf Erden herum, beschenken die Guten, überraschen die Bösen und rächen lange verübten Frevel. Sind, wie du sagst, die Freier erschlagen, o so hat es ein Gott gethan, den mein Jammer gerührt hat. Wie wollte doch ein Mensch, und wäre er auch stärker und kühner als Odysseus, ein solches Werk mit so wenigen unternehmen? Wohl bewunderte ich gestern selbst im Herzen des Fremden Verstand, aber an Odysseus habe ich nicht gedacht. Es war nicht das Haupt, nicht der Blick, nein, es war kein Äderchen von meinem feurigen, blühenden Gemahle.« »Ach, Tochter, du quälst mich recht mit deinem Unglauben, Komm doch nur erst und siehe ihn selbst.« »Nun ja, gehen will ich, das greuliche Schauspiel zu sehen und mit dem Sohne zu reden. Ist der Fremde mein Gemahl, so werde ich ihn schon erkennen, denn wir haben geheime Zeichen. Ist er aber ein Gott, wie ich glaube, so wollen wir ihm opfern und dienen.« Sie gingen die Treppe hinab und traten in den Saal, die Alte mit freudig neugierigem Gesichte, Penelope mit niedergeschlagenem, ungewissem Blick. Sie fanden den Odysseus am Feuer sitzend, mit dem Rücken gegen eine Säule gelehnt. Er sah still vor sich hin, erwartend was die Gattin sagen würde; aber sie sagte nichts, denn sie schwankte noch immer zwischen Glauben und Zweifel und erwartete vielmehr seine Anrede. Lange saß sie lautlos und ohne Regung; dann wagte sie zwar dem Helden gerade ins Angesicht zu blicken, um ihn zu erkennen, aber jedesmal verkannte sie ihn wieder und wollte sich nicht gestehen, daß er es sei. Endlich brach Telemachos das lange Schweigen. »Mutter!« rief er, »du böse Mutter! ist's möglich, daß du so unempfindlichen Herzens sein kannst gegen den Mann, nach dem du zwanzig Jahre verlangt hast? Wo wäre doch wohl ein Weib, das den lange entrissenen Gatten, wenn er endlich siegend sein Haus beträte, so kalt empfinge! Siehe! Du setzest dich nicht zu ihm, du fragst ihn nicht; keinen Gruß, keinen Händedruck gönnst du ihm; o Mutter, gewiß, dein Herz muß härter sein als Stein!« »Lieber Sohn«, antwortete die Mutter, »du thust mir Unrecht. Nicht darum schweige ich und sitze so starr; nein, ich kann mich vor Staunen ob aller der Wunder noch nicht fassen. Mich hält die Scheu, ihn anzureden, den wunderbaren Mann, ja kaum ihn anzusehen vermag ich. Ist es aber, wie ich noch nicht glauben kann, mein trauter Gemahl, nun so werden wir uns schon an geheimen Zeichen noch erkennen. Jetzt laß mich erst zu mir selber kommen.« »Laß sie, mein Sohn«, sprach lächelnd Odysseus, »sie hat Ursache zu zweifeln. Diese Verwandlung von Athenes Hand macht mich unkenntlich; und sie hat recht: wir werden gewiß uns noch wieder erkennen. Aber zuvor sind uns wichtigere Dinge übrig. Jetzt laßt uns ratschlagen, wie wir heute noch den Mord der Freier dem Volke verbergen, denn sie alle hinterlassen Verwandte und Unterthanen, die ihren Tod gewaltsam rächen werden. Muß doch selbst derjenige vor dem Volke flüchtig werden, der nur einen geringen Mann erschlug: wie viele Hände werden sich nicht gegen uns bewaffnen, da wir der Fürstensöhne wohl hundert getötet haben! Sage, was thun wir, daß die Sache ein gutes Ende nehme?« »Lieber Vater«, erwiderte der bescheidene Sohn, »das mußt du selbst am besten wissen; denn dir ist ja an Klugheit kein sterblicher Mensch zu vergleichen, sagen die Achäer. Wähle aber, was du willst, wir begleiten dich und stehen dir bei, so viel unsere schwache Kraft vermag.« Da schlug Odysseus vor, man wolle noch die Pforten des Hofes sorgfältig verschlossen halten, im Hause aber lustige Musik und Sang und Tanz bis in die Nacht veranstalten, damit die Vorübergehenden auf der Gasse glauben sollten, jetzt feiere Penelope den neuen Hochzeitstag. Dann wollten sie ganz früh am folgenden Tage das Haus verlassen und in Laërtes' ländliche Wohnung fliehen, von wo aus die Götter alsdann schon weiter helfen würden. Sogleich zerstreute sich alles, was von männlicher und weiblicher Dienerschaft im Hause war, sich zu baden und reine Gewänder, wie zum Feste, anzulegen. Schön geschmückt kamen sie wieder; Phemios, der göttliche Sänger, stimmte seine Phorminx zu fröhlichen Weisen, und der Saal, der eine Stunde zuvor noch von Odysseus' tötlichen Streichen dröhnte und einem blutigen Schlachtfelde glich, war jetzt erfüllt vom lustigen Reigen und schallte von Gesang und Saitenspiel. »Horch«, sagte wohl mancher von denen, die draußen vorüberkamen, »wie fröhlich es da drinnen zugeht! Wie sie schwärmen, die tollen Freier, bei Musik und Wein! Gewiß hat Penelope nun einen erwählt, der sein Vermählungsfest im Palaste feiert! So hat sie es doch nicht über sich vermocht auszuhalten in der Treue, wie es immer hieß; und wenn Odysseus nun noch kommt, so kann er nur weiter wandern. Ja, ja, leichtsinnig sind die Weiber!« So redete mancher und ging kopfschüttelnd weiter. Während des Tanzes ging auch Odysseus, sich des häßlichen Schmutzes und der Bettlerkleidung zu entledigen. Die alte Schaffnerin Eurynome führte ihn zur warmen Badewanne, wusch ihm Arme und Schultern und salbte sein Haupt mit köstlichem Öle. Und als er rein gebadet der Wanne entstieg, siehe da plötzlich übergoß ihn seine unsichtbare Freundin mit blühender Jugend, der kahle Scheitel verschwand, und schönes braunes Haar umwallte in glänzenden Locken sein Haupt. Es bräunten sich die Wangen, und blitzendes Feuer kehrte in die matten Augen zurück. Geblendet ob der Wunder, reichte ihm jetzt die Schaffnerin den schönen Leibrock und Mantel, und so trat der Städtebezwinger mit der Hoheit eines Königs und Helden zum Erstaunen aller aufs neue in den Saal. Musik und Tanz hielt plötzlich inne; aller Augen waren auf den Dahinschreitenden gerichtet, und ein allgemeiner Ausruf der Bewunderung scholl durch den weiten Raum. Noch immer saß Penelope still auf ihrem vorigen Platze. Mit dem feurigen Blicke der Liebe trat Odysseus jetzt zu ihr und breitete die Arme freudig gegen sie aus. »Jetzt nimmst du mich doch wieder zum Gemahl an, teures Weib?« rief er. »Wie? du bedenkst dich noch? Nein wahrlich, ein fühlloses Herz haben die Götter dir in den Busen gelegt! Gehe! ich habe mich umsonst gesehnt und gefreut! Du aber, Eurynome, bereite mein Lager, daß ich nach so schwerer Arbeit schlafe.« »Thue das, Mütterchen«, sagte Penelope, »setze ihm das Bett heraus aus seinem Gemache, wohin du willst, und breite schöne wollene Felle und Decken drüber.« Das war das Zeichen, woran die kluge Königin ihren Gemahl erkennen wollte. Odysseus hatte sich einst um einen starken Ölbaum herum, der im Hofe stand, ein Schlafgemach erbaut und das Bettgestell dem Stamme des Ölbaums fest und unzertrennlich eingefügt, daß niemand es hätte davontragen können, er hätte denn den Baum am Fuße abgehauen. »Was sagst du, Weib?« fuhr Odysseus sogleich unmutig auf. »Hat denn jemand mein Schlafgemach zerstört, daß mein Bett jetzt herausgetragen werden kann? und ich hatte es doch so fest an den Stamm des Ölbaumes gezimmert!« Ein Strom von Thränen brach jetzt aus Penelopes Augen; sie zitterte, als sie dies Zeichen erkannte. »Odysseus! du Teurer!« rief sie, fiel mit offnen Armen ihm um den Hals und bedeckte sein Gesicht mit tausend Küssen. – »Jetzt erkenne ich dich; an diesem untrüglichen Zeichen wollte ich dich prüfen, denn niemand im Hause als du und ich hat ja um jenes Geheimnis gewußt. O nun sei mir willkommen, du mit unendlichen Thränen ersehnter, in tausend schlaflosen Nächten von den Göttern erflehter Mann! Willkommen, willkommen! Aber zürne mir nicht, daß ich dich nicht bei der ersten Begrüßung erkennen wollte und nicht wie ein leichtfertiges Mädchen der ersten Versicherung traute. Siehe, du weißt es, da du ja selbst ein so verständiger Mann bist, es giebt der Betrüger so viele, und so manches kluge Weib ward überlistet. Dazu kommt, es haben die Unsterblichen so vielen Kummer über mich verhängt, und das Unglück macht am Ende auch ein offenes, sanftes Herz mißtrauisch. Und dann, die schnelle Ermordung der Freier! deine plötzliche Verwandlung, die mir noch immer ein Rätsel ist! alles das verwirrte mein schon beklommenes Herz, so daß ich nicht wußte, was ich thun, was ich glauben sollte. Immer fiel mir das trügerische Spiel mancher Götter ein, die oft schon sterbliche Weiber in menschlicher Gestalt bethört haben sollen. Mich ängstigten so viele Wunder, und in der quälenden Ungewißheit hielt ich mit Gewalt meine Seele bei deinem Anblick zurück. Ach hättest du den Kampf in meinem Herzen sehen können, wie ich jetzt dich zu umarmen verlangte, jetzt wieder scheu vor dem Gedanken zurückbebte: gewiß du hättest Mitleid mit mir gehabt und nicht dein Weib der Härte beschuldigt, das eben um der treuen Liebe willen tausendfaches Leid erfuhr!« Wie wohl that dem Gatten diese Rede! wie selig fühlte er sich in der Umarmung der Gattin! Thränen mischten sich mit Thränen, in schweigendem Entzücken lag Penelope am Herzen des Wiedergefundenen, und nur in Seufzern machte die bewegte Seele sich Luft. So erfaßt der Schiffer, der lange vom Sturm umhergetrieben und nach dem schrecklichen Schiffbruch ins Meer geschleudert ward und nur durch mühsames Schwimmen endlich glücklich dem Tode entrann, – so freudig erfaßt der hoffnungslose Schiffer das dünne Schilfrohr am Gestade oder den schwachen Zweig, der sich hernieder neigt, wie jetzt die Königin nach zwanzigjähriger Trennung den Hals des geliebten Mannes umschlang, den sie längst als ein Opfer der wilden See oder noch wilderer Menschen beweint hatte. Sie konnten der Liebkosungen und süßen Worte kein Ende finden, ob auch die Mitternacht schon lange vorüber war. Endlich suchten sie den erquickenden Schlummer auf dem in Odysseus' Gemach bereiteten Lager; aber der Schlaf flieht die Glücklichen, in deren Brust das Übermaß der Freude stürmt. »Wie ist dir's ergangen? Was hast du gemacht, gesehen, gehört, gelitten? Hast du auch oft an mich gedacht? Wo ist dieser oder jener Freund geblieben?« Diese und tausend andere Fragen gingen nun hinüber und herüber und wurden ausführlich von jedem beantwortet. Zuerst erzählte Penelope dem Gatten ihre Leiden, wie die Freier sie bedrängt und alle Leute im Hause verhöhnt hätten, mit welchen Listen sie dagegen dieselben getäuscht und hingehalten, wie sie bis dahin das Haus verwaltet und den Sohn von Kindesbeinen auf erzogen habe. Odysseus hörte ihr bewundernd zu, und gerührt von den Leiden allen, welche sie um seinetwillen geduldet hatte, unterbrach er ihre Erzählung durch manche stumme Umarmung, durch manchen innigen Händedruck. Und noch lange nachher, wenn er im Kreise seiner Freunde seine Schicksale erzählte und Glück und Unglück, Leiden und Freuden seines wunderbaren Lebens gegeneinander abwog, gestand er sich immer, daß sein treues, herziges Weib die köstlichste Gabe sei, welche ihm die Götter gewährt hätten. Nun kam auch er an die Reihe. Aber alle seine Abenteuer zu erzählen, dazu fehlte ihm die Zeit. Nur wohin er gekommen war, bezeichnete er der lieben Gemahlin kurz, und sie hörte und staunte und hätte ihm gern bis zum Morgen zugehört, hätte er selbst sie nicht endlich gebeten ihn eine Stunde ruhen zu lassen. Er entschlief sanft nach dem schicksalschweren Tage, und auch über Penelopes Augen breitete Athene mild den wohlthätigen Schlummer. Da ruhten sie nun in süßem Frieden, die sich so lange entbehrt, so viele sehnsüchtige Wünsche aus weiter Ferne einander zugesandt, und mehr als einmal jede Hoffnung sich wiederzusehen schon verloren hatten! Neunzehnter Abend. Letzter Kampf und Sühne. Nach wenigen Stunden Schlafes – der Morgen war noch nicht angebrochen – verließ Odysseus schon wieder das Lager und weckte auch seine Gemahlin und Telemachos nebst den Hirten. »Kommt hurtig, Freunde«, sprach er, »ehe der Tag anbricht, daß wir noch glücklich des Vaters Landhaus erreichen! Gewiß wird das Gerücht von dem Tode der Freier schon durch die Insel verbreitet sein, oder die Fürsten, deren Söhne zur Nacht nicht nach Hause gekommen sind, werden sich aufmachen sie zu suchen. Vereinen sich dann alle und führen sie ihre Völker gegen uns, so sind wir verloren. Darum wollen wir uns jetzt draußen in Laërtes' entlegenem Garten verbergen, bis der erste Sturm vorüber ist. Was weiter zu thun ist, das wird ein Gott uns bedeuten. Du aber, Penelope, bleibe hier, bis ich dich rufen lasse; schließe dich ein in dein Zimmer und sei ohne Furcht; an dir wird ihre Rache sich nicht vergreifen.« Die Männer verließen still das Haus und gingen durch die Straßen der Stadt hinaus über das Gefilde. Dämmerung hüllte sie ein. Mit dem ersten Strahl der Sonne traten sie in die Umzäunung, die den weitläufigen Hof des alten Laërtes umschloß. Vorn fanden sie ein Wohnhaus und einige Wirtschaftsgebäude, einfache Hütten, versteht sich, wie jene Zeit und jener Ort sie erwarten läßt. Daselbst waren mehrere Diener des Greises mit häuslicher Arbeit beschäftigt, aber Laërtes selbst war schon hinten im Obstgarten, seinem Lieblingsaufenthalte, in dem er täglich mit eignen Händen schuf. Die Diener hießen den Telemachos, Eumäos und Philötios willkommen; den Odysseus erkannten sie nicht; man sagte ihnen, er sei ein Fremder, der den alten König zu sprechen wünsche. »Hört«, sagte er jetzt heimlich zu Telemachos und den beiden Hirten, »bleibet jetzt hier, und bereitet uns ein Schaf oder sonst etwas zum Morgenopfer. Ich will den Vater indessen allein aufsuchen und zusehen, wie ich mich ihm vorsichtig entdecke. Dann bringe ich ihn hierher, und wir erfreuen uns des gemeinschaftlichen Mahles.« Telemachos sprach darauf mit den Dienern, und sie öffneten ihnen willig die Hürde. Während sie im Hause schlachteten, ging Odysseus langsam den langen Gang durch den Garten hin, den wohlbekannten, in welchem aber freilich seitdem die Schößlinge zu Bäumen geworden und mancher alte Stamm langst niedergehauen war. Er ging, seinen betagten Vater zu umarmen, den die Sorge um ihn schwermütig gemacht hatte. Aber wie sollte er sich ihm entdecken, damit nicht die plötzliche Freude ihn betäube oder gar töte? Indem er noch sinnend dahinschritt, stand auf einmal der Greis vor ihm. Er säuberte einen jungen Birnbaum, um dessen Stamm die Nesseln gewuchert hatten, und war so eifrig mit dieser Arbeit beschäftigt, daß er den Kommenden gar nicht gewahrte. Odysseus erschrak im Herzen über den Anblick. Wie hatte sich der alte Mann verändert! Wie hatten Gram und hoffnungslose Sehnsucht seine Gesichtszüge verdüstert! Und in welchem Aufzuge stand er da! Ein grober Kittel, schmutzig und geflickt, deckte seinen Leib; um Hände und Beine hatte er sich Stücke von Ochsenhaut gebunden, zum Schutz gegen das stachlichte Unkraut; und das kahle Haupt war mit einer Kappe von Ziegenfell gegen die kalte Morgenluft geschützt. Sein niedrigster Sklave ging nicht so ärmlich gekleidet und arbeitete nicht so emsig. Jetzt richtete er sich einmal von seiner Arbeit auf und sah den wohlgekleideten Fremdling vor sich stehen. »Glück auf! alter Mann!« rief ihm Odysseus zu, »Du pflegst gar trefflich deines Gartens. Ringsum in den Bäumen und Rebengewinden sehe ich ein fröhliches Gedeihen; nur schade, du selber scheinst mir schlecht gepflegt zu werden. Welcher karge Herr nährt dich denn so kümmerlich und trägt so schlechte Sorge für deinen Leib, daß du zerlumpter als ein Bettler einhergehst? Sage mir, wo bin ich hier? Mein Weg führte mich an diesem Gehege vorüber; da trat ich hinein, um von irgend jemand zu erfragen, wie man zum Palaste des Odysseus gelange. Den wackern Helden wünschte ich gern zu sehen; er ist mein Gastfreund und hat mich auf seinen Reisen besucht, und weil mich jetzt gerade mein Weg bei Ithaka vorüberführt, so habe ich mein Schiff angebunden und meine Leute dabei gelassen, um doch zu sehen, wie's meinem lieben Freunde geht.« »Wehe, guter Fremdling!« versetzte Laërtes, »da kommst du noch immer zu früh. Dem Armen haben die Götter noch immer keine Rückkehr beschieden, und sein Haus ist einer übermütigen Rotte preisgegeben. Wer weiß, welches Seeungeheuer ihn bereits verschlungen hat, oder an welchem Gestade seine weißen Gebeine unbegraben verwittern. Zehn Jahre ist es nun schon, seit Troja zerstört ist, und fortan haben wir Tag für Tag auf ihn gehofft und geharrt, und ich zumeist unter allen. Denn wisse, Fremdling: der arme alte Mann, den du hier von Jammer entstellt vor dir siehst – Laërtes ist's! – ich bin Odysseus' Vater! Die Mutter, meine Gattin, ist vor Kummer ins Grab gesunken; doch mir erzeigen die Götter diese Gnade nicht! ich kann nicht sterben!« »Würdiger König«, versetzte Odysseus, tief erschüttert, »weine nicht mehr! Die Götter haben dir diese Gnade nicht gewährt, um dich für eine höhere zu erhalten. Du sollst lebend deinen Sohn noch wiedersehen!« »Ach, was schürst du die alte verzehrende Hoffnung wieder an? Weißt du etwas von ihm? Rede, Mann! sage, wie lange ist es her, daß er bei dir war?« »Fünf Jahre etwa«, antwortete Odysseus, »Doch hast du nichts von dem Gerüchte gehört, welches ich schon auf dem Meere vernahm? Odysseus, sagte man, sei angekommen und habe sein Haus voll wilder Gäste gefunden, die sein Gut verschwelgten und um seine Gattin freiten. Die habe er halb mit List, halb mit Gewalt besiegt, und sei nun wieder Herr in seinem Hause.« »O daß es so wäre!« rief der alte Mann begeistert aus, »Ha du weckst mir das Herz im Busen wieder auf! Sprich, weißt du Gewisses? Kommst du, ein göttlicher Bote, ein glückbringender Seher zu mir? Rede! rede!« »Edler König«, sagte jetzt Odysseus mit zitternder Stimme und einem zärtlichen Blicke, der durch die mit Gewalt hervorbrechenden Thränen drang – »nicht wahr, diese Feigenbäume dort schenktest du einst deinem Sohne, da er noch ein Knabe war?« »Ja. –« »Und diesen herrlich prangenden Gang von Birnbäumen auch?« »Ja. –« »Und hier in diesen Hecken gingst du freundlich plaudernd mit ihm umher, und nanntest ihm jedes Strauches Namen und Nutzen?« »Ja, ja –!« »O wie wird er sich nun freuen, wenn er nun wieder kommt und dich unter deinen Bäumen wandeln sieht!« »Aber Götter! wie weißt du das? Du weinst! Du zitterst? Ja du selber bist Odysseus, bist mein Sohn! Ha, beim Zeus! er ist's!« »Ja Vater, ich bin dein Sohn! Du hast mich wieder! O halte dich, halte dich, Vater!« Der Greis aber sank in Ohnmacht. Der Sohn beugte sich über ihn und bedeckte ihn mit Küssen. Das erweckte ihn bald wieder wie aus süßem Schlummer; er richtete sich auf und sah lange den Wiedergefundenen an, der nun seine Erzählungen begann von Trojas Untergang bis auf die Ermordung der Freier. Mit jedem Worte verklärte sich das Gesicht des Greises mehr, und als Odysseus geendigt hatte, rief er freudig aus: »Ja, nun sehe ich, daß ihr noch waltet, ihr himmlischen Götter, da doch endlich die Greuel dieser Frevler bestraft sind! Aber Sohn, wie denkst du der Rache zu entfliehen, die du durch diese ungeheure That auf dich geladen hast?« »Sei unbekümmert«, antwortete Odysseus; »ich fürchte nichts von dem Volke, so sehr auch die Fürsten ergrimmt sein mögen. Jene Frevel hat niemand im Herzen gebilligt, wer nicht selbst einer von den Thätern oder denselben verwandt war. Kann mich aber die Liebe des Volks nicht schützen, nun so ist im schlimmsten Falle mir von Teiresias' Geiste eine Freistatt im Innern des festen Landes verheißen, wo ein ruhiges Alter im Schoße des Glücks meiner wartet. Aber ich hoffe, das wird nicht nötig sein. – Doch jetzt komm mit mir ins Wohnhaus, wo mein Sohn und ein paar treue Freunde unser mit dem Frühmahl harren. Steige auch zuvor ins warme Bad und laß dich salben und mit stattlichen Kleidern schmücken, denn jetzt ist nicht mehr Trauerns Zeit; nun geziemt es sich wieder wie ein König einherzugehen.« Sie schritten miteinander den langen Gang nach dem stattlichen Hause zurück. Odysseus trat darauf in den Saal zu den andern, Laërtes aber ließ sich erst von seiner alten Pflegerin baden, salben und mit seinem Leibrock und Mantel bekleiden. Dann erschien er unter den Männern, die verwundert den verjüngten Greis anschauten und ihm Glück zu dem wiedergefundenen Sohne wünschten. Er selber fühlte neue Lebenskraft in seinen Adern und rief begeistert aus: »Ha, wenn ich doch so in alter Jugendkraft wie ehemals, als ich gegen die Epeiroten auszog und ihre Festen wegnahm, wenn ich so gestern mit dir gewesen wäre, mein Sohn, wahrlich, da hätte ich manchem den Garaus gemacht! Du hättest mich rühmen sollen!« So in herzlicher Fröhlichkeit setzten sich alle, Herren und Diener, Hirten und Gärtner, ringsherum auf Sessel, um das Mahl zu verzehren. Siehe da kam noch spät der älteste der Knechte, der greise Dolios , der im entlegensten Felde mit seinen Söhnen gearbeitet hatte, herein, um Teil am Schmause zu nehmen. Er sah den Fremden an, stutzte einen Augenblick, dann erkannte er den Odysseus und fiel ihm entzückt um den Hals. »Nun, mein Alter«, sagte dieser sanft, »setze dich und verwundere dich nicht länger. Siehe, wir sitzen schon lange beim Mahle. Sorge dafür, daß du nicht zu kurz kommst!« Aber das Mahl! Der ehrliche Alte ließ die teure Hand des lieben Herrn nicht, den er so oft als kleinen Knaben auf den Armen getragen hatte. Er drückte und bedeckte sie mit Küssen. Nach unzähligen Ausrufungen der Freude fragte er lebhaft: »Weiß es Penelope schon, daß du hier bist, oder soll ich zu ihr eilen mit der frühlichen Botschaft?« »Sie weiß es, Alter; du darfst dich um nichts sorgen!« antwortete Odysseus. Während so der Geist der Freude über der traulichen Versammlung waltete, entspann sich am andern Ende der Insel eine unglückdrohende Verschwörung. Eupeithes nämlich, der Beherrscher eines ansehnlichen Bezirks auf Ithaka, hatte bisher die stolze Hoffnung genährt, sein Sohn Antinoos werde vor allen andern Freiern die schöne Penelope und mit ihr die Obmacht unter den Fürsten der Insel davon tragen. Sein Herz ward daher durch die Schreckensnachricht, die sich bald allenthalben verbreitete, am meisten getroffen. Obschon ein Greis, machte er sich dennoch auf und berief die Bewohner Ithakas zu einer Versammlung. Er trug seine Klagen dem Volke vor und rührte viele zum Mitleid. Dann verlangte er ihren Beistand zur Rache und forderte Fürsten und Unterthanen auf, sich für ihn zu bewaffnen. Vieler Herzen gewann er, manche hingegen weigerten sich, zumal nachdem Medon und Halitherses gesprochen hatten. »Freunde«, hub Medon an, der verständige Herold, »ich bin gestern Zeuge der fürchterlichen Niederlage gewesen. Glaubt mir, nicht ohne der Götter Hilfe hat Odysseus dies gewaltige Werk ausgeführt! Ich selber sah, wie ein göttliches Wesen in Mentors Gestalt ihm zur Seite stand und alle Würfe von ihm abwehrte, ja schon durch seines Schildes Rütteln die Reihen vor sich niederwarf. Geht nicht in den Kampf gegen den Helden; ihr werdet gegen erzürnte Götter streiten!« »Nein, ihr Ithaker, gehet nicht«, fuhr der bedächtige Greis Halitherses fort, »lasset den Odysseus gewähren, er hat nur die Rache der Götter vollzogen. Wie oft habe ich es euch gesagt, daß es so kommen müßte; denn der Übermut dieser Freier ging ja über alle Grenzen, und keiner von euch – wäre es ihm geschehen, – würde solche Greuel unbestraft gelassen haben. Seid klug und lasset die Toten ruhen. Sie rächen wollen hieße ihren Frevel billigen.« Ein großer Teil der Versammlung stimmte diesen Reden bei und ging still nach Hause. Die es aber mit dem Eupeithes hielten oder Freunde der Freier gewesen waren, rüsteten sich und schlossen sich jenem an. Der Zug lief stürmend nach des Odysseus Wohnung; da sie aber hier kein männliches Wesen fanden, so zogen sie weiter zu den Gärten des Laërtes hinaus. Hier erblickte sie von fern einer der Söhne des Dolios, der auf einem Hügel arbeitete, und brachte eilig den Schmausenden im Saale die Nachricht: »Sie kommen! sie kommen!« »Nun wohlauf, ihr Freunde«, rief Odysseus, »jetzt gilt's noch einen heißen Kampf, und dann, hoffe ich, haben wir Ruhe. Sohn, halte dich tapfer! rüstet euch, ihr Knechte! auch du Vater, suche noch einmal Schild und Lanze hervor!« »Ha! glücklicher Tag«, entgegnete der mutige Alte, »da ich mit Sohn und Enkel in einer Reihe fechten soll!« Jeder warf sich in Eile Schild und Helm und Harnisch über und ergriff Lanze und Schwert. »Jetzt hinaus!« rief Odysseus. »Aber wehe uns, unser sind doch nur sehr wenige!« Er überzählte sie schweigend und mit dem Zeigefinger deutend. »Zähle mich mit!« sprach Mentor, der plötzlich gepanzert an der Pforte erschien. Freudig erkannte Odysseus im Herzen die Göttin wieder, die ihm in derselben Gestalt schon gestern zur Seite gestanden hatte; aber er schwieg voll Ehrfurcht und führte das kleine Häuflein kühn und getrost der zahlreichen Feindesschar entgegen. »Nun wohlan, Laërtes, edler Greis!« rief die verstellte Göttin, »eröffne du die preiswürdige Schlacht und wirf die erste Lanze auf den Feind.« Er that's, und siehe, sie flog gerade in Eupeithes' Herz. Und in dem Augenblicke zuckte ein feuriger Blitzstrahl, vom Zeus gesendet und mit einem furchtbaren Donnerschlag begleitet, zwischen beide Haufen in die Erde nieder. Alle entsetzten sich über die schreckliche Vorbedeutung, und der Fall ihres Führers raubte plötzlich den Feinden Mut und Besinnung. Da trat die Göttin mit dem Flammenblicke, zwar noch immer dem Mentor ähnlich, aber alsbald doch allen kenntlich, in die Mitte vor und rief den Streitenden mit lauter Stimme zu: »Haltet ein, Ithaker! Ruhet vom unglückseligen Kriege, der selbst die Götter empört! Schont des Menschenblutes und gehet in Frieden von dannen!« Scheu und Staunen ergriff den ganzen Schwarm bei diesen Worten, aber Odysseus und die Seinen freuten sich der göttlichen Stimme und gelobten der Retterin Athene reichliche Dankopfer. Sie steckten die Schwerter in die Scheide und kehrten zum fröhlichen Mahle zurück. Die Feinde eilten gleichfalls heim und erzählten betroffen den Ihrigen, was sich begeben hatte. Da wagte es keiner mehr von Rache gegen den König zu sprechen, und selbst die eifrigsten Streiter hängten ihr Schwert mit dem stillen Entschlusse an den Nagel, es nie wieder gegen diesen Mann zu brauchen, auf dessen Seite die Gerechtigkeit sei und die Gottheit selber kämpfe. Auch in den Vätern der Erschlagenen tilgte die Zeit allmählich den alten Groll, da sie bei ruhiger Überlegung einsahen, daß den Frevlern recht geschehen sei; und des Odysseus Weisheit, Edelmut und Güte gewann ihm selbst bald aller Herzen und machte zuletzt auch die bittersten Feinde zu seinen Freunden. Jetzt nach dem Treffen, das so seltsam geendet hatte, lud Odysseus seinen Vater und alle Diener des väterlichen Hauses ein, mit ihm nach der Stadt zu gehen und ihm daselbst die Opfer feiern zu helfen, die er den Göttern des Hades gelobt habe. Mit frohem Jauchzen schloß sich der ganze Zug ihm an. Er selber und Telemachos führten den Laërtes in der Mitte, und dicht hinter ihnen trippelte das treue Mütterchen her, welches den alten schwermütigen Mann während der zwanzigjährigen Abwesenheit des Sohnes gepflegt und getröstet hatte und nun unaufhörlich vor Freude weinte und den Göttern dankte, daß sie diesen Tag noch erlebt habe. Penelope sah aus ihrer Kammer die jubelnden Freunde über den Hof kommen und eilte ihnen entgegen. Odysseus breitete seine Arme aus, sie zu umfangen, und erzählte ihr in wenigen Worten die Geschichte seiner wunderbaren Rettung. Darauf mußten Herolde das ganze Volk zum großen Opferschmause für den folgenden Tag einladen, und die Hirten mußten ihre Ställe öffnen und eine Menge von Opfertieren liefern. Ein fröhliches Getümmel belebte jetzt die Stadt, und die fernsten Bewohner der Insel, die den zurückgekehrten Helden noch nicht gesehen hatten, machten sich auf, dem Feste beizuwohnen. Am folgenden Morgen fanden sich die Ithaker scharenweise auf einem freien Platze ein, und Odysseus ließ die Opferstiere vorführen, die er den Göttern geweihet hatte. Alle setzten sich darauf in langen Reihen nieder und freuten sich des zurückgekehrten Königs, der freundlich durch die dichtgedrängte Menge hinschritt und die alten Bekannten mit Kuß und Händedruck begrüßte. Jünglinge schlachteten indessen und brieten nach der gewöhnlichen Weise die Stiere und reichten jedem Gaste sein Teil. Und sie aßen und tranken, und lachten und sangen und tanzten zu der lieblichen Phorminx des Sängers, bis der Abendstern am Himmel heraufzog. Da gedachte Odysseus des Gelübdes, das er einst im Reiche der Schatten gethan, den Göttern der Unterwelt einen jungen Stier und dem Geiste des Teiresias einen schwarzen Widder zu opfern, wenn er nach Hause zurückgekehrt sein würde. Beide Schlachtopfer wurden herbeigeführt, und während die Herolde andere Speisen zum Abendschmause für das Volk bereiteten, führte Odysseus selbst den Streich, der dem Rinde die Sehnen des Nackens zerschnitt. Und als des Stieres und des Widders fette Hüftenstücke auf den Altären brannten, betete er feierlich mit erhobenen Händen: »Heilige Götter des Hades, hier in meinem Reiche erfülle ich dankend die Gelübde, die ich in dem eurigen gethan. Vieles Unglück habe ich bestanden, und schwer nur habe ich oft das kummervolle Leben aus der Gefahr gerettet, immer einem glücklichen Ende vertrauend. Jetzt ist dieses Ende gekommen, gütige Götter! und freudig denke ich zurück an jene Thränen, welche ich damals weinte. O! noch oft will ich euch diese Opfer wiederholen; denn der opfert seinem höchsten Gotte würdig, der sich gern im Herzen der Unterirdischen erinnert und den Gedanken an die Todesgöttinnen nicht scheut!« Achilleus Erster Abend. Des Krieges und des Haders Anfang. Die Landschaft Troas , in den nordwestlichen Gegenden Kleinasiens gelegen, war ein kleiner Teil des später Phrygien genannten Landes. Sie bildete einen Küstenstrich, der im Norden an den Eingang des Hellespont stieß, sehr zahlreich bevölkert war und außer vielen kleineren Flecken, Dörfern und einzelnen Ansiedelungen von Ackerbauern und Hirten eine große Hauptstadt mit festen Mauern, Türmen und Thoren hatte, dergleichen Griechenland damals wohl nur wenige aufweisen konnte. Wir pflegen diese Stadt Troja zu nennen, während sie Homer immer Ilios oder Ilion nennt. Nur die Landschaft heißt bei ihm die troische und deren Bewohner Troer , und er führt den Ursprung von Stadt und Stamm auf einen alten Häuptling Namens Tros zurück. Zugleich werden uns die Troer oder Trojaner als ein unternehmendes Volk geschildert, welches schon in einem gewissen Wohlstande lebte und im Besitze vieler Kunstfertigkeiten war, die damals den europäischen Völkern noch fehlten. Insbesondere erscheinen sie als Meister der Schiffahrt, aber auch des Seeraubs. Denn beide pflegten verbunden zu sein, indem man in dem letzteren mehr nur ein kühnes Abenteuer, als ein Verbrechen erblickte. Die Bewohner der Küsten und der zahlreichen Inseln des ägäischen Meeres, soweit sie nicht dem friedlichen Gewerbe des Fischfangs oder des Ackerbaues oblagen, trieben daher fast insgesamt Seeräuberei. Sie zogen gegeneinander aus, landeten etwa begünstigt vom Dunkel der Nacht in einer entlegenen Bucht, plünderten die Häuser und Ställe aus und brachten die Beute auf ihren Schiffen in Sicherheit. Niemand war vor einem solchen Überfalle sicher, und wir haben in der Geschichte des Odysseus mehrere Beispiele gehabt, daß nicht bloß Güter und Vieh, sondern selbst Menschen von den feindlichen Horden entführt wurden. Ja, diese Leute waren die einzigen Sklavenhändler jener Zeit. Durch ähnliche Raubfahrten hatten sich denn auch Achäer und Troer gegenseitig geschädigt und verfolgt, bis der alte, immer von neuem genährte Stammhaß endlich durch Schuld der letzteren zum entschiedenen Ausbruche kam. Alexandros , gewöhnlich Paris genannt, der zweite von des alten trojanischen Königs Priamos Söhnen, setzte einmal zu Schiffe nach Europa über und sprach bei dem Könige Menelaos ein, der über einige Städte im spartanischen Gebiete herrschte. Hier ward er gastfreundschaftlich aufgenommen und viele Tage köstlich gepflegt und bewirtet. Aber er vergalt es seinem braven Wirte mit dem schändlichsten Undank. Er verführte ihm seine Gattin, die schöne Helena , so daß sie, ihrer Pflicht vergessend und der sinnlichen Lockung folgend – denn Paris war jung und schön, Menelaos bejahrt und ernst – sich zur Flucht bereitwillig finden ließ. Während Menelaos abwesend war, eilte der Verführer mit ihr und vielen Schätzen auf seinem Schiffe davon und segelte rasch mit der schönen Beute seinem Vaterlande zu. Diese Frevelthat ist von den Dichtern in ihren Gesängen sehr ausgeschmückt worden. Zeus , so erzählten sie, habe mit der Themis beratschlagt, wie man der Übervölkerung der Erde steuern könne. Als bestes Mittel zu diesem Zwecke sei ein größerer, langwieriger Krieg erschienen. Eris , die Göttin der Zwietracht, habe darum auf der Hochzeit des Peleus und der Thetis, wo alle Götter versammelt gewesen, einen goldenen Apfel mit der Inschrift » Der Schönsten « in den Saal geworfen. Jede der drei oberen Göttinnen habe sich denselben zugeeignet, und da keine ihre Ansprüche der andern gutwillig habe aufopfern mögen, so sei der Vater Zeus zum Schiedsrichter gewählt worden. Der aber habe ein solches Amt klüglich abgelehnt und ihnen dafür den schönsten Mann auf der Erde, eben den Paris, vorgeschlagen. Dieser habe gerade auf dem Berge Ida die Herden seines Vaters, des Königs, geweidet, als die Göttinnen zu ihm herniedergestiegen seien. Here habe ihm die Herrschaft über Asien, Athene Kriegsruhm, Aphrodite den Besitz der schönsten Gattin versprochen. Nach langem Bedenken habe er der Aphrodite den Apfel zuerkannt und dadurch den unversöhnlichen Haß der Here und Athene auf sich und sein Vaterland geladen; Aphrodite aber, die Göttin der Liebe, habe ihr Versprechen gehalten, ihm das schönste Weib, das auf der Erde lebe, zu vermählen. Das sei nun Helena gewesen; sie sei ihm also auf der Liebesgöttin ausdrückliches Geheiß gefolgt. Menelaos vermochte die erlittene Kränkung nicht so still zu verschmerzen; er suchte Rache. Daher forderte er seinen mächtigen Bruder Agamemnon , der über Mykenä herrschte, den alten Nestor in Pylos, den Odysseus in Ithaka und mehrere andere tapfere Fürsten zum Beistande auf und fand sie alle geneigt dem Bunde beizutreten. Eine Menge junger Königssöhne, schon längst begierig nach einer neuen ruhmreichen Unternehmung in der Art des Argonautenzugs, von dem die Väter so viel zu singen und zu sagen wußten, boten sich mit zahlreichen Gefährten freiwillig dem Menelaos zu Begleitern an. Die Kunde von der Rüstung der gewaltigen Heerfahrt durchflog ganz Griechenland von der äußersten Spitze des Peloponnes bis zu den Gebirgen Thessaliens, und wer es hörte, dem schwoll die Brust vor Freude. Sah doch jedermann den Zug als eine allgemeine Angelegenheit an; von ihm sich auszuschließen würde für eine Schande gehalten worden sein. Ein ganzes Jahr verging über den Vorbereitungen. Unterdessen reisten Nestor und Odysseus überall umher und beredeten die übrigen Fürsten Griechenlands und der benachbarten Inseln, welche etwa noch zauderten oder ihre Söhne zurückhalten wollten, daß sie sich doch nicht der allgemeinen Ehre begeben möchten, die in einem so glänzenden Kampfe unfehlbar zu erlangen sei. Sei doch das Ziel nichts Geringeres als die Zerstörung der berühmten Stadt Troja, und unermeßlich die Beute, welche man von einem so reichen Volke zu hoffen habe. Selbst die schönen Weiber und Kinder, die man als Sklaven heimzuführen gedachte, wurden mit in Anschlag gebracht. Der schlaue Odysseus zumal mochte nichts vergessen haben, was dazu dienen konnte, den Trägen Lust und den Mißtrauischen Vertrauen einzuflößen und Mut zu machen. Auf diesen Zügen geschah es, daß sie beim alten Peleus , Achilleus' Vater, in Thessalien, beim König Idomeneus auf Kreta, beim alten Telamon in Salamis, und anderwärts einsprachen. Überall betrieben sie ihr Werbegeschäft mit gutem Erfolg. Man hatte die Bucht von Aulis in Böotien zum Sammelplatze der Teilnehmer bestimmt. Dort, wo die Meerenge, welche das Festland von der Insel Euböa scheidet, am schmalsten ist, kamen zur festgesetzten Zeit mehr als tausend Schiffe Ein in die Ilias eingefügtes Stück, der sogenannte Schiffskatalog führt die zu dem Rachekriege verbundenen Fürsten und Völker namentlich auf. Danach betragt die Zahl der Schiffe 1186; die Zahl der Mannschaft würde mehr als hunderttausend Mann betragen haben. zusammen, mit Männern aus allen Gegenden Griechenlands angefüllt. Nie hatten sich deren bisher so viele vereinigt gesehen. Es wurde beschlossen einem der vornehmsten Fürsten den Oberbefehl zu übertragen, und diese Ehre traf den Agamemnon , teils weil er die meiste Mannschaft unter allen zusammengebracht hatte, teils auch wohl, weil auf seine Veranstaltung und zu seinem und seines Bruders Vorteil der Waffenbund zuwege gebracht worden war. Er war auch sonst ein wackerer, verständiger Mann und ein tapferer Streiter, wenn er gleich an Stärke dem unbezwinglichen Achilleus weit nachstand. Alles war nun zum Aufbruche bereit, nur fehlte lange ein günstiger Fahrwind. Man schloß daraus, irgend ein Gott müsse das Werk noch verhindern. Das zu erforschen ward dem Priester Kalchas aufgetragen; und als dieser die gewöhnlichen Zeichen beobachtet hatte, verkündigte er, Artemis sei durch Agamemnon, der eine heilige Hirschkuh auf der Jagd erlegt habe, beleidigt, sie verlange ein Opfer, und zwar kein geringeres als Agamemnons älteste Tochter Iphigeneia oder, wie wir mit römischer Namensform sagen, Iphigenia . Sei es nun, daß der Priester Agamemnons Feind war, oder daß Neid und Rachsucht schon damals ihre Ränke im Heere spannen und den Priester nur zum Werkzeuge gebrauchten: kurz Iphigenia mußte herbeigeholt werden und erfuhr den Zweck ihrer Reise erst am Opferaltare. Ihr Entsetzen und des Vaters Jammer könnt ihr euch denken. Aber die Dichter sagen, Artemis habe, durch des Vaters Gehorsam und durch seine Seelenqual hinlänglich versöhnt, im Augenblicke des Todesstreichs das zitternde Mädchen in einer Wolke entrückt und eine Hirschkuh an ihre Stelle geschoben. Iphigenia habe sich darauf, als sie aus einer schweren Ohnmacht erwacht sei, im Tempel der Artemis zu Tauris wiedergefunden, wo sie noch lange nachher das Amt einer Priesterin verwaltet habe. Jetzt endlich stand den ungeduldig harrenden Helden kein Hindernis mehr im Wege; noch an demselben Tage schwellte der günstigste Fahrwind die Segel. Flugs und fröhlich bestieg man die Schiffe. In wenigen Tagen erreichte die Flotte die Küsten von Troas, und alsbald wurden nach damaliger Sitte die Schiffe ans Land gezogen. Unterwegs hatte man im Vorbeisegeln ein paar Städte auf den Inseln Skyros und Lesbos geplündert, die Männer erschlagen und die Weiber als Sklavinnen auf die Schiffe geladen, und in derselben Weise fuhr man auch nach der Landung in dem trojanischen Gebiete fort. Denn woher sollte sonst ein so zahlreiches Heer, das an keine Schiffsvorräte oder Magazine gedacht hatte, seinen täglichen Unterhalt nehmen? Anstatt also rasch und mit vereinigter Kraft die Hauptstadt des Feindes anzugreifen, verteilten sich die verschiedenen Stämme unter der Anführung ihrer Fürsten hierhin und dorthin, führten die Viehherden weg, schnitten das Getreide von den Feldern und plünderten die zahlreichen Ortschaften aus. Manche setzten sich gar wieder zu Schiffe und ruderten die Küste entlang, um Seeräuberei zu treiben. Der göttliche Achilleus – denn anders nennt ihn Homer gar nicht, außer wo er von der vielbewunderten Schnellfüßigkeit desselben einen Ehrennamen hernimmt – Achilleus rühmte sich am Ende des Krieges, allein mit der Schar seiner Myrmidonen So hieß das Kriegsvolk des Achilleus, ein thessalischer Stamm, als dessen Ahnherr Myrmidon, der Sohn des Zeus und der Eurymedusa, bezeichnet ward. zu Schiffe zwölf und zu Lande elf reiche Städte im trojanischen Gebiete erobert zu haben. Die Beute, welche jede einzelne streifende Partei von ihren Zügen ins Lager zurückbrachte, ward redlich geteilt, und besonders erhielt der Oberanführer von allem das Beste. Durch diese seltsame Art Krieg zu führen wurden die Einwohner der Hauptstadt eben nicht sehr beängstigt. Sie waren hinter ihren Mauern gesichert; und da die Macht der Achäer fast nie beisammen war, so gelang es ihnen oft manchen einzelnen Haufen, der sich etwa den Thoren zu nahe wagte, durch einen kräftigen Ausfall zurückzuschlagen. Dann hatten sie wieder eine Zeitlang Ruhe. Als indessen dieses wilde, herumschwärmende Leben schon mehrere Jahre gedauert hatte und die Achäer sich immer weiter und weiter von ihrem Lager entfernen mußten, um noch Vorrat zu finden, da sehnten viele sich nach Hause. Doch erachtete man es mit Recht für schimpflich, gleich gemeinen Dieben abzuziehen, da man doch gekommen war Heldenthaten zu vollbringen und Troja zu zerstören. Die Anführer hielten daher oft Rat, wie man nun das Werk mit Eifer angreifen und die feste Stadt wirklich erobern könne. Seitdem richtete sich wirklich der eigentliche Angriff mehr auf die Bewohner der letzteren; man ließ sich auf Schiffen Nahrungsmittel von Griechenland her zuführen, um nicht mehr zu vereinzelten Streifzügen gezwungen zu sein; man berannte alle Tage die Stadt, forderte die Trojaner mit Schmähreden heraus, und wenn sich eine Schar hervorwagte, so jagte man sich einzeln mit Wurfspießen und Feldsteinen auf der Ebene umher. Abends kehrten die Griechen jedesmal zu ihren Schiffen zurück, in deren Nähe Zelte und Hütten aufgeschlagen waren, um die Krieger gegen Wind und Wetter zu schützen. Die Trojaner aber waren nun dem nachdrucksvolleren Angriffe gegenüber auch auf sorgfältigere Verteidigung bedacht. Sie sandten zu den benachbarten Völkern und forderten dieselben zum Beistande auf. Wirklich kamen viele Fürsten der Gegend mit Fußvolk herbei und bildeten einen Bund, der an Stärke dem achäischen ziemlich gewachsen war. Und jetzt erst erregt der lang ausgesponnene Krieg eine lebendigere Teilnahme. Auch beschränkt sich das, was Homer davon singt, eigentlich nur auf die Begebenheiten einiger Tage des letzten Jahres, des zehnten; denn so lange hatte sich die Unternehmung bereits hingezogen. Aber eben in diesem zehnten Jahre schien sich das Glück am meisten von den Griechen zu wenden, da sie nicht bloß mit der Not des Krieges, sondern auch noch mit schweren Seuchen zu kämpfen hatten und zuletzt durch eine feindselige Trennung der, beiden mächtigsten Häupter, des Agamemnon und Achilleus, fast dem Untergange nahe gebracht wurden. Agamemnon hatte ein Städtchen geplündert, in welchem ein alter frommer Priester des Apollon, Chryses , mit einer Tochter namens Chryseïs , wohnte. Die hatte er ihm weggenommen und behielt sie bei sich, weil ihre jungfräuliche Anmut seinen Augen wohlgefiel. Auf gleiche Weise war auch dem Achilleus bei der Teilung der Beute ein schönes Mädchen, namens Briseïs , zugefallen, die er so lieb gewann, daß er sich nimmer von ihr zu trennen gedachte. Da erschien aber nach einiger Zeit der alte Priester Apollons im griechischen Lager, kenntlich an seiner Kleidung und an der Binde, die um den goldenen Priesterstab gewunden war. Er brachte reiche Geschenke mit, um seine geliebte Tochter damit auszulösen, und bat flehentlich um ihre Zurückgabe. Das ganze Heer nahm seine Bitte beifällig auf und verlangte, daß man den Priester des Gottes ehre und die reichen Lösegelder annehme. Agamemnon jedoch wollte die Jungfrau nicht von sich lassen und gab in seinem Zorne dem Greise eine harte Antwort. Dieser bat ihn noch einmal, daß alle Griechen es hörten und von seinen Worten gerührt wurden; sie redeten auch vielfältig dem starren Agamemnon zu, er möge, wo nicht den Vater, doch den Priester ehren und den Zorn Apollons fürchten; aber jener achtete dessen nicht und bedrohte den Greis sogar mit Gewalt, wenn er nicht auf der Stelle sich hinwegbegebe. Das ging dem alten Manne schwer durchs Herz. Er mußte laut weinen, und als er so verzweifelnd an das brausende Meeresgestade gekommen war und sich allein sah, erhob er seine Hände in brünstigem Gebet zu Apollon: »Höre mich, Gott, dem ich diene! Gedenke, wie oft ich festlich deinen Tempel geschmückt, wie oft ich dir fette Hüftenstücke stattlicher Rinder und Ziegen auf deinem Altare verbrannt habe; und hat dir je mein Opfer gefallen, o so räche jetzt meine bittern Thränen mit deinen Geschossen an den Achäern!« Oder den Griechen ? fragte Anton. Ja, antwortete der Lehrer; die geschichtlichen Namen der Völker sind in der Regel anfangs nur Benennungen eines Teiles, eines einzelnen Stammes derselben gewesen. Homer nennt die Gesamtheit des Volkes immer entweder Achäer , und das ist der am häufigsten vorkommende Name, oder Danaer oder Argeier (Argiver). Den Namen Hellenen gebraucht er nur von der Mannschaft des Achilleus, den schon erwähnten Myrmidonen, welche Hellas , einen Landstrich Thessaliens, bewohnten. Von dort hat sich der hellenische Stamm im Laufe der Zeit allmählich weiter verbreitet; aber sein Name diente dann nur noch zur Bezeichnung aller Völker Griechenlands als Glieder einer großen Nation. Den Namen Griechen kennt Homer noch gar nicht, auch haben sie sich weder damals noch in späteren Zeiten jemals selbst so genannt. Wir haben diesen Namen vielmehr von den Römern überkommen. Doch werde ich in der Folge mit den Namen öfter abwechseln. Glaubt denn der alte Priester wirklich, fragte Julius weiter, daß Apollon mit dem Bogen unter die Griechen schießen werde? Der Mensch in jenem Kindesalter der Welt schreibt alle ihm unbegreiflichen Wirkungen der Natur den Göttern zu, denen er in seiner Weise menschliche Gedanken und Triebe andichtet. Sind jene Wirkungen schädlich, so ist der Gott erzürnt gewesen; hören sie auf, so glaubt er den Gott wieder versöhnt. Starb nun etwa ein Jüngling, ein Mann schnell dahin, ohne daß man die Ursache entdecken konnte, so sagte der Grieche: Apollon hat ihn mit seinem Geschoß erlegt; und ebenso wurde der plötzliche unerklärliche Tod eines Mädchens, einer Frau der Artemis zugeschrieben. Ansteckende Krankheiten, die ein großes Sterben verursachten, galten aus dem nämlichen Grunde als Strafen des Gottes. Die Sage erzählt auch wirklich, Apollon habe den Olymp verlassen, sich in einiger Entfernung von den Schiffen niedergesetzt und seine tödlichen Pfeile in das Lager entsendet. Wen sie trafen, den raffte die Pest hin. Zuerst erlagen die Maultiere und Hunde, dann auch die Menschen, und neun Tage wütete die Seuche, so daß ohne Aufhören die Scheiterhaufen der Toten brannten. Das erfüllte die Anführer mit großer Besorgnis, und am zehnten Tage berief Achilleus deshalb eine Versammlung des Heeres und riet den kundigen Seher Kalchas zu befragen, durch welche Verschuldung das Heer dieses Unheil auf sich geladen habe, und durch welcherlei Opfer der Gott wieder versöhnt werden könne. Kalchas zögerte mit der Antwort; aber endlich erwiderte er auf Achilleus' ungestümes Verlangen: er wisse die Ursache wohl, allein er werde sie nicht eher sagen, als bis die Tapfersten ihm geschworen hatten ihn zu schützen, wenn etwa durch seinen Seherspruch ein Mann gegen ihn aufgebracht werden sollte, der große Macht unter den Achäern besitze, und dessen Rache er vielleicht noch lange werde zu fürchten haben. Da stand Achilleus auf und schwur laut in offner Versammlung, ihn vor jeder Gewalt zu schützen, und wenn der Mann, den er meine, selbst Agamemnon sei, der mächtigste aller Achäer. »Nun wohlan denn«, versetzte Kalchas, »weil du mir das schwörst, so will ich frei die Wahrheit verkünden. Ja, Agamemnon ist es, dem Apollon zürnt; denn er hat seinen Priester nicht geehrt und ihm die Tochter zurückzugeben verweigert, für die er doch so reiches Lösegeld bot. Darum sendet uns der Gott dies Verderben und wird nicht aufhören, bis ihr die Jungfrau dem Vater auf einem Schiffe zurücksendet, frei und ohne Entgelt, und dem Gotte dort auf einem heiligen Altare ein festliches Opfer bringt.« »Ha, du Unglücksseher!« rief Agamemnon im höchsten Zorn, »wenn du mir doch auch nur einmal etwas Gutes verkündigtest! Da soll ich es nun wieder büßen, daß der Gott unserm Volke die böse Krankheit sendet! Und das Mädchen ist mir so lieb, sie ist so klug, so erfahren in weiblicher Arbeit; ich achte sie höher selbst als Klytämnestra, meine Gemahlin, – und nun sollte ich sie von mir lassen? Aber mag's sein, nehmt sie hin! Wenn es des Volkes Wohl gebietet, so will ich gern noch Schwereres ertragen. Aber das sag' ich euch, ohne Entschädigung gebe ich sie nicht weg! Schafft mir ein anderes Ehrengeschenk an ihrer Stelle; das kann ich fordern und will es auch! Sie war mein Anteil von der letzten Beute; der entgeht mir dadurch. Darum entschädigt mich nun!« »Habsüchtiger, unersättlicher Mann!« entgegnete ihm Achilleus. Was für ein Ehrengeschenk verlangst du denn jetzt? Ich wüßte doch nicht, daß wir etwa noch kostbare Reste von der vorigen Beute irgendwo aufbewahrt hätten, sondern was wir erbeutet haben, ist jedesmal sogleich verteilt worden; und das einmal Verloosete wieder zurückfordern, ist sonst, wie du weißt, nicht Brauch. Warte also ruhig, bis ein Gott uns verleiht das reiche Troja zu erobern; dann sollst du dein eingebüßtes Ehrengeschenk dreifach und vierfach ersetzt bekommen.« Diese Rede schien nicht eben unbillig, aber sie war wenig geeignet das Verlangen des tief ergrimmten Mannes zu stillen. Er nahm die letzten Worte als eine leere Vertröstung auf, mit der man ihn verspotten wolle. »Nicht also, Achill!« rief er diesem zu, »du sollst mich nicht berücken, auch wahrlich nicht schrecken, so stark und tapfer du auch bist. Willst du, daß dir und allen andern ihr Geschenk bleibe, während mir meines entrissen wird? Ha, wahrlich, ich sage dir, bringt ihr kein anderes für mich auf, so hole ich mir selbst eines, aus wessen Zelte mir belieben wird, vielleicht das deinige oder des Odysseus oder des Aias Ehrengeschenk; mag der dann zürnen, dem ich es nehme! – Nun geht, geht! nehmt hin das Mädchen, bringt sie auf das Schiff, die Opferstiere dazu, und rudert nach Chryse, wo der Vater wohnt, damit dem Kalchas der Wille geschehe und der Gott uns nicht ferner zürne!« Das war zu viel für den schon längst grollenden Achilleus. Glühend vor Zorn brach er gegen Agamemnon los: »Wie? Unverschämter! du mir mein Ehrengeschenk entreißen? Ha, sage nur, wie kann dir Habsüchtigen nur noch ein einziger Mann im Heere gehorchen und der Mühe wert halten, um deinetwillen diesen Heereszug unternommen zu haben? Sind wir denn um unsertwillen gegen die Troer zu Felde gezogen? Ich wahrlich nicht; mich haben sie nie beleidigt, weder ein Rind noch ein Pferd haben sie mir geraubt, noch die Saaten auf meinen Feldern verwüstet. Ich war wohl geborgen vor solchen Gästen durch waldige Gebirge und das breite Meer, ich dachte daheim in Phthia nicht an Troja. Bloß dir, schamloser, selbstsüchtiger Mann, zu Gefallen bin ich hierher gekommen, um deine und deines Bruders gekränkte Ehre zu rächen an den Troern. Und das hast du so schnell vergessen, trotzest nun gar und drohst mir das Ehrengeschenk zu entreißen, das mir die Achäer einstimmig zuerkannt haben, und das von mir wohl verdient ist!? Hab' ich denn nicht bisher die größte Last des Krieges getragen? Wer hat so viel gekämpft, als ich? er trete auf! Und wann ist mir je ein Geschenk wie dir zugefallen? Wer wird bei Trojas Falle ein reicheres erhalten als du? Immer hast du das Beste bekommen, wenn ich, mit wenigem zufrieden, zu meinen Schiffen zurückkehrte. Aber wohlan! streite du nur allein; ich gehe nach Phthia; denn es ist ja wahrhaftig weit besser je eher, je lieber nach Hause zu segeln, als nur einen Augenblick länger für dich, den Undankbaren, des Krieges Mühen zu ertragen! Du wirst ja sehen, wie viel Schätze du dir noch sammeln wirst, wenn ich fort bin!« »Geh! geh!« rief Agamemnon. »Ich werde wahrlich um deinen Beistand nicht betteln. Es sind wohl noch andere Männer hier, durch welche Zeus mir Ehre verleihen kann. Du bist mir längst verhaßt gewesen, von Anfang an warst du's. Du hast nie Frieden gehalten und immer nur Zank und Streit geliebt. Bist du stärker, so hat dir's eine Gottheit verliehen, aber du überhebst dich dessen wahrlich zu sehr! Nein! nein! schiffe immerhin heim mit allen den Deinigen und beherrsche ruhig deine Myrmidonen; das ist mir gleichgültig. Und dein Trotzen gilt mir vollends nichts, vielmehr drohe ich dir hiermit gerade jetzt: ich werde die Chryseïs sofort zu ihrem Vater senden, weil ich muß, und dann hole ich mir aus deinem Zelte die Briseïs, dein Ehrengeschenk, öffentlich und vor deinen Augen, damit du erkennest, wie viel höher ich bin als du, und damit kein anderer künftig wage sich mir gleich zu wähnen und mir so ins Angesicht zu widerstehen, wie du es gethan hast.« »Was?« schrie Achilleus in seiner Wut, und riß alsbald das funkelnde Schwert aus der Scheide, um den Agamemnon niederzuhauen. Da stand plötzlich, allen unsichtbar, hinter ihm die Göttin Athene und rief ihm heimlich zu, das Schwert nicht zu zücken gegen den Fürsten, wohl aber zu schelten, so viel ihn das Herz triebe. Das brachte ihn wieder zur Besinnung und ließ ihn Agamemnons größeres Ansehen erkennen; aber so plötzlich stillte es doch nicht allen Zorn in seinem Busen, daß er sich die letzte Befriedigung halb erstickter Rachsucht, das Bedürfnis seinen Feind mit giftigen Worten zu schmähen, hätte versagen können. »Weinschwelg!« rief er, »wie ein Hund siehst du aus, aber Mut hast du wie ein Hase! Nimmermehr hast du ja Herz gehabt, mit uns zugleich zur Schlacht zu gehen oder dich in den Hinterhalt zu legen; das sind dir tödliche Schrecken. Aber einem einzelnen Manne sein Eigentum wegnehmen und sich dann hinter tausend Beschützer verkriechen, das ist deine Sache, und freilich das ist auch sicherer und gemächlicher. Ha, wahrlich! wären die, welche dir gehorchen, nicht eben so elende Menschen als du, du wärest mir heute so gut nicht weggekommen! Aber das sage ich dir und schwöre es bei diesem Scepter: Damals bloß ein einfacher Stab, auf den man sich stützt, nur bisweilen mit goldenen Nägeln oder Buckeln beschlagen, welchen in der Volksversammlung derjenige von den Edeln in die Hand nahm, der das Wort ergriff. Man hat dies Scepter bald auf die Strafgewalt der Könige, bald auf ihr Hirtenamt bezogen. Weil aber überhaupt nur bejahrtere Männer gewohnt waren einen Stab zu tragen, so hat man damit das Zeichen der Würde verbunden. Die Könige hauptsächlich sind die »sceptertragenden«, die Völker sind ihrem Scepter unterworfen. So gewiß dasselbe nimmer Blätter noch Blüten treiben wird, seitdem es geschält und der Zweige beraubt ist, eben so gewiß sollst du mich nie wieder den Arm gegen einen Trojaner aufheben sehen, und stürben dir alle Achäer hin und flehtest du auf deinen Knieen zu mir um Rettung. Die Reue wird noch, so hoffe ich, über dich kommen und bitterer Gram dir darüber das Herz zernagen, daß du den edelsten der Achäer so wenig geehrt hast.« So sprach er, warf das Scepter mit Macht auf die Erde und setzte sich schweigend nieder. Schon wollte Agamemnon die heftige Rede erwidern, als sich Nestor erhob, der wegen seines Alters, seiner Erfahrung und Weisheit von allen wie ein Vater geehrt wurde. Als man sah, daß er reden wollte, schwiegen die übrigen still, selbst Agamemnon unterdrückte seinen Zorn, und der Greis begann wohlmeinend also: »Lieben Freunde, was thut ihr! Welch ein unseliges Geschick drohet ihr über uns alle zu bringen! Ha, wie wird sich Priamos, wie werden sich seine Söhne freuen, wie wird das ganze Volk der Troer frohlocken, wenn sie hören, daß Zwietracht den Feind im eigenen Lager entzweit, und daß gerade diejenigen wider einander hadern, die vor allen die ersten im Rate und im Kampfe sind! O ich bitte euch, folget mir! ihr seid ja alle jünger als ich. Ich habe wohl in meiner Jugend mit andern Männern Gemeinschaft gehabt, dergleichen wohl keiner je wieder aufstehen wird, und denen keiner von euch allen hier nur entfernt nahe kommt, weder an Tapferkeit noch an Stärke; wisset, ich war Theseus', Peirithoos' und ähnlicher Helden Genosse, mit denen ich einst gegen die Centauren zu Felde zog. Und die haben meine Rede nicht verachtet; darum denn höret auch ihr auf das, was ich sagen werde, und bedenket, daß guter Rat Goldes wert ist. Du, Agamemnon, so viel Macht dir auch die Achäer gegeben haben, überhebe dich nicht, sondern laß jenem sein Ehrengeschenk, da es ihm die Achäer verliehen haben. Aber du, Achilleus, höre nun auf dem Könige zu trotzen, denn nie hat Zeus einen sceptertragenden König mit solcher Ehre gekrönt wie diesen; und wenn du gleich stärker bist und dich göttlicher Abkunft rühmst, so ist er dafür desto mächtiger und ihm gehorchen die meisten Völker. Vertraget euch in Frieden; gebe jeder nach, so ist's keinem eine Schande.« »Schön, schön, würdiger Greis!« erwiderte Agamemnon, »du hast treffliche Worte gesprochen. Aber in diesem Manne ist ja nicht Maß noch Ziel; der will vor allen bevorzugt sein, alles beherrschen, allen Gesetze geben. Weil ihm die Götter Leibesstärke verliehen haben, so meint er, sie haben ihm zugleich das Recht gegeben, jeden andern zu schmähen.« »O schweig«, fiel ihm Achilleus in die Rede. »Ich meine nur das Recht zu haben, mich nicht vor jedem deiner Befehle zu demütigen. Wirf du andern deine gebieterischen Winke zu, nur mir nicht. Ich müßte ja ein feiger Wicht heißen, wenn ich mich jeder deiner Launen beugen wollte. Nichts mehr davon! Was ich geschworen habe, dabei bleibt es! Das Eine sage ich noch: wollen die Achäer das Mädchen wieder haben, – sie haben mir's gegeben, sie mögen's wieder nehmen. Schicke hin und laß sie holen! Aber wehe dir, wenn du von meinen andern Gütern noch sonst etwas antastest!« Jetzt war schon größere Besonnenheit an die Stelle der ersten Leidenschaft getreten; und da Agamemnon auf dem Besitz des Mädchens bestand und er der Mann dazu war seine Drohungen zu erfüllen, so riet nun wohl die Klugheit dem Achill, das lieber in Zeiten scheinbar gleichgültig abzutreten, was er sich nachher vielleicht zu seiner weit größern Beschämung hätte mit Gewalt müssen entreißen lassen. Noch mochte er als der edlere aus dem Streite hervorgehen, und von seiner Drohung, sich am Kriege nicht mehr zu beteiligen, durfte er sich eine völlig genugthuende Wirkung versprechen. Das lehrte der Erfolg. Er war der einzige gewesen, dem bisher Hektor , des Priamos tapferster Sohn, auf dem Schlachtfelde ausgewichen war; jetzt aber, da er sich zurückzog, war Tag für Tag der Sieg auf seiten der Trojaner. Es war, als ob ein Gott Verderben über die Griechen verhängt habe, und ihr könnt wohl denken, daß der alte Dichter es auch so dargestellt hat. Doch will ich das morgen erzählen; jetzt sei nur noch erwähnt, was Agamemnon nach der Entlassung der Fürstenversammlung that. Zuerst ließ er ein Schiff ins Meer hinabziehen und bestimmte den Odysseus, das Mädchen und die zum Sühnopfer auserlesenen Stiere an den Wohnort des alten Priesters zu geleiten. Jener segelte mit einiger Mannschaft ab, überlieferte die Chryseïs ihrem bekümmerten Vater und besorgte für den Gott das feierliche Opfer, wie sich's gebührte. Hierauf rief Agamemnon, der Nestors Rede besser beantwortet hatte als er sie nun befolgte, zwei Herolde herbei und gab ihnen den Auftrag, die schöne Briseïs aus Achilleus' Zelte zu holen. Es war ein mißliches Geschäft, an welches die Herolde mit innerem Widerstreben gingen; allein sie mußten gehorchen und kamen zögernd und langsam bei den Schiffen der Myrmidonen an, in deren Mitte das Zelt des Achilleus stand. Sie sahen ihn schon von ferne mit finsterer Miene draußen an dem Eingange sitzen, und wagten vor Scheu und Bestürzung nicht ihren Auftrag zu verkünden. Aber Achilleus, vermöge der Güte, die gewöhnlich starken, leidenschaftlichen Gemütern nach gestilltem Zorne eigen ist, benahm ihnen alle Furcht und redete sie zuerst an: »Freude sei mit euch, ihr heiligen Boten,« Den Gesandten hat man früh schon eine gewisse Heiligkeit, d. h. Unverletzbarkeit beigelegt. tretet näher! Ihr seid nicht schuldig, sondern der, welcher euch gesandt hat. Ja, ja, er soll die Dirne haben. Gehe hin, Patroklos, und führe sie heraus. Ihr aber seid mir Zeugen vor Göttern und Menschen, daß ich's abermals laut geschworen habe für Agamemnon hinfort keine Hand mehr gegen Troja zu erheben. Nun geht! geht!« Sie empfingen aus den Händen des Patroklos das Mädchen, das ungern schied und, des frühern Gebieters in Liebe und Dankbarkeit gedenkend, oft zurücksah. Alsdann gingen sie schweigend mit ihr nach dem Schiffslager der Achäer. Zweiter Abend. Die Götterversammlung und die Volksversammlung. Achilleus sah den Männern düster nach, stand dann rasch auf und setzte sich fern von seinen Genossen abwärts an das Gestade des Meeres, den thränenvollen Blick auf die dunkeln Wogen gerichtet. Er dachte an seine Mutter Thetis, die in der Tiefe dieser Fluten wohnte, breitete die Arme aus und flehte zu ihr, daß sie sich seiner annähme. Und sofort stieg die Göttin herauf; wie ein Nebel schwebte sie über die See daher, setzte sich dann neben den bekümmerten Sohn und liebkosete ihn zärtlich. »Lieber Sohn«, fragte sie ihn, »was weinst du? Sprich, was betrübt deine Seele? Rede! verhehle mir nichts.« Er mußte ihr alles erzählen. »Sieh«, so schloß er endlich, »so hat er mich gekränkt, der übermütige Mann, und ich sitze nun ehrlos hier bei den Schiffen; für alle meine Thaten wird mir kein Lohn, und mein Leben, das mir vom Schicksale schon so kurz zugemessen ist, soll nun auch untergehen ohne Ruhm. O Mutter, räche meine Schmach! Du vermagst ja so viel über Zeus! Bitte ihn doch, daß er mir die Ehre verleihe und den Trojanern so lange Sieg auf Sieg gewähre, bis Agamemnons Völker unter den feindlichen Schwertern gefallen sind und er es reuig empfindet, welch ein Unglück er sich selber dadurch bereitete, daß er den tapfersten der Achäer von sich stieß.« Die Mutter billigte des Sohnes Zorn und versprach ihm, die Kniee des Göttervaters bittend zu umfassen. Nur jetzt, sagte sie ihm, gehe es noch nicht an, denn gestern sei Zeus mit allen Göttern zu einem Mahle bei den Äthiopen gezogen, die am Ende der Welt, am Flusse Okeanos, wohnen, und kehre erst nach zwölf Tagen wieder zurück. Dann aber werde sie sogleich den Weg zum Olymp antreten und jenem die Bitte vorlegen. Es war noch früh am zwölften Tage, seitdem sich Achilleus von dem Kampfe zurückgezogen hatte, da stieg Thetis aus den dunkeln Wogen des Meeres zum zackigen Olympos empor. Sie fand den Zeus seitwärts von den übrigen Göttern auf dem höchsten Gipfel des Berges sitzend, beugte sich vor ihm nieder, umschlang mit der Linken seine Kniee und streichelte ihm mit der Rechten den Bart. »Vater Zeus«, sagte sie schmeichelnd, »wenn ich dir je etwas wert gewesen bin, so gewähre mir jetzt meine Bitte und ehre meinen Sohn, den ich ohnehin nur zu kurzem Leben geboren habe. Räche ihn an Agamemnon und stärke die Troer mit Siegeskraft, bis die Achäer gezwungen werden ihm die schimpfliche Kränkung mit doppelter Ehre zu vergelten.« Zeus schloß schweigend und unmutig die Lippen. Da schmiegte sich die Göttin noch enger an die fest umschlungenen Kniee und flehete aufs neue: »Winke mir Gewährung, o Vater; und willst du das nicht, so verweigere mir's entschieden, damit ich selbst höre und sehe, daß ich die verachtetste unter allen Göttinnen bin.« »Ach!« rief endlich der Vater der Götter und Menschen, »da bringst du mir wieder neue Gelegenheit zu Hader mit der Here, die schon genug mit mir zankt, weil ich immer den Troern helfe. Ich thäte dir's gern zu Gefallen, wenn nicht ... Doch, entferne dich schleunigst, ehe die Argwöhnische dich hier sieht; fürwahr, ich werde deiner nicht vergessen!« Also sprach und winkte mit schwärzlichen Brauen Kronion; Und die ambrosischen Locken des Königes wallten ihm vorwärts Von dem unsterblichen Haupt: es erbebten die Höh'n des Olympos. Das sind die drei berühmten homerischen Verse (Iliade I. 527 ff.), die dem unsterblichen Phidias bei seinem Wunderwerke, der kolossalen Bildsäule des Zeus, welche den Tempel zu Olympia schmückte, vorgeschwebt haben sollen. Der allmächtig herrschende, überall siegreiche Gott in huldvoller Gewährung und gnädiger Erhörung der an ihn gerichteten Bitten – das war die Vorstellung, welche der Künstler auszudrücken suchte. Thetis ging und tauchte erfreut über die verheißene Gewährung ihrer Bitte in das Meer hinab. Zeus aber erhob sich, um sich in seinen Palast zu begeben. Als ihn die Götter von ferne kommen sahen, standen sie alle von ihren Sitzen auf und gingen ihm ehrfurchtsvoll entgegen. Er setzte sich auf seinen hohen Thron, ohne des eben Geschehenen Erwähnung zu thun. Aber die eifersüchtigen Augen der Gemahlin hatten die Thetis wohl bemerkt, und streitsüchtig, wie Here war, konnte sie diese Gelegenheit nicht vorüberlassen mit dem Gemahle zu hadern, zumal sie durch diese Begünstigung sich schwer verletzt wähnte. »Wer ist schon wieder bei dir gewesen?« begann sie. »Immer weißt du's doch zu veranstalten, daß ich nichts von dem höre, was andere mit dir verhandeln; im geheimen wird alles abgemacht. Seht doch! ob ich wohl ein einziges Wort erfahre!« »Du mußt auch nicht alles wissen!« versetzte der Vater der Götter. »Du würdest ohnehin manches gar nicht verstehen können. Was du wissen kannst, siehst du, das sollst du künftig allemal zuerst erfahren; was mir aber allein zu beschließen beliebt, das hüte dich wohl von mir auszuspähen oder abzuhorchen.« »Wann habe ich wohl schon gehorcht?« schnaubte sie heftig entgegen. »Du lässest dir wohl viel abhorchen? Nein, aber gesehen habe ich's, wie Thetis zu deinen Füßen lag und deine Kniee umfing, und wie du ihr gnädig winktest und wie sie so fröhlich von dannen ging. Ganz gewiß sollen nun wieder die Achäer um Achilleus', des Lieblings, willen leiden und die übermütigen Troer beschützt werden? Denn was hätte sie sonst gewollt?« »Ja, ja«, erwiderte Zeus, »du vermutest immer und spürest mir immer nach, und es hilft dir doch nichts, nicht das mindeste! Vielmehr wirst du mir damit nur immer verhaßter im Herzen. Mag es doch sein, wie du denkst; was geht es dich an? Es beliebt mir nun so! Also sitze ganz ruhig und schweige beizeiten; denn bringst du mich noch durch ein einziges Wort auf, so möchte dich wohl der ganze Kreis der hier im Saale Versammelten vor meinen mächtigen Händen nicht schützen!« Nun war es hohe Zeit zu schweigen; aber solche Worte mußte Here auch erst hören, ehe sie schwieg. Die übrigen Götter saßen betroffen und in stummer Betrübnis da. Am meisten war Hephästos, der hinkende Gott des Feuers, für Here besorgt; denn sie war seine Mutter, und er hatte an sich erfahren, daß der alte Vater seine Drohungen oft schrecklich wahr mache. Darum trat er jetzt gutmütig als Vermittler des Zwistes seiner Eltern dazwischen und sagte: »Wahrlich, kaum ist's zu ertragen, wenn ihr euch zankt! Und das um sterbliche Menschen! Kaum bleibt noch die Freude am Mahl in dem freud- und friedlosen Olymp! Liebe Mutter, obgleich du meines Rats nicht bedarfst und dir der eigene Verstand das Rechte sagt, so möchte ich dir doch raten zum Vater hin zu gehen und ihn zu bitten, daß er nicht mehr schelte und uns das Gastgelag verderbe. Denn ach! wenn er wollte, er schmetterte uns ja alle von unsern Sitzen herunter; seine Macht hat nimmer ihresgleichen. Gehe geschwind hin und schmeichle ihm mit freundlichen Worten, daß er uns wieder hold werde. Doch zuvor erst trink dir wieder heitern Mut – er schenkte ihr Wein in den Becher – und dann thue, wie ich gesagt habe. Ach, wenn ich das noch einmal erlebte, daß er Hand an dich legte, ich würde dich nicht retten können! Denn weißt du noch, wie er dich auch einmal schlug, und wie ich dazwischen treten wollte? Da packte er mich unten an der Ferse und schleuderte mich über die Schwelle ins Weite hinaus, daß ich einen ganzen Tag flog, ehe ich unten auf die Erde kam. Erst als die Sonne unterging, fiel ich schier ohne Athem und Leben in Lemnos nieder; ich hinke noch heutigestages davon.« Here lächelte und nahm den Becher aus seiner Hand; aber daß sie ihren Gemahl um Verzeihung gebeten hätte, davon findet sich nichts bei dem Dichter. Zeus erheiterte sich erst wieder beim Anblick des gutmütigen Hephästos, der geschäftig von Tische zu Tische hinkte und den Mundschenk machte, um die Götter durch den Genuß des lieblichen Nektar auf andere Gedanken zu bringen. Der gute Sohn erreichte auch ganz seinen Zweck, denn sein emsiger Eifer erregte lautes Gelächter. Darauf stimmte Apollon mit seinen Musen liebliche Gesänge an, und so verging auch dieser Tag, wie alle Tage, den seligen Göttern in wonniglicher Zufriedenheit. So weit die olympische Familienscene. Jetzt wollen wir sehen, was Zeus thut, um die Bitte der Thetis zu erfüllen. Ihr werdet's kaum glauben, aber Homer erzählt es ohne Scheu von seinem Gotte: er spielte dem Agamemnon einen wirklich bösen Streich. Er sandte ihm in der Nacht einen Traum, der ihm verkündigen mußte, folgenden Tages würden die Götter ihm vollständigen Sieg verleihen, zumal keine Spaltung mehr zu Gunsten der Trojaner im Götterrate sich zeige. Kaum erwacht, teilte auch Agamemnon diesen Traum den übrigen Fürsten mit; und so unwahrscheinlich auch der glückliche Erfolg dem ruhig überlegenden Nestor zu sein schien, so meinte er doch dem mächtigen Könige Glauben schenken zu müssen. Agamemnon versammelt darauf die Häupter des Volks und weiß alle zu überzeugen; man ordnet das Heer zur Schlacht und eilt dem eignen Unglück entgegen. Entkleidet von aller Dichtung mag etwa die Wahrheit diese sein: Achilleus kam grollend fortan weder ins Feld, noch in die Volksversammlung. Agamemnon dagegen, in der Hoffnung auch ohne ihn zu siegen, beschließt sogleich einen Hauptangriff auf das trojanische Heer und beruft deshalb; wie gewöhnlich, am Tage vorher eine Volksversammlung. – Aber er weiß nicht, ob er es noch einmal wagen darf das längst schon murrende Volk zum Kampfe aufzufordern; daher prüft er erst den Mut und die Ausdauer seiner Griechen, indem er selbst sie auffordert zur Heimat zurückzukehren. »Liegen wir doch nun schon im zehnten Jahre hier«, sagte er, »und die Schiffe verfaulen, und die Ankertaue vermodern, und nichts haben wir ausgerichtet, vielmehr scheinen uns alle Götter zuwider zu sein. Darum ist mein Rat, wir ziehen die Schiffe je eher je lieber ins Wasser und segeln nach Hause, ehe uns die Trojaner noch größeres Übel bereiten. Die Stadt erobern wir nun doch nicht, das sehet ihr wohl alle.« Kaum hatte er diese Worte geredet, so drängte sich lautjubelnd die ganze Versammlung durcheinander, wie wenn ein stürmender Wind die Meereswellen aufwühlt und daher jagt. Das hatten die Griechen nur zu hören gewünscht; denn alle verlangten nach Haus und Herd, nach Weib und Kind. Wie ein im Winde wallendes Kornfeld wogte die ungeheure Schar, eilenden Laufs zu den Schiffen hinstürzend, daß der Staub unter ihren Füßen in dichten Wollen emporstieg. Aber das hatte der König nicht erwartet; so heiß hatte er sich den Drang des Volkes nach der Heimkehr nicht vorgestellt. Er stand zweifelnd da, auch die andern tapfern Anführer knirschten; indessen hätte vermutlich keiner den lärmenden Schwarm noch einmal zum Stehen zu bringen versucht, wäre nicht Odysseus mit rascher Geistesgegenwart allen Fliehenden zuvorgeeilt und hätte Führer und Volk zur Ruhe und zur Rückkehr in die Versammlung ermahnt. »Lauf doch nicht sogleich«, rief er, wo er einen der Fürsten antraf, »sondern höre erst das Ende! Du weißt ja noch gar nicht, wie der König gesinnt ist. Er hat uns nur prüfen wollen, und wehe dir, wenn sein Zorn gegen dich ergrimmt; denn er ist sehr gewaltig.« So lief er hurtig von einem zum andern und hielt sie zurück. Wo er aber einen Haufen Volks antraf, der etwa schon Hand an die Schiffe legen wollte, da schlug er wohl gar mit dem Stocke drein. »Haltet doch an«, rief er, »und hört auf anderer Leute Rat, die mehr gelten als ihr! So weit ist es noch lange nicht! Ihr dürft euch noch nicht rühren. Kommt schnell zurück und hört erst, was die andern Fürsten beschließen. Weg, weg! zurück von hier!« Wirklich trieb er die Völker wieder zur Versammlung, und sie drängten dahin mit wildem Getöse, gleich Meeresfluten, welche brandend am Felsengestade sich brechen. Denn Agamemnons Rede hatte ihnen gar zu lieblich geklungen. Vom Odysseus wußten sie wohl, daß er sehr klug und der beredteste von allen war, aber sie kannten auch seine unermüdete Kampflust und besorgten nun, daß er zum Kriege raten möchte. Nur die Furcht vor seinem großen Ansehen konnte sie bewegen noch einmal umzukehren. Nachdem sich die Fürsten alle gesetzt hatten und die Ruhe unter den Völkern hergestellt war, wollte Odysseus das Scepter ergreifen; aber da trat plötzlich Thersites hervor, ein Mensch, der im ganzen Heere als ein zänkischer, unverschämter Schreier verhaßt war und selten eine Gelegenheit vorüberließ die Fürsten, selbst Agamemnon nicht ausgenommen, mit höhnenden, trotzigen Reden zu schmähen. Häßlicher, widerlicher als er war keiner unter allen, die vor Troja lagen. Schielend und überdies noch lahm, seine Schultern vorn nach der Brust hin höckerig zusammengeschoben, und auf diesen schmalen Schultern ein großer zugespitzter Kopf mit aufgedunsenem Gesicht und dünnem, struppigem Haar – so stellte er ein vollendetes Bild der Roheit und Gemeinheit dar. Alle haßten ihn, besonders aber Achilleus und Odysseus, auf die er immer am heftigsten zu schmähen pflegte. »Nun, was giebt's denn noch weiter?« kreischte er laut dem Agamemnon entgegen, »wird dir's etwa wieder leid? Ich dachte, du hättest nun Geld und kostbare Beute genug zusammengescharrt, daß deine Habgier endlich befriedigt sein könnte. Verlangst du etwa noch mehr? Sollen die Achäer sich noch länger dem Schwerte des Feindes und der Not hinopfern, nur um deinen unersättlichen Schlund zu füllen? Schämen solltet ihr euch, ihr andern, daß ihr einen solchen König länger duldet, der euch geradezu ins Verderben führt. Aber Memmen seid ihr, Weiberherzen habt ihr; sonst ließet ihr ihn wohl sitzen und schifftet euch ohne ihn ein. Dann könnte er seinen Krieg allein führen und sich die Ehrengeschenke selbst erbeuten; dann würde er wohl merken, was wir ihm gewesen sind. Jetzt fühlt er das nicht. Hat er doch den trefflichen Achill nun auch erzürnt, dem er doch nicht von ferne gleicht, weder an Mut noch an Tapferkeit. Der bleibt nun fort; und wenn er nicht auch ein Narr wäre, so säßest du, Agamemnon, wohl nicht mehr auf diesem Platze.« »Schweig, frecher Schwätzer!« fuhr Odysseus auf ihn ein, »und unterstehe dich nicht noch mit einem Worte die Fürsten zu lästern. Du hast wohl dem Könige schon viele Geschenke erbeutet, armseliger Wicht! Siehst du, ich sage dir jetzt: wenn es dich jemals wieder lüstet so unverschämt einen von uns zu schmähen, – so wahr ich lebe, ich reiße dir den Mantel vom Leibe und peitsche dich mit Geißelhieben aus der Versammlung, daß man dich im ganzen Lager schreien hören soll!« Bei diesen Worten gab Odysseus dem tückischen Schreier einen Streich über den Rücken, daß er jämmerlich sich krümmte und heulend davonlief. Die andern aber lachten alle, denn sie gönnten es ihm von Herzen, und einer sagte zum andern: »Das muß wahr sein! Odysseus ist immer ein trefflicher Mann gewesen; aber jetzt hat er das Beste gethan, daß er diesen thörichten Schwätzer zum Schweigen gebracht hat. Denn schwerlich wird er hinfort noch die Könige schelten.« – Nachher ließ sich Thersites seinen Rücken besehen. Der Hieb ging gerade über die Schultern weg und hatte eine dicke, mit Blut unterlaufene Strieme zurückgelassen. Darauf geboten nun die Herolde Ruhe in der Versammlung, denn Odysseus hatte sich mit dem Scepter wieder an seinen Ort gestellt, um zu reden. Er wandte sich gegen Agamemnon und sprach: »O Sohn des Atreus, wie arg verkümmern dir die Achäer deinen Ruhm, und wie schlecht halten sie dir ihr Gelübde! Sie hatten dir versprochen nicht eher heimzukehren, als bis wir Troja erobert, und nun gebärden sie sich wie Kinder und winseln und wollen nach Hause geschafft sein! Freilich verdenke ich's keinem, daß er sich nach der lieben Heimat sehnt. Wünscht sich doch wohl der Schiffer, der nur einen Sommer über in der Fremde war, wenn der Winter kommt, zu seinem Weibe und den lieben Kindern zurück, und wir sind schon ins zehnte Jahr von den Unsrigen entfernt. Aber eben, weil wir so lange geweilt haben, wär's schimpflich nun abzuziehen, da wir dem Ziele so nahe sind. Denn es muß, es muß uns gelingen die Stadt zu erobern, oder alle Götterzeichen, alle Winke des erhabenen Zeus sind Trug. Verkündigte es uns nicht Kalchas schon in Aulis, daß es so geschehen würde? Wißt ihr nicht mehr, wie dicht bei dem Altare, wo wir das große Opfer brachten, ein schöner Ahornbaum stand, in dessen höchsten Zweigen ein Sperling sein Nest hatte? Ich sehe es noch, wie plötzlich eine dunkelgesprenkelte Schlange sich an dem Baume in die Höhe wand und die zwitschernden Jungen, acht an der Zahl, verschlang und zuletzt auch die ängstlich flatternde Mutter beim Flügel erhaschte. Wir alle erschraken ob des seltsamen Zeichens, aber Kalchas deutete uns die Erscheinung. Acht Junge, sagte er, fraß die Schlange und zum neunten die brütende Mutter. So wird auch dieser Krieg neun Jahre verschlingen, aber im zehnten wird Troja fallen. Seht, Freunde, so wird die Verheißung erfüllt; und jetzt wolltet ihr fliehen? Das sei ferne! Harret nur noch kurze Zeit aus, und gewiß! wir werden die stolze Stadt des Priamos erobern, und dann, ja dann laßt uns ziehen, reich mit Beute beladen und mit unsterblichem Ruhme gekrönt!« Das immer wankelmütige Volk war schnell durch diese Rede von seinem ersten Vorsatze abgewendet worden; und während dem klugen Redner noch lauter Beifall zurauschte, erhob sich der alte Nestor schon, um durch seinen Rat die etwa noch Zögernden völlig zu bestimmen. »So ist's recht«, sprach er, »laßt die Vernunft wieder zu euch reden! Wie? ihr wolltet wie die Kinder alles liegen lassen, weil euch zuletzt die Zeit darüber lang wird? So viel große Pläne sollten in Rauch aufgehen? und was wir dem tiefgekränkten Menelaos und seinem trefflichen Bruder Agamemnon so heilig gelobt haben, das sollten wir nun leichtsinnig und ehrlos brechen? Nicht also! Führe du, großer König, mutig die Achäer ins Feld, und die meisten, so hoffe ich, werden dir freudig folgen. Wage es noch einer zurückzubleiben oder gar sein Schiff zur Abfahrt zu rüsten: ich rate es ihm nicht, denn es möchte sein Unglück sein! Laß nun die Männer alle nach ihren Geschlechtern zusammentreten, jeden Stamm für sich; dann kämpft ein jeder für das eigne Blut. Leicht wirst du dabei erkennen, ob Göttermacht die Eroberung der Stadt wehrt, oder ob Feigheit und Unkunde des Heeres sie verhindert.« »Wohlgesprochen!« rief Agamemnon. »Ha, wahrlich, nicht eher dürfen wir ruhen, als bis die Feste erstürmt ist, und Zeus wird es gewähren, denn sein rechtshin zuckender Blitzstrahl, den er uns sandte, als wir Aulis verließen, ist uns dafür die sicherste Bürgschaft. Ja, schon errungen wäre es vielleicht, hätte ich nur zehn so weise Männer, wie du bist, o Nestor, in meinem Heere, oder – ach! – wäre Achilleus nicht gegangen, den ich wegen eines so geringfügigen Gegenstandes hart gekränkt habe! Aber wohlan, ein jeder rüste sich zur Schlacht und nehme schnell das Mahl ein; dann rücken wir in dichten Haufen auf die Stadt los. Manchem, denke ich, wird heute das Wehrgehenk an der Schulter vom Schweiße triefen und die Hand an der Lanze starren; aber wo mir einer bei den Schiffen zurückbleibt, der sehe zu, daß er nicht eine Beute der Hunde und Vögel werde!« Mit diesen Worten hob er die Versammlung auf, und alles Volk strömte jubelnd nach den Zelten zurück, um sich zu rüsten und mit Speise und Trank zu stärken. Er selbst, der König, lud die edelsten der Häupter mit in sein Zelt, um sie an seinem Frühmahle teilnehmen zu lassen, den Nestor, die beiden Aias, Idomeneus, Diomedes und Odysseus. Auch sein Bruder Menelaos gesellte sich zu ihnen. Und sie nahmen einen Stier und streuten heilige Gerste, und indem sie das Opfertier im Kreise umstanden, sprach Agamemnon ein frommes Gebet und erflehte von Zeus den Sieg. Ach, er wußte nicht, wie der Gott gegen ihn gesinnt war! Hierauf schlachteten sie den Stier, zogen ihm die Haut ab, lösten die fetten Schenkel und legten sie, noch mit den schönsten Stücken des Fettes umwickelt, auf das lodernde Feuer des Altars, dem Zeus zum lieblichen Opfer. Das übrige Fleisch nahmen sie für sich, schnitten es klein, und jeder briet sich das Seinige selbst am Spieße. Dann ward es heruntergenommen und aufgeschmaust. Dazu tranken sie. Nestor aber trieb, was er konnte, die Schlacht zu beschleunigen. Die Wagenlenker schirrten ihre Rosse an; die Streiter warfen sich Helm und Schild über und nahmen die Lanze in die Hand; die Herolde ließen ihre gewaltigen Stimmen durch das verworrene Brausen ertönen, um die Zaudernden schnell zusammenzurufen. Da eilten die Völker herbei von ihren Schiffen, Schar für Schar, wie Schwärme wandernder Schwäne oder Kraniche, welche bald hier, bald dort in dichten Zügen die Luft durchschneiden und einer nach dem andern an dem endlich erreichten heimischen Gestade sich niederlassen. Die Fürsten durchschritten darauf in Hast die Reihen und ordneten die Geschlechter und Stämme, wie Nestor geraten hatte; der König aber rief ihnen mit kräftiger Stimme zu sich tapfer zu halten. Und als endlich alles bereit war, setzte sich der gewaltige Troß in Bewegung. Dritter Abend. Zweikampf und Vertragsbruch. Es ward den Troern angesagt, welch ein unabsehbarer Haufe gegen sie im Anzuge sei. Polites , schien es, brachte ihnen die Nachricht, einer von Priamos' Söhnen, der gewöhnlich die Wacht auf einem Turme der Mauer hatte. Aber so schien es nur; der Dichter wußte es besser: es war Iris , sagt er, die Himmelsbotin, welche Zeus zur schnellen Warnung an die Troer gesandt und in die Gestalt jenes Jünglings verwandelt hatte. Eben hielten die edelsten der Trojaner Rat vor der Wohnung des alten Königs, als sie auf jene Nachricht hastig davon stürzten. Jeglicher Führer rief in Eile die Seinigen zusammen, so daß sie alle schon gerüstet standen und den Griechen entgegengeführt werden konnten, ehe diese noch die Mauer erreichten. Ihr wißt schon, daß es die Griechen jetzt nicht mehr mit den Troern allein zu thun hatten, sondern daß diesen viele Völker aus dem westlichen Teile Kleinasiens zu Hilfe gekommen waren, Phrygier, Mysier, Lykier, Paphlagonier, Karier und selbst von dem europäischen Festlande Thrakier, Päonier und Kikonen, die manchen tapfern Helden in ihrer Mitte zählten, z. B. den Pandaros, Adrastos, Amphios, Glaukos, Sarpedon und andere. Vor allen aber ragte an unbezwinglicher Stärke und kühnem Heldenmute Hektor , des Priamos' Sohn, und nächst ihm mehrere seiner Brüder hervor, auch Äneias (Äneas), ein Verwandter des königlichen Stammes, der in der Folge wegen seiner seltsamen Schicksale noch mehr berühmt geworden ist. Wie eine zahlreiche Herde aus den Thüren des Stalles springt und schnell den geräumigen Hof füllt, so drangen die Haufen aus den geöffneten Thoren der Stadt und ordneten sich draußen in langen Reihen. Immer näher und näher rückte der Zug der Achäer heran; aber noch konnte man nichts unterscheiden, denn der gewaltige Staub, der vor den Kommenden aufstieg, hüllte sie wie ein dichter Nebel ein. Jetzt standen sie still, und allmählich erkannten sich die gegenseitigen Führer. Vor den Trojanern schritt im Schmucke eines Pardelfells der schöne Paris einher, den Bogen auf der Schulter, das Schwert an der Hüfte, und in der Rechten zwei Wurfspieße schwingend. So forderte er mit höhnenden Worten die Tapfersten der Achäer zum Kampfe heraus. Das hörte zunächst Menelaos, sein Erzfeind, und rachedürstend eilte er, dem Räuber seiner Ehre zu begegnen. Er ließ seinen Wagen flugs dem Übermütigen entgegenfahren, sprang dann hastig hinab und stürmte kampfbegierig, wie ein Löwe im Anblick der Beute, auf ihn zu. Da ergriff Schrecken den schönlockigen Jüngling; und wie ein Wanderer, der auf seinem Wege plötzlich eine Natter erblickt hat und entsetzt zurückspringt und dann diesen Teil der Straße vermeidet, so nahm er unwillkürlich die Flucht und entwich durchs Gewühl der übrigen Trojaner. Hektor, sein Bruder, sah ihn, und Schmach und Zorn empörten ihm das Herz im Busen. »Weichling!« schrie er ihm zu, »Weiberheld mit dem glatten Gesicht! wärest du doch nie geboren oder gestorben, ehe du Weiber verführen lerntest! Wahrlich, es wäre dir besser als jetzt allen Troern zum Schimpf dazustehen und den Achäern zum Gelächter, die doch glauben mußten, du wolltest die Schlacht allein ausfechten, weil du in stattlich prangender Gestalt so stolz den Reihen voranschrittest. Aber du hast weder Kraft noch Mut in deinem Herzen. Wunder nur, wie du's gewagt hast einst in ein fremdes Land zu schiffen und aus der Mitte kriegerischer Männer ein schönes Weib zu rauben, deinem Vater zum Gram wie uns allen, dir selbst aber zu ewiger Schande. Nicht wahr, heute erschien dir Menelaos anders als damals? Und hätte er dich nur erreicht, dann möchte dir deine Laute und dein lockiges Haar, der schlanke Wuchs und die Huld der Aphrodite nichts geholfen haben. Ja, wären die Trojaner nicht ein zages Gesindel, du hattest längst mit dem Tode gebüßt, was du Unglücksstifter Böses über sie gebracht hast.« »Bruder«, antwortete Paris, »du hast recht; ich schäme mich vor mir selbst, aber ich weiß nicht, was mich ergriff, als ich den Menelaos erblickte. Ich war wirklich vorgetreten, um mit jedem zu kämpfen; aber auf ihn war ich nicht gefaßt. Doch vergieb mir, ich will's wieder gut machen. Ich will mit Menelaos allein vor allem Volke fechten; und wer von uns beiden fällt, der überläßt dem andern die Helena und sämtliche Schätze, und die Troer und Achäer scheiden in Freundschaft und Frieden voneinander.« »Das wolltest du thun?« sprach hocherfreut Hektor. »Ja, und sogleich will ich's thun; du hemme nur alsbald den Streit der andern, und laß die Achäer davon benachrichtigen.« Hektor lief voller Freuden zu den vordern Reihen hin, welche mit Pfeilen und Wurfspießen auf die Griechen schossen, drängte sie mit der ganzen Länge seines Speeres zurück und rief ihnen zu, sich des Kampfes zu enthalten. Die Feinde richteten jetzt ihre Geschosse auf ihn; als aber Agamemnon ihn bemerkte, rief er laut: »Haltet ein, ihr Männer, und werfet jetzt nicht; denn Hektor begehrt zu reden.« »Ja«, sprach dieser mit erhobener Stimme, »ich habe euch ein Wort zu verkündigen, beiden, den Troern und den Achäern. Hört! Alexandros, mein Bruder, der alles Unglück verursacht hat, der will's auch enden, und bietet dem Menelaos offenen Zweikampf um Helena und sämtliche Schätze an. Wer obsiegt, der soll beides dahinnehmen, und des Fallenden Tod soll das Ende des Krieges sein. Ihr zieht dann nach Hause, und wir beschwören gegenseitig einen gastfreundschaftlichen Bund.« Menelaos hörte das Wort mit Wohlgefallen, trat hervor und erklärte sich geneigt den Zweikampf anzunehmen, nur wollte er, daß man zur Vorsicht über die bedungenen Punkte einen feierlichen Vertrag mit allen üblichen Opfergebräuchen schlösse, und daß auch der alte König Priamos herbeigerufen würde, um diesen Bund mit zu beschwören. Das ward ihm willig zugestanden, und jeder freute sich den langwierigen Kampf auf einem so kurzen Wege geendet zu sehen. Die Anführer sprangen von ihren Wagen, legten ihre Waffen und die Rüstung ab, und das Volk lagerte sich auf der Erde, in behaglicher Ruhe den Zweikampf erwartend und voller Freude, daß der Augenblick zur Schlichtung des Haders gekommen war. Agamemnon sandte unterdessen ins Lager und Hektor in die Stadt, um die nötigen Opfertiere holen zu lassen, letzterer auch zugleich, um den alten Vater zu sich zu entbieten. Der saß indessen oben auf der Stadtmauer am skäischen Thore mit mehreren Greisen, die jetzt nicht mehr die Lanze führen konnten und deshalb den Jünglingen zusahen, die den Kampf mit den Achäern aufnahmen. Sie wunderten sich des plötzlichen Stillstandes, doch hörten sie die Absicht bald und waren auf den Ausgang begierig. Da ward es auch der Helena angesagt: »Siehe deine beiden Männer wollen jetzt um dich kämpfen. Welcher von ihnen gewinnt, dem sollst du folgen als traute Gemahlin.« Das hörte sie mit Vergnügen und wünschte im Herzen doch wieder dem Menelaos zuzufallen. Denn sie beklagte das Unrecht, das er erlitten; es reute sie herzlich dem Verführer gefolgt zu sein, und schon hatte der Gedanke sie bekümmert, an so vieler Menschen Verderben schuld zu sein. Sie erkannte es gerührt im Herzen, wie schonend man ihr in Troja begegne; und hätte es nur an ihr gelegen, sie hätte längst alles wieder gut gemacht. Jetzt wollte sie doch sehen, wie der entscheidende Kampf um sie enden werde, und bestieg deshalb den Ort auf der Mauer, wo die Greise saßen. Ihre Schönheit entzückte selbst diese ehrwürdigen Alten, und sie verglichen ihr Ansehn dem einer unsterblichen Göttin, Priamos aber, als er sie sah, rief ihr freundlich entgegen: »Komm doch näher heran, mein Töchterchen! Hier, setze dich zu mir, da kannst du sie alle sehen, deinen ersten Gemahl und deine lieben Verwandten. Weine nicht, du trägst ja nicht die Schuld; das ist eine Fügung der Götter, daß es so hat kommen müssen! Nun aber sage mir doch, wer ist denn der stattliche Mann, der dort unter allen hervorragt? Es sind zwar mehrere darunter, die noch größer sind; aber so schön und edel an Gestalt und so königlich von Ansehn erblicke ich keinen weiter.« In Helenas Herzen klangen noch die ersten Worte seiner Anrede wider, und sie entgegnete mit Thränen: »O wie gütig, bist du ehrwürdiger Vater, und wie unglücklich bin ich! Ach, wäre ich doch gestorben, ehe ich deinem Sohne hierher folgte und meinen Gatten und meine Freundinnen und mein einziges Kind daheim ließ! – Aber du wolltest wissen, wer der stattliche Held ist. Das ist der tapfere Streiter Agamemnon , der mächtige König von Mykenä. Vormals war er mein Schwager!« »Das ist also Agamemnon!«, sagte Priamos langsam, und betrachtete ihn nun mit doppelter Aufmerksamkeit. »Glücklicher Mann, der solch ein erlesenes Heer in das Treffen führt! Ach, als ich noch jung und rüstig war, damals, als ich ins Phrygerland gegen die Amazonen zu Felde zog, da waren wohl auch der Männer viele versammelt! Aber so viel waren ihrer doch nicht, als hierher gekommen sind. – Nun aber sage mir weiter, da sehe ich einen, der ist etwas kleiner, aber breitschultriger; die Waffen hat er auf die Erde gestreckt, und nun schreitet er da durch die Scharen der Männer hin von einem zum andern, just wie ein Bock die Herde durchwandelt, immer geschäftig! sieh nur, da, der! »Ja, ich sehe ihn wohl!« sprach Helena, »das ist Odysseus von Ithaka, der Sohn des Laërtes, ein tüchtiger Mann im Streite, und im Rate der klügste von allen.« »Ja recht!« sagte der alte Antenor , »das ist er wirklich, nun erkenne ich ihn selbst. Er war ja schon einmal bei uns in der Stadt mit Menelaos; die beiden kamen von den Achäern gesandt, um deinetwegen zu unterhandeln; da beherbergte ich sie in meinem Palaste, wie du weißt. Ja, fürwahr Odysseus war ein ganzer Mann! Als sie zuerst so beide nebeneinander standen, da ragte Menelaos ansehnlicher hervor; nachdem sie sich aber gesetzt hatten, schien mir Odysseus größerer Ehre würdig. Menelaos sprach nur kurz und bündig, er liebte nicht viele Worte; als aber jener aufstand, da erstaunten wir alle über die Gewalt seiner Rede und über seine Klugheit. Wir waren dessen wahrlich nicht gewärtig gewesen, denn zuvor hatte er geschwiegen und den Blick so starr und gleichgültig zur Erde geheftet, daß man ihn hätte für einen Mann stumpfen oder tückischen Sinnes halten sollen.« »Aber sieh einmal, liebes Kind«, fuhr Priamos fort, »da geht einer auf ihn zu, und dahinter kommt noch einer, beides stattliche Männer; das müssen auch wohl zwei mächtige Könige sein!« »Gewiß«, erwiderte Helena, »das ist ein tapferes Heldenpaar. Der vordere ist Aias (Ajax) von Salamis, und der andere Idomeneus , der Kreter König. Der kam sonst oft zu uns, und Menelaos beherbergte ihn gern, denn er ist ein trefflicher Mann. Aber meine leiblichen Brüder, Kastor und Polydeukes (Pollux), sehe ich nirgends in der Schar der Kämpfer; sollten sie allein dem Heereszuge nicht gefolgt sein oder nur jetzt nicht wagen an der Schlacht teilzunehmen, weil sie sich meiner schämen müssen?« Sie ahnte nicht, daß beide schon daheim im Schoße der Erde ruhten! Indem sie so auf der Mauer sich unterredeten, trugen die Herolde die Lämmer herbei und Wein zum Opfer in ziegenledernen Schläuchen, auch goldene Becher und einen Mischkrug. Dann trat ein Bote zum alten Könige und hieß ihn heruntersteigen, denn der Wagen sei bereit und man harre seiner auf dem Schlachtfelde. Der Greis stieg zitternd hinab, trat in den Wagen und zog die Zügel an; neben ihm stand sein lieber Sohn Antenor und lenkte den Wagen rasch zum skäischen Thore hinaus in die Ebene. Als sie auf dem Gefilde angekommen waren in der Mitte der Troer und Achäer, trat Agamemnon hervor, und um ihn stellten sich die übrigen Fürsten. Da gingen Herolde herum und besprengten jedem die Hände mit Wasser, denn niemand durfte mit unreinen Händen eine heilige Handlung verrichten. Darauf zog Agamemnon ein großes Messer aus dem Gürtel, schor den Lämmern die Wolle von den Köpfen, und die Herolde gaben jeglichem der Troer- und Griechenfürsten davon. Eines der Lämmer hatten die Griechen gestellt, die beiden andern die Troer, und zwar ein weißes männliches für den Helios, ein schwarzes weibliches für Gäa, die Erdgöttin. Diesen beiden opfern die Troer, weil es ihr Land ist, auf welches Helios jetzt herabschaut; dem Zeus aber die Griechen, weil er der Gott des Gastrechts ist, welches Paris verletzt hat und dessen Verletzung zu rächen sie den Krieg unternommen haben. Dann hob Agamemnon seine Hände empor und flehte zu den Göttern: »Vater Zeus, ruhmwürdigster Herrscher, und du, Helios, alles sehender Sonnengott, ihr Ströme, und du, Erde, und ihr, die ihr unten im Reiche der Schatten die Treulosen bestraft, welche hier Meineide geschworen haben, seid uns Zeugen unserer Schwüre und dieses heiligen Vertrages: wenn etwa Paris den König Menelaos erlegt, dann soll er Helena und ihre Schätze behalten, und wir kehren in unser Vaterland zurück; fällt aber jener im Kampfe, so entlassen die Troer das Weib und geben sämtliche Schätze zurück und zahlen uns noch eine gerechte Buße, auch in künftigen Jahren. Weigern sie sich jemals dies Gelübde zu erfüllen, so überziehe ich sie aufs neue mit Krieg und lasse nicht ab, als bis mir völlig genuggethan ist.« Alle schwuren, so solle es sein, und nun zerschnitt er die Kehlen der Lämmer und legte die zuckenden Tiere auf die Erde, daß ihr Blut in den Staub rann. Dann schöpfte sich jeder von dem in dem Mischkruge zusammengegossenen griechischen und troischen Weine in seinen Becher und goß den Göttern zu Ehren die ersten Tropfen aus, und sprach dabei die Verwünschung: »Höre es Zeus und ihr andern Götter! wer von uns zuerst das heilige Gelübde bricht, dem werde sein und seiner Kinder Blut ebenso auf dem Boden verspritzt als jetzt dieser Wein, und die Gattin diene als Sklavin dem Fremden.« Jetzt trat dem alten Priamos eine Thräne ins Auge. »Werte Männer«, sprach er zu den Troern und Achäern, »laßt mich nun wieder nach Hause zurückkehren, daß ich nicht mit eigenen Augen meinen geliebten Sohn mit dem streitbaren Helden Menelaos fechten sehe. Zeus und die übrigen Götter wissen es wohl, wem das Los des Todes bestimmt ist; ich aber weiß es nicht, und die Himmlischen mögen mich bewahren etwa den Tod meines Sohnes mit ansehn zu müssen.« Mit diesen Worten ließ er sich in den Wagen heben, legte auch die geschlachteten Lämmer vor sich hin, damit kein unwürdiger Gebrauch davon gemacht würde, und Antenor fuhr ihn rasch wieder nach seiner Wohnung zurück. Hektor und Odysseus, die Ordner und Hüter des Kampfs, maßen nun den Kampfplatz ab und warfen zwei Lose in einen Helm, eines für Menelaos, das andere für Paris, um zu entscheiden, welcher von beiden den ersten Wurf mit der Lanze thun sollte. Hektor schüttelte, rückwärts gewandt, den Helm – das war die alte Art zu losen – bis eines der Lose herausflog. Es war das des Paris. Sogleich traten die Umstehenden alle weit zurück und setzten sich ringsum nach der Ordnung nieder. Paris, ganz in blinkendes Erz gerüstet, auf dem Haupte den undurchdringlichen Helm mit dem wallenden Roßschweif, in den Händen Schwert und Schild und Speer, trat von dieser, Menelaos von jener Seite hervor in die Mitte der beiden Völker. Sie schüttelten zornig ihre Waffen, und zuerst mit heftigem Schwunge warf Paris seinen Wurfspieß auf den Gegner. Aber ach! er traf den eisernen Beschlag an Menelaos' Schilde, die Spitze bog sich krumm, und der Speer fiel kraftlos zur Erde. »Nun, allwaltender Zeus«, rief Menelaos, »so verleihe mir Kraft den Jüngling zu strafen, der an mir so bitter gefrevelt hat, damit jeder gewarnt werde vor Entweihung des heiligen Gastrechts!« Sprach's und schmetterte ihm mit gewaltigem Wurfe die Lanze auf den Leib, daß sie den Schild durchbrach und gewiß ihm ins Herz gedrungen wäre, hätte nicht Paris rasch sich gewendet. Aber indem er noch in der Bestürzung auf seinen Schild sah, sprang Menelaos mit entblößtem Schwerte auf ihn ein und führte einen so kräftigen Streich auf seinen Kopf, daß er ihm sicher den Schädel gespalten hätte, wäre nicht an der Härte des Helms die spröde Klinge in Stücke zersprungen. Da knirschte Menelaos vor Unwillen: »Grausamer Zeus!« rief er aus, »verweigerst du mir abermals den verdienten Lohn der Tapferkeit? habe ich umsonst die Lanze geschleudert? umsonst das Schwert geschwungen?« Und zum drittenmale fuhr er auf Paris los mit bloßer Hand, packte ihn beim Helmbusch, um ihn ringend zu Boden zu werfen; und sicher hätte er ihn geschleift, aber indem er ihn niederzog, riß der Riemen, mit welchem der Helm ihm unter dem Kinn zugebunden war, und mit heftigem Ruck fuhr Menelaos' Arm in die Höhe, so daß der bloße Helm in der Hand des ergrimmten Kämpfers zurückblieb. Diesen Augenblick benutzte Paris sofort, um eilenden Laufs sich unter die Troer zu stürzen; und als Menelaos zum zweitenmale den von der Erde entrafften Speer auf ihn losschleudern wollte, war er schon im Gedränge verschwunden. Das bewirkte Aphrodite, seine göttliche Freundin. Sie war's, die ihrem Lieblinge das Helmband gesprengt hatte; sie war's auch, die ihn jetzt der Verfolgung des Menelaos entzog. Atemlos kam Paris in der Stadt und in seiner Wohnung an. Helena hatte dem ungleichen Kampfe von der Mauer zugesehen und schämte sich des schimpflichen Ausgangs. Voll Unwillens trat sie in das Gemach, wo der unglückliche Kämpfer mit wirrem Haare und schweißbedeckt auf einer Bank lag. »Ha, Elender!« , rief sie aus, »nun prahle noch länger, du wollest den braunlockigen Menelaos besiegen! Aber ich denke, du wirst es nicht zum zweitenmale versuchen, es möchte schwerlich wieder so glücklich enden!« »Liebe Gattin«, sprach er, »laß ab mich noch durch bittere Schmähungen zu kränken. Das sind Fügungen der Götter, die den Sieg geben, wem sie wollen. Heute hat Menelaos über mich obgesiegt! ich überwinde ihn morgen vielleicht. Ist doch der Mensch nicht Herr seines Schicksals!« Während diese so sprachen, triumphierten alle Achäer im Lager, und Agamemnon erklärte laut seinen Bruder für den Sieger. Er verlangte daher von den Troern kraft des Bündnisses die Auslieferung der Helena und ihrer Schätze und einen fortdauernden Tribut als Entschädigung für die lange Kriegsnot. Aber während die Griechen noch so laut triumphierten, gab Zeus einem darob ergrimmten Trojaner ins Herz einen Pfeil auf Menelaos abzuschießen. Verblendet lud so jener die Schuld und die Strafe des Meineids auf die schuldlosen Trojaner. Pandaros hieß der vorwitzige Schütz, und Athene selbst hatte unter der Gestalt eines Waffengefährten ihm den bösen Pfeil in die Hände gegeben. Eben schritt Menelaos stolz unter der Mauer vorüber. Aber der Schuß streifte nur die Haut des Helden und war nicht gefährlich. Machaon , der die Heilkraft der Kräuter kannte, sog schnell das Blut aus der Wunde und legte eine Salbe darauf, die er für solche Fälle bei sich führte. Das Siegesgeschrei der Achäer verwandelte sich nun in die heftigsten Verwünschungen gegen die Trojaner. Alle schmähten das treulose Volk und flehten die Rache des Zeus auf dasselbe herab; Agamemnon aber schwur nunmehr nicht zu rasten, als bis dies bundbrüchige, hinterlistige Geschlecht vertilgt und die Stadt von den Flammen verzehrt sei, und er zweifelte nicht, daß Zeus selbst und alle Götter der Ober- und Unterwelt, bei denen der Eid geschworen war, den Verrat rächen würden. Er rief also seine Scharen abermals mit starker Stimme zum Kampfe auf und durcheilte die langen Reihen. Die Mutigen und Beherzten schlug er freudig auf die Schulter, aber die Saumseligen mahnte er mit strengem Ernst und drohte jedem Feiglinge mit seinem Zorne. Besonders weilte er bei den Anführern. Zuerst kam er zum Idomeneus , der gerüstet unter seinen Kretern stand. »Brav, mein wackrer Idomeneus!« sprach er, »du bist doch immer voran im Kriege sowohl wie sonst in jedem Geschäfte. Darum ehre ich dich auch vorzüglich, und beim Mahle ist dein Becher beständig gefüllt.« »Ja, mein König«, rief jener entgegen; »gern bin ich immer dein treuer Genosse. Geh nur und stachle die andern zum Kampfe. Denn jetzt müssen die Trojaner doppelt gezüchtigt werden.« Von hier eilte Agamemnon weiter und kam zunächst an die Völker, welche von den beiden Aias befehligt wurden. Auch diese standen schon in Ordnung und zum Angriff bereit; darüber freute sich der König und rief im Vorübereilen dem Heldenpaare zu: »Euch braucht man nicht zu ermuntern, edle Freunde, ihr treibt selbst euer Volk an. Ha! wenn ich lauter solche tapfere Mitstreiter hatte, dann sollte man bald die feste Stadt des Priamos in Trümmern schauen!« Er eilte in Hast zu den nächsten Scharen: das waren die Pylier, die von jungen Fürstensöhnen angeführt wurden, denen der alte Nestor fleißig mit seinem klugen Rate beistand. Auch jetzt ging der rührige Greis umher und ordnete die Mannschaft und gab gute Regeln, wie sie sich immer beisammenhalten sollten, die Schwächern in der Mitte, die Mutigsten vorn und an den Seiten; keiner sollte sich allein zu weit hervorwagen, keiner zurückweichen; die jungen Fürsten, die auf Wagen fuhren, sollten ihre Rosse festhalten, mit ihren Streitwagen in einer Linie bleiben und diese ja nicht brechen, und was des guten Rats noch mehr war. »Brav! brav!« rief ihm Agamemnon freudig zu. »Wo du bist, da ist die Jugend gewiß gut beraten. Wollte Gott, du könntest noch so kräftig die Lanze schwingen, als dein Geist rege ist; aber leider, Alter, ist das vorbei!« »Ei nun«, erwiderte der Greis, »wenn ich euch nur zu etwas noch tauge! Alles zugleich geben ja die Götter nicht Einem . Freilich wohl, wenn ich noch wäre wie vor fünfzig Jahren, damals, als ich den Helden Ereuthalion erlegte – – Agamemnon merkte schon an dem Anfange, daß die Geschichte wieder etwas lang werden möchte, er ging also geschwind davon und kam zu den Athenern und Kephallenern, von denen jene Menestheus , diese aber Odysseus anführte. Beide Feldherren fand er in sorglosem Gespräche begriffen nebeneinander sitzend, weil sie mit ihren Leuten erst in zweiter Linie zum Angriffe vorrücken wollten. Da rief Agamemnon ihnen zu: »Ei, ei, ihr Fürsten, denkt ihr so des Krieges? Alle andern stehen gerüstet, um sich alsbald auf den Feind zu stürzen, und ihr wolltet die letzten sein? Euch gerade geziemt es unter den Vorkämpfern zu stehen; seid ihr doch immer die ersten beim Mahle, das die Achäer den Fürsten bereiten! Aber freilich, angenehmer ist's der vorderste zu sein, wo es Braten zu schmausen und süßen Wein zu trinken giebt, als hier in der blutigen Schlacht vor den übrigen Männern zu kämpfen.« »Ha! was sprichst du da!« antwortete Odysseus mit finsterm Blick, »Wann hast du uns je säumig zur Schlacht gefunden? Laß nur den Kampf beginnen, wir werden nicht weit sein! Und haben wir erst angefangen, und es wollte dir dann belieben uns einmal ein Weilchen zuzusehen, da solltest du dein Wunder schauen. Geh, geh! komm mir nicht wieder mit so nichtiger Rede!« Agamemnon erkannte sein Unrecht, und diesmal verleitete seine schnelle Hitze ihn nicht wieder den Freund noch heftiger zu erzürnen. »Laß es gut sein, wackerer Odysseus«, erwiderte er lächelnd, »wir kennen uns ja. Ich weiß es, du bedarfst meiner Ermunterung nicht, und noch weniger verdienst du meinen Tadel. Du hast mich nie in Nöten verlassen und bist gesinnt wie ich. Vergieb, ich war zu rasch; und ist mir ein hartes Wort entfallen, so laß es schnell vergessen sein!« Von hier eilte er weiter zum nächsten Haufen. Da fand er den Diomedes und den Sthenelos , beide auf einem Wagen stehend, den ersteren mit trüber, beinahe unmutiger Miene. »Wie? Sohn des Tydeus«, rief er ihm zu, »du scheinst bestürzt und zitterst gar? Ha, schäme dich! das hat dein edler Vater nimmer gethan. Der kannte keine Furcht, und wenn es fünfzig Männer zu bezwingen galt oder noch so plötzlich ein schlauer Feind ihm aus dem Hinterhalt entgegensprang! Was hat der Mann nicht für Thaten vollführt! Noch leben sie in aller Munde und werden laut gepriesen. Und dir fehlt's doch auch nicht an Stärke. Aber freilich du gebrauchst sie nicht; Reden gelingt dir besser!« »O still!« entgegnete Sthenelos ihm, als Diomedes ehrfurchtsvoll zu dem Verweise des Königs schwieg, »du schiltst ohne Not und weißt es doch besser. Wir rühmen uns tapferer zu sein als unsere Väter, denn sie haben viel Fußvolk und Reisige nach Theben geführt und haben die Stadt nicht erobert; wir aber haben sie erstürmt, und unser waren nur wenige im Vergleich mit den Vätern. Geh mir mit ihnen und mit ihrem Ruhme!« »Schweig still, trauter Freund!« unterbrach ihn Diomedes. »Agamemnon meint es so böse nicht. Aber es ist ja sein Geschäft die Achäer rings zum Kampfe anzutreiben, und darum verarge ich ihm die harten Worte nicht. Denn sein ist ja der Gewinn und der Ruhm, wenn das Heer obsiegt und der Krieg ein glückliches Ende gewinnt, sein auch die Schande und der Gram, wenn wir überwunden nach Hause schiffen müßten.« Mit diesen Worten sprang der Held, der hochherzig alle Empfindlichkeit unterdrückt hatte, herab von seinem Wagen, daß ihm die eherne Rüstung klirrte, und schickte sich an in die Schlacht zu eilen. Agamemnon aber wandte sich weiter von Schar zu Schar. Während er den rechten Flügel so ermunterte, rückte der linke schon vor, um den Feind anzugreifen. Eine große Staubwolke stieg hinter den Kämpfern auf; sie bewegten sich langsam, und keiner gab einen Laut von sich. Jeder Fürst führte die Seinen besonders an. Endlich stießen die Achäer mit den Troern, die lärmend herangezogen waren, zusammen. Schilde klirrten gegen Schilde, Lanze brach an Lanze. Unter wütenden Stößen stürzten hüben und drüben die Krieger. Jetzt erhob sich lautes Getöse, und zu dem tobenden Schlachtruf gesellte sich das Gewimmer der Verwundeten und der Sterbenden, die von den Ihrigen bei den Beinen zurückgeschleift wurden, um nicht zertreten zu werden oder den Mißhandlungen der Feinde ausgesetzt zu sein. Die Schwerter zischten durch die Luft, Speere sausten, und mitten aus dem Getümmel scholl der Ruf der Feldherrn und das Geschrei der Kämpfenden. Das tönte von Ferne wie das Brausen zweier Ströme, die von dem Schneewasser angeschwellt im Frühjahr aus den Felsen gegeneinander stürzen und schäumend herabdonnern, bis eine Öffnung des Thals ihnen einen gemeinschaftlichen Ausweg bahnt. Der weidende Hirt hört das Tosen hoch oben auf seinen Bergen mit Staunen, und Schauer ergreift ihn. Aber indem Scharen gegen Scharen drängten, suchten die Fürsten einzelne Gegner auf oder forderten sich gegenseitig durch höhnende Worte zum Kampfe heraus. So erschlug der Grieche Antilochos den tapfern Echepolos , der seinen Freund mit in das Unglück riß. Denn als dieser, der treue Elephenor , ihn beim Fuße aus dem Gewühle schleppen wollte, damit der siegende Feind ihn nicht der Rüstung beraube, rannte Agenor den Gebückten schnell über den Haufen und zog ihm sein eigenes Waffengeschmeide aus. Dort focht der ältere Aias mit Simoïsios , einem schlanken trojanischen Jünglinge; er war seiner Eltern einzige Freude, und ach! nun ward er ihr größter Kummer. Denn ihm traf des Aias Speer die Brust rechts an der Warze, daß die Spitze aus der Schulter hervordrang, und tot fiel der Getroffene der ganzen Länge nach wie ein abgehauener Baumstamm zur Erde nieder. Das sah Antiphos , Priamos' Sohn; und rächend wollte er auf Aias die Lanze schleudern, als dieser dem Gefallenen die Rüstung abnahm, aber sie flog dicht neben seinem Haupte hin und traf den Leukos , des Odysseus Gefährten, der nicht weit hinter ihm stand. Tief verwundet im Bauche sank er nieder und schrie laut auf. Da trat Odysseus zornig hervor, schaute sich nach allen Seiten um und warf dann mit gewaltiger Kraft seinen Spieß in das Gedränge hinein, woher der Wurf gekommen war. Und siehe, Demokoon fiel, ein anderer von Priamos' Söhnen, an den Schläfen tödlich getroffen. Die eherne Rüstung krachte, als er niederstürzte, und die Troer um ihn her wichen erschrocken zurück, weil sie sahen, daß Odysseus es war, der gegen sie kämpfte. Hektor indessen, der seine Gefährten weichen sah, rannte von Haufen zu Haufen, um sie alle zum mutigen Kampfe zu ermuntern. »Ihr werdet doch nicht«, rief er ihnen zu, »den Griechen das Feld räumen, da euer so viele sind? Ihr seht ja, ihre Leiber sind auch nicht von Stahl und Stein, und ihr tapferster Held, der göttliche Achill ist nicht einmal unter ihnen.