Ernst von Wolzogen Der Thronfolger – Erster Band Roman in zwei Bänden Erstes Kapitel. In welchem die Katz eine Nase und die allgemeine Neugier reichlich Nahrung bekommt. Ein Stern geht auf. Der weiße Saal des großherzoglichen Schlosses erstrahlte im Glanze mehrerer hundert Wachskerzen. In den unzähligen Prismen der krystallenen Kronleuchter brach sich ihr mildes Licht und auf dem milchweißen Marmor der Säulenreihen, die sich an beiden Schmalseiten des herrlichen Prunkraumes hinzogen, auf den Spiegelflächen zwischen den hohen Bogenfenstern, wie auf dem eisglatten Fußboden zitterte der Wiederschein in leisem Wellenspiele. Und weiter zerstob die Lichtflut in Strahlenbüschel und lustiges Funkenfeuerwerk, wo es sich in dem Brillantschmuck der Damen, in den Goldstickereien der Uniformen und in dem blitzenden Ordensfirmamente verfing, womit der größte Teil der Herren vom Hofe sich festlich brüsten konnte. Es galt die Feier des Neujahrstages. Am Vormittage hatte für die Herren eine Gratulationscour stattgefunden. Für den Abend war die ganze Hofgesellschaft der Residenz samt den hervorragenderen Vertretern der Kunst und Wissenschaft des engeren Vaterländchens, die Offiziere benachbarter Garnisonen, sowie endlich diejenigen Mitglieder des eingeborenen Landadels, welche eine Hofcharge bekleideten, zum Konzert eingeladen. Dieses Hofkonzert am Neujahrsabend war für die gesamte adlige Gesellschaft des Großherzogtums ein bedeutungsvoller Tag, dem besonders die Herzen der Damenwelt mit fiebernder Erwartung entgegenzuschlagen pflegten. Altem Herkommen gemäß wurden nämlich bei dieser Gelegenheit die jungen Mädchen, die das ball- und heiratsfähige Alter erreicht hatten, den höchsten Herrschaften vorgestellt und dadurch feierlichst als in die Gesellschaft aufgenommen erklärt. Außer dieser alljährlich wiederkehrenden Aufregung gab es aber diesmal noch einen ganz besonderen Anlaß zu ungewöhnlicher Spannung der Erwartung. Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog, welcher erst in den Weihnachtsfeiertagen von einer fast zwei Jahre währenden Bildungsreise heimgekehrt war, wollte sich heute zum erstenmal wieder in dem größeren Kreise der Hofgesellschaft sehen lassen. Eigentümliche Gerüchte von einer seltsamen Wandlung, die durch jene Reise in dem Wesen ihres jungen Thronfolgers vorgegangen, waren durch die Herren, welche bereits den Vorzug gehabt hatten, mit ihm zusammenzukommen, in der Stadt verbreitet worden. Georg Friedrich, hieß es, sei auffallend ernst geworden im Vergleich zu seiner früheren kavaliermäßig oberflächlichen Art und Weise. Bei dem Liebesmahl im Offizierkasino, zu welchem er die Einladung huldvollst angenommen, habe er sich zwar kameradschaftlich ungezwungen, aber durchaus nicht mehr in jener etwas burschikosen, die Vertraulichkeit herausfordernden Weise von früher benommen. Er habe recht beredt von seinen Reisen, besonders von seinem Aufenthalt im Orient, zu erzählen gewußt, aber die frivolen Anspielungen des gemütlichen dicken Majors von Bomst mit einer so kalten Entschiedenheit zurückgewiesen, daß alles starr gewesen sei. Auch hätten er und besonders sein Reisebegleiter, ein Baron von Kospoth, von dem kein Mensch recht etwas wisse und der nicht einmal Reserveoffizier sei, über gewisse exotische Verhältnisse Ansichten geäußert, welche denen, die ein guter Christ und Staatsbürger, besonders aber einer von Adel, zu hegen verpflichtet sei, bedenklich widersprochen hätten. Man wisse vorderhand noch gar nicht, wie man sich in Zukunft gegen den Erbgroßherzog zu verhalten haben werde – jedenfalls habe sein erstes Auftreten unter den Offizieren eine unbehaglich gespannte Stimmung erzeugt. Die Neugier der Damenwelt war durch diese Aussprengungen in höchstem Grade erregt. Hatte sie sich vorher nur gefragt: wie wird der Prinz aussehen, wird ihn die Tropensonne recht braun gebrannt, wird er uns, wie er versprach, etwas Schönes mitgebracht haben? so stieg jetzt der bange Zweifel in so manchem jungen Busen auf, ob er überhaupt noch als der allzeit verliebte Schäferprinz zurückgekehrt sei, mit dem sich früher ein so gefährlich süßes Spiel treiben ließ. Es hatten dem galanten, bei Antritt seiner Reise erst zweiundzwanzigjährigen Erbgroßherzog nicht nur etwelche kleine Bürgermädchen nachgeweint, mit denen er etwas weit gegangen war; nein, es hatten auch einige Fräulein aus der Hofgesellschaft während seiner langen Abwesenheit mit bangem Seufzen und heimlichem Erröten sein gedacht. Wie mancher hatte er nicht beim Tanz oder beim Eislauf gar berauschende Heimlichkeiten in das angstvoll lauschende Ohr geflüstert, Dinge, die zu sagen sie keinem andern Kavalier verstattet hätten – aber freilich, mit einem so hochgeborenen Anbeter muß man ja wohl oder übel eine Ausnahme machen! Und zudem, man konnte nicht wissen, wozu es am Ende doch gut war. Die Beispiele von Neigungsheiraten, ja selbst von Thronentsagungen erlauchter Sprößlinge fürstlicher Häuser wurden ja gerade in der neuesten Geschichte immer weniger selten. Da war besonders das Fräulein Wally von Katz, die jüngste Hofdame der Prinzessin Eleonore, welche in süßer Erinnerung der empfangenen unzweideutigen Beweise zärtlichster Gewogenheit von seiten des Thronfolgers mit Herzklopfen, aber doch mit kecker Zuversicht die Gelegenheit zu einer Aussprache mit dem angeschwärmten Prinzen herbeisehnte. Diese Sehnsucht hatte sie sogar vermocht, auf die Nachricht von der überraschenden Ankunft des Prinzen hin, den Weihnachtsurlaub abzukürzen und sich an der Neujahrsfestlichkeit zu beteiligen, trotzdem sie sich noch gar nicht zum Dienst zurückgemeldet hatte. Wie ein aufgeregtes Vögelchen im Bauer hüpfte und schwirrte das zierliche, kleine Fräulein, das sich wohlweislich einen Eckplatz gesichert hatte, in dem Mittelgange zwischen den Stuhlreihen hin und her, ihre alten Freunde und Freundinnen mit kleinen Neckereien begrüßend und mit affektiert naiver Dreistigkeit die neuen Erscheinungen musternd. Nur ein einziges unter diesen jungen Mädchen erschien ihrem Scharfblick als möglicherweise gefahrdrohend, und das war dasselbe junge Mädchen, welches sofort bei seinem Eintritt aller Blicke auf sich gelenkt hatte. Da saß sie an der Seite ihres Vaters, des schneeweißen Generals von Treysa, und blickte mit ihren großen braunen Augen aufmerksam um sich, wie um die vielen fremden Gesichter vorläufig in einige wenige Klassen einzuordnen. Da sie zufällig zwischen lauter Herrschaften saß, bei denen ihr Vater sie noch nicht eingeführt hatte, so wurde sie nicht ins Gespräch gezogen, und der alte General neben ihr blickte auch unter seinen buschigen weißen Brauen so drohend hervor, daß sich jedermann von einem nicht gewünschten Annäherungsversuche abgeschreckt fühlen mußte. Desto eifriger richteten sich aus der Ferne alle bewaffneten und unbewaffneten Augen auf das Fräulein von Treysa, und die Herrenwelt zum mindesten war darin einig, daß hier ein neuer Stern am Himmel des großherzoglichen Hofes im Aufgehen begriffen sei. »Alle Wetter!« schnalzte der dicke Kammerherr von der Rast, dessen feucht schimmernde Aeuglein schon geraume Zeit in stummem Entzücken auf dem weißen Nacken, den weich gerundeten Schultern und recht üppigen Oberarmen der jungen Schönheit geruht hatten, und legte dabei seine dicken, kurzen Finger um den Arm eines neben ihm stehenden Infanteriehauptmanns. »Was sagen Sie, Kapitän? Hören Sie, mir wird für meinen behaglichen Witwerstand bange! Dieser alte Eisbär von einem Papa verdiente nach Sibirien geschickt zu werden dafür, daß er uns seinen Schatz so lange vorenthalten hat. Das Mädel ist doch entschieden schon ein paar Jahre ballreif. Sehen Sie bloß diese saftige Fülle – Pfirsich, ganz Pfirsich!« Und dabei kniff er die Aeuglein zusammen und sog die Luft durch den gespitzten Mund ein, wie wenn er den Saft der gedachten Frucht einschlürfte. »Wässert Ihnen schon wieder der Mund, alter Faun?« versetzte der Hauptmann, dessen angenehmes Soldatengesicht die Verachtung, die er im Grunde für diesen feisten Schranzen mit dem ewigen satten Nachtischlächeln hegte, nicht ganz verbergen konnte. »Sagen Sie mal, dieser alte General von Treysa ist ja wohl zu den seligen Bundestagszeiten Höchstkommandierender unsres Kontingents gewesen?« »Ja gewiß! In der grünen Galerie können Sie sein Porträt aus seinen Glanztagen bewundern. Erinnern Sie sich nicht? Spinatgrüner Waffenrock mit kolossalen goldenen Epaulettes und einem gestickten Kragen, zwei Handbreiten hoch, ein glattrasiertes strenges Gesicht mit ein Paar feurigen Augen darin und auf dem Kopfe ein Zweimaster mit einem riesigen Pompon darauf, der vom Rahmen mitten durchschnitten wird. Ist Ihnen denn das Bild noch nicht aufgefallen? Ich dächte doch, die Aehnlichkeit ...« Herr von der Rast verzog seine wulstigen Lippen zu dem gewohnten breiten Lächeln und fuhr, als der Hauptmann die Achseln zuckte, sich seinem Ohre nähernd, fort: »Man merkt es recht, daß Sie aus dem Auslande kommen, Sie Preuße, Sie! In unsrer vaterländischen Geschichte scheinen Sie noch gar nicht bewandert. O, ich kann Ihnen sagen, es kommen recht pikante Passagen darin vor! Der alte Treysa ist nämlich sozusagen ein Onkel unsres allergnädigsten Herrn – ein Sohn seines hochseligen Großvaters und der damals berühmten Sängerin Demoiselle Caffarelli. Als sie in den wohlverdienten Ruhestand trat, schenkte ihr der Herzog Schloß und Herrschaft Treysa da oben im Walde. Ach ja, derartige Schönheiten gehen doch immer nur aus solcher pikanten Blutmischung hervor! Da, da, sehen Sie doch: Jetzt kehrt sie uns ihr Profil zu! Mannifik – was?! Ein Porträt der Caffarelli, von Angelika Kaufmann gemalt, hängt übrigens auch in der grünen Galerie. Wollen wir uns doch mal daraufhin ansehen.« Unterdessen tuschelte das Fräulein von Katz mit der langaufgeschossenen, hageren Komtesse Murbach. »Mit neunzehn Jahren schon so dick zu sein!« zischelte die kleine Hofdame – sie meinte natürlich die Melanie von Treysa. »Das heißt, wenn es wirklich wahr ist, daß sie erst neunzehn ist! Ich finde, ihr liegt schon so eine vierundzwanzigjährige Säuerlichkeit um die Mundwinkel. Die hat der alte Brummbär gewiß nur an den Hof gebracht, damit sie sich ihren Ueberfluß ein bißchen abtanzen soll!« »Ich muß sagen, ich finde es beinahe unanständig!« gab die Murbach zurück, indem sie dabei die schmalen Schultern zusammenzog, so daß die spitzknochigen Achseln mit bedrohlicher Schärfe aus den Aermellöchern des Kleides hervortauchten. Die mitleidlose Hofsitte zwang diese arme Komtesse, bei solchen festlichen Gelegenheiten als ein lebendiger Protest gegen die Verschwendungssucht der Natur aufzutreten, und die bösen Lieutenants hängten ihr den Spottnamen »Mene Tekel« an, was bekanntlich bedeutet: Gewogen und zu leicht befunden! Wally von Katz hatte selbstverständlich nicht ohne eine kleine boshafte Nebenabsicht gerade die Murbach zu einer Meinungsäußerung über die frische Fülle der neuen Erscheinung herausgefordert. Um der entrüsteten Komtesse nicht ins Gesicht zu lachen, schwirrte sie davon und begrüßte auf der andern Seite den zierlichen Lieutenant von Ungerstein, um sich von ihm Auskunft zu holen über die interessante Erscheinung der Herrenwelt, den jungen Freund des Thronfolgers, Baron Kospoth, welchen sie just einsam an einer Säule nahe dem Eingang stehen sah. Herr von Ungerstein hatte eben seinen hochwichtigen Bericht über den Verlauf des neulichen Liebesmahles beendet, als das Aufpochen der Marschallstäbe das Herannahen der höchsten Herrschaften mit ihrem Gefolge verkündete. Das Fräulein von Katz huschte wie ein Schulmädchen, das durch den Eintritt der Lehrerin überrascht wird, auf ihren Platz zurück. Der Herr Hofkapellmeister gab das Zeichen zum dreimaligen Tusch, und unter dem Geschmetter der Trompeten, den Läufern und Trillern der Holzbläser und dem Wirbeln der Pauken betraten die Herrschaften den Festsaal. Die beiden Hofmarschälle eröffneten den Zug mit ihren Stäben; ihnen folgten die sechs Pagen, hübsche Jungen in scharlachroten Röcken, weißseidenen Kniehosen und Strümpfen, die mit Schwan verbrämten Dreimaster im Arme tragend, die zierlichen Galanteriedegen an dem breiten Bandelier zur Linken; dann kam der Großherzog, seine hohe Gemahlin am Arme führend – das »hohe« jedoch nur bildlich verstanden, denn die erlauchte Landesmutter war kaum von Mittelgröße! unmittelbar hinter dem Herrscher schritt dessen Sohn und Erbe Georg Friedrich, ihm zur Seite seine noch unvermählte Schwester, die Prinzessin Eleonore; einsam, würdevoll, klein und mißvergnügt wandelte die Prinzessin Georgine, das letzte Reis eines im Aussterben begriffenen Seitenzweiges des großherzoglichen Hauses, hinter ihren souveränen Anverwandten her, und den Beschluß machte das Gefolge von Adjutanten, Kammerherren, Staatsdamen und Fräulein. Die höchsten Herrschaften machten vor der glänzenden Versammlung der Gäste Front und begrüßten sie durch huldvolle Verneigungen nach allen Seiten, welche von der andern Seite durch dreimalige tiefe Verbeugung erwidert wurde – wobei es die Damen nur schwer vermeiden konnten sich nicht zugleich dreimal auf ihre Stühle zu setzen. Dann traten die Pagen hinter die Sessel der Herrschaften und überreichten, nachdem jene Platz genommen, das Programm der Musikaufführung. Ein allgemeines Rücken der Stühle, ein Rauschen der Kleider, Klirren der Sporen, Rasseln und Klappern der Säbel – dann trat allgemeine Stille ein; der Großherzog nickte dem Hofkapellmeister freundlich zu und das Orchester begann die Ouvertüre zu »Euryanthe«. Von der großen Mehrheit der Geladenen wurde die Musik bei solchen Gelegenheiten weniger als eine angenehme Unterhaltung, denn als eine Störung angenehmer Unterhaltung angesehen. Webers herrliches Musikstück war zudem jedermann so bekannt, daß bereits nach wenigen Takten zahlreiche abgebrochene Gespräche wieder angeknüpft wurden. Prinz Usingen, der Flügeladjutant des Großherzogs, eine hohe, echt vornehme Erscheinung, neigte sich zu dem Ohre des neben ihm sitzenden Hoftheaterintendanten Baron von Camp und flüsterte ihm zu: »Sie hatten uns doch für heute die Malten versprochen – und nun sehe ich, daß unsre brave Frau Lindner an deren Stelle uns wieder mit ihrer schrecklich langweiligen Arie aus ›Jessonda‹ erfreuen wird!« Der dicke kleine Intendant zog seine schwarzen Brauen hoch in die niedrige Stirn herauf und zuckte bedauernd die Achseln. »Ich habe mein Möglichstes gethan, aber Morbis hat natürlich wieder kontreminiert! Jedenfalls hat ihm die biedere Thea zu verstehen gegeben, daß sie notwendig ein neues Armband brauche. Daraufhin ist Seine Excellenz bei Serenissimo dahin vorstellig geworden, daß die Malten horrend teuer sei, während ich positiv weiß, daß sie es schon für die kleine goldene Medaille gethan hätte – und die ist jedenfalls billiger als ein Armband für die Lindner – besonders, wenn es Morbis aussuchen darf!« »Echt Morbis! Ich glaube, Excellenz warten mit Sehnsucht auf den Hintritt des alten Hanswurstes, um dann Frau Thea samt ihren sechs Kindern heimzuführen!« Graf Morbis war der Oberhofmarschall, und sein ebenso zärtliches als platonisches Verhältnis zu der schon recht gesetzten Primadonna, der Gattin des Lokalkomikers Lindner, war ein stadtbekanntes und vielbespötteltes. Der Zauber, den diese verblühte Schönheit auf den sonst so unzugänglichen Grafen ausübte, ein Zauber, welcher sogar dessen sehr fest schließendes Portemonnaie zu ihren und ihrer zahlreichen Familie Gunsten nur allzu leicht zu öffnen wußte, war und blieb ein psycho- oder, vielleicht besser gesagt, ein physiologisches Rätsel. Und selbst der Großherzog, der schon lange gern eine jüngere Kraft an Frau Lindners Stelle gesehen hätte, schonte die Schwäche seines treuen Dieners und ließ sich dadurch bewegen, die Pensionierung der kinderreichen Circe immer wieder hinauszuschieben und über die kleinen Theaterintriguen, zu welchen die Gunst des Oberhofmarschalls sie ermutigte, ein Auge zuzudrücken. In der ersten Pause, während die Orchestermitglieder mit wahrem Hyänenhunger das für sie in einem der Vorzimmer aufgestellte Büffett stürmten, traten die Herrschaften einen Rundgang durch den weißen Saal an, und bei dieser Gelegenheit erfolgte die Vorstellung der bei Hofe neu einzuführenden Damen und Herren. Die Oberhofmeisterin Gräfin Hendl von Rottenhan ließ ihre scharfen, etwas streng blickenden Augen durch die Reihen der Damen hinschweifen und entbot durch Fächerwink die jungen Fräulein zu sich, welche sie heute der Gunst der erhabenen Landesmutter anempfehlen sollte. Inzwischen hatte der Großherzog schon selbst die hohe Gestalt und das ungemein charakteristische Gesicht des Generals von Treysa entdeckt und war ihm mit Lebhaftigkeit entgegengeschritten. Noch während der alte Herr sich beeilte, mit seiner Tochter zwischen den Stühlen hindurch auf den freien Mittelgang zu kommen, rief ihm sein gnädiger Fürst zu: »Ah, was seh' ich! Ein seltener Gast! Sind Sie es denn wirklich, mein lieber General? Wissen Sie, daß ich allen Grund hätte, mich ernstlich über Sie zu beklagen? Eine solche Vernachlässigung ... Hahaha!« Nur den steifen Nacken ein wenig seitwärts hinabgebeugt, stand der alte Kriegsmann in seiner schlotternden, wie aus der Maskengarderobe entliehenen Uniform vor seinem Landesherrn und brummte schier unverständlich in seinen struppigen weißen Bart: »Königliche Hoheit wissen ja – seit Dingsda ... hna! Unsinn! hmummumm ... Siebzig und so weiter! Will mir nicht mehr in den Kopf ... Deutsches Reich und so weiter ... mwa!« Die Umstehenden spitzten gar sehr die Ohren, um zu verstehen, was der alte Partikularist denn da in seiner wunderlich abgerissenen, von eigentümlich gemummelten und gegrunzten Interjektionen unterbrochenen Redeweise seinem gnädigen Fürsten erwiderte. Und als er wirklich es nicht unterlassen konnte, gleich mit seinen ersten Worten an den wunden Punkt zu rühren, da wandten sich aller Blicke voll spöttischer Neugier auf den Großherzog. Um nicht noch mehr in Verlegenheit gesetzt zu werden, unterbrach der Fürst rasch das bedenkliche Gestotter des Greises, indem er lächelnd ausrief: »Ah, ich sehe, Sie haben uns da etwas Schönes mitgebracht! Ihre Enkelin?« »Nein, pardon! meine Tochter – von meiner dritten Frau!« versetzte der Greis, sich stolz aufrichtend. »Meine Frau bittet unterthänigst um Entschuldigung ... hmummumm – sie ist nicht ganz wohl und so weiter. Da mußt' ich schon selbst dran glauben! Die Mädel wollen doch nu mal tanzen und so weiter. Das ist meine einzige Entschuldigung ... mwa! Sonst hätte ich alter Dachs Königliche Hoheit nicht mehr ... Dingsda ... mwa! inkommodiert und so weiter!« Da der Großherzog selbst über diese überaus komisch hervorgepolterte Rede in ein herzliches Gelächter ausbrach, so fühlten sich auch die umstehenden Herren und Damen berechtigt, ihrer Heiterkeit, wenn auch in höfisch abgedämpfter Weise, die Zügel schießen zu lassen. Auch Melanie von Treysa lächelte unbefangen über ihres Vaters derbe, unfreiwillig komische Ausdrucksweise und half sich dadurch aufs beste über die Verlegenheit fort, in welche wohl jedes andre junge Mädchen als der Mittelpunkt so allgemeiner Heiterkeit versetzt worden wäre. Mit ihren großen braunen Augen blickte sie unbefangen dem lachenden Landesfürsten gerade ins Gesicht und nötigte ihn dadurch, sie anzureden. »Mein liebes Fräulein,« sagte der Großherzog, indem er ihr die Hand entgegenstreckte, »ich will hoffen, daß Ihre Tanzlust nicht gar zu bald befriedigt ist, damit wir Zeit gewinnen, Ihren bösen Herrn Vater mit der neuen Ordnung der Dinge zu versöhnen – und auch damit unserm Hofe eine so reizende....« Der galante Fürst kam ins Stottern und suchte vergeblich nach einer passenden Vervollständigung des begonnenen Satzes. Vor dem leuchtenden Kinderblick der schönen Melanie mußte er in einiger Verwirrung die Augen abwenden. Er schaute über seine Schulter hinweg nach seiner Gemahlin, welche eben im Vordergrunde die Vorstellung der jungen Mädchen entgegennahm. »Kommen Sie, lieber General, die Großherzogin wird sich sehr freuen, daß Sie uns Ihre Tochter gebracht haben.« Mit dieser freundlichen Aufforderung, ihm zu folgen, schritt er dem alten Treysa und der schönen Melanie voran dem Kreise seiner Gemahlin zu. Während der Großherzog und die Großherzogin vor dem Orchesterpodium ihren Cercle hielten, hatten sich die beiden jungen Herrschaften mehr in das Gewühl hineinbegeben, um so eine gerechtere Austeilung fürstlicher Huldbeweise auch an die Gäste niederen Grades vorzunehmen. Das Fräulein von Katz hatte sich sogleich an ihre Herrin, die Prinzessin Eleonore, herangepirscht und sich eine ganz besonders scherzhafte Wirkung von ihrem plötzlichen Auftauchen versprochen. Die Prinzessin befand sich gerade in einem vertrauten Gespräche mit dem Hofkapellmeister, ihrem Lehrer in der musikalischen Theorie, als die kleine Hofdame an ihr in einiger Entfernung vorüberschritt und dabei in affektierter Aengstlichkeit einen durchaus unvorschriftsmäßigen, schüchternen Knix machte. »Sie hier, Wally?« rief die Prinzessin und trat einen Schritt auf ihre listig lächelnde Hofspaßmacherin zu. »Sie haben sich ja gar nicht von Urlaub zurückgemeldet.« »Hoheit verzeihen, ich befinde mich auch nur auf der Durchreise hier, sozusagen inkognito.« Die Prinzessin wußte nicht recht, wie sie den Scherz des Fräuleins aufnehmen sollte. Sie erwiderte daher ziemlich kühl: »Ja, wie meinen Sie das? Wo wollen Sie denn von hier aus hin? Soviel ich weiß, haben Sie doch außer Ihrer Tante gar keine Verwandte in erreichbarer Nähe.« »Ich will's nur gleich gestehen, Hoheit,« flüsterte die Katz schüchtern mit gesenkten Augenlidern. »Ich bekam so aufregende Briefe aus der Residenz, daß ich der Neugier nicht widerstehen konnte, hier, wenn ich so sagen darf, geschwind einmal ein bißchen durchs Schlüsselloch zu gucken. Der Löwe des Tages gibt, wie ich höre, leider hier nur ein kurzes Gastspiel – und da mußte ich doch.... Hoheit kennen ja meine Schwäche!« »Löwe des Tages? Wen meinen Sie damit?« unterbrach sie die Prinzessin, sie mit ihren klugen Augen, die manchmal recht scharf blicken konnten, fest anschauend. Das Hoffräulein lächelte immer noch und lispelte, der Hoheit näher tretend: »Hans Joachim heißt er ... hihi! Das hab' ich schon heraus, und seinen Geburtstag muß ich heute noch erfahren. Ich habe meine Chronik in der Tasche.« (Das Fräulein von Katz betrieb die Kenntnis der Vornamen und Geburtstage sämtlicher jüngerer Herren der Gesellschaft und im Zusammenhange damit das Abfassen anonymer neckischer Glückwünsche und andrer sinniger Scherze als Lieblingssport.) »Ich kenne bis jetzt leider nur sein Exterieur,« fuhr sie fort, »aber ich muß sagen, die blauen Augen und der tornisterblonde Bart stehen prachtvoll zu seinem berberbraunen Teint. Schade, daß er sich das Haar so schrecklich kurz hat scheren lassen. Sein Schädel sieht ja ordentlich nackt aus. Hoheit sollten ihm entschieden befehlen, künftighin im Fez zu erscheinen.« »Ich habe dem Baron Kospoth gar nichts zu befehlen,« warf die Prinzessin ziemlich ärgerlich ein. Die kleine Katz genoß zwar das Vorrecht der Hofnarren, sich allerlei herausnehmen zu dürfen, aber heute hatte sich doch das Maß zum Ueberlaufen gebracht – oder war Prinzessin Eleonore schlechter Laune? Kurz und gut, sie verbat sich sehr entschieden derlei Späße über den Freund ihres Bruders und fügte dann, als das kecke kleine Fräulein immer noch keine ernsthafte Zerknirschung in seinen Mienen zeigte, mit spitzer Betonung hinzu: »Uebrigens sagen Sie doch – wenn Sie sich nicht von Urlaub zurückgemeldet haben, wem verdanken Sie denn da Ihre Einladung für heute?« Jetzt zeigte der Kobold doch eine recht sehr verdutzte Miene. So hatte ja die Prinzessin sie noch niemals angefahren! Sie war ja so abscheulicher Laune, als hätte ihr Graf Worbis wieder einmal einen seiner unmöglichen Prinzen in Vorschlag gebracht. »Ich bitte sehr um Entschuldigung, Hoheit,« stotterte Wally von Katz. »Ich glaubte, in meiner Stellung ... dürfte ich wohl ...« »In Ihrer Stellung dürfen Sie eben nicht glauben , sondern müssen wissen , was sich schickt,« unterbrach sie die Prinzessin streng. »Melden Sie sich morgen bei der Gräfin und machen Sie Ihre Entschuldigungen, so gut Sie können. Dann aber würde ich Ihnen doch raten, Ihren Urlaub vollends bei Ihrer Tante zu genießen!« Bei diesen harten Worten neigte die Prinzessin ein ganz klein wenig das Haupt und schritt davon, um sich dem Kreise ihrer Mutter zuzugesellen. Ganz verdutzt blickte ihr die Gescholtene nach. Sie preßte die hübschen Lippen fest aufeinander und hatte offenbar Mühe, einige zornige Thränen zu unterdrücken. Da sah sie plötzlich einen drohenden Finger dicht vor ihren Augen: es war der freundliche Hofkapellmeister, welcher die kleine Scene mitangehört hatte und nun, gutmütig spottend, zu ihr trat. »Ja, ja, kleines Fräulein! Das kommt davon! Mit Prinzessinnen soll man nie sich unterstehen zu scherzen. Hoheit ist sehr entzückt von diesem Baron Kospoth. Sie hat gestern einige Stunden mit ihm musiziert und mir eben erklärt, daß er einen wunderbar warmen Baryton besitze. Also: O rühret, rühret nicht daran!« »Ach, carissimo maëstro , thun Sie mir nur die einzige Liebe und plaudern Sie nicht aus, was Sie hier eben gehört haben. Denken Sie doch bloß die Blamage – man hat so viele Neider!« Der Kapellmeister legte den Zeigefinger auf die Lippen und versicherte lächelnd, er sei stumm wie das Grab. »Wirklich? O, das wäre für einen so liederreichen Mund eine That der Selbstverleugnung – für die meine Dankbarkeit auch keine Grenzen kennen soll!« Mit dieser schmeichelhaften Wendung und einem zärtlichen Blick für den rotnasigen Meister zog sich Wally von Katz zurück. Sie verlor sich in dem Gedränge, das besonders unter den Säulengängen herrschte. Aber gerade als sie um die letzte Säule des linken Ganges herumbiegen wollte, sah sie sich dem Erbgroßherzog gegenüber, der hier im vertrauten Gespräche mit dem Baron Kospoth stand, fast als ob er sich vor der Menge verstecken wollte. Sie hörte gerade noch, wie der junge Baron zu dem Thronfolger sagte: »Dringen Sie nicht in mich, Prinz! Sie wissen, ich passe nicht an den Hof. Ich würde Sie ja auch mit meinen radikalen Anschauungen nur kompromittieren.« Der Erbgroßherzog räusperte sich kurz und bedeutete dem Freunde, daß er schweigen möge, indem er mit den Augen nach dem jetzt eben sich tief vor ihm verneigenden Fräulein wies, »Ah, sieh da, unser Fräulein von Katz!« redete der Prinz sie leicht errötend an. »Wir haben uns ja noch gar nicht gesehen!« und dabei reichte er ihr ein wenig verlegen, wie es ihr schien, die Hand. Wie schlug der kleinen Dame das Herz! Nun war die Gelegenheit gekommen, sie mußte Gewißheit darüber haben, ob sie noch dieselbe Stelle im Herzen des Thronfolgers einnehme wie vor seiner Reise. Und sie sah mit ihrem süßesten Blick zu ihm empor und wollte eben etwas erwidern, als der Prinz hastig fortfuhr: »Darf ich Ihnen nicht meinen Freund Baron Kospoth vorstellen? Unser immer heiteres Fräulein von Katz, Hofgrillenverscheucherin meiner Schwester.« Und dann wandte er sich wieder lächelnd an die durch seine kühle Begrüßung jetzt wirklich ernstlich aufgeregte kleine Dame und scherzte: »Denken Sie, mein gnädiges Fräulein, der Baron Kospoth will uns schon wieder verlassen! Er hat alle schnöden Vorurteile des Mittelalters abgestreift, um sich dafür desto fester an ein modernes zu klammern, daß nämlich wir Fürsten samt unsern Höfen und allem, was drum und dran hängt, eine erzlangweilige, in steifen Formen verknöcherte Gesellschaft seien. Ich glaube, es käme nur auf Ihresgleichen an, ihn eines Bessern zu belehren! Ich will einen eigenen Orden für Sie stiften, wenn Sie ihn mir festhalten!« Wally wollte eben mit Lebhaftigkeit auf den Scherz des Thronfolgers eingehen, als zu ihrem größten Aerger der Adjutant des Erbgroßherzogs, ein zierlicher Husarenlieutenant, Namens Graf Wolf von Bracke, eilfertig herangeklirrt kam, um Georg Friedrich im Namen seiner Schwester nach vorn zu holen. »Ja, was gibt's denn?« frug der Prinz. »Die Remonten, Königliche Hoheit,« lächelte Graf Bracke. »Es ist ein süperbes Exemplar darunter, Melanie von Treysa heißt sie.« »Ah, vortrefflich! Kommen Sie, Kospoth, das müssen Sie auch mitansehen, mit welcher Würde ich die Töchter des Landes willkommen zu heißen verstehe.« Und die drei Herren schritten rasch davon, ohne Wally von Katz nur noch einen Blick zu gönnen. Melanie von Treysa gefiel offenbar den höchsten Herrschaften ganz außerordentlich. Die eifersüchtige Damenwelt mußte die Beobachtung machen, daß die Frau Großherzogin mit keiner der Neuvorgestellten sich auch nur annähernd so lange aufgehalten hatte wie mit dieser so plötzlich aufgetauchten Tochter des verschollenen alten Generals. Und die Prinzessin Eleonore, die eben jetzt abseits von dem Gedränge mit dem schönen Mädchen im Gespräche stand, schien gar schon ganz vertraut mit ihr zu sein. Jetzt trat der Erbgroßherzog an seine Schwester heran, während Baron Kospoth und der Adjutant ein paar Schritte zurückblieben. »Du hast gewünscht?« redete der Prinz seine Schwester an, und dann fügte er mit einem bewundernden Blick auf Fräulein von Treysa rasch hinzu: »Bitte, willst du mich der Dame vorstellen?« Die Prinzessin erfüllte seinen Wunsch, und dann fuhr sie mit Lebhaftigkeit fort: »Denke dir, Fräulein von Treysa kennt hier keinen Menschen außer einem einzigen, der aber leider noch nicht zu den Unsrigen gehört.« Sie sprach die letzten Worte absichtlich lauter und richtete dabei einen freundlich einladenden Blick auf den Baron Kospoth, der sogleich näher trat. Melanie wandte sich dem Baron zu und blickte mit einem trotzig schelmischen Lächeln zu ihm empor, als wollte sie sagen: »Ja, schau' mich nur verwundert an, ich bin es wirklich.« Und in seinem Gesichte stand deutlich staunende Ueberraschung zu lesen. Beide blieben sie, die Gegenwart der Herrschaften vergessend, einige Sekunden in stummer Betrachtung einander gegenüber stehen und gleichzeitig streckten sie sich dann auch die Hände zögernd entgegen und ließen sie mit leichtem Druck einen Augenblick ineinander ruhen. »Ah, ich sehe, Sie sind alte Bekannte,« rief Georg Friedrich, dessen Augen mit unverhohlener Bewunderung auf dem schönen Mädchen ruhten. »Ich könnte fast sagen Spielkameraden, mein Prinz, obwohl ich sieben Jahre älter bin,« versetzte Kospoth. »Meines Vaters Besitzung Volkramstein liegt kaum eine halbe Stunde von Treysa entfernt – allerdings im Auslande! Aber wir fühlten uns schon damals als Kosmopoliten, Der Herr General pflegte auf seinen täglichen Spazierfahrten mindestens einmal wöchentlich auf Schloß Volkramstein vorzusprechen und seine Kleine mitzubringen. Das arme Kind hatte weit und breit keine Freundinnen ihres Alters, und so war sie denn so gütig, mit mir altem Knaben vorlieb zu nehmen, besonders wenn ihr Stiefbruder, der Kadett, nicht zu Hause war. Der arme Junge ist Siebzig in einer der ersten Schlachten gefallen, und dann hat mich das kleine Fräulein sozusagen an seiner Statt adoptiert. »Er war der beste Bruder auch nicht!« warf Melanie mit schalkhafter Drohung ein. »Ja, das mag wohl sein,« lachte Kospoth. »Zudem mußte ich ja auch auf das Gymnasium und dann auf die Universität – und auch das Fräulein von Treysa bezog die hohe Schule des Damentums in Gestalt eines Dresdener Pensionats. Wir sahen uns nur noch in den Ferien gelegentlich. Aber ich hatte das Unglück, ihr immer langweiliger zu werden, während sie. ...« »Um Gotteswillen versuchen Sie mir kein Kompliment zu machen,« fiel Melanie rasch ein. »Dann müßte ich ja vollends daran zweifeln, daß Sie es selbst sind!« »Nun, dann sollen Sie hier bei uns Muße finden, sich gegenseitig wieder kennen zu lernen,« nahm Prinzessin Eleonore lächelnd das Wort und dann klopfte sie ihren Bruder mit dem Fächer leicht auf den Arm, um ihn aus seiner bewundernden Versunkenheit aufzuwecken, und fuhr, halb zu Melanie, halb zu dem Baron gewendet, fort: »Welch ein glücklicher Zufall! Haben wir jetzt ein Mittel gefunden, Sie bei uns zu halten, Baron Kospoth? Sie können unmöglich nein sagen angesichts Ihrer reizenden Adoptivschwester! Oder mir könnten auch das Verhältnis umkehren und sagen: Wir behalten Sie als Geisel hier, damit uns Fräulein von Treysa nicht so bald wieder entschlüpft!« Die beiden sahen sich mit verlegenem Lächeln an und vermochten nicht gleich zu antworten. »Hoheit überschätzen meine Macht gar sehr,« begann endlich Melanie errötend. »Herr von Kospoth ist sehr, sehr eigensinnig!« »Und Fräulein von Treysa ist sehr ...« Der Baron unterbrach sich, um mit einer lächelnden Verbeugung vor Melanie zu schließen: »Nein, keine Retourkutschen! Sagen wir also – eigen sinnig!« »Ah, sehr hübsch gesagt!« lachte die Prinzessin, »aber das hilft Ihnen alles nicht, wir liefern Sie eins dem andern mit gebundenen Händen aus und machen eins für das andre haftbar.« »Ja, mein gnädiges Fräulein,« fiel der Erbgroßherzog ein. »Hans Joachim soll uns den Eid der Treue in Ihre schöne Hand ableisten.« Dabei ergriff er selbst Melanies Rechte, küßte sie auf den Handschuh und ließ dann langsam ihren schönen Arm wieder sinken, indem er ihr dabei tief aufatmend ins Gesicht schaute, um einen Blick von ihr zu erhaschen. In diesem Augenblicke trat Graf Bracke mit einem verdienten Offizier a. D. an den Erbgroßherzog heran und nötigte ihn dadurch, die Unterhaltung abzubrechen. Auch Prinzeß Eleonore erinnerte sich ihrer fürstlichen Pflichten und verabschiedete sich vorläufig von Kospoth und Melanie ... Die kleine Katz hatte sich dem Erbgroßherzog nach wieder nach vorn geschlichen und, von einer Marmorsäule gedeckt, die kleine Scene zwischen ihm und dem Fräulein von Treysa sehr gut beobachten können. Kein Blick des Prinzen war ihr entgangen. Da fühlte sie plötzlich, wie eine kühle Hand ihren bloßen Arm berührte. Sie wandte sich erschrocken um und sah sich dem dicken Kammerherrn von der Rast gegenüber. Natürlich kein andrer als er konnte sich dergleichen herausnehmen! »Ei der Tausend! Was hat's denn da gegeben?« flüsterte er ihr zu, seinen breiten Mund vertraulich ihrem Ohre nähernd. »Unsre kleine Miesekatz in solcher Aufregung? Und ich glaube gar – Thränen in Ihren süßen Rosinenäuglein!« »Kommen Sie mir nicht zu nah!