Emile Erckmann – Alessandre Chatrian Geschichte eines Anno 1813 Konskribierten Einleitung Nachdem Louis Napoleon die Republikaner und Legitimisten, seine ehemaligen Gönner, denen er zum guten Teil die Erhebung auf den Präsidentenstuhl der französischen Republik verdankte, durch den Staatsstreich grausam über seine vermeintliche Inferiorität enttäuscht hatte, bildete sich bald genug eine Opposition, die den Bonapartismus an der Wurzel, in der Person Napoleons I., zu treffen und zu vernichten suchte. Lamartine veröffentlichte seine »Geschichte der Restauration«, Graf d' Haussonville seine Studien über das Konkordat, Oberst Charras seine »Geschichte des Krieges von 1815«, Ampere seine »Römische Geschichte« – alle in der Absicht, den Ruhm des großen Korsen zu untergraben. Und da vor allem Thiers' »Geschichte des Konsulats und des Kaiserreichs« den Napoleonkultus geschaffen hatte, so schrieb Barni, um die Wirkung jenes Werkes zu paralysieren, sein » Napoleon et son historien «, Quinet den »Feldzug von 1815«, Lanfrey seine »Geschichte Napoleons I.«. Neben Lanfrey fand die Reaktion gegen den Napoleonismus ihre eifrigsten Verfechter in zwei Romanschriftstellern: Emile Erckmann, geboren 1822 in Pfalzburg, und Alessandre Chatrian, geboren 1826 in Boldestenthal bei Pfalzburg im Nieder-Elsaß. Mit unermüdlichem Eifer widmeten diese beiden sich der Aufgabe, das Nutzlose, Gefährliche und Kostspielige der » gloire « und im Gegensatz dazu die Vorteile des Friedens darzutun, »die Jugend über die Eitelkeit des Kriegsruhms aufzuklären und ihr zu zeigen, daß nur Frieden, Freiheit und Arbeit glücklich macht«. Es ist hier nicht der Ort, die Berechtigung dieser Tendenz gegenüber Napoleon zu untersuchen, d. h. die Frage zu erörtern, ob und warum die politische Moral von der gewöhnlichen Moral abweichen dürfe oder müsse – kurz, das Publikum hat sich zugunsten der Erckmann-Chatrianschen Romane entschieden. Und selbst diejenigen, welche mit Thiers der Ansicht sind, daß Napoleon nicht berufen war, »eine Freiheit zu begründen, die noch nicht existieren konnte, sondern die Revolution fortzusetzen unter monarchischen Formen«, die in seinen Kriegen etwas anderes sehen als bloße Raubzüge, auch diese haben den Werken der Elsässer Geschmack abgewonnen. Der Grund dafür liegt darin, daß Erckmann und Chatrian es verstanden, die Tendenz dem künstlerischen Interesse unterzuordnen und die Polemik, die immer von der Tendenz unzertrennlich ist, in den Schranken weiser Mäßigung zu halten. Mit feinstem Takte wissen sie jede Beleidigung des Gegners durch unmotivierte Tiraden zu vermeiden. Nirgends begegnen uns Seiten, über die man die Achseln zucken müßte wie bei Lanfrey. Sogar an Stellen, wo die Tendenz oder eine Polemik, die dem Leser nicht behagt, scharf hervortritt, wissen die Autoren sie zu mildern durch die Figuren, denen sie sie in den Mund legen. Dieser Umstand mildert einigermaßen die Größe des Vergehens, das die beiden Elsässer sich nach dem Kriege von 1870/71 gegen Deutschland zuschulden kommen ließen. Erckmann-Chatrian hatten in den sechziger Jahren ein bedeutendes Publikum bei uns gefunden und waren von unseren Kritikern stets mit sympathischer Milde behandelt worden; wie war man daher erstaunt in Deutschland, sie jetzt plötzlich in den vordersten Reihen der indirekten Revancheprediger zu sehen. Allerdings hüteten sie sich, die Friedenspredigt aus ihrem Programm zu streichen, aber während in ihren früheren Schriften der große Kaiser als die Wurzel alles Übels figurierte, wählten sie jetzt das deutsche Volk zum Sündenbock und stellten namentlich Preußen als den Störenfried dar, dessen barbarischer Kriegslust weder Ruhe noch Eigentum der lammfrommen grande nation heilig gewesen wäre. Sie ließen kein gutes Haar an uns, zum Danke ließen unsere Kritiker auch kein gutes Haar an ihnen – beide Parteien schütteten das Kind mit dem Bade aus. Denn, wie gesagt, die Erckmann-Chatrianschen Romane haben zum Teil einen künstlerischen Wert, der unabhängig ist von der Tendenz. Er beruht auf der Art ihrer Charakter- und Sittenschilderungen. Wie Souvestre einst die Bretagne, haben die beiden das Elsaß zu ihrer literarischen Domäne gemacht. Und sie kennen ihr Besitztum durch und durch: von der Wohnung des Herrn de La Vablerie-Chamberlan in Pfalzburg bis zur Hütte des alten Adam Schmitt in Anstatt. Und wie mit den Häusern und der Landschaft, sind sie auch mit den Bewohnern vertraut. Sie gehen sozusagen bei deren Schilderung ganz in ihnen auf, denken und fühlen wie sie, und daher begegnet uns nirgends ein Mißklang zwischen der Gefühls- oder Ausdrucksweise und der gesellschaftlichen Stellung ihrer Figuren, wie etwa in den Dorfgeschichten der Sand. Die »Geschichte eines Anno 1813 Konskribierten« erfreut sich bei uns besonderer Beliebtheit. Neben dem Interesse, das die Erzählung an sich erregt, mag dazu besonders der Umstand mitwirken, daß die Handlung sich auf vaterländischem Boden bewegt – wir haben uns daher auch eine Berichtigung einzelner geographischer Versehen des Originals angelegen sein lassen – und daß uns die große Zeit der Befreiungskriege in neuen und packenden Bildern hier von einem Ausländer wieder vor Augen geführt wird. Allerdings trifft uns ab und zu ein Seitenhieb, und namentlich die armen Sachsen läßt Joseph Bertha wegen ihres Abfalls während der Schlacht bei Leipzig (vgl. Abschnitt 19) seinen Zorn fühlen – er vergißt dabei, daß sie eben die passende Gelegenheit abwarten mußten, um nicht sich und ihren Herrscher nutzlos preiszugeben –, aber diese Ausbrüche sind so natürlich, so durch den Charakter Berthas als Franzose bedingt, daß die Erzählung gekünstelt erscheinen würde, wenn sie fehlten. Die Entrüstung des Besiegten ist durchaus natürlich. Zudem verhehlen die Autoren keineswegs, daß unser Krieg ein gerechter, unser Sieg ein notwendiger war nach dem Gesetze, nach dem sich die Menschheit fortentwickelt. Man lese nur die Rede des Pfarrers von Schweinheim im 11. Abschnitt. Die Revolution, Napoleon hatten ihre Sendung erfüllt – »jetzt ist es an uns, von Freiheit und Vaterland zu reden!« sagte der Alte ... »Ihr habt an eurer Spitze den größten Feldherrn der Welt, wir aber haben die ewige Gerechtigkeit für uns ... Mögen die Könige ein Bündnis mit euch schließen, die Völker werden nichtsdestoweniger gegen euch sein.« Diese Anerkennung der Gerechtigkeit unserer Sache von seiten des Gegners wird und muß jedem genügen. Robert Habs. 1. Wer nicht Augenzeuge der Herrlichkeit des Kaisers Napoleon in den Jahren 1810, 1811 und 1812 gewesen ist, der wird sich nie eine Vorstellung davon machen können, bis zu welcher Stufe der Macht ein Mensch emporsteigen kann. Als er durch die Champagne, Lothringen und den Elsaß kam, ließen die Leute mitten in der Ernte oder der Weinlese Alles stehen und liegen, um ihm entgegen zu laufen. Acht, zehn Meilen weit kamen einige herbei. Die Weiber, Kinder und Greise stürzten mit erhobenen Händen auf die Heerstraße und riefen: »Es lebe der Kaiser! Es lebe der Kaiser!« Man hätte meinen sollen, er wäre Gott, er hauche der Welt den Lebensodem ein, und wenn er unglücklicher Weise stürbe, müsse Alles ein Ende haben. Einige alte Republikaner, die den Kopf schüttelten und sich beim Glase Wein die Bemerkung erlaubten, der Kaiser könne fallen, galten für Verrückte. Das schien gegen die Natur, und man dachte nicht einmal daran. Ich war seit dem Jahre 1804 bei dem alten Uhrmacher Melchior Goulden in Pfalzburg in der Lehre. Da ich nämlich schwach gebaut schien und etwas hinkte, hatte meine Mutter mich für ein leichteres Handwerk bestimmt, als in unserm Dorfe üblich war, denn in Dagsburg findet man nur Holzhauer, Kohlenbrenner und Baumschlitter. Herr Goulden liebte mich sehr. Wir wohnten im ersten Stockwerk des großen Eckhauses am Französischen Thore, dem »Rothen Ochsen« gegenüber. Ihr hättet da die Fürsten, Gesandten und Generäle, die einen zu Pferde, die andern in Kaleschen, noch andere in Berlinen, mit tressenbesetzten Röcken, Federbüschen, Pelzmänteln und Orden aus aller Herren Länder ankommen, und auf der Straße die Couriere, die Stafetten, die Pulver- und Kugeltransporte, die Kanonen, die Proviantwagen, die Kavallerie- und Infanteriemassen vorüberziehen sehen müssen! Welche Zeit! welch' Leben und Treiben! Der Gastwirth Georges wurde in Zeit von fünf oder sechs Jahren zum reichen Manne. Er besaß Wiesen, Obstgärten, Häuser und Geld in Hülle und Fülle, denn all diese Leute, die aus Deutschland, aus der Schweiz, aus Rußland, aus Polen oder anderswo herkamen, legten auf ein paar Hände voll verschleuderten Geldes kein Gewicht – es waren alles Edelleute, die es sich gewissermaßen zur Ehre anrechneten, nichts zu sparen. Von Morgen bis zum Abend und sogar während der Nacht hielt das Gasthaus zum Rothen Ochsen offene Tafel. Längs der hohen Fenster des Erdgeschosses sah man nichts als die großen, weißgedeckten, mit glänzendem Silbergeschirr beladenen Tische voll Wildpret, Fisch und andern auserlesenen Gerichte, vor denen jene Reisenden einer neben dem andern Platz nahmen. In dem großen Hofe hinten hörte man nur das Wiehern der Pferde, das Geschrei der Postillone, das Gelächter der Dienstmägde, das Rollen der ankommenden oder abfahrenden Wagen unter den hohen Thorwegen. Ach, eine solche Zeit des Glücks und des Gedeihens wird dem Gasthaus zum Rothen Ochsen nie wieder blühen! Man sah auch Leute aus der Stadt selbst dort absteigen, Leute, die man gekannt hatte, als sie ihrer Zeit noch trockenes Holz im Walde suchten oder den Pferdedünger auf den Straßen zusammenlasen. Sie waren, einer unter Tausend, in Folge der vielen Kriege in allen Ländern der Welt Commandeure, Hauptleute, Generäle geworden. Auch der alte Melchior mit der über die breiten, haarigen Ohren herabgezogenen, schwarzseidenen Mütze, den schlaffen Augenlidern, der in die große Hornbrille eingeklemmten Nase und den zusammengekniffenen Lippen konnte nicht umhin, zuweilen Lupe und Stecheisen auf den Arbeitstisch zu legen und einen Blick nach dem Gasthause hinüber zu werfen, besonders, wenn die schallenden Peitschenschläge der Postillone mit den schweren Stiefeln, dem kurzen Rocke und der im Nacken zum Zopf zusammengeflochtenen Hanfperrücke das Echo der Wälle wachriefen und einen neuen, vornehmen Gast verkündeten. Dann wurde er aufmerksam, und dann und wann hörte ich ihn ausrufen: »Sieh da! das ist ja der Sohn des Dachdeckers Jakob, der alten Flickfrau Marianne oder des Faßbinders Franz Seppel! Der hat sein Glück gemacht ... Oberst und Baron des Kaiserreiches obendrein! Warum steigt er denn nicht bei seinem Vater ab, der da unten in der Kapuzinerstraße wohnt?« Wenn er sie aber auf die Straße treten und rechts und links den Leuten, die sie wiedererkannten, die Hände drücken sah, dann veränderte sich sein Gesicht. Er trocknete sich mit dem großen, carrirten Taschentuche die Augen und murmelte: »Was wird die arme alte Annette für eine Freude haben! Alle bonnör, das lasse ich mir gefallen! der ist nicht stolz, das ist ein braver Mann. Wenn ihn nur nicht eine Kugel gar zu bald wegreißt!« Einige zogen vorüber, als ob sie sich ihres Heimatsortes schämten, andere schritten stolz durch die Straßen, um eine Schwester oder eine Cousine zu besuchen. Von den letztern sprach die ganze Stadt, ganz Pfalzburg schmückte sich so zu sagen mit ihren Orden und Epaulettes; die ersten aber verachtete man eben so sehr und sogar noch mehr als zu der Zeit, wo sie die Straße fegten. Fast allmonatlich wurde wegen irgend eines neuen Sieges ein Tedeum gesungen und gab die Kanone vor dem Arsenale ihre einundzwanzig Schüsse ab, die uns das Herz im Leibe erbeben machten. Während der nächsten acht Tage schwebten dann alle Familien in Angst und Unruhe; besonders die armen alten Frauen harrten auf einen Brief. Sobald der erste eintraf, wußte die ganze Stadt: – »die und die hat Nachricht von Jacques oder Claude empfangen!« – und Alle liefen hin, um zu erfahren, ob er nichts über ihren Joseph oder ihren Jean-Baptiste mittheile. Von den Beförderungen und den Todtenscheinen will ich gar nicht reden. An die Beförderungen glaubte Jeder – die Todten mußten ja ersetzt werden; auf die Todtenscheine aber warteten die Eltern unter heißen Thränen, denn sie kamen ihnen nicht sogleich, manchmal sogar niemals zu, und die armen Alten trösteten sich dann mit dem Gedanken: – »Vielleicht ist unser Junge gefangen ... Wenn erst Friede geschlossen ist, wird er zurückkehren ... Wie viele sind zurückgekommen, die man für todt hielt!« – Aber Friede wurde niemals – war ein Krieg zu Ende, so fing man einen andern an. Es fehlte uns immer etwas, bald von Seiten Rußlands, bald von Seiten Spaniens, bald anderswo – der Kaiser war nie zufrieden. Beim Durchzuge der Regimenter, welche, den großen Mantel um die Hüften geschlagen, den Tornister auf dem Rücken, das Gewehr nach Belieben auf der Schulter oder im Arm mit den langen, bis zum Knie reichenden Kamaschen, bald kothbespritzt, bald staubbedeckt, schnellen Schritts die Stadt passirten, fragte mich Vater Melchior, nachdem er dem Vorübermarsche zugesehen hatte, oft ganz nachdenklich: »Sag doch, Joseph, wieviel, meinst du, haben wir seit 1804 hier durchkommen sehen?« »O, ich weiß nicht, Herr Goulden,« erwiderte ich. »Mindestens doch vier- bis fünfmal Hunderttausend.« »Ja ... mindestens!« entgegnete er. »Und wieviel hast du zurückkommen sehen?« Nun begriff ich, was er sagen wollte, und erwiderte: »Vielleicht kehren sie über Mainz oder auf einer andern Heerstraße zurück ... Es ist nicht anders denkbar!« Er aber schüttelte den Kopf und sagte: »Diejenigen, die du nicht hast zurückkommen sehen, sind gefallen, wie hundert und abermals Hunderttausend andere fallen werden, wenn der liebe Gott nicht Erbarmen mit uns hat, denn der Kaiser liebt nur den Krieg! Um seinen Brüdern Kronen zu verschaffen, hat er schon mehr Blut vergossen, als unsere große Revolution gethan, um die Menschenrechte zu erringen.« Wir machten uns wieder an die Arbeit, die Betrachtungen Herrn Goulden's aber gaben mir schrecklich viel zu denken. Ich hinkte allerdings ein wenig auf dem linken Fuße, aber wie viele Andere, die ebenfalls mit Körpergebrechen behaftet waren, hatten dessenungeachtet ihre Marsch-Route erhalten! Alle solche Vorstellungen gingen mir im Kopf herum, und wenn ich lange daran dachte, wurde ich recht bekümmert darüber. Dergleichen schien mir schrecklich, nicht allein, weil ich den Krieg nicht liebte, sondern mehr noch, weil ich mich mit meiner Cousine Katherine aus Vier-Winden verheirathen wollte. Wir waren gewissermaßen zusammen erzogen worden, und man konnte sich kein frischeres, muthwilligeres Mädchen denken. Sie war eine Blondine mit blauen Augen, rosigen Wangen und milchweißen Zähnen und nahezu achtzehn Jahre alt. Ich selbst zählte neunzehn, und die Tante Margredel schien sehr zufrieden, wenn sie mich jeden Sonntag Morgen ankommen sah, um bei ihnen zu frühstücken und zu Mittag zu essen. Nachher gingen Katherine und ich in den Obstgarten hinter dem Hause. Wir aßen von demselben Apfel und derselben Birne und waren die glücklichsten Menschen von der Welt. Nur ich führte Katherine zur Hauptmesse und zur Vesper, und während der Kirchweih hing sie immer an meinem Arme und schlug es ab, mit den andern Burschen aus dem Dorfe zu tanzen. Jeder wußte, daß wir uns eines Tages heirathen sollten, wenn ich aber das Unglück hatte, ausgehoben zu werden, war Alles zu Ende. Ich wünschte, noch tausendmal lahmer zu sein, als ich war, denn man hatte damals zuerst die ledigen Burschen, dann die verheiratheten Männer ohne Kinder, und endlich die mit einem Kinde genommen, und ich dachte daher unwillkürlich: – »Sind die Lahmen besser als die Familienväter? Sollte man dich nicht unter die Kavallerie stecken können?« – Diese Vorstellung machte mich traurig; ich hätte schon flüchten mögen. Meine Angst wuchs aber besonders im Jahre 1812, beim Beginn des Krieges gegen die Russen. Vom Februar an bis Ende Mai sahen wir nur Regimenter über Regimenter durch die Stadt ziehen: Dragoner, Kürassiere, Karabiniers, Husaren, Ulanen von allen Farben, Artillerie, Munitionswagen, Krankenwagen, Gepäckwagen, Proviantwagen, immer fort und fort wie ein endlos vorüberrollender Strom. Ich erinnere mich noch, daß dieser Zug von Grenadieren eröffnet wurde, die große, mit Ochsen bespannte Wagen bei sich führten. Die Ochsen vertraten die Stelle der Pferde, um später, wenn die Vorräthe aufgezehrt sein würden, zur Nahrung zu dienen. – »Welche gute Idee!« sagte Jeder. »Wenn die Grenadiere nicht mehr die Ochsen ernähren können, werden die Ochsen die Grenadiere ernähren.« – Unglücklicher Weise wußten diejenigen, die das sagten, nicht, daß die Ochsen nur sieben bis acht Meilen täglich zurücklegen können und auf acht Marschtage zum Mindesten eines Ruhetages bedürfen, so daß den armen Thieren bereits die Hufe fehlten, der Geifer aus dem Maule floß, die Augen aus dem Kopfe standen, der Hals in den Schultern steckte und ihnen nur noch Haut und Knochen blieb. Drei Wochen lang sah man Reihen dieser Thiere, ganz von Bajonettstichen zerfetzt, durch die Stadt traben. Das Fleisch wurde sehr wohlfeil, denn man schlug viele von diesen Ochsen nieder, aber nur wenige Personen wollten es, da krankes Fleisch ungesund ist. Sie gelangten nicht einmal zwanzig Meilen über den Rhein hinaus. Später sahen wir nur noch ein Meer von Lanzen, Säbeln und Helmen vorüberziehen. Das Alles verfing sich unter dem Französischen Thore, zog der Heerstraße nach über den Paradeplatz und zum Deutschen Thore wieder hinaus. Am frühen Morgen des 10. Mai 1812 endlich verkündeten die Kanonen des Arsenals den Herrn des Ganzen. Ich schlief noch, als der erste Schuß fiel und die kleinen Scheiben meines Fensters wie eine Trommel erklirren ließ, und beinahe im selben Augenblick öffnete Herr Goulden, ein brennendes Licht in der Hand, meine Thür und sagte: »Steh auf ... er ist da!« Wir öffneten das Fenster. In der Dunkelheit der Nacht sah ich etwa hundert Dragoner, von denen mehrere brennende Fackeln trugen, in scharfem Trabe unter dem Französischen Thore hervorkommen. Der Fackelzug glitt wie der Wiederschein einer Feuersbrunst über die Façade der Häuser hin, und aus allen Fenstern hörte man endlose Rufe: »Es lebe der Kaiser! es lebe der Kaiser!« Ich betrachtete gerade den Wagen, als ein Pferd gegen den Pfahl, an den der Schlächter Klein die Ochsen festzubinden pflegte, anrannte und stürzte. Wie eine todte Masse schlug der Dragoner mit ausgespreizten Beinen zu Boden, der Helm rollte in den Rinnstein, und im selben Augenblicke beugte sich ein Kopf aus dem Wagen, um zu sehen, was es gäbe, ein dicker, bleicher, breiter Kopf mit einem Haarbüschel auf der Stirn – das war Napoleon. Er hatte die Hand erhoben, als ob er eine Prise nehmen wolle, und sprach einige Worte. Der Officier, der neben dem Kutschenschlage ritt, beugte sich herab, um ihm Antwort zu geben. Er nahm seine Prise und bog um die Ecke, während die Rufe sich verdoppelten und die Kanonen donnerten. Das war Alles, was ich sah. Der Kaiser hielt nicht in Pfalzburg an. Während er bereits auf der Straße nach Zabern weiterfuhr, gab die Artillerie ihre letzten Schüsse ab. Dann wurde es wieder still. Die Wachtmannschaften am Französischen Thore zogen die Brücke wieder auf, und der alte Uhrmacher fragte mich: »Du hast ihn gesehen?« »Ja, Herr Goulden.« »Schön!« sagte er. »Dieser Mann hält unser Aller Leben in der Hand, er brauchte nur über uns hinzuhauchen, und es würde aus mit uns sein. Danken wir dem Himmel, daß er nicht böswillig ist, denn sonst würde die Welt entsetzliche Dinge sehen wie zu den Zeiten der Barbaren-Könige und der Türken.« Er schien ganz in Gedanken versunken. Nach einer Minute fügte er dann hinzu: »Du kannst wieder zu Bett gehen. Da schlägt's eben erst drei Uhr.« Er kehrte in sein Zimmer zurück, und ich legte mich wieder zu Bett. Nach dem Tumulte schien mir die Stille draußen ungewöhnlich tief, und bis zum Morgengrauen dachte ich unablässig an den Kaiser. Auch der Dragoner lag mir im Sinn, und ich wünschte zu wissen, ob er an dem Sturze gestorben wäre. Am andern Tage erfuhren wir, daß man ihn in das Hospital geschafft hatte, und daß er davonkommen würde. Von jenem Tage ab bis Ende September sang man viele Tedeum in der Kirche und feuerte auch jedes Mal einundzwanzig Kanonenschüsse ab für jeden neuen Sieg. Das geschah fast immer morgens, und Herr Goulden rief dann sofort: »He, Joseph! noch eine gewonnene Schlacht! fünfzigtausend Todte, fünfundzwanzig Fahnen, hundert Kanonen! ... Alles geht gut ... die Sache macht sich. – Es bleibt jetzt nur noch eine neue Aushebung vorzunehmen, um die Gefallenen zu ersetzen!« Dabei stieß er die Thür auf und ich sah, wie er ganz griesgrämlich, ganz kahlköpfig, in Hemdsärmeln und mit entblößtem Halse sich im Waschbecken das Gesicht wusch. »Glauben Sie, daß mau auch die Lahmen nehmen wird, Herr Goulden?« fragte ich ängstlich. »Nein, nein,« entgegnete er gutherzig, »fürchte nichts, mein Kind. Du würdest in aller Wirklichkeit nicht dienen können. Wir werden das schon einrichten. Arbeite nur tüchtig und mach dir wegen des Uebrigen keine Sorgen.« Er sah meine Unruhe, und das schmerzte ihn. Ich habe mein Lebtag keinen bessern Menschen kennen gelernt. Später kleidete er sich an, um die Uhren in der Stadt, bei dem Herrn Platzcommandanten, dem Herrn Bürgermeister und andern angesehenen Personen, aufzuziehen. Ich blieb zu Hause. Herr Goulden kehrte erst nach dem Tedeum zurück. Er zog seinen weiten, nußbraunen Rock aus, legte die Perücke wieder in die Schachtel, zog seine seidene Mütze über die Ohren und sagte dabei: »Die Armee ist in Wilna – oder auch in Smolensk – ich habe es eben beim Herrn Commandanten gehört. Gebe Gott, daß wir nur noch diesmal die Oberhand behalten, und daß es endlich zum Frieden kommt ... je eher je besser, denn der Krieg ist etwas Entsetzliches.« Ich bedachte noch dabei, daß man, wenn wir Frieden bekämen, nicht mehr soviel Menschen brauchen würde, und daß ich mich dann mit Katherine würde verheirathen können. Jeder kann sich daher denken, wie inbrünstig ich für den Waffenruhm des Kaisers betete. 2. Am 15. September 1812 erhielt man die Nachricht von unserm großen Siege an der Moskwa. Alle Welt jubelte und rief: »Jetzt werden wir Frieden bekommen! ... jetzt ist der Krieg zu Ende!« ... Einige böswillige Halunken behaupteten, noch bliebe China zu erobern. Es finden sich immer dergleichen Subjecte, die die Leute entmuthigen und quälen. Acht Tage später erfuhr man, daß wir in Moskau, die größte und reichste Stadt Rußlands, eingezogen wären. Jeder stellte sich die Beute vor, die uns zufallen mußte, und man bedachte, daß das die Kriegssteuern vermindern würde. Bald aber lief das Gerücht um, daß die Russen ihre Stadt in Brand gesteckt hätten und die Armee sich nach Polen zurückziehen müsse, wolle sie nicht Hungers sterben. In den Gasthöfen, den Schenken, den Getreidehallen, überall war davon die Rede, und man konnte sich nicht begegnen, ohne sogleich zu fragen: »Nun ... ja, ja ...die Sache geht schief ... der Rückzug hat begonnen!« Die Leute waren niedergeschlagen, und vor dem Posthause warteten Hunderte von Landleuten vom Morgen bis zum Abend, es trafen aber keine Briefe mehr ein. Ich meinestheils ging durch diese Menge hindurch, ohne viel darauf zu achten – hatte ich doch schon so viele Menschenmassen gesehen! Und dann hatte ich auch eine Idee, die mich erheiterte und mich Alles in rosigem Lichte sehen ließ. Ihr müßt nämlich wissen, daß ich Katherinen zu ihrem Geburtstage, der auf den 18. December fiel, schon seit fünf Monaten, ein prächtiges Geschenk zugedacht hatte. Unter den Uhren, die im Schaufenster Herrn Gouldens hingen, befand sich eine ganz kleine, ein reizendes Ding mit silbernem Deckel, auf dem kleine Kreise eingravirt waren, so daß er wie ein Stern strahlte und glänzte. Unter dem Glase lief um das Zifferblatt ein Kranz aus Kupfer, und auf das Zifferblatt war ein Liebespaar gemalt, das sich in gewisser Weise eine Erklärung machte, denn der kleine Bursche überreichte dem Mädchen ein großes Rosenbouquet, während sie sittsam die Augen niederschlug und die Hand ausstreckte. Als ich die Uhr zum ersten Male gesehen, hatte ich bei mir selbst gesagt: »Die wirst du dir nicht entgehen lassen – sie soll für Katherine sein. Und wenn du alle Tage bis Mitternacht arbeiten solltest, du mußt sie haben.« Nach sieben Uhr ließ mich nämlich Herr Goulden für meine eigene Rechnung arbeiten. Wir hatten alte Uhren zu reinigen, zu repariren und wieder in Gang zu bringen. Das machte viel Mühe, und wenn ich eine solche Arbeit vollendet hatte, bezahlte Vater Melchior mich auch anständig. Aber die kleine Uhr kostete fünfunddreißig Francs. Man kann sich also vorstellen, wieviel Stunden ich verwachen mußte, um sie zu erwerben. Ich bin zwar sicher, hätte Herr Goulden gewußt, daß ich sie zu haben wünschte, so würde er sie mir geschenkt haben, aber ich wollte mir keinen Heller vom Preise schenken lassen, ich würde das als schmählich betrachtet haben. Ich sagte mir: »Du mußt sie verdient haben ... Niemand darf ein Anrecht daran haben.« Nur aus Furcht, daß ein Anderer auf den Gedanken käme, sie zu kaufen, hatte ich sie in eine Schachtel und bei Seite gelegt, indem ich dem Vater Melchior sagte, ich wüßte einen Käufer für diese Uhr. Jetzt wird Jeder begreifen, daß all die Kriegsgeschichten bei mir zum einen Ohr hinein und zum andern wieder hinausgingen. Bei der Arbeit stellte ich mir immer Katherinens Freude vor. Fünf Monate lang hatte ich nur dies Bild vor Augen. Ich vergegenwärtigte mir das Gesicht, das sie beim Empfang meines Geschenkes machen würde, und fragte mich: »Was wird sie sagen?« Bald stellte ich mir vor, sie würde ausrufen: »Aber Joseph, was denkst du denn? Das ist viel zu schön für mich ... Nein, nein ... solche schöne Uhr kann ich nicht annehmen!« Dann zwang ich sie dazu, steckte die Uhr in die Tasche an ihrer Schürze und sagte: »Warum nicht gar, Katherine, warum nicht gar ... willst du mich kränken?« Ich sah wohl, daß sie die Uhr wünschte, und daß sie das Alles nur sagte, um sich den Anschein zu geben, als ob sie das Geschenk ausschlüge. – Dann wieder stellte ich mir ihr erröthendes Gesicht vor. Sie hob die Hände auf und rief: »O Gott! jetzt, Joseph, sehe ich wohl, daß du mich liebst!« Und sie küßte mich mit Thränen in den Augen. Ich war recht zufrieden. Tante Gredel billigte Alles. Kurzum, tausend und aber tausend solcher Bilder zogen mir durch den Sinn, und abends, wenn ich mich zu Bett legte, dachte ich: »Es gibt doch keinen glücklichern Menschen als dich, Joseph! Da kannst du nun Katherinen für dein selbst erworbenes Geld ein seltenes Geschenk machen. Und sicherlich bereitet auch sie etwas zu deinem Geburtstage vor, denn sie denkt nur an dich. Ihr seid beide sehr glücklich, und wenn ihr erst verheirathet seid, wird Alles gut gehen.« Diese Gedanken stimmten mich weich; nie hatte ich eine so große Genugthuung empfunden. Während ich so fortarbeitete und nur an meine Freuden dachte, trat der Winter ein – eher als gewöhnlich, schon gegen Anfang November. Er begann nicht mit Schneefällen, sondern mit trockener Kälte und starkem Reif. In wenig Tagen fielen alle Blätter von den Bäumen, die Erde wurde hart wie Stein, und Alles, die Dachziegel, das Pflaster, die Fensterscheiben, bedeckte sich mit Reifblättchen. Man mußte in diesem Jahre heizen, um die Kälte am Eindringen durch die Ritzen und Spalten zu hindern! Wenn die Thür nur eine Secunde lang offen stand, war alle Hitze verflogen. Das Holz knisterte und prasselte im Ofen, es brannte und flackerte wie Stroh, und die Schornsteine hatten guten Zug. Jeden Morgen wusch ich die Scheiben des Schaufensters eiligst mit warmem Wasser ab, aber kaum hatte ich das Fenster wieder geschlossen, als eine Reifschicht sie schon von Neuem bedeckte. Draußen hörte man die Leute mit den Händen in der Tasche und der Nase im Rockkragen schnaubend und hustend vorübereilen. Niemand hielt sich auf, und die Hausthüren wurden immer schnell wieder geschlossen. Ich weiß nicht, wohin die Sperlinge sich verkrochen hatten, ob sie lebten oder erfroren waren, aber auf den Schornsteinen piepte kein einziger mehr, und außer der Reveille und dem Zapfenstreich in den beiden Kasernen störte kein Geräusch die Stille. Oft, wenn das Feuer im Ofen tüchtig knisterte, hielt Herr Goulden plötzlich in seiner Arbeit inne, betrachtete einen Augenblick die reifbedeckten Scheiben und rief: »Unsere armen Soldaten! Unsere armen Soldaten!« Er sagte das mit so trauriger Stimme, daß sich mir das Herz zusammenschnürte, und ich ihm erwiderte: »Aber, Herr Goulden, sie müssen doch jetzt in Polen, in guten Kasernen sein. Denn zu denken, daß menschliche Wesen eine solche Kälte ertragen könnten, ist unmöglich.« »Solche Kälte!« entgegnete er. »Ja, es ist hier zu Lande kalt, sehr kalt, in Folge der Luftströmungen aus dem Gebirge – aber was bedeutet diese Kälte gegenüber der des Nordens, in Rußland und in Polen? Gott gebe, daß sie früh genug aufgebrochen sind! ... Mein Gott! mein Gott! welche schwere Verantwortung haben die zu tragen, welche die Menschen leiten!« Dann schwieg er, und stundenlang dachte ich an das, was er mir gesagt hatte. Ich stellte mir unsere Soldaten auf dem Marsche vor, wie sie Trab liefen, um sich zu erwärmen. Immer aber kehrten meine Gedanken zu Katherine zurück, und ich habe seitdem oft daran gedacht, daß, wenn der Mensch glücklich ist, das Unglück Anderer ihn wenig rührt, namentlich in der Jugend, wo die Leidenschaften heftiger sind und die Erfahrung und damit auch der Glaube an großes Elend fehlt. Nach dem Frost fiel soviel Schnee, daß die Couriere auf der Straße nach Vier-Winden stecken blieben. Ich befürchtete schon, am Geburtstage nicht zu Katherinen gehen zu können, aber zwei Compagnien Infanterie marschirten mit Hacken hinaus und bahnten durch den gefrorenen Schnee eine Fahrstraße für die Wagen, die bis Anfang April 1813 bestand. Katherinens Geburtstag kam inzwischen von Tag zu Tag näher, und in demselben Maße wuchs auch mein Glück. Die fünfunddreißig Francs hatte ich bereits beisammen, aber ich wußte nicht, wie ich es Herrn Goulden beibringen sollte, daß ich selbst der Käufer für die Uhr wäre. Ich hätte Alles geheim halten mögen: es verdroß mich, darüber zu reden. Am Vortage des Geburtstages endlich, abends zwischen sechs und sieben Uhr, während wir schweigend bei der Lampe arbeiteten, faßte ich plötzlich meinen Entschluß und sagte: »Sie erinnern sich, Herr Goulden, daß ich mit Ihnen von einem Käufer für die kleine silberne Uhr gesprochen habe?« ... »Ja, Joseph,« antwortete er, ohne sich stören zu lassen, »aber bis jetzt ist er noch nicht gekommen.« »Ich selbst bin der Käufer, Herr Goulden.« Er richtete sich ganz erstaunt auf. Ich zog die fünfunddreißig Francs aus der Tasche und legte sie auf den Werktisch. Er sah mich an. »Aber das ist gar keine Uhr für dich, Joseph,« bemerkte er. »Du brauchst eine starke Uhr, die die Tasche ausfüllt – eine Uhr mit einem Secundenzeiger. Diese kleinen Dinger da sind nur für Frauen.« Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Doch nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, begann Herr Goulden zu lächeln. »Aha! Gut, gut,« sagte er, »jetzt begreife ich – morgen ist Katherinens Geburtstag! Darum also arbeitetest du Tag und Nacht! Hier nimm das Geld zurück, ich will es nicht.« Ich war ganz verwirrt. »Herr Goulden,« sagte ich endlich, »ich bin Ihnen sehr dankbar, aber die Uhr ist für Katherine, und meine Selbstzufriedenheit besteht darin, daß ich sie redlich verdient habe. Sie wurden mich kränken, wenn Sie das Geld zurückwiesen – lieber würde ich die Uhr fahren lassen.« Er sagte nichts mehr und nahm die fünfunddreißig Francs. Dann öffnete er sein Schubfach, wählte eine schöne Stahlkette mit zwei Schlüsseln aus vergoldetem Silber aus und befestigte sie an der Uhr. Alsdann legte er selbst das Ganze in eine Schachtel mit rothseidenen Bändern. Er that das langsam, wie in tiefer Rührung. Endlich reichte er mir die Schachtel hin. »Das ist ein hübsches Geschenk, Joseph,« sagte er. »Katherine muß sich glücklich schätzen, einen Geliebten zu haben wie dich. Sie ist ein braves Mädchen. Jetzt können wir Abendbrot essen. Decke den Tisch, während ich den Topf vom Feuer hebe.« Das thaten wir denn auch. Dann nahm Herr Goulden aus dem Schranke eine Flasche seines Metzer Weins, den er für festliche Gelegenheiten aufsparte, und wir aßen gewissermaßen wie zwei Kameraden zusammen, denn den ganzen Abend über hörte er nicht auf, mir die schöne Zeit seiner Jugend zu schildern. Er erzählte mir, daß er ehemals ebenfalls eine Geliebte gehabt hätte, daß er aber im Jahre 92 bei dem Massenaufgebot wegen des Einfalls der Preußen mit ausmarschirt wäre und bei seiner Rückkehr nach Finstingen jenes Mädchen verheirathet gefunden habe – eine natürliche Sache, da er sich nie erkühnt hatte, ihr seine Liebe zu erklären. Das hinderte ihn aber nicht, jener süßen Erinnerung treu zu bleiben: er sprach davon mit ernster Miene. Ich hörte ihm zu und dachte dabei an Katherine, und erst Schlag zehn Uhr, als die Ronden vorüberzogen, die wegen der großen Kälte alle zwanzig Minuten die Posten ablösten, legten wir uns endlich zu Bett, nachdem wir vorher noch zwei tüchtige Scheite in den Ofen gesteckt hatten. 3. Am folgenden Tage, den 18. December, erwachte ich gegen sechs Uhr morgens. Es war schrecklich kalt. Mein kleines Fenster war gleichsam mit einem Eistuche bedeckt. Schon am Tage vorher hatte ich meinen himmelblauen Frack, meine Hose, meine halbwollene Weste, ein reines Hemd und meine schöne schwarzseidene Halsbinde sorgfältig über eine Stuhllehne gebreitet. Alles lag bereit, meine Strümpfe und die wohlgewichsten Stiefel lagen am Fußende des Betts, ich brauchte mich nur anzukleiden, trotzdem aber verursachte mir die Kälte, die ich im Gesichte spürte, der Anblick der Fensterscheiben und die tiefe Stille draußen im Voraus einen Frostschauer. Wäre nicht Katherinens Geburtstag gewesen, ich würde bis Mittag im Bett geblieben sein. Doch dieser Gedanke veranlaßte mich, plötzlich aus dem Bett zu springen und eiligst nach dem großen Kachelofen zu laufen, denn fast immer pflegten einige Kohlen vom Abend vorher in der Asche glühend zu bleiben. Ich fand auch diesmal zwei oder drei, schob sie eiligst zusammen, legte klein gehackte Späne und zwei dicke Scheite darauf und verkroch mich dann schnell wieder in mein Bett. Herr Goulden hinter seinen großen Bettvorhängen hatte die Decke bis zur Nase herauf und die baumwollene Nachtmütze bis über die Augen heruntergezogen. Er war eben erwacht, hörte mich und rief mir zu: »Joseph, seit vierzig Jahren haben wir keine solche Kälte gehabt ... ich spüre das ... Was für ein Winter wird das werden!« Ich antwortete nicht, sondern beobachtete von Weitem, ob das Feuer in Gang komme: die Kohlen brannten gut, man hörte den Ofen ziehen und mit einem Schlage entzündete sich Alles. Das Knistern der Flamme that uns wohl, aber es dauerte länger als eine gute halbe Stunde, ehe wir ein wenig warme Luft verspürten. Endlich stand ich auf und kleidete mich an. Herr Goulden sprach immerfort, ich meinerseits dachte nur an Katherine. Gegen acht Uhr war ich fertig und wollte eben gehen, als Herr Goulden, der mich hin und her laufen sah, mir zurief: »Joseph, was denkst du denn, Unglücklicher! Willst du etwa in dem dünnen Rocke nach Vier-Winden gehen? Du würdest ja unterwegs erfrieren. Geh in mein Zimmer und zieh den großen Mantel, die Fausthandschuh und die mit Flanell gefütterten Stiefel mit den Doppelsohlen an.« Ich fand mich in meinem Anzüge so schön, daß ich überlegte, ob ich seinem Rathe folgen sollte. Er bemerkte es und sagte: »Höre, gestern hat man auf der Straße nach Weschheim zu einen Menschen erfroren gefunden. Der Doctor Steinbrenner sagte, er klinge wie ein Stück trocken Holz, wenn man ihn anstieße. Es war ein Soldat. Zwischen sechs und sieben Uhr hatte er das Dorf verlassen, um acht Uhr hat man ihn aufgefunden – es geht also schnell. Wenn du dir Nase und Ohren erfrieren willst, brauchst du nur fortzugehen, wie du da bist.« Ich sah nun ein, daß er Recht hatte, zog seine großen Stiefeln an, schlang das Band, an welchem die Fausthandschuh hingen, um die Schultern und warf den Mantel über. So ausstaffirt ging ich fort, nachdem ich mich bei Herrn Goulden bedankt hatte, der noch warnte, ich solle nicht allzu spät zurückkehren, da die Kälte nachts größer werde und eine große Menge Wölfe auf dem Eise über den Rhein gekommen sein sollten. Ich befand mich noch nicht an der Kirche, als ich schon den Fuchspelzkragen am Mantel emporgeschlagen hatte, um meine Ohren zu schützen. Die Kälte war so streng, daß man sie wie Nadeln in der Luft spürte und unwillkürlich in sich zusammenkroch. Unter dem Deutschen Thore sah ich den Wachtposten in seinem weiten, grauen Mantel wie einen Heiligen in seiner Nische stehen. Er drückte das Gewehr mit dem Rockärmel an sich, um nicht am Eisen die Finger zu erfrieren; an seinem Schnurrbart hingen zwei Eiszapfen. Auf der Brücke und vor dem städtischen Zollhause war Niemand. Ein wenig weiter, außerhalb des Bereichs der Vorwache, sah ich drei Wagen mit ihren großen, korbartig umschnürten Zeltdächern mitten auf der Straße stehen, sie waren weiß von Reif. Man hatte die Pferde abgespannt und sie stehen lassen. In der Ferne schien Alles todt. Alles Lebendige verkroch sich und hockte in irgend einem Zufluchtsort. Man hörte nur das Eis unter den Füßen knirschen. Als ich am Kirchhof vorüberging, dessen Kreuze und Gräber aus dein Schnee hervorschimmerten, sagte ich zu mir selbst: »Wer da unten schläft, den friert nicht mehr!« Dann wickelte ich mich fester in den Mantel, verbarg die Nase in dem Pelzkragen und dankte dabei Herrn Goulden für den guten Gedanken, den er da gehabt hatte. Ich steckte auch die Hände bis an den Ellbogen in die Handschuh und lief so in dem großen, unabsehbaren Graben hin, den die Soldaten bis nach Vier-Winden ausgeschaufelt hatten. Es waren wirkliche Eismauern. An einigen Stellen, wo der Wind den Schnee weggefegt hatte, erblickte man die Tiefe von Fouquets Graben, das sogenannte Eichenholz und das bläuliche Gebirge: die Reinheit der Luft schien Alles näher gerückt zu haben. In den Pächtereien war das Gebell der Hunde verstummt – auch für sie war es zu kalt. Mir aber hauchte der Gedanke an Katherine belebende Wärme ins Herz, und bald erblickte ich die ersten Häuser von Vier-Winden. Die Schornsteine und Strohdächer zur Rechten und Linken der Straße ragten kaum über die Schneewälle empor, und längs der Mauer hatten die Leute, um zu einander gelangen zu können, bis zum Ende des Dorfes hin einen Laufgraben ausgeschaufelt. An jenem Tage aber hielt sich jede Familie um den eigenen Herd, und infolge des flackernden Feuers drinnen schienen die kleinen, runden Fensterscheiben wie mit rothen Tüpfelchen besäet. Vor jeder Thür lag ein Strohbündel, damit nicht die Kälte von unten hereindringe. An der fünften Thür zur Rechten stand ich still, um meine Handschuh auszuziehen. Dann öffnete ich die Thür und schloß sie eiligst wieder. Es war das Haus der Wittwe Mathias Bauers, meiner Tante Gredel Bauer, der Mutter Katherinens. Als ich zähneklappernd in die Küche trat und Tante Gredel, die vor dem Herde saß, ganz erstaunt über meinen großen Pelzkragen den grauhaarigen Kopf umwandte, rief Katherine, die ganz sonntäglich mit einem gestreiften Rocke, einem kreuzweis um den Busen geschlungenen Tuche mit langen Fransen und einer rothen Schürze bekleidet war; deren Band ihre zierliche Taille einschloß, während eine niedliche, blauseidene Haube mit schwarzen Sammtbändern ihr helles, rosiges Gesicht umrahmte – Katherine also mit ihren sanften Augen und der kleinen Stumpfnase rief: »Es ist Joseph!« Und ohne langes Besinnen lief sie auf mich zu, umarmte mich und sagte: »Ich wußte wohl, daß die Kälte dich nicht am Kommen hindern würde.« Ich meinerseits war so glücklich, daß ich nicht reden konnte. Ich zog den Mantel aus und hing ihn mit den Handschuhen an die Wand. Auch Herrn Gouldens dicke Stiefel legte ich ab – ich fühlte, daß ich ganz blaß war vor innerer Wonne. Ich hätte etwas Angenehmes und Zierliches reden mögen, da mir aber nichts einfiel, sagte ich plötzlich: »Hier, Katherine, da hast du etwas zu deinem Geburtstage. Aber ehe du die Schachtel aufmachst, mußt du mich erst noch einmal küssen.« Sie hielt mir ihre schönen, rothen Backen hin, und dann trat sie an den Tisch. Tante Gredel kam auch herbei, um zu sehen. Katherine knüpfte das Band auf und öffnete. Ich stand hinter ihnen und hatte Herzklopfen: ich fürchtete in diesem Augenblicke, die Uhr wäre nicht schön genug. Aber nach kaum einer Minute faltete Katherine die Hände und hauchte ganz leise: »O mein Gott! wie schön das ist! ... Es ist eine Uhr.« »Ja,« sagte Tante Gredel, »sie ist wunderbar schön ... ich habe noch nie eine so schöne Uhr gesehen ... Man sollte meinen, sie wäre von Silber.« »Aber sie ist ja von Silber,« entgegnete Katherine, indem sie sich umdrehte und mich fragend ansah. Und nun sagte ich: »Glauben Sie denn, Tante Gredel, ich wäre im Stande, der, die ich mehr als mein Leben liebe, eine Uhr von versilbertem Kupfer zu schenken? Wenn ich dazu fähig wäre, würde ich mich mehr verachten, als den Schmutz an meinen Stiefeln.« Als Katherine mich so sprechen hörte, schlang sie ihre beiden Arme um meinen Hals, und als wir so dastanden, dachte ich: »Das ist der schönste Tag deines Lebens!« Ich konnte sie nicht mehr loslassen. Tante Gredel fragte: »Was ist denn da auf das Glas gemalt?« Aber ich war nicht mehr im Stande, Antwort zu geben, und erst als wir uns neben einander niedergesetzt hatten, nahm ich die Uhr in die Hand und sagte: »Dies Bild, Tante Gredel, stellt zwei Verliebte vor, die sich unaussprechlich gut sind: Joseph Bertha und Katherine Bauer. Joseph überreicht seiner Geliebten einen Rosenstrauß, und sie streckt die Hand aus, um ihn in Empfang zu nehmen.« Als Tante Gredel die Uhr genug besehen hatte, sagte sie: »Komm, Joseph, und laß dich auch von mir umarmen. Ich sehe wohl, daß du tüchtig hast sparen und arbeiten müssen, um diese Uhr zu erlangen, und meine, daß das sehr schön von dir ist, und daß du ein tüchtiger Arbeiter bist und uns Ehre machst.« In der Freude meines Herzens umarmte ich sie und ließ dann bis Mittag die Hand Katherinens nicht mehr los: wir waren glücklich, indem wir uns ansahen. Tante Gredel hantirte inzwischen am Herde herum, um einen Pfannkuchen mit gedörrten Pflaumen, in Zimmtwein getunkte »Küchle« und andere rare Sachen zu bereiten. Wir aber achteten nicht darauf, und erst als die Tante, nachdem sie ihren rothen Hausrock und ihre schwarzen Pantoffeln angezogen hatte, ganz vergnügt ausrief: »Nun zu Tische, Kinder!« erblickten wir das schöne Tischtuch, die große Suppenschüssel, den Weinkrug und den runden, goldgelben Pfannkuchen auf einer breiten Assiette mitten auf dem Tische. Dieser Anblick ergötzte uns, und Katherine sagte: »Setz dich dem Fenster gegenüber, Joseph, damit ich dich gut sehen kann. Erst mußt du mir aber die Uhr anlegen, denn ich weiß nicht, wo ich sie hinthun soll.« Ich schlang die Kette um ihren Hals, und dann begannen wir, nachdem wir uns gesetzt hatten, mit gutem Appetite zu essen. Draußen vernahm man keinen Laut. Nur das Feuer knisterte auf dem Herde. Es war recht behaglich in der Küche; und die graue, etwas scheue Katze betrachtete uns von Weitem durch das Treppengeländer hinten, ohne daß sie herabzukommen wagte. Nach dem Essen sang Katherine das Lied: »Der liebe Gott im Himmel droben.« Sie hatte eine klare, weiche Stimme, die bis zum Himmel aufzuklingen schien. Ich sang ganz leise mit, nur um sie zu begleiten. Tante Gredel, die nie, selbst Sonntags nicht, unthätig bleiben konnte, hatte sich aus Spinnrad gesetzt. Das Schnurren des Rades füllte die Pausen aus – uns wurde ganz weich dabei zu Muthe. Wenn ein Lied zu Ende war, fingen wir ein anderes an. Um drei Uhr trug die Tante die »Zimmtküchle« auf, wir aßen zusammen und lachten dabei so glücklich und übermüthig, daß die Tante bisweilen ausrief: »Hört doch einmal auf! Man muß ja meinen, ihr wäret wahre Kinder.« Sie steckte dabei eine ärgerliche Miene auf, aber an ihren zusammengekniffenen Augen sah man wohl, daß sie innerlich von Herzen mitlachte. Das dauerte bis vier Uhr Nachmittags. Dann begann die Nacht hereinzubrechen; durch die kleinen Fenster schlüpften dunkle Schatten in die Küche, wir dachten an das nahe Scheiden und setzten uns traurig neben den Herd, auf welchem die Flamme hin und her tanzte. Katherine drückte mir die Hand, und ich ließ den Kopf hängen: mein Leben hätte ich drum gegeben, hätte ich bleiben können. So saßen wir eine gute halbe Stunde, bis Tante Gredel sagte: »Höre, Joseph ... es wird Zeit, daß du gehst. Der Mond geht nicht vor Mitternacht auf, es wird draußen bald dunkel werden wie in einem Backofen, und bei der großen Kälte ist ein Unglück bald geschehen« ... Diese Worte trafen mich wie ein Donnerschlag. Ich fühlte, daß Katherine mich bei der Hand zurückhielt. Tante Gredel aber hatte mehr Verstand als wir. »Genug für heute,« sagte sie, indem sie aufstand und den Mantel von der Wand nahm. »Am Sonntag wirst du wiederkommen.« Wohl oder übel mußte ich die dicken Stiefel, die Handschuh und den Mantel Herrn Gouldens wieder anziehen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte das hundert Jahre gedauert, unglücklicherweise aber half die Tante mir dabei. Und als ich endlich den großen Kragen über die Ohren gezogen hatte, sagte sie: »Umarmen wir uns, Joseph.« Ich umarmte zuerst sie, dann Katherine, die kein Wort mehr sprach. Alsdann öffnete ich die Thür, und die fürchterliche Kälte, die nun plötzlich hereindrang, zeigte mir, daß ich nicht mehr zögern durfte. »Beeile dich,« sagte die Tante. »Gute Nacht, Joseph, gute Nacht!« ... rief Katherine. »Vergiß nicht, am Sonntag zu kommen.« Ich wandte mich um, um ihr noch einen Gruß zuzuwinken, und begann dann zu laufen, ohne den Kopf aufzuheben, denn die Kälte war so stark, daß mir hinter dem dicken Pelzkragen die Augen thränten. So lief ich zwanzig Minuten lang, indem ich kaum Athem zu holen wagte, als eine heisere Stimme, die Stimme eines Trunkenbolds, mir von Weitem entgegenrief: »Wer da?« Ich schaute auf und erblickte im abendlichen Halbdunkel, kaum fünfzig Schritte vor mir, den Hausirer Pinacle mit seinem großen Tragkorbe, seiner Otterfellmütze, seinen wollenen Handschuhen und dem eisenbeschlagenen Stocke. Die am Tragbande des Korbes hängende Blendlaterne beleuchtete sein vom Prunke aufgedunsenes Gesicht, das mit gelblichen Borsten bedeckte Kinn und die dicke Nase, die die Form eines Löschhorns hatte. Er sperrte seine kleinen Augen auf wie ein Wolf und wiederholte: »Wer da?« Dieser Pinacle war der größte Halunke im Lande. Im Jahre zuvor hatte er sogar eine böse Geschichte mit Herrn Goulden gehabt, der den Preis für eine Uhr von ihm verlangte, die Pinacle dem Pfarrer in Hommert, Herrn Anstett, zuzustellen übernommen und für die er das Geld in die Tasche gesteckt hatte, indem er behauptete, er habe es an mich abgeliefert. Doch Herr Goulden wußte das Gegentheil, obgleich der Spitzbube vor dem Friedensrichter einen Schwur darauf abgelegt hatte, denn an dem gedachten Tage hatten weder er noch ich das Haus verlassen. Dazu kam noch, daß Katherine, als Pinacle auf der Kirchweih in Vier-Winden mit ihr tanzen wollte, ihm den Tanz abgeschlagen hatte, weil sie die Geschichte mit der Uhr kannte und zudem immer an meiner Seite blieb. Der boshafte Schurke hatte deswegen einen Haß auf mich, und ihn so plötzlich mitten auf der Straße, fern von der Stadt und von jeder Hilfe mit seinem eisenbeschlagenen Eschenstocke vor mir zu sehen, war daher ein wenig erbaulicher Anblick für mich. Glücklicherweise hatte ich den kleinen Fußsteig, der um den Kirchhof herumläuft, zu meiner Linken und ohne daher zu antworten, eilte ich auf demselben fort, obgleich der Schnee mir beinahe bis an die Hüften reichte. Nun aber errieth er, daß ich es wäre, und schrie wüthend: »Aha! das ist der kleine Lahme ... Halt! Halt! ... ich muß dir doch Gutenabend sagen. Du kommst ja von Katherine, Uhrendiebl« Ich sprang wie ein Hase über die Schneehaufen. Anfangs versuchte er, mir zu folgen, aber der Tragkorb behinderte ihn. Als er daher sah, daß ich immer mehr Vorsprung gewann, legte er beide Hände an den Mund und rief: »Das bleibt sich gleich, Lahmer ... ganz gleich! ... Du wirst nichtsdestoweniger dein Theil kriegen: die Aushebung kommt ... die große Aushebung der Blinden, der Lahmen und der Buckligen! ... du wirst mit ausmarschiren und da unten verrecken mit allen Andern!« ... Dabei setzte er seinen Weg fort und lachte wie ein Trunkener, was er denn auch in Wirklichkeit war, während ich, obgleich ich kaum noch im Stande war, Athem zu holen, am Saume des Glacis wieder auf die Landstraße zurückkehrte und Gott dankte, daß ich den kleinen Fußsteig so ganz in meiner Nähe gehabt hatte. Denn dieser Pinacle, der dafür bekannt war, daß er bei jeder Schlägerei, in die er verwickelt war, das Messer zog, hätte mir einen bösen Schlag oder Stich versetzen können. Trotz der heftigen Bewegung, die ich mir da eben gemacht hatte, waren mir doch die Zehen in den gefütterten Stiefeln erstarrt, und ich begann daher von Neuem zu laufen. In jener Nacht gefror das Wasser in den Brunnen und der Wein in den Kellern, was seit sechzig Jahren nicht vorgekommen war. Die Stille an der Vorwache, auf der ersten Brücke und unter dem Deutschen Thore erschien mir noch größer als am Morgen: die Nacht verlieh ihr etwas schauerliches. Zwischen den großen, weißen Wolken, die über die Stadt hinzogen, blitzten nur hier und da einige Sterne auf. Ich begegnete keiner Seele auf der Straße, und als ich in unsern Hausflur gelangte, kam es mir, nachdem ich die Thür geschlossen hatte, ordentlich warm darin vor; dennoch war der kleine Rinnstein auf dem Hofe, der an der Wand entlang lief, mit Eis bedeckt. Ich stand einen Augenblick still, um Athem zu schöpfen, und stieg dann im Dunkeln, die Hand auf das Geländer stützend, die Treppe hinauf. Als ich mein Zimmer öffnete, that die hervorströmende Ofenwärme mir ordentlich wohl. Herr Goulden saß mit der schwarzseidenen Mütze auf dem Kopfe und die Hände auf die Kniee stützend im Lehnstuhl vor dem Feuer. »Bist du's, Joseph?« fragte er, ohne sich umzudrehen. »Ja, Herr Goulden,« erwiderte ich. »Hier ist's gut. Welche Kälte draußen! Einen solchen Winter haben wir noch nie gehabt.« »Nein,« entgegnete er in ernstem Tone, »gewiß nicht. Es ist ein Winter, an den man noch lange denken wird.« Ich ging darauf in das Kabinett, um den Mantel, die Handschuh und die Stiefel wieder an Ort und Stelle zu bringen. Eben wollte ich ihm dann mein Zusammentreffen mit Pinacle berichten, als er mich bei meinem Wiedereintreten in die Stube fragte: »Du hast dich gut amüsirt, Joseph?« »O ja! Tante Gredel und Katherine haben mir viele Grüße für Sie aufgetragen.« »Ei, um so besser! um so besser!« sagte er. »Die Jugend thut recht, wenn sie sich amüsirt; denn wenn man alt wird, ist einem Alles im Voraus vergällt, weil man zuviel gelitten, zuviel Unrecht, Unglück und Selbstsucht gesehen, hat.« Er sprach das zu sich selbst, indem er in die Flamme starrte. Ich hatte ihn noch nie so traurig gesehen und fragte daher: »O ja! Tante Gredel und Katherine haben mir viele Grüße für Sie aufgetragen.