« Hierauf erneuerten sie den Streit, und noch fiel mancher von ihren Spießen zu Boden gestreckt. So der Grieche Diores , dem ein schwerer Feldstein das Bein zerschmetterte, daß er sinnlos vor Schmerz hintaumelte. Indem er noch seine Arme nach einem Freunde ausstreckte, der ihn aus dem Getümmel trüge, kam schon, der ihn getroffen, der Trojaner Peiroos , auf ihn losgerannt und stieß ihm die Lanze in den Leib, daß alle Eingeweide hervorquollen; und er fiel zuckend mit dem Haupte zur Erde und Todesnacht umhüllte ihm die Augen. Der Troer freute sich aber des Sieges nicht lange, denn während er noch den Sterbenden entwaffnen wollte, traf der Aetolier Thoas ihn mit der Lanze in die Brust, daß er wankte, sprang dann mit dem Schwerte auf ihn los und gab ihm den Todesstreich; da sank er über des Diores Leiche hin. Thoas konnte ihn nicht berauben; denn als nun die Trojaner heran kamen, um ihn wegzutragen, floh er eilends zurück und suchte sich andere Beute. Von dem Volke aber lagen Unzählige in den Staub gestreckt übereinander, und ihr Blut düngte den dürren Sand. Es war ein heißer Tag, und Roß und Reisige lechzten. Vierter Abend. Diomedes. Die Sonne stand hoch im Mittage. Der Kampf, der sich über alle Teile des Heeres verbreitet hatte, währte mit der größten Erbitterung fort. Von beiden Seiten fielen treffliche Männer, und Hektor und Äneias, Agamemnon, Odysseus und die andern berühmten Helden wüteten wie Löwen auf dem weiten Gefilde umher. Vor allem aber gab Athene an diesem Tage dem Diomedes herrlichen Ruhm, daß er viele Edle in den Staub streckte. Unter den Troern war ein frommer Priester des Hephästos, mit Namen Dares , reich und sehr geehrt, der hatte zwei Söhne in den Krieg geschickt. Beide – Phegeus und Idäos waren ihre Namen – sprengten, sich von den Ihrigen trennend, gegen Diomedes hervor. Der eine warf seinen Wurfspieß auf den Helden; aber das Geschoß sauste an dem Haupte desselben vorüber und diente nur den Starken zu reizen. Grimmig schleuderte dieser den eigenen Wurfspieß auf den Jüngling und durchbohrte ihm das Herz, daß er rücklings vom Wagen stürzte. Als das sein Bruder sah, wagte er den gefährlichen Kampf nicht länger, sondern sprang hastig davon und suchte sein Heil in der Flucht. Da bemächtigte sich Diomedes hurtig des schönen Gespannes und befahl einem Diener es zu den Schiffen nach seinem Zelte zu führen. Nicht minder glücklich waren Idomeneus, Agamemnon, Menelaos und die andern tapferen Helden. Sie erschlugen viele Fürstensöhne und nahmen manchen das Gespann, noch mehreren aber die schönen Rüstungen ab, die sie von ihren Dienern sogleich nach den Zelten tragen ließen. Am ungestümsten aber durchtobte die Ebene Diomedes, unaufhaltsam wie ein geschwollener Bergstrom im Frühling, der nicht Brücken noch Dämme achtet, Bäume umstürzt und mit sich fortschleift und die fröhlich aufsprossenden Saaten hinwegreißt. Man wußte nicht mehr, ob er den Griechen oder den Troern zugehöre, so tief wagte er sich ins Treffen hinein; und wohin er sich wandte, da stoben die Feinde auseinander. Da ersah ihn Pandaros , derselbe, der vorher schon gegen den Eidschwur auf Menelaos geschossen hatte; durch den glücklichen Erfolg jenes Schusses aufgemuntert, nahete er hinterrücks dem Diomedes und schoß ihm einen spitzigen Pfeil in die rechte Schulter, daß das Blut den Panzer befleckte, »Auf! ihr Troer«, rief er laut jauchzend aus, »heran, heran! ich habe ihn getroffen, den besten der Achäer! Seht, schon flieht er! fürwahr! er wird's nicht lange mehr machen.« Aber der Schuß war nicht tief eingedrungen. Diomedes suchte schnell seinen Wagenlenker Sthenelos auf und rief ihm zu: »Freund, spring eilends herunter und zieh mir den Pfeil aus der Schulter, denn mich hat ein Troer getroffen.« Flugs kam der Gefährte und zog das Eisen heraus, und ein Strahl von Blut spritzte aus der Wunde. Da flehte der Held zur Athene: »Höre mich, Göttin, unbezwungene Tochter des Zeus! und wenn du mich je gestärkt hast zum Kampfe, o so beschütze mich jetzt und laß mich den Mann treffen, der mich verwundet hat und prahlend schon verkündet, ich würde nicht lange mehr das Licht der Sonne schauen!« Und die Göttin erhörte ihn und stillte das Blut in der Wunde. »Kehre getrost zurück in die Schlacht«, sprach sie zu ihm, »denn ich habe dich mit der Kraft und dem Mute deines Vaters ausgerüstet, und will dich heute vor allen Achäern verherrlichen. Wirf auf wen du willst, selbst auf Aphrodite, die ihrem geliebten Sohne Äneias beständig zur Seite steht; aber wenn ein anderer unsterblicher Gott dir begegnet, den hüte dich zu treffen.« Die Göttin verschwand aus der Nähe des Diomedes. Dieser aber stürzte ins Treffen zurück, mordsüchtiger als vorher, wie ein Löwe, der verwundet vom streifenden Wurfspieß des Hirten nun erst recht ergrimmt seine Krallen gegen ihn kehrt, dann über die Hürden springt und fürchterlich unter der Herde wütet. Dem Diomedes folgten die Seinen, bereit den Erschlagenen die Rüstungen auszuziehen oder die erbeuteten Wagen und Rosse in das Lager bei den Schiffen zu führen. Acht der trefflichsten Jünglinge hatte sein Wurfspieß und sein Schwert schon wieder in den Staub gestreckt, da eilte Äneias zum Pandaros und sprach zu ihm: »Pandaros, wo hast du heute deinen Bogen und deine nie fehlenden Pfeile? Siehe, es gilt deinen Ruhm zu bewähren; denn dort hauset ein Mann gewaltig, der schon viele getötet hat, und keiner der Unsern vermag ihn zu zwingen!« »Ha, das ist Tydeus' Sohn, Diomedes!« versetzte Pandaros. »Mit dem muß ein unsterblicher Gott sein, denn schon einmal traf ihn mein Pfeil, daß helles Blut aus der Wunde spritzte, und dennoch ist er schon wieder auf dem Kampfplatze und schwingt die Lanze, als wäre ihm nichts geschehen. Nein, ich wage es nicht weiter auf ihn zu zielen; mit Göttern kämpfen bringt Unheil, und mir muß ein Gott zürnen, der alle meine Anstrengungen vereitelt. Ich bin auch so allein hier und habe keinen Wagen; ach! mein Vater Lykaon mahnte mich wohl, als ich fortzog. Da draußen stehen elf Wagen, sprach er zu mir, und zu jedem ein treffliches Roßgespann, nimm dir ihrer eins, du wirst es brauchen. Aber ich that's nicht, denn mich dauerten die schönen Pferde, die zu Hause an reichliches Futter gewöhnt sind, und in Troja, dacht' ich, wird's vielleicht manchmal selbst den Männern an Speise gebrechen, wenn die Stadt eine Belagerung aushalten muß. Wahrlich, ich möchte auch nur lieber sogleich umkehren, denn was hilft mir mein Bogen und meine gepriesene Schützenkunst? Ich treffe immer und töte doch keinen, sondern reize die Feinde nur zu wilderem Zorne. Ins Feuer will ich die elende Waffe werfen, sobald ich nach Hause komme!« »Rede nicht so!« entgegnete ihm Äneias. »Erst versuche sie noch einmal gegen den entsetzlichen Würger, vielleicht trifft ein zweiter Pfeil ihn tiefer in Leib oder Glieder. Komm zu mir her auf meinen Wagen, du sollst dich freuen über meine schnellen Pferde! Und willst du selber nicht schießen, so gieb mir den Bogen und halte die Zügel. Hier nimm die Peitsche, ich springe herunter und suche den Helden auf.« »Ach nein, Äneias«, sprach Pandaros, »lenke du lieber selbst deine Rosse. Es weiß doch ein jeder selbst mit seinen Tieren am besten umzugehen; und wenn uns Diomedes verfolgte und die Pferde gehorchten mir nicht, so brächte ich uns beide ins Verderben.« »Nun, so sei's, wie du willst«, erwiderte Äneias und nahm ihn in seinen Wagen. Dann trieb er die Pferde an und jagte geradesweges dem Diomedes entgegen, der immer noch in den vordersten Reihen umherstürmte, um sich einen Gegner zu suchen. »Ha, siehe da!« rief Sthenelos, der mit dem Wagen sich in seiner Nähe befand, »da jagen zwei Männer wild auf uns los; besteige rasch den Wagen, ich werde ihn umlenken, denn es scheinen mir starke und kühne Helden zu sein, du aber bist ermattet von der langen Arbeit und der schmerzenden Wunde.« »Sprich mir nichts von Flucht!« sprach in kühnem Trotze Diomedes, »meine Sitte ist's nicht, im Kampfe zurückzubeben, und noch fühle ich meine Kraft ungeschwächt. Auch so, wie ich hier bin, will ich ihnen entgegen gehen. Du fahre mir nach, und treffe ich sie beide, so springe hurtig hinab, binde die Leine an den Wagen und packe dann das feindliche Gespann. Das sind Rosse aus dem Geschlechte jener herrlichen Thiere, welche Zeus einst dem Könige Tros für seinen entführten Sohn Ganymedes geschenkt hat. Ich kenne sie. Sieh nur den stolzen Bau ihrer Glieder! Nur schnell, schon sind sie da!« Schon flog ihm Pandaros' Lanze gegen den Schild, daß er zurückwich. »Ha, das traf doch endlich einmal in die Weiche!« rief jener frohlockend. »Ich denke, du hast das Schwerste überstanden!« – Aber Diomedes schüttelte seinen Schild mit der darin hangenden Lanze vor Pandaros' Augen und rief ihm triumphierend entgegen: »Frohlocke nicht zu früh! Du hast nicht getroffen! siehe lieber zu, wie du dem Tode entrinnst!« Erschrocken lenkte Äneias den Wagen, aber er konnte den Freund nicht mehr retten. Denn indem sie den Rücken wandten, flog des Diomedes gewaltiger Wurfspieß dem Pandaros in das Gesicht, daß die Spitze zwischen Nase und Augen eindrang, die Zungenwurzel durchbohrte und am Hinterkopfe wieder herausfuhr. Pandaros stürzte vorwärts hinab aus dem Wagen, daß die Pferde scheuend sich wandten, und Besinnung und Atem entflohen ihm. Äneias, entschlossen den Leichnam seines Freundes vor Plünderung und Mißhandlung zu sichern, hielt die Pferde an, sprang vom Wagen herab und eilte zurück, um ihn fortzuschleppen. Da hob Diomedes einen gewaltigen Feldstein von der Erde und schleuderte ihn mit aller Kraft auf Äneias, daß auch dieser mit zerschmettertem Hüftgelenk stöhnend aufs Knie sank und nur mit der kräftigen linken Hand auf die Erde sich stützte. Sthenelos führte indes das schöne Gespann, der Abrede gemäß, fort und gab es einem treuen Gefährten, der es zu Diomedes' Zelten brachte. In diesem Augenblick aber nahte Aphrodite dem sinkenden Sohne, und ihre rettenden Arme trugen ihn aus dem Schlachtgetümmel. Diomedes stand betroffen vor der Erscheinung. Ha! eine Göttin! dachte er bei sich. Aber wer kann es anders sein als Aphrodite, da sie so zart ist und keine Waffen trägt? Und hat mir nicht Athene erlaubt mein Geschoß selbst gegen diese zu kehren? Wohlauf! ich ereile sie und erringe mir unsterblichen Ruhm! – Er sprach's und verfolgte mit raschem Laufe die Göttin, schwang seinen Speer und traf sie am Handgelenk, daß das kristallene Blut – denn diese Farbe hat es bei den Göttern – in hellen Perlen auf die Erde tröpfelte. Vor Schmerz ließ sie den teuern Sohn aus den Armen fallen, aber Apollon, welcher nahe war, nahm ihn auf und hüllte ihn in eine undurchdringliche Wolke. Lautrufend setzte Diomedes noch immer der Göttin nach und schrie: »Weiche zurück, du Tochter des Zeus, und überlaß Männern den Zweikampf! Schlimm genug, daß du Weiber verführst, so viel Jammer und Not über die Völker zu bringen! Wehe dir, wo du noch einmal in der Schlacht mir zu nahe kommst! Schon der Name des Krieges wird dich mit Grausen erfüllen.« Die Göttin erschrak und enteilte so schnell sie konnte. Iris kam ihr entgegen und trug sie rasch aus dem Gewühl bis an das äußerste Ende des Schlachtfeldes, wo Ares, der Gott des Krieges, saß und seiner Werke sich freute. Neben ihm standen sein goldener Wagen und seine Rosse, vor sich hatte er die Lanze in die Erde gesteckt; eine Wolke umgab ihn, so daß ihn die Sterblichen nicht sahen. »Lieber Bruder«, sprach Aphrodite zu ihm, »schaffe mich weg, gieb mir deine Rosse, daß ich schnell zum Olymp enteile. Sieh, mich hat ein Sterblicher verwundet, Tydeus' Sohn, der rasende Diomedes!« Er überließ ihr den Wagen, und sie stieg mit Iris ein, welche die Zügel ergriff und schnell durch die Lüfte fuhr. Dort auf dem Olympos klagte die weinende Göttin der zärtlichen Mutter Dione ihr Leid, aber Athene und Here spotteten ihrer, und selbst der Vater Zeus riet ihr lächelnd, sich's zur Warnung dienen zu lassen und sich künftig nicht wieder in den Kampf der Männer zu mischen. Noch immer wütete unterdessen Diomedes unter den Troern. Er sah den verwundeten Äneias wegführen, aber den unsichtbaren Apollo, der ihn führte, sah er nicht. Erst als er vergebens drei-, viermal auf ihn eingehauen hatte, ohne den Schild zu sehen, mit welchem der schützende Gott die Streiche auffing, und besonders als er Apollons drohende Stimme hörte: »Hüte dich, Tydeus' Sohn, und weiche von mir! Zittere, den Streit mit Göttern zu wagen!« da erst wich er zaudernd zurück und gedachte der Warnung Athenes. Apollon aber trug den Sohn der Aphrodite in seinen heiligen Tempel, der ihm von den Troern auf der Höhe Pergamos erbaut war. Hier heilte er ihn und stärkte ihn mit Kraft, und der Held trat wieder fröhlich unter die Seinen, die ob des Wunders staunten, aber nicht fragen wollten; denn sie ahneten wohl, daß eine Gottheit mit ihm gewesen war. Er stürmte alsbald aufs neue in die Schlacht und tötete den Achäern viel tapfere Jünglinge, auch die Zwillingsbrüder Krethon und Orsilochos , Söhne des edeln Diokles , der in Pherä wohnte und viele Güter besaß. Das war der gastfreundliche Mann, bei welchem Telemachos mit Nestors Sohne auf seiner Reise von Pylos nach Sparta übernachtete. Er hatte die beiden hoffnungsvollen Söhne ungern nach Troja entlassen; aber sie hielten sich brav und fochten immer zusammen, wie zwei Löwen, die, genährt von einer Mutter, gemeinschaftlich auf waldigem Gebirge aufwachsen, bis sie endlich beide, von eines Jägers Wurfspieße getroffen, ihr junges Leben aushauchen. Ihr Fall schmerzte den Menelaos tief, der ein alter Freund ihres Vaters war. Er machte sich auf, sie am Äneias zu rächen; aber schwerlich wäre er mit heiler Haut aus diesem Zweikampfe gekommen, hätte sich nicht Antilochos zu ihm gesellt, ein rüstiger Jüngling. Als Äneias diese beiden auf sich loskommen sah, hielt er nicht stand, sondern achtete es für besser der überlegenen Macht zu entfliehen. Da suchten sie sich andere Gegner auf, und von ihren Lanzen fiel Pylämenes , der Fürst der Paphlagonier, von Menelaos am Schlüsselbein durchbohrt; auch sein Wagenlenker Mydon fiel, zuerst am Armgelenk von einem gewaltigen Feldstein getroffen, dann, als ihm der Arm gelähmt herabsank, von Antilochos mit dem Schwerte an den Schläfen verwundet. Alsbald stürzte er häuptlings über den Sessel des Wagens hinab in den Sand und stand so einige Augenblicke, an den Wagen gelehnt und die Beine zum Himmel gestreckt, bis Antilochos die Rosse forttrieb und als eine schöne Beute ins Lager führte. Apollon war unterdessen zum Ares gekommen und hatte ihm die Niederlage der Troer und des Diomedes rasenden Übermut geklagt, der sogar die Götter nicht scheue. Der Kriegsgott, unbeständigen Sinnes, bald dieser, bald jener Partei gewogen, ließ sich dadurch bewegen selbst Anteil an dem Streite zu nehmen und diesmal den Trojanern beizustehen. Er wandelte, gehüllt in eine Wolke, bald vor Hektor, bald vor einem andern der Troer einher; und wem er zur Seite ging, dem fehlte kein Wurf. So ward er ein Schrecken der Feinde. Diomedes aber war von seiner Freundin Athene mit der Fähigkeit begabt worden, die Götter, wenn sie unter den Menschen wandelten, auch durch ihre Verhüllung zu erkennen; wie erschrak er nun, als er, plötzlich auf Hektor, losrennend, den Gott mit furchtbarem Blicke vor diesem einherschreiten sah! So weicht ein Wanderer zurück, der in unbekannter Gegend einen Weg im Walde verfolgt und sich endlich unerwartet am Rande eines breiten Stromes sieht. Diomedes eilte zu den übrigen griechischen Helden zurück und rief ihnen zu: »Streitet doch ja nicht weiter, der Kampf ist zu ungleich! Was hilft uns alle Tapferkeit, wenn jene den Ares auf ihrer Seite haben! Und ich habe den Furchtbaren gesehen; er wütet entsetzlich unter den Unsrigen, besonders ist er nicht fern von der Gegend, wo Hektor streitet.« Da ließ Diomedes ab vom Kampfe, aus Scheu vor dem Ares; aber dafür währte das Gefecht in andern Gegenden des Schlachtfeldes desto wütender fort. Ein wildes Bild! Hier verfolgen sich einzelne Männer, dort dringen Scharen auf Scharen ein. Hier sieht man einen verwundeten Fürsten auf raschem Wagen aus dem Getümmel entfliehen, dort bücken sich andere, um ihre erschlagenen Freunde vor der rohen Faust der Feinde in Sicherheit zu bringen und vom Schlachtfelde wegzutragen. Hektor warf zwei der trefflichsten Griechen vom Wagen und ließ ihre Rosse wegführen; dann wandte er sich nach andern Kämpfern. Ihm sah Aias von Salamis grimmig zu, aber dennoch wagte er's nicht ihn zum Streit aufzufordern. Lieber verfolgte er einen schwächern Mann, den Amphios , der zu Päsos herrschte, einen begüterten, glücklichen Kämpfer; aber nach Troja war er zu seinem Unglück gekommen. Ihn traf gerade am Gurte die Lanze des Aias und drang ihm tief in den Bauch, daß er mit dumpfem Fall zusammenbrach. Jetzt sprang Aias auf ihn zu, um ihn die Rüstung vom Leibe zu reißen; aber die Troer richteten unzählige Geschosse auf ihn, und er behielt kaum Zeit dem in Todesschmerzen Röchelnden den Speer mit entgegengestemmtem Fuße aus dem Leibe zu ziehen. Dann floh er, denn die Troer waren ihm schon sehr nahe gekommen und trugen nun trauernd den Sterbenden vom Schlachtfelde hinweg. In einer andern Gegend traf des Zeus Sohn Sarpedon , der Beherrscher von Lykien, der den Troern zu Hilfe gekommen war, mit dem Griechen Tlepolemos , dem Herakleiden, zusammen. Beide waren treffliche Männer aus dem Geschlecht des höchsten Gottes. Der Letztere, schmähsüchtig und stolz, höhnte den Sarpedon mit bittern Worten und rief ihm entgegen: »Ei, Sarpedon, was hat denn dich bewogen hierher zu kommen, wo Männer streiten? Du scheinst ja der Schlacht doch ganz unkundig! Was zwingt dich denn hier in Angst zu vergehen und dich feige dem Kampfe zu entziehen? Ha! des Zeus Sohn kannst du wohl nimmer sein, wie die Leute behaupten; so unmännliche Söhne erzeugt ein Gott nicht. Sieh mich an, mich zeugte Herakles, der schon einmal Weh über Troja gebracht hat, als Laomedon, Priamos' Vater, eine billige Schuld, die versprochenen Rosse, verweigerte. Von dessen Sohne ist dir jetzt zu fallen bestimmt, denn ich denke du sollst mir nicht lebendig entrinnen.« »Ha!« erwiderte ihm Sarpedon, »du wirst mich kennen lernen! Und hätte dein Vater noch größere Thaten gethan, das würde dich jetzt vor meiner Lanze nicht schützen. Denn dein Tod soll mir Ruhm verleihen, und stracks sende ich deine Seele zum Hades hinab!« Sie schwangen beide zugleich die gewaltigen Lanzen gegeneinander und beide trafen ihr Ziel. Tlepolemos, dem das Geschoß die Gurgel durchbohrte, so daß hinten im Nacken die Spitze hervordrang, fiel dröhnend, wie ein umgehauener Baumstamm, zur Erde. Dem Sarpedon war der Speer seitwärts in den linken Schenkel und bis an den Knochen gedrungen. Er zuckte und rief laut stöhnend die Freunde herbei. Schüchtern wagten sich zwei Diener heran und zogen ihn, weil die Achäer ringsum Steine und Speere warfen, so hastig fort, daß sie in der Bestürzung sogar die nachschleifende Lanze aus dem Schenkel zu ziehen vergaßen. Da ersah Sarpedon den Hektor, der in der Nähe herumschweifte, wie ein Löwe, welcher auf Beute ausgeht. »O Freund«, rief er ihm zu, »komm her zu mir, Priamos' Sohn, und laß mich nicht wehrlos und verwundet hier liegen und ein Spiel der Achäer werden!« Aber Hektors Mut suchte sich andere Ziele; er konnte den ängstlichen Hilferuf nicht beachten, und nichts erwidernd stürmte er wild vorbei und brachte dem Feinde Verderben. Den armen Verwundeten aber führten seine Gefährten, so weit sie konnten, zurück und legten ihn unter einer alten heiligen Buche nieder, die hochprangend auf der weiten Ebene emporragte. Hier erst zogen sie ihm das Eisen aus der Wunde und verbanden sie. Die lange Verblutung hatte den Helden ohnmächtig gemacht, aber als er so ruhig an den Stamm der Buche gelehnt schlummerte, wehte ein frischer Hauch des Nordwindes dem Ermatteten neue Kraft und neues Leben zu. Jetzt war der Streit, der am Morgen fast unter den Mauern von Troja begonnen hatte, beinahe bis zu den Schiffen zurückgedrängt, und allmählich erstarb der Mut in aller Griechen Brust. Here und Athene sahen vom Himmel herab ihre Lieblinge trauern und thatlos murren, während Ares in den Vorderreihen der Troer kämpfte und das ganze Heer mit Wut und Mordlust entflammte. »Auf! hinunter!« sprachen sie zu einander, »daß wir dem Wüterich wehren und unsere Freunde beschützen! Haben wir's nicht dem Menelaos versprochen seine gekränkte Ehre an ganz Troja zu rächen, und halten wir so unser Wort?« Sie winkten der Hebe, die Rosse an den prächtigen Wagen zu schirren, und Athene warf das leichte Gewand ab und legte den gediegenen Panzer an, setzte auch den goldenen Helm mit vier Zacken aufs Haupt und ergriff die mächtige Lanze zugleich mit dem Schilde des Zeus. Die Ägide hieß es; rings waren goldene Quasten und in der Mitte das mit Schlangen eingefaßte Haupt der Gorgo, dessen bloßer Anblick schon sterbliche Menschen erstarren machte. So gewaffnet bestieg sie den strahlenden Wagen, und Here ihr zur Seite lenkte die Rosse. Die Thore des Himmels, von den Horen bewacht, sprangen von selbst auf, und nun stürmten die Göttinnen hinaus bis an den äußersten Abhang des Olympos, wo einsam der Vater der Götter saß und ins Getümmel hinabschaute. Bei ihm hielt Here die Rosse an und sagte zu ihm: »Zürnst du nicht selbst, Vater Zeus, daß der rasende Ares die Achäer so entsetzlich verfolgt? Wohlauf, gewähre uns, daß wir ihn züchtigen und ihn verscheuchen, und er sein Beginnen büße!« »Sei es denn!« erwiderte Zeus, »es kann ihm nicht schaden. Da schicke nur Athene über ihn, die weiß ihn am besten zu fassen.« Froh der erhaltenen Erlaubnis peitschte Here mit lautem Knall die Rosse, und blitzschnell waren die Göttinnen unten auf der Ebene vor Troja. Sie hielten still; wo sich der Simoeis mit dem Skamandros vereinigt, stiegen sie aus und breiteten über Wagen und Rosse den Wolkenschleier, der Göttliches vor sterblichen Augen verhüllte. Ebenfalls verschleiert gingen sie nun, die zarten Göttinnen, im Gange schüchternen Tauben gleich, zu den Scharen der Krieger hin. Da nahm Here Stentors Gestalt und riesenmäßige Stimme an und rief mit des Donners Kraft den Mutlosen zu: »Schämt euch, ihr Völker von Argos, so stattlicher Gestalt und so kleinmütigen Sinnes zu sein! Eine Schande ist es! Da Achill noch mit euch auszog zur Schlacht, wagten die Troer sich kaum zu ihren Thoren heraus, denn sie fürchteten den Grimm des gewaltigen Kriegers. Und jetzt, da der einzige Mann von euch gegangen ist, drängt euch der sonst so verzagte Haufe bis zu den Schiffen zurück!« So ermunterte die Gemahlin des Zeus die griechischen Völker zur Tapferkeit. Athene suchte indessen ihren Liebling Diomedes auf und fand ihn neben seinem Wagen, die Wunde kühlend, die der Pfeil des Pandaros ihm gerissen hatte. Jetzt erst fühlte er, wie sehr sie brannte, denn der Schweiß war ihm hineingedrungen, und das breite lederne Schildgehenk, das ihm über die Schultern hing, hatte noch stärker die schmerzende Stelle erhitzt. Kaum konnte er noch vor der Geschwulst den Arm bewegen. Er lüftete den breiten Riemen und drückte das geronnene Blut aus. So traf ihn die Göttin. »Schäme dich, Sohn des Tydeus«, sprach sie verweisend zu ihm; »so träge zur Schlacht war dein trefflicher Vater nicht! Er suchte den Krieg, selbst wenn ich es ihm nicht gestatten wollte, und erschlug vor Theben unzählige Männer aus Kadmos' Geschlecht. Bist du denn ein so ganz entarteter Sohn, ha! und rühmst dich doch gleicher Stärke, und weißt, daß ich dich nie verlasse und mit schirmender Obhut dir zur Seite stehe? Sprich, wie kommt auf einmal solche Furcht dich an und lähmt dir die Seele?« »O Göttin!« erwiderte der Held, – »denn wohl erkenne ich deine Stimme, – nicht Trägheit noch Furcht hält mich zurück, sondern ich ehre die Warnung, die du diesen Morgen mir gabst. Mit jedem Sterblichen, sagtest du, sollte ich's versuchen; doch wenn ein unsterblicher Gott mir begegnete, den sollte ich meiden. Da stürzte ich mich in das dichteste Gewühl und häufte Leichen auf Leichen, bis ich endlich den furchtbaren Ares erblickte, der noch immer in den vordersten Reihen der Troer wütet. Vor ihm bin ich gewichen und habe auch die andern abgemahnt, denn wer vermöchte den Kampf mit Göttern aufzunehmen?« Da sprach die Göttin: »Wohlan, Geliebtester meiner Seele, du darfst forthin auch nicht vor Ares selbst, noch sonst vor einem Gotte Furcht hegen und weichen, denn ich will mit dir sein und den Trotz des Unbändigen selbst züchtigen. Der Wortbrüchige! Neulich noch gelobte er mir und der Here euch immer beizustehen, und nun kämpft er doch für die Troer, eurer vergessend!« Athene zog hierauf den Sthenelos vom Wagen zurück, stieg selbst hinauf und ergriff die Zügel. Sie hatte sich aber allen unsichtbar gemacht, und so sah niemand, wer dem Diomedes, der allein im Wagen zu stehen schien, die Rosse antrieb. Sie lenkte aber die Tiere gerade auf den Ares los, der eben gegen die Ätoler andrang und die Tapfersten derselben schon in den. Staub gestreckt hatte. Als er den Wagen des Diomedes daherrollen sah, ließ er schnell ab, stürzte sich auf diesen, und sich vorüberneigend wollte er dem Helden den Spieß in den Leib stoßen; aber Athene lenkte den Stoß ab, und nun fuhr ihm Diomedes mit seiner Lanze zur Vergeltung in die Weiche, daß ein Mensch unfehlbar an der Wunde gestorben sein würde; dann zog er den Schaft wieder heraus und Ares entfloh, indem er, wie Homer sagt, ein Gebrüll ausstieß gleich zehntausend rüstigen Männern, die aus voller Kehle schreien. Darüber erschraken denn auch Achäer und Troer gewaltig; Diomedes aber staunte ob seiner eigenen That und sah mit Bewunderung, vermöge des Blickes, den ihm Athene verliehen, wie der zürnende Gott verhüllt, einer schwarzen Wetterwolke gleich, zum Himmel emporstieg. Dort setzte er sich neben Zeus nieder und zeigte diesem seine böse Wunde, aus der das göttliche Blut stark auf die Erde hinabströmte. Er jammerte laut und verklagte Athene bei dem Vater, daß sie jetzt den Sterblichen allen Willen thue und sie am Ende noch über die Götter erhoben werde. Aber seine Klagen fruchteten nichts. Vater Zeus war nicht bei Laune und hörte ohnehin nie gern sein liebes Töchterchen verlästern. »Schweig, du Umläufer! treuloser Parteigänger!« rief er ihm zu, »und jammere nicht. Du bist mir das verhaßteste unter allen meinen Kindern. Immer hast du Streit und Händel geliebt! Das hast du von deiner Mutter, die mir auch keinen Tag Ruhe gönnt; ihr bist du vollkommen gleich an Trotz und unverträglichem Starrsinn. Und du selbst kannst dich diesmal für deinen Schmerz nur bei ihr bedanken. – Aber ich kann's nun doch einmal nicht länger sehen, daß du dich quälst. Bist ja nun einmal mein Sohn, du ...... Ja, siehst du, wärst du das nicht, ich hätte dich längst zum Himmel hinausgeworfen.« Er gebot hierauf dem Päon , dem Arzte der Götter, ihn zu heilen. Dieser legte lindernden Balsam auf die Wunde, dann badete ihn Hebe und legte ihm weiche Gewänder um, und so kam der Gott diesmal noch mit dem Leben davon. Jetzt kehrten auch Here und Athene von der Erde in die olympischen Wohnungen zurück. Fünfter Abend. Freundschaft und Liebe der Helden. Der Tag begann sich zu neigen. Die Kräfte der Kämpfer erschlafften allmählich, und man sah ihrer schon viele, die fern von der Schlacht, auf ihre Lanzen gestützt oder auf die Erde gelagert, von der blutigen Arbeit ruhten. Hie und da nur verfolgten sich die Stärkeren noch über die weite Ebene hin, und die unermüdlichen Helden Diomedes, Aias, Odysseus, Agamemnon und Menelaos zogen noch manchem Erschlagenen die glänzende Rüstung aus. Von Aias' kräftigem Arme geschleudert flog eine tödliche Lanze dem besten der Thraker, dem tapfern Akamas , gerade ins Gesicht und durchbohrte ihm den Schädel. Ein anderer Fürst, den Troern befreundet, Axylos , fiel von der Hand des stürmenden Diomedes. Er war sehr reich und menschlichen Sinnes, auch kannten und liebten ihn viele; denn sein Haus lag an einer vielbereisten Straße, und er beherbergte jeden gastfreundlich, der bei ihm einsprach. Aber keiner von allen, denen er Gutes erwiesen, war jetzt ihm nahe, daß er ihn hätte dem grausen Verderben entreißen können! Er stürzte vom Wagen und nach ihm sein treuer Wagenlenker, gleichfalls von Diomedes durchbohrt, der nun die Rosse ergriff und sie jubelnd den Seinen zuführte, Und so fiel noch mancher Troer durch die Geschosse der Achäer; am unglücklichsten aber endete Adrastos , dem seine eigenen Rosse den Tod brachten. Denn sie verwickelten sich in die Stränge, wurden scheu, zerbrachen die Deichsel, daß der Wagen umfiel, und rannten losgerissen nach der Stadt zurück. Adrast lag noch betäubt auf der Erde, als Menelaos mit dem Spieße auf den Hilflosen losstürzte. Da umfaßte er des Menelaos Kniee und bat ihn flehentlich: »Nimm mich gefangen, Sohn des Atreus, aber töte mich nicht! Siehe, mein Vater ist reich und schenkt dir gewiß unermeßliche Güter zur Lösung, wenn er hört, daß ich noch lebend bei den Schiffen verweile.« Menelaos' Herz ward bewegt. Er neigte sich schon zu seinen Begleitern, im Begriff ihnen den Gefangenen zu übergeben, als schnell Agamemnon dazu kam und dem Bruder eifernd zurief: »Bruder, kein Mitleid mit ihnen! Sie haben das Härteste verschuldet! Bedenke, welchen Jammer Troja über dein Haus gebracht hat und über uns alle in dem langen Kriege. Nein! kein Einziger darf uns entkommen; auch des Kindes im Schoße der Mutter werde nicht geschont! Nieder mit diesem! Er darf nicht leben!« Menelaos wendete sich ab, und der harte Bruder stieß dem Knieenden die Lanze durch den Leib, daß er sich zuckend umherwarf und rückwärts niederfiel. Dann trat er ihm auf die Brust und zog die Lanze wieder heraus, um sie einem andern in den Leib zu rennen. Jetzt rafften sich sämtliche Achäer wieder auf und drangen mit frischem Mute vor, da sie wußten, daß Ares nicht mehr in den Reihen der Troer focht. Auch hatte die Rast ihre Kräfte gestärkt, und das Beispiel der Helden trieb sie an sich gleichfalls Ruhm zu erwerben. Da wichen endlich die troischen Völker zurück, und das Schlachtfeld war nun nicht mehr den Schiffen so nahe; man konnte allmählich schon wieder die Weiber und Greise auf der Stadtmauer erkennen, Hektor und Äneias thaten zwar alles, um das Volk zum Widerstände zu ermuntern; aber es wollte nicht fruchten. Da trat Helenos herzu, ein anderer von Priamos' Söhnen, dem die Gabe verliehen war den Flug der Vögel zu deuten, und sprach zum Hektor: »Lieber Bruder, wohlan ermutige noch einmal mit Äneias die Unsern zum Kampfe, dann aber überlaß uns andern den Streit und eile in die Stadt zu unserer Mutter. Sage ihr, daß sie alsbald die edelsten Frauen versammle und mit ihnen sich in den erhabenen Tempel Athenes begebe, um daselbst das kostbarste Gewand, das sie besitzt, als Geschenk in den Schoß der Göttin zu legen. Weiter soll sie der mächtigen Tochter des Zeus zwölf jährige, ungezähmte Kühe in ihrem Tempel zu heiligen geloben, wenn sie Tydeus' Sohne wehren wolle, diesem schrecklichen Krieger, den ich fast dem Achilleus gleich achte an Stärke und grausamer Wildheit.« Hektor that, wie ihm der Bruder geheißen hatte. Während er abwesend war, blieben die Achäer immer im Vorteil, denn er hatte bisher den heftigen Andrang noch am kräftigsten abgehalten, und die tapfersten Helden vermieden ihn, weil seine Stärke mit keines andern als allein mit Achilleus' Kraft zu vergleichen war. Jetzt nun drangen die Griechen um so mutiger ein, und hinter ihren Reihen sah man den greisen Nestor geschäftig umhergehen, um sie zur Ordnung im Angriff zu ermahnen. »Bleibet nur immer hübsch beisammen!« rief er, »und wenn ein Feind gefallen ist, laufet nicht gleich hinzu, um ihm die Rüstung auszuziehen und sie nach den Zelten zu schleppen. Das zerstreut euch nur und hält auf. Nein, gleich die andern weiter verfolgt, daß ihr immer im Zuge bleibt! Zuletzt am Abend ist's noch Zeit genug die Erschlagenen zu plündern.« So währte das heftige Gefecht fort, und noch viele sanken nieder, ehe der Abend herankam. Siehe, da stieß dem Diomedes, der, nach immer neuen Kämpfen begierig, aus dem weiten Gefilde umherschaute, ein Mann auf, den er noch nie gesehen hatte und der doch an Pracht der Rüstung, an Wuchs und gebieterischem Wesen den ersten unter den Troern gleichzukommen schien. Es war Glaukos , des Hippolochos Sohn, der aus Lykien dem Könige Priamos zu Hilfe gezogen war. Als beide auf eines Wurfes Weite einander nahe gekommen waren, hielten sie ihre Rosse an, und Diomedes rief dem Gegner zu: »Wer bist du denn, trefflicher Mann? Nie sah ich dich ja bisher in der männerehrenden Feldschlacht, und doch mußt du ein kühner, lanzenkundiger Mann sein, da du dich meinem gewaltigen Arme entgegenstellst; denn noch hat keiner bis jetzt sich nur ungestraft genaht. Aber wahrlich, gar stattlich erscheinst du; und wärest du ein Gott, ich begehrte nicht mit dir zu kämpfen, denn nimmer hat solche Verwegenheit sterblichen Männern Heil gebracht. Bist du aber ein Mensch, wie ich, und genährt von den Früchten der Erde, nun so komm heran, auf daß du schnell das Ziel des Todes erreichest!« Glaukos sprach: »O Sohn des Tydeus, ruhmvoll ist mein Geschlecht. Es entsproß dem Argeierlande, und Ephyra heißt die Stadt, die meine Ahnen beherrschten. Äolos ist mein Ahn, der zeugte den Sisyphos; Sisyphos , jener kluge König, zeugte den Glaukos , und dieser den herrlichen Bellerophontes , den die Götter mit übermenschlicher Schönheit und Stärke ausrüsteten. Wer hat nicht von Bellerophontes' Heldenthaten gehört, wie er durch Prötos , den mächtigen Beherrscher von Argos, auf Betrieb von dessen Gattin Antiea aus seiner Besitzung verjagt, hinüber nach Asien schiffte und zum Lykierkönige kam, der ihm Thaten, des Herakles würdig, zu vollbringen auferlegte! Er tötete die Chimära , jenes Ungeheuer mit einem Löwenhaupte, einem Drachenschweife und einem Ziegenleibe, ein wildes, entsetzliches Raubtier, das unaufhörlich Flammen spie. Dann bändigte er des Königs feindseligste Nachbarn, die tapfern Solymer , und siegte in jeder Schlacht. Da vermählte ihm der Lykierfürst seine blühende Tochter und trat ihm die Hälfte seiner Königsmacht ab. Auch die Lykier ehrten ihn und schenkten ihm Güter und reichliches Feld, das er bebauen sollte. Zwei Söhne zeugte er, Isandros und Hippolochos . Jener ist tot; aber Hippolochos lebt noch, und rühmend nenne ich ihn meinen Vater. Er sandte mich her nach Troja und ermahnte mich kräftig, immer der Beste zu sein und vorzustreben vor andern und nie das Geschlecht der Väter zu schänden. Sieh, darum habe ich deinen furchtbaren Blick nicht gescheut und will mit dir kämpfen.« »Nein, das sei ferne!« rief Diomedes freudig, und stieß seine Lanze in den Sand. »Du bist mir ein lieber Gastfreund aus der Väter Zeiten. Denn mein Großvater Öneus hat den herrlichen Bellerovhontes zwanzig Tage in seinem Hause beherbergt, und beim Abschiede gaben sie sich Geschenke zum Zeichen ihrer Freundschaft. Öneus gab einen purpurnen Leibgurt, und Bellerophontes ließ ihm einen goldenen Becher zurück. Den verwahre ich noch zu Hause und habe ihn oftmals sinnend betrachtet. Siehe, so bist du mein Gastfreund in Argos und ich der deine, wenn ich jemals in das Lykierland käme. Laß uns also im fernen Getümmel des Kampfes einander vermeiden; bleiben mir doch der Troer genug übrig, wie dir der Achäer, um sie töten zu können. Aber zum Pfande des Wechselbundes laß uns die Rüstungen vertauschen, damit auch die andern es sehen, wie wir uns rühmen Gastfreunde aus der Väter Zeiten zu sein.« Sie sprangen beide von den Wagen, schüttelten sich treuherzig die Hände und zogen die Rüstungen aus. Glaukos verlor bei dem Tausche, denn sein Panzer und Schild waren von Gold, die des Diomedes nur ehern, aber jener achtete das nicht und gab es ihm freudig. Darauf wiederholten sie das Gelöbnis der Freundschaft und fuhren dann schnell, – denn es war nicht mehr Erzählens Zeit – der eine rechts, der andere links hin von dannen. So kommt jener freundschaftliche Bund, den Öneus und Bellerophontes einst unter den Augen des gastlichen Zeus geschlossen hatten, noch den Enkeln zu Gute, die sich unbekannt auf dem Schlachtfelde vor Troja begegnen, und ist ihnen so heilig, daß sie alle Feindschaft, alle Wut der angefachten Kampflust auf der Stelle vergessen. Noch eine Bemerkung, ehe ich weiter erzähle. Homer sagt uns, als er von den ungleichen Rüstungen der beiden Helden spricht, wie viel jede etwa wert gewesen sei. Für des Glaukos Rüstung habe man wohl hundert, für die des Diomedes nur neun – Ochsen geben mögen; zugleich bemerkt er noch, daß ein so großer Vorteil, als der des Diomedes jetzt war, nur durch die Begünstigung der Götter erlangt sei, die den Glaukos bethört hätten. Hektor eilte indessen in die Stadt, wie ihm Helenos geheißen hatte, und schon am Thore umringten ihn die troischen Weiber und Töchter, voll Begier zu erfahren, wie es um Söhne, Brüder und Männer stehe. Aber er hatte nicht Zeit zu langen Berichten, sondern wandte sich rasch in den weiten Hof seines Vaters, in welchem fünfzig Gemächer für alle Söhne des Priamos und zwölf Schlafkammern für die Töchter erbaut standen. Hier suchte er die alte Mutter Hekabe auf, die mit ihrer gutmütigen Geschwätzigkeit den eiligen Sohn fast erzürnte. »Lieber Sohn«, sagte sie, ihm in den Hof entgegengehend, »wie kommst du denn jetzt aus der Schlacht und verlässest die andern Leute? Ich höre ja, es solle wieder recht hart draußen hergehen. Fehlt dir etwas? Was willst du haben? Soll ich dir Wein holen? Ja, ja warte, ich komme sogleich! Das ist gut, da kannst du den Göttern ein Trankopfer strengen und vor allen Dingen dich selbst erquicken, denn der Wein ist ein wahres Labsal für einen müden Menschen, und du vollends, wie magst du dich heute schon erschöpft haben!« »Ach nicht doch, Mutter!« versetzte Hektor. »Wie könnte ich, mit blutbefleckten Händen, den Göttern opfern? Nein, darum kam ich nicht her, sondern sagen soll ich dir im Namen des zeichenkundigen Helenos, was zu thun ist.« Er wiederholte ihr nun den Auftrag des Bruders genau und schloß mit den Worten: »Befolge das, teure Mutter! Ich gehe indes zu Paris, der noch immer bei der Helena ruht, während wir andern den ganzen Tag in heißem Kampfe gerungen haben. Ich will doch sehen, ob er nicht noch einmal auf den Ruf der Ehre und der Schlacht hört. O daß ihn die Erde lebendig verschlänge, denn er ist uns allen zum Verderben geboren! Sähe ich ihn fallen, dann schöpfte ich wieder Trost, dann würde ich sagen, ich hätte im Herzen des unseligen Jammers vergessen, der über uns durch ihn gekommen ist.« So sprach er und verließ eilig die Mutter. Diese suchte darauf aus ihrer Lade das kostbarste Gewand hervor, ein Gewebe sidonischer Frauen, welches Paris auf der Heimfahrt von Sparta aus Sidon selbst ihr zum Geschenk mitgebracht hatte. Das trug sie in Begleitung ihrer Schwiegertöchter und anderer Frauen in feierlicher Prozession hinauf zu dem Tempel der Athene, übergab es der Priesterin Theano , und diese legte es der Bildsäule der Göttin als ein Geschenk in den Schoß, flehend um Diomedes' Tod und zwölf stattliche Kühe gelobend. Aber Athene erhörte ihre Bitte nicht. Hektor lehnte unterdessen seinen gewaltigen Spieß an die Mauer und ging in das Haus des Paris. Er fand denselben in seinem Gemache, die Waffen untersuchend und das Horn glättend, aus welchem der Bogen gemacht war; am Herde aber saß Helena unter ihren Mägden, alle mit weiblicher Arbeit beschäftigt. »Nun, was grollst du uns denn?« fragte er verweisend, »und warum lassest du dich nicht wieder sehen? Die Leute schwinden hin vor der Mauer, und um deinetwillen kämpfen sie ja die blutige Schlacht doch am meisten! Warst du doch sonst den Zaudernden so gram und ermuntertest andere zum Fechten. Komm, ehe noch die Stadt in feindlichen Flammen auflodert!« »Gern, mein Bruder!« sprach Paris. »Du tadelst mich mit Recht, doch war es nicht Groll gegen die Troer, was mich so lange zurückhielt; denn ihnen habe ich nichts vorzuwerfen, sondern ich grämte mich noch über mein heutiges Unglück und suchte die Einsamkeit, um meinem Kummer nachzuhängen. Aber nun hat mich die Gattin beredet wieder ins Treffen zu gehen, und schon war ich dazu bereit. Ich prüfte nur erst meine Waffen. Warte nur so lange, bis ich die Rüstung angelegt habe, oder geh auch voran; ich folge dir bald und hole dich sicher noch ein.« »O teurer Hektor«, sagte jetzt die holdlächelnde Helena mit wehmütigem Tone, »wie rührst du mich, wie rührt ihr mich alle, die ihr um mich verächtliches, unheilbringendes Weib so grausame Kämpfe besteht! O hätte mich doch bei meiner Geburt ein reißender Sturmwind auf einen öden Felsen geschleudert, oder ins Meer, daß mich die Wogen weggespült hätten! Oder – wenn einmal solch Unglück mir von den Göttern verhängt war – wäre ich doch nur in eines tapfern Mannes Hände gefallen, dem die Schmach und die kränkenden Vorwürfe der Seinen zu Herzen gingen, und der seine Schande durch rühmliche Thaten wieder tilgen möchte! Aber dieser hat ja kein männliches Herz und geht seinen Brüdern zum Schimpf einher! – Komm doch herein, Hektor, und setze dich her zu uns; du hast gewiß heute unter allen die größte Last ertragen um mich elendes Weib und um die Frevelthat des Paris. Ach, daß uns Zeus erwählen mußte mit unserer Schmach im Liede fortzuleben bei den kommenden Menschengeschlechtern!« »Ach nein!« antwortete Hektor, »nötige mich nicht so freundlich zum Sitzen, Helena; ich' muß eilen wieder bei den Unsern zu sein, die längst schon voll Ungeduld nach mir umgesehen haben werden. Auch möchte ich gern noch erst in mein Haus einkehren und mein liebes Weib und das zarte Söhnchen noch einmal sehen. Wer weiß, ob ich sie jemals wieder sehe! Treibe nur diesen hinaus in den Kampf!« Er ging und schnell erreichte er seine Wohnung, fand aber seine Gemahlin nicht daheim. Eine Dienerin sagte ihm, sie sei auf den Turm am Mischen Thore gestiegen, um das Schicksal der Troer mit eigenen Augen zu sehen. Rasch begab er sich dorthin; doch nahe am Thore kam sie ihm schon entgegen, die sittsame, verständige Andromache , und hinter ihr ging eine Dienerin, die ihr das zarte Knäblein, den Astyanax, nachtrug. Die sorgenvolle Gattin vergoß Thränen bei seinem Anblicke, nahm ihn sanft bei der Hand und sprach zu ihm: »Böser Mann, dich tötet gewiß noch dein Mut! Bleibe doch endlich einmal bei uns und habe Mitleiden mit dem unmündigen Kinde und deinem unglücklichen Weibe. Ach wenn ich dich verliere, wer soll mich schützen? Meine Mutter ist tot, meinen Vater und sieben Brüder hat mir Achilleus erschlagen, und du gehst nun auch noch von mir, da die Achäer schon unsere Mauern bestürmen. Du bist mein Vater und Mutter und Bruder; ohne dich habe ich keinen Trost. O bleib doch hier auf dem Turme und befehlige von hier aus das Heer, das du in der Nähe des Thores zum Schütze der Mauern und der Stadt aufstellen kannst!« »Liebes Weib, wie kann ich?« versetzte Hektor. »Ruht nicht auf mir das Heil der Stadt, und fordert nicht alles Volk meine Hilfe? Müßte ich mich nicht vor den Frauen schämen, wenn sie mich als müßigen Zuschauer auf der Mauer erblickten? Auch verbietet mir das der eigene Mut. Freilich wird auch mein Kämpfen wohl fruchtlos sein, denn mir ahnt es im Geist: Einst wird kommen der Tag, da das heilige Ilion hinsinkt und der König zusamt dem lanzenkundigen Volke! Und dann wehe dir armes Weib! wenn ein stolzer Achäer dich als Sklavin wegführt, daheim in Argos für seine Frau zu weben oder Wasser zu tragen aus der fernen Quelle, und wenn die Leute dich neugierig und herzlos angaffen und sagen: Das war Hektars Gattin, einst die hochgeehrte Trojanerfürstin, als die stolze Stadt noch stand! – Ach, das zu hören, unglückliches Weib! Und ich kann dich dann nicht aus der Knechtschaft retten, denn ich vernehme deine Klage nicht mehr, weil meine Gebeine der Grabeshügel deckt!« Jetzt wandte er den bekümmerten Blick auf den zarten Knaben in den Armen der Wärterin. Aber als er nun die seinen nach ihm ausstreckte, schrie das Kind und drückte das Köpfchen fest an den Busen des Mädchens. »Er fürchtet sich vor dem flatternden Helmbusche«, sagte diese. Da nahm der Vater den Helm ab und legte ihn auf die Erde, und nun schaute er dem Knäblein freundlich ins Gesicht, und es ging willig in seine Arme. Da wiegte er's auf und ab mit herzlicher Vaterfreude, küßte es einmal und noch einmal, und wandte inbrünstig flehend den Blick zum Himmel: »Gütige Götter!« sprach er, »erfüllt mir das eine : Laßt dieses mein Söhnlein stark und brav werden, daß es vor andern immer sich auszeichne und dem Volke ein tapferer Hort sei, damit die Männer sagen, wenn er vom Treffen heimkehrt: Der kommt noch weit über seinen Vater! – Des müsse sich dann die gute Mutter freuen! Also sprach er und gab das Kind der weinenden Gattin zurück, die es sanft an ihren Busen drückte, unter Thränen lächelnd. Auch er wurde von Mitleid ergriffen, als er das sah. Er liebkoste das treue Weib mit der Hand und sagte tröstend: »Fürwahr, du mußt nicht allzusehr trauern im Herzen! Des Menschen Leben ruht in der Hand des Schicksals, und keiner wird mich wider des Geschicks Bestimmung hinab zu den Toten senden. Wem aber das Los einmal fällt, der muß folgen, sei er hoch oder niedrig. Gehe darum jetzt an dein Geschäft, besorge Spindel und Webstuhl, und gebiete den dienenden Weibern, daß sie fleißig arbeiten. Der Krieg gebührt den Männern und mir am meisten unter allen Trojanern!« Er nahm seinen Helm wieder auf und eilte von dannen. Auch sie ging mit dem Kinde, doch stand sie oft still, um dem trefflichen Manne nachzusehen. Als sie in ihr Gemach kam, da brachen erst die bittersten Thränen aus, und die dienenden Weiber schluchzten mit ihr, denn alle liebten sie und den edlen Hektor; es ward viel von ihm gesprochen, und die Frauen, das Unheil ahnend, betrachteten ihn fast als einen, der schon gefallen wäre. Paris erreichte seinen Bruder am Thore. Er kam von der Höhe Pergamos – so hieß der Hügel innerhalb der Stadt, auf welchem des Königs Palast und der Tempel der Athene lagen – leicht und mutig kam er herabgelaufen wie ein junges Roß, das die Halfter zerrissen hat und mit fliegender Mähne dem bekannten Weideplatze zuspringt. Blendender Waffenglanz umstrahlte ihn; wer ihn sah, bewunderte seine Schönheit. »Sei nicht böse, lieber Bruder«, sprach er zum Hektor, »daß ich so lange verweilte.« – »Seltsamer!« antwortete dieser, »dich kann kein Billiger tadeln, du bist ein tapferer Streiter, nur magst du gern säumen, und oft fehlt dir die Lust. Aber mich verdrießt doch die Rede der Leute, die dich als Urheber des Unglücks hassen, und die um dich wirklich so vieles dulden. Laß uns davon ein andermal reden, einst vielleicht, wenn uns Zeus vergönnen sollte, den Feinden obzusiegen und ihm und den andern Göttern das Dankopfer der befreiten Stadt im Paläste darzubringen.« So sprach er und eilte mit Paris dem Schlachtfelde zu. Sechster Abend. Hektors Siegesmut. Den ermatteten Troern erschienen die beiden Helden, Hektor und Paris, wie nach langer Windstille der sehnlichst erflehte Fahrwind dem Schiffer. Bald empfand man ihre Nähe. Von Paris' Pfeile durchbohrt sank der treffliche Menesthios , und Hektor schleuderte dem tapfern Eïoneus seine Lanze in den Hals, daß er tot zu Boden stürzte. Mancher andere noch, der den Hektor fern geglaubt hatte, traf zu seinem Unglücke auf ihn und fand durch seinen Wurfspieß den Tod. Da nahte ihm sein Bruder Helenos, der kundige Seher, wieder und forderte ihn auf, einen einzelnen Krieger aus dem Heere der Achäer herauszurufen, um mit diesem allein den entscheidenden Zweikampf zu kämpfen. Denn ihm hätten, sagte er, die Götter es eingegeben, daß heute dem Hektor das Todeslos noch nicht beschieden sei. Sogleich rannte der Held laut rufend hervor, gebot Stillstand und trat in die Mitte. Da hielten sie alle inne, begierig seine Rede zu hören. Er sprach darauf mit starker Stimme zu beiden Völkern: »Hort meine Worte, ihr Troer und ihr Achäer! Unsern heutigen Bund hat Zeus vereitelt, und unser Zwist ist nicht geschlichtet worden, wie wir es hofften. Laßt uns denn einen zweiten entscheidenden Kampf bestimmen, der dem weiteren Blutvergießen für heute ein Ende mache. Unter euch sind ja der streitbaren Helden so viele; wohlan, ich überlasse es euch selbst, sendet den Tapfersten heraus, um mit mir zu kämpfen. Erlegt er mich, so mag er mir die kostbare Rüstung rauben, aber den Leichnam entsende er nach Ilios, damit die troischen Männer und Frauen meine Gebeine verbrennen, wie es gefallenen Helden geziemt. Gewähren mir aber die Götter Ruhm, daß ich jenen treffe, so hänge ich seine Rüstung als stolze Beute zum Andenken in dem Tempel des Phöbus Apollon auf; ihr aber mögt dem Toten dort bei den Schiffen ein würdiges Denkmal errichten, daß der Enkel noch einst, wenn er, zum Hellesponte segelnd, bei dem hohen Gestade vorüberschifft, sage: Das ist das ragende Grabmal des Tapfern, den Hektar im letzten entscheidenden Kampfe erschlug.« Also sprach er, und im Lager der Griechen ward's still. Jeder bedachte sich und wartete auf des andern Erbieten; denn mit Hektor zu kämpfen war ein gefahrvolles Wagstück. Da sprang, nicht im Gefühl seiner Stärke, sondern vom rasch aufwallenden Ehrgefühl überwältigt, Menelaos auf und sagte zu den übrigen Fürsten, mit ernstem Tadel sie scheltend: »Ha, ihr Prahler daheim und Weiber im Schlachtfeld, wie steht es nun um euren Mut? Wahrlich, das wäre uns doch unauslöschliche Schande, wenn keiner von allen Achäern es wagte sich mit Hektor zu messen! Aber mögt ihr auch alle feig und furchtsam sitzen und ruhmlos zu Grunde gehen! ich – nein, ich ertrage den Schimpf nicht, ich selbst werde mich rüsten. Wer weiß es? Ruhet doch jeglicher Ausgang in der Hand der unsterblichen Götter.« Er griff nach der Lanze und wollte fort, aber die andern Könige der Achäer und selbst sein Bruder Agamemnon hielten ihn mit Gewalt zurück. Das war sein Glück. Sie stellten ihm Hektars überwiegende Stärke vor, und indem sie eine andere Auskunft in Vorschlag brachten, bestimmten sie ihn endlich ruhig zu bleiben. Der alte Nestor nahm darauf das Wort und sagte: »Weh mir, wie großes Verderben trifft heute die Achäer! Weinen würden die Alten, weinen würde der graue Peleus und alle die andern tapferen Krieger meiner Jugendzeit, wenn sie hörten, wie das ganze Volk schimpflich vor Hektors Stimme verstummt und keiner unter so vielen ihm zu antworten wagt! Ha! großer Vater Zeus, wenn ich noch so wäre, wie damals, da ich den Helden Ereuthalion niederwarf – er erzählte hier wieder umständlich die hundertmal vorgebrachte Geschichte – da wahrlich sollte Hektor bald seinen Mann gefunden haben! Aber euch sind ja der Mut und das Mark aus den Gebeinen verschwunden.« Beschämt von des Greises verdientem Vorwurf, standen jetzt neun Männer miteinander auf und erboten sich den Kampf mit Hektor zu bestehen. Agamemnon selbst war unter ihnen, die beiden Aias auch; die übrigen waren Diomedes, Odysseus, Idomeneus und sein Wagenlenker Meriones, Eurypylos und Thoas. »Wohlan, ihr Freunde!« sagte Nestor jetzt, »da ihr alle den Kampf bestehen wollt, so tretet heran und loset alle der Reihe nach; Zeus selbst mag entscheiden, wem er den Ruhm des Sieges am meisten gönnt.« Damit war jeder zufrieden. Jeder wählte sich ein Los (etwa eine mit Zeichen versehene Scherbe oder sonst dem Ähnliches) und warf es in Nestors Helm. Der Alte schüttelte die Lose, bis eines herausflog, welches der ältere Aias sogleich für das seine erkannte. Alle Achäer freuten sich, auch Aias selbst war stolz, daß ihm gleichsam das Schicksal geboten hatte den rühmlichen Kampf mit Hektor zu bestehen. »Wohlan, das Los hat mich getroffen, so wird mir Zeus auch den Sieg verleihen!« rief er aus; »denn nicht unkundig des Krieges bin ich in Salamis aufgewachsen, und wahrlich ich fürchte mich nicht vor jenem! Fleht ihr indessen für mich zum Zeus, daß ich Ehre gewinne.« Sie thaten es alle im stillen, und Aias stürmte nun mächtig vor, dem harrenden Hektor entgegen. Und gewiß, er war des Gegners nicht unwert; denn ein kraftvoller Wuchs, sehnige Arme und mächtige Schultern und Schenkel kündigten schon beim ersten Anblicke den furchtbaren Krieger an. Seine Rüstung war undurchdringlich, und ihr allein verdankte er auch diesmal seine Rettung vom sichern Verderben. Sieben über einander gelegte Stierhäute und zum achten noch ein eiserner Überzug – das war sein Schild; Helm und Panzer mögen dem angemessen gewesen sein. Nach der Sitte jener Zeit begann der Zweikampf nicht schweigend und sogleich auf der Stelle, sondern die Kämpfer rühmten sich erst gegeneinander, höhnten sich auch wohl und schimpften im ärgsten Falle. So unedel ging es nun in diesem Gefechte zwar nicht zu, allein ganz ohne Vorspiel blieb es doch auch nicht. »Siehe da, Hektor«, rief Aias ihm zu; »nun erkennst du doch wohl, daß sich im Achäervolke noch immer Männer erheben, die deinen Kampfruf nicht scheuen, auch wenn Achilleus ruht? Ja, wir andern fühlen uns stark genug, dir mutig zu begegnen, und ich bin nur einer von vielen! Wohlan, beginne den Zweikampf.« »Denkst du mich durch Trotz zu versuchen, Sohn Telamons?« erwiderte Hektor. »Irre dich nicht; ich habe die Schlachten der Männer gelernt, weiß den Speer zu schwingen, daß er trifft, und den Schild zu wenden, daß mich kein Wurf verletzt. Zu Fuß und auf flüchtigem Wagen erreiche ich den Feind, und meine Thaten zeugen für meine Worte. Aber jetzt gieb acht, tapferer Held, ich will nicht mit lauernder List und heimtückisch dich überfallen, sondern offen versuchen, ob ich dich treffe.« In diesem Augenblick schleuderte er die gewaltige Lanze mit aller Kraft auf ihn, und sie durchdrang das Erz des Schildes und sechs der ledernen Schichten. Dann erst ermattete sie. Rasch warf nun Aias die seine auf Hektors Brust, aber Hektors Schild war nicht stark genug der Spitze zu widerstehen. Doch durch eine geschickte Wendung des Leibes verhinderte er, daß sie in das Fleisch drang. Beide zogen nun die Lanzen mit Macht aus ihren Schildern und rannten damit widereinander, jeder voll Verlangen, den Gegner zu durchbohren. Wiederum traf Hektors richtig gezielter Stoß jenen auf den starken ehernen Buckel des vorgehaltenen Schildes, daß die Spitze sich krumm bog; aber sie drang noch nicht ein. Auch Aias' Stoß glitt ab von der Fläche des Schildes und fuhr dem Gegner seitwärts streifend in den Hals, daß das Blut ihm den Panzer befleckte. Da wandte sich Hektor und ergriff einen mächtigen Feldstein. Den schleuderte er aus vollen Kräften auf den Gegner, und er würde diesen zerschmettert haben, wenn Aias sich nicht schnell hinter dem schützenden Schilde geborgen hätte. Jetzt erhob derselbe einen noch weit größeren Feldstein und warf ihn gegen Hektor, zerbrach ihm den Schild und verletzte ihn am Knie. Aber Priamos' kühner Sohn wäre gewiß noch einmal mit aller Wut über ihn hergefallen, hätten nicht die Griechen jetzt selbst dem Streite ein Ende gemacht. Denn sie sandten einen Herold, der trennte die beiden Kämpfer und sprach zu ihnen: »Nun nicht mehr, ihr Helden! genug ist's des feindlichen Kampfes. Ihr seid beide tapfere Streiter und beide von Zeus geliebt, das haben wir alle gesehen. Aber die Nacht bricht herein, und es ist gut auch der Nacht zu gehorchen.« Aias starrte noch immer auf Hektors Bewegungen hin und rief dem Herolde zur Antwort: »Gut, mein Freund, ermahne nur jenen zum Stillstand, er hat das Gefecht begonnen; will er ruhen, so lasse auch ich mir's gefallen.« Da sprach Hektor mit würdigem Ernste: »Aias, du hast dich männlich bewiesen im Streite, und ein Gott hat dir Stärke und Besonnenheit verliehen. Laß uns jetzt ausruhen vom Kampfe und künftig einmal ihn erneuern, bis uns das Geschick durch den Tod voneinander scheidet. Siehe, die Nacht ist vor der Thür. Gehe du zu den Schiffen und freue dich des Mahls mit den Deinen; ich kehre zu Priamos' Stadt zurück, wo die geängsteten Frauen an heiliger Statte die Götter für mein Leben anflehen. Doch zuvor laß uns einander noch mit preiswürdigen Gaben beschenken, damit man künftig noch unter Achäern und Troern sage: Seht, sie kämpften erst lange den Kampf der Zwietracht und schieden dann versöhnt in Freundschaft.« Er reichte ihm sein künstlich gearbeitetes Schwert mit der Scheide und dem zierlichen Gehenke, und Aias schenkte ihm dagegen seinen purpurnen Leibgurt. So gingen sie auseinander; und jedes Heer empfing seinen Helden mit Freudengeschrei und führte ihn triumphierend zurück. Wie trefflich behagte jetzt das Mahl nach einem so heißen Tage! Agamemnon bewirtete die Fürsten wie gewöhnlich in seinem Zelte und reichte heute dem Aias vorzugsweise das größte Stück, welches man aus dem Rücken eines fünfjährigen fetten Stieres schnitt. Auch Hektor erfreute sich daheim des Mahles und unterhielt den alten Vater mit Erzählungen von den Drangsalen des eben verflossenen Tages. Als die Fürsten genug des Fleisches und des lieblichen Weines genossen hatten, fing Nestor wieder an: »Hört, ihr Häupter Achajas, jetzt ist mein Rat, wir lassen morgen den Krieg ruhen, und bestatten unsere Toten, wie es recht ist. Laßt uns die Leichname verbrennen, damit ein jeder die Asche der Freunde sammeln und einst den Seinen nach Hause mitbringen könne, darauf aber wollen wir allen ein gemeinsames hohes Denkmal errichten, das in späten Jahren noch den Nachkommen ein Zeichen bleibe, wo jene Helden gefallen sind. Dann aber möchte ich auch wohl noch ein anderes Werk vorschlagen, das wahrlich nicht minder vonnöten wäre. Wie, wenn unsere Völker um unser Lager einen tiefen Graben und ein Bollwerk zögen mit einem breiten Thore, das man verriegeln könnte? Dann säßen wir doch sicher in unsern Zelten wie in einer Stadt, wenn der tückische Kriegsgott es ja einmal verhängte, daß uns die siegende Macht der Troer vom Gefilde zurücktriebe.« Dieser zwiefache Rat des Greises fand allgemeinen Beifall, und Agamemnon beschloß sogleich ans Werk zu gehen. Unterdessen beratschlagten auch die Trojanerfürsten in der Stadt, wie sie die drohende Gefahr abwenden und die Achäer zum Abzüge bewegen könnten. Der weise Antenor drang auf Helenas Zurückgabe; aber so sehr das auch alle wünschen mochten, so wagte doch – seltsam genug – keiner, selbst Hektor und Priamos nicht, den Paris dazu zu zwingen, der seinerseits fest darauf beharrte, nun und nimmer von dem geliebten Weibe zu lassen. »Gut«, sprach er, »was wir dem Menelaos mitgenommen haben, das will ich ihm gern erstatten, und von dem Meinen will ich mehr noch und reichlich hinzulegen. Wenn das die Achäer besänftigen kann, so mögt ihr's ihnen bieten. Die Helena erhalten sie nicht!« »Nun, das sagt ihnen, Kinder«, setzte der alte Priamos hinzu. »Und dann noch eins! Unsern Toten sollte doch billig erst die gebührende Ehre erwiesen werden, ehe der Kampf erneuert wird. Deshalb frage der Herold zugleich, ob die Feinde vielleicht gewillt sind einen Tag zu rasten.« Idäos , der wackere Herold, eilte am frühen Morgen hinaus zu den Achäern und kam allen unerwartet bei den Schiffen an. Er trat in Agamemnons Zelt, wo die Fürsten des Rates und des Mahles pflegten, und überbrachte die Botschaft. Das Gesuch um Waffenruhe zur Bestattung der Toten war den Griechen selber willkommen, aber das Erbieten des Paris ward mit Verachtung verworfen, »Nichts! nichts!« schrie Diomedes. »Nicht mehr um Helenas Gut fechten wir jetzt, auch nicht um Helena selbst. Und sendet er sie auch zurück, Troja soll dennoch fallen! wahrhaftig, jetzt liegt's vor Augen, daß euer Verderben nicht mehr fern ist.« Agamemnon und alle übrigen bestätigten dem Herolde diesen Bescheid, und so kehrte er zur Stadt zurück. Da bespannten Griechen und Troer ihre Wagen mit Stieren und Maultieren und zogen hinaus in die Ebene, um die Toten zu holen. Aber Blut und Staub bedeckte die Gefallenen, so daß man sie kaum zu erkennen vermochte. Darum trug man sie an das Ufer des Skamandros, um sie zu waschen, und dann erst brachte man sie zurück und legte sie auf einen Haufen zusammen. Andere fällten indessen Holz in den Waldungen und fuhren es herbei, bauten Scheiterhaufen, verbrannten die Leichen und sammelten die Asche. Zuletzt ward auf der Brandstätte ein hoher, runder Hügel aufgetürmt. Aber der größte Teil der Achäer war währenddessen damit beschäftigt einen Graben und eine Mauer um das Lager zu ziehen, wie Nestor geraten hatte, und den Ausgang mit einem festen Thore zu schließen. Man darf wohl annehmen, daß sie in dieser Absicht den Troern noch einige Tage länger Ruhe gelassen haben werden. Die Folge bewies, daß ihre Vorsicht nicht überflüssig war. Denn sogleich am ersten Tage, an dem der Kampf wieder eröffnet ward, wog Zeus, wie der Dichter sich ausdrückt, auf seiner Schicksalswage das Geschick der Troer und der Achäer ab, und die Schale der letzteren sank. Hatte er doch der Thetis längst das Versprechen gegeben, ihren Sohn Achilleus durch die Niederlage der Achäer zu rächen. Er verbot daher unter Androhung harter Strafen allen übrigen Göttern einer der beiden Parteien beizustehen, und fuhr dann selbst, die himmlischen Rosse lenkend, vom Olymp auf den Berg Ida hernieder, von dessen Gipfel er dem Schlachtgetümmel zusehen wollte. Schon vom frühen Morgen an hatte das Morden gewährt, und viele der Troer waren schon gefallen, doch bei weitem mehr noch von den Achäern; denn nun trat auf die Seite der Troer die wildeste Kämpferin, die Verzweiflung. Sie fochten ja jetzt für Herd und Altar, für Weib und Kind! Bald als der Mittag vorüber war, zog vom Ida her finster drohend ein Wetter herauf, und die Völker wurden die Nähe des Göttervaters inne; denn er allein hatte ja Macht über den zerschmetternden Blitzstrahl. Wem er zürne, das zeigte sich bald; denn ein entsetzlicher Schlag fuhr plötzlich mit blendendem Blitze in die vorderen Reihen der Achäer nieder, daß sie alle erschraken und keiner es wagte länger gegen den Willen des Zeus auf dem Schlachtfelde zu verweilen. Nicht Agamemnon blieb, auch die beiden Aias nicht, nicht Idomeneus, Meriones, Odysseus – sie alle flohen zu den Schiffen zurück, bleich vor Entsetzen. Eben wollte auch der alte Nestor umkehren; aber indem sein Wagenführer die Rosse seitwärts lenkte, flog ein Pfeil von dem Bogen des Paris dem Handpferde in den Kopf, daß es hoch aufsprang und dann zuckend sich auf der Erde wälzte. So ward es unmöglich geschwind zu entkommen; und indem der Wagenlenker die Riemen löste und das andere wildwiehernde Pferd zu beruhigen suchte, zeigte sich schon von weitem Hektor hoch zu Wagen in dem Getümmel der Verfolgenden, mit erhobener Lanze daherfahrend. Sicher hätte der Greis in wenigen Minuten von seiner Hand den Tod gefunden, hätte nicht Diomedes, der auch im Fliehen begriffen war, seine Not bemerkt und sich des hart Bedrängten erbarmt. Er fuhr zu ihm heran und rief auch den Odysseus herbei, um dem Alten beizuspringen, aber auch jener floh, von Angst überwältigt, eiligst mit den andern vorüber und hörte ihn nicht. Hektor verfolgte die Flüchtlinge, wie der Hund die zusammengescheuchte Herde, und die Donnerschläge, die der mächtige Zeus vor sich her sandte, erfüllten alle Troer mit neuem Mute. »Da kommt er! da ist er!« rief Diomedes dem Nestor hastig zu. »Steige hurtig auf meinen Wagen, mein Diener mag laufen!« Der Alte stieg hinauf und nahm die Zügel. Aber fliehen war jetzt gefährlicher als stehen, denn Hektor war schon nahe hinter ihnen. Darum wählte Diomedes das Rühmlichste und Sicherste zugleich, er warf mit aller Kraft seinen Wurfspieß auf den andringenden Feind. Zwar verfehlte er ihn; aber er traf den Wagenlenker Eniopeus , daß dieser seitwärts herabfiel und die Rosse zurückscheuten. Das verwirrte auch den Hektor; er mußte die Pferde in Ordnung bringen und die Zügel so lange selbst halten, bis er einen andern Troer herbeigerufen hatte, der den Platz des Getöteten einnahm. Diesen Augenblick hätte Diomedes gar wohl zur Flucht benutzen können; aber jetzt gerade trieb ihn sein verwegener Geist noch eine Lanze auf Hektor hinzuschleudern, und wahrscheinlich wäre auch jetzt schon Trojas letzter Hort gefallen, wenn nicht plötzlich aus der nahen Wetterwolke ein Blitzstrahl dicht vor Diomedes' Gespann niedergefahren wäre, daß hoch vom Boden die schweflichte Flamme emporloderte und die Pferde bäumend zusammenfuhren. Jetzt entsanken selbst Nestors Händen die Zügel, und entsetzt rief er dem Sohne des Tydeus zu: »Auf! Auf! laß uns eilig fliehen! Erkennst du nicht, wie Zeus selbst uns warnt und jenem heute Ruhm verleihen will? Es ist hohe Zeit; denn dem Ratschluß des Olympiers dürfte selbst der Mächtigste nicht zu widerstehen wagen.« »Wohl, wohl!« sprach Diomedes. »Aber soll denn Hektor von mir sagen, ich sei bange wie ein Weib vor ihm geflohen? Müßte ich das hören, so möchte mich lieber die Erde verschlingen!« »Das wird er nicht; und gesetzt auch, er thäte es, so würden alle Troerinnen ihm widersprechen, deren Männer und Söhne du in der Schlacht niedergestreckt hast.« So sprach Nestor und wandte schnell die Rosse zur Flucht. Sie rannten in vollem Laufe dem Thore der Verschanzung zu, und Hektor mühte sich vergebens die Fliehenden zu erreichen. Da rief er ihnen höhnend mit lauter Stimme nach: »Ha, Diomedes! so lange haben dich die Achäer beim Schmause mit dem obersten Sitz und dem besten Stücke Fleisches geehrt und dir den Becher am fleißigsten gefüllt; aber von nun an werden sie dich verachten, denn wie eine Memme entfliehst du. Lauf! lauf! verzagtes Weib! ich komme, ich komme! Ha ha ha! du wirst uns wahrlich die Stadt nicht verwüsten und unsere Frauen wegführen! Eher sende ich dir selber den Tod!« Das erregte den Zorn des tapfern Diomedes! aber immer noch zweifelte er, ob er umkehren und dem spottenden Hektor Widerstand leisten solle oder nicht. Jedoch die schrecklich rollenden Donner des Zeus waren dem greisen Nestor gebieterische Zeichen; er bändigte das Herz des ungestümen Mannes und fuhr in immer größerer Hast auf das Thor des Lagerwalles zu. Beinahe hätte sie Hektor noch erreicht, denn er verfolgte sie, indem er mit aller Macht seine Rosse zu stürmendem Lauf antrieb. »Hallo!« rief er, »ihr raschen Renner, jetzt gilt's! jetzt lohnt mir die Pflege, die euch Andromache erwiesen, wenn sie euch früher als mir selbst den Hunger gestillt und den erquickenden Trank gereicht hat! Auf! greift aus, damit ich Nestors berühmten Schild und Diomedes' strahlende Rüstung erbeute und mir unsterblichen Ruhm erwerbe!« Aber der Wagen des Diomedes erreichte glücklich das Thor, und jene waren geborgen. Dafür trieb nun Hektor die übrigen Achäer scharenweise vor sich her und tötete viele; auch die andern verfolgenden Troer richteten eine große Niederlage an. Hektor ermunterte laut die Seinen zum Angriff auf die Mauer und gab schon Befehl Feuerbrände aus der Stadt zu holen und die Schiffe in Brand zu stecken. Aber dahin kam es diesmal noch nicht. Zwar waren die Griechen sämtlich in ihre Verschanzung zurückgedrängt, allein sie da anzugreifen schien doch zu gefährlich; und so schwache Hindernisse auch die Mauer und der Graben für ein wohlgeordnetes Heer geboten haben würden, so unübersteiglich waren sie für so ungeübte Haufen, die noch nichts von einem regelmäßigen gemeinschaftlichen Angriff in geschlossenen Gliedern wußten und noch weniger gewohnt waren ihre Bewegungen nach dem Befehle eines Einzelnen einzurichten. Die Achäer standen also jetzt hinter ihrer Mauer, dicht nn die Schiffe gedrängt, die – wie ich noch einmal bemerke – auf dem trockenen Ufer über untergelegten Bäumen ruhten, damit sie nicht zu sehr der Fäulnis ausgesetzt seien. Das schreckliche Gewitter war inzwischen vorübergezogen, und die Sonne trat wieder hervor. Da bestieg Agamemnon das mittelste von den Schiffen – es gehörte dem Odysseus – um von allen gesehen und verstanden zu werden, und als die Völker ihn erblickten, schwiegen sie; er aber rief ihnen mit lauter Stimme zu: »Schande über euch, ihr Söhne von Argos, die ihr in Lemnos noch prahltet, jeder von euch wolle es mit hundert Trojanern aufnehmen! So geht's mit dem thörichten Geschwätz beim fetten Schmause und beim vollen Weinkrug! Jetzt ist ein einziger Mann euch so furchtbar, daß ihr alle vor ihm wie gescheuchte Rehe flieht. Schon droht er die Schiffe zu verbrennen; kein Wunder! eure Feigheit macht ihn ja kühn. O Vater Zeus, hast du wohl je einen mächtigen König mit so schwerem Fluch beladen als mich? Und ich habe dir doch so vieler Stiere Fett und Schenkel geopfert; selbst auf dem Zuge hierher bin ich vor keinem deiner heiligen Tempel vorübergegangen, in welchem ich nicht dir zu Ehren köstliche Hüftenstücke verbrannt hätte, damit du mir Sieg verliehest auf meiner Fahrt und damit von meinen Händen Troja fiele. Aber aller Opfer und Gelübde uneingedenk, hast du wohl gar beschlossen uns hier zu vertilgen!« Und wirklich sandte Zeus dem Agamemnon ein Zeichen, das ihn trösten sollte. Ein Adler kam vom Ida hergeflogen und hielt ein Hirschkalb im Schnabel, das ihm entfiel, als er eben hoch über die Schiffe der Griechen hinflog. In der Nähe des großen Opferaltars stürzte es zur Erde. Dies Zeichen erfüllte die Griechen wieder mit dem erfolgreichsten Mute. Die Troer waren weit entfernt den Feind enger einzuschließen oder nur den Ausgang aus der Verschanzung zu versperren. Und ehe sie sich dessen versahen, brach Diomedes auf seinem Wagen wieder hervor und warf den ersten, der sich ihm entgegenstellte, mit der Lanze nieder. Da flohen die wenigen andern, und der Platz vor dem Thore ward frei. Nun zögerten auch die übrigen Helden Achajas nicht länger; Menelaos und Agamemnon, Odysseus und Idomeneus und die andern tapfern Fürsten fuhren würgend gleich Wölfen unter den Troß gemeiner Troer. Teukros aus Salamis hatte keinen Schild; er war nur den Bogen zu führen gewohnt, zu dem er beide Hände brauchte; daher hielt er sich stets hinter seinem Bruder Aias, der ihn mit seinem großen Schilde deckte, so oft er in Gefahr kam. Er traf bewundernswürdig mit seinem Geschoß, der junge Schütze. Kein Pfeil verfehlte sein Ziel. Agamemnon sah ihm mit Lust zu und klopfte dem Jüngling auf die Schulter: »Brav, mein Lieber, so bringt man dem Vater daheim Ruhm und Freude im Alter! Immer nur zu! und wenn mir die Götter den Sieg über Troja verleihen, dann soll dir dein Ehrengeschenk nicht fehlen, sei's nun ein dreifüßiges Becken oder ein Doppelgespann mit dem Wagen oder ein blühendes Mädchen.« »Ruhmgekrönter Sohn des Atreus,« antwortete rasch der lockige Jüngling, »was treibst du mich an, da ich selber mich treibe? Seitdem wir vor Ilios liegen, habe ich schon Männer genug mit meinen Pfeilen darniedergestreckt, und heute allein sind von mir schon acht gefallen! nur den wütenden Hund dort, den Hektor, vermag ich nicht zu erreichen.« Kaum war das Wort gesprochen, als Hektor nahete, hoch auf seinem Wagen daherfahrend. Teukros legte augenblicklich einen Pfeil auf seinen Bogen und schnellte ihn auf den Helden ab. Er traf ihn zwar nicht, dafür aber streckte er einen andern Trojaner nieder, den edlen Gorgythion . Hektor verfolgte eben einen Fliehenden und ward des Teukros noch nicht gewahr; da wagte es der Jüngling noch einmal nach ihm zu zielen und siehe! der Pfeil flog dem Wagenlenker mitten durch die Brust, daß er herabstürzte und die Pferde seitwärts prallten. Hektor rief geschwind seinen Bruder Kebriones herbei und gab ihm die Zügel, sprang dann rüstig vom Wagen herab und ergriff einen Feldstein. Teukros, den seine Kühnheit verleitete einen dritten Schuß auf Hektor zu versuchen, zielte eben und spannte kräftig die Senne; da kam der gewaltige Stein aus Hektors Hand auf ihn hergepflogen und traf ihn gegen die Brust, daß ihm der Bogen entfiel und er betäubt in die Kniee sank. Jetzt sprang Aias, sein treuer Bruder, auf ihn zu und bedeckte ihn mit seinem Schilde, bis zwei herbeieilende Männer den Verwundeten in sein Zelt trugen. Aber nicht dieser allein stöhnte, von Hektors Wurfe getroffen. Allgemein fast war die Niederlage, welche Hektor und die Troer aufs neue vor den Verschanzungen der Achäer anrichteten. Die Tapferkeit der Fürsten war auch diesmal nur von kurzer Dauer gewesen. Denn vor Hektors Wüten wagte niemand sich weit vom Eingange des Lagers zu entfernen, und es währte nicht lange, so waren sie insgesamt zum zweitenmale hinter die Mauer zurückgedrängt. Traurig sahen die beiden Schutzgöttinnen der Achäer, Here und Athene, auf den unglücklichen Ausgang der Schlacht herab, und in ihrer Erbitterung gegen die Troer erkühnten sie sich den Befehl des Vaters der Götter zu übertreten und zum Beistande der Bedrängten hinab zu eilen. Schon hatten die himmlischen Rosse die Hälfte des luftigen Weges zurückgelegt, da erblickte sie Zeus vom Ida her, und heftig ergrimmt wollte er schon den Blitzstrahl auf sie schleudern, allein er besann sich noch und schickte schnell mit einer gewaltigen Drohung – wo sie nicht umkehrten! – die Iris an die beiden Göttinnen ab. Diese verbargen den bittern Unmut und folgten seinem Befehle, doch nicht ohne Trotz. »Nun so will ich auch nimmermehr wieder mich um einen sterblichen Menschen bekümmern!« rief Here, »mag er mit ihnen machen, was er will.« – Athene aber schwieg, nur im Herzen dem mächtigen Vater grollend. So kamen die beiden Göttinnen wieder im Olymp an, spannten die Rosse aus und setzten sich dann im großen Göttersaale auf ihre Plätze nieder. Bald darauf langte auch der Vater Zeus oben auf der Höhe des Olympos an, und der Berg erbebte unter seinen Schritten. Er nahm seinen erhabenen goldenen Thron ein und warf einen finstern Blick auf seine Gemahlin und Tochter, welche, mit ihrer Arbeit beschäftigt, gleichfalls schmollend vor sich niedersahen und gar nicht einmal aufblickten, als er ankam. »Was blickt ihr so finster?« fing er an. »Ihr habt euch doch nicht ermüdet in dem heißen Kampfe gegen die Troer, denen ihr unversöhnlich zürnt! Aber fürwahr, wäret ihr nicht eilig umgekehrt, ich hätte euch getroffen, daß ihr zehn Jahre die Male hättet sehen sollen. Welcher Übermut trieb euch denn? Hattet ihr so ganz meiner Macht vergessen, daß ihr mir zu trotzen wagtet? Kommt doch einmal her und meßt eure Kräfte mit den meinigen! Wenn ich am Himmelsthore stünde und ließe eine Kette auf die Erde hinab und ihr alle, die ihr den ragenden Olympos bewohnet, hängtet euch an die Kette – ihr solltet mich nicht hinabziehen. Ich aber dürfte nur die Hand aufheben, so flöget ihr alle mit der Kette in die Höhe, ja die Erde selbst und das Meer zöge ich mit herauf; und wickelte ich dann das obere Ende der Kette um des Olympos vielzackigen Gipfel, so hinge das ganze Weltall in der Luft.« Indessen brach die Nacht herein und hemmte die ferneren Feindseligkeiten der Achäer und Troer. Hektor zog sich mit den Seinigen auf die Mitte der Ebene zurück und gab ihnen Verhaltungsbefehle. Weil er fürchtete, die Achäer möchten vielleicht heimlich in der Nacht die Schiffe besteigen und davonziehen, so riet er, das ganze Heer solle die Nacht hier unter freiem Himmel zubringen und überall Wachtfeuer anzünden, damit man alles sehen und sofort bei der Hand sein könne. Die Alten aber und die Knaben in der Stadt sollten Mauern und Thore wohl bewachen, daß nicht etwa der Feind seitwärts heranschleiche und die unbewehrte Stadt überrumple. Alle gehorchten ihm und lagerten sich auf der Ebene. Jünglinge trugen Holz vom Walde herzu und zündeten wohl tausend Wachtfeuer an; andere eilten nach der Stadt, um Rinder und Schafe zum nächtlichen Imbiß zu holen, und so erfreuten sich die einzelnen Haufen, je fünfzig Männer zusammen, der Speise und legten sich dann rings um die lodernden Flammen zur Ruhe, jegliche Schar von einem Hüter bewacht. Ein lieblicher Opferduft stieg vom Mahle der Schmausenden zum Himmel auf; und wie oben des Himmels dunkelblaues Gewölbe von tausend Sternen flimmerte, eben so wunderbar erschien auch die Erde mit unzähligen kleinen Feuern bedeckt. Ein herrlicher Anblick; nur den Achäern war er nicht erfreulich. Siebenter Abend. Agamemnons Friedensbotschaft an Achilleus. Im Lager bei den Schiffen herrschte Unmut und Furcht. Agamemnon selbst verzweifelte an der Möglichkeit eines glücklichen Ausgangs und berief in der Stille die Fürsten zu einer Beratung. »Freunde«, sprach er, »jetzt sehe ich's, Zeus will nicht erfüllen, was er uns durch so viele günstige Zeichen bei der Herfahrt verheißen; er will nicht, daß ich Troja erobern und euch mit Beute beladen zurückführen soll. Schon hat er unserer viele dahingerafft, und täglich wird das Elend größer. Fürwahr, er hat uns verderblichen Trug ersonnen und will unser nur spotten; darum ist mein Rat, wir ziehen die Schiffe ins Meer und kehren nach Hause zurück, damit wenigstens die noch Lebenden gerettet werden. Denn Troja erobern wir nimmermehr!« Die Fürsten schwiegen betroffen eine Weile; da sprang Diomedes auf und sprach: »König, zürne mir nicht, wenn ich deine Rede bestreite. Zwar schaltst du noch neulich meinen unkriegerischen, Sinn; doch jetzt wird es offenbar, daß du der Verzagteste von, allen bist, denn so sehr verzweifelt wohl noch keiner im Heere. Freilich, alles geben die Götter nicht einem , und dir hat Zeus nur eins verliehen, mit dem Scepter der Macht geehrt zu sein vor den andern; Tapferkeit aber, die wahre Stärke des Mannes gab er dir nicht! Wohlan, wenn dich das Herz so gewaltig treibt nach Hause zurückzukehren, so ziehe davon; der Weg ist frei und die Schiffe liegen bereit. Wir andern hingegen, wir, denke ich, harren aus und ziehen nicht eher nach der Heimat zurück, als bis die festummauerte Stadt zerstört liegt. Und entflöhen sie auch alle – ich samt meinem Sthenelos werden nicht weichen, denn die Götter haben uns hergeleitet.« Diese kühne Erklärung des Helden begeisterte alle Achäer wieder und zwang ihnen lauten Beifall ab. Das Vertrauen auf die Götter kehrte zurück; und als Nestor darauf mit langem Lobe dem Diomedes beistimmte, ward der Heimkehr gar nicht weiter gedacht. Jetzt riet der Greis die Mauer wohl zu bewachen, gleich den Troern ringsum Wachtfeuer zu erhalten und auf jeden Angriff gefaßt zu sein. Dem Agamemnon aber winkte er, die Freunde in sein Zelt zu laden und gastlich zu bewirten, um da jedes Einzelnen Meinung zu hören und der besten zu folgen. So zogen denn die Jünglinge, welche das Los traf, hinaus und lagerten sich, siebenhundert an der Zahl, zwischen dem Graben und der Mauer, zündeten die Wachtfeuer an und bereiteten daran ihr Fleisch zur Nachtkost. Die übrigen Achäer legten sich innerhalb der Ringmauern in den Zelten nieder und überließen sich dem Schlafe; nur die Fürsten ratschlagten noch in Agamemnons Zelte, nachdem sie des trefflichen Weines, den Agamemnon durch Schiffer aus Thrakien erhielt, und der fetten Rückenstücke wie auch des Brotes genug genossen hatten. Es versteht sich, daß der alte Nestor zuerst wieder unter den beratenden Führern das Wort nahm, und was er diesmal vorbrachte, war allen so aus der Seele geredet, daß keiner nach ihm noch etwas Besseres anzugeben wußte. »Ruhmreicher Atreide«, sprach er, »wenn du bedenken willst, seit wann uns die Götter so schreckliches Verderben gesendet haben, so wirst du dir selbst gestehen müssen, daß unser Unglück von dem Tage anhub, an welchem du den tapfersten Mann, den selbst die Unsterblichen ehrten, unverdient beschimpftest und kränktest, uns allen zu nicht geringer Betrübnis. Denn keiner von uns konnte es billigen, und ich, wie du weißt, habe dich mit allem Ernste abgemahnt. Nun aber dächte ich, da wir die Folgen nur allzu schwer empfinden, wir sähen zu, wie wir den Zürnenden durch freundliche Worte und durch Geschenke versöhnten.« »Würdiger Greis«, sprach Agamemnon, »ich weiß es, ich habe gefehlt; blindlings gehorchte ich meinem Zorn. Ach, es ist wohl wahr, solch ein einziger Mann, den Zeus sich im Herzen erkor, gleicht vielen Völkern an Stärke, und es reut mich schon seit jenem Tage, daß ich mich hinreißen ließ ihn zu beleidigen. Gern würde ich es vergelten mit reichlichen Gaben, wenn Achilleus wieder der unsere sein wollte. Zehn Pfund Goldes wollte ich ihm geben, sieben dreifüßige Kessel, die noch nie am Feuer gestanden haben, dazu zwanzig schimmernde Becken, zwölf meiner mutigsten Pferde und sieben von den Weibern, die mir von der Beute in Lesbos zufielen, tüchtige und zierlicher Arbeit kundige Jungfrauen. Ja! auch das Mädchen soll er wieder erhalten, um welches der leidige Zwist entstand; gern hätte ich sie schon damals zurückgesendet, als mir der Zorn verraucht war. Giebt mir aber Zeus endlich Glück, daß ich Priamos' mächtige Feste zerstöre, so soll er sein Schiff mit Gold und Silber im Überfluß beladen dürfen, und zwanzig troische Weiber mag er sich selbst erlesen, die nach Helena die schönsten sind. Und kommen mir endlich nach Argos, dem Segenslande, zurück und er will mein Eidam werden, so will ich ihm keine meiner Töchter versagen und sieben meiner volkreichsten Städte zum Brautschatze geben. Seht, so hoch will ich ihn ehren, wenn er jetzt den Zorn unterdrücken und sich mit mir versöhnen will! Zürnen doch Götter nicht ewig, den unerbittlichen Pluto ausgenommen, den aber auch alle scheuen. Geht und sagt ihm das! Er sollte mir doch wohl etwas nachsehen, da ich weit älter an Jahren bin und unendlich höher stehe an Macht. Meinet ihr nicht?« Nestor antwortete darauf: »Sohn des Atreus, du bietest herrliche Gaben; solch ein Versöhnungsgeschenk möchte auch wohl den Stolzesten besänftigen. Auf denn! laß uns sogleich erlesene Männer mit dieser Botschaft zu ihm senden; mein Rath ist, wir wählen dazu den Odysseus und Aias ; der alte Phönix , den ihm sein Vater Peleus zum Begleiter hierher mitgab und den er als seinen Erzieher und väterlichen Freund ehrt, mag sie einführen. Als Herolde können sie Hodios und Eurybates begleiten. Jetzt nun besprengt die Hände mit Wasser, damit wir den erhabenen Zeus um Erhörung anflehen.« Alle wuschen darauf ihre Hände und spendeten aus den frischgefüllten Bechern ein Trankopfer, beteten dann schweigend und sandten die erwählten Boten ab, denen Nestor noch vor der Thür des Zeltes einschärfte, ihr Möglichstes zu versuchen und mit allem Eifer den Peleiden zu überreden. Die fünf Männer gingen jetzt am Gestade des lautrauschenden Meeres hin zu den Zelten der Myrmidonen, welche auf dem äußersten Ende rechtshin lagerten, von den übrigen abgesondert. Sie fanden den Achill in seinem Zelte, eine Zither (Phorminx) schlagend und dazu die Siegesthaten der Helden singend. Ihm gegenüber saß sein trauter Freund und Waffenbruder Patroklos und horchte dem mächtigen Liede. Da traten zuerst Aias und Odysseus, die eigentlichen Gesandten, herein und sogleich legte Achill das Saitenspiel aus der Hand, erhob sich von seinem Sitze und ging den Männern entgegen. Auch Patroklos stand auf, sobald er die Männer erblickte, und bewillkommnete die alten Bekannten. »Glück auf, ihr Lieben!« begann Achilleus; »ihr seid mir herzlich willkommen, denn euch Braven zürne ich nicht. Setzt euch hier auf die Teppiche, und du, Patroklos, stelle einen größern Mischkrug her, mische auch stärkeren Wein, und fülle jedem den Becher bis zum Rande; denn fürwahr! werte Gäste sind unter mein Zelt gekommen.« Der Freund besorgte alles, zerschnitt auch die Schulter eines fetten Mastschweins und drehte die Stücke an Spießen über der Glut des Feuers, zog sie dann herab und legte jedem davon vor. Auch Salz reichte er ihnen und Brot aus dem Korbe, und sie aßen und sprengten in frommer Sitte den Göttern. Hierauf ergriff Odysseus den Becher und trank dem Achilleus mit Handschlag zu, wie schon damals üblich war. »Sohn des Peleus«, fing er an, »es mangelt uns drüben in den Zelten auch nicht an der Fülle des gemeinsamen Mahles, und Trinkens halber sind wir nicht hergekommen. Aber uns drängt eine andere Not, und wir dürfen sie dir wohl nicht erst klagen. Ja, wir sind nun dahin gekommen, daß unsere Schiffe verloren sind, wofern du dich unser nicht annimmst. Denn Zeus hat den Troern rechtshin leuchtende Zeichen gesandt, und Hektor wütet unbezwinglich. Schon hat er laut gedroht uns die Schiffe vor unsern Augen zu verbrennen, und er weicht selbst der Nacht nicht mehr, sondern hat sich nahe bei uns auf offenem Felde gelagert, und rings flammt furchtbar die weite Ebene von den Wachtfeuern der Trojaner. Sicher harrt er mit Ungeduld schon auf den Anbruch des Tages, um uns alle zu vernichten; denn er scheut keinen mehr, weder Menschen noch Götter. Dich allein hat er immer gefürchtet, und du nur könntest uns von ihm befreien. Siehe, unser Geschick liegt in deiner Hand; laß dich bewegen, da es noch Zeit ist! Lägen wir alle getötet, dir würde es sicher leid werden, so unerbittlich hart gewesen zu sein. Aber geschehenes Unheil würdest du dann nicht mehr ändern können. Jetzt ist noch Hilfe möglich, jetzt komm und verlaß uns nicht in unserer Not! Laß den Groll! Denke, wie dein alter Vater dich an jenem Tage ermahnte, als er dich aus Phthia dem Agamemnon zusandte.« »Lieber Sohn«, sprach er, »Siegesstärke werden dir die Götter geben, denn sie sind dir verwandt; aber bändige nur dein rasch aufbrausendes Blut und das stolze Herz im Busen; denn freundlicher Sinn ist besser. Meide Hader und Streit, damit alt und jung dich höher noch ehre.« »Sieh, so ermahnte der Greis, aber du hast sein Wort vergessen! Doch auch jetzt noch laß dich bewegen; höre nur, welche Gaben dir Agamemnon bietet. Wahrlich, es sind so köstliche, daß sie allein hinreichen würden einen Mann reich und geehrt zu machen. Erstlich will er dir sogleich jetzt zehn Pfund Goldes, sieben neue dreifüßige Kessel und zwanzig glänzende Becken schenken, dazu zwölf prächtige Rosse, siegreiche Renner, und sieben Sklavinnen aus Lesbos, kundig der Arbeit, vor allen aber deine geliebte Briseïs, um die du so zürnest; und dann endlich verspricht er dir von Trojas Beute – wofern es uns gelingt die Stadt zu erobern – Goldes und Silbers die Fülle; dein Schiff will er mit Schätzen beladen und zwanzig der schönsten Jungfrauen dir schenken, die du dir selbst aus den Gefangenen erlesen sollst. Was aber das Herrlichste ist, er will dich, wenn dir's gefällt, bei der Heimkehr mit nach Argos nehmen und dich zu seinem Eidam machen, und die sieben schönsten Städte in seinem Reiche sollen dein Brautschatz sein. – Sage, kann wohl ein Feind versöhnlicher sein? Aber wenn er auch nichts dir böte, und wenn du ihn haßtest trotz aller Geschenke, so solltest du doch unserer Not dich erbarmen und des verzagenden Heeres, welches dich wie einen Gott verehren würde, wenn du den Hektor erlegtest, der nun sich rühmt, ihm gleiche keiner im Danaervolk. Wahrlich, unsterblicher Ruhm würde dir zu Teil werden!« Achilleus hörte die lange Rede unbeweglich an und gab dem Odysseus folgende Antwort: »Edler Sohn des Laërtes, ich möchte dir und euch allen gern vergebliches Reden ersparen; darum will ich frei heraussagen, was bei mir beschlossen ist! Weder Agamemnon noch ein anderer Achär soll mich wieder bewegen je für dieses Volk zu fechten, von dem kein Ruhm und kein Dank zu erwarten ist. Gleiche Ehre genießt ja bei euch der Feige und der Tapfere, gleiche Ehre wer im sichern Hause sich birgt und wer in den Regen sausender Lanzen sich stürzt. Was frommt es mir denn für andere mein Leben im Kampfe zu wagen? Wie eine Schwalbe den nackten Jungen die mühsam gefundenen Bissen zuträgt und sich selbst die Nahrung abdarbt, so habe ich für die Achäer unzählige Tage Schweiß und Blut vergossen und manche unruhvolle Nacht durchwacht, habe in der Feldschlacht gestritten und der Feinde Häuser angezündet, nur um jenen ein Weib zu erobern! Zwölf bevölkerte Städte habe ich zu Schiffe und elf andere auf dem Festlande im Gebiete von Troja verwüstet, und immer habe ich dem Agamemnon ehrlich die Beute zu gleicher Verteilung gebracht. Und was hat er indessen gethan? Ruhig hat er bei den Schiffen gelegen, lachend meine Beute in Empfang genommen, einiges verteilt, das meiste aber für sich behalten! Dennoch freut sich jeder der Fürsten eines Ehrengeschenks, das er sicher bewahrt; mir nur, mir entreißt er das meine, das reizende Weib, das mir so lieb war als eine Gattin. Und warum sind wir ihm denn hierher gefolgt? War's nicht der schöngelockten Helena wegen, die sein Bruder nicht verschmerzen konnte? Ei, beim Zeus! lieben denn allein die Atreiden ihre Frauen? Ist nicht jedem die seinige wert, daß er sie ehrt und pflegt zu Hause? Wahrlich, ich bekenne es frei, ich liebte die Briseïs so herzlich, und der Unverschämte – – Nun, er mag's büßen! Er kann ja mit dir, Odysseys, und mit den andern Fürsten, auf die er so trotzte, den Hektor erlegen und eure Schiffe vor dem feindlichen Feuer schützen. Was er ohne mich angefangen hat, mag er auch ohne mich vollenden. Ich habe gesehen, ihr habt da eine gewaltige Mauer und Gräben ringsum gebaut, und wie ich höre, hat das euch auch schon gute Dienste geleistet. Ha, so lange ich noch mitstritt, wagten sich die Trojaner kaum aus ihrem skäischen Thore heraus, höchstens einmal bis an die hohe Buche; denn da war es ja, wo Hektor mir einmal Stand hielt und dann vor meinem Angriffe erschrocken zurückfloh. Nun, er soll mich nicht wieder sehen; morgen oder übermorgen ziehe ich mein Schiff in das Meer, bringe dem Zeus und den übrigen Göttern ein Opfer, und wenn du achtgeben willst, mein Freund, und solche Dinge dich kümmern, so kannst du meine Schiffe im Morgenrot auf dem Hellespontos dahinschwimmen sehen. Giebt mir Poseidon eine glückliche Fahrt, so kann ich am dritten Tage schon in Phthia, meiner Heimat, sein, wo mir der Güter so viel aufgehäuft liegen, daß ich der Gaben des Übermütigen nicht bedarf. Ich verlange nichts von ihm und achte ihn selbst nicht so viel! Nein, und böte er mir noch zwanzigmal größere Güter, böte er mir eine Stadt wie das ägyptische Theben, von dem die Leute sagen, es habe hundert Thore und aus jedem zögen zweihundert Mann mit Rossen und Wagen zum Streite aus – dennoch sollte er mich nicht bewegen, bis er mir die Schmähung abgebüßt hätte! Auch keine Tochter begehre ich von ihm, und wäre sie schön wie Aphrodite und klug wie Athene in weiblicher Arbeit. Er mag sich einen andern Eidam wählen, einen der vornehmer und mächtiger ist als ich. Denn erhalten mich nur die Götter und erreiche ich glücklich die Heimat, so wird mir mein Vater Peleus schon eine edle Gemahlin erwählen. Es giebt ja der schönen Achärinnen viele, Töchter reicher Fürsten, denen es nicht an Brautschatz mangeln wird. Und dorthin nach Phthia steht mein Sinn, dort freue ich mich jetzt schon im Überfluß reicher Güter das treffliche Volk meines Vaters einst zu beherrschen, ruhig und in Eintracht des Lebens mit einer holden Gattin genießend. Denn über alle Schätze Agamemnons geht doch das Leben, und einmal verloren, kehrt es nie wieder zurück. Wißt ihr nicht, was meine göttliche Mutter vom Rate des Schicksals mir offenbart hat? Entweder soll mein Name auf Erden unvergänglich werden, und dann sterbe ich früh in der Schlacht; oder ein hohes, aber ruhmloses Alter wartet meiner. – Nun so sei es denn, wie ich gesagt; und wollt ihr noch ein ratendes Wort von mir hören, so sei es dies: Macht euch fort mit den Schiffen, ehe sie Hektor euch verbrennt; denn Priamos' Stadt schirmt mit mächtiger Hand Zeus Kronion, und ihr werdet sie nimmer erobern! Jetzt geht, ihr Freunde; bringt diese Botschaft den Achäern. Den Phönix aber laßt mir hier; der alte Mann ist mit mir hergekommen, so will ich ihn auch wieder mit mir nehmen, wenn er mir freiwillig folgen will.« Alle verstummten vor Erstaunen über Achilleus' strenge Rede; aber der greise Phönix begann: »Ja, Herr«, sagte er, »wenn es einmal dein Wille ist den Achäern nicht länger beizustehen, sondern nach Hause zu rudern, dann freilich muß ich wohl mit dir ziehen; denn wie konnte ich ohne dich hier allein zurückbleiben? Dein alter Vater hat mir ja dein blühendes Leben auf die Seele gebunden, als die Fahrt unternommen ward; ach! du warst noch so jung und hattest dich an mich gewöhnt von Kindesbeinen an! Habe ich dich doch als unmündiges Knäblein fast täglich auf meinen Armen getragen, und an keinem hingst du so wie an mir, wolltest auch mit keinem andern zum Gastmahl gehen, noch zu Hause essen, ehe ich dich nicht auf den Schoß nahm und auf meinen Knieen schaukelte. Ich mußte dir die Speise zerschneiden und den Becher vorhalten. Da hast du mir oft das Kleid vorn am Busen beschüttet, wenn du mit unbehilflicher Hand zu hastig den Trank verlangtest. Aber ich habe dich doch immer wieder aufgenommen und noch ganz anderes für dich mit Freuden getragen. Denn da mir die Götter eigene Kinder versagt hatten, so warst du in meinem Herzen immer mein Sohn; anders habe ich dich nie betrachtet, habe auch immer gehofft, du würdest mich einst im Alter schützen und hoffe es noch. Jede deiner herrlichen Thaten machte mich stolz und froh, wie ein Vater sich freut über einen wackern Sohn; – – aber jetzt, vergieb mir, göttlicher Achilleus, jetzt betrübst du mich schmerzlich durch dein hartes Verfahren. Bezähme doch deinen heftigen Zorn! Milder Sinn steht dem Helden so schön; selbst die erhabenen Götter grollen nicht immer, Räuchern und Spenden des Weins und Duft der Opfer und büßendes Flehen der Sterblichen kann auch ihren Haß versöhnen; das haben wir oft erfahren. Wahrlich! Wehe dem Manne, der auf die reuigen Bitten nicht hört und gegen den Feind, der sein Unrecht erkennt und es gern sühnen möchte, das Herz verhärtet! Siehe doch, welche Gaben Agamemnon bietet, um dich wieder zu gewinnen! Was ist die Kränkung, die er dir angethan, gegen diese unendlich überwiegende Ehre? Wie könntest du ruhmvoller aus diesem Kampfe hervorgehen? So dachten doch die alten Helden nicht, von denen die Väter uns erzählen. Wohl zürnten sie schrecklich; aber sie ließen sich auch wieder besänftigen. Einer That gedenke ich aus alter Zeit, die laß dir erzählen! Wider die Kureten stritt einst die mutige Schar der Ätoler um das Haupt und die Haut des kalydonischen Ebers, jenes Ungeheuers, welches zu töten die stärksten Jünglinge beider Völker sich vereinigt hatten, und welches Meleagros , der Königssohn aus Kalydon , endlich erlegt hatte. Vergebens berannten die Kureten diese Stadt, so lange Meleagros unter ihren Gegnern kämpfte. Aber einstmals erzürnte seine eigene Mutter ihn so heftig, daß er schwur nicht wieder mit hinauszuziehen, ob auch die Einwohner alle untergingen. Da donnerte wild um die Thore der feindliche Sturm, und Geschosse und Feuerbrände flogen über die Mauern in die Stadt. Vergebens war alle Gegenwehr der Ätoler; sie waren zu schwach und wurden immer wieder zurückgetrieben. Da kamen zum Meleagros die ältesten Männer von Kalydon, auch die Priester der Stadt, und baten ihn, daß er doch wieder auszöge in den Kampf gegen die Kureten; sie boten ihm die reichsten Geschenke, fünfzig Morgen Landes, halb mit Reben bepflanzt und halb mit blühender Kornsaat; alles umsonst. Es kam auch sein Vater, der greise Öneus , selbst die Mutter, die ihn vorher verwünscht hatte, weil er unvorsichtig im Kampfe einen ihrer Brüder getötet; es baten ihn die lieben Schwestern und die Freunde. Aber sie alle konnten sein Herz nicht bewegen. Endlich, als schon die Kureten die Mauern erstiegen, als schon die Pfeile ihm in seinen eigenen Hof flogen und die nahen Häuser von Flammen leuchteten, da raffte er sich auf, um das seine besorgt, und trieb mit fürchterlichem Speere die Würger zurück, daß sie die schon ergriffenen Weiber und Kinder wieder ließen und eilig flohen. Viele erlegte er noch auf der Flucht, und die Stadt war gerettet. Aber die köstlichen Geschenke erhielt er nun nicht; denn er hatte ja nicht die Waffen ergriffen, als die Ätoler ihn baten. So blieb sein Dienst unbelohnt. Sieh, Achilleus, du bist in demselben Falle, aber noch ist die äußerste Gefahr zum Glück nicht da. Noch kannst du mit Ehren deinen Feind versöhnen und unermeßliche Güter erwerben. Wenn du erst für die brennenden Schiffe fechten mußt, wird dir's kein Ruhm sein, wie tapfer du auch strittest.« »Guter Phönix«, entgegnete Achill gleichgültig, »dieser Ehre bedarf ich nicht; ich denke, die Achäer kennen mich doch schon und werden mich nicht verachten. Aber daß ich auch dir es kurz sage: Sprich und klage mir nicht wieder von jenem vor, du möchtest sonst meine Liebe zu dir in Unmut verwandeln. Du solltest vielmehr als mein Freund den hassen, der mich gekränkt hat. Nun, sicher treten wir zusammen die Heimfahrt an; bleib nur sogleich bei mir. Patroklos wird dir ein weiches Lager bereiten. Den Auftrag besorgen die andern schon; wir aber halten morgen Rat, ob wir noch bleiben oder heim segeln.« Aias stand auf und sah den Odysseus an. »Ja«, sprach er, »so müssen wir wohl wieder gehen; denn schwerlich, scheint es, möchten wir bei diesem hartherzigen Manne unsere Absicht erreichen, und das ganze Lager wartet mit banger Sorge auf uns. Grausamer, der alle seine Freunde für einen büßen läßt! Wie mancher vergißt den Zorn und die Rache für einen ermordeten Sohn oder Bruder, wenn der Mörder sich reuig vor ihm niederwirft und Hand und Gaben zur Sühne bietet! Aber dir schlägt ein eisernes, unversöhnliches Herz im Busen, und das alles um des einzigen Mädchens willen! Sollst du sie doch unbefleckt zurückerhalten und sieben andere dazu und unermeßliche Gaben, so viel ein Mensch nur fordern kann. O ließest du dich doch erbitten! Wir sind hier deinem gastlichen Herde genaht und sind aus der Vater Zeiten schon alte Freunde deines Hauses, wir haben dich immer geehrt und wert geachtet vor allen Achäern; uns solltest du nicht so kurz abweisen. Warst du doch sonst nicht so lieblos gegen uns!« »Aias, göttlicher Sohn des Telamon«, erwiderte ihm Achilleus, »ich bin es auch jetzt nicht, du hast mir Wort für Wort aus der Seele geredet. Aber ich kann mich mit ihm nicht versöhnen; es ist mir unmöglich! Es ist nicht das Mädchen; es ist sein entehrendes Betragen, die Schmach, die er vor aller Achäer Augen auf mich gehäuft hat! Nein, ich vergebe ihm das nicht! Geht und bringt ihm die Botschaft! Nicht eher greife ich wieder zum Schwerte, als bis die Geschosse und die Feuerbrände der Troer selbst in meine Schiffe fliegen. Aber ich denke, er wird sich hüten vor meiner Nähe, der furchtbare Hektor, und an meinen Zelten sich des Kampfes enthalten.« Die Abgesandten sahen nun wohl, daß ihre Beredsamkeit bei dem felsenfesten Manne nichts weiter ausrichten würde, daher gingen sie wieder in das Zelt Agamemnons zurück; nur der alte Phönix blieb beim Achill, der ihn mit freundlicher Teilnahme, ja mit Hochachtung pflegte und beherbergte. Die griechischen Fürsten waren schwer betroffen über die Antwort, welche Odysseus und Aias ihnen zurück brachten; nur Diomedes beseelte durch sein unerschütterliches Vertrauen den Mut der übrigen wieder. »Dachte ich's doch gleich«, rief er, »daß keine andere Antwort erfolgen würde! Hättest du, mächtiger Atreide, nur lieber gar nicht hingeschickt und noch dazu so reiche Geschenke geboten! Der Übermütige ist ohnehin schon stolz genug, wie wird er nicht erst jetzt nach deiner Demütigung prahlen! Das hat ihn noch recht in seinem hochfahrenden Sinne bestärkt! Aber ich denke, wir lassen ihn, bis er selbst der trägen Ruhe satt ist; denn daß er thatlos sich ganz und gar dem Kampfe entziehen sollte, kann ich nicht glauben. Wohlan denn, so laßt uns als tapfere Männer mit dem eigenen Schwerte unsere Sache verfechten; führe du, König, morgen mit Tagesanbruch die Völker hinaus, ermuntere sie wacker zum Streite, und kämpfe du selbst unter den Vordersten kühn, wie's dem Feldherrn zukommt! Jetzt aber laßt uns des süßen Schlafes genießen, denn es ist spät, und morgen gilt's unermüdet zu kämpfen.« Alle stimmten ihm bei, füllten noch einmal die Becher, sprengten den Göttern und gingen dann auseinander, ein jeder in sein Zelt, um zu ruhen. Achter Abend. Die Kundschafter. Agamemnon suchte vergebens auf seinem Lager den erquickenden Schlummer. Tausend Bekümmernisse durchkreuzten seine Seele. Er dachte an Hektors Drohungen, an die Niederlage des vorigen Tages, an das unglückliche Zeichen des Zeus und sah einem noch verhängnißvolleren Tage entgegen. Er hatte insgeheim seine letzte Hoffnung noch immer auf Achills Rückkehr gesetzt; um ihn ganz gewiß zu versöhnen, hatte er jenen ungeheuern Preis geboten; auch diese letzte Hoffnung war jetzt vereitelt, und er hatte sich vergeblich vor seinem Feinde erniedrigt. Von solchen Gedanken gequält, stand Agamemnon auf und trat hinaus vor sein Zelt. Er streckte betend seine Arme zu dem glänzenden Sternengewölbe empor, während rings um ihn her, von den Mühen des verwichenen Tages ermattet, die Männer in tiefem Schlafe lagen. Alles war still, nur in der Ferne hörte er vom trojanischen Feldlager herüber noch verworrenes Rufen, auch lustiges Pfeifen- und Flötengetön, womit sich die Feinde die Zeit verkürzten. Die zahllosen Wachtfeuer brannten noch immer fort, und um jedes war eine Schar gelagert. Viele waren auch dort schon eingeschlafen, andere waren noch rührig. Agamemnon aber fand nirgend die ersehnte Ruhe; er mußte umhergehen, um die Freunde zu wecken. Indem er sich die Sohlen unterband und eine große zottige Löwenhaut umwarf, die den ganzen Leib bis auf die Füße verhüllte, trat sein Bruder Menelaos zu ihm ins Zelt, ein Pardelfell um die Schultern. Auch ihn hatte die Sorge um den Ausgang des unseligen Krieges, den doch er allein begonnen, nicht schlafen lassen; daher hatte er sich aufgemacht und war mit der Lanze in der Hand zu seinem Bruder geeilt. Er wunderte sich ihn gleichfalls gerüstet zu finden und fragte ihn, was er zu thun gedenke. »Ach, Menelaos!« antwortete jener, »helfenden Rats bedürfen wir beide, und ich kann mich allein nicht fassen, denn die Angst verwirrt mir die Sinne. Ich muß die Freunde berufen, vielleicht daß einer unter vielen einen Rat ersinnt, durch den wir noch gerettet werden können. Du aber hilf mir sie wecken; geh dort hinunter zu Aias und Idomeneus, indes ich Nestor ermuntere, daß er die Schar der Wächter ordne, die ihm gewiß am freudigsten gehorchen wird. Du bleibe nur dort bei jenen, bis ich zu dir komme, sonst möchten wir einander verfehlen; denn die Nacht ist finster, und es gehen der Wege viele durchs Lager. Rufe auch die Wachen an und nenne jeden freundlich bei seinem Vaternamen, ja nicht vornehm und stolz dich erhebend, sondern laß uns vielmehr arbeiten wie die Geringsten! Es ist wahrlich nötig Mut und Liebe bei den Völkern zu erhalten.« So ermahnte er seinen Bruder und sandte ihn fort. Er selbst ging hin zu Nestors Gezelte und fand den Greis schlafend auf einem weichen Lager; neben ihm lag seine Rüstung, Schild, Helm und zwei Lanzen und sein wollener Leibgurt. Von dem Tritte des Kommenden erweckt, richtete er sich, auf den Ellenbogen gestützt, empor und fragte mit tiefer Stimme: »Wer bist du, der hier noch allein so spät in der Nacht herumwandelt, während andere Sterbliche schlafen? Suchst du jemand oder was willst du sonst? Rede und nahe mir nicht schweigend! Wessen bedarfst du?« Agamemnon sprach: »Nestor, Sohn des Neleus, erkenne doch die Stimme Agamemnons, des unglücklichen Mannes, durch welchen Zeus so viel Elend über die Achäer verhängt hat! Sieh, ich irre umher, weil der Schlaf mein Auge flieht; mir ist alle Besinnung dahin, die Glieder zittern, und das Herz will im Busen zerspringen. Stehe doch auf, Lieber, und laß uns draußen vor dem Thore nach den Wächtern sehen, ob sie auch noch munter sind, wenn es ja vielleicht dem rasenden Hektor einfiele uns mitten in der Nacht zu überfallen; denn jetzt befürchte ich alles.« »Nun, nun«, antwortete Nestor, »so viel auf einmal denke ich wird ihm Zeus ja nicht gewähren; ihn drücken auch Sorgen genug. Weiß er doch nicht, wie lange Achilleus noch zu ruhen gedenkt, und ich habe es wohl bemerkt, wie er scheu dessen Zelte vermeidet. Aber wohlan, ich begleite dich gern, doch laß uns auch die andern wecken, den Diomedes, Odysseus, auch den Aias und Idomeneus. Wenn doch einer zu diesen beiden hinunterliefe sie zu holen, denn ihre Zelte sind weit am äußersten Ende gelegen. Aber wahrlich, fast möchte ich den edlen Menelaos schelten, daß er die Nacht so ruhig verschlafen kann und dir alle Last zugewälzt hat; ihm ziemte es doch wohl der Thätigste von allen zu sein.« »Alter!« entgegnete Agamemnon, »diesmal verdient er den Tadel nicht, wenn er auch sonst wohl säumt und selten unter den Ersten erscheint; wiewohl auch das nicht Trägheit ist, denn er schaut nur immer erst nach mir und erwartet mein Beginnen. Aber diese Nacht ruht er so wenig als ich; er war schon vorher bei mir im Zelte. Ich habe ihn im Voraus hingesandt zu Idomeneus und Aias, damit er sie wecke und dort uns erwarte.« »Schön«, sprach Nestor und band sich die Sohlen unter die Füße, hüllte sich in den wärmenden Rock und warf den weiten wolligen Mantel darüber. Dann ergriff er die Lanze und ging mit dem Könige hinaus durch die dunkle Nacht die Schiffe entlang. Zuerst kamen sie an das Zelt des Odysseus und weckten diesen. Hurtig fuhr er auf, und als er die Freunde erkannte, sagte er: »Nun, was giebt's denn schon wieder, daß ihr so des Nachts umherschleicht? Welche Not treibt euch denn?« Ihm antwortete Nestor: »Zürne nicht, edler Sohn des Laërtes, uns liegt das Schicksal der Achäer am Herzen. Komm mit uns, daß wir auch die andern wecken und heilsamen Rat ersinnen, ehe der Morgen tagt.« Odysseus ergriff seine Waffe und eilte mit ihnen zu Diomedes' Zelte. Der ruhte draußen unter seinen Gefährten, hingestreckt auf eine Stierhaut, und zum Pfühl diente ihm eine wollene Decke. Neben den schlafenden Männern lagen ihre Rüstungen, und die Lanzen steckten mit dem Ende des Schafts in der Erde. »Auf! Sohn des Tydeus!« rief Nestor und stieß ihn ein wenig mit dem Fuße an. »Erwache, jetzt ist nicht Zeit so sorglos zu schlummern!« Diomedes sprang empor. »Alter«, sprach er, »du bist doch auch gar zu emsig und ruhst nimmer von der Arbeit. Sind denn nicht junge und rüstige Männer genug hier die Fürsten zu wecken? Du übertreibst es wahrhaftig!« Lächelnd erwiderte der Alte: »Freilich, mein Lieber, habe ich der Mannen und Völker genug, auch habe ich ja treffliche Söhne, die ich umher schicken könnte; aber die Not ist gar groß, da muß man selbst zur Hand sein. Jedoch willst du mich nun ablösen, so eile zu Aias und Idomeneus, da wirst du auch Menelaos finden; diesen sage, daß sie draußen vor dem Thore bei den Wächtern sich einfinden.« Sogleich legte Diomedes die Sohlen unter die Füße und warf die falbzottige Haut eines von ihm selbst erlegten Löwen um, die ihm bis zu den Knöcheln hinabreichte; dann ergriff er die Lanze und eilte davon. Die übrigen gingen hinaus zu den Scharen, denen die Wacht anvertraut war. Sie fanden die meisten derselben munter. »So ist es recht, Kinder!« redete sie Nestor an; »immer seid wachsam; keinen darf der Schlaf jetzt überkommen, dann hat's mit den Feinden keine Noth.« Er durchwandelte die Reihen, schritt dann über den Graben ein wenig hinaus ins Feld, und die übrigen Fürsten folgten ihm. Alle hatten sich zusammen gefunden; auch den Meriones und den Sohn des Nestor, als die vorzüglichsten unter den Befehlshabern der Wache, hatten sie zu der Beratung hinzugezogen. Sie setzten sich auf einen Hügel, der weniger von Blut und Leichen bedeckt war; denn rings umher lagen Tote in Menge. »Hört mich an«, sprach der greise Nestor zuerst; »wenn jetzt ein Mann Kühnheit genug hatte sich leise in das feindliche Lager zu schleichen und etwa ein Gespräch zweier Feinde oder gar die ratschlagenden Fürsten selbst in der Versammlung zu behorchen, so könnten wir vielleicht etwas Wichtiges erfahren und wüßten augenblicklich, welche Maßregeln wir zu ergreifen hätten. Wir wollten dem mutigen Manne auch gern ein Ehrengeschenk bewilligen, und er sollte zu jeglichem Feste und Schmause mit eingeladen werden.« Die Fürsten schwiegen eine Weile; dann begann Diomedes: »Nestor, das Wagstück nehme ich auf mich; aber wenn noch einer mit mir gehen wollte, so würde ich mit noch größerer Zuversicht und desto unerschrockener es wagen; denn wo zwei zugleich gehen, da sieht man doch immer eher, was heilsam ist, und es hat ein jeder mehr Vertrauen. Einer allein, wenn er auch noch so verständig ist, kann sich oft im Augenblicke der Gefahr und der Überraschung so geschwind nicht fassen und entschließen.« Sogleich erklärten sich alle freudig bereit. Aber Agamemnon sagte zu Diomedes: »Nun, siehe Freund, da hast du Begleiter genug! Jetzt wähle dir selbst den, dem du am meisten vertraust, und laß dich nicht etwa durch die Scheu vor einem geehrten Namen bewegen, den dir Erwünschteren zu übergehen.« Das sagte er vorzüglich, um ihn nicht wegen des Menelaos in Verlegenheit zu setzen, den jener sonst vielleicht aus Rücksicht auf ihn, den König, wählen zu müssen glauben konnte. »Nun«, erwiderte Diomedes, »wenn ihr mir's frei stellt, wen könnte ich da wohl lieber wählen als den göttergleichen Odysseus, der immer kühner wird, je drohender die Gefahr ist, und dessen List noch nie um den glücklichen Ausweg verlegen war! Denn ihn liebt Pallas Athene. Wenn er mit mir ist, so kehren wir unversehrt selbst aus flammendem Feuer zurück; so fest verlasse ich mich auf seinen Mut und seine Klugheit.« Odysseus ward fast beschämt über so großes Lob in Gegenwart der übrigen Fürsten und sagte: »Nun, du darfst mich so sehr nicht rühmen, Diomedes; denn die Achäer wissen ja, was ich vermag und was nicht. Aber willst du gehen, so komm; denn die Nacht eilt schnell, und dämmernd naht schon der Morgen. Leiht uns nur Rüstung und Waffen, wer von euch etwas bei sich hat; wir sind zu eilig vom Lager aufgesprungen.« Da gab Nestors Sohn, Thrasymedes , seinen Helm, seinen Schild und sein Schwert für Diomedes her; Odysseus nahm die Waffen des Meriones . Darauf eilten sie beide über das dunkle Gefilde hin, heimlich und unbemerkt von Athene geleitet. Rechts über ihnen flog ein Reiher hin, ein glückliches Zeichen! Zwar sahen sie ihn nicht im Dunkel der Nacht, aber sie hörten mit frohem Erstaunen sein Geschrei und beteten laut zu Athene, daß sie ihnen Glück auf dem gefährlichen Wege und eine ruhmvolle Rückkehr gewähren möchte. Kühner durch das gestärkte Vertrauen auf den Beistand der Göttin, schritten sie nun wie zwei Löwen mitten durch Leichen und Waffen und Blut hin. Siehe, da stieß ihnen schon auf der Mitte des Weges ein Abenteuer auf. Auch Hektor hatte eine Versammlung der Führer veranstaltet und gleichfalls die Aussendung eines Kundschafters veranlaßt. Er hatte das beste Rossegespann der Achäer dem zur Belohnung versprochen, der es wagen würde das Lager der Griechen zu erkunden. Die trefflichsten Rosse habe aber Achilleus. Von diesem Geschenk gelockt, ließ sich Dolon , eines trojanischen Herolds Sohn, bewegen das verwegene Geschäft auf sich zu nehmen. Obschon übel von Gestalt, war er doch ein rascher Läufer und meinte sich den Mut zu solchem Beginnen wohl zutrauen zu dürfen. Eben schritt er jetzt durch die Nacht übers Feld daher und wäre vielleicht den beiden Griechenhelden unentdeckt vorüber gegangen, wenn er so vorsichtig als sie geschlichen wäre. Aber Odysseus erlauschte schon von ferne die nahenden Tritte, stand sogleich still und sagte leise zu Diomedes: »Horch! da kommt ein Mann aus dem Lager. Was mag der wollen? Vielleicht einen Toten berauben, oder geht er wohl gar auf Kundschaft aus? Still! laß ihn erst ein wenig an uns vorüber gehen, dann setzen wir ihm nach; und will er entfliehen, so jagen wir ihn nach den Schiffen hin, damit er nicht zur Stadt entrinnen kann.« Sie legten sich hierauf still neben dem Wege nieder und jener zog bedachtlos vorüber. Sie ließen ihn etwa zwanzig Schritte vorausgehen, da rannten sie plötzlich aus aller Macht hinter ihm her. Erschrocken sah Dolon sich um, und als er die beiden feindlichen Männer dicht hinter sich erblickte, floh er, allein den raschen Schenkeln vertrauend, wie ein Hirsch dahin. Doch wie diesen die schnaubenden Hunde verfolgen, so ließen auch die beiden Helden nicht von dem Troer ab und jagten ihn, so oft er zur Stadt umzulenken versuchte, immer wieder seitwärts springend den Schiffen zu. Endlich des langen Verfolgens überdrüssig, rief Diomedes ihm zornig zu: »Steh, oder ich werfe dich mit der Lanze nieder!