Ellen Key Rahel Eine biographische Skizze Einzig autorisierte Uebertragung aus dem schwedischen Manuskript von Marie Franzos   * Georg Brandes Dem Kämpfer und Künstler *       »Still und bewegt« (Hölderlin: Hyperion) Du schweigst und duldest, und sie verstehn dich nicht Du heilig Leben! welkest hinweg und schweigst,            Denn ach! vergebens bei Barbaren              Suchst du die Deinen im Sonnenlichte. Die zärtlich großen Seelen, die nimmer sind! Doch eilt die Zeit. Noch siehet mein sterblich Lied             Den Tag, der, Diotima! nächst den             Göttern mit Helden dich nennt und dir gleicht. Hölderlin: Diotim       Rahel Varnhagen von Ense (1771-1833)       Vorreden Vorrede zur ersten Auflage. Das Folgende ist keine literarhistorische Studie; ich habe keine neuen Quellen aufgesucht und kein Gewicht auf die Buchstabentreue der Quellen gelegt, die ich verwendet habe. Eine solche Arbeit hat weder in meiner Absicht gelegen, noch war sie im Umfange dieser Schrift durchführbar. Meine Absicht war vielmehr, ein Bild der größten Frau zu geben, die das Judentum hervorgebracht hat, für mich zugleich die größte Frau, die Deutschland seine Tochter nennen kann. Dieses Vorhaben kann trotz einer Menge Arbeiten über Rahel nicht überflüssig genannt werden: von zehn gebildeten Deutschen, mit denen man über Rahel spricht, kennen fünf sie gar nicht, vier hatten etwas über sie gehört und nur einer sie wirklich erlebt! Meine Beschäftigung mit Rahel ist nicht neuen Datums. Ich war ein Kind, als ich zum erstenmal von einigen Worten über sie gefesselt wurde; ganz jung las ich in der Revue des deux mondes zwei Essays von Blaze-Bury und von Karl Hillebrand über sie. Später lebte ich in »Rahel, ein Buch des Andenkens«. Schon vor zwanzig Jahren schrieb ich für eine schwedische Revue meinen ersten Essay über sie, den ich »Rahel, eine Persönlichkeit« nannte. Einige Teile dieses kleinen Essays sind in dieses Buch aufgenommen. Denn es gibt keinen Gesichtspunkt, den ich damals Rahel gegenüber einnahm, der nicht in diesem Buche – allerdings weiterentwickelt – wiederkehrte. Ich habe hier die Darstellung ausschließlich auf Rahel selbst konzentriert. Wer ein ausführlicheres Bild von Rahels Zeit und Zeitgenossen wünscht, sei auf O. Berdrows großes, gewissenhaftes und liebevolles Werk »Rahel Varnhagen« verwiesen. Ferner habe ich Rahel, so weit als möglich, durch ihre eigenen Worte gezeichnet. Diese sind hier teils unmittelbar, teils mittelbar angeführt, teils nur in ihren Grundgedanken wiedergegeben. Nur so war die Konzentration möglich, die der Umfang dieser Schrift erfordert hat. Ebenso werden die Briefe nicht immer in der Zeitfolge angeführt, sondern ein früherer kann später kommen und umgekehrt, sowie ein Stück eines Briefes an einer Stelle und ein anderes Stück an anderer, d. h. wo der chronologische Zusammenhang bedeutungslos war, aber es von Wichtigkeit erschien, den psychologischen zu betonen. Auch glaube ich, daß Rahels Gedankengang in gewissen Fällen durch die freien Referate klarer geworden ist, so wie hier und dort eine unbedeutende Interpunktionsänderung das Verständnis der direkten Zitate erleichtert hat. Diese Freiheiten, der wissenschaftlichen Literaturgeschichte nicht gestattet, sind bei der Porträtskizze ebenso erlaubt wie die Freiheiten, die ein Maler sich nimmt, um bei dem Modell, von dem er ein charakteristisches Bild geben will, das Wesentliche zu betonen und das Zufällige auszuscheiden. Ob es mir gelungen ist, ein solches Bild zu geben, darüber werden natürlich die Meinungen verschieden sein. Meine Hoffnung, das Charakteristische an Rahels Persönlichkeit einigermaßen erfaßt zu haben, stützt sich ausschließlich auf die Liebe, die ich für sie empfinde. Denn eine tiefe Liebe ist ein Pfadfinder, wenn es sich darum handelt, in das Wesen oder das Werk eines Menschen einzudringen, sei es, daß dieser Mensch noch mit uns auf den Wegen wandelt, die man die des Lebens nennt, sei's daß er als einer jener Toten, die ewig leben, auf uns gewirkt hat. Jedesmal, wenn ich zu Rahel zurückkehrte, ist meine Liebe zu ihr gewachsen. Immer klarer habe ich die Wahrheit von Brandes' Urteil erkannt, daß Rahel »das erste große und moderne Weib im deutschen Kulturleben ist«, immer überzeugter teile ich die Ansicht von Hillebrand, daß Rahel als Weib und Goethe als Mann im gleichen Grade typisch für ihre Zeit sind. Aber neben dieser meiner Erkenntnis von Rahels objektiver Bedeutung ist ihr subjektiver Wert für mich immer größer geworden. Es gibt außer E. B. Brownings Werken kein Frauenbuch in der Weltliteratur, das ich schwerer entbehren könnte als Rahels Briefe. Indem ich so meinen »Mangel an Objektivität« eingestehe und dazu meine Ueberzeugung, daß dieser Mangel das wesentliche Verdienst dieser kleinen Schrift ist, lasse ich sie jetzt in die deutsche Lesewelt hinausziehen, in der Hoffnung, daß Rahel noch ihre Macht als Seelenführerin und Herzenströsterin zeigen wird. Florenz, im Oktober 1907. Ellen Key. Vorrede zur zweiten Auflage. Diese neue Auflage ist dem Inhalt nach unverändert. Die Jahre, die verflossen sind, haben an meiner persönlichen Auffassung Rahels nichts geändert, und es ist auch, soviel ich weiß kein neuer Stoff hinzugekommen, der ihr Bild in irgend einer wesentlichen Hinsicht modifizieren würde. Für mich ist dieses Bild kürzlich durch ein schwedisches Werk noch bekräftigt worden, Frau M. Silfverstolpes Memoiren, von denen der vierte und letzte Teil jetzt erschienen ist. Sie schildert darin ihren Aufenthalt in Deutschland – namentlich in Berlin – in den Jahren 1825–26. Als Freundin Amalie Imhoff-Helvigs kam sie oft in deren Haus oder auch bei ihnen selbst mit Rahel und Bettina in Berührung. Frau Silfverstolpe – damals eine ältere, fein gebildete seelenvolle, enthusiastische Aristokratin – war anfangs viel mehr von Bettina geblendet und bezaubert als von Rahel. Bettina nimmt unvergleichlich mehr Raum in den Memoiren ein als Rahel. Sie spricht da viel von sich selbst, von Goethe, und von Goethe und sich selbst. Aber allmählich verliert Bettina und gewinnt Rahel in Frau Silfverstolpes Sympathie. Und gegen das Ende hat man das Gefühl, daß es Frau Silfverstolpe so ergangen ist wie Rahel selbst: beide haben für Bettina große Bewunderung, aber kein rechtes Vertrauen zu ihr. Frau Silfverstolpes erstes Urteil über Rahel ist, daß sie klug und denkend scheint, daß die Gespräche in ihrem Hause immer belebt und inhaltsreich sind. Dann steigern sich die Lobesworte, denn »je mehr man Frau Varnhagen sieht, desto mehr gewinnt sie«, sie ist so fein und gebildet, so witzig und ehrlich, so verständig und verständnisvoll! Zwischen dem Ehepaar Varnhagen war das Zusammenleben ein gutes, während Frau Silfverstolpe meint, daß Bettinas Mann und Kinder von der originellen und bezaubernden Bettina, »deren ganzes Herz im Kopf, in der Phantasie sitzt«, nicht das erhalten, was ihnen gebührt. Das innige Gefühl, mit dem Rahel von ihrem Manne sprach, machte hingegen auf Frau Silfverstolpe den Eindruck vollendeter Echtheit. »Das Ehepaar Varnhagen«, schreibt sie, »scheint mir das allgemeine Weltgetriebe aus einer kleinen geschlossenen Proszeniumsloge zu betrachten und mit feinen witzigen Bemerkungen zu glossieren.« Immer häufiger bemerkt sie, wie gut und mit welchem Maß Rahel spricht. Tieferen Einblick in Rahels Leben erhält Frau Silfverstolpe nicht, während Bettina sich rückhaltlos gibt, und in Frau Silfverstolpe die intelligente Zuhörerin geschätzt zu haben scheint. Ich teile dies mit, weil es mir lieb ist, dass eine Landsmännin persönlich ähnliche Eindrücke von Rahel und von Bettina empfing wie ich sie erhalten habe: von Bettina als eines prachtvoll strahlenden Feuerwerks, von Rahel als eines still glühenden Feuers. Weil sie so war, kann sie Generation für Generation nicht nur von ihrem Lichte, sondern auch von ihrer Wärme geben. Dass dieses kleine Buch auch weiter Menschen zu Rahel selbst führen möge, ist meine innige Hoffnung. Strand, Alvastra, 25. März 1912. Ellen Key. I. Herkunft. Wir begegnen manchmal im Leben oder in der Literatur einem Menschen – zuweilen einem Mann, aber häufiger einer Frau – der nicht die Ausnahmestellung des schaffenden Genies, des ausübenden Künstlertums, der großen Gelehrsamkeit, der Tatkraft oder der Schönheit besitzt. Und doch übt dieser Mensch eine so bestimmende Macht auf unser Schicksal aus, daß unser Leben unter einen unvergänglichen Einfluß kommt, aber einen Einfluß, der nur Selbstbefreiung zur Folge hat. Denn das Geheimnis der Macht dieser seltenen Menschen besteht darin, daß sie selbst durch und durch Persönlichkeiten sind und bei allen anderen nur die Persönlichkeit suchen. Ein solcher Mensch kann einer verflossenen Zeit angehören und uns doch mit einem wunderbaren Gefühl der Coexistenz beseelen. Weil nichts an ihm zeitgemäß konventionell war, fühlen wir, daß er nicht nur so wie wir Menschen von heute gedacht, sondern auch, was noch seltener ist, so geliebt und gelitten hat. Alles an ihm ist so ursprünglich, so naturstark, daß man ein Spiel der Morgenkraft der Menschheit zu sehen glaubt und zugleich eine Offenbarung der ethischen Tiefe, der ästhetischen Feinfühligkeit und der psychologischen Kompliziertheit empfängt, die das schließliche Resultat der Entwicklung der Menschheit sein wird. Während wir sehen, wie die Gedanken und Gefühle eines solchen herrlichen Wesens in ungezähmter Natürlichkeit dahinstürmen wie ein Dionysoszug, doch nur von Lebenskraft berauscht, fühlen wir uns selbst immer mehr vom Schein und von der Zufälligkeit befreit. Wir lernen glauben, daß das für einen jeden eigentümliche das für das Ganze unentbehrliche ist; unbedenklich, ja gedankenlos beginnen wir wir selbst zu sein, und unter dem Einfluß der Wahrheitsleidenschaft dieser großen Persönlichkeit fassen wir nicht, wie wir unsere schützenden Verkleidungen anlegen konnten – oder wie wir die Maske wieder aufnehmen sollen, hinter der wir unsere wirklichen Züge verborgen haben. Wir ahnen, welche Bedeutung ein Mensch für seine Zeitgenossen besessen haben muß, der uns schon dadurch, daß wir einzelne Züge seines Wesens in einem Tagebuch oder einer Briefsammlung auffangen konnten, in solche Bewegung versetzt hat. Wir sehen ein, daß das bloße Faktum, daß er gelebt hat, ein ungeheurer kulturhistorischer Einsatz war, ein niemals aufhörendes Entwicklungsferment. Eine solche Persönlichkeit, die in konkreter Fülle das war , was die höchsten Geister unter ihren Zeitgenossen durch ihre Ideen anstrebten, eine Persönlichkeit, die unsere Zeit vorbereitete, indem sie ihre Mitlebenden prophetisch lehrte, auf die Wahrheiten zu hoffen, von denen wir heute leben – war Rahel. Aber wenn der erste Eindruck, den Rahel mitteilt, ein solch überströmender Lebensreichtum, eine solche Ursprungskraft ist, so ist der nächste, daß hier wie allenthalben die Tragödie der Mittelpunkt der Dionysien war. Die Wurzel ihres Wesens zeigt – wie die der Orchis maculata – eine lichte und eine dunkle Hand, die eng miteinander verschlungen sind. * * * Lange hielt Rahel selbst ihre jüdische Herkunft für den dunklen Teil ihres Schicksals. Und sie hatte in dem Sinne recht, daß ihre Abstammung von einem Jahrtausende hindurch leidenden und gedemütigten Volk ihre eigene Natur und dadurch ihre Erlebnisse bestimmte. Von außen gesehen, war hingegen Rahels Kindheit und Jugend gerade die Zeit der Befreiung, namentlich für die Berliner Juden, eine Zeit, in der sie aus ihrer abgesonderten und verachteten Stellung mit jener Raschheit heraustraten, die selten der Einfluß der Gesetzgebung, wohl aber der des Zeitgeistes ermöglicht. Friedrich der Große tat nicht viel, um die Stellung der Juden gesetzlich zu ändern. Aber die Vorurteilslosigkeit, die sich von ihm in immer weitere Kreise verbreitete, kam auch den Juden zugute; und zu dieser mittelbaren Einwirkung trat noch die unmittelbare durch Moses Mendelssohn, den Befreier der Juden aus ihren eigenen Vorurteilen, ihren Wecker zur Erkenntnis ihrer eigenen Kräfte. Bisher hatten die Juden nach seinen Worten nur im »Beten und Leiden, nicht im Wirken« ihre Stärke gezeigt. Er weckte in ihnen den Freiheitswillen und den Entwicklungstrieb. Selbst Theist im Geiste der Aufklärungszeit blieb er doch in der jüdischen Religionsgemeinschaft, um von innen heraus Vorurteile jener Art bekämpfen zu können, die z. B. – einige Jahre, ehe Mendelssohns erste Schrift erschien – noch zur Folge hatten, daß ein jüdischer Knabe aus der mosaischen Gemeinde ausgestoßen wurde, weil er jemandem ein deutsches Buch aus einer Gasse in eine andere gebracht hatte! Mendelssohn wagte deutsch zu schreiben und das alte Testament zu übersetzen; er veranlaßte die Eröffnung einer Schule, wo die jüdische Jugend die deutsche Sprache erlernte – die Juden sprachen bis dahin einen Jargon, der weder deutsch noch hebräisch war – und Teil an den Schätzen der deutschen Bildung erlangte. So wurde der erste und stärkste Faden zu dem Bande gesponnen, das die Juden von Jahr zu Jahr immer fester mit dem deutschen Volk verknüpfte. Das Selbstgefühl, das unter Friedrich II. die preußische Nation in ihrer Gesamtheit erfüllte, steigerte auch das der Juden. Diese selben Juden, die noch immer unter Ausnahmegesetzen standen, von denen eines – noch 1802 erneuert – sie in einer Hinsicht Dieben und Mördern gleichstellte; diese selben Juden, unter denen noch ein Moses Mendelssohn erlebt hatte, daß auf einer Wanderung außerhalb des Judenviertels auf ihn und seine Kinder Steine geworfen wurden, diese selben Juden wurden jetzt nicht allein große Unternehmer auf ökonomischem und große Wohltäter auf philantropischem Gebiet, sie wurden auch in gesellschaftlicher Hinsicht tonangebend. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts verkehrte nicht nur der männliche Teil der feinen Welt Berlins in den besten Judenfamilien, diese feine Welt suchte sogar eifrig Zutritt in das Heim dieser Familien zu erlangen. Gewiß waren diese Prinzen, Edelleute und Diplomaten oft zuerst durch Geldanleihen in Berührung mit den jüdischen Bankiers gekommen. Aber wenn diese Bankiers dann den jungen Herren ihre Salons öffneten, fanden diese dort so viel Anziehendes, daß es bald ein gesuchter Vorzug, dann guter Ton, schließlich eine Mode wurde, in diesen jüdischen Kreisen zu verkehren. Die jungen Männer, die mehr oder weniger von den Ideen der Zeit durchdrungen waren, fanden in den jüdischen Häusern einen inhaltsreicheren, vorurteilsloseren und ungezwungeneren Gesellschaftston als den, den ihre eigenen weiblichen Verwandten anschlugen. Die jungen, schönen, feingebildeten, lebensvollen Frauen, die in den jüdischen Salons den Ton angaben, luden z.B. Schauspieler und Schauspielerinnen ein, die damals in der Regel noch aus der »guten Gesellschaft« verbannt waren. Es wurde viel Musik gemacht, schöne Kunstwerke schmückten die Räume, Gelehrte, Dichter und Künstler fanden sich nicht nur ein, sondern sprachen sich mit mehr Freiheit aus als anderswo, angeregt durch die Damen des Hauses, die eine Ungezwungenheit, eine geistige Regsamkeit, eine Wärme entfalteten, wie sie den deutschen Hausfrauen dieser Zeit in der Regel fehlte. Und bald bringen die jungen Männer eine Schwester, eine Freundin mit, die auch an dem erlesenen Verkehr teilnehmen will, für den die männlichen Verwandten und Freunde so schwärmen. Auf diese Art erlangen die jüdischen Salons auch einen mittelbaren Einfluß auf die Entwicklung des Gesellschaftslebens in weiteren Kreisen. Die jüdische Frau erfüllt so zum erstenmal eine Kulturmission in der modernen Gesellschaft. In der eigenen europäischen Geschichte der Juden hatte sich schon früher mehr als eine Frau ausgezeichnet. Z. B. Maria Nunez, die zusammen mit Jakob Tirado die erste spanisch-jüdische Gemeinde in Amsterdam gründete; Donna Gracia Mendoza, die allen Heimatlosen ihres Volkes Schutz und Hilfe angedeihen ließ und dadurch zugleich die jüdische Kultur förderte; Berusia, die auf dem Gebiete des Denkens, Rebekka Tiktiner, die auf dem der Schriftstellerei und Sarah Copia Sullam, die auf dem der Dichtung selbständig tätig waren. Aber erst zur Zeit der jüdischen Berliner Salons zeigt sich die rasche Empfänglichkeit der jüdischen Frau für eine Kultur mit anderen Aufgaben als die rein jüdischen. Es zeigte sich, daß » die Saat auf einen ganz neuen, jungfräulichen Boden gefallen war« Henriette Herz. Wo dies der Fall ist – Rußland, Amerika geben Illustrationen zu diesem Satz – sieht man stets ein Sichhinwegsetzen über überlieferte Formen, einen Mangel an Tradition im wertvollen Sinn des Wortes, während diese Nachteile von anderen Vorzügen aufgewogen werden. Bei der jüdischen Jugend zeigten sich sowohl die erwähnten Nachteile wie die Vorzüge, nämlich Bildungseifer, geistige Regsamkeit und zuweilen große und tiefe Originalität. Namentlich die jüdischen Frauen, die mehr Zeit und Ruhe hatten als die jüdischen Männer, entwickelten in ihren geistigen Interessen eine Leidenschaft und eine Geschmeidigkeit, der jedoch nicht immer eine entsprechende Eigenart zur Seite stand. Eine solche fand sich wohl bei manchen dieser Jüdinnen, andere hingegen wirkten nur durch Eigenschaften ihrer Rasse originell. Alle standen sie in eigentümlicher Weise unter dem Druck jenes orientalisch-patriarchalischen Despotismus, der noch heute in vielen Familien herrscht und zwar um so mehr, je mehr man sich der östlichen Grenze Europas nähert. Die jungen jüdischen Mädchen Berlins erhielten durch ihre verheirateten Freundinnen Gelegenheit zu Lektüre, Studium, Verkehr, wie sie das eigene Elternhaus vielleicht nicht bot. Andererseits empfingen sie Eindrücke der Freiheitsgedanken der Zeit und ihrer feinsten Kultur. Sie lasen Voltaire, Shakespeare und Tasso in der Originalsprache; sie schwelgten in der zeitgenössischen deutschen Literatur, sie wurden feurige Goethebewunderinnen. Der ganze geistige Hunger, der Generation für Generation in ihrem Volke stark geworden, konnte jetzt endlich gestillt werden. Sie lebten in einer Zeit, die ihre Farbe und Form von großen Geistern und großen Ereignissen empfing, und ihre Entwicklung wurde wesentlich durch ihre eigene Zeit, nicht mehr durch tausendjährige Traditionen bestimmt. Die Widerstandsfähigsten und Stärksten – wie Dorothea Mendelssohn – formen das Schicksal um, das die väterliche Gewalt ihnen aufgezwungen; und die soziale und intellektuelle Emanzipation, die ihnen unbewußt als eine Folge der Zeit zuteil geworden, wird nun von ihnen selbst auf den tiefstpersönlichen Gebieten bewußt weiter verfolgt. Henriette Herz – in gewissem Sinne Rahels Nebenbuhlerin im Berliner Gesellschaftsleben – bezeugt, daß die so neuerwachte jüdische Frauenseele in ihrer »höchsten Blüte« in Rahel verkörpert war. * * * Rahel besaß die Grundzüge, die die großen Geister ihres Volks auszeichnen: eine tiefe Sehnsucht nach unmittelbarem Leben in Sonne und Glanz, in Glut und Leidenschaft und eine ebenso tiefe Sehnsucht nach Wüstenstille, um über das Leben, seine Wege und Ziele nachzugrübeln. Die geistige Energie, die in ihrer nach außen gerichteten Betätigung durch Unterdrückung gehemmt war, hatte sich bei Rahel – wie bei ihrem Volk – nach innen gewendet Rahel war durch ihr Selbstdenken und ihre Freiheitsleidenschaft den Frauen ihrer Zeit weit voraus, den jüdischen wie den europäischen. Aber im Zusammenhang mit der Entwicklung des Ganzen gesehen, ist Rahel typisch für die große Freiheitsbewegung, die noch heute vor sich geht, die Bewegung, die aus dem weiblichen Geschlechtswesen die vollmenschliche Persönlichkeit entwickeln will. Welche Summen von Kraft dieser Freiheitskampf jede einzelne gekostet hat das zeigt uns Rahel. * * * In den unzähligen bewundernden Urteilen, die ihre Zeitgenossen über Rahel fällten, wird – was uns in diesen Zeiten des Antisemitismus beinahe unfaßbar vorkommt – ihrer Rasse kaum Erwähnung getan. Aber es scheint, daß der Humanismus dieser Zeit so tief war, daß die Rassenfrage zwischen Gebildeten alle Bedeutung verloren hatte. Oder stellte vielleicht Rahels eigene große Persönlichkeit sie außer und über alle gewöhnlichen Gesichtspunkte, die man sonst ihrem Volke gegenüber einnahm? Oder traten bei diesem die Lichtseiten mehr und die Schattenseiten weniger hervor als in unseren Tagen? Mag nun einer dieser Gründe oder alle zusammen ihre Zeitgenossen veranlaßt haben, sie nur als eine ebenso frei wie einzig dastehende Persönlichkeit zu sehen – gewiß ist, daß diese Betrachtungsweise sie selbst nicht von dem Leid befreite, dem solange ausgestoßenen und verachteten Volk anzugehören, um so mehr als sie – wie andere feinorganisierte Juden – doppelt unter all den Folgen litt, die diese Vorgeschichte im Volke selbst hinterlassen hat. Jedes Vorurteil, jede Unfeinheit, jede Niedrigkeit, die ihr in ihrer Umgebung entgegentrat, quälte sie tiefer, als wenn sie ähnlichen Dingen anderswo begegnete. »Ich habe eine solche Phantasie, als wenn ein außerirdisch Wesen, wie ich in diese Welt getrieben wurde, mir beim Eingang diese Worte mit einem Dolch ins Herz gestoßen hätte: ›Ja, habe Empfindung, sieh die Welt wie sie wenige sehen, sei groß und edel, ein ewiges Denken kann ich dir auch nicht nehmen, eins hat man aber vergessen: sei eine Jüdin!‹ Und nun ist mein ganzes Leben eine Verblutung. Mich ruhig halten kann es fristen; jede Bewegung, sie zu stillen, neuer Tod; und Unbeweglichkeit mir nur im Tode selbst möglich. Diese Raserei ist wahr, ist zu übersetzen. Lächeln Sie oder fühlen Sie Tränen aus Mitleid, ich kann Ihnen jedes Uebel, jedes Unheil, jeden Verdruß da herleiten.« »Wie ekelhaft herabziehend, beleidigend, unsinnig, niedrig meine Umgebungen, denen ich nicht entfliehen kann; ein einziges Besudeln, eine Berührung macht mich schmutzig, stört meinen Adel. Dieser Kampf dauert ewig! Alles, was mir Schönes im Leben begegnet, geht mir fremd als Besuch vorüber, und mit Unwürdigen soll ich unerkannt leben müssen!« Im Zusammenhang mit dieser ungeheuren Empfindlichkeit muß man Rahels spätere Worte verstehen, daß »ganze Vegetationen« in ihr von »Eltern, Geschwistern, Freunden und Freundinnen und elenden Geliebten« verwüstet worden seien. Daß Rahel ihrer Abstammung alle Leiden zuschrieb, die sie trafen, ist nur in einem tieferen Sinne berechtigt, als Rahel es meinte. Von außen gesehen, ist kaum mehr als ein Schmerz in ihrem Leben – und auch dieser nur teilweise – dadurch verursacht, daß sie eine Jüdin war: der Bruch ihrer ersten Verlobung. Aber das Entscheidende ist, daß Rahels Blut das Blut einer jüdischen Frau ist, und daß dieses Blut nicht nur stark durch die höchsten Kräfte der Rasse war, sondern auch schwer durch ihr tiefstes Unglück. Jakob Wassermann, der rassebewußteste jüdische Dichter der Gegenwart, hat in einem Essay »Der Tag«, 24. März 1904. dargelegt, daß »die wehmütige Inbrunst und quälerische Schüchternheit«, unter der Rahel selbst leidet, ihr als dem Urbilde der modernen Kulturjüdin eigen ist; daß die Menschenliebe durch ein geheimnisvolles Schuldgefühl vertieft ist, daß Begeisterung bei ihr zur Ekstase wird, daß das Uebermaß ihr Maß ist, daß ihre Hingebung eine Glut hat, die den Gegenstand ganz umschließt, ja, mit ihm verschmilzt; daß der Mangel an Sicherheit und Gleichgewicht, die nervöse Unruhe, das Abrupte für die Kulturjüdin typisch ist. Rahel hat wahrscheinlich in ihrem Auftreten etwas von jener Unausgeglichenheit gehabt, obschon ihr innerstes Wesen im Gegensatz dazu stand. Wassermann betont mit Recht diese Schwächen der jüdischen Frauen. Ich habe doch öfter Gelegenheit gehabt, ihre Vorzüge zu bewundern. Ein jeder kennt – und viele anerkennen – die Verstandesbegabung, die Schaffenskraft, den Wissensdurst des jüdischen Volkes, seine ausdauernde, zielbewußte Energie. Aber allzuwenig spricht man von dem Zuge, der doch dem, der jüdische Frauen und Männer aus nächster Nähe gesehen hat, am charakteristischesten erscheint: von der Liebeskraft, dem Brüderlichkeitssinne, der Hilfsbereitschaft, der Opferwilligkeit Nicht zufällig ist Jesus aus dem jüdischen Volk hervorgegangen. Man sucht jetzt zwar den Beweis zu erbringen, daß er ein Arier gewesen sei, aber für den, der wie ich seine Eigenschaften häufiger bei Juden als bei Germanen gefunden hat, hat eine solche Hypothese keinerlei Wahrscheinlichkeit Rahel besaß alle Vorzüge ihrer Rasse, aber in besonders hohem Grade die zuletzt genannten. Das tiefe, heiße morgenländische Gemüt, das leidenschaftliche Blut bekundete sich besonders in ihrer großen Liebe, die wie jede solche bei der ersten Begegnung entstand und in ihr Wesen so eingriff wie kein früheres oder späteres Gefühl. Aber die morgenländische Liebesstärke tritt in allen ihren Empfindungen hervor: im Familiengefühl, in der Freundschaft, in der Anbetung ihrer großen Meister, in ihrer Mütterlichkeit Sie spricht einmal von Elternschmerzen und sagt, daß sie sie wohl versteht, denn » viele Reiche des Schmerzes habe ich ergründet «. Das heiße Blut, der starke, rasche Puls, der sie ihr ganzes Leben lang in der Liebe leben und durch die Liebe leiden läßt, ist ein bei ihr zur höchsten Potenz gesteigerter Rassezug. Ihre Rasse und ihre Eigenart im Verein lassen sie mit unbedingter Hingabe und Treue an dem Gegenstand ihrer Liebe, Zärtlichkeit oder Freundschaft festhalten, auch wenn sie einsieht, daß sie ihr Gefühl ausschließlich aus eigenen Quellen nährt. Sie war dankbar, solange sie fortfahren konnte zu lieben, sie, die eines der bittersten Geheimnisse der Liebe gefunden: daß die Menschen sich nicht nur nicht verstehen, sondern sich »zu ungleichen Stunden lieben!« Rahel hatte wohl ein theoretisches Selbstgefühl, ein Gefühl, dem sie ebenso ehrlichen wie berechtigten Ausdruck gibt. Aber wie bei allen Menschen, die aus dem einen oder anderen äußeren Grund – z. B. durch ein unvorteilhaftes Aeußeres, schwere Demütigung, verachtete Geburt – unzählige Male verletzt worden sind, war dieses Selbstgefühl bei ihr eben nur theoretisch. Es entsprang keinem spontanen Gefühl, es reichte weder für die im Alltagsleben notwendige Selbstbehauptung hin, noch für die in außergewöhnlichen Fällen notwendige Rücksichtslosigkeit. Zwei unaussprechliche Fehler hab' ich,« sagte Rahel mit Beziehung auf das Relief, das Tieck von ihr gemacht hatte. Dieses – wie auch ein anderes Porträt – fand sie sehr ähnlich; und beide waren ihr widerwärtig, weil sie diese beiden Fehler klar ausgedrückt sah: »Eine zu große Dankbarkeit und zuviel Rücksicht für menschlich Angesicht.« – »Eher kann ich nach dem eigenen Herzen mit der Hand fassen und es verletzen als ein Angesicht kränken und ein gekränktes sehen. Und zu dankbar bin ich, weil es mir schlecht ging und ich gleich an lauter Leisten und Vergelten denke. Dies alles kommt daher, weil die holde, freigebige, sorglose Natur mir eines der feinsten und stärkst organisierten Herzen gegeben hat, die auf der Erde sind; weil ich keine persönliche Liebenswürdigkeit habe und man es also nicht sieht. Ich habe viele Gaben, aber keinen Mut, nicht den Mut, der meine Gaben zu bewegen vermag, nicht den Mut, der mich genießen lehrte, wenn es auch einem anderen etwas kostet. Ich setzte jenes anderen Persönlichkeit höher als meine; ziehe Frieden dem Genuß vor und habe nie etwas gehabt.« Man braucht nicht Jüdin zu sein, um die Erfahrung zu machen, daß Rücksicht und Fürsorge, Nachsicht und Güte nicht zur Folge haben, daß andere gegen uns so sind, wie wir gegen sie, falls sich diese Eigenschaften mit Anspruchslosigkeit für uns selbst verbinden. Der Anspruchslose wird übersehen, während der Anspruchsvolle und Rücksichtslose andere lehrt, ihm Rücksicht und Zartheit zu beweisen. Das ist eine Erfahrung, die man auch bei anderen Familien als der Rahels machen kann. Als Rahels Angehörige ihr einmal als Weihnachtsgeschenk einen ebenso unnötigen wie häßlichen Gegenstand gaben – und man sich damit entschuldigte, daß es »so schwer sei, etwas für sie zu finden« – sie, die für die geringste Freundlichkeit dankbar war und sich selbst so wenig als möglich anschaffte – da bricht Rahel in Klagen über ihren eigenen Mangel an Grazie aus, zu dem sie auch ihre Unfähigkeit rechnet, sich geltend zu machen! Ein Freund Rahels, W. v. Burgsdorf, sagt mit tiefem Verständnis für ihr Wesen, daß er es gleich lernte, sie nicht buchstäblich zu nehmen, daß er hinter ihren Worten, die oft stärker schienen als der Anlaß, bald heraus fand, daß ein langer Schmerz sie erzogen haben müßte. »Denn – es ist wahr, daß eine Spur des erlittenen Schicksals an Ihnen sichtbar ist, daß man das früh gelernte Schweigen und Verbergen an Ihnen sieht... Jede Narbe, die das Schicksal dem Charakter läßt, stört Ihr Bewußtsein...« Aber er fügte tiefblickend diese Worte hinzu: »Dieselbe Kraft, die den Schmerz zu erschöpfen strebt, führt Sie auch wieder so schön zur Freude zurück. Sie sind so voll leichten, schönen Lebens.« Aber dieser lange Schmerz war nicht ausschließlich, ja nicht einmal in erster Linie ihre jüdische Geburt. Daß sie so viel verwundbarer, scheuer, rascher zurückgestoßen, schüchterner ist als die übrigen Jüdinnen ihres Kreises, dies erklärt sich aus den Verhältnissen, die ihre Kindheit und Jugend bestimmten. Rahel bezeichnet selbst die Leiden ihrer Kindheit und Jugend mit den Worten von dem starken Herzen, das die Natur ihr gegeben und das ihr »rauher, strenger, heftiger, launenhafter, genialischer, fast toller Vater übersah und brach. Mir jedes Talent zur Tat zerbrach, ohne solchen Charakter schwächen zu können.« Und so verlor sie auch den »Mut zum Glück«, den die Natur ihr doch gegeben hatte. * * * Von diesem Vater, dem Bankier Levin-Markus – die Kinder nahmen später den Namen Robert an – gibt es in Berlin ein Bild, das Intelligenz, Genußsucht, Kraft und Härte zeigt. Das spanische Rohr, das er in der Hand hält war das Szepter, das er über der Familie schwang. Zu dieser Zeit war ja sowohl in christlichen wie in jüdischen Familien die Oberhoheit des Hausvaters ein noch unangetastetes Dogma. Aber dazu kam noch, daß dieser Vater persönlich ein Despot war, der von seiner Umgebung unbedingte Untertänigkeit verlangte, der weder einen selbständigen Willen noch eine der seinen widersprechende Meinung duldete. Und unter der Gewalt dieses Vaters wuchs Rahel heran, deren Wesensart gerade die ausgeprägteste Selbständigkeit war! Zu den vielen Machtsprüchen des Vaters gehörte auch der, daß in der Familie keine Geburtstage gefeiert werden durften. Rahel wußte so von dem ihren nur, daß sie am ersten Pfingsttage 1771 geboren war und daß dieser in den Mai gefallen war; ihre Biographen haben festgestellt, daß er in diesem Jahre auf den 19. Mai fiel. Sie war das erste Kind und so überaus zart und schwach, daß sie anfangs in einer Schachtel in Watte lag. Ihren Körper durch geeignete Mittel zu stärken, fiel ihren Eltern ebensowenig ein wie es damals andern Eltern in den Sinn gekommen wäre. Eine Krankheit nach der anderen griff in der Kindheit ihre empfindliche Konstitution an; und diese Empfindlichkeit dauerte das ganze Leben fort, als ein Teil ihrer Leiden, aber auch ihres Glücks. Denn die feine Organisation, die sie durch einen Windhauch erkranken und durch einen Sonnenstrahl genesen ließ, bedingte auch jene ungeheure Empfänglichkeit für alle Sinneseindrücke, durch die ihre Genüsse sich vertausendfachen. Diese Empfänglichkeit, diese »Reizsamkeit« in Lamprechts vertiefter Bedeutung des Wortes, hatte nichts von jener Rücksichtslosigkeit, jenem Mangel an Selbstbeherrschung an sich, den die modernen Menschen mit dem elastischen Begriff »Nervosität« bezeichnen und entschuldigen. Rahel hat vielleicht der Strenge im Hause ihre seltene Selbstbeherrschung zu danken, teils unmittelbar, teils, weil sie ihre Widerstandskraft hervorrief. Trotz alledem zu leben und inhaltsreich zu leben, ihre Umgebung ihre Leiden nicht merken zu lassen, darauf konzentrierte Rahel schon von den Kinderjahren an jene Willenskraft, die sie von ihrer Rasse im allgemeinen und von ihrem Vater im besonderen ererbt hatte. Die Energie der Selbsterhaltung, die gerade die Kränklichkeit bei ihr noch steigerte, hatte sie in dem noch schwereren Kampf um die Selbständigkeit ihrer Persönlichkeit gegenüber jenem Vater sehr nötig, dessen Zornesausbrüche, unvernünftige Befehle, hohnvolle Worte und rohe Handgreiflichkeiten die ganze Familie vor ihm erzittern ließen. Nur Rahel wagte hie und da Widerstand. Ihre unbestechliche Wahrheitsliebe, ihre unbeugsame Selbständigkeit wurden vom Vater als Trotz und Eigensinn betrachtet, die er – mit demselben Genuß, mit dem der Kannibale Menschenglieder knickt – zu brechen sucht. Man schaudert bei dem Gedanken an die Mißhandlung, die das geistig wie körperlich gleich empfindliche Mädchen durchmachte, die Mißhandlung, die sie in die Worte zusammenfaßt: »Eine gepeinigtere Jugend erlebt man nicht, kränker war man nicht, dem Wahnwitz näher nicht.« Jedes Kind, das aus dem einen oder anderen Grande unter schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen ist, hat sein Lebenlang an den Folgen seiner ersten Lebensjahre zu tragen. So auch Rahel. In diesen Jahren litt sie so, daß sie nach ihren eigenen Worten ihre ganze Leidensfähigkeit für immer verbraucht haben sollte! Sie fühlt, daß der Mangel an Grazie – womit sie Freimütigkeit, Selbstvertrauen, Leichtigkeit meint – den sie so bitter empfindet, seinen Grund in dieser mißhandelten und unterdrückten Kindheit hat. Sie weiß, daß das Leben freundlich gegen jene Menschen ist, deren »erste Verhältnisse gesegnet sind« . Und diese nahen in der Tat dem Leben mit sonnigem Vertrauen, während die in der Kindheit Unglücklichen erstarrt und verzagt dastehen, wenn das Glück seine Hand ausstreckt, so wie es ihnen auch an Mut gebricht, sich einen Platz zu erobern und an Kraft, ihn zu behaupten, wenn sie ihn zufällig gefunden haben. Rahels erste Jugend scheint noch dadurch erschwert worden zu sein, daß der Vater stolz auf die von ihm selbst ererbte Begabung der Tochter war, auf die Einfälle, mit denen sie schon früh in seinem ausgewählten Gesellschaftskreis Aufsehen erregte. Seine eigene glänzende Intelligenz und sein scharfer Witz machten ihn und seinen Salon gesucht; und in der Tochter wollte er eine Verstärkung seines eigenen Einflusses gewinnen. Rahel sagt selbst, daß sie bis zu ihrem vierzehnten Jahr witzig war und sich so in ihrem jüdischen Kreise mißliebig machte – eine Aeußerung, die darauf schließen läßt, daß sie auf anderer Kosten witzig gewesen ist. Mit dem Eintritt der Jugend begann vermutlich ihre bewußte Kritik der Art, wie der Vater seinen Witz gebrauchte, und damit auch der stumme oder offene Kampf nicht nur zwischen ihren Willen, sondern zwischen ihren Seelen. Er wollte die Tochter nach seinem eigenen Bilde prägen, dem Bilde eines äußerlichen glänzenden Gesellschaftsmenschen. Aber gerade diese Umformungsversuche dürften Rahels Selbstbewußtsein geweckt haben, sowohl was die Versuchungen betrifft, denen sie widerstehen mußte, wie das Ideal dem sie nachstreben wollte. Der Abscheu, den der Vater und sein ganzes Wesen ihr einflößte, tilgte jede Möglichkeit der Eitelkeit und Oberflächlichkeit aus und wendete ihren Sinn nach innen, in der Ueberzeugung, daß sie nur auf einsamen Pfaden ihr eigenstes Ich finden und bewahren konnte. Goethe bemerkt irgendwo, daß »Beharrlichkeit« und »Unmittelbarkeit des Zweckes« Eigenschaften sind, die man auch bei dem geringsten Juden findet. Wenn sich diese Eigenschaften mit einem reichen Persönlichkeitsstoff verbinden, dann bewirken sie jene Einheitlichkeit, Ganzheit, Geschlossenheit, die Rahel bei sich selbst – wie andere bei ihr – als das erkennt, was sie von anderen Menschen in nachdrücklichster Weise unterscheidet »Mein ganzes Leben lang habe ich mich nur für Rahel gehalten und für nichts anderes« , sagte sie, als sie einmal ihre Verwunderung über die Aufmerksamkeit ausdrückte, die man ihr während einer Krankheit erwies. Aber sie wurde Rahel in jenem »Schmelzofen der Betrübnis«, aus dem ihre Persönlichkeit wie in Bronze gegossen und ihr Wille wie gehärteter Stahl hervorging. Rahel nennt es eine Gottesgabe, daß sie immer weiß, was sie will, obgleich sie trotz ihrer Willensstärke »überdummt und überschrieen und überhandelt« worden ist – etwas, was doch nur von dem Peripherischen in ihrem Dasein gilt. Ihre Willensstärke hielt sie nicht nur trotz ihrer Kränklichkeit aufrecht, sondern verzehnfachte ihre Kräfte, wenn sie für andere benötigt wurden, z. B. als Krankenpflegerin. Aber auch einen anderen im täglichen Leben bedeutungsvollen Zug hatte sie von ihrer Rasse: die Sachlichkeit, Geistesgegenwart und Organisationsgabe, die ihr Macht über die stets mit dem Chaos drohende Mannigfaltigkeit der kleinen Aufgaben des Alltagslebens gab. Dieser rasche, zweckmäßig handelnde Wirklichkeitssinn, der das Geheimnis der Erfolge der jüdischen Rasse bildet, wird durch Rahels reiches Gemüt bei ihr zu einer segensbringenden Ausstrahlung eines ewig frischen »aus lauter wahrem Sein geformten Lebens«, wie Varnhagen sich ausdrückt. Diese Eigenschaften machten sie nicht nur gut, sondern wirklich hilfreich. Diese organische Verbindung von Wirklichkeitssinn und Mystik finden wir überall wieder, wo die Mystik tief ist. Ja, ist sie nicht sozusagen der wahre Religionsstifterzug, und hat nicht auch zum Teil darum der Orient der Welt alle großen Religionen gegeben? Die germanische Natur und Kultur, in der Rahel aufwuchs, trug ganz gewiß dazu bei, ihr Wesen zu vertiefen, ihm eine größere Mannigfaltigkeit zu geben. Aber das Unbändige ihrer Eigenart, ihr unauslöschliches Feuer, ihr blitzschneller klarer, Blick, ihre tiefe Grübelsucht, die Schärfe ihrer Analyse, die Wildheit ihrer Verzweiflung, der Jubel ihrer Dankbarkeit, all dies ist morgenländisch, so wie der Psalter und der Prediger Salomo es ist. * * * Nach dem Tode des Vaters, 1789, gestaltete sich Rahels Leben leichter. Von den täglichen Qualen befreit, wurde sie wie durch eine »glückliche Revolution« auch gesünder. Ihre Freude an jugendlichen Vergnügungen erwachte; sie lernte sogar tanzen – aber hatte bald vom Tanz als Gesellschaftsvergnügen genug. In ihrer »Dachstube« im väterlichen Hause hatte sie reichlich Zeit und Ruhe für ihre innere Entwicklung, aber im Familienkreise bestand z. B. die vom Vater auf die Brüder übergegangene Autorität über die weiblichen Mitglieder der Familie noch fort, eine Autorität, die für Rahel namentlich in Geldfragen sehr drückend war, Fragen, in denen außerdem der Sparsamkeitssinn der Mutter im täglichen Leben sich noch unangenehmer fühlbar machte als der Erwerbssinn der Brüder. Die Mutter scheint eine unbedeutende, durch die Tyrannei des Mannes gebrochene und schwermütig gewordene Frau gewesen zu sein, bei der Rahels Wesen kein Verständnis fand. Von den Geschwistern scheint die Schwester Rose in einem herzlichen Verhältnis zu Rahel zu stehen, doch ohne tiefere Seelengemeinschaft. Eine solche verband sie hingegen mit dem jüngeren Bruder Ludwig – ihrem »Herzensbruder« – der, selbst Schriftsteller, Rahels Verkehr mit der jungen Dichterwelt Berlins vermittelt. Die älteren Brüder, Moritz und Markus, gehen hingegen in der ökonomischen Interessensphäre auf; und obgleich sie sich in dieser Beziehung gegen die Schwestern gut benehmen, ist doch die innere Gemeinschaft gering. Und Rahel scheint darauf gefaßt zu sein, im Familienkreise kein Verständnis zu finden. Was sie verlangt, ist, daß man sie in Frieden läßt. Aber wie gewöhnlich sehen Mutter und Geschwister, auch nachdem Rahel die berühmte Rahel geworden ist, in ihr nur die Tochter und Schwester, auf deren jüdischstarke Familienliebe sie stets rechnen konnten, wenn sie in Krankheit oder Mühe, Kummer oder Unruhe ihrer bedurften. In der Zwischenzeit fühlt sie sich übersehen, getadelt, überstimmt, mißverstanden. Die Verwandten ermahnen oder mißbilligen Rahel mit jener Unzartheit, die Familienglieder noch heute als das unbestreitbare Familienprivilegium betrachten. Einem Freunde gegenüber spricht Rahel sich ans: »Ich bin krank durch Gêne, durch Zwang, solange ich lebe; ich lebe wider meine Neigung ... Mein ewiges Verstellen, meine Vernünftigkeit, mein Nachgeben verzehren mich; ich halte es nicht mehr aus, und nichts und niemand kann mir helfen.« ... »Kein Schlag, kein Stich, kein Nagel und kein Stachel blieb mir erspart,« sagt sie in diesem Zusammenhang. Es ist anzunehmen, daß Rahel wie die meisten starken Naturen solange als möglich duldete, bis sie – aus irgend einem für die übrigen unbedeutenden Anlaß – aufbraust. Sie sagt selbst: »Wenige sind explosiver als ich: zurückhalten kann ich es lange, aber früher oder später kommt es hervor.« Es ist wahrscheinlich, daß sie gegen die Ihren – wie gegen Varnhagen – heftig, ungleich und überempfindlich in Fragen sein konnte, in denen sie doch im Innersten Recht hatte. Sie besaß eben wie andere les défauts de ses qualités. Im großen ganzen zeigt sie durch die Tat, wie tief ihr Familiengefühl ist. Sie schreibt an die Ihren: »Teil' ich Euch nicht alles mit? Ruhe ich eher, eh' Ihr Intellektuelles, Angenehmes, Geselliges, alles habt, was ich nur erreichen konnte; hab' ich je ich, nicht immer wir gesagt? Und Gott weiß, wie ewig gedacht. Ich bin kein stockiger Selbstler, sondern ein freudiger, empfindlicher Lebensverbreiter.« Rahel hat das Bedürfnis anzubeten, zu Menschen aufzusehen. »Ich kann nicht über ihn sprechen – denn ich kann nur gerecht sein« , äußert sie sich einmal. »Bei meiner Natur habe ich mich genug gerächt, wenn ich nicht mehr lieben kann.« Sie ist immer von Anfang an gläubig. »Es gehört zu meinen achtungswerten Dummheiten, die Leute immer ernst zu nehmen« , sagt sie. »Meine einzige Eigenschaft ist, die Dinge im Großen sehen zu können, mein einziger Reiz – und einziger Leichtsinn – mich selbst zu vergessen« , schreibt sie ein andermal. Und diese Eigenschaften konnten auch ihre Nächsten mitgenießen. Aber gerade ihre Eigenschaft der »Lebensverbreiterin« mißfiel vor allem der ängstlichen und kleinlichen Mutter, die eine kühle und dumpfe geistige Atmosphäre um sich verbreitete. Rahels Liebe zu den Ihren war, was sie selbst »Faserliebe« nennt, das Gefühl, das die Natur mit den Fibern unseres Wesens verwebt, und das auch noch dann seine Stärke bewahrt, wenn man kaum mehr einen Gedanken gemeinsam hat. Zeit, Kräfte, Geld, Vergnügen kann sie für ihre Familie opfern, wenn es nötig ist; und alle ihre wirklichen Interessen gehen ihr »durch und durch ins Herz« . Aber der Kleinlichkeit und Engherzigkeit will sie nicht nachgeben. Der nähere wie der weitere Familienkreis ließ sich von dem Gesichtspunkt bestimmen, den Rahel haßte: »was sich schickt«. Für diese Bewertung wurde das Unbedeutende groß und das Bedeutungsvolle klein. Wenn Rahel sie selbst war – kühn, lebensvoll, überschäumend, vorurteilslos – dann hielt sich der geringste aus dem Verwandtenkreis für berechtigt, ihr Pflichtgefühl, Rücksicht, Maß, Klugheit zu predigen! Indessen sammelte sich der Zorn in ihr an. Wenn dann der »schwer gefüllte Horizont« ihrer Seele »losgewittert« , ist es selbstverständlich, daß sie durch die leidenschaftliche Heftigkeit ihrer Meinungen erschreckte; daß man sie hochmütig oder herrschsüchtig nannte, wie eben die Menschen, die einer tiefen Ueberzeugung unfähig sind, die starken Ueberzeugungsmenschen zu nennen pflegen. Doch alle jene, die selbst eigene Ansichten hatten, fanden Rahel feinfühlig, taktvoll, nachsichtig, duldsam gegen alles außer gegen die anspruchsvolle Dummheit, Verleumdung und Lüge in jeder – mehr oder weniger bewußten, mehr oder weniger frechen – Form. Wenn Rahel sich z. B. schulmädchenhaft daran freut, »am hellen Sabbath« mit einer Opernsängerin im Wagen zu einer Generalprobe zu fahren, dann begreift man, wie sich der Druck der jüdischen Sitte mit dem des Familienlebens verband. Im ganzen blieb doch Rahels Verhältnis zu den Brüdern ein gutes; und wenn sie ausruft, daß sie sie »weder achteten noch liebten« , dürfen diese Worte nicht absolut genommen werden, sondern nur relativ, im Verhältnis zu Rahels eigener Fähigkeit der Hingebung. Mit der Mutter hingegen wurde das Verhältnis schließlich so gespannt, daß diese verlangte, Rahel solle das ihr trotz allem liebgewordene Vaterhaus in der Jägerstraße verlassen, wo die Mutter dann in eine »düstere, ruppige, unbequeme« Einsamkeit versank, in »erbarmungswürdigen Geiz« . Aber täglich suchte die so vertriebene Rahel die Mutter auf, obgleich diese sie mit der größten Gleichgültigkeit aufnahm; bis die Mutter 1809 auf dem Totenbett lag und Rahel sie vier Monate hindurch Tag und Nacht pflegte. Die Nähe des Todes zerstreute die kleinen Mißverständnisse, die ihr das wirkliche Wesen der Tochter verborgen hatten. Die dankbare Liebe, die die Mutter Rahel endlich zeigte, sowie die Geduld, die sie im Leiden bewies, ließ Rahel sie mit einer »Leidenschaft von Schmerz« betrauern, obgleich Rahel ihr Verhältnis zu ihr ebensowenig umdichtete wie das zum Vater: ein jeder von ihnen hatte seinen Anteil an den Leiden der Kindheit und Jugend gehabt, unter denen ihr Herz gewehklagt hatte. Aber während sie dem Vater niemals verzeihen konnte, verzieh sie der Mutter, die ebenso wie sie selbst ein Opfer des Vaters gewesen war. * * * Die Leiden, die die engherzige Natur der Mutter nur umdüstern konnten, entzündeten in Rahels Natur eine große Glut, die Glut des Mitgefühls und gaben ihr eine große Kraft: die der Einsamkeit. Die Innerlichkeit und Vertiefung, die die Einsamkeit – und nur sie – schenkt, hat Rahels Wesen in entscheidender Weise bestimmt. Wie sehr sie auch später Gesellschafts- und Geselligkeitsmensch wird, so lebt sie doch, bis Varnhagen kommt, in einer steten inneren Einsamkeit, geschaffen durch die Schicksale, von denen sie sagt, daß ihr ganzes Leben durch sie mörderisch beraubt oder unmenschlich zertreten wurde, oder daß sie unwürdig um das Leben selbst bestohlen worden ist. Und die Folge davon ist jener Mangel an Grazie, den sie so bitter empfindet. In einem Brief an Varnhagen, sagt Rahel: »Diese Woche habe ich empfunden, was ein Paradox ist: eine Wahrheit, die noch keinen Raum finden kann, sich darzustellen; die gewaltsam in die Welt drängt und mit einer Verrenkung hervorbricht. So bin ich leider. Hierin liegt mein Tod. Nie kann mein Gemüt in schönen Schwingungen sanft einherfließen, wozu diese Schöne in der Tiefe meines geistigen Seins wie in den tiefen Eingeweiden der Erde verzaubert liegt. Wie richtig, geliebter Freund, und wie traurig vergleichst Du mich einem Baum, den man aus der Erde gerissen hat und dann seinen Wipfel hineingegraben; zu stark hat mich die Natur angelegt.« Und sowie man Rahels besondere Denkkraft nur aus der Einsamkeit versteht, so versteht man ihren besonderen Gefühlston nur aus dem Leiden. Rahel gehörte in geistiger Hinsicht zu derselben Art von Menschen, die man körperlich »Bluter« nennt. Eine Schramme, die bei einem anderen leicht heilt, kann bei ihnen zu Verblutung führen, und jedes Häutchen über einer Wunde ist so dünn, daß es bei dem leichtesten Stoß reißt und einen neuen Blutstrom verursacht. Wer dies nicht einsieht, wird Rahel nie verstehen können, wenn sie mit den stärksten Worten von längstverflossenen Leiden spricht, oder wenn sie durch etwas, das anderen unwesentlich erscheint, zu Tode betrübt wird. Denn mit dieser kleinen Wunde gehen alle anderen Wunden auf, und in dieser Klage widerhallt die Klage ihres ganzen Volkes. * * * Ob nun Rahel erkennen lernte, was sie ihrer Rasse zu danken hatte oder nicht: gewiß ist, daß die Bitterkeit, mit der sie in der Jugend von ihrer Geburt spricht, mit den Jahren verschwindet. Vielleicht kam dies ganz einfach von der Entwicklung jenes amor fati, der für den Menschen das ist, was die Blüte für die Aloe: ihre große Kraftprobe vor dem Tode. »Ich beneide keinen Menschen mehr als um Dinge, die niemand hat.« Diese Worte Rahels sind für ihren Seelenzustand in ihrem letzten Lebensabschnitt bezeichnend. Rahel war stets bereit gewesen, für ihre Herkunft einzustehen. Ja, in Paris hatte sie sogar betont, daß sie eine »Jüdin aus Berlin« sei, und sich gefreut, daß sie ihrer Vaterstadt Ehre machte. So freute sie sich auch, als sie – in den Kriegsjahren – sowohl selbst wie durch ihre Glaubensgenossen den Christen die patriotische Opferwilligkeit der Juden zeigen konnte. Daß sie bei ihrer Verheiratung zum Christentum übertrat, war weder ein Abfall vom Judentum – dem sie nie gläubig angehangen – noch ein Glaubensakt gegenüber dem Christentum, sondern nur die Schaffung eines Gleichheitszeichens zwischen ihr und dem Manne, dessen Lebensstellung sie teilen sollte. Als der patriotische Taumel nach dem Freiheitskriege Ausbrüche des Antisemitismus hervorrief, war sie tief empört und hielt auch bei ihren christlichen Freunden ihren eigenen Abscheu vor dieser Roheit wach. Je mehr sie – von der Abhängigkeit von ihren eigenen Angehörigen befreit – das Judentum objektiv sehen lernt, desto mehr söhnt sie sich auch mit dem Schicksal aus, das sie zu einem Mitglied dieses Volkes gemacht hat. Und auf dem Totenbette – als sie schließlich ihr ganzes Leben aus dem Gesichtspunkte der Ewigkeit sieht – preist sie in ergreifenden Worten das wunderbare Schicksal, das sie, »den Flüchtling aus dem Lande Aegypten und Kanaan« so geliebt gemacht wie sie es nun von ihren Teuern war. Schön sind diese ihre letzten Worte über die tiefe Qual ihres Lebens: »Mit erhabenem Entzücken denk' ich an diesen meinen Ursprung, und diesen ganzen Zusammenhang des Geschickes, durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechtes mit der neuesten Lage der Dinge, die weitesten Zeit- und Raumformen verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möcht' ich das jetzt missen.