« »Sind Sie krank, Herr Goulden?« Er aber, ohne mir zu antworten, murmelte vor sich hin: »Ja, ja, das sind die großen kriegerischen Nationen ... das ist der Ruhm!« Er hatte sich ganz träumerisch zusammengekrümmt, die dicken, grauen Augenbrauen fest zusammengezogen und schüttelte den Kopf. Ich wußte nicht, was ich von alledem denken sollte, als er sich plötzlich aufrichtete und sagte: »Joseph, in diesem Augenblicke gibt es viermalhunderttausend weinende Familien in Frankreich: unsere große Armee ist auf den Eisfeldern Rußlands zu Grunde gegangen. All die jungen, kräftigen Männer, die wir während zweier Monate haben vorüberziehen sehen, liegen unter dem Schnee begraben. Heute Nachmittag ist die Nachricht angekommen. Es ist entsetzlich, wenn man daran denkt – entsetzlich!« Ich schwieg. Mir wurde klar, daß bald, wie nach allen Feldzügen, eine neue Aushebung stattfinden würde, und daß diesmal wol auch die Lahmen genommen werden könnten. Dieser Gedanke trieb mir alles Blut nach dem Herzen, so daß ich ganz blaß wurde, und bei der Erinnerung an Pinacle's Weissagung stiegen mir die Haare zu Berge. »Geh, Joseph,« sagte Vater Goulden, »und leg' dich ruhig zu Bett. Ich meinestheils kann nicht schlafen, ich will aufbleiben ... die Geschichte bringt mich außer Fassung. Du hast nichts in der Stadt bemerkt?« »Nein, Herr Goulden.« Ich ging in mein Zimmer und legte mich zu Bett. Lauge Zeit konnte ich kein Auge schließen: ich dachte an die Aushebung, an Katherine, an all die Tausende unter dem Schnee begrabener Männer und sagte mir dabei, daß ich gut thun würde, wenn ich nach der Schweiz flüchte. Gegen drei Uhr hörte ich Herrn Goulden zu Bett gehen. Einige Minuten später schlief ich im Vertrauen auf Gottes Gnade ein. 4. Als ich am andern Morgen gegen sieben Uhr in Herrn Gouldens Zimmer trat, um mich an die Arbeit zu machen, lag er noch im Bett und war ganz matt und entkräftet. »Joseph,« sagte er, »ich befinde mich nicht recht wohl, all diese schrecklichen Geschichten haben mich krank gemacht. Ich habe gar nicht geschlafen.« »Soll ich Ihnen Thee kochen?« fragte ich. »Nein, mein Kind, nein, das ist nicht nöthig. Schüre nur das Feuer ein wenig an, ich werde nachher aufstehen. Aber es ist heute Montag, und um diese Zeit müßten die Uhren in der Stadt gestellt werden. Ich kann nicht hingehen, denn so viele brave Leute, Leute, die ich seit dreißig Jahren kenne, in solcher Betrübniß zu sehen, das würde mich vollends unglücklich machen. Höre, Joseph, nimm die Schlüssel, die hinter der Thür hängen, und geh du – das wird besser sein. Ich will versuchen, mich zu erholen, ein wenig zu schlafen ... Es würde mir gut thun, wenn ich ein oder zwei Stunden schlafen könnte.« »Schön, Herr Goulden,« entgegnete ich, »ich gehe sofort.« Nachdem ich dann Holz in den Ofen gelegt hatte, nahm ich Mantel und Handschuhe, zog die Vorhänge an Herrn Gouldens Bette zu und ging mit dem Schlüsselbunde in der Tasche fort. Die Unpäßlichkeit Vater Melchiors betrübte mich allerdings ein wenig, aber ein Gedanke tröstete mich; ich sagte zu mir selbst: »Du wirst den Kirchthurm besteigen, und von da oben wirst du das Haus Katherinens und Tante Gredels sehen.« Mit diesem Gedanken kam ich zu dem Glöckner Brainstein, der eine alte, baufällige Baracke an der Ecke des kleinen Platzes bewohnte. Seine beiden Söhne waren Leinweber, und vom Morgen bis zum Abend hörte man in dem alten Neste die Webstühle knarren und die Schiffchen sausen. Die Großmutter – sie war so alt, daß man ihre Augen nicht mehr sah – schlief in einem uralten Lehnstuhl, auf dessen Rücklehne eine Elster hockte. Wenn Vater Brainstein nicht zu einer Taufe, einer Beerdigung oder einer Trauung die Glocken zu läuten hatte, las er hinter den kleinen, runden Scheiben des Fensters in seinem Kalender. Neben dieser Baracke, unter der Bedachung der alten Markthalle, stand ein ärmliches Häuschen, in welchem der Schuhsticker Koniam arbeitete, und weiterhin befanden sich die Verkaufsstände der Fleischer und der Obsthändlerinnen. Ich kam also zu Brainstein. Als der Alte mich sah, stand er auf und sagte: »Das sind Sie ja, Herr Joseph?« »Ja, Vater Brainstein. Ich komme an Herrn Gouldens Stelle, er ist nicht recht wohl.« »Ah! Gut ... gut ... das ist ganz gleich.« Er zog seine alte, gestrickte Jacke an und setzte die wollene Mütze auf, nachdem er die Katze heruntergejagt hatte, die ihre Morgenruhe auf derselben abhielt. Dann nahm er den großen Thurmschlüssel aus einer Schublade, und wir gingen hinaus, ich meinestheils trotz der Kälte sehr froh, wieder in die frische Luft zu kommen, denn die ganze Stube war grau von Qualm, und das Athmen fiel einem so schwer, als ob man in einem Kochtopfe säße. Ich habe nie begreifen können, wie diese Leute in solcher Atmosphäre leben konnten. Endlich gingen wir die Straße hinauf, und Vater Brainstein sagte: »Sie wissen schon von dem großen Unglück in Rußland, Herr Joseph?« »Ja, Vater Brainstein. Es ist schrecklich!« »O, gewiß!« entgegnete er. »Aber das wird der Kirche viele Messen eintragen. Denn sehen Sie, jetzt wird Jeder für seine Kinder Messen lesen lassen, um so mehr, da sie in einem heidnischen Lande gestorben sind.« »Gewiß, gewiß,« erwiderte ich. Wir gingen jetzt über den Platz. Vor dem Gemeindehause, der Hauptwache gegenüber, standen schon mehrere Personen, Landleute und Städter, die einen Anschlagzettel lasen. Dann stiegen wir die Treppe hinauf und traten in die Kirche, wo mehr als zwanzig Frauen, junge und alte, trotz der fürchterlichen Kälte auf den Steinfliesen knieten. »Sehen Sie ... was sagte ich Ihnen?« bemerkte Brainstein. »Sie kommen schon zum Beten, und ich bin sicher, daß die Hälfte bereits seit fünf Stunden hier ist.« Er öffnete die kleine Thür im Thurme, durch welche man zur Orgel hinaufsteigt, und wir begannen im Dunkeln hinaufzuklettern. Als wir dann bei der Orgel angekommen waren, ließen wir die Windbälge zur Linken liegen und stiegen bis zur Glockenstube empor. Ich war sehr zufrieden, den blauen Himmel wiederzusehen und die frische Luft einzuathmen, denn die Ausdünstungen der Fledermäuse, die sich in diesen langen, schmalen Gängen aufhalten, erstickten einen beinahe. Aber welche fürchterliche Kälte herrschte in diesem Raume, der allen Winden offen stand, und welch blendendes Licht blitzte von dem Schnee zu uns empor bei diesem Winterwetter, das zwanzig Stunden weit zu sehen gestattete! Ganz Pfalzburg mit seinen sechs Bastionen, seinen drei Halbmonden, seinen beiden Vorwerken, seinen Kasernen, Pulverthürmen, Brücken, Glacis und Wällen, die ganze kleine Stadt mit ihrem großen Paradeplatze und ihren zierlichen, hübsch nach der Schnur gebauten Häusern zeichnete sich wie auf einem Bogen weißen Papiers da unten ab. Man sah bis in die Höfe hinein, und ich, der ich noch nicht an einen solchen Anblick gewöhnt war, hielt mich hübsch in der Mitte der Plattform, aus Furcht, ich möchte auf den Einfall kommen, davonzufliegen, wie man von gewissen Leuten erzählt, die eine große Höhe närrisch macht. Ich wagte nicht einmal, mich der Uhr zu nähern, deren Zifferblatt auch auf der Rückseite mit den Zeigern bemalt ist, und wenn Brainstein mir nicht das Beispiel gegeben hätte, würde ich, an den Glockenbalken angeklammert, ruhig stehen geblieben sein. Aber er sagte: »Kommen Sie, Herr Joseph, und sehen Sie nach. Wieviel Uhr ist es jetzt?« Ich zog nun Herrn Gouldens große Uhr hervor, die auch die Secunden zeigte, und sah, daß die Thurmuhr bedeutend nachging. Brainstein half mir die Gewichte aufziehen und auch die Zeiger stellen. »Im Winter bleibt die Uhr immer zurück,« sagte er, »weil sie von Eisen ist.« Nachdem ich mich etwas mit diesen Sachen vertraut gemacht hatte, begann ich die Umgegend zu betrachten: die Eich-Baracken, die Baracken weiter oben hinauf, den Büchelberg, und am Ende erkannte ich auch gerade gegenüber Vier-Winden und das Haus der Tante Gredel. Der Schornstein rauchte gerade, und der Rauch stieg wie ein blauer Faden zum Himmel empor. Ich sah die Küche wieder: ich stellte mir Katherine in Holzschuhen und dem kleinen, wollenen Rocke vor, wie sie am Herde das Spinnrad drehte und dabei an mich dachte! Ich war so gerührt, daß ich die Kälte nicht mehr spürte und meine Blicke nicht von dem Schornsteine abzuwenden vermochte. Vater Brainstein, der keine Ahnung davon hatte, was ich betrachtete, sagte: »Ja, ja, Herr Joseph ... trotz des Schnees sind jetzt alle Wege mit Menschen bedeckt. Die große Neuigkeit hat sich bereits verbreitet, und Jeder kommt nun, um sein Unglück genauer zu erkunden.« Ich sah, daß er Recht hatte: alle Fahrstraßen, alle Fußsteige waren mit Menschen bedeckt, die der Stadt zueilten, und als ich auf den Platz herunterschaute, erblickte ich die fortwährend wachsende Menge vor der Hauptwache bei der Bürgermeisterei und vor dem Posthause. Man vernahm ein Geräusch wie lautes Stimmengemurmel. Nachdem ich noch einen Blick auf Katherinens Wohnstätte geworfen hatte, mußte ich endlich wohl oder übel hinabsteigen, und wir begannen auf der dunklen Wendeltreppe wie in einen Brunnen hinunterzuklettern. Als wir bei der Orgel waren, sahen wir vom Balkon aus, daß auch die Menge in der Kirche beträchtlich gewachsen war: alle Mütter, Schwestern und alten Großmütterchen, reiche und arme, lagen in tiefster Stille zwischen den Bänken auf den Knieen. Sie beteten für die Gefallenen ... boten Alles, um sie nur noch ein Mal wiederzusehen! Anfangs begriff ich das nicht recht, aber plötzlich fiel mir ein, daß Katherine, wenn ich im vorigen Jahre mit ausgerückt wäre, jetzt auch da unten knieen würde, um zu beten und mich von Gott zurückzufordern. Das schnitt mir ins Herz, ich fühlte einen Fieberschauer durch meinen Körper fliegen. »Gehen wir! gehen wir!« sagte ich zu Brainstein. »Das ist entsetzlich.« »Was?« fragte er. »Der Krieg.« Wir schritten nun die Treppe unter der großen Kirchpforte hinunter, und ich ging über den Platz, um mich zum Herrn Stadtcommandanten Meunier zu begeben, während Brainstein den Weg nach seiner Wohnung einschlug. An der Ecke des Stadthauses hatte ich einen Anblick, dessen ich mich mein Lebtag erinnern werde. Dort war nämlich die große Bekanntmachung angeschlagen. Mehr als fünfhundert Personen, Städter und Landleute, Männer und Frauen, starrten sie, eng an einander gedrängt, bleich und mit vorgestrecktem Halse wie etwas Entsetzliches schweigend an. Sie konnten sie nicht lesen, und von Zeit zu Zeit rief Einer oder der Andere in deutscher oder in französischer Sprache: »Sie können doch nicht Alle todt sein! ... es werden doch trotzdem Einige zurückkommen.« Andere riefen: »Man kann ja nichts sehen! ... man kann nicht heran!« Ein armes, altes Weib, das hinten stand, hob die Hände zum Himmel auf und schrie: »Christoph ... mein armer Christoph!« ... Ueber diese Worte schienen Einige entrüstet und sagten: »Bringt doch die Alte zur Ruhe!« Jeder dachte nur an sich. Weiter hinten strömten immer noch neue Ankömmlinge durch das Deutsche Thor herbei. Endlich trat Harmantier, der Stadtsergeant, aus der Wachtstube heraus und stellte sich mit einem Zettel, der dem an die Mauer gehefteten auf ein Haar glich, oben auf die Treppe. Mehrere Soldaten folgten ihm. Nun drängte Alles nach jener Seite, die Soldaten aber schoben die Vordersten zurück, und Vater Harmantier begann jene Bekanntmachung vorzulesen, die man das neunundzwanzigste Bulletin nannte, und in welcher der Kaiser berichtete, daß während des Rückzuges die Pferde allnächtlich zu Tausenden umkämen. – Von den Menschen sagte er nichts! Der Stadtsergeant las langsam, Niemand sprach ein Wort, sogar die Alte, die gar nicht Französisch verstand, lauschte wie die andern. Man hätte eine Mücke fliegen hören können. Als er aber an diese Stelle kam: – »Unsere Kavallerie hatte soviel Pferde verloren, daß man die Officiere, die noch ein solches besaßen, vereinigen mußte, um vier Compagnien zu je einhundertundfünfzig Mann daraus zu formiren. Die Generale verrichteten dabei die Function der Hauptleute, die Obersten die der Seconde-Lieutenants« – als er diese Stelle vorlas, die mehr von dem Elend der großen Armee verrieth als alles Uebrige, ließ sich von allen Seiten Geschrei und Stöhnen vernehmen. Zwei oder drei Frauen fielen in Ohnmacht ... man führte sie am Arme fort. Freilich fügte die Bekanntmachung hinzu: »Die Gesundheit Sr. Majestät ist nie eine bessere gewesen,« und das war ein großer Trost, aber unglücklicher Weise konnte das die dreimalhunderttausend unter dem Schnee begrabenen Menschen nicht wieder ins Leben zurückrufen. Die Leute gingen daher auch tief betrübt und niedergeschlagen auseinander. Aber andere, die noch nichts gehört hatten, strömten zu Dutzenden herbei, und alle Stunden trat Harmautier heraus und verlas das Bulletin. Das dauerte bis zum Abend, und immer zeigte sich dasselbe Bild. Ich ging fort ... am liebsten hätte ich von alledem gar nichts wissen mögen. Ich stieg zu dem Herrn Platzcommandanten hinauf. Als ich in den Salon trat, sah ich ihn am Frühstückstische Er war ein schon alter, aber immer noch kräftiger Mann mit rothem Gesichte und gesundem Appetite. »Ah, du bist's!« sagte er. »Herr Goulden kommt also heute nicht?« »Nein, Herr Commandant. Er ist krank, in Folge der schlechten Nachrichten.« »Ah! Gut ... gut ... ich begreife das,« entgegnete er, indem er sein Glas leerte. »Ja, es ist schlimm.« Und während ich die Glasglocke von der Standuhr abnahm, fügte er hinzu: »Bah! sag Herrn Goulden, wir würden uns Genugtuung verschaffen ... Was Teufel, man kann nicht immer die Oberhand behalten! Seit fünfzehn Jahren springen wir bereits ohne jede Rücksicht mit ihnen um, es ist daher nur billig, daß man ihnen diese kleine Entschädigung läßt ... Und dann – die Ehre ist unversehrt! Wir sind nicht geschlagen worden. Ohne den Schnee und die Kälte würden diese armen Kosaken schwere Schläge besehen haben ... Doch nur Geduld! Die Reihen werden bald wieder ergänzt sein, und dann wehe!« Ich zog die Uhr auf. Da er ein großer Liebhaber der Uhrmacherei war, stand er auf und sah mir zu. Dann kniff er mich aufgeräumt ins Ohr, und als ich mich zurückziehen wollte, rief er, indem er den dicken Mantel, den er beim Essen geöffnet hatte, wieder zuknöpfte: »Sag dem Papa Goulden, er möge ruhig schlafen, im Frühjahr werde der Tanz von Neuem beginnen. Sie werden nicht immer den Winter für sich haben, diese Kalmücken – sag ihm das!« »Gewiß, Herr Commandant,« entgegnete ich, indem ich die Thür zumachte. Seine derbe Gestalt und seine heitere Miene hatten mich etwas getröstet. Aber in allen Häusern, in die ich nachher eintrat, bei Harwichs, bei Frantz-Tonis, bei Durlachs – überall hörte man nichts als Klagen. Besonders die Frauen waren trostlos. Die Männer sagten nichts und schritten mit gesenktem Kopfe hin und her, ohne nur nachzuschauen, was ich bei ihnen zu thun hatte. Gegen zehn Uhr blieben mir nur noch zwei Personen zu besuchen. Zuerst Herr de La Bablerie-Chamberlan, ein alter Edelmann, der mit Frau Chamberlan-d'Ecof und Fräulein Jeanne, ihrer beider Tochter, am Ende der langen Straße wohnte. Es waren Emigranten, die erst seit drei oder vier Jahren nach Frankreich zurückgekehrt waren. Sie besuchten Niemand in der Stadt und empfingen selbst nur drei oder vier katholische Dorfpfarrer aus der Umgegend bei sich. Herr de La Bablerie-Chamberlan liebte nur die Jagd. Er hatte sechs Hunde auf dem Hofe und einen Jagdwagen mit zwei Pferden. Der Vater Robert aus der Kapuzinerstraße diente ihnen als Kutscher, Stallknecht, Bedienter und Piqueur. Herr de La Vablerie trug stets einen Jagdrock, eine Mütze ans gummirtem Leder und Sporenstiefel. In der Stadt nannte man ihn nur den »Bracken«. Ueber Frau und Fräulein de Chamberlan aber sprach man nicht. Ich war recht trübe gestimmt, als ich die schwere, auf Rollen laufende Hausthür aufstieß, deren Geklirr im Vorhause wiederhallte. Wie groß war daher meine Ueberraschung, als ich mitten in dem allgemeinen Jammer und Schmerz ein Lied mit Klavierbegleitung singen hörte: Herr de La Vablerie sang und Fräulein Jeanne begleitete ihn. Ich wußte damals noch nicht, daß das Unglück der Einen das Glück der Andern macht, und sagte, die Hand auf der Thürklinke, zu mir selbst: »Die kennen die Nachrichten aus Rußland noch nicht.« Aber als ich so dastand, öffnete sich die Küchenthür, und Fräulein Luise, das Dienstmädchen, steckte den Kopf heraus und fragte: »Wer ist da?« »Ich bin's, Fräulein Luise.« »Ah, Sie, Herr Joseph – kommen Sie hier durch.« Die Herrschaften hatten ihre Uhr in einem Salon stehen, der nur selten betreten wurde. Die hohen, nach dem Hof hinausgehenden und mit Jalousien versehenen Fenster blieben immer geschlossen, doch zu der Arbeit, die ich dort zu verrichten hatte, hatte ich Licht genug. Ich ging also durch die Küche und regulirte die antike Pendule, eine prächtige Arbeit aus weißem Marmor. Fräulein Luise sah zu. »Sie haben Besuch, Fräulein Luise?« fragte ich. »Das nicht, aber der Herr hat nur befohlen, Niemand einzulassen.« »Man ist recht heiter hier im Hause?« »Ei was!« entgegnete sie, »das ist seit Jahren das erste Mal. Ich weiß gar nicht, was sie haben.« Ich stülpte die Glocke wieder über die Uhr und ging fort, indem ich über diese Dinge nachsann, die mir ganz außerordentlich schienen. Daß jene sich über unsere Niederlage freuten, fiel mir nicht ein. Ich bog nun um die Straßenecke, um mich zu Vater Féral zu begeben, den man allgemein den »Fahnenträger« nannte, weil er Anno 92 im Alter von fünfundvierzig Jahren, als er schon lange Schmiedemeister und Familienvater war, die Fahne der Pfalzburger Freiwilligen getragen hatte und erst nach dem Züricher Feldzuge nach Hause zurückgekehrt war. Seine drei Söhne, Jean, Louis und Georges Féral standen bei der russischen Armee: Georges war Rittmeister bei den Dragonern, die beiden andern Officiere bei der Infanterie. Ich malte mir im Voraus den Gram und Kummer Vater Férals aus, was ich aber bei meinem Eintritt in das Zimmer sah, überstieg alle meine Voraussetzungen. Der arme Alte – er war blind und ganz kahlköpfig – saß im Lehnstuhl hinter dem Ofen. Sein Haupt war auf die Brust geneigt, und seine großen, weißen Augen standen weit offen, als ob er seine drei Kinder todt zu seinen Füßen liegen sähe. Er sprach kein Wort, aber von seiner Stirn rannen große Schweißtropfen über die langen, magern Backen, und sein Gesicht war so blaß, daß man ihn hätte für einen Sterbenden halten können. Vier oder fünf von seinen alten Gefährten aus der Revolutionszeit: der Vater Desmarets, Vater Nivoi, der alte Paradis, der lange Froissard, hatten sich bei ihm eingefunden, um ihn zu trösten. Sie standen in tiefstem Schweigen um ihn herum, rauchten ihre Pfeifen und machten trostlose Gesichter. Von Zeit zu Zeit sagte der Eine oder der Andere: »Auf, Féral, fasse Muth ... sind wir nicht mehr die Alten von der Sambre- und Maas-Armee?« Oder auch: »Muth, Fahnenträger, Muth! ... Waren wir es nicht, die bei Fleurus die Batterie mit Sturm nahmen?« Oder sonst dergleichen. Er aber gab keine Antwort. Nur von Zeit zu Zeit stieß er einen Seufzer aus, seine welken, hohlen Wangen blähten sich dabei auf, dann neigte er sich wieder nach vorn herüber, und die Andern gaben sich Zeichen und schüttelten die Köpfe, als wollten sie sagen: »Das geht schlecht!« Ich beeilte mich, die Uhr aufzuziehen und wieder fortzukommen, denn es zerriß mir das Herz, den armen Alten in solcher Trostlosigkeit zu sehen. Als ich nach Hause zurückkam, fand ich Herrn Goulden am Arbeitstische sitzen. »Da bist du ja, Joseph,« sagte er. »Nun?« »Nun, Herr Goulden, Sie haben wohl gethan, hier zu bleiben: es ist fürchterlich!« Und ich erzählte ihm alle Einzelheiten. »Ja, ich wußte das,« sagte er betrübt. »Aber das ist nur der Anfang noch größern Unheils: diese Preußen, Russen, Oestreicher, Spanier, alle jene Völker, die wir seit 1804 ausgeplündert haben, werden jetzt unser Unglück benutzen, um über uns herzufallen. Weil wir ihnen Könige aufdrängen wollten, die sie nicht von Adam und Eva her kannten und daher nicht haben wollten, werden sie uns jetzt einen andern geben mit adliger Sippschaft und Allem, was darum und daran hängt, so daß wir, nachdem wir uns an Händen und Füßen für die Brüder des Kaisers zur Ader gelassen haben, am Ende noch Alles verlieren werden, was wir durch die Revolution gewonnen hatten. Anstatt die Ersten, werden wir die Letzten der Letzten sein. Ja, dahin wird es mit uns kommen. Während du in der Stadt umherliefst, habe ich nur an diese Sachen gedacht – es ist beinahe unausbleiblich, unvermeidlich: da die Soldaten Alles bei uns waren, und wir jetzt keine Soldaten mehr haben, sind wir auch nichts mehr!« Damit stand er auf, und ich deckte den Tisch. Als wir schweigend unser Mittagbrot verzehrten, begannen die Kirchenglocken zu läuten. »Da ist Jemand in der Stadt gestorben,« sagte Herr Goulden. »Jedenfalls ... ich habe nicht davon reden hören.« Zehn Minuten später trat der Rabbiner Rose ein, um ein neues Glas auf seine Uhr setzen zu lassen. »Wer ist denn gestorben?« fragte Herr Goulden. »Der alte Fahnenträger.« »Was! Der Vater Féral?« »Ja, vor zwanzig Minuten oder einer halben Stunde. Der Vater Desmarets und mehrere Andere wollten ihn trösten; er bat sie, ihm den letzten Brief von seinem Sohne Georges, dem Dragonerrittmeister, vorzulesen, der ihm schrieb, er hoffe ihn im nächsten Frühjahr mit den Obersten-Epaulettes auf den Schultern zu umarmen. Als der Alte das hörte, wollte er plötzlich aufstehen, sank aber zurück – sein Kopf fiel auf die Kniee herab – der Brief hatte ihm das Herz gebrochen.« Herr Goulden machte keine Bemerkung. »Hier, Herr Rose,« sagte er, indem er dem Rabbiner die Uhr zurückgab; »es macht zehn Sous.« Herr Rose ging hinaus, und wir setzten schweigend unsere Mahlzeit fort. 5. Einige Tage später meldete die Zeitung, daß der Kaiser in Paris wäre, und daß man im Begriff stehe, den König von Rom und die Kaiserin Marie Luise zu krönen. Der Herr Bürgermeister, der Herr Adjunct und die Stadträthe redeten nur noch von den Rechten des Throns, und man hielt sogar einen besondern Vortrag im Saale des Rathhauses darüber. Herr Professor Burguet der Aeltere schrieb diese Abhandlung, und der Herr Baron Parmentier las sie vor. Aber die Zuhörer waren nicht sonderlich ergriffen, weil Jeder von der Aushebung betroffen zu werden fürchtete. Man bedachte recht wohl, daß der Kaiser viel Soldaten brauchen würde, und das eben beunruhigte Jeden – ich für mein Theil magerte dabei zusehends ab. Vergebens sagte Herr Goulden: »Fürchte nichts, Joseph, du kannst nicht marschiren. Bedenke doch, mein Kind, ein lahmer Mensch wie du würde ja beim ersten Tagemarsche auf der Straße liegen bleiben!« – das Alles hinderte mich nicht, recht besorgt zu sein. An die in Rußland Gebliebenen dachte schon Niemand mehr, ausgenommen ihre Familien. Wenn wir allein bei der Arbeit saßen, sagte Herr Goulden zuweilen zu mir: »Wenn die, welche unsere Herrn sind, und welche behaupten, Gott habe sie auf die Erde gesendet, um uns glücklich zu machen, sich bei Beginn eines Feldzuges die armen Greise, die unglücklichen Mütter vorstellen könnten, denen sie gewissermaßen das Herz und die Eingeweide aus dem Leibe reißen, um ihrem Stolze genugzuthun; wenn sie die Thränen derselben sehen und ihre Klagen hören könnten in dem Momente, wo man ihnen sagt: »Euer Kind ist todt ... ihr werdet es niemals wiedersehen! Es ist von den Hufen der Pferde zerstampft oder von einer Kugel zerschmettert worden oder auch in einem Hospitale, fern von euch, nachdem ihm ein Glied abgenommen, am Fieber gestorben, ohne Trost, indem es nach euch rief wie zu der Zeit, als es noch klein war!« ... wenn sie sich die Thränen jener Mütter vorstellen könnten – ich glaube, keiner würde ein solcher Barbar sein und fortfahren. Aber sie denken an nichts, sie glauben, die Andern lieben ihre Kinder nicht eben so sehr als sie – sie halten die Menschen für Thiere! Doch sie täuschen sich: all ihr gewaltiges Genie, all ihre großen Ruhmespläne sind nichts, denn nur für eine Sache soll ein Volk, Männer, Frauen, Kinder und Greise, in den Kampf ziehen – wenn man unsere Freiheit antastet wie Anno 92. Dann stirbt man zusammen oder siegt zusammen. Wer da zurückbleibt, ist ein Feigling, er will, daß die Andern für ihn kämpfen ... Denn der Sieg wird nicht für Einige errungen, sondern für Alle – der Sohn und der Vater vertheidigen ihre Familie. Werden sie getödtet, so ist das ein Unglück, aber sie sind für ihr gutes Recht gestorben. Das, Joseph, ist der einzige gerechte Krieg, über den Niemand klagen darf; alle andern sind schmählich, und der Ruhm, den sie eintragen, ist nicht der Ruhm eines Menschen, sondern der eines wilden Thieres!« So sprach der gute Herr Goulden, und ich dachte ganz wie er. Plötzlich aber, am 8. Januar, wurde ein großes Placat an der Bürgermeisterei angeschlagen, aus dem zu ersehen war, daß der Kaiser, gestützt auf einen Senats-Consult, wie man damals sagte, zuerst 150,000 Rekruten vom Jahrgang 1813, dann hundert Cohorten des ersten Landwehraufgebots von 1812, die schon durchgeschlüpft zu sein glaubten, ferner 100,000 Rekruten unter den Jahrgängen 1809 bis 1812 und so fort ausheben wolle, so daß am Ende alle Löcher wieder zugestopft, und wir sogar eine noch größere Armee haben würden, als vor dem russischen Feldzuge. Als Vater Fouze, der Glaser, uns eines Morgens den Inhalt jenes Anschlags mittheilte, wäre ich beigäbe in Ohnmacht gefallen, denn ich sagte dabei zu mir selbst: »Jetzt nimmt man Alles: die Familienväter bis zurück auf 1809! Ich bin verloren!« Herr Goulden flößte mir einige Tropfen Wasser ein. Die Arme hingen mir am Leibe herab, und ich war blaß wie ein Todter. Uebrigens war ich nicht der Einzige, auf den die Bekanntmachung einen solchen Eindruck machte. Es weigerten sich in jenem Jahre viele junge Leute, auszurücken: einige zerschmetterten sich die Zähne, um die Patrone nicht abbeißen zu können, andere schossen sich mit der Pistole den Daumen weg, um zur Handhabung des Gewehrs untauglich zu werden, noch andere flüchteten in die Wälder. Man nannte diese Leute »Refractäre«, und es gab nicht Gendarmen genug, um sie Alle zu verfolgen. Um diese Zeit faßten sich auch die Familienmütter ein Herz und empörten sich gewissermaßen, indem sie ihre Söhne ermuthigten, den Gendarmen keine Folge zu leisten. Sie halfen ihnen auf jede Art und Weise und schmähten auf den Kaiser. Und die Priester aller Religionsparteien unterstützten sie dabei. Das Maß war endlich voll! Noch an demselben Tage, an welchem die Bekanntmachung angeschlagen worden war, begab ich mich nach Vier-Winden, aber jetzt nicht voller Freude, sondern wie der Unglücklichste aller Unglücklichen, dem man Liebe und Leben zugleich nimmt. Ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten, und als ich da unten anlangte, noch unentschlossen, aus welche Weise ich unser Unglück mittheilen sollte, sah ich beim Eintreten, daß man im Hause schon Alles wußte, denn Katherine weinte heiße Thränen, und Tante Gredel war ganz blaß vor Entrüstung. Wir umarmten uns schweigend, und das erste Wort, das Tante Gredel zu mir sagte, indem sie ihre grauen Haare heftig hinter die Ohren strich, war: »Du wirst nicht marschiren! ... Was gehen uns seine Kriege an? Sogar der Pfarrer sagt, es wäre doch am Ende zu stark – man müßte Frieden schließen! Du bleibst hier! Weine nicht, Katherine, ich sage dir, er bleibt hier!« Sie war ganz grün vor Aerger und wirthschaftete während des Sprechens zwischen ihren Kochtöpfen herum. »Dies ewige Gemetzel hat mich schon lange mit Widerwillen erfüllt,« fuhr sie fort. »Schon müssen sich unsere beiden Vettern Kaspar und Jockel in Spanien die Knochen für diesen Kaiser entzweischlagen lassen, und jetzt verlangt er gar noch die jüngern Leute von uns – er ist noch nicht zufrieden, dreimalhunderttausend in Rußland umgebracht zu haben. Anstatt wie ein vernünftiger Mensch an Frieden zu denken, will er auch noch die Übriggebliebenen massakriren lassen ... Man wird ja sehen!« »Um Gotteswillen, Tante Gredel! Sein Sie doch still, sprechen Sie leiser!« rief ich, während ich das Fenster beobachtete. »Man könnte Sie hören, und dann wären wir Alle verloren.« »Ich spreche eben, damit man mich hört!« schrie sie. »Vor deinem Napoleon ist mir nicht bange! Er fing damit an, uns am Reden zu hindern, um thun zu können, was ihm gerade beliebte – aber das wird ein Ende haben! ... Allein in unserm Dorfe werden vier junge Frauen ihre Männer einbüßen, und zehn arme Jungens sollen Alles verlassen, Vater und Mutter, der Gerechtigkeit, dem lieben Gott, der Religion zum Trotz – ist das nicht himmelschreiend?« Und als ich antworten wollte, fuhr sie fort: »Sieh, Joseph, der Mensch hat kein Herz! ... Es wird ein böses Ende mit ihm nehmen! ... Schon diesen Winter hat sich Gott gezeigt. Er sah, daß man mehr Furcht vor einem Menschen hatte als vor ihm, daß selbst die Mütter wie zu den Zeiten des Herodes es nicht wagten, ihr eigen Fleisch und Blut zurückzuhalten, wenn jener es zu seinen Metzeleien verlangte, und deshalb hat er die Kälte kommen lassen, und unsere Armee ist zu Grunde gegangen ... und die, die jetzt ausmarschiren, sind schon im Voraus dem Tode verfallen: Gott ist der Sache müde! – Du aber, du sollst nicht mit ausrücken,« fuhr die halsstarrige Frau fort, »ich will es nicht! Du wirst mit Jean Kraft, Louis Veme und den muthigsten Burschen von hier in die Wälder und über das Gebirge nach der Schweiz gehen, und Katherine und ich, wir kommen bis zum Ende dieser Heimsuchung zu euch.« Dann schwieg Tante Gredel von selbst. Anstatt aber ein gewöhnliches Mittagbrod zu bereiten, trug sie ein noch besseres auf als am vergangenen Sonntage und sagte mit ruhiger Miene zu uns: »Eßt, Kinder, und habt keine Furcht ... das wird sich Alles ändern.« Ein wenig ruhiger als beim Weggehen kehrte ich gegen vier Uhr Nachmittags nach Pfalzburg zurück. Als ich aber die Bäckerstraße hinaufging, da höre ich plötzlich am Gymnasium die Trommel des Stadtsergeanten Hermantier und sehe ihn von einer großen Menge Menschen umringt. Ich laufe ebenfalls hin, um die Bekanntmachungen zu hören, und komme gerade in dem Augenblicke an, wo er zu sprechen beginnt. Er machte bekannt, daß, laut Senatsbeschluß vom 3. des Monats, am 15. die Rekrutenauslosung stattfinden solle. Wir hatten an dem Tage den 8., es blieben also nur noch sieben Tage. Das brachte mich ganz aus der Fassung. Die ganze Versammlung ging in tiefstem Schweigen nach rechts und links auseinander. Ich kam sehr traurig nach Hause und sagte zu Herrn Goulden: »Nächsten Donnerstag ist Loosung.« »Ah!« sagte er. »Man verliert keine Zeit ... die Sache hat Eile.« Von meiner Betrübniß während dieses und der folgenden Tage kann man sich leicht eine Vorstellung machen. Ich hatte keine Ruhe mehr. Immerwährend glaubte ich auf der Flucht, in der Fremde zu sein. Es schien mir im Voraus, als liefe ich in die Wälder und die Gendarmen mit ihrem »Halt ihn! Halt ihn!« hinter mir her. Dann wieder stellte ich mir die Trostlosigkeit Katherinens, Tante Gredels und Herrn Gouldens vor. Zuweilen glaubte ich mit einer Anzahl anderer Unglücklicher in Reih und Glied zu marschiren. Man schrie uns zu: »Vorwärts! ... Fällt das Bajonett!«, während die Kanonenkugeln ganze Reihen niederschmetterten. Ich hörte die Stückkugeln surren und die Flintenkugeln pfeifen – kurzum, ich war in einem jämmerlichen Zustande. »Ruhe, Joseph,« sagte Herr Goulden, »martere dich doch nicht so. Bedenke doch, daß bei der ganzen Aushebung vielleicht keine zehn so gute Gründe für das Hierbleiben vorbringen können als du. Der Arzt müßte blind sein, wollte er dich nehmen. Zudem werde ich mit dem Herrn Platzcommandanten sprechen ... Gieb dich also zufrieden!« Aber diese wohlwollenden Worte waren nicht im Stande, mich zu beruhigen. Eine ganze Woche lebte ich auf diese Weise in Todesängsten, und als die Stunde der Loosung, der Donnerstag Morgen, herankam, war ich so blaß, so abgemagert und entstellt, daß die Eltern der übrigen Dienstpflichtigen mich ihrer Söhne wegen gewissermaßen um mein Aussehn beneideten. »Der hat Aussichten,« sagten sie unter sich ... »er würde umfallen, wenn man ihn anhauchte ... Es giebt doch Menschen, die unter einem Glücksstern geboren werden!« 6. Am Morgen des 15. Januar 1813, während der Loosung, hätte man das Pfalzburger Rathhaus sehen müssen. Heut zu Tage bedeutet es schon etwas, bei der Ziehung zu verlieren und Eltern, Freunde, Geburtsort, Haus und Hof verlassen zu müssen, um, Gott weiß wo, das » Eins ... Zwei! Eins ... Zwei! ... Halt! ... Augen rechts ... Augen links ...gerade aus! ... Faßt's Gewehr an!« ... u.s.w. u.s.w. zu lernen. Ja, das ist schon etwas, aber man kommt doch zurück! Man kann sich mit einiger Sicherheit sagen: »In sieben Jahren werde ich mein altes Nest, meine Eltern, vielleicht auch meine Geliebte wiederfinden ... Ich werde dann die Welt gesehen und sogar Ansprüche auf die Stelle eines Forstgehülfen oder Gendarmen haben!« Das tröstet die Vernünftigen. Wenn man aber damals das Unglück hatte, bei der Loosung zu verlieren, so war Alles vorbei. Von Hundert kam oft nicht Einer zurück: der Gedanke, für ewig scheiden zu sollen, wollte einem beinahe nicht in den Kopf. An jenem Tage also sollten zuerst die Burschen aus Harberg, Garburg und Vier-Winden, dann die Pfalzburger und endlich die Weschheimer und Mittelbronner loosen. Ich war frühzeitig auf den Beinen und begann, beide Ellbogen auf den Werktisch gestützt, alle diese Leute, die vorübergingen, zu betrachten: die Burschen in ihren Blousen, die armen Alten in kleinen Röcken und Baumwollenmützen, die bedauernswerthen Mütter in wollenen Jacken und Röcken – Alle mit gebeugtem Rücken, verstörtem Gesichte und dem Stock oder dem Regenschirm unter dem Arme. Der Herr Unter-Präfect von Saarburg mit seinem silbergestickten Rockkragen und sein Secretär, die am Tage zuvor im Rothen Ochsen abgestiegen waren, sahen ebenfalls aus dem Fenster. Gegen 8 Uhr setzte sich Herr Goulden, nachdem er gefrühstückt hatte, an die Arbeit. Ich hatte nichts vorgenommen und sah noch immer zu, als der Herr Bürgermeister Parmentier und sein Adjunct den Herrn Unter-Präfecten abholten. Die Loosung begann gegen neun Uhr, und bald darauf hörte man die Clarinette des Pfeifer-Karl und die Geige des großen Andres auf der Straße. Sie spielten den Schweden-Marsch. Unter den Klängen dieses Liedes haben Tausende von armen Teufeln das alte Elsaß für immer verlassen. Die Ausgehobenen tanzten, schoben sich Arm in Arm vorwärts, schrieen, daß die Fensterscheiben klirrten, stampften mit dem Absatz auf den Boden und schwenkten ihre Hüte: sie suchten lustig zu scheinen, während sie den Tod im Herzen hatten – es ist ja Mode so. Und der große Andres, trocken, dürr und gelb wie Buchsbaumholz, glich mit seinem fettleibigen, pausbackigen Kameraden jenen Leuten, die Jemanden zum Kirchhof geleiten und dabei über gleichgültige Dinge reden. Die Musik und das Geschrei stimmten mich traurig. Eben hatte ich meinen Schwalbenschwanz angezogen und meinen Castor aufgesetzt, als plötzlich Tante Gredel und Katherine eintraten. »Guten Morgen, Herr Goulden!« sagten sie. »Wir kommen wegen der Aushebung.« Ich sah sofort, daß Katherine viel geweint hatte: ihre Augen waren ganz roth. Sie fiel mir gleich um den Hals, während ihre Mutter rings um mich herumging. Herr Goulden fragte sie: »Es muß bald Zeit sein für die jungen Burschen aus der Stadt?« »Ja, Herr Goulden,« entgegnete Katherine mit schwacher Stimme. »Die Harberger sind schon fertig.« »Schön ... Schön ... Nun, Joseph, es wird Zeit, daß du gehst,« bemerkte er. »Mach' dir aber keine Sorgen ... seid nur nicht ängstlich. Die Loosungen, seht ihr, sind nur noch der Form wegen da. Schon seit langer Zeit gewinnt man nicht mehr, und, wenn man gewinnt, wird man zwei oder drei Jahre später gefaßt: die Nummern sind alle schlecht! Wenn die Ersatz-Commission zusammentritt, werden wir sehen, was sich thun läßt. Heut zu Tage ist das Loosen eine Art Genugthuung, die man den Leuten giebt ... aber Jeder verliert.« »Das ist egal,« sagte Tante Gredel, »Joseph wird gewinnen.« »Ja ...ja« ..., entgegnete Heer Goulden lächelnd, »das kann nicht fehlschlagen.« Dann ging ich mit Katherine und der Tante fort, und wir begaben uns nach dem großen Platze, auf dem die Menge hin und her drängte. In allen Läden drängten sich die Ausgehobenen dutzendweise um die Tische, um Bänder zu kaufen. Man sah sie weinen, während sie dabei wie Besessene sangen. In den Wirthshäusern umarmten sich Andere unter Seufzern und Thränen, sangen dabei aber immerzu. Aus der Umgegend waren zwei oder drei Musikbanden, die Truppen Rosselkastens, Georg Adams und des Zigeuners Waldteufel herbeigekommen und mischten mit ohrzerreißendem, entsetzlichen Getöse ihre Melodien durch einander. Katherine hatte mich beim Arm genommen. Tante Gredel ging hinter uns. Schon von Weitem bemerkte ich dem Wachthause gegenüber den Hausirer Pinacle, der seinen Waarenballen auf einem kleinen Tische ausgebreitet hatte. Dicht daneben stand eine lange Stange, die ganz mit Bändern behängt war, welche er an die Rekruten verkaufte. Ich beeilte mich, an ihm vorüber zu kommen, er aber schrie mir zu: »He, Lahmer, halt doch ... halt! Komm her ...ich habe ein schönes Band für dich aufgehoben! ... Du brauchst ja das schönste, das der Leute, die gewinnen!« Dabei schwenkte er eine große, schwarze Schleife über dem Kopfe. Ich wurde unwillkürlich blaß. Als wir aber die Treppe am Rathhause hinaufstiegen, kam gerade ein Ausgehobener herunter: es war Klipfel. der Schmied aus La Porte-de-France. Er hatte eben Nummer 8 gezogen und schrie schon von Weitem: »Her das schwarze Band, Pinacle, das schwarze Band!.., Her damit! ... es koste, was es wolle!« Sein Gesicht war düster und entstellt, aber er lachte. Sein kleiner Bruder Jean lief weinend hinter ihm her und rief: »Nein, Jacob, nein, nicht das schwarze Band!« Pinacle aber befestigte schon die Schleife am Hute des Schmieds, während dieser sagte: »Das brauchen wir jetzt ... Wir sind Alle so gut wie todt und müssen uns betrauern!« Und mit wüthender Stimme schrie er: »Es lebe der Kaiser!« Es war mir lieber, das Band an seinem Hute zu sehen als an dem meinen, und ich glitt schnell unter die Menge, um Pinacle zu entgehen. Wir hatten große Mühe, in das Rathhaus hinein und die alte, eichene Treppe hinaufzukommen, auf der die Leute wie in einem wirklichen Ameisenhaufen unaufhörlich hinauf- und herunterstiegen. In dem großen Saale oben ging der Gendarm Kelz hin und her, um so viel als möglich die Ordnung aufrecht zu erhalten. Im Rathszimmer daneben, wo die Gerechtigkeit mit einer Binde über den Augen abgebildet ist –hörte man die Nummern ausrufen. Von Zeit zu Zeit kam ein Stellungspflichtiger mit blutrothem Gesichte heraus, steckte seine Nummer an die Mütze und ging mit gesenktem Kopfe durch die Menge wie ein wüthender Stier, der nicht mehr recht sieht und sich die Hörner an der Wand zerschmettern möchte. Andere dagegen gingen todtenblaß vorüber. Die Fenster des Rathhauses standen offen, und man hörte draußen gleichzeitig die fünf oder sechs Musikbanden spielen: es war fürchterlich. Ich nahm Katherine bei der Hand, und langsam gelangten wir durch die Menge in den Saal, wo der Herr Unter-Präfect, die Bürgermeister und die Secretäre von der für sie bestimmten Tribüne herab mit lauter Stimme die Nummern ausriefen, gerade wie man ein Urtheil verliest, denn alle diese Nummern waren wahre Todesurtheile. Wir warteten lange. Als man endlich meinen Namen rief, hatte ich so zu sagen keinen Tropfen Blut mehr in den Adern. Ich trat wie betäubt vor, steckte die Hand in die Urne und zog eine Nummer. »Numero siebzehn!« rief der Herr Unter-Präfect. Ohne ein Wort zu reden, ging ich fort. Katherine und die Tante folgten mir. Wir gingen hinunter auf den Platz, und als ich ein wenig frische Luft spürte, erinnerte ich mich, daß ich Nummer siebzehn gezogen hatte. Tante Gredel schien bestürzt und verblüfft. »Ich hatte dir doch etwas in die Tasche gesteckt,« bemerkte sie. »Aber dieser Halunke Pinacle hat dich behext.« Dabei zog sie ein Ende Band aus meiner hintern Rocktasche. Mir liefen große Schweißtropfen von der Stirn herab, Katherine war ganz blaß, und so kehrten wir zu Herrn Goulden zurück. »Welche Nummer hast du denn?« fragte mich dieser sofort. »Siebzehn,« sagte die Tante, indem sie sich niedersetzte und die Hände auf die Knieen legte. Einen Augenblick schien Herr Goulden bestürzt, dann aber sagte er: »Die ist so gut wie eine andere ... es soll einmal Alles zu Felde ziehen ... die Reihen müssen gefüllt werden. Für Joseph hat das nichts zu bedeuten. Ich werde dem Herrn Bürgermeister und dem Herrn Platzcommandanten einen Besuch machen ... Nicht um ihnen etwas vorzulügen, sondern um sie darauf aufmerksam zu machen, daß Joseph lahm ist – die ganze Stadt weiß es, aber in der Eile könnte man es doch übersehen. Deshalb eben werde ich mit ihnen reden. Macht euch also keine Sorgen ... faßt wieder Muth.« Diese Worte des guten Herrn Goulden beruhigten Tante Gredel und Katherine, die voller Hoffnung nach Vier-Winden zurückkehrten. Bei mir aber war es anders: seit jenem Augenblicke hatte ich Tag und Nacht keine ruhige Stunde mehr. – Der Kaiser hatte eine gute Gewohnheit: er ließ die Ausgehobenen nicht zu Hause rosten. Gleich nach der Loosung kam die Ersatz-Commission und einige Tage später der Marschbefehl. Er machte es nicht wie jene Zahnbrecher, die erst ihre Zangen und Haken zeigen und einem stundenlang in den Mund sehen, so daß man die Kolik bekommt, ehe sie sich entschlossen haben: er handelte schlankweg und ohne Umstände. Acht Tage nach der Loosung befand sich die Ersatz-Commission mit allen Ortsvorständen und einigen Vornehmen auf dem Rathhause, um vorkommenden Falls Auskunft zu ertheilen. Am Tage vorher hatte Herr Goulden seinen kastanienbraunen Mantel angelegt und seine schöne Perrücke aufgesetzt, um die Uhren beim Herrn Bürgermeister und beim Herrn Platzcommandanten aufzuziehen. Mit heiterer Miene war er zurückgekommen und hatte zu mir gesagt: »Die Sache macht sich ... Der Herr Bürgermeister und der Herr Commandant wissen recht gut, daß du hinkst – das ist auch klar genug, beim Teufel! Sie antworteten mir sofort: »Ei, Herr Goulden, der junge Mann ist lahm – wozu darüber reden? Seien Sie nur ganz ruhig. Wir brauchen keine Krüppel, sondern Soldaten.« Diese Worte hatten mir Balsam ins Herz geträufelt, und ich schlief in jener Nacht wie ein Glückseliger. Doch am nächsten Morgen packte mich die Furcht wieder: ich stellte mir plötzlich vor, wieviel Leute, obgleich sie mit Körperfehlern behaftet und überhäuft waren, trotzdem auszogen, und wieviel andere niedrig genug dachten, dergleichen zu erfinden, um die Commission zu täuschen, indem sie schädliche Dinge verschluckten, um sich ein bleiches Aussehen zugeben, oder sich den Fuß unterbanden, um Krampfadern hervorzurufen, oder sich taub, blind oder schwachsinnig stellten. Und indem ich an all diese Dinge dachte, zitterte ich bei der Vorstellung, ich möchte nicht lahm genug sein, und beschloß, mir ebenfalls ein jämmerliches Aussehen zu geben. Ich hatte gehört, daß der Essig Leibschneiden verursacht, und verschlang daher in meiner Angst, ohne Herrn Goulden etwas davon zu sagen, den ganzen Essig, der sich in dem kleinen Fläschchen unserer Menage befand. Dann kleidete ich mich an; ich glaubte eine wahre Leichenfarbe zu haben, denn der Essig war sehr stark und arbeitete mir im Leibe herum. Kaum aber hatte Herr Goulden, als ich in sein Zimmer trat, mich angesehen, als er ausrief: »Joseph, was hast du denn? Du bist ja roth wie ein Puter!« Und nachdem ich mich im Spiegel betrachtet hatte, sah ich selbst, daß Alles bis zu den Ohren und bis zur Nasenspitze roth war. Nun erschrak ich allerdings, aber anstatt davon blaß zu werden, wurde ich nur noch röther und rief daher in heller Verzweiflung: »Jetzt bin ich verloren! Ich werde aussehen wie ein Bursche, dem nichts fehlt, der sich sogar recht wohl befindet. Das macht der Essig, der mir zu Kopfe steigt.« »Was für Essig?« fragte Herr Goulden. »Der aus der Menage, den ich austrank, um blaß zu werden, wie dem Gerede nach Fräulein Sclapp, die Organistin, es thut. O Gott, was habe ich da für einen schlechten Einfall gehabt!« »Nichtsdestoweniger wirst du doch lahm sein,« sagte Herr Goulden. »Aber du wolltest die Commission betrügen, und das ist nicht ehrenhaft! Doch da schlägt's eben neuneinhalb Uhr; Werner sagte mir gestern, du würdest um zehn Uhr vorkommen ... beeile dich also.« Ich mußte mich also in diesem Zustande auf den Weg machen. Das Feuer des Essigs sprühte mir von den Backen. Als ich mit der Tante und Katherinen zusammentraf, die mich unter dem Thürbogen des Rathhauses erwarteten, erkannten sie mich kaum. »Wie heiter und zufrieden du aussiehst!« sagte Tante Gredel. Ich hätte beim Anhören dieser Worte sicherlich eine Ohnmacht bekommen, hätte der Essig mich nicht wider meinen Willen auf den Beinen erhalten. Ich stieg also in unbeschreiblicher Verwirrung die Treppe hinauf, ohne den Mund zu einer Antwort aufthun zu können, so sehr verabscheute ich meine eigene Dummheit. Oben waren schon mehr als fünfundzwanzig Dienstpflichtige, die mit Fehlern behaftet zu sein vorgaben, genommen, und mehr als fünfundzwanzig andere, die auf einer längs der Wand angebrachten Bank saßen, starrten mit gesenktem Kopfe zu Boden und warteten, daß die Reihe an sie käme. Der alte Gendarm Kelz mit seinem großen Dreimaster ging auf und ab. Sobald er mich erblickte, stand er wie bezaubert still und rief dann: »Alabonnör! Das lasse ich mir gefallen! Da ist doch wenigstens einer, den's nicht kränkt, ins Feld zu ziehen! Die Ruhmbegierde blitzt ihm aus den Augen.« Und indem er mir die Hand auf die Schulter legte, fügte er hinzu: »Schön, Joseph ... ich prophezeie dir, daß du am Ende des Feldzugs Korporal sein wirst.« »Aber ich bin ja lahm!« schrie ich entrüstet. »Lahm!« entgegnete Kelz, indem er lächelte und mit den Augen zwinkerte, »lahm! Ganz egal, mit solchem Gesicht macht man immer seinen Weg.« Kaum hatte er geendet, als der Saal der Aushebungs-Commission sich öffnete, Werner, der andere Gendarm, sich aus der Thür beugte und mit rauher Stimme rief: »Joseph Bertha!« Ich trat so viel als möglich hinkend ein, und Werner machte die Thür wieder zu. Die Bürgermeister und Schulzen des Cantons saßen im Halbkreise auf einfachen Stühlen, der Herr Unter-Präfect und der Herr Bürgermeister von Pfalzburg in der Mitte in Lehnsesseln, und der Secretär Frelig an seinem Tische. Ein Ausgehobener aus Harberg kleidete sich eben wieder an, der Gendarm Descarmes half ihm beim Anlegen der Hosenträger. Dieser Ausgehobene mit seinen langen, braunen, ins Gesicht hängenden Haaren, dem entblößten Halse und dem zum Seufzen geöffneten Munde hatte das Aussehn eines Menschen, der zum Galgen geführt wird. Zwei Aerzte, der Herr Stabsarzt vom Hospitale und ein anderer in Uniform, sprachen in der Mitte des Saales mit einander. Sie wandten sich nach mir um und sagten: »Entkleiden Sie sich.« Und ich entkleidete mich bis aufs Hemd, das Werner mir auszog. Die Uebrigen betrachteten mich. Der Herr Unter-Präfect sagte: »Ein gesunder Bursche.« Diese Worte ärgerten mich, trotzdem aber antwortete ich höflich und bescheiden: »Ich bin aber lahm, Herr Unter-Präfect.« Die Aerzte musterten mich, und der Stabsarzt vom Hospitale, mit dem der Herr Platzcommandant ohne Zweifel von mir gesprochen hatte, sagte: »Das linke Bein ist ein wenig kurz.« »Bah!« entgegnete der andere, »es ist solide.« Dann legte er mir die Hand auf die Brust und sagte: »Der Körperbau ist gut. Husten Sie.« Ich hustete so schwach als möglich, er aber fand dessenungeachtet, daß ich einen guten Brustton hätte, und fügte noch hinzu: »Betrachten Sie einmal diese Gesichtsfarbe ... das ist gesundes Blut.« Da ich nun sah, daß man mich nehmen würde, wenn ich nichts sagte, erwiderte ich: »Ich habe Essig getrunken.« »Ah!« machte er. »Das beweist, daß Sie einen guten Magen haben, da Sie den Essig lieben.« »Aber ich bin lahm!« rief ich ganz trostlos. »Bah! machen Sie sich keine Sorge darüber,« entgegnete mir dieser Mensch. »Ihr Bein ist solid, ich sage gut dafür.« »Das Alles hindert aber nicht,« sagte jetzt der Herr Bürgermeister, »daß der junge Mann von Jugend auf hinkt. Es ist das eine in ganz Pfalzburg bekannte Thatsache.« »Zweifelsohne ist das linke Bein zu kurz,« fiel sogleich der Hospital-Arzt ein, »und das befreit vom Dienste.« »Ja,« hob der Bürgermeister wieder an, »ich bin überzeugt, daß der Bursche einen weiten Marsch nicht aushalten würde. Bei der zweiten Etappe würde er liegen bleiben.« Der erste Arzt erwiderte nichts mehr. Schon glaubte ich mich gerettet, als der Herr Unter-Präfect mich fragte: »Sie sind doch Joseph Bertha?« »Ja, Herr Unter-Präfect,« entgegnete ich. »Nun denn, meine Herrn,« fuhr er fort, indem er ein Schreiben aus seiner Brieftasche nahm, »hören Sie.« Und er begann das Schreiben vorzulesen. Man erzählte in demselben, daß ich eine Wette eingegangen wäre, nach Zabern zu gehen und schneller zurückzukommen als Pinacle, daß wir den Weg zusammen in weniger als drei Stunden zurückgelegt, und daß ich gewonnen hätte. Unglücklicherweise war das die Wahrheit! Dieser Halunke von Pinacle nannte mich immer »der Lahme,« und in meiner Wuth hatte ich mit ihm gewettet. Alle Welt wußte es, ich konnte also nicht das Gegentheil behaupten. Da ich verwirrt und bestürzt dastand, sagte der erste Arzt zu mir: »Damit ist die Frage entschieden. Kleiden Sie sich wieder an.« Und indem er sich zu dem Secretär wandte, rief er: »Tauglich für den Dienst!« In fürchterlicher Verzweiflung kleidete ich mich wieder an. Werner rief einen Andern. Ich gab auf nichts mehr Acht ... Irgend Jemand half mir in die Rockärmel. Plötzlich befand ich mich draußen auf der Treppe, und als Katherine mich fragte, was vorgegangen wäre, stieß ich einen schrecklichen Seufzer aus. Ich würde von oben herabgestürzt sein, hätte Tante Gredel mich nicht gehalten. Wir gingen durch die Hinterthür hinaus und überschritten den kleinen Platz. Ich weinte wie ein Kind und Katherine ebenfalls. Unter der Markthalle standen wir im Schatten still und umarmten uns. Tante Gredel schrie: »Ha! die Banditen! ...jetzt nehmen sie sogar die Lahmen ... die Krüppel! Sie brauchen Alles! Mögen sie doch auch uns nehmen!« Die Leute sammelten sich um uns an, und der Fleischer Sepel, der dort auf dem Scharren sein Fleisch zerhackte, sagte: »Um Himmels willen, Mutter Gredel, seien Sie still ... Man wäre im Stande, Sie einzusperren.« »Nur zu, man sperre mich ein, man massakrire mich,« schrie sie. »Ich behaupte aber, die Männer sind Feiglinge, daß sie solche Scheußlichkeiten zulassen!« Da aber der Stadt-Sergeant sich genähert hatte, gingen wir weinend weiter, bogen beim Café Hemmerle um die Ecke und traten in unsere Wohnung. Die Leute betrachteten uns aus den Fenstern und sagten sich: »Noch einer, der in den Krieg geht.« Da Herr Goulden wußte, daß Tante Gredel und Katherine am Tage der Aushebung zum Essen kommen würden, hatte er aus dem »Goldenen Schaf« eine gefüllte Gans und zwei Flaschen guten Elsäßer Weins ins Haus bringen lassen. Er war überzeugt, daß man mich auf der Stelle entlassen würde – wie groß war daher seine Ueberraschung, als er uns Alle zusammen in solcher Trostlosigkeit hereintreten sah. »Was ist das?