« Und zugleich warf er die sausende Lanze, absichtlich fehlend, ihm dicht am Kopfe vorbei, daß sie zischend vor ihm nieder in den Sand fuhr. Jetzt stand der Arme, und sogleich hielten ihn die beiden mit den Händen fest. Ihm klapperten die Zähne, seine Kniee bebten, sein Gesicht war totenbleich, und kaum konnte er vor Thränen die Worte stammeln: »Ach, nehmt mich doch nur gefangen, edle Männer; ich habe noch einen Vater daheim, reich an Gold und schön geschmiedetem Eisen; der giebt euch gewiß reichliches Lösegeld, wenn er hört, daß ich noch lebe.« »Sei getrost«, antwortete Odysseus, »dich darf kein Todesgedanke ängstigen, besonders wenn du uns jetzt ehrlich die Wahrheit sagst. Bekenne, was hast du hier allein auf dem Wege zu den Schiffen zu thun mitten in der Nacht, während andere Leute schlafen?« »Ach!« wimmerte Dolon, »an alle dem Unglück ist Hektor schuld; der hat mich verleitet auf Kundschaft auszugehen, ob ich nicht von den Ratschlägen der Achäer etwas vernehmen könnte. Achills Rosse zusamt dem prächtigen Wagen hat er mir zum Geschenk versprochen, wenn ich mit guter Botschaft zurückkäme.« »Achills Rosse!« sagte lachend Odysseus. »Ei wahrlich, dich hat nach einem hohen Preis gelüstet! Weißt du auch, daß die feurigen Tiere keinem andern Lenker gehorchen als allein ihrem Herrn? Nun weiter, sage uns doch, wo verließest du Hektor? in welcher Gegend hat er sein Lager? wo stehen seine Rosse? Und auch die andern Troer, wachen sie oder ruhen sie? Und wo sind sie gelagert? Sage auch, was sie im Rate verabredet haben!« »Ach, das will ich dir alles ganz genau erzählen«, sagte Dolon, noch immer zitternd. »Sieh nur, eigentliche Wachen haben sie gar nicht, sondern jeder Haufe hat sich sein eignes Feuer angezündet, und einer mahnt den andern zu wachen. Aber die meisten sind wohl eingeschlafen, und die Feuer brennen schon sparsamer. Hektor hält noch Rat mit den Fürsten dort hinten bei dem großen Feuer. Die Hilfsvölker endlich haben gar keine Feuer gehabt, sondern schlafen fest und überlassen den Troern das Wachen, denn sie haben ja keine Kinder und Gattinnen in der Nähe.« »Gut«, sagte Odysseus, »aber wie liegen sie denn? mit den Trojanern vermischt, oder abgesondert für sich?« »Ganz für sich«, antwortete Dolon; »nach dem Meere zu liegen die Karer, die Päonen, die Leleger, die Kaukonen und die Pelasger; dorthin nach Thymbra zu die Lykier und die Mysier, die Phryger und die Mäoner. Aber begehrt ihr vielleicht ein Volk in sicherer Ruhe zu überfallen, so geht nur links hin, dort ans Ende des Heeres; da rasten neu angekommene Krieger aus Thrakien, erst seit dem Abend hier und ganz ermüdet von der Wanderung, Alle lagern um ihren Führer Rhesos herum, der das schönste Rossepaar hat, das ich je gesehen habe, weiß wie blendender Schnee und von herrlichem Wuchse, im Lauf aber schneller als der Wind. Das wäre ein Fang für euch! Auch schöne Rüstungen hat er mitgebracht, die liegen rings zerstreut. Aber erst führt mich in sichern Gewahrsam zu euren Schiffen zurück, oder laßt mich hier gebunden liegen, bis ihr wiederkommt und selbst erfahren habt, ob ich die Wahrheit gesagt habe oder nicht.« Der arme Wicht! Er hatte umsonst dem hinterlistigen Worte des Odysseus vertraut. Und freilich ihn den weiten Weg bis ins Lager erst zurückzuführen war keine Zeit mehr; die Helden hatten schon kostbare Augenblicke verloren. Ihn zu binden fehlten die Stricke. Ihn laufen zu lassen ging aber noch weniger an. Da kündigte ihm Diomedes sein Schicksal an, und während Dolon rührend um das Leben bat, drückte er ihn mit der Linken, womit er ihn noch immer beim Arme festhielt, zu Boden und zerschnitt ihm mit einem raschen Hiebe seines scharfen Schwertes den Nacken, daß der Kopf in den Sand rollte. Dann setzten sie schnell ihren Weg fort und fanden in der bezeichneten Gegend die weißen Rosse des Rhesos wirklich; der Thrakerfürst aber lag im Kreise der Seinigen dicht daneben im tiefsten Schlafe. »Ha!« sprach Odysseus leise, »das sind sie, das sind die Rosse! Prächtige Tiere! Und sieh nur, wie schimmern die schönen blanken Rüstungen! Nun sei unverzagt und löse die Pferde behutsam, oder laß mich es thun und töte du die Männer.« »Das übernehme ich lieber!« sagte Diomedes, und sogleich machte er sich an das grausige Werk und durchschnitt mit scharfem Schwerte den zwölf Gefährten des Rhesos und zuletzt ihm selbst die Kehle. Schrecklich röchelten die Sterbenden, aber, dem Mörder zum Glück, erwachte keiner der Schläfer, und alle empfingen bewußtlos den Todesstreich. Das schaudervolle Gemetzel war vollendet, als Odysseus die Rosse losgeknüpft hatte. Jetzt zogen sie auf seinen Rat die Toten schnell beiseite, damit die Pferde, des Schlachtfeldes noch ungewohnt, sich nicht sträubten über die Leiber der Sterbenden hinzuschreiten, packten dann in der Eile so viele Rüstungen auf, als sie fortbringen konnten, schwangen sich auf die windschnellen Renner und jagten davon. Odysseus gebrauchte den Bogen statt der Peitsche und schlug tüchtig auf die Tiere los. Sie hatten auch Ursache zu eilen, denn eben in diesem Augenblicke erwachte der Vetter des Rhesos, der Führer des zunächst lagernden Thraker-Haufens, Hippokoon, und sprang mit lautem Geschrei auf, als er die fremden Männer auf Rhesos' Rossen entfliehen sah und gleich darauf den blutigen Mord entdeckte. Entsetzt rief er die Gefährten mit wildem Rufe herbei; aber ehe sie erwachten, waren die beiden Helden, von dem Dunkel der Nacht geschützt, schon ihren Augen entschwunden. Als sie zu dem Orte gelangten, wo Dolon erschlagen lag, sprach Diomedes zu Odysseus: »Halte hier einen Augenblick an, wir wollen doch dem Manne zu Ehren die schöne Rüstung mitnehmen.« Er sprang vom Pferde, nahm ihm Schild und Harnisch und den schönen Otterhelm ab und reichte alles, so blutig es war, dem Freunde aufs Pferd. Dann schwang er sich wieder auf, und nun sprengten sie rasch dem Lager zu. Hier saßen die harrenden Fürsten bei den Wächtern am Graben, um ein Feuer gelagert. Nestor vernahm sie zuerst: »Horch!« rief er, »mich dünkt, ich höre Pferdegestampf! Sollten das wohl die Unsern sein?« Sie standen auf und gingen ihnen entgegen. Jetzt hielten jene die Rosse an, sprangen herab und schüttelten den Staunenden unter lautem Jubel zuvörderst zum Gruße die Hände. »Aber beim Zeus!« sagte Nestor, »wo habt ihr die Rosse gewonnen? Ich bin doch alle die Tage her in meinem Wagen von einem Ende des feindlichen Heeres zum andern gefahren und habe alles sorgfältig erkundet, aber diese herrlichen Tiere sind mir noch nie begegnet!« »Das glaube ich wohl«, sagte Odysseus, »das ist auch etwas ganz Neues, gestern Abend erst aus Thrakien gekommen. Der Eigentümer ruht nun mit allen seinen Gefährten; Diomedes sandte alle zum Hades hinab, wahrend ich die schönen Rosse lösete.« Er erzählte darauf auch das Zusammentreffen mit Dolon und berichtete, was dieser ausgesagt hatte. Diomedes zog indessen die schönen Pferde in den Stall zu den übrigen, Odysseus aber trug die erbeuteten Rüstungen in sein Schiff, wo sie zu Ehren der Athene als Schmuck am Verdeck aufgehängt werden sollten. Hierauf wuschen sich beide am Gestade den triefenden Schweiß und das Blut mit Seewasser ab. Darnach erwärmten sie sich durch ein laues Bad in der Wanne, welches ihnen die Diener im Zelte hatten bereiten müssen. Endlich salbten sie sich und nahmen ein stärkendes Frühmahl ein. Neunter Abend. Wechselndes Schlachtenglück. Die That der beiden Helden erscholl im ganzen Heere der Achäer und entflammte den schon gesunknen Mut von neuem. Als kaum das Morgenrot dämmerte, rief Agamemnon alle zu den Waffen, und er selbst erschien in seiner prächtigsten Rüstung unter den Vordersten, entschlossen heute zu streiten, wie er noch nie gestritten hatte. Das große Heer der Kämpfer zu Fuß drang mit lautem Schlachtruf in langen Zügen vor; ihnen folgte die Reihe der Streitwagen, auf denen die Führer der Völker standen. Die Troer hatten sich indessen auch erhoben und schickten sich an den Achäern entgegenzugehen. Unter ihnen sah man den starken Hektor mit dem hohen schimmernden Helmbusch durch die Haufen eilen und die Krieger ordnen, bald hervortretend, bald wieder verschwindend, so wie ein leuchtender Stern, der bei stürmischem Wetter in dem einen Augenblicke hinter zerrissenen Wolken verschwindet und dann wieder hervorblinkt. Auch Äneas, Agenor, Polydamas und die anderen ruhmvollen Häupter des Volks riefen den troischen Scharen Mut ins Herz und ermahnten sie zu männlichem Kampfe. Alle aber staunten Hektor an, der heute wie der Kriegsgott selbst einherschritt und allen Achäern den sichern Untergang drohte. Endlich trafen die beiden Heere aufeinander, und die Völker stürzten in ganzen Reihen, wie die Schwaden fallen unter der Sense des Schnitters. Einige Stunden blieb der Vorteil auf beiden Seiten ziemlich gleich, denn gleich viel Kämpfer waren bei den Achäern und den Troern; aber als die Sonne höher im Mittag emporstieg, da waren die Achäer überlegen im Kampfe, durchbrachen die Reihen der Trojaner und drängten sie zurück. Jetzt, als die Schlachtordnungen lichter wurden und die erst zusammengeschlossenen Scharen sich in einzelnen kleinen Haufen über die weite Ebene hin zerstreuten, gewannen auch die Wagenlenker freien Raum und sprengten kühn hervor, um das Fußvolk zu schrecken. Agamemnon, seinem Vorsatze treu, rollte unter den Ersten daher und schleuderte furchtbar treffende Lanzen auf die Trojanerfürsten. So traf sein Wurfspieß zwei junge Söhne des Priamos; die kamen beide auf einem Wagen ihm entgegen, aber weder der Streitende, noch der die Rosse lenkte, entrann dem blutigen Tode, und ihre Rüstungen wie ihr Gespann fielen dem Sieger zur Beute. Von ihnen wandte er sich stürmend zu einem andern Wagen, der gleichfalls ein treues Brüderpaar trug, die einzigen Söhne eines trojanischen Greises, des Antimachos . Ein unglücklicher Zufall führte ihm diese Jünglinge entgegen. Der Lenker hatte den Zügel verloren, und die Pferde schleiften den Wagen in tobendem Ungestüm umher. Agamemnon, der von seinem Wagen gesprungen war, rannte auf sie zu und hielt sie auf, und in demselben Augenblicke schwang er die scharfgespitzte Lanze auf den vordersten Jüngling. Beide, tödlich erschrocken, vergaßen der Gegenwehr und versuchten den Gewaltigen durch Bitten zu rühren. »Sohn des Atreus!« jammerten sie, »schone unseres Blutes, nimm uns lieber gefangen! Unser Vater Antimachos wird von seinen Reichtümern dir unermeßliche Lösung bezahlen, wenn er hört, daß wir bei den Schiffen der Achäer noch am Leben sind.« Aber wehe! Gerade der Name des Vaters gereichte ihnen zum Verderben. Denn dieser Mann, der eines der Häupter von der Partei des Paris war, hatte zu Anfang des Krieges bei Gelegenheit der achäischen Gesandtschaft, die versammelten Häupter im Rate der Trojaner am entschiedensten von der Zurückgabe der Helena abgemahnt, ja sogar die beiden Gesandten, Menelaos und Odysseus, zu ermorden geraten. »Ha wohlan!« rief Agamemnon mit fürchterlicher Stimme ihnen entgegen, »seid ihr Antimachos' Söhne, so büßt ihr doppelt gerecht die Schuld eures treulosen Vaters!« – Mit diesen Worten stürzte er den einen mit einem mörderischen Lanzenstoße rücklings vom Wagen herunter, und dann hieb er schnell dem andern, der zum Schwerte greifen wollte, erst die Hand und dann den Kopf herunter, daß der Rumpf wie ein Klotz zu Boden schlug. Das schöne Gespann gab er seinen Dienern, um es zu den Schiffen zu führen, und schaute sofort nach anderer Beute umher. Stets hielt er den blutigen Arm empor, die Lanze schwingend, und schleuderte sie auf jeden Nahenden, ohne daß er kaum einmal seines Ziels gefehlt hätte. Die Troer flohen scharenweise vor seiner Löwenstimme. Mitten durch das wilde Getümmel sah man scheue Rosse mit leeren Wagen hierhin und dorthin der Stadt zueilen. Agamemnon mit den anderen mutigen Helden jagte indessen unaufhörlich den fliehenden Troern nach und durchbohrte vielen den Rücken, dem Löwen ähnlich, der die Herde der Rinder verfolgt, und immer den hinten zurückbleibenden Stieren die grimmigen Pranken in den Nacken schlägt. Hektor konnte nicht dazu kommen ihm entgegenzutreten; ihm lag die größere Sorge ob die fliehenden Scharen von der Stadt abzuhalten und sie am Thore von neuem in Ordnung zu stellen. Er bat, er ermahnte, er schalt, er drohte, und nur so jagte er sie nach kurzer Rast wieder ins Treffen zurück. Immer noch wandelte er hinter ihnen her auf und ab mit der Lanze, und rief ihnen kräftig zu sich tapfer zu halten. Die jungen Fürstensöhne, von seinem Schelten beschämt, suchten nun ruhmbegierig die tapfersten Gegner auf, doch nicht allen gereichte dieser Mut zum Heile. Iphidamos , Antenors starker Sohn, wollte den Kampf mit Agamemnon selbst bestehen. Dieser sah ihn kommen und warf die sausende Lanze auf ihn; aber jener wich aus und rannte ihm im nächsten Augenblicke mit seiner eignen Lanze auf den Leib, so daß er ihn sicher durchbohrt haben würde, wenn nicht der eherne Panzer die Spitze des Speers verbogen und den Stoß kraftlos gemacht hätte. Sogleich packte Agamemnon des Jünglings Lanze, riß sie und ihn selbst mit der linken Faust gewaltig nieder und hieb ihm, ehe er sich wieder erheben konnte, mit dem rasch gezückten Schwerte den Kopf herunter. Ein Diener trug die Rüstung des Toten zu den Schiffen. Koon , Antenors zweiter Sohn, sah von ferne den Fall seines Bruders Iphidamas, und entsetzliches Weh durchschnitt sein Herz. Ihn zu rächen, rief er einige Gefährten an sich, nahte dem wegeilenden Agamemnon unbemerkt von der Seite und warf die Lanze auf ihn. Sie traf den Arm, und die Spitze drang ins Fleisch, daß heißes Blut aus der Wunde hervorquoll. Der Jüngling triumphierte; und ob er gleich den Getroffenen nicht fallen sah, so sah er ihn doch bestürzt zurückweichen, und diesen Augenblick wollte er benutzen, um seines Bruders Leichnam in Sicherheit zu bringen. Aber indem er sich nach dem Toten bückte, flog ihm schon Agamemnons Speer in die Seite, daß er in die Kniee sank, und alsbald sprang auch der wütende Held selbst auf ihn ein und hieb ihm, über des Bruders Leichname, gleichfalls das jugendliche Haupt herunter, daß es in den Sand hinrollte. Darauf stürmte er einem andern Feindeshaufen entgegen und raubte noch vielen Männern mit Lanze, Schwert und gewaltigen Steinen das Leben. So lange das Blut noch warm aus seiner Wunde rann, empfand er den Schmerz nicht sehr; als es aber an der Luft zu trocknen begann, da konnte er's nicht länger ertragen, sondern mußte sich aus dem Treffen zurückziehen. Er bestieg seinen Wagen, ermahnte die Achäer noch einmal mit lautem Ruf zur Tapferkeit und fuhr dann schnell in sein Zelt zurück, um die Wunde zu pflegen. Seine Entfernung gab den Troern den fast gesunkenen Mut zurück. Jetzt drang auch Hektor wieder vor, der bis dahin allein zu thun gehabt hatte die andern anzutreiben. Die achäischen Scharen vermißten das kühne Vorbild ihres Oberhaupts Und wandten sich jetzt, so wie vorher die Troer, zur Flucht. Zwar die jüngeren Fürsten, als sie wahrnahmen, daß Hektor nun wieder mitfocht und einzelne Helden zum Wettkampf herausforderte, stellten sich ihm trotzend entgegen, aber alle büßten ihre Verwegenheit mit dem Leben. Das sah Odysseus, und ihm entbrannte das Herz vor Zorn; er rief den Diomedes herbei, der unterdessen auch nicht geruht hatte, und sprach zu ihm: »Sohn des Tydeus, laß uns nebeneinander fechten, damit wir es aufnehmen können mit jenem schrecklichen Manne! Schande wäre es doch, wenn er uns die Schiffe wegnähme; und darauf legt er es wahrlich an!« »Ach, was wird unser Fechten helfen«, erwiderte jener unmutig, »wenn der unerbittliche Zeus einmal beschlossen hat den Troern den Sieg zu verleihen!« Doch rannten sie beide miteinander fort und warfen mit gleicher Tapferkeit, dieser zur Rechten, jener zur Linken, die blühenden Jünglinge der Troer von den Wagen herunter. Gleich zwei Löwen raseten sie unter den flüchtigen Scharen der gemeinen Krieger und drängten sie zurück, wie der Wind die Wellen eines Sees zurückpeitscht. Aber dem Auge Hektors entging die Gefahr der Seinen nicht, und mit Blitzesschnelle flog er herbei auf leichtem Wagen, sprang dann herunter und suchte zu Fuß die Helden auf. »Schau«, rief Diomedes dem Odysseus zu, als er ihn kommen sah, »da eilt das Verderben herbei, der gewaltige Hektor! Aber wir weichen nicht und stehen unerschüttert!« Sie standen und erwarteten ihn mit ihren Wurfspießen. In dem Augenblicke, als er aus dem Gewühl der übrigen Troer hervortrat, flog ihm schon des Diomedes Lanze mit solcher Heftigkeit vor den Kopf, daß er zurückprallte und in den Sand fiel, ganz betäubt, den Oberleib auf seine rechte Hand stützend. Aber verwundet hatte das scharfe Geschoß ihn nicht, denn das Eisen des Helms hatte der Gewalt des Wurfs widerstanden. Schon wollte Diomedes der entsendeten Lanze nachspringen und die kühne That mit dem Schwerts vollenden, als Hektor sich mit unglaublicher Geschwindigkeit wieder aufraffte und ins Gedränge zurücksprang. Auch Odysseus hatte fehlgeworfen. Ehe beide ihrer verschleuderten Lanzen wieder habhaft wurden, war Hektor auf seinem Wagen bereits in Sicherheit. Diomedes stampfte vor Ärger mit dem Fuße und schrie ihm höhnend nach: »Bist du mir schon wieder entschlüpft, du Hund! Ha wahrlich, du hast an Phöbos Apollon einen guten Freund, sonst hätte ich dich längst in den Hades gesandt! Aber ich denke, du sollst meinen Händen nicht für immer entgehen!« Seine Mordlust war einmal entzündet, und so erlegte er denn Feind auf Feind und wütete unter den Trojanern. Für den entronnenen Hektor mußten ihm ein paar Brüder desselben und noch andere treffliche Jünglinge büßen. Aber als er so die Feinde zurücktrieb und sich dem Grabmal des alten trojanischen Königs Ilos näherte, da hemmte Paris auf einmal dessen schreckenverbreitendes Ungestüm. Dieser hatte sich hinter der Säule des Grabmals versteckt und schoß nun plötzlich aus dem Hinterhalte mit seinem nie fehlenden Bogen einen Pfeil auf Diomedes ab, der ihm die Sohle des Fußes durchdrang und sie fest an den Boden heftete. Er sah den Helden zucken und plötzlich still stehen; da sprang er frohlockend aus seinem Versteck hervor und rief ihm zu: »Ha, das traf doch! Wie schade, daß es nur der Fuß ist! In die Weiche des Bauchs hätte ich dir gerne das Eisen geschleudert und dir das Leben entrissen!« »Elender Weiberheld!« schrie Diomedes ihm entgegen; »wärest du nur einmal in voller Rüstung im Felde mir begegnet, dir sollte Bogen und Pfeil nicht viel geholfen haben! Nun prahlt die Memme schon, als hätte sie mich überwunden, und hat mir doch nur den Fuß geritzt; mir ist, als ob mich ein schwaches Weib getroffen hätte oder ein Knabe. Woher nähme auch so ein Weichling die Kraft? Ich hätte dich nur treffen sollen mit meiner Lanze, auch nur ein wenig, ha! sie hätte dich sofort zu den Toten gesellt! Doch wehe dir, wo ich dich noch erreiche!« Dennoch war ihm die Wunde lästig genug; denn er konnte mit dem Fuße nicht auftreten. Und Paris hätte es vielleicht gewagt ihm noch einen zweiten Pfeil nachzusenden, wenn nicht eben zur rechten Zeit Odysseus herbeigesprungen wäre. Der aber stellte sich vor ihn und deckte ihn mit seinem Schilde; so geschirmt setzte Diomedes sich auf die Erde nieder und zog unter heftigen Schmerzen den Pfeil aus dem Fuße. Dann rief er seinen Wagenlenker herbei und fuhr rasch den Schiffen zu, bittern Groll im Herzen. Odysseus blieb einsam auf jener Stelle zurück; von seiner Seite waren längst die erschreckten Gefährten gewichen, und die andern Helden tummelten sich in entfernteren Gegenden des Schlachtfeldes. Da sah er sich plötzlich – denn er stand wirklich auf der gefährlichsten Stelle – von Trojanern rings umschlossen, die mit ihren Wurfspießen auf ihn losstürmten. Entfliehen konnte er nicht, daher wollte er kühn sein Leben mit dem Blute der Feinde erkaufen. Er stürzte ihnen entgegen wie ein schäumender Eber, der sich plötzlich im Laufe zurückwendet und den verfolgenden Jagdhunden knirschend die entsetzlichen Hauer zeigt. Hier und dort streckte sein gewaltiger Wurfspieß die Gegner nieder. Die andern standen erstarrt, und keiner wagte sich an den wildverwegenen Kämpfer. Nur als er den Charops erstach, den edeln Sohn des Hippasos , da konnte dessen Bruder Sokos sich den Rachekampf nicht versagen; stolz und hochgemut, wie ein Gott, von Zorn und Schmerz zugleich gestachelt, trat der Jüngling hervor: »Ha, mordsüchtiger Odysseus«, rief er, »entweder erwirbst du dir heute den Ruhm beide Söhne des Hippasos erlegt zu haben, oder du stirbst von meiner Hand durchbohrt!« Sprach's und rannte kräftig mit der Lanze auf ihn los. Er durchbohrte die Wölbung des Schildes samt dem Panzer und riß dem Helden die Haut von den Rippen, daß dieser bestürzt einige Schritte zurückwich. Als Odysseus aber fühlte, die Wunde sei nicht tödlich, schwang er schnell den eigenen Speer und rief, indem er ihn furchtbar auf den erschreckt fliehenden Sokos hinschleuderte: »Ja Unglücklicher, es ist auch dir bestimmt an diesem Tage von meiner Hand zu sterben! Mir giebst du Ruhm, nicht ich dir, wiewohl mich deine Lanze für heute auch wohl hindert das übrige Volk zu bekämpfen.« Und ehe noch Odysseus das Drohwort geendet, krümmte sich schon Sokos zum Tode getroffen; denn des Feindes Geschoß hatte ihm gerade die Schulterbucht durchbohrt, so daß der Speer vorn aus der Brust hervordrang. Er fiel schwer zur Erde nieder, und dumpf dröhnte die eherne Rüstung. »Erkennst du, tapferer Sohn des Hippasos«, rief ihm nun schadenfroh Odysseus nach, »daß vor meinen Händen kein Entrinnen ist? Wehe deinem jungen Blut! Dir drückt nun weder Vater noch Mutter die Augen zu, sondern dich zerhacken die Raubvögel. Mir aber, wenn ich sterbe, errichten die Achäer ein ehrenvolles Grabmal.« Hierauf zog der Held aus seiner verwundeten Seite und aus Panzer und Schild die gewaltige Lanze des Sokos, und nun erst quoll das Blut heftig hervor und strömte an der Hüfte hinunter. Als das die Troer sahen, stürmten sie noch einmal auf ihn ein. Er aber mit gewaltigem Schrei rief die Freunde um Hilfe und wehrte sich, bis diese kamen, allein gegen die Menge der Feinde mit dem Mute und der Kraft der Verzweiflung. Sein Rufen hatten Menelaos und Aias vernommen, und eilig flogen sie herbei, um den Freund aus der Gefahr zu retten. Bei diesem Anblick flohen die Troer, wie die blutgierigen Schakale in den Gebirgen von dem verwundeten Hirsch ablassen, sobald grimmig ein Löwe naht und ihnen die Beute zu entreißen droht. Aias sprang unter den Haufen, und Menelaos führte den Odysseus am Arme fort aus dem Gewühl, bis der Wagenlenker herankam. Dann half er ihm in den Wagen, der den Verwundeten schnell dem Schlachtgetümmel entzog. An der andern Seite des Treffens war der Kampf nicht minder heiß entbrannt. Hier stritt Hektor und drängte die Achäer immer weiter zu ihren Schiffen zurück, indem er von seinem Wagen herab unzählige Lanzen in den dichten Haufen der Feinde entsendete. Auch sein Bruder Paris ließ heute den Bogen nicht rasten und traf den alten Machaon , einen tüchtigen Kämpfer, allen seinen Genossen wert, weil er ein kundiger Wundarzt war, der schon manchem das Leben gerettet. Deswegen waren auch die Freunde um ihn sehr besorgt, und Idomeneus sprach schnell zum greisen Nestor: »Rasch, Neleus' Sohn, nimm diesen auf deinen Wagen und führe ihn aus dem Getümmel zurück, damit er seiner Wunde sorglich pflege und uns nicht sterbe. Denn ein heilkundiger Mann ist wahrlich so wert zu achten als viele andere.« Nestor zog ihn darauf zu seinem Sitze empor und kehrte schnell mit ihm ins Lager zurück. Hektor trieb indessen die Achäer immer mächtiger nach den Schiffen hin und fuhr mit kühnem Zuruf auf und ab hinter den vordringenden Reihen der Seinen. Jetzt jagte sein Wagenlenker die schnaubenden Rosse auch einmal nach jener entlegeneren Gegend hin, wo Aias tobte und wo man die Troer zu ganzen Scharen wie gescheuchte Vögel zurückfliehen sah. Über Leichen hin rollten die Räder des Wagens, stampften die Hufe der Rosse, und Roß und Wagen waren mit Blut bespritzt. Als Aias jetzt den Hektor daher fahren sah, überkam ihn Angst und Entsetzen; statt mutig den Wettkampf mit ihm zu wagen, wandte er sich wie betäubt und floh den Freunden zu. Hektor brachte indessen auch hier seine verwirrten Scharen wieder in Ordnung. So schien alle Hoffnung verloren, daß die Achäer nach dem Verluste so vieler Helden noch dem Untergange entrinnen könnten. Als Nestor mit dem verwundeten Machaon bei den Schiffen angekommen war, stiegen beide vom Wagen herunter, und um sich selbst abzukühlen und die vom Schweiß durchnäßten Gewänder zu trocknen, stellten sie sich erst ein wenig an das Meeresufer und gaben dem Wehen des Windes das feuchte Haar und die triefenden Glieder preis. Dann gingen sie in Nestors Zelt, wo der Greis seinen Freund verband und ihn darauf durch ein kräftiges Mahl erquickte. Dazu mußte eine Sklavin Zwiebeln besorgen, die man gern zu Anfang des Schmauses genoß, um die Eßlust, noch mehr aber um den Durst zu reizen; hierauf schenkte sie Wein ein, in welchen sie Mehl und Ziegenkäse rührte, beiden Kriegern ein köstlicher Trank; und zuletzt stellte sie noch Honig und Milch auf den Tisch. Indem sie so sich gütlich thaten, trat Patroklos zu ihnen herein. Diesen hatte Achilleus abgesendet, um zu erfahren, wer der Verwundete sei, den er auf Nestors Wagen von ferne hatte ins Lager bringen sehen. Denn Achilleus stand, während die Achäer kämpften, auf dem hohen Verdeck seines Schiffs und sah von weitem dem wildwogenden Getümmel zu, nicht ohne stille Trauer, daß er so feiern müsse; und oftmals wohl mochte beim Dröhnen der Schwerter die sieggewohnte Hand ungeduldig zucken nach Lanze und Schild. Nur die sichtbare Niederlage der Achäer konnte ihn erheitern, weil sie seinem beleidigten Ehrgeize süße Rache gewährte. »Ei, sieh da, Patroklos!« rief Nestor dem Eintretenden zu. »Tritt näher, guter Freund, und setze dich zu uns! Wir haben dich lange nicht gesehen.« »Nötige mich nicht zum Sitzen, ehrwürdiger Greis«, erwiderte Patroklos, »ich darf nicht weilen. Mich sandte nur Achilleus, um zu sehen, welchen Mann du verwundet hergebracht habest; aber nun, da ich den edeln Machaon erkannt habe, will ich ihm rasch die Botschaft überbringen; denn du weißt selbst, wie heftig er ist, und wie leicht er in der Hitze auch den Unschuldigen selber beschuldigt.« Da fuhr Nestor fort: »O Sohn des Menötios, was hilft diese Teilnahme des Achilleus für einen Verwundeten, wenn er sich doch um die Gesamtheit nicht kümmert und sie gleichgültig verderben läßt? Und er weiß nicht einmal die ganze Not, die uns bereits betroffen hat; denn die tapfersten Helden im Heere liegen verwundet. Was für ein Mann ist das! Und solltest denn du, sein Freund und Jugendgefährte, gar keine Macht über ihn haben? Wie, wenn du ihn mit schmeichelnden Worten gewönnest und sein stolzes Herz bändigtest? Ach, das hatte dein redlicher Vater auch von dir gehofft und hat dich so ernstlich dazu ermahnt! Ich war ja dabei, als ihr beide, du und Achilleus, von euren Vätern Abschied nahmet, denn ich holte euch mit Odysseus aus Phthia ab und bewog eure Väter euch nach Troja zu senden. Ich sehe die beiden wackern Greise noch am Altare stehen und das Abschiedsopfer bereiten; der alte Peleus sprengte den Göttern aus goldenem Becher reichlichen Wein in die Opferflamme, und ihr beide waret mit dem Zerlegen und Verteilen des Opferfleisches beschäftigt. Darauf ermahnte Peleus den Achill immer der erste zu sein und vorzustreben vor andern; zu dir aber sagte der würdige Vater Menötios: »Lieber Sohn, an Geblüt steht Achilleus wohl höher als du, auch gaben die Götter ihm größere Stärke; aber du bist älter und nicht so stürmischen, trotzigen Sinnes als er. Da hilf ihm denn, wenn's not thut, mit weiser Erinnerung und lenke ihn zum Guten; ich weiß, er folgt dir gern.«– So sprach der würdige Greis, aber das hast du nun leider vergessen. Doch wohlan, Geliebter, noch ist es Zeit, rede ihm jetzt zu! Wer weiß, vielleicht versöhnt ihn dein freundlicher Zuspruch. Ein kluges Wort aus Freundes Mund vermag gar viel. Und will er denn durchaus sich unserer Not nicht selbst erbarmen, so sollte er doch seine Völker und dich zu unserer Hilfe schicken. Sieh, wenn er dir seine prangende Rüstung liehe, vielleicht glaubten die Troer wenigstens eine Zeitlang, er sei zum Kampfe zurückgekehrt; die bloße Gestalt würde sie schon zurück scheuchen. Und seine Myrmidonen, frisch und ausgeruht, würden Wunder thun gegen jene ermatteten Streiter. Für die andern aber wäre eine kurze Ruhe vom Kampfe schon eine große Wohlthat.« Patroklos war bewegt von der mahnenden Rede Nestors und versprach zu thun, was er irgend vermöge. Er schied darauf und wollte recht rasch dem Achilleus die Botschaft bringen; aber siehe, ein anderer unerwarteter Anblick hemmte seine Schritte wieder. Es war Eurypylos , ein tapferer Fürstensohn und Freund des Patroklos. Der war, wie Diomedes, von Paris verwundet worden; die Spitze des Pfeils war ihm in die Lende gefahren, aber das Rohr war abgebrochen, und noch hatte sich der Jüngling mit Mühe unter den Haufen gerettet und hinkte nun unter heftigen Schmerzen allein zu den Schiffen. Da erblickte den ganz mit Angstschweiß bedeckten und von schwarzem Blute überströmten Freund Patroklos und rief ihm mitleidig zu: »Wehe, wehe, du Armer! Sollen auf solche Weise alle die Tapfern im Heere der Achäer mit ihrem Blute die troischen Felder düngen! Sage, wie steht es draußen in der Schlacht? Harren die Unsrigen noch mutig aus, oder wird Hektor vielleicht gar heute noch die Schiffe verbrennen?« »Ach, teurer Patroklos«, entgegnete Eurypylos, »für uns ist keine Hoffnung mehr, denn rings umher auf dem Gefilde liegen die, welche unsere Tapfersten waren! Aber hilf mir, Freund! Führe mich zum bergenden Schiffe und schneide mir das Eisen aus der Lende, wasche mir auch die Wunde mit lauem Wasser rein und lege mir lindernde Salbe auf, denn dich hat ja Achilleus in Chirons Künsten unterwiesen. Ist doch sonst kein anderer hier, der mir helfen könnte. Machaon, unser Arzt, liegt selbst darnieder, und Podaleirios , der andere, tummelt sich draußen im Gefecht herum. Patroklos sprach: »Weh! daß jetzt gerade Achill mich erwartet! Wie wird er mir zürnen, wenn ich zu lange zögere! Aber ich kann dich unmöglich in deinen Schmerzen verlassen. Komm!« Er führte ihn langsam ins Zelt, breitete eine Stierhaut aus und legte den Verwundeten darauf. Dann schnitt er mit einem Messer die eiserne Spitze aus dem Fleische, wusch die Wunde aus und legte eine zerriebene bittere Wurzel hinein, die das strömende Blut und die brennenden Schmerzen stillte. Wählend er damit beschäftigt war, ereigneten sich draußen schreckliche Dinge. Zehnter Abend. Der Kampf um das Lager und die Schiffe. Endlich mußten die Achäer abermals hinter die Mauer des Lagers flüchten. Hektor trieb sie zu ganzen Scharen vor sich her, und ihm nach stürzten lautjauchzend die siegenden Troer. Als nun die meisten der Achäer das rettende Thor erreicht hatten, sprangen auf Hektors Befehl sämtliche Reisige von ihren Wagen und führten ihre Scharen zu Fuß über den Graben, rasch entschlossen die niedrigen und schwachen Mauern entweder zu erklettern oder niederzureißen. Die Wagenlenker hielten unterdessen mit ihren Gespannen in langer Reihe vor dem Graben, nur Asios wollte das seinige nicht zurücklassen, sondern fuhr gerade auf das Thor der Mauer zu, welches die Wächter offen hielten, weil noch immer flüchtige Krieger draußen umherirrten, welche hineingelassen zu werden verlangten. Aber wie prallte er zurück, als er die beiden fürchterlichen Lapithen, von denen der eine noch ein Sohn des berühmten Peirithoos war, als Wächter erblickte! Viele seiner Leute, die ihm zu schnell gefolgt waren, sanken von ihren Würfen zerschmettert nieder, und er kämpfte mit den übrigen vergebens gegen dies Thor an. Glücklicher war Hektor, der seine Scharen gegen die Mauer führte. Hinüberzuspringen wagte zwar anfangs noch keiner, denn die dichtgedrängten Achäer jenseits derselben hätten gewiß die einzeln Kommenden Mann für Mann durchbohrt; aber sie faßten Fuß auf der Mauer, ließen sich von den hinten Stehenden Lanzen und Steine reichen und schleuderten beides unaufhörlich in die Verschanzung hinein. Gegen die Würfe der Achäer schützten sie sich mit den vorgehaltenen Schilden. Dicht wie Hagel prasselten diesseits und jenseits die Steinwürfe auf Schilde und Helme, und mancher stürzte zerschmettert zu Boden. Es war ein fürchterlicher Kampf: die Achäer verteidigten voll Verzweiflung ihre letzte Schutzwehr, die Troer hingegen wollten heute mit aller Gewalt ihr letztes Ziel erreichen, die Feinde von ihrer Küste verjagen oder sie gänzlich vernichten und ihre Schiffe verbrennen. Hektor schritt wie ein Löwe längs der Mauer hin, und kein Troer durfte müßig zögern. Hier warfen sie von der Mauer herab Steine auf den Feind, dort mühten sie sich den Erdwall einzureißen, und die, welche noch nicht selbst Hand anlegen konnten, holten Steine für die Vordermänner herbei. Von Zeit zu Zeit sprang Hektor selbst hinauf, und fast jedesmal schleuderte er einem Achäer den Spieß durch den Leib; aber ehe nicht ein Stück der Mauer eingerissen war, hielt er es doch für unbesonnen, sich ins Gewühl der Feinde hinabzustürzen. Dieser Gelegenheit harrte er mit heißer Kampfbegierde. Vergebens nahte ihm warnend Polydamas , der ihm Unglück aus einer drohenden Erscheinung deuten wollte. Ein Adler flog vor den Troern links vorüber und hielt eine blutige Schlange in den Krallen, aber die Schlange wandte den geschmeidigen Hals rückwärts in die Höhe und stach den Adler in die Brust, so daß er, vom jähen Schmerz erschreckt, das Tier fallen ließ. »Schweig, feiger Wicht!« rief Hektor jenem zornig zu, »und sieh nach dem Feinde, anstatt nach den Vögeln zu schauen. Mag mir doch rechts und links über den Kopf hinfliegen was da will; was kümmert's mich? Ein Wahrzeichen nur achte ich, das hat mir Zeus selbst ins Herz gelegt, laut mich mahnend, das Vaterland zu erretten. Leute deiner Art haben freilich im Kriege wenig zu fürchten. Wirst du mir aber mit deinen furchtsamen Reden nur einen einzigen Mann bethören und vom Kampfe abhalten, so fürchte für dein Leben!« Allerdings hatte es auch bis jetzt noch den Schein nicht, als wolle Zeus seine Hilfe den Troern entziehen. Vielmehr erhob sich, den Achäern zum Nachteil, ein entsetzlicher Sturmwind, der ihnen die Augen mit dem aufgejagten Staube füllte. Dennoch standen sie mutig und suchten mit Stößen und Würfen die Troer von der Mauer hinabzustürzen. Viele auch erstiegen innen die Mauer und schleuderten Lanzen und Steine auf die außen stehenden Feinde. Das machte den Vorteil ziemlich gleich, und Hektor konnte immer noch nicht erlangen, was er wünschte. Da begegneten sich draußen die beiden lykischen Jünglinge Sarpedon und Glaukos und ermahnten sich, eingedenk ihrer Fürstenehre, zur Tapferkeit. »Komm, Glaukos«, rief Sarpedon, »und laß uns jetzt den Lykiern zeigen, daß wir wert sind, ihre Könige zu sein! Warum ehrten sie uns zu Hause so hoch und brächten uns kostbare Geschenke, und warum ließen sie uns den Vorsitz in der Volksversammlung und beim Schmause die köstlichsten Stücke, wenn wir nicht wiederum für sie in der Schlacht die größte Gefahr übernähmen und ihnen Hort und Vorbild würden? Und da hier doch nicht zu entrinnen ist, so laß uns wenigstens mit so viel Ruhm, als noch zu erringen möglich ist, dem Tode entgegen gehen, damit sie dereinst zu Hause sagen: »Wahrlich, sie kämpften wie Helden und waren immer die ersten in der Schlacht.« Sie suchten die Mauer an einer Stelle zu erschüttern, wo der Athener Menestheus sie verteidigte, und ihr erster Andrang war so gewaltig, daß dieser sich ängstlich nach Hilfe umsah. Aber das Getöse war viel zu groß, als daß er einen Achäer hätte herbeirufen können. Da sandte er einen Boten zu Aias und Teukros, die er ganz in seiner Nähe erblickte, daß sie doch schnell ihm zu Hilfe kämen. Sie gehorchten dem Rufe und rannten mit Wurfspieß und Bogen herbei. Aias warf einem Gefährten Sarpedons, der schon oben auf der Mauer saß, einen Stein an den Kopf, der ihm die Hirnschale zerschmetterte, so daß er tot hinunter sank. Da stieg Glaukos empor, empfing aber von Teukros' Bogen einen Schuß in den Arm, der ihn zum fernern Streite unfähig machte. Er ließ sich unvermerkt hinab, damit nicht die Achäer laut über ihn frohlockten, warf aber vorher noch seine Lanze einem rüstigen Achäer durch den Leib. Dann ließ er sich nach der Stadt fahren. Jetzt riß Sarpedon endlich das erste Stück der obern Brustwehr herab, und unter wiederholten Stößen sank auch allmählich das übrige nach. Die Mauer ward dadurch an dieser Stelle so niedrig, daß man mit den Lanzen hinüberreichen konnte. Hier entstand nun das hitzigste Gedränge. Man stach und hieb von diesseits hinüber, von jenseits herüber, und die Hiebe und Steinwürfe fielen klirrend auf Helme und Schilde. Vergebens schoß Teukros einen Pfeil auf den kräftig arbeitenden Sarpedon; der Pfeil blieb im starken Riemengehenke stecken. Da versuchte Aias ihn mit der Lanze von der Mauer zu stoßen; aber auch diesen Stoß schwächte der vorgehaltene Schild, und Sarpedon war nicht zum Weichen zu bringen. Vielmehr rief er eifrig den Seinen zu, das Werk der Zerstörung zu vollenden. »Heran, heran, ihr Lykier«, rief er; »vergesset der alten Tapferkeit nicht! Mir allein, und wenn ich der Tapferste wäre, ist's unmöglich, die Mauer zu durchbrechen und Bahn zu den Schiffen zu machen; aber wenn ihr mir helft, so denke ich, soll es gelingen.« Aber auch Aias rief von innen noch mehrere Streiter herbei, so daß die Macht der Verteidiger dem gewaltigen Angriff endlich wieder gewachsen war. So kämpften sie lange den Ungewissen Kampf; die Troer vermochten nicht die Mauer völlig umzuwerfen und die Achäer nicht die Stürmenden abzutreiben. In diesem Augenblicke eilte Hektor herbei; und als er die schon gebrochene Lücke sah, rief er freudig: »Auf, ihr tapfern Troer! nun hinüber! und werft in die Schiffe die hochauflodernden Brände! Immer hinüber! Keiner bleibe zurück!« Zugleich nahm er mit beiden Händen einen von jenen Feldsteinen auf, die Sarpedon aus der Mauer gerissen hatte, so groß und schwer, sagt der Dichter, daß heutzutage zwei der stärksten Männer nicht vermocht haben würden ihn auf einen Wagen zu wälzen. Diesen mächtigen Stein trug er so leichten Spiels in der Hand, wie etwa ein Schäfer ein Bündelchen geschorner Wolle, und warf ihn, fest auf die auseinandergespreizten Beine gestemmt, mit solcher Gewalt gegen das Thor der Mauer, daß die Riegel zerbrachen, die Angeln krachten und beide Flügel weit aufsprangen. Triumphierend stürzte er jetzt in die Verschanzung, ganz in funkelnd Erz gehüllt, zwei Lanzen auf einmal schwingend, und ihm nach drangen mit hellem Geschrei die mutigen Troer. Andere folgten dem Sarpedon, der nun glücklich über die zertrümmerte Mauer gesprungen war, und während die schrecklich geängstigten Achäer nur ihre Schiffe zu decken eilten und die Mauer verließen, kletterten die siegestrunknen Troer hastig aller Orten hinauf und sprangen ins Lager hinüber. Das Geschrei und das Getümmel war unbeschreiblich. Die Achäer waren der Verzweiflung nahe; nun war ihnen nichts mehr übrig, als ihre Schiffe! Sie zu verteidigen, schlossen sie vor denselben eine lange Reihe und erwarteten in dieser Stellung mit vorgestreckten Lanzen den anstürmenden Feind. Wer in dieser Bestürzung noch fast einzig Besonnenheit hatte, – von den Fürsten war jeder nur am meisten für seine Schiffe und seine Leute besorgt,– das war der Priester Kalchas . Er allein durchschritt die einzelnen Haufen, erinnerte sie an die gemeinschaftliche Verteidigung des Ganzen und stellte sie reihenweise in Ordnung. Auch die Fürsten ermahnte er, alle für einen zu stehen und nirgend in den Reihen eine Lücke zu lassen; dann versprach er ihnen Errettung und den Beistand der Götter. Und sogleich vergaß ein jeder der eigenen Bedrängnis. Indem alle fortan nur des gemeinsamen Ruhms und der gemeinsamen Gefahr gedachten, reihten sich die Achäer zu einer langen ehernen Kette von Gewaffneten rings um die Schiffe, den Troern ein furchtbar drohender Anblick. Hektor selbst, gleich einem Felsblock, der vom Gipfel des Gebirges stürzt und donnernd von Absatz zu Absatz springt, bis er endlich in die Ebene kommt und dann plötzlich ruht, – Hektor konnte nicht weiter, so mächtig er auch vorgedrungen war, und wich vor den starrenden Lanzen. Aber dennoch eilte er, auch seine Troer zu ordnen und begeisterte sie durch Verheißungen reichen Lohnes. Jetzt, glaubte man schon, sei das letzte entscheidende Gefecht gekommen und am Abend werde sich's zeigen, ob Trojas oder der Achäer Vernichtung von den Göttern beschlossen gewesen. Aber nicht um der Troer willen sandte Zeus den Achäern diese Drangsal, sondern bloß um den Achilleus und seine Mutter Thetis zu ehren. Troja sollte fallen, so war es längst vom Schicksale bestimmt, und an dem Beschlusse des Schicksals konnten nach den Vorstellungen jener ältesten Zeiten selbst Götter nichts ändern, ja auch sie waren dem Zwange der ehernen Notwendigkeit unterworfen. Hatte also Agamemnon genug gebüßt und konnte Achilleus wieder bewogen werden vereint mit den Achäern zu fechten, so war der Untergang der mächtigen Stadt vorauszusehen. Für jetzt hatte Zeus nur beabsichtigt, die Achäer schwer zu ängstigen, aber gänzlich besiegt sollten sie nicht werden, daher hielt der Olympier das gegenwärtige Treffen bei den Schiffen, so mörderisch es auch ausfiel, doch immer im Gleichgewicht. Nachdem sich die Achäer wieder etwas erkräftigt hatten, dachten sie darauf, die Troer aus der Verschanzung hinauszutreiben und griffen daher dieselben mannhaft wieder an, anstatt sich bloß zu verteidigen. Meriones warf zuerst die wuchtige Lanze auf den tapferen Sohn des Priamos, Deïphobos ; nur schade, sie brach in dessen Schilde ab, die Spitze blieb in der Stierhaut sitzen, und auch der hölzerne Schaft zerbrach beim Gegenstoß des Meriones. Unmutig, daß ihm der Sieg versagt und die Lanze verloren war, eilte er hinterwärts zu den Zelten hinab, um sich ein anderes Geschoß zu holen. Gleich darauf traf Teukros mit seinem Pfeile den tapfern Imbrios , Mentors, eines mächtigen Fürsten, Sohn und des Priamos Eidam. Daher hatte ihn Priamos auch in sein Haus aufgenommen, als er ihm zu Hilfe nach Troja gekommen war. Ach, der gute Alte und daheim die junge Gemahlin, sie sollten ihn nicht wiedersehen! Wie auf luftiger Berghöhe die stolze Esche, der die Axt die Wurzeln zerhauen, so stürzte er nieder, und um ihn klirrte die Rüstung. Teukros sprang herbei, ihm das Waffengeschmeide zu rauben, aber Hektors Nähe scheuchte ihn schnell zurück. Mit schrecklichem Grimme warf der Furchtbare seine Lanze auf ihn; Teukros bog rasch und geschickt genug dem tödlichen Speere aus, aber dafür rannte sein Freund Amphimachos gerade in den Wurf und fiel von dem Eisen durchbohrt zur Erde. Schon wollte Hektor ihm die Rüstung abziehen, da kamen im gleichen Augenblicke die beiden Aias herbei und andere Helden mit furchtbar blitzenden Lanzen, und eine derselben, kräftig geschwungen, durchbrach ihm schon den Schild. Eilig zog sich Hektor zurück, denn er stand allein. Jetzt trugen zwei Männer den Amphimachos zurück; den Imbrios aber, Hektars Schwäher, hielten die beiden Aias empor und schleppten ihn fort, wie zwei hungrige Löwen, die eine blutende Ziege den bewachenden Hunden entrissen haben und sie durch dichtverwachsenes Gesträuch gierig im scharfgezahnten Rachen davontragen. Als sie in Sicherheit waren, warfen sie ihn nieder und zogen ihm die Rüstung aus. Der jüngere Aias, im Zorn und Schmerz über Amphimachos' Fall, schnitt ihm den Kopf ab und warf ihn wie einen Ball weit ins Getümmel hinein, daß er gerade zu Hektors Füßen in den Staub hinrollte; aber klüglich entzog er sich selbst den Blicken des racheschnaubenden Troerhelden. Der Tod des Amphimachos, seines Enkels, bestärkte den Poseidon in dem Entschlüsse, den Achäern kräftigen Beistand zu leisten und an den Troern Rache zu nehmen für diesen Mord. Daher stieg er hinab zu dem Zeltlager, um die Achäer zu neuem Kampfe zu mahnen, und nahm die Gestalt des Thoas an, des verehrten Fürsten der Ätoler. Zunächst erblickte er die Scharen des wackern Idomeneus und trieb sie eifrig zur Schlacht. »Was ist aus den Drohungen der Achäer geworden!« rief er dem Idomeneus zu. »Der müsse ein Fraß der Vögel und Hunde werden, der heute sich dem Kampfe entziehen will! Laßt uns zusammen andrängen und sehen, ob wir nicht Hilfe schaffen können. Wirkt doch, wenn sie vereint sind, die Kraft selbst schwacher Männer, und ihr Männer von Kreta rühmt euch ja tapfer und kundig des Streites zu sein!« »Nun wahrlich«, antwortete Idomeneus, »ich denke auch, keiner im Volk verdiene jetzt Tadel, und keinem von uns fessele feige Furcht das Herz oder die kampfgeübte Hand. Geh nur hin und ermahne auch andere, wo du sie säumig findest; denn es thut wahrhaftig not die Männer rings zu ermuntern.« Er wollte sich eben wieder ins Getümmel stürzen, da kam Meriones und verlangte eine Lanze von ihm. »Geh in mein Zelt«, sprach Idomeneus, »da stehen wohl zwanzig; auch Rüstungen aller Art liegen dort, die ich von den Troern erbeutet habe. Nimm dir davon, was du brauchst, und zögere nicht lange.« Jetzt rannte er gegen die Troer los, und ihm nach stürmten seine mutigen Kreter. Wie der Sturmwind zur Sommerzeit dunkle Staubwolken die Heerstraße hinaufjagt, so zog der Haufe der geharnischten Völker eilends daher und warf sich auf die feindlichen Scharen. Idomeneus selbst suchte einen Gegner unter den Fürsten. Siehe, da stieß er auf Othryoneus , der erst vor kurzem mit seinem Geschwader fern von Kabesos her zu den Troern gestoßen war und im Rufe großen Heldenmuts stand. Er warb um Kassandra , des Priamos schönste Tochter, doch ohne die Geschenke, mit denen nach damaliger Sitte der Jüngling dem Vater die Braut abzugewinnen pflegte; dagegen aber versprach er dem Greise die Achäer aus Asien vertreiben zu helfen. Priamos hatte ihm sein Wort gegeben und der junge Held schon angefangen im wilden Spiele der Schlacht um den schönen Preis zu ringen, als plötzlich des Idomeneus scharfer Speer seinem Heldenleben ein frühes Ende machte. Er fiel, und Idomeneus höhnte den Sterbenden noch, während er ihm die Lanze wieder aus dem Leibe zog. »Nun, Othryoneus«, sprach er, »will ich dich als den Tapfersten preisen, wenn du noch das große Werk, das du dem Priamos gelobt hast, glücklich vollführst. Warum bist du nicht zu uns gekommen, du Mann der Wunder? Agamemnon hätte dir ja auch gern seine Tochter gegeben, wenn du ihm ebenso geschickt Troja erobert hättest. Komm doch mit zu den Schiffen, mein Freund, da wollen wir noch weiter von der Heirat sprechen. Wir statten unsere Töchter wahrlich nicht karg aus.« Mit diesen Worten ergriff er ihn beim Fuße und wollte ihn abseits von den Schlachtreihen schleppen, um ihn desto gemächlicher plündern zu können; aber das suchte Asios zu hindern, der als Rächer herbeieilte und seinen Wagen dicht hinter sich herfahren ließ. Doch Idomeneus war schneller zur Verteidigung, als jener zum Angriff, und Asios fühlte schon des Feindes Lanze in seiner Gurgel, ehe er noch die eigene schleudern konnte. Er stürzte nieder, knirschend vor Schmerz, und wühlte zuckend in dem blutigen Staube. Sein Wagenlenker aber, starr vor Schrecken und ohne Besinnung, vergaß umzulenken und vermochte mit den zitternden Händen die Zügel nicht mehr zu halten. Das sah Antilochos , ein rüstiger Achäer, und stürzte auch ihn mit der Lanze vom Wagen hinunter, faßte dann die schönen Pferde bei den Zügeln und führte sie, eine leicht gewonnene Beute, nach den Zelten zu den übrigen hin. Doch auch dem Asios stand unter den Troern ein Rächer auf, Deïphobos , des Priamos Sohn. Dieser warf mit kräftigem Arme die schwere Lanze auf Idomeneus; aber der Held bückte sich rasch, da streifte das Eisen nur oberhalb am rauhen Schilde vorbei und ging unschädlich über ihn hin. Jedoch den Hypsenor traf sie, einen andern tüchtigen Krieger, der alsbald, das Eisen tief in der Leber, zu Boden sank. »Ha!« rief Deïphobos laut, »so liegt doch Asios nicht ungerächt! Wie wird sein Schatten auf dem Wege zur Unterwelt sich freuen, daß ich ihm einen Begleiter gab!« Dieser Hohn stachelte den Idomeneus, und während Antilochos mit einigen Gefährten den erlegten Freund zurück in Sicherheit brachte, schleuderte er seine mächtige Lanze mitten unter den Haufen der troischen Fürsten, die jetzt den Deïphobos umringt hatten, und traf einen Schwiegersohn des alten Anchises, den edlen Alkathoos , der augenblicklich das Leben aushauchte. »Nun, Deïphobos«, rief er frohlockend hinüber, »bist du zufrieden mit der Vergeltung, – drei für einen? Thörichter Wicht, der zu prahlen wagte, er könne es mit mir aufnehmen! Komm doch heran, versuche deine Kräfte, wenn du so gar beherzt bist!« Da rief Deïphobos schnell den Äneas und andere Fürsten herbei und schickte sich an, der Herausforderung Folge zu leisten. Das schien dem Idomeneus doch bedenklich; er lief nun ebenfalls umher nach Hilfe und forderte Meriones, Antilochos und andere Tapfere zum Beistande auf. Zu Deïphobos gesellten sich Äneas, Paris und der kühne Agenor. Diese nun stritten sämtlich wie Löwen gegeneinander. Meriones warf dem Deïphobos seine Lanze durch den Arm und sprang kühn hinterher, um das Geschoß wieder zu holen, das noch im Fleische steckte; doch einen zweiten Stoß wagte er nicht aus Furcht vor Polites , des Verwundeten Bruder, der den Ohnmächtigen, heftig Blutenden um den Leib faßte und rasch aus dem Getümmel trug. Er übergab ihn draußen vor der Mauer dem Wagenlenker, der ihn eiligst nach der Stadt fuhr, wo liebende Hände ihn verbanden und pflegten. Wütend tobte hier das Kriegsgetümmel noch immer fort, und von beiden Seiten wurde mancher treffliche Jüngling erschlagen. Adamas , der Trojaner, wollte den Antilochos mit heftigem Stoße durchbohren, aber das Eisen der Lanze blieb im Schilde stecken, und der hölzerne Schaft brach ab. Da zielte Meriones auf ihn und warf ihm den Spieß gerade durch den Unterleib, da, wo der Tod am schmerzlichsten nahet. Wie eine Fliege an der Nadel des grausamen Knaben, so krümmte und wand sich der Unglückliche auf der Erde um die Lanze herum, die ihm der Sieger Meriones mit heftigem Ruck wieder aus dem Leibe riß, indem er mit dem Fuße auf die Brust des Verwundeten trat. Da entfloh ihm allmählich die Besinnung, und Dunkel umhüllte seine Augen. Jetzt eilte auch Menelaos nach dieser Seite des Treffens hin. Er kam gerade dazu, als Helenos , Hektors Bruder, mit scharfem Schwerte dem tapfern Deïpyros den Kopf spaltete und, ergrimmt über den Anblick, schwang er schon von weitem die drohende Lanze. Helenos sah ihn anstürmen und griff schnell zum Bogen, dem er, wie sein Bruder Paris, am meisten vertraute. Er traf auch sehr gut, gerade die Mitte des Schildes, aber ach! diese Mitte bestand aus einem metallenen Buckel, von welchem der leichte Pfeil absprang, wie beim Worfeln die Bohne oder Erbse von der Tenne zurückprallt und von dem Getreide sich sondert. Geschwind wollte er einen zweiten Schuß versuchen, aber während er die Senne anzog, flog ihm schon des Menelaos spitze Lanze in die linke Hand, mit der er den Bogen hielt und spießte ihm Hand und Bogen zugleich; ein seltsamer Anblick, aber wahrlich kein kleiner Schmerz! Er enteilte schnell von dem Kampfplatze und verbarg sich unter die Freunde, indem er an der herunterhangenden Hand die Lanze und den gleichsam angehefteten Bogen nachschleifte. Agenor erwies ihm den schmerzlichen Liebesdienst, ihm den Eisenstachel aus der Hand zu ziehn und wickelte ihm schnell ein künstlich gewebtes wollenes Band um dieselbe. Der Verwundete ging darauf zum Thor der Verschanzung hinaus und fuhr auf seinem Wagen nach der Stadt. Menelaos hatte sich unterdessen eine andere Lanze gesucht, deren auf dem Schlachtfelde eine Menge lagen, und warf sie auf den Peisandros . Er fehlte, und das Geschoß flog seitwärts in den Sand. Jetzt warf Peisandros, aber sein Wurfspieß durchbohrte den Schild kaum, geschweige den Panzer. Da versuchten sie andere Waffen; Peisandros zog unter dem Schilde die blitzende Streitaxt hervor und schlug jenem mit leicht streifendem Hiebe den Kegel des Helms herunter, doch im nächsten Augenblicke schmetterte ein entsetzlicher Hieb von Menelaos' Schwerte ihn zur Erde nieder. Der rachsüchtige Sieger frohlockte und rief, indem er den Gefallenen seines Waffenschmuckes entkleidete: »So, ihr Hunde, so büßt ihr doch einer nach dem andern euren Frevel, wenn gleich Zeus euch ungerechterweise noch eine Weile zu beschützen scheint! Aber ich hoffe, so sollen sie noch alle fallen, die treulosen Troer, und das Volk soll vom Erdboden vertilgt werden, das mit Bündnissen und heiligen Eiden ein Spiel treibt und Gastfreunden heimlich die Weiber und Schätze entführt! Trotziges Gesindel, das immer übermütiger wird! Wie ist es nur möglich, daß die gerechten Götter solchen Übermut der Troer gegen uns zulassen! Wahrhaftig man wird doch endlich aller Dinge satt, des Schlafs und des Weins, der Liebe und des süßen Gesanges, aber diese Brut wird des Krieges nicht müde!« Indem er noch sprach, kam Harpalions Lanze auf ihn hergeflogen, eines Jünglings, der mit seinem Vater zugleich nach Troja gekommen war; aber sie blieb, wie Peisandros' Geschoß, in Menelaos' festem Schilde hangen. Als Harpalion das sah, wandte er sich schnell, um im dichteren Gedränge der Rache des Helden zu entfliehen. Umsonst! denn eben hatte Meriones einen Pfeil auf den Bogen gelegt und sah kein bequemeres Ziel für denselben als diesen Flüchtling. Er schoß ihm gerade ins Gesäß, daß der Pfeil vorn unter dem Nabel wieder herausfuhr. Der Arme wand sich stöhnend auf der Erde, und das hervorquellende Blut netzte rings um ihn den Boden, Seine Freunde nahmen ihn bekümmert in die Arme und trugen ihn hinaus auf den Wagen; auch sein alter Vater kam auf die böse Nachricht herbeigeeilt und begleitete den Sohn unter Thränen. Ihn zu rächen aber erschoß Paris einen edlen Jüngling aus Korinth, gleichfalls eines noch lebenden Vaters Freude, nun aber sein Schmerz. Am hitzigsten war das Gefecht auf der rechten Seite des Lagers, wo Hektor wütete und trotz der Tapfern, die ihm widerstanden, dennoch mit aller Gewalt die Schiffe zu erobern und anzuzünden strebte. Alle Schrecken des Krieges waren auf dieser Stelle vereinigt, Wut, Verzweiflung und Rachsucht, wildes Geschrei und Angstruf und Flucht. Der Boden troff vom Blute der Ermordeten, die Leichname selbst hatten zuletzt nicht mehr weggezogen werden können. Den Troern sank indessen dennoch der Mut zuerst; zum wenigsten fühlten sie nun wohl, daß die Schiffe nicht so leicht erobert sein würden, als Hektor gehofft hatte. Selbst dieser wagte es nicht länger an den Orten zu verweilen, wo die tapfern Streiter Aias, Odysseus und Idomeneus wie eine Mauer zusammen standen, sondern suchte sich andere, schwächere Feinde und begnügte sich, die Herausforderung der beiden Aias mit prahlender Schmährede zu beantworten: in jenen Zeiten auch dem größten Helden keine Schande, weil es doch auch zur Kränkung des Feindes gereichte! »Komm doch, komm!« rief der ältere Aias ihm zu. »Was scheuchst du das gemeine Volk? Mit uns wage es, wenn du Mut hast; wir sind des Kriegswerks nicht unkundig. Du möchtest gern zu unsern Schiffen heran? Wohlan, ich sage dir, früher noch sinkt dein stolzes Troja in Asche, als unsere Flotte, und du selbst sollst mir eher fliehend dem Vaterhause den Rücken kehren, als über unsere Flucht triumphieren.« In dem Augenblicke flog ein Adler hoch über ihren Häuptern den Achäern zur Rechten hin; und sie freuten sich alle des Zeichens und trauten nun dem Worte, das Aias geredet hatte. Aber Hektor rief ihm trotzig entgegen: »Elender Schwätzer, was rühmst du dich doch! Wäre ich doch nur so sicher ein Sohn des Zeus, als dir und euch allen der heutige Tag Unheil bringen wird! Und wehe dir, wenn du es wagtest meinem Speere zu stehen! Wie sollte er dir den zarten Leib zerreißen und dein Blut den Hunden zu lecken geben!« Er stürmte fort mit seiner Schar, um das Treffen am andern Flügel zu schauen, und allen ward bange, denen er nahte, und das Feldgeschrei der Troer, die ihn umringten, schallte laut durch die Lüfte. Elfter Abend. Der überlistete Zeus. Die achäischen Helden, welche am Morgen des unglücklichen Tages verwundet aus dem Treffen geschafft waren, hatten bis dahin unmutsvoll in ihren Zelten geharrt und ihre Wunden gepflegt. Der alte Nestor saß noch bei Machaon. Er hatte ihn verbunden, mit Trank und Speise gelabt und sodann ein warmes Bad bestellt, das eine der Sklavinnen eben bereitete. Aber so lange Zeit nichts von dem Gange der Schlacht zu sehen noch zu hören, war dem Alten unmöglich. Er stand unruhig auf und sprach zu dem Verwundeten: »Freund, ich kann nicht länger unthätig bei dir sitzen; ich muß sehen, wohin sich her Sieg wendet. Bleibe nur ruhig hier und trinke vom funkelnden Wein; bald wird die Dienerin dir im lauen Wasser die Glieder erquicken und allen Schweiß und blutigen Staub von dir abthun. Nach dem Bade aber gedenke ich wieder bei dir zu sein.« Er ergriff den Schild seines Sohnes, denn dieser hatte ihm heute den eigenen weggenommen; dazu nahm er eine tüchtige Lanze und ging dann hinaus auf die Höhe. O wehe, was erblickte er da! die Mauer zur Hälfte niedergerissen, das Thor zerschmettert, alle Troer innerhalb des verschanzten Raumes zusammengedrängt und ein entsetzliches Getümmel, so daß man niemand unterscheiden konnte. Er seufzte tief auf und bedachte sich, ob er hinab ins Gewühl zu den Kämpfenden eilen oder den Agamemnon in seinem Zelte aufsuchen sollte. Er wählte das letztere. Und als er sich eben nach der Gegend hinwandte, wo des Königs Schiffe standen, siehe, da kamen ihm die verwundeten Fürsten selbst entgegen langsamen Schrittes, um ihrer Wunden zu schonen, und Diomedes hinkte gar und stützte sich auf seine Lanze. »Ei, Nestor«, rief Agamemnon, »wie kommst du denn hierher und hast das Treffen verlassen können? Nicht wahr, es ist alles verloren? Ach, ich erkenne es wohl, daß alles so kommen wird, wie Hektor immer gedroht hat, daß die Troer nicht rasten werden, bis unsere Schiffe verbrannt und unsere Völker erschlagen sind. Und gestehe es nur, mir fluchen alle Achäer und hassen mich, wie mich Achilleus haßt, weil ich allein sie zu solchen Drangsalen geführt habe! Gewiß verlassen sie den Kampf oder sitzen in dumpfer Ruhe bei den Schiffen?« »Ach nicht doch!« versetzte Nestor. »Und was geschehen ist, ist doch nun einmal geschehen, und Zeus selbst könnte es nicht mehr ändern. Schlimm steht es freilich um uns; aber so lange nicht alles verloren ist, laßt uns, ihr Fürsten, klug auf Rat sinnen, statt zu verzweifeln. Nur in die Schlacht geht mir nicht; ein Verwundeter taugt nicht zum Kämpfen.« Da sprach Agamemnon wieder: »Soll ich dir sagen, was ich denke? Siehe, weil wir doch aufs äußerste gebracht sind und der Kampf schon um die Steuerruder wütet, weil selbst die Mauer den Rasenden nicht Einhalt gethan: so ist mein Rat, wir ziehen, sobald es finster wird, die Schiffe ins Meer und segeln still in der Nacht, wenn die Troer schlafen, von dannen. Ich hoffe ja doch, sie werden uns da in Ruhe lassen, und dadurch entkommen wir auf einmal dem Jammergeschick. Mögen sie uns immer feig nennen! Besser ist es der Gefahr entrinnen als ihr erliegen.« »Ha! was für Reden sind das!«– brach plötzlich Odysseus mit kraftvollem Scheltworte los. »Ich wollte, du hättest ein Heer von Feiglingen hierher geführt, anstatt Männern wie uns zu gebieten, die gelernt haben von früher Jugend auf bis spät ins Alter die Lasten des Krieges zu tragen und auszudauern, bis der letzte tot niedersinkt. Wie? es wäre dein Ernst jetzt dich einzuschiffen und wie ein ertappter Dieb dich durch nächtliche Flucht zu retten? O schweige doch, daß kein anderer aus dem Argeiervolke es höre, dies unwürdige Wort, das keiner auch nur nachsprechen möchte, dessen Mund gewöhnt ist, ehrliche Worte zu reden! Da sagte Agamemnon: »Odysseus, schwer empfinde ich deinen harten Verweis; aber es war ja nicht so gemeint, daß wir fliehen sollten und müßten. Wider ihren Willen sollen die Argeier nicht die Schiffe ins Meer ziehen. Wer bessern Rat weiß, wohlan! der mag ihn sagen; sei er ein Jüngling oder ein Greis, er soll mir herzlich erwünscht sein.« Jetzt nahm Diomedes das Wort: »Der Mann ist nicht weit«, sprach er, »den braucht ihr nicht lange zu suchen, wenn ihr anders mich hören wollt und guten Rat aus meinem Munde nicht verschmäht. Zwar bin ich der jüngste von allen, aber nicht unedleren Geschlechts als der beste von euch, und ich denke, Heldenmut und Kraft zu männlichen Thaten hat Zeus mir gegeben. So ist denn mein Rat, wir gehen in die Schlacht, nicht um zu fechten, sondern um die andern zur Tapferkeit und Ordnung zu ermuntern, die sonst auf uns sahen und jetzt ohne unsere Gegenwart kleinmütig verzagen möchten.« Diese Rede gefiel allen, und sie folgten ihm geraden Wegs zum Kampfplätze. Als sie diesen eben erreicht hatten, kam Poseidon in der Gestalt eines alten Kriegers, dem der Schweiß der harten Arbeit von der Stirne rann, freudig überrascht ihnen entgegen und rief dem Agamemnon zu: »Ha! geht's schon wieder? Wahrlich, es thut not, daß ihr kommt, denn jetzt steht es übel. Heute mag er recht lachen, der schadenfrohe Achilleus, wenn er da oben von seinem Verdeck das Getümmel bei den Schiffen sieht. Aber laß den Übermütigen in seinem Wahnsinn! Ihn müsse ein Gott mit Schande zeichnen! Noch hoffe ich das Beste. Die himmlischen Götter zürnen dir nicht unversöhnlich, und du siehst gewiß noch den Tag, wo die Troer besiegt von den Schiffen in ihre Stadt flüchten und ihre Helden unter unsern Speeren fallen.« Mit diesen Worten kehrte der Gott wieder in die Schlacht zurück und mahnte durch mutigen Zuruf die ermattenden Völker zur Ausdauer. Seine Stimme aber dröhnte über das Schlachtfeld, wie wenn tausend Männer riefen, und ihr gehorchten die Achäer schnell. Die Fürsten aber sahen ihm verwundert nach, denn keiner kannte den Mann, und doch war er so erhaben und stattlich, ja fast königlich von Ansehen. Da ahneten sie wohl, es werde ein Gott gewesen sein, der ihnen Trost gebracht habe in ihrer Bedrängnis. Sie irrten nicht: es war Poseidon, der aus Erbitterung gegen die Troer heimlich, dem Befehle des Zeus zuwider, den Achäern zu Hilfe gekommen war. Aber es würde ihm übel bekommen sein, wenn ihn der Kronide entdeckt hätte, der, vom Gipfel des quellensprudelnden Ida herab ruhigen Blickes dem Schlachtgewühl zuschaute. Um die Entdeckung wenigstens für die erste Zeit zu verhindern, ersann Here, die alles, was unten vorging, vom Olympos aus gesehen hatte, eine täuschende List. Aphrodite war bekanntlich die schönste der himmlischen Göttinnen. Auch die andern waren schön; aber jenen wunderbaren Reiz, dem alle Herzen unterliegen müssen und der immer gewaltiger wird mit der wachsenden Liebe, den hatten sie nicht. Diese süße Gewalt lag allein in dem Gürtel der Göttin, ohne den sie zwar immer noch schön, aber nicht so unwiderstehlich bezaubernd war und der, wenn sie ihn andern lieh, auch diesen die Liebe und das unbedingte Vertrauen aller Menschen gewann. Daß Here dem Zeus trotz ihrer Schönheit verhaßt war, rührte eben nur von dem Mangel solcher Eigenschaften her. Ihr fehlten die schönsten Zierden des Weibes, Sanftmut, Freundlichkeit und Bescheidenheit, kurz alle jene Tugenden, welche die alles bezwingende Aphrodite in ihren Gürtel zu weben nicht vergessen hatte. Deshalb nun kam Here jetzt zu ihr und fragte sie schmeichelnd: »Thätest du mir wohl etwas zu Gefallen, mein Töchterchen; oder wirst du mir's abschlagen, weil ich die Achäer beschütze und du die Troer?« Aphrodite, die anmutige Göttin, erwiderte: »Erhabene Here, rede, was ist's, das du verlangst? Kann ich's gewähren, so thue ich's gewiß.« Da sprach Here listig: »Gieb mir den Zaubergürtel der Liebe und Sehnsucht, der dir alle Herzen der Götter und Menschen gewinnt. Ich will hingehen zu dem Allvater Okeanos , der längst schon in bösem Groll mit seiner Gemahlin Thetis lebt, und sehen, wie ich etwa durch freundliche Worte ihren endlosen Hader schlichten möchte. Meinst du nicht, ich thue damit ein gutes Werk und könne mir herzlichen Dank verdienen?« »Sicherlich«, antwortete der falschen Rede trauend die Göttin. »Wie könnte ich dir dazu meine Hilfe verweigern? Nimm hin den Gürtel. Möge es dir glücken!« Und alsbald löste sie von ihrem Busen den strahlenden Gürtel, in dem jeglicher Zauber lag, und reichte ihn der Here dar. Diese nahm ihn zufrieden lächelnd, verbarg ihn in dem Busen und eilte damit in ihr Gemach. Hier badete sie den zarten Leib, salbte ihn mit ambrosischem Öle, ordnete ihr Haar und ringelt es in glänzende Locken. Dann legte sie das lange, feine Gewand an, das ihr Athene künstlich gewebt hatte, schloß es mit goldenen Spangen über dem Busen zusammen, und darunter band sie den Wundergürtel fest. Die schönen Ohrgehänge, der schimmernde Schleier und die goldenen Sohlen vollendeten die prächtige Kleidung, und nun schwebte sie, umhüllt von süßem Duft, über die Höhen des Olympos und die Gebirge und Gewässer der Erde hin, zuerst nach Lemnos , wo sie den göttlichen Schlaf , den Bruder des Todes, fand. Er war ihr zu dem Trugstück, das sie ausführen wollte, unentbehrlich; daher faßte sie ihn freundlich bei der Hand und sprach zu ihm: »Mächtiger Schlaf, der du Menschen und Götter beherrschest, hast du mir je einen Dienst erwiesen, o, so thue es jetzt auch, und ich werde dir's ewig Dank wissen! Mein Sohn Hephästos soll dir einen unzerbrechlichen Sessel verfertigen, dessen Polster nie hart wird, strahlend von Golde, und unten einen Fußschemel daran, damit dir bei Tische die Füße behaglich ruhen können.« Ein Lächeln flog wie Sonnenschein über das Angesicht des Gottes. Und was hätte auch den Schläfer wohl mehr reizen können, als das Versprechen eines solchen Sessels? »Nun, was verlangst du denn von mir, erhabene Königin?« fragte er. »Komm mit mir«, sprach sie, »und wiege mir den Vater der Götter auf kurze Zeit in Schlummer! Ich selbst will ihn zuvor mit heiterem Geschwätz bethören; dann hast du leichteres Spiel, und wir können wieder eine Weile ungestört das Kriegsregiment führen.« »Das ist viel gefordert!« antwortete der Schlaf. »Wohl an die anderen Olympier alle wagte ich mich eher, ja selbst den alten immer strömenden Okeanos würde ich einschläfern; nur dem Zeus scheue ich mich zu nahen, wenn er nicht selbst meiner begehrt. Ich bin durch Schaden belehrt worden. Oder hast du vergessen, wie gewaltig er tobte, als ich ihn in jener Zeit auf dein Anstiften berückt hatte, da du ihm seinen lieben Sohn Herakles mit Stürmen verfolgtest und auf die Insel Kos verschlagen wolltest! Vor seinem Zürnen erbebte der ganze Olympos; kaum entrann ich, und hätte mich nicht aus alter Freundschaft die Nacht in Schutz genommen, auf die er selbst etwas hält, so wäre ich vielleicht dennoch verloren gewesen.« Here versetzte: »Ei du träumst wohl, dem Göttervater lägen die Troer so sehr am Herzen, als damals sein liebster Sohn? Mit nichten! Und damit du mein aufrichtiges, dankbares Herz sehen mögest, so verheiße ich dir Pasithea, die schönste der jugendlichen Charitinnen, zur Gemahlin, nach welcher du selbst dich stets gesehnt hast.« »Gewiß?« fragte der Gott des Schlafes entzückt. »O, schwöre mir's, daß ich dir trauen darf, und augenblicklich will ich thun, was du befiehlst!« Die Göttin berührte mit einer Hand die Erde und mit der andern das Meer, und schwur bei den heiligen Wassern des Styx und den Göttern der Unterwelt. Dann eilten sie beide übers Meer nach Phrygien hin. Here schritt geraden Weges den Ida hinauf, der Schlaf aber flog kreisend rings um den Berg in Gestalt eines Nachtadlers, und verbarg sich in dem Wipfel einer hohen Tanne. Alles, was Here von dem Zauber des Gürtels gehofft hatte, ward, ihr jetzt in vollem Maße gewährt, allerdings eigentlich zu ihrer Beschämung; aber daran dachte sie zunächst nicht. Der alte Göttervater war wunderbar überrascht und traute seinen Augen kaum, denn so reizend war ihm sein teures Gemahl nimmer erschienen. Es waren Heres Augen, aber Aphroditens seelenvoller Blick; es war Heres Stimme, aber die Worte schienen aus dem Herzen der Huldgöttin zu kommen. Here, die herrische, widerspenstige Here, sanft, freundlich, zärtlich, bescheiden zu sehen, das war ihm eine so unerwartete Erscheinung, daß er sich vor Freude auf der Stelle über alle bisher erlittenen Kränkungen mit ihr aussöhnte und sich ohne alles Mißtrauen von ganzer Seele der schönen Täuschung überließ, diese Umwandlung werde von ewiger Dauer sein. Wie aber in schlechten Händen auch das Gute mißbraucht und entehrt wird, so wandte auch Here die entlehnten Reize nur zur Befriedigung ihrer Leidenschaft an. Sie unterhielt nur darum ihren Gemahl so emsig mit traulichem Geplauder und süßem Getändel, damit er der Troer ein Stündchen vergessen sollte, ja, sie setzte sich geflissentlich so, daß er, um sie anzusehen, jenen den Rücken kehren mußte und folglich seinen ungehorsamen Bruder Poseidon nicht bemerken konnte; zuletzt aber, als sich ihr Zeus so harmlos und treuherzig hingab, winkte sie verstohlen dem lauernden Vogel oben im Tannenwipfel, daß er seine wehenden Fittige sanft über dem Glücklichen schwang, worauf derselbe alsbald friedlich entschlummerte. Eilig flog nun der Schlaf zum Poseidon hinab und brachte ihm die Botschaft: »Zeus schläft; was du thun willst, thue jetzt!« Da durchrannte der Meergott in Gestalt eines alten Kriegers alle Reihen des Achäerheeres und rief den Völkern Mut zu. Wie ein Orkan gegen den Wald heranbraust, so stürmten beide Heere ungestüm gegeneinander, und viele stürzten nieder, zumeist von den Trojanern. Denn der Gott hatte die tapfersten Helden des Heeres festgeschlossen zusammengestellt, damit sie gleich einer ehernen Mauer mit den vorgehaltenen Lanzen die anstürmenden Feinde aufhalten sollten. Hektor freilich wußte nicht, daß ein Gott gegen ihn kämpfte, darum ließ er nicht ab und hoffte noch immer zu siegen. Jedoch bald ereilte ihn sein böses Schicksal. Er hatte eben die Lanze auf Aias geworfen, aber gerade die Stelle des Panzers getroffen, wo die Riemen des Degengehenks und des Schildes sich übereinander kreuzen; deshalb war der Wurf unschädlich geblieben. Jetzt sah er sich nach einem Steine um, aber Aias kam ihm zuvor und warf ihm einen schweren Feldstein über den Schild an das Brustbein, daß er atemlos zurücktaumelte. Schild und Feldstein sanken dem Troerhelden aus den Händen, und dröhnend fiel er selbst in den Sand. Schon wollte Aias mit den Freunden heranspringen und den Feind entkleiden, aber in diesem Augenblicke umringten ihn die tapfersten Fürsten der Troer, Äneas, Polydamas, Agenor und die trefflichen Lykierfürsten Sarpedon und Glaukos. Alle hielten sogleich ihre Schilde vor, bis einige von den Dienern ihn auf die Schultern hoben und hinaus in seinen Wagen trugen, auf dem ihn der Rosselenker zur Stadt fuhr. Als der Wagen unterwegs an die Furt des kleinen Flüßchens Skamandros oder Xanthos kam, hoben die Freunde den noch immer betäubten, schwer aufstöhnenden Hektor vom Sitze herab, legten ihn zur Erde nieder und besprengten ihn mit frischem Wasser. Da erholte er sich ein wenig und schlug die Augen auf. Er wollte in die Höhe gerichtet sein, darum griffen sie ihm unter die Arme und erhoben ihn in eine knieende Stellung. Ein Strom schwarzes Blut stürzte ihm jetzt aus dem Halse, und hierauf sank er in abermalige Ohnmacht zurück. Ihr könnt wohl denken, welch ein Jauchzen die Nachricht von Hektors Falle im Heere der Achäer hervorgebracht haben werde. Der alte Mut belebte sie wieder, und Poseidons mächtiger Beistand bewirkte neue Heldenthaten. Der jüngere Aias , des Oïleus Sohn, schoß den trefflichen Satnios nieder, einer reizenden Najade Sohn. Zwar wollte Polydamas ihn rächen, aber statt den Aias zu treffen, flog sein Wurfspieß dem Böotier Prothoënor in die Schulter. Auch das ein Gewinn! dachte er und rühmte sich laut den Achäern zum Ärger, die den Prothoënor ungern verloren. Aias der ältere, der ihm zunächst stand, wollte sein Rächer werden und richtete seine Lanze auf Polydamas, aber dieser bog durch einen geschickten Seitensprung aus, und so flog sie Antenors Sohne, Archilochos , der hinter ihm stand, in den Hals. Da rief Aias höhnend dem Polydamas zu: »Nun was meinst du, Polydamas, sage mir unverhohlen, war der Mann wohl wert für Prothoënor zu fallen? Er sieht ja dem erhabenen Antenor so ähnlich; es muß wohl sein leiblicher Bruder oder sein Sohn sein.« Der Boshafte kannte ihn recht gut; er wollte die Troer nur reizen. Diese zogen sich immer mehr zurück, und nur wenige Anführer fochten noch im Einzelkampf. Akamas stieß noch einen Achäer nieder, den jungen Promachos , sprang dann mit seinem Bruder heran und hielt den Schild vor, während dieser den Erschlagenen bei den Beinen wegzog, um ihn inmitten der Seinen ruhiger plündern zu können. Die Achäer wagten es nicht ihnen zu wehren, Akamas aber rief ihnen trotzig zu: »Seht ihr wohl? Nicht aller Schaden ist auf unserer Seite, und mein Bruder Archilochos ist doch nicht ungerächt gefallen. Seht nur her, wie ruhig euer Freund sich fortziehen läßt! Nicht wahr, solch einen Rächer an Ort und Stelle möchte wohl jeder von euch sich wünschen?« Das verdroß die Achäer nicht wenig, und Peneleos hätte gern den kühnen Schreier gezüchtigt. Wild sprang er auf ihn ein, aber er verfehlte ihn mit der Lanze und traf den Ilioneus , einen andern trojanischen Jüngling, gerade durchs Auge, so daß die Spitze zum Hinterkopfe wieder herausdrang. Aber dabei ließ es sein Zorn nicht bewenden; er ergriff die Lanze wieder, hob den Gefallenen daran empor und hieb ihm das Haupt ab. Dieses spießte er auf die Lanze und schwenkte es herum wie einen Mohnkopf, den man am untersten Ende des Stengels gefaßt hat, und rief höhnend den Troern hinüber: »Grüßt mir doch, ihr Troer, Ilioneus' Vater und Mutter und erzählt ihnen das, damit sie den stattlichen Sohn daheim betrauern können. Auch unsers Promachos' Gattin wird nun den lieben Gemahl nicht mehr willkommen heißen!« So schalten noch länger mit trotzigem Spott die Fürsten der Achäer und Troer gegeneinander. Aber der Sieg neigte sich doch im ganzen zu den Achäern hin, und die Trojaner mußten weichen, denn kein Gott stritt mehr für sie, und Hektor lag verwundet am Ufer des Xanthos. Nach kurzer Zeit sahen sie sich wieder an die Mauer, ja zum Teil schon über diese zurückgedrängt. Zwölfter Abend. Die Achäer in äußerster Bedrängnis. Jetzt erwachte Zeus auf dem Ida an der Seite seiner Gemahlin, und sein erster Blick war nach den Schiffen gerichtet. Wie fand er dort alles verändert! Die Troer aus der Verschanzung herausgetrieben, nach der Stadt fliehend, seinen Bruder Poseidon unter den vordersten Kämpfern des griechischen Heeres, und den verwundeten Hektor bewußtlos stöhnend am Ufer des Flusses! »Ha, Here!« fuhr er zornig auf, »arglistiges, tückisches Weib, das war dein Werk! Das also waren deine Liebkosungen, deine Freundlichkeit und dein süßes Geschwätz! Was gilt's, daß ich dich für diesen Frevel strafe? Hast du die letzte Züchtigung schon vergessen, als du mir schweben mußtest zwischen Himmel und Erde, mit den Händen an eine lange Kette gebunden und an jedem Fuß einen Amboß, damals, als du mich auch überlistet und meinem Herakles einen Seesturm geschickt hattest, daß er nach Kos zu feindlichen Menschen verschlagen wurde? Wie, wenn ich jetzt – –?« »Wahrlich«, sprach die Göttin erschrocken, »Erde und Himmel sollen mir Zeuge sein, ja, ich schwöre es beim Styx, daß ich den Poseidon nicht habe zur Schlacht gehen heißen. Ob ihn die Achäer erfleht haben oder ob sein eigenes Herz ihn angetrieben – ich weiß nichts davon. Ach, ich wollte es ihm ja eher selbst ausreden, da du so zürnest.« »Ha!« rief Zeus, »ich sehe wohl, wenn ihr im Götterrate die erste Stimme hättet, da würde die Welt ganz anders regiert werden als von mir. Gleich gehe mir in die Versammlung der Götter, und rufe mir eilig Iris und Apollon her!« Wie froh war Here, daß sie diesmal so schnell loskam! Doch zitterten ihr noch vor Schrecken die Kniee, als sie die Schwelle des olympischen Göttersaales betrat. »Was ist's? was giebt's?« fragten die Göttinnen. »Ach, unser Reich hat schon ein Ende!« antwortete sie. »Er hat alles gesehen, er zürnt gewaltig und verlangt nach Iris und Apollon. Warum widerstreben wir Thörinnen ihm auch? Mag doch fallen, wer will, was geht es uns an? Eben sah ich auch Askalaphos fallen, des Ares lieben Sohn.« »Wie?« rief Ares in Schmerz und Bestürzung, »meinen Sohn? Nun so verargt mir's nicht, daß ich auf der Stelle zur Rache hinabeile, mag mich auch der Strahl des Donnerers treffen und zu den übrigen Toten in Blut und Staube hinabschleudern!« Er stürmte aus dem Saale hinaus und befahl dem Entsetzen , welches in seinem Gefolge diente, ihm die Rosse anzuschirren; er selbst warf sich die erzstrahlende Rüstung um, und ein unermeßliches Unheil wäre entstanden, wenn nicht Athene, um die übrigen Götter besorgt, ihm nachgesprungen wäre und ihm Helm, Schild und Lanze mit Gewalt wieder entrissen hätte. »Rasender«, schrie sie ihn an, »wo hast du die Besinnung? Willst du uns denn alle ins Verderben stürzen? Hast du nicht gehört, was Here gesagt hat? Wehe uns, wenn er dich sieht, der Furchtbare! Sogleich wendet er sich von jenen ab und rächt sich im Grimme an uns, den Unschuldigen wie den Schuldigen ergreifend. Ward doch dein Sohn zum Sterben geboren, und wohl Edlere sind gefallen! Es ist ja unmöglich alle Sterblichen zu beschützen!« Mit diesen Worten drückte sie den entrüsteten Bruder auf den Stuhl nieder, und ihrer Warnung gehorchend hielt er sich zurück. Apollon hingegen und Iris flogen schnell hinab auf die grünen Höhen des Ida und traten ehrfurchtsvoll an den Vater heran, der, gehüllt in eine Wolke, dort allein saß. »Gehe«, sprach er zu Iris, »und sage dem Poseidon, daß er nun ruhe vom Kampfe und gehorsam zum Sitz der Unsterblichen steige, oder hinab in das Meer; dort mag er gebieten. Und daß er's nicht wage meinem Gebote zu trotzen, wenn er nicht fühlen will, wie viel stärker an Macht ich bin! Verwegener, der sich nicht scheut sich mir gleich zu dünken, mir, vor dem doch alle zittern! – Du aber, mein geliebter Sohn Apollon, gehe hin zum Hektor und stärke seine Brust mit deinem göttlichen Anhauch, dann führe ihn in die Schlacht zurück und hilf ihm selbst die Achäer in ihre Schiffe treiben. Hier hast du meine Ägis (Ägide), schüttele sie kräftig, daß die Achäer erbeben; aber wenn sie genug geängstigt sind, dann lasse auch sie ruhen.« Iris verkündete dem Gotte des Meeres aufs Wort den Befehl des Göttervaters und erregte ihm damit die Galle nicht wenig. »Wahrlich«, rief er aus, »das heiße ich übermütig geredet, wie mächtig er auch sein mag! Mir den Willen zu brechen, mir, der ich an Würde ihm gleich bin! Denn sind wir nicht Brüder, er und Pluto und ich, und wurde nicht die Ober- und Unterwelt zwischen uns Dreien gleich geteilt? Wir loseten, da fiel ihm die Luft und mir das Wasser zu, aber Erde und Himmel sind uns allen gemein und nimmer soll er hier mich hemmen! Mag er seiner Gemahlin und seinen Söhnen und Töchtern nach Gefallen gebieten; ich kehre mich an seine Befehle und Drohungen nicht.« Da sprach Iris zögernd: »Wie, schwarzlockiger Erdumstürmer, ganz so, wie du da sagst, soll ich dem Zeus deine Antwort überbringen? Bedenkst du dich nicht noch anders? Gern wenden sich die Herzen der Edeln zum Frieden, und immer gebührt dem Älteren Achtung.« »Iris, treffliche Göttin«, entgegnete der aufbrausende Gott, »du sprichst verständig und gut. Wie schön, wenn ein Bote weiß, was sich schickt! Aber mich überwältigte nur der Zorn, und mit Recht, denn kein Bruder sollte dem andern befehlen. Freilich, bedenke ich mir's genau, so thue ich wohl am besten ihm nachzugeben, und so mag er thun, was er will. Aber das sage ihm nur: will er nicht, daß unheilbarer Zorn uns entflammen soll, so darf mir Ilios nicht stehen bleiben!« So sprach er, verließ die Schlacht und tauchte in die Fluten des Meeres. Iris ging zum Ida zurück. Apollon war unterdessen beim Hektor angekommen, der sich schon wieder etwas erholt hatte und nicht mehr stöhnend dalag, sondern aufgerichtet saß, von seinen Freunden umgeben. Mit freundlichem Lächeln nahte ihm der Gott und redete ihn an: »Sei getrost, Sohn des Priamos! siehe, mich sendet Zeus dir zum Retter; ich bin Phöbos Apollon, der schon oft dich und die Deinen beschützt hat. Auf! ermahne die reisigen Scharen und folge mit ihnen mir nach. Denn ich selber schaffe dir Bahn und jage die Achäer zur Flucht.« Er berührte ihn, und Hektor erstand wie neugeboren, und gleich dem Füllen, das die Halfter zerrissen hat und mutig den andern Pferden nachspringt auf die Weide, eilte er wieder dem Schlachtgetümmel zu. Mit Staunen und Entsetzen sahen ihn die Achäer wiederkehren; und wie schnelle Windhunde, die einen Hirsch verfolgen und plötzlich zurückfahren, wenn ihnen unerwartet aus dem Dickicht ein Löwe entgegentritt, so wandten sich jene erschrocken bei Hektors Anblick. Und als Apollon unsichtbar den Schild des Zeus, die mächtige Ägis, schüttelte, da kam Furcht und Entsetzen über die Achäer, daß sie von der Verfolgung abließen und sich schnell wieder zu ihren Schiffen flüchteten. Die Trojaner aber standen in kurzem wieder innerhalb der Mauer und konnten den Angriff auf die Schiffe mit größerer Gewalt als zuvor erneuern. Die Anführer feuerten mittlerweile auf beiden Seiten mit lautem Rufe zur Tapferkeit an und durchliefen ordnend die Reihen. Lanzen und Pfeile flogen herüber und hinüber; viele trafen, viele fuhren kraftlos in den Sand. In dem großen Räume zwischen den Heeren aber tummelten sich einzelne Helden nach Kriegsbrauch herum und wählten sich ihre Gegner. So warf Hektor den Führer der Böotier, Arkesilaos , nieder und den Athener Stichios , Menestheus' tapfern Freund; Äneas traf den Bruder des jüngern Aias und noch einen andern edlen Achäer, Jasos , den Führer der Athener. Polydamas streckte den Mekistheus in den Staub, Echios den Polites , Agenor den Klonios . Paris schoß dem fliehenden Deiochos einen Pfeil in die Schulter, daß ihm die Spitze aus der Brust wieder hervordrang. So wütete der grausame Kampf noch ferner fort, und viele tapfere Männer fanden bei den Schiffen ihren Tod. Da rief Hektor laut: »Nun, wohlauf, ihr tapfern Troer, jetzt gerade auf die Schiffe gesprengt! Haltet alle zusammen! Keiner bleibe zurück, um etwa einem Toten die Rüstung zu nehmen; wen ich säumend erblicke und in scheuer Ferne von den Schiffen, der stirbt von meiner Hand, und seine Leiche mag unter Trojas Mauern liegen unbestattet, ein Fraß der Hunde!« So sprach er, die Reihen der Krieger ermahnend, und trieb seine Rosse über den Graben. Unter Jubelgeschrei folgten die andern ihm nach, und immer schrecklicher ward das Getöse. Erst bei den Schiffen standen sie still und beteten laut zu den Göttern um Sieg in dem schweren Streite. Ein weithinrollender Donner verkündete ihnen Glück, und mit doppelter Wut stürmten sie vorwärts. Hektor bemühte sich ein Schiff zu erklimmen, aber noch vergeblich. Die Achäer stießen von oben mit ihren langen Ruderstangen jeden, der sich heranwagte, zurück, und in der Gegend, wo Hektor tobte, scharte sich immer der Kern der herzhaftesten Männer zusammen. Fürchterlich hallte der Kampfruf, und ebenso grausend war es anzuschauen, wie Tausende von starken Männern mit Stoß und Hieb andrängten, um die Schiffe zu erobern, und tausend andere gleichwütend aus Leibeskräften arbeiteten, um die Stürmenden abzuhalten. Ungeheure Kräfte zerschellten fruchtlos aneinander, und alle der vergossene Schweiß, alle das strömende Blut brachte keinem Einzigen Gewinn. Während dieser verhängnisvollen Stunden hatte Patroklos noch immer im Zelte des Eurypylos gesessen und den verwundeten Freund gepflegt, der ihn in seiner Angst durchaus nicht von sich lassen wollte. Aber länger konnte er unmöglich bleiben, wenn er nicht den Zorn des Achilleus aufs höchste reizen wollte. Auch erfüllte ihn der immer lauter tobende und immer näher sich wälzende Aufruhr von draußen mit Besorgnis. Er mußte zusehen, wie der Kampf sich wende, und heftiger drängte ihn sein Herz, den Achill zu bewegen, doch endlich den Achäern wieder beizustehen. Er stand also auf und sprach zu Eurypylos: »Jetzt, Lieber, kann ich nicht länger bei dir zurückbleiben, so sehr du auch meines Dienstes bedarfst; ich will dir einen getreuen Waffengenossen schicken. Denn ich selbst muß hinaus zum Achilleus; vielleicht, daß ihn mein dringendes Wort zum Kampfe bewegt, und dann, dann Freund! sind wir alle gerettet.« Er ging hinaus und überschaute mit Schrecken die Wahlstatt. Immer wütender tobte die Mordlust, wild durcheinander sah er Troer und Achäer flüchten, sich verfolgen, kämpfen, fallen. Hektor vor allen hervorragend, stürmte mit einem flammenden Kienbrand heran, ihn in eines der Schiffe zu schleudern; aber die Achäer wehrten dem verderblichen Wurf. Aias von Salamis stand auf dem Verdeck und stieß mit der Lanze jeden, der Feuer herbeitrug, zu Boden. Ihm sandte daher auch Hektor den Wurfspieß entgegen, aber er traf den Lykophron , der neben ihm stand, einen tapferen Jüngling von der Insel Kythere, die er um einer Mordthat willen hatte verlassen müssen. Nach Salamis flüchtend hatte er bei dem alten Telamon liebreiche Aufnahme gefunden, und wurde fortan von dem Greise, weil er sehr brav war, seinen Söhnen gleichgehalten. Darum schmerzte sein Fall den Aias tief, und er sprach rasch zu seinem Bruder Teukros: »Sieh hier, Bruder, unser Freund ist gefallen von Hektors Hand. Wo hast du deine rächenden Pfeile?« Eilend stieg Teukros auf das Schiff und schoß unter die dichtesten Haufen der Troer. Da stürzte Polydamas' Freund Kleitos vom Wagen herunter, daß sich die Rosse bäumten, und rasch sprang Polydamas hinzu, um das Gefährt in Sicherheit zu bringen. Teukros, erfreut über den glücklichen Schuß, legte schnell einen zweiten, schärferen Pfeil für Hektor auf den Bogen, und er hätte ihn, da er ganz nahe stand, gewiß durchbohrt, wäre ihm nicht im Augenblicke, da er sie spannen wollte, die Senne zerrissen und der Pfeil kraftlos zur Seite geflogen. »Wehe mir!« rief er bestürzt aus. »Fürwahr, ein Gott muß wider uns sein! Habe ich doch diesen Morgen erst eine neugeflochtene Schnur um den Bogen gewunden.« »Nun, so wirf den Bogen weg und greif zu Speer und Schild!« sprach Aias schnell. »Siehe, sie liegen im Zelt, und wenn du hinunterkommst, so ermuntere kräftig die andern alle! Lauf! lauf! und säume nicht!« Teukros eilte hinab ins Zelt, nahm einen Schild von vierfacher Ochsenhaut, setzte sich einen schirmenden Helm mit wildflatterndem Roßschweifbusch auf und ergriff ein Paar eschene Lanzen mit eherner Spitze. So gerüstet kehrte er schleunigst zum Bruder zurück. Hektor hatte den Unfall des Teukros gesehen und aus dem zerbrochenen Bogen ein gutes Zeichen gedeutet, »Ha, wohlauf, ihr Troer!« rief er, »soeben hat Zeus schon wieder einem tüchtigen Bogenschützen die Freude vereitelt. Ja, der Olympier will uns den Sieg gewähren; darum kämpfe jeder, wie er kann; und fällt auch einer von euch, getrost! er stirbt den ruhmvollen Tod für Trojas Weiber und Kinder, und gewiß! die Troer werden es den Seinen dankend vergelten, wenn erst die Achäer von Ilions Boden verjagt sind.« Aber auch im achäischen Heere fehlte es nicht an kräftiger Ermahnung. »Hört nur«, rief Aias den Seinen zu, »hört, wie Hektor seine Troer ermuntert! Und er sollte uns bezwingen? Ha, wahrlich! welch ein Schicksal würde unser dann erwarten? Oder denkt ihr zu Fuße nach Hause zurückzukehren, wenn euch die Schiffe verbrannt sind? Seht nur, wie er schon nach Feuerbränden winkt, und wie er hierhin eilt und dorthin! Wahrlich, nicht zum Tanze ruft er Jungfrauen und Weiber, sondern Männer zum blutigen Kampfe! Aber seid auch ihr Männer, haltet stand, und zeigt euch nicht schlechter als jene; nichts bleibt uns übrig als kühn mit bewaffneter Hand uns in die starrenden Speere zu stürzen!« Er schleuderte sogleich zuerst wieder eine Lanze hinab und warf einen Sohn Antenors, den blühenden Laodamas , nieder. Dafür aber traf Hektor den Führer der Phokäer, Schedios , und Polydamas den Fürsten der Epeer, Otos aus Kyllene. Das sah Idomeneus, und rächend eilte er herbei und warf die Lanze auf jenen. Zwar verfehlte er ihn, aber er traf einen andern wackern Troer, den Krösmos , gerade in die Brust und beraubte ihn eilig der schönen Rüstung. Das wollte ihm Dolops , ein Vetter Hektors, verwehren und kam mit gewaltigem Anlaufe gegen ihn losgestürmt. Idomeneus traute seinem mächtigen Schilde, und indem er damit den wuchtigen Speer auffing, versetzte er jenem mit seiner Lanze einen Stoß an den Kopf, der aber nur die Stirnhaut ritzte und den Helm herabstieß. Noch rangen sie zweifelhaft, da sprang Menelaos seitwärts herbei und durchbohrte meuchlings den Troer, daß er niedertaumelte. Sogleich wollten ihn beide der ehernen Wehr berauben. Aber das sah Hektor, und zornentbrannt rief er die Freunde herbei und jagte mit ihrer Hilfe die beiden kecken Achäer davon. Aias sah ihn heranstürmen und rief noch einmal die Seinen zur Tapferkeit auf. »Schämt euch«, rief er, »ihr Freunde, feig in der Schlacht zu sein! Ehret euch selbst, denn wo ein Volk sich selber ehrt, da stehen der Männer mehr als da fallen; aber den Fliehenden bleibt nichts, weder Ruhm noch Errettung.« Und alsbald deckten die Achäer ihre Schiffe mit ihren Leibern wie mit undurchdringlicher Mauer, und kein Troer wagte ihnen zu nahen. Nur Antilochos , Nestors Sohn, stand ferne, auf seine Lanze gestützt und sah ruhigen Herzens dem Getümmel zu. Ihn erblickte Menelaos und sprach zu ihm in verweisendem Tone: »Ei, Antilochos, du bist der jüngste von allen, und keiner ist rascher zu Fuße als du; du solltest doch lieber einmal hervorspringen und versuchen, ob du nicht auch einen der Troer erlegen könntest.« Den Jüngling reizte das, und er warf, vorspringend aus dem Gewühl und rings sich umschauend, die Lanze in die dichtesten Haufen. Die Feinde stoben auseinander, aber einen traf der Wurf doch, den schönen Melanippos , Hektors Vetter, der sonst in Perkote treffliche Rinder geweidet hatte, jetzt aber seit dem Ausbruche des Krieges in Priamos' Hause wohnte. Von Antilochos durch die Brust geschossen, stürzte er rasselnd im ehernen Waffenschmucke zur Erde. Und wie der rasche Jagdhund über den geschossenen Hirsch herfällt, so rannte der Sieger jetzt auf den Gefallenen los, ihm die Rüstung zu entreißen; aber da er schon sich niederbückte, um den Riemen des Schildes abzustreifen, stürmte Hektor gegen ihn an und scheuchte ihn wie ein Reh zurück, ihn und auch die anderen; denn wo er heranbrauste, da drängten sich angstvoll die Scharen aneinander, wie eine Schafherde vor dem Wolfe. Keiner wagte sich zu wehren, sondern wen er erreichte, der beugte erschreckt sein Haupt und empfing zitternd, mit abgewandtem Gesicht den Todesstreich. Fürchterlich rauschte um sein Haupt der Helmbusch, gleich eines Löwen flatternder Mähne, und unter den dunkeln Brauen blitzten ihm die Augen, wie Feuer aus dem Dickicht des Waldes. Er stürzte in die Scharen der Achäer, wie ein Panther in die Rinderherde stürzt, die von einem furchtsamen Hirten geweidet wird; tief jagt er sie in den Sumpf und erpackt das letzte der Rinder mit seinen Pranken, ohne daß es vermag sich zu wehren, und tragt es davon, sicher vor jeder Verfolgung. Jetzt waren die Achäer schon von den vordern Schiffen zurückzuweichen genötigt, vor den Zelten aber standen sie noch in dichten Reihen; denn es hielt sie Furcht und Scham zusammen. Unablässig ermunterten sie einander, und vor allen beschwor der greise Nestor in tiefem Schmerze das Volk nur einmal noch die letzten Kräfte aufzubieten. »Denkt doch zurück«, rief er, »an eure Weiber und Kinder und an eure Güter daheim! Denkt an eurer Väter Namen! Die wolltet ihr so feige preisgeben? wolltet hier wehr- und ehrlos von den Händen der Troer sterben?« Aber den rühmlichsten Mut unter den Führern der Achäer bewies Aias, Telamons Sohn. Mit mächtiger Lanze bewaffnet, sprang er von einem Verdecke auf das andere, um die Kämpfer anzutreiben, die kaum noch mit Gewalt zum Stehen zu bringen waren. Siehe, da brachte ein Troer dem Hektor einen gewaltigen Feuerbrand und warf ihn in das vorderste der verlassenen Schiffe! Dieser Anblick brachte die Achäer zur Verzweiflung. Alle, die in der Nähe standen, stürzten alsbald hervor, um das Schiff zu verteidigen, und nun erhob sich ein entsetzlicher Kampf um dasselbe. Streitäxte, Schwerter und Lanzen zischten durcheinander, und Ströme Bluts tränkten das Erdreich. Hektor hatte sich an den Bord des Schiffes geklammert und rief: »Auf! bringt Feuer herbei! Jetzt sendet Zeus den Tag, der alles vergütet, denn heute noch nehmen wir sicher die Schiffe!« Und »Feuer! Feuer!« scholl's durch das ganze Heer, daß alle Achäer erbebten. Aias selbst konnte nicht mehr herandringen, sondern warf nur, auf einem der hintern Schiffe stehend, unablässig Lanzen auf jeden, den er mit lodernden Bränden herankommen sah. Dabei ließ er nie die lautmahnende Stimme ruhen, sondern hörbar selbst durch das entsetzliche Getöse, rief er den Seinen zu: »Freunde, bewahret den Mut und zeigt euch als Männer! Habt ihr denn noch Helfer außer euch selbst, oder steht hinter euch noch eine andere Mauer? Wißt ihr noch andere Schiffe, euch übers Meer zu retten, wenn diese verbrannt sind? Nur in euren Armen liegt eure Rettung!« Fruchtloser Eifer! Die klirrenden Lanzen der Feinde trieben mächtiger zur Flucht, als die Stimme des einzelnen Führers zum Angriff. Die Kraft war allen gebrochen; aus solchem Drangsal hoffte das entmutigte Volk durch eigene Kräfte keine Errettung mehr. Dreizehnter Abend. Das Ende des Patroklos. Tief betrübt über das Schicksal der Genossen, wandte Patroklos sein Auge von dem blutigen Schauplatze ab und eilte zu Achilleus' Zelte. Thränen stürzten ihm die Wangen hinab, als er eintrat. Achilleus aber, bestürzt über den Anblick, vergaß des Scheltens und fragte mitleidig, was ihm die Seele bekümmere. »Ach, Sohn des Peleus«, antwortete jener tief aufseufzend, »zürne mir nicht; jetzt wird's den Achäern zu schwer, was sie dulden. Ringsum auf dem Felde bei den Schiffen liegen ihre tapfersten Kämpfer niedergestreckt, und wenige nur der Fürsten sind unverletzt geblieben. Diomedes ist durch den Fuß, Agamemnon durch den Arm geschossen, Odysseus ist in der Seite verwundet, dem Euryplos ist ein Pfeil durch die Lende gedrungen! Da zagt nun das arme verlassene Volk, und du Unbeugsamer erbarmst dich seiner nicht! Grausamer Mann! Du der Tapferste von allen, und doch keine Hand regend zur Rettung der verzweifelnden Freunde! Lasse mich doch nie ein Gott so zürnen, wie du zürnst! Ha wahrlich! dich hat Peleus nicht gezeugt, und nimmermehr ist eine Göttin deine Mutter; die finstere Meereflut, hochstarrende Felsen haben dich geboren, denn starr und gefühllos ist dein Herz, wie sie! Oder folgst du vielleicht einem geheimen Götterbefehle und darfst nicht wieder teilnehmen am Kampfe, so sende mich wenigstens und gieb mir deine Völker mit, ob ich etwa die Troer von den Schiffen zu vertreiben im stande bin. Gieb mir auch deine Waffen; vielleicht, daß ich die Feinde damit täusche, und daß sie, wenn auch nur eine Zeitlang, meinen, du selbst streitest wider sie. Unterdessen mögen die andern Achäer ruhen von dem langen Kampfe und sich mit frischem Mute stärken.« Achilleus erwiderte: »Mich hält weder ein Götterwort, noch ist mein Vorsatz ewig zu zürnen. Sobald die Troer auch meinen Schiffen und Zelten nahen sollten, so gürte ich mich wieder mit Schwert und Lanze, und wehe! wen ich erreiche. Aber bis dahin mag Agamemnon seinen Frevel bitter beklagen und allen Göttern reuige Sühnopfer geloben; diese Freude versage ich mir nicht! Zwar, daß sie die Schiffe vernichten, gönne ich den Troern nimmer, davon möchte ich sie wohl abhalten. Gehe also, wie du wünschest, und führe unsere Myrmidonen zum Kampfe; denn ich sehe wohl, ein Helfer ist jetzt not. Diomedes schwingt seinen furchtbaren Speer nicht mehr, und nicht mehr vernehme ich den mutigen Schlachtruf aus Agamemnons verhaßtem Munde; wohl aber dringt Hektors, des Völkerwürgers, Löwenstimme bis in mein Zelt, und laut jauchzen höre ich alle Trojaner. Drum nimm die Rüstung. Aber beachte wohl, was ich dir sage. Die Feinde magst du von den Schiffen vertreiben bis zur Verschanzung hinaus, aber nicht weiter verfolge sie mir. Hörst du? nicht weiter! Hüte dich in eine offene Feldschlacht dich verlocken zu lassen, noch weniger laß dich gelüsten ohne mich Trojas Feste bestürmen zu wollen, auf daß mir die volle Ehre bleibe und die Achäer erkennen, welchen Mann sie gekränkt haben!« Er ging hinaus und bestieg das höchste Verdeck, seine gewöhnliche Warte. Wie erschrak er, als er jetzt wirklich des Protesilaos Schiff in hellen Flammen auflodern sah und Hektor immer weiter vorstürmte, Aias aber mit den übrigen Achäern weit, weit zurückwich! »Eile, eile, Patroklos!« rief er hastig und sprang herab; »schon brennen die Schiffe! Geschwind nimm die Rüstung, ich ordne unterdessen die Völker.« Mit gewaltiger Stimme rief er das Heer der Myrmidonen auf, die längst schon ungeduldig die träge Ruhe verwünscht hatten. Ihrer waren mehr als zweitausend, denn auf fünfzig Schiffen waren sie gekommen, und jedes Schiff hatte fünfzig Männer geführt, sie alle treffliche Kämpfer, des Krieges gewohnt und von unbezwinglicher Stärke. Auf ihres Fürsten Ruf kamen sie bald gerüstet herbei, gierig wie Wölfe nach Fleisch, und nun sonderte sie dieser in fünf Scharen, deren jeder er einen Mann von erprobter Tapferkeit und Einsicht zum Führer gab. Patroklos rief indessen dem trefflichen Wagenlenker Automedon zu, die beiden prächtigen Rosse des Achilleus an den Wagen zu spannen, auch nebenbei noch ein anderes für den Notfall; dann eilte er selbst ins Zelt, sich zu waffnen. Um die Beine legte er schützende Schienen von blankem Silber, die Brust dann umschirmte er mit dem ehernen Harnisch Achills, warf dessen Schwert und undurchdringlichen Schild über die Schultern, und auf das Haupt setzte er den stattlichen Helm, von dem ein Busch schwarzer Roßhaare herab wallte. Auch zwei Lanzen ergriff er, doch nicht von den Lanzen Achills, denn diese konnte kein anderer Sterblicher schwingen; er hatte sie vielleicht kaum zu heben vermocht. So gerüstet sprang er hinauf in den Sessel des Wagens zu Automedon, der schon fertig stand, Zügel und Geißel in den Händen haltend. Achilleus musterte noch einmal seine Scharen und rief ihnen beim Abschiede zu: »Nun, ihr Myrmidonen, da euch jetzt euer heißester Wunsch erfüllt wird, so vergesse mir keiner die Drohung, die ihr so oft bei den Schiffen gegen die Troer ausgesprochen; werfet sie nieder, so viele ihr erreichen könnt, und machet mir Ehre!« Jetzt erhob sich der Zug; der Wagen stürmte voran. Aber Achilleus nahm aus der Lade, die seine Mutter ihm beim Abschiede voll wärmender Mantel und Tücher gepackt hatte, ein kostbares Gerät, einen goldenen Becher, aus dem er allein dem erhabensten der Götter zu spenden pflegte. Diesen spülte er am Meeresufer aus, wusch dann sich selbst die Hände, schöpfte vom funkelnden Wein in den Becher und trat damit ernst und feierlich vor die Thür seines Zeltes. »Vater Zeus!« flehte er zum Himmel aufblickend und die ersten Tropfen dem Gotte zu Ehren auf die Erde gießend, »höre mich jetzt, wie du bisher mich gehört, da du mir Ehre gabst vor den Achäern. Laß diesen meinen Freund mit Siegesruhm wiederkehren und stärke alle Genossen mit Tapferkeit, auf daß der Kühnheit der Troer ein Ende gemacht werde bei den Schiffen und auch die Achäer empfinden, wie schon ein Wort von mir sie erretten kann.« Als er so gebetet hatte, kehrte er in sein Zelt zurück und verschloß den köstlichen Becher wieder. Den einen Teil seines Gebets erhörte der Gott, denn er verlieh Sieg über die Troer; die Rückkehr des Freundes aber versagte er. Patroklos erschien jetzt mit seinen Scharen im Lager der andern Achäer; und wie dem unmutigen Wanderer, wenn nach heftigem Regenschauer plötzlich die Sonne wieder hervortritt, das Herz sich hebt, so auch den Griechen in dem Augenblicke, da sie des Helden ansichtig wurden. Die Troer aber erschraken, denn sie wähnten, Achill sei versöhnt und befinde sich unter den Myrmidonen; aber auch ohne ihn waren zweitausend Mann neu ankommender, ausgeruhter Streiter schon Veranlassung zum Schrecken genug. Auch veränderte sich zu Hektors Verdrusse nur allzuschnell die Scene; denn als nun das Volk des Achilleus auf das brennende Schiff des Protesilaos losstürzte, hielt kein Troer daselbst mehr stand; und wie ein Sturmwind die schwarzen Wolken zerstreut, die sich um den Gipfel eines hohen Gebirges gelagert haben, so daß ringsum der Himmel wieder blau und das erhabene Haupt selbst in glänzendem Sonnenschein erscheint: so ward bei dem Andränge der Myrmidonen der Raum um das Schiff wieder frei, und man eilte das Feuer zu löschen, das schon Planken und Kiel zur Hälfte zerstört hatte. Doch fehlte noch viel, daß die Schlacht ein Ende hatte nehmen können. Noch innerhalb der Mauer stellten die Führer der Troer ihre Massen wieder in Ordnung und riefen ihnen neuen Mut zu. Patroklos machte der Rüstung seines Freundes Ehre, denn er wendete sich mutig bald hierhin, bald dorthin und erlegte die tapfersten Streiter. An ihn schlossen die andern Helden der Achäer sich kräftig an, und die glücklich abgewendete Niederlage goß neues Leben und frische Hoffnung in das Herz der Bedrängten. Menelaos warf dem Thoas die Lanze neben dem Schilde in die offene Brust, daß er nieder zur Erde stürzte; Idomeneus stieß dem wild anstürmenden Amphiklos den eisernen Stachel durch die Wade, daß ihm das Schienbein zersplitterte. Hier drängten Nestors beide Söhne gegen den Feind, Antilochos rannte dem Atymnios den Speer durch den Leib, und als dessen Bruder Maris herbeisprang, um den Gefallenen zu rächen, eilte zu des Antilochos Hilfe Thrasymedes herbei, warf seine Lanze auf Maris, und traf ihn in die Schulter, so daß der zerschmetterte Knochen herabsank und beide Brüder, von zwei andern Brüdern erlegt, nahe bei einander zur Erde stürzten. Dort wieder hieb der jüngere Aias , der um seine Lanze gekommen war, den Kleobulos in den Nacken, daß das Blut hoch aufspritzte und des Getroffenen Augen sich zum Tode schlossen. Nicht weit davon rannten Penelos und Lykon zugleich mit den Lanzen aneinander, aber da sie beide einander verfehlten, mußten sie zu den Schwertern greifen. Lykon, der Troer, traf jenen mit gewaltiger Kraft auf den Kegel des Helms, allein das spröde Eisen sprang in Stücke; da traf ihn Penelos unter dem Ohr in den Nacken und zerschnitt ihm die Gurgel. Nur noch an der Haut des Halses hangend schleifte ihm der Kopf zur Seite, und wie ein gefällter Baum stürzte schwerfällig der blutige Rumpf auf die Erde. Meriones jagte dem flüchtenden Akamas nach und stach ihn mit dem Speere in die Schulter, als jener eben seinen Wagen erreicht hatte. Da fiel der Unglückliche nun leblos zwischen die Räder des Wagens hin, mit ihm zugleich sein Freund, der edle Erymas , welchem des Idomeneus eherne Lanze alle Zähne einbrach und noch das Hinterhaupt zerschmetterte, so daß ihm das Blut aus Nase und Augen hervorquoll. Jetzt konnten sich die Troer innerhalb der Verschanzung nicht länger behaupten. Hektor lenkte seinen Wagen zuerst hinaus und entkam glücklich aufs offene Feld, aber von den andern Wagen, welche ihm folgten, zerbrach mancher im Gedränge oder warf im Graben um und riß viele Fußgänger mit sich nieder. Da sah man Rosse ohne Wagen und ohne Lenker herumirren, und ihnen folgte das Gewühl der Fußvölker, die sich ängstlich teils durch das Thor drängten, teils über die Trümmer der Mauer sprangen, um das Freie zu gewinnen. Hinter ihnen her stürzten die Achäer, mutig verfolgend. Die Troer, die heute und gestern noch mit siegestrunkener Lust die Achäer von der Stadt weg bis in ihre Schiffe gejagt hatten, erfuhren jetzt umgekehrt dasselbe Geschick und sahen sich, zwar immer noch fechtend, aber doch auch weichend, stets weiter von dem achäischen Lager zurückgedrängt. Selbst Hektor vermochte bald den wilden Strom der Fliehenden nicht länger aufzuhalten. Sicherlich würde die Flucht unter den Troern so allgemein und so schnell nicht gewesen sein, wenn Patroklos der Vorschrift Achills mehr eingedenk geblieben wäre. Aber der glückliche Fortgang des Kampfes, der rühmliche, rasche Sieg und besonders der geheime Wunsch dem Hektor ans Leben zu gehn, verleitete den feurigen Helden die Feinde noch weiter zu verfolgen. Er sprang herab vom Wagen, den er sich nachfahren ließ, und ereilte die Opfer seiner Tapferkeit in schnellem Laufe. Jetzt warf er den Pronoos nieder und zog ihm die Rüstung aus; dann stürzte er auf Thestor , den Wagenlenker, der bei seinem Anblicke zitternd die Zäume aus der Hand fallen ließ, ganz betäubt vor Angst und zum Tode erstarrt. Er stieß ihm den Speer in die rechte Wange, durchbrach ihm die Zähne und zog ihn so am Kopfe aufgespießt mit der Lanze, wie einen Fisch an der Angel, vom Wagen herunter. Dann warf er ihn aufs Gesicht, riß die Lanze heraus und nahm ihm die Rüstung. Weiter wendete er sich wider den Troer Eryalos , der auf ihn losrannte, ergriff einen Feldstein und warf ihm denselben mit solcher Kraft gegen das Haupt, daß es barst und der Getroffene sogleich tot zur Erde stürzte. Von Sarpedon will ich besonders erzählen, jenem tapfern Lykierfürsten, der den ersten Riß in die Mauer der Achäer gemacht und zuerst seine Scharen hindurch geführt hatte. Dieser treffliche Mann, ein Sohn des Zeus, der erste Held unter den Bundesgenossen der Trojaner, konnte den Anblick der schimpflichen Flucht nicht länger ertragen und rief seinen Völkern vom Wagen herab zu: »Schämt euch, ihr Lykier! Wendet euch und folgt mir, denn ich will dem Manne begegnen, der von allen Achäern der Unbezwinglichste sich dünkt und den Trojanern so bitteres Unheil zufügt!« Hastig sprang er vom Wagen, und seine Gefährten umringten ihn. Da stürmte Patroklos auch gegen ihn an und schleuderte schon von ferne d« Lanze in den Haufen. Sie traf den herrlichen Thrasymelos , Sarpedons geliebten Freund, und durchbohrte denselben. Ihn zu rächen, warf Sarpedon schnell die Lanze auf Patroklos, traf aber nicht ihn, sondern eines seiner Pferde. Das Tier sprang hoch auf, stürzte dann nieder und schlug in gewaltigem Schmerz gegen den Boden, so daß die andern Pferde, dadurch scheu gemacht, kaum zu halten waren, bis Autemedon, der verständige Wagenlenker, herabsprang und die Stränge des verwundeten Rosses mit dem Schwerte zerschnitt. Patroklos indessen erwiderte den ihm zugedachten Wurf mit einem besser gezielten, und der starke Sarpedon, ins Zwerchfell getroffen, sank, wie die Eiche sinkt und die ragende Tanne, die auf hohem Gebirge zum Balken des Schiffes wird. Er knirschte und zuckte im Todesschmerz und griff krampfhaft mit den Händen in den blutigen Staub. Noch sterbend rief er dem Glaukos zu: »Glaukos, teurer Freund, jetzt gebührt's dir die Lykier anzuführen. Aber nun hilf, daß ich ruhig sterbe. Siehe, da kommen sie schon! Verteidige mich! Laß mir nicht die Waffen rauben! Ewige Schande müsse über dich kommen, wenn du mich verlässest!« Glaukos zog ihm den Speer aus dem Leibe; da atmete er noch einmal auf und Nacht umzog seine Augen. Aber der arme Freund war selbst entkräftet von der schmerzhaften Wunde, die ihm Teukros' Pfeil gerissen hatte, als er die Mauer erstieg, und konnte den geliebten Leichnam nicht schützen. Da rief er, das Wort des Sterbenden ehrend, Hektor und Äneas und andere Troerfürsten herbei. Aber auch Patroklos reizte die Achäer zum gemeinsamen Kampfe um Sarpedons Leichnam, dessen Rüstung zu erbeuten kein geringer Ruhm schien, weil der Gefallene ein so mächtiges Haupt der Troer gewesen war. Entsetzliches Geschrei erhob sich, und die Kämpfenden drängten sich um den Toten. Schon hatte Epeigeus , der tapferste Held der Myrmidonen, ihn beim Beine ergriffen, um ihn fortzuziehen, da rannte Hektor gegen ihn mit einem ungeheuren Feldsteine und schmetterte ihm Helm und Schädel zugleich entzwei, daß er tot zu den Füßen des getöteten Feindes niederstürzte. Tief ergrimmt über den Verlust des tapfern Genossen, schleuderte Patroklos darauf in gewaltigem Wurfe einen Stein gegen Sthenelos und zerschmetterte ihm den Nacken, und nun wichen erschreckt die Troer wohl um eines Lanzenwurfs Weite von dem Leichname Sarpedons zurück. Ein Myrmidone, Bathykles , verfolgte sie; aber Glaukos, unter den Fliehenden der letzte, wandte sich rasch und bohrte ihm den Speer mitten in die Brust, daß er dumpf hinkrachend in der schweren Rüstung niederfiel. Ihn rächte Meriones , indem er einen Troer dafür niederwarf; aber beinahe wäre er selbst dem mächtigen Äneas erlegen, der mit aller Kraft seine Lanze auf ihn warf. Zum Glück bückte Meriones sich noch schnell genug, daß der Speer sausend über ihn hinwegflog und weit hinter ihm in die Erde fuhr. »Dein Glück«, rief Äneas, »daß du so ein gewandter Tänzer bist, Meriones; sonst hätte dich meine Lanze diesmal auf immer beruhigt!« »Ja«, entgegnete Meriones, »du möchtest wohl keinen Wurf oder Schuß vergebens thun; aber, tapferer Äneas, so ein mächtiger Held du auch bist, alles soll dir doch nicht gelingen, denn auch du bist sterblich geboren; und wenn ich dich nur einmal treffen könnte, du solltest mir wohl den Ruhm geben und dem Pluto deine Seele!« »Thörichter Mann«, strafte ihn der klügere Patroklos, »was soll doch das Schwatzen? Worte thun's nicht; vor Schmähreden werden die Troer nicht zurückweichen von den Toten. Im Arme ist die Entscheidung des Krieges; das Wort gilt im Rate; drum kämpfe, statt zu reden!