Adela Bourkes Begegnung Roman von Arthur Holitscher     1920 S. Fischer / Verlag / Berlin     »Hier unten ist Licht, darüber Dunkelheit. Wir schauen ins Licht nur, um dann oben im Dunklen die wirklichen Dinge zu erblicken. Wir sehen im Dunklen aber nur, wenn unsere Augen vom Licht voll sind.«     Von ferne her, die Häuserreihe des stillen Platzes entlang, kam ein Gefährt gehumpelt: eine bunt bemalt Kiste auf ungleichen Rädern. Dem Weib mit grellen Röcken und flachem weißen Deckel auf dem Kopf, das es vor sich hinschob, folgte eine kleine Schar absonderlich und schäbig gekleideter Menschen. Vor dem schmalen, drei Stockwerke hohen Haus mit blanken Fenstern im gelb gestrichenen Gemäuer hielt die Karawane. Ein Mann in kurzem schottischen Röckchen, Ziegenfellschurz, abgeschabtem Spenzer, Hahnenfeder auf der Kappe, stemmte die Arme in die Hüften. Ihm gegenüber pflanzte sich eine Frau auf, genau so gekleidet wie der Mann, nur mit etwas längerem, gefälteltem Rock, Zeisigfeder auf der Kappe, einer Brosche mit dickem Topas auf dem eingesunkenen Busen. Vier kleine Mädchen, elend und mager, in klaffenden Schuhen und zottigem Haar, setzten sich müde wie Straßensperlinge auf den Trottoirrand nieder und warteten, verprügelt und ergeben, auf ihre Nummer. Die Frau mit dem weißen Deckel auf dem Kopf, große Ohrringe schaukelten um ihr schwarzes italienisches Gesicht, machte sich an der Kiste zu schaffen, holte mit tüchtigem Schwung nach der Kurbel aus, und im Nu 10 war es um die Stille des weiten, vornehmen Square geschehen. Stampfend kollerte eine stark betonte Melodie. Die Schotten begannen mit eisenbeschlagenen Hakenschuhen den Rhythmus auf den Asphalt zu klopfen. Ihre Beine flogen, die kleinen Röcke wallten kraus um die Knie, die Bewegung der Körper stieß heftiger und heftiger nach unten. Auf einmal reichte der Mann der Frau einen Säbel, den er hinterm Rücken verborgen hatte, und die Frau schwang das alte rostige Messer wirbelnd rasch über dem Kopf. Ihre und des Mannes Augen waren wie hypnotisiert nach oben auf die Fenster des Hauses gerichtet, in denen hier und dort die Köpfe der Bewohner erschienen. Das Haus war von den andern Häusern des schönen, alten Platzes nur wenig verschieden. Es zeichnete sich durch ein korinthisches Säulenportal und eine wunderschöne, mattlila lackierte Haustür aus, zu der man vom Pflaster über vier blankgescheuerte Stufen emporschritt. Der Platz hatte, das war offenkundig, einst bessere Tage gesehen. Es war die Zeit, aus der ihm sein Name Nightingale-Square übriggeblieben war, sowie ein nur wenige Meter im Durchmesser umfangender kreisrunder Hain von alten Platanen in seiner Mitte. Die herrlichen Bäume waren das Überbleibsel eines dichten Gehölzes, in dem die Londoner der Elisabethzeit die Nachtigall singen gehört hatten, und das die Stadt längst verschlungen, aufgesogen, zusammengepreßt hatte bis auf wenige Meter Durchmesser. Vor einem Jahrhundert, einem halben, einem Vierteljahrhundert etwa blickten noch einzelne vornehme, erbeingesessene Bewohner aus den schmalen, verschlossenen Häusern, exzentrische oder lebenslustige Lords, gelangweilte, aber auch recht übermütige Ladys auf die stillen Bäume ihres Platzes hinaus. Und mancher gewissenhafte Chronist der alten Stadt hatte auf dem Heimweg 11 aus diesen gastlichen und vornehmen Heimen die Nachtigallen noch im Laub schlagen gehört – oder es war ihm so in seinem lustig summenden Kopf vorgekommen – und nun stand es in seinen Erinnerungen verzeichnet, daß der Nachtigallenplatz seinen Namen nicht zu Unrecht führe. Doch schon seit einem Menschenalter waren es Leute minderer Qualität, die aus den blankgeputzten Fenstern blickten. Der Durchschnitt der heutigen Bewohner des Nachtigallenplatzes führte quer durch den Mittelstand, die wohlhabende Bürgerklasse der ganzen bewohnten Erde. Drei Straßen weit erhob sich das massige Britische Museum, und die Häuser des Platzes waren von Durchreisenden aus aller Herren Ländern bewohnt. Ja, es gab Häuser, die farbig oder auch ganz schwarz waren, das heißt, sie beherbergten Malaien, Eurasier und Neger, mit denen der Weiße nicht gern im selben Haus wohnt. Tausende nahmen das Bild und Andenken des Platzes in alle Richtungen der Windrose mit nach Hause. – Die schöne Tür von Nr. 11 stand jetzt weit offen. Auf den Treppenstufen saßen die Bewohner der Pension. Sie saßen da in der zufriedenen Haltung von Leuten, die soeben gut zu Abend gegessen haben. Der Maiabend war frisch, und durch die Brise vom Meer in der Weite her fühlte man schon den Sommer sich ankündigen. Herren und Damen, aus den Fenstern der unterirdischen Küche die Dienstmädchen des Hauses, sahen dem Tanz zum Spiel der Drehorgel zu. Die Italienerin stieß die Kurbel in den Kasten zurück, riß sie wieder hervor, der Schotte und die Säbelschwingerin machten sich mit ihren Kappen an die Hausbewohner auf der Treppe heran, die vier Gassenkinder aber hatten sich zu einer Quadrille aufgestellt – ein amerikanischer Gassenhauer tobte mit wüst zerfetzten Rhythmen durch den Platz. 12 Die dünnen Glieder der Kleinen vollführten abenteuerliche, krampfhafte Zuckungen und Verrenkungen. Kleine Papierkugeln flogen mit metallischem Klang aufs Pflaster nieder. Hypnotisiert hingen die Blicke der vier in der Höhe. In den Mützen der Schotten klapperten kupferne Pennys und silberne Halbschillingmünzen. Das Paar nickte Dank, stellte sich dann abseits, die Augen starr nach oben. Miß West kam über die Treppe gelaufen. Sie bahnte sich einen Weg durch ihre Pensionäre, beugte sich über das Kellergitter: »Mary! Rebecca! Es läutet! Keines von euch Mädchen ist zur Stelle!« Das ältere von den beiden Mädchen verschwand vom Fenster unter dem Pflaster. Nach einer Weile kam es mit einem Stück Pudding zu den vier kleinen Tänzerinnen. »Von Herrn und Frau Winterod!« sagte sie dumm – als wüßten die Kinder, wer die wären. Die Herren und Damen, die jungen Leute in hellen Sommerkleidern zwischen den Säulen und auf der Stiege wiederholten gerührt: »Von Herrn und Frau Winterod!« Wenige Minuten später tönte die Musik der Orgel und das Gestampf der Eisenschuhe schon von der entferntesten Ecke des Platzes herüber. Die schöne, lilafarbene Tür des Boardinghauses war geschlossen. Über dem Türklopfer, einer Meermaid aus Bronze, leuchtete das Messingschild mit den gravierten Worten: » The West-House «. * Im zweiten Stockwerk standen zwei Fenster offen. Sie reichten vom Boden bis zur Decke und waren durch eine Eisenbrüstung halbiert. Eine schlanke schneeweiße Hand mit vielen Ringen am vierten Finger hing über die Brüstung des einen Fensters. Nebenan stand ein Mann an die Brüstung gelehnt und blickte zu den Wolken über den Platanen auf. Als 13 er den Kopf wandte, bemerkte er die Hand, die laß über die Brüstung hing. Die Hand und ein paar goldene Armreifen, die das Gelenk umschlossen, waren das einzige, was er von der Nachbarin sehen konnte. Er hob seinen bärtigen Mönchskopf und sprach in die Luft: »Es ist wohl genug . . .« Es ist wohl genug, eine Hand zu sehen, die aus einem Fenster leuchtet. Braucht einer mehr, um zu wissen, daß er nicht allein auf der Welt sei? Was ist denn diese Hand? Sie hat mich nicht gestreichelt. Ich hab' sie nur einmal in der meinen gehalten und ihr Druck war kühl wie der einer fremden Hand in einer fremden. Ich habe auch kein Gefühl in den feinen, unendlich empfindlichen Nerven meiner Handfläche und Fingerspitzen von ihr zurückbehalten. Ich habe sie nicht gepreßt, damit die Ringe dem mittleren und dem kleinen Finger nicht weh tun sollen. Was nützt es denn, wenn man sich noch so stark an die Hände andrer Menschen klammert? Sie werden höchstens erschrocken oder unwillig zurückgezogen, dann darfst du zuschauen, wie die Finger Turnübungen machen, weil die Seele sich von dem Zwang befreien will, den ihr die fremde antun wollte. Wie ruhig schwebt diese große schöne Hand dort über dem Eisengitter. Eine ruhige, beschauliche Seele wahrscheinlich! Aus gesichertem Versteck ein friedliches Gewissen, das die Welt mit ihrer Lust nicht zu bewegen vermag! – Einmal möchte ich wohl eine Hand eine Stunde lang in der meinen halten, vielleicht einen Tag lang, oder auch nur einen Sommerabend lang bis zum Dunkelwerden! Aber dann nicht länger. – * Die Frau nebenan hatte sich zum altmodischen Sekretär begeben, auf dessen schräge Platte noch genug Licht von außen fiel. Sie bog die Platte zurück: eine Menge 14 wohlgeordneter Schreibsächelchen kam zum Vorschein. Aus einem Fach holte die Frau Briefe hervor, die mit schwarzem Band umschnürt waren. Sie legte sie erst vor sich hin, stieß sie dann in das Fach zurück, stand auf und ging einigemal zwischen Fenster und Tür auf und ab. Sie setzte sich wieder an den Sekretär und räumte all die Sächelchen von der linken Seite des Tisches auf die rechte hinüber, das Onyxpetschaft, das die Form eines aufrechten Kruzifixes hatte, die Emailleschachtel mit Federn, den kleinen Wachthund aus Bronze, das Etui mit Patiencekarten. Sie holte das Päckchen abermals hervor, löste das Band und breitete das zu oberst liegende Blatt vor sich aus. Auf dem Kopf des Blattes, das in Maschinenschrift vier Zeilen enthielt, war die Firma: »Michael Malone \& Co., Melbourne« zu lesen. Unter den getypten Zeilen standen mit Tinte geschriebene Worte: »Ich hoffe, Dein und Sheilas Befinden lassen nichts zu wünschen übrig. Michael.« Sie faltete das Blatt, holte Briefpapier aus der Schieblade und begann: »Teure Mutter.« Sie hatte ihr Kinn in die Handfläche gelegt, den Zeigefinger stark an die Wange und gegen die Schläfe gepreßt, den gekrümmten kleinen Finger eng an die Lippen, so daß die Haut weiß wurde unter dem Druck. »Teure Mutter, ich habe hier einen recht behaglichen Winkel gefunden. Der Schreibtisch, an dem ich sitze, ist ein nettes Möbel im Chippendalestil. Alles hat hier einen guten Stil. Miß West ist freundlich und sorgt für alles. Man braucht sich nicht ausgestoßen zu fühlen. Mutter, er hat mir geschrieben. Zum erstenmal, seit ich fort bin. Es ist ein Geschäftsbrief mit einer Zeile von ihm darunter, in der er sich nach meinem und des Kindes Befinden erkundigt. Das ist alles, was dieser Mann mir zu schreiben weiß, seit ich unser Heim 15 verlassen habe und in einen andern Weltteil gezogen bin, weil er mich halb zugrunde gerichtet hat. Ich glaube, ich würde mit keiner Wimper zucken, käme morgen ein Telegramm an mit der Nachricht, er sei auf dem Fabrikhof vom Kran gestürzt und tot. – Ich war noch kaum in der Stadt. Ich habe noch keinen Brief abgegeben, niemand aufgesucht, auch Mme. d'End. nicht. Es fällt mir alles schwer; ich bin zu unschlüssig. Mit dem Geld, das er mir anweist, denke ich auszukommen. Bitte, gehe . . .« Sie hielt im Schreiben inne, zerriß das Blatt in winzige Stücke und warf sie in den Kamin. Auf dem oberen Bord des Sekretärs stand die gerahmte Photographie einer alten Dame mit ernstem Gesicht und gefalteten Händen, in schwarzem Kleid und Witwenhaube. Sie stand in einem schmalen Wintergarten und war von einer erstaunlichen Menge Getiers umgeben. Ein Papagei saß auf ihrer rechten Schulter, auf ihrer linken ein kleiner Affe mit langem geringelten Schwanz. Vor ihren Füßen sah man fünf, sechs Zwerghündchen. In den Ranken der Weinreben, die die Scheiben des Raumes mit Arabesken überzogen, nisteten Vögel, wie kleine dunkle Punkte anzusehen. Unbegreiflich, wie der Photograph all diese unruhigen Gäste auf seine Platte bekommen hatte! Unbegreiflich auch, wie gut sie sich untereinander zu vertragen schienen. Die Ähnlichkeit der alten Dame und der Frau am Sekretär war unverkennbar. Dieselbe große, etwas knochige, fast männliche Gestalt, dasselbe Kraushaar über der hohen Stirn, dieselben großen hervorstehenden Augen; trotz aufrechter Haltung und beherrschter Miene derselbe Ausdruck von kummervollem Ernst über der ganzen Gestalt, in der Neigung des Kopfes, in der Verschränkung der Finger über dem Gürtel. * 16 Aus dem Damenzimmer scholl Gesang zu den Tönen eines vielbenutzten Pianoforte. Die Stimme, schrill, aber gut geschult, ein lyrischer Sopran, war im ganzen Hause zu hören. Im Flur stand, an das Tischchen gelehnt, auf dem die Besucher ihre Karten abzugeben und Miß West die eingelaufene Post zu sortieren pflegte, Kapitän Rogers, der alte Kriegersmann aus den Kolonien. Seine Abendpfeife aufzugeben, dazu hätten ihn Melba und Patti zusammen nicht vermocht. Die Türe ging auf, der Gesang schoß durch den Spalt; eine Dame trat heraus, es war Miß West, die die Pflicht wieder in Küche und Keller trieb. Sie hüstelte leise mit einem Blick auf die Pfeife des alten Gentleman. Der Kapitän aber merkte nichts, sondern fühlte sich veranlaßt, aus seinem Qualm heraus ein paar anerkennende Worte darüber zu äußern, daß Miß Dalmayne heute ja besonders gut bei Stimme sei! Miß West lächelte verbindlich und müde, wie sie zu allem zu lächeln pflegte, was ihre Pensionäre ihr sagten, und worauf sie nicht unbedingt zu antworten brauchte. – Im Speisesaal, einem langen und sehr schmalen Raum mit Oberlicht, in dem schon die beiden Kronen über dem abgeräumten Tisch brannten, schoß eine ältliche blasse Dame aufgeregt auf Miß West zu. »Sagen Sie doch um Jesu willen, Miß West, was ist das für ein Kind! Seit einer halben Stunde rede und rede ich zu ihr, und glauben Sie, sie hat den Mund aufgetan? Oder mich nur mit einem Blick angesehen?« Sie lief ans Ende des Saales. Ein Kind hockte am Kamin vor einer großen, rötlichgelb und weiß gestreiften Katze. Die Katze labberte mit gieriger Zunge Milch aus einer flachen Schale auf dem Fußboden, das Kind sah ernst zu, ohne das Köpfchen von dem Tier zu wenden. Miß West hatte ihr Rechnungsbuch auf den Tisch gelegt 17 und sich auf dem Platze niedergelassen, den sie bei den Mahlzeiten innehatte. »Wenn Sie erst ein paar Tage lang hier sein werden, Mrs. Strange, werden Sie sich über Sheila nicht mehr wundern. Sheila, gehe zur Dame! Ach, wenn sie nicht mag, bringt kein Gott aus ihr einen Ton heraus.« »Du unartiges Kind! Baby! Sieh mich an!« Die Dame hielt eine Puppe mit blonden Zöpfen und üppiger hellblauer Balltoilette dem Kind vors Gesicht. Das Kind rührte sich nicht. Die Katze leckte den letzten Tropfen Milch aus der Schale und hob ihren runden Kopf mit grünen Lichtern und enormen Schnauzhaaren zur Dame mit der Puppe auf. Sheila stand auf und ging. Die Katze folgte wie ein Tiger, mit langen Schritten ihres geschmeidigen Leibes, den buschigen Schwanz lang hinter sich her schleifend, dem Kind. Miß West streckte die Hand aus, Sheila legte ihr Händchen in die ihre, sagte: »Gute Nacht, Miß West!« und blickte erstaunt und unwillig auf, als sie nicht losgelassen wurde. »Sheila!« sagte Miß West, »du mußt artig und freundlich zu Mrs. Strange sein. Sie hat ein kleines Mädchen gehabt, das Madge hieß und so alt war wie du, als es starb.« »Und die Puppe! Die Puppe hat ihr gehört. Du sollst sie haben, Sheila, hörst du?« sagte die Dame mit Tränen in der Stimme. »Madges Puppe! Ich schenke sie dir.« Sheila sah zur Dame auf, blickte dann die Puppe an und schüttelte den Kopf. »Du willst nicht?« Sheila machte mit dem Kopf: Nein. »Ist sie nicht schön genug? Was hast du an ihr auszusetzen? Pfui, du bist ein schlechtes Kind. Madges Puppe, und sie weist sie zurück!« 18 »Sagen Sie der Dame, Miß West,« sprach Sheila leise und mit Betonung jedes Wortes, »ich mag die Puppe nicht leiden, sie sieht aus wie ein Mensch.« Sie ging zur Tür. Kind und Katze verschwanden. Die beiden Frauen blieben allein. »Sie hat Puppen, eine häßlicher als die andre. Diese Golliwogs, wissen Sie, aus schwarzem Tuch den Kopf und zottige Wollborsten statt der Haare, weiße Leinwandknöpfe als Augen! Eine andre mit Wasserkopf, eine Skelettpuppe. Weiß der Himmel, wo ihre Mutter sie auftreibt!« Mrs. Strange hatte sich mit der blonden Puppe im Arm zu Miß West gesetzt, die der Büfettschieblade eine Handvoll Zettel entnommen, ins Wirtschaftsbuch einzutragen, zu addieren und auszustreichen begonnen hatte. * Mr. Lucas kam aus seinem Zimmer, in breitem Mantel und großem Schlapphut auf dem Kopf. Sheila stand mit der Katze vor der Nachbartür. »Guten Abend, Sheila,« er reichte dem Kind die Hand und blieb stehen. Das Kind sah zu ihm auf, murmelte: »Guten Abend!« zog sein Händchen rasch zurück und öffnete die Tür: »Komm, Feuer!« Mr. Lucas stieß ein kleines Gelächter durch den Bart hervor und lief in großen Sprüngen die Treppe hinunter. Unten im Flur stand noch der Kapitän. »Nun, Sie Nachtwanderer! Auf Abenteuer aus?« Mr. Lucas blieb stehen und zog den Filz vom Kopf. »Ich sehe mir die Stadt an, Mr. Rogers. Gewisse Stadtteile sind nachts charakteristischer als am Tage. Zum Beispiel die Gegend um Seven Dials herum, das siebenfache Zifferblatt . . .« 19 Er sagte das in höflichem Tone und wie um sich zu entschuldigen. »Hoho, Seven Dials! Das will ich meinen, daß man die besser bei Nacht besucht!« lachte der Kapitän. »Nun, gut Glück, Lamm!« Mr. Lucas eilte, ohne seinen breitkrempigen Hut aufzusetzen, mit langen, komisch wirkenden Schritten zur Haustür hinaus. Der Kapitän stieß eine Rauchwolke hinter ihm her. »Schnurriger Vogel!« Mr. Lucas verschwand um die Ecke des Nachtigallenplatzes und begab sich in der Richtung Oxfordstreet vorwärts. Das Unbehagen, das ihm die Notwendigkeit einflößte, den Leuten im Hause zu allen Tages- und Nachtzeiten Rede und Antwort stehen zu müssen, war verflogen, als er die geräuschvolle, von Lichtern funkelnde und von Omnibussen durchratterte Straße durchquert und sich in das Gewirr der kleinen, übelriechenden Gäßchen um St. Giles eingelassen hatte. Er sagte allen Menschen, wildfremden so gut wie bekannten, doch immer die Wahrheit über sein Tun und Lassen, seine Absichten. Daher das Unbehagen, aber auch dessen kurze Dauer. Die Seven Dials mochten eine verrufene Gegend sein. Was er dort suchte, erriet ja doch kein Mensch! * »Du wirst jetzt stillsitzen, Sheila!« sagte Frau Adela zum eintretenden Kind. »Eine Viertelstunde Ruhe, Baby, ja? Dann bringe ich dich zu Bett!« Sheila war schon ganz still in die Ecke des breiten, bunt geblümten Sofas geklettert. Auf ihren in die Höhe gezogenen Knien hielt sie »Feuer«, die große schwere Katze. Kind und Tier sahen reglos und mit ernsten Augen, das Kind mit seinen etwas vorstehenden schwarzen, die Katze mit ihren funkelnden Laternen zur Frau 20 hinüber, die im Lampenschein vor ihrem Sekretär saß, das Kinn in die Handfläche gestützt, mit Glanzlichtern in den Wellen ihrer kurzen krausen Haare. Sie hatte ein Buch vor sich aufgeschlagen und las in der Geschichte ihrer Ehe. Sie hielt bei der Seite, auf der sie die Geburt Sheilas aufgezeichnet hatte. Um drei Uhr nachmittags hatten die Wehen begonnen, ihr waren die Sinne geschwunden, dann war sie aufgeschreckt, weil sie in einem Kanoe über einen See voll Blut rasch hinfuhr. Um zwei Uhr nachts hatte sie, in Schmerzen, die furchtbarer waren, als es sich ausmalen läßt, und die ihr jetzt noch Schwindel und Übelkeiten verursachten, jetzt noch, nach sieben Jahren, wenn sie an sie dachte, Sheila geboren. Sheilas Vater war um vier Uhr morgens angeheitert von einem Bankett mit Berufsgenossen, Fabrikanten aus Melbourne, heimgekehrt, und hatte erst gegen Abend von Sheilas Dasein Kunde erhalten. Adela war der weite Fabrikshof gegenwärtig, mit dem vier Stock hohen Kran, an dem vorbei die Arbeiter mit ihren Blechgeschirren aus blauer Emaille zur Kontrolluhr strömten. Sie sah dies alles so lebendig vor sich, daß sie es auf ein Stück Papier hätte zeichnen können: den Kran mit seiner feinen, schlanken Eisenarchitektur und oben die dünne Brüstung, mit einer Figur, die sich vornüber neigte. Sie zerknüllte ein Blatt Papier, das sie vor sich hatte, als Sheila eintrat, und warf es in den Papierkorb – als hätte sie die Zeichnung des Krans und des Mannes oben wirklich gemacht, nicht bloß in der Einbildung. Sie blätterte in dem Buche vorwärts. Es enthielt, hier und dort, eine Photographie, eine Postkarte, Ausschnitte aus Zeitungen, Abschriften eines Gedichts, ein paar eingeklebte trockene Blumen, eine Ballkarte. Auf einer Seite fand sie eine Photographie, auf der sie sich selbst 21 im Kreise lachender junger Mädchen erkannte, hell und in zarte Farben gekleidet, einen breiten Florentinerhut an schwarzem Sammetband in der Hand balancierend – es war auf dem Gartenfest beim australischen Minister, im südlichen Teil Londons, nahe beim Kristallpalast. Sie sah das Bild an – komisch waren die Toiletten damals: sie hatte ein Mousselinekleid mit ganz bauschigen Ärmeln an, die Taille spitz ausgeschnitten, eine breite Schärpe mit langer Schleife, sie erinnerte sich gut, die Schärpe war amaranthenfarbig! »Baby geht jetzt zu Bett!« sagte sie und stand auf. »Hast du an Papa geschrieben, Mammy?« frug Sheila, ohne sich zu bewegen. »Nein, Baby, warum fragst du?« »Schreibe an Papa, Mammy, du hast ja einen Brief von ihm bekommen.« »Wenn Baby schläft, will ich an Großmama schreiben,« sagte Frau Adela und ging zum Kind, das sie vom Sofa hob. »Was willst du an Großmama schreiben, Mammy?« frug Sheila, indem sie Feuer behutsam auf den Boden gleiten ließ. Frau Adela kniete vor dem Kind und knöpfte das Kleidchen auf dem Rücken Sheilas auf. »Nun, daß es uns beiden gut geht. Daß Feuer die Reise gut bekommen ist. Daß wir noch nicht viel aus waren, aber daß wir nächstens in den Park gehen wollen, und an einem schönen Nachmittag einmal zum Kristallpalast und so vieles mehr!« »Was noch mehr?« »Nun, wie es hier im Boardinghaus ist; daß es nett ist; und über Herrn Lucas, mit dem Baby Freundschaft geschlossen hat!« »Mammy, du mußt an Papa schreiben!« sagte das Kind nach einer Weile. »Warum, Baby, sprichst du immer dasselbe!« sagte 22 Frau Adela. Sie fing an, das dünne Haar Sheilas zu einem Zöpfchen zu flechten und brachte das Kind, das kein Wort mehr sagte, zu Bett. Frau Adela kniete vor dem Bettchen nieder, in dem Sheila mit gefalteten Händchen aufrecht saß. Während sie den Kopf in der Decke des Bettchens verbarg und die Worte des Gebets in die Spitzen ihrer vor dem Mund verschränkten Finger flüsterte, tat Sheila ihre Händchen auseinander und fuhr streichelnd über Feuers Fell. Die große Katze lag Nacht für Nacht auf der Daunendecke des Bettchens und behütete den Schlaf des Kindes, ohne sich zu regen, bis in den späten Morgen hinein. Erst, wenn Sheila die Augen aufgeschlagen und zur Mutter hinübergerufen hatte, die im Alkovenbett, im Hintergrund des Zimmers schlief, pflegte das Tier mit einem Satz von seiner Liegestatt herunterzuspringen, dann dehnte und reckte es seinen langen, wellig beweglichen Körper im Sonnenlicht. * Miß Dalmaynes Gesang war nicht mehr zu hören, doch hoffte Adela noch jemand im Drawingroom anzutreffen. Es war schon spät, zehn Uhr vorüber. Sie machte sich vor dem Spiegel ein wenig zurecht, ehe sie hinunterging zu den andern Damen ins Musikzimmer, das erstemal, seit sie im Hause wohnte. Im Drawingroom war niemand mehr. Sie schaltete das Licht ein und sah sich in dem Raum um. Er war hübsch und behaglich, wie alles, was sie im Hause kannte. Geblümte Lehnstühle mit dünnen Armstützen, Korbsessel und Mahagonikanapees standen an den Wänden, ein altertümlicher Tisch mit frischen Blumen in einer breiten Silbervase, Bücher, Zeitschriftenhefte und eine vergessene Handarbeit, dünne, irische Spitzen mit einem Knäuel 23 Garn daneben. An der breiten Wand gegenüber den Fenstern ein Bild, eine Kopie nach Millais aus der Tate-Gallery: »Sprich! Sprich!« die Geistererscheinung der Braut vor dem Lager des sehnsüchtig aus dem Schlaf schreckenden jungen Edelmannes. Außerdem hing das Porträt eines populären Generals in Khakiuniform da, und eine große Karte von London und seinen Vororten. Auf dem Piano stand ein offenes Notenheft. Frau Adela setzte sich vor das Instrument, schlug einen Akkord an und begann halblaut: »Tief in meinem Herzen Eine Laute ruht! Einst in Lieb und Schmerzen Klang ihr Spiel so gut!« . . . Auf dem Titelblatt des Heftes stand zu lesen, eine beliebte Sängerin habe dieses Lied in sämtlichen Badeorten Englands mit dem größten Erfolg gesungen. Frau Adela ließ entmutigt von dem Liede ab, ihre Finger parierten ihr ebensowenig wie die Stimme. Sie fing abermals mit größter Aufmerksamkeit an und gelobte sich nach der ersten Strophe, daß sie wieder mit Üben beginnen wolle. Auf dem Tische in der Mitte des Zimmers lag eine amerikanische Modenzeitschrift. Frau Adela sah sie durch und fand, daß eines oder das andre Kostüm ihre Gestalt gut kleiden würde. Sie hob die Spitzenarbeit auf und sah, daß sie sehr fein und minutiös durchgeführt war. Es würde sich wahrlich lohnen, Ähnliches zu beginnen! In dem Heft waren Abbildungen eleganter Szenen von einem Londoner Gartenfest; sie sah diese Bilder genau durch und las den Artikel mit den Namen vornehmer und schöner Frauen der Gesellschaft durch. Sie sagte sich: Nichts steht dem im Wege, daß du nächstens auch hier 24 abgebildet und dein Name genannt sei; so war's damals, als du noch Miß Bourke hießest und beim australischen Minister eingeladen warst! Sie legte das Heft auf ihren Schoß und blickte auf die breiten Blätter der Palme, die in einem Porzellankübel auf einer Säule zwischen den Fenstern stand. Sie sah auf die gezackten Blätter der Palme und erblickte sich unter den schattigen Bäumen eines schönen Gartens mit lustwandelnden Herren in schwarzen Leibröcken und Zylindern, Damen in wunderbaren Toiletten und großartigen Hüten, die zwischen den farbigen Rhododendronbüschen und Blumenbeeten hin und her gingen und von galonnierten Dienern Teetassen und Gebäck gereicht bekamen. Nein, nichts stand im Wege; selbst wenn sie auf die Zinsen ihres eignen und Sheilas Vermögen angewiesen sein sollte, konnte sie sehr gut ihr eignes Leben leben, wie und wo es sie gut dünkte, im Kreise der Menschen, die ihr zusagten und die sie sich nicht vorzuschreiben lassen brauchte. Das Heim – es würde ihr nicht sehr schwer fallen, das Heim zu entbehren! Sie erinnerte sich jetzt an das Heim, Mr. Malones Haus, dessen Herrin sie gewesen, am andern Ende der Welt. »Nein, mein Liebling!« sprach sie plötzlich ganz laut. Aber nicht mir ihrer eigenen Stimme, sondern mit einem ganz rauhen, wie vom Trunk schartig gewordenen Organ, dessen Klang sie erschreckte. Sie sprang auf und blickte verstohlen in den Flur hinaus. Aus dem Rauchsalon drangen Männerstimmen. Dort waren die Herren noch beisammen, spielten Bridge und rauchten. Der Flur duftete nach parfümiertem Tabak. Sie schloß die Tür und schlug, stehend, leise einen Akkord auf dem Klavier an. Sie lauschte: vielleicht wird jemand eintreten und nachsehen, wer so spät noch Musik macht? Herr Lucas 25 vielleicht? Wars nicht, als würde die Tür des Rauchzimmers geöffnet und geschlossen? Doch es kam niemand. Schließlich drehte sie das Licht aus und ging. Im Flur kehrte sie nochmals um, machte im Drawing-room Licht, nahm die Karte von London von der Wand, rollte sie zusammen und begab sich in ihr Zimmer hinauf. Von einem fernen Kirchturm schlug es Eins, sie saß noch über der Karte und notierte sich auf ein Blatt die Adressen und die Straßen auf, die sie aus einem Büchlein und von Briefen, die sie mitgebracht hatte, ablas. * Dr. Walter Garrat schloß seinen Schreibtisch ab und machte sich auf den Heimweg. Er langte seinen Hut vom Kleiderhaken, als es an die Tür zum Privatkontor klopfte und Cora Stratton eintrat. Gleich hing Garrat seinen Hut an den Nagel zurück und setzte sich in den amerikanischen, wippenden Lehnstuhl. »Kommen Sie, Cora, und setzen Sie sich. So.« Das junge Mädchen setzte sich ohne Scheu auf das breite Ledersofa, strich ihren Rock mit der Hand nieder, streckte aber ihre hübschen, zierlichen Füße, die in Seidenstrümpfen und Schnallenschuhen steckten, hervor und legte sie kokett übereinander. »Ich komme im Auftrag meiner Mutter, Herr Doktor!« begann sie und blickte auf ihre Fußspitzen. Garrat lächelte. »Haben Sie Schwierigkeiten, Cora? Ist's der Hauswirt, der Kolonialwarenhändler? Wieviel brauchen Sie?« Cora Stratton hob ihre veilchenblauen Augen zu Garrat auf. »Diesmal ist es viel, zehn Pfund.« Garrat zog die Lippen in den Mund ein. »Teufel!« sagte er halblaut. »Das wird so ohne weiteres nicht zu machen sein.« 26 »Wir benötigen das Geld sehr dringend,« sagte Cora und nahm den Blick nicht von Garrat. Sie lehnte die Fingerspitzen in flehender Gebärde, aber scheinbar ganz absichtslos gegeneinander und ihr Gesicht blickte ihn dazu so unschuldig und kindlich lieblich an, daß Garrat sich aufsetzte und nach seinen Schlüsseln griff. »Sie richten mich zugrunde, Cora, Sie wissen das!« Er hatte den Rolladen des breiten Schreibtisches in die Höhe geschoben und holte aus einem Fach das Scheckbuch hervor. »O, Mr. Garrat, Sie wissen recht gut, daß nicht ich es bin, die Sie ruiniert!« Hierauf entgegnete Garrat nichts. Er schrieb ein paar Worte auf den Abschnitt, riß ihn aus dem Heft und legte ihn vor sich hin. Cora stand auf und blieb vor dem Tisch stehen. Sie blieb ganz nahe bei Garrat stehn, ihr Kleid berührte sein Knie. »Ich möchte unterschreiben . . .« sagte sie. Garrat sah zu ihr auf. »Nichts zu unterschreiben,« sagte er leise. »Die Quittung,« sagte Cora, »wie üblich . . .« »Nein,« flüsterte Garrat und streichelte mit den Fingerspitzen über ihre herunterhängende Hand. »Keine Empfangsbestätigung?« sagte Cora. »Nein, Cora,« sprach Garrat. »Die Summe ist zu groß, sie steht in keinem Verhältnis zu Ihrem Monatsgehalt. Ich schenke sie Ihnen, bringen Sie sie Ihrer alten Mutter. Ei, sieh da . . . ein neuer Ring, den kenne ich noch nicht.« Er hatte ihre hübsche, feste und rosig gepflegte Hand ergriffen und besah sich den Mittelfinger, auf dem ein großer Markisenring mit unechten Steinen saß. Eine Anzahl kleinerer Ringe saß auf dem vierten und dem kleinen Finger von Coras Hand, alle zierlich und unecht. »Ja, nicht wahr, er ist hübsch!« sagte Cora und ließ den Ring in Garrats Hand im Licht glitzern. »Und er 27 war gar nicht teuer. Er kostete nicht mal ein Pfund. Bei Benson in Ludgate!« »Da haben wir die Nöte Ihrer alten Mutter!« sagte Garrat, indem er Coras Hand fester preßte. »Ich bin froh, daß die alte Dame doch keine so große Not leidet, wie Sie es immer glauben machen wollen. Ich möchte nur wissen, wozu Sie das viele Geld brauchen, Cora!« Cora Stratton versuchte ihre Hand zu befreien. Garrat sah zu ihr auf. Sie war noch jung, aber schon voll entwickelt. Sie war schlank und blond, ihre Gestalt zeigte Ansätze zur Üppigkeit, ihr Jungmädchengesicht aber veränderte seinen kindlich unschuldsvollen Ausdruck selbst dann nicht, wenn sie, wie eine erfahrene Lügnerin, kunstvoll ihre Worte setzte. Denn es war ja sicher, daß sie log. »Es ist ja nicht wegen des Geldes, Cora,« sagte Garrat. »Sie sehen, ich gebe es Ihnen gern. Aber ich will doch, daß mir wenigstens dieses Geld dazu verhelfe, etwas über Ihr Tun und Lassen zu erfahren, in der Zeit, in der Sie nicht hier sind. Das würden mir Miß March oder Miß Milligan draußen im Bureau nicht abschlagen, im gleichen Falle!« »Ich verheimliche Ihnen doch nichts,« sagte Cora und neigte den Kopf ein wenig zu Garrat nieder. »Sie wissen alles über mich und Mutter. Ich habe Ihnen alles gesagt, weil Sie mir auch alles über Ihr Leben gesagt haben. Aber ich hätte Ihnen auch alles gesagt, wenn Sie mir nichts von Ihrem Leben und von Ihrer Frau gesagt hätten. Es ist wirklich nur meine alte Mutter, für die ich bei Ihnen bettle. Wie häßlich, daß Sie mir daraus einen Vorwurf machen.« Garrat stand auf und machte einige Schritte im Zimmer. »Es soll kein Vorwurf sein. Also gut, Cora. Wie ist es nun, haben Sie an Brooks und Ward geschrieben? Wir erwarten doch morgen den Eingang.« 28 »Ja, Herr Doktor. Auch an Clements und nach Bristol. Aber warum haben Sie das Geld an die Kompagnie in Neuyork noch nicht angewiesen? Sie müssen endlich anweisen, wissen Sie! Die Sendung, die am Montag eintreffen sollte, ist noch gar nicht da; ob es am Ende damit zusammenhängt? Wollen die vielleicht nicht schicken, weil Sie so saumselig mit dem Überweisen sind?« »Cora, Sie haben vergessen, daß die Sendung nicht mit der ›Warwick Castle‹, sondern mit der ›Etruria‹ avisiert war, und die kommt erst nächste Woche an. Aber Neuyork wird überhaupt mit den neuen Kongreßbeschlüssen zusammenhängen. Sie haben jetzt ein Gesetz eingebracht, strengere Maßnahmen gegen den Vertrieb von Produkten dieser Art. Mir kann es jeden Tag passieren, daß ich dies Bureau hier zusperren muß – oder zugesperrt vorfinde!« Cora steckte den Scheck ein und ergriff Garrats Hand. Sie führte sie an die Lippen, und Garrat ließ es zu. Cora sagte leise, ohne Garrat anzublicken: »Nehmen Sie sich das mit Ihrer Frau nicht zu sehr zu Herzen. Sie wissen, daß Sie eine gute Freundin haben.« »Gut, mein Kind,« sagte Garrat, »und nächstens machen wir uns wieder einen vergnügten Abend, wollen Sie? In die ›Gaiety‹ oder nach Brighton?« Cora klatschte in die Hände wie ein Kind. »Ja!« Sie ging zur Tür, öffnete sie und sprach in verändertem Tone, so daß die Mädchen an den Schreibmaschinen es hören konnten: »An Brooks ist also erst morgen zu telegraphieren?« »Ich denke, es wird nicht nötig sein,« sagte Garrat laut und rollte den Laden seines Schreibtischs geräuschvoll herunter. »Danke, Sir,« sagte Cora und zog die Türe zu hinter sich. Garrat nahm Hut und Ledertasche und machte sich auf den Heimweg. 29 Der Kingsway lag im vollen Sonnenschein des Mainachmittags da. Die breite Straße mit den weißen, neuen Häusern war ganz grell beleuchtet. Vom Strand aufwärts nach Holborn, und von Holborn hinunter zum Strand drängte die Menge. Geschäftsleute, Clerks, Bureaufräulein, die den Bahnen jenseits der Waterloobrücke, den Omnibussen und den Untergrundzügen zustrebten, um noch draußen, in den Vororten, wo sie wohnten, eine Stunde des Sonnenscheins zu ergattern. Garrat trat in den kühlen Schacht ein, der zur Untergrundbahn führte, fuhr vier Stockwerke tief unter das Straßenniveau. Mit saugendem Pfiff kam sein Zug heran. Er öffnete seine Ledertasche, entnahm einer kleinen Mappe einen Zeitungsausschnitt und begann zu lesen. Ringsum lasen die Leute die Abendblätter. Er hatte vergessen, sich ein Abendblatt zu kaufen. Er legte den Ausschnitt in die Tasche zurück und blickte vor sich hin. Ihm gegenüber saß ein junges Paar, der typische kleine Citybeamte mit seiner hübsch gekleideten jungen Frau, die ein schlafendes Baby auf dem Schoß trug. Über dem Paar war auf die Wand des Wagens ein mit roten Blumen umränderter Bibelspruch geklebt: »Heilige deine Tage und die Arbeit deiner Tage, so wird dein Leben ein Wohlgefallen sein dem Herrn.« Die junge Frau lehnte ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes, mit einem vollkommen ruhigen, sanften und glücklichen Ausdruck in ihrem müden und abgespannten Gesicht. Der Mann hatte seine erloschene Pfeife zwischen den behandschuhten Händen und blickte blinzelnd an Garrat vorbei auf die vorübersausende Kalkwand des Tunnels. Garrat dachte über Cora nach; in den letzten Monaten hatte das Mädchen dreimal so viel gebraucht als ihr Gehalt 30 betrug. Der Gedanke, daß sie das Geld irgendwem, vielleicht gar einem Manne, irgend jemand, von dessen Existenz Garrat keine Kenntnis hatte, geben könnte, irritierte Garrat bis zur Wut. Im Grunde war es ja absurd. Er hatte keine Verpflichtung gegen das Mädchen übernommen, nichts mit ihr erlebt, sie war so unschuldig, wie er es von seiner Tochter erwartet hätte, hätte er eine Tochter besessen. Aber sie war jung und lebte mir ihrer Mutter, wenn auch nicht im Elend, so doch in dürftigsten Verhältnissen. Zudem in einer schlechten Gegend, oben in Hackney. Das Mädchen hatte einen Hang zum Putz und zu Vergnügungen. Die Ringe! Was war denn das für eine Mutter, die diesen Hang zum Leichtsinn unterstützte? Er hörte Cora mit Zärtlichkeit von ihr reden; aber vielleicht hätte er selbst sie von unheilvollen Einflüssen befreien sollen? Im Bureau war sie leidlich fleißig und verriet kaufmännische Tüchtigkeit. Oft konnte er geradezu ihren Rat befolgen. Allerdings hatte er ihr die Vertrauensstelle erst eingeräumt, nachdem er einmal einen Abend in einem Theater und nachher im Restaurant in Piccadilly mit ihr verbracht hatte. Was hätte er tun sollen? Lieber sich auf den Straßen herumtreiben, als einen Abend allein mit der Frau daheim, die sich, schlecht gekämmt und in unordentlichem Aufzug von einem Zimmer ins andre, von einem Lehnstuhl zum andern schleppte! Starr und unverwandt blickte er auf den Bibelspruch oben an der Wand. »Heilige deiner Tage Arbeit . . . dein Leben ein Wohlgefallen . . .« Die junge Mutter schlief, leise gerüttelt von dem vorwärtsziehenden Wagen, an der Schulter des Mannes, der seine Lider leise öffnete und schloß, von der Müdigkeit 31 seiner Frau angesteckt. Das Baby schlief wie ein zusammengekrümmtes kleines Tier auf dem Schoße der Frau. Garrats Nachbar hatte eine Abendzeitung auf seinem Platze liegen lassen. Garrat nahm sie auf und las die Überschriften der Tagesereignisse. * »Caledonian Road!« Die Schaffner riefen sich den Namen der Station von einem Ende des Wagens zum andern zu. So oft Garrat die Worte an den Abenden zu hören bekam, bemächtigte sich seiner dasselbe, bitter durch die Kehle emporsteigende, rein körperliche Gefühl des Widerwillens. Er haßte die Gegend, zu der ihn der Aufzug vom Schacht der Bahn in die Höhe führte. Er haßte sie, durch die er hindurch mußte, wie sein Heim, das sein Ziel war. Diesen monotonen, grau und rot getünchten Teil des nördlichen Londons, mit seinen armseligen Häusern, seinen Speichern, Bahnviadukten, Gefängnissen und Schlachthäusern. Um die Zeit, da er abends nach Hause ging, rumpelten die schweren, eisenbeschlagenen Automobilwaggons, mit blökenden Schafen und brüllenden Rindern vollgepfropft, durch die Straße zum Viehmarkt hin. Arbeiterscharen strömten aus den Fabriken des Islington-Distrikts, aus den Magazinen der Bahnhöfe auf der andern Seite. Vor den Schnapsläden stauten sich Gruppen. Sie führten den Geruch von Teer und Abwässern mit sich, der aus den Färbereien durch die Luft des Abends schwelte. In den Nebengassen war's nicht besser; da wohnte eine bürgerliche Mittelklasse, die ihrem Erwerb in denselben Speichern, Viehschlachthäusern, Fabriken und Bahnmagazinen nachging. Öde und grau uniformiert durchschnitten die stillen Gassen mit ihren Reihenhäusern die 32 große Caledonische Chaussee. Er mußte durch die Mortonstraße, an deren Ende der kleine halbmondförmig gebaute, in leichter Biegung aufsteigende Morton-Crescent lag. Dort befand sich Garrats Häuschen, in der Mitte eines ebenso dürftigen und schlecht gepflegten, von Ruß und Kohlenstaub durchsetztem Nebel schmutziggrau gefärbten Gärtchens, wie alle die anderen Häuschen des »Halbmonds« auch. Eine häßliche kleine Kirche, aus Backsteinen gebaut, mit einer niederen Mauer umgeben, auf der kirchliche Ankündigungen klebten, bezeichnete die Ecke der Mortonstraße, in die er einzubiegen hatte, um nach Hause zu kommen. An der Ecke vor der Kirche mußte Garrat einen Hansom-Cab vorbeilassen, der in mäßigem Trab aus der Caledonianroad kommend, in eine der Seitengassen einbiegen wollte. Einen Schritt weit vor dem Rand des Trottoirs scheute plötzlich das Pferd des Gefährts. Aus dem Wagen schrillte Garrat, wie eine Rakete von Tönen, ein wildes Geschrei, das Gefauche einer wütenden Katze ins Gesicht. Garrat erblickte in dem Fahrzeug ein Kind, das eine große gelbe Katze mit gesträubtem Rücken und glimmenden Augen auf dem Schoße hielt. Und neben dem Kind – das erschrockne Gesicht, die weitgeöffneten, wie in Angst hervorquellenden Augen einer großen schlanken Frau unter breitem Sommerhut. Das Gesicht blickte ihn an, und er fühlte jählings, daß sein Blick ebenso starr wurde wie der Blick aus diesem Gesicht im Wagen. Oben auf dem Bock riß der Kutscher die Zügel an. Das Pferd bäumte sich. Die Insassen des Wagens wurden gegen die Rückwand zurückgeschleudert. Nur die Katze verharrte scheinbar reglos, die gewaltsame Bewegung des Gefährts mit dem geschmeidig federnden Gelenk parierend. 33 Während der Sekunde, die zwei Menschen brauchen, um sich in die Augen zu blicken, tönte der schrille Schrei des Tieres in unverminderter Höhe fort. Dann zog das Pferd, das die Peitsche bekam, an und galoppierte mit dem auf seinen zwei hohen Rädern schaukelnden Gefährt davon. Garrat blickte dem Hansom nach. Er hielt die Ledertasche mit beiden Armen an den Leib gepreßt. Als der Wagen schon um die Ecke der Mortonstraße und der kleinen Nevilgasse verschwunden war, blickte er ihm noch immer nach. Auge in Auge. Das Tiergeschrei gellend ins Ohr gebohrt. * »Gehen Sie jetzt, Frances!« sagte Mrs. Belle Garrat zum Dienstmädchen. Das Mädchen stand vor dem Spiegel und säuberte mit einem Fetzen Zeitungspapier die Brennschere. »Haben Sie die Spitzen angenäht? Das Kleid zurechtgelegt?« »Ja, Ma'am. Gute Nacht Ma'am.« »Amüsieren Sie sich, Frances!« »Jawohl, Ma'am.« Das Mädchen öffnete die Tür. »Frances!« »Ja, Ma'am?« »Sie bleiben heute nacht aus?« »Ja, Ma'am, ich gehe in sein Quartier mit ihm.« »Nun, wo treiben Sie sich da herum?« »Zuerst, da gehen wir zu meiner Tante, dann in ein Variété . . .« »Gehen Sie ins Tivoli, Frances, da soll es gut sein.« »Jawohl, Ma'am. Morgen abend muß er wieder nach Newmarket zurück. – Ma'am gehen wohl auch nicht allein aus heute? Ich meine, in Gesellschaft?« 34 Mrs. Garrat drehte sich um nach dem Mädchen, lachte, sprach kein Wort. »Nun, gute Nacht, Ma'am. Amüsieren Sie sich auch, Ma'am!« Frau Belle Garrat war fertig. Sie war nicht zufrieden mit ihrer Frisur. Hier und dort mußte sie noch etwas an der Lage des Haares ändern; eine Locke wollte nicht parieren, sie zerrte an ihr, tat sich weh. Sie ging zur Tür hinaus ins Speisezimmer hinunter, das im Erdgeschoß lag. Ihren langen hellblauen, fleckigen Frisiermantel hatte sie anbehalten. Sie fand das Zimmer leer. Ihr war's doch, als hätte sie die Tür zur Straße gehen gehört? Sie blickte in den Flur: da hing Garrats Hut. Er war zu Hause. Mrs. Garrat setzte sich an den Tisch. Frances hatte das Abendessen bereits aufgetragen. Mrs. Garrat hob die großen vernickelten Stürze von den Schüsseln, nahm vom Fleisch, vom Gemüse, goß sich aus den Sauceflaschen teerfarbige beizende Sauce über die Speisen, trank hastig zwei Gläser Rotwein und ließ alles nach ein paar Bissen stehn. Die Tür im Souterrain klappte zu; Frances ging. Darauf war es ganz still im Haus. Mrs. Garrat hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und sah vor sich hin. Plötzlich warf sie ihre Serviette zerknüllt in die Mitte des Tisches und lief die Treppe hinauf, zurück in ihr Schlafzimmer. Auf der Treppe kam ihr Garrat entgegen. Er kam aus seinem Zimmer. Sie verlangsamte ihre Schritte. »Guten Abend.« »Guten Abend.« Oben warf sie die Türe zu. Dr. Garrat hatte sich an den Eßtisch gesetzt. Er hatte seine Ledermappe mit heruntergebracht und aus dem 35 Portefeuille die Zeitungsausschnitte genommen. Einen lehnte er an sein Weinglas und versuchte zu lesen. Er bemerkte die Unordnung am Platze, den seine Frau verlassen hatte. Er stand auf, schob mit ruhiger Gebärde, aber mit einem Kraftaufwand, als wären es nicht Teller und Bestecke und nicht eine Serviette, sondern schwere Gegenstände, Steine und Sand, alles in die entfernteste Ecke des Tisches. Hierauf setzte er sich nieder und begann zu essen. Er hatte ein Kotelett methodisch in kleine Stücke zerschnitten, kaute und las. Als er den Zeitungsausschnitt das drittemal vom Anfang bis ans Ende durchgelesen hatte, ohne ein einziges Wort behalten zu haben, legte er das Blatt vom Glase fort, stand auf von seinem Platz und blieb mit gesenktem Kopf eine Weile ganz regungslos auf demselben Fleck stehn. Belle saß vor ihrem Toilettetisch und strich sich mit dem Karminstift über die Lippen. Das Fenster des Gemachs stand weit offen, und die Abendluft bewegte die verfärbten Schleifen der beiden grauen Lorbeerkränze, die rechts und links von einer großen kolorierten Photographie an der Wand über dem Spiegel hingen. Die Photographie stellte Mrs. Garrat in einer Art Pagentracht dar, in Trikots, Lockenperücke und Federhut. Ein Degen hing ihr zur Seite nieder, in den Händen hielt sie einen Zauberstab. Das Bild zeigte sie hübsch, jung und schlank gewachsen. Mrs. Garrat befestigte eine große Brosche, die eine Spinne aus Rubinen und Diamanten inmitten eines Netzes aus Goldstrahlen vorstellte, unter dem Ausschnitt ihres Gesellschaftskleides. Sie begab sich hinunter zu ihrem Mann. Er stand in der Mitte des Zimmers, den Kopf nach 36 der Tür zum Garten gewendet, die Hände auf dem Rücken und rührte sich nicht. »Ich habe Frances erlaubt, auszugehen. Ich komme heute spät heim. Ich bitte dich, das Licht im Flur nicht abzustellen.« Sie stand einige Schritte hinter Garrat und wartete. Der aber regte sich nicht. Die Linde im Garten trug ihre ersten hellgrünen Blätter, zart und hell zeichneten sie sich in der graublauen Luft über der Ziegelmauer ab. Wie schön das bißchen schüchterne Frühlingsgrün vor dem Haus! Belles Stimme kam näher an ihn heran, stieß an ihn. Garrat hörte die Frau in lautem Ton ein paar Worte sagen. Er wurde ihres Klanges bewußt, bemerkte an der Gleichheit ihres Schalles, daß die Frau Worte wiederholte, die sie eben erst gesagt haben mußte. Den Sinn der Worte erfaßte er nicht. Um so bewußter wurde er ihres Klanges. Im Nu hörte er, tief innen in sich, wieder diesen Laut erwachen, dieses Röcheln, leise und würgend, ein aufkollerndes Geräusch, das sich anhörte, als käme es von einem riesigen, schlafenden Hund auf der Erde neben ihm, oder besser: aus ihm selber herauf. Es war der metallische Klang in der Stimme dieser Frau, der ihn zu solch schwindliger, röchelnder Wut stachelte. Ehemals war es irgendeine Kleinigkeit gewesen. Die Art, wie sie den Löffel zum Munde zu führen, die Serviette lässig auf den Tisch zu werfen pflegte. Jetzt war es dieser Klang, der bare Klang ihrer Stimme. Er schrillte auf, weckte Schwingungen. Hätte er sie doch an sich vorbei quer durch den Raum flattern lassen können, diese Stimme, ohne ihr Widerstand entgegenzusetzen. Hätte er doch seine Seele beiseite stehen lassen können, so daß die Stimme sie nicht zu berühren vermocht hätte! 37 Er kannte diesen Klang. Er entströmte der Stimme dieses Weibes, das auf Beute losging. Es half Garrat nichts, daß er sich abseits stellte. Der Klang ging mitten durch ihn. Belle Garrat trat in die Tür zum Garten. Was gab's denn dort draußen? Daß er so starr und entgeistert vor sich hin glotzte? Sie entdeckte nichts dort draußen im Garten. Sie drehte sich um und blickte Garrat ins Gesicht. Garrat sah sie an. Sie war unnatürlich eng geschnürt. Ihre Brüste zusammengepreßt. Das rötliche Fleisch stark gepudert, das gealterte Gesicht rosig geschminkt unter gebrannten Locken, die in die Stirn hingen. Er sah die Frau aufmerksam an und wandte sich zur Flurtür. Belle holte ihn ein. Sie stemmte den Arm in die Hüfte. »Ich kenne diese Miene, diesen stillen Vorwurf! Weil ich Freunde habe und weil ich mich wohlfühle unter Freunden? Warum sitzest du Abend für Abend allein da! Telephoniere an Waterton! . . .« Garrat drehte den Kopf nach ihr, maß sie mit einem Blick. »Schamlos.« »Was denn!« schrie sie auf. »Jawohl – Waterton! Schreib dir's selbst zu. Glaubst du, ich lasse mich wie eine alte Frau behandeln? Mein vergrämtes und bekümmertes Gesicht, dem man die Ehejahre mit dir ansieht, stempelt mich in deinen Augen zum alten Weib? Dir bereitet es Genugtuung, mich so hinzustellen vor deinen Leuten. Und mir bereitet es Genugtuung, ihnen das Gegenteil zu beweisen – da!« Garrat hatte die Klinke in der Hand. »Du wirst das Licht im Flur brennend finden, so spät du auch kommen magst. Die Magd verläßt morgen das Haus. Ich habe genug mit einer Dirne hier.« Belle rührte sich nicht. 38 Garrat öffnete die Tür: »Ich bitte dich – geh jetzt. Ich habe zu tun, möchte allein sein.« Belle ging zur Tür, schlug sie zu, lehnte sich gegen sie. »Ich werde dir etwas sagen. Nicht meinetwegen hast du keinen Freund mehr, sogar die letzten verloren, Willoughby, Evell. Hättest du Verstand und wärst ein Mann, du könntest es dir sagen, daß mit einem Quacksalber deinesgleichen keiner zu tun haben will. Daß sie dich aus deinem Ärzteklub hinauskomplimentiert haben, daran war vielleicht auch ich schuld? An mir hast du's auf alle Fälle ausgelassen! Schamlos? . . . pfui.« Garrat schob sie von der Tür weg, verließ das Zimmer. Auf der Treppe noch hörte er ihr hysterisches Gekeif, Stuhlstoßen, Tellerdurcheinanderwerfen. Auf der Treppe, schon oben, machte er kehrt, um die Zeitungsausschnitte zu holen. Er fand sie im Eßzimmer auf dem Boden verstreut. Er bückte sich, begann sie aufzulesen. Ein Lackschuh stieß das Papierblatt beiseite, stieß an seine Hand, die nach dem Blatt langte. Garrat schnellte empor. Seine Hände griffen in die nackten Arme der Frau. Belle schossen Tränen in die Augen. Sie und der Mann standen, ein wenig zur Seite gekrümmt, zwei Ringer, Körper an Körper. »Es ist zu spät zu Vorwürfen. Wir sind beide so tief heruntergekommen, daß es tiefer nicht mehr geht. Hättest du mir deinen Abschaum aus den Variétés nicht hierher in mein Ordinationszimmer geschleppt, ich hätte nicht alles auf einmal über den Haufen geworfen. Wäre ich ein anderer, hättest du nicht, alt und gemein, wie du bist, dorthin geraten müssen, wohin du geraten bist. Geh, geh geschwind. Ich kenne den Weg, den du gehst. Es braucht nicht Waterton zu sein. Geh mit welchem Schurken du willst.« Er ließ sie los. 39 Ihre Arme zitterten. Garrat säuberte seine Hände vom Puder mit der Serviette, die von der Tischkante herunterhing. »Wie sehe ich aus,« sagte die Frau in der Ecke des Zimmers zu sich. »Wie hat das Tier mich zugerichtet.« Plötzlich warf sie beide Arme nach hinten, schrillte aus voller Kehle, mit weit vorgestrecktem Oberkörper dem Mann ein paar Worte ins Gesicht, unflätige, die das Echo des Zimmers gellend von Wand zu Wand warf. Sprang rasend an ihn heran, griff in seine Haare, zerrte an seinem Bart, bis er sie mit einer Gebärde von sich warf, daß sie taumelnd an den Tisch flog. »Gut, daß du's weißt, wohin ich gehe. Meinetwegen lösche das Licht im Flur. Adieu.« Er hörte sie eine Weile über seinem Kopf im Zimmer stampfen. Ein Stuhl schlug hin. Ein Stuhl wurde zum Schrank gerückt. Jetzt knirschte der Fußboden oben: nun stieg sie auf den Stuhl, holte die Reisetasche vom Schrank, sprang vom Stuhl auf den Boden. Später dröhnte die Gassentür, klirrte das Eisentor im Gitter. Schritte hallten sich entfernend durch die Stille. Garrat zündete die Lampe an, stopfte Tabak in seine Pfeife und nahm die Zeitungsausschnitte zur Hand. * Aus welchem Grund begeht man Selbstmord? Garrat klopfte an der Treppenstufe zum Garten den Aschenrest aus seiner Pfeife und begann längs des Eßtisches auf und ab zu gehen. Nicht aus einem Grund allein, das war sicher. Das Leben ist ein Zimmer mit vielen Türen. Erst wenn die letzte unwiderruflich verbarrikadiert ist und nicht mehr geöffnet werden kann, macht der Gefangene ein Ende. Jeder einzelne Grund aber muß langen, um ein Leben 40 ganz unerträglich zu machen. Auch dies stand fest. Garrat schloß die Tür zum Garten. Unter der Lampe lag ein Blatt: » Die Wahrheit über:   Antikamnia, Masons Krebspillen, Dr. Oldports System. Antikamnia enthält: Acetanilid. Masons Krebspillen: Vitriol, Stärke und Zucker. Dr. Oldports System zur Heilung der Morphiumsucht: Morphin. Aus den Kreisen unsrer Leser treffen unausgesetzt Briefe ein, in denen wir bestürmt werden, unser Gutachten über diese neuen, aus Amerika eingeführten Heilmittel abzugeben. Wir haben unsern Mitarbeiter, Dr. O. P. Purdy, den bewährten Chemiker, beauftragt, eine Analyse dieser ›Kurmittel‹, die in ihren grellen orangeregenbogenfarbigen und hellgrünen Packungen die Schaufenster auch der besseren Chemikaliengeschäfte der Stadt, namentlich der äußern Stadtviertel, überschwemmen, vorzunehmen, und das Resultat ist oben verzeichnet. All diese Präparate enthalten gesundheitsschädliche Substanzen, zum Teil gefährlichster Art, und ihnen allen ist eine und dieselbe Wirkung eigen, sie wirken auf das Herz stimulierend und täuschen dem Kranken eine momentane Hebung des Gesamtzustandes seines Organismus vor. Ein Trug, der nur allzu rasch zerrinnt, und hinter der Maske der Gesundung grinst der Totenschädel den Betrognen an. Wie lange wird noch unser Gesundheitsamt diesem Unfug untätig zusehen? Die Vertriebsstelle all dieser Präparate, die aus Neuyork, Kansas City und Cincinnati zu uns herüberkommen, befindet sich in London, am Kingsway, und 41 ist unserm Mitarbeiter seit längerer Zeit bekannt. Wir werden im Interesse der leidenden Menschheit und des Wohles unsres Volkes die Angelegenheit nicht aus den Augen verlieren. – Heute nur so viel: Hütet euch vor:  Antikamnia, Masons Krebspillen, Dr. Oldports System. Sie sind allesamt aus des Teufels Küche hervorgegangen!« Der Ausschnitt trug den Stempel des Bureaus »Argus«, bei dem Garrat abonniert war, und er stammte aus der Sonntagsnummer der populären, in einer Riesenauflage erscheinenden »Londoner Chronik«. Das Blatt lag zuoberst auf dem Haufen von Ausschnitten, in denen aber, weil die Berichte von Garrat selbst in die Zeitungen gesetzt waren, Günstiges über Antikamnia, die Krebspillen und Dr. Oldports System ausgesagt wurde und zahlreiche Dankschreiben aus England und den Kolonien, die Garrat fertig in einem Posten von 500 Stück von einem Agenten gekauft hatte, abgedruckt standen. Was weiter? Die Welt betrügen! Tat er das etwa erst, seit er Patentmedizin verkaufte? Als er noch Arzt gewesen und die Leute einzeln zu ihm gekommen waren, um Heilung bei ihm zu suchen, die seine vom Staat und der Gesellschaft beglaubigte Weisheit gewährleistete, war er da etwa weniger Charlatan gewesen als heute? Es war kein so weiter Schritt vom Arzt zum Quacksalber, nur vielleicht ein Schritt von der Oberfläche weg. Und plötzlich fiel ihm dies ein: daß Belle doch ähnliches tat, wenn sie vor Waterton und wer weiß wem noch die jugendlichen Formen ihres Körpers entblößte, damit sie 42 nicht nach ihrem abgelebten und verfallenen Gesicht für ein altes Weib gehalten werde. Die Aufrichtigkeit der Dirne und die Aufrichtigkeit des Charlatans . . . Er versuchte nicht einmal, diesen Gedanken zu Ende zu denken; Schmerz und Wut würgten an seiner Kehle. Jawohl – man konnte sich in Verhältnisse finden, die das Gewissen schwer ertrug, unter denen es fast zusammenbrach. In Demütigungen tiefster Art, vielleicht in die endgültige Erniedrigung. Schwerer war es schon, die Gegenwart eines verabscheuten Menschen Tag für Tag zu erdulden, den Klang seiner Stimme. Am schwersten aber beides zugleich: denn wie war das zu ertragen: der Krampf der Sinne aus Haß, Verachtung und versteckter Begierde, der ihn befiel, sooft er mit dieser Frau aneinandergeriet, in diesem Haus, in dem sie allein wohnten, ohne Kinder, ohne das Glück des Heims zu empfinden? Das Bewußtsein, daß er mit seinen Instinkten nicht von ihr loskommen könne, nicht im Augenblick, in dem er aus Zorn und Rachsucht handgemein mit ihr wurde, und auch dann nicht, wenn er wußte, sie sei auf Abenteuer aus, und er wie ein Hund auf ihrer Fährte hinterdrein spürte . . . Warum töten sich Menschen? Garrat war der letzte Selbstmord, der sich in seinem Bekanntenkreise ereignet hatte, noch gut im Gedächtnis geblieben. Es war ein furchtbarer Vorfall, er hatte sich in Kent auf einem Landgut abgespielt. Dr. Hobhouse, ein Mitglied des Klubs, hatte sich mit Petroleum übergossen und angezündet. Er hatte an einer unheilbaren Krankheit gelitten, und das Gerichtsprotokoll sprach von Geistesgestörtheit im Augenblick des Selbstmords. Nach einem Vortrag im Klub, dem letzten, dem Garrat als Mitglied beigewohnt hatte, war man in eine Diskussion über den Fall Hobhouse eingetreten. Welche Gründe 43 hatte denn ein Arzt, gerade ein Arzt, sich auf so grausame, unvernünftig qualvolle Weise den Garaus zu machen? Man war übereingekommen, daß gerade das Übermaß der Schmerzen körperlicher Art oder der moralischen Pein das Individuum verführen konnte, wohl aus einem transzendentalen Bedürfnis nach Vergeltung, seinen Körper ganz und auf gründlichste Weise zu vertilgen. Garrat fühlte kalte Tropfen auf seiner Stirne, als er an diese Dinge dachte. Er trocknete seine Stirn, öffnete die Tür zum Garten, holte einigemal tief und methodisch Atem und führte sich zur Beruhigung zurück. Aus der Nachbarvilla tönte die Melodie eines Walzers herüber, von der Pianola gespielt. Garrat hörte zu, die Hände in den Taschen. Dann ging er in sein Zimmer hinauf und öffnete ein Fach seines Schreibtisches, in dem sich ein kleines eisernes Safe mit Geheimdokumenten befand. Der Schlüssel drehte sich weich im Schloß des Eisenkastens. Nach kurzem Suchen hatte er das Dokument gefunden. Es schilderte die Symptome eines Todesfalls, der durch eine allzu scharfe Dosis von Masons Krebspillen verursacht war, und enthielt außerdem die Weisung der Cincinnatier Gesellschaft an die Vertriebsstellen, wie sie sich bei ähnlichen Vorkommnissen den Gerichtsärzten gegenüber zu verhalten hätten. Die Symptome ließen sich auf eine Nierenerkrankung umdeuten, der Zersetzungsprozeß des Blutes war ein ähnlicher. Die Formel des Befundes und die Aufreihung der Bestandteile, aus denen die Pillen hergestellt waren, lagen dem Dokument bei. Garrat brauchte bloß in das Laboratorium im Ostteil der Stadt zu fahren, das er dort unter einem falschen Namen unterhielt, um sich alles, was er brauchte, zu beschaffen, in geringer oder in gewaltiger Menge, zu langsamem, beschleunigtem oder zu blitzgleichem Ablauf. 44 Er hatte Licht gemacht und saß, mit der Eisenkassette auf den Knien, in der Mitte des Zimmers. Als er vor sich hinsah, erblickte er im Spiegel sein Gesicht mit einer blutigen Nagelspur an der Nasenwurzel. Er legte die Kassette zurück und trat vor den Spiegel. Er schüttelte den Kopf, schloß die Augen, konnte den Anblick seines Spiegelbildes nicht ertragen. Nein, keinen Augenblick länger. Er sah Cora Strattons erschrocknes Gesicht vor sich, morgen früh, im Bureau, sobald sie seiner ansichtig wurde. Einmal schon, vor Monaten, hatte sie ihm mit ihrem Tüchlein einen kleinen, von einer Kratzwunde stammenden Blutfleck aus dem Gesicht gewischt, es mußte offenbar eine Kratzwunde sein, denn unter das Augenlid kam ja das Rasiermesser nicht . . . Ein röchelnder Laut kollerte durch die Stille des Zimmers, Scham und Wut. Konnte er, ein Mann in seinen Jahren, sich wieder daraufhin ausreden, daß er mit der Katze gespielt habe? Garrat blieb stehen und blickte zur Seite, mit einer plötzlichen Bewegung, als sähe er jählings etwas, einen Schatten über den Boden gleiten. Auf einmal fiel es ihm ein, erinnerte er sich, wußte er. Sie hatte sich nicht sehr verändert. Das Kind an ihrer Seite im Wagen, das die schreiende Katze auf dem Schoße hielt, war wohl ihr Kind. Daß sie längst geheiratet hatte, war ihm ja bekannt. Auch, daß sie in den Kolonien wohnte. Wo? und wie sie hieß? Wie der Name ihres Mannes lautete, wußte er nicht. Sie war's . . . das war sicher! Jetzt sah er, erlebte er die ganze Szene wieder, die, in dem Augenblick, da er das Haus betreten hatte, wie mit einem Schwamm aus seinem Bewußtsein fortgewischt, verschwunden war. 45 Adela Bourke! Das war ihr Name gewesen. Er glaubte – nein, er wußte es, irgendwo mußte eine Photographie von ihr noch unter seinen Briefschaften, alten Erinnerungen liegen. Ja, eine Photographie, auf der er mit ihr und mit andern jungen Leuten aufgenommen sein mußte – auf einem Hausboot bei Maidenhead, an einem Maitag, vor Jahren, ja, so war's! Garrat durchsuchte die Kassette, fand aber das Bild nicht. Daß es Adela Bourke war, stand fest. Er nahm das Schreiben der Cincinnatier zu sich, verschloß die Kassette, löschte das Licht aus und begab sich hinunter ins Speisezimmer. Vom Garten her tönte die Pianola immer noch ins Zimmer herein. Er sah sich um in diesem Zimmer. Sein Heim. Der Schmutz ringsum. Diese Einsamkeit. Draußen eine Mainacht. Die andern lebten. Auf den Hausbooten der Themse tanzten fröhliche Menschen, die Ketten bunter Lampions spiegelten sich im Strom. Was war das Leben geworden. Was hatte er aus dem Leben gemacht! Was hatten sie alle aus seinem Leben gemacht! Was hätte aus dem Leben werden können, wäre er ihr, deren Gegenwart nicht aus diesem Raum, in dem er doch allein war, weichen wollte, nie begegnet. Was hatte sie aus seinem Leben gemacht . . . Und dann dachte er an diesen Augenblick, an jetzt. Wo war sie? In welchen Winkeln drückte sie sich herum und mit wem? Sie besaß ja nicht einmal mehr die primitive Scham, unhörbar, auf Zehenspitzen, sich davonzuschleichen, wenn sie bei Nacht und Nebel auszog. Das nächstemal wird sie die Mühe scheuen, das Haus zu verlassen, und ihre Liebhaber werden hier unter seinen Augen aufmarschieren . . . 46 Gewiß hatten Menschen sich schon aus Scham ums Leben gebracht. Nicht so sehr, weil sie sich vor den andern schämten, sondern aus Scham über ihre eigne Schwäche, vor sich selber! Garrat stürzte ins Vorzimmer, griff nach Hut und Stock. Erst vor der Kirche, an der Ecke der Mortonstreet kam er ganz zur Besinnung. Nein – Gott mit dir – diesmal nicht. – Er kehrte ins Haus zurück. Aus dem Schlafzimmer im oberen Stockwerk holte er die Kassette; aus einem kleinen Aktenschrank eine Mappe mit Briefen, Rechnungen, ein altes Tagebuch, ein Notizheft, in dem die hauptsächlichsten Posten aus seinen Geschäftsbüchern, kurz skizziert, sowie eine Liste der Dokumente, Kontrakte und Inventare, die er ebenfalls im Bureau verwahrte, aufgezeichnet stand. Mit all diesem ging er ins Eßzimmer hinunter, zog die Vorhänge zu und setzte sich an den Tisch, den er vorher abgeräumt hatte. Um vier Uhr nachts stand er auf. Belle war noch nicht zurück. Aber er dachte nicht daran, daß sie nicht zurückgekehrt sei. Mit klarem Kopf und in vollkommener Ruhe ging Garrat in sein Zimmer hinauf und zu Bett. * Der Hansom hielt vor dem Gitter eines Hauses, des Eckhauses einer langen Reihe ganz gleichhoher Häuser, die auf einen kleinen Wiesenpark blickten. Mrs. Malone stieg aus und streckte die Hand nach Sheila aus, die sich aber nicht von ihrem Platze rühren wollte. Das Kind hatte die Katze auf dem Schoß. Das Tier hatte sich bereits beruhigt, es lag reglos mit geschlossenen hellblauen Lidern, zu einem Kreis gekrümmt, groß und schwer auf den Knien des Kindes. 47 Sheila machte keine Anstalten, auszusteigen; sie blickte ihre Mutter an und sagte: »Es ist besser, du gehst allein. Sie hat etwas gesehn, mag sein! Wir warten hier auf dich. Komme bald zurück, Mammy!« Mrs. Malone sprach hinauf zum Kutschbock. »Geben Sie bitte acht auf das Kind!« Der Kutscher führte den Zeigefinger an den Zylinder, murmelte etwas und öffnete die Klappe im Dach des Wagens, das hieß: schon recht, ich behalte den Gast im Auge. Eine kleine alte Frau in Pflegerinnentracht öffnete die Gittertür und frug Adela, was sie wünsche. Eine Konsultation, eine Sitzung mit Madame! Die Zeit sei außergewöhnlich – Madame sitze beim Abendessen! Adela wollte geduldig warten. Die Alte führte sie ins Haus. Im Hintertrakt des Erdgeschosses waren ein paar kleine Zimmer, jedes mit eignem Eingang, in jedem ein Stuhl und ein Tisch. Jetzt standen die Türen aller dieser Zimmer offen, die Besuchszeit war vorüber. In einem nahm Adela Platz. Die Alte kam zurück: Madame wäre bereit, die Dame zu empfangen. Eine Viertelstunde später wurde Adela in ein stockfinsteres Zimmer geführt, an dessen Schwelle sie stehenblieb. Ein Licht glühte auf und Adela gewahrte eine große, knochige Gestalt in dem Schein. Sie stand in der Mitte des geräumigen Zimmers, vor einem ovalen Tischchen, auf dem eine sehr niedere Lampe war. Die Lampe hatte einen dichten grünen Schirm, der das Licht der Glühbirne auf der Tischplatte sammelte und nur einen geringen Umkreis erhellte. Von der Frau waren bloß die Hüften und eine herabhängende Hand zu sehn, eine derbe Männerhand mit kurzen runden Nägeln und starken Adern auf 48 dem Handrücken. Die Hand machte im Lichtkreis eine einladende Bewegung, und Adela kam näher. Als sie einander gegenübersaßen und die Frau Adelas Hände in den ihren hielt, waren nur diese beiden Händepaare beleuchtet, die Gesichter im Schatten. »Ihre Hände sind ja ganz kalt!« sagte Mme. d'Endore in fast vorwurfsvollem Ton. »Sie haben einen Schreck erlebt! Oder flöße ich Ihnen solche Angst ein? Nun, dazu ist keine Ursache!« Sie preßte Adelas Hände einigemal fest in den ihren, wie um sich von ihrer Konsistenz zu überzeugen, schob dann Adelas Rechte vom Tisch und drehte die Linke mit der Handfläche nach oben. »Nein, keine Ursache,« wiederholte sie gedehnt und aufmerksam. »Und da –« sie zeigte auf einen Punkt in der Mitte der Handfläche, am Zusammenlauf zweier Linien, »da ist ja ein Fleck! Zu den Gesündesten gehören Sie nicht! Der Fleck ist nicht in der Haut, der kommt aus dem Blut. Sie haben zwei schwere Krankheiten gehabt, eine als Kind, warten Sie, es war keine Kinderkrankheit – ich weiß nicht genau, was, aber mit dem Gehirn hängt es zusammen, und eine in der Pubertätszeit, da war's das Herz. Außerdem – hatten Sie nicht Schwierigkeiten mit der Milch, mit den Brustwarzen?« Adela bejahte. »Ja, sehen Sie!« sagte die d'Endore lebhaft. »Ich weiß es!« Nach einer Weile fuhr sie rasch plappernd fort: »Sie liegen gern lang im Bett bis in den Morgen hinein, in den Vormittag? Das schadet Ihnen! Ja, schade, man muß seine Energie pflegen, wie die Zähne, die Nägel, den Teint, die Haare! Das ist viel wichtiger – es gibt im Orient eine ganze Lehre darüber, eine Methode, die ist so tief begründet wie die rituellen Vorschriften im Alten Testament! Ja! Man braucht einen Willen im Leben. 49 Aber natürlich kann man einem da keine Lektionen erteilen, so was kommt aus einem selbst oder gar nicht. Überhaupt Leute mit Phantasie wie Sie – Sie haben da eine wunderbare Linie – parfaitement! Une ligne merveilleuse - mais tout à fait merveilleuse. Sie hätten sich ausbilden sollen, vielleicht Künstlerin werden, aber dazu gehört Energie, Ausdauer! Jetzt ist's vielleicht zu spät. Irgendwo, irgendwer hat Ihre Energie gebrochen, vielleicht ist Ihnen das in der Ehe passiert. Sie waren zweimal verheiratet!« »Nein.« »So – aber ich sehe hier zwei Männer – nun, vielleicht liegt die zweite Ehe in der Zukunft, ich sehe da eine Abzweigung, eine Gabel. Ja, genau: zwei Männer.« Sie hatte Adelas Hand losgelassen und eine kleine Lupe, die an einer Kette von der Tischplatte herunterhing, in die Hand genommen. Aber sie legte, sobald sie die Hand oberflächlich besichtigt hatte, die Lupe wieder weg und starrte ins Licht der Lampe, als sähe sie dort etwas sich abspielen. Und wirklich, sie sah dort etwas, denn sie sprach weiter, als gäbe sie eine Vision wieder, die vor ihren Augen entstand und da war. »Ihre Phantasie, das ist Ihre Feindin! Sie ist es immer, wenn das Herz nicht so will wie das Hirn. Dies ist bei Ihnen der Fall. Sie werden hin und her gerissen, das ist sicher. Einmal haben Sie jemand das Leben gerettet. Ihres hätten Sie dabei um ein Haar verloren. Und gedankt hat's Ihnen niemand, der Gerettete vor allen Dingen nicht. War's ein Kind? Nein – schweigen Sie, sagen Sie es nicht – ich sehe, es war etwas Haariges – ein Hund?« »Der kleine Affe meiner Mutter! Er fiel in den Bach vor unserm Haus.« »Hüten Sie sich vor allzu großem Mitleid. Man soll sich an Menschen, an Tiere nicht allzu sehr hingeben. Das 50 Wasser – einmal sind Sie ihm entronnen – aber ich sehe, es wird Ihnen noch Gefahr bringen. Kein fließendes Wasser – das Meer! Aber auch nicht der Kanal und kein Strand, ein sehr weites, offenes – eine Seereise, viele Tage – hüten Sie sich!« »Ich bin aus Australien . . .« »Ich habe es gesehn!« sagte Mme. d'Endore. »Nun, eine Seereise, sehr bald – das ist eine Drohung hier. Können Sie sie verschieben? Sie sind gewarnt!« »Ich kann sie verschieben.« »Dann ist es gut, denn sie stand Ihnen unmittelbar bevor, soviel ich sah . . . Nein – Sie können sie nicht verschieben. Nun – Sie müssen Ihre Energie entwickeln! Vielleicht glauben Sie, Sie müssen in Geschäften zurück und werden sich doch noch in letzter Stunde entschließen! Sie haben da eine wunderschöne Linie – Geld! Erfolg! Wirklich wunderbar – Sie sind eine reiche Frau! Viel Geld – schon in naher Zukunft – aber Sie lieben die Einfachheit, sind anspruchslos, machen sich nicht viel aus Reichtum? Nun, um so besser. Das ist Ihre Sache! Ich, für mein Teil – nun ja, vielleicht liegt bei Ihnen dies alles an Ihrer schwankenden Willenskraft! Ich wünsche mir immer so viel Geld, wie ich überhaupt haben kann. Man soll so viel Geld behalten wie möglich, sonst haben es die andern. Ja – irgendwo muß es ja bleiben, da sagt man sich: warum nicht bei mir?« »Können Sie mir sagen, an wen ich eben denke?« »Hören Sie, ich bin noch lange nicht mit Ihnen fertig. Aber ja, ich sehe, es steht jemand neben Ihnen. In Ihren Gedanken.« »Ja, was ist mit ihm?« »Es ist kein Er!« »Kein Mann?« »Nein – vielleicht denken Sie an jemand, den ich nicht 51 sehe! – Ich sehe jemand, an den Sie noch nicht denken, vielleicht nicht denken können!« »Wie sieht die Person aus, die Sie sehen, Madame?« »Sie werden jemand begegnen . . .« »Nein, ich bin jemand begegnet, an den denke ich, es ist ein Er!« »Sie werden jemand . . . es droht Ihnen Gefahr . . . vielleicht auf der Seereise! Es hängt mit der Reise zusammen. Sie sind gewarnt!« »Können Sie mir über das Schicksal der Person etwas sagen?« »Es steht Ihr Schicksal im Wege. Ich sehe nur Ihres. Aber jetzt sehe ich auch einen Mann, durch Sie hindurch. Er trägt einen breiten Hut mit herabhängender Krempe und hat einen schwarzen Bart, aber eng um das Gesicht geschnitten. Wie ein Mönch – kein Engländer . . .« Adela schüttelte den Kopf. »Ich weiß von niemand, der so aussieht . . .« »Nun, Sie sind gewarnt. In der Liebe verläßt Sie das Glück, das Sie in Geschäften haben oder haben könnten! Das hängt auch mit Ihrer Willenskraft zusammen!« »Werde ich meine Mutter lange behalten?« »Ja – lange – aber ich weiß nicht, ob Sie sie wiedersehen werden . . . es ist eine Reise dazwischen, das Meer, da droht Ihnen ein Verhängnis! Müssen Sie denn reisen? Nun, Sie geben auf Geschäfte nichts, was kann Sie denn zwingen? Es ist auch kein Schiffbruch, der Ihnen bevorsteht – es ist nur die Reise!« »Also Sie können mir nichts über den Menschen sagen, an den ich beständig denke?« »Nein, ich sehe jemand, einmal deutlicher, einmal undeutlich, an den Sie nicht denken, der aber beständig bei Ihnen ist. Kein Er!« »Also eine Frau? Meine Mutter?« 52 »Nein, Ihre Mutter kann sie nicht sein . . . nein, das ist traurig . . . Hüten Sie sich vor Übermüdung, Ihr Gehirn ist nicht sehr stark – ich sah das, in Ihrer Jugend, vielleicht ist das der Grund Ihrer Energielosigkeit . . . Ihr Herz ist reizbar, gleich spielt Ihre Phantasie ihr Spiel mit Ihnen, es genügt ein leichter Anreiz . . . Lassen Sie sehn!« Sie holte ein Päckchen Karten, legte eine Reihe aus. »Ich wußte es ja: Saturn und Jupiter. Vous n'êtes pas venue volontairement! Der Mond hat Einfluß auf Sie – bei abnehmendem Mond passieren Ihnen Unglücksfälle. Nun, hoffentlich schlägt Ihnen diese Stunde bei mir zum Besten aus, es ist nämlich heute letztes Viertel . . .« »Kann man nichts gegen Einflüsse tun?« »Energie – Energie. Aber Sie sehen, unsre Kunst ist hinfällig, die Linien verändern sich, die Vision ist einmal deutlicher, einmal verschwommen . . .« »Aber die Karten, die Hand!« »Behelf, Madame, Behelf! Wir sehen ganz anderes, wenn wir auch unsre Aufmerksamkeit auf die Hand, auf die Kartenreihe sammeln. Sehen Sie diese Lampe? Hier unten ist Licht, darüber Dunkelheit. Wir schauen ins Licht nur, um dann oben im Dunkeln die wirklichen Dinge zu erblicken. Wir sehen im Dunkeln, aber nur, wenn unsre Augen vom Licht voll sind!« »Was soll man tun, wenn man vor Entscheidungen steht?« »Nicht auf uns hören!! Sie werden das Richtige finden, wenn Sie Ihre Kraft, die in Ihnen schlummert, entwickeln. Tragen Sie einen Amethyst! Das hilft!« »Sie sagten mir, ich werde jemand begegnen. Was ist mit dem?« »Ich kann nichts mehr sehn! Sie sind beide weg, der Fremde und Sie. Ich bin müde!« 53 Mme. d'Endore stand auf. Adela öffnete ihr Täschchen, legte ein Goldstück auf den Tisch. Mme d'Endore schob das Goldstück in ihre Tasche und ging zur Tür. Nach einigen Schritten blieb sie stehn. »Was ist das für ein Parfüm, das Sie haben?« »Heliotrop!« »Ja, ich rieche es. Aber noch etwas: ein Tiergeruch schlägt durch. Sie haben einen Liebling, eine Katze?« »Ja, ich habe eine Katze aus Australien mitgebracht . . .« sagte Adela. Mme. d'Endore verzog ihr Gesicht. »O das ist nicht gut! Tiere soll man nicht um sich haben, Tiere bringen fremde Geister mit, Tiere haben Geister um sich, die die Menschen benutzen! Wir müssen gehorchen und wissen nicht, wem. Etwas Fremdem! Tiere sind unheimlich – brrr!« Adela lächelte und reichte, schon im Flur, Madame die Hand. Mme. d'Endore begleitete sie zur Tür. »Nehmen Sie die Katze nicht mit auf die Seereise – so hängt es zusammen!« Adela fuhr mit Sheila und Feuer heim. * Der Hansom nahm denselben Weg, den er gekommen war. An der Ecke von Mortonstreet, vor der Kirche, stand eine Frau und winkte dem Kutscher, war aber enttäuscht, als sie in den Wagen blickte und sah, daß Leute drin saßen. Die Frau hatte einen großen Hut mit weißen Rosen auf dem Lockenhaar, unter dem Abendmantel blitzten hohe geschnürte Lackstiefel hervor. In der Hand trug sie eine kleine Reisetasche aus grünem Saffianleder. Sie blickte in den Wagen, Adela gewahrte ein geschminktes Gesicht, mit Kohlenstrichen umränderte Augen. – Die Pensionäre von Miß West hielten mit ihren Bemerkungen nicht zurück. Sie sah ja ganz verändert aus, 54 Mrs. Malone. Ihre Wangen hatten Farbe bekommen, sie war mit so jugendlichen Schritten zwischen ihnen durch und die Treppe hinaufgeeilt, mit der Kleinen und ihrer unzertrennlichen Freundin, der Katze! Ja, sie hatte gelächelt! Das waren sie an ihr gar nicht gewohnt. Miß Dalmayne lachte laut auf: »Dieses Kind Sheila! Haben Sie sie beobachtet? Sie benahm sich, als wäre sie von den beiden die Gesetztere!« Ja, die Damen hatten es gesehn, das Kind war ernst und verzog keine Miene, es hatte nur gemessen genickt, als es zwischen den Damen, die im Flur und in der offnen Tür des Musikzimmers standen, durchgeschritten war. Die Damen folgten Miß Dalmayne, die ihnen heute ihr Konzertprogramm vorsingen wollte. Ach ja, das Programm dieses Konzerts, das nicht zustande kommen wollte! Miß West verschwand in der Küche und bald darauf brachte Rebecka Mrs. Malone, Sheila und der Katze ihr verspätetes Abendbrot aufs Zimmer. Adela saß an ihrem Schreibtisch und schrieb. Sie hatte einen Bronzeanker auf das Papier gelegt, weil sie es mit der Linken nicht zu halten pflegte, sondern das Kinn in die Handfläche gestützt hielt, während sie schrieb. Sheila hatte der Mutter ihren Beifall geäußert, als diese ihr mitteilte, daß sie nun doch an Papa schreiben wollte. Der Brief an Malone war nur kurz. Ebenso kurz war der Brief, den sie an ihren Rechtsanwalt in Melbourne richtete – er enthielt die bündige Aufforderung zur Einleitung aller Schritte, die notwendig waren, um eine Scheidung der Ehe von Michael Malone durchzuführen. Das Material hatte Mrs. Bourke in Händen. Morgen früh wollte Adela ihrer Mutter kabeln: daß die briefliche Autorisation unterwegs sei. Sie schloß die Briefe, siegelte sie, was sie sonst selten tat, und lief mit ihnen selbst hinunter, um sie eigenhändig 55 in den Postkasten, drei Häuser weit von Miß Wests Haus, zu werfen. Auf den Stufen der kleinen Freitreppe zwischen den Säulen begegnete ihr, als sie hinauflief, Herr Lucas, der soeben das Haus verlassen wollte. Er zog den Hut und machte mit komisch wirkendem Erschrecken einen Bogen um Adela, um ihr den Platz frei zu geben vor der Türe. Sie lächelte, wollte ein Wort sagen, aber Herr Lucas war schon fort. Erst oben im Zimmer fiel ihr ein: er sah ja ganz wie ein Italiener aus. Gar nicht wie ein Engländer. Oft hörte sie ihn nebenan in seinem Zimmer laut sprechen. Es klang aber weder englisch noch italienisch. Sie wollte sich bei ihm einmal erkundigen, welcher Nation er eigentlich angehöre. Sie blieb noch lange wach. Die Nacht war finster auf dem Nachtigallenplatz. Durchs offne Fenster drang in Wellen das rumorende Geräusch des nächtigen Londons herüber. Sie wachte wieder einmal bei all ihren alten Londoner Erinnerungen im Schein der Lampe. Das hatte sie ja all die Wochen, Abend für Abend getan. Ja, auf dem Schiff schon, in der Kajüte, bei Nacht. Sie wußte nicht recht: weshalb sie all diese Bänder, Fächer, Photographien und vergilbten Zeitungsausschnitte, die sie aus Australien mitgebracht hatte, immer wieder vornahm? Wohl um eine Brücke zwischen damals und der Zukunft aufzubauen? Die Erinnerung aber blieb tot, alles, was sie zwischen den Händen hielt, staubig und verschollen und von der Zukunft hatte sie, selbst wenn sie einen Anlauf dazu nahm, kaum einen Schimmer gesehn. Jetzt aber wollte es ihr scheinen, als belebte sich mit einemmal der Wust. Auf dem Brückenbogen, den sie beschritt, gewahrte sie das jenseitige Gelände hell und von farbigen Nebeln umspielt. 56 Nein, sie wollte nicht mehr nach Australien zurück! Sie wollte in London bleiben. Es war ja nicht die Angst vor der Seereise. Nicht der Aberglaube, der sie zurückhielt. Sie war bei Mme. d'Endore gewesen, aber sie sagte sich: das hatte keinerlei Einfluß auf ihren Entschluß ausgeübt! Sie legte sich zu Bett, vielerlei Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Im Schlafe war es ihr, als habe sie Feuer einen schrillen, langgedehnten Schrei ausstoßen hören. Sie wachte auf, sah nach: das Tier lag ganz ruhig auf der Decke von Sheilas Bettchen. Das Kind schlief tief, das Gesichtlein ins Kissen gedrückt. Auch Adela schlief bald wieder. Sie schlief lange und gesund und erwachte erfrischt und heiter. * Dr. Garrat sagte zu Cora: »Ich bleibe heute Abend etwas länger hier, als gewöhnlich. Bleiben Sie auch. Die Damen sollen nach Hause gehn. Gegen 9 Uhr kommen Sie zu mir nach Hause. Meine Frau ist verreist, Sie speisen heute bei mir zu Abend. Auch das Mädchen ist fort. Ich habe sie entlassen. Sie werden mir beim Abendessen Gesellschaft leisten. Ihre Mutter brauchen Sie ja nicht zu verständigen, sie glaubt, Sie seien ins Theater gegangen. Wollen Sie?« Cora sagte: »Ja.« Garrat hatte sich in seinem Privatbureau eingeschlossen, es wurde halb zehn, Cora klopfte an, Garrats Stimme antwortete: »Geduld!« Sie fuhren mit der Untergrundbahn, gingen durch die hallenden, dunkeln Straßen und Gäßchen. Die Standuhr im Eßzimmer schlug Elf, als sie eintraten. Cora wirtschaftete in der Küche, deckte den Tisch, besah mit entzückten Blicken all das silberne Gerät, die 57 Damasttücher, die Kristallgläser. Garrat hatte Wein auf den Tisch gestellt, einen kostbaren Burgunder. Er zeigte Cora das Etikett, die Jahreszahl. Cora aß und trank. Sie war guter Dinge, wurde ausgelassen. Unter dem Tisch berührte ihre Fußspitze Garrats Stiefel. Sie gab ihm einen kleinen Stoß, errötete und lachte wie ein Kind. Nach dem Essen setzte sich Garrat zu dem Mädchen auf das Sofa, legte den Arm um ihre Schultern und sprach leise und eindringlich zu ihr. »Cora, ich habe seit langem etwas auf dem Herzen. Heute müssen Sie mich ruhig anhören und erst antworten, wenn ich sage: nun antworten Sie! Ich kann das Leben mit meiner Frau nicht weiter führen. Sie wissen, ich habe es Ihnen ja gesagt, wie wir lebten. Das hat ein Ende. Ich kann aber auch ohne Sie nicht leben – Cora, verstehen Sie mich. Wir müssen fort. Und zwar gleich. Das heißt: morgen im Laufe des Tages. Und niemand darf es wissen! Sie haben ungefähr die Figur meiner Frau, ihre Größe. Oben sind Kleider meiner Frau, die ziehen Sie an. Wenn jemand Sie sieht beim Fortgehen, wird er Sie für meine Frau halten. Wir packen einen Koffer – oder besser: ich kaufe unterwegs alles, was Sie brauchen und wir reisen. Eine Minute noch, Cora! Ich bin gleich zu Ende. Hier habe ich in der Hölle gelebt. Ich will ein neues Leben beginnen. Kein Andenken an dieses Haus soll die Zukunft beschmutzen. Sind wir erst unterwegs, kaufe ich Ihnen Kleider, alles neu, was Sie mögen. Ich will auch an Ihre Mutter einen großen Betrag schicken. Ich habe Sie sehr lieb, Cora! Ich frage Sie jetzt: wollen Sie mit mir kommen? Meine Frau werden? Wollen Sie alles tun, was ich von Ihnen verlange? Ja oder nein, Cora! Ja oder nein!« 58 »Wohin wollen Sie denn reisen, Walter?« »Weit weg. Übers Meer. Ja oder nein, Cora!!« Cora Stratton stand auf und blieb eine Weile mit gesenktem Kopf vor dem gedeckten Tisch stehn. Schade, all das schöne Silberzeug sollte hier bleiben! Was werden morgen die Mädchen im Bureau sagen, wenn sie und Garrat auf und davon sind! Die alte Mammy allein zu Hause – aber Garrat wird sorgen, das ist ja sicher! Dieses abscheuliche Frauenzimmer – die Schramme unter dem Auge – sie verstand es, kein Andenken an solch ein Heim! Außergewöhnlich war es aber doch. Ein wenig unheimlich. Vielleicht würden sie nach Paris fahren, vielleicht nach Indien, oder auch nach Neuyork? Morgen schon!! Man hörte aus der Nachbarvilla einen Walzer, den Liebeswalzer aus der Modeoperette des »Gaiety« herübertönen. Cora ging der Text des Walzers durch den Kopf. Wie ihr wohl die Kleider der Frau stehen werden! Aber bald sollte sie ja ganz neue haben! Heimlich sang Cora die ganze Strophe des Walzerliedes mit. Als das Klavier schwieg, schreckte sie zusammen, besann sich, daß sie ja antworten müßte, sagte überstürzt: »Ja.« Garrat kam zu ihr, drückte ihren Kopf an seine Brust, küßte sie lange und inbrünstig. – Als am nächsten Morgen die beiden Schläge des Briefträgers unten an der Flurtür ertönten, stand Garrat auf, ging im Pyjama hinunter und brachte einen Brief ins Schlafzimmer mit. Cora lag im Bette, den nackten Arm über die Augen gelegt. Garrat stand beim Fenster, er hatte den Umschlag vom Brief gerissen und raschelte mit dem Blatt. Cora hörte ihn halblaut Worte vor sich hinmurmeln. »Von Deiner Frau?« 59 »Von ihr. Höre, es ist besser, Du kümmerst dich eine Weile nicht um meine Angelegenheiten. Du hättest das schon früher tun sollen. Du weißt ja, es nützt nichts, ich gehe doch meine Wege. Ich habe es hier gut, bleibe noch einige Zeit. Wir fahren die Küste entlang im Automobil . . . lustige Gesellschaft . . . ich hoffe, Dir geht es ebenfalls gut . . . Grüße . . . Belle . . .« Garrat zerriß das Blatt in winzige Fetzen. Cora hatte sich auf den Arm gestützt. »O warum – ich hätte den Brief gern gelesen!« Sie streckte die Hand aus. Aber Garrat hatte die Fetzen schon in der Handfläche geballt, ging mit ihnen in den Flur hinaus und sie hörte ihn eine Tür öffnen. Als er zurückkam, schien er wieder ganz ruhig. Er rieb sich die Hände, streifte sie an seinem Pyjama ab. »Nun bin ich fertig mit alledem,« sagte er. »Und jetzt wollen wir nie, nie wieder von dieser Frau sprechen.« »Aber ich hätte doch gerne gelesen . . .« sagte Cora. »Warum hast du den Brief gleich zerrissen?« Garrat ging zu ihr, setzte sich an ihr Bett. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, küßte ihn auf die kleine, schon vernarbte Wunde unter dem Auge. Garrat sprach: »Wir werden heute Abend das Haus verlassen. Telephoniert jemand – und das werden sie vom Bureau aus sicherlich tun – so antworten wir nicht. Kommt jemand, so öffnen wir ihm nicht die Tür. Ich habe es mir überlegt. Es hat ein Ende. Und von jetzt ab sprechen wir nur mehr von den kommenden Zeiten.« Cora sprang auf und sie gingen zusammen zum Schrank, in dem Belles Kleider hingen. Belle hatte ihre Schlüssel zu Hause gelassen. Ja, selbst der Schlüssel zu ihrer kleinen eisernen Schmuckkassette war dageblieben. 60 In einer Schale auf dem Nachttischchen lag der falsche Schmuck Coras; Ringe, Armband, Halskette, eine Haarspange aus Straßsteinen. Garrat öffnete die Kassette und Cora griff nach einer großen Brosche, die eine Spinne aus Diamanten und Rubinen inmitten eines Netzes aus Filigrangold vorstellte. Wie sonderbar, warum hatte die Frau ihre Schmucksachen nicht mitgenommen? Sie lief im Hemd mit der Brosche zum Spiegel, steckte die Brosche an und besah sich entzückt. Den ganzen Vormittag schwärmte sie Garrat von diesem einzigen herrlichen Schmuckstück vor. Schließlich stellte sie es Garrat anheim, ihr das Schmuckstück zu schenken, oder auf sie als Reisegefährtin zu verzichten! Denn er hatte ihr gleich von vornherein erklärt, Belle müsse bei ihrer Rückkehr alles so vorfinden, wie sie es verlassen hatte. Nur das Kleid, das Cora bei der Flucht anziehen sollte, durfte fehlen. Doch gelang es Cora, Garrat zu überreden. Den ganzen Tag ging sie glückselig mit dem ersten echten Schmuckstück, noch dazu einem solchen Prunkstück, im Hause von Zimmer zu Zimmer und betrachtete sich in allen Spiegeln. Sie hatten sich doch noch für die Mitnahme eines Handköfferchens entschieden. Garrat wählte sorgfältig das Nötigste für Cora und sich aus, packte alles in den Koffer und schloß diesen, als Cora für einen Augenblick das Zimmer verlassen hatte, ab. Das Telephon hatte unten im Laufe des Vormittags zweimal geklingelt, aber der Verabredung gemäß wurde der Hörer nicht abgenommen. Auch an der Haustür wurde geläutet, aber die Tür wurde nicht aufgetan. Vor dem Dunkelwerden setzte sich Garrat an den Schreibtisch und schrieb auf einen Zettel die Worte: »Forsche mir nicht nach. Wir sehen uns nicht wieder. Du findest bei Deiner Rückkehr Dein und mein Eigentum 61 unversehrt wieder. Alles gehört Dir. Daß ich fortging ist Deine Schuld. Ziehe Dein Gewissen zu Rate. Es wird mir recht geben. Walter.