« versetzte das Fräulein ärgerlich, indem sie sich mit ihrem Tüchlein über die feuchten Augen tupfte. »Mir ist plötzlich ... ich weiß nicht, was es ist ... ich will nach Hause. Entschuldigen Sie mich, wenn jemand nach mir fragen sollte.« Sie sah sich scheu um und eilte dann rasch durch die nahe Thür hinaus. Der dicke Kammerherr schaute ihr nach und verzog sein gedunsenes Gesicht zu einem wenig anmutigen Grinsen. »Aha!« sagte er ganz laut vor sich hin. Zweites Kapitel. Näheres über den Stern und seine Umwelt. Hans Jochen wird ausgeholt und der Thronfolger bekennt Farbe. Die Treysas wohnten vorläufig noch im Hotel, da sie sich nach keiner Richtung hin binden wollten. Gefiel es ihrer Tochter nicht bei Hofe, fanden die möglichen Epouseurs keine Gnade vor ihren Augen, so gedachten sie nach wenigen Wochen der Residenz wieder den Rücken zu kehren. Sollte sich dagegen Melanie so gefesselt fühlen, daß ein längerer Aufenthalt ihr angenehm und nutzbringend erschien, so wollten sie eine möblierte Wohnung beziehen, wie sie in der Residenz fast stets saisonweise zu vermieten waren. Das weitläufig gebaute alte Hotel »Zum Europäischen Hof« war zwar das teuerste und vornehmste der Stadt, ließ aber doch in seinen Einrichtungen gar manche Bequemlichkeiten neueren Stils vermissen, besonders was die Möblierung der sogenannten Salons betraf, deren Sofas, Fauteuils, Konsolenspiegel, Vertikos u. s. w. meist noch aus jener stil- und geschmacklosen Mahagoniepoche stammten, welche bei uns in Deutschland erst durch den Aufschwung des Kunstgewerbes nach 1870 langsam zu Ende ging. Dem alten General von Treysa war es nun zwar höchst gleichgültig, ob er sein Nachmittagsschläfchen auf einem Renaissance-, Rokoko- oder sonstwie stilisierten Sofa abhielt; aber daß in den drei Zimmern, die er im Europäischen Hof inne hatte, kein einziges Lotterbett zu finden war, auf dem er sich ordentlich auszustrecken vermochte, das ärgerte ihn denn doch gewaltig. Und noch weit mehr ärgerte es ihn, daß er hier schier den ganzen Tag anständig angezogen bleiben mußte, während er daheim auf Treysa stets in unendlich weiten Beinkleidern von hellem Lodenstoff und eben solchen, zum Teil uralten Joppen einherging und selbstverständlich den Gebrauch all der modernen Marterinstrumente, gesteifter Kragen, Manschetten und Oberhemden mit Entrüstung von sich wies. Er war es gewohnt, den lieben langen Tag die Pfeife oder die leichte Zigarre – das Stück zu fünf Pfennig – nicht ausgehen zu lassen. Hier war es ihm mit Rücksicht auf seine Damen wie auf die etwaigen Besucher streng verboten, im Salon, welcher Empfangszimmer, Boudoir und Schreibzimmer zusammen war, mehr als höchstens zwei Zigarren den Tag über zu rauchen, und zwar mußte das Aroma dieser Zigarren sich auch erst das Placet von Melanies empfindlicher Nase eingeholt haben. Das Schlimmste aber war, daß er hier die Gesellschaft seiner Hunde entbehren mußte, welche auf Schloß Treysa beständig um ihn waren und in seinem Zimmer sogar das behagliche alte Kanapee mit ihm teilen durften. Auch das Jagdwägelchen mit den beiden braunen Wallachen, in welchem er tagtäglich Frau, Tochter und auch wohl die Herren Hunde spazieren zu fahren pflegte, vermißte er schmerzlichst. Kein Wunder, wenn der alte Herr schon nach wenigen Tagen ihres Aufenthaltes den Europäischen wie den Großherzoglichen Hof auf das innigste verwünschte und seine saure Vaterpflicht mit sehr schlecht verhohlenem Mißvergnügen erfüllte. Unter diesen Umständen empfand er es natürlich um so schmerzlicher, daß seine Gemahlin gleich nach ihrer Ankunft in der Residenz zu kränkeln begonnen hatte und durch hartnäckige Erkältungszustände ans Zimmer gefesselt blieb, so daß er genötigt war, die wichtigsten Besuche mit seiner Tochter allein zu machen und überhaupt den ganzen Tag, ja oft sogar die halben Nächte seinem reizenden Kinde zur Verfügung zu stellen. Er liebte Melanie zärtlichst und gab sich die größtmögliche Mühe, ihr kein Vergnügen zu versagen oder durch seine greisenhafte Grämlichkeit zu verleiden; dafür suchte er sich aber schadlos zu halten, indem er jeden dienstfreien einsamen Augenblick zu höchst erbaulichen Selbstgesprächen benutzte, welche in einer unzusammenhängenden Reihe von kräftigen Soldatenflüchen und geheimnisvollen Grunzlauten bestanden. Proben dieser Art konnte auch, mancher Residenzler zu hören bekommen, der dem alten Herrn bei seinen frühen Spaziergängen im Parke begegnete. Ach, und wie lange konnte die Qual der Entbehrung aller seiner Daseinsfreuden noch dauern! Der außerordentlich herzliche Empfang, der Melanie seitens des gesamten Hofes zu teil geworden war, die glänzende Rolle, die sie gleich bei dem ersten Balle spielte, der sich an jenes Neujahrskonzert angeschlossen, waren dem jungen Mädchen doch zu Kopfe gestiegen und hatten den lebhaftesten Durst in ihr erweckt, den goldnen Freudenbecher bis auf den Grund zu leeren, daraus der erste Schluck ihr gar so köstlich gemundet hatte. Am Morgen nach dem Balle blieb Melanie bis elf Uhr im Bette liegen. Während sie bei ihrer Toilette war, beratschlagten ihre Eltern im Salon, ob man nun nicht sogleich dem ungemütlichen Hotelleben ein Ende machen und sich irgendwie häuslich einrichten sollte. Die Generalin fühlte sich heute etwas besser und hatte sich in der Erwartung, daß sehr wahrscheinlich manche der jüngeren Herren, die gestern mit Melanie getanzt hatten, ihnen ihren Besuch abstatten würden, dazu aufgerafft, ein gesellschaftsfähiges Gewand anzulegen. Sie bedauerte ungemein, den Triumph ihrer Tochter nicht miterlebt zu haben, und war wenig zufrieden mit dem Bericht des Gemahls, der gerade in Bezug auf den wesentlichsten Punkt, den Eindruck, den Melanie auf die junge Welt gemacht hatte, äußerst unvollkommen ausfiel. Dafür hatte aber auch das Kind trotz aller eignen Müdigkeit noch gestern in später Nacht der Mutter erzählt, was ihm das Wichtigste dünkte: die Begrüßung mit dem Jugendfreunde und die bezaubernde Galanterie des Erbgroßherzogs. Und heute früh hatte die Mutter lange vor dem Bett der tiefschlafenden Tochter gestanden und in dem durch die roten Vorhänge abgedämpften Morgenlicht voll zärtlicher Bewunderung das liebliche Lächeln beobachtet, das gleich dem Wiederschein eines glänzenden Traumglückes über Melanies weiche Züge huschte. Die Generalin von Treysa war fünfundzwanzig Jahre jünger als ihr Gatte, dessen dritte Frau sie war. Er hatte sie in Paris kennen gelernt, wo sie als Tochter des hannoverschen Gesandten am kaiserlichen Hofe die letzten Maientage ihrer Jugend mit vollen Zügen genoß. Sie hatte die Bewerbung des hohen Fünfzigers – Herr von Treysa war auch damals schon General und befand sich in diplomatischer Sendung in Paris – sie hatte diese seltsame Bewerbung angenommen, weil sie als eine der zahlreichen Töchter nur mäßig begüterter Eltern, und überdies schon am Ausgang der Jugend befindlich, nicht darauf zählen durfte, innerhalb der glänzenden internationalen Gesellschaft des napoleonischen Hofes einen Freier zu finden. Und obwohl von ihrer Seite aus nur auf Grund vernünftiger Ueberlegung und ehrlicher Hochachtung eingegangen, schlug diese ungleiche Ehe dennoch zu beider Glück aus, wie es denn überhaupt für eine Frau von nicht gerade ausschweifenden Ansprüchen kaum möglich war, mit diesem Manne unglücklich zu werden. Er hatte seine beiden ersten Frauen, wie alle Welt sagte, auf Händen getragen und trug ebenso auch seine dritte, die kluge, gewandte, stets harmlos heitere Pariserin auf Händen. Er stand so sicher und fest in seiner charaktervollen Abgeschlossenheit da, daß keine Frau es wagte, ihm mit all dem Kleinkram weiblicher Laune lästig zu fallen, von dem das Glück der meisten Ehen abzuhängen pflegt, und er blieb, was immer ihm persönlich quer gehen mochte, seiner Frau gegenüber der Kavalier der alten Schule, der auch in der Vertraulichkeit des häuslichen Lebens immer jene zarten Schranken zu achten weiß, welche die seine Sitte gegen ein gefährliches Sichgehenlassen aufrichtet. In den ersten Jahren ihrer Ehe waren sie noch viel miteinander gereist und hatten genug des Interessanten gesehen und erlebt, um auf lange hinaus von Erinnerungen zehren zu können. Inzwischen näherte sie sich den Vierzig, er hatte die Sechzig überschritten – und so freuten sich beide wunschlos ihres schönen Ruhesitzes droben im Waldgebirge. In den Kriegen von 1866 und 70/71 wurden dem Gatten seine drei Söhne aus den beiden ersten Ehen entrissen. Der stumm getragene Schmerz machte ihn zum Greise – aber das reiche Gemüt seiner Gattin entfaltete erst jetzt die schönsten Blüten der Liebe, und er war, trotzdem sein Denken etwas wirr zu werden begann, doch noch im stande, diesen Blütenduft voll Dankbarkeit zu genießen. Freilich ward ihr Verhältnis zu ihm immer mehr das einer treuen Tochter, die ihren greisen Vater pflegt, aber im Besitze ihres herrlich aufblühenden Kindes vermißte sie nichts und blieb durchaus mit dem Lose, das sie gezogen, zufrieden. Heute morgen war sie zum erstenmal beim Anblick der schlafenden Tochter eine gewisse Wehmut überkommen, und sie hatte thronenden Auges ein stummes Gebet zum Himmel gerichtet, daß diesem schönen Kinde das Recht der Jugend ungeschmälert zu teil werden möge. Wahrend die Eltern noch miteinander berieten, wurde Baron Kospoth angemeldet. Sie hießen ihn mit Freuden willkommen und empfingen ihn mit einem gelinden Vorwurf darüber, daß er sich nicht schon früher habe blicken lassen, wogegen er einwandte, daß er thatsächlich schon einmal habe vorsprechen wollen, dann aber doch nicht heraufgekommen sei, weil ihm schon unten gesagt worden, daß der General ausgegangen und die gnädige Frau unwohl sei. »Ja, aber warum haben Sie sich da nicht bei Melanie melden lassen, lieber Hans Jochen?« sprach die Generalin. Kospoth machte sich mit dem Ausziehen seiner Handschuhe zu thun, um eine leichte Verlegenheit zu verbergen. »Ja, das ... traute ich mich nicht! Hat Ihnen Fräulein Melanie nicht gesagt, daß wir damals als bitterböse Feinde auseinander gegangen sind?« »Mein Gott! Das sind Kinderthorheiten. Melanie behauptete schon damals, als sie aus Dresden zurückkam, Sie waren ein gräßlicher alter Schulmeister.« »Ich fürchte, sie hat recht gehabt,« siel der junge Baron mit einem komischen Seufzer ein. »Gestern, als ich sie bei Hofe wiedersah, alles bezaubernd durch ihre Schönheit, ihre Anmut und Liebenswürdigkeit, da bin ich mir in meiner Eigenschaft als Weltverbesserer recht lächerlich vorgekommen. Ich wüßte wirklich kaum, wofür ich die Gesellschaft dieses Jahrhunderts noch zur Rechenschaft ziehen sollte, da sie doch im stande gewesen ist, ein solches Meisterstück hervorzubringen.« Er hatte kaum das letzte Wort gesprochen, als das gedachte Meisterstück in eigner Person zur Thür hereintrat. Sie hatte ein einfaches, aber außerordentlich gut sitzendes Straßenkleid angelegt und sah nach ihrem gesunden Morgenschlaf ungemein frisch und rosig aus. »Hna, ausgeschlafen?« rief ihr der alte Vater zu und erhob sich rasch von seinem Stuhl, um sie in seine Arme zu schließen und auf die Stirn zu küssen. Er war auch der Tochter gegenüber ganz der alte Kavalier. Dann strich er ihr mit seiner großen zitternden Hand über das wellige dunkle Haar und sagte munter: »Ich hoffe, Kind, du hast erst ein bißchen an der Thür gehorcht und so weiter. Der Dingda – mwa! – der Hans Jochen hat dich da eben durch ein eichenes Brett durch ... hmummummumm! Na! ... flattiert. Nu wie war's doch gleich?« »Ich will nichts wissen,« rief Melanie und hielt sich die Ohren zu. »Ich weiß ja, was Herr Baron von Kospoth von mir hält. Wenn er jetzt anders spricht, dann wird er wohl als Hofmann das Lügen gelernt haben.« »Ich ein Hofmann?! Das ist wirklich gut,« lachte Kospoth, indem er ihr mit ausgestreckter Hand entgegentrat. »Nun dann also: Freund des Fürsten! Ist es so recht, mein Herr Marquis Posa?« entgegnete Melanie mit einer tiefen, neckischen Verbeugung, ohne in die dargebotene Hand einzuschlagen. »Laß doch die Possen, Kind!« mahnte die Generalin freundlich. »Ihr habt euch ja fast drei Jahre nicht gesehen, da solltest du doch unsern lieben Hans Jochen ein wenig anders begrüßen.« »Sind Sie denn wirklich so unversöhnlich, mein gnädiges Fräulein?« begann Kospoth lächelnd. Doch die Mama unterbrach ihn sogleich wieder durch den erstaunten Ausruf: »Sie? Gnädiges Fräulein?! Oh, oh! Was soll denn das heißen?« »Mama, wir sollen uns doch wohl nicht duzen?« rief Melanie fast erschrocken, und auch Hans Jochen meinte verlegen, das ginge wohl kaum mehr an. Den alten General ärgerte dieser Redensartenaustausch zwischen den jungen Leuten, und er fuhr kurz und grob dazwischen: »Ssst! Ruhig! Ihr seid schrecklich langweilig... mwa! Nennt euch meinetwegen Dingda... Excellenz, wenn's euch Spaß macht. Sagen Sie uns lieber, was Sie über sich beschlossen haben, Kospoth. Ihr Herr Papa hat mir erzählt, Sie wären der reine Dingsda, na... die roten Mützen!« »Jakobiner?« riet der junge Mann. »Richtig, die Kanaillen mein' ich. Pardon!« polterte der alte General, denn es regte ihn immer auf, wenn er ein Wort nicht finden konnte. »An den Hof paßten Sie jedenfalls gar nicht.« »Da hat Papa vollkommen recht. Der Erbgroßherzog macht es mir zwar sehr schwer – denn ich glaube, ich bin ihm wirklich wert geworden auf der Reise – aber ich glaube, ich werde es dennoch höchstens noch acht Tage hier aushalten und dann, wenn es nicht anders geht, bei Nacht und Nebel desertieren.« »Wie unvorsichtig, Herr von Kospoth!« rief Melanie, indem sie den forschenden Blick, den er auf sie richtete, lächelnd aushielt. »Sie wissen doch, daß ich für Sie verantwortlich bin. Glauben Sie wirklich, daß ich meinen Kopf für Sie wagen könnte?« »Nein, das wagt mein Kopf allerdings nicht zu glauben,« gab er mit einem ironischen Seufzer zurück. »Aber ich bin ja auch haftbar für Sie. Wenn Sie eher davonfliegen, als es Seiner Königlichen Hoheit lieb ist, so muß ich statt Ihrer erblassen – wie Schiller sagt.« »Ach ja, das haben wir gehabt,« rief Melanie im Schulmädchenton. Und dann wieder ganz als große Dame: »Lieber Baron, Sie sind frei! Es gefällt mir hier sehr gut, und ich kann Ihnen daher auf Taille schwören, daß ich nicht daran denke, Sie in Ungelegenheiten zu bringen. Papa hat mir schon heute nacht beim Nachhausefahren versprechen müssen, daß wir bis Ende der Saison hier bleiben.« Der alte General brummte irgend etwas Chaldäisches in seinen Bart, und auch seine Gemahlin hielt eine kleine Rede, deren Sinn Hans Joachim nicht zu fassen vermochte, da seine Gedanken inzwischen ganz wo anders waren. Er dachte zurück an das dralle kleine Mädchen, zu dem er sich einst mit onkelhaftem Wohlwollen hinabgeneigt hatte, und dann an den so klugen und unbefangenen Backfisch, den mit seiner neugebackenen Weisheit zu füttern dem jungen Studenten eine so angenehme Ferienbeschäftigung gewährt hatte, und endlich gedachte er auch des sechzehnjährigen Fräuleins im eben noch fußfreien Gewande, mit dem er über Gott und Unsterblichkeit philosophiert und dessen Ungnade er sich vornehmlich dadurch zugezogen hatte, daß er über alle Kennzeichen feinen Damentums verächtlich absprach. Er hatte Melanie von Treysa in lauter Fröhlichkeit, in hellem Zorn, ja selbst in Thränen echten Schmerzes gesehen, aber doch immer voll echter, einfacher Empfindung; dieser leichte Salonton, aus Ernst und Scherz, aus Bosheit und Artigkeit gemischt, der ihm von jeher so unangenehm gewesen war, befremdete ihn an ihr. Sollte er vielleicht das Ergebnis der berühmten Dresdener Pensionserziehung sein, der letzte finish der ladylikeness ? Dann war sie ja allerdings bei Hofe ganz an ihrem Platze, und er durfte sich leichten Herzens davonmachen. Und doch war ihm das Herz so groß geworden, als er sie gestern in ihrer strahlenden Schönheit wieder gesehen – und doch wurde ihm jetzt das Herz immer schwerer mit jedem scherzenden Worte, das sie sprach. Er hatte schon, wie er vermutete, auf einige Fragen der Eltern wenig zutreffende Antworten gegeben. Erst eine Frage Melanies brachte ihn wieder ganz zu sich. »Sie laufen doch Schlittschuh?« wandte sie sich an ihn. »Ich denke, ich werde es noch können, allerdings ohne besondre Grazie, fürchte ich. Gedenken Sie ...« »Ja, ich habe dem Erbgroßherzog versprochen, heute um zwölf Uhr aufs Eis zu kommen.« »Ah – also Allerhöchster Befehl! Dann müssen Sie sich eilen, mein gnädiges Fräulein. Sie wissen: Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.« »Danach müßten Erbgroßherzoge mindestens eine Viertelstunde früher kommen,« scherzte sie. »Wollen Sie mich nicht begleiten? Ich bin hier noch nicht auf dem Eise gewesen.« Er versicherte sie seiner Bereitwilligkeit, und dann ging sie hinaus, um sich anzukleiden. Es entging Kospoth nicht, daß Frau von Treysa ihrer Tochter mit einem etwas erstaunten Blick nachsah. Ah, also befremdete ihr Wesen auch die Mutter, und es waren also doch wohl die paar Atemzüge von Hofluft, welche so eigentümlich auf Melanie gewirkt hatten. »Sagen Sie doch,« wandte sich die Generalin an ihn, »Sie sollen ja mit den geheimsten Gedanken des Thronfolgers vertraut sein: Denkt er nicht daran, bald zu heiraten? Er ist doch schon fünfundzwanzig Jahre.« »Für einen Fürsten allerdings ein sehr reifes Alter,« versetzte er nicht ohne Ironie, »Nun, unter dem Siegel der Verschwiegenheit will ich Ihnen verraten: Er hat mir geschworen, daß er nur aus wahrer Neigung, oder sonst gar nicht heiraten wollte.« »Ach was, Unsinn! Das sagen die jungen Mädchen auch,« brummte der General dazwischen. »Nichts da! Fürsten heiraten nicht zum Vergnügen und so weiter, sondern ... hna, Dingsda ... fürs Vaterland.« Kospoth strich sich lächelnd über den kurz gehaltenen blonden Vollbart und versetzte: »Sie vergessen, Herr General, daß dieser Prinz zwei Jahre lang mit einem Jakobiner im Orient gereist ist!« Frau von Treysa drohte ihm lächelnd mit dem Finger. »Es scheint wirklich, Sie wollen uns weismachen, Sie hätten den Prinzen unterwegs zum Freidenker erzogen. O nein, das kann ich von einem Kospoth doch nicht glauben!« Um Hans Joachims hübschen Mund legte sich ein bitterer Zug, als er mit niedergeschlagenen Augen erwiderte: »Pardon, verehrte Tante Treysa, ich dächte, gerade in Bezug auf den heiligen Ehestand wäre ein gewisses Freidenkertum nicht gerade etwas Unerhörtes. Das könnte ich ja sogar direkt von meinem Herrn Papa geerbt haben!« Der alte General räusperte sich stark und warf unruhige Blicke auf seine zarte, jetzt eben hustende Gemahlin, als ob er die Fortsetzung dieses Gespräches in ihrer Gegenwart für unstatthaft halte. Es war ihm sehr recht, daß Melanie in diesem Augenblick zurückkehrte. In ihrer pelzbesetzten Jacke, einem kecken Ottermützchen auf dem Kopfe und der langen Boa von weißen Straußenfedern um den Hals, sah sie mit ihrer Fülle und ihren frischen Farben ganz reizend aus. Das junge Paar nahm rasch Abschied und eilte dann leichten Schrittes die Treppe hinunter, Hans Jochen natürlich als gehorsamer Diener mit Melanies Schlittschuhen unter dem Arm.– – Sie hatten kaum das Zimmer verlassen, als der alte General mit Kopfschütteln, Herumfuchteln der Hände und sonstigen Symptomen innerer Erregung im Zimmer auf- und abzuschreiten begann und mit grimmig zusammengezogenen Brauen vor sich hin murmelte. Seine Gattin sah ihm einige Minuten lächelnd zu und trat dann, ihm beruhigend über den Arm streichend, hinter ihn. »Willst du dir nicht eine Zigarre anstecken, mon vieux Fritz?« sagte sie einschmeichelnd. Die düster gerunzelte Stirn des alten Herrn hellte sich auf. »Wenn's erlaubt ist, meine Gnädigste,« sagte er mit einer höflichen Verbeugung und dann schnitt er mit vieler Umständlichkeit die Spitze von einer seiner guten Zigarren ab, während seine Frau ein Streichholz zum Anzünden bereit hielt. Sie wußte aus alter Erfahrung, daß sich am besten mit ihm reden ließ, wenn sie ihm erlaubte, in ihrer Gesellschaft zu rauchen. Sobald die ersten Züge des echten Havaneser Dampfes seine Behaglichkeit wieder hergestellt hatten, rückte sie auf einem kleinen diplomatischen Umwege mit ihrem Anliegen heraus. »Ich kann mir wohl denken, was dich so aigriert, lieber Fritz,« begann sie. »Ich muß gestehen, auch mir war es gar nicht angenehm, von den außerordentlichen Avancen zu hören, die der Erbgroßherzog Melanie macht. Seine Galanterie soll manchmal etwas weit geführt haben, wenigstens stand er vor seiner Reise in dem Rufe eines gefährlichen Courmachers. Nicht wahr? Das war es doch, was dich so erregte?« »Mwa!« rief der alte Herr und sah seiner Gemahlin erstaunt ins Gesicht. »Hmummummumm – versteh' nicht recht ... Ein Prinz muß seine Amouren haben. Aber natürlich unter den kleinen Grisetten, Actricen, Balletteusen und so weiter. Was geht das uns an? Die Melanie weiß, was sie ihrem Stande und ihrer ... na, Dingda ... Erziehung und so weiter schuldig ist.« »Ja, ich habe ja auch volles Vertrauen zu ihrem Charakter,« versetzte die Generalin. »Es wäre nur nicht zu verwundern, wenn die schmeichelhaften Huldigungen eines Thronfolgers sie ein bißchen eitel machten. Und darum wäre es mir sehr recht, wenn sie bald ein solides Attachement zu einem Herrn unsres Standes faßte. Es würde mich sehr freuen, wenn Hans Jochen sich doch noch entschlösse, hier zu bleiben.« Jetzt wurde der alte Herr sehr aufmerksam. »Du glaubst wirklich, daß sie für den Kospoth inkliniert?« »Aber ohne Zweifel!« rief die Generalin fröhlich. »Ihr Wesen vorhin, dieses Necken und Gekränktthun scheint mir ein deutlicher Beweis dafür zu sein, daß sie ihn doch jetzt mit ganz andern Augen ansieht wie früher. Damals hat er ihr durch den Altersunterschied zu fern gestanden, und seine altkluge, gönnerhafte Art hat in ihr auch wohl keine wärmeren Gefühle aufkommen lassen. Aber jetzt steht er ganz anders da, und die sieben Jahre Abstand zwischen ihnen sind gerade das richtige Verhältnis. Ich muß sagen, ich würde mich herzlich freuen, wenn etwas daraus würde. Hans Jochen ist nicht nur ein hübscher, sondern auch ein guter und sehr kluger Mensch. Wir kennen ihn genau von klein auf und wissen, was wir uns von ihm versprechen dürfen. Er soll ja jetzt schon ein ausgezeichneter Gelehrter sein. Seine wissenschaftlichen Arbeiten haben ja Aufsehen erregt. Und dann seine Freundschaft mit dem Erbgroßherzog ... er macht gewiß glänzende Carriere. Und außerdem, wenn er einmal die Herrschaften Volkramstein und Treysa miteinander vereinigt, dann ist er ja vollends ein großer Standesherr.« Frau von Treysas Augen glänzten. Sie hatte sehr lebhaft gesprochen; aber zu ihrem Aerger schienen die freundlichen Zukunftsbilder, die ihre Beredsamkeit entwarf, auf den Gemahl durchaus nicht den beabsichtigten Eindruck zu machen. Er wurde vielmehr dabei wieder unruhig wie zuvor, und die weißen Borsten seiner Augenbrauen sträubten sich wiederum gar grimmig. Nach längerem Räuspern und Brummen brachte er endlich seine Sprachorgane in Gang und erwiderte ihr: »Liegt alles ganz anders, Kind. Ihr Frauen seht eben immer nur die Dingda ... Außenseite und so weiter. Der Kospoth ist nämlich ein ... hna, wie heißen die Esel? ... ein Sozialist und so weiter. Der Alte hat mir's selbst gesagt. Also Carriere – Unsinn! Die Freundschaft mit dem Erbgroßherzog, die wird auch ein Ende mit Schrecken nehmen, mwa! ... wenn der regierende Herr dahinter kommt – hna! Morbleu ! Der Alte hat mir gesagt, der Hans Jochen wollte überhaupt keine Stellung annehmen. Der will wahrscheinlich so als ... äh, wie heißen die Canaillen? ... Wanderprediger, Volksaufwiegler herumziehen, Pamphlete schreiben und so weiter. Ich werde doch mein Kind keinem Demagogen geben! Pfui Teufel!« Die Generalin konnte sich des Lächelns nicht erwehren. Sie wußte, welch ein wütender Absolutist ihr guter alter Herr war und daß er so ziemlich alle Staatseinrichtungen und gesellschaftlichen Neuerungen seit dem Jahre Achtundvierzig als revolutionäre Schandthaten betrachtete. Sie suchte ihn freundlich zu beruhigen, indem sie ihm zu Gemüte führte, daß die sozialen Reformideen doch einmal in der Zeit lägen und daß ein junger Mann von gutem Kopf und offenem Blick für das Leben von diesen Ideen doch wohl nicht unberührt bleiben könnte. Die Anwartschaft auf einen so bedeutenden Grundbesitz biete ihrer Meinung nach die sicherste Gewähr dafür, daß auch der junge Kospoth in reiferen Jahren sich die besten aristokratisch-konservativen Grundsätze aneignen würde. »Er wird den Deibel thun!« polterte der alte Treysa heraus, um sich jedoch sogleich mit einer entschuldigenden Verbeugung gegen seine Gattin auf den Mund zu schlagen. Und dann fuhr er fort: »Ich hab' dir die Geschichte bisher verschwiegen, weil das nichts für Damenohren ist und so weiter. Aber jetzt muß ich doch wohl raus damit, sonst machst du mir am Ende Geschichten mit dem Hans Jochen... hmumm mummumm ... Pardon, liebe Cécilie! – Der alte Kospoth ist nämlich nie verheiratet gewesen! Alter Suitier – hähä! Der Hans Jochen ist der Sohn einer Jungfer seiner Mutter und die kleine Person war eine... hna, Dingda ... Schulmeisterstochter. Vor dem Heiraten hat der alte Esel einen heillosen Respekt – hna, und das ging ja auch in diesem Falle nicht, weil Volkramstädt Majorat ist. Nachher that's ihm aber doch um den hübschen kleinen Bengel leid, und da hat er ihm seinen Namen gegeben und in seinem Stande erziehen lassen. Die Mutter hat er natürlich gut versorgt – hat nachher noch brillante Partie gemacht. Hna, was dabei herauskommt aus solcher Vermischung mit der Crapule, das sieht man ja jetzt an dem jungen sogenannten Baron. Aeußerlich Gentleman, innerlich Dingda ... Plebejer, Demokrat, Sozialist und so weiter! Und wenn er auf das Majorat spekuliert, dann wird er sich wahrscheinlich gründlich verrechnen; denn die Herren Vettern werden es natürlich ruhig auf einen Prozeß ankommen lassen.« Der alte Herr pflegte, außer wenn er Jagdgeschichten erzählte, keine so langen Reden zu halten, und er lehnte sich, ganz erschöpft von der Anstrengung, in seinen Sessel zurück. Auch seine Gemahlin fand nicht so bald eine Entgegnung auf diese so überraschenden Mitteilungen. Ihr war gerade der junge Kospoth immer als das Muster eines jungen Aristokraten erschienen: gewandt im Benehmen, jedem gesunden Sport freudig zugethan und dabei geistig rastlos strebend, voll Teilnahme für alles Große und Schöne. Sie hätte nie für alle diese glänzenden Eigenschaften einen dunklen Ursprung vermutet. Ohne es selbst eigentlich zu wissen oder zu wollen, war sie doch von mancherlei adligen Vorurteilen befangen und daher im ersten Augenblick auch gar nicht fähig, die Verteidigung des jungen Mannes und seines guten Rechts auf ihre unverminderte Wertschätzung zu übernehmen. Es war ihr daher ganz lieb, daß ihr Gatte sich alsbald Urlaub erbat, um seiner Verabredung mit einigen alten Herren zu einem kleinen Frühstück in einer Weinhandlung nachzukommen. Nur die eine Frage legte sie dem General noch vor, ehe er ging: Ob er sich auch dann weigern würde, Melanie dem jungen Kospoth anzuvertrauen, wenn er seine demokratischen Ideen aufgäbe? »Und ich glaube,« schloß sie, »das kann leicht kommen, wenn man ihn nur hier bei Hofe zu halten versteht. Siehst du, cher ami, dann wäre ja alles gut; denn ein Mann von seinen Fähigkeiten wird auch ohne Grundbesitz immer reichlich zu leben haben. Und das andre, die Blutmischung, kann dich doch nicht so sehr kränken! Ich habe ja doch selbst ein Halbblut geheiratet.« Sie kokettierte mit ihm in mädchenhafter Schelmerei, und nun war er derjenige, welcher nicht gleich zu erwidern wußte und sich daher mit einem Handkuß und etlichem freundlich gemeintem Gemurmel eiligst zurückzog. – – Unterdessen schritten Hans Jochen und Melanie durch die krummen Gassen des alten Städtchens dem Schloßpark zu, in welchem eine überschwemmte Wiese der Hofgesellschaft zur Eisbahn diente. Fast jedermann auf der Straße blieb stehen, um dem auffallenden jungen Paare nachzuschauen. Das Fräulein von Treysa war unter der Bürgerschaft noch eine ganz unbekannte Erscheinung, wogegen man auf den Freund des Erbgroßherzogs, der natürlich vom ersten Tage seines Hierseins an für die guten Residenzler ein Gegenstand lebhafter Neugier gewesen war, überall, wo er sich blicken ließ, unter eifrigem Getuschel mit Fingern wies. »Aha, die Braut!« dachte und sagte mancher, der dem sonnenverbrannten, hochgewachsenen jungen Mann an der Seite dieses rasch ausschreitenden schonen Mädchens begegnete. Und mit stillem Neid mochte wohl mancher hinzusetzen: »Ja, so einer, wie der, der hat jetzt das Aussuchen!« Das Gespräch, welches zwischen den beiden im Schwange war, hätte nun freilich den Ohren eines Lauschers nicht besonders bräutlich geklungen. Er versuchte einen wärmeren Ton anzuschlagen, indem er die gemeinsamen Jugenderinnerungen auffrischte und seinem freudigen Erstaunen über ihr herrliches Erblühen Ausdruck gab. Allein Melanie sorgte dafür, daß der Ton kein vertraulicher werden konnte, indem sie fortfuhr, die Gekränkte zu spielen, die sich durch ironische Neckerei rächt. Und als er dann, offenbar schmerzlich berührt durch ihr Wesen, sie herzlich zu bitten begann, sie möge es endlich des grausamen Spieles genug sein lassen, da unterbrach sie ihn gar durch die plötzliche Frage, was er eigentlich von dem Thronfolger halte. Er richtete einen forschenden Blick auf Melanie und überlegte ein Weilchen, ehe er ihr antwortete. Sie sah ihn nicht an, und ihre vollen Wangen waren von der frischen Winterkälte schon so rosig angehaucht, daß er nicht bemerken konnte, ob sie unter seinem Forscherblick errötete. »Kann ich denn auch noch ganz freimütig mit Ihnen reden – seit Sie mir gegenüber nicht mehr Schwesterchen Melanie sein wollen?« begann er endlich zögernd. »Prinzessin Eleonore hat Ihnen ja gestern schon eine diplomatische Aufgabe erteilt – Sie sollen mich zum Hofmann machen! Wer weiß, ob Sie nicht inzwischen noch weitere geheime Auftrage angenommen haben. Ich bin vielleicht den Herrschaften etwas verdächtig, und Sie sollen meine wahren Gesinnungen erforschen; denn man hält es für selbstverständlich, daß ein armer Sterblicher vor Ihnen doch kein Geheimnis bewahren kann!« »O jemine, wie schön gesagt!« neckte Melanie. »Mir scheint, Sie haben sogar ein ganz bedenkliches Talent zum Fürstendiener! Denken Sie denn so schlecht von Seiner Königlichen Hoheit, daß Sie sich fürchten müssen, Ihre Ansicht über ihn laut werden zu lassen?« »Schlecht? O nein, durchaus nicht! Der Erbgroßherzog ist im Gegenteil ein Mann von nicht gewöhnlichen Fähigkeiten. Er besitzt Geist und den festen Willen, dereinst seine Herrscherpflicht im Sinne der so ganz neuen Anforderungen, die unsre Zeit stellt, zu erfüllen, soweit ihm dies bei seiner Abhängigkeit als Reichsfürst möglich ist.« »Nun – aber?« »Kein aber! Warum wollen Sie mir denn durchaus noch einen kritischen Hinterhalt imputieren?« »Ach, gehen Sie! Sie sind langweilig. Sie speisen mich mit ein paar Redensarten ab, weil Sie die kleine Melanie für zu unbedeutend und oberflächlich halten, als daß Sie mit ihr irgend was Ernsthaftes reden könnten.« »Bisher waren Sie es, mein gnädiges Fräulein, die mich nicht ernsthaft reden lassen wollte,« versetzte er doppelsinnig. Sie zuckte mit einem leichten Seufzer die Achseln und begann dann nach einem Weilchen aufs neue: »Wenn ein Mann wie Sie länger als zwei Jahre mit einem andern zusammengereist ist, dann denke ich doch, daß er sich über dessen Charakter eine Meinung gebildet haben muß. Von Ihnen ein paar wohlwollende allgemeine Bemerkungen über den Prinzen zu hören, daran liegt mir gar nichts. Sie haben doch schon als Gymnasiast und besonders als Student ein so scharfes Urteil über Menschen gehabt ...« »Aha, wieder ein Stich für mich! Nun, wenn Sie mit meinem einfachen Lobe bei Ihrem so starken Interesse für den dereinstigen Beherrscher dieses Reiches nicht zufrieden sind, so muß ich wohl.... Also ganz ehrlich: Als wir uns auf der Universität zuerst kennen lernten, habe ich an Georg Friedrich keine hervorstechende menschliche Eigenart entdecken können. Er war ein bon camerade für uns junge Leute von Stande. Ein offener Kopf, aber oberflächlich in seinen Urteilen, leichtsinnig aus Ueberzeugung, aber von Herzen gutmütig. Die üblichen Dummheiten unsrer Corpsburschen machte er con amore mit, soweit ihm die Rücksicht auf seinen Rang das nicht verbot. Er unterschied sich jedoch höchst vorteilhaft von der großen Mehrzahl der jungen Aristokraten durch den Mangel jener hochmütigen Geschwollenheit und geckenhaften Schniepelei, die mich so sehr empörte und bald aus dem Corps hinaustrieb. Das war es auch, was mich ihm näher brachte – obwohl ich mir sonst nichts Besonderes von dem Verkehr versprach. Ich glaubte nämlich und glaube auch heute noch, daß ein junger Fürst bei der Erziehung, die ihm zuteil wird, bei der steten Überwachung seines Lebens durch Leute, die auf die herkömmliche Sitte und die normalen Gesinnungen geaicht sind ... daß es – äh! – einem jungen Fürsten überhaupt kaum möglich ist, eine wirkliche realistische Anschauung von den Verhältnissen der Gesellschaft, von der Denkungsweise des Volkes und all dergleichen wichtigen Dingen zu gewinnen. Vom Säuglingsalter auf wird ja schon darauf hingearbeitet, daß solch ein Sproß eines souveränen Hauses sich stets und überall seiner Ausnahmestellung der übrigen Menschheit gegenüber bewußt bleibe. Schon wer niemals irgendwelche Sorge um seine Existenz gekannt hat, wird zum Beispiel für die soziale Frage kaum ein wirkliches Verständnis gewinnen können, und so geht es ihm mit sehr vielen andern Dingen auch. Selbst wenn man die künftigen Herrscher auf die hohen Schulen schickt – es bleibt doch immer mehr oder weniger Komödie; schon deshalb, weil sich die Lehrer viel zu sehr geschmeichelt fühlen werden, einen fürstlichen Schüler zu besitzen, als daß sie ihn nicht von vornherein als etwas Besonderes betrachten sollten. Die Gelegenheit, sich Anschauungen und Urteile zu erarbeiten, mühselig zu erkämpfen, fehlt ja der Jugend eines Fürsten fast gänzlich. Alles wird ihm von den berufenen Zivil- und Militärpersonen, Professoren und Geheimenräten fix und fertig vorgetragen, und wenn er so gnädig ist, sich dies und jenes zu merken und die unterthänigst vorgebrachten Meinungen zu Höchst den Seinen zu machen, so erregt die fürstliche Weisheit schon allgemeine Bewunderung. Aber Pardon! ich werde wohl langweilig?