« So sprach er und drang auf die Trojaner ein, die wieder anstürmten, und seine Scharen folgten ihm. Wie das Getöse der Holzhauer im Walde, so tönte jetzt das Geprassel der Schilde und Helme durch die Luft und ward weit umher gehört. Immer noch umschwärmten sie den toten Sarpedon, wie ein Fliegenschwarm die gefüllten Milcheimer im Stalle des Landmanns; aber der Held selbst war nicht mehr kenntlich, so sehr war er mit Staub und Blut bedeckt. Doch gelang es den Troern nicht mehr ihm nahe zu kommen; es wandte sich alles zur Flucht, selbst Hektor und Glaukos sprangen zuletzt auf ihre Wagen und eilten der Stadt zu. Da raubte Patroklos Sarpedons besudelte Rüstung, den Leichnam aber ließ er liegen. Die Dichtung erzählt, Apollon und zwei göttliche Genien, der Schlaf und der Tod , hätten den gefallenen Helden unsichtbar von dem Schlachtfelde genommen, am fernen Strome ihn rein gebadet, und dann, mit ambrosischem Balsam gesalbt und in weiche Gewänder gehüllt, ins Land der Lykier getragen, wo ihm sein edler Vater und die holde Gemahlin die letzte Ehre der Toten, den Scheiterhaufen und eine hochragende Grabsäule, geweiht hätten. Vor Patroklos' Gewalt bestand kein Troer mehr. Er verfolgte die Fliehenden wie ein Löwe und warf ihrer vielen die blutige Lanze in den Rücken, Der Verblendete! Hätte er das warnende Wort des Achilleus im Herzen bewahrt! Aber so sollte es kommen, damit der Ratschluß des Zeus erfüllt würde. Wie noch vor wenigen Stunden die Troer die Zinne der feindlichen Mauer hinabgeklommen waren, so versuchten jetzt die Achäer schon Trojas höhere Mauer zu ersteigen, und Patroklos selbst trachtete nach dem Ruhme der erste in der eroberten Stadt zu sein. Da ermannte sich endlich Hektor und befahl seinem Wagenlenker Kebriones , ihn gerade gegen Patroklos zu führen; denn mit keinem andern der Achäer wollte er kämpfen, ehe er diesen nicht niedergemacht hätte. Patroklos ließ ab von der Mauer, als er ihn sah und kam wütend gegen ihn angerannt, in der Linken den Speer, in der Rechten einen aufgerafften Marmorblock. Diesen warf er mit aller Kraft auf die beiden hochragenden Männer im Wagen und siehe, er traf den wackern Kebriones , des Priamos Sohn, und zerschmetterte ihm Stirn und Nasenbein, daß die Augen aus dem Kopfe sprangen und der Körper selbst jählings über den Rand des Wagensessels hinabstürzte. Mit grausam höhnendem Spotte schrie Patroklos bei dem Anblicke auf: »Seht doch, ihr Freunde, wie behende der Mann ist! Wahrlich, im troischen Volke giebt's flinke Taucher! Hätte dieser seine Kunst so in den fischreichen Gewässern des Meeres versuchen wollen, wie hier in der Ebene, er hätte des Tages viele Austern gefangen und viele Hungrige gesättigt!« Er fuhr sogleich über den noch Zuckenden her, um ihm die Waffen abzuziehen. Aber Hektor sprang rasch vom Wagen und ergriff das Haupt des Bruders, Patroklos dagegen packte ihn bei den Füßen, und nun dachten die Männer nicht mehr an Kampf, sondern rangen nur um den Leichnam, den sie fast zerrissen. Darüber sprangen Troer und Achäer in Masse zu Hilfe, und schrecklich dröhnten Speere, Schilde und Schwerter und das Geschrei der Kämpfenden. Die Troer schützten den Hektor, so viel sie vermochten; nicht Wurfspieß noch Schwert konnte ihn erreichen, während er mit Patroklos um den Leichnam des Kebriones rang. Aber ein kühner Troer nahm den günstigen Augenblick wahr und schlug mit kräftigem Schwertstreich dem Patroklos den Helm vom Haupte und zerschnitt ihm zugleich den Riemen des Schildes an der Schulter, so daß dieser zur Erde fiel. Der Held erschrak und ließ den Leichnam los; indem er sich wandte, stach ihm Euphorbos , ein beherzter Trojaner, in den Rücken. Noch wollte er fliehen und stieß die Drängenden mächtig zurück, aber Hektor eilte ihm nach und streckte ihn mit seiner gewaltigen Lanze vollends zu Boden. Alle Achäer bebten rings, selbst die mutigsten verloren die Fassung; keiner wagte dem Furchtbaren zu wehren, als dieser dem Gefallenen zuerst die Lanze mit gegengestemmtem Fuße aus dem Leibe zog und dann ihm die Rüstung abstreifte. Wohl eingedenk der höhnenden Worte über den Taucher Kebriones rief nun Hektor, der Rächer, ihm zu: »Nun, Patroklos denkst du uns noch die Stadt zu verwüsten und unsere Weiber wegzuführen? Traun! du hattest gewaltige Dinge im Sinne, und gewiß! Achilleus gab dir mancherlei Auftrag und gebot dir: Kehre mir nimmer wieder zurück, bevor du dem mordenden Hektor seinen blutigen Panzer entrissen! Und nun liegst du da, armer Mann, und giebst mir so willig deine schöne Rüstung, und ich gebe dich dafür den Geiern und Hunden zum Mahle!« Der sterbende Patroklos antwortete ihm noch mit schwacher Stimme: »Prahle nur, thörichter Hektor! Die Götter haben mich bezwungen, nicht du! Du kamst erst als der dritte, da ich fast wehrlos und schon verwundet war, und hast nur den Ruhm mir die Rüstung zu rauben. Wärst du mir frei und offen im ehrlichen Kampf begegnet, – zwanzig deinesgleichen hätte ich niedergestreckt, doch so wie du hätte mich auch ein Knabe bezwungen! Aber spotte nur, du selbst wirst nicht mehr lange unter den Lebenden wandeln. Schon naht dir fürchterlich die Rache. Wenn sie kommt, so denke an mich! Noch lebt der göttliche Achilleus! »Spare die Weissagung, ohnmächtiger Seher, und stirb!« versetzte Hektor. »Wer weiß, ob nicht Achill, wie du, von meiner Lanze durchbohrt, sein Leben aushaucht!« Mit diesen Worten verließ er den Sterbenden, um die treffliche Rüstung in Sicherheit zu bringen und dann ins Schlachtgetümmel zurück zu kehren. Vierzehnter Abend. Der Kampf um Patroklos' Leiche und Achilleus' Rachegelübde. Ihr erinnert euch der herrlichen Rosse des Achilleus, mit denen Patroklos in die Schlacht gestürmt war. Wahrlich! es war eine lockende Beute, und um sie zu erjagen, schweifte jetzt Hektor im weiten Felde umher, als sei ohne sie sein Sieg nicht vollständig. Aber er konnte die schnellen Tiere nicht mehr erreichen, denn zu weit schon hatte sich Automedon, der Wagenlenker des Patloklos, mit ihnen im Gedränge verloren. Der Platz um Patroklos' Leiche war unterdessen leer geworden; Menelaos allein stand bei derselben und hielt niedergebeugt seinen Schild vor, bis einige der Gefährten kommen würden, um sie zu den Schiffen zurückzutragen. Ihn sah Euphorbos , Panthoos' jüngster Sohn, der Bruder jenes Hyperenor , der am vorigen Tage durch Menelaos' Hand gefallen war. Der nahte ihm bis auf einen Lanzenwurf und rief ihm trotzig zu: »Sohn des Atreus, weiche zurück von dem Toten; ich will es wehren, daß ihr diesem Verwüster, der unser so viele gemordet, ein rühmliches Grabmal errichtet. Zurück! sage ich, ehe ich dich treffe und dir das süße Leben raube!« »Vater Zeus!« rief Menelaos unmutsvoll aus, »hat man je so trotzige Reden gehört? Kühner trotzt ja kein Löwe des Waldes oder kein Eber, als diese hochmütigen Söhne des Panthoos! Gerade so verächtlich lästerte mich gestern dein Bruder Hyperenor; aber ich meine, er hat es gebüßt, denn er kehrte wohl nicht mit eigenen Füßen zur lieben Gattin oder zum würdigen Vater zurück. Und so geht's auch dir, wenn du näher gegen mich herkommst. Fliehe also, das ist mein Rat, ehe dich dein Unglück ereilt! Denke an deinen Bruder!« »Ja, seiner gedenke ich«, rief Euphorbos; »gut, daß du mich daran mahnst. Wie soll sich mein Vater freuen, wenn ich ihm zum Zeichen der glücklich genommenen Rache deine blutige Rüstung und deinen Kopf bringe! Doch was rede ich noch lange? Versucht sei der entscheidende Kampf!« Also sprach er und rannte aus aller Kraft mit der Lanze gegen ihn an; doch als Menelaos den Schild vorhielt, bog sich die Spitze wie Blei um, ohne ihn nur zu ritzen. Da stieß ihm Menelaos den Stachel seines Speeres in die Kehle, daß er aus dem Nacken wieder hervordrang, und der schlanke Jüngling fiel, wie der üppige Schößling des Ölbaums auf wasserreicher Aue, wenn der Sturmwind ihn entwurzelt. Das wallende, lockige Haar schwamm im Blute, und ganz unkenntlich lag er da, der soeben noch rasch wie ein Reh die Reihen der Kämpfer durchflogen hatte. Menelaos wollte ihm die Rüstung ausziehen, als er Hektor von ferne erblickte, dem es gemeldet worden war, daß auch Euphorbos gefallen sei. Jenem zu stehen, wagte er nicht, daher ließ er nun auch von Patroklos' Leichnam ab und lief zum ältern Aias, auf daß sie vereint den Gefallenen den räuberischen Händen der Troer entrissen. Da sprach Glaukos unwillig zum Hektor: »Hektor, du prahlst wohl viel, aber nimmer erblicke ich dich da, wo Tapferkeit not thut! Mag von den Deinen fallen, wer will, du verteidigst ihn nicht! Den heldenmütigen Sarpedon, der für euch so viel gethan hat, hast du den Feinden preisgegeben, und kein Mensch hat gesehen, wo er ein Ende genommen hat. Haben die Lykier das um euch verdient? Wenn denn bei euch kein Dank ist und dem gefallenen Helden keine Ehre, nun, so kämpfe deinen Kampf allein aus; ich führe meine Lykier in die Heimat zurück. Ha! wenn ihr Troer jetzt Männer wäret, entschlossen und mutig, so rafftet ihr den Leichnam des Patroklos weg und brächtet ihn nach der Stadt in Sicherheit. Ganz gewiß würden die Achäer mit Freuden Sarpedons Waffenschmuck und Leichnam zum Lösegeld bieten und wohl noch mehr dazu. Aber du meidest ja feig den Kampf und fürchtest den Aias, der freilich ein anderer Mann ist als du!« Hektor sprach mit finsterem Blick: »Ei, mein Freund, ich habe dich stets für verständig gehalten, aber fürwahr! jetzt hast du unbedachtsame Worte geredet. Ich wagte nicht dem Aias zu stehen? Wann hat mich je ein Feind oder das Stampfen der Rosse geschreckt? Nein, nicht Aias ist's, noch Diomedes, noch sonst ein Held der Achäer, den ich fürchte; aber wohl schreckt mich der Ratschluß des Zeus, der jetzt sichtbar den Sieg in die Hände der Feinde gegeben hat. Was hilft menschliche Tapferkeit gegen den Gott der Götter? Aber willst du wissen, wohin mein Sinn steht, so gieb acht und dann sage, ob ich verzagt bin. Jetzt gehe ich, um die Rüstung mit jenen schönen Waffen zu Vertauschen, die sonst dem Achilleus gehörten.« Er that's und versammelte seine Mannschaft mit lautem Schlachtruf zu dichten Haufen. Auch die Fürsten der Nachbarschaft rief er zusammen und redete sie an: »Freunde und Bundesgenossen! nicht, weil ich bloß viele Menschen um mich sehen wollte, habe ich euch hier in Troja zusammenberufen, sondern damit ihr mir beistündet in der Not und Trojas Weiber und Kinder vor dem Verderben schütztet. Darum erschöpft sich fast unser armes Volk an Kriegssteuern und Opfergaben und ernährt euch mit seinen Herden und dem Schweiße seiner Hände, ich aber thue was ich kann, mit Schwert und Wort euer Herz zu gewinnen und aufzustacheln zum Kampfe. So ziehet denn jetzt kühn in den Kampf, sei's zum Tode oder zum Siege, denn so bringt's der Krieg ja mit sich. Und wer mir Patroklos' Leichnam nach Troja trägt, dem sei die Hälfte der Beute zum Lohne verheißen!« Alle stürmten ihm mit hellem Geschrei nach, hin zu der Stelle, wo Menelaos und Aias die Leiche des Patroklos schützten. Beiden schlug laut das Herz, als sie die dichte Schar auf sich andringen sahen, und Menelaos lief, was er konnte, um noch andere Freunde herbeizuholen. »Freunde«, rief er, »kommt doch und helft! Dort liegt Patroklos, und die Troer wollen ihn rauben, damit er den troischen Hunden ein Fraß werde. Ha! fühlt ihr nicht selbst die Schmach in der Seele?« Ihn hörte zuerst der jüngere Aias und eilte schnell zur Hilfe herbei. Bald kamen auch Idomeneus und Meriones, die beiden kretischen Helden, und jeder brachte einen Troß von Gefährten mit. Sie trafen fast zu gleicher Zeit mit Hektor und dessen Gefolge bei Patroklos' Leichnam zusammen; und wie die Meeresflut gegen die Mündung eines Stroms anbrauset, der sich in sie ergießt, so rauschten mit furchtbarem Getöse die Schilde und Lanzen der Achäer und Troer wider einander. Aber der erste am Leichnam war Hippothoos , ein kühner Trojaner; der nahm einen Riemen und schlang ihn um die Beine des Toten und band sie an den Knöcheln zusammen, um so seine Beute mit leichter Hand fortziehen zu können. Aber indem er sie ergriff und schon im Geiste des hohen Ruhms sich freute, den solche That ihm bringen würde, rannte Aias von Salamis auf ihn zu und warf ihm die sausende Lanze durchs Ohr, daß das Gehirn herausspritzte und er tot auf Patroklos' Leichnam niederstürzte. Hektor, Rache schnaubend, schleuderte darauf die mächtige Lanze gegen Aias; aber jener wich aus, und das Geschoß traf seinen Hintermann, Schedios , einen tapfern Mann aus dem Phokäervolke, in die Brust, so daß er röchelnd zur Erde fiel. Wieder erlegte Aias darauf den trefflichen Phorkys , und die Achäer zogen den Leichnam schnell an sich, um ihm die Rüstung desto sicherer entreißen zu können. Dasselbe hatten sie bei dem Hippothoos schon gethan. Aber auch Äneas und Hektor erlegten manchen tapfern Streiter, und der Platz um Patroklos füllte sich dergestalt mit Toten, daß man ihn selbst kaum noch unterscheiden konnte. Dennoch ließen die Scharen nicht ab vom blutigen Wettkampfe, ja, sie packten ihn schon, jene beim Kopfe und diese bei den Beinen, und zerrten ihn, wie die Gerber ein Fell durch Hin- und Herziehen dehnen; aber bald mußten die Achäer, bald die Troer weichen, von den Lanzen der stürmenden Feinde getötet oder zurückgescheucht. Siehe, da sprengte Automedon mit Achilleus' Rossen heran, die sich nicht halten, auch nicht in die Ställe zurückführen lassen wollten, gleichsam als müßten sie erst den Tod ihres vormaligen Lenkers rächen. Automedon hatte einen wackern Freund, Alkimedon , zu sich in den Wagen genommen; ihm übergab er die Zügel, entschlossen selbst um Patroklos' Leichnam den Kampf zu wagen. Diese beiden sah Hektor daherfahren und frohlockend rief er dem Äneas zu: »Siehe, Freund, dort kommen die trefflichen Rosse Achills! Was gilt's, wir erbeuten sie beide, wenn du mir helfen willst!« Sie rannten auf das Gespann zu, aber Automedon sprang mit der Lanze herab und rief die beiden Aias und den Menelaos zu seinem Beistande herbei. Da gesellten sich auch zu Hektor und Äneas noch ein paar tüchtige Gefährten, Chromios und Aretos , und es begann ein neues Gefecht um die Rosse, doch nicht entscheidender als jenes um den Toten. Hektor zielte zwar richtig und warf mit entsetzlicher Kraft, aber Automedon sprang geschickt zur Seite, und die Spitze der Lanze fuhr weit hinter ihm in die Erde, daß vom mächtigen Wurfe der Schaft noch lange schwankte. So vergeblich zielte Automedon nicht. Zwar wich Hektor gleichfalls dem Wurfe aus, aber dafür traf jener nun den Aretos , der hinter ihm stand, mit desto größerer Kraft in den Leibgurt, daß alle Eingeweide ihm durchschnitten wurden. Darauf sprangen alle Achäer vor und ließen die Troer nicht an den Leichnam kommen; diese aber wagten nicht sie zurückzutreiben, sondern mußten es sehen, wie Automedon dem Gefallenen die Rüstung auszog und sie in seinen Wagen trug, wobei er freudig ausrief: »Ha, so habe ich doch einigen Trost für meinen Schmerz um den Freund, war's gleich ein Schlechterer, den ich erlegte!« Indessen dämmerte schon der Abend heran. Nur noch das eine wünschte Aias, den Leichnam vor Einbruch der Nacht den Troern zu entreißen. Aber noch immer dauerte das Gefecht mit gleicher Heftigkeit fort, und auf keine Seite neigte sich der Sieg. Die Achäer konnten nichts als die Troer abwehren; doch ihn selbst wegzutragen wagten sie nicht. Da sprach Aias zu Menelaos: »Lieber, wenn doch ein wackerer Jüngling zu den Schiffen eilte, um dem Achill die Nachricht zu bringen von dem Tode des Freundes; vielleicht, daß er selbst käme, den Leichnam den feindlichen Händen zu entreißen. Siehst du Antilochos nicht, den raschen Sohn des Nestor? der käme wohl am schnellsten ins Lager.« Menelaos eilte den Jüngling zu suchen; halb zögernd freilich, denn er fürchtete, die Achäer möchten doch den Feinden den Raub überlassen. Er fand jenen am äußersten Ende des Schlachtfeldes kämpfend und sagte ihm den Auftrag des Aias, Schrecken lähmte den Jüngling, als er den Tod des tapfern Helden vernahm und seine Augen füllten sich mit Thränen; gleichwohl versäumte er nicht, was ihm Menelaos geboten hatte, und enteilte, dem Achilleus die traurige Kunde zu bringen. Der alte Menelaos aber kehrte sofort zu Aias zurück und sprach: »Fortgeschickt habe ich ihn zwar, aber ich zweifle, daß Achill ohne Rüstung kommen wird. Darum dächte ich, wir versuchten selbst noch das Letzte, ob wir den Toten nicht wegbringen können.« »Wohlgesprochen«, erwiderte Aias. »Laßt uns noch einen gemeinsamen Angriff versuchen; und weichen sie nur ein wenig zurück, dann bücke dich mit Meriones, und während ihr beide die Leiche wegzieht, wehren wir andern im Kampfe die Troer und den mächtigen Hektor ab.« Und wie ein angeschwollener Bergstrom im Frühling die Dämme durchbricht und Äcker und Wiesen weithin überschwemmt, so stürmten die vier gewaltigen Helden samt ihrem Gefolge in die Reihen der Troer ein und drängten sie glücklich zurück. Da bückten sich Menelaos und Meriones schnell und hoben den Toten auf ihre Arme. Das sahen die Feinde und wollten mit lautem Geschrei ihnen nach; aber scheuend vor den furchtbaren Lanzen des ältern und jüngern Aias fuhren sie wieder zurück, wie der rauschende Strom sich zurückwirft von dem Fuße des Hügels und links und rechts einen andern Ausweg sucht. Unaufhörlich schwangen die beiden Löwen ihre gewaltigen Speere und streckten mit jedem Stoß einen allzu kühn sich Heranwagenden nieder. Selbst Hektor vermochte nicht sie zu bändigen, auch Äneas versuchte heute vergebens Schwert und Lanze. Menelaos und Meriones brachten den Leichnam glücklich eine Strecke fort. Achilleus wartete inzwischen voll Ungeduld der Rückkehr seines Freundes und der Myrmidonen; fast ahnte er es, daß Patroklos den Auftrag überschritten haben würde, und zürnte schon im Herzen, daß ihm, dem Mächtigen, so schlecht gehorcht werde. Da stieg er auf seine gewöhnliche Warte, das hohe Verdeck des Schiffes, und sah durch die Dämmerung und den ungeheuern Staub dichte Haufen sich heranwälzen, welche Flüchtlingen zu gleichen schienen; und es war ihm, als höre er Hektors triumphierende Stimme, der die Achäer verfolge. Ein inneres Bangen ergriff ihn, und schon wollte er einen Boten aussenden, als der junge Antilochos zu ihm trat und mit Thränen sprach: »Wehe mir, Sohn des Peleus, ich verkündige dir ein entsetzliches Jammergeschick; ach, möchte es doch nimmer geschehen sein! Patroklos ist gefallen; hitzig kämpfen sie um den nackten Leichnam, denn die Waffen hat ihm Hektor entrissen!« Totenblässe umzog Achilleus' Gesicht bei dieser Nachricht. Denkt euch den feurigen, starken, leidenschaftlich empfindenden Mann in dem Augenblicke des ersten Schreckens, da er seines treuesten Herzensfreundes Tod vernimmt! Er raufte sich wütend das Haar aus, warf sich sinnlos zur Erde und bedeckte Kleid und Haupt mit Staub; das Herz pochte mit lauten Schlägen, und aus dem halb geöffneten Munde drang ein schauerliches Stöhnen und Seufzen hervor. Die Sklaven und dienenden Mägde versammelten sich um ihn und erschraken bei dem Anblick; dann aber weinten sie alle zumal, als ihnen die Ursache seines Schmerzes gesagt ward. Auch Antilochos weinte und faßte ihn niederknieend bei beiden Händen; denn er besorgte, der wildaufbrausende Mann möchte in der ersten Heftigkeit des Schmerzes sich selber töten. Einige Minuten dauerte dieser Zustand der starren Sinnlosigkeit, dann erst lösten sich lindernde Thränen, und das schwergetroffene Herz machte sich durch Klagen Luft. Ihn hörte Thetis, seine göttliche Mutter, tief im Grunde des Meeres. Mütterlich besorgt, stieg sie aus den Fluten herauf und setzte sich neben den jammernden Sohn. Sie drückte sein Haupt an ihren Busen, weinte selbst von Herzen mit und fragte in zärtlichem Tone: »Lieber Sohn, was betrübt dir schon wieder die Seele? Sprich, verhehle mir nichts! Hat dir doch Zeus deine Wünsche erfüllt und den Troern Siegesruhm verliehen! Sage mir, was weinst du? »Ach, Mutter!« begann schwer seufzend Achill, »was hilft mir Zeus' Gewährung, da mein Patroklos tot ist, den ich wert hielt wie mein eignes Leben! Hektor hat ihn erschlagen und ihm die Rüstung genommen, die er von mir geliehen, das herrliche Geschenk meines tapfern Vaters Peleus. Ach, Mutter, zu welchem Jammer hast du mich geboren! Siehe, jetzt muß ich die Feindschaft mit Agamemnon aufheben, denn nun werde ich nicht ruhen, bis mir Hektor diesen Mord mit seinem eignen Blute gebüßt hat.« »O Sohn«, sprach weinend die Mutter, »tötest du diesen, so ist auch dir das Ende nahe! Du kennst ja des Schicksals Bestimmung.« »O, daß ich sogleich sterben könnte«, antwortete Achilleus, »da mir's nicht vergönnt war meinen erschlagenen Freund zu verteidigen! Was habe ich nun gethan vor Troja? Nicht meinem Freunde noch den andern habe ich mit meiner Tapferkeit genützt, sondern unthätig habe ich während der größten Not dieser gefahrvollen Tage in meinem Zelte gesessen. Nun, so räche ich ihn wenigstens noch, und ehren will ich ihn, wie noch kein Sterblicher geehrt worden ist! Mag dann Zeus über mich verhängen, was ihm beliebt. Ist doch der Tod ein unvermeidliches Los. Auch der große Herakles ist gestorben, der doch dem Zeus der geliebteste von allen Söhnen war. So mag auch mich der Tod hinstrecken! Aber ehe es geschieht, soll noch manche Troerin über mich wehklagen und zürnen, daß ich ihr den Sohn oder den jungen Gemahl erschlug. Fühlen sollen sie's alle, daß ich der langen Rast ein Ende gemacht! Du weinst? Du möchtest mich abhalten? Nein, Mutter, wehre mir nicht; ich kann dir nicht gehorchen!« Thetis sprach: »Ich wehre dir nicht, denn gerecht ist dein Kummer und löblich der Entschluß den Toten zu ehren und den Freunden wieder zu helfen. Aber was wolltest du waffenlos, wie du jetzt bist? Ist doch kein anderer im Lager der Achäer, dessen Waffen dir paßten, als etwa der Telamonier Aias, und der, weißt du, braucht sie selbst. Warte also bis morgen und gehe nicht eher in den Kampf. Bald komme ich zurück mit einer neuen Rüstung, vom Hephästos selbst geschmiedet. In dieser sollst du den männermordenden Hektor bekämpfen.« Sie sprach's und stieg eilends hinauf zum Olympos, den Hephästos um die Waffen zu bitten. Achilleus vernahm unterdessen immer lauter das Getöse fernher tobender Männer, denn das wandelbare Glück der Schlachten jagte jetzt die Achäer abermals in die Flucht und verlieh den Troern Sieg. Wild und lautschreiend verfolgten diese die beiden Aias, welche den Leichnam des Patroklos unter dem Schutze der hereinbrechenden Nacht zu bergen suchten; und wie sehr auch die Griechenhelden eilten den Toten in Sicherheit zu bringen, so waren sie doch mehr als einmal nahe daran ihn preiszugeben, denn Hektor verfolgte sie mit den Seinen unablässig und hatte schon mehrmals den Fuß des Patroklos ergriffen, um mit einem Ruck die Beute an sich zu reißen. In dieser Gefahr dachten die beiden Aias gar nicht daran den Hektor zu töten; wiederum aus Furcht für ihr eigenes Leben, denn die riesige Gestalt des Gewaltigen schreckte sie gar zu sehr. Sie faßten dafür nur den Leichnam beim Kopfe und bei den Schultern, um ihn dem Verfolger aus den Händen zu winden. Dreimal gelang es ihnen, doch dreimal griff jener aufs neue an, und er hätte ihnen denselben endlich doch vielleicht entrissen, nahe schon am Graben des achäischen Lagers, wenn nicht ein eilender Bote es rasch dem Achilleus angesagt hätte: »Zu Hilfe! zu Hilfe! Achilleus! Sie reißen sich um Patroklos, und bald wird ihn Hektor errungen haben, denn er drohet ihm den Kopf abzuhauen und auf einen Pfahl zu spießen, den Rumpf aber den troischen Hunden zum Fraß zu geben. Dein ist die Schmach, wenn des Freundes Leiche geraubt und geschändet wird!« »O, ihr Götter!« rief Achilleus. »Was kann ich Wehrloser thun? Er selbst, der Entsetzliche, trägt ja meine Waffen! »Ach, wenn du nur am Graben stündest, daß sie deine Stimme hörten! – es ist ja finster, und schon vor deinem Drohen werden sie fliehen! Komm doch nur eilig heraus!« Er kam, unbedeckt und wehrlos wie er war, und stellte sich an den Graben. Und mit einer Stimme, wie wenn schwer und nahe der Donner durch Felsengebirge rollt, rief er seine fürchterlich drohenden Worte hinüber, daß Troer und Achäer ein Entsetzen ankam und Hektor, starr vor Schrecken, den Leichnam fahren ließ und sich schnell mit den Seinen zur Flucht wandte. So brachten die beiden Helden den Leichnam glücklich ins Lager und legten ihn auf weiche Decken. Achilleus, der ihnen entgegengekommen war, betrachtete ihn lange sprachlos mit gesenktem Haupte und starr zusammengeschlossenen Händen, und Thränen rannen ihm über die Wangen. Wie entstellt lag der Tote da! Wer hatte den freudigen Helden noch wiedererkannt, der vor wenigen Stunden voll hohen Mutes auszog in die Schlacht und so viele tapfere Feinde erlegte? Hoch auf dröhnendem Wagen und prangend in stattlicher Rüstung hatte er Abschied genommen; der Rüstung beraubt, mit zerrissenem Eingeweide und blutbedeckt – so sah ihn des Freundes Auge wieder. Die Troer hielten jetzt Rat, ob man die Nacht in der Stadt oder wieder auf dem Felde zubringen wolle. Das erstere riet Polydamas, denn ihm bangte vor Achills Morgengruße; auf dem letztern aber bestand Hektor, denn er hielt selbst den bloßen Schein der Furcht vor dem Feinde für unrühmlich. »Mag es sein«, schloß er seine Rede, »daß Achilleus morgen wieder im Felde erscheint; nun, dann hat er sich selbst das Schlimmere erkoren! Ich wahrlich werde vor ihm nicht fliehen! ich brenne vor Begier ihm entgegenzutrete, und Zeus wird entscheiden, ob mich oder ihn der Siegesruhm verherrlichen soll!« Alle Troer jauchzten ihm zu, und so lagerten sie wiederum, wie in der vorigen Nacht, auf dem Felde. Jünglinge holten Opfertiere samt Brot und Wein, zündeten Feuer an und bereiteten die Nachtkost. Auch die Achäer in ihrem Lager labten sich am Mahl und legten sich dann zur Ruhe. Nur den Achilleus floh der Schlaf. Niederknieend neben seinem toten Freunde, legte er die Hände auf dessen Brust und stöhnte gleich der Löwin, welcher ein kühner Jäger die Jungen geraubt hat. Vom Schmerze übermannt sprach er leise: »Gute Götter, wie unbesonnen war mein Reden doch, als ich damals dem redlichen Greise Menötios versprach, ihm seinen Sohn wohlbehalten und mit reichen Geschenken geehrt wieder heimzuführen, nachdem wir Troja zerstört! Ach der Mensch baut wohl stolze Pläne, aber Zeus wendet die Dinge nach seinem Willen! Nun ward uns beiden bestimmt, mit unserm Blute die troische Erde zu röten. Auch mich soll der greise Vater nicht wieder empfangen in seinem Palaste, noch die göttliche Mutter; denn weit entfernt von ihnen wird die fremde Scholle mich decken. Aber ehe sie mich deckt, mein Patroklos, sollst du gerächt sein; zu deinem Haupte will ich Hektors Waffen legen und des Mörders blutiges Haupt daneben. Zwölf troische Jünglinge schlachte ich dir zu Ehren, und manche Troerin soll um dich weinen und klagen. Ruhe indessen sanft hier bei den Schiffen, der morgende Tag soll deinen und meinen Ruhm verherrlichen.« Er stand auf und befahl den Freunden den Leichnam vom Blute und Staube zu reinigen. Das geschah; und als sie ihn gewaschen hatten, salbten sie ihn und gossen ihm balsamisches Öl in die Wunden, um ihn vor Fäulnis zu schützen. Dann hüllten sie ihn wieder in Tücher und ruhten die Nacht hindurch wehklagend bei demselben. Fünfzehnter Abend. Achilleus empfängt die unbesiegbaren Waffen und stürmt in den Kampf. Unterdessen war Thetis im Olymp angekommen, und ohne erst in dem gemeinschaftlichen Saale der Götter zu verweilen, ging sie geradeswegs auf die einzeln stehende Wohnung des Hephästos zu. Obgleich die Nacht schon angebrochen war, so hörte sie ihn doch noch in seiner Werkstatt hämmern; denn er hatte eben ein künstliches Werk in Arbeit, zwanzig Dreifüße von Erz, welche die seltene Fähigkeit besaßen von selbst an ihren Platz in dem Gemache zu gehen und auch nach dem Gebrauche sich selbst wieder in den Winkel zu stellen. Bis auf die Henkel hatte er sie fertig; nur diese noch, dachte er, dann soll es für heute genug sein! Aber ihm war noch ein ziemliches Stück Arbeit zum Feierabend zugedacht, das auch den größten Teil der Nacht in Anspruch nahm. Aphrodite, die freundliche Gemahlin des hinkenden Gottes, erblickte die Kommende zuerst an der offenen Thür und eilte ihr schnell entgegen, »Traute Freundin, willkommen!« rief sie. »Was treibt dich denn einmal aus deiner Tiefe herauf? Und zu so später Stunde? Sonst bist du uns ja ein so seltener Gast Tritt doch herein, damit ich dich gastlich aufnehme!« Sie traten ein, und Thetis setzte sich. Da lief Aphrodite geschwind hinter an den Herd und rief: »Komm doch hervor, lieber Mann, wir haben einen ehrenwerten Besuch; siehe Thetis bedarf deiner Hilfe!« Er kam hervorgehinkt, schmutzig und berußt, wie er war. »Ja wohl ehrenwert!« sprach er. »Willkommen, edle Göttin! Immer gedenke ich deiner mit herzlicher Dankbarkeit, denn du nahmst mich einst mütterlich auf, als meine Mutter mich im Himmel nicht dulden wollte und ich lahm geworden war. Da lebte ich unter den Fluten eine Zeitlang in deinem krystallenen Palaste und fertigte manches niedliche Kunstwerk, Ringe und Spangen, Nadeln und Kettchen, bis mich Here wieder zu Gnaden annahm und ich die feuchte Tiefe verließ. Darum sorge nur, Aphrodite, daß die Herrliche würdig bewirtet werde; ich will geschwind die Bälge und die Gerätschaft hinwegräumen! Er hinkte zu seiner Esse hin, legte die Blasebälge vom Feuer, räumte die Hämmer und Zangen und den gewaltigen Amboß beiseite, wusch sich dann mit dem Schwamme Gesicht, Hals, Brust und Hände, ordnete das Haar, nahm ein feines Leibgewand um und kam so in einer edlern Gestalt wieder zum Vorschein, auf eine goldene Krücke gestützt. Thetis hatte sich während dessen an der Götterspeise und dem köstlichen Nektar gelabt, welchen Aphrodite ihr vorgesetzt hatte, und fing nun an mit mütterlicher Umständlichkeit die Leiden ihres Sohnes wie die eignen aufzuzählen. Von Agamemnons Ungerechtigkeit begann sie und endete bei Patroklos' Fall, und so lenkte sie endlich zu der Bitte ein, dem unglücklichen Achilleus statt der verlorenen Waffen andere zu schmieden, mit denen er morgen schon den Hektor angreifen könne. Der trojanisch gesinnten Aphrodite war das allerdings ein unwillkommenes Anliegen, und gern hätte sie ihrem Gemahl einen verstohlenen Wink gegeben, allein er war zu durchdrungen von Dankbarkeit gegen Thetis, als daß er nicht gleich alles hätte zusagen sollen; und da sie selbst abwarten wollte, bis die Waffen fertig sein würden, so kehrt der dienstfertige Gott unverzüglich zur Werkstätte zurück, schürt das Feuer an, wirft die verschiedenen Metalle in die Kohlen, ergreift Hammer und Zange und beginnt die Arbeit. Götter, könnt ihr denken, arbeiten schnell. Kaum waren zwei Drittel der Nacht vergangen, so war die künstlichste Rüstung fertig, die je ein Held getragen hat. Der Schild besonders war ein Wunder seiner Art. In mehreren immer weiter ausgespannten Kreisen waren allerlei artige Gruppen und Scenen dargestellt. In der Mitte des Schildes bildete Hephästos das Weltall, zuerst in einem Umrisse die Erde mit dem Meere, darüber den Himmel mit den bekannten Sternbildern und zu beiden Seiten die Sonne und den Mond. Dann bildete er zwei Städte, die eine umgeben von dem Glücke und der Stille des Friedens, die andere im wilden Aufruhr des Krieges. In jener war eine Hochzeitfeier mit Tanz und Musik. Auf dem Markte wurde Gericht gehalten; ringsumher saßen die Richter, und vor ihnen lagen zwei Pfund Goldes; zu beiden Seiten stand in Gruppen das Volk. Die andere Stadt war belagert; deutlich sah man die Belagerer und die ihre Stadt verteidigenden Bürger miteinander im Gefecht begriffen. Auf einem anderen Bilde befand sich ein Brachfeld, das eben gepflügt wurde. Wenn die Pflüger mit ihren Stieren an das Ende des Ackers kamen, reichte ihnen jedesmal ein Mann einen Becher mit Wein. Das fünfte Feld stellte einen Acker vor mit reifer Frucht, welche die Schnitter mähten. Drei Garbenbinder standen da, und hinter ihnen sammelten Knaben die Ähren. Der König schaute schweigend zu und freute sich seiner Arbeiter. Seine Diener schlachteten unter einer Eiche einen Stier, um das Mahl zu bereiten, und auch die Weiber waren thätig, indem sie Mehl auf das Fleisch streuten. Auf dem sechsten Felde bildete der Gott einen Weinberg; ein schwarzer Graben umgab ihn und ein glänzendes Geländer; nur ein Fußweg führte durch denselben. Mädchen und Knaben pflückten die Trauben in Körbe; mitten unter ihnen schlug ein Knabe die Phorminx; die andern tanzten. Dann folgte eine Herde Stiere, einige von Gold, andere von Zinn; bei ihnen waren vier Hirten aus Gold, denen neun Hunde folgten. Das achte Feld war ein Weideplatz mit Schafen, Ställen, Zelten und Hürden. Das neunte stellte einen Tanzplatz vor, wo Jünglinge und Mädchen sich in künstlich verschlungenen Reigen bewegten; die Jünglinge hatten Schwerter an silbernen Gehenken, die Mädchen Kränze. Vieles Volk stand fröhlich zuschauend umher. Es ist ein hoher Grad der Kunst, welche der Dichter den Gott auf diesen Schild verwenden läßt. Aber das darf nicht auffallen, da in jener Heldenperiode des griechischen Volks unter allen Geräten die Waffen am höchsten geschätzt waren und unter diesen wiederum der Schild zu künstlichen Verzierungen am passendsten ist. Übrigens beruht die Beschreibung der einzelnen Gemälde, welche der Dichter hier vorführt, gewiß auf der Anschauung ähnlicher Kunstwerke in so alter Zeit. Ein englischer Künstler, John Flaxmann, hat im Jahre 1818, Zeichnungen und ein Modell von diesem Schilde des Achilleus vollendet, und davon wieder haben ein paar Londoner Goldarbeiter vier Abgüsse in vergoldetem Silber machen lassen, von denen jeder auf 2000 Pfund Sterling (fast 14000 Rthlr.) geschätzt wurde und neun Fuß im Umfange hatte. Mit freudigem Erstaunen empfing Thetis das Werk des Gottes, eilte dankend wieder zu den Fluren des Skamandros hinab und trat, bevor noch der Tag angebrochen, mit den unbesiegbaren Waffen in das Zelt ihres Sohnes. Noch fand sie ihn hingestreckt neben Patroklos' Leichnam und um ihn her die Klageweiber. Denn es war schon eine uralte orientalische Sitte, durch gedungene Weiber ein Totenhaus von lauter Klage ertönen zu lassen, gleichsam als ob die eigene Stimme nicht mächtig genug sei den tiefen Schmerz kund zu geben! Hier, wie wir sehen, wurden die Sklavinnen zu diesem Dienst gezwungen. Achilleus aber erfaßte in wilder, rachlustiger Kampfesfreude das herrliche Werk des Hephästos, und als er an den künstlichen Zieraten sein Auge lange genug geweidet hatte, sprach er zu seiner Mutter: »Mutter, diese Waffen sind keines Sterblichen Werk, man sieht's, ein Gott hat sie geschmiedet! Wohlan, sogleich will ich mich rüsten, damit die Troer mich schauen und vor Schrecken ob dem strahlenden Glanze zurückbeben. Aber eins bekümmert mich nur noch: wie schirme ich den Leichnam vor den scheußlichen Fliegen, die bei der Hitze des Tages unzählige Würmer auf ihm absetzen werden, so daß ich ihn vielleicht verzehrt finde, wenn ich wiederkehre?« »Sorge nicht«, sprach Thetis, »ich will ihn mit Nektar beträufeln, der alle Verwesung hemmt.« Sie that's und verließ dann den lieben Sohn. Er aber schritt zu den Schiffen und Zelten der Achäer hin und schrie sie mit seinem furchtbaren Rufe wach. Da jauchzten alle, den Donner seiner Stimme wieder zu hören, die für sie so lange geschwiegen hatte. Sie sprangen auf und eilten dem bekannten Versammlungsplatze zu. Auch der hinkende Diomedes kam, auf seine Lanze sich stützend; sogar Agamemnon und Odysseus erschienen, gleichfalls noch entkräftet von den schmerzenden Wunden und an Stäben sich fortschleppend. Nachdem sie sich alle nach der Ordnung gesetzt hatten, ergriff Achilleus das Scepter und sprach: »Sohn des Atreus! laß uns versöhnt sein, denn das war ja längst unser aller Wunsch. Ich wollte, die Götter hätten mir mein rosiges Mädchen lieber getötet, ehe solch ein Zwist um ihretwillen uns getrennt hätte und soviel edle Achäer durch meinen Zorn in den Hades hinabgesendet wären. Aber laß das Vergangene vergessen sein, wie bitter kränkend es auch war. Meinen Zorn habe ich besänftigt, denn Unversöhnlichkeit ziemt dem edlen Manne nicht. Aber jetzt nun laß uns eilen, damit mir die Völker ins Treffen führen; denn ich meine, die Troer sollen heute nicht mehr daran denken unsere Schiffe in der Nähe zu sehen und vor unseren Augen das Nachtlager zu halten!« Ein hellaufschallendes Jubelgeschrei liess ihn nicht weiter reden. Dies einzige Wort, daß er versöhnt sei, daß er wieder mitfechten wolle, erfüllte alle Herzen mit einer Freude, wie sie ein hoffnungsloser Kranker empfinden müßte, der nach dem Genusse eines Wundertranks auf einmal wieder Lebenskraft und Lebensfeuer durch die versiegenden Adern rinnen fühlt. Im Taumel der ausgelassensten Fröhlichkeit dachten sie gar nicht daran noch mehr zu hören, und der lärmende Haufe mußte erst durch die Stimme der Herolde beruhigt werden, ehe Agamemnon mit seiner Antwort Gehör finden konnte. Er zeigte sich auch in dieser Antwort, wie wir ihn schon kennen, als einen edlen Mann. »Zeus mag es missen«, sprach er, »wie mich der rasende Zorn zu solcher Ungerechtigkeit verleiten konnte, die mein Herz längst mit bitterem Grame bereut hat. Du hast von Odysseus vernommen, welche Geschenke ich dir zur Versöhnung bieten wollte, und noch jetzt, da du auf eigenen Antrieb kommst, nehme ich nichts davon zurück. Meine Diener sollen dir alles überliefern, du aber ziehe wieder in den Kampf und mehre die große Not von den Achäern ab.« Achilleus erwiderte freundschaftlich: »Reiche mir die Geschenke, oder behalte sie, ich bestehe nicht darauf. Nur laß uns des Krieges gedenken und ohne Verzug die Scharen gegen den Feind führen, denn heute wird's der Arbeit viel geben, und große Thaten müssen heute vollführt werden!« Da nahm Odysseus das Wort und sprach: »Nicht also! trefflicher Achilleus, nicht so hastig treibe zum Aufbruch! Erst muß das Volk sich sättigen an einem Frühmahl, denn es zieht ja nicht für wenige Stunden in die Schlacht; und wenn du gleich an Ausdauer der Kraft alle übertriffst, so vermag doch kein anderer Mensch einen ganzen Tag hindurch die heiße Arbeit auszuhalten, ohne sich durch Speise und Trank zu erquicken; dem Hungrigen werden die Glieder schwer, der Durstige lechzt, und die Kniee selbst ermatten. Hat sich aber ein Mann vorher durch Speise und Trank recht gestärkt, so bleibt ihm das Herz in der Brust getrost, und die Glieder erschlaffen nicht, wenn auch das Gefecht bis zum Abend währt. Darum laß jetzt erst die Völker auseinandergehen, daß sie ein Frühmahl einnehmen, und unterdessen mag Agamemnon die verheißenen Geschenke hier in unsern Kreis bringen lassen, damit wir alle sie sehen; dann aber bewirte er dich in seinem Zelte, auf daß dir keine der schuldigen Ehrenbezeugungen entzogen bleibe. Ja, Agamemnon, es ist auch für einen König nicht unanständig den Mann, den er zuerst beleidigt hat, zu versöhnen, und du wirst künftig gewiß nun billiger gegen andere sein.« Agamemnon versetzte darauf: »Gern, edler Odysseus, befolge ich deine verständigen Worte, und gleich magst du selbst, wenn du willst, mit sechs erlesenen Männern nach meinem Schiffe gehen und die früher versprochenen Geschenke herbeiholen.« »Sohn des Atreus!« fiel Achill wieder ein, »laß doch jetzt die Geschenke! Wir finden ja wohl einmal eine gelegenere Zeit dazu. Denke nur, wie viel Erschlagene dort auf dem Felde uns mahnen sie zu rächen! Und ihr wollt essen und trinken und der Ruhe pflegen? Ginge es nach mir, so führten wir das Volk nüchtern hinaus, und dann nach vollbrachter Arbeit am Abend möchte es sich zwiefach erlaben. Mir wenigstens soll nicht ein Tropfen die Kehle netzen, bevor ich den Freund gerächt habe, der dort in meinem Zelte liegt; denn nicht Essen und Trinken liegt mir am Herzen, sondern Mord und Blut und hinsterbender Männer Geröchel!« Da widersprach ihm Odysseus noch einmal und sagte: »Erhabener Sohn des Peleus, du bist viel stärker und tapferer als ich, aber an Erfahrung möchte ich dir's wohl zuvorthun, weil ich älter bin und mehr erlebt habe. Folge doch diesmal meinem Rate, das wird gewiß besser sein. Welche Tapferkeit wird doch wohl der beweisen, der unwillig kämpft und dem die Kräfte erschöpft sind? Nur mit freudigen, frisch gestärkten Streitern kannst du siegen, aber der Hungernde und Durstende folgt dir nur unmutsvoll und am Ende besiegt ihn die eigene Schwäche.« »Nun, so geht!« rief Achilleus, und sogleich eilten die Krieger zum Frühmahl. Odysseus aber wählte sich schnell sechs treffliche Gefährten aus und ging mit ihnen nach Agamemnons Schiffen und Zelten, um die Geschenke zu holen. Er sonderte die Becken, die Kessel, die Pferde und die Weiber aus, wog zehn Pfund Goldes ab, und rief dann die schöne Briseïs herbei. Darauf kehrte der Zug sogleich in die Fürstenversammlung zurück. Agamemnon billigte Odysseus' Auswahl vollkommen und sandte Pferde, Weiber und Sachen sofort nach Achills Zelten hin. Dieser war gerührt von dem edlen Eifer, mit welchem sein Feind das Unrecht wieder gut zu machen eilte, und sprach mit treuherzigem Tone: »Vater Zeus, wie sonderbar treibst du doch oft mit guten Menschen dein Spiel! Nimmermehr hätte ja wohl dieser redliche Mann aus eignem Antriebe mir bloß um des Mädchens willen so sehr das Herz empört, wenn's nicht dein Wille gewesen wäre durch unsern Zwist viele Seelen der Achäer von der Erde zu tilgen. Doch, nun geht auch ihr zum Frühmahl, damit mir bald den Angriff beginnen können.« Als die jungfräuliche Briseïs mit den übrigen Weibern im Lager der Myrmidonen ankam und das Jammern der Klageweiber vernahm, trat sie mit Bangen ins Zelt und warf sich bei dem Anblick des toten Patroklos mit Gebärden des ausgelassensten Schmerzens neben demselben zur Erde nieder. »Ach, mein teurer Patroklos«, rief sie aus, »du mein liebreicher Freund in meinem Elend, muß ich dich so wieder finden? und verließ dich so wohlgemut, so freundlich, wie du immer warst! Ach, wie hatte ich mich gefreut dich wiederzusehen! Aber ich unglückliches Weib soll keine ungetrübte Freude mehr haben! Meinen Gatten erschlug mir Achilleus, als er unsere Stadt zerstörte, und drei leibliche Brüder dazu an demselben Tage; da kamst du, lieber toter Mann, und tröstetest mich, und wolltest mich nicht weinen sehen; Achill, versprachst du mir, werde mich zu sich nehmen und mich zur Gattin erwählen, und du selbst wolltest so fröhlich bei unserm Hochzeitmahle sein! Aber nun bist du tot, und Hochzeitmahle kümmern dich nicht mehr.« Achilleus saß unterdessen noch immer finster und traurig auf seinem Steine und um ihn her die übrigen Fürsten, die ihn baten doch auch teilzunehmen am Mahle; aber vergebens. Er schüttelte das Haupt, und als sie die Bitte dennoch wiederholten, sagte er wehmütig: »Trauteste Freunde, wenn ihr mich liebt, so bedrängt mich nicht länger. Ich bedarf weder der Speise noch des Trankes und könnte auch vor Betrübnis nicht essen. Vielleicht zum Abend, wenn wir aus der Schlacht kommen, oder auch gar nicht – wer weiß es? Geht nur, und wartet nicht auf mich.« Sie gingen traurig ein jeder in sein Zelt und nahmen das Frühmahl ein. Nur die Verwundeten blieben bei ihm und suchten ihn zu trösten, aber indem sie den geliebten Namen nannten, regten sie in Achills Seele den herben Schmerz immer von neuem auf. Ganz in starres, dumpfes Hinbrüten verloren, fing er auf einmal mit sanftem, schwermütigem Tone an: »Du mein lieber, guter, unglücklicher Freund, wie oft hast du mir das Frühmahl so freundlich in mein Zelt gebracht! Mit geschäftiger Hast zerschnittest du mir die Stücke und mischtest mir labenden Wein, wenn die andern Achäer auszogen, um gegen die Troer zu kämpfen. Ach darum wird mich auch nichts mehr erquicken, weil du mir's nicht reichst, und vor der Sehnsucht nach dir schweigt jede andere Begierde. Nein, nichts Schmerzlicheres auf Erden hätte mich treffen können; selbst wenn mir mein alter Vater gestorben wäre, mich hätte die Nachricht so nicht durchdrungen; und weiß ich denn, ob er nicht wirklich schon tot ist? Aber du mein Einziger, von dir hoffte ich immer, du würdest – wofern mich das Schicksal vor Troja ereilte – mein kleines Söhnchen daheim aufziehen, ihm sein Erbgut behüten und ihm bis an dein Ende ein ratender, warnender Freund sein! Ach, nun bist du früher als ich dahingegangen!« So jammerte er in Schwermut, und alle Freunde trauerten mit ihm. Selbst den Zeus rührte sein tiefer Schmerz. Er sandte seine Tochter Athene mitleidig zu ihm hernieder, daß sie ihm unsichtbar das Herz mit himmlischem Nektar stärke, und so erstand der Held in aller seiner Kraft, als die gewaffneten Krieger herbeistürmten. Und die Thräne der Wehmut in den Wimpern erstarb schnell vor dem Feuer der Kriegswut, das auf einmal die furchtbaren Augen durchglühte. Dichtgedrängt, wie Schneeflocken, eilten die Scharen herbei, wohlgestärkt durch Speise und Trank und freudig entschlossen zum Streite. Herrlich spiegelte sich die Morgensonne in den blanken Helmen, Schilden und Lanzenspitzen, und von dem Geklirr der Waffen wuchs allen das mutige Herz. Auch für Achilleus' Ohr war dies Getöse liebliche Musik; es weckte ihn rasch aus seinen Träumen, und im Nu war er in sein Zelt gestürzt, die neue Rüstung anzulegen. Er schloß um die Beine die glänzenden den Schienen, um Brust und Leib den Panzer, bedeckte das Haupt mit dem strahlenden, buschigen Helme und warf Schwert und Schild über die Schulter. Dann ergriff er seine Lanze, eine junge schlanke Esche, auf dem Gipfel des Gebirges Pelion gehauen, die kein anderer der Achäer zu schwingen vermochte, mit einem gewaltigen ehernen Stachel gespitzt. Jetzt schritt er einher in der schweren, ungewohnten Rüstung, und es war ihm als hätte er Flügel angelegt. Nun mußte Automedon vorfahren, und schnell zu ihm hinauf schwang sich Achilleus, glänzend in dem neuen Waffenschmuck, wie die Sonne am Himmel. »Nun setzt an, ihr meine hurtigen Tiere!« rief er seinen beiden Rossen zu. »Tragt mich mitten hinein in das wilde Getümmel, aber führt mich glücklicher zurück als euern gestrigen Herrn!« Sie stürmten mit dem rasselnden Wagen zum Thore hinaus, und die Achäer jubelten laut, als sie den Helden wieder sahen, dessen prächtig gewölbter Schild feuriger als des Vollmonds Scheibe glänzte. Sechzehnter Abend. Der männermordende Achilleus. Der ganze Olymp nahm Anteil an dem Kriege der sterblichen Menschen, seit der göttergleiche Achill die Waffen wieder ergriffen hatte. Viele der Himmlischen winkten ihm Sieg zu; nur Zeus besorgte, es möchte der Held in seinem Zorne schon am ersten Tage die prächtige Stadt der Troer zerstören, die doch nicht vom Schicksale bestimmt war durch seine Hand zu fallen. Darum befahl er den übrigen Göttern jetzt noch einmal des Peliden Tapferkeit zu hemmen, wenn er zu furchtbar rasen und auf die ersten Häupter der Trojaner losstürmen sollte. Die Troer standen bereits gerüstet im Felde; und wie der brausende Sturmwind einen Haufen trocknen Laubes im Herbste vor sich her treibt, so drangen in dichten schnellen Haufen die Massen der Achäer gegen sie an, von ihren Führern getrieben. Achilleus wandte den Blick nach allen Seiten, um Hektor zu suchen, aber er sah ihn noch nicht. Wohl aber erblickte er zwei andere feindliche Häupter im jenseitigen Gewühl, den Äneas und Lykaon . Jener wollte schon fliehen, doch dieser beschämte ihn mit der Frage: »Sprich, du Fürst der Trojaner, wo sind nun alle die Drohungen, die du so oft beim Becher des Mahles hören ließest? Rühmtest du dich doch, du wolltest kühn auch des Achilleus Ruhm zu schänden machen und jeden Kampf bestehen!« »Sohn des Priamos«, entgegnete Äneas, »den Achill fürchte ich auch nicht, sondern den Gott, der unsichtbar mit ihm ist, wo er geht und steht. Denn oftmals habe ich's erfahren: man kann kein Geschoß auf ihn werfen, das nicht einer der Götter abwehrt, und er selbst wirft keines, das nicht trifft. Wer aber vermag mit Göttern zu streiten? Ja, kämpfte er menschlich, wie ich – gewiß! ich würde nicht fliehen, wäre er auch von starrendem Erze gebildet! Aber ich habe seines Dämons Wüten schon einmal empfunden, als er kam, um die weidenden Rinder jenseit des Ida zu rauben, nachdem er Lyrnesos und Pedasos zerstört hatte. Damals wollte ich ihn abwehren und wußte nicht, daß Athene mit ihm war. Da galt es schnelle Flucht; und hätte nicht Zeus selbst mich in die Klüfte des Ida geborgen, ich wäre schon an jenem Tage von seinen Händen erschlagen worden!« »Wohlan denn, edler Held«, sprach Lykaon, »so flehe du selbst die Unsterblichen an. Ist denn Athene die einzige mächtige Göttin? Bist du nicht von der himmlischen Aphrodite geboren, die dich so oft schon in Gefahren beschützt hat? Und seine Mutter Thetis, des greisen Nereus Tochter, ist nur eine der geringsten Göttinnen.« Äneas konnte nichts dagegen sagen und entschloß sich wirklich dem Furchtbaren entgegenzugehen. Er empfahl seine Seele der göttlichen Mutter und drang wilddrohend hervor. Achilleus erwartete ihn nicht erst lange, sondern rannte gegen ihn und rief plötzlich stillstehend ihm von weitem zu: »Ei, sage mir doch Äneas, wie wagst denn du so allein dich aus der Menge hervor? Was kann dich doch treiben mit mir zu kämpfen? Denkst du vielleicht, wenn du mich besiegtest, von den Troern das Königtum zu erlangen? Ei, nicht doch, Priamos hat ja der Söhne noch genug! Oder verhießen dir die Völker vielleicht reichen Lohn an Gütern und Saatgefilden, wenn du mich erschlügest? Traun! mir scheint, du habest vergessen, wie ich schon einmal dir am Ida begegnete und kaum noch Vater Zeus dich errettete! Wie ein Hirsch liefst du unaufhaltsam davon und wagtest nicht einmal dich umzusehen. So fliehe auch jetzt nur, wenn dir dein Leben lieb ist, und hüte dich zum zweitenmale mir zu begegnen!« »Sohn des Peleus«, entgegnete ihm Äneas, »hoffe nicht mich wie ein Knäblein durch Worte abzuschrecken. Drohen und schmähen könnte ich ja auch. Mein Geschlecht ist wohl so erhaben als deines; denn mich zeugte der treffliche Anchises aus Dardanos' Stamme, und Aphrodite, die Tochter des Zeus, ist meine Mutter. Dardanos zeugte den Erichthonios , den reichsten Erdenbewohner; es weideten dreitausend Stuten auf seiner Aue. Der ward der Vater des Tros , und Tros wieder zeugte den Ilos , Assarakos und Ganymedes . Des Ilos Enkel ist Priamos , vom Vater Laomedon erzeugt, aber Assarakos' Enkel ist Anchises , mein Vater, erzeugt von Kapys , Assarakos' Sohne. Siehe, so alt und erhaben ist mein Geschlecht! Aber was schwatzen wir hier gleich thörichten Kindern und stehen doch gewaffnet gegeneinander? Auf! laß sehen, ob Aphrodite oder Thetis heute den sterblichen Sohn beweinen werde!« Äneas entsendete nun zuerst seinen ehernen Speer, und Achill hielt den Schild weit vor, um jenen aufzufangen und seine Spitze, wenn sie vielleicht den Schild durchdränge, vom Leibe abzuhalten. Er bedachte selbst nicht, daß die Gaben der Götter unverletzlich sind, und war freudig überrascht, als der heftig geworfene Spieß kraftlos abprallte, obgleich der von der Spitze getroffene Schild laut erdröhnte. Sogleich nun schleuderte er seine eigne entsetzliche Lanze auf jenen hin, der sich geschwind auf die Erde warf und seinen Schild vorhielt. Da fuhr der gewaltige Speer krachend durch des Schildes äußersten Rand, schoß aber dicht hinter dem gebückten Äneas in die Erde. Mit einem Ruck stand dieser selbst auf und riß auch die schwer nachschleppende Lanze heraus, ergriff in Hast einen Feldstein, der gerade vor seinen Füßen lag, und warf ihn dem Achilleus, der in blinder Wut mit gezücktem Schwerte gegen ihn anlief und aller Beschirmung vergaß, so heftig an den Kopf, daß – wäre nicht der Helm Hephästos' Werk gewesen – wohl Helm und Schädel zugleich zerborsten wären. Schon triumphierte Äneas ihn fallen zu sehen, und sah noch einen Augenblick seinem Wurfe nach; da aber Achill nur einen Schritt zurückwankte, so wagte er nicht länger in der Nähe des gereizten Löwen zu verweilen, sondern riß mit Kraft des Achilleus schwere Lanze aus seinem Schilde, warf sie vor jenem auf die Erde und entzog sich der Rache durch schnelle Flucht in das dichte Gedränge der Troer. Als Achilleus wieder zu sich selbst kam – denn der Wurf hatte ihn doch betäubt – sah er sich auf der Erde, den Arm in den Sand gestemmt und ringsum von allen verlassen. Er erstaunte und sprach zu sich selbst: »Welch Wunder ist mir begegnet! Hier liegt die Lanze vor mir, und der Mann, auf den ich sie warf, ist nirgends zu schauen. Aber wahrlich, auch Äneas ist von den Göttern geliebt, denn so bezwang mich noch keiner! Ich dachte, er prahle nur so in den Wind. Doch was hilft's? Mag er gehen! Hat er's doch nicht gewagt mich in der Ohnmacht zu töten und freut sich vielleicht nur, daß er durch den Wurf seinem eignen Verderben entrann! Dank euch, gütige Götter! Jetzt will ich mir einen andern Gegner aufsuchen.« Er lief erst durch die Reihen der Myrmidonen hin und ermunterte sie mit lautem Schlachtruf. »Eingedrungen!« rief er. »Mann auf Mann! Keiner enthalte sich des Kampfes! Mir allein ist's unmöglich mit allen den zahllosen Feinden zu streiten; das vermöchte selbst Ares nicht, wenn er allein kämpfte. Aber rasten soll mein Speer nicht, und keiner wird sich freuen, dem ich begegne! So kämpft nun auch ihr, ihr braven Achäer, und nehmt ein Beispiel an mir!« Gerade so durchlief auch drüben der tapfere Hektor seine Scharen und sprach ihnen mit kräftiger Stimme Mut ein: »Fürchtet euch nicht, ihr tapfern Troer, weil heute ein einziger Mann mehr kämpft unter den Feinden! Zwar hat er viel gedroht, der grimmige Achilleus, aber Worte sind noch keine Thaten, und nimmer glaube ich, daß die Götter alle seine Prahlereien erfüllen werden. Seht, ich selbst gehe ihm entgegen, unerschrocken, und wäre sein Arm wie die Flamme und seine Brust wie blinkendes Eisen!« Achilleus war bereits in die Scharen der Troer eingebrochen und hatte schon hier und dort mit der Lanze einzelne Schwächere niedergestoßen. Jetzt stieß er auf den Iphition , einen Anführer aus dem Gebirge Tmolos , den er schon kannte. Er warf die Lanze auf ihn und zerschmetterte ihm den Kopf, daß er mitten voneinander barst und der Getroffene sogleich tot niederstürzte. »So! hier liege in Ruhe, Sohn des Otrynteus«, sprach er. »Bist so weit hergekommen, um dir den Tod zu holen! So geht's, wenn einem daheim zu wohl ist!« Weiter sprang er wie ein hungriger Wolf von Mord zu Mord. Jetzt rannte er einen Sohn Antenors , den edlen Demoleon , nieder, dem das spitzige Eisen Helm und Schläfe durchbohrte. Sein Wagenlenker Hippodamas verlor entsetzt die Zügel und sprang, um sich zu retten, eilig vom Wagen, aber der schreckliche Speer ereilte auch den Fliehenden und zerschmetterte ihm das Rückgrat, daß er stöhnend auf sein Angesicht stürzte. Kaum hatte ihm Achill die Lanze wieder aus dem Leibe gerissen, so schleuderte er sie schon wieder dem Polydoros nach, Priamos' jüngstem Sohne, den der greise Vater gewarnt und gebeten hatte, noch nicht den Kampf zu versuchen. Der Jüngling war rasch und feurig, und galt als der beste Läufer im Heere; daher hatte er sich nicht wollen zurückhalten lassen. So traf ihn denn, als er eben an Achilleus vorüber flog, die furchtbare Lanze in die Seite und zerriß ihm den ganzen Bauch, daß die Eingeweide hervorquollen. Er fiel ächzend nieder und krümmte sich wie ein Wurm auf der Erde. Da erblickte ihn sein Bruder Hektor, und von heftigem Schmerz durchdrungen suchte er sogleich den Mörder auf, seine Lanze wie einen Blitzstrahl in der Hand schwingend. Ihn sah Achill daher stürmen. »Ha!« sprach er hochaufspringend vor Freude und ging auf ihn los, »da ist er, der mir den Freund erschlug! Nun, länger will ich ihn fürwahr nicht vermeiden auf den blutigen Pfaden des Treffens. Heran! Hektor, heran! daß du schnell das Ziel des Todes erreichst!« Kaum hatte er's gerufen, so stand Hektor ihm schon gegenüber und antwortete: »O Achilleus, hoffe nicht mich wie ein Kind mit Worten zu schrecken. Bist du gleich stärker als ich, so ruht es doch noch im Schoße der Götter, ob ich nicht dennoch dir mit meiner spitzen Lanze das Leben raube!« Er warf die Lanze mit aller Macht, aber sie glitt ab an Achills hartem und glatt poliertem Schild. Erschrocken kehrte er um und rettete sich durch windschnelle Flucht vor dem nachsausenden Speere. »Ha, wahrlich!« rief Achill, »Phöbus muß dir geneigt sein, denn schon zuckte über deinem Haupte das Verderben und dennoch entflohst du mir wieder, du Hund! Aber ich hoffe dich doch endlich zu treffen, wofern du dich wieder in die Schlacht wagst.« Grollend sah er sich jetzt nach andern Gegnern um. Da stieß er auf Dryops und zerschnitt ihm den Hals, und als er die Lanze auszog, fiel ihm der Blutende selbst auf den Leib; aber er warf ihn in den Sand und wendete sich zu einem andern Troer, einem großen, gewaltigen Riesen, Demuchos mit Namen, und schmetterte ihm die Lanze gegen das Knie, sprang dann hinzu und raubte ihm mit einem kräftigen Schwerthiebe völlig das Leben. Darauf rannte er auf einen Wagen los, der zwei schöne Jünglinge, die Brüder Laogonos und Dardanos , trug; und im Augenblick warf er den einen mit der Lanze herab, den andern tötete er mit dem Schwerte. Beute zu machen, wie die übrigen, kam ihm gar nicht in den Sinn. Er begehrte nicht habsüchtig das troische Gold, seine Rache lechzte nur nach dem Blute der Feinde. Siehe, da kam Tros, Alastors Sohn, den er ereilt hatte, blaß vor Todesangst auf ihn zu, fiel nieder und umfaßte ihm flehend die Kniee. »Schone meiner Jugend«, bat er, »und nimm von meinem Vater kostbare Lösegeschenke, wenn du mich leben läßt, edler Achilleus!« Aber an diesen Knieen fand er kein Erbarmen; ein furchtbarer Schwertstreich schlitzte ihm den ganzen Unterleib auf, und mit einem Strome Bluts entstürzten ihm die Eingeweide. Und noch viele andere traf so der Rasende, als wolle er schier allein das ganze Heer der Troer vernichten. Wohin ihn die schnaubenden Rosse oder die raschen Schenkel trugen, da flohen die Feinde dichtgedrängt wie die Schafe zurück, und die meisten empfingen abgewandt oder fliehend seine Lanze; denn sie wagten es gar nicht mehr ihn anzublicken, weil schon sein Auge Tod und Verderben blitzte. Oft strauchelten seine Rosse über die Leichname derer, die von ihm erschlagen im Wege lagen, und die Räder des Wagens troffen von Trojanerblut, das hoch bis zum Sessel hinauf spritzte. Ihm selbst auch, dem Entsetzlichen, waren Rüstung, Gesicht und Hände mit schwarzem Blute besudelt, vor allem aber die hohe Lanze, die schon so manches Feindes Herz durchstochen hatte. Siehe, jetzt rollte sein Wagen auf eine Schar Trojaner los, die alle zusammen lieber fliehen als dem einzigen Manne stehen wollten. Er verfolgte sie wildstürmend, schnitt sie seitwärts von dem übrigen Heere ab, und jagte sie alle in die Fluten des durch Gewitterregen angeschwollenen Skamandros hinein. Hier plätscherten sie wie schwimmende Hunde umher; er aber in wilder Mordlust, des Blutes nicht satt, ließ seine Lanze am Ufer zurück, indem er sie an einen Strauch lehnte, und sprang den flüchtigen Schwimmern nach und erwürgte mit dem Schwerte, wen er erreichen konnte. Zuletzt, als ihm der Arm fast erlahmt war vom Gemetzel, drängte er zwölf Jünglinge im Schilfrohr zusammen und band jedem mit dem Riemen seines eigenen Wehrgehenks die Hände auf dem Rücken fest; dann holte er sie heraus und übergab sie seinem Wagenlenker, der sie den Myrmidonen zuführte. Sie waren zum grausamen Totenopfer für Patroklos bestimmt. Sogleich stürzte er wieder hinein in den Strom und eilte auf die übrigem Troer zu, welche noch lebten und vergebens am steilen Ufer einen Platz suchten, wo sie hätten emporklimmen können. Unter diesen war auch ein Sohn des Priamos, Namens Lykaon , der in Todesangst an einem schwachen Gestrüppe sich emporzuarbeiten bemüht war, aber immer wieder ins Wasser zurückfiel. Ihn erkannte Achilleus mit Staunen; denn er hatte den Jüngling schon im Anfange des Krieges seinem Vater geraubt, als er ihn einsam im Fruchthain überraschte, und hatte ihn nach Lemnos hin für hundert Ochsen verkauft. Einige Jahre später hatte ihn von dort ein begüterter Phryger an sich gekauft, dem war er nun kürzlich entsprungen, und erst seit elf Tagen erfreute er sich wieder der Seinen und der Freiheit im Hause seines alten Vaters; da ließ ihn nun sein böses Geschick zum zweitenmale in die Hände des unerbittlichen Mannes fallen. »Ha, siehe, Lykaon!« rief Achilleus verwundert. »Wie kam denn der übers Meer herüber? Habe ich ihn doch vor Jahren nach Lemnos verkauft! Das wäre mir nicht lieb, wenn mir so alle Troer doppelte Mühe machten! Nun, diesmal soll er die Spitze meiner Lanze kosten, damit er erkenne, ob er etwa auch von den Unterirdischen so wohlbehalten zurückkehrt.« Er stieg ans Land zurück, um seine Lanze zu holen. Das sah der arme Lykaon und ruderte mit den Händen eilig durch den Strom, um sich ihm zu Füßen zu werfen, ehe das tödliche Eisen ihn ereile. Er umfaßte Achills Kniee mit der einen Hand und hielt ihm ängstlich mit der andern die furchtbare Lanze fest: »Edler, gewaltiger Achilleus«, bat er flehend, »erbarme dich doch nur das einzige Mal noch meiner! Siehe, schon einmal hast du mir das Leben geschenkt und mich nach Lemnos für hundert Stiere verkauft; aber jetzt gäbe dir gern mein Vater dreimal so viel, wenn du mich leben lassen wolltest. Gute Götter, das ist erst der zwölfte Morgen, den ich hier wieder erlebt habe, und schon führt mich mein Jammergeschick von neuem in deine Hände! Ach, willst du denn heute auf einmal meiner guten Mutter Laothoë beide Söhne entreißen? Sie gebar einst dem Priamos mich und Polydoros ; diesen hat heute schon dein grausamer Wurfspieß vertilgt, und nun harrt auch meiner das Verderben von deiner Hand. O, höre das eine noch, ich bin nicht Hektors Bruder, dem du so sehr zürnst. Hektor ist von der Hekabe geboren, aber meine Mutter war Laothoë!« Wo Achilleus zürnt, können so flehende Bitten nichts fruchten. »Thor!« erscholl die fürchterliche Stimme, »was liegt mir am Lösegeld für dich? Sonst wohl, ehe Patroklos fiel, war ich noch euch zu schonen geneigt und führte manchen lebend hinweg; aber nun soll auch nicht einer übrig bleiben, den mir ein Dämon von Ilios' Mauern in meine Hände giebt, am wenigsten Priamos' Söhne. Stirb denn auch du, mein Lieber! Was jammerst du vergebens? Ist doch auch Patroklos gestorben, der ein ganz anderer Held als du war! Und siehe mich an; bin ich nicht schön und groß? Mein Vater ist ein edler König, und eine Göttin ist meine Mutter; und doch ward auch mir auf diesem Boden zu fallen bestimmt, mag mir nun einer früh oder später mit der Lanze oder mit dem Pfeile das teure Leben entreißen!« So sprach er, und jenem bebten Herz und Kniee; er ließ den Speer fahren und breitete geschlossenen Auges beide Arme aus. So empfing er schnell von Achills gezücktem Schwerte den Todesstreich in den Hals, daß ein Strom von Blut hervorquoll und er zuckend niedersank. Da packte ihn Achilleus bei dem Fuße und schleuderte ihn weit in den Fluß. »So!« rief er mit spöttischer Ruhe, »da schwimme du mit den Fischen hinab! Dich soll deine Mutter Laothoë nicht mehr betten, sondern der kalte Skamandros trägt dich in des Meeres offenen Schoß. Hüpfend wird dort mancher Fisch sich zu dir gesellen und am weißen Fette Lykaons schmausen! Und so verderbt ihr alle, ihr Hunde und eure Stadt zuletzt! Ha! seht, nicht einmal euer Stromgott schützt euch, dem ihr so fleißig Opfer gebracht habt, Stiere und Pferde lebendig in seine Fluten versenkend.« Der ohnehin über das Hinmetzeln der Troer schon zürnende Stromgott hört die geringschätzigen Worte des Helden und haucht einem der Jünglinge, welche noch im Wasser standen, Mut in die Seele, mit Achilleus den verzweiflungsvollen Kampf zu wagen. Achilleus sieht ihn mit zwei erhobenen Lanzen nahen, denn er war mit beiden Armen zu werfen geübt. »Ha! wer bist du, Verwegener?« ruft er hinüber. »Meiner Kraft begegnen nur Söhne unglücklicher Eltern!« Jener erwidert: »Was forschest du nach meinem Geschlecht, hochherziger Pelide? Ich bin aus dem fernen Päonien und habe wackere Scharen aus meiner Heimat hierher geführt. Heute ist's der elfte Tag, daß ich nach Ilios gekommen bin Mein Geschlecht stammt von dem weithinströmenden Axios , jenem mächtigen Flußgotte, der einst den Pelegon , meinen Vater, erzeugte. Und nun laß uns kämpfen, tapferer Achill!« Er warf mit diesen Worten seine beiden Lanzen zugleich auf den Helden, aber die eine prallte kraftlos von dem ehernen Schilde ab, und die andere streifte nur obenhin den rechten Arm am Ellenbogen und fuhr dann hinter ihm in die Erde. Jetzt schwang auch Achill seine blutige Esche, aber auch er fehlte, und die gewaltige Lanze drang bis zur Mitte in den Sand am jenseitigen Ufer hinein. Zornig sprang er nun mit gezücktem Schwerte ins Wasser, zerteilte mit kraftvollen Schenkeln die Wellen des Stromes und nahte furchtbar dem unglücklichen Asteropäos , welcher vergebens arbeitete, um Achills tief haftende Lanze aus dem Boden zu ziehen. Er spaltete ihn mit einem entsetzlichen Hiebe die Seite, daß alle Eingeweide sichtbar wurden und der Getroffene sogleich ohnmächtig niedersank. »So! da liege du!« rief er triumphierend. »Schwer magst du mit Männern aus Zeus' göttlichem Stamme den Kampf bestehen, obgleich ein Strom dein Ahn ist; denn wisse, mein Ahn war Äakos , des Zeus hochbeglückter Sohn. Und so erhaben der Vater der Götter über einen winzigen Flußgott ist, so weit ragt auch an Stärke sein Geschlecht über eines Stromes Sprößlinge! Siehe, hier gleich neben dir rauscht auch ein Strom; aber was hat er dir geholfen?« Das hörte der alte graue Flußgott unten im tiefen Grunde und zürnte gewaltig. Aber Achill zog seine Lanze mit starkem Arm aus dem Ufer und ließ den Ermordeten am Rande des Flusses liegen, dessen Fluten den zerrissenen Leib bespülten. Aale und andere Fische schwammen hinzu und benagten ihm das weiße Fett um die Nieren. Achill, begierig noch einen Haufen der Feinde auf gleiche Art zu ersäufen, stürzte sofort über einen Trupp Päonier her und jagte sie gleichfalls in den Strom, aber an einer Stelle, wo er tiefer war. Wollten sie nicht von selbst hinabspringen, so warf er sie mit der entsetzlichen Lanze und stieß sie dann ins feuchte Grab hinunter. Da hörte er auf einmal aus der Tiefe des Gewässers die Stimme des Stromgottes: »O Achilleus, übermenschlich wütest du ja, und immer schützen dich die Götter! Aber ich sage dir, wenn Zeus heute die Troer in deine Hand gegeben hat, so morde, wo du willst, nur trübe und belaste mir meine Fluten nicht mehr; denn vollgedrängt von Toten ist schon mein Strom, und kaum vermag ich länger ihn ins heilige Meer hinabzuwalzen. Darum laß ab, Völkergebieter!« Achilleus vernahm die Warnung sonder Furcht und sprach: »Es soll geschehen, göttlicher Skamandros, wie du befiehlst; aber nimmer werde ich aufhören die Troer zu würgen, wo ich sie finde, bis ich sie alle zur Stadt gescheucht und den entscheidenden Wettkampf mit Hektor gekämpft habe.« Er stürzte sich sogleich wieder auf die Feinde, welche noch ängstlich am Ufer umherirrten, und richtete ein gräßliches Gemetzel unter ihnen an. Darauf aber, als andere Flüchtlinge hinabsprangen, um sich watend und schwimmend auf das jenseitige Ufer zu retten, vergaß er das Gebot des Stromgottes und warf sich selbst mitten in den Strudel den Fliehenden nach. Da raffte sich der Unsichtbare zürnend auf und ließ ihn nicht los, entschlossen ihn zu vernichten. Fürchterlich schleuderte er Wogen auf Wogen über ihn her und zog ihn tiefer und tiefer hinab. Wie gewaltig der Held auch mit Armen und Schenkeln gegen den wilden Sturm der Wellen strebte, dennoch konnte er der Flut nicht mächtig werden, die ihn bald hob, bald niederzog, bald ihn umzuwerfen und fortzutragen drohte. Sogar die Leichname der von ihm erschlagenen Troer drängten ihn jetzt, und kaum konnte er mit dem mächtigen Schilde sich ihrer erwehren. Er eilte dem Ufer zu, aber da erregte der grimmige Gott eine schäumende Brandung, die ihn wieder in den Wirbel zurück riß. Abermals strebte er in die Höhe, kaum noch stark genug sich aufrecht zu erhalten, und faßte mit der Linken einen jungen Ulmenbaum, der seine Zweige über den Fluß hinabneigte; aber indem er sich an dem schlanken Stamme in die Höhe schwingen wollte, riß er den Baum mit der Wurzel aus, daß derselbe mit seinem Stamme wie ein Damm den Fluß selbst in seinem Laufe hemmte. Doch gewann nun der Held dadurch das Ufer, obwohl er vergebens hoffte, so der Gewalt des Flußgottes entronnen zu sein. Denn nun stürzte ihm der empörte Skamandros in die Ebene nach und verfolgte ihn mit schäumenden Fluten. Ja, er rief die andern Ströme zu Hilfe, die sonst nur im Frühlinge zum Schaden des Landmannes von den Bergen herab ihre Gewässer ergossen, vor allem aber rief er den Simëos , mit dem er sich kurz vor seinem Ausflusse ins Meer vereinigt. »Komm, Bruder, hilf mir bändigen die Gewalt des furchtbaren Mannes, der sonst noch heute die Feste des Priamos in den Staub wirft; denn ihm widersteht keiner der Troer. Mache dich auf, Freund, laß deine Fluten strömen und reiße jeden Gießbach auf! rolle Blöcke und Steine mit donnernden Wogen über ihn, daß wir ihn endlich bezähmen, den entsetzlichen Würger! Nicht seine Kraft, nicht seine schöne Gestalt, meine ich, soll ihn retten, noch die prangenden Waffen! Die sollen mir tief im Moder liegen, und ihn selbst verschlamme ich, mit Sand und türme ihm ein Grabmal auf von Muscheln und Kies, so hoch, daß niemand je seine Gebeine entdecken soll. So wollen wir den Achäern den Rasenhügel ersparen!« Und siehe, es ergoß sich Simoïs mit Skamondros zugleich in das niedrige Feld, wo Achill gescheucht umherfloh; es ergossen sich die Bergquellen und die Gießbäche, und um ihn her schäumte und rauschte das entsetzliche Gewoge von allen Seiten. Lief er, so hemmte es seinen eilenden Schritt; stand er still, so schlug es ihm gar bis an die Schultern hinan. So gegen unfaßbare Gewalten kämpfend, abgeschnitten von allen Freunden, unrettbar eine Beute der Fluten, die ihn bald rückwärts, bald vorwärts trieben, schrie er in seiner Verzweiflung laut auf: »Vater Zeus, siehe, kein einziger der Götter hat jetzt Erbarmen mit mir, und ich wähnte, ihr liebet mich alle! Keiner aber hat mich mehr getäuscht als meine göttliche Mutter, die mir verhieß, im Kampfe vor Troja den rühmlichen Tod des Helden zu finden. Ach, jetzt naht mir ja ein anderes schmähliches Ende; ein Strom ersäuft mich und schimpflich gehe ich unter, wie ein Sauhirtenbube, der einen Sturzbach durchwatend versinkt!« Da ertönte ihm von ferne eine ernste, doch tröstende Stimme: »Sei getrost, Peleus' Sohn, dir ist nicht bestimmt in den Fluten zu sterben! Kämpfe nur fort, bis die Troer das Feld geräumt haben; doch, wenn Hektor erschlagen ist, dann kehre auch du zurück.« Das erfüllte sein Herz wieder mit Mut; denn die Stimme kam vom Poseidon, dem alle Ströme unterthan sind, und der auch jetzt den Simoïs und Skamandros hemmte und die überströmenden Gewässer in den weiten Schlund des Meeres aufnahm, dann einen trocknenden Südwind erregte, der schnell die Feuchtigkeit aus der Erde aufsog und mit sich fortführte. So fühlte sich der Held wieder frei und auf festem Boden, und eilte mit schnellen Füßen dem allgemeinen Kampfgewühle wieder zu, wo bisher die übrigen Achäer nicht minder tapfer die Troer bekämpft und nahe an die Stadtmauer zurückgedrängt hatten. Hier war seine Erscheinung den Freunden, die ihn längst vermißt hatten, herzlich willkommen. Angefeuert durch sein Beispiel, stürzten sie ihm nach in die Schlacht und rafften die Scharen dahin, wie eine Feuerflamme, vom Sturm angefacht, die ragende Stadt daniederreißt. Wer noch fliehen konnte, floh und drängte sich an die Mauer und am meisten nach dem Thore hin. Oben auf der Mauer saß unter den übrigen Greisen Priamos und sah bekümmert der Flucht seiner Völker zu. Als das Gedränge am Thore überhand nahm, stieg er die Stufen hinunter und sagte den Wächtern: »Freunde, öffnet die Flügel des Thores und lasset die Männer herein! denn sie widerstehen nicht länger dem Wüten des entsetzlichen Peleiden. Wenn aber alle herein sind, dann schlaget rasch die Pforten wieder zu und schiebt die festen Riegel vor, damit nicht etwa der Verderbliche hineinstürme!« Die Hüter gehorchten dem Könige und rissen beide Thorflügel weit auf. Da stürzte in völliger Verwirrung der flüchtige Haufe herein, um das liebe Leben zu retten, und keiner wollte der letzte sein. Und dennoch wäre sicher der unbezwingliche Achilleus mit seinen Scharen nachgedrungen, hätte nicht Avollon ihn durch Agenors Anblick abgelenkt. Dieser tapfere Jüngling, ein Sohn des Völkerfürsten Antenor , stand hinter der großen Buche verborgen, die schon erwähnt worden ist, und tausend Entschlüsse durchkreuzten sein beängstigtes Herz. »Was soll ich thun?« sprach er zu sich selbst. »Fliehe ich den andern nach, die mir schon weit voraus sind, so bleibe ich unter den letzten, und er faßt mich von hinten, wie den feigsten Gesellen. Eile ich seitwärts die Mauer entlang und fliehe dem idäischen Haine zu, so könnte mich freilich dort ein dichtes Gebüsch verbergen, und in der Nacht dann schliche ich mich an das Thor und flüsterte leise, daß sie mich einließen. Aber wie, wenn er mich dann wahrnimmt und hinter mir hersetzt? Dann bin ich doch verloren; denn wer kommt ihm an Stärke gleich? – Ei was! er hat doch nur ein Leben zu verlieren und kann verwundet werden, wie jeder andere Mensch! Habe ich doch andere erlegt, warum sollte ich, um mein Leben mit Ehren zu retten, nicht auch den Kampf mit ihm versuchen?« Unterdessen kam Achilleus dahergerannt und entdeckte den Lauernden hinter der Buche. »Siehe da! der wartet wohl auf mich!« dachte er, und wandte sich zu ihm. Da trat Agenor kühn hervor und rief: »Rasender, hoffst du denn gar schon heute der Troer Stadt zu zerstören? Nimmermehr! Noch sind der mutigen Männer viele darin, und jeder kämpft für Eltern, Weib und Kinder. Wenn nur nicht deiner vielmehr das Trauergeschick heute noch harrt, unbändiger Wüterich!« Mit diesen Worten schwang er den blinkenden Speer auf Achilleus und nicht vergebens. Er traf ihn am Schienbein und nur die undurchdringliche Schiene, von Hephästos geschmiedet, verhinderte es, daß das Bein zerschmettert wurde. Gleich dem angeschossenen Eber fuhr jetzt Achilleus auf den Jüngling los, aber der entfloh durch Weizengefilde und Buschwerk längs dem Ufer des Skamandros und lockte den grimmigen Verfolger weit, weithin von der Stadt; denn dieser ließ nicht ab ihm nachzusetzen, bis der raschere Jüngling ihm ganz aus den Augen entschwunden war. Nimmer wäre das sonst möglich gewesen, hätte nicht der schmerzende Wurf gegen das Schienbein die Kraft seiner Schenkel gehemmt; aber so hatte es Apollon mit Absicht gelenkt, damit für diesmal die Troer ihm glücklich entkämen, die der rasende Held, als er atemlos zurückkehrte, alle schon in ihren Mauern geborgen fand. Siebzehnter Abend. Hektors Tod. Die Achäer harrten des Achilleus dicht unter den Mauern von Troja, die Schilde über die Schultern geworfen. Alle Troer waren in der Stadt und schauten zum Teil von den Mauern dem weiteren Verlaufe der Schlacht zu. Hektor allein war draußen am Thore zurückgeblieben, entschlossen noch einmal den Kampf mit Achilleus zu versuchen; denn er glaubte es seinem Vaterlande und seiner Ehre schuldig zu sein, entweder das Volk von diesem furchtbaren Feinde zu befreien oder im Kampfe für dasselbe sein Leben aufzuopfern. Zagend sah sein alter Vater von der Mauer herab und winkte ihm unaufhörlich mit bittenden Gebärden hereinzukommen; aber vergeblich. Jetzt kehrte Achilleus von Agenors Verfolgung zurück, die Lanze auf der Schulter. Unmutig wie der Löwe, dem eine Beute entsprungen ist, kam er daher, und seine Waffen glänzten im Strahle der Abendsonne, wie ein leuchtender Stern am nächtlichen Himmel. Ihn sah der alte Priamos, da schlug er in banger Todesahnung sein graues Haupt, und ihm bebte das Herz, indem er des Sohnes draußen gedachte, »Lieber Sohn«, rief er stehend mit ausgebreiteten Armen hinunter, »erwarte doch ja nicht den grausamen Mann, der noch weit stärker ist als du! Ach, wäre er doch den Göttern so verhaßt als mir; dann läge er bald den Hunden und Geiern ein Raub! Wie viele Söhne hat mir nicht der Schreckliche schon gemordet oder nach fernen Inseln verkauft! Vermisse ich doch auch heute wieder unter den Kommenden meinen geliebten Polydoros und Lykaon, welche beide mir die holde Laothoë gebar! Ach, vielleicht hat auch diese heute sein furchtbarer Arm ereilt! Und nun willst du, mein Hektor, ihm entgegen gehen, du Einziger, dem Trojas Volk noch vertraut! O, komm schnell herein, ehe er dich erblickt, damit nicht auch du noch seinen Ruhm verherrlichst und von seiner Hand stirbst! Komm, erbarme dich meiner! Schon hat Zeus mein Alter mit unendlichem Grame belastet; und raubt er mir dich noch, ach! dann erlebe ich's auch, wie sie hereinbrechen in die Burg, wie sie die Weiber hinwegreißen, die Kinder töten und plündernd Kammern und Truhen nach Schätzen durchwühlen. Ich selbst aber falle dann wohl unter ihren grimmen Streichen, und liege dann vielleicht zerfleischt im Hofe, und die Hunde, die eigenen Hunde, die ich groß zog, fressen mein Fleisch und nagen mir das Fett von den Eingeweiden. Wohl steht es dem Jünglinge an im Kampfe für Weib und Vaterland zu bluten; aber wenn das graue Haupt von den gierigen Tieren im Staube zerrissen wird, das ist das kläglichste aller Jammergeschicke!« So rief unter Thränen der alte Vater; auch die Mutter klagte und schlug verzweifelnd an die Brust; aber sie konnten ihn nicht bewegen. Er blieb standhaft am Thor und erwartete den Achill, wie die Schlange in Ringeln zusammengerollt seitwärts am Eingange ihrer Höhle auf den Wanderer lauert, auf den sie losspringen will. »Nimmermehr«, sprach er seufzend zu sich selbst, »darf ich so mich sehen lassen vor den Männern in der Stadt! Wie würde Polydamas mit gerechten Vorwürfen mich überhäufen, daß ich heute so viele der trautesten Freunde dem Tode geopfert habe! Wohl riet er gestern abend klüglich uns bis in die Stadt zurückzuziehen, aber ich Rasender folgte ihm nicht nach und erwartete den Morgen auf offenem Felde; ja, ich vermaß mich es allein mit Achilleus aufzunehmen, und nun! Ach, nicht einen einzigen habe ich seiner mordenden Wut entreißen können, und ich bekenne es, ich selbst habe ihn aus Furcht vermieden, denn er ist gar zu gewaltig. Jetzt wahrlich muß ich die kühne Wette mit dem Schicksal wagen, damit nicht Trojas jammernde Weiber mich schelten, als hätte ich erst trotzend das Volk ins Verderben geführt und nachher feigherzig mich selbst geflüchtet. Ha! ehe das ein Schlechterer von mir sagen soll, falle ich lieber selbst, wenn ich den Fürchterlichen nicht besiegen kann. – Aber wie, wenn ich Schild und Helm auf die Erde legte, den Speer an die Mauer lehnte und so dem Helden entgegen ginge, um einen friedlichen Vergleich ihm anzubieten? wenn ich ihm Helena und alle ihre Schätze zurückzuliefern verspräche und dazu die Hälfte aller Güter, die Trojas Fürsten in ihren Häusern verwahren? – Doch nein! ihm flehend zu nahen! das war ein unwürdiger Gedanke, und ich verdiente, daß er mich, den Entblößten, niederrisse wie ein Weib! – Nein, nicht plaudern will ich mit ihm, wie Jüngling und Jungfrau in Liebesgeschwätz! Ich will kämpfen wie ein Mann! Und falle mir dann mein Los, wie es wolle: ich siege oder sterbe mit Ehren!« So bei sich erwägend erwartet er den Feind. Aber was vermag der festeste Vorsatz gegen die Macht des Augenblicks? Kaum nahte der ungeheure Mann mit dem entsetzlichen Blick und den gewaltigen Armen, kaum hörte Hektor sein wildes Hohngeschrei, so übermannte ihn plötzlich der Schrecken, und ein unbesiegbarer Trieb jagte ihn von dannen und beflügelte seine Schenkel. Er floh längs der Stadtmauer hin, wie die Taube, die dem Habicht entrinnen möchte; aber wie der Habicht mit stärkerer Kraft den scheuen Vogel verfolgt, so auch Achill den fliehenden Hektor. Bald rechts, bald links sprang jener ab, um den verfolgenden Läufer zu ermüden, aber umsonst. Jetzt rannten sie an der Warte vorüber, jetzt bei dem Feigenbaume und jetzt bei den Quellen, neben welchen die steinernen Gruben für die Wäscherinnen waren. Und um die Stadt trieb ihn der gewaltige Verfolger, ja, noch einmal und zum drittenmale jagte er ihn herum, und so oft sich Hektor zur Mauer wandte, um etwa durch ein offenes Thor zu entschlüpfen, so oft sprang Achilleus herzu und trieb ihn wieder ins offene Feld hinaus, selbst an der Seite der Stadt hinfliegend. Kamen sie aber bei dem Orte vorbei, wo die Achäer noch auf ihre Lanzen gelehnt standen und der Entscheidung harrten, so winkte jener und verbot, daß etwa jemand ein Geschoß auf Hektor schleudere und ihm die Ehre des Sieges raube. Alle Götter sahen von der Höhe des Olymp dem schrecklichen Wettlauf zu. Keiner durfte sich des armen Hektor annehmen; denn seine Stunde war gekommen, und dem Schicksale konnten auch die Götter nicht widerstreben. Zeus, so dankbar er sich der vielen fetten Hüftenstücke erinnerte, die ihm Hektor so oft verbrannt hatte, ergriff dennoch ruhig die Schicksalswage und warf zwei Todeslose hinein, und siehe, sogleich sank die Schale mit Hektors Lose tief hinab. Und damit verließ ihn auch der letzte Beistand der Götter. Als sie zum viertenmale die Quellen und den Waschplatz erreicht hatten, da auf einmal sprang von der Stadt her ein Mann dem Hektor entgegen, als wollte er ihm Hilfe bringen. Es war Deïphobos , sein Bruder; der rief ihm zu: »Bruder, ich sehe deine Gefahr und komme dir beizustehen. Stehe still und erwarte ihn dreist! »Trauter Deïphobos, wie hast du's gewagt –!« »Aus Liebe zu dir, der Schmerz durchdrang mir die Seele. Und Vater und Mutter weinten so sehr, das konnte ich nicht ansehen. Jetzt wirf, da ist er!« »Wohlan!« sprach Hektor und stellte sich dem Verfolger entgegen. »Halt, Peleus' Sohn«, rief er ihm zu, »länger fliehe ich vor dir nicht. Jetzt treibt mich das Herz dir zu stehen, mag ich dich töten oder fallen! Aber laß uns vor den allsehenden Göttern einen Bund beschließen. Verleiht mir Zeus den Sieg, so werde ich dich nicht mißhandeln, sondern ich raube dir die Rüstung und lasse deinen Leib den Achäern, daß sie ihn rühmlichst bestatten. So thue du mir auch!« Aber mit wutfunkelndem Blick schrie Achilleus ihm zur Antwort: »Nichts von Verträgen gesprochen, verhaßter Hektor! Macht auch der Löwe mit Rindern, der Wolf mit Lämmern Verträge? Siehe, so ist zwischen mir und dir auch nimmer Vertrag oder Bündnis. Am Boden muß einer von uns liegen, auf daß Ares an seinem Blute sich sättige. Jetzt gedenke des Kampfs! Nichts anderes ist zwischen uns beiden! Aber ich hoffe, du sollst nur nicht entrinnen, sondern nun endlich büßen, was du an meinen Gefährten verübt hast!« Wort und Wurf waren eins. Aber Hektor, schnell aufs Knie sich werfend, vermied die entsetzliche Lanze, die weit über ihn hin in den Sand fuhr. Jetzt – denn neuer Mut kehrte ihn in die Seele – rief er freudig aufspringend: »Ha! weit gefehlt! du göttergleiche Achill! Hast du doch auch einmal dich mit den Göttern verrechnet, thörichter Schwätzer! Durch deine großsprecherischen Drohungen wirft du mich nicht zur Flucht bewegen; ich werde standhalten und auf dich losgehen. Jetzt wahre deine Brust, denn nicht schwach soll meine Lanze dich treffen!« Er warf den Speer mit gewaltigem Schwünge und verfehlte sein Ziel nicht, denn mit lautem Krachen fuhr die eiserne Spitze gegen den Buckel des Schildes, und hätte Schild und Brust durchbohrt, wäre nicht der Schild aus Hephästos' Schmiede gewesen. Aber so prallte die Lanze zurück wie ein Ball, der gegen die Wand geworfen wird, und Hektor stand erschrocken da, denn er hatte nur die eine Lanze gehabt. Geschwind sah er sich nach Deïphobos um und forderte laut einen andern Spieß, aber niemand antwortete ihm, und der Bruder war nirgends zu sehen. Da ahnete er im Geiste sein Unglück. »Wehe mir!« rief er, ein tückischer Gott in Deïphobos' Gestalt hat mich vorher getäuscht, und jetzt, da ich hoffte, er solle mich retten, ist er verschwunden!« In der letzten Verzweiflung ergriff er sein Schwert, entschlossen als Held zu kämpfen. Aber Achill hatte schon Hektors Lanze aufgehoben, und als sie gegeneinander rannten, erreichte der lange Speer natürlich leichter sein Ziel als das kurze Schwert. Über dem Panzer in den Hals getroffen sank Trojas Hort, und sein grausamer Sieger und alle Achäer frohlockten. »Ha!« rief Achill, indem er den Speer auszog, »so stolz triumphiertest du noch gestern, als du in Patroklos' geraubtem Harnisch gegen unsere Mauer drängtest und heute liegst du so kraftlos vor der euren! Wahrlich! du dachtest wohl nicht, daß dem Erschlagenen noch ein stärkerer Rächer bei den Schiffen verblieb? Doch ihn bestatten wir mit Ehren, wie es einem Helden gebührt, indes dich die Hunde und Geier verzehren!« »O!« stöhnte der schweratmende Hektor ihm zu, »,ich bitte dich bei deinem Leben, ich beschwöre dich bei deinen Eltern, laß doch nur nicht bei den Schiffen die Hunde mein Fleisch fressen, sondern nimm die Lösegeschenke, die mein Vater und meine Mutter dir reichlich darbieten werden und gieb mich den Meinigen zurück, damit Troer und Troerinnen daheim mir die letzte Ehre erweisen und auf dem Scheiterhaufen meine Gebeine verbrennen!« Aber mit fürchterlicher Stimme schrie Achilleus ihn an: »Schweig und stirb, du Hund! Glaubst du, ich werde auf deine Bitten hören? Ha! ich wollte, mich erbitterten Zorn und Wut so sehr, daß ich selbst dein Fleisch verschlingen könnte, denn du hast es an mir verdient! Und keiner soll sich unterstehen die Hunde von deinem Leibe zu verscheuchen! Möchten die Troer auch zwanzigfältige Sühnung bieten, ja, wollte Priamos dich mit Gold aufwiegen, dennoch soll die Mutter dich nicht in weiche Gewänder hüllen und dich unter Wehklagen bestatten, sondern Hunden und Vögeln des Feldes will ich dich zum Fraße geben!« »Ach, das dachte ich wohl!« seufzte der sterbende Held, »denn ich kenne dich ja, du hast ein eisernes Herz! Aber bedenke, daß diese Härte dir noch den Zorn der Götter erwecken kann. Es wird ein Tag der Vergeltung über dich kommen!« Das waren Hektors letzte Worte. Mit ihnen hauchte er seine Seele aus. Achilleus achtete der Drohung so wenig als der Bitte, sondern übte an dem Toten die schimpflichste Behandlung, die seine Rachsucht ihm eingeben wollte. Zuerst nahm er ihm den schönen Waffenschmuck ab und übergab ihn den herzueilenden Gefährten, die den Hektor bei seinem Leben nie so nahe gesehen hatten und die Schönheit des Wuchses, den kraftvollen Bau der Arme und Schenkel und die herrliche Wölbung der männlichen Brust bewunderten und staunend betasteten. »Bei den Göttern!« sagte mancher, den die Freude witzig machte, »jetzt ist Hektor viel sanfter anzufühlen als damals, da er Feuer in unsere Schiffe warf!« Den nackten Körper zu den Schiffen tragen zu lassen, war der unersättlichen Rachgier Achills nicht genug. Hinter seinem Wagen her wollte er ihn schleifen, und zu dem Ende durchstach er ihm die Sehnen beider Füße hinten zwischen Ferse und Knöchel und zog einen Riemen hindurch, den er an den hintern Teil seines Wagens knüpfte. Dann schwang er sich selbst hinauf und trieb die schnellen Rosse an, daß sie wie im Sturm über Staub und Stein, über Leichen und Blut hinflogen, indes seine Myrmidonen hintennach zogen und einen gräßlichen Siegesgesang anstimmten. Zuerst ging der Zug bei dem skäischen Thore vorüber, um die Troer, die dort auf der Mauer standen, desto tiefer zu demütigen. Und zu sehr nur ward der Zweck erreicht, denn noch saßen der alte Priamos und Hekabe, seine Gemahlin, harrend und ohne den schrecklichen Ausgang des Kampfes zu ahnen, der am entgegengesetzten Ende der Stadt geführt war. Gütige Götter, welch ein Anblick für die alten ergrauten Eltern! Ihr tapferster Sohn, Trojas Stolz und letzte Zuversicht – da schleifte er nun an den Rädern des Siegerwagens, Schulter und Kopf in Blut und Staub gewälzt, die glänzende Brust, das blühende Gesicht, das wallende Haar mit Schlamm und Moder besudelt! Aus ganz Troja erhob sich die verzweifelnde Klage, als hätte schon die Stadt ihr Ende erreicht und ginge bereits unter in verzehrenden Flammen. Die Mutter, sinnlos vor Schmerz, rang aufschreiend ihre Hände, riß sich den Schleier vom Haupte und zerraufte ihr graues Haar. Und der Vater, mit zitternden Knieen, starren Augen und stammelnden Lippen, wollte sich nicht halten lassen, sondern eilte hinunter, um selbst seinen Sohn loszuschneiden oder über dem Leichname desselben zu sterben. Mit Mühe hielten die Freunde ihn innerhalb der Mauer fest, aber immer rang er wie ein Unglücklicher, den der Wahnsinn ergriffen hat. Da rief er Mann für Mann von denen, die ihn zurückhielten, bei Namen, bat, flehte, weinte, warf sich auf die Erde und streuete Staub auf sein greises Haupt. Endlich, als mildere Wehmut den Krampf der Verzweiflung löste, sprach er mit ersterbender Stimme zu den Umstehenden: »Freunde, laßt mich! Ich bitte euch, laßt mich gehen! Ich will hinaus zu dem grausamen Mörder! Ich werfe mich ihm zu Füßen, ich biete ihm Lösegeschenke und fordere den Leichnam meines Sohnes zurück. O, wenn er mich sieht, er wird erweicht werden, er hat ja selbst einen alten hochbetagten Vater! O des Verderblichen! So viele blühende Söhne erschlug er mir schon, aber immer noch habe ich mich getröstet! Doch nun ist mein eines und alles verloren, Hektor, mein liebster, mein bester Sohn, und der Gram um ihn wird auch mich bald töten. Ach, daß er doch nur in meinen Armen gestorben wäre, so hätten wir, ich und seine unglückliche Mutter, unter Thränen seinen teuren Leichnam nach Würden geehrt!« Schluchzen und Weinen unterbrach die Worte des alten Vaters, und alle die ihn sahen, weinten mit ihm. »Hektor, meine Freude, mein Trost und meine Hoffnung!« jammerte nun auch die Mutter; »was soll ich noch länger leben, da ich dich nicht mehr habe! Habe ich nicht in diesen unglücklichen Jahren mich einzig auf dich verlassen? Ach, allen Weibern und Kindern in Troja ist der Retter gestorben, nachdem du gefallen bist!« Am spätesten traf die Unglücksbotschaft die treue Gattin Andromache, welche nach fleißiger Hausfrauen Sitte im Innern des Hauses unter ihren Dienerinnen bis zum Abend gesessen und allerlei Geschäfte besorgt hatte. Jetzt, als die Dämmerung hereinbrach und sie ihren teuern Gemahl bald erwarten konnte, befahl sie einer der Mägde einen großen dreifüßigen Kessel mit Wasser zum Feuer zu setzen, damit der ermattete und mit Schweiß bedeckte Held sich sogleich nach der schweren Arbeit des stärkenden Bades erfreuen könnte. Da erscholl von ferne Weibergekreisch und laute Jammerklage. Das drang ihr durch Mark und Bein, und eine böse Ahnung schreckte sie auf. »Folgt mir!« rief sie zweien der Mägde zu; »mich dünkt, ich höre der Schwägerin Stimme, und mir zittern die Kniee – das Herz bebt mir – ach! das bedeutet nichts Gutes! Gewiß verfolgt Achill jetzt meinen Hektor und hat ihn abgeschnitten von den andern Troern, denn er bleibt nie zurück, sondern wagt sich immer an die Stärksten. Wehe, wenn er gar schon erschlagen wäre!« Sie stürzte hinaus, und die Dienerinnen folgten ihr. Vor dem Hause war niemand zu sehen; das Geschrei kam von der Mauer her. Dahin eilte die Unglückliche, stieg hinauf – ein Blick verriet ihr das Entsetzliche – und stumm und starr, wie vom Schlage getroffen, sank sie rücklings zur Erde. Der Schmuck des Hauptes, Binde und Schleier entfiel ihr, und das Haar lösete sich in lange Flechten auseinander. Schnell umringten die lieben Verwandten die Ohnmächtige und nahmen sie in die Arme. Lange lag sie wie tot; endlich, als der Geist wieder zurückkehrte, fing sie leise mit gebrochener Stimme die rührende Klage an: »Hektor, ich Unglückliche! Ach, wir beide sind zum Jammergeschick geboren, doch ich bin die beklagenswerteste von allen! O, daß mich nie eine Mutter geboren hätte! Du bist nun tot und lässest mich elend und verlassen, eine Witwe, im Hause. Und unser Knäblein ist noch unmündig und zart, ihn kannst du nun nicht mehr beschützen, und er wird dir nicht zur Freude und Hilfe aufwachsen. Ach, wie wird es ihm ergehen! Überlebt er auch den traurigen Krieg der Achäer, so wird er doch nur zu schweren Leiden aufgespart. Sie werden ihm sein Erbgut schmälern, und ohne Freund wird er die Tage seiner Kindheit verweinen. Denn ein verwaistes Kind hat keine Gespielen mehr; und wenn die andern Knaben vom Schmause der Väter ihren Teil bekommen, so ruft keiner die trauernde Waise heran und teilt mit ihr. Beschämt schlägt das arme Kind die Augen nieder und weint still, geht dann umher zu den Freunden des Vaters, faßt den einen am Rock, den andern am Mantel; und erbarmt sich vielleicht einer, so reicht er ihm höchstens das Schälchen, um einmal die Lippen zu netzen, aber nach seinem Hunger fragt er nicht. Die andern Knaben, gierig und übermütig, leiden ihn nicht bei ihren Mahlen, sondern stoßen ihn wohl mit den Fäusten weg und rufen: »So geh doch, dein Vater ißt ja nicht mit bei uns!« Dann geht das Kind und weint sich aus in seiner Mutter Armen. – O Götter, mein Astyanax! Auf des Vaters Schoße erhielt er die besten Bissen, und ein weiches Lager umfing ihn, wenn er ermüdet war von kindlichen Spielen. Das alles wird nun anders werden, denn nun fehlt der Vater und der Beschützer. Nackt und entstellt liegst du draußen auf schmutziger Erde, mein Geliebter, und vergebens bewahrte ich in der Lade so viele schöne Gewänder, die ich für dich gewebt hatte! Was helfen sie nun dir und mir? Ich will sie verbrennen, daß sie dir zum Ruhme von den Troerinnen als ein Totenopfer auflodern.« So jammerte Andromache, und mit ihr weinten die Frauen, denn alle liebten die edelherzige, treffliche Fürstin. Achtzehnter Abend. Bestattung und Totenfeier des Patroklos. Als der Zug der Achäer im Lager angekommen war, zerstreuten sich alle, ein jeder ging nach seinem Schiffe, und auch die Myrmidonen wandten sich zu den ihrigen. Aber Achilleus wollte, daß keiner seiner Krieger eher die Waffen ablegte, als bis sie sämtlich dreimal einen Umzug um Patroklos' Leiche gehalten und den Klagegesang angestimmt hatten. So lenkte er nun seinen Wagen zuerst um das Zelt, worin der Tote lag, dann folgten die übrigen Wagen und zuletzt das Fußvolk. Alle erhoben lautes Wehgeschrei, viele aus wirklichem Schmerz, viele dem Achill zu Gefallen. Dieser band darauf Hektors Leichnam von dem Wagen los, schleppte ihn ins Zelt und warf ihn neben den sauber verhüllten Patroklos aufs Antlitz hin. Dann knieete er nieder zu seinem Freunde und sprach: »Freue dich, Geliebter! Nun wird alles vollbracht, was ich dir angelobe. Hier liegt Hektar, schimpflich daher geschleift, zu deinen Füßen, morgen ein Raub der Hunde, und auch zwölf troische Jünglinge liegen draußen gebunden, die schlachte ich dir zum Totenopfer bei deinem Scheiterhaufen.« Jetzt gingen die Myrmidonen zu ihren Zelten und warfen die schweren Rüstungen von sich, löseten auch die Rosse von den Wagen und führten sie zu den Krippen. Sie selbst versammelten sich darauf zu einem gemeinsamen Mahle, das ihnen Achill heute ausrichtete zu Ehren des erschlagenen Freundes. Der fetten Stiere und Schafe, Ziegen und Schweine gab er ihnen die Fülle, und sie erfreuten sich alle des herrlichen Schmauses, rings um das Trauerzelt gelagert. Er selbst aber, der furchtbare Herrscher, aß nicht mit ihnen, sondern folgte der Einladung Agamemnons und der übrigen Fürsten, die ihn zu sich entbieten ließen. Der König befahl sogleich den Dienern ein warmes Bad für ihn zu bereiten, damit er den Staub und die Spuren des Mordes von seinen Gliedern wüsche; aber Achilleus verbat es mit Ernst und sprach: »Nein, beim Zeus, dem höchsten und besten der Götter! es ziemt mir nicht eher den Scheitel mit einem Tropfen zu netzen, als bis ich Patroklos auf den flammenden Holzstoß gelegt, das Haar mir geschoren und ihm ein Denkmal errichtet habe. Denn nie, so lange ich lebe, wird je ein ähnlicher Gram mir wieder also das Herz zerreißen. Aber wohlan! laßt uns jetzt des traurigen Mahles gedenken, und morgen früh, Agamemnon, sende hin nach dem Walde, daß man Holz herbeihole zur Bestattung des Freundes; denn das ist ja die Ehre der Toten. Hat erst der lodernde Feuerbrand ihn verzehrt, so mag sich das Volk wieder zu den gewöhnlichen Geschäften wenden.« Alle stimmten ihm bei. Man schritt zum Mahle, und nachdem sie sich mit Speise und Trank gelabt, gingen sie auseinander, jeder in sein Zelt, um der Ruhe zu pflegen. Achilleus von der Blutarbeit des Tages ganz ermüdet, warf sich, wie er war, am Strande des rauschenden Meeres unter seinen Myrmidonen nieder, und tiefer Schlaf schloß seine Augenlider. So lag er bis zur ersten Morgendämmerung; da erschien ihm im Traume seines Freundes Bild, schön, kräftig und freundlich, wie er im Leben gewesen war, und mahnte ihn an seine Bestattung, mit sanften Vorwürfen ihn scheltend: »Hast du mich schon aus deiner Erinnerung schwinden lassen und liebtest mich doch im Leben so treu? Siehe, mich lassen die Geister in Plutos Behausung nicht ein, sondern scheuchen mich von dem dunkeln Flusse zurück, daß ich um die Thore des Schattenreichs irren muß, bis du meinem Leichname die schuldige Bestattung gegeben hast. Begrabe mich daher so bald als möglich. Lebe wohl; reiche mir deine Hand! Nicht mehr werden wir bei den Schiffen in traulichem Zwiegespräch ratschlagen, nicht mehr in gemeinschaftlichem Kampfe uns unserer Jugendkraft erfreuen. Als elende Schatten sehen wir uns wieder und vielleicht recht bald; denn du weißt es ja selbst, wie kurze Tage dir das Schicksal bestimmt hat!« »Freund meiner Seele«, rief Achill noch träumend, »tritt naher, daß ich dich noch einmal umarme!« Er streckte hastig die Hände aus, aber das leere Gebilde wich wie Rauch und sank zur Erde hinab. Da erwachte der Held und sah mit Betrübnis, daß er nur geträumt hatte. Um ihn her wurden auch allmählich von seinem Klagen und Seufzen die Myrmidonen wach und erhoben sich von ihrem Lager, denn schon röteten die ersten Strahlen der Sonne im äußersten Osten den Himmel. Auch in der Ferne bei den andern Schiffen ward es immer lebendiger. Die Jünglinge fütterten die Maultiere, eingedenk der Befehle Agamemnons, und nachdem auch sie selber sich gesättigt, legten sie die Zäume an und zogen hinaus in den entlegenen Wald, um Holz zu holen für den Scheiterhaufen des Patroklos. Meriones ging als Aufseher mit. Der Weg war mehrere Stunden weit. Sie gingen durch mancherlei Krümmungen und Richtwege, bergan und bergab, bis sie zuletzt auf den Höhen des quellenreichen Ida ankamen. Sofort fällten sie mit kräftigen Hieben hohe Bäume, daß sie mit lautem Krachen herabstürzten; dann spalteten sie das Holz in Scheite, luden es den Maultieren auf und führten dieselben die Höhen hinab durch Dornen und dichtverwachsenes Gesträuch zurück zu den Schiffen. Hier wies ihnen Achilleus einen Platz am Strande an, wo er seinem Freunde das Grabmal zu errichten gedachte. Nun türmten sie einen Scheiterhaufen, wohl hundert Fuß ins Gevierte, denn nicht Patroklos' Leiche allein war bestimmt darauf zu brennen. Hiernach gebot Achill seinen Myrmidonen sich in stattliches Waffengeschmeide zu hüllen, und die Reisigen mußten ihre Wagen besteigen. So erhob sich die Schar in feierlichem Zuge nach dem Holzstoße hin, voran die Wagen und hintennach des Fußvolks unendliche Scharen; in der Mitte aber gingen die Freunde des Patroklos, die seinen Leichnam trugen, der ganz mit abgeschnittenen Haarlocken bestreut war. Achilleus hatte den vollen Wuchs seiner buschigen Haare Vor seiner Abreise von Phthia dem Spercheios , dem Strome seiner Heimat, zum Dankopfer geweiht, wenn er glücklich und ruhmvoll von dem Zuge gen Troja zurückkehren würde. Nun aber, da sein Schicksal ihm von der göttlichen Mutter enthüllt worden war und er wußte, daß er nie wieder die Ufer des vaterländischen Flusses betreten werde, wollte er lieber das schöne Haar dem teuern Freunde mitgeben. Er ging seitwärts, um es abzuscheren, und sprach, hingewandt nach seiner Heimat: »O Spercheios, umsonst gelobte ich einst an der Hand meines guten Vaters, dir zum Danke für die glückliche Heimkehr hundert Stiere und dies mein Haar zu opfern; du hast mein Flehen nicht erhört! So will ich es denn dem Freunde mitgeben, da die Rückkehr mir nicht beschieden ist.« Er legte es hierauf dem Patroklos in die Hände, der mitten auf dem Gerüste ausgestreckt ruhete. Rings umher legten sie fette Schafe und Rinder, die sie geschlachtet, gehäutet und gesäubert hatten; mit den fettesten Streifen der Nieren aber bedeckten sie den Leichnam selbst. Außerdem schlachtete ihm Achill zwei seiner Lieblingshunde und vier Pferde und warf sie seufzend auf den Holzstoß; auch Krüge voll Öl und Honig stellte er nach der Sitte neben den Leichnam. Zuletzt dann ging er an die Erfüllung seines unmenschlichen Gelübdes. Er holte die zwölf gebundenen Troer herbei und legte sie, nachdem er ihnen allen den Todesstoß gegeben, rings um den äußeren Rand des geräumigen Scheiterhaufens: eine schauderhafte Scene, die uns lehrt, daß die Sitte Menschen zu opfern unter den ersten Bewohnern Griechenlands ebenso gewöhnlich gewesen ist, wie bei unsern eignen Vorfahren, den alten Deutschen. Hektors Leichnam legte er nicht mit hinauf; er wollte ihn nicht mit der Vernichtung durch die Flammen ehren, sondern ihn den Hunden preisgeben. Aber, so erzählt die Sage, weder Hunde noch Vögel rührten ihn an, während er seitwärts von den Schiffen lag; denn die göttliche Beschützerin seines Hauses, Aphrodite, salbte ihn mit Rosenöl, das allen Leichengeruch und alle Verwesung hemmte, und Apollon breitete diesen ganzen Tag einen Wolkenschleier über das Gefilde, daß nicht die Sonne hindurchdränge und ihm das Fleisch an den Sehnen lösete. Jetzt ward der mächtige Holzstoß angezündet, aber die Flamme vermochte die saftigen, frischgefällten Scheite nicht zu erfassen. Da flehte Achill zwei Winde, den Boreas und den Zephyros , an, sprengte ihnen Wein aus goldenem Becher und gelobte ihnen ein reiches Dankopfer, wenn sie jetzt durch starkes Wehen den hellen Brand entfachen würden. Erst am Abend erhoben sie sich, um sein Gebet zu erfüllen. Sie stürmten über das Meer daher, daß hoch die Brandung schäumte, und nun loderte in dem weiten, gewaltigen Gerüste die Glut hell auf. Fast die ganze Nacht brannte der Holzstoß, und daneben stand Achill, aus immer frischgefüllter Schale sprengend und unaufhörlich Seufzer ausstoßend, wie ein Vater, der den Sohn bestattet, welcher ihm bereits zum blühenden Jüngling herangewachsen war. So trauernd umwandelte er die Opferstätte, bis die Morgenröte anbrach. Da erst sank das Gerüst in Asche und die Flamme erstarb; die Winde aber kehrten in ihre Höhlen zurück. Achilleus war der einzige, der so lange bei der Leiche des teuern Freundes ausgeharrt hatte. Die andern hatten sich schon früher beim Anbruch der Nacht wegbegeben, um der Ruhe zu pflegen. Nur er wollte nicht weichen, so lange noch ein Gebein von dem geliebten Patroklos zu sehen wäre, und so blieb er, bis alles in Staub versunken war. Dann ging er mit bekümmerter Seele abseits und legte sich ebenfalls zum Schlummer nieder. Doch kaum eine Stunde ward ihm diese Erquickung gegönnt, denn mit der aufgehenden Sonne regte sich schon das ganze Lager der Achäer umher und erweckte ihn durch lautes Getöse. Auch die Fürsten der Völker, Agamemnon an ihrer Spitze, kamen herbei, um die Brandstätte zu besehen, und gingen dann zum Achilleus, um zu vernehmen, welche Ehren er noch ferner dem Freunde zugedacht habe. »Wohlan«, sprach er zu ihnen, »ihr Fürsten der Achäer, jetzt geht und löschet die sinkende Glut mit rotem Weine, und sammelt mir dann die Asche des edlen Patroklos sorgsam in eine goldene Urne. Leicht wird sie zu unterscheiden sein; denn er hat in der Mitte gelegen, die andern Opfer aber, Tiere und Menschen, legte ich weit abgesondert rings um den Rand des Scheiterhaufens her. Grabt dann ein Grab und versenkt die Urne, doch häufet jetzt nur mäßig den Totenhügel auf, denn mein Wille ist bei ihm zu ruhen; und wenn ich ihm folge – und ich folge ja bald – dann sollt ihr die Urne von neuem hervorziehen und meine Asche zu der seinigen gesellen. Denn auch im Grabe mit ihm vereint zu sein dünkt mich süß; waren wir doch von Kindheit an ein Herz und eine Seele! Ach, noch weiß ich, wie sein besorgter Vater Menötios aus Opous zu uns kam und ihn, den zarten Knaben, zu meinem Vater brachte. Er hatte dort in der Heimat einen andern Knaben beim Spiele erschlagen, zwar nicht mit Vorsatz, aber Menötios fürchtete dennoch die Rache der Eltern und flüchtete ihn schnell aus dem Hause. Und mich erfreute sein heiteres Lächeln und seine Bescheidenheit beim ersten Anblicke; er war etwas älter als ich, er lehrte mich manches und hielt mein Ungestüm oft durch freundlichen Zuspruch in Schranken. Dann kamen wir beide zu Chiron und kehrten auch beide zugleich zu Peleus zurück. Ohne ihn habe ich keine meiner Freuden genossen, mit ihm habe ich das Ungemach nur zur Hälfte empfunden. Wohl mir, daß mein eigner Tod so nahe ist; was wäre ohne ihn mir das Leben!« Die Fürsten gingen gerührt hinweg und sorgten für die Erfüllung seiner Befehle. Sie sammelten die Asche und was noch vom Gebein verblieben war, aus der Mitte der Brandstätte, und legten sie zwischen doppeltes Fett in eine goldene Urne, maßen dann einen Kreis zum Grabhügel ab und vollendeten alles, wie er verordnet hatte. Es war eine sehr alte griechische Sitte bei Bestattungen hochangesehener Männer die Totenfeier mit öffentlichen Kampfspielen zu beschließen, wobei kostbare Preise für die Sieger ausgesetzt wurden. Diese Ehre hatte Achill auch seinem Patroklos zugedacht; er kündigte daher die Spiele an, sobald der Grabhügel aufgeworfen war, holte auch aus seinen Zelten und Schiffen die schönen Geschenke, welche er zu Tagespreisen bestimmt hatte. Zuerst las er fünf Preise für die Wettrenner zu Wagen aus. Dem ersten Sieger bestimmte er eine Sklavin und einen großen gehenkelten Kessel, dem zweiten eine sechsjährige ungezähmte Stute, dem dritten ein noch ganz neues ehernes Becken, dem vierten zwei Pfund (Talente) Goldes, und dem fünften eine schöne, bisher durch keinen Gebrauch entweihte Schale. Hierauf drängte er das neugierig herbeiströmende Volk zurück und nötigte dasselbe sich in einem weiten Kreise geordnet auf die Erde zu setzen. Nur die Fürsten blieben um ihn stehen, und diese redete er also an: »Sohn des Atreus und ihr andern Führer der Achäer! sehet hier die Geschenke, die ich den Rennern zu Wagen aussetze. Wohlan, versucht eure Kunst, und wer da will, trete auf! Wäre es nicht Patroklos, den wir bestatten, so möchte ich wohl selbst den ersten Preis in mein Zelt tragen, denn ihr wißt ja, wie sehr an Kraft und Schnelligkeit der Schenkel mein Gespann vor allen hervorragt. Aber nun bleibe ich zurück und überlasse euch andern den Wettstreit. Würden sie doch auch selbst nicht wollen, die edeln Tiere, die jetzt mutlos dastehen und zu Boden starren, den Verlust ihres trefflichen Lenkers betrauernd.« Zu den fünf Preisen fanden sich hierauf auch alsbald fünf Bewerber ein. Zuerst erhob sich Eumelos , der Sohn des berühmten thessalischen Königs Admetos , ein trefflicher Wagenlenker. Auch der kühne Diomedes drängte sich hervor, sicher den trojanischen Rossen vertrauend, die er unlängst dem Äneas geraubt hatte, wiewohl ihm der Fuß noch heftig schmerzte von der Wunde. Als dritter stand Menelaos auf und schirrte zwei Pferde an den Wagen, seinen Hengst und dazu eine von Agamemnons Stuten, ein treffliches Tier. Mit ihr hatte sich einer der kleineren argeiischen Fürsten von der Verbindlichkeit losgekauft dem Könige nach Troja zu folgen, denn er liebte ein ruhiges Behagen und lebte reich gesegnet mit der Fülle der Güter in einem der fruchtbaren Thäler Sikyons. Der vierte war der junge Antilochos , Nestors ruhmbegieriger Sohn; der spannte eilig seine kleinen pylischen Rosse an den Wagen und kam dann rasch herangetrabt. Da ihn sein alter bedächtiger Vater sah, winkte er ihn beiseit und gab ihm nach seiner Gewohnheit eine Menge guter Lehren auf den Weg. »Ich weiß wohl, mein Sohn«, sprach er, »du bist ein tüchtiger Wagenlenker, aber doch ist ein guter Rat dir not; denn nur durch Klugheit kannst du hier den Sieg gewinnen, weil deine Pferde die schwächsten unter allen sind. Darum schweife nicht in weitem Bogen aus, sondern verfolge geradeaus das Ziel, lenke kurz um dasselbe herum, und laß die Renner genau in demselben Gleise zurückkehren, in welchem sie ausgelaufen sind. Hast du nur auf dem Hinwege den Vorsprung erreicht, so darf dir vor der Rückkehr nicht bange sein.« Der fünfte endlich war Meriones . Als sie alle ihre Plätze eingenommen und sich nebeneinander in eine Reihe gestellt hatten, mußten sie um die Ordnung losen, in welcher sie abfahren sollten. Achilleus schüttelte die Lose in seinem Helme, und zuerst sprang das des Antilochos . heraus, das zweite gehörte dem Eumelos , das dritte dem Menelaos , das vierte dem Meriones und das fünfte und letzte dem Diomedes . Das Ziel war ziemlich entfernt, es bestand aus einer hölzernen Säule, an deren beide Seiten sich weiße schimmernde Steine lehnten: vielleicht das Grabmal irgend eines längst verstorbenen und bereits vergessenen Mannes, vielleicht aber auch ein Ziel, das schon ehemals zu gleichem Zwecke aufgestellt worden war. Jetzt ward das Zeichen gegeben, und sogleich stürzten sie allzumal ins weite Feld hin, indem sie mit lautem Ruf die Rosse antrieben. Dichter Staub wirbelte hinter den Rädern auf, sie aber standen hoch empor und schwangen ihre Geißeln, bald den Hügel hinanstrebend, bald hinab in die Ebene rollend. Jeder bemühte sich zuerst das Ziel zu erreichen, und alle hieben und schrieen laut auf die Tiere ein. Am hitzigsten aber ward der Wetteifer, als nun die Kämpfer nebeneinander auf dem Rückwege vom Ziele dahinjagten. Hier hatte Eumelos den Vorsprung, aber dicht hinter ihm her flog Diomedes , dessen treffliche Rosse mit ihrem Hauche schon die Schultern des Eumelos befeuchteten. Da zum Unglück verlor Diomedes seine Peitsche, aber zu seiner Freude wiederum zerbrach dem Eumelos der Wagen, so daß er selbst mit verwundetem Gesicht in den Sand stürzte. Ein Diener hingegen holte dem Diomedes noch schnell die Peitsche wieder, ehe die hinter ihm Nachfolgenden herankommen konnten, und so gelangte er zuerst auf dem Platze der Abfahrt wieder an. Um den zweiten Preis stritten Menelaos und Antilochos. Dieser, von Ehrgeiz gestachelt, rief seinen Rossen drohende Worte zu und trieb sie mit heftig geschwungener Peitsche. Als aber das nichts half, gedachte er durch einen Kunstgriff zu siegen. Er bog auf Menelaos' Bahn ein und dachte ihm vorauszufahren, als sich der Pfad des Menelaos in einen schmalen Hohlweg verlor, in welchem sich Wasser vom letzten Regen gesammelt hatte. Kurz zuvor, als Menelaos in den Hohlweg einfahren wollte, drängte sich rasch von der Seite der stürmende Jüngling voran; und wollte Menelaos nicht, daß sein Wagen zertrümmert werde, so mußte er halten und jenen zuerst hineinlassen. Zornig über den hämischen und verwegenen Streich, schrie er laut: »Bist du von Sinnen, Antilochos? Ich hätte dich doch für klüger gehalten!« Aber jener erwiderte nichts, sondern trieb in Hast mit Peitsche und Ruf die Rosse vorwärts. Begierig schauten indessen während des Rennens die zurückgebliebenen Fürsten in die Bahn hinauf; aber es war schwer die Kämpfer zu erkennen, denn dichter Staub umhüllte sie, und selbst die Ungleichheit des Bodens machte, daß mancher plötzlich hinter einem Hügel verschwand und so eine Zeitlang unsichtbar blieb. Während jene noch weit entfernt die Bahn durchrollten, erhob sich unter den Zurückgebliebenen ein Zwist. »Ei«, sagte Idomeneus , indem er in die Ferne hinausblickte, »seh' ich recht, oder trügt mich der Staub? Mich dünkt, die Rosse kehren in ganz anderer Ordnung zurück, als sie ausliefen. Kann ich doch nirgends die Rosse des Eumelos erblicken, die doch sonst im Laufe die schnellsten von allen sind. Sollte er wohl am Ziele vielleicht umgeworfen haben und hilflos daliegen, wie es oft allzukühnen Lenkern begegnet? Oder seht ihr ihn vielleicht? Ich kann's nicht genau unterscheiden? aber es scheint mir, als wäre der vorderste jetzt Diomedes, der Ätoler, mit seinen erbeuteten Rossen.