« Garrat gab diesen Zettel Cora zu lesen. Dann legte er ihn auf den Eßtisch und beschwerte ihn mit dem Schlüsselbunde. Als es dunkel wurde, verließ Garrat mit Cora das Haus. Sie gingen durch den Garten und Garrat grüßte über das niedere Gitter zu den Nachbarn hinüber, die in ihrem Gärtchen spazierten. Die Nachbarn nickten herüber, auch Cora zu, die im Reisemantel, mit einem breitkrempigen Filzhut und Reiseschleier vor dem Gesicht, Garrat zur Gittertür folgte. Auf Garrats Pfiff durch die kleine Cabpfeife kam von der Caledonian Road ein Wagen herbei. Das Paar setzte sich in den Wagen, das Köfferchen lag vor ihren Füßen. »Sie haben sich ja wieder versöhnt!« lachten die Nachbarn, als das Gefährt vorübergerollt war. »Ich wüßte, was ich täte, wäre ich mit einer Frau verheiratet wie diese!« sagte Mrs. Palmer zu ihrem Mann, dem Prokuristen der Kohlengroßhandlung Bornbury and Co., »ich ginge nicht auf Vergnügungsreisen mit ihr!« »Sie ist noch ganz jugendlich,« sagte Herr Palmer. »Man sieht ihr ihre Vergangenheit gar nicht an. Ihr Alter, ihren Lebenswandel!« * Herrn Lucas war in einer der vergangenen Nächte folgendes Abenteuer widerfahren: Auf dem Weg durch Seven Dials war er einem jungen absonderlichen Menschenwesen begegnet. Aus der Dunkelheit des wirren Häusergedränges war sie ihm in den Weg getreten, um bald darauf in dem Dunkel des Stadtviertels 62 wieder unterzutauchen. Das war alles. Aber es war das Abenteuer, von dem sich Herrn Lucas Seele lange nährte. Die Gegend um Seven Dials heißt mit unrecht so, denn es sind nicht die sieben Gesichter der Sonnenuhr, denen der Wandrer begegnet, sondern die sieben Gesichter eines nächtlichen Alps, schweren Traumes, und sie heißen nicht wie die Straßen, die sich hier von sieben Seiten treffen und deren Namen auf dem Stadtplan zu lesen sind, sondern man könnte sie mit Namen von Leidenschaften, Lastern, Unglück, Eitelkeit, Wollust, Leichtsinn und Verbrechen benennen. Seven Dials gehören zur Parochie St. Giles, einem finstern, übel berüchtigten Teil der alten Stadt, der der Spitzaxt der Maurer bislang widerstanden hat und nun in der Nachbarschaft neuer und glänzender Straßenzüge, aber auch der Gefängnisse und Polizeistationen vom Bow-Street, ein muffiges Nest und Schlupfwinkel von allerhand obskurem Volk und zweideutiger Gewerbe vorstellt. Altkleiderhändler hängen ihre Waren auf Stangen über die Schaufenster aus. Eine trübe Gasflamme beleuchtet Reihen von Blättern und grellen Bildern und Schauerballaden in grobem Druck. Im Laden an der nächsten Ecke zwitschern und kreischen Vögel aller Zonen, bellen und knurren Hunde, Wölfe, Füchse in festen Käfigen. Dann reihen sich Laden an Laden mit Theaterflitter, Perücken, falschem Schmuck und Maskengewändern aller Art. All dies Bunte von Seven Dials ist in einen gleichförmigen Duft von Schmutz und Armseligkeit, Verfall und wüstem Elend getaucht. Blitzblank und einladend gleißen nur die geschliffenen Spiegelscheiben und bemalten Reklamespiegel der Whiskyladen, vor deren schwingenden Türen sich neben den Lungerern und zweideutigen Hinterwäldlern des üblen Viertels Frauen in Tüchern drängen – viele von ihnen mit bleichen, schlafenden, von den in Whisky getauchten Brotstückchen 63 betrunkenen Säuglingen auf dem Arm. Hier in den dunklen Häusern, Höfen, Treppen und Zimmern verschwindet manch einer, dessen Name fortan ausgelöscht ist aus dem Buche der Lebenden. Und in den Gasthöfen, Logierstuben und Wirtschaften, die nur den Eingeweihten bekannt sind, hausen Gespenster. Herrn Lucas führte sein Weg zur Themse, wie in dieser Woche Abend für Abend, durch dieses Viertel. Einen Vers auf den Lippen und im Kopf, ging er wie ein Kind durch einen Blumengarten. Aus einem der Häuser hier herum war ja das junge Mädchen plötzlich aufgetaucht und dagewesen – an einer Stelle der verdunkelten Straßen war sie plötzlich vor ihm einhergeschritten, leibhaftig, so daß Herrn Lucas' weiß Gott wohin gerichtete Augen sie gesichtet und von ihrem Bilde Besitz ergriffen hatten. Dieses junge Mädchen war ziemlich groß und sehr schlank. Sie trug ein enges Kleid aus unregelmäßig geblümter Seide, nicht eigentlich ein phantastisches Kostüm, aber gewiß eines der absonderlichsten Straßenkleider, die man sich vorstellen konnte. Es bedeckte den zierlichen Körper bis hoch ans Kinn und lang bis an die Finger, die sich aus den engen Ärmeln spreizten. Es war um die ganz zarten Fußknöchel herum gerafft, so daß die Füße und Beine des jungen Geschöpfs beim graziösen Schreiten zum Vorschein kamen. Die Füße staken in niedrigen seidenen Ballschuhen und goldgelben dünnen Strümpfen. Um den Knöchel des rechten Fußes wippte bei jedem Schritt ein dünner ovaler Reif aus Gold. Wie schlank und graziös blühten die Hände des Mädchens aus den dünnen Ärmeln hervor – wie Blätter einer feinen exotischen Blume, einer weißen Orchidee! Sie streckten sich in einer absonderlichen Gebärde, als tanzte das junge Kind auf einem Drahtseil, statt auf dem feucht klebrigen 64 Straßenpflaster zu gehen. Klein und schmal saß der Kopf auf dünnem Kinderhals. Das lächelnde Gesicht, das zur Seite blickte, war von fast weißem Haar gekrönt. Ein kleiner heller Strohhut saß auf ihrem Haar, darauf blühte eine große rote, weithin duftende Blume. Herr Lucas saß seit Monaten im runden Oberlichtsaal des Britischen Museums und hatte einen Stapel Bücher vor sich. Diese Bücher handelten von Indien, von Fragen der Kolonisation der Engländer in den alten heiligen Ländern des Pundjab, von wichtigen administrativen, wirtschaftlichen und politischen Fragen und von allerlei Sondergebieten, die die Regelung der Ernährung, den Transport von Lebensmitteln in die schwer zugänglichen Gebirgsgegenden betrafen, von hygienischen Maßregeln für die Besatzungstruppen und die von Seuchen heimgesuchten Millionen der einheimischen Bevölkerung. Es waren Bücher, die man benötigt, um eine gründliche Doktorarbeit zu verfassen. Nicht wenige im Stapel handelten von den alten ehrwürdigen Religionen und Kulten der Gebiete Indiens, von den Sitten und Gebräuchen der Bevölkerung, von den Suttees, den Witwenverbrennungsfeierlichkeiten, deren Volkstümlichkeit seinerzeit aus mancherlei Gründen der englischen Regierung viel Kopfzerbrechen verursacht hatte. Im Laufe der Monate waren die trocknen administrativen Bücher aus dem Stapel allmählich fortgeblieben. Sie waren nach Ablauf der Leihfrist nicht wieder verlangt worden. Aber der Stapel war darum nicht kleiner geworden, im Gegenteil. Nur waren es jetzt neben den Büchern über Religionen und Volksgebräuche viele Bände, Gedichtbücher englischer und fremder Verfasser, die sich vor dem Platze des Herrn Lucas türmten. Es gab eine Zeit, in der diese letzteren Bücher ganz überwogen und die Bücher über Indien fast verschwunden 65 waren. Herr Lucas saß dann, vom Oberlicht mit goldnen Reflexen übersät, auf seinem Platz, und die von ihren Sitzen aufblickenden Besucher des Lesesaals erblickten einen griechischen Mönch aus dem Kloster auf dem Berge Athos, einen weltabgewandten Schwärmer, den Kopf eines in Gott versenkten Asketen. Herr Lucas selbst hörte und sah nichts. Für ihn war die Welt mit einem Schleier von bunter Färbung bedeckt, und über dem feinen Gespinst tanzten im wesenlosen Licht ein paar Worte, der Reigen einer Folge von Begriffen, Gefühlen und Ahnungen wie die Verheißung eines Ereignisses, das aber ebenso gut eine vergessene, unbewußte Erinnerung sein mochte. Es konnte vorkommen, daß Herrn Lucas' Augen zu schwimmen begannen. Die Umrisse der Wirklichkeit verloren sich dabei aus seiner Seele. Dann war es die Stimme, die einen Vers zu ihm sprach – eine Folge von Worten, Reimen und Klängen, die stark genug war, um die ganze Welt versinken, vergessen zu machen. Verse und Worte in mancherlei Sprachen waren es, die Herrn Lucas' Seele auf solche Art belagerten. Aber kein Vers versenkte ihn in ähnliches Entzücken, als dieser von Poe: »In einem Königreich am Meeresstrand Vor langem lebte sie, Sie, die Engel mir haben genannt Mit dem Namen Annabel Lee. Ihr Sein und Leben war ganz gebannt In Liebe, und mich liebte sie!« Man durfte ruhig von einem Zauber sprechen, der aus diesen Zeilen Herrn Lucas sich bemächtigt hatte. Er hielt ihn besessen und wich nicht von ihm. Und wenn Herr Lucas die Bücher auf seinem Platze verließ, wenn er daheim im West-House, unter den andern Pensionären 66 oder allein in seinem Zimmer saß, wenn er, bei Tag oder Nacht, durch die Straßen der großen Stadt, dieser Hauptstadt des Seereichs England ging, verfolgten ihn die Worte, so sehr war seine Seele der Seele des Dichters, des Bruders voll, die ihren Rhythmus in sich empfangen und den Schwingungen des Weltalls zugesellt hatte. Herr Lucas irrte durch die Straßen des nächtigen Londons und suchte Annabel Lee. Dieses zarte junge Mädchen, zerbrechlich und hold wie ein Geschöpf aus einem Bilde Botticellis, aus der Dunkelheit der verworfenen Umgebung in die Frühlingsnacht hervorgetreten, mochte das Märchenkind sein, nach dem sein sehnsüchtiger Sinn Verlangen trug. Eine Weile war er ihrem schwebenden seltsamen Gang gefolgt, dem aufblitzenden Schimmern um ihren zarten Fuß. Je länger er hinter ihr hergeschritten war, um so quälender hatte sich die Frage in seine Gedanken genistet: ob sie es sei und ob er sie erkennen würde, wenn sie ihm in die Augen blicken, wenn er das Blinken ihrer Zähne zwischen den blassen Lippen erblicken würde? Sie war vor ihm her gegangen, langsam, ohne Hast. Ihr edler Körper, wie ein Lichtgebilde aus dem dunklen trüben Schein der verwirrenden Stadt getrieben, hatte aus dem Umkreis des düster verworfenen Viertels alle Helle auf seinen zarten und schlanken Umriß gesammelt. Der von ferne her schimmernde Reflex der belebten Verkehrsstraßen flog auf sie zu. Licht und verheißungsvoll blühte sie wie ein Traum auf vor Herrn Lucas' Augen. Seit vielen Tagen ging er nun den Weg, den das junge Wesen vor ihm gegangen war – auf dem er sie erblickt und verloren hatte, fast im selben Augenblick; und auf dem er ihr wieder zu begegnen hoffte. Ja, so jäh und rätselhaft wie sie plötzlich da gewesen war, war sie auch verschwunden gewesen. Und ebenso 67 wenig, wie er das Haus oder auch nur die Straße zu bestimmen gewußt hätte, wo sie vor ihm aufgetaucht war, hätte er die Straße, das Haus nennen können, vor dem er sie aus den Augen verloren hatte. Eines nur wußte er gewiß – Annabel Lee. Sie war gegenwärtig, mochte ihre Verkörperung auch wie ein Schemen an ihm vorüberfliehen. Jetzt hatten seine nächtlichen Wege einen Inhalt gewonnen. * In den Mainächten liegt der Themsequai im Herzen Londons wie ein unwirkliches Gewoge aus Nebel, Licht, flitternden Reflexen und auftauchenden, verschwindenden Gestirnen da. Einsam ragt Kleopatras Obelisk am Rande des Stromes. Seine spitze Silhouette wankt und zittert dunkel inmitten der fliehenden Wellen, die wie Seide aus Schatten und Schimmer gewoben sind. Einem dunklen Pfeil gleich liegt er auf dem Bogen von Lichtpunkten, der sich zwischen den Brücken von Charing Croß zur City hinunter wölbt. Unter dem Dunst und Wolkendom der Stadt erstrecken sich die Säulenfassade von Somerset House und die stillen Gärten des Temple, allen Lebens beraubt durch die Nacht, überirdisch nah oder in unbegreifliche Formen gerückt, je nachdem das unsichere Licht sich sammelt oder zerteilt über dem Strom. Seltsame Sternbilder glühen auf, erlöschen, in ungeheurer Höhe auf der Strandseite. Da stehen die beiden größten Hotels der Stadt, und das Glitzern, das ihre Flächen belebt, die nach dem Strom sehen, bedeutet Leben in den tausend Zimmern aller Stockwerke. Zuweilen fliegt Musik zum Strom herüber, verirrte Wellen aus diesen Burgen des Luxus und der Lebensfreude schlagen über den Strom, der hier breit ist wie ein See, 68 mit dem düsteren Gepolter der Züge zusammen, die über die Eisenbrücken rollen, werden zerschnitten von den schrillen Dampfpfeifen der Surrey-Side, des andern Ufers, an dem sich Fabrik an Fabrik drängt. Dort befinden sich die Stätten der Arbeit, die nie aussetzt, nicht bei Tag und zu keiner Stunde der Nacht. An diesem Ufer liegt alles in Düsternis gehüllt, zuweilen nur flammt wie ein Signal, wie ein Blinkfeuer auf einem Leuchtturm ein Bündel von Lichtbuchstaben in der Höhe auf. Es ist die Reklame eines Whiskybrenners; über dieser Stätte der Not und der angestrengten Fron leuchtet sie auf, erlischt und sticht wieder in die Finsternis wie ein Mahnzeichen zu den Prassern in den Hotels hinüber. Auf den Quais sind nur wenige Fußgänger zu erblicken. Schritte hallen inmitten des nahen Getöses der Stadt über den Asphalt und die Steinfliesen. Zuweilen kommt ein kleiner Trupp Herren und Damen in Abendtoilette aus den Seitengassen den Strand herunter. Er begegnet Obdachlosen, die sich, wenn erst die Polizeipatrouille außer Sicht ist, auf den Bänken im Schatten der Bäume niederlassen werden. Kleine Personendampfer, die den geringen Nachtverkehr auf dem Strom versehen, legen an den Piers an, ihnen entsteigt kaum ein Passagier. Von den Prahmen und Seglern, die weit draußen im Strome verankert liegen, stößt hier und dort ein Boot mit rotem oder grünem Licht ab und bringt jemand mit eiligen Ruderschlägen durch die Reflexe der Bogenlichter, deren Säulen im Wasser zittern, herüber an das Ufer. Herrn Lucas führte Abend für Abend sein Weg den Quai entlang zwischen den Brücken. Zu Hause sagte er sich, in seinem Zimmer: »Es ist von Bedeutung, ob mir beim Hinuntergehn über die Treppe des Boardinghauses ein Mann, eine Frau, ein Kind oder das Tier, diese Katze begegnet . . . Ich werde heute 69 vom Strand die Villiers-Straße zum Quai hinunter und in rechtem Winkel auf den Pier zugehen. Sodann biege ich links ab und gehe den Quai entlang, wobei ich hundert Schritte zähle. Das erste Bild, das mein Fuß auf dem Pflaster berührt, wird mir weisen, was mich diesen Abend erwartet. Muß ich zweihundert Schritte oder mehr tun, ehe mein Fuß an das erste Bild rührt, so ist es besser, ich mache mich auf den Heimweg!« Alle hundert Schritte weit auf dem Themsequai stockt der Fuß des Spaziergängers. Farbige Zeichnungen bedecken den Asphalt; armselige Künstler der Straßen, einarmige, taubstumme Invaliden haben sie mit bunter Kreide auf den Boden gemalt am hellen Tage, sie haben sich auf den Steinen neben ihren Kunstwerken hingekauert, die sie bei Anbruch der Nacht im Stiche lassen, um sich mit einer Handvoll Kupfermünzen über die Brücken heimwärts zu trollen in ihre Elendsquartiere. Im Nachtdunkel bleiben dann feuerspeiende Berge, von den Wellen verschlungene Dreimaster, von Gorillas entführte Mädchen, von Bernhardinern im Schnee aufgestöberte Kinder, anmutige, in Rosenranken vergrabene Strohdachhütten, wilde Kriegsszenen und idyllische Gruppen von Liebenden auf dem Pflaster stehen. Herr Lucas maß diesen Zeichen auf dem Erdboden, obzwar er ihren Ursprung kannte, eine geheime Bedeutung zu. Sie stellten zuweilen geheime Beziehungen zu seinen Gefühlen und Entschlüssen her. Er fand in diesen armseligen Bildern oft etwas, was ungeformt und unklar in seinen Gedanken wogte, erläutert und belichtet durch solche Begegnungen. Wenn er mit seinen Geheimnissen und kleinen Qualen belastet die Straßen der Stadt entlang ging, sich durch die Beziehungen, die sein Fuß zum Boden der Stadt und seine Seele zu den Menschen ringsum gewann, geheime Gesetze 70 diktieren ließ – deren Widersinn er einsah, ohne sich ihrem Zwang entziehen zu können – so rang er auf seine Weise nach Freiheit, wie jeder Mensch es auf Erden tut. Vielleicht war er sogar freier als andre, denen der sichtbare und banale Zwang der Umwelt Fesseln auf Nacken, Knie, auf Gewissen und Hirn schmiedete. Andre erlebten London in den heiteren Alleen des Hydeparks, die um diese Jahreszeit von schönen und eleganten Reitern und Gefährten wimmelten, in den glänzenden Schauläden der Regentstreet, in den Salons von Mayfair, den lieblichen Villenvororten des Nordens und Westens, in dem geschäftigen Tumult der City, oder in den grünen Wäldern am östlichen Rand der Stadt. Herr Lucas erlebte sein London auf seine eigne, schmerzhafte und sonderbare Weise. Jeder Schritt, den er durch seine Einsamkeit in der großen Stadt tat, wäre ja ein Schritt dem Abgrund zu gewesen, hätte ihn nicht nachtwandlerisch die Erwartung geführt, daß es ein Schritt zum Ziel sein könnte! Wie eine Verheißung ruhte in seinem Gedächtnis die Strophe »Annabel Lee« und lenkte seinen Geist vorwärts. Das Seereich erstreckte sich mit herber Frische um seine Sinne. Im ungewissen Schimmer und den huschenden Lichtern der Nacht zog vom Meer her ein Hauch Unendlichkeit um seine warme Stirn. Am Vormittag hatte es einige Minuten lang geregnet. Die Stelle, wo die Pflasterkunstwerke sonst zu sehen waren, war heute durch kleine gelbe und rötliche, blaue und grüne Bäche bezeichnet, die in unregelmäßigen Strähnen von der Steinbrüstung zum Fahrdamm hinuntergeflossen waren. Gewiß war das, was sich hier, bunt und verwaschen zwischen der Brüstung und der Gosse vor seinen Füßen hinzog, schöner und vieldeutiger, als es das armselige Werk des Bettlermalers sein konnte, das da fortgeschwemmt 71 war. Aber Herr Lucas suchte in den verschwommenen Bildern doch nur das Schicksal seiner Stunde zu ergründen, das nicht in ihm, sondern irgendwo draußen in der Welt auf ihn lauerte. So wie der Maler nur ein paar primitive Motive kannte, um an die Instinkte der Passanten zu appellieren, so lebten ja in der Seele des Einzelnen nur wenige primitive Leidenschaften. Es frug sich nur, an welche die Phantasie im Augenblick der Ratlosigkeit zuerst stoßen, welche vor allen andern in diesem Augenblick, an diesem Abend in Schwingung geraten sollte? Ein Schatten fiel quer über das Pflaster. Als Herr Lucas aufblickte, schritt ein menschliches Wesen langsam auf ihn zu, blickte ihm in die Augen und war an ihm vorübergegangen. Herr Lucas blieb stehen und sah vor sich hin: was war das gewesen? Um Himmelswillen, was? Aber dann blickte er sich um und sah das Wesen im Dunkel untertauchen. Sie hatte sich, ein klein wenig, nach ihm umgedreht, aber doch nicht so weit, daß er ihr Gesicht noch einmal hätte sehen können – nur ein kleiner Schimmer, so viel, wie das dichte dunkle Haar von der bleichen Larve dieses Menschenantlitzes frei lassen mochte, leuchtete einen Augenblick lang und tauchte unter in der Finsternis. Das schlurfende Geräusch ihrer Schritte war noch zu hören, als sie selber, wie eine Vision, von der Nebelnacht aufgesogen war: das Geräusch ihrer Schritte, denn sie hatte, statt Schuhe, an jedem Fuße ein Bündel Zeitungspapier eng zusammengefaltet, und diese Sohlen waren mit derben Bindfaden mit den Lumpen, die die Füße statt Oberleder bedeckten, zusammengebunden. In Lumpen war die Kreatur Gottes an Herrn Lucas vorübergeschritten, der von geheimnisvoller Schönheit in der Tiefe seines Herzens erfüllt, in der Nacht gestanden 72 und gewartet hatte, einen zauberhaften melodischen Klang im Ohr. Der einen Reim zu finden hoffte, zugeflogen durch die Atmosphäre der vielgestaltigen, verwirrenden, rätselhaften Stadt. Herr Lucas sah hinüber: der Klang in seinem Herzen, das Rascheln auf den Steinen war versunken. Sie war das gleiche Geschöpf gewesen, wie jenes aus den Seven Dials . . . oder die Schwester. Eine von der Schar. Annabel Lee, hold und zart, die Gezeichnete, die sterben mußte, gequält und vernichtet von dem unmenschlichen Hauch der Welt, der alles Innige, Reine, Seltene von der Oberfläche des Lebens in den nebligen Abgrund hinunterfegt zu den Schatten der Einbildung und der Erinnerungen. Annabel Lee . . . In Lumpen, dunklen, unsagbaren, die ihren kindlich unentwickelten Körper bedeckten, den Mißbrauch, das Elend, die Verfallenheit, die Vernichtung verhüllten, die durch die Winkel der entzündeten Augen tränenschwer und doch in trockner Glut aufgeflackert waren eine Sekunde lang. Das dunkle Haar in dichten Wülsten um die blutleere Stirn. Kein Hut, kein Tuch auf den Haaren. Die Hände klein, schmutzig, gekrampft, wie ein Kreuz zusammengelegt, etwas hell auf dem zerfetzten Kaliko des Kleides über der Brust. Und das Schlurfen der müden, im Exil des auserwählten, todgezeichneten Volkes wundgewanderten Füße. Das scharfe schleifende Geräusch, das nicht verstummen wollte, ferne . . . Herr Lucas war vom Trottoir hinunter in die Gosse getreten. Ein kleines schmutziges Geriesel leckte um seine Füße, quoll über seine Schuhe weg. Langsam ging er den Weg zurück, nach Hause. * 73 Als Adela in den Maitag hineinfuhr, wimmelte West-House von Gesichtern. Im Musikzimmer stand Sheila mit Feuer im Arm zwischen Miß Dalmayne und Frau Strange. Sie winkten Sheilas Mutter zu, als sie den wartenden Cab bestieg. Neben Adelas Fenstern im ersten Stock lehnte Herr Lucas heraus, über ihm das alte Paar, von Kapitän Rogers Philemon und Baucis benannt, Mr. und Mrs. Winterod, die den ganzen zweiten Stock bewohnten. Ein Stockwerk höher steckten die jungen Herren, das lebenslustige Element des Hauses, Mr. Hallibut und Mr. Bradshaw, ihre Köpfe halb guillotiniert unter dem in die Höhe gezogenen Schiebefenster in die Sonne heraus, die prall auf die Fassade schien. All diese Köpfe waren Adela zugewendet, mit einem Blick grüßte sie alle, dann zog das Pferd an und Adela zog hinaus ins Leben. Denn das war es. Brief und Kabel waren aufgegeben. Adela fuhr in die Zukunft hinaus, in den Maitag, ins Abenteuer. Die vielen freundlichen Gesichter gaben ihr das Geleit. Während der Wagen an dem Boskett des Nachtigallenplatzes vorbei in die Straße zum Britischen Museum fuhr, legte Adela ihr Täschchen auf den Sitz neben sich, zog die Handschuhe ab, knöpfte ihr Jakett auf und legte den Schleier ab. Am liebsten hätte sie auch ihren Hut abgenommen, damit der frische Wind ihr frei durchs Haar streichen könne. Wenn sie spät am Nachmittag, etwa vor dem Abendessen zurückkehrte, konnte sie die Kabelantwort ihres Rechtsanwalts aus Melbourne auf dem Tisch ihres Zimmers vorfinden! Der kühle Hauch traf den Halsausschnitt ihrer seidenen Bluse, sie fröstelte, hob das Kinn, ließ die Luft sich durch die Bluse fahren auf ihre Brust hinunter. Als der Wagen vor dem Museum nach der Richtung der Oxfordstraße einbiegen wollte, öffnete sie rasch ihr 74 Täschchen, holte ein Notizbüchlein hervor, stieß dann mit dem Schirm die Klappe im Dach des Wagens auf und rief dem Kutscher die Adresse hinauf, eine neue Adresse, Mortonstreet im Norden an der Caledonian Road, mit der Weisung, er möge an der kleinen Kirche an der Ecke der Straße vorbei langsam durch die aufsteigende halbmondförmige Zeile fahren, ohne zu halten, und dann erst in der Richtung nach dem Süden der Stadt weiter, dem er jetzt zustrebte. »Wird Ihr Pferd das aushalten?« »O, Madam, meine Mähre rennt in Epsom mit, wenn man es von ihr verlangt. Sie ist ein tüchtiges Tier und kann sich sehen lassen!« Caledonian Road. Adela band den Schleier um ihr Gesicht, zog sich tiefer in den Wagen zurück. Aber als der Wagen an der Kirche vorüber war und in die kleine aufsteigende Mortonstraße einbog, zog sie den Spitzenkragen, der ihren entblößten Hals umgab, glatt, streifte einen Handschuh von ihrer weißen beringten Hand ab und zog den Rock über ihren Fuß ein wenig in die Höhe. So saß sie da, während der Wagen, wie sie's gewünscht hatte, in verlangsamtem Trab durch die kleine mondförmige Straße fuhr. Die Straße lag im vollen Sonnenschein da. Die triste ziegelfarbige Eintönigkeit wurde durch das muntere Licht nur noch offenkundiger. Nummer 7 war ein Haus wie alle die andern, wie die hunderttausend Vorstadthäuser des mächtigen Londons, die die Menschen des Mittelstandes beherbergen. Dasselbe verrostete Gitter, dieselbe von weißen Strichen durch das Ziegelgemäuer gezeichnete Fassade. Dasselbe breite Fenster im Erdgeschoß, neben dem Eingang, mit derselben Säule aus geschnitztem Holz, auf der ein Kübel mit einer Palme stand; nur war der Kübel nicht aus Steingut oder Porzellan, wie üblich, sondern aus einem weiß glänzenden Metall, was ein leichtes 75 Abweichen der Bewohner des Hauses von den Gewohnheiten der Nachbarschaft verriet. Das Gärtchen mit dem vorüberhuschenden Schimmer eines Beetes verwildert und ungepflegt. Die Sträucher verkümmert und schütter belaubt. Es war ganz gewiß Nr. 7 gewesen. Jetzt war der Cab vorbei. Auf dem ganzen Weg durch die nördlichen Stadtteile, durch Islington, Finsbury und Holborn behielt Adela den Schleier ums Gesicht. Erst auf der Waterloobrücke war der erkältende Eindruck, den sie von Straße und Haus empfangen hatte, ganz von ihr gewichen. Sie löste den Knoten des Schleiers vom Hut und schwenkte das zarte Gewebe im Sonnenschein. Dann fuhr sie dem südlichen London zu, frei und fröhlich, wie sie gewesen, als sie West-House verlassen hatte. * Auf dem Weg durch die Surrey-Side, das rechte, südliche Themseufer, verflüchtigt sich die Großstadt London zusehends zur Provinz. Die langen, gelben und rauchgeschwärzten Straßenreihen des ärmlichen Stadtteils Walworth werden im Viertel Camberwell immer öfter von Rasenflächen, kleinen grünen Hügeln und Baum- und Gebüschoasen unterbrochen. Der helle bläuliche Schimmer des nahen Meeres zittert durch die Luft und die Türme der kleinen Kapellen, die Dächer der hübschen Pavillons, die die Hügel der »Commons«, der Volksparks, krönen, glitzern in bunten Farben auf. Hier geht London im Gold und flammenden Blau des Himmels das Herz auf. Die Straßen scheinen breiter und behaglicher, ländlicher zu werden, da die Häuser niederer gebaut und sauber, mit lustigen Firmenschildern und glitzernden Scheiben im Obergeschoß sich hinziehen, tief ins Land hinein. 76 Am Fuß eines Hügels, der sich wie aus dem Gartenland Kent hierhergeweht, etwas abseits von der Hauptstraße von Norwood gegen Sydenham zu erstreckt, bog der Cab in einen schmalen Pfad ein und hielt vor einem reichgeschmiedeten Tor. Adela zog die Klingel, eine altmodische Schelle ertönte, ein Diener kam und öffnete. »Bitte geben Sie meine Karte Mr. Secker.« »Es wohnt niemand dieses Namens hier, Madam!« »Mr. Erskine Secker, der ehemalige australische Minister?« »Nein, Madam.« Adela erinnerte sich bestürzt, daß sie ja versäumt hatte, zu fragen, ob Herr Secker denn überhaupt noch lebe und seinen alten Wohnsitz behalten habe. »Das Haus gehört seit Jahren Miß Falkoner.« »Miß Florence Falkoner?« frug Adela. »Jawohl, Madam,« sagte der Diener. »Soll ich Ihre Karte abgeben?« »Ja, geben Sie meine Karte!« sagte Adela freudig und folgte dem Diener durch die wohlbekannte schöne Allee zum Kiesplatz, auf dem sich der alte prächtige, im Tudorstil erbaute Landsitz erhob. »Adela!« Miß Florence, eine ältliche, ergraute, ganz in gelbe Spitzen gekleidete Dame mit goldenem Kneifer und rötlich angelaufenen Backen, kam auf Adela zu und schloß sie in ihre Arme. »Welche Überraschung! Wie haben Sie mich entdeckt? Warum haben Sie all die Jahre nichts von sich hören lassen?« Adela erklärte, sie sei, um alte Erinnerungen aufzufrischen, zu Herrn Erskine Secker gefahren, und welche frohe Überraschung sie selbst erlebt habe. Miß Falkoner fing leise zu kichern an, dann immer lauter, und mußte dann den Kneifer abnehmen, weil ihr vor Lachen über das 77 Abenteuer die Tränen in die porzellanblauen Augen getreten waren. Adela erwähnte das Gartenfest, auf dem sie mit Miß Falkoner und einer dritten Freundin, Ethel Grove, einem Mädchen aus Wales, Arm in Arm photographiert worden war, und Miß Falkoner konnte sich immer noch nicht beruhigen über das Zusammentreffen solch ähnlicher Umstände. Sie nahm Adela und führte sie durch die prachtvollen Räume des Hauses zur Terrasse an der Vorderfront: auf dem weiten Rasenplatz vor dem Hause stand ein mit allerhand Platten, Schüsseln, Flaschen und Gläsern besetztes Büfett; Stühle und Tischchen unter großen bunten, japanischen Schirmen waren über den Rasen verstreut. Diener und zierliche Hausmädchen gingen eifrig zwischen dem Küchentrakt und dem Rasenplatz hin und her, trugen Teller, Körbe mit Bestecken, Brote und noch mehr Schüsseln herbei. »Sie fallen ja wieder in einen Rout, Liebste!« sagte Miß Falkoner und rieb mit einem Lederläppchen die Gläser ihres Kneifers blank. »Es kommen heute meine Freunde vom Komitee des Kinderschutzvereins Sydenham und des Tierschutzvereins Surrey und von der Norwood-Sektion der Liga ›Unsere stummen Freunde‹. Es wird sehr nett werden. Ich habe die blaue Zigeunerkapelle bestellt, denn die jungen Leute wollen tanzen!« Sie seufzte und zog ein Schnäbelchen, um die Ernsthaftigkeit ihrer Äußerung im voraus Lügen zu strafen: »Ja, jetzt müssen wir schon den jungen Leuten Tanzgelegenheit verschaffen und selber zusehen, meine Teure!« »Ich fühle mich gar nicht abgetan, Florence,« sagte Adela, »ich tanze noch gern mit!« »Nicht wahr, Adela, nicht wahr? Nun, erzählen Sie mir alles; haben Sie Kinder; wie leben Sie mit Ihrem Mann, lebt Ihre Mutter noch, die teure alte Lady?« 78 »Ich habe ein Töchterchen, es ist mit mir in London!« »Ach, wirklich, wie alt, wie heißt sie?« »Sheila!« »Ach, Teuerste, Sie bringen sie mit, ich veranstalte ein Fest für Kinder, zu Ehren Sheilas. Einen kleinen Maibaum, ein Marionettentheater, eine Gymkhana mit Preisen . . .« Adela erzählte ihr Unglück mit Mr. Malone, ihren Entschluß, ihre Erwartung. Die Kabelantwort lag in diesem Augenblick vielleicht schon auf ihrem Tisch in West-House. Miß Florence schloß Adela in ihr Herz. Was sie vor allem liebte und befriedigte, war, Berichte über fremdes Unglück zu hören. Rat zu geben, zu helfen gewährte ihr hohen Genuß, es füllte sogar ihr Leben aus. Über alles liebte sie aber, Geschichten von unglücklichen Ehen erzählt zu bekommen, in die Heime mißhandelter Kinder, in die Unterschlupfe überführter Tierquäler zu kommen. Die beiden Frauen saßen im prunkvollen Drawingroom, bunt gefleckt und gesprenkelt von den hohen Fenstern, die eine Glasmalerei heraldischer Art aufwiesen, vom ersten Besitzer des Manors, aus dem Geschlecht der Grafen von Chichester her. Miß Florence legte ihre Hand auf Adelas Arm, hob den Kopf, als lausche sie in die Ferne: »War's mir nicht, Teure, als hätten Sie damals einen Flirt gehabt? O, einen leichten, harmlosen, aber immerhin – ach, helfen Sie mir nach – ich komme nicht auf den Namen – er war, ich weiß es nun, sogar beim Rout zugegen, damals, bei Secker, hier im Garten, er hieß, er hieß . . . ach, ich erinnere, es war ein schlanker, eleganter Mann, ich glaube blond, ein Arzt, jawohl . . . was ist aus ihm geworden? Ach, mein Namengedächtnis!« »Ich erinnere mich nicht,« sagte Adela. »Ich weiß von niemand. Hatte ich einen Flirt?« 79 Der Diener kam, ein Ehepaar mit einer erwachsenen Tochter folgte ihm. »O, meine Teure!« »O, teure Miß Florence!« »O, Elsie, meine Teure, wie schön, daß Sie kamen!« »Wir sind so froh, Miß Florence.« »O, meine Teuren, dies ist meine liebste Freundin, Mrs. Malone aus Melbourne.« »So froh, Sie zu treffen, Mrs. Malone.« Es kamen viele Gäste, meist alte Herren, ältliche Damen, ältliche Misses. Auch einige junge Herren, rosig, rasiert, Söhne reicher Villenbesitzer, Mitglieder der Hochkirche, alle kannten sich untereinander. Portwein wurde herumgereicht. Einer und der andre der alten Herren hatte seinen eignen Whisky in flacher Silberflasche in der inneren Tasche seines Rockes mitgebracht. Um das Büfett standen Schwärme. Mit Tellern, Gläsern und Bestecken bahnte man sich einen Weg zu den Tischchen. Die Sonne schien hell durch die japanischen Papierschirme. Unter einer Linde stimmte ein kleines Orchester in blauen Uniformen Instrumente. Um Miß Florence herum standen einige alte Damen und ältliche Fräulein, Mitglieder der Tierschutzvereine von Surrey und Norwood. »Dies ist Mrs. Malone aus Melbourne, meine Teure!« »So erfreut, Ihnen zu begegnen, Mrs. Malone!« »Haben Sie einen Tierschutzverein dort drüben, Mrs. Malone? Sie sind gewiß im Vorstand? Ist es eine Zweiganstalt unseres Vereins?« »Ich liebe Tiere, aber ich bin in keinem Verein.« »O, wie schade!« »Ach, Ihre Mutter, ich höre soeben, sie hat ihr Leben ausschließlich der Pflege von Tieren gewidmet. O, wie wunderbar!« 80 »Ist Ihre Mutter im Vorstand des Tierschutzvereins?« »Ich habe nur eine Katze, mein Töchterchen hat sie mitgebracht!« »So erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mrs. Malone! Es muß in Melbourne viele verwahrloste Kinder geben – Sie haben ja solch ein Regierungssystem, hat man mir gesagt . . .« »Ich bin in keinem Kinderschutzverein!« »So erfreut, Sie zu treffen, Mrs. Malone! Ich habe einen sehr teuren Freund in Melbourne, den Reverend Smith von St. John's. Kennen Sie ihn?« »Wie ist die Kirche in Australien, teure Mrs. Malone? Wie viele Seelen gehören in Ihrer Stadt zur Hochkirche?« »Ach, teure Miß Falkoner, ist das nicht der junge Baker, der dort mit Rosie tanzt?« »Was ist das doch für ein Walzer, den die Blauen spielen? Man hört ihn jetzt überall!« »Ja, es ist der junge Baker! Welch ein reizendes Paar, meine Teure!« Ein junger Mann kam an die Gruppe um Miß Falkoner heran und verneigte sich vor Adela. Adela sah sich errötend um, als suche sie Ermunterung oder als fürchte sie Mißbilligung. Aber sie blickte in all die Gesichter und fand dasselbe starre Lächeln. Der junge Mann tanzte, ohne ein Wort zu sprechen. Sie bemerkte, daß er seine Hand nicht um ihre Taille gelegt, sondern auf ihren Rücken gepreßt hatte, die Handfläche nach außen. Sie sah, während sie sich drehte, nach den andern Paaren sich um – alle Tänzer hatten die Handfläche auf den Rücken ihrer Damen nach außen gedreht, in Australien hielt man noch nicht so weit. »Meine Teure, wie gut Sie tanzen!« Adela blieb stehen, holte Atem, fühlte die Stelle auf ihrem Rücken brennen, auf der die Hand des Tänzers gelegen hatte. 81 Die Damen vom Tierschutz, vom Kinderschutz wendeten ihr den Rücken. Die Jungen standen abseits, zu ihnen gehörte sie auch nicht. Sie ging zum Büfett, holte sich eine Scheibe Schinken, ein wenig Gelee, setzte sich und aß, ging dann wieder zu Miß Florence und den Damen. »Wir können Mrs. Candle nicht länger im Vorstand dulden, meine Teure!« hörte sie die Freundin des Reverend Smith sprechen. »Gut, wir wollen eine Versammlung einberufen und Mrs. Candle auf die Tagesordnung setzen!« antwortete Miß Falkoner. Adela hatte sich empfohlen, ohne daß jemand im Garten es gemerkt hatte. Im Wagen, der langsam den Pfad um den Hügel, dann die lange Straße des südlichen Vororts entlang nach London zurückfuhr, machte sie sich Vorwürfe darüber, daß sie weggelaufen war. Was war es denn gewesen, das sie irritiert hatte? Es waren doch die Menschen ihrer Gesellschaftsschicht. Sie hätte Freundinnen unter ihnen finden können, ihr Leben hier unter diesen gesitteten bürgerlichen Familien, im hübschen Vorort neu aufbauen können. Sie hätte in den Tierschutzverein, in den Kinderschutzverein eintreten und Freundin der Vorstandsdamen werden können. Und mit den jungen Leuten der Gesellschaft hätte sie, da sie ja noch jung war, auf Gartenfesten, Picknicks, Bällen tanzen und ihr Leben genießen können. Jetzt hatte sie sich dies verscherzt. Sie war auf und davon, hatte nicht einmal Miß Falkoner Lebewohl gesagt. Zum Glück wußte diese wenigstens, wo sie in London wohnte. Adela genoß die Möglichkeit, daß Miß Falkoner sie aufsuchen könnte, als Beruhigung. Aber ihr Herz war unruhig, schlug wild und gefährlich im Halse, und sie fühlte sich aus dem Geleise gestoßen, gehetzt und unglücklich. 82 Warum war sie nur aus der Gesellschaft der fröhlichen, gesitteten, freundlichen Menschen geflohen? Die Waterloobrücke lag im Nachmittagsschein der Maisonne blitzend, dröhnend, überflutet von Fußgängern und Gefährten da. Trupps von Kavallerie zogen auf blanken Rappen und in weißen Kürassen vorüber. Auf den Verdecken der Omnibusse leuchteten helle Sommerkleider. Adela drückte sich in die Ecke ihres Wagens, verschleiert und atemlos, und kämpfte mit den Tränen. * Miß Dalmaynes Stimme tönte durch das Haus. Dinnerzeit war vorüber. Adela hatte Sheila zu Bett gebracht. Sie saß an dem geschlossenen Fenster und sah auf den Nachtigallenplatz hinaus. Im Musikzimmer applaudierte man heftig. Bald darauf erkannte Adela die Töne des Liedes: »Tief in meinem Herzen Eine Laute . . .« Wenn sie jetzt hinunterginge? Sie zog die Ringe von ihrer Hand, streifte sie auf die Linke, zurück auf die Rechte. Sie hatte solche Lust, hinunterzugehen. Sie könnte den Fehler, den sie soeben gemacht, als sie von Florence ohne Abschied auf und davon gegangen war, gutmachen. Sie mußte, jawohl mußte sich an die Menschen wieder gewöhnen; nicht mehr sich ans Klavier setzen, wenn niemand im Zimmer geblieben, wenn alle fort waren. Sich auf dem Klaviersessel umdrehen, vor dem leeren Zimmer! Sie konnte Beifall finden, wie er jetzt unten ertönte. Weshalb verbarg sie sich denn? Eine Idee packte sie. Sie lief zum kleinen Korb, dem seidenen Nest, in dem Feuer sein Bett hatte. Oft war 83 es schon geschehen, daß das Tier vom Tisch der Herrin irgendeinen Gegenstand, einen Zwirnknäul, ein gefaltetes Blatt, einen kleinen Photographierahmen, ein Notizbüchlein entwendet und in sein Nest geschleppt hatte, wo Adela es dann nach langem vergeblichen Suchen vorgefunden hatte. Sie hob Feuer, die's sich bequem gemacht hatte, bei der Nackenfalte auf, bückte sich über den Korb nieder, sah sogar in den Krallen des Tieres nach – kein Telegramm. Weshalb gehe ich nicht unter fröhliche Menschen? wiederholte sie sich. Weshalb nicht heiter sein wie die andern? Wem bin ich es schuldig, daß ich dasitze, als hätte ich Trauer zu tragen? Als wäre eine Stunde des Vergnügens Sünde? Es war so schön gewesen in der Stadt im Sonnenschein! In dem schönen modernen Kleid im Wagen hinter dem munter trabenden Apfelschimmel. – Er wird mich auf die Folter spannen, ich weiß es. Ich aber bin ihm keine Rücksicht schuldig. Im Grunde ist es einerlei, ob er einwilligt oder nicht. Die Rechtsanwälte mögen telegraphieren oder nicht. Es ist so gut, als wäre das Telegramm bereits da, als wäre ich schon geschieden, als wäre das Haus drüben aufgelöst. Ich bin geschieden, ich bin frei, ich fange mein Leben erst an! Sie ging, vom Blick Feuers gefolgt, mit langen Schritten im Zimmer auf und ab. Öffnete die Tür zum kleinen Zimmer nebenan, ging hinein, blickte in ihren Schrank, ordnete die Nippsachen auf dem Tischchen, nahm noch eine Scheibe Toast von dem Abendtablett. Im Nachbarzimmer hörte sie Herrn Lucas leise mit sich selber sprechen, feierlichen Tones. Sie lächelte, stellte sich zur Wand, hörte fremde Kehllaute, einen Singsang. Dann trat sie vor den Spiegel und puderte ihr Gesicht. Unten rief man: » Encore! Encore! « 84 Miß Dalmayne verneigte sich in ihrem ewigen blau und grünen Tuchkleid, blätterte in dem Heft auf dem Piano, gab Miß Strange, die sie begleitete, einen Wink, schloß die Augen unter leichtem Händeringen und sang: »Charley ist mein Liebling, mein Liebling . . .« das alte schottische Lied vom jungen Prätendenten. Die Damen machten Adela freudig lächelnd in ihrer Mitte auf dem Sofa unter dem Millaisbild Platz. Miß Dalmayne sang augenscheinlich für Adela. Adela fühlte es, und es wurde ihr warm ums Herz. Sie gab der Sängerin ihr Lächeln zurück, zeigte ihr, daß sie auf jeden Ton, jedes Wort lauschte; wie wohl tat es ihr, Musik zu hören, die Spannung, die Unruhe wich; was sie wie Gewissensbiß gequält hatte, verstummte, sie saß da wie in einem Heim unter Freunden. Miß Dalmayne schloß, die Hände auf die Brust gedrückt, mit Hingabe. Der letzte Refrain des Liedes verhallte wie eine Klage. Sie hatte sehr schön gesungen, es wurde » Encore! « gerufen, aber sie konnte nicht mehr. Mrs. Strange spielte ein Salonstück, mit schwierigen Passagen und Fiorituren, die eine Schweizer Spieldose nachahmten, mit Glöckchentönen, und erntete begeisterten Beifall. Dann forderte man Adela auf, zur Unterhaltung beizutragen. »Ich kann ja aber gar nicht singen!« sagte sie errötend. »Ich habe ja seit Jahren keine Taste mehr richtig angerührt!« »Ach nein, liebste Mrs. Malone, Sie haben ja eine so schöne Stimme! Vielleicht tragen Sie uns ein Gedicht vor!« baten die Damen. Und Adela stand auf, trat in die Mitte des Zimmers, besann sich und begann: »Agincourt, Agincourt . . .« 85 die alte patriotische Ballade von den Kämpfen und Siegen des Königs Heinrich V. über die Franzosen im fünfzehnten Jahrhundert. Sie hatte die Verse oft und oft als junges Mädchen vor ihrem Vater, dem alten Dr. Bourke, deklamiert, zu dessen Entzücken, sie entsann sich gut. »Agincourt, Agincourt! Kennt ihr es nicht? Agincourt? . . .« Die Damen riefen: » Encore! Encore! « Adela besann sich und begann: »Ein süßer Kuß, und dann: Leb wohl! Leb wohl, o Herz, für immer!« – das Gedicht von Burns, Robby Burns, ihr Lieblingsgedicht. Jede im Zimmer hatte ihren Verlust im Leben gehabt, eine verlorene Liebe. Köpfe stützten sich in Hände, in hingegebener Haltung, Augen verschwammen in verschleierten Fernen, kleine Taschentücher kamen zum Vorschein, ein leises Seufzen, kleine zärtliche Rufe, Ziehen durch die Nase begleitete die letzte Strophe: »Leb wohl, du Erster, Liebster! Leb wohl, du Bester, Liebster!« Und fast ohne Pause sprach Adela zum Schluß noch ein anderes Gedicht von Burns: »Mein Herz ist schwer, Gott sei's geklagt! Mein Herz ist schwer für Einen; O Gott, eine lange Winternacht Könnt' wachen ich für Einen! O Leid, für Einen! O Freud! für Einen! Die ganze Welt könnt' ich durchziehn Für Einen! 86 Ihr Mächte, reiner Liebe hold, O lächelt mild auf Einen! Schützt vor Gefahr ihn, bringt gesund Zurück mir meinen Einen! O Leid, für Einen! O Freud! für Einen! Ich tät' – o Gott, was tät' ich nicht Für Einen!« Adela setzte sich nun endgültig und erklärte, heute nichts mehr vortragen zu wollen. Es sei ihr ja unheimlich gewesen, sie habe selber über ihren Mut gestaunt. Seit Jahren habe sie nichts mehr deklamiert. Sie sei verblüfft über ihr Gedächtnis, das ihr in andern Dingen, z. B. in bezug auf Zahlen, böse Streiche spiele. Der Damen hatte sich eine lebhafte Stimmung bemächtigt. Mrs. Strange erklärte, jetzt stehe es fest, sie werden im Sommer nach dem Lande Ayr reisen, in Burns Heimat, des süßen Robbys Heimat. Morgen in aller Frühe wollte sie zu Scott Adie in Regent Street gehen und sich Burns' Gedichte in dem süßen Einband aus schottisch gemusterter Seide kaufen. Ja, es sollte ein schöner Sommer werden, sie kannte ein so gutes Hotel, man hatte von der Veranda einen Blick auf die alte Brücke über den Doon, Robbys alte Brücke! Sie fügte rasch hinzu, daß sie aber erst um das Ende der Season, gegen Anfang August dort hinauf reisen wollte, – um Miß West zu beruhigen, die aber gar nicht beunruhigt war von der Aussicht, einen ihrer Pensionäre loszuwerden, es kamen ja immer neue! In die Unterhaltung, die allgemein wurde, platzten die jungen Leute herein, das lustige Element, Mr. Hallibut und Mr. Bradshaw, die heute ihr Amt geschwänzt hatten, weil sie einen Freund erwarteten, Mr. Escoffier aus Paris. 87 Der war der Dritte im Bunde, die drei kamen herein in das Musikzimmer, um sofort, sobald die Damen das Feld geräumt haben würden, Besitz vom Klavier zu ergreifen. Mr. Escoffier wollte ihnen die neusten Pariser Gassenhauer vorspielen. Der junge Franzose setzte sich mit heiterer Miene auf den Klaviersessel, drehte sich auf ihm im Kreise und begann in seinem komisch gebrochenen Englisch auf die Damen einzureden. Die beiden Clerks schwitzten vor Angst, hofften aber doch insgeheim, der Franzose würde auf witzige Art irgend etwas nicht ganz für englische Ohren Geeignetes vorbringen und das Klavier und das Zimmer sodann für sie frei werden. Mr. Escoffier begann eine Geschichte von der Überfahrt nach Folkestone zu erzählen, von einem jungen französischen Hochzeitsreisepaar, das die Feuerprobe der Liebe zu bestehen hatte, nämlich sich gegenseitig seekrank werden zu sehen. Die Geschichte hatte bald die erwartete Wirkung ausgelöst, die Damen erhoben sich mit verbindlichem oder mit leicht verzerrtem Lächeln, verließen den Raum, nur Miß Dalmayne blieb übrig und Adela, die in plötzlicher unbändiger Lustigkeit Tränen gelacht und in die Hände geschlagen hatte. Mr. Escoffier schlug einen Akkord auf dem Pianino an, sprang dann auf, wendete sich gegen das Publikum und begann mit grotesk verrenktem Oberkörper eine Parodie des beliebtesten Varietékomikers von Paris zu vollführen, mit ungeheurer Zungengeläufigkeit, die Miß Dalmayne in Staunen versetzte, obzwar weder sie noch einer der Anwesenden vom Text ein Wort verstand. Adela lachte, daß es sie schüttelte und klatschte so laut und anhaltend Beifall, daß Miß Dalmayne sie staunend von der Seite ansah. 88 Mr. Escoffier imitierte nun eine Divette, piepste wie ein Frauenzimmer, versuchte kokett zu schielen, und brachte es zuwege, daß die Frauen den Text begriffen und erröteten. Er spielte ausschließlich für Adela, die er für eine anständige Frau hielt, aber eine, die auf Abenteuer aus war, schlug hier und da einen Akkord auf dem Klavier an und schaute Adela, wenn er sich umwandte, mit gesenktem Kopf gerade in die Augen. Er setzte sich wieder, begann in seinem südfranzösisch-englischen Kauderwelsch seinen Freunden und den beiden Frauen zu erklären, daß er ein besonders befähigter Kartenkünstler und Chiromant sei. Er ergriff die Hand Mr. Hallibuts, stieß sie aber sogleich fort, als habe er eine Kröte erfaßt, und behauptete, in der Gegenwart von Damen über den Herrn, zu dem die Hand gehörte, nichts aussagen zu können. Dann langte er nach Adelas Hand. Er hielt sie in seiner fleischigen, warmen, etwas feuchten Rechten, nahm Besitz von ihr, drehte und preßte sie, unauffällig, auf eine Weise, daß Adela, unter der Unzüchtigkeit der Berührung, blaß und kalt bis in die Haarwurzeln wurde. »Sie sind eine reiche Erbin,« begann er zu faseln, »Ihr Vater hat Bergwerke in Südamerika, in Indien gehabt. Sie aber haben sich in jungen Jahren in einen schottischen Hirtenknaben verliebt, der seither Vater von drei Mädchen geworden ist – es waren Zwillinge, ein ganzer und ein halber . . .« »O, höre auf, Escoffier,« schrien die Clerks, »Mrs. Malone ist eine Australierin, du bist auf falscher Fährte!« »Sie werden Ihr Glück bei der Großen Oper machen, folgen Sie mir, ich bin verschwägert mit dem Ballettmeister, der versteht wohl vom Gesang so wenig wie ein Elefant vom Flötenspiel, aber ich werde meine Protektion spielen lassen, und übers Jahr singen Sie Dalila . . .« 89 »Wieder falsch, Escoffier, die andre Dame ist die Sängerin!« Escoffier ließ Adelas Hand fahren, aber sein Blick verweilte noch auf ihrem Gesicht. Adela saß da, als horche sie auf etwas, das aus der Stadt über den dunklen Platz näher kam. Sie horchte, preßte all ihr Empfinden ins Ohr, es kam näher, sie zählte zehn, fünfzehn, bei dreißig würde es dasein, nein, bei siebzig. Sie saß stumm und abwesend da. Escoffier weissagte Miß Dalmayne. Siebenundsechzig . . . neunundsechzig, siebzig. Nichts erfolgte. Kein Klingeln an der Haustür, kein Ruf ans Telephon, kein Telegramm auf einem Tablett von Rebecca hereingebracht, nichts. Die Männer unterhielten sich laut, Miß Dalmayne lachte angeregt, Adela sagte: »Ja!« und wieder »Ja!« ohne hinzuhören. Am Ende, es war schon spät, Miß Wests Kopf erschien an der Tür, ging man heim, leise die Treppe hinauf, da hatte Adela mit dem Franzosen, den Clerks und der Sängerin eine Bootfahrt auf der Themse für den nächsten Sonnabendnachmittag verabredet, ohne es zu wollen, fast ohne Besinnung. In ihrem Zimmer, vor dem schlafenden Kind, befiel sie eine ungeheure Traurigkeit, eine zitternde Unrast. Sie machte sich Vorwürfe, fühlte sich besudelt. Es kam ihr vor, als sei sie nun vor allen Menschen bloßgestellt, beleidigt, als sei sie verfemt, dürfe sich in ehrbarer Gesellschaft nicht mehr sehen lassen. Sie wußte, es lag kein Grund für solche Vorwürfe vor. Indes – ihr schien, als habe sie die Treue gebrochen. Als habe sie jemand hintergangen. Wen denn nur? Michael sicher nicht! Ja, sie fühlte sich geängstigt, gejagt, zerspalten von 90 Gewissensbissen. Die Treue – sie hatte die Treue gebrochen! Sie setzte sich in den Lehnstuhl in der Ecke des Zimmers. Es war dunkel. Wie zwei Laternen funkelten die Augen der Katze vom Bett Sheilas auf sie zu. Das Kind schlief, ihr Atem kam und ging sacht und lieblich. Adela dachte über den Tag nach, den sie verlebt hatte. Sie trachtete, Fassung zu gewinnen, indem sie sich Minute für Minute ins Gedächtnis zurückrief. Doch eine Vorstellung quälte sie, sie vermochte ihre Gedanken nicht beisammen zu halten, der Faden der Erlebnisse entglitt ihr, sie kamen immer wieder auf die eine Vorstellung zurück: die seekranken Hochzeitsreisenden auf dem Schiff zwischen Boulogne und Folkestone. Diese Vorstellung wurde so quälend, verfolgte sie derartig, daß sie fast befürchten mußte, selber krank zu werden. Ihr Kopf wurde schwer. Wasser sammelte sich in ihrem Munde, ihre Augen tränten, sie stand auf, ging zitternd zur Waschschüssel und erbrach. * Bei Tisch sprach man von Adelas Krankheit, ihrer schweren Ohnmacht, aus der sie erst am späten Vormittag erwacht war, vom Fieber, das sie seither hatte, und vom Ausspruch des Arztes: daß er nichts finden könne, was ihm eine Erklärung für den Zustand der Kranken böte. Mr. Escoffier und die Clerks schickten ihr einen großen Kamelienstock ins Zimmer, Escoffier rühmte sich bei Tische, er sende Kranken immer Kamelien, die Blumen seien ohne Duft und sögen die Krankheit in sich, ob es nun körperliche oder seelische Leiden wären, die die Kranken ausstrahlten. Adela ließ die Blumen aus dem Zimmer fortbringen, sie ertrug ihren Anblick nicht. Der Stock stand nun auf 91 dem Speisetisch unten, und Mr. Escoffier ging nach dem Abendessen mit Kamelien im Knopfloch auf Abenteuer aus. Am Sonnabend, da Adela mit den jungen Leuten und Miß Dalmayne den Themseausflug hätte machen sollen – sie waren nun ohne Adela ausgegangen – fuhr eine Dame in einem eleganten Brougham vor dem Hause vor und erkundigte sich nach Mrs. Malone. Sie schien aufrichtig bestürzt und bekümmert über Adelas Krankheit. »Jetzt erkläre ich mir auch ihr rätselhaftes Verschwinden von meinem Gartenfest!« sprach sie zu Miß West. »Die Teure hat sich während des Tanzes erhitzt, es war aber zu nett, sie tanzte wirklich recht gut. Kann ich das Kindchen sehn?« Sheila kam, mit drei Puppen im Arm, die sie in eine kleine seidene Decke gewickelt hatte. Miß Falkoner blickte mit Entsetzen auf die drei Puppen hin; mit ihren magern, langen, von Ringen übersäten Händen löste sie die Decke von den Puppen, fuhr zurück: eine war häßlicher als die andre. »Kind, wer hat dir diese Ungeheuer geschenkt?« »Nein! Nein, sie soll sie mir nicht wegnehmen!« Sheila griff nach den Beinen der Skelettpuppe, die die Dame zu ihren kurzsichtigen Augen geführt hatte. »Nein, Kind, ich nehme sie dir ja nicht! Gott sei davor, daß ich solche Puppe in meiner Umgebung dulde!« Sie blickte zum Kinde hin, als sähe sie auf ein unheimliches Fabelwesen, bat, sie zu verständigen, wenn Adela wieder wohlauf wäre und Besuche empfangen könnte und fuhr mit beleidigter Miene und vollkommen aus der Fassung gebracht, von dannen. Miß West saß oben bei Herrn und Frau Winterod, die sie mit Tee, Kuchen, Marmelade und Ingwer bewirteten. Der Tee, den sie ihren Pensionären gab, war 92 nicht so reichhaltig. Aber Miß West verübelte es dem alten Ehepaar nicht, daß es sich freigiebiger beköstigte, als sie es imstande war. Sie drückte sogar ein Auge zu, wenn sie erfuhr, daß andre Pensionäre den Tee bei Winterods einnahmen, oder nach dem Diner zu ihnen hinaufgingen und dort Kuchen und Obst erhielten. Es stand zu allen Tageszeiten ein Tischchen voll schöner Sachen in den Zimmern des Ehepaars, und an ihren Schätzen durfte, wer dessen begehrte, teilhaben. Die beiden alten Leute saßen in bequemen Korbsesseln und Frau Winterod strich ihrem Mann Butter auf eine Scheibe gerösteten Brots. Sie sahen sich, nach einer vier Jahrzehnte alten, ungetrübt glücklichen Ehe ähnlich wie nahe Verwandte, der Mann mit seinem rosigen, glattrasierten und zahnlosen Gesicht, die Frau mit ihrem zahnlosen, glatten Gesicht und dem schlicht aus der Stirn gekämmten Haar. Sie trugen sogar gleiche Hausgewänder, gelbgraue, kuttenförmig geschnittene warme und bequeme Mäntel aus einem hausgewebten Stoff, den sie aus ihrer Heimat Kanada bezogen hatten. »Puß hatte sich verlaufen,« berichtete Frau Winterod. »Sie saß dort in der Ecke beim Spiegelschrank und sah abwechselnd auf mich und meinen Mann, mit ihren großen grünen Augen. Ihr Fell war gesträubt. Sie rührte sich nicht. Sie war nicht zum Verlassen des Zimmers zu bewegen.« »Ich liebe Tiere,« sagte Herr Winterod. »Bei diesem aber fühle ich ein Unbehagen. Ich kann mir's nicht erklären, weshalb, ich kann es auch nicht bekämpfen. Es überfällt mich, so oft ich der Katze ansichtig werde.« »Aber es ist ein schönes Tier,« sagte Miß West. »Und es ist gut, wenn Gäste Katzen mitbringen. Feuer hat manche Maus gefangen, seit Mrs. Malone hier wohnt.« »Es gibt Tiere, die Feinde der Menschen sind, 93 Haustiere,« fuhr Herr Winterod fort. »So wie es wilde, sogenannte wilde Tiere gibt, die Freunde der Menschen genannt zu werden verdienen. Als wir in Manitoba auf der Prärie wohnten, kam ein Koyote oft ganz nah an unsre Farm heran. Die Mägde warfen Scheite und Erde nach ihm, er war aber nicht zu vertreiben. Auch nicht durch die Schüsse der Knechte. Eines Nachts fanden wir einen andern Koyoten mit durchbissener Kehle vor dem Hühnerstall liegen, unser Hund war angekettet, es konnte nur jener, unser Freund gewesen sein, der den Räuber hingerichtet hatte. Unglücklicherweise traf ihn ein junger, eben eingestellter Knecht, ein Schwede, der von ihm noch nichts wußte, bei einem Streifzug und erschoß das brave Tier. Wir haben den Balg ausstopfen lassen, er wurde mit allem andern verkauft, als wir unser Heim auflösten!« schloß Herr Winterod mit einem Seufzer. »Feuer kam vielleicht, um Ihnen eine Botschaft von der Kranken zu bestellen –« sagte Miß West und dann im selben Atem, »wie gut diese Biskuits sind, teure Mrs. Winterod. Sie müssen mir sagen, wo Sie sie herbekommen. Sie sind besser als Huntleys.« »Es sind die von Cruikshank, teure Miß West. Sie nennen sich Cruikshank Goodies. Ich bin so froh, daß Sie sie lieben. Ich liebe Biskuits. Ich habe diese schon seit langem; sie halten sich auch gut. Kapitän Rogers verlangt sie immer, wenn er zum Tee bei uns ist. Er liebt sie auch. Wie geht es Herrn Stanley Hunt?« »Gut, ich denke so, Mrs. Winterod. Er erscheint wieder bei Tisch, er scheint jetzt wieder in bessern Verhältnissen zu leben . . .« »Hat er seine Miete bezahlt, teure Miß West?« »Ja, das hat er.« »Ich bin so froh, es zu hören!« sagten die beiden Alten fast zur gleichen Zeit. 94 »Ja, einige Tage nach dem fünfzehnten erhielt er ganz unerwartet, er sagte so, ganz unerwartet einen Betrag durch die Post zugestellt von jemand, den er gar nicht kannte, ein ganz fremder Name, er zeigte mir den Postabschnitt, er hatte Bedenken, das Geld anzunehmen, als ich ihm aber zuredete, tat er es doch. Nun hat er für einige Wochen Ruhe vorerst und kann abwarten. Er reist bald.« »O, hoffentlich findet er eine Chance, der arme gute Mensch,« sagte Mrs. Winterod. »Nun, um auf Puß zurückzukommen: so etwas ahnte mir ja auch. Mr. Winterod sagte mir: wie wäre es, wenn du die Katze zur Kranken hinunterbrächtest, Bessie? Wir hören sie zuweilen stöhnen bei Nacht, es klingt wie Schluchzen. Sie muß einen Kummer zu tragen haben, die Ärmste, sie stöhnt; oder ist es nur diese Krankheit?« »Kann man Mrs. Malone nicht irgendwie helfen Miß West?« frug Herr Winterod. »Der Arzt kommt täglich zu ihr. Es geht ihr schon besser. Er meint, die Krankheit wäre leichter zu behandeln, wenn die Kranke weniger einsilbig wäre. Sie leidet an einem Fieber, es fliegt ihr vom Kopf zum Herzen, von dort zum Kopf zurück. Es ist rätselhaft. Ich habe Feuer im Verdacht; Tiere führen oft Ansteckung mit sich.« »Ich werde zu Mrs. Malone gehn!« sagte Mrs. Winterod und sprang vor Eifer auf, als wollte sie es gleich tun. »Ich liebe ja die Kleine so sehr. Sie wird sich nicht sträuben, wenn ich an der Pflege teilnehmen will!« Mr. Winterod haschte nach der Hand seiner alten Frau, hätschelte sie in den seinen. »Sie hat solch gute Fähigkeiten, Miß West, wissen Sie! Sie vermag Kranke ganz allein dadurch zu heilen, daß sie mit ihren guten Händen einfache Wasserumschläge bereitet und auflegt.« »Sie werden auf Mrs. Malones Tisch eine Photographie bemerken,« sagte Miß West, »die Mrs. Bourke, 95 Mrs. Malones Mutter inmitten ihrer Tiere vorstellt. Die alte Dame lebt in ihrem Hause mit hundert Tieren aller Art beisammen, sie lebt nur für ihre Tiere! Sie war nicht glücklich in ihrer Ehe, nun hat sie den Menschen abgeschworen zugunsten dieser Kreaturen.« »O, das ist etwas anderes!« sagte Herr Winterod. »Dann allerdings ist die Katze ein besonderes Geschöpf. Ich habe Ähnliches gekannt! Der Familiensinn geht auf die Tiere über, sie werden Schutzgeister und Kobolde der Menschen, behüten und verfolgen sie. Hoffentlich ist Mrs. Bourke ein guter und gottesfürchtiger Mensch, sonst müßte ich für Mrs. Malone fürchten. Im Blick dieser Katze ist oft etwas . . . ich traue mich nicht, es zu benennen, etwas, was nicht vom Menschen ist, Böses verheißt.« »Ja, hoffentlich ist Mrs. Bourke gottesfürchtig!« wiederholte Miß West. »Mrs. Malone geht, ich fürchte, nicht regelmäßig zur Kirche. Ich weiß nicht – nun, jetzt haben sich unsre neuen Gäste, sie kamen gestern früh an, Sie haben Sie wohl gesehen, am Ende der Tafel, neben Herrn Stanley Hunt, die Dame mit weißem Haar, die Tochter mit so vielen Armreifen, beide schwarz gekleidet, nun Mutter und Tochter haben sich so glühend darum beworben, zu Mrs. Malone gelassen zu werden, sie sind beide von der Christlichen Wissenschaft, wissen Sie?« Es pochte, Rebecca kam herein, mit ihr Sheila. Das Kind hatte ein Telegramm in der Hand, Rebecca blieb mit dem Tablett bei der Tür stehn. »Ein Telegramm für Mammy,« sagte Sheila, nachdem sie den Anwesenden die Hand gereicht hatte. »Ich weiß, was es ist, es ist die Kabelnachricht über Mammys Scheidung von Papa. Miß West, soll ich warten, bis der Doktor kommt? Mammy sagt, sie braucht den Doktor nicht, aber sie hat jetzt ein paar Stunden geschlafen und ist frisch. Vielleicht ist es gut zu warten mit dem Telegramm!« 96 »O, komme doch her, mein Dearie!« sagte Mrs. Winterod. »Welch ein artiges, kluges Kind. Hier Sheila, Biskuits, Knackmandeln, Malagatrauben!« Und sie nahm eine Hand voll aus der Schale. »Mammy hat es seit ein paar Tagen gar nicht mehr erwähnt,« sagte Sheila, »vielleicht ist sie gar nicht so begierig, es zu bekommen!« »Danke, Mrs. Winterod!« Sheila nahm einige Stückchen Dessert aus Mrs. Winterods Hand. »Darf ich ein Biskuit auch für Feuer mitnehmen? Ein paar Mandeln für Golly, Joan und Rubidak?« Es waren ihre Puppen. Miß West nahm das Kind bei der Hand, Mrs. Winterod bei der andern; sie gingen, von Rebecca gefolgt, die Treppe hinunter und pochten leise bei Mrs. Malone an. »Herein!« rief eine schwache Stimme, wie aus weiter Ferne. * Bis zu Adelas völliger Genesung saßen Herr und Frau Winterod oft und lange am Bett der Kranken. Sie wurden vorgelassen, wie auch die Damen Reynolds, die Adela zur Christlichen Wissenschaft zu bekehren suchten und es ihren in ihrem eignen Zimmer vorgenommenen Gebeten für Adela zuschrieben, daß die Kranke sich zusehends wohler fühlte. Adela hatte die gekabelte Nachricht von der Melbourner Anwaltsfirma ohne Erregung gelesen und gleichgültig beiseite gelegt. Es war so, wie das Kind es gefühlt hatte: Adela stand der Scheidung von Malone gleichgültig gegenüber. Ihre Gedanken hatten sich von dem Manne, von ihren gemeinsam erlebten, allein durchlittenen Jahren, von dem Heim dort drüben für immer entfernt. Die Krankheit hatte sie an der Schwelle eines neuen Zeitabschnitts, 97 in den ihr Leben, sie fühlte es dunkel und ungewiß, eingetreten war, überfallen. »Wir wissen nicht, ob wir Ihnen am Ende lästig sind,« sagte Mr. Winterod, ziemlich mutlos, ja befangen, zu Adela, während seine Frau sich mit dem Kindchen Sheila zu schaffen machte. Das Ehepaar kam mit allerhand guten Sachen, zartem Hühnergelee, Beef-tea in Tablettenform, eingemachten Früchten, Herr Winterod ging täglich eigens in ein Zeitungsbureau, kaufte australische Blätter, Monatsschriften, die populäre Moderevue und legte alles auf das Tischchen vor Adelas Bett. »O, lästig? teurer Mr. Winterod,« sagte Adela und versuchte zu lächeln. »Ich bin Ihnen und Ihrer Frau ja so dankbar!« »Können wir Ihnen mit irgend etwas behilflich sein?« frug Mrs. Winterod und ergriff Adelas kühle Hand. »Sie haben vielleicht Angelegenheiten, nach denen wir sehen könnten?« Adela lag mit halbgeschlossenen Augen auf ihren Kissen und streifte ihre Ringe von einer Hand auf die andre: »Sie tun ja so viel für mich, für das Kind!« sagte sie. Die Antwort schien Mrs. Winterod unbefriedigend und hartnäckig. »Es erregt sie wohl zu sehr, von ihrer Scheidung und alledem zu sprechen,« sagte Mr. Winterod zu seiner Frau, als sie wieder auf der Treppe waren. Aber sie kamen doch jeden Tag, versuchten der Genesenden ihre Wünsche von den Augen abzulesen. Einmal traf das Ehepaar Miß Dalmayne bei Adela. Miß Dalmayne saß in einem Lehnstuhl und sang Adela kleine französische Volkslieder und Pariser Chansons vor. Sie hatte rote Augen, soeben hatte sie Adela einen Herzenskummer geklagt. Als sie fort war, wollten Winterods wissen, was Dalmayne bedrückte und wie man ihr helfen könnte? 98 Um debütieren zu können, brauchte sie Kostüme, Gretchen, Frau Flut, Königin der Nacht, Gipsy Girl. Sie war arm, die Agenten unwillig. Was sie besessen hatte, war fast ganz auf Gesangsstudien, auf das kostspielige Leben in Pensionen ausgegeben. Adela wollte, sobald sie gesund sein und ihre Angelegenheiten geordnet haben würde, zusehen: wieviel sie von ihren Einkünften für die Sängerin aufwenden könnte. Nächsten Morgen überreichte Herr Winterod Adela einen Scheck. Es war immerhin ein Betrag, der zur Anschaffung eines Kostüms hinreichte. Das Ehepaar wünschte natürlich ungenannt zu bleiben. Es war betrübt darüber, daß die Sängerin, die zuweilen zum Tee und nach dem Abendessen in den zweiten Stock hinauf kam, ihm gegenüber von ihren Nöten niemals Erwähnung getan hatte. »Kennt sie uns denn nicht länger, als Mrs. Malone, Bessie?« sagte Winterod kopfschüttelnd zu seiner Frau. »Warum nur?« »Fragst du: warum, John?« seufzte Frau Winterod. »Es ist so. Die Menschen sind so. Man soll sich nicht wundern über sie.« »Halten wir nicht offne Tafel für die, die ihrer bedürfen, Bessie?« »Doch John. Aber vielleicht ist es noch nicht genug. Vielleicht ist es zu viel. Sie stehen beide im selben Alter, Mrs. Malone und Miß Dalmayne; mit uns Alten wird die Jugend nicht so leicht vertraut. Wir verstehen vieles nicht mehr von der Jugend. Ein Glück ist es nur, daß sie an einen so guten und herzenswarmen Menschen geraten ist, wie Mrs. Malone.« »Ja, das ist ihr Glück,« sagte Mr. Winterod, beugte sich vor und ergriff die Hand seiner Frau. Die Alten sahen sich in die Augen und lächelten sich zu. * 99 Seit Anfang der Woche ging Adela bereits in ihrem Zimmer auf und ab. Der Arzt hatte seine Besuche eingestellt. Wie die Krankheit aufgetreten war, war sie auch gegangen. Ohne Krise, ohne erkennbare Ursache. Adela besah sich im Spiegel. »Ich bin ja eine alte Frau geworden!« sagte sie sich. »Ich bin ja eine alte Frau geworden! Über Nacht!« Die Sonne schien über den Nachtigallenplatz. Adela hatte sich die Chaiselongue an das Fenster geschoben und blickte über die Wipfel der Platanen. Die Tür tat sich auf und Sheila kam. Sie führte Herrn Lucas an der Hand. »Dies ist mein Freund!« sagte das Kind ernst. »Du sollst dich mit ihm unterhalten.« Herr Lucas blieb in der Mitte des Zimmers stehn. Sheila schob einen Lehnsessel nahe an die Chaiselongue heran und sagte: »Nehmen Sie Platz, Herr Lucas, bitte!« Darauf ging sie in die Ecke zum Nest Feuers und verhielt sich so ruhig, als wäre sie nicht auf der Welt. »Ich verbringe viel Zeit,« begann Herr Lucas langsam, »hinter einem Stapel von Büchern, es sind Bücher über ein Land, ein Volk, es sind mancherlei Bücher im Stapel, ich greife hinein und lese. Ich lese lange in den Büchern, die Sagen enthalten, Märchen, von Wesen, die nicht gelebt haben, es sei denn in den Seelen hinter Schleiern. Dann verirrt sich meine Hand und greift nach einem Buch und ich schlage es auf und lese – und siehe da, ich lese wieder Märchen und Geschichten, aber nach langer Zeit erst bemerke ich, daß das Buch von wirklichen Menschen und Begebenheiten handelt, die im Alltag geschehen, jedem, dem Reichsten wie dem Ärmsten. Dann lege ich das Buch fort, aber ich habe keine Lust mehr, weiter zu lesen, sondern gehe fort aus der Bibliothek.« 100 »Sie müssen mir erklären, was Sie damit meinen, ich bin einfältig, ich möchte wissen, ich glaube, Sie haben eine Absicht, weil Sie mir dies sagen.« »Sie waren krank? Sie lagen lange im Fieber bewußtlos? Ihr Töchterchen sagte mir's so.« »Ja.« »Sind Sie glücklich? Jetzt, da Sie wieder wach sind? Erinnern Sie sich, was Sie sahen, im Fieber, im Traum?« »Ich habe es vergessen. Ich müßte mich besinnen . . .« »Ja! Ja! Tun Sie es! Versuchen Sie sehr inbrünstig, sich zu erinnern, dann wird Ihr Leben noch eine Weile so schön sein, wie es im Traum war. Sie werden einen tiefen Sinn für Ihr Leben entdecken, wenn Sie es getan haben!« »Einen tiefen Sinn?« sagte Adela. »Muß es denn den haben?« Sie blickte Herrn Lucas überrascht an. »Viele Menschen haben ihn in der Zeit der beginnenden Genesung erst entdeckt,« sagte Lucas, mit dem Blick noch immer draußen. »Ja, man muß ihn finden.« Er schwieg und sagte dann noch, leise, wie für sich: »Frauen besonders.« Adela frug sich: warum sagt er mir das? Plötzlich fuhr es ihr durch den Kopf: etwa, weil ich eine alte Frau geworden bin? Sie sah Lucas aufmerksam an, konnte aber nichts an seinem Gesicht bemerken, das sie in ihrer Vermutung bestärkt hätte. Nein, es war unwahrscheinlich, daß er die Veränderung in ihren Zügen bemerkt hatte. Er war ihr ja öfters im Haus begegnet, war stehn geblieben, hatte mit ihr, mit Sheila ein paar Worte gewechselt, aber er hatte sie dabei gewiß nicht genau ins Auge gefaßt. Auch jetzt hatte er sie ja kaum angeblickt. Vielleicht war's auch gar nicht so schlimm mit ihr, und die Bemerkung Lucas' bezog sich rein auf seelische Dinge . . . Doch änderte sie plötzlich den Ton, hob den Kopf und 101 sagte rasch: »Was Sie mir sagten, klang fast so, als neideten Sie mir die Krankheit, das Fortsein vom alltäglichen Leben!« Er blickte sie an, schüttelte den Kopf, und sah dann auf ihre Hand nieder, die schöne, weiße Hand, die über ihr Knie niederhing, und die ihm verändert vorkam, er wußte nicht warum. »Ich darf mit meinem Leben zufrieden sein,« sagte er, »ich erlebe so vieles, ich bin dankbar.« Nach einer Weile sagte Adela: »Ich beginne zu erinnern. O, warten Sie doch – es waren Wellen, Berge, nein doch: Wellen, hohe grüne. Aber es will nicht viel bedeuten, denn ich hatte diese Träume oft schon früher. Träume von Wellen, weit –« sie sah zu Sheila hinüber, erinnerte sich an die Geburt des Kindes, mit einem jähen Sprung an d'Endore . . . »Ich muß nachsinnen, vielleicht war da noch anderes . . .« Aber plötzlich stand sie von der Chaiselongue auf, ging in die Mitte des Zimmers und drehte sich nach dem Gast um: »Nein, es hat keinen Zweck. So wie es war, soll es weiter sein. Ich habe mein Leben wach gelebt, ich will es weiter wach leben. Welch eine sonderbare Vorstellung . . .« Sie sah Lucas mit zusammengezogenen Brauen an: was wollte dieser Eindringling von ihr? »Ich war ein paar Tage krank, weil ich so unvorsichtig war, unter Bäumen zu tanzen. Wahrscheinlich war das alles. Es ist vorbei. Weshalb soll es nun anders werden? Wenn mir in meiner Krankheit irgendwelche Träume gekommen sein sollten, so habe ich sie vergessen. Es ist nicht schade um sie, nein. Ich schlafe jetzt wieder so tief und traumlos, wie man es sich nur wünschen kann. Dieser gesunde Schlaf verwischt, zerdrückt alle die Fieberträume, ja, so ist es. Ich will dem auch nicht entgegenarbeiten; mein Körper muß kräftiger 102 werden. Ich bin gewarnt worden!« Sie blickte den Fleck in ihrer Handfläche aufmerksam an. Lucas stand auf, verneigte sich, machte einige Schritte zur Tür. Seine Blicke waren zu Boden gerichtet. »Nein, bitte, bleiben Sie.« Sie ging zu ihm, nötigte ihn, zurückzukehren, setzte sich ihm gegenüber. »Ich höre Sie oft laut sprechen, nebenan. In welcher Sprache ist es?« »Es sind keine Worte. Es ist nicht immer in einer Sprache. Es sind nicht immer Worte. Oft ist es ohne Sinn.« »Sein Gesicht ist schlau!« sagte sich Adela. »Vielleicht meint er es gar nicht ernst, was er da spricht.« »Sie haben sich ja mit Sheila angefreundet, während meiner Krankheit?« sagte sie. »Ich glaube mich zu erinnern, das Kind war früher gar nicht freundlich zu Ihnen. War's nicht so, Baby?« Sheila sah von ihren Puppen auf und sagte: »Ich habe meinen Freund singen gehört. Es klang so schön, hinter der Tür. Da bin ich befreundet mit ihm geworden.« »Ich kann ja gar nicht singen, Baby!« sagte Herr Lucas. »Doch,« nickte Sheila, »Sie haben gesungen, Herr Lucas! Es war das Liebwundersturmlied.« »Was für ein Lied?« frug Adela erstaunt. Das Kind aber wiederholte, indem es jede Silbe betonte: »Das Wunderliebeslied im Sturm.« »Gott, dieses Kind träumt mit offenen Augen!« sagte Adela und blickte Sheila an. Die hatte sich zu ihren Puppen gesetzt, die in weiten Abständen voneinander an die Wand gelehnt saßen. »Nicht ich war das,« sagte Herr Lucas. »Nicht ich. Es war die Einsamkeit, die um jeden Menschen herum ist. Die macht es, daß Menschen einmal Worte einer Sprache, dann Musik von Gesang zu hören glauben. Auch ich hörte in all den vergangenen Nächten solche Laute aus Ihrem Zimmer tönen, da waren Sie einsam.« 103 »Habe ich gerufen?« sagte Adela. »Ja, es wird so gewesen sein, Herr Winterod sagte es ja auch – die beiden alten Leute, die über mir wohnen. Aber das war doch nicht dasselbe. Es geschah im Schlaf, im Fieber. Das ist doch keine Einsamkeit?« Herr Lucas nickte: »Doch!« Und er fuhr fort: »Jede Einsamkeit ist ein Fieber. Was Menschen tun und sagen und sehen, wenn sie einsam sind, das ist das Beste und das Tiefste an ihnen. Dann, wenn sie wieder unter den andern sind, oder wach oder gesund sind, versuchen sie, sich zu erinnern daran, was sie gesagt und gefühlt und gesehen haben. Aber es gelingt ihnen nur zuweilen, nur unvollkommen.« Adela versuchte, darüber nachzudenken, was Herr Lucas sagte. Aber sie gelangte bloß zum Gedanken: nebenan wohnte ein Mensch mit solch sonderbaren Gedanken, solch sonderbarem Leben. Ein Mensch, von dem man so wenig wußte. Im Grunde war's ihr bange vor ihm. Sie sagte: »Wie kann man denn einsam sein, wenn man in einem Hause mit Menschen lebt, die man zu allen Tageszeiten auf den Treppen trifft, mit denen man die Mahlzeiten gemeinschaftlich einnimmt, denen man gar nicht entrinnen kann? Noch dazu in einer großen Stadt wie London!« Darauf sagte Herr Lucas: »All das ist nichts. Sinn hat das alles nicht.« Er machte ein paar Bewegungen mit den Armen, reckte sie in die Höhe, zur Seite. »Wenn ich die Arme ausstrecke, die Finger spreize, fühle ich doch, ich bin allein, und wie allein ich bin. Ich muß dabei nur achtgeben, daß ich sie nicht zu weit hinauf oder zur Seite strecke – denn wenn ich zu weit über meine Höhe hinaus oder über das, was um mich ist, gelange, dann habe ich den Kreis durchbrochen und das ist gefährlich.« 104 Er wiederholte: »Nicht zu weit hinaus aus dem, was um mich ist. Das tut nicht gut.« Nach Herrn Lucas' Weggang saß Adela lange in Gedanken da. Es ermüdete aber, so dazusitzen und zu grübeln. Sie legte sich auf ihr Bett und mußte die Augen schließen. Sie rief Sheila zu sich, breitete die Decke über sich und das Kind, zog den kleinen warmen Körper nah an sich heran, den einzigen Menschen, den, der ihr der nächste war. Sie vermeinte so der Einsamkeit entrinnen zu können, die wie ein Kreis sie umgab und die sie zu fühlen wähnte, seit Lucas aus dem Zimmer gegangen war. Aber trotz der Nähe ihres Kindes erkaltete ihr Inneres. Waren es die Gedanken, die man nicht zu weit hinaus aus dem Kreise recken durfte? Um keine Gefahr heraufzubeschwören? Unwillkürlich bewegte sie ihre Arme auf diese Weise, griff hoch mit den Händen in die Luft über sich. Sheila folgte mit den Augen der Gebärde. Da zog Adela das Köpfchen des Kindes nahe an ihr klopfendes Herz und beschloß, allein zu bleiben. Sich niemand zu vertrauen, nicht zu sagen, was in ihr vorging, da ja alles so vieldeutig, unerklärbar und drohend war. Nicht sich preisgeben – es sei denn einem, der den magischen Kreis zu durchbrechen und, wenn auch gegen ihren Willen, in ihre Einsamkeit einzudringen vermöchte. Sheila fühlte den Druck des Mutterarmes leichter werden um ihr Köpfchen, ihre Schultern. Ohne sich zu rühren, hob sie die Augen und sah die geschlossenen Lider der Mutter. Sie senkte dann den Blick und gewahrte Feuer, die große Katze, die gedehnten Ganges, auf leisen Sohlen vor den Puppen bei der Wand wie eine Schildwache hin und her schritt und ihre grünen Lichter unverwandt auf die Schlafende im Bett gerichtet hatte. * 105 Nächsten Morgen erschien Adela wieder an der Frühstückstafel. Sie hatte Miß West gebeten, ihr einen Platz möglichst weit weg von Herrn Lucas anzuweisen und diese Bitte mit einem so unwirschen Gesicht getan, daß Miß West auf schlimme Gedanken in bezug auf ihren Mieter gekommen wäre, hätte sie nicht Bescheid über sein harmlos-wunderliches Wesen gewußt. Sie enthielt sich aus alter Gewohnheit jeder Frage um die Gründe des Wunsches. Wünschten ihre Mieter von ihr etwas, so erfüllte sie den Wunsch oder auch nicht, frug aber nie. Es raubte zu viel Zeit und verursachte nur Komplikationen. Bei Tisch – Adela und dem Kinde war oben in der Nähe von Miß West ein Platz zwischen Mrs. Strange und den beiden neuangekommenen Damen Reynolds angewiesen worden – blickte Adela öfters zu Herrn Lucas hinüber, der am unteren Ende mit den Junggesellen, Herrn Escoffier, den Clerks und dem Kapitän saß. Sie hatte sich entschlossen, auf die Gefahr hin, als unfreundlich zu erscheinen, Herrn Lucas zu meiden. Dieser Mensch war mit seinen verrückten oder bloß albernen Ideen zu ihr eingedrungen und hatte sie um ihre Ruhe und ihr Gleichgewicht zu bringen versucht. Am liebsten hätte sie ihre Zimmer gewechselt. Hoffentlich reiste er bald ab, der Sommer war ja nah. Herr Lucas blickte auf seinen Teller nieder, achtete nicht auf die Scherze des Kleeblattes, das ihm gegenüber saß, und stand als erster von der Tafel auf, um mit einer linkischen Verbeugung und langen Schritten aus dem Haus zu gehen. Adela sprach mit den Damen Reynolds, als Rebecca den Tisch abräumte und die Gäste sich entfernt hatten. Die im Speisezimmer warteten auf die Zeitung. Es 106 gab nur eine einzige, den »Telegraph«, und der war Tag für Tag vom Kapitän Rogers belegt, die andern Gäste durften geduldig warten, bis er das Blatt durchgelesen hatte. Mr. Escoffier kam herein und las laut aus der »Daily Mail«, die er sich an der Ecke der Oxford-Street gekauft hatte. Er las mit seinem französischen Akzent ziemlich aufgeregt und umständlich eine Geschichte vor, die sich im Norden der Stadt ereignet hatte. Adela hörte in der Pause des Gesprächs mit den wortreichen Damen Reynolds mit halbem Ohr hin und glaubte wiederholt einen vorüberflatternden Fetzen von Lauten zu vernehmen, der ihre Aufmerksamkeit zu binden suchte, aber dann erhob sich wieder das klappernde Geräusch der hölzernen Stimmen von Mutter und Tochter Reynolds vor ihrem Ohr. »Crescent . . . ich lese immer Crescent! Aber das ist doch der Mond! Liegt denn dieses interessante Stadtviertel im Mond?« sagte plötzlich Herr Escoffier. Miß West erklärte: Crescent bedeute auch eine halbkreisförmige Straße und somit: Morton-Crescent – die halbkreisförmige Mortonstraße. Adela wandte den Kopf. Im selben Augenblick las Mr. Escoffier aus der Zeitung den Namen Garrat vor. Als die Damen eine halbe Stunde später, nachdem sie all das aufgezählt hatten, was sie im Laufe des Tages zu besichtigen und einzukaufen gedachten, das Eßzimmer verließen, schickte Adela Sheila, sie möge ihr die Zeitung holen, die Herr Escoffier auf dem Stuhl bei der Tür gelassen hatte. Sheila gehorchte. Adela nahm das Blatt zur Hand. Ein Bild fiel ihr in die Augen: die Photographie einer schlanken Dame in Lockenperücke, mit einem breiten Federhut, die Beine 107 in Trikots, eine Pagentracht mit Puffärmeln, einen dünnen Stab zwischen den Händen – offenbar das Bild einer Schauspielerin oder Artistin. Im Text noch verstreut das Bild eines kleinen Hauses, einer typischen Londoner Vorstadtvilla, mit hoher Ziegelmauer um das Gärtchen, und weiter unten die Photographie eines bekannten Detektivs, des interessantesten Angestellten der Londoner Polizei, Mr. Evangeliste. Unter dem Bild die Zeilen: »Mr. Evangeliste, von Scotland Yard, der mit der Verfolgung des Falles betraut worden ist.« Die Überschrift des Artikels, der zwei ganze Spalten der Zeitung füllte, lautete: »Mrs. Belle Garrat in einem verlassenen Hause ermordet aufgefunden.« Und mit kleineren Buchstaben darunter: »Dr. Walter Garrat, der Gatte, entflohen.« Adela ließ die Zeitung einen Augenblick sinken. Sie blickte auf das spielende Kind vor sich, dann in den Schlund des Kamins. Der Rost, ein Metallgestell, war glänzend poliert, die Zieraten glitzerten, der Rost stand auf zwei Tatzen, es waren Tiertatzen, vielleicht Löwentatzen. »Wir wollen hinaufgehen!« sagte Adela nach einer Weile. Auf dem Tablett im Flur lag nun auch der »Telegraph«, den der Kapitän nach der Lektüre hingelegt hatte. Adela nahm auch diese Zeitung in ihr Zimmer mit und war bis zum Lunch für niemand zu sprechen. * Als sie mittags hinunterkam, war an der Tafel von nichts anderm die Rede als von dem Mord. 108 Extraausgaben waren erschienen. Von Stunde zu Stunde war es offenbarer, daß nur Dr. Garrat der Mörder seiner Frau sein konnte. Die Nachbarn hatten ihn wohl mit einer Frau abreisen sehen, die, in Frau Belles Kleidern und verschleiert, wohl für die Gattin des Doktors gelten konnte, auch hatte man in dem Hause auf dem Tische einen offenen Zettel für die Frau aufgefunden – aber zugleich mit Garrat war ja seine Sekretärin, ein junges leichtfertiges Ding, Cora Alix Stratton, aus dem Hause ihrer Mutter, einer armen Witwe aus Hackney, verschwunden, und es war offenkundig, daß dieses Verschwinden mit der Flucht des Mörders zusammenhing. Die Extrablätter brachten bereits Klischees von der Mordstätte, dem Hause, dem Zimmer, dem Tisch beim Bett, dem Bett, aus dem die Leiche eben fortgetragen worden war. Man sah, retuschiert und deutlich gemacht, noch die Vertiefung in dem Bett, die der Körper des Opfers hinterlassen hatte. Die Umstände, unter denen Belle Garrat ihr Leben lassen mußte, waren recht absonderlich. In der kleinen Arding-Street, zwanzig Minuten Wegs vom Morton-Crescent, stand eine Villa, die seit einem Jahr von ihren Bewohnern verlassen war. Ein Bild in der Zeitung, eben dieses Bild aus dem Morgenblatt, zeigte die Ziegelmauer um das Gärtchen der Villa, mit der Tafel auf der Gitterpforte: »Zu vermieten oder zu verkaufen« und darunter die Firma der Agenten: Hobbs und Bolder, Kensington, an die man sich zu wenden hatte, wollte man sich über die näheren Bedingungen erkundigen. Gestern, Dienstag früh, hatte nun Herr Ellery, der Bevollmächtigte der Firma, ein Ehepaar, das aus Sheffield 109 nach London übersiedeln wollte, in die leerstehende Villa geführt, um ihm die Räume zu zeigen. Und in einem der Schlafzimmer des oberen Geschosses war dabei die Leiche gefunden worden, im Zustand vorgeschrittener Verwesung. Fußspuren im Sand des Gärtchens, auf der Treppe und im Zimmer selbst wiesen auf mehrere Personen. Es waren Abdrücke von Belles Schuhen, aber von Männerstiefeln auch. Die Spuren der letzteren wiesen verschiedene Größen auf. Mr. Evangeliste hatte inzwischen konstatiert, daß die größten von den Stiefeln Dr. Garrats herrührten. Garrat hatte seine Stiefel in der Morton-Crescent-Behausung hinterlassen. Ein anderer Mann war bei der Toten gewesen. Seine Spuren wiesen darauf hin, daß er im Laufe der Monate des öfteren mit der Frau im selben Raume zusammengekommen war. Die Spuren waren mit getrocknetem Straßenkot untermengt. Von Garrats Schritten waren die Spuren dagegen nur ein einziges Mal vorhanden – sie führten ins Haus und aus dem Hause. Es waren die frischesten von allen. An dem Leichnam war keinerlei Zeichen äußerer Gewaltanwendung zu bemerken. Die Verwesung ließ das Wirken eines starken ätzenden Giftstoffes erkennen. Die hellroten und bräunlichen Flecke der pustulös veränderten Haut. Aus der Flüssigkeit, die der Gerichtschemiker dem Darm entnommen hatte, ergab sich nach Beimengung von Salzsäure und einer Chlorkalklösung ein indigofarbiger Niederschlag, der sich nach Übersättigung mit Ammoniak alsbald asphaltschwarz färbte. Die Körperhöhlen verbreiteten einen bittermandelartigen Geruch. Mineralische Partikel im Magendarmkanal wiesen auf Anilinbestandteile mit starker Arsenbeimischung hin, ebenso das dunkel angelaufene Zahnfleisch, die grünliche Goldplombe, der Puder, die Schminke. Offenbar hatte das Gift, dessen Beschaffenheit zurzeit das Gerichtslaboratorium untersuchte, die 110 Nieren zerstört, die Sektion ergab rotbraune Zylinder in dem Gewebe. Die Tote mußte kurz vor dem Ableben einen stark parfümierten Likör zu sich genommen haben, der Verwesungsgeruch war daher nicht betäubend, obzwar die Leiche bereits tagelang gelegen haben mochte. An den über einen Stuhl, auf ein Spiegelschränkchen geworfenen Kleidern, im Zimmer, im ganzen Hause war nichts, was auf die Identität der Toten hätte hinweisen können. Mr. Evangelistes sprichwörtliches Glück allein hatte zu einer unverhofft raschen Lösung verholfen: auf seltsame und schwer erklärliche Art war dem Täter bei der Beseitigung der Erkennungszeichen ein Schlüsselchen unbemerkt geblieben, das in ein Band des Korsetts verknotet war, ein Safeschlüssel der Holloway-Filiale der Birkbeck-Bank. Da war's denn kein Wunder, daß Mr. Evangeliste die Fährte im Handumdrehen gefunden hatte. Die Mittagsblätter veröffentlichten bereits ausführliche Steckbriefe der Flüchtlinge. Garrats Steckbrief deckte sich ziemlich genau mit dem Bilde, das Adela von ihm in der Erinnerung bewahrt und bei ihrer Begegnung aufgefrischt hatte. Das aschblonde Haar, der über die Lippen hängende Schnurrbart von etwas rötlicher Färbung. Die Haltung nicht ganz aufrecht, ein wenig nach der linken Seite übergeneigt. Man erfuhr, daß Garrat falsche Zähne hatte; daß er beim Sprechen oft die Lippen zwischen die Zähne zu ziehen pflegte. Auch daß er zuletzt eine Kratzwunde an der Nasenwurzel aufzuweisen hatte. Dies sagte eine seiner Stenotypistinnen aus, eine Miß Milligan. Man erfuhr ferner alles Nähere über Cora Stratton. Ihre alte Mutter hatte weinend und händeringend Auskunft gegeben. Das gute Mädchen: sie hatte ihr ihre Abreise in einem Briefe bekanntgegeben, dessen Faksimile 111 die Zeitungen brachten. Auch das Faksimile des Schecks über fünfzig Sterling, der dem Briefe beigefügt war. Dieser Zug von Kindesliebe gewann dem leichtsinnigen Geschöpf, das seiner Leidenschaft für Seidenstrümpfe, Besuche von Operettenbühnen und die Anschaffung von falschem Schmuck freien Lauf zu lassen gewohnt war, die Herzen der Menschen. Über Belle Garrat konnte man ganze Spalten lesen. Ihre Vergangenheit. Ihre Laufbahn als Gehilfin des Zauberkünstlers Signor Pantellari, dessen Maitresse sie auch noch während der ersten Zeit ihrer Liebesehe mit Dr. Garrat geblieben war. Die Gründe der Ausstoßung Garrats aus dem Klub der Ärzte. Das Dienstmädchen Frances Powells war in Scotland Yard erschienen und hatte ihr Dienstbotenherz ausgeschüttet, das von Groll gegen die Herrschaft überfloß. Garrats Ehehölle war von Scheinwerferlichtern erhellt. Die Damen Reynolds benutzten den Umstand, daß Garrat Agent für Kurpfuschermittel war, zu einer leidenschaftlichen Anklage gegen die Medizin und die Ärzte, von denen alles Unheil und alle Verworfenheit der Erde herstamme. Kapitän Rogers, ein alter Kunde der Patentmedizinläden in der Oxfordstraße, fing einen Disput mit den beiden Fanatikerinnen an. Die Tafelrunde hörte mit Ergötzen zu. Adela blieb auf ihrem Platz an der Tafel und stand gleichzeitig mit den andern auf. * Als sie spät abends nochmals hinunterging und ins Musikzimmer eintrat, fand sie einen Kreis von Damen um Miß Dalmayne versammelt. Die Sängerin hatte den Tag im Vorzimmer des Agenten verbracht, hatte ihm nach sechsstündigem Warten die 112 »Schmuckarie« aus »Faust« im Kostüm vorgesungen und war für eine Operntournee vorgemerkt worden, die im Herbst die kleinen Städte Schottlands und Irlands besuchen sollte. Im Vorzimmer des Agenten hatten sich ein paar ältere Frauen, Operetten- und Varietéstars vergangener Zeit, über Belle Garrat unterhalten. Eine war mit ihr befreundet gewesen, eine andre war ihr und ihrem Mann in Gesellschaften und hinter den Kulissen begegnet. »Sie war eine schöne Frau, aber lasterhaft! Wir von der Profession wußten es. Sie hatte wenig Verkehr, denn der Mann liebte es, in Wutausbrüche zu verfallen, sobald sie mit andern Männern sprach, oder andre auch nur ansah!