« »O bitte sehr!« entgegnete Melanie, »Sie brauchen auch nicht zu fürchten, daß ich Ihre gottlosen Ansichten verraten könnte. Ich finde nur, Sie haben bisher ein bißchen sehr von dem Fürstenstand im allgemeinen gesprochen.« »Ach so! Um Verzeihung!« sagte Kospoth etwas ironisch. »Gnädiges Fräulein wünschten ja nur, über diesen liebenswürdigen Prinzen im besonderen meine Meinung zu hören. Ich gestehe, die Einleitung ist etwas zu lang ausgefallen; aber da Sie meine Voreingenommenheit nun kennen, so werden Sie, wenn Sie an das Lob denken, womit ich begann, sich leicht zusammenreimen können, daß der Prinz während unsrer Reise mir menschlich näher getreten ist, als dies im allgemeinen zu geschehen pflegt.« »Das heißt also wohl: Er hat mit Ihren Augen sehen gelernt, oder auch: Sie haben ihm Ihre Brille geliehen und er hat sich daran gewöhnt. Ich kenne ja Ihre Ansichten nicht: aber wenn Sie jetzt die Urteilsfähigkeit des Erbgroßherzogs rühmen, so thun Sie das doch wahrscheinlich, weil er Ihr Urteil zu dem seinigen gemacht hat, nicht wahr? So eitel werden Sie doch wohl auch sein.« »Das wäre allerdings menschlich, aber ...« »Aber Sie sind über solche menschliche Schwäche erhaben?« »Mein gnädiges Fräulein, ich sehe, ich habe das Unglück, Ihnen heute so gründlich zu mißfallen, daß ich es aufgeben muß, mich zu verteidigen!« Er sagte es mit einiger Bitterkeit, aber sie versetzte sehr munter: »O nein, durchaus nicht! Ich bin Ihnen ja sehr dankbar, daß Sie die kleine Melanie einer so ernsthaften Unterhaltung würdigen. Es scheint nur, daß Sie es leicht übel nehmen, wenn man irgend etwas nicht ganz logisch findet in Ihren Auseinandersetzungen. Sehen Sie zum Beispiel – Sie sagten, alle Fürsten waren unselbständig in ihren Urteilen, weil sie die Ansichten, die sie haben sollen, immer gleich warm serviert bekommen. Und nun triumphieren Sie darüber, daß unser Thronfolger sich von Ihnen so willig in das Verständnis der neuen Zeit einführen ließ, wie Sie sagten, nicht wahr? Aber Sie sind doch sicher dazu bestimmt, eine glänzende Carriere zu machen, Sie werden sicher einmal Professor, Geheimerat, wer weiß was alles werden, und dann werden die freien Geister von diesem armen Georg Friedrich doch wieder sagen: Ach, der braucht ja nur hinunterzuschlucken, was Excellenz von Kospoth ihm vorgekaut hat!« »Mit meinen Ansichten wird man nicht Excellenz, mein gnädiges Fräulein!« Melanie blickte etwas unsicher zu ihm auf: »Sie sind immer noch so schrecklich empfindlich wie früher, Herr von Kospoth!« »Und Sie urteilen immer noch ebenso rasch wie als Dresdener Pensionsfräulein! Vielleicht finde ich doch noch vor meiner Abreise eine Gelegenheit, Ihnen klarer auseinanderzusetzen ...« »Ach, wollen Sie denn wirklich schon so bald fort?« unterbrach ihn Melanie, und dabei traf ihn zum erstenmal ein warmer Blick aus ihren großen braunen Augen. Das Herz schlug ihm höher. Aber nun wollte er auch seine kleine Rache haben, und er versetzte daher ein wenig spöttisch: »Ah, erinnern Sie sich Ihrer diplomatischen Mission? – Sehen Sie, da ist ja Seine Königliche Hoheit schon auf dem Eise. Er erwartet Sie gewiß mit Sehnsucht. Nun benutzen Sie die Gelegenheit und prüfen Sie ihn auf seine Selbständigkeit. Ich fürchte, es wird Ihnen gar nicht schwer fallen, den irregeleiteten Thronfolger von mir zu emanzipieren, oder, um mich Ihres Ausdrucks zu bedienen, ihm meine Brille von der Nase zu nehmen. Wie reizend Sie sind, mein schönes Fräulein von Treysa, das wird Seine Königliche Hoheit auch mit unbewaffnetem Auge zu erkennen vermögen!« »O Sie boshafter Mensch! – Bitte, meine Schlittschuhe!« »Wollen Sie mir nicht gestatten, sie Ihnen anzuschnallen?« »O bitte, nein! Es würde mich zu sehr demütigen – Sie zu meinen Füßen zu sehen!« Ihre herrlichen Augen blitzten ihn mit herausfordernder Schelmerei an, dann reichte sie ihm mit einer graziösen Neigung des Hauptes die Hand zum Abschied. Der sonnige Januartag hatte die jüngeren Glieder der Hofgesellschaft fast vollzählig auf die exklusive Eisbahn im Park herausgelockt. Der Erbgroßherzog und seine Schwester und so ziemlich alles, was von den Hofchargen beiderlei Geschlechts noch einigermaßen fest auf zwei Beinen ging, gab sich hier mit löblichem Eifer dem schönen Sport hin, sogar Prinzessin Georgine verschmähte es nicht, sich hier mit der schlankeren Jugend um die Wette zu tummeln, obwohl bei ihr die Lust entschieden die Kunst überwog und ihre schon recht behäbige Gestalt sich auf dem stählernen Flügelschuh fast noch komischer ausnahm als hoch zu Roß, Ihr Leibarzt, der Geheime Medizinalrat Cordell, hatte ihr eine Art Oertelkur vorgeschrieben, in welcher allerlei körperliche Thätigkeit die hervorragendste Rolle spielte, und dieser sehr gesuchte vortreffliche Arzt ging in seiner Sorgfalt für die erlauchte Prinzessin so weit, daß er nicht selten die anempfohlenen Leibesübungen persönlich überwachte und sogar selbst daran teilnahm, wie zum Beispiel am Eislauf. Allerdings war die Ansicht darüber, ob diese Liebenswürdigkeit eine freiwillige sei oder nicht, eine sehr geteilte. Sicher und stadtbekannt war jedoch die an Zärtlichkeit streifende Verehrung, welche Prinzessin »Chochotte«, wie die Intimen des Hofes die arme Cousine des regierenden Hauses spottweise zu nennen pflegten, dem Geheimen Medizinalrat und Professor Cordell zollte, eine Verehrung, mit der sie freilich nicht allein stand, da so ziemlich die gesamte Damenwelt des Großherzogtums und der umliegenden Edelsitze für diesen schönen, weißhaarigen Mann mit den großen, glänzenden Augen, dem bedeutenden Profil, den kleinen, zarten Händen und den feinen Umgangsformen schwärmte. Sofort nach Beendigung des Vormittagsdienstes waren auch die Herren Offiziere vom rosigen Fähnrich bis hinauf zu einem jung verheirateten Hauptmann auf dem blitzenden Tournierplan erschienen, und damit begann erst das eigentliche Leben für die jungen, männlicher Führung bedürftigen Stahlschuhläuferinnen. Auf den hart gefrorenen Promenadenwegen, welche rings um die überschwemmte Wiese herum und auf die im Süden sanft ansteigende Anhöhe hinaufführten, spazierte die Bürgerschaft der Residenz, soweit sie sich zu den besseren Stande zählte und zu dieser Mittagsstunde abkömmlich war, um hier unter dem lachenden blauen Himmel die hohen Herrschaften und die vornehmen Leute bei ihrem Vergnügen zu beobachten. Sobald Melanie von Treysa das Eis betrat, stürzte ein halbes Dutzend Lieutenants, und wer sich sonst etwa von ihren Tänzern von gestern in ihrer Nähe befand, auf sie zu, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen und der Freude über ihr Erscheinen Ausdruck zu geben, und mit einer Einstimmigkeit, die an die Chöre in der »Braut von Messina« erinnerte, erboten sich alle diese Herren gleichzeitig, ihr die Schlittschuhe anzuschnallen. Melanie war nichts weniger denn eine alberne kleine Gans, aber sie konnte doch nichts anders, als sich durch diese allgemeine Huldigung der Herrenwelt geschmeichelt fühlen. Sie hatte kaum von drei oder vier dieser jungen Herren, die in der verflossenen Nacht mit ihr getanzt hatten, die Namen behalten. Kein einziger hatte sie besonders interessiert, doch da sie sämtlich so ziemlich gleich gut getanzt hatten, so war sie auch gegen alle gleich wohlwollend gestimmt. Dieser Kampf um die Ehre, ihr diensteifrig zu Füßen knieen zu dürfen, bereitete ihr eine angenehme kleine Verlegenheit, welcher sie nach kurzem Besinnen dadurch ein Ende machte, daß sie vorschlug, sie wolle mit geschlossenen Augen auf die in Linie aufgestellten Herren zugehen und die Schlittschuhe blindlings einem von ihnen überreichen. Der Vorschlag wurde mit Jubel angenommen. Die Herren stellten sich nach dem Kommando des ältesten Premierlieutenants in einem Gliede gut ausgerichtet auf, Melanie band sich lachend das eine Ende ihrer weißen Boa um den Kopf und tappte dann mit vorgestreckten Schlittschuhen mit unsicherem Halblinks gegen die Front vor. Da fühlte sie, wie ihr die Schlittschuhe aus der Hand genommen wurden, und gleichzeitig erschallte der Ruf: »Nein, das gilt nicht.« Sie ließ die Boa fallen und stand – dem Erbgroßherzog gegenüber, der sich vor ihr verbeugte und dabei die Schlittschuhe mit komischem Pathos an sein Herz drückte. »Meine Herren,« wandte sich der Thronfolger an die unter scherzhaftem Gemurr sich herandrängenden Lieutenants, »verzeihen Sie diesen Rechtsbruch einem Manne, der zwei Jahre lang unter den Barbaren geweilt hat. Ich werde versuchen, mich wieder langsam an die europäische Zivilisation zu gewöhnen. Für heute erkenne ich nur das – Naturrecht an!« Damit geleitete er das schöne Fräulein nach der Bank, kniete vor ihr nieder und befestigte die neuen vernickelten Stahlkufen an zwei der reizendsten Stiefelchen von der Welt. »Donnerwetter! Das war schneidig ausgedrückt!« flüsterte der lange Lieutenant von Ungerstein dem Kameraden von Storch zu. »Wenn Königliche Hoheit in dieser Weise gegen die Treysa operiert, dann werden wir gut thun, uns auf die Defensive zu beschränken.« Und Kamerad von Storch versetzte: »Eine weiß ich, die sich gewiß die Nägel wachsen laßt, um der schönen Treysa die Augen auszukratzen.« »Sie meinen die Katz,« gab der andre behaglich hohnlächelnd zurück. »Na, wissen Sie, der gönn' ich's eigentlich, daß sie mal ein bißchen geduckt wird. Sie thut immer, als ob ihr der Erbgroßherzog aus der Hand fräße, spielt sich großartig als einflußreiche Favoritsultanin auf. Na, damit hat's aber jetzt geschnappt.« Die Damenwelt hatte begreiflicherweise mit noch weit lebhafterer Aufmerksamkeit das Auftreten der neuen Ballkönigin beobachtet, und die Bemerkungen, die unter vertrauten Freundinnen darüber ausgetauscht wurden, waren im allgemeinen wenig liebenswürdiger Natur. Komteß Menetekel fand heute das Benehmen des pelzverbrämten Fräuleins aus dem Walde ebenso anstößig wie gestern deren natürliche Fülle; sie sprach von unanständiger Koketterie und fand mit diesem Urteil vielfache Zustimmung. Am Abend dieses zweiten Januar redete bereits die ganze Residenz von den auffälligen Huldigungen, welche der galante Thronfolger dem schönen Fräulein von Treysa so ganz öffentlich dargebracht hatte. So verschiedenartig auch Georg Friedrich von seinen künftigen Unterthanen beurteilt werden mochte, darin waren sie nun alle einig, daß er doch wohl trotz des vielbesprochenen Einflusses, den sein gelehrter Reisebegleiter auf ihn ausgeübt haben sollte, in Bezug auf sein Verhalten gegenüber dem schönen Geschlechte als derselbe zurückgekehrt sei, als welchen man ihn hier seit Jahren kannte und – je nachdem – schätzte oder fürchtete. Melanie von Treysa aber wurde von ihren Geschlechtsgenossinnen ohne Erbarmen für eine Erzkokette, von sämtlichen Herren dagegen für ein hinreißendes Geschöpf erklärt. Von dem herben Urteil der Damen auf dem Eise machten lediglich Prinzessin Eleonore und Prinzessin Usingen, die schöne englische Gattin des Flügeladjutanten, eine rühmliche Ausnahme, indem sie gegen jedermann, der es hören wollte, erklärten, wie entzückt sie seien von der vornehmen und sicheren Anmut in Melanies Benehmen wie von den Aeußerungen ihres klaren Verstandes und seinen Empfindens. Als die jungen Herrschaften vom Eislauf in das Schloß zurückkehrten, wußte es die Prinzessin Eleonore einzurichten, daß sie mit ihrem Bruder einige Augenblicke allein blieb. »Hör' mal, Lieber,« begann sie, »du mußt dich doch ein bißchen mehr vorsehen mit der Treysa! Daß du ihr die Schlittschuhe anschnalltest, war entschieden zu weit gegangen. Ganz abgesehen davon, daß sich eine solche kniefällige Dienstbarkeit gegen eine Dame – und ganz besonders angesichts eines gemischten Publikums – für einen Thronfolger doch wohl nicht schickt ...« »Danke gehorsamst für den gnädigsten Zopf!« fiel Georg Friedlich ein wenig gereizt ein. »Ich fürchte, ihr werdet von mir noch manches erleben, was sich eigentlich für einen Thronfolger nicht schickt!« »Spielst du auf deine Volksbeglückungsträume an? Nun, das hast du mit dir abzumachen; aber du mußt doch bedenken, daß du das Mädchen durch solche auffallenden Huldigungen kompromittierst. Du weißt, daß du hier nicht eben im Rufe eines Tugendboldes stehst.« Der Prinz blickte ein Weilchen schweigend und mit verklärten Augen in die Ferne, ehe er mit einer gewissen stolzen Zuversicht erwiderte: »Ich glaube, meine lieben Freunde und getreuen Unterthanen werden sich bald genötigt sehen, ihre vorgefaßten Meinungen über mich ganz wesentlich zu ändern.« Die Prinzessin vermochte ein ironisches Lächeln nicht ganz zu unterdrücken, als sie ihm antwortete: » Pardon, mon cher frère ! Du hast mir nun schon so viel von dem neuen Jahrhundert erzählt mit seiner neuen Moral, seinem sittlichen Ernst und was weiß ich – und gleichzeitig nimmst du deine alte Rolle als galanter Prinz im Rokokostile wieder auf! Ich weiß nicht recht, wie ich mir das zusammenreimen soll. Ich glaube auch kaum, daß du zum Beispiel heute ganz in Kospoths Sinne gehandelt hast.« »In Kospoths Sinne? Was hat denn Kospoth hiermit zu thun? Du sprichst ja wie eine Gouvernante, die sich auf die Autorität des Hofmeisters beruft. Hans Jochen ist doch nicht mein Hofmeister!« »O behüte! Er ist dein Freund,« begütigte ihn die Prinzessin. »Aber du hast doch nun einmal deine neuen Ideen von ihm und gibst doch zu, daß dir an seiner guten Meinung über dich viel gelegen sei. O, du hättest nur sehen sollen, mit was für Augen er dich und die schöne Melanie auf dem Eise verfolgte!« »Was tausend! War denn Kospoth auf dem Eise?« »Nein, er spazierte unter den Zuschauern gewiß eine halbe Stunde lang auf und ab. Aber du hast ja nicht rechts und links gesehen.« »Und du scheinst ganz besonders scharfe Augen für Hans Jochen zu besitzen!« gab Georg Friedrich ebenso spottend zurück. »Hüte dich nur, daß es deinem Herzen nicht ergeht, wie Tante Chochotte mit dem schönen Medizinalrat!« Prinzeß Eleonore errötete tief und nagte mit ihren kleinen weißen Zähnen an ihrer Unterlippe. Dann versetzte sie spitz: »Im Ernst, mein Lieber, ich möchte nicht, daß du es mit der Treysa etwa so triebest wie mit der Katz. Dazu ist das Mädchen wirklich zu schade! Ich werde über sie wachen und auch ihren Freund Kospoth bitten ...« »Laß mich jetzt endlich mit Kospoth zufrieden, ich muß doch sehr bitten!« fiel ihr der Bruder erregt ins Wort. »Und übrigens der Vergleich mit der Katz ist hier sehr schlecht am Platze; denn – in allem Ernste: ich liebe Melanie, ich liebe sie wahnsinnig!« Die Prinzessin fuhr zusammen und sah ihren Bruder groß an. »Was willst du damit sagen?« »Was ich damit sagen will?! Ach – aber Eleonore, das war eine rechte Prinzessinnenfrage!« erwiderte er mit einem mitleidig liebevollen Blick in die erstaunten Augen der Schwester. Dann wurden sie getrennt und gelangten im Laufe des Tages nicht mehr dazu, sich ungestört weiter auszusprechen. Drittes Kapitel. Treysas ziehen. Stillleben in der Hofjägerei. Der alte General von Treysa hatte sich schon nach etwa vierzehntägigem Aufenthalt in der Residenz dazu entschließen müssen, sich wenigstens für den Winter mit seinen Damen seßhaft zu machen. Im Grunde genommen hatte er freilich schon nach der ersten Woche von dem Hofleben vollständig genug. Er brummte und wetterte schier den ganzen Tag über die sauren Pflichten, die ihm das höfische Gesellschaftsleben auferlegte, und machte auf der Straße einen weiten Bogen, sobald seine scharfen Jägeraugen einen »Schranzen« in der Ferne sichteten. Er scheute sich nicht, seiner Abneigung gegen diese Menschenklasse bei jeder Gelegenheit den kräftigsten Ausdruck zu geben; ja, er sagte es sogar einigen Hofleuten, ohne in seinem Grimme daran zu denken, daß er ja die Angeredeten mit einschließe, ins Gesicht, daß ihm »ihre Sippschaft speifatal« sei. Aber der wunderliche Alte vom Walde war über die Jahre hinaus, wo man einem dergleichen Grobheiten übel nimmt. Seine Entrüstung gab immer etwas zu lachen und so setzte man seinen Groll gegen die Schranzen in Gemeinschaft mit seinem Grimm gegen deutsches Reich, Parlamentarismus, Gewerbefreiheit, Freizügigkeit u. s. w., u. s. w. auf Rechnung seines querköpfigen Greisentums, ließ seinen Schwächen die weitestgehende Schonung angedeihen und kam ihm und den Seinen allseits mit der größten Liebenswürdigkeit entgegen. Aber freilich, wer eine so ausnehmend schöne, kluge und herzliebe Tochter sein eigen nennt, der darf auf die unbedingte Hochschätzung seiner Mitmenschen rechnen, und wäre er ein leibhaftiger Oger. Melanie von Treysa war es thatsächlich in diesen vierzehn Tagen gelungen, nicht nur die gesamte Herrenwelt zu ihren Füßen zu bannen, sondern auch den instinktiven Widerstand fast aller Damen der Hofgesellschaft zu überwinden. Es gab eigentlich nur noch zwei Fräulein, deren Stimmen in dem gemischten Chor des Entzückens über Melanie von Treysa fehlten. Das waren die des Fräuleins von Katz, welches sich durch sie aus der Gunst des Thronfolgers verdrängt sah, und die der Komtesse Murbach, welche sich durchaus mit ihrer gesunden Fülle nicht versöhnen konnte. Daß der Erbgroßherzog sterblich in Melanie verliebt sei, lag bald für jedermann offen zu Tage, und daß er in seiner Stellung seine Schwärmerei kecker zum Ausdruck brachte, als die übrigen Opfer ihrer Anmut, das nahm ihm auch niemand ernstlich übel. Ihrem feinen Takt, ihrer gegen alle gleichen Freundlichkeit war es bisher gelungen, eifersüchtige Reibereien zwischen den Herren unmöglich zu machen. Ihre Stimmung wechselte zwischen ausgelassener Fröhlichkeit und einer stillen Nachdenklichkeit, die ihr noch weit lieblicher zu Gesichte stand; aber launisch, verstimmt war sie nie, und auch in ihrem Uebermute wußte sie stets eine sichere Grenze zu ziehen. So handelten denn die großherzoglichen Herrschaften nur dem allgemeinen Wunsche entsprechend, wenn sie sich alle Mühe gaben, den alten General mit seinen Damen – auch Frau von Treysa hatte sich, trotzdem sie seltener in Gesellschaft erschien, viele Herzen erobert – an die Residenz zu fesseln. Der Erbgroßherzog fand nach einigen mißglückten Versuchen, den widerspenstigen alten Herrn durch kleine Gunstbeweise zu überrumpeln, endlich das richtige Mittel, indem er seinen Vater veranlaßte, ihm die seit einigen Monaten erledigte Stelle des Oberhofjägermeisters anzubieten, mit welcher außer dem Gehalt auch freie Wohnung in dem stattlichen, vor der Stadt am Ausgang des Parkes gelegenen Gebäude der Hofjägerei verbunden war. Der Prinz hatte selbst den alten Grimbart im Hotel aufgesucht und seiner Eitelkeit als unverwüstlichem Nimrod mit solchem Geschick zu schmeicheln gewußt, daß er endlich in die Falle gegangen war. Doch hatte er gebeten, die Uebernahme der Stellung nur als eine bedingte betrachten und sich davon zurückziehen zu dürfen, sobald eine geeignete jüngere Kraft dafür gewonnen werden oder er selbst sich ihren Verpflichtungen nicht mehr gewachsen fühlen sollte. Am zwanzigsten Januar hatten sich die Treysas bereits recht gemütlich, wenn auch zum großen Teil mit geliehenen Möbeln, im ersten Stock der Hofjägerei eingerichtet. Man hatte ihnen ein paar gute Pferde aus dem großherzoglichen Marstall zur Verfügung gestellt; ein viersitziger Jagdwagen, ein Schlitten u. dgl. gehörten zum Bestande der Jägerei, so daß der alte Herr wieder täglich nach Herzenslust kutschieren konnte. Er ließ sich nun auch seinen alten Diener Friedrich mit seinen beiden Lieblingshunden, einem Teckel Namens Waldmann und einer Hühnerhündin Namens Diana, nach der Stadt kommen; und da er auch in seinem eignen Zimmer qualmen durfte, soviel er Lust hatte, so fehlte ihm eigentlich zu seiner vollkommenen Behaglichkeit nichts weiter als seine weiten, vielgeflickten Beinkleider und seine ebenso uralte Lodenjoppe, deren Benutzung in der Residenz sich seine Damen nachdrücklichst widersetzten. Bei Hofe begann sich der alte Herr, seit man ihn so gnädig in Amt und Würden eingesetzt hatte, immer seltener zu machen, indem er notwendige Inspektionsreisen vorschützte oder auch wohl sich ohne nähere Angabe von Gründen einfach entschuldigen ließ. Die Mutter mußte Melanie begleiten, soviel ihre Kränklichkeit dies zuließ, und war sie ans Zimmer gefesselt, so übernahm die liebenswürdige Prinzessin Usingen gern die Stellvertretung, so daß also die Gesellschaft ihren neuen, glänzendsten Stern selten oder nie zu vermissen brauchte. Nur ein Umstand störte die Behaglichkeit der Treysas in ihrem neuen Heim – das war die Hausgenossenschaft mit dem dicken Kammerherrn Baron von der Rast, gegen dessen ewig lächelndes fettes Gesicht der alte General einen besonderen Grimm hegte, und dessen selbstgefälliges Wesen, verbunden mit einer gewissen weichlichen Lüsternheit, auch den beiden Damen nichts weniger als sympathisch war. Baron von der Rast bewohnte für gewöhnlich ein halbes Stockwerk des zur Zeit leerstehenden sogenannten Prinzessinnenpalais. Baulicher Veränderungen wegen, die dort vorgenommen wurden, hatte man ihn auf einige Wochen oder vielleicht Monate ausquartiert und ihm in dem geräumigen Oberstockwerk der Jägerei vorläufig drei Zimmer und eine Mansarde überlassen. Der Kammerherr war Witwer und besaß eine einzige Tochter, Namens Doris, ein armes verwachsenes Mädchen von dreiundzwanzig Jahren, welches sich, durch seine Gebrechlichkeit von allen Vergnügungen seines Alters und Standes ausgeschlossen, mit ziemlichem Talent und rührendem Eifer auf die Malerei geworfen hatte. Fräulein Doris' bescheidenen Ansprüchen genügte die geräumige, nach Norden gelegene Dachstube vollkommen. Sie diente ihr gleichzeitig als Schlafzimmer wie als Atelier, und sie hatte sich mit gutem Geschmack bei geringen Mitteln ihre Einsiedelei so behaglich hergerichtet, daß sie sich gar nichts Besseres wünschte, als immer hier wohnen bleiben zu dürfen und nie mehr in das alte finstere Prinzessinnenpalais zurück zu müssen, wo es nächtens so unheimlich klopfte, raschelte und rumorte – wenn auch nicht von Poltergeistern und abgeschiedenen Seelen, so doch sicherlich von Holzkäfern und Mäusen. Es hatte sich zwanzig Jahre hindurch ein dunkles Gerücht in der Residenz behauptet, daß die arme Doris von der Rast ihr Gebrechen der brutalen Behandlung verdanke, welche ihre selige Mutter von ihrem Gatten, dem damaligen Husarenoffizier, zu erdulden gehabt habe. Er schien an der unglücklichen Tochter gut machen zu wollen, was er an ihrer Mutter verbrochen hatte; denn was man auch sonst immer dem Baron Übles nachsagen mochte – und dessen war nicht wenig – gegen sein unglückliches Kind hatte er sich nie anders als von zärtlichster Besorgnis erfüllt gezeigt. Er hatte fast sein ganzes Vermögen in einem wilden Jugendleben durchgebracht, nun aber – und besonders, seit Doris erwachsen war und schmerzlicher zu empfinden vermochte, was alles ihr an Daseinsfreuden versagt blieb, opferte der alternde Lebemann bereitwilligst einen großen Teil seiner recht schmalen Einkünfte der Behaglichkeit und besonders der künstlerischen Ausbildung der Tochter. Andrerseits aber ging seine Selbstverleugnung doch nicht soweit, als daß er aus Rücksicht für die erwachsene Tochter seinen Junggesellengewohnheiten und besonders seinen innigen Beziehungen zu einigen gefälligen Dämchen vom großherzoglichen Chor- und Ballettpersonal so ganz entsagt hätte. Er vermeinte freilich diese seine Privatstudien mit großer Heimlichkeit zu betreiben, allein den Augen seines Kindes blieb doch nicht verborgen, was so ungefähr die ganze Residenz wußte. So konnte es nicht ausbleiben, daß Doris mit dem natürlichen Mißbehagen eines reinen Gemütes ihrem Vater innerlich fremd gegenüberstand, wie sehr sie sich auch bemühte, ihm ihre Dankbarkeit für die Gutthaten, die sie von ihm genoß, an den Tag zu legen. Wie kühl und zurückhaltend auch immer die Treysas sich bisher zu ihrem einstweiligen Hausgenossen gestellt haben mochten, er ließ sich dadurch nicht abschrecken, sondern trug vielmehr einen Diensteifer für sie an den Tag, als hätte er es darauf abgesehen, sich ihre gute Meinung zu erzwingen, ihre höfliche Dankbarkeit nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Er besorgte ihnen die Möbel, die Handwerker, die Dienstboten, er half eifrig beim Auspacken, faßte sogar beim Aufstellen schwerer Möbelstücke mit an und vertraute seine gewichtige Persönlichkeit mit Todesverachtung der schwanken Trittleiter an, um dem Faltenwurf der Gardinen und Portieren die letzte Vollendung zu verleihen. In allen Fragen des Geschmackes zog er zudem den künstlerischen Blick seiner Tochter zu Rate, und der bescheidenen Liebenswürdigkeit dieses hilflosen Geschöpfes gelang gar bald, was der übertriebene Diensteifer ihres Vaters allein doch vielleicht nicht erreicht hätte, nämlich die instinktive Voreingenommenheit der Damen gegen den Kammerherrn etlichermaßen zu überwinden. Sie sahen ja in der That nur Gutes von ihm und mochten sich daher mit dem Worte trösten: »Es muß auch solche Käuze geben!« Dem zähen Schranzenhasse des Generals war freilich selbst durch die traurig schönen Augen der armen Baronesse Doris nicht beizukommen. Und diese schönen traurigen Augen der Buckligen hingen an der blühenden Gestalt, an dem von Jugendlust durchleuchteten Gesichte Melanies mit so rührender, scheuer Bewunderung, daß ihr weiches Herz sich voll innigsten Mitleides dem armen, freudlosen Mädchen zuneigte. Doris hätte nie gewagt, sich der stolzen Ballkönigin irgendwie aufzudrängen – um so tiefer beglückte sie die freiwillig entgegengebrachte freundschaftliche Teilnahme Melanies, der es gar bald zum Bedürfnis geworden war, alle ihre Erlebnisse bei Hofe und in der Gesellschaft bis auf die nichtigsten Einzelheiten aus den Gesprächen der Lieutenants und den Toiletten der Damen dort oben in der Eremitage der kleinen Malerin auszuplaudern und sich dadurch der Mühe, ein Tagebuch zu führen, zu überheben; denn sie konnte ganz sicher sein, daß Doris von der Rast jedes ihrer Worte in einem feinen Herzen so getreulich aufbewahrte, wie die Wachsrolle eines Phonographen. Wohl hatten von jeher einzelne besonders gutherzige Damen der Gesellschaft das stille, blasse Mädchen in seiner Einsamkeit aufgesucht oder beim Zusammentreffen im Freien ein wenig mit ihm geplaudert; aber ihnen allen war es nicht gelungen, jenen warmen Herzenston anzuschlagen, welcher allein einen Krüppel vergessen lassen kann, daß die ihm entgegengebrachte Freundlichkeit nur einen Ausfluß des Mitleids mit seinem Gebrechen bedeute. Melanie von Treysa aber fand, sobald sie die erste natürliche Scheu des Gesunden vor dem garstigen Siechtum überwunden hatte, eine wirkliche Freude an dem Umgang mit der Buckligen; denn sie fühlte es sehr wohl, wie wenig selbst das süße Unheil, welches ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit in den Herzen so vieler Männer anrichtete, gegenüber jener tiefbeglückten Dankbarkeit bedeute, die ihr aus Doris' schönen Augen entgegenstrahlte. Uebrigens hätte gewiß manch eines von den gutherzigen Mädchen der Hofgesellschaft sich recht gern öfters bei Doris blicken lassen, wenn nicht der üble Ruf ihres Vaters und seine zudringliche Galanterie gerade die besten unter ihnen abgeschreckt hätte. So kam es, daß die kleine Malerin recht häufigen Besuch hatte, so oft der Kammerherr verreist war oder man ihn aus irgend einem Grunde sicher nicht daheim wußte, sonst aber höchstens von einigen alten Damen einmal aufgesucht wurde. Melanie dagegen hatte es von Anfang an verstanden, den fetten Baron mit seinen dreisten Zweideutigkeiten dermaßen abfallen zu lassen, daß er hinfort nicht mehr wagte, sich anders als etwa mit seinen lüsternen Blicken irgend etwas Unziemliches gegen sie herauszunehmen. Es war wohl noch nicht häufig vorgekommen, daß dieser alte Vocativus sich durch ein schönes junges Mädchen einschüchtern ließ, und wenn dies dem Fräulein von Treysa gelang, so mochte dies wohl nicht allein in ihrer hoheitsvollen Tugend, sondern vielleicht nicht zum geringsten in dem Umstände seinen Grund haben, daß ihr in der Person ihres Freundes Hans Joachim von Kospoth ein Beschützer zur Seite stand, der gewiß nicht mit sich spaßen ließ, wenn er einmal ernstlich zu Hilfe gerufen wurde. Hans Joachim fand sich nämlich jetzt fast täglich in der Hofjägerei ein, um mit dem alten General eine Partie Piquet oder mit seiner Gattin eine Partie Schach zu spielen und so nebenher mit Melanie zu plaudern. Da sie sich seit seiner Heimkehr von der großen Reise nicht gesehen hatten, so konnte ihm der Gesprächsstoff nie ausgehen. Er wußte viel und in höchst anziehender Weise von seinen Abenteuern, von seinen Beobachtungen über fremde Länder und Völker zu erzählen und bedauerte lebhaft, nicht als Mohr auf die Welt gekommen zu sein – obschon ihn die Sonne des Orients braun genug gebrannt hatte – um als ein neuer Othello das Herz dieser braunäugigen Desdemona zu bezaubern. Von Tag zu Tage wurde sich der junge Weltverbesserer und Prinzenverführer mehr bewußt, daß er sterblich verliebt sei. Sein Herz hatte bisher noch kaum ein Bedürfnis nach Frauenliebe empfunden; denn seine Studien beschäftigten seinen rastlos arbeitenden Geist so ausschließlich, daß er in der That noch nicht dazu gekommen war, jene Leere im Gemüt zu empfinden, welche der Liebe den Boden zu bereiten pflegt. Sein Verhältnis zu dem andern Geschlecht war infolgedessen nur das rein physisch gesunde eines reichbemittelten Studenten gewesen, und seine orientalische Studienreise hatte nicht dazu beitragen können, dies Verhältnis zu vergeistigen. Und nun mußte es gerade das kleine wilde Mädchen sein, auf das er noch vor wenigen Jahren mit so onkelhaftem Wohlwollen herabgeblickt hatte, welches ihn jene von ihm oft verlachte Macht der Weiblichkeit in einer Weise empfinden ließ, daß er darüber schier alles vergaß, was er seine Lebensaufgabe, ja selbst, was er seine Überzeugung nannte. Diese seine Lebensaufgabe erblickte er in der philosophischen und staatswissenschaftlichen Ausgestaltung sozialistischer Lehren, sowie in der Agitation zur praktischen Durchführung derselben, und er glaubte schon längst darüber mit sich einig zu sein, daß diese Aufgabe ihm nicht nur die Annahme irgend welcher staatlichen Anstellung, sondern sogar die Ehe durchaus verbiete. Er mußte nach allen Seiten hin freie Bahn haben, jegliche Abhängigkeit wurde zu einer Gefahr für seine Ideen. Und nun schleppte sich dieser selbe Hans Joachim von Kospoth wie irgend ein unglücklicher Brakenburg an den Augen dieses Mädchens so hin, ohne daß die Hoffnung, es bald sein eigen nennen zu können, irgend welche Nahrung erhalten hätte durch die leidenschaftslose Traulichkeit des täglichen Beisammenseins. Vor Neujahr hätten weder die herzlichsten Bitten des Thronfolgers noch die liebenswürdigen Bemühungen seiner Schwester ihn dazu vermocht, der Freundschaft des jungen Fürsten seine Freiheit zu opfern; nach Neujahr aber dachte er um so weniger daran, die kleine Residenz zu verlassen, je seltener die Versuche der prinzlichen Herrschaften wurden, ihn zum Bleiben zu überreden. Mit tiefer Beschämung hatte er es sich eingestehen müssen, daß er dem schadenfrohen Höflingsvolke gegenüber bereits anfange, die lächerliche Rolle eines Mannes zu spielen, der nur mit revolutionären Gedanken kokettiert hat, um seinem Strebertum ein pikantes Relief zu geben. Er wußte auch nur zu gut, daß nicht die aufrichtige Freundschaft, welche ihn mit Georg Friedrich, dem hochstrebenden, ungewöhnlich begabten Prinzen, verband, ihn sich solcher Mißdeutung furchtlos aussetzen ließ, sondern daß vielmehr diese Freundschaft von beiden Seiten bedenklich im Erkalten begriffen war, und zwar durch nichts andres als durch ganz triviale Eifersucht! Der verliebte Prinz fürchtete in Hans Joachim den Jugendfreund der Geliebten und Kospoth zitterte davor, daß die begreifliche Eitelkeit des neunzehnjährigen Mädchens die gefährlichen Huldigungen einer Königlichen Hoheit seinem ernsthaften, aber etwas scheuen Liebeswerben vorziehen könnte. Vorläufig hatte es allerdings noch ganz den Anschein, als ob die stete, feurige Umwerbung des ritterlichen Prinzen Melanies Denken und Empfinden in einer gewissen Betäubung erhalte, welche sie für die Liebesblicke andrer Männer blind machte, und ganz besonders für die des soviel älteren einstigen Spielgefährten. Das Necken und Schmollen wegen seiner früheren hofmeisterlichen Art hatte Melanie freilich inzwischen aufgegeben; es herrschte vielmehr ein ganz kameradschaftlich unbefangenes gutes Einvernehmen zwischen ihnen, und sie wußte es ihm aufrichtig Dank, daß er jetzt so ernst und anregend mit ihr zu sprechen wußte, ohne je den Schulmeisterton hervorzukehren. Sie besaß ja einen trefflichen Verstand und hatte viel gelernt, und sobald sie sah, daß er nicht mehr wie früher ironisch lächelte, wenn sie es wagte, ihre mädchenhaften Anschauungen in die Wagschale zu werfen, scheute sie sich auch nicht mehr, seine Ansichten zu bekämpfen und hinterher Belehrung von ihm anzunehmen; aber der Gedanke, Hans Jochen als einen Liebhaber zu betrachten, kam ihr um so weniger, als auch die Eltern ihren freundschaftlichen Verkehr als eine Selbstverständlichkeit anzusehen schienen, ohne Heiratsabsichten dahinter zu wittern. In Wahrheit hatte sich die Generalin nur durch die Bedenklichkeiten ihres Gatten einschüchtern lassen, sonst hätte sie wohl kaum gesäumt, ihre Tochter durch fleißiges Zureden dem Gedanken einer Vermählung mit dem Nachbarssohne günstig zu stimmen. Der alte Herr besaß nicht mehr die Energie, um dem freundschaftlichen Verkehr der beiden Hindernisse in den Weg zu legen, falls er ihm wirklich so gefährlich erschienen wäre, und so war auch die Mutter ganz zufrieden damit, ruhig zusehen zu dürfen, wie die Dinge sich von selbst entwickelten. Melanie hatte nicht gesäumt, ihre neue Freundin Doris mit Hans Jochen bekannt zu machen, wohl wissend, daß sie ihr damit eine sehr große Freude bereitete. Die arme kleine Malerin hatte ja so gut wie gar keine Herrenbekanntschaften – und jetzt wurde ihr durch ihre angebetete Melanie der Mann zugeführt, von dem in der Residenz mehr gesprochen wurde, als von irgend einem andern, und dessen vielbeklagte Zurückhaltung und anscheinende Temperamentlosigkeit gerade die hübschesten und witzigsten jungen Damen zum Kampfe herausforderte. Doris von der Rast wagte im Bewußtsein ihrer mangelhaften, zumeist aus Romanen eingesogenen Bildung niemals, an dem mehr oder minder ernsthaften Meinungsstreit zwischen dem jungen Baron und ihrer überaus klugen Freundin teilzunehmen: sie war schon überglücklich, wenn sie still zuhören durfte – ganz besonders, wenn er von seinen Reisen erzählte. Dazu fand sie bald sehr reichlich Gelegenheit, seit sie, dem freundlichen Drängen Melanies nachgebend, das Wagnis unternommen hatte, sie zu malen. Hans Jochen stellte sich seitdem gar häufig schon des Vormittags in der Hofjägerei ein und begab sich, ohne erst die Eltern zu begrüßen, sogleich in das bescheidene Atelier hinauf, wo er die beiden jungen Damen meistens allein fand. Die bucklige kleine Künstlerin pinselte dann allerdings mit noch größerer Zaghaftigkeit als gewöhnlich an ihrem Werke herum, weil sie als selbstverständlich annahm, daß dieser bedeutende junge Mann, der die schönsten und geistvollsten ihrer Romanhelden in ihren Augen noch um Haupteslänge überragte, auch ein großer Kunstkenner sein müsse. Dies war nun allerdings nicht der Fall! denn Hans Jochen hatte die freie Zeit, die ihm neben seinen ernsten wissenschaftlichen Studien noch übrig blieb, hauptsächlich auf körperliche Uebungen verwandt und unter den Künsten nur die Musik, für welche er besonders veranlagt war, mit einigem Eifer gepflegt. Soviel sah er freilich auch, daß aus Melanies Bildnis sicherlich kein Meisterwerk werden würde; was er aber der ängstlich lauschenden Doris während der Arbeit darüber zu sagen wußte, das waren nur höchst laienhafte, aufmunternde Gemeinplätze. – – – Es war in den Morgenstunden eines der letzten Januartage. Die helle Wintersonne ließ in dem keuschen Schneegewande der anmutigen Hügellandschaft Milliarden Diamanten aufblitzen, und ihre Wärme schmolz bereits die leichte weiße Wattenumhüllung auf den Aesten und Zweigen der Bäume und Sträucher des Schloßparks und ließ blitzende Tropfen von allen Spitzen, von den Nadeln der dunklen Tannen und von den leise im Winde flatternden Peitschenschnuren der kahlen Birken herabträufeln. Die leichten Wolkenballen wurden von dem frischen Südost gleichsam mit lindischen Pinselstrichen über das reine Himmelsblau hinweggewischt und nur einzelne verirrte graue Klexe schwammen vor diesem großen Pinsel eilfertig davon. Hans Joachim von Kospoth schaute aus dem großen Dachfenster der Hofjägerei, von dem sich eine köstliche Fernsicht bot, mit leicht zugekniffenen Augen in die blendende Helle hinaus. Das Gespräch hatte heute nicht so recht in Fluß kommen wollen, wenigstens hatte er sich ungewöhnlich schweigsam verhalten, und auch Melanie hatte keine ernsthafte Frage aufzuwerfen gewußt, sondern nur immer wieder ihrer hochgespannten Erwartung von den Freuden der für diesen Nachmittag geplanten Schlittenpartie der Hofgesellschaft Ausdruck gegeben. »Ach, gehen Sie, Sie sind heute langweilig, Hans Jochen!