« Aias der jüngere, immer zum Streite geneigt und ungezügelt in seinen Reden, erhitzte sich sogleich bei diesen unschuldigen Worten, denn er war ein Freund des Eumelos und konnte weder Diomedes noch Idomeneus leiden. »Spare doch deine Verkündigungen, bis du sehen lernst!« rief er aus. »So weit noch sind die Rosse entfernt, und du willst schon die Preise verteilen! Und wenn du nur gesunde Augen hättest, so würdest du die thessalischen Stuten wohl erkennen und den Eumelos dazu, der noch immer der vorderste ist. Aber du siehst ebenso schlecht als du plauderst.« »Lästerer!« rief Idomeneus entrüstet, »immer bist du der erste im Zanke und ein trefflicher Friedensstörer; anderer Tugenden hast du nicht viel. Sogleich laß uns wetten um einen Dreifuß oder ein Becken, und Agamemnon hier soll Schiedsrichter sein, wem die vorderen Rosse gehören. So magst du deinen Vorwitz büßen!« Schon wollte Aias noch heftiger antworten, als Achilleus sich ins Mittel legte, und sein Ansehen reichte hin die Streitenden zum Schweigen zu bringen. »Still doch!« sprach er mit Ernst, »und wechselt nicht länger so bittere Worte, Aias und auch du, Idomeneus. Das ziemt Männern nicht, und ihr selbst würdet an andern es tadeln, wenn sie sich so zankten. Sitzet hier ruhig im Kreise und seht nach den Wagen hin; bald werden die Lenker derselben näher kommen, dann wird ja selbst ein jeder erkennen, welcher der erste ist und welche die letzten sind.« Und auf einmal stürzte daher, weit voran vor den übrigen, Diomedes mit seinen feurigen Rossen, die er unablässig antrieb, so daß sie mit dem leichten Wagen fast ohne Spur über den Sand hinrollten, als flögen Adler durch die Luft. Noch weit hinter ihnen konnte man an dem auffliegenden Staube den Weg erkennen, den sie durchlaufen hatten, sie selbst aber schimmerten um Brust und Schenkel von triefendem Schweiße. Angekommen am Male hemmte der kühne Sieger die Zügel, sprang freudig vom Wagen und lehnte die Geißel an das Joch. Sthenelos, sein tapferer Waffengenoß, spannte gleichzeitig die Rosse aus, nahm darauf für ihn den ersten Preis in Besitz, das Weib und den großen gehenkelten Kessel, und führte beides nebst dem Wagen nach dem Zelte des Diomedes ab. Jetzt kam auch Antilochos an, doch nur wenig fehlte, so hätte Menelaos ihn wieder eingeholt, denn er war ihm stets auf der Ferse; und wäre die Bahn nur länger gewesen, so hätte schwerlich dem Jünglinge seine List etwas geholfen, denn des Menelaos treffliche Pferde übertrafen die seinigen bei weitem an Schnelligkeit. Dagegen blieb hinter ihnen Meriones wohl um eines Speerwurfs Weite zurück, weil sein Gespann das trägste von allen und er selbst im Lenken des Wagens wenig geübt war. Zuletzt endlich kam der arme geschundene Eumelos mit seinem zertrümmerten Wagen an, den er in der Eile mit Riemen etwas zusammengebunden hatte. Achill sah ihn voll Mitleid kommen und sagte: »Seht da, wie der tüchtigste Lenker im Heere zuletzt herbeischleicht! aber ich denke, wir reichen ihm billigerweise den zweiten Preis, denn den ersten müssen wir wohl schicklich dem Diomedes lassen.« Alle anderen fanden das Urteil gerecht, und schon wollte Achilleus dem Eumelos die Stute reichen, als Antilochos aufschrie: »O Achill, heftig würde ich dir zürnen, wenn du so handeltest; denn du raubst mir meinen Kampfpreis! Du denkst, Eumelos sei ein trefflicher Mann und ihm ohne Schuld der Wagen zerbrochen; aber ich meine, er hätte, wie es sich gebührt, vorher zu den Göttern flehen sollen, dann wäre ihm solches nicht begegnet. Bedauerst du ihn indessen und willst ihm wohl im Herzen, nun, so hast du ja im Zelte noch viele köstliche Güter, Gold und Erz, auch Sklavinnen und Schafe und Rosse, davon gieb ihm so viel du willst, ja, gieb ihm mehr als uns allen; nur meinen Preis darf er mir nicht rauben, denn dem Pferde entsage ich nicht, und sollte ich mit ihm darum kämpfen.« Achilleus, weit entfernt durch den mutigen Einspruch des Jünglings beleidigt zu werden, freute sich vielmehr seiner offenen Entschiedenheit, seines edlen Trotzes und sagte lächelnd: »Nun, Antilochos, wenn du mich zwingst, so werde ich freilich dem Eumelos etwas anderes geben müssen. Gut! ich will ihm den schönen Harnisch schenken, den ich von Asteropäos erbeutet habe; ich denke, er wird ihm auch lieb und wert sein.« Automedon mußte den Harnisch herbeiholen, und Achill überreichte ihn sogleich dem Eumelos. Ehe aber Antilochos seine Stute in Besitz nehmen konnte, trat Menelaos zürnend auf und brachte gerechte Beschwerde vor: »Hört mich«, sprach er, »ihr Fürsten der Argeier, und entscheidet nach Billigkeit zwischen mir und Antilochos. Dieser hat heute meinen Ruhm gekränkt und mir mit List im Hohlwege die Rosse aufgehalten, die doch weit rascher als die seinigen sind. So wenigstens schien es mir, indessen könnte es auch Zufall gewesen sein. Damit ich ihm nun nicht unrecht thue und niemand nachher sage, Atreus' Sohn habe jenem durch falsche Beschuldigung seinen rechtmäßigen Kampfpreis entwendet, so rufe ich euch zu Richtern auf. Soll ich aber selbst ein Urteil fällen, so thue ich einen Vorschlag, den ihr nicht verwerfen werdet: Antilochos berühre mit der Linken seine Rosse und halte mit der Rechten die Geißel hoch und schwöre es vor unser aller Augen und Ohren bei Poseidon, dem Schützer der reisigen Männer, daß er mir nicht vorsätzlich meinen Wagen gehindert habe.« »Gieb dich zufrieden«, entgegnete da der Jüngling beschämt und bescheiden, »und laß es gut sein, edler Menelaos; denn ich bin viel jünger als du, du aber ragst an Tugend wie an Jahren hervor. Du weißt ja, wohin allzu üppiger Mut den Jüngling verleiten kann; leicht übereilt er sich und faßt einen unbesonnenen Entschluß. Darum beruhige dein zürnendes Herz und vergieb mir. Gern lasse ich dir die Stute, die ich mir zueignen wollte; ja, wenn du es verlangst, so will ich dir noch etwas von dem Meinigen geben, nur daß ich nicht auf immer, du würdiger Mann, deine Liebe verliere und mir die Götter abgeneigt mache.« Wie der Tau sich mild auf die Ähren der jungen Saat legt, so durchdrang die bescheidene schöne Rede des Jünglings das Herz des Menelaos. Aller Zorn war vergessen, und er erwiderte jenem mit Freude und herzlicher Liebe: »Antilochos, jetzt will ich dir gern verzeihen, denn nie bist du ja sonst auch übermütig oder keck und bedachtlos gewesen, und diesmal hat nur die Jugend dich bethört. Aber künftig hüte dich wohl die Besseren durch unedle List zu berücken. Schwerlich hätte mich ein anderer Achäer so leicht besänftigt, aber auf dich habe ich immer viel gehalten, und dein Vater ist ein so würdiger Greis, und ihr alle thut und duldet hier um meinetwillen so vieles. Damm verzeihe ich dir gern, auch die Stute magst du behalten, damit jeder Achäer es sehe, wie fern mein Sinn von Eigennutz oder Gewaltthätigkeit ist.« Und sogleich gab er das Pferd einem Diener des Antilochos zurück und war mit dem dritten Preise, dem ehernen Becken, zufrieden. Den vierten, die zwei Talente Goldes, nahm hierauf Meriones in Empfang, und mit dem letzten, welcher übrig blieb, wendete sich Achill zum alten Nestor und sprach mit Ehrerbietung: »Dies Ehrengeschenk, o Greis, mag dein sein; sei es dir ein Andenken an Patroklos, den du nun nimmer wiedersehen wirst. Ich gewähre dir's ohne Kampf, denn gewiß wirst du doch weder im Ringen noch in den übrigen Spielen dich versuchen, da schon die Last des höheren Alters dich drückt.« Nestor nahm das Geschenk mit Freuden und erwiderte: »Ja, mein Sohn, wohl mit Recht nennst du das Alter beschwerlich; denn nicht mehr fest sind die Glieder, und besonders die Füße werden schwach, auch die Arme regen sich nicht mehr so gelenk und rüstig wie sonst. Ha! wäre ich so jugendlich noch wie damals, als wir Helden das Leichenfest des Amarynkeus in Buprasion feierten, jenes Königs der Epeer, dem seine Kinder eine herrliche Bestattung ausrichteten, die reichsten Kampfpreise aussetzend! Damals war mir fürwahr keiner gleich, weder unter den Epeern, noch unter den Pyliern, noch unter den Ätolern! Denn mit der Faust besiegte ich Klytomedes , des Enops Sohn, im Ringen den Ankäos von Pleuron , im Laufe den raschen Iphiklos und im Speerwurf den Phyleus ; nur im Wagenrennen eilten die Aktoriden , die Zwillingsbrüder, mir zuvor. Siehe, so war ich dereinst! Jetzt freilich muß ich alles jüngern Männern überlassen und dem traurigen Zwange des Alters mich fügen. Gehe denn und feiere noch weiter deines Freundes Gedächtnis mit rühmlichen Spielen. Das Geschenk hier nehme ich mit Dank an, und mein Herz freut sich, daß du doch immer noch meiner gedenkst und mich mit Ehren auszeichnest unter den Achäern. Mögen es dir die Götter mit erfreuenden Gaben vergelten!« Achilleus nickte freundlich und ging darauf, die Scharen der Achäer durchschreitend, aufs neue zu seinen Schiffen, um andere Kampfpreise auszusuchen. Er brachte ein starkes sechsjähriges Maultier und einen schönen Doppelbecher mit, zeigte die Gaben den versammelten Fürsten und sagte: »Seht hier, ihr Freunde, den Preis, welchen ich zwei tapfern Männern bestimme, die den Faustkampf wagen wollen. Wer durch Apollons Hilfe als Sieger aus dem Kampfe hervorgeht, der mag das arbeitsame Maultier in sein Zelt führen; wer aber im Kampfe erliegt, der soll zum Troste diesen goldenen Becher empfangen.« Der Faustkampf war das grausamste aller alten Kampfspiele. Darum fand er immer nur wenige Teilnehmer, und unter diesen entweder Menschen von wildem und rohem Gemüt, oder unter edlen Männern doch nur solche, die sich einer ganz vorzüglichen Kraft des Armes bewußt waren. Zu jenen ersteren mochte auch derjenige, welcher sich jetzt meldete, gehören. Es war Epeios , derselbe, der später das hölzerne Roß erbaut hat. Er trat hervor, faßte das Maultier am Zaume und rief mit lauter Stimme: »Komme heran, wer da wünscht den Becher zu nehmen; denn das Maultier, hoffe ich, trägt mir niemand davon! Laufen und Schleudern ist meine Sache nicht, und keinen Ruhm erwarte ich vom Speer oder Bogen, denn einem ist ja nicht alles beschieden; aber im Faustkampf meine ich vor allen der erste zu sein. Darum verkündige ich's vorher: Wer mit mir sich versucht, kommt nicht anders als blutig gequetscht und mit zerschmetterten Knochen von hinnen; ja, er mag nur sogleich die Leichenträger mitbringen, damit sie ihn dahin tragen, wo er begraben sein will.« In der That hatte es auch das Ansehen, als wenn er, wie Nestor, den Preis ohne Kampf gewinnen würde, bis endlich nach einigem Bedenken ein anderer starker Mann gegen ihn aufstand, Euryalos mit Namen, gleichfalls ungeheurer Stärke sich bewußt; denn er hatte schon ehedem einmal am Leichenfeste des berühmten Oedipus in Theben alle Bewohner jener Stadt im Faustkampf überwunden. Jetzt munterte ihn Diomedes auf und holte ihm selbst den Gürtel und einen langen, schmalen Riemen herbei, womit er ihm nach alter Fechtersitte die Arme umwickelte. Als nun beide gegürtet dastanden, erhoben sie die Fäuste zum grimmigen Wettkampfe gegeneinander, und laut schallten die schweren Schläge; der Angstschweiß rann von den glühenden, geschwollenen Gesichtern und durchfeuchtete die um den Leib geschürzten Kleider. Auf einmal gelang dem wütenden Epeios ein furchtbarer Hieb auf die Backe des Gegners, daß demselben alle Sinne schwanden und er hoch aufsprang, wie ein Fisch aus dem Wasser aufschnellt und dann zurückfällt. Da eilten die Freunde herbei und hoben ihn sanft vom Boden auf und trugen ihn in sein Zelt. Er stöhnte sehr, ließ den betäubten Kopf seitwärts herabhangen und spie dickes Blut aus. Hinter ihm ging ein Freund und trug ihm den teuer erkauften Becher nach. Hierauf kam das Ringen an die Reihe. Auch dafür setzte der freigebige Achilleus zwei kostbare Preise aus und schaffte sie von den Schiffen herbei: dem Sieger einen großen dreifüßigen Kessel von köstlicher Arbeit, dem Werte von zwölf Stieren gleichgeschätzt; dem Überwundenen eine Sklavin, in künstlicher Arbeit geübt, nach unsers Dichters Schätzung etwa vier Rinder wert. Er rief jetzt abermals die versammelten Fürsten auf: »Wohlan! Wer begehrt nun diesen Kampf zu versuchen?« Sogleich erhoben sich zwei wohlbekannte Männer, Aias der Telamonier und unser Odysseus . Sie zogen die Kleider von den Schultern, gürteten sich um die Mitte des Leibes, und so mit nackter Brust und bloßen Armen traten sie sich gegenüber. Fest gegeneinander gestemmt drängten sie hin und her, umklammerten sich mit den kraftvollen Armen, daß breite Striemen die Haut röteten, und versuchten es bald rechts, bald links einander nieder zu beugen. Beiden krümmte sich der Rücken unter der gewaltigen Umschlingung, es glühten die dunkeln Gesichter, und Schweißtropfen fielen von den Gliedern herab. Aber so angestrengt sie rangen, nach dem Ruhme nicht minder, als nach dem Preise des Sieges begierig, so vermochte dennoch weder Aias den Odysseus, noch dieser den Aias zu Boden zu werfen. Schon währte den Zuschauern die Zeit zu lange, und sie wurden ungeduldig, da hielten die Kämpfer einen Augenblick inne, und Aias sprach zu Odysseus: »Weißt du was? Hebe du mich auf oder ich dich, dann wird ja Zeus den Ausschlag geben.« Jetzt faßten sie einander um den Leib und suchten sich vom Boden zu heben. Da zeigte sich des Aias überlegene Stärke, er hob den Odysseus hoch in die Höhe, aber dieser vergaß seiner List nicht, sondern schlug jenen mit der Ferse in die Kniekehle, daß er einknickend rücklings hinstürzte und Odysseus ihm auf die Brust zu liegen kam. Da erscholl rings umher ein dumpfes Getön der Verwunderung, weil der anscheinend Schwächere den Stärkeren überwältigt hatte. Aber Odysseus erhob sich wieder und suchte nun auch jenen aufzuheben, allein das vermochte er nicht. Nur etwas weniges bewegte er ihn vom Boden, dann warf er sich selbst und mit sich den Aias absichtlich in den Staub, ohne daß sich für einen von ihnen der Sieg entschied. Da wollten sie zum drittenmale die gewaltigen Kräfte versuchen, doch Achilleus gebot nun Stillstand und sprach, unter sie tretend: »Genug, Freunde! Nicht länger mattet euch ab in feindseligem Eifer. Der Sieg gebührt euch beiden, daher will ich euch mit gleichen Preisen belohnen. Geht, damit nun auch noch andere der Achäer kämpfen können.« Da ließen jene die Arme sinken, wischten sich den Staub von den Gliedern und hüllten sich wieder in ihre Kleider. Achilleus holte darauf drei andere Preise herbei für die Sieger im Lauf . Der erste war ein silberner Krug von wunderköstlicher Arbeit, eines sidonischen Künstlers Werk, den einst phönikische Seefahrer dem alten Thoas teuer verkauft hatten. Dessen Enkel hatte ihn dann dem Patroklos als Kampfpreis für Priamos' Sohn Lykaon gegeben, und so war er dem Achill anheim gefallen. Dem zweiten Läufer ward ein fetter Ochse bestimmt, und dem dritten ein halbes Talent Goldes. Achilleus zeigte die Preise und forderte wie vorher die Fürsten auf darum zu kämpfen. Auch hier galt es, wie beim Wagenrennen, nicht bloß das Ziel zu erreichen, sondern es zu umlaufen und dann der erste zurück zu sein am Anfange der Laufbahn. Zuerst meldete sich der jüngere Aias , des Oïleus Sohn, der vorher mit Idomeneus so unedel gehadert hatte. Er war ein trefflicher Läufer und hatte schon viele Preise in diesem Kampfe errungen. Nach ihm erhob sich der junge Antilochos , und der dritte war Odysseus , der ungeachtet des sauern Ringens doch noch Kraft genug in sich fühlte es mit den beiden Jünglingen im Wettlauf aufzunehmen. Achilleus wies allen das Ziel und gab das Zeichen. Und wie die Pfeile von der Senne fliegen, so stürmten die drei Läufer in die Ebene hinein. Aias hatte vom Anfang den Vorsprung, aber ihm auf der Ferse folgte Odysseus, indem er wie ein Schatten in jenes Fußspur trat, noch ehe der nachfallende Sand sie bedecken konnte. Da riefen ihm alle Zuschauer ermunternd zu, denn sie gönnten ihm den Sieg weit mehr als dem Aias. Sein Hauch traf schon den Nacken desselben; zweier Schritte nur bedurfte er, um diesem voraus zu kommen, aber er konnte sie nicht gewinnen; denn Aias selbst bot alle Kraft seiner rüstigen Schenkel auf und ließ ihn nicht vor. Da flehte Odysseus im stillen, als schon das Ende des Laufes ganz nahe war, mit inbrünstigem Gebete zu seiner Schützerin Athene, daß sie doch jetzt noch ihm Ruhm gewähren möchte vor den Achäern. Und siehe, indem schon Aias zum Kampfpreis hinanfliegen wollte, da hemmte ihn der schlüpfrige Ort, wo das Blut und die ausgenommenen Eingeweide der Tiere lagen, welche Achilleus gestern zu Ehren des Patroklos geopfert hatte; er strauchelte und stürzte mitten in den Kot hinein, daß Mund und Nase besudelt war. Da lachten alle laut auf; und ob er gleich im Nu wieder auf den Beinen war, so konnte er doch den Odysseus nicht wieder einholen und mußte sich mit dem zweiten Preise begnügen. Unwillig faßte er den Stier beim Horne und wischte sich, spuckend und murrend, den Kot aus dem Gesichte. »Das weiß ich wohl«, rief er, »wer's mit Odysseus aufnimmt, der hat's auch immer mit der hinterlistigen Göttin zu thun. Hätte sie mir nicht geschadet, so hätte er den Krug gewiß nicht erhalten!« Er führte hierauf seinen Ochsen ab und ging sich zu waschen. Antilochos, der dritte Läufer, war zuletzt angekommen, und es that ihm recht leid, daß er mit dem halben Pfund Goldes weggehen mußte. »Wie doch die Götter immer die älteren Menschen so lieben!« sprach er. »Zwar von Aias will ich nicht reden, denn der ist wohl nicht viel älter als ich; aber Odysseus gehört doch zu den bejahrtesten Männern und blüht wahrlich noch immer in der frischesten Jugendkraft. Ja, ich glaube, es holte ihn keiner von allen Achäern im Lauf ein, wenn's nicht Achill etwa vermag.« Der gute Antilochos! Er wußte nicht, wie wohl dem stolzen Achilleus dies offenherzige Lob gefiel, und ward daher freudig überrascht, als der Held zu ihm sagte: »Antilochos, du sollst mich nicht umsonst gelobt, nicht umsonst so bescheiden und neidlos gesprochen haben; ich lege dir noch ein halbes Talent Goldes zu dem Preise hinzu.« Er nahm ihn mit sich in sein Zelt, aus dem er bald darauf mit neuen Preisen für die Lanzenkämpfer zurückkehrte. »Wohlan!« rief er, »um solche Preise laßt die beiden tapfersten Männer in voller Rüstung, mit scharfen Lanzen vor dem versammelten Volk sich versuchen. Wer nur dem andern zuerst die Haut verletzt, daß das dunkle Blut hervorquillt, dem schenke ich dieses silberbeschlagene Schwert, das ich dem Asteropäos geraubt habe. Aber hier Sarpedons Rüstung empfangen sie beide gemeinsam, auch bewirte ich sie nachher in meinem Zelte mit einem köstlichen Mahle.« Sogleich traten Diomedes und der ältere Aias , Telamons Sohn, in den Kreis, denn diese beiden rühmten sich nächst Achilleus die stärksten und tapfersten Männer im Heere zu sein. Schnell holten die Diener ihnen die Rüstungen herbei, und nachdem sie dieselben angelegt und die Lanzen ergriffen hatten, stürmten sie mit fürchterlich drohendem Blick gegeneinander, so daß alle Zuschauer erschraken. Dreimal rannten sie mit gewaltigem Stoß zusammen, und immer haftete des Aias Lanze fest in Diomedes' Schilde, aber den Schild ganz zu durchdringen vermochte sie nicht. Diomedes' Lanze hingegen glitt immer ab, denn er zielte sorgfältig nach dem Halse, den der Kämpfer gewöhnlich mit der geringsten Vorsicht beschirmte. Als das die Griechen sahen, riefen sie alle laut, daß sie doch jetzt vom Streit ablassen und sich in den Kampfpreis teilen möchten, denn sie waren sehr besorgt um Aias. Und so geschah es denn; nur daß Achill das große Schwert dem Diomedes gab. Jetzt rief er abermals laut: »Wohlan, ihr Achäer hier bringe ich die schöngegossene Kugel, Eëtions Wurfball, den ich mit anderen Kostbarkeiten erbeutete, als ich ihn schlug und seine Stadt zerstörte. In Kilikien. Dieser kleine Fürst war Andromaches Vater gewesen. Wer mir in diesem Wettspiel siegt, dem gebe ich eine Ladung Eisen, daß er fünf Jahre genug daran haben soll, und hätte er noch so viele Äcker daheim zu bestellen. Da traten vier Männer auf, Polypoites , ein wackerer Held, Leonteus , der ältere Aias und Epeios , jener entsetzliche Faustkämpfer. Man überließ ihm die Kugel zuerst, und alle lachten, da er sie hinwarf. Ein Herold machte ein Zeichen an dem Orte, wo sie niedergefallen war, und brachte sie dann dem Leonteus , der schon weit besser warf. Noch weiter brachte sie hierauf der gewaltige Arm des Aias ; doch als Polypoites sie entsandte, siehe da flog sie weit über alle vorigen Zeichen hin, und das ganze Volk jauchzte laut. Die Gefährten des Siegers aber trugen ihm das gewichtige Geschenk in sein Zelt. Wieder andere Preise holte der Held darauf für Bogenschützen herbei, zehn zweischneidige Äxte und ebenso viele Beile. Als Ziel band er eine Taube mit einem langen Faden an die Spitze eines Mastbaums und richtete dann den Mastbaum in die Höhe. »Wohlan!« rief er, »wer zwischen dem Baume und der Taube hindurchschießt, der soll die Beile haben; wer aber gar die Taube selbst trifft, der nehme die Äxte hin.« Sogleich erhoben sich die beiden besten Bogenschützen im Heere, der junge Teukros und Meriones . Beide losten um den ersten Schuß, und Teukros' Los fiel zuerst aus dem geschüttelten Helme. So ergriff er denn den Bogen und schnellte von scharf angezogener Senne den Pfeil in die Luft. Und siehe, er zerschoß den Faden, der der Taube um den Fuß gebunden war, und das befreite Tier flog fröhlich in die Lüfte. Alle Zuschauer jauchzten, aber Meriones gab die Äxte doch noch nicht auf, sondern riß dem Teukros schnell den Bogen aus der Hand – den Pfeil hielt er längst schon bereit – und zielte sicher nach dem Vogel, der hoch in den Lüften flatterte. Still im Herzen, sagt der Dichter, gelobte er dem Apollon ein Dankopfer; das hatte Teukros versäumt. Und da gab ihm der Gott des silbernen Bogens den wundersamen Sieg, denn der Pfeil traf glücklich die Taube und durchschoß ihr den Flügel. Sie flatterte ängstlich und schwach nach dem Gipfel des Mastbaums zurück, senkte bald Kopf und Flügel und fiel dann tot mitten unter die Zuschauer herab. Erstaunt sahen es die Völker. Aber Meriones trug mit freudigem Stolze die schönen Äxte in sein Zelt, während Teukros mit den Beilen still hinwegschlich. Noch war die Übung des Lanzenwurfs übrig, für welche Achilleus gleichfalls zwei Preise aussetzte, ein ehernes Becken, mit künstlichen Blumen geziert, und eine neue Lanze. Da er sah, daß Agamemnon und Meriones sich erhoben, um diese Preise zu wetteifern, so sprach er: »Atreide, wir wissen es, wie weit du an Kraft und Geschick die Lanze zu werfen alle anderen übertriffst, darum nimm nur gleich das schimmernde Becken, und Meriones mag mit dem Speere zufrieden sein, wenn es den übrigen also genehm ist.« Alle billigten die ehrenvolle Auszeichnung des obersten Königs, und so ging ein jeder zufrieden mit seinem Geschenke von dem Kampfplatze zurück. Neunzehnter Abend. Hektors Lösung und Bestattung. Die Kampfspiele hatten mit ihren mannigfaltigen Unterbrechungen den ganzen Tag gefüllt, und die Sonne war schon untergegangen, als der Kreis der versammelten Achäer sich auflöste und jeder nach seinem Schiffe und Zelte zurückkehrte, um zuerst das Nachtmahl zuzurichten und dann zu ruhen. Alle waren zufrieden und heiter heimgekommen und sprachen noch lange von diesem und jenem, was ihnen gefallen oder mißfallen hatte; nur in Achills Seele wollte die Heiterkeit noch immer nicht zurückkehren. Die Leere der Stelle, wo sonst Patroklos gesessen, der trauliche Becher des Mahls, den ihm sonst der Verstorbene gereicht hatte, und tausend andere Erinnerungen an den unvergeßlichen Freund ließen ihn weder essen noch schlafen. Vergebens wälzte er sich auf seinem Lager von einer Seite auf die andere, versuchte es auf dem Rücken und vorwärts gestreckt; kein süßer Schlummer wollte über ihn kommen und die finstern Bilder seines Grames verscheuchen. So verbrachte er weinend die halbe Nacht; dann plötzlich sprang er auf, rannte im Dunkel hin ans Gestade des rauschenden Meeres und schweifte unstät und bangen Herzens daselbst umher. Dann wollte er zu Patroklos' Grabmal eilen, besann sich einen Augenblick, schirrte seine Pferde an den Wagen, band Hektors Leichnam wieder hinten daran und schleifte ihn dreimal um den Totenhügel. Aber auch diese traurige Rache konnte ihn nicht befriedigen; er ließ den Leichnam wieder los, trieb die Rosse in das Gehege zurück und warf sich abermals auf sein Lager, versuchend ob er nun vielleicht die süße Gabe des Schlafs empfangen könne. In Troja wurden seit jenem unglücklichen Tage nicht weniger schlaflose Nächte verseufzt, und das Haus des alten Priamos war eine Wohnung des Jammers geworden. Er selbst, der bekümmerte Greis, hatte seit seines Sohnes Tode weder Speise noch Trank zu sich genommen, und die Klagen der Mutter und der Gattin rührten alles Volk so sehr, daß es täglich in großen Haufen das Haus umstand, als wollte es der königlichen Familie auf diese Weise zeigen, wie sehr es ihren Schmerz teile. Mitleidsvoll sahen selbst die Götter auf die Unglücklichen herab, und Apollon ließ sich in einer holden Traumerscheinung zum Priamos hernieder und stärkte sein Herz mit Mut, daß er sich aufmache zum Lager der Griechen, um mit Lösegeschenken den Leichnam seines Sohnes von dem Sieger zu erstehen. Zeus selbst befahl dem Hermes den Greis zu geleiten, damit kein böser Feind ihn hindere oder ihm Leid zufüge auf dem Wege. Priamos, getröstet durch die Göttererscheinung, vergaß nun endlich der Klage und ging eilig zur Kammer, wo die Kisten standen, in denen er seine Kostbarkeiten verwahrte. »Wohlan«, rief er der alten Hekabe zu, »ich will mich aufmachen, um den fürchterlichen Mann mit Geschenken zu versöhnen; ein Gott hat mir Mut in die Seele gelegt; er wird mich auch schützen.« Da schluchzte die Gattin laut auf und rief ihm tadelnd zu: »Unglückseliger, wohin ist dir der Verstand entflohen! Wie wolltest du doch allein zu den Schiffen der Achäer gehen und dem Manne unter die Augen treten, der dir so viele und so tapfere Söhne erschlagen hat? Wahrlich, du hast ein eisernes Herz! Ha! wenn er dich sieht und dich ergreift, der falsche, entsetzliche Mann, nimmermehr ja hat er Erbarmen mit dir, noch Scheu und Ehrfurcht vor deinem Alter! O, bleibe hier und laß uns den Verlorenen aus der Ferne beweinen, dem es nun einmal die Parze bei seiner Geburt zugeteilt hat fern von den Seinen dem stärkeren Manne zu erliegen und ein Raub der Hunde zu werden. Bleibe, du Teurer, bei uns, damit du dein eignes Leben erhaltest.« Aber der greise König erwiderte mit Zuversicht: »Nimmer würde ich ja gehen, wenn nur ein Opferpriester oder ein Zeichendeuter es mir geboten hätte. Aber ich habe den Gott selber gesehn, er wird mich nicht täuschen; und zu sehr treibt mich auch das eigne Herz, als daß ich den Versuch nicht wagen sollte. Er wird mich töten, sagst du, der Wüterich? O, mag er es doch, wenn er mich nur in meines geliebten Sohnes Armem, an seiner Brust niederstößt!« Er öffnete den zierlichen Deckel der Lade und nahm die feinen Gewänder heraus, die er zu Geschenken mitnehmen wollte: zwölf herrliche Feierkleider, zwölf wärmende Decken und ebensoviele Leibröcke und prächtige Mäntel. Dann aus einer andern Lade nahm er zehn Talente Goldes, vier glänzende Becken und zwei dreifüßige Kessel; selbst des köstlichen Bechers schonte er nicht, den ihm einst thrakische Männer zum Gastgeschenk verehrten, da er als Botschafter seines Vaters zu ihnen kam. Denn er wollte sein Bestes nicht sparen, um nur des harten Mannes Herz zu erweichen und seinen liebsten Sohn auszulösen. Als er den Kasten wieder verschlossen hatte und sich umwandte die Geschenke wegzutragen, sah er sich von einem großen Haufen müßigen Volks umringt, welches aus Neugier herzugelaufen war, um die Kostbarkeiten anzugaffen, die für Hektors Leichnam fortgesandt werden sollten. Zornig rief er ihnen zu: »Fort! hinaus! ihr Tagediebe! Habt ihr nicht eigne Not zu Hause genug, daß ihr kommt, um meine Trauer anzusehen? Wahrlich, ihr werdet bald genug empfinden, was ihr an Hektor verloren habt! Ohne seine Hilfe werden die Achäer euch leichter unterwerfen, dann werdet auch ihr jammern. Ich aber werde wohl tot sein.« Mit diesen Worten jagte er sie alle, den Stab hoch erhebend, zum Hofe hinaus. Darauf rief er, noch mit einem Überreste des Zorns, den ihm die albernen Gaffer erregt hatten, seine Söhne herbei und schalt, als sie nicht sogleich erschienen. »Wo bleibt ihr denn? So viele Söhne und keiner bei der Hand, wenn man sie braucht! Die besten sind mir alle gestorben, nur die Schwächlinge sind übrig geblieben. – Nun, sieht man euch endlich? Hurtig her und packt mir das alles ordentlich in den Wagenkorb, und wenn's finster wird, schirrt mir die Pferde an und ruft mir meinen alten erfahrenen Idäos her; den nehme ich mit, sonst niemand. Habt ihr's verstanden?« Die Söhne gehorchten erschrocken, zogen das Wagengestell aus der Halle hervor, fügten die Deichsel ein, banden das Joch an und befestigten auch oben mit zierlichen Riemen den Korb auf dem Wagen. Da hinein legten sie nun die schönen Gewänder und das Gold und das Erz, und fütterten dann die Rosse. Darauf, als der Tag sich neigte, spannten sie dieselben vor und riefen den treuen Herold Idäos herbei. Hekabe aber sorgte noch in der Geschwindigkeit für einen kräftigen Labetrunk auf die Reise, wobei vor allen Dingen der Götter nicht vergessen ward. Mit emsiger Eile kam sie herbei, in der Rechten den goldenen Becher tragend, und rief, vor die Rosse tretend, ihrem Gemahle zu: »Hier, du Trauter, nimm und sprenge dem Zeus und flehe ihn um glückliche Heimkehr aus der Gewalt der feindlichen Männer an, da doch einmal dein Eifer dich wider meinen Willen hintreibt. Denn nimmermehr würde ich dich ziehen lassen, wenn ich Macht über dich hätte. Und noch jetzt möchte ich dir raten, daß du den Zeus anriefest, dir seinen heiligen Vogel rechtsher zu senden, damit du erkennest, ob es wirklich sein Wille sei dich zu schützen. Wird dies Gebet nicht erhört, dann würde ich sagen: Bleibe hier! Denn wehe dem, der sich ohne göttlichen Beistand in die Gefahr begiebt!« Ihr antwortete der ehrwürdige Greis: »Ja, liebes Weib, ich will dir gehorchen, weil du mich so ermahnst. Gut ist's zum Zeus die Hände zu erheben.« So sprach er und rief die Schaffnerin aus dem Hause heraus in den Hof, daß sie ihm Wasser bringe, und sie trug's herbei in silberner Kanne, besprengte ihm daraus mit der Rechten die Hände und hielt mit der Linken das Waschbecken unter. Als er sich nun gewaschen hatte, empfing er aus den Händen der Gattin den Becher Weins, goß die ersten Tropfen dem Zeus zu Ehren aus und betete laut, den Blick zum Himmel gerichtet: »Vater Zeus, du größter und mächtigster Herrscher! laß mich doch als Freund dem Achilleus nahen und Mitleid vor ihm finden! Gewähre mir auch ein Zeichen, daß du mich schützen wollest, damit ich getrost und voll Vertrauens die Reise antrete.« Sein Wunsch ward erfüllt. Denn nicht lange darauf flog einer von den Adlern, die hoch in den Gebirgsklüften des Ida nisteten, ihm zur Rechten vorüber. Darob freuten sich alle, die es sahen, und der König bestieg nun voll Vertrauen den Wagen und sein Wagenlenker mit ihm. Bis vor das Stadttor hinaus begleiteten ihn die Söhne und wünschten ihm weinend Glück auf den Weg, denn ganz ohne Besorgnis konnten sie ihn nicht scheiden sehen. Aber jetzt erinnerte sich der rasche Götterbote seines Auftrags, schwebte hernieder vom Olymp zur Küste des Hellespont und wandelte dann den Weg entlang, den Priamos kommen mußte. Er hatte die Gestalt eines griechischen Jünglings angenommen, der, aus höherem Geschlecht entsprossen, durch sein edles Ansehen Zutrauen einflößen konnte. Priamos war eben an das Grabmal des Ilos gekommen, wo nur seicht der Skamandros vorüberfließt, und hielt daselbst ein wenig an, die Pferde zu tränken. Da sah der alte Idäos durch die graue Dämmerung den Götterjüngling an dem Flusse herkommen und sprach ängstlich zum König: »Siehe doch, Sohn des Dardanos, da kommt ein fremder Mann! Ach, sicher wird der uns beide vertilgen und mit unsern Gütern von dannen ziehen! Was thun wir? Fliehen wir noch in die Stadt zurück, oder steigen wir von dem Wagen und umfassen ihm bittend die Kniee?« Priamos blickte auf und sah mit starrem Schrecken den rüstigen Mann schon ganz nahe am Wagen. Die plötzliche Furcht hatte ihm alle Glieder gelähmt, er konnte weder sprechen noch sich von seinem Sitze erheben. Aber er faßte sich bald, als er das Gesicht des Jünglings in der Nähe sah und derselbe ihm mit freundlicher Stimme zurief: »Heil dir, alter Vater! Wo willst du denn noch so spät hin durch die neblige Nacht, während andere Sterbliche schlafen? Ist dir denn gar nicht bange vor den Achäern, die doch nicht fern von hier liegen? Wenn dich nun einer sähe mit allem, was du hier Schönes geladen hast? Und doch bist weder du selbst bei Kräften, um einen Feind abwehren zu können, noch ist es der alte Mann dort, der dich begleitet. Aber ich thue euch nichts zu leide, vielmehr will ich mit euch gehen und wohl noch andere von euch abhalten, denn du gehst mir nahe, ehrwürdiger König; ich habe zu Hause auch einen alten Vater, der dir zum Erstaunen gleicht.« »O, wohl mir«, rief mit erleichterter Brust der Greis. »Nun sehe ich, daß Zeus mich schützen will, da er mir einen so edeln Begleiter in finsterer Nacht zuführt, so wunderherrlich an Wuchs und Bildung und so verständigen Geistes. Wahrlich, du stammst von glückseligen Eltern!« Der Fremdling fuhr fort: »Sage mir doch, o Greis, wohin führst du diese Güter? Willst du etwa deine kostbaren Schätze in Sicherheit bringen bei einem fernen befreundeten Volke, damit dir doch etwas übrig bleibe, wenn Troja zerstört wird; oder verlaßt ihr wohl gar jetzt schon heimlich die Stadt aus Furcht vor dem siegenden Feinde? Denn freilich, nun fehlt euer tapferster Hort. So lange der wackere Hektor noch lebte, nahmt ihr's noch immer mit den Achäern auf.« Das erfreute dem alten Vater das Herz. »Aber wer bist du denn, Bester«, fragte er, »der mir so schön von dem Tode meines teuersten Sohnes spricht?« »O, wer wüßte von deinem Sohne nicht zu sprechen?« entgegnete der Fremde. »Oft genug habe ich ihn in der stürmenden Feldschlacht gesehen, wie er die Argeier scharenweise vor sich her drängte und mit sicherer Waffe tötete. Wir standen oft von fern und bewunderten ihn, wenn uns Achilleus verwehrte selbst in den Kampf zu gehen; denn ich bin einer seiner Genossen und auf einem Schiffe mit ihm hierher gekommen. Mein Vater ist ein edler Myrmidone, Polyktor mit Namen, er hat Geld und Gut, ist aber schon ein alter Mann, wie du. Unser sind sieben Brüder, und ich bin der jüngste. Als Achilleus aufbrach, mußten mir losen, wer von uns mitgehen solle, und das Los traf mich. Jetzt wandelte ich hier soeben ein wenig umher und dachte an Trojas Schicksal, denn morgen wollen Achäer insgesamt wieder gegen die Stadt ausziehen, des langen Ruhens müde und voll Begierde den Krieg zu endigen.« »Ei, mein Freund«, sagte Priamos darauf, »wenn du ein Genosse des Achilles bist, so kannst du mir ja wohl sagen, ob meines Sohnes Leichnam noch dort bei den Schiffen liegt, oder ob vielleicht der grausame Mann ihn schon in Stücke zerhauen und den Hunden vorgeworfen hat.« Hermes entgegnete ihm: »Noch nicht, o Greis, haben Hunde oder Vögel ihn angerührt, obwohl er schon zwölf Tage dort liegt und Achilleus ihn jeden Morgen um das Grab seines Freundes schleift. Auch die Verwesung traf ihn noch nicht, und in wunderbarer Frische haben sich bis jetzt die schönen Glieder erhalten. Wer ihn sähe, würde glauben, er sei eben erst verschieden. So sorgsam walten selige Götter über ihn sogar im Tode, denn immer ja war er von ihnen im Herzen geliebt.« Wie freute sich der alte Mann solcher Kunde! »O Kind«, rief er aus, »wie gut ist's doch, wenn der Mensch jederzeit den Göttern die schuldigen Geschenke bringt! Nein, das hat mein Sohn bei seinem Leben nie vergessen! Immer opferte er jenen zuerst, ehe er selbst etwas Gutes genoß; das wird ihm nun im Tode belohnt! O, ich glücklicher Vater! Da, da, mein Freund, nimm hier den schönen Becher zum Dank, behalte ihn zum Andenken von mir; ich hatte auch ihn für Achilleus bestimmt, denn zu dem will ich hin, meinen Hektor zu lösen; aber für ihn bleiben mir noch Geschenke genug. Nimm und geleite mich zu seinem Zelte, du mußt ja den Weg am besten wissen.« Hermes erwiderte bescheiden: »Du willst mich versuchen, o Greis, aber ich kann widerstehen. Nimmer empfinge ich ja ein Geschenk von dir ohne Wissen des Achilleus und beraubte ihn selbst! Nein, zu sehr scheue ich ihn, es möchte mir sonst ein Übel begegnen! Aber geleiten will ich dich doch und gingst du nach Argos; zu Schiff und zu Fuß wollte ich dein Begleiter sein, und kein Verwegener sollte ungestraft dir nahen.« Mit diesen Worten schwang er sich auf den Wagen, stellte sich zwischen die beiden Greise und nahm dem Herold Zügel und Geißel ab. Kühn und sicher trabten die Rosse nun durch das Gefilde hin und brachten die Wanderer bald an die Mauer des Lagers. Hier sahen sie noch von ferne die Wachen mit den Resten der Nachtkost beschäftigt; aber der verkleidete Gott schwang unbemerkt seinen Stab und versenkte sie alle in tiefen Schlummer, öffnete dann die Riegel des Thores und fuhr mit dem Wagen hindurch und lenkte ihn sofort in raschem Lauf an das Gehege, in welchem die Zelte und Schiffe der Myrmidonen standen. Hier verabschiedete er sich und verschwand; vorher aber zeigte er dem Greise noch Achills Zelt und sprach dem Zitternden Mut ein: »Gehe nur getrost hinein«, sagte er, »und umfasse ihm die Kniee; gewiß, dein Anblick wird ihn rühren, denn seine Seele ist von Wehmut erfüllt wegen des Freundes. Beschwöre ihn bei seinem Vater, auch bei der göttlichen Mutter; diese alle liebt er aufs innigste; erinnerst du ihn an diese, so bewegst du sicher sein Herz.« Da stieg der König ab und ließ den Wagen und die Geschenke draußen im Gehege unter der Obhut seines alten Begleiters stehen. Das Herz klopfte ihm schneller, als er die Schwelle des furchtbaren Mannes betrat; nach einem Augenblicke unschlüssigen Zauderns trat er ein. Er fand den Achill noch sitzend an dem Tische, an welchem er das Mahl verzehrt hatte; zur Seite standen die beiden Gefährten, welche ihm nächst Patroklos die liebsten waren: der Wagenlenker Automedon und der lanzenkundige Alkimos . Er selbst ruhte, der starke Held, auf den Ellenbogen gestützt und in düstre Betrachtungen versunken, und ward des eintretenden Greises nicht eher gewahr, als bis dieser ihm zu Füßen fiel und seine Kniee umfaßte. Er staunte, denn seltsam überraschte ihn der unerwartete Besuch. Einen Augenblick sahen sich beide starr ins Gesicht, Achilleus verwirrt und erschüttert, Priamos bittend und beklommen. Endlich machte ein Strom von Thränen dem gepreßten Herzen des Greises Luft, und mit zitternder Stimme sprach er die flehenden Worte: »Denke an deinen Vater, du göttergleicher Achilleus, der alt und kraftlos wie ich zu Hause schmachtet! Ach, vielleicht umdrängen auch ihn jetzt die Nachbarn, und niemand ist da, der ihn schirmt. Aber er weiß doch, daß einer ihm lebt, wenn auch fern, ein lieber und trefflicher Sohn, der, wenn er zurückkehrt allem Jammer ein Ende macht. Des freut sich der hoffende Greis, und alle Tage erneuert sich ihm der süße Gedanke an dich. Aber ich! wehe mir! Ich war der glücklichste Vater: fünfzig Söhne hatte ich groß gezogen, und ihrer neunzehn waren von einer Mutter geboren. Sie waren meine Freude und mein Stolz. Da zogt ihr gegen meine Stadt, und der unselige Krieg raffte sie einen nach dem andern bis auf wenige dahin. Unter den wenigen aber war mir der beste doch übriggeblieben, der mich und uns alle bisher geschirmt hatte; auch der ist nun nicht mehr! Ach! für sein Leben kann ich nicht mehr flehen, aber den Toten wünschen wir alle nur einmal noch wiederzusehen, um ihm die schuldige Ehre zu erweisen. Zu Hause jammern Geschwister, Gattin, Mutter, und siehe, hier liege ich selbst, der unglückliche Vater, zu deinen Füßen! Gieb ihn mir wieder; ich bringe reiche Geschenke mit. Scheue die Götter! Denke, wenn dein alter Vater so vor einem jüngeren Manne knieen müßte! – – Und ich – o Jammer ohne gleichen! – ich küsse die Hand, die meine Kinder erschlagen hat!« Solchen Worten und solchen Thränen widerstand das Herz des Unbezwinglichen nicht. Ja, er war tief erschüttert durch den Anblick des flehenden Greises am Boden; das Bild seines eignen ergrauten Vaters trat ihm lebhaft vor die Seele und eine wehmütige Sehnsucht nach seiner Umarmung erfüllte sein Herz. Er weinte laut und beugte sich sanft zu dem Greise hernieder, um ihn aufzuheben; aber Priamos hielt noch immer seine Kniee fest umfaßt, und so schluchzten sie beide, ein jeder sein eignes Schicksal im Grame des andern beschauend. Endlich, als sie beide der Thränen genug vergossen hatten, sagte Achilleus: »Ja fürwahr, unglücklicher Greis, du hast der Leiden viele erfahren! Und doch wagst du's so allein in der Nacht zu den Schiffen der Achäer zu kommen, zu dem Manne, der dir deine tapfersten Söhne tötete. So mutig ist dein treues Vaterherz! Aber wohlan, vergiß des Grames, und laß mich nicht mehr deine Thränen sehen! Stehe auf und setze dich hier auf den Sessel. Komm her, daß wir uns beide das Herz ein wenig beruhigen, denn wir erreichen ja doch nichts mit unsern schwermütigen Klagen. Die Götter haben es nun einmal dem Menschen bestimmt in Kummer zu leben, indes sie selbst von Sorge nichts wissen. Manchem vermischen sie wohl die traurigen Lose mit den heitern, aber mancher empfing nur Übles, so daß er sein Leben hindurch kläglich umherirrt, weder von Göttern noch von Menschen geehrt. Ist doch auch mein Vater nicht glücklich zu preisen! Zwar verliehen ihm die Himmlischen hohe Gaben und segneten ihn mit Gütern und Macht, ja eine Göttin ward seine Gemahlin; aber ihm ist kein glücklicher Erbe seiner Macht beschieden, denn ach! mich sieht er nicht wieder, so sehr auch sein Herz nach mir verlangt; mir ist nicht bestimmt, als friedlicher Herrscher heimzukehren und ein glückliches Alter zu schauen. So auch raubte das Schicksal dir den trefflichen Sohn. Aber er ist nun dahin, drum klage nicht länger, du erweckst ihn ja doch nicht und mehrst nur deinen Kummer. Wer vermag etwas wider die mächtig waltenden Götter!« »Laß mich nicht niedersetzen«, schluchzte der alte Mann; »hier will ich liegen, bis du mir ihn losgegeben, den einzig geliebten, teuern Sohn, daß ich ihn mit Augen sehe und ihn mit meinen Thränen benetze. Du aber nimm die Geschenke und genieße ihrer Segen, wenn du heimgekehrt bist ins Vaterland, dafür, daß du mir vergönnt hast mit Liebe und Dank von dir zu scheiden.« »Ei, schweige und reize mich nicht!« fuhr Achill hitzig auf; denn es verdroß ihn, daß der Alte an seinem Herzen zu zweifeln schien, nachdem er ihm so unverhohlene Beweise des tiefsten Mitgefühls gegeben hatte. »Stehe auf, sage ich dir, es war längst bei mir beschlossen dir den Sohn zu überlassen! Was kränkst du mich noch durch Furcht und Mißtrauen!« Schweigend gehorchte der Greis der ernsten Rede, stand von der Erde auf und setzte sich auf den Stuhl. Indes erhob sich auch jener kraftvoll wie ein Löwe und schritt zur Thür hinaus; ihm folgten die beiden Freunde. Draußen im Hofe besah er die Geschenke und sagte heimlich den Genossen seinen Willen. Diese löseten darauf die Rosse vom Wagen, führten den alten Herold zu Priamos hinein in das Zelt und setzten ihn auf den Sessel. Dann nahmen sie die kostbaren Gaben aus dem Korbe bis auf zwei weiche Gewänder, in welche sie Hektars Leichnam hüllen wollten. Doch ehe das geschah, mußten zwei Sklavinnen ihn mit warmem Wasser und weichen Schwämmen waschen, auch das verwirrte Haar reinigen, ordnen und salben, heimlich und abseits, daß nicht der alte Vater den grausam zugerichteten Leichnam des Sohnes in seiner ganzen Entstellung sähe und sich noch mehr betrübte. Nachdem sie ihn gebadet und gesalbt hatten, hüllten sie ihn in die zierlichen Gewänder ein, und Achilleus selbst hob ihn auf den Wagen und legte ihn auf ein untergebreitetes Lager, stand dann einen Augenblick in schmerzlichen Gedanken und sprach: »Zürne mir nicht, Patroklos, wenn du vielleicht in der Wohnung des Hades vernimmst, daß ich Hektors Leiche dem bekümmerten Vater zurückgab! Siehe, er bringt mir nicht unwürdige Lösung, und auch dir soll ein gebührender Anteil derselben geweiht sein.« Jetzt kehrte er wieder ins Zelt zurück und setzte sich auf seinen Platz, den beiden Gästen gegenüber. »Nun Heil dir, Alter!« sprach er; »dein Sohn ist gelöset, wie du wünschtest, und ruht schon auf deinem Wagen, in weiche Gewänder gehüllt. Jetzt aber laß uns des Mahles gedenken und unser Herz erquicken. Selbst Niobe gedachte ja der Speise, obwohl ihr Herz von bitterm Gram zerrissen war, als ihr Artemis und Apollon sechs blühende Töchter und sechs herrliche Söhne an einem Tage erlegten, weil die überglückliche Mutter in freudigem Stolz sich gerühmt hatte, Leto (Latona) habe nur zwei Kinder , sie aber so viele geboren. Darob ergrimmten die beiden und vertilgten die Kinder alle. Und die verzweifelnde Mutter irrte sinnlos neun Tage umher und genoß weder Speise noch Trank; endlich am zehnten hörten die Thränen auf zu fließen, und der ermattete Leib sehnte sich wieder nach erquickender Nahrung. So auch, edler Greis, laß jetzt uns des lieblichen Mahles gedenken! Deinen Sohn beweine daheim, denn wohl ist er der Thränen wert.« Mit diesen Worten stand er auf, holte ein dickwolliges Schaf herbei und schlachtete es. Die Genossen zogen die Haut ab, schnitten das Fleisch in Stücke und brieten es sorgfältig an Spießen, zogen dann alles herunter und legten es auf den Tisch. Automedon verteilte darauf das Brot aus dem Korbe, das Fleisch aber legte Achilleus selbst vor. Und sie aßen und tranken und opferten den Göttern, und des Vergangenen ward nicht weiter gedacht. Während der Mahlzeit betrachteten beide Könige sich näher und schauten sich zuerst ohne Furcht und Unmut ins Gesicht. Da bewunderte der Greis die herrliche Bildung des furchtbaren Mannes, den göttergleichen Wuchs und den kühnen, feurigen Blick. Auch Achilleus staunte im Herzen, als er den ehrfurchtgebietenden, majestätischen Anstand und das würdevolle Antlitz des Königs ruhiger betrachtete und seine sanfttönende Rede vernahm. Nachdem sie nun beide durch Trank und Speise gesättigt waren, sagte Priamos: »Jetzt, du Göttlicher, weise mir ein Plätzchen an, wo ich ruhen kann, damit ich einmal wieder des sanften Schlummers genieße, nach dem mich so herzlich verlangt. Denn seit dem Schreckensabend, an welchem mein Sohn zu den Toten hinabsank, haben sich meine Augen nicht geschlossen, sondern in Staub und Erde auf meinem Hofe mich wälzend, habe ich in Jammer und Thränen die Nächte zugebracht, und dies ist die erste Speise, dies sind die ersten Tropfen Weins, die meine Lippen kosteten. So lange habe ich gehungert und gedurstet.« Achilleus befahl sogleich den Genossen draußen unter der Halle ein weiches Lager für Priamos und seinen Gefährten zu bereiten. Da holten schnell die Mägde prächtige Polster und wärmende Decken und Mäntel herbei, legten alles gehörig zurecht und leuchteten den Fremden mit der Fackel. Achilleus geleitete darauf den Greis bis an die Thür und drückte ihm scheidend die Hand, um ihm alle etwa noch übrige Furcht zu benehmen. Nur wenige Stunden Schlafs genügten dem alten Manne, da stand er schon wieder auf und weckte den Achill. Denn er wünschte sehr noch vor Beginn des Tages aufzubrechen, damit kein anderer im feindlichen Lager ihn bemerke und auf dem Rückwege beängstige! »Unruhiger Alter«, sagte Achilleus lächelnd, »so ziehe denn heim! Doch eins sage mir noch zuvor. In wie viel Tagen gedenkst du den edeln Sohn zu bestatten? Das sage mir, damit ich mich so lange des Streites enthalte und auch das Volk am Kampfe verhindere.« Priamos empfand mit Rührung das Edelmütige dieser Nachfrage und antwortete ihm: »O Achilleus, wenn du uns das vergönnen willst, so gewähre uns neun Tage den Toten zu beweinen und die Anstalten zu seiner Bestattung zu treffen. Dann wollen wir ihn am zehnten Tage verbrennen, am elften das Grabmal aufrichten, und am zwölften beginne dann wieder der Krieg, wenn es doch leider Krieg sein muß!« »Gut«, versetzte Achill, »also geschehe es. Ich werde so lange das Heer abhalten, als du begehrt hast.« So freundlich entließ der Überwinder Hektors den unglücklichen Vater und der wütende Feind der Troer den König dieses Volks. Er geleitete den Wagen bis ans Thor der Verschanzung und gab acht, daß keiner der etwa schon erwachten Achäer den alten Mann beleidige. So kam derselbe glücklich wieder in das wohlbekannte Gefilde an die Furt des wallenden Skamandros, wo ihm gestern Abend der hilfreiche Götterjüngling genaht war. Jetzt, als er wieder an derselben Stelle seine Rosse tränkte, ging eben die Sonne auf; da erkannte die Kommenden Kassandra , Priamos' liebste Tochter, die schon seit früher Morgendämmerung auf der Warte gestanden und mit klopfendem Busen der Ankunft des Vaters entgegengesehen hatte. Sie wartete noch einige Augenblicke, bis sie alles und auch den verhüllten Leichnam ihres Bruders in dem Wagen genau erkannt hatte; und nun sprang sie eilig die Stufen hinab, lief in die Königswohnung zurück und rief Mutter und Geschwister mit lauter Stimme herbei. »Auf! Auf! sie kommen, sie bringen ihn mit. Eilt ihr Troer und Troerinnen, den gefallenen Helden zu schauen, dem ihr im Leben so oft entgegengejauchzt, wenn er wiederkehrte aus der Feldschlacht! Denn er war ja die Freude der Stadt und alles Volkes.« Da lief herbei wer nur die rufende Stimme hörte, Mann und Weib; keiner blieb zu Hause, denn alle hatten den Hektor geliebt und eilten nun ihn zu sehen. Vor allem aber drängten sich Hekabe und Andromache, die blühende Gattin, hervor; sie zogen den Kommenden entgegen und umringten mit lautem Geschrei den Wagen noch vor dem Stadtthore. Im Übermaß des Schmerzes stürzten sie sich auf den Leichnam und netzten ihn mit Thränen, berührten sein zerschundenes Haupt und deckten die Tücher auf, um seine Wunden zu schauen. Nun aber traten auch die übrigen heran; und sicher hätten sie ihn dort vor dem Thore den ganzen Tag betrauert, wenn nicht der König die Geißel geschwungen und laut gerufen hätte: »Gebet Raum! und laßt mir jetzt die Pferde hindurch! Nachher mögt ihr weinen bei der Leiche, wenn wir sie erst daheim haben werden.« Da wichen sie alle zurück, und der König fuhr in die Stadt. Ihm folgte die Schar in seine Wohnung; und als man den Leichnam vom Wagen hob und auf ein zierliches Gestell legte, begann die allgemeine Wehklage von neuem, und zwischen dem üblichen Klagegesange der Weiber tönte die ungezwungene Stimme der Natur aus dem Munde derer, die ihr Liebstes, ihr alles auf der Welt in diesem Toten verloren hatten. »O du mein jugendlich blühender Mann, herrlicher Gatte!« klagte die treue Andromache, »da liegst du nun getötet und hast mich armes Weib und das unmündige Kind zurückgelassen, das uns unglücklichen Eltern geboren ward! Ach, wohl schwerlich erreicht es das männliche Alter, denn nun schützest du Troja und seine Weiber und Kinder nicht mehr, und fallen wird die unverteidigte Stadt, und die Hilflosen werden weggeführt werden in den Schiffen und ich mit ihnen. Da folgst du denn, unglücklicher Knabe, deiner Mutter in die Sklaverei und mußt Arbeit und Zwang erdulden, wenn nicht vielleicht noch früher schon hier in der eroberten Stadt ein grausamer Achäer, dem Hektor einen Freund oder Bruder erschlug, dich voll Rachsucht bei der zarten Schulter ergreift und von der Zinne hinab in die Gasse schleudert. Denn viele der Achäer hat dein tapferer Vater erlegt, darum beweint ihn jetzt die ganze Stadt. O Hektor! Hektor! Viel Trübsal schafft dein Tod den lieben Eltern, aber mir doch das größte! – Und so entrissen sie dich mir, die entsetzlichen Feinde! Hättest du mir doch sterbend noch wenigstens einmal die Hand von dem Lager gereicht und mir ein Abschiedswort voll Weisheit gesagt, das ich ewig eingedenk im Herzen behielte und Tag und Nacht in meiner Einsamkeit unter Thränen wiederholte!« So tönte die Klage der trostlosen Andromache. Von den Jammertönen der alten Mutter laßt mich schweigen. Ihr wißt, wie zärtlich sie diesen Sohn geliebt hatte, wie ängstlich besorgt sie ihn mit Gebeten und Wünschen begleitete, wenn er zum Kampf ins Feld hinauszog. Sie konnte nicht weggebracht werden von der teuern Leiche und berührte bald das Haupt, bald die kalten Hände, gleich als hoffe sie ihn noch einmal ins Leben zurückzurufen. Rührend war auch die Teilnahme, mit welcher die liebenswürdige Helena das Unglück der tiefgebeugten Familie zu ihrem eignen machte. Nachdem der tiefe Schmerz in Mutter und Gemahlin die Stimme der Wehklage erstickt hatte, begann sie weinend mit innigem Ton, sanft hinübergebeugt über den Toten: »Hektor, einst mir der geliebteste von allen Brüdern meines Gemahls, o daß auch ich, die Fremde, an deiner Bahre weinen muß! Ach, seit dein Bruder mich in dieses Haus führte, wie viel Kränkung und Haß habe ich erfahren müssen! Nur dir entfiel nie ein böses Wort, nie ein Vorwurf; ja oftmals, wenn die Mutter oder der Schwägerinnen eine, auch wohl ein Schwager, mit harter Schmähung mich anließ, hast du zum guten geredet und die Zürnenden besänftigt. O, wie erquickte mich dann dein freundliches Zureden und die liebreiche Entschuldigung! Ach! nie werde ich die milde Stimme wieder hören, auch kein anderer im Hause wird fortan mir Tröster und Freund sein, denn alle wenden sich von mir.« So klagte sie, und alle Weiber jammerten mit ihr. Die männlichen Genossen des Hauses zogen in den Wald mit Wagen und Maultieren, um Holz zur Verbrennung des Leichnams zu holen. Neun Tage führten sie Holz herbei; draußen vor der Stadt ward der Scheiterhaufen errichtet. Erst am zehnten Tage ward die Leiche hinausgetragen. Achilles aber hielt Wort, und keiner der Achäer störte die Trauernden. Die Verwandten erwiesen dem Toten alle Ehren, welche sie in ihrer eignen Not erdenken konnten. Über die goldene Urne, in welche man die übriggebliebenen Gebeine gesammelt hatte, ward ein Grabmal von Erde und großen Quadern gehäuft, und ein Totenmahl im Palaste, bei dem man die gebührenden Opfer für die Götter nicht versäumte, beschloß die Feier dieser thränenvollen Tage. Kleinere Erzählungen Die drei Knaben, welche nun seit sechs Wochen mit den Sagen des griechischen Altertums unterhalten worden waren, meinten, als der Lehrer mit Hektors Tode geschlossen, es könne dem freundlichen Erzähler unmöglich an Stoff für die anderen Abende fehlen. Und seitdem sie zumal gehört; es gebe einen lateinischen Dichter, Namens Vergilius, der ein ebenso bekanntes Heldengedicht als die Iliade und Odyssee gedichtet habe, da war Vergil! Vergil! die Losung der ungestümen kleinen Dränger. Erfreut über den empfänglichen Sinn seiner Hörer, versetzte endlich der Lehrer: »Vergil oder, wie man gewöhnlich sagt, Virgil ist freilich dem Homer nicht gleich zu stellen. Es hat eben mit den Heldengedichten eine eigene Bewandtnis. In jener uralten Zeit, in welcher Homer gelebt haben soll, schrieb man weder Gedichte noch andere Bücher. Wer nicht die glückliche Gabe besaß, daß er eine ganze Erzählung im Gedächtnis bewahren oder sie frei erfinden und aus dem Stegreif zum Klange eines Saiteninstruments melodisch vortragen konnte, der durfte nicht auf den ehrenvollen Namen eines Sängers Anspruch machen.« »Einem solchen, gewiß sehr seltenen Talente verdankte Homer seinen Ruhm. In wandernden Sängern erschien die Dichtkunst zuerst unter allen Völkern der Welt. Das Volk hielt dieselben hoch; die Könige wetteiferten, sie zu belohnen. Wie die in den homerischen Gedichten geschilderten Sänger, Phemios im Hause des Odysseus, Demodokos in dem Palaste des Phäakenkönigs, überall freundliche Aufnahme, Speise und Trank finden und als Günstlinge und Boten der Götter hoch geehrt werden, so soll nach einigen Sagen auch Homer wandernd von Stadt zu Stadt gezogen sein. Da nun aber die Sänger bei den festlichen Schmäusen und in den Versammlungen des Volks eben nur so lange sich vernehmen ließen, als für die Dauer des Mahles oder des Festes genügte, da ferner an eine regelmäßige Fortsetzung der Gesänge kaum gedacht werden kann, so ist es schwer zu glauben, daß ein alter Sänger ein Heldengedicht von so bedeutendem Umfange zusammengesetzt habe, wie ihn die Ilias und die Odyssee in ihrer jetzigen Gestalt zeigen. Der Gesang durfte die Kräfte des Sängers, aber er durfte auch die der Zuhörer nicht überschreiten, da diese das Lied dem Inhalte nach so fassen müssen, daß sie allenfalls in den Stand gesetzt werden, es selber zu singen.« »Es haben also«, fiel Anton ein, »diese alten Sänger wohl nur immer einzelne Abenteuer aus der Geschichte der trojanischen Helden gesungen, wie man sie eben verlangen mochte; einmal etwa die Geschichte von dem großen Kyklopen, ein andermal die von der Kirke, dann einmal wieder Hektors Tod und so fort.« »Ganz recht«, erwiderte der Lehrer. »Aber wie ist es nur möglich«, nahm jetzt Wilhelm das Wort, »ein so langes Gedicht in so kurzer Zeit auswendig lernen und behalten zu können? Wenn ich nur zwanzig lateinische Vokabeln lernen soll, muß ich sie wohl fünfzigmal überlesen, und in acht Tagen habe ich doch die meisten wieder vergessen.« Der Lehrer lächelte: »Ich weiß wohl, wie viel Mühe dir die Vokabeln machen. Aber mit einem Liedchen, das du lernen mußt, geht es doch schon weit leichter, als mit abgerissenen, unzusammenhängenden Vokabeln, und überdies kannst du noch gar keinen Begriff davon haben, wie sich plötzlich alle Geisteskräfte in einem Menschen zu einer ganz außerordentlichen Höhe spannen, wenn lebendige Begeisterung für den Gegenstand, den er gewählt hat, ihn ergreift. Dazu kommt die lebhaftere und regere Einbildungskraft der Griechen und ihr vielgeübtes, leichtfassendes Gedächtnis. Denn während wir uns nur zu sehr gewöhnt haben in allen Dingen die Schrift zu Hilfe zu nehmen und uns auf das geschriebene Wort zu stützen, haben die Alten, auch noch in späteren Zeiten, vor allem die Kraft des Gedächtnisses ausgebildet und eine förmliche Kunst des Merkens, eine sogenannte Mnemonik , dafür ersonnen.« »Wie wurde es aber nach Homers Tode mit den unaufgeschriebenen Gesängen?« fragte Julius. »Es finden sich Spuren«, antwortete der Lehrer, »daß berühmte Sänger eine Zahl von Lehrjüngern um sich sammelten, die ihnen ihre Gesänge ablernten und sich zu förmlichen Sängerinnungen vereinigten. Auf solche Weise scheinen auch die homerischen Gesänge durch hunderte von Jahren im Volke fortgepflanzt worden zu sein, was bei der regen Teilnahme besonders des jonischen Stammes in Kleinasien nicht auffallen kann. Es lag in der Natur dieser einzelnen Gesänge, daß sie sich auf bestimmte Sagenkreise beschränkten. Andererseits aber regte sich das Verlangen, den in jenen Liedern vorliegenden Stoff zu erweitern, und sowohl die Sagen des trojanischen Krieges bis zur Zerstörung der Stadt als auch die Schicksale des Odysseus in besonderen Liedern zu umfassen, als deren Mittelpunkt Ilias und Odyssee gelten müssen. Diesen Kreis bildete eine Reihe von Dichtern, die man eben daher kyklische Dichter genannt hat; denn das griechische Wort Kyklos bedeutet so viel als Kreis. Die Sage erzählt weiter, daß der berühmte spartanische Gesetzgeber Lykurgos auf seinen Reisen die homerischen Gedichte in Ionien, dem Lande ihrer Entstehung, zuerst kennen gelernt und sie mit sich nach Sparta gebracht habe. Drei Jahrhunderte nach jenem hat dann der athenische Gesetzgeber Solon verordnet, daß dieselben zum Unterrichte der attischen Jugend benutzt und, um jede willkürliche Änderung zu verhüten, in einer festeren Form niedergeschrieben werden sollten. Die Peisistratiden sind die ersten gewesen, welche die einzelnen Lieder in zwei zusammenhängende Gedichte vereinigen und in derjenigen Ordnung aufzeichnen ließen, in welcher sie noch jetzt verbreitet sind. Seitdem aber die beiden großen Gesänge, Ilias und Odyssee, auf diese Weise zu einem Buche geworden waren, vervielfältigten sich allmählich die Abschriften derselben, und es ward noch lange nachher von späteren Händen (namentlich den Gelehrten in Alexandrien) daran gebessert und gefeilt, um die einzelnen Teile in ein besseres Verhältnis untereinander zu bringen und das Ganze mehr abzurunden.« »Lange Zeit las man nun in Griechenland den Homer und lernte ihn auswendig, ohne daran zu denken ihn nachzuahmen, Dazu ehrte man ihn teils zu hoch, teils glaubte man, die Zeit, in welcher solche epische Dichtungen gleichsam naturwüchsig aus dem Schoße des Volks hervorgehen könnten, sei ein für allemal vorüber. Das war auch sehr richtig gedacht. Man blieb aber nicht bei diesen Gedanken. Lange nachher als auch schon die anderen großen Meister griechischer Dichtkunst und Beredsamkeit aufgestanden waren, begann man allmählich diese Schätze der Litteratur mit gelehrtem Eifer zu studieren und aus ihnen die Gesetze und Regeln oder die sogenannte »Theorie« der Kunst zu ziehen. Man teilte die Gedichte in Klassen, untersuchte, was die zu einer Klasse gehörigen Gedichte miteinander gemein hatten und stellte nun die Erfordernisse zu einem guten Trauerspiel, Lustspiel u. s. w. fest, und ebenso verfuhr man mit den beiden uralten ehrwürdigen Nationalgedichten, der Ilias und Odyssee. Man nannte sie Epen oder Heldengesänge, zergliederte sie gleichfalls und zog die Regeln heraus, nach welchen Homer etwa verfahren sein könnte.« »Aber man wußte ja doch«, fiel Anton ein, »daß diese Dichtungen nur allmählich entstanden waren!« »Das wußte man nicht mehr«, versetzte der Lehrer. »Diese Kunde hatte sich schnell verloren, und erst die scharfsinnigen Forschungen unserer Zeit haben wieder darauf hingeführt, wiewohl man auch früher schon gezweifelt hatte, ob Ilias und Odyssee das Werk eines Sängers seien, und ob sie ursprünglich schon ein Ganzes gebildet.« »Der alte Homer ward eben wie jeder spätere Dichter betrachtet, und da man bei ihm Götter und Halbgötter zur Erde herabsteigen und handelnd an den Ereignissen und Schicksalen der Menschenwelt teilnehmen sah, so meinte man alsbald, Göttererscheinungen seien in jedem Heldengedichte unentbehrlich; man verlangte eine Fülle von Wundern, Abenteuern und Gefahren, in denen sich der Held zu bewähren habe, und das Gedicht selbst endlich müsse in Hexametern geschrieben sein.« »Nach diesen Vorschriften etwa verfertigten nun mehrere griechische Dichter zur Zeit des Verfalls der griechischen Bildung Heldengedichte, in denen man zwar Kunst und Sorgfalt des Versbaus nicht verkennen konnte, die aber in Ansehung der Erfindung schwach genug waren. Eines davon, die Argonautika geheißen, ist uns in vier Büchern noch übrig. Es rührt von Apollonios , einem Alexandriner her, der etwa 200 Jahre vor Christi Geburt Bibliothekar zu Alexandrien war, und der wegen seines langen Aufenthalts auf der Insel Rhodos den Beinamen des Rhodiers bekommen hat. Der Held dieses Gedichts ist Jason. Auch ihn treibt der Dichter durch alle Meere umher; aber so arm ist sein Sinn, daß er ihn schlechterdings zu keinen andern Völkern und Inseln hinzuführen weiß, als wo Odysseus gewesen ist. Die Kirke, die Skylla und Charybdis, die Sirenen, der König Alkinoos und seine kluge Gemahlin Arete – alle diese Personen kommen hier wieder vor. Auch an Stürmen, Prophezeiungen der Meergötter, Orakeln, Gesprächen zwischen Here und Zeus, Göttererscheinungen, Vorbedeutungen u. s. w. fehlt es natürlich nicht. Es versteht sich, daß dergleichen damals wenigstens von dem aufgeklärten Teile der Griechen längst nicht mehr geglaubt wurde; allein Homer hatte diese Wunderdinge, und da Homer das beste Heldengedicht gemacht hatte, glaubte ihm Apollonios auch hierin nachahmen zu müssen. Aber Homer ließ sich eben nicht nachahmen; während bei diesem überall reine Natur ist, sieht man hier nur den mühsam arbeitenden Gelehrten, der mit aller seiner Kunst und Künstelei kalt läßt und ermüdet.« »Mit dem Verfall der Griechen stieg die Macht und der Ruhm der Römer und erreichte den höchsten Gipfel um die Zeit, da Christus geboren wurde. Damals war dieser ungeheure Freistaat nach langen Bürgerkriegen dem Scepter eines Alleinherrschers, des Augustus , unterworfen worden und genoß einer gewissen Ruhe, die den Künsten und den wissenschaftlichen Bestrebungen günstig war. Bis dahin hatten die Römer kein großes Bedürfnis nach Dichterwerken gefühlt; jetzt legte man sich auf das Studium der Griechen, übersetzte sie und ahmte sie nach. Horaz , ein berühmter Römer aus dieser Periode, schlägt sein Verdienst, kleine lyrische Gedichte in den griechischen Silbenmaßen zuerst auf eine geschickte Weise im Lateinischen nachgebildet zu haben, so hoch an, daß er sich überzeugt hält, die Unsterblichkeit könne ihm dafür nicht entgehen. Und doch sind seine übrigen Werke, in denen er selbständig auftritt, weit geeigneter, seines Namens Ruhm zu sichern und die Teilnahme zu erklären, die die gebildetsten Männer aller Zeiten seinen Werken geschenkt haben. Sein Freund Vergil wagte sich an größere Werke, und aufgemuntert durch hohe Gönner, vielleicht gar durch Augustus selbst, beschloß er eine freie Nachbildung der homerischen Gedichte in lateinischer Sprache zu versuchen. Zum Helden wählte er sich den Äneas ; denn so lautete bei den Römern der Name des tapfern Trojanerfürsten, den Homer Äneias nannte. Die Wahl war in vieler Hinsicht schicklich; Äneas war einer Göttin (der Aphrodite oder Venus) Sohn: welche bequeme Gelegenheit, Göttererscheinungen anzubringen, da doch nun einmal in einem Heldengedichte Götter vorkommen sollten und mußten! Ferner behaupteten die Römer von einer Trojanerkolonie abzustammen. Äneas habe dieselbe nach Latium geführt und sich danach mit Lavinia , der Tochter des Königs der Latiner , der Urbewohner dieses Landes, vermählt. Ja, höfische Schmeichler trugen kein Bedenken, die Familie der Julier , zu welcher Augustus gehörte, von Julus , dem Sohne des Äneas, herzuleiten. Durch solche Verkettungen ward die Fabel vom Äneas nicht nur dem Volke wert, sondern sie bot auch den Hofdichtern tausend Anlässe dar, dem Fürsten und dessen Hause die wohlgefälligsten Huldigungen darzubringen.« »Vergil ging ans Werk. Im ersten Buche stellt er uns den Helden dar, wie er, auf der Flucht von Troja begriffen, bald hier, bald da mit seinen Gefährten sich niederzulassen versucht, überall aber deutliche Winke erhält, daß das Schicksal ihm eine andere Ruhestätte zugedacht habe. So verläßt er denn mehrmals schon halb vollendete Mauern und schifft sich wieder ein. Ein von den Göttern erregter Sturm, dessen lebendiges Gemälde aus dem Homer entlehnt ist, bringt die geängstigten Seefahrer zuletzt an die afrikanische Küste, und so schließt das erste Buch.« »Weil nun Odysseus bei Homer dem Alkinoos seine Schicksale erzählt, so muß Äneas dasselbe thun. Er erzählte seine Abenteuer einer jungen Königin an der afrikanischen Küste, der Dido , als dieselbe eben damit beschäftigt ist, die nachher so berühmte Stadt Karthago anzulegen. Das giebt giebt wieder zwei Bücher, wovon das eine die Schilderung von Trojas Untergang, das andere des Äneas nachherige Schicksale enthält. Im vierten Buche spielen die Götter wieder eine Rolle. Venus nämlich, die Göttin der Liebe, die ihrem Sohne gern eine gute Aufnahme bei dem rohen Volke sichern will, weiß es so zu fügen, daß Dido von dem heftigsten Verlangen für den Äneas entbrennt. Diesen aber ruft sein Schicksal weiter. Er reißt sich los, segelt ab, und die verzweifelnde Dido ersticht sich.« »Und jetzt – ist die Erfindungskraft des Dichters erschöpft, Äneas ist auf dem Wege nach Italien und erreicht wirklich schon das Land seiner Verheißung. Was ist nun noch übrig? Im fünften Buche stirbt der alte Anchises , des Äneas Vater, und dieser selbst feiert ihm zu Ehren allerlei Kampfspiele, die auf das ausführlichste beschrieben werden. Da geht es nun gerade ebenso zu wie bei den Spielen an Patroklos' Grabe. Auch hier fällt einer in den Rinderkot, und ein anderer schießt die Taube in freier Luft. Erweiterungen und Verschönerungen werden allerdings angebracht, aber die Hauptsache bleibt Nachahmung. Im sechsten Buche ist es nicht anders. Kam Odysseus zur Kirke, so kam Äneas zur Sybille, und diese führt ihn – in die Unterwelt.« »Im siebenten Buche widersetzen sich die Eingeborenen seiner Ansiedlung nicht aus eigner Besorgnis, sondern von der Juno (Here) aufgehetzt. Ob das nun gleich gar mannigfaltige Scenen giebt, so folgt zuletzt doch noch ein Katalog der verschiedenen Völkerschaften und ihrer Anführer, genau wie beim Homer der Schiffskatalog, und ebenso muß im achten Buche Vulkan (Hephästos) auf Bitten der Venus dem Äneas einen Schild, nach dem Muster des Achilleischen, verfertigen. Die Beschreibung der Wunderbilder, welche darauf zu sehen gewesen, nimmt einige hundert Verse weg.« »In den letzten vier Büchern wird Krieg geführt. Der Anführer der Eingebornen ist ein gewisser Turnus , der Freier der latinischen Königstochter. Daß alle einzelnen Schlachtengemälde aus dem Homer entlehnt sind, versteht sich von selbst. Turnus ist der andere Achill, wird aber endlich erschlagen, so daß Äneas Meister vom Platze bleibt. – Da habt ihr in aller Kürze den Inhalt der Äneide.« »Wie konnte aber Vergil, da er doch nur der Nachahmer Homers ist, so berühmt werden?« fragte nach einer Pause Anton. »Er hat seinen Ruhm«, erwiderte der Lehrer, »vorzüglich denen zu verdanken, die den Homer nicht kannten. Dazu kommt, daß der offen ausgesprochene Zweck, das römische Volk zu verherrlichen und den Glanz des Julischen Geschlechts hervorzuheben, schon hinreichte, um dem Vergil die Bewunderung seiner Landsleute zu gewinnen. Auch am Ende des Mittelalters, da man nach langer Vergessenheit die alten griechischen und römischen Schriftsteller wieder aus dem Staube hervorzog, stieß man viel früher auf den Vergil als auf den Homer, was bei der Verbreitung der lateinischen Sprache in jenen Zeiten nicht auffallen kann, und so hat denn der letztere ungleich weniger Leser gefunden als jener. Übrigens muß der unbefangene Beurteiler zugestehen, daß Vergil nichts in der Kunst des Vortrags unterlassen hat, um seines Vorgängers einigermaßen würdig zu werden. Der harmonische Bau seiner Verse, die Leichtigkeit und die Anmut der Erzählung wird von vielen für unerreichbar gehalten.« »Wenn er sonach doch wirklich ein Dichter war«, fragte Anton, »wie konnte er mit solcher Arbeit selbst zufrieden sein?« »Er war es auch nicht. Der Sage nach befahl er auf seinem Sterbebette, das ganze Gedicht zu verbrennen, indes seine Freunde wagten nicht dieser Bestimmung nachzukommen.« »Aber«, rief Wilhelm zweifelnd, »welcher Dichter soll denn nun unsere Abende füllen?« »Je nun«, sagte der Lehrer, »wenn es euch Vergnügen machte, die Erzählung von Trojas Zerstörung aus Äneas' Munde zu hören, so wär's doch etwas!« »Ach ja, ja! die Zerstörung Trojas!« riefen die Kinder. »Diesen Abend noch!« fügte der Lehrer hinzu. Erster Abend. Die Zerstörung Trojas. Seit Achilleus durch einen Pfeil des Paris oder, wie die Griechen meinten, des Apollon selbst getötet worden war, verschwand den letzteren fast alle Hoffnung, Troja jemals zu erobern. Zwar war auch Hektor, der Hort der Troer, nicht mehr, aber dennoch fehlte es der Stadt nicht an tapfern Bürgern und kriegerischen Bundesgenossen; auch war die Mauer, die sie rings umgab, noch unerschüttert. Und womit hätte man sie denn zertrümmern wollen, da es den Belagerern selbst an der allereinfachsten Art der Sturmmaschinen fehlte und solche überhaupt erst von der Kriegskunst späterer Zeiten erfunden wurden! Man würde also doch vielleicht endlich ruhmlos abgezogen sein, wenn nicht so viele und bestimmte Götterverheißungen die Hoffnung des endlichen Sieges noch immer rege erhalten hätten. Alle Tage durchforschte der Seher Kalchas die Eingeweide frischgeopferter Tiere, um irgend ein Zeichen eines bestimmten göttlichen Ratschlusses zu finden. Endlich erhielt er die gewünschte Offenbarung. Nur mit Herakles' (Herkules) Geschossen, verkündigte er, könne Troja überwunden werden. Herakles war längst gestorben, sein Bogen und Köcher war in die Hände des Philoktetes gelangt, der ihm den letzten Liebesdienst erwiesen hatte; aber dieser Philoktet war nicht im Lager der Griechen, sondern lag krank auf der Insel Lemnos ! Dort hatte man ihn ausgesetzt, als man vor zehn Jahren nach Troja gezogen war, denn seine Krankheit – ein von einem Schlangenbiß ekelhaft eiternder Fuß mit widriger Ausdünstung – hatte ihn den Schiffsgenossen unerträglich gemacht. Jetzt wurde Odysseus (Ulysses) oder nach einer andern Überlieferung Diomedes an ihn abgesandt, ob er vielleicht noch am Leben sei. Wirklich lebte er noch, aber kummervoll und dem Wahnsinn nahe. Noch immer peinigte ihn der heftigste Schmerz; kein Mensch besuchte seinen öden Aufenthalt. Bei Tage schleppte er sich mühsam umher, um mit seinem Bogen irgend einen Vogel zu erlegen, und die Nächte brachte er, wimmernd und die treulosen Griechen verfluchend, auf dürrem Laube in einer feuchten Höhle zu. Es kostete viel Mühe, ihn zu der Fahrt nach Troja zu bewegen; doch endlich siegte die Furcht vielleicht gar seinen teuern Bogen zu verlieren, und so kam er zur großen Freude aller Griechen im Lager bei den Schiffen an, wo Machaon seine Wunde heilte. Der bedeutendste Vorteil, den seine Ankunft verschaffte, war der, daß Paris durch einen jener nie fehlenden vergifteten Pfeile das Leben verlor; etwas weiteres schien aber durchaus nicht erfolgen zu wollen. Da verkündete den Griechen ein anderes Orakel, das Schicksal der Stadt hange an dem Palladion (Palladium) Frühzeitig hat sich die Kunst der Holzschnitzer an Bildern der Götter versucht, deren Gestalten in ganz roher Weise, die Füße noch ungetrennt, die Augen bloß durch einen Strich bezeichnet, dargestellt waren. Aber solche Bilder galten noch in späteren Zeiten als die heiligsten, und eine Menge von Wundersagen knüpfte sich an dieselben. Das troische Palladium stellte die Göttin dar, in der Rechten die Lanze schwingend, in der Linken Rocken und Spindel haltend. das heißt an dem Bildnisse der Pallas (Athene), welches in dem Tempel dieser Göttin aufbewahrt wurde. So lange die Trojaner dieses heilige Götterbild behüteten, könne ihrer Stadt von keinem Feinde ein Leid widerfahren. Wie aber hätte man dieses Bildes habhaft werden können, wenn man nicht zuvor in die Stadt gedrungen war? Und war man erst in der Stadt, was bedurfte es dann des Bildes? So fragte wohl mancher an einem glücklichen Ausgange zweifelnd. Indessen konnte es in einer Versammlung, in welcher ein Odysseus saß, an Ratschlägen nicht fehlen. Ein schlauer Plan wurde denn auch jetzt entworfen, und Odysseus selber bot sich zur Ausführung an. Er und sein Freund Diomedes wollten beide als Bettler verkleidet in die Stadt schleichen, in der Nacht sich des Bildes bemächtigen und damit entfliehen. Die List gelang, und die beiden Verwegnen kamen glücklich mit dem Palladion noch vor Tagesanbruch in das Lager zurück. Aber auch dies Orakel schien die ungeduldigen Belagerer zu täuschen. Die Stadt blieb ihnen nach wie vor verschlossen, und die Feinde hatten dem Anscheine nach von ihrem Mute nichts verloren. Da hatte der schlaue Odysseus einen andern Einfall. Wohlan! meinte er, das Palladion soll uns doch zu etwas nützlich sein. Er teilte hierauf insgeheim den übrigen Fürsten seinen Plan mit und fand vollkommene Zustimmung bei allen. Jetzt mußte ein tüchtiger Zimmermann, Epeios mit Namen, nach seiner Anweisung ein ungeheures hölzernes Gebäude zusammensetzen, dem man äußerlich, so gut sich's thun lassen wollte, die Gestalt und Farbe eines Pferdes gab, und das mit einer verborgenen Thür versehen war, durch welche man bequem in den hohlen Bauch des Ungetüms gelangen konnte. In dieser Höhlung müssen, der Beschreibung nach, wenigstens ein Dutzend Menschen Platz gehabt haben. Odysseus soll noch einmal verkleidet in die Stadt geschlichen und dort mit der Helena in Verbindung getreten sein, um alle Gelegenheiten genau auszukundschaften und dadurch den letzten Schlag klug vorzubereiten. Kaum war das Pferd fertig, so schifften sich sämtliche Griechen nach der Verbrennung ihres Zeltlagers schleunig ein, als wollten sie nach der Heimat zurücksegeln. Nur die wenigen Auserlesenen, unter denen auch Odysseus und Diomedes waren, blieben heimlich im Bauche des hölzernen Pferdes zurück, und außer diesen ward noch ein verschlagener Gesell, Namens Sinon , mit Ketten belastet und wie zum Opfer aufgeputzt, ins Schilf am Ufer versteckt, um die vorbereitete List einzuleiten. Es versteht sich, daß die Flotte nicht wirklich nach Griechenland segelte, sondern daß es nur darauf abgesehen war, die Trojaner irre zu leiten. Schon bei Tenedos , einer Insel wenige Meilen vom trojanischen Gestade, machte sie Halt, um in der nächsten Nacht wieder zurückzukehren. Welche Freude für die Trojaner, sich nach zehnjähriger Bedrängnis endlich einmal wieder frei zu fühlen, die Felder leer zu sehen, auf denen bisher Tag für Tag der Kampf getobt, die Stellen ohne Furcht besuchen zu können, wo der tapfere Hektor und der heldenmütige Achilleus erschlagen waren, wo die Myrmidonen-Zelte gestanden hatten, und wo noch jetzt die Spuren der ins Meer gezogenen Schiffe zu sehen waren! Männern und Weibern ward das Herz nun wieder leicht; alles strömte zum Thore hinaus, um die Örter zu besuchen, die durch den Krieg eine so traurige Berühmtheit erlangt hatten. Hier der Brunnen, wo Achill mit Hektor stritt, dort die Furt des Skamandros, wo Lykaon um sein Leben flehte, hier endlich die durchbrochene Mauer, hier der Lagerplatz, hier des Achilleus und Patroklos Totenhügel! Welche Erinnerungen knüpften sich an diese Stätten, welche Gefühle erwachten bei dem Anblick dieser Denkmäler! Aber eine Empfindung überwog doch jetzt alle andern: die des innigen Dankes gegen die Götter, die nun endlich der jahrelangen Not ein ebenso unerwartetes als erwünschtes Ziel gesetzt hatten. Ein Umstand beunruhigte indessen die Gemüter noch: was sollte das seltsame Gebilde von Holz, das so einsam auf dem freien Platze da stand und gar kein Merkmal an sich trug, aus dem man seine Bestimmung hätte erraten können? Da man an den Füßen Räder erblickte, so glaubten die meisten, es solle eine Maschine sein, um mittelst derselben sich wohlgeborgen der Mauer zu nähern und diese zu überschauen, vielleicht sie gar zu überspringen. Andere vermuteten indes eine abergläubische Beziehung dahinter, die vielleicht mit irgend welchem wunderlichen Götterspruche zusammenhängen möchte. Noch andere endlich, wiewohl die wenigsten, ahnten den wahren Zweck des Ungetüms und bestanden auf Untersuchung des Innern. »Haut es nur auf«, rief Kapys , ein verständiger Mann, »da werdet ihr den Betrug sehen! Umsonst haben die Griechen einen so gewaltigen Koloß nicht gezimmert; aber wenn ihr mir folgen wollt, so schleppt ihn unbesehen ans Ufer und stürzt ihn ins Meer oder legt Feuer darunter, daß er von der Erde vertilgt werde.« Indem noch in solchen Reden die geteilten Meinungen der zahlreich versammelten Menge sich aussprachen, sah man den ehrwürdigen Priester des Poseidon (Neptun), den silberhaarigen Laokoon , eilenden Fußes von der Stadt herkommen. Er hatte in den Opfern verdächtige Zeichen wahrgenommen, und ein reiferes Nachdenken über die schnelle Abfahrt der Griechen und ihr seltsames Geschenk hatte sein Herz mit gerechten Besorgnissen erfüllt. »Freunde«, rief er schon von weitem, »was wollt ihr thun? Was denkt ihr von dem Pferde?« Da kreuzten sich in verworrenem Tumult Stimmen und Meinungen; doch bald mußte er erkennen, daß der größere Haufe in dem Pferde ein heiliges Weihgeschenk sah und darauf bestand, es in die Stadt zu führen und neben den Athenetempel zu stellen. »Wie«, rief er, »seid ihr rasend? Ein Geschenk, das die Griechen hinterließen, in die Stadt aufzunehmen? So kennt ihr dieses hinterlistige Volk? So kennt ihr den Odysseus? Thoren, die ihr glaubt, sie seien nach Hause gesegelt und wollten nicht wiederkommen! Wer weiß, in welchem Hinterhalt sie lauern! Und dies seltsame Gebäude sollte ein Geschenk für Götter sein? Ein bübisches Werkzeug ist es, uns alle zu berücken, und sterben will ich, wenn es nicht Schurken in seinem Innern birgt, die auf Verrat und Tücke lauern!« – Bei diesen Worten rannte er mit Heftigkeit seine starke Lanze dem Pferde in die Seite, daß es zitterte, und horch! ein leises Klirren, wie von Waffen ertönte bei dem Stoße. Aber war es Leichtsinn oder bethörte ein Gott dem Volke die Sinne – die deutlich genug gegebene Warnung wurde nicht beachtet! Und gerade jetzt trat der verschmitzte Sinon auf, um seine wohlersonnene Rolle zu spielen. Jünglinge, welche das Ufer genauer untersucht, hatten ihn im Schilfe entdeckt und schleppten ihn herbei zu dem größeren Haufen, um ihn auszuforschen. Er hatte die Miene eines Unglücklichen, den Angst und Kummer niedergedrückt haben, und nahte zitternd dem alten Priamos , der auch mit seinen Söhnen herausgekommen war, um das wunderbare Roß zu sehen. »Gute Götter!« seufzte er mit schwacher Stimme und einem trostlosen Blick gen Himmel – »was soll nun aus mir werden!« Der Ton und der Blick des schwergefesselten Jünglings rührte alle Umstehenden; man vergaß es, daß er ein Grieche sei, und drängte sich neugierig um ihn her, seine Geschichte zu hören. Aber noch lange hielt die Furcht seinen Mund verschlossen. Erst als der König selbst und mehrere wackere Männer ihn aufforderten, frei zu reden und alles Gute von ihnen zu erwarten, da schien er allmählich sich ein Herz zu fassen und brachte nach mancher Unterbrechung etwa folgende Worte heraus: »Ja, König, wie könnte ich's verhehlen? ich bin ein Grieche, und Argos ist mein Vaterland. Hast du vielleicht jemals den Namen Palamedes nennen hören? Das war ein rechtschaffener Mann, aber eben deshalb den Bösen ein Dorn im Auge. Er war im Anfang des Krieges mit hierher gezogen, aber weil der Krieg ihm ungerecht und gottlos schien, so riet er unaufhörlich zur Heimkehr. Das war nun freilich vielen ein gehässiges Wort, und weil die besten unter dem gemeinen Volke sich täglich mehr auf seine Seite neigten, so – – ha! ihr werdet den Erzbösewicht, den Odysseus, kennen, der hat ihn über die Seite gebracht, wie so viele andere. Da sollte der schuldlose Mann mit euch verräterische Plane zum Schaden der Griechen geschmiedet haben – und kurz, Odysseus wußte es dahin zu bringen, daß Palamedes den Tod der Verbrecher starb! Damals war ich noch ein Knabe, aber dennoch fühlte ich tief das Unrecht, das man ihm gethan. Auch war sein Tod für mich die erste Quelle des Elends. Denn ihm hatte mich mein alter Vater übergeben, daß er mich zum guten anführen und meine Jugend bilden und beschützen sollte; auch ward ich von ihm wie ein Sohn gehalten. Ich konnte den bittern Haß gegen seinen heimtückischen Mörder nicht im Herzen verschließen; ich rief laut, ich wolle der Rächer meines Oheims werden, wenn uns die Götter eine glückliche Rückkehr ins Vaterland vergönnt hätten. Ach, und nicht damals allein in dem ersten Schmerze gelobte ich das; bis auf den letzten Augenblick habe ich kein Hehl aus meiner innersten Gesinnung gemacht, und noch würde ich's dem Elenden ins Gesicht sagen, wenn er hier wäre! Ihr könnt wohl denken, wie er mir seitdem bei jeder Gelegenheit nachgestellt hat; doch nimmermehr hatte ich gedacht, wie weit seine Bosheit gehen könnte. Mit Hilfe des Kalchas – – doch was halte ich euch mit meiner langen Erzählung auf? Nehmt mich! tötet mich! Als Feind habe ich kein anderes Schicksal zu erwarten, und wenn euch an Odysseus' Dankbarkeit gelegen ist, so kann ich dieselbe euch für meinen Tod mit der größten Zuversicht versprechen.« Durch solche Worte nur neugieriger gemacht, ermunterten ihn die Hörer zur Fortsetzung seiner Geschichte, und so fuhr er denn nach manchem Seufzer und mancher erheuchelten Thräne fort: »Schon lange war es bei den Griechen beschlossen, das Lager abzubrechen und dies Land zu verlassen; aber es war, als hielten die Götter selbst uns zurück. Ununterbrochen wehte ein uns widriger Wind, und häufige Stürme machten uns scheu und unentschlossen. Um nun die Flotte nicht dem Zorne der Götter preiszugeben, ward beschlossen ein Boot nach Delphi abzusenden, dort wollte man den Rat Apollons einholen. Und welchen furchtbaren Bescheid brachten die Boten zurück! Mit Menschenblut, Mit Iphigeniens nämlich, s. S. 5. (?) hatte der Gott gesagt, habt ihr die Hinfahrt nach Troja erkauft; mit Menschenblut müßt ihr auch die Götter zur Heimkehr versöhnen. Ein kalter Schauder ergriff alle, als sie diesen Ausspruch des Gottes vernahmen, und jeder zitterte, ob nicht er etwa gemeint sei. Da zog der Ithaker eines Morgens mit großem Geschrei den Priester Kalchas in die Volksversammlung und drang in ihn, das Opfer zu nennen, welches Apollon sich erwählt habe. Jetzt war es bei allen, die mich kannten, und bei mir selbst zur Gewißheit geworden, welchen Namen der bestochene Priester aussprechen würde, und mancher mitleidige Blick sagte mir, was jeder ahnte. Zehn Tage schwieg der Seher, als getraue er sich nicht, den Willen des Gottes zu verkünden. Endlich sprach er das verhängnisvolle Wort; halb ohnmächtig hörte ich meinen Namen nennen, und alle jubelten voller Freude, daß das, was bisher jeder für sich gefürchtet hatte, nun endlich auf einen gefallen war. Nun ward ich gefesselt, mit Opferbinden umwunden, mit heiligem Gerstenbrot genährt und zu dem schrecklichsten Schicksal aufbewahrt. Das übrige könnt ihr erraten. Diesen Morgen vor Sonnenaufgang sollte ich den Altar schmücken! Aber ich entfloh in der Nacht und habe wohl zwölf bange Stunden im kalten Sumpfe zwischen dichtem Röhricht in meinen schweren Ketten zugebracht. Ob sie an meiner Stelle einen andern Unglücklichen geschlachtet haben oder ganz ohne Opfer fortgezogen find, weiß ich nicht. Ihnen bin ich nun wohl entflohen, aber mein teures Vaterland, meinen alten guten Vater wiederzusehen – die Hoffnung muß ich verloren geben!« Der edle Priamos, der bei diesen Worten an seine vielen getöteten Sohne dachte, konnte sich der Thränen nicht enthalten und war so von des Heuchlers Lügen getäuscht, daß er ihm sogleich die Ketten abnehmen ließ und ihm den vollkommensten Schutz in seinem Hause und unter seinem Volke versprach. Auch die übrigen bemühten sich ihn zu erheitern, und mancher drückte ihm gutmütig die Hand oder klopfte ihn freundlich auf die Schulter. Vor allen Dingen aber sollte er nun der Versammlung das Rätsel des hölzernen Pferdes lösen. Er schien sich zu bedenken, und erst nach vielen Nötigungen war er dazu bereit. Mit dem Ausdruck der Dankbarkeit und der überwundenen Furcht hob er die entfesselten Hände empor und sprach: »Hört mich, ewige Götter, ihr Zeugen und Prüfer heiliger Schwüre; auch ihr, Altäre, denen ich entfloh; ihr Opferbinden, die ich von mir werfe! Mit diesem Schmuck entkleide ich mich jetzt alles dessen, was griechisch an mir ist, und trete feierlich zu dem biedern Volke, das mich so brüderlich aufnimmt, während mein eignes mich verstößt! Kein Geheimnis sei mir ferner heilig, das ein Odysseus zum Schaden dieses Volks ersann, wie ernst ich's auch gestern noch beschworen habe. Ich habe gegen jene keine Pflichten mehr zu beobachten.« »Ja, edler König, von ihm rührt diese trügerische Erfindung her! Sie ist gemacht, euch sicherer zu berücken, als es dem Hinterlistigen bisher gelungen ist. Ihr wißt, ein falsches Orakel hatte ihn so tollkühn gemacht mit Diomedes in die Stadt zu schleichen, die Thorwächter zu töten und das Palladion aus Athenes Tempel zu entwenden. Kaum war dies Unglücksbild im Lager, so traf uns Not auf Not, und eine böse Vorbedeutung über die andere lehrte uns deutlich, daß nun erst recht der Zorn der Götter gereizt sei. Die Augen des Götterbildes funkelten, man sah an den Gliedern kalten Schweiß und hörte ein wunderbares Stöhnen um die Zeit der Mitternacht. Da erging der Ausspruch des Kalchas, die Göttin wolle ihr Bildnis oder ein anderes ihr geweihtes Denkmal an dessen Stelle den Trojanern zurückgegeben wissen, und wolle man von dem Kriege noch irgend einen glücklichen Erfolg hoffen, so müsse die ganze Flotte noch einmal von Argos auslaufen, nachdem die Götter auf vaterländischem Boden aufs neue durch fromme Opfer versöhnt seien.« »Indem man nun auf ein Weihgeschenk zur Entsühnung für das geraubte Pallasbild sann, fiel Odysseus auf diese List. Hört, sprach er, laßt uns ein Pferd bauen, so groß, daß es nicht durch die Thore geht; das weihen wir dann und lassen es auf dem Felde stehen, so haben wir das unsrige gethan. Jene werden die heilige Bestimmung des Tiers nicht vermuten, sie werden es vielleicht in ihrer Thorheit verspotten, und dann ist der Zorn der Götter ihnen gewiß. Oder wenn sie sich auch nicht daran vergreifen, so können sie es doch nicht nach Würde ehren, denn wie wollten sie es zur heiligen Stätte bringen? – Der Einfall ward laut gepriesen, wie alles, was der Schwätzer vorbrachte; und so seht ihr nun das gefährliche Geschenk, das euch großes Heil oder großes Verderben bringen kann, je nachdem ihr es aufnehmet. Wie würde der Arglistige sich freuen, wenn ihr die Heiligkeit des Weihgeschenkes verkenntet und es vielleicht gar zertrümmertet! Doch, jetzt eines Besseren belehrt, wißt ihr, was ihr zu thun habt.« Alle trauten dem Lügner, und wo noch etwa jemand einen geheimen Zweifel nährte, der war durch einen seltsamen Vorfall plötzlich umgestimmt. In dem Augenblicke nämlich, da Sinon seine trügerische Rede geendigt hatte, biß eine Schlange, die niemand unter dem Grase bemerkt hatte, den alten Laokoon unversehens in das Bein, daß er laut aufschrie und alsbald an der giftigen Wunde starb. Erstaunen erfüllte alle Anwesende, und da der Greis noch kurz vorher das hölzerne Pferd so gelästert, ja mit der Lanze verletzt hatte, so sah der Glaube des Volks in diesem Schlangenbisse die göttliche Strafe für jene Lästerung, ja man hielt durch dies Wunderzeichen die Aussage Sinons für augenscheinlich von der Gottheit selbst bestätigt. Zweiter Abend. Die Zerstörung Trojas. »Wir waren, dünkt mich, bei Laokoons Tode stehen geblieben«, begann der Lehrer. »Aber sagen Sie doch«, unterbrach ihn Anton, »ist das derselbe Laokoon, von dessen Bildsäule neulich bei Tische erzählt wurde?« »O, wie ist das? Erzählen Sie!« bat Wilhelm. »Nun«, sagte der Lehrer, »ihr wißt, daß die Griechen in den Zeiten der Blüte ihrer Staaten auch in den bildenden Künsten eine hohe Stufe der Vollkommenheit erreicht haben. Besonders wurden von Athen, Korinth und Sikyon aus fast alle Tempel auch der fernsten Griechenstädte mit marmornen Götterbildern geschmückt; aber ebensowenig fehlten Bildsäulen berühmter Männer den öffentlichen Plätzen und Gebäuden. Viele dieser griechischen Bildhauerarbeiten kamen in der Folge zum Teil als Kriegsbeute nach Rom, wo unter der Kaiserregierung ein neues Kunstleben erblühte, indem die Fürsten und Großen den griechischen Künstlern Beschäftigung gaben. Doch leitete nun nicht mehr der fromme Glaube und die Verehrung der Götter die Künstler, sondern das Streben nach Pracht und überraschender Wirkung. In den vielen Verheerungen, welche dann im Laufe der Jahrhunderte Italien erlitten hat, ging manch schönes Kunstwerk unter. Von denen aber, welche sich noch bis auf unsere Zeit erhalten haben, wird unter andern Meisterstücken der bildenden Kunst, z. B. der mediceischen Venus , dem vatikanischen Apollo u. s. w., von deren hoher Schönheit jeder kundige Beschauer entzückt ist, auch besonders eine Gruppe des Laokoon wegen ihres ergreifenden Ausdrucks bewundert.« »Wie ist denn der Laokoon dargestellt?« fragte Anton. »Er steht in der Mitte zwischen seinen beiden jugendlichen Söhnen, am Altare des Gottes beschäftigt. Zwei Schlangen, von den den Troern feindlichen Göttern gesandt, haben den Priester mit seinen beiden Söhnen umschlungen; die eine derselben ist im Begriffe, den mit ihr ringenden Laokoon in die Hüfte zu beißen, wahrend die andere dem jüngern Knaben schon den tötlichen Biß versetzt hat. Die große Schwierigkeit der Aufgabe bestand ebensowohl in den Stellungen dieser so fürchterlich geängstigten Gruppe, als in dem Gesichtsausdruck der Kinder, ganz vorzüglich aber in der Haltung und in der Miene des Alten, in welcher die Würde des Priesters, die Zärtlichkeit des Vaters und der Schmerz des Verwundeten zugleich wiedergegeben werden mußte. Denn der Künstler hat den Augenblick der Darstellung gewählt, wo der Vater, nachdem alle Anstrengung vergeblich gewesen und alle Hoffnung auf Hilfe verschwunden, dem Ende der Qual schon nahe gekommen ist und selbst den Tod herbeizuwünschen scheint. Alles dieses ist ihm so gelungen, daß jeder jetzt lebende Bildhauer verzweifeln würde etwas Ähnliches hervorzubringen. In Bezug auf den feinen und edeln Geschmack in der Behandlung des schwierigen Gegenstandes und auf Kunst und Verständnis in der Ausführung gilt die Gruppe als ein wirkliches Wunderwerk.« »Wer hat sie denn gemacht?« fragte Julius. »Man weiß es nicht genau«, antwortete der Lehrer. »Polydoros, Agesandros und Athenodoros von Rhodos sollen die Meister sein; gefunden ist sie im Jahre 1560 zu Rom und von Papst Julius II. gekauft. Aus sechs Steinen hat aber das Ganze erst wieder zusammengesetzt werden müssen, der rechte Arm des Vaters, die zwei Arme der beiden Söhne und auch einiges an den Füßen ist neu. Vgl. u. a. O. Müllers Denkm. der Alten Kunst. Heft IV. Nr. 214. »Und dieses Kunstwerk war eine Zeitlang in Frankreich?« »Ja. Als die Franzosen in den Zeiten der Revolution Italien überschwemmten, plünderten sie die Kunstschätze dieses Landes so völlig aus, daß nur wenig Vorzügliches dort zurückblieb. Bei dieser Gelegenheit wurden denn auch die vorhin genannten Meisterwerke mit fortgeschleppt und in Paris aufgestellt, wo sie zu sehen waren, bis im Jahre 1815 auf Veranlassung Englands alle Kunstwerke zurückgegeben werden mußten. Seit der Zeit hat denn auch der Laokoon seine alte Stelle im Vatikan (dem größten der päpstlichen Paläste) wieder eingenommen. Er steht dort in einem, unter dem Namen »Belvedere« bekannten offenen Säulengange, und heißt daher auch der Apollo von Belvedere.« »Kehren wir jedoch jetzt zu Laokoon vor Troja zurück. Er war, wie gesagt, dem Schlangenbiß erlegen, und die Trojaner betrachteten sein Schicksal als eine verdiente Götterstrafe. Dagegen schien ihnen jetzt die Wahrheit von Sinons Aussage unzweifelhaft. Mit religiösem Eifer griffen sie sogleich das Werk an. Wenn es nur darauf ankommt, meinten sie, das Pferd in die Stadt zu führen, so sollen unsere Thore nicht zu eng und niedrig erfunden werden. Ein Teil läuft voran und stößt die obere Wölbung des Thores ein, ein anderer spannt sich vor die gewaltige Maschine oder schiebt von hinten nach. Langsam bewegt sie sich fort, unter lautem Jubel der Kinder und Weiber, und unter Festgesängen des – ach! so jämmerlich betrogenen Volks. Jeder drängt sich heran und freut sich, das heilige Gebäude mit der Hand zu berühren oder mit an den hanfenen Seilen ziehen zu helfen. Endlich ist man an der Schwelle. Ein starker Ruck, und die vorderen Räder sind hinüber gehoben. Der gewaltige Koloß schwankt und wird heftig erschüttert. Da klirren abermals die im Inneren verborgenen Waffen, aber die bethörte Menge achtet nicht darauf und stößt auch die hinteren Räder glücklich hinüber. Und nun eilen sie damit zur Akropolis hinauf und stellen es neben den Tempel der Pallas hin.« »Akropolis? Was ist das?« fragte Julius. »Die alten griechischen Fürsten legten ihre Wohnungen, gerade wie die Ritter des Mittelalters ihre Burgen, und auch aus den nämlichen Gründen, gern auf Bergen und Anhöhen an. Ringsum im Thale siedelten sich dann allmählich ihre Unterthanen an und bildeten dadurch, wenn zuletzt der Häuser viele wurden, eine Stadt. Daher hatten die meisten griechischen Städte innerhalb ihrer Mauern einen besonders hochgelegenen Ort, den man die Akropolis, die Oberstadt nannte und der, auch wenn kein König mehr dort wohnte, doch eine besondere Heiligkeit behielt. Gewöhnlich befand sich daselbst der Tempel der Schutzgottheit; auch war er fast immer mit Verteidigungswerken versehen. In Athen war die Akropolis ganz vorzüglich berühmt wegen ihrer kunstvollen Gebäude, Tempel und Bildsäulen, von denen sich noch bis auf den heutigen Tag viele prächtige Trümmer erhalten haben.« »Auf der Akropolis von Troja nun stand das unheilbringende Pferd. Die versteckten Bewohner desselben aber hielten sich noch immer ruhig, bis gegen Abend endlich das neugierige Volk sich verlief und jeder nach seiner Wohnung zurückging. Mancher überließ sich dem Gefühle der Freude beim traulichen Mahle und sank dafür mit desto schwererem Haupte dem Schlaf in die Arme. Jeder aber bestieg sein Lager mit der glücklichen Empfindung, die der Glaube gewähren mußte, daß nun endlich die Stadt wieder beruhigt sei, und daß kein Schlummernder mehr von einem feindlichen Überfall etwas zu fürchten habe.« »Indem so die ganze Stadt in Weinrausch und Schlaf begraben lag, die Lampen in den Häusern erloschen und auch das letzte, leiseste Geräusch verstummt war, gab Sinon die mit seinen Landsleuten verabredeten Feuerzeichen, und die von Tenedos zurückgesegelten Schiffe landeten hierauf in heller, stiller Mondnacht an dem wohlbekannten Gestade. Welche Freude, als sie das Pferd nicht mehr fanden und die Spur desselben im Sande auf dem nach der Stadt führenden Wege bemerkten! Wohlbewaffnet macht sich das ganze Heer auf und nähert sich dem Thore. Dort finden sie bereits die Flügel geöffnet und die Wächter ermordet. Die Bewohner des Pferdes hatten es nämlich durch Sinons Hilfe bereits verlassen und ihren erwarteten Genossen vorgearbeitet. Ungehindert treten sie alle ein, und dumpf hallen durch die stillen Gassen die Schritte der Kommenden wider. Noch tappen sie im Dunkeln an den Häusern herum, aber bald leuchten ihnen die Flammen brennender Dächer, und nun erhebt sich auf einmal aus tausend Kehlen ein Geschrei, das Tote hätte erwecken können. Denkt euch die ruhig in dem Schlummer Liegenden, wie sie plötzlich erwachen und ihre Kammern von den überall auflodernden Flammen mit Tageshelle erleuchtet sehen, wie sie diese fürchterlichen Stimmen hören und im Augenblick den Racheruf der zurückgekehrten Feinde erkennen! Konnte ein Erwachen schrecklicher sein?« »Im entlegensten Teile der Stadt stand das Haus des alten Anchises. Dorthin drang am spätesten das Getöse des Kampfes und der verheerende Brand, und erst als in der übrigen Stadt der Greuel der Verwüstung aufs höchste gestiegen war, erwachte Äneas an der Seite seiner Gemahlin Krëusa . Erschrocken springt er empor und eilt auf die Zinne seines Hauses. Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen! Die halbe Stadt in Flammen, die weite Ebene ringsum bis an die Küste des Meeres vom schrecklichen Brande strahlend; in den Gluten selber hin und her irrende Männer und Weiber; durch die Straßen wildjauchzende Scharen mit Schwert und Speer; hier und da ein kurzes Gefecht und nach allen Thoren hin verworrene Flucht! Hier schleppen die Sieger geraubte Schätze fort, dort jagen sie nach Weibern und Jungfrauen, da schleudern sie Kinder und Greise mit grauser Wut in die Flammen. Ein Haus nach dem andern stürzt krachend zusammen. Der mordgierige Schrei der Sieger mischt sich mit dem Hilferufe und dem Klagegestöhn der Besiegten; der geängstigte Äneas glaubt bekannte Stimmen zu unterscheiden. Immer näher wälzt sich der Brand, schon sinkt De ï phobos' Palast in Asche, schon bricht aus Ukalegons nachbarlichem Hause der feurige Strahl. Fast besinnungslos taumelt Äneas die Stufen hinunter, greift blindlings zu den Waffen und stürzt zum Hause hinaus. Da begegnete ihm Panthoos (Panthus), der Priester Apollons, in der Rechten die geretteten Heiligtümer des Tempels haltend, mit der Linken seinen kleinen Enkel fortreißend. Er war den Schwertern der Griechen glücklich entronnen, und jetzt trieb ihn die Angst, sich, seinen Enkel und die Heiligtümer in die entlegensten Hütten jenseit der Stadt zu retten. »Ha! Panthoos!« ruft ihn Äneas an, »sprich, wo wütet der Kampf am gräßlichsten? Laß uns nach der Burg eilen, um sie zu retten!« »Retten?« fragte der Greis im höchsten Schmerze. »Flieh, Unglücklicher! hier ist an Hilfe nicht mehr zu denken! Der Feind hat die Mauern inne; die Hälfte der Stadt liegt in Asche, und – o ihr Götter! auch die Hälfte der Bürger ist bereits ermordet. Ilion ist gewesen , und Troer hießen wir einst ! Fuimus Troes, fuit Ilium heißt es bei Vergil (II, V. 325), und dieser Ruf ist seitdem fast zum Sprichwort geworden. Auch du wirst keinen Ruhm mehr erringen. Alles, alles hat der harte Zeus den Griechen zugewandt! O komm, komm! was willst du dort? Mit jedem Augenblicke entsteigen ihren Schiffen neue Scharen der Mordbrenner, und unsere tapfersten Helden sind bereits erschlagen.« Auf Äneas hatten diese Worte keinen Eindruck gemacht. Ohne Antwort läßt er den alten Priester stehen und eilt dem Gedränge zu. Siehe, da stößt er auf Rhipeus, Epytos, Hypanis, Dymas und den jugendlichen Koröbos , der um die schöne Kassandra , Priamos' Tochter, freiend nach Troja gekommen war. Er sammelt sie um sich: »Jünglinge«, ruft er, »wohlauf! Seid ihr entschlossen, zu retten was noch zu retten ist und Trojas Untergang nicht ungerächt zu lassen, so folgt mir nach! Ihr seht, die Götter haben uns verlassen! Ha! laßt uns sterbend es bezeugen, daß wir zu siegen wert gewesen wären. Auf! mir nach in das dichteste Gewühl! Ein ehrenvoller Tod sei unser letztes Heil!« So werfen sie sich hastig den ersten Feindeshaufen entgegen. Es wird ihnen leicht, die Griechen, die keinen Widerstand mehr erwarten und mit Plündern beschäftigt sind, einzeln und zum Teil von hinten zu durchstoßen. Hier und dort stürzen diese unter ihren Händen, und noch merkt kein Grieche, daß es Troer sind, welche sie überfallen. Einer der Feinde, Androgeos mit Namen, ein tapferer Heerführer, hält sie für seinesgleichen und redet sie an: »Freunde, was zögert ihr doch? Seht, andere haben sich schon reiche Beute geholt und viele Feinde erschlagen, und ihr kommt jetzt erst säumig von den Schiffen daher?« – »O«, rief Äneas, indem er ihn niederstieß, »wir hoffen auch noch Feinde zu erschlagen!« Indem er schon weiter ziehen will, hat Koröbos einen trefflichen Einfall! »Hört«, spricht er, »laßt uns diesen Wink des Schicksals, das uns wohl will, nutzen und die Täuschung mit klugem Sinn unterhalten. Du, Äneas, waffne dich mit Androgeos' Helm und Schild, wir andern wollen uns auch griechische Waffen suchen; so sollen die Feinde ihren eigenen Schwertern erliegen. Und was ist es denn weiter? Gewalt oder List – im Kriege gilt alles.« Der Vorschlag findet Beifall; ein eben vorüberziehender Trupp Griechen wird unversehens überfallen und giebt die Waffen her. Eine kleine Zeitlang thut die List die erwünschte Wirkung; die Griechen sinken, nichts ahnend, unter den Streichen ihrer vermeintlichen Brüder; aber in kurzem verändert sich wiederum die Scene. Äneas und die Seinen kommen an den Tempel der Pallas, den bis jetzt noch die Flamme verschont hatte, und ein entsetzliches Getöse dringt ihnen von dorther entgegen. Jetzt öffnen sich die Thüren, und eine wilde Feindesschar schleppt die schöne Kassandra mit Gewalt heraus. Aufgelöst wallt das Haar der Jungfrau um ihre Schultern und Hüften, einen Teil der Kleidung haben ihr die Räuber vom Leibe gerissen, und die zarten Hände sind ihr grausam auf den Rücken gebunden. Bei diesem Anblick seiner geliebten Braut hält sich Koröbos nicht; er stürzt sich mitten unter die Feinde, und getreulich folgen die Freunde ihm nach. Auch andere Troer stürzen mit Schwertern herbei, um die teure Königstochter zu retten, und von den benachbarten Dächern herab werden von den verzweifelten Einwohnern Ziegel und Quadern und Balken geschleudert. Wie teuer mußten jetzt die armen Männer ihre Verkleidung bezahlen! Unter den Würfen und Stößen ihrer eignen Mitbürger hauchten die meisten ihr Leben aus; auch der treue Koröbos fiel im Kampfe für seine Braut, von Peneleus vor dem Altäre der Pallas selbst durchbohrt. Nur Äneas blieb am Leben; doch verdankte er's hier wahrlich nicht feiger Flucht. Schon manchen hatte sein kräftiger Arm in dieser nächtlichen Schlacht zum Hades hinabgeschickt; er selber suchte den Tod und wollte ihn verdienen, aber seine göttliche Mutter hatte ihn zu höheren Zwecken bestimmt. Alsbald riß ihn das Gedränge nach dem nahen Wohnsitze der Königsfamilie hin. Um nicht länger der Gefahr ausgesetzt zu sein, von Freundeshand zu sterben, warf er die trügerische Verkappung von sich und erschien wieder als Äneas. Mit neuem Mute belebte seine Ankunft alle die wackern Männer, die in dieser schrecklichen Stunde ihre eigene Rettung vergessend, nur das teure Leben ihres alten Königs zu schützen strebten. Wer von den Trojanern noch Besonnenheit genug gehabt hatte, um nach den Waffen zu greifen, der war hierher geeilt, und so war denn hier der Mittelpunkt des Streites, das heftigste Gewühl, der lauteste Tumult. Der größte Teil der Troer stand oben auf dem platten Dache des Hauses und sandte einen Hagel von Pfeilen und Wurfspießen auf die Stürmenden; ja, als diese Geschosse fehlten, brachen sie Steine aus dem Gemäuer los, rissen das obere Gebälk auseinander und schmetterten es auf die Griechen nieder. Wie viele der letzteren aber auch dadurch ihren Tod fanden, so schreckte das doch die übrigen nicht ab ihre Angriffe auf dieses Gebäude zu erneuern; denn teils hoffte die Raubsucht gerade hier die reichste Beute zu finden, teils spornte Mordlust und Ehrgeiz die Jünglinge zum hitzigsten Wetteifer an, wer zuerst den König töten und seine noch übrigen Töchter als Sklavinnen heimführen würde. Man wirft Leitern an die Mauern und klimmt mit vorgehaltenem Schilde hinauf. Mancher ergreift schon den obersten Balken, um sich keck hinaufzuschwingen, wird aber noch zu rechter Zeit von einem mutigen Troer hinabgestoßen. Andern ist es gelungen, und diese sind schon oben mit den Verteidigern im Handgemenge. Unten eilen die Anführer geschäftig hin und her und feuern mit lautem Zuruf die ihrigen zu beharrlicher Tapferkeit an. Auch Äneas hält es für das Beste, sich unter die Verteidiger auf der Zinne des Hauses zu begeben. Er kennt einen geheimen Eingang an der hintern Seite des Hauses, der vom Feinde noch nicht besetzt ist. Von da führt eine enge Treppe zu einem Turme hinauf. Diese ersteigt er mit einigen Gefährten in größter Eile, und kaum ist er oben, so reißt er mit mächtiger Hand das Mauerwerk des Turmes ein und wälzt Tod und Verderben auf die Häupter der Griechen. Aber mit all seinen Würfen konnte er doch das Schilddach nicht durchbrechen, welches soeben ein Haufen auserlesener Griechen über dem Neoptolemos gebildet hatte, der nun unter dem Schutze desselben mit gewaltigen Axtschlägen eine Thür des Hauses zu spalten versuchte, um dadurch allen übrigen einen Eingang zu eröffnen. Es gelingt dem Rasenden, denn er hatte seines Vaters Kräfte geerbt. Kaum war die erste Öffnung gemacht, so griffen alle Gefährten an und brachen mit vereinter Kraft das Gemäuer heraus. Und nun ward das Innere des Hauses sichtbar; aber es war leer; die Bewohner desselben hatten sich geflüchtet. In dem innersten Hofe hatten sie sich alle um einen Altar geschart, auf dem sie den Göttern noch in der letzten Not ein Opfer gebracht hatten. Da die Wüteriche die Unglücklichen nicht sogleich fanden, so durchsuchten sie die vorderen Gemächer nach Schätzen, und Menelaos und Agamemnon , vor allem aber Achilleus' Sohn wehrten an den Eingängen die treuen Trojaner ab, welche jetzt das Dach verlassen hatten, um ihren König mit ihren Leibern zu beschützen. Auch ließen diese nicht eher ab, als bis sie selbst alle auf der Schwelle hingestreckt lagen, zu deren Verteidigung sie herbeigeeilt waren. Einer dieser Tapferen war Polites , des Priamos jüngster Sohn, der gern für seiner Eltern Leben das seinige hingeben wollte. Als aber des wilden Neoptolemos Lanze ihn tötlich verwundet hatte, da trieb der Schmerz den zarten Jüngling zur Flucht, und hinwegspringend über die Leichen seiner Freunde, eilte er durch die wohlbekannten Thüren von Gemach zu Gemach, bis er den eng umbauten Hof erreichte, in welchem ihres Schicksals gewärtig sein Vater, seine Mutter und die geängsteten Schwestern dicht um den Altar zusammengedrängt saßen, auf dem soeben die Opferflamme erloschen war. Aber nur bis hierher reichte der Rest seiner Lebenskraft; er hatte seinen alten Vater noch einmal gesehen, um vor dessen Augen seinen Geist auszuhauchen. Hinter ihm her stürzte sein Verfolger mit blutiger Lanze. Die Unglücklichen, noch durch des sterbenden Bruders Anblick im Innersten erschüttert, schauderten zusammen, da sie jetzt das Ärgste kommen sahen. Welche Scene! Neoptolemos selber hielt einen Augenblick inne. Nur des Greises ohnmächtiger Zorn erweckte in ihm wieder die frühere Wut. »Verwegener Bube!« schrie ihn der von seines Sohnes Blut zur Rache entflammte Vater an, »mögen dich die Götter verderben für deinen Frevel, der des Sohnes vor den Augen der Eltern nicht schont und den väterlichen Altar mit Blut besudelt! Ha, wenn noch irgend im Himmel ein Rächer lebt, so wirst du deinem Schicksal nicht entgehen! Wahrlich, dein Vater war ein harter Mann, aber mein Jammer rührte ihn doch, so daß er mir meine Bitte gewährte und den Hektor herausgab, wie fest er's auch verschworen hatte. Er bereitete mir bei sich ein Lager zur Nacht und entließ mich am Morgen sicher in meine Heimat. Du aber bist nimmer sein Sohn; so unähnliche Kinder zeugt ein braver Vater nicht! Stirb, Schändlicher, von meiner Hand!« – Er warf einen Speer nach ihm, aber die kraftlosen Arme versagten ihm den Dienst, und der Speer prallte matt von der Rüstung des Jünglings ab. Neoptolemos, noch mehr gereizt durch That und Rede des Greises, sprang auf ihn zu, ergriff mit der Linken den Schopf des grauen Haares, riß ihn daran zu Boden und hieb mit einem raschen Schwertstreich das ehrwürdige Haupt herunter. Da fiel der Rumpf am Altar nieder, und aus dem Halse quoll ein Strom schwarzen Blutes hervor und überschwemmte den Boden. »Wohlan, Alter«, rief der trotzige Sieger, indem er den Kopf auf den Altar stellte, »melde es nun meinem Vater, wie entartet sein Sohn ist!