« hatte eine der Frauen gesagt. »So ganz ohne Schuld wird er doch auch nicht gewesen sein!« bemerkte Miß Reynolds spitz. »Er ist doch nicht allein auf und davon gegangen!« »Ein Mörder!« sagte die Mutter Reynolds. »Nun, erwiesen ist ja der Mord noch nicht,« sagte Mrs. Strange. »Es muß ja erst bewiesen werden, daß der Gatte es war!« »Das steht doch fest!« behauptete Mrs. Reynolds. »Er ist doch entflohen und zwar in Gesellschaft!« »Als was wird er die Stratton ausgeben?« sagte Miß West, die sich für einen Augenblick hereingesetzt hatte, mit leisem Kichern. »Seine Frau? Seine Tochter? Ich habe einmal von einem Menschen gelesen, der seine Gefährtin, ein junges Mädchen, in Knabenkleider gesteckt hat, und das hat ihn gerettet. Erst Jahre später hat die Begleiterin auf dem Totenbett gestanden, da war der Mörder schon längst hinübergegangen.« »Sie soll groß und üppig sein, dieses Frauenzimmer Stratton, sie wird wohl als Frau reisen müssen!« »Hoffentlich führt das auf die Spur!« sagte eine Dame aus Nottingham, die Abend für Abend sich mit kurzsichtigen 113 Augen über ihre Häkelei beugte. »Wo sollten wir hin, wenn man es nicht verstünde, Verbrecher bald habhaft zu werden!« Jeden Abend sah sie, vor dem Schlafengehen, mit dem Licht unter das Bett, in die Schränke, sogar in den Koffer, stellte Barrikaden von Möbelstücken, Gepäck und Stühlen vor der Verbindungstür ihres Zimmers auf. »Man hat ja bereits einen Preis auf die Flüchtlinge ausgeschrieben!« »Haben Sie gelesen? Im Parlament war heute die Rede von dem Mord. Der Honorable Wimperis hat die Hafenbehörden angewiesen . . .« »Ach, die sind wohl längst über den Kanal, treiben sich irgendwo in Frankreich, in Belgien herum – der Doktor soll ja ganz gut französisch sprechen.« »Doktor?« sagte Miß Reynolds mit einem kleinen Hohngelächter. »Haben Sie den »Star« nicht gelesen? Er soll sich den Titel nur so, aus eigner Willkür beigelegt haben, wegen des Geschäfts.« »Aber er war doch früher ausübender Arzt gewesen!« sagte Mrs. Strange. »Er muß doch Doktor gewesen sein. Ist es denn möglich, Arzt zu sein und dabei nicht Doktor?« »Es gibt zwölf Methoden und eine, teure Mrs. Strange, wie man sich den Titel selbst verschafft!« »Ist das so?« frug Mrs. Strange mit erschrockenen Augen. »Ich glaubte, wenn einer ›Doktor‹ heißt, muß er schon approbiert sein und sein Diplom haben und vom Staat die Erlaubnis, zu heilen!« Sie blickte mit versonnenem Gesicht starr vor sich hin und Wasser trat in ihre großen hellgrauen Augen. »Nun, man wird es ja bald erfahren!« meinte Mrs. Reynolds. »Die Gerechtigkeit! Mr. Evangeliste . . .« »Ja, er ist der Beste von allen,« sagte Miß West. »Er hat in vier Weltteilen Verbrecher gefaßt.« »Wenn es nur bald geschieht!« sagte Miß Reynolds 114 »Denken Sie daran, wie das die Menschen verdirbt: wochenlang an nichts anderes zu denken, von nichts anderm zu reden als von Mord, von einer geschminkten Leiche, von einem Mann, der mit seiner Geliebten auf und davon geht, die er vielleicht für seine Tochter ausgibt.« »O, Miß Dalmayne!« sagte Mrs. Strange flehentlich. »Wollen Sie uns nicht ein Lied geben?« Die andern Damen stimmten in die Bitte ein. Die Sängerin stellte sich vor das Pianino, an dem Mrs. Strange Platz genommen hatte. »Ich werde Ihnen die ›Schmuckarie‹ aus Faust singen!« sagte sie. »O, singen Sie, teure Miß Dalmayne!« riefen die Damen Reynolds, die Dame aus Nottingham. Miß Dalmayne sah Adela an. »Singen Sie, teure Miß Dalmayne!« sagte Adela. Miß Dalmayne sang an diesem Abend sehr gut. Sie sang nicht nur, sie spielte ihre Rolle. Sie mimte. Aus einem Kästchen nahm sie Perlenschnüre, Armbänder, Spangen, Ringe, Ohrgehänge. Klar und silberhell tönten die Läufe, die Stakkati, zierlich drehte sich der Hals, spielten die Hände, die Blicke, die den Spiegel suchten und fanden. Adela sah ein junges Geschöpf, mit falschem Schmuck behängt, üppig, mit roten Lippen und lasterhaftem Ausdruck. Was geht mich dieser Mann an? sagte sie sich. Ein Zufall! Wäre ich ihm nicht begegnet, er wäre aus meinem Gedächtnis verschwunden gewesen auf Nimmerwiedersehen! Aber sie sah ihn. Sie sah ihn, für einen Moment, Auge in Auge, an der Straßenecke. Sie sah ihn, mit seinem blonden Haar, rötlichen Schnurrbart, seiner ein wenig nach links vornübergebeugten Haltung. Sie sah den Mörder. Was ist er denn? Was ist er mir? sagte sich Adela. Eine Notiz in der Zeitung. Etwas Rohes, Tierisches, 115 Schmutziges. Ich habe damit nichts zu tun. Ich will damit nichts mehr zu tun haben. Ich habe unter Roheit und tierischem Schmutz lange genug gelitten. Ich habe die Bestie begraben. Ich bin frei, das Leben ist leicht. Ich sehe auch wieder von Tag zu Tag jünger aus, seit ich mich erhole. Ich will fortan an nichts Schweres, Böses, Tierisches denken, es macht mich alt. Ich aber bin jung, ich habe das Leben vor mir. Wer weiß denn, daß ich den Menschen kannte? Den Mann der Dirne und Ehebrecherin? Den Mörder? Den, der mit dem Geschöpf im falschen Straßschmuck und den Glasperlen die Flucht ergriffen hat! Die Vorstellung von der Armseligkeit dieses Geschöpfes, das auf die Schale ihres Toilettentischs ihre Groschenringe, ihre Schillingperlenschnüre, ihre steinbesetzten Kämme aus Zelluloid niederlegt, machte sie lachen. Sie preßte ihre Hand gegen die Wange. Der Ellbogen drückte sich in die Sessellehne. Das kühle Gold der Ringe tat ihren erhitzten Wangen wohl. Miß Dalmayne hatte einen Triller gesungen, der die Begeisterung der Damen geweckt hatte. Jetzt schloß sie. Die Damen klatschten in die Hände: » Encore! « Adela klatschte in die Hände und rief: » Encore! « Sie lächelte der Sängerin zu, die beglückt ihren Blick erwiderte. »Was soll ich singen?« »Lucia von Lammermoor!« riefen die Damen. »Was soll ich singen?« frug die Sängerin Adela. Adela begann: »Ich . . .« Mrs. Strange blickte sie an. So merkwürdig klang ihre Stimme, sie klang so unsicher, schwankend, wie nach Tränen . . . Adela räusperte sich: »Ich hätte gern die Arie noch einmal gehört.« » Bis! Bis! « riefen die Damen. 116 Mr. Escoffier trat, von Herrn Bradshaw und dem Kapitän gefolgt, in das Musikzimmer ein und stimmte in den Chor ein: » Bis! Bis! « Dalmayne stellte sich in Positur. Mrs. Strange drehte sich auf dem Klaviersessel wieder nach den Noten um und begleitete. Nachdem die Sängerin mit der Arie fertig geworden war, wurde die Unterhaltung im Zimmer durch die Anwesenheit der Herren neu belebt. Mr. Escoffier hatte das letzterschienene Abendblatt gelesen. Garrat war, nebst seiner Gefährtin, in Brüssel gesehen worden. Er war vor vier Tagen mit dem Expreßzug nach Paris weitergefahren, in Begleitung des jungen Mädchens, das er für seine Frau ausgab. Die Spur wies nach dem Süden Frankreichs, nach den Pyrenäen. »O, es muß schön sein jetzt in den Pyrenäen. Wenn man einen Mord auf dem Gewissen hat!« bemerkte Mr. Escoffier. »O, wie können Sie nur!« riefen die Damen, ernsthaft empört, aus. Mr. Escoffier bemühte sich, den schlechten Eindruck zu verwischen, den seine Worte gemacht hatten. »Du bist in England, mein Lieber!« sagte er zu sich, »dies ist ein drawing-room , vergiß das nicht.« Und er sprach vom Arm des Gesetzes, von der weltberühmten Tüchtigkeit der englischen Polizei, spielte den Damen, die nun wieder lächelten, die Szene vor, wie ein Pariser » Sergot «, ein » Flic « einen Betrunkenen verhaftet, an der Ecke des Faubourg Montmartre, gab den Dialog der beiden zum besten, erntete Beifall, Encore, war wieder in seinem Element, spielte für Miß Dalmayne, für Adela, setzte sich an das Pianino und sang einen englischen, dezenten Gassenhauer, wie ein Franzose, der zum erstenmal Englisch radebricht. Die Damen lachten. 117 Adela ging Arm in Arm mit Miß Dalmayne, hinter Mrs. Strange und den Damen Reynolds, die Treppe hinauf und begab sich zur Ruhe. * Die Spur nach den Pyrenäen hatte sich als falsch erwiesen. Jetzt hatte man das Paar in Interlaken gesichtet. Auch in Ostende hatte man »Dr.« Garrat gesehen. Die Zeitungen schrieben jetzt Doktor in Anführungsstrichen. Einzelheiten aus dem Leben des Mörders kamen zutage. Seine Verbindung mit Schwindelfirmen. Sein Giftlaboratorium in Houndsditch, aus dem das geheimnisvolle Gift stammte, daran Belle Garrat zugrunde gegangen war. Je längere Zeit hinstrich und man Garrats nicht habhaft wurde, um so dichter häufte sich um die Ermordete Vergessenheit, um so heller rückte Garrat ins Licht des allgemeinen Interesses. Um Cora Alix Stratton kümmerte man sich wenig. Garrat war es, dem die Aufmerksamkeit des englischen, des französischen, ja des ganzen kontinentalen Publikums galt. Die Affäre kam den Zeitungen gut zu passen, die tote Saison stand vor der Tür, hoffentlich dehnte sich die Hetzjagd, das Kesseltreiben nach dem Verfolgten recht lange hin. Parlament und Oberhaus tagten wohl, aber die Politik bot nicht vieles Anregende. Die Rennen verliefen ohne besondere Ereignisse. Der Boxkampf zwischen dem Neger Gummings und Bombardier Wotton war ausgetragen und der Neger hatte gesiegt, man verweilte nicht lange bei dem Ereignis. » Garrat Clue « war die übliche Überschrift der späten Nachmittagszeitungen, und man wußte nicht mehr recht, 118 ob das einen neuen Schlüssel zum Geheimnis versprach, oder ob es die Tatsache bezeichnen sollte, daß der letzte, den man gefunden hatte, in das Schloß nicht paßte. Bei Tische sprach man zwischen den Gängen, zwischen den Berichten über die Besorgungen, die man in der Stadt vorhatte, über das neue Stück im Strandtheater, über die Beschaffenheit des Puddings, des Landspecks, der Keks und des Tees in der Bondstreet-Konditorei, von Garrat, von Garrat und Cora Stratton, von »Dr.« Garrat und wieder von ihm. In den Zeitungen war ein Schmuckstück abgebildet, von einem tüchtigen Zeichner nach Angabe des Dienstmädchens und von Freundinnen der Ermordeten gezeichnet: eine Spinne aus Rubinen, die in einem Netz von Goldstrahlen saß. Dieses Schmuckstück fehlte im Schrank der Morton-Villa, während andere Stücke von geringerem Wert dort vorgefunden worden waren. Es war anzunehmen, daß das leichtsinnige, putzsüchtige Geschöpf es nicht übers Herz bringen werde, bei einer Gelegenheit, etwa in Abwesenheit Garrats, die Brosche anzustecken und mit ihr zu paradieren. Die Photographien Garrats häuften sich. Zuletzt war es eine, die ihn in der Mitte junger hübscher Damen zeigte, auf einem Gartenfest aller Wahrscheinlichkeit nach. Eine Dame, die nicht genannt sein wollte, hatte die Photographie Scotland Yard eingeschickt. Die Gesichter der andern auf dem Bilde waren unkenntlich gemacht. Auf dem Klischee breiteten sich große Flecken Druckerschwärze über diese Gesichter. In einer der Gestalten neben Garrat erkannte Adela sich selbst. Sie öffnete nachts, als Sheila schlief, ihre Kassette, schloß sie aber wieder, ohne die Photographie, die sie besaß, zu vernichten. 119 Unten beteiligte sie sich an den Gesprächen. Sie verfolgte die Affäre mit Spannung. Auch sie hoffte, daß der Täter bald der Gerechtigkeit überliefert sein werde. Mörder durften nicht frei unter den Menschen herumgehen. Der Gedanke vergiftete die Menschheit – darin hatte Miß Reynolds völlig recht. »Nun hat man sie!« sagte Kapitän Rogers beim Eintreten in das Speisezimmer. Die Gäste von Miß West blickten erwartungsvoll nach ihm hin. Der Kapitän schlug auf die Zeitung, die er in der Hand schwenkte. Mr. Bradshaw riß sie ihm aus der Hand. Hallibut und der Franzose sprangen auf, stürzten hin, blickten dem Leser über die Schulter. Adela lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, ihr Löffel klapperte im Teller, sie fühlte, wie das Blut in ihrem Arm stieß. Ihr Herz setzte aus, stürmte dann vor, das Blut staute sich in ihren Ohren. Am Abend stellte es sich heraus, daß man abermals auf falscher Fährte gesucht hatte. * Zur Teestunde fuhr ein Brougham vor dem Hause vor, der livrierte Diener brachte eine Karte und wurde ins erste Stockwerk gewiesen. Adela las Miß Falkoners Namen und ließ bitten. Sheila lief ins Nebenzimmer und zog die Tür zu hinter sich. Sie war nicht zum Hervorkommen zu bewegen. Sie weinte und stieß die Mutterhand von sich. Als Miß Florence eintrat, war's im Zimmer, in dem sie sich eingeschlossen hatte, mäuschenstill. Adela empfing Florence und bat sie, den Tee bei ihr zu nehmen. Sie zog den Vorhang vor die Tür zum Nebenzimmer und sagte, Sheila sei von Freunden zu einem Kinderfest abgeholt worden. 120 Unterm Bett, in der Ecke, verweilte Feuer. Von Zeit zu Zeit wurde Adela ihres gesträubten Fells, ihrer blinkenden Lichter gewahr. Das Tier blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen, rührte sich nicht. Adela fühlte sich durch Feuers Gegenwart beruhigt. Ihr war's, als gewähre ihr die Nähe des Tieres Schutz und Sicherheit gegen irgendwelche Gefahren, die sie von fremden Menschen her bedrohten. Es geschah jetzt oft, daß sie die Katze mit sich zum Essen in das gemeinsame Speisezimmer nahm, und wenn sie im drawing-room Musik hörte, lauerte das Tier, das sich von niemand streicheln oder liebkosen ließ, im Winkel zwischen Blumenständer und Wand. Miß Falkoner umarmte und küßte Adela auf beide Wangen und beteuerte ihre Freude darüber, daß sie sie nach so vielen Jahren wieder zu sehen bekommen habe. Noch dazu durch solch spaßhaften Zufall! Die Erinnerung trieb ihr Tränen des Lachens in die Augen. Nach einigen einleitenden Redensarten, die Adelas ausgezeichnetes Aussehen und Miß Falkoners Genugtuung darüber betrafen, daß die Krankheit so gut überstanden sei – nach ein paar Worten der Anerkennung über West-House, das Zimmer, die Aussicht, die hübschen Nippgegenstände aus Onyx auf Adelas kleinem Sekretär kam Miß Falkoner auf den Kernpunkt ihrer Mission zu sprechen. In Australien sollte eine Tochteranstalt des Tierschutzvereins von Battersea und der Surrey-Seite mit Fonds versehen werden, nach dem Muster des Londoner Asyls; ein Altersheim für kranke Pferde und für Hunde und Katzen, die nach dem Tode ihrer Herren verwaist auf der Welt zurückblieben, eingerichtet werden. Adela sollte in das Komitee als Patronesse eintreten und die gute, teure, alte Lady in Melbourne, dieser Schutzengel der Tiere, Patronesse der australischen Anstalt werden. 121 Nächsten Sonnabend war Sitzung bei Florence. Bis dahin mußte Adela sich entschieden haben, ob sie die Funktionen übernehmen wollte oder nicht. Nun, über ihre Antwort war ja kein Zweifel möglich. Aber auch die Kinderschutzvereine von Streatham, Croydon und Sydenham, der Vororte um Florences Heim, wählten ihren Ausschuß neu, und die Damen hatten den Wunsch geäußert, Adela in ihrer Mitte zu haben. Ladies aus den Kolonien waren den Vereinen im höchsten Grade willkommen. Auch dieser Verein hielt nächsten Sonnabend seine Sitzung bei Florence ab. Adela war eingeladen. Zu ihrem aufrichtigen Mißvergnügen und Befremden mußte Miß Falkoner hören, daß Adela am Sonnabend nicht kommen könne oder wolle. Warum denn nur? Sie schützte anderweitige Verpflichtung vor, eine notwendige Besorgung in der Stadt – Miß Falkoner wollte aushelfen – einen Weg zur Bank – auch damit konnte Miß Falkoner Adela beispringen. Zuletzt sagte Adela in ihrer Verwirrung, sie hätte sich ja bei ihrem letzten Besuch im Garten die Krankheit zugezogen, die sie noch nicht überstanden hätte . . . »Aber es wird ja diesmal gar nicht getanzt, meine Teure!« rief Miß Florence bestürzt aus. »Sie werden doch mich und mein Haus nicht für den Rest Ihrer Tage meiden wollen, nur weil Sie einmal vergnügt, leider aber unvorsichtig gewesen sind?« »Es ist nicht das allein,« sagte Adela, schwieg aber sofort wieder und errötete ein wenig. »Was sonst?« frug Miß Falkoner eifrig. »Paßte Ihnen jemand von den Damen nicht? Oder von den jungen Leuten? Sagen Sie's doch, Teure, es läßt sich vielleicht arrangieren, vermeiden.« 122 »Es ist nicht das,« sagte Adela befangen. Dann nahm sie einen Anlauf und klagte über die lange Strecke, die sie zu fahren hätte, dort hinaus, es sei ja endlos. Sie verschränkte ihre Finger und sah auf ihre Hände nieder. Sie fühlte, daß das, was sie sagte, unglaubwürdig und zugleich unfreundlich klang. »Mein Wagen! Teure, ich schicke meinen Wagen, den geschlossenen, das Kupee, es ist abgemacht! Kein Wort hierüber. Der Wagen steht zur Minute vor Ihrem Haus, hier unten, bringt Sie wieder zurück.« Sie preßte ihre Hand auf Adelas Mund, um jede Entgegnung abzuwehren, und sprach dann übersprudelnd weiter, Adela werde es sehen, es nütze ihr gar nichts, sich zu sträuben, sie werde in die Komitees gewählt, auch wenn sie am Sonnabend nicht komme, das stünde fest. Im Nebenzimmer saß Sheila mit der Puppe Joan, die einen riesigen Kopf und kahle Stellen zwischen ihren Flachszöpfen hatte, auf einem Schemel und streichelte den Liebling. Die Puppe Joan konnte beim Hinlegen nur mehr ein einziges Augenlid zumachen. Das Kind hielt die Puppe zärtlich im Arm und behandelte sie voll Schonung, wie ein Krankes. Als Adela beharrlich schwieg, sagte Miß Falkoner mit plötzlichem Entschluß: »Es ist schrecklich!« Adela blickte auf. Miß Falkoners graue Augen waren über dem Rand des Goldkneifers auf sie gerichtet. »Es ist ganz schrecklich! Mein Garten – seit drei Tagen, nein, länger, fühle ich mich ja ganz unglücklich! Sie haben das Bild wohl in den Blättern gesehen! Dieser schreckliche Mensch, dieser Mörder Garrat – und meine Bäume im Hintergrund! Nun, gottlob, es war ja vor meiner Zeit. Aber immerhin! Nachts muß jetzt Morris, mein Kellermeister, im Vorzimmer meines Appartements schlafen!« 123 »Ich habe das Bild gesehen,« sagte Adela. »Zum Glück hat die abscheuliche Person, die die Indiskretion begangen und das Bild an die Redaktionen geschickt hat, noch so viel Anstand besessen, die Gesichter der Umstehenden auszustreichen! Ich besitze das Bild – Sie wohl auch? Der gute alte Secker hat es ja vervielfältigen lassen und jedem der Eingeladenen zugeschickt. Ich habe es aus meiner Mappe herausgesucht und Sie in einer der Figuren, rechts gleich neben dem Doktor, oder wie man ihn nannte, erkannt. Es ist ein Glück, daß die Gesichter unkenntlich gemacht waren. Mein Bild, das heißt das Bild, das ich besaß, habe ich natürlich sofort zerrissen und ins Feuer geworfen.« »Ich besitze das Bild,« sagte Adela. »Und ich erinnere mich auch ganz deutlich an das Fest, damals, bei Herrn Secker. Das heißt – ich habe das Bild natürlich in meinem Haus in Melbourne.« »Ja, ja – und als ich das Bild in der Zeitung erblickte, nein, früher schon, als der Name Dr. Walter Garrat zum erstenmal in der Zeitung zu lesen war, da erinnerte ich mich auch – wissen Sie noch, wir sprachen ja jüngst bei mir von diesem, von diesem . . . wir konnten nicht auf den Namen kommen! Plötzlich wußte ich es: Garrat!« »Sprachen wir von Garrat?« frug Adela. Miß Falkoner sah sie unverwandt an: »Natürlich, natürlich! Aber es mag ja ein Irrtum gewesen sein. Vielleicht verwechsle ich ihn. Ich glaubte mich zu erinnern, daß zwischen Ihnen und dem Menschen eine Freundschaft, ein leichter Flirt bestanden hatte? Nein, ich kann es Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freuen würde, wäre es eine Verwechslung!« Adela hielt Florences Blick aus. Sie sagte: »Ja, sicherlich ist es eine Verwechslung. Ich kannte Garrat oberflächlich. Ich hatte ihn ein-, zweimal in Gesellschaften gesehen.« 124 »Wie hätte es denn auch anders sein können. Diese Gattin – und Sie! Meine Teure! Es ist doch unmöglich, daß ein und derselbe Mann . . .« Ja, so verhält es sich ja auch! sagte Adela bei sich. Es ist ja unmöglich, es war Einbildung. Ich und jenes Weib. Und nun jenes Geschöpf Stratton obendrein. Er mußte ja irrsinnig oder krank geworden sein, das Gedächtnis, die Erinnerung verloren haben, daß er mit jener leben, daß er sie lieben konnte, jene Ermordete. Ich weiß es ja, wie er war, und wer er war, damals auf dem Gartenfest, dann bei uns im Hotel, und auf dem Hausboot bei Maidenhead, und auf der Blumenausstellung in Kensington, die ganze Season hindurch. Es war ja ein andrer Mensch. Ein Mann von so sanfter Art zu reden, einen anzublicken, mit solch offenem, freundlichem Blick, so höflichen, liebenswürdigen Umgangsformen! »Diese Frau!« begann Miß Florence, »welche Abgründe, meine Teure, o! Denken Sie sich das aus – nein, er kann nicht bei Sinnen gewesen sein. Sie hat ihn behext – es kommt vor. Ein Mann, der sich in der guten Gesellschaft bewegt hat, ein gebildeter und gelehrter Mann, mit einem Bureau am Kingsway, einer Villa – und dazu diese Szenen. Schlägereien, zerkratzte Gesichter, Eifersuchtsausbrüche vor dem Dienstmädchen – nein, in Pariser Boulevard-Stücken geht es so nicht zu! Können Sie sich in die Seele solch eines Frauenzimmers hineindenken? Ach, Sie haben ja, meine Teure, Trauriges genug durchgemacht, Roheiten erlebt, ich weiß ja, ich weiß! Sie müssen unbedingt einmal zu mir kommen, ich meine, wir müssen allein sein, und mir alles, alles erzählen!« Ihr unruhiger Blick streifte und fand auf dem Schreibtisch Mrs. Bourkes Photographie inmitten ihrer Lieblinge. Sie brachte das Bild nah an ihre kurzsichtigen Augen und betrachtete es verliebt. 125 »Die teure alte Lady! Hat sie nicht das bessre Teil erwählt? Ja – die Menschen! Die Menschen! So lange man mit ihnen haust, ist man zum Unglück verurteilt. Die unschuldigen Tiere – das ist eine Rettung.« Sie legte das Bild auf den Tisch zurück und sagte: »Ich aber, denken Sie, Teure! ich vertrage kein Tier um mich. Ich kann und kann es nicht! Tiere machen mich kribblig, rauben mir die Ruhe. Ich habe meine Zeit ihrer Sache, der Sache der Schwachen und Hilflosen gewidmet – aber ich kann mit keinem Tier im selben Haus leben. Ist das nicht schrecklich?« Sie seufzte. »Mit den Menschen leben!« sagte Adela. »Die Menschen sind unglücklich. Ich habe noch keinen gekannt, der nicht unglücklich gewesen wäre, sehr junge und sehr alte vielleicht. Aber man darf sich nicht entziehen, man muß mit ihnen bleiben, man muß ihnen helfen. Es ist Schwäche, wenn man entrinnen will. Ich weiß nicht, ob es nicht unrecht ist, wenn man es versucht –« »Sie meinen: Scheidung?« frug Miß Florence rasch. »Nein – das meine ich nicht,« gab Adela zögernd zurück. »Nur müßte man immer wieder anfangen können. Nicht sich abschließen, nicht mürrisch, und auch nicht frivol werden. Es ist schwer!« Sie sagte dies mehr für sich, strich sich über die Stirne und blieb, mit dem Kinn in die Handfläche gestützt, sitzen. Miß Florence rückte ihren Stuhl näher, streichelte Adelas Knie. »Wir müssen ganz nahe Freundinnen werden, Adela, Teure!« sagte sie. »Ich habe ja denselben Weg gemacht, allerdings ohne Ihre traurigen Erfahrungen. Aber ich bin natürlich eben dorthin gelangt wie Sie. Ich verbringe mein Leben doch damit, mit Menschen beisammen zu sein. Gott behüte mich davor, in eine Einsamkeit mit Haustieren mich zu verbannen. Und es sind ja so viel nette Leute unter denen, die mit mir arbeiten, Sie haben sie 126 ja letzthin alle beisammen gesehen, Sie werden sich wohlfühlen unter ihnen. Tun Sie mit. Kommen Sie zu uns. Wir sind wie eine große Familie.« »Ja, ich denke, ich werde bald kommen können!« sagte Adela. »O, Sie sagen das so vor sich hin, Teure,« sagte Miß Florence, »als dächten Sie dabei an etwas andres. Sie müssen aber unbedingt kommen, und zwar bald. Ach, ich bin ja so allein, trotz der vielen lieben Menschen, die immerfort um mich sind. Sie sind ja glücklich, haben Ihr teures Baby. Ich sah es neulich. Es ist ja solch ein Teures! Aber sonderbar unfreundlich, ich konnte mir's kaum erklären. Warum nur? Bei Ihrem guten, sanften Charakter!« »Ja, Sheila ist ein ernstes Kind. Ich denke oft, sie ahnt alles, was wir Erwachsenen schon erfahren haben, und kann daher nicht sein wie andre. Sie weiß vielleicht mehr, als sie noch aussprechen kann!« »Das ist oft bei Kindern aus unglücklichen Ehen, ja. Ach, wir haben unsre Erfahrung. Sie müssen mir alles erzählen. Bringen Sie doch Sheila nächstens mit; ich will einen Kindernachmittag veranstalten. Ja, Kinder aus disharmonischen Ehen! Denken Sie sich, dieses Weib, diese Ermordete, hätte ein Kind von Garrat gehabt! Ein Glück, daß diese Ehe kinderlos war. Malen Sie es sich aus!« Sie schüttelte ihre Schultern, als fröstele sie. »Ja, ein Glück!« sagte Adela. »Kinder in einem solchen Hause, wo der Kern für Mord und Unzucht schon gelegt ist!« »Vielleicht wäre der Mann glücklicher geworden, hätte er ein Kind besessen. Vielleicht hätte ihn die Frau nicht so weit getrieben, hätte sie Mutter seines Kindes sein können!« Miß Florence hob die Hände: »O, glauben Sie doch das nicht! Ich kenne Kinder und Eltern. Ich kenne doch 127 genug Ehen, habe in genug Häuslichkeiten geblickt. Ich glaube nicht daran, daß ein Mann wie Garrat besser wird, wenn er Vater ist. Das Kind eines solchen Mannes ist in der Regel um vieles unglücklicher als die andern. So verhält es sich.« »Es wäre besser für ihn gewesen,« wiederholte Adela. Und zu sich sprach sie: er hätte ein Kind haben sollen. Er wäre nicht so weit gekommen. Er war zu unglücklich. Miß Florence blickte auf die Uhr, stieß einen kleinen Schrei aus und sprang auf. Sie umarmte Adela ungestüm und nahm ihr das Versprechen ab, ganz bestimmt zur Sitzung des Kinderschutzvereins zu kommen. Adela sagte zu. – In der Tür begegnete die Fortgehende Miß Dalmayne, die glücklich und strahlend eintrat. Adela machte die Frauen miteinander bekannt, und die Sängerin wurde aufgefordert, an einem der nächsten Abende bei Miß Florence vor den Patronessen zu singen. Dalmayne umarmte Adela, die beiden standen vor Florence wie ein Schwesternpaar. Sie geleiteten Florence hinunter zum Wagen. Sheila kam mit ihrer Puppe aus dem Nebenzimmer. »Baby, warum warst du unartig zur Dame? Sie hat sich beklagt.« »Sie hat meine Puppen Ungeheuer genannt!« sagte Sheila. Feuer war aus ihrem Winkel hervorgekrochen und saß auf der Schreibtischplatte, neben dem Bild von Mutter Bourke. Adela saß eine Zeitlang schweigend im Lehnsessel und blickte dem Kind, dem Tier zu. Beide Wesen gingen, hantierten in der Stube. Sie hatte kein Teil an ihrem Tun, ihrem Wesen. Alle sind grausam gegen ihn, sagte sie sich. Alle verfluchen ihn, hetzen ihn, strengen sich an, ihn zur Strecke zu 128 bringen. Jetzt greifen sie alle zu den Zeitungen und legen sie unbefriedigt aus der Hand, weil er immer noch nicht gefangen, immer noch nicht dem Henker überantwortet ist. Gut, daß er in Freiheit ist. Sie sollen ihn nicht fangen! Vielleicht liebt er dieses Mädchen. Vielleicht ist er noch jung genug, ein neues Leben zu beginnen. Vielleicht ist er unterwegs und kein Mensch kann ihm etwas mehr anhaben. Gut! Sei glücklich! Die Welt ist weit, sei auf deiner Hut, tu ihnen nicht den Gefallen! Und sie dachte an Cora Stratton, die mit ihm war, dieses junge Mädchen, das seine alte Mutter nicht vergessen hatte, bei all seinem Leichtsinn, seiner Putzsucht und Verworfenheit. Erst später, Stunden später, fiel es ihr ein: daß sie ja, ebenso wie all die andern, stillschweigend angenommen hatte, daß Garrat den Mord begangen habe. Sie, wie die andern – und dabei war es doch gar nicht erwiesen. Ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände – aber sie hatte ihn in ihrem Herzen bereits schuldiggesprochen, sie, wie die andern, fremden, grausamen, oberflächlichen und sündigen Menschen! * Kapitän Fraser stand auf der obersten Stufe der kleinen Treppe, die zum Gesellschaftssaal seines Schiffes hinunterführte. Die Ventilatoren surrten. Die Kapelle spielte. Die Blumengirlanden, die die weiß und goldlackierten Säulen des schönen Raumes verbanden, schaukelten rhythmisch hin und her. Unzählige Papierfähnchen aller Nationen flatterten über den Köpfen der Tanzenden. Sie sprenkelten mit lustigen Farben die Bewegung der in Weiß gekleideten Frauen, in Frack und helle Sommerfarben gekleideten Männer, die Leinwanduniformen der Schiffsoffiziere, die sich der Festesfreude hingaben. 129 Über der Treppe vereinte sich die Flagge Englands, der Union Jack, mit der Flagge Kanadas, dem Ahornblatt in rotem Felde, zu einem Fächer, dessen Knauf die emaillierte Kartuche der »Ormond«-Linie, ein großes, rotes O in schwarzweiß gewürfeltem Felde bildete. Es hatte sich wider Erwarten Nebel eingestellt, und man hatte sich daher entschlossen, den ersten Ball statt auf Deck unten im Saale abzuhalten. Die Reisenden waren's zufrieden, das sah man der Veranstaltung an. Seit gestern mittag war man auf hoher See, und die üblen Krankheitserscheinungen, die das Durchkreuzen der Kanalströmung hervorgerufen hatte, waren fast bei allen überwunden. Hier und dort lag noch einer oder der andere von den Fahrgästen der »Inverneß« hilflos in seiner Kajüte und hob die blaßfeuchte Hand zur Klingel, um vom Steward oder der Stewardeß Hilfe zu erlangen. Kapitän Fraser war für einen Augenblick von der Kommandobrücke heruntergekommen. Neben ihm stand der Schiffsarzt Dr. Kennedy. »Wir sind in guten Händen!« sagte ein alter bissiger Handelsmann aus Halifax zu seinem Nachbarn, dem Geistlichen aus Nova Scotia. »Der Kapitän sieht zu, wie sein Erster Offizier sich im Walzertakt dreht! Derweil schwimmt der Kasten im tiefsten Nebel. Hören Sie?« Das dumpfe Tuten des Nebelhorns dröhnte wie Orgelpunkt unter der heiteren Weise, die das kleine Orchester hingebungsvoll fiedelte. Auf dem Sofa rings um die Wände saßen unter den zugeschraubten Seitenfenstern die älteren Leute, die nicht tanzten. »Und seinen Kumpan Kennedy hat er auch bei sich!« Die beiden Herren kamen die Treppe herab, stellten sich an die Peripherie der Tanzenden. 130 »Stratton!« rief der Kapitän mit seiner schrillen Stimme in den Saal. Der Erste Offizier tanzte mit einer hübschen üppigen Blondine im Arm, zehn Schritte weit von der Treppe dahin. Er tat, als sei er nicht angerufen worden, als habe er's überhört, walzte weiter, die Tänzerin fest im Arm. »Stratton!« rief der Kapitän abermals. Ehe er sich nach dem Rufenden wandte, blickte Offizier Stratton seine Tänzerin an: »Mir war's, als habe mich jemand gerufen?« Die hübsche Blondine blickte, vom Tanz gerötet, mit einem Lächeln ins Gesicht des Offiziers auf, dessen Augen auf sie gerichtet waren. »Ja! Ich glaube, es wurde eben Ihr Name gerufen . . .« Jetzt führte der Tanz die beiden an der Treppe vorbei. Der Offizier wendete sich um: »Ja, Kapitän?« »Ablösung!« rief Kapitän Fraser. »Die Pflicht!« sagte Offizier Stratton, löste seinen Arm von der Tänzerin, die ließ sich zu ihrem Platz neben einem ältlichen Herrn auf dem Seitensofa führen. Nachdem der Offizier mit dem Gatten der Dame, Mr. Fergus, ein paar verbindliche Worte gewechselt hatte, folgte er dem Kapitän auf Deck. Am Fuße der Kommandobrücke; unter der Treppe, blieben sie stehen und warteten. Ein paar Minuten später trat Arzt Kennedy zu ihnen. »Nun?« »Er hat ganz ruhig geschaut. Den Ruf hat er wohl gehört, aber er tat, als ginge es ihn nicht an,« sagte der Arzt. »Sie wurde ein bißchen bleich, ich habe es wohl gemerkt. Als Sie das erstemal meinen Namen riefen, kam sie aus dem Takt, stolperte über meinen Fuß, das zweitemal war sie ganz sicher,« sagte der Offizier. 131 »Gut,« sagte Kapitän Fraser. »Auf heut abend.« Mr. Fergus stand mit seiner jungen Frau in der Nähe des Orchesters. Die Stewards und die Stewardessen gingen mit Tabletts herum, auf denen Gebäck, Sandwiches lagen. Mrs. Fergus nahm sich von allem. Die Stewardeß empfahl: »Dies!« und dann: »Nun noch ein wenig von diesem!« Sie sah Mr. Fergus an: »Das letztemal hätte ich ihr nicht dazu geraten!« Das letztemal, das war gestern abend, als sie in die Kajüte des Ehepaares eingedrungen war, um nach der Patientin zu sehen. – Mrs. Fergus hatte, vom Augenblick an, da sie an Bord war, an der Seekrankheit gelitten und fest im Bette gelegen. »Aber jetzt will ich mich bei ihr einschmeicheln!« Mr. Fergus lächelte schwach. Seine Frau nickte Dank und zeigte ihre hübschen Zähnchen zwischen den geschwungenen Lippen. Die beiden setzten sich auf einen geschützten Platz hinter dem Flügel, der in eine Ecke geschoben war. Mr. Fergus blickte in den Saal, ohne zu sprechen. »Ich habe einen ordentlichen Schreck auszuhalten gehabt!« sagte Mrs. Fergus. »Aber ich habe mich gut gehalten, glaube ich.« »Er hat mit all den anderen jungen Frauen getanzt,« sagte Mr. Fergus. »Du mußt auf deiner Hut sein. Es ist ein verdammter Zufall. Wir müssen uns mit ihm abfinden. Es ist sogar gut, daß es so ist; wir werden uns doppelt in acht nehmen. Es ist eine fortwährende Mahnung, vorsichtig zu sein. Sind wir erst drüben, mein Lieb, wird's besser.« »O, der Twostep aus dem › Sunshine-girl! ‹« rief Mrs. Fergus und stellte ihren Teller auf den Flügel. »Genug!« sagte Mr. Fergus hart. »Wir gehn jetzt!« Aber Mrs. Fergus war schon aus der Ecke heraus und vor den Flügel getreten. Ein junger Mann von beträchtlicher 132 Eleganz, Rechtsanwalt aus Toronto, kam auf sie zu, verneigte sich und führte Mrs. Amy Fergus mit schwebenden Schritten die Säulen entlang. »Du kommst jetzt mit!« wiederholte Mr. Fergus, als sie lächelnd, leuchtend, mit hoch atmender Brust wieder neben dem Wartenden stand. »Schon?« sagte sie und rümpfte die Lippen. »Ja!« Sie gingen. Auf Deck war es kühl und feucht. Sie gingen einmal um das Deck herum. Amy Fergus blickte sehnsüchtig auf die beleuchteten Scheiben des Skylight, unter denen die Tanzmelodien wogten. Aber sie mußte in die Kajüte hinunter. – Sie kleideten sich zum Diner um. Die Tür war verschlossen. Mr. Fergus hatte auf die Klinke seine Kappe gehängt, um das Schlüsselloch zu verdecken. Mrs. Amy kramte im Koffer und hatte eine kleine Lederschachtel in der Hand. »Tu das fort!« sagte Mr. Fergus. »Ich tu es ja schon!« sagte Mrs. Fergus schmollend. »Ich werde alles an mich nehmen und heute nacht den ganzen Kram über Bord werfen!« sagte Mr. Fergus mit gedämpfter Stimme. »Nein!« Mrs. Amy hielt leidenschaftlich ein glitzerndes Stück, das sie aus der Schachtel genommen hatte, mit beiden Händen an die Brust gepreßt. Herr Fergus war zu seiner Frau getreten, und versuchte ihr mit Gewalt das Schmuckstück aus den Fingern zu quetschen. »Laß – du tust mir weh!« Die Tränen traten ihr in die Augen. Mit tränendem Blick sah sie dem schönen Geschmeide nach, einem aus Rubinen und kleinen Brillanten zusammengesetzten Spinnenleib, wie es in der Tasche des Mannes verschwand. »Ich stecke es ja doch nicht an, nur wenn ich allein im 133 Zimmer bin und die Tür zu ist! Ich habe auch das Goldnetz weggenommen, es ist nicht mehr zu erkennen!« »Du hast es angehabt neulich, als die Stewardeß hier eintrat. Du kannst es nicht unterlassen, dich zu putzen! Auch wenn niemand dich bewundert!« »Die Masche war darüber, die kleine Masche der Hemdpasse. Es war gar nicht zu sehen. Du bist abscheulich zu mir! Ich weiß es, es ist Eifersucht, nichts weiter. Ich hätte nicht tanzen sollen!« Mr. Fergus schlang seine Arme um sie, liebkoste sie, küßte ihr die Tränen aus den Augen fort. Draußen im Kajütskorridor schrillte die elektrische Glocke. »Zeit,« sagte Mr. Fergus. Sie gingen in den Speisesaal. Das Horn dröhnte unaufhörlich. Der Nebel war dichter geworden. * Um halb zehn saßen die Herren beim Porter im Rauchsalon. »Herr Fergus, wollen Sie sich nicht zu uns setzen?« frug Dr. Kennedy. Mr. Fergus war eingetreten und ließ sich an der Bar vom Keeper ein Glas mischen. Er hatte sein Pfeifchen weggelegt und sich angeschickt, stehend sein Glas zu trinken. Er kam an Dr. Kennedys Tisch heran, wurde vorgestellt und setzte sich zum Arzt. Der Steward brachte ihm das Getränk. Ein Obstzüchter aus Ontario, der Generalagent der großen Erntemaschinen-Fabrik Shuttle aus Edmonton, ein Bankprokurist aus Leeds, das war die Gesellschaft um Dr. Kennedy; auch Mr. Ryan, der junge Rechtsanwalt aus Toronto, saß da. Dr. Kennedy hatte seinen guten Tag. War er erst auf hoher See, so fing er richtig zu leben an. Kam er dann ins Erzählen, so konnte er unerschöpflich sein. 134 »Gestern, Doc, habe ich Sie beobachtet!« sagte Ryan. »Sie standen an die Reling gelehnt, ich war ganz traurig, das mit anzusehen. Hätte ich nicht gewußt, Sie seien der Arzt, ich hätte vermutet, Sie seien schwer seekrank.« »Er war blau!« meinte Mr. Pugsley, der Mann aus Edmonton. »Reminiszenzen an das Festland. Die blonden Mädchen vom alten Antwerpen.« »O, Chuck!« Kennedy winkte ab. »Mädchen der Hölle; keine Mädchen für mich.« »War Ihnen schlecht, Doc? Haben Sie auch einmal einen Arzt nötig gehabt?« »Nie an der Oberfläche, Gentlemen; immer im Kämmerlein. Wir Schiffsärzte dürfen uns noch weniger schwach zeigen, als unsere Kollegen auf dem Festen. Wenn Sie mich gesehen haben, Sir, so war ich in den Anblick des ewigen Meeres versunken, das mir auf jeder Fahrt neue und immer neue Überraschungen bereitet.« »O, Schwärmer!« Prokurist Hall schlug dem Doktor lachend auf die Schulter. »Hört den Poeten an!« »Go on, Billy!« brummte der Obstzüchter, der wohl ein halb Dutzendmal mit dem Arzt und der »Inverneß« zwischen Antwerpen und Quebec hin und her gefahren war. »Go on, Billy, laß dir einen Cocktail geben. Es ist erst zehn. Wo soll das hin, wenn du jetzt schon von dem ewigen Meer und solchem Balsam faselst!« Doktor Kennedy setzte sich aufrecht, klopfte auf sein leeres Glas und begann, während der Keeper ihm eine Mischung an der Bar herstellte: »Ich bin, soweit ich mich entsinne, nur einmal in meinem Leben ins Wasser gefallen, und das war, als meine Amme mich in die Wanne fallen ließ. Aber ich habe seitdem wiederholt Menschen ins Element plumpsen sehen, und auch von welchen hörte ich, denen das widerfahren ist. Ich habe gestern, als ich über die Reling blickte, an eine Geschichte denken müssen, die ich 135 auf der letzten Überfahrt von einem Patron aus Manitoba geschenkt bekommen. Es ist die verbiestertste Geschichte von einem Menschen, der ins Wasser gefallen ist, noch dazu ein blaublütiger Herzog von Großbritannien. An die Geschichte mußte ich wohl denken, als Sie mich gestern von fern beobachtet haben, Sir.« »Go on, Bill, gib uns die Geschichte,« sagte Mr. Brodeur, der Obstzüchter. »Hello, Mann, einen Highball, aber nach meiner Fasson!« Der Keeper nickte und schüttelte seine Silberflasche, in der Eisstückchen klapperten. »Also, die Geschichte hat sich auf folgende Art ereignet . . . Versorgen Sie sich mit Getränken, Mr. Fergus!« sagte Dr. Kennedy und blinzelte seinem Nachbarn ins Gesicht. »Die Geschichte ist lang!« »Danke, Doktor, es reicht noch eine Weile!« antwortete Mr. Fergus und trank. »Es fing also so an, daß eine Gesellschaft von vier Personen, Kolonisten, nach Manitoba kam. Genauer gesagt, nach Griswold an der Pacific-Bahn. Die Gesellschaft bestand aus dem Herzog von Sutherland, Lord Desborough, Lord Castlereagh und dem Marquis von Stafford. Diese vier hatten Land in der Nähe von Griswold aufgenommen und beabsichtigten dort eine Farm in beträchtlichem Stil einzurichten. Natürlich, um im Herbst dann in London im Klub über das ergötzliche Erlebnis schwätzen zu können. Ihr Haus war fix und fertig, als sie ankamen, ein gemieteter Mann namens Pete hatte es instand gehalten für sie. Sie wollten Pete behalten für die gröbste Arbeit, alles andere aber wollten sie selber besorgen, Erntearbeit, Hausarbeit, Vieh, alles. Nun, als sie von der Station ankamen, fanden sie Pete unterm Tisch, mit schwerem Rausch beladen, ohne Bewußtsein vor.« »Im ganzen Hause nichts zu essen. Sie rüttelten den 136 Schläfer wach und brachten es mit Hilfe des Kutschers, der sie hergeführt hatte, auch fertig, den Burschen so weit auf die Beine zu stellen, daß er nach dem Stall ging, das Pferd vor den Wagen spannte und in die Stadt fuhr, zusammen mit dem heimkehrenden Wagen, um, wie die Herren es ihm aufgetragen hatten, Lebensmittel für die laufende Woche einzukaufen, alles, was fünf Leute benötigten. Sie gaben ihm Geld und schärften ihm ein, alles dafür zu kaufen, was auf den Farmen ringsum so für Leute ihrer Art zum Fristen des Lebens notwendig und gebräuchlich war. »Pete fuhr ab und die vier sahen sich derweil im Haus, im Garten, auf den Feldern, im Stall um. Ein Bach lief eine halbe Meile weit vorbei, sie hatten ihn auf dem Herweg schon bemerkt. Lord Desborough holte sein Anglergerät, zog seine Wasserstiefel an und machte sich auf den Weg. Castlereagh und der Marquis blieben im Bereich des Hauses, der Herzog aber machte sich dünne und blieb fürs erste unsichtbar.« »Der Herd roch nach verbranntem Unkraut. Weit und breit nichts Eßbares. Castlereagh und der Marquis sahen einander an. »Mein lieber Junge, es ist nichts zu essen da!« Der Marquis klemmte sein Monokel ein: »Absolut, mein Lieber. Nicht ein Bissen.« »Wie lange sind wir hier herausgefahren?« »Fünf Viertelstunden. Der Bursche müßte schon zurück sein.« Lord Desborough kehrte von seinem Fischzug zurück: »Meine lieben Jungen, nicht ein Weißfisch, nicht eine Quappe. Wo ist Sutherland?« Der Herzog war verschollen. Die drei setzten sich auf Stühle, zogen ihre Pfeifen aus der Tasche und rauchten sich an. »War das nicht wie ein Hilferuf? Hullo, hört doch!« »Beim Jupiter! Sollte das ein Überfall von Rothäuten sein? Schon?« Der Ruf ertönte wieder. Die drei aber gähnten und fluchten: wo blieb der Kerl Pete? Endlich rasselte der Wagen heran. Pete sprang vom Bock. Es ging nicht glatt vonstatten.« 137 »Nun, mein lieber Junge!« sagte der Marquis von Stafford zu den anderen: »dieser Bursche ist betrunken wie eine Ratte. Er war halb nüchtern, als er ging, er hat sich einen neuen Rausch mitgebracht!« »Hier sind eure Lebensmittel, ihr Leute!« sprach Pete und zerrte an der Klappe im Hinterteil des Wagens. »Ich bringe das Zeug ins Haus, ihr macht derweil das Pferd los und führt es in den Stall.« Die Herren aber blieben stehen und sahen zu, wie Pete die Lebensmittel aus dem Wagen hob. Es waren zwei Kisten Kornbranntwein, drei Kisten Whisky, ein Fäßchen alter Gin, ein Barrel Sodawasser. »Wenn's nicht langt, kann ich ja zurück und mehr holen.« »Aber mein guter Mann!« sagte Lord Desborough, »haben Sie uns denn keine Lebensmittel gebracht?« »Lebensmittel?« frug Pete. »Well – Lebensmittel. Was für Lebensmittel? Ach ja, ein Sack Bohnen liegt auf dem Speicher, holt den herunter, ich bringe derweil das Zeug da ins Haus.« Desborough und der Marquis nahmen dem Roß das Geschirr ab, derweil machte sich Castlereagh auf die Suche nach den Bohnen, fand sie und warf den Sack unter die Bank beim Herd hin.« »Mein lieber alter Junge,« sagte Castlereagh zu Stafford. »Soviel ich weiß, dauert es doch einen halben Tag, bis Bohnen gar sind!« »Allerdings, mein Junge, allerdings!« sagte Stafford und ließ das Monokel aus seiner Optik fallen. »Nun wie steht's mit dem Abendessen?« frug er Pete, der in die Küche kam. »Haben Sie wenigstens Brot, Kaffee oder Konserven, oder irgendwas?« Pete schüttelte verwundert den Kopf. »Nein!« Dann ersuchte er einen der Herren, Wasser aus dem Brunnen zu holen, um die Bohnen aufzusetzen. Stafford machte sich auf den Weg mit dem Kübel. Je näher er 138 zum Brunnen kam, um so deutlicher waren die sonderbaren Hilferufe zu hören. Er blickte in den Brunnen hinunter und entdeckte den Herzog von Sutherland auf dem Boden des Brunnens, bis an den Hals im Wasser, und krampfhaft an dem Seil festgeklammert. »Mein lieber alter Junge!« rief der Marquis von Stafford, indem er sein Monokel ins Auge klemmte. »Was in aller Welt treibst du da unten?« »Mach schnell und hol mich heraus,« sagte der Herzog und glotzte in die Höhe. »Ich bin hereingefallen.« »Wie zum Teufel hast du das zuwege gebracht, hier hereinzufallen?« erkundigte sich der Herzog von Stafford und klopfte seine Pfeife an dem Rande des Brunnens aus. »Kümmere dich doch nicht darum, wie ich hier hereingefallen bin!« brüllte der Herzog. »Hol mich heraus. Das Wasser hier unten ist kalt, ich sage dir, verteufelt kalt!« » All right, mein Alter, all right! « sagte der Marquis Stafford. »Ich will mal sehen, ob es eine Leiter, eine Strickleiter oder etwas ähnliches gibt, an diesem wüsten Ort. Übrigens, ich vergaß zu sagen, dieser Mann Pete ist soeben aus der Stadt zurück. Ich sage dir, betrunken wie eine Ratte. Und nichts zu essen hat er mitgebracht, nicht eine Kartoffel!« »O, hol der Teufel den Mann und die Kartoffel . . .« » All right, mein Junge, all right. Ich werde mal den Burschen herschicken, ich wette, der verteufelte Kerl ist es selber gewohnt, in Brunnen zu fallen. Sag, ist es kalt dort unten? Ich bin vor drei Jahren selber mal von meiner Jacht ins Wasser gefallen. Bei Cowes in den Solent, aber dort war das Wasser ziemlich warm, nun ja, ich weiß nicht, wie es hier in Kanada ist.« Darauf kam Lord Desborough heran, um nachzusehen, was der Marquis so lange beim Brunnen zu schaffen habe. Desborough klemmte, als Stafford ihm die Angelegenheit erklärt hatte, das Monokel ins Auge und staunte den Mann dort unten an. »Hol mich der Teufel,« sprach er, »wie in alle Welt bist du hier hinein geraten, alter Junge!« »Beeilt euch doch, um Gottes 139 willen,« wimmerte der Herzog von Sutherland, »ich halte es nicht lange mehr aus!« »Der Teufel, alter Junge!« sprach Lord Desborough hinunter. »Ist dein Hut auch hineingefallen?« »Kümmere dich nicht um meinen Hut!« schrie der Herzog, »zur Hölle mit meinem Hut, rettet mich doch!« »Wollen wir ihm nicht seine Reisemütze holen?« frug Lord Desborough ganz bekümmert und sah den Marquis an. »Er wird sich behaglicher fühlen, wenn wir ihm die Mütze auf den Kopf werfen!« Dr. Kennedy machte eine Kunstpause und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die Runde schüttelte sich vor Lachen. Mr. Ryan lachte so, daß er die Gläser seines Kneifers trocknen mußte; der alte Obstzüchter hatte einen Stickhustenanfall, der Keeper lachte hinter der Bar. Mr. Fergus hatte den Kopf zurückgeworfen und lachte aus vollem Hals. Dr. Kennedy sah sie alle der Reihe nach an. Er war der einzige, der den Ernst bewahrte. Die Runde beruhigte sich allmählich. Mr. Brodeur atmete asthmatisch, der Prokurist keuchte leise vor sich hin. Mr. Fergus hatte sich ebenfalls beruhigt. Er saß aufrecht da und hatte die rasierte Oberlippe in den Mund gezogen. Die Geschichte ging noch weiter, Kennedy aber kürzte ab. Sie endete damit, daß am nächsten Morgen Pete die ganze Gesellschaft vom Boden auflas und sich seine Gedanken darüber machte, daß diese Herren, die die Edelsten der alten Heimat dort drüben sein wollten, so wenig aushielten, so leicht unter den Tisch fielen, wo er mit einem leichten Geschmack von Mahagoniholz im Munde davongekommen war. Es war schon spät. Mr. Fergus empfahl sich als erster. Die Herren blieben noch. Einige Minuten nach Mr. Fergus 140 sagte Dr. Kennedy Gute Nacht. Er mußte noch eine Runde auf Zwischendeck erledigen. * Allein Dr. Kennedy ging nicht ins Zwischendeck hinunter, sondern pochte an der Kabine von Kapitän Fraser an. Nach einer Weile läutete Fraser dem Steward und ließ den Ersten Offizier bitten. Stratton kam. Eine halbe Stunde später schritten die drei schweigend und unauffällig zum Sonnendeck hinauf und traten in die kleine Kammer des »Wireleß«, des Manipulators am Funkentelegraph, Mr. Campbell ein. Mr. Campbell saß mit dem helmartigen Hörer vor dem Schaltbrett und dem Morseticker und hörte, was in der Welt vorging. »Well, Campbell, fallen Sie nicht vom Stuhl, und geben Sie acht, daß der Schlag Sie nicht rührt.« »Was gibt's, Sir?« frug Mr. Campbell erstaunt. Stratton und Dr. Kennedy sahen den Mann mit feierlichen Augen an. Kapitän Fraser stellte sich breitspurig hin und diktierte das Telegramm. Mr. Campbell hatte den Schaltapparat eingestellt und drückte den Taster nieder. Er schrieb. * Der Nachmittag war warm und sommerlich. Die Fenster standen offen, über den Square rollten Wagen, gingen Spaziergänger. Eine Drehorgel hatte sich vor West-House aufgepflanzt, eine Italienerin mit tellerförmiger Kopfbedeckung schwang die Kurbel im Kreise. Vier kleine Mädchen stellten sich, die Fingerspitzen an den Röckchen, zu einer Quadrille auf, um zu tanzen. 141 Ihre Augen waren wie hypnotisiert auf die Fenster in den Stockwerken gerichtet, aus denen Miß Wests Gäste hinunterblickten. Ein Geschrei tönte von der Ecke des Platzes her, die nach der Oxfordstraße zu lag. » Special! Special! « Es war die Stunde der Abendzeitungen. Aber es riefen heute mehr Stimmen als sonst die Sonderausgaben aus, und nach den Worten » Special! Special! « wurden noch welche gerufen, die aus der Entfernung nicht genau zu hören waren. Adela und neben ihr Sheila blickten aus dem Fenster auf die Kinder vor der Drehorgel hinunter. Im Fenster nebenan stand Herr Lucas. Er merkte wohl, daß Frau Adela ihn gesehen hatte und daß sie tat, als sähe sie ihn nicht. Das Geschrei der Zeitungsjungen war jetzt näher gekommen. Es ertönte fast schon unter den Fenstern. Mitten in der Melodie brach die Drehorgel ab. Die Italienerin kramte in ihrer Tasche und kaufte sich für einen halben Penny das Blatt. Die vier kleinen Mädchen stellten sich auf die Zehenspitzen und guckten in die Zeitung. »Doktor Garrat . . .« riefen die Zeitungsjungen. »Doktor Garrat . . . Special! « Adela beugte sich aus dem Fenster und sagte Herrn Lucas: »Wollen Sie mir die Zeitung holen?« Herr Lucas verschwand vom Fenster. Er erreichte den Zeitungsverkäufer noch vor West-House. Vor dem Tor standen einige Gäste und lasen die Nachricht. »Danke,« sagte Adela. Herr Lucas reichte ihr das Blatt. »Die Treibjagd scheint beendet zu sein,« sagte Herr Lucas und empfahl sich. Adela entfaltete das Blatt. Sie hielt es vor ihr Gesicht, als ob sie darin läse. Aber auf den mittleren Seiten war ja nichts von Belang zu lesen. Die Nachricht stand auf der 142 ersten, unmittelbar unter dem Titel des Blattes. Sie war mit fetten Lettern auffällig gedruckt und lautete: Dr. Garrat auf dem Wege nach Kanada.« An die Redaktion der Zeitung war um drei Uhr nachmittags die folgende Meldung von Scotland Yard gelangt: »Reuter meldet Montreal wireless via Point Armour:« »Dr. Walter Garrat, der Mörder von Mrs. Belle Garrat, befindet sich auf dem Schiff ›Inverneß‹ der Ormond-Linie, und ist in diesem Augenblick auf dem Wege nach Montreal. In seiner Begleitung ist das Mädchen Cora Stratton. Das Paar hat sich ins Schiffsregister unter den Namen Mr. John Fergus, Kaufmann aus Antwerpen und Gattin Mrs. Amy Fergus eingetragen. An Bord hat außer dem Kapitän, dem Ersten Offizier, dem Schiffsarzt und dem Telegraphisten niemand Kenntnis von der Anwesenheit des Mörders. Er selbst weiß nicht, daß er entdeckt ist.« An der Abendtafel sprach man von dem Ereignis. Einer der Gäste, ein stiller und zurückhaltender Reverend, ein etwas schrullenhafter Herr, der erst vor kurzem in West-House eingezogen war, wurde zum erstenmal gesprächig. Er kannte das Schiff und den Kapitän, war vor einem Jahr auf der »Inverneß« von Southampton nach Antwerpen gefahren. Auch an den Schiffsarzt, einen komischen Kauz, erinnerte er sich deutlich. »Die Welt ist von einem Alp befreit!« beteuerte Mrs. Reynolds. »Das Tier ist im Käfig!« »Die drahtlose Telegraphie ist das größte Wunder des Erdballs!« erklärte Kapitän Rogers. »Stellen Sie sich vor, was das heißt: die ganze Menschheit erfährt jetzt stündlich, was der Mann tut und treibt. Er allein weiß es nicht, daß er entdeckt ist.« »Das ist sehr einfach!« sagte Mr. Escoffier. »Es gibt Situationen, in denen ein Mensch sich benimmt, wie er 143 es gewohnt ist, und derweil defilieren draußen auf Filzsohlen Scharen an dem Schlüsselloch vorüber. Man nennt das mit einem Wort: Voyeurs!« Er lachte. Keiner an der Tafel verstand ihn. In der Zeitung waren schon Kommentare zur Nachricht gefügt. Das Schiff hatte 7000 Tonnen, es war ein mittleres Schiff. Das Datum, an dem es von Antwerpen ausgelaufen, von Southampton abgefahren war, stand verzeichnet. Es schwamm in diesem Augenblick vermutlich 22 Grad nördlicher, 50 Grad westlicher Breite. Kapitän Rogers holte aus seinem Zimmer eine Seekarte, das Schiff wurde von den Gästen von Miß West lokalisiert. Es wurde an diesem Abend nicht musiziert. Die Herren waren aufgebrochen, um einen Abendspaziergang durch die Stadt zu unternehmen. Dalmayne, Mrs. Strange und die andern blieben unsichtbar. Auch sie waren wahrscheinlich in die Stadt gegangen. Es waren noch späte Abendblätter zu erwarten. Adela hörte in ihrem Zimmer, wie nebenan laut gesprochen wurde. Es war Herr Lucas, der Sonderling, der einen feierlichen Sermon in einem seltsam vorwurfsvollen Tone vor sich hin rezitierte. Adela blieb lange, nachdem das Kind zu Bett gebracht worden war, wach. Sie horchte angespannt auf jedes Geräusch von der Straße her – als hätte das etwas für sie zu bedeuten. Als hätt' es etwas zu bedeuten. In ihren Ohren sang die abgebrochene Drehorgelweise sausend weiter, immer auf dem gleichen Ton. Sie hatten ihn! Die ganze Welt hatte ihn. Sie hatte ihre Pranke dem einen Menschen auf die Schulter gelegt und wartete darauf, die Krallen zusammenzuziehen, mit eisernem Griff. 144 Aber die Pranke lag vorerst noch ganz sacht, wie durch eine magische Luftschicht isoliert, auf der Schulter des Verdammten. Er merkte nichts. Er merkte nichts von dem, was ihn bedrohte. Er allein wußte von nichts. Adela bog ihren Körper zurück, als verlasse sie der Atem. Stoßweis fuhr es wie Schluchzen aus ihrem gepreßten Herzen durch die Kehle heraus. Sheila schlief. Feuer saß am Bettende und wachte. Durch die vom Straßenschein durchflimmerte Dunkelheit leuchteten die grüngelben Lichter der Tieraugen. Adela lag, den Nacken, den Hinterkopf aufs Kissen gestemmt, in ihrem Bett. Unten ging das Tor. Laut sprechende Leute kamen heim, gingen über die Treppe. Türen wurden im Hause auf und zugemacht. »Retten!« stammelte die Frau. »Retten!« * Sie erwachte, es war noch Nacht. Es hatte ihr geträumt: sie stände auf einem Brett, das sich leise wiegte, wie auf einem Wasser. Und ihr gegenüber, auf dem äußersten Ende einer Landzunge ein Mensch, dessen Züge und Umriß sie nicht zu erkennen vermochte. Er hielt die Arme ausgestreckt, so weit, daß es fast aussah, als gehörten sie nicht zum Körper. Seine Hände spreizten sich unnatürlich – sie aber schlug die ihren vor die Augen, erschrocken: es war Gotteslästerung, diese Arme – die sich zu weit ausstreckten, es war Sünde, die Arme streckten sich zu weit über den Körper hinaus, zu weit hinüber – es durfte nicht sein! Sie erwachte, wie gelähmt. Feuer sprang mit einem Satz von ihrer Bettdecke hinunter auf den Fußboden. Vielleicht hatte das Tier, während sie schlief, die Pfote nach ihr ausgestreckt. Es war schon öfter 145 geschehen, daß das Tier die Frau im Schlaf leise gestreichelt hatte. Es war noch sehr früh. Vier erst vorüber. Aber es litt sie nicht länger im Bett. Sie stand auf, warf einen Schlafrock über, setzte sich an ihren Schreibtisch, der im frühesten Morgenlicht grau dastand. Auf den Onyxsächelchen lag der Schein wie Stahl. Sie küßte das Kreuz, preßte es gegen die Stirne, so tief, daß das Gefühl sich bis hinein ins Gehirn verpflanzte. Sie nahm aus der Schublade die Mappe mit den Andenken an Garrat, stellte das Bild vor sich hin, öffnete das Tagebuch, setzte die Feder an. Das Kinn in die Handfläche gelegt, den Zeigefinger stark an die Wange und gegen die Schläfe, den kleinen Finger an die Lippen gepreßt, saß sie und sah das Bild an. Die Bäume, die Terrasse, das Stück von der Gartenfassade – all dies fesselte sie, sie hatte es vor Tagen wiedergesehen. Ihre Gedanken verirrten sich. Eine Minute lang war sie gar nicht inne, aus welchem Grunde sie und was sie an dem Bilde betrachtete! Da erschrak sie, tief im Herzen, über diese Vergeßlichkeit, sperrte alles wieder in den Tisch zurück und legte sich, müde und übermäßig erschöpft, wie sie war, auf das Bett, um bis tief in den Morgen zu schlafen. * Die Zeitungen brachten die Nachricht vom Aufbruch Evangelistes. In seiner Begleitung befand sich ein alter Kommissär von Scotland-Yard, dem die Aufsicht über die Fabrikanten, Händler und Zwischenhändler ausländischer Patentmedizinmittel oblag, und der Garrat wiederholt in seinem Bureau wie in Scotland-Yard gesehen hatte, Mr. Crombie. Beide hatten sich bereits auf der raschfahrenden »Empreß of India« eingeschifft, und der 146 drahtlose Verkehr zwischen diesem Schiff und der »Inverneß« war hergestellt. Adela machte sich mit Sheila auf den Weg nach Regent Street. Sie hatte ihr Frühstück später als die andern Pensionäre eingenommen und war dann, Gruß und Aussprache vermeidend, mit Sheila an der Hand in die Stadt gegangen. Es war Sonnabend vormittag, die Oxford Street voll Menschen. Vor Peter Robinsons Laden staute sich die Menge. Drin war der lange angekündigte Verkauf von Weißwaren, Sommerstoffen, die Schaufenster schimmerten in den hellsten, zartesten Farben, und die Tafeln mit den Preisen, groß und auffällig über die ganze Herrlichkeit verteilt, erregten die Aufmerksamkeit und die Begeisterung der Damen vor den Scheiben. Adela trat ein und kaufte. Sie ging, das Kind an der Hand, die breite, in einem Bogen nach St. James hinunterführende Regent Street entlang, getragen vom Strom der Menschen, in der fröhlichen Morgensonne des Frühsommertages. »Liberty« lockte mit bunten Schaufenstern, in denen orientalischer Schmuck, seine dünne Seide, die mit phantastischen Blumen bemalt war, Kleidungsstücke und Möbel im Morris-Geschmack aufgestapelt waren. Adela blieb in hellem Entzücken vor diesen Fenstern stehen, kaufte einen Sommerhut für das Kind, ein liebliches Halskettchen aus winzigen Muscheln. Die Straße prangte. Da waren Läden mit kostbaren Blumen, die die Gärten von Kew beschämten, mit Früchten aus allen Weltteilen, Juwelierläden mit betörendem Geschmeide, mit herrlichem alten Silberzeug aus der Adams- und Sheraton-Epoche, aus Tudor und Queen Ann-Schlössern; Läden mit Jagd- und Sportrequisiten, mit allem erdenklichen Luxus der Welt. In den Seitengassen, die zu Piccadilly führten, standen die Kutschen der oberen Zehntausend 147 vor den Ateliers der berühmten Kleiderkünstler, deren Namen die Frauen mit Begierde erfüllten. In den schmalen Schaufenstern dieser vornehmen Geschäfte lagen nur einzelne Gegenstände, ein filigranzarter, pelzverbrämter Theaterüberwurf aus teegelbem Stoff, oder ein roter Frack neben einer Reitgerte, oder eine kleine Federagraffe mit einer weißen Chinavase als Hintergrund. Adela führte Sheila an der Hand, Mutter und Kind betrachteten schweigend die Schätze, endlich ermahnte Sheila die Mutter: »Du wolltest doch in den Hydepark?« Rotten Row, die wunderbare Straße der Reiter und Reiterinnen, der eleganten Gefährte und der eleganten Fußgänger, lag im vollen Glanze. Die Rhododendronbeete glühten in den Farben ihrer voll erblühten Kelche, und die schönen Menschen, die an ihnen vorüberschritten, ihre heitern Gesichter der Sonne zukehrten, sich lebhaft begrüßten im Vorübergehen, Vorüberreiten, Vorüberfahren, lebten und atmeten in gleicher Weise die Freude an der wolkenlosen Pracht des blauen Himmels. Die Geschäftigkeit der Straßen, paar Schritt weit, hinter dem Marmortor des Parks, hatte sich hier in einer wogenden, rhythmisch durchpulsten Bewegung von freier Anmut aufgelöst. Diese Menschen kannten keine Sorgen noch Hemmnisse; ihre Schritte, Mienen und Gebärden waren vom Genuß des gegenwärtigen und der Erwartung des kommenden Augenblicks beschwingt und geregelt. Adela und ihr ernstes Kind gingen mit den Menschen im selben Schritt und gleichen Zuge vorwärts. Sheila beachtete die Menschen, die vor ihr gingen, ihr entgegenkamen, wenig. Auch die Kinder, die an der Hand ihrer Eltern oder Nurses im Zug der Lustwandelnden vorüberschritten, erregten kaum ihre Aufmerksamkeit. Artig und mit der Gesittung einer erwachsenen Person ließ sie sich 148 von der Mutter führen, deren Wortkargheit und Insichgekehrtheit ihr nicht entging. »Hier kann man sehen!« sagte Adela und ging rasch auf zwei eben frei gewordene Sessel zu. Sie setzte sich mit Sheila und ließ den Strom nun an sich vorüberrollen, den Zug der Wagen jenseits der Allee und die Kavalkade der Galoppierenden. Sie begleitete einzelne Gestalten mit ihren Blicken, eine Frau, die zwischen zwei Männern ging, eine alte, die am Arm ihres weißbärtigen Gatten auf einen Stock gestützt vorüberschritt, ein junges Mädchen, das mit offenem, rotbraunem Haar bis zum Gürtel, in hellgrünem Tuchkleid des Weges daherkam. Sie sah einem und dem andern Menschen ins Angesicht, das ihr eine Sekunde lang zugekehrt war, eh' es entschwand und unterging. Alle diese Menschen wußten. Sie wußten es, hatten es vernommen, in ihren Seelen war das Ereignis verankert, jetzt lauerten sie auf die spannende Lösung, die nur auf eine einzige Art erfolgen konnte. Adela sah die Fröhlichkeit, die leichte, anmutige Ungezwungenheit dieser Menschen, die schönen Gesichter und die hellen Augen in ihnen, hinter denen heimtückische Bosheit, Schadenfreude und der Instinkt der Verfolgung lagen. »Mammy, du hast wieder Fieber!« Adela blickte das Kind an. Sie war zusammengefahren, als habe ein Frostschauer sie berührt. Aber es war kein körperliches Empfinden, sondern eine Erschütterung der Seele, die ihren Körper in einem Ruck bewegt hatte, so daß das Kind an dem Erschrecken teilhatte. Ich habe es nicht verhütet, sprach sie zu sich. Ich hätte zwischen ihm und seiner Tat stehen müssen. Es wäre meine Pflicht und Aufgabe gewesen. Ich hätte sein Leben 149 in eine andre Bahn lenken können. Nie wäre er hinabgesunken, so tief, wie er es jetzt ist. Es lag an mir, ich habe nicht nur schuld an seinem Verbrechen, ich habe es begangen. Welch ein sanfter, zartfühlender Mann er gewesen ist – nein, keiner weiß es außer mir – auch nicht das Mädchen, das in diesem Augenblick mit ihm ist und Schuld und Schicksal mit ihm teilt. Was weiß solch ein nichtsnutziges, putzsüchtiges, vergnügungssüchtiges Ding von einem Menschen, wie er es ist? Ich allein weiß es – und ich habe ihn nicht vor dem Verderben gerettet, in das er sich verstrickte. Ich hätte ihm auf seiner Flucht beistehen müssen! Einerlei wie. Ich muß ihn warnen. Ich muß es tun. Auf irgendeine Weise. Ich sitze hier wie eine Frau, die sich in aller Seelenruhe nach einem Vormittag in Putzwarengeschäften und nach Einkäufen von überflüssigem Kram das Gewissen einschläfert, indem sie andern leichtfertigen, geputzten und falsch lächelnden Wesen zusieht, wie sie den Tag hinbringen . . . es ist kein Unterschied zwischen mir und jenem Geschöpf, jener Cora – wahrscheinlich bin ich ein ganz ähnliches, wie die Frau, die er ermordet hat, ich hätte ihm wohl das Leben ebenso unerträglich gemacht – wahrscheinlich ist Malone gar nicht schuld daran, daß unsre Ehe so unglücklich geworden ist. Ich bin's, die die Schuld trägt, und ich sitze hier, tue nichts, und er, er derweil auf dem Schiff, er, der Einzige, der es nicht weiß, daß er verloren ist! Kabeln! Der Gedanke riß sie zusammen. Hingehen in das nächste Telegraphenamt und an Mr. John Fergus, auf dem Dampfer »Inverneß«, auf der Fahrt nach Quebec, kabeln. Ein paar Worte, einen Gruß, eine erlogene Nachricht, unterschrieben: Adela, oder, oder auch Adela Bourke. Vielleicht ein paar Worte, die er allein verstehen würde, die ihn warnen sollten, daß er auf seiner Hut sein solle, daß ihm Gefahr drohe. 150 Das Kabel! Die Leute auf dem Schiff, der Kapitän, der Offizier, sie würden stutzig werden, vielleicht einsehen, daß sie sich getäuscht haben – wie viele Frauen haben Spinnen aus Rubinen, wie viele Männer ziehen die Lippe nach dem Sprechen in den Mund, weil sie falsche Zähne im Oberkiefer sitzen haben und sie nach dem Lachen festsaugen müssen. Es kann alles gut werden – es ist noch nichts verloren. Er wird heil ankommen im neuen Erdteil und glücklich mit seiner Geliebten im weiten Land untertauchen. Sie griff nach Sheilas Hand, bereitete sich zum Gehen vor. Sie gingen. »Sieh, Mama, die Frau!« Sheila hatte in einem vorüberfahrenden offenen Gespann Miß Falkoner bemerkt, die, in gelber Seide und unter einem Spitzenschirm an der Seite einer grün und violett bebänderten alten Lady mit Papageiengesicht, augenscheinlich in lebhafte Unterhaltung versunken, vorüberfuhr. »Man sagt: die Dame! Baby,« sagte Adela und schob sich zwischen die Passanten, um den Blicken Florence Falkoners zu entgehen. Erst als sie im Telegraphenamt mit der Feder vor dem Kabelformular saß, ward sie ihres Wahns inne. Sie stand auf und ging rasch aus dem kleinen, übel nach Kleister und Sägemehl duftenden Raum hinaus. Es ist ja nicht möglich, wiederholte sie ein Mal über das andre. Der Wagen führte sie und das Kind im munteren Trab durch Piccadilly, durch die Theaterstraßen, an dem Britischen Museum heim nach West-House. Händeringend schluchzte die verzweifelte Seele: Es ist nicht möglich. Es ist unwiederbringlich dahin! 151 * Sie beschloß den Tag spät in der Nacht, wie sie ihn begonnen hatte, vor Tagesanbruch. Sie saß vor ihrem offenen Tagebuch, in dem sie eine Seite aus vergangenen Jahren aufgeschlagen hatte. und schrieb: »Lieber Freund!« Sie strich diese Worte aus und setzte an ihre Stelle die: »Geliebter Walter!« Sie dachte nach, das Kinn in die Hand gestemmt, Schläfe und Lippen mit den Fingern eng umpreßt. Der Brief trug das Datum eines längst vergangenen Jahres, eines Maitages aus verflossenen Zeiten, sie schrieb diesen Brief heute, den zu schreiben sie damals unterlassen hatte. Sie schrieb ihn als Antwort, verspätete Antwort, auf einen Brief, den sie unbeantwortet gelassen hatte. »Ich habe über die Worte nachgedacht, die Sie mir geschrieben haben. Ich glaube, ich kann mit gutem Gewissen die Frage bejahen, die Sie an mich richten. Ich habe Mut und Zuversicht und glaube an das Gute in Ihrem Charakter, das Sie wahrscheinlich aus selbstquälerischer Laune zu gering einschätzen. Ich kenne Sie ja nun seit Wochen, mein Freund . . .« Sie schloß die Augen und schrieb einigemal hintereinander den Namen »Walter« aufs Papier. Nach einer Weile, es war fast ein Erwachen, öffnete sie die Augen und schrieb emsig weiter. Was sie schrieb, hatte aber keinen Zusammenhang mit dem Anfang des »Briefes«. Es bezog sich vielmehr darauf, daß Miß Falkoner ihren Wagen am Nachmittag zu Adela geschickt hatte, der Verabredung gemäß, um sie zur Sitzung der Patronessen abzuholen. Aber der Wagen mußte leer nach der Surrey-Seite zurückfahren, denn Adela war nicht in der Verfassung, unter Menschen zu gehen. Mochte sich Florence Falkoner ihre Gedanken über Adelas Absage 152 und ihre Ursachen machen. Es lag ja auf der Hand, weshalb Adela es vermied, zu ihr zu kommen. »Alle haben nur einen Gedanken, geliebter Freund!« schrieb Adela. »Mein Herz tut mir so weh, daß ich Ihnen das schreiben muß: alle lauern nur auf Ihr Verderben. Alle fühlen sich besser und ihr Leben gesichert, nun Sie vom Arm der Gerechtigkeit erreicht und Ihrem Richter überantwortet werden sollen!« * In Decken gehüllt, lagen die Reisenden der »Inverneß« auf bequemen Liegestühlen um das Deck. Eine Teetasse in der Hand, Keksstückchen in der andern, saßen hier und dort Besucher auf dem Rande der Liegestühle und unterhielten sich mit den Liegenden. Das Wetter war wunderschön und die See ruhig wie ein Teich. Die Offiziere schritten, sobald sie im Dienst abgelöst wurden, mit den Fahrgästen im Eilschritt das Deck auf und nieder, die nötige Bewegung vor den Hauptmahlzeiten zu machen. »Mr. Ryan,« Offizier Stratton blieb vor dem Torontoer stehen, »es hat keinen Zweck. Sie leugnen es umsonst. Die junge Frau hat Eindruck auf Sie gemacht. Nun, was mich betrifft: ich habe Frau und Baby in Plymouth sitzen, sonst könnte es mir wohl geschehen, daß ich Feuer finge. Mr. Fergus ist doch entschieden zu alt und griesgrämig für dieses hübsche bewegliche Geschöpf. Ja, ein mürrischer alter Gentleman.« »Sie irren, Stratton, es liegt nichts vor.« »Nun, wir haben ja geschärfte Blicke für solche Dinge. Auch sind wir genötigt, eine Art Sittenpolizei an Bord auszuüben! Bis zu einem gewissen Grade drückt man ja ein Auge zu, das ist selbstverständlich.« »Gar keine Ursache. Behalten Sie beide offen.« »Kennen Sie sich in Antwerpen aus, Mr. Ryan?« 153 »Warum?« »Meine Frau soll mit dem Kind im August in die Umgebung von Antwerpen, in einen kleinen Ort an der Schelde, es ist eine Kolonie von Antwerpner Kaufleuten. Ich erinnere den Namen nicht, ich dachte, Sie kennen die Umgebung?« »Wir können ja Mrs. Fergus fragen. Sie lebt doch in Antwerpen.« »Gut. Sie muß doch hier irgendwo sitzen.« »Ich habe sie gesehen.« Garrat und Cora lagen auf ihren Stühlen und lasen. Garrat war ein eifriger Leser der Schiffsbibliothek. Er bevorzugte Detektivgeschichten, die an Bord überhaupt recht begehrt waren. Cora hatte die Schiffszeitung vor sich liegen, nebst einem Heft des »London Magazine«, aber sie blickte über den Rand des Heftes die Vorüberwandelnden an. So oft sie in der Ferne den Torontoer mit dem Offizier nahen sah, vertiefte sie sich in die Lektüre. Die Herren blieben stehen. »Mrs. Fergus, ist es nicht ein schöner Abend? Wir werden einen prächtigen Sonnenuntergang haben!« Cora nickte: »Ja!« Sie war rot geworden vor Vergnügen. Der Erste Offizier des Schiffes und dieser eleganteste Mann an Bord. Es war da eine junge Amerikanerin, die allein reiste und von der behauptet wurde, sie sei Besitzerin eines der größten Hotels auf den »Tausend Inseln«, die verfolgte Cora mit neidischen Blicken, wenn sie sie in Gesellschaft Ryans sah. Cora schielte hinüber zur Reling: dort stand die Amerikanerin und hatte die Brauen zusammengezogen vor Ärger! Garrat hatte sein Buch fortgelegt und sah zu den Besuchern auf. »Was lesen Sie denn da, Mr. Fergus?« 154 Garrat reichte Stratton das Buch: »Vier rechtschaffene Männer. Es ist ganz amüsant. Es spielt in London. Ich habe noch nichts von dem Verfasser gelesen.« »Wollen Sie nicht mit aufs Sonnendeck kommen, Mrs. Fergus?« frug Ryan. Cora sah Garrat an. Garrat blickte auf die Uhr. »O, müssen Sie sich von Ihrem Herrn Gatten Passierschein ausstellen lassen?« »Keineswegs. Sie erkältet sich nur so leicht. Wenn die Sonne untergeht . . . Sie ist solchen Zufällen leicht ausgesetzt. Bleibe nicht zu lange, Any.« »Wollen Sie nicht mit uns kommen, Mr. Fergus?« frug Stratton höflich. »Ich möchte das Kapitel zu Ende lesen,« sagte Mr. Fergus und klappte das Buch auf. »Ihr Gemahl sorgt wie ein Vater für Sie!« sagte der Offizier zu Cora, als sie außer Hörweite waren. Cora fand Garrats Stuhl leer. Sie suchte in der Kajüte, rund um das Promenadendeck, fand Garrat nicht. Beim Hineinschauen durch das Fenster des Lesesaals entdeckte sie ihn an einem der Schreibtische. Rings im Saal saßen eifrige Leute, Kaufleute wie Mr. Fergus, und erledigten Geschäftskorrespondenzen. Die Briefpost konnte ja diese Sachen im besten Fall erst in fünf Tagen mitnehmen, von der Lotsenstation in Rimousky aus, aber dennoch sah man Schreibende halbe Tage lang, mit Mappen voll Akten, in diesem Saal Bogen für Bogen füllen. Garrat saß und schrieb. Seine kurze Pfeife lag am Rand des Tisches. Er hatte beim Schreiben die Linke an seine Schläfe gestützt, das Kinn in die Handfläche gepreßt, der kleine Finger bog sich, fast unorganisch, über die Wange zur gewölbten, glattrasierten Oberlippe nieder. Auf Zehenspitzen trat Cora ein, stellte sich hinter Garrat. 155 Schriftzüge bedeckten das Papier; Cora erkannte Zeilen in Garrats neuer, eingeübter Schrift, allmählich aber waren diese in seine alte Schreibweise übergegangen, die sie vom Bureau am Kingsway her kannte. Sie stand eine ganze Weile hinter ihm, ohne daß er ihre Anwesenheit bemerkte. »Sage viel Liebes Deiner Mutter, der lieben alten Lady. Ich war bei Janracks und habe das Hündchen besichtigt. Ich glaube, er wird es für fünf Guineen hergeben. Es ist, so glaube ich, um diesen Preis wohlfeil zu nennen. – Aber immer geht es mir durch den Kopf: denkst Du noch, so oft wie ich, an Maidenhead? Wir hätten damals früher aufbrechen sollen, als noch die andern mit uns waren. Es wäre uns, Gott allein weiß es, besser angeschlagen. Vielleicht wäre alles anders gekommen. Aber nun darf ich Dich um eines nur bitten: vergiß! In Liebe . . . Walter.« Mit einem Gitter aus dünnen Strichen löschte er dies letzte Wort aus. Darauf faltete er, ohne die Schrift abzutrocknen, das Blatt zusammen und stand auf. Da bemerkte er, wer hinter ihm war. Die Glocke mahnte die Fahrgäste, es sei Zeit, sich zum Diner umzukleiden. Das Deck war verödet. Sie gingen schweigend hinunter in die Kabine. Garrat schloß die Tür ab. »Du hast an eine Frau geschrieben!« sagte Cora. »Wovon sprachen sie mit dir?« frug Garrat. »An wen hast du geschrieben? Du schriebst deinen richtigen Namen unter den Brief. Du heißt Mr. John Fergus! Wäre jemand Fremdes vorübergekommen . . . Mir schärfst du Vorsicht ein und schreibst ›Walter‹. Du brauchst nicht um mich besorgt zu sein. Ich verrate mich nicht. Nicht mich und nicht dich. Und habe doch weniger Ursache 156 zur Vorsicht als du! Ich mußte über die Umgebung von Antwerpen aussagen. Zum Glück wußte ich von dem Ort, von dem die Rede war, weil ein Plakat in unsrer Wirtsstube an der Wand hing: Hoekeneck. An wen hast du geschrieben?« Garrat hatte Rock und Weste abgelegt, steckte Knöpfe in sein Hemd. »Du gibst mir keine Antwort!« Sie stand mit nackten Armen vor ihm und sah mit erregt blinzelnden Augen in sein Gesicht. »Aber ich brauche es gar nicht von dir zu erfahren. Es ist sicher die Frau, deren Photo du in der kleinen Mappe hast!« Garrat drehte sich nach Cora um. Seine Hände, die das Hemd fallen ließen, schlenkerten mit einer langsamen Gebärde an seinem Körper nieder. »Du hast in meinen Sachen gekramt?« »Ja!« sagte sie laut und sah ihm ins Gesicht. »Das Bild, auf dem du mit zwei Frauen in Sommerkleidern, großen Hüten, in einem Garten oder Park stehst. Von der einen Frau hast du noch ein Bild. Die ist es wohl!« Garrat hob die Hände, wie um Coras Hals zu fassen, ergriff aber nur ihre zur Abwehr erhobene rechte Hand, die mit dem Ehering. Das Mädchen fühlte die eiserne Klammer, die sich aber sofort lockerte, abließ. Sie war mit einem kleinen Angstschrei in die Ecke, zum Doppelbett retiriert. Ihr Mund stand offen. Sie starrte Garrat an, als sähe sie ihn zum erstenmal. So hatte sie ihn noch nicht gesehen. Sie hatte Angst vor ihm. »Du hast . . . gekramt?« Seine Hand hob sich über ihren Kopf. Aber wieder, mit der gehaltenen, sich jählings lockernden Gebärde, sanken die Hände nieder. Sie schöpfte Mut, wiederholte: »Du hast dieser Frau geschrieben!« 157 Wie Hammerschläge sausten seine Fäuste auf ihre Arme, Schulter, Brust nieder. Sie holte Atem, wie um einen Schrei auszustoßen. Er hielt ihr den Mund zu. Zwischen seinen Fingern erstickte der Laut. Er fuhr fort, sie zu schlagen. Es dauerte nur Sekunden. Cora schleppte sich zum kleinen kurzen Sofa unter der Fensterluke, hinter der der rötlich bestrahlte Horizont vorüberglitt. Sie schluchzte lautlos, ihr Körper warf sich, wie von einer Feder im Innern geschnellt. Vor der furchtbaren Miene, die sie anstarrte, getraute sie sich keinen Laut von sich zu geben. Garrat war ein paar Schritte weit gegen das Bett zurückgewichen. Seine Augen hatten das angst- und schmerzgepeinigte Geschöpf umklammert. Hinstürzen, niederknien, den Kopf in ihren Schoß bergen, ihren kleinen Fuß mit der glitzernden Agraffe auf dem Schuh sich auf die Stirn, den Nacken pressen – er hätte es gern getan! Aber er stand wie erfroren. In ihm sank, versank etwas. Er fühlte das Versinken, die Tiefe, die Untiefe. Draußen schlug die Glocke schrill. Er vollendete seine Toilette. Im Spiegel beobachtete er, wie Cora zum Schrank ging, die Augen betupfte. Er trat vom Waschtisch fort, damit sie ihr Gesicht waschen, die Puderdose gebrauchen könne. Wortlos gingen sie hinauf zum Abendessen. Die Musikkapelle spielte einen Walzer. Cora horchte auf: war das nicht der »Kußwalzer« aus dem »Krieg der Frauen«? Ihr Blick suchte, begegnete und mied Ryans Blick, ferne, durch den ganzen Saal. Sie blickte den Abend nicht mehr von ihrem Teller auf. Früh gingen sie in die Kajüte zurück und kamen nicht mehr zum Vorschein. * 158 Nächsten Morgen war die See smaragdgrün mit leichtem Filigrannetz aus Schaum. Die Fahrgäste der »Inverneß« spazierten in Scharen über die blanken Dielen, lehnten an der Reling, spielten auf dem Sonnendeck zwischen den gelben Windfängern und dem braunen Häuschen des »Drahtlosen« das Shuffleboardspiel. Soeben war die Schiffszeitung verteilt worden. Sie enthielt die politischen Nachrichten des Tages, die Kurse von Wallstreet, Chicago, London und Odessa, kurze Berichte über Lokalereignisse in London, Quebec, Antwerpen und Montreal, Wetterprognosen für den Tag und die Dauer der Fahrt. Garrat hatte in dem Heft gelesen. Er reichte es Cora, die gutgelaunt, rosig, die Wangen frisch, vom Reiseschleier umfächelt, auf einer Bank in der Nähe der Schornsteine saß. Sie las. Interpellation des Abgeordneten Coblett im Unterhaus, das Verbot der Einfuhr amerikanischer Patentmedizin nach England betreffend. Nachricht über die neuentstandene Stadt Pelican im Norden der kanadischen Provinz Alberta und den tollen Zustrom der Spekulanten, der an die Zeiten des Klondike-Booms erinnerte. Coras Blick fiel auf diese Zeilen: »Der wegen Mordes an seiner Frau verfolgte Dr. Garrat aus London wurde in Schlangenbad, einem kleinen Kurort des südlichen Osterreichs, erkannt. Seine Geliebte, Cora Stratton, befindet sich mit ihm. Die Staatsanwaltschaft hat Verhaftung und Auslieferung des Paares angeordnet. Die Festnahme der beiden dürfte im Laufe der nächsten Stunden erfolgen.« Cora ließ aus den Augenwinkeln einen Blick zu Garrat gleiten. Sie sagte: »Wegen des Mordes . . .« Garrats Blick schwamm eine Sekunde lang um den ihren, saugte sich dann für die Dauer eines Augenblicks in den ihren fest. 159 Da tauchte am Ende des Verdecks Dr. Kennedy mit dem Rechtsanwalt auf. Die Herren kamen näher und begrüßten das Ehepaar. Frisch und gänzlich unbefangen reichte Cora ihre Hand dem Arzt, dann Ryan. »Eine halbe Stunde Laufschritt, Mrs. Fergus?« frug Ryan. »Zehnmal um das Promenadendeck. Einen Rekord aufstellen!« Sie zogen über die Treppe nach dem Promenadendeck hinunter. »Sie waren gestern nicht in der Rauchkajüte, Mr. Fergus,« sagte der Arzt. »Schäferstündchen unter jungen Ehegatten, eh?« Er lachte verschmitzt. »Mrs. Fergus hatte Migräne,« sagte Garrat. »Ich leistete ihr Gesellschaft.« Kennedy sah ihn an. »Nun, ich habe Patienten in der zweiten Klasse unten. Au revoir, Mr. Fergus!« Sein breiter gewölbter Rücken verschwand am Fuße der Treppe. Ryan gab es bald auf. Das Deck war zu dicht bevölkert, an einen Dauerlauf nicht zu denken. Cora blieb neben ihm an der Reling stehn. Sie blickten einige Augenblicke lang dem vorüberflutenden Gewühl zu, lehnten sich aber dann an das sonnenbespülte Geländer und sahen den zurückeilenden schaumdurchpeitschten Wellen in der Tiefe zu. »Das muß herrlich sein!« sagte Cora. »Immer auf einem Schiff leben zu können.« »Ach, eben sprach ich lange mit Dr. Kennedy, der Arme ist andrer Meinung, er hat seinen trüben Tag heute, alles ist blau um ihn herum.« »Ich hielt ihn für einen lebenslustigen Mann!« »Er ist ein alter Junggeselle, Mrs. Fergus.« »Ist das so traurig?« »Ich zum Beispiel . . .« 160 Cora lachte. »Nein, nein, ich versichere Sie,« sagte Ryan, »ich verstehe das gut. Sie sind eine junge Frau, haben einen Gatten, der Sie liebt und behütet, Sie sind geborgen. Aber unsereiner!« »Sie können doch gar nicht wissen, was eine Frau an dem Leben eines Mannes beneidenswert finden kann!« »Welche Eigenschaften schätzen Sie denn bei einem Mann am höchsten ein?« frug Ryan. Cora besann sich. »Die, um derentwillen ich Mr. Fergus geheiratet habe.« Ryan sah sie überrascht an. »O, Sie sind eine kluge Frau. Sieh mal an. Welch eine Antwort!« Cora lachte. Sie war ganz rot geworden. »Sie werden doch auch keine Frau nehmen, die Ihnen nicht in allen Dingen gefällt?« Ryan seufzte auf und folgte mit dem Blick den zurückflutenden Schaumstreifen auf der glitzernd durchsichtigen See. »Es wird jetzt bald die Zeit kommen, da schließe ich mein Haus in Toronto zu und ziehe hinaus in die Wildnis. Wir haben da, ein paar Freunde und ich, eine Blockhütte am Nipissingsee. Aber diesen Sommer will ich allein in den Wald ziehen, mit meinem Zelt, meiner Büchse und einem Indianerjungen, der kochen und mein Kanu tragen wird. Dann bin ich für eine Zeit verschollen.« »Ganz allein!« sagte Cora staunend. »Kann man das aushalten?« »Es geht,« sagte Ryan. »Manche tun es.« »Ich wäre dazu nicht imstande!« sagte Cora. »Mr. Fergus auch nicht. Sogar zu zweit, glaube ich, könnten wir es, Fergus und ich selbst, wochenlang, weit fort von allen übrigen Menschen, kaum aushalten.« »Wollen wir laufen?« frug Ryan, sein Chronometer aus der Tasche ziehend. Cora band den Schleier 161 fest um ihr Kinn und sie stürzten sich unter die Spaziergänger. Garrat lehnte an der Reling des Sonnendecks und blickte auf das bunte Gewimmel der Zwischendeckpassagiere, das sich dort unten in der prallen Sonne abspielte. Um das Skylight saßen, lagen und hockten Bauern, Bäuerinnen mit ihren Kindern, Leute in Kleinbürgertracht, Arbeiterblusen, Hemdärmlige. Unterhalb des Decks, wo Garrat ihn nicht sehen konnte, stand ein Harmonikaspieler. Ein alter Bauer in Filzstiefeln, Drillichgewand und mit einer Schnur um den gebeizten Hals, hatte das Gesicht mit offnen, zwinkernden Augen zum Himmel hinauf gewendet und versuchte zu niesen. Eine nett gekleidete junge Frau schwenkte ihr lachendes Baby in die Höhe, schwang es im Kreise herum, und je jämmerlicher das Wurm brüllte, um so lauter lachte die Frau. Drei Zwischendecker standen, einer hatte eine große hellgrüne Feder auf seinem Hut stecken, beisammen und rauchten Shagpfeifen. Sie sprachen ernst miteinander, der eine gestikulierte mit einem Zeigefinger, auf dem ein breiter silberner Siegelring glitzerte. Ein Bub und ein Mädel in russischer oder slovakischer Volkstracht jagten sich um das Skylight, schlüpften und stießen sich durch die herumstehenden, herumliegenden Gruppen, kümmerten sich nicht um die kreischenden Stimmen, die ihnen Worte nachriefen, taumelten von den Püffen, die sie in ihrem Lauf einheimsten, fingen sich, entwanden sich der Umklammerung. Abseits, unweit der Kettenwinde und der Tauhaufen hatte sich eine Gruppe von müden, regungslosen Menschen niedergelassen. Einige saßen auf den Tauen, einige lagen und andere kauerten auf dem Boden. Auf einem kleinen eisernen Tischchen standen Teetassen, Gläser, auf drei Eisensesseln saßen alte Männer, eine Greisin um den Tisch. Ein hageres Frauenzimmer 162 mit kurzgeschnittenem Haar schleppte einen Samowar herbei und stellte ihn auf den Tisch. Das Frauenzimmer hatte einen grell orangeroten Wollschal um die Schultern. Diese Leute waren Juden, russische, österreichische. Sie hatten sich von dem übrigen Volk abgesondert und lebten ihr eignes Leben. Die Frau in dem orangeroten Tuch begab sich zurück unters Deck, quer durch die Gruppen der Leute. Ein paar Frauen, die, ihre Röcke flach vor sich ausgestrichen, auf dem Boden ruhten, riefen ihr etwas zu, als sie vorüberging. Sie achtete nicht darauf. Langsam hinkend, ging sie ihres Weges, mit totem Antlitz. Ihr Hinken war fast komisch anzuschauen. Ihre Brüste, ihr Hals, ihre Schultern hinkten mit. Sie hatte wohl einen Hüftschaden oder ähnliches Gebrechen. Garrats Mund verzog sich zu einem Lächeln. Als sie unter der Brücke, auf der er stand, verschwunden war, mußte er plötzlich an Adela Bourke denken. Er hielt die Augen auf den Fleck gewandt, wo die Hinkende in dem grellen Tuch wieder auftauchen mußte. Er wartete auf sie. Aber sie kam lange nicht. Garrats Augen schweiften über das belebte Zwischendeck. Er faßte einen, eine von den nach Art der Städter Gekleideten dort unten ins Auge. Trachtete zu erkennen, welchen Landes, welchen Berufes, welchen Sinnes Kind er sei, welche Verhältnisse, Lebensschicksale, Verhängnisse, Verquickungen diesen oder jenen hierher geworfen hatten, zwischen die Decke. An einem Mann haftete der Blick fest. Er stand abseits, aufrecht inmitten Liegender, die Hände in den Taschen, einen verbeulten steifen Hut auf dem Kopf, ergrauter Vollbart, Brille. Garrat hielt diesen für einen Entgleisten, aus seiner Klasse Geschleuderten. Er sah ihn an, ihn zu ergründen. Blicke schossen zu ihm hinauf, zu einer Dame mit ihrem 163 in feines Musselin gekleideten Kind, die unweit von Garrat voll Neugier auf das Gewimmel blickte. Feindschaft lag in diesen Blicken, Worte, Gelächter schollen in die Höhe. Die Dame zog das Kind mit sich fort, Garrat blieb stehn. Was wißt ihr von mir . . . Plötzlich wurde sein Blick von einem Schein angezogen. Unter ihm war das orangefarbene Tuch wieder in der Sonne aufgetaucht. Er verfolgte den Gang der Jüdin, wußte nicht, warum er wieder an Adela Bourke denken mußte. Es war nicht der Gang, nicht die Gestalt. Was war es? Sie trug eine breite Waschschüssel aus Blech, in der eine bunte Bluse, ein blaues Hemd, Taschentücher in einer grauen Flüssigkeit schwammen. Der Mann mit dem grauen Bart putzte seine Brille, setzte sie auf, schaute durch die Gläser zum Mast empor. Garrat blickte ihn an. Eines Mordes war er nicht angeklagt! Vielleicht hatte er gefälscht, betrogen, gesessen, war er geflohen. Was waren alle diese Schicksale gegen seines. Blickt herauf auf mich, beneidet mich, daß ich erster Klasse fahre . . . Keiner von denen hat ein Weib gekannt, wie meines war, sagte Garrat sich ganz ruhig. Ich habe es erduldet, eines Tages war es aus. Seht mich an: ich bin es. Ich bin der, den sie eines Mordes wegen verfolgen. Ich bin es, den sie in Schlangenbad verhaftet haben! Seht mich an. Ich bin's, den ihr beneidet. Garrat trat vom Geländer weg und erhaschte den vorüberhuschenden Schein Orangerot zwischen den Stäben der Reling. Auf der Treppe begegnete er Cora, die heraufgekommen war, um ihn zu suchen. Sie setzten sich auf die Bank zwischen den Windfängern, sahen den Shuffleboardspielern zu. »Wir müssen in die Wildnis gehen, über Sommer, Walter!