« rief Melanie, eine längere Gesprächspause ungeduldig unterbrechend. »Ich glaube wirklich, Sie wollen mir gar kein Vergnügen gönnen. Es ärgert Sie geradezu, daß ich mich auf heute nachmittag freue.« Kospoth machte einige schwache Einwendungen, worauf sie scherzend erwiderte: »Es ist wirklich schrecklich: da hat man sich nun so viele Mühe gegeben, Ihnen den Schulmeister auszutreiben – aber es hilft alles nichts!« Hans Jochen zuckte die Achseln: »Da mögen Sie wohl recht haben. Kein Wunder bei meiner Abstammung!« »Wieso? Ihr Papa ist doch nichts weniger denn ein Pedant!« »Nein, wahrhaftig nicht! Aber meine Mutter war eine geprüfte Erzieherin!« »Nein, wirklich?« rief Melanie sehr erstaunt mit ungläubigem Lächeln. »Von Ihrer Frau Mama weiß ich eigentlich so gut wie gar nichts.« »Und ich selbst kaum mehr!« fiel er rasch ein. »Ich habe auch erst in meinem einundzwanzigsten Jahre erfahren, daß ich eine Frau Mama gar nicht besitze! Ihnen hat man das wahrscheinlich aus Schicklichkeitsrücksichten vorenthalten, nicht wahr?« Melanie errötete unter seinem forschenden Blicke und versetzte etwas verlegen: »Das wußte ich in der That nicht.« »Und Sie bedauern mich wohl wegen meiner plebejischen Abstammung? – O, ich kann Ihnen sagen, ich freue mich des roten Blutes in meinen Adern. Ich glaube, ihm meine geistige Freiheit zu verdanken.« Er trat vom Fenster weg und neben die kleine Malerin, indem er lächelnd fortfuhr: »Fürchten Sie nichts, meine Damen, ich gedenke Ihnen keine Vorlesung über Darwinismus zu halten!« Wieder trat eine kleine Verlegenheitspause ein, welche diesmal durch Doris unterbrochen wurde. Sie hatte längst bemerkt, daß Kospoths Seele heute durch irgend etwas bedrückt sei. Sie vermutete, daß er eine Gelegenheit suche, sich darüber mit Melanie auszusprechen. »Ich begreife nicht, wo das Mädchen mit dem Frühstück bleibt,« sagte sie und eilte hinaus, um die beiden allein zu lassen. Melanie erhob sich von ihrem Stuhl, stieg von der großen Kiste herunter, die beim Malen als Podium diente, und trat nun ihrerseits ans Fenster, um in die funkelnde Ferne hinauszuschauen. »Es wird herrlich werden,« rief sie. »Einen schöneren Tag hätten wir uns gar nicht wünschen können!« Da trat Hans Joachim dicht hinter sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Und das Schönste an diesem Tage werden Sie wieder sein, Melanie.« Sie blickte ihm lächelnd in die Augen und sagte: »Schämen Sie sich nicht, Herr Baron? Sie sind ja ein ganz gewöhnlicher Schmeichler!« Sie hatte den Zeigefinger drohend erhoben. Er griff nach ihrer Hand, drückte sie warm in seinen beiden und versetzte: »Nein, das wahrhaftig nicht – aber ein ganz gewöhnlicher Mensch bin ich freilich, mit ganz gewöhnlichen Leidenschaften!« »O! O! Das sollten Sie mir nicht eingestehen!« versuchte Melanie zu scherzen, um ihre wachsende Verlegenheit zu verdecken. »Wo soll denn da der Respekt hinkommen, Verehrungswürdigster?« »Auf den Respekt will ich gern verzichten,« erwiderte er rasch, »wenn ich dafür etwas.... Trauen Sie mir wirklich nicht zu, daß ich eifersüchtig sein kann?« »Eifersüchtig? O, ich bitte Sie! Auf wen denn? Bin ich nicht stets unter Ihren Augen? Sie wissen doch, daß ich niemand bevorzuge! Oder finden Sie mich vielleicht kokett? Haben Sie irgend etwas bemerkt, weshalb Sie glauben, als mein gestrenger Vormund einschreiten zu müssen?« »Nicht wieder diesen Ton – ich bitte Sie, Melanie! Die Zeiten sind vorüber, wo ich mich so erhaben fühlte über die liebenswürdigen Thorheiten des kleinen Mädchens. Sie müssen es doch sehen und fühlen, daß ich nicht mehr der Alte bin. Es ist doch eigentlich eine Schande, daß ich immer noch hier herumlungere, faul wie ein englischer Gentleman von Beruf. Ich glaube, man hat mich hier schon im Verdacht, daß ich mir durch fleißiges Soupieren, Tanzen und so weiter ein Ritterkreuz und den Titel Kammerjunker verdienen will.« »O, ich bitte Sie! Man weiß doch, wie unentbehrlich Sie sich dem Erbgroßherzog gemacht haben und ... da ist es doch ...« »Der allerhöchste Wunsch muß mir Befehl sein,« fiel er, bitter lächelnd, ein. »Das wollten Sie sagen, nicht wahr? Ach, Melanie, Sie sind ja viel zu klug, als daß Sie meine Schwache nicht längst durchschaut haben sollten! Und was den Erbgroßherzog anbetrifft – glauben Sie mir: ich bin ihm sehr entbehrlich!« Melanie trat vom Fenster weg und setzte sich auf die niedrige Seitenlehne eines breiten Diwans, der nicht weit davon stand. »Ich glaube, Sie verkennen ihn,« sagte sie in ein wenig verweisendem Tone. »Wir sprachen noch neulich von Ihnen, und ich versichere Sie – er hängt an Ihnen mit solcher Bewunderung, mit solcher Freundschaft! Er ehrt Ihre radikalen Anschauungen, trotzdem er doch eigentlich als Thronfolger ... nicht wahr? Er sagte, er wüßte wohl, daß Sie nicht zum Herrendienst geschaffen seien, daß er kein Recht hätte, Sie zu halten ...« »Ja, das hat er mir auch in letzter Zeit mehrfach gesagt,« unterbrach er sie, kurz auflachend. »Aber ich habe mich taub gestellt gegen den deutlichen Wink!« »Nein, das ist nicht hübsch von Ihnen, Hans Jochen!« rief Melanie, indem sie ihre großen Augen vor seinem unruhig flackernden Blicke niederschlug. Mit den Ringen an ihren schlanken Fingern spielend, nahm sie dann, als er, ohne etwas zu erwidern, sich seufzend abwandte, wieder das Wort: »Sie wollen damit sagen, daß Sie fürchten, die Liebenswürdigkeiten, die Seine Königliche Hoheit an mich verschwendet, könnten meinem Herzen gefährlich werden. Fürchten Sie das wirklich? Ach Gott! Ich sehe wohl, Sie halten mich immer noch für ein ganz dummes kleines Mädchen!« »Nein, das thue ich nicht! Nein, wahrhaftig nicht, Melanie!« rief er, indem er sich dicht neben ihr auf dem Diwan niederließ und ihre beiden Hände in die seinen nahm. »Aber sehen Sie, es wäre doch nur ganz natürlich, wenn diese feurigen Huldigungen eines Prinzen – eines Thronfolgers noch dazu – Ihrer Eitelkeit in einem Grade schmeichelten, daß Sie ...« Sie unterbrach ihn lebhaft: »Ja, das thun sie auch! Sie närrischer Mensch, wollen Sie es mir etwa zum Vorwurf machen, daß ich mit meinen neunzehn Jahren noch ein bißchen eitel bin? Ich gestehe Ihnen offen, es macht mir ein ganz ungeheures Vergnügen, zu empfinden, zu hören, zu sehen, daß man mich hübsch findet, daß man mich gerne leiden mag, daß man sich ein Vergnügen daraus macht, mich recht tüchtig zu verziehen. Na, und daß gerade ein Erbgroßherzog an der Tête meiner Anbeter marschiert, das macht mir wirklich ein ganz kindisches Vergnügen – Sie mögen mich gern deswegen auslachen! Denken Sie doch, wie nett das sein wird, wenn ich einmal eine Frau in gesetzten Jahren bin und mein Georg Friedrich als Großherzog stolz auf seinem Throne sitzt – haha ... wenn ich dann seufzen kann: Ach Gott, ja! Als wir noch jung waren, Serenissimus und ich!« Sie schloß ihre kleine Rede mit einem glockenhellen Lachen und wollte ihre Hände aus den seinen lösen, um ihren Platz zu verlassen; aber er hielt sie fest und zog sie wieder auf die Sofalehne zurück, indem er seufzend begann: »Sie würden also wohl dem Manne sehr böse sein, der es wagen wollte, Sie schon jetzt aus dieser lustigen Gegenwart herauszureißen und Ihnen eine Zukunft zu bieten, die vielleicht nur Grau in Grau ... ja, Melanie, ich kann es nicht länger in mir verschließen, es drückt mir das Herz ab – ich bin rasend eifersüchtig – weil ich dich allein besitzen möchte – weil ich dich liebe, Melanie! – Mehr als alles in der Welt liebe ich dich, du Schöne, du Kluge, du ... ich bin toll und trunken ... hörst du, Melanie, ich liebe dich!« Er zog die tief Erglühende halb zu sich herab und drückte einen Kuß auf ihre heiße Wange. »Hans Jochen ... ach! ... was thun Sie!« Sie machte sich rasch, doch mehr verwirrt als gekränkt, von ihm los und eilte nach der Thür des Ateliers. Er war mit ein paar Schritten an ihrer Seite und hielt sie wieder fest: »Bleibe, Melanie!« rief er mit bebender Stimme. »Ich kann nicht langer warten, ich muß dich heute fragen! Bist du mit denn böse, daß ich es gewagt habe? Kannst du mich nicht lieben?« Sie besann sich ein kleines Weilchen, und dann reichte sie ihm beide Hände hin, sah ihm frei und ernst in die Augen und sprach: »Ich habe dich ja immer lieb gehabt, Hans Jochen, von klein auf – aber nicht so! Es kommt mir so überraschend ... ich weiß selbst nicht ... laß mir Zeit, daß ich mich fassen kann – ich ... siehst du, ich kann dich doch nicht anlügen, und augenblicklich weiß ich wirklich die Wahrheit über mein Herz noch nicht! Wir sind ja so gute Freunde, nicht wahr? Wir können uns doch Zeit lassen?« Auf der Treppe hörten sie ganz nahe den ungleichen Schritt der kleinen Malerin. Sie ließen sich los, und er trat vor die Staffelei, während sie rasch zum Fenster lief, um ihr heißes Gesicht gegen die kalten Scheiben zu drücken. Viertes Kapitel. Handelt von Schlittenrecht und anderem Unfug mehr. Um zwei Uhr des Nachmittags setzte sich von dem großherzoglichen Residenzschlosse aus die lange Reihe der Schlitten in Bewegung, welche die eingeladenen Gäste nach dem etwa zwei Meilen entfernten Lustschlößchen Monrepos entführen sollten. Eine große Schar neugieriger Residenzler hatte sich vor dem Schlosse versammelt und harrte in respektvoller Geduld des Aufbruchs der glänzenden Gesellschaft, von welcher für diesen besondren Zweck die ältesten Jahrgänge der Unvermählten, sowie die Eltern erwachsener Kinder ausgeschlossen waren. Die Einladungen waren namens des Erbgroßherzogs und der Prinzessin Eleonore ergangen – es sollte eben ein Fest der Jugend für die Jugend werden, und der aufmerksame Beobachter der paarweise in eignen oder vom Hofe zur Verfügung gestellten Schlitten herbeieilenden Gäste mochte wohl zu dem Schlusse kommen, daß für die eingeladenen Herren das vierzigste, für die Damen das dreißigste Lebensjahr als Altersgrenze angenommen worden sei. Es konnte daher nicht fehlen, daß das Erscheinen der Prinzessin Georgine, welcher der Gothaische Hofkalender mit rücksichtsloser Genauigkeit zweiundvierzig Sommer zumaß, ebenso wie die Beteiligung des Geheimen Medizinalrats Professor Doktor Cordell zu allerlei stacheligen Mutmaßungen und gekicherten Erklärungen Veranlassung gab. Auch unter den Teilnehmern an dem Ausflug selbst erregte die überraschende Anwesenheit dieser würdigen Herrschaften nicht geringe Heiterkeit, wenngleich der Flügeladjutant Prinz Usingen die offizielle Erklärung dieser auffälligen Inkonsequenz mit möglichst ernsthafter Miene dahin abgab, daß man die Gemüter ängstlicher Mütter durch Anstellung einer zweifellosen Anstandstante zu beruhigen und den bei Schlittenfahrten so beliebten Unglücksfällen durch Mitnahme einer gleichfalls zweifellosen ärztlichen »Autorität« vorbeugen zu müssen geglaubt habe. Unter Führung von zwei Spitzenreitern im Kostüm des Zeitalters Ludwigs XVI. und unter Eskorte sämtlicher vier Kammerhusaren und noch einiger weiterer Reitknechte setzte sich der glänzende Zug pünktlich zur angegebenen Stunde in Bewegung. Aus der historischen Abteilung des großherzoglichen Wagenparkes waren einige Prachtstücke von Rokokoschlitten hervorgeholt und für diese Gelegenheit in stand gesetzt, ja sogar neu vergoldet worden. Der erste Schlitten, in welchem Georg Friedrich mit seiner Schwester saß, stellte einen goldnen Schwan mit sanft geblähten Flügeln dar; das zweite Prachtstück eine Muschel, aus welcher sich vorn mit nacktem Oberkörper eine jugendliche Frauengestalt emporreckte, auf deren hoch erhobenem rechten Arm sich ein paar Tauben niedergelassen hatten – also wohl so eine Art Geburt der Venus im Zopfgeschmack, In diesem kosigen Gefährt hatte sinnigerweise Prinzessin Chochotte Platz genommen, und an ihre erlauchte Seite war der Adjutant des Erbgroßherzogs, der niedliche Husarenlieutenant Graf Bracke, befohlen worden. Dann folgte im eignen Schlitten, den zwei prachtvolle Schimmel zogen, über deren Rücken sich eine blau- und orangegestreifte seidene Decke blähte, Prinz Usingen mit seiner schönen jungen Gemahlin. Auch von den übrigen zwölf Schlitten stammten noch mehrere aus der fürstlichen Remise; unter dem Rest waren, da sich unter der Hofgesellschaft nur sehr wenige reiche Leute befanden, welche sich den Luxus eines eleganten Schlittens gestatten konnten, mehrere Lohnfuhrwerke und sonstige wenig aristokratische Fahrzeuge vertreten, was aber die gute Laune ihrer Insassen keineswegs beeinträchtigte. Das gesunde Karmin, das aller Wangen, der Lieutenants wie der jungen Damen, heute so gleichmäßig frisch erscheinen ließ, stammte offenbar aus dem gemeinsamen Schminktopfe freudiger Erwartung. Unter den Insassen der Hofschlitten fielen als besonders hübsche Paare noch auf: das Fräulein von Katz an der Seite des schönen Medizinalrats, und Melanie von Treysa an der Seite des braungebrannten Orientreisenden Baron Kospoth. Man hatte absichtlich junge Ehepaare, Geschwister, Verwandte und unverdächtige gute Freunde zusammengepaart, um nicht etwa die moralische Entrüstung des soliden Bürgertums herauszufordern – für die Rückfahrt im Dunkeln plante man dagegen heimlich ganz andre Dinge. Mit lustigem, hellem Geklingel jagte der glänzende Schlittenzug durch den Park, um dann, langsamer bergaufklimmend, an der Hofjägerei vorbei, die Chaussee zu erreichen, welche nach Monrepos hinausführte. Die anfängliche Fahrordnung löste sich bald genug auf, da die brauen Mietgäule nicht gar lange mit den feurigen Trabern des fürstlichen Marstalles Schritt zu halten vermochten. Aber das übermütige Wettfahren erhöhte nur das Vergnügen, und zwischen den dunkeln Tannenwänden des Forstes, durch den die Fahrt der letzten halben Stunde ging, hallten die anspornenden Zurufe, das Lachen und Schwatzen nur um so fröhlicher wieder. Man legte die zwei Meilen in kaum mehr als einer Stunde zurück und langte vor dem Lustschlößchen an, als eben der matt glühende riesige Sonnenball sich anschickte, hinter die dunkelblaue Wand der Bergkette im Westen niederzusinken. Die zuerst Angekommenen stellten sich vor der Einfahrt auf, um, dem Beispiele der fürstlichen Herrschaften folgend, die Nachzügler mit einem Schnellfeuer von Schneebällen zu empfangen, wofür jene sich beeilten, Rache zu nehmen, so daß, als alle beisammen waren, ein wildfröhliches Kampfgetümmel auf dem tief verschneiten Rasenplan vor dem Schlößchen toste. Seine königliche Hoheit der Erbgroßherzog nahm es gar nicht übel, als ihm Wally von Katz durch einen wohlgezielten Wurf die Pelzmütze vom Kopfe schleuderte, und selbst Prinzessin Chochotte samt ihrem weißbärtigen Leibmedikus, welche beiden allein sich von dem Kampfgetümmel fernhielten, wurden hin und wieder von einem verirrten Geschoß getroffen und sahen sich genötigt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Hier und dort wurden sogar in ganz homerischem Stile Einzelkämpfe ausgefochten, wobei die Herren allerdings galant genug waren, sich absichtlich den ungeschickten Würfen der Damen auszusetzen und mit ihren besser gezielten Geschossen den erbitterten Amazonen so wenig Schaden zuzufügen wie nur möglich. Auch Melanie von Treysa, welche durch das Erlebnis des Vormittags ernst gestimmt und unterwegs mit erklärlicher Befangenheit den Jugendfreund die Kosten der Unterhaltung fast allein hatte bestreiten lassen, auch sie wurde bald von dem lachenden Uebermute der andern angesteckt und beteiligte sich mit glühendem Eifer an dem lustigen Scharmützel. Vornehmlich lieh sie der Prinzessin Eleonore kräftigen Beistand, die es ganz besonders auf Hans Jochen abgesehen hatte. Er war schon recht übel zugerichtet, als sein fürstlicher Freund und Gönner ihm dadurch zu Hilfe kam, daß er einen Angriff auf Melanie eröffnete und dieser dadurch die Verfolgung des fliehenden Gegners unmöglich machte. Die Prinzessin dagegen, welche heute mit ihren frischen Farben wirklich sehr hübsch aussah, verfolgte Kospoth bis hinter das Schloß, wo er sich ihr endlich zu Füßen warf, um sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Viel lieber hätte sie es freilich gesehen, wenn er, allen Respekt beiseite setzend, von dem Recht des Stärkeren Gebrauch gemacht hätte. Sie hatte es sich so hübsch gedacht, wie sie in mädchenhafter Angst vor ihm niederknieen und mit sprechendem Augenaufschlag um Gnade bitten wollte! Nun aber benahm er sich nur, wie sich jeder beliebige Höfling, der da weiß, daß es gefährlich ist, mit Fürstlichkeiten zu scherzen, auch benommen hätte. Er ließ sich willig von ihr die Hände mit ihrem Taschentuch zusammenbinden und als Gefangenen zu den übrigen zurückführen – ja, er versäumte es sogar, sich ihre zarte Fessel als Andenken auszubitten! Die hereinbrechende Dämmerung machte der Schlacht ein Ende, und man beeilte sich nun, den erkämpften Hunger an den guten Dingen zu stillen, welche das vorausgeschickte Küchenpersonal mitgebracht und da drin im Schlößchen zu einem gar leckeren Stillleben aufgebaut hatte. Man speiste an kleinen Tischen, zu höchstens vier Personen in den behaglich durchwärmten Räumen des oberen Stockwerkes, wobei die Kavaliere selbst die Speisen für ihre Damen vom Büffett herbeiholen mußten. Dann ging es hinunter in den geräumigen Gartensalon, den freilich die beiden Kamine mit dem lodernden Klobenfeuer darin nicht allzusehr zu erwärmen vermochten, welchem Uebelstande man dadurch abzuhelfen suchte, daß man zur inneren Erwärmung fleißig Punsch und heiße Fettkräpfel herumreichen ließ. Mit besondrem Jubel wurde die drollige Ueberraschung aufgenommen, die der Erbgroßherzog, seinen Gästen dadurch bereitete, daß er eine ganz echte Bauernkapelle aus dem nächstgelegenen Dorfe hierher bestellt hatte, um den hohen Herrschaften zum Tanze aufzuspielen. Diese Banda nazionale setzte sich zusammen aus zwei Geigen, einer greulich quietschenden Klarinette, einer grausam verstimmten Trompete, einer Posaune und einem dreisaitigen Kontrabaß. Aber die frische Winterluft hatte die Nerven des jungen Volkes dermaßen gestählt, daß ihnen das ohrenzerreißende Gelärm dieser plebejischen Musik ein ganz außerordentliches Vergnügen bereitete. Es wurde in dem verhältnismäßig beschränkten Raume mit einer bei Hofe wohl kaum je gesehenen Ausgelassenheit und Unermüdlichkeit getanzt; selbst der Geheime Medizinalrat that es heute dem jüngsten Lieutenant gleich und mußte lachend zugeben, daß er gegen die gefährlichen Folgen der nassen Füße, die man sich vorhin geholt, kein wirksameres Mittel als dieses energische Tanzvergnügen hatte empfehlen können. Zum Schlusse des ländlichen Balles improvisierte der geniale Vortänzer, Graf Bracke, einen Kotillon ohne alle Apparate, der aber darum nur um so größere Heiterkeit erregte. Der Zufall der letzten Tour sollte zugleich die Frage der Gruppierung auf dem Heimwege entscheiden. Der Erbgroßherzog mußte das Schicksal spielen und blindlings den Damen, welche Graf Bracke der Reihe nach aufmarschieren ließ, ihre Herren zuweisen. Das Ergebnis dieser blinden Wahl gesellte der Prinzessin Eleonore den Baron Kospoth, der Prinzessin Georgine den schönen Professor, und den Thronfolger selber dem zuletzt aufgeführten Fräulein von Treysa. Diese merkwürdige Feinfühligkeit des Zufalls konnte natürlich nicht verfehlen, etliches Mißtrauen zu erregen, und selbst die unschuldige Miene des kleinen Bracke vermochte die Zweifler nicht zu überzeugen. Freilich wäre jeder der anwesenden Herren sehr gerne mit der schönen Melanie gefahren – aber die andern jungen Damen waren ja auch recht nett, und so fügte man sich denn allerseits mit heitrer Miene der Laune des Zufalls, welcher gegen die geheimen Wünsche der fürstlichen Herrschaften eine so eigentümliche Zuvorkommenheit bewiesen hatte. Wenn irgend jemand, so war Kospoth fest davon überzeugt, daß der Erbgroßherzog das Spiel mit seinem Adjutanten abgekartet hatte, und die Eifersucht trieb ihm heiße Blutwellen ins Gehirn bei dem Gedanken, in wie enger Gemeinschaft die Geliebte sich nun gleich unter den goldnen Flügeln des Schwans mit dem verliebten Prinzen befinden würde, dessen stürmische Sinnlichkeit er auf der Reise genugsam zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Er benutzte die erste beste Gelegenheit, um sich an Melanie heranzudrängen und ihr erregt zuzuflüstern: »Das wird gefährlich, Melanie! Denke daran, daß ich mich vor Eifersucht verzehre!« »Sie sind aber heute wirklich langweilig, Hans Jochen!« versetzte das schöne, vor übermütiger Jugendlust wahrhaft strahlende Mädchen ganz ärgerlich und so laut, daß die Zunächststehenden es hören konnten. Das Fräulein von Katz hatte auch sehr wohl die unheimlich funkelnden Augen und das verräterische Spiel der Muskeln in Kospoths erregtem Gesicht beobachtet. Sie ergriff ihn zutraulich am Arme, als er sich anschickte, die Gruppe zu verlassen, und raunte ihm zu: »Hören Sie mal, lieber Baron, mit dieser Jammermiene dürfen Sie sich aber durchaus nicht zu meiner gnädigsten Herrschaft in den Schlitten setzen! Sie werden doch nicht so ungezogen sein, sie merken zu lassen, daß Sie lieber mit Melanie von Treysa gefahren wären? Ich kann Ihnen ganz im Vertrauen verraten, daß die Prinzessin sehr glücklich ist, daß gerade Sie ihr zugefallen sind. Und wenn Sie mal ein bißchen keck sein möchten – es wäre wahrhaftig höchste Zeit! Die Treysa hat wirklich recht, Sie sind schrecklich langweilig, Herr Professor.« Der Tumult des Aufbruchs ersparte Hans Joachim die Verlegenheit, antworten zu müssen. – – Mit Pechfackeln ausgerüstet stand die reitende Eskorte in Linie vor dem Schlosse aufmarschiert, um den Herrschaften beim Einsteigen zu leuchten. Es war ein phantastisches Bild von seltsam malerischer Wirkung, wie sich von den hoch erhobenen Pechfackeln der buntgekleideten Reiter die schwarze Rauchwolke kraus zusammenballte, sich rückwärts in einiger Entfernung herabsenkte auf den gespenstisch leuchtenden Schnee, um sich endlich zwischen den dunkel aufragenden Baumstämmen des Schloßparkes zu verkriechen – wie der Wiederschein des gelbrot schwälenden Feuers auf der Schneedecke hin und her huschte, seltsame, tanzende Lichtbilder darauf werfend – und wie dieses unheimliche feierliche Licht all die lachenden, lustigen Menschen, die aufgeregten Pferde, die bereits ungeduldig den bunten Federschmuck ihrer Köpfe schüttelten und ihre Schellen klingeln ließen, mit seinem roten Dunstschleier umhüllte, aus welchem nur die Rückstrahlungen besonders hervorspringender Teile des vergoldeten Zierats wie der metallenen Beschläge am Geschirr hell flimmernde Sterne auftauchen ließen. Die Führung übernahm auch auf dem Rückwege wieder der Schwanenschlitten des Erbgroßherzogs, der mit zwei feurigen Isabellenhengsten bespannt war. Ihm folgte als zweiter ein gleichfalls noch dem vorigen Jahrhundert entstammender Hofschlitten, in welchem die von dem anstrengenden Tanz und ungewohnten Punschgenuß stark erhitzte Prinzessin Chochotte mit ihrem gelehrten Kavalier Platz genommen hatte, und erst als dritter in der Reihe der Venusschlitten, welchen diesmal Prinzessin Eleonore mit dem Baron Kospoth inne hatte. Graf Bracke hatte die kleine Katz zur Partnerin, Prinzessin Usingen den jüngsten Lieutenant der Garnison zum Kavalier erhalten, der der stattlichen, hohen Frau nur eben bis an die Schulter reichte und sich an ihrer Seite, von ihr sorgsam in das Eisbärenfell miteingewickelt, mit seinen glatten roten Wangen wie ein recht gesundes Riesenbaby ausnahm. Und so ging es fort in ergötzlich launischer Paarung bis zum fünfzehnten und letzten Schlitten. Wie sorgsam hatte der galante Erbgroßherzog Melanies kleine Füße in den Pelzsack gesteckt, ihre ganze Gestalt mit Tüchern und Decken warm umhüllt und endlich den üppigen Zobelpelz über ihrer beider Kniee gezogen! Es war so wenig Raum auf dem schmalen Rücksitze des Schlittens, daß sich das Paar notgedrungen eng aneinander schmiegen mußte; zudem konnte Melanie, so fest eingewickelt, wie sie war, in all die kostbaren Hüllen, ihre Gliedmaßen kaum regen und mußte es sich gefallen lassen, daß Georg Friedrich sie wie ein Paket in seine Arme nahm und fest an sich drückte. Die eigentümliche Form des Schlittens brachte es mit sich, daß der rittlings hintenaufsitzende Kutscher die Insassen nicht sehen konnte, da sich die goldnen Flügel des Schwanes über deren Häuptern zu einer Art Baldachin zusammenwölbten. Vor ihren Augen schimmerte matt das Gold des schlangenhaft gewundenen Schwanenhalses, die überlangen Schweife der rosiggelben Rosse ließ der ihnen entgegenblasende Wind oft über den Rand des Schlittens hinwegpeitschen; ihre dreifarbigen Federbüsche flatterten und ihre warme Ausdünstung umhüllte sie mit einer Nebelwolke. Etwa fünfzig Schritte vor ihnen galoppierten die Spitzenreiter, deren düster glühende Fackeln wie die roten Augen einer Lokomotive dem klingelnd dahersausenden Zuge voranleuchteten. Und da waren sie wieder im dunkeln Tannenwald, zwischen dessen schwarzen Wanden der klare Nachthimmel gleich einem Prunkteppich von dunkelblauem Samt, mit silbernen Sternen bestickt, ausgespannt war. Und Melanie von Treysa schaute hinauf zu diesen Sternen und lächelte. Ein stolzes Frohgefühl, das sich sehnte, laut hinaufzujauchzen in die königliche Pracht dieses Himmelszeltes, hob ihr die junge Brust und jagte ihr das Blut rascher denn je zuvor durch die Adern. Sie seufzte tief auf: aber nicht in ängstlicher Befangenheit, zweifelnd an der Wirklichkeit des Märchenzaubers, der so berauschend alle ihre Sinne umfing, sondern im Gegenteil dies alles als etwas ganz Selbstverständliches, als eine ihrer Schönheit zukommende Huldigung empfindend. Sie dachte auch nicht daran, eine wie tiefe Kluft sie von dem Manne trennte, dessen heißer Atem ihre kalten Wangen streifte, dessen glühende Blicke – das empfand sie, obwohl sie zu den Sternen hinaufsah – unverwandt auf ihrem Antlitz ruhten. Sie fühlte sich geboren für den Platz an seiner Seite, und sie hätte sich keinen Augenblick gewundert, wenn diese tolle Fahrt sie geradeswegs zu einer stolzen Kathedrale gebracht und er sie an der Hand zu den Stufen des Hochaltars geleitet hätte, um sie dort krönen zu lassen als seine Königin. Freilich, wenn sie überhaupt im stande gewesen wäre nachzudenken, so hätte sie sich ausgelacht wegen solcher kindlichen Phantasieen – aber sie dachte eben gar nicht, sie empfand nur voll ihr üppiges junges Leben, die selige Wirklichkeit des Gegenwärtigen – und alles war so ungemein einfach und selbstverständlich! »Ich fordre nun mein Schlittenrecht,« flüsterte Georg Friedlich ihr ins Ohr. Bei dem Sausen des Windes, bei dem hellen Silbergeläute hatte sie ihn nicht verstanden, aber sie wandte ihre glänzenden braunen Augen von den Steinen zu ihm und blickte lächelnd zu ihm auf. Da fühlte sie plötzlich seine Lippen auf den ihren. Sie wußte nicht, wie ihr geschah – doch auch dies war so selbstverständlich – es mußte wohl zu dem übrigen so dazu gehören! Und sie duldete es ohne Widerstand, daß in langem, heißem Kusse sein Mund sich an dem ihren festsog. »Ich liebe dich, Melanie! Dazu mußte ich die Welt durchreisen, um dich hier im heimischen Walde zu finden, mein süßes Kleinod! – Ich bin dein, du bist mein – du hast deinen kleinen Fuß auf meinen Nacken gesetzt – es ist gut so; laß mich so liegen, das Haupt vor dir in Demut gebeugt – ich bin dein Sklave, du Herrliche ...« Und der Prinz berauschte sich an seinen eignen schönen Worten, flüsterte und stammelte immer weiter. Alles, was von poetischer Einbildungskraft in seiner empfänglichen Seele schlummerte, wurde wach in dieser seligsten Stunde seines Lebens und fand ungesucht einen Ausdruck, wie er dem frivolen, verwöhnten jungen Manne bisher niemals eigentümlich gewesen war. »Hast du es denn nicht auch gefühlt, Mädchen, vom ersten Augenblicke an, daß wir füreinander bestimmt sind? – Liebst du mich – sprich, Melanie, sage doch: liebst du mich nicht auch?« Sie fand keine Antwort; halbverstanden nur klangen die berauschenden Worte des Prinzen ihr ins Ohr, gleichsam als tiefere Goldtöne sich abhebend aus dem silbernen Klingklang des Schellengeläutes, das mit seinem lieblichen Gekicher die kalte, schweigende Nacht so lustig belebte. Sie sprach kein Wort, sondern wischte nur immer wieder in traumverlorenem Lächeln nach jedem seiner Küsse die Tauspuren seines Schnurrbartes mit der weißen Federboa von ihren Wangen und Lippen. – – – In dem Venusschlitten dagegen war es die Dame, welche fast ausschließlich die Unterhaltung führte; denn es wollte dem armen Hans Jochen durchaus nicht gelingen, seiner selbstquälerischen Verbitterung Herr zu werden und sich zur Erfüllung seiner Ritterpflicht zu zwingen. Die Prinzessin begann von der Schönheit dieser Nacht zu schwärmen – er pflichtete ihr einsilbig bei. Sie beklagte in elegischem Tone das Los eines auf dem Throne geborenen Mädchens, dem es so selten vergönnt sei, rein menschliche Freuden nach Herzenslust harmlos zu genießen. Er entdeckte nicht den tieferen Sinn, den sie in ihren Worten versteckte, und fand als Erwiderung nur gleichgültige Redensarten. Sie fing an von ihrem Bruder zu sprechen und von dem tiefen Eindruck, den das schöne Fräulein von Treysa auf sein Herz gemacht habe – da verstummte er gänzlich. Nun gab sie endlich ihr fruchtloses Bemühen auf, flüsterte, in sich zusammenschauernd: »Es ist doch bitter kalt!« und dann lehnte sie sich, ihren Pelzmantel fester um sich raffend, zurück und schloß die Augen. Auch Kospoth drückte seine brennenden Lider zu und begann zu träumen. Vor seinem Blicke erschien die kleine fünfjährige Melanie, wie er sie auf sein Pony gehoben hatte und mit ihr im Parke von Treysa herumgetrabt war. Und dann sah er das reizend knospende junge Mädchen mit seiner raschen, anmutig tappigen Beweglichkeit, wie es zu den Weihnachtsferien aus der Dresdener Pension nach Hause gekommen, und sich selbst als hochgelehrten Studenten in höheren Semestern, der mit so lächerlichem Ernste beflissen war, ihre kindlichen Einbildungen zu zerstören und von allem Menschenthun, das sie bislang bewundert hatte, den Schleier wegzuziehen. Und endlich durchlebte er wieder den Augenblick des Wiedersehens bei Hofe und fühlte noch einmal das ganz wunderbar schnelle Wachstum seiner Liebe im rasch klopfenden Herzen nach, und in seiner lebhaften Einbildungskraft gestaltete er sich das Ende dieses Tages, von dem er so viel des Glückes erwartet hatte, so aus, wie er es sich auf dem Hinweg erträumte. Er wand seinen Arm um die Schultern der Geliebten, die sich so warm an seine Seite schmiegte, und dann – preßte er den ersten Kuß bräutlicher Liebe auf ihre ihm halbgeöffnet entgegenschmachtenden Lippen ... »Mein Gott! was haben Sie gethan?« seufzte die Prinzessin, indem sie sich sanft seinen Armen entwand. »Wenn das der Kutscher gesehen hat!« flüsterte sie, sich wieder zu ihm beugend, und sah ihn dabei mit so beglückter Befangenheit von der Seite an, daß er wohl merken mußte, wie wenig ernst es ihr mit ihrem Vorwurfe sei. Hans Joachim riß ganz erstaunt seine Augen auf und konnte kaum begreifen, wie er zu der Kühnheit gekommen war, die Prinzessin zu küssen. »Verzeihung, Hoheit – ich glaubte ... das Schlittenrecht ...