« sagte er, indem er die seidene Mütze auf den kahlen Scheitel zurückschob und uns mit weit aufgerißnen Augen anschaute. Ich war nicht im Stande, ihm Antwort zu geben; ich warf mich in den Lehnstuhl und brach in Thränen aus. Katherine setzte sich zu mir, legte den Arm um meinen Hals, und unser Schluchzen verdoppelte sich. Tante Gredel aber sagte: »Die Halunken haben ihn genommen.« »Das ist nicht möglich!« rief Herr Goulden, dem die Arme am Leibe herabsanken. »Ja, das ist das Schlechteste, was einer erleben kann.« sagte die Tante. »Das zeigt die Schändlichkeit dieser Menschen im hellsten Lichte.« Und mehr und mehr sich ereifernd, rief sie: »Es wird also keine Revolution mehr kommen! Diese Banditen werden also immer die Herrn sein!« »Langsam, langsam, Mutter Gredel, beruhigen Sie sich,« sagte Herr Goulden. »Um Himmels willen, schreien Sie nicht so. Joseph, erzähle uns die Sache einfach und vernünftig. Sie haben sich getäuscht ... es ist gar nicht anders möglich ... Haben denn der Herr Bürgermeister und der Hospital-Arzt nichts gesagt?« Seufzend erzählte ich die Geschichte mit dem Briefe. Tante Gredel, die noch nichts davon wußte, hob die geballten Fäuste auf und rief: »O der Schurke! Gott gebe, daß er noch einmal zu uns kommt! ... ich schlage ihm mit dem Beil den Schädel ein!« Herr Goulden war äußerst betroffen. »Wie?!« sagte er, »du hast nicht sofort gerufen, das wäre falsch?! Die Geschichte ist also wahr?« Und da ich, ohne zu antworten, den Kopf senkte, fügte er mit gefalteten Händen hinzu: »O, die Jugend, die Jugend! ... das denkt an nichts ... Welche Unklugheit! ... welche Unklugheit!« Er ging dabei im Zimmer umher. Dann setzte er sich, um seine Brille zu putzen, und Tante Gredel sagte: »Ja! aber sie sollen ihn trotzdem nicht haben ... ihre Bosheit soll ihnen nichts nutzen: schon heute Abend wird Joseph im Gebirge, auf dem Wege nach der Schweiz sein.« Herr Goulden wurde ernst, als er diese Worte hörte. Er runzelte die Stirn, und nach Verlauf eines Augenblicks entgegnete er: »Es ist ein Unglück ... ein großes Unglück ... denn Joseph ist wirklich lahm ... man wird das später einsehen ... er wird keine zwei Tage marschiren können, ohne zurückzubleiben und krank zu werden. Sie haben aber Unrecht, Mutter Gredel, solche Reden zu führen und ihm einen schlechten Rath zu geben.« »Schlechten Rath?!« eiferte sie. »Sie wollen also auch die jungen Leute niedermetzeln lassen, Sie?« »Nein,« entgegnete er, »ich liebe die Kriege nicht, namentlich nicht solche, bei denen Hunderttausende ihr Leben einbüßen zum Ruhme eines Einzigen. Diese Kriege aber sind jetzt vorüber. Nicht mehr, um Ruhm und Länder zu gewinnen, hebt man jetzt Soldaten aus – jetzt gilt es, das Vaterland zu vertheidigen, das Tyrannei und Ehrgeiz in schlimme Händel verwickelt haben. Jetzt wünscht man wohl den Frieden. Unglücklicherweise aber rücken die Russen vor, die Preußen verbinden sich mit ihnen, und unsere Freunde, die Oestreicher, warten nur auf eine gute Gelegenheit, um über uns herzufallen; wenn man ihnen nicht entgegenzieht werden sie zu uns kommen, denn wir werden wie Anno 93 ganz Europa auf dem Halse haben. Das ist also ganz etwas Anderes als unsere Kriege in Spanien, Rußland und Deutschland. Und ich selbst, so alt ich bin, Mutter Gredel – wenn die Gefahr zu wachsen fortfährt, und wenn man der Alten aus den Zeiten der Republik bedarf – ich würde mich schämen, in der Schweiz Uhren zu machen, während Andere ihr Blut vergößen, um mein Vaterland zu vertheidigen. Und dann merkt euch wohl: die Deserteure werden überall verachtet. Nachdem man einen solchen Streich begangen, hat man nirgends eine Stätte, hat man weder Vater noch Mutter, weder Heimat, noch Vaterland mehr ... Man hat sich selbst für unfähig erklärt, die erste seiner Pflichten zu erfüllen, die darin besteht, daß man sein Vaterland liebt und ihm hilft, selbst wenn es im Unrecht ist.« Für den Augenblick sagte er nichts weiter und setzte sich mit ernster Miene an den Tisch. »Laßt uns essen,« sagte er dann nach einem augenblicklichen Stillschweigen. »Da schlägt es gerade zwölf Uhr. Mutter Gredel und Katherine, setzt euch dorthin.« Sie setzten sich, und wir aßen. Ich dachte über Herrn Gouldens Worte nach, die mir wohlbegründet und richtig schienen. Tante Gredel kniff die Lippen zusammen und blickte mich von Zeit zu Zeit an, nm meine Gedanken zu erforschen. Endlich sagte sie: »Ich für mein Theil kümmere mich den Teufel um ein Land, wo man die Familienväter aushebt, nachdem man die jungen Burschen fortgeführt hat. Wenn ich in Josephs Stelle wäre, würde ich sofort davongehen.« »Hören Sie, Tante Gredel,« erwiderte ich ihr, »Sie wissen, daß ich nichts so sehr liebe als Frieden und Ruhe, aber ich möchte nicht als Geächteter in andere Länder fliehen. Trotzdem aber werde ich thun, was Katherine will: befiehlt sie mir, nach der Schweiz zu gehen, so werde ich gehen!« ... Da ließ Katherine den Kopf sinken, um ihre Thränen zu verbergen, und sagte ganz leise: »Ich will nicht, daß man dich Deserteur nennen könnte.« »Gut denn, so mache ich es wie die Andern,« rief ich. »Da die Pfalzburger und Dagsburger in den Krieg ziehen, ziehe ich mit ihnen.« Herr Goulden machte keine Bemerkung. »Jeder ist frei.« sagte er, »doch freut es mich, daß Joseph gerade so denkt wie ich.« Dann wurde es wieder still, und gegen zwei Uhr stand Tante Gredel auf und nahm ihren Korb. Sie schien niedergeschlagen und sagte: »Joseph, du willst nicht auf mich hören, aber das ist gleich: mit Gottes Hilfe wird Alles das vorübergehen. Wenn Gott will, wirst du wiederkommen, und Katherine wird auf dich warten.« Katherine warf sich an meine Brust und begann zu weinen, und ich noch mehr als sie, so daß selbst Herr Goulden Thränen vergießen mußte. Endlich stiegen Katherine und ihre Mutter die Treppe hinunter, und die Tante rief mir von unten noch zu: »Besuche uns ja noch zwei oder drei Mal, Joseph.« »Ja, ja,« erwiderte ich, indem ich die Thür schloß. Ich hielt mich nicht mehr auf den Beinen. Noch nie hatte ich mich so unglücklich gefühlt, und noch heute dreht sich mir das Herz im Leib herum, wenn ich daran denke. 7. Seit diesem Tage hatte ich für nichts mehr Sinn. Anfangs versuchte ich noch, mich an die Arbeit zu setzen, aber meine Gedanken schweiften unaufhörlich anderswo umher und Herr Goulden selbst sagte mir: »Laß nur, Joseph ...benutze das Bischen Zeit, daß dir bei uns zuzubringen bleibt, und besuche Katherine und Mutter Gredel. Ich glaube immer noch, daß man dich entlassen wird, aber wer kann's wissen? Man braucht die Leute so nothwendig, daß es sich möglichenfalls in die Länge ziehen kann.« Ich ging demnach jeden Morgen nach Vier-Winden und brachte den Tag bei Katherinen zu. Wir waren wohl traurig, aber dennoch recht beglückt, daß wir uns sahen, und liebten uns noch mehr als zuvor, wenn das überhaupt möglich war. Zuweilen versuchte Katherine zu singen wie in den frühern, schönen Tagen, aber plötzlich kamen ihr dann die Thränen. Dann weinten wir zusammen, und Tante Gredel begann wieder die Kriege zu verfluchen, die alle Welt unglücklich machen. Sie behauptete, die Aushebungs-Commission verdiene gehangen zu werden, und alle diese Banditen seien unter sich einverstanden, einem das Dasein zu vergiften. Es erleichterte uns ein wenig, sie toben zu hören, und wir fanden, daß sie Recht habe. Abends gegen acht oder neun Uhr, wenn man die Thore schloß, kehrte ich in die Stadt zurück und sah dann beim Vorübergehen alle kleinen Wirthshäuser voller Rekruten und alter, entlassener Soldaten, die zusammen zechten. Die Rekruten bezahlten immer, die Andern mit ihren schmierigen, auf das Ohr geschobenen Feldmützen, ihren rothen Nasen und ihren alten Halsbinden aus Roßhaar, welche die Stelle des Hemdkragens vertraten, strichen sich den Schnurrbart und erzählten mit majestätischer Miene von ihren Schlachten, ihren Märschen und ihren Duellen. Man konnte nichts Abscheulicheres sehen als diese mit Tabaksrauch gefüllten, von Hängelampen an schwarzgeräuchertcn Balken erleuchteten Kneipen, diese alten Eisenfresser und diese jungen Leute, wie sie tranken, schrien und wie Blinde auf die Tische schlugen; und hinten, im Dunkel, die alte Annette Schnaps oder Marie Hering mit den im Nacken zu einem Knoten verschlungenen Haaren, in die quer hinein der dreizähnige Kamm gesteckt war, wie sie zuschauten und sich dabei au der Hüfte kratzten oder wol auch auf die Gesundheit der Tapfern einen Schoppen leerten. Für Bauernsöhne, redliche und arbeitsame Menschen war das ein trauriges Dasein. Aber niemand hatte Lust zur Arbeit: man würde sein Leben für zwei Heller hingegeben haben. In Folge des vielen Schreiens, Trinkens und des innern Kummers schlief man am Ende mit der Nase auf der Tischplatte ein, während die Alten die Krüge leerten und dabei sangen: »La gloire nous appelle!« Wenn ich diese Dinge sah, pries ich den Himmel, daß er mir in meinem Unglück ehrenhafte Leute zur Seite gegeben habe, um meinen Muth aufrecht zu erhalten und zu verhindern, daß ich in solche Hände fiele. Das zog sich bis zum 25. Januar hin. Vor einigen Tagen war eine bedeutende Anzahl italienischer Rekruten, Piemonteser und Genueser, in der Stadt angekommen. Die erstern waren dick und fett wie mit Kastanien gemästete Savoyarden und ihre Krausköpfe mit großen, spitz zulaufenden Hüten bedeckt; außerdem trugen sie dunkelgrüne Hosen aus grober Wolle und kleine, ziegelrothe Röcke aus demselben Stoff, die an den Hüften mit einem Ledergürtel zusammengeschnürt waren. Ihre Schuhe waren unförmlich groß, und so saßen sie längs der alten Markthalle und aßen Käse von der Faust. Die Andern, trockne, hagere, sonnverbrannte Gestalten, zitterten vor Kälte in ihren langen Kitteln beim bloßen Anblick des Schnees auf den Dächern und schauten mit großen, schwarzen, traurigen Augen die vorübergehenden Frauen an. Man übte sie täglich auf dem Paradeplatze im Marschiren. Sie sollten nämlich die Reihen des sechsten Linienregimentes ergänzen und hielten etwas Rast in der Infanteriekaserne. Der Hauptmann der Rekruten, Namens Vidal, logirte über unserm Zimmer. Er war ein vierschrötiger, kräftiger, entschlossener Mann, aber dessenungeachtet auch gutherzig und artig. Er ließ das Schlagwerk seiner Uhr bei uns repariren, und als er erfuhr, daß ich ausgehoben wäre und nicht zurückzukommen fürchtete, ermuthigte er mich mit den Worten: »Das Alles ist nur Gewohnheit ...nach fünf oder sechs Monaten kämpft und marschirt man, wie man seine Suppe ißt, und Viele gewöhnen sich sogar so sehr daran, Flinten- oder Kanonenschüsse auf die Leute abzufeuern, daß sie sich unglücklich fühlen, wenn ihnen diese Erholung abgeht.« Aber seine Denkungsart war nicht nach meinem Geschmack, und um so weniger, als ich auf einer seiner Wangen fünf oder sechs große Pulverkörner entdeckte, die ziemlich tief in die Haut eingedrungen waren und, wie er mir erklärte, von einem Flintenschusse herrührten, den ein Russe ihm beinahe unter der Nase abgefeuert hatte. Ein solcher Zustand behagte mir immer weniger, und da schon mehrere Tage verflossen waren, ohne daß Nachrichten eingetroffen wären, fing ich an zu glauben, daß man mich vergäße wie den langen Jacob vom Ziegen-Hof, von dem noch jetzt wegen seines außerordentlichen Glücks erzählt wird. Tante Gredel sagte sogar schon jedes Mal, wenn ich zu ihnen kam: »Ei, ei ... sie wollen uns also in Ruhe lassen!« – als plötzlich am Morgen des 25. Januar, gerade in dem Augenblicke, wo ich nach Vier-Winden aufbrechen wollte, Herr Goulden, der mit träumerischer Miene an seinem Werktisch saß, sich mit Thränen in den Außen umwandte und zu mir sagte: »Höre, Joseph, ich wollte dich diese Nacht noch ruhig schlafen lassen, aber du mußt es doch erfahren, mein Kind: gestern Abend hat mir der Gendarmerie-Wachtmeister den Marschbefehl für dich gebracht. Du marschirst mit den Piemontesern und Genuesern und fünf oder sechs jungen Männern aus der Stadt: Klipfels Sohn, Lörigs Sohn, Jean Leger und Kaspar Zebede ab. Ihr geht nach Mainz.« Als ich das hörte, fühlte ich meine Füße unter mir zusammenbrechen und setzte mich nieder, ohne ein Wort zu erwidern. Herr Goulden zog die schön geschriebene Marschroute aus seinem Schubkasten und begann sie mit langsamer Stimme vorzulesen. Ich erinnere mich davon nur noch, daß Joseph Bertha, geboren in Dagsburg, Kreis Pfalzburg, Arrondissement Saarburg, in das sechste Linienregiment eingereiht war und am 29. Januar bei seinem Corps in Mainz eingetroffen sein sollte. Der Marsch-Befehl machte einen so fürchterlichen Eindruck auf mich, als ob ich vorher von alledem gar nichts gewußt hätte. Ich betrachtete die Sache als etwas Neues und Unerwartetes und war empört darüber. Nach einem augenblicklichen Stillschweigen fügte Herr Goulden noch hinzu: »Die Italiener marschiren heute gegen elf Uhr ab.« Da fuhr ich plötzlich wie aus einem bösen Traume auf und rief: »Aber dann werde ich Katherine nicht mehr wiedersehen?« »Doch, Joseph, doch,« entgegnete er mit bebender Stimme. »Ich habe Mutter Gredel und Katherine benachrichtigen lassen. Sie werden also kommen, mein Kind, und du wirst sie noch umarmen können, ehe du fortmarschirst.« Ich sah seinen Kummer, und das rührte und bedrückte mich noch mehr, so daß ich die größte Mühe hatte, nicht in Thränen auszubrechen. Nach einer minutenlangen Pause fuhr er fort: »Du hast nicht nöthig, für irgend etwas zu sorgen – ich habe Alles im Voraus zugerüstet. Und wenn du zurückkommst, Joseph, und Gott mich so lange leben läßt, wirst du in mir immer den Alten finden. Jetzt, wo ich zu altern anfange, würde es mein größtes Glück gewesen sein, dich als Sohn bei mir behalten zu können, denn ich habe bei dir das gute Herz und den geraden Sinn eines Ehrenmanns gefunden. Ich hätte dir mein Geschäft abgetreten ... wir würden sehr gut zusammen gelebt haben ... Katherine und du, ihr wäret beide meine Kinder gewesen ... Doch da es jetzt so steht, verzichten wir darauf. Doch nur für kurze Zeit – ich bin überzeugt, du wirst entlassen werden: man wird bald einsehen, daß du keine weiten Märsche machen kannst.« Während er sprach, hatte ich den Kopf auf die Kniee gelegt und weinte leise. Am Ende stand er auf und nahm aus dem Schranke ein Soldatenrännzel aus Kuhleder, das er auf den Tisch legte. Ich sah ihn traurig und niedergeschlagen an: ich dachte nur an das Unglück, fort zu müssen. »Hier ist dein Tornister,« sagte er. »Ich habe alles Nöthige hineingethan: zwei leinene Hemden, zwei Flanell-Jacken und das Uebrige. In Mainz wirst du noch zwei Hemden empfangen – das ist Alles, was du brauchst. Ich habe dir aber noch Schuhe machen lassen, denn nichts ist schlechter als das Schuhzeug der Armeelieferanten; es ist beinahe immer aus Roßleder, welches die Füße erhitzt. Du bist so wie so nicht gut auf den Füßen, mein armer Junge, und sollst wenigstens nicht auch noch diesen Schmerz zu ertragen haben. Da ... das ist Alles.« Er legte das Ränzel auf den Tisch und setzte sich wieder. Draußen vernahm man das Hin- und Herlaufen der Italiener, die sich zum Aufbruch rüsteten. Ueber uns ertheilte der Hauptmann Vidal seine Befehle. Er hatte sein Pferd in der Gendarmerie-Kaserne stehen und befahl seinem Burschen, nachzusehen, ob es tüchtig abgerieben wäre und seinen Hafer erhalten hätte. All dies Lärmen und Treiben brachte eine seltsame Wirkung bei mir hervor, und ich konnte noch immer nicht glauben, daß ich die Stadt verlassen müsse. Wie ich nun in größter Unruhe und Verwirrung dasitze, geht plötzlich die Thür auf, und Katherine wirft sich schluchzend in meine Arme, und Tante Gredel schreit: »Ich habe es dir ja gesagt, daß du nach der Schweiz fliehen müßtest ... daß diese Halunken dich doch am Ende fortschleppen würden ... ich sagte es dir ja ... aber du hast mir nicht glauben wollen.« »Mutter Gredel,« entgegnete Herr Goulden sogleich, »ins Feld zu ziehen, um seine Pflicht zu erfüllen, ist nicht so schlimm, als von allen redlichen Leuten verachtet zu werden. Anstatt allen Geschreis und aller Vorwürfe, die zu nichts dienen, thäten Sie besser, wenn Sie Joseph trösteten und ihm Muth einsprächen.« »Ach!« sagte sie, »ich mache ihm ja keine Vorwürfe ... nein! ... obgleich es schrecklich ist, dergleichen zu erleben.« Katherine ließ mich nicht los. Sie hatte sich neben mich gesetzt, und wir küßten uns. »Du wirst wiederkommen,« sagte sie, indem sie mich an sich drückte. »Ja ... ja ...« entgegnete ich leise. »Und du, du wirst immer an mich denken ... du wirst keinen Andern lieben!« Sie schluchzte und erwiderte: »O! nein ... ich will immer nur dich lieben.« Das währte schon eine Viertelstunde, als die Thür sich aufthat, und der Hauptmann Vidal eintrat. Der zusammengerollte Mantel hing ihm wie ein Jagdhorn über der Schulter. »Nun« ... sagte er, »nun ... Und unser junger Mann?« »Da ist er,« entgegnete Herr Goulden. »Ach! Ja!« sagte der Hauptmann, »sie sind im Zuge, sich dem Trennungsschmerze hinzugeben ... das ist ganz klar ... Ich kenne das ... Wir lassen Alle irgend jemand in der Heimat zurück« ... Und mit lauterer Stimme fuhr er fort: »Frisch auf, junger Mann, Muth! Was Teufel, wir sind doch kein Kind mehr!« Dann betrachtete er Katherine und bemerkte zu Herrn Goulden: »Schon gut ... ich begreife, daß er nicht gern in den Krieg zieht.« Der Tambour trommelte die Straße entlang. Hauptmann Vidal sagte: »Wir haben noch zwanzig Minuten bis zum Aufbruch.« Und indem er mir einen Blick zuwarf und Herrn Goulden die Hand drückte, fügte er hinzu: »Fehlen Sie nicht beim ersten Appell, junger Mann.« Damit ging er hinaus. An der Hausthür hörte man sein Pferd stampfen und schnauben. Das Wetter war trübe. Die Traurigkeit überwältigte mich. Ich konnte Katherine nicht aus den Armen lassen. Plötzlich erklang der Wirbel – alle Trommler hatten sich auf dem Platze zusammen gefunden. Herr Goulden ergriff sogleich das auf dem Tische liegende Ränzel beiden Riemen und sagte: »Joseph, umarme uns jetzt ... es ist Zeit.« Todtenblaß richtete ich mich auf, und er befestigte das Ränzel auf meinen Schultern. Katherine blieb sitzen und schluchzte mit in der Schürze verstecktem Gesicht. Tante Gredel stand aufrecht da und betrachtete mich mit zusammengepreßten Lippen. Der Trommelwirbel währte noch immer fort. Plötzlich hörte er auf. »Der Appell beginnt,« sagte Herr Goulden, indem er mich umarmte. Und plötzlich kam sein Gefühl zum Ausbruch: er begann zu weinen, nannte mich ganz leise sein Kind und sagte dabei: »Muth! Muth!« Mutter Gredel setzte sich, und als ich mich zu ihr herabbeugte, nahm sie meinen Kopf zwischen ihre Hände, und während sie mich küßte, rief sie: »Ich habe dich immer geliebt, Joseph, schon als du noch Kind warst ... immer liebte ich dich! Du hast uns nur Freude gemacht ... und jetzt mußt du fort ... Mein Gott! mein Gott! welches Unglück!« Ich weinte nicht mehr. Als Tante Gredel mich losgelassen hatte, blickte ich Katherine an. Sie regte sich nicht, ich trat zu ihr und küßte sie auf den Nacken. Sie erhob sich nicht, als ich aber, da mir die Kräfte ausgingen, schnell zurücktrat, rief sie mit herzzerreißender Stimme: »Joseph! ... Joseph! ...« Nun wandte ich mich um. Wir stürzten einander in die Anne und verharrten weinend noch einige Minuten in dieser Stellung. Katherine konnte sich nicht mehr aufrecht erhalten, ich setzte sie in den Lehnstuhl und eilte fort, ohne daß ich noch einmal den Kopf umzudrehen wagte. Ich war schon auf dem Platze, mitten unter den Italienern und einer Menge von Leuten, die schreiend und weinend ihre jungen Burschen begleiteten, und noch immer sah und hörte ich nicht. Als der Trommelwirbel von Neuem erklang, schaute ich auf und bemerkte, daß ich zwischen Fürst und Klipfel stand, die beide den Ranzen auf dem Rücken hatten. Ihre Eltern auf dem Platze vor uns weinten wie bei einer Beerdigung. Zur Rechten, am Rathhause, hielt der Hauptmann Vidal auf seiner kleinen, grauen Stute und sprach mit zwei Infanterie-Officieren. Die Sergeanten verlasen die Namen, und man antwortete. Man rief Fürst, Klipfel, Bertha, und wir antworteten wie die Andern. Dann commandirte der Hauptmann: »Marsch!«, und wir marschirten zwei und zwei nach dem Französischen Thore ab. Am Eckhause des Bäckers Spitz rief eine alte Frau im ersten Stockwerk mit erstickter Stimme aus dem Fenster: »Kasper! Kasper!« Es war Zebede's Großmutter; ihr Kinn wackelte. Zebede winkte mit der Hand, ohne zu antworten. Er war ebenfalls sehr traurig und ließ den Kopf hängen. Ich meinestheils zitterte im Voraus bei dem Gedanken an den Vorübermarsch an unserer Wohnung. Als wir vor derselben ankamen, wankten mir die Kniee. Ich hörte auch jemand aus den Fenstern rufen, wandte aber das Gesicht dem Gasthaus zum Rothen Ochsen zu. Der Trommelwirbel übertönte Alles. Die Kinder liefen hinter uns drein und schrien: »Da marschiren sie ab ... Schau ... das ist Klipfel ... da Joseph!« Die Wachtmannschaft am Französischen Thor stand in einer Linie aufgepflanzt und sah uns Gewehr im Arm vorüberziehen. Wir marschirten durch das Außenwerk. Dann schwiegen die Trommeln, und wir schwenkten rechts ab. Man vernahm nur noch das Klatschen der Schritte im Schmutz, denn der Schnee begann zu schmelzen. Eben waren wir am Pachtgut Gerberhoff vorübergekommen und marschirten die Anhöhe vor der langen Brücke hinunter, als ich hörte, daß jemand mich anredete. Es war der Hauptmann, der mir von seinem Pferde herab zurief: »Recht so, junger Mann! Ich bin zufrieden mit Ihnen!« Ich konnte bei diesen Worten nicht umhin, nochmals in Thränen auszubrechen, und der große Fürst ebenfalls. Wir weinten im Weitermarschiren; die Andern waren todtenbleich und sagten nichts. An der langen Brücke zog Zebede seine Pfeife hervor, um zu rauchen. Die Italiener vor uns plauderten und lachten, da sie seit drei Wochen an dies Leben gewöhnt waren. Als wir uns auf dem Mettinger Berge befanden, mehr als eine Stunde von der Stadt entfernt, und eben hinunterzusteigen begannen, klopfte mir Kripsel auf die Schulter und sagte, indem er den Kopf umdrehte: »Sieh da unten.« Ich sah hin und erblickte Pfalzburg in weiter Ferne unter uns, die Kasernen, die Pulvermühlen und den Kirchthurm, von wo aus ich mit dem alten Bramstein sechs Wochen vorher Katherinens Haus gesehen hatte: das Alles war grau, die Wälder rings herum schwarz. Wohl hätte ich einige Minuten still stehen mögen, aber der Trupp marschirte vorwärts, und ich mußte folgen. Wir stiegen nach Mettingen hinab. 8. Am selben Tage gelangten wir bis Witsch, am folgenden nach Hornbach, nach Kaiserslautern u. s. w. Es hatte inzwischen wieder zu schneien begonnen. Wie oftmals sehnte ich mich während dieses langen Marsches nach Herrn Gouldens dickem Mantel und nach den Schuhen mit den Doppelsohlen. Wir kamen, bald im Gebirge, bald in der Ebene, durch zahllose Dörfer. Am Eingange jedes Fleckens nahmen die Tamboure ihre Trommeln und schlugen einen Marsch. Dann richteten wir den Kopf in die Höhe und markirten den Tritt, um uns das Ansehn alter Soldaten zu geben. Die Leute kamen dann an die kleinen Fenster oder traten in die Hausthür und sagten: »Es sind Rekruten!« Abends, am Rastorte, waren wir überglücklich, unsere müden Füße ausruhen zu können, namentlich ich. Ich kann nicht sagen, daß mein Bein schmerzte, aber die Füße, die Füße ... Ach! ich hatte noch nie so große Müdigkeit empfunden! Unser Quartierbillet gab uns das Recht auf einen Platz am Herde, die Leute gaben uns aber auch einen Platz an ihrem Tische. Beinahe immer hatten wir geronnene Milch und Kartoffeln, zuweilen auch frischen Speck und eine Schüssel Sauerkraut. Die Kinder näherten sich uns, um uns zu betrachten; die Alten fragten, aus welcher Gegend wir wären und was für ein Handwerk wir früher getrieben hätten; die jungen Mädchen schauten uns mit trauriger Miene an und dachten dabei an ihre Geliebten, die fünf, sechs oder sieben Monate vorher ausmarschirt waren. Dann führte man uns zum Bett des Sohnes vom Hause. Mit welchem Entzücken streckte ich mich darin aus! wie gern hätte ich meine zwölf Stunden schlafen mögen! Aber schon in aller Frühe, beim ersten Morgengrauen, weckte mich der Klang der Trommel. Ich starrte die gebräunten Balken an der Decke, die kleinen, reifbedeckten Fensterscheiben au und fragte mich: »Wo bin ich?« Dann plötzlich preßte sich mir das Herz zusammen, und ich sagte mir: »Du bist in Witsch, in Kaiserslauterns ... du bist Rekrut!« Und dann mußte ich mich schleunigst ankleiden, das Ränzel wieder auf den Rücken nehmen und zum Appell eilen. »Glückliche Reise!« sagte die Hausfrau, die schon frühzeitig erwacht war. »Schönen Dank!« entgegnete der Rekrut. Und man eilte davon. Ja ... ja ... glückliche Reise! Man wird dich nicht wiedersehen, armer Teufel ... Wieviel Andere sind denselben Weg gegangen! Nie werde ich vergessen, wie ich am zweiten Tage nach unserm Abmarsche in Kaiserslautern, nachdem ich mein Ränzel aufgeschnallt hatte, um ein frisches Hemd anzuziehen, unter den Hemden ein kleines, ziemlich schweres Päckchen entdeckte, worin ich, nachdem ich es geöffnet hatte, vierundfünfzig Francs in Sechslivres-Stücken und auf dem Papier folgende Zeilen von Herrn Goulden fand: »Sei immer gut und ehrenhaft im Kriege. Denke an deine Verwandten, an Alle die, für welche du dem Leben hingeben möchtest, und handle menschlich gegen die Fremden, damit sie eben so gegen die Unsern handeln. Der Himmel führe dich zu uns zurück ... er errette dich aus den Gefahren! Hier ist etwas Geld, Joseph. Es ist gut, fern von den Seinen immer etwas Geld in Händen zu haben. Schreib uns, so oft du kannst. Ich küsse dich, mein Kind, und drücke dich an mein Herz.« Ich vergoß Thränen beim Lesen dieser Zeilen und dachte: »Du bist doch nicht ganz verlassen auf Erden ... Brave Leute gedenken deiner! Du darfst ihre guten Rathschläge nie vergessen.« Am fünften Tage endlich kamen wir gegen zehn Uhr Abends in Mainz an. So lange ich lebe, wird diese Erinnerung mir im Gedächtniß bleiben. Es war fürchterlich kalt. Wir waren am frühen Morgen aufgebrochen und lange, ehe wir in die Stadt gelangten, durch Dörfer marschirt, die überfüllt waren mit Soldaten: Kavallerie und Infanterie, Dragoner in kurzen Jacken mit strohgefüllten Holzschuhen, die das Eis auf einem Mühlbache zerschlugen, um ihre Pferde zu tränken, während andere Heu- und Strohbündel nach den Stallthüren schafften; Pulver- und Kugel-Transporte, die sich reifbedeckt auf der Straße fortbewegten; Estafetten, Artillerie-Abtheilungen, Pontonniere, die auf dem schneebedeckten Felde hin und her eilten und uns so wenig beachteten, als ob wir gar nicht existirt hätten. Hauptmann Vidal war, um sich zu erwärmen, vom Pferde gestiegen und marschirte tüchtig drauf los. Die Officiere und Sergeanten drängten, da wir uns verspätet hatten, zur Eile. Fünf oder sechs Italiener, die nicht mehr fortkonnten, waren in den Dörfern zurückgeblieben. Mir selbst brannten in Folge meines Gebrechens die Fußsohlen; ich hatte mich am letzten Rastorte kaum wieder erheben können. Die übrigen Pfalzburger marschirten tüchtig. Es war Nacht geworden. Am Himmel blitzten unzählige Sterne. Jeder schaute auf und sagte sich: »Wir sind bald da!«, denn eine dunkle Linie, schwarze Punkte und glänzende Fünkchen am Rande des Horizontes verkündeten die Nähe einer großen Stadt. Endlich gelangten wir durch im Zickzack laufende Erdwälle hindurch zu den Vorwachen. Man ließ uns nun die Glieder schließen und besser Schritt halten, wie das bei der Annäherung an einen festen Platz Sitte ist. Jeder schwieg. Als wir um die Ecke einer Art von Halbmond bogen, erblickten wir den beeisten Stadtgraben vor uns, dahinter die Mauer-Wälle aus Ziegelstein und uns gerade gegenüber ein altes, düsteres Thor mit aufgezogener Brücke. Eine Schildwache mit angeschlagenem Gewehr rief uns von oben herab an: »Wer da?« Der Hauptmann, der ganz allein vorn stand, antwortete: »Frankreich.« »Welches Regiment?« »Rekruten vom sechsten Linien-Regimente.« Nun entstand eine tiefe Stille. Die Zugbrücke senkte sich, die Wache recognoscirte uns. Einer von ihnen trug eine große Stocklaterne. Hauptmann Vidal trat einige Schritte vor, um mit dem Wachofficier zu reden, dann rief man uns zu: »Passirt!« Unsere Tamboure begannen zu trommeln, aber der Hauptmann befahl ihnen, die Trommel wieder auf den Rücken zu nehmen. Wir rückten ein, wobei wir eine lange Brücke und dann ein zweites Thor passirten, das dem ersten in allen Stücken glich. Nun befanden wir uns in der Stadt, die mit großen, glänzenden Steinen gepflastert war. Jeder that sein Möglichstes, um nicht zu hinken, denn trotz der Nachtzeit waren alle Wirthshäuser und alle Läden offen; ihre großen Fenster blitzten und strahlten, und wie am hellen Tage eilten Hunderte von Leuten hin und her. Wir bogen um fünf oder sechs Straßenecken und gelangten bald auf einen kleinen Platz vor einer hohen Kaserne. Hier wurde »Halt!« commandirt. An der Ecke der Kaserne befand sich eine Nische, und in dieser Nische hockte hinter einem kleinen Tischchen eine Marketenderin unter einem großen, dreifarbigen Regenschirm, an dem zwei Laternen hingen. Beinahe gleichzeitig mit uns kamen mehrere Officiere auf den Platz: es war der Commandant Gemeau mit einigen Andern, die ich seitdem ebenfalls kennen gelernt habe. Sie drückten dem Hauptmann lachend die Hand und musterten uns. Dann verlas man den Appell, und jeder von uns empfing ein Kommißbrod und sein Quartierbillet. Man kündigte uns an, daß am andern Morgen um acht Uhr der Appell Zwecks der Waffenvertheilung stattfinden würde und rief uns dann zu: »Abtreten!« – worauf die Officiere die Straße zur Linken hinaufgingen und zusammen in ein großes Café traten, zu welchem fünfzehn Stufen hinaufführten. Aber wir Andern, und besonders die Italiener, die kein Wort Deutsch oder Französisch konnten – wohin sollten wir uns mit unserm Quartierbillet in einer solchen Stadt wenden? Mein erster Gedanke war, die Marketenderin unter dem Regenschirme anzusprechen. Es war eine alte, dicke, pausbäckige Elsässerin, und als ich sie fragte, wo die Kapuzinerstraße läge, antwortete sie mir: »Was bezahlst du?« Ich war also genöthigt, einen kleinen Schnaps mit ihr zu trinken. Dann sagte sie: »Schau, wenn du hier gerade gegenüber rechts um die Ecke biegst, wirst du die Kapuzinerstraße finden. Gute Nacht, Rekrut.« Sie lachte. Die Billets des langen Fürst und Zebede's lauteten ebenfalls auf die Kapuzinerstraße. Wir machten uns also auf den Weg, noch überglücklich, daß wir wenigstens zusammen durch die wildfremde Stadt hinken konnten. Fürst fand sein Quartier zuerst, aber das Haus war verschlossen, und während er an die Thür pochte, fand auch ich das meinige, in welchem zwei Fenster zur Linken erleuchtet waren. Ich drückte gegen die Thür, sie öffnete sich, und ich trat in einen dunkeln Haus stur, in welchem es nach frischem Brote roch, was mich innerlich erquickte. Zebede ging weiter. Ich rief in den Flur hinein: »Ist niemand da?« Und beinahe sogleich erschien oben auf einer hölzernen Treppe eine alte Frau, die die Hand vor eine brennende Kerze hielt. »Was wünschen Sie?« fragte sie mich. Ich sagte ihr, ich hätte ein Ouartierbillet auf sie erhalten. Sie kam herunter und sah das Billet an. Dann sagte sie auf Deutsch zu mir: »Kommen Sie!« Ich stieg also die Treppe hinauf. Im Vorübergehn bemerkte ich durch eine offen stehende Thür zwei mit Hosen bekleidete Männer, die bis zum Gürtel herab nackt und, vor zwei Backtrögen stehend, mit Teigkneten beschäftigt waren. Ich befand mich also bei einem Bäcker, und eben deshalb schlief auch die alte Frau noch nicht, denn zweifelsohne hatte sie ebenfalls zu thun. Sie trug eine Haube mit schwarzen Bändern und einen weiten Rock aus blauer Leinwand, der an Achselbändern hing. Ihre Arme waren bis zu den Ellbogen entblößt. Sie schien traurig zu sein. Oben führte sie mich in ein ziemlich großes Zimmer, in welchem ein Kachelofen und weiter hinten ein Bett stand. »Sie kommen spät,« bemerkte die Frau. »Ja, wir sind den ganzen Tag marschirt,« erwiderte ich, wobei ich kaum sprechen konnte. »Ich falle um vor Hunger und Ermüdung.« Nun betrachtete sie mich, und ich hörte, wie sie vor sich hin murmelte: »Armes Kind! Armes Kind!« Dann ließ sie mich am Ofen niedersitzen und fragte mich: »Sie haben wunde Füße?« »Ja, seit drei Tagen.« »Schön! Ziehen Sie Ihre Schuhe aus und diese Holzschuhe an,« entgegnete sie. »Ich komme gleich wieder.« Sie ließ das Licht auf dem Tische stehen und ging hinunter. Ich legte den Tornister ab und zog die Schuhe aus. Ich hatte Blasen an den Füßen und dachte: »Mein Gott ... mein Gott ... kann man soviel aushalten? Wär's nicht besser, man wäre todt?« Diesen Gedanken hatte ich während des Marsches schon hundert Mal gehabt. Jetzt aber, hier am warmen Ofen, fühlte ich mich so müde, so unglücklich, daß ich trotz Katherine, trotz der Tante Gredel, Herrn Gouldens und Aller, die mir wohlwollten, für immer hätte einschlafen mögen. Ich befand mich zu miserabel! Während ich an diese Dinge dachte, ging die Thür auf, und ein großer, starker Mann mit schon grauen Haaren trat ins Zimmer. Es war einer von den beiden, die ich unten bei der Arbeit gesehen hatte. Er hatte ein Hemd übergezogen und hielt einen Krug und zwei Gläser in der Hand. »Guten Abend!« sagte er, indem er mich mit ernster Miene ansah. Ich nickte mit dem Kopfe. Hinter dem Manne trat die Alte ein. Sie brachte einen hölzernen Kübel und stellte ihn vor meinem Sitze auf die Erde. »Nehmen Sie ein Fußbad,« sagte sie, »das wird Ihnen wohlthun.« Ich wurde gerührt bei diesem Anblick und dachte: »Es giebt doch noch gute Menschen auf der Welt!« Dann zog ich meine Strümpfe aus. Da die Blasen offen waren, bluteten sie, und die gute Alte wiederholte: »Armes Kind! armes Kind!« Der Mann fragte mich: »Woher sind Sie?« »Aus Pfalzburg in Lothringen.« »Ah, schön!« sagte er. Nach einigen Augenblicken wandte er sich dann an seine Frau: »Hole doch einen von unsern Brotkuchen heraus. Der junge Mann wird ein Glas Wein trinken, und dann wollen wir ihn in Frieden schlafen lassen, denn er bedarf der Ruhe.« Dabei rückte er den Tisch vor mich hin, so daß ich die Füße im wohlthuenden Bade und den Weinkrug vor mir hatte. Dann füllte er unsere Gläser mit gutem Weißwein und sagte: »Auf Ihr Wohlsein!« Die Hausmutter war hinausgegangen und kam jetzt mit einem großen, noch warmen Brotkuchen zurück, der ganz mit frischer, halb zerschmolzener Butter bedeckt war. Jetzt erst empfand ich, wie sehr mich hungerte: ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. Es scheint, daß die guten Leute das bemerkten, denn die Frau sagte: »Ehe Sie essen, mein Kind, müssen Sie die Beine aus dem Wasser nehmen.« Und ehe ich begriffen hatte, was sie thun wollte, bückte sie sich und trocknete mir mit der Schürze die Füße ab. »Mein Gott, Madame,« rief ich, »Sie behandeln mich, als ob ich Ihr Kind wäre!« Nach einer kleinen Pause erwiderte sie: »Wir haben auch einen Sohn bei der Armee.« Ich hörte, wie ihre Stimme bei den Worten zitterte, und das Herz blutete mir: ich dachte an Katherine und Tante Gredel und konnte nichts mehr erwidern. »Essen und trinken Sie,« sagte der Mann, indem er den Kuchen in Streifen schnitt. Das that ich denn auch mit einem Wohlbehagen, das ich noch nie kennen gelernt hatte. Die Beiden sahen mir schweigend zu. Als ich fertig war, stand der Mann auf. »Ja,« sagte er, »wir haben auch einen Sohn bei der Armee. Er ist im vergangenen Jahre mit nach Rußland gezogen, und wir haben keine Nachrichten von ihm erhalten ... Diese Kriege sind entsetzlich!« Er sprach das zu sich selbst, indem er träumerisch mit auf dem Rücken gekreuzten Armen im Zimmer umherging. Ich fühlte, wie mir die Augen zufielen. Plötzlich sagte der Mann: »Nun, gute Nacht.« Damit ging er hinaus. Seine Frau folgte ihm mit dem Wasserkübel. »Tausend Dank!« rief ich ihnen nach. »Möge Gott Ihren Sohn zurückführen!« Dann entkleidete ich mich, legte mich zu Bett und verfiel in einen tiefen Schlaf. 9. Am andern Morgen erwachte ich gegen sieben Uhr. Ein Trompeter an der Ecke der Kapuzinerstraße blies zum Sammeln; Alles regte sich: man hörte Pferde, Wagen und Menschen vorüberziehen. Mir thaten die Füße zwar noch etwas weh, aber im Vergleich zu den vorigen Tagen war das nichts. Als ich reine Strümpfe angezogen hatte, fühlte ich mich wie neu geboren. Ich war fest auf den Beinen und sagte zu mir selbst: »Wenn das so fortgeht, Joseph, wirst du der reine Springinsfeld. Nur der Anfang ist schwer.« In dieser glücklichen Stimmung kleidete ich mich an. Die Bäckerfrau hatte meine Schuhe, nachdem sie dieselben mit heißer Asche gefüllt, damit sie nicht zusammenkröchen, zum Trocknen neben den Ofen gestellt. Sie waren gut geschmiert und glänzten. Endlich nahm ich meinen Tornister auf den Rücken und stieg, ohne mir Zeit zu nehmen, den braven Leuten, die mich so gut aufgenommen hatten, meinen Dank abzustatten, die Treppe hinunter. Ich gedachte dieser Pflicht nach dem Appell zu genügen. Auf dem Platze am Ende der Straße standen schon viele von unsern Italienern wartend und zähneklappernd um den Springbrunnen herum. Fürst, Klipfel und Zebede kamen einen Augenblick später an. Auf der ganzen einen Seite des Platzes erblickte man nichts als Kanonen und Laffeten. Badische Husaren, unter denen sich auch einige Trainsoldaten und Dragoner befanden, führten ihre Pferde zur Tränke. Uns gegenüber lag eine Kavallerie-Kaserne, so hoch wie die Pfalzburger Kirche, und auf den andern drei Seiten des Platzes erhoben sich alte, spitzgieblige, mit Sculpturen geschmückte Häuser wie in Zabern, nur waren sie weit größer. Ich hatte noch nie dergleichen gesehen. Als ich mich aber aufmerksam umsah, begannen die Trommeln zu wirbeln. Jeder nahm seinen Platz im Gliede ein. Hauptmann Vidal eilte mit dem Mantel auf der Schulter herbei. Aus einer Thorwölbung uns gegenüber kamen Wagen zum Vorschein, und man schrie uns erst auf Italienisch, dann auf Französisch zu, man würde die Waffen vertheilen, und Jeder müsse beim Aufrufen seines Namens vortreten. Die Wagen hielten zehn Schritt vor uns still, und der Appell begann. Jeder trat ans dem Gliede, sobald die Reihe an ihn kam, und empfing eine Patrontasche, einen Säbel, ein Bajonett und eine Flinte. Man hing sich das über die Blouse, den Rock oder den Kittel, und so sahen wir mit unsern Hüten, Mützen und Waffen wie eine wahre Räuberbande aus. Ich empfing eine Flinte, die so groß und schwer war, daß ich sie kaum schleppen konnte. Und da die Patrontasche mir beinahe bis auf die Waden herabhing, zeigte mir der Sergeant Pinto, wie man die Riemen kürzer schnallt. Das war ein braver Mann. Alle diese Wehrgehänge, die mir kreuzweis über die Brust liefen, schienen mir etwas Schreckliches, und ich sah nun wohl ein, daß unsere Noth nicht so bald ein Ende haben würde. Nachdem die Waffen vertheilt waren, näherte sich ein Munitionswagen, und man gab jedem von uns fünfzig Patronen, was nichts Gutes verkündete. Dann, anstatt uns abtreten zu lassen und uns in unsere Quartiere zu schicken, wie ich erwartete, zog Hauptmann Vidal seinen Degen und commandirte: »In Gliedern rechts um! ... Vorwärts! ... Marsch!« Und die Trommeln begannen zu wirbeln. Ich war untröstlich, daß ich meinen Wirthsleuthen nicht einmal für das Gute danken konnte, was sie an mir gethan hatten. »Sie werden dich für einen Undankbaren halten!« sagte ich zu mir selbst. Doch ich mußte wohl oder übel mit den Andern weiter. Wir marschirten durch eine lange, gewundene Straße und befanden uns plötzlich außerhalb des Glacis am Ufer des Rheins, der in unabsehbarer Weite mit Eis bedeckt war. Auf dem gegenüberliegenden Ufer erhoben sich hohe Berge und auf diesen altersgraue, verfallene Schlösser, die den Burgen Haut-Bar und Geroldseck in den Vogesen glichen. Das ganze Bataillon stieg nun zum Rhein hinunter, den wir überschritten. Es war ein prächtiger, blendender Anblick. Wir befanden uns nicht allein auf dem Eise: fünf- oder sechshundert Schritte vor uns bewegte sich ein Pulvertransport, der von Trainsoldaten geleitet wurde, auf der Straße nach Frankfurt zu. Das Eis war übrigens nicht glatt, sondern mit einer Art Rauhreif bedeckt. Nachdem wir auf dem andern Ufer angelangt waren, ließ man uns einen Weg einschlagen, der sich zwischen zwei Berghalden hinzog. Wir marschirten in dieser Weise fünf Stunden lang. In den Krümmungen des Gebirges erblickten wir bald zur Rechten, bald zur Linken zahlreiche Dörfer, und Zebede, der neben mir marschirte, bemerkte: »Da es denn einmal marschirt sein muß, ist's mir lieb, daß es in den Krieg geht. Wir werden wenigstens alle Tage etwas Neues sehen, und wenn wir so glücklich sind, wieder nach Hause zu kommen, werden wir alles Mögliche erzählen können.« »Gewiß,« entgegnete ich ihm, »aber mir wäre es doch weit lieber, wenn ich weniger zu wissen bekäme. Ich möchte lieber für meine eigene als für Rechnung Anderer leben, die ruhig zu Hause sitzen, während wir hier im Schnee herumwaten.« »Du bringst den Ruhm nicht in Anschlag,« erwiderte er. »Er bedeutet aber doch etwas, der Ruhm.« Und ich gab darauf zur Antwort: »Der Ruhm ist nicht für uns, Zebede, sondern für Andere, die dabei gut leben, gut essen und gut schlafen. Wie man aus den Zeitungen ersieht, haben sie Bälle und Vergnügungen und den Ruhm noch obendrein, sobald wir ihn mit unsern Knochen, durch Schweiß und Hunger errungen haben. Die armen Teufel wie wir, die man zwingt, ins Feld zu ziehen, haben nicht viel Ehre davon, wenn sie am Ende zurückkommen, nachdem sie die Lust zur Arbeit und manchmal wohl auch ein Glied verloren haben. Eine Menge ihrer früheren Kameraden, die nicht tüchtiger waren als sie und wohl gar weniger gut arbeiteten, haben inzwischen in den sieben Jahren Geld verdient, ein Geschäft eröffnet, die Geliebten der Andern geheirathet, haben schöne Kinder, sind angesehene Männer, Stadträthe, vornehme Leute. Und wenn nun diejenigen, welche von der Jagd nach dem Ruhm und vom Menschengemetzel zurückkehren, mit ihren Chevrons auf dem Aermel vorübergehen, sehen jene sie über die Achsel an, und haben sie unglücklicher Weise eine rothe Nase, weil sie, während die Andern Wein schlürften, Schnaps tranken, um sich bei Wind und Wetter und auf den Eilmärschen zu erwärmen, so sagen sie: »Es sind Trunkenbolde!« Und jene Rekruten, die nichts Anderes verlangten, als zu Hause zu bleiben und zu arbeiten, werden am Ende eine Art Bettler! Das ist meine Ansicht von der Sache, Zebede. Ich finde das Alles nicht ganz recht und billig und sähe lieber, die Ruhmgierigen gingen selber in den Kampf und ließen uns in Frieden.« Darauf erwiderte er mir: »Ich denke ganz so wie du. Da wir aber einmal gefaßt sind, ist es besser, wir sagen, wir schlügen uns für den Ruhm. Man muß immer die Ehre seiner Stellung wahren und den Leuten den Glauben beibringen, man befinde sich wohl darin. Sonst wäre man im Stande, Joseph, und machte sich noch lustig über uns.« Während wir über diese und einige andere Dinge unsere Gedanken austauschten, erblickten wir endlich einen großen Strom, was nach Aussage des Sergeanten der Main war, und an dem Strome ein Dorf, durch welches uns der Weg führte. Wir wußten den Namen des Dorfes nicht, machten aber Halt dort. Wir traten nun in die Häuser, und jeder konnte sich Schnaps, Wein und Fleischwaaren kaufen. Wer kein Geld hatte, aß sein Schwarzbrot und sah den Andern zu. Gegen sechs Uhr Abends gelangten wir nach Frankfurt. Diese Stadt ist noch älter als Mainz und voller Juden. Man führte uns nach einem Orte Namens Sachsenhausen, wo das zehnte Husarenregiment und badische Jäger in einer Kaserne lagen. Wie ich mir habe erzählen lassen, war das alte Gebäude früher ein Hospital gewesen, und ich glaube es gern, denn im Innern befand sich ein großer Hof mit gemauerten Arkaden. Unter diese Arkaden hatte man die Pferde eingestellt, und darüber wohnten die Mannschaften. Durch zahllose Gassen, die so eng waren, daß man kaum die Sterne zwischen den Schornsteinen sah, gelangten wir endlich an den Ort unserer Bestimmung. Der Hauptmann Florentin und die beiden Lieutenants Clavel und Bretonville erwarteten uns. Nach dem Appell führten die Sergeanten uns detachementsweise in die Stuben, die über denen der Badenser lagen. Es waren das große Säle mit kleinen Fenstern. Zwischen den Fenstern standen die Betten. Sergeant Pinto hing seine Laterne an den Pfeiler in der Mitte der Stube. Dann stellte jeder seine Waffen auf das Wehrgestell und entledigte sich, ohne ein Wort zu sagen, des Tornisters, der Blouse und der Schuhe. Zebede war mein Schlafkamerad. Gott weiß, ob wir müde waren. Nach zwanzig Minuten schliefen wir wie die Todten. 10. Erst in Frankfurt lernte ich das Soldatenleben kennen. Bis dahin war ich nur einfacher Rekrut gewesen, jetzt wurde ich Soldat. Ich spreche hier nicht vom Exerciren, nein! Die Art und Weise, wie man auf Commando Augen rechts! und Augen links! machen, Vordermann halten, beim Laden die Hand an den untern oder den Mittlern Gewehrring legen, anschlagen und Gewehr auf! machen muß – das lernt man mit gutem Willen in ein oder zwei Monaten. Aber ich lernte Disciplin d. h. daß der Korporal immer Recht hat, wenn er mit dem Soldaten, der Sergeant, wenn er mit dem Korporal, der Feldwebel, wenn er mit dem Sergeanten, der Seconde-Lieutenant, wenn er mit dem Feldwebel spricht, und so fort bis zum General-Feldmarschall – sollte auch der Vorgesetzte behaupten, daß zwei und zwei fünf sei, oder daß am hellen, lichten Tage der Mond scheine. Das will einem schwer in den Kopf, aber ein Ding erleichtert einem das Verständniß nicht wenig: nämlich eine Art Placat, welches in den Stuben angeschlagen ist, und welches von Zeit zu Zeit vorgelesen wird, um einem das Begriffsvermögen zu stärken. Dies Placat setzt Alles voraus, was zu thun einen Soldaten gelüsten kann, wie z. B. in die Heimat zurückzukehren, den Dienst zu verweigern, sich seinem Vorgesetzten zu widersetzen u.s.w., und das endet immer mit dem Tode oder zum Wenigsten mit fünf Jahr Galeerenstrafe. Am Tage nach unserer Ankunft in Frankfurt schrieb ich an Herrn Goulden, Katherine und Tante Gredel – und man kann sich denken, mit welcher Rührung und Ergriffenheit. Indem ich mich so gegen sie aussprach, war mir, als ob ich noch immer bei ihnen wäre. Ich erzählte ihnen von den Strapazen, von den Wohlthaten, die mir in Mainz zu Theil geworden, und von dem Muthe, dessen es bedurfte, um mich vor dem Liegenbleiben zu bewahren. Auch schrieb ich ihnen, daß ich Gott sei Dank immer munter und gesund sei, mich kräftiger fühle als vor dem Ausmarsche und sie viel tausendmal umarme und küsse. Ich schrieb auf unserer Stube, mitten unter meinen Kameraden, und die Pfalzburger trugen mir Grüße für ihre Familie auf. Kurzum, es war ein schöner Augenblick. Dann schrieb ich auch nach Mainz an die braven Leute in der Kapuzinerstraße, die mich gewissermaßen vor der Verzweiflung gerettet hatten. Ich setzte ihnen auseinander, daß der Sammelruf mich an jenem Morgen zu unverzüglichem Aufbruch genöthigt und ich gehofft hätte, sie wiederzusehen und ihnen meinen Dank abzustatten, daß sie mir aber, da das Bataillon auf der Stelle nach Frankfurt abgegangen wäre, verzeihen möchten. Am Nachmittage desselben Tages wurden wir eingekleidet. Einige Dutzend Juden drängten sich bis unter die Arkaden, und Jeder verkaufte seine Civil-Effekten an sie. Ich behielt nur meine Hemden, meine Strümpfe und meine Schuhe. Die Italiener hatten große Noth, sich diesen Händlern verständlich zu machen, die Alles für ein Nichts an sich bringen wollten, die Genueser aber waren eben so gerieben wie die Juden, und daher dauerten die Erörterungen und Auseinandersetzungen bis in die Nacht. Unsere Korporale wurden jetzt mehr als einmal traktirt; man mußte sie sich zu Freunden machen, da sie uns Morgens und Abends auf dem schneebedeckten Hofe im Exerciren übten. Die Marketenderin Christine saß dabei immer in ihrem Winkel, die Feuerkieke unter den Füßen, und widmete allen jungen Leuten von gutem Herkommen – so nannte sie nämlich diejenigen, die etwas drauf gehen ließen – die gebührende Aufmerksamkeit und Achtung. Wie Viele von uns ließen sich da nicht bis zum letzten Heller ausziehen, um sich »junge Leute von gutem Herkommen« nennen zu hören! Später waren sie natürlich nur noch Lumpenpack! aber was wollt ihr? Die Eitelkeit! ... die Eitelkeit! ... sie verdirbt das ganze menschliche Geschlecht vom Rekruten bis zum General. Während dieser Zelt kamen täglich neue Rekruten aus Frankreich und aus Polen Karren voll Verwundeter an. Welches Schauspiel vor dem Heiligen Geist-Spitale auf der andern Seite des Flusses! Es war ein endloser Zug! Alle diese Unglücklichen hatten erfrorene Gliedmaßen: dem Einen war die Nase, dem Andern die Ohren, einem Dritten ein Arm, einem Vierten ein Bein erfroren, und man legte sie daher in den Schnee, damit sie nicht in Stücke fielen. Ihre Kleidung war die elendeste, die man sich denken kann: Weiberröcke, abgeschabte Pelzmützen, eingedrückte Tschakos, Kosakenmäntel u.s.w. Um die Füße hatten sie Taschentücher oder Hemden gewickelt. Nur mit Mühe kletterten sie von den Wagen herab und schauten Einen dabei mit ihren eingesunkenen Augen und wirr um das Gesicht hängenden Haaren an wie wilde Thiere. Die Zigeuner, die ihr Nachtquartier in den Wäldern haben, hätten Mitleid mit ihnen gehabt! Und doch waren das noch die glücklichsten, da sie dem Tode entronnen waren, während Tausende ihrer Kameraden im Schnee oder auf den Schlachtfeldern ihr Ende gefunden hatten. Klipfel, Zebede, Fürst und ich besuchten die Unglücklichen. Sie erzählten uns das ganze Unglück von der Eroberung Moskaus ab, und ich sah nun wohl, daß das fürchterliche neunundzwanzigste Bulletin nur die Wahrheit gesagt hatte. Diese Erzählungen brachten uns gewaltig in Harnisch gegen die Russen. Mehrere von uns sagten: »Ha! wenn's nur bald wieder losginge! Diesmal sollen sie ordentliche Schläge besehen ... es ist noch nicht aller Tage Abend!« Ihre Wuth steckte sogar mich an, und zuweilen dachte ich: »Joseph, bist du denn jetzt verrückt? Die Russen vertheidigten ihr Land, ihre Familien, Alles, was dem Menschen am heiligsten auf Erden ist. Hätten sie es nicht gethan, so würde man sie mit Recht verachten.« Um diese Zeit fiel noch etwas Außergewöhnliches vor. Ihr müßt nämlich wissen, daß mein Bettkamerad Zebede der Sohn des Pfalzburger Todtengräbers war, und daß wir ihn daher zuweilen unter uns: »Todtengräber« nannten. Von uns ließ er sich das gefallen. Als er aber eines Abends nach dem Exerciren über den Hof ging, rief ihm ein Husar zu: »He da! Todtengräber! hilf mir diese Strohbündel fortschaffen!« Zebede drehte sich um und erwiderte ihm: »Ich heiße nicht Todtengräber, und Sie haben Ihre Strohbündel selbst zu tragen! Halten Sie mich etwa für einen Dummkopf?« Darauf schrie der Andere noch lauter: »Rekrut, willst du wohl herkommen, oder nimm dich in Acht!« Zebede mit seiner Habichtsnase, seinen grauen Augen und dünnen Lippen war durchaus keine sanftmüthige Seele. Er ging auf den Husaren zu und fragte ihn: »Was sagen Sie da?« »Ich sage dir, du sollst diese Strohbündel fortschaffen, und das schnell – verstehst du, Rekrut?« Es war ein Alter mit Schnurrbart und dickem, rothen, kurz geschorenen Backenbart, wie er in Chambord Mode ist. Zebede packte ihn an der einen Hälfte des Backenbarts, der Andere aber gab ihm ein Paar tüchtige Ohrfeigen. Trotzdem blieb eine Handvoll Haare in Zebede's Händen, und da der Streit eine Menge Menschen herbeigezogen hatte, sagte der Husar, indem er mit dem Finger drohte: »Rekrut, morgen früh wirst du von mir hören.