« Bewußtlos lagen die unglücklichen Weiber während dieser unmenschlichen Scene auf dem Boden: die alte Hekabe und ihre Töchter und die Gattinnen ihrer erschlagenen Söhne, nur die edle Andromache , ihren lieblichen Knaben Astyanax fest in die Arme drückend, saß starr wie eine Bildsäule in einem Winkel. Neoptolemos rief seine Gefährten herbei. Es kamen die Anführer Menelaos, Agamemnon, Idomeneus und wer sonst in der Nähe war, und jeder ergriff die, welche von den jungen Frauen ihm zunächst lag, band ihr die Hände und übergab sie seinen Begleitern, um sie gefangen nach den Schiffen zu führen. So ward an der armen Andromache erfüllt, was das ahnende Herz ihr schon weissagte, als sie von ihrem geliebten Hektor den letzten Abschied nahm. Ihr Sohn Astyanax ward auf Odysseus' Rat von der Mauer geschleudert, sie selbst ward dem Neoptolemos zu teil, und Kassandra Agamemnons Beute. Das schrecklichste Schicksal aber stand der jungfräulichen Polyxena , einer der jüngsten Tochter des Priamos, bevor; sie ward auf Befehl eines Orakels zur Erlangung einer glücklichen Rückfahrt auf Achills Grabhügel den Göttern geopfert! Der Schrecken dieses Anblicks kostete der unglücklichen Mutter, die gleichfalls in Sklavenfesseln daneben stand, das Leben. Äneas, noch immer bemüht, die Griechen von der Seite des Gebäudes, auf der er stand, abzuwehren, erfuhr endlich mit Grausen, was ihnen endlich auf der andern Seite gelungen sei. Der Fall des ehrwürdigen Königs rief ihm das graue Haupt seines eigenen Vaters Anchises ins Gedächtnis, den er unbeschützt zurückgelassen hatte, und der jetzt vielleicht ebenso das Opfer eines Mörders geworden sein konnte. Er dachte an Krëusa , an seinen geliebten Knaben Askanios , und das geängstigte Herz schlug ihm vor Verlangen sie zu sehen. Er verläßt die unglückseligen Ruinen, für die nun alle Hoffnung verloren ist, und eilt seinem Hause zu. Der Weg dahin führt ihn an dem Tempel der Hestia (Vesta) vorüber, dessen Inneres von dem Widerscheine der brennenden Stadt fast ganz erhellt war. Er wirft einen Blick durch die länglichen Fensteröffnungen und sieht hinter dem Altar ein weißes Gewand schimmern; ihn treibt die Sorge, näher zu gehen, und siehe! es ist Helena , die unselige Urheberin des ganzen langen Unheils, die sich hierher geflüchtet hatte, um der Wut der Troer zu entgehen und zuletzt vielleicht mit den siegreich heimkehrenden Griechen nach ihrem Vaterlande zurückzusegeln. Unwillkürlich fährt dem Äneas die Hand ans Schwert. »Ha!« denkt er, »sie sollte ungestraft entrinnen, indes um ihretwillen die ganze Stadt zu Grunde geht? und während die edelsten der Troerinnen als Sklavinnen übermütiger Sieger aus der Heimat weggeführt werden, sollte sie ihr väterliches Sparta wiedersehen und in Sparta als Königin im Triumphe einziehen? Nein nimmermehr! So gering auch der Ruhm ist, ein schwaches Weib getötet zu haben, so wird man mich doch loben, daß ich gerechte Rache geübt und die Verbrecherin gestraft habe.« Eben wollte er über die Schwelle des Tempels schreiten, als auf einmal in hellem Strahlenglanze, so schön als er sie noch nie gesehen, – Aphrodite, seine göttliche Mutter, vor ihm stand. Er fuhr zurück, stand dann einige Augenblicke in Staunen versunken und vernahm zuletzt in wunderbar ans Herz dringenden Lauten die Mahnung: »Sohn, welche unzeitige Raserei ergreift dich? vergissest du Vater und Weib und Kind über diese? Nicht sie hat schuld an diesem Jammer: der Götter Wille hat Trojas Untergang beschlossen! Gehe und versuche nichts weiter mit Gewalt, nichts zur Rettung oder zur Rache! Du wirst das unwiderrufliche Schicksal nicht mehr abwenden. Fliehe und lebe, mehr für die Deinen, als für dich selbst!« Nach diesen Worten verschwand die Göttin wieder. Und Helena war gerettet und fiel dem Menelaos wieder zu, bei dem ihre siegreiche Schönheit alsbald jeden Gedanken einer Rache und Strafe an der Treulosen zu Schanden machte. Dritter Abend. Die Zerstörung Trojas. Äneas eilte nun, den Weisungen seiner göttlichen Mutter gehorsam, nach seiner Wohnung. Durch Flammen und rauchende Schutthaufen, durch das Gedränge fliehender Trojaner und verfolgender Griechen führte sein Weg; aber er fühlte wohl, daß die Göttin unsichtbar mit ihm war, denn von allen diesen Gefahren, durch welche er sich Bahn brechen mußte, traf ihn keine, und unversehrt gelangte er zu seinem Hause. Hier hatte man fast mehr über seine Abwesenheit als über das schreckliche Schicksal der Stadt in Ängsten gestanden, und kaum trat er ein, so flog schon die treue Gattin und das geliebte Söhnchen an seinen Hals. Er teilte ihnen in wenigen Worten den Befehl der Aphrodite mit und fand beide willig ihm auf der Flucht zu folgen. Aber da erregte der Starrsinn des greisen Anchises ein unerwartetes Hindernis. Ihm hatte ein Schlagfluß vor einigen Jahren die eine Seite gelähmt, und unmutsvoll hatte er seitdem schon sein Leben hingeschleppt; nun vollends erreichte dieser Lebensüberdruß bei ihm den höchsten Grad, da er den altererbten Wohnsitz seiner Vorfahren, in dem er achtzig Jahre friedlich zugebracht hatte, als ein Flüchtling verlassen sollte. Er, einst ein tapferer Fürst und eine Zeitlang sogar der Aphrodite Geliebter, glaubte auf ein besseres Schicksal rechnen zu dürfen, und so bestand der alte, fast kindisch gewordene Mann in verzeihlichem Trotz darauf, an dieser Stelle den Tod erwarten zu wollen. »Flieht immerhin«, klagte er, »ihr, die ihr noch Kraft und Lust zum Leben in euch fühlt! Nur mich laßt hier in Ruhe sterben. Hätten die Götter mein Leben erhalten wollen, so hätten sie mir diesen Sitz auch ferner gegönnt. O es ist genug und übergenug, daß ich Troja schon einmal zerstören sah; diesen zweiten Untergang will ich nicht überleben. – Geht, lieben Kinder, geht! gebt mir noch einmal die Hand, und dann suchet euer Heil, wo es den Göttern gefällt! Nur mich laßt liegen und sorgt nicht weiter um mich. Ich werde nicht lange auf die wohlthätige Hand warten dürfen, die meinem Elende ein Ende macht. Bald wird irgend ein beutesuchender Grieche kommen und seinen Blutdurst an mir stillen. Geht, geht! was weinet ihr doch!« Aber wer hätte bei solchen Worten gehen können! Der gute Sohn wandte alles an, wozu die Klugheit riet und was kindliche Zärtlichkeit ihm eingab; Kröusa umfaßte unter Thränen seine Kniee, selbst der kleine Askanios ergriff bittend des Großvaters Hand, als wolle er ihn fortziehen; aber der alte Mann blieb bei seinem Entschlusse, ohne sich nur vom Lager zu erheben. Da bemeisterte sich des Äneas Unmut und Betrübnis über den Starrsinnigen, der alle zu verderben drohte, und doch konnte er nicht zürnen, denn sein Herz hing mit kindlicher Verehrung an dem Greise. In diesem schmerzlichen Widerstreit der Empfindungen griff Äneas noch einmal zu seinen Waffen und rief mit dem Tone der Verzweiflung aus: »Wohlan, so bleib auf deinem Stuhle, auch ich will in Troja bleiben! Wie, ich sollte mein Leben aus diesen Flammen retten und dich verlassen? Das hast du, Vater, deinem Sohne zugetraut? Nein, auch ich kann sterben! Und wenn es dein Wille ist, daß keine lebende Seele aus diesem Schauplatze der Verwüstung entrinnen soll; wenn es dich freut, dich und die Deinen unter Trojas Trümmern zu begraben: wohlan, dieser Weg zum Tode steht uns offen! Bald wird Neoptolemos da sein, noch befleckt mit Priamos' Blute, um erst den Sohn vor den Augen des Vaters und dann den Vater selbst am Altare zu ermorden. O, war es das, göttliche Mutter, warum du mich durch Feindeslanzen und durch sengende Flammen glücklich zu dieser Stätte zurück führtest, daß ich nun hier Weib und Vater und Sohn einen in des andern Blute sich wälzen sehen soll? Kommt Freunde, laßt uns wieder zurück in die Danaerhaufen; soll unser Blut heute durchaus vergossen werden, so wollen wir wenigstens nicht alle ungerächt sterben!« Mit diesen Worten greift er hastig zu Schild und Lanze und wendet sich zu den Gefährten, die mit ihm aus dem Gefechte zurückgekehrt waren. Vergebens umfaßt Krëusa seine Kniee, vergebens weint und fleht der Knabe, daß er doch bei ihnen bleiben möge; Äneas sieht nur auf seinen starren Vater, der keine Bewegung macht, um ihn zurück zu halten. Aber unsichtbar hat die göttliche Mutter dieser jammervollen Scene zugesehen. Auf einmal verbreitet sich um des kleinen Askanios Scheitel ein heller Schein, und eine glänzende Flamme spielt um des Kindes Schläfe, ohne ihn zu verbrennen. Alle staunen über das Wunder, und nun ist auch Anchises überzeugt, daß die Götter noch mit ihm sind. Er richtet sich auf, tritt an die offene Thür des Hauses und betet mit aufgehobenen Händen zum Himmel: »Allmächtiger Zeus, ich rufe dich an; o wenn du unsere Bitten noch hörest, so verkünde mir durch ein Zeichen, ob ich gehen soll oder nicht, ob du auch in einem andern Lande mein Beschützer sein willst!« Kaum hatte der Greis diese Worte gesprochen, so sah man unter lautem Donner einen leuchtenden Stern wohl über den halben Kreis des nächtlichen Himmels dahinfahren und hinter dem Idagebirge verschwinden. Konnte ein Zeichen deutlicher sein? Das war der weite, aber sichere Weg, den die Flüchtlinge zu nehmen hatten, um nicht an die feindlichen Schiffe zu stoßen und doch auch ans Meer zu gelangen. Nun hatte der Greis keinen Zweifel mehr; er eilte, seine Penaten zu sammeln, indes eine große Schar von Trojanern sich vor dem Hause drängte, welche dem Äneas als ihrem Führer in jedes ihm beliebige Land zu folgen bereit waren. »Seine Penaten ?« fragte Julius. »Was ist das?« »Kleine Bildnisse der Schutzgötter aus Holz, Stein oder Metall, denen nach dem Glauben jener Zeiten die besondere Obhut für jedes einzelne Haus vertraut ist, und die den Bestand und die Einheit der Familie wahren. Sie sind die Geister des sich selbst versorgenden Hausstandes; vor der Vorratskammer, über der sie walten, am Herde, dessen Flamme sie nähren und schirmen, ist ihre Stelle. Sie erscheinen als sitzende, den Dioskuren ähnliche Jünglinge, mit Helm und Speer, und den hausbewachenden Hund neben sich. Jeder Hausvater widmete ihnen einen Herd, auch wohl einen eigenen Altar, auf dem an häuslichen Festen, Geburtstagen, bei Jahresanfängen u. dergl. Weihrauch angezündet und besonders im Januar ein feierliches Opfer dargebracht ward. Der fromme Anchises, der unter dem Schutze dieser seiner Penaten ergraut war, würde es für eine Sünde gehalten haben sie zurück zu lassen. Er nahm sie vielmehr in dankbarer Sorge mit sich übers Meer, und überall, wo die Wandernden auf längere Zeit ihre Wohnung aufschlugen, da erhielten auch diese Hausgötter ihre heilige Stelle und ihre Opfer; ja sie wurden in der Folge nach Lavinium, der Stadt des Äneas, von da nach Alba Longa und endlich auch nach Rom gebracht, wo sie in einem besondern Tempel andächtige Verehrung fanden.« Die Schar war jetzt gerüstet und eine Menge treuer Gefährten beluden sich freiwillig mit den Schätzen und Kostbarkeiten, welche Äneas in seinem Hause bewahrte. Sie teilten sich in mehrere Haufen, um bei den Griechen kein Aufsehen zu erregen, und Äneas bestimmte ihnen einen Platz hinter dem Gebirge, wo sie sich wieder zusammenfinden wollten. Die Familie selbst mit den Kindern verließ die geliebte Wohnung zuletzt. Indem Anchises noch zweifelnd ratschlagte, wie er bei der Kraftlosigkeit seines Alters fortkommen wolle, hatte sein wackerer Sohn schon eine Auskunft gefunden. Er hatte eine Löwenhaut umgeworfen, und lud den Vater auf seine starken Schultern. Mühsam nur und zitternd hielt sich der Greis an des Sohnes Halse. Den kleinen Askanios nahm Äneas bei der Hand, Krëusa folgte. Die Flammen der brennenden Stadt erleuchteten ihnen den nächtlichen Pfad. Mit raschen Schlitten trug Äneas seine liebe Bürde, indes der Knabe an seiner Hand nebenherging und sich an jedem Orte, wo er fremde Männer erblickte, mit erneuerter Angst an den Vater schmiegte. Eine ziemliche Strecke bis zu dem Thore hatten sie schon glücklich zurückgelegt, als auf einmal der alte Anchises ängstlich flüsterte: »Sohn, Sohn, hier nicht! ich sehe Feinde kommen und Helme schimmern.« Äneas, mehr für seinen Vater als für sich besorgt, beugte schnell der Gefahr aus, verdoppelte seine Schritte und eilte durch unwegsame Gegenden, um nur die gefürchteten Griechen zu vermeiden. Gewaltsam reißt er den Knaben mit sich fort; es gilt die schnellste Flucht, und ach! so verliert er die teure Gattin, die ihm nicht folgen kann und doch aus Furcht vor den Feinden seinen Namen nicht laut zu rufen wagt. Indessen verfolgt er aus allen Kräften seinen Weg und kommt glücklich auf dem verabredeten Sammelplatze an. Erst hier entdeckt er seinen Verlust, ihr könnt wohl denken mit welchem Schrecken! Außer sich stürzt er zurück, durcheilt, so viel er sich entsinnen kann, genau dieselben Wege, die er gekommen ist, hält jedes Weib an, das ihm begegnet. Umsonst; Krëusa ist nicht zu finden. Er erreicht aufs neue die Stadt, drängt sich aufs neue durch das Getümmel; er wagt sich sogar bis an sein verlassenes Haus, das bereits in Flammen stand. Doch sein Suchen ist vergebens. Trostlos kehrt er zurück zu seinen Freunden, und hier erhält er endlich von einigen Neuangekommenen sichere Kunde. Die Männer, deren Helme Anchises schimmern gesehen, waren wirklich Griechen gewesen; sie hatten Krëusa erkannt, verfolgt und gewaltsam ergriffen. Zu stolz, um sich als Sklavin hinzugeben, hatte das edle Weib im Kampfe mit ihren Ehrenräubern den Tod gefunden. Der treue Gatte ermangelte nicht ihre Manen durch ein feierliches Totenopfer und durch ein Grabmal, so gut sich's dort errichten ließ, zu versöhnen. Die Griechen suchten die entkommenen Trojaner an ihrem neuen Zufluchtsorte nicht weiter auf, und so hätten diese vielleicht nach einiger Zeit auf den Ruinen der zerstörten Stadt wieder neue Wohnungen aufbauen können. Aber niemand mochte den grausenvollen Schauplatz wiedersehen, noch weniger ein elendes Dorf auf der öden Stätte bewohnen, die sonst ein so erhabener Königssitz geziert hatte. Zudem hatte Äneas dringende Aufforderungen durch Orakel und Göttererscheinungen erhalten ein neues Reich im fernen Abendlande zu gründen. Als die Griechen nichts mehr zu plündern fanden, blieben dieselben natürlich auch nicht länger auf dem Schauplatze ihrer Verwüstungen; sie schifften sich mit den geraubten Schätzen und Sklavinnen ein und weideten sich noch im Abfahren an den qualmenden Aschenhaufen, an denen man allein noch erkennen konnte, daß eine Stadt dort gestanden. In Antandros war der Haufe der Geflüchteten zusammengekommen, um unter der Führung des Äneas zuerst eine Flotte zu bauen und dann mit dem Anfange des neuen Frühlings eine neue Heimat zu suchen. Schon an der Küste des benachbarten Thrakiens glaubten sie dieselbe gefunden zu haben und begannen die Gründung einer Stadt, als unglückliche Vorbedeutungen von der Ausführung des Planes abschreckten und eine weitere Flucht nötig machten. In Kreta, der Wiege ihres Volksstammes, an dem Fuße des waldigen Idagebirges, sollte die zweite Niederlassung entstehen. Abermals wurde die Flotte ans Ufer gezogen, und unter rührigen Händen wuchsen Mauern und Häuser der neuen Stadt empor. Schon sollten die bürgerlichen Einrichtungen, welche der junge Staat erforderte, getroffen werden, als die glühende Sonne des Sommers nicht bloß die Felder verheerte, sondern auch unter den Menschen Siechtum und Tod verbreitete. Bald war man einig auch diesen Wohnsitz zu verlassen, und Apollons untrügliches Orakel sollte den Weg zu einer bleibenden Stätte zeigen. Da erschienen dem Äneas die glänzenden Hausgötter, um ihm zu verkündigen, daß er Italien aufsuchen müsse, von wo einst Dardanos gekommen sei, um das trojanische Geschlecht zu begründen. Nur wenige blieben auf Kreta in der neuerbaueten Pflanzstadt Pergamos zurück, die in späteren Jahren zu erfreulicher Blüte gedieh. Die andern aber bestiegen wieder die Schiffe, um die nun bestimmter verheißene Heimat zu suchen. Ein fürchterliches Unwetter trieb sie mehrere Tage lang auf dem Meere umher, und erst nach mancherlei Irrfahrten erblickten sie die italische Küste. Aber neue Vorzeichen – vier schneeweiße am Ufer weidende Rosse, die Anchises auf einen bevorstehenden Krieg deutete – mahnten von der Landung ab; sie schifften weiter nach Süden, berührten das Land der Kyklopen, wo des Polyphemos schreckliche Gestalt ihnen neue Furcht einjagte, und wurden durch einen heftigen Sturm nach Afrika verschlagen, so daß von ihrer ansehnlichen Flotte nur sieben Schiffe im bergenden Hafen ankamen. Inzwischen hatte Aphrodite das Herz des Zeus durch immer neue Bitten um ihres Sohnes Rettung bewegt, und war mit der sicheren Aussicht auf des Äneas Herrschaft über Italien und auf Roms Weltmacht beruhigt und getröstet worden. Der geflügelte Bote der Götter (Hermes oder Merkur) ward nach Karthago entsendet, wo Dido über die von ihr erst begründete Stadt herrschte, und warb dort um gastliche Aufnahme für die Trojaner. Schon am folgenden Morgen brach Äneas mit seinem treuen Gefährten Achates auf, um die Gegend zu durchspähen. Sie fanden bald die ausgedehnte Königsstadt, in der noch immer tausend rührige Hände beschäftigt waren neue Häuser und Straßen zu bauen, Hafen, Theater und Tempel einzurichten. Beide betraten unerkannt und in Nebel gehüllt das prächtige Heiligtum der Here (Juno) und fanden da an dem Portale die Königin Dido , wie sie, von zahlreichen Jünglingen umgeben, Recht sprach und Gesetze gab. Vor ihr erschienen auch auserwählte Männer der Trojaner, um ihren Schutz und ihre Hilfe zu der weiten Fahrt nach Italien zu erflehen. Mit den freundlichsten Worten wurden sie empfangen, die bereitwilligste Hilfe zugesagt, sogar ein Wohnsitz im karthagischen Lande ihnen angeboten. Äneas selbst wurde in den Palast geführt und ihm dort ein Festmahl zugerichtet, das die Ankunft eines solchen Helden würdig feiern sollte. Mit banger Sorge hatte Aphrodite diesen Ereignissen zugesehen; sie fürchtete den Einfluß der Here, der Schutzgöttin jenes Landes, und nicht weniger die sprichwörtlich gewordene Treulosigkeit der Karthager. Darum sann sie auf eine List. Eros, der Liebesgott, sollte in der Gestalt des kleinen Askanios in dem Palaste erscheinen und der Dido heftige Liebe zu Äneas einflößen, während sie den holden Knaben sorglos auf ihrem Schoße schaukelte und küßte. Die List gelang. Das Bild des Helden hatte sich dem Herzen der Dido tief eingeprägt. Aber sie hatte gelobt nie wieder einen Ehebund zu schließen, nachdem der Tod ihr den ersten Gatten geraubt. Anna, die teure Schwester, redete ihr zu, ihre Jugend nicht in Witweneinsamkeit zu vertrauern und sich einen anderen Gemahl zu erwählen, der gegen die umwohnenden barbarischen Stämme und gegen den feindlich gesinnten Bruder in Tyrus sie schützen könne. Ja, Here selbst habe offenbar die Trojaner hierher geführt, um durch eine solche Vermählung die Macht und den Ruhm ihrer Stadt zu erhöhen. – Und wirklich, die Göttin hatte geglaubt auf solche Weise die Trojaner von Italien abhalten zu können und beide Völker zu einem einzigen Stamme zu vereinigen. Bei einer Jagd, die durch ein plötzliches Unwetter unterbrochen ward, kamen Dido und Äneas Schutz suchend in dieselbe Grotte, und hier war es, wo jene dem Helden ihre Liebe gestand und dieser, uneingedenk der göttlichen Verheißungen, die Zärtlichkeit erwiderte und sich zu einem Schwure hinreißen ließ. Feste folgten nun auf Feste; der Gedanke an die Abfahrt war zurückgedrängt, und schon nahte der Winter. Zeus, erzürnt über dies Säumen, sandte sogleich den Hermes, um den Äneas an seine Bestimmung zu erinnern. Das erst rüttelte ihn aus seiner Betäubung. Er berief seine vertrautesten Freunde an einen einsamen Ort und befahl ihnen die Flotte zu rüsten, die Gefährten zu sammeln und alles zu schneller Abfahrt in Bereitschaft zu setzen, aber auch alles so heimlich als möglich zu betreiben, damit keine Kunde zu den Ohren der Dido dringe. Die liebende Königin konnte nicht getäuscht werden; sie entdeckte bald, daß die Trojaner zu ihrer Abreise rüsteten. Tief erschüttert durcheilte sie die Straßen der Stadt, um den Äneas zu suchen, und überhäufte ihn mit Vorwürfen, die aber ohne Wirkung blieben, weil die Mahnung der Götter ihm über alles ging und kein Menschenwort mehr den einmal gefaßten Entschluß, Italien aufzusuchen, wankend machen konnte. Aber er mußte die Leiden der Dido, welche diese endlich sogar bis zum Selbstmorde trieben, mit neuen Irrfahrten und großen Unglücksfällen büßen. Zunächst wurde er nach Sizilien verschlagen, wo trojanische Frauen, der langen Reise müde, vier schöne Schiffe verbrannten; dann verlor er seinen ausgezeichneten Steuermann Palinuros und gelangte darauf zuerst in den Hafen von Cajeta, der von seiner alten treuen Amme diesen Namen erhielt, und endlich bei Ostia in das italische Land. Hier war es, wo die ermüdeten Trojaner bei der eiligen Bereitung des Mahles Weizenkuchen buken und statt der Tische und Teller gebrauchten, ja als ihr Hunger noch nicht gestillt war, auch diese verzehrten. Darüber scherzend sagte der kleine Julus (Askanios): »Wir verzehren ja unsere eigenen Tische!« und jetzt erst fiel es ihnen bei, daß nun das verheißene Land erreicht und die Verkündigung der Harpyie Kelaeno und des Vaters Anchises erfüllt sei. Doch weiter will ich die Geschichte nicht erzählen. Der Krieg mit Turnus, die Einzelkämpfe und die Schlachten, die Volksversammlungen und die Beratungen der Fürsten würden euch wenig Anziehendes bieten. Vierter Abend. Der Argonautenzug. Ohne sich lange bitten zu lassen, begann der Lehrer am folgenden Abend also: Die Fahrt der Argonauten fällt in die früheste, noch sehr dunkle Zeit der griechischen Geschichte. Sie trug sich wenigstens sechzig Jahre vor dem trojanischen Kriege zu, und es ist sehr nötig, daß ihr euch vorher, ehe ihr sie vernehmet, ein wenig auf dem Schauplatze der Erzählung zurecht findet. Erschienen uns schon die homerischen Helden als einfache, aber ziemlich rohe Natursöhne, so stehen die Großväter derselben, die jenen Zug auf dem Schiffe Argo mitmachten, auf einer noch viel niedrigeren Stufe der Bildung; denn sechzig Jahre machen in der Jugendperiode eines sich bildenden Volks schon einen bedeutenden Unterschied. Griechenland war noch wild und unbebaut, von mächtigen Gebirgen durchschnitten, von dichten feuchten Wäldern bedeckt, in denen reißende Tiere hausten. Sogar Löwen fanden sich zuweilen dort vor, während man oft viele Tagereisen weit keine Spur von menschlichen Bewohnern antraf. Mit einem Worte, so rauh, so öde, als nur irgend ein Reisebeschreiber eine von Wilden bewohnte Insel schildert, müßt ihr euch das damalige Griechenland denken. Deshalb sind wir aber nicht berechtigt, uns auch die ältesten Bewohner, die offenbar von Asien her eingewandert waren, als rohe Wilde vorzustellen, so daß sie alles, was zur menschlichen Gesittung gehört, erst spät und langsam sich erworben oder von auswärts her überkommen hätten. Freilich giebt es viele Überlieferungen aus dieser ältesten Vergangenheit, denen zufolge dieselbe allerdings ein Zeitalter der fürchterlichsten Grausamkeiten gewesen ist. Unzählige Geschichten von wütenden Überfällen, Bruderkriegen, Kindermorden und andern blutigen Greuelthaten sind der Inhalt jener Erzählungen. Am frühesten wurde der gebirgige Teil Griechenlands, Akarnanien, Ätolien und besonders Thessalien, bevölkert. Die Bewohner desselben waren insofern schon in Verbindungen zusammengetreten, als mehrere Familien, die allmählich zu Stämmen anwuchsen, sich den Stärksten zu ihrem Oberhaupte gewählt hatten, dessen Ansehen sich gewöhnlich vom Vater auf den Sohn fortpflanzte, so daß nach und nach in solchen Familien die Königswürde erblich wurde. Die Ehre, die mit solchem Amte verbunden war, übte schon auf diese rohen Gemüter einen verführerischen Reiz, daher oft ein jüngerer Bruder dem älteren nach dem Leben trachtete, um sich an seiner Statt in den Besitz der Königswürde zu setzen. Ja mancher, um nicht zeitlebens die eifersüchtigen Nachstellungen der Seinigen zu fürchten, ließ die ganze Blutsverwandtschaft auf einmal ermorden! Genau dieselben Auftritte wiederholen sich in der frühesten Geschichte der germanischen und nordischen Völker, besonders der Franken. Von Städten finden wir in dieser Periode nur erst ganz kleine Anfänge. Was so genannt wird, ist wohl nichts weiter gewesen, als ein bebauter und etwas befestigter Hof für das Haupt oder den sogenannten König des Hauses, umgeben mit mehreren Hütten seiner Dienstmannen. Auf dieser Stufe der Bildung liebt der Mensch das freischweifende Leben viel zu sehr, als daß er sich mit seinesgleichen hinter festen Mauern zusammendrängte; ja die Wohnsitze der Stämme waren damals noch nicht einmal derartig, daß man darauf hätte denken sollen, ihnen Regelmäßigkeit, Ordnung und Dauerhaftigkeit zu verleihen. Noch immer erfolgten Wanderungen aus einem Teile Griechenlands in den andern, es ward auch wohl einmal ein Volk von dem andern verdrängt und mit Gewalt genötigt, sich andere Wohnstätten zu suchen. Krieg und Jagd sind bekanntlich die einzigen Beschäftigungen solcher Völker. Zeichnete sich in Griechenland ein Königssohn durch vorzügliche Stärke aus, und hatte er sich durch Erlegung eines besonders gefährlichen Raubtiers den Dank seiner Nachbarn verdient, so ward er oft von Fremden aufgefordert ihnen zu einer ähnlichen Unternehmung seinen Beistand zu leihen, ja auch wohl allein dies oder jenes Abenteuer zu bestehen. So befreite mancher junge Held irgend einen Bezirk von einem wilden Tiere, oder rächte einen gewaltsam unterdrückten Fürsten oder ein gequältes Weib an seinem Tyrannen. Durch solche Verdienste haben sich Theseus, Perseus, Kastor und Pollux (Polydeukes), Da die Zusammenstellung der beiden brüderlichen Helden gerade in der römischen Namensform (Kastor und Pollux) sprichwörtlich geworden ist, wird auch im folgenden der Name Pollux statt des griechischen Polydeukes beibehalten. Herakles und mehrere andere einen Namen erworben, dessen Glanz späterhin Dichtung und Sage durch Ausschmückung aller Art bis ins Wunderbare gesteigert haben. Es geschah auch wohl, daß zwei solcher Jünglinge sich vereinigten, um gemeinschaftlich auf Abenteuer auszugehen; doch kamen sie selten über die Grenzen Griechenlands oder eine der benachbarten Inseln hinaus. Als eine Vereinigung Vieler zu einem Zuge ins Ausland ist zuerst der Zug der Argonauten merkwürdig. Man setzt ihn ins Jahr 1250 vor Christi Geburt. Der Küstenhandel der Phöniker war damals schon beträchtlich. Ihre Schiffe wagten sich sogar bis ins schwarze Meer hinein, und es ist wohl zu vermuten, daß auch Griechen zuweilen an solchen Fahrten teilnahmen. Die Nachrichten, die solche Seefahrer von den Küsten dieses Meeres mit zurück brachten, so fabelhaft sie auch sein mochten, stimmen doch darin überein, daß deren Bewohner noch viel milder als die damaligen Griechen waren und besonders an allen Fremden, die sich ihren Wohnsitzen näherten, unerhörte Grausamkeiten verübten. Auch hieß es, daß eben dort viel Gold zu finden sei. Die Weiber jener Völker endlich standen in dem Rufe, die größten Zauberinnen und Giftmischerinnen zu sein. Nun war etwa zwanzig Jahre vorher ein junger thessalischer Fürstensohn, Namens Phrixos , mit seiner Schwester Helle aus Furcht vor den Nachstellungen seiner bösen Stiefmutter Ino zu Schiffe gegangen und zu den Kolchiern am östlichen Ende des schwarzen Meeres gesegelt. Die Stiefmutter nämlich hatte es durch List dahin zu bringen gewußt, daß Athamas der Vater dem Zeus seinen Sohn Phrixos opfern wollte. Die Sage erzählt nun, der letztere sei auf einem von dem Gotte gesendeten Widder, der ein goldenes Fell gehabt, dorthin geritten. Hintenauf habe seine Schwester gesessen, aber da der Ritt durch die Meerenge gegangen, sei sie hinabgefallen und ertrunken, wovon noch jetzt diese Enge Hellespontos (Meer der Helle) heiße. Bei Phrixos' Ankunft habe ihn der König von Kolchis, Äëtes , wegen seines goldnen Widders freundlich aufgenommen, ihm auch sogar seine älteste Tochter zur Gattin gegeben, mit welcher derselbe vier Söhne gezeugt; nach des Phrixos Tode aber habe der König das goldene Fell (oder, wie man gewöhnlich sagt, das goldene Vließ ) des unterdessen gestorbenen Widders an einer Eiche in einem dem Ares geheiligten Haine aufgehängt, wo es seitdem von einem feuerspeienden Drachen gehütet worden. »Aber wie in aller Welt soll man sich einen goldnen Widder denken?« fragte Wilhelm. »Phrixos mag wohl sein Gold in einen Schlauch oder Sack von Widderfellen eingenähet gehabt haben!« sagte Anton. »Das wäre eine nüchterne Deutung der Sage!« bemerkte der Lehrer. Nicht viel besser ist die Vermutung, daß das Schiff, auf dem er gefahren, den Namen oder auch das Zeichen des Widders geführt habe. Damit ist das von einem gräßlichen Drachen bewachte goldne Vließ gar nicht erklärt. Ich gestehe auch, daß unter allen Deutungen, die mir davon bekannt geworden sind, noch keine mich befriedigt hat. Im allgemeinen wird man festhalten müssen, daß der König von Kolchis den Griechen als Besitzer irgend eines Schatzes bekannt geworden sei, der ihre Begierde lockte; und hatte jener Fürst wirklich einem namhaften Fremdlinge aus Griechenland Gewalt angethan, so konnte sich eine Schar junger kühner Abenteurer um so leichter bewogen fühlen, Kolchis zum Ziele ihrer Fahrt zu nehmen, einmal um als Rächer eines Landsmanns gepriesen zu werden, und dann, um gute Beute zu machen. Vielleicht suchten auch die Griechen durch das schwarze Meer, das sie Pontos Euxeinos D. i. das gastlichbefreundete Meer. In jenen früheren Zeiten, als noch wilde seeräuberische Stämme die Küsten desselben umwohnten, nannten es die Griechen Pontos Axeinos d. h. das feindliche, das ungastliche Meer. Nicht selten aber wird es von den Alten auch einfach als »Pontos« bezeichnet. nannten, einen Handelsweg, um von dort Wolle und Felle zu holen, oder auch, wie man neuerdings gemeint hat, um eine Verbindung mit den stammverwandten Kolchiern anzuknüpfen und zu unterhalten. In vielen Sagen indessen erscheint der Widder als ein Sinnbild der befruchtenden Wolke; der goldene Widder ist die Wolke des segnenden Frühlingsgottes, daher ein Symbol des aus der Wolke quellenden Regens und ein Unterpfand des Glückes und des Reichtums, welches dem Drachen zu entreißen und zum bleibenden Besitze der Heimat zu machen die eigentliche Aufgabe der Argonauten ist. Das Unternehmen der Argofahrer oder Argonauten ging glücklich von statten, denn das goldene Vließ – sei es nun gewesen was es wolle – ward richtig zurückgebracht. Der Anführer des Zuges war der Thessalier Jason . Insgesamt waren ihrer Fünfzig, und unter diesen befanden sich die tapfersten Jünglinge aus allen Gegenden Griechenlands. Und jetzt, fuhr der Lehrer lächelnd fort, jetzt wäre meine Erzählung eigentlich zu Ende, denn die einzelnen Umstände dieser Begebenheit sind eine Reihe sonderbarer Märchen, die noch dazu von jedem alten Schriftsteller verschieden, ja oft widersprechend erzählt werden, so daß man kaum einen geordneten Zusammenhang herzustellen vermag.« »Aber«, sagte Julius, »Sie werden doch nicht wirklich schon aufhören?« »Nein, das ist Ihr Ernst nicht!« sagte Anton. »Haben Sie ja doch auch eigentlich nichts weiter versprochen, als uns griechische Volksmärchen zu erzählen.« »Nun wohlan«, sagte der Lehrer, »so müßt ihr mir aber auch gestatten, aus diesem bunten Gewirr der Fabeln nach Belieben auszuwählen und diejenigen, welche nicht zu meinem Zwecke passen, ganz zu übergehen.« An der Südküste des nördlichen Teiles von Griechenland, welcher später Thessalien hieß, und zwar gerade der Insel Euböa, dem heutigen Negroponte gegenüber, werdet ihr auf der Karte eine tief ins Land gehende Bucht und dabei den Namen einer Stadt Jolkos finden. Die letztere war zu jenen Zeiten eine noch junge Niederlassung, von Jasons Großvater angelegt und jetzt von seinem Oheim Pelias beherrscht. Dieser aber hatte die Herrschaft unrechtmäßigerweise an sich gebracht, da sie vielmehr seinem älteren Bruder Äson, Jasons Vater, gebührt hätte. Es scheint, als ob Äson nicht stark oder nicht kriegerisch genug gewesen sei, um sein rechtmäßiges Eigentum wieder zu erwerben; denn er lebte ganz ruhig in Iolkos neben seinem ungerechten Bruder, und dieser fürchtete auch nichts von ihm. Als aber Äson sich verheiratete und ihm ein Sohn – eben jener Jason – geboren wurde, da ward Pelias für seine eigene Zukunft besorgt. Äsons Gemahlin, Polymede, ahnte die Gefahr, welche ihr geliebtes Knäblein bedrohete, und um dasselbe vor des Oheims Nachstellung zu schützen, sandte sie es dem weisen Kentauren Chiron , den wir schon aus Achilleus' Geschichte kennen, zur Erziehung, während sie zugleich den Pelias mit falscher Kunde täuschte. Das Kind, hieß es, sei gestorben. Der so gerettete Jason wuchs indessen unter Chirons Leitung zu einem kräftigen, schönen und mutigen Jünglinge heran. Eine Zeitlang war Pelias auch völlig beruhigt, allein ein Orakel erfüllte ihn bald wieder mit Sorgen und Furcht. Der dunkle Schicksalsspruch lautete, »er solle sich vor dem hüten, der nur an einem Fuße beschuht sei.« Da indessen viele Jahre verstrichen, ohne daß ihm ein Unglück widerfuhr, so vergaß er die göttliche Warnung und fühlte sich wieder sicher. Einst aber, als er dem Poseidon am Gestade des Meeres ein großes Opfer bereitete und das ganze Volk von Iolkos zu dem Feste versammelt war, kehrte Jason, der eben seinen Erzieher verlassen hatte, in die Heimat zurück und begab sich, da er zu Iolkos von dem Opfer hörte, geradeswegs an das Meeresufer. Alle bewunderten schon von ferne die edle, schöne Gestalt des herannahenden Jünglings. In einem reichen asiatischen Gewände schritt er einher, und über den Schultern hing ihm ein Pantherfell; in der Hand aber trug er zwei Lanzen. Die ganze Bekleidung und die Waffen zeigten den Fürstensohn. Nur eins entstellte ihn: als er durch den Fluß Anauros gewatet war, hatte er im Schlamme einen Schuh verloren. Ihr könnt wohl denken, daß dieser Umstand keinem mehr als dem Pelias auffiel, der jetzt erschreckt jenes alten Orakels gedachte. Er ließ sich vor der Hand nichts merken und nahm seinen Neffen freundlich auf, und dieser, voll edler Begier nach großen Thaten, schien nur auf Züge zu sinnen, durch die er seinen Namen denen des Herakles und Theseus an Ruhm gleich stellen könnte. Zugleich jedoch forderte er, ehrlichen und biedern Gemütes, wie er war, von seinem Oheime die Herrschaft zurück, die dieser so unrechtmäßig an seines Vaters Stelle besaß. »Wiewohl du mich betrogen hast«, sagte Jason, »soll doch Friede unter uns sein, denn wir sind nahe verwandt. Die Herden und die Ländereien, die du meinem Vater abgenommen hast, magst du ruhig behalten; aber der Thron gebührt mir, und den wirst du freiwillig abtreten, wenn du weiteres Unheil verhüten willst.« »Höre mich an!« sprach der schlaue Pelias. »Ich habe fest beschlossen, den Thron keinem Unwürdigen abzutreten. Du sprichst zwar viel von Heldenthaten, allein du hast noch keine verrichtet. Wirst du nun diejenige glücklich vollführen, die ich dir auferlegen werde, so sollst du mir so wert wie ein Sohn sein und alsdann sogleich die Herrschaft über Iolkos aus meiner Hand empfangen.« Jason brannte vor Begierde, den Auftrag zu vernehmen, und der listige Oheim fuhr fort: »Ich werde dir ein Schiff ausrüsten und bemannen, auch für einen erfahrenen Steuermann sorgen, der die Wege kennt. Darauf sollst du nach Kolchis segeln und in meinem Namen dort von dem Könige des Landes das goldene Vließ zurückfordern, das eigentlich uns gehört, weil es durch Phrixos erst dorthin gekommen ist. Dadurch wirst du unsere Ehre rächen, unser Haus von dem schweren Zorne der Götter befreien und deinen eigenen Namen hochberühmt bei allen Griechen machen. Schwer, ich gestehe es, ist das Unternehmen, aber dem wahren Männermute ist nichts unmöglich.« Der Jüngling erkannte wohl, daß es bei diesem Auftrage auf etwas ganz anderes als auf seinen Ruhm und auf die Ehre der Griechen abgesehen war, doch glaubte er denselben nicht füglich ablehnen zu können. Er ging lange mit sich zu Rate; endlich beschloß er, erst Griechenland zu durchwandern und die tapfersten Fürstensöhne zur Teilname an dem abenteuerlichen Zuge einzuladen. Das that er, und seine Reise belohnte sich über seine Erwartung. Eine Menge kühner Jünglinge, ja selbst Männer von hohem Rufe erklärten sich zur Teilnahme bereit. Der Herrlichste der ganzen Heldenschar aber, die sich alsbald in Pagasä zusammenfand, war Herakles . Nächst ihm waren Kastor und Pollux , die beiden Dioskuren oder Zeussöhne, die berühmtesten Teilnehmer. Auch Telamon , nachmals Vater des ältern Aias, den wir bei Troja kennen gelernt haben, schloß sich ihnen an. Ein anderer berühmter Name ist Orpheus , ein thessalischer Fürst, dem die Sage eine Muse zur Mutter gab, weil er die Kunst des Saitenspiels und des Gesanges verstand und damit wunderbare Wirkungen hervorbrachte. Auch Patroklos' Vater, Menötios , damals noch ein Jüngling, hatte sich angeschlossen; nach einigen selbst Theseus . Am Fuße des Berges Pelion ward das Schiff gezimmert, welches die abenteuernden Genossen aufnehmen sollte. Argos , der Baumeister des Schiffes, verewigte seinen Namen mit demselben, indem er es Argo nannte. Es war von unverweslichem Holze und von einer Größe, wie man bis dahin noch keines gesehen hatte. Als es fertig da lag, versammelten sich alle Teilnehmer am Strande, um dem Poseidon und allen Meeresgottheiten das große Festopfer von hundert Stieren, die sogenannte Hekatombe darzubringen, und forschten, dem Glauben der Zeit gemäß, nach Vorzeichen der Zukunft in den Eingeweiden der Opfertiere. Aus diesen ergab sich nichts als Glück; man rechnete mit Zuversicht auf den Beistand der Götter und ging nun frisch daran, die Argo auf untergelegten Walzen ins Meer zu schieben. Dann ward um die Plätze im Schiff gelost; doch ehrte man die beiden größten Helden, Herakles und Ankäos , dadurch, daß man ihnen die beiden mittelsten Sitze ohne Los einräumte. Der bescheidene Jason that noch mehr; er drang auf die Wahl eines Anführers. Alle riefen einmütig, Herakles soll es sein; allein dieser lehnte mit gleicher Bescheidenheit die Ehre ab, indem er erklärte, er halte es für schicklich und recht, daß derjenige die Schar anführe, der sie versammelt habe, und so folgten denn alle seinem Vorschlage und erkannten Jasons Oberbefehl an, der freudig diese Würde übernahm. Jetzt ward eingestiegen. Herakles, der in dem Vorderteile des Schiffes saß, stellte seine gewaltige Keule vor sich, und die fünfzig Ruderer begannen ihren regelmäßigen Taktschlag, während Orpheus mit Gesang und Saitenspiel die Herzen erfreute. Alle Najaden (Wassernymphen), erzählt die Sage, hoben sich aus den Fluten des Meeres empor, um den reizenden Tönen zu horchen und zugleich den Wunderbau des Schiffes zu bestaunen. Ein günstiger Wind trieb dasselbe bei dem Vorgebirge Sepias und den Inseln Skiathos, Skopelos, Halonesos und Peparethos vorbei, so daß es schon am zweiten Tage auf die Höhe der Insel Lemnos gelangte. Auf derselben war nicht lange vorher ein seltsamer Aufstand ausgebrochen. Aphrodite, die Göttin des Liebreizes, hatte sich an den Weibern von Lemnos dafür, daß diese ihr übermütig die göttliche Verehrung versagt, rächen wollen und hatte sie zu dem Ende mit einem Übel gestraft, durch welches sie ihren Männern zuwider geworden waren. Diese hatten sich hierauf von ihnen getrennt, sich Sklavinnen aus Thrakien zu Weibern genommen und dadurch jene tötlich beleidigt. Aber die Verschmäheten sannen auf fürchterliche Vergeltung. In geheimer Zusammenkunft beschlossen sie, in einer bestimmten Nacht alle Männer zu überfallen und mit ihren neuen Weibern zu erdolchen. Es geschah und gelang. Am nächsten Morgen war das ganze männliche Geschlecht auf der Insel vertilgt, nur der alte König Thoas war am Leben geblieben; ihn hatte seine Tochter Hypsipyle in einem Kahne ins Meer geschoben, und so hatten ihn die Wellen ans Gestade der Insel Önoë bei Euböa getrieben. Nur kurze Zeit sollten die mörderischen Lemnierinnen sich ihrer gelungenen Rache freuen, und bald quälte sie bittere Reue. Vergebens opferten sie jetzt der Göttin alle Tage; das Unheil war nicht ungeschehen zu machen, und was ihr schmerzlichster Vorwurf war: sie selbst hatten sich mit dieser Schuld beladen. Und woher sollten nun andere Gatten kommen? Unaufhörlich liefen sie ans Gestade und sahen fürchtend und hoffend zugleich über die blaue Meeresfläche hin, ob sich nicht etwa die Wimpel irgend eines Schiffes zeigten. Aber lange war ihr Spähen und ihr Gebet fruchtlos; erst den Argonauten war es vorbehalten, die Büßenden zu trösten. Die Helden verwunderten sich nicht wenig, schon von ferne das ganze Ufer mit bewaffneten Weibern angefüllt zu sehen. Als sie sich dem Hafen näherten, zogen sich dieselben zwar in ihre Stadt zurück, doch schaute noch manches neugierige Gesicht verstohlen hervor nach den neuen Ankömmlingen. Die letzteren aber, welche von der seltsamen Staatsverfassung in Lemnos noch nichts wußten, beschlossen eine Gesandtschaft an den König der Insel zu schicken und um gastliche Aufnahme zu bitten. Jason, mutig wie er war, stellte sich selbst an die Spitze der Abgesandten und ging wohlgerüstet in die Stadt. An allen Thüren lauschten Weiberköpfe; ein Mädchen zeigte ihm den königlichen Palast. Hier ward er abermals von Mädchen empfangen und vor die Hypsipyle, die nunmehrige Königin der Insel, geführt. Diese nahm ihn freundlich auf, hieß ihn willkommen und erzählte ihm ein künstlich ersonnenes Märchen von einem Kriege der Thrakier mit den Lemniern, in welchem die letztern alle niedergehauen worden seien. Jason bat hierauf um Lebensmittel und Erfrischungen für seine Genossen, und die Königin bewilligte nicht nur dieses, sondern lud auch seine sämtlichen Gefährten ein in die Stadt zu kommen, wo sie aufs beste bewirtet werden sollten. Das ward dankbar angenommen, und Jason beeilte sich zunächst den Seinigen den sonderbaren Bericht abzustatten. Diese begaben sich hierauf nach der Stadt; nur Herakles blieb freiwillig mit einigen Gefährten zurück, um das Schiff zu bewachen. Die Weiber legten es nun auf nichts Geringeres an, als ihre willkommenen Gäste auf immer an sich zu fesseln und womöglich ihnen die Reise nach Kolchis ganz und gar aus dem Sinne zu bringen. Alle Tage vergingen in Lustbarkeiten und Schwelgereien; es wurde getanzt, gesungen, gespielt, gegessen und getrunken nach Herzenslust, und die Weiber würden wahrscheinlich auch ihre Absicht erreicht haben, wenn nicht endlich Herakles die Männer fast mit Gewalt aus ihrem thatenlosen Leben herausgerissen hätte. Dieser war seines Wächteramtes auf dem Schiffe allmählich müde geworden; er konnte es nicht ertragen so viele Tage hintereinander in träger Rast zu liegen, und an den Schwelgereien jener Lüstlinge teilzunehmen verschmähte seine starke Seele. So berief er denn in gerechtem Unmut sämtliche Gefährten hinaus zu einer Versammlung und hielt ihnen in einer ernsten und kräftigen Anrede ihren Leichtsinn vor. »Den Schwelgern und Schmarotzern«, rief er aus, »steht der Kriegsgott nicht bei, und Weiberhelden werden das goldene Vließ nicht erobern. Habt ihr darum eure eigenen Weiber zu Hause verlassen, daß ihr hier mit fremden lustig leben wolltet? Wahrlich, ich rate euch umzukehren, wenn ihr nicht wollt, daß ich mich hier auf der Argo allein einschiffen und euch auf immer in Lemnos zurücklassen soll.« Das fruchtete. Mit schwerem Herzen willigten sie ein, daß am nächsten Morgen schon aufgebrochen werden solle. Aber noch verbargen sie diesen Entschluß vor ihren freundlichen Wirtinnen, die nicht ahnen konnten, was ihnen bevorstand. Um so größer war daher deren Schrecken, als am Morgen jeder Gast seiner Wirtin die Hand drückte und sich für das empfangene Gut bedankte. Himmel, welch ein Klaggeschrei erhob sich da! und welche Thränen flossen! Hypsipyle zumal konnte sich nur schwer von dem geliebten Jason trennen. Sie beschwor ihn bei allem, was ihm heilig sei, auf der Rückreise noch einmal an die Insel heranzukommen und sie dann mit nach Griechenland zu nehmen. Alle ihre Kostbarkeiten drang sie ihm als Geschenk auf, und als er sich nun endlich losriß und in das Schiff sprang, folgten ihm noch ihre innigsten Glückwünsche und ihre zärtlichsten Scheidegrüße nach. Die Argonauten steuerten nun gerade in den Hellespont hinein. Sie kamen bei der dardanischen Burg Abydos vorbei und landeten an der Küste der Dolionen . Die Bewohner dieser Landschaft, ein gastfreies Volk, nahmen sie mit Freuden auf, bewirteten sie aufs beste und behielten sie eine Nacht und noch einen Teil des folgenden Tages bei sich. Besonders beeiferte sich ihr König Kyzikos den Helden seine Achtung zu bezeigen, und den Jason zumal gewann er so lieb, daß er ihm die kostbarsten Geschenke zum Andenken mit auf den Weg gab. Herzlich erfreut und voll Danks gegen die friedlichen, freundlichen Dolionen brachen die Reisenden nachmittags wieder auf, wurden aber bald durch widrige Winde in ihrer Fahrt gehemmt. Doch ging alles gut, so lange es Tag war. Als aber die Finsternis eintrat, ward der Wind immer ungestümer. Man konnte durchaus nicht vorwärts, und der Steuermann fürchtete, das Schiff möchte an eine der vielen Klippen geschleudert werden, die in Meerengen so häufig sind. Nachdem also das Schiff eine lange Zeit trotz alles Mühens der Ruderer rückwärts getrieben war, riet derselbe wieder ans Land zu gehen, bis der Sturm vorüber sei. Das geschah, die Helden stiegen in der dichtesten Finsternis aus und banden ihr Schiff an, ohne zu ahnen, wo sie sich befanden. Es war nämlich wiederum die kaum verlassene, befreundete Küste der Dolionen, auf der sie wenige Stunden vorher so viel Gutes genossen hatten. Auch die Bewohner, welche die Ankunft eines Schiffes alsbald gewahr wurden, waren weit entfernt an ihre unlängst erst so freundlich entlassenen Gäste zu denken. Ihr erster Gedanke war vielmehr, daß es ein Trupp Pelasger sein möchte, wilde Nachbarn, welche mit ihnen in ewigem Kriege lebten und sie oft durch feindliche Landungen überraschten. Sogleich rief der König seine Leute auf; jeder warf in der Eile die Rüstung um und lief der Küste zu. Unseliges Geschick, daß auch nicht einer von so vielen die Stimme eines Freundes erkannte! In der Bestürzung dachte niemand daran den Feind zu erkennen, sondern nur ihn zu schlagen. Die Argonauten, über den feindlichen Empfang entrüstet, wehrten sich tapfer. Herakles' Keule zerschmetterte manchen Schädel, und Jason, der im Dunkeln auf den König selbst stieß, rannte ihm seine Lanze durch den Leib. Darauf ward alles still, und die Helden legten sich am Ufer zum Schlummer nieder. Ihre schmerzliche Enttäuschung beim Erwachen brauche ich euch nicht zu schildern. Noch sah Jason seine Lanze in der Brust des edeln Kyzikos stecken, der ihm erst gestern so viel Liebe erwiesen hatte. Auch manchen andern wackern Mann erkannten sie unter den Toten. Die übriggebliebenen Dolionen waren nicht minder betrübt, als sie ihr unglückliches Mißverständnis gewahr wurden. Sie stürzten auf die Griechen mit offenen Armen zu, als wollten sie es ihnen abbitten, aber diese meinten mit ihnen und maßen sich die größere Schuld bei. Alle schoren sich das Haar ab, nach der Sitte der Trauernden, zugleich fasteten sie mehrere Tage lang und bereiteten dem erschlagenen Könige ein stattliches Leichenbegängnis, Dann folgten reuige Opfer zur Versöhnung der Götter, deren Zorn man in dem fortdauernden Unwetter zu erkennen glaubte, und endlich, nachdem sich der Himmel aufgeheitert hatte, ward zum Zweitenmal die Abreise angetreten. Noch innerhalb der Propontis D. i. wörtlich das »Vormeer«, weil es den Eingang zum Pontos bildete; heutzutage heißt es das Marmarameer. landeten sie wieder und zwar an der Küste von Mysien . Hier blieben einige der Helden zurück; das war ein bedeutender Verlust, denn auch Herakles war unter ihnen. Er war mit seinem Lieblinge Hylas in den Wald gegangen, um sich ein neues Ruder zu schneiden. Als dieser aber, den die Nymphen der Quelle um seiner Schönheit willen geraubt, am Abend nicht zurückkehrte, ging er aus, um ihn zu suchen. Ohne des Herakles Rückkehr abzuwarten, benutzen die Argonauten den günstigen Wind am Morgen des folgenden Tages und segeln weiter. Sie halten sich nun immer am rechten Ufer der Propontis und sprechen am folgenden Tage an der bithynischen Küste bei den Bebrykern ein. Das war ein kriegerisches Volk, dessen König, der wilde Amykos , sogleich herbeigelaufen kam, nachdem die Argonauten ans Land gestiegen waren, um Wasser zu schöpfen. »Heda, ihr Fremdlinge!« rief er, »bei uns ist es nicht Sitte, daß jeder Landstreicher herankommen darf, wie er Lust hat. Wir ehren nur die tapfern Männer, und wollt ihr von uns aufgenommen sein, so zeigt euch erst als solche. Habt ihr einen unter euch, der Herz hat es mit mir im Faustkampf aufzunehmen, so stellt ihn mir gegenüber! Aber wehe euch, wenn ich ihn besiege! Dann möchte wohl schwerlich einer von euch lebendig entrinnen.« Die fürchterliche Stimme, die vollkommen dem Riesenwuchse des Herausfordernden entsprach, schmeckte dennoch die Griechen nicht so sehr, als er erwartet hatte. Vor allen sprang sogleich der kunstfertige Pollux hervor und rief ihm entgegen: »Du Übermütiger, wenn dich so sehr nach Schlägen gelüstet, so komm her, ich will dich zum friedliebenden Manne machen!« Er warf den Mantel ab, und der Kampf begann. Nach manchem gräßlichen Schlage des gewaltigen Unholds und mancher geschickten Abwehr des vielgewandten Pollux standen zuletzt beide entkräftet da und mußten ausruhen. Sie trockneten sich den Schweiß ab, von dem sie ganz bedeckt waren, und während dieser Pause fragte Pollux den König, ob er nicht mit dieser Probe zufrieden sein wolle. Aber dieser, von des Gegners Kühnheit nur mehr angefeuert seinen alten Ruhm der Unbezwinglichkeit zu behaupten, gab eine trotzige Antwort. »Eher nicht«, sprach er, »als bis ich dich im Sande liegen sehe!« So drangen sie denn mit gestärkten Kräften und erneutem Eifer noch einmal aufeinander ein. Jenseit riefen die Wilden ihrem Könige, von dieser Seite die Griechen ihrem Freunde durch laute Aufmunterungen Mut ins Herz. Auch diesmal blieb der Sieg lange zweifelhaft, bis endlich nach einem fürchterlichen Faustschlage des Bebrykers, der vermöge einer raschen Wendung des Pollux an dessen Seite unschädlich abglitt, der König einen Augenblick aus seiner festen Stellung kam und eben jetzt einen Schlag erhielt, der ihm die Besinnung raubte. Betäubt sank er in die Kniee, und dann stürzte er mit blutendem Gesicht vorwärts in den Sand hin. Als die Bebryker dies sahen, griffen sie den Pollux mit Knütteln an; aber nun fielen auf der Stelle die Griechen mit Spießen und Schwertern über sie her und schlugen sie in wenig Augenblicken in die Flucht. Pollux ließ sich seine Quetschungen, deren er nicht wenige bekommen hatte, mit lindernder Salbe bestreichen; die übrigen trieben ein paar Rinder von den furchtsamen Eingebornen auf, bereiteten sich ein Mahl, stärkten sich durch kurze Ruhe und bestiegen mit dem Anbruch des Morgens wieder ihr Schiff. Der schöne und kampflustige Jüngling hatte den plumpen, garstigen Riesen besiegt. Fünfter Abend. Der Argonautenzug. Jetzt ging die Fahrt in den Bosporos hinein, bekanntlich die Meerenge, an welcher Konstantinopel liegt. Von solchen schmalen Meerstraßen fabelten die ältesten Reisenden oft wunderbare Dinge. Wie man bei der sizilischen Meerenge das Märchen von der Skylla und der Charybdis hatte, und von jenen beiden Felsen, auf denen heutzutage Gibraltar und Ceuta liegen, erzählte, Herakles habe sie als Denkfaulen dahin gestellt, um dadurch die westliche Grenze seiner Irrfahrten zu bezeichnen, so sagte man vom Bosporus, es stünden an dem Ende desselben einander zwei steile Felsen, die sogenannten Symplegaden , gegenüber; dieses Felsenpaar rücke vom Sturm getrieben bald zusammen, bald wieder auseinander, so daß ein Schiff wenigstens so schnell, als eine Taube fliegt, hindurch rudern müsse, um nicht mit Mann und Maus zerquetscht zu werden. Eine Taube voran fliegen zu lassen war auch den Argonauten geraten. Nur die Schwungfedern waren ihr durch das zuschlagende Felsenthor abgeschnitten. Es versteht sich, daß unsere Argonauten, die ohnehin unter dem schützenden Geleit der Here und des Poseidon reisten, das Abenteuer glücklich bestanden, zumal da die Felsen, wie verzaubert durch des Orpheus Spiel und Lied, unbeweglich standen und, wie die Sage hinzufügt, seitdem festwurzelten und die Einfahrt in den Pontos für immer offen ließen. Die nächste Rast hielten die Helden diesmal an dem linken Ufer unmittelbar hinter dem Ausgange des Bosporos, in einem zu Thrakien gehörigen Landstriche. Hier hörten sie seltsame Geschichten. Der König des Landes, der alte Phineus , hatte in jüngeren Jahren die Kleopatra , eine Tochter des Boreas , zu seiner Gemahlin erwählt und, nachdem ihm dieselbe bereits zwei jetzt erwachsene Söhne geboren, eine zweite jüngere, die Idäa , des Dardanos Tochter, zur Gemahlin genommen. Diese, welche sich in ihren herrschsüchtigen Plänen durch die beständige Gegenwart der Stiefsöhne sehr beschränkt sah, warf einen bittern Groll auf dieselben und wußte sie bei dem Vater so tückisch zu verleumden, daß dieser nichts als eine gerechte Strafe zu vollziehen glaubte, als er ihnen nach der barbarischen Sitte der Thrakier und Skythen die Augen ausstach und sie lebendig in ein Grab einsperrte. Zu spät erfuhr der unglückliche Vater, daß das Verbrechen, dessen die eigennützige Stiefmutter jene beschuldigt hatte, erdichtet gewesen sei. Die Rache der Götter kam noch seiner Reue zuvor. Er selbst erblindete, und Zeus fügte diesem Unglück noch eine andere Plage hinzu. Sobald er sich nämlich zu Tische setzen wollte, um etwas zu genießen, kamen zwei häßliche Geier, die Harpyien , herbei geflogen, fraßen ihm die Speisen vor dem Munde weg oder ließen nur einen eklen Rest zurück, von dem der Hungernde sich mit Abscheu hinwegwenden mußte. Ein Trost jedoch war diesem unglücklichen Greise noch geblieben, denn ein Orakel hatte ihm verkündigt, zwei Boreaden (Söhne des Boreas ) würden ihn noch vor seinem Ende von den Harpyien erlösen. Diese Weissagung näherte sich jetzt ihrer Erfüllung, denn unter den Argonauten befanden sich wirklich die verheißenen Befreier. Sie gehörten zu den Tapfersten der Heldenschar und waren besonders so unermüdliche Läufer, daß sie sogar den Flug der Vögel an Schnelligkeit übertrafen. Ihre Namen waren Zetes und Kalaïs . Daß sie Söhne des Boreas genannt werden, ist nichts Ungewöhnliches in jenen Zeiten, in denen ein kindlicher Glaube wähnte, die Götter fänden ein Vergnügen daran in menschlicher Gestalt zu den Sterblichen hernieder zu kommen, an allen menschlichen Verhältnissen Anteil zu nehmen und sich mit den Töchtern derselben zu vermählen. So ward ja, wie schon früher oft erwähnt, Herakles für einen Sohn des Zeus, Äneas für einen Sohn der Aphrodite gehalten, ja die meisten der Helden führten ihr Geschlecht auf einen Gott oder eine Göttin zurück. Die beiden rüstigen Boreaden vernahmen mit Freuden, zu welchem Geschäft das Schicksal sie hier bestimmt habe. Um die seltsame Erzählung des alten Königs auf die Probe zu stellen, rüstete man sich alsbald zum Mahle, und sieh – kaum hatte der blinde Mann seine Speise berührt, so kamen mit rauschendem Flügelschlage die beiden Vögel herbeigestürmt, bemächtigten sich gierig ihres Fraßes und schwangen sich dann, alles umher mit scheußlichem Dunst erfüllend, in die Luft. Zetes und Kalaïs aber standen schon bereit und verfolgten sie so rasch mit gezücktem Schwerte, daß sie dieselben bald ereilten und mit ihren Wurfspießen töteten. Nun nachdem jede Spur der Unholde getilgt worden, bereitete man einen zweiten Schmaus, und nun labte sich zum erstenmale wieder der alte Phineus an der sättigenden Fülle der Speisen. Seine Dankbarkeit gegen die Fremden konnte sich kaum ein Genüge thun; auch seine treuen Diener waren so voller Freude über die glücklich abgewendete Plage, daß sie den Helden alle ersinnlichen Gefälligkeiten erwiesen. Sie packten ihnen ihr Schiff voller Lebensmittel, zeigten ihnen den Weg nach Kolchis, gaben ihnen guten Rat und erzählten ihnen von Äëtes, was sie nur wußten. Als endlich die Argonauten wieder absegelten, geleiteten sie dieselben bis ans Ufer, riefen ihnen die herzlichsten Glückwünsche nach und winkten so lange, als sie das Schiff nur sehen konnten. Jetzt befand man sich also im schwarzen Meere. Die Fahrt wandte sich nun östlich, immer der Nordküste von Kleinasien entlang, wo ihr sie auf der Karte deutlich verfolgen könnt. Ein günstiger Wind trieb das Schiff rasch zum Ziele, und es würde noch rascher geschehen sein, wenn sich die unkundige Schiffahrt jener Zeiten weiter vom Ufer hätte entfernen können. Die nächste Rast ward bei den Mariandynen gemacht, deren König, Lykos , sie gleichfalls freundlich aufnahm, als er hörte, daß die mutigen Segler seinen Feind, den König Amykos , umgebracht hätten. Ja derselbe gab ihnen sogar seinen Sohn mit, um ihnen durch dessen Vermittelung bei allen Völkern, die sie unterwegs noch antreffen würden, einen gastfreien Empfang zu bewirken. Auch hier bestätigten sich weiter die Gerüchte von Aëtes' Grausamkeit, und man erfuhr zugleich, ein Orakel habe demselben allerlei Unglück geweissagt, sobald ihm das goldene Vlies entwendet werden würde. Die Argonauten verloren hier zwei von ihren Gefährten, den Idmon , den auf der Jagd ein Eber tötete, und den Steuermann Tiphys , der einer Krankheit erlag und an dessen Stelle mit Zustimmung der übrigen Ankäos trat. Von hier ging die Fahrt mit immer günstigem Winde weiter. Das Vorgebirge Karambis ward glücklich umsegelt; von da folgte das Schiff der paphlagonischen Küste, bis man das Gebiet von Pontos (der nordöstlichen Küste Kleinasiens) erreichte, wo noch späterhin ein Vorgebirge den Namen des Jason führte. Weiterhin kamen sie zu den Chalybern , einem wegen seiner Eisenarbeiten berühmten Volke. Phöniker und Griechen holten von ihnen Erz und tauschten es für Getreide oder andere Erzeugnisse ein; denn jene Männer trieben weder Ackerbau noch Viehzucht. Die Argonauten aber gelangten nach kurzem Verweilen an die Insel Dia , wo ihrer wiederum ein Abenteuer wartete. Denn dort horsteten mächtige Vögel, die Stymphaliden geheißen, die ihre Federn als Pfeile auf sie herabschossen und mehrere der Helden verwundeten. Doch ward ihnen auch eine freudige Überraschung. Denn sie trafen hier die vier Söhne des Phrixos, welche von Kolchis aus nach Orchomenos hatten steuern wollen, um ihre väterliche Erbschaft daselbst in Empfang zu nehmen. Zu ihrem eigenen Unglück und zum Glück der Argonauten war ihnen an dieser Insel nach kurzer Fahrt das Schiff gescheitert, und so entschlossen sie sich mit unsern Helden zuvor nach Kolchis zurückzukehren und dann, wenn das Abenteuer glücklich beendigt wäre, mit jenen gemeinschaftlich nach Griechenland zu reisen. Bessere Kundschafter hätten die Argonauten gar nicht finden können als diese Jünglinge. Zwar waren auch ihre Berichte über Äëtes erschreckend genug; sie mußten namentlich sehr viele Geschichten von Fremden zu erzählen, die in Kolchis hatten landen wollen und daselbst grausam getötet worden waren; aber eben sie konnten auch den Jason am besten darüber beraten, auf welche Weise etwa dem Könige trotz seiner feindseligen Gesinnung beizukommen sei. Hier hörte Jason zuerst von der jüngsten Tochter des Königs, der klugen und mitleidigen Medeia (Medea), die schon oft der Fremden sich erbarmt und sie aus den Banden des Vaters heimlich befreit habe. Ja ihr Vater selber, hieß es, fürchte sie; denn sie sei von ihrer Mutter, einer zauberkundigen Okeanide oder Meergöttin in allerlei Geheimnisse eingeweiht und wisse die seltsamsten Getränke zu kochen, durch die an Menschen und Tieren wundersame Wirkungen hervorgebracht werden könnten. Die Söhne des Phrixos zweifelten nicht, daß Jason seinen Zweck erreichen werde, wenn er sich nur dieser Jungfrau anvertrauen wolle. Auch von ihrer eignen Mutter, der Witwe des Phrixos und des Äëtes älterer Tochter, versprachen sie ihm einigen Beistand. So segelten denn die Helden mit gefaßterem Mute ihrem Ziele entgegen. Schon hatten sie den Fluß Thermodon hinter sich, und rechtshin sahen sie die grauen, wolkenhohen Gipfel des Gebirges Kaukasos mit ihren kahlen Felsenscheiteln liegen. Da drang ein schauerliches Stöhnen aus der Ferne her zu ihren Ohren; sie lauschten und späheten, und bald darauf sahen sie einen Adler sich dort emporschwingen. Es war der Adler des Zeus, und die Stimme war des Prometheus Stimme, der von dem Vater der Götter zur Strafe an einen Fels geschmiedet war. »Warum denn?« fragte Julius. »Die Fabel sagt, Zeus, der die Menschen gehaßt und wie ein kurzsichtiger Despot ihren Ungehorsam gefürchtet habe, wenn sie etwa allmählich zur Erkenntnis ihrer Kraft gelangen sollten – Zeus habe sie in ewiger Beschränktheit zu erhalten beschlossen und eben deshalb habe er vor allem auch geflissentlich vermieden, sie mit dem Gebrauche des Feuers bekannt zu machen. So hätten die Menschen im Anfange roh und wild, gleich den Tieren des Feldes, gelebt und auf keine der Lebensbequemlichkeiten und keine der mannigfaltigen Fertigkeiten und Künste verfallen können, welche unserem Geschlechte mit Hilfe jenes Elementes möglich werden. Das habe den Prometheus , einen Halbgott aus dem uralten Stamme der Titanen , den Sohn des Japetos und der Klymene , gejammert, und so habe sich dieser aus reiner Liebe zu den hilfsbedürftigen Sterblichen erkühnt, einen Raub an den Göttern zu begehen. Er stahl einen Funken von dem himmlischen Feuer der Sonne und verbarg ihn klug im Rohr einer markigen Pflanze, deren man sich zu ähnlichen Zwecken in südlichen Gegenden noch jetzt zu bedienen pflegt. So kamen die Menschen in den Besitz der köstlichen Himmelsgabe, die sie nun sorgfältig verwahrten und immer forterhielten, so daß sie ihnen seitdem nie wieder verloren ging. Und durch jenen himmlischen Funken ward es auch Licht in der Seele: die Kräfte des Geistes wurden geweckt, der Zustand tierischer Roheit, in welchem bis dahin die Menschheit gestanden hatte, überwunden und die Kultur begründet. Zeus aber im höchsten Zorne sandte seinen hinkenden Sohn Hephästos und dessen beide Helfershelfer Gewalt und Kraft , damit sie den Prometheus ergriffen und ihn mit starken Eisenbanden um Arme, Beine und Leib und mit einem scharfen, durch die Brust getriebenen Keile an den schroffen Abhang jenes Felsens fesselten. Da hing der Unglückselige lange Zeit, ohne zu sterben, überströmt von Regen und Thau und durchglüht von den Sonnenstrahlen, und zum Übermaß seiner Pein kam Tag um Tag der Adler des Zeus dahergeflogen und hackte ihm aus der aufgerissenen Seite die Leber heraus, die alsbald in der Nacht wieder wuchs, um an andern Morgen dem gierigen Vogel neuen Fraß zu gewähren. Die Leber nämlich ist den Alten der Sitz böser Gedanken und Leidenschaften.« »Das ist ja eine absonderliche Erdichtung!« sagte Julius. »Ich halte sie für eine der merkwürdigsten Sagen der ganzen griechischen Mythologie. Sie rührt gewiß aus dem frühesten Altertume und von einem Dichter her, der auf den wunderbaren Gang der Bildung des menschlichen Geschlechts sehr aufmerksam geachtet hat. Denkt euch in den Wäldern der Urwelt eine Schar herumschwarmender Wilden. Denkt euch diese Wilden auf der untersten Stufe der Tiermenschen, noch unvermögend Feuer anzuzünden. Es ist noch keine Nation der Erde entdeckt morden, welche den Gebrauch des Feuers nicht gekannt hätte. Kein Tier aber gebraucht es, viele scheuen es sogar, und nur einzelne Haustiere mögen sich seiner Wärme freuen, wie z. B. Hunde und Katzen. Und nun denkt euch weiter, es werde ein Baum vom Blitz in Flammen gesetzt, und ehe er ganz ausgebrannt, eile einer von der Horde mutig herbei, um etwas von dem Feuer in einem Rohre aufzufassen, es weiter zu verbreiten, es von Tage zu Tage durch zugelegtes Holz oder als glimmenden Brand in der Asche lebendig zu erhalten. Denkt euch ferner, wie ein anderer ein Stück Fleisch an dem hellen Feuer zu rösten versucht, und es am Ende jetzt weit schmackhafter findet, als zuvor. Denkt, wie von diesem Tage an das Braten des Fleisches und das Rösten der Getreidekörner allgemeiner wird, wie die Menschen sich freuen, um einen Wohlgeschmack, um eine Lebensabwechselung reicher geworden zu sein, und es wird euch ganz natürlich scheinen, daß man den, der zuerst das Feuer des Himmels auf der Erde festzuhalten, unschädlich fortzupflanzen und für seinesgleichen wohlthätig zu machen versucht hatte, als einen ganz vorzüglich hochbegabten Mann verehrte. Prometheus (d.h. der Vorausbedenkende) ist gleichsam die verkörperte Vorsicht und Erfindungskraft; entweder also beehrten ihn seine Zeitgenossen für seine That wirklich mit diesem Namen, oder wenn das Ganze eine dichterische Erfindung ist, so glaubte der Erzähler diesem Manne keinen schicklicheren Namen geben zu können. Das Feuer ist im griechischen Mythus göttlichen Ursprungs; und weil es nach eben diesem Mythus durch die Anwendung auf menschliche Bedürfnisse verunreinigt wird, muß der, welcher den Menschen das Feuer gebracht, schwere Buße auf sich nehmen. Daß übrigens der frühere Grieche die große Wohlthat des Feuers mit weit lebhafterem Danke gegen den Spender derselben erkannte, als wir dies thun, die wir gar nicht einmal daran denken, das war sehr natürlich; denn selbst zu Homers Zeiten scheint der einfache Gebrauch des Stahls und Steins noch nicht bekannt gewesen zu sein, und Feuer wurde nur durch Reiben verschiedener Hölzer hervorgebracht. In der Stelle, wo Homer uns den Odysseus schildern will, wie er nackt ans Ufer von Scheria geworfen worden und sich darauf bis an das Kinn in einen Haufen dürrer Blätter vergräbt, bringt er das merkwürdige Gleichnis an: So steckt ein glühender Brand in einem Aschenhaufen, worin ihn der Landmann, der einsam ohne Nachbar auf dem Felde wohnt, verborgen hat, damit er am folgenden Tage wieder ein Feuer anzünden könne. Mit solcher Sorgfalt mußte man daher auf die Forterhaltung des Feuers von einem Tage zum andern bedacht sein. Bekannt ist die Sitte einiger Völker, namentlich der Römer und der Peruaner, gewissen Gottheiten zu Ehren ein heiliges Feuer zu unterhalten, das nie erlöschen durfte, und auch diese Sitte weist sicherlich auf jene Urzeiten zurück, in denen man die Entdeckung des Feuerstahls noch nicht gemacht hatte. In ähnlicher Weise verehrten ja auch die alten Parsen die Sonne und das erleuchtende, erwärmende Feuer.– Aber, liebe Kinder, wohin sind wir geraten!« »Wir waren am Kaukasus!« rief Anton, »wir sahen den Adler vom Prometheus hergeflogen kommen!« »Nun, so sind wir auch bald in Kolchis!« versetzte der Lehrer, »Schon am folgenden Tage erreichte die Argo den Fluß Phasis, der bei dem Gehöfte des Äëtes vorbei floß. Nicht ohne Bedenken steuerten unsere Helden in die Mündung desselben hinein, und als sie eine Strecke weiter gerudert waren, sahen sie hinter Gebüsch versteckt die Hütten der Kolchier vor sich liegen. Nachdem sie vorsichtig gelandet sind, gehen zunächst nur die vier Söhne des Phrixos zu der Königswohnung, um ihre Mutter Chalkiope zuerst für Jason zu gewinnen. Mit Verwunderung sieht Äëtes sie kommen und fragt nach der Ursache ihrer schnellen Wiederkehr, Argos , der gewandteste von ihnen, nimmt das Wort, erzählt ihr Unglück und ihr erwünschtes Zusammentreffen mit den Fremden, die er bestens rühmt; doch wagt er es noch nicht von dem Zwecke ihrer Reise etwas zu erwähnen. Der König wird begierig die gepriesenen Gaste zu sehen, und sogleich erbietet sich Argos den Anführer des Zugs herbeizuholen. Er eilt fort und kommt mit Jason zurück. In einiger Entfernung folgen noch die Tapfersten des Zuges Augeias, Telamon u, a,, wohl bewaffnet. Jason tritt mit den Phrixiden in die durchräucherte Hütte des Königs, »Wer seid ihr, Fremdlinge?« ruft dieser ihnen entgegen; »und was wollt ihr?« »Griechen sind wir, mächtiger König«, erwiderte der Held, »und ich, ihr Anführer, bin Jason Äsons Sohn, aus thessalischem Geschlechte. Mich sendet der König Pelias, mein Gebieter, zu dir, um das goldene Vließ des Widders zurückzufordern, das einst des Griechen Phrixos Eigentum war. »Das Widderfell!« rief Aëtes. »Wisset ihr nicht, wer ich bin, daß ihr wagt mit so unverschämter Lüge mir zu begegnen! Ein Fell zu holen will der Freche hergekommen sein! Und mit einem ganzen Schiffe voller Menschen! Wer sind denn die Trabanten da hinten? Ich sehe, sie führen blanke Waffen, Nun, ihr sollt auch die meinen kennen lernen! Wahrlich, nichts anderes als Diebe und Räuber seid ihr! Mein Reich zu erobern seid ihr gekommen; meine Stadt, mein Land gefällt euch. Aber hört, diese lügnerischen Zungen werde ich euch ausreißen, diese räuberischen Hände euch abhacken, und so euch zu eurem Pelias zurückschicken, der sehr wohl daran gethan hat, daß er nicht mitgekommen ist, weil es ihm sonst nicht um ein Haar besser ergangen sein würde!« »Edler König«, versetzte Jason unerschrocken, »du bist in einem seltsamen Irrtume befangen. Wie könnte doch wohl dein Land, das unserer Heimat so fern liegt, uns reizen, oder warum sollten wir gerade dich, den Furchtbarsten unter allen, ausgesucht haben, wenn wir doch einen König hätten vertreiben wollen? Sieh, ich bin so entfernt dich zu beleidigen, daß ich dir vielmehr mit allen den Meinigen gegen deine Feinde, die Sauromaten, beistehen will, wenn du es wünschest und wenn du mir im Guten meine Bitte gewährst. Es ist wahr, der Auftrag meines Oheims ist ein wenig sonderbar; vielleicht hat er mich nur prüfen wollen; allein wenn er auch noch viel sonderbarer wäre, ich habe es auf mich genommen ihn auszurichten, und ich sage dir, König, daß ich das Vlies erlangen muß!« »Mußt du es erlangen?« fragte der König mit höhnischem Grinsen. »Nun, so wirst du dir ja auch wohl eine kleine Arbeit dafür gefallen lassen? Sieh, ich habe zwei Stiere, ein Geschenk des Hephästos; die haben eherne Beine und schnauben Feuer. Mit ihnen pflege ich mir vier Morgen harten Brachlandes umzuackern. Wenn du es auch thun willst, so ist's gut. Aber am Ackern wäre es noch nicht genug; es gilt auch rüstig zu säen, und meine Saat sind Drachenzähne, Du wirst vom Kadmos gehört haben, wie er diese Zähne von der Athene zum Geschenk bekommen und sie bei Theben in den Acker gestreut hat. Da wuchs alsbald ein Heer geharnischter Männer aus dem Boden; mit denen hat er seine Stadt erbauet und große Thaten gethan. Nun siehe, den Rest der Zähne hat Athene mir verehrt; die magst du morgen säen, und weil ihr doch so tapfer zu sein vorgebt, so mögt ihr alsbald mit den emporsteigenden Eisenmännern kämpfen. Besiegt ihr sie, so ist nur noch übrig, daß du den Drachen tötest, der im Haine des Ares unter einer heiligen Eiche das goldene Vlies bewacht, und dann, du wohlgemuter Held, kannst du frisch und fröhlich in die Heimat ziehen!« Auf solche gefährliche Proben war unser Held doch nicht gefaßt gewesen. Er verbarg sein Entsetzen, so gut er konnte, und schied von dem tückisch lachenden Äëtes mit dem Versprechen, am andern Morgen wieder zu kommen. Sechster Abend. Der Argonautenzug. Chalkiope und Medeia , des Äëtes Töchter, hatten aus ihren Gemächern den ankommenden und weggehenden Fremdling beobachtet, und zwar mit ganz andern Augen als ihr rauher Vater. Die ältere, schon bejahrt und Witwe, betrachtete ihn mit mütterlichen Empfindungen, um so mehr, da sie wünschte, daß ihre Söhne unter seiner Leitung glücklich nach Griechenland kommen möchten; Medeia hingegen, noch jung und unvermählt, fühlte Liebe zu ihm. Jasons schöne Gestalt hatte sie entzückt, seine Gefahr – denn sie kannte ja ihren Vater – erregte ihre ganze Seele, und schon aus bloßem Mitleid hatte sie etwas für ihn thun können. Da sie nun gar nachher den Auftrag vernahm, den er von ihrem Vater erhalten hatte, da sie wußte, daß es der gewöhnlichen Menschenkraft unmöglich sei diese Stiere zu bändigen oder gar den Kampf gegen die aus der Saat der Drachenzähne entspringenden Krieger zu bestehen, so sah sie den edlen, im stillen geliebten Mann schon in Gedanken von jenen Ungeheuern zerrissen. Eine innige Teilnahme regte sich in ihr, und die Trauer über das unvermeidliche Unglück des Helden brach ihr das Herz; sie warf sich schluchzend auf ihr einsames Lager und kämpfte mit sich den ganzen Abend, was sie thun sollte. Auch Jason dachte nicht an Schlaf noch Essen. Er saß sinnend unter seinen Gefährten und rang mit tausend Besorgnissen und Zweifeln. Einige der Freunde waren der Meinung, die kurze nächtliche Frist zu schneller Flucht zu benutzen; allein dieser Rat ward von der Mehrzahl als feig und schimpflich verworfen. Andere rieten, man solle noch vor dem Anbruch des Tages den Äëtes in seinem Hause überfallen und ihn zwingen die Bedingungen zurückzunehmen; und wer weiß, ob man nicht diese Auskunft gewählt haben würde, wenn nicht Argos , einer der Söhne des Phrixos, einen dritten Vorschlag gemacht hätte! »Höre mich an«, sprach er; »ich glaube ein sicheres Mittel deiner Rettung zu kennen. Heute, als ich meine Mutter Chalkiope besuchte, fand ich Medeia bei ihr, die mit gar inniger Teilnahme von dir sprach. Könntest du deren Herz gewinnen, so wäre dir leicht geholfen; denn sie ist reich an klugen Erfindungen und erfahren in allerlei Zaubermitteln, so daß sie dich gegen Riesen und Drachen schützen könnte. Auch weiß ich, wie sehr sie des Aufenthalts in der kolchischen Wildnis bei ihrem harten Vater überdrüssig ist, und wie sie sich sehnt dieses einsame Leben mit einem glücklicheren und freieren zu vertauschen. Gern würde sie mit dir ziehen, wenn du sie als Braut heimführen wolltest; und wahrlich, du könntest dir keine edlere Jungfrau erwählen, weder an Gestalt noch an Bildung und trefflicher Gesinnung! Willst du, so eile ich hin ihre Gesinnung zu erforschen; vielleicht verschaffe ich dir noch in dieser Nacht eine Unterredung mit ihr, und ich bin überzeugt, du wirst meinen Einfall loben.« Dazu war Jason schon jetzt geneigt, Argos mußte noch spät am Abend nach der Stadt eilen und mit seiner Mutter die Sache besprechen. Diese ging sogleich mit ihm in das Gemach ihrer jüngeren Schwester, die sie in Thränen fanden, Chalkiope bat sie ihre Zauberkraft zum Schütze des Fremdlings anzuwenden, und Argos unterstützte die Bitte, indem er Jasons Unruhe recht lebhaft schilderte. Medeia war nur zu sehr geneigt den Bitten beider zu willfahren. Sie versprach sogleich die nötigen Salben und Tränke zu bereiten und sie dem Jason zustellen zu lassen. Freudig kehrte Argos zu dem Schiffe zurück, während Medeia an das verheißene Werk ging. Sie bereitete eine Wundersalbe, die den Körper gegen Feuerströme und Verwundungen fest und unverletzlich machte, und als derselbe fertig war, berief sie leise ihre Mägde und gebot ihnen den Wagen anzuschirren und sie auf einer nächtlichen Fahrt zu begleiten. Jason, in der frohen Erwartung einer Botschaft von seiner ihm noch unbekannten Freundin, ging mit einigen Gefährten am Ufer des Stromes dahin, als er beim Scheine des Mondes von den Hütten der Kolchier her ein leichtes Fuhrwerk, von Weibern gelenkt, bemerkte. Nicht fern von ihm hielt es still; Medeia selbst, die den Zügel geführt hatte, sprang herab und befahl ihren Dienerinnen abseits zu gehen. Auch Jasons Gefährten gingen hierauf zu den übrigen zurück und ließen jenen mit der Königstochter allein. Ehrerbietig redete er sie an: »Jungfrau oder Göttin – wie soll ich dich nennen? – ich vertraue deiner Güte, und hoffe, daß du zu meiner Rettung erschienen bist! O gewiß, es giebt noch edle Mädchen, die, wie Ariadne, sich eines unglücklichen Jünglings erbarmen, den ein hartherziger Barbar zu vernichten trachtet! –« »Wie Ariadne ?« fragte Anton. »Ja«, sagte der Lehrer. »Ariadne war die Tochter eines Königs, Namens Minos, auf der Insel Kreta. Dort war eine tiefe Höhle, das Labyrinth genannt, mit unzähligen Irrgängen, aus denen sich niemand, wenn er einmal darin war, wieder herausfinden konnte. Im Innern desselben, sagt die Fabel, war ein Ungeheuer, der Minotauros , halb Mensch und halb Stier, und diesem ließ der König jährlich eine Anzahl athenischer Gefangener vorwerfen. Da machte sich ein tapferer Jüngling aus Athen, der berühmte Theseus, auf, sein Vaterland zu rächen, es von diesem schrecklichen Tribute zu befreien und das Ungeheuer selbst zu erlegen. Diesem nun stand die mitleidige Ariadne bei, und durch ihre List fand er glücklich wieder einen Ausgang aus dem Labyrinth, das sonst vermutlich sein Grab geworden wäre. »Was für eine List braucht sie denn?« fragte Wilhelm. »Eine sehr einfache«, erwiderte der Lehrer. »Sie gab dem Theseus einen langen, zum Knäuel aufgewickelten Faden mit, den dieser zuvörderst am Eingange der Höhle festknüpfte und dann, weiterschreitend, vorsichtig in der Hand abrollen ließ, bis er zum Minotauros kam. Hier verwahrte er das andere Ende wiederum sorgfältig, und nachdem das Abenteuer glücklich bestanden war, nahm er den Faden wieder auf, der ihn dann sicher und geschwind aus jenen Irrgängen zurückleitete.« »Und Ariadne?« fragte Wilhelm. »Aus Dankbarkeit erhob er sie zu seiner Gattin«, versetzte der Lehrer, »Aber er ward ihrer Liebe bald überdrüssig, und ob er sie gleich von Kreta auf seinem Schiffe mitgenommen hatte, so ließ er sie doch noch während der Heimfahrt auf einer andern Insel, Naxos, zurück, indem er in der Nacht, als sie eben eingeschlafen war, mit seinen Gefährten heimlich davon segelte. Vielleicht schämte sich der treulose Mann eine Fremde als Gattin nach Hause zu führen und doch eben dieser Fremden das Gelingen seiner Heldenthat verdanken zu müssen.« Nach der griechischen Sage hat Dionysos , der jugendliche Gott des Weines und der Freude, gleich danach auf seinen Zügen diese Insel besucht, das reizende Mädchen dort schlafend gefunden und, von ihrer Schönheit und ihrem Unglück gerührt, sie zu seiner Gemahlin gemacht. Als Brautschmuck schenkte er ihr eine goldstrahlende Krone mit neun Edelsteinen besetzt, ein köstliches Werk des Hephästos; aber die Geliebte erlag einem frühen Tode, und nun begrub sie der Gott in Argos, gebot sie göttlich zu verehren und versetzte ihre Krone an den Himmel, wo noch jetzt im Norden des Himmels ein schönes Sternbild diesen Namen führt. – Aber, liebe Kinder, ich wollte nicht eigentlich von der Ariadne – ich wollte von der Medeia erzählen. Als Jason seine Rede geendet, gab ihm Medeia, die ihm mit innigem Wohlgefallen gelauscht hatte, die mitgebrachten Zaubermittel. »Hier«, sprach sie, »nimm dies alles und thue, was ich dir sagen werde. Sobald ich dich verlassen habe – denn noch in dieser Nacht muß es geschehen – eile, dich in fließendem Wasser zu baden; dann wirf einen schwarzen Mantel um und grabe schweigend, fern von deinen Gefährten, auf freiem Felde eine kreisrunde Grube in die Erde; darin schlachte ein Schaf und opfere es unzerteilt der Nachtgöttin Hekate auf einem ebendort errichteten Scheiterhaufen. Steigt der Opferduft empor, so gieße hier aus dieser Schale den reinen Honig in die Flamme, rufe die Göttin in brünstigem Gebete an, und dann wende dich still zurück und gehe von dannen. Aber hüte dich umzuschauen, auch dann, wenn du Fußtritte schallen und Hunde heulen hörst, oder selbst wenn deine Name gerufen würde. Ein einziger Blick rückwärts würde den ganzen Zauber vernichten und dir vielleicht das Leben kosten!« »Und wozu soll diese Salbe dienen?« fragte Jason. »Mühvoll«, antwortete Medeia, »ist dies Zaubermittel von mir bereitet aus den Wurzeln einer hohen safranfarbigen Blume, die einst aus dem herabträufelnden Blute des Prometheus zuerst an den Felsen des Kaukasus entsprossen ist. In schwarzer Nacht habe ich, in schwarze Gewänder gehüllt, die schwarzen Tropfen gesammelt, und bebend dröhnte die Erde, als ich die Wurzel durchschnitt. Mit dieser Salbe bestreiche deinen Leib und alle deine Waffen, so wird nicht Schwert noch Speer dich verletzen und der Flamme Glut dein Haar nicht sengen. Du wirst in deinen Armen die Stärke eines Gottes fühlen und die fürchterlichen Stiere mit leichter Mühe unter das Joch bändigen. Hast du nun den Acker durchfurcht und die Zähne gesäet, dann wirf einen mächtigen Stein unter die geharnischten Kämpfer, und es wird dir leicht werden sie alle zu erlegen.« »Und den Drachen?« fragte Jason. »Für ihn ist diese Flasche bestimmt«, erwiderte Medeia. »Auch sie enthält einen zauberkräftigen Saft. Damit besprenge ihn, so wird er in Schlaf verfallen, und dann kannst du ohne Gefahr das goldene Vließ losknüpfen.« »Und dein Vater wird mich ruhig damit heimziehen lassen?« fragte hastig der Held. »Im Guten nimmermehr!« fiel Medeia ein. »Nur eine schnelle Flucht in der Nacht kann dich vor seiner Grausamkeit schützen. Daher spare den letzten Zauber und die Entführung des Vlieses bis auf die nächste Nacht, und stelle dich morgen, wenn du die Männer getötet hast, als seist du ermattet und wollest den Kampf mit dem Drachen auf den folgenden Tag verschieben. Mein Vater wird, getäuscht, dir glauben, und ehe dieser folgende Tag anbricht, steuert dein Schiff schon der Heimat entgegen!« »O herrliche Jungfrau«, rief Jason aus; »möchte dir ein Gott für deine Huld einst, wie Ariadnen, eine Sternenkrone flechten! O gewiß, dir kann nur Heil widerfahren, da du andrer Heil so liebreich förderst!« »Ach«, seufzte Medeia, »daß es so wäre! Aber schon längst haßt mich mein Vater, weil ich bereits manchen Fremdling heimlich seiner Wut entrissen habe; und wenn er mir auch alles vergäße, so wird er mir doch nie vergeben, was ich dir gethan. Auf den Verlust des Vlieses hat das Schicksal für ihn ein schweres Unglück gegründet; er kennt das Orakel und hat es bis jetzt aus allen Kräften zu vereiteln gesucht. Wenn er meine List erfährt, wie kann er anders als in mir seine Mörderin sehen? Und ach! keins meiner verborgenen Zaubermittel kann mir Kräfte verleihen, um mich vor seiner Rache zu schützen!« »Vor seiner Rache? O edles Mädchen?« rief Jason, »ist dem so und willst du mir vertrauen, was hindert dich mit mir gerettet zu sein? Wisse, ich bin aus dem Lande der Griechen. Meiner wartet ein Haus daheim und ein Reich; sobald ich mit dem Vliese erscheine, tritt mir mein Oheim die Herrschaft ab, und Äcker und Herden und Sklavinnen in Fülle werden mein eigen. Noch fehlt mir eine Gattin; willst du es werden, so schlag ein, und ich gelobe dir ewige Treue!« Das war für Medeia eine holde Rede. Noch flossen ihre Thränen, aber plötzlich leuchtete ihr Auge freudenhell auf, als sie das Wort von der Vermählung hörte. Sie faßte seine Hand, und noch einmal mußte er's ihr mit einem Eide bekräftigen, daß er – kein Theseus sein wolle. Wer weiß, wie lange sie sich noch so in süßes Gespräch verloren hätten, wenn nicht die Mädchen jetzt herangekommen wären, um sie an die Heimfahrt zu erinnern. Mit schwerem Herzen trennte sich Medeia von ihrem Freunde, schwang sich in den Sessel des Wagens und trieb die Maultiere mit leichtem Schlage zum Laufen an. Jason aber ging zu seinen Freunden, erzählte ihnen, was ihm begegnet, und bereitete sich den Vorschriften nachzukommen, die er soeben erhalten hatte. Er warf seine Kleider von sich und hüllte sich bloß in einen dunkeln, wolligen Mantel; dann ging er eine Strecke am Ufer des Flusses hin, um sich zu baden. Der Mantel war ein Geschenk der Hypsipyle, die gewiß noch mit Zärtlichkeit an ihn dachte und seiner Rückkehr sehnlich harrte. Er warf ihn nach dem kalten Bade hurtig wieder um seine Schultern, ging dann abseits, um eine Grube zu graben, ließ das Blut des abgestochenen Schafes hineinfließen, errichtete einen Scheiterhaufen darüber, verbrannte das Tier darauf, alles, wie ihm Medeia gesagt hatte. Dann rief er, wiewohl vor seiner eignen Stimme erschreckend, die unterirdische Göttin an. Der Nachtfrost und das zitternde Licht des Mondes auf den tauigen Gräsern, die Totenstille rings umher auf dem weiten Felde und das Ungewohnte des feierlichen Geschäfts erfüllte ihn mit seltsamem Schauer, und kaum hatte er mit bebenden Lippen das Gebet gesprochen, so kehrte er rasch um und schritt – die Blicke starr vor sich hingerichtet, dem Lager seiner Freunde zu. Aber die Füße waren ihm wie gefesselt; kaum konnte er sich von der Stelle bewegen, und sein Entsetzen stieg auf den höchsten Grad, als er hinter sich Fußtritte hörte, so mächtig, daß der Boden davon erdröhnte. Geheul wie von tausend Hunden scholl grauenvoll durch die Luft, und alle Nymphen der Bäume und der Gewässer rings umher stimmten in den gräßlichen Chor mit ein. So verkündigte sich die Ankunft der Hekate, die aus der Tiefe der Erde heraufgestiegen kam, um ihre Opfer zu empfangen. Jason war noch immer unterwegs; ihm wankten die Kniee in seiner Angst; doch faßte er sich wieder und ging mutig vorwärts. Denn schon schimmerte über den höchsten Gipfeln des Kaukasus mit rötlichem Scheine der Morgen. Halb erstarrt erreichte er seine Gefährten und warf sich, ohne ein Wort zu sprechen, am Feuer nieder, um sich durch einige Stunden Schlafes zu erquicken. Nach seinem Erwachen salbte er sich den ganzen Leib, auch Schwert und Schild mit Medeias Salbe, und augenblicklich empfand er die Wirkung derselben. Er fühlte sich wie von einem unsichtbaren Feuer durchdrungen; alle seine Bewegungen waren leicht und doch kräftig; er ward sich's bewußt, daß mit diesen Kräften ihm nichts zu schwer sein werde. »Behielt er denn diese übermenschliche Stärke nun zeitlebens?« fragte Wilhelm. »Nein, nur einen Tag lang wirkte der Zauber. Aber er hatte auch nur an diesem einzigen Tage seines Lebens feuerschnaubende Stiere zu bezwingen. – Die ganze Schiffsgesellschaft verfügte sich alsbald auf das Feld, wo Äëtes mit seinen Kolchiern schon in voller Rüstung sie erwartete. Dieser, der von Medeias heimlichem Verrate nichts ahnte, sah den Helden mit neugierig lauernden, tückischen Blicken an. Nichtsdestoweniger forderte Jason kalt und unerschrocken die Stiere und den Pflug. Der König wies ihm die unterirdische Felsenkluft, in welcher die Ungeheuer verschlossen waren. Kaum hatte er den Riegel weggeschoben, als beide mit entsetzlichem Schnauben wütend und feuersprühend gegen die Thür anstürzten; er aber hielt ihnen bloß seinen Schild entgegen, packte sie darauf mit starker Hand bei den Hörnern und legte ihnen ruhig das Joch an. Alle Kolchier standen verwundert ob der Kraft des Helden, und des Königs Lächeln verwandelte sich in Zorn und starre Bestürzung. Das Pflügen geschah darauf ohne Schwierigkeit, und des Königs einzige Hoffnung ruhte nun noch auf den geharnischten Männern, die aus der Erde hervorsteigen sollten und mit denen Jason, wie er meinte, doch bei aller seiner Stärke nimmermehr fertig werden würde. Er reichte ihm jetzt das Kästchen mit den Zähnen. Jason streute die seltsame Saat in die frischen Furchen und trat dann erwartungsvoll zurück zu den übrigen. Das wunderbare Schauspiel begann; in wenig Augenblicken war das ganze Feld mit Helmen bedeckt, und unter diesen hoben sich Schulter an Schulter, aus der Erde wachsend, die riesigen Kämpen mit Harnisch, Schild und Schwert empor. Im Augenblick ihrer Vollendung ergriff Jason einen mächtigen Feldstein und warf ihn unter sie, und wie wenn man unter einen Haufen von Hunden einen Knochen wirft, über den alle mit wütender Freßgier herfallen, so sah man jetzt die Männer aufeinander selbst losstürzen und sich gräßlich zerfleischen. Da war es denn freilich dem Jason leicht, einen nach dem andern von hinten niederzustoßen. So ward auch dies Geschäft zu Äëtes' grimmigen: Erstaunen mit leichter Mühe beendigt. Jason führte darauf die Stiere wieder in ihre unterirdische Kluft und verabschiedete sich vorläufig von dem Könige, der gern über ihn hergefallen wäre, wenn er nicht die geheime Zauberkraft gefürchtet hätte, mit der er diesen Helden gerüstet sah. Siebenter Abend. Der Argonautenzug. Voller Freude über das glücklich bestandene Abenteuer überließ sich Jason nun im Lager mit seinen Freunden dem Weine und der Lust, und die Bratspieße drehten sich schnell über der Glut des Feuers und lieferten reichlichen Vorrat zum leckeren Schmause. So erwartete man den Einbruch der Nacht, um dann noch das letzte zu vollführen und darauf aus diesem Lande zu scheiden. Nicht so leichten Herzens brachte Medeia den Rest dieses Tages zu. Ihr Vater hatte schon Verdacht auf sie geworfen, und in seinen dunkeln, drohenden Blicken las sie einen neuen barbarischen Racheplan. Sie verbarg sich ängstlich bei ihrer Schwester Chalkiope, und als es finster geworden war, nahm sie ihren kleinen Bruder Apsyrtos bei der Hand und schlich mit ihm zu dem Lager der Argonauten hin. Hier rief sie mit halbleiser Stimme ihren Freund Argos zu sich, entdeckte ihm ihre Angst und des Vaters Argwohn, beschwor ihn die Freunde zur schnellen Flucht zu ermuntern und erbot sich das Vlies in größter Eile herbei zu schaffen. Sogleich erschien auch Jason, und bekümmert darüber, sie in Thränen zu sehen, erneuerte er ihr seine Schwüre, Dann ging er mit ihr zu der heiligen Eiche, besprengte den lauernden Drachen mit dem schlafbringenden Wasser und setzte sich ohne Mühe in den Besitz des goldenen Vlieses. So war auch die letzte der Proben bestanden, und nun nahm die Argo, die unterdessen segelfertig gemacht worden war, die beiden Verlobten mit den übrigen Gefährten auf. Alle fünfzig Ruderer hatten ihre Sitze bestiegen und führen heitern Mutes im Mondenscheine den Fluß hinab. Um die Zeit der Morgendämmerung erreichten sie das offene Meer. Alle waren fröhlich, nur Medeia nicht. Sie kannte ihren Vater; sie wußte, daß er eine ganze Flotte bemannen könne und gewiß bemannen werde, um sie zu verfolgen; und erreichte er sie – wie denn die Kolchier tüchtige Schiffer waren – so war ihr und aller Argonauten Untergang gewiß. Am ersten Tage sah man noch nichts, auch der zweite ging glücklich vorüber; aber Medeia konnte ihre ängstliche Sorge noch nicht beschwichtigen. Und wirklich war ihre Ahnung begründet, denn – am dritten Morgen erblickte man am fernsten Horizonte eine Reihe von Segeln, die Medeia sogleich für kolchische erkannte. Die Argonauten hatten jetzt beinahe die ganze Länge des schwarzen Meeres zurückgelegt und, anstatt wieder durch den Bosporus und die Propontis nach Hause zu schiffen, sich dem Rate eines Orakels zufolge hinüber nach der Mündung des Ister oder der heutigen Donau gewandt. Eben als sie hier in einen Arm des Flusses einlaufen wollten, war Äëtes ihnen ganz nahe gekommen. Jetzt hielt sich Medeia für verloren, wenn sie nicht noch ein einziges Mittel versuchte, das freilich so furchtbar war, daß wir uns schaudernd von der Unthat wenden. Medeia wußte, wie zärtlich ihr Vater ihren kleinen Bruder Apsyrtos liebte. Diese Liebe sollte ihr jetzt auf eine fürchterliche Art zu statten kommen. Sie tötete den Knaben mit einem raschen Streich, zerstückelte seinen Körper in unzählige Teile und streute diese hierin und dorthin. Ihr Zweck ward erreicht. Der Vater, der zuerst das Haupt seines Kindes erkannte und die übrigen Glieder umherschwimmen sah, ließ erschüttert ab von der Verfolgung, bis er erst die geliebten Überreste vollständig gesammelt hatte. Auch das Verbrennen und die feierliche Bestattung der Leiche, nachdem man sie wirklich zusammen gefunden, nahm noch einen ganzen Tag hin. Dann kehrte der König mit der Asche seines Sohnes traurig nach Hause zurück. Die Argonauten machten hierauf eine wundersame Fahrt, wie sie ihnen schwerlich jemand nachmachen wird. Sie schifften nämlich aus der Donau in das adriatische Meer an die Küste von Illyrien, und aus diesem in den Eridanus (den heutigen Po), aus dem Eridanus aber in den Rhodanus (jetzt Rhone), und aus dem Rhodanus endlich auf weiten Irrwegen durch das Land der Kelten in das Mittelmeer, wo sie die Kirke und den Alkinoos, die Skylla und Charybdis, die Sirenen und die Phäaken, kurz alle die Örter und Personen kennen lernten, die siebzig Jahre später Odysseus besuchte. Denn auf diesem Wege kannte nun einmal der spätere Dichter keinen andern Führer als den Homer, und aus eigner Phantasie neue Länder und Naturwunder zu schaffen mochte er nicht wagen. »Aber wie kann man aus der Donau in das adriatische Meer kommen?« fragte Anton. »Das ist eben der geographische Fehler«, antwortete der Lehrer; »und deswegen sagte ich vorhin, es würde niemand den Argonauten diese Schiffahrt nachmachen. Rhone und Donau also kannte der Dichter, wenigstens deren Mündungen ins Meer. Nun aber glaubte er, beide Flüsse seien durch einen dritten verbunden, den er Eridanus nennt, und den er wahrscheinlich in unser Vaterland versetzte. So hielt er es für möglich, seine Heldenschar gleichsam hinten herum glücklich durchzubringen; und da seinen Landsleuten und Zeitgenossen das Innere von Deutschland und Frankreich ungefähr ebenso bekannt war, wie uns das Innere von Afrika, so konnte sein Irrtum eben keinen Anstoß erregen.« »Wie?« rief Julius aus, »so unbekannt waren wir den Griechen?« »Allerdings«, versetzte der Lehrer. »Aber als späterhin die Römer, nicht lange vor Christi Geburt, Herren des Mittelmeeres und aller umgrenzenden Länder geworden waren, drangen ihre großen Heere erobernd und entdeckend in das Innere von Deutschland und Frankreich; ebenso etwa wie in neuern Zeiten die Spanier, Engländer und andere Völker Seefahrer ausgesandt haben, um in den neuen Weltteilen Eroberungen und Entdeckungen zu machen. Die römischen Heere fanden auch in Deutschland ungefähr das nämliche, was die Spanier in Amerika gefunden haben, unangebaute Wüsten und tapfere, aber ungebildete Völker.« »Doch«, unterbrach der Lehrer sich selbst, »es ist hohe Zeit, daß wir die Argonauten glücklich nach Hause bringen.« – Von Scheria segelten sie weiter nach der Küste des Peloponnes, und schon waren sie derselben ganz nahe, als sie ein gewaltiger Sturm ergreift und an die afrikanische Küste verschlägt, wo sie zwölf Tage und zwölf Nächte hindurch ihr Schiff tragen müssen, ehe sie wieder an das offene Meer gelangen. In Kreta hatten sie das letzte Abenteuer zu bestehen. Hier herrschte Minos , der Vater der Ariadne. Ihm diente der Riese Talos , eine Gestalt ganz aus Erz und von gewaltiger Stärke. Dieses eiserne Ungeheuer hatte eine einzige Ader in seinem Innern, die vom Wirbel bis zur Ferse hinabging und oben mit einem Nagel wie mit einem Stöpsel verschlossen war, und das Amt desselben bestand darin, die Insel zu bewachen. Deshalb ward denn der Strand von ihm ohne Rast in eiligem Laufe umkreist, und zwar täglich dreimal. Daneben mußte Talos alle fremden Schiffe vom Lande abhalten, wozu er sich, wie der Kyklop, großer Steine und Felsstücke bediente. Auch pflegte er, sobald er Fremde bemerkte, ins Feuer zu springen und sich glühend zu machen, und dann die Ankommenden in seiner eisernen, feurigen Umarmung zu zermalmen und zu ersticken. Als derselbe jetzt unserer Reisenden ansichtig wurde, schleuderte er ihnen zuerst große Felstrümmer entgegen. Aber vergeblich; denn die meisten derselben fielen ins Wasser, und als das Schiff nahe genug kam, stimmte der Sänger Orpheus so schöne Liederweisen an, daß der eiserne Mann ganz Ohr ward und seiner Pflicht vergaß. Als man aber vollends erst gelandet war, da benetzte ihn Medeia unvermerkt mit jenem Zauberwasser, das denn auch seine einschläfernde Kraft sogleich bewahrte. Die Augen des Riesen schlossen sich, und kaum war er zum Schlummer niedergesunken, so öffnete ihm Medeia die bekannte Ader, indem sie den schließenden Nagel herauszog, und Blut und Leben verließen alsbald den ungeschlachten Körper. Die nächste Station war hierauf die Insel Ägina im Saronischen Meerbusen, an der Küste von Argolis gelegen. Dort nahm man frisches Wasser ein und segelte dann um das Vorgebirge Sunion an der südlichsten Spitze von Attika herum, zwischen der Insel Euböa und dem griechischen Festlande hin bis in den Busen von Jolkos. Hier fand jedoch Jason die erwartete freudige Aufnahme keinesweges, vielmehr meldete ihm die erste Kunde, die er vernahm, eine empörende Handlung. Sein Oheim Pelias, um sich vor dem noch immer gefürchteten Anhange seines Bruders Äson Sicherheit zu verschaffen, hatte den Äson ermordet, indem er ihn Ochsenblut zu trinken gezwungen; aber, damit nicht begnügt, hatte er selbst dessen jüngsten Sohn, Promachos , hinrichten lassen, worauf sich auch dessen Mutter, Äsons Gemahlin, in der Verzweiflung erhängte. Den Jason hatte er vermutlich für längst tot gehalten und von dessen Rückkehr nichts mehr gefürchtet. Doch war er mächtig genug, die Argonauten insgesamt aus seinem Lande zu jagen, und die letzteren selber erkannten dies sehr wohl. Ungeachtet ihrer Lust an Abenteuern blieben sie daher weit entfernt, den Jason etwa zu einer Handlung der Rache zu ermuntern. Jason überreichte dem Pelias das goldene Vlies, ohne seine Ansprüche mit einem Worte zu erwähnen; vielmehr schiffte er mit seinen Reisegenossen und seiner jungen Gemahlin auf der Argo wieder zurück nach dem sogenannten Isthmos oder der korinthischen Landenge, wo Kreon , der König von Korinth, ihm eine freundschaftliche Aufnahme bereitete. »Blieb denn Jason nun mit Medeia für immer in Korinth?« fragte Julius. »Ja«, antwortete der Lehrer. »Auch sein Schiff, welches er dem Poseidon widmete, stellte er zum ewigen Gedächtnis in dessen Tempel auf.« Indem nun die Argonauten noch eine Zeitlang auf dem Isthmos versammelt blieben und sich mit Jagd, Schmausereien und allerlei Spielen vergnügten, fand sich auch ihr ehemaliger Gefährte Herakles bei ihnen ein, der nach manchem anderen glücklich bestandenen Abenteuer sich jetzt eben anschickte ein Gelübde zu erfüllen, welches er seinem Vater Zeus unlängst gethan hatte. Er bewog die übrigen Freunde leicht ihm darin beizustehen, und so zog er mit ihnen nach der Landschaft Elis im Peloponnes und erbauete in einer der schönsten Ebenen daselbst dem olympischen Zeus einen Tempel, der in der Folge der berühmteste in ganz Griechenland geworden ist. Mit dieser Stiftung verband er eine andere, die von großem Einflusse auf die Bildung und auf die Verbindung der kleinen, damals noch ziemlich abgesonderten griechischen Staaten gewesen ist. Er ließ nämlich durch Boten in ganz Griechenland bekannt machen, daß in der Nähe dieses Tempels bei Olympia glänzende Festspiele gehalten werden sollten, und es fand sich dazu eine überaus große Menge von Zuschauern ein. Herakles selber und die Argonauten bewährten ihre Geschicklichkeit in allen Arten von Wettkämpfen, und nachdem das fröhliche Fest zu aller Zufriedenheit geendigt war, verpflichtete der erstere seine sämtlichen Freunde, dasselbe von je vier zu vier Jahren zu wiederholen, außerdem aber auch ein Schutz- und Trutzbündnis miteinander zu schließen, um dadurch Frieden und Eintracht unter allen Griechen zu erhalten und im Notfalle mit vereinter Kraft auch eines mächtigen Feindes Herr werden zu können. Dies Beispiel fand bald Nachahmung, und in der Folge wurden noch drei solcher großen Volksfeste in andern Gegenden Griechenlands angeordnet. Es waren dies die pythischen, isthmischen und nemeischen Wettspiele. Darauf endlich zerstreuten sich die Argonauten, und jeder kehrte in seine Heimat zurück. Jason erweiterte seine Niederlassung in Korinth und that auf die Herrschaft von Jolkos Verzicht; doch nicht auf die Rache, die er nach damaligen Begriffen pflichtgemäß an dem Mörder seiner Eltern zu nehmen hatte. Aber da er dem Pelias an Macht nicht gewachsen war, so stand ihm nur der Weg der List offen, und diesen versprach Medeia ihn abermals zu führen. Sie that es nach der Aussage der Dichter auf eine so wunderbar-gräßliche Art, daß ich fast Bedenken trage, euch die phantastische Dichtung zu erzählen. »O, erzählen Sie's immer!« rief Wilhelm. »Wenn es auch ein Märchen ist, so hören wir's doch gern.« »Jason«, fuhr der Lehrer fort, »bemannte einen Kahn mit korinthischen Männern, kleidete sich in die Tracht eines Kaufmanns und landete, von keinem Auge gesehen, in der Bucht von Jolkos, Medeia aber, die er mitgenommen hatte, verwandelte sich vermittelst ihrer Zauberkunde in ein runzelvolles, steinaltes Mütterchen. In dieser Maske mußte sie allein, ein Artemisbild im Arme, in den Palast des Pelias gehen und ihre Künste anbieten. Man fragte sie, welche Künste sie verstehe. Das Alter verjüngen, war ihre Antwort. Kaum hörte Pelias das Wort, als er vor Begierde brannte, an sich selbst dies Wunder erfüllt zu sehen. Da aber seine Töchter Mißtrauen in das Vorgeben der Alten setzten, so sollte diese zuvor eine Probe ihrer Kunst geben. Medeia erbot sich dazu; auf ihr Verlangen wies man ihr ein eigenes Gemach an, das sie sogleich hinter sich verschloß, und aus dem sie nach abgelegter Maske zu aller Erstaunen in ihrer wahren jugendlichen Gestalt hervortrat. Jetzt drangen die Königstöchter selbst in sie, an ihrem Vater die nämliche Verwandlung hervorzubringen. Sie schien einen Augenblick unschlüssig; dann zog sie die Mädchen beiseite und eröffnete ihnen: wenn diese Verjüngung des greisen Vaters von Dauer sein solle, so bedürfe es dazu einer Vorbereitung, welche das höchste Vertrauen und die höchste Geistesstärke erfordere und dem Vater durchaus verschwiegen bleiben müsse.« Die Töchter waren begierig, diese Vorrichtungen kennen zu lernen. »Wohlan!« sprach Medeia, »hört mich, ohne allzusehr zu erschrecken. Soll ich den gealterten Leib mit neuer Jugend durchdringen, so ist nötig, daß ich in einem siedenden Bade ihm alle Gebrechen der Jahre hinwegwasche und die Glieder zu frischer Bildsamkeit erweiche. Ihr zweifelt an meiner Wahrheit? Wohlan, gebt mir einen alten Bock und einen Kessel voll Wassers, so will ich vor euren Augen einen Beweis geben, der euch überzeugen wird.« Sie thaten, was sie verlangte; vorsichtig ward der Versuch bei Nacht gemacht, damit Pelias nichts davon erfahre. Die Zauberin erstach zuerst den Bock, dann schnitt sie ihn in Stücke, kochte ihn die ganze Nacht hindurch, und beim Anbruch des Tages brachte sie auf einmal ein junges Lamm zum Vorschein, das auch nicht eine Spur von dem alten Bocke an sich hatte. Die erstaunten Mädchen zweifelten nun keinen Augenblick länger, daß dieser Unbekannten alles möglich sei, und entschlossen sich wirklich in der Verblendung ihrer Liebe zu der furchtbaren That. Nur Alkeste , die älteste der drei Schwestern, verweigerte jede Teilnahme. Während nun die beiden andern in tiefster nächtlicher Stille das furchtbare Werk vollführten, stieg Medeia unter dem Vorwande, sich durch ein Gebet an die Artemis zu stärken, auf das platte Dach des Hauses hinauf und schwenkte daselbst eine Fackel. Dies Zeichen sollte nach der Verabredung dem im Verborgenen lauernden Jason verkündigen, daß die That geschehen sei. Augenblicklich stürzte er mit seiner Schar herbei, stieß die erwachenden Hausgenossen nieder, entdeckte den unglücklichen Töchtern, was sie gethan, und nahm Medeia gegen ihre Rache in Schutz. Indessen erweckte der nächtliche Überfall bald die schlafenden Nachbarn; hilfebereit kamen sie herbei, auch Akastos erschien, ein Verwandter der Königsfamilie und nachmals Beherrscher von Jolkos, und dieser Übermacht sah sich Jason zu weichen genötigt. Er entfloh samt der Medeia noch in derselben Nacht nach Korinth. Hier lebten beide zehn Jahre in völliger Eintracht. Ihre Kinder wuchsen zu ihrer Freude heran. Aber endlich alterte Medeia, ihre Schönheit welkte dahin, nur ihre heftige Gemütsart blieb. So ward sie dem Gatten unleidlich, zumal da dieser nicht selten von seinen Landsleuten Vorwürfe darüber hören mußte, daß er eine Fremde zum Weibe genommen habe. Uneingedenk des heiligen Schwures, den er der Medeia in jener Nacht zu Kolchis geleistet, wandte Jason sein Herz der schönen und sanften Glauke , der Tochter des Königs Kreon zu. Ja, er Verabredete sogar mit deren Vater die Heirat und erreichte dadurch zugleich die wichtigsten Zwecke. Denn da Kreon keine Söhne hatte, so mußte die Herrschaft nach seinem Tode unstreitig auf Jason fallen. Die Korinther selber sahen diese Heirat gern und schenkten seitdem erst dem Fremdlinge ihr volles Vertrauen. Mit diesen Gründen suchte nun Jason auch die Medeia zu bewegen, daß sie auf ihre Rechte verzichte oder sie doch mit der Glauke teile. Aber vergebens. Er wußte nicht, welches Hasses ein Weib, das so leidenschaftlich geliebt hatte, fähig ist, wenn es verstoßen wird! Den ersten Ausbruch desselben, ihre Thränen und ihre Verwünschungen achtete er nicht und bereitete bald darauf die feierliche Vermählung vor. Er meinte dies um so sicherer thun zu können, als Medeia von Kreon den Befehl erhalten hatte, sein Land völlig zu verlassen. Sie gehorchte, jedoch nicht ohne furchtbare Rache zu nehmen. Denn am Tage der Vermählung sandte sie der jungen Braut ein prächtiges, mit einem Zaubersaft getränktes Hochzeitkleid und einen gleichfalls vergifteten Kranz. Glauke, als sie die verführerischen Geschenke anlegte, sank betäubt zu Boden und bald schlugen Flammen aus den Falten des Gewandes. Gift und Feuer verzehrten die Unglückliche; auch Kreon, der seiner Tochter zu Hilfe eilte, ward vom Brande ergriffen, mit ihm der ganze Palast, so daß es nur dem Jason gelang, sich nach vielen Anstrengungen zu retten. Ganz Korinth erschrak über den plötzlichen furchtbaren Untergang des geliebten Königshauses, Medeia aber, das Strafgericht der ergrimmten Bewohner fürchtend, war noch in derselben Nacht – die Dichter sagen auf einem Drachenwagen durch die Luft – nach Athen entflohen. Nur ihre Kinder hatte sie nicht retten können. Diese waren in den Tempel der Here geflüchtet und knieten betend am Altare der Göttin. Hier wurden sie von den wutschnaubenden Korinthern gefunden, und ohne daß die heilige Stätte die Unglücklichen hätte schützen können, schleppte man sie hinaus und steinigte sie. Euripides , ein griechischer Tragödiendichter, hat auch diese Unmenschlichkeit noch der Medeia zugeschrieben und den Seelenkampf zwischen der Liebe zu ihren Kindern und jenen Racheplänen in ergreifender Weise geschildert. Auch in Athen, erzählten die Dichter weiter, fühlte sich Medeia nicht lange sicher. Sie verließ es und ging nach Kolchis zurück. Dort fand sie ihren Vater verbannt und seinen ungerechten Bruder, Perses, auf dessen Throne. Leicht verzieh ihr der nun selbst unglückliche Vater, zumal sie ihm versprach, mit List den Thronräuber zu ermorden und ihn wieder in sein Reich einzusetzen. Es gelang ihr wirklich; und so schließt mit einem neuen Morde der schauderhafte Lebenslauf dieses rätselhaften Weibes, das im Wahnsinn der Liebe und des Hasses Verbrechen auf Verbrechen häuft. Von Jason wurde gewöhnlich erzählt, daß ihn ein Teil der Argo, unter welchem er Ruhe suchte, im Herunterfallen erschlagen habe; nach andern nahm er sich selbst das Leben. Achter Abend. An- und Ausklänge der Argonautensage. Was weiß man denn von den übrigen Helden des Argonautenzuges?« fragte am andern Abend Julius den Lehrer. »Vom Kastor und Pollux weiß ich selbst etwas«, nahm sogleich Anton das Wort. »Nun was weißt du denn?« »Sie waren«, sagte Anton, »Söhne einer schönen lakedämonischen Königstochter, der Leda , und des Zeus und wurden deshalb auch Dioskuren (Zeussöhne) genannt. Der eine hieß Kastor, der andere Polydeukes oder Pollux . Jener ward ein trefflicher Wagenlenker, dieser ein tüchtiger Faustkämpfer. Beide liebten sich sehr und waren unzertrennlich, aber ein trauriges Orakel hatte dem Brüderpaar geweissagt, einer von ihnen solle sterblich, der andere unsterblich sein. Da sie sich nun einander aufs herzlichste liebten, so fürchtete jeder den andern zu überleben, und doch mußte die Todesstunde des einen irgend einmal kommen. Dies geschah, als beide Brüder um die Töchter des messenischen Königs Aphareus stritten. Ihre Gegner waren zwei Brüder der Mädchen, Idas und Lynkeus , rüstige Kämpfer, von denen der erstere dem Kastor seinen Speer durch die Brust stieß. Aber Zeus ergrimmte darüber so sehr, daß er sie beide mit seinem Blitzstrahl zerschmetterte.« »Ganz recht;« sagte der Lehrer. »Und jener Lynkeus, der Luchsäugige, hatte einen so scharfen Blick, daß er in die Tiefe der Erde und bis in die Unterwelt hinab sehen konnte. Wie aber weiter?« »Da nun Pollux seinen Bruder getötet sah, erkannte er, daß er selber derjenige sei, dem Zeus die Unsterblichkeit bestimmt habe. Aber dies Geschenk des Gottes ward für ihn zur Qual, wenn er bedachte, daß er es allein ohne den geliebten Bruder genießen sollte. Unter Thränen flehte er zum Zeus, noch knieend neben Kastors Leiche, daß er diesem entweder das Leben wiedergeben oder auch ihn vernichten solle. Da erschien, gerührt von so viel Liebe, der Gott und ließ ihm die Wahl, ob er fortan allein im Kreise der Himmlischen leben wolle, oder ob er abwechselnd einen Tag mit Kastor im Dunkel der Unterwelt verweilen wolle, um dann den andern mit diesem gemeinsam in den goldenen Hallen des Olymp zu wohnen. Pollux wählte das letztere, und so teilten beide Brüder die Nacht des Grabes und das Licht des Himmels.« »Eine wunderbare Sage!« rief nachdenklich Wilhelm. »Wunderbar freilich«, entgegnete der Lehrer, »und doch sicherlich nicht ohne Bedeutung! Worin diese letztere freilich bestehe ist schwer auszumitteln. Nur so viel darf man mit Wahrscheinlichkeit sagen, daß beide Helden gleichsam nur symbolische Gestalten, daß sie dichterische Verkörperungen (Personifikationen) für den Morgen- und Abendstern sind. Wußten die Alten auch nicht, daß das den Aufgang und Untergang der Sonne verkündigende Licht jenes Sternes eben einem und demselben Sterne angehöre, dachten sie vielmehr an zwei verschiedene Sterne, so ahnten sie doch die enge Zusammengehörigkeit beider und versinnlichten diesen Gedanken unter dem ergreifenden Bilde der Zwillingsbrüder, die Leben und Tod miteinander wechselnd teilten.« »Indessen bleiben allerdings noch andere Deutungen, und da sie für euch zu fern liegen, so will ich euch lieber noch ein Geschichtchen von einem Argonauten erzählen, an dem zwar des Wahren äußerst wenig und die poetische Ausschmückung das meiste und beste ist, das ihr aber doch wissen müsset, weil darauf in Büchern und auf Kunstwerken sehr häufig Beziehung genommen wird.« »Ich meine den Orpheus , den berühmten Sänger des Altertums. – Er gilt als der älteste griechische Sänger, und sein Name ist von allen späteren Dichtern so hoch gefeiert morden, daß man die wunderbarsten Einkleidungen gewählt hat, um die Wirkung seines Gesanges darzustellen. Wenn er ein Lied zur Zither anstimmte, sagt die Fabel, so wurden die Vögel in der Luft, die Fische im Wasser, das Wild im Walde, ja selbst die Bäume, Felsen und Berge von einem solchen Zauber ergriffen, daß sie lauschend ihm folgten. Doch eine der schönsten Sagen handelt von seiner Liebe: eine Dichtung voll ernster Wehmut, aber auch voll hoher Feier der Kunst. Einmal tanzte seine junge Gemahlin Eurydike mit ihren Gespielinnen auf einer schönen Wiese, da biß eine im Grase lauernde Schlange sie plötzlich in den Fuß, und Eurydike mußte in der Blüte ihrer Jahre sterben. Jetzt ergoß der trostlose Gatte seine Klagen in den rührendsten, innigsten Tönen, daß allen, die sie vernahmen, das Herz brach. Ja, er wagte sich mit seiner Zither selbst hinab bis zu den Pforten des Tartaros, um von der Gemahlin des Höllengottes, der Persephone (Proserpina), die Wiederkehr seiner geliebten Eurydike zu erbitten. Und siehe da! Vor seinem Gesange schoben sich die ehernen Riegel von selbst zurück; mit immer zärtlicheren Tönen näherte er sich dem Orte, wo die abgeschiedenen Seelen wandelten. Kerberos (Cerberus), der dreiköpfige Hund, der den Eingang des Hades bewachte, schmiegte sich ihm sanft und zahm zu Füßen, als er vorüberging. Selbst Ixions Rad stand still, und Sisyphos hielt mit seiner vergeblichen Arbeit inne, um des Sängers Klagen zu lauschen. Ihr kennt doch diese beiden mythischen Personen? Beide hatten sich schwer an den Göttern versündigt; da ward der erstere verurteilt, an ein Rad gebunden und immer und ewig von demselben umgetrieben zu werden, während Sisyphos einen großen Felsblock emporzuwälzen hatte, der ihm aber jedesmal, wenn er schon das Ziel erreicht hatte, wieder entglitt und ins tiefe Thal zurückrollte, um ihn zu immer neuer fruchtloser Arbeit zu zwingen. Persephone hörte die Bitte des Sängers gnädig an und winkte ihm Erhörung. »Gehe zurück«, sprach sie, »wie du gekommen bist; Eurydike soll dir schweigend folgen. Doch hüte dich wohl, dich früher nach ihr umzuschauen, als bis du auf der Oberwelt angekommen bist. Ein einziger Blick vorher – und du verlierst sie auf immer!