« Da gab es plötzlich unmittelbar vor ihnen ein lautes Knacken und Krachen, gefolgt von dem angstvollen Gekreisch einer Frauenstimme. Bei einer scharfen Biegung des Weges war der Schlitten der Prinzessin Georgine ziemlich unsanft gegen einen Baumstamm geschleudert worden, wobei die altersschwache Kufe zerbrach und bei dem plötzlichen Umkippen nach der äußeren Seite sowohl die gewichtige kleine Prinzessin wie der ehrwürdige Geheime Medizinalrat in den tiefen Schnee des Chausseegrabens geflogen waren. Der Kutscher war höchst unsanft mit der Nase gegen den hohen Rand des Schlittens gestoßen, hatte sich aber noch im Sattel zu halten vermocht und die Zügel nicht aus der Hand gelassen. Alle die nachfolgenden Schlitten machten natürlich an der Unglücksstätte Halt und die Herren sprangen heraus, um den beiden Beistand zu leisten. Doch als die qualmenden Fackeln der Reitknechte den mit dem Kopf voran im Schnee steckenden und sich mühsam herausarbeitenden Professor, sowie die verstörten Antlitzes wie ein verängstigtes Hühnchen im Graben sitzende Prinzessin beleuchteten, und als man sie endlich beide wieder auf die Beine gestellt und sich versichert hatte, daß sie sich nicht den geringsten Schaden gethan hatten, da war es niemand mehr möglich, seine Heiterkeit im Zaume zu halten. Unter unauslöschlichem Gelächter und Gekicher, in das die beiden Unglücksgefährten schließlich selbst mit einstimmen mußten, wenn sie ihre Verlegenheit nicht noch verschlimmern wollten, wurden sie getrennt in zwei der geräumigeren Mietsschlitten untergebracht. – »Wo ist denn mein Bruder geblieben?« fragte die Prinzessin Eleonore erstaunt, als sich der Zug wieder in Bewegung setzte und sie nun ihren Venusschlitten an der Spitze sah. Kospoth blickte erschrocken um sich – der goldne Schwan war samt den beiden Spitzenreitern im Dunkel der Nacht verschwunden! Auch der Erbgroßherzog hatte das Krachen und Kreischen hinter sich sehr wohl vernommen, aber alsbald dem Kutscher Befehl gegeben, scharf zuzufahren und sich um nichts zu kümmern. Kaum zehn Minuten später langte sein Schlitten vor der Hofjägerei an. Dort half er Melanie aus ihren warmen Hüllen heraus und geleitete sie die Treppe hinauf. Der Kammerherr Baron von der Rast hatte das nahende Geklingel gehört und war eiligst zum Fenster gelaufen, um den Zug vorbeikommen zu sehen. – Jetzt stand er, mit der Lampe in der Hand, oben auf der Treppe und leuchtete, mit faunischem Lächeln sich tief verneigend, seinem gnädigsten jungen Herrn und dessen holder Gefährtin entgegen. Fünftes Kapitel. Handelt von Herbsttrieben, Hof-, Stadt- und Coulissenklatsch. Frau Thea Lindner, die altbewährte Primadonna des großherzoglichen Hoftheaters, empfing heute ihren hohen Freund und Gönner, den Grafen Worbis, in einem sehr kleidsamen Schlafrock mit weiten Aermeln. Als der Oberhofmarschall zu seiner gewohnten Stunde, des Nachmittags um fünf Uhr, eintrat, lag die verdiente Sängerin auf der Chaiselongue in ihrem kleinen Boudoir, vorteilhaft beleuchtet von dem gedämpften Lichte der rotumschirmten Lampe, ungefähr in der Stellung der schlafenden Ariadne, die berühmten klassischen Arme, von denen die weiten Aermel zweckentsprechend zurückgeglitten waren, anmutig über dem Haupte verschränkt. »Ah, meine liebe Excellenz!« rief sie mit matter Stimme dem Eintretenden entgegen, richtete sich halb auf und setzte vorläufig einen Fuß auf den Boden, wobei außer diesem nicht üblen Fuße auch noch ein ansehnliches Stück eines nicht eben zarten, aber wohlgepflegten, d. h. feinbestrumpften Beines, zum Vorschein kam. »Ach, meine liebe Excellenz, Sie entschuldigen wohl, wenn ich Sie so empfange! Es ist mir unmöglich gewesen, heute Toilette zu machen. Mein Nervensystem ....« »O, Sie befinden sich nicht wohl, verehrteste Frau?« rief Graf Worbis mit besorgter Miene. »Bitte, bitte, bleiben Sie nur liegen, derangieren Sie sich meinetwegen nicht! Sie haben gewiß wieder Alterationen gehabt?« »Ach ja!« seufzte Frau Thea, indem sie mit einer lächelnden Duldermiene in ihre Ariadnelage zurückkehrte. »Diese intrigante Person, die Bolandt, hat mir wieder einmal einen Streich gespielt, den mein Nervensystem wohl nicht so bald verwinden wird.« »Ah, wirklich! Sie hat wieder gewagt ...? Ja, ja, die Gunst unsres guten Baron Camp hat dieser Dame einen gewissen Aplomb verliehen in ihrer Anmaßung, die in der That ... o meine arme, schöne Freundin! erzählen Sie doch, was hat man Ihnen angethan?« Der Graf rückte sich einen niedrigen Polstersessel an das Ruhelager seiner Schönen und wagte seinem Mitgefühl durch leises Streicheln der berühmten klassischen Arme Ausdruck zu geben. Frau Lindner aber erhob die Augen in schmerzlicher Anklage gen Himmel und begann: »Denken Sie also, gestern bringt mir der Theaterdiener ein Schreiben von der Intendanz – nicht einmal ein Handschreiben des Barons, sondern ganz einfach einen büreaukratischen Erlaß, worin mir mitgeteilt wird, daß man, um mich in meiner anstrengenden Thätigkeit zu entlasten, die jugendliche Partie der Senta für diese Saison dem Fräulein Bolandt anvertrauen wolle; der Theaterdiener hatte Auftrag, die Noten sofort mitzunehmen. Was sagen Sie dazu, Excellenz? Die jugendliche Partie der Senta! Das »jugendliche« war sogar malitiöserweise unterstrichen – als ob für diesen Holländer, der doch mindestens schon sein fünfzigjähriges Jubiläum als Schiffskapitän gefeiert hat, die Senta durchaus ein so unreifes Ding sein müßte, das kaum die Eierschalen abgeworfen hat! Sie werden meine Erregung begreifen, mein teurer Freund! Ich sagte dem Theaterdiener mit einem flammenden Blicke, daß ich mir erlauben würde, die Partie persönlich in die Hände des Intendanten zurückzulegen. Ah, Sie hätten sehen sollen, in welcher Verwirrung der elende Sklave sich zurückzog! Ich suchte den Baron noch gestern nachmittag in seiner Wohnung auf – er ließ sich feige verleugnen! Aber heute morgen habe ich mich zur Geschäftsstunde in sein Bureau verfügt. Und wer saß dort auf dem Rande des Tisches und schlenkerte mit den Füßen? Natürlich die Bolandt! O, diese Person hat die Manieren eines Meerschweinchens – aber natürlich, ihr zuliebe hat der Herr Intendant nichts dagegen einzuwenden, daß man sich in dem Intendanturbüreau des großherzoglichen Hoftheaters aufführt, wie in dem Sprechzimmer eines Schmierendirektors! Und die Person bemühte sich gar nicht einmal vom Tische herunter bei meinem Eintritt. Sie nickte mir gnädig zu – einen Hut hatte sie wieder auf, von einer Geschmacklosigkeit, sage ich Ihnen – echt! Ich sah sie selbstverständlich gar nicht. ›Ah, verehrte Frau, Sie bemühen sich selbst?‹ rief mir der Baron zu. ›Nicht wahr, Sie haben doch nichts dagegen, daß ich die Senta unsrer lieben jugendlich dramatischen ...‹ Sie hätten nur hören sollen, wie er das ›jugendlich‹ wieder betonte, aber ich war nicht verlegen um die Antwort: ›Sie scheinen vergessen zu haben, Herr Baron,‹ sagte ich, ›daß eine Bühnenkünstlerin immer genau so alt ist, wie sie aussieht.‹ Darauf wußte er nichts zu erwidern! Schließlich brachte er ganz verlegen heraus: ›Ja, meine Gnädige, Sie verkennen meine Motive vollkommen. Ich gebe gern zu, daß Ihre unverwüstliche Schönheit im Lichte der Rampe die Hälfte ihrer Jahre zu unterschlagen weiß; aber ich glaubte, Ihnen darin entgegenkommen zu müssen, daß ich Ihnen gewisse Anstrengungen erspare, welche Ihnen vielleicht gar gefährlich werden könnten. Sehen Sie, wenn Sie sich als Senta ins Meer stürzen müssen – solche Sprünge dürfen Sie doch wirklich in Ihren Jahren nicht mehr machen.‹ – Sie verstehen, das sollte eine Bosheit sein – und diese Person, die Bolandt, kicherte hinter meinem Rücken in ihr Taschentuch. Ich kochte vor Wut, aber ich nahm mich zusammen und sagte eisig kalt, mit einem vernichtenden Blick auf die Bolandt: ›Es ist sehr freundlich von Ihnen, Herr Baron, daß Sie so besorgt sind um meine persönliche Sicherheit; aber ich darf mir vielleicht erlauben, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich bei allen meinen Sprüngen niemals zu Falle gekommen bin – was selbst gewisse sehr jugendliche Damen kaum von sich zu behaupten wagen dürften.‹ Das war doch gut heimgegeben, nicht wahr? Ah, ich hatte die Genugthuung, diese Komödiantin unter ihrer fingerdicken Schminke erbleichen zu sehen, während ich stolz an ihr vorbei zur Thüre hinausrauschte.« »O, meine teure Frau, was müssen Sie gelitten haben!« warf der hagere Graf mit seiner stets bedeckten Stimme ein. Sie hatte sich während ihrer Erzählung wieder halb aufgesetzt, um ihre Gliedmaßen zur dramatischen Veranschaulichung der geschilderten Vorgänge zur Verfügung zu haben. Der Graf ergriff ihre herabhängende Rechte, um sie erst an sein Herz und sodann an seine Lippen zu drücken. Dann fügte er mit verschmitztem Lächeln noch hinzu: »Ich glaube überhaupt, Sie dürften mit Ihrer letzten Bemerkung den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Ich meine den Fall Bolandt, ähähä!« »Zweifelten Sie vielleicht noch?« versetzte naserümpfend die immer noch schöne Mutter der sechs erwachsenen Kinder. »Das weiß ja die ganze Residenz, in welchem Verhältnis die Person zu dem Herrn Intendanten steht – außer seiner Frau natürlich. Es ist wirklich ein Skandal! Man müßte der Frau Baronin einmal die Augen öffnen, damit sie wenigstens nicht fortfährt, die Geliebte ihres Mannes mit solcher Liebenswürdigkeit in ihrem Hause zu empfangen. Ich begreife übrigens nicht, wie man als Frau eines Theaterintendanten so blind sein kann. Das Mädel singt ja jetzt geradezu alles – eine so blutjunge Anfängerin und die Senta! wer da noch nichts merkt ...!« »Seien Sie nicht grausam, Frau Thea!« bat der Oberhofmarschall. »Die gute Frau von Camp ist etwas – beschränkt, und darum hat sie auch noch Illusionen. Es sind doch die Illusionen, welche das Glück des Lebens ausmachen. Lassen Sie also der guten Frau ihr bescheidenes Glück!« »O, glauben Sie, daß ich mich dazu hergeben würde, die Angeberin zu spielen?« entgegnete Frau Lindner würdevoll. »Bin ich vielleicht eine Klatschbase, die die schmutzige Wäsche ihrer Kolleginnen in den Salons der Gesellschaft wäscht? Unter uns, mein verehrter, lieber Freund, da ist es ja etwas andres, da lacht man ja wohl über so eine pikante kleine Coulissengeschichte. Aber Sie wissen ja am besten, ein wie harmloses Geschöpf ich von Natur bin, wenn man mich nicht gar zu sehr reizt. Und sehen Sie, die Frechheit, die Undankbarkeit dieser Person ... so etwas empört mich in tiefster Seele!« »Pardon! Undankbarkeit?« warf der Graf ein. »Nun ja, ich dachte doch, wenn ein so junges Ding mit so mäßigem Talente der Verliebtheit ihres Chefs alles verdankt, dann könnte sie ihm doch wenigstens treu sein! Aber ich glaube, die Treue ist in dieser Generation überhaupt ausgestorben.« »O, meine teure Frau Thea!« flüsterte der alte Kavalier, indem er den Ärmel ein wenig zurückzustreifen und einen leichten Kuß auf ihren Arm zu hauchen wagte. Sie überließ ihm ihren Arm und fuhr eifrig fort: »Sie erinnern sich doch noch, daß Baron von Camp im Oktober einen Schlaganfall hatte, und seither ist es ja auch mit seiner Gesundheit nicht mehr so ganz gut gegangen. Man sprach sogar davon, daß er beabsichtige, mit Ablauf dieser Saison sein Amt niederzulegen. Die Bolandt, berechnend und rücksichtslos, wie sie ist, fragte sich natürlich gleich: wer dürfte wohl der Nachfolger werden?« »Und da verfiel sie vermutlich auf den Kammerherrn von der Rast?« lachte der Oberhofmarschall. »Der hat es wenigstens schon oft deutlich zu verstehen gegeben, daß er sich berufen fühle, eintretenden Falls unsern Baron Camp zu ersetzen.« »Ganz recht! Das weiß man auch in unsern Kreisen. Bei seinem außerordentlichen Interesse für das Theater ... hahaha!« »Sie Schelm, Sie! ähähä!« »Natürlich hatte die Bolandt nichts Eiligeres zu thun, als beim ersten Lautwerden der Rücktrittsgerüchte ihre Netze nach dem dicken Kammerherrn auszuwerfen.« Sie senkte ihre Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern herab: »Ich weiß positiv, daß sie einen Schlüssel zur Gartenthür der Hofjägerei besitzt. Außerdem zeigt sie sich so vertraut mit den pikanten Geheimnissen dieses großherzoglichen Dienstgebäudes, daß gar kein Zweifel mehr möglich ist. Sie ist nämlich sehr offenherzig, die Bolandt.« Der alte Herr horchte verwundert auf. »Die pikanten Geheimnisse der Hofjägerei? Was wollen Sie damit sagen?« »Aber, Excellenz, sollten Sie allein noch nichts davon gehört haben, wie eifrig sich der Erbgroßherzog für die verwachsene kleine Malerin dort oben in der Mansarde interessiert?« »Allerdings, ich habe davon gehört. Unser Fräulein von Katz machte mich, glaube ich, darauf aufmerksam. Aber ich wüßte nicht. ...« »Glauben Sie wirklich, daß Seine Königliche Hoheit die anspruchslose Kunst der armen Doris so interessiert – oder daß das schöne Fräulein von Treysa so ganz uneigennützig der Unterhaltung der kleinen Malerin so viele schöne Stunden des Tages opfern sollte?« »Ja allerdings, ich weiß, der Erbgroßherzog ist sehr portiert für das schöne Fräulein; aber sie selbst ist so zurückhaltend, so vollkommen ladylike in ihrem Benehmen, daß ich wirklich nicht glauben kann ...« »Wirklich nicht? Glauben Sie wirklich nicht, daß ein so galanter, feuriger Prinz wie seine Königliche Hoheit selbst eine sehr spröde junge Dame der Gesellschaft in ihren Grundsätzen wankend machen könnte? – Vorigen Sonnabend nachmittag war Fräulein Doris von der Rast zu einem Damenkaffee bei der Frau Oberhofprediger eingeladen. Fräulein von Treysa war auch geladen, hatte sich aber damit entschuldigt, daß sich ihre Mutter sehr unwohl fühle. In der Dämmerstunde kommt die Bolandt durch die Gartenpforte und sieht einen Mann auf dem verschneiten Pfade ihr entgegenkommen. Husch! verschwindet sie hinter einem dicken Baumstamm und erkennt in dem Vorübergehenden – Seine Königliche Hoheit!« »Ah! Was Sie da sagen!« »Und oben im Atelier war noch Licht!« »Und das hat Ihnen die Bolandt selbst erzählt?« »O, wie können Sie glauben! Mit der Person wechsele ich selbstverständlich kein Wort. Ich habe die Geschichte aus zweiter Hand.« »Sie dürfte also bereits so ziemlich stadtbekannt sein!« bemerkte der alte Hofmann bitter und legte dabei nachdenklich die hohe Stirn in Falten, und dann fuhr er, halb für sich sprechend, fort: »Ich fühle mich verpflichtet, Serenissimus von diesen Gerüchten Mitteilung zu machen. Mein allergnädigster Herr wird es entschieden nicht dulden, daß die einzige Tochter des verdienten alten Generals, eines Edelmannes aus erlauchtem Geblüt, auf diese Weise durch den Thronfolger kompromittiert werde!« Frau Thea beugte sich neugierig vor und legte ihre Hand zutraulich auf das spitze Knie der hageren Excellenz. »Was werden Sie thun?« forschte sie begierig. »Werden Sie den Erbgroßherzog wieder auf Reisen schicken?« Graf Worbis schüttelte energisch den Kopf. »O, gewiß nicht! Diese Reise hat Seiner Königlichen Hoheit in gewisser Beziehung gar nicht gut gethan; es haben sich da Einflüsse an ihn herangedrängt...« »Ah, ich verstehe! Der junge Baron Kospoth! Ich habe den Herrn immer für etwas ... wie soll ich sagen ... nicht ganz comme il faut gehalten. Denken Sie, erst neulich hat er die Taktlosigkeit begangen, meinem Manne zu sagen, wir besäßen ja hier in der Bolandt ein außerordentlich hoffnungsvolles Talent! Er versteht offenbar gar nichts von Kunst – aber sagen Sie, was werden Sie denn nun mit dem Erbgroßherzog anfangen?« »Wir werden ihn verheiraten!« versetzte der Oberhofmarschall mit Entschiedenheit und richtete sich zu seiner vollen Länge auf. Er hatte im Vorzimmer Schritte vernommen. »Ah! Darf man wissen?« rief Frau Lindner neugierig, indem sie sich gleichfalls erhob. »Ich habe schon diverse Prinzessinnen in petto ,« erwiderte der Graf ausweichend. Da ging die Thür auf und herein trat mit vielen Bücklingen und devoten Grimassen der Lokalkomiker Herr Ottomar Lindner. »Ah, Excellenz geben uns die Ehre!« »Ich war eben im Begriffe aufzubrechen, Sie verzeihen, mein lieber Herr Lindner! Was macht die auswärtige Familie?« »Schulden, Excellenz, Schulden!« versetzte der Schauspieler mit einer Kummermiene, die sein faltiges Gesicht noch komischer als gewöhnlich erscheinen ließ. »Ja, ja, die Vatersorgen, Excellenz! Mein Sohn Roderich hat geschrieben. Ich hätte nie geglaubt, daß einem ein Einjähriger so teuer zu stehen kommt. Die andern haben alle die Flasche gekriegt, sobald meine Frau wieder die Bretter betrat – aber die Flaschen dieses Roderich – – unheimlich, Excellenz!« »Nun, wenn Sie in Verlegenheit sind, wir können ja einmal darüber reden,« sagte der Graf, dem Komiker huldvollst die Hand drückend. Und Frau Thea trat mit ausgebreiteten Armen auf ihren wohlthätigen alten Anbeter zu und rief pathetisch: »O, welch ein goldenes Herz Sie sich doch bewahrt haben, Excellenz!« »Ist das ein Wunder, da ich den Vorzug Ihres Umganges genießen darf, meine teure Frau Thea?« Er küßte ihr die schöne Hand, verneigte sich mit gewinnendem Lächeln vor beiden Ehegatten und verließ sodann, von Herrn Lindner hinausbegleitet, das traute Häuschen. – – – Der Heimweg führte Se. Excellenz den Grafen Worbis an dem Hause des Geheimen Medizinalrats und Professors Cordell vorüber, welches fast schon ein Palast zu nennen war. Der Geheimrat konnte sich schon einigen Luxus erlauben; denn er war ein schwer reicher Mann, dem seine Praxis als Nerven- und Irrenarzt, solange er noch seine Professur an einer der größten deutschen Universitäten innegehabt, Hunderttausende eingebracht hatte. Seiner anstrengenden Thätigkeit müde, hatte er sich im fünfundfünfzigsten Lebensjahre in die kleine Residenz, der er entstammte, zurückgezogen und ehrenhalber sich zum Leibarzt des Großherzogs machen lassen, obwohl er als Spezialist wohl kaum zu wirklicher ärztlicher Behandlung der höchsten Herrschaften herangezogen werden konnte. Aber seine schöne, stattliche Erscheinung, sein berühmter Name und seine gewinnenden Manieren machten ihn zu einer bei Hofe und in der Gesellschaft sehr gesuchten Persönlichkeit. Auch sah es der Großherzog wie der Bürgermeister sehr gern, wenn reiche Leute sich hübsche Häuser in der Residenz bauten und hier ihre Renten verzehrten – und die burgähnliche gotische Villa des Geheimen Medizinalrats bildete in der That den hervorragendsten architektonischen Schmuck der vornehmen Parkstraße, in der sie gelegen war. Als, wie gesagt, der Oberhofmarschall an dem stattlichen Gebäude vorüberschreiten wollte, sah er vor dessen Thor einen Hofwagen halten. An der Livree des Lakaien, der, auf dem Trottoir auf und nieder stampfend, sich die kalten Füße wärmte, erkannte er, daß der Wagen von einem Mitgliede der großherzoglichen Familie benutzt werde. Als er sich wenige Schritte hinter dem Lakaien befand, hörte er, wie der Mann dem Kutscher auf dem Bocke zurief: »Himmelbataillon! Jetzt habe ich's en balde satt! Was die Alte da bloß solange zu mähren hat!« »Sagen Sie mal, wer ist denn dadrin bei dem Herrn Geheimrat?« redete Graf Worbis den Mann an, indem er ihm leicht auf den Arm tippte. Der Lakai wandte sich rasch um und bekam einen gewaltigen Schreck, als er den allmächtigen Würdenträger gewahrte. Er riß seinen Hut vom Kopfe und stotterte ängstlich: »Ihre Durchlaucht die Prinzessin Georgine geruhen, dem Herrn Geheimrat seit einer Stunde zum Geburtstag zu gratulieren.« »Ach so! Nun, ich will einmal nichts gehört haben,« versetzte der Graf, mit dem Finger drohend, und vermochte nicht ganz ein leichtes Lächeln zu unterdrücken. Er blieb stehen und überlegte ein Weilchen, ob er nicht vielleicht hinaufgehen und dem berühmten Manne gleichfalls eine kurze Gratulationsvisite abstatten sollte. Zwar war es ihm gar nicht bekannt gewesen, daß er heute sein Wiegenfest feiere, und wenn er als Oberhofmarschall hier erschiene, so gewänne der Besuch sofort einen gewissen offiziellen Anstrich – und er wußte nicht, wie die Herrschaften darüber dachten. Aber während er noch unschlüssig vor dem kunstvoll geschmiedeten Gitterthor stand, that sich die Hausthür auf, und am Arme des weißbärtigen Professors erschien die kugelrunde Prinzessin Georgine und chassierte geziert an seiner Seite nach dem Wagen. Graf Worbis trat zur Seite und zog seinen Hut. »Sie hier, mein lieber Graf?« rief die kleine Prinzessin mit ihrer etwas schrillen Stimme und drückte dabei, wie wenn sie einen Schreck bekommen hätte, die Rechte beschwichtigend gegen den stattlichen Busen. »Sie wollten gewiß unserm verehrten Geheimrat zum Wiegenfeste gratulieren?« »Allerdings, Durchlaucht! Ich war im Begriff...« »Da gehen Sie nur schnell mit ihm ins Haus! Unser verehrtes Geburtstagskind erkältet sich sonst,« fiel die Prinzessin rasch ein, indem sie auf die Barhäuptigkeit ihres Begleiters hinwies. Doch der galante Psychiater ließ es sich nicht nehmen, seinem durchlauchtigen Gast noch beim Einsteigen behilflich zu sein. Die Prinzessin hielt die Hand fest, die er ihr zum Abschiede in den Wagen hineinreichte, und flüsterte ihm so laut, daß es der Graf vernehmen konnte, zu: »Wollen wir es ihm nicht gleich sagen? Er muß es ja eigentlich doch zuerst erfahren.« »Gewiß, gewiß! Ich bin sehr dafür,« erwiderte jener. »Soll ich vielleicht. ...« »Nein, ich will lieber selbst. ... ich will gleich beweisen, daß ich keine Menschenfurcht kenne.« Und dann rief sie dem noch am Thore harrenden Grafen zu: »Ach, meine liebe Excellenz, darf ich Sie einladen, mit mir zu fahren? Ich hätte Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen.« Graf Worbis verbeugte sich, drückte dem Medizinalrat mit einem flüchtigen Glückwunsch die Hand und stieg dann gehorsam zu der kleinen Durchlaucht in das Coupé. Fast geräuschlos rollte der Wagen über die festgefrorene Schneedecke der Parkstraße dahin. Es herrschte völlige Dunkelheit in dem engen Raum und nur so oft der matte Schein einer der weit auseinanderstehenden Petroleumlaternen – denn die Gasleitung erstreckte sich nicht bis in den Park hinaus – über den lichtblauen Atlas huschte, mit dem das Coupé innen ausgeschlagen war, vermochte der Oberhofmarschall die Merkmale ungewöhnlicher Erregung in dem wie immer stark geröteten Gesichte der Durchlaucht zu erkennen. Etwa zwei Minuten lang hatten sie schweigend nebeneinander gesessen, ehe Prinzessin Chochotte Anstalt traf, mit ihrer Neuigkeit herauszurücken. »Meine liebe Excellenz,« begann sie zimperlich, »Sie haben mir bereits so zahlreiche Beweise Ihrer freundschaftlichen Ergebenheit zu teil werden lassen. ...« Der Graf konnte sich im Augenblicke nicht besinnen, worauf die Prinzessin anspielte, denn er hatte sich niemals sonderlich viel um sie gekümmert. »Ich schöpfe daraus den Mut, Sie um eine große Gefälligkeit zu bitten.« »Durchlaucht haben nur zu befehlen!« beeilte sich der alte Hofmann zu versichern; innerlich aber sagte er sich: »Die wird sich gewiß hinter Cordell gesteckt haben, daß der ihr einen Aufenthalt in Italien oder sonst irgend etwas recht Angenehmes und Kostspieliges verschreiben soll, und ich kann nun bei Serenissimus die Kastanien aus dem Feuer holen. Na, das kann hübsch werden!« »Es ist Ihnen wohl bekannt, welche aufrichtige Verehrung ich von jeher für unsern berühmten Geheimrat hegte. Ich habe immer zu ihm aufgeblickt wie zu einem ... wie soll ich sagen – einem ... nun, wie man zu einem solchen Wohlthäter der Menschheit eben aufblicken muß. Besonders wir Frauen von fürstlichem Stande haben ja die schöne Pflicht, alle Bestrebungen zum Heile der leidenden Menschheit zu unterstützen. Und dann bin ich ja auch selbst bei meinem angegriffenen Nervensystem ...« »Die und angegriffenes Nervensystem!« dachte der Graf. »Die ist ja schlechterdings nicht umzubringen!« » ... darauf angewiesen, mich fortwährend unter der liebevollen Aufsicht eines sorgsamen Arztes zu sehen. Kurz und gut, ich habe mich heute mit Professor Cordell – verlobt!« »Herr des Himmels!« hätte die Excellenz beinahe laut ausgerufen, so sehr überraschte ihn diese unvermutete Wendung, und laut stotterte er: »Ah, Durchlaucht! Das ist in der That ein Schritt, der ... ich weiß nicht, wie Königliche Hoheit das aufnehmen wird. Ist es in der That Ihr fester Entschluß, Durchlaucht, oder nur ... sozusagen eine Idee?« »Nein, keine Idee – ein fait accompli , mein lieber Graf! Sagen Sie doch selbst, warum sollte ich nicht dem Zuge meines Herzens folgen? In meiner bescheidenen Stellung binden mich ja durchaus keine politischen Rücksichten. Es wird vermutlich zu keinem Kriege kommen wegen dieser Heirat, ja nicht einmal zu einem Kabinettssturz. Warum sollte also der Großherzog als Chef des Hauses zögern, seine Einwilligung zu geben?« »Durchlaucht haben vollständig recht!« pflichtete der Graf bei, »aber in dieser Zeit, die in so beklagenswerter Verblendung an den geheiligten Privilegien der Souveränität zu rütteln wagt, in dieser Zeit, die die schrankenlose Freiheit des Individuums auf ihr Panier geschrieben hat ...« »Ach, mein lieber Graf, das ist alles sehr schön, Sie haben gewiß vollkommen recht; aber Sie müssen einer Dame schon gestatten, zunächst einmal als Weib zu empfinden. Sehen Sie, eine wenig begüterte Prinzessin wie ich muß ja von vornherein darauf verzichten, ihre Lebensaufgabe oder gar das Glück der Liebe auf Königsthronen suchen zu wollen. Ich weiß ja auch, daß ich nicht schön bin – was man mir sonst noch nachsagt, weiß ich nicht; aber ich habe viele Feinde, o ja! leugnen Sie es nicht! Man wird mir auch dies Glück nicht gönnen.« »O Durchlaucht, ich bin überzeugt, es wird niemand sich unterstehen ... Nur meine ich, ist es gerade in unsrer Zeit die Pflicht der Fürsten – Verzeihung für das freie Wort – alles zu vermeiden, was dieser unseligen freisinnigen Gärung einen neuen, wenn ich so sagen darf – Sauerteig zuführen könnte.« »Sauerteig nennen Sie das? O, ich bitte Sie, sollte das Recht auf Liebe uns allein versagt bleiben?« jammerte die kleine Prinzessin, indem sie ihr Taschentuch an die Augen führte. »Und dann, wie gesagt, an der Seite dieses herrlichen Mannes hoffe ich der fürstlichen Pflicht der Wohlthätigkeit, der Sorge für die Kranken in weit höherem Maße nachkommen zu können als bisher.« Der Oberhofmarschall seufzte kummervoll: »Es ist doch ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit, daß unser verehrter Geheimrat es gewagt hat, um Eure Durchlaucht zu werben.« »O, wo denken Sie hin!« rief die Prinzessin fast gekränkt. »Der Professor ist ein so feinfühliger, fast möchte ich sagen schüchterner Mann, daß er nie gewagt hätte, das erste Wort zu sprechen.« »Ah! Euer Durchlaucht hätten . ..?« »Ja gewiß! Was blieb mir in meiner Stellung anders übrig? Heute habe ich das erlösende Wort gesprochen. Aber unsre Herzen hatten sich schon längst gefunden. Als ich an den Folgen des Unfalls, der uns beide neulich bei der tollen Schlittenfahrt betroffen hatte, zu Bette lag, hat der teure Geheimrat mich mit einer solchen aufopfernden Sorgfalt behandelt, daß schon dies allein genügt hätte, mich über seine Gefühle aufzuklären. Aber denken Sie, er, der bedeutende, berühmte Mann, hat sich sogar bereit gefunden, meinen kranken Fuß eigenhändig zu massieren. Konnte ich da noch länger zweifeln? O nein, diesem zarten Liebeswerben konnte ich mein Herz nicht länger verschließen – und heute, an seinem siebenundfünfzigsten Geburtstag, war wohl die passendste Gelegenheit, ihm meine Hand entgegenzustrecken.« Der Doppelposten präsentierte vor der großherzoglichen Kutsche – sie fuhren in den Schloßhof hinein und hielten einige Sekunden später vor dem Portal des Flügels, in welchem Prinzessin Georgine wohnte. »Also nicht wahr, mein lieber Graf, Sie übernehmen die zarte Mission?« flüsterte sie dem Oberhofmarschall beim Abschied zu, indem sie ihm warm die Hand drückte. »Ich werde mein Möglichstes thun, Seine Königliche Hoheit mit dem Gedanken vertraut zu machen,« versicherte der und zog sich nach einer tiefen Verbeugung zurück. Mit großen Schritten eilte er durch die Korridore des weiten Residenzschlosses und dann die Treppe hinauf bis in das Vorzimmer des Großherzogs. »Wo ist Seine Königliche Hoheit?« redete er atemlos den dort auf einem Lehnstuhl eingeschlafenen alten Kammerdiener an. Der weißköpfige Greis taumelte empor, riß die Augen erstarrt auf und stotterte ganz erschrocken: »Mein Gott! Es ist doch nichts vorgefallen? Excellenz sind so erregt!« »Ja, es ist allerdings etwas vorgefallen, mein lieber Wackernagel, aber nichts, was etwa die Person der höchsten Herrschaften berührte. Bitte, melden Sie mich sofort dem Großherzog!« »Seine Königliche Hoheit sind soeben ins Theater gefahren.« Und ehe noch der alte Kammerdiener, der sich schon einmal eine Frage herausnehmen durfte, etwas weiteres hinzuzufügen vermochte, war die hagere, hohe Gestalt des Oberhofmarschalls schon wieder über den dicken Smyrnateppich lautlos zur Thür hinausgehuscht. In seiner Wohnung angekommen, befahl Graf Worbis alsbald anzuspannen und ließ sich von seinem Diener in die kleine Uniform helfen. Dann fuhr auch er nach dem Theater. Er trat zunächst in die große Hofloge ein, um sich zu vergewissern, ob der Großherzog allein in der Prosceniumsloge des ersten Ranges, die er für gewöhnlich bevorzugte, anwesend sei, und er vermochte in der That niemand weiter darin zu erspähen. In der Hofloge saß außer ihm nur noch der Flügeladjutant Prinz Usingen, das Fräulein von Katz nebst noch einer andern älteren Hofdame und endlich der stets lächelnde Kammerherr von der Rast, der von den andern entfernt in einer der letzten Reihen saß und eifrig sein riesiges Opernglas gebrauchte. Graf Worbis setzte sich neben den Letztgenannten und begrüßte ihn mit stummem Kopfnicken. »Sehe ich wirklich recht,« redete ihn der dicke Kammerherr an, »Sie, Excellenz, im Schauspiel?« »O, es ist weniger das Schauspiel, das mich hierher zieht, als... Es ist mir lieb, daß ich Sie hier treffe, Baron. Ich wollte Sie nämlich um nähere Auskunft bitten über die heimlichen Besuche des Erbgroßherzogs bei Ihnen.« Das ewige fade Lächeln verschwand doch für einen Augenblick aus dem fetten Gesicht des Kammerherrn bei dieser unvermuteten Frage, und ziemlich verlegen brachte er hervor: »O, Seine Königliche Hoheit ist so liebenswürdig, sich für das Bild zu interessieren, das meine Tochter eben auf der Staffelei hat.« »Mehr wohl noch für das Original!« fiel Graf Worbis halblächelnd ein. »Es ist das Fräulein von Treysa. Mir sind da gewisse Gerüchte zu Ohren gekommen. Sie werden mich verstehen, wenn ich Sie dringend ersuche, fortan streng darauf zu halten, daß in Ihrer Wohnung nichts vorkommt, was diesen Gerüchten Vorschub zu leisten geeignet sein möchte.« Der Baron bekam einen sehr roten Kopf und sprach sehr erregt auf den Oberhofmarschall ein. Wally von Katz hatte natürlich ihre hübschen kleinen Ohren gespitzt, und sie hatten ein und das andre Wort aus der geflüsterten Unterhaltung aufgefangen. Sobald im Zwischenakt Graf Worbis die Loge verlassen hatte, machte sie sich voller Neugier an den Kammerherrn heran, um ihn auszufragen. »Ja, stellen Sie sich vor, mein Schatz!« antwortete er ihr, »Worbis hat Lunte gerochen, und jetzt geht er hin, um unsern armen Georg Friedrich bei seinem Herrn Papa zu verpetzen!« Die kleine Katz hatte nichts Eiligeres zu thun, als Melanie von Treysa, die auch im Theater anwesend war, im Foyer des ersten Ranges abzufassen und ihr mit schlecht verhehlter Schadenfreude die eben empfangene Nachricht zuzuraunen. Melanie verstand sich gut zu beherrschen. Sie that, als ob sie sich über alle Verleumdung erhaben fühle – aber das Herz klopfte ihr doch recht bang in der Brust. Die beiden jungen Damen standen noch bei einander im Korridor, als der Erbgroßherzog, aus der Loge seines Vaters kommend, auf sie zuschritt. Er hielt sich das Taschentuch vor den Mund und lachte über das ganze Gesicht. Beide junge Mädchen blickten ihm mit verwunderter Frage entgegen. »Ah, meine Damen!« redete er sie an, kaum fähig, seine Heiterkeit zu unterdrücken. »Haben Sie schon gehört, welch ein frohes Familienereignis unserm Hause widerfahren ist? – Meine verehrte Tante Georgine hat sich verlobt!« »Natürlich gegen den Geheimen Medizinalrat!« platzte Wally von Katz kichernd heraus. »Sie haben es mit Ihrem bekannten Scharfsinn erraten!« sagte der Prinz lustig. »O, Sie hatten sehen sollen, mit welcher Leichenbittermiene Graf Worbis meinem Vater die Freudenbotschaft brachte – um ihn schonend vorzubereiten, natürlich. Ich bin hinausgeschickt worden, hahaha!« »O, Königliche Hoheit, darf man das weiter erzählen?« rief die kleine Wally, schier hüpfend vor Aufregung. »Na, warum nicht? Es ist ja unumstößliche Thatsache, versichert Worbis.« Und das Fräulein von Katz lief davon und ließ sich die erste beste Loge aufschließen, um die welterschütternde Neuigkeit unter ihren Bekannten zu verbreiten. Einen Augenblick blieben Melanie und der Erbgroßherzog unbeobachtet, und sie benutzte die kurze Frist, um ihm hastig zuzuflüstern, was ihr eben erst die Katz mitgeteilt hatte. Georg Friedrich zog seine starken Brauen zusammen, riß das Gefäß seines Säbels mit einem festen Griff an sich und sagte: »Nun um so besser! Wenn man mich in Anklagezustand versetzen will, dann werde ich unsre Liebe laut vor aller Welt bekennen und die Folgen auf mich zu nehmen wissen! Vertraust du mir, Melanie?« Ein inniger Aufblick ihrer strahlenden Augen bedeutete ihm ein begeistertes Ja. »Auf morgen!« flüsterte er ihr zu, und dann verließ er sie raschen, klirrenden Schrittes, um sich die Treppe hinunter in seine Loge zu begeben. Im nächsten Zwischenakt erfuhr das ganze Theater die überraschende Neuigkeit von der Verlobung der Prinzessin Chochotte – und am nächsten Morgen wußte sie die ganze Residenz. Sechstes Kapitel. Eine ernste Stunde. Es war dem Erbgroßherzog zu Ohren gekommen; daß Graf Worbis gestern nach dem zweiten Akte mit dem Großherzog nach dem Schlosse gefahren und noch über eine Stunde mit ihm zusammen gewesen sei. Als ihn daher am nächsten Morgen sein Vater zu sich rufen ließ, da trat er den Gang nach den großherzoglichen Gemächern nicht ohne ein gewisses banges Herzklopfen an – und daß er diese Nacht schlecht geschlafen habe, konnte ihm jedermann an seinen umränderten Augen ansehen. Der Großherzog liebte seinen einzigen Sohn und Thronerben aufs zärtlichste und pflegte ihn nie anders als mit einem freundlichen Lächeln zu begrüßen. Heute jedoch ... Georg Friedrich stutzte, als er, das dunkel getäfelte, mit wundervollen altvenetianischen Möbeln ausgestattete Arbeitszimmer seines Vaters betretend, ihn mit so ungewöhnlich ernster, kummervoller Miene in seinem ledernen Armstuhl am Fenster sitzen und nachdenklich in den nebelgrauen Februarmorgen hinausblicken sah. »Guten Morgen, Papa!