« sagte Cora. »Wir nehmen uns einen 164 Indianerjungen, der kocht und jagt und bleiben für ein paar Monate verschollen.« »Wer hat dir dieses Märchen in den Kopf gesetzt?« frug Garrat. »Ryan? Du hast wohl vergessen, daß ich mich nach einem Erwerb werde umsehen müssen, und zwar je eher, je besser. Und du auch!« »Die ersten Monate nur!« »Es geht nicht.« »Ich möchte allein sein. Mit dir!« »Es geht nicht.« »Ein paar Monate in Sicherheit!« »Die Sicherheit der Existenz, unser Weiterleben!« Sie schwieg, sah mit einem harten Blick vor sich hin. »Ich habe es nicht gewußt.« »Was nicht?« »Ich habe ja deine Bücher gekannt. Wie ist es nur gekommen, daß du nicht mehr Geld flüssig gemacht hast?« »Du hast es nicht gewußt? Das bedeutet wohl, hättest du gewußt, wie wenig Geldreserve ich besitze, du wärst nicht mitgekommen?« Cora schwieg, sah vor sich hin. »Oder hättest dir's überlegt?« Nach ein paar Minuten stand Cora auf. Die Spieler waren vom Deck fort. Sie blieb vor Garrat stehn. »Dann wollen wir eben sehen, möglichst bald zu einer Beschäftigung, oder zu Geld zu kommen, irgendwie.« Er stand auf, schob seinen Arm unter ihren, blickte heller. Sie gingen zur Reling, Cora lehnte sich hin, sah hinunter: »Sieh, was für einen komischen Gang dieses Weib dort hat?« »Wer?« »Die mit dem grellen Tuch um die Schultern.« »Ein armes Weib. Sie hat sich das gewiß in der Schwangerschaft geholt. Es kommt bei Leuten vor, 165 die hart arbeiten . . . Hast du daheim, in eurer Gegend, nicht solche arme Frauen gesehen? Warum bist du so hart?« – Vielleicht hat ihr Mann sie roh behandelt, sie gestoßen, getreten, eine unglückliche Frau, die an einen Halunken geraten ist, sagte Garrat sich, verschwieg es – Coras Augen folgten den Bewegungen der Jüdin dort unten. »Komm!« sagte Garrat und zog sie mit unwirsch drängender Bewegung von der Reling. »Wir haben keine Veranlassung, uns zu lange und zu vielen Menschen zu zeigen. Du gehst jetzt mit mir in die Kajüte.« Sie stiegen die Stockwerke hinunter. Was ist das mit ihm? Auch wegen dieses Weibes behandelt er mich wieder jähzornig! sagte sich Cora . . . * Die Daily Mail schrieb: »Garrat ahnt nicht, daß er entdeckt sei. Die Fahrgäste der »Inverneß« ebensowenig, wer in ihrer Mitte sich befindet. Garrat ist im Verkehr mit dem Schiffspersonal, mit den Fahrgästen einsilbig, vorsichtig, wortkarg. Cora Stratton lacht viel, flirtet, zeigt ihr hübsches Gesicht, von einem wehenden braunen Schleier umrahmt. Sie liegen beide auf Deck und lesen viel. Garrat liest einen Detektivroman: »Vier gerechte Männer,« in dem auf die Ergreifung eines Verbrechers ein Preis von tausend Guineen gesetzt ist. Letzte Nacht hatten sie in ihrer Kajüte einen heftigen Wortwechsel. Schon an der Abendtafel fiel Cora S. durch ihre verweinten Augen auf. Heute morgen aber erschienen sie beide, ruhig und guter Dinge, auf Deck. Cora S. hat ihren Flirt mit einem reichen Junggesellen aus Toronto wieder aufgenommen.« 166 Adela legte die Zeitung fort und schloß die Augen. Sie lag auf der Chaiselongue in ihrem Zimmer, in Kissen gebettet, mit einer Atlasdecke zugedeckt. Sie war unpäßlich und hütete das Zimmer. Sheila hatte ihre Abneigung überwunden und war von Mrs. Strange nach Regents Park in den Zoologischen Garten mitgenommen worden. Ein Brief lag auf der Erde neben Adelas Lager. Er enthielt nur wenige, mit der Schreibmaschine geschriebene Zeilen. Auf dem Kopfe des Blattes stand die Firma des Gatten Adelas in Melbourne. Michael Malone teilte seiner Frau in lakonischer Weise mit, daß er in die Scheidung willige. Der Brief war vor einer Stunde mit der Frühpost abgegeben worden. Adela hatte ihn schon vergessen. Ihr Blick tat sich auf, aus schmerzenden Augäpfeln. Durchs offene Fenster flog er matt hinaus auf den sommerlich sonnigen Square und blieb an einem lebhaften Farbenfleck in der Ferne haften. Dort war über die Brüstung eines Balkons ein orientalischer Teppich von rötlichem Orangeton gehängt. Adelas Kopf summte vor Müdigkeit. Sie fieberte leicht. Wenn sie die Augen schloß, malte sich der rötliche Orangefleck auf dem Innern des Lides. Wandte sie den Kopf, mußte sie die Augen doch nach dem Teppich dort draußen auf dem Balkon wenden. Die grelle Farbe strich wie eine hypnotisierende Hand über ihr geschwächtes Bewußtsein. Sie sah das Schiff, auf dem sich Garrat befand, das Schiff der Hochzeitsreisenden. Die Planken schwankten leise, die Reling stand etwas schief, schräg nach innen, das Promenadendeck war reingefegt. Ein Mann ging die Lukenwand entlang. Er war's. Am Ende des Decks hielt er, kam auf den Zuschauer, den unsichtbaren, verhüllten, nicht vorhandenen zu. Seine Schläfen waren grau, sein Gesicht verändert, er war 167 glattrasiert, die Augen aschfahl, in Höhlen. Einmal schlugen seine Wimpern. Wiegenden Ganges schritt ihm das Geschöpf entgegen, lasziv, glitzernd, die Hände mit spitzen Fingern gefaltet, ringbedeckt. Die Lippen bemalt, kleiner als sie wirklich schienen, kirschroter Kreis. Adela fühlte die stumme Begegnung der beiden und was sie verschwiegen. Sie sah die Kajüte vor sich, die schmale, braunholzbelegte aufrechte Zelle mit Luke und fließender Unendlichkeit dahinter, Spiegel im Schrank und über dem Kästchen des Waschtisches, weiße flache Decken in dem Doppelbett in der Wand. Sie sah, wie sich seine Hände an der schlanken, jugendlichen Fülle der nackten Arme vergriffen, wie das Geschöpf sich krümmte unter der verdienten Züchtigung, die sie wahrscheinlich als Liebkosung empfand. Die verweinten Augen waren die stummen aschfahlen des Mannes. Adelas Mund bebte leise, offen, der Farbenfleck schwamm über die Ränder, verbreitete sich, schlug uferlos ins Leere – beladen mit Gram und Reue weinte die Frau um das Unwiederbringliche. Ich, ich trage Schuld an allem. Im Geiste trieb sie den Mann an, die Gefährtin seiner Schuld zu züchtigen. Sie sah, wie Cora, deren Bild sie in einem schlechten Zeitungsklischee gesehen hatte, die Arme abwehrend hob – vor ihr eigenes, Adelas Gesicht. Sie war Cora, die Schläge trafen sie hart, aber sie hatte härtere verdient . . . Hilflos, wie im Angesicht unabwendbarer Gefahr, blickte sich Adela in dem Zimmer um. Sie gewahrte, an eine Schnur der Gardine gehängt, die Skelettpuppe Rubidack – das Kind hatte die beweglichen Arme der Puppe über ihren Kopf in die Höhe gedreht und die Schnur um ihre Handgelenke gewickelt. 168 So baumelte die lange dünne Puppe aus Tuch und Holz zwischen den Falten der gelben Gardine. Wenn nur das Kind käme. Adelas Hand zuckte nach dem Kontakt der elektrischen Klingel. Was hätte Rebecca bringen sollen? Sie brauchte nichts. Ihr Herz, matt und vergraben, flog in der Tiefe. Sie hatte seit Tagen niemand bei sich gesehen, mit keinem gesprochen, es vermieden, auf der Treppe angesprochen zu werden. Warum schuf sie, die das Alleinbleiben suchte, aber auch fürchtete, wie den Tod, Kälte und Einsamkeit um sich. Wenn die Sängerin doch zu ihr kommen wollte. Sie hörte die Stimme gedämpft im Hause ertönen. Aida? Oder Micaela? Gewiß stand sie da, die Hände ringend, wie die Sängerinnen auf dem Konzertpodium es tun, vor einem Kreis entzückter Hörerinnen, die sich aller Sitzgelegenheiten in dem freundlichen Drawingroom bemächtigt hatten. Und gewiß begleitete der Franzose sie; mit einer ironischen Miene, die die Sängerin ebensowenig bemerkte, wie die falsch sentimentale oder vordringlich pathetische Betonung, die er auf einen Ton, einen Takt der Begleitung legte, der dies nicht vertrug . . . Wie gern hätte sie in diesem Augenblick Dalmayne gesprochen, sie gewarnt, ihr geholfen, sie gerettet vielleicht, vor dem Verhängnis, in das sie singend, mit offenen Armen und verzückten Augen sich zu stürzen im Begriffe stand! Sie nahm wahr, daß ihre Angst um Garrat zu Dalmayne hinübergewandert war. Sie empfand dies nicht als Vergehen der Treulosigkeit gegen den Unglücklichen. Ihr war es, sie ahnte es, konnte es sich aber nicht erklären: als gereiche ihre Sorge um Dalmayne Garrat zur Erlösung! Ihm half sie ja, wenn sie bemüht war, der Ahnungslosen zu helfen, der Unerfahrenen, die in ihr verliebtes Abenteuer sich verstrickte. Wie sehr sehnte sie sich nach der 169 Sängerin in diesem Augenblick. Sie wollte gut zu ihr sein, ihr helfen . . . Als ein paar Minuten später der Gesang im Hause verstummte, wußte sie gleich: Dalmayne werde bald bei ihr eintreten! Sie wartete. In ihr quoll vom Grund der gequälten, vom Haß gegen die Roheit und Verfolgungslust der Menschen empörten Seele ein blutrotes Mitleid auf, mit denselben Menschen – dieser elenden, in kindlicher Unwissenheit ihren Instinkten nachtaumelnden, dem Fluch ihrer Verblendung verfallenen Menschheit! Ihre Schwäche preßte ihr Tränen in die Augen. Sie fühlte sich zu müde, sie fortzuwischen. Als jemand in der Tat nach wenigen Minuten an die Tür klopfte, erschrak Adela nicht. Dalmayne kam herein. Gleich kauerte sie sich zu Füßen Adelas auf den Boden nieder, legte das Briefblatt auf den Sekretär und ergriff Adelas herunterhängende Hand. »Teure, Sie sind krank, und allein! Warum hört man im Hause nichts von Ihnen? Eben erst, unten bei der Musik, haben wir daran gedacht, daß Sie so lange nicht mehr unten waren. Hätte ich es geahnt! Warum schickten Sie nicht um mich?« »Meine Liebe! Wie gut, daß Sie sich meiner erinnerten. Ich hörte Sie so schön singen. Ich habe an Sie gedacht!« »Ja, ich fühlte das. Für Sie habe ich das letzte Lied gesungen. Sie wissen, was es war . . .« »Für mich? Ich dachte für den Herrn, für den Franzosen! O Maud, wenn ich doch mit Ihnen sein könnte.« »Teure, Sie sagen das so, als meinten Sie damit etwas!« »Jawohl, ich meine auch . . .« Dalmayne wurde ernst. Sie hielt sich beide Ohren zu. »Nein, Sie dürfen nicht weitersprechen, wenn Sie nicht wollen, daß ich aufstehe und fortgehe!« 170 »Maud, Teuerste, ich will Sie warnen, seien Sie vorsichtig, vertrauen Sie nicht zu leicht, Ihr gutes Herz und Ihre Künstlernatur verführen Sie, Sie werden ausgenutzt und betrogen werden!« Dalmayne sprang auf und lief zur Tür. »Ja, ja, der Mensch ist ein Betrüger, Sie Gute, Liebe, er wird Sie ins Unglück stürzen!« Adela weinte, das Schluchzen warf sie in die Kissen zurück. »Sie sollen nicht unglücklich werden, Maud, ich will es nicht, es gibt genug Unglückliche.« Die Sängerin kam zurück, kniete zur Chaiselongue hin, schmiegte ihr Gesicht an die Wange der Weinenden. »Was ist Ihnen, Adela! Was ist das mit Ihnen? Sie sind ja ganz außer sich. So beruhigen Sie sich doch, Teure!« »Ich will nicht schuld sein, daß Sie in Ihr Unglück jagen! Ich will Sie zurückhalten! An mir sollen Sie eine Freundin haben! Wir helfen uns zu wenig! Ich will Ihnen helfen, Sie sollen glücklich sein! Was soll ich tun.« »Ich bin ja glücklich, Adela! Nein, nein, schütteln Sie nicht den Kopf – glücklich, weil ich eine Freundin wie Sie habe! Sie haben mir ja schon so viel Liebes getan! Glauben Sie, ich weiß es nicht, wieviel?« Über Adelas Wangen strömten Tränen. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein, nicht genug!« Dalmayne nahm Adelas Kopf in ihre Hände. »Ich bin glücklich – und ich habe ja für alle Lebensläufe meine Kunst, die verrät und verläßt mich nicht – aber Sie, Teuerste! Sie sind nicht ruhig! In Ihnen ist etwas, was Sie nicht zur Ruhe kommen läßt. Gestehen Sie es! Was ist es?« »Es ist nur die Sorge um Sie, Maud!« sagte Adela und senkte den Kopf. »In mir ist nichts, was mich beunruhigte. Mein Mann willigt in die Scheidung – hier ist der Brief! Aber, Sie wissen ja, ich habe damit längst abgeschlossen.« 171 Überrascht sagte Miß Dalmayne: »Nein, ich weiß nichts. Sie haben mir nie etwas von Ihrer Scheidung erwähnt. Das also war die Ursache . . .« Adela sah die Sängerin aus schwimmenden Augen an. Unendlich fern und unbekannt, der Mensch dem Nächsten! Wie fern, unendlich rätselhaft und fern. Dalmayne blieb nicht mehr lange. Im Drawingroom wurde musiziert, ein Gassenhauer mit abbrechendem, stampfendem Rhythmus wurde überlaut auf dem Piano vorgetragen. Ihre Augen glitzerten, als sie ging. Adela blieb mit geschlossenen Augen liegen, bis Sheila, von Mrs. Strange geführt, im Zimmer erschien, ein großes Kamel aus Tuch und Holz, mit langen Haaren und blauen Glasaugen unterm Arm. »Sie hat mir's gekauft,« sagte das Kind zu Adela. »Glaubst du, daß Golly und Joan Platz zwischen den Buckeln zum Reiten haben?« »Wie freundlich von Ihnen, Mrs. Strange!« sagte Adela. »Wie hast du dich ausgedrückt, Baby? Du sagst: sie hat! Man sagt: die Lady, oder ›Tantchen‹, nicht ›sie‹! Häßliches Kind; hast du dich bedankt?« »Gewiß hat sie es!« sagte Mrs. Strange. »Und Ihnen muß ich auch Dank sagen, liebste Frau Malone, daß Sie mir das Kind überlassen haben.« »O, ich bin von selber gegangen!« sagte Sheila aus der Ecke, wo sie mit dem Kamel und den Puppen hantierte. »Sie war doch artig, hoffe ich!« »O, sie ist ein Engel von einem Kind!« sagte Mrs. Strange. »Sie sollen das nicht sagen, Tantchen!« sprach Sheila. »Solange ein Mensch lebt, soll man nicht ›Engel‹ von ihm sagen. Erst wenn er tot ist, wird er es!« »Kluges Kind!« sagte Mrs. Strange. Dann mit einemmal, ausbrechend: »O, du darfst mir nicht von solchen 172 Dingen reden, Sheila! Ich hatte ein ebenso liebes kleines Wesen, eine süße Kreatur, wie du!« Sie legte die Hand auf die Augen, ging bald. »Sie wünschte wohl, ich sollte auch bald sterben!« sagte Sheila aus ihrer Ecke. »Wenn sie ›Engel‹ zu mir sagt!« »Baby! Kein Kind, das ich kenne, hat so häßliche Gedanken in seinem Lockenköpfchen, wie du! Wer hat dir die nur beigebracht!« »Wer? Niemand. Vielleicht der liebe Gott. Oder Golly!« »Sei artig, rede keinen Unsinn. Du wirst Mrs. Strange nie wieder von ihrem toten Kind sprechen, hörst du?« »Es ist ja gar nicht tot!« »Was heißt das?« »Sie hat mich im Zoo zu allen Käfigen geführt, in denen wilde Tiere waren und war ganz lustig und froh: dieses Tier hat Baby gefallen, und dieses; sieh doch: die Affen, das sind Makis, da ist Baby stundenlang gestanden. Überall ›Baby, Baby‹!« »Sie hat sich erinnert, weil sie mit einem kleinen Mädchen ausgegangen ist.« »Nein, sie hat mich gar nicht gesehen, ich bin überzeugt, ich war gar nicht die Hauptperson, sondern ihr Baby nur! Darum weiß ich, daß ihr Kind nicht tot ist!« »Du warst doch hoffentlich höflich zu ihr.« »Mammy, du weißt doch, ich mag Affen nicht. Nun, ich bin vor dem Affenkäfig gestanden und bin erst fortgegangen, als sie genug hatte. Und das Tier hier hat sie mir auch nur geschenkt, weil ihre Miggy ein ähnliches Spielzeug gehabt hat. Komm, Miggy!« sagte sie zum Kamel und zog es, mitsamt Golly und Joan vorwärts. »Jetzt ist Mama müde. Baby soll sich ruhig verhalten,« sagte Adela. »Ja, Mammy, nur noch eine Frage: willst du? Sage: 173 wenn zwei Eheleute sich nicht lieb haben, sterben dann die Kinder, die sie haben?« »Baby!« rief Adela und streckte die Arme nach Sheila aus. Das Kind lief in die Arme der Mutter. Die herzte es, als hätte sie eine jähe Angst um es gepackt. »Mammy!« sagte Sheila aus ihrer Umarmung hervor. »Ich weiß es ja, die Miggy von der Frau lebt! Jetzt oben im Zimmer spricht die Frau mit der Miggy. Kleine Kinder können doch nicht sterben, weil sie zu jung sind!« Adela hatte das Kind an sich gepreßt. Ihre Lippen ruhten auf dem warmen Scheitel zwischen den seidenweichen Haaren. Sie blickte weit hinaus, in die Ferne, auf einen Punkt in der Welt, einen orangeroten Schein weit draußen. * Als Mr. Fergus im Rauchsalon erschien, sprach Mr. Pugsley von seinen Reiseabsichten. Er warb unter den Herren der Tafelrunde Gefährten für die Fahrt nach »Pelican«. Zur Gesellschaft um » Doc « Kennedy hatte sich ein Herr aus der zweiten Kajüte gesellt, Mr. Wissel, ein Pelzhändler aus Nordwest-Kanada, der auf seinen Fahrten ins Gebiet des Athabasca-Stroms zu den Indianern öfter an dem Ostabhang des Pelicangebirges vorübergekommen war. Er kam aus Paris, wo er einen Vertrag mit den Brüdern Revillon abgeschlossen hatte, die ihn zum Oberhaupt ihrer Anstalt in Edmonton, in der Provinz Alberta, ernannt hatten. Er war der Geschichten und Anekdoten voll, dabei ein origineller, etwas ungehobelter Kauz, der fluchte und spuckte und freimütig gestand, daß er aus Geiz zweiter Klasse fahre, obzwar er es, was die Kreditfähigkeit anbelangte, mit jedem »von euch Burschen« aufnehmen könnte! »Nun, Mr. Fergus, eine Chance für Sie!« sagte » Doc « Kennedy, der seinen blauen Tag nur unvollkommen 174 überwunden hatte. »Sie haben ja heute in der Schiffszeitung wohl vom ›Pelican‹-Boom gelesen. Wie wär's, wenn Sie Ihr Glück in der neuen Stadt versuchten. Das Beste für Einwandrer, für Leute auf der guten Seite der Vierziger, he?« »Ein bißchen kalt im Winter für klapprige Skelette, Sir,« sagte Mr. Wissel, »aber ein Sack Goldstaub zu holen, und nicht mit der Schöpfkelle allein, sondern beim Landagenten!« »Nun, topp! Sind Sie von der Partie oder nicht?« frug Mr. Pugsley. »Ich kann nicht so hoch nach Norden gehen,« bemerkte Mr. Fergus. »Meine Frau ist von schwankender Gesundheit, ich denke, wir werden uns in Kalifornien umsehen.« »Kalifornien – abgegrast,« behauptete Herr Wissel. »Bonanza-Tagen muß man nachreisen, und wenn's in den Schnee der Hudsonbucht geht. Beim Yukon-Wettlauf kam ich zu spät, diesmal spute ich mich, der Teufel hat mir den Schwanz angezündet. Noch dazu Pelican – sechzehn Automobilstunden von meiner Stadt. Hei, Tom, einen Clever-leaf ! Wenn du's nicht kannst, ich mach dir's vor!« » Allright, Sir,« brummte der Mann hinter der Bar. »Ich habe Kenntnis.« »Da macht die Canadian Northern wieder einen von ihren guten Schnitten!« sagte Mr. Brodeur, der Ontario-Mann. »Sie zieht doch jetzt eine Linie dort hinauf, denke ich, eh?« »So bald nicht, Herr,« Mr. Wissel kniff die Augen zu, »so bald nicht. Erst wenn alles vorüber ist, wenn weit und breit alles in festen Händen, dann wollen wir weiter sehen.« »Man soll sich wohl einstweilen nicht an Ort und Stelle überzeugen können?« meinte Mr. Ryan. »So ist's,« schmunzelte Herr Wissel. »Eine Anzeige in der Zeitung und aus! Ich will meinen Hut fressen, 175 wenn zwei Drittel von den Boom-Städten der letzten fünf Jahre überhaupt auf dem Globus zu finden waren. Hätte ich den Pelican-Berg und die sieben Holzbaracken am Abhang zum Athabasca nicht mit eignen Augen gesehen, ich würde ebensowenig an die neue Stadt glauben, wie ich an Bakers Rest, Hole-City und Luminago geglaubt habe, in die die Burschen von Winnipeg bis Vancouver ihre sauren Groschen verbuttert haben.« Von einem der Spieltische in der Nachbarschaft stand ein breiter, kurzbeiniger Yankee auf, trat zu » Doc « Kennedy heran und frug: » Doc , was ist's mit dem Tempo unseres Kastens? Wir haben unser Tempo beträchtlich verlangsamt seit gestern!« »Verlangsamt? Hallo, Stratton!« Der Offizier saß mit einer Gesellschaft an einem der Tische bei der Bar. »Hier wird behauptet, wir hätten unser Tempo verlangsamt.« »Sinnestäuschung, lieber Herr!« »Sinnestäuschung sei verdammt!« Der Yankee bestand auf seiner Behauptung. »Hier, mein Freund hat es aus guter Quelle und ich hab es zu bezahlen, wenn wir die gestrige Meilenzahl nicht erreichen.« »Wir fahren unerhört langsam, Mr. Stratton. Liegt's am Schiff oder was ist es?« Stratton setzte sich zu den Unzufriedenen und beschwichtigte die Gemüter. Es lag an der Welle, an den Erfahrungen des vorigen Jahres in derselben Zeit des Monats, es war Ordre aus London gegeben worden, das unsinnige Rekordfahren solle gestoppt werden. Die Unzufriedenen murrten eine Weile über ihren Karten und spielten dann weiter. Ryan setzte sich zu Garrat. Es sei ausgemacht und eine alte Erfahrung, daß der Sommer im Osten der Dominion, speziell in den Waldregionen Ontarios, zarten und leidenden Menschen, die den Winter nur in Florida oder Kalifornien vertrugen, die besten Wirkungen verspreche. Garrat 176 setzte behutsam seine Worte. Er erklärte Ryan ausführlich und mit freundlicher Höflichkeit, daß er trachten wolle, so bald wie möglich zu einer geordneten Arbeit zu kommen. Sein Fach sei das Drogengeschäft. Er hoffe in den Staaten die Erfahrungen verwerten zu können, die er in großen Fabriken Belgiens und der Niederlande gesammelt habe. Jemand hatte von dem Gespräch das Wort Drogen aufgeschnappt und kam auf die Nachricht der Schiffszeitung von der Interpellation Coblett zu sprechen. Von der sprang die Unterhaltung auf die Sensationsgeschichte mit dem Londoner Gattenmörder über und Herr Wissel behauptete, es sei schade, daß die Prämie auf Ergreifung des Garrat ins Ausland gehe. Die Unfähigkeit der Londoner Polizei sei damit erwiesen. Alle Häfen hätten rechtzeitig beaufsichtigt werden müssen. Nun seien die zweihundertfünfzig Pfund für das Mutterland verloren. »Sie hätten sie wohl in Pelican-Shares angelegt, alter Junge, wenn Sie den Täter beim Kragen erwischt hätten?« frug Doktor Kennedy gut gelaunt. Dann drehte sich das Gespräch wieder um das Geldverdienen im großen weiten Lande; um die Aussichten der diesjährigen Ernte; die Einflüsse der Spekulation aus den Staaten auf die Grundstückspreise in Montreal, in Nova Scotia; auf die Holzpreise in Neu-Braunschweig; auf die zunehmende Unsolidität der Börsenmanöver in den Shares der Canadian Pacific. Ryan unterhielt sich mit Garrat über die Konkurrenz der deutschen Farbstoffwerke und der großen eben entstandenen chemischen Fabriken in Massachusetts, Connecticut und Rhode Island. Es war ein erbitterter Kampf, dessen Kosten das leidende Publikum an Beutel und Gesundheit zu tragen hatte. Während Garrat ganz bei der Sache war, horchte Ryan mit halbem Ohr auf die Erörterungen der andern 177 hin. Als man sich verabschiedete, stieg er noch zum »Drahtlosen« hinauf, um seinem Bankier einen Auftrag zum Ankauf von Villenplätzen in »Pelican« zu erteilen. Er fand im kleinen braunen Haus auf dem Kommandodeck schon den Arzt Kennedy und den Offizier Stratton vor, die dem Operateur ein Blatt überreicht hatten. Mr. Campbell drehte das Blatt ruhig um, als er Ryan eintreten sah, da beim Eintritt des Torontoers Mr. Kennedy mit lauter Stimme, so daß es scholl: »O, Mr. Ryan, zu so später Stunde!« gerufen hatte. – Garrat fand Cora noch angekleidet auf dem Sofa unter dem Ventilator in der Kabine sitzend vor. Sie las einen Roman, den ihr Ryan geliehen hatte und der einen Honigmond in der Wildnis der Seen und Urwälder des kanadischen Ostens schilderte. Garrat setzte sich zu Cora und sprach von »Pelican«. Ein neues Leben. Von vorne begonnen. Er sprach mit Begeisterung. Täglich sprangen neue Städte aus dem kanadischen Boden, diesem gesegneten Westen des jungen Kontinents, auf. Unter den von allen Himmelsrichtungen zusammengewehten Menschen solch einer Niederlassung, unter den Menschen, die wenig und aus guten Gründen wohl am liebsten möglichst unsichern Bescheid über ihre Herkunft zu geben gewillt waren, konnte man ein hartes, läuterndes, gesundes Leben neu beginnen. Garrat zog Coras Kopf an seinen. Er sprach ihr von seinen Plänen, von dem Neuen, das beginnen sollte, von Sühne und Beginn. Als er sah, daß sie ihren Blick aus dem Augenwinkel ins offne Buch sendete, daß sie weitergelesen hatte, während er sprach, brach er jäh ab und stand auf. Mit zusammengezogenen Brauen, zerfurchter Stirne blieb er vor Cora stehen. Er sprach nicht mehr zu ihr, betrachtete sie nur. 178 Cora zwang sich, ruhig weiter in dem Buche zu lesen, das sie interessierte. Daisys Ehe entlockte ihr einen Seufzer begehrlichen Neides. Immerhin mußte sie den letzten Absatz dreimal lesen, da ihr der Sinn der Worte nicht einging. Sie sah auf und blickte in Garrats finsteres, fragendes Gesicht, auf dem Verzweiflung lag. Sie legte das Buch fort. * Tief in der Nacht saß Adela in ihrem Zimmer und schrieb an Miß Falkoner einen Entschuldigungsbrief. Sie zerriß ihn, schrieb einen neuen, diesen in herzlichem Tone. Sie warb um Falkoners Freundschaft, verdoppelte die Freundlichkeit des Tones, ängstigte sich nicht, daß die allzu große Herzlichkeit bei der Empfängerin Befremden erregen könnte. Sie gab sich nur undeutlich Rechenschaft über ihr Beginnen. Sie fühlte die Lüge auf dem Grunde. Aber sie sah die Notwendigkeit, das unabweisliche Gebot vor sich, gut zu sein, Menschen anzuziehen, Wärme, Liebe, Zutrauen auf sich zu lenken – um reicher, sicherer, selbst wärmer zu werden. Um aus sich mehr geben, ausstrahlen zu können! Sie formte den Brief vorsichtig, bedachte jedes Wort, fand ihn gut und richtig und schlief tief und traumlos bis zum Morgen. * Die »Affäre Garrat« war an die zweite Stelle in den Zeitungen hinuntergerückt. Den Kopf der Zeitungen nahm die Nachricht von dem Attentat auf den Lord-Mayor von London ein. Ein zerlumptes Individuum hatte einen Schuß auf den in Talar und Kette und mit mittelalterlichem Pomp durch die Straßen der City zur Eröffnung irgendeiner Ausstellung fahrenden Würdenträger abgegeben. Der Schuß war fehlgegangen, die Polizei allein hatte es 179 verhindert, daß das Publikum den Zerlumpten lynche. Man war den Spuren nachgegangen, die der Mensch, ein verworfenes Subjekt aus dem Abschaum, emsig zu verwischen bestrebt war, und einem förmlichen Nest von Attentätern und Verbrechern auf die Spur gekommen, weit draußen im übelsten Quartier der Ostseite, in der Maroon-Straße des Stadtteils Stepney bei den Ost-Indien-Docks. Als man das Nest ausheben wollte, setzte sich seine Bewohnerschaft zur Wehr, es fielen Schüsse, die Polizei requirierte Militär, eine regelrechte Belagerung des Hauses und Viertels kam zustande. Sieben Menschen waren dabei in dem Nest erschossen, erstickt, verbrannt und auf andre Weise zu Tode gekommen. Der Minister des Innern hatte die Belagerung in eigener Person geleitet. Der Erfolg war vollständig gewesen. Miß Wests Pensionäre besprachen ausführlich und mit leidenschaftlicher Entrüstung dieses Ereignis, das an verblüffender Scheußlichkeit dem »Fall Garrat« nichts nachgab, ja, ein neues, grelles Schlaglicht auf die Verworfenheit der Bevölkerung der großen Stadt warf. Das jüngste, über die kanadische Kabelstation eingelaufene Telegramm, das Bericht über die Vorgänge auf der »Inverneß« gab, hatte nur mehr geringe Aufmerksamkeit geweckt. Der Bericht umfaßte nur wenige Worte: Garrat benahm sich nach wie vor ernst und zurückhaltend; Cora Stratton dagegen setzte ihren Flirt mit dem Rechtsanwalt R. aus Toronto fort und bedachte auch den Offizier Stratton neuerdings mit Zeichen ihrer Huld. Bei der Frühstückstafel in West-House wurden Stimmen laut, die Mitleid mit den toten Verbrechern in Maroonstreet bekundeten. Kapitän Rogers zum Beispiel ließ seine Stimme laut für sie ertönen. Dagegen äußerten sich die Damen Reynolds, Mutter und Tochter, in schrillen Tönen 180 über die Verworfenheit und Gottlosigkeit des niederen Volkes. Adela war seit Tagen wieder zum erstenmal an der Frühstückstafel gesessen. Als sie mit Sheila und Feuer die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufging, fühlte sie sich von einer blinden, ohnmächtigen Wut gegen den Offizier Stratton beherrscht, den sie der teuflischsten Niedertracht und Grausamkeit beschuldigte. Dieser Mensch wußte. Und er spielte mit dem Leben, dem Schicksal, den Gefühlen der Menschen, die ihm nicht entrinnen konnten. Wie ein Teufel lenkte er das Schiff nach dem Hafen, ließ es langsamer fahren, langsamer, damit der Verfolger rechtzeitig und im vollen Triumph sich auf seine ahnungslose, sichere Beute stürzen könne. Derweil lockte er seine Opfer, wie ein Bandit, der schon den Dolch gezückt hielt in der verborgenen Mantelfalte, hin zur Falle. Es gab keine Entschuldigung für den Offizier Stratton. Er schändete das Geschlecht, das Vertrauen des Weibes zum Manne. Er war ein ärgerer Verbrecher als der Mörder, als die leichtfertige Mitwisserin. Adela haßte ihn aus glühendem Herzen. Sie kleidete sich an, ging mit Sheila aus. In Mudies Buchhandlung kaufte sie ein Lehrbuch der drahtlosen Telegraphie, sperrte sich daheim in ihrem Zimmer ein und las, lernte, sog das Buch in sich ein. Es setzte technische Kenntnisse voraus, war nicht leicht zu fassen, Adela lernte, las mit schmerzendem Kopf, schweren Lidern. Zuweilen irrte ihr Blick aus dem Fenster hinaus auf den in hellem Frühlingsschein sich grün und golden breitenden Platz. Der orangefarbene Fleck tanzte vor ihren Augen in Stockwerkhöhe auf einem der alten, vornehmen, verschlossenen Herrenhäuser mit blanken Scheiben und elfenbeinfarbener Fassade. Sie sah das orangefarbene Viereck, obzwar der Teppich längst ins Zimmer hineingezogen worden war. 181 Zum Lunch erschien Adela nicht bei der Tafel. Mrs. Strange hatte sich Sheilas angenommen, die ernst und erwachsen, mit erstauntem Blick und deutlich abweisenden Gesten und Redewendungen Mrs. Stranges Handreichungen und Aufforderungen, zu essen und dies und das zu tun beantwortete. Sie hoffte es durchsetzen zu können, daß Feuer auf dem Platz der Mutter sitzen dürfe, sie übernahm die Verantwortung für das Benehmen der Katze, indes vergebens. Miß West behauptete, sie könne das Phöbe, der Hauskatze, nicht antun, die ein älteres Recht habe, bei Tisch mit der »Familie« sitzen zu dürfen. Feuer dürfe keinen Vorrang erhalten, und dabei blieb es. Adela war kurz entschlossen zu Mrs. P. W. Stratton gefahren, Cora Alix Strattons Mutter, deren Wohnhaus, Adresse und Photographie ja in allen Zeitungen des Britischen Reiches veröffentlicht worden war. Die Witwe Stratton residierte in einem kleinen, versteckten Gäßchen des Vorortes Hackney, zwischen dem Hospital, dem Arbeitshaus und den großen rußschwarzen Anlagen des Gaswerkes. Sie war eine weißhaarige, verhärmte Frau, deren noch jugendliche Gesichtszüge ihre Umrahmung Lügen straften. Sie öffnete die Tür nur bis zu einem geringen Spalt, schloß sie gleich wieder, als sie die fremde Dame gewahrte, öffnete sie aber, als die Dame nach einer Viertelstunde noch reglos auf der Schwelle stand. Adela hatte sich in dieser Viertelstunde nicht mehr durch Pochen oder einen Ruf, ein Wort, der alten Mutter Coras bemerkbar gemacht. Als Mrs. Stratton öffnete, sah sie, daß das Gesicht der Fremden von Tränen überströmt war. Mrs. Stratton retirierte in ihr Zimmer, rieb sich die magern, zerarbeiteten Hände an einer Schürze, obzwar sie nicht feucht oder unsauber waren. Sie wollte die Dame nur vor der Verlegenheit bewahren, ihr die Hand reichen zu müssen. 182 Schluchzend saß Adela eine Weile der alten Frau gegenüber, die sie ohne Tränen, mit dem Gesichtsausdruck der an alle Leiden der Not, Entbehrung, Fron und Demütigung gewöhnten Proletarierfrau stumm ansah. Adela blickte sich in dem armseligen Raum um, sah eine Photographie Coras auf einem Tischchen stehen, senkte den Blick in das Viereck des Rahmens und verharrte in Schweigen. Nach einer Weile sagte Coras Mutter: »Sie war ein gutes Kind. Bis zuletzt hat sie für ihre arme Mutter gesorgt. Sie wird zurückkommen. Alles wird gut sein. Man wird ihr nichts tun. Sie ist keine Verbrecherin.« Es klang wie einstudiert. »Sie hat von nichts gewußt. Dieser Mörder hat sie belogen, betört.« Nach einer Pause: »Sie wäre nicht mit ihm gegangen, hätte sie gewußt, was er ist. Nie mit einem Mörder!« Adela sagte: »Leiden Sie Not? Kann man Ihnen helfen?« »Es gibt so gute Menschen. Es kommen viele Damen. Ich habe das Geld, sein Geld, nicht mehr angerührt, seit ich weiß, wessen Geld es ist. Sie hätte es nur nicht geschickt, hätte sie damals gewußt . . .« »Sie leiden sehr, nicht wahr?« Die alte Frau bog ihren Körper nach vorn und begann lautlos in ihre Schürze zu schluchzen. Dann richtete sie sich auf: »Gehören Sie zur Profession?« »Zu welcher Profession?« frug Adela. »Es kommen Damen, die kannten die Ermordete, sie waren mit ihr befreundet, in ihrem Klub, zusammen im Varieté mit ihr. Sie erzählen lang und breit. Aber Sie gehören wohl nicht zu denen. Sie haben geweint, wie Sie draußen standen. Waren Sie verwandt mit der Frau?« 183 »Nein,« sagte Adela. »Aus Mitleid . . .« sagte Mrs. Stratton leise. »Ich habe Mr. Garrat gekannt,« sagte Adela. Die alte Frau blickte auf. Ihr Gesicht hatte sich verändert. Sie saß da, eine Anklägerin, hart und stumm. »Sie verurteilen ihn auch! Sie verurteilen ihn, es ist ja nicht anders möglich. Er hat Ihnen Ihr Kind geraubt, ins Unglück gestürzt. Ich aber habe ihn gekannt, als er noch ein guter Mensch war . . .« Die Alte schüttelte den Kopf. »Nie!« »Ja. Ich habe ihn geliebt, damals!« Mrs. Stratton hob das Kinn und machte ihre Augen klein. »Und ich liebe ihn noch heute!« sagte Adela heftig. »Ich bin eine verheiratete Frau, ich habe ihn seit meiner Ehe nicht mehr gesehen. Nur einmal flüchtig. Er erkannte mich da sicher nicht – aber ich weiß, ich wäre glücklich geworden, wenn wir geheiratet hätten. Er ist kein schlechter Mensch, nein!« Coras Mutter hörte eiskalt zu. »Was kann ich für Sie tun, Madam? Da Sie ja zu mir gekommen sind. Ich glaube nicht, daß Sie zu mir gekommen sind, nur um mir dies zu sagen.« »Ich wollte es jemand sagen, daß er kein elender Verbrecher ist. Vielleicht hat er das Verbrechen gar nicht begangen. Es ist noch nicht erwiesen! Ich wollte dies jemandem sagen. Ihnen!« Coras Mutter starrte Adela an. »Sie haben niemand andern, ihm Ihr Herz auszuschütten?« Adela schüttelte den Kopf. Als sie sich nach einer Weile beruhigt hatte, sprach sie: »Ich möchte Ihnen helfen. Erlauben Sie es mir. Bitte.« Coras Mutter antwortete nicht. Sie saß reglos. Ihre Züge entspannten sich. Sie war wieder die Mitleid erregende Frau aus der Armut des vierten Standes. 184 Adela ergriff ihre Hand, küßte sie. Beide Frauen weinten. »Ich brauche nicht viel für mein Leben,« sagte Mrs. Stratton. »Ich lege weg, was ich nicht ganz dringend brauche, für mein Kind; wenn es zurückkommt. Es soll einen braven Mann bekommen. Sie soll eine Aussteuer beisammen haben.« Rasch fügte sie hinzu: »Glauben Sie nicht, was diese gemeinen Zeitungen schreiben: Flirt und Treulosigkeit. Das ist nur, um die schlechten Leser zu befriedigen! Die können es nicht gemein genug haben. Ein so treues Mädchen, das für mich alte Mutter gesorgt hat! Nein, alles ist Lüge, Flirt, alles!« Adela knöpfte ihren Handschuh auf und überreichte Mrs. Stratton ein zusammengefaltetes Papier, das sie in ihrer Handfläche verborgen hatte. Mrs. Stratton zeigte Adela alle Photographien, die sie von Cora hatte. Die erste, die sie auf den Knien des Vaters, eines großen, derbknochigen Mannes in Uniform und mit sorgfältig gewichstem Schnurrbart sitzend zeigte. Mrs. Stratton buchstabierte Adelas Namen auf dem Scheck, schrieb sich ihre Adresse auf. Sie wollte Näheres über Garrat wissen. Adela erzählte. Ehe sie ging, nahm sie Mrs. Stratton das Versprechen ab, daß sie nicht grausam und hart von Garrat denken werde. Coras Mutter versprach es. Sie küßte Adela auf die Wangen. »Seien Sie gut, seien Sie gut!« rief sie ihr nach, als Adela sich verabschiedete. * Mr. Brodeur, der Obstzüchter aus Ontario, fand Mr. Fergus an die Reling gelehnt, im Sonnenschein auf dem oberen Deck. Unten auf Zwischendeck tummelte sich wieder das bunte Gewimmel. 185 »Hallo, Mr. Fergus!« »Guten Morgen, Sir. Schöner Morgen, nicht wahr?« Mr. Brodeur spuckte Tabakssaft auf die Bohlen und blickte, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen, auf die Zwischendeckler hinunter. »Das sind nun diese Leute,« sagte er, »diese Syrier und Armenier und Kroaten und Juden und was weiß ich, die wir schiffsladungsweise in unser Land hereinbekommen. Wer hat sie gerufen? Ich gehöre keiner von den hundert Gesellschaften an, die bei uns die Einwanderung begünstigen, denn wo bleiben sie alle, diese dort unten? Wenn sie doch bloß nach dem Westen gingen, Weizen bauen, oder meinetwegen bei uns im Osten aufs Land hinunter wollten, daß man sie als Arbeiter dingen könnte! Denn die Arbeiterverhältnisse sind, beim Teufel, elend genug dort herum, wo ich zu Hause bin! Aber sie bleiben in den Städten kleben und füllen die Vororte mit einem stinkenden Gewimmel an. Sehen Sie sich bloß, wenn Sie durch Toronto kommen, Shackville, die Barackenstadt an!« Er schöpfte Atem und zog die Mütze über die Stirn. »Nun werden wir bald dieselbe Maroonstreet-Gesellschaft bei uns haben, Sie haben es heute morgen gelesen, drüben in der alten Heimat, diese Lordmayormörder und Verschwörer! Nur daß man sie bei uns nicht ausräuchern darf aus ihren Rattenlöchern, wegen der verfluchten Politik, die sich auf den Zuzug und die Wahlberechtigung solchen Gesindels stützt!« Garrat sagte höflich: »Ja, das Einwandererproblem ist wohl eine Gefahr für die Dominion.« Mr. Brodeur ließ einen kleinen meckernden Laut hören. Unten hatte ein slovakisches Weib die Orangefarbene angestoßen, und schrie nun in einem kollernd kreischenden Idiom etwas hinter der Taumelnden her. »Sehen Sie die dort mit dem roten Tuch, oder dem gelben Tuch. Verrückte Schraube, kurios, wie das daherstelzt!« 186 In diesem Augenblick schaute die Frau mit dem Tuch zu den beiden hinauf. Ihr Blick ging von Brodeur zu Garrat, ein müder, scheuer Blick, wie aus den Augen eines getretenen Hundes. Mr. Brodeur zwinkerte belustigt und machte eine Bewegung mit dem Kopfe. »Sie hat uns ins Aug' gefaßt, die Madam!« »Ein Hüftschaden, während der Schwangerschaft zugezogen. Wahrscheinlich hat sie der Mann mißhandelt.« »Ja, eine rohe Bande ist es schon!« sagte Mr. Brodeur. »Bei mir auf der Farm ist eine Hündin, ein schottisches Tier, der hat einmal ein Knecht, als sie trächtig war, einen Fußtritt gegeben, sie schleppt das Bein nach seither.« »Diese Menschen haben uns viel zu verzeihen,« sagte Garrat mehr zu sich. Mr. Brodeur sah ihn erstaunt an: »Was verzeihen? Wem verzeihen? Was meinen Sie denn?« Garrat räusperte sich. Er ärgerte sich darüber, daß ihm ein Wort entschlüpft war, das, so fürchtete er, die Unterhaltung mit dem Französisch-Kanadier in Schwung bringen, hinausdehnen könnte. »Ich meine, diese armen und elenden Menschen haben nicht selber allein Schuld an ihrem Elend und ihrer Roheit. Es ist nicht alles so in unserm öffentlichen Leben, daß uns alle nicht auch Schuld an ihrer Roheit und ihren Lebensumständen träfe.« »Meinen Sie: die Regierung? Oder die Fabrikbesitzer?« »Ja . . . ich meine, alles zusammen . . .« »Well, Sir, ich habe meine Leute auf der Farm immer ganz gut bezahlt und behandelt, ich muß mich ausnehmen. Wer heißt sie denn herüberkommen und die Löhne drücken? Daheim haben sie's gewiß zehntausendmal schlechter als bei uns. Sie müssen das wissen, die Schuld trifft ihr 187 eignes Land. – Nein, wir haben sie nicht herübergebeten. Wir Besitzer nicht.« Garrat hatte die Nachricht vom Attentat in der Morgenzeitung auf Deck gelesen. Er wußte nicht, weshalb, er fühlte sich heitrer, weniger belastet an diesem Morgen. Er sah gerührt hinunter auf die Leute, überlegte, ob man ihnen oder den Kindern nicht etwas hinunterwerfen könnte, eine Silbermünze, eine Apfelsine. »Was ist das für eine Gesellschaft, die dort um den Tisch sitzt?« frug Mr. Brodeur. Da kam Kapitän Fraser vorüber. »Guten Morgen, meine Herren. Schöner Morgen, ist's nicht so?« Die Herren erwiderten den Gruß des Kapitäns. Er hatte im Vorübergehen die Frage Brodeurs gehört: »Russische Juden, Sir, aus Charkow. Nach Toronto unterwegs.« »Dasselbe russische Gesindel, wie jetzt das aus Maroonstreet. Und sowas befördern Sie, Kapitän?« »Na, ja . . . was sagen Sie zu dem Attentat?« sagte der Kapitän ausweichend. »Und wie rasch wir es hier in unsrer Schiffszeitung stehen hatten!« Die Drähte über dem Schiff surrten, der Drahtlose knackte hörbar durch den Lärm des Morgens auf Schiff und See. »Wunderbare Erfindung! Ist's nicht so?« Kapitän Fraser kniff die Augen zu und blickte Garrat an. Garrat nickte. Der Kapitän legte die Hand an die Mütze. »Guten Morgen, Gentlemen.« »Ein Wort, Kapitän,« sagte Garrat plötzlich. »Könnte man nicht für diese Leute dort unten etwas tun? Es sind so armselige darunter.« »Die Kompanie sorgt für sie;« sagte Fraser, »sie haben gute Kost, sie wohnen ganz gut, es sind unsaubere Leute, dafür können wir nichts. Die Kompanie tut alles Mögliche für sie.« 188 »Ich dachte daran,« sagte Garrat. »Wenn man hier oben in der ersten Klasse steht . . .« »Na, ja, Sir, Sentimentalitäten, kenne es. Wenn man zum erstenmal über See fährt. Das gibt sich,« sagte Kapitän Fraser. Mr. Brodeur sah Garrat verwundert an. Er hatte ihn ja für einen Matter-of-fact -Menschen gehalten! Auch Kapitän Fraser machte ein erstauntes Gesicht, als Mr. Fergus bei seiner Meinung beharrte, es könnte hier oben in der ersten Klasse für die Ärmsten unter jenen dort unten etwas getan werden. »Das fehlte gerade noch!« brummte der Ontarioer. »In Watte einwickeln, ehe sie noch den Boden der neuen Heimat unter den Füßen haben! Dieses Volk kann nicht früh genug zu wissen bekommen, daß es drüben auf harte Arbeit allein ankommt. Dieses Maroonstreet-Gesindel! Mörder und Verschwörer!« Die Orangenfarbene zwängte sich unten durch die Gruppen. Garrat sagte: »Es sind alte Leute unter ihnen, Sieche, schwer für die, ein neues Leben zu beginnen.« »Bah!« sagte Mr. Brodeur, »wenn die Slums voll von lauter unschuldigen Opfern wären, hätten die Seelsorger alle Hände voll zu tun!« »Ich denke nur, wie viele von denen hätten das Recht, an unsrer Stelle in der ersten Klasse zu fahren. Es ist nicht so in der Welt eingerichtet, daß die Armen die Schuld an ihrer Armut tragen.« »Hei, Mr. Fergus, wie steht's mit der Heilsarmee? Sind Sie etwa ein verkappter Major, Oberst, oder sonst wer?« Garrat wurde blaß und schwieg. Der Kapitän lachte ein gutmütiges Lachen und empfahl sich, die Hand an der Mütze. Auf dem Fuße der Treppe begegnete er Kennedy. »Hallo, Doc!« »Hallo, Kapitän!« »Das hätten Sie hören 189 sollen, eine philanthropische Morgenpredigt, und von wem? Von Mr. Garrat! Die Zwischendecker – er war ganz gerührt!« »Der alte Galgenvogel. Er verlegt sich aufs Heucheln!« »Es schien mir nicht so. Er meinte es. Er war ganz gerührt. Ein paar Alte und ein krankes Weib unten – er sprach davon, es sei schwer, anzufangen, die Menschen müßten einander helfen, alle tragen Schuld!« »Und Sie, Kapitän?« »Ja, was soll ich sagen – vielleicht tun wir einander Unrecht. Vielleicht . . .« »Vielleicht etwa gar den Burschen laufen lassen? Sie haben schlecht geschlafen, Kapitän, ich schicke Ihnen ein Purgativ!« Fraser lachte verlegen. »Ach was, so meinte ich es ja nicht. Es ist nur sonderbar, einen Patron wie diesen von Menschenliebe sprechen zu hören.« »Ja, ein kurioser alter Fisch.« »Waren Sie schon unten bei dem Diphteriefall?« »Ich bin gerade im Begriff.« »Guten Morgen, Doc.« »Guten Morgen, Kapitän!« * Im Gewühl der Aussteigenden am Untergrundbahnhof Oxfordstreet-Britisches Museum gewahrte Adela Herrn Lucas. Er hatte sie gesehen und drückte sich scheu in die Menge, um von ihr nicht entdeckt zu werden. Adela bot der nach dem Ausgang des Schachtes drängenden Menge Widerstand, so daß sie in seine Nähe gepreßt wurde, nickte dem unter seinem breiten Hut Errötenden zu und sagte: »Wir haben den gleichen Weg. Sie gehen wohl auch nach West-House heim?« Sie fuhren im Lift zur Straße hinauf. »Ich komme von armen Leuten,« sagte Adela. »Ich war im East-End.« »Bei den Belagerten . . .« sagte Adela. 190 Herr Lucas antwortete leise: »Jawohl.« »Sie müssen mir erzählen. Auch ich habe zu erzählen.« »Ja.« »Nach dem Diner. Ich erwarte Sie.« – Herr Lukas pochte nach acht Uhr abends an die Zimmertür Adelas. Sheila öffnete, kaum daß er gepocht hatte, als hätte sie an der Tür gestanden und auf das Pochen des Freundes gewartet. Sie ging artig in die Ecke, setzte sich mit Feuer und ihrem Spielzeug auf ein Kissen und spielte lautlos. Adela saß auf der Chaiselongue und hielt ihr kleines Onyxkreuz zwischen den Händen. Die Kälte des Steins war in ihrem Händedruck zu spüren. »Es sind viele tot. Hört man Jammern in den Straßen?« frug sie den jungen Mann. Herr Lucas stand mit dem Gesicht nach der Straße, die Stirn vom Abendlicht rötlich beschienen da, den Blick über die Häuser des Platzes weg. Seine Arme fielen schlaff an dem magern, dürftigen Körper nieder. Er tat seine Lippen beim Sprechen kaum auseinander. »Ich habe die Straße gesehen, das Haus, die Menschen vor dem Haus. Die Straße war abgesperrt. Sie haben mich durchgelassen, obzwar ich nicht darum gebettelt habe. Ich stand vor dem Haus, aus dem noch Rauch kam. In meinem Gehirn ist mit dem Rauch noch dies Bild des Hauses geblieben. Rauch kam aus den geschwärzten Fensterlöchern.« »Was taten die Leute, die um das Haus standen?« »Sprachen, rauchten. Gingen auf und ab. Schauten geradeaus. Frauen mit Kindern auf dem Arm. Soldatenfrauen sprachen mit ihren Männern, die den Weg versperrten.« »Und die Fenster rauchten noch?« »Beizender grüner Gestank nach Verbranntem.« 191 Herr Lucas schluckte. Er verschlang einen Knebel, aufquellendes Entsetzen. Dann begann er monoton zu sprechen, als sei zwischen seinem Monolog und der Frau, die ihn anhörte, die Wand zum Nachbarzimmer, mit Tapeten, bunt auf jeder Seite, mit dem Messingbett, Mahagonischrank, mit den Bildern im Rahmen, hüben und drüben. »Es sind viele Menschen tot. Die Straßen schon an der nächsten Ecke so munter, die ganze Stadt ist voll von Leben. Ich bin über die Straßen gegangen, an Schaufenstern vorbei, zur Haltestelle der Untergrundbahn, und hierher, zwischen Menschen, zwischen meinesgleichen. Die Toten waren schon fortgebracht. Nur die Fenster rauchten noch nach ihnen.« Adela hatte ihre Hände, die schönen, ringgeschmückten vor ihre Augen gepreßt. Sheila regte sich nicht. Auf dem Fußboden saß sie, alle ihre Puppen eng an die Brust gepreßt, mit dem Rücken gegen die Mutter und den Gast, still. »Annabel Lee!« Adela nahm ihre Hände vom Gesicht, sah Herrn Lucas erstaunt an. »Annabel Lee! Ich habe sie gesucht auf den Gassen, in den Gassen bei Nacht und an Sonnentagen, in dem Königreich, und habe weder Schönheit noch Zartheit gefunden, sondern nur Not und häßlichen Tod. Hätte ich sie nur gefunden – sie fortgeführt aus dem Elend dieser grausamen Welt, schlechter als der der Tiere! Was sind wir denn, daß man uns erst erinnern muß? Daß wir erst von einem Schuß aufschrecken müssen, um uns die Augen zu reiben und zu sehen: wo wir sind? In welcher Welt? Ein Schuß!« Adela nickte. Aber Herr Lucas sah niemand und nichts. »Wer ist aber heute verbrannt, ausgeräuchert, an wem geht die Menge lachend und nach den Schaufenstern ausschauend vorüber? Tot und verstümmelt auf der Straße zwischen den Geleisen, da liege ich selbst, und meine Bücher 192 liegen neben mir, über sie ist die Straßenbahn weggerollt. Und wieder nicht ich, denn ich stehe und sitze und esse und schlafe in einem schönen Zimmer und die Leute, die um mich sind, haben gute und gesunde Mienen und weiße Hände, viele Ringe an weißen Händen. Dort aber, wo die Fenster grün und beizend rauchen, sind verkrüppelte Hände, harte und verkrampfte Gesichter und verkrümmte Glieder von schlechter Geburt und zerrissene Kleider, die nicht bedecken die Verkrüppelung, sondern sie herausstecken, damit jeder sie sehe. Aber keiner sieht, denn jeder denkt an sich.« Herr Lucas hielt inne. Plötzlich besann er sich. Er sah hilflos erst auf das Kind, dann auf die Frau. Seine Stimme war ganz verändert, als er sich verneigte und sagte: »Verzeihen Sie, Madam, daß ich Sie aufgehalten habe. Kann ich Ihnen mit etwas dienen? Soll ich dem Stubenmädchen läuten?« »Bitte, Herr Lucas!« sagte Adela. »Bleiben Sie!« Sie holte einen Sessel, zwang Lucas Platz zu nehmen, setzte sich ihm gegenüber. »Ich war heute auch bei elenden Menschen. Sie haben ja die Garrat-Sache in der Zeitung gelesen? Ich war bei der Mutter von Cora Alix Stratton.« Herr Lucas sah Adela erstaunt und ehrerbietig an. »Ich habe gesehen wie die alte Witwe lebt. Ich habe sehen wollen, ob man ihr helfen könnte. Sie sagt, ihre Tochter sei keine Verbrecherin.« Adela schwieg, holte Atem, schwieg weiter. »Es ist nämlich so,« fuhr sie rasch fort: »meine Familie hatte einen Diener, der hieß Stratton, und war aus demselben Stadtviertel, in dem die alte Witwe lebt. Ich erinnre mich an den alten Stratton, er hieß Toby, ich saß auf seinen Knien, er ist lange tot. Ich wollte jetzt erfahren, ob die Witwe mit dem Diener verwandt sei, und dann ihr helfen.« 193 Herr Lucas sah Adela mit seinen dunkelbewimperten Augen an. Sie sah seine braunen Augen, sagte sich: »Ein Mönch. Er liest in den Seelen.« Sie schlug die Augen nieder. »Es muß alles geändert werden!« sprach Herr Lucas. »Es ist alles zwischen den Menschen verkehrt und schlecht, so wie es ist; wir sind alle im Unglück befangen und keiner denkt daran, etwas dagegen zu tun. Die einen sind verkrüppelt geboren, die andern sind in ihrer Kindheit krumm geschlagen, dann schlecht genährt und haben zugesehen, wie die Alten um einen Lichtstumpf Karten spielten im Zimmer nachts, wenn Kinder schlafen sollten, oder man jagte die jungen Mädchen bei Nacht und Nebel auf die Straße. Aber das ist es nicht allein: in den schönen Straßen fährt der Lord-Mayor im Pomp und mit goldnen Ketten, und die schönen und reichen Menschen schauen aus den Fenstern und Balkonen zu, aber sie werfen die Fenster zu und machen grimmige Gesichter, wenn unten die Polizeiknüttel auf einen zerlumpten Halunken niedersausen. Es ist alles neu anzufangen. Mein Gott, so kann man nicht leben!« »Nein, so kann man nicht leben!« sagte Adela. Sheila hatte ihre Puppen niedergesetzt und kam, da sie den schluchzenden Ton in der Stimme der Mutter hörte, zu Adela. Sie schmiegte sich an ihre Knie, zog die Hände der Mutter auf ihre kleine Brust. »Mammy! Einen Kuß deinem kleinen, lieben Baby?« sagte sie. Adela neigte sich nieder, als gehorche sie dem Kind, oder einem Arzt, der ihr als Arznei verschrieben hätte, ihr Kind zu küssen. Sheila streichelte die Hände der Mutter, blickte dann zu Herrn Lucas, verzog ihr kleines Gesicht zu einem kurzen, freundlichen Lächeln und ging lautlos zu ihren Puppen zurück. * 194 Der Steward hatte die Uhr gestellt. Garrat kam, mit seiner Taschenuhr in der Hand, in die Kabine zu Cora. Er richtete den Zeiger umständlich und setzte sich auf das kleine Sofa unter der Luke. Cora lag auf dem Bett und las, Kopf und Buch zum Licht gewendet. »Wir fahren langsam. Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat. Der Obstzüchter sagte eben: der Kapitän wolle wohl wie beim Gymkhanaspiel einen Rekord in der Langsamkeit schlagen. Was hat das zu bedeuten?« Cora verblieb regungslos. »Soeben begegnete mir der Offizier Stratton. Er hat mich gestellt. Immer, wenn er mich sieht, verändert er schon von weitem sein Gesicht. Er denkt sich wohl: »Das ist der Ehemann von meinem Flirt!« Cora wendete das Blatt in ihrem Buche. Garrat senkte die Stimme. »Es wird gut sein, wenn wir in Freiheit sind. Dies hier ist nichts als ein Gefängnis. Um nichts besser, um nichts verschieden. Beaufsichtigt Tag und Nacht. Der Kapitän. Dem Arzt traue ich nicht. Ein heimtückischer Patron mit seinen Anekdoten und seinen blauen Stunden, in denen er unsichtbar ist. Er besäuft sich wohl unten in seiner Kabine. Das sind seine blauen Stunden!« »Du wirfst allen vor, daß sie Schurken seien.« Sie schwieg. »Du meinst, gerade ich dürfte . . . am wenigsten . . . Cora wendete das Blatt und las. »Wir müssen das besprechen: ich habe oben im Schreibzimmer einen Prospekt über die nördlichen Gebiete von Saskatschevan und Alberta gefunden. Ich habe ihn hier.« Er nahm ein Heft mit buntem Umschlag aus der Tasche. »Überall werden Ärzte, Apotheker, Chemiker gesucht. Kleines Kapital erwünscht, nicht nötig. Es ist von einer 195 Stadt die Rede, die fünf Jahre alt ist und zehntausend Einwohner hat. An der Canadian-Northern, an der Grenze Britisch-Kolumbiens. Ihr Name ist Karooville.« »Warum muß es so weit im Westen sein. In Ontario findet sich gewiß etwas. In großen Städten ist man sicherer, als in einem kleinen Nest, wo jeder jeden kennt. Eine kleine Stadt ist ein ärgeres Gefängnis als ein Schiff!« »In einer großen Stadt? Wie? Londoner sind überall unterwegs. Glaube nicht, daß man da aus der Welt ist.« »Ein Zufall ist möglich. Aber ich will nicht in einem kleinen Flecken von früh bis abend ungehobelten Lümmeln hinter dem Ladentisch Pulver verkaufen!« Garrat schwieg. Dann frug er, kurz: »In welcher Stadt?« »Nun,« sagte Cora, »man erspart die weite Reise, das kostet ja viel. Toronto!« »Ryan,« sagte Garrat. »Dieser Mann Ryan. Du hältst mich für blind. Mr. Ryan.« »O, wie lächerlich du bist! John! Mr. Offizier Stratton und Mr. Ryan. Vielleicht Dr. Kennedy auch und Mr. Brodeur?« Sie legte das Buch fort. »Ich bin viel zurückhaltender als du. Und du hast doch mehr Ursache, als ich . . . Ich bin freundlich zu den Leuten. Es ist gerade, als wolltest du herausfordern.« »Hör mich, Amy!« sagte Garrat. Er saß an ihrem Bett. Er sog die Lippen in den Mund. »Das mit Ryan habe ich nicht in den Wind gesagt. Keine Laune. Du meidest ihn, die letzten Tage, die wir noch auf diesem verbiesterten Schiff bleiben müssen. Du hast mich verstanden. Es wird meine Sorge sein.« »Meine!« »Nein!« Er ergriff ihre Hand, bog sie im Gelenk. Sie unterdrückte einen Schrei, sah ihn an, mit einem kreisenden Blick. Aber gleich lockerte sich der Griff. Er streichelte das 196 gerötete Gelenk. »Den Offizier und den Mann Ryan. Du wirst die Unterhaltung mit beiden auf das Nötigste, das Höflichste beschränken. Nie, keine Sekunde mit ihnen sprechen, wenn ich nicht zugegen bin. Wir werden jetzt über Karooville sprechen.« Cora griff nach ihrem Buch. Garrat warf es in die Ecke. Es flog mit flatternden Blättern an die Tür, fiel nieder. »Karooville liegt sechsundzwanzig Stunden weit von Vancouver. Der nächste größere Ort ist . . .« Er schwieg. Cora's Gesicht war hart, sie blickte zum Netz, das in den Fond der Bettwand gespannt war. »Du glaubst . . .« sagte Garrat leise, »daß ich deinen Launen freien Spielraum gewähren werde. Daß ich dich nicht hier habe –« er machte aus seinen Händen einen Ball, quetschte dann die Finger gegeneinander. »Gib acht.« Cora machte sich frei, sprang vom Bett herunter und ordnete ihr Kleid, ihr Haar. »Karooville hat im Jahre 1905 hundertfünfzig Einwohner gehabt, im Jahre 1906 tausendachthundert, im Jahre 1907 fünftausend, heute, beziehungsweise zur Zeit der Ausgabe der Broschüre zehntausendachthundertneununddreißig. Die Bank of Canada hat in ihr eine Filiale, die Canadian Bank of Commerce eine, die Imperial Guarantee und Accident Insurance hat eine Zweiganstalt eingerichtet. Der Umsatz der Bank of Canada war im März dieses Jahres dreieinhalb Millionen Dollar. H. H. Williams \& Co. haben eine Agentur für Land und Grundstückverkauf eingerichtet. Es sind steinerne Häuser . . . warte . . . wieviel . . .« Cora saß auf dem Sofa unter der Luke und hatte ihren Roman vom Boden aufgelesen. Sie suchte die Seite, fand sie, glättete das Blatt. Garrat legte das Heft mit den Daten über Karooville fort und sah Cora an. Sie schien seinen Blick nicht zu 197 bemerken. Einmal blickte sie zur Tür, es war nicht zu konstatieren, ob die Tür verriegelt sei oder nicht. Garrat faltete die Hände und sah auf sie nieder. Er fühlte Schwäche und Entspannung, wie sie Menschen befällt, die einer großen Gefahr entronnen sind oder eine letzte Hoffnung auf Rettung endgültig aufgegeben haben. »Wir wollen also nicht nach dem Westen gehen, sondern in Toronto bleiben,« sagte Garrat mit ruhiger Stimme. »Wir wollen uns an den Rechtsanwalt Ryan wenden, er wird mir eine Stellung in Toronto verschaffen, mich in die Gesellschaft einführen, in der wir, sooft er mit seinem Schiff in Kanada eintrifft, Offizier Stratton begegnen werden. Ich bin ein Kaufmann aus Antwerpen, kenne mich im Handel mit Patent-Medizinpräparaten aus und habe auch medizinische Kenntnisse, wie ein Arzt. Es wird alles gut gehen.« Er schöpfte Atem, fuhr fort: »Aber es ist ein Fehler in der Rechnung. Ich muß, um in Toronto bleiben zu können, eine Einzelheit aus meinem Leben, meinen Erfahrungen verschweigen, die bisher weder Mr. Ryan noch sonst jemand kennt – von der ja nicht einmal du noch genau und so deutlich Kenntnis hast, wie du sie sogleich haben wirst. Dieses Detail ist: ich bin nicht nur des Mordes an meiner Frau Belle Garrat verdächtig, sondern ich habe sie tatsächlich ermordet.« Er löste seine Hände, langsam, verschränkte die Arme und ging mit mäßig bewegten Schritten im Zimmer auf und ab. »Diese Einzelheit geht natürlich außer uns beiden niemand an. Ich werde sie auch auf der Folter niemand preisgeben. Aber es ist nötig, daß du von ihr genaue Kenntnis habest, damit wir uns über die nächsten Schritte in Kanada klar seien. Ich wiederhole es also: ich habe Belle Garrat an einem Ort, an dem sie mit einem Dritten ein 198 Stelldichein gehabt hat, überrascht, und sie durch eine subkutane Injektion – die chemische Formel des Präparates erläßt du mir wohl – getötet, nachdem es mir gelungen war, sie für einige Minuten zu betäuben. Ich hatte den beiden aufgelauert, Belle und dem Mann. Als der Mann das Haus verlassen hatte, verschaffte ich mir Eintritt in das Haus. Ich ahmte die Gangart und die Sprache des Mannes nach – es gelang mir, denn ich war seit langer Zeit mit ihm bekannt. Meine Frau hielt mich für ihn, glaubte, ihr Geliebter sei zurückgekehrt. Um sie zu betäuben, wandte ich Chloroform an, es ging fast ohne Gewalttätigkeit ab. Genug.« Er setzte sich, stand auf, ging an den Waschtisch, zog seinen Rock an, bürstete ihn sorgfältig. »Sobald du mich dazu aufforderst, werde ich dir den Plan mit Karooville weiter auseinandersetzen.« Er bereitete sich zum Gehen vor, drehte sich vor der Tür noch um und sagte beiläufig: »Ich begreife, daß andre mit dir freundlichere und lieblichere Gespräche pflegen. Es steht dir frei, mich . . . mich . . .« Er schloß nicht, griff nach der Türklinke. Sie stürzte auf ihn zu. Sein Gesicht an ihrer Wange wurde naß von ihren Tränenströmen. Garrat preßte den warmen Körper, der zitterte und Schwäche zeigte, an sich. Er lächelte, über ihr duftendes Haar weg, das seine Lippen umfloß. »Wir gehen weit fort,« flüsterte Cora schluchzend. Garrat lächelte weiter. »Wohin du willst. Dich liebe ich. Alles teilen wir. Alles.« Er führte sie, da er eine Ohnmacht Coras befürchtete, zum Sofa, setzte sie nieder. Darauf ging er zu seinem Koffer, zog ihn aus dem Verschlag unter dem Bett heraus, öffnete ihn, suchte und 199 schraubte eine Glastube auf, die aussah wie die Behälter, in denen man die Zahnbürsten aufbewahrt. In Seidenpapier gewickelt, fand sich ein kleines gelblich lichtdicht gemachtes Fläschchen länglicher Form in der Tube. Er nahm es heraus, zeigte es Cora. Er sprach eine chemische Formel, die sie aus den Korrespondenzen vom Kingsway her kannte. Cora nickte, sah Garrat in die Augen. »Wann du willst.« »Wann du es befiehlst.« Garrat nahm das gelbbraune Glas zu sich. Er versperrte den Koffer, schob ihn unter das Bett zurück. Lange hielten sie sich umschlungen, enge auf dem Sofa beisammensitzend, im schütternden Schiff, das vorwärts fuhr. – * Das »Sonntags-Telegramm«, des Londoner Mittelstandes Lieblingsblatt, teilte am Tage vor der Ankunft der »Inverneß« in Rimouski mit: »Rimouski, die Lotsenstation im St. Lorenzstrom ist voll von Zeitungsberichterstattern. Bisher sind siebenunddreißig Tageszeitungen Amerikas und Europas vertreten. Mr. Evangeliste trifft mit seinem Stabe drei Stunden vor der »Inverneß« ein. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß das Ereignis erst Dienstag früh eintreten wird.« Nach dem Frühstück fuhr Adela allein nach Hampstead. Die Kirchgasse lag mit ihren entzückenden Häuschen und Veranden, ihren blühenden Vorgärtchen und luftigen Markisen im Sonnenschein da. Adela schritt die kleine Zeile bis zur Kirche entlang, blieb vor einem Hause in der Nähe stehen, sah zum Stockwerk hinauf, aus dessen Fenstern ein Knabe und ein Mädchen, sonntäglich geputzt, das Mädchen mit einer blauen 200 Masche im weißblonden Haar, der Knabe mit großer Stahlbrille, mit breitem steifen Kragen über seinem Etonjackett auf die Kirchgänger hinunterblickten. Hinter dem Kirchhof, dessen altertümliche Steine die kleine Kirche zu St. John einrahmen, lagen die abschüssigen Wege und Pfade des Villenviertels Frognal im Frühnebel; dahinter die Heide war überblitzt von verirrten Morgenstrahlen aus ziehenden Schwaden. Adela erblickte den friedlichen Sonntagmorgen über dem Land. Der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen. Sie suchte und fand den Weg zu einer Bank, ja, diese war's, zwischen zwei Steinen und vor einem Kreuz. Auf dem Kreuz stand: »Susan Elisabeth Newman« – auch an diesen Namen erinnerte sie sich. »Ich glaube an meinen Herrn«, las sie. Die Töne der Orgel schwollen an und verbreiteten sich außerhalb der Kirchenmauer. Die Versammlung lag auf den Knien, als Adela eintrat. Als sie niederkniete, saßen die andern wieder auf ihren Bänken. Sie legte das Gesicht in die Hände, verweilte lange so. Hier auf diesem Fleck wollte sie es, ihr Mund ihren Handflächen, ihre Augen den Spitzen ihrer Finger klagen: daß sie nicht wahrhaft war, nicht stark im Glauben an Gott und seine Gebote, nicht gut und gerade ihrem Nächsten gegenüber, nicht treu und ergeben dem Herrn und Heiland, der sein Kreuz auf sich genommen hatte, um der Sünden der Brüder willen. Ich habe mir die Verantwortung nicht auf meine eigenen Schultern gebürdet, sondern sie abzuwälzen getrachtet auf Gott den Herrn. Wir sind alle Sünder, aber die einen büßen allzu hart, weil sie mitbüßen müssen, was wir verschuldet haben. Wir leben in unsern Gemächern und sie büßen in ihrem Elendsquartier; wir essen uns satt und 201 sie werden bestraft um ihres Hungers willen. Wir sind feige und denken an ein ruhiges und gesichertes Leben und verlassen unsern Glauben und Schwur und sehen aus der Ferne zu, wie die von uns Verratenen in Schuld und Sünde versinken. Wir . . . ich bin eine elende Lügnerin und er ist ein Mörder geworden, weil ich mein Versprechen nicht gehalten habe. Ich habe ein Gelübde getan vor Gott in dieser Kirche, und er saß neben mir, zwischen meiner Mutter und mir, und hat es vernommen mit dem Ohr des Herzens. Aber ich habe es nicht gehalten und bin darum eine Mörderin geworden. Und der Gedanke an diese Untreue frißt mir das Herz ab und läßt mich nicht meinem Nächsten offen ins Auge schauen. Die Predigt behandelte die Offenbarung Johannis 13, 10: »So jemand mit dem Schwert tötet, der muß mit dem Schwert getötet werden.« Und sie endete mit den Worten: »Darum ist es jenen Elenden recht geschehen, daß sie in Rauch und Flammen und unter Kugeln der Gewehre ihr Leben lassen mußten, denn ihr Sinnen und Trachten war Mord und Diebstahl und sie waren verworfen und gezeichnet von Mutterleibe an.« » Jesus shall reign where e'er the sun Does his successive journey's run, His kingdom stretch from shore to shore Till moons shall vax and wane no more. « Mit der sonntäglich geputzten, erhobenen und befriedigten Gemeinde verließ in langsam drängendem Zuge Adela die Kirche. Draußen im Sonnenschein begrüßten sich die Bekannten, die Villenbewohner von Frognal, die feierlichen Alten und die lächelnden und schöngekleideten Jungen. Die Kinder knicksten artig und die Menge zerfloß in kleinen Bächen die liebliche Kirchenzeile entlang und talwärts über die Pfade zu den Villen und zur Heide. 202 Adela stand still zwischen Gräbern an der Kirchhofsmauer und sah auf den Kies und die Grasränder der Hügel nieder, beladen und zerstörten Sinnes, aller Hoffnung beraubt, ohne Tränen und leer. * »Er ging dort unten um den Platanenhain herum, immer im Kreise um das runde Gitter!« sagte Mr. Winterod. »Wir sahen ihm zu, nicht wahr, Bessie? Er hatte seinen breiten Hut in der Hand und schwenkte ihn oft, als spräche er zu jemand unter den Bäumen!« »Es war so, als ginge jemand denselben Weg mit ihm, innerhalb des Gitters, immer im Kreise mit!« sagte nickend Frau Winterod. Die alten Leutchen saßen in ihren kuttenartigen Hausgewändern da und hatten Gäste. »Nimmt mich wunder, ob er jemals zur Kirche geht, dieser Mensch?« sagte der Kapitän. »Er weicht aus, wenn man ihn fragt, wo er den Gottesdienst gehört habe, Mr. Rogers. Wir versuchten es, Minnie und ich, er wich aus«, sagte Mrs. Reynolds und legte die Tasse aus der Hand. »Die jungen Männer!« klagte Miß Reynolds. »Dieser junge Franzose, Freund der Dalmayne, er hat sie überredet, jetzt sind sie nach dem Hydepark, um die Sonntagnachmittagsprediger zu hören. Statt zur Kirche, gingen sie am Morgen nach Petticoat-Lane, um die Juden feilschen zu sehen!« »Es ist eine ganze Clique, eine Gesellschaft, eine Bande könnte man's nennen, die beiden Clerks halten mit, sie kamen früher mit zu uns in unsern Gottesdienst, jetzt zieht sie der Spektakel mehr an!« Kapitän Rogers holte sich ein Biskuit vom Tisch: »Nun, Christian Science ist nicht jedermanns Sache. Junge Menschen . . .« 203 »O, bitte!« fuhr Miß Reynolds empört dazwischen. »Das hat mit Jugend doch nichts zu tun. Seelisch verkümmern oder körperlich verfallen, das ist eins, das hängt nicht mit den Jahren zusammen.« »Sie wollten die Anarchisten hören im Hydepark, was sie zu den Ereignissen in East-End sagen!« berichtete Mrs. Strange. Sie saß neben Adela, die aus ihrem Zimmer gekommen war, um nicht allein bleiben zu müssen. »Im übrigen, sie haben sich verlobt!« »Wer?« fuhr Mrs. Reynolds auf. »Dalmayne und Monsieur Escoffier,« sagte Mrs. Strange. »Oder so gut wie verlobt.« »Ich habe Mr. Lucas im Verdacht, daß er auch an den Sonntagen im Hydepark steht und spricht!« sagte Mrs. Winterod. »Aber wenn ich Verdacht sage, meine ich nichts Arges, oder daß ich ihn darum verachten und belächeln würde. Es sind dort manche gute und herzergebene Menschen, die ihren Mitmenschen helfen wollen; nicht wahr, John, in früheren Jahren, wenn wir auf der Durchreise in London waren, hörten wir sie. Du nanntest sie die ›Apostel‹. Mr. Lucas ist ein Apostel, er trägt auch den Namen.« »Ein guter und hilfbereiter Mensch,« sagte Adela. »Ja,« nickte Mr. Winterod. »Und wir könnten viele von ihnen brauchen, und wenn sie auch ein bißchen närrisch sein sollten, oder sich so gebärden wollten, denn es ist zu viel Unglück und Grausamkeit in der Welt!« »Unsre Kirche . . .« begann Mrs. Reynolds. »Unsre Kirche hat mit diesen Verworfenheiten nichts zu tun,« schnitt ihr Miß Reynolds das Wort ab. »Diese East-End-Mörder stehen außerhalb des Gesetzes.« »Man muß gütiger von den Unglücklichen denken!« sagte Mrs. Winterod und schob Miß Reynolds Kuchen und Konfekt auf den leeren Teller. »Denn es sind Unglückliche. Wie 204 viele treten den Lebensweg mit denselben Gaben an, und wie wenige kommen ans Ziel. Nun erst die, die als Gabe Armut, Krankheit, Laster mit auf den Weg bekommen haben.« Mrs. Strange nickte. »Die Gesellschaft, die Gesitteten müssen geschützt werden vor den Mächten, die sie umstürzen wollen; es ist nichts wie Neid, der sie heißt, sich an die Stelle zu setzen, wo die andern sitzen!« sagte Miß Reynolds. Mrs. Strange nickte. »Es ist nichts getan, wenn einer sich im Hydepark hinstellt und salbungsvoll über das Unglück und die Not redet. Es heißt: tun! Das tut not. Abhilfe, arbeiten!« sagte Mrs. Reynolds. Adela sah auf die Platanen vor dem Fenster. Es wäre ihr als ein Glück erschienen, hätte sie im Kreise um die alten Bäume den Schatten des Mönches Lucas, ihres Freundes und Beraters auftauchen sehen. Geschähe doch etwas. Etwas Unvorhergesehenes, Schreckliches, Erlösendes! wünschte sie innig. Die andern sprachen mit verschieden gefärbten Stimmen, erhobenen, milden, gleichgültigen. Zuweilen sprachen zwei, dann schwieg die Runde und die Löffelchen pochten klappernd auf dem Porzellan. Es war Sonntagnachmittag und eine Stunde vor dem Gong zum Dinner, das heute später begann als an Wochentagen. Auf dem Nachtigallenplatze war es still; die Bewohner der alten Häuser saßen in ihren Stuben oder waren in Richmond, Kew, all den blühenden Gartenorten um die Stadt. Adela blickte die Sprechenden, die Lauschenden, die behaglich Essenden an. Ginge das Schiff in die Tiefe! Ja, das war es – in die Tiefe. Eine Explosion, eine plötzliche Gefahr, eine Katastrophe . . . Inbrünstig betete sie: Gott, laß ihn 205 untergehen! Schicke einen Sturm, erlöse ihn von dem Entsetzen, gib ihm einen vergeltenden, schmerzlosen, das Bewußtsein rasch entführenden Tod. Nimm den armen verirrten Sünder in Gnaden auf in deine Herrlichkeit. So betete sie. »Ich habe die beiden gekannt!« sagte Mr. Winterod. »Sie lebten in unsrer Gegend, waren in derselben Stadt geboren und kannten sich seit ihrer frühen Jugend. Der Mann hatte eine kleine Fabrik, in der Metallstücke hergestellt wurden, die Sattler und Riemenhändler brauchen. Sie hatten es zu einem gewissen Wohlstand gebracht, hatten die Sorge nie gekannt. Ebensowenig den Neid und die Begierde. Sie hatten keine Kinder, aber das war kein Schmerz für sie, denn sie hatten ihr Genügen aneinander, seit sie auf der Welt waren. Nie hatte einer von ihnen Krankheit erfahren. Sie waren bescheidene ruhige Menschen und gottesfürchtig. Weit und breit war kein Garten so schön und gepflegt, als der ihre. Wenn ich mich recht erinnere, war nur geringer Altersunterschied zwischen ihnen.« »Der Gatte war um ein Jahr jünger,« sagte Mrs. Winterod. »Ja, so dürfte es gewesen sein.« »Und woran starb die alte Dame?« frug Mrs. Strange. »Es war der Tod der alten Leute,« sagte Mr. Winterod still. »Eines Tages blieb ihr Herz stehen.« »Sie hatte keine Todesahnung gehabt,« sagte Mrs. Winterod. Aber Mr. Winterod lächelte und sagte: »Bessie, wie kann man es wissen? Sie teilte ihre Ahnung vielleicht nur nicht mit, um ihren Gatten nicht zu beunruhigen!« »John, sie hatte es nicht gebraucht, er hätte es empfunden!« sagte Mrs. Winterod. »Das ist möglich,« sagte Mr. Winterod. »Genug, sie nickte an einem Sonntagabend, wie diesem, ein, still, in ihrem Lehnstuhl beim Fenster, das auf Duke-Street ging, 206 und auf ihrem Schoß lag noch die Brille, die sie eben abgenommen hatte.« »Und wann starb der Mann?« frug Miß Reynolds. »Zwölf Stunden später. Bei Morgenanbruch. Es war alles geordnet im Hause, die Bücher, Dokumente, das Geld, die Briefe. Er war seiner Freundin freiwillig gefolgt. Er hatte nichts mehr zu schaffen hienieden.« »Ja, die Welt ist nicht schön,« sagte Mrs. Strange. »Es ist nicht gut, allein zu sein,« sagte der alte Kapitän. »Freiwillig?« Miß Reynolds runzelte die Stirn. »Solche Fälle ereignen sich selten,« sagte Mrs. Reynolds. »Sie muß schön sein, solche Liebe unter Ehegatten,« sagte Mrs. Strange. »Gottesfürchtig? Sie sagten, die beiden seien gottesfürchtig gewesen?« »Sie hatten keinen Gottesdienst versäumt in den siebzig Jahren ihres Lebens. Ihre Plätze in der Kirche waren bekränzt, als sie starben, und lange wollte sich keiner auf die verwaisten Plätze setzen. Reverend Wheeler, unser Geistlicher, predigte am darauffolgenden Sonntag und nannte sie die Heiligen, obzwar sie ja Gottes Gebot verletzt hatten.« »Es muß schön sein, so zu leben.« »Es muß schön sein, so zu sterben.« »Das ist ja Suttee, wir haben es in Indien abgestellt!« »Es wäre schön, wenn die Natur es so einrichtete. Selbstmord aus Liebe ist gegen die Natur!« »Gegen Gott!« – – In ihrem Zimmer saß Adela und dachte an die beiden alten Leute im Stockwerk über ihrem Kopf. Sicherlich werden sie auf dieselbe Weise Valet sagen! »Es muß schön sein, so zu sterben,« sagte sie laut in die Stube hinein, in der außer ihr nur Feuer, die Katze, wachte. »Es ist furchtbar, leben zu müssen.« * 207 Es tagte schon. Plötzlich war Garrat ganz wach. Er hatte in dem unruhigen Halbschlummer gelegen, der seit Wochen das Schicksal seiner Nächte war. Im Bett unter dem seinen hörte er Coras leise, tiefe Atemzüge. Er hörte ihren Atem. Was war das? Das Schiff stand still. Leise stieg er hinunter, zog den Vorhang vom runden Fensterglas beiseite. Draußen wob sich weiße Dunkelheit flockig wie Watte. Das war der Nebel, von dem gestern die Rede war – der Labradornebel. Hier war der Weltteil. Aber das Schiff stand still. Von der Lautlosigkeit war er erwacht. Wo war das Stampfen der Maschine, das rhythmische Pulsieren des vorwärts getriebenen, sich vorwärts arbeitenden, den Widerstand überwindenden, pflügenden, ackernden Leibes? Still. Er lief zur Kabinentür, horchte in den Korridor. Still. Was war geschehen? Die Maschine, der Kessel geborsten? Die Welle? Wir fuhren langsam, schon seit Tagen. Lowndes hat seine Wetten verloren, er hat auf das Maximum der Meilenzahl gewettet, und die Leistung blieb hinter dem Minimum des Durchschnitts zurück. Drehen wir uns im Kreise? Was ist geschehen? Warum dröhnt das Horn nicht? Nebel! Jetzt – untergehen! Er bohrte sich mit seinem siedenden, purpurn kongestionierten Gehirn in den Gedanken ein. Untergehen und ein Ende haben. Alles ein Ende! Das wäre innig zu erflehen. Es gäbe also einen Gott! Der ein Ende machte, leicht, im Schicksal der Allgemeinheit der Menschen willkürlich auf einem Schiff beisammen! Freund und Feind, Mann und Weib, arm und reich, Sünder und Heilige – alle gleich! Ein Ende, das Gebet auf aller Lippen: »Näher, mein Gott, zu dir!« Die Stille. 208 Garrat stand mitten im Zimmer, faltete die Hände unter seinem Kinn, sog die Lippen in den Mund. Er holte tief Atem. Ein Ende. Vater unser! Da begann der Puls zu hämmern. Das Stampfen schütterte durch die Planken. Das Schiff drehte im Kurs, es war wie eine kurze Ohnmacht gewesen . . . Garrat preßte die Hände an beide Schläfen: war es vielleicht nur in seiner Einbildung gewesen, daß das Schiff stand, die Kessel aussetzten, der Tod nahe war, das selige Ende der Erlösung? Cora schlief ruhig atmend weiter wie ein Kind. Die Hand unter ihr offenes Haar gebogen. Leise zog Atem durch ihre Lippen. Im Korridor nahten, verzogen sich Schritte. Das Stampfen, regelmäßig, vorwärts das Schiff. Garrat stieg über die kleine Leiter in sein Kojenbett hinauf, verfiel in Halbschlaf, schlummerte hinüber. – –   Das Deck der zweiten Klasse war heute durch keinen Strick abgetrennt. Ein Pult war aufgestellt, und hinter dem Pult stand, mit der Brille auf der Nase, Reverend Swanley von der Methodistenkirche Calgary. Es war sein erster Gottesdienst an Bord, denn er hatte den ersten Sonntag, vor einer Woche, unten in seiner Kabine, im tiefsten Elend der Seekrankheit verbracht. Mit kleinen Gesangbüchern in den Händen standen die Andächtigen der ersten und zweiten Klasse versammelt und lauschten den Worten des Geistlichen. Er sprach über Luk. 11, 23. »Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.« Dies war zu beherzigen, liebe Gemeinde. Denn hinter dem Nebel um das Schiff lag bereits die Küste des neuen Landes. Und in diesem erwarteten die Getreuen Gottes Mühsal, Arbeit, Schweiß und, wenn sie es verdienten, 209 Belohnung. Die Pioniere waren dagewesen und hatten das Land gerodet, gesäubert und bereitet für die Nachkommenden und ihr Rode-, Säe- und Erntewerkzeug war nicht aus Holz und Eisen gewesen, sondern die Waffe und Werkzeug der Gottesfurcht und des Glaubens. Und mit den ersten Spaten, die das Urbett der Fruchtbarkeit gehöhlt und emporgeworfen hatten, war ihre Gläubigkeit in den Humus gesunken. Die elenden Rothäute, denen das weite Land angehört hatte, ließen die Schätze der Schollenkraft verkommen, sie waren nicht in Gott gesammelt; ihr aber, geliebte Gemeinde, habt euch um das heilige Wort zu scharen, dann wird euer Tun fruchtbar und euer Hoffen gesegnet sein. Und dann sang man: »One sweetly solemn thought Comes to me over and over; I am nearer home to-day Than I've ever been before. .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   . »Father, be nearer, when my feet Are slipping over the brink, For it may be, I'm nearer home, Nearer now than I think.« Garrat sah Cora an, die mit roten Wangen und gänzlicher Hingabe die Verse des geistlichen Liedes sang. Sie sang so laut und hingegeben, daß vieler Augen mit Rührung auf ihrem entzückten Gesicht weilten. Garrat bemühte sich, mitzusingen. Seine Augen schwammen vor Müdigkeit, und er dachte sich nichts bei den Worten, die in der Frische des Seemorgens in den Sonntag hineintönten. Er hatte die Augen von Cora ab und starr auf den Geistlichen gerichtet, neben dem Kapitän Fraser stand, die Mütze unterm Arm, auch er mit übernächtig fahlem und verfallenem Gesicht. 210 Doc Kennedy verhielt sich im Hintergrund, sagte mit seinen verquollenen fleischigen Mienen nicht ja und nicht nein zur Zeremonie, betrachtete abwechselnd die Frauen, die inbrünstig in ihre Gesangbücher blickten, und den Reverend, der letzten Sonntag in seiner Kabine fluchend und schluchzend sich in Krämpfen gewunden hatte. Mr. Ryan und Mr. Brodeur hatten die Dame von den Tausend Inseln in ihre Mitte genommen und sangen, über die Schultern der Dame geneigt, aus dem in Elfenbein gebundenen Buch der Dame mit. Cora ließ den Blick nicht von ihrem Buch. Wußte sie, daß Ryan sich über die Hotelbesitzerin bückte, um nahe an ihrem Ohr die Verse mitzusingen? Es war unwahrscheinlich. Sie sang, als wäre sie daheim in Horton und ein Kind, zwischen Vater und Mutter und ohne Wissen noch Schuld an der Welt. Garrat kämpfte mit einem auf und nieder wallenden, ihn knebelnden und wieder erlösenden Gefühl von Liebe, Angst, Befreiung, Hoffnung, zusammenpressendem Zweifel und überdrüssigem Geschehenlassen. Er sah im Geiste eine Straße, ein Haus mit einem kleinen Erker und drei gewölbten Fenstern im ersten Stockwerk, es stand in der Nähe der kleinen, von einem alten Kirchhof eng umgebenen Kirche am Ende der Zeile, und dahinter lag, am Fuße abschüssig laufender Pfade und Seitenwege, die zwischen Villengärten führten, weites rauchiges Heideland, Maisonne darüber, in der Ferne begrenzt von dem Häusermeer des Stadtungetüms. Aber das Haus mit den lichten Fenstern, hinter die er an dem Maimorgen, so viele Jahre waren es her, Wünsche, Pläne und Hoffnungen gesandt hatte, wohin war es geschwunden und wer wohnte dort zur Stunde? Und was war aus dem Leben geworden? – – Ein paar laut keifende, englisch radebrechende Zwischendecks-Bäuerinnen hatten Kapitän Fraser gestellt, als er mit 211 dem Arzt den Schauplatz des Gottesdienstes verlassen wollte. Aus dem Geschrei war das Wort: Fleisch! herauszuhören. Die Miene des Kapitäns verriet nicht den Überdruß, den diese Klagen in ihm hervorrufen mußten, er sprach mit geneigtem Kopf freundlich und beschwichtigend auf die Versammlung um ihn ein. Die Leute entfernten sich, in kreischendem Durcheinander, doch scheinbar zufrieden und beruhigt. Garrat folgte lange mit dem Blicke Cora, die sich entfernte. Sie hatte auf das Nicken der Dame von den Tausend Inseln, wie auf den Gruß von Ryan und Monsieur Brodeur mit einer leichten, knicksähnlichen Bewegung geantwortet, ohne stehenzubleiben. Jetzt entschwand sie im Seitengang unter den Spaziergängern, die den Gottesdienst verließen. Garrat blieb in einer Gruppe stehen, die Mr. Pugsley, der Erntemaschinenagent, mit gestikulierenden Reden in Atem hielt: »Nie mehr auf einer von diesen verd . . . kleinen Linien. Was ist das für ein elendes Schneckentempo. Ich verliere zwei Tage. Weiß nicht, ob man diese verbiest . . . Ormond Compagnie nicht gerichtlich belangen soll . . .« Garrat sah sie nicht mehr, die schlanke, doch volle, jungmädchenhafte Gestalt, unter den Spaziergängern auf dem Deck. Seine Blicke folgten der Richtung, in der Cora entschwunden war. Neben ihm der heisere Baß des Prokuristen aus Leeds: »Heute nacht um drei etwa . . .« »Sie auch? Die ganze Geschichte stoppte plötzlich. Was war das denn?« »Ich habe Fraser angehalten. ›Nichts. Das kommt vor. Einen Augenblick nur. Die Pumpen. Guten Morgen!‹ Antwort eines Kapitäns!« »Verd . . . Fahrerei; wahrscheinlich war der Kessel kaputt, das Ruder entzwei, Schotten geborsten. Auf diesen elenden 212 mittlern Kasten riskiert man Haut und Haare. Ich fahre, Gottverdamm' mich, nur mehr mit den Empresses oder mit einer Klasse wie Cunard, Allan, White Star! Das will ich.« »Die kleinen Linien müssen verschwinden.« »Hullo, Lowndes!« Lowndes kam, ein behäbiger Kaufmann aus Vancouver, und erklärte, er habe dem Kapitän ein Donnerwetter zum Frühstück serviert. Aber das nütze nichts. In die Zeitung müßte es, und Boykott! Die Shares müßten an der Börse im Preis fallen, dann würden sich die Herren es überlegen, ihre Kasten verfaulen zu lassen und ihre Fahrgäste um ihre Zeit zu betrügen. Es sollte seine Sorge sein, er werde es ihnen besorgen.« Lowndes war im Spielzimmer Partner Thalwitzers, eines der schärfsten und berüchtigsten Spielers und Wetters auf Schnelligkeitsrekords. Eine Gesellschaft, in der sich Offizier Stratton, Mr. Ryan und die Dame von den Tausend Inseln befanden, näherte im »Appetitholeschritt« der Gruppe um Garrat. »Hullo, Offizier,« rief Mr. Lowndes, »schnallen Sie Ihre Waffe um, ich fordere Sie zum Duell heraus!« »So blutdürstig, Mr. Lowndes?« »Jawohl, Sie und Ihre verd . . . Gesellschaft, Ihren Viscount Mounderville und Mr. Woolfe und wie sie alle heißen mögen. Sie trachten ja nach unserm Leben!« »Wir versäumen unsre Züge nach dem Westen, Sir, so verhält es sich.« »Ach, Sie meinen das Tempo, in dem wir fahren? Never mind . Die Ruhe und Gemächlichkeit auf hoher See, wie gut das den armen Nerven bekommt. Sie werden gestählt und frisch in den Dominions ankommen, glauben Sie es mir.« Garrat hatte den Eindruck, als wären diese Worte des Offiziers an ihn gerichtet. Stratton wandte sich auch wirklich 213 an ihn. »Die Damen, nicht wahr, Mr. Fergus, haben nichts dagegen, daß die Fahrt sich in behaglicherem Tempo vollziehe?« »Mrs. Fergus ist's zufrieden!« bemerkte Garrat. »Sie hat sich erholt. Unsere Geschäfte dürfen keinen Aufschub erleiden, das geniert aber die Damen wenig.« Er lächelte und sog die Lippen zwischen die Zähne. »Mrs. Fergus lief so eilig an uns vorüber, Sir,« sagte die Dame neben Ryan, »wir waren enttäuscht, hofften einen netten Morgenspaziergang mit ihr zu haben.« »Kommen Sie, meine Herrschaften!« mahnte Stratton. »Unten diese unsere Slovaken haben einen kleinen Tanz zur Harmonika improvisiert.« Die Herren folgten dem Offizier, nur Lowndes und Hall, die Unzufriedenen, blieben mürrisch stehen. Auch Garrat schlug sich nach wenigen Schritten seitwärts und verschwand an der Treppe zu den Kajüten. Undeutlich tönte schriller Harmonikaklang durch die Wellenschläge des ziehenden Schiffes; auf Deck brannte die Sonne, würzig mit Salzwind vermengt. Der Nebel hatte das Meer verlassen. * Ohne anzupochen, trat Doktor Kennedy bei Fraser, dem Kapitän ein. Fraser richtete sich beim Eintreten des Arztes jählings vom Kanapee auf und griff sich an den Hals, wie ein aus tiefem Schlaf Aufgeschreckter. »Bedaure, daß ich Sie im Schlaf störe!