« II. Persönlichkeit. Wie bei jeder andern ausgeprägten Persönlichkeit lassen sich auch bei Rahel gewisse Bestandteile nachweisen, die aus Rasse und Familie resultieren; und man kann auch den Prozeß des Gusses ahnen. Aber der Verlauf, durch den aus diesen Bestandteilen und dieser Behandlung, die bei anderen ganz andere Formen ergeben hätten, gerade diese Persönlichkeit entsteht, bleibt ewig ein Rätsel. Die besonderen Züge der Persönlichkeit, ihr eigentümlicher Stil, ihr einziger Zauber läßt sich bei dem lebendigen Kunstwerk – der menschlichen Persönlichkeit – ebensowenig beschreiben oder begreifen, wie bei der Statue aus Bronze. Nicht nur das Kunstwerk ist, wie ein Denker sagt, »aus dem Schoß einer flammenden Phantasie entsprungen«: auch die Individualität entspringt einem solchen Schoße, dem der Natur selbst. Ihre Phantasie arbeitet ebenso heiß wie die des Genies, und ihr Stil läßt sich ebenso unmöglich mit den losen grauen Maschen der Worte einfangen. Mehrere von Rahels größten Zeitgenossen haben ihre Persönlichkeit zu schildern versucht. Die dies am besten vermochten, dürften auch zugleich ihrer eigenen Selbstanalyse am nächsten gekommen sein. Denn wenn man von irgend einem Menschen sagen kann, daß er sich selbst wirklich gekannt hat, so ist es Rahel. In der ganzen Frauenwelt gibt es niemand, der sich an Entdeckermut und Entdeckerlust in der eigenen Seele, an Eifer der Selbsterforschung und Ehrlichkeit der Selbstmitteilung mit Rahel vergleichen kann außer Marie Bashkirtseff. Daß Schamlosigkeit nicht mit Ehrlichkeit, Mitteilsamkeit nicht mit Selbsterkenntnis gleichbedeutend ist, das muß ich durch verschiedene moderne Frauenbeichten veranlaßt, scharf betonen. Rahels nach ihrem Tode herausgegebenen Briefe waren für ihre Zeitgenossen ebensosehr die Offenbarung eines neuen Frauentypus wie Maria Bashkirtseffs Tagebuch für unsere Zeit. Wie verschieden die beiden Naturen auch voneinander sind, so begegnen sie sich doch darin, daß ihr Seelen- und Willensleben so eigenartig, so ausgeprägt war, daß es sich so unmittelbar und zugleich so bewußt offenbarte, daß es mit einem Schlage eine geistige Macht wurde, zu der man in ein, sei es sympathisches, sei es antipathisches Verhältnis treten mußte. Nur Gleichgültigkeit war unmöglich. Im übrigen ist die Manier der beiden Selbstporträts so verschieden wie die Zeiten, in denen sie hervortraten. Die junge Russin malt sich »plein air«, in schonungslosem, alles verratendem Morgenlicht; Rahels Bild hebt sich von jenem clair-obscur ab, in dem man immer mehr entdeckt, je länger man hineinblickt * * * Wenn ich versuchen will, meinen Eindruck von Rahels Persönlichkeit wiederzugeben, bin ich ihrer eigenen Worte eingedenk: daß wir uns selber konkav sehen, andere aber konvex: daß, wenn wir versuchen, uns in einen Menschen zu versetzen, um ihn zu beurteilen, wir immer auf uns selbst stoßen und dies eine wirkliche Objektivität unmöglich macht Denn die Aehnlichkeit, schließt Rahel, die zwischen allen Menschen besteht, »geht nur bis zu den Grenzen des Wesens«! ... Und in diesen tiefen Worten Rahels liegt eben das Geheimnis der Individualität, ihre Unbeschreiblichkeit eingeschlossen. Wenn man seinen Eindruck einer Persönlichkeit nicht unmittelbar wieder mitteilen kann, versucht man es durch Bilder zu tun. So kann ich z. B. sagen, daß Rahel für mich dieselbe tiefviolette, beinahe schwarze Farbe hat wie Eleonora Duse; daß der Duft, der ihrem Wesen am nächsten kommt, der der gelben Tazette ist während die Musik, die sie am vollsten ausdrückt, Beethovens Apassionata ist. Aber mit diesen Bildern habe ich höchstens jenen, die von dieser Farbe, diesem Duft und dieser Musik Eindrücke mit derselben Gefühlsbetonung wie meine eigene empfangen, eine Ahnung von meiner Empfindung für Rahel gegeben. Stets ist das Bild im Verhältnis zu der großen mystischen Wirklichkeit – der einzigen Persönlichkeit – das, was in der Hieroglyphenschrift das ägyptische Lebenszeichen im Verhältnis zum lebendigen Leben ist. Es gibt nur eine einzige Art, eine persönliche Eigenart zu zeichnen: die eigenen Aussprüche und Handlungen der Persönlichkeit mit dem Eindruck zu vergleichen, den diese Persönlichkeit auf ihre Mitwelt gemacht hat. Denn die eigenen Worte betrügen häufig, die eigenen Handlungen nicht selten, die Urteile anderer am häufigsten. Aber stimmen alle drei überein, dann kann man mit Sicherheit wissen, daß in dem vorliegenden Fall wenigstens die Einheit und Geschlossenheit der Persönlichkeit unzweifelhaft gewesen ist. Und gerade diese oben erwähnte Uebereinstimmung zwischen dem Eindruck, den Rahel auf andere machte, und dem Einblick, den sie in ihr eigenes Wesen gibt, berechtigt zu dem Schlusse, daß sie das war, was sie zu sein behauptet, daß man sich aus ihren eigenen Bekenntnissen das beste Bild von ihr macht. * * * Was Rahel vor allem und immer betont, ist, daß »Gott und die Natur« es gut mit ihr gemeint haben, aber daß das Schicksal und das Glück gegen sie gewesen sind; daß die Natur groß, ja übermütig war, als sie zur Welt kam; daß sie eine »Hochgeborene« hätte werden sollen und daß die sprudelnde Kraft zum Glück, die sie besaß, nur ein wenig Befreiung von unmittelbaren Leiden gebraucht hätte, um ihr Lebensfähigkeit zu zeigen. Sie weiß sich dazu geschaffen, das Leben zu genießen, es nicht nur zu durchleiden. Diese Lichtquelle in Rahels Natur, ihre gesunde, schöne Sinnlichkeit, ihr Sonnenwille, ihre »Freude an den nächsten Dingen« , ihre Freude an dem Glück aller Glücklichen macht Rahel so unmittelbar erwärmend. Und nur mit dieser Lebensenergie als Wesensgrund ist ein wirklich tiefes Leiden denkbar, einer Lebensenergie, die sich gegen die Qualen sträubt, die bald besiegt wird, bald siegt, aber niemals dem Schmerz das Recht einräumt, der Sinn des Lebens zu sein. Rahel nennt sich selbst einen »gesünderen, munteren, brünetteren Hamlet« , und ihr Jugendfreund Veit sagt, daß sie mit Philinens fröhlicher Laune Aureliens Geist und Herz verband, ihre Gutmütigkeit und ihren Hang zur Schwermut ... Alle, die Rahel tief verstanden haben, vor allem Varnhagen, heben das, was ich das clair obscur in Rahels Wesen nannte, als das Geheimnis ihres Zaubers hervor. In einem Brief von Jean Paul an Rahel, der mit den Worten beginnt: »Geflügelte – in jedem Sinn« – sagt er: Sie behandeln das Leben poetisch und das Leben daher Sie. Sie bringen die hohe Freiheit der Dichtkunst in die Gebiete der Wirklichkeit und wollen die Schönheiten dort auch als Schönheiten hier wiederfinden.« ...Dies ist ein zentrales Urteil über Rahels Wesen. Rahel fühlte, daß dieser ihr ursprünglicher Charakter auch ihr Schicksal hätte werden müssen. Nun wurde dieses – infolge der schon erwähnten Ursachen – ein ganz anderes. Sie kann nicht nach ihrem Charakter leben, aber sie stirbt wenigstens danach, so wie es nach ihren Worten im Grunde jeder Mensch tut. Sie weiß: jeder Mensch »hat ein ganz eigenes Schicksal« , da er »ein Moment des Ganzen ist, der nur einmal existieren kann« ; und wenigstens dieses ihr besonderes Unglücksschicksal verlangt sie vom Dasein, wenn es ihr ihr Glücksschicksal versagt. So schrieb sie während der Cholera in Berlin: »Ich verlange ein besonderes persönliches Schicksal. Ich kann an keiner Seuche sterben wie ein Halm unter anderen Aehren auf weitem Felde, von Sumpfluft versengt. Ich will allein an meinen Uebeln sterben; das bin ich, mein Charakter, meine Person, mein Physisches, mein Schicksal.« Und so wie jeder sein Schicksal hat, so war Rahel überzeugt, daß jeder auch seine Eigenart besitzt. Originalität, sagt sie, ist viel häufiger als Ehrlichkeit; ja die meisten könnten originell sein, wenn sie nur wahr sein wollten! Sie kann von sich selbst – ohne daß ihr jemand widerspricht – sagen, daß sie sich einem Gott, der Wahrheit, hingegeben hat; und jedesmal, wenn sie aus dem Elend des Lebens erlöst wird, ist es durch diesen Gott geschehen. Auf keine Frage kommt sie in ihren Briefen häufiger zurück als auf die der Originalität; und wo sie diese findet, verzeiht sie fast alles. »Wer ehrlich fragt und sich selbst antwortet, ist immer mit Wirklichkeiten beschäftigt und entdeckt unaufhörlich ... Um zu denken, bedarf es vor allem der Ehrlichkeit.« .. Was sie am allermeisten haßt, ist Pedanterie, denn ihr Ursprung ist innere Leere, und darum klammert sie sich an die Formen. »Ein Mensch, der nicht wahr, ehrlich und unschuldsvoll ist, kann weder Dichter noch Künstler, Philosoph, Mensch, Freund, Familienmitglied, Gesellschaftsmensch, Geschäftsmensch, Regent sein ... Wahrheitsliebe fehlt uns; das ist der kranke Punkt der Menschheit, der Grund all unsrer Seelenepidemien ... Es hängt von uns selbst ab, Menschen (Originale) zu werden. Aber dazu bedarf es eines unendlichen Mutes ... Es ist ganz einerlei, wie man ist, sobald man nicht sein kann, wie man will.« »Ein Teil der Menschen hat zu wenig Verstand, die Wahrheit in sich zu finden, ein anderer nicht den Mut, sie zu gestehen, und die allermeisten weder Mut noch Verstand . Und irren und lügen und tappen oder ruhen das ganze Leben entlang bis nach der Gruft!« Ein andermal ruft sie aus: »Ich bin außer mir: so nennt man es, wenn das wahre Herz spricht!« Ehrlichkeit ist für sie die Voraussetzung bewahrter Jugendlichkeit: »Ehrlich sein im Denken: dann ist man wahr. Und nur bei Wahrheit ist Heil! Wer ohne sie ist, altert; die Runzeln allein machen nicht altern.« Ja, Rahel versichert, daß die treuherzige, reine Roheit sie erquicken kann, wenn die Lügenhaftigkeit sie zur Verzweiflung gebracht hat! Alle diese Aeußerungen charakterisieren die Natur, die sich in folgender Antwort Varnhagen gegenüber Luft machte, als dieser scherzhaft äußerte, man müsse sie umgießen, damit sie fügsamer werde: »Dann würde ich aus der Gußform spritzen!« An einen jungen Freund (Bokelmann) schreibt Rahel die tiefen Worte: »Was macht des Menschen Geist und Seele kälter als Stillstand ... Denken Sie immer rastlos! Das ist die einzige Pflicht, das einzige Glück ...« Und sie fährt fort, ihn anzuflehen, nie aufzuhören, eine Sache stets aufs neue »durchzuackern« , wie oft er sie auch schon durchdacht haben mag; sich von keinen lieben und verehrten Freunden und Freundinnen – nicht einmal von sich selbst – so verführen und beherrschen zu lassen, daß er die Pflicht zu unablässiger geistiger Arbeit vergißt. Immer muß er den Mut haben, sich selbst mit Fragen und Zweifeln zu verwunden, das bequemste und schönste Gedankengebäude, das ein Lebenlang halten könnte, zu zerstören, wenn die Ehrlichkeit es verlangt; es wagen, sich selbst unablässig solche Fragen zu stellen, vor denen jedes Verhältnis zu anderen Menschen in seinen Grundfesten erzittern kann; sich niemals von einer ein für allemal aufgestellten, gutschützenden und kleidsamen Moral einhüllen lassen; niemals nach irgend einer Hinsicht in das Gewohnheitsmäßige herabsinken und so die Pforten seiner Seele verschließen; stets geistig rastlos, unruhig bleiben. Er sollte ihrer – Rahels – ewigen Beweglichkeit und Freiheit, ihrer strengen, untersuchenden Wahrheitsliebe eingedenk sein; sich von niemandem und nichts zu einem Glauben verführen oder von einem Band fesseln lassen, so daß er sein Leben als eine Pflicht durchseufzen muß; nie etwas nur deshalb seinen Tribut zollen, weil es alt und wohlbekannt ist! Für Rahel selbst war diese Art von ehrlichem Denken und ehrlichem Mitteilen der Gedankenresultate so sehr geistige Lebensbedingung wie das Ein- und Ausatmen es im körperlichen Sinne war. In dieser Lebensnotwendigkeit der Ehrlichkeit liegt das, was Rahel am tiefsten von anderen unterscheidet. Alle denken mehr oder weniger zu gunsten eines bestimmten Glaubens, Gedankens oder Gefühls und enthalten sich selbst und anderen das vor, was diesen widerstreiten könnte. Rahel ist hingegen, wie sie selbst sagt, »unschuldig« in ihrer Gedankenarbeit. Was Rahel bei Angelus Silesius liebt, daß er sich unschuldsvoll fragend an Gott wendet, keine Antwort verlangt, und keine Behauptungen aufstellt, sondern voll von »demütigem Verzicht« ist und zugleich eine »Kinderseele voll Mut« , dies alles kann man von Rahel selbst sagen. Diese Kindlichkeit Rahels heben auch ihre Freunde hervor. Sie ist die Grundlage ihres Mutes, über alles geradeheraus zu sprechen, unbekümmert wie es wirke, naiv-tiefsinnig wie das Kind es tut, das Kind, dem das Ueberlieferte, das Traditionelle, das Anerkannte noch nicht seinen bewaffneten Hinterhalt, seine Zäune aus Stacheldraht gezeigt hat, sondern das sich unerschrocken und ungezwungen bewegt, solange es voraussetzungslos, selbstdenkend ist, ein Selbstentdecker. Aber das blieb eben Rahel all ihr Lebtag. Rahels Einfluß auf ihre gleichalterigen Freunde wirkt namentlich in dieser Richtung, wie die angeführte Aeußerung gegen Bokelmann zeigt. Der hochbegabte Arzt Daniel Veit, Rahels ältester Freund, erzählt, wie willig er sich von Rahel leiten ließ, denn sie wollte nicht herrschen, obgleich sie es unbewußt durch die Macht der höchstmenschlichen Natur tat, durch ihre »liebe, fürstliche Seele«. G. von Brinckmann – ein Schwede von Geburt, der aber an einer deutschen Universität seine Bildung erworben und sich dann als Diplomat in Europas Hauptstädten die feinste Kultur der Zeit angeeignet hatte – ist schon in Rahels Jugend einer ihrer verständnisvollsten Freunde. Er, wie Veit, schreibt Rahel einen tiefen Einfluß auf seine Entwicklung zu. Brinckmann sagte, daß er durch Rahels Ermahnungen zum »Geistesmut« einen so starken Eindruck empfing, als wäre er plötzlich in eine neue Geisteswelt versetzt worden. Rahels Geisteskraft, ihre Selbständigkeit, ihre Ueberzeugung, daß man »höhere Sittlichkeit durch höhere Freiheit« erreicht, all dies wandelte in mehreren Fällen seine eigenen Gesichtspunkte um. »Was ich bei den Weisen, den Frommen vergebens gesucht: unverschleierte Wahrheit, Selbständigkeit des Geistes und Innigkeit des Gefühls, kam mir in dem Dachstübchen dieser seltenen Selbstdenkerin als eine geheiligte Offenbarung entgegen«, schreibt Brinckmann. In ihr »heilig klopfendes Herz« zu blicken, vertrauten Gedankenaustausch mit ihr zu pflegen, wurde ihm, sagt er, ein Bedürfnis, so leidenschaftlich wie eine Liebe. Vor Weisen und Fürsten rühmte er sich, Rahels Schüler gewesen zu sein; und sein ganzes Lebenlang dauerte ihr Einfluß auf ihn gleich »geisteskräftig und hochmenschlich« fort. Ihr ganzes Lebenlang sagt Rahel in hundert verschiedenen Wendungen, sie habe immer gewußt, daß sie nichts anderes besitzen könne und würde als sich selbst; sie habe sich darum »an die Kraft ihres eigenen Herzens« und an das gehalten, »was mein Geist mir zeigt« ; sie habe gewußt, daß nur, wenn sie sich in den ihr von der Natur angewiesenen Gebieten halte, sie »mächtig« sei, in allen andern »nichtig«. Oft spricht sie auch über »den großen durchgehenden Zusammenhang aller meiner Fähigkeiten, den ewig unzerstörbaren Zusammenhang und das unaufhörliche Zusammenwirken meines Gemütes und meines Geistes.« In diesem Sinne kann sie sagen: »Ich bin so einzig als die größte Erscheinung dieser Erde. Der größte Künstler, Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element, im selben Rang und gehören zusammen.« Diese Aeußerung Rahels muß im Zusammenhang mit ihrer oben geschilderten Wesensart verstanden werden. Wer die angeführten Worte als Ueberhebung auslegt, weiß nichts von der Selbstgewißheit der großen Individualität, einer Gewißheit, die ebenso gebieterisch ist wie die jeder anderen Genialität. Daß Rahel unablässig den Wert der Individualität verkündigte, hätte nicht viel bedeutet, wenn sie ihn nicht auch zugleich selbst verkörpert hätte. Vom Beginn ihres Lebens bis zu seinem Ende, von der ersten Stunde eines jeden Tages bis zur letzten, kam bei Rahel niemals das vor, was sie mit einem glücklichen Ausdruck »Lebenspausen« nannte. Alle erinnern wir uns an Stunden und Zeiten, die nicht vom eigensten Leben der Persönlichkeit durchdrungen waren; wo wir uns aufs Geratewohl treiben ließen, wo der Bogen des Willens erschlafft war oder ein anderer ihn spannte; wo wir in einer Art Halbschlummer der Seele gehandelt, gesprochen, geurteilt haben. Es gibt kaum eine große Persönlichkeit, bei der man solche Pausen nicht nachweisen könnte: bei Rahel niemals. Betrübt oder fröhlich, krank oder gesund, ruhend oder tätig, schenkte sie aus der Fülle ihres Wesens den Becher des Augenblicks bis zum Rande voll. Dies wird uns durch alles bestätigt was Rahel geschrieben und durch alles, was über sie geschrieben worden ist. Daß sie in einem »Wald von Menschen« lebt, hindert sie wohl wie jedes von uns Gesellschaftswesen ihre eigenen Zweige so weit auszubreiten, als sie reichen könnten. Aber es wandelt ihr Wesen ebensowenig um, als z. B. das Wesen der Buche von dem rings herum wachsenden Tannenwald umgewandelt wird. Sie ist ebenso naturnotwendig und naiv wie der wachsende Baum, sie selbst – wenn auch nicht ihr ganzes Selbst. »Warum sollt' ich nicht natürlich sein?« ruft Rahel aus: »Ich könnte nichts Besseres und Mannigfaltigeres affektieren.« Ein andermal: »Wenn eine Guillotine vor mir stünde, wüßt ich's nicht zu sagen, was ich bin: hilfreich bin ich und atmend, sonst kann ich mich auf nichts besinnen.« Die hier unten zusammengestellten Aeußerungen sind beide charakteristisch. Denn Rahels Bewußtsein ihres Wesens und Wertes ist ebenso wirklich wie ihre Unbewußtheit, was nur dem in seelischer Beziehung rohen Menschen unmöglich scheint und doch der für alle großen ursprünglichen Naturen charakteristische Zug ist! Gerade weil Rahel in jedem Augenblick einheitlich ist, hält die eine Eigenschaft der anderen das Gleichgewicht: ihre Reizbarkeit wird nicht hysterisch, ihre Empfindsamkeit nicht sentimental, ihr Witz nicht ironisch, ihre Analyse nicht Vivisektion, ihre Unmittelbarkeit nicht kindisch und ihre Bewußtheit nicht Selbstbespiegelung. Geist und Gemüt, Grübeln und Handeln, Ernst und Heiterkeit, alles ist bei ihr aus einem Gusse; nichts widerspricht sich oder hebt sich auf, alles bekräftigt und steigert sich in dieser einheitlichen Natur. Psychologen, vor allem Schleiermacher, betonten gerade diesen Zug als Rahel Grundwesen. Man sehe den Abschnitt »Geselligkeit« * * * Daß das Unbewußte die Kraftquelle unserer Natur ist, drückte Rahel unter anderem mit diesen Worten aus: »Im wahren, festen Schlaf geht die Seele nach Hause, sie badet in Gottes See, sonst hielt' sie nicht aus.« Aber zugleich weiß Rahel, daß der Grundtrieb ihres Wesens der Durst nach Klarheit ist. Ihre ehrliche, scharfsinnige Selbstanalyse sagt ihr, daß dieser Trieb bei ihr nicht nur der allgemeine der Menschennatur ist, sondern zugleich eine Notwehr: nur das Denken über die Dinge hält die Fugen ihres Wesens zusammen, so explosiv wirken die persönlichen Erlebnisse in ihr. Sie kann nichts ruhig nehmen: alles, wofern es überhaupt die Macht hat, sie zu berühren, wird »unübersteiglich wichtig« ; und sie hat ohne Zweifel recht, wenn sie sagt, daß sie dem Wahnsinn nahe wäre, wenn sie nicht zu ihren anderen Leidenschaften auch die hätte, über die Dinge nachzudenken, sie nicht nur zu durchleiden. Mit anderen Worten, zu ihren übrigen Leiden hat sie auch noch die Leiden des Denkens.« »Ich muß von allem wissen, wie es wird, wie es ist. So habe ich von Kindheit an den größten Trieb gehabt, Leichen zu besehen.« »Ich wäre ein sehr für aller Augen verkrüppeltes Geschöpf geworden, läge nicht großartige Betrachtung der Natur aller Dinge in mir und jenes Vergessen der Persönlichkeit, ohne welches die genialischsten Menschen auf der Erde und in jeder Wissenschaft keine wären.« »Von Jugend an ging es reich und der Wahrheit gemäß in mir her. Natur wirkte scharf und richtig auf scharfe Organe: ein felsenfestes, empfindliches Herz hatte sie mir mitgegeben, das alle anderen Organe immerzu und redlich belebte.« Ein andermal: »Die Gaben, die ich habe, hat man nicht umsonst: man muß dafür ausstehen! Mein scharfes Wissen, Sondern und Scheiden, das große Meer in mir, mein präziser, tiefer großer Zusammenhang mit der Natur; kurz das bißchen Bewußtsein darüber, was hier doch soviel wert ist, kostet mir was! Welche Schmerzen, welche Unruhe, welches Vermissen läßt das aufschießen und wie muß ich es verarbeiten!« Rahels obenerwähnte kindliche Unbefangenheit tritt am klarsten auf ethischem Gebiet hervor, wo sie landläufige Werte ebenso freimütig wie gründlich umwertet. Sie weiß wohl, daß das Bedürfnis nach Sittlichkeit ewig fortlebt, aber auch, daß die Begriffe der Sittlichkeit nicht unverändert bleiben können. So sagt sie: ... »Die Gegenwart krankt an solchen alten Vorstellungen ... Das ganze Dasein ist progressiv, gewinnt unaufhörlich an intensiver Anschauung; auf diese Art vervollkommnet sich das Erdenleben und jenes Leben, das nicht in seine Grenzen fällt. Je mehr Einsicht wir erlangen, desto mehr werden wir mit dem Leben selbst übereinstimmen ... Das Leben ist keine tote Wiederholung, sondern eine Entwicklung zu Erkenntnis und durch Erkenntnis.« ... Aber Rahel meint, daß man gerade auf dem Gebiet der Sittlichkeit diese Entwicklung am allerwenigsten anerkennen will. Und dadurch wird das Dasein disharmonisch, weil man die Handlungen, zu denen man von der Entwicklung getrieben wird – die sogenannten »Verbrechen« – nicht mit Gewissensruhe begeht. »Wir zerstückelten Neuerer! ›Ruchlos‹ müssen wir gleich sein, uns schelten lassen und doch Lumpen bleiben, mit unseren Sittchen und auch Gesetzchen! Kranke Europäer nenn' ich uns immer in meinem Kopf ...« Unter diesen neuen ethischen Begriffen verkündet Rahel auch den, daß die Freiheit eines Menschen das Recht bedingt, wenn er nicht länger leiden will, aufzuhören, zu leben. Sie ruft im Hinblick auf Selbstüberwindung und Geduld im Leiden aus: Unsere Nerven und Fibern, unsere Wünsche können wir doch nicht unterdrücken; sollten diese allein unheilig sein, sollte man sie nicht mit derselben frommen Scheu betrachten wie andere Werke der Natur, ja, als Ausdrucksformen der tiefen Forderung in uns, das Rechte zu erreichen? Ich weiß, daß es nur ein unerträgliches Uebel gibt: wenn man dieses Bedürfnis nicht befriedigt hat, und das Gewissen darum krank ist . In Heinrich von Kleists letzten Jahren war er oft bei Rahel, die unter seinen Leiden litt. Nach seinem Selbstmord sprach Rahel schon die Anschauung der höchstentwickelten modernen Menschen über einen solchen »Freitod« aus, um F. Mauthners neues und schönes Wort für die verfeinerte Auffassung dieser Tat zu gebrauchen. Sie freut sich, daß ihr Freund »das Unwürdige nicht duldet« und weiß, daß ihr Verständnis das einzige ist, womit sie jetzt noch sein Andenken ehren kann. »Ich mag es nicht, daß die Unglückseligen, die Menschen bis auf die Hefe leiden ... Unglück aller Art dürfte mich berühren! Jedem elenden Fieber, jedem Klotz, jedem Dachstein, jeder Ungeschicklichkeit sollte es erlaubt sein, nur mir nicht? ... Es ist und bleibt ein Mut. Wer verließe nicht das abgetragene, incorrigible Leben, wenn er die dunkeln Möglichkeiten nicht noch mehr fürchtete? Uns loslösen vom Wünschenswerten, das tut der Weltgang schon.« Aber der freiwillige Tod soll eine bewußte, nicht eine verworrene Handlung der Persönlichkeit sein, meint Rahel. Sie weiß, daß wir nur so mit unseren sogenannten Verbrechen wirklich sittliche Handlungen vollbringen. Sie – die Wahrheitsfanatikerin – kann darum sagen: »Die Lüge ist schön, wenn wir sie wählen, und ein wichtiger Teil unserer Freiheit; erniedrigend aber, wenn wir dazu gezwungen sind.« Sie kann mit bezug auf einen hochentwickelten Menschen (W. v. Humboldt) sagen: »Er ist so weit voraus in seinen Ideen, daß doch nicht mehr die Rede davon sein kann, ob er gut oder nicht gut sei, das liegt fern unter ihm.« Sie weiß, daß es eine erste Unschuld gibt, die das Böse nicht ahnt; eine zweite, die jenseits von Gut und Böse angelangt ist Und sie sagt: »Unschuld ist schön: Tugend ist ein Pflaster, eine Narbe, eine Operation.« Sie weiß, wie wenig diese Art von Tugend wert ist: »Gut sind die Menschen alle, aber sie taugen nichts!« Sie weiß, daß die persönliche Sittlichkeit die verantwortungsvollste ist. Sie spricht einen Gedanken aus, der mit einem von George Eliot zusammenklingt: »Unsere Handlungen sind die Kinder unseres Geistes ... Wie sie auch werden, müssen wir sie uns gefallen lassen, sie haben ein so selbständiges Leben, daß sie uns umbringen können ... Sie haben wieder Kinder und werden zu ganzen Geschlechtern.« Aber während George Eliot diesen ernstesten ethischen Gedanken der neuen Zeit dazu verwendet, die alte Moral einzuprägen, hat Rahel den Mut, diese in wichtigen Teilen zu verwerfen. Aus dem hier Gesagten geht hervor, daß Rahel mit mehr Berechtigung eine Prä-Nietzscheanerin genannt werden kann als eine Romantikerin. So wie Nietzsche übt sie Rücksicht, Pflichttreue, Selbstzucht. Aber sie wie er wollen eine Umwertung gerade jener Tugenden, die sie ausüben, weil sie an sich selbst erprobt haben, welche Gefahren diese Tugenden für ein vollmenschliches Dasein bergen können. Eine Tugend, sagt Rahel, kann viel schlimmer sein als eine Leidenschaft, und die Pflichterfüllung ist oft nichts anderes als eine Form der Umständlichkeit und Wichtigtuerei. Sie verabscheut die Lehre, daß Leiden und Dulden unbedingt eine Tugend sei. Mutig anzugreifen, was unsere Natur leidenschaftlich verlangt, ist für sie eine größere Tugend, und sie unterschreibt mit vollster Zustimmung Goethes Worte: »In allen Stücken billig sein, heißt sein eigenes Selbst zerstören.« Rahel war zu ehrlich, um zu glauben, daß wir andere ebenso lieben können wie uns selbst, außer in einem sehr großen und seltenen Gefühl. Und sie wußte, daß ihre eigene Neigung, andere höher zu stellen als sich selbst, sich selbst aufzuopfern, eine Schwäche, nicht eine Tugend war. Durch diese allzugroße Rücksicht, sagt Rahel, »zerstör ich mich denn wirklich, die in manchen Stücken stark und zu was anderem von der sorglos verschwenderischen Natur bestimmt war: So ist's! So muß ich weiter sterben: viel bin ich schon gestorben ...« Im Zusammenhang mit diesen Worten macht sie die Bemerkung, sie wisse, daß »etwas von Adlernatur« unentbehrlich sei, um das Leben zu leben, aber ihr fehle leider diese Art Natur. Wenn Rahel sich der übertriebenen Rücksicht beschuldigt, die sie gehindert hat – im vollsten Sinne des Wortes – zu leben, dann darf man nicht vergessen, daß sie stets ihren unbedingten Mut auf dem Gebiet des Denkens und der Meinungen betont. Für keines Menschen Liebe opfert sie je ihre »besseren Ueberzeugungen« , sagt sie. Mit Recht sagte F. Schlegel – in bezug auf ihr Fernhalten von den vielen Brüderschaften der Zeit – von ihr: Sie war zu »eminent eine Person«, um sich in irgend einen Zwang finden zu können, der auf ihre geistige Freiheit ausgeübt wurde. Wenn sie also selbst ihre Feigheit tadelt, ist es ausschließlich in dem Sinne, daß sie ihre »persönlichen Lebensforderungen« in jenen Fällen unerfüllt gelassen, wo diese Erfüllung eine Verletzung anderer oder der überlieferten Moral gewesen wäre. In einer Beziehung fallen die ethischen Ideale Goethes, der Romantik, Rahels und Nietzsches vollständig zusammen: in dem Gefühl, daß echte Sittlichkeit erst dann eintritt, wenn man seine eigene Wesentlichkeit gefunden und das gute Gewissen hat, nach dieser seiner Wesentlichkeit zu leben. Aber während die Romantiker ein »Sich-Ausleben« derselben Art gutheißen, wie heute Nietzsches schlechte Schüler – d. h. ein Sich-Ausleben, wo nicht die Wesentlichkeit, sondern der Zufall die Triebkraft ist – war Rahel wie Goethe, wie Nietzsche durchdrungen von der Notwendigkeit, seine Wahl zwischen der Wesentlichkeit und dem zu treffen, was in unseren Neigungen nur Roheit oder Zufall oder Laune oder Zeitrichtung ist. So z. B. mißbilligte Rahel wie Goethe das romantische Spielen mit Liebe und Ehe, deren Auflösung beide berechtigt fanden, wenn ein echtes Gefühl sie verlangte, nicht aber auf Grund von Moderichtungen im Gefühlsleben, Richtungen, denen sogar der Ernst zu einer Leidenschaft fehlte. Die Sittlichkeitsfanatiker bedienen sich jetzt einiger – gerade durch eine der leichtsinnigen Scheidungen der Zeit veranlaßt er – Worte Goethes über die Heiligkeit der Ehe, um ihn als Hüter der Heiligkeit der Ehe hinzustellen. Daß er das tiefste Gefühl seines Lebens einer verheirateten Frau entgegenbrachte und sich nur sehr spät entschließen konnte, seine eigene »freie Liebe« zu legalisieren, das müßten doch Tatsachen sein, die Goethe von dem Verdacht befreien, daß er in der Ehe die unerschütterliche Norm der erotischen Sittlichkeit gesehen habe – falls man nicht behaupten will, daß sein Leben und seine Lehren in schreiendem Widerspruch miteinander standen! Aber er, der wollte, daß jede Aufgabe mit Ernst erfüllt werde, betrachtete auch die Aufgabe der Ehe als eine ernste, eine für die er selbst nach seinen eigenen Worten nicht taugte, und die er auch darum erst sehr spät im Leben auf sich nahm. Aber viel bestimmter als Goethe verficht Rahel in jedem Alter ihres Lebens die Freiheit der Liebe; und daß die Romantiker, sowie später Jungdeutschland dasselbe taten, hat mit ihren Ansichten über diese Dinge nichts zu schaffen. Wie Rousseau, wie Goethe, wie die Romantiker, wie die ganze neue Zeit schöpft sie ihre erotischen Lehren aus ihren eigenen Beobachtungen, aus ihrer eigenen Seele und deren Macht persönlich und leidenschaftlich zu lieben: keiner ist des anderen Lehrer, wenn auch der Zeitgeist den Mut gibt, seine Ansichten zu bekennen und nach ihnen zu handeln. In jeder Epoche ihres Lebens vertritt Rahel das, was man die Weisheit des Herzens nennen möchte, unter der Voraussetzung, daß man wirklich seinem Herzen folgt, nicht eines jener »Simulacres« veranstaltet, deren Jämmerlichkeit die Liebe selbst in Verruf bringt. »Das Herz ist ganz im Dunkeln, ganz allein, möchte man sagen, und weiß ganz allein alles besser. Nur wenn man dahin sieht, findet man Erkenntnis; weil die verwirrenden Lichter der ganzen Welt nicht hinlangen; und es wie ein Maß einer anderen Welt in uns lebet; als ein Ja oder Nein: sonst nichts.« »Immer toller, alle Tage wahnsinniger kommt es mir vor, je mehr ich die Welthändel sehe und bedenke, daß man seinem innersten Herzen, nicht lebt. Dies zu tun, hat solchen schlechten Ruf, weil Simulacres von ihm herumlaufen ... Aber rein wie ein Keimblättchen in einer Mandel, so zart ist der innere wahre Wunsch, wie heilig!« ... Bei Rahel wie bei den Romantikern – wie auch bei Schleiermacher – ist die Forderung der Freiheit der Liebe eine notwendige Folge der Forderung des Individualismus, der Eigenart in allen Lebensäußerungen, vor allem auf den Gebieten, wo die Persönlichkeit ihren höchsten Ausdruck findet: der Liebe, dem Glauben, dem Schaffen. Rahel bringt ihre Ueberzeugung – daß der Mensch nur, wenn er den innersten Forderungen seiner Natur folgt, sich selbst treu ist, und nur wenn er sich selbst treu ist, sittlich ist – mit größter Konsequenz in ihrem Urteil über Menschen, die auf erotischem Gebiet nach ihrem Herzen leben, zur Anwendung. Eine ihrer Freundinnen sagte, daß kein Mensch in dem Grade alles verstand wie Rahel. Aber dabei gilt ein Vorbehalt: Nur da, wo sie Natur und Wahrheit begegnete; denn das Gemachte und Unechte hatten in ihr einen unerbittlichen Richter. * * * Die Naturen, die man am raschesten bezeichnet, wenn man sie heidnisch-hellenische nennt, besaßen Rahels unbedingte Liebe: Pauline Wiesel, die die Männer als die vollkommenste Offenbarung des »Griechentums« begeisterte, war und blieb Rahels liebste Freundin, durch die volle naive Ehrlichkeit, mit der sie ihrer eigenen heidnischen Natur gemäß lebte. Als Pauline ihren Mann, Kriegsrat Wiesel, verließ, schenkte Rahel ihr ihre volle Zustimmung: »Zum Leiden ist Ihr starkes Herz nicht gemacht« , schrieb Rahel. Als Prinz Louis Ferdinands – und vieler anderen – Geliebte zeigt Pauline in ihrer Liebe eine solche Flatterhaftigkeit, vereint mit einer solchen Unschuld, einer solchen Gewissensruhe, einer solchen Güte, daß sie wie eine lebendig gewordene Philine wirkte. Die Kraft und die Echtheit ihrer Natur flößen Rahel nicht allein unveränderliche Zuneigung ein, sondern auch Bewunderung. Paulinens griechische – oder kindliche oder göttliche – Naivität in bezug auf die Freiheit der Liebe, ein Recht, das ihr ebenso unbestreitbar schien wie den olympischen Göttern, war von Rahels eigener Lebensführung so weit als möglich verschieden. Aber Pauline hatte so nach Rahels Meinung, von der Naturseite gesehen, ein vollmenschlicheres Dasein geführt als Rahel selbst. Ja, sie stellt Pauline mit sich selbst zusammen: »Groß verfuhr die Natur mit uns beiden ... Wir sind geschaffen, die Wahrheit in dieser Welt zu leben ...« Und sie bedauert, daß sie selbst nur auf dem Gebiet des Gedankens in Wahrheit gelebt hat, während Pauline den Mut und das Glück hatte, auch in ihrem Leben wahr gegen ihre innerste Natur zu sein. Damals selbst verheiratet, gab Rahel ihrer Sympathie für Pauline Wiesel unbedingten Ausdruck: Sie sah, was ich sah, verstand, was ich verstand; wir lachten, beobachteten, bewunderten und verachteten zusammen. Sie hatte Gefühl für das bekräftigende, verstandene Dasein in einem anderen. Und wenn sie gefühllos schien, war es nur, weil sie – wie ich selbst – unter ihrem allzutiefen Mitgefühl litt, Sie und ich konnten erschüttert werden wie kein anderer. Sie war eine erobernde, kriegerische, leichtsinnige oder besser leichtlebende Natur; tiefer wahrer, klarer fand ich keine. Rahel hatte nicht nur das Gefühl, daß sie und Pauline beide in seltenem Grade »der großen, dunkeln, hellen, Leben und immer Leben wirkenden Natur« angehörten; nein, sie meint, »einen wollte die Natur aus uns machen, und zwei mußte sie machen«. »Und darum« , sagt Rahel mit einer jener leichthingeworfenen Aeußerungen, die unendliche psychologische Perspektiven eröffnen, »handelt sie für mich« . Varnhagen, der sich für Rahel durch diese Zusammenstellung ihrer selbst mit Pauline Wiesel verletzt fühlte, betont, daß die letztere eine Doppelnatur war, während Rahel ihre außerordentliche Macht und ihren Zauber durch die vollkommene Einheitlichkeit ihrer Natur ausübte. Und ganz gewiß ist Rahel in einem Grade einheitlich, wie man es selten findet: Genie, Gemüt, Instinkte wirken zusammen und stärken sich gegenseitig, anstatt wie bei den meisten im Kampfe miteinander zu stehen. Aber Rahel selbst hat allzuoft ihren Unmut über die Disharmonie zwischen ihrem Willen und ihrem Mut zum Handeln betont, als daß man sie in dieser Beziehung nicht ernst nehmen müßte, und man darf nicht das an ihr preisen, was sie selbst eine Schwäche nannte: daß sie das nicht wagte, was sie ihrer innersten und von ihrem Gewissen gebilligten Natur nach wollte. Sie weiß, daß oft das »bessere Bewußtsein« das verlangt, was die Gesellschaft »Sünde« nennt, und daß es eine größere Sünde sein kann, sich die Glücksmöglichkeiten des Lebens entgehen zu lassen oder seine Lebensirrtümer geduldig weiterzuschleppen. Keine asketische oder christliche Ueberzeugung hemmt Rahel. Aber die tief im Blut steckende Geduld ihrer Rasse, die väterliche Tyrannei, die körperliche Schwäche, die Ueberzeugung, der Anmut zu entbehren – Rahel hielt ihr Aeußeres für unbedeutend, ohne irgend etwas Einnehmendes – all dies zusammen hatte ihren Lebensmut geknickt. Und ist dieser einmal geknickt, dann kann er ebensowenig wieder flugtauglich werden wie ein gebrochener Flügel Rahel war wie alle großen Naturen opferwillig und anspruchsvoll geboren. Daß sie die erstere Grundforderung vollauf befriedigen konnte, tröstete sie niemals darüber, daß das Leben ihr soviel schuldig geblieben war. Denn sie war ja überzeugt, daß ihre ganze Natur »etwas Gottgewolltes« war, und ihre Forderungen ebenso heilig wie ihre Opferlust. * * * Pauline Wiesel ist jedenfalls der schlagendste Beweis für Rahels Stellung zur Freiheit der Liebe, aber es gibt noch viele andere Beispiele. Zu diesen gehört die böhmische Gräfin Josefine Pachta, die durch ihre blonde Schönheit und ihre frische Liebenswürdigkeit wie eine Naturkraft wirkte, ein sonniges Waldkind. Diese Freundin wurde Rahel noch teurer, als sie ihre glänzende äußere Stellung von sich warf, um Meinert, dem Gegenstand ihrer Liebe zu folgen, der sie Ehre und Ansehen opferte. Wenn Rahel die bedeutendsten Eindrücke zusammenfaßt, die sie von Frauen empfangen, nennt sie Josefine Pachta den größten weiblichen Charakter, den sie gekannt, weil nichts sie abhalten konnte, nach ihrer Ueberzeugung zu handeln. Als Dorothea Mendelssohn sich von ihrem Manne trennte und – ehe sie noch gesetzlich vereint werden konnten – jahrelang in einem freien Verhältnis mit F. Schlegel lebte, stand Rahel ihnen getreulich zur Seite. Eine vierte von Rahels Freundinnen, Auguste Brede, lebte in einem »illegitimen« Verhältnis mit dem Grafen Bentheim, und Rahel billigte nicht nur die Handlungsweise der Freundin, sondern wohnte während ihres eigenen Aufenthaltes in Prag bei ihr. Hingegen konnte sich Rahel nicht mit Henriette Herz' erotisch-ästhetischem Flirt aussöhnen, der niemals die Grenzen der »Tugend« überschritt, aber eine solche Art von kaltem »Simulacre« zeigte, wie es Rahel antipathisch war, während sie versichert: »echte Frivolität lieb ich unaussprechlich!« Auch bei den Männern liebte Rahel die so gearteten Naturen wie Pauline Wiesel. Ihre Günstlinge waren z. B. Prinz Louis Ferdinand und Gentz. Wenn Fanny Lewald in ihrem Roman »Prinz Louis Ferdinand« Rahels Verhältnis zum Prinzen eine erotische Färbung gibt, so ist dies eine vollkommen aus der Luft gegriffene Phantasie ohne jede Begründung in der Wirklichkeit. Rahel selbst nennt das Verhältnis »beinahe fast unpersönlich«. Bei Rahel klagte er über Pauline Wiesel, seine flüchtige Geliebte, und Rahel hatte die undankbare Aufgabe, Beider Vertraute zu sein. Oft kam der Prinz in Rahels »Dachstube«, um eine teilnehmende, tröstende Freundin zu finden, deren Freundschaft ihm »viel süßer als alles übrige« dünkte. Rahel sah seine »Vielverworrenheit« ein, während sie zugleich seine feine Seele liebte und ihr Versprechen hielt, ihm »derbe Dachstubenwahrheiten« zu geben, wenn er sie brauchte. Rahel bedauerte, daß ihr Briefwechsel verloren gegangen war, denn – sagt sie – er ehrte sie beide; sie durch die vollkommene Ehrlichkeit, mit der sie dem Prinzen strenge Wahrheiten sagte, ihn durch den Edelmut, womit er sie aufnahm, in dem Gefühl daß »die Kleine«, wie er sie nannte, stets seine feinere Seele gegen die gröbere beschützte. Denselben Klarblick für seine vielen Fehler und dieselbe Vorliebe für seine innerste Persönlichkeit zeigt Rahel Gentz gegenüber. Bei diesem so verschieden beurteilten – zumeist verurteilten – Weltmann und Staatsmann hatte Rahel ein echtes »Kindergemüt« entdeckt, mit »der ungetrübten, blumenreinen Wahrhaftigkeit, die ewig Naivität gebiert, zum Lächeln und zum Lieben«. Dieses Gemüt liebte Rahel unveränderlich bei diesem Mann, der gerade dadurch charakterlos wurde, daß er wie ein Kind war, ein sorgloser Mensch des Augenblicks, der alle seine Schwächen mit vollster Offenheit zeigte. Die Frauen verziehen ihm wegen seines bezaubernden Wesens; die Männer wegen seiner glänzenden Gaben, zu denen auch die gehörte, alle seine übrigen nur in diskretester Weise zur Geltung zu bringen. Er ergriff z. B. erst nach längerem Schweigen und Zögern, nach schüchternen Versuchen allmählich den Gesprächsfaden in einer Gesellschaft, um ihn – als einer der glänzendsten Causeure seiner Zeit – seidenfein und farbenschimmernd weiterzuspinnen, so wie es kein anderer im gleichen Grade vermochte. Rahel hinwiederum verzieh ihm wegen jener Eigenschaft, die man nach Belieben Gewissenlosigkeit, Gewissensfreiheit oder Gewissensruhe nennen kann! Rahel war für Gentz wie für Prinz Louis Beichtmutter, Trösterin, Orakel. Er hat dasselbe tiefe Verständnis für ihr Wesen wie sie für das seine. Nichts ist für beide bezeichnender als ihre Briefe, als Gentz sich auf seine alten Tage mit dem Feuer eines Jünglings in die Tänzerin Fanny Elßler verliebte. Rahel beglückwünschte ihn in den wärmsten Worten, daß er in seinem Alter noch zu so schönen Gefühlen imstande war. Während andere für Gentz' Leidenschaft nur frivole Witze hatten, sah Rahel so tief in seine Natur, daß sie sein Gefühl mit ihrem eigenen für ihre Nichte vergleicht, Rahel fühlte durch diese, daß sie noch ein »Liebherz« hatte, aller Qualen und Freuden der Liebe fähig. Mit vollem Recht schrieb Gentz, daß Rahel die einzige war, der er das Gefühl zu beichten wagt, das ihn aus einem Greise wieder zu einem Jüngling gemacht, denn sie allein war tief genug, um darin den Beweis zu sehen, daß er in sich »eine reine und echte Menschlichkeit« bewahrt habe. Durch die »Segensströme« , die durch seine »paradiesischen Briefe« veranlaßt, ihm aus Rahels Herzen entgegeneilen, findet man auch, daß Rahel in der ewigen Jugend des Gefühls – vor allem in der nicht einmal von den Jahren zu besiegenden Stärke der Liebe – den stärksten Beweis für die Unsterblichkeit sieht. »Gut bestellte Herzen können immer verliebt sein, wollen es immer« , das sind Rahels Schlußworte über Gentz' neue Liebe. Und als Fanny Elßler nach Berlin kam, behandelte Rahel die junge Tänzerin – die zugleich eine Meisterin in der Kunst war, die Rahel so sehr bewunderte – wie eine Tochter. Ob eine Liebe von der Welt unvernünftig oder vernünftig, unsittlich oder sittlich, unglücklich oder glücklich genannt wird, das bedeutet für Rahel nichts gegen die Gewißheit, die sie ungefähr mit diesen Worten ausspricht: Liebe ist der Lebenszustand, der unsere Tage reich, hell, bedeutungsvoll macht; nur durch die Liebe empfindet man sein eigenes Dasein; ja die Liebe ist in dem Grade der innerste Kern des Lebens, daß sogar ein Schein davon unsere Teilnahme erwecken kann. Jemand tadelte in Rahels Gegenwart eine Frau, die einen Mann um Liebe angefleht hatte, ja, nannte dies eine Schmach. Rahel rief aus: »Dumm war es, da es nichts half – aber warum schmachvoll?« Rahel setzte das Gespräch fort und schwor bei Gott, daß sie nie in ihrem Leben eine Schwäche beherrscht habe. Und wie sollte man, sagt sie, dies können? »Seine Handlungen kann man beherrschen, aber das Herz, das weich, das aus Fleisch und Blut ist, wie soll man es zu Messing machen können?« Wie tief der Gegenstand Rahel ergriff, geht daraus hervor, daß sie unmittelbar nach dem Gespräch an einem Fieberanfall erkrankte. Eine andere der heidnischen Naturen, für die Rahel große Vorliebe empfand, war Heine. Er besaß einige von den Fehlern, die Rahel besonders liebte, einige von den Vorzügen, die sie hochschätzte, aber auch jene rücksichtslose »Ich-Moral«, die sie nur dann verzieh, wenn sie, wie bei Pauline Wiesel und Gentz, mit voller Naivität verbunden war. Diese fehlte Heine, denn er litt an der »Ruhmsucht« , in der Rahel die Ursache seiner Haltlosigkeit, seiner mangelnden Aufrichtigkeit, seiner Eitelkeit und Unberechenbarkeit sah. Rahel faßte ihr eigenes höchstes ethisches Gebot – das Gebot des Individualismus – in einem einzigen Satz zusammen: »Heine muß, wesentlich werden«. Das Wort »wesentlich« entlehnt Rahel einer Strophe Angelus Silesius': »Mensch, werde wesentlich« usw. Weil er nicht »die Tiefe, den Ernst« besaß, fehlte seiner Persönlichkeit« der Zusammenhang und ein einheitlicher Ueberblick des Daseins«; und dies machte Rahel besorgt für seine Zukunft. Trotz dieser Mängel, die – durch Rahels Aufrichtigkeit – zu vorübergehenden Abkühlungsperioden in ihrer Freundschaft führten, blieb Heine doch ihr zärtlich verhätschelter Liebling, an den sie glaubte, den sie tröstete und für dessen Schicksal sie eine »vorahnende Unruhe« empfand. Aus alledem dürfte hervorgehen, daß Rahel ihre erste und größte Forderung an andere wie an sich selbst: »Wahr, redlich zu sein« , ernst nahm. Aber sie betonte zugleich, daß diese Ehrlichkeit die Selbsttätigkeit, ohne die niemand sein wesentliches Wesen erreicht, nicht ausschließt, sondern geradezu verlangt. Sie weiß wie Goethe, daß »der Mensch ein Kunstwerk ist ... Stoff, Künstler und Werkstatt in uns selbst: wie schön fühlt man jedes Gelingen, wie hart das andere!« Sie sieht in den Jugendjahren »die tugendsamsten, schönsten und auf flammendsten« , und darum verzeiht sie der Jugend nichts Schlechtes, wohl aber viele Torheiten. Sie findet die älteren Menschen tief ungerecht gegen die Jugend, wenn sie verlangen, daß diese weise sein soll, ohne noch Gelegenheit gehabt zu haben »aus dem Baum des Lebens diese Essenz zu destillieren« . Denn, sagt Rahel ein andermal: »Die Ergebnisse sind roh« ; sie sind nur das wert, wozu wir sie veredeln können. Und außerdem: was ist denn in der Regel die Vernünftigkeit der Eltern? Selten Weisheit, meint Rahel mit vollem Recht, sondern gewöhnlich nur »Mutgebrochenheit« . Im übrigen sagt ihr ihre Erfahrung, daß, wie man sich auch anstellen möge, man doch in allen Lebensaltern schließlich nach seinem Charakter handelt. Das heißt, sagt Rahel, nach der Summe und der Zusammensetzung seiner Eigenschaften, denn die Menschen bewegen sich wie die Luft nach ewigen Gesetzen . Und »Charakter haben« bedeutet für sie nur Mut haben, denn dieser setzt die übrigen Fähigkeiten in Bewegung. Während so alle anderen einen Gentz, eine Pauline Wiesel charakterlos nannten, waren sie für Rahel Charaktere: ihr Mut, nach der Summe und der Zusammensetzung ihrer Eigenschaften zu handeln, machte sie dazu. Während andere sie treulos, unzuverlässig und schwach schalten, nannte Rahel sie aufrichtig. Bei den meisten anderen fand sie nicht weniger Schwächen – wohl aber weniger Ehrlichkeit! * * * Ehrlichkeit und Natürlichkeit vermißt Rahel am meisten bei der europäischen Geschlechtsmoral; und auf Grund dieser Mängel verlangt sie so tiefgehende Umgestaltungen, daß man sie noch heute »gesellschaftsumstürzlerisch« nennen würde. Freiheit für die Liebe – die für sie Sittlichkeit ist – aber Kampf gegen die Unzucht – unter der sie Geschlechtsverhältnisse ohne Liebe versteht – das ist Rahels Grundgedanke von ihren einsamen Jugendgrübeleien in ihrer Dachstube an bis zu dem späten Zeitpunkt in ihrem Leben, wo George Sand schon gleich einem Feuerstreifen am Horizont auftaucht. Rahels Freiheitssinn, Wahrheitssinn und Schönheitssinn empörten sich gegen die gesellschaftlich geschützte Geschlechtsmoral. Die Ehe ist für Rahel eine Unterdrückung, mit »Geisterzwang« vergleichbar; eine Unterdrückung, die wieder die Zweiteilung in männliche und weibliche Geschlechtsmoral hervorgerufen hat, jene Zwangstreue, in der die Gesellschaftslüge triumphiert. Bald mit Ernst, bald mit Ironie, berührt Rahel diesen Gegenstand. »Daß in Europa Männer und Weiber zwei verschiedene Nationen sind, ist hart. Die einen sittlich, die anderen nicht: das geht nimmermehr – ohne Verstellung. Und das war die Chevalerie. Diese wenigen Worte sind sehr wahr: enthalten viel Unglück und viel Schlechtes. Es schreib einmal einer solch Buch.« »Ich sehe jetzt auch ein, die Menschen sind so verworfen, daß sie ihre déclaration d'amour mit einem Priester und vor dem Kammergericht machen müssen. Sie kennen einander!« »Ist intimes Zusammenleben ohne Zauber und Entzücken nicht unanständiger als Extase irgend einer Art? ... Ist ein Zustand, wo die Wahrheit, die Grazie, die Unschuld nicht möglich sind, nicht dadurch allein verwerflich?« Ein andermal über die Ehe: »Weg mit der Mauer! Weg mit ihrem Schutt. Der Erde gleich sei dieses Unwesen gemacht und alles wird auf ihr erblühen, was leben soll. Eine Vegetation!« Sie faßt Europas Schandflecken mit folgenden Worten zusammen: »Negerhandel, Krieg, Ehe – und sie wundern sich und flicken.« Weil die höchste Sittlichkeit des Menschen darin besteht, in jeder geringsten Kleinigkeit und in jedem Augenblick wahr zu sein, »immer auf das Sein und nicht nur auf den Schein auszugehen« , ist die Zwangsehe für Rahel die große Gesellschaftslüge vor allen anderen! Rahel fragt, wie »eine Neigung bestehen kann ohne Anreiz?« Sie fragt, warum man sich nicht auch für geschlossene und bekannte Freundschaftsverhältnisse eine gesetzliche Garantie verschafft, sondern hier die Dauer durch die Gefühle bestimmen läßt? Und auf den Einwand, was aus den Kindern würde, fragt sie, ob ein »Hausstand« an und für sich heilig sei? Ob die Kinder wirklich schon dadurch geschützt sind, daß sie in ihrer Familie leben, wenn die Eltern die Möglichkeit haben, sie innerhalb derselben physisch und moralisch zu Tode zu martern? Sie macht darauf aufmerksam, daß es ebenso lächerlich wie unmöglich und unbillig ist, zu versuchen, durch seine Liebe ein menschliches Wesen in irgend einer Handlung oder zu irgend einem Zeitpunkt seines Daseins zu binden und zu hemmen. Nur die Ehen, die aus gegenseitiger Liebe geschlossen werden, nur diejenigen, wo beider freie Einwilligung, nicht das Recht des einen das Zusammenleben bestimmt, nur die, in denen volle klare Wahrheit herrscht, sind nach Rahel sittlich. Und gerade in diesem »geschlossenen« Zustand ist die vollste Freiheit unerläßlich. Wie wenig Rahel an die Möglichkeit einer solchen Freiheit und Wahrheit in der jetzigen Ehe glaubte, erhellt aus ihrem Ausruf: Die schon einmal verheiratet sind, mögen es bleiben, aber sie für ihr Teil würde ihrem Kind niemals ihre Sanktion zur Schließung einer Ehe erteilen wollen. Sie verhöhnt »vorgefaßte Luxusmeinungen« in jeder Richtung, und sie haßt jene, die den Unterschied zwischen legitimen und illegitimen Kindern geschaffen hat, und will diesen Unterschied ebenso radikal ausrotten wie die heute für das Mutterrecht Kämpfenden. »Kinder sollten nur Mütter haben und deren Namen tragen, und die Mütter das Vermögen und die Macht der Familie: so bestellt es die Natur. Man muß diese nur sittlicher machen; ihr zuwider zu handeln gelingt – bis zur Lösung der Aufgabe – doch nie. Fürchterlich ist die Natur darin, daß eine Frau gemißbraucht werden kann und wider Lust und Willen einen Menschen erzeugen kann. Diese große Kränkung muß durch menschliche Anstalten und Einrichtungen wieder gutgemacht werden und zeigt an, wie sehr das Kind der Frau gehört. Jesus hat nur eine Mutter. Allen Kindern sollte ein ideeller Vater konstituiert werden und alle Mütter so unschuldig und in Ehren gehalten werden wie Maria.