« sagte Georg Friedrich, indem er mit einigen raschen Schritten das heute so düstere Gemach durchquerte und seinem Vater die Hand reichte. »Du hast mich rufen lassen ...« Nur mit einer leisen, müden Neigung des Hauptes hatte der Großherzog den Sohn begrüßt. Jetzt ließ er seine große Hand mit den vornehm schlanken Fingern etwas nervös auf den Lehnen seines Sessels hin und her gleiten und begann dann, das erwartungsvolle Gesicht des Prinzen mit einem flüchtigen Blicke streifend: »Ich habe dich rufen lassen, Georg, um mit dir über eine Angelegenheit zu reden, die mir heute eine schlaflose Nacht gekostet hat.« »Oh, Papa! Ich hoffe, daß nicht ich ...« »Doch, Georg, gerade du bist die Ursache! Ich glaubte, du seist von deiner Reise ernster zurückgekehrt, mehr ... äh! von deiner hohen Pflicht durchdrungen. Zu meinem größten Bedauern muß ich da aber gestern hören, daß du schon wieder angefangen hast, dein altes Leben zu führen, deine Zeit in Abenteuern zu vertändeln, welche bereits wieder die Aufmerksamkeit der Bürgerschaft und meines Hofes in einer Weise auf dich lenken, die deinem fürstlichen Prestige nur in hohem Grade nachteilig sein kann.« Der Prinz wünschte im stillen den spionierenden, angeberischen Oberhofmarschall zum Henker und sich selbst erst wieder glücklich aus diesem düstern Zimmer heraus. In einer Anwandlung von Verzagtheit versuchte er die peinliche Auseinandersetzung, die doch kommen mußte, hinauszuschieben, indem er erwiderte: »Verzeihung, lieber Vater! Dein Tadel erschreckt mich. Ich glaubte, daß du mit dem Anteil, den ich seit meiner Rückkehr an den Regierungsgeschäften nehme, zufrieden sein würdest. Ich arbeite täglich zwei Stunden mit Geheimrat Müller, und ich darf wohl sagen, daß ich die Sache gewissenhaft nehme. Kospoth wird es dir bezeugen, daß ich in Camoralibus gut beschlagen bin, und ich glaube, auch unser Major von Gerstorff ist mit meinen Fortschritten in der Taktik und Strategie ganz zufrieden. Meine Abende widme ich, soweit sie mir selbst und nicht den gesellschaftlichen Verpflichtungen gehören, der Ausarbeitung meiner Reisetagebücher, die ich über kurz oder lang einmal in Druck zu geben gedenke, und die wenigen Stunden, die mir dann noch vom Tage zu meiner Verfügung bleiben, fülle ich mit körperlichen Uebungen oder mit Lektüre aus.« »Das ist alles sehr schön und gut,« versetzte der Großherzog, »und ich sehe mit Freuden, daß es dir mit all diesen Dingen ernst ist; aber davon spreche ich auch gar nicht. Mein Tadel richtet sich nur gegen den Leichtsinn, mit welchem du eine Dame unsrer Hofgesellschaft kompromittierst, die deine Mutter – wie wir alle – durch ganz ungewöhnlich wohlwollendes Entgegenkommen ausgezeichnet hat, der wir schon um ihres Vaters willen die rücksichtsvollste Behandlung schuldig wären, selbst wenn sie persönlich nicht so anmutig und liebenswürdig wäre.« »Du sprichst von dem Fräulein von Treysa,« erwiderte der Thronfolger, die Spitzen seines blonden Schnurrbarts durch die Finger ziehend: »Ich glaube, du hast eben selbst die Unmöglichkeit zugegeben, sich dem Zauber ihrer liebenswürdigen Persönlichkeit zu entziehen.« Der Großherzog legte die hohe Stirn in Falten. »Weiche mir nicht aus!« sagte er kühl abweisend. »Du weißt sehr gut, Georg, daß ich dir eine jugendliche Schwärmerei für dieses reizende Mädchen in keiner Weise verübeln würde. Aber du bist im Ausdruck dieser Schwärmerei entschieden wieder viel zu weit gegangen. Man spricht bereits davon, daß du in der Dämmerstunde dich heimlich in die Hofjägerei einschleichst – nein, bitte, leugne nicht – eine gewisse Person hat dich durch die Hinterthür und den Garten hinausschleichen sehen, und diese Person hat den Skandal in der ganzen Stadt verbreitet. – Ich finde es im höchsten Grade tadelnswert, mein Sohn, daß du deine fürstliche Stellung dazu mißbrauchst, Töchter aus unsern ersten Familien zu verführen. Ich weiß, du hast leider das Temperament deines Urgroßvaters geerbt, der, wie dir vielleicht bekannt sein dürfte, zugleich der Großvater des Fräuleins von Treysa ist – ich will ja auch durchaus nicht etwa von dir verlangen, daß du wie ein Mönch leben sollst – aber du sollst und darfst nicht vergessen, daß wir nicht mehr in dem sittenlosen achtzehnten Jahrhundert leben und daß die Moral unsrer Zeit den leichtfertigen Lebenswandel eines Prinzen nicht anders beurteilt als den jedes gewöhnlichen Sterblichen.« »Glaube mir, lieber Vater,« versetzte Georg Friedrich sichtlich erregt, »wenn es heute irgend einen Thronfolger gibt, der sich ernstlich bemüht hat, die gegen früher so gänzlich veränderten Forderungen seiner Zeit zu verstehen, so bin ich es. Ich habe das seltene Glück gehabt, zwei Jahre hindurch die Welt durchstreifen zu dürfen in Gesellschaft eines Mannes, der mit genialem Tiefblick in das innerste Wesen seiner Zeit eingedrungen ist und der auch mir die Augen geöffnet hat, in einer Weise, wie sie einem Fürsten wohl nur sehr selten geöffnet werden können. Ich glaube mich frei gemacht zu haben von den unglückseligen Vorurteilen, die uns bisher außer Zusammenhang mit unsrer Zeit setzten – die gerade heute uns den wirklich treibenden Kräften des natürlichen Fortschritts gegenüber zur Ohnmacht verdammen.« Wider die Absicht des Prinzen kam diese Rede etwas einstudiert, fast theatralisch heraus. Er hatte ja allerdings auch schon mehr als einmal sich die Worte im Kopfe zurecht gelegt, mit denen er vor seinem Vater, wenn es einmal zur Aussprache kam, seine Ideen entwickeln wollte. Aber als der Fürst jetzt mit einem etwas ironisch verwunderten Blicke zu ihm aufschaute, ward er mit Beschämung inne, daß er hier vor seinem Vater ein wenig posierte – und er schlug errötend seine Augen zu Boden. »Es wird mich sehr interessieren, gelegentlich Näheres über deine oder vielmehr Baron Kospoths Ansichten von den wahren Forderungen unsrer Zeit zu erfahren,« versetzte der Großherzog, etwas malitiös die Augenbrauen hochziehend. »Dein Freund soll ja, wie man mir sagt, so eine Art Sozialist sein. Ich muß gestehen, daß ich seine Schrift über das soziale Königtum, welches ihm als Ideal vorschwebt, nicht recht goutieren kann; aber ich schätze ihn hoch als einen jungen Mann von ungewöhnlichen Kenntnissen und großer Begabung. Von ihm kann ich es mir, offen gestanden, am allerwenigsten denken, daß er dir die souveräne Mißachtung des guten Rufes einer vornehmen jungen Dame als eine moderne Fürstenpflicht dargestellt haben sollte!« »Vater!« brauste Georg Friedrich auf, »das ist... o, verzeih! ich will ruhig bleiben. Laß dir versichern, daß ich Kosvoth in meinen Herzensangelegenheiten nicht zu Rate ziehe!« »Das muß ich in diesem Falle aufrichtig bedauern!« rief der Großherzog streng und erhob sich dabei von seinem Sessel, um, die Hände auf dem Rücken, langsam auf und ab zu schreiten. Der Prinz suchte sehr erregt nach Worten, dann eilte er mit ein paar großen Schritten dem Vater nach und nötigte ihn dadurch, still zu stehen. »Vater, es ist mir sehr ernst mit dieser Sache! Ich bitte dich, mich ruhig anzuhören,« sagte er mit leichtem Beben der Stimme. »Ich liebe Melanie von Treysa.« Der Großherzog blickte seinen Sohn mit stummer Frage an. »Ja, bei Gott, ich liebe sie!« fuhr der Prinz in warmer Begeisterung fort, »nicht mit einer flüchtigen, bloß sinnlichen Leidenschaft, sondern mit der Hingabe meines ganzen Wesens an sie, in der ich volles Verständnis für mein Denken und Empfinden und das gleiche Bedürfnis des Ineinanderaufgehens unsrer Seelen zu finden glaube!« Der Großherzog trat an seinen Schreibtisch und stützte sich mit der Rechten darauf. Die Hand zitterte heftig, als die Finger so rückwärts nach der Tischplatte tasteten. »Wie weit bist du mit ihr gegangen?« fragte er, und seine Stimme hatte plötzlich einen heiseren Klang angenommen. »Ich habe ihr meine Liebe gestanden und das Geständnis ihrer Gegenliebe empfangen.« »Und was... was folgt daraus?« »Was daraus folgt? Welch eine Frage! – daß ich sie zu meiner rechtmäßigen Gemahlin erheben will und muß, wenn anders ich ein Ehrenmann bleiben will.« »Ah, du hast also doch das unglückliche Mädchen...« »Nein, Vater,« unterbrach Georg Friedrich den Großherzog rasch, indem er noch einen Schritt näher an ihn herantrat. »Ich habe nicht schlecht an ihr gehandelt, ich habe ehrlich um sie geworben, wie es jeder andre auch gethan haben würde.« Der Großherzog ließ sich matt in den Drehsessel vor seinem Schreibtisch sinken. »Und du hast ihr die Ehe versprochen?« »Nein, das habe ich nicht gethan. Das wollte ich nicht thun, ehe ich mich dir nicht freimütig eröffnet hätte, mein Vater! Schrankenlos wie ihre Liebe ist auch ihr Vertrauen zu mir!« »Das klingt ja sehr romantisch. Aber du wirst es mir wohl nicht übelnehmen, wenn ich in meinem Alter für dergleichen kein Verständnis mehr besitze.« Der Großherzog sagte es sehr gereizt und begann nervös mit den Fingern auf seiner Schreibmappe zu trommeln. Der Prinz erhaschte seine herabhängende Linke und rief in fast kindlich flehendem Ton: »Ach, glaube mir doch, lieber Papa, dies ist keine romantische Grille von mir! Es ist wirklich das Glück meines ganzen Lebens! Ich fühle es zu tief, als daß ich mich täuschen könnte, ich bin ein ganz andrer Mensch geworden durch diese Liebe. Und glaube mir auch, es ist wirklich an der Zeit, daß wir Fürsten anfangen, Menschen zu werden in einem andern Sinne als bisher. Was kann denn Gutes entspringen für einen zukünftigen Herrscher aus dieser Verleugnung der heiligsten Empfindungen, der reinsten Menschlichkeit, die das unsinnige Vorurteil der Ebenbürtigkeit von uns fordert? Glaubst du wirklich, daß eine solche Selbstverleugnung den Charakter stählt oder... Was ist dir, Vater?« Den Großherzog schien ein leichter Schwindel anzuwandeln, sein grauer Kopf senkte sich hintenüber und fiel gleich darauf mit einem plötzlichen Ruck wieder nach vorn. Besorgt legte der Sohn seinen Arm um seine Schultern. »Es ist nichts! Laß nur!« sagte der Großherzog, sich zusammenraffend. »O, ich bin noch kein schwacher Greis, wie du vielleicht glaubst! Ich fühle mich noch stark genug, deinen unreifen Plänen meinen fürstlichen Willen entgegenzusetzen!« Er erhob sich bei diesen Worten und richtete seine schlanke, vornehme Gestalt hoch auf, als er nun fortfuhr: »Deine romantischen Ideen scheinen mir mehr aus der Schule deiner Tante Georgine zu stammen, als aus der deines sozialistischen Freundes. Aber ich wünsche mit aller Entschiedenheit, daß der Skandal, den der ridiküle Schritt der Prinzessin erst gestern verursacht hat, wenigstens solange ich noch am Leben bin, keine Nachahmung mehr finde. Georgine ist alt genug, um selbst darüber zu entscheiden, ob sie sich lächerlich machen will oder nicht – deine Heirat aber zieht Folgen nach sich, für die ich als regierender Fürst verantwortlich bin, und du darfst mir nicht zumuten, daß ich gleichgültig zusehe, wenn du wie ein thörichter Knabe meine Krone zum Spielzeug deiner verliebten Laune benutzest.« Georg Friedrich war kreidebleich geworden, seine Lippen bebten, und seine Hände mußte er fest gegen seinen Körper drücken, um sie still zu halten. »O, es kann leicht kommen,« rief er, unfähig, seinen Groll hinunterzuwürgen, »daß unsre Kronen bald von den Völkern zum Spielzeug gemacht werden, wenn wir uns nicht beizeiten darauf besinnen, daß wir Menschen sind – Menschen am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts!« »Georg!« rief der Fürst entsetzt und blickte den Thronfolger starr an. »Das ist die Sprache eines Rebellen –« Der Prinz wollte sich über die Hand des Vaters beugen, um sie, Verzeihung erflehend, zu küssen, als jener einen Schritt zurücktrat und in ernstem, gemessenem Tone fortfuhr: »Ich will vergessen, daß sie hier in diesen Räumen gesprochen wurde, wenn du dich bereit findest, meinem Willen nachzukommen.« »Was verlangst du von mir, Vater?« »Ich habe gestern abend noch mit Worbis Rücksprache genommen und beschlossen, auf das dir bekannte Heiratsprojekt mit deiner Cousine Clementine zurückzukommen. Der Graf hat heute morgen eine chiffrierte Depesche an den dortigen Hofmarschall abgehen lassen. Sobald die Antwort kommt, daß dem Könige dein Besuch angenehm sei, wirst du abreisen. Indessen werde ich durch beschleunigte Ernennung eines neuen Hofjägermeisters unserm alten General Treysa die Kränkung zu ersparen suchen, daß man ihn nötigt, wegen der Abenteuer seiner Tochter meine Residenz zu verlassen.« Sich fest auf die Lippen beißend, hatte der Prinz die Eröffnung seines Vaters hingenommen. Als er nun, Antwort heischend, zu ihm herabblickte – Georg Friedrich war um einen Kopf kleiner als sein Vater – da sagte er langsam, mit erzwungener Festigkeit: »Ich werde Prinzessin Clementine nicht heiraten – weder sie noch eine andre! Verzeihung, Vater, aber ich kann dir keine andre Antwort geben!« »Dann haben wir jetzt nichts mehr miteinander zu reden. Ich gebe dir Bedenkzeit bis übermorgen.« Georg Friedrich verbeugte sich gemessen und verließ tief aufseufzend das Zimmer. Der Großherzog aber brach, sobald jener die Thür hinter sich geschlossen hatte, wieder auf seinem Schreibtischsessel zusammen und berührte mit zitternder Hand den Knopf der elektrischen Leitung, um seinen alten Kammerdiener herbeizurufen. – – Wenige Minuten später betrat Georg Friedrich die Gemächer seiner Schwester. Es war ihm so weh ums Herz nach der heftigen Aufregung, daß es ihn, den von klein auf von Frauen Gehätschelten und Verzogenen, wie in seinen Kindertagen drängte, sein Haupt an den Busen einer Frau zu lehnen und die ganze Fülle seines Leibes in eine mitleidvolle weibliche Seele auszuschütten. Sein erster Gedanke war der gewesen, sich seiner Mutter zu Füßen zu werfen und sie um ihre Vermittlung in dem traurigen Zwist mit dem Vater anzuflehen. Aber er wußte, daß die Großherzogin weit mehr noch als ihr Gemahl sich im Banne althergebrachter Anschauungen befinde und daß ihr besonders der Skandal einer Mißheirat des Thronfolgers als eine Ungeheuerlichkeit erscheinen müßte, mit der weder vernünftige Ueberlegung noch ihre mütterliche Zärtlichkeit sie jemals aussühnen würde. Sie war auch bei aller Warmherzigkeit doch eine viel zu nüchtern denkende Frau, als daß er hätte hoffen dürfen, sie je zu einer romantischen Ueberschwenglichkeit zu bekehren. Auch Prinzessin Eleonore war im Grunde eine kühle Natur, die für alles, was ihr in Ideen und Gefühlen als überspannt erschien, immer nur Spott und Verachtung gehabt hatte. Aber sie war auch ein eigensinniger Kopf, der sich besonders darin gefiel, Anschauungen, die ihrer Umgebung für revolutionär oder jedenfalls bedenklich frei gelten mochten, mit großer Zähigkeit festzuhalten. Der Umgang mit dem jungen Freigeist Kospoth hatte den Kreis solcher Anschauungen noch erheblich erweitert und die Kampflust ihres Geistes verstärkt. Seiner Schwester hatte ja Georg Friedrich zuerst seine Liebe zu der schönen Melanie bekannt. Sie war durch öftere vertrauliche Aussprache wohl vorbereitet für die überraschende ernsthafte Wendung, welche seine Liebesgeschichte heute genommen hatte, und er durfte sich endlich auch überzeugt halten, daß Eleonore, die selbst schon mehrfach durch die Abweisung guter, standesgemäßer Partieen gezeigt hatte, wie sie das Recht ihres Herzens zu verteidigen gesonnen sei, auch wohl ihm tapfer zur Seite stehen würde in dem Kampfe gegen die Macht des Vorurteils, welches seinen heiligsten Gefühlen Gewalt anthun wollte. Er fand die Prinzessin in ihrem kleinen Salon. Sie saß am Flügel und begleitete den Baron Kospoth, der neben ihr stand, zum Gesang. Auf einem niedrigen Sessel am Fenster saß, mit einer Handarbeit beschäftigt, Wally von Katz, die beim Eintritt des Erbgroßherzogs aufsprang, um ihre vorschriftsmäßige Verbeugung auszuführen. Auch Kospoth wollte ihm mit ausgestreckter Hand entgegenschreiten, aber der Prinz bedeutete ihm durch Handwink, daß er seinen Vortrag nicht unterbrechen möge, und begab sich geräuschlos auftretend in die dunkelste Ecke des Gemachs, um sich in das weiche Polster des dort befindlichen kleinen Kosesofas hineinzudrücken und das Gesicht in der aufgestützten Rechten zu vergraben. Kospoth trug mit seiner angenehmen Barytonstimme ohne viel Schulung, aber mit natürlichem, gutem Geschmack eine Löwesche Ballade vor. Als er geendet hatte, bat ihn der Prinz um noch ein Lied. Die Musik that seiner Seele so wohl, beruhigte seine aufgeregten Nerven so angenehm, daß er am liebsten stundenlang in seiner dämmerigen Ecke gesessen und halb im Traum den weichen Klängen gelauscht hätte. Die Prinzessin sowohl wie der Baron wußten, daß Georg Friedrich sich im allgemeinen sehr wenig aus Musik machte, und waren daher nicht wenig erstaunt, ihn in anscheinend so tiefer Ergriffenheit lauschen zu sehen. Sie glaubten ihm einen besondern Gefallen damit zu thun, wenn sie etwas besonders Heiteres zum Vortrag brächten, und wählten darum die harmlose Ballade »Kleiner Haushalt«. Dem scharf beobachtenden Fräulein von Katz, welchem das Aussehen und Benehmen des Erbgroßherzogs natürlich sogleich aufgefallen war, entging es nicht, daß gerade bei dieser heiteren Musik eine seltsame Rührung ihn übermannen zu wollen schien. Er hatte sogar ein paarmal tief aufgeseufzt und die Finger in verdächtiger Weise in die Augenhöhlen gedrückt. Als der Gesang beendet war, schneuzte sich der Prinz mit einer Heftigkeit, wie sie nur bei starkem Schnupfen und bei starker Rührung am Platze ist. Dann erst erhob er sich, um der Schwester und dem Freunde den Morgengruß zu bieten. »Mein Gott! Georg, wie siehst du aus!« rief Prinzessin Eleonore. »Fühlst du dich nicht wohl?« »Ich habe eine schlaflose Nacht gehabt, das hat mich angegriffen,« versetzte der Prinz und warf einen Blick nach dem kleinen Hoffräulein hinüber, welchen seine Schwester sofort verstand. »Ich danke Ihnen für jetzt, liebe Wally,« sagte sie gegen die Katz gewendet, mit einer entlassenden Handbewegung. »Wollen Sie sich, bitte, um zwölf Uhr bereit halten, mit mir nach dem Bazar des Frauenvereins zu fahren!« Das Fräulein zog sich nach einer raschen Verbeugung zurück und dachte im Abgehen: »Wenn es nicht so gefährlich wäre, möchte ich jetzt gern ein bißchen horchen. Jetzt wird er ihnen gewiß erzählen, was Papa Großherzog gesagt hat.« – – »Nun sage doch nur, was dich so furchtbar aufgeregt hat,« begann die Prinzessin, sobald sich die Thür hinter dem Fräulein geschlossen hatte. »Du siehst ja ganz verstört aus!« Baron Kospoth machte Miene, sich zu verabschieden, um die Aussprache der Geschwister nicht zu stören. Aber der Prinz hielt ihn zurück und sagte: »Nein, bleibe nur, Hans Jochen! Es ist mir sogar sehr angenehm, daß ich dich hier gefunden habe. Ich wollte so wie so deinen Rat hören. – Also denkt euch: Papa hat mir soeben eröffnet, daß ich unweigerlich dieser Tage zur Brautschau abzureisen habe.« »Ah! Und wen haben die Herren Geheimen Räte der Krone in Vorschlag gebracht?« spottete die Prinzessin. »Base Clementine, Königliche Hoheit – natürlich! On revient toujours à ses premiers amours!« Er sagte es mit einer Bitterkeit, welche deutlich den Zustand seines Herzens verriet. »Kränkt dich das so sehr? Sie ist doch so übel nicht!« versetzte die Prinzessin. Und Georg Friedrich höhnte: »Ja gewiß, man hat's noch schlimmer!« Er ließ sich dabei auf den Klavierstuhl fallen und schlug mit der Rechten auf die Tasten, daß es einen abscheulichen Mißklang gab. Kospoth legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: »Aber, Prinz, wie kann man so ... Du wußtest doch, daß dies an dich herantreten mußte. Ein Thronfolger hat doch nun einmal die Pflicht, so früh und so verständig wie möglich zu heiraten.« »Ach was! Quält euch doch nicht mit Redensarten ab! Ihr wißt alle beide ganz gut, was dieser väterliche Befehl für mich bedeutet. Aber ich habe Papa offen erklärt, daß ich ihm den Gehorsam verweigern muß, weil ich mich bereits gebunden habe. Ich habe ihm gesagt, daß ich Melanie von Treysa zu meiner Frau machen werde,« »Das hast du gewagt!« rief Eleonore, und sie konnte nicht umhin, ihren kühnen Bruder mit einer gewissen scheuen Bewunderung zu betrachten. Und als sie sich dann nach etlichen Sekunden mit erstaunter Frage im Blick Kospoth zuwandte, da hatte dieser bereits seine Fassung soweit wiedergewonnen, daß die Spuren der Erregung auf seinem dunklen Gesicht keine verräterische Bedeutung mehr hatten. Es trat ein kurzes Schweigen ein, da es Hans Joachim, trotzdem er sich äußerlich so männlich beherrschte, doch unmöglich war, sogleich ruhig zu dem Zerstörer seiner immer noch trotz aller Qualen der Eifersucht zäh bewahrten Hoffnung zu sprechen. »Na, so sag' doch endlich etwas!« fuhr Georg Friedrich ungeduldig auf. »Habe ich mir denn nicht ein bißchen Lob verdient, alter Freiheitsmann?« Kospoth wandte sich ab und ging zum Fenster, um sich zu einer Antwort zu sammeln. Wieder trat ein bängliches Schweigen ein, welches diesmal durch die Prinzessin unterbrochen wurde, die sich mit ängstlicher Spannung danach erkundigte, wie der Vater die Sache aufgenommen habe. Und nun berichtete der Erbgroßherzog getreulich den ganzen Verlauf der Unterredung. In Hans Joachims Seele tobte unterdessen ein grausamer Kampf. Sollte er den Prinzen, wie er jedenfalls erwartete, in seinem Entschluß bestärken, in diesem Entschluß, der, wenn er wirklich zur Ausführung kam, ein Opfer von ihm verlangte, wie es auch der festesten Freundschaft nicht zugemutet werden darf? Oder sollte er alle Kraft der Ueberredung aufbieten, um den Prinzen von einem Schritte zurückzuhalten, dessen Folgen die vernünftige Ueberlegung nur als höchst unheilvolle erkennen konnte? Wenn Melanie dem Prinzen verraten hatte, daß er, Kospoth, um sie geworben, so konnte jede Abmahnung nur als von Neid und Selbstsucht eingegeben erscheinen. Und riet er ihm zu, auf seinem trotzigen Plane zu beharren, so spielte er dem Prinzen gegenüber eine Rolle, die seiner wahrhaftigen Natur im Innersten widerstreben mußte. Denn das fühlte er in diesem Augenblicke deutlicher als alles andre: daß er den Mann, der ihm die Heißgeliebte raubte, hassen würde bis an sein Lebensende. Wohl forderte seine strenge Moral die Erfüllung des christlichen Gebotes: Liebet eure Feinde! in dem Sinne, daß ein ethisch reifer Mensch nicht seine Gerechtigkeit gegen andre abhängig machen dürfe von persönlicher Zu- oder Abneigung oder gar von Klassen- oder Rassengegensätzen; aber er fühlte auch in diesem Augenblicke die ganze Gewalt der menschlichsten aller Herzensregungen, und daß er so gut wie jeder andre leidenschaftliche Mensch zum Heuchler werden müßte, wenn er sich und andern etwa, einreden wollte, er sei erhaben über solche Schwäche. Endlich, als der Prinz seinen Bericht beendet hatte und abermals ungestüm seine Meinung zu hören verlangte, raffte sich Kospoth zu einer Antwort auf. »Der Großherzog,« sprach er, »wird jetzt wahrscheinlich glauben, daß mein Radikalismus es war, was dich zu deiner kühnen Auflehnung gegen die Pflichten deines Standes getrieben hat. Du wirst dich aber wohl erinnern, daß ich im Prinzip immer die berechtigte Pflicht über die Neigungen des Herzens gestellt habe. Wer wollte auch den dauernden Bestand solcher Neigungen mit Sicherheit voraussagen! Die heißeste Liebe ist oft die flüchtigste – sagt man – ich habe ja keine Erfahrung darin.« Georg Friedrich sprang auf und rief unwillig dazwischen: »Ach, wirklich, du weiser Herr! Aus diesem höchst einleuchtenden Grunde wäre man also ein für allemal berechtigt, ein Mädchen sitzen zu lassen. Ich danke schön für den guten Rat!« Kospoth biß sich auf die Lippen, zwang sich jedoch, alsbald ruhig fortzufahren: »Es versteht sich, daß es jeder mit sich selbst abzumachen hat, ob er seine Liebe für dauerhaft und tief genug halten will, um ihr selbst die ernstesten Pflichten seiner gesellschaftlichen Stellung zum Opfer zu bringen. Ich maße mir durchaus nicht an, deinen Entschluß durch solche nüchterne Erwägung beeinflussen zu wollen; aber da du einmal meine Ansicht hören willst, so muß ich dich doch an das erinnern, was ich dir schon immer gesagt habe, seit du dich so bereit zeigtest, auf meine Ideen über die Stellung der Fürsten im sozialen Zukunftsstaate einzugehen: du kannst meiner Meinung nach in diesem Zukunftsstaate dir deine ersprießliche Wirksamkeit nur dadurch sichern, daß du dich ängstlich davor hütest, deine freiheitlichen Maßnahmen als aus selbstsüchtigen Regungen hervorgegangen verdächtigen zu lassen. Es ist die Aristokratie des Charakters, welche mir für die Zukunft zur Herrschaft berufen erscheint. Der vernünftige Mensch wird immer nur die Herrschaft dessen anerkennen, der sich selbst zu beherrschen weiß. Wenn du nun lediglich aus Liebe zu einem schönen Mädchen unter deinem Stande alles über den Haufen wirfst, so wirst du in den Augen der Welt auf einer Stufe stehen mit den Revolutionären, die da begeistert mitthun, um eine einträgliche Stellung in der neuen Regierung zu erhalten. Aber abgesehen davon ist es, praktisch gesprochen, doch ganz klar, daß du durch intime Beziehungen zu einem Königshause unsrer Sache einmal in ganz andrer Weise nützen kannst als wie als Großherzog ohne zur Erbfolge berechtigte Nachkommenschaft.« Mit wachsendem Erstaunen und wachsendem Zorn hatte der Prinz ihn angehört. Als er geendet, lachte er grimmig auf und wollte eben heftig entgegnen, als mit allen Zeichen der Aufregung in dem stark geröteten Antlitz Prinzessin Georgine zur Thür hereinrauschte und die Kunde überbrachte, daß der Großherzog von einem besorgniserregenden Unwohlsein befallen worden sei. Er habe sich geweigert, den Professor Cordell kommen zu lassen, und man habe infolgedessen nach dem zweiten Leibarzt geschickt. Der Großherzog sei seinem alten Kammerdiener ohnmächtig in die Arme gefallen und man befürchte, daß es sich um einen Schlaganfall handle. Ein Thränenausbruch schloß ihren Bericht, und sie jammerte laut auf: »Ach! wenn ich hätte denken können, daß es ihn so erschüttern würde! Ach Gott! ich wage gar nicht, ihm vor die Augen zu treten! Sage du ihm doch, Eleonore, daß ich bereit bin, mich für ihn zu opfern!« »Beruhige dich, liebe Tante!« beeilte sich der Erbgroßherzog der aufgeregten kleinen Dame zuzurufen, und er vermochte trotz seiner eignen Erregung ein Lächeln nicht zu unterdrücken über die drollige Art, wie sich der Schmerz des braven alten Mädchens äußerte. »Beruhige dich, liebe Tante! Ich kann dir versichern, daß dich keine Schuld trifft. Ich war heute morgen schon bei Papa und weiß positiv, daß es nicht deine Verlobung ist, die ihn dermaßen aufgeregt hat.« »Wirklich? Und du glaubst, daß er nichts dagegen hat?« rief die kleine Prinzessin, indem der neue Hoffnungsschimmer ihr Antlitz purpurn verklärte. »Nun, du kannst dir wohl denken, daß er nicht übermäßig entzückt ist von dem Gedanken; aber ... er wird sich eben darein finden.« »Du glaubst wirklich, er erlaubt's? Er wird mich nicht ganz verstoßen, weil ich der Stimme meines Herzens gefolgt bin? Ach Gott, wie bin ich bloß glücklich!« Und die Anwesenheit Kospoths völlig außer acht lassend, äußerte Prinzessin Chochotte ihre Herzensfreude in einer nahezu kindlich ausgelassenen Weise, indem sie ihrer hochgewachsenen, etwas schmalschulterigen Nichte förmlich an den Hals hüpfte. Auch Prinzessin Eleonore ward es schwer, der Tante nicht laut ins Gesicht zu lachen. Sie küßte sie flüchtig auf die Wangen und sagte: »Nun ja, beruhige dich nur, Tantchen, glaube nur, daß wir alle dir dein Liebesglück von Herzen gönnen; aber jetzt laß mich los! Ich habe solche Sorge um Papa! Die große Krankheit voriges Jahr hat seine Widerstandsfähigkeit besonders gegen Gemütserschütterungen so sehr herabgesetzt, daß man nicht ängstlich genug sein kann.« Und zu Hans Joachim gewandt fügte sie entschuldigend hinzu: »Es thut mir leid, Herr von Kospoth, aber Sie sehen selbst ...« Er beugte sich schweigend über die ihm entgegengestreckte Hand der Prinzessin und drückte einen flüchtigen Kuß darauf. Dann ging er, den beiden Prinzessinnen die Thür zu öffnen, und schickte sich eben an, ihnen nachzufolgen, als er plötzlich des Erbgroßherzogs Hand auf seiner Schulter fühlte. »Einen Augenblick, Hans Jochen!« bat der Prinz und nötigte ihn dadurch, ihm nochmals in das Zimmer zurückzufolgen. Er ergriff seine beiden Hände und sagte, mit seinem brennenden Blick das Auge des Freundes suchend: »Sei ehrlich, Hans Jochen! Hast du mir wirklich nichts andres zu sagen? Es ist doch wahrhaftig, so wie ich dich kenne, nicht zu glauben, daß du über meine Herzensangelegenheit so kalt, so praktisch nüchtern denken solltest wie ein Hofmarschall oder Hausminister. Sag's nur, du hast vor meiner Schwester nicht mit deiner wahren Meinung herausgewollt.« »Du irrst dich, ich habe dir meine ehrliche Meinung gesagt,« entgegnete Kospoth, sich mühsam zur Ruhe zwingend. »Es ist eben der alte Kampf zwischen Pflicht und Herzensneigung. Ein dritter kann nur immer sagen: Thue deine Pflicht; ob die Liebe wirklich so stark und echt ist, daß sich auf ihr ein neues Leben mit neuen Pflichten aufbauen läßt, das müssen die Beteiligten eben selber wissen.« »Ich kann dich versichern, diese Liebe ist so stark! Du kennst ja Melanie. Sage doch selbst: Ist es denn möglich, dies herrliche Geschöpf nicht zu lieben, oder jemals aufzuhören, es zu lieben?« »Da magst du wohl recht haben,« versetzte Kospoth, kaum fähig, den Sturm, der in seinem Innern tobte, nicht zum Ausbruch kommen zu lassen. Er entwand seine Hände ungeduldig dem Griff des Prinzen und sagte: »Laß mich gehen, Georg – laß mich überhaupt gehen! In Liebesdingen bin ich ja doch ein schlechter Berater; du weißt, ich habe ja darin keine Erfahrung! Und wenn du wirklich es durchsetzest, die Melanie zu heiraten, dann wird in deinem Herzen doch kein Platz für die Freundschaft übrig sein.« »Ah! du bist eifersüchtig. Das ist kostbar!« rief der Erbgroßherzog und machte einen schwachen Versuch, zu lachen. »Nein, im Ernst, lieber Freund, jetzt habe ich dich erst recht nötig. Willst du mich in dem aufreibenden Kampfe allein lassen, der mir jetzt bevorsteht?« »Glaubst du, ich würde mich mit meiner theoretischen Weisheit zwischen Vater und Sohn drängen? Und nun gar in diesem Falle, wo der Vater einen durchaus berechtigten Standpunkt vertritt!« »O, das verlange ich nicht, ich bin nicht feige! Meine Liebe wird mir die Kraft geben, diesen schwersten Kampf allein auszufechten. Ich will sogar dem Throne entsagen, wenn es durchaus nicht anders geht – wir haben ja ein großes, starkes Deutschland; was ist also daran gelegen, ob mein kleines Vaterland selbständig fortbesteht oder nicht! Ich werde auch als Privatmann für die Zukunft arbeiten können – vielleicht mehr denn als Fürst. Aber was soll ich von deiner Freundschaft halten, wenn sie davon abhängt, ob ich meinen Thron oder mein Menschenrecht höher schätze! Nein, nein, wenn du es wirklich gut mit mir meinst, dann muß dich der Kampf, dem ich entgegensehe, meinem Herzen nur noch näher bringen. – Uebrigens würde mir es auch Melanie nicht verzeihen, wenn ich dich jetzt gehen ließe. Ich kann dich versichern, sie schätzt dich ungemein hoch, sie liebt dich wie einen Bruder, – sie hat es mir selbst gesagt!« Jetzt vermochte Kospoth nicht mehr an sich zu halten. Seine braunen Wangen überzog eine dunkle Glut, seine Fäuste ballten sich krampfhaft, und fast tonlos stieß er hervor: »Sie hat es dir selbst gesagt? Nun, dann wird es ja wohl wahr sein! Aber ich muß dir leider bekennen, daß ich meine Lebensaufgabe unbescheidenerweise höher stelle als die Ehre, bei euch als Hausfreund meine kostbare Zeit versimpeln zu dürfen. Leb wohl! Ich wünsche dir alles Gute. Aber hier bin ich wahrhaftig überflüssig!« »Hans Jochen, du bist ...« rief ihm der Prinz nach – aber er war schon zur Thür hinaus. Georg Friedrich griff sich an die Stirn. Jetzt sah er plötzlich klar. Nicht allein des Vaters, auch des Freundes Herz hatte er tödlich verwundet – mit furchtbarer Wucht umkrallte die plötzliche Erkenntnis seine Seele wie mit Tigerklauen. Das Blut hämmerte in seinen Schläfen, während ihm ein eisiger Schauder den Rücken hinunterlief. Und langsam, aus weitgeöffneten Augen starr vor sich hinblickend wie ein Schlafwandler, schritt er durch eine Reihe leerer Zimmer hindurch, ohne zu wissen, wohin er wollte, und als er die letzte Thür öffnete, befand er sich in dem durch Oberlicht trübe erleuchteten Treppenhause. Mechanisch stieg er die teppichbelegten Marmorstufen empor, sich an dem vergoldeten Geländer förmlich hinaufziehend. Da kam ihm von oben eine plumpe Gestalt entgegen. »Wissen Königliche Hoheit schon? Ich suche Königliche Hoheit überall. Der Großherzog ist nicht unbedenklich erkrankt. Doktor Burtscheidt ist bei ihm. Der ganze Hof ist in größter Aufregung. Wenn Königliche Hoheit vielleicht ...« Erst jetzt erkannte Georg Friedrich in dem Manne, der ihn in kurzatmiger Hast also anredete, den Kammerherrn von der Rast, und unterbrach ihn mit einem abweisenden: »Ich weiß, ich weiß! Ich bin selbst ... Sagen Sie, daß ich mich auf mein Zimmer zurückgezogen habe, falls man nach mir sucht.« Er machte eine entlassende Handbewegung und stieg einige weitere Stufen hinauf. Da blieb er stehen, wandte sich rasch um, rief den Kammerherrn leise beim Namen und raunte ihm, der eilfertig die Stufen wieder hinaufgesprungen war, ins Ohr: »Sehen Sie doch zu, daß ich heute gegen Abend auf eine halbe Stunde allein sein kann. Sie verstehen?« »Vollkommen, Königliche Hoheit!« flüsterte der dicke Baron unterwürfig zurück. »Aber ich weiß nicht ... wenn Königliche Hoheit mir gestatten wollen, Sie darauf aufmerksam zu machen: man hat spioniert – Graf Worbis scheint zu wissen und hat vielleicht schon gestern abend im Theater dem Großherzog Mitteilung davon gemacht – es ist vielleicht gefährlich ... wenn ich mir erlauben dürfte, gerade heute davon abzuraten.« »Gleichviel, ich weiß, was ich wagen darf! Ich muß sie heut noch sprechen – hören Sie – ich muß!« Einen strengen Blick unter finster zusammengezogenen Brauen hervor warf der Prinz noch auf den sich tief verbeugenden Höfling, dann stieg er rasch die Treppe vollends hinauf, um sich in seine Gemächer zu begeben. Der Kammerherr von der Rast aber blieb pustend auf dem nächsten Treppenabsatz stehen, betupfte sich mit seinem rotseidenen Taschentuche die Stirn und sprach dabei zu sich selbst: »Wenn der regierende Herr jetzt das Zeitliche segnet, dann ist mir der Theaterintendant gewiß!