« sagte Doktor Kennedy und ließ sich mit einem Krach auf dem breiten Ledersessel neben dem Schreibtisch nieder. Er klopfte seine Pfeife in die Aschenmuschel aus, stopfte sie umständlich und zündete sie an. »Greening beteuert, daß er nicht wisse, wie der Schaden entstehen konnte. Der Kondensator ist in Ordnung, ich muß 214 dem Mann vertrauen, es ist das erstemal, daß mir die Maschine diesen Trick spielt. Das Peinliche ist, daß die Leute den Defekt mit der langsamen Fahrt in Verbindung bringen.« »Der Teufel hat die Hand im Spiele, ja, ja!« sagte Kennedy und zerteilte die Dampfwolke vor seinem Gesicht. »Aber die Reklame macht alles wett.« Fraser setzte sich aufrecht und stützte den Kopf in die Hand. »Ich bin ›blau,‹ Doc,« sagte er mit grämlichem Gesicht. »Heute, wie ich die Worte der Heiligen Schrift hörte und zwei Schritte vor mir stand der arme Sünder, da bin ich blau geworden, über und über. Wir Menschen haben uns nicht als Richter und Henker unsersgleichen aufzuwerfen. Teufel weiß es, wir sind Sünder allzumal, nur beim einen ist es glimpflich abgelaufen, den andern aber hat das Böse verschlungen, so ist es.« »Nun, die Franzosen haben dafür ein gutes Wort: ›Laßt doch die Herren Mörder mit der Menschlichkeit beginnen!‹ Haha!« »Nein, das ist es nicht,« sagte Kapitän Fraser, und sah auf die Bilder, die in Rahmen auf seinem Schreibtisch standen, das Bild seiner Frau als Braut, seiner Frau als Mutter des ältesten Kindes, seiner drei Kinder im Garten des Hauses in Wimbledon. »Man ist ein Mensch und Gott hat unsereinen geschaffen, wie er eben geworden ist.« »Muntern Sie sich auf!« rief Kennedy und hieb mit breiter Tatze dem Kapitän auf die Schulter. »An Nachtwachen sollten Sie doch gewöhnt sein. Ein steifer Grog und die Nebel gehn weg. Das fehlte noch – morgen kommen die Scotland-Yard-Leute an Bord und der Kapitän liegt auf den Knien in der Kajüte und schlägt ein Kreuz nach dem andern in Erwartung der Höllenstrafe.« Auf dem Tische lagen die Streifen des Markoni-Operateurs. Kennedy nahm sie auf, legte sie beiseite, er kannte sie 215 schon. »Nun, lassen Sie doch halten und waggonieren Sie das Paar aus!« stieß er mit einer Rauchwolke hervor. »Vielleicht platzt bald wieder etwas im Kessel und fliegt in die Turbinen, dann haben Sie den Stop von selber.« »Ich sehe es ja ein, es ist zu spät. Vielleicht hätte man nicht anfangen sollen. Die ganze Welt sieht einem auf die Hände. Es ist nicht meine Arbeit. Ich bin kein Polizist. Was habe ich's nötig, Spürhund zu spielen. Die Belohnung – was soll ich mit der Belohnung? Soll ich meiner Frau einen Pelz kaufen? Meinen Sohn nach Oxford schicken für das Geld? Wer war's denn, der auf den Gedanken kam, Sie, Kennedy?« »Bah, alter Mann, ich oder ein andrer. Tommy rot. Sitzen Sie da und flennen, zerknirscht nach der verbiesterten Methodistenpredigt! Ich werde dem Reverend berichten, welch eine erhebende Wirkung seine Predigt auf einen alten hartgesottenen Sünder gehabt hat. Er wird sich wundern, der alte Bursche, glauben Sie's mir. Mehr als ich mich über Sie wundere, das können Sie mir glauben!« Kapitän Fraser ging mit großen Schritten auf und ab in seiner kleinen Kabine. Er blieb vor seinem Schreibtisch stehn, rollte den Laden nieder über der Platte. »Eine Möglichkeit gibt's noch – daß wir uns alle geirrt haben!« »Daß wir uns vor der ganzen Welt unsterblich lächerlich gemacht haben, meinen Sie das?« fuhr Kennedy ihm schrill in die Rede. »Besser! Besser das, als schmutzige Hände, ein fleckiges Gewissen.« »Ho, die Absicht bleibt! Und der Spott noch dazu. Zum Glück – keine Chance. Der Mann ist Garrat.« Fraser schwieg. »Ich bin nicht so weichgemutet, wie Sie, Kapitän, das tut vielleicht die Praxis in Ihrem stinkenden Zwischendeck. 216 Wenn ich ein Häuschen, ein Weib, Nachkommenschaft, Rosenstauden und Wickenblüten in Wimbledon hätte . . . Aber eine gute Erinnerung wird an diese Überfahrt doch bleiben, hol' mich der Teufel! Es war diesmal doch was andres als die ewige monotone Hin- und Herfahrerei zwischen Antwerpen und Quebec, Quebec, Antwerpen.« Er klopfte seine Pfeife aus. »Siebzehn Jahre Fahrt!« Das Telephon schnarrte über dem Tisch. Fraser setzte den Hörer an. Kennedy war aufgestanden, ging zur Türe. Er wiederholte: »Siebzehn Jahre . . . well, guten Morgen, Kapitän.« * Die Versammelten waren überrascht, als die Tür aufging und Adela eintrat. Miß Falkoner stieß einen kleinen Vogelschrei aus und lief Adela mit offenen Armen entgegen. »Adela! Meine Teure!« Das Dienstmädchen brachte einen Stuhl herbei, Miß Falkoner aber nötigte Adela auf das Sofa an ihre Seite. Es waren zwölf Personen da, zehn Damen, zwei alte Gentlemen. Sie hatten Teetassen vor sich. Miß Falkoner führte den Vorsitz. »Dies ist Mrs. Adela Malone,« stellte sie vor, »meine teure Freundin. O, Sie kennen sie ja, meine Teuren. Mr. und Mrs. Shuttleworth, Mrs. und Miß Baker, nicht wahr, unsre Garden-Party, und Sie, teure Mrs. Hutchinson, Mr. Kenneth Marshall, meine Teure, und Miß Bainbridge . . .« Sie stellte vor. »Wir sprachen gerade heute von Ihnen, Teure!« schloß Miß Falkoner. »Sie müssen es empfunden haben. Ach, ich war in solcher Sorge um Sie. Nun, die fatalen Bäume in meinem Garten, sie haben Ihnen das Fieber gebracht – aber Sie haben es ja gottlob bald überwunden.« 217 Vor Miß Falkoner stand ein silbernes Glöckchen auf dem Tisch. Sie rührte es und frug, ob man warten solle, bis Mrs. Malone ihren Tee bekommen habe und in den Lauf der Verhandlungen eingeweiht worden sei, oder ob man es vorzöge, in der Sitzung fortzufahren. Mr. Marshall griff zu seiner Tasse und bemerkte, es sei ja noch nichts Bedeutendes vorgefallen und verhandelt worden, man könne also warten. »Wir sprachen von dem, was heute alle Gemüter bewegt – von der Verhaftung, die sich vielleicht in dieser Minute dort drüben jenseits des Wassers begibt.« »O!« sagte Adela. »Unsere Sitzung steht unter dem Eindruck dieses Ereignisses. Wir sind vom Verein für Kinderschutz der Surrey-Seite, Sydenham, Streatham und Croydon hier beisammen, Teure,« sagte Miß Falkoner. »Es liegt nichts Besonderes vor für diese Sitzung,« bemerkte Miß Bainbridge. – Sie war die Dame mit dem Papageienprofil, die Adela in Falkoners Wagen in der Rottenrow bemerkt hatte. »Nein, es liegt nichts Nennenswertes vor,« bestätigte das Ehepaar Shuttleworth. »In diesem Augenblick!« sagte Miß Bainbridge, und schauerte sichtlich zusammen. »O, es ist ein greuliches Gefühl.« »Es geschieht der Gerechtigkeit Genüge,« bemerkte eine Dame. Sie hatte große runde Augen wie aus Porzellan, blau und unbeweglich. »Vielleicht gibt es schon Spezials. Morris, mein Kellermeister, hat den Auftrag erhalten, mir alles, was auf der Straße ausgerufen wird, bereinbringen zu lassen. Ein Stalljunge steht an der Landstraße nach Croydon und paßt auf.« »Das Ereignis wird ja erst morgen früh erwartet,« sagten einige Damen. »Wie groß ist die Zeitdifferenz?« frug eine. Darüber waren die Meinungen geteilt. Manche wollten wissen: vier, manche: sechs Stunden. »Vorwärts oder zurück?« frug eine Dame jüngern Jahrgangs. Sie hatte eine durchsichtige Haut und errötete tief. »O, teure Miß Lathrop, Sie sind ungeduldig. Sie möchten den Spezial womöglich noch vor dem Ereignis haben.« »Teure Mrs. Coole, ich kann es abwarten,« erwiderte Miß Lathrop und wurde dunkel wie eine Kirsche. Miß Falkoner saß da und beobachtete Adela. Eine Änderung im Wesen, ja im Aussehen Adelas fiel ihr auf. Adela war, seit sie sie zuletzt gesehen hatte, sichtlich gealtert. Miß Florence konstatierte dies nicht ohne Genugtuung. Aber nicht dies war's, was sie frappierte. Adelas Züge waren scharf, aber nicht müde, sondern gespannt. Eine Spannung lag auch über ihrer Gestalt, sie hielt sich steif aufrecht und ihre Hände, die sich zur Tasse und auf den Schoß zurückbewegten, vollführten diese Gebärden mit einer Genauigkeit, als stecke ein bewußter Wille und sogar genaue Berechnung hinter jeder Geste. Miß Florence stellte fest: die Scheidung. Und dann: Garrat! Sie suchte aus Adelas Mienen, nach jedem Wort, das die Gesellschaft über das Schicksal des Mörders äußerte, über dem die Hand ja nur mehr auf Fingerbreite schwebte, zu ergründen: wie weit die Sorge und Teilnahme Adelas an dem Schicksal Garrats Ursache ihres ganz veränderten Gehabens sein könnte. »Kann man Frauen zum Tode verurteilen?« frug die Dame mit den blauen Emailleaugen aus der Tiefe ihres Lehnsessels. Die Damen, es waren unter ihnen Mitglieder der Frauenstimmrechtliga, ereiferten sich über diese Frage. 219 Man kam überein, daß die Person, die Garrat begleitete, und deren unsittliche Führung auf der »Inverneß« das Gespräch beider Hemisphären mit Stoff versorgte, unter dem unheilvollen hypnotischen Einfluß des Dämons stände und, von ihm befreit, der gesitteten Gesellschaft zurückgegeben werden würde. Es standen ja der menschlichen Gesellschaft Gefängnisse und Korrektionshäuser zu diesem Zweck zur Verfügung! Herr Kenneth Marshall, ein gründlicher Kenner Londons und seiner Legenden, berüchtigt wegen der Umständlichkeit seiner Art, zu erzählen, fing einen Bericht über die alte Mrs. Brownrigg aus Fetter Lane an, die zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts zwei ihrer Gehilfinnen zu Tode gefoltert und im Kohlenkeller begraben hatte – ein Beispiel weiblicher Verworfenheit und zugleich ein Präzedenzfall, denn sie wurde ja nach Aussage der Chronisten: »vom Leben zum Tode gebracht« und zwar öffentlich. Die Damen sprachen längst von allem Möglichen, die Unterhaltung war im Gange und Miß Falkoners Hand zuckte nach dem Glöckchen. Adela hatte vom Tisch ein gedrucktes Heft genommen, das die Protokolle der letzten Sitzungen der Londoner Zentralgruppe des Kinderschutzvereins enthielt und sauber mit einer weißen Seidenschnur verschnürt vor jedem Platze lag. Als Mr. Marshall mit dem Fall Brownrigg zu Ende war, erlebte die Versammlung ihre zweite Überraschung, denn Adela ergriff, ohne die Vorsitzende zu bitten, noch sich um die Tagesordnung zu kümmern, das Wort. Sie lehnte sich im Sofa zurück, schloß die Augen halb und sprach ihre Worte über die Köpfe der Versammlung hinüber, ins Leere hinaus. »Die Verantwortung für die Menschen beginnt vor ihrer Geburt, ja! Wenn man Kinder im Elend der Welt sieht, dann kann man wenig tun für sie, und das Elend läßt sich 220 nicht abstellen. Man kann auch nicht das Erdreich wegräumen, die kleine Pflanze und ihre Wurzel – das ist es, ehe das Samenkorn ins Erdreich geworfen ist – da beginnt die Verantwortung! Man kann Eltern nicht strafen, weil sie ihre Kinder im Elend vernachlässigen und Kinder nicht strafen, weil sie außerhalb des Gesetzes stehend Böses verüben, denn das Elend der Welt ist zugegen um beide. Und das Elend kann nicht gestraft werden, weil es kein Mensch und keine Person ist und weil man nicht sieht, wo es anfängt und aufhört. Es fängt an und hört auf im Menschenherzen, aber nicht in dem der Schuldigen, sondern in dem derjenigen, die am wenigsten Schuld zu tragen scheinen!« Miß Falkoner versuchte, die Hand auf Adelas Arm zu legen und sie zu bestimmen, daß sie in ihre Augen sehe und ihr Rede und Antwort stehe. Aber da Adela den Druck der Hand nicht verspürte, blickte Miß Falkoner mit einem Lächeln um sich, das Adela entschuldigen sollte, und als Mrs. Shuttleworth eine Handbewegung gegen ihre eigene Brust machte und dann nickend die neben ihr sitzende Miß Bainbridge ansah, bestätigte sie es Miß Falkoner: daß Adela ungerecht gegen die hier Anwesenden sei, die es gut meinten mit ihrem Streben, zu helfen und Not zu lindern und deren Herzen wahrhaftig nicht angeklagt werden sollten, daß gerade sie die Schuld an dem Unglück der Welt und der Verdammten trügen! Adela fuhr unbeirrt und ohne Gefühl für die Empfindungen ihrer Umgebung fort: »Ich bin nicht nur schuldig an dem Schicksal und der Not meines eigenen Kindes, das in die Welt kam als ein unglückliches und schrullenhaftes Wesen, weil ich es ohne die Liebe, die das Schicksal der Menschen ist, die geboren werden, gezeugt habe, sondern ich bin auch schuldig an dem Untergang und der Sünde und jedem schlechten Atemzug und falschen Blick von allen Kindern, unglücklichen 221 Geschöpfen und Nachkommen unglücklicher Geschöpfe um mich herum und in der ganzen Welt.« »Aber, teure Mrs. Malone,« rief Mrs. Shuttleworth aus, »wir sind ja alle Christen und wir arbeiten für unsern Herrn und Heiland, wenn wir beisammensitzen und versuchen, Wege zu finden, um die Schuld der Menschen gegeneinander aufzuheben.« »Wir sind alle Christen,« sagte eine Dame in blauer Seide und mit Blumen überreich bedecktem Hut. »Und wir tragen keine so schwere Last an dem Unglück der andern, wie Sie es anzunehmen scheinen,« bemerkte Mrs. Coole mit harter Stimme. »Nein, wir wären nicht zu unsrer gemeinsamen Arbeit versammelt, wenn wir so wären. Wären die andern nur vom selben Geist wie wir, alles wäre gut. Wir sind zu wenige . . .« »Weshalb sind wir denn hier beisammen?« sagte Miß Falkoner begütigend, »Weil unser Gewissen unruhig ist und weil wir die Schuld der Welt kennen.« »Christus komme zu uns!« seufzte Miß Wemyß, eine vornehme alte Dame mit schwerer Goldkette um den Hals. »Wir tragen Christus in die Herberge des Lasters und der Verworfenheit!« sprach ihre Nachbarin, eine Dame mit vielen Armreifen und Berloques mit erhobenem Finger. »Wir kommen vom Gotteswort und wir bringen es jenen, die es vergessen haben.« »Ich bin schuldig an dem Untergang meines Nächsten und an der Verführung der Schuldlosen, wie ich schuldig bin an dem Schicksal meines Kindes, das trüb und belastet in das Leben hinausgeht und ich bin nicht zuletzt schuldig an dem Lauf der Welt, der anders wäre, wenn ich recht zu leben verstünde, im rechten Augenblick!« Alle verstummten. Sie hatten, Frauen und Männer, ihre Augen auf Miß Falkoner gerichtet, als sollte die ihnen 222 Auskunft geben über den Gemütszustand ihres Gastes und Antwort auf die Frage, ob die australische Dame nicht etwa geistesgestört sei. »Es fehlte gerade noch, daß wir an Maroonstreet und an Garrat und an all diesen Scheußlichkeiten Schuld trügen und daß man uns der Mitwisserschaft oder der Tat selbst beschuldigte?« sagte Miß Lathrop halblaut zu Mrs. Coole und diese nickte. Adela fühlte das Unbehagen Florence Falkoners in sich überströmen. »Wir müssen mit den Worten unsrer Freundin nicht zu streng zu Gericht gehn,« sagte Miß Falkoner begütigend und nickte mit einem verzeihenden Lächeln die Anwesenden der Reihe nach an. »Sie hat Trauriges erlebt,« sagte sie leise zu ihrer Nachbarin, »sie steht mitten inne in traurigen Erlebnissen. Scheidung. Sie war krank.« Adela sah die Damen am entgegengesetzten Ende des Tisches an und blickte in erschrockene und beleidigte Mienen. Ihre Brust, die vom Atem eines jähen Entschlusses geschwellt war, senkte sich und der Atem verstrich ungenutzt, seine Wärme bewegte die Atmosphäre kaum. Adela schwieg und ihre emporgescheuchte Seele kauerte nieder in einem Winkel und verstarb. Sie sank in sich zusammen, erinnerte sich kaum an ihre Worte und hatte das Gefühl, unrecht an Miß Falkoner gehandelt zu haben. Ja, gewiß hatte sie Miß Falkoners Freundschaft mißbraucht. Für einen Augenblick kehrte noch der heiße Wille zum Geständnis wieder in ihr Blut ein und sie öffnete schon die Lippen. Miß Florence aber, als ahne sie, was Adela zu tun im Begriff war, schüttelte das Glöckchen lange und energisch und sagte: »Wir wollen nun unsre Arbeit fortsetzen. Bitte, Miß Lathrop, berichten Sie über Ihre Ermittlungen in der Sache 223 Molly Maunders, Warenhausdiebstahl in wiederholten Fällen, Bezirk Bermondsey, Jugendgericht Bricklayers Arms.« Miß Lathrop errötete und begann ihren Bericht. Eine halbe Stunde später empfahl sich das Ehepaar Shuttleworth. Morris, der Kellermeister, erschien und meldete, der Wagen der Herrschaften sei vorgefahren. Er brachte auf einem Silbertablett einige noch feuchte Abendzeitungen. Sie wurden hastig entfaltet, enthielten aber übereinstimmend nur die Nachricht, daß Mr. Evangeliste mit seinem Begleiter Mr. Crombie aus Scotland-Yard, dem Spezialisten für Patent-Medicin und Kurpfuschertum, dem Herrn, der Garrat persönlich kannte, auf der »Empreß of India« in Rimouski eingetroffen sei. Das Schiff sei bei Nacht und starkem Nebel an der »Inverneß« vorübergefahren, vor Kap Magdalen, auf der Höhe von Anticosti, und habe die beiden Fahrgäste in Rimouski glücklich und ohne daß die andern Passagiere es bemerkt hätten, ausgefrachtet. Die Begegnung werde morgen nach dem Frühstück stattfinden, die Wetteraussichten seien gut. – Die Nachricht war über Labrador und Point Sablon aufgenommen. – Mr. Kenneth Marshall legte die Zeitung vor sich und bemerkte, Morton Crescent und der Fall Garrat werde ein Legendenstoff wie der von Mrs. Brownrigg werden und der drahtlosen Verfolgung wegen eine Sache, die in den Annalen Londons an besonderer Stelle verzeichnet stehen müsse. Bald nachher, es ging auf Dinnerzeit, verabschiedeten sich die Mitglieder des Ausschusses, einzeln und in Gruppen. Adela hatte in der letzten Viertelstunde vor dem Aufbruch versprochen, Ermittlungsarbeit zu übernehmen. Ihr war eine Auswahl von Fällen, sauber mit der Schreibmaschine vervielfältigt, auf großen Bogen Büttenpapier, überreicht worden und sie hatte durch ihre 224 Bereitwilligkeit den Eindruck des Befremdens wieder wettgemacht, den ihr unerklärlicher Ausbruch auf die Komiteemitglieder ausgeübt hatte. Miß Florences großer Landauer wartete vor dem Tor des Parks, Adela fuhr mit drei andern Damen hinüber nach dem Stadtteil am linken Ufer der Themse; sie saß stumm auf ihrem Platze, während die andern in eifrigem Gespräch die Straßenzüge, die Brücke und den Kingsway an sich vorüberziehen ließen, auf dem Wege nach ihren Heimen, wo das Abendessen auf sie wartete. – Dienstag früh um zehn standen die Reisenden der »Inverneß« in hellen Scharen an Backbord und sahen aus der nebligen Ferne, in der die flachen Ufer des St. Lawrence verschwammen, Konturen von Docks und Kirchtürmen, dann eine Reihe von Häusern hinter einer kleinen vorgeschobenen Insel auftauchen, die Hafeneingang und Mole schützte. Garrat kam aufs Verdeck und sah sich nach Cora um. Er fand sie, an die Reling gestützt, die Wangen rosig, die Augen heiß, ihren Blick in weite Fernen über das Ufer des Stroms in das neue Land gerichtet. Ryan stand mit Doktor Kennedy fünf Schritte weit von Mrs. Fergus. Der Arzt schien sich in die junge Frau vergafft zu haben. Er ließ sie nicht aus dem Auge. Ein Boot näherte sich der »Inverneß«, darin saßen die Lotsen. Mit Puffen und Zischen des kleinen Motors schäumte es durch den Strom und seine schnellenden Wogen heran. Garrat hatte sich einen Weg durch die dichten Scharen der Kajütgäste gebahnt und stand hinter Cora, blickte über Coras Schulter aufs Wasser hinunter. Warum war das Lotsenboot so voll? Er zählte: fünf – sieben Lotsen. Sonst genügten drei, wollte ihm dünken. Warum diese Fülle von Menschen? 225 Sie waren uniformiert, in weißen Kappen, blauen Anzügen. Der Arzt kam mit Offizier Stratton heran, grüßte Garrat, Stratton machte Cora ein Kompliment über ihr Aussehen, sie lächelte, den Blick in der Ferne, als zöge eine magische Kraft ihren Willen dorthin und ließe sie nicht los, nicht für einen Augenblick, so als sei sie unter dem Einfluß einer Hypnose. »Das Schiff ist so voll . . . ich will sagen: sind das alles Lotsen?« »Jawohl, Mr. Fergus,« sagte Kennedy; »die Mehrzahl der Leute fährt nachher mit dem Diensthabenden in die Stadt zurück. Ihr Turnus ist zu Ende.« »So,« sagte Garrat. Er war von Cora getrennt. Matrosen hatten die Lotsenleiter herbeigeschleppt und befestigten sie unter der Aufsicht eines Offiziers an der Reling. Zu beiden Seiten staute sich die Zuschauermenge. Die Leiter polterte die Schiffsflanke hinunter. Die »Inverneß« hielt, man hörte die Schraube des kleinen Motors unten zischen und strudeln. Mr. Ryan war von bezaubernder Artigkeit. »Sie werden nun unser gelobtes Land mit eignen Augen erblicken, Mrs. Fergus. Ich hoffe, Sie werden es lieben, mit allem, was ich an ihm liebe, dem Wald, den tausend Seen und Inseln und auch seinen Menschen . . .« »Wir müssen Platz machen!« sprach Offizier Stratton, räusperte sich, seine Stimme war heiser. Cora wurde von einem Keil von Stewards und Matrosen beiseite gedrängt mitsamt ihren Kavalieren. »Ich freue mich auf das Land,« sagte Cora, den Blick in die Ferne, über die Menschen weg gerichtet. Die vorne Stehenden beugten sich weit über die Reling, verfolgten mit Staunen das Indiehöheklettern von sechs behenden Leuten. Ja, es war ungewohnt. Sechs Lotsen! 226 Aus der Gegend des Hafens her näherten sich noch andre Schiffe. Ein kleines, mit buntem Wimpel: das war das Zeitungsschiff, das die ersten Blätter und die Post für die an Bord mitbrachte. Auf dem kleinen Deck aber, seltsam, stand mindestens ein Dutzend Leute eng gedrängt! Die Lotsen waren an Bord. Kapitän Fraser empfing sie, nahm Papiere entgegen, begrüßte sie mit Handschlag. Er ließ sie zur Seite treten, kam vor, begrüßte die nächsten, die sich über die Reling aufs Verdeck schwangen. Sie führten die Finger an die Ränder ihrer über die Stirn gezogenen Mützenschilder, bahnten sich einen Weg durch die Passagiere, nach rechts, nach links. Offizier Stratton hatte unter ihnen einen Bekannten; er faßte ihn unter den Arm, führte ihn nach dem Eingang zu den Kabinen. Fraser unterhielt sich mit einem hochgewachsenen, dunkelhaarigen Mann, der einen kleinen Schnurrbart mit fest zusammengedrehten Spitzen trug. »Ja, danke, die Fahrt war gut, wir hatten unbedeutende Zwischenfälle, nein, nichts von Belang,« hörten die Fahrgäste ihn sprechen. Einer von den Lotsen kam an Fraser und seinen Kollegen heran. Er sprach etwas zu den beiden. Das tiefe Dröhnen der Rauchfänge scholl durch hohle Trichter zum Morgenhimmel auf. Schrille Sirenen antworteten vom Strom, vom Hafen her, fern und nah, ein Konzert von grellen Lauten, das plötzlich aufsteigend die Luft in Fetzen zerriß und um die Gesichter und Ohren der Fahrgäste flattern und schlagen ließ. Durch das Dröhnen und den Lärm erhob sich hinter Garrats Rücken eine klare Stimme: »Dieser Mann gehört mir!« Garrat drehte sich um. Seine Augen waren aufgerissen. Sie blickten in die Augen eines alten, runzeldurchfurchten 227 Gesichts mit schütterem Backenbart, das er im Blitz wiedererkannte . . . Crombie, der Mann von Scotland-Yard, unter der weißen Kappe des Lotsen. Im selben Augenblick fühlte er seine Arme zurückgebogen, den kalten Stahl um die Handgelenke. Sein Hut fiel ihm übers Gesicht. Der Dunkelhäutige trat vor, schob ihn ihm auf den Kopf zurück. Eine Menschenmenge preßte sich um den Kern des Gewühls, zur Tür der Kabinentreppe hin. Unten, auf dem ersten Absatz der Treppe hörte Garrat plötzlich einen Aufschrei, einen menschlich schrillen Laut, der eine Ellipse in der Luft zu beschreiben schien, niedersank und verhallte. Er wandte den Kopf, sah Frauen in Stewardeßtracht sich um eine sinkende Gestalt bemühen, wurde weiter geführt, hinunter. Eine Schar fremder Gesichter, neugieriger, gieriger Gesichter starrte rund um seines, starrte ihn an. »Was ist mit ihr?« wollte er hervorstoßen. Es waren nur ein paar Vokale, die er zuwege brachte. Dann war er unten. Die Tür seiner Kabine öffnete sich von innen. Es standen zwei Männer in der geöffneten Tür. * Herr Lucas fuhr fort: »Und da – an dieser Straßenecke tauchte sie vor mir auf. Es war wieder ganz so, wie das erstemal. Sie schien aus einem Hause herauszutreten, und als ich an dem Hause vorüberging, da sah ich: da war gar kein Tor!« »Also eine Halluzination!« sagte Adela. »Nein. Denn sie ging wie ein Mensch vor mir, ich erkannte ihren feinen leichten Schritt und die Farbe ihres Haares und Kleides. Ich erkannte auch ganz deutlich den Schimmer des goldenen Reifs unten am Knöchel ihres Fußes.« 228 »Sie sprachen mit ihr?« »Ich hatte Angst.« »Angst? Weshalb . . .« »Ich kann Ihnen nicht sagen, weshalb. Ich hatte Angst, wie ich ja auch Angst hatte, mit Ihnen zu sprechen, nachdem ich Ihre schöne, ringgeschmückte Hand erblickt hatte.« »Sie hatten Angst, Ihre Vision könnte Wirklichkeit sein?« Sheila, die auf dem Boden bei ihren Puppen saß, wie sie's gewohnt war, mit dem Gesicht gegen die Wand, drehte ihr Köpfchen um und blickte die Mutter, dann Herrn Lucas an. Adela ließ die Hand, auf die sie den Kopf gestützt hatte, langsam sinken und verbarg sie auf ihrem Schoße. »Ich sah sie dann noch einige Minuten lang durch die Straßen vor mir gehen, dann war sie fort. Ich hatte ganz genau gesehen, wie sie in ein Haus, eine Villa eingetreten war, die mit einem schmalen Vorgärtchen unmittelbar an der Straße lag. Ein paar Stufen, zwischen Säulen, führten hinauf in das Haus. Ein sehr breites Fenster war im Hause hell beleuchtet. Man sah die Silhouetten von Menschen hinter dem Vorhang, stehende, vorübergehende Figuren. Es war eine Gesellschaft dort. Ich ging in die Villa.« »Herr Lucas, Sie gingen in die Villa!?« »Ich tat es. Es waren viele Leute da. Es fiel niemandem auf, daß ich kam. Es waren wohl viele da, die sich nicht kannten. Auch waren sie alle in Straßenkleidung. Manche waren ärmlich gekleidet, manche wie Arbeiter. Aber auch Reichgekleidete waren da. Ich sah mich um nach ihr, die ich einmal vor Monaten heimlicherweise Annabel Lee genannt hatte – wie Sie wissen! Jedoch sie war nicht unter den Anwesenden. Ich war bald in ein Gespräch mit einem Mann geraten, dem zwei Frauen und ein ganz junger Knabe zuhörten. Sie hörten ihm ehrerbietig 229 zu, ich merkte sogleich, er genoß großes Ansehen im Kreise dieser Menschen. Als ich ihm eine Weile zugehört hatte, verstand ich, warum. Auch die andern blickten, wenn ihre Augen ihn streiften, mit Ehrfurcht und Rührung zu dem alten Manne hin. Es sammelten sich immer mehr Hörer um ihn. Er schien Russe, ein Slawe zu sein. Er sprach von Ketten, von Kerkern. Er kannte mich so wenig, wie ich ihn, und doch sprach er ausschließlich zu mir am Ende. Nach wenigen Minuten waren wir Freunde.« »Und das Mädchen?« »Ich stand im Laufe des Abends bei vielen Gruppen, denn mein Freund blieb lange und wir hatten uns verabredet, zusammen das Haus zu verlassen. Und da, in einer Gruppe, wurde von ihr gesprochen. Das heißt: ich muß annehmen, daß von ihr gesprochen wurde. Ihr Geburtshaus wurde von einem jungen Skandinavier geschildert – ein sonderbares Haus auf einer Schäre im Meer vor Stockholm, ein Haus auf Pfählen, über das Wasser der Bucht gebaut, eine Galerie eigentlich nur, man fuhr mit dem Kahn ins Haus hinein, im Winter lief man auf Schlittschuhen ins Haus; um die Galerie lagen kleine Zimmer, alles sehr ärmlich, es wohnten abenteuerlich elende Menschen dort, Holzfäller, Beerenpflücker, oft ganze Familien in einer Stube, die im Winter kaum aufs notdürftigste geheizt werden konnte.« Sheila ließ ihre Puppen sein, kam leise zu Lucas und legte ihre Hand in die seine. Er zog ihr Köpfchen an sein Knie und sprach weiter von dem Haus auf dem Wasser und seinen Bewohnern. Dem Kinde klang es wie ein Märchen, und doch war es Wirklichkeit, noch dazu bitterste Wirklichkeit, die Not des Lebens der Armen. »Als wir weggingen, gestand ich meinem Freund, dem Russen, daß ich uneingeladen, fremd und ohne Befugnis in das Haus und die Gesellschaft eingetreten sei. Er hörte 230 mir zu und sagte darauf: ›O, es ist oft so, man tritt unter fremde Menschen ein, von denen man nichts weiß, und die von einem nichts wissen, und findet Verwandte und Brüder und alte Freundschaft. Man muß Stichproben machen unter den Menschen, dann sieht man, daß die Menschen besser sind, als die Einsamen annehmen.‹ Ja, er hatte recht. Der Versuch glückte. Der Versuch glückte.« »Erklären Sie mir's, Herr Lucas,« sagte Adela. Aber Herr Lucas schien diese Bitte zu überhören. Er erzählte von seinem Freunde, dem Russen, den er in ein kleines Hotel hier in der Nähe der Oxford- und Tottenhamstraße begleitet hatte, ein Hotel, in dessen Erdgeschoß ein Klub oder Versammlungslokal sich befand. An einem der nächsten Abende sollte er dort einem Diskussionsabend beiwohnen. Die Straße hieß die Windmühlenstraße. Vielleicht war Frau Malone erstaunt darüber, daß der Fremde ihn so ohne weiteres der Aufnahme in seinen geheimen Zirkel würdig befunden hatte? Ja, er selber war ja erstaunt gewesen, aber der Russe hatte ihn bloß lächelnd angeblickt und mit einer freundlichen Gebärde über seine Stirn gestreichelt: dann habe er lächelnd genickt und nur das eine Wort gesagt: »Freund!« Ja, es sei merkwürdig gewesen mit diesem Abend. Das Haus, in dem er Annabel Lee verschwinden sah, sei auf der St. Johns Wood Terrasse gewesen. Als Herr Lucas eine Weile geschwiegen hatte, erhob Sheila ihre Stimme wie ein aus Schlummer erwachendes Kind und sagte, indem sie in des Freundes Gesicht emporblickte: »Erzähle weiter Märchen, Freund!« »Baby!« sagte Adela. »Es sind keine Märchen, Herr Lucas erzählt, was ihm wirklich begegnet ist. Es sind doch wirkliche Menschen, von denen er erzählt. Oder hältst du Herrn Lucas für einen Lügner?« 231 »Herr Lucas erlebt Märchen. Er ist ein Märchenmann!« sagte das Kind. »Ich verstehe mich nicht auf Märchenerzählen, Kind!« sagte Lucas verlegen. »Aber ich will mir etwas ausdenken. Hab' Geduld – dann komme ich eines Tages und hole dich zu einem Märchenspaziergang ab. Willst du?« Das Kind blickte mit betrübtem Gesicht in die Augen seines Freundes hinauf. »Sie ist enttäuscht,« sagte Adela. »Sie hätten mehr von dem Haus in dem Schärenmeer erzählen sollen, mehr von der Villa in St. Johns Wood. Ich hörte auch gern mehr. Wollen Sie nicht fortfahren?« Aber Herr Lucas war nicht gesonnen, dies zu erfüllen, sondern frug Adela, die überrascht aufblickte, ob sie ihn nicht einmal zu dem Diskussionsabend in den Klub der Windmühlenstraße begleiten wollte? »Glauben Sie?« sagte Adela unsicher. »Lassen mich die Leute zuhören? Und was soll ich dort?« Herr Lucas sah sie lächelnd an und sprach zu ihr, indem er unwillkürlich den Tonfall der Worte nachahmte, die sein Freund, der Russe, zu ihm gesprochen hatte, um seine Zweifel und Befürchtungen zu zerstreuen: »Es sind Menschen, die das Gute wollen. Das notwendige Glück.« Adela dachte nach. Dann blickte sie auf und sagte: »Ich will gern.« Im selben Augenblick erdröhnten unten vor dem Hause die ersten, quellend sonoren Töne einer Drehorgel. Adela griff sich erbleichend ans Herz. Sie sprach kein Wort mehr. Ihr Herz wollte sich nicht beruhigen. Es dröhnte in ihrem Leibe wie eine Glocke in gehöhltem Raum. Was geschah in diesem Augenblick mit ihm, dort – weit, jenseits des Wassers? Diese entsetzliche Orgel. Sie konnte sie nicht hören, nicht diesen elenden, zerfetzten Gassenhauer hören, ohne sofort an ihn erinnert zu werden, ihn mitten 232 in ihrem Herzen zu fühlen, das zerrissen wurde von Kummer, Besorgnis, unauslöschlicher, unabwendbarer Qual über das Schicksal, das sie mit ihm verbunden hielt. * Seit Anfang Juli wohnte Mr. Cartwright in West-House, ein korrekter Herr in Schwarz, den noch niemand ohne Zylinder, enganliegenden Rock, Handschuhe und Aktenmappe erblickt hatte. Er war wortkarg und erschien zu den Mahlzeiten mit der Miene eines Leichenbitters, aß beträchtlich und verschwand nach einer todernsten, eckigen Verbeugung von der Tafel. Tagsüber erfüllte er irgendeine Funktion in den Gerichtshöfen des Temple, vielleicht saß er mit der Lockenperücke angetan zu Gericht über seine Mitmenschen. Seit kurzem war Mr. Cartwright mitteilsam. Er saß vor und nach dem Dinner im raucherfüllten Hinterzimmer des Erdgeschosses, in einem der mit Wachsleinwand bespannten Klubsessel und hielt sein spitzes Kinn zwischen seinen verflochtenen dürren Fingern hochgehoben. Der Kapitän, die beiden Clerks und ein neu hinzugekommener Student der Medizin, Mr. Davison aus York, hörten ihm zu. Er hielt den Herren einen Vortrag über das Gesetz von 1881, das sich auf die Behandlung flüchtiger Verbrecher innerhalb der Gebiete des Britischen Imperiums bezog. Mr. Cartwright hatte seine Kenntnis des Gesetzes am Morgen dieses Tages aus den Gesetzbüchern aufgefrischt. Seine scharfe klare Stimme durchschnitt die Rauchschwaden, unerbittlich wie das Schwert der Gerechtigkeit. Das Gesetz ermächtigte zur Verhaftung von Individuen, die in irgendeinem Teil der britischen Dominionen aufgegriffen wurden und gegen die der Verdacht vorlag, daß sie in einem andern Teil der englischen Dominionen ein Verbrechen begangen hätten. Der Verhaftete war 233 dem Friedensrichter vorzuführen, dieser hatte, falls gegen den Verhafteten ein starker und wahrscheinlicher Evidenzspruch vorlag, die Pflicht, den Flüchtling dem Gefängnis zu überantworten, in dem derselbe seiner Rückbeförderung nach dem Orte des Verbrechens, das heißt, seiner Auslieferung an die zuständigen Behörden entgegenzusehen hatte. Der Gefangene war in diesem Falle zu verständigen, daß er erst nach Ablauf einer fünfzehntägigen Frist zurückgesandt werden sollte, falls er von der Begünstigung der Habeaskorpusakte keinen Gebrauch zu machen berechtigt war. Die beiden Clerks, die dem Vortrag mit halbem Ohr zugehört hatten, empfahlen sich rasch und stießen in der Tür auf Mr. Escoffier, von dem soeben eine perlend lachende Stimme im Treppenhaus Abschied nahm. Mr. Escoffier steckte den Kopf in das qualmige Zimmer, zog ihn aber sofort zurück, als er bemerkte, wer da drin saß und perorierte. Mr. Cartwright indes ließ sich nicht beirren, klopfte mit hartem Schlage seine Pfeife am Kaminrost leer und führte vor seinem verringerten Auditorium des weitern aus: daß der Gefangene nunmehr vor dem Friedensrichter auszusagen habe, ob die »Information«, die zu seiner Verhaftung Anlaß gab, auf Richtigkeit beruhe und er sich schuldig bekenne. Kapitän Rogers bemerkte hierauf: »Gott verdamm' mich, bei dieser Frage möchte ich nicht in der Haut des Mannes in Quebec stecken!« Mr. Cartwright führte ein brennendes Streichholz im Krater seiner Pfeife herum und sprach: »In der Regel verweigert der Häftling auf diese Frage die Antwort.« »Und was geschieht nun mit ihm?« »Es folgt Vernehmung der Zeugen, wenn solche vorhanden sind. Dem Häftling ist es gestattet, persönlich 234 ein Kreuzverhör mit den Zeugen vorzunehmen, falls er gegen die Prozedur der Inhaftnahme zu protestieren wünscht.« »Und wie ist es mit der Sicherheitsleistung, Mr. Cartwright?« frug Kapitän Rogers. »Mit der Sicherheitsleistung flüchtiger Verbrecher. Können sie einen Antrag auf Freilassung gegen Kaution an Kings Bench stellen?« »Meinen Sie den Fall Garrat, Sir?« frug Mr. Cartwright. »Doktor Garrat?« Kapitän Rogers versuchte ein Räuspern, aber Mr. Cartwrights Miene ermutigte ihn keineswegs, sich näher zu äußern. Mr. Cartwrights starker Mund hatte sich statt zu einer Antwort zu einem kurzen, blitzscharfen Grinsen verzogen. Die haardünnen Lippen schoben sich sofort wieder in ihre natürliche Lage zurück. Aus ihrem Winkel fuhr eine kerzengerade Wolke von Rauch zur Decke hinauf. Das Auditorium begriff, was mit diesem Schweigen gemeint war: abgelehnt! * »Teure Mrs. Strange, lassen Sie mich sehen!« Miß West ließ ihre kurzsichtigen Augen über die Stickerei der Dame gleiten. Es war ein feines, minutiös ausgeführtes Nadelwerk und stellte eine Schierlingsblüte auf langem Stengel dar, silbern und blau. »Wie hübsch! Eine Schierlingsblüte!« Mrs. Strange legte den Rahmen hin und hob den Kopf: »Es ist eine teure Erinnerung. Ich war mit meinem Kind in einem Garten in Suffolk, da wuchsen solche Blüten. Eines Morgens kam Baby mit einer Blüte zu mir ins Bungalow gelaufen, es hielt die Blüte über das Köpfchen und rief mir zu: Mutter, ich habe einen Schirm!« Sie hob den Rahmen und begann emsig weiter zu sticken. Die Damen Reynolds kamen herein. 235 »O, Miß West! Guten Abend, Mrs. Strange, Mrs. Malone. Stellen Sie sich vor: wir haben die Königin gesehen!« »Wollten Sie nicht zu den Suffragetten, Miß Reynolds?« »Doch, teure Miß West. Aber, denken Sie sich, wie der Zug gerade aus dem Tor des Hydepark herauskommt, es ritt Miß Drummond mit der Fahne an der Spitze, Sie wissen, die starke Dame mit dem Federhut, sie reitet auf Männerart, o, ich sage Ihnen, sie hatte Landsknechtshandschuhe mit Stulpen, Sporen an den Stiefeln, eine verschnürte Jacke, Sie wissen, so, wie sie im ›Mirror‹ abgebildet ist, also die Spitze des Zuges kam aus dem Marble Arch heraus, Boadicea, die Jungfrau von Orleans, dann die Damen Pankhurst im Zug, wir hatten alles, alles gesehen – da bemerkten wir, von Park Lane her, die drei Karossen, galonierte Diener – die Königin!« Mrs. Strange legte die Stickerei fort: »O, erzählen Sie. Was hatte sie an?« Und die Damen Reynolds erzählten. »Nein, ich habe die Königin nicht gesehen!« sagte Adela, als die Damen Reynolds sie danach fragten. »Die alte Königin Viktoria vor Jahren, die jetzige aber noch nicht.« Miß Dalmayne kam in Abendtoilette, aufgeräumt, ihr folgte eine schüchterne junge Dame, mit fast weißblondem Haar, sie setzten sich in eine Ecke, sprachen leise. Dalmayne machte sich kein Hehl aus der Mißstimmung der Pensionärinnen von West-House gegen sie, seit sie sich mit Escoffier eingelassen hatte. Sie genoß diese Entfremdung, die zuweilen wie ein Boykott sich ausnahm, als einen Triumph, indem sie die Damen brüskierte. »War jemand von Ihnen im ›Lord vom Fischmarkt‹? Es wird im ›Lyric‹ gegeben, wir gehen heute abend dahin.« »Wollen Sie früher zu Abend essen?« frug Miß West. Aber die Damen Reynolds fuhren fort, mit strengem Ton, 236 die Toilette der Königin, ihren Hut, ihre Gesichtsfarbe zu schildern, während Miß Dalmayne zum Piano eilte und Miene machte, aus dem Gedächtnis eine Melodie des »Lords«, die der Schlager der Saison zu werden versprach, vorzutragen. Die Königin hatte, ohne von dem Festzug der Suffragetten, die doch tags zuvor die Bilder in der National Gallery durch Steinwürfe beschädigt hatten, Notiz zu nehmen, sich eifrig mit einer Dame in ihrem Wagen unterhalten, einer Dame mit hochrotem Haar, die für ihr Alter wirklich, man mußte es sagen, allzu jugendlich gekleidet zu sein schien. – Die Damen ergingen sich, mit alleiniger Ausnahme Adelas, in Vermutungen, wer die Dame gewesen sein mochte. Die Herzogin von Wessex? Die Marquise von Perth? Oder etwa die Gräfin du Vandolle, die Gattin des französischen Luftschiff-Fabrikanten? Niemand wußte es. Nun, morgen wird man es in der Zeitung lesen. Mrs. Reynolds berichtete über ihren Besuch im Magazin für Damenkleidung an der Ecke von Bond-Street und Piccadilly. Dann über die Blumenpracht in den Schaufenstern von Gouch, Regent-Street. »Ach, der ›Star‹! Teure Miß Alvanley, wollen Sie einen ›Star‹ kaufen?« rief Miß Dalmayne, in die Hände klatschend, aus. Und die Weißblonde sprang auf, lief, bis an die Haarwurzeln errötend, hinaus, um die Abendausgabe der Zeitung, die vor dem Hause ausgerufen wurde, zu holen. »Ist sie nicht goldig?« rief die Sängerin aus. Sie meinte die Neuzugezogene, die Weißblonde, eine junge Musikschülerin aus Wales, die sie verehrte und von ihr ausgenutzt wurde. »Sie stottert . . . s . . . tot . . . tert ja ein bißchen, aber das schadet Klavierkünstlerinnen nicht. Nicht daß ich wüßte!« Und sie wandte sich um und schlug die ersten Takte des »Lord« an. 237 Die Zeitung war frisch und verbreitete einen leichten Gestank von nasser Druckerschwärze. » Cora Stratton sagt: Garrat ist schuldlos! « stand in fingerdicken Lettern am Kopfe des Blattes zu lesen. Dalmayne stieß die Worte laut hervor, es klang wie eine Herausforderung. »O, die Verworfene!« sagten die Damen Reynolds im Chor. Aber Miß Dalmayne verteidigte Cora Stratton mit lautem Ton. Was wußten diese vertrockneten Betschwestern und Philisterseelen, diese ewigen Boardinghauspensionärinnen von der Liebe und den Opfern, die die Liebe zu bringen fähig ist! Seit kurzer Zeit brachten die Nachrichten aus Quebec lebhafte Kontroversen in den sonst so behaglichen Ton des West-House, und es war besonders die Persönlichkeit der mit dem Mörder Entflohenen, der die Meinungsverschiedenheiten unter Miß Wests Gästen galten. Miß Dalmayne fand es rührend, daß Coras alte Mutter der Sünderin gekabelt hatte: sie solle gestehen, die Arme der Mutter stünden ihr jederzeit offen, sie verzeihe ihr vor Gott und den Menschen! Mrs. Strange schoß einen Blick über ihre Stickerei nach der Sängerin ab und meinte, die Ehrfurcht vor Gott dem Herrn hätte es ihr gebieten sollen, die Wahrheit zu sprechen. Dalmayne holte Atem und wollte mit dem Geständnis heraus, daß die Liebe alles entschuldige, ja sogar . . . Ja sogar – allein rechtzeitig verbarg sie mit dem Worte: »den Mord!« die ganze Sentenz in sich und bemerkte nur, daß Cora Stratton Garrat eben geliebt habe und auch im Unglück weiter liebe, das sei doch selbstverständlich. »Das beweist, daß sie gleiche Schuld an dem Mord hat,« meinte Miß Reynolds, »ja, das beweist es! Denn sie will, indem sie ihn der Schuld ledig spricht, nur sagen, daß auch sie sie nicht begangen oder nichts von ihr gewußt habe.« 238 »Hoffentlich lassen sich die Richter nicht so leicht täuschen!« bemerkte Mutter Reynolds. Miß Dalmayne darauf: »O, wenn man einen Mann liebt, dann nimmt man alles, was er verübt hat, gerne auf sich. Ja sogar . . . Ja sogar . . .« »O, was sagen Sie da!« Die Damen waren in tiefster Seele erschrocken. Alle sahen die Sängerin mit weit aufgerissenen Augen, Mündern an, die Weißblonde war purpurn, aber ihre Augen leuchteten vor Bewunderung; Adela faltete ihre Hände, rang die Finger, wollte sprechen, unterdrückte es aber. Zum Glück kam Rebekka und rief Miß West, die froh war, den Schauplatz verlassen zu dürfen. »Jawohl, alles, alles! Ich wüßte nicht, welche Schuld ich nicht mit einem Manne teilte, den ich liebte!« rief Dalmayne in Ekstase. »Aber Miß Dalmayne, bedenken Sie,« sagte Mrs. Strange, die sich zuerst erholte, »wenn nun ein Kindchen käme, wie könnte solch eine Mutter ihr Kind erziehen, ja es behalten, es wäre furchtbar . . .« Dalmayne wurde abwechselnd rot und kreideblaß. Sie besann sich eine Weile und gab dann kleinlaut zu: »Ich glaube, ich könnte niemals einen Menschen lieben, der eines Mordes fähig wäre. Ich würde es sogleich beim ersten Anblick fühlen, daß der Mensch fähig wäre, einen Mord zu begehen, und da würde etwas mich vor ihm warnen, das weiß ich sicher, und ich ginge ihm aus dem Wege . . .« Sie sah wie hilfesuchend eine nach der andern an und ihre Blicke blieben auf Adelas Gesicht haften. Ihre Blicke sogen sich an Adelas Gesicht fest, an diesem großen ebenmäßigen Gesicht mit den etwas vorquellenden Augen, der breiten Stirne, über der die krausgelockten Haare sich ringelten. Adela hielt den Blick der Sängerin aus, wandte dann den Kopf und sah zum Fenster hinaus. 239 »Sie sind so schweigsam, Adela!« sagte Dalmayne vorwurfsvoll. »Warum reden Sie nicht, warum helfen Sie nicht.« »Ich lese keine Zeitung mehr,« sagte Adela. »Ich will von all diesen furchtbaren Geschichten nichts mehr hören. Man kann den Menschen nicht helfen. Ich weiß nichts.« Sie brach ab. Dalmayne gab die Zeitung Miß Alvanley, die nun weiter berichtete: »Mr. Evangeliste sagt: C . . . Cora Stratton s . . . sei unschuldig, es s . . . sei seine Ü . . . berzeugung.« »Geben Sie!« Dalmayne langte nach dem Blatte, das ihr die Weißblonde reichte: »Hier stehen noch Telegramme. Auf der letzten Seite, die letzteingetroffenen. O, drei Wochen noch!« »Wieso drei Wochen?« frug Mrs. Reynolds. »Ehe er zurückgebracht wird, nach London!« »Sie haben solche Sehnsucht danach, ihn in London zu wissen? Am Ende werden Sie auch noch zu den Verhandlungen gehen?« »Hier steht es: Garrat hat erklärt, daß er in London vor Gericht seine Schuldlosigkeit erklären wird!« Adela erhob sich, da draußen im Korridor das Gong zum Abendessen geläutet wurde. Sie ging in ihr Zimmer, ordnete ihr Haar, nahm Sheila bei der Hand und ging mit dem Kinde ins Speisezimmer hinunter. Als sie eintrat, fand sie Mrs. Strange mit den Damen Reynolds beim Büffett. Miß Reynolds vollendete ihre unterbrochene Erzählung der Ereignisse ihres Nachmittags in der Stadt. »Wir haben Tee getrunken. In der Bond-Street, in einer kleinen netten Konditorei. Ja, wir hatten solch einen netten Tee.« Adela setzte sich auf ihren Platz und band Sheila das Serviettchen um. Bei Tische sprach man viel von Garrat. 240 Es waren ja die ersten Kabelnachrichten seit der Verhaftung eingetroffen. Es nützt nichts, daß ich keine Zeitung mehr zur Hand nehme, sagte sich Adela. Was soll ich tun? Ich kann nicht von allem fort, ich kann mich nicht einsperren, ich muß hören und sehen, ich muß unter Menschen leben. Mr. Escoffier erzählte vom »Lord vom Fischmarkt«, dem Stück, das er heute zum drittenmal hören wollte. Alle hörten ihm zu, belustigt und dankbar, er war zu amüsant, dieser junge Franzose aus der fröhlichen Stadt Paris! Was soll ich tun? frug sich Adela. Wohin gehen? Sie blickte zu Herrn Lucas' Platz hinüber. Er war leer. * Richter Rangers schellte und Garrat trat ein, gefolgt von zwei Gerichtsbeamten. »Darf ich mich setzen?« »Bitte. Geben Sie Doktor Garrat einen Stuhl, Mason.« »Danke.« »Es sind zwei Telegramme für Sie eingetroffen. Ich will Ihnen Kenntnis von beiden geben. Das eine ist aus Philadelphia, von der ›Gesellschaft der Wahrheitssucher‹, unterschrieben Everard Lomax und Albert Wissenberger. Es lautet: ›Doktor Garrat, wir beschwören Sie im Namen dessen, der über der irdischen Gerechtigkeit steht und dessen Urteil jeglicher zu fürchten hat, sei er reinen Herzens oder falschen Herzens. Legen Sie in voller Öffentlichkeit und vor allen Ihren Mitmenschen ein freimütiges Bekenntnis ab. Wir beten für Sie und sind Ihre treuen und ergebnen Freunde und Brüder.‹ Was haben Sie hierzu zu sagen, Doktor Garrat?« »Nichts.« »Gut. Ich gebe Ihnen Kenntnis vom zweiten Telegramm. Es ist an meine Adresse gerichtet, aber für Sie 241 bestimmt. Es lautet: ›Bitten Doktor Garrat mitzuteilen, daß Mr. Parker de Vries beauftragt haben, Verteidigung zu übernehmen. Sind froh zu melden, daß Mr. de Vries zugesagt hat. Stellen Doktor Garrat tausend Dollar zur Deckung etwaiger Ausgaben, Bedürfnisse zur Verfügung. O'Gorman. Doktor Willoughby. Evell.‹« Garrat sagte: »Danke.« Er setzte sich aufrecht und hob den Kopf. Richter Rangers bemerkte: »Das sind gute Freunde. Eine Seltenheit heutzutage.« Garrat antwortete: »Jawohl.« Richter Rangers suchte zwischen den Papieren, die auf seinem Tische in einem gelben Convolut gehäuft lagen. Er hob den Deckel des Convoluts und Garrat las seinen Namen auf dem Deckel. »Ja hier. Die Formalitäten der Ausweisung gehen ihren Gang. In fünfzehn Tagen dürften wir so weit sein. Sie haben hierzu nichts zu bemerken?« »Ich möchte Sie bitten, Sir, mir zu sagen, ob Miß Stratton den Wunsch geäußert hat . . . ob sie irgendeines Gegenstandes bedarf . . . ob sie alles hat, was zu ihrer Bequemlichkeit nötig ist?« »Soviel ich weiß, kam ein gleichlautendes Telegramm für Miß Stratton an, ich meine, Verteidiger, Geld.« »Von wem? Ihre Familie ist arm, soviel ich weiß.« »Von Freunden.« »Von wem?« Diese Frage schien Richter Rangers zu überhören. Garrat sagte, indem er die Stimme senkte: »Ich bitte Sie, Sir, mir die Frage nicht als Zudringlichkeit anzurechnen: werden wir auf demselben Schiff zurückbefördert, Miß Stratton und ich?« »Das ist allerdings wahrscheinlich,« antwortete der Richter, »es vereinfacht das Verfahren. Aber Sie werden die Dame selbstverständlich weder sehen noch sprechen dürfen unterwegs.« 242 »Jawohl. Das ist ja selbstverständlich. Das erwarte ich auch gar nicht anders,« beeilte sich Garrat zu erwidern. Er war entlassen. Der Weg zu seiner Zelle führte durch zwei Höfe. Auf den ersten der beiden Höfe mündeten Fenster von Ämtern, aus denen neugierige Herren und Damen dem Gefangenen auf seinem Transport nachblickten. »Gibt es keinen andern Weg?« frug Garrat seine Begleiter. Wärter Mason sagte: »Es ist der kürzeste.« Garrat verbarg seine Hände in den Ärmeln. Sie kamen durch den zweiten Hof. »Das vierte Fenster im zweiten Stockwerk, von der Ecke aus gerechnet,« brummte Wärter Mason Garrat ins Ohr, während sie vorübergingen. Garrat blickte hinauf. Eine weiße Gardine hinter dem Gitter. Die Gardine hing unbeweglich, rührte sich nicht. Dort also war sie. * Im West-House herrschte Bestürzung, Betrübnis, fast Zorn. Adela war fort, mit ihrem süßen Baby, mit Feuer, der Katze. Bei Nacht und Nebel fort. Sie, die Zartfühlende, Freundliche, Gütige, die feine und vornehme Adela war fort, ohne sich von den Mitbewohnern, deren Leben sie seit fast einem halben Jahr teilte, zu verabschieden. Sie hatte ihre Wochenrechnung beglichen, unauffällig ihre Koffer gepackt, war dann zu Fuß aus dem Hause gegangen, mit Kind und Tier und am Abend war ein Brief an Miß West eingetroffen, das heißt ein Rollkutscher hatte ihn mitgebracht und Miß West hatte die Koffer ausgefolgt. Niemand wußte, wohin Adela ihre Schritte gelenkt hatte. Es war wohl ihre Absicht gewesen, daß niemand es wisse. – 243 Nach dem Abendessen stand Miß Dalmayne rasch auf, am andern Ende der Tafel Mr. Escoffier. Die beiden Clerks, Mr. Hallibut und Mr. Bradshaw, verständigten sich durch Blicke mit beiden. Sie trafen sich draußen, auf dem kleinen Flur unter der Treppe und warteten. Herr Lucas kam, im Mantel und Schlapphut, die Treppe herunter. Es war Hochsommer, ein heißer Abend, aber er trug seinen Mantel und schweren Hut, »wie ein Verschwörer«, sagte die Sängerin. Er ging aus dem Hause, quer über den Nachtigallenplatz, an dem Platanenrondell vorüber. Die Vier folgten ihm unauffällig. Allabendlich, nach dem Essen, verschwand er auf diese Weise. Wo trieb sich dieser Mensch herum? Es war nicht anzunehmen, daß er auf Liebesabenteuer aus sei. Aber Mr. Escoffier wollte hundert gegen eins wetten, Herr Lucas stehe im Einverständnis mit Mrs. Malone, der jäh Verschwundenen. Sie wollten doch ergründen, wo die Frau sich jetzt aufhielt, was die beiden trieben. Mr. Bradshaw, der jüngste und flinkste der Gesellschaft, wurde vorausgeschickt. Auf leichten Sohlen schlich er, die andre Seite der Straße benutzend, eng an die Häuser gedrückt, dahin und verständigte sich mit den in größerem Abstand Folgenden durch Stehenbleiben und andre Zeichen. Herr Lucas sah weder hinter sich noch um sich. Auch war sein Weg nicht weit. Er schritt die kleine Straße hinab, die zur breiten Tottenham Chaussee führte, durchquerte diese und ließ sich in das Gewirr der jenseitigen Gassen und Gäßchen ein. In einer engen Straße, der Windmühlenstraße, trat er in einen Laden ein. Mr. Bradshaw, der vorsichtig sich in die Nähe des Ladens herangepirscht hatte, las über der bescheidenen Eingangstür 244 die Inschrift: »Gottfried Tillmann, Tailor.« Im engen Schaufenster lagen Futterstoffe, eine Pyramide aus Papptafeln mit Knöpfen, eine gebügelte Hose hing auf einem Kleiderbügel, an der Scheibe war innen eine ziemlich große Lithographie befestigt. Was sie darstellte, war aus der Entfernung nicht deutlich wahrzunehmen. Es schien ein großer Karren zu sein, auf dem Menschengestalten saßen und vor den Menschengestalten eingespannt waren. Eine Inschrift zog sich an drei Seiten um das Blatt herum. An der nächsten Straßenecke trafen sich die Beobachter und tauschten ihre Eindrücke aus. Es war ein übelbeleumdetes Viertel, das Haus ärmlich, unmöglich ein Schlupfwinkel, ja kaum ein Anhaltspunkt für den Aufenthalt von Mrs. Malone. Aus dem ersten Stock baumelten nasse Kinderstrümpfe an einer Schnur heraus, zwei Fenster des zweiten Stockwerks standen offen, in einem lehnte ein hemdärmliger Mann und rauchte eine Seemannspfeife. »Er hat uns angeführt, der Mönch! Er läßt seine Kutte bügeln, und wir strengen unsre Phantasie an!« »Das Bild im Schaufenster sehe ich mir morgen bei Tag an.« »Da kommt er!« Herr Lucas trat aus dem Laden und kam gerade auf die Vier zugeschritten. Die verschwanden um die Ecke. Herr Lucas ging ins West-House zurück. Bis spät in die Nacht brannte Licht in seinem Zimmer. Er ging auf und ab, man konnte es vom Square aus sehen. Was rezitierte er? Hie und da drang ein Laut aus dem geöffneten Fenster. »Er studiert,« sagten die Clerks. – – Miß Dalmayne war unglücklich. »Ich muß, ich muß es ergründen, wo sie ist!« Sie wiederholte diese Worte seit Adelas Verschwinden vielemal jeden Tag, allen Bewohnern des Hauses gegenüber. Jetzt, da Adela nicht mehr zugegen 245 war, kam es ihr recht zum Bewußtsein, daß sie ihre Vertraute, eine treue, aufrichtige Freundin verloren habe, der sie nur in letzter Zeit ihr Herz zu sehr verschlossen hatte. Ach, sie war ja der einzige Mensch, dem sie nun ihre Zweifel, ihren Kummer, ihre beginnende Ernüchterung hätte klagen können. Sie stand oft, mit Tränen in den Augen, am Abend vor dem Piano, auf dem Miß Alvanley sie jetzt begleitete und sang die traurigen Arien aus »Lucia von Lammermoor«, aus »Margarethe« und aus der »Zigeunerin« von Balfe. Die Damen, die nicht verstanden, noch ahnten, was in ihr vorging, klatschten entzückt und riefen: » Encore! « Mr. Escoffier hatte sich, da sie ja jetzt einen Ersatz für ihn, ja, eine ganz vorzügliche Begleiterin hatte, absentiert. Er hatte ein besonderes Vergnügen an den Musik-Hallen des Ostens gefunden. Er wollte eine vergleichende Studie über Pariser und Londoner Humor schreiben und veröffentlichen. Er und die Clerks kamen oft tief in der Nacht von ihren Streifzügen heim. Sie polterten die Treppen hinauf und Miß Dalmayne, die wach in ihrem Bette lag und auf die Schritte des Liebsten lauerte, konstatierte mit Schmerz und in Verzweiflung, daß er seine Stimme vor ihrer Tür nicht nur nicht dämpfte, sondern Vergnügen daran zu finden schien, recht laut zu lachen und ihr auf diese Weise zu zeigen, daß zwischen ihnen alles aus sei. Ja – alles aus! Und Miß Dalmayne erschien nach solchen Nächten mit trostlosen Augen und total verpudertem Gesicht als letzte an der Frühstückstafel. * »Es ist alles in Ordnung, liebe Frau Newall, ich brauche nichts!« Adela lächelte und streckte die Hand nach dem Schemel aus, der auf dem Kies neben ihrem Liegestuhl stand und auf den die alte Frau soeben ein Tablett mit den Frühstückssachen gestellt hatte. Die Malven blühten in großen violetten Stauden. Nicht weit von ihnen standen die hohen Stangen gekreuzt, an denen sich Wickenblüten emporrankten. Der Himmel war hellblau, Hummeln und Grillen summten in der Sommerluft. Es war herrlich ruhig und friedlich hier. Adela zog langsam die Hand zurück und lauschte auf die Stille um sie. Endlich hatte sie gefunden, was not tat!! Wie sie so im Stuhl lag, ragten die Blumenbüsche alle so hoch auf um ihre Ruhestätte, daß sogar das nahe Häuschen von ihnen verdeckt wurde. Sie wandte den Kopf, mit schwachem Lächeln, das Häuschen war nicht zu sehen, sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Wie war sie Lucas dankbar. Als verknüpfte ihn mit ihrer Seele Wesen eine Ahnung, hatte er diesen Ort für sie ausfindig gemacht, an dem sie geborgen war. Gleich als sie durch das kleine Gartentor getreten war und das Häuschen im Hintergrund erblickt hatte, war dieser freudige Schreck ihr in die Glieder gefahren: hier gehörte sie hin, dies war ein Ort, ihr vom Schicksal auf irgendeine Weise bestimmt. Das Erdgeschoß mit den Atelierscheiben erinnerte sie an das Erdgeschoß des Hauses ihrer Mutter, das eine Voliere, ein Glaskäfig für die gefiederten Schützlinge der alten Dame war. Und die beiden Räume im oberen Stockwerk, die sie bewohnte, gefielen ihr über die Maßen. Sheilas kleines Zimmer hatte Sonne vom frühen Morgen bis zum Mittag, ihr eignes, großes aber lag im Schatten der hohen Bäume, die ihre Kronen durch das Fenster in die Stube reckten, so daß es immer einen Kampf zwischen Fenster und Ästen gab, wenn sie die Scheiben aufstemmte. 247 Aber das Merkwürdigste war: daß Garten und Bäumepracht sich sozusagen in ihrem Zimmer fortsetzten. Eine bunte Tapete bedeckte die Wände, Gardinen wallten über Fenster und Türen nieder und beide, Tapeten wie Gardinen waren mit unregelmäßigen Flecken, Mustern, Ornamenten verziert, die Blumensträuße, Baumgruppen, durch die Ferne herüberschimmernde Seegestade und Berglandschaften vorstellten. Eine bunte, ewig wechselnde Fülle von Farben, Abschattungen zarter Nuancen, bewegte Flächen und Mosaik webte sich so seltsam durcheinander, daß sie in den drei Tagen, die sie hier verlebt, bereits über ein Dutzend verborgener Gesichter in den Tapeten und der Gardine gegenüber ihrem Bette erkannt und festgehalten hatte. Im Hause lebte ein ältlicher stiller Sonderling, ein Bildhauer, griesgrämiger Herr in grauem Bart, mit Indianer-Mocassins an den Füßen und einem Purpurkäppchen auf dem kahlen Schädel, sein Name war Professor Hanslow, er kam nur selten aus dem Glasatelier heraus, in dem er seine Tage zwischen altem verstaubten Gips verbrachte. Das Häuschen selbst gehörte Mrs. Newall, einer bescheidenen alten Frau, die in einem verschlagähnlichen Raum hinter dem Atelier hauste, halb Wohnzimmer, halb Speicher, mit einer sauberen Küche daran, in der sie für sich, für den Professor, für Adela und Sheila die Mahlzeiten herrichtete. Sie lebte vom Ertrage der Miete, die ihr Häuschen ihr einbrachte. Vor Adela hatte eine fremde Dame, Finnländerin, die Etage innegehabt, eine melancholische Person, die den ganzen Tag las. Jeden zweiten Tag war sie mit dem Omnibus, der draußen an der Mauer des Parks von Kew vorbeifuhr, nach der Stadt gefahren, in die Leihbibliothek von Mudie, um sich ein neues Buch zu holen. Besuch oder Briefe hatte sie nie empfangen; eines Tages war sie fort, beweint von Mrs. Newall, der 248 sie eine treue Mieterin gewesen war. In dem Zeitraum, der zwischen ihrem Abgang und Adelas Einzug vergangen war, hatten die beiden Räume im oberen Stockwerk eine große Zahl oft wechselnder Gäste beherbergt, Männer und Frauen, sie waren zumeist von denselben Freunden gesandt, die die Finnländerin und jetzt die Australierin an Mrs. Newall empfohlen hatten. Manche unter ihnen hatten sich nur eine Nacht hier aufgehalten, und Mrs. Newall wußte gut, daß sie sie nicht nach Nam' und Art zu fragen hatte. Es waren vielleicht Menschen, die verfolgt waren von der Regierung ihrer Heimat, politische Flüchtlinge, müdgehetzte Menschen, die hier vorübergehend ein Asyl fanden und deren Aufenthalt von wohlmeinenden Leuten bezahlt wurde. Adela lag mit geschlossenen Augen auf ihrem Stuhl im Garten und sog den Frieden in ihr Herz ein, wie Rosenduft. Seit sie hier lebte, war ihr Leben vertieft. So wie ihre Nächte in der Stille, die sie umgab, Schlaf erst jetzt zu erkennen vermeinten, war es ihr, als habe ihr Tag eine neue Bedeutung gewonnen, die erste wahre seit Jahren. Zuweilen schlug nachts in einem fernen Stall ein Pferd an die Krippe mit dem Huf, zuweilen tönte ein ziehender Pfiff der Windsor-Bahn durch die finstere Lautlosigkeit, zuweilen tönte von der Seite her, wo Richmond lag, ferner Gesang herüber, das war alles. Adela konnte nun lauschen, sich besinnen, leben und sein. Sie las nichts, weder Zeitung noch Buch. Auf ihrem Schreibtisch standen die Onyxsächelchen, das Petschaftkreuz, der Wachthund, die Photographie ihrer Mutter inmitten ihrer Lieblinge. Adela ging im Zimmer auf und ab, Sheila spielte im Garten, Feuer lag auf dem Fensterbrett und blinzelte. Sie sah auf ihre Hände nieder, schob die Ringe über die Finger, bedeckte ihre Augen mit beiden 249 Händen und stand oft minutenlang in der Mitte des großen halbdunklen Raumes auf dem schweren schwarzroten Teppich still. Sie träumte viel. In der Stille blühten ihre Träume wild wie phantastischer Mohn auf und ihre Morgenstunden, die von den auf den Tapeten der Wände sich durcheinander wühlenden Gesichtern und Gestalten belebt waren, bewahrten die Nachtgesichte noch lange für den Tag auf. Sie lebte von ihnen, aber sie lebten auch von ihr ein Leben weiter, das nicht ganz von dieser Welt war, ebensowenig von der andern. Deutlich entsann sie sich des ersten Traumes in dem neuen Hause. Zuerst hatte sie Ruderschläge gehört, dann ein Schiff gesehen, ähnlich einem Wikingerschiff mit Schaufeln, die aus dem Schiffsrumpf ins Wasser stachen. Sie stand am Ufer, aber plötzlich war sie selbst auf dem Schiff, das in eine Bucht lenkte – nein, es war ein Haus, ein wirkliches Haus, mit Galerien und Zimmern rings um die Galerien, und das Schiff fuhr einfach mitten ins Haus hinein, obzwar es ein Ozeandampfer war, viele Stockwerke hoch, und blieb mitten zwischen den Pfeilern stehn, auf denen die Galerien des Hauses ruhten. Aus allen Zimmern des Hauses starrten Gesichter sie an. Sie aber stand allein auf dem Schiff, und erkannte dieses und jenes: Rebecca aus West-House, Mme. d'Endore, die ihren Kopf auf die Schulter von Mr. Michael Malone gelegt hatte – beide waren aus verschiedenen Zimmern herausgetreten, jetzt sahen sie sie an und lachten boshaft, denn ihr flossen die Tränen aus den Augen auf das Kopfkissen. Vor Unmut über ihre Schwäche wachte sie auf – herrlichster Sonnenschein vor dem Fenster. Im Nebenzimmer hörte sie Sheila leise mit bloßen Füßchen über die gelinde knarrende Diele gehn. Dies war ein Traum, dem viele folgten. 250 Die Post kam am Morgen, sie fand einen Brief vor, in dem ihr Rechtsanwalt die Mitteilung machte: Herr Malone habe die Beschleunigung des Verfahrens beantragt, da er sich gern wieder verheiraten wolle. In Klammern: mit einer Operettendiva, die mit ihrer Truppe in Australien gastiere. Er habe Adela und dem Kind eine beträchtliche Summe ausgesetzt, sie sichergestellt, es handle sich um einen jährlichen Betrag von tausend Guineen, wovon ein Viertel als Erziehungsbeitrag für Sheila zu betrachten sei und nach ihrer Großjährigkeit als Beitrag zur Aussteuer zu gelten habe. Die Möbel usw. seien verpackt und zur Verfügung von Mrs. Bourke gestellt. Adela war zufrieden; am Nachmittag schon dachte sie nicht mehr an alle diese Dinge. Sie bemerkte: daß sie dies in sich ja schon längst abgeschlossen hatte! Wie war es nur damit: gab's einen Weg, ein Mittel, führte ein Wille dahin, daß die Träume sich ins Wachsein hinüberpflanzten? Konnte man seinen Tag so leben, daß das Zubettgehn und Einschlafen nur eine Funktion waren, die die Einheit des Daseins unterbrachen, ohne sie zu sprengen, abzulenken? Adela öffnete das Fenster, blickte auf die Blumen im Garten, sah einem Falterpaar zu, das vor dem Fenster gaukelte. Vor dem Hause, jenseits der Chaussee dehnten sich die herrlichen Rasenhügel der Gärten von Kew. Zwischen den Bäumen, weit, blitzten die niederen Glaswände und Dächer der Treibhäuser auf. Links wölbte sich über den Kronen die Kuppel des Observatoriums. Dahinter stieg Rauch aus den Schornsteinen einer kleinen Stadt auf. Sie gingen in den Garten hinunter, der Liegestuhl war bereit, Feuer kauerte schlafend auf dem Strohgeflecht. Beim Knirschen des Kieses setzte das Tier mit großem Sprung über den schmalen Pfad weg und verschwand 251 zwischen den Blumenrabatten. Das Summen des Sommerwindes durchdrang die Stille! Professor Hanslow war tagelang nicht sichtbar. Kreuzte sein Weg einmal den Adelas, so dauerte es eine Weile, ehe er, aus einer Lethargie erwachend, die Frau wahrnahm. Dann zog er das Käppchen vom Kopfe, sein kahler schöner Schädel, wie Marmor antiker Philosophenbüsten, kam zum Vorschein. Die Atelierscheiben waren mit verblaßten, vom Sonnenlicht verschossenen Tüchern dicht verhangen. Es mußte um diese Sommerzeit sehr heiß darinnen sein. Adela versank tief in jeden Augenblick ihrer Tage. Freude bereitete ihr's, zu sehen, wie sich Sheila in ihrem Element fand, das Ruhe, Sonne über Blumen, Summen und Traum hieß. Zuweilen, wenn sie ganz stille unter den Blumen gespielt hatte und zur Mutter kam, kauerte sie sich nieder zu ihren Füßen und preßte eine halbe Stunde lang ihre Wange an Adelas Kleid. Hob Adela dann das Köpfchen, so blickte sie in das kleine Gesicht, das vor Glück zu strahlen schien. Ihre Puppen, das Kamel Miggy lagen im Schrank, sie befaßte sich mit den Blumen, hatte eine Legion Schnecken gesammelt, die sie mit Salatblättern fütterte und von Zeit zu Zeit beaufsichtigte. Ihr Lager befand sich in der Nähe der Mauer an der Straße, einem wohldurchwärmten Ort, wo die Ziegelsteine bloß lagen. Nach einer Woche des Lebens dieser Art begann Adela den Einfluß der Veränderung zu verspüren. Der Vorwurf, den sie sich ehemals unter Menschen gemacht hatte, über ein Zuwenig oder Zuviel in der Neigung und dem Verkehr mit diesen und jenen, vermochte ihr Gleichgewicht nicht mehr zu stören. Alles kam jetzt von innen; aus unergründlichen Quellen gespeist, strömte es über die Stunden weg und verlief in den nämlichen Tiefen, woher es gekommen war. Helle Träume erzeugten helle 252 Stunden und trübe verflossen im Halbschlummer unter dem Sonnenlicht ohne Beängstigung und Nachhall. Der Tag hatte Stunden gewonnen, mag sein verloren, im Heben und Sinken der Wellen, die die Stunden aufwärts führten, abwärts dämmten, verschmolz Licht und Dunkel zu einem einzigen Dämmern, von klaren Blitzen der gestärkten Empfindung durchzuckt. Sie setzte sich an den Schreibtisch, stützte das Kinn in die Hand und sprach: »Ich leide nicht!« Mußte sie nicht erschrecken über die Worte, die sie hier ausgesprochen hatte? War sie deshalb in diese Einsamkeit geflohen, bei Nacht und Nebel auf und davon aus allen Zusammenhängen, um eine Woche nach ihrer Flucht mit gutem Gewissen diese Worte aussprechen zu können: »Ich leide nicht?« Aber ihr Gewissen blieb ruhig. Es war so ruhig, wie es gewesen war, als sie ehemals, in dem Bewußtsein, etwas Gutes getan, etwas, wozu sie nicht verpflichtet gewesen, aus eignem Antrieb geleistet zu haben, sich Rechenschaft über die Haltung der Umwelt zu ihren Taten und Entschlüssen gegeben hatte. Die Ereignisse traten günstiger ein, die Stunden waren klarer und des Lebens Antlitz spiegelte sich freundlicher aus den Gesichtern der Menschen ihr entgegen, wenn sie aus eignem Willen, nach gutem Entschluß und mit Absicht gut gewesen war. So wie im Gegenteil ihre mürrisch verschlossene Seele Ungemach und Bosheit der Umwelt auf sich gezogen hatte. Aber jetzt, in dem wiegenden Gleichmaß der Tage und Nächte, waren diese Zweifel verstummt und Gegensätze ausgeglichen. Sie lebte, wartete, besann sich, lauschte auf den unhörbaren Vorgang, wie die veränderten Stimmen der Zeit ihr Festigung und Anhalt boten, sie aufrichteten, kräftigten zu einem Zwecke, über den sie sich im Traum deutlicher als im Wachen Rechenschaft zu geben vermochte. 253 Sie wußte den Zweck, kannte ihn, aber dieses Wissen und diese Erkenntnis überschritten kaum die Schwelle, sie wirkten und webten nur wie Instinkt und Schicksal in den Tiefen fort. * Herr Lucas hatte Sheila bei der Hand genommen. Sie gingen über die weiten, in der Morgensonne sich badenden Wiesenwege der Gärten von Kew. Es war der »Märchen-Spaziergang«, den Herr Lucas Sheila vor Wochen versprochen hatte; nun hielt er sein Versprechen. »Ich habe mich aber nicht vorbereitet,« sagte Herr Lucas und schien verwirrt. »Ich weiß auch gar nicht, wie man Märchen erzählt!« »Das tut nichts,« sagte Sheila. »Erzähle mir, wie du Mammy erzählt hast; was du gesehen. Das ist dann ein Märchen.« »Ich kann dir nichts erzählen, Sheila, denn ich habe nichts erlebt. Wovon soll ich denn sprechen?« »Ach,« sagte Sheila, »wenn ich es mir wünschen muß, dann kann es ja nie ein Märchen werden, denn dann weiß ich es ja schon!« »Soll ich dir von Riesen oder von Elfen erzählen?« »Nein, nicht von Riesen oder Elfen.« »Von Kindern oder von Alten?« »Nein, auch nicht.« »Von Blumen? von Tieren? von Menschen?« »Von Tieren!« »Von Feuer?« »Nein, auch nicht.« »O, dann weiß ich: von den Schnecken!« »Ja!« jubelte das Kind. »Erzähle von den Schnecken!« »Also die weißen und die schwarzen Schnecken lebten einträchtig beisammen am Fuße eines großen pfeilgeraden 254 Berges, der unten rot war, oben weiß wurde und über dem der Himmel lag. Die weißen Schnecken wohnten in Häusern, die schwarzen aber hatten keine. Die schwarzen beneideten die weißen um ihre Häuser, die weißen aber wünschten sich, sie wären schwarze, denn dann müßten sie sich nicht ewig mit ihren schweren Häusern und mit allem, was drin war, abschleppen. Die schwarzen waren oft den Berg hinaufgeklettert, aber nie über das rote Feld hinaufgekommen, die weißen aber hatten ihnen derweil die Salatblätter weggefressen – nein, ich kann dir das nicht weiter erzählen, Sheila. Ich weiß nicht, wie es weiter geht. Es wird nicht gut.« »Glaubst du, Herr Lucas, daß die Tiere Herzen haben, wie die Menschen? Daß sie fühlen, wenn ihnen jemand leid tut und daß sie weinen können, und daß sie Träume haben?!« »Ja, das glaube ich.« »Feuer tut es, ich weiß es bestimmt. Erzähle davon, Herr Lucas.« »Also Gott der Herr schuf den Menschen Seelen, damit sie Gutes tun sollen auf Erden, aber die meisten Menschen wußten mit dem Geschenk nichts anzufangen und verwendeten es falsch. Da nahm Gott der Herr ihnen ihre Seelen fort –« »Kann denn ein Mensch ohne Seele leben, Herr Lucas?« »Nein, wenn sie starben, nahm er sie ihnen fort –« »Es sterben aber doch auch gute Menschen –« »Unterbrich mich nicht, Kind. Als sie starben, da gingen die Seelen der Menschen, die nicht richtig gelebt hatten, in unschuldige Tiere und blieben in ihnen so lange, bis Gott sie berief und sie einem neugebornen Menschen einverleibte und dieser Mensch wurde nun gut.« »Mußten die Tiere erst geschlachtet und aufgegessen werden, damit Gott ihre Seelen von ihnen nehmen konnte?« 255 »Gewiß, sie mußten den Tod erleiden durch Menschenhand.« »Aber wenn ein Tier mit einer schlimmen Menschenseele sehr alt wurde, da wurde die Seele sehr gut, weil sie Zeit hatte, nicht wahr?« »Ja, vielleicht ist es so.« »Großma' Bourke, Herr Lucas, hat einen Ara, der ist so alt wie sie, siebzig Jahre. Sie pflegt die Tiere, damit sie sehr alt werden in ihrer Nähe. Großma' Bourke ist gewiß von Gott bestellt, damit sie es tue!« »Das ist möglich. Denn nur solche Menschen lieben Tiere, die es erlebt haben, wie böse die Menschen sein können. Da lieben sie die unschuldigen Tiere.« »Feuer ist nicht unschuldig, Herr Lucas, ich habe gesehen, wie sie mit einer Maus spielte! Ich habe ihr das Halsband angelegt und sie einen ganzen Nachmittag lang an das Bett gebunden.« »O – das darf man nicht, Sheila. Tieren und Menschen darf man nicht die Freiheit nehmen.« »Werden die Seelen dann noch böser, wenn sie wieder zu Gott kommen?« »Das ist sicher.« »Herr Lucas, warum läßt Gott denn böse Seelen in die Menschen hinein? Warum behält er sie nicht bei sich? Warum müssen Menschen geboren werden, die schlechte Seelen haben? Können ganz kleine Kinder schon schlechte Seelen haben? Und müssen sie sterben, wenn ihre Seelen nicht gut und fromm werden können in ihnen? Wo wohnt die Seele, Freund? Im Herzen? Wenn ein kleines Kind stirbt und es wird ein Engel, hat dann Gott es zu sich genommen, weil seine Seele zu gut war? Freund, muß ein Kind erst gestorben sein, damit die andern Menschen es merken, daß es eine gute Seele gehabt hat? Und warum machen dann die Menschen andere Menschen tot und schicken 256 ihre Seelen zu Gott, wenn sie finden, daß sie Böses getan haben?« »Kind, hier ist das Tor, wir wollen jetzt die Richmondstraße hinunter zu Mammys Haus gehn. Sie wartet auf dich!« »Herr Lucas! Herr Lucas! Warum antwortest du mir nicht?« sagte Sheila und schluchzte fast. Aber Herr Lucas drückte statt einer Antwort nur des Kindes Hand stärker in seiner fest und schritt so rasch aus, daß sein Mantel flatterte und das Kind die Schritte bis zum Laufen beschleunigen mußte. Er war rot und verlegen, er schämte sich vor dem Kind und vor sich selber. Ich kann kein Märchen zu Ende erzählen, ich kann keinen Gedanken zu Ende denken, kein Gefühl will in mir länger verweilen, als bis ein andres es verdrängt, ihm in die Quere kommt, es vernichtet. Was soll ich unter Menschen? Sie alle müßten ja Mitleid mit mir haben! Plötzlich blieb er stehn. »Oh, ich bin so rasch gelaufen, Sheila. Du bist gewiß müde!« Er ergriff das Kind, hob es auf und trug es in seinen Armen vorwärts. Sheila war erst erstaunt, ließ ihn aber gewähren und blickte mit großen, aufmerksamen Augen von unten hinauf in das bärtige Gesicht des Freundes, das geradeaus gewandt in die Weite sah. So kamen sie vor dem Gartentor an. * »Es ist so gut, daß Sie hier sind, Herr Lucas, Sie werden mir Aufschluß geben. Ich bin etwas beunruhigt, ich träume viel. Ich weiß nicht, kommt es davon, daß es hier so sehr still ist, oder weil ich so wenig Äußeres erlebe, genug, oft träume ich so stark, daß ich fürchte, es könnte etwas mit meinem Herzen oder Hirn nicht in Ordnung sein – Sie müssen mir helfen. Es beunruhigt mich.« 257 »Ja, ja, gewiß geht der Schlaf und entstehen die Träume vom Herzen aus,« sagte Herr Lucas eifrig und begann Adela einen Vortrag über das mechanische Phänomen des Schlafes, sogar des Schlafs in der Hypnose, in der Narkose und des kataleptischen Schlafes der geborenen Medien zu halten. Aber sie wurde ungeduldig, meinte anderes. Ob man seine Träume lenken könne, ja benutzen gewissermaßen, für einen bestimmten Zweck – so wie Menschen ihre Muskeln benutzen, um etwas zu heben, oder ihren Verstand anstrengen, um etwas Schwieriges zu vollbringen, einen wichtigen Brief zu schreiben, eine mathematische Aufgabe zu lösen? Er war ein wenig erstaunt, befangen, er hatte von ihr solch einen Gang der Ideen nicht erwartet. Auch mißtraute er sich, war noch über seinen Märchenspaziergang unglücklich. Aber als er Adelas flackernden, intensiven, wie aus der Tiefe kommenden Blick bemerkte, als er sah, aus welcher Unruhe herauf, nicht aus Neugierde, sondern aus Not, nicht aus Wißbegierde, sondern aus Anklammerungsbedürfnis an eine Hoffnung inmitten Beängstigungen tieferer Art ihre Frage stammte, wurde er betroffen, still, bat Adela, sich zurückziehen zu dürfen für eine Weile – und er ging dann tatsächlich ins Nebenzimmer, dessen Tür er hinter sich zuzog. Adela hörte ihn drin eine Weile aufgeregt hin und her gehen, hörte ihn auch sprechen, wie er es im West-House hinter der Wand seines Zimmers zu tun pflegte. Nach einer halbstündigen Frist etwa trat Herr Lucas aus seiner Klause und bat Adela, sich zu setzen. Vor ihr herumgehend, indem er ihrem Blick auswich, sprach er in die Stille des Zimmers hinein. Aus Einbildung, Erfahrung, Ahnung der eignen und der andern Seele fand er Worte, die nicht immer so gefügt waren, daß sie einen klaren Zusammenhang und deutliche Beziehung ausdrückten. 258 »Es ist nicht wahr, daß das, was am Tage geschehen ist, sich im Traume wiederholt. Was im Traum auftaucht, das wird am Tag geschehn. Ich glaube daran, weil ich es erfahren habe. Aber ich habe es nicht geübt, weil ich glaube . . . mein Leben ist so . . . Oft ist mein Traum hell wie von Blitzen, Meteore fallen, ich stürze tief – dann ereignet sich in meinem Leben etwas – so war erst in diesen Tagen, jüngst. Es ist Mut zum Leben in den Träumen. Oft wäre es gar nicht möglich, weiterzuleben, ohne die Träume.« Adela nickte. Herr Lucas meinte, sie wollte etwas sagen. Aber sie nickte nur leidenschaftlich ihm zu, er möge fortfahren. Ermutigt redete er weiter. »Ja, so ist es: Mut. Ich finde Mut zum Weiterleben in den Träumen und ich kann ihn brauchen. Oft gehe ich, zu Tode betrübt über mich selbst, zu Bett und woher kommt mir die frische Morgenstunde, daß ich wieder zum Leben erwacht bin, das schön und lebenswert ist wie vom Anbeginn? Das kommt aus den Träumen der Nacht, nicht aus der Ruhe, sondern aus dem angestrengten Erleben der Seele, das weiß ich sicher. Und weil Sie mich danach fragen, weiß ich es auch zu beantworten, es ist mir klar: man braucht nur zu wünschen, der Traum braucht nur voll zu sein vom Wunsch, und der Tag und was man während des Tags erlebt, wird die Erfüllung bringen! Man kann auch gerecht sein im Traum und Widersachern verzeihen, was man wachend nicht immer zuwege bringt, und ich kann auch strafen, andre und mich und wie nach einem Bad im Meer aufwachen, das kann ich!« Herr Lucas stellte sich ans Fenster und preßte seine Stirne gegen die Scheiben. Adela sagte: »Oft kommt eine große Furcht im Traum, daß ich etwas versäumt habe, ich weiß nicht, was. Erst ist es, als wäre es Geld, das verloren ist – oder ein verabsäumter Besuch, aber bald erfahre ich, es muß anderes 259 sein, dann erwache ich vor Zweifeln. Was hat es damit auf sich?« Sie fragte ihn so, als müsse er unbedingt Aufschluß geben können, und er antwortete auch, ohne sich zu besinnen: »Wenn man etwas befürchtet, dann hilft es, daß man sehr stark daran denkt, so als wäre es schon eingetroffen. Dann verfliegt es, ja, es zerstiebt in nichts. Dagegen, wenn ein Wunsch oder eine Angst nur flüchtig an einem vorbeihuschen, und der Verstand oder das Herz vermögen sie kaum im Flug festzuhalten und sie sind vorüber – dann mag es eintreffen und ist nicht mehr abzuwenden. Sehen Sie, Mrs. Malone – sehr stark glauben oder wünschen oder abwehren, das hilft allein! Aber man kann sich nicht zwingen, natürlich kann man das nicht, alles kommt aus der ungekannten Quelle. Im Grunde wissen wir es nicht, es kommt, es geht, wir kennen kaum die Richtung. Glauben – ja, das ist es! Glauben, an Menschen, an sich, an Gott! Wer stark glauben kann, dem erfüllt sich der Traum.« Er seufzte gequält und resigniert. Adela sah, wie seine Lippen bitter sich verschoben, so als spräche er von etwas Unerreichbarem, von etwas, das doppelt unerreichbar war, weil er es so genau erkannte, außer sich, seinem Verstand genau wahrnahm, nicht als eine Kraft, die er in sich unbewußt und nur in seinem Wirken faßbar getragen hätte. Adela ging im Zimmer auf und ab. Sie sprach: »Eines müssen Sie mir noch sagen, dann will ich Sie nicht mehr beunruhigen. Was hat es zu bedeuten? In meinen Träumen sehe ich jetzt so oft Gesichter. Es sind Reihen, Scharen von Gesichtern. Alle sind auf mich gerichtet. Manche erkenne ich, die meisten aber sind fremd und feindselig. In allen, allen Träumen wiederholt 260 es sich: Scharen von Gesichtern. Ist es, weil ich jetzt mit Menschen kaum mehr zusammenkomme? Daß die Menschen mir nun in die Träume nachfolgen, wo ich keinen mehr zu sehen brauche?« Herr Lucas besann sich: »Haben Sie in den Zeitungen von dem Mann gelesen, der wegen eines Mordes, den er begangen haben soll, durch den drahtlosen Apparat auf einem Schiff verfolgt wurde? Die ganze Welt wußte von ihm, nur er und seine Gefährtin wußten nichts . . .« »Garrat.« »Ja, ich meine ihn. Nun – vielleicht dachten Sie an den, oder träumten von diesem Mann und der Jagd, die die Welt auf ihn machte. Furchtbar muß das Leben eines Gejagten sein, der nicht weiß, wie nah ihm der Verfolger auf den Fersen ist.« »Glauben Sie, Herr Lucas? Weil er es nicht weiß, ist sein Leben furchtbar? Ich glaubte, es müßte furchtbar sein, wenn er es weiß oder die Sicherheit hat, daß sie ihn bald haben werden . . .« »Oh, denken Sie, wie viele unbekannte, fremde Gedanken ihn verfolgen, ihn treffen, ohne daß er es abwehren kann! Welche Beunruhigung! Furchtbar muß es sein, von vielen Millionen Menschen gekannt zu sein und gesehen zu werden, und wie furchtbar erst, wenn all die Augen auf einen gerichtet sind, der schläft und sie nur im Traume auf sich gerichtet fühlt.« »Ja, jetzt verstehe ich Sie.« »Sie haben wohl von dem Gehetzten geträumt.« »Ja, es mag sein.« Ein Kratzen an der Tür. Adela ging hin, Feuer stürzte in die Stube. Verwildert, das Fell an einer Stelle am Hals versengt. Mit einem Satz war das Tier im Nebenzimmer. 261 »Ein Dämon!« Herr Lucas war bleich unter seinem Barte geworden. »Sie hausen ja mit einem Dämon beisammen! Wie können Sie das nur!« »Ach, es ist doch nur die Hauskatze,« sagte Adela erstaunt. Sie versuchte zu lächeln. * Reverend A. D. Gurgett saß eine Weile noch auf seinem Platz und blickte sein Gegenüber mit traurigen Augen an. Es fiel kein Wort mehr. Reverend Gurgett seufzte und griff nach seinen Handschuhen, die er auf den Tisch gelegt hatte. »Es ist schade, daß Sie mißtrauisch sind. Niemand schickte mich zu Ihnen. Ich wollte auch nichts aus Ihnen herausholen. Es war mir einzig und allein darum zu tun, Ihnen, falls Sie es gewünscht hätten, durch meine Sendung, meinen Beruf, eine halbe Stunde lang Ihre Seele zu erleuchten. Es war nur . . . es war mir um die Christenpflicht gegen den Nächsten zu tun, weiter um nichts, glauben Sie mir.« Er faltete die Handschuhe und schob sie in die innere Tasche seines hochgeschlossenen Priesterrocks. Dann erhob er sich. Auch Garrat war aufgestanden. Er sagte, indem er die Augen zum Geistlichen emporhob: »Ich hoffe, daß Sie nicht zu sehr enttäuscht sind, Sir. Ich wäre traurig, Sie ungehalten zu wissen. Auch gegen Miß Stratton bitte ich Sie aus demselben Grunde keine unfreundlichen Gefühle zu hegen. Sie hat ja Trauriges durchzumachen und ist ein froher Mensch, dem das doppelt schwer fallen muß. Es war von ihrer Seite ebenfalls nicht unfreundlich gemeint, wenn sie Ihren Zuspruch ablehnte.« Reverend Gurgett stand mit gesenktem Kopf da. Garrat hatte den Eindruck, er murmle ein Gebet. Als er aufschaute, begegnete er Garrats Blick, diesem etwas wässrigen, 262 ermüdeten, graublauen Blick aus schlaflosen und seltsam gealterten Augen. »Kann ich etwas für Sie tun?« Er machte ein paar Schritte. Gleich öffnete sich die Tür von außen und der Wärter trat herein. Hinter dem Spalt war die Gestalt des draußenstehenden zweiten Wärters sichtbar geworden. Garrat sagte: »Wenn ich Sie bitten dürfte, mir die Zeitung zu geben, in der das zerrissne Blatt abgebildet war, von dem Sie sprachen. Und auch um ein zweites möchte ich Sie ersuchen: vielleicht gestattet es der Kapitän auf Ihre Fürbitte, daß der Telegraphist von oben in einer freien Stunde zu mir komme. Ich möchte gern von ihm hören, d. h. ich meine die Theorie der drahtlosen Telegraphie . . .« Reverend Gurgett versprach, sein möglichstes zu tun. Ohne den Gefangnen weiter anzublicken, verließ er sodann die Staatskabine. Garrat kehrte an den Tisch zurück, zündete seine Pfeife an und nahm das kleine in rotes Leder gebundne Buch zur Hand. Wärter Folsom machte es sich bequem auf seinem zusammengeklappten Bett bei der Tür, das am Tage die Form eines Stuhls annahm. Er sah zu Garrat hinüber und lächelte, als er Garrat lächeln sah. Garrat sagte: »Keine Reverends für mich! Ich glaube an Gott, seit ich auf der Welt bin, das ist wahr. Ich bin ein guter Christ. Aber ich glaube nicht an die Profession des Gottesglaubens; Heuchler!« Wärter Folsom sagte: »Ich habe einen Vetter, der ist bei der Heilsarmee; ja, alter Kerl, sage ich ihm, so oft ich ihn sehe, was machen die Prozente? Was für Prozente? fragt mein Vetter. Na, die nach den Seelen, die du zur Bußbank bringst, Seelenprozente, zahlbar im Himmel, versteht sich! Ich habe einen Gefängnisgeistlichen gekannt, das war, als ich noch im Dienst stand, in Wormwood Scrubbs . . .« Er räusperte sich, vollendete den Satz nicht. 263 Garrat suchte in dem kleinen roten Band, fand die Stelle wieder. Er kannte sie auswendig. Mit geschlossenen Augen vermochte er sie zu lesen, er hatte sie oft und oft gelesen, vor Jahren und jetzt wieder. Der Wohllaut der Verse klang ihm im Ohr wieder. »Gattin! Schwester! Engel! Lenkerin des Schicksals Du, Dess' Pfad so sternlos war! Zu spät Geliebte! O, die zu früh ich angebetet habe!« Es war die Stelle aus Shelleys Epipsychidion. Eine Stunde später pochte es an der Türe und der Außenwärter, der im Korridor saß, reichte Wärter Folsom ein kleines Paket herein. Es enthielt das Handbuch für drahtlose Telegraphie mit dem Aufdruck: »S. S. Maple Leaf« und dem Wahrzeichen der Transcanadian Co., der das Schiff gehörte, dem Ahornblatt. Außerdem lag eine zusammengefaltete Zeitung bei, sowie ein mit einem Stempel versehener Zettel von der Hand des Reverends: ein Besuch des Drahtlosen könne leider nicht gestattet werden; das mitfolgende Buch aus der Kabine des Kapitäns dürfte dafür die gewünschte Auskunft enthalten. Garrat entfaltete die Zeitung und sein Blick fiel sogleich auf ein großes Klischee, das die obere Hälfte der dritten Seite einnahm. Es war die Abbildung seiner Karte in natürlicher Größe. Die zerrissnen Teile waren aneinander geklebt worden und er konnte deutlich die Worte lesen, die er in jener letzten Nacht vor der Ankunft in Rimouski, nach seiner letzten Aussprache mit ihr oben auf dem Sonnendeck aufgeschrieben hatte. Die Fetzen der Karte, die er zerrissen, hatte er in eine Tasche seines Mantels gesteckt, wo sie später von den Detektivs gefunden worden waren. 264 »Ich kann die Qualen dieser letzten Nacht nicht mehr ertragen. Sehe keine Hoffnung mehr für mich. Wohl aber für Dich noch vieles Schöne und Freudige im Leben. Mit dem Gelde würden wir ja bald zu Ende sein. Ich ziehe jetzt das Fazit und springe über Bord. Mein letzter Gedanke und mein letztes Wort an Dich lautet: Liebe. Walter.