« * * * Es ist für Rahels Stellung zu ihrem eigenen Geschlecht bezeichnend, daß sie – die selbst vollkommen tadellose – ihre besten Freundinnen nicht unter den Tadellosen fand. Auch rühren die feinsten, verständnisvollsten Urteile über Rahel nicht von ihren eigenen Geschlechtsgenossinnen her, sondern von Männern. Rahel selbst hat keinen Anlaß, sich darüber zu beklagen, daß es einer Frau nicht gestattet sei, zu denken oder ihre Gedanken auszusprechen. Denn sie hatte in den hervorragendsten Männern der Zeit ebenso eifrige wie bewundernde Zuhörer. Es ist ein schlechter Grund, mit dem Rahel das Recht der Frau, ihre Seelenkräfte zu betätigen, verteidigt, wenn sie fragt, ob Fichtes Werke schlechter wären, wenn Frau Fichte sie geschrieben hätte? Denn diese Frage hätte nur dann Gewicht, wenn es bewiesen wäre, daß Frau Fichte – oder irgend eine andere Frau – Fichtes Werke wirklich geschrieben hätte! Ganz gewiß hätten die Männer dann die Denkkraft dieses Weibes ebenso willig anerkannt als sie jetzt Rahels eigene anerkannten. Glücklicherweise verteidigt Rahel sonst nicht mit so schwachen Gründen das Recht der Frau, ihre Seelenkräfte zu betätigen; das Recht, gesetzlich und sozial »Raum für ihre eigenen Füße zu erhalten« und davor bewahrt zu sein, sich nur mit »Stückeleien« zu beschäftigen oder im geistigen Sinn von der »Existenz des Mannes oder Sohnes zehren« zu müssen. Sie wußte, daß die Frauen durch die erotische Roheit der Männer zu Unwahrheit und Koketterie gezwungen sind, daß sie durch ihre Erziehung und ihre soziale Stellung minderwertig bleiben. Rahel sagt von den Frauen: »Sie sind so erstaunlich matt, beinahe unklug aus Zusammenhanglosigkeit; lügen tun sie auch, weil sie's oft so nötig haben und weil Verstand zur Wahrheit gehört. Und lügen ennuyiert mich bis zur Krankheit ...« Ein andermal: »Ich kenne die Weiber: das Edle in der Mischung hält Unsinn oder Wahnsinn zusammen ...« Ein drittesmal spricht sie von der »plumpen, gräßlichen Dummheit der Frauen im Lügen«. Daß die Frauen sich doch schon damals »Raum für ihre eigenen Füße« schaffen konnten, wenn sie dies nur ernst genug wollten, dafür ist Rahel selbst der beste Beweis. Ohne ökonomische Unabhängigkeit bringt sie es doch dahin, im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren mit derselben Freiheit zu studieren, zu korrespondieren, zu reisen, ihre Freundinnen zu wählen, einen Salon zu gründen, wie dies nur eine ökonomisch selbständige Frau heute tun könnte! Wenn Rahel nach dem Tode des Vaters noch von Zwang spricht, dann ist das nur in dem Sinn, daß eine verständnislose und unzarte Kritik, ein anspruchsvolles, leicht reizbares Solidaritätsgefühl stets ein Zwang verbleibt. Damals wurde dieser Zwang nur von der Familie ausgeübt: heute übt ihn noch immer die Familie und überdies auch noch Vereine und andere Formen des sozialen Zusammenwirkens. Aus jedem durchdachten Individualismus – und der Rahels war ebenso durchdacht als er instinktiv war – ergibt sich mit Notwendigkeit: daß jedes von der Gesellschaft für ein einziges ihrer Mitglieder aufgestellte Hindernis, seine Kraft zu betätigen, ein Uebergriff ist bis zu jenem Punkt, wo die Kraftentwicklung dem Rechte anderer zu nahe tritt. Um soviel mehr, wenn Gesetze und Vorurteile der Hälfte des Menschengeschlechts solche Hindernisse in den Weg gestellt haben! Als Individualistin ist Rahel darum von ganzem Herzen »Feministin«. Sie richtet ihre Ironie gegen all jene, die auf Grund vorgefaßter Meinungen über das Wesen der Frau sie von den sogenannten männlichen Arbeits- und Gedankengebieten ausschließen wollen. »Ist es aus der Organisation bewiesen, daß eine Frau nicht denken und ihre Gedanken nicht ausdrücken kann? Wäre dies, so bliebe es dennoch Pflicht, den Versuch immer von neuem zu machen.« »Es verfehlen soviele Weiber ihre Bestimmung, daß es wohl wird mit eingerechnet werden können, wenn einige sie durch Schreiben verfehlen; und es wird noch Vorteil herauskommen und viel von dem sonst nicht vergeudeten Mitleid mit ihnen erspart werden.« Und in folgerichtigem Anschluß an ihren Individualismus fährt Rahel fort: »Ist sie ein großer Autor, so muß sie es tun.« Rahel macht den Frauen – in ihrer Zeit war Anlaß dazu vorhanden – den Vorwurf, daß sie sich demütig entschuldigten, wenn sie es wagten, ein Buch zu schreiben! Warum sollte eine Frau nicht Bücher schreiben, nicht an der Universität studieren, wenn sie den »Geist und die Gaben hat, wodurch allein das Studium Früchte trägt?« Warum sich nicht auf wissenschaftlichem Gebiete betätigen, fragt Rahel mit Recht, Aber heutzutage hätte Rahel gefragt: Warum muß eine Frau Bücher schreiben, studieren, Wissenschaft betreiben – auch wenn sie nicht Geist und Gaben hat? Wie hätte nicht Rahel – die meinte, daß die Natur mit jedem Menschen ein Original hervorbringen will, kein »gemachtes Fabrikwesen« , die meinte, daß jeder selbst seine Bildung produzieren müsse – das Schul-, Examen-, Universitätswesen von heute verabscheut, jene Fabriksarbeit, durch die Dutzendmenschen hervorgebracht werden. Wie hätte nicht Rahel, die wußte, daß die Befreiung unserer wirklichen Eigenart »ein ganzes Leben voll Anstrengung kostet« , das moderne Vereinsleben, den Parlamentarismus, die Komitees verabscheut, wo die Anstrengung darin besteht, die Persönlichkeit um der sogenannten Ideen willen zurückzudrängen; Wie hätte nicht Rahel – die ausruft: »In Anstalten bringt man das Leben zu, man verschwendet's!« – jene Verschwendung des Lebens verabscheut, die alle die modernen Anstalten mit sich bringen! Wie hätte sie es nicht verabscheut, die von der Brotnot getriebenen Frauen zusammen mit den Männern in jener großen Herde zu sehen, die nur »weidebegierig und weideberuhigt« ist! Wie hätte sie nicht alle diese Frauenrechtlerinnen verabscheut, die heute Rahels Beobachtung bestätigen, »daß unbedeutende Menschen mit wenig Gemüt mit den Jahren immer härter werden, während eine zunehmende Milde das Kennzeichen des bedeutenden Menschen und des bewegten Gemütes ist!« Wie hätte nicht Rahel die Tyrannei über die Meinungen, den persönlichkeitshemmenden Kleinsinn, das neidische Beiseitestoßen, die Wichtignehmerei von Unbedeutendheiten verabscheut, die die Frauenfrage heute überall zeigt, seit sie aus einer Freiheitsbewegung in großen Frauenseelen wie Rahels eigener, eine Vereinsbewegung geworden ist, wo die kleinen Seelen bald die Führung an sich reißen. * * * In der Erfüllung gesellschaftsmütterlicher Aufgaben – Krankenpflege und Linderung der Not – wünschte sich Rahel ein »ordentlich Besorgnis« . Aber niemand würde sich unglücklicher gefühlt haben als Rahel, wenn dieses »Besorgnis« wie es bei jeder organisierten gemeinsamen Arbeit der Fall ist, die Freiheit ihrer eigenen Initiative und ihrer Handlungen beeinträchtigt hätte. Und Rahel wäre die erste gewesen, jetzt hervorzuheben: daß es andere Formen der Unfreiheit und der Unselbständigkeit gibt als die, welche Gesetz und Sitte schaffen, nämlich jene, die durch Moderichtungen und Zeitströmungen entstehen, durch die der Mensch seinem tiefsten Wesen entfremdet wird, so daß er die Fähigkeit der Selbstbegrenzung auf sein wesentliches Gebiet verliert! Wie hätte nicht Rahel mit ihrer Gedankenklarheit den modernen Aberglauben bloßgelegt: daß die Frau nur auf außerhäuslichen Arbeitsgebieten ihre menschliche »Individualität« ausdrücke, während sie als Mutter bloß als Geschlechtswesen wirke! Wie jämmerlich hätte Rahel nicht den modernen Amerikanismus gefunden, der das Heim zu einem Sonntagsvergnügen reduziert und die Mutterschaft zu einem Gebären! Wie tief sieht nicht Rahel, wenn sie auf den entscheidenden Unterschied zwischen Mannes- und Frauenwesen hinweist, wenn sie sagt, daß die Natur – sie wisse nicht aus welcher Oekonomie – die Frau der Pflanze näher erhalte! Diese »Oekonomie« ist leicht zu begreifen: weil das werdende Leben die Schöpfung der Frau ist und weil dieses Leben Stille braucht, um zu werden und zu wachsen; weil der starke Naturgrund, die tiefen Gefühle, die innigen Verhältnisse alle nur da entstehen, wo Ruhe und Wärme, Geschlossenheit und Einheit zu finden ist; weil eine von den Aufgaben des äußeren Lebens erfüllte, von öffentlichen Arbeitspflichten gebundene, von der Konkurrenz oder dem Kampf ums Dasein gehetzte Frau nicht mehr die psychologischen Bedingungen besitzt, die unumgänglich notwendig sind, damit eine Kinderseele in Frieden und Freude, in Ernst und Zärtlichkeit heranwachse; weil mit einem Wort Kinder Mütter brauchen, nicht nur um körperlich geboren, sondern um menschlich erzogen zu werden. Rahel trifft selbst den Kernpunkt der geistigen Aufgabe der Mutterschaft, wenn sie sagt, daß sie, wenn sie ein Kind hätte, diesem helfen würde, seinem eigenen innersten Ich zu lauschen; alles andere würde sie dafür opfern. Dies zu erzielen, sagt Rahel, ist die höchste Aufgabe der Mutter, ihr größtes Talent. Und die diese Aufgabe nicht erfüllen, dieses Talent nicht haben, sind es nicht wert, Mütter genannt zu werden, sondern nur Kindergebärerinnen. Daß eine Menge Mütter nur solche Kindergebärerinnen sind; daß eine Menge Kinder – Rahel wußte es nur zu gut – im Schutze der Familie mißhandelt werden; daß bis auf weiteres wenige Mütter ihr hohes Amt richtig verwalten, all das betont Rahel, ohne daß es sie zu einem der törichten Vorschläge der Gegenwart verleitet, um dem Uebel abzuhelfen. Weit davon entfernt, die Mütter für unverbesserlich zu halten, will Rahel ihre Macht und damit auch ihre Verantwortung verdoppeln. Denn der Fortschritt der Menschheit oder ihr Untergang hängen nach Rahels prophetischem Blick von der Tüchtigkeit der Mütter ab, ihre Aufgabe zu erfüllen. An anderer Stelle Man sehe den Abschnitt »Liebe«. habe ich Rahels eigenes tiefes Mütterlichkeitsgefühl geschildert, das Gefühl, das es zu einem der Schmerzen ihres Lebens machte, selbst nie ein Kind besessen zu haben und das sie ihre Gefühle auf die Kinder ihrer Angehörigen konzentrieren ließ. Und jede Frau, die das hat, was Rahel ein »Liebherz« nennt, weiß, daß die allgemeine Menschenliebe nicht genügt, daß nur die persönliche innige Liebe unser Glück ausmacht. Oder, wie die gealterte Rahel es ausdrückt: »Dieses Leben des Herzens ist allein wahr, reell, das wußt' ich, als ich ein Kind war, ein wirkliches Kind, dem Alter nach; und Triumph! ich weiß es noch!« Aber die Natur, die so beschaffen ist, daß sie nur aus vollem Herzen empfangen und geben will, ist im Leben, wie es noch heute ist, eine tragische Gestalt. Und als eine solche werden wir im folgenden Rahel nach ihrer eigenen, unübertroffenen Deutung des Tragischen erkennen. »Tragisch ist das, was wir durchaus nicht verstehen, worin wir uns ergeben müssen; welches keine Klugheit, keine Weisheit zerstören noch vermeiden kann; wohin unsere innerste Natur uns treibt, reißt, lockt, Unvermeidlich führt und hält: wenn dies uns zerstört und wir mit der Frage sitzen bleiben: Warum? Warum mir das, warum Ich dazu gemacht? Und aller Geist und alle Kraft nur dazu dient, die Zerstörung zu fassen, zu fühlen oder sich über sie zu zerstreuen.« * * * Als Zusammenfassung möchte ich die Behauptung aufstellen, daß Rahel ganz gewiß, so wie Fichte, das »Radikal-Böse« in der Trägheit und Feigheit sah, den Weg des Lebens aber in dem Mut und dem Willen; dem Mut, alle Forderungen und alle Lebensentscheidungen ganz ernst zu nehmen, dem Willen, in allen Lebenslagen seine ganze Persönlichkeit einzusetzen und allen Lebensfragen mit vollster Ehrlichkeit entgegenzutreten. Aber damit ist Rahel in ihrer Ethik gerade das, als was ich sie bezeichnet habe: eine Prä-Nietzscheanerin. Auch für Nietzsche war Mut, Wahrhaftigkeit, geistige Redlichkeit die Grundlage aller Sittlichkeit. Und wenn Rahel sagt, daß sie sich in »ihrem Adel gestört« fühlt oder Gott dankt, daß sie »adelig geboren« ist, dann legt sie dem Wort dieselbe Bedeutung bei, wie Nietzsche, als er nachwies, daß das Wort »edel« im Griechischen ursprünglich den bedeutete, der »etwas ist«, der eine festgeschlossene Wirklichkeit hat, die der feige und lügenhafte Mensch nicht besitzt. Daß Rahels Gedankengang derselbe war, wird unter anderem dadurch bewiesen, daß sie die »Zusammenhanglosigkeit« der Frauen von ihrer Lügenhaftigkeit herleitet. Das Endurteil über Rahels Individualität wird also das sein, daß sie ein geborener Adelsmensch war, sich jedoch durch ihre Geburt und ihr Schicksal darin behindert fühlte, der Welt, sorglos und frei, wie sie es gewollt, ihr ganzes Wesen zu zeigen, daß sie aber trotzdem – zu jeder Zeit ihres Lebens und in jeder Lebenslage – »Rahel und nichts anderes« blieb. Und wer sich in Wahrheit selbst dieses Zeugnis ausstellen kann, den hat man das Recht, mit dem großen, unendlich mißbrauchten Worte zu bezeichnen: Eine Persönlichkeit. III. Liebe. I. Trotz Strindberg, Weininger and anderer Frauenverächter hat unsere Zeit eine rasche Zunahme der Schätzung des Mannes für die Persönlichkeit des Weibes miterlebt. Ein Zeichen unter vielen ist es, daß Ehen und Liebesverbindungen zwischen jüngeren Männern und Frauen, die einige oder mehrere Jahre älter sind, als sie selbst, in unserer Zeit immer häufiger werden. Freilich sind solche immer vorgekommen. Aber da waren sie in einigen Fällen durch die Dankbarkeit des Mannes für Hilfe oder Verständnis verursacht, in anderen Fällen durch Berechnung, z. B. um ein Reich, ein Erbe oder ein Amt zu gewinnen, manchmal schließlich waren sie eine Folge jenes sinnlichen Zaubers, den gewisse Frauen bis in ihr spätes Alter bewahren. Das für unsere Zeit Neue liegt darin, daß die Ursache immer häufiger gegenseitige Liebe ist. Stendhal führt mit Recht Madame Dudeffand als Beweis dafür an, daß »l'amour passion« – oder wie Rahel sagt: »die neue europäische Liebe« – in vorgeschrittenem Alter auftreten kann. In unserer Zeit ließen sich weit mehr Beweise dafür anführen. Die Liebe gleicht jetzt jenem Krokus, den man Zeitlose genannt hat, weil er im Herbst und im Frühling gleich rasch und üppig aufschießt Die Aehnlichkeit läßt sich noch dadurch vervollständigen, daß die Blume, die im Frühling ungefährlich ist, es im Herbst nicht sein soll. Heute kann man mehr als einen Mann sehen, der – wie der junge Spanier Mora für Mlle. Lespinasse – in glühender Liebe für eine zehn Jahre ältere Frau entbrennt oder sogar wie der junge Italiener Rocca sich in eine zwanzig Jahre ältere verliebt Rocca wurde von diesem Gefühl im ersten Augenblick ergriffen als Mme. Staël sich über die Bahre beugte, auf der der verwundete Jüngling ruhte. Als Freunde ihm sagten, daß sie ja seine Mutter sein könnte, antwortete er: dies sei ja nur ein Grund mehr sie zu lieben, und er wolle sie so hingebend lieben, daß sie ihn schließlich heiraten würde – wie dies ja auch geschah. George Sand, das wunderbarste aller Frauenwesen – feurig wie Wein, mütterlich wie Milch, gesund, reich und freigebig wie die Erde, die sie getragen, bezaubernd, unberechenbar und gefährlich wie das Meer, wurde ebenso von jüngeren wie von gleichalterigen und älteren Männern geliebt. Elizabeth Browning war um drei Jahre älter als Robert Browning, ein Altersunterschied, der für ihr Glück bedeutungslos war. Andere berühmte Frauen ließen sich in diesem Zusammenhang anführen, ich beschränke mich darauf, an George Eliot zu erinnern. Ihre Ehe mit dem dreißig Jahre jüngeren Mr. Cross war mir wie vielen anderen ein Rätsel, bis ich durch einen in die Verhältnisse Eingeweihten eine Erklärung erhielt, die mittelbar durch einen Passus in Herbert Spencers Autobiographie betätigt wurde. Er deutet hier nämlich an, daß er George Eliot zur Gattin hätte gewinnen können, wenn er es gewollt hätte, aber er habe sich nicht über ihren ungewöhnlichen Mangel an Anmut hinwegsetzen können. Die »Gewissensehe«, die George Eliot mit H. Lewes einging – der sich von der Frau, die ihn jahrelang betrogen hatte, nicht gesetzlich scheiden lassen konnte, – soll, so sagte mir mein Gewährsmann, von seiner Seite nicht auf ein großes erotisches Gefühl begründet gewesen sein, sondern nur auf geistiger Sympathie und Dankbarkeit. George Eliot war also selbst nie der Gegenstand eines großen Gefühls gewesen, eines Gefühls, das zum Unmöglichen imstande ist, mit anderen Worten der Liebe, der jede echte Frau zu begegnen wünscht, bevor sie stirbt, bis sie ihr bei dem jungen Mann begegnete, den sie – mit sechzig Jahren – heiratete. Zu diesen berühmten Frauen, die schließlich bei jüngeren Männern jene Liebe fanden, von der sie ihr Leben lang geträumt, gehört auch Rahel. Ihre Verheiratung mit einem vierzehn Jahre jüngeren Mann ist ihr einziger kühner Lebensversuch, während ihre Ansichten auf erotischem Gebiet die vorurteilslosesten waren. George Eliot hingegen verbrauchte all ihren Mut für ihre Gewissensehe, und nicht einmal der Schatten eines Reformgedankens auf erotischem Gebiet ist in ihren Büchern zu finden. Verzicht, Unterwerfung, Mitgefühl, Treue, das ist es, was sie verkündet. Sie erfüllte die damals außerordentlich bedeutungsvolle Aufgabe, zu zeigen, daß die evolutionistische Lebensanschauung genügend starke Triebfedern besitzt, um all die altchristlichen Tugenden hervorzubringen. Aber sie prüft den Wert dieser Tugenden niemals aus evolutionistischem Gesichtspunkt! Mit einer psychologischen Intuition, die man nur mit der Shakespeares vergleichen kann, offenbarte sie die Dramen, die sich in einfachen Lebensverhältnissen und halberwachten Seelen abspielen: in der Seele der Kinder und des Volkes. Aber die Psychologie und Ethik der Liebe und Ehe hat George Eliot, trotz ihrer eigenen Lebensschicksale, ebensowenig vertieft wie meine große geniale Landsmännin Selma Lagerlöf. George Sand hat in dieser Beziehung eine unvergleichlich größere Bedeutung besessen als George Eliot, Die Schwestern C. und E. Brontë haben in ein paar Gestalten mehr von dem liebenden Frauenherzen offenbart als George Eliot in ihrer ganzen Dichtung. Mme. Staël griff in »Delphine« die unauflösliche Ehe an; in »Corinne« stellte sie die Tragik der genialen weiblichen Persönlichkeit dar: die die Vorurteile des Mannes über die »Weiblichkeit« verletzt und so die erotische Anziehung ihrer Persönlichkeit schwächt. Rahel erlebte die letztere Erfahrung selbst mit Finckenstein und Urquijo. Schon vor »Delphine« und lange vor George Sand sprach sie aufrührerischere Gedanken aus als die beiden französischen Schriftstellerinnen. Und so wie Mme. Staël, wie George Eliot hatte Rahel schon ihr größtes Gefühl einem anderen gegeben, als sie Varnhagen begegnete. Keine von ihnen erlebt so das Glück, so zu lieben, wie sie geliebt werden; aber sie erleben, daß ihre weibliche Persönlichkeit in ihrer voll entwickelten genialen Eigenart fähig ist, eine große Liebe zu erwecken. Sie sind darum wichtige Beispiele für die Evolution der männlichen Liebe, an der Madame Staël in Corinne verzweifelt hatte. Aber während der Tod das Problem von Mme. Staëls und George Eliots zweiter Ehe bald löste, wurde Rahels und Varnhagens Bund ein Vorbild für jene glücklichen Verhältnisse, in denen so manche moderne Frau in schon vorgerücktem Alter die erotische Erfüllung ihres Wesens erlebt. * * * Rahels drei Liebesgeschichten sind typisch für die drei Grundformen der weiblichen Erotik: Liebe zur eigenen Liebe, Liebe zum Mann und Liebe zur Liebe des Mannes. Mit tausend feinen Schattierungen können sie ineinander übergehen, aber in der Liebe jeder Frau ist doch eine dieser Formen die vorherrschende. Die Liebe der Männer hat bis auf weiteres nur zwei Grundformen: die Mehrzahl liebt in der Liebe sich selbst; nur eine Minderzahl liebt die Persönlichkeit der Frau. Und doch will das neue Weib nur diese Liebe. Das neue Weib, dessen sieghafte Revolution unsere Zeit miterlebt, begann schon im achtzehnten Jahrhundert hervorzutreten. Eine ihrer ersten Offenbarungen war die durch ihre Dichtung, ihre Kultur, ihre geistige Befreitheit, ihre Liebeskraft bemerkenswerte H.C. Nordenflycht in Schweden. Andere waren Mary Wolstonecraft-Godwin und Elizabeth Browning in England; in Frankreich könnten mehrere Namen genannt werden, unter denen die hervorragendsten Mademoiselle de Lespinasse und Madame Staël sind. In Deutschland entsprechen diesen Frauen Rahel und einige andere bedeutende Frauengestalten, namentlich unter den Frauen der romantischen Schule. Das all diesen Frauen Gemeinsame ist, daß sie die Liebe nicht so sehen, wie noch die Mehrzahl ihrer Zeitgenossen sie sah – als den tändelnden und nur leicht verwundenden Amor – sondern in Gestalt des lebensgefährlichen Eros. Die Liebe war für sie nicht eine flüchtige Jugendepisode, auf die sie vom Ernst des Lebens aus lächelnd oder gerührt zurückblickten, nein, sie war selbst der Ernst des Lebens. Diese Frauen besitzen die höchste geistige Kultur ihrer Zeit, ganz so wie Heloise auf der Höhe ihrer Zeit stand, aber das hindert sie nicht, gerade so wie sie in einer Leidenschaft aufzugehen, einer ursprünglichen, naturstarken, flammenden und verzehrenden Leidenschaft. In welcher Zeit, in welchem Lande eine Frau mit dieser ganzen und großen Liebe geliebt hat, da hat diese Liebe für sie selbst die Einheit der Seele und der Sinne bedeutet, und zugleich die Forderung – oder wenigstens die Hoffnung – so geliebt zu werden, wie sie selbst liebte: mit einer Liebe, die die ganze Persönlichkeit des Mannes, seine menschliche, geradeso wie seine männliche Wesensart umfaßte. Man vergleiche z.B. die »Briefe der portugiesischen Nonne«, Schwester Marianne (herausgegeben von Carl Larsen, Inselverlag): »Briefwechsel zwischen Abälard und Heloise«, aus dem Lateinischen übersetzt und eingeleitet von Dr. Paul Adler (Diederichs). »Lettres de Mlle. Lespinasse«, herausgegeben von Comte Guibert (Garnier Freres, Paris, 1906). Und Goethes Briefe an Frau von Stein, die Diderots an Sophie Voland zeigen, daß es auch damals schon Männer gab, die mit der feinsten Schätzung der ganzen Persönlichkeit der Geliebten zu lieben vermochten; die diese in allen ihren Schattierungen genießen, die mit der Geliebten alles teilen mußten, von den Andachtsstunden des Gedankens, bis zu den Früchten des Sommertags, und die nur so teilend sich wirklich besitzend fühlten. Aber im großen ganzen waren sowohl diese Frauen wie diese Männer ihrer Mitwelt weit voraus, was jenes Gefühl betraf, das Rahel die »neue, europäische Liebe« nennt. Ihre erste Märtyrerin war Heloïse, sie, die mit bewußtem Willen ihre ganze Seele und all ihre Sinne der Liebe gab, sie, die lieber Abälards Freudenmädchen heißen wollte als des Kaisers Gemahlin; sie, die mit rücksichtsloser Ehrlichkeit ihre weißglühende Leidenschaft beichtet, ihre Sehnsucht, ihr Leid, sie, die mit Stolz fühlt, daß ihre Seele durch dieses Feuer groß geworden, daß diese Treue gegen sich selbst ihr Adel ist. Sie besaß schon den klaren Blick des neuen Weibes für sich selbst und ihre Liebe, und sie leidet schon die Qualen, die in unserer Zeit unzählige Frauen gelitten haben, als sie erfuhren, daß die Liebe des Mannes nie ihrer Seele gegolten habe. Bei ihr findet man schon die einheitliche Liebe: die flammende Leidenschaft und die innige Zärtlichkeit, den Trotz gegen das Schicksal, das dem Liebesbedürfnis – dem höchsten und reinsten ihres Wesens – die Befriedigung versagt, und den Mut zu leiden, ja eher zugrundezugehen als nicht geliebt, d.h. gelebt zu haben. Heloise hat ganz gewiß im Lauf der Zeiten die eine oder andere Seelenschwester gehabt, obgleich diese nicht ihre Macht besaßen, diese ihre Seele auszudrücken. Man sehe u.a. Kort Breysig: Die Entstehung der Liebe (Zukunft). Aber erst mit Werther trat der männliche Typus hervor, auf den diese Frauen gewartet hatten, ein Mann von solcher Seelenfeinheit, so rasch vibrierender Sensibilität, so tiefem Liebesbedürfnis, daß auch für ihn die Liebe die Lebensfrage wurde, ein Mann, der eine Heloisennatur so lieben konnte wie eine solche »grande amoureuse« geliebt sein wollte: mit allen Sinnen als Weib, mit der ganzen Seele als Persönlichkeit. Dr. W. Nowack hat in seiner interessanten Studie: »Liebe und Ehe im deutschen Roman zu Rousseaus Zeiten, 1747–1774« daran erinnert, daß in der Renaissance das Weib wie der Mann ohne irgend welche »Emanzipationsbestrebungen« nach vollendeter Persönlichkeit strebte, weil ihr Recht in dieser Beziehung selbstverständlich war; daß schon damals vergeistigte Liebe zwischen Ausnahmenaturen hervortrat und stets außerhalb der Ehe, während Rousseau nicht so weit kam, weil er kein Verständnis für die Entwicklung der weiblichen Persönlichkeit hatte. Erst Goethe, der mit jeder Herzensfaser das neue Evangelium vom Sieg der Leidenschaft über die Vernunft eingesogen hatte, vertiefte Rousseaus Lehre und wurde der Entdecker der modernen Liebe. Werther vergeistigt seine Liebe zu Seelenverwandtschaft, er wird, von dem Individuellen im Wesen der Geliebten hingerissen, von der Poesie ihrer Natur. In Stella will Goethe schon einen Ehekonflikt im Geist unserer Zeit lösen, und er weiß, daß die Sitte umgewandelt werden muß, wenn sie nicht Unsittlichkeit werden soll. In allen seinen Werken zeigt Goethe die Ehrfurcht vor der Harmonie und Schönheit der Frauenseele, ohne die kein verfeinertes Seelenleben zwischen Mann und Frau denkbar ist, ohne die die Leidenschaft weder Hoheit noch Dauer hat ... Und was Goethe begann, setzte in Deutschland die romantische Schule und Jungdeutschland fort; in Frankreich St.-Simon, Michelet, Stendhal u.a. Rahel teilte anfangs das Schicksal der zu früh gekommenen Frauen, dem Mann, der ihrer Liebe würdig war, nicht zu begegnen. Daß der junge Graf Karl von Finckenstein sich in die weder durch Schönheit noch durch Gesellschaftsstellung oder Reichtum ausgezeichnete Rahel nicht nur verliebte, sondern sich auch mit ihr verlobte, zeigt, daß er ein Mann war, der durch sein Gemüt schon der neuen Zeit angehörte, obgleich er im übrigen nicht den Charakter besaß, der dieses Gemüt zu tragen vermochte. Er und Rahel sahen sich zum erstenmal in der Oper, und ihre tiefe Musikliebe – die sich bei ihm mit einer ausgezeichneten Gesangskunst verband – war die erste Seelengemeinschaft, die sie einander näherte. Sie trafen sich im Gesellschaftsleben, denn Rahel befand sich gerade damals in jenem Stadium, wo sie etwas von all dem nachholte, was ihr ihre Kränklichkeit und ihre Seelenqualen in der ersten Jugend geraubt hatten. Sie war gerade in dieser Zeit jünger als ihre Jahre, mit der aufgesparten Lust an gesellschaftlichen Vergnügungen. So wirkte Rahel, die nun schon fünfundzwanzig Jahre alt war, fast wie ein ganz junges Mädchen, und erst später empfand der anderthalb Jahre jüngere Finckenstein das Drückende in Rahels ihm überlegener Persönlichkeit, während er anfangs seelenvoll genug war, nur ihren Zauber zu empfinden. Er seinerseits war ein Mann, wie dazu geschaffen, von Rahel idealisiert zu werden. Vor allem besaß sein Wesen jene Verfeinerung des Aristokraten, jene Leichtigkeit und Anmut, die auf Rahel ihr Lebenlang die stärkste Anziehung ausübte. Dazu war er von ungewöhnlicher Schönheit. Die prächtige Gestalt, die edlen Züge des Antlitzes, die sanften blauen Augen, das goldblonde, seidenfeine Haar, das in natürlichen Locken seinen Kopf umgab, alles ließ ihn wie einen leibhaftigen Märchenprinzen wirken. Sein Gesang, seine vielseitige Bildung, sein Natursinn und seine Goethebewunderung, seine leichtgerührte Empfindsamkeit, all dies ließ Rahel an eine tiefe Seelengemeinschaft zwischen ihnen glauben. Und seine Briefe – die nebst einer Locke seines schönen Haares in Rahels Geheimfächern nach ihrem Tode gefunden wurden – sind inhaltsreich genug, damit Rahel glauben mußte, was er ihr stets versicherte: daß er ihr für »ewig« angehöre, daß sie alles Gute in ihm wachrufe, daß sie seine Persönlichkeit bilde, daß er bei ihr eine Klarheit und Wahrheit, eine Mannigfaltigkeit und Gefühlsstärke finde, wie bei keiner anderen. Die Gewißheit, daß sie ihn liebte, ließ ihn vor Glück weinen, wenn er unter den blühenden Akazien ihre herrlichen Briefe las; und wenn sie in ihrem kleinen Dachkämmerchen zusammen zu den Sternen aufblicken, empfindet er vollkommene Seligkeit. Wie konnte Rahel – da sie ihn doch selbst liebte – daran zweifeln, daß sein Wille Stärke genug besitzen würde, um ihrer Liebe eine Zukunft zu schaffen? Aber wie selten ist die junge Liebe stark! Ebenso selten als sie klarblickend ist, Sie ist in den meisten Fällen, diese junge Liebe, das berückende und berauschende Gefühl, jetzt endlich selber dieses Wunderbare zu erfahren, wovon die Dichter gedichtet und das die eigenen Träume umkreist haben; selbst dieses »Hangen und Bangen« zu empfinden, die Zärtlichkeitsausdrücke der Liebe zu tauschen, ihre großen schönen Worte zu hören und auszusprechen! Rahel gestaltete – wie unzählige hochentwickelte junge Mädchen vor und nach ihr – bei all dem Finckenstein zu einem andern um, als er war, und erst allmählich entdeckte sie, daß sie sein wirkliches Wesen nicht gekannt hatte, das Wesen, das nur Taten offenbaren können. Die Worte hingegen, die Liebende einander schreiben oder sagen, zeigen nur, was sie zu sein wünschen, oder was sie sich selber zutrauen, nicht was sie sind. Als die Probe kam, zeigte es sich auch, daß Finckenstein ein schwaches Kind war, außerstande, ein großes Gefühl zu empfinden, darum auch außerstande, für das schwache, das er empfand, zu kämpfen. Sein Vater war tot, und er lebte mit seiner Mutter und seinen vielen Schwestern auf dem Familiengut zusammen. Diese weiblichen Angehörigen beteten ihn mit einer eifersüchtigen Zärtlichkeit an, die ihn keinem Weibe gönnte; und dazu kamen noch die Adelsvorurteile, die von dem Gedanken, daß er eine Gattin von bürgerlicher – und noch mehr von jüdischer – Abkunft in ihren Kreis einfuhren sollte, tief verletzt waren. Allerdings hatten einige der schönen und reichen Jüdinnen Berlins vornehme Ehen geschlossen, aber dies hatte ihren neuen Verwandten keinerlei Freude bereitet So fanden sich viele Gründe für Finckensteins Mutter und Schwestern, ihm zu beweisen, daß die Heirat mit Rahel ihm selbst zum Unglück gereichen würde. Und so beginnt er in den Briefen an Rahel – wie alle schwachen Seelen – über das Schicksal zu jammern. Bald beteuert er Rahel seine Liebe, bald schreibt er, daß er es nicht ertragen kann, die Seinen leiden zu sehn. Rahel, die ihn liebt, hofft noch immer » ihm zu Liebe zu lieben «, sie glaubt seinen Versicherungen, leidet seine Leiden, und sie handelte » toll und richtig « wie sie es selbst nennt, indem sie an ihm festhielt, solange sie an seine Beteuerungen glaubte. » Helden waren wir beide nicht «, sagt sie, » er in seiner Weise nicht, ich in meiner Weise nicht «. Aber allmählich sieht sie ein, und schließlich spricht sie es auch aus: daß er sich bei ihr nicht glücklich fühlt – so wie darum auch sie nicht bei ihm – weil sie ihm imponiert. Sie begreift, daß seine Angehörigen an Macht gewinnen, weil sie selbst die Macht verloren hat, denn er fühlt sich unter dem Einfluß ihrer starken Persönlichkeit unbehaglich. Einmal ums andere stellte sie ihn vor die Wahl zwischen ihr und den Seinen; er kam zu ihr zurück, aber nur, um gleich wieder mit seinen Lamentationen zu beginnen. Rahel überhastete die Entscheidung nicht, sie wurde auch nicht von verletztem Stolz dazu getrieben, sondern einzig und allein von dem Gefühl, daß nur das Glück, das für beide notwendig war, ein wirkliches sein konnte. Ihre Verlobung dauerte vom Jahre 1796 bis 1800; unter unablässigen Liebesbeteuerungen und Tränen von seiner Seite, gemischt mit den für eine Natur wie die seinige unvermeidlichen Versicherungen: daß es ihm nicht an Energie fehle, aber – daß sein Herz darunter litte, den Seinen Leiden zuzufügen! Und so fiel die Entscheidung so aus, wie sie in solchen Konflikten auszufallen pflegt. Rahel, die am berechtigsten litt, aber am wenigsten klagte, wurde geopfert, und die eifersüchtigen egoistischen, kleinsinnigen Schwestern trugen den Sieg davon. So blind war der Mann, der die Liebe einer Rahel gewonnen hatte. Aber es ist zweifellos, daß Finckensteins Gefühl für Rahel insoweit echt war, daß sie ihm die Stärke zu einer anderen Wahl hätte geben können. Die meisten Frauen in Rahels Lage hätten sich der Machtmittel bedient, die sie in ihrer Liebe, ihrem Leid, ihrer Persönlichkeit besaß. Rahel tat nichts dergleichen. Sie hoffte solange als möglich, daß sein Gefühl ebenso stark sei als seine Worte. Als sie einsah, daß es weich und bleich war wie seine Schönheit, gab sie den Kampf auf. Aber sie tat es erst nach Leiden, in die sich alle Bitterkeit der Vergangenheit mischte. Es war schon schwer für sie gewesen, wieder Hoffnung zu fassen, für sie, die durch ihre Geburt und ihre früheren Schmerzen so überzeugt war, zum Leiden geschaffen zu sein, die an dem Weg, über den die Glücklichen wanderten, im Schatten gestanden hatte, mit geschlossenen Händen, gewiß, daß in ihre Hand kein Goldapfel fallen würde. Und nachdem sie das Wunderbare erlebt, daß das Leben sanft die geschlossenen Hände geöffnet und seine schönste Gabe in sie gelegt hatte, konnte sie die Liebe nicht als etwas betrachten, um das sie kämpfen mußte. Sollte sie auch aufs neue einsam sein, nachdem sie Gemeinsamkeit gekostet, gedemütigt, nachdem sie Genugtuung erfahren, arm, nachdem sie Reichtum besessen – dies mußte sie eher ertragen als ihr innerstes Bewußtsein zu verletzen, das Bewußtsein des neuen Weibes: daß kein Mensch das Recht hat, einen anderen durch irgend eine andere Macht festzuhalten als die innerste Notwendigkeit dieses andern. Hatte der Geliebte selbst, sein Gefühl nicht die Stärke, die notwendig war, um ihnen beiden das Glück zu sichern, dann war ja auch nicht jener Inhalt vorhanden, der ihrer Verbindung Berechtigung, ihrem Zusammenleben Wirklichkeit geben konnte. Kein falscher Stolz, keine übel angebrachte Rücksicht bestimmten Rahel. Sie besaß in hohem Grade die Ueberzeugung der neuen Liebe, daß man vor allem Pflichten gegen seine Liebe hat, in erster Linie die, das Unwesentlichere dem Wesentlichen zu opfern. Und als Rahel Finckenstein die volle Freiheit zu wählen gab, hegte sie noch im tiefsten Innern die Hoffnung der Liebenden – diese Hoffnung, die auch von der Unwahrscheinlichkeit leben kann – daß er sie wählen würde. Er zeigte im Gegenteil, wie recht jene Freundin Rahels gehabt hatte, die sein Herz mit einer Spielzeuguhr verglich, mit Ziffern und Zeiger, aber ohne Uhrwerk! Rahel stand nun da, enttäuscht nicht nur vom Glück, sondern enttäuscht durch das Wesen des Geliebten. Sie klagte ihn nicht an: Er hatte, sagte sie, nach seiner Natur gehandelt, sie trug die Schuld, die nicht erkannt hatte, wie seine Natur beschaffen war! Aber eine solche Erkenntnis ist nie ein Trost, oder zum mindesten ist der Weg zu dieser Trostquelle sehr weit Anfangs fühlte Rahel, wie alle, die ähnliches erlebt haben, daß die Schläge des Schicksals leicht sind, im Vergleich damit, sich in einem Menschen so tief enttäuscht zu sehen. Das ist die Qual, die die Persönlichkeit bis in ihre Grundfesten erschüttern kann, die ein auflösendes Gift in den geistigen Organismus trägt; und vor allem sind Naturen wie die Rahels dieser Qual ausgesetzt Denn diese haben ein grenzenloses Vertrauen zu dem Adel anderer, und das ganze Leben wird mit einem Schlag verwirrt, wenn dieses Vertrauen gerade durch den Menschen erschüttert wird, der es in unbegrenztem Maße eingeflößt hat. Die Spuren eines solchen Leids verwischen sich niemals. Ja, es liegt stets ein gezogenes Schwert zwischen uns und dem Leben, nachdem es – gerade als es uns am hellsten zu lächeln schien – uns plötzlich an der Kehle packte wie ein Mörder. Das kindergleiche Vertrauen zur Natur ist unmöglich, wenn wir entdeckt haben, daß sie es mit uns nicht gut meint. Und Rahel, die schon soviel gelitten hatte, glaubte sich nun zum Unglück auserkoren. Mit einem tiefen Wort drückt sie ihre Erfahrung und die sovieler aus, wenn sie von dem Schuldgefühl spricht, das man durch den Schmerz empfindet. Das ist nicht die Grübelei über die Fehler und Irrtümer, durch die man selbst eine der Ursachen seines Schmerzes gewesen sein kann. Nein, es ist, wie Rahel sagt, das Gefühl, nicht mehr eines der reinen Wesen der Natur zu sein, eine würdige Schwester all dieser stillen, gesunden, schönen Wesen – weil man die Mißhandlung durchgemacht hat, in die Verzweiflung versunken ist, in der man das Dasein hinwerfen wollte, um nur nicht weiter leiden zu müssen. Wenn ich meine Wunden zur Schau tragen sollte, es wäre eine Schlachtbank! Oh, glauben Sie nicht, daß das, was ich Ihnen sage, übertrieben ist. Darum bin ich nur erschrocken, wenn mir etwas widerfährt, weil es auf ewig ist. Ein zartes Gemüt beleidigen, heißt es verderben. ... Die Bekanntschaft mit dem Unglück infamiert, ich lasse es mir nicht ausreden! Man ist kein reines Geschöpf der Natur, kein Geschwister der stillen Gegenstände mehr, wenn man einmal aus Schmerz, Erniedrigung, zusammengeängstet in Verzweiflung, gern seine Existenz gegeben hätte, um nicht schmerzfähig zu sein; wenn man alles, die ganze Natur für grausam gehalten hat ... Es ist keine von den Traurigkeiten, die wieder vergehen; die wie ein durch Wolken gebrochener Schein eine Gegend angenehm melancholisch verdunkeln und erhellen. Nein, die Gegend selbst ist zerstört, und meine ewig himmlische Laune kann nur Sonnenblicke darauf werfen ... Man ist entweder dem Wahnwitz oder dem Tode oder der Genesung ausgesetzt; mir sind die beiden ersten nicht widerfahren. Ich bin besser, kann ich auch nicht sagen; ich bin jenseits, möchte ich sagen ... vom Schicksal beschimpft, aber nicht mehr beschimpfbar. Unglück ist Schimpf vom Schicksal. Was ich nicht bekommen habe, kann ich vergessen, was mir aber geschehen ist, kann ich nicht vergessen. Behüte Gott jeden, dies zu verstehen. Von diesem Augenblick an fühlte Rahel sich nicht mehr einheitlich: das heißt, sie lebte mit zwei Weltanschauungen, die im Innersten verzweifelnde, die ihre unmittelbare geworden war, und die lebensliebende, die nicht mehr die unmittelbare war, sondern die durch tägliche Siege erkämpfte Fähigkeit, » reiner, williger und reicher als irgend eine andere « den Reichtum des Daseins aufzunehmen. Rahel sah Finckenstein elf Jahre später wieder, im selben Jahr, in dem er starb. Und wie tief sie gelitten, zeigen ihre Worte sowohl nach ihrem Wiedersehen, wie nach seinem Tode. Er war gekommen, » Kalt wie ein Frosch, beschämt wie ein ertappter Schelm «; er hatte von seiner schönen Frau erzählt, und Rahel schrieb nachher in ihr Tagebuch ein paar Seiten, die zeigen, daß sie sich selbst so ohne Schönheit, Anmut, Zauberkraft fand, daß dieser ihr eigener Mangel ihr eine Erklärung für ihr Unvermögen gab, Finckenstein wirkliche Liebe einzuflößen. Aber nach seinem Tode fühlt sie, daß die Verachtung, die er ihr im Leben einflößte, doch nicht aufgehört hatte. Denn der Tod konnte ihr Urteil über seine Erbärmlichkeit nicht ändern. Es läßt sich darüber diskutieren, ob Weininger mit seiner Meinung recht hat, daß der Hauptbestandteil des Genies das Gedächtnis sei. Sicher ist, daß es eine Grundbedingung für Gefühlstiefe ist. Rahel gehörte zu jenen, die sich nie durch den Tod oder die Zeit bestechen lassen. Ihr Herz hatte laut »dein Mörder!« gerufen, als Finckenstein ruhig vor ihr saß. Und sie wollte dieses ihr Herz nicht ändern, das die Natur selbst » aufrührerisch und mild « geschaffen hatte. Ein Meer von Bitterkeit stieg in ihr bei dem Gedanken auf, daß dieser Mann solche Macht über sie gehabt hatte, ja noch hatte. »Wie eine ihm zugestandene Kreatur fühlte ich mich, er hat mich verzehren dürfen.« »Aus jeder Flamme aber noch bring ich das unversehrte und auch empörte, ganz für sich selbst lebende Herz heraus ... Hätte er gestern durch einen Zauberring alles, was in den zwölf Jahren vorgefallen ist, ungeschehen machen können, so hätte er sich mein ganzes Leben wieder anlocken können, wenn er gewollt hätte! Dieses Laster nun von mir (denn wie soll ich es nennen, wie ansehen! – Ich tadle mich nicht: ich kenne mein Herz ganz: es ist gierig, es muß lieben; und es ist treu, denn es ist stark und ganz) – wird Tugend genannt, bei solchen Frauen, denen es gut geht.« Um die Stärke dieser Worte recht zu verstehen, muß man sich daran erinnern, daß Rahel dies schrieb, als sie Varnhagens Verlobte war. Das mildeste Urteil, das sie über ihn fällte, war streng genug: daß er ein Kind sei, das Werte zerstört hatte, von deren Größe es keine Ahnung gehabt. * * * In der ersten Zeit nach dem Bruch fand Rahel die bestmögliche Hilfe in einer Krankheit, die ihr die Ruhe und das Recht gab, sich in der Einsamkeit zu Resignation durchzukämpfen. Als sie dann, mit der Empfänglichkeit der Genesenden, wieder begann, ihren Sinn neuen Eindrücken zu erschließen, nahm sie eine Freundin – Gräfin v. Schlabrendorff – nach Paris mit. Die reichen Erlebnisse, die dies veranlaßte, kamen zur rechten Zeit, Rahels volle Empfänglichkeit wie ihre feine Auffassung zeigen sich in den Briefen an die Daheimgebliebenen, von denen sowohl Jean Paul wie Friedrich Schlegel meinen, daß sich ein besseres Bild des Pariser Lebens und der Franzosen als das, welches Rahel in ihren Briefen gab, gar nicht denken lasse. Die beste Hilfe, die Rahel in ihren Bemühungen, die Lebensliebe wiederzugewinnen, fand, brachte ihr doch ein junger Landsmann. Es war ein dreiundzwanzigjähriger Jüngling, Bokelmann, den ein gemeinsamer Freund ihr geschickt hatte. Mit ungewöhnlicher äusserer Schönheit verband er eine Seele, offen wie eine Blume. Mit Wärme schloß er sich an Rahel gerade in dem Augenblick an, wo jedes Herz für Zärtlichkeit am empfänglichsten ist: wenn seine Wunden sich zu schließen beginnen. Die verständnisvolle Sympathie des Jünglings wirkte so, wie milde Lüftchen auf das niedergetretene Gras wirken: Blatt um Blatt richtet sich von neuem empor und fängt den Tau und die Sonne auf. Aber noch war Rahel nicht für eine neue Liebe bereit, und ihre eigene Freude an dem reichen, reinen jungen Gefühl, das ihr entgegentrat, entwickelte sich zu keiner anderen Art von Liebe als die, in der man nichts verlangt, in der man » das Liebliche nicht besitzen, nur blühen sehen will «. Und als sie nach ein paar Monaten des Zusammenseins in Paris voneinander schieden, sieht man aus Rahels Briefen, daß sie auch seine Neigung in dieses schöne Gefühl ohne Namen umwandeln will, das Rahel so richtig charakterisiert, wenn sie sagt, daß man sich ja aneinander freuen kann, wie man sich an einem lieblichen Kind, dem man zufällig begegnet, freut, ein Glück, das jedem angehören kann und das nicht den Willen einschließt, den Gegenstand der Liebe zu besitzen. Und auf beiden Seiten wurde auch – nach mehrjährigem Briefwechsel – das Verhältnis nur eine schöne Erinnerung. Auf dem Heimweg besuchte Rahel ihre in Amsterdam verheiratete Schwester. Sie nahm die Natur und Kunst Hollands und Belgiens mit feinem Verständnis auf. All die Herrlichkeiten der Kunst, die sie sich auf dieser Reise aneignete, riefen ihre Sehnsucht nach Italien wach. Aber wie sie später sagt, das Glück » mit meinen Sinnen und einem frohen starken Herzen Italien, das schöne, zu sehen « wurde ihr niemals zu teil. Daß sie sich jetzt wieder sehnen konnte und daß diese Sehnsucht sich gerade dem Süden zugewendet hatte, zeigt, daß sie wieder jene Lebensliebe empfand, die sie erloschen gewähnt. Sie drückt ihr Bewußtsein der Veränderung mit den Worten aus, daß » wir rouge et noir ewig mit uns ohne Willen spielen «: ob man gewinnt oder verliert, man fühlt doch, daß man lebt. Schon in ihrem tiefsten Leid hatte Rahel sich gesagt, daß das Leben noch Freudequellen hatte, obgleich der Schmerz sie ihr jetzt verbarg. Sie hatte durch Bokelmann » das Notwendigste an Liebe « erlebt »Es muß sich einer an dem freuen, was in uns notwendig war, und unser niemals ruhendes Gewissen uns schaffen: und so müssen wir wieder an seiner Arbeit uns freuen!« und sie konnte jetzt in ihr Dachkämmerchen als eine Getröstete zurückkehren, wenn auch von jener Resignation erfüllt, die das noch junge Wesen sich alt fühlen läßt. »In meiner Seele ist Ruhe, in meinem Gemüt Gleichgewicht, in meinem Geist die gehörige Schnellkraft wiedergekommen.« »Am Ende sind alle unsere Tränen und herbsten Leiden doch nur um den Besitz; und man kann nie etwas anderes besitzen, als die Fähigkeit, zu genießen.« »Was die Menschen so eigentlich recht unglücklich macht, ist, daß man sich nicht entschließen mag, nicht glücklich zu sein. Sind wir aber einmal bis dahin gehetzt, so tritt plötzlich das Alter ein. Unser Bestreben ist nicht mehr nach dem Unendlichen, wir teilen das Leben und nehmen, wie man zu sagen pflegt, den Augenblick mit. Tränen, Glanz und Wut hat ein Ende; wir werden starr, freundlich und haben Falten. Das Alter kommt plötzlich und nicht nach und nach, wie man denkt; wie jede Erkenntnis.« Im Alter ist dagegen die Resignation unser einziges Mittel, um uns noch jung zu fühlen. Und dahin hatte Rahel noch einen weiten Weg. * * * Kein Zug bezeichnet Rahels Natur besser – und keiner macht sie in höherem Grade zu unserer Zeitgenossin – als daß sie niemals die Liebe bereut, die ihr so großes Leid verursacht hat, und sich auch nicht einredet, daß sie nie mehr lieben können wird. Sie weiß, die » welche Schmerzen haben, haben doch das Meiste « ... »Ich habe wie Posa verloren und möchte doch nicht zu den Menschen gehören, die nicht sich aufs Spiel setzen. Wer ohne Panzer seinen Busen in der harten Welt umherträgt, der muß verwundet werden; das wüßt' ich nur nicht. Der Schreck ist das meiste, und wenn man das Bluten noch für Sterben hält. Wunden werden immer kommen, aber nicht unerwartet.