« Siebentes Kapitel. Hans Jochen versucht Abschied zu nehmen. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde von der bedenklichen Erkrankung des Großherzogs in der Residenz verbreitet und bei dem raschen Wandern von Mund zu Munde gar bald die bestimmte Form angenommen, daß es sich um einen Schlaganfall handle, für den man ohne Zweifel die extravagante Verlobung der Prinzessin Georgine verantwortlich machen müsse. Der Klatsch über das Verhältnis des Thronfolgers zu dem schönen Fräulein von Treysa war doch noch nicht so weit gedrungen, wie Frau Thea Lindner gewähnt hatte, sondern auf einen engeren Hof- und Theaterkreis beschränkt geblieben. Und die guten Bürger, die ihren leutseligen Landesherrn so aufrichtig verehrten, entrüsteten sich aus voller Ueberzeugung über die harmlose arme Cousine, die durch ihre verliebte Narrheit das teure Leben des hohen Familienoberhauptes in Gefahr brachte. Trotz des abscheulichen Tauwetters, welches die abschüssigen Straßen um das Residenzschloß herum in schlammige, strudelnde Wildbäche verwandelte, trotz des seinen Regens, der unaufhörlich von dem bleigrauen Himmel herniederrieselte, wurde doch der Platz vor dem Hauptportal des Schlosses den ganzen Tag über nicht leer von Menschen, die dort ungeduldig warteten, bis irgend jemand herauskam, den man um den Zustand des hohen Kranken befragen konnte. In die abgelegene Hofjägerei drang die aufregende Kunde von den Vorgängen im Schlosse erst verhältnismäßig spät. Baron Kosvoth, der den Treysas gegen ein Uhr seine Aufwartung machen wollte, war der erste Ueberbringer der Nachricht. Er wußte, daß Frau von Treysa wieder zu Bette liege und daß er darum wahrscheinlich auf die Gesellschaft des alten Generals allein angewiesen sein würde. In seiner heutigen Gemütsverfassung war es ihm aber unmöglich, das Gestammel des Greises anzuhören und das übliche Gespräch in Gang zu bringen. Er verfügte sich deshalb sogleich in das Atelier hinauf, in der schwachen Hoffnung, Melanie vielleicht bei dem Fräulein von der Rast zu finden. Doris war allein, als er die große Dachstube betrat. Sie hatte sich einen Stuhl vor die Staffelei gerückt und betrachtete mit einer Miene, so trübselig wie das Wetter da draußen, Melanies Bildnis, welches zwar eigentlich längst fertig war, an dem sie aber doch noch täglich herumkratzte und -strichelte, ohne daß es dadurch mehr Leben bekommen hätte. Die kleine Malerin erhob sich errötend, um dem jungen Baron einige Schritte entgegenzugehen. »Sie werden heute Melanie nicht sehen,« sagte sie, sobald die ersten Begrüßungsworte gewechselt waren. »Es geht ihrer Mutter sehr schlecht. In der Nacht hat sich hitziges Fieber eingestellt – es soll eine Lungenentzündung sein. Der Arzt meint, bei ihrer zarten Konstitution wäre das Schlimmste zu befürchten. Soll ich einmal hinuntergehen und fragen, ob Melanie einen Augenblick loskommen kann?« »Nein, bitte, bemühen Sie sich nicht, liebes Fräulein,« wehrte Kospoth ab, »ich will Melanie nicht ihrer Pflicht entziehen; aber wenn Sie gestatten, bleibe ich noch ein wenig.« »Ach, Sie sind sehr liebenswürdig!« sagte Doris hoch erfreut, und dann fügte sie demütig hinzu: »Wenn Sie mit mir vorlieb nehmen wollen,« »O, ich bitte, wie können Sie so etwas sagen! Es ist mir sogar sehr lieb, daß ich Sie allein treffe; ich ...« Doris wartete eine ganze Zeitlang vergebens darauf, daß er den Satz vollenden sollte. Er war vor ihre Staffelei getreten und schien im Anblick des Gemäldes ganz zu vergessen, was er hatte sagen wollen. »Sagen Sie es nur offen heraus,« unterbrach das Fräulein endlich das Schweigen. »Es ist verpfuscht, nicht wahr? Ganz und gar verpfuscht – die Ähnlichkeit, Haltung, Ausdruck, Farbe, alles! Ach ja, ich hätte es gar nicht wagen sollen! Sie glauben nicht, wie ich mich jetzt schäme, und ich habe doch mit solcher Liebe daran gearbeitet! Da sehen Sie die alten Männer und Frauen an den Wänden, die sind doch nicht so übel. Mein Lehrer hat sie wenigstens sehr gelobt. Ach, ich sage Ihnen, das ist freilich ein andres Arbeiten! Da rührt man sich lauter schmutzige Sößchen zurecht und streicht sie recht dick in die Runzeln hinein – das findet man gleich wundervoll charakteristisch! Aber so ein lebensprühendes Auge, so einen durchscheinenden Teint und das alles nur einigermaßen wiederzugeben, dazu muß man doch wohl schon wirklich Künstler sein!« Kospoth schaute der Sprecherin voll Mitgefühls in die feucht blinkenden dunkelblauen Gazellenaugen. Noch nie hatte sie in seiner Gegenwart eine so lange Rede gewagt. Wie erschrocken über ihre eigne Kühnheit, schlug sie nun errötend die Lider mit den langen dunklen Wimpern zu Boden und hörte gesenkten Hauptes seine gutgemeinte Einwendungen gegen ihre Selbstanklagen an. Zum Schluß sagte er, sich zu einem scherzenden Tone zwingend: »Hätten Sie mein kurzborstiges Haupt zum Modell genommen, dann hätten Sie es freilich leichter gehabt und Ihre breitesten Pinsel tief in braune Sauce tunken können.« »Ach, wirklich, hätten Sie sich dazu hergegeben?« rief die kleine Malerin und blickte ungläubig zu ihm auf. »Nach der Stümperei, die Sie hier von mir gesehen haben, darf ich aber wohl nicht mehr wagen ...« »O, mein liebes Fräulein, ich würde Ihnen ja mit dem größten Vergnügen sitzen, wenn ich nicht fort müßte.« »Sie wollen fort?« »Ja, vielleicht schon morgen!« Doris war ganz blaß geworden bei der überraschenden Eröffnung. Das schmale, längliche Gesicht noch tiefer zur Seite gebeugt, so daß sich ihr Höcker noch höher aufzubäumen schien, stand sie vor ihm, ein rührendes Bild hilflosen Jammers. »Dann kamen Sie wohl schon, um Abschied zu nehmen?« Er sah, wie schwer es ihr wurde, die wenigen Worte herauszubringen, und sagte bewegt: »Ich weiß, bei Ihnen wenigstens hinterlasse ich ein freundliches Andenken – Sie werden gern an unsre Plauderstunden hier oben zurückdenken.« »O, Herr von Kospoth, Sie werden gewiß von vielen hier vermißt werden!« ersetzte Doris leise. »Weiß Melanie schon?« »Nein!« antwortete er kurz, und dann trat er ans Fenster und starrte verlorenen Blickes in den grau wallenden Nebel hinaus. Wieder trat eine verlegene Pause ein. Doris war froh, daß er sie nicht ansah und ihr Zeit ließ, sich zu fassen. Natürlich wußte sie es längst, daß er Melanie liebte und hatte es auch erraten, daß er nur um ihretwillen noch so lange in der Residenz geblieben war, in der er doch eigentlich nichts mehr zu thun hatte, es sei denn, daß er die Hilfe, die er dem Erbgroßherzog bei der Abfassung seiner Reiseerinnerungen lieh, für eine gar so ernste Pflicht ansah. Da das aber kaum der Fall sein konnte, so blieb ihr nur der Schluß übrig, daß er seine Liebe als eine hoffnungslose betrachtete und darum sein Heil in der Flucht suchen wolle. Endlich aber begann ihr sein Schweigen peinlich zu werden. Sie holte ihre Skizzenmappe herbei und kramte darin herum. »Könnten Sie nicht wenigstens noch ein paar Tage zugeben?« Hub sie zaghaft an. »Sehen Sie, ich habe da aus dem Kopfe eine Kreideskizze versucht; aber Sie müssen mich nicht auslachen – sehr ähnlich ist es freilich nicht geworden.« Er trat zu ihr an den Tisch, auf dem sie die Mappe aufgeschlagen hatte, und nahm das Blatt, das sie ihm darbot, zur Hand. »Ah, Sie haben mich aus dem Gedächtnis porträtiert!« rief er, sich den Anschein geschmeichelter Eitelkeit gebend. »Ah ja, das ist ja ganz unverkennbar – diese echt Kospothsche Nase!« »Sie finden es wirklich ähnlich?« sagte Doris, halb freudig und halb zweifelnd. Und als er sie freundlich lächelnd und sein Urteil lebhaft bestätigend anblickte, da setzte sie, verlegen stotternd hinzu: »Melanie wünschte nämlich gern ...« »Melanie wünschte mein Bild zu besitzen?« fiel er lebhaft ein. »Nein, Fräulein Doris, das kann ich kaum glauben.« So streng und vorwurfsvoll fixierten sie seine hellen grauen Augen, daß sie sich ängstlich beeilte, die Wahrheit zu gestehen. »Ja, das heißt: sie hat es nicht gerade direkt ausgesprochen! aber ich glaube, ich würde ihr zu ihrem Geburtstage eine Freude damit machen. Wenn Sie mir nur noch ein paar Stunden dazu sitzen könnten, dann getraute ich mich wohl, es einigermaßen zu stände zu bringen. Ich könnte mir vielleicht auch mit der Photographie helfen. Der Erbgroßherzog war nämlich so liebenswürdig, mir einen »holographischen Apparat zum Geschenk anzubieten. Alle Maler photographieren ja jetzt.« Kospoth horchte auf, und sobald die kleine Malerin geendet hatte, überraschte er sie mit der Frage: »Der Erbgroßherzog war wohl überhaupt sehr liebenswürdig gegen Sie in letzter Zeit?« »O ja! Er ist schon ein paarmal hier oben gewesen bei mir und war so freundlich! Ich verdanke das natürlich nur Melanie.« »Wie merkwürdig, daß ich Seine Königliche Hoheit nur ein einziges Mal hier getroffen habe! Ich bin doch fast jeden Vormittag hier gewesen!« »Ja, er war einige Male auch nachmittags hier. Er liebe die Schummerstunde so, sagt er. Ich durfte nur die große chinesische Laterne anzünden. Wir saßen dann alle drei auf dem alten Diwan da, und er erzählte uns so hübsch von seiner Reise.« »Und warum haben Sie mir davon nicht schon früher etwas gesagt? Hat Ihnen Melanie vielleicht verboten...?« »Verboten? Nein! Wie Sie nur fragen! Sie haben sie doch fast jeden Tag unten bei ihren Eltern gesehen oder sind mit ihr ausgeritten, ins Theater gegangen, in Gesellschaft gewesen – da verstand es sich doch von selbst, daß sie Ihnen so etwas erzählte.« »Nun ja, allerdings, einmal hat sie mir auch davon gesprochen, aber ... Sagen Sie, wie oft war der Erbgroßherzog denn hier oben bei Ihnen?« »Nur dreimal! Warum sehen Sie mich denn so an, Herr von Kosvoth?« Er beachtete ihre ängstliche Frage nicht, sondern fuhr, sie wie einen armen Sünder mit seinem strengen Richterblick in Verwirrung setzend, zu fragen fort: »Und Sie waren bei diesen Besuchen immer zu dreien? Ich meine: haben Sie nie den Erbgroßherzog mit Melanie allein gelassen?« »Aber, Herr von Kospoth!« rief die kleine Malerin in ängstlich vorwurfsvollem Tone. »Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen! Sie werden doch wohl nicht glauben, daß Melanie ... aber nein, das ist ja gar nicht möglich. Sie lieben sie ja doch!« »Ja, eben, weil ich sie liebe! Vor Ihnen, Fräulein, brauche ich wohl kein Geheimnis daraus zu machen. Auf die Nebenbuhlerschaft einer Königlichen Hoheit kann man schon eifersüchtig sein, dächte ich! Und wenn ich einen gewissen Verdacht in mir aufkommen lasse ... o, Sie können überzeugt sein, daß ich meine Gründe dazu habe! – Noch eine Frage: waren Sie immer zur Dämmerstunde hier oben?« »Meistens ja, nur in dieser letzten Woche nicht, da hat mir mein Vater immer in der Zeit nach seiner Siesta bis zum Theater etwas vorgelesen.« »Unten in seinem Zimmer?« »Ja gewiß! Aber ich schließe mein Zimmer ab und trage den Schlüssel bei mir.« »Und – ist das eine alte Gewohnheit von ihm, Ihnen vorzulesen?« »Ach nein – das heißt: früher hat er es wohl manchmal gethan – immer, wenn ich krank war; aber neulich sprach ich mal mit ihm über Litteratur und da fand er, daß mein Geschmack eigentlich sehr ungebildet wäre, weil ich alles bunt durcheinander lese, was mir so in die Hände kommt. Da liest mir nun Papa seitdem alle Tage ein bis zwei Stunden aus den besten Dichtern vor, um meinen Geschmack zu bilden. Und damit ich nicht denken soll, daß er mir ein Opfer bringe, sagte er, er thäte es hauptsächlich zur Übung seiner Stimme und seiner Deklamation – Papa ist nämlich ein passionierter Schauspieler. O, gestern hat er mir Richard den Dritten vorgelesen, daß mir angst und bange wurde; so wild hat er die Augen dabei gerollt – Papa ist wirklich sehr gut zu mir – besonders seit Treysas im Hause wohnen! Das ist auch Melanies Einfluß, glaube ich. Ach, sie ist so lieb und gut, daß auch alle Menschen, die ihr nahe sein dürfen – ich möchte sagen: etwas davon abbekommen.« Doris hatte sich in einen solchen Eifer hineingeredet, daß ein sanftes Rot ihre wachsbleichen Wangen überzog und ihre Gazellenaugen noch wärmer strahlten als gewöhnlich. Sie setzte sich erschöpft auf den nächsten Stuhl und schaute mit ihrem erstaunten Kinderblick zu Hans Joachim empor, als wollte sie sagen: Ich begreife nicht, wie man von einem Menschen, den man liebt, etwas Schlechtes denken kann; ich würde an dir, Hans Joachim, niemals zweifeln, und wenn die ganze Welt mir beweisen wollte, daß du meiner Liebe unwürdig wärest! Kospoth hielt immer noch ihre Kreidezeichnung in der Hand und starrte mit düster zusammengezogenen Brauen darauf hinab. Die Worte des arglosen Mädchens hatten seinen Verdacht nur bestätigt. Er wußte nicht, was er ihr darauf erwidern sollte, da er wohl empfand, wie grausam es gewesen wäre, ihr das Vertrauen zu dem Vater zu zerstören, die Begeisterung für die angebetete Freundin zu trüben. Endlich legte er das Blatt aus der Hand und sagte: »Es wäre mir doch lieb, wenn ich Fräulein von Treysa einen Augenblick allein sprechen könnte.« »Ich will gern hinuntergehen und es ihr sagen,« versetzte Doris eifrig und schrägelte alsbald zur Thür hinaus. Hans Joachim warf sich auf den Diwan, drückte eine Faust gegen seine Stirn und harrte, den Kopf gegen die Wand gelehnt, der Geliebten. Er versuchte, sich klar zurecht zu legen, was er ihr sagen wollte, aber es war ihm unmöglich, seine Gedanken zu ordnen. Immer wieder drängte sich zwischen seine vernünftige Erwägung die Raserei der Eifersucht, und seine erregte Einbildungskraft ließ ihn fortwährend die Geliebte in der Umarmung des Prinzen schauen. Ein rasender Schmerz wühlte in seiner Seele, wie wenn eine grausame Macht, der er sich nicht widersetzen konnte, ihn dazu verurteilt hätte, der stumme Zeuge aller Küsse und Liebesschwüre zu sein, die Melanie mit ihrem fürstlichen Liebhaber austauschte. Es drängte ihn fortwährend, aufzuspringen und wütende Schläge in die Luft zu führen, den unsichtbaren Feind an der Gurgel zu packen. – Er mußte lange warten; aber als Melanie endlich erschien, war es ihm doch noch immer nicht gelungen, seiner Aufregung Herr zu werden. Melanie kam allein. Sie war im Morgenrock, das reiche dunkle Haar noch unfrisiert, nur lose aufgesteckt. Ihre Augen verrieten deutlich die Spuren einer durchwachten Nacht, ihre Wangen waren blaß, aber die Hand, die sie zum Gruße in die seine legte, glühte wie im Fieber. »Guten Tag, Hans Jochen! Sie haben mir etwas zu sagen? – Verzeihen Sie, daß ich in diesem Aufzuge komme – ich habe noch keine Zeit gefunden, Toilette zu machen. Mama hat eine sehr schlechte Nacht gehabt – wir mußten sogar den Arzt holen lassen, weil wir fürchteten ... Papa ist ganz außer sich. Der Arzt hat gesagt, mir müßten uns auf das Schlimmste gefaßt machen, obgleich er die Hoffnung noch nicht aufgibt. Ach, lieber Freund, es ist so schrecklich, an dem Krankenbette der Mutter zu wachen, wenn man immer fürchten muß, daß die nächste Stunde die letzte sein könnte. Ich ...« Sie fuhr sich mit ihrem Tüchlein über die feuchten Augen. »Ich bin nicht fähig ... sagen Sie mir rasch, was Sie herführt. Ich darf sie nicht lange allein lassen.« Kospoth hatte die heiße kleine Hand nicht losgelassen. Es zuckte schmerzlich um seinen Mund, als er ihr mit bebender Stimme eröffnete, daß er Abschied zu nehmen gekommen sei. »Wie, Sie wollen uns verlassen?« rief Melanie, erstaunt aufblickend. »Gerade jetzt, wo wir einen Freund vielleicht sehr nötig haben werden?« Er biß sich auf die Lippen und versetzte tonlos: »An Freunden wird es Ihnen hier doch jedenfalls nicht fehlen.« »Ah! Sie sind mir böse, weil ich Ihnen noch immer nicht auf Ihre Frage geantwortet habe.« »Ich glaube, ich habe Ihnen Zeit gelassen, sich über Ihre Gefühle klar zu werden. Ich weiß, Sie sind sich bereits klar darüber – und doch haben Sie mir nicht antworten wollen! Nun, ich habe mir die Antwort heute früh geholt – von einer andern Stelle. Der Erbgroßherzog hat es mir ungefragt zu verstehen gegeben, wie die Dinge liegen. Daß ich jetzt nicht mehr hier bleiben kann, keinen Tag länger, das werden Sie wohl verstehen.« Eine jähe Röte ergoß sich plötzlich über Melanies ganzes Gesicht, um fast ebenso rasch wieder daraus zu verschwinden. Sie setzte sich auf den nächsten Stuhl und ließ die Hände matt auf dem Schöße ruhen. Ihre schlanken Finger spielten mit dem thränenfeuchten Batisttüchlein, und ihre niedergeschlagenen Augen schauten dem Spiele zu. Dann aber blickte sie wehmütig lächelnd empor und sagte, ruhig dem verzehrenden Blicke Kospoths begegnend: »Wenn Sie es denn einmal wissen: ja – ich liebe Georg Friedrich! und er liebt mich wieder und wird mich zu seiner Frau machen, selbst wenn er deshalb dem Throne entsagen müßte. Ach, lieber Hans Jochen, ich weiß, was ich Ihnen anthue, aber ich kann nicht anders, und ich durfte es Ihnen bisher nicht sagen, weil ich auf seine Stellung Rücksicht nehmen muß. Ich muß es ihm überlassen, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann er das Geheimnis unsrer Liebe vor der Welt veröffentlichen will. Aber nun, da er es Ihnen selbst gesagt hat ... Ach, lieber Freund, wenn diese Liebe nicht über mich gekommen wäre wie ein Sturm, um mir die innerste Seele durchzurütteln, Empfindungen aufzuwecken, von denen ich bisher keine Ahnung hatte ... nein, man kann nicht davon sprechen – es ist so etwas Geheimnisvolles, Wunderbares! Aber ich weiß gewiß, das ist die rechte Liebe – und was ich für Sie fühlte ... Ach, lieber Hans Jochen, wenn dies nicht über mich gekommen wäre, dann hätte ich mit Freuden Ihnen die Hand gereicht und – wir wären vielleicht auch glücklich geworden zusammen.« Sie erhob sich plötzlich und legte ihre Hände auf seine Schultern, ihre volle Gestalt leicht an seine Seite schmiegend, und dabei sah sie, die schönen Augen ganz in Thränen, zu ihm auf und seufzte lächelnd: »Ach, lieber Hans Jochen, wenn du mir doch nicht böse sein wolltest! Das kommt nun einmal so und man kann nicht anders. Aber ich bin dir ja trotz alledem so gut, und es ist wirklich keine Redensart, daß ich dich liebe wie einen Bruder. Siehst du, ich glaube, es ist gut, daß es so gekommen ist; denn wäre ich deine Frau geworden und hätte dich anders lieben gelernt, dann hättest du sehr bald mit Schrecken erfahren müssen, wie furchtbar rücksichtslos, wie selbstsüchtig ich in meiner Liebe bin. Ich hätte dich gewiß schrecklich gequält, sobald ich gefunden hätte, daß in deinem Herzen noch für irgend etwas andres Platz ist neben deiner Frau.« Er fühlte ihren warmen Atem in seinem Gesicht, ihren blühenden Leib an seiner Brust, in seinen zitternden Armen – seine Sinne drohten sich zu verwirren, und er rief mit letzter Kraftanstrengung: »Melanie, dein Trost macht mich wahnsinnig, laß mich los – – du bist fremdes Eigentum!« Sie prallte zurück und sah ihn erschrocken an. Ein Blick in diese flackernden Augen sagte ihr, der wissend Gewordenen, ein wie gefährliches Spiel sie da in bester Absicht getrieben hatte. Aengstlich schritt sie wieder der Thüre zu und sagte, während sie eine Hand schon auf die Klinke gelegt, ihm ihre Rechte entgegenstreckte: »Wenn es also nicht anders sein kann, so leben Sie wohl! Wollen Sie nicht Papa noch sehen, ehe Sie reisen?« Er antwortete nicht auf ihre letzte Frage, sondern hielt ihr vielmehr eine andre Frage entgegen: »Und du, Schwärmerin, glaubst wirklich, daß Georg Friedrich auf die Thronfolge verzichten wird, um dich zu heiraten?!« Sie ließ die Klinke los und trat, die kleinen Hände zornig geballt, ihm einen raschen Schritt entgegen. »Sie vergessen wohl, daß Sie den Mann Ihren Freund genannt haben, den Sie jetzt durch solchen Verdacht beleidigen!« »Nein, Melanie,« entgegnete Kospoth, bitter lächelnd. »Ich nehme nichts von dem zurück, was ich jemals Lobendes über den Erbgroßherzog gesagt habe; aber ich weiß auch, daß der Zwang der Verhältnisse stärker sein wird als er. Er sieht sich jetzt vor die Wahl gestellt, entweder der Mörder seines Vaters zu heißen, oder nur ein allzu feuriger Liebhaber. Ihr Schicksal, das Sie mit Hunderttausend verlassenen Mädchen aus allen Ständen teilen, würde die Gesellschaft nicht lange in Aufregung erhalten; aber ganz Europa würde sich über den Thronfolger entrüsten, der um einer romantischen Grille willen das Leben seines Vaters in Gefahr setzt.« »Ah, ist das Ihre Freigeisterei? Eine romantische Grille nennen Sie eine Liebe, die sich gegen herkömmliche Anschauungen auflehnt? Es scheint, Sie sind nur so lange ein gefährlicher Radikaler, als Ihre persönliche Empfindlichkeit nicht berührt wird. O pfui! Und was soll das heißen: er würde der Mörder seines Vaters werden, wenn er mir sein Wort hält? Wollen Sie mir durch solche Romanphrasen einen Schreck einjagen? O pfui! sage ich noch einmal.« Wie schön sie war in ihrem flammenden Zorn! Kospoth hatte ihr zu Füßen stürzen mögen; aber er zwang sich gewaltsam zur Ruhe und teilte ihr zu seiner Rechtfertigung mit, was an diesem Morgen im großherzoglichen Schlosse zwischen Vater und Sohn vorgegangen war und welche Folgen für den regierenden Herrn die Aufregung jener Unterredung gehabt hatte. »Sie wissen wohl,« schloß er seinen Bericht, »welch schönes Verhältnis zwischen Eltern und Kindern in der großherzoglichen Familie herrscht, und wie sehr insbesondere der Prinz seinen Vater verehrt!« Melanie war wieder sehr bleich geworden. Die Hand auf den Busen gedrückt, mit halbgeöffnetem Munde hatte sie ihn bis zu Ende angehört. Er sah es, irgend ein Ausruf der Angst schwebte auf ihren Lippen; aber sie unterdrückte ihn. Sie strich mit beiden Händen das Haar von den Schläfen zurück, wie um sich dadurch zu beruhigen, und dann leuchteten ihre Augen auf und ein Lächeln stolzer Zuversicht spielte um ihre Lippen, als sie endlich wieder Worte fand. »Sie werden sehen, Hans Jochen, daß auch dies ihn nicht in seinem Entschlusse wankend machen wird. Verzeihen Sie mir, was ich in der Heftigkeit gesagt habe. Ich muß jetzt zugeben, daß Sie ein Recht hatten, solche Worte zu gebrauchen. Sie müssen doch sehen aus diesem Ereignis, daß er mich in Wahrheit über alles liebt, mehr selbst als seine Eltern und seinen Thron. Ich bin überzeugt, daß er den rechten Weg finden wird, seinen Vater zu versöhnen – trotz alledem. Sie wissen ja, daß ich selbst fürstliches Geblüt in meinen Adern habe!« Sie versuchte übermütig zu lachen, was ihr jedoch schlecht gelang, und dann, als er sich abwendete und nur stumm die Achseln zuckte, fuhr sie fort: »Nun ja, das ist dummes Zeug! Aber ich meine doch, wenn Sie bei dieser Geschichte nicht persönlich beteiligt wären – nehmen Sie es mir nicht übel – dann müßten Sie sich eigentlich Ihres Schülers freuen, daß er den Mut hat, die Theorie in die Praxis umzusetzen: denn Ihrem Zukunftsstaate kann doch an so einem kleinen Großherzog nichts gelegen sein, nicht wahr?« Kospoth wandte sich ihr wieder zu und versetzte mit schmerzlicher Ergebenheit: »Ich sehe, es kann zu nichts führen – wir quälen einander nur. Als Ihr aufrichtiger Freund kann ich Ihnen nur wünschen, daß Ihnen eine grausame Enttäuschung erspart bleiben möge. Behalten Sie wirklich recht – nun, dann will ich Ihnen Glück wünschen – und sehen, wie ich mit mir fertig werde. Leben Sie wohl, Melanie!« Jetzt ging er nach der Thür, und sie war es, die ihn zurückhielt. »Wollen wir wirklich so auseinandergehen?« rief sie lebhaft, indem sie mit warmem Drucke seine Hand ergriff. »Soll es nicht bei dem Du und bei der Brüderlichkeit bleiben dürfen?« »Also: leb wohl, Melanie!« sagte er, trübe lächelnd und den Druck ihrer Hand erwidernd. Allein sie wollte ihn noch nicht fortlassen und beharrte: »Nein, geh nicht! Reise wenigstens noch nicht heute ab! In diesen Tagen muß sich ja so vieles entscheiden. Halte noch so lange bei uns aus! Ja, Hans Jochen? In Trauer oder in überschwenglicher Freude – dein liebes Gesicht würde ich immer vermissen. Die Wunde, die ich deinem Herzen schlagen mußte, wird die Zeit heilen. Das ist zwar eine banale Phrase; aber ich glaube, es ist doch wahr. Es ist ja doch dein Ziel, die Menschheit glücklich zu machen, und darüber wirst du schon einmal ein Mädchen vergessen, das vielleicht ... Ach, was rede ich da alles! Sei mir nicht böse! Sei gut und gerecht, wie du immer warst, Hans Jochen!« Und mit schelmischem Lächeln setzte sie hinzu: »Weißt du, wir treten vielleicht doch noch einmal in nahe verwandtschaftliche Beziehungen zu einander. Ja, sieh mich nur ungläubig an! Hast du denn wirklich nicht bemerkt, wie sehr Prinzeß Eleonore für dich schwärmt?« »Melanie, ich bitte dich, was soll das hier?« sagte er, ernst abweisend. »Die Prinzessin ist eine gescheite Dame, mit der es sich vortrefflich plaudert und musiziert.« »Und die dich außerdem anbetet,« fiel Melanie ein. »O, glaube mir, wir Frauen haben ein scharfes Auge aufeinander. Ich bin nicht die einzige, die bemerkt hat, wie es um das Herz der Prinzessin steht. Uebrigens hat es mir auch die kleine Katz bestätigt, und ich glaube, sie hat damit ganz im Sinne der Herrin gehandelt, der es wahrscheinlich sehr recht ist, wenn ich dir so etwas wiedererzähle. Sie weiß ja auch um unsre Liebe und steht ganz auf der Seite ihres Bruders. Der arme Großherzog wird sich wohl darein finden müssen, daß auch seine Kinder dem bösen Beispiele der Tante Chochotte folgen.« Kospoth schüttelte den blonden Kopf und entgegnete fast grimmig: »Verzeih, ich besitze wohl nicht den Humor, um die Dinge so gemütlich aufzufassen. Ich hätte übrigens nicht geglaubt, daß du noch ein solches Kind sein kannst.« Jetzt war wieder Melanie die Gekränkte. Sie biß sich leicht auf die Lippen und seufzte: »Wenn du durchaus nicht anders willst – dann also: leb wohl! Aber nur für heute, nicht wahr? Warte wenigstens, bis es sich mit Mama entschieden hat – und das andre vielleicht auch! Versprich mir das!« »Versprechen kann ich es dir nicht; aber ich möchte es dir gern zuliebe thun.« Sie wollte eben die Thür öffnen, als daran geklopft wurde. Es war das Treysasche Dienstmädchen, welches Melanie an das Krankenlager der eben aus kurzem Fieberschlaf erwachten Mutter zurücklief. Sie drückte Kospoth flüchtig die Hand und eilte mit einem kurzen »Auf Wiedersehen!« die Treppen hinunter. Ein paar Sekunden stand er unschlüssig – dann lief er ihr rasch nach und holte sie vor der Thür ihrer Wohnung ein. »Sollte es mir unmöglich sein wiederzukommen,« flüsterte er ihr zu, »dann ... dann grüße deine Eltern von mir, und vergiß nicht, Melanie: was auch immer kommen mag, ich bleibe dir gegenüber der alte. Wenn du einen Freund brauchst, bin ich bei dir. Adieu! Und gute Besserung deiner Mutter!« »Danke!« sagte sie herzlich und drückte ihm warm die Hand. Dann schlüpfte sie eilig durch die nur angelehnte Thür hinein, und er stieg langsam die Treppe hinunter. Als er unten aus der Hausthür trat, kam ihm der Kammerherr von der Rast entgegen. Mit hochgeklapptem Paletotkragen und aufgekrempelten Beinkleidern watschelte die dicke Gestalt eilfertig unter dem triefenden Regenschirm heran: aber selbst die Unbill des Wetters und die aufgeregte Hast vermochten das gewohnte süßliche Lächeln nicht aus seinem Gesichte zu verbannen. Schon auf sechs Schritte Entfernung streckte er Kospoth die Hand entgegen und rief im jovialsten Tone, als ob es sich um irgendwelchen harmlosen Spaß handle: »Morgen, lieber Baron! Haben Sie unsern Damen bereits die Trauerbotschaft aus dem Schlosse mitgeteilt? Sie wissen doch natürlich? Mein Gott, es ist wirklich schrecklich! Hier im Hause unsre liebe, gute Generalin in Lebensgefahr und dort im Schlosse unser allergnädigster Herr gefährlich erkrankt! Wer hätte gedacht, daß der Affront dieser unglückseligen Prinzessin Chochotte ihn dermaßen alterieren könnte! Es ist ein Nervenchok – sollen die Aerzte gesagt haben. Oder wissen Sie vielleicht, was sonst der Grund sein könnte? Ich hörte im Schlosse, daß der Erbgroßherzog heute morgen eine längere Unterredung mit seinem Vater gehabt habe.« Dabei sah er ihm lauernd ins Gesicht. Kospoth hatte sich mit seinem Regenschirm zu thun gemacht, um den Händedruck dieses Mannes, der ihm seit dem Gespräch mit Doris noch bedeutend unangenehmer geworden war als bisher, zu entgehen. Er wußte, wo der Kammerherr mit seiner letzten Frage hinzielte, und antwortete nur durch ein bedauerndes Achselzucken darauf. »Wie geht es jetzt dem Großherzog? Sie haben ja die neuesten Nachrichten,« sagte er, nur um doch etwas zu sagen. »Er soll wieder bei Bewußtsein, aber noch sehr schwach sein. Prinzessin Eleonore pflegt ihn,« versetzte der Kammerherr. »Haben Sie Fräulein von Treysa gesehen?« »Ja, auf einen Augenblick; aber sie ist so durch die Krankheit ihrer Mutter in Anspruch genommen ...« »Versteht sich! Ja – das arme Kind! Na, wir wollen uns nicht erkälten. Auf Wiedersehen!« Er bemerkte wohl, daß sich aus Kospoth nichts herausholen lasse, und lüpfte daher mit seinem allerfreundlichsten Lächeln den Cylinderhut. Kospoth that mit einer sehr abgemessenen Verbeugung das gleiche und schritt rasch davon. Hätte er noch einmal zu den Fenstern des ersten Stockwerks hinaufgesehen, so würde er vielleicht bemerkt haben, daß aus einem derselben, die schmale Stirn an die Scheiben gedrückt, ein kummervolles Gesicht ihm nachblickte. Er aber dachte gar nicht daran, daß er ganz vergessen hatte, der armen kleinen Malerin Lebewohl zu sagen, die er vielleicht nie im Leben wiedersehen würde. – Der Kammerherr klingelte, ehe er seine eigne Wohnung betrat, erst einmal bei Treysas und ließ das gnädige Fräulein herausrufen. Er mußte ziemlich lange warten, ehe Melanie erschien. Und als sie dann endlich kam, so bleich, verstört und verweint, da vergaß selbst er für einen Augenblick zu lächeln und begann mit der ängstlich geflüsterten Frage, ob es denn mit ihrer Frau Mutter etwa schlimmer geworden sei. »Immer noch dasselbe,« versetzte sie kopfschüttelnd. »Aber ich hörte eben von Baron Kospoth, daß der Erbgroßherzog sich geweigert hat, zu heiraten, und daß es darüber zu einer sehr erregten Auseinandersetzung mit dem Großherzog gekommen ist.« Baron von der Rast horchte hoch auf und rief: »Ah, also doch! Ich dachte mir gleich, daß irgend so etwas dahinter stecken müßte. Herr von Kospoth thut natürlich mir gegenüber, als wüßte er von nichts. Hat er Ihnen vielleicht einen Auftrag von seiner Königlichen Hoheit ausgerichtet?« »Er? Wo denken Sie hin!« »Ach so! Ich verstehe,« sagte der Kammerherr mit ironischem Lächeln. »Dazu gibt er sich nicht her; aber ich habe Ihnen einen Auftrag auszurichten: der Prinz wünscht Sie heute zur üblichen Stunde zu sprechen.« In Melanies überwachten Augen blitzte es freudig auf, und sie flüsterte lächelnd vor sich hin: »Ich wußte es wohl, er kann mich nicht im Stiche lassen, jetzt erst recht nicht!« Der Kammerherr hatte sie wohl verstanden, obwohl sie so leise sprach. Und ebenso leise, sein listiges Faungesicht ihrem Ohre nahe bringend, versetzte er: »Seien Sie ganz ruhig, mein liebes, gnädiges Fräulein, ich stehe Ihnen dafür, daß er Sie nicht im Stiche läßt – mag aus dieser Heirat werden, was da will. Wenn Herr von Kospoth Ihnen etwa bange gemacht hat – dann kennt er eben Seine Königliche Hoheit nicht, glauben Sie mir! Nein, nein, seien Sie ganz ruhig, mein liebes, teures Fräulein! Was auch immer daraus werden mag, auf Ihren unterthänigsten Diener können Sie sich unter allen Umständen verlassen.« Melanie war zu sehr mit ihren eignen Gedanken beschäftigt, auch wohl zu abgespannt, um den versteckten Sinn aus dem zutraulichen Geflüster des dicken Herrn herauszuhören. Aber diese Zutraulichkeit selbst berührte sie unangenehm und darum entzog sie sich rasch seinem zärtlichen Händedrucke unter dem Vorgeben, daß die Kranke ihrer dringend bedürfe. – – – Es war Kospoth heute in seinem aufgeregten Zustande unmöglich, an der Table d'hôte in seinem kleinen Hotel teilzunehmen. Er ließ sich ein paar Gerichte auf sein Zimmer kommen und setzte sich nachher hin, um einen Brief an seinen Vater zu schreiben, in welchem er ihm anzeigte, daß er ihn, wenn er nichts anders depeschiere, übermorgen in Volkramstein erwarten möge. Er war eben damit fertig geworden, als ein großherzoglicher Lakai ins Zimmer trat und ihm einen Brief überreichte. Das Monogramm mit der Fürstenkrone und die große, aber flüchtige Damenhandschrift ließ ihn auf den ersten Blick Prinzessin Eleonore als die Schreiberin erkennen. Er schnitt den fest verklebten Umschlag mit seinem Federmesser auf und las: »Mein lieber Baron Kospoth! »Ich komme eben von dem Krankenlager des Großherzog B. Zu meiner Freude darf ich Ihnen sagen, daß es ihm ein wenig besser geht. Die Aerzte meinen, daß keine unmittelbare Gefahr mehr vorhanden sei; aber er bedarf der allergrößten Schonung und muß vor jeder Gemütsbewegung ängstlich bewahrt werden. Seit er wieder zum Bewußtsein gekommen ist, beschäftigen sich seine Gedanken fortwährend mit meinem Bruder und er wünscht dringend, ihn zu sehen. Sie begreifen, daß, trotzig wie Georg nun einmal auf seinem Willen beharrt, eine neue Unterredung mit ihm für meinen teuren Vater die allergrößte Gefahr heraufbeschwören könnte. Mit Georg ist immer noch nicht zu reden. Er hat sich auf seinem Zimmer eingeschlossen und läßt niemand vor; aber ich habe trotz des Zusammenstoßes zwischen Ihnen beiden, von dem ich heute morgen Zeuge war, dennoch nicht die Hoffnung aufgegeben, daß Ihr Einfluß im stände sein könnte, doch noch günstig auf ihn einzuwirken. Ehe Sie mit ihm wieder zusammentreffen, möchte ich Sie bitten, die Frage erst mit mir allein durchzusprechen – wir meinen es ja beide gut mit Georg und finden vielleicht ein Mittel, ihn umzustimmen. Heute abend – sagen wir um Sechs – hoffe ich mich auf eine halbe Stunde frei machen zu können. Lassen Sie sich nur bei der Katz melden. Sollten Sie dringend verhindert sein, so bitte ich um Benachrichtigung durch den Ueberbringer. Andernfalls erwartet Sie Ihre Ihnen aufrichtig zugethane Eleonore, Prinzessin zu ......« Kospoth blickte noch eine kleine Weile nachdenklich in den Brief hinein. Dann wandte er sich rasch zu dem Lakaien und sagte: »Ich danke Ihnen. Es ist keine Antwort.