« »Schön,« entgegnete Zebede, »wir werden sehen. Auch Sie werden von mir hören, Alter. Dann kam er sogleich zu mir, um mir die Geschichte zu erzählen, und ich, der ich wußte, daß er nie auch nur eine gewöhnliche Hacke gehandhabt hatte, zitterte unwillkürlich für ihn. »Höre, Zebede,« sagte ich, »da du nicht desertiren kannst, bleibt dir jetzt nichts Anderes übrig, als den Alten um Verzeihung zu bitten. Denn diese Veteranen sind Alle auf fürchterliche Hiebe eingeübt, die sie aus Aegypten, Spanien und anderswoher mitgebracht haben. Glaube mir! Wenn du willst, borge ich dir einen Thaler, damit du eine Flasche Wein für ihn bezahlen kannst – das wird ihn besänftigen.« Er aber runzelte die Stirn und wollte von nichts hören. »Ehe ich mich entschuldigte, würde ich mich lieber auf der Stelle aufhängen,« sagte er. »Ich schere mich den Teufel um alle die Husaren zusammen genommen! Wenn er gute Hiebe kennt, so habe ich lange Arme und an der Spitze meines Säbels ebenfalls Hiebe sitzen, Hiebe, die ihm eben so gut in die Knochen, als mir die seinen ins Fleisch schneiden werden.« Er war noch empört über die Ohrfeigen. Gleich darauf kamen der Fechtmeister Chazy, der Korporal Fleury, Klipfel, Fürst und Leger. Sie Alle gaben Zebede Recht, und der Fechtmeister behauptete, die Ohrfeigen könnten nur mit Blut abgewaschen werden, und es wäre eine Ehre für die neuen Rekruten, sich zu schlagen. Zebede entgegnete, die Pfalzburger hätten noch nie vor einem Aderlasse Furcht gehabt, und er wäre bereit. Der Fechtmeister begab sich darauf zum Compagnie-Chef Florentin, dem prächtigsten Menschen, den man sich nur denken kann; er war groß und hager, hatte eine geradlinige Nase und breite Schultern und in der Schlacht bei Eylau das Kreuz der Ehrenlegion erhalten. Der Hauptmann fand es sehr einfach, daß man sich wegen einer Ohrfeige duellire. Er meinte sogar, das würde ein gutes Beispiel für die Rekruten sein, und wenn Zebede sich nicht schlage, wäre er nicht würdig, noch ferner dem dritten Bataillon des sechsten Regiments anzugehören. Ich konnte die ganze Nacht kein Auge schließen. Ich hörte meinen Kameraden neben mir schnarchen und dachte: »Armer Zebede, morgen Abend wirst du nicht mehr schnarchen!« Es schauderte mich, neben einen solchen Menschen gebettet zu sein. Gegen Morgen war ich endlich etwas eingeschlafen, als ich plötzlich einen kalten Luftzug verspüre. Ich öffne die Augen, und was erblicke ich? Den alten, rothbärtigen Husaren, der unsere Bettdecke weggezogen hatte und rief: »He da, aufgestanden, Faulpelz! Ich will dich lehren, mit was für Holz ich mich wärme.« Zebede richtete sich auf und erwiderte: »Ich schlief, Veteran, ich schlief.« Als der Andere sich Veteran nennen hörte, wollte er über meinen Kameraden herfallen, zwei lange, große Schlingel aber, die ihm als Zeugen dienten, hielten ihn zurück, und außerdem waren auch alle Pfalzburger auf dem Platze. »Wir wollen sehen ... wollen sehen ... schnell! schnell!« ... schrie der Alte. Aber Zebede kleidete sich ohne alle Ueberstürzung an. Nach einigen Minuten fragte er: »Wird es uns auch gestattet werden, das Quartier zu verlassen?« »Hinter dem Arrestlokal ist Platz genug zum Schlagen,« erwiderte einer von den Husaren. Es war das ein mit Brennnesseln bewachsener Fleck hinter dem Wasserfang der Arreststube, den eine Mauer einschloß, und den man von unsern Stubenfenstern aus sehr gut sehen konnte, da er gerade darunter nach dem Flusse zu lag. Zebede zog seinen Mantel an und sagte, indem er sich an mich wandte: »Joseph, und du, Klipfel ... ich wähle euch zu meinen Zeugen.« Ich aber schüttelte den Kopf. »Nun, dann komm du mit, Fürst!« sagte er. Und Alle stiegen zusammen die Treppe hinunter. Ich hielt Zebede für verloren. Das schmerzte mich tief und ich dachte: »Seht, nicht genug, daß die Russen und Preußen uns niedersäbeln, nun bemengen sich auch noch die Unsern damit!« Die ganze Stube stand an den Fenstern, nur ich blieb hinten auf dem Bette sitzen. Nach fünf Minuten machte mich das Klirren der Säbel unten todtenblaß: ich hatte keinen Tropfen Blut mehr in den Adern. Aber das dauerte nicht lange, denn plötzlich rief Klipfel: »Touchirt!« Nun weiß ich nicht, wie ich ans Fenster kam, als ich aber den Andern über die Schultern blickte, sah ich, wie der Husar an der Mauer lehnte und Zebede sich mit blutgeröthetem Säbel aufrichtete: er war während des Kampfes auf die Kniee gefallen. Der Säbel des Alten, der beim Stoße weit ausfiel, war über seine Schulter hingefahren, und er hatte, ohne eine Secunde zu verlieren, den seinen dem Husaren in den Leib gestoßen. Wenn er nicht das Glück gehabt hätte, auszugleiten, würde der Alte ihm das Herz durchbohrt haben. Das Alles sah ich mit einem einzigen Blick. Der Husar sank gegen die Mauer, seine Zeugen hielten ihn bei den Armen aufrecht, und Zebede, der todtenblaß geworden war, sah seinen Säbel an, wahrend Klipfel ihm den Mantel hinhielt. Gleich darauf schlug man Reveille, und wir gingen zum Früh-Appell hinunter. Es war das am 18. Februar. Am selben Tage erhielten wir Ordre, uns marschfertig zu machen, und marschirten von Frankfurt nach Seligenstadt, wo wir bis zum 8. März blieben. Alle Rekruten wußten jetzt mit dem Gewehre und dem Exerciren in Zügen umzugehen. Von Seligenstadt marschirten wir am 9. März nach Schweinheim, und am 24. März 18l3 vereinigte sich das Bataillon mit der Division in Aschaffenburg, wo der Marschall Ney uns Revue passiren ließ. Der Hauptmann der Compagnie hieß Florentin, der Lieutenant Bretonville, der Bataillons-Commandeur Gemeau, der Bataillons-Adjutant Vidal, der Oberst des Regiments Zapfel, der General der Brigade Ladoucette, und der General der Division Souham – das muß jeder Soldat wissen, wenn er nicht wie ein Blinder umhermarschiren will. 11. Am 18. oder 19. März hatte der Schnee zu schmelzen begonnen. Während der großen Revue bei Aschaffenburg auf einer weiten Ebene, von wo man den Main sieht, so weit das Auge reicht, regnete es, wie ich mich erinnere, ohne Unterbrechung von zehn Uhr Morgens bis drei Uhr Nachmittags. Zur Linken hatten wir ein Schloß, dessen Bewohner recht behaglich aus den hohen Fenstern schauten, während uns das Wasser in die Stiefel lief. Zur Rechten brodelte und schäumte der Fluß, der nur durch eine Nebelwolke zu erblicken war. Um uns überdies munter zu erhalten, commandirte man alle Augenblicke: »Faßt's Gewehr an! Gewehr ab!« Der Marschall kam mit seinem Stabe langsam näher. Was Zebede tröstete, war, daß wir den Bravsten der Braven sehen sollten. Ich für mein Theil dachte: »Wenn ich ihn zu Hause sehen könnte, würde es mir mehr Vergnügen machen.« Endlich kam er vor unsere Front. Ich sehe ihn noch mit seinem großen, vom Regen durchnäßten Hute, seinem blauen, mit Stickereien und Orden bedeckten Rocke und seinen großen Stiefeln. Er war ein schöner Mann mit rothblondem Haar, aufgestülpter Nase und lebhaftem Auge und schien sehr kräftig zu sein. Er war durchaus nicht stolz, denn als er an der Compagnie vorüberritt und der Hauptmann das Gewehr präsentiren ließ, wandte er sich plötzlich auf seinem großen Pferde um und sagte ganz laut: »Sieh da ... Florentin!« Der Hauptmann nahm eine straffe Haltung an, ohne zu wissen, was er antworten sollte. Es scheint, daß er und der Marschall zur Zeit der Revolution als einfache Soldaten zusammen gedient hatten. Endlich erwiderte der Hauptmann: »Ja, Marschall ... Sebastian Florentin.« »Meiner Treu, Florentin,« entgegnete der Marschall, indem er den Arm in der Richtung ausstreckte, in welcher Rußland liegen mußte, »ich bin froh, daß ich dich wiedersehe. Ich glaubte dich schon da unten begraben.« Unsere ganze Compagnie war über diese Scene erfreut, und Zebede sagte zu mir: »Das heißt doch ein Mann! Ich ließe mir den Schädel für ihn einschlagen!« Ich begriff nicht, warum Zebede sich den Schädel einschlagen lassen wollte, weil der Marschall zu seinem alten Kameraden Guten Tag gesagt hatte. Das ist Alles, was mir von Aschaffenburg in der Erinnerung geblieben ist. Am Abend kehrten wir zum Abkochen nach Schweinheim zurück, einem Flecken, der reich an Wein, Hanf und Getreide ist, und wo uns beinahe alle Welt schief ansah. Wir lagen wie Executionstruppen zu dreien und vieren in den Häusern und hatten alle Tage Fleisch, sei es nun Rindfleisch oder Hammelfleisch oder Speck. Das hausbackene Brot war ausgezeichnet und der Wein ebenfalls. Mehrere von uns aber, welche glaubten, sich durch dieses Mittel als große Herrn geltend machen zu können, stellten sich, als fänden sie Alles schlecht. Sie irrten sich in diesem Mittel, denn ich hörte, wie die Bürger auf deutsch sagten: »Die sind zu Hause weiter nichts als Bettler! Besuchte man sie in Frankreich, so würde man nur Kartoffeln in ihrer Baracke finden.« Und sie täuschten sich darin nie, so daß ich seitdem schon oft gedacht habe: wer bei Andern allzu wählerisch ist, ist zu Hause ein armer Teufel! Kurzum, ich für mein Theil war sehr zufrieden, so gebettet zu sein, und wünschte, das den ganzen Feldzug über dauern zu sehen. Ich lag mit zwei andern Rekruten aus Sangdiedel bei dem Postmeister des Dorfes, dessen Pferde fast sämmtlich für unsere Kavallerie requirirt worden waren. Das konnte ihn natürlich nicht gut gelaunt machen, aber er sagte nichts und rauchte von Morgens bis Abends hinter dem Ofen seine Pfeife. Seine Frau war groß und stark und seine beiden Töchter recht hübsch. Sie fürchteten sich vor uns und flohen, wenn wir vom Exerciren oder von der Wache, die am Ende des Dorfes lag, zurückkamen. Am Abend des vierten Tages, als wir gerade beim Beenden des Abendbrots waren, kam in einen schwarzen Mantel gehüllt gegen sieben Uhr ein Greis mit weißem Kopfe und ehrwürdigem Gesicht. Er grüßte uns und sagte dann auf deutsch zu dem Postmeister: »Das sind neue Rekruten?« »Ja, Herr Stenger,« entgegnete der Postmeister. »Wir werden diese Leute unser Lebtag nicht los werden. Wenn ich sie Alle zusammen vergiften könnte, sollte es wahrhaftig bald gethan sein.« Ich wandte mich darauf ruhig um und sagte: »Ich verstehe deutsch ... sagen Sie also nicht dergleichen Dinge.« Kaum hatte der Postmeister meine Worte vernommen, als ihm beinahe die lange Pfeife aus der Hand fiel. »Sie sind sehr unvorsichtig mit Ihren Reden, Herr Kalkreuth!« sagte der Greis. »Bedenken Sie, was Ihnen geschehen wäre, wenn ein Anderer als dieser junge Mann Sie verstanden hätte.« »Es war ja nur eine Redensart,« entgegnete der dicke Postmeister. »Was wollen Sie? Wenn einem Alles genommen, wenn man jahrelang geplündert wird, weiß man am Ende nicht mehr, was man sagen soll, und schwatzt verkehrtes Zeug.« Der Greis, der kein Anderer als der Pfarrer von Schweinheim war, grüßte mich darauf und sagte: »Mein Herr, Ihre Handlungsweise ist die eines braven Mannes. Seien Sie auch überzeugt, daß Herr Kalkreuth nicht fähig ist, Böses zu thun, selbst nicht an seinen Feinden.« »Das glaube ich gern, mein Herr,« erwiderte ich, »sonst würde ich nicht so bereitwillig seine Würstchen essen.« Bei diesen Worten begann der Postmeister, indem er wie ein Kind seine beiden breiten Hände auf den Bauch legte, laut zu lachen und rief: »Ich hätte doch nie gedacht, daß ein Franzose mich je zum Lachen bringen würde!« Meine beiden Kameraden hatten Wache; sie gingen daher fort, und ich blieb allein. Nun holte der Postmeister eine Flasche alten Wein, setzte sich an den Tisch und wollte mit mir trinken, was ich auch herzlich gerne that. Und von diesem Tage an bis zu unserm Abmarsch hatten die Leute viel Vertrauen zu mir. Jeden Abend setzten wir uns um den Ofen und plauderten. Der Pfarrer gesellte sich dabei zu uns, und sogar die jungen Mädchen kamen herunter, um zuzuhören. Sie waren beide blond und hatten blaue Augen; die Eine konnte achtzehn, die Andere zwanzig Jahre alt sein. Ich fand eine Aehnlichkeit zwischen ihnen und Katherine, die mein Herz bewegte. Man wußte, daß ich in der Heimat eine Geliebte hatte, weil ich nicht umhin gekonnt hatte, es zu sagen, und das rührte sie. Der Postmeister beklagte sich bitter über die Franzosen, und der Pfarrer behauptete, es wäre eine eitle, wenig sittsame Nation, und aus diesem Grunde würde sich ganz Deutschland gegen uns erheben; man sei der schlechten Sitten unserer Soldaten und der Habsucht ihrer Generale müde und habe den »Tugendbund« gestiftet, um uns zu bekämpfen. »In der ersten Zeit,« sagte er zu mir, »sprachet ihr mit uns von Freiheit, und wir hörten das gern und beteten lieber für eure Heere als für die des Königs von Preußen und des Kaisers von Oestreich; ihr führtet Krieg mit unsern Soldaten und nicht mit uns; ihr kämpftet für Ideen, die jeder groß und gerecht fand, und darum hattet ihr nicht mit den Völkern, sondern mit ihren Herren zu thun. Heute ist das ganz anders: ganz Deutschland wird marschiren, die ganze Jugend sich erheben, und wir jetzt Frankreich gegenüber von Tugend, Freiheit und Gerechtigkeit reden! Wer im Namen dieser Dinge spricht, ist immer der Stärkere, weil er gegen sich nur die Schurken aller Länder hat, für sich aber die Jugend, den Muth, die großen Ideen, Alles, was die Seele über den Egoismus erhebt und uns unser Leben ohne Bedauern opfern läßt. Lange habt ihr das Alles für euch gehabt, aber ihr habt es nicht mehr gewollt! Ich erinnere mich, als vor Zeiten eure Generale für die Freiheit kämpften, da schliefen sie in den Scheunen, auf dem Stroh wie einfache Soldaten: es waren furchtbare Männer! Heute brauchen sie Polstersitze und sind stolzer als unsere Edelleute, reicher als unsere Banquiers. Das macht, weil der Krieg, sonst das Höchste, eine Kunst, ein Opfer, eine Hingebung an das Vaterland, ein Handwerk geworden ist, das mehr einträgt als ein Geschäft. Er ist noch immer sehr adlig, weil man Epauletten trägt, aber es ist doch ein Unterschied dabei, ob man für unsterbliche Ideen kämpft oder nur, um sein Geschäft einträglicher zu machen. »Heute ist an uns die Reihe, von Freiheit und Vaterland zu reden, und deshalb glaube ich, daß dieser Krieg euch verderblich werden wird. Alle denkenden Menschen, vom einfachen Studenten an bis zum Professor der Theologie, werden gegen euch marschiren. Ihr habt an eurer Spitze den größten Feldherrn der Welt, wir aber haben die ewige Gerechtigkeit. Ihr glaubt die Sachsen, die Baiern, die Badenser und die Hessen für euch zu haben – kommt zur Einsicht: die Kinder des alten Deutschlands wissen sehr wohl, daß es das größte Verbrechen und die größte Schande ist, gegen seine Brüder zu kämpfen. Mögen die Könige Bündnisse schließen, die Völker werden trotzdem gegen euch sein. Was Gott uns zu lieben zwingt und was man nicht verrathen kann, ohne ein Verbrechen zu begehen: ihr Blut und ihr Vaterland – das werden sie vertheidigen und schützen! Alles wird über euch herfallen. Trotz der Heirath zwischen Marie Luise und eurem Kaiser werden die Oestreicher euch massakriren, wenn sie können. Man beginnt einzusehen, daß die Interessen der Fürsten nicht Alles sind in der Welt, und selbst das größte Genie kann die Natur der Dinge nicht verändern.« So sprach der Pfarrer in ernstem Tone. Ich verstand damals seine Reden nicht recht und dachte: »Worte sind Worte, und Flintenschüsse sind Flintenschüsse. Wenn wir im Kampfe nur auf Studenten und Professoren der Theologie treffen, wird schon Alles gut gehen. Und was das Uebrige betrifft, so wird die Disciplin die Hessen, Baiern und Sachsen stets am Abfall verhindern, wie sie uns Franzosen zwingt, uns zu schlagen, obgleich mehr als Einer keine Lust dazu hat. Gehorcht nicht der Soldat dem Korporal, der Korporal dem Sergeanten und so fort bis hinauf zum Marschall, der das thut, was der Kaiser will? Man sieht, daß der Pfarrer nie gedient hat, sonst würde er wissen, daß die Idee nichts und der Befehl Alles ist. Aber ich will ihm nicht widersprechen, der Postmeister möchte mir sonst keine Flasche Wein mehr nach dem Abendessen bringen. Mögen sie denken, was sie wollen, ich wünsche nur, daß wir auf nichts Anderes als auf Theologen treffen.« Unter solchem Gerede kam plötzlich am Morgen des 27. März der Befehl zum Aufbruch. Das Bataillon rastete die erste Nacht in Lauterbach, die folgende in Neu-Kirchen. Das Marschiren ging immerzu. Wer sich da nicht an das Tornistertragen gewöhnte, konnte sich wenigstens nicht über Mangel an Uebung beklagen, denn wir kamen gottlob rasch genug vorwärts. Mir wurde es mit den fünfzig Patronen in der Patrontasche, dem Tornister und dem Gewehr auf der Schulter schon seit Langem nicht mehr sauer – ich weiß nicht einmal, ob ich noch hinkte. Wir waren übrigens nicht allein in Bewegung. Alles marschirte, überall traf man unterwegs auf Regimenter, Kavallerie-Abtheilungen; Kanonenreihen, Pulver- und Kugelzüge. Und das Alles bewegte sich auf Erfurt zu, wie nach einem starken Platzregen Tausende von kleinen Bächen aller Orten dem Strome zueilen. Unsere Sergeanten sagten unter sich: »Wir kommen näher ... die Sache wird ernsthaft werden!« Und wir dachten: »Um so besser! Diese vermaledeiten Preußen und Russen sind Ursache, daß man uns genommen hat; wären sie ruhig geblieben, würden wir noch in Frankreich sein!« Dieser Gedanke erbitterte uns. Und dann findet man überall Leute, die sich mit Vergnügen schlagen. Klipfel und Zebede sprachen von nichts Anderm, als wie sie über die Preußen herfallen wollten, und damit es nicht aussähe, als hätte ich weniger Muth als die Andern, sagte ich ebenfalls, es würde mir Vergnügen machen. Am 8. April rückte das Bataillon in die Citadelle von Erfurt ein. Die Stadt ist sehr fest und reich. Ich meinestheils werde immer daran denken, wie in dem Augenblicke, als man uns auf dem Platze vor der Kaserne auseinander gehen hieß, der Wagenmeister dem Sergeanten unserer Compagnie ein Paquet Briefe übergab. Es befand sich einer für mich darunter. Ich erkannte sofort Katherinens Handschrift, und das ergriff mich so, daß mir die Kniee zitterten. Zebede nahm mein Gewehr und sagte: »Komm!« Er war ebenfalls recht froh, Nachrichten aus Pfalzburg zu erhalten. Ich hatte den Brief in die Tasche gesteckt, und alle meine Landsleute folgten mir, denn sie wollten ihn vorlesen hören. Ich aber wollte ruhig auf meinem Bett sitzen, ehe ich ihn öffnete, und erst als wir in einen Winkel der Kasematte einquartirt waren und meine Flinte am Gewehrständer lehnte, begann ich. Die Andern lehnten sich dabei auf meinen Rücken. Mir liefen die Thränen die Backen entlang, weil Katherine mir mittheilte, daß sie für mich bete. Die Kameraden, als sie das hörten, sagten: »Wir sind sicher, daß man auch für uns zu Hause betet!« Und der Eine sprach von seiner Mutter, der Andere von seinen Schwestern, der Dritte von seiner Geliebten. Am Ende hatte Herr Goulden noch einige Zeilen hinzugefügt, in denen er schrieb, daß in der Stadt Alles gut stände, daß ich Muth fassen sollte, und daß dieser Jammer nur kurze Zeit dauern würde. Besonders beauftragte er mich, den Kameraden mitzutheilen, daß man an sie dächte, und daß ihre Eltern sich beklagten, noch kein Sterbenswörtchen Nachricht von ihnen erhalten zu haben. Der Brief war ein großer Trost für uns Alle. Und wenn ich bedenke, daß das am 8. April war, und daß die Kämpfe bald beginnen sollten, so betrachte ich ihn als das letzte Lebewohl aus der Heimat für die Hälfte von uns: mehrere sollten von ihren Eltern, von ihren Freunden, von Allen, die sie hier auf Erden liebten, nie mehr hören. 12. Alles das war, wie Sergeant Pinto sagte, nur erst die Einleitung zum Feste, denn der Tanz sollte erst noch kommen. Vorläufig thaten wir mit einem Bataillon von den Siebenundzwanzigern den Dienst auf der Citadelle und sahen von der Höhe der Wälle die ganze Umgegend mit Truppen bedeckt, die theils im Bivouac lagen, theils in den Dörfern cantonnirten. Am 18., als ich von der Wache am Warthauer Thor zurückkam, sagte der Sergeant, der Zuneigung zu mir gefaßt hatte, zu mir: »Füsilier Bertha, der Kaiser ist angekommen.« Noch hatte Niemand etwas davon gehört, ich erwiderte daher: »Mit Ihrer Erlaubniß, Sergeant, ich habe eben mit dem Sapeur Merlin, der vergangene Nacht den Ordonnanzdienst beim General hatte, ein Gläschen getrunken – aber er hat mir nichts dergleichen erzählt.« Pinto blinzelte darauf mit den Augen und sagte: »Alles regt sich ... Alles fliegt ... Du verstehst das nur noch nicht, Rekrut. Aber er ist da, ich fühle ihn bis in die Fingerspitzen. So lange er nicht am Platze ist, ist kein Ernst dahinter, und jetzt sieh da unten die Stafetten auf den Straßen hinsprengen ... Alles gewinnt neues Leben. Warte nur den ersten Tag ab, und du wirst sehen: die Kaiserlichen und die Kosaken brauchen ihre Brillen gar nicht, um zu sehen, ob er bei uns ist – sie merken es auf der Stelle.« Dabei lachte der Sergeant in seinen langen Bart. Ich hatte ein Vorgefühl, als ob mir ein großes Unglück geschehen könnte, war aber gezwungen, ein heiteres Gesicht zu machen. Um es kurz zu machen: der Sergeant täuschte sich nicht, denn gegen drei Uhr Nachmittags desselben Tages setzten sich alle Truppen, die um die Stadt herum Cantonnements bezogen hatten, in Bewegung, und gegen fünf Uhr ließ man auch uns ins Gewehr treten. Der Marschall Fürst von der Moskwa zog mit einer großen Menge von Officieren und Generalen, die seinen Stab bildeten, in die Stadt, und gleich darauf kam General Souham, ein alter, ganz weißhaariger Officier, in die Citadelle und ließ uns auf dem Platze Revue passiren. Mit kräftiger Stimme, so daß Jeder ihn verstehen konnte, sagte er zu uns: »Soldaten! Ihr werdet einen Theil der Avant-Garde des dritten Armee-Corps bilden. Bedenkt, daß ihr Franzosen seid. Es lebe der Kaiser!« Darauf schrie Alles: »Es lebe der Kaiser!« und die Echos des Platzes warfen den Ruf mit furchtbarer Gewalt zurück. Dann entfernte sich der General mit dem Obersten Zapfel. Noch in derselben Nacht wurden wir durch die Hessen abgelöst und verließen Erfurt in Begleitung des zehnten Husaren-Regiments und eines Regiments badischer Jäger. Um sechs oder sieben Uhr Morgens befanden wir uns vor Weimar und erblickten beim Lichte der aufgehenden Sonne Gärten, Kirchen und Häuser mit einem Schlosse zur Rechten. Man ließ uns an jener Stelle das Bivouac aufschlagen, während die Husaren zum Recognosciren in die Stadt ritten. Gegen neun Uhr, während wir abkochten, hörten wir plötzlich in der Ferne Schüsse fallen. Unsere Husaren waren in der Stadt auf preußische Husaren gestoßen, sie schlugen sich und feuerten die Pistolen auf einander ab. Das geschah aber in solcher Entfernung, daß wir so zu sagen nichts von dem Kampfe merkten. Nach einer Stunde kamen die Husaren zurück. Sie hatten zwei Mann verloren. Das war der Beginn des Feldzugs. Wir blieben an jenem Orte fünf Tage, während welcher das ganze dritte Armee-Corps vorrückte. Da wir die Avant-Garde bildeten, mußten wir nach Sulza und Warthau hin weitermarschiren. Dort erblickten wir zuerst den Feind: Kosaken, die sich immer außer Schußweite zurückzogen. Und je mehr jene sich zurückzogen, desto muthiger wurden wir. Was mich ärgerte, war, Zebede mit allen Zeichen schlechter Laune sagen zu hören: »Die Kerle werden also nie Halt machen? werden also nie Stand halten?« Ich dachte: »Wenn sie auskneifen – was können wir Besseres wünschen? Wir werden gewonnen haben, ohne daß uns etwas zu Leide geschehen ist.« Am Ende aber machten sie doch auf dem jenseitigen Ufer eines ziemlich breiten und tiefen Stromes Halt, und wir sahen eine Anzahl von ihnen sich bereit machen, uns in Stücke zu hauen, wenn wir zu unserm Unglück über den Fluß setzen sollten. Es war am 29. April und begann Abend zu werden. Man konnte keinen schönern Sonnenuntergang sehen. Jenseits des Flusses streckte sich eine unabsehbare Ebene hin, und auf dem rothen Hintergrunde, den der Himmel bildete, zeichnete sich das Gewimmel dieser Reiter mit ihren vornüber gebogenen Tschakos, grünen Röcken, kleinen, unter dem Arm hängenden Patrontaschen und himmelblauen Hosen ab. Weiter hinten befand sich eine Anzahl Lanzenträger. Sergeant Pinto erkannte sie: es waren russische reitende Jäger und Kosaken. Er kannte auch den Fluß und sagte, es wäre die Saale. Man näherte sich dem Wasser so weit als möglich, um auf die Reiter zu schießen, die sich weiter zurückzogen und endlich in der Abendröthe verschwanden. Dann schlug man am Flusse das Bivouac auf und stellte Schildwachen aus. Zur Linken lag ein Dorf. Dorthin begab sich ein Detachement, um den Versuch zu machen, gegen Geld Fleisch zu erhalten, denn seit der Ankunft des Kaisers hatten wir Befehl, Alles zu bezahlen. In der Nacht, als wir abkochten, langten noch andere Regimenter von unserer Division an. Sie schlugen ihr Bivouac ebenfalls am Ufer auf, und die über das Wasser hinblitzenden Feuerstreifen boten einen prächtigen Anblick. Niemand hatte Lust zum Schlafen. Zebede, Klipfel, Fürst und ich saßen um denselben Feldkessel und sagten, indem wir uns unter einander ansahen: »Morgen wird es ernsthaft werden, wenn wir den Fluß überschreiten wollen. Unsere Kameraden in Pfalzburg, die jetzt im »Wilden Mann« ihren Schoppen trinken, ahnen gewiß nicht, daß wir hier am Rande eines Flusses hocken, um ein Stück Kuhfleisch zu verzehren, und daß wir auf der Erde schlafen und uns für unsere alten Tage den Rheumatismus holen werden, von den Säbelhieben und Flintenschüssen, die für uns bestimmt sind und die wir vielleicht eher erhalten, als wir denken, gar nicht zu reden.« »Bah!« sagte Klipfel, »das ist das Leben. Ich mache mir gar nichts daraus, auf Daunen zu schlafen und einen Tag wie den andern zu verbringen! Soll man wirklich leben, so muß es einem heute gut, morgen schlecht gehen – auf solche Weise macht der Wechsel Vergnügen. Und was die Flintenschüsse, Säbelhiebe und Bajonettstiche betrifft, so werden wir gottlob! eben so viel austheilen als einnehmen!« »Gewiß,« sagte Zebede, während er seine Pfeife ansteckte. »Ich für mein Theil hoffe, daß mein Tod, wenn ich falle, nicht die Folge davon sein wird, weil ich die Stöße und Hiebe, die man mir beibrachte, nicht zurückgegeben habe.« So schwatzten wir zwei oder drei Stunden. Leger hatte sich in seinen Mantel gewickelt, die Füße gegen das Feuer gekehrt und schlief, als plötzlich die Schildwache zweihundert Schritte von uns »Wer da?« rief. »Frankreich!« »Welches Regiment?« »Sechstes Linienregiment.« Es waren der Marschall Ney und der General Brenier mit Pionier-Officieren und Artillerie. Der Marschall hatte »sechstes Linienregiment« geantwortet, weil er im Voraus wußte, wo wir lagerten: das freute uns und machte uns sogar stolz. Wir sahen ihn mit dem General Souham und fünf oder sechs andern höhern Officieren vorüberreiten und erkannten ihn, trotzdem es Nacht war, sehr gut, denn der Himmel blitzte, von Sternen, der Mond ging auf, und man sah beinahe so gut wie am hellen Tage. An einer Biegung des Flusses machten sie Halt. Man stellte dort sechs Kanonen auf, und gleich darauf kamen die Pontonniere mit einer langen Reihe von Wagen, die mit Bohlen, Pfählen und allem Material zum Bau zweier Brücken beladen waren. Unsere Husaren ritten am Flusse hin, um alle Boote zu requiriren, und die Kanoniere standen neben ihren Geschützen, um diejenigen, die etwa den Bau verhindern wollten, niederzukartätschen. Wir sahen der Arbeit lange zu. Da hörte man von allen Seiten Werdarufe – es waren die anrückenden Regimenter des dritten Armee-Corps. Gegen Morgen schlief ich endlich ein, und Klipfel mußte mich rütteln, um mich zu erwecken. Ueberall erscholl das Signal zum Sammeln. Die Brücken waren vollendet, wir sollten die Saale Passiren. Es thauete stark. Jeder beeilte sich, sein Gewehr zu reinigen und den Mantel zusammenzurollen, um ihn auf den Tornister zu schnallen. Wir halfen uns dabei gegenseitig und stellten uns dann in Reih und Glied. Es mochte vier Uhr Morgens sein. Der Nebel, der vom Flusse aufstieg, verhüllte Alles wie mit einem grauen Schleier. Zwei Bataillone, die Soldaten in Rotten, die Officiere und die Fahne in der Mitte, zogen bereits über die Brücken. Ihr Marsch verursachte ein dumpfes Geräusch. Nach ihnen schaffte man die Kanonen und Munitionswagen hinüber. Hauptmann Florentin hatte uns eben frisches Zündpulver aufschütten lassen, als General Souham, General Chemineau, Oberst Zapfel und unser Commandeur ankamen. Das Bataillon setzte sich nun in Marsch. Ich schaute mich immer um, ob nicht die Russen im Galopp herangesprengt kämen, aber es rührte sich nichts. Sobald ein Regiment auf dem jenseitigen Ufer ankam, nahm es Gewehr bei Fuß und formirte ein Karree. Gegen fünf Uhr war die ganze Division drüben. Die Sonne zerstreute den Nebel, und wir erblickten dreiviertel Stunde von uns eine altersgraue Stadt mit spitzen Dächern, einen kugelförmigen, mit Schiefer gedeckten Kirchthurm, der ein Kreuz trug, und weiter hinten ein Schloß: das war Weißenfels. Zwischen der Stadt und uns zog sich ein tiefer Terraineinschnitt hin. Marschall Ney, der gleich uns eben eingetroffen war, wollte vor Allem wissen, was in dieser Schlucht stecke. Daher wurden zwei Compagnien von den Siebenundzwanzigern als Plänkler vorausgeschickt, und die Karrees folgten im gewöhnlichen Schritt, die Officiere, Sapeure und Musiker in der Mitte, die Kanonen in den Zwischenräumen und die Munitionswagen hinter dem letzten Gliede. Jeder mißtraute dieser Vertiefung, um so mehr, da wir am Tage vorher hier eine Kavalleriemasse erblickt hatten, die sich nicht bis an das Ende der weiten Ebene, die wir nach allen Richtungen hin überschauten, zurückgezogen haben konnte. Das war einfach unmöglich. Auch bin ich in meinem Leben nie argwöhnischer gewesen, als in jenem Augenblick: ich war auf irgend eine Ueberraschung gefaßt. Aber uns so in Reih und Glied, mit geladenem Gewehr, die Fahne in der Frontlinie, die Generale voll Zuversicht weiter hinten, ohne jede Hast und Ueberstürzung vorwärts marschiren zu sehen und die ganze Masse den Tritt markiren zu hören – das machte uns Muth. Ich sagte zu mir selbst: »Vielleicht retiriren sie, wenn sie uns sehen; das würde noch das Beste sein – für sie wie für uns.« Ich stand auf der Front im zweiten Gliede hinter Zebede, und man mag daher beurtheilen, ob ich die Augen aufsperrte. Von Zeit zu Zeit blickte ich ein wenig seitwärts nach dem andern Karree, das in gleicher Linie mit uns vorrückte, und sah mitten drin den Marschall mit seinem Stabe. Alle hatten die großen Dreimaster quer gesetzt und reckten den Kopf in die Höhe, um aus der Ferne zu sehen, was vorging. Die Plänkler gelangten jetzt nahe an die mit Gestrüpp und lebendigen Hecken bewachsene Schlucht. Schon einige Minuten vorher hatte ich weiter hinten auf dem gegenüber liegenden Abhang etwas schwanken und blitzen sehen, als wären es Getreidehalme, über die der Wind hinstreicht, und hatte dabei gedacht, das könnten wohl die Russen mit ihren Lanzen und Säbeln sein – es fiel mir aber schwer, daran zu glauben. In dem Augenblicke jedoch, wo unsere Schützen sich den Ginster- und Haidekrautbüschen näherten und an mehreren Orten das Feuern anfing, sah ich deutlich, daß es Lanzen waren. Gleich darauf zuckte gerade vor uns ein Blitz auf, und ein Kanonenschuß krachte. Die Russen hatten Kanonen, sie hatten eben auf uns gefeuert, und als ich, ich weiß nicht, durch was für ein Geräusch veranlaßt, den Kopf wandte, sah ich, daß sich in den Gliedern zur Linken eine Lücke befand. Gleichzeitig vernahm ich die Stimme des Obersten Zapfel, der kaltblütig commandirte: »Aufgeschlossen!« Und Hauptmann Florentin wiederholte: »Aufgeschlossen!« Das geschah so schnell, daß ich keine Zeit zum Nachdenken hatte. Aber fünfzig Schritte weiter erfolgte ein zweiter Blitz und ein gleiches Geräusch in den Reihen – es war wie ein starker Windstoß, der vorübersaust – und ich sah wieder eine Lücke, diesmal zur Rechten. Und da der Oberst nach jedem Kanonenschuß der Russen immer wieder »Aufgeschlossen!« commandirte, begriff ich, daß es jedesmal eine Lücke auszufüllen gab! Dieser Gedanke brachte mich ganz aus der Fassung, aber es mußte weitermarschirt werden. Ich wagte nicht mehr, daran zu denken, und gab meinen Gedanken eine andere Richtung, als General Chemineau, der in unser Karree eingetreten war, plötzlich mit furchtbarer Stimme: »Halt!« schrie. Ich blickte nun auf und sah die Russen in geschlossenen Kolonnen auf uns einsprengen. »Erstes Glied ... aufs Knie! ... fällt das Bajonett.!« commandirte der General. »Fertig!« Da Zebede niedergekniet war, stand ich so zu sagen im ersten Gliede. Mir ist, als sähe ich noch jetzt diese Masse von Pferden und Russen, die sich, den Säbel in der Faust, nach vorn beugten, in voller Schlachtordnung heranbrausen, und hörte noch immer den General hinter uns ruhig wie auf dem Exercierplatze commandiren: »Achtung auf das Commando Feuer. – Legt an ... Feuer!« ... Die vier Karrees hatten zu gleicher Zeit geschossen – es war, als ob der Himmel einstürze. Kaum hatte der Rauch sich etwas verzogen, als wir die Russen in gestrecktem Galopp zurückjagen sahen. Aber jetzt donnerten unsere Kanonen, und die Kugeln waren schneller als die Pferde. »Geladen!« commandirte der General. Ich glaube, nie in meinem Leben ein solches Vergnügen empfunden zu haben. »Sieh, sieh, sie machen sich davon!« sagte ich bei mir selbst. Und von allen Seiten hörte man den Ruf: »Es lebe der Kaiser!« In der Freude meines Herzens stimmte ich in den Ruf ein wie die Andern. Das dauerte wohl eine Minute lang. Dann setzten sich die Karrees wieder in Bewegung – man glaubte schon, es wäre Alles beendet. Als wir aber noch zwei- oder dreihundert Schritt von der Schlucht entfernt waren, entstand ein fürchterliches Getöse, und der General commandirte zum zweiten Male: »Halt! ... Aufs Knie! ... Fällt das Bajonett!« ... Die Russen sausten wie der Wind aus der Schlucht hervor, um über uns herzufallen. Sie kamen Alle zusammen: die Erde bebte unter den Hufen der Pferde. Man verstand kein Commando mehr, aber der natürliche Verstand der französischen Soldaten sagte ihnen, daß man in den Haufen schießen müsse, und so begann denn das Rottenfeuer zu knattern wie das Wirbeln der Trommeln bei den Paraden. Wer es nicht selbst gehört hat, wird sich nie einen Begriff davon machen können. Einige von den Russen kamen bis zu uns: man sah, wie sie sich in dem Qualm aufrichteten, gleich darauf aber sah man schon wieder nichts mehr. Nach Verlauf einiger Minuten, während welcher immerfort geladen und geschossen wurde, erhob sich die schallende Stimme General Chennneau's über den Tumult, und man hörte das Commando: »Stellt das Feuer ein!« Man wagte kaum zu gehorchen; jeder beeilte sich, noch einen Schuß abzugeben. Als aber der Rauch sich verzogen hatte, sah man die ungeheure Kavalleriemasse an der gegenüber liegenden Seite der Schlucht hinaufjagen. Sogleich löste man die Karrees, um in Kolonnen zu marschiren. Die Trommeln wirbelten zum Angriff, die Kanonen donnerten. »Vorwärts! ... Vorwärts! ... Es lebe der Kaiser!« Wir marschirten über Haufen von Pferden und Menschen, die sich noch am Boden wanden, in die Schlucht hinab und kletterten im Laufschritt an der Seite nach Weißenfels zu wieder hinauf. Alle diese Kosaken und Jäger galoppirten, die Patrontasche auf dem Rücken, vor uns her so schnell, als sie konnten: die Schlacht war gewonnen! Aber in dem Augenblicke, wo wir uns den Gärten der Stadt näherten, machten ihre Kanonen, die sie mit fortgeschafft hatten, hinter einer Art Obstgarten Halt und überschütteten uns mit Kugeln, von denen eine das Beil des Sapeurs Merlin zerschmetterte und ihm den Kopf wegriß. Dem Sapeur-Korporal Thome wurde sogar durch ein Stück von dem Beile der Arm zerschmettert, so daß ihm derselbe am Abend in Weißenfels abgenommen werden mußte. Wir begannen nun zu laufen, denn je schneller man ankommt, desto weniger Zeit haben die Andern zum Schießen – das begriff jeder von uns. Endlich drangen wir, indem wir uns durch die Hecken, die Gärten und die Hopfenstangen hindurcharbeiteten, an drei Punkten bis zur Stadt vor. Der Marschall und die Generale kamen hinter uns. Unser Regiment bewerkstelligte seinen Einzug auf einer am Kirchhof entlang laufenden Pappelallee; als wir auf den Markt kamen, kam eine andere Kolonne auf der Hauptstraße heranmarschirt. Wir machten dort Halt, und der Marschall schickte, ohne eine Minute zu verlieren, die Siebenundzwanziger ab, um eine Brücke zu nehmen und womöglich dem Feind den Rückzug abzuschneiden. Währenddem traf der Rest der Division ein und ordnete sich auf dem Platze in Reih und Glied. Der Bürgermeister und die Stadträthe von Weißenfels standen schon auf der Schwelle des Rathhauses, um uns willkommen zu heißen. Als wir Alle wieder in Reih und Glied standen, ritt der Marschall Fürst von der Moskwa vor die Front und rief uns mit heiterer Miene zu: »So ist's recht! ... so lasse ich mir's gefallen! ... Ich bin zufrieden mit euch! ... Der Kaiser soll euer wackeres Verhalten erfahren! ... Es ist brav so!« Er konnte sich des Lachens nicht erwehren, weil wir auf die Kanonen zugerannt waren. Und als General Souham zu ihm sagte: ..Es macht sich mit den Burschen!« erwiderte er: »Ja, ja, das liegt im Blute! liegt im Blute!« Ich für mein Theil war seelenvergnügt, daß ich nichts bei diesem Gefechte abbekommen hatte. Das Bataillon blieb bis zum folgenden Tage in Weißenfels. Man quartirte uns bei den Bürgern ein, die uns fürchteten und uns Alles gaben, was wir verlangten. Am Abend kamen die Siebenundzwanziger zurück und wurden in dem alten Schlosse einquartirt. Wir waren sehr ermüdet. Nachdem wir daher zwei oder drei Pfeifen geraucht und dabei von unsern Heldenthaten gesprochen hatten, legten wir uns, Zebede, Klipfel und ich, in der Werkstatt eines Tischlers auf einen Haufen Hobelspäne zum Schlafen nieder und lagen dort bis Mitternacht, wo man wieder zum Sammeln blies. Wir mußten nun wieder aufstehen. Der Tischler gab uns Branntwein, und wir brachen auf. Es regnete in Strömen. Das Bataillon bezog noch in derselben Nacht ein Bivouac vor dem Dorfe Cleben, zwei Stunden von Weißenfels. Wegen des Regens waren wir aber nicht sehr aufgeräumt. Nach und nach stießen noch mehrere andere Abtheilungen zu uns. Der Kaiser war in Weißenfels angekommen, und das ganze dritte Armee-Corps sollte uns folgen. Den ganzen Tag wurde davon gesprochen; mehrere freuten sich darüber. Am nächsten Tage brach das Bataillon gegen fünf Uhr Morgens als Avantgarde von Neuem auf. Vor uns lag ein Bach, die Rippach genannt. Anstatt aber einen Umweg zu machen, um eine Brücke zu erreichen, wateten wir auf der Stelle hindurch. Das Wasser ging uns bis an die Hüften, und während ich meine Schuhe aus dem Schlamme zog, dachte ich: »Wenn man dir das früher, als du bei Herrn Goulden Kopfschmerzen zu bekommen fürchtetest und zwei Mal wöchentlich die Strümpfe wechseltest, gesagt hätte, würdest du es nicht geglaubt haben! Es passiren einem doch schreckliche Dinge im Leben!« Als wir auf der andern Seite des Baches in den Binsen entlang marschirten, entdeckten wir auf den Höhen zur Linken eine Anzahl von Kosaken, die uns beobachteten. Sie folgten uns langsam, ohne einen Angriff zu wagen, und ich sah nun ein, daß der Schlamm und Morast doch zu etwas gut seien. Wir marschirten in dieser Weise schon länger als eine Stunde, und es war bereits völlig Tag geworden, als furchtbares Gewehrfeuer und Kanonendonner uns plötzlich veranlaßte, nach Cleben hinüberzuschauen. Der Commandeur lugte von seinem Pferde aufmerksam über das Schilfrohr weg. Das dauerte lange Zeit. Sergeant Pinto meinte: »Die Division rückt vor und wird angegriffen.« Die Kosaken horchten ebenfalls auf und verschwanden erst nach etwa einer Stunde. Dann sahen wir die Division auf der Ebene zur Rechten kolonnenweise anrücken und Massen russischer Kavallerie vor sich hertreiben. »Vorwärts!« rief der Commandeur. Und wir begannen zu laufen, ohne zu wissen warum, indem wir immer dem Bache folgten, bis wir an eine alte Brücke gelangten, bei welcher die Rippach und die Grune sich vereinigen. Wir sollten an dieser Stelle den Feind aufhalten, aber die Kosaken hatten unsere List bereits entdeckt: ihr ganzer Heerhaufen ging hinter die Grune zurück, indem er eine Furt benutzte. Als die Division zu uns stieß, erfuhren wir, daß der Marschall Bessieres durch eine Kanonenkugel getödtet worden sei. Wir verließen dann die Brücke, um unser Bivouac vor dem Dorfe Görschen aufzuschlagen. Es ging das Gerücht, daß eine große Schlacht nahe bevorstehe, und daß Alles, was bis dahin geschehen war, nur ein kleines Vorspiel wäre, um zu erproben, ob die Rekruten auch im Feuer Stand hielten. Danach kann sich nun jeder die Gedanken vorstellen, die einen vernünftigen Menschen überschleichen mußten, der sich wider seinen Willen in dieser Lage und unter so sorglosen Menschen befand wie Fürst, Zebede und Klipfel, die ganz vergnügt waren, gerade als ob ihnen dergleichen Ereignisse etwas Anderes hätten eintragen können als Flintenschüsse, Säbelhiebe und Bajonettstiche. Den ganzen Rest des Tages und sogar einen Theil der Nacht dachte ich an Katherine und bat Gott, mein Leben zu schützen und mir meine Hände zu erhalten, die dem Armen unentbehrlich sind, damit er seinen Lebensunterhalt verdienen kann. 13. Auf dem Hügel vor Groß-Görschen wurden Feuer angezündet, und ein Detachement stieg in das Dorf hinab und brachte fünf oder sechs alte Kühe zum Abkochen zurück. Wir waren aber so müde, daß eine große Anzahl von uns den Schlaf dem Essen vorzog. Inzwischen trafen immer noch neue Regimenter mit Kanonen und Schießbedarf ein, und gegen elf Uhr lagerten auf dem Hügel zehn bis zwölftausend, im Dorfe zweitausend Mann – die ganze Division Souham. Der General und seine Ordonnanz-Officiere befanden sich in einer großen Mühle zur Linken neben einem fließenden Wasser, das man den »Floßgraben« nennt. Die Schildwachen standen auf Schußweite rings um den Hügel. In Folge der großen Anstrengung schlief auch ich endlich ein, wachte aber jede Stunde wieder auf, denn hinter uns in der Richtung jener Straße, die an der alten Brücke bei Poserna beginnt und sich bis nach Lützen und Leipzig hin erstreckt, vernahm ich in der Nacht ein großes Getöse, ein Rollen von Wagen, Kanonen und Pulverkarren, das bald stärker, bald schwächer durch die Stille klang. Der Sergeant Pinto schlief nicht. Er rauchte seine Pfeife und trocknete dabei die Füße am Feuer. Jedes Mal, wenn Einer oder der Andere sich bewegte, wollte er reden. »Nun, Rekrut?« sagte er. Aber man stellte sich, als höre man ihn nicht, drehte sich gähnend um und schlief wieder ein. Die Thurmuhr in Groß-Görschen schlug sechs Uhr, als ich erwachte. Von dem Marsche im Morast waren mir die Hüft- und Schenkelknochen wie zerschlagen. Dennoch richtete ich mich auf, indem ich die Hände auf die Erde stemmte: ich wollte mich wärmen, denn mich fror sehr. Das Feuer qualmte, nur noch Asche und einige Kohlen waren übrig. Der Sergeant war aufgestanden und betrachtete die nebelweiße Ebene, über die einige Sonnenstrahlen hinblitzten. Um uns schlief Alles, die Einen auf dem Rücken, andere auf der Seite, die Füße nach dem Feuer gekehrt. Einige schnarchten oder sprachen im Traum. Als der Sergeant sah, daß ich erwacht war, nahm er eine glühende Kohle und legte sie auf seine Pfeife. Dann sagte er: »He! Füsilier Bertha, wir sind jetzt also in der Nachhut?« Ich begriff nicht recht, was er damit sagen wollte. »Das setzt dich in Erstaunen, Rekrut?« sprach er weiter. »Aber das ist doch ganz klar: wir hier haben uns nicht gerührt, aber die Armee hat sich davon gemacht. Gestern stand sie dort vor uns an der Rippach, in diesem Augenblicke steht sie hinter uns bei Lützen: anstatt an der Spitze befinden wir uns jetzt im Nachtrab.« Und indem er schadenfroh die Augen einkniff, that er zwei oder drei starke Züge aus seiner Pfeife. »Und was gewinnen wir dabei?« fragte ich. »Wir gewinnen dabei, daß wir zuerst nach Leipzig und den Preußen über den Hals kommen werden,« gab er zur Antwort. »Du wirst das später schon begreifen, Rekrut.« Ich richtete mich nun auf, um die Gegend zu betrachten, und sah eine weite, sumpfige Ebene vor mir, die von der Grune und dem Floßgraben durchschnitten wurde. Am Rande dieser beiden Bäche erhoben sich einige kleine Hügel, und im Hintergrunde zeigte sich ein breiteres Gewässer: der Sergeant sagte, es wäre die Elster. Der Morgennebel breitete seine Schleier über das Alles. Als ich mich dann umdrehte, erblickte ich hinter uns im Thale die Spitze des Kirchthurms von Groß-Görschen und weiter hinten zur Rechten und Linken fünf oder sechs kleine Dörfer, die in den Vertiefungen zwischen den Hügeln erbaut waren, denn die Gegend ist sehr bergig, und die Dörfer Kaja, Eisdorf, Starsiedel, Rahna, Klein-Görschen und Groß-Görschen, die ich seitdem kennen gelernt habe, liegen alle zwischen diesen Hügeln am Rande kleiner, sumpfiger Teiche, an deren Ufern Pappeln, Weiden und Espen wachsen. Groß-Görschen, wo wir bivouakirten, war am weitesten in die Ebene nach der Elster zu vorgeschoben; am entferntesten lag Kaja, hinter welchem die Heerstraße von Lützen nach Leipzig entlang läuft. Man sah auf den Hügeln zwar nur die Wachtfeuer unserer Division, aber das ganze dritte Armee-Corps lagerte in den Dörfern, und in Kaja befand sich das Hauptquartier. Gegen sieben Uhr wurden die Schläfer durch die Trommeln und durch die Trompeten der reitendem Artillerie und des Trains geweckt. Man stieg nun in das Dorf hinunter, die Einen, um Holz, Andere, um Stroh und Heu zu holen. Dann kamen Fourage- und Munitionswagen an, und man vertheilte Brot und Patronen. Wir sollten in unserer Stellung bleiben und die Armee auf Leipzig zu vorüberziehen lassen; und aus diesem Grunde behauptete Sergeant Pinto, daß wir in der Nachhut wären. Auch zwei Marketenderinnen kamen aus dem Dorfe herauf, und da ich noch fünf Sechsfrankenthaler hatte, bot ich Klipfel und Zebede ein Gläschen Schnaps an, um den Morgennebel unschädlich zu machen. Ich erlaubte mir auch, dem Sergeanten Pinto eins anzubieten; er nahm es an, indem er sagte, »daß Branntwein auf Brot den Muth belebe.« Wir waren ganz vergnügt, und Niemand ahnte etwas von den fürchterlichen Dingen, die noch an diesem Tage geschehen sollten. Man glaubte die Russen und Preußen meilenweit von dem Gedanken entfernt, uns hinter der Grune zu suchen. Aber sie wußten, wo wir steckten, und gegen zehn Uhr sprengte plötzlich General Souham mit seinen Officieren in gestrecktem Galopp den Berg herauf: er hatte etwas gemerkt. Ich stand gerade bei den Gewehrpyramiden Wache und mir ist, als sähe ich ihn noch immer mit seinem ergrauten Kopfe und dem großen, weißbesetzten Hute zur Spitze des Hügels reiten, ein großes Fernrohr hervorziehen und vor das Auge halten, dann in Windeseile zurückkommen, in das Dorf hinuntersprengen und den Befehl ertheilen, zum Sammeln zu blasen. Die Vorposten zogen sich jetzt auf uns zurück, und Zebede, der wahre Falkenaugen hatte, sagte: »Ich sehe da unten an der Elster Truppenmassen durch einander wimmeln ... und sogar einige, die in guter Ordnung vorrücken, während andere auf drei Brücken aus den Sümpfen hervorquellen. Ein schönes Sturzbad, wenn die uns Alle über den Hals kommen!« »Oho,« rief Pinto, der den Kopf emporgereckt und die Hand als Visier über die Augen gelegt hatte, »das ist der Anfang zu einer Schlacht, oder ich verstehe mich nicht mehr darauf. Während unsere Armee auf Leipzig zu defilirt und sich über einen Raum von mehr als drei Meilen erstreckt, wollen diese Halunken von Preußen und Russen uns in der Flanke packen und uns auseinander reißen. Das ist von ihrer Seite sehr gut berechnet! Sie lernen die Kriegskunststücke alle Tage besser!« »Aber wir hier, was sollen wir anfangen?« fragte Klipfel. »Das ist sehr einfach,« entgegnete der Sergeant. »Wir sind hier zehn- bis zwölftausend Mann unter dem alten Souham, der nie einen Schritt zurückgewichen ist. Wir werden also stehen wie die Mauern, einer gegen sechs oder sieben, bis der Kaiser von der Geschichte unterrichtet ist und umkehrt, um uns zu Hilfe zu kommen. Seht, da sprengen schon die Ordonnanz-Officiere davon.« Es war wirklich so: fünf oder sechs Officiere sprengten über die Lützener Ebene in unserm Rücken nach Leipzig hin. Sie ritten wie der Wind, und ich bat Gott in meinem Herzen, er möge sie in seiner Barmherzigkeit zur rechten Zeit ankommen lassen und uns die ganze Armee zu Hilfe schicken. Denn es ist schrecklich, hören zu müssen, daß man verloren sei, und ich wünsche es meinem ärgsten Feinde nicht, in einer solchen Lage zu stecken. Sergeant Pinto sagte uns ferner: »Ihr habt Glück, Rekruten. Wenn Einer oder der Andere von euch davonkommt, wird er sich rühmen können, etwas Exquisites gesehen zu haben. Seht nur diese blauen Linien da, die mit geschultertem Gewehr längs des Floßgrabens heranmarschiren – jede dieser Linien ist ein Regiment. Es sind ihrer dreißig, das macht sechzigtausend Preußen, ohne jene Reihen von Kavallerie zu rechnen, von denen jede eine Schwadron ist. Und jene Andern da, die links von ihnen an der Rippach vorrücken, und deren Waffen in der Sonne glänzen, das sind die Dragoner und Kürassiere der russischen Kaiser-Garde. Ich habe sie zum ersten Male bei Austerlitz gesehen, wo wir sie hübsch zurichteten. Das sind auch wohl noch achtzehn- bis zwanzigtausend. Jene Lanzenmasse hinter ihnen, das sind Kosaken-Rotten. Und so werden wir denn in einer Stunde das Vergnügen haben, hunderttausend Mann, und zwar den hartköpfigsten, die es unter den Preußen und Russen giebt, Auge in Auge gegenüber zu stehen. Das ist, um deutlich zu reden, eine Schlacht, in der man das Kreuz gewinnt, und wenn man es nicht gewinnt, darf man nicht mehr darauf rechnen.« »Glauben Sie, Sergeant?« fragte Zebede, der nie zwei klare Gedanken im Kopfe hatte und sich jetzt einbildete, er habe das Kreuz schon in der Hand. Seine Augen leuchteten wie Stieraugen, die an einer Sache immer nur die gute Seite sehen. »Gewiß,« entgegnete der Sergeant, »denn man wird dicht an einander gerathen. Und erblickt man nun in dem Gedränge einen Obersten, eine Kanone, eine Fahne, kurz, irgend etwas, das einem in die Augen sticht, so stürzt man drauf los, trotz der Bajonettstiche, Säbelhiebe, Kolbenstöße oder dergleichen; man packt es, und kommt man glücklich davon, so wird man auf die Liste gesetzt.« Während Pinto sprach, fiel mir ein, daß der Schulze von Felsenburg das Kreuz erhalten hatte, weil er Marie Louise mit seinem Dorfe auf blumenbekränzten Wagen unter dem Absingen alter deutscher Volkslieder entgegengefahren war, und ich fand seine Manier, das Kreuz zu erlangen, weit bequemer als die des Sergeanten Pinto. Ich hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn auf allen Seiten wurde zum Sammeln geblasen. Jeder eilte nach dem Gewehrstand seiner Compagnie und nahm eiligst seine Flinte. Die Officiere stellten uns in Schlachtordnung, und aus dem Dorfe kamen im vollen Galopp Kanonen herauf. Man placirte sie oben auf die Anhöhe, etwas nach hinten, so daß der Kamm des Hügels ihnen als Brustwehr diente. Auch die Munitionswagen langten an. Weiter hinten, in den Dörfern Rahna, Kaja und Klein-Görschen, war Alles in Bewegung. Wir aber waren die Ersten, über welche die feindliche Masse herstürzen mußte. Der Feind hatte in zwei Kanonenschußweiten Halt gemacht, und seine Reiter schwärmten zu Hunderten um die Anhöhe, um zu recognosciren. Schon beim bloßen Anblick dieser Masse von Preußen, die am Floßgraben hielten, so daß beide Ufer desselben schwarz erschienen, und deren erste Reihen sich in Kolonnen zu formiren begannen, sagte ich zu mir selbst: »Dies Mal, Joseph, ist Alles verloren, Alles zu Ende ... es giebt keine Hilfe mehr ... Alles, was dir zu thun bleibt, besteht darin, daß du dich rächst, dich vertheidigst und mit keinem Mitleid hast ... Wehre dich ... wehre dich!