« Und in diesen Zügen offenbaren sich die großen Naturen. Nur die leben, die sich selbst verschwenden. II. Rahel sprach eine große Wahrheit aus, als sie sagte, daß bevorzugte Seelen, königliche Naturen, lange unschuldsvoll bleiben, daß sie nur mit Mühe einsehen lernen, daß es Niedrigkeit gibt und diese Erfahrung immer wieder von neuem vergessen, in dem Sinn nämlich, daß sie sich den Menschen und dem Leben stets von neuem vertrauensvoll zuwenden, obgleich sie das Unrecht, das sie erlitten, weder verziehen noch vergessen haben. Rahel selbst war eine dieser Naturen, die sich an das Böse erinnern, ohne daß diese Erinnerung warnend wirkt; die aus allen Erfahrungen lernen, nur nicht aus dieser, daß es Naturen gibt, die nicht so adelig sind wie ihre eigene. Und so konnten schmerzliche Erfahrungen nicht hindern, daß Rahel noch einmal liebte und auch diesmal einen Mann, durch den sie noch viel tiefer leiden sollte. Rahel hatte nun das gefährlichste Alter im Leben einer Frau erreicht, die Dreißig, wo sie wie nie zuvor und nie später für die Erotik im vollsten Sinne des Wortes bereit ist. Wenigstens für die nordische Frau – und als solche kann man Rahel betrachten – gilt es, daß sie in der ersten Jugend nur mit der Seele liebt. Aber in dem erwähnten Alter sind sowohl die Sinne wie die Seele erwacht; mit ihrer ganzen Natur will die Frau dann die Erfüllung ihres Wesens durch die Liebe und die Mutterschaft. Sie will es noch mit der ganzen Frische der Jugend, aber mit einer neuen Stärke. Die Liebessehnsucht des ganz jungen Weibes hat das Leben vor sich; das Vollreife Weib weiß, daß es von dem Höhepunkt des Lebens, auf dem es steht, bald heruntersteigen muß, und daß mit jedem Jahr die Möglichkeit größer wird, daß sie sterben muß, ohne – im heiligen und vollen Sinn des Lebens selbst – gelebt zu haben. Selten sind die Naturen, die in einer ersten Liebe ihre ganze Macht zu lieben verausgabt haben. Und am allerwenigsten war Rahel eine solche Natur. Der Frühlingssturm hatte einen Zweig unmittelbar vor der Blütezeit geknickt, – es bedurfte aber nur neuer Wärme in der Luft, damit alle Knospen sprangen. Das geschah, als Rahel 1802 den Mann kennen lernte, der der Gegenstand der großen Liebe ihres Lebens wurde, der Liebe, wie sie in einem Menschenleben nie zweimal wiederkommt, der Liebe, für die jede frühere Liebe nur Vorbereitung und von der jede spätere nur Nachklang ist Nur diese Liebe läßt alle Kräfte des Wesens so steigen, wie die Frühlingsflut in Quellen und Strömen steigt; sie füllt das ganze Wesen so wie die Weinpresse von den gereiften Trauben des Weinberges erfüllt wird; sie sammelt alle früheren in Schmerz oder Freude vergossenen Tränen in ihrem Opferbecher. Unerwidert ist diese Liebe niemals; stets ist sie die dämonische Anziehung zweier Wesen. Diese unwiderstehliche und verhängnisvolle Leidenschaft kann zwei einander ganz würdige Wesen zum Glück oder Untergang vereinen. Aber sie kann auch zwei Wesen von sehr verschiedenem Wert zum Unglück eines oder beider zusammenzwingen. Und ein solches Schicksal wurde Rahel durch die Liebe, die ihr ganzes Wesen zur Flamme machte und ihre Jugend zu Asche verbrannte. Es war psychologisch notwendig, daß dieses Schicksal Rahel durch einen Mann treffen mußte, der in jeder Beziehung von Finckenstein verschieden war; verschieden wie der Süden vom Norden verschieden ist und das rote Blut vom blauen. * * * Durch seinen Gesandten wurde der spanische Legationssekretär in Berlin, Don Raphael d'Urquijo bei Rahel eingeführt Alles, was sein Volk an auserlesener Schönheit und ritterlichem Zauber besitzt, war in ihm vereinigt, und zugleich hatte er jene Unmittelbarkeit und Lebensfülle des Naturkindes, die stets die stärkste Anziehung auf Rahel ausübte. Urquijo kam aus einem ländlichen Heim in Nordspanien, und sein Aeußeres war typisch für den baskischen Volksschlag. Seine feinen Züge besaßen in gleichem Grade Adel und Kraft; seine Augen waren so wie die Augen, die Velasquez gemalt hat: bald flammende und strahlende Feuer, bald tiefe, schwarze Brunnen. Seine spanische Würde und südländische Anmut vereinten sich mit einer natürlichen Ungezwungenheit, die jede seiner Bewegungen voll Grazie machte. Die Stimme besaß jenen Wohllaut, der auch das alltägliche Wort adelt und das zärtliche unwiderstehlich macht. Zu all dem Bezaubernden kam noch das Neue, Eigenartige seiner fremden Nationalität. Eine solche wirkt im Anfang als geheimnisvolle und persönliche Eigenart. Man braucht Zeit, bis man entdeckt, daß dieses Interessante, das mit unbekannten Reichtümern und seltenem Zauber lockt, nur zu dem Wesen der Rasse oder des Volkes, nicht zu dem der Persönlichkeit gehört. Bei Urquijo wie bei Rahel entstand die Liebe schon bei der ersten Begegnung, und die zunächst folgende Zeit war sehr glücklich. Sympathischer Seelenaustausch, innige Zärtlichkeit, erotischer Zauber vereinte sie. Die einzige Unruhe in ihrem Zusammenleben verursachten die Skrupel, die sein Ehrgefühl ihm hinsichtlich einer Jugendverbindung verursachte, die er daheim in Spanien geschlossen hatte, Skrupel, die doch bald verschwanden, als Urquijo erfuhr, daß diese Jugendliebste ihn viel früher betrogen hatte, als er sie zu lieben aufgehört. Doch nun begann ein schwerer Konflikt, der zwischen Rahels nach allen Seiten hin freigebiger und offener Natur, ihrer vertrauensvollen, von aller Eifersucht freien Liebe und dem empfindlichen, eifersüchtigen Besitzrechtsgefühl des Spaniers. Außer den unvermeidlichen Mißverständnissen, die dadurch entstanden, daß sie gegenseitig mit ihren nationalen Sitten nicht vertraut waren, kamen – durch die eben erwähnte Verschiedenheit in ihrer Art zu lieben – stets andere hinzu. Rahel, die Urquijo lauter große, reine und gute Gefühle zutraute, hoffte, daß seine Eifersucht – wie unvernünftig, ja wahnsinnig sie ihr auch vorkam – die Stärke seiner Liebe bewies. Sie tat alles, um ihm zu zeigen, wie tief sie ihn liebte. Aber sie konnte ihn nicht wild und eifersüchtig lieben wie eine Spanierin, sie mußte mit der Hoheit und Einheitlichkeit ihrer eigenen Natur lieben. Und es half nichts, daß sie in ihrer hochsinnigen Seelenreinheit, in ihrer kindergleichen Gutgläubigkeit vollkommen war. Denn gerade die Züge, die ihre Hingebung beweisen, schienen ihm ihre Kälte zu beweisen. Liebe ist die größte Ueberzeugung – Auge, Ohr, Gefühl, Herz, alles ist unwiderstehlich überzeugt: kann man widerstehen, dann liebt man nicht, aber darum lieben auch nur Menschen, das heißt hohe, überzeugungsfähige Geschöpfe, sagt Rahel selbst. Daß Urquijo selbst ein erotisches Verhältnis ernst nahm, das zeigen einerseits seine oben erwähnten Skrupel, andererseits die Tatsache, daß er später ein aus allen Gesichtspunkten unbedeutendes Berliner Mädchen heiratete, das seine Geliebte geworden war. Aber er konnte den Ernst in Rahels Gefühl nicht verstehen, weil es von seinem eigenen zu verschieden war. Eine äußere Schwierigkeit lag darin, daß Urquijo die deutsche Sprache wohl verstand, aber nicht sprechen konnte, und daß Rahel seine Sprache überhaupt nicht kannte, so daß ihr Briefwechsel – außer, wenn Rahel ab und zu einmal ins Deutsche verfällt – so wie auch ihre Gespräche französisch geführt wurden. Nur ein unbedeutender Teil des Briefwechsel ist erhalten, aber aus diesem Rest kann man schließen, was diese Briefe Rahels gewesen sein müssen, die Varnhagen später zu lesen bekam, und in denen er eine solche Lebensfülle, eine so flammende Glut fand, daß er sich nur ein Gegenstück dazu denken konnte: die – gleichfalls zerstörten – Briefe Rousseaus an Madame d'Houdetot. Von Urquijos Briefen sind nur einige unbedeutende Billets erhalten. Der Konflikt, der schließlich Rahel auch von Urquijo trennte, war nicht wie bei Finckenstein der alte zwischen Geburtsvorurteil und Liebe. Es war ein ganz moderner Konflikt, der zwischen des Mannes und des Weibes Art, zu lieben, und er war noch weiter dadurch kompliziert, daß Urquijo ein Maß von Eifersucht besaß, das sogar das gewöhnliche Maß des Spaniers übersteigt und dazu ein geringes persönliches Selbstvertrauen. Wo ein Othello ist, tritt immer ein Jago auf. Diese Rolle spielte hier Urquijos Freund, ein spanischer Graf, der um Rahel geworben, aber einen Korb bekommen hatte, und der nun stets Urquijo gegenüber auf Rahels Ueberlegenheit als einen Grund hinwies, ihr zu mißtrauen. Als Rahel fand, daß ihre vielen Freundschaftsverhältnisse und geselligen Freuden Urquijo als ein Diebstahl an ihm erschienen, gab sie das Gesellschaftsleben auf, zog auf das Land und traf mit niemandem außer mit ihm zusammen. Aber nicht einmal dies konnte ihn überzeugen. So verging ein und ein halbes Jahr, während dessen Rahel ihr Glück nach Augenblicken rechnen konnte, während der Schmerz mit jedem Tage zunahm. Seine Macht über sie war noch immer dieselbe. Nach der erregtesten Stunde kann ein zärtliches Wort von ihm »ihre Seele ausheilen «, ihr Herz von neuem öffnen, die Liebe wieder und wieder aufs neue wecken und ihm entgegenströmen lassen. Wie ist es denkbar, meint Rahel, daß er von seinem krankhaften Mißtrauen nicht zu heilen sein soll, und daß sie nicht schließlich glücklich werden müssen, da sie einander lieben; da sie beide gute, einfache, reine Herzen sind, mit anderen Worten alles besitzen, was not tut, um lieben zu können? Denn, fährt Rahel mit tiefer Wahrheit fort, man kann nicht lieben, wenn man nicht diese wesentlichen Eigenschaften hat: dieselben, die die Religion verlangt. Wie kann er glauben, daß sie zuviel »Geist« hat, um ihn lieben zu können? Ihr ganzes Genie ist ja ihre Macht zu lieben! Sieht er nicht, daß » der Zauber so wirkt «, daß sie immer mehr und mehr von ihm abhängt; ja, daß seine Gegenwart sie stets aus einem » Schmerzensgefühl « erlöst? Sie sagt ihm, daß, was auch kommen mag, ihr Herz ihm für das ganze Leben angehört. Und sie muß es ja besser kennen als er, da es doch das ihre ist? Wie kann er es tadeln, daß sie ihr Gefühl offen zeigt? Ist es nicht der Adel einer Frau, lieben zu können? Ja, die Frau hat keinen andern Rang und keinen andern Stand, und sie für ihr Teil wollte immer ihre Liebe zeigen, wollte niemals verbergen, daß sie nur für ihn lebte. Die Treue versteht sich von selbst, sie ist eine Bedingung der Liebe. Ohne ein treues Gemüt kann man gar nicht lieben, nicht leben, möchte ich sagen; denn was weiß man von sich selbst, wenn man sich nicht treu fühlt? Dann kann man sich ja selbst nicht wiedererkennen! Wie ich dich liebe, deine Seele liebe! Glaube mir, ich erkenne ich durchdringe sie; keine ihrer Regungen entgeht mir; die meine ist ihrer wert, und ich errate, verstehe sie. Das ist mein Geist, mein Witz; glaube nie, daß ich anderen habe, nur diesen! Ich bin geschaffen, dich zu lieben, und das ist alles ... Welch Wunder, daß du mich liebst. Ja, ich glaube es, aber es ist viel ... Sie fleht ihn an, nicht zwischen seinem Verstand und seinem Herzen zu unterscheiden; denn lauscht man dem Verstände recht, so stimmt er immer dem Herzen zu! Sie zeigt ihm wieder und wieder, daß das, was ihm an ihr unbegreiflich scheint, daher kommt, daß er nicht einsieht, wie eins mit ihrer Liebe, wie ganz unweltlich sie ist; daß sie » einfach bis zur Dummheit « ist, und daß dies gerade die Eigenschaft ist, die sie an sich selber liebt. In jedem Augenblick, in dem sie sich in Harmonie mit ihm gefühlt, hat sie die religiöse Weihe ihrer Liebe empfunden und gehofft, daß sie ihr ganzes Leben heiligen wird. Denn schon jetzt macht sie ja den einen dem andern heilig, und sie baut darauf, daß er einsehen wird, daß dieses ihr Zusammenleben – » voller Seele, Vollgefühl, Herzensehrlichkeit « – die einzige Wirklichkeit ist, während seine Zweifel lauter Unwirklichkeiten sind. Wie groß – und wie unklug! – ist nicht Rahel in ihren Versicherungen, daß sie auf seine Liebe baut! Aber die Frauen, die die Liebe des Geliebten auf die Probe stellen wollen, sind, meint Rahel, entweder » verrückt oder sie lügen, oder sie lieben nicht!« Sie wollte alle Leiden auf sich vereinigen, damit er vom Schmerz verschont bliebe, und sie würde doch mitten im Leid glücklich sein, wenn er sie nur liebte. Sie sucht ihn davon zu überzeugen, daß die Liebe, wenn sie echt ist, » eine Kraft des Herzens, ein Feuer der Seele, eine Einheit der Geister, eine Reinheit des ganzen Wesens ist «; ja, daß diese Herzenswärme dieselbe ist, die Religionen geschaffen und Feldschlachten gewonnen, die das Dasein aufgebaut und alle heiligen Bande geknüpft hat. Sie klagt, daß die Natur und die Verhältnisse ihr versagt haben, ihre Seele durch äußere Schönheit zu offenbaren. Denn es wäre ihr höchstes Glück gewesen, sich so demjenigen offenbaren zu können, » für den allein ich allen Reiz mit meinem Blut erkaufen möchte, für den allein ich lebe und schön sein möchte. « Als Urquijo – vor einer Reise – ein paar Stunden in ihrem Heim ausgeruht hat, erzählt sie ihm nachher, wie sie neben ihm gesessen und sich an seinem ruhigen Schlummer erfreut hat, wie sie über ihm gewacht als eine Schwester, als ein Weib, das ebenso sicher sein war, wie das Herz in seiner Brust; wie die Luft rings um ihn glühend von Zärtlichkeit war, und wie sie ihre Seelen verflochten und sie beide in stillem Gebet emporgehoben hat. Es blieb Rahel ein ewig qualvolles Rätsel, daß eine Frau, die so in jeder Tat und mit jedem Wort die Einheitlichkeit und Innigkeit ihrer Gefühle offenbarte, den Gegenstand ihrer Liebe nicht davon überzeugen konnte. Sie war doch offenbar, wie die Wärme der Sonne, wie die Frische der Luft. Warum wurde sie nicht wie diese großen natürlichen Dinge erkannt und geschätzt? Und als sie sich wieder und wieder sagen mußte, daß er ihr doch nicht glaubte, da wurde das ganze Dasein für sie zusammenhanglos, so als wenn seine Grundgesetze aufgehoben wären. Wenn er ihre Liebe nicht erwidert hätte – dies hätte sie begreifen und sich darein ergeben können. Aber ihr ganzes Wesen sträubte sich gegen diese Mißhandlung ihres Gefühls, diese Blindheit gegen ihr Wesen, dieses unergründliche und grausame Rätsel. Es finden sich in Urquijos Briefen ein paar, während einer Krankheit geschriebene Zeilen, die einen Leitfaden zum Verständnis des Rätsels geben, namentlich, wenn man sie im Zusammenhang mit seiner späteren Geschichte sieht. Er schreibt: »Deine Ruhe, die unter anderen Verhältnissen mein Unglück wäre, lindert mein hartes Schicksal etwas. Ich will Dich so wenig als möglich sehen, wenn Du mir nicht das Gegenteil befiehlst. Du mußt den Grund ahnen. Deine Worte trösten mich, aber Deine Gegenwart schürt das Feuer.« Wenn Rahel sich später mit Bitterkeit fragte, warum er an das unbedeutende Mädchen glaubte, das zuerst seine Geliebte und dann – nachdem er sich von ihrer Liebe überzeugt hatte – seine Gattin wurde, dann ist die Antwort vielleicht diese: Sie gab ihm den Beweis ihrer Liebe, den Rahel nicht gegeben, und der – für die südländische Erotik – der einzig überzeugende ist. Dazu kam auch, daß Urquijo sich mit vollem Rechte Rahel inferior fühlte, daß er ihr Interesse für ihre Freunde sah, und daß er sehr geringes Vertrauen zu seiner Gabe, Liebe zu erwecken, besaß. Urquijo hat ganz gewiß unter seiner Unfähigkeit, sich überzeugen zu lassen, tief gelitten, so wie Rahel unter ihrer Unfähigkeit, zu überzeugen. Mittelbar hat Rahel gestanden, daß sie bereut hat, sich aus Mangel an Mut der Liebe nicht ganz hingegeben zu haben, nämlich als sie sich mit Pauline Wiesel vergleicht. »Es ist ein Unterschied zwischen uns: Sie leben alles, weil Sie Mut und Glück hatten: ich denke mir das meiste, weil ich kein Glück hatte und keinen Mut bekam. Nicht den, dem Glück das Glück abzutrotzen, es ihm aus den Händen zu ringen. Ich habe nur den des Tragens erlernt«, schreibt Rahel an Pauline. Rahel klagt auch über den Irrtum, »daß man als Unsinniger sein Leben in Schmerz, Unsinn, Dürre, Sand und Wust, in wahnsinnigem Torheiten hinrinnen läßt, nicht beachtend, daß kein Tropfen zweimal fließt, der Diebstahl an uns selbst geschieht und gräßlicher Mord ist. Bloß weil wir ewig Approbation haben wollen, aus der wir uns nichts machen, und nicht tapfer genug sind, menschlich Antlitz nicht zu fürchten und dreist zu sagen, was wir möchten, wünschen und begehren. Nichts ist heilig und wahr und unmittelbare Gottesgabe, als echte Neigung; ewig aber wird die bekämpft, für anerkanntes Nichts. Das Fremdeste lassen wir uns aufbürden und so kommen wir uns selbst abhanden ...« »Nur Neigung und Herzenswünsche! Kann ich ihnen nicht leben, bin ich dazu zu elend, zu verworfen, zu heruntergerissen und mißhandelt, so will ich sie von nun an in mir ergründen und sie anbeten! Gottes starker Wille ist das im Herzen – im dunkeln, blutwogenden – das keinen Namen bei uns hat – deswegen täuschen wir uns, bis es tot ist.« Wenn auch diese Aussprüche aus vielen Erfahrungen, fremden wie eigenen, hervorgegangen sind, so ist es doch wahrscheinlich, daß Rahel irgend ein bestimmtes Versäumnis gegenüber den Forderungen der Leidenschaft im Sinne hatte, als sie diese Worte niederschrieb. Aber war es das oben Angedeutete, dann ist es sicher, daß Rahels Mangel an Mut nicht nur durch die Rücksichten verursacht wurde, die sie erwähnt, sondern – wie bei vielen anderen Frauen – durch die Ueberzeugung, jener Zauberkraft zu entbehren, die das Wagestück zum Sieg macht. Der Mann, dessen Liebe sie bewahren sollte, der müßte erst mit ihrer Seele verschmelzen und sie verstehen! Hier lag wahrscheinlich der Brennpunkt aller Gegensätze: zwischen dem nordischen und dem südländischen Blut, zwischen der Liebe des Mannes und der des Weibes, und dazu zwischen einem hochentwickelten Weib und einem gewöhnlichen Mann, die überdies durch Rasse und Nationalität getrennt waren. Und schließlich der Gegensatz zwischen zwei grundverschiedenen Temperamenten und zwei grundverschiedenen Auffassungen der Liebe! Dieser Gegensatz macht Rahels Unglück typisch für viele entwickelte Frauen unserer Zeit Rahel gehörte der immer wachsenden Gruppe von Frauen an, die wohl Sinnlichkeit besitzen, aber den Mann nicht durch diese gewinnen wollen, sondern die wünschen, daß die sinnliche Einheit die Folge der vereinten Flamme zweier Seelen sei. Die Männer fühlen sich hingegen von jenen Frauen, die durch die Macht ihrer eigenen Sinnlichkeit die des Mannes erregen und so – wenn sie selbst eine Seele haben – allmählich auch die seine gewinnen, mehr angezogen und glauben sich von ihnen mehr geliebt. Die Reinheit und Wahrheit von Rahels Wesen machte es ihr unmöglich, die sinnlichen Mittel anzuwenden, durch die jene letztere Art von Frauen die Männer behalten und beherrschen. Und es wurde Rahels ungeheure Qual, Urquijos Gefühl durch das schwinden zu sehen, was sie selbst als die Stärke und Schönheit ihres eigenen Gefühls empfand. Auch in Rahels Liebe war Leidenschaft, aber diese war die Brandung eines Meeres der Hingebung und Treue. Aus Rahels Worten kann man sich die Art von Urquijos Anklagen denken. Von den Auftritten, die sich täglich wiederholten, hat sie einen geschildert, aus dem man auf die übrigen schließen Wann Sie gingen zusammen im Tiergarten spazieren, als Rahel eine ihr unbekannte, ungewöhnlich schöne Dame erblickte und sie näher ansehen wollte. Dieses Interesse Rahels für jemand anderen als ihn selbst brachte Urquijo außer sich, und als Rahel zu seinen Vorwürfen seufzte, rief er aus: »Finckenstein hat dich ja schon schlecht behandelt, du mußt doch daran gewöhnt sein.« Bei diesen Worten erlebte Rahel einen jener Augenblicke, in denen das Dasein für uns in Trümmer geht, Augenblicke, in denen alles uns Umgebende sich uns mit der größten Klarheit einprägt Rahel erinnerte sich auch für immer, daß sie » in tiefem Walde standen, gegen das Wasser in der Abendsonne «, als diese Worte fielen. Und sie antwortete: » Wenn diese Worte in einem Drama gesagt würden, so würden die Zuhörer erzittern und in Tränen ausbrechen. « »Das ist wahr«, antwortete er. »Aber das soll dich von mir loslösen und dir zeigen, daß wir nicht zusammen leben können.« Rahel hatte solange ausgeharrt, als sie an seine Liebe glaubte, sogar noch ausgeharrt, als er ihr sagte: Ich liebe dich, aber ich achte dich nicht; als er ihr sagte, er glaube, sie betrüge ihn mit anderen; sagte, daß sie ihn nicht liebe. Aber als er schließlich sagte, daß er sie achte, aber nicht liebe, da fand sie die Stärke, sich loszureißen, obgleich jede Fiber vor Schmerz zitterte und jeder Blutstropfen von jenem Zauber erfüllt war, den er für sie noch immer besaß und niemals verlor. Solange er von seiner eigenen Liebe gesprochen, von seinen Zweifeln an der ihren – während er diese durch seine Eifersucht zur Raserei anfachte – war ihr dieser Bruch unmöglich gewesen. Jetzt fand sie, wie sie später sagte, den Mut, aber nur im Zornesmut über die ihrer unwürdige Behandlung; nur in der Ueberzeugung, daß es sich jetzt um » den Wert und die Möglichkeit ihres Seins « handelte, obschon » es die reinste Flamme war, die ihr Herz verbrannte «. »Einmal lebt' ich ganz für einen Menschen. Ich liebt' ihn bis zur Tollheit! Denn er, sein Anblick war mir das Jetzt und das Künftige und in einem Sinn blieb es wahr – auch gedacht' ich in meiner Seele ihn nicht zu verlassen. Ich log: ich sprach die Forderungen meines Herzens, die Gebühren meiner Person nicht aus, um das mörderische Nein nicht in Worten zu hören; ich ließ mich ersticken; ich wollte mich nicht durchbohren lassen: elende Feigheit! Ich wollte, Unglückselige, das Leben des Herzens schützen; ich stellte mich vor, ich stellte mich hinter, ich log und log und log.« So erniedrigend darf man sich auch in der größten Leidenschaft nicht vom Schmerz auseinanderzerren und herumschleppen lassen. Man ergibt sich der Liebe, guter oder schlechter, wie einem Meere, und nun bringt Glück, Kraft und Schwimmkunst dich über, oder es verschlingt dich als sein. Darum sagt Goethe: Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat? ... Da packt' ich mordgewaffnet mein eignes Herz mit meiner Hand und ging: wie aus dem Leben. Denn ich wußte, es war wie zu einem schwarzen Tod, und schrieb selbst: Ich wähle die Verzweiflung, die ich nicht kenne. Es war ein langes Morden. Und es entstand eine Wüste, die schrecklicher als Schmerz, Riß und Vermissen des Geliebten ist. Tadle mich, wie ich die feige Niedrigkeit tadle! Aber dies bedenke: daß die Natur in ihn und in mich zu diesem Zauber – einen Zauber für mich gelegt hatte, wogegen das hellste Bewußtsein des Denkens nicht schnell genug arbeiten konnte. Der Eindruck war stärker. Dies ist Liebe. In der ersten Zeit ihrer Verzweiflung sagte sich Rahel, daß Urquijo sie nie geliebt hatte, da er so blind gegen ihr tiefstes Wesen sein konnte, daß sowohl er wie Finckenstein nur » Schatten, von meinem Feuer koloriert «, waren. Aber auch diesem Gedanken gegenüber hatte Rahel jenen amor fati, der nichts von dem Schicksal unerlebt wünscht, das sie verurteilt hat, einsam zu bleiben, obgleich Menschen sich um sie drängten und » unbefriedigt sterben zu müssen «, obgleich sie selbst eine Welt zu geben hatte. Dieses ganze Leben ist mir entrissen, wenn ich auch den Himmel in mir trage ... Ich fühle eine ganze Tränenflut in der Brust über dem Herzen, und jedes erinnert mich an alles. Nichts scheint mir mehr einzeln: ich fühle mich ganz gefangen. Mit dem höheren Leben tröste ich mich nicht! Ein schönes Erdenleben würde das nicht ausschließen. Es erhöht und schärft jeder Augenblick mir das immer innigere, tiefe Gefühl des unfaßbaren Verlustes! – Es gelangt keine Freude zu meinem Herzen; wie ein Gespenst steht er unten und drückt es mit Riesengewalt zu. Und nur Schmerzen kommen dahin; dies Gespenst, dies verzerrte Bild, ich lieb' es. Oh, den einzigen Vorteil gewährt der wahre Schmerz, wenn er zur Besinnung dringt, daß er nie wieder kommen kann, daß er uns wirklich von dem Stück Leben losgeschnitten hat, woran er blutend riß. So ging es mir.« (Ende 1806.) Herzensübel sind Wohltaten, Liebesschmerzen verworfene Liebe, Wonne ... So bereu' ich nichts. Und ruhe auf meinen gehabten Plagen und Schmach sanft wie auf Lorbeeren und der schönsten Myrte. Wer untersucht, wie ich: dem geht's nicht besser. Mein Leid ist also menschlich und zu kleinem Jammer zu groß!« »Nie habe ich gelebt und nie gesagt, was Leben ist: Liebe, die nicht Gift wird, die nicht Schmerz bleibt.« Wie oft sie sich auch – wie unzählige andere Frauen – gefragt hat, warum ihr höchstes Gefühl das mißhandeltste wurde, so hatte sie doch im Innersten die Gewißheit empfunden, die aus unzähligen unbeschreiblichen und unsagbaren Dingen quillt, und die sich nicht ergrübeln läßt: die Gewißheit, trotz alledem doch von Urquijo geliebt worden zu sein. Und als dieser sie mehrere Jahre später wieder aufsuchte, und sie dadurch veranlaßt wurde, seine Briefe wieder zu lesen, da fühlte sie, daß diese ebenso gewiß wie ihre eigenen der Ausdruck einer wirklichen Liebe waren. Sie entschloß sich, an ihn die Frage zu richten, die sie in unzähligen Nächten und Tagen gleich einem Dolche in ihrer Seele hin und her gedreht, die Frage, ob er wirklich geglaubt, daß sie ihn betrogen habe? Als Urquijo eifrig beteuerte, daß er dies nie geglaubt, sammelte sich in Rahels Antlitz, in ihrer Stimme all das Grauen, mit dem jahrelange sinnlose Qualen uns erfüllen, und sie rief aus: »Warum haben Sie es dann gesagt?« Urquijo beantwortete die Frage nicht, aber versicherte in höchster Erregung, daß es für den, der liebt, keinen Frieden gebe; daß namentlich er ein sehr unglückliches Herz habe, daß er sich stets als der wenigst Schöne, wenigst Liebenswürdige, wenigst Bedeutende unter den Männern fühle, und darum nicht an die Liebe eines Weibes zu glauben vermöge. Daß Rahel dies nachher seine »alte Litanei« nannte, zeigt, welchen wesentlichen Anteil dieser Mangel an Selbstvertrauen an dem Konflikt hatte; vielleicht auch, daß Rahel die Echtheit von Urquijos Leiden unterschätzte. Er versicherte z.B. wieder und wieder, daß es ihm undenkbar erschienen sei, daß ein so auserlesenes Wesen wie Rahel einen Mann wie ihn lieben könnte. Rahel, die einen Tropfen Trost erhoffte – den, daß er schließlich ihre Liebe einsehen und erkennen würde – erhielt ihn also nicht. Wie sie selbst sagt: Urquijo glaubte, daß sie eine »Ehrenrettung« für ihre weibliche Tugend wollte, und die gab er ihr. Was sie aber mit ihrer ganzen glühenden Seele ersehnt hatte, eine Ehrenrettung ihrer Liebe, die blieb aus. Und sie, die ihn strahlend wie einen jungen Gott vor sich sah, kam nie auf den Gedanken, daß vielleicht in ihm wie in ihr die zarten Flügel des Selbstvertrauens schon in der Kindheit geknickt waren. Die einzige Verteidigung, die sie für ihn fand, war, daß er sie ebenso unschuldig getötet hatte, wie das »Beil, das einem großen Manne den Kopf abhaut« ; daß er seiner Natur nach ja nicht einmal ahnen konnte, daß es »je ein solches Geschöpf geben kann wie ich es bin« . Aber damit erklärte sie das Geheimnis nicht, sie versetzte es nur in das Gebiet des Unbewußten. Durch zahllose frühere Wesen und zahllose geheimnisvolle Einflüsse werden Jahrtausende, ehe wir geboren werden, die feinen Fäden gesponnen, die mit unwiderstehlicher Macht einen Lebenden an den andern fesseln. Als später andere sich über Rahels Liebe zu einem Manne mit soviel Fehlern wunderten, antwortete sie, daß sie seine Fehler wohl immer gesehen habe – denn die Liebe sei nicht, wie man meine, die blinde, sondern die klarsehendste Gottheit – aber daß eine solche Einsicht nichts mit der Liebe zu tun habe. Wir und alles, was wir wissen, bezieht sich auf etwas, was wir nicht wissen; und daher kann man auch soviel schwatzen, wo nichts dahinter ist, und schweigt so selten, weil es doch schwerer ist, an das zu denken, was man nicht sieht ...« Wohl hat sie versucht, » diese Liebe zu zerlegen, damit sie nie wieder lebe «. Aber die Kraft dazu hat ihr gefehlt; denn sie ist von der » neuen europäischen Liebe « in ihrer ganzen verhängnisvollen Macht ergriffen. »Ich glaube, hätte der Gubernator dieser Erde nur ein Exempel solcher Liebe in all ihren Wendungen und Möglichkeiten, in ihrer höchsten Kraft, Echtheit und Reinheit gewollt, gepaart mit dem höchsten Bewußtsein über sich selbst und also in größthöchster Möglichkeit ihrer Martern, aus der ganzen Seele Umfang, wie mit Facetten versehen, um jeden Schmerz reflektierend zurückzuschicken, so wäre es mit mir genug gewesen.« Immer steht sie ohne Antwort vor ihrer eigenen Frage, warum sie gerade durch diesen Mann zum ersten und einzigen Male in ihrem Leben » dieses Liebesfieber, diese völlige Befriedigung im Anschauen seiner Person « empfinden mußte. »Dieser Mensch, dieses Geschöpf hat den größten Zauber über mich verübt, verübt ihn darum noch. Dem gab ich ... mein ganzes Herz und dies können einem nur Liebe und Würdigkeit zurückgeben, sonst kriegt man's nie. Gibt es also Fluchzauber? Gibt es, sich einem Teufel ergeben? Als er aus dem Zimmer war, fiel ich laut schreiend, das Herz gegen die Rippen zersprengt, hin und frug Gott, ob man ein, Herz veräußern könnte, er wüßte ja, daß man ohne Herz nicht weiter leben kann ... Es ist, als müßte er mir etwas herausgeben, was er von mir hat, und seine Liebe könnte mich noch entzünden und heilen. Bis ich nicht einen stärker lieben kann ... bleibt der notwendige Teil meiner Selbst zum Glück zurück, der Quell des hellsten, intimsten Seins begraben unter schwerem Fluch und Zauber. Ah! Ewiges Schicksal, wahr wirst du bleiben, solange ein Bestandteil einer Faser von mir zusammen bleibt. Wahr wirst du ewig, gewesen sein! Wahr! Wahr war das Ewig, was ich dem tauben ewig schrieb ... Wahr, daß ich das Bild für meine Sinne fand; mein Herz für ewig zu ihm schleuderte; wahr, daß er mich nicht empfand; wahr die schreckliche Disharmonie. Wie wenige lieben! Unter Generationen nur eines. Treue liegt in den Sinnen: im Schauen des Geistes in das Herz; in seiner Mächtigkeit. Dies große Geschenk habe ich Elende ohne des Glückes Krone, ohne seinen Einklang ...« »O! Welche Krankheit ist eine Liebe! Wieviele Willkür, wieviel Tollheit darin, weil auch die Willkür sich gleich zur Ohnmacht verkehrt: Dies ist der Zauberklang, der Lebensfunke darin, der das Mark hoch, auflodernd verzehrt – wie krank ist der, der lieben muß. Und dies ist unsere echte Liebe – nickt die erste – wo kein Stäubchen von uns konserviert wird, wo wir den letzten Blutstropfen ehrlich geben. Da hilft nur ehrlich leiden.« Sie fühlt, »wie die ganze Welt einer Seele zur Folterbank dienen kann; wie eine Seele, vom Himmel zur Erde auseinandergezerrt sein. kann – diese Verzerrung ist Leidenschaft – wie niedrig man sein kann, daß unser inneres Schicksal von den Göttern herrührt. Und daß großes Unglück große Verachtung verdient.« Rahels hier angeführte, teilweise an Varnhagen gerichteten Geständnisse, welche Macht Urquijo noch immer über sie besaß, haben ein interessantes Gegenstück in einem Briefe, den Madame Staël, – damals mit Rocca verheiratet – an Benjamin Constant schrieb, ein Brief, in dem sie ihm eigentlich ohne Worte sagt, daß solange ihr Herz schlägt, er in diesem Herzen einen Platz hat, den kein anderer je besessen, noch besitzen kann. Daß eine gewisse Stimme, ein gewisses Lächeln, ein gewisser Blick, ein gewisses Naturell vor allen anderen Wesen, nahen oder fernen, ein anderes Wesen zwingt, in seinem Zauberkreis zu bleiben, auch wenn dieser Zauberkreis ein Höllenring ist, so wie ihn Dante geschildert hat, das ist das Rätsel. Und Rahel grübelte ihr Lebenlang über dieses Rätsel nach. Aber das Grübeln kann den Kopf weiß machen, ohne einen Funken Licht in das Irrationelle zu bringen, in dem das Wesen der Liebe besteht. Durch all ihr Brüten über das Schicksal ihrer Liebe erlangte Rahel auch keine andere Gewißheit als die: » Ich kenne die Krankheit, ich habe sie genossen. « Und sie drückt ihre Gedanken über das Leben mit Goethes Worten aus: »Wie wunderbar, daß uns nicht allein das Unmögliche, sondern auch so manches Mögliche, versagt ist ...« * * * Noch im Jahre 1807 fühlte sie sich nicht » wie eine Verwundete, sondern wie eine Vernichtete «. Und sie weiß, daß sie niemals »zusammenwachsen« kann. Aber sie war » nicht für die Berührung der Welt tot «, obgleich sie nicht mehr jenen Punkt in der Seele besaß, »wohin ein Leben geht, wohin es strömt«. Allmählich fühlte sie doch, daß sie lebte, genießen, sich zerstreuen, » die Welt fühlen « konnte; ich habe, sagt sie, » meinem Herzen manche Neigung eingeimpft, wofür ich keinen Namen habe. Ich beginne, Ruhe Uebersicht und Freude über die Uebersicht meiner selbst « zu empfinden. Es ist allmählich neues Grün in jene Wüstenei gekommen, die sie ihr Herz nennt; sie hat angefangen, zu erfahren, daß » es Klarheit und Glück in und durch uns selbst gibt «. Daß ein Herz voll » schlechtbehandelter Liebe « zu sich selbst zurückkehren kann, zu seinem » eigenen innern Land «. Ja, sie fühlt, » solange man lebt, liebt man, wenn man einmal geliebt hat. Und dieses Leiden ist noch eines der besten. Ich sträube mich nicht gegen mein Herz: das ist meine Kunst. « Rahel gehörte nicht zu den armen, starren und selbsterfüllten Naturen, die trauern wollen, die ihre Wunden wieder und wieder aufreißen, wenn sie sich zu schließen beginnen. * * * Eine Frau, die sich trotz aller Leiden lebendig bewahrt, die l'esprit gai et le coeur triste hat, übt gewöhnlich eine große Anziehungskraft auf die Jugend aus. Und gerade in diesen Jahren gewann Rahel einen neuen Vertrauten in einem jungen Mann, der so wie David Veit nur ihr Freund war und blieb, aber dies im allervollsten Sinn des Wortes. An ihn wie an Veit sind mehrere von Rahels bedeutungsvollsten Briefen gerichtet. Dieser junge Mann war Alexander v. Marwitz, aus einer angesehenen Adelsfamilie, deren Gut nahe von Berlin lag. Er war zweiundzwanzig Jahre alt, als er Rahel im Jahre 1809 kennen lernte und hatte gerade die militärische Laufbahn, die ihm qualvoll war, aufgegeben, um als Landmann und Gelehrter auf seinem Gut zu leben. Aber er fühlte sich – wie die meisten tiefangelegten jungen Menschen seines Alters – unglücklich durch die Kluft, die zwischen seinem idealen Willen und der ihn umgebenden Wirklichkeit lag, zwischen seiner heißen jungen Kraft und den unbedeutenden Zielen, für die er sie einsetzen konnte; und seine Schwermut nahm die Form des Selbstmordgedankens an. In dieser Dunkelheit fand er Hilfe bei Rahel, von der er in seiner bewundernden Dankbarkeit schrieb: »Sie mag wohl jetzt das größte Weib auf Erden sein.« Sie half ihm nicht nur durch die Sympathie mit seinem Leiden, sondern auch dadurch, daß sie ihn empfinden ließ, wie notwendig er ihr war. Sie lehrte ihn, daß Naturen » mit den doppelten Gaben, dem zweifachen Sinn « lernen müssen, die Einsamkeit zu tragen und ihren Trost darin zu finden, für andere zu wirken, denn das Leben der nur klagenden ist ein elendes Leben! Wohl war es wahr, daß die Zeit keine Großtaten zu vollbringen bot, aber was allen blieb, war » das allernächste gut zu machen «. »Sie können der Zeit nicht entfliehen. Jeder Mensch ist in seine Zeit gebannt. Unsere ist die des sich selbst ins Unendliche bis zum Schwindel bespiegelnden Bewußtseins.« »Leben, lieben, studieren, fleißig sein, heiraten, wenn's so kommt, jede Kleinigkeit recht und lebendig machen, dies ist immer gelebt, und dies wehrt niemand.« Aber tun dieses Verständnis zu zeigen und diese Ratschläge geben zu können, mußte sie erst selbst jene Weisheit erringen, die sie in Worte wie diese zusammengepreßt hat: »Das gestählte Herz, die sich alles gewärtige Seele, der nichts bleibt, als ihr eigenes Gewissen; die von diesem innersten Punkt des Seins aus sich auf ihr selbst stemmt und so ihre Existenz erwartet.« Sie hatte ihm ihre Ueberzeugung beigebracht: »Es gibt ein Universum, in dem entwickeln wir uns. Und es ist ganz gleich, welches Schicksal wir haben, wenn wir zu Sinne gekommen sind: die Entwicklung ist unser Schicksal.« Das Zitierte zeigt, wie Rahel eigene Wunden heilte. Und um dem Freunde zu der Erkenntnis zu verhelfen, daß ein Mensch größere Qualen tragen kann, als seinen eigenen jugendlichen »Weltschmerz«, scheute sie nicht davor zurück, ihm ihre tiefsten Leiden zu enthüllen. Und so gelang es ihr wirklich, den Freund zu retten, von dem sie sagt, daß seine Gegenwart ihr »wie das Auge der Welt« geworden war, so viel Trost und Freude hatte er ihr in dem Zusammenleben bereitet, dessen Art sie so charakterisiert: »Wir leben wie zwei Studenten, wovon der eine eine Frau ist.« Nicht als Selbstmörder, sondern als Held im Freiheitskampf 1813 beschloß Marwitz sein Leben. III. Während Rahel so anderen half, war sie selbst noch immer eine Leidende. Nach der großen vulkanischen Eruption schrieb sie: »Herkulanums hat man ewig abzutragen.« Sie war noch unter Ruinen begraben, als sie vor ihrem Grabe eine junge Stimme ein lockendes Lied von neuem Leben singen hörte. In der bewegten Zeit des Verhältnisses zwischen Rahel und Urquijo sah Varnhagen Rahel zum erstenmal in einer Berliner Familie, wo er Hauslehrer war. Mit Interesse, doch nur aus der Ferne betrachtete er die berühmte Rahel; sie dürfte den achtzehnjährigen Jüngling wohl kaum beachtet haben, es sei denn, als ein Mitglied des Kreises literarisch interessierter und beschäftigter junger Männer, dem ihr Bruder Leopold angehörte. Varnhagen von Ense war am 21. Februar 1785 in Düsseldorf geboren. Sein Vater war Arzt, und als dieser starb, beschloß der fünfzehnjährige Knabe auch diese Laufbahn einzuschlagen. Seine Mittellosigkeit machte die Studien jedoch langwierig, und er änderte seine Pläne mehr als einmal, ehe sie zur Ausführung kamen. Sein zweiter Lehrerposten war in Hamburg. Und da verliebte er sich in die Mutter seiner Schüler, Fanny Herz, eine Witwe, die mehrere Jahre älter war als er. Da sie seine Neigung erwiderte, kam es zu einer geheimen Verlobung. Diese dauerte während seiner Studienjahre fort, so daß er noch immer in dem erwähnten Verhältnis zu Fanny Herz stand, als er 1807 zum zweitenmal in Rahels Nähe kam, auch damals in ihrem Freundeskreise in Berlin. Sie machte sogleich einen starken Eindruck auf ihn, und seine Ahnung von ihrem einzigen Wert wurde zur Gewißheit, als er die unbedingte Bewunderung, ja Ehrfurcht sah, mit der sein verehrter Lehrer Schleiermacher Rahel behandelte. Später sah Varnhagen sie bei Fichtes Vorlesungen, aber erst an einem Frühlingstage 1808 wagte er es sich auf einem Spaziergange Rahel zu nähern und ein Gespräch anzuknüpfen, bei dem es ihm gelang, sie so zu interessieren, daß sie ihn aufforderte, sie zu besuchen. Rahel, die damals gerade siebenunddreißig Jahre war, betrachtete anfangs den dreiundzwanzigjährigen Varnhagen als einen jungen Mann, dem sie, wie Marwitz, in seinem Lebenskampfe helfen konnte. Bald erlebte sie jedoch zum zweitenmale die Erfahrung, die sie durch Bokelmann durchgemacht hatte: daß ein seelenvoller Jüngling seiner Schwärmerei den Namen Liebe gab – da es für die höchsten Gefühle keinen anderen Namen gibt als diesen einzigen. Und wie damals hielt sie auch Varnhagens erotisch gefärbte Schwärmerei für etwas Vorübergehendes und konnte selbst anfangs keine andere Liebe fühlen als die wunschlose, die nur Freude über den Jüngling selbst war und Dankbarkeit für seine Sympathie. Aber der Ausgang wurde ein anderer, und Varnhagen erhielt eine Bedeutung in ihrem Leben, die die Bokelmanns ebensosehr übertraf, wie Urquijos Bedeutung die Finckensteins übertroffen hatte. * * * Varnhagen gehörte zu den damals so wie heute seltenen Männern, für die das seelische Moment in der Liebe das sinnliche übertrifft oder doch zum mindesten aufwiegt; für die das psychologische Interesse die stärkste intellektuelle Leidenschaft ist, und bei denen die geistige Empfänglichkeit größer ist als die Schaffensmacht. Goethe nennt Varnhagen eine »sondernde, suchende, trennende und urteilende Natur«, und diese Art von männlichen Naturen findet man am häufigsten bei der obenerwähnten kleinen Gruppe von Männern, die die weibliche Persönlichkeit lieben. Ausnahmen lassen sich freilich finden, in erster Linie Goethe. Aber im allgemeinen werden Männer, die von ihrer eigenen Kraft ganz erfüllt sind, nicht mit ganzer Seele von weiblichem Seelenleben, weiblicher Eigenart hingerissen. Der schaffenskräftige, in seine eigene Welt versunkene Mann bereitet darum der geliebten Frau selten das Glück, sich in ihrer allerpersönlichsten Eigenart verstanden und gewürdigt zu fühlen: sie ist für ihn noch immer das Geschlechtswesen. Der gar nicht oder wenig produktive Mann zeigt sich einer Frauenseele gegenüber viel häufiger eifrig lauschend, fein erwidernd, rasch vibrierend. Solche Männer haben immer viele Freundinnen und – wenn ihr äußeres Wesen nicht unmännlich ist – flößen sie auch tiefe und erotische Gefühle ein. Das weibliche Seelenleben hat für sie denselben Reiz wie die weibliche Körperlichkeit für die Mehrzahl der Männer. Denn sie sind mit dem neuen Sinn ausgerüstet: dem Sinn für die Frauenseele. Oft fühlen sich gerade diese Männer in der Jugend nicht zu den jungen Mädchen hingezogen; denn ihrem eigenen verfeinerten Gefühlsleben, ihrer intellektuellen Reife, ihrer Leidenschaft für die Kultur – vor allem die Selbstkultur – ihrem psychologischen Forscherinteresse gegenüber nehmen sich die jungen Mädchen allzu unentwickelt oder unbestimmt oder unbedeutend aus. Und dies ist um so mehr der Fall, als die seelenvollsten jungen Mädchen häufig in den Jahren vor zwanzig – ja oft auch später – die Eigenart, die sich in ihnen entwickelt, scheu verbergen, so wie gewisse Blütenknospen ihre Farbe, bis die Blume voll entfaltet ist. Bei Frauen in reiferem Alter hingegen finden diese jungen Männer leichter die ausgeformte Eigenart, das differenzierte und durch die Erfahrung vertiefte Seelenleben, die verfeinerten Empfindungen, die vielseitige Kultur, die für sie an einem weiblichen Wesen am anziehendsten ist. Und weil in unserer Zeit die Frauen – durch das reichere, freiere Leben, das sie führen können – sowohl ihre äußere wie ihre innere Jugendlichkeit immer besser bewahren, werden Liebesverhältnisse und Heiraten zwischen Männern der eben erwähnten Art – aber auch von anderer Art – und älteren Frauen immer häufiger. Kein Zeichen der Zeit ist bedeutungsvoller für die Evolution der männlichen Liebe als dieses. Denn die Liebe des Mannes hat dann in den meisten Fällen jenen Verlauf genommen, den die seelenvolle Liebe des Weibes immer nimmt: sie hat zuerst die Seele entflammt und die Flamme der Seele hat die Sinne entzündet. Freilich geschieht es nicht selten, daß ein solcher Mann in reiferen Jahren von Liebe zu einem jungen Weibe ergriffen wird. Aus dem Gesichtspunkt der Gattung ist dies oft sogar wünschenswert – wenn die erste Frau sich darauf gefaßt gemacht hat, den zweiten Frühling, den ihr Leben empfangen hat, durch einen schließlichen Verzicht, bezahlen zu müssen. In jedem Fall sind solche Verbindungen zwischen jüngeren Männern und älteren Frauen oft in hohem Grade entwickelnd für beide. Nietzsche empfahl sie sogar an. »Unnatürlich«, wie die Gedankenlosigkeit sie nennt, werden sie erst, wenn die Frau den Mann zurückhält, sei es mit der groben Macht, die das Gesetz gibt, oder mit der feineren, über die der Schmerz verfügt. Solange die Zwangsehe besteht und solange die Menschen nicht jene Entwickelungsstufe erreicht haben, daß sie ein geliebtes Wesen ebensowenig mit der Leiche seiner Liebe zurückhalten wollen, als sie die Leiche, den toten Körper des Geliebten bei sich behalten wollten, ist eine Verbindung zwischen Männern und Frauen, bei denen der Altersunterschied in der einen oder anderen Richtung groß ist, freilich oft unnatürlich, nicht in ihrem Beginn, aber in ihrer Fortdauer. Doch immer häufiger sieht man heutzutage ein lebenslängliches Glück zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann oder umgekehrt, weil diese Menschen ein wirkliches Verantwortlichkeitsgefühl für den Erfolg ihres Lebensversuches haben, und ein wirkliches Verständnis für die Mittel, durch die sich eine Liebe lebendig bewahren läßt. In dieser wie in so vielen anderen Beziehungen war Rahel ihrer Zeit weit voraus und begriff vom ersten Augenblick an, daß vollkommene gegenseitige Freiheit und Ehrlichkeit die einzigen bindenden Bande sein dürfen. * * * Die tiefste Macht der eben geschilderten Männer über die Frauen besteht vielleicht in ihrer grenzenlosen Sehnsucht nach den Frauen. Diese Don Juan-Naturen auf dem Gebiete des Seelenlebens werden – wie Rahel später von Varnhagen sagte – nicht von irgend einem einzelnen Weib ganz gefesselt. Aber das ganze Frauengeschlecht fesselt sie desto unwiderstehlicher. Ueberall finden sie Frauen, denen sie ihre Erlebnisse beichten, ihre Leiden klagen können, die sie trösten, wenn sie in ihrem empfindlichsten Punkt verletzt werden, sie stützen, wenn sie in ihrem Selbstvertrauen wanken. Die Frau wird der Spiegel, in dem ihre Selbstbetrachtung ihnen ihr eigenes Bild vergrößert zeigt; das Oel, das ihre Arbeitslampe nicht entbehren kann. Dies bestätigt sich auch in Varnhagens Verhältnis zu Rahel. Er begegnete ihr zu einem Zeitpunkt, als er zu der weiten und schönen Empfänglichkeit seiner eigenen Natur auch noch die der Jugend hatte; als er durch eine schon vielseitige Kultur und frühe intellektuelle Reife seinem Alter weit voraus war, während seine Persönlichkeit noch ein Chaos von einander widerstreitenden Anlagen, Wünschen und Gefühlen ist. Sowohl in bezug auf seine Lebensbahn wie auf Lebensanschauung und Liebe suchte er nach dem für ihn Wesentlichen. Und nun fühlte er sich durch Rahel »gleichsam mit einem Ruck auf ein erhöhtes Lebensfeld versetzt«. Er stand vor einer Natur, die der Gegensatz seiner eigenen war, einer Natur in ihrer Eigenart, ebenso stark ausgeprägt wie fest abgeschlossen. Dazu war diese Natur die einer Frau, und einer Frau, deren vollkommene Offenheit ihm gestattete, in die Tiefe ihrer Seele zu blicken, und deren unbegrenzte Freigebigkeit nur mit ihrem unerschöpflichen Reichtum zu vergleichen war. Varnhagen gibt seinen ersten Eindruck Rahels so wieder: »Eine leichte, graziöse Gestalt, klein, aber kräftig von Wuchs, Fuß und Hand auffallend klein; das Antlitz von reichem schwarzen Haar, umflossen, verkündigte geistiges Uebergewicht, die schnellen und doch festen dunklen Blicke ließen zweifeln, ob sie mehr geben oder aufnehmen, ein leidender Ausdruck lieh den blassen Gesichtszügen eine sanfte Anmut. Sie bewegte sich in dunkler Kleidung fast schattenartig, aber frei und sicher, und ihre Begrüßung war so bequem als gütig. Was mich aber am überraschendsten traf, war die klangvolle, weiche, aus der innersten Seele herauf tönende Stimme, und das wunderbarste Sprechen, das mir noch vorgekommen war. In leichten, anspruchslosen Aeußerungen der eigentümlichsten Geistesart und Laune verband sich Naivität und Witz, Schärfe und Lieblichkeit, und allem war zugleich eine tiefe Wahrheit wie von Eisen eingegossen, so daß auch der Stärkste gleich fühlte, an dem von ihr Ausgesprochenen nicht so leicht etwas umbiegen oder abbrechen zu können. Eine wohltätige Wärme menschlicher Güte und Teilnahme ließ hinwieder auch den Geringsten gern an dieser Gegenwart sich erfreuen.« Varnhagen schildert diese erste Zeit des Zusammenseins so: »Unendlich reizend und fruchtbar war diese Erstlingszeit eines begeisterten Umganges, in welchem auch ich die besten Güter zum Tausche brachte, die ich besaß ... Unser Vertrauen wuchs mit jedem Tag ... Weit entfernt, Billigung für alles zu finden, vernahm ich manchen Tadel, und anderes Mißfallen könnt ich unausgesprochen erraten; nur fühlte ich wohl, daß die Teilnahme für mich dabei nicht litt, sondern eher wuchs, und bei diesem Gewinn konnte mir alles übrige nichts anhaben ... Mir war vergönnt, in das reichste Leben zu blicken ... Dieses Leben erschien unzerstörbar jung und kräftig, nicht nur von Seiten des mächtigen Geistes, der in freier Höhe über den Tageswogen schwebte, sondern auch das Herz, die Sinne, die Adern, das ganze leibliche Dasein war wie in Frische und Klarheit getaucht, und die reinste erquickende Gegenwart stand herrschend mitten zwischen erfüllter Vergangenheit und hoffnungsreicher Zukunft ... Varnhagen hatte in seinem Aeußeren nichts Unwiderstehliches. Er war groß und blond, mit reichem welligem Haar um eine hohe schöne Stirn, graublauen, beobachtenden und doch sanften Augen; einer feinen Nase mit leicht vibrierenden Flügeln, einem noch feineren und sensitiveren Mund. Das Ganze war angenehm, ohne ungewöhnlich zu sein. Die Weichheit, die das Gesicht in späteren Jahren zeigte, trat vermutlich in der Jugend noch deutlicher hervor. So wie er war, übte er keine bezaubernde Macht über Rahel aus. Sie hat selbst gesagt, daß ihr verwundetes und gekränktes Herz nicht die Kraft hatte, allein zu lieben; daß es seine Liebe war, die sie gewann, daß sie sich schämte, solange sie allein liebte, aber als sie fand, daß er wirklich liebte, daß er den innersten Zusammenhang ihres Wesens gefunden, da hielt sie ihr Herz auch nicht mehr zurück. Aber, fährt sie fort, jetzt war es nicht nur Dankbarkeit für seine Gabe oder Rührung über seine Liebe. Diese wäre ihr widerwärtig gewesen, wenn sie nicht auch seinen »Liebreiz« entdeckt hätte; wenn nicht ihre höchste Herzensflamme mit der seinen zusammengeschlagen hätte. Rahels letzte Liebe ist eine Bestätigung des Wortes, das ein dänischer Dichter ausgesprochen hat: »Es ist mit unseren Herzen wie mit der Violine, die, einmal zerschlagen, einen besseren Ton, aber einen schwächern Klang gibt.« Rahel war allerdings zweimal der Liebe begegnet. Aber das erstemal war diese so wenig stark gewesen, daß die Eifersucht und die Vorurteile kleiner Frauenseelen sie besiegen konnten; das zweitemal so wenig feurig, daß die Eifersucht und die Vorurteile des Geliebten selbst sie zu löschen vermochten. Rahel hatte freilich viele Freunde gehabt Aber diese hatten sie in ihrem eigenen Interesse gesucht, weil sie Trost und Kraft oder Lebensanreiz brauchten. Sie war mit einem Worte geliebt worden, ohne verstanden zu sein, verstanden, ohne geliebt zu werden; gesucht und genossen wie eine große seltene Erscheinung. Aber niemals hatte ein Mensch ihr jenes einsamkeitserlösende Gefühl entgegengebracht, das liebendes Verständnis des Einzigsten und Eigensten unserer Seele ist. In ihrem tiefsten Schmerz hatte sie erfahren, daß die Menschen einander so wenig verstehen können, daß sie nicht einmal den Jammer vernehmen, der aus eines jeden Brust ertönt. Oder wenn sie ihn wirklich vernehmen, können sie ihm nicht einmal bei dem geliebtesten Wesen, das sie ganz verstehen, abhelfen. »Einsam sind wir. Diese Klause, worin jede Menschenseele haftet, und wo Liebe dann und wann Leben und Leben vermählt – dies ist der Grund, wovor der Mensch erstarrt.« Von allen Beweisen für Rahels Einsamkeitsgefühl ist doch keiner bezeichnender als der, daß sie »als eine Schülerin Shakespeares« sich früh und oft mit dem Gedanken an den Tod beschäftigte. Aber nie hatte ihr eigener Tod sie bewegt; nie hatte sie gedacht, daß ihr Tod » irgend einem Menschen leid tun würde; von dir «, sagt sie zu Varnhagen, » wußte ich es; und es war zum erstenmal in meinem Leben, daß ich das dachte, und daß ich wußte, daß ich's noch nie gedacht hatte. So einsam habe ich gelebt. « Varnhagen, der geborene Menschenforscher, beobachtete sie nicht nur mit durstigem Interesse, sondern nahm sie mit der unbedingtesten Andacht in sich auf. Er empfand mit einer für seine Jahre wunderbaren Selbsterkenntnis seinen eigenen Grundmangel: »Mein Gemüt ist ganz arm auf die Welt gekommen ... es sprudeln keine Quellen in mir ... ich bin leer.« Aber mit derselben Klarheit erkennt er seine Haupteigenschaft: Empfänglichkeit, verständnisvolle und innige Aneignung des Empfangenen, die Kraft zu bewundern und die Kraft zu warten. »Ich bin ein dünner Faden neben dir, schönragender Baum, ich weiß es. Und möchte verzweifeln über meine Unkraft, die so durch Liebe neben dein quellendes stromgewaltiges Leben gestellt ist; ich fühle meine Armut in jedem Sinn gegen deinen Reichtum ... Aber in dieser völligen Leerheit bin ich immer offen; ein Sonnenstrahl, eine Bewegung, eine Gestalt des Schönen oder auch nur der Kraft werden mir nicht entgehen; ich erwarte nur, daß etwas vorgehe, ein Bettler am Wege ... Du gehst alle Sphären durch, während ich nur in wenigen wandle ... Aber wenn du zu meiner kommst, findest du mich doch stets – und gehst du in ein Haus, wohin ich dir nicht folgen kann, warte ich ruhig an der Tür ...« Diese letztere Eigenschaft ist die bei den Menschen im allgemeinen und bei der Jugend im besonderen seltenste von allen. Sie beruht auf der Macht, sich in einen geliebten Menschen so zu vertiefen, daß man mit unbedingtem Vertrauen abwarten kann, daß das, worin er uns ungerecht, unbegreiflich erscheint, sich entwirre und aus ihm selbst heraus erkläre. Und Rahel bereitete Varnhagen – ebenso wie er ihr – mehr als eine Schwierigkeit, namentlich durch ihre unbedingte Ehrlichkeit. Es ist für diese bezeichnend, daß mehrere der oben angeführten Aeußerungen über ihr Gefühl für Urquijo Varnhagen gegenüber – zwischen 1808 und 1812 – gemacht wurden und ebenso bezeichnend, daß sie in der bewegtesten Zeit ihrer Liebe ihre scharfsinnige Kritik gegen Varnhagen selbst richtete. Und Varnhagens Gefühl bestand diese beiden Proben. Rahel, die schon soviel gelitten hatte, daß sie nicht mehr an die Möglichkeit eines persönlichen Glücks glaubte; erwachte nun Tag für Tag mit steigender Verwunderung und Rührung über das, was sie erlebte. Im Sommer 1808 wohnte sie in dem damals ländlichen Charlottenburg, und dahin kam Varnhagen jeden Nachmittag, um – auf Wanderungen in dem kühlen, duftenden Garten oder durch die Alleen, oder dem Ufer der Spree entlang, oder auch auf dem schattigen Platz vor dem Hause sitzend – Gedanken und Erlebnisse auszutauschen. Der Mond ging auf, die Sterne leuchteten, aber die Gespräche dauerten fort, mit oder ohne Worte. Und Rahel fühlte, daß die Luft rings um sie sich verwandelte durch das Verständnis, von dem jeder seelenvolle Mensch träumt, das er in der Freundschaft, in der Liebe sucht und beinahe niemals findet. Aber hat er es gefunden, dann bedarf es nicht mehr der Verkleidungen und Masken, der wärmenden Hüllen oder Verteidigungswaffen. Dann ist man in den Paradiesesgarten versetzt, wo die Luft immer milde, die Nacktheit immer natürlich, die Waffen immer überflüssig sind. Man bewegt sich dort wie ein glückliches Kind in der Wärme liebender Augen. Je reicher, je zusammengesetzter ein Mensch ist, desto schwerer findet er dieses alliebende Verständnis. Aber findet er es, dann verwandelt es das Dasein so wie eine Wanderung sich verwandelt, wenn man von der heißen, staubigen Landstraße in den weichbemoosten, sonnebeschienenen, duftreichen Wald einbiegt; so wie die Luft sich verwandelt, wenn ein lange bleigrauer Himmel sich zerteilt und eine Sonnenflut auf die Erde hinabstürzt; so wie die Landschaft sich verwandelt, wenn man durch eine Biegung des Weges die Alpennatur hinter sich läßt und Italien – in der Jahreszeit der Rosen oder Trauben – vor sich sieht Wer dies – wenn auch nur für einen Tag – erlebt hat, ahnt, was Rahel fühlte, als sie zum erstenmal Schritte sich » dem stillen, unerreichten See in der Tiefe des Gemütes « nähern hörte; als sie sich nicht mehr einsam fühlte, als sie allmählich von dem Sonnenrausch der allumfassenden, alles durchdringenden Sympathie ergriffen war, als sie einer Sehnsucht begegnete, die ihr Wesen in allen seinen Schattierungen, Unberechenbarkeiten und Veränderlichkeiten begehrte. Rahel spricht von ihrem Zusammensein, » unserem lustigen, lieben, kindischen, heiteren Umgang, unserm Laufen, Essen, Luftgenuß, Jagen nach Vergnügen; unserm anspruchs-, plan- und zwecklosen Sein .. « Und als das Beste hob sie hervor, daß es ihnen nie einfiel » etwas vorstellen zu wollen «. Ehe sie noch Varnhagen gefunden hatte, schrieb sie: ... »Ich kenne vorzügliche Menschen. Sie sind mir auch gut und lieben mich zu sehen wie einen Fels, wie Wolkengebilde und sturmbewegte Wellen und dergleichen. Keiner herbergt den Menschen in mir, wo sie doch alle untertreten.