« Achtes Kapitel. In welchem sowohl die Liebe der klugen Prinzessin, wie auch die Vorlesung des dicken Kammerherrn ein Ende mit Schrecken nimmt. Pünktlich um sechs Uhr betrat Hans Joachim von Kospoth das großherzogliche Schloß. Die gesamte Dienerschaft kannte ihn und wußte, daß er bei dem Erbgroßherzog unangemeldet aus und ein gehen durfte. Heute aber trat ihm doch der Thürsteher, ein langbärtiger Russe von ehrfurchtgebietendem Körpermaß, mit seiner grimmigsten Amtsmiene entgegen und machte ihn darauf aufmerksam, daß seine Königliche Hoheit befohlen habe, ausnahmslos niemand vorzulassen. »Ich weiß, ich weiß!« sagte Kospoth ungeduldig. »Ich wünsche auch nur einen der Herren Adjutanten zu sprechen.« Der Riese verbeugte sich mit den Worten: »Werrden Herr Baron Graf Bracke finden,« und gab ihm die Treppe frei. Hans Joachim stieg hinauf und schritt durch eine Reihe leerer Zimmer nach den Gemächern der Prinzessin Eleonore. Er mußte auf seinem Wege auch die sogenannte grüne Galerie passieren, in welcher sich, wie man sich erinnern wird, eine Sammlung von Porträts befand, welche meist durch Rang, Schönheit oder intime Beziehungen zum Hof bemerkenswerte Persönlichkeiten darstellten. Der Raum war heute, wie immer, wenn keine Gesellschaft stattfand, nur durch eine einzige, auf einem marmornen Sockel stehende Lampe erleuchtet, und diese Lampe stand zufällig dicht neben dem Bildnis der schönen Sängerin Caffarelli. Kospoth hatte seine Schritte verlangsamt, sobald er die Galerie betrat. Nach den Andeutungen, die ihm Melanie heute morgen über die Gefühle der Prinzessin gemacht hatte, empfand er doch ein gewisses Bangen, wenn er daran dachte, was dieses Gespräch unter vier Augen doch möglicherweise für Auseinandersetzungen herbeiführen könnte. Er blieb inmitten der Galerie nachdenklich stehen, um noch einmal zu überlegen, wie er eine etwaige gefährliche Wendung am besten verhindern könnte. Und wie er den Blick sinnend vom Fußboden erhob, blieb sein Auge an dem mattbeleuchteten Porträt der Caffarelli haften. Er wußte; daß sie die Mutter des Generals von Treysa gewesen war, und dennoch war ihm nie zuvor die Aehnlichkeit mit Melanie so aufgefallen wie heute. Er trat näher heran und versenkte sich in die Betrachtung der lieblichen Züge, die Angelika Kaufmanns Meisterhand der Nachwelt aufbewahrt hatte. Wenn er von diesem Kunstwerke sich hinwegdachte, wodurch der schwächlich konventionelle Stil der Zeit die Natur verbessern zu müssen geglaubt hatte, die unmöglich weit geöffneten Augen, den flitzbogenförmigen Schwung der Lippen und die allzu klassische Nase, so trat die Aehnlichkeit mit der schönen Enkelin unzweifelhaft hervor. Und wie er so minutenlang das Gemälde anstarrte, Zug um Zug vergleichend mit Melanies Bild, das ihm, wo er ging und stand, deutlich vor Augen schwebte, da war es ihm, als ob diese Züge allmählich Leben gewönnen; und schließlich löste sich gar das Bild von der Leinwand los und stieg in holdester Körperlichkeit, von dem weißen, hochgeschnürten Mullgewande duftig umflossen, aus dem goldnen Rahmen heraus. Da stand Signora Caffarelli leibhaftig vor ihm, und ihre großen braunen Augen lächelten ihm verführerisch zu! Er trat verwirrt ein paar Schritte zurück und strich sich mit der Hand über Stirn und Augen, um den Traum zu bannen. Aber nein, die Gestalt wollte nicht von der Stelle weichen. Langsam breitete sie die Arme auseinander und öffnete leicht die frischen Lippen, als wollten sie ihm ein leises »Komm!« zurufen. Da wallte es heiß in ihm auf, und er stürzte auf die schlanke Gestalt zu, um sie mit rasender Glut in die Arme zu schließen. Doch ohne daß er wußte, wie es geschehen konnte, war der Schemen ihm entschlüpft und stand wieder, wie vorher, zwei Schritte vor ihm, nun aber das zarte Köpfchen zur Seite gesenkt, mit ernstlich schmollender Miene. »Mein Herr, was erlauben Sie sich?« glaubte er sie sprechen zu hören. »Ich bin die Favoritin des Herzogs – und Sie sind ein Kind des Todes, wenn ich ihm verrate, was Sie gewagt haben!« Da floß das Weiß des koketten Empiregewandes mit der unbestimmten Farbe der Wand zusammen, und das Köpfchen schaute plötzlich wieder lächelnd aus dem goldnen Rahmen hervor. Mit geballten Fäusten trat Kospoth noch dichter an das Bild heran und hätte ihm am liebsten laut zugerufen: »Ja, du schönes, engelhaftes Geschöpf, du hast es verstanden, Carriere zu machen! Du bist gewiß stolz darauf gewesen, die Geliebte des Herzogs zu heißen! – Und Melanie hat dein Blut in den Adern – und sie ist auch stolz auf einen solchen Ehrentitel.« Und halblaut fügte er hinzu, indem er drohend die Fäuste gegen das Bild schüttelte: »Empörend ist es, einfach empörend!« Da hörte er ganz aus der Nähe ein spitzes Gekicher. War die verführerische Großmutter etwa wieder aus dem Rahmen herausgesprungen und lachte ihn hinter seinem Rücken aus? Er wandte sich rasch um – und stand Wally von Katz gegenüber. »Was treiben Sie denn da, Verehrtester?« redete ihn das kleine Fräulein, mutwillige Gesichter schneidend, an. »Wollen Sie etwa der Caffarelli die schönen Augen auskratzen? – Kommen Sie schnell, die Prinzessin erwartet Sie bereits. Ich dachte mir, daß Sie hier durchkommen müßten, und bin Ihnen entgegengelaufen. Ach ja, Sie verwöhnter Herr, Ihnen kommt ja hier freilich alles entgegen, wer weiß wie weit, und Sie thun, als bemerkten Sie das gar nicht.« Kospoth war durchaus nicht in der Stimmung, auf die Neckereien und Anzüglichkeiten der kecken kleinen Dame einzugehen. Er ließ daher ihre Anzapfung ganz unbeachtet und sagte nur: »Wenn Ihre Hoheit sich bereits freigemacht hat, so darf ich wohl annehmen, daß es dem Großherzog jetzt besser geht?« »Ja, er schläft, und die Frau Großherzogin ist bei ihm,« versetzte die Katz. »Denken Sie, die Großherzogin weiß immer noch nichts,« »Was weiß sie noch nicht?« »Ach, thun Sie doch nicht so! Denken Sie denn, unsereins verstünde gar nicht ein bißchen zu kombinieren? Ach, ich habe die Geschichte längst heraus. Ich bin gar nicht so dumm, wie manche Leute aussehen, hihi! Wölfchen und ich ... Ach so, Pardon! Graf Bracke und meine Wenigkeit haben unsre Köpfe zusammengesteckt, und da hatten wir uns in fünf Minuten die ganze Affaire zusammengereimt. Ach ja, die Hofluft schärft die Nasen und auch die übrigen Sinnesorgane. Sie freilich, Sie gelehrter Herr Baron, Sie kann man mit der Nase auf etwas stoßen und Sie sehen doch noch nichts.« »So, wirklich?« rief Kospoth ungeduldig. »Haben Sie vielleicht den Auftrag, meine Nase so unsanft zu behandeln?« »O, wie können Sie so etwas glauben? Das wäre eine sehr unbrauchbare Hofdame, die nur auf allerhöchsten Befehl handeln wollte! Man muß aber mit seiner gnädigsten Herrschaft so mitempfinden lernen, daß man ihre geheimsten Wünsche ahnt. Dazu gehört freilich Talent. – Mancher lernt's nie! Unser gutes Wölfchen Bracke zum Beispiel – du liebe Zeit, der hält sich für ein fabelhaft schneidiges Kerlchen und hatte doch bis auf den heutigen Tag noch nicht gemerkt, wo der Erbgroßherzog seine Schummerstündchen zu verleben pflegt, hihi! Denken Sie, er hat sich selber noch immer Hoffnungen gemacht auf die Treysa! Sie hätten nur sehen sollen, wie das arme Tierchen den Kopf hängen ließ, als ich ihm heute reinen Wein einschenkte. Ich müßte bloß ein Mann sein, ich wäre heute mindestens schon Legationsrat!« »Sind Sie wirklich so fest überzeugt von Ihrem untrüglichen Scharfblick?« sagte Kospoth wegwerfend, denn ihr leichtfertiges Geschwätz ärgerte ihn. »Was Sie mir da von der Prinzessin andeuten, das ist ja Unsinn.« »Sie sind eben blind geboren,« versetzte sie, mitleidig die Achseln zuckend. »O durchaus nicht! Ich sehe sogar sehr scharf – und ich habe mich niemals einer Brille bedient, mein gnädiges Fräulein! Es gibt auch Dinge, die man nicht sieht, weil man sie nicht sehen darf!« Das kleine Fräulein legte ihre Hand auf seinen Arm, erhob sich auf die Zehen und flüsterte ihm eifrig zu: »Lassen Sie die Prinzessin ja nicht merken, daß Sie nicht sehen wollen! Wenn Sie ihre Eigenliebe kränken, wird sie gefährlich. Oh, she is quite a character , die Prinzessin! Wehe dem, der ihr in irgend etwas entgegentritt, worauf sie einmal ihren Kopf gesetzt hat! Ich kann Ihnen sagen, sie ist in ihrer Feindschaft noch zuverlässiger als in ihrer Freundschaft. Also seien Sie klug.« Sie waren unter solchem Gespräch bis ins Vorzimmer der Prinzessin gelangt, und das Fräulein von Katz lief ihm nun rasch voraus, um ihn ihrer Herrin zu melden. Wenige Augenblicke später stand er in dem kleinen Musiksalon Eleonoren gegenüber, und Wally zog sich geräuschlos zurück. Hans Joachim beugte sich zum Kusse über die Hand, die ihm die Prinzessin entgegenstreckte, und sagte: »Ich freue mich aufrichtig, daß Hoheit mir selbst Gelegenheit gegeben haben, mich zu verabschieden; ich hätte sonst vielleicht so ungezogen sein müssen, ohne Urlaub abzureisen.« »Ist das Ihr Ernst? Sie wollen abreisen?« rief die Prinzessin erstaunt und unvermögend, ihren Schreck ganz zu unterdrücken. »Jetzt gerade wollen Sie fort? O, das ist kein Abschied, das ist Fahnenflucht! Aber kommen Sie, setzen wir uns! Sagen Sie doch ...« Sie hielt flüchtig Umschau in dem von einer großen rotbeschirmten Lampe angenehm mild beleuchteten Musiksalon und erwählte alsbald jenes kleine Ecksofa, das nur für zwei Personen Platz hatte. Er folgte ihrer Einladung, sich an ihre Seite zu setzen, ohne sich irgendwie merken zu lassen, daß er in der Wahl gerade dieses kosigen Plätzchens etwa eine schmeichelhafte Absicht erblickte. Auch hielt er sich ihr so fern wie möglich und bewahrte, den Klapphut auf ein Knie gestützt, eine durchaus förmliche Haltung. »Also sagen Sie,« begann die Prinzeß aufs neue, »weshalb wollen Sie uns so Hals über Kopf im Stiche lassen? Hat Sie mein Bruder vielleicht gekränkt? Dann müßten Sie schon der Aufregung von heute morgen etwas zu gute halten.« »O durchaus nicht, Hoheit, ich habe niemand anzuklagen als mich selbst! Ich gehöre einmal mit meinen Ansichten an keinen Hof – am wenigsten als beratender Freund eines Thronfolgers, der durch meinen Einfluß ja nur zu leicht in Konflikt mit seinem regierenden Vater geraten kann. Sie waren heute morgen Zeuge unsrer Unterhaltung, Hoheit; Sie wissen also, daß ich gerade in diesem Falle die rücksichtslose Leidenschaft des Prinzen entschieden nicht gebilligt habe, und dennoch wird es nicht ausbleiben, daß man mich mehr oder weniger für die Folgen dieser Rücksichtslosigkeit mitverantwortlich macht. Das wird auch der Großherzog thun, so gerecht und duldsam er auch sonst gegen Andersdenkende ist. Ich hätte das voraussehen müssen – ich habe es ja auch vorausgesehen – Hoheit wissen selbst, wie sehr ich mich dagegen gesträubt habe, die Einladung Ihres Bruders anzunehmen. Es war eine Schwäche von mir, wenngleich eine Schwäche, die schon die allergewöhnlichste Höflichkeit gebot, daß ich der großen Liebenswürdigkeit, mit der mir die höchsten Herrschaften – und allen voran Hoheit selbst – hier entgegengekommen sind, nicht zu widerstehen vermochte.« Eleonore blickte ein kleines Weilchen nachdenklich in ihren Schoß, dann begann eine sanfte Röte in ihrem feinen, schmalen Gesicht aufzusteigen, sie richtete ihren Blick mit sanftem Vorwurf auf Kospoth und sagte leise: »Ich muß Ihnen gestehen, es schmerzt mich, daß Sie so kühl von unsrer Liebenswürdigkeit sprechen – Liebenswürdigkeit ist schließlich nur die Scheidemünze im Verkehr gebildeter Menschen. Sie werden doch nicht bezweifeln, daß Ihnen zum mindesten mein Bruder in aufrichtiger Freundschaft zugethan ist – und von mir darf ich auch behaupten, daß der Umgang mit Ihnen, der so überaus fördernde Gedankenaustausch mit einem geistig so selbständigen Manne mir – ich darf wohl sagen: zu einem ernsten Bedürfnis geworden ist. Es liegt in Ihrer Selbstanklage für mich wenigstens eine Unterschätzung meiner geistigen Freiheit, die mich noch schwerer kränken würde, wenn sie von einem andern käme als gerade von Ihnen, der Sie freilich gewohnt sind, die höchsten Ansprüche zu stellen.« »Hoheit sehen mich tief beschämt,« versetzte Kospoth in nicht geringer Verlegenheit. »Ich weiß in der That nicht, wie ich einen solchen Vorwurf von mir abwälzen soll. Aber glauben Sie mir, wenn irgend etwas mich selbst mit meiner Untreue gegen meine Pflicht aussöhnen kann, so wird es die stolze Erinnerung an die Stunden sein, die ich hier in diesem Zimmer verbringen durfte. Der freie Gedankenaustausch mit einer hochstrebenden, geistig bedeutenden Dame bedeutet für einen rastlosen Arbeiter meines Schlages die schönste Erquickung und Belohnung zugleich.« »Ah, Herr von Kospoth!« rief die Prinzessin mit feinem Lächeln. »Sie haben mir bisher noch nicht Gelegenheit gegeben, Sie in der Rolle eines Schmeichlers zu bewundern! – Aber ernsthaft gesprochen: Glauben Sie denn wirklich, daß Ihre Aufgabe nur darin bestehen könnte, auf die blöden Massen aufklärend zu wirken? Gibt es nicht Hunderte von Bekennern Ihres Glaubens, welche diese Pflicht unter sich teilen können? Müssen denn die Revolutionen durchaus immer von unten herauf gemacht werden; sollte es sich nicht der Mühe verlohnen, den Hebel einmal oben anzusetzen? Den Fürsten macht man nachher immer den Vorwurf, daß sie sich verständnislos vor den Forderungen einer neuen Zeit verschlossen hätten. Können sie denn wirklich so viel dafür, wenn sie niemand finden, der sie zur rechten Zeit von der Gerechtigkeit dieser Forderungen überführt? Wie sollen wir in unsrer Einsamkeit dazu kommen, die Dinge unbefangen zu betrachten, Verständnis zu gewinnen, zum Beispiel für die Bedürfnisse der unteren Gesellschaftsklassen, in deren Verhältnisse es uns fast unmöglich ist, einen Blick zu werfen!? Was wir zu sehen bekommen von Krankheit und Not, das wird ja doch immer zum Zwecke der allerhöchsten Besichtigung mehr oder minder appetitlich zubereitet. Ach, Potemkinsche Dörfer sind nicht nur in Rußland an der Tagesordnung – wir bekommen alle keine rechten Wirklichkeiten zu sehen! Vor uns erscheint man immer nur im Feiertagskleide. Von der Stimme des Volkes hören wir schließlich doch kaum etwas anders als das Hurra-Hoch der Schulkinder und Schützenbrüder, die offiziellen Begrüßungsreden der Bürgermeister und so weiter und so weiter. Und wenn wir dann auch die Blätter der Opposition lesen – vorausgesetzt, daß man sie zu uns dringen läßt – so klingt uns daraus meistens eine Sprache entgegen, die wir für Lüge, für plebejische Bosheit halten müssen, weil unsre Ohren in Wirklichkeit nie ihresgleichen hören. Was Wunder, wenn wir die übrige Menschheit nur einzuteilen vermögen in unsre getreue Ritterschaft, das brave gläubige Volk und eine Handvoll böswilliger Schreier, die ihre Intelligenz dazu mißbrauchen, Haß und Neid zu säen, damit sie desto besser im Trüben fischen können. Die Leute, von denen wir umgeben sind, haben ja das stärkste persönliche Interesse daran, uns die Dinge nie anders als in solcher Beleuchtung sehen zu lassen. Begreifen Sie denn nicht, von wie unschätzbarem Werte es für einen ehrlichen Fürsten sein muß, einen Mann zum Freunde zu haben, der mit echt aristokratischer Gesinnung ein wirkliches Verständnis und ein warmes Herz für das Volk verbindet und der den Freimut besitzt, zu seinen Fürsten wie zu seinesgleichen zu sprechen.« Mit schöner Begeisterung, nur selten einmal stockend und nach dem rechten Worte suchend, hatte die Prinzessin gesprochen, und ihre sonst so kalten grauen Augen hatten einen warmen Glanz angenommen, als sie am Schluß ihrer Rede Kospoth so herausfordernd anblickte, und er konnte nicht umhin, sie zu bewundern und sich voller Beschämung darüber zu schelten, daß er von diesem ernsten, hochherzigen Weibe so kleinlich hatte denken können, um sich von den kupplerischen Anspielungen eines Fräuleins von Katz beeinflussen zu lassen. »O Prinzessin, warum müssen Sie mir das Herz so schwer machen?« rief er warm. »Sie haben recht in allem, was Sie sagten, und von diesem Gesichtspunkt aus habe ich auch stets meine Stellung zu Ihrem Bruder aufgefaßt und dann später mein Verweilen hier bei Hofe vor mir selbst gerechtfertigt. Aber fort muß ich nun doch – wenn ich ein ehrlicher Mann bleiben will – jetzt ganz besonders, wo ich gesehen habe, wie sehr gerade Sie, Hoheit, geneigt sind, mich zu überschätzen.« Eleonore errötete tiefer und atmete rascher. Sie versuchte zu lächeln, um ihre Erregung zu verbergen, und sagte scherzend: »Lassen Sie doch die Hoheit und thun Sie endlich Ihren langweiligen Hut beiseite. Es scheint beinahe, Sie wollen mir sagen, daß Sie sich vor mir fürchten.« Er hatte sich erhoben, um den Klapphut auf ein Tischchen in der Nähe zu legen. Nun setzte er sich wieder zu ihr und sagte rasch, indem er sich mit seinen Handschuhen zu thun machte: »O nein, gewiß nicht! Ich fliehe nur vor mir selber. Ich kann hier nicht länger bleiben, wenn ich nicht in Gefahr kommen will, alle Rücksichten beiseite zu setzen, die ich ... Ich habe eben erfahren müssen, daß alle geistige Selbstzucht, die schönsten Grundsätze nicht im stande sind, uns aufrecht zu erhalten, wenn das Menschliche, das allzu Menschliche hier – (er legte dabei die Hand aufs Herz) – es anders mit uns beschlossen hat.« »Endlich!« jauchzte es auf in Eleonorens Seele. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen – wußte sie doch, daß sie in der nächsten Minute ihren Kopf an seine Brust legen und mit durstigem Ohre das trunkene Gestammel seiner Leidenschaft einsaugen würde! Sie lehnte sich, hoch atmend, in ihre Ecke zurück und preßte in Erwartung dessen, was da kommen mußte, ihre etwas schmalen Lippen zusammen. Aber er schwieg – er wagte nicht das Wort zu sprechen! Er schien darauf zu warten, daß sie es ihm auf die Lippen legen sollte; aber das vermochte sie nicht. Sie dachte an Tante Georgine und erschrak vor dem bloßen Gedanken eines solchen Entgegenkommens. Und nun erhob er sich langsam und sagte, ihr ernst ins Auge schauend: »Leben Sie wohl, Prinzessin, und nehmen Sie meinen tiefgefühlten Dank für die schönen Stunden, die Ihre Güte mir geschenkt hat! Ich werde Georg nicht mehr wiedersehen: sagen Sie ihm ... aber nein, Sie werden ihm gar nichts zu sagen brauchen. Was ich Ihnen eben andeutete, das hat er sicher schon selbst bemerkt. Also – leben Sie wohl, meine gütige Hoheit, und erhalten Sie mir Ihre Gesinnungen!« Die Prinzessin erhob sich rasch und streckte ihm beide Hände entgegen. Er ergriff ihre Rechte und führte sie, sich tief darüber beugend, an seine Lippen, und während er sie küßte, flüsterte Eleonore verwirrt und erschrocken: »Sie wollen wirklich fort? Aus diesem Grunde fort?« Dabei führte sie ihre Linke an ihr Herz. »Ja, Prinzessin, aus diesem Grunde,« versetzte er rasch, indem er ihre Hand losließ und sich zum Gehen wandte. Sie holte ihn mit zwei raschen Schritten ein und flüsterte verwirrt und erregt, kaum wissend, was sie sprach: »Nein, Baron, Sie dürfen nicht gehen, aus diesem Grunde nicht! O, Sie wissen ja noch gar nicht, wie sehr ich mit meinem Bruder fühle, wie sehr ich es begreife, was er in seiner Leidenschaft angerichtet hat. Und Sie begreifen es auch – Sie haben es ja selbst gesagt, daß dies Menschliche in uns stärker ist als alle Überzeugungen selbst. O, glauben Sie mir, wenn ich ja noch solche Vorurteile gehabt hatte, Sie haben mich davon frei gemacht. Ihre Worte haben meinen Geist befreit und Ihr ...« Sie stockte und wurde dunkelrot. Ihr Blick schweifte wie suchend über das Sternmuster des Parkettfußbodens, und sie zog in der Verwirrung ihr duftendes Spitzentüchlein hervor und führte es an die schlanke Nase. Und er stand vor ihr, seinen Ohren nicht trauend, und wußte kein Wort zu erwidern. »So kommen Sie mir doch zu Hilfe!« sagte sie endlich ungeduldig. »Müssen Sie es denn wirklich von mir selber hören, daß ich seit jener herrlichen Schlittenfahrt täglich und stündlich auf das gewartet habe, was Sie auch jetzt noch nicht auszusprechen wagen?« Kospoth hätte nicht verwirrter, ratloser dastehen können, wenn man ihm mitgeteilt hätte, daß er soeben zum Kaiser von China erwählt worden sei. Noch weiter zurückweichend, vermochte er nur zu stottern: »Prinzessin, was sagen Sie mir da! Die Schlittenfahrt ... Können Sie mir das nicht vergessen? Das war ein Traum – ich ... ich wußte nicht, was ich that! Ich hätte nie gewagt, auch nur daran zu denken ...« Eleonore stieß einen unterdrückten Schrei aus und starrte ihn aus weitgeöffneten Augen an; sie vermochte kein Wort hervorzubringen. Aber er bemerkte wohl, wie der Ausdruck des Schreckens in ihrem Blick allmählich in den des Hasses überging. Ein tiefes Mitgefühl ergriff ihn plötzlich mit diesem stolzen Herzen, das er so grausam hatte enttäuschen müssen. Nun streckte er ihr die Hand entgegen und begann in warmem, flehendem Tone: »Eleonore, wenn Sie wissen, was Liebe heißt, dann werden Sie mir einst vergeben können, daß ich diesen Irrtum angerichtet habe und daß ich jetzt so von Ihnen scheiden muß. Ich liebe Melanie von Treysa, und ich habe ihr meine Hand angetragen; sie hat sie zurückgewiesen, weil die Leidenschaft Ihres Bruders ihr schon Kopf und Herz verwirrt hat. Aber ich kann doch nicht von ihr lassen – auch wenn sie wirklich dem Erbgroßherzog angehören sollte! Sehen Sie, darum muß ich gehen. Er hat mir dasselbe angethan, was ich Ihnen, ohne daran zu denken ... O, Prinzessin, werden Sie mir jemals verzeihen können!« In seiner schmerzlichen Erregung hätte er sich ihr zu Füßen geworfen, wäre nicht in diesem Augenblicke hastig an die Thür geklopft worden. Die Prinzessin warf ihren Kopf in den Nacken, um sich selbst aus ihrer Betäubung aufzurütteln, und schritt eiligst nach der Thür. Es war Wally von Katz, welche die Unterredung zu stören wagte. »Graf Bracke ist hier,« sagte sie, nachdem die Prinzessin sie nach ihrem Begehr gefragt hatte. »Der Großherzog ist vor einer Viertelstunde erwacht und wünschte dringend den Erbgroßherzog zu sprechen; aber Seine Königliche Hoheit ist nirgends zu finden! Graf Bracke ist ratlos und fragt gehorsamst an, ob Hoheit nicht vielleicht wissen...« »Sagen Sie ihm, mein Bruder sei ausgeritten, sobald der Regen aufgehört hatte,« fiel die Prinzessin rasch ein. »Aber von dem Stallpersonal wußte doch niemand etwas davon,« beharrte Fräulein von Katz. »Graf Bracke hat sich ganz genau erkundigt.« »Ich sage Ihnen, mein Bruder ist allein ausgeritten,« erwiderte die Prinzessin scharf. »Sagen Sie dem Grafen Bracke, ich eilte selbst zu meinem Vater; er brauche sich nicht weiter zu bemühen.« Und sie schritt rasch an dem knicksenden Fräulein vorbei durch das Vorzimmer. Kospoth folgte ihr auf dem Fuße, grimmig seine Unterlippe nagend. Er hatte keinen Blick für das ihn neugierig anblinzelnde Hoffräulein; aber als er am andern Ausgang des Vorzimmers des kleinen Husarenoffiziers ansichtig wurde, da blieb er stehen und sagte: »Ah, Graf Bracke! Schön, daß ich Sie treffe! Wenn Sie missen wollen, wo der Erbgroßherzog sich eben jetzt befindet, dann, bitte, kommen Sie mit mir!« Und mit einem erstaunten: »Was? Sie wissen?« schloß sich der Adjutant klirrenden Schrittes Hans Joachim an. – – – Zur selben Zeit, während im Schlosse Prinzessin Eleonore ihre letzte Unterredung mit dem Baron Kospoth hatte, las der Kammerherr von der Rast seiner Doris die letzten Akte aus Richard dem Dritten vor. Der Vater nahm mit seiner gewichtigen Gestalt die ganze Schmalseite des Tisches ein und las mit ganz unnütz heftiger Anstrengung seiner fetten Stimme: »Begebt, ihr Herren, Ein jeder sich auf seinen Posten jetzt, Laßt nicht schwatzhafte Träum' euch ängstigen; Gewissen ist ein Wort, das Memmen brauchen, Ersonnen nur als Zügel für den Starken. Uns heiß' allein die blanke Wehr Gewissen, Das Schwert Gesetz. Nun vorwärts, dran und drauf! Wenn nicht zum Himmel, in die Höll' zuhauf!« Er schrie diese grausliche Vermahnung in einem so erschrecklichen Bösewichtstone hinaus, daß sich seine Stimme überschlug. Das nötigte ihn, einen Augenblick innezuhalten, um aus der neben ihm stehenden Syphonflasche einen tüchtigen Schluck in sein Glas zu spritzen. Doris benutzte die kurze Stille, um aufmerksam zu lauschen. Ihr Dachzimmer lag nämlich über der Wohnstube, in welcher die Vorlesung heute ausnahmsweise einmal stattfand, da nebenan in dem gemütlichen Arbeitskabinett ihres Vaters der Ofen des nassen Wetters wegen zu arg geraucht hatte. Schon mehrmals hatte sie geglaubt, dort oben das Geräusch von Schritten zu vernehmen, und war deshalb dem Gange des Trauerspiels mit nur geringer Aufmerksamkeit gefolgt. Sie hatte erst sogar Kopfschmerzen vorgeschützt und gebeten, die Vorlesung für heute ausfallen zu lassen; aber ihr Vater wollte davon durchaus nichts wissen, da ja nur noch zwei Akte zu lesen wären und er gerade heute an dem theaterfreien Abend und bei dem abscheulichen Wetter nichts mit seiner Zeit anzufangen wisse. So hatte sie denn endlich wohl oder übel nachgeben müssen und war mit ihm hinuntergegangen – nur wenige Minuten, bevor der Erbgroßherzog sich, in einen langen grauen Wettermantel gehüllt, ins Haus geschlichen hatte. Der Kammerherr goß sein Sodawasser hinunter, wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn, räusperte sich gewaltig und begann aufs neue zu poltern: »Was soll ich euch noch weiter ..,« »Vater, hast du nichts gehört?« rief Doris zusammenzuckend und schlug die großen Augen zur Decke empor. »Was denn, Kind?« »Dort oben ... Schritte, ich habe es ganz deutlich gehört.« »Aber, Doris, ich glaube, du leidest heute an Hallucinationen!« rief der Kammerherr ärgerlich. »Wer soll denn da oben sein?« »Ja, aber ... ich weiß nicht ... ich will doch lieber einmal nachsehen – vielleicht ...« »Ach was, Unsinn! Dich hat wohl die Gespensterscene so aufgeregt, daß du schon Poltergeister im Hause hörst. Vielleicht ist es auch die Katze. Nun hör' aber zu, wir sind ja gleich fertig.« Und von neuem setzte er mit seinem blutdürstigen Tyrannengebrüll ein. Und als er bald darauf bei den berühmten Schlußworten des Königs anlangte, da ward er so rot im Gesicht vor Anstrengung und rollte die wässerigen Aeuglein so wütend, daß es der armen kleinen Doris noch unheimlicher zu Mute wurde als bisher. Sie verkroch sich förmlich unter den Schutz ihres Buckels und starrte so entsetzt dem Vater ins Gesicht, als ob sie fürchte, daß ihn im nächsten Augenblicke vor ihren Augen der Schlag rühren würde. »Du Sklav', ich setzt' auf einen Wurf mein Leben Und biete jedes Zufalls Würfel Trotz! Ich glaube gar, sechs Richmonds sind im Feld – Fünf Hab' ich schon an seiner Statt erschlagen – Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für 'n Pferd! (Sie gehen ab. Trompetenstöße. Es treten auf ...)« Aber weiter kam er nicht. Denn in diesem Augenblicke wurde mit großer Heftigkeit an die Thür gepocht, und auf des Kammerherrn wütendes »Herein!« erschien mit verstörtem Angesicht das Dienstmädchen von Treysas auf der Schwelle und fragte, ob Fräulein Melanie nicht hier sei. »Wie Sie sehen, nein! Was gibt es denn, zum Teufel?« schnaubte sie der Kammerherr an. Das Mädchen stieß atemlos heraus: »Die Frau Generalin liegen im Sterben, und das gnädige Fräulein ist nirgends zu finden!« Der Baron sprang von seinem Stuhl auf und sagte unruhig: »So? Ach, das ist ja ... Na, dann suchen Sie nur nicht weiter im Hause. Sie wird ausgegangen sein, um ein bißchen frische Luft zu schöpfen; es regnet ja nicht mehr. Ich will mich doch gleich selbst aufmachen – weit kann sie ja nicht gegangen sein. Geh doch einmal hinüber zu Treysas, Doris, und sieh, ob du dich inzwischen nützlich machen kannst.« Das kleine Fräulein hatte sich indessen schon von ihrem Platze aufgerafft und war, die zitternde Rechte auf den Rand des Tisches stützend, vorwärts geschritten. Der Vater bemerkte ihre Aufregung, ihre Schwäche, und bot ihr besorgt den Arm, um sie hinauszuführen. Draußen auf der Treppenrast aber machte sie sich plötzlich los und eilte schwankenden Schrittes in gefährlicher Hast einige Stufen hinauf. Im Nu war der Vater an ihrer Seite und herrschte sie schroff an: »Wo willst du hin? Nicht da hinauf!« Und leiser setzte er hinzu: »Komm, Komm! Sei ruhig! Ich bleibe ja bei dir.« Aber Doris machte sich abermals von ihm los, klammerte sich mit beiden Händen am Geländer fest und rief, so laut ihre schwache Lunge es vermochte: »Nein, nein, laß mich los! Ich muß hinauf; ich weiß, sie ist da oben! Melanie! Melanie!« Und sie hastete und stolperte weiter die Stufen empor, immerfort mit ihrer jammervoll klagenden dünnen Stimme den Namen der geliebten Freundin rufend. Der Kammerherr sah mit Entsetzen, wie die koboldartige Gestalt seines Kindes, mit den langen Armen an dem Geländer hinaufgreifend, sich in dem Schatten da oben verlor, welchen das in der Zugluft flackernde Licht der kleinen Flurlampe nicht mehr zu erreichen vermochte. Und nun sah er sie schemengleich da oben über die Diele huschen – und dann horte er, wie sie die Thürklinke im Dunkeln zu ertasten suchte. »Sei doch still!« rief er noch einmal mit heiserer Stimme hinauf. »Die Leute unten im Hause hören dich ja!« Da fiel ihm das Dienstmädchen ein. Richtig, da stand es noch und starrte ängstlich gleich ihm nach dem finstern Bodenraum hinauf und neugierig zugleich auf das, was sich dort begeben sollte. »Was stehen Sie denn noch hier herum?« rief er das Mädchen an. »Gehen Sie hinein und melden Sie, Fräulein Melanie käme sofort.« Aber die Person rührte sich nicht vom Flecke und starrte nur immerfort mit offenem Munde nach oben. Und jetzt erschallte Doris' dünne Kinderstimme von oben: »O Vater – Vater, ich wußte es ja!« Und dann pochte sie mit all ihrer schwachen Kraft gegen die Thür und schrie, so laut sie konnte: »Melanie, deine Mutter stirbt!« Da ertönte in der Dachstube ein lauter Schrei, und gleich darauf wurde die Thür so heftig aufgeworfen, daß die arme Doris, von dem Stoße getroffen, rückwärts taumelte und mit einem matten Schmerzenslaut zusammenbrach. Ohne sich nach ihr umzusehen, rannte Melanie an ihr vorbei und die Treppe hinunter. Sie sah nicht den Kammerherrn und nicht die Magd, sondern lief geradeswegs durch die offenstehende Thür in die Wohnung hinein. Das Dienstmädchen schien versteinert, es stand immer noch mit offenem Munde da und rührte sich nicht vom Flecke, so daß dem Baron nichts anders übrig blieb, als sie unsanft bei den Schultern zu packen und ihrer jungen Herrin nach zur Thür hineinzuschieben und diese dann hinter ihr ins Schloß zu drücken. Alsdann stieg er selbst die Treppe hinauf und rief, nachdem er sich vergewissert hatte, daß kein Lauscher in der Nähe sei, leise in die offen stehende Thür des Ateliers hinein: »Königliche Hoheit, sind Sie noch da?« Der Prinz, bereits wieder mit seinem grauen Mantel angethan, trat geräuschlos aus dem dunkeln Schatten heraus in die Thüröffnung und flüsterte zurück: »Wie Sie sehen, ja! Teufel! Das gibt einen Skandal! Hören Sie, Baron, wenn Ihre Tochter ein Wort sagt ... es ist ja nicht meinetwegen! aber Melanie! Mein Gott, mein Gott, was ist da zu thun?« »Für Doris stehe ich, sie wird schweigen,« versetzte der Kammerherr. »Und was das Uebrige anbetrifft: Königliche Hoheit können sich auf meine Diskretion verlassen; ich werde schon irgend etwas ersinnen.« Und dann zündete er eine Kerze an und leuchtete vorsichtig hinter den Thürflügel, wo sein armes Kind wie leblos am Boden ausgestreckt lag. Er ergriff die leichte Last unter den Armen und der Erbgroßherzog auf seine Bitte die Füße. So trugen sie die Bewußtlose in das Atelier hinein und legten sie vorsichtig auf den breiten Diwan nieder. Und wie der dicke Baron die armselige kleine Gestalt da so wie tot hingestreckt sah, da begann sich selbst in ihm das Gewissen zu regen. Er hörte nicht, was Georg Friedrich zu ihm sprach, sondern wies nur immer mit der Hand nach der Thür, und dann, als der Prinz hinaus war, ließ auch er seinen schweren Körper auf das alte Ruhebett niedersinken. Er preßte die kalte Hand seines Kindes gegen seine dicken Lippen – und seine heißen Thränen tropften unaufhaltsam auf diese schmale weiße Hand hernieder. – – Als Georg Friedrich sich eben durch die Hinterthür hinausgeschlichen hatte, trat ihm aus dem Dunkel der Nacht eine hohe Gestalt entgegen. Er stutzte, er wollte zurückweichen – oder an ihr vorbei – er wußte nicht, was er wollte; aber er hatte Hans Joachim von Kospoth erkannt, wie dieser ihn. »Guten Abend, mein Prinz!« rief Kospoth leise in grimmigem Hohn. »Es trieb mich, dich doch noch einmal zu sprechen vor meiner Abreise. Du siehst, ich wußte, wo ich dich finden würde.« Georg Friedlich packte ihn heftig am Arm. »Was soll das heißen?« knirschte er. »Willst du mir hier eine eifersüchtige Scene machen?« »Einen Augenblick! Du sollst gleich hören, was ich will.« Und er rief halblaut in den finstern Gartenweg hinaus: »Hierher, Graf, bitte, hier ist Seine Königliche Hoheit.« »Das ist ja ein förmlicher Hinterhalt!« brauste der Prinz auf, als er in dem rasch herzutretenden Offizier seinen Adjutanten erkannte. »Verzeihung, Königliche Hoheit!« schnarrte der kleine Graf Bracke. »Man sucht Sie überall. Der Großherzog verlangt seit einer halben Stunde nach Ihnen. Die Frau Großherzogin ist bei ihm und hat Königliche Hoheit sofort zu sehen gewünscht.« »Kommen Sie, meine Herren,« versetzte der Erbgroßherzog rasch mit fürstlicher Nachlässigkeit und wollte eilig voranschreiten. Da vertrat ihm Kospoth noch einmal den Weg und sagte: »Nur noch ein Wort mit Ihnen, mein Prinz! Ich werde Sie nicht in die Stadt zurückbegleiten. Ich möchte Ihnen nur sagen – und ich rufe Sie zum Zeugen an, Graf Bracke! – daß ich mir erlauben werde, Sie vor die Mündung meiner Pistole zu fordern, wenn Sie sich etwa einfallen lassen sollten, dieser Dame da oben Ihr fürstliches Wort nicht zu halten. Leben Sie wohl!« Er machte eine kurze Verbeugung und schritt nach der entgegengesetzten Richtung hin davon. Der kleine Adjutant brauchte einige Sekunden, um sich von seinem maßlosen Erstaunen zu erholen. Dann aber that er dem rasch davon Schreitenden einige Schritte nach und sagte: »Königliche Hoheit gestatten mir doch, den Menschen für diese Frechheit auf der Stelle zu züchtigen!« Aber der Erbgroßherzog rief ihn hastig zurück mit den Worten: »Nein, lassen Sie das bleiben, lieber Bracke – ich werde mich schon selbst zu wehren wissen.« »Königliche Hoheit wollten!? ...« Aber der kleine Adjutant bekam auf dem ganzen Wege bis zum Schlosse keine Antwort mehr von seinem hohen Herrn zu hören. Ende des ersten Bandes.