« Er las in der Zeitung noch dies und das. Unter anderm eine großgedruckte Überschrift: Friedensrichter Rangers teilt unserm Berichterstatter mit, daß Cora Stratton »Doktor« Garrat unverbrüchlich die Treue bewahre. Garrat las das Wort Doktor vor seinem Namen in Anführungszeichen und verzog die Lippen. Dann legte er das Blatt fort und bat Wärter Folsom, es an sich zu nehmen. Er blätterte im Handbuch der drahtlosen Telegraphie und sah aufmerksam die Abbildungen an; legte es dann fort und griff aufs neue zum Band Shelley. * Was ihn ganz unverhältnismäßig schwer bedrückte, seit er sich auf der»Maple Leaf« befand, war: daß niemand an den beiden Fenstern seiner schönen, geräumigen Kabine vorüberging. Jener Teil des Decks war für die Mitreisenden abgesperrt. Daß er auf dem schönen großen Schiff ein Gefangener war, quälte ihn tiefer, als ihn die Gefangenschaft im Gerichtshaus zu Quebec gequält hatte, obzwar er ja dorthin aus der Freiheit kopfüber hinuntergestürzt war, wie in einen tiefen Brunnenschacht. Niemand ging an den Scheiben vorüber. Einmal nur hatte er zwei Matrosen das Deck scheuern sehn, ganz früh am Morgen. Die stumpf neugierigen, scheuen Blicke der bärtigen Gesichter waren zwischen dem ewig unveränderten Horizont des glatten Meeres und dem Messingrahmen 265 seiner Fensterscheibe aufgetaucht – eines der Gesichter mit rasierter Oberlippe, das andre struppig und feuerrot. Wie eine Aufgabe, die ihm, spät doch unabwendbar, mit kurzer Frist vom Schicksal gestellt worden war, wiederholte er die Worte Shelleys. Dabei ging es ihm wunderbarer mit jedem Mal. Während er noch vor einem Tage unter den Zügen der bräutlichen Schwester, der schwesterlichen Braut sie erblickt hatte – die er in einem andern Raum desselben Schiffes wußte – wo? auf diesem selben Deck? oder tiefer unter ihm? sicherlich aber mit diesem selben trostlosen Ausblick ohne Menschen vor dem Fenster, auf das unveränderliche glatte Meer – sah er nun ein andres Gesicht durch dieses vertraute hindurchscheinen: ihres, das wahre, der Schwester und der Braut. Mit blitzartig aufflackernden Augen starrte es erschrocken aus dem Fond eines Hansoms in sein Gesicht, neben sich das kleine Antlitz eines Kindes, ein Sommerhut beschattete die Augen, dann verschwand alles. Das Gesicht war es: der Braut und der Schwester. Und jenes, hier, näher zum seinen, Coras, das er in Leidenschaft und Verzagtheit, Liebe, heller Lust und ausgelassner Freude, in tiefem Schlaf und überhellem Aufhorchen wechselnd erblickt hatte, wurde überschattet und zog sich tiefer in sein Bewußtsein zurück, je öfter die Zeilen des Gedichts sich vor seinen Augen, die nicht mehr zu lesen brauchten, in voller Klarheit der gedruckten Worte spiegelten. Garrat blickte zum Wächter hinüber und sagte sich: das ist der Mensch. Tag und Nacht bewacht und doch ein Geheimnis behütet, das keiner kennt und das das heimlichste und wichtigste von allen ist. Wie das Geheimnis an die Oberfläche drang, sich in die Tiefe zurückzog, um dann in erneutem, stärkerem Vorwärtsstoßen die Eindrücke des Tages und der Nacht zu übertönen! Oft war es fast verschollen. Dann saß Garrat 266 und blickte dem Rauch seiner Pfeife nach: was stieg in die Höhe vor seinem Blick? War das die Gefangne auf dem Schiff, seine Gefährtin in Tod und Leben, in der Schande und der Freiheit? Oder aber das andre Gesicht, das im Fond des Wagens aufgeflackert war, unter einem breitkrempigen Sommerhut, und erloschen gleich darauf im vorüberrollenden Gefährt? Das jugendliche, hell und lächelnd unter Bäumen, inmitten zweier andrer, gleichgültiger, von Musik umrauscht und dann, auf dem Themseboot, um das Sonnenlichter auf japanischen Schirmen tanzten? Man hatte ihm alles fortgenommen, bis auf die Kleider, die er am Leibe trug. Das Bild in seinem Koffer war fort. Aber das Geheimnis kam und ging. Stärker und immer stärker prägte sich das erschrockne, fliehende, für einen Augenblick nur angeschaute Antlitz ein. Im Dröhnen und Schüttern des Schiffskörpers, im leisen, beständigen Ächzen und Knarren der Kajüte, im Rauch, der aus der warmen Pfeife schweigend quoll, aus dem Gefüge der gedruckten Worte und Zeilen des Buches, schien es sich stärker und stärker zu entwickeln. Sein Weg bahnte sich durch die Erinnerung an jene ferneren, sinnlich anziehenden Züge der jugendlich lächelnden, sonnenumspielten Adela, durch die nächste, die gegenwärtige Coras – und blieb das Letzte, war das Bleibende, dieses für einen einzigen, kurzen Augenblick nur erhaschte, gleich wieder versunkne: das Geheimnis. Garrat sagte sich: Dienstag, vier Uhr nachmittag. – Sonnabend früh Liverpool. – Sonnabend abend London. Ein Eindruck, ganz frisch noch und quälend, zog wie ein ziehend grimmiger Schmerz, der nur von kurzer Dauer sein kann, an ihm vorüber: der Tender, auf dem er, und mit ihm Cora Stratton durch ein halb Dutzend Schritte nur von ihm getrennt, aber ihm unsichtbar (da Wärter, 267 Detektivs, Wärterinnen, das ganze Personal, das sie auf der »Maple Leaf« nach England zurückbegleiten sollte, zwischen ihnen standen), im heißen Nebel der Augustnacht vom verdeckten Pier hinüber nach dem schlafenden, schwach beleuchteten Schiff auf dem St. Laurenz-Strom gebracht worden war. Plötzlich, wenige Meter weit vom Tender: das jäh aufflammende Magnesiumlicht, auf einem bis dahin unsichtbar gebliebenen Nachbartender, in dem für die Dauer einer Sekunde die aufgeregte Schar der Photographen, Journalisten, des neugierigen Publikums sich gezeigt hatte. Und dann – schlimmer als dies – das nervöse Emportauchen seiner Hände, in deren Gelenke sich blitzscharf die Fesseln schnitten! Rascher, als es sich denken ließ, war der Alp vorbei und fort. Auch der Schmerz darüber, daß in diesem Raum er noch vier Tage lang sein müsse und niemand zwischen sich und dem endlosen Gewässer sehen dürfe, aber dabei von allen, allen gesehen werde, den Augen der ganzen Welt preisgegeben, von ihnen gesichtet ohne Unterlaß – auch dieser Schmerz zog wie eine Wolke an der reglosen Unendlichkeit des Meeres hinter den Scheiben und dem leeren Verdeck vorüber und war nicht mehr. Es blieb allein das Antlitz, geheimnisvoll ineinandergeschmolzen mit den Worten des wieder auferstehenden Gedichts. * Zwischen den Gegenständen auf Garrats Tisch befand sich ein weißer Papierbogen. Wärter Folsom beobachtete Garrat, wie er zuweilen eine Feder ergriff und, ohne sie in die Tinte einzutauchen, Zeichen auf das Blatt zu schreiben begann. Schreibübungen offenbar, denn er ließ sich Zeit zu dieser Betätigung. Die Feder hinterließ keine Spuren auf dem Papier. 268 Auf diese Art entstand eine Art Protokoll, an dem Garrat, die Linke an Wange, Ohr und Mund gepreßt, oft stundenlang arbeitete oder brütete in gespannter Aufmerksamkeit. Das imaginäre Schriftstück fing mit einer Darstellung des Tatbestandes an, welcher sich ziemlich genau mit dem Anklageakt deckte, den Garrat in Quebec vom Richter Rangers vorgelesen erhalten hatte. Er hatte Geistesgegenwart genug besessen, sich den Wortlaut der Anklage genau zu merken, und in den Schreibübungen auf dem weißen Blatte war er bestrebt, ohne Abweichung die Worte aufzuzeichnen, die er im Gerichtszimmer gehört hatte. Er trachtete sogar wörtlich die Darstellung des Befundes der Leiche und des Raumes in dem verödeten Hause für sich selber zu wiederholen und seine Verteidigung auf diesen Befund, von dem er durch die Anklage allein Kenntnis erhalten zu haben behauptete, aufzubauen. Jede noch so geringfügige Abweichung, eine Ergänzung so gut wie das Fortlassen einer Einzelheit, konnte verhängnisvolle Folgen in sich bergen. Garrat schrieb und schrieb mit trockner Feder – ein Zeitvertreib, eine Marotte, die Wärter Folsom weiter nicht ernst zu nehmen beschloß, dem Kommissär aber draußen auf dem Schiff pflichtschuldig weitergab und berichtete. Auf dem unsichtbaren Schriftstück folgte dem Tatbestand die ausführliche, von Garrat bis in die letzten Verzweigungen entworfne Verteidigungsrede. Eine Darstellung seines Ehelebens, der Gewissensnöte, die ihn bestimmt hatten, seine Londoner Existenz ein für allemal abzubrechen und anderweitig eine neue zu beginnen: die Einsicht in die Unhaltbarkeit seiner moralischen und wirtschaftlichen Situation. Garrat gab auf dem Blatte eine Darstellung der inneren Kämpfe, die ihn verfolgten, da er die Gemeinschädlichkeit der Geheimmittel erkannt hatte, von deren Vertrieb er lebte, er, der ehemals ein 269 Mann der exakten Wissenschaft gewesen war. Auch das Geständnis beträchtlicher Verfehlungen fand hier Platz: er hatte seine Geschäfte nicht als redlicher Kaufmann geführt – und doch waren ihm die veruntreuten Summen unter den Fingern zerflossen, er wußte nicht, wie. Antikamnia und Dr. Oldports System wurden einer eingehenden Analyse unterworfen, die Fabrikanten in Neuyork, Rochester und Chikago als die Volksverderber denunziert, die sie waren. Der ungetreue Kaufmann und Verschleißer riß seine Auftraggeber mit sich in den Abgrund. Hierdurch glaubte er eine Pflicht erfüllen zu können. Er war Doktor. Es lag kein Grund vor, an der Echtheit seines Titels zu zweifeln, für die er ein Dokument der Londoner Fakultät vorweisen konnte. Daß er bis zum Helfershelfer überführter Scharlatane und Giftmischer herunterkommen mußte, war seine Schuld, seine allein. Die Ursache lag in der Verzweiflung, die ihm der Ablauf seiner Existenz auferlegt hatte. Hätte er den moralischen Mut besessen, die Unwürdigkeit seiner häuslichen Not abzuwerfen, dann wäre es ihm wohl auch gelungen, sich von dem Makel zu befreien, der ihm durch seine Geschäfte vor der Welt aufgedrückt war. Es war die Scham über seine Schwäche, die ihn fortgetrieben hatte von allem. Und daß er Cora Stratton, die Mitwisserin seiner häuslichen Schande, die zugleich Helferin bei seinen Geschäftsmanipulationen am Kingsway war, mit sich ins Verderben ziehen mußte – das hatte ihn bis zum Gedanken an den Selbstmord vorwärts getrieben, wie die zerfetzte Karte bewies. Garrat baute an einem System, in dem die Persönlichkeit seiner Freunde wohl berücksichtigt war. Denn Frederik O'Gorman war, ebenso wie Dr. Willoughby, ein namhaftes Mitglied des Londoner Klubs »Die Söhne Äsculapii«, Max Evell aber der sehr angesehene und 270 wohlhabende Herausgeber einer Fachzeitschrift für die Varietékünstler des Vereinigten Königreichs. Sie durften in jeder Hinsicht als Entlastungszeugen für Garrat gelten, schon durch das Gewicht ihrer Namen. Zudem nahm der von ihnen bestellte Verteidiger Mr. Parker, wie Garrat in Quebec erfuhr, unter den Kriminalisten Englands einen hohen und anerkannten Rang ein und galt keineswegs als leichtfertiger Anwalt für aufsehenerregende Fälle vor der öffentlichen Meinung Englands. Die Darstellung der Szenen, die dem Verschwinden Belles aus dem Hause in Morton-Crescent vorangingen, nahm einen breiten Raum in Garrats schriftlicher Arbeit in Anspruch. Auf Waterton ging Garrat in geringerm Maße ein – er hatte in Quebec gehört, daß sich Waterton zu rechtfertigen und sein Alibi zu beweisen verstanden hatte. Die Herzählung all dessen, was er von Belle wußte, aber selbst Cora verschwiegen hatte, ihrer Gewohnheiten, Gelüste, ihrer Liebhaber bildete ein schweres Gegengewicht gegen die Empfindungen, die das rote Büchlein, der Band Shelley, den er in Quebec sich hatte kaufen lassen, in ihm wachriefen. Ein starker, bitterer Geschmack der Sünde und Schmach zog sich durch diese Gedanken in seinem Innern. Er erblickte zuweilen Belle mit verschränkten Armen vor sich, die kleinen gefärbten Locken kunstvoll um die Stirn geordnet; die groben Gelenke ihrer Hände und die zynische Form der Finger; ihre in hohen Lackschuhen steckenden Füße, die verschnürten Schäfte dieser Schuhe, eine Reminiszenz an die Zeit ihres Auftretens mit Signor Pantellari. Inmitten dieser Gedanken packte ihn oft Verzweiflung, nicht so sehr über sein gegenwärtiges Schicksal, sondern darüber, daß er und wie er Belle sich hatte anschließen können in jener ersten Zeit, so bald, nachdem er Adela Bourke aus den Augen verloren hatte . . . 271 Dann suchte er nach einem Halt in der Wirklichkeit, in dieser trostlosen, verzweifelten Wirklichkeit um ihn. Garrat glaubte in dem Verhalten des Wärters Folsom eine Spiegelung der Stimmung zu erkennen, die die Reisenden auf der »Maple Leaf« ihm gegenüber hegen mochten. Garrats sanfte und höfliche Art zu sprechen und sich zu benehmen, die ehemals so viele Personen seines Umgangs bestochen hatte, ihm manchen Freund und das Vertrauen manches Freundes verschafft hatte, war auch dem Wärter gewiß angenehm zum Bewußtsein gekommen. Garrat fühlte Erleichterung, ja etwas wie Hoffnung bei dem Gedanken, daß Wärter Folsom dem Publikum auf dem Schiff Günstiges über seine Umgangsformen, seinen Gemütszustand, seine Beschäftigungen in der Kajüte aussagen könnte. Darüber, daß ihm dort draußen auf dem Schiff möglicherweise Sympathien erwuchsen, vielleicht sogar ernstere Empfindungen entgegengebracht wurden – die Menschen mußten doch aus den Zeitungen erfahren haben, daß er ernst und beharrlich das Verbrechen leugnete, dessen er angeklagt war! An den Abenden des wunderbaren Sonnenuntergangs, der auch seine Kabine mit zauberhaften Farben tönte, nährte Garrat die Hoffnung in sich, der Kapitän der »Maple Leaf« werde plötzlich bei ihm eintreten und ihm den Vorschlag machen, mit ihm ein wenig über das Verdeck spazierenzugehen. Und daß er sich dann aus Blicken, vielleicht Grüßen des Publikums darüber vergewissern werde, daß seine Sache zum besten stände. Er entsann sich einiger Leute auf der »Inverneß«, einfacher, bescheidener und freundlicher Menschen aus den westlichen Teilen der Dominion, und konstruierte sich aus diesen den Typus seiner Freunde auf der »Maple Leaf«, von denen er gegrüßt zu werden hoffte. Ja, er war 272 überzeugt davon, daß die Leute dort draußen auf dem Schiff ihm günstig gesinnt seien. Wenn er, voll von diesen Gedanken, sich an seine Arbeit setzte, vor das leere Blatt, dann mochte es geschehen, daß in die Schilderung, die er sich von Belles Charakter gab, unerwartete Züge einflossen, die die Tote rechtfertigten; die ihr Leben, ihre Gewohnheiten, die Bedingungen ihrer Existenz aus ihren Anfängen, ihrer Herkunft und Jugend, die sie ihm immer nur andeutungsweise geoffenbart hatte und die er nur unvollkommen kannte, ableiteten und zu verklären suchten. Er horchte in sich, als wäre er selbst durch solche, in versonnenen Augenblicken aufsteigenden Gefühle der Gerechtigkeit überrascht, in sich selbst beruhigt, erquickt. Zugleich kam es ihm zum Bewußtsein, daß er, würde er vor seinen Richtern Züge dieser Art in Belles Charakterbild einflechten, einen günstigen Eindruck auf das Gericht und die Jury machen müßte. Aber diese Erkenntnis überwog keineswegs; eine große Beruhigung und Helligkeit ruhte auf seiner seltsamen Arbeit, wenn er, nach Gerechtigkeit fahndend, an Belle und ihr Schicksal dachte. Cora Strattons Schicksal betrübte ihn. Aber da er für sich eine günstige Lösung erhoffte, ja zuweilen mit Gewißheit kommen sah, fühlte er sich von keiner brennenden Sorge um Cora bedrängt. Er wußte, daß sie, jung, hübsch und lebensklug, wie sie war, einer Zukunft entgegenwuchs, die vielleicht alles gutmachen wird, was er mit seinem Unglück an ihrem gegenwärtigen Leben verdorben hatte. Heute waren die Blicke der Welt gierig auf sie gerichtet – eines Tages werden sie sie bewundernd umschmeicheln, das war sicher. Ja, sie wird eines Tages frei und von ihm gegangen sein. Die Prüfung wird für sie vorbei sein – er sah sie, strahlend, wie er sie auf ihren Fahrten nach Brighton, 273 in den Restaurants nach dem Theaterbesuch, auf dem Schiff sogar während der ersten Stunden der Reise erblickt hatte. Und wenn er sie sich so vorstellte, frei, aus seinem Gesichtskreis geschwunden, von ihm getrennt, dann verzweifelte er plötzlich, die Illusion sank zusammen und die verdrängte Ahnung schoß hervor und beherrschte ihn, daß für ihn ja alles zu Ende, daß er verloren sei! Fliehend kehrten seine Gedanken zum kleinen Buch zurück, und die göttlichen Verse, die er mit geschlossenen Augen auswendig hersagte, übertönten und verschlangen allmählich die Wirklichkeit mit ihren Schrecknissen. Wie war nur mein Schicksal? frug sich Garrat. Bin ich vorbestimmt gewesen für das, was aus mir geworden ist? Mußte nur geschehen, was geschehen ist? Was hat mich in den Tagen, in denen mein Leben sich dem ihren genähert hatte, von ihr fortgetrieben und abseits verschlagen vom Wege, den die gerechten Menschen wandeln? Bin ich führerlos gewesen oder ging der Führer von mir zu ihr hinüber, nahm sie unter seine Obhut und drängte sie aus meinem Wege, der notwendig und grauenhaft verhängnisvoll dort einmündete, wo ich nun angelangt bin? Er sah Adela vor sich auf dem Bilde, das er nicht mehr besaß und das er vor Wochen, an einem Abend, aus Coras Händen gerissen hatte. Er entsann sich, daß er sich ja eigentlich niemals genaue Rechenschaft gegeben hatte darüber, wie er und weshalb er und Adela voneinander geraten mußten? Jetzt dankte er dem Schicksal dafür, daß es ihn in die Irre gewiesen hatte, damit die Schwester, die Verlobte den Pfad nicht an der Seite des Gezeichneten zu gehen brauche . . . In den Stunden der Nacht, während die Atemzüge des Wächters auf dem Lager bei der Türe, das Rauschen der Wellen, das Dröhnen und Knistern von Maschine und Holzwand allein um ihn lebten, geleitete er Adela durch ihre 274 Jahre. Ihr Weg lief weitab von seinem. Sie hatte einen Gatten, ein Heim, ein schönes Kind. An einem Punkte, für die Spanne eines geringen Augenblicks hatten ihre Wege sich getroffen. Zwei entsetzte Augen hatten erschrocken in seine geblickt, als ob sie sähen  . . . Vielleicht sahen sie in Wirklichkeit. Denn an jenem Tage begann es ja, von jenem Augenblick an begann ja die Erfüllung! So verging das Leben des Gefangenen auf der »Maple Leaf«! – – – * »Ich muß Sie um Verzeihung bitten, Wärter!« sagte Garrat am Tage vor der Ankunft in Liverpool zu Folsom, der erstaunt aufblickte und Garrat fragte, was er denn zu verzeihen habe? »Sie sind meinetwegen nun so lange von Ihrer Frau und ihren drei kleinen Kindern getrennt.« »Mr. Garrat, es ist doch mein Beruf!« sagte Folsom und errötete wider Willen, so erstaunlich und überraschend schien ihm, was der Gefangene ihm eben gesagt hatte. »Nein, nein, bitte, verzeihen Sie mir's, daß ich die Ursache bin, weshalb Sie von Frau und Kindern nun so lange getrennt sein mußten!« Auch dies berichtete Wärter Folsom seiner Pflicht gemäß dem Kommissär in der Kabine des Kapitäns. Der Kommissär zog die Brauen hoch und sagte: »Ein geriebener Patron. Gehen Sie doch auf solche Themen nicht ein, Folsom. Sie sind doch kein Grünhorn, Folsom. Trachten Sie mit ihm über seine eigenen Angelegenheiten zu sprechen, wenn er das Bedürfnis hat, sich mitzuteilen, und lehnen Sie alles andre Geschwätz ab.« * 275 Der August war heiß und trocken in der Umgebung Londons. Die Gärten und Wiesen von Kew und Richmond strömten Blumen und Heuduft herüber in die offenen Fenster des Häuschens, darin Adela seit Wochen einsam mit Sheila und Feuer hauste. Sie verlag halbe Tage unten im Schatten der hohen Wickenstauden, die in zarten Farben, von der Sonne durchschienen, bis zur Höhe des Daches emporgerankt waren. Adelas Hände lagen durchsichtig und müde auf ihrem Schoß; Blut und Adern schimmerten durch die Haut in den Farben der feinen und rasch verwelkenden Blüten. Sie ruhte mit geschlossenen Augen in dem bequemen Stuhl und ließ ihre Gedanken vorbeiziehen. Ein Buch nahm sie nur selten zur Hand, Zeitungen hatte sie, seit sie in Mrs. Newalls Haus weilte, überhaupt nicht mehr gesehen. Zuweilen nahm sie das kleine Onyxkreuz vom Schreibtisch mit sich hinunter und behielt es stundenlang zwischen den Händen. War Sheila bei ihr, so versteckte sie es in ihrem Ärmel oder den Falten ihres Kleides. Aber wenn das Kind dann in den Garten lief, zur Grotte, die es seinen Puppen gebaut hatte, zur Schneckenkolonie bei der Mauer, dann holte sie das steinerne Zeichen wieder hervor und umklammerte es mit ihren Händen. Sie litt darunter, daß Herr Lucas lange nicht mehr bei ihr gewesen war. Sie konnte es sich nicht erklären, was die Ursache dieser langen Abwesenheit sein mochte. Das letztemal war er bei ihr gewesen, als Feuer zu ihrem Schreck mit versengtem Fell und großen blutenden Striemen plötzlich im Zimmer aufgetaucht war. Das hatte Herrn Lucas wohl erschreckt. Sie wußte ja: in seiner Seele gingen sonderbare Ereignisse und Gefühle durcheinander und führten ihn ihren unergründlichen Weg. Sie hätte sich gern von dem Tier getrennt, hätte sie nur gewußt, daß sie dadurch den Freund wiedergewinnen könnte. 276 Denn sie brauchte ihn. Er hatte ihr schon oft geholfen. Noch zuletzt hatte er sich mit ihr über den schrecklichen Abgrund ihrer Träume gebeugt, die sie zu überwältigen drohten. Jetzt brauchte sie ihn dringender als je. Denn aus ihrem Traum war mit einemmal eine Vorstellung, eine Folge von Worten, eine Verszeile aufgetaucht, deren Ursprung sie nicht zu finden vermochte. Wo standen diese Worte? Wo hatte sie sie gehört? Gelesen? Nein – gehört! Vielleicht selber gesprochen. Seltsam war es, sie konnte sich an die Worte nur erinnern, wenn sie sich an einen Tonfall, einen klagenden, wogenden Klang mit erinnerte. Der kam unbedingt aus dem Traum in ihr Bewußtsein und beängstigte ihren wachen Tag, da sie sich nicht zu entsinnen vermochte. Diese krankhafte Qual verfolgte sie seit Tagen beständig, sie verlebte ihren Tag unter den Wickenblüten mit unerklärlichem Mißmut, in einer langen Melancholie, aus der sie nur für Minuten auftauchte. Waren die Worte vom Dichter der Annabel Lee? Sie hatte sich die Gedichte Edgar Poes gekauft, um das Gedicht, von dem Herr Lucas oft sprach, lesen zu können. Sie durchforschte das feine, in Wildleder gebundene Büchlein nach den Worten, deren Ursprung sie quälte, fand sie nicht. Sheila fand ihre Mutter jetzt am Abend oft vor ihrem Schreibtisch sitzend, den Kopf in die Hand gelegt, einen Briefbogen vor sich im Schein der Lampe. Wenn das Kind dann näher kam und frug: »Mammy, an wen schreibst du?« dann konnte es vorkommen, daß Adela rasch, als wäre sie ertappt, das Blatt mit beiden Händen verdeckte. Aber Sheila hatte ja doch gesehen: das Blatt war immer leer. Warum schrieb Mammy nicht, wenn sie so lange vor dem Briefbogen saß? Sheila sprach mit ihren Puppen über diese sonderbare Entdeckung. Sie tat dies, ohne die Lippen zu bewegen, 277 die Puppen verstanden sie. Oft sah sie auch, wie die Mutter, ohne eine Feder zur Hand zu nehmen, leise mit dem Finger die Konturen von Buchstaben auf das Papier strich, dann aufhörte und hierauf dieselbe Zeile wieder mit dem Schatten des Fingers auf das blanke Papier zeichnete. Sheila unterhielt sich mit Rubidack und Joan über dieses seltsame Gebaren und kam mit den Geschöpfen überein, daß es Herr Lucas sein müsse, an den sie schrieb, ohne es zu wagen – an den einzigen Freund, den sie besaß, und der ihr den Rücken gekehrt hatte. Auch Mrs. Newall fand ihre Mieterin zuweilen so vor dem leeren Blatt sitzend, das dann, wenn sie die Stuben aufräumte, genau und durchs Licht besehen nicht das geringste Zeichen einer Schrift an sich trug. Mrs. Newall drehte und wendete das Blatt nach allen Seiten und legte es auf seinen Platz zurück. Sie sprach sogar mit dem Professor im Erdgeschoß über diese Absonderlichkeit ihrer Mieterin. Aber der murmelte etwas von berechtigter Vorsicht gegen die Neugierde von unbeschäftigten Personen, worauf Mrs. Newall die Glastür zum Atelier zuwarf, so daß das Klirren im ganzen Hause zu hören war. Leidend und matt schleppte sich Adela die Treppen hinauf, in den Garten zurück. Die Dürre hielt nun schon seit Wochen an, oft schien es ihr, als müsse ihr Herz unter dem Stocken des Atems, das ihren Körper erschütterte, aufhören zu schlagen. An den Sonntagen raffte sie sich auf und fuhr nach Hampstead in die kleine Kirche zu St. John. Sie lag noch auf den Knien, als die Gemeinde schon aus der Andacht erwacht war. Es tat ihr wohl; oft vergaß sie vollends, wo sie war und in welcher Umgebung. Auch die Orgel vermochte sie nicht aufzuwecken. Im Vorübergehen hatte sie einen Blick auf die Fenster im ersten Stockwerk des Hauses in Church Row geworfen, und jetzt, während 278 sie kniete, lag der Glanz der Scheiben noch unter ihren geschlossenen Lidern. Sie sang jene heimliche Folge von Worten, jene verschleierte Verszeile wie eine Strophe des Psalms, den die Gemeinde angestimmt hatte, mit, es war ihr dabei zu Mute, als bete sie so inbrünstig wie nur irgendeiner oder eine der Gemeinde in der kleinen altmodischen Kirche. Daß das eine Blasphemie sein könnte, was sie da tat, kam ihr nicht in den Sinn, obzwar sie aus reinem Drang, zu Gott zu beten, in die Kirche gekommen war. Je stärker sie eins werden konnte mit dem Allmächtigen, um so gekräftigter würde sie den geheiligten Raum verlassen können, um ihr Werk zu tun! Es war, seit sie fern von den Menschen lebte, die einzige Quelle! Undeutlich gewahrte sie durch diesen Vorsatz ihr Verbundensein mit den Menschen in West-House, mit Cora Strattons Mutter, mit Falkoner und ihrem Kreis. Gab sie sich ihnen hin, dann eröffneten sie sich ihr, zog sie sich in ihr Inneres zurück, dann erkalteten sie, und die Kraft, die sie brauchte, wich weitab. Sie brauchte die Kraft. Die Kraft kam von Gott. Sie sammelte sich im Gebet, im Gesang, in dem Behältnis der Andacht, die die christliche Gemeinde von St. John erfüllte. Adela kam spät am Nachmittag, da die Bahnen selten fuhren und sie öfters umsteigen mußte, in dem Häuschen bei Kew an und verbrachte den Rest des Tages in einem Zustand von glücklicher Erschöpfung. Diese Stunden des Sonntags stellten ihre einzige Verbindung mit der Welt draußen her, aus der ihr auch Briefe und Nachrichten kaum mehr zuflogen. Er mußte unterwegs sein – auf dem Meer, zurück. Sie wußte es, mehr als sie es ahnte oder aus der Erinnerung kalendermäßig berechnen konnte. Er mußte unterwegs nach England sein, dessen war sie sicher. Sie hatte von einem Ornament, goldenen Zweigen und 279 Rosetten auf einer weißlackierten Bretterwand geträumt – sie hatte diese Wand ganz deutlich gesehen, die etwas schräge geschnitten war, nicht wie die Wand eines gemauerten Hauses, sondern eher einer Kajüte. Und sie hatte sie durch ein Fenster erblickt, hinter dem aber etwas Fließendes, Fliehendes war, etwa wie die Spiegelung der Meeresfläche in einem geschliffenen Spiegelglas. Keinen Menschen, einen Raum bloß. Das war weiter nicht wunderbar; das Schiff, die Ruderschläge, beherrschten ihre Vorstellung, zumal im Schlaf – sie erwachte oft von dem Schall der Ruderschläge, vom Spiel der glitzernden Wellen über sich – die Ruderschläge erwiesen sich als die Hufschläge des Pferdes im Stall der entfernten Villa, das Flirren der Wellen aber als das Spiel der Schatten und Lichter, das die Morgensonne durch das Laub des Gartens an die Zimmerdecke zauberte, während der Morgenschlaf sich verflüchtigte. Sie blickte durch das Fenster und sah keinen Menschen. Aber das hieß nicht, daß im Raum, in den sie blickte, niemand anwesend war. Sie wußte, dort drin bewegten sich Menschen, wie ihre Nächte ja auch von Gesichtern, die menschenähnliche Form trugen, beängstigt und belebt waren bis zum Alpdruck. Einmal wachte sie mit einem Schrei auf, der sogar Sheilas tiefen Kinderschlaf störte und zerriß: Michael Malone stand langsam auf von seinem Platze gegenüber ihrem Bett und trat in die tausend Figuren der Tapete zurück, während die Haustiere ihrer Mutter, mit denen er gespielt hatte, auseinanderstoben und sich mit Lauten, wie fernes Pfeifen, in die Winkel verkrochen und verflüchtigten. Michael hatte einen langen dunklen Bart, der ihm ungepflegt und verwildert an den Backen niederhing, sie erkannte ihn kaum in solchem Aussehen! Er hatte wohl höhnisch zu ihr gesprochen, denn sie erwachte mit dem Gefühl des Zornes darüber, daß sie erwacht war, ehe sie ihm die gebührende Antwort gegeben hatte. 280 Dann war Herr Lucas erschienen, gebückt, mit schlurfenden Schritten, quer durch den weißgoldenen Raum an dem Fenster vorüberschreitend, das seine Gestalt aber wie ein Zauberspiegel verschlang und nur dem Gefühl, nicht dem Gesicht auslieferte. Er wollte sie nicht ansehen, hatte seinen Hut tief in die Augen gezogen und war vorüber, ehe sie sich's versah. Stumm hatte sie ihn gehen lassen. Und auch ein Mensch, den sie Garrat nannte, kam durch ihre Träume geschritten. Sie konnte ihn nicht beschreiben, denn er trug nicht die wesenhaften Züge weder Herrn Lucas' noch Professor Hanslows, noch auch des Geistlichen von St. Johns, eines alten Herrn mit rasierter Oberlippe und zottigem Schifferbart unter dem Kinn. Aber es war Garrat. Und wenn sie es bedachte, welche Sicherheit sie denn hatte, daß gerade der Gedanke an ihn sich ihrem Traum und Wachsein mit solcher Bestimmtheit aufdrängte, so konnte sie nur mit der Stimmung, die sie den Tag über beherrschte, auf diese Frage Antwort geben. Oft gelang es ihr zwischen Morgen und Abend nicht mehr, den Gedanken an Garrat loszuwerden. Es war fast eine Besessenheit, gegen die selbst das Amulett des Onyxkreuzes nichts auszurichten vermochte. Sie haßte dann Garrat, weil jeder Versuch, sich seiner Anwesenheit in ihren Gedanken zu erwehren, fehlschlug und sie sich von ihm gegen ihren Willen überwältigt fühlte. Einmal mußte sie aufspringen und ging in blinder Unruhe eine Stunde lang bis zur Erschöpfung in der kleinen kurzen Allee zwischen den Blumen ihres Gartens auf und nieder. Wie in einem Ruck hatte sie das gefühlt: daß ihr Widerstreben gegen Garrat auf ihn selbst in dieser Minute, in dieser Sekunde zurückwirken mußte und daß er eine verzweifelte Handlung beging, irgend etwas, sie wußte nicht was – vielleicht nur ein Wort sprach, das seinen Prozeß 281 unheilvoll berührte, ihn in eine Sackgasse stieß, aus der es keine Errettung mehr gab! Sie frug sich, die Hände gekreuzt über der Brust: was sie denn von ihm erwartete. Das Geständnis seiner Schuld, die er leugnete? Sie konnte es nicht sagen, worauf sie wartete. Sie wartete auf Lösung. Es mußte irgendein Wunder geschehen, das eine Beziehung zwischen ihr und Garrat, der doch von seiner Weiterexistenz in ihrem Leben keine Kenntnis haben mochte, herstellte! Irgend etwas, was ihn und sie selbst rettete. Was das sein konnte, wußte sie nicht. In der Kirche, auf den Knien, dachte sie an das Abendmahl, an die Beichte der Katholiken, an ein ernstes, mildes Wort christlicher Wahrheit, das ihr Erlösung und Ruhe gewährt hätte – aber sie dachte daran nicht im Hinblick auf den Mörder von Belle Garrat. Saß sie am Abend, bis spät in die Nacht, unter ihrer Lampe beim Schreibtisch, dann verdichtete sich ihre Ahnung bis zur Sicherheit: daß er an sie dachte in dieser dunklen Stunde, in der die Erinnerungen an das Vergangene und Verlorene aufsteigen vor Menschen, die ihr Leben verspielt haben. Sie war versucht, Hut und Mantel zu holen, in die Stadt zu fahren, Zeitungen zu kaufen, mit verstellter Stimme an das West-House zu telephonieren, zu fragen, ob Herr Lucas zu sprechen sei, ihn in das österreichische Kaffeehaus an der Ecke der Oxfordstraße zu bestellen, das er, wie sie wußte, oft besuchte. Aber sie hatte sich im nächsten Augenblick schon wieder in ihrer Gewalt, und nun lebte sie wieder das Leben Garrats an seiner Seite mit, verzweifelt und intensiv, wie die Gefährtin seiner Schuld; die Getötete und die Gefangene in derselben Person. Denn wenn sie an Garrat dachte, wie er vor Jahren, 282 in den Maitagen, in denen das Leben noch nicht vertan war, ihr erschienen, dann stellte sich ihr sein ganzes Leben unter diesem unglücklichen Gestirn dar, einer Leidenschaftlichkeit, die sie in versteckten, heimlichen Augenblicken an ihm bemerkt hatte. Einmal, als er sich unbeachtet glaubte und in Maidenhead in einem Gasthause mit der Kellnerin schäkerte. Sie entsann sich der Erkältung, des mahnenden Widerwillens, der sie bestimmte, auf ihrer Hut vor diesem Mann zu sein. Und dann war der Auftritt und das Entfremden, ohne verletzende Worte, von selber in der Tiefe der Empfindung erfolgt, alldas, was nun in beiden wie eine Treulosigkeit, wie der Bruch eines Gelöbnisses weiterleben mußte; Adela fühlte es: in Garrat ebenso wie in ihr, obzwar ja kein Wort gegeben, keine Hoffnung enttäuscht worden war, sondern ihre Wege, die eine Weile im Einvernehmen nebeneinander gelaufen waren, auseinanderstrebten und sich im Nebel weit voneinander verloren. Die beiden, die Ermordete und die Gefangene, sie waren eins, und sie, Adela, war die andre. Zuweilen fühlte sie sich von einer jähen Welle gepackt und mitgerissen – da war es offenkundig: Garrats Gedanken waren mit voller Hingabe bei ihr! In solchen Augenblicken der Offenbarung verließen sie fast ihre Kräfte. Die Knie wankten ihr unter dem Leibe; sie fühlte, wie ihr krauses Haar feucht wurde und sich glatt legte über der Kopfhaut, die dampfte. Sie mußte ein Lager aufsuchen vor Schwäche, ihr Bett, oder den Liegestuhl, wenn sie sich im Garten befand. Dieses Gefühl war von keiner langen Dauer. Es verließ sie bald, aber sie konnte sich aus dem Zustand, der einer Lethargie, fast einem sinnlichen Rausch glich, nur schwer wieder erholen. Daß er von ihr wußte, an sie dachte, war ihr zur Gewißheit geworden. Sie fürchtete die Wiederkehr des 283 Augenblicks, in dem ihr diese Gewißheit wurde, aber sie dachte andrerseits auch oft mit solcher Inbrunst an seine Wiederkehr, daß sein Ausbleiben, das Ausbleiben der Überrumpelung sie enttäuschte und mit Traurigkeit erfüllte. Denn sie wünschte und wollte ja die Verbindung – sie wartete und hoffte auf die Lösung! Aber es kamen andre Augenblicke über sie, und diese brachten Zustände maßloser Erregung und Erschütterung mit sich, so daß sie glaubte, einer Wiederholung solch einer Prüfung nicht mehr gewachsen zu sein, ihr unterliegen zu müssen. Bei ihrem Abscheu vor Malone hatte sie das Gefühl physischer Eifersucht nie an sich erprobt. Anders aber konnte sie die Zustände nicht benennen, noch sich erklären, die sie in jenen Augenblicken überfielen, in ihr Inneres griffen, so daß sie an ihnen zugrunde zu gehn fürchtete. Sie wußte: Eifersucht war eine ungenügende Bezeichnung, eine triviale Auslegung dafür, was sie in jenen Augenblicken der Erschütterung beherrschte: denn sie fühlte in solchen Augenblicken mit tödlicher Gewißheit Garrats Verbindung mit Belle, seine Erfülltheit von den Gedanken an die Ermordete, die so stark waren, daß sie alles, alles um seine sündige Seele herum austilgten und verbrannten. Das erstemal traf sie solch ein Augenblick zur Zeit ihrer Unpäßlichkeit. Mrs. Newall, die das Abendessen in Adelas Zimmer brachte, fand ihre Mieterin in einem Zustand völliger Vernichtung an, sie stellte zitternd das Tablett auf den Stuhl nieder und glaubte, ihre Mieterin sei plötzlich gestorben. Sie stürzte zu ihr, rüttelte und rieb ihre Hände, Arme, Stirne. Adelas Augen standen offen, das Herz hatte ausgesetzt. Mrs. Newall lief schreiend die Treppe hinunter, wollte zum Arzt nach Brentfond hinüberlaufen, der sie vor Jahren 284 behandelt hatte. Aber sie getraute sich nicht, Adela mit dem Kind, das im Garten spielte, allein zu lassen, lief in Angst nochmal die Treppe hinauf und wurde von Adela mit schwacher Stimme angerufen. Dieser Stunde entsann Adela sich lange noch. Sie hatte erraten, sie hatte Gewißheit. Zwischen solchen Erschütterungen lebte sie ihre Tage, sie kamen und gingen und sie wußte, daß sie sie dem Ziel näher führten, Stunde um Stunde, Augenblick um Augenblick. Oft dachte sie an Cora. Sie dachte viel an Garrats Leben, seine Entwicklung, sein Schicksal, das ihn so weit vorwärtsgetrieben hatte, und wohin noch treiben wird? An Cora aber dachte sie mit Traurigkeit und Mitgefühl. War er von Sorge um das Mädchen erfüllt? War ihm die Verantwortlichkeit bewußt, die er auf sich geladen hatte, als er sie in sein Schicksal mitgerissen hatte? Sie fühlte einen schneidenden Schmerz bei dem Gedanken, daß Garrat Cora, die, wie sie wußte, trotz ihrer Leichtfertigkeit treu zu ihm stand, nicht genug lieben und schützen könnte. Daß ein unbedachtes, böses, oder auch nur aus Angst gefälschtes Wort das Mädchen verraten könnte und er so an ihrem Untergang schuld werden müßte. Adela versuchte zu beten, wenn sie das Kreuz in ihren Händen hielt. Sie betete zuweilen die alten Worte der Kindheit, an Jesum, Erlöser der Welt, für alle, die im Schlaf befangen, ringsum in den Häusern die Nacht verbrachtem Sie schloß in das Gebet den Namen des Mädchens Cora Alix Stratton ein. – * »O, ich bin so traurig – was soll ich von all diesem denken? Zuletzt war sie bei mir – lassen Sie mich nachrechnen – o, es müssen über sechs Wochen vergangen sein seither – wir hatten eine gutbesuchte Sitzung, ich erinnere, 285 sogar unsre gute alte Lady Wemyß, die Witwe des Parlamentsmitgliedes war zugegen – nächsten Morgen läutete sie bei mir an, Lady Wemyß, und frug mich über Adela aus . . . sie war konsterniert über ihr Wesen . . . Ja, es steckt irgendein Geheimnis hinter dem Leben von Mrs. Malone, ich glaube sogar, ich war ihm auf der Spur – aber warum hatte sie dann unsre Protokolle mitgenommen, unser Arbeitsmaterial?« »Sie hat Besuche bei den Armen gemacht, ich weiß es!« sagte Mrs. Winterod. »O, ja, erinnerst du dich, Bessie? Einmal begegneten wir ihr auf der Treppe, sie schien ganz verstört; als du sie frugst: aber gute, beste Mrs. Malone, wie befinden Sie sich? antwortete sie: sie komme soeben aus den Slums, den Roseberry-Mews, hinten in Bermondsey irgendwo, glaube ich.« »Ja, ihre Gesundheit war nicht die beste,« sagte Miß Falkoner. »Sie war in kurzer Zeit gealtert, sah verfallen aus, aber warum übernahm sie es dann, zu arbeiten? Eines Tages erhielt ich alles, was sie mitgenommen hatte, zurück, es lagen drei Bogen, vollgeschrieben von ihrer Hand, Befundaufnahmen vor, aber ich fahndete vergeblich nach einer Zeile, die sie doch privatim an mich gerichtet dem Konvolut hätte beilegen können . . . wir waren ja Freundinnen . . . nichts, und in all diesen Wochen kein Lebenszeichen!« »Uns geht es nicht anders. Und keinem hier in unserm lieben West-House. Sogar unsre teure Miß West weiß nichts von ihr . . . doch vielleicht einer . . . aber es steht nicht fest . . .« »So? Wer?« frug Miß Falkoner. Ihr Kneifer funkelte. »Es ist unrecht von der Dame«, sagte der alte Herr Winterod. »Wir hatten sie in unser Herz geschlossen.« »Sie hatte einen Kummer, John!« sagte Frau Winterod. »Sie hatte einen Kummer. Ich fühlte es aus ihrem ganzen Gehaben heraus. Darum ging sie abseits.« 286 »Wir vermissen sie sehr. Und ihr süßes Kind auch,« sagte Herr Winterod. »O, dieses kleine Mädchen!« seufzte Miß Falkoner. »Ich verzweifle daran, aus ihm klug zu werden. Übrigens hat sich, als sie zuletzt bei mir war, Adela vor mir und allen den Damen und Herren bezichtigt, an dem Unglück ihres Kindes Schuld zu tragen, vor der Geburt, behauptete sie, durch die mangelnde Liebe, die sie dem Kind gegeben hatte – o, sie war schwer von Gemüt, die arme Frau, ich bin in Sorge um sie, ja, wahrhaftig in banger Sorge.« Mr. und Mrs. Winterod schwiegen und dasselbe tat Miß Falkoner. Aber mit einemmal wurde die Türe aufgestoßen und Miß Dalmayne trat ein, in großer Aufregung, und führte Sheila an der Hand. Das Kind hatte einen breiten Sommerhut umgebunden und hatte kleine Zwirnhandschuhe an. »Denken Sie sich – wer mir hier im Flur auf dem ersten Stock begegnet!« rief Miß Dalmayne. Sie drückte und herzte das Kind und konnte sich kaum beruhigen. »O, Baby!« Miß Falkoner war auf Sheila losgestürzt. »Wo ist deine Mammy!« rief das alte Ehepaar. Sheila ging zu Herrn und Frau Winterod, zu Miß Falkoner, reichte allen schweigend die Hand und blieb dann bescheiden in schweigendem Ernst vor den Anwesenden stehn. Dalmayne hob sie auf einen Stuhl. Alle umringten sie. »Allein?« frug Falkoner betreten. Dalmayne nickte für das Kind, den Blick fanatisch nicht von dem Gesichtlein Sheilas gewandt, Tränen in den Augenwinkeln. »Wie ist das möglich. Wo kommst du her? Endlich werden wir erfahren. Wo hast du Mammy gelassen?« Das Kind saß schweigend da und blickte vor sich hin. »Warum sprichst du nicht? Hast du eine Botschaft für 287 einen von uns? Läßt Mammy was sagen? Darf nur einer von uns es hören?« »Miß West?« »Vielleicht Herr Lucas . . .« »Warum spricht sie nicht?« »Baby, so höre doch! Gott, so sprich doch.« Sheila zupfte sich den rechten Handschuh ab: »Feuer, unsre Katze ist seit zwei Tagen nicht nach Hause gekommen. Ich wollte nachsehen, ob sie sich geirrt hat und hierher gelaufen ist.« Dalmayne brach zuerst das Schweigen. »Nein, sie wird nichts mehr sagen, ich kenne dieses Kind. Wir werden nichts mehr aus ihr herausholen. So ist sie.« »Ach, Miß Dalmayne, Sie verderben alles!« sagte Mrs. Winterod. »Komm zu mir, Baby, sage, wie geht es Mammy!« Und die alte Dame holte Konfekt, Keks, Krachmandeln aus dem Schrank, drängte alles dem Kinde auf – Sheila nahm mit spitzen Fingern eine Mandel, aß die Hälfte, legte die andere aufs Tablett zurück. Eine halbe Stunde später ging sie, wie sie gekommen war und hatte nichts verraten, auf alle Fragen die gleiche Antwort gegeben: Feuer sei fort, sie sei Feuers wegen gekommen. Auf dem Wege hinunter beschwor Dalmayne das Kind unter Tränen, der Mutter zu bestellen, wie sehr sie sie entbehre; sie sei unglücklich, habe niemanden, mit dem sie sich beraten könnte und sie müsse, ja sie müsse Adela sehen. Unbedingt. Sie sprach zum Kinde wie zu einer Erwachsenen. Aber Sheila ließ kein Wort mehr hören. – Sie ging über den Nachtigallenplatz und bog dann in die Straße ab, die zum Britischen Museum führte. Sie durchquerte den Vorplatz und betrat die Säulenrampe. – »Bitte, Sir, wo ist die Abteilung von Indien?« 288 Der Diener sagte: »– Kind, die Sammlungen sind schon gesperrt.« »Die Bücher von Indien,« verbesserte sich Sheila. »Die Bibliothek ist noch offen,« sagte der Diener. »Dann, bitte, führen Sie mich dorthin, wo man die Bücher über Indien liest.« Der alte weißhaarige Diener lächelte und winkte einen Kollegen heran, der mit Folianten bepackt aus dem seitlichen Manuskriptsaal nach der Kuppelhalle hinüberging. Aus der Kuppelhalle kamen zwei Herren heraus und wollten zur Garderobe. »Sheila!« Es war Herr Lucas. Mit ihm ein junger, schmächtiger Mann von olivbrauner Hautfarbe und mit einem blauen tätowierten Stern zwischen den Augenbrauen. Sheila drehte sich nach Herrn Lucas um und reichte ihm ohne das geringste Zeichen von Überraschung ihr Händchen. »Sie sollen zur Mammy kommen, Herr Lucas,« sagte sie leise und indem sie sich abwandte, damit der Inder sie nicht hören könne. »Ist deine Mutter mit dir? Ist sie im Wagen? Hier im Museum?« »Nein, Freund,« sagte Sheila. »Sie ist nicht hier: sie weiß auch nicht, daß ich fort bin, um Sie zu holen. Sie glaubt, ich spiele mit den Kindern in Kew Gardens. Sie darf es auch nicht wissen, daß ich zu Ihnen gekommen bin, denn ich habe ein Fünfschillingstück aus der Schale genommen und bin mit dem Omnibus gefahren.« »Sheila! Kind! Du bist allein in die große Stadt gefahren, du kleines Mädchen?« »Ja,« sagte Sheila ruhig. »Denn Sie müssen bald zu Mammy kommen. Sie haben mit Mammy immer gesprochen, und das hat ihr wohl getan. Mammy muß mit jemand sprechen. Ich weiß es, Mammy ist krank. Sie müssen kommen, Freund, so als ob ich nicht bei Ihnen 289 gewesen wäre und Sie ganz allein wiederkämen. Sonst ist es nicht gut.« »Deine Mutter ist krank?« sagte Herr Lucas. »Ja, Sie müssen bald zu ihr kommen. Versprechen Sie es, Freund, Mr. Lucas!« Herr Lucas verabschiedete sich von dem Inder, fuhr mit Sheila im Omnibus nach Kew. Er wollte wissen, was Sheilas Mutter fehle. In welcher Form sich die Krankheit äußere. Ob Adela etwas verlauten ließ, was darauf schließen lasse, daß er, Lucas, ihr Hilfe bringen könnte? Aber das Kind sprach hartnäckig an diesen Fragen vorbei. Sie überhörte sie eigensinnig und sprach von ihren Schnecken, von Golly, ihrer Puppe, die sich mit der Kolonie an der Mauer angefreundet habe, im Gegensatz zu Rubidack, der ein Bein verloren hatte und das Zimmer hüten müßte. Schweigend fuhren die beiden die letzte weite Strecke von Hammersmith bis zum Tor der Gärten von Kew. Dort stiegen sie aus. Sheila nahm Herrn Lucas das feierliche Versprechen ab, ihre Mutter in den allernächsten Tagen zu besuchen. Dann ging Sheila nach Hause. Herr Lucas bestieg den nächsten Omnibus, der nach London zurückfuhr. * Sonnabend abend fand sich Adela im Laden des Schneiders ein. Sie war befangen, setzte sich auf den ihr angebotenen Stuhl, zog den Schleier tiefer über ihr Gesicht herab. Herr Lucas war noch nicht zugegen. Warum verspätete er sich? Adela sagte sich: Ach, ich hätte nicht kommen sollen. Dieser Schneiderladen! Was suchte sie hier? Wie schon einmal in ihrem neuen Quartier bei Frau Newall, kam sie sich heruntergekommen vor. Sie war doch Dame! Was hatte sie bei dem armseligen deutschen Schneider zu suchen . . . 290 Gottfried Tillmann hatte im Laufe der fünfundzwanzig Jahre, die er nun ununterbrochen in London verlebt hatte, die englische Sprache noch nicht richtig erlernt. Er unterhielt Adela auf linkische Art, mit gutmütigem Humor; erkundigte sich nach seiner alten Freundin Mrs. Newall – er schien Kenntnis davon zu besitzen, daß Adela ihre Pensionärin geworden sei – und als Adela zu allen Fragen entweder stumm nickte oder einsilbige Antwort gab, und auch Herr Lucas nicht kommen wollte, holte der alte Schneider das große, eingerahmte Bild aus dem Schaufenster und begann, es Adela zu erklären. Er war, das war sogleich zu merken, recht stolz auf seine Komposition. Mit verstecktem Sarkasmus (den Adela aber nicht verstand,) behauptete er, der deutsche Kaiser habe etwas Ähnliches entworfen: Völker Europas, haha! Aber seine Komposition unterscheide sich doch in manchen Stücken von der des Kaisers, ha, jawohl! Und er deutete Adela umständlich den Sinn des Karrens mit den beiden Rädern: dem goldenen des Kapitalismus und dem blutigen der Heeresmacht, dann das gemeine Volk, das vor den Karren gespannt war, und auf dem Karren die hochgetürmten Schichten der parasitären Gesellschaft: Bureaukraten, Unternehmer und Spekulanten, Geistlichkeit, Adel, Prinzen, Kaiser. Alle werktätigen Berufe waren unter den Karrenschleppern vertreten. Ganz vorn sah man mit gebeugtem Rücken Schneider Tillmann mit Brille und Ziegenbärtchen, eine Elle und eine mächtige Schere in den herunterhängenden Händen, ziehen und schleppen. Bänder mit Inschriften zogen sich um das Bild: Aussprüche von Marx, Proudhon, Krapotkin und Tillmann. Adela hörte aufmerksam zu und wünschte, sie wäre nicht gekommen. Endlich tat sich die Tür auf und Herr Lucas trat herein. Herr Lucas entschuldigte sich bei Adela und dem Schneider wegen der Verspätung. Er fürchtete, daß er Schuld 291 daran tragen werde, wenn sie von dem Vortrag seines großen Freundes im Klub nur die Hälfte hören würden. Adela fühlte: er hatte bis zuletzt geschwankt, ob er kommen solle oder nicht. Und auch das vermerkte sie: Herr Lucas behandelte Schneider Tillmann mit einer sie in Erstaunen setzenden Ehrerbietung. Er war wohl seinetwegen gekommen, in erster Linie des Schneiders wegen! Ihr Unbehagen wuchs, aber es war ihr ja klar, daß sie, um seine Freundschaft zu bewahren, zu jedem Opfer bereit gewesen wäre. Sie sagte Herrn Lucas sehr leise und unter dem Schleier errötend, wie sehr sie ihn vermißt habe. »Sie sind das letztemal mit einem Schreck in den Gliedern von mir fortgegangen, ich weiß es. Was kann ich machen? Meine Mutter hat mir das Tier mitgegeben. Jetzt ist es den vierten Tag verschwunden; ich glaube wirklich, es ist besser so. Wann kommen Sie wieder zu mir? Sie müssen wiederkommen! Es ist so gut von Ihnen, daß Sie sich meiner wieder erinnert haben. Ich war bereits verzweifelt.« »Ich hoffe, daß der Vortrag im Klub Sie befriedigen wird. Ich sprach Ihnen bereits von Ochoroff, meinem großen Freund. Es ist derselbe, der sich mir so innig angeschlossen hat, damals, als ich in die unbekannte Gesellschaft in St. Johns Wood eindrang.« Schneider Tillmann war in die hintere Stube eingetreten. Herr Lucas sagte leise: »Es ist eine wunderbare Kraft in diesem Deutschen. Er ist ein gläubiger Mensch. Er und seine Freunde leben vollständig in ihrem Glauben befangen. Sie sind von einer einzigen Idee erfüllt. Sie jagen ihrem Schicksal nicht durch die Welt nach, noch auch durch die Straßen der Stadt. Sie werden nicht von Hoffnungen gequält, z. B. in der nächsten Stunde einem Wesen zu begegnen, das Schuhe aus zusammengefaltetem Zeitungspapier an den nackten Füßen trägt, einem einst im 292 Schein der Stromlaternen für einen Augenblick erblickten menschlichen Wesen. O, diese Menschen sind glücklich. Sie haben es in sich gefunden, wonach mancher andre rennt und rennt. Eine große Kraft strömt aus ihnen herüber – und ich fühle sie. Ein warmer Golfstrom! Sie lieben die Zukunft, das ist: die Menschheit. Sie lieben die Menschen! Die unauffälligen, die alltäglichen so gut wie die außerordentlichen. Es ist Liebe, was von ihnen so stark in einen selber herüberstrahlt, eine bezwingende Idee. Oft fühlt man sich ganz überwältigt, so groß ist ihre Kraft.« Adela sagte: »Ich freue mich auf den Vortrag Ihres Freundes im Klub. Wie gut, daß Sie an mich gedacht haben, um mich zu den liebenden Menschen mitzunehmen.« Schneider Tillmann schloß den Laden zu. » Well, wir haben nur drei Häuser weit zu gehen.« Der Klub war auf der andern Seite der kleinen Windmühlengasse gelegen, im geräumigen Hinterzimmer oder Versammlungssaal eines kleinen Hotels, in dem arme Leute, Schweizer Kellner und ähnliche wohnten. Auf einer Tribüne an der Rückwand des vollbesetzten Saales saßen an einem langen Tisch fünf Männer und zwei Frauen. Einige unter ihnen schienen dem Arbeiterstand anzugehören, andre sahen wie Künstler aus. Adela fühlte sich vom Anblick einer jungen, schlicht gekleideten Frau angezogen, die mit aufgestütztem Kinn und geschlossenen Augen dem Redner zunächst am Tische saß. Ihre außerordentlich bleiche Gesichtsfarbe wurde kaum von dem über ihr brennenden rötlichen Gaslicht belebt. Neben ihr saß ein Mann mit kranken Augen und dünnem blonden Bart, der ihm in langen Strähnen auf die Brust niederfiel. Viele Blicke hatten sich den Neuangekommenen zugewendet. Adelas Eleganz erregte keine Aufmerksamkeit, es saßen in der Zuhörerschar, die zum überwiegenden Teil aus Handwerkern bestand, versprengt Männer und Frauen in 293 guter, modischer Kleidung. Adela bemerkte eine Dame mit einem sehr einfachen, aber, wie ihr dünkte, schönen und geschmackvollen Hut, der sicher aus der Werkstatt eines guten Putzmachers stammte. Die Frau unterhielt sich mit ihrer Nachbarin, die ohne Hut dasaß und ein schlafendes Baby auf ihrem Arme wiegte. Vor dem Tische auf der Tribüne stand ein Mann und sprach. In seinem graubraunen Velvetanzug mit Metallknöpfen sah er wie ein Landfuhrmann oder Gemüsekrämer aus der Vorstadt aus. Er stand mit gesenktem Kopf vor der Menge und sprach. Tillmanns Nachbar flüsterte dem Schneider ein paar Worte ins Ohr. Der Schneider wandte sich zu Herrn Lucas: »Es ist einer von den Belagerten in Maroon-Street!« »Hat Ochoroff schon gesprochen?« fragte Lucas. »Ochoroff kommt nicht,« sagte Tillmanns Nachbar. Aus der Reihe vor ihnen wandte sich ein kleiner glühäugiger Jude um und sagte leidenschaftlich rasch: »Ochoroff kommt, er hat es ja versprochen! Ganz sicher wird er herkommen!« »Nun, um so besser,« sagte der Schneider. »Unsere verehrte Freundin würde sonst einen zu schlechten Eindruck vom Verein mitnehmen!« Der kleine Jude schoß einen giftigen Blick nach Adela ab und drehte sich mit einem Ruck um. Der Mann auf der Tribüne sprach im schlechten Cockneyjargon der Ostseite. »Wir haben uns zusammengetan, um der Frau und den unmündigen Kindern unsres Kameraden aufs Land zu helfen. Sie sind in Sicherheit, und die Missis schreibt, sie habe gute Nahrung und Bleibe. Ben Simmons Beerdigung war eine schöne Feier. Die Polizei hat sich nicht blicken lassen auf dem ganzen Weg. Es liegen drei Kränze auf seinem Grab. Der eine hat eine rote Schleife, auf der steht (er zog eine Zeitung aus der Tasche, auf deren Rand 294 quer eine Zeile geschrieben war): ›Sie brannten dich zu Asche. Aus deiner Asche wird der Phönix auffliegen. Ruhe sanft! Die Kämpfer.‹« Der Redner hatte geendet und setzte sich an den Tisch. Die Frau, die bleiche, tat die Hände von den Augen, stand auf und sprach: »Kameraden, wir danken unserm Freund Matthew für seinen Vortrag und das Gute, das er und seine Freunde für die Ärmsten in Maroon-Street getan haben. Das Proletariat wird es ihnen nicht vergessen.« »Den andern aber auch nicht!« rief jemand mit leidenschaftlicher Stimme in den Saal. »Nein – den andern auch nicht. Es kommt der Tag!« sagte die Frau. Dann fuhr sie fort: »Und jetzt, da unser Kamerad und Lehrer Ochoroff noch nicht anwesend ist . . .« Im selben Augenblick ertönte von der Eingangstür her eine frische und helle Stimme: »Es ist nicht wahr! Hier kommt er gerade!« Alle wendeten sich nach der Tür. Händeklatschen ertönte, ein paar kleine, entzückte Schreie. Die Stimme, die man wohl einem ganz jungen, kecken Menschen hätte zuschreiben können, gehörte einem alten, hochgewachsenen, graubärtigen Mann, der sich mit Händedrücken nach rechts und links einen Weg durch die Anwesenden nach der Tribüne zu bahnte. »Ochoroff!« sprach Herr Lucas mit leuchtendem Gesicht. Adela sah es, wie sein Gesicht leuchtete. Schon hatte der Russe sich auf das Podium geschwungen, hatte die an dem Tische Sitzenden mit Händedrücken begrüßt und zu sprechen begonnen. Zuerst hörte man bloß diese frohe, zuversichtlich helle Stimme, die im Nu eine gute und freudige Stimmung verbreitete unter den Menschen im Saale. Adela fühlte sich von ihrem Schall erquickt, ehe sie noch aus dem fremdartigen Englisch, das der Redner sprach, über den Sinn seiner Worte klug geworden wäre. 295 Die langen, schmalen Hände Ochoroffs, die jahrelang Ketten getragen hatten, waren gefaltet erhoben und trennten sich nur zuweilen in einer seltsamen Gebärde, als segneten sie die Zuhörer. Ja, die Gebärden des Alten glichen Gebet und Segenspenden. Ochoroff sagte, er komme zu spät, man möge es ihm verzeihen, er hatte unfreiwillig einer Art Volksfest beiwohnen müssen. Es sei ihm schwer geworden, sich einen Weg durch das Gewühl zu bahnen, das um den Euston-Bahnhof sich gestaut habe, wo er den Nachmittag bei einem Freunde verbracht hatte. Aber da er nun Zeuge des Ereignisses geworden war, ohne es zu wollen, sei er auf dem Weg hierher in die Windmühlenstraße zum Entschluß gekommen, über ganz andres zu sprechen, als was er sich für den Abend vorgenommen hatte: nämlich von der Liebe zum letzten verfemtesten Mitmenschen und von der Schuld der Gemeinschaft an seiner Tat, um derenwillen die Welt den Sünder als den Letzten und Niedrigsten verfemt und aus den Reihen der Menschen ausgestoßen habe. »Wenn ihr euch der Worte erinnert, die ich in den letzten Wochen zu euch sprach, so werdet ihr es besser verstehen, was ich euch heute sagen will. Wir haben davon gesprochen, daß in der Gesellschaft der Zukunft, von der wir träumen und die wir vorbereiten, das Verbrechen einen nur geringen Raum einnehmen werde. Welche Taten begeht der sündige Mensch heutzutage? Er stiehlt, betrügt, mordet. Wir wollen die Not abschaffen – es wird keinen Diebstahl geben. Wir wollen unsittliche Verträge abschaffen, und es wird keine Notwendigkeit mehr dasein, daß einer den andern betrüge. Wir wollen das Leben der Menschen freudiger gestalten, wir wollen die Grundlagen der Existenz jedes einzelnen soweit bessern, daß er seine Empörung über die Ungerechtigkeit des Schicksals nicht an seinem Nebenmenschen auszulassen brauche. Der Mann, 296 dessen Namen ich euch nicht zu nennen brauche – er hat ein Verbrechen begangen, dessen Ursachen wir nicht in die gegebenen einreihen können, an denen der Gesellschaft der Gegenwart mit all ihrem Widersinn keine Schuld beigemessen werden kann und die auch die Gesellschaft der Zukunft nicht abschaffen können wird. Die Ursprünge seiner Tat sind unerkannt, und wir, die wir die heute noch die als sündig geltenden Triebe der Menschheit wissenschaftlich zu erkennen, sie durch die Beseitigung der Not und Ungerechtigkeit, die diese Triebe hervorgerufen haben, zu mildern und umzuschalten gewillt sind, wir müssen versuchen, auf andre Art den Trieben solch eines Verbrechers beizukommen – des Mannes, dessen Namen ich nennen werde, wenn ihr begriffen haben werdet, was ich mit meinen heutigen Worten sagen will.« Ochoroff schwieg und blickte auf seine gefalteten Hände nieder. Er begann mit gedämpfter Stimme: »Sein Verbrechen wurde nicht im Dienste einer Idee, nicht aus einem Glauben und nicht aus dem Trieb der Rache für ungerechte Last begangen. Die Not und das Elend hat ihn nicht gezwungen, weder unmittelbar, noch mittelbar gezwungen, seine Tat zu vollbringen. Auch das Unglück einer schlechten Erziehung, der arge Druck einer schlimmen Erbschaft, Vater Säufer, Mutter Dirne, kann für seine Tat nicht verantwortlich gemacht werden. Der Ausgestoßene hat aus feiler, feiger Unfähigkeit, sein Schicksal zu meistern, das ein bürgerliches Schicksal der begüterten und leichtlebigen Klasse war, gemordet. Denn der Mann, von dem ich spreche, und der vor einer halben Stunde durch die johlende Menge von dem Eustonbahnhof in einem Automobil fuhr, ist, ihr habt es wohl erraten, der soeben aus Kanada eingetroffene Dr. Garrat, der Gattenmörder. Dr. Garrat, an dessen Verbrechen wir alle, Gerechte und Ungerechte, Notleidende und im Überfluß lebende Heutigen und Zukünftigen, unsere 297 Verantwortung tragen – eben weil seine Triebe in der Tiefe der Menschennatur schlummern und keiner von uns weiß, wo die Quelle ist, aus der sie emporsprudeln. Richter werden über ihn zu Gericht sitzen und urteilen. Richter haben Gesetzbücher vor sich und urteilen nach dem Gesetz. Das Gesetz aber straft nur, was Menschen begreifen – und ihr wißt aus meinen Darstellungen wie aus euren Erfahrungen: wie die Gesetze der Heutigen . . . begreifen! Aber das Unbegriffene strafen!? – Nun werdet ihr mich fragen: soll dieser Mensch frei ausgehen, wo die Härte des Gesetzes den Armen, den Erben des Lasters trifft? So werdet ihr sprechen, wenn ihr einen Augenblick vergeßt, daß wir hier ja von dem Recht der Zukunft, von unserer zukünftigen Menschengemeinschaft allein sprechen. Seid ihr euch hierüber erst recht innig klar geworden, dann werdet ihr auch gleich eingesehen haben, daß das Gesetz mit dem Mörder Garrat nichts zu schaffen habe. Eins kann sein Verbrechen sühnen, und das ist: die Einsicht der Verantwortung aller. Das Opfer aller allein kann eine Tat sühnen, wie die seine. Wir in Rußland erleben es oft, daß ein reiner und schuldloser Mensch vor einem schuldigen, einem argen, bösen Sünder auf die Knie fällt und ihn um Verzeihung bittet wegen der Sünde, die er, der Bösewicht begangen hat. Dies ist das Opfer, das ich meine! Es beginnt lange, lange vor der Tat. Ja, die Tat selbst ist nur ein Beweis dafür, daß die Gerechten es versäumt haben, das Opfer zu bringen, als es noch Zeit war und die Tat im Keime hätte erstickt werden können. Güte, Hilfsbereitschaft, Erkenntnis der eigenen Seele – wenn ich Geistesgegenwart sage, so wird einer oder der andere unter euch vielleicht verstehen, was ich damit meine . . .« Ochoroff schwieg, schlug sich an die Brust und verneigte sich tief vor der Zuhörerschaft. Lucas wandte sich zu Adela und flüsterte: »Ist Ihnen schlecht geworden?« Adela öffnete 298 langsam die Augen, als erwache sie. Sie artikulierte mit Mühe die Worte: »Die Luft!« Lucas sah sie an, sagte zu sich: Das Herz, ihr Herz ist es. Ich hätte es unterlassen sollen, sie hierher zu bringen. »Wollen Sie, daß wir gehen?« Adela verneinte. Sie blieben. Einige Minuten später hatte sie sich erholt. Der Russe hatte seine Ansprache beendet und die Frau mit dem bleichen Gesicht sprach jetzt zur Versammlung. Tun! tun! Dieses Wort hallte aus ihrer Rede. Überall hallte es Adela entgegen, so wollte es ihr dünken. Hatte nicht Florence Falkoner es von ihr gefordert? Ja – hatten die Damen Reynolds nicht von dieser Notwendigkeit gesprochen, so oft sie auf ihren Glauben zu sprechen kamen? Adela hörte den Katzenschrei von damals im Wagen in ihrem Ohr gellen. Ihr Herz schlug unerträglich. Nachholen! Versäumtes nachholen. – Die Rettung, die einzige . . . All dies stürzte über sie herein wie ein zusammenbrechendes Kirchengewölbe über den Sünder vor dem leeren Beichtstuhl. Sie erwachte, als die Versammlung sang. Sie hörte die Worte: »Auf, Proletariat!« Sie wollte Lucas fragen, was das für ein Gesang sei? Aber sie sah, wie seine Lippen sich bewegten, die Augen im bärtigen Gesicht glommen. Dann erhoben sich alle Anwesenden und die Worte lauteten jetzt: »Völker hört die Signale Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale Erkämpft das Menschenrecht.« »Ich begleite Sie nach Hause,« sagte Herr Lucas. »Sie sind krank, ich sah es Ihnen wohl an. Was fehlt Ihnen? 299 Als ich Sie bei Tillmann sah, waren Sie noch munter. Was ist mit Ihnen?« »Es ist spät, der Omnibus führt mich bis an das Haus,« sagte Adela. »Ich kann auch einen Wagen nehmen. Sie brauchen nicht den weiten Weg zu machen. Es raubt Ihnen zuviel von der Nacht.« »Ist es das Herz?« frug Herr Lucas. Adela stand und wartete auf den Omnibus. Zeitungsjungen riefen die letzte Sondernummer des »Star« aus: »Garrat in London!« Neueste Nachrichten. »Die Auftritte vor dem Eustonbahnhof!« Adela bat Lucas, ihr die Zeitung zu kaufen. Lucas tat es; sie griff nach dem Blatt, faltete es zusammen und schob es in ihr Seidentäschchen. Lucas betrachtete die Frau, als sähe er sie zum erstenmal, als erkenne er sie . . . Im Omnibus sprachen sie lange kein Wort. Lucas fing ein Gespräch an: »Ist es nicht gottgefälliger, uns Menschen auferlegt und unsere Bestimmung, alle Güte und Bereitschaft, die wir in uns tragen, an einen, einen Menschen zu wenden – als an die Gesamtheit? An einen einzigen, armen, irrenden, der Erlösung bedürftigen Menschen, der in unsrer Nähe zittert, leidet und untergehen muß. Und nicht an die Zukunft der Geschlechter? O, Ochoroff ist ein großer Mensch, ein Weiser. Wie soll das Gewissen je zur Ruhe kommen?« Er brach ab. Adela lehnte mit geschlossenen Augen in ihrem Sitz. In ihr sang das Herz wie eine Glocke mit ungestümen, regellosen Schlägen. Einmal war sie nahe daran, Herrn Lucas zu bitten, er möge ihr aus dem Omnibus helfen, sie möchte gehen, sich am liebsten irgendwo, wo niemand sie sehen konnte für einen Augenblick flach auf den Boden legen. Aber dies dauerte nur kurz. Sie raffte sich auf und sprach in leisem, ruhigem Ton zu Herrn Lucas. »Was meinte er mit Geistesgegenwart? Ich habe es 300 nicht ganz verstanden, doch ahne ich es ungefähr, so glaube ich. Man muß jeden Augenblick zum Opfer bereit sein! Man muß sich bezwingen können. Man muß sich, und wenn es den Tod gälte, in der Gewalt haben, in jedem Augenblick – nicht wahr? So ist es doch gemeint? Man muß – das Ziel – das eine, höchste, das was das Opfer genannt ist –« Herr Lucas schwieg. Er schien tief in Gedanken versunken zu sein. Er bemerkte kaum, daß sie schon so nahe waren. Vor dem Tor der Gärten von Kew stiegen sie aus. Sie gingen die wenigen hundert Schritte bis zur Türe des Hauses. Adela bat Herrn Lucas nicht, sie aufzusuchen. Sie dachte vielleicht gar nicht mehr daran, daß sie ja einsam war, Herr Lucas ihr Freund, daß sie zum Schneider und dann in den Klub ja nur gegangen sei, um wieder mit ihm zusammen zu sein, ihn wieder zu gewinnen. Auch war es ihr wohl kaum mehr gegenwärtig, wie ihr Herz im Augenblick zu schlagen aussetzte, als der Russe den Namen Garrats ausgesprochen hatte. Herr Lucas zog den Hut und frug Adela, ob er bald zu ihr kommen dürfe. Sie standen vor dem Tor des Gärtchens. Adela nickte und gab Herrn Lucas die Hand. Das kleine Tor klirrte, als sie eintrat. Oben im Haus war noch Licht. Sheila erwartete die Mutter. Sie stürzte ihr entgegen und rief: »Feuer ist zurückgekehrt, Mammy! Feuer ist wieder da!« Adela legte sich angekleidet auf das Bett und blieb eine Weile liegen. Dann entkleidete sie das Kind, brachte es zu Bett und saß lange vor der Lampe an ihrem Schreibtisch. * Der Sonderzug mit Garrat und Cora, den Wärtern und dem Gerichtspersonal war verspätet eingetroffen. Auch hatte die Polizei verfügt, daß die Menge vor der 301 Eustonstation im Glauben belassen werde, das Paar werde an dem Ausgang nach der Drummondstraße die bereitstehenden Automobile besteigen. (Es standen dort in der Tat welche, um diesen Anschein in der versammelten Menge zu erwecken.) – Aber es hatten sich trotzdem etliche hundert Menschen an der Ecke der Cardingtonstraße angesammelt und diese wurden in ihrer Erwartung nicht enttäuscht. Gegen 9 Uhr erschien Garrat auf einem kleinen Seitenweg, der von Güterstapeln und Rollwagen verstellt war, und bestieg ein Automobil. Er hatte den Kragen seines Paletots aufgestülpt und den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Sein Hut saß über den Augen. Die Hände, die eng zusammengeschlossen waren, verbarg er in seinen Ärmeln. Eine Minute nach Garrat kam Cora desselben Wegs geschritten, in heller Sommerkleidung, mit einem kleinen, in Kanada gekauften Hut, der ihr Haar dicht umschloß, so daß der Schleier ihr Gesicht ganz bedecken konnte. Auf der Hinfahrt hatte sie nur Hüte mit großem Rand, vielen Federn und Agraffen besessen. Die Journalisten begleiteten den kleinen, rasch und stumm vorwärtsschreitenden Zug vom Bahnsteig zu den Automobilen. Die Automobile ratterten die Straße entlang, bogen in die Hampsteadstraße ab und wurden an der Ecke der Drummondstraße von der angestauten Menge aufgehalten, die inzwischen Wind von dem Betrug erhalten hatte und ihre Wut gegen die Polizei und gegen das Paar nun in verdoppelter Heftigkeit äußerte. Ein Stein zerschlug das Fenster, hinter dem Garrat, die Kommissäre und Wärter Folsom saßen. Die Personen um Cora hatten Mühe, zu verhindern, daß der Automobilschlag aufgerissen und das Mädchen herausgeholt und von der erregten Menge gelyncht werde. Nach wenigen Minuten war die Gefahr der Straße von den Gefangenen abgewendet, die Automobile fuhren mit normaler Geschwindigkeit durch die Verbindungsstraßen nach der Oxfordstraße, 302 dann über Seven-Dials nach dem Polizeigefängnis in Bowstreet hinunter. Garrat saß im Gefährt und bewies eine überraschende Ruhe. Gleich nach dem Einsteigen, als die Photographen und Journalisten außer Sehweite waren, hatte er Wärter Folsom gebeten, ihm den Paletotkragen niederzulegen. Der Wärter hatte getan, was ihm geheißen ward. Insgeheim wechselte er mit den Kommissären einen Blick des Staunens über den Gleichmut und die Gefaßtheit Garrats in der Situation, in der er sich befand, und auch in der unmittelbaren Gefahr, in der er angesichts des Pöbels schwebte, der das Automobil mit Steinen zu bombardieren angefangen hatte. Daß Garrat sich vor der Schar der Journalisten verborgen hielt, aber der Menge sein Gesicht unverhüllt preisgab, erfüllte die Begleiter mit Verwunderung. Keine Miene zuckte in Garrats bleichem, eingefallenem Gesicht. Seine wässrigen Augen blickten scheinbar teilnahmslos und auch das Krachen der Scheibe brachte kaum ein leises Zucken über seine Lider. Wärter Folsom erstattete kurz nach der Ablieferung Garrats dem Inspektor in Bowstreet Bericht über die Haltung seines Schutzbefohlenen. Die Straßen flogen an dem raschfahrenden Gefährt vorüber. Es waren die wohlbekannten Straßen, von Menschenmengen durchflutet, denn die späten Abendstunden des warmen Sonnabends hatten Scharen ins Freie gelockt. In einer Straße, nahe Seven-Dials, waren Buden aufgestellt, Krambuden mit Waren aller Art, von Karbidlampen erhellt. Garrat hatte sich in seinen Sitz zurückgelehnt und blickte vor sich hin. Er sah die Straßen hinter den Scheiben – sah sie vielleicht gar nicht. Er war in London. War dies London? Einige Minuten noch, dann wird sich das Gefängnis um ihn geschlossen haben. Er hatte ja Kenntnis davon, daß man ihn noch heute nach einem andern Gefängnis überführen werde. Wohin? Nach Brixton? nach Holloway? 303 Vielleicht auch erst morgen. Im Grunde war es ja gleichgültig. Auch die Gerichtsprozedur, die jetzt folgen sollte, stand vor seinem Bewußtsein als kein sehr wesentlich erregendes Moment. Wahrscheinlich wird Mr. Parker de Vries, sein Verteidiger, in Bowstreet zugegen sein. Vielleicht auch einer oder der andere seiner Bekannten, seiner Freunde. Er dachte einen Augenblick daran, Folsom zu fragen, ob Miß Stratton sich in ihrem Automobil hinter dem seinen befinde? Ob sie heil durch die Menge gekommen sei. Er unterließ die Frage. Sicherlich werde ich sie binnen kurzem von Angesicht sehen, zum erstenmal seit jenen letzten Tagen auf der »Inverneß«. Er sagte es ohne Erregung. Ich werde Cora Stratton sehen, sagte sich Garrat, aber er sagte es ohne Erregung. Seine Gedanken schwangen abseits in einem geheimnisvollen Rhythmus, wie in einem vorwärtsdrängenden leisen Rollen durch die Fluten, die die »Maple Leaf« vor Stunden noch bewegt hatte. Sie, die das Weltmeer durchfuhr und jetzt im Hafen still lag vor ihrer neuen Fahrt. . . . . Mit Zärtlichkeit dachte Garrat an den weiß und goldenen Raum, den er auf dem Schiffe bewohnt hatte. An den Blick durch das Fenster auf den eintönigen Horizont des weiten Meeres, der nur in den allerletzten Tagen in der Nähe der Küste Englands von Schiffen und Seglern für Augenblicke durchbrochen worden war. Er entsann sich darunter eines herrlichen Riesen mit vier Schloten, der das Cunardzeichen auf der Flagge trug. Aber dies war gleichgültig. Der ungebrochene Horizont war es, der weite, der endlose! Wie eine Wage hielt seine Seele gleichmütig die horizontale Linie fest, die das Ewige vom Ewigen trennte, Ozean und Himmel miteinander verband. Es war wie ein wunderbares Gedicht, wie Zeilen eines wunderbaren, von Gott eingegebenen Gedichtes, in dem der Rhythmus der Ewigkeit 304 sich weiterpflanzte zum Herzen der Menschen. Garrat frug Wärter Folsom, ob er sich auf das Wiedersehen mit den Seinen freue, auf das kleine Gärtchen hinter seinem Häuschen in der Reihenstraße von Camberwell? Aber Folsom hatte nicht mehr Zeit zu antworten, denn das Automobil fuhr bereits in den Hof der Polizeistation von Bowstreet ein. Während er ausstieg, bemerkte Garrat das ihm nachfolgende Gefährt. Er sah, wie eine Frauengestalt dem Automobil entstieg. Kurz darauf schloß sich das Tor mit eisernem Geräusch. Es ging auf Mitternacht, als Garrat in ein kleines, von elektrischen Lampen taghell beleuchtetes Zimmer geführt wurde, in dem Richter Mitstone und neben ihm der Bevollmächtigte des öffentlichen Anklägers Mr. Rowley an einem Tisch saßen. Als Garrat eintrat, hatten die Kommissäre Evangeliste und Crombie ihre Aussagen gerade beendet. Sie verließen den Raum durch eine Seitentür. Kurz nach Garrat wurde Cora Stratton hereingeführt. Sie standen wenige Schritte voneinander entfernt. Coras Aussehen war unverändert. Sie sah ruhig und ernst vor sich hin: Als sie Garrats Blick begegnete, versuchte sie zu lächeln, errötete. Garrats Mienen drückten Ehrerbietung aus. Richter Mitstones Blicke ruhten abwechselnd auf den Gesichtern beider Angeklagten. Er erhob sich, trat einen Schritt zurück und verlas die Formel, wonach Garrat des Mordes, begangen an einer Person namens Belle Garrat, seiner Ehegattin, Cora Stratton aber der Mitwisserschaft, Beihilfe an dem Mord sowie der Hehlerschaft angeklagt wurde. Richter Mitstone war noch jung. Er war sich der Feierlichkeit des Augenblicks und der Bedeutung des Falles wohl bewußt. Seine Worte verrieten in dem Eifer, mit dem sie hervorgebracht waren, den Neuling im Amte. Mr. Rowley neben ihm bewahrte dafür eisige Ruhe und Unnahbarkeit. 305 »Dr. Garrat! Haben Sie auf diese Anklage etwas zu erwidern?« frug Richter Mitstone. Garrat antwortete: »Nein.« Befragt, antwortete Cora Stratton ebenso. Die Stimmen der beiden klangen wider in dem kleinen taghellen Gemach. Als sie in ihre Zellen geführt wurden, erhaschte Cora einen Blick Garrats. Sie konnte ihn sich nicht deuten. Sie schlief von der Erregung des Tages niedergeschlagen, tief und traumlos. Ihre Augen streiften vage und mit einer anklagenden Unsicherheit an Garrat vorüber, als sie Montag früh abermals vor Richter Mitstone standen. War er gleichgültig gegen sie geworden? Aber Garrats Miene verriet nichts von dem, was in ihm vorgehen mochte. Cora dachte bei sich: es liege Absicht in dieser Haltung, es sei im Grunde das beste, was er tun könne. Tags zuvor, Sonntag, bald nach der Kirchenstunde hatte sie den Besuch Mr. Calthorpes, ihres Verteidigers empfangen. Er brachte ihr Grüße und Segenswünsche ihrer Mutter mit und ermahnte sie, guten Mutes zu sein, ihre Angelegenheit stehe zum besten. Ein Komitee von Damen habe sich erbötig gemacht, die Kosten ihrer Verteidigung zu tragen, und für sie zu sorgen, sobald sie freikommen würde. Um elf Uhr hatte Richter Mitstone seinen Platz im Verhandlungssaal eingenommen. Auch Mr. Rowley hatte sich wieder eingefunden. Das kurze Verhör der Angeklagten, das sich auf die Formalitäten der Verteidigung bezog, war bald beendet. Mr. Parker de Vries, der berühmte Verteidiger, brachte eine seiner bekannten advokatischen Spitzfindigkeiten vor. Er bestand darauf, über einzelne Details der gestrigen Aussagen, die die Kommissäre Evangeliste und Crombie gemacht hatten, unterrichtet zu werden, gab sich aber nach langem Hin- und Herreden mit der Erklärung des Richters und des 306 Bevollmächtigten zufrieden: daß dies im allgemeinen nicht üblich sei. Dieser Zwischenfall stand in sämtlichen Abendblättern verzeichnet, in einigen ausführlich und mit Zitaten aus den einschlägigen Gesetzesparagraphen belegt. Die Aufmerksamkeit der Welt begann die Persönlichkeit des Verteidigers in den magischen Kreis einzubeziehen, der den Fall Garrat seit Monaten umstrahlt hatte. Nachdem die Formalitäten beendigt waren, erhob sich der Bevollmächtigte des öffentlichen Anklägers und forderte mit einer absonderlich dünnen, scharfen Stimme, der fast nichts Menschliches mehr anhaftete, den Richter auf, die Strafsache gegen Garrat und Stratton um acht Tage zu vertagen. Richter Mitstone gab mit Eifer diesem Begehren statt. Abermals folgte Garrats unerklärlicher Blick Cora. Wieder begegneten ihm die erstaunten Augen, der Blick aus den weitgeöffneten Pupillen. Garrat ging mit gebeugtem Haupt durch die Korridore. Wärter Folsom war in der Nacht von einem mürrischen, grobknochigen Büttel abgelöst worden. Doch verweilte dieser nur wenige Stunden in der Nähe des Gefangenen. Früh am Nachmittag wurde Garrat ins Gefängnis nach Canonbury überführt. Cora kam nach Holloway. – * Am Morgen nach der Einlieferung der Gefangenen trat der Gouverneur der Canonbury-Strafanstalt auf seinem täglichen Gang durch das Haus in Garrats Zelle ein. Ihn begleitete der Inspektor des östlichen Flügels und ein Aufseher in Zivilkleidung. Als das eiserne Geräusch des Schlüssels im Stahltor erklirrte, stand Garrat rasch von seinem Tische auf, gab sich Haltung und empfing die Besucher mit leichter Verneigung. 307 Er hatte gestern bei seiner Einlieferung mit dem Gouverneur bereits einige Worte gewechselt. »Sie haben die Nacht gut verbracht, Doktor Garrat?« frug der Gouverneur. Er war ein noch junger Mann, mit schon ergrautem Spitzbart und einem Zug von Übermüdung im fahlen Gesicht. »Haben Sie einen Wunsch zu äußern? Für Ihre Bequemlichkeit? Bücher, Schreibzeug, die Mahlzeiten?« Garrat hob den Kopf, zog die Lippen aus der Mundhöhle und wollte sprechen – die zu oft wiederkehrenden Augen des Wärters hinter der Luke in der Tür, die sich auf und zu tat – einmal, so glaubte er zu bemerken, waren es fremde, nicht des Wächters Augen – im gleichen Augenblick besann er sich eines besseren, schwieg. Er beschloß, den Blicken ruhig und freundlich zu begegnen, die sich aus dem Gange auf ihn richteten, sie in sein Bewußtsein aufzunehmen, wie auch das eiserne Geräusch der Schritte, der Türen, die sich öffneten und zugeworfen wurden in dem hallenden turmähnlich rund gebauten Flügel – wie das Schlüsselgerassel, das sich von einer Art Echo getragen durch das Haus vervielfältigte. »Ich hätte eine Frage – mein Verteidiger hat sich noch nicht gemeldet – wann sollen die Verhandlungen beginnen?« »Dr. Garrat, ich kann es Ihnen mitteilen – das Verfahren wird beschleunigt vor sich gehen. Ich bin heute davon unterrichtet worden.« Garrat dankte und die Besucher gingen. Unter ihren Schritten hallte das Eisen. Das Gefängnis erinnerte an den Keller der Birkbeckbank, in dem Garrat vor Jahren ein Stahlfach besessen hatte. Als er gestern in seine Zelle geführt worden war, hatte sich ihm dieser Vergleich aufgedrängt. Er setzte sich, und sein Gehirn begann rasch zu arbeiten. 308 Er erschrak jählings. In welch traumartigem Zustand hatte er diese letzten Tage hingelebt. Wo war er gewesen. Es war ihm, als hätte er die Erinnerung plötzlich verloren! Aber es war nicht die Erinnerung, sondern das Bewußtsein der Gegenwart. Eine Schlaftrunkenheit, in der sich die Wirklichkeit mit den Erinnerungen des verflossenen Lebens paarten. Die Tage auf der »Maple Leaf«. Die Fahrt durch die aufgeregten Volksmassen um den Bahnhof, durch die vom Sonnabendabend belebten Straßen Londons. Jetzt die Nacht in dem eisernen Gehäuse. Eine einzige Sicherheit gab es in all diesem. Da stand ein Wort fest inmitten der nebligen Empfindungen, die sein Leben umwallten, das Wort: das Verfahren sei beschleunigt. Vielleicht begannen die Verhandlungen in diesem Augenblick. Vielleicht waren sie bereits im Gange. Er wußte: zuerst sammelte der Ankläger sein Beweismaterial, vernahm die erforderlichen Zeugen; dasselbe tat die Verteidigung. Die Anwesenheit des Angeklagten erübrigte sich bei diesen Präliminarien. Sie war erst nach Schluß der Verhandlungen nötig. Garrat wußte auch, daß die Geschworenen sich im Laufe dieser Verhandlungen, in denen das Für und Wider gründlich, ausführlich und ernst dargestellt und erwogen wurde, eine schwer widerrufliche Meinung von der Schuld des Angeklagten zu machen pflegten. Doch hatte es Fälle gegeben, in denen das Erscheinen des Angeklagten im Dock, die Wahrhaftigkeit seiner Aussage ein schon festgeformtes Urteil durch die strömende Empfindung zwischen Mensch und Menschen umzuändern vermocht hatte. Warum war der Verteidiger noch nicht bei ihm im Gefängnis gewesen? Unruhe packte den Gefangenen mit jäher Gewalt. Er blickte gebannt nach der Tür: die Augen des Wärters erschienen in regelmäßigen Abständen hinter dem Ausschnitt des Eisens. Das war alles. 309 Garrat durchmaß die kleine Zelle mit raschen Schritten. Fünf tief, vier breit, davon nahm der Tisch, das Bett, die Waschgelegenheit anderthalbe fort. Viel war nachzuholen. Ich habe nicht richtig gelebt, sagte sich Garrat. Ich muß fertig werden, ehe ich vor den Geschworenen stehe, ehe der Richter die schwarze Kappe aufsetzt. Ich habe mich zu besinnen, es ist höchste Zeit. Ich habe nicht richtig gelebt, mein Lebtag, nicht vor jenem Tage auf dem St. Lawrence-Strom, nicht seither. Ich habe mein Leben vergeudet. Die Freiheit, in die ich vielleicht zurückkehren werde, müßte mich ebenso überraschen wie der Tod, der mir wahrscheinlich bevorsteht. Die Gerechtigkeit fordert es, daß ich fertig werde! Es ist Zeit. – * Mr. Parker de Vries erschien kurz vor Mittag. Er fand Garrat zu seiner großen Überraschung zerstreut. Seine Fragen wurden nicht genau beantwortet und er frug Garrat zum Schluß mißmutig und mit einem Unterton verletzter Eitelkeit: ob er denn seiner Sache so sicher sei und nach alledem, was sich mit ihm in den letzten Wochen begeben hatte, die Gefahr und den Ernst des Prozesses etwa unterschätze? Er sah einen Bogen Papier, bis zur Hälfte beschrieben, auf Garrats Tisch liegen und führte ihn wie zufällig zu seinen kurzsichtigen Augen. Mit einer gemessenen Gebärde legte er das Papier sodann auf den Tisch zurück und sagte: »Sie haben ja Ihre Verteidigung, wie es scheint, in eigene Hand genommen! Nun, sei dem, wie es möge, wir wollen die Angelegenheit selbander durchführen.« Garrat unterdrückte die Frage nach dem Zeitpunkt der Verhandlungen. Als der Verteidiger dann die Mitteilung machte, daß der Beginn auf nächsten Montag angesetzt sei, nickte Garrat lediglich mit dem Kopfe und frug sodann nach Waterton. 310 Waterton! Der Verteidiger verfiel in neuerliche Verblüffung. Waterton war vorgeladen, jawohl. Die Sache stand nicht ungünstig. D. h.: der Nachweis eines Alibi zur Zeit des Mordes war augenscheinlich nicht lückenlos zu führen. Außerdem waren die bis in die letzte Zeit fortgesetzten Beziehungen der Ermordeten zu Waterton so ziemlich erwiesen. Garrat frug den Verteidiger darüber aus, welchen Einfluß diese Sache auf Watertons Privatleben, seine Stellung in der Gesellschaft, sein Verhältnis zu Frau und Kindern haben werde? Waterton war verheiratet. Garrat erinnerte sich an eine junge, zarte und kränkliche Frau, die nach der Geburt ihres dritten Kindes in Lebensgefahr geschwebt hatte. Er erinnerte sich auch an das hübsche, behagliche und bescheidene Heim Watertons, in das er seinerzeit öfters mit Belle gekommen war, bis dann mit einemmal die Beziehungen zwischen den beiden Männern und den beiden Frauen abgebrochen wurden. Garrat wünschte von dem Verteidiger zu hören, wie sich Watertons Frau zu dem furchtbaren Abenteuer stelle, in das ihr Mann und der Name ihrer Kinder verwickelt war, und das das Glück der Familie nun auch vor den Augen der Welt vernichtet hatte. Ehe er Abschied nahm, bemerkte Mr. Parker: »Dr. Garrat, hören Sie meinen Rat, Sie haben ja hier, wie ich sehe, eine Darstellung Ihrer Sache niederzuschreiben begonnen. Beschäftigen Sie sich mit Ihrer eigenen Entlastung. Überlassen Sie die Entlastung der in Ihren Prozeß verwickelten Personen diesen selbst. Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, daß Sie es sind, um dessen Wohl und Wehe es sich hier handelt.« Und mit gedämpfter Stimme fuhr er fort: »Und in zweiter Linie um Miß Cora Stratton, in der Tat, um Miß Stratton.« Nach des Verteidigers Weggang setzte sich Garrat an 311 seinen Tisch, fing einen neuen Bogen an und schrieb: »Ich bin unschuldig. Ich bin unschuldig. Waterton ist von dem Abgrund verschlungen worden, wie ich selber. Leidenschaft ist ein Abgrund, der das Glück der Menschen verschlingt. Selig die Milden, unselig die Scharfen. Die Jähzornigen und die Wollüstigen straft das Gericht Gottes schon auf Erden. B. war schuldlos. Daß sie sterben mußte, daß sie in den Abgrund versank, ist, wenn Gott schuldig sein kann, nicht der Menschheit zur Last zu legen. Sie ist nicht verantwortlich für den Kummer und das Unglück von Isabel Waterton, Henry, Jim und Leona. Gott sei den Menschen gnädig. Die Menschen sind schuldig, einer an dem Schicksal des andern – dies ist der Kernpunkt der irdischen Gerechtigkeit. Aber die Menschheit wälzt ihre Schuld auf den Schöpfer ab, dessen Willen und Absicht sie nicht durchschaut. Die Menschheit ist schuldig und nicht schuldig. Gott, den wir nicht kennen, ist schuldig, weil er sich verbirgt und nicht gefunden werden kann. Ihr Herren von der Jury möget mich verurteilen. Ihr habt mich ja aus meiner Verborgenheit aufgestöbert, Ihr habt meinen Leib. Ich bin nicht schuldig.