« Orpheus ging. Noch hatte er die Geliebte nicht gesehen. Folgte sie oder folgte sie nicht? Sollte die Göttin ihn getäuscht haben? Denn umsonst horchte er nach dem leisen Tritte ihres Fußes. Singend schritt er noch eine Weile fort; schon sah er von ferne das Licht der Oberwelt dämmern. »Eurydike!« rief er mit zärtlicher, forschender Stimme. Aber keine Antwort erwiderte seine Frage. Ungewißheit und Angst und ein unaussprechliches Verlangen verdüsterten ihm die Sinne, so daß er die Drohung der Götter nicht weiter achtete. Eine unwiderstehliche Macht wandte ihm das Haupt zurück, und siehe, dicht an seiner Ferse war die Gattin schweigend und leise gefolgt. Er wollte die Arme nach ihr ausstrecken, aber ach! in diesem Augenblicke sank Eurydike plötzlich hinter ihm zurück und ward nicht wieder von ihm gesehen! Reue und Sehnsucht zernagten jetzt zwiefach sein Herz; er irrte trostlos mit seiner Zither in den thrakischen Wäldern umher, als einst ein Schwarm rasender Mänaden ihn klagend an einem Felsen fand. » Mänaden ?« fragte Wilhelm. »So hießen die Weiber«, sagte der Lehrer, »welche am Feste des Dionysos (Bacchus) sich sammelten und weinberauscht durch Straßen und Wälder zogen, um jedermann zur Teilnahme an ihren ausschweifenden Zügen aufzumuntern, durch die sie den göttlichen Freudenspender am besten zu ehren glaubten. Sie schlugen Becken und Pauken, bliesen auf Hörnern, auch schwenkten sie reben- und epheuumwundene Stabe, die man Thyrsosstäbe nannte, und ließen dabei unaufhörlich einen wildjauchzenden Festruf erschallen. In den früheren Zeiten Griechenlands scheinen alle Weiber, besonders die thrakischen und thessalischen, an dieser zügellosen Festfeier teilgenommen zu haben; späterhin, als die Sitten milder wurden, blieb sie nur noch der untersten Volksklasse eigen, und zuletzt verschwand sie ganz.« Als jene Mänaden oder Bacchantinnen nun den klagenden Orpheus fanden, zerbrachen sie ihm sein Saitenspiel und forderten ihn auf, sich mit ihnen zu ergötzen. Mit Abscheu wies er sie von sich. Das aber war zu viel für einen Haufen rasender Weiber; sie steinigten ihn, rissen ihn dann in Stücke und warfen seine blutigen Glieder umher. – Der Lehrer schwieg. Doch Wilhelm war noch nicht befriedigt, »Wissen Sie nicht vielleicht noch eine andere Sage von einem Argonauten?« fragte er mit vertraulichem Schmeicheln. »Von einer Argonautin konnte ich noch erzählen«, sagte der Lehrer, »wenn ihr's hören wolltet.« »Wie?« fragte Julius voller Verwunderung; »sind denn auch Weiber mitgezogen?« »Eine«, sagte der Lehrer, »und zwar eine Jungfrau, Namens Atalante , des böotischen Königs Schoeneus Tochter. Sie war, wenn wir der Sage trauen dürfen, eine Frauengestalt mit durchaus männlichem Wesen. Ihren starken Körper hatte sie früh durch kräftige, selbst rauhe Übungen abgehärtet, und so fand sie nicht bloß an der Jagd, sondern auch an kriegerischen Abenteuern ein lebhaftes Vergnügen. Das war die Folge ihrer ersten Erziehung; denn ihr Vater, der sich einen Sohn gewünscht hatte, hatte sie sogleich nach der Geburt ausgesetzt, und so war sie in der Wildnis von einer Bärin gesäugt und von Jägern großgezogen worden. An Schnelligkeit übertraf sie die berühmtesten Läufer ihrer Zeit, und in allen Wettrennen trug sie den Preis davon. Auf der Jagd eines ungeheuern Ebers, der die Felder von Kalydon verheerte und zu dessen Vertilgung Meleagros , der Beherrscher jener ätolischen Landschaft, eine Menge kühner Jünglinge aus der Nachbarschaft zu sich einlud, war sie es, die das wilde Tier zuerst in den Rücken schoß. Dagegen wollte keine weibliche Beschäftigung ihr gefallen, keine Neigung ihres Geschlechts berührte sie. Sie hatte sich's von ihrem Vater ausgebeten immer Jungfrau bleiben zu dürfen; aber ungeachtet dieser Vorsatz allgemein bekannt ward, so kehrte sich doch niemand daran, wahrscheinlich weil niemand ihn für ernstlich hielt. Um jedoch die vielen Freier, welche sich bei ihrem Vater einstellten, davon recht nachdrücklich zu überzeugen, machte sie es jedem, der noch fernerhin Anspruch auf ihre Hand machen würde, zur Pflicht, sich mit ihr in einen Wettlauf einzulassen unter der Bedingung, daß er, wenn er später als sie zum Ziele komme, sterben müsse. Der Bewerber lief unbewaffnet voraus, sie folgte mit einem Spieße; holte sie ihn ein, so durchstieß sie ihn und steckte seinen Kopf am Ziele auf. Schon mehrere Jünglinge, sagt die Fabel, hatten in solchem Wettlauf ihr Leben darangesetzt, als Milanion sich meldete und – im Vertrauen auf den Beistand der Aphrodite – sich dem gefährlichen Wagstück unterzog. Seine Schutzgöttin empfahl ihm eine List. Sie hatte ihm einige goldene Äpfel geschenkt mit der Weisung, einen nach dem andern während des Laufens fallen zu lassen und dadurch die Aufmerksamkeit der Läuferin abzulenken. Milanion befolgte den Rat. Kaum hörte er Atalantes Tritte hinter sich – denn sie gab, wie bemerkt, ihren Läufern stets eine Strecke vor – so ließ er wie von ungefähr einen seiner Äpfel fallen. Die Jungfrau, von Neugierde gereizt, bückte sich nach der schönen Frucht und hob sie auf. Doch hatte sie in kurzem den Jüngling wieder eingeholt. Da warf derselbe einen zweiten und einen dritten Apfel aus; und als Atalante auch dieser Lockung nicht widerstand, gewann er dadurch einen solchen Vorsprung, daß er siegreich zum Ziele gelangte. Atalante vermählte sich mit ihm; aber, fügt die Sage hinzu, da er der Aphrodite den Dank für ihre Hilfe zu bringen vergaß, so verwandelte die Göttin ihn und seine Gemahlin in Löwen und spannte sie vor ihren Wagen.« Wahrend dieser Erzählung hatte Wilhelm den Zug der Argonauten, der ihn noch immer aufs lebhafteste beschäftigte, wiederum auf der Karte verfolgt. Jetzt bat er den Lehrer ihm zu sagen, ob der Hellespont noch immer so heiße. »Nein«, sagte dieser; »jetzt nennt man jene Meerenge die Dardanellen , nach einigen festen Schlössern an den Küsten derselben.« »Und die Propontis ?« »Heißt jetzt, wie neulich schon erwähnt wurde, das Marmarameer , und sie führt diesen letzteren Namen nach einer kleinen Insel Marmara.« »Was bedeutet denn aber der Name Bosporus ?« »Rinderfurt, Durchgang für Rinder.« »Und wie ist dieser seltsame Name entstanden?« »Er erinnert uns, wie der Name Hellespont, ebenfalls an eine Sage, und mit dieser wollen wir für heute schließen. – Ihr wißt aus unseren früheren Erzählungen, daß der Vater der Götter gar oft mit seiner Gemahlin haderte, und daß er sein Herz wohl auch anderen Göttinnen, ja selbst sterblichen Weibern zuwendete. Unter allerlei Gestalten nahte er diesen, sie desto sicherer zu berücken. So erschien er der Leda als Schwan, der tyrischen Königstochter Europa als Stier, der schönen Danaë gar als ein goldener Regen. Einst, so erzählt die alte Dichtung, sahe der liebesbedürftige Gott auf den feuchten Triften von Lerna Lerna oder Lerne lag am argolischen Meerbusen. eine Jungfrau aus königlichem Geschlecht, die soeben die Herde ihres Vaters weidete. Es war Io , die Tochter des Inachos, des Herrschers von Argos. Mit Wohlgefallen ruhte der Blick des Zeus auf der Schönheit des Mädchens, und alsbald von Liebe ergriffen, trat er vor sie hin mit dem Angesicht und dem Wesen eines Jünglings. Aber erschreckt von seiner dreist schmeichelnden Rede, wandte sich Io zur Flucht, und nun verwandelte sich der allgewaltige Olympier in die unverdächtige Gestalt eines Stieres, als jene eben im Tempel der Here den heiligen Dienst versah. Zeus schien seine Zwecke kaum noch verfehlen zu können, denn zu alle dem entzog ein dichter Nebel ihn jedem Blicke. Allein wenn er auf diese Weise auch die Jungfrau täuschen mochte, so täuschte er um so weniger das wachsame Auge der Here. Diese, das treulose Spiel des Gatten ahnend, erschien plötzlich an der Schwelle des Heiligtums, und sicherlich würde Io das Opfer ihrer Rache geworden sein, hätte Zeus dieselbe nicht sofort in einer schützenden Hülle verborgen. Er verwandelte sie in eine weiße Kuh. Aber die List fruchtete wenig. Here, um dem Gatten jeden Besitz der Geliebten unmöglich zu machen, bat sich das schöne Tier zum Geschenk aus, und wollte dieser der Eifersüchtigen nicht neuen Verdacht erregen, so durfte er die Bitte nicht verweigern. Io blieb in tierischer Gestalt gefangen; ja damit nicht begnügt, setzte ihr Here einen unbestechlichen, untrüglichen Wächter. Argos hieß der grimme Riese, und hundert Augen funkelten ihm im Haupte. Mochte sich auch jede Nacht der Schlaf dem müden Hüter nahen: es schloß sich doch immer nur ein Augenpaar, während alle die anderen, von keinem Schlummer berührt, ihres Amtes warteten. So schien für Zeus jede Hoffnung auf eine Erlösung der Io verloren. Tagüber trieb Argos sie zur Weide, und ging die Sonne unter, so fesselte er ihr die Füße und sperrte sie ein. Da vermochte endlich der Göttervater den Jammer um das Geschick der Unglücklichen nicht mehr zu tragen, und er sandte insgeheim seinen treuen Sohn und Diener Hermes ab, um den Argos zu töten. Der vielgewandte Götterbote verhüllte sich in die Tracht eines jungen Hirten und stimmte ein bezauberndes Lied auf seiner Flöte an. Entzückt und erstaunt lauschte Argos. Aber bald kam ein süßer, unwiderstehlicher Schlummer über ihn, so daß ihm ein Auge nach dem andern zufiel, bis endlich selbst das hundertste sich schloß. Da ergriff Hermes ein Schwert und hieb dem Schlafenden den Kopf ab. Im mykenischen Hain , da wo ein hoher Felsen aufragte, floß das Blut des Riesen. Und doch war Io auch jetzt noch nicht frei. Denn Heres eifersüchtiger Blick hatte sogleich die List ihres Gemahls erkannt, und die unglückliche Jungfrau sollte nun ihre Rache doppelt empfinden. Eine große Bremse mußte die geängstigte Kuh von einem Orte zum andern, ja aus einem Lande ins andere jagen, von Mykenä nach Korinth, von da durch den Isthmos nach Hellas, durch Thessalien über den Hämos, durch Skythien und Illyrien wieder zurück nach Thrakien, wo sie an eben jene Meerenge kam, die seitdem – von ihrer Flucht – Rinderfurt oder Bosporos genannt worden ist. Nachdem auf solche Weise das gequälte Tier, immerfort von der giftigen Fliege verfolgt, viele Länder in Asien und Europa durchirrt hatte, kam es nach Ägypten, um hier endlich des bösen Zaubers ledig zu werden. Ein Machtspruch des Zeus gab der Io die vorige Gestalt zurück. Auch mochte sich der Zorn der Here endlich abgekühlt haben. Die Alten, welche freilich gern die Mythen anderer Länder miteinander verweben, sagen, sie sei hier die Gemahlin des Königs Telegonos geworden und habe nach ihrem Tode unter dem Namen Isis göttliche Ehre erhalten. »Was das für wunderliche Dichtungen sind!« rief Anton. »Und doch liegt ihnen eine tiefe Bedeutung zu Grunde, welche selbst den alten Schriftstellern nicht ganz entgangen ist. Argos, der Hüter, ist der Sternenhimmel, der mit seinen unzähligen Augen die unzähligen Sterne versinnbildet, und die Kuh bezeichnet in jenen alten Sagen die Erde sowohl als den Mond. Hermes aber, der Erwürger des Argos, hat als Ordner und Erhalter der bestehenden Götterherrschaft die Herden zu weiden, die am Himmel glänzen. Bedeutete nun die jungfräuliche Io (d. h. die Wandlerin am Himmel) den Mond, so verwandelt sich dieser zunächst in den gehörnten Halbmond; die Flucht in die entferntesten Gegenden bezeichnet das allmähliche Verschwinden, und die endliche Wiederkehr in die Heimat die neue Erscheinung des Vollmondes. »O, ehe Sie gehen, lieber Lehrer«, bat Julius, »sagen Sie uns noch, was wir morgen hören werden!« »Ach ja!« riefen die andern. »Soll ich euch die Mythen vom Herakles erzählen?« fragte der Lehrer. Die Kinder brachen auf dieses Wort in lauten Jubel aus; denn gerade von diesem Helden versprachen sie sich das Außerordentlichste. Neunter Abend. Herakles. Ob uns gleich, begann der Lehrer, vom Herakles oder Herkules nicht eine einzige geschichtliche, wirklich zuverlässige Nachricht überliefert ist, so können wir doch aus der hohen Berühmtheit, die derselbe durch die Dichter erhalten hat, mit Zuversicht schließen, daß er seinem Zeitalter als ein ganz außerordentlicher Mann erschienen sein müsse. Um die große Menge von Sagen, deren Gegenstand er ist, leichter zu erklären, nahmen schon die Gelehrten des Altertums an, daß es der Helden dieses Namens mehrere gegeben habe. Ägypten und Griechenland hätten vielleicht irgend einen berühmten Nationalheros gehabt, dessen Thaten von der Sage in die benachbarten Länder weitergetragen und mit den Thaten der dort verehrten Helden vermischt worden seien. So möge denn alles Abenteuerliche und Große, das ursprünglich von verschiedenen Helden vollführt worden, zuletzt auf den einen Herakles übertragen sein. Noch jetzt ist über diese Dinge nichts Entschiedenes ausgemacht worden, und ich werde mich daher auch nicht auf alle die Deutungen einlassen, die man über jede der einzelnen Mythen versucht hat. Diese Märchen sind ohne Zweifel einst von Dichtern der ältesten Zeiten als Volkslieder gesungen worden, und die Hörer haben sich an der Dichtung ergötzt, ohne sich viel um die Bedeutung und den Ursprung jeder einzelnen Geschichte zu bekümmern. So, denke ich, sollt auch ihr zunächst sie hören. Mögt ihr immerhin fürerst in diesen Sagen nur ein anmutiges Spiel der Dichtung erblicken. Auch dieses Spiel hat hohen Sinn, und wirklich nützlich und nötig wird euch die Bekanntschaft mit diesen Mythen schon insofern, als ihr erst durch ihre Kenntnis eine Menge trefflicher Kunstwerke und zahlreiche Anspielungen älterer und neuerer Dichter verstehen könnet. Herakles war ein Stiefsohn des thebanischen Königs Amphitryo ; denn sein wirklicher Vater war kein Geringerer als der allgewaltige Olympier selbst. Zeus, so erzählt die Sage, hatte sich mit Alkmene , der jungen Gemahlin des Amphitryo in dessen Abwesenheit heimlich vermählt und dadurch den gerechten Zorn der Here erregt. Diese aber, unvermögend an dem treulosen Gatten selbst Rache zu nehmen, hatte dem Kinde seiner Liebe ewige Verfolgung geschworen. Kaum war der junge Herakles acht Monate alt, so schickte die zürnende Göttin zwei giftige Schlangen an seine Wiege; allein der Knabe streckte lächelnd seine Hände nach ihnen wie nach einem Spielwerke aus, packte sie am Nacken und erdrückte sie beide. So bekundete schon das Kind seine göttliche Abkunft; was Wunder, daß Zeus gerade diesem seiner Söhne eine besondere Liebe zuwandte und ihm vor allen Unsterblichkeit zu verleihen wünschte? Da aber kein Erdgeborener unsterblich werden konnte, der nicht wenigstens einmal mit Göttermilch gelabt worden war, so beratschlagte Zeus mit dem Hermes, wie Here überlistet werden könnte. Der allezeit fertige Götterbote mußte das Knäblein heimlich zum Olymp hinauf holen und es der Here, während sie schlief, an die Brust legen. Aber der Säugling trank mit so durstigen Zügen, daß die Göttin alsbald erwachte und ihn im höchsten Zorn losriß. Zur Erde stürzend, würde er seinen Tod gefunden haben, hätte ihn nicht Athene geschützt. Diese hob ihn auf und brachte ihn in die Arme der Alkmene zurück. Bis in sein achtzehntes Jahr blieb nun Herakles in seiner Heimat und wuchs unter körperlichen Anstrengungen und kriegerischen Übungen aller Art zum kräftigen Jünglinge heran. Dann begab er sich auf seine erste Wanderung, indem er bald als kühner Jäger allerlei wildes Getier, Eber, Bären, Wölfe u.s.w. verfolgte und mit seinen Geschossen erlegte, bald als Rächer des Verbrechens Mörder und Räuber erschlug. Zurückgekehrt von diesen Zügen, fand er die erste Gelegenheit, für seine Vaterstadt ein Abenteuer zu bestehen, Erginos , der junge Beherrscher einer benachbarten Ansiedelung zu Orchomenos , hatte nämlich inzwischen Theben überfallen, mehrere Einwohner getötet und die Stadt gezwungen, ihm alle Jahre einen Tribut von hundert Stieren zu bewilligen. Allerdings war dies nicht ohne Anlaß geschehen. Denn ein Thebaner hatte ihm seinen Vater Klymenos tödlich verwundet, und für diese That Vergeltung zu üben betrachtete der Sohn als Kindespflicht. Als er jedoch abermals nach Theben schickte, um den Tribut einfordern zu lassen, war Herakles soeben zurückgekommen. Dieser schnitt den Herolden nach der grausamen Sitte wilder Zeiten Nasen und Ohren ab, band ihnen die Hände mit Binsenseilen über dem Nacken zusammen und ließ dem Könige sagen, das sei der Tribut, den er ferner erhalten könne. Sogleich machte sich Erginos mit den Seinen auf, um den Schimpf blutig zu rächen und Theben noch einmal zu überfallen; aber jetzt zog ihm Herakles mit seinem Vater Amphitryo und einer Schar reisiger Thebaner entgegen, Amphitryo blieb tapfer kämpfend im Gefechte, allein dafür erlegte Herakles auch den Erginos, schlug die andern in die Flucht und zwang sie den bisher empfangenen Tribut doppelt wieder zu erstatten. Nach diesem Siege vermählte er sich mit der Megara , einer edeln Fürstentochter, und es wurden ihm drei Söhne geboren. Aber der alte Haß der Hexe war noch nicht erloschen. Sie verfinsterte die Seele des Helden, daß er in Wahnsinn versank; und in diesem schrecklichen Zustande ermordete er einst seine eigenen Söhne samt denen seines Bruders Iphikles . In furchtbarer Raserei warf er sie ins Feuer, und erst als die That geschehen war, kam dem Unglücklichen die Besinnung wieder. Er entsetzte sich vor sich selbst, und legte sich, die ungeheure Schuld zu büßen, die Strafe freiwilliger Verbannung auf. Gattin und Freunde und Unterthanen verlassend, wanderte er tiefsinnig nach Delphi und fragte die Pythia, wo er fortan wohnen solle. Das Orakel antwortete, nur dann werde er seine Frevel sühnen, wenn er zum Könige Eurystheus nach Mykenä gehe, diesem zwölf Jahre dienstbar sei und alles gehorsam ausrichte, was derselbe von ihm verlangen werde. »Mykenä? Wo lag das?« fragte Julius. »Hier im Peloponnes liegt es«, sagte der Lehrer, »in der Landschaft Argolis .« – Eurystheus war ein schwacher, feiger Mann, der den gewaltigen Gast, welcher ihm seine Dienste anbot, nicht ohne Furcht ansehen konnte. Indessen wagte er doch nicht dem Orakel entgegen zu handeln, auf welches der Fremde sich berief, und da dieser mit allen Schwüren gelobte, ihm als ein treuer Knecht zu dienen, so nahm er ihn endlich auf. Aber arglistig beschloß er von Stunde an, ihm nur solche Aufträge zu geben, die ihn in den ersten Tagen seines auf zwölf Jahre gestellten Gelübdes das Leben kosten sollten. Jetzt folgen nun die sogenannten zwölf Arbeiten des Herakles, die er auf Eurystheus' Befehl verrichtet haben soll. Die Dichter weichen aber in der Aufzählung derselben so sehr voneinander ab, daß man, wenn man ihre verschiedenen Angaben vereinigen wollte, wohl noch um die Hälfte mehr herausbringen könnte. Einige nennen dagegen nur zehn Arbeiten. Ohne Rücksicht auf die Zahl will ich euch die berühmtesten derselben nennen. Das erste dieser Abenteuer ist die Erlegung des nemeischen Löwen . Nemea hieß ein Gebirgsthal im nördlichen Argolis. Hierher hatte sich der Sage nach ein gewaltiger Löwe verirrt, der in den Herden der ringsum wohnenden Ackerbauer fürchterlich hauste. Er war vom drachenhäuptigen Typhon gezeugt, und menschliche Waffen schienen ihn nicht verwunden zu können. Daher wagte sich niemand mehr aus seiner Hütte hervor, aus Furcht, dem Ungeheuer zu begegnen; noch weniger dachte jemand daran es zu erlegen. Herakles machte sich mit Pfeil und Bogen auf, außerdem trug er in seiner Rechten eine Keule, die aus dem behauenen Stamme eines jungen Ölbaums bestand, den er einst auf dem Helikon mit der Wurzel ausgerissen hatte. Diese Wurzel, hart und knotig, aber gleichfalls behauen, bildete den Kopf der Keule. So gerüstet suchte er die bezeichnete Gegend auf, fand die Fußstapfen des Löwen im Sande, verfolgte sie einen ganzen Tag und durchirrte den Wald nach allen Seiten hin, ohne das Tier selbst zu finden. Endlich am Abend sah er es langsam einen Bergpfad herab steigen und auf sich zu kommen. Er versteckte sich hinter einem Baume, spannte seinen Bogen, und als der Löwe ihm nahe genug gekommen war, schnellte er los. Aber der wohlgezielte Pfeil prallte kraftlos ab. Der Löwe, stutzend, sah sich nach dem verborgenen Jäger um, der gleich darauf einen zweiten, ebenso wohl gezielten Pfeil, aber auch ebenso fruchtlos entsandte. Jetzt schüttelte das Tier grimmig seine Mähne, krümmte sich zusammen, wie ein Reif sich unter den Händen des Böttchers krümmt, und sprang mit einem gewaltigen Satze auf den Helden los. Dieser hatte schon den Bogen aus der Hand geworfen und die Keule mit beiden Händen erhoben, und ehe der Löwe noch die fürchterlichen Krallen ihm ins Haupt schlagen konnte, schmetterte er demselben den astigen Ölbaum mit solcher Gewalt an die Stirn, daß das Ungeheuer betäubt zurücktaumelte, die Augen verdrehte und sinnlos hinsank. Schnell wirft Herakles nun die Keule weg. Er springt hinter den Löwen, tritt mit beiden Füßen auf die Krallen seiner Hinterbeine, umspannt ihm den Unterleib mit seinen Schenkeln und den Hals mit den Armen, und hebt so den Vorderleib in die Höhe. Vergebens windet sich der Löwe. Er vermag nicht sich loszumachen; immer enger umklammern ihn die Arme des Helden, bis er endlich röchelnd verendet. Jetzt aber war Herakles in einer neuen Verlegenheit. Er wollte dem Löwen die Haut abziehen, um sie dem Eurystheus als ein sicheres Zeugnis der glücklich vollführten That vorzeigen zu können, und hatte doch weder Schwert noch sonst eine schneidende Waffe. Allein auch hier half ihm seine natürliche Stärke. Er machte an irgend einer Stelle einen Einriß in das Fell, riß dann immer weiter und vollendete auf diese Art das Werk mit seinen bloßen Händen. Triumphierend warf er dann die Beute als Mantel um seine Schultern, zog die Kopfhaut über sein eigenes Haupt und wanderte in diesem Aufzuge – zum Schrecken und Staunen aller Begegnenden – in Mykenä ein. Auch Eurystheus erschrak und wollte ihn in argwöhnischer Furcht zuerst gar nicht vor sich lassen; ja die Sage erzählt, er habe sich in ein ehernes Faß unter der Erde geflüchtet und dem Herakles befohlen, künftig die Beweise seiner Kämpfe nur vor den Thoren zu zeigen. Bald sann Eurystheus auf ein Mittel, den gewaltigen Dienstmann aufs neue gefährlich zu beschäftigen. Denn seine Nähe erfüllte ihn mit Sorgen, und dem vornehmen Schwächling ist nie wohl in der Gesellschaft eines Untergeordneten, der ihm an innerer Kraft überlegen ist. Die Gegend von Argos ernährte damals ein anderes Ungeheuer, eine Wasserschlange, die lange eine Geißel der Menschen und der Herden gewesen war. Sie hieß von den Sümpfen bei Lerna , wo sie sich aufhielt, die lernäische Hyder . Neun Köpfe hatte dies Scheusal, und daran nicht genug, war einer derselben unsterblich, während die andern acht gar nicht abgehauen werden konnten, ohne sich sofort und zwiefach zu erneuern. Denn sobald ein Kopf herunter geschlagen war, wuchsen an dessen Stelle aus dem hervorquellenden Blute im Augenblicke zwei andere hervor. Das Untier hielt sich in einem Sumpfe bei der Quelle Amymone verborgen und ward selten gesehen. Als endlich Herakles dasselbe entdeckt hatte, befahl er seinem Waffenträger Iolaos ein Feuer im Walde anzuzünden und ihm die Spitzen seiner Pfeile glühend zu machen. Mit diesen feurigen Geschossen nun lockte er die Hyder endlich hervor. Aber es war ein grauenvoller Anblick, wie sie den ungeheuren Leib daherwälzte und drohend ihre neun Häupter emporstreckte und aus den weitgeöffneten Rachen die schwarzen Zungen hervorzischten. Mit vorgehaltenem Schilde und funkelndem Schwerte sprang der Held auf sie ein, und mit raschen Hieben flog Kopf auf Kopf herunter, so daß er das Werk schon gethan zu haben glaubte, als zu seinem Schrecken aus jeder Wunde zwei neue Köpfe sichtbar wurden, die noch viel gräßlicher als die ersten nach ihm schnappten. Schon fühlte er den einen Fuß von den Windungen des Scheusals umschlungen und sah sich gleichzeitig von einem riesengroßen Krebs gepackt, der der Wasserschlange zu Hilfe eilte. In dieser Not – denn die Köpfe vermehrten sich ja mit jedem neuen Hiebe – kam ihm ein glücklicher Einfall. Er befahl dem Iolaos mit Feuerbränden herbeizuspringen und jede frisch geschlagene Wunde auszubrennen, und so gelang es ihm den raschen Nachwuchs zu ersticken und auch dieses Abenteuer glücklich zu vollenden. Denn zuletzt flog auch der mittelste, für unsterblich geltende Kopf herunter; den vergrub er in der Erde und wälzte einen schweren Stein darauf. Den Körper der giftigen Hyder aber hieb er in Stücke, und in das schwarz hervorströmende Blut tauchte er seine Pfeile, um sie durch dieses Gift unfehlbar tödlich zu machen. Herakles kam fröhlich von seinem neuesten Siege zurück und erwartete vom Eurystheus einen andern Befehl, zumal dieser die zweite Arbeit nicht für gültig erklärte, weil Iolaos dabei geholfen hatte. Sie erwies sich auch durch das Gift der Pfeile noch in anderer Beziehung unheilvoll, wie wir bei dem Untergange des schwergeprüften Helden sehen werden. Die dritte Arbeit war den beiden vorigen ähnlich. Einen Löwen und eine Schlange hatte der Held schon erlegt, jetzt sollte er auf einen Eber Jagd machen, der in den Klüften des Berges Erymanthos in Arkadien sein Lager hatte und davon in der Mythologie den Namen des erymanthischen Ebers führt. Um aber dem unermüdlichen Helden die Arbeit noch mehr zu erschweren, verlangte der König, daß er den Eber lebendig nach Mykenä bringe. Herakles machte sich auf und nahm seinen Weg über das Gebirge Pholoë , welches von dem Kentauren Pholos , der es bewohnte, seinen Namen hatte. Dieser nahm ihn gastfreundlich auf und setzte ihm gebratenes Fleisch vor, indes er selbst nach uralter Sitte noch rohes aß. Auch Wein wollte er ihm geben, allein er hatte nur ein einziges Faß, ein Geschenk des Dionysos, das dieser Gott vor vier Menschenaltern allen Kentauren gemeinschaftlich mit dem Befehle verehrt hatte, es so lange unberührt zu lassen, bis Herakles zu ihnen kommen würde. Indem nun Pholos den Spund herauszog, verbreitete sich ein so starker und lieblicher Duft aus dem köstlichen Fasse, daß alle Kentauren aus der Nachbarschaft herbei gelaufen kamen und mitzutrinken begehrten. In kurzem waren sie alle berauscht und fingen untereinander Händel an. Umsonst suchte der ehrliche Pholos ihren wilden Hader zu schlichten; er ward von den Blindwütenden zuerst getötet. Da ergriff seinen Gast gerechter Zorn; er fuhr mit seiner Keule auf die trunkenen Kentauren los dergestalt, daß viele tot blieben, andere die Flucht ergriffen. Seinen Gastfreund aber begrub er, wie sich's gebührte, und nach Vollziehung dieser heiligen Pflicht ging er nach Psophis , um den Eber aufzusuchen. Nachdem er ihn aufgefunden, scheuchte er ihn mit gewaltigem Geschrei aus einem Dickicht auf und jagte ihn in tiefen Schnee, wo er bald ermüden mußte. Dann verfolgte er ihn mit geschwungener Keule so lange im Gebirge, bis das Tier zuletzt erschöpft stecken blieb. Hier drückte er es mit starken Armen vollends nieder, band ihm dann Hinterbeine und Vorderbeine, und lud es so auf seinen Rücken. Als nun Herakles mit dieser gefährlichen Bürde beladen heim zog, sah ihm männiglich voller Verwunderung nach. Doch wagte niemand ihn zu fragen; denn er schien allen, die ihn sahen, mehr ein Gott, als ein Mensch zu sein. Eurystheus aber schreckte vor dem Anblicke des grimmigen Keulers so zusammen, daß er sich wieder in sein unterirdisches Gewölbe flüchtete. Noch eine Reihe ähnlicher Thaten hat die Sage vom Herakles aufbewahrt, und kaum gab es irgend ein starkes oder gefürchtetes Tier in Griechenland, das er nicht bezwungen hätte. So soll er dem Eurystheus einmal einen feuerschnaubenden Stier aus Kreta , ein andermal zwei berühmte Rosse aus Thrakien , noch ein andermal eine der Artemis geweihte Hirschkuh lebendig gebracht haben. Diese letztere hatte ein goldenes Geweih und eherne Füße; kein anderes Wild kam ihr an Schnelligkeit gleich. Ein ganzes Jahr lang hat er das seltsame Tier über Berge und Thäler, durch Wälder und Wiesen verfolgt, bis es endlich ermüdet nach dem arkadischen Flusse Ladon flieht und, indem es denselben durchschwimmt, vom Herakles verwundet und ereilt wird. Ein anderer Auftrag des Eurystheus ging dahin, die Gegend um den See bei Stymphalos in Arkadien von ungeheueren Schwärmen großer Wasservögel zu befreien, die den Bewohnern jener Landschaft lange Zeit sehr lästig gefallen waren, und die mit ihren ehernen Flügeln, Klauen und Schnäbeln große Verwüstungen anrichteten. Es sind dieselben Stymphaliden, denen auch die Argonauten im Pontus begegneten. Sie hatten die ganze Gegend verheert und verpestet; Menschen und Tiere mußten vor ihrem räuberischen Andrange weichen. Da scheuchte Herakles sie mit einer lautschallenden Eisenklapper, die ihm Athene geschenkt hatte, aus ihren Verstecken hervor und erlegte sie dann mit seinen Pfeilen. Dem Eurystheus ward es indessen fast schwerer immer neue Preisangaben zu ersinnen, als es dem Herakles ward dieselben zu lösen. So fiel ihm unter andern einmal sein Gastfreund Augeias (oder Augias), König in Elis , ein, der für einen Sohn des Sonnengottes galt und einer der reichsten Fürsten seiner Zeit war. In mächtigen Pferchen standen hier dreitausend Rinder, und diese Pferche waren seit dreißig Jahren nicht gereinigt. Hm! dachte Eurystheus, der seinem Dienstmanne immer häßlichere und maßlosere Arbeiten auferlegte, das muß ein hübscher Haufen Mist sein! Wenn ich dem Herakles auftrüge, diese Ställe in einem Tage zu reinigen, so wäre das dann am Ende doch wohl noch ein stärkeres Stück, als Löwen und Drachen zu besiegen. Er rief den Helden herbei und machte ihm diesen Vorschlag. Dieser, ohne einen Augenblick zu zögern, erklärte sich zu dem schmachvollen Werke bereit, nahm seine Löwenhaut und seine Keule und wanderte nach Elis. Als er dort angekommen war, hörte er von dem Augeias viel Böses erzählen. Er war ein gewaltthätiger Mann, den sein Reichtum übermütig gemacht hatte. Die benachbarten Fürsten, unter andern Neleus , der Vater des nachmals so berühmten Nestor , führten bittere Klagen über ihn. Solchem Menschen so ganz ohne Lohn und Dank einen höchst wichtigen Dienst in seiner Wirtschaft zu leisten, schien dem Herakles geradezu unrecht zu sein. Er schwieg daher wohlbedacht von dem Befehle des Eurystheus, und kehrte bei dem Augeias durchaus als Fremder ein. Dieser konnte nicht unterlassen vor seinem Gaste mit seinen Reichtümern zu prahlen und ihm alle seine Viehstände zu zeigen, Herakles bewunderte die Menge der trefflichen Rinder und Schafe; »aber«, fügte er lächelnd hinzu, »der Mist! der Mist!« »Ist ein notwendiges Übel!« antwortete achselzuckend Augeias. »Wer kann ihn auch jetzt nach fortschaffen! Freilich gäbe ich viel darum, wenn er heraus wäre,« »Was gäbst du wohl, wenn ich ihn dir hinausschaffte?« »Hm!« sagte Augeias, »das wirst du doch nicht thun wollen. Würdest's auch nicht können, du ganz allein!« »Was giebst du mir, wenn ich's ganz allein in einem Tage vollbringe?« »In einem Tage?« »Giebst du mir den zehnten Teil deiner Herden?« »Mit Freuden.« »So nehme ich dich zum Zeugen, Phyleus !« sagte Herakles hierauf zu dem daneben stehenden Sohne des Augeias. »Und nun gieb mir geschwind einen Spaten.« Er ergriff das Grabscheit und ging an den Fluß Penëus, der nahe an den Ställen vorüberfloß. Er grub einen Kanal bis an die Mauer des Stalles und führte einen zweiten Kanal von der jenseitigen Mauer an bis in den Alpheios, einen andern Fluß, der gleichfalls in der Nähe vorüberströmte. Nach diesen mühsamen Vorbereitungen rief er eines Morgens den Augeias und seinen Sohn herbei und sagte ihnen: »Nun habt acht, wie ich mein Wort lösen werde! An diesem einen Tage sollen alle diese Pferche gereinigt sein, wie ich versprochen habe.« Er stieß darauf die untere Mauer ein, und das Wasser stürzte sich in die Viehhöfe, brach an der andern Seite durch die gleichfalls geöffnete Wand hindurch und führte allen Unrat durch Herakles' Nachhilfe mit sich fort in den Alpheiosstrom. Hierauf verschüttete Herakles die Gräben wieder, setzte auch die Mauer wieder zu, badete sich und trat dann vor Augeias hin, um den ihm verheißenen Lohn zu fordern. Dieser war aber schon vom Anfange an nicht willens gewesen sein Wort zu halten, oder vielmehr hatte er es gar nicht im Ernste gegeben. Denn wie hatte er sich vorstellen können, daß so etwas nur möglich sei? Auch fehlte es ihm nicht an einem trefflichen Vorwande für einen Wortbruch; denn er hatte unterdessen erfahren, daß Herakles diese und ähnliche Arbeiten auf Befehl des Eurystheus verrichten müsse. Er warf ihm also gar noch Unredlichkeit vor, weil er sich einen unerlaubten Gewinn habe zueignen wollen, und zeigte sich bereit sich jedem schiedsrichterlichen Ausspruche zu unterwerfen. Da erhob sich Phyleus, sein eigner Sohn, gegen ihn und sagte: »Wohlan, wenn ich Schiedsrichter wäre, so müßtest du die Stiere herausgeben; denn du hast es versprochen, und dieser Mann hat wahrlich Wunder vor unsern Augen gethan und wäre wohl noch größeren Dankes wert, mag ihn gesandt haben wer es sei!« Über solche Worte höchlich ergrimmt, verbannte Augeias seinen Sohn samt dem Herakles aus Elis, ehe noch der schiedsrichterliche Ausspruch erfolgte. Aber nachdem die zwölf Dienstjahre verflossen waren und Herakles wieder sein eigener Herr geworden, führte diesen einst ein Zug durch den Peloponnes auch nach Elis. Hier vereinigte er sich mit den längst erbitterten Nachbarfürsten des Augeias, führte ihre Leute gegen denselben an und erschlug ihn selbst mit seiner Keule. Er setzte hierauf den bis dahin verbannten Phyleus in seine Güter ein und empfing von ihm statt des zehnten Teils der Herde ein anderes so reiches Geschenk, daß er davon den Tempel des Zeus zu Olympia erbauen lassen konnte, von welchem schon vorher die Rede gewesen ist. – Doch fällt diese That erst in eine spätere Zeit seines Lebens, und noch haben mir mehr von jenen Jahren der Knechtschaft zu erzählen, während deren der Held dem Eurystheus zu dienen verpflichtet war. Zehnter Abend. Herakles. Als die neunte der Arbeiten des Herakles wird sein Zug gegen die Amazonen genannt. Dies war ein gar seltsames Volk im nördlichsten Teile von Kleinasien, an den Ufern des Thermodon wohnhaft. Es bestand der Sage nach bloß aus Weibern, die so kriegerisch gesinnt waren, daß sie sich die rechte Brust ausbrannten, um den Bogen beim Spannen fester dagegen stemmen zu können; und eben von dieser Verstümmelung sollten sie ihren Namen (die Brustlosen) erhalten haben. Auch erzogen sie nur die Mädchen; die Knaben töteten sie entweder oder schickten sie ihren Vätern zurück. Begreiflich, daß jeder, den Handelseifer oder Wandertrieb in jene Gegenden geführt hatte, immer neue und immer abenteuerlichere Kunde von ihnen erzählte. Hippolyte , hieß es, sei gegenwärtig die Königin dieses weiblichen Heldenvolkes, und Ares (Mars) selber sei ihr so gewogen, daß er ihr einen kostbaren Gürtel geschenkt habe, den sie immer ihm zu Ehren trage. Eurystheus' Tochter Admete hatte den Einfall sich von dem Manne, der alles vermochte, diesen Gürtel auszubitten, und ihr Vater, der sich freute hier wieder eine neue Aufgabe für Herakles erhalten zu haben, bestätigte die Forderung auf der Stelle. Ein solches Unternehmen hatte der Held bisher noch nicht gewagt. Er bedurfte dazu eines Schiffes und mehrerer Gefährten, und als er dieselben zusammengebracht hatte – auch Theseus und Telamon waren unter ihnen – stach er mutig in die See. Schon in Paros , der wegen ihres Marmors berühmten Insel, hatte er sein erstes Abenteuer zu bestehen. Die Einwohner widersetzten sich nämlich der Landung und töteten ihm zwei Genossen. Da ergriff den Herakles die Wut; seine Keule schwingend stürzte er unter die Parier, erschlug ihrer viele und schenkte den übrigen nur unter der Bedingung das Leben, daß die zwei Tapfersten von ihnen zu ihm überträten und an Stelle seiner beiden ermordeten Gefährten die Reise mitmachten. Sie stellten sich hierauf alle der Reihe nach vor ihm dar, und er wählte aus ihnen zwei rüstige Jünglinge, Enkel des berühmten Königs Minos von Kreta, als Ersatzmänner aus. Von Paros aus schlug er denselben Weg ein, den bald nachher die Argonauten nahmen. Nach seiner Einfahrt ins schwarze Meer wandte er sich gleichfalls rechts und stieg an der Küste von Mysien aus. Hier empfing ihn Lykos , der König der Mariandyner , mit offenen Armen; denn er erwartete Hilfe von ihm gegen seine wilden Nachbarn, die Bebryken , die wir – ihr erinnert euch – schon früher als gewaltige Faustkämpfer kennen gelernt haben. »Ach ja!« rief Wilhelm; »ihr König forderte den Pollux so übermütig heraus.« »Ganz recht.« – Damals nun regierte dieser König noch nicht, sondern sein älterer Bruder Mygdon , der die Mariandyner unaufhörlich durch feindliche Einfälle und Plünderungen beunruhigte. Ihr könnt wohl denken, daß Herakles es als eine Pflicht des Dankes erkannt haben werde, seinem Gastfreunde Lykos gegen diesen bösen Feind beizustehen. Er führte sogleich die Mariandyner in das Land der Bebryken, riß alle Hütten nieder, trieb die Herden weg und jagte das Volk in die Flucht, nachdem er den König Mygdon getötet hatte. Auf dem öden Platze, wo die Hütten der Bebryken gestanden hatten, legte Lykos nachher eine Stadt an, die er zum ehrenden Andenken an seinen Wohlthäter Heraklea nannte. Diese Stadt ward in der Folge als ein reicher Handelssitz berühmt. Hier steht sie mit großen Buchstaben auf der Karte, hier an der Küste von Bithtynien. »Was heißt denn Heraklea ?« fragte Wilhelm. »Heraklesstadt«, antwortete der Lehrer. »Aber was bedeutet eigentlich der Name Herakles?« »Der durch die Here oder Hera Berühmte«, fuhr der Lehrer fort. »Dieser Name aber ward dem Helden von dem delphischen Orakel gegeben, als es ihn an Eurystheus wies; es sollte eine Hindeutung darauf sein, daß der Träger desselben seinen Ruhm der Here verdanken werde, sofern der Haß der Göttin ihn antreiben würde alle die großen Thaten zu verrichten, die er sonst vielleicht, ohne den Antrieb äußerer Schwierigkeiten, nicht vollbracht haben möchte. Bei seiner Geburt war er Alkides , Sohn des Alkäos, d. h. Sohn der Stärke genannt worden.« »Nun, von den Mariandynern – –?« – kam er zu Schiffe zur Stadt Themiskyra , hier in Pontos. Dicht darüber leset ihr »Promontorium Herakleum«, ein wiederum nach ihm benanntes Vorgebirge. Ihr mögt daraus erkennen, daß einst ein Mann dieses Namens dort zu Lande durch große Thaten die Erinnerung an seine Verdienste bis in späte Zeiten lebendig erhalten haben muß. Herakles ließ sein Schiff in die Mündung des Flusses Thermodon einlaufen und stieg im Angesichte der Stadt ans Ufer. Eben sie war nämlich der Hauptsitz der Amazonen und die Residenz der Königin Hippolyte . Als letztere von der Ankunft der Fremden benachrichtigt ward, kam sie selbst ihnen entgegen und redete mit Herakles. Er brachte seinen Auftrag an und hoffte schon die Sache friedlich zu beendigen, als auf einmal Here, die unversöhnliche, ihm einen neuen Fallstrick legte. Diese eilte nämlich in der Gestalt einer Amazone von Haus zu Haus und rief die andern alle zusammen. »Die Königin ist in Gefahr!« schrie sie. »Auf! kommt ihr zu Hilfe!« Sogleich griffen die Weiber alle zu den Waffen und stürzten nach dem Schiffe hin. Noch ehe sie dasselbe erreichten, schwirrten ihre Pfeile schon den Griechen ums Haupt. Die Königin eilte zu ihnen zurück, um sie zu besänftigen; aber in dem wilden Kampfgeschrei ward ihre Stimme nicht gehört, und Herakles, der die Ursache des Mißverständnisses nicht kannte und sich so unerwartet und heftig angegriffen sah, säumte auch keinen Augenblick Krieg mit Krieg zu erwidern. So hatte sich im Nu das blutigste Gefecht entsponnen. Der große Haufe der Amazonen fiel über Herakles' Begleiter her; auf ihn selbst aber zielten die edleren Weiber, die schon in andern Schlachten rühmliche Siege über Männer davon getragen hatten. Aber mit hoch geschwungener Keule jagte er sie bald auf dem weiten Blachfelde umher, und indem er hier und da eine ereilte und zu Boden schlug, vermied er zu gleicher Zeit die Geschosse der Entfernteren oder fing sie mit seinem trefflichen Schilde auf. Aëlla selbst, die »sturmfüßige« geheißen, entging dem Verderben nicht. Herakles war schneller als diese Tochter des Windes und schlug sie nieder. Nicht anders erging es der Prothoë , die sich rühmte sieben herausgeforderte Gegner erlegt zu haben. Jetzt deckte sie vergebens ihren Kopf mit dem ehernen Schilde, denn die fürchterliche Keule zerschmetterte Schild und Kopf zugleich. Keläno , Phöbe, Eurybia , die unerschrockensten unter allen, stellten sich umsonst zusammen und schossen umsonst ihre Pfeile zugleich ab. Alle drei Pfeile hafteten in Herakles' Schilde, aber ehe die Weiber neue auflegen konnten, folgte der Schreckliche ihnen schon auf dem Fuße, rannte sie alle drei zugleich nieder und tötete dann eine nach der andern. Vergebens, daß die übrigen nun nach der Stadt flüchteten; denn auch dahin drang jener mit seinen Gefährten, zündete ihre Häuser an und zerstreute das ganze Völkchen. Mehrere nahm er gefangen, um sie als Sklavinnen fortzuschleppen. Unter diesen war auch die Königin Hippolyte und eine andere vorzüglich schöne Fürstin Namens Antiope . Doch schenkte er die letztere seinem Gefährten Theseus ; jene aber gab er wieder frei, sobald er ihren Gürtel erhalten hatte. Auf seinem Rückzuge landete er auch bei Troja, das damals von Laomedon , Priamos' Vater, beherrscht war. Dieser, als ein treuloser und geiziger Mann bekannt, hatte soeben durch eine Unredlichkeit sein ganzes Land in großes Elend gestürzt. Bis zu seiner Regierung hatte die Stadt, obgleich groß und volkreich, noch schutzlos und ohne Mauern da gestanden. Da, erzählt die Sage, nahmen sich einst Poseidon und Apollon vor, diesen Mann auf die Probe zu stellen. Sie gingen verkleidet als fremde Männer zu ihm, gaben sich für Bauleute aus und erboten sich, ihm eine hohe, unbezwingliche Mauer um die Stadt zu bauen. Er ging gern auf den Vorschlag ein, ward über den Lohn der Arbeit mit ihnen einig, und sie griffen sogleich das Werk mit Eifer an. Fest und sicher stieg die Mauer empor, und endlich stand sie zur Freude aller Trojaner vollendet da. Da gingen die beiden Männer zum Könige und verlangten den bedungenen Lohn, aber Laomedon wollte von keinem Lohne wissen. Sie zürnten, er lachte; sie drohten, er trotzte auf seine Macht; da schwiegen sie und gingen zur Stadt hinaus. Darauf verheerte eine verderbliche Pest die ganze Stadt: das kam vom Apollon; Poseidon aber sandte den Troern eine Überschwemmung, die alle ihre Saaten zerstörte, und ein grimmes Seeungeheuer, das die am Ufer Vorübergehenden angriff und sie lebendig verschlang. In solcher Not ließ der bedrängte König durch die Priester das Orakel befragen. Dieses gab ihm die Antwort: zwei Götter seien schwer von ihm beleidigt; und er werde sie anders nicht versöhnen, als wenn er seine Tochter dem Ungeheuer freiwillig zum Fraß gäbe. Die unglückliche Hesione ward hierauf mit Händen und Füßen an einen Felsen geschmiedet, der dem Meere zunächst lag, und ihrer entsetzlichen Todesangst überlassen. An dem nämlichen Tage geschah es, daß Herakles bei Troja landete. Er sah das jammernde Mädchen, fragte nach ihrem Schicksal und faßte auf der Stelle den Entschluß sie zu retten. Er sprach mit dem Könige, erbot sich mit Gefahr seines Lebens das Untier am Ufer zu erwarten und, wenn es erscheine, den Kampf mit ihm zu versuchen. »Aber«, setzte er hinzu, »verlange dies Opfer nicht umsonst! Erlege ich das Ungeheuer, so sei mein Siegespreis jenes Zwiegespann unsterblicher Rosse, das Zeus einst deinem Ahnherrn Tros für den durch den Adler geraubten Ganymedes geschenkt hat.«– »Wohl«, sprach Laomedon, »tötest du das Tier, so sind die Rosse dein!« »Unsterbliche Pferde?« fragte Anton. »Ja«, antwortete der Lehrer. »Sie gehören mit zu den Schöpfungen des Mythus, der auch das Tierreich so gern in seine Kreise zog. Feuerschnaubende Stiere, vielhäuptige Drachen und Schlangen, redende Vögel, Hirsche mit goldenen Hörnern und nun gar unsterbliche Pferde, Auch die mittelalterlichen Sagen erzählen von dem berühmten Rosse Bayard , das, von Schlangen gefüttert, mit mehr als menschlichem Verstand, aber nicht mit dem Vermögen der Sprache begabt war. Bei dem Kampfe mit Malagis zeigte es Thränen in den Augen, ehe es sich ergab. mit denen sich reden läßt wie mit vernünftigen Menschen: das alles war dem Glauben und Dichten jener Zeiten nicht zu kühn. Die Sage übrigens, auf die hier angespielt wird, ist folgende: Tros , ein uralter König von Troja, hatte einen Sohn, Namens Ganymedes , der der schönste Knabe auf Erden war. Zeus sah ihn, ward entzückt von dem unvergleichlichen Bau der Glieder und dem blühenden, freundlichen Antlitz, und nur das eine bekümmerte ihn, daß dieser Knabe altern und seine Schönheit einmal verlieren sollte. Daher beschloß er ihn lebend von der Erde wegzunehmen und ihm im Olymp ewige Jugend gleich den Göttern zu schenken. Er sandte seinen Adler, als der Knabe eben auf dem Ida bei seiner Herde eingeschlafen war; der mußte ihn sanft ergreifen und in seinen Klauen durch die Lüfte tragen. Aber Vater und Mutter des Geraubten und alle Trojaner trugen Leid; denn alle hatten Ganymedes geliebt. Da empfand Zeus Mitleid mit den Wehklagenden, und wie um sie zu trösten, erfolgte nun das oben erwähnte Geschenk. Ganymedes aber lebte im Olymp in immer heiterer Jugend, und sein Geschäft war, dem Vater der Götter, abwechselnd mit der gleichfalls ewig jungen Hebe, den Becher mit Nektar zu füllen.« »Und wie wurde es mit dem Ungeheuer?« Es schoß in demselben Augenblicke aus den Wellen empor, als Herakles wieder am Ufer anlangte. Eben im Begriff auf das gefesselte Mädchen loszustürzen, empfing es einen Schlag von Herakles' Keule, so daß es zurück taumelte. Darauf ergriff der Held einen Spieß und rannte ihm denselben mit solcher Heftigkeit in den weitaufschnappenden Rachen, daß ein dicker Strom schwarzen Blutes hervorbrach, und dann stieg er selbst in den Schlund des Ungetüms hinab, zerschnitt ihm alle Eingeweide und arbeitete sich endlich wieder heraus. Das Jubelgeschrei des ganzen Volkes begleitete diese kühne That. Hesione ward von ihren Fesseln gelöst und fiel dem Retter zu Füßen, der allen weiteren Dank, außer den versprochenen Pferden, ablehnte. Aber der geizige Laomedon zeigte sich jetzt ebenso treulos, wie früher in dem ganz ähnlichen Falle gegen die beiden Götter. Nachdem ihm einmal die verlangte Hilfe gewährt war, glaubte er nicht mehr nötig zu haben sich eines wertvollen Kleinods zu berauben, nur um sein Wort zu halten. Zudem schien es ihm sehr leicht die Arglosigkeit des Herakles durch eine List zu täuschen. Er schob also ein Paar gewöhnlicher Pferde unter, und als dennoch Herakles den Betrug erkannte und alles Leugnen nichts mehr half, behauptete er plötzlich mit unerhörter Frechheit, bei seinem Versprechen jene unsterblichen Pferde gar nicht im Sinne gehabt zu haben. Schon fuhr dem Helden unwillkürlich der Arm nach der furchtbaren Waffe, und sicher hätte er den Unverschämten auf der Stelle bestraft, wäre nicht die Stadt so ungemein volkreich und seine eigene Begleitung so unbedeutend gewesen. Zürnend ging er von dannen, indem er drohte zurückzukehren und kein Haus in Troja stehen zu lassen. Laomedes lachte und behielt seine Pferde. Herakles aber schiffte sich nach Mykenä ein, um der Admete den Gürtel der Amazonenkönigin zu bringen. Sie nahm ihn gleichgültig an; daß dieser Gegenstand einer leicht aufwallenden Weiberlaune so viel Mühe, Gefahren und Menschenblut gekostet habe, schien sie wenig zu rühren. Die nächste Reise, welche Herakles auf Eurystheus' Befehl antrat, führte ihn auf ganz entgegengesetzten Pfaden nach der fruchtbaren Insel Erytheia . Sie war nahe am Okeanosstrome gelegen, und dies heißt bei den damaligen Menschen so viel als am Ende der Welt. Denn ihr werdet euch dessen wohl noch erinnern, was ich euch sonst schon über die Vorstellungen des homerischen Zeitalters von der Gestalt der Erde gesagt habe. Man dachte sich nämlich dieselbe wie eine Scheibe, um die ringsher der mächtige Okeanos ströme. Er machte somit gleichsam den Rand des Tellers aus. Daß man von den Bewohnern einer so entfernten Insel allerlei Seltsames gefabelt haben werde, begreift sich wohl. Der Beherrscher des Eilandes hieß Gernones , ein Sohn des Chrysaor (Goldschwerts) und der Kallirrhoë (der Schönfließenden), einer Tochter des Okeanos. Er hatte drei Köpfe, drei Leiber, sechs Arme und sechs Füße, und selbst Orthros , der Hund seines Hirten, des Riesen Eurytion , war zweiköpfig. Dieser Hirte weidete täglich des Geryones Herden, lauter große braunrote Rinder, die schönsten, die man sehen konnte. Sie zu entführen war diesmal die Aufgabe, und Herakles unterzog sich derselben mit seinem gewohnten Gehorsam. Er nahm seinen Weg durch Libyen . » Libyen ? Wo liegt das?« Es ist der älteste Name von Afrika, oder vielmehr von dem, außer Ägypten, damals bekannten nördlichen Küstenstriche dieses Weltteils. Der Held durchwanderte die heißen Sandwüsten der heutigen Berberei, bis er an den Felsen Kalpe kam und hier die Küste von Spanien ganz nahe vor sich erblickte. Hier war es nun auch, wo er angeblich, als ruhmwürdige Zeugen seiner kühnen Fahrt, die beiden Felsen an der Meerenge von Gibraltar aufgerichtet haben soll, die man im ganzen Altertums nach ihm die Säulen des Herakles genannt hat. Als er sich auf seiner Wanderung eines Tages durch die Strahlen des Sonnengottes schwer belästigt fühlte, legte er ohne Zaudern seinen Bogen gegen denselben an und sandte einen Pfeil ab. Helios, weit entfernt zu zürnen, bewunderte einen Mut, der selbst Göttern zu trotzen wagte, und lieh dem Helden jenen goldenen Nachen, in welchem er selbst allnächtlich vom Lande des Niedergangs zu dem des Aufgangs zurück segelte. So setzte Herakles über das Meer. Aber kaum war er auf der Insel Erytheia gelandet, so begannen schon die Kämpfe und Gefahren. Zuerst ersah ihn der doppelköpfige Hund Eurytions und wollte ihm mit grimmigem Gebell den Zutritt verwehren. Herakles schlug ihn samt dem Hirten mit seiner Keule tot und entführte die Rinder. Aber Geryones eilte ihm nach. Es kam zwischen beiden zu einem hitzigen Kampfe, in welchem nicht nur Geryones erschlagen, sondern selbst die zu seinem Beistande herbeigeeilte Here in der Brust verwundet wurde. Herakles ruderte nun erst nach Tartessos , einer uralten Küstenstadt des südlichen Spaniens. Dann kam er nach Sizilien und Italien, um auch hier noch manchen Kampf zu bestehen. So besonders mit dem großen Riesen Kakus , der Feuer aus seinem Rachen spie. Dieser hatte dem Herakles acht seiner Rinder geraubt, und um jede Spur des Diebstahls zu verbergen, dieselben an den Schwänzen rückwärts in seine Höhle gezogen. Aber dennoch entdeckte der Held durch List den Raub. Er trieb nämlich die ihm gebliebenen Stiere an dem Felsengeklüft vorüber, und als nun dieselben, die Nähe der gefangenen witternd, ein Gebrüll erhoben, erschollen alsbald auch die Stimmen der letzteren aus ihrem Versteck, und nun beschloß Herakles das Geraubte mit Gewalt zurückzufordern. Es entspann sich ein langer, heftiger Kampf, indem der feuerspeiende Riese den Eingang zu der Höhle verwehrte; dennoch drang Herakles durch und würgte den Kakus, den er tot aus seinem Schlupfwinkel hervorzog. Darauf setzte er die Reise zu Lande längs der Küste des adriatischen Meeres fort, von Illyrien durch Thrakien nach des Eurystheus Heimat. Und als ob es nicht schon eine bewundernswürdige Arbeit für einen einzigen Mann gewesen wäre, eine Herde wilder Stiere durch so viele fremde und unwegsame Länder, durch Flüsse, Seeen und Meerengen hindurch von Gibraltar bis nach Mykenä zu treiben, setzt die sich überbietende Sage gar noch hinzu, die ganze Herde sei ihm in Makedonien und Thrakien toll geworden, aber dennoch habe er sie glücklich so gebändigt, daß sie zuletzt alle bei dem Eurystheus angekommen und dort der Here geopfert worden seien. Mit dieser Fahrt nach dem fernen Westen wäre nun eigentlich Herakles aller ferneren Dienstpflicht gegen den Eurystheus erledigt gewesen. Denn nicht bloß, daß die ihm zugemessene Zeit verflossen war, sondern er hatte auch die ursprünglich auf zehn festgesetzte Zahl der ihm zu übertragenden Arbeiten erreicht. Aber der eigenwillige Eurystheus beruhigte sich dennoch nicht. »Hattest du«, sagte er ihm, »die Hydra von Lerna nicht mit Hilfe des Iolaos besiegt und die Ställe des Augeias nicht für Lohn gereinigt, so möchte es darum sein. So aber kann ich dir diese Arbeiten unmöglich anrechnen, und du mußt mir an ihrer Stelle noch zwei andere und zwar ganz allein verrichten.« »Nun, so laß hören!« rief Herakles. »Wohl!« sprach Eurystheus. »Es ist eine Kunde zu mir gekommen von den goldenen Äpfeln der Hesperiden . Here soll dieselben dem Zeus bei der Hochzeit nach altem Brauch als Liebesgabe dargeboten haben. Nun aber hütet ein Drache mit hundert Köpfen den Eingang zu dem Garten, in welchem diese wunderbaren Äpfel wachsen, und da du schon so manches Untier getötet hast, so gehe hin und erlege auch dieses und bringe mir die Äpfel.« »Aber wo wohnen die Hesperiden?« »Sie aufzufinden ist deine Sache und mag mit zur Aufgabe gehören.« Ihr seht, das war eine üble Lage für unsern Helden, Bisher hatte er doch immer noch gewußt, wohin; aber diesmal war er unschlüssig, ob er zu Wasser oder zu Lande reisen, nach Süden oder nach Norden ziehen solle. Vorläufig überließ er sich dem blinden Zufall und wandte sich zunächst nach Thrakien und Illyrien. Aber schon in Thessalien gab es Arbeit für den Herakles. Denn hier sperrte ihm den Weg der Räuber Termeros . Das war ein gewaltiger hartköpfiger Gesell, der jedem ihm Begegnenden mit seiner Stirn den Schädel einrannte. Doch an Herakles' Stärke zerschellte endlich selbst das plumpe Haupt des Unholds. Nicht lange darauf kam ihm auf demselben Wege Kyknos entgegen, ein Sohn des Ares und der Pyrene , und diesen beschloß er zu fragen. Jedoch der Sohn der Kriegsgöttin antwortete mit einem Faustschlage, der den Herakles, wenn er nicht ausgewichen wäre, vielleicht für immer stumm gemacht hätte. Auch hier kam es sofort zum Kampfe, und auch hier ging Herakles als Sieger hervor; da erschien Ares selbst, um den Tod seines Sohnes zu rächen, und wer weiß, welches das Ende dieses gefährlichsten aller Kämpfe gewesen wäre, wenn nicht Zeus die beiden Ringer durch einen plötzlich zwischen sie geworfenen Blitzstrahl getrennt hätte. Herakles ging sinnend weiter und fragte manchen Vorübergehenden, aber niemand konnte ihm den Weg zu den hesperidischen Gärten zeigen. So kam er durch Illyrien (einen Teil des heutigen Königreichs Ungarn) und endlich an den Eridanus . Dieser Name, mit dem später, wie schon erwähnt, der Po benannt wurde, bezeichnet hier nur einen fabelhaften Strom. Nicht also an den Po, sondern an jenen Eridanus der Sage kam Herakles und suchte die freundlichen Nymphen auf, welche das Ufer des Flusses bewohnten. Diese – Töchter des Zeus und der Themis – hatten von ihrer Mutter die Gabe der Weissagung geerbt, und daher legte ihnen Herakles die Frage nach den gesuchten Wundergärten vor; allein auch sie bekannten ihm ihre Unwissenheit. Nereus aber, meinten sie, ein alter Flußgott, der in der Nähe seine Höhle habe, wisse alles, was gegenwärtig, vergangen und zukünftig sei. Wenn er diesen überrasche und binde, so werde er alles erfahren. »Ihr seht, dieses Märchen ist dem andern von dem ägyptischen Flußgott Proteus nachgebildet, der auch erst geknebelt sein wollte, ehe er zum Weissagen zu bringen war.« Herakles suchte nun den schlafenden Nereus auf und verfuhr gerade so mit diesem wie Menelaos mit jenem. Dennoch vernahm er von ihm noch nicht, was er wissen wollte, sondern erhielt bloß die Weisung zum Prometheus zu gehen, der werde ihm Auskunft geben können. Prometheus lag noch immer am Kaukasus angeschmiedet, und noch täglich wühlte ihm der gierige Aar in seiner Leber. Durch Herakles war ihm jedoch vom Schicksal Erlösung zugedacht. Daher mußte der Held jetzt die weite Reise machen, um jenen Schicksalsbeschluß zu erfüllen. Auf mühevollen Pfaden zog er durch die makedonischen und thrakischen Wälder und Gebirge, setzte über den Bosporos und durchwanderte dann, mit Keule und Bogen gewaffnet, dieselben wilden Küsten Kleinasiens, an denen er vormals mit seinem Schiffe entlang gefahren war. Er hielt sich nirgends auf, nur daß er bei einigen Gastfreunden übernachtete. Unfern des Kaukasus sah er einen Adler über sich hinfliegen. Es war des Prometheus Adler, der eben von dort herkam. Herakles spannte den Bogen und legte einen seiner niemals fehlenden Pfeile darauf. Durchbohrt fiel der mächtige Vogel herunter, und in demselben Augenblicke ertönte ein Freudengeschrei aus dem fernen Felsen hervor. Der Held ging der Stimme nach und fand den unglücklichen Göttersohn in seinen Qualen an der brennenden Felsenwand. »Freue dich, du Göttlicher!« rief er ihm entgegen. »Die Stunde deiner Erlösung ist gekommen! Der Adler liegt in seinem Blute, und jetzt sollen auch diese Bande fallen.« Er riß hierauf ein Eisen nach dem andern mit starker Hand heraus und hob zuletzt den Entfesselten sanft herunter. Dieser stand sprachlos staunend da, schlug einen Blick zum Himmel auf und versuchte dann seine Glieder, ob ihnen noch Regung und Leben innewohne wie einst. Herakles bat den Befreiten, ihm statt alles andern Dankes eine sichere Kunde von den Gärten der Hesperiden zu geben. Hierauf wies Prometheus denselben nach dem westlichen Ende Afrikas hin; dort am Fuße eines Berges, wo der Riese Atlas das Himmelsgewölbe trage, werde er die goldenen Äpfel finden. Die Töchter des Hesperos seien von der Here zu Hüterinnen derselben gesetzt, und unter dem Laubdache des wunderbaren Fruchtbaumes hause ein Drache. Doch zeigte Prometheus zugleich die Kunstgriffe, durch welche der Drache überwunden werden könne, und verkündigte kraft seiner göttlichen Sehergabe dem Herakles einen vollkommenen glücklichen Ausgang. Beide schieden freudig und dankbar. Prometheus, nun mit Zeus versöhnt, ward zum Olymp emporgehoben, wo er seiner Unsterblichkeit wieder froh ward; Herakles aber durchstreifte Asien, bis er über die Erdenge bei Suez nach Ägypten gelangte. Hier war ihm einmal wieder eine Handlung der Gerechtigkeit aufbehalten. Busiris , der damalige König des Landes, hatte einem Seherspruche zufolge geboten, daß alle Fremde, die sich innerhalb seiner Grenzen betreten ließen, den Göttern geopfert würden. Auch Herakles ward ergriffen und in Fesseln vor den König gebracht, um in dessen Gegenwart den Tod zu erleiden. Schon war alles zum Opfer bereit, aber plötzlich zerriß er seine Bande, wie morschen Bast, ergriff die nächste Waffe und erschlug damit in demselben Augenblick den König, des Königs Sohn und den Herold, der das Opfermesser gegen seinen Nacken geschwungen hatte. Einer der königlichen Knechte hatte ihm Bogen, Köcher und Keule nachgetragen, und so kam Herakles wieder in Besitz seiner alten Waffen und eilte raschen Laufs von dannen, ehe seine That ruchbar ward. Elfter Abend. Herakles. Aus Ägypten glücklich entkommen, gelangte Herakles nun nach Libyen . Hier wohnte ein übermütiger Riese, Antäos genannt, ein Sohn Poseidons und der Erde, der, gleich jenem Bebrykerfürsten, welchen Pollux erlegte, jeden Fremden zum Faustkampf herausforderte. Bisher hatte er noch alle besiegt und würde auch unsern Helden sicher erschlagen haben, wäre diesem nicht durch Prometheus das Geheimnis kund geworden, welches jenen unüberwindlich machte. Als Sohn der Erde zog Antäos nämlich während des Kampfes immer frische Kraft aus dem Boden, den seine Füße berührten; und während seine Gegner allmählich ermüdeten, strömte ihm von daher unerschöpflich neue Stärke zu, so daß er zuletzt die Oberhand über alle behielt. Kaum sah dieser Erdensohn den Fremden von weitem kommen, so schritt er ihm schon stolz entgegen und forderte auch ihn zum Streite heraus. Herakles nahm die Ausforderung unbedenklich an, legte seine Waffen und seine Löwenhaut auf die Erde und ging auf den Gegner los. Aber eingedenk der Worte des Prometheus ließ er sich gar nicht lange auf Faust- und Ringkämpfe ein, sondern packte den Antäos in der Mitte des Leibes, hob ihn so vom Boden in die Höhe und zerbrach ihm mit furchtbarem Druck der Arme die Rippen, ohne daß ihn die Hilfe seiner Mutter noch hätte erreichen können. Bei der weiteren Wanderung kam er bis Thermydrä, wo er einem Ochsenführer einen seiner Zugstiere vom Wagen abgespannt und beim Opfermahle verzehrt hat. Über die Hauptsache, die Bezwingung des Drachens und die Erbeutung der Äpfel, kann ich mich kurz fassen. Als Herakles zum Atlas kam, überredete er diesen die Äpfel selbst zu holen, während er mittlerweile an dessen Stelle den Himmel mit seinen eigenen Schultern stützte. Atlas aber verlangte, nun auch selbst dem Eurystheus die Äpfel zu überreichen und weigerte sich die Last des Himmels wieder auf sich zu laden, so daß sich Herakles nur durch eine List in den Besitz der Wunderfrüchte setzen konnte. Er bat nämlich den Atlas ihm auf einige Augenblicke den Himmel abzunehmen, bis er sich eine aus Binsen geflochtene Wulst auf den Nacken gelegt haben werde, um so die ungeheure Wucht leichter tragen zu können. Atlas ließ sich täuschen; denn er wartete vergebens auf die Ablösung. Nach andern Erzählungen ist jedoch Herakles selbst in die Gärten gestiegen, hat den Drachen Ladon mit seiner mächtigen Keule erschlagen und dann die Äpfel gepflückt. Bei seiner Heimkehr überreichte er dem Eurystheus die Äpfel, der sie besah und dann dem Helden als Gnadenlohn wieder zurückgab. Dieser legte sie nun auf einem Altare der Athene nieder, und die Sage geht, die Göttin habe sie dort aufgenommen und wieder an ihren ersten Ort getragen, wo sie einem alten Orakel zufolge für immer bewahrt bleiben sollten. – Der glückliche Ausgang dieses Abenteuers, welches allein dem Herakles eine lohnende Anerkennung eintrug, ist Veranlassung geworden, daß es bisweilen an die letzte Stelle versetzt ist. Die grauenhafteste und nach der gewöhnlichen Überlieferung die letzte seiner Arbeiten führte den Helden in die Unterwelt. Dort sollte er den grimmen Höllenhund, den dreiköpfigen Kerberos (Cerberus), welcher den Eingang zur Wohnung der Schatten bewachte, lebendig heraufholen und wieder hinunterbringen. Um dieses Wagnis zu bestehen, bedurfte es mehr als unbeugsamen Heldenmutes. Ohne fromme Weihe schien ein solcher Versuch frevelhaft und nutzlos. Deshalb mußte der Held sich zu Eleusis in den göttlichen Lehren unterweisen und vor allem von der Blutschuld sühnen lassen, die noch von der Kentaurenschlacht her an ihm haftete. Erst nach solchen Vorbereitungen zog er nach dem Vorgebirge Tänaron. Hier, wo eine der Eingangshöhlen zur Unterwelt sich öffnete, stieg er hinab. Bei den Thoren stieß er auf Theseus und Peirithoos. Beide schmachteten an die Felsen gefesselt, und um die Seelen der abgeschiedenen Helden mit einem Trunke frischen Herzblutes zu letzen und sie wenigstens auf Augenblicke zu vollem Leben zurückzuführen, schlachtete er einen von den Stieren des Gottes der Unterwelt. Darauf erbat er sich den Hund und erhielt die Erlaubnis denselben mitzunehmen, wenn er bei dessen Bändigung sich nicht der Waffen bediene, mit denen er gerüstet erschien. Nachdem er ihn nun bei den Mündungen des Acheron aufgefunden hatte, warf er sich auf das Ungeheuer, umschlang sein Haupt und ließ nicht los, obgleich der Schweif desselben plötzlich zur Schlange ward und ihn mit mörderischen Bissen überfiel. Indem Herakles dem Untiere auf diese Weise den Hals zuschnürte, zwang er es nieder, so daß es sich ihm heulend zu Füßen wand. Dann führte er es auf die Oberwelt und brachte es, nachdem er es dem Eurystheus gezeigt hatte, wieder in die Unterwelt zurück. Über allen diesen Abenteuern war endlich die zwölfjährige Knechtzeit unseres Helden verflossen. Er selber war nicht minder froh eines so elenden Herrn, als Eurystheus eines so furchtbaren Dieners ledig zu sein. Seine Heimat Theben war nun sein erster Gedanke. Er kehrte sogleich dahin zurück und ward mit Liebe aufgenommen; aber durch die Erinnerung an seine vormalige Raserei und an das unschuldig vergossene Blut seiner Kinder fühlte er sich von seinem treuen Weibe Megara innerlich getrennt, und verließ, nachdem er die Megara mit seinem alten Freunde Jolaos vermählt, Theben zum zweitenmale, um sich auswärts eine andere Gattin zu suchen. Er hörte von einem reichen Könige zu Öchalia auf der Insel Euböa , Namens Eurytos . Dieser hatte bekannt machen lassen, daß von den vielen Freiern seiner Tochter Jole derjenige sie erhalten solle, der ihn und seine Söhne im Bogenschießen überwinden würde. Da machte sich Herakles auf, mischte sich unter die Bewerber, übertraf sie alle und verlangte nun den versprochenen Kampfpreis. Dennoch wollte ihm Eurytos, so sehr er den berühmten Gast bewunderte und ehrte, seine Tochter nicht überlassen. Er fürchtete die Wiederkehr jenes entsetzlichen Wahnsinnes, in welchem derselbe einst die eigenen Kinder ermordet hatte, und auch außerdem mochte er Gründe haben, warum er seiner Tochter einen weniger ausgezeichneten Mann wünschte. Menschen von so gewaltiger Natur mögen nicht nach dem Maße anderer Sterblichen gemessen sein; ihre Kraft und ihr Mut scheint die ungebundenste Freiheit fordern zu dürfen, und ebendeshalb genügt ihnen selten an der stillen häuslichen Lebensart, bei der allein ein gutes Weib sich wohl befindet, ja sie verschmähen und verkennen diejenige Art von Glückseligkeit, die eine solche Beschränkung darbieten kann. Des Herakles Werbung ward also in kluger Weise abgelehnt, und vor einem ruhigen Richter wäre der Vater des Mädchens gewiß hinreichend entschuldigt gewesen. Nicht aber vor dem heftigen, leidenschaftlichen Herakles. Dieser sah in ihm nur den arglistigen, treulosen Betrüger, und sich selbst hielt er durch diese Zurücksetzung vor den Augen aller Mitbewerber an seiner Ehre so tief gekränkt, daß er ihm eine recht empfindliche Rache schwur und mit der Drohung bald wieder zu kommen; im höchsten Zorne das Haus des Eurytos verließ. Eine Zeitlang schweifte er darauf in der Irre umher, bis er endlich zu Admetos , dem Beherrscher von Pherä in Thessalien, kam. Diesen verzehrte eine unheilbare Krankheit, und ein Orakel hatte verkündigt, daß er nur dann gerettet werden könne, wenn jemand sich für ihn freiwillig dem Tode opfern wolle. Die Heilung schwerer Krankheiten durch die Aufopferung eines andern Lebens kehrt in vielen Sagen wieder, so in der von Blaubart und andern Zauberern, die ihre jungen geraubten Frauen töteten und das Blut derselben sammelten. In einem deutschen Gedichte aus dem 13. Jahrh., dem » armen Heinrich « von Hartmann von der Aue , wird dem schwer leidenden Ritter nur ein Heilmittel genannt, daß nämlich eine reine Jungfrau aus freiem Willen für ihn den Tod leide. Selbst die Sage von den Juden, welche Christenkinder heimlich gemordet haben sollen, um ihr Blut zu erlangen, mag auf dieser Vorstellung beruhen; sie wollten sich damit heilen und von schmutzigen Krankheiten reinigen. Vater und Mutter hatten den grausamen Schicksalsspruch gekannt, aber keiner hatte sich entschließen können sich selber für den Sohn zu opfern. Nur Alkestis , seine Gemahlin, hielt das eigene Leben nicht zu wert; sie war still hinausgegangen und hatte die Todesgöttin angefleht, sie selbst als Opfer für den siechen Gatten hinzunehmen. Eben war das treue Weib gestorben, als Herakles zu dem nun völlig hergestellten Admetos eintrat. Er fand den trostlosen Gatten jammernd neben der geliebten Leiche, das ganze Haus hallte von gerechter Wehklage wieder, und der selbst schwermütige Gast ward von herzlicher Teilnahme an dem harten Schicksale seines Gastfreundes ergriffen. »Leb wohl!« sprach er, »ich will dir nicht beschwerlich sein.« Und damit wandte er sich ab. Draußen aber flehte er zu seinem Vater Zeus: »Schon einmal hast du mich, Vater, aus den Schrecken der Unterwelt glücklich hinausgeführt, o erbarme dich jetzt des verlassenen Gatten und gewähre mir's, daß ich die Seele noch einmal zurückführe, die der Erde zu früh geraubt ist!« Er stieg nochmals in den wohlbekannten Schlund des Tartaros hinab, ging festen Schrittes bei dem Kerberos vorüber, um den kaum gelandeten Schatten der Alkeste von der Persephone loszubitten. Die Göttin, schon vorher von deren treuer Liebe gerührt, gewährte dem Helden sogleich seine Bitte, und siegesfroh führte Herakles die Wiedererstandene ihrem Gatten zu und freute sich ihres gegenseitigen Entzückens. Unterdessen war dem Eurytos eine Herde schöner Rinder entwendet worden. Ein gewisser Autolykos hatte sie weggetrieben, und der Diebstahl blieb um so leichter unentdeckt, als jedermann den Herakles in Verdacht hatte und in der That nur ein Werk der Rachsucht sah. Nur Iphitos , der Sohn des Eurytos, teilte den Verdacht seines Vaters nicht; dennoch machte er sich auf den Weg, um Herakles aufzusuchen und wo möglich durch seine Hilfe die Rinder wieder zu bekommen. Er durchirrte überall den Peloponnes, ohne ihn zu finden. Endlich kam er nach Tiryns und verweilte eine Zeitlang daselbst. Und siehe, dorthin kam auch Herakles, der den Admetos verlassen hatte und noch immer bittern Groll gegen Eurytos im Busen nährte. Schon unterwegs war er mit Gedanken der Rache umgegangen, ohne über die Art derselben mit sich einig geworden zu sein. Jetzt trat er bei dem Eurystheus ein und erblickte den verhaßten Sohn seines Feindes. Warum mußte auch der unglückliche Iphitos gerade jetzt dort verweilen! und warum mußte er zur Beschleunigung seines Unglücks gerade jetzt dem erzürnten Manne von seiner Herde reden! Herakles blickte finster auf; dann seine Wut verbergend, sagte er scheinbar gelassen: »Komm, komm, ich will dir deine Rinder zeigen!« Er ging mit ihm hinaus und kletterte einen steilen Bergpfad voran. Aber als sie auf dem Gipfel des Felsens waren und nahe an dem jähen Abhange standen, rief Herakles plötzlich mit fürchterlicher Stimme: »Da! such' dir deine Rinder!« und stürzte ihn in die Tiefe hinab. »Gewiß! eine scheußliche That«, fuhr der Lehrer fort, als seine jugendlichen Hörer wie erschreckt ihn anblickten. Aber sie war auch nicht sobald geschehen, als die bitterste Reue den Mörder ergriff. Aller Zorn war verraucht; er stand erschüttert und trostlos da, und Thränen stürzten ihm aus den Augen. Er erinnerte sich, daß dieser Iphitos ihm zu Anfange unter allen Söhnen des Eurytos am meisten zugethan gewesen war; er rief sich die offene, treuherzige Miene zurück, mit welcher der Unglückliche ihm noch kurz vorher auf den Felsen gefolgt war; ihm war das Herz wie zerrissen. Er ging zu dem ehrwürdigen Neleus , Nestors Vater, und bat diesen ein feierliches Opfer für ihn zu veranstalten, wodurch er entsündigt würde. Neleus, als ein Freund des Eurytos, verweigerte es. Da ging er zu Deïphobos, der in Amyklae seinen Sitz hatte. Dieser verrichtete das entsühnende Opfer, aber es stillte Herakles' Unruhe nicht. Eine heftige Krankheit ließ ihn vollends fürchten, daß die Götter ihn zum zweitenmale mit Wahnsinn schlagen könnten, und dem zuvorzukommen, eilte er wiederum nach Delphi, von dem Orakel sich Rat erbittend. Es schwieg lange, denn der Gott zürnte. Schon erfaßt der Jähzorn den Herakles, und er schickt sich an das Heiligtum zu plündern. Er packt den ehernen Dreifuß und schleppt ihn auf seinen Schultern hinweg; ja als Apollon herbeieilt sein Eigentum zu schützen, tritt ihm der zürnende Held mit gewaltiger Waffe entgegen, und erst ein Blitzstrahl des Zeus kann die Kämpfenden trennen. Nachdem dieser Zwist ausgeglichen worden war, erhielt Herakles die Antwort, um ganz entsündigt zu werden, müsse er sich auf drei Jahre als Sklave verkaufen und den Kaufpreis dem Eurytos als Blutgeld zahlen. Herakles gehorchte; aber das Vaterland, beschloß er, sollte seine Schande nicht sehen. Er setzte nach Asien über und verkaufte sich der Omphale , einer Königin in Lydien. Hier ward er anfangs zu gemeinen Knechtsdiensten gebraucht; doch als die Herrscherin seine große Thaten vernahm, bediente sie sich seiner zu würdigeren Geschäften. Sie sandte ihn gegen einen benachbarten Völkerstamm, der sich, wie noch jetzt die herumziehenden Schwärme der Beduinen an der Nordküste Afrikas, von Straßenraub und Plünderung angrenzender Gebiete nährte. Er züchtigte die Barbaren und zwang sie zu einer regelmäßigern Lebensart. Den König Syleus in Aulis, der jeden Wanderer aufgreifen und in seinen Weingärten arbeiten ließ, suchte er gleichfalls auf, um solchen Gewaltthaten ein Ende zu machen, und da derselbe zuerst Hand an ihn legte, um auch ihn zu fangen, so riß der Held ein Grabscheit aus der Erde und erschlug ihn samt seiner Tochter. Noch viele andere Dienste leistete Herakles der schönen Omphale. Diese aber, voll Dank gegen den hochgemuten Mann, in dem sie wohl die Götterabkunft ahnte, machte ihn zu ihrem Gemahle. So sah sich Herakles plötzlich aus der Erniedrigung des Sklaven zum Herrscher erhoben. Allein der kräftige Held, der so manches Ungeheuer besiegt, vermochte nicht den Lockungen zu widerstehen, mit denen ihn das üppige Morgenland umfing. Sich selber und seine großen Thaten vergessend, verweichelte er so sehr, daß er sogar Frauentracht anlegte und an den Arbeiten der Mägde Gefallen trug, wahrend Omphale als Gebieterin in der Löwenhaut einherging. Endlich aber ermannte sich Herakles; er ward wieder der starke, unüberwindliche Göttersohn und kehrte nach Verlauf seiner vorgeschriebenen Dienstzeit nach Griechenland zurück, nicht um zu ruhen, sondern um sich zu neuen Thaten zu rüsten. Zuvörderst warb er unter seinen Freunden einen Haufen junger Mannschaft für einen Kriegszug ins Ausland. Denn er hatte weder den Laomedon noch des Augeias groben Betrug vergessen. Beiden hatte er nun einen Besuch zugedacht und zwar dem Laomedon zuerst. Auf achtzehn fünfzigrudrigen Schiffen segelte er nach der trojanischen Küste hinüber und begann die Belagerung Trojas. Vergebens versuchte Laomedon mehrere Ausfälle, vergebens auch erschlug er dem Herakles manchen wackern Genossen; denn der rüstige Telamon von Salamis, der Vater des Aias, durchbrach die Mauer der Stadt, drang in diese ein und machte viele Einwohner nieder. Ihm folgte sofort Herakles, gestachelt von Eifersucht auf seinen tapfern Gefährten, und wandte sich ruhm- und rachedürstend zu den Wohnungen der Königsfamilie, wo er den Laomedon und seine Söhne erschlug, indem er den einzigen Priamos verschonte, für dessen Leben die Schwester Hesione bat. Daß auch ein sehr großer Teil der Stadt in Flammen aufging, brauche ich kaum zu sagen. Mit Beute und Sklavinnen beladen – Hesione ward dem Telamon zu teil – segelten dann die Helden wieder zurück, denen hier in kurzer Zeit eine Eroberung gelungen war, die zwei Menschenalter später ein viel furchtbareres Heer zehn Jahr lang beschäftigen sollte. Auf der Rückfahrt kam die Flotte, durch einen Sturm verschlagen, bei der Insel Kos vorüber, deren zahlreiche Einwohner sehr streitbar waren und starken Seehandel trieben, wie denn überhaupt die Kultur auf den Inseln weit früher Fortschritte gemacht hatte als auf dem griechischen Festlande. Die Insulaner sahen die Fremdlinge für Seeräuber an und verwehrten ihnen durch Steinwürfe die Landung. Es kam zu einem Gefechte, in welchem Herakles verwundet ward und nur mit vieler Mühe sich der übermächtigen Feinde erwehrte. Im Peloponnes wieder angekommen, behielt er seine Gefährten noch eine Zeitlang beisammen, um mit ihnen noch einen Zug gegen seinen zweiten Feind, den Augeias , zu unternehmen. Wie dieser Zug endete, habe ich schon oben erzählt. Nach demselben ließ Herakles sich in Pheneos in Arkadien nieder und machte auch von hier aus verschiedene kriegerische Streifzüge, wiewohl mehr im Dienste seiner Freunde, als daß er für sich selber Ehre und Gewinn gesucht hätte. Allein der ungestüme, abenteuernde Drang ließ den Helden nun einmal nicht lange an einem Orte hausen. Nach etwa fünf Jahren verließ er auch diesen Wohnsitz wieder und zog nach Kalydon in Ätolien. Eine große Schar von Arkadiern, die ihr Glück an das seinige geknüpft hatten, folgte ihm und ließ sich mit ihm daselbst nieder. Hier hatte vormals Meleagros geherrscht, aber nach dessen frühem Tode hatte sein Vater Öneus die Herrschaft wieder ergriffen und sich noch einmal vermählt: eine Ehe, aus welcher Tydeus , der Vater des berühmten Diomedes , entsprossen ist. Dieser Öneus hatte auch noch eine Tochter von hoher Schönheit. Sie hieß Dejaneira und ward auf das härteste durch die ihr widerwärtigen Werbungen des Flußgottes Acheloos bedrängt. Jetzt aber wandte auch Herakles seine Neigung der Jungfrau zu, doch wagte der Vater aus Furcht vor der Rache des Acheloos nicht, seinen Wünschen zu willfahren. Da forderte der Held den Flußgott selber heraus und besiegte ihn nach langem hartnäckigen Kampfe. Es war vergebens, daß der ergrimmte Gott bald als Stier, bald als Schlange erschien: keine der Gestalten, die derselbe annahm, vermochte ihn vor Herakles' überlegener Stärke zu schützen, und es blieb ihm nichts, als demselben die holde Braut zu überlassen. Dejaneira ward nun die Gattin des Herakles; ihre Zärtlichkeit fesselte ihn einige Monate lang, und seine Gefährten glaubten schon, es werde nun Schwert und Keule ruhen. Der Held schien den Frieden edler Häuslichkeit lieb gewonnen zu haben, und er traf Anstalten, als ob er sein Leben in Kalydon zu beschließen gedächte. Aber diese Sinnesänderung war nicht von Dauer. In Kalydon ging es ihm gar zu friedsam her; einen einzigen unbedeutenden Krieg gegen die benachbarten Thesproten ausgenommen, deren Stadt Ephyra er zerstörte, gab es in langer Zeit nichts zu thun. Er wünschte aber besonders gern noch einmal den Eurytos in Euböa seine Faust fühlen zu lassen, einmal weil er den vermeinten Schimpf noch nicht vergessen, und dann auch weil er es ihm ausdrücklich gedroht hatte. Sobald sich also eine schickliche Veranlassung fand vom Öneus loszukommen, brach er mit seinen Gefährten auf; doch nahm er auch seine Gemahlin Dejaneira und seinen Sohn Hyllos mit. Er zog nordwestlich hinaus der Meeresküste zu und war noch nicht weit von Kalydon entfernt, als ihm am Flusse Evenos ein Abenteuer aufstieß. Hier wohnte nämlich der Kentaur Nessos , der das Recht erhalten hatte, die Reisenden um ein Fahrgeld über den Fluß zu tragen. Herakles und seine abgehärteten Arkadier bedurften solches Dienstes nicht, wohl aber Dejaneira , und so lud Nessos dieselbe auf seine Schultern, während die übrigen zum Teil noch an dem Ufer verweilten. Der wilde Kentaur, von Dejaneiras Schönheit entzückt und ohne Scheu vor der Heiligkeit der Ehe, bestürmte die Wehrlose auf eine unverschämte Art mit seinen Liebesanträgen. Erzürnt rief dieselbe ihren Gatten um Hilfe, der nicht sobald ihr Geschrei vernahm, als er einen jener Pfeile, die mit dem Gifte der lernäischen Hyder getränkt waren, auf seinen Bogen legte und dem Kentauren durch den Leib schoß. Dieser fühlte zwar augenblicklich die Tödlichkeit der Wunde, aber noch blieb ihm Sinnes genug, um einen tückischen Racheplan zu entwerfen. »Ha!« sagte er versteckt zu Dejaneira, »vergieb mir, edles Weib! Du siehst, ich büße mit dem Leben. Aber auch sterbend will ich dir einen Beweis meiner Liebe geben, du magst meine Worte ehren oder nicht. Die Götter haben eine wunderbare Kraft in mein Blut gelegt. Ein Kleid, nur mit wenigen Tropfen desselben getränkt, durchdringt den Mann, der es anlegt, mit solcher Liebe zu seinem Weibe, daß er hinfort niemals von ihr zu lassen vermag. Fülltest du dir einen Schlauch mit meinem ausströmenden Blute, so würdest du meines Andenkens gewiß immerdar froh werden.« Mit diesen Worten starb der Kentaur. Dejaneira traute allzu leichtgläubig dem Unhold und füllte einen ganzen Schlauch mit dem vergifteten Blute desselben. Ihrem Gemahl aber verschwieg sie den Besitz des Zaubers. Dieser erreichte bald nachher mit seinen Genossen ebenfalls das jenseitige Gestade, und nun setzten alle den Zug gemeinschaftlich wieder fort. Sie hatten eine gefährliche Reise über den Berg Pindos und durch die Landschaften der Dorer und Dryoper , mit denen es scharfe Kämpfe gab. Oft zwang sie sogar der Hunger der angreifende Teil zu werden. So hatten sie einstmals lange gefastet, als ihnen im Lande der Dryoper ein Ackersmann begegnete, der einen mit Ochsen bespannten Wagen führte. Herakles schlug sogleich einen der Ochsen vor den Kopf, riß die Stränge los und schlachtete und verzehrte das Tier mit seinen Freunden, ohne sich an des Eigentümers Klagen im mindesten zu kehren. Dieser war schnell in die Stadt geeilt, hatte seine Mitbürger zu den Waffen gerufen, und es begann ein Streit, in welchem selbst Dejaneira eine Wunde erhielt, der aber dennoch zu Gunsten des Herakles endigte. Das Ziel der Reise war Trachis , eine Stadt im südlichsten Teile Thessaliens, nahe bei dem Passe von Thermopylä , der durch den Heldentod der Spartaner so berühmt geworden ist. Keyx , der Herrscher von Trachis, empfing den Herakles sehr gastfrei. Dieser aber unternahm aus Erkenntlichkeit einige Streifzüge gegen dessen Feinde, die Lapithen und Dryoper . Nachdem er deren viele erschlagen und mehrere gefangen mit fortgeschleppt, gedachte er an seinen alten Plan den Eurytos in Öchalia mit Krieg zu überziehen und sammelte zu diesem Zuge einen Haufen auserlesener Bundesgenossen. Deshalb übergab er seine Frau der Obhut des Keyx , schiffte sich mit seiner Mannschaft ein und landete in wenigen Stunden an der Küste von Euböa. Es war indessen nicht allein der ungestillte Durst nach Rache, welcher den Herakles an die Küste von Euböa trieb. Der Held hatte der schönen Iole , des Eurytos Tochter, nicht vergessen, und da er der Dejaneira schon ziemlich überdrüssig war, unternahm er diesen Zug weit mehr um des Mädchens als um des Vaters willen. Wohl wußte er, daß Eurytos ihm, dem schon vermählten Manne, seine Tochter nicht gutwillig geben werde; aber die alte Beleidigung gab ihm hinreichenden Vorwand, um den Öchalierfürsten zu überfallen und die Tochter als Sklavin hinwegführen zu können. In der That raubte Herakles nicht bloß das Mädchen, sondern er erschlug auch ihre Brüder und ihren alten Vater und verwandelte die königliche Burg und Stadt in einen Aschenhaufen. Trunken von wilder Siegesfreude, vergaß er doch der Götter nicht und beschloß seinem Vater Zeus auf der verwüsteten Stätte ein großartiges Opfer zu bringen. Die Jole aber und einige andere gefangene Weiber sandte er durch seinen Herold Lichas voraus nach Trachis, um, wie er sagte, seiner Gemahlin eine Freude mit diesen Sklavinnen zu machen. Allein die Augen einer Eifersüchtigen sehen scharf. Die Gefangenen waren nicht sobald in Trachis angekommen, als Dejaneira in Joles niedergesenkten Blicken etwas zu lesen glaubte, das sie sehr unruhig machte. Sie ahnte, was vorgefallen sein könnte, und in der Pein und Sorge ihres Herzens gedachte sie alsbald jenes Mittels, durch welches, der Versicherung des sterbenden Kentauren zufolge, die Treue ihres Mannes wieder befestigt werden konnte. Sie nahm ein neues Festgewand und tauchte es in ein Gefäß voll Wassers, das mit des Kentauren Blute vergiftet war. Sobald es wieder trocken geworden, gab sie es dem Lichas mit den Worten: »Bringe dies meinem Gemahl; es ist billig, daß er bei seinem feierlichen Opfer auch mit einem reinen, glänzenden Gewände geschmückt sei.« Der Herold eilte nun nach Euböa zurück und überreichte seinem Herrn das Geschenk Dejaneiras. »Dank dir, treues Weib!« rief Herakles aus, »du weißt, was Göttern und Helden gebührt!« Er badete sich hierauf, legte das neue Kleid an und verrichtete das Opfer. Aber nicht lange, so begannen die Wirkungen des Giftes. Es schmiegte sich unablösbar wie eine zweite Haut an seine Glieder und verzehrte ihn wie mit brennendem Feuer. In seiner entsetzlichen Qual rannte er wie ein Rasender hin und her, ergriff den unschuldigen Lichas bei einem Beine und schleuderte ihn gegen ein Felsenriff, daß er gräßlich zerschellte. Dann warf er sich auf die Erde und wälzte sich zuckend von einer Seite zur andern, während Berg und Thal von seinem Schmerzgeheul erschollen. Bald fluchte er der Dejaneira, bald ihrem Vater Öneus, bald den Göttern, die solche Bosheit zugelassen hätten. Dann sprang er wieder auf und versuchte das mörderische Hemd herabzureißen, aber umsonst! er konnte nur sich selbst zerfleischen. In diesem jammervollen Zustande, aus hundert Wunden blutend, legten seine Freunde den hinsterbenden Helden in einen Nachen, deckten ihn zu und fuhren ihn nach Trachis über. Sein Sohn Hyllos aber war voraus geeilt, um der Mutter den schrecklichen Erfolg ihres Liebeszaubers zu berichten. Solch eine That eines Weibes, an dem eigenen Gatten verübt, schien den Jüngling jeder Kindespflicht gegen die Mutter zu entbinden, und so entlud er denn sein vom Schmerz überwältigtes Herz in einem Strome von Verwünschungen und Flüchen über das unglückliche Weib; kaum daß er sich enthielt Hand an sie zu legen. Dejaneirens Schrecken darf ich euch wohl nicht erst schildern. Sie liebte ja ihren Gatten so treu, und eben die treuste Liebe hatte ihr die unselige That eingegeben. Und nun war sie seine Mörderin geworden, ja mehr als Mörderin, seine fürchterlichste Peinigerin; konnte wohl ein Schicksal entsetzlicher sein? Verflucht von Gatten und Sohn, verabscheut von allen, zu denen die Kunde drang, von ihrem eigenen Gewissen gequält, daß sie dem tückischen Nessos zu leicht getraut hatte, ergab sie sich der Verzweiflung. Sie ging sinnlos in ihr Schlafgemach, benetzte das Bett ihres Gemahls mit Thränen, küßte die Geräte, die er berührt, die Gewänder, die er getragen hatte, und von Menschen und Göttern sich verstoßen wähnend, erdrosselte sie sich zuletzt in der verschlossenen Kammer. Bald darauf landete das Schiff, das den Herakles trug, im malischen Meerbusen, und auf untergelegten Gewändern ward der Leidende nach Trachis ans Land gehoben. Er, aus dessen Munde nie eine Klage gehört worden war, wand sich jetzt unter schaurigem Stöhnen. Aber so grimmig der Schmerz ihn durchwühlte: er wollte nicht sterben, ohne Rache genommen zu haben. Er befahl, Dejaneiren vor ihn zu bringen. Man erzählte ihm ihr trauriges Ende und ihren unseligen Irrtum. Da schwieg er eine Weile, wohl erkennend, daß sie nur aus Liebe das vom Schicksal ihm bestimmte Ende herbeigeführt habe, und nun rief er seinen Sohn Hyllos zu sich und trug ihm sein letztes Gebot auf. Der Jüngling mußte ihm vorher schwören dasselbe treulich auszurichten; er that's mit tausend Thränen. »Wohlan«, sprach Herakles mit brechender Stimme, »mein Wille ist auf dem Gipfel des Öta zu sterben. Auf diesen Berg sollst du mich tragen, und dann erbaue mir einen Scheiterhaufen und zünde ihn an.« »Unmöglich, mein Vater!« rief der schluchzende Hyllos. »Welcher Sohn könnte mit eigner Hand den Holzstoß anzünden, auf dem sein Vater noch atmend liegt!« »Ungehorsamer!« schrie jetzt der Gefolterte noch einmal auf, »sind das deine Schwüre? Wenn du nicht willst, daß ich dir noch im Tode fluchen soll, so säume keinen Augenblick länger!« Zitternd gehorchte der Sohn. Der Sterbende ward den Berg hinauf getragen; Bäume wurden gefällt und zerschlagen, und als der Scheiterhaufen gerüstet war, legten die Freunde weinend ihren geliebten Führer darauf. Dieser winkte noch einmal seinem Sohne und sagte zu ihm »Lieber, dir hinterlasse ich die Jole. Sie hat viel um mich gelitten.« Der Jüngling beteuerte, sie als sein Gemahl halten zu wollen. – »Und nun hole die Fackel herbei!« »Unmöglich, mein Vater!« schluchzte Hyllos. »Erbarme dich deines Kindes; fordere alles, nur das nicht!« »Nun, so trete ein anderer hinzu«, stöhnte Herakles, »der es besser mit mir meint und der meine Qualen tiefer mitfühlt. Ich will ihm meinen Bogen und meine Pfeile zum Danke vermachen; das ist doch wahrlich kein kleines Geschenk!« – Aber noch zögerten alle, Hand anzulegen. Da gingen der alte Pöas und sein Sohn Philoktetes vorüber, und der letztere ließ sich bereden Feuerbrände zu holen und zündete den Scheiterhaufen an. Herakles winkte ihnen Dank zu; sein Gesicht erheiterte sich, und man hörte fürder keinen Laut von ihm, bis ihm die Seele entflohen war. Indessen hatte der Himmel sich mit schwarzen Wolken verfinstert, und fürchterliche Blitze umzuckten den Felsengipfel, daß alle Zuschauer und Leidtragende hinabflohen und sich in ihre Hütten verbargen. Als man am andern Morgen nachsah, suchte man in der Asche vergebens nach den Gebeinen des Helden, und jedem ahnte es, daß Zeus selber in Blitz und Wetter seinen geliebten Sohn mit sich hinauf in den Olympos genommen habe. Die Dichter fügen hinzu, daß Here nun versöhnt gewesen sei. Alle Götter seien dem neuen Ankömmling freundlich entgegen gegangen, um ihn als Bruder und als Mitgenossen ihrer Unsterblichkeit zu begrüßen, und Zeus selbst habe ihn mit der ewig blühenden Hebe , der Göttin der Jugend, vermählt, um ihn so des reichsten Lohnes für Arbeit und Leid eines langen Heldenlebens teilhaft zu machen. Seit dieser Zeit wurde Herakles als Gott verehrt. Die Bedeutung dieser uralten Fabel anlangend, so meint ein geistreicher Forscher Philipp Buttmann über den Mythus des Herakles . Berlin 1810. in dem Herakles das verkörperte Ideal menschlicher Vollkommenheit, d. h. alle der Vorzüge erblicken zu müssen, welche den Wert eines Menschen in jener alten heroischen Zeit bedingten. Alles das Große und Herrliche, was den Herakles auszeichnet, verrät den göttlichen Ursprung; die schon in der Jugend bewiesene Tugend wird durch fortdauernde Kämpfe bewährt; und wie das thatenreichste Leben nur dem Heile der Völker gewidmet erscheint, so schließt es würdig mit der Aufnahme unter die Götter und mit der Verleihung ewiger Jugend. Zwölfter Abend. Orestes. »Hat Herakles außer dem Hyllos keine Söhne gehabt?« fragte am andern Abend einer der Knaben. »Die erfinderische Sage schreibt ihm deren sehr viele zu«, antwortete der Lehrer. »Sie alle machten sich mehr oder weniger berühmt und nannten sich mit Stolz Herakliden . Aber sie veranlaßten eben dadurch, daß eine Menge Prahler, die für etwas gehalten sein wollten, sich diesen Namen mit Unrecht zueigneten. Daher gab es einige Menschenalter nach Herakles' Tode so viele Herakliden, daß sie ganze Stämme ausmachten, Könige und Völkerschaften aus ihren alten Wohnsitzen vertrieben und an vielen Orten neue Kolonieen anlegten. Doch werde ich euch erst in einer unserer künftigen Geschichtsstunden Genaueres darüber mitteilen.« »Nun, so erzählen Sie uns vielleicht heute die Geschichte des Orestes ? Sie sagten neulich, daß gehöre auch in die griechische Sagengeschichte und solle auch des Abends ausführlich erzählt werden.« »Sollte ich das wirklich versprachen haben?« fragte der Lehrer schalkhaft zaudernd. »Freilich, freilich!« riefen in froher Ungeduld die Knaben wie aus einem Munde. »So hört denn zu!« Hier in der Landschaft Argolis im Peloponnes seht ihr zwei Städte, Argos und Mykenä .In diesen herrschten etwa ein Menschenalter vor dem trojanischen Kriege zwei Brüder, Thyestes und Atreus , die eine Zeitlang sehr friedlich nebeneinander lebten, bis endlich dieselbe Leidenschaft, welcher Nessos und selbst Herakles erlegen waren, auch sie aufs heftigste entzweite. Thyestes , obgleich selbst vermählt, warf die Augen auf seines Bruders Gattin Aërope , und vergaß so sehr alle Achtung für das Recht und für den Namen desselben, daß er ihm zuletzt die Gattin wirklich abwendig machte. Atreus entdeckte den Frevel nicht sobald, als er im höchsten Zorne auf den Bruder losging und ihn verjagte. Doch war seine Rache damit noch nicht gestillt; denn eine Beleidigung dieser Art wurde von den Griechen für einen Schimpf gehalten, der nur durch die ausgesuchteste Genugtuung getilgt werden konnte. Ihr wisset, als in der Folge Menelaos von seinem Gastfreunde Paris das nämliche erfuhr, setzte er ganz Griechenland deshalb in Bewegung und wollte Troja zerstören, bloß um diesen Schandfleck abzuwaschen. Und so sind eine Menge von Kämpfen in jenen alten Zeiten nur durch Frauen veranlaßt oder doch um ihretwillen geführt worden. Der Racheplan, den Atreus entwarf, war nicht gerade sehr umfassend, aber desto abscheulicher. Er ließ seinen noch immer verbannten Bruder einladen wieder in sein Reich zurückzukehren, bot ihm Verzeihung an und bestimmte einen Tag, wo sie beide den Göttern ein gemeinschaftliches Sühnopfer bringen wollten. Thyestes traute den heuchlerischen Worten, stellte sich ein, opferte mit seinem Bruder und verzehrte fröhlich an dessen Tische das Opfermahl. Als er nach der zarten Speise forschte, die ihm so wohl gemundet, ließ ihm sein Bruder einen verdeckten Korb reichen: darin werde er die Überbleibsel seines Mahles finden. Thyestes schlägt das Tuch zurück und erblickt – die Knochen und Arme seiner beiden jüngsten Kinder, Tantalos und Pleisthenes ! Von Abscheu, Rache und Furcht zugleich ergriffen, verläßt Thyestes im Augenblick Haus und Gebiet seines entmenschten Bruders und flieht nach Sikyon . Selbst der Sonnengott, sagen die Dichter, erschrak vor dieser scheußlichen That und lenkte seinen Wagen zurück. Doch gelingt es dem Thyestes nach vielen Jahren sich der Herrschaft von Argos wieder zu bemeistern, wo ihm in seinem Sohne Ägisthos ein Rächer erwuchs. Mit diesem überfällt er später Mykenä, eben als sein Bruder Atreus am Altare den Göttern opferte, und erschlägt ihn an der heiligen Stätte. Er selbst stirbt bald darauf und hinterläßt seinem Sohne Ägisthos die Herrschaft von Argos. Atreus' Söhne waren Agamemnon und Menelaos , die uns wohlbekannten homerischen Helden. Damals standen sie noch im Jünglingsalter. Der ältere hielt das väterliche Mykenä inne, baute sein Feld, vermehrte seine Herden und gewann die schöne Klytämnestra , die ältere Tochter des spartanischen Königs Tyndareus , zur Gattin. Sein Bruder Menelaos wendete sich in derselben Angelegenheit an denselben Fürsten und erhielt die zweite jüngere und noch weit schönere Tochter, die berühmte Helena; ja der alte Tyndareus gewann ihn so lieb, daß er ihn bei sich behielt, und da seine eigenen Söhne, Kastor und Pollux (Polydeukes) gleich dem Herakles, ein herumschweifendes Leben bleibenden Wohnsitzen vorzogen, so erbte nach des Schwiegervaters Tode Menelaos das ganze spartanische Reich beide Brüder, jener in Argolis, dieser in Lakonien, waren zu jener Zeit wegen ihres Reichtums an Herden und wegen des Umfangs ihrer Besitzungen die angesehensten aller Griechenfürsten. Daher auch die ausgezeichnete Rolle, die sie unter den Heerführern vor Troja spielten. Agamemnon trug seinem Nachbar und Vetter Ägisthos in Argos den Haß der Väter nicht nach, vielmehr scheint er ihm gütig und offen begegnet zu sein. An dem Zuge gegen Troja zu dem ganz Griechenland aufgeboten wurde, nahm indessen Ägisthos keinen Teil, sondern blieb unkriegerisch daheim. Agamemnon, nachdem er sein ganzes Heer beisammen hatte, empfahl seine geliebte Gattin der Obhut eines alten Sängers, dessen Redlichkeit er kannte, nahm noch einmal herzlichen Abschied von ihr und bestieg dann seinen Wagen, um nach Aulis abzufahren. Ein alter Diener sagt: die Frau, die sich in ihres Mannes Abwesenheit sehr schmückt und putzt, ist schon den schlimmen beizuzählen. Ein so leichtsinniges und eitles Weib war Klytämnestra. Anstatt wie die edle Penelope des Hauses und der Kinder in züchtiger Stille zu warten, ließ sie sich öfters prunkend vor dem Volke sehen, ging dem Vergnügen nach und vergaß ihres Mannes und ihrer Kinder. Da sah sie Ägisthos, der seit Agamemnons Abreise oft nach Mykenä kam, und entbrannte zu ihr in sündlicher Liebe. Sie hatte ihn anfangs arglos aufgenommen und in ihm nur einen Freund gesehen; bald aber bethörte er ihren Sinn durch listige Reden; er stellte ihr vor, daß an Agamemnons Rückkehr kaum noch zu denken sei, daß derselbe auch ihr nicht treu geblieben sein, sondern trojanische Sklavinnen an Weibes Statt zu sich genommen haben werde, daß er wie ein Barbar an ihr gehandelt habe, indem er ihre liebste Tochter Iphigeneia (Iphigenia) in Aulis geschlachtet, und was der täuschenden Worte noch mehr waren. Klytämnestra widerstand lange, auch wagte sie vor den Augen des immer lauernden Alten, den der Gemahl ihr zum Hüter gegeben, nicht offenbar etwas Böses zu thun. Als aber schon Jahre verstrichen waren und Agamemnon noch immer nicht wieder kam; als die Neigung zu dem Verführer, der ihr ewige Treue schwur, zuletzt die Oberhand gewann, da mußte das Verbrechen geschehen, und weder die Furcht vor den Göttern, noch die Achtung vor dem Urteil der Menschen war Gegengewicht genug gegen die Stärke der Leidenschaft. Zuerst ward der alte Sänger ergriffen, auf ein Schiff gebracht und auf einer wüsten Insel dem Hungertode preisgegeben. Dann feierten Ägisthos und Klytämnestra ein glänzendes Vermählungsfest und ließen die Nachricht von Agamemnons Tode unter dem Volke ausbreiten. Ägisthos nahm Besitz von dessen ganzem Reiche und übertrug einem treuen Wächter, dem er eine Warte an der argolischen Küste erbaute, das Amt, jeden Tag sorgfältig umherzuschauen, und wenn er Agamemnon zurückkehren sähe, ihm schnelle Kunde zu geben. Eine Zeitlang lebte das treulose Paar herrlich und in Freuden, und für jetzt litt außer dem armen Sänger keiner darunter als Agamemnons Kinder: Chrysothemis, Elektra und Orestes , die seit dem Einzuge des fremden Stiefvaters auch von der Mutter kaum mehr angesehen wurden und vielleicht verschmachtet wären, wenn nicht noch manche teilnehmende Diener sich ihrer erbarmt hätten. Auf einmal leuchteten Feuerzeichen von der Küste auf, um dem Ägisthos zu melden, es sei ein Schiff angekommen und Agamemnon befinde sich auf demselben. Sogleich beratschlagte der Verbrecher mit seiner Buhle – nicht was zu thun sei, denn darüber waren sie längst einig, sondern wie es zu thun sei. Vor allem wurde beschlossen sorgsam zu verhüten, daß dem Agamemnon das neue Ehebündnis etwa gar schon auf dem Wege kund werde. Dann solle Klytämnestra ihn freundlich empfangen, baden und bewirten, Ägisthos aber sollte hinter dem Hause verborgen lauern. Das übrige werde von der Gelegenheit abhängen. Klytämnestra, um den getäuschten Gemahl von allem Verdachte frei zu erhalten, eilte ihm selbst bis an den Hafen entgegen und empfing ihn mit schmeichelnden Liebkosungen, ja mit unterwürfiger Demut. Angekommen in seiner Wohnung, die er nach zehnjähriger Trennung mit freudiger Rührung begrüßte, warf er sich, von der langen Fahrt ermüdet, mit Wohlbehagen auf seinen alten Lieblingssitz, ruhte ein wenig und befahl den Mägden ihm ein Bad zu bereiten. Dann legte er Waffen und Gewand ab, und wahrend er arglos in die Badewanne stieg, ging Klytämnestra hinaus, um dem Ägisthos einen Wink zu geben. Dieser ergriff eine Axt, stellte sich hinter die Thür und erspähte durch eine Spalte jede Bewegung im Gemach. Als nun Agamemnon neu erquickt aus dem Bade stieg und ein reines Gewand begehrte, warf ihm Klytämnestra eines von besonderer Weite über den Kopf und verhüllte ihm denselben damit wie durch Zufall oder Ungeschick. Diesen Augenblick nahm Ägisthos wahr, dem Unglücklichen mit einem furchtbaren Streiche den Schädel zu zerspalten. Ächzend fiel Agamemnon nieder, streckte noch einigemale die Hände nach seiner Gemahlin aus, als wollte er sie um Hilfe anrufen, und verschied wenige Stunden nachher. Nach einer anderen Überlieferung war es Klytämnestra selbst, die durch drei Stiche den Gatten tötete und in ihrer Verblendung sogar der gräßlichen That sich rühmte. Nicht Mord, sie habe nur Rache geübt für das unschuldig geopferte Blut ihrer Tochter, entgegnete sie den Greisen von Argos, deren Vorwürfe sie verlachte. Vor dem Thore ward ihm ein Grabmal errichtet. Das Volk von Mykenä war die Herrschaft des Ägisthos schon gewohnt, fürchtete ihn auch zu sehr und hatte überdies den Agamemnon bereits zu lange den Toten beigezählt, als daß seine Ermordung etwa einen Aufruhr hätte hervorrufen sollen. Wohl mochte jeder die That im stillen verabscheuen, aber wenn die Könige und Mächtigen der Erde freveln, wie selten vermag da die Stimme der Gerechtigkeit ihre Klage zu erheben! Der Erschlagene hatte aus dem Trojanerkriege reiche Beute und eine Anzahl Sklavinnen mitgebracht. Die erstere riß Ägisthos an sich, die letztern mußten das Gefolge der prunkenden Klytämnestra vergrößern helfen. Nur eine dieser Sklavinnen, Priamos schöne Tochter Kassandra , hatte ein anderes Schicksal. Klytämnestra durchbohrte sie mit eigner Hand, aus Rache, wie sie vorgab, weil sie Agamemnons heimliche Verlobte gewesen sei; in der That aber wohl aus Furcht, die Jugend und Schönheit der edlen Gefangenen möchte ihr (der Klytämnestra) bei dem Ägisthos gefährlich werden. Orestes zählte damals noch nicht zwölf Jahre, die Schwestern waren etwas älter. Aber die Verwaisten mußten schweigen, wollten sie nicht sich selbst verderben; sogar das Weinen war ihnen verboten. Im Dunkel verbargen sie ihre Thränen und den Schauder, mit dem sie fortan der Anblick der blutbefleckten Mutter und des grausen Stiefvaters erfüllte. Aber ihre geheime Furcht steigerte sich zum Schrecken, als die kluge Elektra eines Tages ein Zwiegespräch ihrer Eltern belauscht und auf diese Weise erfahren hatte, daß Ägisthos auch auf die Ermordung des Orestes sinne, da er in diesem nur den künftigen Rächer des Vaters erblicke. Mit Bitten und Thränen beschwur sie einen alten treuen Diener heimlich mit ihrem Bruder zu entfliehen und ihn bei ihres Vaters Schwager, dem Könige Strophios zu Orchomenos (im nördlichen Böotien) in Sicherheit zu bringen. Es gelang. Der wohlwollende Fürst nahm den Knaben samt dessen Führer in sein Haus auf, und da er selbst einen gleichaltrigen Sohn mit Namen Pylades hatte, so war es ihm erwünscht, demselben in dem Orestes einen Gefährten geben zu können. Die beiden Knaben wurden bald miteinander vertraut und schienen unzertrennlich, weil man fast niemals den einen ohne den andern sah. Sie wetteiferten miteinander in allen körperlichen Übungen, blieben sich in ihren Fortschritten immer gleich, und dabei führte eben dieser Wetteifer sie in allen Arten männlicher Spiele zu einer solchen Vollkommenheit, daß Orestes und Pylades schon unter den angesehensten Fürstensöhnen genannt wurden. Ihr wißt, daß in den frühesten Zeiten Griechenlands, da noch keine Gesetze und Gerichtshöfe den Verbrecher bestraften, es jedem Sohne heilige Pflicht war die Ermordung seines Vaters zu rächen. Ein ähnliches Amt der »Blutrache« besteht z. B. noch jetzt auf der Insel Corsica, und es hat der Kraft des Gesetzes noch immer nicht gelingen wollen, diesen Brauch zu vernichten. Orestes, der oft mit stiller Aufmerksamkeit von Söhnen der Helden hatte erzählen hören, die solche blutige Kindespflicht geübt, trug sich schon als Knabe mit tausend Entwürfen, wie auch er in jenem Gebote der Sitte nachkommen wolle, und da er kein Geheimnis vor seinem Freunde hatte, so teilte er ihm offen diese Entwürfe mit. Mit dem wachsenden Alter reifte des Orestes Entschluß, und Pylades, edlen und feurigen Gemüts, wie er war, erklärte sich bereit, zu dem Werke der Gerechtigkeit seine Hand zu bieten. Beide schwuren sich unverbrüchliche Treue in allen Gefahren, und verließen etwa im zwanzigsten Jahre das Haus des Strophios. Weil indessen doch den Beratschlagenden oft ein Zweifel aufgestiegen war, ob es auch recht sei den Vater an der Mutter zu rächen, so beschlossen sie zuerst den Willen Apollons zu erforschen. Sie besuchten den heiligen Dreifuß der Pythia zu Delphi und bekamen die Antwort: allerdings müsse der Mord eines so vortrefflichen Mannes an seiner unnatürlichen Mörderin gerächt werden, nur sei die That nicht mit Gewalt, sondern einzig durch List zu versuchen. Daran hatte Orestes auch schon gedacht. Er füllte eine Totenurne mit Knochen und Asche und ging damit nach Mykenä. Sein treuer Pylades begleitete ihn. Noch dämmerte der Morgen, als sie vor der Königswohnung ankamen. Im Hause aber war niemand wach als Elektra , die zu allen Diensten der Mägde erniedrigt wurde, weil sie nicht, wie die ältere Schwester, ihres Herzens Abscheu unterdrücken und der grausamen Mutter Liebe und Gehorsam heucheln konnte. Übrigens durfte nie ein Werber den verstoßenen Mädchen nahen. Für immer ehelos zu bleiben war ihre Bestimmung, weil Ägisthos befürchtete, daß sie, wenn sie verheiratet würden, leicht ihre Gatten bewegen könnten des Vaters Tod zu rächen. In dem ganzen Gefühle ihres Unglücks und selber schon gräßliche Pläne zur heimlichen Ermordung ihrer Eltern im Herzen wälzend, ging Elektra im Hause umher, als die beiden Fremdlinge ankamen, welche die Nacht vorher am Grabe Agamenmons zugebracht und zu seinem Andenken eine Opferschale auf demselben ausgegossen hatten. Sie lockten die Schwester hinaus, um ungestörter allerlei Erkundigungen einzuziehen, und da sie dieselbe für eine Sklavin hielten, so hüteten sie sich wohl das geringste von ihrer wahren Absicht zu verraten. Vielmehr täuschten sie die Elektra mit derselben Erdichtung, die eigentlich für Ägisthos und Klytämnestra ausgesonnen war. »Wir sind Männer von Phokis «, hub Orestes an, »und haben vernommen, daß dieser Ort hier die Heimat des edlen Orestes ist, dessen Vater der berühmte Agamemnon war, und dessen Mutter und Geschwister noch hier wohnen sollen.« »Ganz recht, so ist's!« versetzte Elektra, »Doch sagt mir, bringt ihr Botschaft von Orestes?« »Botschaft genug«, erwiderte der Fremde, »doch leider traurige! Diese Urne enthält alles, was von dem trefflichen Jünglinge noch übrig ist. In den pythischen Spielen fiel ihm sein Unglückslos. Nachdem er in allen Kämpfen schon den Preis errungen und auch im Wagenrennen schon fünfmal die Säule am Ziele glücklich umfahren hatte, stürzte er beim sechstenmale und ward von den unaufhaltbaren Rossen jämmerlich zu Tode geschleift. Ach, es war der herzzerreißendste Anblick, den wir jemals sahen! Alle Phokäer beweinten den herrlichen Jüngling; sein Leichnam ward mit den größten Feierlichkeiten verbrannt; wir aber erhielten den Auftrag seine Asche hierher zu tragen, auf daß er im Lande seiner Väter ein Grabmal fände.« Elektra erblaßte bei dieser Erzählung. Einen Augenblick stand sie erstarrt, dann riß sie dem Fremdling gewaltsam die Urne aus der Hand und preßte sie bald an ihren Busen, bald an die Lippen. »O du einziges Angedenken des Geliebtesten!« rief sie aus, »so bist du alles, was ich jemals von ihm zurückerhalten kann! Ach, Götter, so hatt' ich dich nicht fortgesandt! So zurückzukehren hattest du mir nicht versprochen! Als mein Rächer wolltest du erscheinen in deiner Jugendkraft, mit starken Kämpfern umgeben. O meine Hoffnung! Wie stolz war ich schon darauf dich gerettet zu haben, in dir einen Rächer für unsern unvergleichlichen Vater und für mich selbst erzogen zu haben! O daß ich doch gestorben wäre in meinem Jammer, ehe diese schmerzlichste Kunde mein Ohr erreicht hätte! Ach, du bist mein Sehnen und mein Gebet bei Tag und Nacht gewesen acht kummervolle Jahre lang! Wie hat mich oft eine kleine Nachricht von dir erquickt, ein versteckter Wink, den selbst der Bote nicht verstand, eine brüderliche Versicherung deiner Liebe! Und nun bist du dahin! Einen stolzen, schönen Jüngling hoffte ich zu sehen, und nun halte ich alles, was noch von dir vorhanden ist, in diesem ärmlichen Aschenkruge. Ach umsonst war die Pflege und Sorge, die ich einst deiner Kindheit widmete! Ich war dir Wärterin und Gespielin und Trost, als deine unnatürliche Mutter dich vergaß. Ich hoffte einst einen Mutterlohn an dir zu verdienen. Und nun ist nicht einmal die traurige Wohlthat mir geworden, deinen Leichnam zu salben und zu schmücken; fremde Hände haben dich bestattet. O hätten sie auch meine Asche mit der deinen vereinigen können! Was ist jetzt noch mein Leben, da diese Hoffnung dahin ist! Geht ihr Männer, geht ins Haus hinein, da werdet ihr euch mit der Botschaft großen Dank verdienen. Gewiß wiegt meine Mutter euch diesen Aschenkrug mit Golde auf, und Ägisthos wird euch königlich lohnen.« Die Fremden waren tief gerührt; Orestes aber konnte sich nicht länger halten. Er drückte die zärtliche Schwester an seine Brust und sprach: Teures Mädchen, du bewegst mich mehr als du glaubst. Laß den Aschenkrug. Er enthält Orests Gebeine nicht. Ich habe dich getäuscht!« »Wie?« sprach sie, »also auch dieser Trost war eitel? Nun so sage mir, wo finde ich seine Gruft?« »Nirgends. Die Lebenden haben keine Gruft.« »Was sagst du? Er lebt?« »So gewiß, als ich.« »Ha! so bist du's selber gar? Was zweifle ich! – du bist's! du bist's – mein Bruder!« »Ja, Schwester, ich bin's! Siehe hier, du getreue Seele, des Vaters Siegelring, den du selbst mir mitgabst, als du mich vor Ägisthos rettetest!« »Und bist du jetzt gekommen, meine letzten Wünsche wahr zu machen? Du bist ja so allein, nur ein Gefährte ist mit dir!« »So wollte es Apollon«, versetzte Orestes. »Doch jetzt, Elektra, laß uns scheiden. Gehe hinein ins Haus und hüte dein Herz und dein Angesicht, daß du uns nicht vielleicht wider Willen verratest. Wir werden bald nach dir eintreten, und unser Märchen von dem Aschenkruge soll uns zum zweitenmale bessere Dienste thun.« Elektra verbarg sich in ihre Kammer und sagte keinem etwas von dem, was sie gehört hatte. Endlich zeigten sich die beiden Freunde und begehrten den König und die Königin zu sprechen. Sie schienen nicht bewaffnet, aber unter den Gewändern trugen sie Dolche. Die Botschaft von dem toten Sohne und der Aschenkrug verschafften ihnen das vollste Zutrauen. Ägisthos und Klytämnestra hörten sie mit sichtbarem Wohlgefallen an und boten ihnen, als lieben Gästen, auf die freundlichste Weise Herberge und Erquickung an. Und so ersahen die Jünglinge bald eine Gelegenheit ihr schaudervolles Vorhaben auszuführen. Elektra hatte die Diener auf eine schickliche Art entfernt und die Gäste mit ihren Eltern allein gelassen. Plötzlich sprangen jene auf, Pylades ergriff den Ägisthos, Orestes seine Mutter. »Mutter!« rief Orestes, »deine Stunde ist gekommen! Denk' an Agamemnon! Ich bin sein Sohn und jetzt sein Rächer!