« ... Als ich so dachte, sprengte General Chemineau allein vor die Front und commandirte: »Formirt das Karree!« Alle Offiziere rechts und links, vorn und hinten, wiederholten das Commando, und so bildeten wir vier Karrees, jedes zu vier Bataillonen. Ich befand mich diesmal auf einer der Innenseiten und war froh darüber, denn ich meinte natürlich, daß die Preußen, die in drei Kolonnen anrückten, zuerst die vordern angreifen würden. Kaum aber hatte ich diese Bemerkung bei mir selbst gemacht, als ein wahrer Hagel von Kugeln das Karree durchsauste. Gleichzeitig begannen die Kanonen, welche die Preußen auf einem Hügel zur Linken aufgefahren hatten, zu brüllen und zwar ganz anders als bei Weißenfels: es nahm diesmal kein Ende! Sie hatten ungefähr dreißig grobe Geschütze auf jener Anhöhe stehen, man kann sich demnach vorstellen, was für Lücken sie machten. Die Kugeln pfiffen bald über uns hin, bald schmetterten sie in die Reihen, bald drangen sie in die Erde, die sie mit fürchterlichem Getöse aufwühlten. Unsere Artillerie feuerte ebenfalls in einer Weise, daß man nur die Hälfte der feindlichen Kugeln pfeifen und brummen hörte, aber es half nichts. Den übelsten Eindruck machte übrigens der unaufhörliche Ruf der Officiere: »Aufgeschlossen! Aufgeschlossen!« Wir standen von einer fürchterlichen Rauchwolke umhüllt, ohne daß wir einen Schuß abgegeben hatten, und ich sagte gerade bei mir selbst: »Wenn wir hier noch eine Viertelstunde bleiben, werden wir vernichtet, ohne uns vertheidigen zu können!« was mich entsetzlich dünkte, als plötzlich die ersten Kolonnen der Preußen mit einem befremdenden Getöse, gerade als ob eine Überschwemmung heranwoge, zwischen den beiden Anhöhen anlangten. Die drei ersten Seiten unseres Karrees, d. h. die Front und die beiden andern, welche rechts und links abschwenkten, gaben auf der Stelle Feuer, und Gott weiß, wieviel Preußen in diesem Terraineinschnitt blieben! Anstatt aber anzuhalten, fuhren ihre Kameraden fort, den Hügel emporzuklimmen, indem sie wie besessen: »Vaterland! Vaterland!« schrien und uns ihr Bataillonsfeuer auf hundert Schritt so zu sagen direct in den Leib jagten. Dann begann der Kampf mit dem Bajonett und dem Kolben, denn sie wollten durchaus das Karree sprengen; sie waren gewissermaßen toll vor Wuth. Mein Lebtag werde ich daran denken, wie ein Bataillon dieser Preußen von der Seite gerade auf uns loskam und uns mit Bajonettstichen anfiel, die wir, ohne aus dem Glied zu treten, zurückgaben, und wie sie alle von zwei Geschützen, die fünfzig Schritt hinter dem Karree aufgepflanzt waren, niedergeschmettert und weggefegt wurden. Nun wagte keine andere Schaar mehr zwischen die Karrees einzudringen. Sie stiegen den Hügel wieder hinunter, und wir luden unsere Gewehre, um sie bis auf den letzten Mann zu vernichten, als ihre Geschütze von Neuem zu spielen begannen, und wir ein starkes Getöse zur Rechten vernahmen. Das war ihre Kavallerie, welche die Lücken benutzen wollte, die die Kanonenkugeln in unsere Reihen rissen! Ich sah nichts von dieser Attaque, denn sie ging auf der Rückfront der Division vor sich, inzwischen aber schmetterten uns die Kugeln zu Dutzenden nieder. Dem General Chemineau war der Schenkel zerschmettert worden, und es konnte nicht länger so fortgehen, als man uns befahl, den Rückzug anzutreten, was wir mit einem Vergnügen thaten, das Jeder begreiflich finden wird. Wir schwenkten um Groß-Görschen herum, immer verfolgt von den Preußen, mit denen wir fortwährend Schüsse wechselten. Die zweitausend Mann, welche sich im Dorfe befanden, hielten endlich den Feind durch ein aus allen Fenstern eröffnetes Schnellfeuer auf, während wir den Abhang hinaufmarschirten, um das zweite Dorf, Klein-Görschen, zu erreichen. Jetzt aber zog die ganze preußische Kavallerie auf der freien Seite heran, um uns den Rückzug abzuschneiden und uns zu zwingen, im Bereich ihrer Kanonen zu bleiben. Dies Manöver erfüllte mich mit unglaublicher Entrüstung. Ich hörte, wie Zebede schrie: »Lieber drauf los, als dort stehen bleiben!« Die Gefahr war in der That entsetzlich, denn jene Husaren- und Jäger-Regimenter kamen in guter Ordnung heran, ehe sie ihren Anlauf nahmen. Wir marschirten noch immer rückwärts, als man uns vom Kamm des Abhangs aus zuschrie: »Halt!« und die Husaren, die bereits auf uns einsprengten, im selben Augenblicke mit einer fürchterlichen Kartätschen-Salve überschüttet wurden, die sie zu Hunderten niederstreckte. Es war die Division Girard, die uns so von Klein-Görschen her zu Hilfe kam. Sie hatte etwas weiter nach rechts eine Batterie von sechzehn Geschützen aufgepflanzt, die gute Wirkung that: die Husaren stoben schneller zurück, als sie herangekommen waren, und nun vereinigten sich die sechs Karrees der Division Girard in Klein-Görschen mit den unsrigen, um die preußische Infanterie aufzuhalten, die, drei Kolonnen vorn, drei andere, eben so starke, weiter hinten, immerfort vorrückte. Wir hatten Groß-Görschen verloren, aber der Kampf zwischen Klein-Görschen und Rahna sollte noch schrecklicher werden. Ich meinestheils dachte nur noch daran, mich zu rächen. Ich war so zu sagen toll vor Wuth und Groll gegen die, welche mir das Leben nehmen wollten, das Leben, dies höchste Gut des Menschen, das Jeder bewahren soll, so gut er kann. Ich empfand eine Art Haß gegen diese Preußen, deren Geschrei und trotziges Aussehn mich empörten. Dennoch machte es mir viel Vergnügen, Zebede noch bei mir zu sehen, und da wir in Erwartung neuer Angriffe das Gewehr bei Fuß genommen hatten, drückte ich ihm die Hand. »Wir haben Glück gehabt!« sagte er. »Aber wenn nur der Kaiser bald kommt, denn sie sind zwanzig Mal stärker als wir ... und wenn er nur Kanonen mitbringt!« Er sprach nicht mehr davon, sich das Kreuz zu verdienen! Ich blickte ein wenig zur Seite, um zu sehen, ob der Sergeant noch da wäre, und sah ihn ruhig sein Bajonett abwischen. Sein Aussehn war unverändert – das freute mich. Ich hätte auch gern gewußt, ob Klipfel und Fürst sich noch in ihren Reihen befänden, aber das Commando: »Gewehr auf!« ließ mich an andere Dinge denken. Die drei ersten feindlichen Kolonnen hatten auf dem Hügel bei Groß-Görschen Halt gemacht, um die drei andern zu erwarten, die mit geschultertem Gewehr herankamen. Das Dorf im Thale zwischen uns brannte, die Strohdächer loderten und der Qualm stieg bis zum Himmel empor. Auf einer Seite, zur Linken, sahen wir eine lange Reihe von Geschützen über die gepflügten Felder herankommen, sie wollten uns in die Flanke nehmen. Es mochte zwölf Uhr sein, als die sechs Kolonnen sich in Bewegung setzten und rechts und links von Groß-Görschen sich große Massen von Husaren und reitenden Jägern ausbreiteten. Unsere Artillerie, die hinter den Karrees aus dem Kamm der Anhöhe stand, hatte ein fürchterliches Feuer gegen die preußischen Kanoniere eröffnet, die auf der ganzen Linie antworteten. In den Karrees begannen die Trommeln zu wirbeln, um auf das Nahen des Feindes aufmerksam zu machen. Es klang wie das Summen einer Fliege während eines Sturms, und unten im Thale riefen die Preußen im Chore ihr: »Vaterland! Vaterland!« Da der Wind auf uns zu blies, hüllte ihr Bataillonsfeuer beim Ersteigen des Hügels uns in eine Rauchwolke ein, so daß wir sie nicht sehen konnten. Trotzdem aber hatte unser Rottenfeuer begonnen. Man sah und hörte sich gegenseitig seit einer Viertelstunde nicht mehr, als plötzlich die preußischen Husaren in unserm Karree waren. Wie das gekommen, weiß ich nicht – kurz und gut, sie waren drin und kreisten zur Rechten und Linken, wobei sie sich von ihren kleinen Pferden herabbeugten, um uns unbarmherzig zusammenzuhauen. Wir drangen unter lautem Geschrei mit dem Bajonett auf sie ein, sie feuerten ihre Pistolen auf uns ab – es war schrecklich. – Zebede, der Sergeant Pinto, ich und einige zwanzig Andere von unserer Compagnie hielten zusammen. – Mein Lebtag werde ich diese bleichen Gesichter mit den bis zu den Ohren hinaufgestrichenen Schnurrbärten und den mit dem Sturmband unter dem Kinn befestigten Tschakos, sowie die Pferde, die sich wiehernd auf Haufen von Verwundeten und Todten bäumten, nicht wieder vergessen und stets die Rufe hören, die wir, die Einen auf Französisch, die Andern auf Deutsch, ausstießen. Sie nannten uns: »Schweinepelze!« und der alte Sergeant Pinto schrie unaufhörlich: »Muthig, Kinder! Muthig!« Nie habe ich begreifen können, wie wir aus dem Getümmel herauskamen: wir marschirten aufs Gerathewohl im Pulverdampf umher und wanden uns durch Flintenschüsse und Säbelhiebe hindurch. Ich erinnere mich nur, daß Zebede mir alle Augenblicke zuschrie: »Komm! Komm!« und daß wir uns endlich mit dem Sergeanten Pinto und sieben oder acht andern Kameraden von der Compagnie hinter einem noch stehenden Karree auf einem sich abdachenden Felde befanden. Wir sahen aus wie Schlächter. »Von Neuem geladen!« commandirte der Sergeant. Und jetzt erst, beim Laden, sah ich, daß Blut und Haare an der Spitze meines Bajonetts klebten, was mir bewies, daß ich in meiner Wuth fürchterliche Stöße ausgetheilt hatte. Nach einer Minute fuhr Pinto fort: »Das Regiment ist zersprengt ... diese preußischen Halunken haben es zur Hälfte niedergesäbelt ... Wir werden es später wiederfinden ... Für den Augenblick muß der Feind verhindert werden, in das Dorf einzudringen. – In Zügen rechts um! Vorwärts! Marsch!« Wir stiegen eine kleine Treppe hinunter, die in einen der Dorfgärten führte, und traten in ein Haus, dessen Hinterthür der Sergeant mit einem großen Küchentisch verrammelte. Dann deutete er auf die nach der Straße führende Thür und sagte: »Das ist unsere Rückzugslinie.« Wir stiegen darauf in das erste Stock hinauf und traten in ein ziemlich geräumiges Zimmer, das die Ecke am Fuße des Hügels bildete. Es hatte zwei Fenster nach dem Dorfe zu und zwei andere, die auf den Hügel hinausgingen, der ganz in Pulverrauch gehüllt war, und auf dem das Knattern des Rottenfeuers und der Kanonendonner noch immer fortdauerte. In einem Alkoven im Hintergrunde stand ein ungemachtes Bett und vor dem Bett eine Wiege – die Leute waren ohne Zweifel bei Beginn der Schlacht geflohen. Aber unter den Vorhängen halb verborgen, sah uns ein Hund mit weißem, buschigen Schweife, aufrechtstehenden Ohren und spitzer Schnauze mit leuchtenden Augen an. Das Alles dünkt mich wie ein Traum. Der Sergeant hatte ein Fenster geöffnet und feuerte bereits in die Straße, auf der zwei oder drei preußische Husaren zwischen Haufen von Karren und Düngerbergen vordrangen. Hinter ihm standen die Andern und lauerten mit schußbereiter Waffe. Ich schaute nach dem Hügel hinüber, um zu sehen, ob das Karree noch Stand hielt, und bemerkte es in der Entfernung von fünf- oder sechshundert Schritten, wie es in guter Ordnung zurückwich und auf allen vier Seiten auf die Reitermassen feuerte, die es umschwärmten. Mitten drin erblickte ich im Pulverdampfe den Obersten, einen vierschrötigen, untersetzten Mann, zu Pferde und den Säbel in der Faust, und neben ihm die Fahne, die so zerfetzt war, daß sie nur noch einem Lappen glich, der an einer Stange hängt. Weiter hinten, zur Linken, brach an der Biegung der Landstraße eine feindliche Kolonne hervor und marschirte auf Klein-Görschen los. Diese Kolonne wollte sich quer zwischen die Unsern und das Dorf schieben und ihnen so den Rückzug abschneiden, aber wie wir waren bereits hunderte von versprengten Soldaten angelangt, und von allen Seiten strömten noch neue hinzu, einige, indem sie sich alle fünfzig Schritt umwandten und ihr Gewehr abfeuerten, andere, die verwundet waren, indem sie sich mühsam fortschleppten, um nur irgend wohin zu kommen. Sie drangen in die Häuser, und als die Kolonne immerfort näher kam, wurde aus allen Fenstern ein Schnellfeuer auf sie eröffnet. Das hielt sie auf, um so mehr, da im selben Augenblick auf dem Hügel zur Rechten die Divisionen Brenier und Marchand aufzumarschiren begannen, die der Fürst von der Moskwa uns zu Hilfe schickte. Wir erfuhren nachher, daß der Marschall Ney dem Kaiser zwar nach Leipzig zu gefolgt war, jetzt aber auf den Kanonendonner hin zurückkam. Die Preußen machten also an jener Stelle Halt, und das Feuer hörte auf beiden Seiten auf. Unsere Karrees und Kolonnen erklimmten den Abhang, der Starsiedel gegenüber lag, und Alles im Dorfe beeilte sich, die Häuser zu räumen und wieder zu seinem Regiment zu kommen. Das unsere war unter zwei oder drei andere gemengt, und als die Divisionen vor Kaja Gewehr bei Fuß nahmen, hatten wir Mühe, uns zusammenzufinden. Man verlas den Appell – es blieben zweiundvierzig Mann von unserer ganzen Compagnie. Der lange Fürst und Leger waren nicht mehr da, aber Zebede, Klipfel und ich waren mit heiler Haut davongekommen. Unglücklicherweise jedoch war die Geschichte noch nicht zu Ende, denn die Preußen, die unser Rückzug unverschämt und übermüthig machte, trafen bereits von Neuem Anstalten, uns in Kaja anzugreifen. Eine Masse von Verstärkungen stieß zu ihnen, und ich konnte mich bei diesem Anblick nicht des Gedankens erwehren, daß der Kaiser da eine für einen so großen Heerführer doch recht schlechte Idee gehabt habe, auf Leipzig loszugehen und uns inzwischen durch eine Armee von mehr als hunderttausend Mann überfallen zu lassen. Als wir gerade dabei waren, uns hinter der Division Brenier von Neuem zu ordnen, stürmten achtzehntausend alte Soldaten der preußischen Garde im Laufschritt die Anhöhe herauf, wobei sie die Tschakos unserer gefallenen Kameraden als Siegeszeichen auf den Bajonetten trugen. Gleichzeitig entspann sich der Kampf auch zur Linken, zwischen Klein-Görschen und Starsiedel. Die Masse russischer Kavallerie, die wir am Morgen hinter der Grune bemerkt hatten, wollte uns umgehen, aber das sechste Armeecorps war zu unserer Deckung herangekommen, und die Marine-Regimenter standen wie die Mauern. Die ganze Ebene war nur eine einzige Staub- und Rauchwolke, aus der man die Helme, Panzer und Lanzen zu Tausenden aufblitzen sah. Wir wichen unsererseits immer mehr und mehr zurück, als plötzlich etwas wie Blitz und Donner vor uns vorübersauste: es war Marschall Ney, der, gefolgt von seinem Generalstab, im gestreckten Galopp herankam. Nie habe ich ein solches Gesicht gesehen: seine Augen sprühten Funken, und seine Nasenflügel zitterten vor Zorn! In einer Secunde hatte er die Linie in ihrer ganzen Tiefe durchmessen und befand sich vor der Front unserer Kolonnen. Alles folgte ihm, wie von einer unwiderstehlichen Gewalt fortgerissen: anstatt zurückzuweichen, marschirte man jetzt den Preußen entgegen, und nach zehn Minuten war Alles im Feuer. Aber der Feind stand fest. Er glaubte sich schon Meister und wollte den Sieg nicht fahren lassen, um so mehr, als er immerfort Verstärkung erhielt und wir bereits durch einen ständigen Kampf erschöpft waren. Unser Bataillon befand sich diesmal in der zweiten Linie, und die Kugeln flogen über uns weg. Ein weit schlimmeres Geräusch aber, das mir die Nerven zerriß, war das Klappern der Kartätschensalven in den Bajonetten: das pfiff wie eine Art fürchterlicher Musik, die weithin vernehmlich war. Nichtsdestoweniger begannen wir unter Geschrei, Commandorufen und Gewehrfeuer über Haufen von Todten wieder abwärts zu marschiren, und unsere ersten Divisionen drangen von Neuem in Klein-Görschen ein. Man kämpfte dort Mann gegen Mann: auf der großen Dorfstraße war nichts zu sehen als geschwungene Flintenkolben und Generale zu Pferde, die den Degen führten wie gemeine Soldaten. Das dauerte einige Minuten lang, und wir sagten schon in den Gliedern: »Es geht gut! ... geht gut! ... wir rücken vor!« Als aber auf preußischer Seite neue Truppen herankamen, waren wir gezwungen, zum zweiten Male zu weichen, und diesmal unglücklicherweise so schnell, daß eine große Anzahl bis nach Kaja hinein floh. Dies Dorf lag auf dem Hügel selbst und war das letzte diesseits der Heerstraße nach Lützen. Es besteht aus einer langen Reihe von Häusern, die durch kleine Gärten, Ställe und Bienenstände von einander getrennt werden. Wenn der Feind uns in Kaja forcirte, war die Armee in zwei Theile zerschnitten. Während des Laufens erinnerte ich mich jener Worte Herrn Gouldens: »Wenn die Verbündeten uns unglücklicherweise schlagen, werden sie sich in unserm Lande für Alles das rächen, was wir ihnen seit zehn Jahren angethan haben!« Ich hielt die Schlacht für verloren, denn selbst Marschall Ney ging inmitten eines Karrees mit den übrigen zurück, und die Soldaten trugen, um aus dem Getümmel zu kommen, verwundete Officiere auf ihren zu Tragbahren verschränkten Gewehren fort. Kurzum, die Sache nahm eine schlechte Wendung. Ich kam auf der rechten Seite des Dorfes nach Kaja hinein, indem ich über die Hecken stieg und über die kleinen Stakete sprang, durch welche die Gärten von einander abgegrenzt sind. Eben wollte ich um eine Scheunenecke biegen, als ich beim Aufblicken ungefähr fünfzig Officiere zu Pferde auf der Spitze eines gegenüber liegenden Hügels halten sah; weiter hinter ihnen sausten Artilleriemassen in gestrecktem Galopp auf der Leipziger Straße heran. Das veranlaßte mich, genauer hinzuschauen, und nun erkannte ich den Kaiser, der ein wenig vor den Uebrigen hielt: er saß auf seinem Schimmel wie in einem Lehnstuhl. Ich sah ihn unter dem fahlen Himmel sehr gut: er rührte sich nicht und beobachtete die Schlacht unten durch sein Fernglas. Dieser Anblick erfreute mich so, daß ich aus Leibeskräften: »Es lebe der Kaiser!« rief. Dann eilte ich durch einen Gang zwischen zwei alten Häusern auf die Hauptstraße von Kaja. Ich war einer von den Ersten und sah noch, wie die Bewohner des Dorfes, Männer, Frauen und Kinder, eiligst in ihre Keller stürzten. Mehrere Personen, denen ich diese Umstände erzählte, haben mir Vorwürfe gemacht, daß ich so schnell gelaufen sei, ich habe ihnen aber erwidert, daß, wenn Michel Ney zurückwich, Joseph Bertha wohl ebenfalls zurückweichen konnte. Klipfel, Zebede, der Sergeant Pinto, Alle, die ich aus der Compagnie kannte, waren noch draußen, und ich hörte ein so fürchterliches Kampfgetöse, daß man sich keine Vorstellung davon machen kann. Rauchmassen wälzten sich über die Dächer, die Ziegel rollten herab und fielen auf die Straße, und die Kugeln drückten die Wände ein oder zerschmetterten mit fürchterlichem Krachen die Balken. Gleichzeitig strömten von allen Seiten durch die Gassen, über die Hecken und über die Zäune in den Gärten unsere Soldaten herein, indem sie sich von Zeit zu Zeit umdrehten, um Feuer zu geben. Sie waren aus allen Regimentern durcheinander gewürfelt, ohne Tschakos, zerfetzt, blutbespritzt und wüthend, und jetzt, nach so vielen Jahren denke ich daran: es waren Alles Kinder, wahre Kinder, unter fünfzehn oder zwanzig hatte nicht einer einen Schnurrbart – aber der Muth ist dem Franzosen einmal angeboren! Und als die Preußen unter der Führung alter Officiere, die fortwährend: »Vorwärts! Vorwärts!« schrien, wie eine Heerde von Wölfen, die einander auf den Rücken springen, um schneller vorwärts zu kommen, heranstürmten, eröffneten wir, etwa zwanzig oder dreißig Mann stark, von einer Scheunenecke aus und gegenüber einem Garten, indem sich ein kleines Bienenhäuschen und große, blühende Kirschbäume befanden, die ich noch jetzt vor mir zu sehen glaube, ein Schnellfeuer auf diese Halunken, die eine kleine Mauer weiter unten übersteigen und das Dorf nehmen wollten. Wieviel von ihnen, sobald sie auf die Mauer gelangten, wieder in die Masse zurückstürzten, weiß ich nicht, es kamen aber immer wieder andere. Die Kugeln pfiffen uns zu Hunderten um die Ohren und schlugen sich an dem Mauerwerk platt, der Kalk fiel von den Wänden, das Stroh hing von den Dachbalken herab, das große Thor zur Linken war ganz von Kugeln durchlöchert, und wir, nachdem wir hinter der Scheune geladen hatten, sprangen abwechselnd vor und wieder zurück, um in den Haufen zu schießen. Das dauerte nur gerade so lange, als man zum Anlegen und Abdrücken brauchte, und trotzdem waren schon fünf oder sechs von uns mit dem Gesicht nach unten an der Ecke des Heuschobers zu Boden gestürzt. Unsere Wuth war jedoch so groß, daß wir nicht darauf achteten. Als ich zum zehnten Male vorsprang, fiel mir beim Anlegen die Flinte aus der Hand. Ich bückte mich, um sie aufzuheben, und stürzte dabei über sie hin – ich hatte eine Kugel in der linken Schulter. Das Blut strömte mir über die Brust wie warmes Wasser. Ich versuchte aufzustehen, aber Alles, was ich thun konnte, war, daß ich mich gegen die Mauer lehnte. Jetzt floß mir das Blut bis auf die Schenkel herunter und der Gedanke überfiel mich, ich müsse an dieser Stelle sterben – dabei überlief es mich eiskalt. Die Kameraden schossen noch immer über meinen Kopf weg, und die Preußen erwiderten das Feuer ohne Unterbrechung. Da ich fürchtete, eine andere Kugel könne mich vollends tödten, klammerte ich mich mit der rechten Hand, um mich auf diese Weise fortzuziehen, so krampfhaft an die Mauerecke, daß ich in einen kleinen Graben fiel, der das Wasser von der Straße in den Garten leitete. Mein linker Arm war schwer wie Blei, der Kopf wirbelte mir, zwar hörte ich noch immer das Gewehrfeuer, aber nur wie im Traum. Dieser Zustand dauerte ohne Zweifel längere Zeit. Als ich die Augen wieder öffnete, war die Nacht im Anzuge, und die Preußen zogen auf der Gasse im Laufschritt vorüber. Sie füllten schon das ganze Dorf. Im Garten mir gegenüber hielt ein alter General mit bloßem Haupte und weißem Haar auf einem großen, braunen Pferde. Mit schmetternder Stimme befahl er, Kanonen herbeizuschaffen, und einige Officiere sprengten mit verhängtem Zügel davon, um seine Befehle zu überbringen. Neben ihm stand auf der mit Todten bedeckten kleinen Mauer einer ihrer Chirurgen und verband ihm den Arm. Auf der andern Seite hielt weiter hinten zu Pferde ein sehr hagerer, russischer Officier, ein junger Mann, dessen Kopf ein Hut mit grünen, bouquetförmig herabfallenden Federn bedeckte. Das Alles sah ich mit einem Blick: den Alten mit der dicken Nase, der breiten, flachen Stirn, den lebhaften Augen und der kühnen Miene; die Andern um ihn her; den Arzt, einen kleinen, kahlköpfigen Mann mit einer Brille; und dann, sechs oder siebenhundert Schritt entfernt, zwischen zwei Häusern unten im Thale unsere Soldaten, die sich ordneten. Das Alles steht mir vor Augen, als ob ich noch an jener Stelle läge. Es wurde nicht mehr geschossen, aber zwischen Klein-Görschen und Kaja erhob sich jetzt ein fürchterliches Geschrei. Man hörte dumpfes Rollen, Wiehern, Fluchen und Peitschenschläge. Ohne zu wissen, warum, schleppte ich mich aus dem Fahrgleise fort und lehnte mich wieder gegen die Mauer, und beinahe im selben Augenblicke bogen zwei Sechzehnpfünder, jeder mit sechs Pferden bespannt, beim ersten Hause des Dorfes um die Ecke. Die reitenden Artilleristen peitschten die Pferde aus Leibeskräften, und die Räder schnitten in die Haufen von Todten und Verwundeten ein wie in Stroh: die Knochen krachten! Daher kam das fürchterliche Geschrei und Gewinsel, das ich gehört hatte – mir stiegen dabei die Haare zu Berge. »Hierher!« rief der Alte auf Deutsch. »Zielt da unten hin, zwischen die beiden Häuser neben dem Brunnen!« Die beiden Geschütze wurden sofort herumgedreht, die Pulver- und Kugelwagen kamen im Galopp nach. Der Alte, den linken Arm in der Binde, ritt näher heran, um zuzusehen, und während sie die Gasse hinaufritten, hörte ich, wie er in kurzem Tone an den jungen russischen Officier die Worte richtete: »Sagen Sie dem Kaiser Alexander, daß ich in Kaja bin ... Die Schlacht ist gewonnen, wenn man mir Verstärkungen schickt. Man berathe nicht lange ... man handle! ... Wir müssen auf eine fürchterliche Attaque gefaßt sein. Napoleon kommt ... ich fühle es! In einer halben Stunde haben wir ihn mit seiner Garde auf dem Halse ... Aber was es auch koste, ich werde ihm die Spitze bieten ... Man verliere aber um Gottes willen nicht eine Minute ... und der Sieg ist unser!« Der junge Mann sprengte im Galopp in der Richtung nach Klein-Görschen davon, und im selben Augenblicke sagte Jemand neben mir: »Der Alte – das ist Blücher ... Ha! Schurke, wenn ich meine Flinte hätte!« Als ich den Kopf umdrehte, erblickte ich einen alten, ausgedörrten, hagern Sergeanten mit tiefgefurchten Backen, der sich gegen das Scheunenthor lehnte, indem er, da ihm eine Kugel die Lenden zerschmettert hatte, die Hände als Krücken auf die Erde stemmte. Seine gelblichen Augen folgten schielend dem preußischen General, seine schon bleifarbene, gekrümmte Nase steckte wie ein Schnabel in seinem dichten Schnurrbart: er hatte eine zugleich fürchterliche und stolze Miene. »Wenn ich meine Flinte hatte,« wiederholte er nochmals, »würdest du sehen, ob die Schlacht gewonnen ist.« Wir waren die einzigen noch lebenden Wesen in diesem mit Todten überfüllten Winkel. Ich dachte daran, daß man mich vielleicht am nächsten Tage mit all den Andern da drüben im Garten einscharren und daß ich Katherine nie mehr wiedersehen würde, und die Thränen liefen mir über die Backen. Unwillkürlich rief ich: »Jetzt ist Alles aus!« Her Sergeant sah mich darauf von der Seite an, und als er sah, daß ich noch so jung war, fragte er: »Was hast du denn, Rekrut?« »Eine Kugel in der Schulter, Herr Sergeant.« »In der Schulter – das ist besser als in den Lenden: man kann davonkommen!« Und nachdem er mich von Neuem betrachtet hatte, fügte er mit weicherer Stimme hinzu: »Fürchte nichts ... du wirst die Heimat wiedersehen.« Ich dachte, er habe Mitleid mit meiner Jugend und wolle mich trösten. Aber mir war die Brust wie zerschmettert, und das raubte mir alle Hoffnung. Der Sergeant sagte nichts mehr; er machte nur von Zeit zu Zeit eine Anstrengung, um den Kopf aufzurichten und nachzusehen, ob unsere Kolonnen noch nicht kämen. Dabei fluchte er zwischen den Zähnen und ließ sich endlich, indem er die Schulter in den Thorwinkel lehnte, zu Boden gleiten, indem er sagte: »Mit mir ist's aus! ... aber der große Halunke hat es wenigstens gebüßt.« Dabei schaute er nach der vor uns liegenden Hecke, wo ein preußischer Grenadier auf dem Rücken ausgestreckt lag: das Bajonett steckte ihm noch in der Brust. Es mochte jetzt sechs Uhr sein. Der Feind hatte alle Häuser inne und füllte die Gärten, die Baumpflanzungen, die Dorfstraße und die Nebengäßchen. Ich fror am ganzen Leibe und war, die Stirn auf die Kniee gestützt, erstarrt und betäubt, als das Donnern der Kanonen mich von Neuem aufrüttelte. Die beiden Geschütze im Garten und einige andere, die weiter oben im Dorfe aufgepflanzt waren, gaben Feuer und beleuchteten bei jedem Schusse die Hauptstraße, auf der die Preußen und Russen sich durch einander drängten. Aus allen Fenstern wurde ebenfalls geschossen. Aber das war nichts im Vergleich zu dem Feuer der Franzosen da drüben auf dem Hügel. Und unten im Thale stürmte die junge Garde im Laufschritt, die Obersten, Commandanten und Generale mit hochgeschwungenen Degen und zu Pferde mitten unter den Bajonetten, in geschlossenen Kolonnen herauf. Alles war in einen grauen Nebel gehüllt und wurde nur von Secunde zu Secunde durch das Aufblitzen der achtzig Geschütze beleuchtet, die der Kaiser zu einer einzigen Batterie hatte auffahren lassen, um den Vorstoß zu unterstützen. Diese achtzig Geschütze verursachten ein fürchterliches Getöse, und das alte Gebäude, an das ich mich lehnte, erbebte davon trotz der Entfernung bis in die Grundmauern. Die Kugeln rissen auf der Straße ganze Reihen von Preußen und Russen nieder wie Sichelhiebe das Gras; jetzt war an ihnen die Reihe, aufzuschließen! Hinter uns hörte ich die feindliche Artillerie antworten und dachte: »Mein Gott! wenn jetzt nur die Franzosen siegen, so werden ihre armen Verwundeten doch aufgelesen werden, während die Preußen und Kosaken zuerst an die ihren denken und uns Alle umkommen lassen würden.« Auf den Sergeanten gab ich nicht mehr Acht. Ich beobachtete nur, wie die preußischen Kanoniere ihre Geschütze luden, richteten und abfeuerten, indem ich sie aus Herzensgrund verfluchte, und lauschte mit Entzücken auf die Rufe: »Es lebe der Kaiser!« die aus dem Thale heraufzuschallen begannen, und die in den Pausen zwischen den Kanonensalven deutlich zu vernehmen waren. Nach zwanzig Minuten endlich begannen die Preußen und Russen zu weichen. Sie strömten in Masse durch die Gasse zurück, in der wir lagen, um sich auf dem Abhang festzusetzen. Die Rufe: »Es lebe der Kaiser!« näherten sich mehr und mehr. Die Kanoniere vor uns sputeten sich wie wahnsinnig, als drei oder vier Kugeln zwischen ihnen einschlugen, ein Rad zertrümmerten und sie mit Erde überschütteten. Ein Geschütz fiel auf die Seite, zwei Artilleristen waren getödtet, zwei andere verwundet. Da fühlte ich mich plötzlich beim Arm gepackt – ich wandte mich um und erblickte den alten Sergeanten, der, obschon halbtodt, mich anschaute und mit wilder Miene dabei lachte. Das Dach der Scheune sank zusammen, die Mauer bog und neigte sich, aber wir achteten nicht darauf. Wir sahen nur die Niederlage der Feinde und hörten unter all dem fürchterlichen Krachen und Donnern nur die immer näher und näher kommenden Rufe unserer Soldaten. Plötzlich wurde der Sergeant weiß wie Kalk und rief: »Da ist er.« Und auf den Knieen sich nach vorn neigend, die eine Hand auf die Erde stützend und die andere erhebend, schrie er mit schallender Stimme: »Es lebe der Kaiser!« Dann fiel er mit dem Gesicht auf den Boden und rührte sich nicht mehr. Und als ich mich, um zu sehen, ebenfalls nach vorn neigte, erblickte ich Napoleon, wie er, den Hut auf den dicken Kopf gedrückt, in seinem grauen, offenen Mantel und mit einem breiten, quer über die weiße Weste laufenden rothen Bande kalt und ruhig, wie beleuchtet vom starren Glanz der Bajonette, mitten unter dem Gewehrfeuer den Abhang heraufsprengte. Alles wich vor ihm. Die preußischen Kanoniere ließen ihre Kanonen im Stich und sprangen über die Gartenmauer, trotz der Rufe ihrer Officiere, die sie zurückhalten wollten. Alle diese Umstände habe ich gesehen, und sie sind mit feurigen Zeichen in mein Gedächtniß eingegraben. Von jenem Momente ab erinnere ich mich aber keines Umstands mehr, denn in der sichern Hoffnung auf unsern Sieg hatte ich das Bewußtsein verloren und lag wie ein Todter unter all den andern Todten. 14. Mitten in der Stille der Nacht erwachte ich wieder. Wolkengestalten zogen über den Himmel, und der Mond schaute auf das verödete Dorf, die umgestürzten Kanonen und die aufgehäuften Leichen herab, wie er seit Anbeginn der Welt auf das plätschernde Wasser, das sprossende Gras und im Herbst auf die fallenden Blätter herabschaut. Die Menschen sind nichts im Vergleich zur unvergänglichen Natur – das begreifen die Sterbenden besser als Andere. Ich konnte mich nicht rühren und empfand heftige Schmerzen. Nur mein rechter Arm war beweglich. Dennoch gelang es mir, mich auf dem Ellbogen aufzurichten, und ich sah nun bis tief in die Straße hinein die aufgehäuften Leichen. Der Mond goß sein bleiches Licht auf sie herab; sie waren weiß wie Schnee. Einige hatten Mund und Augen weit offen stehen, andere lagen, die Patrontasche und den Tornister auf dem Rücken, die Hand fest an das Gewehr geklammert, mit dem Gesicht auf der Erde. Ich sah das in fürchterlicher Deutlichkeit, und die Zähne klapperten mir vor Grausen und Entsetzen. Ich wollte Hilfe rufen, vernahm aber nur einen schwachen Laut wie den Ruf eines schluchzenden Kindes und sank verzweifelnd wieder zusammen. Aber der schwache Schrei, den ich in der Stille ausgestoßen hatte, rief nach und nach andere hervor, und das verbreitete sich nach allen Seiten: alle Verwundeten glaubten Hilfe kommen zu hören, und wer noch klagen konnte, rief. Dies Geschrei dauerte einige Minuten lang, dann wurde Alles wieder still, und ich hörte nur noch das langsame Schnauben eines Pferdes, das in meiner Nähe hinter der Hecke lag. Es wollte sich aufrichten, und ich sah, wie es den Kopf an dem langen Halse emporhob, dann fiel es wieder zurück. Infolge der Anstrengung, die ich gemacht hatte, hatte meine Wunde sich wieder geöffnet, und ich fühlte von Neuem das Blut unter meinem Arm hervorrieseln. Ich schloß nun die Augen, um zu sterben, und alle längst vergangenen Begebenheiten aus den Tagen meiner ersten Kindheit – die Gegenstände im Dorfe, als meine arme Mutter mich noch in ihren Armen schaukelte und mich mit Wiegenliedern einschläferte, die kleine Stube, der alte Alkoven, unser Hund Pommer, der mit mir spielte und mich auf der Erde hin und her rollte, der Vater, der Abends mit der Axt auf der Schulter heiter nach Hause kam und mich in seine breiten Hände nahm und mich küßte – all dieser Dinge erinnerte ich mich wie eines Traums. »O arme Mutter ... armer Vater!« ... dachte ich, »wenn ihr gewußt hättet, daß ihr euer Kind mit so viel Liebe und Mühe erzogt, nur, damit es eines Tages elend umkomme, allein, fern von aller Hilfe! ... wie würdet ihr trostlos gewesen sein, wie würdet ihr denen geflucht haben, die es in diesen Zustand versetzten! ... Ach! wenn ihr nur da wäret! ... wenn ich euch nur um Verzeihung bitten könnte für die Noth und die Mühe, die ich euch verursacht habe!« Und bei diesem Gedanken flossen Thränen über mein Gesicht, und Wehmuth schwellte meine Brust – lange schluchzte ich leise in mich hinein. Auch Katherine, Tante Gredel und der gute Herr Goulden kamen mir bald in den Sinn, und das war entsetzlich! meine Vorstellungen glichen einem Schauspiel, das sich unter euren Augen zuträgt: ich sah ihr Staunen und ihre Befürchtungen, indem sie die Nachricht von der großen Schlacht vernahmen, sah, wie Tante Gredel täglich die Heerstraße entlang ging, um zur Post zu eilen, während Katherine sie betend erwartete, sah, wie Herr Goulden allein in seinem Zimmer saß und in der Zeitung las, daß das dritte Armeecorps mehr gelitten habe als die übrigen, wie er mit gesenktem Kopfe in der Stube auf und ab ging und sich spät und nachdenklich an den Werktisch setzte. Meine Seele war bei ihnen in der Heimat: sie wartete gewissermaßen mit Tante Gredel vor der Post, sie kehrte niedergeschlagen mit ihr in das Dorf zurück, sie sah Katherine in ihrer Verzweiflung. Dann ging eines Morgens der Briefbote Rödig mit seiner Blouse und seinem kleinen Lederränzel nach Vier-Winden. Er öffnete die Thür der Hausflur und reichte Tante Gredel, die ganz bestürzt war, ein großes Papier. Katherine stand hinter ihr, blaß wie eine Leiche – es war mein Todtenschein, der da eben angekommen war. Ich hörte das herzzerreißende Schluchzen Katherinens, die auf die Erde niedergesunken war, und die Verwünschungen Tante Gredels, deren graues Haar sich aufgelöst hatte, wie sie schrie, daß es keine Gerechtigkeit mehr gebe ... daß es für die braven Leute besser wäre, gar nicht auf Erden zu sein, da Gott sie verlasse! ... Der gute Vater Goulden kam, um sie zu trösten. Aber als er hereintrat, begann er wie sie zu schluchzen, und Alle weinten in unbeschreiblicher Betrübniß und riefen: »O armer Joseph! armer Joseph!« Das zerriß mir das Herz. Dann fiel mir ein, daß dreißig- oder vierzigtausend Familien in Frankreich, Rußland und Deutschland dieselbe Nachricht empfangen würden, und daß sie da zuweilen noch schrecklicher sein müßte, da eine große Anzahl von den Unglücklichen, die hier auf dem Schlachtfeld ausgestreckt lagen, noch Vater und Mutter hatte. Ich stellte mir das wie einen Fluch vor, einen ungeheuren Verzweiflungsschrei des Menschengeschlechts, der zum Himmel aufsteigt. Da erinnerte ich mich auch jener armen Pfalzburger Frauen, die bei dem großen Rückzug aus Rußland in der Kirche beteten, und begriff jetzt, was damals in ihren Seelen vorging! ... Ich dachte daran, daß auch Katherine bald dorthin eilen, und daß sie jahrelang beten und meiner gedenken würde ... Ja, das war mein Gedanke, denn ich wußte, daß wir einander seit unserer Kindheit liebten, und daß sie mich nie würde vergessen können. Meine Rührung war so groß, daß mir unaufhörlich die Thränen über die Backen flossen. Und doch that es mir wohl, solches Vertrauen zu ihr im Herzen zu haben, und überzeugt zu sein, daß sie ihre Liebe bis ins Greisenalter bewahren, mich immer vor Augen haben und keinen Andern zum Manne nehmen würde. Gegen Morgen begann der Thau zu fallen. Dies laute, eintönige Geräusch auf den Dächern, im Garten und auf der Gasse belebte die Stille. Ich dachte an Gott, der seit Anbeginn der Zeiten immer dasselbe thut, dessen Macht ohne Grenzen ist, und der die Sünden vergiebt, weil er allgütig ist, und ich hoffte, er würde auch mir vergeben in Anbetracht meiner Leiden. Da der Thau stark war, füllte er schließlich die kleine Wasserrinne an. Von Zeit zu Zeit hörte man im Dorfe eine Mauer einstürzen, ein Dach zusammenbrechen. Die Thiere, welche der Schlachtlärm scheu gemacht hatte, schöpften wieder Vertrauen und kamen beim Grauen des Tages hervor. In dem benachbarten Stalle meckerte eine Ziege, und ein großer Schäferhund schlich mit hängendem Schweife umher und musterte die Todten. Das Pferd begann bei seinem Anblick fürchterlich zu schnauben: vielleicht hielt es ihn für einen Wolf, und der Hund entfloh. Ich erinnere mich aller dieser Einzelheiten, weil man im Augenblick des Sterbens Alles sieht, Alles hört. Man sagt sich gewissermaßen: »Sieh und höre ... denn bald siehst und hörst du nichts mehr in dieser Welt!« Noch weit besser aber ist mir das im Gedächtniß geblieben – und ich könnte es nie vergessen, wenn ich auch hundert Jahr alt würde! – als ich in der Ferne ein Geräusch von Stimmen zu vernehmen glaubte. O wie munter wurde ich da! wie lauschte ich! ... wie richtete ich mich auf dem Ellbogen auf, um »Hilfe!« zu rufen ... Es war noch Nacht, doch schon erhellte ein bleicher Tagesschimmer den Himmel. In weiter Ferne schwankte im Regen, der die Luft durchkreuzte, ein Licht durch die Felder, hier und dort Halt machend, und dann sah ich schwarze Gestalten sich bewegen und sich niederbeugen. Es waren nur formlose Schatten, aber auch Andere sahen das Licht, denn von allen Seiten stiegen jetzt Seufzer auf, Klagerufe, Laute, die so schwach waren, das man sie hätte für das Schluchzen kleiner Kinder halten können, die nach ihren Müttern rufen. Mein Gott, was ist das Leben? Woraus besteht es, daß man einen so großen Werth darauf legt? Warum fürchten wir denn mehr als Alles in der Welt den Verlust dieses elenden Odems, der uns doch so viel Thränen und Leiden verursacht? Was ist uns denn vorbehalten, daß bei dem geringsten Anlaß zur Todesfurcht Alles in uns schaudert und bebt? Wer weiß es? Seit Jahrtausenden streiten sich die Menschen darüber, Alle denken darüber nach, und Niemand kann es sagen. Ich in meiner Lebensgier betrachtete das Licht, wie der Ertrinkende das Ufer betrachtet ... krampfhaft hielt ich mich aufrecht, um es mit dem Blick zu verfolgen, und mein Herz bebte vor Hoffnung. Ich wollte rufen – kein Laut kam über meine Lippen: das Rauschen der fallenden Tropfen in den Bäumen und auf den Dächern verschlang jeden Ton. Und trotzdem sagte ich zu mir: »Sie hören dich ... sie kommen!« ... Es schien mir, als sähe ich die Laterne den Fußsteig im Garten heraufkommen und das Licht bei jedem Schritte größer werden. Aber nachdem es einige Minuten auf dem Schlachtfelde umhergeirrt war, stieg es allmählich in eine Terrainsenkung hinunter und verschwand. Besinnungslos fiel ich wieder zu Boden. 15. In einem großen, hallenartigen, rings auf Pfeilern ruhenden Schuppen kam ich wieder zu mir. Irgend Jemand gab mir Wein und Wasser zu trinken, was ich sehr gut fand. Als ich die Augen aufschlug, erblickte ich einen alten Soldaten mit grauem Schnurrbart, der mir den Kopf aufhob und mir das Trinkgeschirr an die Lippen hielt. »Nun?« sagte er gutmüthig ... »es geht besser?« Ich lächelte ihm bei dem Gedanken, daß ich noch am Leben wäre, unwillkürlich zu. Brust und linke Schulter lagen in einem festen Verbande. Ich spürte wohl ein Brennen an jenen Stellen, aber das war mir gleichgültig – ich lebte. Zunächst begann ich die dicken Balken zu betrachten, die sich oben mit einander kreuzten, und die Dachziegel, die an mehr als einer Stelle das Tageslicht hindurchließen. Nach einigen Minuten wandte ich dann den Kopf und erkannte, daß ich in einem jener geräumigen Schuppen lag, in denen die Brauer jener Gegend ihre Bottiche und Wagen unterzubringen pflegen. Rings herum auf Matratzen und Stroh lag eine große Menge von Verwundeten, und ungefähr im Mittelpunkte des Ganzen war ein Stabsarzt mit zwei Gehilfen, Alle mit zurückgestreiften Hemdsärmeln, beschäftigt, Jemandem auf einem großen Küchentische ein Bein abzunehmen. Der Verwundete stöhnte. Hinter ihnen lag ein Haufen abgeschnittener Arme und Beine – man mag sich nun vorstellen, was für Gedanken mir bei diesem Anblick durch den Kopf fuhren. Fünf oder sechs Infanterie-Soldaten gaben den Verwundeten zu trinken und hatten zu diesem Zwecke Krüge und Becher. Am meisten Eindruck aber machte der Stabsarzt auf mich mit seinen aufgestreiften Hemdsärmeln, der, ohne auf die Klagelaute zu achten, drauf los schnitt. Er hatte eine große Nase und eingefallene Backen und ereiferte sich alle Augenblicke gegen seine Gehilfen, die ihm nicht schnell genug die Messer, Pincetten, Charpie und Leinenstücke hinreichten oder nicht sofort mit dem Schwamme das Blut aufwischten. Dessenungeachtet ging es nicht übel, denn in weniger als einer Viertelstunde hatten sie bereits zwei Beine abgeschnitten. Draußen an den Pfeilern hielt ein großer Wagen voll Stroh. Als man eben einen russischen Carabinier von mindestens sechs Fuß Länge, dem hinter dem Ohr eine Kugel in den Kopf gefahren war, auf den Tisch gelegt hatte und der Chirurg die kleinen Messer verlangte, um irgend eine Operation an ihm vorzunehmen, ging vor dem Schuppen ein Anderer, ein Stabsarzt von der Kavallerie, ein kurzer, dicker, blatternarbiger Mann vorüber. Er hielt eine Brieftasche unter dem Arm und stand in der Nähe des Wagens still. »He! Forel!« rief er in heiterm Tone. »Sieh da, Sie sind's, Duchene,« antwortete unser Arzt, indem er sich umdrehte. – »Wieviel Verwundete?« »Siebzehn bis achtzehn Tausend.« »Alle Wetter! – Nun, geht's gut heute Morgen?« »Allerdings. Ich bin gerade dabei, eine Schenke zu suchen.« Unser Stabsarzt trat nun aus dem Schuppen, um seinem Kollegen die Hand zu drücken, und beide begannen ruhig zu plaudern, während die Assistenz-Aerzte einen Schluck Wein tranken und der Russe verzweiflungsvoll die Augen rollte. »Da, Duchene, Sie brauchen nur die Straße hinunterzugehen ... dem Brunnen gegenüber ... sehen Sie?« »Ganz wohl!« »Gerade gegenüber werden Sie die Schenke finden.« »Ah! Gut ... Danke schön! ... Ich mache mich davon!« Der andere Stabsarzt ging darauf weg, und der unsere rief ihm nach: »Guten Appetit, Duchene!« Dann kehrte er zu seinem Russen zurück, der auf ihn wartete, und begann damit, daß er ihm den Hals vom Nacken herum bis zur Schulter aufschnitt. Er operirte mit dem Ausdruck schlechter Laune im Gesichte, indem er zu den beiden Assistenten sagte: »Schnell doch, meine Herrn, schnell!« Wie man sich vorstellen kann, stöhnte der Russe. Aber der Arzt achtete nicht darauf, legte ihm zum Schlusse, während er eine Kugel auf den Boden warf, einen Verband an und rief: »Schafft ihn fort!« Der Russe wurde vom Tisch heruntergehoben, die Soldaten betteten ihn auf eine Schütte Stroh neben die Uebrigen, und der Nächste kam an die Reihe. Ich hätte nie geglaubt, daß dergleichen in der Welt geschehen könne, aber ich sah noch ganz andere Dinge, an die ich ewig denken werde. Fünf oder sechs Strohsäcke von dem meinen saß ein alter Korporal mit bandagirtem Fuße. Er blinzelte mit den Augen und sagte zu seinem Nachbar, dem man eben den Arm abgenommen hatte: »Rekrut, schau ein wenig auf den Haufen da – ich wette, du erkennst deinen Arm nicht wieder.« Der Andere, der todtenblaß war, aber doch den größten Muth gezeigt hatte, sah hin und verlor fast im selben Augenblicke die Besinnung. Der Korporal brach darauf in ein Gelächter aus und bemerkte: »Er hat ihn schließlich doch erkannt ... Es ist der da hinten mit dein kleinen, blauen Mal ... Das bringt immer dieselbe Wirkung hervor.« Er bewunderte sich selbst, daß er diese Entdeckung gemacht habe, aber Niemand lachte mit. Alle Augenblicke riefen die Verwundeten: »Zu trinken!« Wenn einer anfing, folgten alle andern seinem Beispiel. Der alte Soldat hatte ohne Zweifel Zuneigung zu mir gefaßt, denn beim Vorübergehen hielt er mir jedes Mal den Becher hin. Ich blieb nicht länger als eine Stunde in dem Schuppen. Hinter dem ersten Wagen hatten sich ein Dutzend andere mit breiten Leitern aufgestellt. Landleute aus der Gegend mit Sammtkitteln und breiten, schwarzen Filzhüten warteten, die Peitsche auf der Schulter und ihre Pferde am Zügel haltend, auf die Abfahrt. Bald traf ein Piquet Husaren ein, der Unterofficier sprang vom Pferde, trat in den Schuppen und sagte: »Entschuldigen Sie, Herr Stabsarzt, aber hier ist eine Ordre, zwölf Wagen mit Verwundeten nach Lützen zu escortiren – werden sie hier beladen?« »Ja, das ist hier,« erwiderte der Arzt. Und unverzüglich begann man die erste Reihe auf die Wagen zu packen. Bevor aber die Bauern und Krankenträger uns aufhoben, ließen sie uns noch einen tüchtigen Schluck trinken. Sobald ein Wagen voll war, rückte er weiter, und der nächste fuhr vor. Ich saß auf dem dritten in der ersten Reihe auf dem Stroh neben einem Rekruten von den Siebenundzwanzigern, dem die rechte Hand fehlte. Hinter uns fehlte einem Andern ein Bein, einem Dritten war der Kopf gespalten, einem Vierten die Kinnlade zerschmettert und so weiter fort bis zum Ende des Wagens. Man hatte uns unsere großen Mäntel gegeben, aber trotzdem die Sonne schien, fror uns doch dermaßen, daß nur die Nase, die Feldmütze oder der Verband aus dem Mantelkragen hervorsahen. Niemand sprach – man hatte genug an sich selbst zu denken. Zuweilen fühlte ich einen fürchterlichen Frost und dann plötzlich wieder eine brennende Hitze, die mir bis in die Augen drang: das war der Anfang des Wundfiebers. Aber bei der Abfahrt von Kaja befand ich mich noch ganz gut, ich sah alle Gegenstände noch klar und deutlich, und erst später, in der Nähe von Leipzig, fühlte ich mich vollständig krank. Man brachte uns also in der Weise unter, daß die, welche sich noch aufrecht halten konnten, in den ersten Wagen saßen, die Uebrigen dagegen in den hintern ausgestreckt lagen, und so fuhren wir ab. Die Husaren, die nebenher ritten, rauchten, lachten und schwatzten von der Schlacht, ohne auf uns zu achten. Während unserer Fahrt durch Kaja traten mir alle Schrecken des Krieges klar vor Augen. Das Dorf war nur noch ein Trümmerhaufen. Die Dächer waren eingestürzt, nur die Giebel standen hier und da noch aufrecht; die Balken und Latten waren zerbrochen, und durch die Löcher blickte man in die kleinen Stuben mit ihren Alkoven, Thüren und Treppen. Arme Leute, Frauen, Kinder und Greise, liefen trostlos im Innern hin und her wie in Käfigen, die unter freiem Himmel stehen. Zuweilen deutete ein Ofen in einem engen Stübchen oben unter dem Dache, ein kleiner Spiegel und Buchsbaumzweige darüber darauf hin, daß dort in Friedenszeiten ein junges Mädchen gehaust hatte. Ach! wer konnte ahnen, daß all dies Glück eines Tages zerstört werden würde, und nicht durch die Gewalt des Sturmes oder den Zorn des Himmels, sondern durch die Wuth der Menschen, die noch weit schrecklicher ist! Alles, selbst die armen Hausthiere, hatte ein verwaistes Aussehen in diesen Ruinen. Die Tauben suchten ihren Schlag, die Rinder und Ziegen ihren Stall: mit klagender Stimme brüllend und meckernd, liefen sie verwirrt durch die Gassen. Auf den Bäumen hockten Hühner, und überall, überall sah man die Spuren der Kanonenkugeln. Vor dem letzten Hause saß ein Greis mit weißen Haaren auf der Schwelle seiner zerstörten Wohnung und hielt ein kleines Kind zwischen den Knieen. In düsteres Brüten versunken, starrte er unsern Zug an. Sah er uns? Ich weiß es nicht. Aber auf seiner tiefgefurchten Stirn und in seinen glanzlosen Augen prägte sich die Verzweiflung aus. Wieviel Jahre der Arbeit, der Sparsamkeit und des Leidens waren nöthig gewesen, um ihm für seine alten Tage einige Ruhe zu sichern! Und jetzt war Alles vernichtet – er und das Kind hatten keine Stelle mehr, wo sie das Haupt hinlegen konnten! ... Und jene großen, viertelmeilenlangen Gruben, an denen die Leute aus der Gegend hastig schaufelten, damit nicht etwa die Pest das Menschengeschlecht vollends vernichte – auch sie sah ich von der Höhe des Hügels bei Kaja aus und wandte entsetzt die Augen ab. Ja, ich sah diese Massengräber, in welche man die Todten hineinwirft: Russen, Franzosen und Preußen, Alle durcheinander – wie Gott sie geschaffen hatte, einander zu lieben, vor der Erfindung der Federbüsche und der Uniformen, die sie zu Gunsten ihrer Herrscher von einander trennen und scheiden. Dort liegen sie und umarmen sich ... und wenn sie, was man doch hoffen darf, wieder zum Leben erwachen, werden sie sich lieben und sich verzeihen, indem sie den Frevel verfluchen, der sie seit langen Jahrhunderten daran hindert, auch vor dem Tode Brüder zu sein. Noch weit trauriger aber war der Anblick der langen Reihe von Wagen, welche die Verwundeten fortführten, die Verwundeten, jene Unglücklichen, die man in den Siegesberichten nur erwähnt, um ihre Zahl herabzusetzen, und die in den Hospitälern, fern von ihren Lieben, wie die Fliegen hinsterben, während man Kanonenschüsse abfeuert und in den Kirchen betet aus Freude darüber, daß man soviel Menschen getödtet hat! Als wir nach Lützen kamen, war die Stadt so mit Verwundeten überfüllt, daß unser Zug Befehl erhielt, nach Leipzig weiterzufahren. Auf den Straßen sah man nur Unglückliche, die, bereits drei Viertel todt, die Häuser entlang auf Stroh gebettet lagen. Wir brauchten mehr als eine Stunde, um zu einer Kirche zu gelangen, wo man fünfzehn oder zwanzig von uns, die den Transport nicht mehr ertragen konnten, ablud. Der Unteroffizier und seine Leute stiegen, nachdem sie sich in einer Schenke an der Ecke des Kirchplatzes erfrischt hatten, wieder zu Pferde, und wir setzten unsere Fahrt nach Leipzig fort. Ich sah und hörte jetzt nicht mehr. Der Kopf wirbelte mir, meine Ohren summten, und ich hielt die Bäume für Menschen. Dabei empfand ich einen Durst, von dem man sich keinen Begriff machen kann. Auf den verschiedenen Wagen hatten schon seit langer Zeit einige Andere zu schreien und fieberhaft zu träumen angefangen: sie sprachen von ihren Müttern und wollten mit aller Gewalt aufstehen und auf die Straße springen. Ich weiß nicht, ob auch ich dergleichen that, aber ich erwachte erst wie aus einem bösen Traum in dem Momente, wo zwei Männer, nachdem sie den Arm um mein Rückgrat gelegt hatten, mich jeder bei einem Beine nahmen und über einen düstern Platz trugen. Der Himmel blitzte von Sternen, und auf der Stirnseite eines großen Gebäudes, das sich tiefschwarz inmitten des nächtlichen Dunkels abzeichnete, glänzten unzählige Lichter: das war das Hospital der nach Halle zu liegenden Vorstadt von Leipzig. Die beiden Männer stiegen mit mir eine Wendeltreppe hinauf. Ganz oben traten sie in einen Saal, in welchem dicht gedrängt drei Reihen Betten standen, und legten mich auf eins derselben nieder. Das Geschrei, die Flüche und Klagen, die man dort vernahm, sind nicht zu beschreiben: diese Hunderte von Verwundeten lagen alle im Fieber. Die Fenster standen offen, und die kleinen Laternen zitterten im Luftzuge. Lazarethgehilfen, Aerzte und Assistenten gingen mit ihren unter dem Arme festgebundenen Schürzen ab und zu. Und das dumpfe Geräusch in den untern Sälen, die herauf- und heruntersteigenden Leute, die neuen Transporte, die auf dem Platze ankamen, das Geschrei der Fuhrleute, das Peitschengeknall, das Stampfen der Pferde: das Alles brachte einen um den Verstand. Dort empfand ich auch, während man mich entkleidete, zum ersten Male einen so fürchterlichen Schmerz in der Schulter, daß ich einen Schrei nicht unterdrücken konnte. Beinahe im selben Augenblicke trat auch ein Chirurg heran und machte den Leuten Vorwürfe, daß sie nicht Acht gäben. Das ist Alles, was mir von jener Nacht in der Erinnerung geblieben ist, denn ich war wie toll: ich rief Katherine, Herrn Goulden und Tante Gredel zu Hilfe, wie mir später mein Nachbar erzählte, ein alter Kanonier von der reitenden Artillerie, den meine Fieberträume am Schlafen hinderten. Erst am andern Morgen gegen acht Uhr, beim ersten Umgang der Aerzte, sah ich den Saal genauer. Jetzt erfuhr ich auch, daß der linke Schulterknochen zerschmettert wäre. Als ich erwachte, sah ich mich von einem Dutzend Aerzte umgeben. Einer von ihnen, den man »Herr Baron« nannte, öffnete den Verband meiner Wunde, ein Assistent am Fußende des Bettes hielt eine Schüssel mit warmem Wasser. Der Oberstabsarzt untersuchte meine Wunde, und die Andern beugten sich vor, um zu hören, was er dazu sagte. Er sprach einige Augenblicke mit ihnen, ich aber verstand von dem Allen nur, daß die Kugel von unten nach oben gegangen wäre, den Knochen zerschmettert hätte und hinten wieder herausgefahren wäre. Daraus ersah ich, daß er seine Sache verstand, denn die Preußen hatten von unten herauf über die Gartenmauer geschossen, die Kugel hatte also nach oben gehen müssen. Er wusch selbst die Wunde aus und legte im Handumdrehen den Verband wieder an, so daß ich die Schulter nicht mehr bewegen konnte und Alles in Ordnung war. Ich fühlte mich bedeutend besser. Zehn Minuten später zog ein Lazarethgehilfe mir ein Hemd an, ohne mir, in Folge seiner Gewandtheit, wehe zu thun. Der Oberstabsarzt hatte inzwischen vor dem nächsten Bette Halt gemacht und rief: »He! da bist du ja wieder, Alter!