« * Die Zeitung kam jetzt täglich in Adelas Garten. Sie holte sie sich am frühen Morgen aus dem Spalt unter der Haustüre und ging leise die Treppe wieder hinauf. Im Hause schlief noch alles. Nur Mrs. Newall hörte man hinten in ihrer Küche rumoren. Die Sonne schien herbstlich in das bunte Zimmer Adelas herein, auf dessen Wänden die geblümten Tapeten stellenweise aufglühten, an andern Stellen wie in brauendem Nebel tiefer in Düster versanken. Die Zeitungen brachten eine Abbildung des Zellengefängnisses, in dem Garrat jetzt lebte. Canonbury war ein ganz neuer Bau, und der Flügel, 312 in dem sich Garrats Aufenthaltsort befand, war ein runder Turm mit strahlenförmig um eine kreisrunde Plattform gruppierten Zellen, synoptischen Zellen, die der Aufseher jedes Stockwerks mit einem Blick leicht beaufsichtigen konnte. Die Zeitung brachte einen Aufriß des Flügels von Canonbury, und die Vision der sternförmigen Anordnung dieser Behausung unglücklicher Menschen prägte sich Adelas Gedächtnis glühend ein. Zu den Unglücklichsten gehörte ja Garrat in ihren Gedanken, wenn auch nicht im Urteil der Welt, die gierig dem Beginn der sensationellen Verhandlungen entgegensah. Daß Garrat nicht zu den Unglücklichsten, den schon Verurteilten und Gebrandmarkten gehörte, das drückte sich ja in der bessern und behaglichern Ausstattung seiner Zelle aus! Er konnte ja noch den Verdacht von sich wälzen, während seine Nachbarn diese Hoffnung bereits verloren hatten. In diesen Tagen, nach ihrem Abenteuer in der Windmühlenstraße, hatte sich Adelas eine seltsame Unruhe bemächtigt, die Mrs. Newall mit Befremden, später mit Besorgnis erfüllte. Jawohl, Besorgnis. Was Adela trieb, trug den Stempel einer krankhaften Hast und Überreizung. Sie hatte ihre langen beschaulichen Stunden in dem Liegestuhl unten im Garten aufgegeben und auch oben in ihrer Stube peitschte sie eine Rastlosigkeit von Winkel zu Winkel. Sie stellte die Möbel um, willkürlich und ohne Rücksicht auf Symmetrie und praktischen Nutzen. Der Schrank mußte aus der Nische beim Fenster heraus und wurde an die Schmalwand zur Tür gerückt. Der Spiegel hing nun an einem Platze, wo er tot und dunkel, das Bild des vor ihm Stehenden mangels hereinfallenden Lichtes nur undeutlich wiedergeben konnte. Unten im Garten versuchte Adela die Beete neu umzugestalten. Mrs. Newall schwieg erst, und als sie eines Tages Adela nach der Ursache dieser Veränderungssucht frug, war 313 in ihren Worten kein Vorwurf über die Unordnung, die die Mieterin in ihrem Eigentum anrichtete, zu merken, sondern eine aus Neugier und wirklicher Besorgnis gemengte Verwunderung. Die Stube hatte nun große dunkle Flecken an den Wänden, die die Konturen der weggerückten Möbelstücke abzeichneten und ein Beet in der Nähe der Mauer wies die erste Spur einer strahlenförmig ausgekerbten Neuordnung der Pflanzen, Zwerggeorginen, Astern und Fuchsiensträucher auf – dies alles ohne Rücksicht auf Schönheit und Geschmack, wo ja doch in Adelas Umgebung, in den Gegenständen ihres Gebrauches und ihrer Kleidung bisher immer ein Gefühl für Ordnung und Harmonie gewaltet hatte! Mrs. Newall konstatierte, daß aus dem Gehaben ihrer Mieterin der Frieden ohne Leiden, der schöne Genuß des Sommergartens verschwunden und einem Suchen und Probieren gewichen war, dessen Ursache sie ebensowenig erkennen konnte, wie vor Wochen den Zweck des ewig leerbleibenden Papiers unter der Lampe auf dem Schreibtisch Adelas. In den Zeitungen stand: Garrat beschäftigt sich in seiner Zelle mit Schreiben und Lektüre. Er hat aus Kanada ein kleines hübsch gebundenes Buch: Shelleys Gedichte mitgebracht und schreibt zuweilen Verse aus diesem Buche ab. Andermal scheint er sich intensiv mit seiner Angelegenheit zu beschäftigen. Dann ist es eine Art Verteidigungsrede, die in engen Zeilen das Papier anfüllt. Stundenlang blickt er ruhig vor sich hin und ist wortkarg zu den Besuchern, die kommen, dem Verteidiger, den Mitgliedern der Aufsichtskommission und auch zum Wärter, dem seine Zelle zugeteilt ist. Adela blieb im Garten vor dem Hause stehn und frug sich: wie sie hierher gekommen sei? Welche Macht hatte sie hierher gebracht? In welcher Beziehung, welcher 314 geheimen Verknüpfung stand ihr Leben zu diesem Hause, diesem Garten? Sie hatte ja, als sie mit Herrn Lucas zum erstenmal die Gartenschwelle überschritten hatte, blitzgleich die Ähnlichkeit dieses Grundstückes mit Haus und Garten, in dem sie geboren war, ihre Kindheit verbracht hatte und in denen ihre alte Mutter jetzt umgeben von ihren Schützlingen hauste, wiedererkannt. Bald nach ihrem gemeinsamen Besuche der Versammlung Ochoroffs kam Lucas zu Adela, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Er sah Adelas Gesicht, ihre Hände aufmerksam an und wurde ernst. Er sah Adelas Brust von unregelmäßigem Atem bewegt und fühlte, daß sie ihm etwas verheimlichte. Er frug Adela: wo Sheila sei, aber Adela beantwortete seine Frage nicht. »Herr Lucas,« sagte Adela, nachdem sie den Besucher gebeten hatte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, »Sie müssen mir auf eine Frage Antwort geben. Ich kann sie von selber nicht finden, diese Antwort, und das beunruhigt mich so stark, daß ich den Schlaf verlieren könnte darüber. Ist es ein Zufall, der mich in dieses Haus geführt hat, oder war es mir aus irgendeinem Grunde bestimmt, hierher zu kommen? Sie hatten ja vor Wochen noch keine Kenntnis von diesem Haus und diesem Garten, die beide, so will es mir fast scheinen, auf mich gewartet haben seit Jahrzehnten. Hätten Sie in St. Johns Wood in jener Abendgesellschaft nicht den Russen getroffen, Sie wären auch mit dem deutschen Schneider nicht bekannt geworden und hätten nie und nimmer von Miß Newall Kenntnis erlangt. Dieses Haus aber ist mein Heim. Seien Sie nicht erstaunt über die Veränderungen, die Sie hier sehen. Ich versuche, mein Haus in Australien, das Haus meiner Mutter hier nachzubauen, so gut es geht. Ich bin nicht glücklich in diesen Tagen und weiß eigentlich nicht recht, wie ich mich beschäftigen soll, um über diese Frage hinwegzukommen. Raten Sie mir, 315 wie Sie mir schon oft rieten. Ich verstehe und erkenne es nicht, wie alles zusammenhängt.« Herr Lucas sagte nach einigem Nachdenken: »Doch, es hängt zusammen. Sie wissen – Annabel Lee! Und die Bilder, die der armselige Straßenmaler mit Kreide auf das Pflaster gemalt hat, um Pennys zu ernten, die Bilder von Erdbeben, großen Schiffen auf dem Meer und barmherzigen Hunden, die in den Alpen Erfrierende aus dem Schnee schaufeln mit ihren Pfoten. Solange bin ich dem Zufall und meinem Schicksal durch die Straßen dieser Stadt nachgejagt! Annabel Lee – wie ist sie aufgetaucht und entschwunden vor mir und doch war sie die, die ich gesucht habe. Das Schicksal aller Menschen hängt zusammen. Es gibt so vieles, was entfernte Personen an entfernten Orten der Welt miteinander verknüpft. Gedanken ziehen sich von einem zum andern, aber keiner erkennt den andern, keiner weiß den Ursprung, keiner, wo das Ende der Kette befestigt ist, an der er sein eignes Leben führt. Schicksal, Vorbestimmung schwingen auf jedem Glied der Kette, und im Grunde ist es, wenn ich über die tiefen Umstände meines eignen Lebens nachgrüble, mir ebenso fremd, was ich dabei erfahre, wie die Ursache, weshalb der Straßenmaler dieses oder jenes Bild vor meine Füße auf das Pflaster breitet, über das ich vorwärtsschreiten muß!« Adela nickte und sah Herrn Lucas aufmerksam an: »Was Ochoroff ›Geistesgegenwart‹ nennt!« »Ja. Das ist es.« »Wie schwer das Leben werden kann. Wie schwer es unsereinem gemacht wird. Es ist oft unheimlich, das Leben zu ertragen.« »Ein Mittel gibt es, ich habe es erprobt. Die Wahrheit. Die volle Wahrheit, rückhaltlos ohne Bedenken. Die Wahrheit über sich auszusagen auf die Gefahr hin, mißverstanden, verhöhnt oder verworfen zu werden. Warum 316 haben Sie es mir nie gestanden, daß Sie sich in Ihren Träumen, die Wünsche erweckten und Wünsche befriedigen wollten, mit dem Mörder Garrat beschäftigt haben? Fragen Sie mich nicht, woher ich es weiß, daß dem so ist? Genug, es ist dem so. Ich will von Ihnen auch weder eine Bestätigung, noch eine Ausflucht hören. Ich weiß auch, daß Sie krank sind und eines Arztes bedürfen und daß auch dies mit dem Mörder Garrat irgendwie zusammenhängen muß. Ich sage Ihnen dies, weil ich vielleicht bald London verlassen werde. Ich werde dieses Leben, das wir in einer falschen, Herz und Sinne zerrüttenden Zivilisation zu führen gezwungen sind, mit einem reinern und höhern vertauschen. Ich habe einen Freund, der bald nach Indien, seinem Mutterland, zurückkehrt. Er stand eines Tages in der Bibliothek vor dem Stapel der Bücher, die ich aufgehäuft hatte, um mir einen Grad zu erarbeiten, den Doktorgrad! Meine Familie wollte es so, damit ich mir eine Existenz schaffen könne, so wie es diese Leute auffassen und ausdrücken. Aber seit ich meinen Freund kenne, weiß ich, welch höhern Grad von Existenz man sich schaffen kann in dem Mutterland, in das er zurückkehrt und in das ich ihn begleite.« Adela sagte: »Glauben Sie, daß man durch Wahrheit das Glück erringen kann?« Herr Lucas hob den Kopf: »Selbstverständlich, auf solche Weise allein.« Adela fuhr fort: »Ich meine nicht das Glück dessen, der wahrhaftig ist, sondern das Glück eines Menschen, für den man trachtet, wahr zu sein, und wäre er ein Mörder. Einer, der nichts von einem weiß, fast ein Fremder. Ein Mensch, so fremd, wie einer ist, dem man einen Augenblick lang auf der Straße begegnet ist – auf Nimmerwiedersehen.« Herr Lucas nickte. »Jawohl.« Adela sah Herrn Lucas an, der mit niedergeschlagenen Augen regungslos vor ihr saß. Allmählich schlossen sich seine 317 Augen stark und gewaltsam. Das Licht fiel durch die Scheiben gerade auf sein Gesicht. Es war förmlich, als wichen seine Augäpfel unter den Lidern tiefer in den Schatten seiner Augenhöhlen zurück. Adela beobachtete es, wie Herrn Lucas Haltung, Gebärde, die Stellung seiner Hände den Ausdruck einer tiefen Erstarrung und ungewöhnlichen Konzentration annahmen. Es schoß ihr durch den Sinn, daß sie diesen Freund nun bald verlieren werde, aber zugleich wurde es ihr bewußt, daß sie ihn ja nicht verlieren könne. Daß er in ihrer Nähe verbleiben werde, trotz der Entfernung. Und daß sie ihn vielleicht sogar leiblich heimsuchen könne, bald, wenn auch in einer veränderten Form. Ihr wurde es offenbar, daß eine Verbindung mit dem Freund, dem ihr Inneres so vertraut und klar, durchsichtig und kristallisch leuchtend erschien, keiner körperlichen Gegenwart bedurfte. Sie lächelte und Herr Lucas fühlte in seiner Versunkenheit den Gedanken Adelas in sich überströmen. Denn als er nach einer Weile die Augen aufschlug und Adela frug, ob er seinen indischen Freund zu ihr herausbringen dürfe, und sie es mit ruhiger Stimme bejahte, war der Ausdruck seines Gesichtes ein heiterer und seine Augen blickten froh. – Es pochte leise an die Tür und es erschien Sheilas Gesichtlein hinter einem Strauß von Garten- und Wiesenblumen. Das Kind reichte stumm Herrn Lucas seine Hand und legte ihm dann den ganzen Strauß auf die Knie. Sie schmiegte sich an den Arm ihrer Mutter und sah Herrn Lucas an. »Kind, all diese schönen Blumen soll ich haben?« Er hob sie zu seinem Gesicht auf, sein bärtiges Gesicht verschwand in den Blumen, nur seine Augen leuchteten zwischen den Dolden und Blüten hervor. »Freund, ich habe sie für Sie gepflückt,« sagte Sheila leise. Sie hatte ja mit dem Freund einen Bund geschlossen und die Mutter, deren Wohl er bezweckte, durfte nichts erfahren, hatte ja auch nichts erfahren. 318 »Unser Freund verläßt uns, Baby,« sagte Frau Adela, indem sie das Köpfchen des Kindes an sich preßte. »Er geht nach Indien.« Aber Sheila zeigte kein Zeichen von Bedauern oder Kummer. Sie lächelte und streckte die Händchen nach den Blumen aus. Herr Lucas reichte dem Kind die Blumen. Sheila nahm den ganzen Strauß, vergrub ihr Gesicht in den Blüten, genau so wie Herr Lucas es getan hatte, blickte Herrn Lucas einen Augenblick lang durch die Blüten und Dolden an und reichte ihm darauf den Strauß zurück. Ihre Wangen waren höher gefärbt, als wäre sie errötet. »Freund, Mr. Lucas,« sagte sie, »das Wunderlieblied im Sturm werden Sie mir doch noch einmal sagen, bevor Sie reisen?« Herr Lucas zog Sheila zu sich herüber und küßte sie auf ihren kleinen warmen Scheitel. Bald darauf ging er. Sheila spielte leise, ohne die Mutter zu stören. Kaum sah sie sie an, bis zum Schlafengehen. In dieser Nacht hatte Adela den ersten Anfall ihrer Krankheit. Nach dem Geständnis ihrer Verbindung, der Verknüpfung ihrer Gedanken mit den Gedanken und dem Sein Garrats hatte sie das Gefühl tiefster Entäußerung. Es war ihr, als habe sie selber das tödliche Geständnis abgelegt, nach dem nichts mehr übrig bleibt, als das Urteil über sich ergehen zu lassen, sein Haupt hinzulegen, das Ende abzuwarten. Nach Mitternacht erschien ihr Garrat. Sie schrie mit veränderter Stimme aus tiefstem Schlaf auf, so grell, daß Miß Newall herbeilief und an die Tür pochte. Sheila öffnete die Tür und beide, das Kind und die fremde Frau, standen an dem Lager der in kataleptischen, ohnmachtähnlichen Schlaf Gesunkenen. Nächsten Morgen war Mrs. Newall nach Brentford hinübergelaufen, da Dr. Foundling telephonisch nicht zu erreichen gewesen war, und hatte der Haushälterin des 319 abwesenden Arztes aufgetragen, er möge unverzüglich zu ihr kommen. Ihre Mieterin befinde sich in einem Zustand, der sie ernstlich beunruhige. Als sie heimkehrte, fand sie Adela bleich und mit fliegender Brust noch im Bette liegend an. Sie setzte sich zu ihr, erfaßte die feuchte Hand der Kranken und sagte ihr, daß der Arzt im Laufe des Tages kommen werde. »Beste Mrs. Newall, wird er mir denn helfen können? Ich habe im Traum einen Menschen erblickt, dem ich einmal im Leben hätte Beistand leisten können. Und daß ich es nicht getan habe, das ist meine Krankheit. Daran kann doch Ihr Arzt nichts ändern!« Mrs. Newall ging in ihre Küche hinunter, lief in ihrer Angst zu dem Bildhauer, aber dieser, der nachts von dem markerschütternden Schrei in den Räumen über seinem Kopfe aufgewacht und den Rest der Nacht schlaflos verbracht hatte, blickte Mrs. Newall verständnislos an und sprach von Krankheiten, die jeder allein mit sich durchmachen müsse. Eigentlich verschwieg er, was er insgeheim bei sich dachte und befürchtete: nämlich, daß die Dame im ersten Stockwerk in dieses verlassene Haus gekommen sei, um ihrer Niederkunft entgegenzusehen. Mrs. Newall brummte mißmutig etwas in sich hinein, als sie das Atelier verließ. Im Laufe des Vormittags verstärkte sich die Brustbeklemmung Adelas bis zu heftigem Schmerz. Ein Gewicht lag auf ihrer Brust. Sie konnte kaum mehr atmen. Über ihren ganzen Körper breitete sich diese Beklommenheit aus. Ein Hausmittel fiel ihr ein, dessen gute Wirkung sie an einer alten Dienstmagd ihrer Mutter in ihrer frühen Kindheit beobachtet hatte, Aderlaß, dann ein Bad in mit Kräutern präpariertem Wasser. Waren es die Blumen, die aus dem Garten so betäubend heraufdufteten? Oder der Strauß, den Herr Lucas, nachdem er ihm bloß drei weiße Blüten entnommen hatte, 320 im Zimmer zurückgelassen hatte? Es waren vielleicht die großen, eckigen Flecke auf den Tapeten, die wie Tore dunkel und in tieferer Buntheit standen, dort, wo ehedem der Schrank, der Spiegel gewesen waren. Vielleicht auch die Menge neuer Gestalten und Gesichter, die im Halbschlaf, im ungewissen Schein des Nachtlichtes aus diesem Dunkel, dieser Buntheit emporgequollen kam und sich auf ihr erregtes Herz zu wälzte. Einen Augenblick schien es ihr, als müsse sie nun all diesem entrinnen. Jeder Schlag ihres ungestümen Herzens drängte sie fort von diesem Ort, an dem sie sich befand. Es war das typische Symptom der sich rasch entwickelnden Herzkrankheit, da der Kranke durch einen radikalen Ortswechsel seinen Zustand bessern zu können glaubt. Doch dies dauerte nur einen kurzen Augenblick. Treue! sagte sich Adela. Treue und Wahrheit, das einzige. * Die Morgenzeitung, die ihr die widerstrebende Mrs. Newall endlich doch heraufgebracht hatte, verkündete den Beschluß des Gerichtes, das Verfahren gegen Garrat tunlichst zu beschleunigen. Welche Motive das überlastete Gericht zu dieser Beschleunigung bewogen hatten, erklärte das Blatt in einem selbständigen Artikel. Große und immer größere Erregung machte sich in den weitesten Kreisen der Bevölkerung bemerkbar. Eine krankhafte Neugier hatte sich nicht nur der Londoner, sondern der ganzen zivilisierten Welt bemächtigt und jeder Tag, um den der Prozeß hinausgeschleppt werden sollte, schürte diese ungesunde Sensation, depravierte den ohnehin schon überreizten Hunger der Menschheit nach ungewöhnlichen Erlebnissen. Als Dr. Foundling in den späten Vormittagsstunden 321 erschien, fand er zu seiner Verwunderung die Patientin aufrecht im Zimmer stehend. Sie hatte sorgfältig Toilette gemacht, hielt sich gerade und empfing den Arzt ohne das geringste äußere Zeichen von Krankheit oder Erschöpfung. Dr. Foundling war ein alter Mann von vornehmem Aussehen mit einer ungeheuren Glatze, die einen vom phrenologischen Standpunkt interessanten Schädel enthüllte. Er hatte ein schwarzgerändertes Monokel in sein linkes Auge geklemmt, es war an einem ziemlich breiten schwarzen Seidenband befestigt, das sich über die altmodische Seidenweste des Arztes spannte. Er trug einen tief ausgeschnittenen Kragen, und seine Krawatte aus geblümter Seide war mit einem goldenen Ring befestigt, in dem stets eine blühende Blume stak. Er steckte die Nelke in die Tasche, während er sich Adela gegenüber niederließ, und befestigte sie wieder an ihrer ursprünglichen Stelle, als er eine halbe Stunde später Adela verließ. In dieser halben Stunde aber hatte er mit Adela in einer schrullig-sonderlingshaften Weise über alles mögliche gesprochen, das Wetter, den Garten, über seinen Wohnort Brentford und über Australien, das er als Schiffsarzt in jungen Jahren besucht hatte. Durch sein Monokel hatte er indes Adela scharf beobachtet und beiläufig einige kurze Fragen über Adelas Befinden gestellt, die aber nur ungenügend beantwortet wurden, denn Adela sprach mehr über Mrs. Newall und ihre löbliche und gutmütige Fürsorge für sie als von sich und ihrem Zustande. Als Dr. Foundling am Fuße der Treppe sich von Mrs. Newall, die aus ihrer Küche herauskam, verabschiedete, bemerkte er halblaut: »Es ist ein ziemlich fortgeschrittenes Herzleiden. Irgendein Kummer. Jawohl. Irgendeine Ursache, sich krampfhaft aufrecht zu halten, sich selber und dem Arzte und der ganzen Welt weiszumachen, daß einem nichts fehle. Ich komme wieder. Bemitleiden Sie die Dame nur nicht 322 zu auffällig. Lassen Sie es sich nicht merken, daß Sie wissen, wie es um sie steht. Sie sagen, daß die Dame seit einer Woche wieder die Zeitung liest? Daß sie sie selbst am frühen Morgen aus dem Türspalt in ihr Zimmer holt? Hm. Ich komme wieder. Auf Wiedersehen, Mrs. Newall.«   Merkwürdigerweise beschäftigte sich Adela in diesen Tagen viel mit Miß Dalmayne und ihrem Schicksal. Sie warf sich Kälte und Grausamkeit vor. Hier war ein Mensch, den sie in einem schweren und verhängnisvollen Abschnitt seines Lebens verlassen hatte und dem sie Stütze und Ratgeberin hätte sein können. Wie war es denn mit ihr gekommen? Auch sie hätte rechtzeitig gewarnt, beraten, gerettet werden können. Nun war es mit ihr wahrscheinlich so gekommen, daß sie allein und ohne Freunde, von Wahrheit und Güte verraten und verlassen, näher und näher dem Abgrund zugeglitten war. Warum nur hatte sie Dalmayne nicht geholfen! O, das Wort von der Geistesgegenwart! Dieses Wort, das eine Anklage einschloß gegen die Lässigkeit, die Selbstsucht und törichte Schwäche des Herzens. Wie ergründen, was es mit dem Glück auf sich hat? Sollte das Leben vergehen, ohne daß sie diesen Begriff »Glück« anders zu erfassen vermöchte als nur vom Hörensagen? In einem von fremden Ufern herüberkommenden Hauch und Klange. Wie viel war da nachzuholen und doch schon rettungslos vorbei! Was erwartete sie im Grunde? Sie wußte: es war eine Hoffnung da, latent und undeutlich auf dem Grunde ihrer Seele. Die Hoffnung – worauf? Darauf etwa, daß der Gefangene befreit wurde? Sie wußte, dies konnte nicht geschehen. Auf eine Vereinigung mit Garrat? Sie wußte, ihr Leben war um. Erhoffte sie etwa, daß der Mörder ein volles Bekenntnis seiner Schuld ablegen werde? 323 In ihrer Seele sammelten sich alle Kräfte der Gesundheit und des Willens zum letztenmal in der Erwartung der Lösung. Und in dieser Erwartung ging sie ihr Leben durch, bescheinigte sie sich alles, was für sie sprechen konnte, verdammte sich aber doppelt und dreifach um all deswegen, was in ihr der Hilfsbereitschaft, dem Gerechtigkeitsgefühl, dem Bedürfnis und der Notwendigkeit, wahr zu sein, Abbruch getan hätte. Mitten in diese seelischen Qualen fiel ihre Erinnerung an Malone. Sie hatte seinen Tod herbeigewünscht! Wie oft hatte sie sich, ehe sie nach Europa gekommen war, ehe sie in jähem Entschluß den Brief an ihren Rechtsanwalt mit dem Auftrag, die Scheidungsklage einzureichen, gerichtet hatte, den Tod dieses Menschen und ihre Befreiung von ihm gewünscht. Und jetzt verfolgte sie der Gedanke, daß sie ihm hätte helfen, ihn aus den Ursachen seiner Herkunft, seiner Kindheit, seiner Veranlagung hätte begreifen sollen, und sie sagte sich: auch diesem Menschen gegenüber hatte sie nichts wie Schuld auf sich geladen. Noch vor kurzen Monaten hatte sie einmal den Kran auf dem Fabrikshof aufgezeichnet und den Körper des Mannes aus schwindliger Höhe in die Tiefe stürzen sehen. »Sheila!« Sheila kam zur Mutter, die sich aus dem Fenster gebeugt hatte, aus dem Garten herauf in die Stube. Auf ihren Armen hielt sie das große Tuchkamel, das ihr Mrs. Strange geschenkt hatte. Ihr kleines Gesicht war von Traurigkeit wie überströmt. »Mammy, ich habe dies da anders getauft. Es heißt Hucks. Nicht mehr Miggy. Miggy war ja das Kind von der Dame, es war häßlich von mir, diesem Tier den Namen von ihrem toten Kind zu geben. Mammy, wo ist Miggys Mutter? Darf ich ihr schreiben? Ich möchte sie fragen, wann der Todestag von dem Kind ist, um ihr ein paar 324 Blumen aus dem Garten zu schicken. Oder soll ich es lieber an ihrem Geburtstag tun?« Adela setzte das Kind auf ihr Knie und fing mit ihm zu rechnen an. »Wieviel sind viermal sieben? Zehnmal neun und dreimal zehn? Wieviel ist hundert dividiert durch acht? Wievielmal gehen sieben in einundneunzig?« Aus einem Winkel ihres Koffers holte sie ein altes Büchlein mit Versen und überhörte Sheila: Sheila hatte das Gedicht von der Wanduhr in Großvaters Blockhaus halb vergessen, das andere vom Brand des Waldes auf der Bergkuppe konnte sie noch, jedenfalls die ersten Strophen. Das Gedicht, in dem die Laute des Hühnerhofs nachgeahmt waren, entlockte Sheila und ihrer Mutter ein kleines Lachen. Sie wiederholten es zweimal. Aber dann nahm Sheila das Büchlein der Mutter aus der Hand und sagte plötzlich: »Mammy, du mußt mich beten lehren. Du mußt mir ein Gebet aufsagen, solange bis ich es kann. Miggy hat gewiß beten können, als sie krank wurde und sterben mußte. Warum kann ich nicht beten? Das dumme kleine Nachtgebet vor dem Schlafengehen! Ich denke ja gar nicht mehr an die Worte, sondern plappere sie nur nach wie ein Papagei, ohne den Sinn zu erfassen. Du mußt mir ein Gebet hersagen, wie es die Erwachsenen in der Kirche oder daheim beten, wenn sie sich wirklich an den lieben Gott wenden müssen. Ich will, wenn du in der Stadt bist, oder wenn ich weiß, daß du erst spät kommst, das Gebet so lange wiederholen, bis ich nicht mehr allein bin.« »Baby, was für Gedanken hast du da! Ich darf dich gar nicht mehr allein lassen. Ich sehe schon. Auch unten im Garten will ich dich nicht mehr allein spielen lassen, wenn du solche Gedanken in deinem Köpfchen reif werden läßt beim Spielen. Wir werden in die Stadt fahren und Schulbücher mitbringen, und du wirst Aufgaben lernen müssen. 325 O Gott, wie habe ich dies vernachlässigt in all diesen letzten Monaten. Morgen, morgen schon beginnen wir mit dem Unterricht!« »Morgen ist Sonntag, Mammy, willst du mich nicht nach Hamstead in die Kirche mitnehmen? Und da will ich zuhören, wie die Leute beten. Ich will nicht aus den dummen Büchern lernen. Ich will ein schönes Gebet hersagen können. O, ich glaube, Freund Lucas hätte mich eins gelehrt, wenn ich ihn darum gebeten hätte. Du willst mir nur die dummen Schulbücher kaufen, Mammy, ich aber will nicht lernen, was die Kinder in den Schulen lernen. Ein schönes Gebet – versprich mir, Mammy, – du wirst mir ein schönes Gebet hersagen, und wenn Herr Lucas das nächste Mal zu uns kommt, werde ich von ihm hören, ob es ihm gefällt oder ob er schönere weiß!« In der Nacht zum Sonntag träumte Adela von dem alten Ehepaar im Hause von Miß West. Sie träumte davon, daß die beiden alten Leute, die guten Winterods, vor ihrem reichgedeckten Tisch, auf dem sich phantastische Südfrüchte, Ananas und Zuckertorten aufbauten, eingeschlafen waren. Sie sah sich selbst, Miß Dalmayne, Herrn Lucas und Garrat, der aber außerordentlich jugendlich, heiter, lustig fast sich gebärdete, um den gedeckten Tisch sitzen und schmausen. Sie schmausten und waren guter Dinge, obzwar jeder von ihnen genau wußte, daß die beiden alten Gastgeber, der gute Mr. Winterod und seine alte Hausfrau tot in ihren Stühlen saßen. Adela erwachte von einem Schmerz, einer furchtbaren Angst. Sie hoffte nur eines: das Kind mit sich zu nehmen. Es nicht in dieser Welt allein lassen zu müssen. Früh am Morgen schon kleidete sie sich an in feierlicher Tracht und fuhr mit Sheila, die ein Kleidchen aus weißer Seide anhatte, nach Hamstead. Sie fuhr in einem Wagen die ganze lange Strecke, da sie glaubte, der sommerlichen 326 Hitze in den Omnibussen, dem Umsteigen und dem Geratter der Maschinen nicht standhalten zu können. Ihr Kopf schmerzte sie. Oft war es ihr, als müsse sie im nächsten Augenblick in Tränen ausbrechen, aber sie bezwang ihre Schwäche mit Tapferkeit und Ausdauer. Sheila saß mit feierlicher Miene neben der Mutter. Sie hielt Adelas in Elfenbein gebundenes Gesangbuch zwischen ihren Händchen. Zuweilen preßte die Mutter das Kind mit einer jähen, ungestümen Bewegung an sich, dann blickte Sheila blaß und mit einem Gesicht wie ein wissender, erwachsener Mensch in das Antlitz der Mutter auf. In ihrem Kinderherzen, das ungestüm pochte, ahnte sie, was in Adela vorging. Sie hatte in den vergangenen Nächten das Tuchkamel in ihr Bett mitgenommen, dann auf den Platz gelegt, wo Feuer, die Katze, die seit kurzer Zeit wieder aus dem Haus verschwunden war, sie zu bewachen pflegte. Vor dem Einschlafen hatte sie selbst ein kleines Gebet improvisiert, in dem Miggy und Miggys Mutter vorkamen. * Garrat ging in seiner Zelle auf und ab. Er befand sich in einem Zustand hoher Erregung. Jetzt war die Arbeit getan. Sie lag vor ihm, auf drei Bogen sauber geschrieben, fertig bis auf den letzten Satz. Er blieb stehn, verschränkte die Arme wie einer, der stolz sein Werk vollbracht sieht und findet, es sei geraten. Er trat an den Tisch heran, blickte auf das beschriebene Blatt nieder, und dann, indem er die Arme langsam von der Brust löste, ergriff er die Feder und schrieb, ohne sich zu setzen, das Schlußwort: » Not guilty. « – Unschuldig. – 327 Die Unterschrift »Dr. Walter Garrat« wies keinerlei Schwanken der Feder auf. Kein Strich, der Zagen ausgedrückt hätte; klar, wie unter einem Geschäftspapier, lief der Namenszug hin. – Als Wärter Rick später eintrat und dem Gefangenen den Besuch der Aufsichtskommission meldete, war Garrat kühl und gefaßt. Er ließ den Bogen mit der noch frischen Tinte auf seinem Platze liegen und empfing die Herren mit gemessener Höflichkeit. Dr. Macreary hatte sich mit den andern Herren verständigt. Sie verließen nach einem kurzen Blick über die Zelle und ihren Insassen, nach ein paar Worten, die sie mit dem Wärter und den ihnen zur Führung zugeteilten Beamten gewechselt hatten, den Raum und dispensierten das zurückbleibende Mitglied der Kommission vom weitern Rundgang durch das Gefängnis. Die beiden ehemaligen Studiengenossen saßen einander gegenüber. »Wie in aller Welt!« sagte Macreary. Er schüttelte den Kopf und sah zu Boden. Garrat brachte das Gespräch auf Belle, die Macreary gut gekannt hatte. »Sie haben nach jenen ersten Besuchen unser Haus gemieden. Auch im Klub waren Sie nicht mehr der alte Kamerad von der Universität. Aber ich begriff das gut. Sie konnten nicht anders,« sagte Garrat und blickte den andern an. Macreary war mehr als befangen. Es war genau das Thema, das er am liebsten vermieden hätte. Er begann: »Nun, das sind alte, vergessene Zeiten. Ich hatte manchmal Gewissensbisse nachher. Auch jetzt noch, bei Gott, diese letzten Wochen sogar noch; wollen Sie mir's glauben!« Sein Blick schlich scheu an Garrats Blick vorbei. Er wand sich zwischen dem Tisch, auf dem das Manuskript: » Not 328 guilty « lag, und der Tür, vor der Wärter Rick aufgepflanzt stand, hin und her. »Nun, alte Zeiten in der Tat, und vergessen,« sagte Garrat mit einem unmerklichen Lächeln. Er beobachtete das Gesicht des andern und konstatierte darin jede Falte, jeden Zug um Mund und Augen, den Ausdruck dieser in Ehrbarkeit und Würde verlebten Existenz. Einen Augenblick lang sagte er sich: »Weshalb blickst du mir nicht ins Gesicht? Fühlst du dich schuldig vor mir?« »Sehen Sie – hier.« Er nahm die beschriebenen Bogen und hielt sie wiegend in den Handflächen. »Das letzte Wort, das wir Menschen unter unser Leben setzen können, ist: Not guilty « Macreary blickte auf, und seine Augen strahlten plötzlich Kälte aus. »Ich weiß – die andern sind anderer Meinung, und auf diese kommt es ja an!« sagte Garrat ruhig und legte die Bogen wieder fort. »Es ist diese Philosophie,« entgegnete Dr. Macreary bestimmt, »jeder hat sie sich durch sein Leben zu beweisen. Die folgerichtige Entwicklung des individuellen Lebens muß es beweisen, daß man sich gegenüber den andern, das heißt der Welt, im Recht befinde. Wer leidet, der glaubt, das Phantom des Lebens zu durchschauen – es mag indes eine Täuschung sein; das, worauf es ankommt, ist, daß man Gott erblicke durch das Phantom hindurch und seine Gegenwart fühle in seinem Leben vom Anbeginn.« »Ich könnte dies nicht so vollkommen ausdrücken, Freund,« sagte Garrat. »Immerhin weiß ich, daß jeder Schmerz, jedes tiefste Leiden die Quelle und der Ursprung für Freuden ist, die aus ihm entstehen, ich habe es erlebt – und wenn Gott der ist, den wir in ihm anbeten, so ist es eben der Gott, der uns Freude schenkt, sonst wäre unser Leben ein Wahn. So ist das Leid, die Qual gerechtfertigt.« 329 »Nicht die, die wir andern antun!« sagte Dr. Macreary mit Betonung. Garrat schüttelte den Kopf. »Ich sehe da die Grenze nicht.« »Wie!« rief Macreary aus. »Keine Grenze zwischen der Qual, die einer selbst erleidet, und die er andere erleiden läßt?« »Nein,« sagte Garrat. »Sie lächeln, Freund? Lächeln, trotz dem Raum, in dem wir hier beisammensitzen? Es ist nicht alles von der Vernunft regiert in der Welt, glauben Sie's mir. Und ob Sie auch lächeln – das Leben ist etwas Ernsthaftes, glauben Sie es mir. Ich weiß es.« »Ja, es ist so!« sagte Dr. Macreary, und Garrat sagte sich: Siehe, schon ist er wieder dein Ankläger. »Und es ist gut, sich das vor Augen zu halten in den schweren Situationen des Lebens. In der Tat, es ist gut!« »Sie sind verheiratet?« frug Garrat unvermittelt. »Wie ist Ihre Frau? Haben Sie Kinder? Ein Häuschen? Verdienen Sie viel? Wie kommt es, daß Sie in der Kommission sind? Meldet man sich dazu freiwillig?« Macreary stand auf, und sein korrektes Gesicht gab sich Mühe, strengen Ernst und Sachlichkeit zu zeigen. Er hatte, wenn ich mich recht erinnere, eine romantische Ader, dachte Garrat. »Ein Buch von Shelley,« sagte er und griff nach dem kleinen Lederband. »Raten Sie, woher ich es habe. Aus Quebec. Am Tage nach meiner Ankunft ließ ich es mir durch den freundlichen Direktor besorgen.« »Retten Sie Ihre Seele,« sagte der Besucher leise und langsam und reichte Garrat die Hand. »Gott beschütze Sie auf Ihren schweren Wegen, wie es auch immer um Sie stehen möge. Im übrigen – haben Sie einen Wunsch? Sind Sie mit der Nahrung zufrieden? Ich könnte durch Fürsprache . . .« 330 »Welch eine warme Hand Sie haben!« sagte Garrat und schüttelte sie lange in der seinen. »Es ist schade, daß wir auseinanderkamen, seinerzeit. Nun, so wollte es das Leben.« Sie schieden. D. Macreary wandte sich nicht mehr zurück. Als der breite Rücken des Wärters hinter dem Eisen verschwunden war, blickte Garrat noch mit dem gerührten Lächeln, das seine letzten Worte begleitet hatte, hinter ihm her. Alles in allem ein guter und fühlender Mensch. Es war eben eine Situation, in die sich nicht jeder hineinfinden konnte. Da durften Entgleisungen nicht zu scharf beurteilt werden. – Macreary teilte der Kommission mit, das Gemütsleben des Gefangenen sei bedenklich erschüttert und man müsse den Gefängnisarzt benachrichtigen. Die Nachricht, daß Garrat eine lange Abhandlung verfaßt habe, die in den Worten: » Not guilty! « gipfelte, eine Nachricht, die die Runde durch alle Zeitungen machte und ihre Wirkung auf die Geschworenen nicht verfehlen sollte, gelangte ebenfalls durch Dr. Macreary an die Öffentlichkeit. –   Der Arzt trat erst in den späten Abendstunden in Garrats Zelle ein. Bis dahin waren die Stunden des Gefangenen von Erregungen mancher Art heimgesucht. Gleich nach Macrearys Fortgang erlebte Garrat eine Entspannung des Gemütszustandes, die ihn mit der Macht einer Krise niederwarf. Er war der Arbeit an seiner Verteidigungsrede kaum gewachsen gewesen und hatte sie nur mit oft niederbrechendem Mut zuwege gebracht. Jetzt bemächtigte sich seiner wie eine gewaltsame Obsession die Erinnerung an die Zeit, da er noch mit Macreary, 331 Waterton, O'Gorman und den andern die Kollegebank gedrückt hatte. Diese Zeit war, nach Perioden anstrengendsten Studiums, von andern Perioden des krampfhaften Lebensgenusses gezeichnet gewesen. Garrat sah sich mit den Kameraden durch die nächtigen Straßen Whitechapels ziehen, hinunter zu den Docks, ins Limehouseviertel, wo die versteckten Opiumhöhlen der Chinesen in den Hinterhäusern des Causeway gelegen sind. In einer Taverne in Stepney, die ein Kollege entdeckt hatte, fanden sie Französinnen und Spanierinnen, die mit den aus Indien und China zurückkehrenden Schiffsoffizieren Zusammenkünfte hatten, und die jungen Mediziner saßen an den Tischen nebenan und bewunderten die Laszivität und Grazie der Tänze, die Attitüden und die Ausdrucksweise der Frauenzimmer, von denen sie doch eine angeborene Scheu fernhielt. Einen Augenblick dünkte es Garrat, er habe etwas versäumt im Leben, das nicht mehr zu erreichen war. Als sollte er sein Leben vertan und beendet sehn und verzweifeln, weil er es nicht genossen hatte, wie es sich ihm in jenen Tagen geboten hatte! Er erinnerte sich an Belle und die Zeit, in der er sie kennenlernte, in der er von seinem Platz im Middlesex-Varieté aus sie beobachtete und die junge schlanke Künstlerin im Pagenkostüm von der Bühne die Blicke des ihr noch Unbekannten erwiderte. Er erinnerte sich an die ersten Monate seiner Ehe mit Belle, die in der lustigen Gesellschaft ihrer Berufsgenossen vergingen. An Vergnügungsfahrten, die er mit ihr, später mit Cora Stratton, in die Umgebung von London unternommen hatte – und diese Eindrücke waren so stark, daß sie Garrat eine narkotische Vergessenheit der Gegenwart schufen, bis sie ihn dann losließen, und er in jähem Sturz 332 in die Wirklichkeit abstürzte, in der Wirklichkeit versank, ohne Willen, in eine lähmende Betäubung, tief in die Verzweiflung an allem, unrettbar hinunter. Er sah sich um, betastete sich. In der Zelle war aus dem Bereiche seiner Hände alles Gerät entfernt, das zu einem Versuch hätte verleiten können, Mord an sich zu verüben – aber auch an andern, dem Wärter, den Besuchern, dem Arzt, dem Seelsorger, die in die Zelle zu dem Gefangenen kamen. Und doch – die Feder im Federhalter genügte vollkommen, um die Halsader zu durchbohren. Er konnte sein falsches Gebiß zerschlagen und an einem Stück ersticken. Auch an Fetzen des Bettuches, an dem Riemen, der die Matratze an das Gestell festband, sich erhängen. Es waren unzählige Wege zum Tode offen, wenn er nur die Intervalle ausnutzen wollte, in denen das Auge hinter der Türluke aufging, verschwand. Der furchtbare Selbstmord jenes Arztes aus dem Klub fiel ihm ein. Er begriff, daß man mit Wollust den Leib zerstören konnte, der niederzog, der die Hoffnung zertrampelte, die zarte Blüte der Hoffnung und des Glaubens, die eine göttliche Hand in die Seele des Sterblichen gepflanzt hatte. Und Garrat weinte, mit von der Türe abgewandtem Gesicht, seit langer Zeit zum erstenmal. Der Arzt fand ihn müde und erschlafft. Vor ihm lag aufgeschlagen das Buch mit den Versen Shelleys. Dr. Headman erkundigte sich nach dem Schlaf Garrats, der, wie er wußte, zu wünschen ließ. Er hatte beruhigende Pulver mitgebracht. »Ich werde Ihnen das Geheimnis aufdecken, Kollege!« sagte Garrat. »Es ist nicht die Schlaflosigkeit, denn die kann gut sein, wenn man durch sie Zeit gewinnt, sein Leben besser zu überdenken. Sondern es ist das: so viele Gefühle kreuzen sich, für die man nichts kann und die man nicht gerufen hat. 333 Wenn Sie dorthin, von wo diese unerbetenen Besucher herkommen, Ihre Pulver schütten wollen wie Gift vor Rattenlöcher, dann will ich Ihnen dankbar sein. Im übrigen ist es gut, wenn man nicht schlafen kann: die Zeit des Tages ist dann von den Träumereien erfüllt, die in der Nacht keinen Raum gefunden haben. Ich bin nicht unzufrieden mit diesem Zustand, ich versichere Sie!« »Ihre Nerven sind zerrüttet,« sagte der Arzt. »Sie sehen die Träume als Wirklichkeit vor sich. Sonst aber, hoffe ich, haben Sie keine Beschwerden. Vielleicht ändern wir die Kost, es mögen Gewürze beigegeben sein – Sie müssen auch mehr an die Luft – warum nehmen Sie nicht mehr teil an den Spaziergängen im Hof?« »Kollege, ich will es Ihnen gestehen, ich konnte den Rücken des Menschen vor mir nicht mehr sehen. Ich konnte den Anblick nicht ertragen. Ein Feigling bin ich heute vielleicht nur insoweit, als es meine eigenen Schicksale betrifft. Aber da ging vor mir ein junger Mensch – ich habe seinen Namen erfahren, er hieß Andersson, ein Schwede, glaube ich – er war eines ähnlichen Verdachtes wegen hier wie ich – er hustete und krümmte sich, während er ging . . .« »Andersson ist letzte Nacht gestorben.« »So. – Jawohl, ich hörte das Gebell schon seit einiger Zeit nicht mehr. Denn ich kann es nicht anders nennen, ein Gebell war es.« »Er wurde vor drei Tagen ins Lazarett eingeliefert.« »Nun, wohl ihm, er ist wohl bei seinem Opfer und hat sich mit ihm versöhnt. Requiescat .« Der Arzt stand auf. Er maß Garrat mit einem Blick, wandte sich dann an Wärter Rick, dem er einen Zettel gab. Er hatte auf den Zettel ein paar Anweisungen geschrieben. Der Wärter behielt den Zettel in der Hand. – * 334 Garrat forderte neues Papier und beschloß, einige Abschnitte der »Rede« zu ändern. Nach aufmerksamem Durchlesen des »Epipsychidion« waren ihm Gedanken gekommen, die er in seiner Verteidigung vorbringen wollte. Wo ihn vorher die Arbeit an dieser Verteidigungsrede von dem Buche Shelleys fortgerissen hatte, fingen jetzt beide ineinander zu schmelzen an, er erkannte fast keine Grenze mehr. Er saß jetzt stundenlang regungslos, wußte kaum mehr, welche schicksalsschweren Stunden ihm bevorstanden. Er blickte starren Auges vor sich hin, als befände sich jemand am Ende des Raumes, den er nicht aus dem Auge verlieren durfte! Er sagte sich, daß er ja eigentlich genug von der Welt gesehen habe, strich sich aber über die Stirne, um diesen Gedanken zu verwischen, und erinnerte sich, daß es ja etwas ganz anderes war, womit sich sein schlafloses Gehirn zu beschäftigen vorgenommen hatte. Es war Zeit, dankbar zu sein. Aber wem gegenüber? Da waren ja immer noch die Freunde, die den Verteidiger beigestellt hatten. Cora –. Auch Belle. Für alles, was das Leben gebracht hatte, trotz allem, trotz allem. Ja, auch dafür, was die Qual im Gefolge hatte – für das Glück, das stundenlang, für die Erkenntnis, die Tage hindurch als Gewinn des Lebens ihm geliehen worden waren in dieser Zeit. Aber vor allen Dingen war es der Dank an die Eine, die im Fluge nur Erblickte, im Schatten eines vorüberfahrenden Gefährts, für einen Augenblick aus der Vergessenheit Aufgetauchte, mitten in einem schrillen Laut, der aufzuckte und erlosch – dieser Dank war tiefer und lauterer, unvergeßlich und schwerer abzutragen als alles andere. Und Garrat lebte in dieser Erinnerung die Zeit durch, die ihn vom Beginn seiner Schicksalsstunde trennte. Zuweilen fühlte er sich so, als ob er ein Doppelleben 335 führte. Er war schon Sträfling, aber noch ein verehrungsvoll Liebender. Die Eisentüre klirrte, und er wußte, es war die Türe seiner Zelle, aber es war gleichzeitig das Geräusch des Bootshakens, der in die Flanke des Schiffes an der Schleuse bei Maidenhead griff. Am Sonntag vor dem Beginn der Verhandlungen äußerte Garrat zum ersten Mal den Wunsch, an der Andacht im Kapellensaal des Gefängnisses teilzunehmen, und er betete auf Knien in seinem engen Kasten, der ihn von den Schicksalsgenossen trennte. Er betete, da er sich der Worte des Gebets aus der Kindheit nicht entsann und da er das Buch, das den Stempel »Canonbury« trug, nicht benutzen wollte, improvisierte Worte und Sätze, ohne Sinn, und solche, die Wiederholungen von Worten und Sätzen aus der Rede und dem kleinen roten Lederband waren. Aber erst, als er statt »Amen« die Endworte seiner Verteidigungsrede gebrauchen wollte, stockte er und entsann sich des Anlasses und des Ortes, an dem er sich befand. – Am Abend dieses Sonntags erschienen die Verteidiger Garrats und Coras in der Zelle des Gefangenen, um noch eine kurze Rücksprache mit ihm zu pflegen. Der Gehilfe des Gouverneurs begleitete sie. Mr. Parker gab Garrat zu verstehen, daß es im allgemeinen gut um die Aussichten der Verteidigung stände. Cheer up! Den Kopf hoch. Als sie gingen, waren die beiden Herren erstaunt über die Gleichgültigkeit Garrats. Im Automobil, das sie in die Stadt führte, nahm Mr. Parker den Hut ab und fuhr sich nervös über die Stirn. »Eine Apathie wie diese ist mir in meiner Laufbahn selten begegnet. Bei des Mordes Angeklagten nie. Was halten Sie davon, Calthorpe? Es könnte ein pathologischer Zustand sein?« Er lebte seit Monaten in dem Prozeß, es hing für ihn mehr von dem Verlauf ab, als er wahr haben wollte. Der 336 Ehrgeiz hatte ihn gepackt, es war der Schritt zur Weltberühmtheit, der getan werden sollte. »Der Tisch mit dem Papierbogen, auf dem in großer Schrift: › Not guilty ‹ allen Besuchern in die Augen sticht, ist ein gar zu abgeschmacktes Requisit – sozusagen. Es wird gut sein, diesen Betätigungsdrang wie andrerseits die Passivität auf irgendeine Art auszuschalten, falls es nicht schon zu spät sein sollte! Übrigens hat Richter Mitstone aus den Verhören den Eindruck einer absoluten Willensklarheit und eines sichern Systems der Aussagen. Ich weiß das.« Calthorpe, der ältere von beiden, ein Liebling der pazifistischen Frauen und Vorkämpfer des Frauenwahlrechts, stand der Angelegenheit kühler und ohne leidenschaftliche Befürchtungen gegenüber. Daß Cora Alix Stratton freigesprochen würde, war ziemlich sicher. Eine Unvorsichtigkeit von seiten Garrats konnte ihre Sache nicht allzusehr gefährden. Die Aussagen vor dem Untersuchungsrichter in Quebec und in London hatten einen günstigen Eindruck hinterlassen: das Mädchen war von Garrat überlistet und ihr harmloser Leichtsinn mißbraucht worden; die öffentliche Meinung hatte dem unausbleiblichen Urteilsspruch bereits vorgegriffen. »Solches kommt vor,« sagte er, indem er sich mit geschlossenen Augen zurücklehnte, »ich habe es in meiner Praxis erfahren, daß sich in dem Seelenleben passioneller Verbrecher Einflüsse aus ihrem Leben vor dem Verbrechen geltend machen – auch Vorstellungen religiöser Art sich mit Macht melden und in der Einsamkeit der Zelle überwuchern. Ein pathologischer Zustand, wenn Sie wollen. Legen Sie ihn doch als eine Art jener Besessenheit aus, unter der der Mann das Verbrechen begangen hat. Der Sachverständige – ist es nicht Professor Cornish? – soll sich die Verteidigungsschrift darauf hin ansehn.« * 337 In St. John's Kirche in Hampstead hatte die Sonntagsandacht bereits angefangen, als Adela mit dem Kind in das Mittelschiff eintrat. Sie nahmen auf der letzten Bank Platz und Adela schob Sheila ein Kissen zum Niederknien hin, während sie auf die kalten Fliesen kniete. Sie betete für den Gefangenen. Seit Lucas es ihr klar und unumwunden erklärt hatte, daß Garrat es sei, mit dem sie sich im Traum und im Wachen unausgesetzt beschäftigte, schien es ihr, als könne sie mit stärkerem Willensaufgebot, aufrichtiger und inbrünstiger für diese Seele bitten, sie losbitten. Sheilas Gebet sollte zugleich mit ihrem eigenen zum Allmächtigen emporsteigen, dafür betete sie auf nacktem Boden. Während der Predigt bemerkte sie, daß jemand aus einer der Bänke vor ihr sie starr anblickte. Es war Miß Alvanley aus West-House. Als die Gemeinde sich erhob und die Kirche verließ, wartete sie in ihrer Bank auf das junge Mädchen, das mit ausgestreckten Armen auf sie zukam, sie an sich zog und küßte. »B . . . beste Mrs. M . . . Malone, wie gut, daß ich Ihnen begegne. Schon dachte ich, Sie w . . . wären nicht zur Andacht gekommen und ich w . . . würde Sie jetzt eine Woche lang oder länger nicht zu Ge . . . Gesicht bekommen.« Sie beugte sich nieder zu Sheila und küßte das Kind auf die Stirne. Ihr Gesicht unter dem weißblonden Haar glühte förmlich vor Freude. Sie faßte Adela unter den Arm und ging mit ihr und dem Kind die kleine Churchrow entlang. Besorgt stand sie still und blickte Adela an. Was war das? Sie fand sie so sehr verändert! Aber dann begann sie, rascher, als ihre schwerfällige Zunge es vermochte, von Miß Dalmayne zu erzählen und ihrem Schicksal. In Tränen hatten sie voneinander Abschied genommen, und die 338 Dalmayne hatte ihr aufgetragen, zu Adela zu gehen und ihr alles Liebe von ihr auszurichten. Ja, alles Liebe! In Trauer und Liebe gedachte sie der Freundin, die sie im Stiche gelassen hatte! Es war unrecht von ihr gewesen, aber sie hatte ihr ja doch nicht helfen können! Ihr Roman mit Herrn Escoffier war zu Ende. O, nicht zu Ende, es war fürchterlich, was dem armen Wesen noch bevorstand. Der Franzose war über alle Berge, und es hatte eine böse Abschiedsstunde für die beiden gegeben. Aber nun war Miß Dalmayne auf der Operntournee ihrer Gesellschaft nach Leeds gefahren und sollte erst im Winter nach London zurückkehren. Adela blickte im Vorübergehen zu den Fenstern eines Hauses in der hübschen kleinen Straße empor. Ihr Blick verweilte lange auf den Fenstern, als ob sie dort von jemand Abschied nehmen wollte – als ob dort irgendeine Illusion, ein Traum sich hinter den Scheiben verberge, während sie hier unten vorüberging. In ihrem Blick lag etwas, was Miß Alvanley erschreckte. Sie blieb stehen, sah Adela an, ihren leicht gekrümmten Rücken, das mager gewordene Gesicht mit den Schatten um den Mund. »Liebste Mrs. M . . . Malone, w . . . was ist mit Ihnen? S . . . Sie sollten sich schonen. Sie sch . . . schleppen sich ja, und wie schmal ihre Sch . . . Schultern geworden sind. O, ich fürchte, eine Krankheit sitzt in Ihnen!« Unwillkürlich drückte sie Sheilas Hand fester in der ihren. Sie preßte die kleinen Finger zusammen, und das Kind blickte von ihr zur Mutter, von der Mutter zu ihr auf. Aber Adela lächelte nur und sprach: »Es ist nichts. Ich bin gesünder geworden sogar, seit ich in dem Haus weit draußen lebe. Den ganzen Tag duften die Blumen im Garten. Jetzt im Herbst duften sie so stark. Es ist besser als in der Stadt zu wohnen. O, ich hätte früher dort hinausziehen sollen. Und es ist still. Sie sagten, die arme 339 Dalmayne habe mich schwer vermißt? O, es tut mir leid, so sehr leid.« Sie richtete sich auf, bekam Farbe in die Wangen, ihre Augen blickten scharf und sie schritt kräftiger aus. Vor der Untergrundbahn trennten sie sich. Alvanley sah Adela mit schimmerndem Blick in die Augen: »Erlauben Sie mir es, daß ich zu Ihnen komme. D . . . dulden Sie mich um sich. Ich w . . . werde still sein und Ihren Frieden im Garten nicht st . . . stören. L . . . liebste Mrs. M . . . Malone, sagen Sie nur, ob ich darf. M . . . Machen Sie an mir gut, was Sie an Miß Dalmayne unterlassen haben.« Adela versprach's. Sie bestieg mit Sheila einen Cab und sie fuhren die steile Straße hinunter der Stadt zu. Eine Weile fuhren sie schweigend. Der mutige, konzentrierte Ausdruck wich nicht von Adelas Zügen. Aber plötzlich warf sich das Kind mit einem Aufschrei an die Brust der Mutter und weinte. Sie weinte und schluchzte herzzerreißend und vermochte kaum ein Wort hervorzubringen. Adela hob ihr tränenüberströmtes Gesichtchen zu sich auf und versuchte zu lächeln. »Baby, was ist das mit dir? Was weinst du denn? Was ist denn geschehen?« Aber als das Kind nicht sprechen, doch auch mit Weinen nicht aufhören wollte, wich das Lächeln von Adelas Gesicht und es verfiel. Adelas Züge wurden müde, älter und schlaffer, als sie je gewesen waren. Mit einer Gebärde, die jenem letzten Blicke nach den Fenstern der Churchrow glich, zog sie ganz eng den kleinen schluchzenden Körper an sich. Auf dem ganzen Heimweg hörte das Kind nicht zu schluchzen und weinen auf. – Mrs. Newall empfing Adela mit der Botschaft, Herr Ochoroff sei in ihrer Abwesenheit dagewesen und wollte morgen früh wiederkommen, da es sich um eine wichtige Angelegenheit handle. 340 Oben in ihrem Zimmer setzte sich Adela zum Fenster und blickte ins Freie. Aus der Ferne tönte die Blechmusik einer Heilsarmeekapelle herüber. Zuweilen brachte der Wind auch den Laut von schrillen Stimmen bis in das Zimmer herein. Adela hielt auf dem Schoße die Zeitungen der letzten Tage. So verbrachte sie fast den ganzen Sonntag. Lautlos bewegte sich das Kind im Zimmer nebenan. Es saß bei den Mahlzeiten mit niedergeschlagenen Augen da, als schäme es sich seines Gefühlsausbruches. Es nahm einen guten Bissen, ein Kuchenstück, eine besonders schöne Pflaume von seinem Teller und legte es auf den Teller der Mutter. Sie ordnete auch die Kissen auf der Chaiselongue, auf der Adela ihren Nachmittagsschlaf hielt, das Kissen auf ihrem Lehnstuhl, in dem sie am Fenster saß. Adela las die Zeitungen, die voll waren von Nachrichten über den morgen beginnenden Prozeß Garrats.   Im Traum erlebte sie auf sonderbare Weise den Prozeß selbst, die Verhandlungen, die am Montag morgen in Bowstreet ihren Anfang nahmen. Die Zeitungen hatten photographische Abbildungen des Saales, in dem die Verhandlungen geführt werden sollten, gebracht. Adela sah den Dock, in den auf ein Zeichen des Vorsitzenden der Angeklagte geführt werden würde. Der Dock war von Tischen umgeben, an denen Herren und Damen mit ernsten Mienen Platz genommen hatten. Adela sagte sich: das sind ja die Leute von der »Daily Mail«, vom »Telegraph«, von den »Times.« An einem andern Tische bemerkte sie die Zeugen. Die hatten stier blickende, boshafte Gesichter, es waren miteinander tuschelnde Männer und Frauen. Auf hohem Bau, fast überhoch für den Saal, der ein gewöhnlicher Gerichtssaal zu sein schien, aber Ähnlichkeit mit Miß Wests Speisezimmer hatte, thronte der Gerichtspräsident mit langer weißer Perücke. Neben ihm, 341 zur Rechten und zur Linken, der Kronanwalt und ein zweiter, von dem Adela wußte, das sei der Anwalt des Schatzamtes. Die Zeitungen hatten die Liste aller Amtspersonen veröffentlicht, die den Verhandlungen beiwohnen sollten. Sie bevölkerten den hohen schmalen Raum, der wie ein Korridor aussah. Plötzlich erhoben sich die Anwesenden und verneigten sich tief vor dem eintretenden Angeklagten. Ein Ton erdröhnte wie das Schlagen eines Tors, wie das Zerbrechen eines Stabes, wie ein Schlag, dumpf an die Mauer des Hauses. Adela sah Garrat jetzt. Er war blaß, hatte die Arme verschränkt und sein Mund war eingefallen, als habe er keine Zähne mehr. Die boshaften Gesichter von der Zeugenbank wiesen starr auf ihn. Alle Anwesenden hatten sich wieder gesetzt. Nur der Angeklagte und der Gerichtspräsident standen im Raum aufrecht einander gegenüber. Aber plötzlich trat von irgendwoher ein kleines Kind an den hohen Bau des Gerichts heran und hob sein Gesicht, das von Tränen überströmt war, zu den Männern in den Perücken empor. Adela erkannte das Gesicht ihres eigenen Kindes. Es stand da, hatte die Augen geschlossen, und alle die Männer des Gerichts, die Männer und Frauen an den Tischen um den Dock mußten weinen. Da wußte Adela, daß es gut um den Angeklagten stand . . . Diesen Traum erinnerte sie den ganzen folgenden Tag. Er stand derart greifbar und plastisch vor ihr, daß sie die Abendzeitungen ohne große Ungeduld erwarten konnte. Am Abend las sie die Zeremonien des Beginns der Verhandlungen und die ersten Zeugenaussagen. Eine Sekretärin der Varietékünstlervereinigung, die über Belles Vorleben Auskunft geben sollte, war die erste Vernommene, nach ihr sollte der Gerichtschemiker mit einer Darstellung des Leichenbefundes beginnen – da aber hatte sich ein merkwürdiger Zwischenfall ereignet. 342 Vor dem Verhör der Zeugen hatte der Staatsanwalt eine kurze Eröffnungsrede gehalten, in der er den Fall Garrat skizzierte. Für die Vernehmung der Zeugen war ein Zeitraum von wenigen Stunden in Aussicht genommen. Hierauf sollte die Verhandlung vertagt werden. Aber schon nach einer Stunde hatte sich der erwähnte Zwischenfall ereignet, der den ersten Tag zu einem unerwartet raschen Abschluß brachte. Nach dem englischen Gesetz darf, wenn im Gerichtsgebäude der Kindergerichtshof zu einer Verhandlung zusammentritt, gegen Erwachsene nicht verhandelt werden – und sollten die Räume, in denen die beiden Verhandlungen vor sich gehen, auch an den weitest entfernten Winkeln des Hauses gelegen sein. Für diesen Tag nun war vor langer Zeit schon eine Session des Kindergerichtshofes anberaumt gewesen, und dies war der Grund, weshalb die Verhandlung gegen Garrat zu einem jähen Ende kam. Der ganze große Gerichtsapparat war zum Stocken gebracht, und der unterbrochene Bericht des Gerichtschemikers über die Auffindung und den Befund der Leiche Belle Garrats sollte nächsten Morgen durchgeführt und zu Ende gebracht werden. Damit wäre dann das Vorverfahren beendet gewesen, hierauf konnte die Vertagung um die Frist einer Woche eintreten. Kapitän Fraser von der »Inverneß« saß nicht unter den geladenen Zeugen. Dies hatte eine düstere Ursache. An dem Tage der Ankunft Garrats in London war dem Kapitän ein Scheck über die Summe eingehändigt worden, die Scotland-Yard auf die Auffindung des Flüchtigen ausgesetzt hatte. Es war die Hälfte des Betrages, den Fraser dem Schiffsarzt Kennedy gegenüber als einen unwillkommenen Beitrag zu den Studienkosten seines Sohnes in Oxford oder zur Garderobe seiner Frau bezeichnet hatte. Die andere 343 Hälfte wurde zwischen Kennedy und dem Ersten Offizier Stratton geteilt. Fraser empfing den Brief in seinem Gärtchen in Wimbledon. Er übergab den Scheck schweigend seiner Frau, ging dann fort von Hause und kam erst spätnachts verstört und aufs äußerste niedergeschlagen wieder zurück. Tagelang sprach er weder mit seiner Frau noch mit seinen Kindern. Die Frau fuhr in der Stadt herum und kaufte ein. Alles Notwendige, das das Haus und Gärtchen, das sie selbst und die Kinder zu ihrem bescheidenen Luxus benötigten, konnte nun endlich angeschafft werden! Auf ihren Einkaufsfahrten begleitete sie ihr ältester Sohn Jack, ein hübscher lebhafter Junge von vierzehn Jahren. Sein Traum von Kind auf war, eine kleine Bulldogge zu besitzen. Bei Jamracks im East-End, in der Georgesstreet, wurde das Tier endlich aufgefunden. Stundenlang hatten Mutter und Sohn in dem Laden geweilt, in dem allerhand seltsames Getier aus den Kolonien, kleine Pekinghündchen, Känguruhs, Zwergantilopen, Schlangen, auch ein junges Nashorn zum Verkauf feilgeboten waren. Das Häuschen und Gärtchen in Wimbledon schallte einen Tag lang vom lustigen Gekläff des neuen putzigen Hausgenossen. Der Junge hatte »Bully« ein Häuschen gebaut, in dem der Hund nachts in Ruhe lag. Einen Tag nach Bullys Ankunft erkrankten Mutter und Sohn an einer rätselhaften Krankheit. Der Arzt konnte für das Fieber, das beide mit allen Anzeichen einer typhusähnlichen Infektion befallen hatte, keine Erklärung finden. Zwei Tage später brachte die Obduktion der Leichen die Ursache der Erkrankung zutage: es war eine aus den Kolonien stammende Krankheit, die durch Tiere auf Menschen übertragen wurde und in neunzig Fällen von hundert tödlich verlief. Frasers Schicksal wurde viel besprochen. Die Zeitungen wußten über den Gemütszustand des Kapitäns ergreifende 344 Einzelheiten zu berichten. Er hatte in der Nacht nach der Beerdigung an dem Doppelgrabe einen Selbstmordversuch begangen. Die »Inverneß« fuhr ohne ihn nach Kanada. Der Schiffsarzt und der Erste Offizier wurden infolge eines skandalösen Abenteuers in Antwerpen von der Ormond-Linie entlassen. Die »Inverneß« fuhr – aber sie war ungemein schwach besetzt. Es war, als habe sich gegen das Schiff, wie auch gegen die Gesellschaft, ein Boykott im Publikum geltend gemacht. – Garrat erfuhr das trübe Schicksal des Kapitäns zuerst durch Wärter Rick. Er schien von der Nachricht erschüttert zu sein. Kein Wort der Genugtuung oder des Triumphes kam über seine Lippen. Ja auch keine Andeutung, als sei dem Schicksal Anerkennung zu zollen für das Ereignis, das als mehr denn ein Zufall gelten konnte. Es hatte sogar den Anschein, als wäre dem Gefangenen durch die Nachricht ein Erlebnis geworden, das ihn ernster, schweigsamer und tiefer in sich gekehrt hinterließ, als er es in der letzten Zeit gewesen. Die Blätter enthielten jetzt kürzere und längere Notizen, die das Interesse der Leser für die Hauptverhandlung wachhalten sollten. Diese Notizen berichteten ausführlich auch über die neue Wandlung in der Sinnesverfassung Garrats. Der Verteidiger, Mr. Parker de Vries, wußte sich des günstigen Eindrucks, den der Charakterzug seines Klienten auf die leicht gerührte öffentliche Meinung des religiösen Englands ausübte, vortrefflich zu bedienen. – * Die Vertagungsfrist war um, die Verhandlungen nahmen mit der Vernehmung der Zeugen ihren Fortgang. Vorsitzender des Gerichtshofes war der ehrwürdige Sir Archie Millbanks, ein wegen seines Gerechtigkeitssinnes und seiner Menschenfreundlichkeit in den Vereinigten Königreichen 345 geliebter und geschätzter Richter. Der Staatsanwalt Hargrave hatte mit Mr. Parker de Vries bei der Vernehmung von Signor Pantellari einen Zusammenstoß zu bestehen gehabt. Signor Pantellari, der alte Zauberkünstler, ein schwarzgefärbter Greis in Lackschuhen und mit Brillantringen an den Fingern, gefiel sich in einer ganz unzulänglichen Art seiner Aussagen. Wie man gleich bemerkte, kam es ihm weniger auf die Wahrheit an, als darauf, das seit seinem Abgang von der Bühne erloschene Interesse für seine Person durch den Prozeß wieder zu erwecken. Als ein Sklave seiner Eitelkeit verstrickte er sich in die Erklärungen über seine Beziehungen zu Belle Garrat, geriet immer tiefer in Widersprüche und wußte kaum mehr aus noch ein, als der Staatsanwalt, in der Absicht, Garrat als stillschweigenden Mitwisser des Ehebruches zu belasten, Mr. Parker aber, der im Gegenteil die ganze Schuld Belles Verworfenheit zuzuschreiben sich bemühte, jeden seiner Aussprüche zum Ausgangspunkt eines Zweikampfes benutzten, der mit amüsanten Einzelheiten das trübe Geplänkel des Beweisverfahrens unterbrach. Schon waren die Damen aus Garrats Bureau, Miß March und Miß Milligan, sowie Agenten jener Neuyorker und Chikagoer Händler vernommen worden und hatten ihre für die Kenntnis der Charaktereigenschaften Garrats nicht sehr belangreichen Aussagen getan. Es war bekannt, daß sich Garrat trotz seines unredlichen Geschäftsgebarens in stetigen finanziellen Nöten befand. Das hatte er ja selber zugegeben. Aber die beiden Bureaudamen waren doch genau am Ersten und Fünfzehnten jeden Monats entlohnt worden, und die Lieferanten Garrats waren selber hinlänglich übel beleumundet, so daß die Schuld Garrats durch diese Verbindung eher gemildert als erhöht erscheinen konnte. Das Dienstmädchen Frances Powells machte Angaben über Belles Persönlichkeit, aus denen der Charakter der 346 Ermordeten deutlich hervortrat. Die Intimität Belles und des Mädchens, denn beide pflegten sich ihre Abenteuer zu erzählen, empörte den Gerichtshof, die Geschworenen, deren Obmann, der Fabrikbesitzer Wills, ein bekanntes Mitglied der Quäkergemeinde war, sowie die öffentliche Meinung überhaupt aufs tiefste. Aus dem Haufen kleiner Notizbücher, der in der Villa im Morton-Crescent aufgefunden worden war, wie auch aus den Aussagen des Dienstmädchens ergab sich die Tatsache, daß Garrat sich seit ungefähr einem Jahre mit Fluchtplänen und Selbstmordabsichten getragen hatte. Dr. O'Gorman wußte in ähnlichem Sinne Zeugnis für Garrat abzulegen. Er erzählte sein Gespräch mit Garrat, das nach dem schauerlichen Selbstmord des Kollegen aus dem Ärzteklub stattgefunden hatte und in dem Garrat eingehend auf das Problem des freiwilligen Todes eingegangen war. Der Zeuge fügte hinzu, er habe damals den Eindruck nicht loswerden können, daß jemand, der in solcher Weise vom Selbstmord sprach, sich selbst aus irgendeinem tiefen und schwer eingestehlichen Grunde mit der Absicht tragen müsse, seinem Leben ein Ziel zu setzen. Der Gerichtsarzt hatte, von Dr. Wilfried Mason, dem Gerichtschemiker, unterstützt, eine ausführliche Darstellung des Leichenbefundes gegeben. Diese Darstellung nahm einen vollen Gerichtstag in Anspruch und führte zum Ergebnis, das ja schon seit Auffindung der Leiche feststand: daß der Tod durch subkutane Injektion von Gift erfolgt sei, nachdem das Opfer durch einen in Chloroform getauchten Wattebausch betäubt worden war. Die volle Aufmerksamkeit wandte sich nunmehr Dr. Waterton zu, der mit seiner kränklichen, zarten Frau vor den Schranken erschien. Er gab ohne weiteres zu, daß er bis in die letzte Zeit heimliche Zusammenkünfte mit der Ermordeten gehabt habe. Frau Waterton hörte diese 347 Ausführungen mit gesenktem Kopf und tränenüberströmten Wangen an. Das Alibi Watertons war vollkommen geglückt. In jenem leerstehenden Hause hatte er mit Belle überhaupt keine Zusammenkunft gehabt, sondern hatte sie an einem dritten Ort getroffen. In den Tagen, die der Gerichtsarzt und der Chemiker als die vermutlichen Tage der Tat bezeichneten, war er mit Frau und Kindern bei seinen Schwiegereltern in Cornwall gewesen, und der Bürgermeister des kleinen St. Just, in dem die Villa der Schwiegereltern stand, sagte aus, daß er zwei Wochen lang Abend für Abend mit dem Ehepaar beisammen gewesen sei. Der Täter mußte also ein Unbekannter sein, der in Watertons Abwesenheit Belle in dem leerstehenden Haus treffen mochte. Die Persönlichkeit dieses Unbekannten hatte die Untersuchung nicht an den Tag gebracht. Es war für sie auch kein Anhaltspunkt in den Aussagen der Zeugen zu finden. Waterton wußte nichts von einem solchen Dritten. Er wußte indes, daß Belle, seit sie Garrats Frau geworden und Signor Pantellari den Abschied gegeben hatte, noch auf manchem Abweg betroffen werden konnte. Alles sprach für die Schuld Garrats: das Gift, das aus dem Laboratorium stammte, darin Dr. Oldports System präpariert worden war, die Fußspuren im Kies, in denen untrüglich die Abdrücke von Garrats Stiefeln festgestellt werden konnten – da ereignete sich ein bemerkenswerter Zwischenfall, der die ganze Verhandlung über den Haufen zu werfen drohte. Cora Strattons Mutter hatte in ihrer Aussage für Garrat gesprochen und damit einen gewichtigen Beitrag zur Entlastung des Angeklagten geliefert. Garrat war wohl schuldig an dem Unglück ihrer Tochter – aber er hatte sich all die Zeit doch als ein sorgender und auch freigiebiger Wohltäter des Mädchens erwiesen. Es war Mutter Stratton, die von Cora wußte, welche finanziellen Nöte den Doktor 348 bedrängten, wiederholt aufgefallen, daß Garrat Cora immerhin bedeutende Summen schenkte, die sie dann ihrer alten Mutter nach Hause bringen durfte. Woher nahm er diese Summen? Darauf war die Antwort leicht zu finden. Er lebte in den Tag hinein, ließ seine Angelegenheiten gehen, wie sie mochten, verwaltete sein Hab und Gut mit einer Leichtfertigkeit, die lebenslustigen Menschen ebenso eignet wie lebensmüden, und war im großen ganzen nicht sehr empört darüber, daß andere Leute sich an seinem Eigentum vergriffen. Cora hatte einmal erzählt, sie wisse genau, Garrat habe Kenntnis davon, daß das Mädchen Frances ihn bestehle. Er aber tue, als sähe er es nicht. Frances habe einen Stallburschen aus Newmarket zum Verehrer, und dahin wandere manches Garderobestück aus seinem Besitz. Ein Pyjama, seidene Taschentücher, sogar ein Paar oder mehrere Paar Stiefel. Die alte Frau Stratton wünschte diese Aussage zu machen, nachdem sie schon verhört worden und auf ihre Bank zurückgekehrt war. Ihr schien es wichtig, dies ihrer Aussage hinzuzufügen. Sie dachte, die Leichtfertigkeit und Gutmütigkeit sei aus dieser Tatsache erwiesen. Das Dienstmädchen Powells saß mit rotem Kopf da und versuchte aus Leibeskräften zu leugnen. Immerhin erwies es sich als notwendig, den Stallburschen und seine Kameraden zu vernehmen, um feststellen zu können, ob die Stiefel Garrats noch von andern Leuten als von ihm selber getragen worden seien und welche Ursachen die plötzliche Entlassung oder Beurlaubung des Dienstmädchens um die mutmaßliche Zeit des Mordes gehabt haben mochten? Verteidiger Parker legte entschieden größtes Gewicht auf diese Vernehmung, sowie auf ein Kreuzverhör des Burschen, aus dem erhellen sollte, ob er etwa Belle Garrat gekannt habe? Ob er ihr in größerer Intimität begegnet sei, als dies zwischen dem Besucher der Mädchenkammer und 349 der Herrin des Hauses üblich sein mochte? Ob er die Stiefel Garrats behalten oder verkauft habe? Und welche Form seine eigenen Stiefel haben mochten? All diese neuen Wendungen des Beweisverfahrens erforderten eine abermalige Vertagung der Verhandlungen. Das Gericht beschloß, die Zeit bis zur Vernehmung des Stallburschen mit andern Vernehmungen auszufüllen, unter denen die des Ehepaars Palmer, der Besitzer der Nachbarvilla im Morton-Crescent, die größte Aufmerksamkeit hervorrief. Palmers gaben Kunde von den erregten Auftritten zwischen den Ehegatten. Der letzte dieser Auftritte hatte sich an einem Tage ereignet, dessen Datum ungefähr mit dem des Mordes zusammenfiel, und dieser Tag war auch derselbe, an dem das Dienstmädchen entlassen worden war. Bis zur Abreise Garrats und seiner verschleierten Gefährtin war in der Villa jenseits der Mauer Ruhe gewesen. Auch diese Zeugen bestätigten die Aussagen der andern, die einstimmig die Ermordete und ihre Eigenschaften als Ehegattin und Dame ins übelste Licht stellten. Garrats Schwäche, das Unglück seines häuslichen Lebens, seiner verfehlten Existenz trat kraß zutage und erfüllte die Zuhörer mit Mitgefühl. Mr. Macreary, Mitglied der Besuchskommission der Gefängnisse, meldete sich freiwillig zur Aussage. Er berichtete ausführlich über seine Wahrnehmungen an Garrat in der Zelle. Daß Garrat über seine Frau Äußerungen des Verständnisses und des Bedauerns getan hatte, die einen versöhnlichen Charakter trugen und sich in erstaunlichem Gegensatz zu den übereinstimmenden Aussagen und Anschauungen der vernommenen Zeugen in bezug auf Belle befanden – das gab dem Staatsanwalt Anlaß, Garrat als einen abgefeimten Komödianten hinzustellen, der die Sympathien auf diese Weise durch Sentimentalität zu gewinnen trachte. 350 Allein es erwies sich, daß die Stimmung im Auditorium, unter den Geschworenen und auch draußen in den breiten Massen der Bevölkerung dieser Auffassung widersprach. Der Vorsitzende, Sir Millbanks sogar sah sich veranlaßt, in einer kleinen ruhigen Zwischenbemerkung zu erklären, daß das Menschliche in dem verhärtetsten Verbrecher zu berücksichtigen sei und daß es der Auffassung des Briten im allgemeinen widerstrebe, einen noch nicht überführten Angeklagten zu brandmarken, seine Regungen zu verdächtigen, statt sie in der Wagschale der Gerechtigkeit abzuwägen. Die Erklärung Macrearys, daß Garrat in seinem Gespräch mit dem Besucher bemüht gewesen sei, aus Belles Charakter die guten Züge hervorzuholen und zu unterstreichen, verstärkte die günstige Strömung, die sich in steigendem Maße für Garrat geltend machte, seit es sich als notwendig erwiesen hatte, der unerwarteten Spur einer fremden Schuld nachzuforschen. Nunmehr sollten die Verhandlungen, die eine Woche gedauert hatten, vertagt werden, da der Bursche Bingham mit Pferden seines Herrn, des Lords X. zu den Herbstrennen nach Baden-Baden gefahren war. * Die Angelegenheit, die Ochoroff am Sonntag morgen zu Adela geführt hatte, war: es mußte für die Frau und drei kleine, hilflose Kinder Karl Weymanns, eines Deutschrussen, der im Laufe des Sommers auf der Reise von Kiew nach Warschau verschollen war, irgendwo, an einem versteckten Platz Quartier gemacht werden. Karl Weymann war mit falschem Paß gereist und die Regierungen dreier Länder waren hinter ihm her. Frau Agathe und ihre Kleinen waren durch die Vermittlung von Freunden heil nach England herübergekommen, aber es hatte den Anschein, als sollte die Familie den Vater nicht mehr wiedersehn. 351 Am Dienstag morgen kam die Frau mit ihren drei kleinen, blassen und verschüchterten Blondköpfen in Mrs. Newalls Haus an. Sie brachten nur wenig und gar armseliges Gepäck mit. Adela räumte ihnen das große Zimmer ein und zog sich mit Sheila in das kleine zurück. Die arme Frau und die drei kleinen Kinder bewegten sich lautlos und ängstlich in der großen, sonderbaren Stube mit den fleckigen Blumentapeten. Die Kinder hatten Angst. Die vier Menschen flüsterten miteinander. Adela wußte kaum, ob sie nebenan waren oder nicht – am Abend trat sie ins Zimmer ein, da saß die Frau, vor Müdigkeit eingeschlafen, im großen Lehnstuhl und ihr zu Füßen kauerten, stumm und mit großen Augen, die drei Mägdlein und blickten die Eintretende an. Sheila brachte den Kindern Biskuits, Konfekt und ihre Puppen. Die drei Kleinem fingen zu weinen an, als sie der grotesken Spielgefährten ansichtig wurden. Sie ängstigten sich vor Golly, vor dem Kamel und der Skelettpuppe und die hellen Tränen standen ihnen noch in den Augen, als Sheila sie vor ihnen verborgen und in Sicherheit gebracht hatte. Als die Kinder zu Bett gebracht waren, setzte sich Adela zur Frau des Flüchtlings und sprach mit ihr. »Wir sind Bettler,« sagte die Frau und blickte auf ihre Hände nieder, die von Nadelarbeit zerstochen, wie die Hände der Armen, müde und aufwärtsgekrümmt auf ihrem Schoße lagen. »Ja, bettelarm,« wiederholte sie in ihrem gebrochenen Englisch und schwieg. Adela saß da und streifte, wie's ihre Gewohnheit war, ihre Ringe von der rechten Hand ab auf die Finger der linken, von der Linken auf die Finger der Rechten zurück. Plötzlich behielt sie zwei der kostbarsten Ringe, einen mit vier kleinen Perlen, den andern, der eine doppelte Reihe von Diamanten und Saphiren darstellte, zwischen den Fingern 352 ihrer beiden Hände, hielt sie einen Augenblick lang so und streifte sie dann auf den dünnen weißen Ringfinger der linken Hand Frau Agathens. Frau Agathe blickte Adela erstaunt ins Gesicht, sie lächelte wie über einen Scherz. Aber Adela stand auf und ging in die Ecke des Zimmers. Sie hob ihre Hände wie in Abwehr gegen Frau Agathe auf. Frau Agathe hatte die Kostbarkeiten von ihren Fingern gestreift, hielt sie Adela hin. »Nein, Ihres!« rief Adela leidenschaftlich aus. »Nehmen Sie sie. Ich kann Ihnen nichts anderes . . .« Bald darauf standen die beiden Frauen in der Ecke des Zimmers und weinten heiß und lange, aneinandergepreßt. – Mit dem Eintritt der kühlen Jahreszeit war Herr Hanslow, der »Professor« im Erdgeschoß ernstlich erkrankt. Nachts schreckte Adela aus ihrem Halbschlaf empor und hörte das furchtbare Husten, das im großen kahlen gläsernen Atelier dröhnte. Sie ging hinunter und sah, wie der Professor hauste. Er lag in einer Ecke des weißbestaubten Raumes auf einem eisernen Feldbett und hatte auf die Bettdecke alles, was er an Kleidungsstücken besaß, gelegt, um es wärmer zu haben. Das Öfchen in der Mitte des Ateliers war ganz rostbraun gebrannt, aber Hanslow erklärte, er beginne alljährlich mit dem Kalendertag 4. November, dem Tag des Parlament-Attenäters Guy Fawkes, zu heizen; bis dahin sei nicht daran zu denken. In das große, scheunenähnliche Atelier zog der Wind durch Ritzen und Fugen; kleine Regenbäche hatten unterhalb des Schiebefensters schwarze Rinnen in den Gipsstaub an den Wänden und auf dem Fußboden gemalt. Hanslow betrachtete mißtrauisch die Frau, die in seinem Heim herumging, sich um seinen Spirituskocher zu schaffen machte, treppauf treppab lief und ihm Beeftea, Marmelade 353 brachte und einen milden Sirup zubereitete. Er ließ es sich aber stillschweigend gefallen und Mrs. Newall, die Adela auf dem Flur begegnete, drückte ihr Erstaunen darüber aus, daß der Professor Handreichungen Adelas duldete, die er sonst in schroffer Form abzulehnen pflegte, wenn sie von ihr kamen. Ja, es lasse auf eine fast unbegreifliche Wandlung des Professors schließen, bemerkte Mrs. Newall, daß er sich überhaupt herbeiließ, einen Fremden in seinem Gipsmagazin zu dulden! Adela saß an des Professors Bette und er ließ sich von ihr pflegen wie ein Kind. »Geben Sie mir meine Pantoffel!« sagte er und sie reichte ihm die Mokassins. »Wohin wollen Sie?« »Meine Skizzen will ich Ihnen zeigen. Sie sollen sich ein Blatt daraus aussuchen. Oben für Ihre Zimmerwand.« »Ich kann ja das Buch selbst bringen.« »Sie finden es nicht.« Er schlüpfte in seinen fadenscheinigen Schlafrock, kramte in den Ecken, fand den verstaubten Band. »Dies ist schön!« sagte Adela und wies auf den Akt einer jungen Frau. Hanslow sah sie eine Weile an, riß das Blatt heraus und reichte es Adela. »Sie haben es erraten, bei Gott!« sagte er und griff nach der Medizin. »Sie haben es gut erraten.« Adela betrachtete das Blatt. »Ich läge nicht so hier, ich meine, so allein, wenn diese da . . . well, das ist alles Unsinn. Heften Sie das Blatt an Ihre Wand. Es ist nicht schlecht. Sehen Sie . . . dort!« Adela gewahrte eine Gipsstatue, in halber Lebensgröße, einen Torso, die Arme fehlten, der Kopf hatte die gleiche Neigung wie der Kopf der Skizze. Es war die junge Frau. Hanslow nahm die Medizin wie ein braves Kind und schlief 354 ein oder tat, als schlafe er. Adela verließ auf Zehenspitzen das Atelier. – Miß Alvanley kam gegen Abend. Sie entsetzte sich, als sie Adela in ihrer kleinen Stube, umringt von den Kindern der Flüchtlingsfrau, wiedersah. Adela hatte das Jüngste auf dem Schoß, ein bleiches, schwindsüchtiges Wesen von sieben Jahren und lehrte es, die Bilder aus einem Bilderbuch Sheilas auf englisch zu nennen. »Dies ist eine Fliege – a fly! « »Dies ist Appletree! « Die Kleine sprach die Worte artig nach. Sheila war mit Serena und Natascha, den älteren Mädchen, im Zimmer nebenan. Die Kinder saßen auf dem Boden und Sheila sprach leise mit ihnen; sie dehnte jedes Wort in die Länge, damit die Kinder sie besser verstehen möchten. Adela setzte das Kind auf den Boden nieder und bat Miß Alvanley, Platz zu nehmen. Miß Alvanley blickte Adela lange an, ehe sie die Worte fand, die sie auf dem Herweg memoriert hatte. Hundert Schritte vor dem Gartentor hielt der Wagen Miß Falkoners, dort wartete Florence auf das verabredete Zeichen. Sie trug Bedenken, zu Adela zu kommen. Sie fühlte sich gekränkt. Sie hatte bisher sämtlichen Verhandlungstagen in Bowstreet beigewohnt und hegte die Hoffnung, daß Adela mit ihr zur Hauptverhandlung gehn und sie beide aus dem Zuschauerraum der Verteidigung Garrats beiwohnen würden. Miß Alvanley hatte sich eine umständliche Vorbereitung für diesen, sie ungemein beklemmenden Auftrag zurechtgelegt. Adelas neue Umgebung verschlug ihr vollends die Rede. Sie starrte das Kind Sophie an, wandte dann ihren Blick zu Adela, die sie in erschrecklicher Weise verändert fand und brachte kein Wort heraus. Adela erzählte, was es mit der Flüchtlingsfamilie für Bewandtnis habe. »L . . . liebe, beste F . . . Frau Adela, und da haben Sie 355 Ihre W . . . Wohnung mit diesen Leuten geteilt!« Miß Alvanley blickte Adela entgeistert an. Adelas Gesicht war gerötet, ihre Augen flackerten unruhig und ihre Hände verkrampften sich in einer fast ekstatischen Gebärde des Betens, als sie von der Armut ihrer Hausgenossen sprach. »Und nun ist er verschollen. Wahrscheinlich haben sie ihn ermordet. Nein – haben Sie keine Angst, die Kleine versteht kein Wort unsrer Sprache!« Aber das Kind begann, als ahne es, wovon die Rede sei, bitterlich zu weinen. Adela hob es auf ihren Schoß, streichelte es, zwang sich zur Ruhe und lächelte sogar. Gleich lächelte das Kind auch. Dann verfielen Adelas Züge jählings. Sie blickte erschlafft, müde und alt vor sich hin, als erblicke sie die Trostlosigkeit des Daseins vor sich, im Winkel ihrer Stube, auf den ihre Blicke fielen. Miß Alvanley hatte ihre Hand ergriffen und küßte sie stumm. Adela sprach: »Sie brauchen keine Angst um mich zu haben. Es ist nur immer so mit mir zur Zeit des abnehmenden Mondes. Es wird wieder bergaufgehen, sicherlich.« Aber Miß Alvanley warf sich nieder vor Adela, versteckte den Kopf in ihrem Schoß. »Liebe, beste Adela . . . wie müssen Sie leiden! Ich weiß ja alles, ich w . . . weiß ja, warum Sie leiden und t . . . traurig sind!« Adela sah sie an. »Was wissen Sie? Es gibt nichts zu wissen, nichts ist da. Wer hat denn über mich gesprochen?« Sie änderte gleich ihren Ton und fing von gleichgültigen Dingen zu reden an. Miß Alvanley schlug die Augen nieder. »Ich möchte gern über das Stück im Lyzeum erfahren. Waren Sie da, liebe Miß Alvanley? Es sollen ja so schöne Kostüme aus der Jane Austen-Zeit zu sehn sein! Immer war's mein Traum gewesen, als junges Mädchen schon 356 hatte ich mich mit meinen Freundinnen verabredet, wir wollten uns Brautkleider im Stil der Jane Austen-Zeit anfertigen lassen, die Braut und die Brautjungfern auch. In dem Stück soll eine Hochzeit vorkommen? Das möchte ich sehn! Ich hatte es damals Mr. Malone gesagt: ich wollte es so gern! Aber weder er, noch seine Familie war dafür zu haben. Meine teure Mutter hatte schon eingewilligt, aber Malone behielt trotz allem recht, und von uns Freundinnen hat es nur Nancy Grimmings durchgesetzt – bei ihrer Hochzeit trug sie und trugen ihre Jungfern diese schönen duftigen Röcke und Taillen und auch die Frisuren, geradeso, wie sie Pamela Potter trug!« Miß Alvanley hörte Adela zu und lächelte wieder. Adelas Züge verjüngten sich, sie lebte auf. Miß Alvanley preßte ihre Hand zwischen den ihren und sprach zu ihr. Sie merkte gar nicht, daß sie viel weniger stotterte, als sie es bei ihrem Kommen getan hatte. Als sie fort war, führte Adela das Kind ins andre Zimmer, schloß sich dann ein und verfiel bald darauf in den tiefen Schlaf der Erschöpfung. Professor Hanslow kanzelte Mrs. Newall ab – ob sie es denn nicht sehen könne, wie krank die barmherzige Dame aus dem Stockwerk sei! Könnte er sich bewegen, er würde unverzüglich nach Brentford hinüber, zu Foundling. »Was wollen Sie denn von dem?« frug Mrs. Newall, die, so gut es ging, im Atelier aufzuräumen suchte. »Sie haben ihn doch selber tausendmal Kurpfuscher und Quacksalber und Ignorant genannt!« Der Professor brummte etwas in seinen Bart und bekam darauf einen heftigen Hustenanfall. Er warf sich mit dem Gesicht gegen die Wand und war nicht mehr zu sprechen. Miß Alvanley pochte an die Ateliertür. Mrs. Newall kam zu ihr hinaus. Alvanley gab ihrer Bestürzung über Adelas Befinden und Aussehen Ausdruck. Sie eilte zur 357 Equipage zurück und fuhr mit Florence Falkoner zu Dr. Foundling, dann, als sie ihn nicht zu Hause antrafen, zu Dr. Maunders Littleton, den Leibarzt der Königin, der im Rufe stand, der tüchtigste Diagnostiker für Herzleiden zu sein. Littleton ließ Adela seinen Besuch für nächsten Vormittag melden. Als er im Hause vor Kew-Gardens vorsprach, war Adela mit Sheila schon lange fortgegangen. Sie war in die Stadt gefahren, für die Kleinen Sachen kaufen; Mrs. Newall wußte nicht zu sagen, wann sie wiederkehren würde. Den Abend zuvor hatte Adela der alten Frau gesagt: »Mein Herz braucht keinen Arzt. Gott allein könnte mein Herz heilen, wäre es seine Absicht. Ich will nicht, daß ein Arzt mein Herz heile. Ist die Zeit da, wird's schon allein gesund.« Dr. Littleton fuhr unverrichteter Dinge ab. Mrs. Newall kam ganz aufgeregt zum Professor. »Der Leibarzt der Königin!« Hanslow schlürfte bereits wieder in seinem Atelier herum und knetete an einem hundertmal unterbrochenen Modell für einen Wandbrunnen. »Richtig. So muß man sie behandeln. Die besten Ärzte sind die, die selber krank sind. Rufen Sie es dem aufgeblasenen Charlatan nach! Er soll erst selber wissen, wie Kranksein tut, dann will ich mich von ihm kurieren lassen.« Gegen ihre Gewohnheit ging Mrs. Newall nicht mit giftigem Gebrumm über die Narrheit ihres Mieters, sondern mit nachdenklicher Miene aus dem Atelier. Es war schon etwas Wahres in dem, was der Professor gesagt hatte. Oben in dem großen Zimmer wartete Frau Weymann auf die Rückkehr Adelas. * »Mammy ist beim Professor,« sagte Sheila Herrn Lucas. Die ganze Zeit schon hatte sie unverwandt ins Antlitz des andern Besuchers gestarrt, auf einen Fleck zwischen den 358 Augenbrauen Sir Purna Mahidhars, den Herr Lucas mit zu Adela gebracht hatte. Der Fleck zwischen seinen kohlschwarzen feingeschwungenen Brauen sah sich wie ein Stern an aus blauen Strahlen. Schweigend mit ernstem Lächeln saß der junge Inder da und hörte zu. Sheila und Herr Lucas hatten sich viel zu sagen. »Feuer hat uns verlassen;« sagte Sheila, »aber ich habe Gespielinnen bekommen, drei, sie heißen Natascha, Serenka und die Kleinste Sophie. Ich spiele mit ihnen. Ich kann mit ihnen nur spielen, nicht sprechen, sie verstehen nicht englisch. Aber ich lehre sie eines und das andre Wort und bald werden wir uns verstehn.« »Liebst du die Kleinen?« frug Herr Lucas. »Du bist ja nicht so leicht zur Freundschaft zu bewegen, Kind! Hast du die Kleinen gleich in dein Herz geschlossen?« »Sie sind so hilflos, Freund!« sagte Sheila. »Sie liefen in die Ecke, als sie meine Puppen sahen und Baby Sophie schrie ganz laut vor Angst.« Sie lachte. »Wollen Sie meine Puppen sehn?« frug sie den Inder. Sir Mahidhar wechselte einige Worte mit Herrn Lucas, in einer Sheila unverständlichen Sprache, als er der Puppen ansichtig geworden war. »Hat er dir etwas Trauriges über mich gesagt?« fragte Sheila Herrn Lucas. »Sag' ihm, wenn er das meint, was ich mir denke, so kann es nur traurig für die andern sein! Nein – die andern können es gar nicht verstehn. Ich aber werde froh sein darüber.« Sie zog Herrn Lucas' Kopf zu sich herunter und flüsterte ihm ins Ohr: »Sagte er, ich werde sterben? So jung, wie Miggy?« Herr Lucas verneinte. »Er sagte: eine böse Fee habe dir die Liebe zu häßlichen Dingen geschenkt.« Sheila sah den Inder an, schüttelte den Kopf und drückte Joan an ihr Herz. Sir Mahidhar behielt sein Lächeln und er und Sheila sahen sich an. 359 »Ich bin Abschied nehmen gekommen!« sagte Herr Lucas plötzlich und schwieg dann beklommen. Sheila ließ Joan sinken und sah zu Herrn Lucas auf: »Für immer?« »Ja.« »Wohin gehst du, Freund?« fragte Sheila. »In seine Heimat?« »Ja.« »So weit? Aber dann werden wir uns ja wiedersehn – denn wir fahren ja an dem Lande vorüber, wo du wohnen wirst, Freund, wenn wir nach Australien heimreisen.« Ihre Augen standen schon voll Wasser. Plötzlich warf sie die Puppe weg und lief ins Zimmer hinein. »Nein, nein, nie wieder!« Sie schluchzte noch, als ihre Mutter eintrat. Adela lief zu ihr, drückte sie an sich. »Was ist, Baby! Was ist geschehn?« Aber Sheila sprach nicht mehr. Den Nachmittag und Abend kam kein Wort mehr über ihre Lippen, sie sagte der Mutter nicht gute Nacht, das Nachtgebet blieb in ihrer Kinderseele stumm begraben, auch ihr Schluchzen tönte nur noch nach innen. Es war, als kehre sie in sich zurück. Seit Monaten hatte Adela dies mit dem Kinde nicht mehr erlebt. Herr Lucas stellte seinen Freund vor. Im Nu begriff Adela. Sie behielt Lucas' Hand ein wenig länger als zu einem Händedruck in der ihren und da wußte sie erst recht: es war vorbei und nie wird sie ihn wiedersehn. Sir Mahidhar sprach über seine Heimat. Er stammte aus Madras und wollte dahin zurückkehren. Seine Familie besaß Höfe in einem Ort am Fuße der Blauen Berge. Herr Lucas sollte ihn begleiten. Sir Mahidhar erzählte von den Blauen Bergen und ihren Bewohnern, den sonderbaren Stämmen, die jenseits des Wasserfalles lebten. Herr Lucas blickte zu Boden, um Adelas Blicken nicht zu begegnen, die deutlich fragten: »Warum?« und »Warum gerade jetzt?« Als Sir Mahidhar sich in seiner Erzählung unterbrach, begann Herr Lucas: »Ich habe meinen Rundgang durch die Stadt beendet. Ich war an all den Orten, die ich 360 gekannt und durchwandert habe und bin inne geworden, daß all mein Suchen vergeblich gewesen ist. Alles, was mir in den Weg getreten, war ja nur Abbild und Spiegelung meines sinnlosen Gefühls. Dies ist nicht das Königreich am Meere, so wie das Mädchen, das ich an den Seven Dials erblickt und in St. Johns Wood verloren habe, nicht Annabel Lee gewesen sein kann, der ich nachgejagt bin durch alle Phantome des täglichen Lebens. Aber ich bin doch auf dieser Jagd Wirklichkeiten begegnet und habe gesehen, was hinter dem täglichen Leben ist – und das ist so gut wie eine Illusion.« Adela nickte: »Das Haus auf den Pfählen, im Wasser, im Schärenmeer . . .« Herr Lucas sagte: »Das Haus meine ich nicht, sondern das andre – in Whitechapel, mit den rauchigen Fenstern . . .« Nach einer Weile sprach er weiter: »Ja, dieses Menschenheim, mit verbrannten Bewohnern. Und dann – den Einen! und die barfüßige Jüdin damals am Themsekai. Und die kleine Kirchenstraße im nördlichen Vorort, und auch die beleuchteten Spitzbogenfenster im Parlament, in einer Nebelnacht. Der Strom bei Woolwich mit bunten Lichtern auf den Schiffen, die nach fremden Weltteilen fahren; und alles, diese ganze Stadt. Aber ich will andres erproben, ich will sehen, wenn möglich, mich selbst . . . in mir . . . darum gehe ich mit ihm fort. Zum erstenmal. In die Heimat.