« Und das Gesicht abwendend, stieß er ihr den Dolch in die Kehle, und verscheidend stürzte Klytämnestra neben der Leiche des Ägisthos auf eben der Stelle nieder, wo vor acht Jahren Agamemnon das Leben ausgehaucht hatte. Die Sklaven im Hause wandten sich nach der Weise stumpfer, knechtischer Seelen sogleich dem neuen Herrn zu, aber nicht so die Bürger von Mykenä. Ein Muttermord schien ihnen etwas so Unerhörtes und Fluchwürdiges, daß sie es nicht wagten den Orestes in ihrer Stadt zu behalten. Auf sein Bitten gewährten sie ihm nur einige Tage zur Bestattung der Erschlagenen, um alsdann in öffentlicher Volksversammlung zu entscheiden, ob er zu töten oder zu verbannen sei. Die Befriedigung lange genährter Rache und die Erfüllung einer von alter Sitte gebotenen Pflicht mochten vielleicht in den ersten Stunden den Orestes über sich und seine Schuld täuschen. Aber als die Sonne eines neuen Tages über seiner That aufging, als er den entstellten Leichnam seiner Mutter vor sich sah, da verdunkelte sich sein Auge und eine tötliche Gewissensangst bemächtigte sich seiner. Der Name Muttermörder klang immerdar in seinen Ohren wieder, sein Haar sträubte sich empor, er redete wie im Wahnsinn. Vergebens sprachen Elektra und Pylabes ihm Schmeichelworte vor, sie konnten ihn nur auf Augenblicke beschwichtigen, und nach kurzen Zwischenräumen kehrten die wilden Bilder seiner Seele nur desto entsetzlicher zurück, indem er drohende Höllengeister um sich zu sehen glaubte, die das Blut seiner Mutter von ihm zurückforderten. Aus diesem Zustande haben nun die Dichter das furchtbar erhabene Gemälde von den Erinnyen oder Eumeniden (Furien) entlehnt. Die Götter der Unterwelt, sagen sie, zu denen der blutige Schatten Klytämnestras hinabstieg und um Rache flehte, sandten dem Mörder die schwarzen Töchter der Nacht, gräßliche Weiber mit Schlangen im Haar und mit Fackeln in den Händen, wutblickende, fluchheulende, erbarmungslose Ungeheuer, die den Schuldbeladenen durch Berge und Thäler, durch Wälder und Wiesen unablässig verfolgten, nur ihm allein sichtbar, seinen Begleitern aber verborgen. Legte er sich schlafen, so umlagerten sie sein Bett; kehrte er in ein Haus ein, so drängten sie sich mit durch die Thüre. – Alles, was Schwesterliebe und Freundestreue vermochten, das wandten Elektra und Pylades an, um dem Orestes sein schreckliches Los zu erleichtern, und nicht immer war ihr tröstlicher Zuspruch fruchtlos. Sie bewogen ihn wieder in sein väterliches Haus zurückzukehren, so daß er sich geduldig dahin führen ließ. Aber die Bürger von Mykenä, die in seiner düstern, verzweifelnden Schwermut die Strafe der Götter ahnten, glaubten es ihrer eigenen Sicherheit schuldig zu sein nicht länger mit dem Verbrecher in derselben Stadt zu wohnen. Auf eine Einladung der Ältesten versammelten sie sich und beratschlagten über seine Strafe. Ein Teil stimmte für die Steinigung, ein anderer für die Verbannung. Die letztere Meinung behielt die Oberhand, und so schickten sich die drei Unglücksgenossen an Mykenä zu verlassen. »O Apollon«, rief Orestes in seiner Qual, »immer haben sie dich als einen untrüglichen Gott genannt, aber jetzt sehe ich's anders! Unglücklich, ewig verloren ist, wer dir folgt! Hättest du nicht mein Vorhaben gebilligt, nimmer hätte ich das Entsetzliche vollführt! Du lobtest meine kindliche Treue, und jetzt sendet mir die Hölle ihre gräßlichsten Gestalten herauf, um mich dafür mit ewiger Angst zu foltern. Und das siehst du und duldest es und lachst vielleicht gar selber meiner Leiden! O Götter, Götter!« Nach langer Ermattung entschlummerte er endlich. Da erschien ihm Apollon im Traume und sagte zu ihm: »Du sollst von den Grenzen dieser Stadt entweichen und ein Jahr lang in Arkadien wohnen; dann aber begieb dich nach Athen, stehe dort Rede über den blutigen, an der Mutter begangenen Mord, und die Götter werden das unbestochene Urteil sprechen, das dich der Strafe entläßt und dein Herz entsühnt von der Schuld.« Wundersam beruhigt, erzählte er am Morgen seiner Schwester und seinem Freunde den tröstlichen Traum und ließ sich von ihnen sogleich aus Mykenä führen. Auf dem langen Wege bis nach Athen verfolgten ihn die Erinnyen noch immer mit ihren Geißeln und Fackeln. Selbst aus dem Tempel der Athene schreckten sie ihn mit ihrer fürchterlichen Erscheinung zurück; dem Mörder blieb der Zutritt zu allen Heiligtümern versagt. Aber wohl war auch für schwere Unthat eine Sühne und Reinigung möglich, durch die der Schuldige wieder in die Gemeinschaft der Götter und Menschen aufgenommen werden konnte. So war in Athen ein ehrwürdiger Verein von Greisen auf dem Areshügel (Areopagos) versammelt, um Recht und Unrecht des Orestes abzuwägen, und Athene und Apollon selbst führten in menschlicher Gestalt den Vorsitz. Orestes umfaßte knieend den Altar, wie es dem Schuldigen und Bittenden geziemte, und erzählte ohne Beschönigung sein Verbrechen. Feierlich erheben sich die Richter von ihren Sitzen, schreiten zu einem Altare und nehmen ein jeder von den dort gleichsam vor den Augen der Götter liegenden Stimmsteinen. Dann treten sie zu einem Tische, auf welchem die eherne Urne des Mitleids und die hölzerne des Todes stehen, und werfen ihren Stein in eine derselben. Auch Athene hat einen Stimmstein vom Altare genommen, und als bei der Zählung die Stimmen gleich befunden werden, da legt die Göttin den ihrigen der Seite der Lossprechenden zu und verkündigt zugleich in demselben Augenblicke den entscheidenden Spruch. Es herrschte noch in spätern Zeiten die Sitte in den athenischen Gerichtshöfen, in jedem Falle, wo die Stimmen gleich waren, auf ähnliche Weise zum Vorteile des Beklagten zu entscheiden, und das hingeworfene weiße Steinchen hieß dann die Stimme der Athene. Der Stimmstein der Athene ist also nur der mythische Ausdruck für den Grundsatz, daß in einem zweifelhaften Rechtsfalle die Gnade vorwalte. Aber noch immer hatte der unglückliche Orestes seine Ruhe nicht wieder gefunden. Er eilte zu dem Delphischen Gotte, um der Weisung desselben zu folgen; aber Apollon wies ihn weiter zu dem Orakel der Taurischen Artemis. Dorthin segelte er mit seinem Freunde. Neues Unglück traf ihn; denn die barbarische Sitte des Landes forderte den Tod jedes Fremdlings, der jenen Boden betrat. Die beiden Freunde kamen in die Hände des Königs Thoas ; der Tod eines von beiden wurde bestimmt. Da zeigte sich, welche innige Freundschaft beide verband; denn jeder wollte sein Leben für die Erhaltung des andern opfern. Aber hier rettete sie in fast wunderartiger Weise Iphigeneia oder – wie wir mit der gebräuchlicheren römischen Form sagen – Iphigenia , die Schwester des Orestes. Sie erkannte den lange totgeglaubten Bruder, und da sie als Priesterin des Artemistempels auch dem Könige lieb und wert war, so gelang es ihr, von diesem Leben und Freiheit für beide zu erbitten. Im Geleite der wiedergefundenen Schwester kehrte Orestes zurück. Mehr davon will ich euch morgen erzählen; eine kurze Erwähnung genüge hier wegen des Zusammenhangs. Entsündigt von einem ehrwürdigen Gericht, ja von den Göttern selbst, fühlte sich der schwerverfolgte Jüngling allmählich ruhiger. So ging er denn nach Mykenä zurück, zeigte sich den Bürgern als einen völlig Gereinigten und erwarb sich durch Weisheit, Tapferkeit und Güte ihr Vertrauen. Sie bewilligten ihm als dem würdigen Abkömmling des erhabenen Agamemnon die Herrschaft über Argos und Mykenä, die er zu ihrer vollkommensten Zufriedenheit führte. Pylades blieb bei ihm bis an sein Ende, erwählte die Elektra zum Weibe und unternahm noch manche Streifzüge mit seinem Freunde, auf welchen beide ihren Feinden nicht minder furchtbar wurden, als sie einst dem Ägisthos und der Klytämnestra gewesen waren. Dreizehnter Abend. Iphigenia. Als am andern Abende das Gespräch der Kinder sich noch immer um Agamemnons und seines Hauses Geschick bewegte und sie insbesondere nicht müde wurden die innige Freundschaft des Orestes und Pylades zu bewundern, bemerkte der Lehrer: »Ein griechischer Tragödiendichter, Euripides , hat dieses seltene Herzensbedürfnis noch weiter behandelt in einem Stücke, Denselben Gegenstand hat auch Goethe in seinem Schauspiele Iphigenie behandelt und in demselben den antiken Charakter meisterhaft mit modernen Empfindungen verschmolzen. Auch der französische Dichter Racine hat sich an diesem Stoffe versucht. dessen Inhalt ich euch jetzt mit einigen Veränderungen noch als einen Anhang zur Geschichte des Orestes erzählen will.« Ihr wißt, daß Iphigenia Agamemnons älteste Tochter war. Als vor dem Zuge nach Troja widrige Winde die Schiffe der Griechen im Hafen von Aulis zurückhielten, sollte sie geopfert werden, um den Zorn der Artemis zu besänftigen, welche Agamemnon so schwer beleidigt hatte. Das unschuldige Blut der Tochter sollte die Schuld des Vaters sühnen. Aber die Dichter erzählen, Iphigenia sei nicht wirklich geopfert worden, sondern erbarmend habe die Göttin selber sie geschützt und sie in einer Wolke nach Tauris , im thrakischen Chersones, entrückt. Dort verrichtete sie als keusche Priesterin den heiligen Dienst im Tempel der Artemis und wußte durch sanften Sinn wie durch Klugheit das damals noch sehr rohe Volk der Taurier Die Taurier werden zu den Skythen am Don und Dniepr gezählt und wohnten auf der West- und Südseite der Krim ( Chersonesus Taurica ). Sie waren ein seeräuberisches Volk. an menschlichen Sinn und mildere Sitten zu gewöhnen. Vornehmlich gewann sie die Achtung des Königs Thoas in so hohem Grade, daß er ohne ihren Rat nichts von Bedeutung beschloß und sich sogar oft von ihr bewegen ließ, den unglücklichen Fremdlingen, die nach der barbarischen Landessitte eigentlich der Göttin geopfert werden sollten, das Leben zu schenken. »Ihr werdet euch«, bemerkte hier der Lehrer, »gewiß aus unseren früheren Erzählungen ähnlicher Beispiele von solchen wilden Völkern erinnern, und ebenso fanden die Entdecker Amerikas dort zahlreiche Stämme, die jeden Fremdling nicht nur als Feind betrachteten und töteten, sondern sich selbst das Fleisch derselben zum Mahle bereiteten. Ja auch bei unsern Vorfahren sollen gefangene Feinde, erkaufte Knechte oder schwere Verbrecher als Schlachtopfer den Göttern dargebracht sein. Überhaupt zeigen die Völker auf jenen untersten Stufen eines fast tierischen Daseins eine Menge Ähnlichkeiten, die gleichfalls ihre ursprüngliche Verwandtschaft verraten; Ähnlichkeiten, durch die man oft überrascht wird, wenn man ältere und neuere Völker aus ganz verschiedenen Gegenden nebeneinander stellt.« Iphigenia hatte wohl über zwanzig Jahre in Tauris verlebt, ohne von ihren Eltern, Geschwistern und Verwandten die geringste Nachricht zu erhalten. Alle die Greuelthaten, die ihr väterliches Haus in diesem langen Zeiträume verödet hatten, waren ihr also noch unbekannt; sie träumte sich dafür eine reiche, glückliche Familie, die in Frieden blühe, und sandte manchen Seufzer nach der Gegend hin, wo die geliebte Heimat lag. Immer trug sie sich noch mit geheimen Plänen und mit der unbesieglichen Hoffnung, daß sie endlich doch, sei es durch Hilfe der Göttin, sei es durch ein zufällig anlandendes Schiff, zu den Ihrigen zurückgeführt werden könne. Aber die Göttin hatte sie ja einmal zu ihrer Priesterin erkoren, und wer hätte wohl, den Schrecken des Opfertodes trotzend, die Taurische Küste mit seinem Schiffe berührt, wenn nicht etwa ein Sturm ihn dahin verschlug? Tiefer noch als diese Betrachtungen entmutigte ihren Sinn eine Nachricht, die, ich weiß nicht wie, aus den benachbarten Ländern bis in ihre Abgeschiedenheit den Weg gefunden hatte. Es war ein Gerücht, wie alle Gerüchte sind, halb Wahrheit und halb Erdichtung; aber es wurde ihr mit solcher Gewißheit mitgeteilt, daß sie sich in der Angst ihres Herzens gar keinen Zweifel mehr dagegen erlaubte. Agamemnon, hieß es, sei von Klytämnestra erwürgt, Klytämnestra und Ägisthos vom Orestes erschlagen, und Orestes, Elektra und Chrysothemis, ihre drei geliebten Geschwister, von den Argeiern gesteinigt. Das ganze Geschlecht sei ausgerottet, und der Fluch der Götter und Menschen ruhe auf dem verhaßten Namen der Agamemnoniden. Denkt euch die unglückliche Jungfrau bei dem Empfange dieser Kunde, die alle ihre Hoffnungen mit einem Schlage vernichtete; Hoffnungen, mit denen sich ihr Herz zwanzig Jahre lang getröstet, um derentwillen sie das traurige einsame Leben in einem rauhen Lande und unter fremden Barbaren allein ertragen hatte! Bisher hatte noch der süße Traum einer Rückkehr in das geliebte Jugendland ihren Gram zerstreuen und ihren Mut aufrecht erhalten können; aber jetzt lag die fürchterliche Gewißheit vor ihr, daß alle ihre Wünsche eitel seien, und daß aus diesem schauerlich öden Winkel der Erde nichts sie mehr erlösen werde. Finsterer Unmut bemächtigte sich ihrer Seele, sie verhärtete sich gleichsam gegen sich selbst und schien zu glauben, es würde ihr wohler ums Herz werden, wenn sie sich am Vergießen des Menschenbluts, und besonders des griechischen, ein Genüge thun könne; denn sie verabscheute dieses Volk, das ein Haus wie Agamemnons ruhig hatte untergehen sehen und es noch mit ewiger Schmach hatte beladen können. Unterdessen bot sich zur Befriedigung dieser blutdürstigen Neigung nur allzuschnell eine Gelegenheit dar. Apollon, nachdem er den Orestes von der Qual der Erinnyen befreiet hatte, trug ihm wie zur letzten Buße eine Wallfahrt nach den fernen Barbarengestaden von Tauris auf, um dort ein geweihtes Bildnis seiner Schwester Artemis aus dem Tempel zu entführen und in Mykenä aufzustellen. Der Auftrag war in der That nicht weniger schwierig und gefahrvoll als irgend eine von den kühnen Arbeiten des Herakles, indessen – er kam von einem Gotte, und, was ihn um vieles leichter machte, der treue Pylades entschloß sich sogleich die Gefahren der Reise mit seinem Freunde zu teilen. Die Fahrt war glücklich; sie landeten in einer entlegenen Bucht, ließen ihr Schiff, hinter einem Felsen versteckt, unter der Obhut treuer Diener zurück und lenkten ihre Schritte landeinwärts. Unterwegs verabredeten sie, sich andere Namen und eine andere Abkunft beizulegen, da es möglich schien, daß ihre Geschichte selbst bis hierher ruchbar geworden, und da in diesem Falle zu fürchten war, der Name des Muttermörders und seines Genossen werde das ihnen ohnehin drohende Verderben unabwendbar machen. Unter solchen Gesprächen näherten sie sich einem Haine, aus dessen dunkeln Wipfeln ihnen bald die weißen Säulen des gedachten Tempels entgegenschimmerten. Eben hatte Iphigenia in demselben voll düsterer Schwermut das Morgenopfer dargebracht. Ihr Blick war wild, ihr langes Haar flatterte ungeordnet über Brust und Schultern hin, und in ihrem Herzen wühlte Verzweiflung und bitterer Menschenhaß. Die Männer erschraken bei ihrem Anblick; in dieser Gestalt und in diesen Zügen war nichts mehr von der Griechin zu erkennen! Noch größeren Schrecken erregte die rohe Schar der Knechte, die sie umgaben. »Wer seid ihr?« rief die Priesterin sie an. »Griechen sind wir, aus Ätolien«, versetzte Pylades, und spann nun ein kunstvolles Gewebe von Täuschungen, um seine wahre Herkunft und den Zweck der Reise zu verbergen. »Kanntet ihr das Gesetz der Taurier nicht, welches jeden Fremden, der unserer Küste naht, den Göttern zu opfern befiehlt?« »O nimmer«, rief Pylades, »nimmer kann ein fromm die Götter ehrendes Volk dem elenden Schiffbrüchigen, dem niemand Erbarmen versagt, grausam auch das letzte nehmen, was er hat: das Leben! Und wie könnte den Göttern dies Opfer gefallen? Nein, Jungfrau, solch ein Herz wohnt nicht in dir. Wenn du von Menschen menschlich geboren bist, so muß unsere Not dich rühren, und du wirst uns Gastfreundschaft gewähren, bis wir weiter ziehen können. Mag das Gesetz, von dem du sprichst, für Abenteurer und Feinde sein, die eures Reiches Frieden zu stören kommen; uns Unschuldige werdet ihr nicht als Verbrecher strafen.« »Ihr müsset sterben!« rief die Priesterin und winkte ihren Dienern. Diese umringten sogleich die beiden Schlachtopfer und schickten sich an, sie wegzuführen. Orestes, der noch nicht ein Wort gesprochen hatte, schwieg auch jetzt und sah mit starren Blicken vor sich hin. Pylades aber warf sich der Priesterin zu Füßen und versuchte alles, was Liebe für seinen Freund und Sorge um das eigene Leben ihm eingeben wollte, um das Herz der Unerbittlichen zu rühren. Sein Flehen war nicht umsonst, Iphigenia begann zu schwanken, und bald kämpfte sie sichtbar mit sich selber. Endlich sprach sie in Bewegung: »Sonst habe ich wohl selbst den König dieses Landes um die Freilassung der Unglücklichen gebeten, welche ein böses Schicksal an diese Küsten geworfen hatte. Auch rührte mich der Name Grieche sonst und dieser Sprache trauter Klang, die ich – ach! so lange nicht vernommen! Aber seitdem mir mein Liebstes in der Welt – – Doch kein Wort davon! Ihr seid Griechen! Ihr fühlet meine Rache! Ihr müßt sterben! – Zwar du, du scheinst mir ein guter, sanfter Jüngling; du hättest meine armen Schwestern nicht gesteinigt, du hättest meines Vaters Namen nicht verflucht! – Geh' hin, benutze diese gute Regung, die ich vielleicht nur einen Augenblick für dich empfinde; fliehe eilends und verlaß dieses Land! Aber den finster, tückisch schweigenden Genossen dort ergreift, ihr Diener, und legt ihm die Fesseln an! Beide zu befreien würde mir ohnehin der König nicht gestatten.« »O heilige Jungfrau«, rief Pylades abermals, »vergönne mir noch ein Wort! Ist es dein fester Wille, nur einen von uns zu retten, o dann nicht mich – dann rette meinen Freund! Muß einer sterben, so will ich es sein. Ich habe es ihm geschworen ihn nimmer im Leben zu verlassen; wie sollte ich nun feige fliehen, wenn er den Weg zum Tode geht!« Bei diesen Worten brach auch Orestes sein Schweigen. »Mit nichten geschehe das, ehrwürdige Priesterin!« rief er heftig bewegt. »Willst du ihn töten, so schlachte auch mich, denn ohne ihn würde mir das Leben kein Leben mehr sein. Keine Zunge spricht es, was dieser Freund für mich gethan hat; mit meinem dreifachen Tode wöge ich's nicht auf. O, er ist es wert nun auch für sich zu leben, nachdem er so lange für mich gelebt hat!« »Höre ihn nicht, fromme Jungfrau«, rief Pylades, »er weiß nicht, was er spricht! Siehe, er ist der letzte seines Stammes; er hat ein Haus und eine Herrschaft daheim, und sein Volk trägt ihn auf den Händen. Mein Vater aber lebt noch und hat noch jüngere Söhne, die sich der reichen Erbschaft freuen werden. Wahrlich! du weißt nicht, welch edles Geschlecht du zu Grunde richtest, wenn du diesen sterben lassest.« Wiederum rief Orest: »Laß dich nicht irren, hohe Priesterin! leichter als er, kann ich dem Tode ins Auge schauen. Er hat ein holdes Weib, sie ist meine Schwester; erst seit einem Jahre ist er mit ihr vermählt. Und die wolltest du zur Witwe und ihr zartes Kind zur Waise machen? Um mich weint, wenn ich sterbe, kein Vater und keine Mutter, kein Weib und kein Kindlein. Mich wirf in Fesseln, wie du zuerst beschlossen hattest. Nie hat dein Gefühl dich richtiger geleitet!« »Wunderbare Menschen! Wer seid ihr?« rief Iphigenia erstaunt. »Wer hat wohl je gesehen, daß ein Mensch sein Leben so gewaltsam wegzuwerfen strebte? Aber wie edel ihr auch beide scheint, doch kann ich nur einem die Freiheit schenken, und wage ich redlich Gründe gegen Gründe, so bleibe es bei meiner ersten Wahl! Gehe du – so sprach sie zu Pylades – und lebe glücklich. Umarme deinen alten Vater wieder und dein liebes Weib; aber fliehe schnell!« »Fliehe, fliehe!« bat auch Orest, mit seinen Armen ihn umschlingend, »Wie wird sich die treue Elektra freuen! Bringe ihr meinen letzten Gruß und tröste sie auch meines Schicksals wegen.« »Elektra?« rief die Priesterin überrascht. »Ach! woran mahnt mich der holde Name! Aber ihr seid Ätolier, sagt ihr! ...« »Vergieb mir«, sagte Pylades, »ich täuschte dich. Ich wollte einem Schicksal durch List entrinnen, dem doch, wie ich nun erkenne, nicht zu entfliehen ist. Nicht Ätolier, Argeier find wir, aus Mykenä, der berühmten Stadt des großen Agamemnon. Ich bin Orestes, der Muttermörder, und fordere hier für meine Missethat den verdienten Lohn! Dieser aber ist Pylades, Strophios' Sohn, der Gatte meiner Schwester Elektra, der keinen Teil an meiner Schuld hat. Darum laß ihn ziehen!« Orestes wollte den neuen Betrug strafend widerlegen, aber Iphigenia rief plötzlich mit starker Stimme: »Wie, diese ruchlosen Verbrecher sähe ich vor mir? Wohlauf, ihr meine Diener, führt sie ab, und werft sie abgesondert von allen andern in ein Gefängnis; die Stunde kommt, die ihr Schicksal erfüllen soll. – Sie wurden abgeführt und erwarteten das Schrecklichste. Pylades geriet fast in Verzweiflung darüber, daß er noch in dem Augenblicke, da ihre Rettung fast schon entschieden, durch ein einziges übel bedachtes Wort jede Hoffnung vernichtet habe. Tausendmal bat er seinen Freund um Verzeihung, tausendmal versuchte es Orestes ihn zu trösten; doch umsonst. Ihr kennt aber wohl denken, daß die plötzliche Strenge Iphigeniens nur Schein gewesen sei, nur eine kluge List, um die Scene des Wiedererkennens, die schon so nahe war, den Augen lästiger Begleiter zu entziehen. Nur um diese Begleiter irre zu führen, ergriff sie die scheinbar harte Maßregel, und es schmerzte sie selber die beiden Freunde über ihre wahre Gesinnung so lange in Ungewißheit lassen zu müssen. Erst spät am Abend, als die Einwohner von Tauris schon in ihren Hütten ruhten, begab sie sich zu ihnen, schob leise den Riegel von der Kerkerthür weg und brachte mit einem Worte Leben und Freude in die schon verzweifelnden Gemüter. Sie sagte ihren Namen, erkannte nun den wahren Orestes, erfuhr den wahren Zusammenhang des Schicksales ihrer Familie, und verabredete einen Plan zu gemeinsamer Flucht. In dieser Nacht ihn noch auszuführen war nicht ratsam, weil schon der größte Teil derselben verstrichen war; ihn bis zur folgenden Nacht zu verschieben ging noch weniger an, weil König Thoas und sämtliche Taurier sich schon auf ein großes Opferfest am nächsten Morgen vorbereitet hatten. Es ward also ein anderer Ausweg ersonnen, der Iphigeniens klug gefaßten Geist aufs neue bewährte. Sobald nämlich am Morgen das Volk im Tempel versammelt war, erklärte dieselbe, es sei eine ungeheure Frevelthat geschehen. Die beiden Fremdlinge seien nicht nur Muttermörder, sondern Tempelschänder, die ihre ruchlosen Hände an das heilige Bild der Artemis gelegt. In solchen Fällen fordere die Sitte, ja der Wille der Göttin selbst, daß die Verbrecher, ehe sie geopfert würden, erst in Begleitung der Priesterinnen zum Meere geführt und samt dem Bilde mit der heiligen Flut besprengt und geweiht werden müßten. »Du, König«, fuhr sie fort, »bleib indessen hier im Tempel zurück und hemme auch die übrigen, daß niemand außer meinen Dienerinnen mir folge! Bald werde ich wieder bei dir sein; ehre du indessen die Götter durch festliche Chorgesänge.« Mit diesen Worten nahm sie das Götterbild aus dem Tempel und trug es dem Meere zu. Ihr folgten die beiden Fremdlinge, nur noch zum Schein mit schweren Fesseln belastet, und einige vertraute Dienerinnen. Da das Ufer entfernter war, so verschwand der Zug dem Könige bald aus dem Gesichte. Dieser stimmte unterdessen im Tempel die Chorgesänge an, und mit ihm sang ohne Aufhören das Volk, bis Iphigenia, Orestes, Pylades und die übrigen alle glücklich eingeschifft waren und getrost ins hohe Meer hinaussteuerten. Voll Erstaunen sah ein Landmann sie von ferne und hinterbrachte dem Könige die Nachricht. Sein Zorn brach in ein wildes Schnauben aus; er stürzte mit dem ganzen Volke ans Gestade, befahl schnell ein Schiff auszurüsten und bot dem, der die Treulosen einholen würde, eine große Belohnung. Hastig beeiferten sich schon die Männer, ihm zu Willen zu sein, als auf einmal eine wunderbare Lichtwolke vom Meere daher kam und sich der erschrockenen Menge näherte. Der Glanz zerfloß, und Apollon in aller Schöne der Himmlischen schwebte über dem blauen Wasserspiegel. Mit sanfter, herzbewegender Rede ließ er sich gegen den König also vernehmen: »O Thoas! hemme deinen Zorn, der gerecht sein würde, wäre diese That aus menschlicher Bosheit entsprungen. Aber ich bin's, der sie geboten hat; und meine göttliche Schwester selber wollte nicht länger von euch verehrt sein, so lange ihr kein anderes Opfer und keine andere Verehrung kennt als Mord! Wenn ihr gelernt haben werdet edler von Göttern zu denken, werden auch die Götter wieder zu euch zurückkehren.« Der Lehrer schwieg. Nach einer Pause bemerkte Anton, dieser Abschluß der Sage erscheine doch etwas anders, als der kürzlich Vgl. Seite 658 . vom Lehrer angedeutete. »Ganz recht!« erwiderte der letztere; »aber eben in diesen mannigfachen Auffassungen und Umgestaltungen altüberlieferter Stoffe bekundet sich nicht zum wenigsten die eigentümliche schöpferische Fruchtbarkeit des griechischen Geistes.« »Aber was werden Sie uns denn nun erzählen?« unterbrach Wilhelm den Lehrer. »Ich habe noch eine andere Geschichte aus einem griechischen Trauerspieldichter bereit, die will ich euch morgen mitteilen.« »Von wem handelt sie denn?« »Von dem König Ödipus .« »Wo war denn dieser König?« »In Theben .« »Vor oder nach dem trojanischen Kriege?« »Wohl fünfzig Jahre vorher. Er lebte zu Herakles', Theseus' und Jasons Zeit.« Vierzehnter Abend. Ödipus und sein Geschlecht. Theben , die berühmteste Stadt Böotiens, gehörte zu den ältesten griechischen Gründungen und hat vermutlich noch früher als Athen eine Ringmauer gehabt. Die erste Kolonie soll der Phöniker Kadmos um das Jahr 1500 vor Christi Geburt dorthin geführt haben. Von ihm erzählt die (neulich schon berührte) Sage, seine geharnischten Krieger seien aus Drachenzähnen hervorgesprossen, die er auf Athenes Befehl in die Erde gesäet habe; gleichzeitig haben aber auch die Geschichtschreiber eine andere, noch merkwürdigere Überlieferung aufbehalten. Denn durch ihn, behaupten sie, sei die phönikische Erfindung der Buchstabenschrift zuerst nach Europa herübergebracht worden, von ihm endlich sei die Stiftung des Ackerbaues, die Kunst der Wasserleitung und der Gebrauch eherner Waffen ausgegangen. Ein späterer Nachkomme des fabelhaften Ahnherrn war Laios , König von Theben. Dieser Mann hatte das unselige Verlangen, sein Schicksal vorher wissen zu wollen, und da das Orakel zu Delphi nicht weit entfernt war, so machte er sich einmal auf den Weg und flehte zum Apollon um Offenbarung seiner Zukunft. Aus den Tiefen der Höhle drang eine Stimme herauf, die ihm die Priester also deuteten: »Hüte dich vor deinem Sohne; denn er wird dein Mörder und dann der Gemahl deiner Gattin werden!« Erschreckt kehrte Laios heim. Noch hatte er keinen Sohn, doch aber eine junge, blühende Gemahlin, Iokaste , die, als er ihr von dem schrecklichen Spruche des Orakels erzählte, darüber nicht minder in tiefe Betrübnis geriet. Endlich ward dem Hause des Laios wirklich ein Knäblein geboren. Aber wenn sonst die Geburt des ersten Söhnleins das Entzücken der Eltern ist, so war sie diesen Armen eine grausenvolle Vorbedeutung. Laios wagte gar nicht das Kind in seine Arme zu nehmen, die Mutter sah es nicht einmal, sondern ein Ziegenhirt bekam den Auftrag, ihm die Füßchen mit Riemen zusammen zu schnüren und es auf dem Berge Kithäron im Dickicht niederzulegen, als eine Beute der Wölfe oder anderer wilder Tiere. So konnte doch der Sohn weder ein Mörder seines Vaters werden, noch die andere Prophezeiung des Gottes in Erfüllung gehen. Der Hirt that gehorsam was ihm befohlen war, aber doch regte sich das Herz in ihm beim Anblicke des unglücklichen Kindes. Er vermochte sich gar nicht wieder von der Stelle zu entfernen, wo er es niedergelegt hatte. Da kam zufällig ein Korinther des Weges gegangen, der von einer Botschaft nach Hause zurückkehrte. Dieser fand den Hirten und das Knäblein, fragte nach den Umständen und erfuhr sie unter dem Gelöbnis der tiefsten Verschwiegenheit. Auch ihn jammerte des Kindes, er nahm es mit sich und lösete ihm die drückenden Bande von den Füßen. Doch er selbst war arm und hatte viele Kinder. Wohlan! dachte er bei sich selbst, ich will's dem Könige geben, der kinderlos ist; der mag es aufziehen, wenn es anders am Leben bleibt. Er that's und fand mit seinem Geschenk eine freundlichere Aufnahme, als er selbst erwartet hatte. Schon längst hatten sich der König Polybos und seine Gemahlin Merope nach einem Erben gesehnt, aber noch immer hatten die Götter ihre Gebete und Opfer nicht erhört. Der Glaube jener Zeit sah nun in dem zufälligen Anerbieten des Boten um so eher eine himmlische Fügung, je mehr dasselbe den Wünschen beider Ehegatten entsprach. Sie beschlossen sofort das Kind als das ihrige anzunehmen, und da sie von dem Boten zugleich das schreckliche Orakel erfuhren, so ließen sie denselben schwören, daß er niemals einem Menschen entdecken wolle, wer eigentlich des Kindes Vater sei, damit dieses selbst darüber in steter Unwissenheit bleibe. Sie gaben dem Knäblein hierauf eine Amme und nannten es von seinen geschwollenen Beinchen Ödipus , das ist Schwellfuß . So lautete allerdings die gewöhnliche Erklärung des Namens; aber sprachliche Gründe stehen entgegen. Näher liegt es darin den Wissenden zu suchen nicht allein mit Beziehung auf die Lösung des Sphinxrätsels, sondern auch weil er die trotz allen Scharfsinnes irrende Weisheit der Menschen versinnbildet. Der Knabe wuchs allmählich heran, ward groß, stark und schön, und alle, die ihn sahen, freuten sich des herrlichen Jünglings. Die Korinther erkannten ihn bereitwillig für den Erben der königlichen Würde an; ja es ward ganz vergessen, daß er von fremder Abkunft war, und man nannte ihn geradehin Polybos' Sohn. Er selbst wußte es auch bis in sein zwanzigstes Jahr nicht anders und staunte nicht wenig, als einmal beim Trinkgelag ein berauschter Schwätzer, mit dem er in Streit geraten war, ihn einen untergeschobenen Sohn seines Vaters nannte. Das Wort kränkte ihn tief. Aufs heftigste erregt, ging er zu seiner Pflegemutter und verlangte von ihr, daß sie ihn und sich selbst rechtfertigen solle. Ihre Antwort war nicht so, wie er erwartet hatte; er ahnte aus derselben, daß hier ein Geheimnis obwalte, welches man ihm mit Bedacht verberge. Diese Entdeckung machte ihn unruhig. Er fragte den Polybos und erhielt von diesem eine ebenso zweideutige Antwort. Beide Eltern gaben sich alle Mühe ihn zu beruhigen; aber er bestand darauf, das Geheimnis seiner Geburt zu entschleiern, solle er auch erfahren, daß der niedrigste Sklave sein Vater sei. Diese Gewißheit werde ihn glücklicher machen als die quälende Ungewißheit, in welcher man ihn jetzt so geflissentlich zu erhalten suche. Vergebens versicherten Polybos und Merope, es sei nicht harter Eigensinn, der sie schweigen heiße; auch sei es nicht etwa Armut oder Niedrigkeit seiner Eltern, um deretwillen man ihm seine wahre Abkunft verborgen halte; vielmehr bewege sie nur die zärtlichste Liebe für ihn, so und nicht anders zu handeln, ja es werde sein Unglück sein, wenn er seinen wahren Vater kennen lerne. Diese Antwort verwirrte ihn mit neuen Rätseln. Ich wüßte doch nicht, sprach er zu sich selbst, wie es mein Unglück werden könnte, wenn ich meinen Vater kennen lernte! Und sonderbar! ich habe nun gerade keinen größern Wunsch als diesen. Wer weiß, welche leere Bedenklichkeiten meine beiden treuen Pfleger sich machen mögen! Gar mancher quält sich selbst mit Befürchtungen, die ein bloßes Trugbild seiner Seele sind. Aber ich will es erfahren! Apollons Orakel ist untrüglich und hat noch keinem die Belehrung versagt, der bescheiden und was billig ist fragte. Wohlan! mein nächster Weg sei nach Delphi, und damit mich niemand zurückhalte, will ich mich heimlich von hier entfernen. Er verließ Korinth bei Nacht und pilgerte einsam an seinem Wanderstabe der Götterstätte zu. Man begreift den Schrecken seiner ehrlichen Pflegeeltern, als sie ihn vermißten. Aber vergebens waren alle ihre Nachforschungen, und schon ahnten sie, daß der Unglückliche, trotz ihrer Warnungen und Mahnungen, seinem bösen Schicksal entgegen gegangen sein möchte. Als Ödipus bei dem Heiligtume angekommen war und der Priesterin seine Frage vorgelegt hatte, wollte die Pythia lange keine Antwort geben. Endlich erfolgte diese: »Flieh' deinen Vater, Jüngling! Triffst du mit ihm zusammen, so wirst du sein Mörder werden und deine eigne Mutter freien!« Ödipus schauderte. Schon das eine war schrecklich, aber das andere dünkte ihn noch viel schrecklicher. Eine Ehe zwischen Sohn und Mutter oder zwischen Vater und Tochter hat zu allen Zeiten ihrer Unnatürlichkeit wegen in der Meinung selbst roher Völker für das gottloseste Verbrechen gegolten, dessen ein Mensch nur fähig sei, und überall hat man darauf die schrecklichsten Strafen gesetzt, die aber zum Glück wohl nur selten vollzogen worden sind. »Unglückliches Geschick!« rief Ödipus aus, »Ja, nun sehe ich's wohl, ihr redlichen Pflegeeltern, wie sehr ihr recht hattet mich in ewiger Unwissenheit halten zu wollen! Und jetzt bin ich übler daran als zuvor, denn nun weiß ich mein schreckliches Schicksal und kann doch die Eltern nicht vermeiden, die ich nicht kenne. Grausamer Gott, warum sagst du mir das eine und verschweigst mir das andere! O hätte ich nie gefragt und lebte noch in glücklicher Unwissenheit in Polybos' und Meropes friedlichem Hause! Aber wohin gehe ich nun? Kehre ich nach Korinth zurück, oder wähle ich mir ein anderes Land zum Aufenthalte? Nein, ich will Korinth nicht wiedersehen; denn wahrscheinlich lebt mein Vater dort oder doch in der Nähe, wer weiß in welcher Verborgenheit, und so führte mich das Schicksal dann am leichtesten mit ihm zusammen. Nein, nein! ich will im Lande umherstreifen und sehen, wo etwa irgend ein Ruhm zu gewinnen ist oder ein tapferer Mann not thut.« In diesen Gedanken vertieft, trat er weiter wandernd in eine enge Gebirgsschlucht ein, die sich in mancherlei seltsamen Krümmungen wand. Es war ein schauerlicher Paß, vom Strahl der Sonne unerhellt und an manchen Stellen kaum breiter als ein Fußpfad. Hier sah er sich plötzlich von einem Wagen überrascht, auf dem ein alter Mann und ein Herold saßen, welcher letztere den Wagenlenker machte. Der Herold begnügte sich nicht damit den Ödipus ausweichen zu heißen, sondern trieb ihn, als dieser säumte, mit Ungestüm zur Seite. Ödipus, ergrimmt, schleuderte dem Rosselenker seinen Stock dergestalt an den Kopf, daß jener zu Boden fiel. Gleichzeitig aber griff der alte Mann im Wagen zu dem Stachel, mit dem man die Pferde anspornte, und versetzte dem Ödipus einen wuchtigen Streich. Ödipus, so von neuem gröblich angegriffen, betäubte auch den Alten mit einem einzigen Hiebe, so daß derselbe vom Sitze des Wagens herabstürzte. Erst jetzt erkannte der jähzornige Jüngling erschreckt, was er gethan: in einem Augenblicke war er zum zwiefachen Mörder geworden! Vor ihm lagen zwei Männer von seiner Hand getötet! Indessen beschwichtigte er die Stimme seines Innern damit, daß seine That nur ein Werk der Notwehr gewesen sei, und so zog er ruhig seine Straße weiter. Noch an demselben Tage kam eine Räuberbande dieses Weges; die fand die Leichname, entkleidete sie, nahm die Gewänder und die Pferde nebst dem Wagen an sich und ließ die toten Körper nackt am Wege liegen. Ödipus schweifte seitdem noch viel im Lande umher und bestand manches Abenteuer, aus dem bald seine Stärke, bald seine Klugheit ihn rettete. Von jenem Vorfalle in dem Hohlwege schwieg er weislich, wie er denn auch kein Bedürfnis empfand, sich von der Schuld des Mordes entsühnen zu lassen. Endlich betrat er Böotien. Hier hörte er eine wundersame Geschichte. Ganz Theben, hieß es, sei in tiefer Trauer; denn eine verheerende Pest raffe Menschen und Vieh weg, und auf einem Felsen vor der Stadt, am Rande eines Abgrundes, lasse sich ein fürchterliches Ungeheuer sehen, von den Einwohnern Sphinx genannt, an Leibesgestalt einer Löwin gleich, aber mit Adlersflügeln und einem Weiberkopfe. Weithin töne seine schauerliche Stimme. Es habe anfangs die Einwohner zu sich gelockt und ihnen ein Rätsel vorgelegt, aber jeden, der es nicht erraten, d. h. alle, denen es bis dahin vorgelegt worden war, von dem Felsen hinabgestürzt. Die Priester aber hatten erklärt, die Pest werde nicht eher aufhören und die Sphinx selber nicht eher das Land verlassen, als bis sich jemand finde, der den Mut habe das Rätsel anzuhören und Scharfsinn genug es zu lösen. Zugleich erzählte man dem Ödipus, daß eben jetzt das Land seines Königs beraubt sei und einstweilen von Kreon , dem Bruder der königlichen Witwe, regiert werde. Der gesetzmäßige König sei vor einiger Zeit von Räubern getötet worden und habe keinen Sohn hinterlassen. Kreon aber habe öffentlich bekannt machen lassen, wenn sich jemand finde, der das Rätsel der Sphinx löse, der solle – und wäre er der ärmste Mann – alle Schätze des verstorbenen Königs erben, dessen Witwe heiraten und Herrscher von Theben werden. Ödipus jung, allezeit zu Abenteuern bereit, auch seiner Klugheit sich bewußt, konnte sich leicht vermessen einer Gefahr entgegen zu treten, auf deren Überwindung ein so hoher, glänzender Preis gesetzt war. Freilich, wenn er sie nicht überwand!? – »Aber wo«, sprach er zu sich selbst, »wo ist das Abenteuer, in dem nicht ein kühner Mann sein Leben wagen müßte? Und finde ich hier den Tod, so wird doch mein Ruhm unsterblich sein, da ich's unternommen, die Wette mit einem Ungeheuer einzugehen, das dem Minotauros und der lernäischen Hydra an Furchtbarkeit gleich kommt. Zudem, was verliere ich mit dem Leben? Eine nagende Sorge, die mir nie Ruhe lassen wird, und die Gelegenheit ein Verbrechen zu begehen, das schlimmer als zehnfacher Tod für mich sein würde!« Er ging und kam nach wenigen Tagen in Theben an. Dort erklärte er dem Kreon, daß er bereit, sei das Wagstück auf sich zu nehmen, und erhielt von demselben die abermalige Versicherung dessen, was wir schon wissen. Man zeigte ihm das Ungeheuer von weitem. Er ging hinaus und kletterte mutig den Felsen hinan, auf dem es ruhte. »Sprich dein Rätsel!« redete er es an, »ich will versuchen, ob ich es löse.« Da sprach die Sphinx: »Nenne mir das Geschöpf, das am Morgen auf vier, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei Beinen geht.« Ödipus besann sich und hatte einen raschen Einfall: »Wer sonst ist's«, rief er, »als der Mensch, der als Kind auf vieren kriecht, während der kräftigen Jahre seiner zwei Füße sich bedient und am Abend des Lebens sich mit dem Stabe forthilft!« Kaum hatte er das Wort gesprochen, als plötzlich mit einem verzweifelten Sprunge die Sphinx sich selbst in den Abgrund hinunter stürzte. Zitternd vor freudiger Überraschung stand Ödipus da und vernahm aus weiter Ferne das Jubelgeschrei der Thebaner, die ihm nachgesehen hatten. Jauchzend gingen sie ihm entgegen, begrüßten ihn als ihren König und dankten ihm als ihrem Erretter. Er zog mit ihnen wie im Triumph in die Stadt ein, opferte den Göttern und empfing aus Kreons Händen den Herrscherstab und die königliche Gemahlin Iokaste , mit welcher er wenige Tage darauf die Vermählung vollzog. Iokaste mochte wohl, gleich der Penelope, zu jenen Auserwählten ihres Geschlechts gehören, die noch im vierzigsten Jahre die Fülle und den Reiz der Jugend besitzen. Wenigstens ahnete dem Ödipus bei dem Unterschiede der Jahre nichts Besonderes, und da er sein Orakel sorgfältig verschwieg, so ward von keiner Seite ein Argwohn rege. Er liebte seine Gemahlin recht herzlich, lebte mit ihr in vollkommener Zufriedenheit und sah bald zwei Söhne und zwei Töchter um sich heranwachsen. Jene hießen Polyneikes und Eteokles , diese Antigone und Ismene . Seine Unterthanen aber erfreuten sich eines ungestörten Friedens; denn er scheute sich einen Krieg anzufangen, um durchaus dem Schicksal keine Gelegenheit zu geben die Götterdrohung wahr zu machen. So genoß er zwanzig Jahre lang die Fülle der Ehren und des Glückes. Und selbst die heimliche Sorge im Herzen, die ihn sonst wohl zu keiner recht freien Freude kommen ließ, schien um so mehr ihren Stachel zu verlieren, je länger die Erfüllung des Orakels sich verzögerte. Allmählich begann Ödipus die ganze Sache unwahrscheinlich zu finden, und zuletzt dachte er beinahe nicht mehr daran. Nur drei Menschen lebten in Griechenland, die es wußten, auf welche entsetzliche Art das Orakel bereits an ihm in Erfüllung gegangen war: seine Pflegeeltern zu Korinth und der alte Diener derselben, der ihnen einst das Kind überbracht hatte. Aber alle drei verschlossen das Geheimnis fest in ihren Herzen: der treue Diener, weil sein Schwur ihm heilig war; die beiden andern aus Liebe für ihr unglückliches Pflegekind, dem sie unmöglich die Binde von den Augen reißen konnten, die ihm zum Glücke seine Schuld so lange verborgen hielt. Oft hatten sie, als das Gerücht von seiner wunderbaren Thronbesteigung nach Korinth gedrungen war, miteinander beratschlagt, ob sie dazu schweigen sollten oder nicht, und ob es nicht der Gehorsam gegen die Götter fordere solchen Frevel ans Licht zu bringen; auch der ehrliche Diener, jetzt ein Aufseher von Polybos' Herden, war hereingekommen, um des Königs Meinung zu vernehmen. Indessen hatte die Liebe zum Ödipus gesiegt; keiner von ihnen hatte es über das Herz bringen können an ihm zum Verräter zu werden, und so hatten sie sich damit beruhigt, daß es eine Fügung der Götter sei, die, wenn sie es wollten, das Dunkel doch wohl lichten würden. Endlich aber starb der alte Polybos, und weil er selber nicht daran gedacht hatte sich einen Nachfolger zu bestellen, so schritt das Volk dazu einen solchen zu wählen. Da erinnerten sich die meisten des edlen Ödipus, der unter ihnen aufgewachsen, schon in seiner Jugend so viele Beweise des Mutes und der Einsicht gegeben hatte und jetzt das thebanische Reich so ruhmvoll regierte. Durch die Mehrheit der Stimmen ward ihm die Herrschaft über Korinth zuerkannt, und ein Herold, ward abgesendet, um ihn einzuladen, wenn er anders dem Wunsche der Bürgerschaft nachkommen und das dargebotene Scepter annehmen wolle. Jetzt konnte sich der alte treue Diener nicht länger halten; denn nun glaubte er von seinem Vaterlande den Fluch der Götter abwenden zu müssen, der seiner Meinung nach dasselbe unabwendlich traf, wenn es einen Vatermörder und Blutschänder zum Könige berief. Er eilte zur Königin, beschwor sie ihn von seinem Eide zu entbinden und offenbarte nun das Geheimnis den Ältesten des Volks. Alle erstaunten, und jetzt konnte es auch wohl in der Fremde nicht mehr lange verborgen bleiben. Bald kamen nach Theben dunkle Gerüchte; selbst Ödipus und Iokaste hörten davon und wurden beide betroffen. Doch faßten beide sich wieder und suchten sich gegenseitig zu beruhigen. »Wie könnte ich meinen Vater erschlagen haben«, sagte Ödipus ferner, »da ich in Korinth niemand tötete, auf meinen Zügen nur Jünglinge besiegte und mir sonst keiner Mordthat bewußt bin, außer daß ich einmal, da ich von Delphi kam, durch Notwehr gezwungen in einem Hohlwege einen alten Mann und einen Herold erschlug!« »Wie?« rief Iokaste erschreckt. »In einem Hohlwege, sagst du?« »Es war auf dem Wege von Delphi.« »Einen alten Mann und dessen Herold? In einem Wagen mit zwei schwarzen Rossen bespannt?« »So dünkt mich, ja.« »O, dann sind wir verloren! das ist Laios gewesen!« »Bei allen Göttern, Iokaste, fasse dich! Noch glaube ich nicht das schlimmste. Denn sage mir, wie könntest du meine Mutter sein? Hast du mir nicht schon vordem erzählt, dein Kind sei gestorben!« »Ach, ich weiß es nicht!« »Du weißt es nicht?« »Nein. Wir hatten einen Orakelspruch, der uns von Kindern Unglück drohte. Da ließen wir den Knaben aussetzen; aber ich weiß nicht, ob es wirklich geschehen ist.« »Wem gabt ihr den Befehl?« »Menötios, dem alten Ziegenhirten!« Fast außer sich schwankte Ödipus in den Hof hinaus und befahl einem Diener, aufs Land zu gehen und den Ziegenhirten herbei zu holen. Der Ziegenhirt kam, und Ödipus redete ihn mit zitternder Stimme an: »Alter, erinnerst du dich noch, einst vom Könige Laios einen Säugling empfangen zu haben, den du den wilden Tieren vorwerfen solltest?« »O ja, Herr!« antwortet der Hirt. »Wohin brachtest du das Kind?« »Auf den Berg Kithäron.« »Weißt du gewiß, daß ein wildes Tier es dort gefunden und zerrissen hat?« »Ach, Herr!« sagte der Greis mit Thränen im Auge, »wüßte ich, daß du mich nicht zu hart straftest, wenn ich die Wahrheit sagte – –« »Bei meinem Leben, dir soll nichts geschehen! Sage, was du weißt.« »Siehe, mich jammerte des armen Geschöpfs. Ich konnte es nicht so liegen sehen. Da kam zum Glück ein korinthischer Mann, der ging mit einer Botschaft zum König Polybos zurück –« »Und dem gabst du das Kind?« »Der nahm es mit. Gewiß! er nahm es selbst; ich wußte lange nicht, ob ich's ihm geben sollte. Ich habe es ihm auch nicht gegeben.« »O genug, genug!« rief Ödipus. »Geh, Alter geh nach Hause. Hast du's gehört, Iokaste? So bin ich nach Korinth gekommen. O Mutter, Weib, wo bist du? O laß mich nicht allein! Iokaste! Iokaste!« Umsonst, Iokaste erschien nicht. Da eilte er umher, sie zu suchen und siehe, er fand sie in ihrem Schlafgemach – mit einem Stricke erhängt! »O sie hat den Frieden gefunden!« rief er aus. »Aber für mich wäre der Tod eine zu gelinde Buße.« Er sah einen Augenblick starr vor sich hin, dann ergriff er in halbem Wahnsinn eine große Gürtelschnalle, die das Gewand Iokastens zusammenhielt, und stach sich mit den Nadeln derselben tief in beide Augen hinein, daß die Sehkraft erlosch und der helle Mittag ihm zur Nacht wurde. In diesem Zustande irrte er zum Hause hinaus und zeigte sich dem Volke. Wer ihn sah, schauderte zurück. Wie schwer man auch seine Schuld fand, so überwog das Mitleid mit dem Armen, der sich selbst eine so grausame Strafe auferlegt hatte, und der bei aller seiner Marter doch noch vor Gewissensangst zu vergehen schien. Niemand, der es wagte etwa noch von einer Sühne zu sprechen. Nur er selber glaubte noch nicht genug gebüßt zu haben; er verbannte sich selbst und wankte an seinem Wanderstabe trotz aller Bitten seiner gerührten Unterthanen zum Thore hinaus. Seine beiden Söhne dachten nicht daran ihn zurück zu halten. Ihnen lag nur im Sinn sich sofort seines Thrones zu bemächtigen. Aber seine Töchter, Antigone und Ismene, folgten ihm nach, umfaßten noch draußen vor der Stadt seine Knie, und baten ihn unter Thränen, mit ihnen umzukehren. Da sie ihn aber unerbittlich fanden, so erklärte Antigone, daß sie ihn nicht verlassen werde. Auch Ismene wollte mit ihm ziehen; aber die ältere Schwester bewog sie bei den Brüdern zurück zu bleiben, damit sie vielleicht einst, wenn der Vater wieder nach der Heimat verlangen sollte, diesem die Aufnahme erleichtern könne. So zog nun Ödipus durch eben das Thor, durch das er einst im Triumphe als König eingeführt worden war, als Verbannter, ja als blinder Bettler wieder hinaus, mit der Rechten auf seinen Pilgerstab, mit der Linken auf seine treue Tochter gestützt, die ihn immerfort zu trösten suchte und alle Gedanken an ihr eigenes Elend unterdrückte. Die edle Tochter, ein Bild der reinsten selbstverleugnenden Liebe, führte ihren Vater von Ort zu Ort, und wohin sie kamen, beherbergte man sie gern; denn wen hätte nicht die Gestalt des augenlosen Greises, die Geschichte seiner Schicksale und der Anblick von Antigones kindlicher Zärtlichkeit gerührt? Zuletzt kamen sie nach Athen , dessen Schutzherr damals der berühmte Theseus war. Dieser nahm sie gastfrei auf und wies ihnen in Kolonos , einer Gemeinde außerhalb der Stadt, eine Wohnung an. Hier verlebte der unglückliche Ödipus mehrere Jahre in ruhiger Verborgenheit, treulich gepflegt von seiner Tochter und geehrt und geschätzt von allen Nachbarn, die ihn zugleich und mit Recht als ein warnendes Beispiel der Wandelbarkeit alles irdischen Glückes betrachteten. Denn in der That, welcher Wechsel des Schicksals hätte jäher und schrecklicher sein können! Mochte es nicht fast scheinen, als sei der Mensch nur der Spielball einer dunklen Macht, die sich eben darin gefalle, ihn zu erhöhen, um ihn dann desto tiefer zu stürzen!? Theben litt übrigens noch lange an den Folgen der raschen Selbstverbannung seines Königs. Eteokles und Polyneikes (Polynices), seine Söhne, vereinigten sich zwar anfangs durch Kreons Vermittelung dahin, in der Regierung abzuwechseln, so daß jeder von beiden dieselbe immer ein Jahr um das andere verwalte. Auch hielten sie wirklich zuerst Frieden; als aber Eteokles zum zweitenmale an die Herrschaft kam, suchte er sich darin fest zu setzen und den Polyneikes für immer zu verdrängen. Es gelang ihm, und der Bruder sah sich beschimpft und betrogen. Rachedürstend verließ er die Stadt, floh nach Argos, wo damals ein König Namens Adrastos herrschte, ward dessen Schwiegersohn und bewog ihn zu einem Kriegszuge gegen seinen Bruder. Mit dem Adrastos rüsteten sich auf Polyneikes' Aufruf noch fünf andere Heerführer, Amphiaraos, Kapaneus und Hippomedon aus Argos, der berühmte Tydeus , Meleagros' Bruder und Diomedes' Vater, aus Kalydon in Ätolien, und Parthenopäos aus Arkadien, statt dessen auch wohl ein anderer Name genannt wird. Diese fünf Helden, verbunden mit Adrastos und Polyneikes , werden wohl als die »Sieben vor Theben« bezeichnet, nach dem berühmten Trauerspiele des großen griechischen Dichters Äschylos , das diesen Titel führt und in dem der Zug jener Helden gegen Theben dargestellt ist. Vom Amphiaraos erzählt die Sage, er sei ein weiser, auch in die Zukunft schauender Mann, zugleich aber ein edler und tapferer Streiter gewesen. Er habe, heißt es ferner, vermöge seiner Sehergabe den unglücklichen Ausgang des Zuges nach Theben lange zuvor erkannt und den Adrastos und alle übrigen davon abgemahnt. Aber Polyneikes war nicht gewillt sich seines Rechtes zu begeben. Er bestand auf der Kriegsfahrt und wollte den Mann am wenigsten entbehren, den er »das Auge seines Heeres« nannte. Und wirklich fand er ein Mittel nicht bloß den Abmahnungen desselben Einhalt zu thun, sondern ihn sogar selbst zur Teilnahme zu bewegen; ein Mittel, das, wie sonderbar es auch schien, doch geschickt genug gewählt war. Polyneikes besaß nämlich aus der Hinterlassenschaft seiner Mutter Iokaste ein goldenes Halsband von vortrefflicher Arbeit. Es war von keinem geringeren Künstler, als vom Hephästos selbst in der olympischen Werkstatt geschmiedet, und zuerst von ihm der Harmonia , der Gemahlin des Kadmos, die selber ein Götterkind war, an ihrem Vermählungsfeste geschenkt worden. Dieses köstliche Geschmeide bot er der Gemahlin des Amphiaraos, der Eriphyle , an, wenn sie ihren Gatten bewegen könne, wider seine bessere Überzeugung mit gegen Theben zu ziehen. Wie hätte Eriphyle dem goldenen Zauber widerstehen können! Sie verriet dem Polyneikes das Versteck, in welchem sich Amphiaraos geborgen, und dieser glaubte nun nicht länger seine Teilnahme an dem Feldzuge verweigern zu dürfen. Jeder der sieben Helden warb hierauf eine kleine Mannschaft, und nach einem gemeinschaftlichen Opfer brachen sie auf und gingen zuerst auf den nemeischen Hain (im nördlichen Teile der Landschaft Argolis) los. Dort aber wurden sie durch einen Umstand aufgehalten, welcher beweist, daß die Vorzeichen des unglücklichen Ausganges der Heerfahrt immer wieder mit neuen Mahnungen den Helden nahe treten sollten. Es hatte sich nämlich in eben jener waldigen Gegend ein Bruder des thessalischen Admet , den wir schon kennen, ein gewisser Lykurgos angesiedelt. Dem war ein kleines Söhnchen, Namens Opheltes , geboren, welches unter der Aufsicht einer euch ebenfalls bekannten Wärterin stand. Denn es war die berühmte Lemnierfürstin Hypsipyle , die nach mancherlei Schicksalen, bei einem feindlichen Einfalle geraubt, als Sklavin weggeführt und hierher an Lykurgos verkauft worden war. Hypsipyle hatte sich mit dem Kinde eine ziemliche Strecke von den Wohnungen entfernt, als Vorläufer des Heeres ihr entgegenkamen. Dieselben waren voraus gesandt, um eine Quelle auszuspähen, da alle in der großen Hitze vom Durste geplagt wurden. Die Jungfrau erbot sich nach ihrer uns schon bekannten Gutmütigkeit, den Fremden einen etwas entlegenen Brunnen nachzuweisen, und – war's aus Unvorsichtigkeit oder mit Absicht – indem sie die Krieger dahin führte, ließ sie das Knäblein im Grase spielend zurück. Da kam eine Schlange und biß das Kind, und als die Wärterin wieder zurückkehrte, fand sie es tot. Außer sich vor Schrecken und voller Furcht vor dem Zorne der Eltern, warf Hypsipyle sich den Helden zu Füßen und bat dieselben um Schutz. Jene schlugen darauf ihr Lager vor den Wohnungen des Lykurgos auf, traten friedlich bei ihm ein, und um ihn in seinem Schmerze zu trösten, beschlossen sie des Kindes Tod, gleich dem Hintritte des größten Helden, durch feierliche Leichenspiele zu ehren. Ein freier Platz im Hain von Nemea ward ausgesucht; man setzte Preise, steckte Ziele auf und begann die Wettkämpfe nach der gewöhnlichen Art, wie ich sie bei Gelegenheit der Bestattung des Patroklos geschildert habe. Adrastos gewann den Preis im Wettritt, Eteokles im Lauf, Tydeus im Faustkampf, Amphiaraos im Diskoswurf und mit dem Viergespann, Laodokos im Lanzenwerfen, Polyneikes im Ringen und Parthenopäos im Bogenschießen. Auch bei diesen Spielen, wie bei den olympischen, die Herakles einführte, verabredeten die Teilnehmer sie öfter zu wiederholen, und obgleich nur ein kleiner Teil der letzteren zurückkehrte, so blieb die getroffene Abrede doch nicht ganz vergessen. Man feierte vielmehr eben jenen sieben Feldherrn zum Andenken in Nemea öfters ähnliche Spiele. Ja, da die Griechen für diese Art von Wettkämpfen eine wirkliche Leidenschaft hatten, die Volkshäupter auch die hohe Bedeutung wohl erkannten, welche dergleichen allgemeine Festversammlungen aus allen Teilen des Vaterlandes haben mußten, so gestalteten sich später auch diese, vorher doch nur seltener und ohne bestimmte Ordnung begangenen Spiele zu einer regelmäßig wiederkehrenden Nationalfeier. Vom Jahre 573 vor Christus an haben sie unter dem Namen der nemeischen Spiele Jahrhunderte fortgedauert und wurden alle zwei Jahre, im zweiten und vierten Jahre einer Olympiade, und zwar einmal im Frühling, das anderemal im Herbste gefeiert. »Was ist aber eine Olympiade?« »Ein Zeitraum von vier Jahren, indem nämlich die olympischen Spiele nur nach Ablauf von je vier Jahren (also im wiederkehrenden fünften Jahre) gefeiert wurden. Übrigens mögt ihr den Namen Olympiaden bei dieser Gelegenheit noch aus einem andern Grunde merken. Die spätere griechische Geschichtschreibung (nicht aber der eigentlich bürgerliche Verkehr) schloß nämlich an den regelmäßigen Wechsel dieser großartigen Volksfeste ihre Zeitrechnung an. Ein vorzüglich berühmtes Spiel, in welchem ein gewisser Koröbos den Preis als Wettläufer davon getragen, gilt für den Beginn der Olympiaden, d.h. nach neueren Berechnungen das Jahr 776 vor Christi Geburt. Dies muß man wissen, um sich in griechische Zeitangaben finden zu können. Du bist ja ein guter Rechner, Anton. Wenn du nun läsest, die Schlacht bei Salamis sei ins erste Jahr der 75sten Olympiade gefallen, wie würdest du erfahren, in welchem Jahre vor Christi Geburt das gewesen sei?« »Ei nun«, sagte Anton, »da die 75ste Olympiade noch nicht ganz verflossen war, so würde ich die 74ste annehmen, dann 74 mal 4 Jahre zusammenzählen und zu der erhaltenen Summe (296) das eine Jahr hinzuzählen, dann diese 297 von 776 abziehen. Da aber die Schlacht am 23. September geliefert wurde, so ist nicht 479, sondern 480 v. Chr. Geburt als das Jahr des Seesieges zu betrachten.« »Gut«, sagte der Lehrer. »Ich muß aber hier, eine frühere Bemerkung wiederholend, hinzufügen, daß dem jugendlich schaulustigen Sinne der Griechen kein Jahr ohne solche öffentliche Spiele vorübergehen durfte. Es gab ihrer, außer den olympischen und nemeischen Spielen, noch zwei: die isthmischen , welche auf der korinthischen Landenge zum Andenken des Melikertes, und die pythischen , welche bei Delphi zu Ehren des Apollon gefeiert wurden. Die letzteren fielen allemal in das dritte Jahr einer Olympiade, und wurden wohl im Herbste (nach anderen Angaben im Frühlinge) abgehalten.« Der blinde Ödipus war unterdessen in Kolonos bei Athen gestorben und seine treue Pflegerin Antigone wieder zu ihren Verwandten nach Theben zurückgekehrt. Mit tiefem Kummer sah sie den Zwist ihrer herrschsüchtigen Brüder, aber vergeblich war ihr Bemühen, den Eteokles und ihren Oheim Kreon zu einer Zurückberufung des Polyneikes zu bewegen. Endlich erschien dieser mit den übrigen Helden, lagerte sich auf dem Berge Kithäron und sandte den Tydeus als Botschafter in die Stadt, um seinen Bruder zur Abtretung der Regierung aufzufordern. Schon bei dem Schmause, zu dem der Abgesandte eingeladen ward, hatte dieser alle zum Kampfe herausgefordert und sie mit seiner großen Kraft und seinem ungestümen Mute leicht besiegt. Darüber ergrimmt, legten ihm die Thebaner bei seiner Rückkehr einen Hinterhalt von fünfzig Jünglingen unter zwei Anführern. Tydeus aber erschlug alle und ließ nur einen der beiden Führer entkommen, damit dieser die Botschaft nach Theben bringe. Eteokles durfte in der That die verbündeten Feinde bei aller ihrer Tapferkeit so sehr nicht fürchten. Nicht nur zählte das volkreiche Theben unter seinen Einwohnern eine Menge starker, trefflich geübter Krieger, sondern vor allen Dingen konnte es auch auf seine Mauern trotzen, die es nach damaliger Art bei dem gänzlichen Mangel an Belagerungsmaschinen durchaus unüberwindlich machten. In dieser Mauer waren sieben Thore, und nur gegen diese konnten die Belagerer andringen. Jeder von den sieben Feldherrn besetzte eines derselben, wahrend auch Eteokles nicht ermangelte, ihnen ebensoviel tüchtige Helden von den Seinen entgegenzustellen. Diese konnten aber vor der Hand innerhalb der Thore ganz ruhig zusehen, denn es war jenen fast unmöglich die festen Mauern auch nur zu erschüttern. Eteokles benutzte diese Zeit noch in der Stadt, um von dem Seher Teiresias – eben demselben, mit dessen Schatten Odysseus in der Unterwelt zusammentraf – den Ausgang des Streits zu erforschen. Von diesem berühmten Greise erzählt die Sage, die Götter hätten ihn blind gemacht, aber ihm zum Ersatze ein so feines Gehör gegeben, daß er die Sprache der Vögel zu erlauschen, und einen solchen Sehergeist, daß er die fernste Zukunft zu erforschen vermocht habe. Jetzt deutete sein Ausspruch an, die Stadt werde gerettet werden, wenn Menökeus , Kreons Sohn, sich freiwillig dem Ares opfern wolle. Kaum hörte dies der edle Jüngling, so eilte er allein zum Thore hinaus und stürzte sich unter die Feinde, wo er bald den gesuchten Tod fand. Von diesem Tage an erlitten die Belagerer einen Unfall nach dem andern. Die Thebaner wagten mutige Ausfälle, töteten viele und zogen sich immer ziemlich glücklich in ihre Stadt zurück. Kapaneus, einer der tapfersten Argeier, wollte die Mauer im Sturm erklettern. Schon hatte er auf der Sturmleiter die Mauer erklommen, da trifft ihn Zeus mit seinem Blitze durch beide Schläfe, daß die Leiche zerschmettert mit der Leiter zusammenstürzt: ein warnendes Beispiel gestrafter Verwegenheit. Auch der schöne Parthenopäos starb bei diesem Sturme, von einem gewaltigen Felsblocke zermalmt. Diese Verluste riefen unter den Belagerern große Bestürzung hervor, und nachdem auch mancher andere tapfere Kämpfer schon gefallen war, machte endlich einer den Vorschlag, die beiden Brüder sollten ihre Sache allein im Zweikampf ausfechten, und wer über den andern siege, solle Beherrscher von Theben werden. Der Rat gefiel allen, und Eteokles ward hierauf, falls auch er einwillige, vor die Stadt beschieden. Hier sah man ein schreckliches Schauspiel. Beide Brüder, von Rachsucht, Neid und Ehrbegierde erhitzt, rannten mit ihren Wurfspießen so wütend aufeinander ein, daß sie sich gegenseitig durchbohrten und beide auf dem Kampfplatze ihr Leben aushauchten. Da also durch diesen Zweikampf nichts entschieden worden war und die argeiischen Helden sich schämten, fruchtlos abziehen zu müssen, so erneuerten sie das Gefecht an den Thoren mit verdoppelter Kraft, aber bei einem Hauptausfall der Thebaner erlitten sie eine so schmähliche Niederlage, daß von den Anführern nur der einzige Adrastos durch die Hilfe seines geflügelten Streitrosses entkam. Hippomedon fiel durch die Lanze des starken Ismaros , Eteoklos Wohl zu unterscheiden vom Eteokles, Polyneikes' Bruder. ward vom Leiades erschlagen. Tydeus sogar, der tapfere Tydeus , ward von Melanippos verwundet, daß er niederstürzte und bald darauf seinen Geist aufgab; und der Prophet all dieses Unheils, Amphiaraos , über den die Schmeichelreden seines Weibes mehr als seine richtigste Sehereinsicht vermocht hatten, ward, als er am Ismenosflusse vor dem Speere des Periklymenos floh, vermutlich von seinen Pferden in einen Abgrund gezogen. Die Sage drückt es so aus: Zeus habe ihn mit Wagen und Roß vermöge eines Blitzstrahls in die Tiefe der Erde geschleudert. Auch von den gemeinen Streitern sahen nur wenige ihr Vaterland wieder. Die Thebaner überhoben sich ihres glänzenden Sieges mit dem stolzesten Übermut. Kreon , Iokastes Bruder, der nun die Regentschaft übernahm, ging in seiner Erbitterung gegen die Argeier soweit, daß er sogar die vor den Thoren zerstreut liegenden Leichname der erschlagenen Feinde nicht wollte verbrennen und begraben, sondern den Vögeln zum Raube liegen lassen: eine Verletzung griechischer Sitte, wie sie nur selten vorgekommen ist; denn die Scheu vor den Toten und die heilige Pflicht dieselben zu bestatten ist selbst im Kriege nie übertreten worden. Ja die prächtigste Leichenfeier wurde den im Kriege Gefallenen überall veranstaltet und ihr Verdienst von den ausgezeichnetsten Rednern gefeiert. Hier aber ließ der harte Kreon nur den Leichen der gefallenen Thebaner Scheiterhaufen errichten und den Eteokles mit allen Ehrenbezeugungen begraben, dem Polyneikes dagegen versagte er solche Ehre. Und damit nicht etwa das Mitleid irgend einen der umwohnenden Landleute bewege diese religiöse Handlung freiwillig zu übernehmen, so stellte er Wachen auf dem Schlachtfelde aus und erließ ein Gebot, daß jeder, welcher den Leichnam wegholen werde, am Leben bestraft werden solle. Mit diesem Gebot fängt ein griechisches Trauerspiel, die Antigone , an: ein Werk des großen Dichters Sophokles , und neuerdings durch Aufführung auf den größten Theatern Deutschlands allgemeiner bekannt geworden. In früher Morgendämmerung, nachdem das Argeierheer abgezogen ist, treten die beiden Töchter des unglücklichen Ödipus, Antigone und Ismene, aus dem königlichen Palast zu Theben. Antigone meldet der Schwester das neue Unglück, welches durch Kreons grausamen Befehl über ihr Haus kommen soll, entdeckt ihr, daß sie durch jenes Verbot sich nicht werde abhalten lassen eine heilige Pflicht gegen den toten Bruder zu erfüllen und fordert sie auf an der Beerdigung desselben teilzunehmen. Aber die sanfte, weibliche Ismene verweigert ihre Hilfe und sucht durch verständige Besonnenheit die Schwester von dem kühnen Wagnisse zurückzuhalten. Umsonst! Antigone bleibt bei ihrem Entschlusse, und unerschütterlichen Mutes geht sie hinweg zur Ausführung ihrer That. Und sie gelingt. Ohne daß die ausgestellten Wächter es gewahren, hat sie den Leichnam des Polyneikes mit Staub bedeckt und ihm die heilige Totengabe dargebracht. Als hierauf einer der Wächter zur Stelle kommt, eilt er sofort zu Kreon, um ihn von dem Geschehenen zu benachrichtigen und zugleich zu melden, daß keine Spur gefunden sei, die zur Entdeckung des Thäters führen könne. Heftig zürnend, stößt Kreon schreckliche Drohungen gegen den Boten aus, welche an sämtlichen Wächtern in Erfüllung gehen sollen, wenn sie nicht den Schuldigen ausfindig machen würden. Antigone wird entdeckt, und alsbald schleppen sie die bedrohten Wächter vor den Herrscher. In höchster Ruhe und Gefaßtheit legt sie das Bekenntnis ab, daß sie nicht aus Menschenfurcht sich vor den Göttern habe strafbar machen wollen, denn es sei Sünde gewesen den Sohn ihrer Mutter unbeerdigt liegen zu lassen; der Tod schrecke sie nicht, und komme er früher, so werde er sie aus großen Leiden erretten. Kreon erkennt in ihren Worten nur übermütigen Trotz und entscheidet, daß nicht bloß sie, sondern auch die Schwester, die er in dem Verdachte der Mitwirkung hat, sterben solle. Weinend und trauernd wird Ismene herbeigeführt und giebt die unerwartete Antwort, daß sie sich allerdings der That schuldig bekenne. Der edlen Jungfrau, welche nicht Mut genug in sich gefühlt hatte das Verbot des Königs zu übertreten, fehlte es nicht an Stärke gemeinschaftlich mit der Schwester zu sterben. Antigone aber verschmäht diese Aufopferung, sie verschmäht auch den König daran zu erinnern, daß sie seines Sohnes geliebte Braut sei. Während die Mädchen abgeführt werden, eilt Kreons Sohn Hämon herbei und vernimmt von dem Vater, wie er durch kein Verhältnis sich werde bestimmen lassen den Lauf der Gerechtigkeit zu hemmen, damit nicht Ungehorsam gegen die Obrigkeit einreiße. Hämon antwortet ihm mit einfacher Verständigkeit und edler Bescheidenheit, und sucht den Vater besonders darauf hinzulenken, daß das Verfahren gegen Antigone seine eigene Sicherheit gefährde: das Volk erkenne in ihrer Handlung eine fromme That und finde daher die Bestrafung derselben ungerecht. Als aber Kreon, den guten Willen des Sohnes verkennend, in die wildesten Scheltworte und Drohungen ausbricht, da wird auch Hämon fortgerissen zu leidenschaftlicher Heftigkeit. Er sagt sich gänzlich von dem Vater los, und die Liebe zu seiner Braut ist es nun allein, die sein Herz erfüllt und seine Handlungen bestimmt. Indessen ist Kreons Beschluß über die Art der Todesstrafe, die Antigone treffen soll, zur Reife gediehen. Lebendigen Leibes soll sie in ein Grab eingeschlossen werden, jedoch einige Speise erhalten, damit nicht neue Blutschuld über die Stadt komme. Nachdem die Unglückliche abgeführt ist, erscheint Teiresias, der greise blinde Seher, geführt von einem Knaben, und verkündet ein grauenvolles Gericht über Kreon, der durch seine Verfolgung der Toten die Rache der Götter gegen die Stadt veranlaßt habe. So sehr sich Kreon dagegen sträubt der ernst mahnenden Stimme zu gehorchen, unterliegt doch endlich die Meinung von seiner Untrüglichkeit und seinem Rechte auf unbeschränkte Herrschaft, und der Rat thebanischer Greise, den unbegrabenen Toten zu bestatten und die lebendig begrabene Antigone zu befreien, findet Gehör. Eiligst bricht er mit allen seinen Dienern auf, um den guten Rat ins Werk zu setzen. Ein Strahl von Hoffnung bricht durch alle die bangen Ahnungen und Erwartungen. Wenn der Herrscher nur nicht zu spät kommt, um seinen geänderten Willen zu vollziehen, so kann noch alles zum Guten gekehrt, Antigone kann gerettet, die Götter können versöhnt, das Unheil von Kreons Haupte abgewendet werden! Doch – zu spät! Nachdem Kreon die Bestattung des Polyneikes vollzogen und sich mit seinem Gefolge dem Grabgewölbe genaht hat, in welchem Antigone eingeschlossen worden, hört einer der vorausgeeilten Diener laute Klagetöne und kommt zurück, dem Könige davon Meldung zu thun. Dieser ahnt Schlimmes, denn er erkennt die Stimme seines Sohnes. Antigone hat sich erdrosselt. Bei ihrem Leichname liegt Hämon klagend über den Verlust seiner Braut und die unheilvollen Thaten seines Vaters. Dieser bittet ihn mit zärtlicher Angst den Ort des Grausens zu verlassen. Da ergreift den Sohn wahnsinnige Wut, daß er mit gezücktem Schwerte auf den Vater stürzt und dieser kaum durch schnelle Flucht sich rettet. Hämon kehrt nun gegen sich selbst seinen Grimm, durchbohrt sich mit dem Schwerte und stirbt, die tote Braut in seine Arme schließend. Als die Kunde von dem Ende ihres Sohnes zu Eurydikes, seiner Mutter, Ohren dringt, fällt sie ohnmächtig in die Arme ihrer Dienerin zurück, bald aber kehrt ihr das Bewußtsein wieder und in einem verzweifelten Entschlusse, unter Verwünschungen gegen Kreon giebt sie sich selbst den Tod. Kreon fühlt sich vernichtet; auch er verlangt zu sterben und ruft den Tag herbei, der ihn an das Ziel seiner Leiden bringen soll. Aber seinen Feinden gegenüber verhärtet sich gleichzeitig sein Sinn nur noch zu unmenschlicherem Trotz. Vergebens bittet Adrast noch einmal durch eine Gesandtschaft um die Erlaubnis, die erschlagenen Bundesgenossen begraben zu dürfen; Kreon weist die Boten ab. Da jammern zu Hause die Mütter und die Gattinnen der Umgekommenen, daß ihren Söhnen und Gatten die letzte Ehre verweigert werde; sie fluchen dem Kreon, aber fast mehr noch dem Adrastos, dem Urheber und Anführer des unseligen Zuges, und bestürmen ihn, die Leichname zu beschaffen, da er doch die Lebenden nicht wiederbringen könne. In dieser Sorge des Herzens erinnert Adrastos sich des Theseus und der Stadt Athen , die schon damals sich einer gerechteren Verfassung als andere Städte rühmte, nach höherem Ansehen strebte und nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ ihre Wichtigkeit zu zeigen. Er reist dorthin, schildert Kreons verstockte Härte und ruft die Athener zu Rächern solcher Verachtung göttlicher und menschlicher Rechte auf. Er stellt ihnen vor, welchen Ruhm sie sich dadurch erwerben könnten, wenn sie einen Tyrannen bestraften und den alten frommen Brauch und Glauben der Völker in ihrer Heiligkeit erhielten und schützten. Seine Rede wirkte. Theseus zog mit einem erlesenen Haufen aus und bemächtigte sich der jetzt freilich schon bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichname. Zwar rückte ihm Kreon mit einer Schar von Thebanern entgegen, er ward aber zurückgeschlagen und in die Stadt gejagt. Theseus ließ darauf die Totenopfer bringen und Holz aus der nahen Waldung herbeischaffen, um die Scheiterhaufen zu erbauen. Dann wurden die Toten sorgfältig gewaschen, bekleidet und auf die Gerüste gelegt. Da, eben als man die Fackeln anzündete, kam ein junges, sittsam verhülltes Weib herbeigeeilt und forschte sorgfältig nach Kapaneus' Scheiterhaufen, Es war Euadne , seine Witwe, die ihren Gemahl so zärtlich geliebt hatte, daß seit seinem Tode noch kein Schlaf über ihre Augen gekommen war. Des Lebens müde, hatte sie nur den einzigen Wunsch, die teure Leiche noch einmal zu sehen und in die Arme zu schließen. Jetzt zeigt man ihr den Toten, aber der Scheiterhaufen, auf dem er ruhte, stand bereits in hellen Flammen. Und siehe, unaufhaltbar stürzte sie auf denselben zu, schwang sich hinauf und ward zugleich mit dem Leichnam ihres Gatten von den Flammen verzehrt. Ein gemeinsamer Aschenkrug nahm hierauf, wie das treue Weib es gewünscht hatte, die Gebeine beider Liebenden auf. Seit dem unglücklichen und schmählichen Ausgange dieses sogenannten ersten thebanischen Krieges – der etwa vierzig Jahre vor Anfang des trojanischen gesetzt wird – blieb zwischen Argos und Theben noch lange die feindseligste Spannung. Diejenigen Argeier, welche sich von dem Zuge glücklich gerettet hatten, brannten vor Begierde sich zu rächen und schürten in den jungen Söhnen der erschlagenen Helden den glühendsten Haß gegen Theben. Wirklich verpflichtete sich eine große Anzahl tapferer Jünglinge, mit ihnen noch einmal gegen Theben zu ziehen, und der Ausspruch der befragten Priester war: diesmal werde man siegen, wenn Alkmäon , Amphiaraos' Sohn, der Anführer sein wolle. Thersandros , des Polyneikes Sohn, dem es vor allen um das Gelingen des Planes zu thun sein mußte, hinterbrachte sogleich dem Alkmäon dies ruhmverkündende Orakel. Aber die Mutter des hoffnungsvollen Jünglings, die sich noch immer anklagte aus Habsucht und Eitelkeit das Leben ihres trefflichen Gemahls im ersten thebanischen Kriege aufgeopfert zu haben, wollte nun keinen ihrer Söhne denselben Gefahren aussetzen. Sie verbot beiden die Teilnahme am Zuge, und dem ältesten insbesondere drohete sie mit ihrem mütterlichen Fluche, wenn er die ihm angesonnene Führerschaft übernehme. Aber – ich weiß nicht, was die Dichter gegen die arme Eriphyle gehabt haben müssen, daß sie ihr zwei so arge Flecken von gleicher Art angeheftet haben – sie sagen, Thersandros habe sich der List seines Vaters Polyneikes erinnert und den gleichen Kunstgriff bei ihr versucht. Er habe nämlich aus dem Erbe eben jener Gemahlin des Kadmos auch noch einen köstlichen Schleier besessen, der ein Werk der Athene selber gewesen sei. Diesen habe er ihr angeboten und nun von der erregten weiblichen Eitelkeit seine Absicht ebenso leicht, als einst der Vater die seinige erreicht. Eriphyle habe ihre Söhne ziehen lassen, und so sei alles nach Wunsch gegangen. In der Geschichte heißt dieser Feldzug der zweite thebanische Krieg oder der Krieg der Epigonen , d. h. der Nachkommen, weil er eben von den Söhnen der im ersten Feldzuge Gefallenen geführt ward. Man setzt ihn zehn Jahre nach jenem an, 1214 vor Christi Geburt und 30 Jahre vor dem trojanischen Kriege. Die Haupthelden waren außer Alkmäon und Amphilochos , den beiden Söhnen des Sehers Amphiaraos, Ägialeus , Adrastos' Sohn, Diomedes , Tydeus' Sohn, der damals noch sehr jung gewesen sein muß, Promachos , Parthenopäos' Sohn, Sthenelos , Kapaneus' Sohn, der gleichfalls im trojanischen Kriege noch tüchtige Dienste leistete, Euryalos , Mekisteus' Sohn, und endlich der schon erwähnte Thersandros , der Sohn des Polyneikes, der eigentliche Thronbewerber. Übrigens wohnte in Theben selbst noch ein anderer, ebenso rechtmäßiger Erbe der Herrschaft. Dies war Laodamas , Eteokles' Sohn, der sogar, da Kreon vor kurzem kinderlos gestorben war, die Königswürde bereits angenommen hatte. Er war es, der jetzt die Thebaner hinaus aufs Schlachtfeld führte, und an seiner Tapferkeit lag es nicht, daß der Erfolg nicht ebenso glücklich für seine Landsleute war als vor zehn Jahren. Nachdem er den Ägialeus und mehrere andere treffliche Jünglinge erlegt hatte, fiel er selbst durch Alkmäons Hand, und bei diesem Anblicke flohen alle seine Gefährten in die Stadt. Diese ward nun mit Macht berannt und auf den Rat des Teiresias nach einigen Tagen den Belagerern geöffnet. Da man den Bürgern freien Abzug bewilligt hatte, so ward niemand weiter erschlagen, auch niemand zum Gefangenen gemacht, einige Jungfrauen ausgenommen, unter denen auch Manto , die Tochter des Teiresias war, die man ihrer seltenen Schönheit und ihrer Sehergabe wegen nach Delphi schickte, weil die Sieger dem Apollon das edelste Teil der Beute gelobt hatten. Hier verwaltete die Jungfrau das Amt der weissagenden Priesterin und gewann bald hohen Ruf, so daß Ratfragende und Lernende selbst aus weiter Ferne herbeiströmten. Die übrigen Thebaner aber verließen großenteils die halb in Trümmern liegende, ausgeplünderte Stadt, um sich am Quell Tilphusa eine neue Heimat zu begründen, die sie Hestiäa nannten; andere aber gingen noch weiter nach Illyrien und Thessalien und suchten dort neue Wohnsitze. In den wenigen Teilen Thebens, welche von der Verwüstung verschont geblieben waren, schlug Thersandros nach dem Abzuge des übrigen Heeres seine Stätte auf; viele Thebaner gesellten sich zu ihm und erkannten ihn, vermöge jener frommen Anhänglichkeit der Völker an das Geschlecht ihrer alten Beherrscher, freiwillig als König an. Die Stadt ward wieder aufgebaut, und der alte Zwist ruhte. Es ist aber wohl kaum zu verkennen, daß die Geschichte des Kampfes größtenteils eine Erfindung der Dichter ist, die dem ersten thebanischen Kriege ein Seitenstück geben wollten. Daher die gleiche Zahl der Führer, aber Verschiedenheit in dem Erfolge: die Epigonen ziehen unter den günstigsten Vorzeichen in den Krieg, während ihren Vätern von der Unternehmung abgeraten ward; hier entkam Adrastos allein, dort fiel einzig sein Sohn. So endigte sich ein blutiger Bruderzwist, der, so beschränkt sein Schauplatz war, doch in der Bildungsgeschichte der Griechen eine merkwürdige Erscheinung ist. Mehrere Fürsten haben sich dazu verbündet; ein einziger unter diesen hat den Oberbefehl; es wird den Feinden eine Kapitulation vorgeschlagen; man ermordet die Besiegten nicht mehr – alles bereits unverkennbare Spuren von der Veredlung eines ursprünglich rohen Volkscharakters. Und allerdings mußten Ereignisse solcher Art vorhergegangen sein, wenn dreißig Jahre später schon eine so umfassende, allgemeine Verbindung sollte zu stande kommen können, wie die Heerfahrt der griechischen Fürsten nach Troja war. Und so nur läßt sich erklären, wie man unter den Helden des Homer schon so feste Begriffe von gesellschaftlicher Ordnung, von Recht und Schicklichkeit, schon ein so feines Ehrgefühl und so viel Bekanntschaft mit nützlichen Künsten finden kann, als dieselben wirklich zeigen; wiewohl freilich auch anzunehmen ist, daß die Helden vor Troja bei weitem so schön nicht gesprochen haben werden, als Homer sie sprechen läßt. Fünfzehnter Abend. Theseus. »Weil ich öfters Gelegenheit gehabt habe«, fuhr der Lehrer fort, »der Thaten des Theseus in meinen andern Erzählungen zu gedenken, so glaube ich, können wir von einer weitern Schilderung derselben absehen. Das meiste davon ist ohnehin Erfindung der Dichter, und das wirklich Geschichtliche darin läßt sich ganz kurz etwa so zusammenfassen: Theseus war ein begabter Held, wie Herakles, der nicht bloß durch Tapferkeit, sondern auch durch neue Gedanken, durch Verbesserungen in den geselligen Verhältnissen und durch zweckmäßige bürgerliche Einrichtungen auf seine Zeitgenossen wohlthätig gewirkt hat. Da er besonders den Athenern angehörte, so haben ihn diese als ihren Nationalhelden auch immer vorzüglich erhoben und ihn in Trauerspielen und andern Gedichten verherrlicht. Da fehlte es denn natürlich auch in seiner Geschichte nicht an kühnen Abenteuern.« »O, die müssen Sie uns erzählen!« bat Wilhelm. »Nun, wenn du meinst. Wohlan denn!« Die Landschaft Attika , deren Hauptort die in der Folge so berühmt gewordene Stadt Athen war, ward etwa zwanzig Jahre vor dem Argonautenzuge von einem Könige, Namens Ägeus , beherrscht, der als der älteste von den vier Söhnen seines Vaters Pandion den Thron bestiegen hatte. Dieser hatte schon die zweite Gemahlin, aber noch keine Kinder. Das betrübte ihn sehr; denn er sah nun schon im Geiste voraus, wie seine Brüder sich vielleicht noch bei seinem Leben in seine Güter teilen und ihn, wenn er alt und schwach geworden, der Herrschaft berauben würden. Da fiel er auf eine List. Ich will insgeheim einen dritten Ehebund schließen, dachte er; vielleicht daß mir die Götter auf diesem Wege endlich einen Erben schenken. Unter einem erdichteten Vorwande trat er hierauf eine Reise nach dem Peloponnes an und kehrte bei seinem Gastfreunde Pittheus ein. Dieser, ein Sohn des Pelops, war Beherrscher von Trözene und hatte eine Tochter Namens Äthra . Ägeus eröffnete demselben seinen geheimen Plan und bat ihn um seinen Rat, ja er wagte es um die Hand der Äthra zu werben. In der That ein seltsames Ansinnen! Ägeus, der daheim schon eine Gattin hatte, wollte hier noch eine zweite nehmen, bald nach der Hochzeit wieder nach Athen zurückreisen und seine neue Gemahlin bei ihrem Vater zurücklassen. Gewiß würden auch weder Vater noch Tochter dazu gestimmt haben, hätte nicht dem Pittheus ein Orakel verkündigt, seine Tochter werde übel verheiratet, aber Mutter eines berühmten Sohnes werden. Das bewog ihn auf gut Glück einzuschlagen, und so ward die Vermählung in aller Stille vollzogen. Ägeus verweilte hierauf nur wenige Tage noch in Trözene und schickte sich dann zur Abreise an. Ehe er aber sein Schiff bestieg, ging er mit Äthra an die einsame, klippenstarrende Meeresküste und hob mit starken Händen einen Felsblock auf, indem er sein Schwert und seine Sandalen darunter legte. »Seine Sandalen?« fragte Julius. »Nun ja, du wirst dich erinnern, daß die Griechen keine Schuhe oder Stiefel nach unserer Art trugen, sondern sich einfache Sohlen (das heißt eben Sandalen) unter die Füße banden.« »Sieh, Äthra«, sprach Ägeus zu ihr, »wenn dir ein Sohn heran wächst und er wird stark wie ich, so führe ihn hierher an diesen Stein und laß ihn denselben aufheben. Kann er das, dann erst sage ihm, wer sein Vater ist, und sehe ich dann einmal einen Jüngling in diesen Sohlen und mit diesem Schwerte gegürtet zu mir kommen, so werde ich ihn mit Freuden für meinen Sohn erkennen.« Äthra versprach das und trennte sich mit traurigem Herzen von ihrem neuen Gemahl. Dieser kam bald darauf glücklich wieder in Athen an und ließ gegen niemand merken, wo er gewesen war. Der starke Knabe erschien indessen, wie es das Orakel dem Pittheus verheißen hatte. Dieser nannte ihn Theseus und erzog ihn mit der größten Sorgfalt zu allen jenen Künsten körperlicher Kraft und Gewandtheit, die damals den Mann schmückten und ehrten. Theseus wuchs zu einem schönen und klugen Heldenjünglinge heran, und sein Anblick allein tröstete die Mutter über die Öde eines ehrlosen und einförmigen Lebens im väterlichen Hause, das auch nicht durch einen einzigen Besuch ihres fernen Gemahls unterbrochen ward. Als Theseus seine volle Manneskraft erreicht hatte, äußerte er das lebhafteste Verlangen die Welt zu sehen und sich in Abenteuern zu versuchen. Dazu feuerten ihn besonders die Reden und die Riesengestalt des Herakles an, der oft auf seinen Zügen bei dem gastfreundlichen Pittheus einzukehren pflegte und sich mehrmals über den Ehrgeiz des kühn aufstrebenden Knaben mit Beifall geäußert hatte. Damals stand dieser Held schon auf der Höhe seines Ruhms und war, wohin er kam, ein Gegenstand der allgemeinen Bewunderung. Ihn beschloß der junge Theseus zu seinem Vorbilde zu nehmen, und da er ihm wirklich in der Kraft der Muskeln und in der Festigkeit der Glieder nahe kam, nur daß die vieljährige Übung ihm noch abging, so hoffte er desselben nicht lange unwürdig zu erscheinen. Als seine zärtliche Mutter ihn zuletzt nicht länger halten konnte, führte sie ihn zu dem großen Steine hin, unter welchem Ägeus vor zwanzig Jahren sein Schwert und seine Sandalen verborgen hatte. Hier sollte die Stärke des Sohnes erprobt werden. Mit Leichtigkeit wälzte Theseus den Felsblock weg, gürtete das Schwert um seine Schultern und band die Sohlen unter seine Füße. Nun zeigte die Mutter ihm die Stelle am Ufer, von welcher sein Vater damals abgesegelt war, zeigte ihm die Richtung des Seeweges nach Athen und empfahl ihn dem Schutze der Götter. Aber der kühne Jüngling verwarf den vorsichtigen Rat zur See nach Attika zu reisen. Das hätte ja das Ansehen gehabt, als scheue er, was er eben suchte: Abenteuer und Gefahr. Nein, gerade weil damals der Weg durch Argolis und den waldigen Isthmos wegen einzelner ihn durchstreifenden Räuberhorden so verrufen war, wollte er diesen gehen und versuchen, ob er sich nicht, wie Herakles, das Verdienst erwerben könne, solche unsichere Schlupfwinkel von ihren furchtbaren Bewohnern zu säubern. Denn – alle Wunderthaten des Herakles beiseite gesetzt – ward ja dieser Held eben dadurch der Wohlthäter seines Vaterlandes, daß er dasselbe von ungerechten Menschen und von wilden Tieren befreit hatte. Beides machte daher Theseus gleichfalls zur Aufgabe seines Lebens. Sogleich auf der ersten Tagereise fand er Gelegenheit seinen Mut in Thaten zu bewähren. Auf dem Grenzgebirge zwischen Trözene und Epidauros wohnte nahe an der Straße ein übermütiger Unhold, mit Namen Periphetes , der allen Vorübergehenden mit einer eisenbeschlagenen Keule auflauerte und sie niederschlug. Theseus, wohlgewarnt, durchsuchte die Gegend vorsichtig, und als er ihn erblickte, forderte er ihn laut zum Kampfe heraus. Der Wilde kam trotzig hervor und schwang seine furchtbare Waffe über ihm, aber ehe er sie niederschmettern konnte, war ihm schon des Jünglings scharfes Schwert in den Leib gefahren, so daß er laut stöhnend zurücktaumelte und rücklings zur Erde niederstürzte. Freudig steckte Theseus sein Schwert in die Scheide und ergriff die Keule des Periphetes, um sie zum Andenken an seinen ersten Sieg mit sich zu nehmen. Indem er gutes Mutes weiter ging, kam er in bewohntere Gegenden, in welchen er schreckliche Geschichten von einem andern Räuber hörte, den die Leute nur schlechtweg den Fichtenbeuger ( Pityokamptes ) oder auch wohl Sinis (den Bösewicht) nannten. Er hatte eine Höhle am Eingange zur korinthischen Landenge, und da er selbst so übermäßig stark war, daß er zwei hohe nebeneinanderstehende Fichten mit seinen Armen umspannen und ihre Wipfel zusammenbeugen konnte, so verlangte er unter Androhung des Todes von jedem Vorüberreisenden, ihm das Kunststück nachzumachen, und konnte dieser es nicht, so hängte er ihn an einer der Fichten auf. Theseus hatte bis jetzt außer dem Herakles noch keinen Mann gesehen, der ihm an Stärke gleich gekommen wäre, und brannte vor Begier sich mit diesem Riesen zu messen. Er kam, sah die schlanken Bäume und schloß sie so fest zusammen, daß ihre Spitzen sich durchkreuzten. Da erblaßte Sinis zum erstenmale in seinem Leben, er ahnte die nahe Rache, und in der That packte ihn gleich darauf Theseus und hängte ihn an einen der beiden Stämme dem letzten Unglücklichen gegenüber, den seine Grausamkeit auf die nämliche Weise ums Leben gebracht hatte. Nach einer andern Erzählung bestand des Sinis Grausamkeit darin, daß er die Fremden zwischen zwei zur Erde niedergebeugten Fichten festzubinden und von den wieder zurückschnellenden Bäumen zu seiner Belustigung zerreißen zu lassen pflegte. Durch dieselbe Todesart ließ ihn Theseus für seine früheren Frevel büßen. Nach einer dritten Überlieferung zwang er die Wanderer mit ihm eine Fichte niederzubeugen, worauf er plötzlich losließ, so daß jene zerschmettert wurden. Hierauf zog Theseus weiter, indem er sich zunächst gegen einige Eber wendete, welche die zerstreuten Äcker der damals noch sparsamen Bewohner des Isthmos schon lange verwüstet hatten. Solch ein Jäger war in diese Gegend bisher nicht gekommen. Die Einwohner dankten ihm herzlich als ihrem Wohlthäter und bewirteten ihn, wie billig, mit den besten Stücken der schönen Wildbraten, die er ihnen verschafft hatte. Zwischen Korinth und Megara ging ein Weg an einem Felsenabhange hin, an welchem tief unten im Grunde das Meer vorüberflutete. Auch vor diesem engen Passe warnte man den Theseus; denn auch dort lauerte ein Riese. Er hieß Skiron und stürzte die arglos vorüberziehenden Wanderer plötzlich, nachdem er sie gezwungen vor ihm niederzuknieen und seine Füße zu waschen, von dem Felsenrande ins Meer hinab. Die Einwohner beschworen den Theseus doch ja einen andern Weg zu nehmen; aber wäre eine solche Vorsicht nicht Furchtsamkeit, wäre sie nicht eines Helden unwürdig gewesen? Nach einem langen Kampfe fand auch Skiron in denselben Fluten seinen Tod, in welche er so manchen Reisenden hinabgeworfen hatte. Ich übergehe einen andern Kampf, zu welchem Theseus von dem Kerkyon , einem Sohne des Hephästos, in der Nähe von Eleusis herausgefordert ward, und nenne nur noch den einen, in welchem er den Damastes , der unter dem Namen des Ausrenkers (Prokrustes) berüchtigt war, für seine Grausamkeiten büßen ließ. Dieser Barbar wohnte am Ufer des Kephisos ; zogen Fremdlinge vorüber, so lud er sie freundlich in seine Wohnung ein, bewirtete sie bestens, und wenn sie schlafen gehen wollten, führte er sie in eine Kammer, in der zwei eiserne Bettgestelle, ein großes und ein kleines, standen. War der Gast von kleiner Gestalt, so legte er ihn in das große Bettgestell, band ihn mit den Füßen fest an das untere Ende an, packte ihn dann am Kopfe und zerrte ihn so lange, bis der Scheitel das obere Ende berührte: eine Art von Folter, die wenige mit ihrem Leben überstanden. War der Gast dagegen groß, so warf er denselben in das kurze Bett und hackte ihm so viel von den Füßen ab, bis das Mißverhältnis gehoben war. Theseus, von dem Brauch des Unholds unterrichtet, kehrte freiwillig bei ihm ein, stellte sich schwach und schläfrig und ließ sich geduldig von dem Prokrustes in die Marterkammer führen. Dieser wies ihm sogleich das kurze Bett an und lauerte schon tückisch auf den Augenblick, da Theseus sich niederlegen würde. Aber zu seinem Schrecken fühlte er sich plötzlich umschlungen, aufgehoben und selbst auf jene Folterbank niedergedrückt. Kein Bitten half; der Kopf ward ihm mit den dazu vorhandenen Schlingen festgeschnürt, die Beine ausgestreckt und was hinausragte mit dem wohlbekannten Beile abgehauen. Dann, um die Marter zu endigen, gab ihm der Sieger durch einen Gnadenstoß den Tod. So hatte Theseus den Weg nach Athen frei gemacht, und nachdem er bei dem Flusse Kephisos sich von dem vergossenen Blute hatte reinigen lassen, lenkte er seine Schritte der Stadt zu. Dort spotteten eben an einem Baue beschäftigte Arbeiter des jugendlichen, fast mädchenhaft gekleideten Helden, der allein umherstreiche. Aber augenblicklich spannt er die Stiere von ihrem mit Steinen beladenen Lastwagen und wirft den Wagen samt der Ladung zu allgemeinem Erstaunen hoch in die Luft. Als Theseus in Athen ankam, fand er die Bürgerschaft im größten Hader und Zwiespalt. Ägeus, sein Vater, war zum schwachen Greise geworden, und da er keinen Sohn neben sich hatte, der sein Ansehen hätte schützen können, sah er sich allen Kränkungen seiner Brüder und ihrer frechen Söhne preisgegeben. Besonders hatten die Söhne seines Bruders Pallas , die Pallantiden genannt, einen sehr mächtigen Anhang im Volke, vermöge dessen sie nicht bloß nach Ägeus' Tode dessen Herrschaft an sich zu reißen hofften, sondern wirklich schon jetzt bei seinem Leben eigenmächtiger in der Stadt schalteten als jener selbst. Mit welchen Augen diese Menschen einen Königssohn betrachten mußten, von dessen Dasein sie bis jetzt nicht das mindeste geahnt hatten, könnt ihr denken. Dem alten Ägeus war dagegen diese Erscheinung eine Hilfe vom Himmel; er erkannte den rüstigen Jüngling sofort an dem Schwerte und den Sohlen als seinen Sohn, und stellte ihn den Athenern als seinen einzigen Erben vor. Aber darauf erfolgten unruhige Auftritte. Kaum entgingen Vater und Sohn der Wut der Pallantiden und ihrer mächtigen Partei. Theseus, ehe er sich jenen als Feind entgegenstellte, wollte sich lieber erst den Bürgern als Freund und Wohlthäter zeigen. Ein grimmiger Auerochs wütete damals gerade in den Feldern von Marathon , indem er oft sogar bis in die Nähe von Athen kam und viele Menschen, besonders Kinder, zu Boden rannte. Die Landbebauer fürchteten dieses Untier gerade so, wie man den nemeischen Löwen oder den erymanthischen Eber gefürchtet hatte, und viele hielten es für unverwundbar. Diesen sogenannten marathonischen Stier nahm sich nun Theseus zum Ziele seiner Tapferkeit. Er zog gegen ihn aus, griff ihn mit dem Wurfspieß an und begann im Angesicht vieler hundert Zuschauer einen Kampf mit ihm, in welchem diese ebensosehr seinen Mut und seine Stärke als seine Gewandtheit bestaunen mußten. Zuletzt gelang es ihm, dem wilden Ur eine Kette um die Hörner zu schlingen und ihn gebändigt in die Stadt zu führen. Dieser Anblick war zu gewaltig und überraschend, um nicht dem wunderbaren Fremdlinge viele Herzen zu gewinnen und ihn wider alle Verunglimpfungen seiner Feinde zu sichern. Aber bald kam noch günstigere Gelegenheit den Athenern einen wichtigen Dienst zu leisten. Der mächtige König Minos in Kreta hatte vor mehreren Jahren einmal seinen Sohn Androgeos nach Attika gesandt, und dieser war daselbst ermordet worden, aus Neid, sagte man, weil er in den Wettkämpfen alle Athener besiegt habe. Der bekümmerte und erzürnte Vater hatte alle Mittel in Händen, das damals noch machtlose und schwach zusammengehaltene athenische Volk seine schwere Rache empfinden zu lassen. Er kam mit vielen Schiffen an die attischen Küsten, überrumpelte Megara, zerstörte es und schloß darauf auch Athen selbst ein. Indessen hatte die Stadt schon Mauern und litt durch die Belagerung nicht viel, weil es damals noch an jeder Art von Zerstörungsmaschinen fehlte. Allein nun riß die Pest ein und erfüllte die Bürger mit Schrecken. Der Aberglaube führte hier abermals zu unmenschlichen Rettungsmitteln. Ein Lakedämonier, Hyakinthos mit Namen, hatte sich mit vier Töchtern in Athen niedergelassen. Vielleicht um ihrer fremden Abkunft willen manchem verhaßt, wurden diese armen Mädchen durch einen Ausspruch der Priester verdammt, den Göttern als Sühnopfer lebendig geschlachtet zu werden. Es geschah, aber das schreckliche Mittel that seine Wirkung nicht. Die Priester wurden noch einmal befragt und gaben nun den Rat, man solle die Stadt dem Minos übergeben und sich gehorsam der Strafe unterwerfen, die dieser selbst bestimmen werde. Das geschieht, und Minos verlangt nun von den Athenern, daß ihm nach Ablauf von je sieben Jahren sieben der schönsten Knaben und sieben edle Jungfrauen als Opfer für den Minotauros überliefert würden. »Ihr erinnert euch dieses Ungeheuers, das halb Stier, halb Mensch in den Höhlengängen des Labyrinthes hauste, und jenes Fadens, welchen Ariadne dem Theseus reichte und der den Helden wieder zum Lichte zurückführte.« »Der Minotauros ist freilich nur ein Gebilde der Sage; daß aber Minos von den Athenern sich einen Tribut von vierzehn Sklaven zu Opfern ausbedungen, das entsprach den Sitten jener Zeiten. Er wollte vermutlich eben die Athener auf eine möglichst beschimpfende und grausame Art an ihre Abhängigkeit erinnern. In gleicher Weise haben die Erzählungen von dem Labyrinthe einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit. Denn wenn zwar mehrere alte Schriftsteller behauptet haben, daß zu ihrer Zeit keine Spur desselben mehr aufzufinden gewesen sei, so scheinen sie doch zu wenig über die Örtlichkeiten der Insel Kreta unterrichtet gewesen zu sein. Noch jetzt zeigt man in der Nähe der Stadt Gortyne eine Höhle mit unzähligen Gängen, die von denen, welche die Natur selbst geformt hat, sich allerdings sehr wesentlich unterscheiden. Ihre geregelten Linien, ihre wagerechte Richtung, ihre fast gleichmäßige Höhe und die geglätteten Wände und Pfeiler, Nischen und Sitze stellen es außer Zweifel, daß dieser unterirdische Bau ein Werk der Menschen ist. Die Natur mag den Grund gelegt haben, aber Menschen erweiterten und ebneten die engen Gänge, höhlten die Säle aus und setzten sie miteinander in Verbindung. Noch jetzt läuft man Gefahr sich jeden Augenblick in denselben zu verlieren, und selbst mit der Magnetnadel in der Hand ist es schwierig den Ausgang zu gewinnen. Der Grund davon liegt, wie ein neuer Reisender erzählt, Prokesch von Osten , Denkwürdigkeiten und Erinnerungen aus dem Orient, I. Bd. S. 614. Vergleiche auch Hoecks Kreta Th. I. S. 56 fgg. in den unmerklichen Wendungen, welche die Gänge nehmen; er liegt ferner in der Ähnlichkeit dieser Gänge und ihrer Öffnungen, welche dem Auge selbst jedes kleine Unterscheidungszeichen verbirgt; endlich in der Menge dieser Pfade und alle aufgefunden sind. Die Heldenthat des Theseus, die ihr schon kennt, bestand eben darin, daß er durch seine Tapferkeit den Minos zwang von dem Tribute abzustehen. Das Geschichtchen von der schönen Ariadne und ihrem langen Faden geht dann als poetische Zugabe mit drein. Spätere Erklärer haben in dieser Sage ein Sinnbild der wilden Triebe gefunden, welche den rohen Naturmenschen beherrschen; der Faden der Ariadne sei die Stimme des Bessern, sei der himmlische Genius, der gottentstammte Geist, der dem Körper beigesellt ist; das Labyrinth stelle das Leben selbst dar, Theseus aber sei der edle Mensch im Siege über die Außen und Innenwelt. Die Auslegung ist nicht ungesucht, doch immerhin lehrreich.« So hoch erwünscht auch dem alten Ägeus die glückliche Vollendung des kühnen Unternehmens hätte sein müssen, so war ihm doch diese Freude nicht beschieden. Eine verhängnisvolle Vergeßlichkeit des Steuermanns, der das Schiff des Theseus leitete, betrog ihn darum. Mit diesem hatte nämlich der greise König verabredet, er solle, wenn das Abenteuer übel geendet, mit demselben schwarzen Segel heimkehren, mit welchem er (als Überbringer des traurigen Tributs) abgesegelt war; habe aber sein Sohn gesiegt, so solle er ein weißes Segel aufstecken, damit es ihm schon von weitem den glücklichen Ausgang verkünde. Der Steuermann hatte sein Versprechen vergessen, und der Greis, der Tag und Nacht auf einer Felsenspitze harrend, endlich von Kreta her ein schwarzes Segel herannahen sah – stürzte sich in dem Wahne, es melde ihm den Tod des Sohnes, verzweifelnd ins Meer hinab. Sechzehnter Abend. Theseus. »Nun, wo waren wir denn gestern stehen geblieben?« fragte der Lehrer. »Bei dem alten Ägeus«, riefen die Knaben, »der sich ins Meer gestürzt hatte.« »Recht. Nach ihm, sagt man, hat eben dieses Meer den Namen des ägeischen erhalten, mit dem ihr es auch hier auf unserer Karte bezeichnet seht.« Theseus hatte nun noch eine heilige Pflicht zu erfüllen. Denn er hatte gelobt dem Apollon auf dessen Geburtsinsel Delos ein reiches Opfer zu bringen, wenn er von dem Zuge nach Kreta siegreich zurückgekehrt sein würde. Er reiste mit demselben Schiffe dahin, brachte das Opfer und weihte zugleich der Liebesgöttin Aphrodite daselbst zur Dankbarkeit für ihren Beistand – in sofern Ariadnes Liebe ihm den Sieg erleichtert hatte – eine von dem Künstler Dädalos verfertigte Bildsäule. Auch stiftete er zum Andenken an das Labyrinth einen Tanz auf der Insel Delos , in welchem die Krümmungen desselben artig nachgeahmt wurden; ein Tanz, der sich noch lange nachher dort erhalten hat, den neuere Reisende noch heutzutage bei den Neugriechinnen auf den Inseln des Archipelagos wiedergefunden haben wollen. Auch die Fahrt nach Delos ward von den dankbaren Athenern fortan jährlich um dieselbe Zeit wiederholt, und zwar auf demselben Schiffe, das den Theseus getragen hatte, und das zu dem Ende sorgfältig aufbewahrt und von Zeit zu Zeit erneuert wurde. Im Schmuck der Ölzweige erschienen die Abgeordneten vor den Altären des Gottes, ihm zu opfern. Man hieß diese jährlich wiederkehrende Bittfahrt eine Theorie (eine heilige Gesandtschaft), und während das Schiff auf derselben begriffen war, war es nicht erlaubt daheim einen Verurteilten hinzurichten. Denn da durch dieses Gelübde die Rettung der athenischen Jugend gefeiert wurde, so durfte man während der Zeit dem Tode keine Opfer bringen. Dieser Umstand fristete unter andern späterhin dem zum Giftbecher verurteilten Sokrates das Leben um einen ganzen Monat. Man kann denken, mit welchem Jubel die Athener den Theseus nach solchen Thaten empfingen. Sie führten ihn als ihren Schutzgott zu den Thoren ein und riefen ihn an Ägeus' Stelle zum Könige aus, während die feindlich gesinnten Pallantiden die Stadt verließen oder sich dem Drange der Notwendigkeit fügten. Jetzt sann der Held darauf, wie er das herrliche Gebiet, dessen Herrschaft er überkommen hatte, zum mächtigsten unter den damaligen kleinen Reichen machen wolle. Dazu schien ihm besonders eine engere Vereinigung der Einwohner um einen Mittelpunkt und die Einführung einer gesetzlichen Ordnung nötig, wie er sie in Kreta gesehen hatte. Athen bestand damals noch aus einer bloßen Akropolis – d.h. einer Burg – und aus einigen um dieselbe herumgebauten Gassen, die zusammen von einer Mauer umschlossen waren. Rings umher lagen zwölf kleine Gemeinden. Aber diese Gemeinden, teils in einzelne Weiler zerstreut, teils kleinen Dörfern ähnlich, hatten jede ihren eigenen Beherrscher. Theseus durfte es im Vertrauen auf sein großes Ansehen schon wagen, diesen herrschenden Geschlechtern vorzuschlagen, daß sie auf ihre Gerichtsbarkeit verzichten und sich und ihre Gemeinden mit der Mutterstadt vereinigen möchten. Zur Entschädigung bot er ihnen an, sich ihnen völlig gleich zu setzen, sie zu einem Rate von Regierenden zu erheben und mithin an der Verwaltung des ganzen vereinigten Staats Anteil nehmen zu lassen. Das ließ man sich gefallen. Und nun verschwanden die engen Mauern von Athen; die zwölf Dörfer rückten dicht um den Mittelpunkt zusammen, und die Einwohner wurden in die drei Stände der Landbauer (Geomoren), der Handwerker Damien(Demiurgen) und der Adligen (Eupatriden) abgeteilt. Unter die letzteren wurden nun alle jene regierenden Familien aufgenommen und aus ihnen die Mitglieder des hohen Gerichtshofes und die Priester der angesehensten Gottheiten erwählt. Diese Einrichtungen, so einfach sie uns jetzt erscheinen, waren doch ein weiterer Schritt zur Kultur, den die Landschaft Attika vor allen andern griechischen Staaten voraus that. Wirklich gewann auch der athenische Staat dadurch ein Ansehn, das nicht bloß den Neid, sondern auch die Nacheiferung der andern Stämme erregte und somit den ersten Anstoß zu dem späteren großartigen Aufschwünge der Griechen und namentlich der Athener gab. Theseus that noch mehr. Er vereinigte auch den benachbarten Staat von Megara mit Athen, maß die Grenzen von Attika ab und unterhielt durch die Stiftung neuer Feste und Spiele eine fortdauernde und immer bedeutungsvollere Verbindung Athens mit den übrigen Griechen. Da er indessen bei der Umgestaltung des Staats sich selbst so wenig bedacht hatte, so war seine Gegenwart auch gar nicht immer notwendig. Die Geschäfte wurden von dem großen Gerichtshofe der vereinigten Oberhäupter verwaltet, und er für seine Person hatte sich eigentlich nur das Heerführeramt im Kriege vorbehalten. Da aber im Vaterlande für jetzt alle Fehden ruhten, so ergriff er sein Schwert und seine Keule, um, dem Herakles gleich, in der Ferne neue Abenteuer aufzusuchen. Hier hatte er nun das langst ersehnte Glück, einmal im Gefolge seines großen Vorbildes einem Heldenzuge beiwohnen zu können. Herakles hatte eben damals den Auftrag bekommen den Gürtel der Amazonenkönigin zu holen, und warb überall in Griechenland tapfere Jünglinge zu Teilnehmern seines gefährlichen Unternehmens. Theseus begleitete ihn auf demselben, wie wir wissen, und gewann so sehr die Liebe des Herakles, daß ihm dieser die schönste Sklavin aus der Beute, die Amazone Antiope , schenkte. Hierauf wohnte er der großen Eberjagd bei, welche Meleagros in Kalydon veranstaltete, und von der ich gleichfalls schon einmal geredet habe. Er soll dann auch einen Zug gegen die Kentauren unternommen, ja, wie einige meinen, selbst dem Argonautenzuge beigewohnt haben. Indem er wieder nach Hause zurückkehren wollte, traf er auf einen verwegenen Jüngling, Namens Peirithoos , den Sohn des Lapithenkönigs Ixion aus Thessalien, der in das marathonische Gefilde eingebrochen war, um von dort eine zahlreiche Herde zu rauben. Es war nicht sowohl Raubsucht, als Übermut, was den Jüngling zu dem kühnen Streiche veranlaßte; denn auch in ihm brannte die Begierde, unter den Starken und Berühmten seiner Zeit genannt zu werden. Noch hatte er Herakles und Theseus nicht gesehen; aber er sehnte sich nach ihrem Anblick mit ungeduldig edlem Verlangen, ja, er hatte sogar den Einfall in Marathon nur in der Hoffnung gemacht, vielleicht dadurch den Theseus zu reizen und ihm bekannt zu werden. Mit froher Bewunderung sah er hierauf wirklich den Helden erscheinen; denn daß es Theseus war, verriet ihm sogleich der Adel der Gestalt und die Würde des Ganges und der Stimme. So etwas hatte er nie gesehen; erstaunend stand er still, faßte sich dann und rief ihm entgegen, indem er ihm zum Zeichen des Friedens die Hand hinstreckte: »Würdigster Held, ich weiche dir ehrfurchtsvoll. Sei selbst mein Richter. Welche Genugthuung verlangst du?« Theseus sah ihn mit Wohlgefallen an. »Daß du mein Waffenbruder werdest!« antwortete er ihm. Freudig fiel ihm Peirithoos um den Hals, und beide beschworen einen unzertrennlichen Freundschaftsbund. Sie sannen nun auf gemeinschaftliche Abenteuer, und keine Gefahr war so groß, daß die Helden sich nicht einander zur Seite gestanden hätten. Da es vor der Hand weder Eber zu töten noch Riesen zu bekämpfen gab, so beschlossen sie einmal etwas anderes, das nach unseren Begriffen allerdings keine Heldenthat war, nämlich, ein paar Jungfrauen zu entführen. Theseus war in heftiger Liebe zu der damals noch sehr jungen Helena entbrannt. Peirithoos hatte gleiche Leidenschaft für die Persephone . Um der ersten willen zogen beide Kämpfer nach Sparta, entführten die Helena mit Gewalt und List, und schleppten sie nach Aphidnä , wo damals Äthra , Theseus' Mutter, wohnte. Dieser gaben sie dieselbe in Gewahrsam, und nachdem sie vorher durch das Loos bestimmt hatten, daß derjenige, dem die Helena zufallen würde, dem andern zur Erlangung einer gleichen Schönheit behilflich sein solle, begannen sie rasch den zweiten Zug nach dem viel weiter entlegenen rauhen Epeiros . Hier kamen sie aber so gut nicht weg. Sie wurden von den Einwohnern überwältigt und so lange festgehalten, daß man im übrigen Griechenland sie schon längst für tot hielt. Endlich kehrte Theseus in Herakles' Gesellschaft zurück, aber Peirithoos ward nicht wieder gesehen. Diese Geschichte ist von den Dichtern wunderbar ausgeschmückt worden, weil den eiteln Athenern sehr darum zu thun war, ihren Nationalhelden dem der Thebaner so gleich als möglich zu machen, Herakles war in der Unterwelt gewesen, also mußte Theseus dieselbe auch besucht haben, und das Märchen, das daraus entstanden ist, lautet folgendermaßen: Pluton hatte dem Peirithoos eine frühere Braut, die thessalische Fürstentochter Hippodameia , durch den Tod entrissen. Aus Rache entwarf dieser den Plan, mit Hilfe seines Freundes Theseus dem Pluton seine eigene Gemahlin Persephone aus der Unterwelt zu entführen, und um dieses Wagstücks willen stiegen beide Helden zum Schattenreiche hinab. Aber Pluton ergriff die Frevler, fesselte den Theseus und wälzte dem Peirithoos ein großes Felsstück auf den Leib. So schmachteten sie lange in der Stätte der Finsternis, bis Herakles, als er den Kerberos heraufzuholen gesandt ward, in den nächtlichen Schlund hinabstieg. Hier sah er erschreckt die beiden Freunde; Peirithoos reichte ihm die Hand, aber Herakles, so stark er war, konnte ihn doch nicht unter dem Felsen hervorziehen. Dem Theseus dagegen lösete er die Bande und bat ihn von der Persephone frei. Während dieser Abwesenheit hatten die Athener den vermessenen Übermut ihres Helden empfindlich büßen müssen. Bekanntlich hatte Helena zwei tapfere Brüder, Kastor und Pollux (Polydeukes), und diese sahen der eben erzählten Beschimpfung ihres Hauses nicht stillschweigend und unthätig zu. Sie zogen mit bewaffneter Mannschaft nach Athen und klagten den Theseus öffentlich an; allein da niemand etwas von ihm wußte, noch den Aufenthalt der geraubten Jungfrau anzeigen konnte, so verheerten sie rachedürstend die Stadt und das Land umher, bis sie endlich erfuhren, ihre Schwester sei in Aphidnä. Allsobald begaben sie sich dorthin, um dieselbe wieder heim zu führen. Diese Gelegenheit benutzten die alten Feinde des Theseus, die Pallantiden, um ihn bei dem Volke verhaßt zu machen und ihm seine Herrscherwürde zu entreißen. Wegen der langen Abwesenheit des Helden war das auch nicht schwer. Ohnehin, was vergißt der Mensch leichter als Wohlthaten! Man kann also denken, wie wenig die Aufnahme, welche Theseus bei der Rückkehr nach Athen erfuhr, seiner Erwartung entsprochen habe. Überall erfuhr er nichts als Unzufriedenheit, Vorwürfe, selbst Beleidigungen. Noch mehr betrübte ihn der Tod seiner zweiten Gemahlin und seines Sohnes Hippolytos . Er hatte ihn selbst verschuldet. Nachdem nämlich die schöne Amazone Hippolyte , die erste Gattin des Theseus, gestorben und dieser selbst längere Zeit unvermählt geblieben war, warb er um die reizende Phädra , die Schwester des Kreterkönigs Deukalion. An Gestalt der unvergessenen, vielgeliebten Ariadne ähnlich, schien sie dem alternden Theseus gleichsam eine zweite Jugend zurückzubringen. Aber ihrer Schönheit glich nicht ihre Treue. Sie wandte ihr Herz ganz ihrem jugendlichen Stiefsohne Hippolytos zu, und nachdem sie lange vergebens die immer heftiger entbrennende Neigung bekämpft, gab sie endlich ihrer Leidenschaft Worte und drang in den Jüngling, den Vater vom Throne zu stoßen und sich mit ihr zu vermählen. Allein Hippolytos verschloß der Treulosen Ohr und Herz, ja er floh ihre verbrecherische Nähe. So sich verschmäht sehend, verwandelte sie ihre Liebe in Haß und verklagte den Hippolyt beim Theseus, als habe jener selbst sie zur Untreue verleiten wollen. Theseus, seines Zornes nicht mächtig, verwünschte den unnatürlichen Sohn, und kaum war der Fluch über seine Lippen gekommen, als ein Meeresungeheuer aus den Fluten emporstieg, vor dessen Anblick des Hippolytos Pferde sich derart scheuten, daß sie den Unglücklichen schleiften und zerrissen. Als Phädra dies vernahm, gab sie sich selbst den Tod, und Theseus, der zu spät die Unschuld seines Sohnes erfuhr, war der Verzweiflung nahe. Wider sich selber und das Schicksal zürnend, faßte er den Entschluß, seine undankbare Vaterstadt auf immer zu verlassen und sein Leben unter fremden Völkern zu beschließen. Nachdem er den Athenern in einer harten Rede ihre Ungerechtigkeit gegen ihn vorgeworfen hatte, wanderte er wirklich in demselben Aufzuge, in welchem er einst nach Athen gekommen war, wieder hinaus, schüttelte draußen den Staub von seinen Füßen, zum Zeichen der gänzlichen Lossagung, und rief der Stadt seinen Fluch nach. Der Ort, wo dies geschah, hieß noch lange nachher der Ort der Verwünschungen . Die Pallantiden brachten hierauf an seiner Stelle einen aus ihrer Mitte, Namens Menestheus , auf den Thron, der in der Folge auch den trojanischen Krieg mitgemacht hat, und dessen ich früher öfter gedacht habe. Ein Schiff führte hierauf den Theseus nach der Insel Skyros , eben derselben, auf welcher einige dreißig Jahre später Achilleus als Mädchen unter den Töchtern des Lykomedes verweilte. Diese Töchter waren jetzt noch nicht geboren, aber der König Lykomedes regierte schon und nahm den Verbannten anscheinend gütig auf. Anscheinend, sage ich; denn insgeheim war er den Pallantiden befreundet, und da zwischen Skyros und Athen ein Handelsbündnis bestand und die Skyrer der Athener bedurften, so fürchtete er es mit dem jetzt regierenden Könige zu verderben, wenn er den Theseus bei sich beherberge. Ja er hätte wohl gar in den Verdacht kommen können, als gehe er damit um, den Landflüchtigen mit seiner Macht zu unterstützen und an den Athenern zu rächen. Diese Besorgnisse peinigten den König um so mehr, als Theseus nicht willens schien ihn bald wieder zu verlassen. So machte ihn denn die Furcht zum Verbrecher. Indem er einmal mit seinem Gaste die Insel durchwanderte und Theseus den Wunsch äußerte von einer Felsenspitze herab das ganze Land und das weite Meer zu überschauen, hielt der arglistige Feigling dies für ein Götterzeichen und – stürzte ihn in den Abgrund hinab. So fiel der Held, dem ganz Griechenland Ruhe und Sicherheit, sein Vaterland aber Rettung und Größe verdankte. Die Zeit löschte indessen in den Gemütern der Athener alles aus, was darin etwa von Haß gegen ihren großen Mitbürger übrig war. Man gedachte nur noch seiner Wohlthaten und Verdienste, und wünschte reuig das Unrecht wieder sühnen zu können, das man ihm während seines Lebens zugefügt hatte. Es wurden zu seinem Andenken Altäre, Tempel (das Theseion ) und Denkmäler errichtet; man versetzte ihn unter die Halbgötter und weihte ihm Feste und Opfer; und noch achthundert Jahre nach seinem Tode machte Kimon , ein athenischer Feldherr, seinen Mitbürgern die Freude, die angeblich in Skyros noch vorgefundenen Gebeine des Theseus unter großem Gepränge abzuholen und nach Athen zu bringen.