« »Ja, Herr Baron, ich bin's schon wieder einmal,« antwortete der Kanonier, ganz stolz darauf, daß der Arzt ihn wiedererkannte. »Das erste Mal war's bei Austerlitz wegen einer Kartätschenkugel, dann bei Jena und dann bei Smolensk wegen zweier Lanzenstiche.« »Ja, ja,« sagte der Arzt gleichsam gerührt. »Und was haben wir denn jetzt?« »Drei Säbelhiebe über den linken Arm, die ich bei der Verteidigung meines Geschützes gegen die preußischen Husaren empfing.« Der Arzt trat darauf näher und nahm den Verband ab, und ich hörte ihn währenddem den Kanonier fragen: »Hast du das Kreuz?« »Nein, Herr Baron.« »Du heißt?« »Christian Zimmer, Unterofficier beim zweiten Regiment der reitenden Artillerie.« »Schön! Schön!« Er verband nun die Wunden und sagte endlich, indem er sich wieder in die Höhe richtete: »Es wird sich Alles machen!« Dann wandte er sich um, plauderte mit den Andern und ging, nachdem er seinen Rundgang vollendet und den Lazarethgehilfen einige Befehle gegeben hatte, fort. Der alte Kanonier schien äußerst erfreut. Da ich aus seinem Namen entnommen hatte, er müsse aus dem Elsaß sein, begann ich in unserer Landessprache mit ihm zu plaudern, so daß er noch aufgeräumter wurde. Es war ein Bursche von sechs Fuß Höhe mit breiten Schultern, platter Stirn, dicker Nase und röthlich-blondem Schnurrbart, rauh und hart wie ein Fels, aber trotzdem ein braver Kerl. Er kniff die Augen ein und spitzte die Ohren, wenn man im elsasser Dialect mit ihm redete; ich hätte auf gut Elsaßisch Alles von ihm verlangen können: er würde mir Alles gegeben haben, wenn er etwas gehabt hätte. Er hatte aber nichts zu eigen als Händedrücke, bei denen einem die Knochen krachten. Wie es bei uns zu Hause Sitte ist, nannte er mich Josephel und sagte: »Josephel, hüte dich nur und nimm nicht die Arzneien, die man dir giebt ... Nur was man kennt, darf man verschlucken ... Was nicht gut riecht, taugt nichts. Wenn man uns täglich eine Flasche Reichenweier zukommen ließe, würden wir bald geheilt sein. Aber es ist natürlich bequemer, uns mit einer Handvoll niederträchtigen, in Wasser abgekochten Krautes den Magen zu verderben, als uns guten elsasser Weißwein zu geben.« Als ich Furcht vor dem Fieber und vor dem, was ich sah, äußerte, nahm er eine ärgerliche Miene an und sagte, indem er mich mit seinen großen, grauen Augen musterte: »Josephel, bist du denn verrückt, daß du Furcht hast? Können Burschen wie wir im Lazarethe sterben? Nein, nein ... den Gedanken schlag' dir aus dem Sinn.« Aber er hatte gut reden – die Aerzte fanden jeden Morgen bei ihrem Rundgange sieben oder acht Todte. Die Einen ergriff das Nervenfieber, die Andern eine Erkältung, und das Ende war immer die Bahre, die man auf den Schultern der Lazarethgehilfen vorüberkommen sah – so daß man niemals wußte, ob man Frost oder Hitze haben müsse, damit man gut fahre. Zimmer sagte: »Das Alles kommt von den schlechten Arzneien, Josephel, die die Mediciner erfinden. Siehst du den langen Dürrländer da? Der kann sich rühmen, mehr Menschen getödtet zu haben als ein Feldgeschütz: er ist gewissermaßen mit Kartätschen geladen, und die Lunte immer in Brand. Und dieser kleine Braune hier? Ich an des Kaisers Stelle schickte ihn zu den Preußen und Russen: er würde ihnen mehr Menschen tödten, als ein ganzes Armee-Corps.« Er würde mich wahrhaftig mit solchen Scherzen zum Lachen gebracht haben, hätte ich nicht immer die Bahren vorübertragen sehen. Nach drei Wochen begann mein Schulterknochen wieder zu heilen, die beiden Wunden schlossen sich ganz allmählich, und ich empfand beinahe keine Schmerzen mehr. Die Säbelhiebe, die Zimmer auf dem Arm und auf der Schulter hatte, heilten ebenfalls gut. Man gab uns jeden Morgen gute Bouillon, die unsern Muth belebte, und Abends ein wenig Rindfleisch nebst einem halben Glase Wein, dessen bloßer Anblick uns schon erbaute und uns die Zukunft im rosigsten Lichte sehen ließ. Um diese Zeit wurde uns auch gestattet, in einem großen Garten hinter dem Hospitale, in welchem viele alte Ulmen standen, spazieren zu gehen. Unter den Bäumen waren Bänke angebracht, und wir spazierten in unsern weiten, grauen Mänteln und Baumwollenmützen wie wahre Rentiers in den Alleen umher. Die Jahreszeit war herrlich. Die Aussicht, die wir genossen, erstreckte sich auf die mit Pappeln umsäumte Parthe. Dieser Bach fällt zur Linken in die Pleiße, wobei er große, blaue Bogen bildet. In derselben Richtung liegt ein Buchenwald, und im Vordergrunde laufen drei weißschimmernde Heerstraßen hin, welche weite Flächen durchschneiden, die mit Gerste, Hafer, Weizen oder Roggen bestellt sind, kurz mit Allem, was einen reichen, angenehmen Anblick bietet, besonders wenn der Wind darüber hinstreift und alle die Fruchthalme im Sonnenscheine auf und nieder wogen. Die Junihitze verkündete ein gutes Jahr. Beim Anblick dieser schönen Gegend dachte ich oft an Pfalzburg und begann zu weinen. Zimmer meinte: »Ich möchte doch beim Teufel wissen, warum du weinst, Josephel?! Anstatt das Lazarethfieber erwischt oder einen Arm oder ein Bein zugesetzt zu haben, wie hundert Andere, sitzen wir ruhig im Schatten auf einer Bank, erhalten Bouillon, Fleisch und Wein und dürfen sogar rauchen, wenn wir Tabak haben – und du bist noch nicht zufrieden? Was fehlt dir denn?« Nun erzählte ich ihm von meiner Liebe zu Katherine, von meinen Spaziergängen nach Vier-Winden, von unsern schönen Hoffnungen, unserm Heirathsversprechen, kurz von jener schönen Zeit, die nur noch ein Traum war. Er rauchte seine Pfeife und hörte mir zu. »Ja, ja,« sagte er endlich, »das ist dieselbe traurige Geschichte. Vor der Aushebung von 1798 sollte ich mich auch mit einem Mädchen aus unserm Dorfe verheirathen. Sie hieß Margredel, und ich liebte sie wie meinen Augapfel. Wir hatten uns mit einander verlobt, und während des ganzen Züricher Feldzugs verging kein Tag, ohne daß ich an Margredel dachte. »Aber als ich zum ersten Male auf Urlaub nach Hause komme, was höre ich da? Daß sie seit drei Monaten mit einem Schuster aus unserm Dorfe, Namens Paßauf, verheirathet ist! »Du kannst dir nun meine Wuth vorstellen, Josephel. Ich sah und hörte nicht mehr und wollte Alles kurz und klein schlagen. Und da man mir sagte, Paßauf säße eben in der Brauerei zum Großen Hirsch, so gehe ich hin, ohne rechts oder links zu blicken. Gleich beim Eintreten sehe ich ihn am Ende des Tisches, neben einem Fenster, das nach dem Hofe geht, gegen den Heber gelehnt sitzen. Er lachte mit drei oder vier andern boshaften Halunken, indem sie ihre Schoppen hinter die Binde gossen. Ich trete näher und da ruft er: »Sieh, sieh, da ist ja Christian Zimmer! Wie geht's Christian? Ich soll dich grüßen von Margredel.« Dabei blinzelte er mit den Augen. Ich aber packe in demselben Momente einen Krug und schlage ihn damit an den Kopf mit den Worten: »Da, bring ihr das von mir, Paßauf! Das ist mein Hochzeitsgeschenk!« Natürlich fallen nun die Andern über mich her, ich schlage noch zwei oder drei mit einer Schleifkanne zu Boden, springe auf einen Tisch, dann durch ein Fenster auf den Platz und mache mich davon. »Kaum aber war ich wieder bei meiner Mutter angelangt, als schon Gendarmen kommen und mich auf höhern Befehl arretiren. Man packt mich gefesselt auf einen Karren und transportirt mich von Brigade zu Brigade bis zum Regiment, das gerade in Straßburg stand. Ich saß sechs Wochen in der Finckmatt Kaserne am Nordost-Ende des alten Straßburgs, jetzt vom Rhein.Inf.-Reg. Nr. 25 belegt. D. Uebers. und hätte vielleicht Galeerenstrafe bekommen, wären wir nicht gerade damals über den Rhein gegangen, um nach Hohenlinden zu kommen. Commandant Courtaud selbst sagte zu mir: »Du kannst von Glück sagen, daß du ein guter Schütze bist. Wenn es aber noch einmal vorkommt, daß du die Leute mit einem Bierkruge umbringst, nimmt die Sache eine üble Wendung, das sage ich dir vorher. Ist das eine Art und Weise, eine Sache auszufechten, du Unthier? Warum tragen wir denn einen Säbel, wenn nicht, um uns seiner zu bedienen und dem Vaterlande Ehre zu machen?« Ich wußte nichts darauf zu erwidern. »Seit der Zeit ist mir die Lust zum Heirathen vergangen, Josephel. Rede mir nicht von einem Soldaten, der an Frau und Kinder denkt – das ist ein wahres Elend. Sieh einmal die Generäle, die sich verheirathet haben – schlagen sie sich noch wie früher? Nein, sie haben jetzt nur einen Gedanken: ihr Vermögen zu vergrößern, und besonders: es zu Lebzeiten mit ihren Herzoginnen und kleinen Herzögen tüchtig zu Hause zu genießen. Mein Großvater Veri, der Waldhüter, sagte immer, ein guter Jagdhund müsse mager sein – den Unterschied der Grade bei Seite gelassen, denke ich dasselbe von guten Generälen und guten Soldaten. Wir haben immer die vorschriftsmäßige Dicke, aber unsere Generäle werden zu fett, und das kommt von den guten Mahlzeiten, die man ihnen zu Hause anrichtet.« So sprach Zimmer in der Aufrichtigkeit seines Herzens, und seine Worte waren nicht gerade geeignet, meine Traurigkeit zu bannen. Sobald ich hatte aufstehen können, hatte ich mich beeilt, Herrn Goulden durch einen Brief zu benachrichtigen, daß ich mich wegen einer leichten Verwundung am Arm im Hallischen Hospitale in einer der Vorstädte von Leipzig befände, daß man sich aber meinetwegen nicht zu beunruhigen brauche, da es alle Tage besser mit mir gehe. Ich bat ihn auch, meinen Brief Katherine und Tante Gredel zu zeigen, um ihnen während dieses fürchterlichen Krieges Muth und Vertrauen einzuflößen. Auch schrieb ich ihm, ich würde der glücklichste Mensch sein, wenn ich Nachrichten aus der Heimat und über die Gesundheit aller meiner Lieben empfinge. Von jenem Augenblicke ab hatte ich keine Ruhe mehr: jeden Morgen erwartete ich eine Antwort. Und wenn ich dann den Wagenmeister zwanzig, dreißig Briefe im ganzen Saale vertheilen sah, ohne etwas zu empfangen, fühlte ich einen Stich durchs Herz und ging schnell in den Garten hinunter, um mich auszuweinen. Es gab dort einen dunkeln Winkel, in den man das Geschirr warf, eine äußerst schattige Stelle, die mir am meisten gefiel, weil die Kranken nie dorthin kamen – dort brachte ich meine Zeit damit zu, auf einer alten, moosbewachsenen Bank meinen Gedanken nachzuhängen. Böse Gedanken schossen mir da durch den Kopf: ich ging soweit, daß ich Katherine für fähig hielt, sie könne ihr Versprechen vergessen, und schrie in meinem Herzen: »Ach! wenn man dich nur bei Kaja nicht aufgehoben hätte! Alles wäre jetzt zu Ende! ... Warum hat man dich nicht liegen lassen! Das wäre besser gewesen, als soviel ertragen zu müssen. Es war soweit gekommen, daß ich wünschte, gar nicht wieder gesund zu werden, als der Wagenmeister eines Morgens unter andern Namen auch den meinen rief. Ich hob die Hand in die Höhe, ohne ein Wort sprechen zu können, und man reichte mir einen dicken, viereckigen Brief, der mit unzähligen Poststempeln bedeckt war. Ich erkannte Herrn Gouldens Handschrift und wurde vor Aufregung leichenblaß. »Aha!« rief Zimmer lachend, »da kommt es am Ende doch.« Ich antwortete ihm nicht, steckte den Brief, nachdem ich mich angekleidet hatte, in die Tasche und ging hinunter, um ihn hinten im Garten an meinem gewöhnlichen Platze ungestört zu lesen. Beim Aufmachen erblickte ich zuerst zwei oder drei kleine Apfelblüten, die ich in die Hand nahm, und eine Postanweisung mit einigen begleitenden Worten Herrn Gouldens. Was mich aber am tiefsten ergriff und mich vom Kopf bis zu den Füßen durchschauerte, war der Anblick der Schrift Katherinens, die ich mit schwimmenden Augen anstarrte, ohne sie lesen zu können, denn mein Herz schlug mit außerordentlicher Heftigkeit. Endlich jedoch beruhigte ich mich und las den Brief ganz langsam und von Zeit zu Zeit innehaltend, um mich zu versichern, daß ich mich nicht täusche, daß es wirklich meine theure Katherine sei, die da schrieb, und daß ich nicht träume. Ich habe den Brief aufgehoben, weil er mich gewissermaßen ins Leben zurückrief. Ich setze ihn daher hierher, ganz so wie ich ihn am 8. Juni 1813 empfangen habe. »Lieber Joseph! »Dieser Brief soll Dir von vorn herein sagen, daß ich Dich immer mehr liebe und immer nur Dich lieben will. »Auch sollst Du wissen, daß es mein größter Kummer ist, daß Du verwundet in einem Hospitale liegst und ich Dich nicht pflegen kann. Das ist ein großer Schmerz für mich. Seit dem Abmarsch der Ausgehobenen haben wir keine ruhige Stunde mehr gehabt. Mutter war entrüstet und ärgerlich und behauptete, ich wäre toll mit meinem unaufhörlichen Weinen, weinte aber, wenn sie abends allein am Herde saß, eben so viel wie ich – ich habe es oben wohl gehört. Und ihr ganzer Zorn fiel dann auf Pinacle, der gar nicht mehr zu Markte zu gehen wagte, weil sie einen Hammer im Korbe trug. »Unser größter Kummer, Joseph, aber war der, als das Gerücht umlief, man habe eine Schlacht geliefert, in der tausend und aber tausend Menschen getödtet worden wären. Wir lebten nicht mehr. Alle Morgen lief Mutter zur Post, und ich konnte gar nicht mehr aufstehen. Am letzten Ende aber kam doch Dein Brief. Jetzt geht es besser mit mir, da ich ungestört weinen kann, während ich dem Herrn danke, der Dich am Leben erhalten hat. »Und wenn ich bedenke, wie glücklich wir waren, als Du alle Sonntage zu uns kamst, und wir so neben einander saßen, ohne uns zu regen, und an nichts dachten! Ach, wir kannten unser Glück nicht! Wir wußten nicht, was uns zustoßen könne ... doch der Wille Gottes geschehe. Wenn Du nur wieder gesund wirst und wir hoffen dürfen, noch einmal wie früher beisammen zu sein! »Viele Leute reden jetzt von Frieden. Wir haben aber so viel Unglück gehabt, und der Kaiser Napoleon liebt den Krieg so sehr, daß man sich auf nichts verlassen kann. »Meine einzige Freude ist, zu wissen, daß Deine Wunde nicht gefährlich ist, und daß Du mich noch liebst ... Ach, Joseph, ich werde dich ewig lieben, ich kann Dir nichts Anderes schreiben – es ist das Alles, was ich Dir aus tiefstem Herzensgrunde sagen kann. Und ich weiß auch, daß meine Mutter Dich recht lieb hat. »Jetzt will Herr Goulden noch einige Worte an Dich schreiben, und ich küsse Dich viele tausend Mal. – Es ist recht schönes Wetter hier, wir werden ein gutes Jahr haben. Der große Apfelbaum im Garten ist ganz weiß von Blüten. Ich werde einige abpflücken und für Dich in den Brief legen, wenn Herr Goulden mit Schreiben fertig ist. Mit Gottes Hilfe essen wir vielleicht doch noch einmal zusammen einen von den großen Aepfeln. Küsse mich, wie ich Dich küsse, und lebe wohl, lebe wohl, Joseph!« Beim Lesen dieser Zeilen brach ich in Thränen aus, und als Zimmer angekommen war, sagte ich zu ihm: »Da, setz dich hin, ich will dir vorlesen, was mir meine Geliebte schreibt. Du wirst daraus ersehen, ob es eine Margredel ist.« »Laß mich nur erst meine Pfeife anstecken,« erwiderte er. Er stülpte den Deckel über den brennenden Schwamm und fügte dann hinzu: »Jetzt kannst du anfangen, Josephel. Ich sage dir aber im Voraus, ich bin ein Alter und glaube nicht Alles, was man schreibt – die Frauen sind schlauer als wir.« Trotzdem las ich ihm Katherinens Brief langsam vor. Er sagte nichts, und als ich fertig war, nahm er ihn und musterte ihn lange mit nachdenklicher Miene. Dann gab er ihn mir zurück mit den Worten: »Das ist ein gutes Mädchen, Josephel! ein Mädchen mit gesundem Verstande, die nie einen Andern als dich nehmen wird.« »Du glaubst, daß sie mich wirklich liebt?« »Ja, du kannst dich darauf verlassen; die wird nie einen Paßauf heirathen. Eher würde ich am Kaiser zweifeln als an einem solchen Mädchen.« Ich hätte Zimmer bei diesen Worten umarmen mögen und sagte ihm: »Ich habe von Hause ein Hundertfrankenbillet empfangen, das wir auf der Post erheben werden. Das ist die Grundbedingung zu einer Flasche Weißwein. Nun laß uns zusehen, daß wir ausgehen dürfen.« »Gut gesagt,« entgegnete er, indem er seinen dicken Schnurrbart drehte und die Pfeife in die Tasche steckte. »Ich verschimmele nicht gern in einem Garten, wenn es draußen Wirthshäuser giebt. Man muß eine Urlaubskarte zu erhalten suchen.« Guter Laune standen wir auf und stiegen eben die Treppe im Lazareth hinauf, als der Wagenmeister, der eben herunterkam, Zimmer anhielt und ihn fragte: »Sind Sie nicht Christian Zimmer, Kanonier im zweiten Regiment der reitenden Artillerie?« »Entschuldigt, Wagenmeister, ich habe die Ehre.« »Nun, da ist etwas für Sie,« sagte jener, indem er Zimmer ein kleines Paquet und ein dickes Schreiben überreichte. Zimmer war verdutzt, da er nie, weder von Hause noch anderswoher, dergleichen erhalten hatte. Er öffnete das Paquet, in dem sich eine Schachtel befand, dann die Schachtel – und erblickte das Kreuz der Ehrenlegion. Er wurde nun ganz blaß, sein Blick trübte sich, und einen Moment lang stützte er sich mit der Hand auf das Geländer. Dann aber schrie er: »Es lebe der Kaiser!« mit so fürchterlicher Stimme, daß die drei Krankensäle wie eine Kirche donnernd von dem Rufe wiederhallten. Der Wagenmeister sah ihn gut gelaunt an. »Sind Sie zufrieden?« fragte er. »Und ob, Wagenmeister! Es fehlt mir nur noch eins.« »Und was?« »Die Erlaubniß, einen Gang durch die Stadt machen zu dürfen.« »Da müssen Sie sich an Herrn Tardieu, den Generalstabsarzt, wenden.« Lachend stieg er hinunter, und wir, da es die Zeit der Sprechstunde war, Arm in Arm hinauf, um den Arzt, einen alten Graukopf, um die Erlaubnis zu bitten. Er hatte das Hoch auf den Kaiser gehört und musterte uns mit ernster Miene. »Was giebt es denn?« fragte er. Zimmer zeigte ihm sein Kreuz und sagte: »Verzeihen Sie, Herr Doctor, aber ich bin wie verzaubert.« »Das glaube ich Ihnen,« entgegnete Herr Tardieu. »Sie wollen eine Urlaubskarte?« »Wenn Sie so gut sein wollen – für mich und für meinen Kameraden Joseph Bertha.« Der Arzt hatte am Tage vorher meine Wunde besichtigt. Er zog jetzt ein Portefeuille aus der Tasche und gab uns zwei Karten. Wir gingen hinunter, stolz wie die Könige, Zimmer auf sein Kreuz, ich auf meinen Brief. In der großen Vorhalle unten rief der Pförtner uns an: »He! wohin wollen Sie denn?« Zimmer zeigte ihm die Urlaubskarten, und wir gingen hinaus, überglücklich, daß wir frische Luft athmeten. Eine Schildwache zeigte uns das Postbüreau, wo wir die hundert Franken erhoben. In ernsterer Stimmung, da unsere Freude mehr ins Innere zurückgetreten war, erreichten wir das Hallische Thor, das zwei Flintenschüsse weit nach links am Ende einer langen Lindenallee stand. Jede Vorstadt wird von den Stadtwällen durch eine solche Allee geschieden, und rings um ganz Leipzig läuft ein anderer, äußerst breiter Baumgang, der ebenfalls aus Linden besteht. Die Wälle sind alte Bauwerke, wie man solche in Sankt-Pölten im Departement Haut-Rhin sieht – uralte, baufällige Mauern, auf denen Gras wächst, zum wenigsten, wenn die Deutschen sie seit 1813 nicht reparirt haben. 16. Wieviel Neues sollten wir an diesem Tage kennen lernen! Im Lazareth macht man sich über nichts Gedanken. Wenn man morgens Dutzende von Verwundeten ankommen und abends eben so viel auf der Bahre hinaustragen sieht, so ist das für jeden das All im Kleinen, und man denkt: »Nach uns das Ende der Welt!« Draußen aber ändern sich die Ansichten. Beim Anblick der großen Hallischen Straße, dieser alten Stadt mit ihren Magazinen, der weiten, mit Waaren gefüllten Thorwege, der alten, weit vorspringenden Dächer, der breiten, niedrigen, mit Waarenballen beladenen Wagen, kurz, des ganzen Schauspiels der lebendigen Thätigkeit der Handeltreibenden gerieth ich in großes Erstaunen. Ich hatte nie dergleichen gesehen und sagte daher bei mir selbst: »Das ist wahrhaftig eine Handelsstadt, wie man sie sich vorstellt – voll betriebsamer Leute, die Unterhalt, Wohlstand und Reichthum zu gewinnen suchen, wo Jeder sich emporschwingen kann, nicht auf Kosten Anderer, sondern durch Arbeit und unablässiges Nachsinnen über die Mittel zum Fortkommen seiner Familie, was Niemanden hindert, aus Erfindungen und Entdeckungen Vortheil zu ziehen. Hier findet sich wirklich mitten in einem furchtbaren Kriege das Glück des Friedens!« Und der Anblick der armen Verwundeten, die, den Arm in der Binde oder, auf ihre Krücken gestützt, das Bein nachschleppend umhergingen, that mir weh. Ganz träumerisch ließ ich mich von meinem Freunde Zimmer führen, der sich in allen Winkeln der Stadt zurecht fand und mir sagte: »Das da ist die Nikolaikirche, jenes große Gebäude die Universität, dies hier das Rathhaus.« Er erinnerte sich an Alles, da er Leipzig schon im Jahre 1807, vor der Schlacht bei Friedland, gesehen hatte, und wiederholte mir unaufhörlich: »Wir befinden uns hier gerade so gut, als ob wir in Metz, Straßburg oder anderswo in Frankreich wären. Die Leute wollen uns wohl. Nach dem Feldzuge von 1806 that man uns alle Ehren an, die man uns nur anthun konnte. Die Bürger führten uns zu dreien und vieren zum Mittagessen in ihre Häuser, sogar Bälle veranstaltete man für uns und nannte uns die ›Helden von Jena‹. Du sollst sehen, wie gern man uns hat! Treten wir ein, wo wir wollen – überall wird man uns wie Wohlthäter empfangen, weil wir ihren Kurfürsten zum König von Sachsen ernannt und ihm obendrein ein schönes Stück von Polen gegeben haben.« Plötzlich machte Zimmer vor einer kleinen, niedrigen Thür Halt und rief: »Holla, da ist die Brauerei zum Goldenen Hammel! Die Vorderseite befindet sich in der andern Straße, aber wir können hier hineingehen. Komm.« Ich folgte ihm in eine Art gewundenen Gang, der uns bald auf einen alten Hof führte, welcher rings von hohen, aus Lehm aufgeführten Gebäuden umgeben war; unter dem Giebel liefen kleine, wurmstichige Galerien hin. und oben auf demselben stand eine Wetterfahne, ganz wie im Gerbergraben in Straßburg. Zur Rechten befand sich die Brauerei: man erblickte die Kufen mit eisernen Reifen auf den dunkelfarbigen Ständern, ganze Berge von bereits gesottenem Hopfen und Gerste und in einer Ecke ein großes Kurbelrad, in welchem ein gewaltiger Hund arbeitete, um das Bier in alle Etagen zu pumpen. Aus einem Saale zur Rechten, der nach der Tillystraße Fingirter Name. D. Uebers. hinaus lag, scholl das Klingen von Gläsern und zinnernen Kannen, und unter den Fenstern dieses Saales lag ein tiefer Keller, in welchem die Schläge des Böttcherhammers wiederhallten. Der Duft des Märzbieres erfüllte die Luft, und Zimmer, dessen Blick zu den Dächern emporschweifte, rief mit vor Genugthuung glänzendem Gesichte: »Ja, hier waren wir, der lange Ferrs, Kanonier an der linken Seite des Geschützes, der dicke Roussillon und ich. Gott im Himmel! wie freue ich mich, das Alles wiederzusehen, Josephel! Und doch ist es schon sechs Jahre her. Der arme Roussillon! ... er hat seine Knochen im vergangenen Jahre bei Smolensk gelassen, und der lange Ferrs muß jetzt in seinem Dorfe in der Nähe von Toul sein, denn bei Wagram wurde ihm das linke Bein weggeschossen. Wie einem Alles wieder einfällt, wenn man daran denkt!« Dabei stieß er die Thür auf, und wir traten in einen hohen, mit Tabaksrauch gefüllten Saal. Ich brauchte einige Augenblicke, um in dieser graublauen Dampfwolke eine lange, mit Trinkern besetzte Reihe von Tischen zu unterscheiden. Die Mehrzahl der Gäste trug einen kurzen Ueberrock, die übrigen die sächsische Uniform. Es waren Studenten, junge Leute von gutem Herkommen, die Leipzig besuchen, um dort Jurisprudenz und Medicin zu studiren und Alles, was man lernen kann, wenn man tüchtig trinkt und ein lustiges Leben führt, das sie in ihrer Sprache »Fuchscommers« nennen. Das Fremdwort spielt da den Autoren einen bösen Streich, ihr Irrthum ist aber verzeihlich, wenn man bedenkt, wie fremd und zum Theil unbegreiflich den Ausländern das deutsche Corpsstudententhum ist, und welche Anschauungen andere Schriftsteller, z. B. der ältere Dumas in seinem » Dieu dispose «, darüber zu Tage fördern. D. Uebers. Sie duelliren sich häufig unter sich mit einer Art eiserner Stangen, die oben rund und nur einige Zoll weit geschliffen sind, so daß sie sich wohl Schmarren ins Gesicht hauen, wie mir Zimmer erzählte, aber nie einander tödten können. Dieser Umstand bezeugt den gesunden Verstand jener Studenten, die recht gut wissen, was das Leben für eine kostbare Sache ist, und daß es besser ist, sechs, sieben oder noch mehr Schmarren im Gesicht zu haben, als es ganz und gar einzubüßen. Zimmer lachte, als er mir diese Einzelheiten erzählte – seine Ruhmbegierde verblendete ihn. Er behauptete, man könne eben so gut die Kanonen mit gekochten Aepfeln laden, als sich mit jenen oben stumpf geschliffenen Eisenstangen schlagen. Kurz und gut, wir traten in den Saal und sahen den ältesten von den Studenten – einen langen, hagern Kerl mit eingesunkenen Augen, rother Nase und blondem Barte, der in Folge der vielen Biersaufen gelb zu werden anfing – auf einem Tische stehen und mit lauter Stimme eine Zeitung vorlesen, die wie eine Schürze aus seiner rechten Hand auf den Tisch herabhing. In der andern Hand hielt er eine lange Porzellan-Pfeife. Alle seine Genossen mit ihrem blonden Haar, das in langen Locken auf den Kragen ihrer kurzen Röcke herabwallte, hielten ihre Krüge empor und hörten ihm zu. Bei unserm Eintritte hörten wir, wie sie unter sich die Worte: »Vaterland! Vaterland!« wiederholten. Sie tranken den sächsischen Soldaten zu, während der Vorleser sich herunterbeugte, um ebenfalls seinen Schoppen zu ergreifen. Und der dicke Brauer mit seinem grauen, krausen Haar, platter Nase, runden Augen und kürbisdicken Backen schrie mit fetter Stimme: »Gesundheit! Gesundheit!« Kaum hatten wir in der Rauchwolke vier Schritt vorwärts gethan, als Alles schwieg. »Ei, ei, Kameraden, genirt euch nicht!« rief Zimmer. »Lest weiter, zum Teufel! Auch uns soll es nicht unlieb sein, Neuigkeiten zu hören.« Aber die jungen Leute wollten von unserer Aufforderung keinen Gebrauch machen, und der Alte stieg vom Tisch herunter, faltete seine Zeitung zusammen und steckte sie in die Tasche. »Es war zu Ende,« sagte er, »war zu Ende.« »Ja, es war zu Ende,« wiederholten die Uebrigen, indem sie sich mit eigentümlicher Miene ansahen. Zwei oder drei sächsische Soldaten verließen sofort den Saal, als ob sie auf dem Hofe Luft schöpfen wollten, und verschwanden. Der dicke Wirth fragte uns: »Sie wissen vielleicht nicht, daß der große Saal an der Tillystraße liegt?« »O doch, wir wissen es wohl,« entgegnete Zimmer. »Aber dieser kleine Saal hier ist mir lieber, weil wir, zwei alte Kameraden und ich, unserer Zeit hierher kamen, um einige Schoppen zu Ehren Jenas und Auerstädts zu leeren. Dieser Saal ruft schöne Erinnerungen in mir wach.« »Ah! – Nun, wie Sie wollen ... wie Sie wollen,« erwiderte der Brauer. »Wünschen Sie Märzbier?« »Ja, zwei Schoppen und die Zeitung.« »Schön! Schön!« Er brachte uns die beiden Schoppen, und Zimmer, der nichts merkte, versuchte mit den Studenten ein Gespräch anzuknüpfen. Diese aber entschuldigten sich und gingen einer nach dem andern fort. Ich fühlte, daß alle diese Leute einen Haß gegen uns in sich trugen, der um so schlimmer war, je weniger sie ihn auf der Stelle zu zeigen wagten. In der Zeitung, die aus Frankreich kam, war von nichts Anderm die Rede als von einem nach zwei neuen siegreichen Schlachten bei Bautzen und Würzen abgeschlossenen Waffenstillstande. Wir erfuhren jetzt, daß dieser Waffenstillstand am 6. Juni begonnen habe, und daß zu Prag in Böhmen Conferenzen wegen des Friedensschlusses stattfänden. Das freute mich natürlich: ich hoffte, daß man nun wenigstens die Krüppel und Verwundeten nach Hause schicken würde. Zimmer aber mit seiner Gewohnheit, seine Gedanken laut auszusprechen, schrie seine Reflexionen durch den ganzen Saal. Er unterbrach mich bei jeder Zeile. »Ein Waffenstillstand?« ... rief er. »Brauchen wir denn einen Waffenstillstand? Müßten wir diese Preußen und Russen, nachdem wir sie bei Lützen, Bautzen und Wurzen niedergeschmettert haben, nicht mit Haut und Haaren vernichten? Würden sie uns etwa einen Waffenstillstand bewilligen, wenn sie uns geschlagen hätten? – Siehst du, Joseph, so ist des Kaisers Charakter. Er ist zu gut ... er ist zu gut! Das ist sein einziger Fehler. Nach Austerlitz machte er es eben so, und wir waren genöthigt, die Partie wieder von Frischem anzufangen. Ich sage dir, er ist zu gut. Ach, wenn er nicht so gut wäre, würden wir Herrn von ganz Europa sein!« Dabei schaute er nach rechts und nach links, um die Andern um ihre Meinung zu fragen. Aber man schnitt uns verteufelte Gesichter, und Niemand wollte antworten. Am Ende stand Zimmer auf. »Laß uns gehen, Joseph,« sagte er. »Ich verstehe mich nicht auf Politik, behaupte aber, daß wir diesen Halunken keinen Waffenstillstand bewilligen durften. Da sie zu Boden geschmettert waren, mußte man sie auch vernichten.« Nachdem wir bezahlt hatten, gingen wir fort, und Zimmer bemerkte: »Ich weiß nicht, was die Leute heute haben. Wir haben sie bei irgend etwas gestört.« »Das ist sehr möglich,« erwiderte ich. »Sie sahen auch nicht so freundlich und gutmüthig aus, wie du sie schildertest.« »Nein,« entgegnete er. »Diese jungen Burschen da, siehst du, stehen weit unter den alten Studenten, wie ich sie gesehen habe. Die brachten gewissermaßen ihr Leben in der Brauerei zu. Sie tranken zwanzig oder sogar dreißig Schoppen den Tag über – ich selbst, Joseph, konnte nicht gegen solche Kerle aufkommen. Fünf oder sechs von ihnen, die man Senioren nannte, hatten große Bärte und ein ehrwürdiges Aussehn. Wir sangen zusammen » Fanfan-la-Tulipe « Name eines tapfern und galanten Soldaten in französischen Volksliedern. D. Uebers. und den ›König Dagobert‹, was keine politischen Lieder sind. Die hier aber kommen den alten nicht gleich.« Ich habe seitdem oft über das an jenem Tage Gesehene nachgedacht und bin überzeugt, daß jene Studenten zum Tugendbund gehörten. Nachdem wir im Wirthshaus zur Traube in der Tillystraße gut gegessen und jeder eine Flasche guten Weißwein getrunken hatten, kehrten wir ins Lazareth zurück und erfuhren, daß wir, Zimmer und ich, noch am selben Abend in der Rosenthaler Kaserne schlafen sollten. Diese Kaserne war nämlich eine Art Depot für die bei Lützen Verwundeten, sobald sie sich zu erholen begannen. Man lebte dort auf die gewöhnliche Art ganz wie in einer Garnison und mußte abends und morgens zum Appell erscheinen. Den Rest des Tages über war man frei. Alle drei Tage machte der Arzt seinen Besuch, und wenn man hergestellt war, empfing man einen Marschbefehl, um sich wieder seinem Truppencorps anzuschließen. Man mag sich nun die Lage von zwölf- bis fünfzehnhundert armen Teufeln vorstellen, die mit grauen Mänteln mit Bleiknöpfen, weiten, blumentopfförmigen Tschakos und vom Marschiren mitgenommenen Schuhen bekleidet, dabei blaß, krank und zum größten Theile ohne einen Heller sind, und das in einer Stadt, die so reich ist, wie Leipzig. Wir spielten gerade keine große Rolle unter diesen Studenten, Bürgern und jungen, lachenden Frauen, die uns trotz alles unseres Ruhms als Habenichtse betrachteten. Die schönen Dinge, von denen mein Kamerad mir erzählt hatte, machten diese Lage nur noch trauriger für mich. Es ist wahr, man hatte uns eine Zeit lang gut aufgenommen. Aber unsere Vorgänger hatten sich nicht immer ehrenhaft und anständig gegen Leute betragen, von denen sie als Brüder behandelt wurden, und jetzt schloß man uns die Thür vor der Nase zu. Wir mußten uns begnügen, vom Morgen bis zum Abend die öffentlichen Plätze, die Kirchen und die Schaufenster der Schlächter zu bewundern, die in jener Gegend sehr schön ausgestattet sind. Wir suchten uns auf alle Weise zu zerstreuen: die Alten spielten Klemm-Peter, die Jungen Kork und Münze. Auch hatten wir vor der Kaserne das Katz- und Rattenspiel. Dies besteht ans einem in die Erde gerammten Pfahl, an welchem zwei Stricke befestigt sind; den einen nimmt die Ratte und die Katze den andern. Beiden sind die Augen verbunden. Die Katze ist mit einem Stock bewaffnet und sucht die Ratte zu ertappen, die ihrerseits die Ohren spitzt und ihr soviel als möglich ausweicht. So schleichen die Beiden denn auf den Fußspitzen herum und belustigen die ganze Gesellschaft durch ihre Kniffe und Pfiffe. Zimmer erzählte mir, daß die guten Deutschen diesem Spiele früher massenhaft zugesehen hätten, und daß man sie eine halbe Meile weit lachen gehört habe, wenn die Katze mit ihrem Stocke die Ratte traf. Aber die Zeiten hatten sich sehr geändert. Die Leute gingen vorüber, ohne nur den Kopf zu wenden, und die Mühe, die wir uns gaben, um sie zu unsern Gunsten zu interessiren, war verloren. Während der sechs Wochen, die wir im Rosenthale zubrachten, machten Zimmer und ich häufig einen Gang um die Stadt, um uns die Langeweile zu vertreiben. Wir gingen den Ranstädter Steinweg hinaus und dehnten unsern Spaziergang bis nach Lindenau an der Straße nach Lützen aus. Dabei erblickten wir eine unabsehbare Menge von Brücken, Sümpfen und kleinen, bewaldeten Inseln. Im Wirthshaus zum Karpfen aßen wir dann einen Eierkuchen mit Speck und feuchteten ihn mit einer Flasche Weißwein an. Auf Credit, wie nach der Schlacht bei Jena, gab man uns nichts mehr, ich glaube im Gegentheil, der Wirth hätte uns zu Ehren des deutschen Vaterlandes Alles doppelt und dreifach bezahlen lassen, hätte mein Kamerad nicht den Preis des Specks, der Eier und des Weins eben so genau gekannt wie der erste beste Sachse. Abends, wenn die Sonne hinter dem Röhricht der Elster und der Pleiße verschwand, kehrten wir dann beim schwermüthigen Geschrei der Frösche, die zu Tausenden in diesen Sümpfen leben, in die Stadt zurück. Zuweilen machten wir dabei Halt, lehnten die gekreuzten Arme auf das Geländer einer Brücke und betrachteten die alten Wälle Leipzigs, seine Kirchen, seine mittelalterlichen Gebäude und sein Schloß, die Pleißenburg, während die Abendröthe Alles mit rothem Schimmer überflutete. Die Stadt erstreckt sich im spitzen Winkel bis zur Vereinigung der Pleiße und der Parthe, die oberhalb zusammentreffen, und bildet einen Fächer, an dessen Spitze sich die Hallische Vorstadt befindet, während die sieben andern Vorstädte die Stäbe dieses Fächers bilden. Wir betrachteten auch die unzähligen Arme der Elster und der Pleiße, die sich wie Fäden zwischen den Inseln kreuzten, welche schon im Dunkel lagen, während das Wasser noch wie flüssiges Gold blitzte und strahlte, und fanden den Anblick wunderschön. Wenn wir freilich gewußt hätten, daß wir eines Tages, nachdem wir die fürchterlichste, blutigste Schlacht verloren, diese Flüsse unter dem Feuer der feindlichen Kanonen überschreiten sollten, und daß ganze Regimenter in diesen Gewässern, die jetzt unser Auge entzückten, verschwinden würden, so würde dieser Anblick, glaube ich, uns wohl trübe gestimmt haben. Ein ander Mal gingen wir am Ufer der Pleiße hinauf bis nach Markkleeberg. Das war mehr als eine Stunde weit, und allenthalben war die Ebene mit reichen Feldfrüchten bedeckt, die man eiligst einzubringen trachtete. Die Leute auf ihren großen Erntewagen schienen uns gar nicht zu sehen, und wenn wir sie um eine Auskunft ersuchten, thaten sie, als ob sie uns nicht verständen. Zimmer wollte immer böse werden, ich hielt ihn aber zurück, indem ich ihm auseinander setzte, daß die Halunken nur einen Vorwand suchten, um über uns herzufallen, und daß wir überdies Befehl hätten, die Bevölkerung mit Schonung zu behandeln. »Es ist gut!« sagte er. »Aber aufgepaßt, wenn der Krieg sich hierher zieht! ... Wir haben sie mit Wohlthaten überhäuft ... und nun sehe Einer, wie sie uns aufnehmen!« Was aber die feindselige Stimmung der Leute gegen uns noch besser bezeichnet, ist der folgende Vorfall, der uns am Tage nach Ablauf des Waffenstillstands zustieß. Wir wollten uns an jenem Tage gegen elf Uhr in der Pleiße baden. Schon hatten wir unsere Kleidung abgeworfen, als Zimmer einen Bauer auf der Connewitzer Straße herankommen sah und ihm zurief: »He, guter Freund! Es ist doch hier nicht gefährlich?« »Nein, nein, geht nur unbesorgt hinein,« erwiderte jener Mensch. »Die Stelle ist gut.« Und Zimmer, der ohne Mißtrauen hineingegangen war, sank fünfzehn Fuß tief unter! Er schwamm gut, aber sein linker Arm war noch schwach, und die Strömung riß ihn fort, ohne daß er Zeit hatte, sich an den Weidenzweigen festzuklammern, die ins Wasser hingen. Wenn sich nicht glücklicher Weise weiter unten eine seichte Stelle gefunden hätte, die ihm gestattete, Fuß zu fassen, würde er zwischen zwei Schlammbänke gerathen sein, zwischen denen er nie wieder heraus gekonnt hätte. Der Bauer hatte inzwischen auf der Straße Halt gemacht, um zu sehen, was geschehen würde. Mich packte die Wuth, und ich kleidete mich schnell an, während ich ihm mit der Faust drohte. Er aber begann zu lachen und erreichte schnellen Schritts das Dorf. Zimmer war außer sich vor Entrüstung. Er wollte nach Connewitz laufen und den Schurken ausfindig machen. Unglücklicher Weise war das unmöglich: suche doch Einer einen Menschen, der zwischen drei- oder vierhundert Baracken versteckt ist! Und wenn man ihn auch gefunden hätte, was hätten wir ihm thun können? Endlich gingen wir nach dem Orte hinunter, wo man Grund fand, und die Frische des Wassers beruhigte uns. Ich erinnere mich noch, daß Zimmer auf dem Rückwege nach Leipzig nur von Rache sprach. »Das ganze Land ist gegen uns,« sagte er. »Die Bürger machen uns ein böses Gesicht, die Frauenzimmer drehen uns den Rücken, die Bauern wollen uns ersäufen, die Wirthe verweigern uns den Kredit, als ob wir sie nicht drei oder vier Mal erobert hätten! Und das Alles kommt von unserer ganz außerordentlichen Milde und Gutmüthigkeit: wir hätten erklären müssen, wir seien die Herrn! – Wir haben den Deutschen Könige und Prinzen bewilligt, wir haben ihnen sogar nach den Namen ihrer Städte Herzöge, Grafen und Barone geschaffen, wir haben sie mit Ehren überhäuft – und das ist jetzt ihre Dankbarkeit! Anstatt uns Achtung vor der Bevölkerung zu befehlen, sollte man uns freie Hand bei den Leuten lassen, dann würden diese Banditen ein anderes Gesicht schneiden und uns freundlich ansehen wie Anno 1806. Gewalt ist Alles! Mit Gewalt macht man zuerst Rekruten, denn wenn man sie nicht zum Abmarsch zwänge, würden sie Alle zu Hause bleiben. Aus den Rekruten macht man durch Gewalt Soldaten, indem man ihnen Disciplin beibringt. Mit den Soldaten gewinnt man durch Gewalt Schlachten, und mit Gewalt geben Einem dann die Leute Alles: sie richten Triumphbogen für euch auf und nennen euch Helden, weil sie Furcht haben. Das ist's! Aber der Kaiser ist zu gut! ... Wenn er nicht so gut wäre, wäre ich heute nicht in Gefahr gekommen, elend zu ersaufen. Beim bloßen Anblick meiner Uniform würde der Bauer vor dem Gedanken zurückgeschreckt sein, mir eine Lüge zu sagen!« So sprach Zimmer, und die ganze Sache ist mir noch lebhaft im Gedächtniß. Sie trug sich am 12. August 1813 zu. Als wir nach Leipzig hineinkamen, bemerkten wir auf den Gesichtern der Einwohner eine stille Freude. Sie brach nicht offen hervor, aber die Bürger standen beim Begegnen auf der Straße still und gaben sich die Hand, die Frauen, gingen hin und her, um einander zu besuchen, und sogar in den Augen der Mägde, der Bedienten und der elendesten Tagelöhner spiegelte sich eine Art innerer Genugthuung. Zimmer sagte daher zu mir: »Man sollte meinen, die Deutschen seien lustig. Sie haben alle eine heitere Miene.« »Ja,« erwiderte ich, »das kommt von dem schönen Wetter und dem Einbringen der Ernte.« Es ist wahr, das Wetter war sehr schön. Als wir aber nach der Rosenthaler Kaserne kamen, sahen wir unsere Officiere unter dem großen Thorweg stehen und lebhaft mit einander reden. Die Wachtmannschaften hörten zu, und die Vorübergehenden näherten sich, um zu horchen: man erzählte uns, daß die Prager Conferenzen abgebrochen wären, und daß auch die Oestreicher uns den Krieg erklärt hatten, was uns zweimalhunderttausend Mann mehr über den Hals brachte. Später habe ich erfahren, daß wir damals dreimalhunderttausend, unsere Gegner aber fünfmalhundertundzwanzigtausend Mann stark waren, und daß sich unter den Feinden zwei ehemalige französische Feldherrn, Moreau und Bernadotte, befanden. Das kann Jeder in den Büchern nachlesen, wir aber wußten es damals noch nicht und waren siegesgewiß, weil wir noch keine Schlacht verloren hatten. Die schiefen Gesichter, die man uns machte, kümmerten uns übrigens nicht: in Kriegszeiten werden Bürger und Bauern gewissermaßen für nichts gerechnet. Man fordert nur Geld und Lebensmittel von ihnen, die sie immer hergeben, weil sie wissen, daß man ihnen beim geringsten Widerstande Alles bis zum letzten Heller nehmen würde. Am Tage nach dem Bekanntwerden dieser wichtigen Nachricht fand eine ärztliche Generalvisite statt, und zwölfhundert von den Lützener Verwundeten, die noch kaum wiederhergestellt waren, erhielten Befehl, sich wieder zu ihren Corps zu begeben. Sie zogen compagnienweise mit Waffen und Gepäck ab, indem ein Theil der Altenburger Straße folgte, die an der Elster hinaufläuft, der andere sich mehr nach links zur Wurzener Straße wandte. Unter diesen befand sich Zimmer, der selbst mitzuziehen verlangt hatte. Ich begleitete ihn bis zum Thore hinaus und wir umarmten uns dann mit tiefer Rührung. Ich selbst blieb zurück, da mein Arm noch zu schwach war. Wir waren in der Kaserne nur noch unserer fünf- oder sechshundert, darunter eine hübsche Anzahl von Fechtmeistern und Tanzlehrern, jenen fidelen Burschen, die gewissermaßen den eisernen Bestand aller Depots bilden. Ich gab nicht viel auf ihre Bekanntschaft, mein einziger Trost bestand vielmehr darin, daß ich an Katherine und zuweilen auch an meine alten Kameraden Klipfel und Zebede dachte, von denen ich gar keine Nachricht hatte. Es war ein recht trauriges Leben. Die Leute betrachteten uns mit bösen Blicken. Sie wagten allerdings nichts zu sagen, da sie wußten, daß die französische Armee nur vier Tagemärsche von Leipzig, Blücher und Schwarzenberg aber viel weiter entfernt standen. Wie würden sie uns sonst beim Kragen genommen haben! Eines Abends verbreitete sich das Gerücht, wir hätten bei Dresden einen großen Sieg erfochten. Diese Nachricht verursachte allgemeine Bestürzung: die Einwohner kamen gar nicht mehr aus ihren Häusern. Ich ging nach dem Wirthshaus zur Traube in der Tillystraße, um die Zeitung zu lesen. Die französischen Journale lagen alle unberührt auf dem Tische; ich war der Einzige, der sie aufschlug. In der folgenden Woche aber – es war zu Anfang September – bemerkte ich auf den Gesichtern dieselbe Veränderung wie an jenem Tage, wo die Oestreicher sich gegen uns erklärt hatten. Ich ahnte, daß wir Unglück gehabt hatten, und hatte Recht, wie ich später erst erfuhr, denn die pariser Zeitungen berichteten nichts darüber. Gegen Ende August war das Wetter umgeschlagen, und es hatte zu regnen begonnen. Das Wasser fiel in Strömen. Ich verließ jetzt die Kaserne nicht mehr. Oft, wenn ich auf meinem Bette saß und durch das Fenster die Elster unter den Regengüssen aufschäumen, die Bäume auf den kleinen Inseln sich unter der Gewalt der Windstöße beugen sah, dachte ich: »Arme Soldaten! ... Arme Kameraden! ... wo seid ihr jetzt? Vielleicht auf der Landstraße, mitten im freien Felde!« Und so überdrüssig ich des Lebens in der Kaserne war, fand ich doch, daß ich weniger zu beklagen sei als sie. Eines Tages aber machte der alte Generalstabsarzt Tardieu seinen Rundgang und sagte zu mir: »Ihr Arm ist gut und solide ... Sehen wir einmal zu ... Hier, heben Sie mir das auf ... Schön ... schön!« Am folgenden Morgen beim Appell ließ man mich in einen Saal treten, der mit Ausrüstungs-Gegenständen, Tornistern, Patrontaschen und Schuhen vollgepfropft war. Ich empfing eine Flinte, zwei Paquete Patronen und eine Marschordre zum sechsten Regimente nach Gauernitz an der Elbe. Das war am 1. October. Wir setzten uns, zwölf oder fünfzehn Mann, zusammen in Marsch. Ein Fourier von den Siebenundzwanzigern, Namens Poitevin, führte uns. Unterwegs schlug bald der Eine, bald der Andere eine andere Richtung ein, um zu seinem Corps zu gelangen. Poitevin aber, vier Infanteristen und ich setzten unsern Marsch bis zum Dorfe Gauernitz fort. 17. Wir marschirten also mit übergehängtem Gewehr, aufgeschürztem Mantel, unter der Last des Tornisters gekrümmtem Rücken und hängenden Ohren, wie man sich denken kann, auf der Straße nach Wurzen dahin. Der Regen strömte herab, und das Wasser lief uns vom Tschako in den Nacken. Der Wind schüttelte die Pappeln, deren gelbes Laub, den nahenden Winter verkündend, um uns herumwirbelte – und das ging stundenlang so fort. Von Zeit zu Zeit trafen wir auf ein Dorf mit seinen Scheunen, Düngerhaufen und eingezäunten Gärten. Die Frauen standen hinter den kleinen, erblindeten Fensterscheiben und sahen unserm Vorübermarsche zu, ein Hund bellte, ein Mann, der auf der Thürschwelle Holz spaltete, drehte sich um, um uns mit den Augen zu folgen, und wir marschirten, bis über die Ohren mit Koth bespritzt, immer weiter. Am Ende des Dorfes sahen wir die Landstraße sich wieder endlos hinstrecken, die grauen Wolken über die verödeten Felder hinziehen und einige magere Raben unter melancholischem Gekrächze mit schnellem Flügelschlage sich entfernen. Nichts ist trauriger als ein solcher Anblick, besonders wenn man dabei bedenkt, daß der Winter naht, und daß man bald draußen im Schnee campiren soll. Daher sprach auch Niemand ein Wort, den Fourier Poitevin ausgenommen. Das war ein alter, gelber, runzeliger Soldat mit eingefallenen Backen, rother Nase und ellenlangem Schnurrbart, wie alle Branntweintrinker. Er hatte eine gewählte Sprache, die er mit Kasernenausdrücken vermengte, und wenn der Regen stärker wurde, rief er mit einem Ausbruch ganz seltsamen Gelächters: »Ja, ja, Poitevin! ... das wird dich pfeifen lehren!« ... Dieser alte Trunkenbold hatte bemerkt, daß ich einige Heller in der Tasche hatte. Er hielt sich daher immer zu mir, indem er sagte: »Junger Mann, wenn Ihr Tornister Sie belästigt, geben Sie ihn mir her.« Ich aber dankte ihm für seine Freundlichkeit. Obgleich es mir unangenehm war, einen Menschen um mich zu haben, der, wenn wir durch ein Dorf kamen, fortwährend nach den Wirthshausschildern ausschaute und dabei sagte: »Bei dem Wetter jetzt würde ein kleines Gläschen uns recht wohlthun« ... – hatte ich doch nicht umhin gekonnt, einige Glas für ihn zu bezahlen, so daß er mir nicht mehr von der Seite ging. Wir näherten uns Wurzen, und der Regen fiel in Strömen, als der Fourier wohl zum zwanzigsten Male ausrief: »Ja, ja, Poitevin ... so ist das Leben! ... Das wird dich pfeifen lehren!« »Was für eine verteufelte Redensart haben Sie denn da, Fourier?« fragte ich ... »Ich möchte wahrhaftig wissen, wie der Regen einem das Pfeifen beibringen kann.« »Es ist keine Redensart, junger Mann, sondern ein Gedanke, der mir immer in den Kopf kommt, wenn ich mich amüsire.« Nach einigen Augenblicken fuhr er dann fort: »Sie müssen nämlich wissen, daß es mir 1806, während ich in Rouen meine Studien machte, passirte, daß ich mit andern jungen Leuten ein Theaterstück auspfiff. Die Einen pfiffen, die Andern applaudirten, und am Ende kam es zu Schlägen, worauf die Polizei uns zu Dutzenden ins Loch steckte. Der Kaiser, dem die Sache zu Ohren gekommen war, meinte darauf: »Da sie sich so gern schlagen, reihe man sie in meine Regimenter ein. Dort werden sie ihren Geschmack vollauf befriedigen können!« Und natürlich geschah es, wie er befohlen hatte, und Niemand im Lande, nicht einmal die Väter und Mütter, wagten ein Wort dagegen zu sagen.« »Sie waren doch dienstpflichtig?« bemerkte ich. »Nein, mein Vater hatte mir einen Stellvertreter gekauft. Es ist eben ein Scherz des Kaisers, ... einer von jenen Scherzen, an die man lange denkt. Zwanzig oder dreißig von uns sind im Elend umgekommen ... Einige Andere, anstatt in ihrem Vaterlande eine ehrenvolle Stellung als Arzt, Richter oder Rechtsanwalt einzunehmen, sind alte Trunkenbolde geworden. Das nennt man einen guten Spaß!« Darauf brach er in ein Gelächter aus und sah mich verstohlen an. – Ich war ganz nachdenklich geworden und bezahlte noch zwei oder drei Mal, ehe wir nach Gauernitz kamen, einen Schnaps für den armen Teufel. Gegen fünf Uhr Abends, als wir uns dem Dorfe Riesa näherten, bemerkten wir zur Linken eine alte Mühle mit ihrem hölzernen Stege, zu welchem ein Querweg führte. Um den Weg abzukürzen, schlugen wir diesen Fußsteig ein und waren nur noch zweihundert Schritt von der Mühle entfernt, als wir lautes Geschrei in derselben vernahmen. Gleichzeitig stürzten zwei Frauen, eine ganz alte und eine andere jüngere, durch den Garten, indem sie einige Kinder mit sich fortzogen. Sie suchten ein kleines Gehölz zu erreichen, das auf der Anhöhe gegenüber an die Landstraße stieß. Gleich darauf sahen wir einige von unsern Soldaten mit Säcken aus der Mühle kommen, und andere im Gänsemarsch aus einem Keller heraufsteigen und kleine Fässer schleppen, die sie eiligst auf einen neben der Schleuse haltenden Karren luden. Noch andere endlich zogen Kühe und Pferde aus einem Stalle, während ein Greis vor der Hausthür die Hände zum Himmel emporstreckte, und fünf oder sechs von diesen schlechten Subjecten den leichenblassen Müller umringten, dem vor Entsetzen und Furcht die Augen aus dem Kopfe quollen. Alles das: die Mühle, der Teich, die eingeschlagenen Fenster, die flüchtenden Frauen, unsere Soldaten mit ihren Feldmützen und wahren Galgengesichtern, der Alte, der sie verfluchte, und die Kühe, welche den Kopf schüttelten, um sich der Führer zu entledigen, während andere sie hinten mit dem Bajonett stachen ... das Alles steht mir noch lebhaft vor Augen ... ich glaube es noch jetzt zu sehen! »Ei,« sagte der Fourier, »das sind Marodeure ... Wir sind nicht mehr weit von der Armee entfernt.