« »Du bist der einzige in der ganzen Welt, der mich je lieb hatte, der mich behandelte, wie ich andere. Ja, ich bekenne es dir gerne, mit dem ganzen Drang der Erkenntlichkeit: von dir lernte ich geliebt sein, und du hast Neues in mir geschaffen. Nicht Eitelkeit ... ist es, die ewig mein Wesen mit Befriedigung durchdringt, du wirst es wissen, du! – bei dessen rechter Vorstellung die Tränen mir in die Augen dringen – es ist das endliche, gesunde, kräftige, wahre, wirkliche Empfangen der Seele. Sie nimmt und gibt, und so wird mir ein wahres Leben geboren! Freue dich, wenn du wirklich etwas von mir hältst, und mein Leben und Sein für ein außerordentliches nimmst: Du hast es zu einem menschlichen gestempelt Ich liebe an dir, daß du mein Wesen erkennst und daß das Erkennen sich in dir ausdrückt und wirkt und äußert, wie es geschieht. Ich liebe dich überaus zärtlich wieder, du hast es hundertmal gesehen.« ... Und später: »Nur einer in der ganzen Welt erkennt mich an, daß ich eine Person sein soll; will nicht nur einzelnes von mir gebrauchen, verschlucken; liebt mich, wie die Natur mich geschaffen hat und das Schicksal behindert; sieht dieses Schicksal ein: will mir den Rest vom Leben noch lassen, gönnen, erheitern, dem Himmel entgegentragen: will für das Glück, mein Freund zu sein, mir alles sein, leisten und lassen. Dies ist der Mensch, den man meinen Bräutigam nennt.« Varnhagen schildert seinen Eindruck des Sommers mit den feinen Worten: »Ich komme mir vor, als wäre ich diesen Sommer in Athen gewesen.« In Rahels Gesprächen hatte er die höchste Spekulation gefunden, »wie sie im Leben sich gestalten muß, das tiefste Mark der Philosophie« und er fühlte, daß er aus dem Verkehr mit ihr mit freigewordenen Kräften hervorging, mit »einem neu erhellten Wesen«; all das tiefste, beste in ihm selbst hat sie ihm offenbart. »Dein Einfluß strömt in mir ununterbrochen fort, tausendarmig.« Aber gerade, als Rahel die Urne mit der Asche der Vergangenheit geleert und sie wieder dem Altar näherte, wo neues Feuer zu holen war; gerade als sie ihr Herz in das maigrüne Gras hinausgetragen – so wie man ein winterkrankes Kind hinausträgt – da begannen auch in diesem Verhältnis die » leidenschaftlichen Spannungen «, die sie gefürchtet hatte. Sie, die sich so fertig mit dem Leben gewähnt, daß sie nur » etwas Sonne, Luft und Grün « davon erhoffte und die gerade darum dem Tag » heiter und unbefangen « entgegensehen konnte, sie fühlt jetzt, daß es nicht mehr so ist, als ob der Tag ihr angehört: » Dies Göttergefühl, mein einzig Glück, ich habe es nicht mehr. « Und der Grund war, daß Varnhagen durch seine erwachende Liebe, seinen Wunsch, die ihre zu gewinnen, seine Unruhe, ihrer unwürdig zu sein, sein fortlebendes Gefühl für seine Verlobte und seine Verbindung mit ihr so aus dem Gleichgewicht gekommen war, daß sie ihn als ein sie angreifendes Wesen empfand und der Verkehr zwischen ihnen » sonderbar schneidend und schmerzend wurde «. »Sie behandeln mich wie eine Mine: mit Hacken, Stangen und Werkzeugen wollen Sie das aus mir holen, was ich enthalte, und Schlacken abschlagen, stoßen, brennen, reißen und es so zu Ihrem Gebrauch läutern! Wenn es aber anders wäre? Und Sie zerquetschten die Pflanze? Ich fühle mich beengt und beängstigt, weil ich leisten soll, beschämt und verdrießlich, weil ich nicht leisten kann ...« Und nun brach die Gewißheit über Rahel herein, daß sie ihr zur Ruhe gewiegtes Herz nur hatte erwachen lassen, damit es von neuem getötet werden sollte; daß sie kaum noch fühlte, daß Varnhagen ihr unentbehrlich geworden, als sie auch schon vor der Möglichkeit stand, ihn zu verlieren, und zwar durch zwei Gefahren: die ihrer eigenen Vergangenheit und die der seinen. Denn Rahel verhehlte ihm nicht, daß die Leidenschaft, die Urquijo ihr eingeflößt, Varnhagen ebensowenig wie irgend jemand anderer erwecken konnte; und sie macht ihm klar, daß alle Forderungen nach dieser Richtung nur die Schönheit des Neuen trüben würden, das zwischen ihnen aufkeimte. Sie läßt ihn alle ihre Briefe an Urquijo lesen, obgleich sie fühlt, daß dies sie vielleicht trennen wird. Aber als sie ihm die Briefe gibt, warnt sie ihn, sie zu leicht fahren zu lassen, denn mit ihr würde er eine Welt verlieren; nirgends könne er jemand finden, mit dem das Zusammenleben leichter und mannigfaltiger, die innerste Treue inniger, die Sicherheit und Harmonie größer sein würde: denn freilich war sie nichts in irgend einer bestimmten Richtung; aber ebenso gewiß als man seine Existenz fühlt, wußte sie, daß ihr Gutes einzig war! Und nicht nur dies. Sie fühlte auch, daß ihre Empfindung für Varnhagen wuchs, daß der Schmerz, ihn zu verlieren, größer sein würde als alle vorhergehenden. Aber dies hindert nicht, daß Rahel – als er beginnt, von seinem noch fortdauernden Gefühl für Fanny zu sprechen, von den innigen Briefen, die er noch immer an sie schrieb, von ihrem Warten auf ihn, von seinem Leiden durch ihr Leid – in voller Uebereinstimmung mit ihren Ansichten handelt, weil diese Ansichten eins mit ihrer Natur waren. In ihrem bittern Schmerz darüber, daß sie wieder rein und ehrlich gekommen war und sich gezwungen sah, » arm und gekränkt « zu gehen, durchkreuzte sie freilich der Gedanke, daß sie dieses Mal nicht weichen, daß sie den Kampf mit dieser ihr inferioren Frau aufnehmen wollte. Aber bald gibt sie diesen Gedanken auf, und Varnhagen – mit seinem Jammer über das »Wirrsal«, in dem er keinen Ausweg fand, in dem er weder Rahel noch Fanny wählen konnte – erschien ihr bald bedauernswerter als verächtlich. Er hatte vielleicht Recht darin, daß er ein »hypermoderner« Mensch war, daß er wirklich zwei zugleich lieben konnte, daß er viele Liebesverhältnisse sowie viele Freunde brauchte? Er gehörte vielleicht zu den » zerstückelten Neuerern, den kranken Europäern «, und er mußte seiner Natur folgen, so wie sie der ihren. Sie sah ein, daß sie mit ihrer äußerst explosiven Natur wohl heftig, ungleich, ungerecht sein konnte, aber, ruft sie aus, wen » Gott herumtreibt, kann der sich halten und lieblich sein? « Trotz des Schiffbruchs, der sie an das Ufer geworfen, das die Alten Hades nannten, hatte sie doch den Mut, sich noch einmal auf dasselbe Meer hinauszuwagen, und sie fühlte, daß sie gerade durch diesen Mut, durch die Kraft ihres armen, einsamen, mißhandelten Herzens, von neuem zu lieben, etwas sehr wunderbares war, und daß ihre eigene Macht, viel zu geben, sie auch berechtigte, viel zu verlangen. Nicht Treue. Freilich nennt sie » Liebe und Treue eins «, aber sie erklärt sogleich, dies bedeute nicht, daß eine sogenannte Liebe nicht aufhören könne. Dadurch erweist sie sich eben als eine Illusion. »Unsere Sinne behalten sich alsdann was Besseres vor, und unser Herz war nicht getroffen und rührte auch nicht unser übriges Gemüt ... Das ist keine Treue, die man sich rettet – aber das ist Treue, die mit unserm Blut tief und gesichert im Herzen sitzt ...« Sie weiß, daß sie selbst zu jenen gehört, die nichts anderes können als lieben, für die die Liebe » Meisterprobe, Krone, Leben und Beglaubigung « ist. Varnhagen könnte die Treue nicht aus ihrem Herzen reißen, ohne das Herz selbst zu zerreißen, ohne all sein Blut in Tränen zu verwandeln, und ohne sich selbst umzuwandeln, so daß sie ihren Glauben an ihn verlöre! Varnhagen hat ihr das Glück gebracht, und ob es ewig dauerte oder nicht, das änderte an seiner Wirklichkeit nichts. War sein Glück noch bei ihr, dann würde sie närrisch vor Seligkeit werden, aber ohne sein Glück konnte seine Gegenwart nie ihr Glück sein. Und sie ruft schließlich aus: » O, verstehe mich! Könnte ich deinen Kopf halten, dich küssen, so würdest du mich verstehen. « Was sie verlangt, ist nur, daß er wähle. Es war ja möglich, daß – trotz Rahels Ueberzeugung, » wo ein Herzschlag ist, da ist Ernst «, trotz ihrer Gewißheit, daß » das innere Herz klüger ist als alles « – sie sich irrte und Varnhagens Braut sein » eigentlicher Lebenspuls « war. Und darum fühlte Rahel nur eine Pflicht: Varnhagen vollkommene Freiheit zu geben und zu verlangen, daß er nach Hamburg fahre, um sich durch ein neues Zusammenleben mit Fanny Herz über sich selbst klar zu werden. Nur einen für sie charakteristischen Rat gab sie ihm: » Hab kein Gewissen! « Weder sein Mitgefühl mit Rahels Leid, noch mit dem Fannys sollte irgend einen Einfluß ausüben, sondern nur die Rücksichten auf das, was er als sein wirkliches Glück erkannte, sollten maßgebend sein. Du sollst frei sein! Und du bist frei. Kein Wort gegen mich, keine Aeußerung, keine mir gemachte Hoffnung bindet dich ... Dein Sehnen, deine Liebe zu mir kann mich nur beglücken, ein Band, das dich hält, nie, nie! Ein Vogel auf deinem Zweige bist du bei mir.« »Du mußt sie sehen, die Frau, mußt mit ihr leben. Sind Wunden da, so müssen sie rein ausheilen: entweder durch glückliches Zusammenleben oder reine Trennung. Ich mag dich eher nicht wiedersehen. Stärker, baumfester, reiner, entschlossener, in mich selbst eindringender werd' ich mit jeder Nacht; nichts Schwächliches, Verwundetes, Zweideutiges, Krankes, Erbärmliches in Seelen kann ich dulden.« »Wenn du mich liebst, wird es sich finden: ich kann nicht mehr ringen, mit und um nichts: und ein errungen Glück ekelt mich von je.« »Du hältst mich für hart? Ich bin es, Unselige! Und ewig gegen mich! Ich wollte dir nicht zwei leidende Weiber zeigen und zeigte dir ein eisernes. Noch jetzt, wenn du mich verlassen mußt, werde ich nicht jammern. Kommst du, ist mir wohl. Schwanken liebe ich nicht: das ist die Grenze meiner Natur.« Ohne daß Eifersucht in ihr rast, kann sie der Möglichkeit, ihn zu verlieren, ins Auge blicken. Aber nur, wenn er dadurch ein größeres Glück findet. Für ein erloschenes Gefühl, für falsche Pflichtbegriffe will sie sich nicht opfern lassen. Ging er, so war sie nicht einsamer, als bevor er kam. Und was sie durch ihn an Glück besessen, verblieb ewig ihr eigen. »Du sollst Liebe und Glück und Helle genießen ... Dies ist bei mir kein hyperbolisches, empfindsames Aufopferungsfeuer. Ich halte nichts vom Teilen und Opfern. Aber liebtest du: ich hülfe dich krönen!« »Ich liebe dich überaus zärtlich wieder, du hast es hundertmal gesehen; ich könnte mein Leben mit dir zubringen; es ist mein sehnlichster, ernster, jetzt einziger Wunsch; ich weihte dir es in Freude und der größten Befriedigung; ich erkenne deinen ganzen Wert, und nicht ein Pünktchen deiner Liebenswürdigkeit und deines Seins – Skale hinauf und Skale hinunter – entgeht mir. Ich bin dir treu, aus Lust, Liebe und der gelassensten Wahl. Ich habe keine Forderung über dich. Ich bin dein Freund, wie es ein Mann sein könnte. Du bist durch mich in nichts gebunden, ich möchte dir mit meinem Blute dienen. Und ist es nicht natürlich, daß ich endlich – und es geschieht deutlich nur durch dich – erkannt sein will ... Denke aber nicht, daß ich dich ganz ohne Unruhe liebe. Dein Besitz ist mir nötig in jedem Sinn. Aber wo Befriedigung war, da bleibt sie. Und in jedem Verlust, in jedem Darben, würde sie mir ewig Nahrung bleiben. Ich habe es besessen, das Lebensglück.« Sie spielt keinen Heldenmut, sie spricht ihre Trauer offen aus, die sie hindert, das Grün, das Licht, die Schatten zu genießen, an denen sie sich zusammen gefreut, so wie sie ihm auch jedes Wort, jeden Schein und Schimmer mitteilen wollte, der sie erfreut. Sie sagt ihm, daß er bereits mit seinem Eintritt in ihr Leben » ein Sonnenblick über den ganzen Gesichtskreis ihres zu lebenden Lebens « geworden sei; es hat ihr ein Gefühl der Gesundheit, des Stolzes, der Befriedigung gegeben: sie hat gefühlt, daß die Verzauberung ihres Schicksals gebrochen ist, und sie hat den Mut, ihn jetzt zu verlieren und weiterzuleben. Ist es für ihn recht, zu gehen, dann soll er es auch tun, dann wird sie ihn mit derselben Notwendigkeit verlieren, mit der die Blüte vom Baum fällt, und der Baum kann doch auf jeden Fall den Winter überdauern. »Soll ich mich denn vorher morden, weil ich sterblich bin?« ... Es ist dumm, sich zu fürchten; ist jetzt nicht auch Zukunft? Diese will man immer so schön, so sicher haben!« Es gibt keine Zeit in Rahels Leben, die ihr Wesen klarer beleuchtet als diese. Eine gewöhnliche, selbstsüchtige Frau würde unter den gegebenen Verhältnissen alles getan haben, um Varnhagen in Berlin zurückzuhalten und hätte bald mit Kälte, bald mit Glut seine Eifersucht und seine Leidenschaft angefacht. Eine gewöhnliche selbstlose Frau hätte unter den gegebenen Verhältnissen sich selbst für seine sogenannte »Pflicht« gegen seine Braut geopfert. Rahel tut nichts dergleichen. Sie schickt ihn nach Hamburg, aber behält – durch ihre Briefe, ihr offen gezeigtes Gefühl – die Stellung, die sie gewonnen; seine Braut hatte durch ihre Gegenwart dieselbe Möglichkeit, und nicht das Opfer einer von ihnen nur seine freie Wahl sollte über sein Schicksal entscheiden. Selbst wollte sie die Krise abwarten, so wie man die Krise des Fieberkranken abwartet. Aber ehe er in der einen oder anderen Richtung entschieden hatte, wollte sie ihn nicht wiedersehen. In Hamburg fand Varnhagen, daß sein Gefühl für Fanny von Tag zu Tag immer mehr erkaltete, daß die Mißstimmung zwischen ihnen zunahm, daß, auch wenn Rahel nicht gewesen wäre, sich doch das Verhältnis nicht wiederherstellen ließ. Als er zu Rahel zurückkehrte, hatte er es in entscheidender Weise gelöst. Aber nun begannen die neuen Schwierigkeiten, die dadurch verursacht wurden, daß Varnhagen weder Vermögen, noch ein Amt, noch eine gesellschaftliche Stellung hatte, und daß er Rahels Schicksal nicht früher mit dem seinigen vereinigen wollte, oder konnte, ehe er etwas mehr war als ein Student, dessen Studien nicht einmal abgeschlossen waren. Rahel war mit ihm darin einig, und so blieben sie während ihrer Verlobungszeit mit kurzen Unterbrechungen getrennt, während Varnhagen als Student, Militär, Diplomat seine Bildung vollendete und sich eine Lebensstellung begründete, so daß er ihr etwas mehr bieten konnte als nur seine hingebende Seele. In diesen Jahren der Ungewißheit und der Trennung betätigte Rahel immer vollkommener ihren großen Grundsatz für das Zusammenleben: » Wahr sein und mild werden. « Den Grundsatz, den sie auch etwas ausführlicher mit diesen Worten formuliert hat: » Sehen, lieben, verstehen, nichts wollen, unschuldig sich fügen; das große Sein verehren, nicht hämmern, erfinden und bessern wollen und lustig sein und immer güter! « Dies war während Varnhagens sechsjähriger Odyssee nicht immer leicht; denn seine Unentschlossenheit, Planlosigkeit und Unberechenbarkeit verursachten Rahel nicht nur Leid, z. B. durch verfehlte Zusammenkünfte, sondern auch praktische Schwierigkeiten und persönliche Unannehmlichkeiten. Sie hatte ihrerseits die leichte Empfindlichkeit der zweimal tödlich Verwundeten. Sie will sich lieber zurückziehen als beständig von neuem leiden, und sie fürchtet so sehr, ihn zu binden oder zu hemmen, daß ein weniger feiner Seelenkenner als Varnhagen sie für kalt gehalten hätte. Es ist sehr bezeichnend, daß sie niemals den Altersunterschied als ein Hindernis empfand, denn einerseits sah sie immer jünger aus als er, andererseits fühlte sie mit einem ihrer Freunde: zwischen Liebenden »les âmes sont toujours du même âge«. Was sie fürchtete, war, daß sie zuviel gelitten hatte, daß sie nicht mehr Spannkraft, Mut, Vertrauen zum Glück besaß; und was sie wußte, war, daß sie nicht mehr die Anspruchslose, nur Gebende sein wollte. »Ich habe gebüßt genug auf der Erde, mit dem ganzen Erdenleben für die Lüge, daß ich nicht forderte, was ich verlangte und gab.« Es kommt wohl vor, daß Rahel sich mit einem Tadel übereilt, aber sie gesteht ihr Unrecht bereitwillig zu, und Varnhagen macht es ihr leicht, durch die rührende Liebenswürdigkeit, mit der er ihre Strenge aufnimmt, auch wenn er sie nicht verdient hat. Er fühlte, daß sie im großen ganzen recht hatte, wenn sie seine Aufmerksamkeit auf das lenkte, was sie seine » Lebenspausen « nennt: die Roheiten und Unzartheiten, oder Uebereilungen, durch die er sich Feinde machte, sowie sein ewiges » sich aussprechen « mit jedem, der ihm in den Weg kam, sein weichliches Sympathiebedürfnis und sein unselbständiges » Nachmachen «. Seine Wurzellosigkeit und Ruhelosigkeit war zum großen Teile durch die Zeitverhältnisse verursacht. Aber sie riefen oft in Rahel den Zweifel hervor, ob denn die Erde für sie nur da sei, um darauf » zu weinen, entzückt zu sein, zu lieben «, aber niemals Wurzel zu schlagen. Und da Varnhagen, auch er ein Goethejünger, das Wort Kultur im tiefsten Sinn auffaßte – als die Bildung, die den ganzen Menschen durchdringt und umgestaltet – war er hoch sinnig genug, um Rahels schonungslose Ehrlichkeit zu lieben, auch wenn sie auf die unfruchtbaren Stellen in seiner Natur hinwies, die er urbar machen sollte. Nichts schildert Rahels Gefühl in diesen ersten Jahren besser als folgende schöne Worte: » Gott, wie freue ich mich deiner Entfaltung! Lieber Kelch, was enthieltest du! An meiner Brust erwärmt, an meiner Liebe! Ich bin so selig und so stolz und so unruhig. Mein Geist und mein Herz hat ein Kind! Dies Kind ist mein Geliebter! ... « Und wirklich war sie für ihn Mutter und Schwester, Freundin und Geliebte; sie strahlte Geist und Güte aus; ihre Hingebung war ebenso klarsehend und klug, wie zärtlich und werktätig. Ihr Gefühl zeigt sich echt und gesund bis in all die kleinen Züge, durch die sie beweist, wie immer gegenwärtig er für sie war. Sogar wenn sie etwas aß, das ihm geschmeckt hätte oder die Luft oder eine Wanderung genoß. Und sie jubelt, wenn ähnliche Dinge in seinen Briefen vorkommen. So z. B. als er einmal nur eine harte Holzbank als Nachtlager hatte und dachte: » Wenn Rahel das wüßte. « Diese einzigen Worte hatten wie ein » Wetterleuchten « ihre Seele mit hellem Glück erleuchtet. Denn sie zeigten eine innige, vertrauensvolle, hingebende Liebe und das Bewußtsein, geliebt zu sein. Wäre sie dort gewesen, sie hätte ihn auf der harten Holzbank geküßt, und wie hätte sie es ihm bequem gemacht, denn er hätte an ihrer Schulter ruhen können. In vieler Weise zeigt Rahel, daß sie ihn nicht » ohne Unruhe « liebt, und bei einem von ihm ausgesprochenen Zweifel rief sie aus: » Hast du nie das Entzücken meiner Augen gesehen, wenn ich deine sah? Den erstickenden Strom von Glückseligkeit, der dann über mich kam? « Freilich war sie noch immer »unerreichbar« in ihrer Seele und weiß, » diese Mitgift fremder Welten trägt jeder mit sich umher. « Sie fühlte, daß in die Zweifel des Geistes, in die Tiefen der Gewissensprüfung und der Erinnerung nicht einmal die Liebe eindringen kann. Aber im übrigen fühlte sie die Liebe ihr ganzes Wesen durchdringen, und sie kann Varnhagen mit Wahrheit sagen: » Mein Gemüt hast du erreicht, mein ganzes Herz. « Ja, sie scheint sich selbst schattenhaft und gering ohne seine Liebe; an den Tagen, an denen sie ihm nicht geschrieben, hat sie gar nicht gelebt, und seinen Mund, seine Augen zu küssen, sich in sein Herz zu schmiegen ist ihre innige Sehnsucht. Varnhagen zeigt seinerseits auf tausend Arten die Wahrheit seiner Worte: »Ich habe dich so grenzenlos lieb und auf die innigste Weise, wie nicht Geliebte und nicht Freunde lieb gehabt werden, wie dein Jünger und Verkündiger.« Er zweifelt, daß sie so sehr unter der Trennung leiden kann wie er, denn sie hat ja – Rahel, nach der er sich immer sehnt. Er hungert nach jeder Zeile von ihr und bittet sie, ihn auch sehen zu lassen, was sie an andere schreibt, denn er geizt nach jedem kleinsten Wort von ihr. Und doch, wenn ihre Briefe kommen, läßt er sie zuerst ein kleines Weilchen uneröffnet vor sich liegen. Denn der Brief bringt einen Sonnenstrahl ihrer Gegenwart, und ihn auch in der äußern Gestalt zu sehen und zu berühren, schenkte ihm ein wenig von jener Seligkeit, die er empfand, wenn er in ihre Augen bücken, ihre Lippen küssen konnte, mögen sie nun die Tiefe, die Vornehmheit oder die Munterkeit ihres Naturells offenbaren, über das er Jean Pauls Urteil bestätigte, daß die Klugheit und der Witz, wie groß sie auch sein mochten, doch bei Rahel weniger bedeutend waren als die Innigkeit und die Güte. Bei dir, sagt Varnhagen, ist auch das Gewöhnliche ungewöhnlich durch die Echtheit, die aus jeder deiner Lebensäußerungen strahlt. Und er fand einen seiner glücklichsten Ausdrücke für Rahels Persönlichkeit – ihre Festigkeit, Einheitlichkeit, ihre in sich vollabgerundete Abgeschlossenheit – als er sagte, daß sie eigentlich plastisch ausgedrückt werden sollte. Und ebenso drückt Varnhagen sein eigenes Gefühl für Rahels Wesen am allervollkommensten mit den Worten aus, daß sie für ihn das ist, was die Bibel für die Christen. Der Gedanke an sie begleitet ihn überall hin, er ist das Licht seines Lebens und umfaßt den ganzen Kreis seines Wissens, seine Freuden und seine Leiden. Sie, die ewig sehende und schaffende, besät die Gefilde seiner Seele mit ihren lebendigen Worten, von denen jedes in ihm aufkeimt und zu einer vollen Aehre wird, aus der er seine Nahrung schöpft. Er freut sich, daß wenn ihre Briefe sich kreuzen, es oft vorkommt, daß sie denselben Gedanken enthalten, den ein jeder unabhängig vom anderen niedergeschrieben hat; denn er findet darin einen Beweis, in wie hohem Grade sie zusammengehören, wie sie sich über dieselben Dinge freuen und Scherz und Ernst in gleicher Weise verstehen. Und, schreibt er, wie der Strahl eines Springbrunnens, steigt beständig der Wunsch in ihm empor, alles mit ihr zu sehen, sie über alles sprechen zu hören, ihr Leben sich in alles versenken und wieder blühend aus allem emporsteigen zu sehen! Du bist, sagt er, so reich, daß zwanzig wie ich nötig wären, um nur ein so sehendes Augenpaar zu bilden wie das deine; und in meinem ganzen Kopfe ist nicht soviel Leben wie in deinem kleinen Finger! Auf allen Wegen dringen seine Gedanken, Träume, Pläne zu ihr, deren bloßes Dasein für ihn wie ein Siegesfest war. »Daß mein Leben dich gewinnen konnte, gewonnen hat, das macht es mir zu einem der auserwähltesten, die je auf Erden geführt worden,« sagt Varnhagen. Aber man kann die Aeußerung umkehren und sagen, daß nur eine seltene Natur Rahel gewinnen konnte, und es gibt kein sichereres Zeugnis dafür, daß das Wesentliche in Varnhagens Natur wertvoll war, als daß er mehr als irgend ein anderer Rahel mit dem vollkommenen Verständnis der Liebe verstand. Was ihm im öffentlichen Leben an Schwächen anhaftete, gehört nicht hierher. In einem war er groß: in seinem großen Gefühl. Eines solchen fähig gewesen zu sein, ist der Adelsbrief eines Menschen, ist sein ewiges Leben. Jeder, der mit sehenden Augen den Briefwechsel zwischen Rahel und Varnhagen liest, fühlt auch, daß es noch immer derselbe Eros, dieselbe Sonne ist, die Rahels Dasein beleuchtet, nur eine andere Jahreszeit, nicht mehr Frühling, wie in dem Gefühl für Finckenstein, nicht mehr Hochsommer wie bei dem Gefühl für Urquijo, sondern September, die Jahreszeit, wo noch keine Kälte und keine Armut eingetreten ist, die Jahreszeit, wo die Hitze verschwunden, aber die Wärme geblieben ist, wo der Wind kühl und sanft ist wie Seide, die geklärte Luft tiefblauer und die Sonne goldiger denn je, wo die Gärten von farbenprächtigen Blumen leuchten und reifende Früchte in das tauige Gras fallen, wo die Fülle und der Friede sich verbinden wie in keiner anderen Jahreszeit. Und Rahel drückte diese Fülle und diesen Frieden durch die Liebe mit dem schlichtesten und größten aller Liebesworte aus: » Vom Leben würde ich, schmerserleichtert, in deiner Gegenwart scheiden. « IV. Je inniger ihre Seelen sich vereinten, desto tiefer empfand Varnhagen den Verlust jedes Tages, an dem er von Rahel getrennt war, deren sprudelnde Spontanität im Zusammenleben keine Briefe ersetzen konnten. Endlich kam die Zeit, wo sie – nach Rahels Worten – ihre Liebe » auf dem bürgerlichen Ambos « bereiten konnten, was ja die Bedingung dafür war, daß » die Bürgersleute sie passieren ließen «. Varnhagen fand es geradeso wie Rahel erbärmlich, daß man » für das Verschiedenartigste in dieser Armenanstalt nur diese Form hat «. Beide unterwarfen sich der Form unter dem Vorbehalt, es zu »ignorieren«, daß sie verheiratet waren. Rahel betont vor wie nach der Heirat, daß wenn Varnhagen ihr » namenloses Freiheitsstreben « nicht verstanden, wenn sie mit ihm nicht in allem hätte wahr sein können, wenn er nicht ganz wie sie über die Unvernunft der Ehe gedacht hätte, sie ihn niemals geheiratet haben würde. Sie wurden in größter Stille am 27. September 1814 getraut, um sich – infolge einer Berufung Varnhagens – bald wieder zu trennen. Ihre fünf ersten Ehejahre wurden teils in Wien, teils in Karlsruhe und anderswo verbracht, ein unruhiges Leben, während dessen Rahel sich immer mehr danach sehnte, nach Berlin zurückzukommen. Erst im Oktober 1819 wurde dies möglich; aber von dieser Zeit an bis zu ihrem Tode war sie nur ganz kurze Zeit von dem Orte entfernt, den sie liebte, weil sie dort soviel gelitten, geliebt und empfunden hatte. Während der vielen Trennungen, die diese ersten Jahre mit sich brachten, sind Varnhagens Ehemannsbriefe noch inniger als vor ihrer Vereinigung. Immer mehr entdeckt er im Zusammenleben Rahels »Einzigkeit«; sie allein ist im vollsten Sinn gut, geistreich, schön und wahr, und durch die »Liebes- und Lebenswellen«, die sie über ihn strömen läßt, ist sie seine »Beglückerin«. Und sie ruft aus, daß es ein » Glück zum Knien « ist, von ihrem Gemahl solche Liebesbriefe zu empfangen; sie machen sie demütig und unruhig, nicht schön genug zu sein – so daß andere vielleicht Varnhagen wegen seiner Wahl tadeln würden – und zugleich froh, daß sie so jung aussieht, etwas, was ihr sonst zuwider wäre, denn » sie sieht es lieber, wenn die Jahre und das Gesicht zusammengehen «, und es ist ihr Staunen wie ihr Glück, daß Varnhagen » durch einen Zauber, den sie nicht kenne «, in sie verliebt ist. »Ich bin so geliebt und geehrt von ihm, daß ich mich vor Gott schäme und immer in mich gehe, wie ich auch ihm das Leben versüßen will, damit ich's nur etwas verdiene. Mein Hauptglück besteht aber darin, daß ich durchaus nicht merke, daß ich verheiratet bin! Ganz in allem, im größten und im kleinsten frei bin, lebe und mich fühle, Varnhagen alles sagen kann. Ganz wahr sein darf: und daß dies gerade ihn so freut und entzückt. Er ist aber auch glücklich durch mich: nur durch mich. Sie sollen sehen und hören, wie er mir das in der Gegenwart und in Briefen ausdrückt. In Büchern glaubt man so etwas nicht und denkt: Es ist nur gedruckt. Ich bin völlig frei von ihm, sonst hätte ich ihn nie heiraten können. Er denkt über Ehe wie ich.« »Ich erkenne aber kein Verhältnis zu einem Menschen für frei und schön an, welches mich beschränkt, wo ich lügen müßte, oder welches meiner Natur Mögliches und Erforderliches ausschließen wollte. Und an Varnhagen schrieb sie: So sehr es möglich war, deiner Natur möglich, eine wie meine zu verstehen, verstandest du sie: durch großartigstes, geistvollstes Anerkennen: mit einer Einsicht, die ich nicht begreife, da sie nicht aus Aehnlichkeiten der Naturen kommt. Unpersönlicher, großartiger, mit mehr Verstand ist es nicht möglich, daß ein Mensch den andern in sich aufnimmt und behandelt, als du mich. Mehr in des ganzen Herzens Wollen hat nie eine Einsicht in einem Menschen gewirkt, als deine über mich! Anerkannter kann das nicht werden als von mir und mehr in Liebe gewandelt dies Anerkennen auch nicht werden.« * * * Daß Rahel nicht im eigentlichsten Sinne des Wortes in Varnhagen verliebt war, daß seine Persönlichkeit sie nicht mit derselben Bezauberung erfüllte wie die ihre ihn, das ist unverkennbar. Es ist möglich, daß sie an ihr Gefühl für Varnhagen gedacht hatte, als sie sagt: » Nicht unsere erste, wie das Sprichwort heisst, sondern unsere letzte Liebe ist die wahre: die nämlich, welche alle Kräfte dazu nimmt. « Aber dann hat eine augenblickliche Stimmung diese Worte hervorgerufen. Denn ihr Gefühl für Varnhagen nahm nicht alle ihre Kräfte in Anspruch. Ein Beweis unter vielen dafür ist es, daß Varnhagen, nicht Rahel darüber klagte, daß das Berliner Leben ihnen fast nie eine einsame Stunde zusammenließ. In dem Heim, das sie am längsten – bis zu Rahels Tod – bewohnten, Maurerstraße 36; in den ersten Jahren wohnten sie in der Französischen Straße 20. hatten sie ihre Freude an den großen hohen Räumen, wie auch an einem Nachbargarten wo » wie in einem Forsthause Luft und Geruch herrschte «. In der Wohnung war alles einfach; ein paar Porträts und Büsten sowie Blumen waren das einzige, das nicht zum Notwendigen gehörte. Aber alle Anordnungen waren so behaglich und bequem, daß das Ganze einen geschmackvolleren Eindruck machte als große Eleganz. Daß ein Klavier und Bücher zum Notwendigen gehörten, braucht nicht erst betont zu werden. Rahel war eine jener – noch sehr seltenen – Frauen, die ein ungezwungenes »Sichausleben« mit Ordnung und Regelmäßigkeit in allen Verhältnissen des Alltags verbinden; auch durch diesen Zug unterschied sie sich ebensosehr von der Romantik als sie Goethe darin glich. Goldene Wahrheiten sagt Rahel über diesen Gegenstand: »Nur die besten Menschen sind exakt. Nur die besten wissen, daß das höchste gereinigte Erdendasein bedingt ist und nicht bestehen kann, ohne höchste Ordnung des Einrichtens der gewöhnlichsten Dinge und Umgebungen, und daß nur dadurch die uns ewig unbegreifliche und unwiderbringliche Zeit ökonomisiert wird; nur die besten Menschen unterwerfen sich diesen Bedingungen.« »Le positif« des Lebens besteht darin, das abzuleben, was gerade vor uns steht ... Die Gegenwart fühlen, mit ihr sich abgeben können, das ist Lebenstalent; je mehr man davon in sich trägt, je positiver ist man und je mehr Positives wird uns vorkommen.« Durch diese Eigenschaften gelang es ihr trotz ihrer zunehmenden Kränklichkeit, trotzdem ihre Zeit ihr » geraubt, gestohlen, zerrissen « wurde, ihr Haus in vortrefflicher Ordnung zu halten, Varnhagens Arbeitsruhe zu sichern und doch für ihre eigentlichen Interessen Zeit übrig zu behalten. Aber all dies geschah mit einem so großen Aufwand an Energie, daß sie zuweilen nach einer Einsamkeit seufzte, wo sie in Ruhe krank sein konnte. Denn der Wunsch, Varnhagen nicht durch ihre Unpäßlichkeit zu beunruhigen, veranlaßte sie immer, ihm diese, solange es denkbar war, zu verheimlichen. Rahel ging wie andere nervöse Naturen spät zu Bett und stand spät auf. Die Morgenstunden verwendete sie dazu, den Haushalt und andere praktische Angelegenheiten zu erledigen und Besuche zu empfangen. Später machte sie einen Spaziergang, besuchte irgend eine Kunstausstellung oder Generalprobe oder irgendwelche Freunde. Zum ziemlich späten Mittagessen waren oft ein paar Gäste eingeladen oder ein Vormittagsbesuch zurückgehalten und Rahel sah ihren Hausfrauenstolz darin, einen guten und feinen Tisch zu führen. Nach dem Mittagessen empfing sie ungern Besuch, sondern verwendete die Zeit zu Lektüre und Korrespondenz. Am Abend besuchte sie häufig ein Konzert oder ein Theater, und von dort begleitete sie oft eine ganze Schar nachhause, die in Rahels Salon ihre Kritik übte und der ihrigen lauschte; und die Gespräche wurden oft so lebhaft, das man sich nicht vor Mitternacht trennte. War Rahel wieder am Abend zuhause, so kamen die Besuche ein paar Stunden früher, aber bei Gesprächen und Musik verging die Zeit so angenehm, daß auch dann der Aufbruch selten zeitiger stattfand. Es war ihre eigene Erfahrung, die Rahel mit den Worten ausdrückte: » Fein organisierte Menschen müssen Zerstreuung haben «, und es war ihre Freude, diese anderen in edelster Form zu bieten. Sie selbst unterschätzte freilich ihr Genie, wenn sie behauptet, daß ihre berühmte » Geselligkeit nichts ist als Güte «. Aber ihr Hauptbestandteil war doch die Wärme, die von ihr über alle ausstrahlte, berühmte wie unberühmte, kleine wie große. * * * Rahel war bis in ihre innerste Seele eine mütterliche Natur. Sie, die selbst wirkliche Mutterzärtlichkeit entbehren mußte, sprach die schönsten Worte darüber, was die Mutterschaft sein könnte. Vorgestern dacht' ich so über Menschenleid und -Liebe und dachte: die höchste Leidenschaft verliert den schwarzen Zauber, die Todesschärfe, wenn man eine Mutter hat, wie sie sein kann ... Nie kann da das Unglück in solcher Wüste hervorbrechen, und jedes Verhältnis schon wird milde, klar, muß sich reiner gestalten, und das Schlechte weicht von Haus aus vor dem ehrwürdig Lieblichen zurück, in die »Nacht des Herzens« – wie Fichte sagt. Denke dir eine junge liebende Mutter wie ich, die liebste Freundin, die tiefste Vertraute ihrer Kinder, ihr Spielkamerad, in Musik, Gesellschaft, Putz, Leben, Gedanken. Herr des Vermögens, welche innere gewisse Stütze dies ist! Solch eine ist Gottes Statthalter auf Erden. O Gott! Es gibt ein Glück in diesem verwirrten Jammer hier; aber keiner versieht sein Amt und die Welt geht unter ...« In ihrer Liebe ist die Mütterlichkeit ein wesentlicher Bestandteil. Sie faßt selbst ihr Wesen in die Worte zusammen: »Ich bin eine Mutter ohne Kinder.« Und alle Kinder liebten Rahel ebenso innig wie sie sie liebte: ihre eigenen Spielkameraden konnten nicht besser mit ihnen spielen oder tollen als Rahel. Immer hatten sie ihr etwas zu sagen, so wie sie ihnen, und mit Rahel zu sein, war für die Kinder ihres Bruders die höchste Freude. Jean Paul hatte einmal als seine Meinung ausgesprochen, daß sie unverheiratet bleiben sollte. Sie (Rahel) ist eine Künstlerin, sie hebt eine ganze neue Sphäre an, sie ist ein Ausnahmswesen, mit dem gewöhnlichen Leben im Krieg oder weit darüber hinaus – und so muß sie denn auch unverheiratet bleiben.« ( Jean Paul . Sie antwortet darauf, daß er mit diesen Worten die Ehe tadle: in eine unglückliche würde sie sich niemals finden. »Wer meinen innersten Beifall und meine Neigung verletzt, behält mich nur als eine Gefangene.« Meinte er, daß sie und Varnhagen im innern Sinn schon vermählt waren – und so im äußeren Sinn unvermählt bleiben konnten – dann stimmte sie für ihr eigen Teil sowie für alle ein, die mit Notwendigkeit zusammengehören. Aber hatte Jean Paul mit seiner Aeußerung etwas anderes gemeint, dann irrte er sich ebenso sehr über ihr innerstes Wesen wie ihr böswilligster Tadler, denn er versagte ihr ja damit auch Kinder. Rahels Ehe blieb kinderlos. Doch sie, die Gott für »jedes bißchen Kinderunschuld« dankte, fand einen Ersatz in der kleinen Tochter ihrer Nichte, Elise, die in Rahels späteren Jahren ihre »Seelenarznei« wurde. Ihre Schilderungen dieses Zusammenlebens, der Aussprüche, des Betragens, der Seelenbewegungen der Kleinen, zeigen, wie leidenschaftlich sie dieses Kind anbetete; und als sie Elise eine Zeitlang bei sich hatte, fühlte sie ihr Herz »zerschlagen« , als sie die Kleine und ihre Geschwister den Eltern wieder zurückgeben mußte. »Ich machte ihnen Fleisch durch Pflege und ließ ihre Seelen wachsen, ihren Geist sich heben und regen.« Den ganzen Tag hatten die Kinder Ansprüche an sie erhoben, und den halber war sie mit ihnen draußen in »Wald, Feld und Garten« gewesen. Aber nun war es mit der Freude aus, und sie blieb allein mit ihrem Schmerz, daß andere hatten, was sie besitzen sollte, was ihr durch ihre Liebe zukam ... »Es hilft mir nichts, aus der Zeit der verliebten Liebe zu sein, ich leide doch.« Die neunundfünfzigjährige Rahel klagt so in einem Brief an den jungen Heine! In einem anderen Briefe an Gentz spricht sie davon, daß sie noch immer ein »Liebherz« hat: »Ich liebe mit neuer, nie erkannter Zärtlichkeit einen reinen Tautropfen des Himmels.« Sie klagt, daß sie auch in dieser Liebe leiden muß, da das Kind ihr nicht im äußeren Sinne angehört, wenn auch im innern, weil es ihr Blut, ihre Nerven hat, weil das Kind »herzweich und herzstark« ist. Zugleich freut sich Rahel, daß Elise sich darin von ihr unterscheidet, daß sie graziös, schön und leichtsinnig ist und darum Gott und den Menschen wohlgefällig. Rahel und Bettina Brentano haben gegenseitig ganz entzückend die Art geschildert, wie sie beide mit Kindern umgehen, wenn Rahel von Bettina sagt, sie betrage sich mit Kindern »wie eine mythologische Bonne« , und wenn Bettina von der Lehrerin ihrer Kinder verlangt, daß sie absolut mit den Kindern ganz so sein soll wie Frau Varnhagen. Und je mehr die Krankheit Rahels Welt auf ihre vier Wände begrenzte, desto mehr war das Stück der ewig jungen Natur, das ein Kind uns bietet, die Freude ihrer Augen und die Ruhe ihres Herzens. * * * Schon von Kindheit an hatte Rahels Willensstärke sie trotz physischer Schwäche und schwerer Leiden aufrecht erhalten, die eine andere Natur selbstsüchtig und reizbar, sich selbst und anderen zur Qual gemacht hätten. Sie verwendete anstatt dessen ihre Leiden als Hilfe, um »besser zu sein, Mitleid zu haben, nicht zerstreut zu sein gegen Leidende und Arme« . Und auch wenn sie körperliche Schmerzen leidet, hält sie die Seele durch »Meditation, Einsicht, Schwung, Fröhlichkeit, Güte, Unschuld« aufrecht. Die Jahre lichteten den Kreis ihrer Angehörigen und Freunde, aber es blieben noch genug übrig, damit eine kleine auserwählte Schar sich hie und da um sie versammeln konnte. Einige der Mitglieder dieses Kreises befriedigten in ihrem Heim den Musikdurst, den sie jetzt nicht außer Hause stillen konnte. Ein paar schwere Erkrankungen hatten schon die Verschlimmerung angekündigt, die zu Neujahr 1833 in ihrem Zustand eintrat. Nach einigen Wochen wechselnden Befindens konnte weder der Lebenswille noch die Liebe den Tod fernhalten. Er trat am 7. März ein, zwei Monate, bevor Rahel zweiundsechzig Jahre geworden wäre. So endete das neunzehnjährige Zusammenleben, von dem Varnhagen bezeugt hat, daß Rahel in – wie nach – demselben stets »das jüngste und frischeste« in seinem Leben blieb. Mehrere Jahre nach Rahels Tod sprach Varnhagen aufs neue sein Staunen aus »über die einzige Verknüpfung von Lebenskräften und Tugenden, die sie in ihrem Wesen darstellte. In ihr brannte das Feuer der ursprünglichen Schöpfungskraft noch lichterloh, sie hatte noch alle Wärme, alles Leuchtende eines Menschen, der eben aus Gottes Händen kommt. Ich weiß nichts ihr Aehnliches; Talente und Kräfte mögen andere ebenso haben und mehr; Wesen keiner! Sie wußte es wohl und sagte und schrieb es mir: »Solch eine siehst du nicht wieder.« Sie hatte recht. Eher kann ein Goethe, ein Spinoza, ein Platon sich wieder zeigen als eine Rahel.« IV. Religion. Die Ideen, die man vorzugsweise die religiösen nennt, hatten Rahel seit jeher beschäftigt. Aber wie bei anderen jungen Menschen, trübte die Qual und Freude ihres eigenen Schicksals die Stille, die die Meditation und Frömmigkeit erheischt. Um die Alternde wird das Leben von selber still, und für den seelenvollen Menschen werden mit den Abendschatten die Fragen nach dem Sinn und Zweck des Lebens immer wichtiger. So ging es auch Rahel, die jedoch das verblieb, was sie ihr ganzes Leben lang gewesen war: eine der im tiefsten Sinn religiösen Naturen, für die alles Religion wird, aber die sich nach dem Worte Schillers aus Religion zu keiner Religion bekennen. Sie war als Jüdin geboren und wurde bei ihrer Verheiratung zur Christin getauft, aber brachte keiner der beiden Lehren ihren Glauben entgegen. Sie war erst fünfzehn Jahre, als die beiden Männer, die die Stellung der Juden unmittelbar und mittelbar umgestaltet haben – Moses Mendelssohn und Friedrich der Große – starben. Aber sie war schon ganz von dem Geist der neuen Zeit durchdrungen; und weder das für das Judentum noch das für das Christentum Charakteristische hatte für sie Autorität. Auf ihrem Totenbett sagt sie, daß sie an Jesus gedacht und ihn zum erstenmal als ihren Bruder im Leiden empfunden habe. Sie fühlte – wie Goethe – Ehrfurcht vor Jesu Person, während sie sich zu der in seinem Namen gestifteten Religion kalt verhielt. Solange Schleiermacher pantheistisch-mystisch war, stand sie ihm nahe, aber nachdem er sich dem positiven Christentum genähert, nahm sie in bestimmter Weise Abstand von ihm. Ihre Seele weissagte ihr eine neue Religion, und die jetzige Gestalt der christlichen Religion war für sie »ein beinahe zufälliges Moment in der Entwicklung des Gemütes und hält zu lange an« ; und in einer tiefgehenden Aeußerung zeigt sie die Unvereinbarkeit des Christentums mit dem Erdenleben . »Diese ganze Lehre ist in einem Seelenzustand entstanden und erfunden, der nicht dauern kann; sie ist der Moment der Weihe und der Wiedergeburt ... Sie ist eigentlich die Religion, die auf das Allerheiligste getrieben in jeder Seele allein ausbrechen und wirken und leben und eigentlich nicht mitgeteilt werden sollte ... Zusammen auszuüben und zur Pflichtreligion ist sie nicht zu machen. Weil sie aber Verleugnung und Aufopferung heischte, verbreitete sie sich wie eine Leidenschaft über die Erde, so ist sie würdig und schön in den Herzen, wo sie herrscht wie Leidenschaft: aber angewandt auf Staat und Leben verkehrt und Jahrtausende hemmend ... Dabei dauert sie zu lange wie jeder Zustand der Menschheit – für einen einzelnen Menschen. Sie ist auf die natürlichste Weise in ihren Wirkungen ihrer Natur widersprechend: denn das Leben quillt wieder hervor, und sie strebt, Tod erzielend, nach dem Himmel.« Rahel hat hiermit sowohl das – zu gewissen Zeiten im Leben der Menschheit und im Leben des einzelnen Menschen – Bedeutungsvolle an der Lehre vom Kreuz wie auch die Unvernünftigkeit betont, daß diese Lehre der Menschheit als Religion aufgedrängt wurde. Rahel sieht – wie Goethe, wie Schleiermacher, wie die Mystiker – die Quelle der Religionen im eigenen Gemüt. Eine von außen gegebene Religion ist für sie ein Selbstwiderspruch, nur die vom Individuum selbst aus seinem Wesen quellende und nach seinen Bedürfnissen geschaffene Religion ist echt. Sie betont, daß sie selber nichts lernen kann, »auch keine Religion« ; denn die Religion ist »der letzte intime Akt« zwischen den Menschen und »dem, was ich nicht nennen mag« . Sobald dieses Verhältnis einen Namen bekommt, wird die Religion sogleich unwahr. Das Große, Göttliche, Unendliche hatte sie – als der »Waldmensch« , der sie war – auf ihrem eigenen Weg gefunden, und sie nennt es Sünde und Lästerung, den Menschen »solche Entdeckungen nicht selbst machen zu lassen« . Für Rahel selbst war das Leid der Weg zu ihren Entdeckungen, auch den religiösen. »Das Herz müßte springen oder erleuchtet werden« , sagt sie von ihren Grübeleien über den Schmerz. Sie hat damit auch die Ursache angegeben, warum die Religiosität ihrer Ansicht nach nie beigebracht werden kann oder darf. Daß jene Ausströmung der Seele, die das Gebet ist, zu bestimmten Stunden und an bestimmten Orten erzwungen wird, ist für Rahel eine Lästerung; es scheint ihr unerhört, daß man ein Kind ein Gedankengebäude in sich aufnehmen läßt, in dem mehrere hohe Fragen beantwortet werden, »die es sich nicht selbst würde vorgelegt haben ... Trauriges Spektakel erstickter Köpfe!« Und sie will der Kindheit das gönnen, worin ihrer Ansicht nach ihr besonderes Glück besteht: daß sie sich kein »Lebensbild« macht, sondern im Augenblick lebt, obgleich sie weiß, daß dieses » Wohlleben «, das sie » erste menschliche Natur « nennt, nicht andauert, daß » das Grübeln über die Dinge die Natur des Geistes ist « oder wie sie auch sagt, » zweite menschliche Natur «. In ihren eigenen, man kann sagen, lebenslänglichen Grübeleien hatte sie den ganzen Unterschied in der Menschen Geister nur beim Fragen gefunden: Antworten können alle nur auf dieselbe Weise . Sie fand es von größtem Gewicht – namentlich in den höchsten Dingen – keine Antwort vor den Fragen zu bekommen, und selbst zu versuchen, die Fragen, so wie sie auftauchen, zu beantworten. Der Mensch ist dazu imstande, denn seine Seele ist durch keinen Sündenfall verdunkelt, eine Lehre, die Rahel einen für Gott » beleidigenden Irrtum « nannte. Mit Spinoza – den sie kannte und liebte – leugnet sie die Freiheit des Willens und hat darüber das tiefe Wort ausgesprochen: » Frei sein kann nichts anderes heißen als seiner innersten Natur sklavisch folgen zu dürfen. « »Einsicht ist frei, aber nicht der Wille. Das wird verwechselt. Was wir begehren müssen, ist ganz bestimmt in uns, das sind wir gleichsam selbst, davon sind wir gemacht: unser Wollen ist nur wie ein Gelenk, welches hierhin und dorthin gedreht werden kann; Einsicht kann nur freie Zustimmung werden ... Nur durch Miteinsicht (in den göttlich gelenkten Weltverlauf} erahnden wir Freiheit ...« Aber sie weiß auch, daß die Einsicht, die uns befreit, von der Zeit bedingt ist; daß Wahrheit nur der stets wachsende Einblick in das wirkliche Wesen der Dinge ist, während »die Wahrheit«, die jedes Volk und jede Sekte zu besitzen glaubt, nur eine lokale Wahrheit ist, die ihre gewisse Zeit hat, in der sie sich entwickeln, leben, wirken und sterben kann. Rahel führt als bezeichnenden Beweis dafür an, daß es die Betitelten, die Herrschenden, Uniformierten waren, die Jesus als Ketzer, Lästerer und Volksaufwiegler verurteilten, während heute die Christen die Siegenden sind, die andere in dieser Weise verdammen. Je älter Rahel wurde, desto mehr war sie von jener Frömmigkeit erfüllt, deren Ausdruck sie vor allem in der Bibel, bei Goethe, Angelus Silesius, Saint-Martin und anderen mystisch-pantheistischen Geistern suchte, die mit ihren Gedanken » wie aus einem religiösen Meer « kamen und dadurch völlig von jenen verschieden waren, die durch ein Mosaik von Lehrsätzen eine bestimmte Religion schaffen: » Mein Geist sträubt sich, meine Seele empört sich gegen solche Zumutungen .« Die Religion, die Rahel sich selbst geschaffen hatte, war ein Gottesglaube, der zuweilen ganz alttestamentarische Ausdrucksformen der leidenschaftlichen Anrufung und des Jubels annahm. Für Rahels Gefühl war Gott unverkennbar persönlich, ein Gott, zu dem sie in ihrer Not ruft; auf dessen Mantelsaum sie ruht: ein »Allumfasser« und ein »Allerhalter«, auf dessen Hilfe sie baut wie Daniel und Jesaja. Aber wenn sie denkt, fühlt sie, daß diese Personifizierung Gottes eine Begrenzung ist. Selbst die allgemeine Vorstellung einer Persönlichkeit des Urseins ist mir beschränkt und willkürlich – aber ich kann nicht anders, ich bin doch immer wieder darauf zurückgewiesen, und ich kann es mir nicht nehmen lassen, das Weltall und die ganze geistige Schöpfung erscheinen mir doch nur als Glieder, zu denen es ein Haupt geben muß. Ohne persönlichen Gott kommt mir alles wie verstümmelt, wie dessen beraubt vor, das dem übrigen erst Leben, Schönheit und Bedeutung gibt ...