« Er sagte nicht: in seine. Er sagte: in die Heimat. Adela sandte einen Blick zu Herrn Lucas. Aber seine Augen waren erhoben, er blickte durchs Fenster hinaus auf den dunkelbewölkten Himmel. Nach einem Schweigen schloß er, mit stiller Stimme: »Dorthin, woher wir ja alle kommen.« »Können Sie mir sagen, Sir,« fragte Adela, »ob es eine Erklärung gibt dafür, daß die einen in reiner Freude und Heiterkeit hinleben und die andern von Qual zu Qual vorwärtstaumeln müssen – und beide ohne Schuld, ohne ihre 361 eigne Schuld! O, ich drücke nur schlecht aus, was ich sage« – sie preßte die Hände an ihre schmerzenden Schläfen – »verzeihen Sie: ich meine, wir alle sind ja schuldig und nichtschuldig, aber die Glücklichen müssen einstehn für die Schuld derer, die verdammt sind.« »Sie kranken,« sagte Sir Mahidhar, »an Ihrem Begriffe von der Liebe Gottes. Wir erachten die Leiden, die eine Seele in ihrem bewußten gegenwärtigen Leben befallen, als Sühne für Vergehen, die sie in ihrem nicht mehr bewußten, das heißt vergangenen verübt hat. Sie aber fassen die Leiden des gegenwärtigen Lebens zu bewußt als Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen auf, die er durch diese Leiden für ein zukünftiges Leben läutern und erziehen will. Dafür haben Sie eine Hölle mit ewigwährenden Strafen erfunden. Die Hölle unsrer Religion dagegen sieht nur begrenzte Strafen vor, Strafen in uns bekanntem Zeitausmaß. So gleicht sich die scheinbare Ungerechtigkeit für die Sühne vergangener Vergehen aus.« »Wir kennen das Fegefeuer,« sagte Adela. »Es ist das gegenwärtige Dasein,« sagte Sir Mahidhar. »Besitzen Sie die Sicherheit dafür?« »Jawohl,« sagte der Inder. »Sie kommt uns von den Wiedergeborenen.« »Werden Sie das Leben ertragen, Herr Lucas, das Sie dort erwartet?« Herr Lucas schloß die Augen und lächelte, wie sein Begleiter es zu tun pflegte. »In den Blauen Bergen,« fuhr Sir Mahidhar fort, dort wo er unterbrochen worden war, »wohnen Stämme, gar sehr voneinander verschieden. Der höchste unter ihnen ist ein Stamm sehr hellhäutiger Menschen, sie sind groß gewachsen, es sind Heilige: die Todas. Ein andrer Stamm, tierisch und nieder, mit furchtbarer Zauberkraft begabt, lebt neben ihnen, es sind die Zwerge, die im Dorngebüsch hausen, 362 verworfen und sündhaft. Ein dritter Stamm aber von Brahminen, jenen Wiedergeborenen, die im Besitze der dreifach geschlungenen Schnur sind, dient den Todas, er ist ein stolzer, erlauchter Stamm, näher dem Urwesen als alle andern Stämme, doch er erniedrigt sich vor den Todas, indem er sich zu ihren ergebenen Sklaven macht, Arbeiten für sie verrichtet, die die Zwerge ablehnen würden. Es ist ein Rätsel, warum jener Brahminenstamm solches tut. Niemand, der die Gesetze der Brahminenkaste kennt, vermag es zu lösen. Sie dienen, demütigen sich vor den Hohen, den Fastweißen, den Heiligen Genannten, gerade so wie die Dornzwerge, gleichen ihnen an Unterwürfigkeit . . . und sind doch Wiedergeborene!« »Hoffen sie auf Lohn im künftigen Dasein?« Der Inder schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Zudem kennen sie ja die Entfernung, da sie die Wiedergeborenen sind.« »Die Entfernung ihrer beiden Leben?« »Ihrer vielen.« »Was wir im Traum undeutlich fühlen?« »Das kennen und wissen sie.« »Und doch erniedrigen sie sich.« »Es ist wohl das Geheimnis.« »Die Todas nehmen es als Tribut hin?« »Sie sind nicht hoffärtig, Sie fordern und erkennen keinen Tribut an.« »Wie vergelten sie es den Brahminen?« »Sie sind.« »Wie?« »Sie sind ,« sagte Sir Mahidhar. Adela sagte: »Ich habe, zumal letzter Zeit, Ähnliches empfunden, aber nicht auszusprechen vermocht. Ich bin sehr beschäftigt mit dem Gedanken, wie man dienen kann und warum man es muß. Ich wollte, jene Brahminen demütigten sich vor den tierischen Dornzwergen! Einem höhern 363 Stamme zu dienen, erachte ich nicht als die höchste Pflicht. Ich möchte auch hören, ob und welche Götter die Todas verehren?« »Sie glauben an die Existenz der Dewas, erweisen ihnen aber keine Verehrung, weil sie selber Dewas sind.« »Haben Sie Ihrem Freund davon gesprochen, was Sie erfahren haben . . . ich meine, wovon Sie jüngst bei mir gesprochen haben?« fragte Adela Herrn Lucas. Dieser schien zu erwachen. Er schüttelte den Kopf. »Aber Sie besinnen sich darauf?« »Ja. War es nicht der Verurteilte?« »Nicht verurteilt!« rief Adela heftig aus und wurde dunkelrot. »Das ist es ja. Er soll's nicht werden!« Sheila blickte die Mutter an und preßte ihre kleinen Hände, so stark sie konnte, an den Leib der Mutter. »Nein . . . ich wußte nicht . . .« sagte Herr Lucas. »Es wird wohl so sein, ich hatte es so in der Erinnerung.« Plötzlich sagte er, mit einem Blick auf Adelas Hände: »Sie haben Ihre Ringe verloren? Fortgegeben?« Adela bedeckte ihre Rechte mit der linken Hand. In dieser Gebärde drückte sich für Herrn Lucas die Gewißheit aus, daß sie aufgehört hatte, ihn als ihren Freund zu betrachten. Ein Blick in ihr Gesicht bekräftigte ihn in diesem Verdacht. Sir Mahidhars Augen gingen vom einen zum andern. Aber der Besuch war nicht beendet. Adela war es, die nach einer qualvollen Pause zu sprechen begann. Sie erzählte von dem Hause, das sie nun bewohnte, berichtete über Ochoroff, seine Gesundheit, über die Geschichte seiner Schützlinge, sie vermied es fortan, über sich selbst und auch über Herrn Lucas' beabsichtigte Reise zu sprechen, und kam zuletzt auf Feuer, die Katze, die seit einer Woche verschwunden war. Das letztemal war sie völlig verwildert und zerschunden, auf einem Bein hinkend, die blutige Pfote nachschleifend, 364 zurückgeschlichen, nach einer Abwesenheit von vier Tagen und Nächten, in denen sie ein ganz andres Tier geworden war als vor dieser Eskapade. »Verwehren Sie diesem Tier die Rückkehr!« rief Herr Lucas. »Es ist gefährlich! Ich ahnte es schon immer! Es bringt schlechte Kräfte ins Haus. Sie müssen sich schützen!« Aber Adela blickte den Erregten nur mit einem traurigen Lächeln an und sagte, daß sie sich nicht fürchte. »Es gibt Tiere, die sich aus Haustieren in wilde zurückbilden,« sagte der Inder, »wir haben es auf unserm Hofe einmal erlebt. Es war da eine Katze, sie war reines Bengalzuchtprodukt, wir hatten ihre Eltern und Ureltern wie Hausgenossen, Hausgeister in unsrer Familie gehabt, und sie war uns treu geblieben und scheute den Wald und die Straße. Aber eines Abends biß sie im Walde unsern ältesten Knecht, der sie im Dickicht wiedererkannte und an sich locken wollte, weil er sie als sanftes Geschöpf gesehen hatte. Einen Monat lang fürchteten wir für unsres Knechtes Leben. Als wir einmal beim Morgengrauen das Kind meiner Schwester furchtbar schreien hörten, fanden wir die Katze im Flur vor der Tür des Kinderzimmers. Wir mußten sie erdrosseln. Die Mägde begruben sie und taten es unter Beobachtung von Bräuchen, die man anwendet, um böse Geister zu bannen.« »Das hat keine Not!« sagte Adela. »Hier in Kew verirrt sich das Tier nicht, wie im Dschungel, eines Tages ist es wieder da.« Sie verstummte, wurde unruhig. Ihr war's, als habe sie plötzlich den schrillen, rollenden Kehllaut des Tieres, der wie Menschenschrei anhub und wie ein leis aufschnarchender Seufzer abschwoll, vernommen. Aber das konnte ja nur ein Spiel ihrer aufgeregten Sinne sein; niemand unter den Anwesenden schien es gehört zu haben. Sheila blieb ruhig an ihrer Seite. 365 Daß die beiden, Herr Lucas und der Inder, in diesem Augenblick an das Tier dachten, sah sie. Herr Lucas mied, Schrecken im Gesicht, ihren Blick, der Inder aber hatte den seinen mit gespannter Aufmerksamkeit auf ihr ruhen. Sie dachte fliegend an alles, seit dem Schrei auf der Fahrt zu Mme d'Endore bis heute. Plötzlich horchte sie auf. Ihr war's, als habe jemand die Worte: »In der Todesstunde . . .« gesprochen. Aber es war kein Wort gefallen. Als die Besucher schon lange fort und Sheila nach Stunden beharrlichen Stillschweigens in ihrem Bettchen eingeschlafen war, tönte das Wort noch in ihrem Bewußtsein nach . . . »in der Todesstunde wird es ins Haus zurückgeschlichen kommen, das besessene Tier . . .« * Miß Alvanley hatte Adela überrascht; eines Morgens brachte man ein Piano in die Stube Adelas. Bald darauf war das junge Mädchen erschienen, hatte sich an das Instrument gesetzt und spielte Adela vor. Adela lag auf der Chaiselongue und horchte mit geschlossenen Augen. Mrs. Newall, Sheila und die Flüchtlingsfamilie saßen dabei und hörten zu. Als Miß Alvanley das Stück (es war Schumanns »Aufschwung«) beendet hatte, bemerkten die Anwesenden, daß Adela eingeschlummert war. Fast eine Stunde lang rührte sich niemand im Raum, um den Schlaf der Ermatteten nicht zu stören. Alle sahen voll Staunen, wie schön Adela geworden war. Ihr Gesicht hatte rosige Färbung gewonnen, die nie an ihr beobachtet worden war; die Lippen rot, trotz der Krankheit, die in ihr lauerte. Adelas Augen, die ein wenig aus dem Schädel traten, lagen jetzt tiefer zurückgewichen; die Leidenszüge um Mund und Nase waren entspannt. Das Sonderbarste aber für die Betrachter der Schläferin war, daß Adelas Haar, das gelockt und eigenwillig kraus um Stirn 366 und Schläfen stand, jetzt glatter geworden zu sein schien. Kein weißes Haar schimmerte in der Fülle, nur ein eigentümlicher schüchterner Glanz, wie vor dem Ergrauen, ein Schein tiefer Versunkenheit umschwebte den Kopf der Ruhenden. Beim Erwachen Adelas kniete Alvanley vor der Chaiselongue nieder und küßte Adelas Hände. Adela blickte um sich, als habe sie eben noch inmitten einer Landschaft, eines bewegten Vorganges oder Traumgespinstes geweilt und müsse sich dies in die Winde Zerflatternde rasch zusammensuchen, um sich zurechtzufinden. »Ich glaube,« sagte Adela, »teure Maud, ich glaube, mein Herz zerreißt bald. Es ist ja unausdenklich – er wird leugnen und sie werden ihm das Genick brechen, nein, in einem schwarzen Leinwandsack – Gott, ich kann nicht mehr!« »Was ist Ihnen, Teuerste!« rief das Mädchen erschrocken, »welche Phantasien! Sie haben die Zeitungen gelesen, Sie sind vergiftet, kommen Sie zu sich! Soll ich die Kleine rufen? Soll ich Ihnen Essen bereiten? Spielen?« Adela sprang auf. In einer ihrer plötzlichen, krampfartigen Ekstasen begann sie Mantel, Tuch, ihren Stock, auf den sie sich seit einiger Zeit zu stützen pflegte, zusammenzusuchen, warf das Tuch um ihre Schultern, nahm Alvanleys Arm und stieß sie zur Tür vorwärts. Unten im Garten mußte sie nachsehen, was der Nachtfrost aus ihrem neugeformten runden Beet gemacht habe. Sie fand die Georginen in Blüte, die Astern zum Teil erfroren, welk und geknickt. Sie begann mit dem Stock im Erdreich zu wühlen, dann wollte sie plötzlich zum Professor, den sie seit drei Tagen nicht gesehen hatte. Die wenigen Schritte in der Herbstluft raubten ihr den Atem. Sie blieb stehen und sagte: »Es ist nichts; man muß dagegen ankämpfen.« Hanslow war zu Hause. Er öffnete, zog sich aber, da er Alvanleys unbekanntes Gesicht sah, 367 sofort scheu in seine staubige Höhle zurück. »Sie ist es, die gespielt hat. Wollen Sie nicht hinaufkommen, wenn sie wieder spielt? Sie spielt wunderbar, ist es nicht so?« Sie küßte die Errötende. »Es wäre besser, Sie lägen zu Bette, als sich im Herbstnebel herumzutreiben,« brummte der Professor. »Miß, bringen Sie sie hinauf, kochen Sie ihr ein warmes Getränk, sie ist ja stocksteif.« »Unsinn!« rief Adela. »Mir ist wohler als seit langem. Und heute nachmittag fahren wir in die Stadt.« »Sieh da, was Neues. Das lassen Sie bleiben, wissen Sie! Die Gartentür absperren und den Schlüssel verbergen müßte man vor solch tollen Geschöpfen!« Aber Adela führte ihren Plan aus. Alvanley blieb zum Lunch, dann besorgte sie einen Wagen, und Adela fuhr mit ihr zu Mme d'Endore. Alvanley sollte sich wahrsagen lassen. Im Wagen wollte derweil Adela verschleiert und vermummt warten. Sie fuhren durch Chelsea, Westminster, über Kings Croß nach dem Norden der Stadt hinauf. Die alte Bonne öffnete das Gittertor des Häuschens, das im aufsteigenden Nebel des kleinen Wiesenplatzes verschwunden war. Eine halbe Stunde später kam Miß Alvanley ganz verstört zu Adela zurück. Es war unmöglich – die Dinge, die ihr die Hellseherin gesagt hatte, konnten sich unmöglich auf sie beziehen. Sie hatte sich auch des öftern unterbrochen und von einer Gestalt geredet, die sie neben dem jungen Mädchen stehen sah, auch von einem Manne, der mit dieser weiblichen Gestalt verwachsen oder verschmolzen zu sein schien. Die Hellseherin mußte einmal von ihm, das andremal von ihr sprechen, je nachdem die eine oder die andre Gestalt im Vordergrund stand. Schließlich vermochte Alvanley vor Erregung nur mit halbem Ohr zuzuhören. Es war sicherlich ihre erste und letzte Sitzung mit einer Wahrsagerin. 368 Adela wollte ausführlich alles erfahren. Alvanley aber konnte immer wieder nur sagen, d'Endore sei bestürzt gewesen und habe ausgerufen: » c'est merveillex, merveilleux! « Es sei dasselbe Schicksal, und doch seien es zwei verschiedene Wesen, aber doch nur eine und dieselbe Linie: nun, enfin! »la petite« möge sich nicht ängstigen, es betreffe nicht sie selbst, eher eine nahe Verwandte, Schwester oder Freundin, eine etwas ältere Dame mit dunklem Haar, das gewellt sei, aber doch nicht wellig, die Dame habe sich wohl die Haare gewaschen, denn sie seien glatt, immerhin sehe man es ihnen an, daß sie gewellt gewesen seien. Auch eine Geste, die Adela beim Schreiben mache, die Hand unters Kinn gelegt, Finger gegen das Ohr, zu den Lippen gespreizt, habe d'Endore nachgeahmt – es sei erstaunlich gewesen – unheimlich. Adela hörte unter ihrem Schleier Alvanleys krausem Berichte zu. Sie war todmüde. In diesen Nachmittagsstunden hatte sie ihr Leben wieder durchgedacht. Mit all den Erinnerungen, die die Fahrt in ihr aufgeweckt hatte, den Monaten, die verflossen waren, seit sie zum erstenmal hierher in den Norden heraufgefahren war, war das Bild ihres ganzen Lebens an ihr niedergerollt. Jetzt war's zu Ende. Was Alvanley ihr über die Linie des Lebens berichtete, überraschte sie keineswegs. Nachdem das junge Mädchen, verstört und ganz atemlos, wieder stotternd, wie schon seit einer Woche nicht mehr, ihren Bericht vollendet hatte, sprach Adela plötzlich, zum erstenmal, über ihre Krankheit. Man dürfe dem Leiden nicht böse sein, sagte sie, es sei keine Last, sondern eine Mahnung zur Milde. Denn die Leiden der Mitwelt werden dem offenbar, der selber Leiden erduldet. Er würde sonst fühllos an ihnen vorübergehen. Es ist fast, als müsse der, der andrer Menschen Leiden, die seelischen so gut wie die körperlichen, lindern will, seine eignen zu steigern suchen. So allein sei 369 das Maß der Opfer zu erreichen. Ja, Leiden seien die einzige Art der Befreiung! Und fast ohne Übergang fing sie dann von Herrn Lucas zu reden an, über dessen Abreise aus West-House Miß Alvanley ihr berichtet hatte: er sei in der vergangenen Nacht mit dem P. and O.-Dampfer »Mandalay« aus den Indien-Docks abgefahren. Ein junger Inder, der seit geraumer Zeit Adelas Zimmer in West-House bewohnt hatte, sei sein Begleiter gewesen. Nach welcher Gegend Indiens die Fahrt ginge, habe keiner der beiden verraten, nicht einmal dem alten Kapitän Rogers, der doch Interesse an der Reise nahm, da er an die sechs Jahre seines Lebens in den Kalkutta-Kasernen verbracht hatte. Adela behauptete, sie sähe Herrn Lucas. Es war nur eine Hoffnung, wohlgemerkt. Sie hoffte, Herrn Lucas dort, wo er sich bald befinden sollte, zu sehen, und diese Hoffnung allein genügte ihr, um sein Bild in voller Leibhaftigkeit vor sie hinzuzaubern. Sie sprach dies Miß Alvanley aus. Miß Alvanley schrieb diese Phantasien der Krankheit Adelas zu, die in ein entscheidendes Stadium eingetreten war. Es bereitete sich offenbar eine Krise vor, und ihr Vorbote war dieses visionäre Empfinden der Wünsche und Ängstigungen, die in erschütterndem Empor und Hinab die Seele der Kranken mit sich rissen! * Dr. Foundling saß in Adelas Zimmer, als sie heimkehrte. Er empfing sie ohne Vorwürfe, mit einer milden Ermahnung nur, sich willkürlichen Erregungen nicht ohne Not auszusetzen. Er hatte eine Stunde lang bei Sheila gesessen und sich vom Kinde erzählen lassen, daß die Mutter sich um einen »Verurteilten« gräme. Daß sie öfters des Nachts aufsitze, 370 Licht mache und die Hände ausstrecke, so, als griffe sie in die Luft, hoch hinauf nach unsichtbaren Händen, die sich ihr entgegenreckten, von oben nach ihr hinunterlangten. Aber Sheila fügte hinzu: es habe gar nicht den Anschein, als sei ihre Mutter wach, sie tue es im schweren Schlaf. Es sei nicht Mammys Stimme und es seien auch nicht Mammys Gebärden! »Wie kannst du denn das beurteilen, mein Baby?« hatte Dr. Foundling gefragt. »Und woher weißt du denn, daß deine Mutter sich um einen Verurteilten grämt, wenn sie nachts die Hände über sich streckt? Kleine Kinder sehen und hören Dinge im Traum, so wird es sich mit dir wohl auch verhalten!« Darauf hatte ihn Sheila lange angesehen, die Nelke in seiner Krawatte, seine Weste und Seidenschnur, und Dr. Foundling hatte den Eindruck, als verspotte ihn dies merkwürdige und ein wenig unheimliche Kind! Sie frug ihn, ob er denn glaube, man könne so etwas Trauriges träumen, wenn man zur Nacht gebetet habe. Sie bete jede Nacht mit ihrer Mutter! Darauf wußte Dr. Foundling nichts zu erwidern. Er wollte von Adela wissen, welche Bewandtnis es denn mit dem »Verurteilten« habe. Er nahm sie ins Gebet, tat, als betrachte er die ganze Sache als Ausgeburt der Einbildung Sheilas, dieses phantasiebegabten Kindes, und warnte Adela, das Kind zu sehr zu erschrecken. Aber Adela gab darauf kaum Antwort. »Mein Herz ist schwer, Doktor – ich spreche aber nicht zum Arzt, wenn ich das sage. Ich will es Ihnen gestehen: ich kannte jenen Mann Garrat, den Gattenmörder, und nehme Anteil an seinem Schicksal. Er beharrt bei seinem: unschuldig! aber in meinem Herzen wünschte ich, er möchte bekennen, denn er hat ja die Tat begangen! O Gott!« »Meine liebe Mrs. Malone, das ist ja eine entsetzliche Nachricht. Wieweit nehmen Sie denn Anteil an diesen Abscheulichkeiten? Bedenken Sie doch, welchen Eindruck 371 Ihr Kind für sein junges Leben mitnimmt, wenn Sie nachts aus Ihrem Traum aufschrecken und Ihre Hände klagend über sich strecken – Ihre teure Kleine hat es mir erzählt!« Adela schüttelte den Kopf. Für ihr junges Leben! Was wußte denn dieser Landarzt? Sie wußte es besser. »Er kann ja nicht anders als schuldig sein. Und sie werden ihn nehmen und seinen Kopf in einen Sack stecken, und er wird ohne Geständnis als ein Sünder von hinnen gehen – ich sehe das vor mir!« »Gott sei mit uns, Mrs. Malone! Ich beschwöre Sie, diese Erschütterungen sind ja gerade, was Sie zu vermeiden haben, wollen Sie sich Ihrem Kinde erhalten! Ich frage Sie in aller Welt – was können Sie denn dazu und dagegen? Dieser Mensch ist verstockt und wird bis zu seiner letzten Chance leugnen, um dem irdischen Richter zu entrinnen. Weil er an den himmlischen nicht glaubt, das ist es!« »Nein, er ist es nicht,« sprach Adela erregt, »nicht verstockt! Ich weiß es ja so gut, was in diesen Tagen in ihm vorgeht!« Dr. Foundling blickte sie erstaunt an: »Wie? Sie wissen? Wieso können Sie wissen? Übrigens –« fügte er hinzu »– was ich soeben vom irdischen und himmlischen Richter sagte – ich weiß es, Sie sind eine gläubige Lady, daher bediente ich mich dieser Ausdrucksweise, dieser Gegenüberstellungen – jawohl, aus dieser alleinigen Ursache, das ist es!« »Er darf aber nicht, er darf nicht!« wiederholte Adela in steigender Erregung. »Ich kann nur immer wieder sagen, meine liebe Mrs. Malone, was ein Arzt einer Leidenden sagen darf: belasten Sie Ihre Seele nicht zu schwer mit solchen Bildern. Wir alle stehen ja unter der unausgesetzten Suggestion, unter dem Druck, den diese abscheuliche Papierpresse auf unser Gefühlsleben ausübt . . . eben noch hat man uns mit Schilderungen und graphischen Darstellungen gefüttert: wie das 372 Gericht nach Ablauf des Beweisverfahrens vom Lordoberrichter weitergeführt werden wird, mit jenem Menschen und seiner Geliebten im Dock! Endlich! Ja, die verrottete Phantasie des Publikums lechzt ja förmlich nach dem Anblick jener beiden vor den Gerichtsschranken! Und nun kommt die neue Überraschung, der Stallbursche mit den gestohlenen Stiefeln, und die ganze Schilderung des mittelalterlichen Pomps, der Verhandlung vor dem Lordoberrichter und Old Bailey und all diese Vergiftungen der öffentlichen Moral! Das liebe britische Publikum! Es wartet nunmehr auf den Augenblick, da der Stallknecht womöglich dem Herrn seiner Dienstmagdgeliebten ins Gesicht sagen wird: daß die Lady des Hauses ihn ihrer besondern Gunst gewürdigt habe! Herrliches Schauspiel, wahrlich! Sie sollten diesen Kehricht in der Müllgrube verfaulen lassen, Mrs. Malone!« Er hatte sich in Wut geredet und in der Hitze der Worte das Glas ins Auge geklemmt. Adela sprach an ihm vorüber: »Es wird nicht erspart bleiben.« »Was?« frug der Arzt verwirrt und entfernte das Glas. »Was bleibt nicht erspart?« Aber Adela antwortete darauf nicht mehr. Um Foundling zum Gehen zu bringen, versprach Adela, sie werde es versuchen, ihre Gedanken von Garrat abzulenken. Als der Arzt gegangen, Sheila zu Bette gebracht war und sie selber im verdunkelten Zimmer zuhörte, wie nebenan Frau Weymann auf russisch leise mit ihren Kindern sprach, faltete sie die Hände und sagte unzählige Male die Worte nach: »Es wird nicht erspart bleiben. Es wird ja nicht erspart bleiben . . .« * Die Hauptverhandlung gegen Garrat und Cora Stratton wurde durch die Vernehmung des Stallburschen Bingham empfindlich verzögert. Bingham war aus Baden-Baden 373 zurückgerufen worden und stand nun an der Seite des Dienstmädchens Powells vor Gericht, um über die Stiefel auszusagen, die das Mädchen ihm aus Garrats Schrank zugeschanzt hatte. Daß es nicht mit einem Paar allein sein Bewenden hatte, sondern daß auch der Kleider- und Wäscheschrank Garrats von Frances gebrandschatzt worden war, kam nach den ersten einleitenden Fragen des Verteidigers zur Sprache. Der Verteidiger Parker hatte sich überhaupt dieser Chance in ausgiebiger Weise bemächtigt. Er versuchte mit allen Mitteln den Eindruck, den manches Günstige in der Aussage vorangegangener Zeugen für Garrat ergeben hatte, noch zu verstärken durch die neuen Momente, die das Auftreten des Burschen zutage förderten. Denn wenn auch das Gift, das in Belles Körper gefunden worden war, unstreitig auf Garrats Laboratorium hinwies und die mit Vorsicht in Szene gesetzte Flucht Garrats seine Täterschaft zu bekräftigen schien, so war es noch immer nicht aufgeklärt, wem Belle denn eigentlich in dem verlassenen Hause zu begegnen gehofft hatte. Und – falls Garrat wirklich der Täter war – wie er und wann er sich in das Haus Eintritt verschafft haben mochte? Vor dem Stelldichein Belles mit dem Unbekannten oder nachher? Und ob ihm der Mensch, der vor ihm dagewesen war oder nach ihm kommen sollte, bekannt war oder nicht? Nach Watertons Aussage hatte sich die Spur vollkommen verwischt und war vage geworden, wie jene andern Spuren im Kies um das Haus, neben und unter den deutlichen Abdrücken von Garrats Stiefeln. Parker suchte durch eine Reihe geschickt gestellter Fragen den Burschen und das Mädchen in Verwirrung zu versetzen. Er hatte es herausbekommen, daß das Mädchen auf den Burschen, einen hübschen, zierlichen Menschen von fünfundzwanzig Jahren, eifersüchtig war, und zwar aus guten Gründen. Frances erzählte dem Gericht und den Geschworenen 374 ausführlich, wie eines Tages, als sie gerade eine ihr von Belle für Fred geschenkte Weste enger zusammengenäht hatte, um sie ihm anzupassen, Belle in der Mägdekammer erschienen war und sich auf dem Tische sitzend mit den beiden unterhalten hatte. Das pflegte »die Missis«, wie Frances erklärte, überhaupt des öftern zu tun. Plötzlich war sie, ohne anzuklopfen, da und kramte Intimitäten aus, wollte Intimitäten hören. Sie hatte niemand, mit dem sie sprechen konnte, wie ihr's ums Herz war, sagte Frances, und sie beklagte sich bei dem Dienstmädchen bitter darüber. Garrat pflegte ihr mit wütendem Gesicht gegenüberzusitzen, er sah sie überhaupt nur an, um ihr grimmig ins Gesicht zu fauchen, und hörte ihr nur zu, um böse und giftig zu antworten. Sie beklagte sich bei Frances über Vernachlässigung und darüber, daß sie auf Garrats Wunsch ihrer Laufbahn entsagt hatte, vergoß sie noch bis in die letzte Zeit ungekünstelte Tränen. Parker suchte aus dem Stallburschen herauszulocken, ob er etwa bei einem Besuch des Mädchens Belle allein im Flur oder in der Gesindestube gesprochen habe. Frances gab an, Belle habe sie einmal, absichtlich, wie sie meinte, fortgeschickt, obzwar ihr bekannt gewesen sei, daß Bingham an diesem Tage kommen wollte, um Frances abzuholen. Der Staatsanwalt griff ein, und Frances hatte ein Kreuzverhör zu bestehen. Denn es hatte den Anschein, als wolle sie, aus Rachegier gegen die Tote wie auch gegen Bingham, eine Geschichte erfinden, von einem andern Burschen, der zu ihr ins Haus gekommen sei und von dessen Existenz sie und Belle, Bingham aber keine Kenntnis gehabt habe. Damit war die Möglichkeit gegeben, daß Schuhe und Kleidungsstücke Garrats einen Weg genommen hatten, dessen Spur die Verteidigung emsig zu verfolgen suchen mußte. Das Verhör ergab, daß Frances und der Stallbursche sich ungefähr um die Zeit, da der Mord sich ereignet haben mochte, entzweit hatten. Diese Tatsache kam erst jetzt 375 nach dem Erscheinen Binghams vor dem Gerichtshof zur Kenntnis der Öffentlichkeit. Coras alte Mutter mußte aussagen, wie sich ihre Tochter über Belles Benehmen während dieser Zeit geäußert habe. Ob Belle, seit sie von Garrats Neigung zu Cora wußte, diese bei ihren Besuchen in dem Bureau am Kingsway brüskiert habe, oder ob ihr Benehmen unverändert geblieben sei. Frau Stratton glaubte sich zu erinnern, daß Cora ihr einmal, es mochte einen Monat vor der Flucht gewesen sein, berichtet habe, Belle Garrat sei in das Bureau gekommen, und die Mädchen hätten nachher ihre Bemerkungen darüber gemacht, daß Belle ja ganz verjüngt aussehe, daß sie auffallend heiter und »fast siegesbewußt« aufgetreten sei, als wolle sie die Mädchen wissen lassen, daß sie über ihren Gatten jetzt einen Triumph gefeiert habe, »daß sie diesmal quitt seien!« Wieder mußten die Mädchen March und Milligan vortreten. Sie berichteten aus ihrer Aufregung und unzuverlässigen Erinnerung wirre und krause Dinge, die Parker mit den immer sicherer lautenden Aussagen des Stallburschen und den Andeutungen Frances' über einen Dritten in Zusammenhang zu bringen trachtete. Frances' Bekenntnisse machten die Vernehmung von Kollegen Binghams aus den Ställen in Newmarket sowie der Familie des Dienstmädchens, Gärtnersleuten aus dem Vorort Homerton, notwendig. Der Verteidiger stellte schließlich den Antrag auf Verhaftung des Paares Frances und Bingham, das sich durch die Verworrenheit seiner Aussagen des Meineids und der Mitwisserschaft hinlänglich verdächtig gemacht hatte. Die Verhandlungen, die so gut wie abgeschlossen schienen, wurden aufs neue vertagt. Und der Gefangene in seiner Zelle sah die Stunde, da er vor seinen Richtern erscheinen sollte, über Tage und Nächte weg in die Ferne entweichen. * 376 Der Aufforderung Parkers war nicht stattgegeben worden; weder Frances Powells noch der Stallbursche wurden verhaftet. Das Vorverfahren nahte seinem Abschluß, und es war noch immer nicht erwiesen, wen Belle in der verlassenen Villa erwartet hatte. Daß sie jemand erwartet hatte, daß jemand bei ihr gewesen, erhellte ja an dem Zustande, in dem die Leiche vorgefunden worden war. Daß des weiteren der Mord mit Vorbedacht ausgeführt sein mußte; bewies der in Chloroform getauchte Wattebausch, die Giftinjektion, die zudem darauf hinwies, daß nur ein ärztlich geschulter Mann als Täter in Frage kam. Hierdurch fiel der Verdacht gegen Fred Bingham in sich zusammen, wie auch die Märchen des Mädchens Powells von einem Dritten, die sie dem Gericht vorgegaukelt hatte. Einige Tage lang stagnierte die Verhandlung in dieser Ungeklärtheit. Derweil füllten sich die Spalten der Londoner Tagespresse mit zahllosen Zuschriften, in denen naive und spekulative Köpfe aus den breiten Massen des Publikums, aber auch gediegene Kriminalisten, Psychologen, Romanschriftsteller von Ruf, Irrenärzte und Detektivs in heftiger Polemik gegeneinander all die Möglichkeiten erörterten, die der ungeklärte Fall offen ließ. Über die Frage, wieweit Belle durch ihre Verbindung mit einem neuen Liebhaber nach Watertons Abfall Garrat zur Verzweiflung reizen und aufs tiefste zu demütigen gedachte, indem sie ihn sogar Ort und Stunde des Stelldicheins wissen ließ; über die auffallend deutlichen Spuren von Belles und Garrats Stiefelabdrücken im Kies; die verwischten Spuren andrer Schritte; die ganz frischen Schrittspuren der Besucher, die mit dem Häuseragenten die Villa besichtigt hatten; über die Frage: wieweit diese letzteren die Abdrücke von Belles, Garrats und möglicherweise noch andern Schritten im Sand verwischt hatten; über das Verhältnis von Dienstboten zu ihren Arbeitgebern in London; über 377 die Beaufsichtigung leerstehender Häuser in den Vororten; über zahllose andre Fragen ähnlicher Art entwickelten sich Erörterungen in der Presse, und die Erregung, die diese Erörterungen im britischen Publikum hervorriefen, blieb nicht ohne Einfluß auf die Stimmung der Geschworenen. Der Vorsitzende Wills, Sproß einer alten Quäkerfamilie, gab seinem Überdruß unverhohlen Ausdruck, und die Zeitungen schnitten schließlich selbst den Strom der Zuschriften mit der Erklärung ab, diese Angelegenheit habe nunmehr genügende Mengen Gift in die Volksseele gepumpt, jetzt sei es an den Gerichten, die Sache radikal zu beenden. Ganz allgemein war man indes der Ansicht, das Mißbehagen dürfe die Rechtsprechung auf keinen Fall beeinflussen, und es ereignete sich der in der Geschichte der Rechtspflege Englands unerhörte Fall, daß der Vorsitzende Sir Millbanks in öffentlicher Sitzung die private Meinungsäußerung des Obmanns Wills einer Kritik unterwarf. Mr. Parker de Vries ließ die Gelegenheit, Sir Millbanks Kritik zu unterstreichen, unbenutzt vorübergehen. Diese kluge Zurückhaltung befestigte den Ruf des Verteidigers und erhöhte ganz zweifellos die Chancen des Angeklagten am Tage vor der Beendigung des Beweisverfahrens. Die Vorverhandlungen hatten nicht das gewünschte Ergebnis gezeitigt. Es sprachen zugunsten des Angeklagten so viele Momente wie gegen ihn. Die Spannung wuchs daher im Hinblick auf die Hauptverhandlungen ins Ungeheure. Dies war auch die Ursache dafür, daß man, um die ganze Sache möglichst rasch aus der Welt zu schaffen, zwischen die Vorverhandlung und die Hauptverhandlung eine ungewohnt kurze Spanne Zeit setzte – eine Woche im ganzen. * Am Abend des 17. Oktober kam Mr. Parker zu Garrat in die Zelle, um ihm von der Schlußsitzung in Bowstreet 378 Kenntnis zu geben. Die letzten Zeugen waren vernommen. Der Gerichtsarzt Hale hatte über alle wesentlichen Punkte, die die Untersuchung der Leiche betrafen, nochmals umfassenden Bericht erstattet. Als nach anderthalbstündiger Beratung die Geschworenen wieder im Saal erschienen waren, hatte Obmann Wills auf Befragen des Kronbeamten für die Totenschau: ob die Jury Einigkeit in bezug auf ihren Wahrspruch erzielt habe, mit: »Ja!« geantwortet. Der Wahrspruch lautete auf gemeinen Mord, begangen durch eine unbekannte Person, unter Zuhilfenahme von Gift und nach vorangegangener Betäubung des Opfers. Schließlich hatte der Kronbeamte Geschworenen und Zeugen seinen Dank für ihre Tätigkeit ausgesprochen, und die Hauptverhandlungen waren auf den 24. angesetzt worden. Die einzige Frage, die Garrat an Mr. Parker stellte, war diese: »wie es um Cora stehe?« Parker antwortete darauf, daß das Verfahren gegen sie wahrscheinlich nur pro forma geführt und sie sicherlich freigesprochen werden würde. Als Garrat hierauf schweigend und mit gefalteten Händen in seiner Ecke verweilte, hielt es Parker für nötig, seinem Erstaunen darüber Ausdruck zu verleihen, daß Garrat so geringe Befriedigung über den Verlauf seiner Sache an den Tage lege! Die Sache stand ja über Erwarten gut! Garrat sprach: »War es nötig, so viele Menschen heranzuziehen? So viele Menschen mußten verdächtigt werden, Stallburschen, alle die andern, ein Berg von Schmutz noch auf die Leiche! Wie fassen Sie denn das Recht auf? Wo ist das Recht der Lebenden und der Toten? Daß Sie, um einen Angeklagten reinzuwaschen, so viele Unbeteiligte schwärzen müssen!« Garrat verschwieg es, daß er, zur Zeit des Verhörs von Frances und dem Stallburschen, das lebhafte Bedürfnis 379 gehabt hatte, sich zu melden, um gegen die Gepflogenheiten der Gerichtsbarkeit schon in den Vorverhandlungen persönlich zu erscheinen und auszusagen. Als Mr. Parker verwirrt und verstimmt von dannen gegangen war, überwältigte Garrat plötzlich die Erkenntnis von dem Übermaß an Unrecht, das Cora geschehen war. Er ging wild und mit mühsam zurückgehaltenem Schluchzen in seiner Zelle auf und nieder. Gewiß lag sie drüben in ihrer Zelle und weinte. Er erinnerte sich auch, daß er sie einmal, auf der »Inverneß«, geschlagen hatte! Diese Erinnerung überfiel ihn mit derartiger Gewalt, daß in ihm wieder der Drang wach wurde: aufzuspringen, an die Tür zu schlagen, den Gouverneur, den Arzt hereinrufen zu lassen, um rasch auszusagen, ein Ende zu machen! Niemand mehr in den Verdacht einbeziehen. Coras Nächte und Weinen und Angst abkürzen! Schon stand er auf dem Sprung, es zu tun – war schon bei der Türe, da wurde es ihm mit einem Schlage gegenwärtig: daß die Entscheidung ja nicht bei ihm liege! Ja oder nein war nicht mehr seinem Willen allein untertan. Etwas hielt ihn zurück vor dem letzten, notwendigen Schritt. War's eine Schwäche, so war's doch nicht das Festhalten an dem Leben. Er hatte Ähnliches schon durchgemacht, in jener letzten Nacht auf der »Inverneß«, von der in seinen Taschen die Fetzen jenes Abschiedsbriefes übriggeblieben waren. Jetzt nahte das Ende, und was damals vielleicht freier Entschluß gewesen, war jetzt dem Nachgeben unter einem Druck vergleichbar. Immerhin – ein Ende machen wäre gut. Vielleicht hielt ihn die Scham zurück vor dem Letzten? Es hätte den Anschein haben können, als wolle er Hochherzigkeit betätigen! Er fühlte, das Letzte hatte sich an ihm noch nicht erfüllt, noch war er und durfte er nicht Herr seiner Handlungen sein. Er mußte vor seine Richter. Er mußte ja vor alle hintreten – aber auf dem ersten wie auf 380 dem letzten Blatt seiner Rede da auf dem Tische seiner Zelle stand das Wort: »Nicht schuldig!« Daß seine Zeit noch nicht erfüllt war, lag im Inhalt dieser Worte beschlossen. Vor alle hinzutreten, im Bewußtsein, dieses schwere Wort aus seiner Verteidigung nicht gestrichen zu haben, war noch nicht Erfüllung und nicht Ende! Garrat schloß die Augen, während draußen die Luke aufgeschoben wurde, das Augenpaar erschien, verschwand, die Luke wieder zugestoßen wurde. Es war die Zeit noch nicht da, der Zwang griff nicht aus dem Innern. Nichtschuldig – nicht aus eignem Antrieb schuldig und daher ohne Schuld: der eigne Wille nicht befugt und berechtigt, über das eigne Schicksal zu entscheiden . . . Log, o Gott, log nicht alles: das Recht, die Wissenschaft, das Gefühl? War die Gerichtsverhandlung nicht eine einzige fortgesetzte Handlung von Lügen? Er bedachte, ob er die Verteidigungsrede nicht vernichten solle? Nicht von sich werfen den ganzen Wust des aus den eignen Gedanken Erwachsnen, da der Wille zum Handeln ja so schwer und hinfällig war! Hatte Wollen und Handeln denn überhaupt Zweck? Das eigne Leben, darum es ging, retten und halten zu wollen? Die Menschen waren nicht schuldig; dies war sicher; es lag außerhalb des eignen Willens, woran die Menschen schuldig wurden. Keiner war fähig, sich dem Willen, der ihn lenkte, zu entziehen. Sollte er nun vor den Gouverneur treten und zu ihm sprechen: dies und das tat ich, will büßen, bin unschuldig, aber ein Ende muß gemacht werden. Oder sollte er diese Woche verstreichen lassen und erst dann vor seinen Richtern heraussagen, was er jetzt dem Gouverneur sagen könnte: dies von schuldig und nichtschuldig sein, vom Willen, ein Ende zu machen, vom Willen, Schuldlosere als er es war zu retten, ihre Qualen aus eignem Antrieb abzukürzen? 381 Oder sollte er vielleicht nur auf die Fragen, die ihm vor Gericht gestellt werden würden, ruhig und klar Antwort geben, schlicht und wie ein Kind, das im Dunkeln ein kostbares Gefäß zerschlagen hat? Sollte er stumm bleiben vor Gericht, oder wie jetzt eben vor Parker von andern Dingen sprechen am Ende, als denen, über die man ihn befragen wird? Sollte er . . . Plötzlich wußte er nichts mehr von Zukunft und Gegenwart. Sein war keine Sicherheit für Stunde und Ewigkeit. Er lauschte hinaus: ob jemand komme und wußte doch nicht: wer kommen sollte? Er lauschte hinaus und fühlte sein Herz in der Brust mit so befremdlichem Schlage pochen, als wäre es gar nicht seins, das seinen Körper bewegte, seine Gedanken speiste, sondern etwas Fremdes, das seinem Willen einen unverstandenen Befehl aufzwang. Als Macreary an einem der nächsten Tage mit der Aufsichtskommission in Garrats Zelle trat, war er durch Parker bereits unterrichtet. Er setzte sich zu Garrat und frug ihn vorsichtig, ob er einer Dienstleistung bedürfe? Ob seine Gesundheit durch den Wettersturz beeinträchtigt worden sei? Denn Garrats Gesicht war von einer hektisch rötlichen Farbe überzogen, die mit den von Schlaflosigkeit zeugenden gelb und braunen Tönen der Augenhöhlen den Eindruck von Krankheit hervorrief. Der Gefangene gab Auskunft, und seinen Worten war es anzumerken, daß er mit Aufgebot all seiner Energie Ruhe und Gelassenheit vorzuspiegeln bemüht war. Aber sein Atem flog, er beruhigte ihn nur, indem er zuweilen mit Absicht tief atmete. Dann verstärkte sich die Röte in seinem Gesicht, und er mußte jählings den Mund weit aufreißen, um das gepreßte Blut, das sich in den Adern staute, zu beschwichtigen. Macreary fand, daß, was Garrat sagte, den Eindruck großer Zuversicht, innerer Klarheit und unbeirrter Sicherheit hervorrief. Er sprach vom Prozeß fast wie von 382 einer ihn nur entfernt angehenden Angelegenheit. Dies tat er nicht wie einer, der den Dingen gleichgültig zusieht, aber auch nicht wie einer, den die äußeren Umstände allzu heftig berühren. Er kam des öfteren auf seine Aufzeichnungen zurück, die er in den letzten Tagen ergänzt hatte, weil es ihm aufgefallen war, wie sehr die Rechtsprechung noch im argen lag, da sie sich bloß mit Schuld und Nichtschuld, handgreiflichen und augenfälligen Beweisen und Vermutungen abgab und auch der ganze Apparat der Gerichtstechnik, der da aufgeboten war, um ihn seiner Schuld zu überführen. Chemie, Bertillonsystem, drahtlose Telegraphie und alles andre erschien ihm nur als Beweis dafür, daß das Recht die Menschen verlassen hatte und in die Mechanik hinüber geraten war. All diesem setzte er ein mehr und mehr verinnerlichtes Geständnis seiner Empfindungen und Reflexionen entgegen. Auch darin, was er Macreary sagte, war er ängstlicher um die Darstellung seiner eigenen Gewissensnöte bemüht, als um ein Abwägen der äußeren Umstände und Chancen für sein späteres Verhalten vor dem Richter. Er teilte Macreary mit, welch eigentümliche Vorstellung Besitz von ihm genommen habe. »Ich glaube bemerkt zu haben, Garrat, daß Sie den Arzt benötigen«, sagte Macreary. »Es ist nicht der Arzt, den ich benötige, Macreary, aber auch nicht der Seelsorger, den man mir immer wieder in die Zelle schickt. Ich hoffe morgen der Sonntagsandacht in der Kapelle beiwohnen zu können, aber ich erwarte von ihr keine Gesundung oder Erleichterung in dem Sinne, wie Sie es meinen. Sie erklärten, daß Sie meinen Zustand als in der Mitte zwischen körperlicher und seelischer Krankheit stehend erkannt haben. In Wirklichkeit verhält es sich so mit mir, daß mein Herz im Leibe mich befremdet. Oft ist es mir, als sitze es nicht mehr hier« – 383 er griff sich an die Stelle, wo das Herz des Menschen schlägt – »sondern . . .« er tastete mit seinen Händen erst an seiner Brust, dann an seinem Halse und dann streckten sich seine Hände geradeaus in die Luft, als wolle er andeuten, daß sein Herz außerhalb seines Körpers seinen Platz habe, irgendwo in der Atmosphäre, an einem ihm unbekannten Ort. Macreary frug: »Sie hören den Schlag zuweilen nicht? Es hört zuweilen auf, zu schlagen?« »Doch, ich höre es, aber es ist, als ob es gar nicht mein Herz sei, das da in mir pocht. Es ist vielleicht darum, weil ich mich in letzter Zeit oft und gegen meinen Willen fast ablenken lasse von meinem täglichen Leben, ich meine: von dem Leben, das ich jetzt führe. Erst gestern nacht ist wieder etwas aus meiner früheren Zeit, vor meiner Ehe, so gewaltig in mein Bewußtsein geraten, daß ich mich diesem Eindruck kaum entziehen kann! Es gibt solche Zustände, nicht wahr, Macreary? Versäumte Gelegenheiten, Stunden, Erkenntnisse. Der Sinn geht einem erst nach Jahren auf – aber es war ja schon einen Augenblick nach dem Erlebnis zu spät!« »Worauf spielen Sie an?« frug Macreary. »Vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein. Wir kannten uns ja lang genug, vor Ihrer Ehe . . .« »Es handelt sich vielleicht nur um etwas Geringfügiges, eine Episode nur,« sagte Garrat. »Aber gerade das ist ja das Beklemmende, daß dieses Geringfügige jetzt so sehr an Bedeutung gewinnt, daß die Wirklichkeit von ihm ganz zurückgedrängt wird und an Bedeutung verliert.« »Eine Liebesgeschichte?« »Man könnte es so nennen,« sagte Garrat. »Ich muß von Tag zu Tag tiefer daran denken. Der Gedanke gewinnt immer stärkere Gewalt über mich. Ich weiß nicht, ob wir uns zu jener Zeit kannten, als sich jene Episode 384 ereignete, Macreary. Auf keinen Fall hatten Sie Kenntnis . . . es geschah nichts Einschneidendes in meinem Leben – Außenstehende merkten nicht viel davon. Ja, es war vielleicht nicht viel mehr als ein Flirt, nichts Tieferes.« Macreary saß einige Minuten noch bei Garrat, ohne zu sprechen. An diese Sache wollte er nicht weiter rühren. Er fühlte Mitleid mit dem Gefangenen. In den Nachmittagsstunden meldete sich erst der Gefängnisarzt in Garrats Zelle, dann der Seelsorger. Auch der Gouverneur trat auf seiner Runde bei Garrat ein. Die Frage, ob er ihm irgendwie beistehen könne, verneinte der Gefangene mit ernster Ehrerbietung. * Adela hielt Sheila in ihrem Bette an die Brust gepreßt. Sie sprach ihr das alte Gebet vor, das sie zu Hause als Kind gelernt hatte. In dem Gebet kam die Zeile vor: »Gib . . . daß ich die Tage, die Du mir beschert hast, gut und fromm lebe, und verlasse mich nicht, wenn ich am Abend von Vater und Mutter gehen muß . . .« Sheila drängte sich an die Mutter und vergrub ihr heißes Kindergesicht an Adelas Brust. »Was ist dir, Baby? Was hast du?« Aber Sheila antwortete nicht, sondern drängte immer heftiger gegen den Körper der Mutter an. Der Druck von Adelas Händen um den Rücken und Kopf des Kindes wurde stärker und stärker. Es schmerzte sie beide, so stark drückten sie sich aneinander. Als Adelas Hände Sheila losließen, flog Adelas Herz wie ein Schiff im Sturm. Sie hielt mit Mühe an sich, um nicht heraus zu schluchzen, in einem Schluchzen alles jäh aus sich herauszuschleudern, was in ihrem Inneren an Angst und Ahnung bebte. Sie lag die ganze Nacht wach. Nächsten Morgen sollte 385 die Hauptverhandlung gegen Garrat beginnen. Was dann, wenn er nicht gestand? Sie kannte aus den Zeitungen den ganzen ans Mittelalter gemahnenden Prunk der Prozeßeröffnung vor dem Obersten Richter. Seit Tagen waren die Zeitungen angefüllt mit allen Einzelheiten des traditionellen Zeremoniells, das auch bei diesem großen Prozeß beobachtet werden sollte. Aber was dann, wenn der Angeklagte leugnete? Was dann . . .? Und doch: daß er unschuldig war, daß er gar nicht gestehen konnte – das war ihr offenbar. Sonderbarerweise fand sie für Garrats Unschuld kein andres Argument, als eine Anklage gegen sich selbst. Sie selbst war schuldig – das wußte sie sicher. Hatte sie etwa nicht ihrem eignen Mann den Tod gewünscht? Sie erinnerte sich jener Zeichnung, die sie vor Monaten auf ein Blatt Papier geworfen hatte, an die Silhouette des Krans im Fabrikhof. An der obersten Spitze die Gestalt, die stürzte. Das war mehr als ein Wunsch, tiefer als Hoffnung. Es war so gut wie die Tat selbst. Sie hoffte zu Gott, Garrat möchte morgen, ehe die Zeremonien noch ihren Anfang nahmen, gestehen – das eine Wort aussprechen, das ihm vor Gott zu sprechen übrig blieb. Aber trotzdem wußte sie, daß es nicht die Wahrheit in sich bergen konnte. Daß das Wort: »Nichtschuldig« auf den Blättern in seiner Zelle die gültige Wahrheit enthielt. Und dennoch war das Eine notwendig, das dem Gefangenen allein zu tun übrig blieb. Es wird und darf nicht erspart bleiben! Diese Worte hatte sie sich so oft vorgesprochen, ohne mit ihnen eine bestimmte Vorstellung zu verknüpfen. Diese Worte des Verhängnisses klangen in ihren Ohren wieder und begleiteten sie durch ihre Tage und Nächte. Im Nebenzimmer schrie eines der Kinder im Schlafe. 386 Es war die kleine Sophie. Sie hatte diese Gewohnheit. Seit Tagen und Wochen lauschte Adela Nächte durch auf diese jämmerlichen Laute, die wie aus Angst vor Unbegreiflichem, wie aus Qualen, die der traumbefangene Mensch allein kennt und erduldet, emportönten. Auch diese letzte Nacht war von den Schreien des Kindes, wie von unregelmäßig erschallenden Rufen vorübereilender Züge oder Schiffe oder auch vom Geläute irrsinniger Glocken zerteilt und zerbrochen. Von einem zum andern Male schleppte sich Adelas Seele durch die Nacht, jede Nacht vorwärts und der Weg, den sie zum Morgen nahm, war gezeichnet von einer tiefen dunkelroten Spur wie von vergossenem Herzblut. * Um 9 Uhr früh war der Lord-Mayor Londons und der Erste Sheriff der Stadt in Old Bailey zugegen, um den Lordoberrichter zu empfangen. Dieser, der Ehrwürdige Lord Harvey Sackville nahm um halb zehn Uhr früh, vom Lord-Mayor, zwei Untersheriffs, zwei Stadtverordneten und verschiedenen Beamten minderen Grades geleitet, seinen Platz auf der Estrade des großen Saales des Zentral-Kriminalgerichts ein. Ihm zur Seite erschien der Oberste Ankläger mit der ausgefertigten Anklageschrift, der Kronrichter für die Totenbeschau, die Staatsanwälte, die Verteidiger für Garrat und für Cora. In ihrem abgetrennten Raum die Geschworenen unter Führung ihres Obmanns. Als all diese Funktionäre Platz genommen hatten, trat einen Augenblick lang Stille ein. Die Reihen der Zuschauer waren dicht gefüllt, doch nicht überfüllt. Man hatte Sorge getragen, daß Leute, die die bare Schaulust hertrieb, in diesem Prozeß nicht auf ihre Kosten kommen sollten. Im Zuschauerraum überwogen die Juristen, 387 Kriminalisten, in- und ausländische Vertreter des Polizeidienstes, Presseleute, Zeichner. Auch war mancher charakteristische Kopf zugegen, die Zeichner erkannten berühmte Schauspieler, Romandichter. Eine Anzahl Frauen, zumeist Angehörige der Zeugen und Kolleginnen Belle Garrats waren in der Zuhörerschaft bemerkbar. Unten die Straßen um Old Bailey herum waren seit dem frühen Morgen von einer Menschenmenge belagert, die die enge Straße vor dem Gericht, aber auch die breiten Verkehrswege, die von Holborn und von Ludgate her zur St. Pauls-Kathedrale führen, für den Verkehr fast völlig sperrte. Der oberste Beamte der Anklage erhob sich und verkündete, daß nunmehr die Angeklagten Dr. Walter Garrat und Cora Alix Stratton vorzuführen seien. Cora und Garrat betraten durch verschiedene Türen den abgetrennten Raum der Angeklagten, die Box. Das waren also die beiden Menschen, deren Schicksal die Welt seit Monaten in Atem hielt. Natürlich wendeten sich zuerst alle Blicke dem Mädchen zu. Cora hatte ein dürftiges, dunkles Kleidchen an und saß wie ein abgerackertes Ladenmädchen mit mürrisch abweisendem Ausdruck auf ihrer Bank. Garrat hatte nach einer Verbeugung gegen das Gericht, die er mit gemessener Eleganz vollführte, wie ein Gentleman, der vor eine unbekannte Versammlung tritt, in die er eingeladen ist, sich niedergesetzt und die Augen geschlossen. In der Haltung, die er auf der Bank einnahm, drückte sich tiefe physische Erschöpfung aus. Er war sorgfältig gekleidet, glatt rasiert, man kannte seine Physiognomie aus den Zeitungen, aber da die Photographien zur Zeit seiner Flucht sein Gesicht mit lang heruntergezogenem hellblondem Schnurrbart wiedergegeben hatten, erkannte man ihn jetzt nach diesen Abbildungen nur schwer wieder. Die Röte, die in den letzten Tagen auf 388 seinem Gesicht gelagert hatte, war gewichen, das fahle Gesicht erschien verfallen. Seine Zähne bereiteten ihm Unbehagen, er kaute und verzog die Mundwinkel. Sein Rockkragen war auf der Seite ein wenig aufgestülpt, und diese Einzelheit wurde als Beweis für mangelnde Geistesgegenwart bemerkt. Er blickte einigemal scheu zu Cora hinüber, die aber kein einzigesmal diesen Blick erwiderte. Sein Blick verweilte sogar ziemlich lange auf Cora, als wollte er provozieren, daß sie zu ihm hinüberschaue. Aber Garrats Magnetismus, über den die Zeitungen zur Zeit, da das Paar auf der »Inverneß« bereits entdeckt war, so viel zu berichten wußten, wohnte den Blicken Garrats augenscheinlich nicht mehr inne: sie verrieten dieselbe Müdigkeit und Schwäche, die Garrats ganzem Wesen und Gehaben innewohnten. Er blickte, wie die Zeitungen berichteten, auf Cora, wie auf sein zweites Opfer, dessen Leben er ebenso vernichtet hatte, wie das des ersten. Es war ein Blick, der um Verzeihung bat, der leidenschaftslos und resigniert zugab, was verbrochen worden war und nie mehr gutgemacht werden konnte. Aber Coras Augen mieden Garrat beharrlich. Garrat zog daher seinen Blick von ihr zurück und senkte ihn auf die Papiere, die er vor sich hielt. Parker und Calthorpe waren mit ihren Akten beschäftigt, sie hatten sich nur flüchtig nach ihren Klienten umgesehn und harrten auf ihren Plätzen in geschäftiger Konzentration der Dinge, die sich ereignen sollten. Der Ankläger stand auf und richtete an Garrat die Frage: ob er sich schuldig bekenne? Garrat erhob sich und sprach mit ruhiger Stimme: »Nicht schuldig.« Während er sich setzte, bemerkte er, daß sein Rockkragen sich auf der Seite in die Höhe gebogen hatte. Mit einer 389 Handbewegung glättete er ihn und brachte Rock und Weste in Ordnung. Im Saale war kein Laut zu hören. Die Erschütterung, die manche in der Zuhörerschaft und unter den Funktionären sogar von der Antwort Garrats erwartet hatten, war ausgeblieben. Die Zeitungen hatten in den letzten Tagen Kunde von einer merkwürdigen Sinnesänderung oder Schwankung des Angeklagten gegeben. Von einer Einkehr, Vertiefung, religiösen Sammlung, die nicht verfehlt hatte, weite Kreise zu bewegen. Insgeheim hatten viele noch vor Augenblicken die Hoffnung gehegt, der Mann auf der Bank würde aufstehn und mit gesenktem Kopf leise ein Bekenntnis seiner Schuld ablegen. Aber das Wort: »Nicht schuldig«, das am Anfang und Ende seiner Verteidigungsschrift, dieser vielbesprochnen Schrift stand, war jetzt verhallt und das Verfahren nahm seinen Lauf. Der Staatsanwalt begann mit seinen Ausführungen. Er gab eine genaue, knappe Darstellung des Sachverhaltes vom ersten zum letzten Augenblick. Der Umstand, daß die Zeugenaussagen nicht erweisen konnten, wen Belle Garrat an jenem Tage in der verlassenen Villa erwartet hatte, wich in der Rede des Staatsanwaltes vor dem evidenten Befund des Giftes zurück – das dasselbe war, wie in den Präparaten, durch die breite Massen des Volkes vergiftet worden waren. Die Übereinstimmung des Zeitpunkts, an dem der Mord und die Flucht stattgefunden hatte, hob die Schuld des Gatten über jeden Zweifel. Im Namen der mißbrauchten Seele des britischen Volkes erhob der Staatsanwalt Klage und forderte Sühne. Dieser Mann, ein Arzt und gelehrter Doktor der Londoner Fakultät, hatte in seinem Giftmischerlaboratorium nicht allein das Blut Englands depraviert, sondern auch die Gemüter des Volkes. Er hatte seine Gattin getötet, ein junges, in seiner materiellen Existenz 390 von ihm abhängiges Mädchen aus den armen Klassen der Bevölkerung verführt und durch die Komödie, die er in seiner Zelle gespielt hatte, die Gutgläubigkeit der Millionen irregeleitet. Hatte man nicht noch bis in die letzten Augenblicke ein Geständnis von ihm erwartet? Die gleiche raffinierte Verbrecherschlauheit, die er in der Vorbereitung seiner Flucht bewiesen hatte, kennzeichnete sein Verhalten während der letzten Tage. Aber er wird seinem Schicksal nicht entgehen, wie sehr er auch durch heuchlerisches Vortäuschen von Gottesfurcht und Ergebenheit in das göttliche Walten wie in die Gebote der Kirche die Herzen der Massen zu gewinnen sucht. Der Ankläger appellierte an die Geschworenen, er führte ihnen die Verantwortung vor Augen, die in diesem Augenblick auf ihnen ruhte. Es war schwerstes Verbrechen zu sühnen, der Angeklagte hatte vom Menschenmord bis zum Seelenmord der Massen den ganzen Weg der Verbrechen durchlaufen, die ein sterblicher Mensch vor seinem ewigen Richter zu verantworten hatte. Der Bericht des Kronrichters über den Leichenbefund nahm nur wenige Minuten in Anspruch. Er wiederholte die schon vor dem Bowstreet-Gericht abgegebenen Angaben. Damit war die Sache für den Staat beendet. Es erhob sich nunmehr Mr. Parker und hielt eine anderthalb Stunden währende Rede. Er verweilte insbesondere bei jenem Punkte der Anklage, der besagte, Garrat habe in letzter Zeit durch sein heuchlerisches Verhalten in der Zelle die Sympathien, die sich im Volke für ihn in immer verstärktem Maße bemerkbar machten, zu erhöhen getrachtet. Es war klar: sie kamen aus der Einsicht des Unglücks, das ihn sein Leben lang verfolgt hatte. Er war, wie man aus der Aussage der Mutter Coras erfahren hatte, ein der Zärtlichkeit bedürftiger Mann, nicht der über Leichen schreitende Egoist und 391 kaltherzige Verbrecher, als den ihn der Staatsanwalt hinzustellen beliebte. Hatte er nicht für Mutter Stratton in ausgiebiger Weise gesorgt? Und auch sonst war er ja, wie man aus den Aussagen seiner ehemaligen Freunde und Berufsgenossen ersehen konnte, ein aufopferungsfreudiger Kamerad gewesen, ein uneigennütziger Berater der Armen und Kranken Londons. Die unglückliche Leidenschaft für Belle hatte ihn auf die Bahn geführt, die hier auf dieser Bank enden mußte. Diese Leidenschaft war es, die ihn seiner wohlerworbenen Rechte, den Leidenden zu helfen, beraubt, ihn aus der Gesellschaft verbannt und in die Einsamkeit verwiesen hatte. Die ihm die Flucht von den Menschen fort eingegeben und auferlegt, und als die Schande und Not aufs höchste gestiegen, über seinem Haupt zusammenzuschlagen drohte, an den Rand des Selbstmordes getrieben hatte. Parker verweilte sodann bei der ungelösten Frage nach dem Manne, der Belle im Hause erwarten mochte. Es war nicht erwiesen, daß einzig und allein Garrat das Gift in Händen hatte, das als Todesursache galt. Die Zerstörungserscheinungen des Körpers ließen den Schluß zu, daß die chemische Zusammensetzung des Präparats eine wesentlich andre war, als die Evidenz sie zeigte. Daß der Zeitpunkt von Garrats Flucht mit der Verübung der Mordtat ungefähr übereinstimmte, sprach nicht im geringsten für seine Täterschaft. Die medizinische Wissenschaft war ganz gewiß nicht so weit vorgeschritten, daß die Vollbringung der Tat auf die Stunde genau festgestellt werden konnte. Andrerseits durfte wohl kein fühlender Mensch sich darüber wundern, daß ein gedemütigter und zur Verzweiflung gehetzter Mann in dem Augenblick, in dem seine Qual auf die Spitze getrieben ist und das Glück ihm die Liebe zu einem jungen lieblichen und ihm ergebnen Geschöpf gewährt, die ganze Vergangenheit 392 von sich wirft und, ohne zu bedenken, was die Welt von solch einem Schritt halten mag, in eine unsichere Zukunft blindlings vorwärtstreibt. Jeder von uns, sagte Mr. Parker, jeder von Ihnen, und er zeigte dabei auf die Geschwornen, muß das verstehn. Jeder von uns Menschen hat in seinem Leben oder dem seines Nächsten einen Augenblick beobachtet, in dem er es als Notwendigkeit eingesehen hat, daß ein Ende mit unhaltbaren, zerbrochenen Lebensumständen gemacht werden müsse. Versetzen Sie sich in die Lage dieses Mannes, der wie ein Geächteter von der Menschheit floh, gegen den, wie eine Meute, die bösesten Instinkte der Menschheit losgelassen waren und der nun in seiner Zelle, als Mörder gebrandmarkt, im Nachdenken und in Versenkung in sich selbst, zum Glauben an Gott und die Gerechtigkeit seine Zuflucht nimmt, statt in kühlem, systematischem Nachdenken über Für und Wider der gegen ihn erhobnen Anklage seine Einbildungskraft zu erschöpfen. Es ist nicht erwiesen, wer sich der Heuchelei schuldig macht, der, der in äußerster Lebensbedrängnis zu den Gedanken an Gott und den Geboten der Kirche flüchtet, oder der, der dieses reine menschliche Streben absichtlich mißdeutet, um unhaltbare Anklagen zu verschärfen. Es war schon spät am Nachmittag, als Garrat sich zu seinem Verhöre von seinem Platz erhob und mit ruhiger Stimme Antwort auf die Fragen des Staatsanwalts und Lord Oberrichters stellte. Die Müdigkeit und Erschöpfung, die auf seinem äußeren Menschen sichtbar lagerten, kennzeichneten auch die Worte, die er in den Saal hinein sprach, ohne jemand dabei anzusehen. Er gab Namen, Geburtsort, Jahr und Tag an, beantwortete die Fragen nach seinen Studien, den ersten Jahren seiner Arzttätigkeit, die er zuerst im Stadtviertel der wohlhabenden Bürgerschaft Marylebone, nachher in Bloomsbury ausgeübt hatte. Er berichtete über seinen Ausschluß 393 aus dem Ärzteklub, über die Gründe, die ihn veranlaßt hatten, seine Tätigkeit aufzugeben und den Vertrieb der amerikanischen Patentmittel zu übernehmen. Bei diesem Punkt der Aussage verweilte der Lord Oberrichter längere Zeit. Garrat mußte ganz genau erklären, welcher Art die Präparate »Dr. Oldports System«, »Antikamnia«, »Creolon«, »Somnifer« und die andern gewesen seien. Ob er Assistenten für seine Laboratoriumsarbeit im Osten der Stadt benötigt und aus welcher Ursache er diese Arbeiten ohne Assistenz und mit einer an Geheimtuerei grenzenden Vorsicht vollführt habe? Garrat gab unumwunden zu, daß er die chemischen Formeln der Präparate genau gekannt habe, als er auf ein Inserat in der medizinischen Wochenschrift: » The Lancet « hin den Vertrieb jener Präparate für England übernahm. Das Inserat war in die angesehene Wochenschrift eingeschmuggelt worden, denn die Ärzteschaft hätte sich nie und nimmer mit den Kurpfuschermitteln einverstanden erklärt, wäre ihr wahrer Charakter aus jener Einsendung deutlich zu erkennen gewesen. Die amerikanischen Fabrikanten benötigten für ihre Präparate wissenschaftlich gebildete Vertreter, teils um den Anschein zu erwecken, daß es sich hier um wirkliche Medizin handle, teils darum, weil die Präparate der Nachprüfung und Auffrischung durch Sachverständige bedurften. Aus einem in Morton-Crescent vorgefundenen Brief Garrats an Belle war folgender Passus vorgelesen worden: »Unter den Danksagungsschreiben, die mir die Firma liefert, befinden sich einige echte, von Leuten, denen die Mittel, wenn auch nur für kurze Zeit Hoffnung auf Genesung und Lebenszuversicht schenkten . . .« Garrat bemerkte, er habe es ganz genau gewußt, wie es um den Gesundheitszustand der Leute bestellt sei, die jene Mittel gebrauchten. Den Brief hätte ihm sein Schamgefühl diktiert, das ihn in der ersten 394 Zeit seiner Tätigkeit als Vertreter der Amerikaner gepeinigt habe. Der Lord Oberrichter frug Garrat: »Wie stellte sich Ihre Frau zu dem Gewerbe, das Sie da trieben? War sie sehr enttäuscht darüber, daß Sie Ihre Stellung als Arzt aufgaben und einen Handel mit zweifelhaften Präparaten anfingen?« »Wir kamen hierdurch in die Lage, ein Haus zu mieten. Ich glaube, Mrs. Garrat hat sich weitere Gedanken über meinen Berufswechsel nicht gemacht. Ich fing mit einem kleinen Bureau in der Oxford-Street an, hatte zuerst nur eine Assistentin, vergrößerte aber das Bureau und zog nach Kingsway. In diese Zeit fielen die kürzeren und längeren Reisen Belles zu Verwandten in der Provinz, und der Verdacht, daß Belle diese Reisen nur vorschütze, um sich mit einem Bekannten in London zu treffen, wurde in mir wach.« »Wie erlangten Sie zuerst Gewißheit? Wie tauchte diese Vermutung zuerst in Ihnen auf?« »Ich entdeckte Schmuckstücke an Mrs. Garrat, deren Ursprung ich nicht kannte. Sie bediente sich ungewohnter Redensarten, auch war eine Gereiztheit in ihr Wesen geraten, das mich zuerst befremdete, bald aber abstieß. Ihre Antworten auf meine Fragen lauteten zynisch und die Auftritte zwischen uns nahmen an Heftigkeit zu; sie hatte aufgehört, mich als Gentleman anzusehen, der ich ja im Grunde auch aufgehört hatte zu sein; ich meine, der Welt und meinen Berufsgenossen, nicht aber Mrs. Garrat gegenüber.« »Waren diese Auftritte durch Ihre Frau provoziert, oder gab es bestimmte Gelegenheiten, bei denen Ihr Zorn mit Ihnen durchging?« frug der Richter. »Ich gestehe, daß in der Stimme meiner Frau ein Klang mittönte, der irgend etwas Verborgenes in mir in 395 Schwingung versetzte. Ich bekämpfte zuerst diesen rasch aufsteigenden Zorn nach bestem Können, konnte aber seiner schließlich nicht immer Herr werden und dann geschah es, daß uns beide die Selbstbeherrschung verließ. Ja, es war dieser Klang der Stimme . . . Nach solchen Auftritten vermied ich es oft Tage lang, Mrs. Garrat zu begegnen. Unsre Schlafräume lagen schon seit geraumer Zeit getrennt.« »Dachten Sie um jene Zeit an Selbstmord?« frug Mr. Parker. »Die grauenhafte Selbstautodafé jenes Mitgliedes Ihres Klubs hatte ja solch tiefen Eindruck auf Sie gemacht, wie wir gehört haben. War der Wunsch, ein Ende zu machen, schon in jener ersten Zeit Ihres Zerwürfnisses in Ihnen wach geworden?« »Die Wahrheit ist, daß ich oft dachte, Mrs. Garrat könnte sterben. In der ersten Zeit, als wir nach Morton-Crescent zogen, hatte sie bei Winterbeginn einen heftigen Anfall von Pleuritis. Es wurde notwendig, narkotische Mittel anzuwenden, weil die Atemnot der Patientin und ein leichtes Eiterfieber starke Schmerzen auslösten. Die Schwester, die ich zur Pflege Mrs. Garrats ins Haus genommen hatte, wurde von ihr aus vollständig unbegründeter Eifersucht verfolgt. Als ich darauf der Kranken ihre Verfehlungen zum erstenmal vorhielt, verfiel sie in eine Krise. Ich hegte damals die Hoffnung, Mrs. Garrats Krankheit werde letal verlaufen. Ich glaube, daß solche Wünsche in jedem Menschen aufsteigen und groß werden können, der das Ende und die Lösung unhaltbarer Zustände und die Befreiung von dauernder Pein herbeisehnt. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß dieser Wunsch heimlich von jedermann gehegt wird, der es verdammen würde, spräche ein andrer ihn unumwunden aus.« Hier frug der Lord Oberrichter den Angeklagten: »Hat sich an jenem Tage, da Sie als Arzt Mrs. Garrat behandelten, nicht der Wunsch in Ihnen geregt, durch eine 396 stärkere Dosis des narkotischen Mittels die Lösung herbeizuführen oder zu beschleunigen?« Garrat antwortete: »Die reine Wahrheit ist, daß wenn ich je daran gedacht hätte, wissentlich und mit vollem Bewußtsein der inneren Verantwortung Mrs. Garrat zu töten – dies der geeignetste und einzige Augenblick in meinem Leben gewesen wäre, eine Tat zu begehen, wie es die ist, die mir jetzt vorgeworfen wird.« Hier richtete der Lord Oberrichter die Frage an Garrat, ob er um diese Zeit Cora Stratton schon gekannt habe? Alle Blicke waren auf Cora gerichtet. Garrat antwortete und seine Stimme war um einen Grad müder und tonloser als vorher. »Ich kannte Miß Stratton noch nicht zu jener Zeit, glaube aber, daß an meinen Wünschen und Erwartungen die Bekanntschaft mit ihr nichts geändert hätte.« Die Verhandlungen nahmen ihren Fortgang und Garrat gab Auskunft über die Entfremdung, den zunehmenden Haß der Ehegatten, die Demütigungen, die sie einander zufügten, indem sie die Scheu von sich streiften, ihre Verfehlungen bis in die Gesindekammer trugen, dabei aber im selben Haus verweilen und den Schein bürgerlicher Wohlanständigkeit mühsam aufrechterhalten mußten. Der Richter lenkte Garrat nun zu den Geschehnissen hin, die den Beginn seiner Bekanntschaft mit Cora Stratton bezeichneten. Garrat gab Auskunft über diese Zeit und Cora sprach mit zaghafter Stimme, bald aber sicherer von ihren Ausflügen mit Garrat nach Brighton, nach Margate, von ihren gemeinsamen Abenden in Theatern und Restaurants der Stadt. Die letzte Stunde des langen Verhandlungstages war erfüllt von dem Berichte Garrats über die Zeit, in der der Gedanke in ihm aufgekeimt war, mit Cora zu fliehen, sie zu ehelichen, und das ganze Leben der Schmach und Qual, die Lüge seiner Ehe und 397 seines Berufes von sich zu werfen. Als die Verhandlung an diesem Punkt abgebrochen wurde, hoffte man eine Vertagung um mindestens zweimal vierundzwanzig Stunden verkündet zu hören. Daß aber der Beginn der nächsten Verhandlung bereits auf die Mittagsstunde des folgenden Tages festgesetzt wurde, bewies aufs neue, wie sehr man wünschte, daß diese Angelegenheit endgültig aus der Welt geschafft sein möge. * Am Morgen des 25. Oktober brachten die Zeitungen nicht nur Londons und Großbritanniens, sondern der ganzen sich ihrer Zivilisation rühmenden Erde die fettgedruckten Worte: »Garrat erklärt sich nichtschuldig.« Und mit den um Tugend und Wahrheitsliebe ihrer Leserscharen besorgten Zeitungen entrüstete sich das große Publikum der Welt, dieses Gewimmel einer nach Erregung, nach Befriedigung seiner dunklen und uneingestandenen Triebe lüsternen Menschheit über den versteckten und hinterlistigen Verbrecher, der Miene gemacht hatte, zu bekennen, und nun, da es drauf ankam, die Welt zum besten hatte. Im Hause gegenüber Kew saß Adela am Fenster und sah den Postboten mit der Zeitung durch den kleinen Kiesweg herankommen. Aber sie wußte ja, was in der Zeitung stand. Hätte Garrat gestern gestanden, ihr wäre an diesem Morgen leichter ums Herz gewesen. Hätte er gestanden, sie hätte es im Augenblick gefühlt. Aber sie hatte nichts gefühlt und es war kein Geständnis über Garrats Lippen gekommen. Als sie den Zeitungsbericht bis ans Ende durchgelesen hatte, fühlte sie sich schwach und wollte zu Bett gehen. Sheila spielte mit den Kindern Weymann im Zimmer nebenan. Adela stand auf, hielt sich an der Stuhllehne fest, ging die wenigen Schritte zum Bette und setzte sich 398 auf die von der Nachtruhe noch zerdrückten Kissen. Sie beugte den Oberkörper zurück, ließ sich sinken. Bald aber erhob sie sich und steifte den Körper kerzengrade. Ihr Herz flog im Leibe. Heute, sagte sie sich, heute. Sie ging zur Türe, die ins Treppenhaus mündete, rief nach Mrs. Newall. Die alte Frau kam, brachte das Frühstück, frug nach Adelas Wünschen. Ihr zu empfehlen, daß sie den Arzt rufen solle, unterließ sie – sie hatte es zu oft vergeblich getan. Im Flur ertönte des Professors mürrische Stimme. Die Alte ging. Adela faltete die Hände unterm Kinn, blickte zu Boden vor sich hin. Im Nebenzimmer spielten die Kinder. Um elf Uhr kam Ochoroff, der sich seit längerer Zeit nicht mehr in Mrs. Newalls Haus hatte blicken lassen. Adela horchte auf, als sie die Stimme im Nebenzimmer hörte. Sogleich erkannte sie sie als Ochoroffs Stimme, sah den Klub in der Windmühlenstraße vor sich, sah den hohen Alten sich durch die ihn umdrängende Menge den Weg zum Podium bahnen, sah seine segnenden Gesten wieder, hörte ihn von dem Verurteilten reden, von den Pöbelmassen, die ihn umjohlten. Ochoroff verweilte lange bei Frau Weymann, deren klagende Stimme in Intervallen zu hören war. Lange hörte Adela auf den Wechselgesang dieser beiden fremdartigen Stimmen, deren Auf- und Abwallen zuweilen von den kleinen hellen Lauten aus Kinderkehlen unterbrochen war. Unter ihnen von Sophiens Stimme, der Stimme der Nacht und der von schweren Träumen geängsteten Kinderseele. Als die Tür aufging und Ochoroff, Sheila an der Hand führend, im Rahmen erschien, schluchzte Adela plötzlich laut auf, schlug die Hände vors Gesicht und wankte so stark, daß der Mann und das Kind zu ihr stürzten, um sie vor dem Fall zu bewahren. 399 »Was ist Ihnen, Frau Malone?« frug Ochoroff besorgt. Er schlang den Arm um ihre Taille und trug sie mehr als er sie führte, zum Bett, bettete sie behutsam auf den Kissen, hob ihre Füße aufs Bett hinauf und breitete die Decke über sie. Ohne einen Laut, tränenlos, kniete Sheila am Bett und blickte ins Gesicht der Mutter. Als Adela die Augen öffnete, führte Ochoroff Sheila ins Nebenzimmer, schloß die Türe und setzte sich, um mit Adela in Ruhe sprechen zu können. Daß er etwas, das Leben dieses wunden Menschen tief Berührendes hören würde, war ihm offenbar. Vornübergebeugt, Adelas Hand in der seinen, blickte er ihr in die Augen. »Ich bin froh, Mr. Ochoroff, daß Sie kamen. Ich glaube, ich könnte mit niemand so sprechen, wie mit Ihnen. Es betrifft . . .« Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie zog die Mundwinkel herunter, es lag der Ausdruck eines unglücklichen Kindes auf ihren von der Krankheit verzehrten Zügen. »Ihr süßes kleines Mädchen,« sagte Ochoroff leise und betont. »Ich werde für Ihr Kind sorgen. Sie brauchen sich nicht zu grämen. Wir kennen die Seelen der Menschen und alle Stunden sind lebendig in unsern Herzen. Sie brauchen nicht mehr aufzuschrecken bei Nacht. Nun . . . nun . . .« Er beugte sich über Adela, streichelte mit seiner großen, warmen Hand ihre feuchte, heiße Stirne. »Ruhig, ruhig, mein Kind. Gott ist mit dir. Sei unbesorgt. Deine Mutter lebt und dein Kind wird in ihrem Hause aufgenommen werden. Und du wirst nicht aufzuschrecken brauchen bei Nacht.« Diese letzten Worte sprach er fast wie einen Hauch. Adela schien zu schlafen, ihr Atem ging rasch in der Brust, die ein Krampf unnatürlich hob und senkte. Es war, als hole sie den Schlaf vieler versäumter Nächte nach. Sie schlief tief und lange. Mrs. Newall kam aufgeregt herein: »Mrs. Malone! 400 Feuer ist da! Feuer ist zurückgekehrt! Ich sah sie eben jetzt durch das Georginenbeet schleichen!« Aber Adela erwachte nicht. Die alte Frau sah von Adelas Gesicht auf Ochoroff, wandte sich wie hilfesuchend im Zimmer um, drehte sich um sich selbst, wußte nicht, ob sie zur Tür, zum Fenster, ob sie ins Zimmer zur Frau oder die Treppe hinunterlaufen solle . . . Schließlich blieb sie verzagt in der Stube stehen. Sie begann zu ahnen, wie es um Adela stand. * »Erzählen Sie, Doktor Garrat, was an jenem Tage geschehen ist, an dem Sie den letzten entscheidenden Auftritt mit Mrs. Garrat hatten. Ich meine den Auftritt, der in Ihnen den Entschluß reif werden ließ, fortzugehen, und ein Ende mit Ihrem Zusammenleben zu machen.« Garrat begann: »Es hatten sich an jenem Tage einige Dinge ereignet, die mich verwirrten und bedrückten. So z. B. hatte ich vom Bureau Argus einen Zeitungsausschnitt zugeschickt erhalten, in dem vor den Präparaten, unter anderm vor Oldport und Antikamnia mit großer Schärfe gewarnt wurde. Ich sah sofort ein, daß meine Existenz nicht allein bedroht, sondern so gut wie vernichtet war. Ehe ich meine Räume am Kingsway verließ, kam Cora zu mir und wollte zehn Pfund haben. Es war eine im Verhältnis zu ihren gewohnten Forderungen bedeutende Summe. Ich hatte den Verdacht: daß sie das Geld für einen Mann brauchen könnte. – Ich war mißtrauisch und unglücklich. Zu Hause erwartete mich meine Frau, die Liebhaber besaß, sich mit ihnen brüstete, um mich zu verhöhnen, nun sollte ich – bei diesem jungen Mädchen, an dessen Reinheit ich glaubte . . .« Garrat stand aufrecht da, in auffällig ungezwungener Haltung, mit erhobenem Haupt. Die Ermüdung vom vorigen 401 Tage hatte keine Spur hinterlassen, er war frisch, gesammelt und ruhig. Als er die letzten Worte gesprochen hatte, wandte er sich plötzlich zu Cora Stratton hinüber und rief aus: »Vergib! vergib mir!« Dieser leidenschaftliche Ausruf verursachte im Saale unter den Funktionären und der Zuhörerschaft eine tiefe Erregung. Nur schwer wollte die Bewegung wieder von all diesen Menschen weichen und der gewohnten Stille Platz machen. Zum erstenmal zeigten die Worte, die er an Cora gerichtet hatte, den leidenschaftlichen, in den Tiefen seiner innersten Existenz aufgewühlten Menschen, den unbeherrschten, geheimnisvollem Drang gehorchenden, aus seiner Bahn geschleuderten Menschen Garrat. Cora Stratton wandte ihr tränenüberströmtes Gesicht zu Garrat hin, aber seine Blicke waren schon wieder geradeaus über die Köpfe der Menschen weg in die Luft gerichtet. »Ich hatte diesen Verdacht gegen Miß Stratton nie in mir gefühlt, denn ich wußte, sie war ein ehrbares Mädchen. Aber ich war von dem, was mich daheim erwartete, nur zu sehr beeinflußt. Der Schrecken, denn ich kann mein Leben mit Mrs. Garrat nicht anders benennen, begann schon Stunden vorher, ehe ich mein Haus betrat, in mir zu wirken. Alles um mich her war mir schrecklich. Mit dem Verdacht gegen Miß Stratton und mit jenem Zeitungsblatt, in dem mein Ruin schwarz auf weiß besiegelt stand, mußte ich mich auf den Heimweg machen. Ich weiß, offen gesagt, nicht, ob in meinem Bewußtsein in den Augenblicken, die nun folgten, der Entschluß, ein Ende zu machen und mit Cora zu fliehen, schon beschlossen war? Ich wußte, was mir daheim bevorstand: es war ja Tag um Tag dasselbe. Nur diesmal verschärft durch jenen Verdacht, denn ich sah die zehn Pfund nicht so sehr als Geldopfer an, sondern als eine Warnung. Denn ich sagte 402 mir: sie ist jung, sie ist viel allein, man muß sie schützen vor den Abwegen.« Hier ermahnte der Richter Garrat, vom Wesentlichen nicht zu weit abzuschweifen. Mr. Parker betonte, daß ja eben Garrats Sorge um Cora das Wesentliche sei, das, was ihn in seinem Entschlusse zur Flucht bestärkte. Noch während Parker sprach, fuhr Garrat fort: »Ich hatte an diesem Abend vor, zu Hause meine Notizen zu sichten, ein Inventar anzufertigen, ein paar Briefe zu schreiben und methodisch vorzubereiten, was ich für notwendig hielt. Ich betone, Miß Stratton hatte weder von meinen Absichten, noch von diesen Vorbereitungen irgendwelche Kenntnis. Ich pflegte nicht viel über meine innern Angelegenheiten zu sprechen, auch hatte ich ja dazu wenig Gelegenheit, denn meine Freunde hatte ich verloren und meine Frau war mir feindlicher als der feindlichste Mensch. Ich will trachten, alles zu sagen, wie es kam.« Garrat rollte die Bogen seiner Rede zusammen und hielt sie wie einen Stab vor sich hin. Seine nervösen Finger glätteten die Blätter aber sofort wieder, er blickte auf das erste, als wolle er mit der Verlesung beginnen, aber er sagte bloß in merkwürdig versonnenem Ton: »Ich erinnere mich, daß ich, als ich in der Untergrundbahn nach Hause fuhr, einen Bibelspruch an der Wand des Abteils bemerkt habe: »Heilige deine Tage . . .« so begann der Spruch. Ich sah diese Tafel wahrscheinlich nicht zum erstenmal, aber ich muß der Wahrheit gemäß berichten, daß die Worte auf mich eine Wirkung ausübten, als hätten sie eine geheime Bedeutung in diesem Augenblick. – Ja, es gehört hierher.« sagte Garrat rasch, als fürchte er, abermals unterbrochen zu werden. »Als ich an der Caledonian Road ausstieg und über 403 die Straße ging, entsann ich mich auch noch des Anblicks von drei Menschen, die mir gegenüber gesessen hatten und das Bild einer kleinen, friedlichen Familie boten. Und ich ging jetzt nach Hause und wußte, daß mir nichts übrigblieb, als mit meinem Leben abzuschließen. Ob ich gegen Mrs. Garrat einen sehr heftigen Groll empfand in diesem Augenblick, weiß ich nicht. Je näher ich kam, um so eifriger pflegte ich mich einer Beherrschung und Zügelung meines Willens und meiner Nerven zu befleißigen. Das war meine Aufgabe auf dem Heimweg nach Morton-Crescent. Als ich vor der kleinen Kirche an der Ecke meiner Straße angelangt war, mußte ich haltmachen und ein Gefährt vorüberlassen, einen Hansom . . .« »Ich kann es nicht zulassen,« rief der Lord Oberrichter und erhob sich vor Ungeduld von seinem Sitz. »Sie mißbrauchen die Geduld und die Zeit dieses hohen Gerichtshofes, Doktor Garrat!« Im Saale machte sich steigende Unruhe bemerkbar. Man sah Dr. Parker sich umkehren und eine Geste beschreiben, die wohl eine Mahnung an Garrat bedeuten sollte, sich kürzer zu fassen. Aber Garrat sprach unbeirrt weiter: »Ich stand still und das Gefährt rollte heran. Ich blickte nicht auf dieses Gefährt, sondern ich wartete, daß es vorüber sei, um über die Straße und heimzugehen. Das Gefährt kam näher.« Garrat schwieg, fuhr sich mit der Hand über die Lippen; er sog die Lippen in den Mund ein und seine Hand sank ganz langsam nieder an seinem Leibe. Der Saal, die Zuhörer, das Gericht horchte. Es war ja nicht möglich, daß Garrat diese belanglose Einzelheit ohne bestimmte Ursache, ohne eine tiefere Absicht so breit ausspann. Es mußte irgendeine Bewandtnis haben mit diesem Wagen, dieser Situation, in der sich Garrat in dem Augenblick befand, da er auf das Vorüberfahren des Gefährts wartete. 404 Was ereignete sich nun? Wer saß im Hansom? Hielt er? Was wird sich abspielen in den nächsten Sekunden? Garrat aber schwieg, vor der lauschenden Menschenmenge. Nach einer Weile begann er mit klarer und lauter Stimme. Ja, seine Stimme klang kräftiger, sonorer und heller als diesen ganzen Morgen. Es war eine unbekannte Stimme, die Stimme eines ganz verjüngten Menschen, die jetzt aus Garrat tönte, während er die Worte sprach: »Der Mensch, der in mir auferstanden ist . . .« Diese Worte, der unerwartete Schall und unerklärliche Sinn dieser Worte, übten auf den Saal ihre Wirkung aus. Cora Stratton blickte auf. Ihr Gesicht war weiß wie Linnen. Mr. Parker verlor die Selbstbeherrschung, Wachsamkeit und Zuversicht, die ihn während der Verhandlungen keinen Augenblick lang verlassen hatten. Aus allen Richtungen sammelten sich brennende Blicke auf Garrat, der mit erhobenem Kopf, als lausche er nach oben, auf einen Schall, der sein Ohr von oben treffen sollte, dastand und klar artikulierend die Worte vor sich hinsprach: »Ich bekenne mich hiermit schuldig, meine Frau Belle Garrat mit Gift getötet zu haben. Ich bekenne mich schuldig vor den Menschen, vor Gott, vor Ihnen, meinen Richtern. Ich habe getötet, ich mußte es tun. Als ich erfahren hatte, daß es unabwendbar war, habe ich noch eine Zeit verstreichen lassen, um die notwendige Tat, die jetzt nicht mehr Flucht allein hieß, genau zu überlegen. Ich habe meine Frau mit Vorbedacht getötet, alle Umstände des Mordes und der Flucht genau überlegt und bedacht. Ich weiß nicht, ob ein geständiger Mörder das Recht hat, einen Schwur zu leisten – aber ich schwöre hier vor Gott, dem Allmächtigen, daß Miß Cora Stratton von dem Morde, den ich begangen habe, keine Kenntnis hatte, daß sie auch in Gedanken, im entferntesten Gedanken kein Teil an meinem 405 Verbrechen hatte und daß ich sie zur Flucht verleitet habe, indem ich sie glauben machte, daß mein bevorstehender materieller Zusammenbruch und die Unheilbarkeit meines Zerwürfnisses mit Mrs. Garrat, die verreist sei, die alleinigen Ursachen wären, mit meinem Leben in London ein für allemal abzuschließen.« Als er diese Worte gesprochen hatte, setzte sich Garrat nieder, faltete die Bogen seiner Schrift zusammen und steckte sie in die innere Tasche seines Rockes. Mr. Parker hatte sich erhoben und begann mit heiserer, erstickter Stimme: »Meine Herren Geschworenen . . . Eure Lordschaft . . . meine Herren Geschworenen . . .« * An diesem Morgen sollte, einer frühern Vereinbarung gemäß, Miß Alvanley zu Adela kommen, um ihr in ihrer Stube vorzuspielen. Sie hatte sich nach dem Frühstück im West-House sogleich aufgemacht, und an der Ecke der Tottenhamstraße den Richmond-Omnibus erwartet. Aber im letzten Augenblick besann sie sich und bestieg den Omnibus, der über die Themse nach dem südlichen Stadtteil gegen Streatham zu fuhr, um Miß Falkoner zu besuchen. Im Omnibus wurde es ihr klar, was sie mit diesem Besuch eigentlich bezweckte: Falkoner sollte heute unbedingt mit zu Adela kommen, das war ihre Absicht, ihr unumstößlicher Plan. Adela konnte ja – sie konnte Falkoner nicht abweisen! Sie durfte es nicht! Ja, Alvanley wußte ganz sicher, Adela werde es diesmal nicht tun. Sie wollte so schön spielen, wie noch nie, alle würden beisammensitzen und ihrem Spiel lauschen. Die Appassionata wollte sie ihnen spielen, Chopin, Tschaikowski. Sie würden beisammensitzen, während ihres Spiels und sich mit gerührten Blicken anschauen – dessen war sie sicher! 406 Miß Alvanley traf Florence Falkoner nicht in ihrem Heim an. Der alte Diener bedeutete ihr, daß Miß Falkoner in Old Bailey den Verhandlungen gegen den Gattenmörder beiwohne. Alvanley fuhr nach Old Bailey. Sie kam nicht bis an die Straße heran. Die Straße Old Bailey war abgesperrt. Eine Wagenburg staute sich in der Nähe vor Ludgate. Durch einen Zufall fand Miß Alvanley Falkoners Kupee sofort heraus, bahnte sich einen Weg zwischen den Rädern der Wagen und frug den alten Kutscher, der sie wiederholt gefahren hatte, ob Miß Falkoner eine Stunde bestimmt habe, um die sie heimkehren wolle? »O, steigen Sie rasch ein, Miß, sonst kommen Sie unter die Pferde!« rief der alte Kutscher. Von Old Bailey her strömte in diesem Augenblick eine aufgeregte Menge, die sich schreiend durch die enge Gasse quetschte und zwischen den Automobilen und Wagen durch, in kleinen Bächen zerrieselnd, einen Weg nach Fleet-Street bahnte. »Geständnis Garrats! Garrat hat gestanden!« Der alte Kutscher beugte sich vom Bock nieder, um besser zu hören: »Der Bursche ist geständig. O Gott verdamm' mich!« Zitternd vor Erregung wartete Alvanley im Gefährt auf Miß Falkoner. Als diese etwa zehn Minuten später in den Wagen stieg, waren schon die Extraausgaben der Zeitungen mit der Nachricht von Garrats Geständnis erschienen und in allen Händen. Im Wagen konnte Falkoner lange nicht zu Atem kommen. Die Stunde hatte ihr den Atem verschlagen: »O meine Teure, Sie hätten es erleben sollen – o, welch ein Erlebnis! Und wenn ich hundert Jahre alt werde! O, er stand da, dieser elende Mensch – ich fürchtete, ach nein, meine Teure, ich versichere Sie: ich war einer Ohnmacht nahe!« Miß Alvanley gab dem Kutscher Adelas Adresse an. 407 Am Ausgang des Viktoria-Embankments, vor dem Hotel Cecil, wurde Falkoner erst inne, wohin die Fahrt ging. Es war vier Uhr, als das Kupee vor der Gartenmauer von Mrs. Newalls Haus hielt. Die Frauen begegneten der alten Wirtin, die weinend den Kopf in ihrer Schürze versteckte und am Fuße der Treppe mit Dr. Foundling beisammenstand. Alvanley flog die Stufen hinauf. Der alte Professor stand an der Tür in Mocassins, sein Sammetkäppchen zwischen den Fingern, die Augen auf ein viereckiges weißes Blatt an der Wand gerichtet, auf seine Aktskizze von damals. Frau Weymann saß am Kopfende des Bettes, darin Adela ruhte. Alle Blumen aus dem Garten, die noch nicht verwelkt waren, kleine vielfarbige Zwerggeorginen, lagen auf Adelas Bett. Das kleine Onyxkreuz vom Schreibtisch hatte man in ihre Hände gelegt. Die drei kleinen Mädchen kauerten wimmernd und leise weinend in der Fensterecke beisammen. Sheila erblickte Miß Alvanley zuerst. Das Kind rührte sich nicht, blickte nur kurz auf die Eintretende und dann auf das Gesicht der Mutter zurück. Durch die offengebliebene Tür trat Miß Falkoner ein. Sie ging geradeswegs auf das Kind zu, zog sein Köpfchen zu sich und kniete vor dem Bette Adelas nieder. So blieb sie eine Weile, die Hände vor das Gesicht gepreßt, den Kopf in den Blumen begraben, liegen. Als sie sich erhob, war das erste, was sie tat: sie holte ein Stückchen Wildleder aus ihrer Silbertasche und rieb ihren Kneifer blank. Dann küßte sie Sheila auf den kleinen warmen Scheitel: »Mein teures Kind! Wirst du Mammy zu mir sagen können?« Sheila blickte die Frau nur kurz an. Sie sprach kein Wort. Freiwillig hatte sie noch nie zu dieser Frau gesprochen. 408 Miß Falkoner hielt die Händchen des Kindes zwischen ihren Händen. Die Tränen tropften ihr aus den Augen. Das Kind sah mit ernstem Blick in das Gesicht der Frau empor. Alvanley schluchzte fassungslos, den Kopf an Frau Weymanns Wange gepreßt, den Arm um ihre Schultern geschlungen. * In der aufsteigenden Nachtkühle vor dem Steintor des hohen, geflochtenen Zaunes, der Sir Mahidhars Wohnhaus umhegte, hielt Herr Lucas plötzlich im Gehen inne. »Ich habe es versäumt!« sagte er. »Ich hätte daran denken sollen. Jetzt aber ist es zu spät.« »Was haben Sie versäumt?« frug Sir Mahidhar. »Wozu soll es zu spät sein?« Aber Herr Lucas blieb wie gebannt auf dem Fleck stehen, schüttelte den Kopf und sagte: »Ich hätte es nicht abwenden können. Ich hätte es doch nicht abwenden können.« »Was hätten Sie nicht abwenden können, Freund? Wozu ist es denn zu spät?« Als Herr Lucas nicht antwortete, sagte Sir Mahidhar leise: »Kommen Sie. Diese Nacht wird sehr kalt werden. Wir müssen ins Haus, ehe der Wind sich erhebt.« Er ergriff die Hand des Freundes und führte ihn sacht durch das Tor und den Vorhof ins Haus.   Ende .