« »Aber das ist schändlich!« rief ich. »Das sind Räuber!« »Gewiß,« erwiderte der Fourier, »es ist gegen die Disciplin. Wenn der Kaiser es wüßte, würden sie wie Hunde erschossen werden.« Wir gingen nun über den kleinen Steg, und da man hinter dem Karren eins von den Fässern angezapft hatte, drängten sich die Soldaten mit einem Kruge um dasselbe her und tranken in die Runde. Dieser Anblick empörte den Fourier. Er rief in gebieterischem Tone: Mit welchem Rechte plündert ihr hier?« Mehrere Marodeure drehten sich daraufhin um, als sie aber sahen, daß wir nur unserer drei waren, da die Andern, ohne sich aufzuhalten, weiter gegangen waren, erwiderte einer von ihnen: »He, alter Possenreißer, du willst deinen Antheil an der Pastete ... das ist ganz recht ... Aber du brauchst deshalb nicht den Schnurrbart zu drehen. Da, trink einen Schluck.« Damit reichte er ihm den Krug hin. Der Fourier nahm ihn und trank, indem er mich dabei von der Seite anschielte. »Nun, junger Mann,« sagte er dann, »wenn Sie Appetit haben! Das Weinchen ist ausgezeichnet.« »Ich danke,« antwortete ich ihm. Mehrere Umstehende riefen indessen: »Fort! Fort! Es ist Zeit!« »Nein, nein!« schrien Andere. »Wartet ... Man muß noch einmal nachsehen!« »Sagt doch,« bemerkte der Fourier in biedermännischem Tone ... »ihr wißt, Kameraden ... man muß mit Milde verfahren ...« »Ja, gewiß, Alter,« entgegnete eine Art Tambourmajor, der den großen Dreimaster quer bis auf die Schultern herabgedrückt hatte, mit spöttischem Lachen, indem er mit den Augen blinzelte, »gewiß, sei nur ruhig, wir werden das Huhn regelrecht rupfen. Man wird Rücksichten nehmen! ...« Der Fourier sagte nun nichts mehr. Es war, als schäme er sich vor mir. »Was wollen Sie, junger Mann?« sagte er, indem er schärfer zuschritt, um die Kameraden einzuholen, »im Kriege ist es nun einmal nicht anders ... Man kann sich doch nicht zu Grunde gehen lassen.« Ich glaube, ohne die Furcht vor dem Ergriffenwerden würde er zurückgeblieben sein. Ich meinestheils war trübe gestimmt und sagte zu mir selbst: »So sind die Trinker! Sie mögen gute Regungen haben – der Anblick eines Weinkrugs aber läßt sie Alles vergessen.« Gegen zehn Uhr Abends endlich erblickten wir auf einer düstern Anhöhe rechts von Gauernitz und einem alten Schlosse, in welchem ebenfalls einige Lichter schimmerten, einzelne Bivouacfeuer. In der Ebene weiter hinten flackerten andere Feuer in größerer Menge. Die Nacht war hell. Die starken Regengüsse hatten den Himmel geklärt. Als wir uns dem Bivouac näherten, wurden wir angerufen: »Wer da?« »Frankreich!« antwortete der Fourier. Mir klopfte das Herz, als ich bedachte, daß ich in wenigen Minuten meine alten Kameraden wiedersehen würde, falls sie noch am Leben waren. Von einer Art Schuppen her, der einen halben Flintenschuß weit vom Dorfe ablag, näherten sich bereits Wachtmannschaften, um uns zu recognosciren. Sie kamen zu uns, und der Befehlshaber des Postens, ein alter, grauköpfiger Seconde-Lieutenant, der den Arm unter dem Mantel in der Binde trug, fragte uns, woher wir kämen, wohin wir gingen, und ob wir nicht unterwegs auf Kosakentrupps gestoßen wären. Der Fourier antwortete für uns Alle. Der Officier erklärte uns darauf, daß die Division Souham die Umgegend von Gauernitz am Morgen verlassen habe, und befahl uns, ihm zu folgen, damit er unsere Marschrouten revidiren könne. Wir gingen schweigend hinter ihm her, indem wir die Bivouacfeuer umkreisten, an denen sich die Soldaten, über und über mit trocknem Koth bedeckt, zum Schlafen hingestreckt hatten. Nicht einer von ihnen regte sich. Endlich gelangten wir zu dem Schuppen. Es war eine alte Ziegelbrennerei. Das breite Dach hatte die Gestalt eines Löschhuts und ruhte auf Pfeilern, die sich sechs oder sieben Fuß hoch über den Boden erhoben. Im Hintergrunde waren große Holzvorräthe aufgeschichtet. Es war warm drinnen. Man hatte Feuer angezündet, und der Geruch der gebrannten Steine verbreitete sich in der Umgegend. Der Ofenraum war mit Soldaten angefüllt, die mit dem Rücken an der Wand lehnten und selig schliefen. Der Feuerschein unter dem düstern Gebälk blitzte über sie hin. An den Pfeilern funkelten die Gewehrpyramiden. Ich glaube alle diese Gegenstände noch jetzt zu sehen: ich fühle, wie die Wärme meinen Körper durchströmt, sehe meine Kameraden, deren Röcke in der Nähe des Ofens zu rauchen beginnen, wie sie schweigend warten, bis der Officier mit dem Durchlesen der Marschrouten beim dunkelrothen Schein des Feuers fertig sei. Nur ein einziger alter, hagerer, sonnengebräunter Soldat wachte. Er hatte die Beine über einander gelegt und hielt zwischen den Knieen einen Schuh, den er mittelst einer Ahle mit Bindfaden flickte. Ich war der Erste, dem der Officier die Marschroute zurückgab mit der Bemerkung: »Sie werden Ihr Bataillon morgen zwei Stunden von hier, bei Torgau, treffen.« Der alte Soldat, der mich beobachtete, legte darauf die Hand auf den Boden, um anzudeuten, daß noch Platz da wäre. Ich setzte mich neben ihn, öffnete meinen Tornister und zog frische Strümpfe und neue Schuhe an, die ich in Leipzig erhalten hatte. Das that mir sehr wohl. Der Alte fragte mich: »Du begiebst dich wieder zu deinem Regimente?« »Ja, zum sechsten nach Torgau.« »Und kommst?« »Aus dem Lazareth in Leipzig.« »Das sieht man – du bist fett wie ein Pfaffe. Man hat dich da unten mit Geflügel gefüttert, während wir hier vom leeren Teller speisten.« Ich blickte auf meine schlafenden Nachbarn und sah, daß er Recht hatte. Diese armen Rekruten bestanden nur noch aus Haut und Knochen und waren wachsgelb, erdfahl und verrunzelt wie Veteranen. Man hätte glauben sollen, sie könnten sich nicht mehr auf den Beinen halten. Nach kurzem Schweigen fuhr der Alte fort: »Du bist verwundet worden?« »Ja, Alter, bei Lützen.« »Vier Monate im Lazareth!« murmelte er, indem er die Unterlippe vorschob, »welches Glück! Ich für mein Theil komme aus Spanien. Ich hatte mir geschmeichelt, die Kaiserlichen von Anno 1807 wieder vorzufinden ... Lämmer ... reine Lämmer ... Ach ja, sie sind schlimmer geworden als die Guerillas! Die Sache wird schlimm.« So sprach er leise mit sich selbst, ohne auf mich zu achten und zog mit zusammengekniffenen Lippen den Bindfaden aus wie ein wirklicher Schuhmacher. Von Zeit zu Zeit probirte er auch den Schuh an, um zu sehen, ob ihn die Naht nicht drücke. Schließlich packte er dann die Ahle in seinen Tornister, zog den Schuh an und legte sich mit dem Ohr auf ein Bund Stroh. Ich war so abgespannt, daß ich Mühe hatte, einzuschlafen. Nach Verlauf einer Stunde aber sank ich doch in einen tiefen Schlummer. Am andern Morgen machte ich mich mit dem Fourier Poitevin und drei andern Soldaten von der Division Souham wieder auf den Weg. Wir kamen zunächst auf die Landstraße, die an der Elbe hinläuft. Das Wetter war feucht, und der Wind, der den Fluß peitschte, schleuderte den Schaum bis auf die Chaussee. Seit einer Stunde waren wir tüchtig drauflos marschirt, als der Fourier plötzlich ausrief: »Achtung!« Er hatte Halt gemacht und streckte die Nase in die Luft wie ein Jagdhund, der etwas wittert. Wir horchten Alle, konnten aber bei dem Rauschen der Wellen am Ufer und des Windes in den Bäumen nichts hören. Doch Poitevin hatte ein geübteres Ohr als wir. »Man schießt da hinten,« sagte er, indem er auf ein Gehölz zur Rechten deutete. »Der Feind kann auf der uns zugewandten Seite stehen – versuchen wir, ihm nicht geraden Wegs in den Hals zu laufen. Das Beste, was wir thun können, ist: wir gehen in das Gehölz und setzen vorsichtig unsern Weg fort. Auf der andern Seite werden wir dann sehen, was vorgeht ... Wenn die Preußen oder Russen da sind, ziehen wir uns zurück, ohne daß sie uns sehen. Sind es Franzosen, so gehen wir vorwärts.« Jeder fand, daß der Fourier Recht habe, und ich bewunderte im Stillen die Schlauheit dieses alten Trunkenbolds. Wir gingen also von der Straße ab und in das Gehölz, Poitevin voran und wir mit geladenem Gewehr hinter ihm. Wir traten leise auf und blieben alle hundert Schritt stehen, um zu lauschen. Die Flintenschüsse kamen näher. Sie fielen nur vereinzelt und wiederhallten in den Gründen. Der Fourier sagte: »Es sind Plänkler, die ein Kavallerie-Streifcorps beobachten, denn die Andern erwidern das Feuer nicht.« Er hatte Recht: zehn Minuten später entdeckten wir zwischen den Bäumen ein Bataillon französischer Infanterie, das mitten im Haidekraut abkochte, während in weiter Ferne Kosakenrotten über die graue Ebene von einem Dorf zum andern zogen. Einige Tirailleurs am Saume des Gehölzes schossen auf die Reiter, aber diese befanden sich beinahe außer Schußweite. »Ei, da sind Sie ja schon zu Hause, junger Mann,« sagte Poitevin lächelnd zu mir. Er mußte ein gutes Auge haben, um auf eine solche Entfernung die Nummer des Regiments lesen zu können. Ich für mein Theil schaute vergeblich danach aus: ich sah nur in Lumpen gehüllte Jammergestalten mit spitzen Nasen, fieberglänzenden Augen und Ohren, die in Folge des Einfallens der Backen weit vom Kopfe abstanden. Ihre Mäntel waren drei oder vier Mal zu weit für sie: man hätte sie für wahre Radmäntel nehmen können, soviel Falten bildeten sie auf den Armen und um die Hüften. Vom Koth und Schmutz rede ich lieber gar nicht: es war entsetzlich. An diesem Tage sollte ich erfahren, warum die Deutschen kurz nach unserm Siege bei Dresden ein so heiteres Gesicht gemacht hatten. Wir wandten uns zu zwei kleinen Zelten, in deren Umgebung drei oder vier Pferde das magere Gras abweideten. Dort fand ich den Obersten Lorain, der mit dem dritten Bataillon auf das linke Elbufer detachirt worden war. Er war ein langer, hagerer Mann mit braunem Schnurrbart und nicht gerade sanftmüthiger Miene. Stirnrunzelnd sah er uns herankommen, und als ich ihm meine Marschroute präsentirte, sagte er nur: »Gehen Sie zu Ihrer Compagnie!« Ich entfernte mich mit dem Gedanken, daß ich schon einige Kameraden von der vierten Compagnie erkennen würde. Aber seit Lützen waren Compagnien mit Compagnien, Regimenter mit Regimentern, Divisionen mit Divisionen verschmolzen worden, so daß, als ich an den Fuß der Anhöhe kam, wo die Grenadiere lagerten, Niemand mir bekannt schien. Als die Leute mich näher kommen sahen, warfen sie mir einen Seitenblick zu, als wollten sie sagen: »Will der auch sein Theil an der Bouillon? Geduld! erst wollen wir sehen, was er für den Kochtopf mitbringt.« Ich schämte mich, nach dem Lagerplatze meiner Compagnie fragen zu müssen, als eine Art knochiger Veteran mit langer, wie ein Adlerschnabel gekrümmter Nase und breiten Schultern, um welche der alte, abgetragene Mantel schlotterte, den Kopf aufrichtete, mich anstarrte und dann mit ruhiger Stimme sagte: »Schau! Das bist du ja, Joseph! Ich glaubte, du lägest schon seit vier Monaten in der Erde.« Jetzt erst erkannte ich meinen armen Zebede. Es scheint, daß mein Gesicht ihn weich stimmte, denn ohne aufzustehen, drückte er mir die Hand und rief: »Klipfel! ... hier ist Joseph!« Ein anderer Soldat, der an dem benachbarten Feldkessel hockte, wandte darauf den Kopf um und sagte: »Du bist's, Joseph? Sieh einmal! du bist nicht todt!« Das war der ganze Willkomm, der mir zu Theil wurde! Die Noth hatte diese Leute zu solchen Egoisten gemacht, daß sie nur noch an sich selbst dachten. Zebede aber hatte trotzdem sein gutes Herz bewahrt. Er lud mich ein, indem er den Andern einen jener Blicke zuschleuderte, die ihm Respect verschafften, mich an seinen Feldkessel zu setzen und bot mir seinen Löffel an, den er im Knopfloch des Mantels trug. Ich aber lehnte sein Anerbieten dankend ab, da ich am Tage vorher den guten Einfall gehabt hatte, bei dem Schlächter in Riesa einzukehren und ein Dutzend Knackwürste nebst einem tüchtigen Stück Brot und einem Fläschchen Branntwein in meinen Tornister zu packen. Ich öffnete jetzt also meinen Ranzen, zog die Wurstschnur heraus und gab Zebede zwei davon ab, was ihm Thränen entlockte. Ich hatte auch die Absicht, den übrigen Kameraden einige anzubieten, Zebede aber, meinen Gedanken errathend, legte mit bezeichnender Miene die Hand auf meinen Arm und sagte: »Was gut zum Weggeben ist, ist auch gut zum Behalten!« Dann zog er sich aus dem Kreise der Genossen zurück, und wir aßen und tranken einen Schnaps dazu. Die Andern schwiegen und sahen uns von der Seite an. Klipfel, dem der Knoblauchgeruch in die Nase gestiegen war, drehte sich zu uns herum und rief: »He! Joseph, iß doch aus unserm Topfe mit! Zum Teufel, Kameraden sind doch immer Kameraden!« »Schon gut, schon gut!« entgegnete Zebede. »Für mich sind die Würste die besten Kameraden. Man findet sie bei Gelegenheit immer wieder.« Dann schnallte er selbst meinen Tornister wieder zu und sagte zu mir: »Heb' das auf, Joseph ... Seit mehr als einem Monat habe ich mich nicht so gut gepflegt. Es soll dein Schade nicht sein, sei ruhig.« Eine halbe Stunde später wurde zum Sammeln geschlagen. Die Plänkler stießen wieder zu uns, und Sergeant Pinto, der sich unter ihnen befand, erkannte mich. »Ei!« sagte er, »Sie sind also doch davongekommen! Das freut mich ... Aber Sie kommen zu einer bösen Stunde! – Ein schlechter Krieg ... schlechter Krieg,« fügte er kopfschüttelnd hinzu. Der Oberst und die Commandirenden stiegen zu Pferde, und wir setzten uns in Marsch. Die Kosaken zogen sich zurück. Wir nahmen daher das Gewehr nach Belieben unter den Arm oder auf die Schulter. Zebede ging neben mir und schilderte, was sich seit Lützen zugetragen hatte: zuerst die großen Siege bei Bautzen und Wurschen, die Eilmärsche, um den fliehenden Feind einzuholen, die Freude über den Vorstoß auf Berlin; dann den Waffenstillstand, während dessen die Truppen in den Dörfern und Flecken cantonnirten; darauf die Ankunft der spanischen Veteranen, entsetzlicher Menschen, die ans Plündern gewöhnt waren und die jungen Soldaten auf Kosten der Bauern leben lehrten. Unglücklicher Weise hatte sich gegen Ende des Waffenstillstands Alles gegen uns erhoben. Die Bevölkerung verabscheute uns. Man brach in unserm Rücken die Brücken ab, benachrichtigte die Preußen, die Russen und die übrigen Feinde von unsern geringsten Bewegungen und versuchte jedes Mal, wenn uns ein Unfall zustieß, uns noch tiefer in die Tinte zu bringen, anstatt uns zu helfen. Die starken Regengüsse hatten uns vollends mitgenommen. Am Tage der Dresdener Schlacht regnete es derart, daß dem Kaiser der Hut auf die Schultern herabhing. Aber wenn man siegt, lacht man darüber: es ist einem dann doch warm genug, und man findet schon Gelegenheit, den Anzug zu wechseln. Das Allerschlimmste ist, wenn man geschlagen wird, wenn man, Husaren, Dragoner und anderes Gesindel dieser Art auf den Fersen, auf grundlosen Wegen flüchtet und Nachts beim Anblick eines Lichtes in der Ferne nicht weiß, ob man darauf zugehen oder draußen in der Sündflut umkommen soll. Zebede berichtete mir alle Einzelheiten. Er erzählte mir, daß der General Vandamme, der den Oestreichern den Rückzug abschneiden sollte, in Folge allzu großen Eifers bis in eine Art Gebirgstrichter bei Kulm vorgedrungen wäre, daß dort die, welche wir am Tage vorher geschlagen hatten, von allen Seiten über ihn hergefallen wären und ihn mit mehreren andern Generälen gefangen genommen, sein Armee-Corps aber vernichtet hätten. Zwei Tage vorher, am 26. August, war unserer Division, sowie dem fünften, sechsten und elften Armee-Corps auf den Löwenberger Höhen etwas Aehnliches geschehen. Wir sollten die Preußen auf dieser Seite vernichten, in Folge einer falschen Bewegung des Marschalls Macdonald aber hatte uns der Feind in der Tiefe einer Bergschlucht überrascht, während unsere Kanonen im Schlamm steckten, unsere Kavallerie in Unordnung und unsere Infanterie wegen des Regens nicht mehr im Stande war, zu schießen. Man hatte sich nun mit dem Bajonett vertheidigt. Das dritte Bataillon wurde unter den ungestümen Angriffen der Preußen bis in die Katzbach zurückgedrängt. Dort hatte Zebede von einem Grenadier zwei Kolbenschläge auf den Kopf erhalten. Der Strom hatte ihn, während er den verwundeten Hauptmann Arnould in den Armen hielt, fortgerissen, und beide würden umgekommen sein, wenn es nicht glücklicher Weise dem Hauptmann gelungen wäre, einen Baumzweig am andern Ufer zu erhaschen und sich aus dem Wasser zu ziehen. Zebede erzählte mir, daß er, trotzdem ihm das Blut aus Nase und Ohren strömte, in jener Nacht bis zum Dorfe Wohl besser Stadt. Goldberg hatte damals über 5000 Einwohner. D. Uebers. Goldberg marschirt sei, halbtodt vor Hunger, Ermüdung und Blutverlust, und daß ein Tischler sich seiner erbarmt hätte: der brave Mann habe ihm Brot, Zwiebeln und Wasser gegeben. Ferner erzählte er mir, daß am nächsten Tage die ganze Division und hinter ihr die andern Corps truppweise, jeder auf eigene Faust, querfeldein marschirt sei, ohne daß Jemand sie befehligt habe, da die Generäle, Marschälle und alle berittenen Officiere aus Furcht, in Gefangenschaft zu gerathen, so weit als möglich geflohen wären. Er versicherte mir, daß fünfzig Husaren sie nach einander über den Haufen geritten haben würden, daß Blücher aber glücklicher Weise den übergetretenen Fluß nicht habe überschreiten können, so daß sie sich endlich in Waldau wieder gesammelt hätten. Dort schlugen nämlich die Tamboure von allen Corps den Marsch ihres Regiments an allen Straßenecken, und durch dies Mittel fand sich jeder Einzelne, indem er dem Schall der Trommel nachging, in dem Wirrwarr von selbst wieder zurecht. Das größte Glück bei dieser unordentlichen Flucht, meinte Zebede, wäre aber das gewesen, daß sich ein wenig weiter, in Bunzlau, auch die höhern Officiere wieder eingefunden hätten, die ganz überrascht gewesen wären, noch über Bataillone zu commandiren zu haben! Das Alles erzählte mir mein Kamerad, ohne dabei zu erwähnen, daß wir auch unsern Bundesgenossen mißtrauen müßten, daß sie uns ohne Zweifel jeden Augenblick in die Flanke fallen könnten. Ferner erzählte er, daß auch die Marschälle Oudinot und Ney geschlagen worden wären, der eine bei Groß-Beeren, der andere bei Dennewitz. Das war etwas recht Trauriges, denn auf diesen Rückzügen starben die Rekruten vor Erschöpfung, Krankheit und Elend. Nur die alten Soldaten aus Spanien und die, welche schon früher in Deutschland gedient hatten, konnten, gestählt gegen das schlechte Wetter, diese ungeheuren Anstrengungen ertragen. »Kurz und gut,« sagte Zebede, »wir haben Alles gegen uns: das Land, den ewigen Regen und unsere eigenen Generäle, die die Geschichte satt haben. Die Einen sind Herzöge und Fürsten, und es langweilt sie, immer bis über die Ohren im Dreck zu stecken, anstatt in bequemen Lehnstühlen zu sitzen, und die Andern, wie Vandamme, wollen durch irgend eine große That möglichst schnell Marschall werden. Und wir armen Teufel, die wir hier nichts zu gewinnen haben als lahme Glieder für unsere ganze übrige Lebenszeit, wir, die wir die Söhne von Bauern und Arbeitern sind, die ihr Blut verspritzten, um den Adel auszurotten, wir müssen hier umkommen, um einen neuen Adel zu schaffen!« Ich sah jetzt, daß die Aermsten und Unglücklichsten nicht immer die Dümmsten sind, und daß man, hat man genug gelitten, am Ende die traurige Wahrheit einsieht. Ich sagte jedoch nichts und bat im Stillen den Herrn, mir Kraft und Muth zu verleihen, damit ich die Noth und das Unglück ertragen könne, das alle diese Fehler und Ungerechtigkeiten uns ankündigten. Wir befanden uns jetzt zwischen drei Armeen, die sich zu vereinigen strebten, um uns mit einem Schlage zu zermalmen; es waren die Nordarmee, commandirt von Bernadotte, die schlesische Armee, commandirt von Blücher, und die böhmische Armee, commandirt von Schwarzenberg. Bald glaubte man, wir würden über die Elbe gehen, um über die Preußen und Schweden herzufallen, bald, wir würden von dem Gebirge herab auf die Oestreicher losstürzen, wie wir es fünfzig Mal in Italien und anderswo gethan hatten. Aber die Andern hatten dies Manöver endlich begriffen, und sobald wir Miene machten, näher zu kommen, zogen sie sich weiter zurück. Sie mißtrauten besonders dem Kaiser, der doch nicht gleichzeitig in Böhmen und in Schlesien sein konnte, und das verursachte fürchterliche Hin- und Rückmärsche. Die Soldaten sehnten sich jetzt nach nichts Anderm als nach einer Schlacht, denn in Folge der Märsche, des Schlafens auf dem nassen Erdboden, der halben Rationen und des Ungeziefers, von dem sie geplagt wurden, hatten sie sammt und sonders einen wahren Ekel vor dem Leben bekommen. Jeder dachte: »Mag es nun enden, wie es will ... Es ist zu schlimm so ... es kann nicht so bleiben!« Ich selbst war nach wenigen Tagen eines solchen Daseins überdrüssig. Ich fühlte, wie ich mir so zu sagen die Beine in den Leib marschirte, und fiel zusehends ab. Jeden Abend mußten wir wegen eines Halunken, Namens Thielmann, der das Landvolk gegen uns aufwiegelte, Wache stehen. Er folgte uns wie unser Schatten und belauerte uns auf unserm Marsche von Dorf zu Dorf, auf den Höhen, auf den Landstraßen, in der Tiefe der Thäler: seine Armee rekrutirte sich ans allen denen, die uns haßten, und er hatte immer Volks genug. Um diese Zeit erklärten sich auch die Baiern, Badenser und Würtemberger gegen uns, so daß uns ganz Europa auf dem Nacken saß. Endlich hatten wir den Trost, die ganze Armee wie zu einer großen Schlacht zusammenströmen zu sehen. Anstatt Platow's Kosaken und Thielmann's Parteigängern in der Umgegend der Dörfer zu begegnen, trafen wir Husaren, Jäger, spanische Dragoner, Artillerie und Ponton-Trains auf dem Wege. Der Regen fiel in Strömen. Wen die Kräfte verließen, der setzte sich unter einem Baum auf die nasse Erde und überließ sich seinem unglücklichen Schicksal. Am 11. Oktober bivouakirten wir bei dem Dorfe Lusig, am 12. bei Gräfenhainichen, am 13. gingen wir über die Mulde und sahen die alte Garde und La Tour-Maubourg über die Brücke ziehen. Man meldete auch, der Kaiser würde vorüberkommen, wir marschirten aber mit der Division Dombrowski und dem Souhamschen Corps weiter. In den Augenblicken, wo der Regen aufhörte, und ein Strahl der Herbstsonne die Wolken durchbrach, sah man die ganze Armee in Bewegung: von allen Seiten rückte Kavallerie und Infanterie auf Leipzig zu. Auf dem jenseitigen Ufer der Mulde glänzten bereits die Bajonette der Preußen, doch die Oestreicher und Russen sah man noch nicht: ohne Zweifel zogen sie auf einer andern Seite heran. Am 14. wurde unser Bataillon nochmals zum Recognosciren detachirt, und zwar nach der Stadt Aaken. Der Feind hatte die Stadt inne. Er empfing uns mit Kanonenschüssen, und wir blieben die ganze Nacht im Freien, ohne ein einziges Feuer anzünden zu können, da es unaufhörlich regnete. Am andern Morgen brachen wir von dort auf. um in Eilmärschen wieder zur Division zu stoßen. Ich weiß nicht, warum Jeder sagte: »Es kommt zur Schlacht! ... es kommt zur Schlacht!« .. Sergeant Pinto behauptete, der Kaiser stecke in der Luft. Ich für mein Theil spürte nichts davon, sah aber, daß wir auf Leipzig zu marschirten und dachte: »Mag es zur Schlacht kommen, wenn es dir nur nicht wieder eine Wunde einträgt wie bei Lützen, und du nur Katherine wiedersiehst!« In der folgenden Nacht blitzte der Himmel, da das Wetter wieder schön geworden war, von unzähligen Sternen, und wir marschirten immer weiter. Am andern Morgen war in der Nähe eines kleinen Dorfes, dessen Name mir entfallen ist, eben »Halt!« commandirt worden, um uns Athem schöpfen zu lassen, als wir Alle zusammen ein dumpfes Rollen in der Luft hörten. Der Oberst, der noch auf seinem Pferde saß, lauschte, und Sergeant Pinto rief: »Die Schlacht hat begonnen!« Beinahe im selben Augenblick commandirte der Oberst, den Degen schwingend: »Vorwärts!« Wir begannen jetzt zu laufen. Die Tornister, die Patrontaschen, die Gewehre, der Koth, Alles tanzte und sprang um uns herum, aber man achtete nicht darauf. Eine halbe Stunde später erblickten wir vor dem Bataillon eine endlose Reihe von Kolonnen: Wagen, Kanonen, Kavallerie und Infanterie. Hinter uns, auf der Dübener Straße, kamen andere, und Alles im Galopp! Sogar quer über die Felder stürmten ganze Regimenter im Laufschritt heran. Ganz am Ende der Straße sah man die beiden Thürme der Nicolai- und der Thomaskirche in Leipzig in den Himmel ragen, während zur Rechten und Linken auf beiden Seiten der Stadt sich ungeheure Dampfwolken erhoben, aus denen Blitze aufzuckten. Das Donnern nahm immerfort zu. Wir waren noch mehr als eine Stunde weit von der Stadt entfernt, als man schon schreien mußte, um sich verständlich zu machen, und jeder den Andern schreckensbleich ansah, als wolle er sagen: »Das nennt man einmal eine Schlacht!« Sergeant Pinto schrie: »Das ist weit stärker als bei Eylau!« Er lachte diesmal nicht, und Zebede, ich und die Andern eben so wenig. Dessenungeachtet aber liefen wir im Trabe weiter, und die Officiere wiederholten unaufhörlich: »Vorwärts! ...Vorwärts! ...« Man sieht daraus, wie die Menschen den Kopf verlieren. Wohl lebte in uns die Liebe zum Vaterlande, aber die Wuth, sich zu schlagen, noch weit mehr. Gegen elf Uhr erblickten wir, ungefähr eine Stunde weit vor der Stadt, das Schlachtfeld. Wir sahen auch die Kirchthürme in der Stadt und die alten Wälle, auf denen ich so oft spazieren gegangen war und an Katherine gedacht hatte, mit Menschen bedeckt. Uns gerade gegenüber, zwölf bis fünfzehnhundert Meter entfernt, waren zwei Regimenter rother Lanciers, und ein wenig weiter nach links, auf den Wiesen an der Parthe, zwei oder drei Regimenter reitender Jäger aufgestellt. Zwischen diesen Regimentern zogen die Convois hin, die von Düben kamen. Längs einer kleinen Anhöhe weiter hinten waren staffelförmig die Divisionen Ricard, Dombrowski, Souham und einige andere aufgestellt. Sie kehrten der Stadt den Rücken zu. Bespannte Kanonen und Munitionswagen, Kanoniere und Trainsoldaten zu Pferde standen zum Aufbruch bereit. Ganz im Hintergrunde endlich, auf dem Hügel bei einer jener Meiereien mit plattem Dachwerk und weiten Schuppen, wie man sie in jener Gegend findet, glänzten die Uniformen des Generalstabs. Es war dies die Reservearmee unter dem Befehl des Marschalls Ney. Ihr linker Flügel stieß an Marmont's Corps, das auf der Heerstraße nach Halle postirt war, der rechte an die Hauptarmee, die vom Kaiser persönlich commandirt wurde. Unsere Truppen bildeten demnach so zu sagen einen großen Kreis um Leipzig, und die Feinde, die gleichzeitig auf allen Seiten heranrückten, suchten sich die Hand zu geben, um uns herum einen noch größern Kreis zu ziehen und uns in der Stadt wie in einer Mausefalle einzuschließen. Inzwischen wurden zu gleicher Zeit drei furchtbare Schlachten geschlagen: eine gegen die Oestreicher und Russen bei Wachau, die andere auf der Hallischen Heerstraße bei Möckern gegen die Preußen, und die dritte auf der Lützener Straße zur Verteidigung der Lindenauer Brücke, die vom General Giulay angegriffen wurde. Ich habe diese Umstände erst später erfahren. Doch soll Jeder erzählen, was er selbst erlebt hat – auf diese Weise wird die Welt die Wahrheit kennen lernen. 18. Das Bataillon begann den Hügel hinabzumarschiren, der der Stadt gerade gegenüber liegt, um sich der Division anzuschließen, als wir einen Officier vom Generalstabe unten über die große Wiese sprengen und im gestreckten Galopp auf uns zukommen sahen. In zwei Minuten war er bei uns. Oberst Lorain sprengte ihm entgegen, sie wechselten einige Worte, dann sauste der Officier zurück. In dieser Weise brachten hundert andere Officiere ebenfalls Befehle in die Ebene. »In Reihen rechts um!« commandirte der Oberst, und wir nahmen die Richtung auf ein Gehölz in unserm Rücken, das sich ungefähr eine halbe Stunde weit an der Straße nach Düben hinzieht. Es war ein Buchenwald, doch befanden sich auch Birken und Eichen darunter. Als wir den Saum des Gehölzes erreicht hatten, ließ man uns frisches Zündpulver aufschütten, und dann ward das Bataillon im Holze selbst zum Plänkeln aufgelöst. Wir waren staffelförmig, je fünfundzwanzig Schritt von einander entfernt, aufgestellt und rückten vor, indem wir, wie man sich denken kann, tüchtig die Augen aufsperrten. Pinto sagte alle Augenblicke: »Nehmt Deckung!« Aber er hatte gar nicht nöthig, uns so viel zu warnen. Jeder spitzte die Ohren und beeilte sich, hinter einen dicken Baum zu kommen, um mit Bequemlichkeit auszulugen, ehe er weiter ging ... Was für Dingen doch friedliche Leute im Leben ausgesetzt sein können! Kurzum, wir rückten in dieser Weise etwa zehn Minuten vor und begannen, da man nichts sah, schon wieder sicher zu werden, als plötzlich ein Schuß fällt – dann noch einer, dann zwei, drei, sechs auf allen Seiten längs unserer Linie, und im selben Augenblick sehe ich meinen Kameraden zur Linken fallen, indem er sich an einen Baum zu lehnen sucht. Das macht mich munter ... Ich blicke nach der andern Seite – und was entdecke ich da fünfzig oder sechzig Schritt vor mir? Einen alten preußischen Soldaten mit kleinem Tschako, gekrümmtem Ellbogen und großem, rothen Schnurrbart, der über den Pfannendeckel seiner Flinte herabhängt. Er nimmt mich gerade aufs Korn, indem er mit dem Auge blinzelt. Ich bücke mich mit Windeseile. Im selben Augenblick höre ich den Schuß knallen und etwas über meinem Kopfe krachen. Ich hatte meine Ladung: Bürste, Kamm und Taschentuch in meinem Tschako – Alles hatte die Kugel des Halunken durchlöchert. – Ich fühlte, wie es mich eiskalt überlief. »Da bist du noch mit heiler Haut davongekommen!« rief mir der Sergeant zu, indem er an zu laufen fing, und da ich nicht allein an einer solchen Stelle bleiben wollte, folgte ich ihm in größter Eile. Lieutenant Bretonville, den Säbel unter dem Arm, commandirte unaufhörlich: »Vorwärts! ... Vorwärts!« ... Weiter rechts wurde immerfort geschossen. Da kommen wir plötzlich an den Rand einer Lichtung, auf der sich fünf oder sechs dicke Eichenstümpfe und ein kleiner, ganz mit hohem Grase bewachsener Tümpel befanden – aber kein Baum, hinter dem wir Deckung nehmen konnten. Trotzdem drangen einige muthig vor, bis der Sergeant uns zurief: »Halt! ... Die Preußen liegen hier in der Nähe im Hinterhalt ... Sperrt die Augen auf!« Kaum hatte er ausgesprochen, als ein Dutzend Kugeln durch das Astwerk pfiff, und die Schüsse im Holze wiederhallten. Zu gleicher Zeit stürzte ein Trupp Preußen mit langen Schritten davon und warf sich weiter hinten in das Dickicht. »Sie sind fort ... Hinterdrein!« rief Pinto. Aber der Schuß in den Tschako hatte mich vorsichtig gemacht: ich sah gewissermaßen durch die dicksten Bäume. Und als nun der Sergeant die Lichtung überschreiten wollte, hielt ich ihn am Arm zurück und zeigte ihm einen Flintenlauf, der hundert Schritt vor uns, auf der gegenüber liegenden Seite des Tümpels, über einen dichten Dornbusch hervorragte. Die Kameraden sahen ihn, nachdem sie näher getreten waren, ebenfalls. Der Sergeant befahl daher mit leiser Stimme: »Du bleibst hier stehen, Bertha ... verliere ihn nicht aus den Augen ... Wir Andern werden die Position umgehen.« Und sofort gingen sie nach rechts und links davon. Ich stand mit angelegtem Gewehr hinter meinem Baume wie ein Jäger auf dem Anstand. Nach zwei oder drei Minuten richtete sich der Preuße, da er nichts mehr hörte, leise auf. Es war ein blutjunger Mensch mit kleinem, blonden Schnurrbart und schmaler, gut geschnürter Taille. Ich hätte ihn gewiß niederschießen können, aber es machte einen so seltsamen Eindruck auf mich, daß ich diesen frei und offen dastehenden Menschen tödten sollte, daß mich ein Beben überlief. Plötzlich bemerkte er mich und sprang bei Seite. Ich feuerte nun meinen Schuß ab und athmete aus vollem Herzen auf, als ich sah, daß er wie ein Hirsch durch das Dickicht davonsprang. Zu gleicher Zeit aber fielen rechts und links fünf oder sechs Schüsse. Sergeant Pinto, Zebede, Klipfel und die Uebrigen brachen in einem Zuge hervor, und hundert Schritte weiter fanden wir den jungen Preußen auf dem Boden liegen. Er hatte den Mund voll Blut. Entsetzt starrte er uns an und hob dabei den Arm auf, als ob er die Bajonettstiche abwehren wolle. Der Sergeant redete ihn scherzend an: »Bah, fürchte nichts! Du hast dein Theil!« Niemand hatte Lust, ihm den Rest zu geben. Nur nahm Klipfel eine schöne Pfeife, die aus seiner hintern Rocktasche hervorsah, indem er sagte: »Ich wollte schon längst eine Pfeife haben ... da ist nun eine!« »Füsilier Klipfel,« rief Pinto tief entrüstet, »wollen Sie wohl augenblicklich diese Pfeife zurückgeben! Die Verwundeten zu plündern, paßt sich für Kosaken! Ein französischer Soldat kennt nur die Ehre als Preis des Kampfes!« Klipfel warf die Pfeife hin, und wir gingen schließlich weiter, ohne nur den Kopf umzuwenden. So gelangten wir an das Ende des kleinen Forstes, der auf dem letzten Viertel der Anhöhe aufhörte. Ziemlich dichtes Gebüsch zog sich jedoch noch zweihundert Schritte weiter bis zum Gipfel hinauf. Die Preußen, die wir verfolgt hatten, hatten sich darin festgesetzt. Man sah, wie sie sich an allen Orten und Enden aufrichteten, um auf uns zu schießen, und sich dann sofort wieder niederwarfen. Wir hätten ruhig an jener Stelle Halt machen können, da wir nur Befehl hatten, den Wald zu besetzen, jenes Gesträuch uns also nichts anging. Die Flintenschüsse der Preußen würden uns hinter den Bäumen, wo wir standen, kein Leid gethan haben. Auf dem andern Abhange des Hügels hörten wir einen fürchterlichen Kampf toben, die Kanonenschüsse fielen dicht hinter einander und krachten zuweilen gleichzeitig wie Donnerschläge bei einem Gewittersturm – ein Grund mehr, um in unserm Gehölz zu bleiben. Unsere Officiere aber, die zusammengetreten waren, entschieden, daß das Gebüsch zum Gehölze gehöre, und man die Preußen bis auf die Höhe zurücktreiben müsse. Dieser Entschluß verursachte einen großen Verlust an Menschenleben auf jener Stelle. Wir erhielten also Befehl, die feindlichen Plänkler zu verjagen, und da sie feuerten, sobald wir näher kamen, und sich dann verbargen, begannen wir auf sie loszustürzen, um sie am abermaligen Laden zu verhindern. Unsere Officiere stürzten ebenfalls hitzig vorwärts. Wir glaubten, oben auf dem Hügel würde das Buschwerk aufhören, und wir dann die Preußen dutzendweise niederschießen können. Aber in dem Augenblicke, wo wir ganz athemlos auf der Höhe anlangten, ruft plötzlich der alte Pinto: »Die Husaren!« Ich blicke auf und sehe hinter dieser Art Bergsattel Kolpaks herankommen und größer werden: sie kamen wie der Wind auf uns zu. Kaum hatte ich das gesehen, als ich mich ohne Besinnen umdrehe und zurückzulaufen beginne, wobei ich trotz Ermüdung, Tornister und Allem fünfzehn Fuß lange Sprünge machte. Vor mir sah ich Pinto, Zebede und die Andern laufen und springen, was das Zeug halten wollte. Hinter mir verursachten die Husarenmassen ein solches Getöse, daß einen eine Gänsehaut überlief: die Officiere schrieen deutsche Commandoworte, die Pferde schnaubten, die Säbelscheiden schlugen klirrend gegen die Stiefel, und die Erde bebte! Ich hatte den kürzesten Weg nach dem Gehölze eingeschlagen, und glaubte schon beinahe drin zu sein, als ich ganz nahe am Saume des Waldes auf eine jener großen Gruben stoße, aus denen die Landleute Lehmerde zum Bauen zu holen pflegen. Sie war mehr als zwanzig Fuß breit und vierzig oder fünfzig Fuß lang. In Folge des Regens, der seit einigen Tagen fiel, waren die Ränder äußerst schlüpfrig geworden, da ich aber die Pferde näher und näher heranschnauben hörte und sich mir die Haare vor Entsetzen sträubten, nehme ich, ohne auf etwas Acht zu geben, einen Anlauf und falle unten in dem Loche auf den Rücken, wobei mir Patrontasche und Mantel über den Kopf fliegen. Ein anderer Füsilier von meiner Compagnie lag schon drin und richtete sich eben auf – er hatte ebenfalls darüber wegspringen wollen. Im selben Augenblicke glitten zwei im tollsten Jagen herangekommene Husaren auf dem Rücken ihrer Pferde den lehmigen Abhang herunter. Der Erste von ihnen, purpurroth im Gesichte, versetzte zuerst meinem armen Kameraden einen Säbelhieb über den Kopf, indem er wie ein Besessener fluchte, und als er den Arm aufhob, um ihm vollends den Garaus zu machen, stieß ich ihm mit Aufbietung aller Kräfte mein Bajonett in die Seite. Gleichzeitig aber versetzte mir der Andere einen Hieb über die Schulter, der mich ohne die Epaulette mitten entzwei gespalten hätte. Er würde mich aber doch mit dem Säbel durchbohrt haben, hätte ihm nicht ein Schuß von oben den Kopf zerschmettert. Ich schaute auf und erblickte einen von unsern Soldaten, der bis an die Waden in den Lehm eingesunken war. Er hatte das Wiehern der Pferde und die Flüche der Husaren gehört und war bis an den Rand der Grube vorgetreten, um nachzusehen, was da unten vorginge. »Ei, Kamerad!« sagte er lachend, »es war Zeit!« Ich zitterte wie Espenlaub und war nicht im Stande, ihm zu antworten. Er nahm das Bajonett ab und streckte mir dann die Flinte hin, um mir beim Heraufsteigen behilflich zu sein. Oben ergriff ich seine Hand und sagte zu ihm: »Sie haben mich gerettet ... Wie heißen Sie?« Er erwiderte, er heiße Jean Pierre Vincent. Ich habe seitdem oft daran gedacht, daß ich, wenn ich zufällig wieder mit diesem Manne zusammenträfe, mich sehr glücklich schätzen würde, wenn ich ihm einen Dienst leisten könnte. Aber am zweitfolgenden Tage fand die zweite Schlacht bei Leipzig, dann der Rückzug über Hanau statt, und ich habe ihn nie wiedergesehen. Der Sergeant Pinto und Zebede kamen einen Augenblick später. Zebede sagte zu mir: »Wir beide haben dies Mal noch Glück gehabt, Joseph: wir sind jetzt die letzten Pfalzburger beim Bataillon ... Klipfel ist von den Husaren zusammengehauen worden!« »Du sahst es?« fragte ich entsetzt. »Ja. Er hat mehr als zwanzig Säbelhiebe erhalten. Er rief mich: Zebede! Zebede.« Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Es ist doch schrecklich, einen alten Jugendfreund um Hilfe rufen zu hören, ohne ihm beispringen zu können ... Aber es waren ihrer zu viel! ... sie umringten ihn!« Der Vorfall stimmte uns traurig, und die Heimat kam uns wieder in den Sinn. Ich stellte mir die Großmutter Klipfel beim Empfang der Todesnachricht vor, und diese Vorstellung ließ mich auch an Katherine denken. Seit dem Angriffe der Husaren bis zur Nacht blieb das Bataillon in derselben Stellung und plänkelte mit den Preußen. Wir hinderten sie, das Gehölz zu besetzen, aber sie hinderten uns, den Hügel zu ersteigen. Am andern Tage erfuhren wir, warum. Dieser Hügel beherrscht nämlich den ganzen Lauf der Parthe, und die große Kanonade, die wir hörten, rührte von der Division Dombrowski her, welche den linken Flügel der preußischen Armee angriff, und dem General Marmont in Möckern zu Hilfe kommen wollte. Dort bei Möckern hielten zwanzigtausend Franzosen in einer Thalschlucht die achtzigtausend Mann Blüchers auf, und bei Wachau kämpften einhundertundfünfzehntausend Franzosen gegen zweimalhunderttausend Oestreicher und Russen. Ueber fünfzehnhundert Kanonen waren im Feuer. Unser armseliges Kleingewehrfeuer bei Wiederitzsch klang dagegen wie das Summen einer Biene während eines Sturms. Zuweilen stellten wir sogar auf beiden Seiten das Feuer ein, um zu lauschen ... Dieser Kampf schien mir etwas Grauenvolles und so zu sagen Uebernatürliches. Die Luft war voll Pulverdampfs, und die Erde bebte uns unter den Füßen. Die alten Soldaten, wie z. B. Pinto, sagten, sie hätten nie etwas Aehnliches gehört. Gegen sechs Uhr sprengte ein Stabsofficier auf unserer Linken heran, um dem Obersten Lorain einen Befehl zu überbringen, und gleich darauf blies man zum Rückzug. Das Bataillon hatte durch den Angriff der preußischen Husaren und das Kleingewehrfeuer sechzig Mann verloren. Es war bereits Nacht, als wir das Gehölz verließen, und am Ufer der Parthe mußten wir zwischen Pulverkarren, allerlei Fuhrwerken, rückkommenden Armee-Corps, einzelnen Detachements und Krankenwagen, die auf zwei Brücken hinüberzogen, noch länger als zwei Stunden warten, ehe die Reihe an uns kam. Der Himmel war düster, in der Ferne rollte noch ab und zu der Donner der Geschütze, aber die drei Schlachten waren beendet. Man hörte wohl davon reden, daß wir die Russen und Oestreicher auf der andern Seite von Leipzig, bei Wachau, geschlagen hätten. Die von Möckern Zurückkehrenden aber waren düster und verstimmt – Niemand rief wie nach einem Siege: »Es lebe der Kaiser!« Als wir erst auf dem andern Ufer waren, marschirte das Bataillon eine gute halbe Stunde an der Parthe hinunter bis zum Dorfe Schönefeld. Die Nacht war feucht. Vor Müdigkeit fielen uns die Augen zu, und langsamen Schritts zogen wir mit geschultertem Gewehr und gesenkten Köpfen in die Dunkelheit hinein. Hinter uns dauerte das Defiliren der von Möckern zurückkommenden Kanonen, Pulverkarren, Bagagewagen und Truppen unter dumpfem Getöse noch immer fort, und zuweilen hörte man die Rufe und Flüche der Trainsoldaten und der fahrenden Artilleristen, die sich Platz schaffen wollten, den Lärm übertönen. Allmählich aber verklang dies Geräusch, und wir gelangten endlich zu einem Kirchhof, wo man uns auseinandertreten und die Gewehre zusammenstellen ließ. Jetzt erst schaute ich auf und erkannte im Mondschein Schönefeld. Wie oft hatte ich dort in der kleinen Schenke zur Goldenen Garbe mit Zimmer unter der Rebenlaube Vater Winters gesessen und guten Braten gegessen und Weißwein getrunken, als die Sonne noch warm schien und um uns das sommerliche Grün glänzte! ... Diese Zeiten waren vorüber! Die Wachen wurden ausgestellt, und einige Mann gingen in das Dorf, um Holz und Lebensmittel zu holen. Ich lehnte mich gegen die Kirchhofsmauer und schlief ein. Gegen drei Uhr morgens wurde ich geweckt. »Joseph,« sagte Zebede, »komm doch und wärme dich. Wenn du da hocken bleibst, setzt du dich der Gefahr aus, das Fieber zu bekommen.« Wie trunken vor Mattigkeit und Schmerz stand ich auf. Ein dichter, feiner Regen fiel vom Himmel herab. Mein Kamerad zog mich an das Feuer, das in Folge des Regens qualmte und dampfte. Dies Feuer war auch nur für das Auge – es wärmte nicht. Nachdem aber Zebede mir einen Schluck Branntwein gegeben, fühlte ich weniger Frost und betrachtete die Bivouacfeuer, die auf dem andern Ufer der Parthe flackerten. »Die Preußen wärmen sich,« meinte Zebede. »Sie liegen jetzt in unserm Gehölze.« »Ja,« erwiderte ich, »und der arme Klipfel liegt auch da unten. Ihn friert nicht mehr.« Mir klapperten die Zähne. Jene Worte stimmten uns wieder traurig. Nach einigen Minuten fragte mich Zebede: »Erinnerst du dich noch des schwarzen Bandes, Joseph, das er am Aushebungstage am Hute trug? – ›Wir sind Alle dem Tode verfallen wie die von der russischen Armee!‹ schrie er ... ›Ich will ein schwarzes Band! ... Wir müssen Trauer für uns anlegen!‹ ... – Und sein kleiner Bruder sagte: ›Nein, Jakob, ich will nicht!‹ Er weinte, aber Klipfel nahm das Band doch: er hatte die Husaren im Traume gesehen!« Während Zebede sprach, erinnerte ich mich aller dieser Dinge wieder und sah auch den Halunken von Pinacle auf dem Rathhausplatze, wie er ein schwarzes Band über dem Kopfe schwenkte und mir zuschrie: »Heda, Lahmer, du brauchst ein schönes Band! ... das Band der Gewinner! ... Komm!« Diese Vorstellung in Verbindung mit der Kälte, die mir bis ins Mark drang, jagte mir einen Schauder durch die Adern. – »Du kommst nicht wieder nach Hause,« dachte ich ... »Pinacle hatte Recht ... es ist vorbei!« – Ich dachte an Katherine, an Tante Gredel, an den guten Herrn Goulden und fluchte denen, die mich gezwungen hatten, dahin zu kommen. Gegen vier Uhr Morgens, als der Tag zu grauen begann, kamen einige Wagen mit Lebensmitteln. Man verteilte Brot unter uns, auch empfing Jeder etwas Fleisch und Branntwein. Der Regen hatte aufgehört. Wir kochten im Bivouac ab, aber nichts erwärmte mich: ich holte mir an jenem Orte das Fieber. Uebrigens war ich nicht der Einzige im Bataillon, der sich in einem solchen Zustande befand: drei Viertel der Mannschaft kränkelten und siechten dahin. Schon seit einem Monat warfen sich die, welche nicht mehr weiter konnten, weinend auf die Erde und riefen wie kleine Kinder nach ihren Müttern. Das zerriß einem das Herz. Der Hunger, die Eilmärsche, der Regen und der Kummer, daß man weder die Heimat, noch seine Lieben wiedersehen sollte, waren die Ursachen dieser Krankheit. Glücklicherweise sahen die Eltern ihre Kinder nicht längs der Landstraßen verkommen und sterben – dieser Anblick würde zu entsetzlich gewesen sein: viele würden da glauben, daß es weder auf Erden noch im Himmel eine Barmherzigkeit gebe. Je heller es wurde, desto deutlicher überschauten wir zur Linken – jenseits des Flusses und einer weiten mit Weiden und Espen bewachsenen Schlucht – an den Straßen nach Halle, Lindenthal und Delitzsch die eingeäscherten Dörfer, die Leichenhaufen, die umgestürzten Kanonen und Pulverkarren und den von Kugeln aufgewühlten Boden, so weit das Auge reichte: es war weit schlimmer als bei Lützen. Auch sahen wir die Preußen in dieser Richtung aufmarschiren und zu Tausenden über das Schlachtfeld vorrücken. Sie wollten jetzt den Oestreichern und Russen die Hand geben und so den großen Ring, in welchem wir uns befanden, schließen. Und Niemand konnte sie jetzt daran hindern, um so weniger, da Bernadotte und der russische General Bennigsen, die noch zurückgeblieben waren, mit hundertzwanzigtausend Mann frischer Truppen ankamen. So wurde denn unsere Armee, nachdem sie an einem einzigen Tage drei Schlachten geschlagen hatte und auf hundertunddreißigtausend Kämpfer zusammengeschmolzen war, in einen eisernen Gürtel von dreimalhunderttausend Bajonetten eingeschlossen, die fünfzigtausend Reiter und zwölfhundert Kanonen ungerechnet! Das Bataillon brach von Schönefeld auf, um sich wieder mit der Division in den Kohlgärten zu vereinigen. Auf der ganzen Straße sah man nichts als Verwundetentransporte hinziehen. Alle Wagen aus der ganzen Umgegend waren zu diesem Dienste requirirt worden, und dazwischen marschirten, den Arm in der Binde, den Kopf verbunden, blaß, niedergeschlagen und halbtodt, noch hunderte von Unglücklichen hin. Wer sich noch fortschleppen konnte, stieg nicht auf die Wagen und suchte doch ein Lazareth zu erreichen. Wir wanden und zwängten uns mit großer Anstrengung durch diese Menge hindurch, als plötzlich unweit der Kohlgärten einige zwanzig Husaren, die mit schußfertig gehaltenen Pistolen im gestreckten Galopp heransausten, die Menge rechts und links auf die Felder drängten und mit schmetternder Stimme: »der Kaiser! der Kaiser!« riefen. Das Bataillon bog sofort aus dem Wege und stellte sich mit präsentirtem Gewehr am Fuße des Fahrdamms auf. Einige Minuten später sprengten die reitenden Garde-Grenadiere, wahre Riesen mit kolossalen Stiefeln und ungeheuren Bärenmützen, die bis zu den Schultern herabreichten und nur die Nase, den Schnurrbart und die Augen sehen ließen, im Galopp mit auf die Hüften gestemmter Faust vorüber. Bei diesem Anblick sagte Jeder mit Befriedigung zu sich selbst: »Die sind auf unserer Seite ... und es sind harte Burschen!« Kaum waren sie vorüber, als der Generalstab erschien ... Stellt euch hundertundfünfzig bis zweihundert Generäle, Marschälle, Ordonnanz- und höhere Officiere vor, die auf wahren Hirschen ritten und so mit Goldstickereien und Orden behängt waren, daß man kaum die Farbe ihrer Uniformen erkannte. Einige waren lang und mager und zeigten eine stolze Miene, andere kurz und stämmig mit rothem Gesicht, noch andere mit blitzenden Augen und Adlernasen saßen gerade wie Steinbilder auf ihren Pferden – es war ein zugleich schöner und schrecklicher Anblick. Unter allen diesen Heerführern, vor denen seit zwanzig Jahren Europa zitterte, machte jedoch Napoleon mit seinem alten Hute und seinem grauen Ueberrock den tiefsten Eindruck auf mich. Ich sehe ihn noch vor meinen Augen vorüberziehen mit seinem breiten, kräftigen Kinn und dem in den Schultern steckenden Halse. Alle Welt schrie: »Es lebe der Kaiser!« – Aber er vernahm nichts ... er beachtete uns nicht mehr als den leichten, feinen Regen, der herabsprühte, und beobachtete mit gerunzelter Stirn die preußische Armee, die längs der Parthe aufmarschirte, um die Oestreicher zu unterstützen. So wie ich ihn an jenem Tage gesehen habe, ist er mir für immer im Gedächtniß geblieben. Das Bataillon hatte sich bereits seit einer Viertelstunde wieder in Marsch gesetzt, als Zebede zu mir sagte: »Hast du ihn gesehen, Joseph?« »Gewiß,« erwiderte ich. »Ich habe ihn gesehen und werde mich dessen Zeit meines Lebens erinnern.« »Es ist seltsam,« bemerkte mein Kamerad, »man sollte meinen, er sei nicht zufrieden ... Am Tage nach der Schlacht bei Wurschen war er so heiter, als er uns »Es lebe der Kaiser!« rufen hörte, und auch die Generäle machten lachende Gesichter. Heute schneiden sie alle verteufelte Fratzen ... Der Hauptmann sagte doch heut Morgen, wir hätten auf der andern Seite von Leipzig gesiegt.« Viele Andere dachten dasselbe, ohne es zu sagen. Unruhe und Besorgniß bemächtigten sich unser ... Wir fanden das Regiment zwei Flintenschüsse weit von den Kohlgärten im Bivouac liegen. Das Bataillon nahm auf einem Hügel rechts von der Straße Stellung. Auf allen Seiten sah man die unzähligen Kochfeuer der Armeen ihren Rauch zum Himmel emporwirbeln. Noch immer sprühte ein feiner, kalter Regen herab, und die Mannschaft, die mit gekreuzten Armen auf ihren Tornistern um die kleinen Feuer saß, schien ganz in Gedanken verloren. Die Officiere traten in Gruppen zusammen und plauderten. Von allen Seiten hörte man die Bemerkung wiederholen, daß man einen solchen Krieg noch nie erlebt habe ... daß es ein Vernichtungskampf sei ... daß es dem Feinde gar nichts thäte, wenn er geschlagen sei, und daß er uns nur Leute tödten wolle, da er wohl wisse, daß ihm am Ende doch vier oder fünf Mal mehr Mannschaft und er auf diese Weise Herr bleiben würde. Man sagte auch, der Kaiser habe die Schlacht bei Wachau gegen die Russen und Oestreicher gewonnen, das nütze jedoch nichts, da die Gegner nicht abzögen, sondern auf große Verstärkungen warteten. In Bezug auf Möckern wußte man, daß wir trotz der schönen Verteidigung Marmonts verloren hatten: der Feind hatte uns unter seiner Ueberzahl erdrückt. Wir hatten an diesem Tage nur einen einzigen Vortheil errungen, nämlich uns die Rückzugslinie auf Erfurt offen erhalten, denn Giulay hatte sich trotz aller Anstrengungen der Brücken über die Elster und Pleiße nicht bemächtigen können. Die ganze Armee vom einfachen Soldaten an bis herauf zum Marschall war der Ansicht, unsere Lage sei eine sehr mißliche, und man müsse sobald als möglich den Rückzug antreten. Unglücklicher Weise aber dachte der Kaiser das Gegentheil: wir mußten bleiben! Den ganzen 17. Oktober über blieben wir, ohne einen Schuß abzugeben, in unserer Stellung. – Einige sprachen von der Ankunft des Generals Reynier mit sechzehntausend Sachsen, der Abfall der Baiern aber hatte uns belehrt, welches Vertrauen man in unsere Bundesgenossen setzen konnte. Gegen Abend wurde bekannt, daß man die Nordarmee auf dem Breitenfelder Plateau herankommen sähe – das waren sechzigtausend Mann mehr für den Feind. Ich glaube noch die Verwünschungen, die gegen Bernadotte ausgestoßen wurden, und die entrüsteten Rufe derer zu hören, die ihn gekannt hatten, als er noch einfacher Offizier der Republik war, und die jetzt sagten: »Er verdankt uns Alles ... Mit unserm eigenen Blute haben wir ihn zum König gemacht – und jetzt kommt er, um uns den Gnadenstoß zu geben!