« Und sie behielt diesen kindlichen Gottesglauben, der doch oft in pantheistisches Allgefühl hinüberglitt, ebenso wie den Glauben an eine persönliche Unsterblichkeit. In beiden Fällen unterschied sie sich von Goethe, der wohl das Wort Gott gebrauchte, aber nicht mit einem mit diesem Wort verknüpften Persönlichkeitsbegriff und der von der Unsterblichkeit überzeugt war, aber nur für den, der sie sich selbst zu schaffen vermocht hatte. Ob Rahel sich diesen Unterschied zwischen ihrer und Goethes Lebensanschauung klargemacht hat, scheint mir ungewiß. Und hatte sie es, so war er für sie ganz unwesentlich, denn das Gefühl war für sie wie für ihn in diesen Dingen alles, und Goethes Frömmigkeit konnte sie ebensowenig bezweifeln wie sein Dasein. Rahels metaphysisches Bedürfnis war ganz gewiß stärker als das seine. Wir haben in dieser Hinsicht eine Aeußerung Rahels, die sehr charakteristisch ist. Sie spricht von Benjamin Constant, der Madame Staël die große Liebe ihres Lebens einflößte. Rahel begriff den Zauber, den Constant besaß, vollkommen, und sie freute sich an seinem »enjouement ironique«, solange es sich auf die Mißstände des Daseins richtete. Aber sie litt darunter, wenn es sich als Skepsis gegenüber allen tiefen Fragen des Lebens äußerte. Gerade weil er recht darin hat, daß das Leben widerspruchsvoll und verwirrt ist, sagt Rahel, so ist das Bedürfnis nach Vernunft, Güte und Gerechtigkeit, das uns innewohnt, eine Bürgschaft dafür, daß wir all dies auf irgend eine Weise erreichen werden. Und sie schließt damit, zu bedauern, daß Constants enjouement ironique aus so tiefer Quelle kam und daß er dennoch da nicht tiefer schöpfte. Rahels religiöses Gefühl hat einen morgenländischen Ernst. Daß sie in einer rationalistischen Zeit als Jüdin herangewachsen war, machte sie allerdings zur Freidenkerin, aber zu einer, die ihre Ehrfurcht vor jedem ehrlichen religiösen Glauben bewahrte: sie hatte selbst unter den Vorurteilen gegen ihre Rasse gelitten und konnte nicht in denselben Fehler verfallen. Wenn sie mit Geringschätzung von der Romantik spricht, so ist es nur, weil sie findet, daß diesem neuen Katholizismus die Ehrlichkeit und der Ernst fehlt. Fand sie wie bei Novalis die Mystik tief und groß, dann liebte sie sie. Aber wenn sie einerseits die Romantik durch ihre Liebe zu solchen Geistern wie Novalis, Lavater, Saint-Martin, Angelus Silesius begreift, so steht sie andererseits durch ihre Sympathie für Lessing der Aufklärungsepoche nahe. Bei ihren größten Lehrern – Goethe, Fichte, Spinoza – findet sie jene Einheit von Gedankenklarheit und Gefühlstiefe, die sie über alles hebt Der Freund, der sie eine »philosophische Naturalistin« nannte, hat ihren Standpunkt am richtigsten angegeben, wenn es nicht ein Selbstwiderspruch wäre, vom »Standpunkt« einer Subjektivistin zu sprechen, der ja der des Seglers auf Entdeckungsfahrten sein muß! Denn Subjektivismus bedeutet auf dem Gebiet der Lebensanschauung, daß die Seele sich horchend und gehorsam verhält, sowohl in bezug auf die Offenbarungen, die aus ihren eigenen Tiefen quellen, wie auf jene, die ihr aus dem übrigen Dasein zuströmen. Für Rahel wurde alles zur Offenbarung: die großen Geister und die kleinen Kinder, die vollkommenen Schöpfungen der Kunst und die kleinsten Werke der Natur. Sie, die ihre Andacht in keiner Kirche verrichtete, lebte jeden Augenblick andächtig, denn sie fand, wie sie selbst sagte, überall ihre Kirche. Und wenn sie ihrem Gottesglauben auch einen persönlicheren Ausdruck lieh als Goethe, so fühlte sie doch wie er: » Leben ist die große Uressenz, woraus alles quillt, mit oder ohne unser Zutun. Frömmigkeit bestand für sie wie für Goethe vor allem darin, jeden Tag, jede Stunde zu denken, daß gerade diese Bedingungen des Augenblicks uns als Stoff zur Bearbeitung gegeben sind, auf daß wir so die bewußten Mitarbeiter des Lebens werden. Mystikerin war sie in dem Sinne, daß sie durch Intuition, durch das Gefühl – niemals durch abstraktes Räsonnement – ihre Einblicke in die Tiefen des Lebens, des Todes, der Menschenseele gewann und daß sie, wenn sie auf dem Wege der einsamen Kontemplation oder irgend eines anderen Erlebnisses vor dem Unerkennbaren, dem Unergründlichen Halt machte, stets auf künftige größere Klarheit hoffte. Rahel – die sich » für ein Paradies mit Engeln bedankte «, empfand es für ihr Wesen, für das Wesen des Menschen notwendig, auf » einen heiligen freien unverletzlichen Zustand « zu hoffen; und mit dieser ihrer Hoffnung auf » stets neue Erlebnisse « stillte sie ihr Herz angesichts des Todesgedankens. Beim Verlust teurer Menschen – den sie ihre » Entblätterung « nennt – sowie bei ihren eigenen wiederholten Erkrankungen kreisten ihre Gedanken immer häufiger um den Tod. Wieviel sie auch früher über die Unbegreiflichkeit des Lebens gegrübelt, angesichts des Todes wurde das Leben nur » das große, heilige amüsante Rätsel « und das neue Leben, dessen Möglichkeiten sie in » Momenten von wahrem Erschauen « ahnte, das ernstere Problem. Ueber seine Lösung schreibt sie: » Ich halte mich ans Wunder der Existenz überhaupt: ist das möglich, wird das Unbegreifliche noch begriffen werden. Man muß besser werden, gut sein, das ist die Aufgabe. « Sie schreibt diese wunderbaren Worte über den Tod: »Ist er wunderbarer als das Leben? Dieses zerrissene Bruchstück, wo er am Ende doch steht. Wer mir durch den dunklen Mutterleib half, bringt mich auch durch dunkle Erde! Ich will leben, also muß ich auch leben. Mein Lebensgefühl, mein Glücks-, Ordnungs-, Vernunftsbedürfnis sind mir auch Bürgen für dies alles: wie käm' ich sonst darauf? Diese sind mein Gott, in mir und außer mir, mein letzter Winkel, wo auch mein Tempel und meine Religion ist. Wenn ich jeden Augenblick sterben kann, so bin ich schon tot, das heißt: ich lebe tot weiter. Und ich fühle ja mein Leben und nicht den Tod ... Gewiß werden wir wieder jung. Eine neue viel gesteigertere Jugend müssen wir wieder erhalten, in ihr fortleben. Und in einer, einer inneren leben wir schon fort.« Ein anderesmal ist ihr Todesgedanke pantheistischer: »Aber ach, wir sind nur ein Tropfen Bewußtsein! Ich will auch ja so gerne wieder ins Meer, will gar nichts Besonderes sein.« Und von ihrem Seelenzustand als Alternde entwarf sie diese schöne Schilderung: »Nach Beendigung unseres Schicksals haben wir gleiche Gefühle wie vor Anfang desselben. Eine Art von vagem, neugierigem Jugenddasein, ein zum All gehöriges Dasein. Wenn man sich nun einmal hat verlieren müssen, so ist es schön, diese kleine Seligkeit, diese zweite Jugend noch auf der Erde abzuleben ...« * * * Mit einem Worte: Rahel lebte ein frommes Leben und starb einen frommen Tod, ohne im Leben oder im Tode ihre Erleuchtung in irgend einer bestimmten Religion gesucht zu haben. In mannigfachen und großen eigenen Leiden bewahrte sie sich den Glauben an einen guten und großen Sinn des Daseins, an die Göttlichkeit des Lebens und an seinen höhern Zusammenhang. Tief gesehen sind es auch diese Gefühle, die – allerdings in der Form des Entwickelungsgedankens – die neue Religion begründet haben, deren Anbruch Rahel ahnte, dank der » keuschen, ehrwürdigen Seeleneinsamkeit «, die für sie die Grundbedingung der echten Frömmigkeit, wie der tiefen religiösen Offenbarung war. In ihrer inneren Ueberzeugung, daß die Individualität die Ewigkeitsverheißung in sich schließt, dürfte Fichte Rahel noch bestärkt haben. Er hatte, wie sie selbst sagt, ihr » bestes Herz herausgekehrt, befruchtet «. Seine Lehre über das »Ich« klang mit Rahels Individualismus zusammen, und das Lebenskräftige und persönlich Mächtige bei Fichte flößte Rahel tiefe Bewunderung für diesen ihren » lieben Herrn und Meister « ein, bei dessen plötzlichem Tod sie den ergreifenden Brief schrieb, in dem sie davon spricht, daß Deutschland sein eines Auge geschlossen hat. Aber sie bekannte sich weder zu Fichtes noch zu irgend eines anderen System, denn in jedem solchen findet sie stets etwas » mit uns Lebendes, zu uns Gehöriges, als Totes Getötetes « eingemauert Und darum fühlte sie, daß ihr eigener Widerstand gegen jedes System nicht » durch den Geist des Widerspruchs « verursacht wurde, sondern Selbsterhaltungstrieb war. Sie wie Goethe konnte nie eine Sekunde die Oberhoheit des Lebens – des sich verwandelnden, entwickelnden Lebens – bezweifeln. Und jeder Anspruch nach irgend einer Richtung, eine feste Form für das ewig Wechselnde festzustellen, war für sie wie für ihn ein Frevel. Das Göttliche war ihr so nahe wie die Luft, in ihm lebte und webte ihre Seele und hatte ihr Wesen darin: Ja, man hat mit Recht von ihr gesagt, daß die Weltseele mit solcher Stärke in ihrer Seele vibrierte, daß ihr gebrechliches Wesen unter der Macht des Gottes erzitterte, den sie einschloß. Aber jeder Versuch, sich mit Analyse und Beweisen Gottes Wesen zu nähern »schnitt wie mit scharfen Messern in sie «. Rahel hat die neue religiöse Sittlichkeit der neuen Zeit und ihre einzige religiöse Ueberzeugung mit den tiefen Worten ausgesprochen, die sie einige Tage vor ihrem Tode niederschrieb: » Je mehr Leben einer Ueberzeugung innewohnt, je tiefere und reichere Beziehung sie hat, je mehr sie allen unseren Anlagen zusagt und entspricht, je schwerer ist das gerade als eine Maschinerie zusammenzufassen und darzustellen: Jedes System aber will zur Maschine werden. Nur ein groß und lebendig Organisiertes gibt es: die erschaffene, sich noch erschaffende Welt. « V. Gemeingefühl. Es wurde schon hervorgehoben, daß bei Rahel wie bei der übrigen jüdischen Jugend die Kämpfe und Siege Friedrichs des Großen jenes Zusammengehörigkeitsgefühl hervorriefen, das die einzelnen Mitglieder einer Nation – trotz ihrer Verschiedenheiten – als ein Volk empfinden läßt. In dieser Hinsicht hat der Krieg eine Macht, die der Friede leider noch nicht besitzt. Aber wenn Rahel die Juden in Berlin »die Juden Friedrichs des Großen« nannte, dann dachte sie vor allem an den neuen Zeitgeist, der von Friedrich dem Großen gehegt und gepflegt wurde und durch ihn seinen Einfluß ausbreitete: den Geist der Gedankenfreiheit und Toleranz. Alle hatten wir, sagt Rahel, an seinen Siegen, an seiner Erkenntnis teil ... » Er gab jeder Pflanze Raum in seinem sonnezugelassenen Lande .« Und ohne daß die Juden sich wirklich von dieser Sonne erwärmt fühlten, hätte sich weder Rahel noch die übrige jüdische Jugend als Preußen gefühlt. Aber bei Rahel erwachte das Vaterlandsgefühl zugleich mit dem Weltbürgergefühl; und darum besaßen beide eine für ihre Zeit ungewöhnliche Tiefe. Sie begeisterte sich wie die beste Jugend der Zeit in allen Ländern für die Ideale der französischen Revolution, und diese waren für sie in ihrem glänzendsten Repräsentanten, in Mirabeau, verkörpert, den sie bei seinem Aufenthalt in Berlin oft sah. » Er war «, sagt sie später, » ein Kerl, den sich die Natur gefreut hatte, zu erschaffen, sowie er sich später über die Natur freute, was sie sich von neuem an ihm freuen ließ, und diese ihre gegenseitige Freude aneinander ließ uns andere über sie beide froh werden. « Aber nicht nur in der Jugend setzte Rahel ihren Glauben für die Gedanken ein, die in Mirabeau ihren hervorragendsten Verfechter hatten. Trotz Goethes – mehr zeitgemäßer als tiefgehender – Mißstimmung gegen die französische Revolution, trotz der Reaktion der Romantik gegen dieselbe, bewahrte Rahel ihr ganzes Leben lang ihren Demokratismus und Republikanismus. Ihr aristokratischer Individualismus war nämlich so tief, daß er die Begriffe einschloß, die sich noch gewöhnlich ausschließen. Sie leidet ihr ganzes Leben lang mit den arbeitenden Klassen, » weil es die meisten sind und die ärmsten «. Ja, ihr Leiden kann sie zuweilen daran zweifeln lassen, ob nicht die verfeinerte Kultur, die ihr eigener höchster Genuß war, zu teuer erkauft sein könnte. Auch dachte ich über die ganze Masse der Menschenbildung; und ob wohl alle Essenz davon, das höchste Entzücken edler, reichbegabter Menschen aneinander, und jeder andere erhellte, erhabene Moment im Leben das Placken und den Jammer aller wert ist, den es zum Dünger Jahrhunderte lang erforderte. Arbeitende Karrende und ich brachte mich auf den Gedanken.« Aber wäre sie wirklich vor die Frage gestellt worden, ob sie z. B. das Dasein der großen Geister opfern wollte, falls dies gerade jetzt die Bedingung für die Wohlfahrt der Vielen wäre, dann hätte sie ganz gewiß Nein geantwortet. Ahnend sah sie die Möglichkeit eines Zustandes voraus, wo die großen und die kleinen Menschen einander gegenseitig vollmenschliche Lebensbedingungen schaffen können. Weil ihre Ahnung so der Zeit vorausgeeilt war, war sie, als der St. Simonismus hervortrat, gerüstet, zu erkennen, daß er gerade diesen höheren Zustand bezweckte, daß er die logische Folge des innersten Ziels der französischen Revolution war: der Feststellung des Menschenwertes und der Hebung des Menschengeschlechtes. Rahels soziale Anschauung verband den Idealismus, der die Zukunft schafft, mit dem Realismus, der die Gegenwart gestaltet. So ist sie in den Napelonkriegen eine glühende Patriotin, die klar die nächsten Aufgaben erkennt: Deutschland von dem französischen Joch zu befreien; und sie findet den wärmsten Ausdruck für die Liebe zu ihrem leidenden Land. Aber keinen Augenblick flammt ein Funke von Nationalhaß in ihr auf, und den Krieg selbst haßt sie mit dem tiefsten Haß. Er war ihr » der Beweis, daß wir noch inmitten des Rohesten leben; daß verwundender Krieg, und tolles Nehmen und Wehren bis zu unseren Schwellen kommen kann, daß wir vor den Wilden nichts voraushaben. « Daß Varnhagen sich mitten unter den Gefahren befindet, ist ihr persönlicher Schmerz, aber er tritt zurück vor ihrem tiefen Mitleid mit der allgemeinen Not, vor ihrer Beschämung über das Gräßliche und Menschenunwürdige, das sie miterlebt. »O, teurer, schöner verkannter Friede! O Gott, wie schön ist Friede. So schön wie Jugend, Unschuld, Gesundheit, die man auch nur kennt, wenn man sie beweint ...« Sie verabscheut alle Aeußerungen des Chauvinismus. Die Eigenschaften, sagt sie, womit wir Deutsche uns schmücken sollen, sind »Gerechtigkeit, Mäßigung, Gesetzmäßigkeit.« Gegen die prahlerischen und beschränkten Formen des Nationalismus richtet sie die folgenden Worte: »Bornieren tut mich mein Land doch nicht. Was Närrisches darin vorgeht, ärgert und frappiert mich genug.« Und dann: ... »Es wird eine Zeit kommen, wo Nationalstolz ebenso angesehen wird wie Eigenliebe und andere Eitelkeit und Krieg wie Schlägerei.« Und gegen die Geschichtsauffassung, die zum Chauvinismus aufstachelt, wendet sie ein, daß die Geschichte in törichten Händen nur Schaden tut, denn jeder Irrtum hat Vorläufer und erhält Nachkommen; daß die Welt, das Licht, die Natur die eigentliche Geschichte ist, und die geistige Entwicklung der Völker ihre wesentliche Historie. Rahel kann mit Wahrheit sagen, daß kein Dogma, kein Vaterland, keine Liebe ihr Gerechtigkeitsgefühl bestechen kann, und sie betont, daß es gerade die große Aufgabe der Frauen sein sollte, die Seele ihrer männlichen Freunde zu sein, sie dazu anzueifern, zum Besten der Menschen zu handeln. Sonst sind die Frauen, meint Rahel, nur ein schwerer Ballast in der Gesellschaft. Unendlich viel seelenvoller, edler, besser, hilfreicher, sagt Rahel, sollte jede Frau sein, als der Mann, dem sie angehört ... Daß die Frauen stets neutral sein sollten, um aller Not unparteiisch lindern zu können, ist ein anderer Ausspruch Rahels. Daß die Entwicklung stets irgend eine Form des Kampfes erheischt, begriff Rahel wohl. Aber sie ahnte eine Zukunft, wo die Kämpfe und Siege der Geister die einzig überlebende Form des Wettkampfes der Völker wie der Individuen sein werden. Die Wissenschaft ist's, die ein Kommen, Sehen und Siegen bedarf. Es weiche der rohe Kampf der armen Völker! Professoren seien ihre Sieger!« »Die Welt ist nicht mehr so roh, daß die Taten sie gestalten und sie denken lehrten; dies müssen unsere besten Denker und Dichter tun: die Edelsten der Nation.« Weit davon entfernt, an dem Napoleonhaß teilzunehmen, empfand Rahel wie Goethe eine große Bewunderung für Napoleons gewaltige Persönlichkeit. Mitten im Franzosenhaß, der in Deutschland herrschte, bewahrte und äußerte sie ihre Bewunderung für die großen Werte der französischen Kultur. Selbst übte sie – und war stolz, daß es die Juden reichlicher als die Christen taten – das freigebigste und werktätigste Mitgefühl, das nicht nach der Nationalität fragte, sondern nur nach der Hilfsbedürftigkeit. Es war eine Zeit, die Rahel ein » Fest des Gutes-Tuns « nannte. Rahel befand sich in Prag, als sie in die Lage kam, Ernst und Ordnung in die freiwillige Pflege der Verwundeten zu bringen. Sie betätigte jetzt im Dienste der Allgemeinheit die Kraft, die sie bisher nur auf dem Gebiete des geselligen Lebens erprobt hatte: Menschen dadurch zu vereinigen, daß sie die Macht hatte, gerade die besten, die verbindenden Elemente der Menschennatur hervorzuholen. Sie kann schreiben: »Gott hat mir gelächelt: ich helfe etwas« ... Sie, »die klein und gering geboren und verarmt« ist, sieht sich nun imstande, im Großen zu nützen; sie hat das Glück erlebt, schwerleidende Soldaten bei ihren bloßen Worten in »plötzlicher Freude lächeln zu sehen« . Sie tröstet die Kranken, ermuntert, ermahnt die Genesenden. Und wie sie dies tat, können wir aus ihren Worten ahnen: »Oft weine ich: Sie haben Mütter wie wir, die sich totweinten, wenn sie sie sähen ...« Sie freut sich, ihre eigene, ordnende und leitende Begabung zu entdecken und ruft in diesem Gefühl aus: »Wenn ich eine Besorgung hätte!« Dasselbe Gefühl bemächtigte sich ihrer bei ihrer Tätigkeit in Berlin in der Cholerazeit 1830. Als sie da Einblick in die Verhältnisse der Armenpflege gewann, war sie sich darüber klar, daß die Frau in die Verwaltung der Armenpflege eintreten müsse, damit die Armen auch in den Tagen der Gesundheit Reinlichkeit, Kleider, Arbeit usw. erhalten konnten. Rahel wollte, wie schon früher gesagt, der Gesellschaftsmütterlichkeit Raum schaffen: darum wünschte sie sich ein »Amt«. Aber mit vollkommen richtigem Instinkt dafür, was das einzige Amt war, zu dem sie bei ihrer Natur taugen konnte, fügt sie sogleich hinzu, daß sie – »eine Fürstin« sein möchte, d. h. mit der Macht ausgestattet, in ganz persönlichem und großem Stil jene Tätigkeit auszuüben, die sie individuell liebt, nach den schönen Worten: »Mich unterhält, tröstet und stärkt allein Gutes tun, sorgen, besorgen.« * * * Rahels Ausruf während des Wiener Kongresses: »Pfui, Christen! Und sie schmieren wieder so etwas im Kongreß zusammen« ist einer unter den vielen Ausdrücken ihrer Auffassung der Politik, die die Reaktion auf christlicher Grundlage in ein System brachte. Aber Rahel fand nicht nur die Diplomatie und die Kriege des alten Regimes verwerflich: sie fand auch die Reformfragen, die der Liberalismus als so wichtig betrachtete, abgedroschen. Man müßte, meinte sie, anfangen, seine Unwissenheit einzusehen und aufhören, die Gesellschaft da aufzubauen, wo kein anderer Grund ist als selbstfabrizierte Fabeln: »Es muß eine neue Erfindung gemacht werden: es ist noch Phantasie im Menschen übrig, für idealische Zustände, und die will Stoff, Nahrung ...« Sie hofft auf einen großen Mann, der »eine hohe allgemeingültige Ansicht des Lebens zu erfinden wüßte. Etwa ein neues religiöses Element, welches die Sittlichkeit schärfer zu verstehen, allen gebotenen Handlungen eine andere Richtung, einen neuen Ehrgeiz gäbe.« Nichts zeigt Rahels Seherkraft klarer, als daß sie schon im Jahre 1820 den innern Zusammenhang der zukünftigen höheren Gesellschaftsordnung mit einer religiösen Erneuerung erkannte. Sie wußte auch – das hatte die erste französische Revolution sie gelehrt – daß die kompakten »Irrtümer, die gar nicht aus den Köpfen herauskommen wollen, am Ende mit den Köpfen fallen.« Sie sah die Julirevolution voraus, und sie fühlte, daß die Völker Europas wohl nach der Freiheit riefen, aber daß es sich im Innersten um Gleichheit, um Rechte drehte. Ueber die Formen dieser Rechte hatte Rahel keine feststehenden Ansichten. Von Rahels politischen Meinungen gilt, was sie im allgemeinen von sich sagt: »Ich habe keine Resultate vorher im Auge und Geist und bin immer bereit, unschuldig aufzufassen.« Gegen die abergläubischen Staatslehren der Romantik richten sich Gedanken wie diese: »Jede Staatsverfassung ist nichts anderes als eine Regel zum Wohlsein aller in einem gegebenen Fall.« »Die Zeit ist ein Geist und schafft sich ihren Körper.« »Der Geist der Zeit ist nichts als die jedesmal allgemein gewordene Ueberzeugung.« Rahel sah mit einem Scharfblick, den nur wenige Männer unter ihren Zeitgenossen besaßen, daß die Versprechungen einer Verfassung, womit die Regierungen während der Napoleonkriege die Völker zu beschwichtigen suchten, »über die Versprechenden hinausgewachsen waren, wie Kinder ihren Eltern entwachsen. Und plötzlich stehen die Kinder mit Kräften und Rechten vor den Eltern, von denen diese sich bei der Taufe nichts träumen ließen.« Was der Liberalismus zu ihrer Zeit wollte, was der Sozialismus zu verlangen anfing, war für Rahel das Glied derselben notwendigen Entwicklung. Sie spricht von dem Wahnwitz der Gesellschaftsordnung, die verlangt, daß die Mehrzahl sich als gute Christen zeige und zum Vorteil der Minderzahl auf alle Güter dieser Welt verzichte; der Gesellschaftsordnung, in der – wie sie und wir alle wissen – Arbeitswille, Erfindungsgabe, Kenntnisse an und für sich nicht genug sind, um denen, die sie besitzen, menschenwürdige Lebensbedingungen zu bereiten; einer Gesellschaftsordnung, bei der sie sehr richtig die Bewegung nur einen Kreislauf nennt, kein Vorwärtsschreiten. Alle Bewegung muß auf ein Menschliches besagen werden können; das heißt hier: auf allgemeines, alle Menschen betreifendes, sonst wird alles Bewegen am Ende pagodisch, kinderhaft lächerlich, bedeutungslos. Das, woran nicht alle Menschen am Ende teilhaben können, ist nicht gut; das, woran sie nicht teilhaben sollen, ist schlecht ...« So wie es ein Franzose – Saint Martin – war, dessen Anschauungen am innigsten mit Rahels religiöser Mystik in ihrem letzten Lebensabschnitt zusammenklangen, war es ein anderer Franzose – Saint-Simon – der zur selben Zeit ihrem sozialen Seherblick den Richtpunkt gab. Und Saint-Simon war ihr um so sympathischer, als auch seine Lebensanschauung dieselbe pantheistisch-religiöse Grundstimmung hatte wie ihre eigene. Sie fühlte sich sogleich in der neuen Lehre glücklich, denn sie hatte sich eigentlich ihr ganzes Leben lang darauf vorbereitet. »Es trifft einen ganz lebendigen, geordneten Vorrat in mir an. Ich litt nicht allein, aber mit allen Menschen und unendlich, vielleicht einzig ... Auch interessiert mich nichts ganz, als was die Erde für uns bessern kann, sie und unsere Handlungen darauf.« Der St.-Simonismus ist für sie »das neue, großerfundene Instrument, welches die große alte Wunde, die Geschichte der Menschen auf der Erde endlich berührt. Er operiert und säet, und unumstößliche Wahrheit hat er ans Licht gebracht, die wahren Fragen in Reih und Glied gestellt, viele wichtige beantwortet ...« »Die Erde verschönern: mein altes Thema. Freiheit zu jeder menschlichen Entwicklung: ebenso ...« »Ich bin die tiefste St.-Simonistin. Nämlich mein ganzer Glaube ist die Ueberzeugung des Fortschreitens, der Perfektibilität, der Ausbildung des Universums zu immer mehr Verständnis und Wohlstand im höchsten Sinn; Glück und Glückbereitung.« Und Rahel wußte, daß die Bedingung für all dies war: »Die Einheit des Lebens zu finden, in welcher Beruf und Trieb ineinander aufgehen. Rahels eigentlicher Einwand gegen den St.-Simonismus ist, daß er sich eine neue Religion nennt. Denn, meint sie, er war wohl religiös, hatte aber nicht jene Merkmale, die dem Begriff Religion eigen sind. Und er braucht auch das Wort Religion nicht anzuwenden, meint sie, denn er hat die heilig gewordene Erkenntnis – die beweisbare Erkenntnis – des Guten, des Gesunden, des Gerechten, all dessen, das jetzt für uns »das heilige Antlitz Gottes« sein muß. * * * Rahels tiefes, soziales Gefühl verleitete sie jedoch nie zu den beiden Vorurteilen, die heutzutage so üppig wuchern. Das erste besteht darin, die Pflichten gegen die Gesellschaft über die Pflichten gegen sich selbst zu stellen. Rahel wußte wie Goethe, wie alle echten Humanisten: erst wenn ich selbst etwas bin, kann ich für das Ganze etwas sein – und man braucht sehr viel Selbstbehauptung, um etwas zu werden. Das zweite Vorurteil ist dies, alle Tugenden in die Klasse der Ungebildeten zu verlegen, aber der der Gebildeten alle Untugenden zuzuschreiben! Rahel wählte ihre Freunde aus allen Klassen, wo immer sie echte Menschlichkeit fand, aber diese mit echter Verfeinerung vereint zu finden, war ihre höchste Freude. »Adlige liebe ich oft, den Adel nie« , sagt sie. Sie weist die Achtlosigkeit, die eine Gräfin sich gegen sie erlaubt, zurück. Aber sie läßt ihre kranke Dienerin an ihrem eigenen Tisch essen, und als diese Rahel in ihrer letzten Krankheit »Gnädige Frau« nannte, rief Rahel – gleichsam erleichtert – aus: »Ach, es hat sich ausgegnädigefrauet, nenn mich Rahel!« Diese kleinen Züge hängen mit der Art zusammen, wie Rahel im übrigen gegen ihre Diener war. Wenn jemand einwendete, daß sie diese durch allzu große Freundlichkeit und Rücksicht »zugrunderichte«, dann sagte sie, daß dies nicht unmöglich sei, aber daß sie in diesem Falle egoistisch genug sei, durch ihr Benehmen lieber ihre Diener zugrunde zu richten, als durch ein anderes Benehmen gegen diese sich selbst! Sie war auch in der jetzt so brennenden Dienstbotenfrage ihrer Zeit so weit voraus, daß sie einsah, »daß es unnatürlich ist, ein Domestik zu sein« . Und sie war überzeugt, daß die Hausfrauen, die sich am meisten über ihre Dienstboten beklagen, selbst als Dienende zu ebensovielen, wenn nicht zu mehr Klagen Anlaß geben würden. Rahels soziales Gefühl war für ihre Zeit selten tief. »Gott helfen in seinen Kreaturen« war ihre höchste Freude. Aber sie war nicht nur wohltätig, sie war auch gerecht. Darum sehnte sie sich nach der »gerechten, frommen, reinseligen, wahrhaft inneren Gleichstellung der Menschen« – und darin begegnet sie sich vor allem mit Jung-Deutschland. Sie hat das Gefühl in einem »Durchgangspunkt zu besseren Zuständen« zu leben, und sie meint, daß diese in gewissen Fällen von selber kommen würden, wenn nicht die Regierungen der Wohlfahrt der Völker ganz ausgesprochen entgegenwirkten. »Für alle Völker gäbe die schwere, dunkle, geduldige Erde Fülle her; sie brauchten nicht zu kriegen, nicht zu lügen – und nicht die Proklamationen zur Rechtfertigung!« Die Reaktionsperiode nach dem Napoleonskriege kühlt bei Rahel nicht die glühende Begeisterung für ihre Jugendideale, während die Mehrzahl der Männer, die gleich ihr mit jungen feurigen Herzen die französische Revolution gegrüßt, nun von ihren Ideen abfielen. Und während sie früher über das Gesellschaftselend empört waren, sprachen sie jetzt von Gottes Willen oder der Weltordnung oder der historischen Notwendigkeit. Na, rief Rahel aus: » Wir sollen es anders machen. « Soweit sie konnte, linderte sie die Not, mit der sie in persönliche Berührung kam, namentlich die Not alter, armer Menschen. Aber sie hielt sich von der öffentlichen Wohltätigkeit fern; die sie allzuoft mit dem Mut zur Verschwendung gepaart sah, einem Mut, den sie unfaßbar fand, solange die Armut noch immer die meisten Menschen bedrückte. Und sie sah außerdem klar, wie ohnmächtig die Wohltätigkeit im großen ganzen Gesellschaftszuständen gegenüber ist, deren Grundlage umgestaltet werden muß. Von 1807 an – als Fichte seine Reden an die deutsche Nation hielt – bis zu seinem Tode war er in Rahels Gesellschaftskreis tonangebend. Sie nannte ihn und Goethe »Deutschlands beide Augen." Und wenn sie später seinen Einfluß auf sie mit dem Saint-Simons verglich, geschah es vermutlich aus dem Gesichtspunkt, daß beider höchster Gedanke die Menschenveredelung war, obgleich Fichte mehr die individuelle, Saint-Simon mehr die sozialen Bedingungen derselben betonte und obgleich die beiden großen Geister die Menschen diesem Ziele auf verschiedenen Wegen zuzuführen strebten. Für dieses Ziel lebte auch Rahel unmittelbar oder mittelbar jeden Augenblick ihres Lebens! So wie Rahel in einer großen Synthese aristokratisch-individualistische und demokratisch-soziale Gesellschaftsansichten vereinigte, waren Pessimismus und Optimismus bei ihr – wie bei George Eliot – zu jener Lebensanschauung verschmolzen, die die letztere durch das Wort »Meliorismus« so glücklich bezeichnete. Und ist dies nicht die einzig mögliche Lebensanschauung für einen Menschen, der imstande ist, sowohl zu beobachten wie zu denken, sowohl zu fühlen wie zu träumen? Rahel stimmte niemals in die Sehnsucht der Romantik nach vergangenen Zeiten ein. Sie war im Gegenteil immer mehr und mehr von Bewunderung für das Jetzt erfüllt, ihr »geliebtes, geehrtes Jetzt« . Und es ist für ihren Klarblick bezeichnend, daß sie auf die Zunahme des Solidaritätsgefühles als den sichersten Beweis des Fortschrittes hinwies: sie hebt hervor, daß Europa heute in Aufruhr gerät, wenn in irgend einem Winkel »Unrecht vorkommt« . Sie weist auf den immer augenscheinlicheren Trieb hin, daß alle nicht nur besser werden, sondern auch besser leben können. Sie macht auf die materiellen Verbesserungen aufmerksam, die sie schon miterlebt hat, und ruft aus: » Ja, es freut mich, jetzt zu leben, weil wirklich reell die Welt schreitet, weil Ideen, gute Träume ins Leben treten, weil Technik, Industrie, Erfindungen und Assoziationen diese Träume verwirklichen. Die Erkenntnis, wie es sein soll, wird schließlich siegen, wenn diese Erkenntnis auch tausend Jahre auf den Sonnenschein warten muß, der die Pflanze wachsen lassen wird! « Sie weiß, daß auch »die Gegenwart Zukunft ist« , und daß man diese nicht zu erleben braucht, um sie zu besitzen. Und ihre fröhliche Ueberzeugung »sie geht, die Welt« ist nicht minder froh, weil sie sich gleichzeitig sagt, daß die Welt zu langsam geht, als daß sie selbst das Fest miterleben könnte. Nichts schildert Rahels Gemeingefühl schöner als ihre eigenen im April 1831 niedergeschriebenen Worte: ...»Ich habe mir nun auch eine Grabschrift erdacht. Sie soll heißen: ›Gute Menschen, wenn etwas Gutes für die Menschheit geschieht, dann gedenket freundlich in Eurer Freude auch meiner‹.« VI. Geselligkeit. Wir modernen Menschen haben bei unserer vielseitigen Tätigkeit, unserer von der Konkurrenz fieberhaft gehetzten Arbeit das Gefühl, daß uns etwas fehlt; etwas, das wir mehr oder weniger bewußt entbehren und das wir »Zeit zum Leben« zu nennen pflegen. Man könnte ein Buch über diesen inhaltsreichen Ausdruck schreiben. Hier sehe ich diese Klage nur von einer Seite an: von jenem Teil des Lebens, der das Gesellschaftsleben ist. Wir sind alle darüber einig, daß wir jetzt kein Gesellschaftsleben im alten Sinn des Wortes haben. Wir treffen uns bei allerlei Zusammenkünften, aber wir sind selten wirklich beisammen. Wir gehen meistens nachhause, ohne etwas ausgetauscht zu haben, das uns gegenseitig unserem wirklichen Wesen oder überhaupt der Wirklichkeit nach irgend einer Richtung hin nähergebracht hat. Anstatt des Gefühls geistiger Bereicherung und behaglicher Ruhe, die eine geschlossene Gesellschaft hinterlassen sollte, bringen wir in den meisten Fällen den Eindruck eines Verlustes heim. Wer trägt die Schuld? Die Männer, sagen die Frauen. Die sind im Rauchzimmer und beim Glase gegeneinander mitteilsam, aber haben keinen Sinn für die seelenvollen, zugleich feinen und vertraulichen Gespräche mit Frauen. Aber können wohl wirklich die Männer die Schuld an allem Bösen hier auf Erden tragen? Was namentlich das Gesellschaftsleben betrifft, so ist es ja eine so allgemeine Wahrheit, daß ihre Wiederholung banal klingt, daß die Frau das Gesellschaftsleben gestaltet und ihm Ton und Inhalt gibt. Könnte nicht möglicherweise eine der Ursachen des Mißverhältnisses zwischen dem, was das Gesellschaftsleben ist, und was es sein sollte, in der für unsere Zeit neuen Einrichtung zu suchen sein, daß nicht nur die Männer angestrengt arbeiten, angestrengter als früher, sondern daß auch viele Frauen arbeiten, so daß auch sie müde und präokkupiert in jene Gesellschaften kommen, in denen sie früher die belebende Kraft waren? Können die Männer heute an starken persönlichen Eindrücken, an gedankenweckenden Gesprächen, an gesundheitbringender Freude wirklich mehr von Frauen als von Männern empfangen? Die Gleichstellung der modernen Frau mit den Männern – was die Last der Arbeitstage betrifft – ist jedoch nicht die einzige Ursache. Es gibt einen tieferliegenden Grund, weshalb das Gesellschaftsleben nicht einmal mehr für die Erquickung – die Rekreation im buchstäblichen Sinne des Wortes – bedeutungsvoll ist, geschweige denn für den Umsatz von Ideen und die Erweiterung des Gesichtskreises. Da das Gesellschaftsleben ein Ausdruck des Lebens selbst ist, der Richtung der Entwicklung, der Irrtümer oder Fortschritte, die sich vollzogen haben, kann man – wenn man einen der modernen Gesellschaftsabende in einem geistig hochstehenden Kreis mit den Bildern vergleicht, die wir von denen Rahels besitzen – den Grundunterschied zwischen der geistigen Physiognomie ihrer und unserer eigenen Zeit finden. * * * Man kann sagen, daß in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die geistigen Interessen in Deutschland sich auf die Literatur, das Theater und die übrigen Künste beschränkten, während das politische Leben tot war. Ein Buch, ein Theaterabend, ein Artikel in einer Zeitschrift waren damals große Ereignisse. Goethes Ideal der Bildung war auch das der Zeit. Und dieses Ideal war das höchste. Denn es bedeutete das stete Streben, die größten geistigen Werte mit seiner Persönlichkeit organisch zu verbinden und aus sich selbst den höchstmöglichen geistigen Wert zu schaffen. In Deutschland, wie eine Generation früher in Frankreich, übten die Frauen während dieser Zeit einen großen Einfluß als Kulturvermittlerinnen aus. Sie schufen keine Kunstwerke, schrieben selten Bücher, systematisierten die Ideen nicht. Aber sie förderten das Verständnis zwischen den verschiedenen Kulturgebieten und die Ausbreitung der Kulturwerte: sie hatten so in der geistigen Welt dieselbe Aufgabe wie die Insekten in der Pflanzenwelt. Wenn die großen Männer der Zeit von den Frauen sprechen, die in Berlin diesen Einfluß auf das geistige Leben ausübten, so ist es stets eine, der sie alle nicht nur eine vermittelnde, sondern eine inspirierende Mission zuschreiben. So wie in der Blütezeit Athens das Bild der Aspasia vor uns auftaucht, die selbst nichts schaffend, für Sokrates eine Inspiration zur Weisheit, für Perikles zur Beredsamkeit, für Sophokles zur Dichtung und für Phidias zur Linienschönheit ward, so erblickt man im Leben Berlins hinter Schleiermacher und Humboldt, Fichte und Hegel, den Romantikern und Jung-Deutschland das Bild einer anderen Frau, die dieselbe inspirierende Macht besaß: das Bild Rahels. Es würde zuweit führen, auch nur einen kleinen Teil all der Aussprüche über Rahel zu zitieren, die das Obengesagte bestätigen. Schleiermacher, ihr langjähriger Freund, sagt: »Rahel gibt das seltene Phänomen eines menschlichen Wesens, das immer konzentriert ist, immer sich selbst ganz hat«. Alexander v. Humboldt nennt sie seine langgeprüfte Freundin und betont das seltene Phänomen, daß Rahel trotz so vieler Leiden soviel Freude und Sanftmut bewahrt hat, daß sie mit soviel Geist soviel Herz vereinte. Wilhelm v. Humboldt, der sie in ihrer Jugend »erstaunend gescheit und witzig«, ja die unterhaltendste Person in Berlin fand, sagt – nach dem Erscheinen ihrer Briefe – daß er von diesem Buche wie von keinem anderen versichern könne, daß kein toter Buchstabe darin sei; und er bezeugt, daß er Rahel nie persönlich getroffen, ohne daß sie ihm Anregung zu ernstem Nachdenken oder zu einem lebendigen Gefühl gegeben; daß ihre geistige Ausbildung ihr eigenes Werk war, und daß der Umgang mit bedeutenden Männern wenig Einfluß auf sie genommen hat. Denn einerseits hatte sie schon, ehe sie noch in Berührung mit ihnen kam, ihre Grundansichten ausgebildet, andererseits waren ihre Gedanken wie deren Form so originell, daß es unmöglich war, dabei an irgend einen Einfluß von außen zu denken. »Ueberhaupt«, schließt er, »war Wahrheit ein auszeichnender Zug in ihrem intellektuellen und sittlichen Wesen.« Ranke spricht davon, daß sie den Instinkt einer Pythia hatte. Oelsner nennt sie eine »Seelenergründerin« und zugleich ein herrliches Kind, das in den Wellen der Zeit plätschert, aber ein Kind mit einem Instinkt, der weiter reicht als die Schul- und Weltweisheit aller Männer. Ein anderer hat in einer ihrer Aeußerungen »Gedankenstoff für das ganze Leben« gefunden. Gentz vergleicht Rahels reichen, ewig tätigen und fruchtbaren Geist mit dem männlichen Element, seine eigene grenzenlose Empfindlichkeit mit dem weiblichen, und so gebaren sie zusammen, sagt er, Ideen und Gefühle und Sprachen, die alle ganz unerhört sind. Goethe und Jean Paul, die Romantiker und Jung-Deutschland, alle sind darüber einig, daß Rahel eine Gedanken- und Gefühlstiefe besaß, durch die ein Blitz aus ihrer Seele »weit größere Räume erleuchtet als bogenlange Dissertationen«. Kann wohl irgend etwas Rahels einzige Persönlichkeit besser beweisen? Denn nur einigen wenigen Ausnahmsmenschen war es gegeben, von drei aufeinanderfolgenden Generationen und gegeneinander reagierenden Epochen so gewertet zu werden. * * * Rahels erstem, nur durch die Macht ihrer Persönlichkeit geschaffenem Salon gehörten die drei Brüderpaare Schlegel, Humboldt und Tieck an; in noch vertrauterem Grade Schleiermacher, Fichte, J. v. Müller, Gentz, Fouqué, Prinz Louis Ferdinand; eine kürzere Zeit auch Kleist und noch viele andere In- und Ausländer von größerer oder geringerer Berühmtheit. Unter den Ausländern befand sich auch der Prinz von Ligne, ein Meister des Gesellschaftstons des »ancien régime«, jenes Tones, der auch Rahels Ideal für den Verkehr war. Sie fand die Berliner Gesellschaften »grob«; sie waren ihr »ein wahres, ununterbrochenes Leiden«, während de Lignes Lebensart »ein wahrer Wiesenflor, ein Sofa, eine Gondel für die Seele« war. Gerade dies waren Rahels eigene Gesellschaften. Der unmittelbarste Einfluß von Rahels Salon war der, daß ihre Landsleute zu ahnen begannen, wie ein zugleich inhaltsreicher und leichter Gesellschaftston beschaffen sein muß. Selbst sah Rahel ein, daß die deutsche Sprache in bezug auf das Tagesleben noch wenig ausgebildet war, und sie versuchte, die Lebensgeselligkeit in Worten vorzubereiten, von der sie hoffte, daß die Deutschen sie einmal erringen würden. Die Geselligkeit, die Rahel als ein bewußtes, anmutvolles Zusammenwirken zum Genuß und zur Reproduktion all des Besten, was die Menschheit hervorgebracht hat, charakterisiert, nennt sie mit gutem Grund ihr »halbes Leben«, während die damals wie heute gebräuchlichste, inhaltsleere Geselligkeit ihr ein Greuel war. Sie ahnte jedoch nicht, daß eine Zeit mit solcher Leidenschaft für die eigenen Interessen anbrach, daß nichts für jenes Interesse aneinander übrig blieb, das den Salons ihre ethische Bedeutung gab; nichts von der Ruhe, die damals dem Sprechen und Lauschen ihre ästhetische Bedeutung verlieh. Freilich war Rahels Zeit – die Zeit der großen Revolution, Napoleons, der Julirevolution – schon eine bewegtere; sicherlich war der Zeitgeist schon von Napoleons Geist umgestimmt, und der unschöne Kampf um die Macht sollte bald das schöne Streben nach Kultur ablösen. Aber noch wirkte all dies nur so, daß man das Leben voller, reicher an Möglichkeiten empfand, und Rahel konnte hoffen, daß die gesellige Kultur, für die sie wirkte, eine Morgen-, nicht eine Abendröte sei * * * Rahel ist eine lebendige Widerlegung des oft gehörten Irrtums, daß der wirklich gute Ton, das echte Gesellschaftstalent darin bestehe, das Individuelle zu einer gewissen Gleichförmigkeit zu verwischen. Rahel konnte im Gegenteil von sich sagen, daß jedes ihrer geringsten Worte mit ihrer Persönlichkeit zusammenhing. Und es ist äußerst bezeichnend für Rahel, daß sie den Beifall und die Freude, die sie in einem Badeort erregte, aus der einzigen Ursache erklärte, daß »ich wahrhaft und selbstmeinend bin; das geht bis auf meine Gebärden. Ich bin die einzige, die da meint« . Sie wagte allen zu widersprechen, ohne irgend jemand zu verletzen, weil alle fühlten, daß für Rahel die Sache das Wichtige war, nicht der Eindruck, den sie selber machte. Und obgleich Rahel natürlich anderen nicht dieselbe reiche Eigenart zutrauen konnte wie die, aus der ihre eigenen scharfsinnigen Beobachtungen, witzigen Einfälle und tiefe Weisheitsworte strömten, traute sie doch allen zu, unterhaltend zu sein, wenn sie nur aufrichtig und selbständig sein wollten, so wie sie es allen gegenüber verblieb. Sie konnte mit Wahrheit sagen, daß, wenn sie mit den höchsten Geistern auf ihren Sternen zusammentraf, sie auf ihren eigenen Wegen hingelangt war. Rahels Gespräche waren von anderer Art als die der französischen Damen, deren »Salons« berühmt geworden sind. Mit einer derselben, Madame Staël, kam Rahel in persönliche Berührung, und ihr Urteil über Madame Staël ist überaus charakteristisch für sie selbst. »Verstand hat sie genug, aber keine horchende Seele; nie ist es still in ihr, nie als ob sie allein nachdächte, immer, als ob sie es schon vielen sagte ... Nie wird es Musik; und auch kein Thema hält sie still ...« Und Rahel bedauert, daß Madame Staël zu all ihren Gaben nicht »eine stille, unschuldige Seelensphäre hat.« Eben eine solche Seelensphäre umgab Rahel und machte den Kreis, dem sie ihr Gepräge verlieh, sehr verschieden von der französischen Aufklärungszeit, wie auch von der Geselligkeit der deutschen Genieanbetungsperiode. Rahel hatte hinter ihren Worten ein großes Schweigen. »Es gibt ein Farbenspiel in unserer Brust, das so zart ist, daß es, sobald wir es aussprechen sollen, zur Lüge wird ... Diese Scheu hält mich ab, zu sprechen. Eine Empfindung ist schön, solange sie nicht zur Geschichte wird: mit dem Leben selbst ist es so.« Und daraus folgt, daß Rahel, wie natürlich sie auch im Verkehrsleben war, doch ihr Bestes in den Gesprächen mit einem gab. Sie wußte, daß »man nie mit einem Menschen zusammen ist, als wenn man allein mit ihm ist , und sie verstand es, sich mitten in einer Gesellschaft ein solches einsames Beisammensein mit einer Seele zu schaffen. Noch häufiger bereitete sie sich dies neben dem Gesellschaftsleben. Bettina erzählt z.B. von ihren einsamen Abendstunden, wo Rahel durch den »Umgang im Geist« , der ihr eigen war, in einigen Minuten soviel geben konnte. Bettina betont auch, daß das Schönste an Rahels Geist ihr »Eingehen in das Individuelle« war. Dadurch wurde Rahel so »vollkommen gütig, so nachsichtig, wo andere verdammten ... Gerecht sein ist göttliche Kunst«, schließt Bettina, nachdem sie mit einem ihrer glücklichen Einfälle Rahels Eigenart beleuchtet hat: »Rahel konnte noch das Salz in dem schmecken, was andere als die Asche eines verbrannten Lebens verwarfen«. Rahel genoß ihrerseits diese Gespräche mit Bettina, wo sie wie zwei »über der Erde schwebende Menschen« waren, und miteinander tiefe Dinge »über die Menschen, nicht über die Leute« sprachen. Während andere berühmte Sprecher – wie gerade Madame Staël – am liebsten solche Gesprächsthemen anregten, bei denen sie selbst ihren Höhepunkt erreichen konnten, war Rahel eifrig bestrebt, den Themen auszuweichen, bei denen ihre Ehrlichkeit sie zu einer für manche unangenehmen Aufrichtigkeit gezwungen hätte. Rahel sagte: »Tadel spar' ich für meine Freunde. Euch werde ich wo es nottut, wahrhaft nicht schonen. Meine Freigeisterei, mein Stolz, meine Verachtung aller geistfesselnden Urteile gehören bloß für die Klügsten und Vertrautesten unter euch; aber jeder gemischten Gesellschaft, die sich bei mir versammelt, bin ich pflichtig, Gutmütigkeit und Anmut umsonst darzubieten – wie Tee und Gefrorenes. Hier ist ja nicht von Tugenden die Rede, sondern von schönen Formen des Umganges . .. Ohne diese kein Witz, keine Freimütigkeit, kein fröhliches Sichgehenlassen.« Brinckmann, dessen Schilderung von Rahels Kunst des Umganges der eben angeführte und verschiedene andere Züge entnommen sind, schließt: »So nur konnte es ihr gelingen, ihr, dem anspruchslosen Bürgermädchen, ohne glänzende Verbindungen, ohne den allgültigen Freibrief der Schönheit und ohne bedeutendes Vermögen, doch allmählich einen zahlreichen Gesellschaftskreis um sich zu versammeln, der ohne allen Vergleich der entzückendste und geistreichste war in ganz Berlin. Einen Kreis, in welchen aufgenommen zu werden königliche Prinzen, fremde Gesandten, Künstler, Gelehrte oder Geschäftsmänner ersten Ranges, Gräfinnen und Schauspielerinnen sich gleich eifrig bemühten; und wo jeder nicht mehr Wert, aber auch nicht weniger hatte, als er selbst durch seine gebildete Persönlichkeit geltend zu machen vermochte. Rahel betonte stark, daß der Verkehr mit Menschen das höchste Bildungsmittel des Menschen ist, eines, das sogar die Bücher übertrifft. »Menschen gehören zusammen,« sagte sie, »um ihre Vernunft betätigen zu können, um zu lieben, um Gerechtigkeit zu üben!« Freilich war Rahel selbst im letzteren Falle durch persönliche Sympathien bestimmbar – wer ist das nicht? Aber sie hatte die wichtigste Voraussetzung für Gerechtigkeit: daß sie jedem »alles und jede Eigenschaft« gönnte und daß sie Liebe für »alles, was fühlt und zu fühlen scheint« empfand. Vor allem besaß sie die Kunst, die sie selbst eine schwere, ja eine »unlernbare« nennt: »das Schnellsehen« . Selbst beglückwünscht sie sich zu ihren »sicheren Augen« , die durch die Zufälligkeit hindurch zur Wesentlichkeit gingen. Sie gibt aber doch zu, daß sie allzu leichtgläubig war. Menschen brauchten nur »zu weinen und zu wünschen« , damit sie sie auch des Edelmuts, den sie begehrten, für fähig hielt! Aber sonst hat Rahel ihr Recht auf den Lobspruch bewiesen, den sie sich selbst ausstellt: ein »Virtuos in Herz- und Menschenkenntnis zu sein« . Bezeichnende Aeußerungen von Rahel sind diese: »Ich kann dem Strom in mir nicht widerstehen. Was ich auffasse, umfasse ich in dem ganzen Umfang, der für mich da ist, und in meiner ganzen Tiefe, gleich sehr geschwind. So geht's mir immer; daher kommt's, daß ich mit mittelmäßigen Dingen ... so bald fertig werde und hingegen mit besseren nie.« »In meiner Brust drängen und sterben die Menschen wie auf einem Schlachtfeld, keiner weiß vom andern, jeder muß für sich sterben, sie gehen vorwärts, sie schließen und drängen sich weiter. Da ich den Frieden nicht will, und Menschen gibt's wie Sand am Meer, so trag ich's wie die Erde.« Fühlte sie sich enttäuscht, war ihr Gefühl erloschen, so verbarg sie es nicht. Sie verlangte von sich selbst nicht, daß alles ewig währte; aber sie gehörte nicht zu jenen, die »kein Gedächtnis im Herzen« haben. Sie war im Gegenteil eine treue Natur, und hatte wie sie selbst sagte, »einen entsetzlichen Vorrat von Herz und Leben« . Sie konnte darum ihre Sympathie, ihr Mitgefühl, auf die verschiedensten Menschen und Schicksale richten. Gegen ihre wirklichen Freunde war sie das, als was sie sich in einem anderen Zusammenhang bezeichnet hat: ein Don Quichotte, eine Bestätigung von E. B. Brownings Aeußerung, daß der fahrende Ritter unter den Frauen häufiger ist als unter den Männern, ja, daß Cervantes, wenn er auch ein Shakespeare gewesen wäre, seinen Don zu einer Donna gemacht hätte. * * * Zu Rahels Empfängen kam man schon um fünf Uhr nachmittags, ja, auch früher. Niemand war besonders eingeladen, aber alle fühlten, daß sie willkommen waren, wenn die Hausfrau ihnen mit ruhiger, einfacher Herzlichkeit entgegenkam. Wer sich über den starken Eindruck, den sie sogleich mitteilte, Rechenschaft zu geben vermochte, fand bald, daß er nicht auf Schönheit, sondern auf Harmonie beruhte. Sie war klein, ungewöhnlich gut gewachsen, zartgliederig und voll, mit einer stillen Anmut in allen Bewegungen. Die Kleidung, stets einfach, geschmackvoll und individuell, schloß sich übereinstimmend an die ganze Erscheinung an. Sie hatte klare, gerade, vorwärtsblickende Augen, die »zugleich beobachteten und sich mitteilten«; die feinen Züge leuchteten von Genialität und würden vor Lebensmut gestrahlt haben, wenn nicht der Schmerz seine Schatten über sie gebreitet hätte. Um den schönen Mund glitt leicht ein Lächeln, meist wehmütig, zuweilen schelmisch, und die Stimme klang geradeso innig und klangvoll, wie man es nach dem Lächeln erwartet hatte. W. v. Humboldts Behauptung, daß Rahel in Gesellschaft laut und wenig fein war, muß – wie andere ähnliche Urteile – sehr relativ genommen werden. Rahel spricht sich selbst Grazie ab. Und da Wilhelm v. Humboldt unter Feinheit ganz gewiß jene ruhige, sichere Eleganz, jenes Gedämpfte, Abgewogene, Maßvolle, Wellenlinige verstand, das vornehm wirkt, so können wir ziemlich überzeugt sein, daß Rahel diese Art von Feinheit fehlte. Daß sie – wie andere Orientalen – in einem eifrigen Gespräch ihre sonst leise und wohlklingende Stimme allzusehr erhob, kann ja auch möglich sein. Aber gewiß ist, daß, wenn Rahel diese Feinheit, meistens ein ererbter Vorzug, fehlte, sie dafür in höchstem Grade den Takt des Herzens, die Feinfühligkeit der Seele besaß, die viel seltener sind als die Feinheit des äußeren Auftretens. Wäre ihr wirkliches Wesen »laut und wenig fein« gewesen, so hätte sie niemals den Kreis von in jeder Beziehung verfeinerten Männern und Frauen, der ihren Salon bildete, um sich versammeln und bewahren können. Ihr Salon füllt sich allmählich mit allem, was Berlin an Hervorragendstem in der literarischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Welt besitzt, sowie mit den durch Schönheit und Anmut bezauberndsten Frauen. Aber Rahel wollte selten mehr als zwei solche an einem Abend bei sich haben, denn sie wußte, daß eine größere Anzahl Damen immer den Zusammenhang und Inhaltsreichtum der Gespräche störte. Rahel hielt jedoch keine Reden, ja sie sprach nicht einmal lange in einer Folge: der Blitz war ihre Mitteilungsform. Sie beherrschte die Gesellschaft nur mittelbar und suchte nie ihr Mittelpunkt zu werden. Sie führt jene zusammen, die sich etwas zu sagen haben; sie hört in jener dankbaren und empfänglichen Weise zu, die die erste Bedingung der Kunst der Geselligkeit ist; sie schweigt gerne, wenn sie andere zum Sprechen verlockt hat; sie knüpft die Gesprächsfäden zusammen und sucht Berührungspunkte zwischen all den Personen von verschiedener Nationalität, Alter und Meinungen zu finden, die sich rings um sie bewegen. Diese waren teils alte Freunde, teils von diesen Freunden eingeführte neue Bekannte oder berühmte Fremde. »Alle waren auf natürliche Weise tätig und doch keiner aufdringlich, man schien ebenso gerne zu hören als zu sprechen ... Mit welcher Freiheit und Grazie wußte sie (Rahel) sie um sich her anzuregen, zu erhellen, zu erwärmen. Man vermochte ihrer Munterkeit nicht zu widerstehen ... Ihre Einfälle waren wunderbar unerwartet ... Kolossale Sprüche hörte ich von ihr, wahre Inspirationen, oft in wenig Worten, die wie Blitze durch die Luft fuhren und das innerste Herze trafen.« (Brinckmann.) »Alle Parteien vertragen mich« , sagte sie, »sie nehmen mich für das, was ich ja auch bin – für eine Frage, zuweilen für eine ehrliche und mutige Antwort.« Sie bestrebte sich, den berechtigten Ansprüchen aller Raum zu schaffen; ihre Güte suchte die Uebersehenen hervor und stellte sie dahin, wo sie sich geltend machen konnten. Sie vernachlässigte nicht einmal ihre eigenen unbedeutenden Verwandten, sondern suchte sie in das Gespräch zu ziehen, damit sie sich nicht außerhalb des Kreises fühlten. Sie übersah nicht leicht »einen Blick, einen Pulsschlag wirklicher Menschlichkeit.