« In der Nacht fand eine allgemeine rückgängige Bewegung statt: unsere Armee drängte sich mehr und mehr um Leipzig zusammen. Dann wurde Alles wieder still. Aber das hinderte einen nicht am Ueberlegen, im Gegentheil, jeder dachte im Stillen: »Was wird morgen geschehen? Werde ich da den Mond auch zwischen den Wolken hervorkommen sehen, wie jetzt? Werden dann die Sterne auch noch für meine Augen blitzen?« Und wenn man im Dunkel der Nacht jenen ungeheuern Kreis von Feuern betrachtete, der uns in einer Ausdehnung von nahezu sechs Stunden umgab, sagte man zu sich selbst: »Jetzt ist das Weltall gegen uns in Waffen ... alle Völker fordern unsere Vernichtung ... sie wollen von unserm Ruhm nichts mehr wissen!« Dann bedachte man, daß man doch die Ehre habe, ein Franzose zu sein, und daß man siegen oder sterben müsse. 19. Unter solchen Gedanken brach der Tag an. Noch rührte sich nichts, und Zebede sagte zu mir: »Welches Glück, wenn der Feind nicht den Muth hätte, uns anzugreifen!« Die Officiere sprachen unter sich von einem Waffenstillstande. Gegen neun Uhr aber kamen plötzlich unsere Streifreiter mit verhängtem Zügel zurückgesprengt und meldeten, daß der Feind sich auf der ganzen Linie rege. Gleich darauf begann auch die Kanonade auf unserer Rechten, an der Elster. Wir standen bereits unter dem Gewehr und marschirten nun querfeldein nach der Parthe hin, um nach Schönefeld zurückzukehren. Das war der Anfang der Schlacht. Auf den Anhöhen vor dem Flusse erwarteten zwei oder drei Divisionen den Feind; ihre Batterien waren in den Abständen zwischen den Regimentern, die Kavallerie auf den Flanken aufgestellt. Ueber die Spitzen der Bajonette hinweg sah man weiter hinten die Preußen, Schweden und Russen in tiefen, dicht geschlossenen Kolonnen auf allen Seiten vorrücken – das nahm gar kein Ende. Zwanzig Minuten später rückten wir zwischen zwei Hügeln in die Schlachtlinie und erblickten vor uns fünf- oder sechstausend Preußen, die mit dem Rufe: »Vaterland! Vaterland!« über den Fluß kamen. Dies Geschrei und Getöse ähnelte dem Lärm und Krächzen jener Rabenschwärme, die sich versammeln, um nach dem Norden zu ziehen. Im selben Augenblick begann hüben und drüben das Kleingewehrfeuer, zuweilen übertönt vom Donner der Kanonen. Das Thal, in welchem die Parthe sich hinschlängelt, füllte sich mit Rauch. Die Preußen waren schon an uns, als wir sie kaum erst mit ihren wuthfunkelnden Augen, aufgerissenen Mäulern und wilden Mienen erblickten. Wir stießen jetzt ein bis zum Himmel aufdonnerndes »Es lebe der Kaiser!« aus und stürzten auf sie los. Das Handgemenge wurde entsetzlich. In zwei Minuten kreuzten sich unsere Bajonette zu Tausenden: man stieß sich, sprang zurück, feuerte aus nächster Nähe, schmetterte einander mit Kolbenschlägen zu Boden. Die Reihen wirrten durcheinander, man schritt über die Gefallenen weg, die Kanonen donnerten. Der Pulverdampf, der über das düstere Gewässer zwischen den beiden Anhöhen hinzog, das Pfeifen der Kugeln und das Knattern des Kleingewehrfeuers machten das Thal einem Ofen ähnlich, in den die Menschen wie Holzscheite hineinstürzten, um verzehrt zu werden. Uns stachelte die Verzweiflung an, die Wuth, uns zu rächen, ehe wir starben; die Preußen beseelte der Stolz, der ihnen sagte: »Dies Mal werden wir Napoleon besiegen!« Diese Preußen sind die hochmüthigsten Menschen von der Welt: die Siege bei Groß-Beeren und an der Katzbach hatten sie rein toll gemacht! Aber es blieb mancher von ihnen im Flusse – ja, mancher! Drei Mal passirten sie das Wasser und drangen in geschlossenen Kolonnen auf uns ein. Wegen ihrer großen Anzahl waren wir zum Weichen gezwungen, und was für ein Gebrüll stießen sie da aus! ... Es war gerade, als ob sie uns fressen wollten ... Es ist eine niederträchtige Race ... Ihre Officiere, mit geschwungenem Degen zwischen den starrenden Bajonetten, wiederholten unzählige Male das Wort: »Vorwärts! Vorwärts!« und Alle rückten mit großem Muthe – das kann man nicht läugnen! – wie eine Mauer vor. Unsere Kanonen mähten sie reihenweise nieder – sie drangen immerfort vor. Auf der Höhe des Hügels aber nahmen wir einen neuen Anlauf und warfen sie bis an den Fluß zurück. Ohne eine ihrer Batterien vor Möckern, die uns in die Flanke nahm und uns hinderte, sie allzu weit zu verfolgen, würden wir sie alle niedergemacht haben. Das dauerte bis zwei Uhr. Die Hälfte unserer Officiere war kampfunfähig: Commandant Gémeau war verwundet, Oberst Lorain gefallen, und längs des Flusses sah man nichts als aufgethürmte Leichen und Verwundete, die sich mühsam aus dem Getümmel fortzuschleppen suchten. Einige richteten sich wüthend auf den Knieen empor, noch einen Bajonettstich auszutheilen oder einen letzten Schuß abzufeuern. Man hat nie Aehnliches gesehen. Im Flusse schwammen die Todten in langer Reihe vorüber; die einen zeigten das Gesicht, andere den Rücken, noch andere die Beine. Wie Holzstöße folgten sie auf einander, und niemand achtete auch nur darauf. Es war gerade, als ob uns dasselbe Loos nicht in jedem Augenblicke ebenfalls treffen könnte. Dies Gemetzel zog sich die Parthe entlang von Schönefeld bis Graßdorf. Die Preußen und Schweden marschirten schließlich am Flusse hinauf, um uns weiter oben zu umgehen, und russische Kolonnen ersetzten uns gegenüber die Preußen, die nicht gerade ärgerlich darüber waren, anderswohin zu kommen. Die Russen ordneten sich in zwei Kolonnen, stiegen Gewehr in Arm in bewunderungswürdiger Ordnung in die Schlucht hinunter und stürmten zwei Mal mit großer Tapferkeit gegen uns heran, ohne jedoch ein solch thierisches Gebrüll auszustoßen wie die Preußen. Ihre Kavallerie wollte inzwischen die alte Brücke oberhalb Schönefeld nehmen. Der Kanonendonner wurde immer stärker. Auf allen Seiten, wohin man auch im Pulverdampf die Augen wandte, sah man nichts als sich enger zusammenschließende Feinde. Wenn wir eine ihrer Kolonnen zurückgeworfen hatten, rückte eine andere aus frischen Truppen vor: wir mußten immer wieder von vorn anfangen. Zwischen zwei und drei Uhr erfuhr man, daß die Schweden und die preußische Kavallerie den Fluß oberhalb Graßdorf überschritten hätten und uns in den Rücken kämen. Das behagte ihnen besser, als uns von vorn anzugreifen. Marschall Ney nahm sofort eine Frontveränderung vor, indem er den rechten Flügel zurückzog. Unsere Division behielt noch immer Schönefeld als Stützpunkt, alle andern zogen sich von der Parthe zurück, um sich in der Ebene auszubreiten. Die Armee bildete jetzt nur noch eine einzige Linie um Leipzig. Gegen drei Uhr rüsteten sich eben die Russen hinter der Chaussee nach Möckern zu einem dritten Angriff, und unsere Officiere trafen neue Vorkehrungen zu ihrem Empfange, als eine Art Beben die Armee von einem Ende bis zum andern durchlief, und in wenigen Minuten jeder erfuhr, daß die sechzehntausend Sachsen und die württembergische Kavallerie, die im Centrum unserer Linie standen, soeben zum Feinde übergegangen und sogar so ehrlos und niederträchtig gewesen wären, die vierzig Geschütze, die sie bei sich hatten, gegen ihre alten Waffenbrüder von der Division Durutte zu kehren, noch ehe sie in die angemessene Entfernung gelangt waren. Anstatt aber unsern Muth niederzuschlagen, fachte dieser Verrath unsere Wuth derart an, daß wir, hätte man uns gewähren lassen, über den Fluß gestürmt sein würden, um Alles zu vernichten. Die Sachsen behaupten, daß sie ihr Vaterland vertheidigten – nun, das ist falsch! Sie brauchten uns ja nur auf der Dübener Straße zu verlassen, wer hinderte sie denn daran? Sie brauchten es nur zu machen wie die Baiern und sich vor der Schlacht zu erklären ... sie konnten neutral bleiben, sie konnten auch den Dienst verweigern – nein, sie verriethen uns, weil das Glück sich gegen uns wandte. Hätten sie gesehen, wir würden gewinnen, so würden sie stets unsere guten Freunde gewesen sein, um ihren Antheil zu erhalten wie nach Jena und Friedland. So dachte jeder von uns, und eben deshalb werden die Sachsen für alle kommenden Zeiten als Verräther dastehen: sie verließen nicht nur ihre Freunde im Unglück, sondern griffen sie sogar noch heimtückisch an, um sich einen guten Willkomm bei den Gegnern zu sichern. Gott ist gerecht: ihre neuen Verbündeten hegten eine solche Geringschätzung gegen sie, daß sie die Hälfte ihres Landes nach der Schlacht unter sich theilten. Die Franzosen haben über die Dankbarkeit der Preußen, Oesterreicher und Russen weidlich gelacht. Von diesem Augenblick an bis zum Abend war der Kampf, den man mit einander führte, kein menschlicher mehr – es war ein Vernichtungskampf. Die Ueberzahl mußte uns erdrücken, aber die Alliirten sollten ihren Sieg theuer bezahlen. Bei Anbruch der Nacht, während zweitausend Geschütze im Einklang brüllten und donnerten, wurden wir in Schönefeld zum siebenten Male angegriffen. Von der einen Seite drängten uns die Russen, von der andern die Preußen in das große Dorf zurück. Wir stemmten uns in jedem Hause, in jeder Gasse ihnen entgegen. Die Mauern stürzten unter dem Anprall der Kugeln ein, die Dächer brachen zusammen. Man schrie jetzt nicht mehr wie beim Beginne der Schlacht – man war kalt und blaß vor maßloser Wuth. Die Officiere hatten Flinten aufgerafft, die alte Patrontasche wieder umgehängt und bissen die Patrone ab wie der gemeine Soldat. Nach den Häusern vertheidigte man die Gärten und den Kirchhof, auf dem ich in der Nacht vorher geschlafen hatte. Es lagen jetzt dort mehr Todte auf als unter dem Rasen. Die Fallenden stießen keinen Klageschrei aus, und die Ueberlebenden schaarten sich hinter einer Mauer, einem Schutthaufen, einem Grabe von Neuem zusammen – jeder Zoll Terrain kostete Jemandem das Leben. Es war bereits Nacht, als der Marschall Ney, ich weiß nicht woher, Verstärkungen d. h. die Ueberreste der Division Ricard und der zweiten Division Souham heranführte. Die Trümmer unseres Regiments schlossen sich ihnen an, und man warf die Russen über die alte Brücke zurück, die in Folge des Kartätschenfeuers das Geländer eingebüßt hatte. Auf dieser Brücke wurden sechs Zwölfpfünder aufgepflanzt, und nun beschoß man sich gegenseitig. Die Ueberreste unseres und einiger andern Bataillone unterstützten die Geschütze im Rücken, und ich erinnere mich noch, wie die Schüsse gleich Blitzen den untern Theil der Brücke beleuchteten und man in solchen Momenten die getödteten Menschen und Pferde sich in wirrem Durcheinander unter den düstern Bogen verlieren sah: das dauerte freilich nur einen Moment, aber es waren entsetzliche Visionen. Um sieben einhalb Uhr, als auf unserer Linken Kavalleriemassen anrückten, die man um zwei große Karrees schwärmen sah, welche Schritt für Schritt zurückwichen, erhielten wir endlich Befehl, uns zurückzuziehen. Nur noch zwei bis dreitausend Mann und die sechs Geschütze blieben in Schönefeld. Wir kamen nach den Kohlgärten zurück, ohne daß man uns verfolgt hatte, und bivouakirten um Reudnitz herum. Zebede lebte noch. Nachdem wir, auf die Kanonade horchend, die trotz des Dunkels noch immer an der Elster fortdauerte, etwa zwanzig Minuten neben einander hinmarschirt waren, sagte er plötzlich zu mir: »Wie kommt's, Joseph, daß wir noch leben, während so viele tausend Andere neben uns gefallen sind? Jetzt können wir nicht mehr sterben!« Ich antwortete nicht. »Was für eine Schlacht!« fuhr er fort. »Hat man vor uns jemals so gefochten? Das ist unmöglich!« Er hatte Recht, es war eine Riesenschlacht. Von zehn Uhr Morgens bis sieben Uhr Abends hatten wir dreihundertundsechzigtausend Mann die Stirn geboten, ohne einen Fußbreit zurückzuweichen, und waren doch nur hundertunddreißigtausend Mann! Nie hat man etwas Aehnliches gesehen. – Gott behüte mich, daß ich Böses von den Deutschen spreche: sie kämpften für die Unabhängigkeit ihres Vaterlandes – ich finde aber, daß sie Unrecht haben, alljährlich den Jahrestag der Schlacht bei Leipzig zu feiern: wenn drei gegen einen standen, hat man keine Ursache, sich zu rühmen! Als wir uns Reudnitz näherten, führte uns unser Weg über Haufen von Todten fort. Bei jedem Schritte stießen wir auf demontirte Kanonen, umgestürzte Munitionswagen, vom Kartätschenhagel zerfetzte Bäume. Eine Division der jungen Garde und die reitenden Grenadiere hatten an dieser Stelle unter der persönlichen Führung des Kaisers die Schweden aufgehalten, welche in die durch den Verrath der Sachsen entstandene Lücke eindrangen. Der Brand von zwei oder drei alten Baracken vor dem Dorfe, die eben im Erlöschen begriffen waren, beleuchtete diese Scene. Die reitenden Grenadiere befanden sich noch in Reudnitz, auf der Dorfstraße aber trieb sich eine große Anzahl anderer versprengter Truppen umher. Man hatte keine Lebensmittel vertheilt, und Jeder suchte nun Speise und Trank. Als wir an einem großen Posthause vorübermarschirten, erblickten wir hinter einer Hofmauer zwei Marketenderinnen, die von ihren Karren herab Branntwein verschenkten. Jäger, Kürassiere, Lanciers, Husaren, Garde- und Linien-Infanteristen in zerfetzten Uniformen und mit eingedrückten, von Hieben und Stichen durchlöcherten Tschakos und Helmen, an denen die Federbüsche fehlten, drängten sich dort bunt durcheinander. Alle diese Leute schienen ausgehungert zu sein. Auf der niedrigen Mauer standen zwei oder drei Dragoner in der Nähe eines mit brennendem Pech gefüllten Topfes und hatten unter ihren langen, weißen Mänteln die Arme verschränkt. Sie waren mit Blut bespritzt wie Schlächter. Ohne ein Wort zu sagen, stieß mich Zebede mit dem Ellbogen an, und wir traten beide in den Hof, während die Uebrigen ihren Weg fortsetzten. Wir brauchten fast eine Viertelstunde, um zu dem Karren zu gelangen. Ich hielt einen Sechslivresthaler in die Höhe. Die Marketenderin, die hinter ihrem Fasse kniete, reichte mir ein großes Glas Branntwein und ein Stück Weißbrot und nahm dafür meinen Thaler. Ich trank, dann gab ich das Glas meinem Kameraden, der es leerte. Wir hatten Mühe, aus dieser Menge wieder herauszukommen. Man sah sich mit finsterer Miene an, machte sich mit den Schultern und Ellbogen Platz und konnte beim Anblick dieser harten Gesichter, hohlen Augen und fürchterlichen Mienen von Menschen, die eben tausend Todten getrotzt hatten, um morgen von Frischem zu beginnen, wahrhaftig sagen: »Jeder für sich ... Gott für uns Alle!« Als wir die Dorfstraße hinaufgingen, sagte Zebede: »Du hast Brot?« »Ja.« Ich brach das Brot in zwei Stücke und gab ihm die Hälfte. Wir aßen und beschleunigten währenddem unsere Schritte. In der Ferne hörte man noch immer schießen. Nach zwanzig Minuten hatten wir den Nachtrab der Kolonne eingeholt und erkannten das Bataillon an dem Hauptmann und Adjutanten Vidal, der nebenher marschirte. Wir traten wieder in das Glied, ohne daß Jemand unsere Abwesenheit bemerkt hatte. Je mehr man sich der Stadt näherte, desto häufiger wurden die Artillerie- und Bagage-Detachements, die sich beeilten, nach Leipzig zu kommen. Gegen zehn Uhr marschirten wir durch die Reudnitzer Vorstadt. Der Brigadegeneral Fournier übernahm jetzt das Commando über uns und befahl uns, nach links abzuschwenken. Um Mitternacht gelangten wir in die großen Promenaden längs der Pleiße und machten unter den alten, entlaubten Linden Halt. Die Gewehre wurden zusammengestellt. Eine lange Reihe von Wachtfeuern flackerte im Nebel bis zur Ranstädter Vorstadt hin. Wenn die Flammen heller aufflackerten, beleuchteten sie Gruppen polnischer Lanzenreiter, Reihen von Pferden, Kanonen und Munitionswagen, und in bestimmten Zwischenräumen unbeweglich dastehende Schildwachen, die sich als dunkle Schatten im Nebel abzeichneten. In der Stadt erscholl lautes Getöse, das immerfort zu wachsen schien und mit dem dumpfen Rollen unserer Convois auf der Lindenauer Brücke verschmolz. Das war der Anfang des Rückzuges. – Jeder legte seinen Tornister am Fuße eines Baumes nieder und streckte sich, indem er den Arm unter den Kopf legte, darauf hin. Eine Viertelstunde später schlief Alles. 20. Was bis zum ersten Tagesgrauen vorging, weiß ich nicht – ohne Zweifel dauerte der Transport der Bagage, der Verwundeten und Gefangenen über die Brücke fort. Da aber erweckte uns eine fürchterliche Explosion. Kein Einziger blieb liegen, denn man hielt das für das Zeichen eines Angriffs, bis zwei Husarenofficiere heransprengten und meldeten, daß auf dem Ranstädter Steinweg, am Ufer des Flusses, zufällig ein Pulverwagen in die Luft geflogen sei. Der dunkelrothe Qualm wirbelte noch immer zum Himmel empor, wo er sich langsam zerstreute. Die Erde und die alten Häuser bebten. Allmählich wurde es wieder ruhig. Einige legten sich von Neuem nieder und versuchten wieder einzuschlafen. Aber der Tag brach an. Wenn man die Blicke auf den nebelgrauen Fluß richtete, sah man bereits unsere Truppen auf den fünf Brücken über Elster und Pleiße, die so dicht auf einander folgen, daß sie so zu sagen nur eine einzige Brücke bilden, in endloser Reihe hinziehen. Diese Brücke, auf der so viele Tausend Menschen defiliren sollten, machte einen ganz melancholisch, denn der Uebergang mußte viel Zeit wegnehmen, und Jedem kam daher der Gedanke, es wäre besser gewesen, wenn man mehrere Brücken über die beiden Flüsse geschlagen hätte, da der Feind uns in jedem Augenblick angreifen konnte und dann der Rückzug äußerst schwierig werden mußte. Aber der Kaiser hatte vergessen, darauf bezügliche Befehle zu ertheilen, und ohne Befehl wagte man nichts zu thun. Kein Marschall von Frankreich würde die Bemerkung, daß zwei Brücken besser seien als eine, auf sich zu nehmen gewagt haben! Da sieht man, wozu die eiserne Disciplin Napoleons alle diese alten Heerführer erniedrigt hatte: sie gehorchten wie Maschinen und kümmerten sich aus Furcht, dem Herrn und Meister zu mißfallen, um nichts weiter! ... Mir kam beim Anblick dieser endlosen Brücke sofort der Gedanke: »Wenn man uns nur gleich auf der Stelle hinübergehen läßt, denn Schlachten und Blut haben wir wahrhaftig satt! Sind wir erst einmal drüben, so befinden wir uns auf dem Wege nach Frankreich, und ich werde vielleicht Katherine, Tante Gredel und Vater Goulden noch wiedersehen können!« Dieser Gedanke stimmte mich weich und mit neidischem Auge beobachtete ich jene Tausende von reitenden Artilleristen und Trainsoldaten, die da unten wie Ameisen hinzogen, und die großen Bärenmützen der alten Garde, die Gewehr in Arm unbeweglich auf dem Lindenauer Hügel jenseits des Flusses stand. Zebede, der dieselben Gedanken hegte, sagte zu mir: »Nicht wahr, Joseph? ... wenn wir an ihrer Stelle wären!« Es schien mir daher auch entsetzlich hart und bitter, als wir gegen sieben Uhr drei Bagagewagen herankommen sahen, die uns Brot und Patronen zuführten. Jetzt war es klar, daß wir bei der Nachhut sein würden, und trotz des Hungers hätte ich mein Brot gegen eine Mauer schleudern mögen. Einige Augenblicke später zogen zwei Schwadronen polnischer Lanzenreiter vorüber, die am Flusse hinaufritten. Hinter ihnen kamen fünf oder sechs Generäle, darunter Poniatowski. Er war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, ziemlich groß und hager, hatte ein melancholisches Aussehn und ritt vorüber, ohne auf uns zu achten. Der General Fournier sonderte sich von seinem Stabe ab und schrie uns zu: »In Reihen rechts um!« Mein Lebtag habe ich kein solches Herzeleid empfunden wie in jenem Augenblicke – ich hätte mein Leben für zwei Heller hingegeben. Aber wohl oder übel mußte man dem Vordermann folgen und der Brücke den Rücken kehren. Am Ende der Promenade kamen wir an eine Stelle, das Münzthor genannt. Es ist das eine alte Pforte auf der Connewitzer Straße. Rechts und links ziehen sich die alten Stadtwälle hin, und dahinter erheben sich die Häuser. Man postirte uns in die bedeckten Gänge neben diesem Thore, das die Sappeure fest verrammelt hatten. Jetzt commandirte Hauptmann Vidal das Bataillon, das auf dreihundertundfünfundzwanzig Mann zusammengeschmolzen war. Einige alte, wurmstichige Palissaden dienten uns als Verschanzung, und auf allen Straßen vor uns näherte sich der Feind. Diesmal waren es Weißröcke mit hinten abgeflachten Tschakos, auf deren Vorderseite eine Art hohen, metallenen Schildes saß, auf dem man den doppelköpfigen Adler der Kreuzerstücke erblickte. Der alte Pinto, der sie sofort wiedererkannte, sagte zu uns: »Das sind Kaiserlicks! Seit 1793 haben wir sie mehr als fünfzig Mal geschlagen. Aber das ist egal – wenn der Vater Marie Louisens etwas Herz und Gemüth hätte, würden sie trotzdem auf unserer Seite sein.« Seit einigen Minuten hörte man Kanonendonner: Blücher griff am andern Ende der Stadt die Hallische Vorstadt an. Bald darauf dehnte sich das Geschützfeuer nach rechts hin aus: Bernadotte attaquirte das Thor bei den Kohlgärten, und beinahe gleichzeitig fielen auch die ersten östreichischen Granaten in unsere bedeckten Gänge. Sie folgten hageldicht auf einander. Mehrere flogen über das Hinterthor weg und crepirten in den Häusern und Straßen der Vorstadt. Um neun Uhr ordneten sich die Oestreicher auf der Connewitzer Straße zu Sturmkolonnen. Sie überfluteten uns von allen Seiten. Trotzdem hielt das Bataillon bis gegen zehn Uhr Stand. Dann mußten wir uns hinter die alten Wälle zurückziehen, wohin uns die Oestreicher unter dem Kreuzfeuer des zwanzigsten und vierzehnten Linienregimentes durch die Breschen folgten. Diese armen Teufel waren nicht so wüthend wie die Preußen, zeigten aber wahren Muth, denn gegen zehn einhalb Uhr besetzten sie die Wälle, und wir schossen auf sie aus allen umliegenden Fenstern, ohne sie zum Herabsteigen zwingen zu können. Sechs Monate vorher würde eine solche Füsillade meinen Abscheu erregt haben – jetzt aber hatte ich schon so viel andere Dinge erlebt, daß ich unempfindlich war wie ein im Kriege ergrauter Soldat, und der Tod von einem oder hundert Menschen mich gleichgültig ließ. Bis zu diesem Augenblicke war Alles gut gegangen – aber wie jetzt aus den Häusern herauskommen? Der Feind hielt alle Zugänge besetzt, und wenn wir nicht über die Dächer klettern wollten, war kein Rückzug mehr möglich. Es ist das einer der bösesten Augenblicke, deren ich mich erinnere. Mir fiel plötzlich ein, daß wir da gefangen wären wie Füchse, die man im Bau ausräuchert. Ich trat an ein Hinterfenster und sah, daß es auf einen Hof ging, und daß dieser Hof nur nach vorn hin einen Ausgang hatte. Ich bildete mir ein, daß uns die Oestreicher nach all dem Uebel, das wir ihnen zugefügt hatten, über die Klinge springen lassen würden – das war ja ganz natürlich. Mit diesem Gedanken trat ich wieder in das Zimmer, wo wir unserer zwölf beisammen waren, und sah den Sergeanten Pinto ganz bleich mit hangenden Armen an der Wand lehnen. Er hatte eben eine Kugel in den Leib bekommen und redete uns mitten unter dem Knattern der Schüsse an: »Wehrt euch, Rekruten, wehrt euch! ... Zeigt diesen Kaiserlicks, daß wir doch noch tüchtiger sind als sie! ... Ach! die Banditen!« Unten donnerte es wie von Kanonenschüssen gegen die Thür. Wir schossen immerzu, hatten aber alle Hoffnung aufgegeben, als sich draußen ein großes Getöse wie von heranstampfenden Pferden hören ließ. Das Schießen hörte auf, und durch den Pulverdampf sahen wir vier Schwadronen Lanciers wie eine Schaar Löwen auf die Oestreicher eindringen. Alles wich. Die »Kaiserlicks« machten lange Beine, aber die großen, blauen Lanzen mit den rothen Fähnchen waren schneller als sie und drangen ihnen wie Pfeile in den Rücken. Diese Lanciers waren Polen, die schrecklichsten Soldaten, die ich mein Lebtag gesehen habe, und, um Alles zu sagen, wie es ist, unsere wahren Brüder und Freunde. Sie haben im Augenblick der Gefahr ihre Gesinnungen nicht geändert und uns Alles geopfert bis zum letzten Blutstropfen ... Und wir –was haben wir für ihr unglückliches Vaterland gethan? ... Wenn ich an unsere Undankbarkeit denke, dreht sich mir das Herz im Leibe um! Kurz und gut, diesmal schafften uns die Polen noch Luft. Und als wir sie so stolz und muthig vordringen sahen, brachen wir überall aus den Häusern hervor, stürzten mit dem Bajonett über die Obstreicher her und warfen sie in die Gräben zurück. Wir hatten nun zwar den Sieg in Händen, aber es war Zeit, den Rückzug anzutreten, denn schon füllte der Feind Leipzig an: das Hallische und das Grimmaische Thor waren erstürmt, das Petersthor durch unsere Freunde, die Badenser, und unsere andern Freunde, die Sachsen, übergeben worden. Soldaten, Bürger und Studenten feuerten bereits aus den Fenstern auf uns. Wir hatten nur noch Zeit, uns wieder zu ordnen und den Rückweg durch die große Allee, welche an der Pleiße hinläuft, einzuschlagen. Dort warteten die Lanciers auf uns. Wir zogen hinter ihnen her, und da die Oestreicher uns auf den Leib kamen, machten sie noch einen zweiten Angriff, um sie zurückzudrängen. Was für brave Menschen und prächtige Reiter, diese Polen! Ja, wer sie je eine Attaque machen sah, und namentlich in einem solchen Augenblicke, der ist voll von Bewunderung für sie. Die Division, die von achttausend Mann auf fünfzehnhundert zusammengeschmolzen war, zog sich also vor mehr als fünfzigtausend Feinden zurück, nicht ohne ab und zu Kehrt zu machen und das Feuer der »Kaiserlicks« zu beantworten. Wir kamen der Brücke näher und näher – mit welcher Freude, brauche ich nicht erst zu sagen. Aber es war nicht leicht, bis zu ihr zu gelangen, denn auf der ganzen Breite der Allee drängten sich, aus allen benachbarten Straßen hervorströmend, so viele Menschen zu Fuß und zu Pferd zu dem Uebergang, daß diese Menge gewissermaßen nur eine einzige Masse, so zu sagen ein Ganzes bildete, in welchem die Köpfe sich berührten und langsam vorrückten, und das mit einem Geschrei und Stöhnen, welches man trotz des Kleingewehrfeuers eine Viertelstunde weit hörte. Wehe denen, die sich am Rande der Brücke befanden – sie stürzten ins Wasser, und niemand achtete darauf! Die Menschen und selbst die Pferde in der Mitte der Menge wurden so zu sagen fortgetragen: sie hatten gar nicht nöthig, die Füße zu bewegen – sie wurden ganz von selbst vorwärts geschoben ... Aber wie dahin gelangen? Der Feind drängte mit jeder Secunde näher heran. Man hatte allerdings einige Kanonen zu beiden Seiten der Brücke aufgepflanzt, um die Promenade und die gegenüberliegende Hauptstraße bestreichen zu können; auch standen noch Truppen in guter Ordnung da, um die ersten Angriffe zurückzuweisen – aber die Preußen, Oestreicher und Russen hatten ebenfalls Kanonen, um die Brücke zu bestreichen, und diejenigen, welche, nachdem sie den Rückzug der Uebrigen gedeckt hatten, zuletzt hinübergingen, mußten demnach alle Granaten, Stückkugeln und Kartätschen auf sich nehmen. Man brauchte nicht viel Verstand zu haben, um das einzusehen – es war ziemlich klar, und eben deshalb wollten Alle zugleich hinüber. Als wir der Brücke auf zwei- bis dreihundert Schritt nahe waren, kam mir der Gedanke, mich unter die Menge zu stürzen und mich von ihr hinübertragen zu lassen. Hauptmann Vidal aber, Lieutenant Bretonville und einige andere von den Alten sagten: »Man gebe auf Jeden Feuer, der aus dem Gliede tritt!« Welch fürchterliches Loos, so nahe zu sein und denken zu müssen: »Ich muß hier bleiben!« Das Alles geschah zwischen elf und zwölf Uhr Mittags. Und wenn ich hundert Jahr alt würde, nie würde ich diese fürchterlichen Augenblicke vergessen. Das Kleingewehrfeuer kam rechts und links näher, schon begannen einige Kugeln über uns durch die Luft zu pfeifen und aus der Hallischen Vorstadt sah man die Preußen im bunten Gemisch mit unsern Soldaten hervorbrechen. In der Gegend der Brücke erhob sich jetzt ein fürchterliches Geschrei: die Reiter säbelten die Fußgänger nieder, um sich Platz zu machen, und diese antworteten ihnen mit Bajonettstichen. Es war eine allgemeine, wilde, regellose Flucht. Bei jedem Schritt, den die Menge vorwärts that, stürzte Jemand von der Brücke und riß, indem er sich festzuhalten suchte, einen Haufen von fünf oder sechs Andern mit sich hinab! Und als die Verwirrung, das Geschrei, das Schießen, das Klatschen der ins Wasser Stürzenden von Secunde zu Secunde zunahm, als der Anblick dieses Schauspiels so entsetzlich wurde, daß man glaubte, schlimmer könne es nicht mehr werden – da ertönt plötzlich eine Art Donnerschlag und der erste Bogen der Brücke stürzt mit Allen, die sich darauf befinden, in die Fluten: hunderte von Unglücklichen verschwinden im Wasser, eine Menge anderer sind durch die niederstürzenden Steine verstümmelt, zerschmettert, in Fetzen zerrissen. Ein Sappeur vom Geniecorps hatte die Brücke in die Luft gesprengt! Bei diesem Anblick hallte der Ruf: »Verrath!« von einem Ende der Promenaden bis zum andern. »Wir sind verloren! ... verrathen!« ... weiter hörte man nichts – es war ein ungeheurer, entsetzlicher Schrei der Wuth und der Verzweiflung. Die Einen, von der Wuth der Verzweiflung fortgerissen, wenden sich wie wilde Thiere, denen der Rückzug abgeschnitten ist, und die nun nichts mehr sehen und nur noch von dem Gedanken an Rache beseelt werden, von Neuem gegen den Feind. Andere zerbrechen ihre Waffen, indem sie Himmel und Erde für ihr Mißgeschick verantwortlich machen. Die berittenen Officiere und Generäle sprengen in den Fluß, um schwimmend das jenseitige Ufer zu erreichen. Viele Soldaten folgen ihrem Beispiele, sie stürzen sich ins Wasser, ohne sich zum Ablegen des Tornisters Zeit zu nehmen. Der Gedanke, man hätte hinüber kommen können und müsse sich jetzt in der letzten Minute niedermetzeln lassen, machte uns toll ... Ich hatte wohl am Tage vorher Leichen in der Parthe schwimmen sehen, dies aber war weit entsetzlicher: alle diese Unglücklichen schlugen unter herzzerreißendem Geschrei mit Händen und Füßen um sich und klammerten sich an einander an – der ganze Fluß war damit angefüllt, und man sah nur Arme und Köpfe sich auf der Oberfläche bewegen. Hauptmann Vidal, ein kaltblütiger Mann, der uns durch seine eiserne Ruhe bei unserer Pflicht erhalten hatte – auch er schien in diesem Augenblicke den Muth verloren zu haben. Mit seltsam klingendem Lachen stieß er seinen Degen in die Scheide und sagte: »Je nun ...es ist vorbei!« ... Und als ich ihm in diesem Augenblick die Hand auf die Schulter legte, sah er mich mit einer gewissen Weichheit an. »Was willst du, mein Kind?« fragte er. »Herr Hauptmann,« erwiderte ich – in diesem Momente war nämlich jene Erinnerung in mir wach geworden – »ich habe hier vier Monate in Leipzig im Lazareth gelegen, habe mich oft in der Elster gebadet und kenne eine Stelle, wo man Grund hat.« »Wo das?« »Zehn Minuten oberhalb der Brücke.« Sofort riß er den Degen aus der Scheide und rief mit donnernder Stimme: »Kinder, folgt mir, und du, geh voran!« Das ganze Bataillon, das nur noch zweihundert Mann zählte, setzte sich in Marsch. Etwa hundert Andere, die uns sichern Tritts abziehen sahen, schlossen sich uns an, ohne zu wissen, wohin wir gingen. Die Oestreicher befanden sich bereits auf der Terrasse an der Allee; weiter unten zogen sich die durch Hecken von einander geschiedenen Gärten bis zur Elster hin. Ich kannte diesen Weg, den Zimmer und ich im Juli, als Alles in schönster Blüte stand, oft gegangen waren. Man feuerte auf uns, aber wir antworteten nicht mehr. Ich trat zuerst in den Fluß, dann der Hauptmann Vidal, dann die Uebrigen zu zwei und zwei. Das Wasser ging uns bis an die Schultern, weil es in Folge des Herbstregens gestiegen war, wir kamen aber glücklich hinüber. – Niemand ertrank. Als wir auf dem jenseitigen Ufer ankamen, hatten wir beinahe noch Alle unsere Gewehre und marschirten nun gerade aus quer über die Felder. Weiterhin fanden wir die kleine hölzerne Brücke, die nach Schleußig führt, und von dort ans wandten wir uns nach Lindenau. In tiefem Schweigen marschirten wir vorwärts. Von Zeit zu Zeit schauten wir in die Ferne zurück nach dem andern Ufer der Elster und beobachteten die Schlacht, die in den Straßen Leipzigs noch immer fortdauerte. Noch lange hallte das wilde Geschrei und das dumpfe Donnern der Geschützsalven zu uns herüber, und erst gegen zwei Uhr, als wir den ungeheuern Zug von Truppen, Kanonen und Bagagewagen erblickten, der sich, so weit das Auge reichte, auf der Straße nach Erfurt hinzog, vermischten sich diese Laute für uns mit dem Rollen der Wagen und Kanonen. 21. Bis jetzt habe ich die großen Begebenheiten des Krieges berichtet – Schlachten, die trotz unserer Fehler und unseres Mißgeschicks für Frankreich glorreich sind. Wenn man allein – immer einer gegen zwei und zuweilen gegen drei – gegen alle Völker Europas gekämpft hat und endlich nicht ihrem Muthe und ihrem Genie, sondern dem Verrathe und der Anzahl unterlegen ist, thäte man Unrecht, wenn man über eine solche Niederlage erröthete, und die Sieger thäten noch unrechter, wenn sie stolz darauf wären. Nicht die Zahl macht die Größe eines Volkes oder eines Heeres aus, sondern die Tapferkeit. So denke ich in der Einfalt meines Herzens, und ich glaube, daß die Menschen von Herz und Verstand in allen Ländern der Welt eben so denken werden. Jetzt aber muß ich das Elend und die Beschwerden des Rückzugs berichten, und das eben scheint mir das Peinlichste. Man sagt, Vertrauen gebe Kraft, und das ist wahr, besonders in Bezug auf die Franzosen. So lange sie vorwärts marschiren, so lange sie auf Sieg hoffen, sind sie einig wie die Finger einer Hand, ist der Wille der Führer das Gesetz Aller. Sie fühlen, daß nur die Disciplin den Erfolg sichern kann. Sobald sie aber zum Weichen gezwungen sind, baut Jeder nur auf sich selbst und achtet auf kein Commando mehr. Dann stieben diese stolzen Männer, diese Männer, die lachend dem Feind und dem Kampfe entgegen zogen, bald einzeln, bald in kleinen Trupps nach rechts und nach links auseinander. Und die, welche sonst bei ihrem Nahen zitterten, fassen sich jetzt ein Herz. Anfangs rücken sie furchtsam vor, dann aber, wenn sie sehen, daß ihnen nichts geschieht, werden sie frech und übermüthig. Zu dreien und vieren fallen sie über die Nachzügler her, um sie aufzuheben, wie man die Raben im Winter über ein armes, gestürztes Pferd herfallen sieht, dem sie in halbstundenweiter Entfernung nicht ins Auge zu blicken gewagt hätten, so lange es noch auf den Beinen war. Ich habe das Alles erlebt ... Ich sah elende Kosaken, wahre Bettler, in Lumpen gekleidet und mit einer alten, abgeschabten Pelzmütze auf dem Kopfe, Lumpenkerle, die voll Ungeziefer saßen, die sich nie den Bart gekämmt hatten, die ohne Sattel und einen Strick als Steigbügel brauchend auf alten, magern Mähren ritten und eine alte, verrostete Pistole als Feuerwaffe, einen Lattnagel an einer Stange als Lanze handhabten – solches Lumpengesindel, das alten, gelbhäutigen, verwitterten Juden glich, sah ich zehn, fünfzehn, zwanzig Soldaten anhalten und sie wie eine Heerde Schafe forttreiben! Und die Bauern, diese langen Schlafmützen, die einige Monate vorher schon zitterten, wenn man sie nur von der Seite ansah ... nun, ich habe gesehen, wie sie alte Soldaten, Kürassiere, Kanoniere, spanische Dragoner, Leute, die sie mit einem einzigen Faustschlage zu Boden gestreckt hätten, in übermüthigem und anmaßendem Tone behandelten. Ich habe gehört, wie sie, während man doch in der ganzen Umgegend den Duft des Backofens spürte, behaupteten, sie hätten kein Brot zu verkaufen, und eben so, sie hätten weder Wein noch Bier noch sonst etwas, wenn man gleichwohl rechts und links die Gläser klingen hörte wie die Glocken in ihrem Dorfe. Und man wagte nicht, sie beim Kragen zu nehmen, man wagte nicht, sie zur Raison zu bringen, sie, diese Halunken, die über unsern Rückzug lachten, weil wir keine Masse mehr bildeten, weil jeder auf eigene Faust marschirte, weil man keine Führer mehr anerkannte und keine Disciplin mehr hatte. Und dann der Hunger, die Noth, die Strapazen und die Krankheiten – Alles stürmte gleichzeitig auf uns ein. Der Himmel war bleifarben, unaufhörlich strömten Regengüsse herab, und der Herbstwind machte uns erstarren. Wie viele von den armen Rekruten, die noch ohne Bart und so abgemagert waren, daß man durch ihren Körper das Licht durchschimmern sah wie durch eine Laterne, wie viele von diesen armen Wesen konnten solchen Beschwerden widerstehen? Sie kamen zu Tausenden um – man sah auf den Wegen nur noch Leichen. Eine schreckliche Krankheit, die man Typhus nannte, folgte uns auf Schritt und Tritt. Einige sagen, es wäre eine Art Pest, die durch die Leichen entstehe, welche man nicht tief genug einscharre, andere, sie rühre von allzu großen Leiden und Entbehrungen her, welche die menschlichen Kräfte übersteigen – ich verstehe nichts davon, die elsässischen und lothringischen Dörfer aber, in welche wir den Typhus einschleppten, werden ewig daran denken: von hundert Kranken genasen höchstens zehn oder zwölf! Kurz und gut, da ich nun einmal in dieser traurigen Geschichte fortfahren muß, am Abend des 19. Octobers bivouakirten wir in Lützen, wo die Regimenter sich wieder ordneten, so gut sie konnten. Am andern Tage mußten wir schon früh Morgens auf dem Marsche nach Weißenfels gegen die Westphalen tirailliren, die uns bis zum Dorfe Oeglitsch verfolgten. Am 22. bivouakirten wir in den Erfurter Glacis, wo man uns neue Schuhe und Kleidungsstücke gab. Dort schlossen sich fünf oder sechs versprengte Compagnien wieder unserm Bataillon an. Sie bestanden fast ganz aus Rekruten, die weiter nichts als eben nur das Leben hatten. Die neuen Kleidungsstücke waren uns viel zu weit, wir steckten darin wie in Schilderhäusern, aber die wohlthuende Wärme dieser Anzüge empfanden wir doch: wir glaubten von Neuem aufzuleben. Noch am 22. mußten wir wieder aufbrechen und zogen in den folgenden Tagen an Gotha, Teutleben, Eisenach und Salmünster vorüber. Die Kosaken auf ihren kleinen, magern Mähren umlauerten uns. Einige Husaren scheuchten sie auf, sie stoben wie Diebe davon und kamen gleich darauf wieder zurück. Viele von unsern Kameraden hatten die üble Angewohnheit, Abends, wenn wir im Bivouac lagen, auf Plünderung auszugehen. Zuweilen erwischten sie auch etwas, am nächsten Tage aber fehlten immer einige beim Appell. Die Wachen erhielten daher Befehl, auf Jeden zu feuern, der sich vom Lager entfernte. Ich hatte seit unserm Abmarsche von Leipzig das Fieber. Es nahm immerfort zu und schüttelte mich Tag und Nacht. Schon war ich so schwach geworden, daß ich mich am Morgen kaum erheben konnte, um den Marsch wieder anzutreten. Zebede sah mich mit trüber Miene an und sagte zuweilen: »Muth, Joseph, Muth! Wir werden doch noch wieder nach Hause kommen!« Diese Worte feuerten mich an. Ich fühlte, wie ein warmer Blutstrom mir ins Gesicht schoß. »Ja, ja, wir werden wieder nach Hause kommen,« rief ich. »Ich muß die Heimat wiedersehen!« ... Und ich fing an zu weinen. Zebede trug meinen Tornister, und wenn ich zu ermüdet war, sagte er: »Stütze dich auf meinen Arm ... Wir kommen ja jetzt mit jedem Tage näher, Joseph ... Noch fünfzehn Tagemärsche, was ist denn das?« ... Er belebte meinen Muth wieder, aber ich hatte nicht mehr die Kraft, mein Gewehr zu tragen – es schien mir schwer wie Blei. Auch essen konnte ich nicht mehr, und meine Kniee zitterten unter mir. Trotzdem aber verzweifelte ich noch nicht und sagte zu mir selbst: »Es ist nichts ... Wenn du erst den Kirchthurm von Pfalzburg siehst, wird das Fieber vergehen. Da wirst du gesunde Luft athmen, und Katherine wird dich pflegen ... ihr werdet euch heirathen« ... Allerdings sah ich Andere, die wie ich krank waren, unterwegs liegen bleiben, war aber weit davon entfernt, mich für eben so krank zu halten wie sie. Ich war also immer noch guten Muths, bis wir während einer Rast, drei Meilen hinter Fulda auf der Straße nach Salmünster, erfuhren, daß fünfzigtausend Baiern uns den Rückzug abschneiden wollten und bereits in großen Wäldern, die wir passiren mußten, aufgestellt wären. Diese Nachricht gab mir den Rest, weil ich fühlte, daß ich zum Vorstürmen, Schießen und Bajonettkampf keine Kraft mehr hatte, und nun alle meine Mühe, mich aus so weiter Ferne heranzuschleppen, verloren war. Ich machte jedoch noch eine Anstrengung, als man uns weiter zu marschiren befahl und versuchte aufzustehen. »Auf, Joseph,« sagte Zebede, »laß uns zusehen ... Muth!« Aber ich konnte nicht und begann zu schluchzen. »Ich kann nicht!« rief ich. »Steh doch auf,« sagte er. »Ich kann nicht ... mein Gott ... ich kann nicht!« Dabei klammerte ich mich an seinen Arm ... Ihm liefen dicke Thränen an der großen Nase entlang ... Er versuchte mich zu tragen, war aber ebenfalls zu schwach. Nun hielt ich ihn fest und schrie: »Zebede, verlaß mich nicht!« Hauptmann Vidal trat darauf näher und sah mich traurig an. »Laß gut sein, mein Junge,« sagte er, »in einer halben Stunde werden die Krankenwagen vorüberkommen ... da wird man dich aufnehmen.« Ich wußte aber, was das bedeutete, und zog Zebede zu mir heran, um ihn in meine Arme zu schließen. Dabei flüsterte ich ihm ins Ohr: »Höre, du wirst Katherine an meiner Stelle umarmen ... versprich mir das! ... Du wirst ihr sagen, daß ich mit einem Kusse für sie auf den Lippen gestorben wäre, und daß du ihr diesen Abschiedskuß brächtest!« »Ja!« ...sagte er mit unterdrücktem Schluchzen ... »ja ... ich werde es ihr sagen! ... O mein armer Joseph!« Ich konnte ihn nicht aus meinen Armen lassen. Er legte mich daher selbst auf die Erde und eilte schnell davon, ohne sich umzusehen. Die Kolonne entfernte sich ... ich schaute ihr lange nach; wie man der letzten Lebenshoffnung nachschaut, wenn sie entschwindet ... Jetzt tauchten die letzten Nachzügler des Bataillons in einer Terrainfalte unter ... Da schloß ich die Augen, und erst eine Stunde nachher, vielleicht sogar noch später, weckte mich Kanonendonner aus meiner Betäubung, und ich sah eine Division der Garde im Laufschritt mit Wagen und Artillerie auf der Straße vorübereilen. Auf den Wagen erblickte ich einige Kranke und rief daher: »Nehmt mich mit! ... Nehmt mich mit!« ... Aber Niemand gab Acht auf mein Geschrei ... man stürmte vorüber ... der Kanonendonner wurde immer stärker. So zogen mehr als zehntausend Mann, Kavallerie und Infanterie, vorüber. Ich hatte nicht mehr die Kraft, zu rufen. Endlich kam der Nachtrab dieser Masse. Ich sah die Tschakos und Tornister sich entfernen, dann an dem Abhang verschwinden, und wollte mich eben für immer niederstrecken, als ich abermals ein großes Getöse auf der Straße hörte. Es waren fünf oder sechs Geschütze, die, mit tüchtigen Pferden bespannt, heranjagten. Rechts und links saßen Kanoniere, den blanken Säbel in der Hand. Dahinter kamen die Munitionswagen. Ich setzte auf diese hier nicht mehr Hoffnung als auf die Uebrigen, sah aber doch hin, bis ich plötzlich neben einem der Geschütze einen langen, hagern, rothhaarigen, decorirten Unterofficier heransprengen sah und Zimmer, meinen alten Leipziger Kameraden, erkannte. Er ritt vorüber, ohne mich zu sehen. Jetzt aber schrie ich aus Leibeskräften: »Christian! ... Christian!« Und trotz des Rasselns und Rollens der Kanonen machte er Halt, blickte sich um und sah mich unter einem Baume liegen. Er machte große Augen. »Christian,« schrie ich, »erbarme dich meiner!« Darauf ritt er eine Strecke zurück, betrachtete mich und erbleichte. »Wie? ... du bist's, lieber Joseph!« rief er, indem er schnell vom Pferde sprang. Er hob mich nun auf wie ein kleines Kind und schrie den Leuten, die den letzten Munitionswagen führten, zu: »Heda! ... Stillgehalten!« Und indem er mich umarmte, legte er mich in den Wagen und schob einen Tornister unter meinen Kopf. Auch sah ich, wie er einen dicken Reitermantel über meine Füße und Schenkel breitete und dabei sagte: »Nun vorwärts! ... Die Geschichte da vor uns hat Eile!« Das ist Alles, dessen ich mich erinnere, denn gleich darauf verlor ich das Bewußtsein. Es ist mir allerdings, als hätte ich später das Rollen eines Sturms, Geschrei und Commandorufe gehört und in der Nacht die Wipfel großer Tannen über mir hinschweben sehen – aber das ist für mich wie ein verworrener Traum. Nur soviel steht fest, daß an jenem Tage hinter Salmünster in den Hanauer Gehölzen eine große Schlacht gegen die Baiern geliefert wurde, und daß man sie über den Haufen warf. 22. Am 15. Januar 1814, zwei und einen halben Monat nach der Schlacht bei Hanau, erwachte ich in einem wohlgeheizten Zimmer und in einem guten Bett und sagte, indem ich die Balken an der Decke über mir und dann die kleinen Fenster betrachtete, die der Frost mit weißen Blumengarben geschmückt hatte, zu mir selbst: »Es ist Winter!« Gleichzeitig hörte ich ein Geräusch wie Kanonendonner und das Knistern des Feuers auf einem Herde. Einige Minuten später sah ich, nachdem ich mich umgedreht hatte, ein junges, blasses Frauenzimmer, deren gefaltene Hände auf ihren Knieen ruhten, neben dem Herde sitzen und erkannte Katherine. Auch das Zimmer, in welchem ich, ehe ich in den Krieg zog, so viele schöne Sonntage verlebt hatte, erkannte ich wieder. Nur der Kanonendonner, der sich jeden Augenblick erneuerte, ließ mich befürchten, ich träume noch. Lange blickte ich Katherine an: sie schien mir wunderschön, und ich dachte: »Wo ist denn Tante Gredel? Wie bin ich denn hierher gekommen? Sind Katherine und ich mit einander verheirathet? Mein Gott, wenn doch das kein Traum wäre!« Endlich faßte ich Muth und rief ganz leise: »Katherine!« Rasch wandte sie sich um und rief: »Joseph ... du erkennst mich?« »Ja,« erwiderte ich, indem ich ihr die Hand entgegenstreckte. Vor Aufregung und Freude zitternd, trat sie näher, und ich hielt sie lange umschlungen. Wir weinten beide. Als aber der Kanonendonner von Neuem anhub, schnürte sich mir plötzlich das Herz zusammen. »Was ist das, Katherine?« fragte ich. »Das Geschützfeuer von Pfalzburg,« erwiderte sie, indem sie mich fester umschlang. »Geschützfeuer?« »Ja, die Stadt wird belagert.« »Pfalzburg? ... Die Feinde sind in Frankreich!« ... Ich konnte kein Wort weiter sagen ... So viele Leiden und Beschwerden, so viele Thränen, zwei Millionen auf den Schlachtfeldern geopferte Menschen – das Alles hatte also am Ende nur dazu geführt, daß unser Vaterland der Plünderung und Verwüstung anheimfiel! ... Trotz meiner Freude darüber, daß ich die Geliebte in meinen Armen hielt, wich doch jener entsetzliche Gedanke während mehr als einer Stunde keine Secunde von mir, und sogar heute, so alt und grau ich bin, erfüllt er mich noch immer mit Bitterkeit ... Ja, wir Greise haben das erlebt, und es ist gut, daß die Jugend es erfahre: wir haben den Deutschen, den Russen, den Schweden, den Spanier, den Engländer als Herrn in Frankreich walten, Garnisonen in unsere Städte legen, Alles, was ihnen gefiel, aus unsern Festungen fortführen, unsere Soldaten beschimpfen, unsere Fahne verändern und sich in unsere Eroberungen, nicht nur in die aus der Kaiserzeit, sondern auch in die aus der Zeit der Republik, theilen sehen – – das hieß zehn Jahre des Ruhms theuer bezahlen! Doch reden wir nicht von diesen Dingen, die Zukunft wird Richter darüber sein. Und sie wird verkünden, daß die Feinde uns nach den Schlachten bei Lützen und Bautzen das Anerbieten machten, uns Belgien mit einem Theil von Holland, das ganze linke Rheinufer bis nach Basel und das Königreich Italien sammt Savoyen zu lassen, und daß der Kaiser sich weigerte, diese Bedingungen, die doch gewiß gut waren – anzunehmen, weil er die Befriedigung seines Stolzes dem Glücke Frankreichs vorzog! Um zu meiner Erzählung zurückzukehren, so muß ich nachholen, daß vierzehn Tage nach der Schlacht bei Hanau tausende von Wagen mit Verwundeten und Kranken auf der Heerstraße von Straßburg nach Nancy durch Vier-Winden zu defiliren begonnen hatten. Sie zogen in einer einzigen Reihe ununterbrochen aus dem Elsaß nach Lothringen hinein. Tante Gredel und Katherine sahen von ihrer Hausthür aus diesen traurigen Zug vorüberfluten. Ihre Gedanken zu schildern, habe ich wohl nicht nöthig! Mehr als zwölfhundert Wagen waren bereits vorüber gekommen, und ich befand mich in keinem derselben. Tausende von Vätern und Müttern, die zwanzig Meilen weit aus der Umgegend herbeigeeilt waren, schauten in solcher Weise längs des Weges nach ihren Söhnen aus ... Wie viele kehrten nach Hause zurück, ohne ihr Kind gefunden zu haben! Am dritten Tage erkannte mich Katherine auf einem jener Korbwagen aus der Mainzer Gegend unter mehreren andern Unglücklichen, die wie ich hohlwangig, klapperdürr und halbtodt vor Hunger waren. »Das ist er! ... das ist Joseph!« rief sie von Weitem. Aber Niemand wollte es glauben. Tante Gredel mußte mich erst lange ansehen, ehe sie sagen konnte: »Ja, er ist's! ... Man hebe ihn vom Wagen herunter ... es ist unser Joseph!« Sie ließ mich in ihr Haus bringen und pflegte mich Tag und Nacht. Ich wollte nur trinken und schrie immerfort: »Wasser! Wasser!« Niemand im Dorfe glaubte, daß ich genesen würde. Aber das Glück, die Luft der Heimat zu athmen und meine Lieben wiederzusehen, rettete mich. Ungefähr sechs Monate später, am 15. Juli 1814, verheiratheten wir uns, Katherine und ich. Herr Goulden, der uns wie seine Kinder liebte, hatte mich zum Theilhaber in seinem Geschäfte angenommen, und wir lebten Alle zusammen in derselben Behausung – kurzum, wir waren die glücklichsten Menschen von der Welt. Der Krieg war jetzt zu Ende, die Alliirten kehrten in Tagemärschen nach Hause zurück, der Kaiser war nach der Insel Elba abgegangen, und König Ludwig XVIII. hatte uns vernünftige Freiheiten gewährt. Es war noch einmal die schöne Zeit der Jugend, die Zeit der Liebe, der Arbeit und des Friedens. Man konnte auf die Zukunft hoffen, man konnte glauben, daß Jeder mit gutem Benehmen und Sparsamkeit dazu gelangen würde, sich eine gute Stellung zu sichern, sich die Achtung der braven Menschen zu erwerben und seine Familie gut zu erziehen, ohne befürchten zu müssen, daß er sieben oder sogar acht Jahre, nachdem er sich frei geloost, von Neuem von der Aushebung getroffen werde. Herr Goulden, der mit der Rückkehr der alten Könige und des alten Adels nicht sehr zufrieden war, meinte doch, diese Leute hätten in den fremden Ländern genug gelitten, um einzusehen, daß die Welt nicht für sie allein da wäre, und daß sie unsere Rechte respectiren müßten. Er glaubte auch, der Kaiser Napoleon werde verständig genug sein und sich ruhig verhalten ... Aber er täuschte sich: die Bourbons waren mit ihren alten Ansichten zurückgekehrt, und der Kaiser wartete nur auf den günstigen Moment, um sich zu rächen. Das Alles sollte uns noch viel Leiden und Beschwerden verursachen, und ich würde euch das gern erzählen, wenn mich die Geschichte nicht für diesmal lang genug dünkte. Wir werden also bis auf Weiteres hier stehen bleiben. Wenn dann einsichtsvolle Leute mir sagen, daß ich wohl daran that, meine Erlebnisse im Feldzuge von 1813 zu beschreiben, daß das die Jugend über die Eitelkeit und Vergänglichkeit des Kriegsruhms aufklären und ihr zeigen könne, daß nur Friede, Freiheit und Arbeit glücklich machen – nun, dann werde ich den weitern Verlauf dieser Begebenheiten berichten und euch von Waterloo erzählen!