« Und gegen die Höchststehenden, wie gegen die Unbedeutendsten, hatte sie ein und dasselbe Betragen, das der Güte. Während sie jedem Anerkennung widerfahren ließ, hielt sie mit sanfter, aber unbeugsamer Energie an ihrem eigenen Standpunkt fest. In der Wahrheitsluft, die Rahel umgab, wurden die anderen ehrlich; sie suchte so anhaltend und gläubig nach dem wirklichen Ich eines Jeden, daß sie es auch fand; sie teilte die Entdeckungen in ihrer eigenen Seele, die Erfahrungen ihres eigenen Herzens so spontan mit, daß jeder auch seinen wesentlichen Inhalt brachte und seelenvoller, reiner, sanfter wurde als sonst. In all dem ist nicht eine Spur von Absichtlichkeit, keinerlei Bemühung. Sie hat keine persönliche Eitelkeit zu befriedigen, keine Rolle durchzuführen, keine Nebenbuhlerschaft aus dem Felde zu schlagen. Sie nahm die Menschen nie von ihren kleinen Seiten; sie stachelte sie nicht an, liebenswürdig zu sein, sich zu produzieren; sie schuf nur durch ihre eigene Gegenwart ein warmes Klima, in dem alle sich entfalteten. Daß man den Menschen eine Wohltat erweist, wenn man ihre Masken durchschaut, war einer von Rahels Glaubenssätzen. Und diese Wohltat erwies sie allen. Niemand posierte vor ihr. »Ich töte die Pedanterie auf dreißig Meilen im Umkreis, ein solcher Giftbaum bin ich für sie« , sagte sie. Niemand dozierte bei ihr. Die ungezwungene Natürlichkeit Rahels selbst teilte sich ihrem Kreise mit, man sprach einfach über die höchsten Fragen; leidenschaftlich über das, was einen bewegte, heiter über das, was einen amüsierte. Rahel nannte sich selbst in dem Sinne »wild«, daß sie alle leeren Formen haßte und selber so ungezwungen war, daß jeder über alles mit ihr sprechen konnte. Wenn eine Verwicklung entstand, löste sie den Knoten mit ihrem scharfen Urteil; sie lenkte von Streitfragen ab, wenn sie befürchtete, daß der Kampf Wunden schlagen könnte. Herrschte der Ernst allzusehr vor, so gewann sie dem Thema einen helleren Gesichtspunkt ab, und der Scherz wurde durch ihren Takt in die gebührlichen Grenzen zurückgeleitet, wenn er sie überschritten hätte. Maß und Beweglichkeit, Ruhe und Abwechselung, Selbstbeherrschung und Freiheit gab der Gesellschaft, die Rahel leitete, das Gepräge. In den Pausen des Gesprächs wurde an dem den ganzen Abend über geöffneten Klavier musiziert – Rahel war selber eine gute Pianistin, nicht nur eine leidenschaftliche Musikfreundin. Man nahm einfache Erfrischungen und trennte sich gegen neun Uhr, wenn alle Eindrücke noch stark waren, und keine Müdigkeit die Stimmung weniger lebhaft gemacht hatte. Es konnte vorkommen, daß einer oder der andere länger blieb – z.B. Prinz Louis, um am Klavier zu phantasieren, wofür er eine geniale Begabung zeigte oder um vertrauter als der Gesellschaftskreis es gestattet hatte, zu plaudern. Aber in der Regel schloß das Beisammensein, wie es immer schließen sollte: auf seinem Höhepunkt. Jeder hatte das Gefühl, das genossen zu haben, was das Gesellschaftsleben nach Rahel sein soll: »eine Zusammenfassung, ein Ausgangspunkt alles Sittlichen« . Man brachte die Erinnerung an einen inhaltsreichen Gedankenaustausch nach Hause, an gründliches, aber nicht pedantisches Interesse für Kunst, Literatur und Wissenschaft, an eine wirkliche Diskussion über wichtige Zeitfragen, an wohl abgewogene Urteile, an befruchtende, nicht an negative Kritik. Und namentlich die Männer, sie mochten voneinander so verschieden als nur möglich gewesen sein – von einem Schleiermacher bis zu einem Prinz Louis Ferdinand, »Preußens Alcibiades« – fühlten alle, daß sie hier die Offenbarung einer echt weiblichen Natur empfangen hatten oder mit anderen Worten das, was für sie die Poesie des Lebens war. Darnach sehnen sich die Männer, das suchen sie, und wenn sie diese Unmittelbarkeit und Frische nicht daheim und auch nicht in den Gesellschaften mit »gutem Ton« finden, so suchen sie es eben in Gesellschaften mit schlechtem Ton. Natürliche Frauen – die eine starke und reiche Natur zu offenbaren haben – waren immer die Eingebung der großen Geister, und eine Kulturperiode, in der die Frauen nicht natürlich, nicht unmittelbar, nicht echt sind, ist niemals frisch und schön gewesen. * * * Da haben wir den eigentlichen Grund dafür, daß unser Gesellschaftsleben zurückgegangen ist. Daß die Frauen nach außen hin eine selbständigere Stellung haben, ist nicht immer damit gleichbedeutend, daß sie mehr sie selbst, reichere Persönlichkeiten werden. Kollektiv hat sich die weibliche Individualität in unserem Jahrhundert durch neue Arbeitsgebiete, durch reichere Bildungsmöglichkeiten entwickelt, aber gerade diese Mittel der Entwicklung haben eine gewisse Tendenz gezeigt, Gleichförmigkeit hervorzurufen. Alle sollen sich mit denselben Aufgaben, denselben sozialen Interessen und derselben öffentlichen Wohltätigkeit befassen, so daß jene, die nicht durch die Arbeit ums Brot überanstrengt sind, zersplittert und zerstreut werden, was dieselbe Wirkung auf das Familien- und Gesellschaftsleben ausübt. Während die ungewöhnlichen weiblichen Eigenschaften heute leichter zu ihrem Recht kommen, findet man jetzt unter der großen Menge weniger Eigentümlichkeit als vor fünfzig Jahren, zum Teile deshalb, weil ein gewisses mittleres Niveau von Bildung, nach derselben Schulmethode mitgeteilt, und dann von denselben Büchern, Dramen und Kritiken genährt, im Besitz aller ist; niemand will ungebildet erscheinen, indem er von dem abweicht, was er für die Meinung der Mehrzahl hält; und so finden wir, daß alle ganz dasselbe gedacht und gemeint haben und es mit ganz denselben Redewendungen ausdrücken! Niemand will seine Denk- und Handlungsfreiheit, sein Recht, natürlich zu sein, dadurch erkaufen, sich effekthascherisch, affektiert oder egoistisch nennen zu lassen, wie es stets die Folge ist, wenn man sich in seinen Urteilen oder seinem Auftreten oder seinen häuslichen Gewohnheiten von seinem Kreis unterscheidet. Man ordnet darum sein Haus nach der Mode des Tages, seine Kleidung nach dem Geschmack des Tages, man betätigt seine Sympathie und seine Barmherzigkeit, seine Teilnahme und seine Bewunderung kollektiv; der persönliche Einsatz wird immer geringer, während der öffentliche Arbeitseinsatz der Frau immer größer wird. Diese Gleichförmigkeit in dem Gedanken-, Gefühls- und Handlungsleben der Frauen ist jedoch nicht der Ausdruck eines sozialen Pflicht- oder Verantwortlichkeitsgefühls. Die Frauen fühlen sich noch allzuoft als Einzelpersönlichkeit, wo sie solidarisch sein sollten, hingegen überall solidarisch, wo sie individuell sein müßten. Die Gesellschaft, das Heim und das Gesellschaftsleben, alle leiden sie unter dieser Begriffsverwechselung. Ehe nicht die Frauen von den zwei Eigenschaften durchdrungen sind, die Rahel tiefsinnig den Ursprung aller anderen Tugenden genannt hat: »Gerechtigkeit für andere, Mut für uns selbst« , kann sich weder das Gemeinwesen noch das Heim oder das Gesellschaftsleben jenem Inhaltsreichtum nähern, den sie besitzen könnten. Mancher wird vielleicht einwenden, daß Rahel nicht nur eine Ausnahmsbegabung sondern auch eine Ausnahmsstellung hatte; sie besaß z.B. ein unabhängiges Vermögen, das ihr Zeit ließ, sich persönlich und schriftlich dem Gesellschaftsleben und ihrer eigenen Bildung zu widmen. An eine Arbeit gefesselt hätte sie nicht dieselbe sein können. Sie hatte als Mädchen wie als Frau eine Gesellschaftsstellung, die keine drückenden Repräsentationspflichten mit sich brachte, aber die Möglichkeit bot, alle Verbindungen, die sie nur wünschte, anzuknüpfen; und dadurch, daß sie in der Revolutionszeit heranwuchs, war sie schon von einer Menge Vorurteile befreit. Bedeutungsvoll war auch, daß sie keine öffentliche Produktionslust hatte, die ihre geistigen Kräfte in Anspruch genommen hätte; daß ihr Mann alle ihre Interessen teilte ohne daß sie doch in jener innigen Weise mit ihm zusammengelebt hätte, die von anderen isoliert; schließlich, daß sie auch nicht durch die Mutterschaft gebunden war. Sie hatte so in ungewöhnlich hohem Grade die Möglichkeit, in einem größeren Kreise geistig anregend und beglückend zu sein. Aber daß sie dies auch war, beruhte in erster Linie darauf, daß sie – nach Madame Staëls Tode und vor George Sands Auftreten – das war, als was Brinckmann sie damals bezeichnet, die »merkwürdigste Frau ihrer Zeit«, die durch Genialität wie durch Originalität ausgeprägteste weibliche Persönlichkeit. Rahels umfassendste Bedeutung bestand darin, die Produktivität, Humanität und Bildung ihrer Zeit, dadurch zu erhöhen, daß sie selbst überall die Wahrheit suchte und andere lehrte, sie zu suchen, daß sie überall dazu anregte, »seine Bildung selbst zu produzieren« ; daß sie ihre tiefe Betrachtungsweise der Religion, der Menschen, der Literatur, der Kunst auch anderen beibrachte; daß sie alles nach seinem Inhaltsreichtum, nicht nach seinen Mängeln beurteilte, daß sie überall verstand, weil sie liebte; überall befreite, weil sie an die Freiheit glaubte. Aber was Rahel so im sozialen und Gesellschaftsleben ihrer Zeit in großem Stil vermochte, das kann in gewissem Maße jede Frau auch in ihrem Kreis fördern, wenn sie verstehen lernt, worin das Geheimnis von Rahels Macht bestand, das, wonach die Zeit unbewußt oder bewußt dürstet, was die moderne Literatur sucht, was die gesunde Dichtung ebensowenig wie das gesunde Leben entbehren kann: eine volle Entwicklung und eine mutige Mitteilung der weiblichen Persönlichkeit. * * * Ungefähr zehn Jahre übte Rahels erster Salon seinen großen Einfluß aus. Das Unglücksjahr 1806 zerstreute viele seiner Mitglieder und brachte für die zurückbleibenden neue Aufgaben und unruhigere Verhältnisse. In den Jahren, in denen Rahel und Varnhagen kein bleibendes Quartier hatten, übte Rahel wohl in jedem Kreise, dem sie angehörte, einen veredelnden Einfluß aus, aber tonangebend wird sie erst, als sie ihren Salon wieder in einem eigenen Heim in Berlin eröffnen kann Und da zeigte es sich von neuem, welcher »Menschenmagnet« Rahel war. Ihr zweiter Salon war »die Dachstube, im größeren fortgesponnen« . Und da nun auch Varnhagen Menschen um sich versammelte, stand Rahel – die sich bei ihrer Rückkehr nur von Gräbern umgeben fand – bald wieder mitten in einem geistig belebten Kreise, wo einige der alten Freunde und viele neue Rahel abermals die Freude eines echtmenschlichen Umgangs bereiteten. Durch die Familie Mendelssohn-Bartholdy kam sie jetzt in neue Beziehung zu der Musikwelt. Rahel, die während einer schweren Krankheit in Prag an Webers Spiel im Nebenzimmer ihre Erquickung gefunden und der Beethoven unaufgefordert einen ganzen Abend vorgespielt hatte, wurde mit jedem Jahre musikhungriger. Selbst war sie durch Bach und Händel musikalisch erzogen worden und blieb ihr ganzes Leben lang von diesen beiden am tiefsten ergriffen. Sie verglich Bach mit Kant – der sie im übrigen recht unberührt ließ – und nennt Bach »den methaphysischen, gottesfürchtigen, mit höchstem Witz begabten« , während Händel sie in das »Gebiet der höheren Wehmut« versetzte, »in eine Vorseligkeit« . In Mozart sah sie ein »Göttliches Wesen«; Spontini, den sie persönlich kannte, schätzte sie hoch, aber Webers Opern mißfielen ihr durch den zur Mode gewordenen »Teutonismus«, der darin eine seiner vielen, Rahel unsympathischen Ausdrucksformen fand. Sie ist von Paganini begeistert, und überhaupt entgeht ihr in der Musikwelt nichts von Bedeutung. Aber nicht nur die Musik, sondern den ganzen Geist des Mendelssohn-Bartholdyschen Kreises liebte sie, denn »es ist alles Wahrheit dort« . Amalie v. Hellwig sieht sie oft, denn sie wohnen nahe voneinander, und Rahel spendet Amalie ihr höchstes Lobwort: daß sie »wesentlich« ist. Neben diesen sind Schleiermacher, Alexander v. Humboldt, Hegel, Gans, Ranke, Chamisso, Fouqué, Achim v. Arnim und Bettina; Henrik Steffens, Heine, Pückler-Muskau einige der Menschen, die für den Varnhagenschen Salon charakteristisch sind. Mit Uhland, Rückert und andern war Rahel während ihrer Reisejahre in Kontakt gekommen. Im übrigen führt sie noch immer die »Bohême« mit der Aristokratie zusammen. Es war ihr eine Freude, mit Berechtigung sagen zu können: »Alle Klassen, alle Menschen reden zu mir.« Und dadurch, daß alle Arten von Menschen sich um das Ehepaar versammelten, wurde ihr Salon eine weit über das Gebiet Berlins hinaus kulturverbreitende und geistige Werte vermittelnde Macht. Diese tonangebende und werteschaffende Macht erklärt die bösen Worte, die jene Schriftsteller, welche Rahels Kreis fremd waren, z.B. Immermann, über Rahel entschlüpfen. Wie Rahel auch zu dieser Zeit auf jeden wirkte, der ihr persönlich nahe kam, dafür hat man einen bezeichnenden Beweis in einer Aeußerung Grillparzers. »Varnhagen ging mit mir nach Hause. Als wir an seiner Wohnung vorüber kamen, meinte er, er wolle seiner Frau – jener später berühmten Rahel, von der ich aber damals nichts wußte – meine Bekanntschaft verschaffen. Ich hatte mich den ganzen Tag herumgetrieben und fühlte mich müde bis zum Sterben, war daher herzlich froh, als man uns an der Haustüre sagte, die Frau Legationsrätin sei nicht daheim. Als wir aber die Treppe hinuntergingen, kam uns die Frau entgegen, und ich fügte mich in mein Schicksal. Nun fing aber die alternde, vielleicht nie hübsche, von Krankheit zusammengekrümmte, etwas einer Fee, um nicht zu sagen einer Hexe, ähnliche Frau zu sprechen an, und ich war bezaubert. Meine Müdigkeit verflog oder machte vielmehr einer Trunkenheit Platz. Sie sprach und sprach bis gegen Mitternacht, und ich weiß nicht mehr, haben sie mich fortgetrieben, oder ging ich von selbst fort. Ich habe nie in meinem Leben interessanter und besser reden gehört Leider war es gegen das Ende meines Aufenthaltes, und ich konnte daher den Besuch nicht wiederholen.«            (Grillparzers Selbstbiographie; Zeitpunkt um 1827.) Prof. Sauer (Prag) teilt in einer kleinen Arbeit »Ueber Grillparzers menschliche Beziehungen« noch eine charakteristischere Stelle über Rahel mit: Die Erzählung Grillparzers findet sich in den Erinnerungen der Goethefreundin, Baronin Jenny v. Gusted, geb. v. Pappenheim: »Schrak ich vor dem Unlieblichen ihrer Erscheinung zurück und fühlte wenig Trieb zu näherer Bekanntschaft, dennoch blieb ich – ja, ich blieb bis 2 Uhr nachts, und als ich zur Tür hinausging, griff ich bewegt in die Haare und rief: Auf der ganzen Welt hätte mich nur eine Frau glücklich machen können, und das ist Rahel.« Bauernfeld berichtet etwas ähnliches von Grillparzer: Rahel sei die einzige Frau gewesen, die er hätte heiraten mögen. Doktor O. Neurath verdanke ich diesen Hinweis auf Grillparzers Urteile über Rahel. Heine nennt Rahel die »geistreichste Frau des Universums«; bezeichnet seine Bekanntschaft mit ihr als den Anfang einer neuen Lebensepoche, ihr Heim als sein Vaterland und sie selbst als seine »Patronin«; ja, er versichert, daß er ein Hundehalsband tragen wollte, mit der Inschrift: Ich gehöre Frau Varnhagen. Er brauchte nur, wenn er von ihr getrennt war, ihren Namen auszusprechen, um »heiter, wohlgestimmter« zu werden. Heine charakterisiert auch Rahels Stil vortrefflich, wenn er sie mit Börne – den Rahel auch kennen und hochschätzen lernte – darin vergleicht, daß beide »Bacchanten des Gedankens waren, die dem Gott mit heiliger Trunkenheit nachtaumelten«. Ueberhaupt erklären fast alle Schriftsteller Jung-Deutschlands, daß sie von Rahel mehr Anregung empfangen haben als von irgend einer andern Frau. Erst nachdem Varnhagen ihre Briefe herausgegeben hat – nämlich nach Rahels Tode – wird dieser Einfluß mächtig; denn solange sie lebte, kam sie – von Heine abgesehen – nur in flüchtige oder gar keine Berührung mit ihnen. Laube, der auch zu ihrem Kreis gehörte, nennt ihre Briefe das offenherzigste Buch in der Literatur Deutschlands und sie selbst »Rahel die Wahrhaftige«; Mündt findet in diesen Briefen »ein urmächtiges Bewegen und Entfalten aus origineller Persönlichkeit heraus« und sieht in Rahel selbst den »mitempfindenden Nerv der Zeit«: in ihrer »unendlich bewegungsvollen Persönlichkeit« vereinen sich »die bangen Wehen einer Uebergangsperiode« mit dem prophetischen Blick in die Zukunft Gutzkow bewunderte unter anderem an Rahel – im Gegensatz zur gewöhnlichen Frauenbildung – die »höhere Empfänglichkeit«; Gustav Kühne hat nicht nur eine vortreffliche Charakteristik von Rahel gegeben sondern auch ein rasches Augenblicksbild ihrer äußeren Erscheinung in den letzten Jahren ihres Lebens entworfen. Aus der ersteren mag das treffende Urteil zitiert werden: Rahel stellt in ihrer Person die Emanzipation des denkenden Weibes dar, denn sie hat offenbart, was die Frau als denkendes Wesen durch einsame Gesondertheit und überlegene Geisteskraft erreichen kann, und zugleich besaß diese Denker-Frau die weiblichste Seele, eine Seele voll von jener mitfühlenden Zärtlichkeit, durch die sie in erster Linie immer und überall die Herzenströsterin war. * * * Noch 1830 hob ein Fremder, der Rahel zum ersten Male sah, die wunderbare Frische hervor, die ihr klares, feines Antlitz besaß, sowie die feste und doch leichte Haltung, die ihre kleine, mit den Jahren etwas voller gewordene Gestalt bewahrte. Kühne empfing bei der einzigen Begegnung, die er mit Rahel hatte, einen ergreifenden Eindruck von der schwarzgekleideten Gestalt, dem bleichen Gesicht, den kleinen weißen zusammengepreßten Händen, aber vor allem blieben ihm ihre »dunkeltiefen Augen« unvergeßlich. Lange fühlte er sich von diesen männlich kühnen Lichtblicken verfolgt: fühlte, daß nicht nur eine prüfende, sondern eine »auflösende Kraft in der Beharrlichkeit ihres sinnenden Auges lag. Auch Kleist scheint die Macht von Rahels Blick empfunden zu haben, da er sagt, daß ihre Worte ausdrucksvoll waren wie ihre Augen. So war der äußere Eindruck beschaffen, den Rahel in ihren späteren Lebensjahren jenen mitteilte, die sich um sie versammelten und von dem bezaubert wurden, was Varnhagen ihr »Talent des Lebens« genannt hatte, das Tabu, durch das sie der Geselligkeit wie der Einsamkeit Schönheit und Haltung gab. Der erwähnte Fremde hat einen Gesellschaftsabend bei Varnhagens im März 1830 geschildert. Er erzählt, wie er als der Zuerstgekommene Zeuge von Rahels mütterlicher Sorge um ihre kleine Elise war und sie später mit derselben Zärtlichkeit für die Bequemlichkeit von ein paar sehr bejahrten Gästen sorgen sah. Das Gespräch berührte zuerst eine theologische Streitfrage des Tages, dann glitt es zur Musik hinüber, weil einer der ausländischen Gäste eine Lanze für Rossini brach; eine berühmte Sängerin trat ans Klavier und trug Lieder von Schubert und Beethoven vor, wobei Rahel mit tränenvollen Augen und einem glücklichen Lächeln zuhörte. Als die Musik aufhörte, teilte jemand eine politische Neuigkeit mit, und da die Politik gerade damals brennend war, entstand ein lebhafter Streit, in den Rahel einige leichte Zwischenworte einwarf, und so gelang es ihr zu verhindern, daß die Diskussion allzu hitzig wurde. Sie reinigte die Luft durch »rasche Blitze eines leichten Humors«, die immer eine kleine »Erschütterung aus Staunen und Behagen« hervorriefen, durch die sich die unbehagliche Stimmung löste. Anläßlich der Rückkehr Henriette Sonntags nach Berlin drehte sich das Gespräch um sie, und man griff ihre musikalische Koketterie an. Aber Rahel nahm sie in Schutz und nannte sie einen Ausdruck der Zeit: Henriette Sonntag war ein Produkt der Zustände, aus denen das Große und Erhabene verschwunden war, während das » Mäßige und Anmutige « es abgelöst hatte. Rahel hatte sich an E. Gans gewendet, und dieser war von der Wahrheit von Rahels Gedanken so überzeugt daß er sie bat, ihn in einer Musikzeitung weiter entwickeln zu dürfen. Dies ist auch später – mit Rahels Einwilligung – geschehen. Dann kam Alexander v. Humboldt vom Hofe, und bald lauschte alles ihm, der die verschiedenen Arten von Frömmigkeit schilderte, die er auf seinen Reisen beobachtet hatte, und sie nach ihren Merkmalen klassifizierte wie ein Botaniker seine Pflanzen. Bald ging er, und das Gespräch kehrte zur französischen Politik zurück, von der Rahel unter anderem die prophetischen Worte sagte: Die Republik liegt allen Franzosen » in den Gliedern «, und eine Republik wird Frankreich früher oder später! Für das französische Volk – » mein Vorvolk « nannte Rahel es – ist die Republik unausbleiblich; wenn sie heute unterliegen, so werden sie Versuch um Versuch unternehmen, bis es ihnen gelingt Denn jeder Franzose hat etwas von Selbstherrlichkeit an sich und unterwirft sich lieber einer Abstraktion als eine Person! Während Rahel in diesem Geiste sprach, sah der Beobachter, wie die früher so »milde und bescheiden einwirkende« Frau tiefernst wurde, ihr Blick fest, ihr Ausdruck beinahe trotzig-gläubig an ihre Prophezeiung, die damit schloß: daß wenn auch Zwischenspiele denkbar wären, die großen Zeitereignisse doch über diese Zufälligkeiten hinwegschreiten würden: » Sie machen daraus den Staub ihres Weges. « Diese letzten, für Rahels Ausdrucksweise charakteristischen Worte wurden so ernst gesprochen, daß die Stimmung alle ergriff, wenn auch die meisten die Erfüllung der Voraussage bezweifelten. Nun kam Bettina von Arnim, und in »ihre brausende Flut von Witz und Gedanken« schaltete Rahel nur einige ihrer kurzen raschen Einfälle ein, um bald auch nur ganz bezaubert dieser beschwingten, berückenden, beseelten Kunst der Rede zu lauschen, die für die Anwesenden der letzte Eindruck des Abends blieb. Selbst in meiner kurzen Zusammenfassung dürfte diese Schilderung ein lebendiges Bild dessen geben, was jene mit nach Hause nahmen, die einen Abend bei Rahel verbracht hatten sowie auch einen Begriff von Rahels eigener Macht, Gedanken anzuregen, Gesichtspunkte zu vertiefen und den Horizont zu erweitern. Es ist sehr bezeichnend, daß Rahel – die bei W. v. Humboldt den Willen findet, alles, was ihn umgibt, in das Eigentum seines Verstandes zu verwandeln und so wenig als möglich auf der Erde zurückzulassen, womit er nicht in Berührung gekommen – sehr bedauert, daß dies nicht mit einem tieferen Verhältnis zu den Dingen verknüpft ist. Er konnte heute verteidigen, was er morgen angriff, er streute Sophismen und Paradoxe bei einem Wortwechsel aus, an dem nicht die Sache, sondern der Glanz des Kampfes und der Worte ihn interessierte; und die geniale Geistesfreiheit, womit dies geschah, schätzte Rahel weniger hoch, nachdem sie gefunden hatte, daß er sie nicht zu ernsten Befreiungskämpfen gebrauchte. Diese Züge, die Rahel von Wilhelm v. Humboldt zurückstießen, treten öfter gerade bei jüdischen Intelligenzen hervor. Es ist darum interessant, daß Rahel die Schwäche dieser Art von Begabungen so klar erkannte, was sie unter anderem mit folgendem Einfall über eine politische Schrift Humboldts ausdrückte: » Die Brühe ist vortrefflich, aber sie macht keinen Braten. « * * * Sowohl vor wie nach Rahel haben andere Frauen einen gesellschaftlichen Einfluß in derselben Richtung wie Rahel selbst ausgeübt. Es war mir nicht gegönnt, Malwida v. Meysenbug früher kennen zu lernen, als in jenem späten Lebensabschnitt, wo sie nicht mehr als einige Besucher zugleich vertrug. Aber dennoch empfing ich eine Vorstellung dessen, was sie in dem auserlesenen Kreis, der sich in ihrem Salon in Rom um sie versammelte, bedeutet hatte. Persönlich habe ich George Eliot nicht gesehen, aber Sonja Kowalewska schilderte mir ihre Empfänge als geistige Feste, bei denen die Wirtin selbst – durch die stille Sanftmut ihres Wesens, ihrer Stimme, ihres Lächelns – die Luft warm und die Stimmung auch bei lebhaftestem Meinungsaustausch friedvoll machte. George Eliot hörte am liebsten zu, und nur irgend ein tiefergehendes Thema rief ihre lebhaftere Teilnahme am Gespräch hervor. Sonja Kowalewska selbst war genial im Gespräch, aber hatte kein Talent, einen Salon zu begründen. Noch andere mehr oder weniger glänzende Frauen könnten in diesem Zusammenhang erwähnt werden, namentlich Französinnen. Aber im großen ganzen dürfte es unbestreitbar sein, daß der Einfluß der europäischen Frau im Gesellschaftsleben – und durch das Gesellschaftsleben – mit Rahel einen Höhepunkt erreichte, den er seither nie mehr eingenommen hat. Die Frauen, die später berühmte Salons gehabt haben, waren entweder solche, die einen persönlichen Namen in der Literatur und Kunst hatten oder die durch ihren Mann eine einflußreiche Stellung in der politischen oder aristokratischen oder künstlerischen Welt einnahmen. Aber keine hat wie Rahel diese Stellung ausschließlich durch die Macht ihrer eigenen Persönlichkeit erlangt und sie ausschließlich durch ihre gesellige Begabung im größten und schönsten Sinn des Wortes behauptet. In dieser Beziehung sind einige feine Urteile über Rahel von einem Franzosen, dem Grafen de Custine gefällt worden, der sie in Frankfurt einige Jahre nach ihrer Verheiratung kennen lernte. Er bezeichnet sich als »unwiderstehlich gefesselt, ohne verliebt zu sein«, ein Zustand, den er »die Vollkommenheit menschlicher Beziehungen« nennt. Es dahin zu bringen, ist, meint er, ein schweres Problem, aber eines, das Rahel durch ihre Ehrlichkeit, ihre Wahrhaftigkeit, die Zauberkraft ihres Geistes löste. Sie gab, sagt Custine, einem großen Kreis wie einem Gespräch unter vier Augen Leben; ihre Begabung war »das Genie im Dienste der Freundschaft und der Geselligkeit«. Rahel fand es nie unter ihrer Würde, sich mit dem Alltäglichen zu beschäftigen, während doch keine der großen Angelegenheiten des Lebens außerhalb ihres Gesichtskreises lag. Welcher Sache sie sich auch hingab, immer gab sie sich ganz; sie wollte keine Rolle spielen, sie berechnete niemals eine Wirkung und brauchte das auch nicht zu tun, denn ihr feines Taktgefühl leitete sie im Gesellschaftsleben immer richtig wie ihr Schönheitssinn in der Literatur und Kunst ... Rahel wollte nur Freunde haben ... Sie sprach nicht, um Bewunderung zu erregen, sondern um ihr Inneres zu offenbaren, und dieses war so reich, daß sie kein Bedürfnis nach äußerer Tätigkeit empfand ... Das Leben selbst war ihr eine fortwährende Arbeit ... Sie lebte und sprach mit ihren Büchern wie mit lebendigen Wesen. Sie beseelte alles, und in ihrer Weit fand alles seine Verwendung: Sie hatte »den Geist eines Philosophen und das Herz eines Apostels«. Und dessen ungeachtet war sie »Kind und Frau, so sehr man es nur sein kann Sie empfand wie ein Künstler und erreichte die höchsten Wahrheiten auf den zwei Wegen, die einander sonst auszuschließen pflegen: durch Gefühl und Nachdenken, durch ahnungsreiches Schauen, durch intuitive Erkenntnis.« VII. Goethe. Alle wissen, daß die Mitwelt – wie stets dem großen Neuen gegenüber – sich nur langsam zur Schätzung Goethes durchrang. Daß er von dem großen Publikum nicht verstanden wurde, das Kotzebue als dramatischen Schriftsteller hoch über ihn stellte, ist nicht zu verwundern. Aber daß z. B. ein Lessing von Goethe sagen konnte, er habe eigentlich nur durch die Tollheit seines Werther Aufsehen erregt, und wenn Goethe klug würde, bliebe nicht viel von ihm übrig, das ist bezeichnend, wie auch, daß die erste Sammlung seiner Werke so schlecht ging, daß er sich für die zweite einen neuen Verleger suchen mußte! Daß Moses Mendelssohn ebensowenig wie Lessing Goethe verstand, daß Klopstock sich kühl verhielt und die alte Schule mit Ausnahme von Wieland gegen ihn war, und daß erst die Romantik von ihm als von dem Dichterfürsten zu sprechen anfing, daran muß man sich erinnern, um zu erkennen, was es am Ende des 18. Jahrhunderts an geistiger Selbständigkeit bedeutete, wenn ein junges Mädchen wie Rahel einen großen leuchtenden Ring um Goethes Namen zog, schon allein durch die Art, wie sie diesen Namen aussprach: als den, der nicht am selben Tag mit irgend einem anderen genannt werden darf. Jene Sorte von Literarhistorikern, für die der Geist der Dinge eine verborgene Sache ist, sind stets Datenjäger. Für sie ist es z. B. eine höchst wichtige Sache, herauszubekommen, wer Rahel zuerst veranlaßt hat, Goethe zu lesen(!) – als ob Menschen nicht von selbst die Sonne finden könnten – oder festzustellen, ob Rahel oder irgend eine andere der literarisch einflußreichen Frauen zuerst die Aufmerksamkeit auf Goethes Bedeutung lenkte. Gerade weil Rahel eine so tiefe Andacht vor Goethe empfand, ist es wahrscheinlich, daß sie nicht diejenige der tonangebenden Damen Berlins war, die zuerst anfing, von ihm zu sprechen, aus ihm vorzulesen und sich mit ihrer Bewunderung zu drapieren. So z. B. erzählt Rahel, wie sie auch einer echten Goethebewunderin, wie Bettina, gegenüber stumm blieb; wie ihr, als Bettina einmal in dem in der Herbstsonne erglänzenden Monbijou – schön und feurig – von Goethe sprach, »tat, als kennt' ich ihn gar nicht, so ging's mir oft.« Daß Rahel Goethe selbst entdeckte, in ihm und von ihm lebte und ihm ihre ganze Seele gab, ehe noch irgend ein Mensch nach Rahels Urteil fragte, geht aus ihren eigenen Aussprüchen klar hervor. Sie sagt von ihrem einfachen Dachstübchen im Elternhause: »Da ist mein Mausoleum. Da hab ich gelebt, geliebt, gelitten, mich empört, Goethe kennen gelernt. Bin mit ihm aufgewachsen, hob ihn unendlich vergöttert! Da wacht' ich und litt, viele, viele Nächte durch, sah Himmel, Gestirn, Welt mit einer Art von Hoffnung; wenigstens mit heftigen Wünschen. War unschuldig.« »Ein Fest war ein neuer Band Goethe bei mir; ein lieblicher, herrlicher, geliebter, geehrter Gast, der mir neue Lebenspforten zu neuem unbekanntem hellen Leben gewiß erschloß. Durch all mein Leben begleitete der Dichter mich unfehlbar. Mit seinem Reichtum machte ich Kompagnie, er war ewig mein einziger, gewissester Freund, mein Bürge, daß ich mich nicht unter Gespenstern ängstige; mein superiorer Meister, mein rührendster Freund, von dem ich wußte, welche Hölle» er kannte! – kurz, mit ihm bin ich erwachsen, und nach tausend Trennungen fand ich ihn immer wieder. Und ich, da ich kein Dichter bin, werde es nie aussprechen, was er mir war.« »Wenn ich mir ihn denke, so treten die Tränen mir ins Auge: alle anderen Menschen lieb' ich nur mit meinen Kräften; er lehrt noch mit seinen lieben. Und ich weiß auch gar nicht, wie sehr ich mich werde lieben müssen. Wie oft dachte ich schon: Mehr trägt dein Wesen nicht: und das Wesen änderte sich. Mein Dichter!« Rahel lebte lange in Goethe, bevor sie anfing, von ihm zu sprechen. Aber wenn sie – z.B. in ihrem ersten Salon – dies tat, dann geschah es nach der Aussage eines Zuhörers mit Worten der Bewunderung, die alles übertrafen, was er bisher über Goethe gehört. Und das ist das Wichtigste, nicht, ob es – wie Varnhagen meint – Rahel oder, wie andere meinen, Dorothea Schlegel war, die den Goethekult zu verbreiten begann. Nicht wer zuerst Goethe »Herr und Meister« nannte, sondern wer am tiefsten fühlte, daß er es war – das ist das Entscheidende. Und am allerbedeutungsvollsten ist es, daß Rahels Begeisterung durch ihr eigenes tiefes Verständnis Goethes entflammt wurde; daß er – unabhängig von allen Modeströmungen für oder gegen ihn – der Mittelpunkt ihres geistigen Daseins blieb; daß ihr Gefühl für ihn die vollkommene Bekräftigung ihrer eigenen Worte ist: » Keine Begeisterung muß anwehen von außen, sie muß erglühen von dem heiligen Opferherde unseres eigenen Gemütes. « Nur so lehrte Rahel ihre Zeitgenossen geistig von und durch Goethe zu leben; lehrte sie, daß er unerschöpflich ist wie die Natur selbst; daß man » bei anderen großen Geistern Wahrheiten empfängt, aber bei ihm die Wahrheit «. Mit einem Wort: Rahel erkannte wie kein anderer Zeitgenosse Goethes Platz in der Entwicklungsgeschichte des Menschengeistes, und sie weist ihn ihm mit den Worten an: daß die Völker immer gegen ihre Großen murren: Moses, Sokrates, Goethe – soll ich an Christus erinnern? Und sie vermochte dies einzusehen, was wir hundert Jahre später erst zu erkennen beginnen, nachdem der Zeitabstand seine Gestalt mit einem Goldhintergrund umgeben, und nachdem er bis in die Unendlichkeit durchforscht und gedeutet worden ist! Durch das Verständnis und die religiöse Ehrfurcht ihrer Liebe kam sie in ihrer Goetheanbetung so weit, wie die Menschheit erst nach ein paar Jahrhunderten gekommen sein wird. Das Allermerkwürdigste ist, daß Rahel zu der Tiefe in Goethes Geist vordrang, ohne mehr von ihm zu kennen, als seine damals gedruckten Werke. Alle die Reichtümer, die später an den Tag gekommen sind, vor allem alle seine wunderbaren Briefe, waren ihr unbekannt. Dazu kommt Rahels Fähigkeit, alle »Wahnbegriffe« zu durchdringen, die sich um Goethe als den Hof mann und Beamten bildeten, die Würden, die die Mitwelt bei Goethe am höchsten schätzte und von denen sie darum ihn selbst am meisten erfüllt glauben konnte. Ich habe in dieser Beziehung eine bezeichnende Aeußerung von Ulrike von Levetzow gehört: daß, wenn sie verstanden hätte, daß er Goethe war, sie ihn vielleicht – aus geschmeicheltem Stolz – geheiratet hätte; nun sah sie wie ihre Umgebung in ihm den vornehmen alten Geheimrat, der von Sternen, Steinen und Blumen sprach, während sie all dies langweilig fand und so schlecht zuhörte, daß Goethe zu sagen pflegte: »Hört mein liebes Kind wieder nicht zu?« – Ja, – als er ihr seine Schriften mit Anmerkungen eigens für sie gab, da ließ sie sie liegen und mußte, als Goethe eines Tages fragte: »Hat mein liebes Kind etwas in mir geblättert?« beschämt Nein antworten. So wenig wußte ein junges Mädchen »aus guter Familie« um 1820 herum von Goethe, obschon sie der Gegenstand seiner Liebe war! Wenn man Ulrike mit Rahel in ihrem Dachstübchen, vierzig Jahre früher vergleicht, steht die Reife von Rahels Goetheverständnis erst im rechten Lichte da. Rahel erlebt die Aufklärungsepoche, die Revolutionsepoche, die Romantik, Jung-Deutschland, den Saint-Simonismus und empfängt – wie jedes Kind seiner Zeit – Eindrücke dieser Kulturepochen und Geistesrichtungen. Aber zu allen Zeiten übt Goethe den mit allen anderen unvergleichlichen Einfluß auf Rahels Lebensanschauung aus, wenn sie auch gewissen dieser Zeiterscheinungen näher stand als er, eine Verschiedenheit der Distanz, die teils vom Altersunterschied, teils von Verschiedenheiten des Charakters bedingt wurde. Rahel konnte Goethe mit all dem für eine oberflächliche Anschauung Widerspruchsvollem in Einklang bringen, weil sie so tief in Goethe eindrang, daß sie begriff, daß er den Zeitbewegungen – z. B. dem nationalen Sammlungsgedanken und den sozialen Reformforderungen – nicht feindlich gegenüber stand, sondern daß er sie von einer hohem Warte sah als der der Zeitmeinung. So auch mit Goethes Lebensanschauung. Während die Romantik in ihrer »Glaubensliebhaberei« – der nach Rahels Meinung die Stille, Keuschheit, Begeisterung, Ehrfurcht fehlte und die nur ein ästhetischer Zeitvertreib war – Goethes Frömmigkeit übersieht, hat Rahel das innigste Verständnis dafür. Im Zusammenhang mit Spinoza – den sie liebt, »weil er den schönen Charakter des Denkers hat, weil er ehrlich, unpersönlich, mild, still ist« – kommt sie z. B. zu Fausts Antwort auf Gretchens Frage nach seiner Religion. Rahel nennt diese Antwort » das schönste Gebet «. » Und wieviele Gebete «, fährt sie fort, » sind nicht durch die Seele gezogen, die diese Antwort gibt! « Ich möchte die Menschen in drei Gruppen einteilen: die welche »goethereif« sind, die, welche es noch nicht sind und die, welche es niemals werden. Man hat dieses Wort Auerbach zugeschrieben. Aber es hat – nach dem, was mir Frau Professor Furtwaengler gesagt hat – seinen Ursprung von ihrer Mutter, Frau Dorn, die es in einem Kreise aussprach, wo Auerbach anwesend war. Er war so entzückt über das Wort, daß er bat, es adoptieren zu dürfen; und so hat es sich allgemein verbreitet. Rahel kann man im vollsten Sinne des Wortes goethereif nennen: nicht nur weil sie ihn am tiefsten verstand, sondern weil sie ganz in seinem Geist lebte – was man von seinen romantischen Bewunderern und Bewunderinnen nicht sagen kann!! Ihre Lebensweisheit – z. B. in den Worten, » die Gegenwart fühlen und sich mit ihr abgeben können, das ist Lebenstalent « – ist ein goldiger Honigtropfen aus Goethes Bienenstock. Rahel riet einem Betrübten, Wilhelm Meister zu lesen » so wie andere die Bibel lesen «. Und gerade weil Rahel selbst Goethe so las, fand sie mehr in ihm als irgend ein anderer. Wie Goethe ihr Wesen durchdrang, zeigt sich in der Art, wie sie ihn zitiert. In jeder Stimmung – der Trauer oder des Jubels – ist er ihr Meister, ihr Führer, ihr Orakel Sie liest ihn in den Jugendjahren und auf dem Totenbett: das letzte, was sie las und schrieb, war von Goethe und über ihn. Das Goetheverständnis zu fördern, hält sie für ihre Lebensaufgabe. Als Frau von Wolzogen Rahel erzählte, daß ihre Aussprüche über Goethe ihm, der soviel mißverstanden wurde, außerordentlich wohlgetan, fühlte Rahel sich tief dankbar, daß sie ihm eine Freude machen konnte, diesem » König der Deutschen, der Blinden, Unglücklichen, die ein Jahrhundert nach seinem Tode erwachen werden .« Gleichzeitig spricht Rahel die rührenden Worte aus, die man von ihr als wahr empfindet: » Wüßte sie jemanden, der ihn mehr lieben, ehren, bewundern, anbeten, ihn besser verstehen, richtiger jedes Wort, jedes Silbe, jedes Ach deuten könnte, der im selben Grade wie sie immer mit ihm einverstanden und zufrieden wäre – dann wolle sie, Rahel, ewig ungekannt von Goethe bleiben und ihm den zuschieben «. Ja, sie versichert, » gäbe es eine Kaiserin, die so für seine Verehrung geboren wäre, fast wollte ich ihr mein Herz und meine Einsicht geben, leihen gewiß oft .« »Mein Leben ist an seine Adresse gelangt: daß dieser Mann erlebt von seinen Zeitgenossen, daß er vergöttert, anerkannt, studiert, begriffen, mit dem einsichtigen Herzen geliebt würde, war der Gipfel aller meiner Erdenwünsche und Kommission. Dieser vollständige Mensch, dieser Repräsentant, der alle anderen in sich trägt und so mächtig ist, sie uns zu zeigen. Dieser Priester, dieser wahrhaft Gesandte! Dieser sagt nun befriedigt selbst: er sei verstanden. Das heißt geliebt, geliebt mit einer Liebe, die er nur verschaffen konnte. Dies habe ich ihm verschafft. « Rahel hat das Recht zu dieser stolzen Gewißheit. Es ist bemerkenswert, daß Emerson das Wort »repräsentative men« ganz im selben Sinne gebraucht, wie Rahel hier von Goethe. Aber während Emerson Goethe nur im eingeschränkten Sinne repräsentativ macht, tut Rahel es uneingeschränkt, und sie zeigt so, daß sie Goethe viel tiefer erfaßt hat. Es war Rahel eine unaussprechliche Freude, als sie (in »Wahrheit und Dichtung«) sah, wie tief sie Goethe aus seinen Werken verstanden hatte. Denn sie hatte schon aus seinen Werken gewußt, daß sein Leben voll von » großen Drangsalen « gewesen sein mußte; und zu der lächerlichen Mythe von dem olympisch kalten und klaren Goethe hat Rahel nicht mit einer Silbe beigetragen. Eine von Rahels tiefsten Aussprüchen über Goethe ist ihre Bemerkung, daß Goethe mit Wilhelm Meister einen zweiten Don Quichote geschaffen; daß Goethe und Cervantes, weil sie mit reinen Augen sahen, die Verteidiger des Menschengeschlechtes geworden sind. Durch Torheiten und Irrsale hindurch zeigen sie ihrer beiden Helden » eigentliche Gestalt und tiefste Seele «: die reinste, edelste, ehrlichste Seele, während die Welt beide Narren nennt. In dem Grade, in dem ein Mensch Goethe liebte, war er Rahels Freund. Und wenn ein ihr sympathischer Mensch es nicht schon tat, hatte sie keinen lebhafteren Wunsch, als daß dieser Mensch Goethe kennen und bewundern lernen sollte. Wenn z. B. ein Goethebewunderer Rahels Bekanntschaft zu machen wünscht, läßt sie ihm sagen, er möge wie zu einer alten Bekannten kommen. Denn Goethe war » der Vereinigungspunkt für alles was Mensch heißen kann und will «. Als Prinz Louis Ferdinand Goethe in Weimar getroffen, schrieb er an Rahel, er wüßte, daß er nun für sie »unter Brüdern dreitausend Taler mehr wert war«. Und Rahel freut sich ihrerseits darüber, daß » der menschlichste Prinz seiner Zeit « den größten Dichter schätzen gelernt. Als der junge Heine Rahels Freund wurde, erkundigte sie sich, wie es mit seiner Goethereligion stehe, und bald kann er versichern, daß er nicht mehr »ein blinder Heide, sondern ein sehender ist« Ueberhaupt empfiehlt Rahel jedem bildbaren jungen Menschen Goethe als den großen Erzieher des Jahrhunderts in echter Bildung. Und sie versäumt keinen Anlaß, um auszurufen: » Es lebe Goethe ewig und bei aller Gelegenheit «. Als ihr Freund, der schon erwähnte Custine behauptet, sie gehe in ihrer Goethebewunderung so weit, daß sie ihre sonst charakteristischeste Eigenschaft, ihre Unabhängigkeit, verliere, antwortet sie: er irre sich, dem Genie gegenüber sei sie niemals unabhängig, das habe absolute Macht über sie. Ja, sie sieht es gerade als ihr geistiges Glück an, das Gute und Große mit dieser tiefen leidenschaftlichen » Verehrung mit deutlichem Bewußtsein « lieben zu können. Sie leidet unter jedem Wort gegen Goethe; und als Custine z. B. in einem Briefe einige mißbilligende Urteile ausgesprochen hatte, schickt ihm Rahel den Brief mit der Bemerkung zurück, daß sie keinen Tadel gegen Goethe bei sich behalten könne! Rahel kann in Wahrheit von Goethe sagen: daß sie der Mensch war, der ihn immer angebetet, vergöttert haben würde, auch wenn es keinen anderen Menschen gegeben hätte, der ihn rühmte, verstand und bewunderte! Sie hat sich so vollkommen in Goethe eingelebt, daß andere deutsche Dichter ihr neben ihm mehr oder weniger überflüssig erscheinen. Sie findet z. B. so wie Nietzsche, daß Schiller neben Goethe verblaßt. Nachdem sie bewundernd über Schiller gesprochen, fährt sie fort: »Aber da kommt Goethe mit seiner Macht, seinen Zielen, seiner Vollendung und Vorstellung, Denken, Reife, Vollendung und Gewalt des Ausdrucks, kampfgekämpfter Weisheit, beschauender, überschauender Melancholie, weiser, ausgerungener Heiterkeit, mit seiner vue d'oiseau, mit seinem Sternenblick, mit der Götterbrust, an der man nicht allein ruht, sondern Ruhe findet – und allen anderen Dichtem fehlt etwas: – Großes.« In vorgerücktem Alter schreibt Rahel über eine erste Vorstellung des Tasso: »Meine Wonne! Es mußten achthundert Menschen Goethes Götterworte hören und in die Seele einnehmen ... Gott, wie verabgöttere ich den immer von neuem: Wie weint' ich im Tasso bei jeder Stelle wie der Souffleur im ›Meister‹: aus Schönheit.« Rahels viele zentrale Urteile über Goethes Werke zu zitieren, würde mich hier zu weit führen. Ich begnüge mich damit, zu erinnern, welche grundwesentliche Wahrheit sie mit den Worten ausspricht: Die alten Dichter kannten nur die Frau, die Gattin, die Mutter, die Schwester, während Goethe der neue, der moderne Dichter ist, weil er die Frauen kennt, weil er den Individuen ins Herz gesehen und da jeden Winkel und jede Ecke entdeckt hat. Wie tief sind nicht Rahels Worte, daß, ob nun Goethe es absichtlich oder nicht getan, es die Anschauung eines großen Dichters ist, daß er im Wilhelm Meister die drei Frauen, die lieben können – Marianne, Aurelie und Mignon – sterben läßt; denn » es ist noch keine Anstalt für solche da «. Und in bezug auf Goethes Menschenkenntnis im ganzen sagt sie: »... Wie er denn überhaupt oft gehorcht haben muß und das Vertrauen aller Arten von Menschen muß zu besitzen gewußt haben, neben seinem einzigen Sehen. « Noch 1827 schreibt Rahel an Varnhagen über Goethe: »Grüße den Gott«! Wenn andere sich erkühnen, an ihn zu rühren, ihn herabzusetzen, gerade dann, sagt sie, »sehe ich, daß er ein Gott ist: Von Gaben, Größe, Beherrschung, Harmonie, Fülle, Weisheit und ewigem Wachstum. * * * Rahels Gefühl für Goethe war eine tiefe geistige Liebe ohne den geringsten Zusatz von Verliebtheit, ohne einen Schimmer des gewöhnlichen weiblichen Interesses für einen großen Mann, des Interesses, das darauf ausgeht, ihn für sie selbst zu interessieren! Rahel begegnete Goethe zum erstenmal 1795 in Karlsbad. Sie nannte es freilich » Wunder und Glück «, daß der Zufall sie mit Goethe zusammenführte, aber sie fühlte, daß darin auch eine Notwendigkeit lag, daß gewisse Menschen zusammenkommen müssen. Selbst unmittelbar ein Zusammentreffen zu suchen, wenn auch nur schriftlich, davon hatte sie ihre Ehrfurcht abgehalten, wohl auch die Abneigung, in irgend einer Hinsicht mit den vielen Frauen, die jene Anbetung spielten, die bei Rahel der tiefste Ernst war, in einen Topf geworfen zu werden. Rahel schrieb über dieses Zusammentreffen folgende ebenso rührende wie tiefe Worte: »Ich denke mir immer: gute Wünsche, von den wahr innigen, von denen man so denkt, sie mäßen die Sterne herabziehen, müßten auch was zustande bringen können. War das nicht eigentlich das größte Recht, daß ich Goethe sah? ... * * * Weniger hat mich das Vollgefühl, ihn zu sehen und zu genießen, beglücken können als der Gedanke: nun bist du auch einmal glücklich, du hast doch auch Glück, so ist das lange Leben doch in einem Punkt für dich. Denn es ist schrecklich, sich für die einzige in allem verunglückte Kreatur halten zu müssen; das tat ich, denn außerdem ist mir meines Wissens nie etwas geglückt ...« Goethe sprach zu einigen von Rahels Freunden eine Anerkennung Rahels aus, die zeigt, wie er trotz ihrer Unfähigkeit, sich selbst zur Geltung zu bringen, wenn sie tief ergriffen war, ihr Wesen durchdrungen hatte. »Sie ist ein Mädchen von außerordentlichem Verstand, die immer denkt, und von Empfindungen – wo findet man das? Es ist etwas Seltenes. O, wir waren auch beständig zusammen, wir haben sehr freundschaftlich und vertraulich miteinander gelebt ... Es ist ein liebevolles Mädchen: sie ist stark in jeder ihrer Empfindungen und doch leicht in jeder Aeußerung; jenes gibt ihr eine hohe Bedeutung, dies macht sie angenehm; jenes macht, daß wir an ihr die große Originalität bewundern und dies, daß diese Originalität liebenswürdig ist, daß sie uns gefällt. Es ist nicht zu leugnen, es gibt viele, wenigstens original scheinende Menschen in der Welt: aber was sichert dafür, daß es nicht bloßer Schein ist? Daß das, was wir für Eingebungen eines höheren Geistes zu halten geneigt sind, nicht bloß Wirkung einer vorübergehenden Laune ist? – Nicht so ist es bei ihr; sie ist – soweit ich sie kenne – in jedem Augenblick sich gleich, immer in einer eigenen Art bewegt und doch ruhig – kurz, sie ist was ich eine schöne Seele nennen möchte; man fühlt sich, je näher man sie kennen lernt, desto mehr angezogen und lieblich gehalten.« Später nennt Goethe Rahel »eine merkwürdig auffassende, vereinende, nachhelfende Natur ... Sie urteilt nicht, sie hat den Gegenstand, und insofern sie ihn nicht besitzt geht er sie nicht an.« Diese Aeußerung wurde gefällt als Varnhagen seine und Rahels Aussprüche über Goethe in den aneinander gerichteten Briefen anonym an Goethe gesandt hatte. Als sie dies erfuhr, schrieb sie: so wenig sie sonst suchte, sich geltend zu machen oder Beifall zu gewinnen, dies habe ihr doch wahrhafte Freude bereitet. ... »Meine wirklich namenlose Liebe und bewundernde Verehrung dem herrlichsten Mann und Menschen einmal zu Füßen legen zu können, war der geheime stille Wunsch meines ganzen Lebens, seiner Dauer und seiner Intensität nach. In einer Sache bin ich meinem tiefsten Innersten gefolgt, mich von Goethe scheu zurückzuhalten. Gott, wie recht war es! Wie keusch, wie unentweiht, wie durch ein ganzes unseliges Leben durch bewahrt, könnt' ich ihm nun die Adoration in meinem Herzen zeigen.« Und, nachdem sie gesagt, daß diese »Adoration« alles in ihrem Dasein durchdringt, daß fast jedes ihrer geschriebenen Worte sie enthält, hofft sie, daß Goethe ihr nun selbst diese Zurückgezogenheit zum Guten anrechnen wird, weil er einsehen muß, wie schwer es ist. »solch liebende Bewunderung schweigend ein ganzes Leben durch in sich zu verhehlen«. Es ist von großem Interesse, wie Goethe über die ihm unbekannten Brief Schreiber urteilt: daß der eine (Varnhagen) das rezeptive, der andere (Rahel) das produktive Temperament hat. Beide sehen dies selbst ein, und Varnhagen – dessen Stärke wie dessen Schwächen von weiblicher Art waren – fühlte sich durch Rahel ergänzt, denn ihr Charakter besaß jene Einheit von männlichem und weiblichem Wesen, wie sie das Genie auszeichnet. Beide empfanden Goethes Sympathie für ihr Bündnis als eine Weihe desselben. Ja, Rahel schrieb, daß nichts ihr besser beweisen könne, daß Varnhagen sie liebe, als daß auch er Goethe liebte. Denn, fährt sie fort, » man kann nicht lieben, ohne Goethe zu lieben: er ist das Ideal, durch wirkliche Mittel dargestellt: das Leben selbst .« Und Varnhagen schreibt wieder, daß er Rahel in Goethes Schriften ebenso sehr begegnet wie in ihren eigenen Briefen. Denn in den ersterern findet er »dieselbe rein schauende, tüchtige, wahrhafte Natur, alles zunächst real, dann aber auch lieblich und überschwenglich idealisch«. Er trifft den Mittelpunkt von Rahels geistiger Verwandtschaft mit Goethe, wenn er sagt, daß sie ihn gelehrt hat, »alle Zeit in die Gewallt der Gegenwart zu bringen« und einzusehen, daß diese Gegenwart »gerade so mächtig, so reizend ist, weil sie eben ist .« Zwanzig Jahre verstrichen, ehe Rahel Goethe das nächstemal sah, bei ihrem Aufenthalt in Frankfurt 1815. Brandes hat mit großer Feinheit hervorgehoben, wie Rahel unbewußt ihr ganzes, großes, reines, demütiges Gefühl für Goethe charakterisiert, wenn sie – die wußte, daß Goethe in der Gerbermühle war – ihn nicht aufsuchte, weil sie sich ihm nicht aufdrängen wollte: » Ich habe unendliches von ihm gehabt, er nichts von mir .« Aber der Zufall kam ihr zu Hilfe, so daß ein Zusammentreffen sich natürlich ergab, so wie sie es gewünscht hatte. Eines Tages, als Goethe zu einem der Lieblingsplätzchen seiner Jugend wallfahrtete, sah Rahel ihn vorbeifahren, und rief aus: » Da ist Goethe!« Sie schildert, wie sie zuerst purpurrot, dann bleich wurde, wie alle ihre Glieder eine halbe Stunde zitterten, wie sie fühlte, daß sie ihre Augen liebte, die ihn gesehen hatten! So erfuhr Goethe, der Rahel auch erkannte hatte, daß sie in der Gegend war, und drei Tage später machte er ihr einen Besuch. Sie kleidete sich gerade an. » Mich opfernd, um ihn nicht einen Moment warten zu lassen,« eilte sie in ihrem Morgenrock hinunter. Später bereute sie bitter, daß sie diesem Impuls gefolgt war, denn das Bewußtsein ihres Negligés, ihrer »Ungrazie«, machte sie noch befangener, so daß sie – wie bei ihrer früheren Begegnung – ihm gar nicht die Freude zeigen konnte, die sie empfand. So geht es, fährt sie fort, wenn man nach »so langjähriger Liebe und Leben und Beten« endlich einen Augenblick hat Sie fühlte, daß seine bloße Gegenwart ihr den Ritterschlag erteilte, ja kein olympischer Gott hätte sie durch seinen Besuch mehr ehren können. Und nachdem er gegangen, kleidete sie sich sehr schön an, um ihr Selbstbewußtsein zum Ausdruck zu bringen. »Denn«, sagt sie, »wie einst Prinz Louis habe ich jetzt das Gefühl »unter Brüdern zehntausend Taler mehr wert zu sein: Goethe war bei mir.« Wer nach dieser Schilderung Rahels Gefühl für Goethe mit dem irgend eines anderen Zeitgenossen vergleichen kann, der weiß weder was Gefühl, noch was Rahel noch was Goethe ist!! Zehn Jahre später sah Rahel Goethe zum letztenmal, als sie und Varnhagen ihn 1825 auf einer Reise in Weimar besuchten und in seinem Hause einen ganzen, inhaltsreichen Abend verbrachten. Als Rahel den Besuch schildert – und zuerst einige mädchenhafte Ausdrücke ihrer Bewunderung einflicht – schließt sie mit den Worten: »Uebrigens fließt er wahr und wahrhaftig in meinem Blut.« Keiner von Rahels Zeitgenossen und kein ihr nachfolgender Goetheanbeter konnte mit vollerer Wahrheit diese Worte sagen, die bei Rahel nicht größer waren als die lebenslängliche Treue und Liebe, die sie ausdrückten. Was Gentz von Rahel und von der Romantik sagt: »Sie sind die Romantik selbst, Sie waren es, ehe das Wort erfunden wurde« – dasselbe kann man noch zutreffender von Rahels Goethekult sagen. Von Rahels eigenem, innerstem Wesen wurde ihre Wahlverwandtschaft mit Goethe und mit der Romantik bestimmt, soweit diese letztere mit der Renaissance zusammenfiel, deren Inbegriff Goethe ist. Individualismus in der Kunst, in der Religion, im Leben – das war der Inhalt dieser Renaissance. Ja, dieser Zug ist so entscheidend, daß Lamprecht mit gutem Grund für diesen neuen Seelenzustand das Wort Subjektivismus als vollständiger bezeichnend gewählt hat. Mit Werther, Götz, Stella beginnt Goethe jenen Kampf des Individuums gegen die ethischen und ästhetischen Konventionen, den die Romantik, den Jung-Deutschland, den alle sogenannten revolutionären Geister in allen Ländern bis zum heutigen Tage fortgeführt haben. Einen unbedingteren Anhänger unter den Zeitgenossen als Rahel hatte keiner der Kämpfenden. Noch heute ist Rahel vor allem durch ihren Subjektivismus unsere Zeitgenossin! Gegen jene, die heute versuchen, Goethe zu einem christlichen Moralisten zu stempeln, hat man nicht nur unzählige unmittelbare Beweise aus seinem eigenen Leben und seinen Schriften, man hat auch Massen von mittelbaren Beweisen. Und darunter wenig überzeugendere als Rahel, die nie einen Widerspruch zwischen seiner und ihrer Ethik fand. Die Losung für sein sittliches Handeln, die der junge Goethe schon in einem Brief an Lavater gab: »Alle Deine Ideale sollen mich nicht irre führen, wahr zu sein und gut und böse wie die Natur« – dieser Losung wurde Goethe niemals untreu, er vertiefte nur ihren Inhalt. Und wie aus dem kleinen gefiederten Samen in tausend Jahren ein Wald entsteht, so ist der ganze Individualismus der neuen Zeit – sogar Nietzsches Umwertung der ethischen Werte – aus der Grundanschauung erwachsen, die in Goethes eben angeführten Jugendworten liegt. Rahel ist vor allem nach dieser Richtung diejenige von Goethes Zeitgenossen, die für ihn das tiefste Verständnis hat. Rahel empfand die lebhafteste »Satisfaktion«, als sie in Goethes Werken Recht in ihrem Kampf gegen die Welt erhielt, ihrem Streben, zur Wesentlichkeit vorzudringen, ihrer Leidenschaft für jene Werte, die andere Hirngespinste nannten. Bei ihm stärkt sie ihre eigene Ueberzeugung, daß es vor allem darauf ankommt, etwas zu sein und daß dies nur sehr langsam geschieht, daß man »sich damit nicht übereilen soll, etwas zu sein.« Von Goethe hat sie die Weisheit gelernt, die sie selbst einem Freunde beibrachte: nachdem man sein wirkliches Selbst entdeckt hat, muß man zuerst den Boden seiner Seele aufpflügen, ihn dann langsam und von selbst wieder fest werden lassen und schließlich – durch »Unwetter und Schönwetter« – fruchtbringend. Das Werk Goethes, das Rahel am meisten las, Wilhelm Meister, ist ein einziges großes Handbuch dieses Ackerbaus der Seele. Rahel hat es ohne Zweifel Goethe zu verdanken, daß sie nicht in Disharmonie mit dem Dasein blieb, sondern sich zu jener geklärten Lebensliebe durchrang, die die edelste Frucht des Leids ist Sie, die glaubte, daß es ihr Schicksal sei, sich an ihrem Judentum zu verbluten, sie, die nach Goethes Urteil »stärkere Empfindungen hatte«, als er bei irgend jemand anderem beobachtet und »zugleich die Kraft, sie in jedem Augenblick zu unterdrücken« – wie vergrämt, wie versunken in die Dunkelheit ihres Schicksals hätte Rahel nicht werden können, wenn ihre Brust nicht durch die Luft befreit worden wäre, die sie in Goethes Welt atmete. »Was ich nicht bekommen habe, kann ich vergessen, was mir aber geschehen ist, kann ich nicht vergessen; behüt Gott jeden, dies zu verstehen! « Das schrieb Rahel 1799 und ihr Lebenlang wandert sie sich mit Goethe, daß so viel Mögliches den Menschen versagt sei. Allmählich lernt Rahel vor dem Schmerzlichsten in ihrem Leben und im Menschenleben zu resignieren: daß wir wie Blüten vom großen unbekannten Wind abfallen, daß »das zerstreute Schicksal« uns nicht abgefordert, was wir hätten leisten können . Bei dieser Resignation hat sie die größte Hilfe von Goethe empfangen. Durch Goethe ward sie zum zweitenmal geboren, geboren zu dem Reich, wo man nicht nach Jude oder Christ, nach Weib oder Mann, nach Diener oder Freiem fragt: dem Reich des heiligen Geistes. Brandes sagt mit tiefer Wahrheit: es war das unterirdische Geheimnis der Zeit, daß Goethes Weltanschauung Punkt für Punkt die kirchliche verdrängte; daß Goethes Lebensansicht sich aller großen Instinkte und wirklichen Begabungen bemächtigte; daß System und Autorität der Originalität und Individualität zu weichen begann. Und Rahel war durch ihre Persönlichkeit zur Prophetin dieser neuen Weltanschauung berufen. Denn sie besaß – wie Goethe selbst – die Eigenschaften, ohne die Originalität und Individualismus nicht aufbauend, sondern zerstörend werden: Wahrheit und Gerechtigkeit, Uneigennützigkeit und Menschenliebe. VIII. Schönheitssinn. Rahels ästhetische Urteile sind vortreffliche Beispiele für das Denken in Heniden, das Weininger als die Schwäche des Weibes hervorgehoben haben soll, während ein junger schwedischer Philosoph zu zeigen versucht hat, daß auch der Mann mit dem Gefühl denkt. John Landquist, Philosophische Essays, 1906. Rahels Urteile sind vorstellungsgesättigt, zusammengesetzt, und es liegt eine lange Entwicklungsreihe hinter den paar kurzen Worten, womit sie ihr Mißfallen oder ihre Freude ausdrückt. Die bildenden Künste berührt sie selten. In Paris, Amsterdam, Antwerpen, Dresden hatte Rahel große Kunst gesehen, und sie hat auch ihre Bewunderung, z. B. für Rembrandt und Dürer, zum Ausdruck gebracht. Aber die bildenden Künste bedeuten nicht annähernd soviel für sie wie das Theater, der Tanz, die Musik. Und namentlich, was das Theater betrifft, übt Rahel in ihrer Zeit sowohl einen mittelbaren wie einen unmittelbaren Einfluß aus. Was sie sagt – daß die Schriftsteller sie aufsuchen obgleich sie selbst keine Schriftstellerin ist – das gilt auch von den Schauspielern. »Sonst werden die Autoren besucht; ich bin ein elender Leser, und die Schreibenden suchen mich auf.« So wenig als Rahel sich in der Schriftstellerei versuchte, dürfte sie an dem Gesellschaftsvergnügen der damaligen Zeit, dem Amateurtheater, teilgenommen haben. Aber ihr Urteil wurde so hoch geschätzt, daß nicht nur die Schauspieler, die ihre Freunde waren, sondern auch andere szenische Künstler bei komplizierten Aufgaben ihren Rat erbaten. Vor allem suchte Rahel wie die Romantiker die Kotzebue-Ifflandsche Geschmacksrichtung zu erschüttern, teils unmittelbar durch ihre Kritik, teils mittelbar, indem sie vom Dichter wie vom Schauspieler Naturwahrheit, echte Leidenschaft und psychologische Individualisierung verlangte. Diese letzteren überzeugten Rahel von der Echtheit ihrer Begabung, wenn sie immer und augenblicklich die Natur der Dinge fanden – das heißt den Charakter und die Gemütsstimmung der Persönlichkeit, von der sie ein Bild schaffen sollten, und zugleich auch die echten Mittel, sie auszudrücken. Heute ist es ja unmöglich, die Richtigkeit von Rahels Urteil über Schauspieler oder musikalische Künstler zu überprüfen; man kann sich nur der Echtheit ihrer eigenen Begeisterung oder Empörung freuen. Z. B. wenn sie 1793 von der Sängerin Marchetti schreibt: »Sie hat mir vorgesungen, ist die einzige, liebenswürdige Frau. Ich bin rasend. Ich hob ihr auch die Cour gemacht. Jedes Mouvement ist ein Reiz, ein Zauber, ein Wahnwitz zum Lachen und zum Weinen. Der Gesang, dieses Girren, der Ausdruck – es gibt nur einen Ausdruck ... das heißt Passion, das heißt Geschenke von den Göttern, das heißt Musik, das heißt Schönheit.« Und welche Kunst sie auch im Augenblick genießt stets fühlt sie, wenn der Künstler echt ist daß er ein »Auserwählter der Menschheit ist,« dem sie ihre ganze gerührte Dankbarkeit darbringt. Die Zeitverhältnisse brachten es mit sich, daß Rahel – wie alle anderen, die sich nach Größe und Wahrheit auf der Bühne sehnen – verleitet wurde, das Dramatische in Goethes Dramen zu überschätzen. Schiller gegenüber ist sie klarsehend, beinahe kühl; sie macht mit Recht aufmerksam, daß in manchen seiner Dramen der Redner mehr als der Dichter zu Worte kommt, und Schillers » Nachbeller « sind ihr ein Greuel. Ihre Kenntnis Shakespeares war tief. Seine humoristisch-tragische Menschendarstellung offenbart ihr das wahre Wesen der Kunst – » Leben im Leben « zu sein – zugleich mit dem » tiefen urgermanischen Zug der Einkehr in das Innere «. Wo Rahel tendenziöse Einseitigkeit fand, da fand sie auch unzulängliche Kunst Ein Drama, ein Roman, sagt sie, soll ein ganzes Stück der Welt sein; alles was darin vorkommt, wird schön: jedes Genie sieht da etwas anders als die übrigen und stellt es nach seinem Naturell dar, gibt ihm seine Farbe, geradeso wie die alte Erde sich in der Beleuchtung jedes neuen Tages neu zeigt. So sind die Werke der großen Meister; alles was man in der Welt finden kann, das findet man bei ihnen; alle großen Gedanken, aber keine überzogenen Gedankengerüste. »Ein Kunstwerk muß mir aber nicht immer sagen, was es will, es muß es gleich zeigen.« »Wie die Griechen von den Menschen sprechen, wie sie immer alles Letzte zusammenfassen und es ganz gemein sagen, damit es ganz groß ist und edel klingt; sie lassen immer alles, so wie es ist, und betrachten und erzählen's nur.« Rahel hatte die Umwertung aller ästhetischen Werte durch die Romantik nie gebraucht: alles, was diese an Berechtigung besaß, hatte in Rahel eine geborene Bundesgenossin, während die einseitigen Schulmeinungen der Romantik in ihr einen Zorn erregten, der in seinen Aeußerungen oft »tief einschneidend« war. Persönliche Satyren, Parodien und Travestien konnte sie nicht leiden, und es wurde schon erwähnt, daß sie in ihrer frühen Jugend dem Witz abschwor, dem es gleichgültig ist, wie er verletzt, oder was er trifft. Es gibt keinen Einfall Rahels, der wie kalter Stahl leuchtet. Rahels Witz im täglichen Leben war das aus Tränen und Strahlen geschaffene Farbenspiel des Humors. Zuweilen war er eine Kulturmacht, ein Blitz, der den Prunk oder die Lüge, die Dummheit oder die Roheit entlarvte. Was Rahel besonders an der romantischen Schule empört, ist ihre ungerechte Kritik. Als z.B. die romantische Moderichtung A. W. Schlegel veranlaßte, Racine herunterzureißen, nannte Rahel ihn einen »stumpfen, kranken Kritiker, der nichts von Liebe weiß!« Ein andermal hebt sie gegen diese Schulblindheit hervor, wie hart z.B. ein Lessing für das kämpfen mußte, was »jetzt platt in jeder Zeitung stehen darf« ; wie ungerecht es ist, die Bedeutung des Wahrheitskämpfers herabzusetzen, weil die Wahrheit jetzt ein »Gemeinplatz« geworden ist; wie kurzsichtig es ist, daß man jetzt Racine und Voltaire verachten zu können glaubt, weil man vergessen hat, in welcher Zeit sie leben mußten! Sie betont gegen die Romantiker, daß bloße Buchmenschen, die nie am Leben teil genommen, auch ihren Büchern keine große Lebenskraft geben können, sowie daß niemand das Leben der Alten versteht, wenn er es nicht auf unsere Zustände überträgt und in unseren Schätzen diese alten Schätze wiederfindet – ein ebenso wahrer wie antiromantischer Gedanke! Rahel hatte glücklicherweise keine sogenannte »einheitliche Kunstanschauung«, jene Art von Anschauung, die nie zu etwas anderem gedient hat, als die Liebe zur Kunst und das Verständnis der Kunst einzuschränken! Ein einheitliches ästhetisches System wirkt in dieser Richtung ganz so wie alle andere Facheinseitigkeit, von der Rahel mit Recht behauptet, daß sie das Gehirn austrocknet. Weil die Romantik Goethe zuerst in den Himmel hob, dann herabsetzte, wußte Rahel, daß die Romantiker Goethes Werken nie mit voraussetzungsloser Ehrfurcht genaht waren, sondern eigentlich nur ihre eigenen Theorien durch ihn bekräftigt sehen wollten. Als die Romantiker anfingen, sich von Goethe abzuwenden, war Rahel mit ihnen fertig. Ihre immer mehr und mehr katholisierende Richtung flößte ihr nur Widerwillen ein. So schrieb sie z.B.: »Friedrich Schlegel schimpft auf Goethe, dafür bleibt er, wo er ist und wird dumm«; und an Varnhagen, daß dieser – bei einem Streit mit A. W. Schlegel über Goethe – Schlegel hätte so (Forts.): abfertigen sollen: »Sie sind nicht der Vernünftige, der ich dachte. In nichts. Und zeigen mir zu sehr, daß Sie von der ganzen Natur nichts missen, noch sehen: eben dadurch, daß Sie gar nichts von Goethen sehen. Leben Sie wohl!« Die stimmen sich erst recht katholisch, katalogisch, chronologisch, postmittelalterlich, geschichtlich, und dann legen sie los und zeigen unseren Augen und den Griechen den Platz an und zeigen dem, der Sinne hat, welche ihnen fehlen. Sinne, Sinne, die fünf Sinne!« Das zuletzt angeführte äußerte Rahel im Zusammenhang mit ihrer Bewunderung für Heinse, der gerade diese seine » richtigen fünf Sinne « gebrauchte und sie in so hohem Grade besaß, daß er das Bild, das er beschrieb » einatmete und roch «. Sie bewunderte Heinses Stil, bei dem die Worte so » perlenartig abgerundet hervorsprudelnd, so wenig bedacht « kamen und empfahl Varnhagen, ihn zu studieren. Sie bewunderte bei Heinse die vollkommene Selbständigkeit, mit der er alles » sich selbst zusammengetragen hat « von der leichtesten Sensation bis zu den ernstesten Gedanken, und wie er nicht einmal von den größten Meistern etwas aufnimmt, » ohne es bis zu seinem Blut mit neuer Insekten- oder Löwen-Arbeit zu verwandeln .« Ebenso war auch Rahels eigene Art aufzunehmen. Diese Art suchte sie und liebte sie, wo sie sie fand. Unter den Romantikern achtete und liebte sie Novalis » unsäglich «, eben wegen der Tiefe seiner Eigenart, der Echtheit seines Gefühls. Aber als er von den Theorien der Romantik – nicht von seiner innersten Seele getrieben – seinen »Heinrich v. Ofterdingen« gegen Goethe schrieb, verurteilte sie dies unbedingt als eine Aeußerung des tiefsten Irrtums dieser Schule, der Lehre von einer Poesie der Poesie . Rahel betont in diesem Zusammenhang, daß die Produkte der romantischen Schule oft gerade durch den Irrtum unpoetisch wurden, daß es im wirklichen Leben – wo Goethe sie suchte – keine Poesie gäbe, sondern, daß man » neue Gegenstände für die Poesie « erfinden müsse, Gegenstände, die durch ihre absichtliche Phantasterei ganz leer und langweilig wirken. Dichten ist für Rahel wie für Goethe » ein Stück Leben in ein Buch zu fassen «. »Poesie«, sagt Rahel, »ist in der Natur, das will sagen, da, wo unser Geist ein Freies, Bedeutungsvolles wahrzunehmen vermag; also auch in der Natur der Begebenheiten und den Vorfällen des menschlichen Lebens und folglich in den Schilderungen desselben.« Kleist schätzte Rahel vor allem, weil er » wahr ist und wahr sieht « und weil die Menschennatur und ihre Konflikte mit dem wirklichen Leben ihr in seinen Werken begegnen, während z. B. Tiecks romantische Schattenspiele ihr in hohem Grade unsympathisch waren. Aber vor allem treffen folgende Worte Rahels die Grundschwäche der meisten Romantiker: »Um Talent zu haben, muß man Charakter haben; Fähigkeiten und Naturanlagen allein machen noch kein Talent.« Rahel hatte wohl Freunde unter den Bahnbrechern der Romantik, aber ging niemals als Soldat mit in Reih und Glied. Sie bewunderte das Echte hier wie überall, wo sie es fand, aber ihr Herz war in der mittelalterlichen Welt der Romantik nicht daheim; es gehörte der großen, sonnigen, fruchtbaren Natur, allen Erscheinungen des Lebens. Die Kunst war auch für sie eine religiös-heilige Sache, aber die einfachen Verhältnisse des Lebens, die Ordnung und Pflichttreue in diesen, die Arbeitsfreude und Ausdauer – all dies von der Romantik gering Geschätzte – hatte im gleichen, vielleicht in noch höherem Grade für sie wie für Goethe religiöse Weihe, das heißt, wenn diese Tugenden aus der Liebe zu diesen Lebenswerten entsprangen, nicht aus Philistrosität. Sie gestand den Romantikern das Recht zu, die landläufige Moral über Bord zu werfen, wenn es nicht aus Charakterlosigkeit, sondern aus Charakter geschah! Und unter Charakter verstand Rahel bei dem schaffenden Menschen eine ausgeprägte Eigenart im Verein mit einer großen und durchdachten Weltanschauung und einer mit dieser übereinstimmenden Lebensführung. »Man kann nicht um sechs Uhr abends Künstler werden« , sagt sie vom Schauspieler, »man muß es den ganzen Tag sein!« Und dasselbe gilt für sie auch von anderen Künstlern. Es ist eine von Rahels Behauptungen, daß es viel mehr Begabung in der Welt gibt, als man glaubt, aber daß sie sich durch den Mangel an Mut, sie selbst zu sein, verbirgt: Mut, sagt sie, ist die Stärke aller Großen; »aber schwache Nachahmer vergessen sich und wollen eine Welt ohne sich darstellen« . Rahel schreibt (an G. v. Brinckmann): »Mut ... ist alles, Geistesmut nämlich! Heldenmut von außen ist Kleinigkeit, oft kleinlich. Aber Mut im Innern und Selbstvertrauen gegen eine Welt von Vorurteilen, eigenen und fremden –: Hätten Sie den, Sie würden ebenso heiter in sich, ebenso fest und ebenso gescheit seid wie ich ... Die allgepriesene Bescheidenheit des Gemüts ist so selten sie über denselben Gegenstand an Varnhagen schreibt, ist jedes Wort Gold: »Ich wollte Dir nur recht anraten, recht Du selbst zu sein; recht, in Ueppigkeit und Schwelgerei zu arbeiten, Dich recht auf Dich selbst zu besinnen und zu machen, als wärest du allein in der Welt, wenigstens als sprächest Du eine Sprache für Dich auf der Welt und müßtest erst erwarten, ob welche kommen, die sie auch sprechen.« Selbst war es Rahel stets unmöglich gewesen, etwas aus fremden Referaten zu lernen, sondern nur aus der Sache selbst. Sie konnte nichts aus Antworten lernen, zu denen sie nicht selbst die Fragen gestellt Sie sagt auch: »Man merkt es gleich, ob Menschen ihre Gedanken aus Büchern haben oder unmittelbar aus der Welt, aus den eigenen Farben und Formen der Natur.« ... Rahels »Unwissenheit« bewirkt es, daß sie niemals Terminologien gebraucht, sondern spontane selbstgeschaffene Ausdrücke: ihre Unfähigkeit, fertige Resultate aufzunehmen, läßt sie niemals eine Phrase aussprechen, sondern sie gibt immer einen eigenen Gesichtspunkt; sie lebte in ihren Lieblingsschriftstellern wie in ihren persönlichsten Lebenserfahrungen; all dies machte ihre Urteile so zentral, so weckend, daß sie sich allmählich durch das ganze literarische Deutschland verbreiteten; überall wurden ihre mündlichen und schriftlichen Aeußerungen zitiert, und dadurch griff sie in mehr als einer Beziehung bedeutungsvoll in die Gestaltung und Umgestaltung des Zeitgeistes ein. Ja, man war so »erpicht« auf ihr Urteil, daß sie oft damit zurückhielt, weil sie das unselbständige Nachplappern nicht noch vermehren und die Bürde, die das Unvermögen doch zu tragen hat, nicht schwerer machen wollte. Außerdem sah Rahel mit ihrem Scharfblick schon damals ein, welche Gefahr die Kritik für die Produktion ist Berlin«, sagt sie z. B. »putzt und schnäbelt gar zuviel an seinem Kunstgefühl, betrachtet gar zu sehr das Bewußtsein darüber mit Kerzen aus allen Fabriken«. Sie fürchtet, daß, wenn man so in »die unbefangensten Tiefen der Menschheit« dringt, geistige Schwäche die Folge sein wird. Wie würde sie erst die Interviews und Kritiken unserer Zeit nennen?! Selbst hielt sie sich für »einen der ersten Kritiker Deutschlands« und wurde auch von ihren hervorragendsten Zeitgenossen dafür gehalten. Aber ihre Kritik wurde in einem feingebildeten Kreise ausgeübt, den sie freilich persönlich beeinflußte, aber nur durch die Stärke ihrer Argumente. Die öffentliche Kritik hingegen stellt für ein selbst kritikloses Lesepublikum Wert oder Wertlosigkeit fest und tut dies nicht durch die Stärke ihrer Argumente, sondern durch die Stärke ihrer Stellung! Und dies macht den größten Teil der öffentlichen modernen Kritik zu einem Kulturhindernis, wenn man persönliche Urteilskraft und vertieftes Gefühlsleben zur Kultur rechnet! Rahel wurde wie alle, die in einem persönlichen Liebesverhältnisse zur Kunst stehen, mit den Jahren immer anspruchsvoller, während sie zugleich ihre Empfänglichkeit für alles gute Neue, beibehielt. In einem Briefe, in dem sie über Fürst Pückler-Muskaus »wahre Kinderart« spricht, alles Neue zu bemerken und aufzunehmen, fügt sie hinzu: »Es ist Verderbtheit und nicht Mangel an Verstand, wenn der Mensch keine neuen, ihm unbequemen Gedanken in sich aufnehmen will, Stupidität, wenn sie vor ihn treten und er nicht merkt, daß es neue sind, höchste Infamie, erkennt er sie und leugnet sie doch.« Auch ein Beweis für Rahels unveränderte Empfänglichkeit ist ihre große Bewunderung für Victor Hugo und sein »Sentiment du vrai«; sie nennt sein »Notre-dame« ein großes Meisterwerk gotischer Baukunst. Noch als sechzigjährige Frau versichert sie, daß sie liebt, was sie immer geliebt hat: Luft, Blumen, Wiesen, Musik, Theater, Diskussionen, das heißt Geselligkeit, Ordnung, Reinlichkeit, Eleganz, Witz, Konsequenz im Denken – obgleich sie all dies » jetzt nicht mehr so leicht fand wie früher! « Und so geht es uns allen. Ja, man kann sagen, daß die Kulturfreude der meisten Menschen anfangs weit und seicht ist wie eine überschwemmte Wiese und allmählich ihre Dimensionen ändert, bis sie zusammengedrängt und tief wird wie ein alter Schloßbrunnen. * * * Mit Schiller erkennt Rahel, daß das Spiel die Kunstbetätigung des Kindes ist, und eine ebenso ernste Sache wie das Spiel der Erwachsenen: die Kunst. Das Spiel des Kindes wie des Künstlers, sagt Rahel, gehen beide darauf aus, ein Dasein zu schaffen, das man durch keine anderen Mittel erreichen kann. Aber im Gegensatz zur romantischen Schule begnügt Rahel sich nicht mit den Lebensverwandlungen der Kunst, sondern sie will das Leben selbst zu jener Schönheit und Harmonie verwandeln, die die Kunst vorbildet. Sie richtet gegen die programmatisch-nationale Kunst die weisen Worte: daß alle Kunstwerke eines Volkes national sein müssen, ja nicht umhin können, es zu werden, aber daß alles Reden von einer »nationalen« Kunst nie echte Kunst zustande bringen kann. Denn diese wird nicht aus Programmen geschaffen, sondern aus dem gesundesten, vollsten Naturgefühl, aus unschuldigen – das heißt, nicht durch ihre Ausbildung geschwächten – Sinnen und einem bewegten Gemüt. Auch in ihrer Umschreibung, durch Fouques »Sigurd«, ergreift sie z. B. die Nibelungensage mit solcher Macht, daß sie das Buch fortlegen und laut reden und ächzen muß: »... wie ich nur Lady Macbeth und einmal Juden die lange Nacht habe weinen sehen .« Aber gerade dieser starke Eindruck des Tragisch-Menschlichen bestärkt sie in ihrem Haß gegen »jede andere als die olympische Mythologie, gegen nordische Sagen, Runen und dergleichen und die neue Hoffnung auf die alten Nebelgötter« . Sowie dieses Element vorherrscht und das Menschliche beiseitedrängt, hat ihre Bewunderung ein Ende. Und hat nicht jeder Versuch – den Nibelungenring inbegriffen – die Richtigkeit von Rahels Instinkt über die Unverwendbarkeit dieser Nebelgötter bestätigt? Im »Ring sind nur die Menschen Götter!« Rahel betont, daß die einzige Aufgabe, die ein Volk bei aller schaffenden Tätigkeit hat, darin besteht, ihr freien Lauf zu lassen und gute Zustände für sie zu schaffen, wozu auch gehört, sie vor dem Antreibereifer der nationalen Programme zu schützen. * * * Wie sehr Rahel sich im Innersten von der Romantik unterscheidet, sieht man am besten, wenn man sie in ihren unmittelbarsten Lebensäußerungen, vor allem in ihrem Naturgefühl beobachtet. Dieses hat nicht einen einzigen romantischen Zug, ja, es ist in erstaunlich hohem Grade modern. Rahel fragt sich, ob nicht die Erde vielleicht ein fühlendes Wesen ist, das unter all dem Elend, das sie tragen muß, leidet, und vielleicht in ihrem Zusammenhang mit anderen Wesen im Weltenraum ihren Trost findet? Oder sie sucht – als sie in einer Gebirgsgegend einen Ritt auf einem Esel genießt – das unbeschreibliche Vergnügen, das ihr dieser Ritt bereitet, dadurch zu erklären, daß sie in irgend einer früheren Existenz in Spanien geradeso in angenehmer Gesellschaft ritt – ein Gedanke, von dem in unserer Zeit Lafcadio Hearn erfüllt ist. Das Eigentümliche an Rahel ist, daß sie ihr ganzes Leben lang, auch in der Jugend, jenes ganz moderne Naturgefühl hat, für das »die Landschaft ein Seelenzustand« wird (Amiel), aber das niemals in romantischer Weise in die Landschaft oder in die einzelnen Gegenstände der Natur menschliche Zustände und Gefühle hineindichtet. Sonst pflegt das Naturgefühl der Jugend immer in dem Sinn romantisch zu sein, daß die Jugend sich selbst in der Natur – wie im ganzen übrigen Leben – spiegelt Und der Spiegel gibt die Unruhe, die Sehnsucht, das Glück, den Aufruhr wieder, der unsere eigene Seele erfüllt. Je mehr unser innerstes Ich sich von unserem eigenen Schicksal loslöst, je stiller wir so werden, desto mehr werden wir selbst zum Spiegel für die Natur, und unser Verhältnis zu ihr wird selbstloser und inniger. Daß Rahel die eben erwähnte Entwicklung früh durchmachte, ist vielleicht einer der Gründe, weshalb ihr Naturgefühl von Jugend an und bis zuletzt so bleibt, daß alle Sinne und die ganze Seele die Natur in ihrer Fülle aufnehmen, ohne eine Reflexion, ein Gefühl aus dem Gebiet des Menschenlebens zwischen sich und diese unmittelbare, man könnte sagen vegetative Empfindung zu stellen. Varnhagen erzählt, daß er auf einer Reise durch den Schwarzwald Gelegenheit hatte, Rahels »Fähigkeit des höchsten Naturgenusses« zu beobachten. Die Macht und Fülle, womit sie Berge und Wasserfälle, Wiesen und Bäume, Sonnenaufgänge und Sterne unmittelbar genoß, entrückte Varnhagen in ebenso hohem Grade wie die Natur selbst. Rahels pflanzenhafte Empfindlichkeit gegen atmosphärische Einflüsse habe ich in einem anderen Zusammenhang erwähnt. Milde Luft empfand sie buchstäblich wie eine Wiedergeburt. Den ersten Mai nennt sie den wichtigsten Tag des Jahres, seinen Geburtstag, und sie kann es nicht fassen, daß man diesen Tag nicht zum Neujahrstag gemacht hat. Sie fragt sich, ob ihre Vorliebe für den Mai nicht vielleicht daher kommt, daß sie als neugeborenes Kind gerade diese Luft einatmete, daß Maieindrücke hier auf Erden zuerst ihrem Blick begegneten. Rahels kurze Landschaftsbilder sind impressionistisch: lauter Sinneseindrücke, aber die wesentlichen, gerade die, die das Bild in der Erinnerung hinterläßt. So schildert sie z. B. wie sie Varnhagen und einigen Freunden das Prager Tal zeigt, mit folgenden Worten: »... Ich bin stolz, wenn sie sich an der Gegenwart erfreuen, als hätte ich sie gemacht, oder entdeckt und hüllte sie so zum Genuß der Freunde in Licht, Schatten, Duft, Grün und Kräuterlaub ... Das Tal ist schöner als je ... Nüsse, Hagebutten, Kornblumen, Eichen, Buchen und die tausend Kräuter wühlen wachsend empor; schöner, reicher, üppiger, stiller als sonst im goldigsten Wetter, welches auf dieses Göttertal herunterströmt. Ringsum ins Unabsehbare, Horizont hinter Horizont; das unglaublichste Lichterspiel von Dunkel und Hell auf Kornfeldern. Das Licht spielte über dem Fluß, der wie ein Tier durch das Tal kroch; über Dörfern und Höfen, über »dunkeln, eigensinnigen Bergen. Schafe weideten, Holz wurde gefällt in den Bergwäldern und lag reinlich, tot und duftend da ...« Ein andermal hat sie ihre Freude an den tausend Düften des Feldes, an Haselnußstauden, der blühenden Saat und einer Sonne, die »ordentlich wühlte in der Gegend mit Licht und Schatten« .] Oder sie freut sich über einen Garten » wo solche Blumenwut war, wie ich noch nie sah «. Sie zählt fünfzehn Lauben auf, darunter eine große, außen und innen blühende Lindenlaube; ringsherum eine Symphonie von Millionen Bienen, eine kleine Allee hochstämmiger Rosen, und an den Garten selbst anstoßend Felder mit » blühendem, abendsonnigem Korn «. Der durch seine originelle, ritterliche Persönlichkeit, seine Reisen, seine feine Schriftstellerei, seine Lebenskunst und seine Gärten berühmte Fürst von Pückler-Muskau gehörte während Rahels späteren Jahren in Berlin ihrem Freundeskreis an. Und bei ihren Besuchen auf Muskau, wo der Fürst seine ganze Genialität in der Gartenkunst entwickelt hatte, findet Rahel ein ideales Dasein: » Nichts war gut wie Muskau « sagt sie. Unmittelbar kam sie in die für sie » gebraute, erquickende Luft «; sie hatte da gute Freunde, volle Freiheit, genug Einsamkeit, genug Zerstreuung; ihre kleine Elise ist mit, und schließlich hat sie viel für Aug' und – da das Ganze von Fleiß und Gedanken herrührt – Nahrung für die . Ein Ausdruck, der an die Gartengespräche in den Wahlverwandtschaften erinnert, sowie im ganzen an jene Zeit, wo ein Garten das war, was er jetzt wieder zu werden beginnt: ein Stoff für künstlerisches Schaffen. Ihr ganzes Leben lang und um so mehr, je weiter es vorschreitet, hat Rahel die Empfindung, mehr von » Kindern, Grün, schönen Augen, dem lebenden Wort « zu empfangen als von Büchern. Blumen werden ihr Arzenei. So begann z. B. die Genesung von einer schweren Krankheit mit einem Korb Rosen, den Heine ihr schickte. Und als man ihr auf ihrem Totenbett einen Fliederzweig mit zartem Laub gab, sog sie immer wieder » tief atmend und entzückt « den Frühlingsduft ein – den letzten, den sie im Leben genoß. – Ueber Rahels Gefühle nach Goethes Tod finden sich nur diese hingeworfenen Worte vor: » Milder als Mairegen sind Kinderküsse, Rosenduft, Nachtigallton, Lerchenwirbel. Goethe hört's nicht mehr. Ein großer Zeuge fehlt .« Diese Worte Rahels klingen aufs innigste mit einigen Goetheworten zusammen – die Rahel nicht kannte, denn er schrieb sie in seiner Jugend an Frau von Stein – einige Worte von der Zeit, wo er die Herrlichkeit der Sonne und des Himmels und des Grüns nicht mehr genießen konnte, weil all dies über seinem Grabe leuchten würde. Rahel fühlte sich » wahnsinnig für Glück «, als sie in Goethes Selbstbiographie fand, daß sie und er schon in der Kindheit ähnliches gefühlt hatten, z. B. die Liebe zu Gewittern, die bei Rahel so stark war, daß sie Leute, die ein Gewitter fürchteten, geradezu haßte. Wie tief hätte sie nicht erst die eben erwähnte Uebereinstimmung gerührt! Denn mehr als aus irgend etwas anderem ist grade diese Uebereinstimmung aus beider innerster Notwendigkeit hervorgegangen. Der stärkste Schmerzensausbruch wäre ein schwacher Ausdruck für Rahels Gefühl bei Goethes Tod, verglichen gerade mit jenen stillen Worten. Sowohl die Tiefe von Rahels Goetheverständnis wie ihres eigenen Naturgefühls ist mir durch nichts klarer geworden als dadurch, daß sie bei dem Gedanken an seinen Tod vor allem darunter leidet, daß er sich nicht mehr an dem lenzlichen Leben freuen kann. IX. Briefe. Rahel schrieb eine klare und schöne Handschrift, so wie sie auch mit klarer und sanfter Stimme sprach. Aber ihre Schriftsprache steht sicherlich weit hinter ihrer Gesprächssprache zurück, obgleich man der ersteren wohl anmerkt, daß sie viel von dem Leben des gesprochenen Wortes behalten hat – vielleicht gerade infolge all der Unregelmäßigkeiten des Satzbaus und der Interpunktion, der Einschiebsel und Ausrufe, die es machen, daß sie schwer zu lesen sind. Aber es ist ihr das gelungen, was sie selbst anstrebt: »Gespräche, wie sie lebendig im Menschen vorgehen« zu schreiben – Gespräche, die wie jedermann selbst weiß, nicht nach irgend welchen Kompositionsgesetzen vorgehen! Aber Rahel hätte ebensogut Briefe schreiben können – wo, wie sie sagt, »die Seele spazieren geht« – und dabei mehr künstlerische Gestaltungskraft haben können. Daß sie nicht Deutsch konnte, daß wie sie klagt, »jeder besser schreiben und reden kann mit viel dümmeren Gedanken« , ist wohl ein Grund für die Schwerflüssigkeit ihres Stils. Aber die Hauptursache ist doch, daß ihr die Formgabe fehlte, die Formgabe, die auch solchen aus der Stimmung geborenen Impromptus, wie es ihre Briefe sind, jenes künstlerische Gepräge hätte verleihen können, das ihnen jetzt fehlt Dieser Mangel an Formgabe hängt jedoch auch mit der unbeugsamen Eigenart zusammen, die es macht, daß Rahel nach ihren eigenen Worten nie etwas von jemand anderem lernen konnte. Wenn Rahel von ihrer »dicken Unwissenheit« spricht und sagt: »Mir wurde nichts gelehrt« , so darf man dies nicht so nehmen, als wenn sie keine Gelegenheit gehabt hätte, zu lernen. Sie hat selbst in dieser Beziehung unzweideutig gesagt, daß die Ursache an ihr selbst läge. »Es ist wahr, daß ich immer an das Wesentliche denke, wovon ich lese, und daß ich alle Mittel dazu nur so schnell als möglich brauche und sie dann ganz vergesse. Ich ordne mir alles, was ich höre und lese, zu einem Ganzen ... Alle, die mir Unterricht geben, fangen mir an, etwas vorzupredigen, was immer aus einem Gesichtspunkt genommen ist, woraus ich diese Sache nicht nehme; nun sprechen sie stundenlang ohne allen Zusammenhang für mich ... So ist mir's noch mit allen Meistern ergangen. Unsere Sprache ist unser gelebtes heben; ich habe meines selbst erfunden, ich konnte also weniger Gebrauch als viele andere von den einmal fertigen Phrasen machen, darum sind meine oft holperig und in, allerlei Art fehlerhaft, aber immer echt.« Rahel konnte wahrscheinlich keine Jahreszahlen der griechischen Geschichte, aber sie las Homer in Voß' Uebersetzung, so daß sie sagen kann, »es ist ordentlich ein Schmerz, so schön kommt mir die Odyssee vor« . Sie entdeckt, daß Homer immer groß ist, wenn er vom Wasser spricht, so wie Goethe, wenn er von den Sternen spricht. Sie konnte vermutlich Spaniens Flüsse nicht aufzählen, aber sie erlebte den Don Quijote. Sie hatte mit einem Wort gerade die entgegengesetzte Begabung, wie jene, die gute Examen macht, und imstande ist »mit ganz unversehrten Sprüchen im Kopf« herumzugehen. Was Rahel nicht in Blut von ihrem Blute verwandeln konnte, ging sie nichts an. Es war ein solcher seelenvoller »Zusammenhang zwischen ihren Fähigkeiten« , ein so inniges » Zusammenwirken zwischen ihrem Temperament und ihrer Intelligenz« , daß der ganze unselbständige Ballast, woraus der größte Teil der Ansichten und Urteile anderer Menschen gebildet ist, keinen Platz in ihr hatte: sie konnte nur ihre eigenen behalten und ihre eigenen geben! Das ist der unvergleichliche Reiz an Rahels Briefen und die einzige Stärke, vor der alle Schwächen verschwinden. Es war natürlich, daß Rahel sich fragte, ob man nicht soviel spreche, weil man das, was man im Innersten meint, nie aussprechen kann; daß sie hoffte, man würde schließlich das Wort finden, das all das Unaussprechliche einschließen könnte; daß sie namentlich die Worte liebte, die »ganze Gedankenfamilien« enthielten. Denn Rahels glücklichste Worte sind gerade jene, die in irgend einer Richtung etwas bisher Unausgesprochenem einen Ausdruck schaffen; diejenigen, von denen man behaupten kann, daß sie nicht nur eine Gedankenfamilie, sondern ein ganzes Gedankenvolk enthalten. Jemand bat Rahel, ihr Urteil »ganz naiv« zu geben. Sie antwortete, sie könnte dies versprechen, und das Urteil würde doch wirklich naiv ausfallen. Denn sie wußte, daß ihre Ursprünglichkeit so fest in ihrer Natur wurzelte, daß keine Absicht ihr Abbruch tun konnte. »Ich kann mich gar nicht bilden, in nichts, mein tobendes Herz bildet ja alles in und an mir«, sagt sie auch mit bezug auf ihre Briefe. Was hat es zu sagen, ob ein solches Wesen besser deutsch hätte schreiben können? Hätte sie dadurch – ihren wirklichen Lesern – eigentlich mehr geben können als sie jetzt gibt? Ich glaube nicht Mit einem Worte: Rahel gehörte zu den prophetischen Naturen, die ihre Weisheit stets auf geheimnisvollen Wegen erhalten, so wie man es von Kassandra erzählt, die allhörend, allsehend und allverstehend von dem Augenblick an war, wo man das Kind auf dem Boden des Tempels gefunden, von einer Schlange umringelt, die ihr die Ohren leckte. * * * Briefe gehörten zu Rahels Zeit zu den Gesellschaftspflichten und der Gesellschaftskunst Sie waren sozusagen die Supplementblätter der Presse, denn sie zirkulierten in weiten Kreisen und erfüllten, in feiner diskreter Art, die Aufgaben, die die Presse heute in so verschiedenartiger Weise erfüllt Man hatte damals die Ruhe, Mühe auf seine Briefe zu verwenden, denn die tausend Unwichtigkeiten, die jetzt ein Dutzend Postkarten per Tag erfordern, verschlangen damals nicht die Zeit und den Frieden, ohne den das Briefschreiben sich nicht zur Kunst entwickeln kann. Rahel war durch die Bedeutung, die Freude, die Briefe für sie hatten, in hohem Grade ein Kind ihrer Zeit. Hingegen war sie aber als Briefschreiberin viel mehr Improvisatorin als ihre meisten Zeitgenossen. Sie ist so unmittelbar, daß ihre Briefe zuweilen einem Feuerstrom gleichen, zuweilen einer Tränenflut, zuweilen einem Spiel von Sonnenflecken und Schattenflecken. Vor solchen Naturerscheinungen vergißt man Sprachfehler und Interpunktionslaunen. Tut man dies nicht, dann soll man Rahel nicht lesen. Sie ist ein unfehlbarer Prüfstein für die verschiedenen Menschenarten! Nach einem Briefe Rahels schreibt Gentz: »Schreiben denn Menschen so? Nein! Auch Götter nicht! Mitteldinge zwischen Göttern und Menschen, kindische große Geister, erhabene Kinder, Seelen, in denen sich immer auf einmal die ganze Welt die hohe und tiefe abspiegelt die die größten Gedanken und die größten Gefühle wie Haselnüsse von ihren ewig vollen Stauden abschütteln und dann ins gemeine Leben werfen ... in jedem Wort blüht die Welt auf ...« »Es (die Briefe) sind lebendige Menschen, die mit schönen, lieben weichen Händen, kleinen Füßen, göttlichen Augen, besonders göttlich roten Lippen einhergehen.«] Und ebenso führt Rahel selbst zustimmend eine andere Aeußerung von Gentz an: daß ihre Briefe wie »frische, aromatische Erdbeeren sind, an denen aber noch Sand und Wurzeln hängen«, denn die Pflanze ist unmittelbar aus der Erde genommen. Ihre Briefe berühren eine Mannigfaltigkeit von Gegenständen. Es ist nichts Angeordnetes darin; große und kleine Dinge kommen kunterbunt; was sie im Augenblick interessiert, darüber schreibt sie. Und die Behauptung, daß sie in einem Atem über Kant und neue Hüte sprechen kann, ist ganz richtig. Ein französischer Schriftsteller, der sie zugleich einfach und zusammengesetzt, universal und originell, offen wie die Natur und ein Mysterium wie sie genannt hat, faßt damit den Eindruck zusammen, den man aus ihren Briefen empfängt. Immer wird man an die Natur erinnert, durch die Unberechenbarkeit, Unerschöpflichkeit, Ursprünglichkeit, Lebenskraft ihrer Mitteilungen. Und die Natur bildet auch in allen den Hintergrund. Sie beginnt ihre Briefe oft mit einer Schilderung des Wetters; in zwei, drei Zeilen, einer Schilderung, so voll von Wesentlichkeit, daß man mit ein paar Worten gerade in die Stimmung versetzt ist, die diese Art von Wetter hervorruft. »Vater Aether« ist für sie wie für Hölderlin der bedeutungsvollste der Götter: »Schönes Wetter und Klima ist das Schönste auf Erden. Dies ist ein eigentlicher Gott. Man kann und braucht ihm nichts wieder zu tun, als es genießen, empfinden« , schreibt Rahel. Sehr wahr sagt sie, »in meiner Lebensgeschichte soll Wetter und meine Gesundheit vorkommen« . Ihre körperliche Reizbarkeit und Empfindlichkeit ist so stark, daß »zu dicke, zu dünne, zu warme, zu kalte Luft« sie krank macht. Ein rechtes Einverständnis zwischen ihr und der Luft wird ein bewußtes Glück. Man begreift es, daß Rahel schließlich dahinkam, vom Leben nichts anderes zu verlangen, als »ein halbwegs gutes Verhältnis zur Atmosphäre.« Und man versteht Rahels Briefe nur, wenn man selbst den atmosphärischen Einfluß mit in Rechnung zieht, der ihre augenblickliche Stimmung beeinflußt hat. Die Witterungszustände, mit deren Schilderung die Briefe beginnen, Hier einige Proben: z. B. im März: »Schnee auf den Dächern und Straßen. Er verdunstet aber schon; die dicken Wolken spalten sich: Helligkeit, wenn auch nicht Sonne, dringt hervor.« Oder: »Dezember: Trübes, graues, nasses Herbstwetter. Wärmliche, unbestimmte Temperatur, sehr schwarze Straßen.« sind nicht die einzigen Zustände, die sie beeinflussen. Rahel kann, wie sie sagt, nur schreiben, wenn eine »gewisse Entzündung« in ihr statt hat. Aber diesen Stimmungsstrom kann die geringste Kleinigkeit hemmen, z. B. eine schlechte Feder oder ein Zittern der Hand. Worte, Ausdruck, Form, Gedankenfolge, Satzbau, alles wird davon beeinflußt: »Kurs, holprig, fließend, gelinde, streng, scherzhaft, ruhig, je nachdem.« Aber vor allem darf man nicht vergessen, daß jedes in diesem Grade sensitive Wesen auch ein Instinktwesen ist; daß ihre Sympathie und Antipathie blitzschnell bestimmt wird; daß ihr Auge und Ohr spricht, ehe noch ihre Gedanken gesprochen haben; daß ihre Gefühle so stark sind, daß, wer den Ausdruck dieser Gefühle als den Tatsachen adäquat auffaßt, – während sie nur dem Eindruck, den dieser Mensch von der Tatsache empfängt, adäquat sind – in bezog auf die Tatsache irregeführt werden maß. Gefühlstiefe, Reizbarkeit der Sinne, Feinheit des Instinkts, eindringende Kraft des Gedankens, all dies liegt in dem orientalischen Seelenzustand, dem Adlerschwung, womit Rahels Gefühl sich seines Gegenstandes bemächtigt. »Gefühl ist viel feiner als das Denken« , sagt sie, und sie verläßt sich blind auf das Gefühl, auch wenn sie dann den Gedanken den einen oder anderen Grund für das Gefühl suchen läßt. Diese Gründe können mehr oder weniger gut sein: das Gefühl selbst ist für immer das Wertvolle, oft das Unfehlbare an Rahels subjektiven Urteilen. Der objektive Wert, den andere ihm beimessen, hängt selbstverständlich von dem Vertrauen ab, das jeder zu Rahels Instinkt für Werte oder Nicht-Werte hat. Ich für mein Teil halte nichts von dem Urteil all jener, die die divinatorische Sicherheit Rahels nicht erkennen. Und wenn auch Rahels Meinungen widersprochen werden kann, was bedeutet das gegen die strahlende Ehrlichkeit und Echtheit, womit sie nicht nur ihre Meinungen, sondern ihre Seele »zum Genuß und Gebrauch« für ihre Freunde aussendet! Rahels Briefe und eine Anzahl Aphorismen, von denen einige zu ihren Lebzeiten in Zeitschriften veröffentlicht wurden, sind ihr einziger Beitrag zur Literatur. Daß sie diese Aphorismen einmal Resultate à la Chamfort nennt, ist durchaus kein Grund dafür, daß, wie jemand angenommen hat, Chamfort in besonderem Grade ihr Vorbild gewesen sei. Die französische Literatur hat ja auch ältere – und größere – Schriftsteller in der Form des Aphorisma, Schriftsteller, die Rahel wohl kannte; und sie hatte stets die französische Eleganz und Klarheit des Ausdrucks bewundert, die sie selbst nicht besaß. Aber hätte auch kein Mensch vor Rahel in aphoristischer Form geschrieben, sie hätte sie erfunden; denn diese Form war die notwendige Ausdrucksform ihrer Natur, wie überhaupt für alle Dichter ohne Dichtergabe und alle Denker ohne Lust zu systematisieren. Selbst bezeichnet sie ihre schriftlichen Mitteilungen am besten durch die Worte: » Explosionen haben sie herausgeworfen, es sind Edelsteine darunter .« Varnhagen gab nach Rahels Tod eine ausgewählte Sammlung ihrer Briefe unter dem Titel heraus: »Rahel, ein Buch des Andenkens für ihre Freunde«, mit dem Motto aus Hyperion: Still und bewegt ! Später gab ihre Nichte, Ludmilla Assing, das Buch »Aus Rahels Herzensleben« heraus. Ferner haben wir den vollständigen Briefwechsel Rahels mit David Veit und ihren Briefwechsel mit Varnhagen. Jenen, die nicht Zeit haben, sich in all dies zu vertiefen, empfehle ich als unumgängliche Ergänzung meiner Schilderung den Auszug von Varnhagens Rahelbuch, bearbeitet und eingeleitet von Dr. Hans Landsberg. Das ist das Minimum dessen, was jeder Gebildete – Mann oder Frau – von Rahel lesen muß. Varnhagen gab Rahels Briefe als »ein Buch des Andenkens für ihre Freunde« heraus. Aber er fühlte, daß das Buch einen größeren Leserkreis und eine weiter hallende Wirkung haben würde. Er sprach die Hoffnung aus, daß, wenn die deutsche Nation zu »den schönen Anfängen ihrer Geistesbildung« zurückkehrt, Rahel recht verstanden werden wird: Man wird dann einsehen, daß bei ihr alles bedeutend und wichtig ist, weil ihre ursprüngliche und reine Natur sich in allem zeigt, von ihrer Fürsorge und Ordnung in den kleinsten täglichen Dingen bis zu ihren Gedanken über die höchsten Dinge. Aber nicht nur die eben erwähnte Rückkehr hält Varnhagen für eine Bedingung eines wahren Verständnisses für Rahel: es ist auch notwendig, daß die konventionelle Sittlichkeit nicht mehr gilt; daß Liebe und Ehe aus anderen Gesichtspunkten betrachtet werden; daß man sich dessen schämt, was man heute ehrt und das ehrt, wessen man sich heute schämt. Erst dann, meint Varnhagen, werden die Blätter recht verstanden werden, auf denen sich Rahel frei und großzügig, wunderbar in ihrer reinen Vorurteilslosigkeit offenbart, in ihrer Erhabenheit über jede Ziererei und eitle Scheinsamkeit, wahr und offen, ehrlich beichtend, was andere verschwiegen haben. Wir wissen alle, daß diese Zeit noch nicht angebrochen ist, daß Rahel noch eine sehr Unzeitgemäße genannt werden muß! Der schon erwähnte Custine sagte von Rahel: In einer höher organisierten Gesellschaft würde Rahel für die Völker das gewesen sein, was sie hier für einen kleinen Kreis vertrauter Freunde war: eine Leuchte der Geister, eine Führerin der Seelen. Leider hat unsere Zeit diese höhere Organisation noch nicht erreicht: es ist im Gegenteil wahrscheinlich, daß Rahel heute weniger geschätzt werden würde als in ihrer eigenen Zeit. Denn Kultur war das höchste Ziel jener Zeit, während man heute beinahe den Begriff dafür verloren hat, was Kultur in Goethes und Rahels Geist bedeutete. * * * Rahels Briefe offenbaren ihre Seele von früher Jugend an. Und durch diese Briefe wissen wir, daß »Tränen, Glans und Wut« ihr ganzes Leben, vor allem seine erste Hälfte bezeichnen. Sie erreicht niemals jene Harmonie, die nur ein volles Glück schenkt. Aber sie erreicht das Gleichgewicht, das entsteht, wenn es uns gelungen ist, dem Dasein zu verzeihen, wenn auch nicht es zu verstehen! Diese innere Entwicklung erleben wir in den Briefen mit. Varnhagen, der mit Berechtigung sagen konnte, daß er von Rahel alles wisse, was ein Mensch von einem anderen wissen kann, widmete ihr den Nachruf, daß er einen unschuldigeren, zärtlicheren, reineren, zarteren, rechtschaffeneren, aufrichtigeren, frommeren, in des Wortes höchster Bedeutung keuscheren Menschen niemals gekannt habe. Die Echtheit, die in allem lag, was Rahel war und tat, war so groß, daß alle anderen ihm neben ihr gemein erschienen. »Ja,« schreibt er in diesem Zusammenhang, An Goethe. »all ihr Geist und Talent, wie gewaltig er sein möge, verschwindet gegen das quellende Leben ihrer Brust.« Gewiß hat sie auch Scharfsinn, Witz, Einbildungskraft, Vernunft, reines, begeistertes Schauen, die edelste Wahrhaftigkeit. Aber«, schließt er: »Die Unschuld und Kindlichkeit dieses wahrhaften Menschenherzens ist das Schönste, was jemals meinen Augen sich aufgetan hat.« * * * Rahels Individualität zieht die festesten Grenzen, und doch hat ihre Sympathie das feinste Verständnis. Sie ist sinnlich mit der reizbarsten Allempfänglichkeit, und doch ist jeder Nerv ihres zarten Organismus unter der Gewalt der Seele; sie ist Geschlechtswesen mit jedem Blutstropfen und dabei ein Vollmensch, bei dem die geistige Kraft eines Mannes, die Unschuld eines Kindes, die Gefühlstiefe eines Weibes in voller Harmonie stehen. Ihr innerstes Wesen ist Stille und ihr äußeres Dasein ein lebhafter Verkehr; sie ist Rationalistin und Mystikerin, subjektivistisch und aufopferungsfähig. Sie ist Aristokratin und Demokratin. Und sie ist nichts von all dem stundenweise und zeitweise, sondern alles zugleich und zu jeder Zeit ihres Daseins. Sie war mit einem Wort eine von jenen, die die Seelenhöhe erreicht haben, wo die trennenden Zufälligkeiten der Wesentlichkeit Platz gemacht haben, die scheinbar unvereinbaren Gegensätze in jenen höheren Zustand verschmolzen sind, wo der Mensch individuell und sozial ist, zusammengesetzt und einheitlich, in sich versenkt und nach außen wirkend, selbstherrlich und altruistisch, Heide und Christ, Geist und Güte, Sinne und Seele! Schon jetzt stehen die Schauenden dieser Synthese näher als die Schaffenden. Rahel ist typisch für die ersteren. Und dadurch auch typisch für den höchsten Wert, den die Frauen bis jetzt der Kultur zugeführt haben: ein Vorvolk des heiligen Geistes zu werden. An anderer Stelle habe ich betont, daß das hauptsächliche Merkmal des seelenvollen Menschen gerade der Zusammenhang und das Zusammenwirken zwischen allen seinen verschiedenen Eigenschaften ist. Man sehe die »Evolution der Seele« in der »Lebensglaube«. Schon aus diesem Gesichtspunkt gehört Rahel zu den überaus Seelenvollen. Aber nicht nur durch diesen Zusammenhang und dieses Zusammenwirken zwischen schon bestehenden Seelengaben: sie ist die Verheißung einer seelenvolleren Daseinsform. Ihr ganz einziges Gefühlsleben, ihre visionäre Ahnungsgabe, ihr rascher Blick, ihre Instinktsicherheit künden die Seelenmacht, die vorerst nur Ausnahmemenschen erreicht haben, aber die schließlich die Menschheit erreichen wird. Ihre Seele hat »große neue Gebärden«; neue tiefere Gefühlstöne vibrieren in ihrem Jubel- und Angstschrei; sie hat Worte für bisher unausgesprochene, innere Erfahrungen gefunden, und ihre Stummheit birgt noch ungeahnte Geheimnisse, von denen ihre Lippen schon erbeben. Nietzsche schildert einmal den Eindruck, den er empfängt, wenn er eine tiefe schöne Altstimme hört, ohne die Sängerin zu sehen. »Wir glauben mit einem Male«, sagt er, »daß es irgendwo in der Welt Frauen mit hohen, heldenhaften, königlichen Seelen geben könnte, fähig und bereit zu grandiosen Entgegnungen, Entschließungen und Aufopferungen, fähig und bereit zur Herrschaft über Männer, weil in ihnen das Beste vom Mann über das Geschlecht hinaus zum leibhaftigen Ideal geworden ist.« Rahels tiefe Altstimme ist eine solche Prophezeiung – und zugleich eine Bekräftigung – dieses großen geträumten Zukunftsweibes.