Jean-Baptiste Louvet de Couvray Volksrepräsentant bei der gesetzgebenden Versammlung und dem National-Convent Leben und Abenteuer des Chevalier Faublas – Zweiter Band Drittes Buch I. Kapitel. Jasmin, den ich, als ich nach Hause kam, verhörte, gestand, er habe gestern der Versuchung des Andayer Liqueurs nicht widerstehen können. Er hatte ihn so gut gefunden, dass er zu wiederholten Malen davon getrunken hatte. Die um ein Viertel geleerte Flasche hatte er mit gewöhnlichem Wasser wieder angefüllt und war dann ausgegangen, um meine Aufträge zu besorgen. Ich wunderte mich nicht mehr, dass er Alles verkehrt gemacht hatte, und verzieh ihm seine Unredlichkeit wegen seines aufrichtigen Geständnisses. Ich vergaß indes nicht, was ich Sophien versprach, und da es sehr wahrscheinlich war, dass die Marquise, erstaunt darüber, mich nicht gesehen zu haben, zu mir schicken würde, so schärfte ich Jasmin ein, Niemand zu mir einzulassen, als meinen Vater, Rosambert und meinen Hofmeister. »Gnädiger Herr, wenn aber Fräulein Justine kommt?« »So wirst Du ihr sagen, dass ich nicht da sei.« »Wenn Frau Dutour? der Vicomte von Florville? –« »Ich bin nicht zu Hause.« »Ah, ah!« »Bleib in meinem Vorzimmer, damit Niemand hereindringt, und schicke zu meinem Maler, er möchte sogleich zu mir kommen.« Der Künstler kam Nachmittags und fieng mein Bild an; den andern Morgen gieng er mit mir ins Kloster, um das meiner geliebten Sophie zu entwerfen. Bei diesen Sitzungen kam die Unterhaltung auf die schöne Dorothea. Sophie begriff nicht, wie ein junger Mann in Gegenwart seiner Geliebten eine andere Frau ansehen und schön finden könne; ich glaubte mich vollkommen durch die Antwort zu rechtfertigen, dass eine Nonne in meinen Augen keinem Geschlechte angehöre, und dass ich von Dorothea nichts anderes gesagt habe, als was ich von einer schönen Bildsäule auch hätte sagen können. Allein Adelheid, die sich entschieden auf die feindliche Partei geschlagen, wendete sogleich ein, dass Diejenige, die unsere traute Unterhaltung gestört, mir nothwendig entsetzlich hässlich hätte erscheinen sollen. Ich erhielt keine Gnade, als bis ich ernstlich reuevoll erklärte, dass eine unbesonnene Äußerung noch kein Vergehen sei, und dass überdies eine für Dorothea schmeichelhafte Bemerkung auf keine Weise Sophie beunruhigen dürfe, deren Reize, wie die Leidenschaft, die sie mir einflößt, über jede Art von Vergleichung erhaben seien. Jetzt erst war Sophie getröstet und schenkte mir ihre ganze Zärtlichkeit wieder; jetzt sagte auch meine Schwester, um mir das ganze Vertrauen zu beweisen: »Glauben Sie mir, lieber Bruder, dass man es nicht bemerkt hat, wie Sie meiner Freundin die Hand küssten; denn unsere Klavierlehrerin, die gestern mehrere Male zu Sophie und mir kam und sogar zwei- oder dreimal von Ihnen sprach, hat kein Wort gesagt, woraus man schließen könnte, dass sie das mindeste bemerkt hätte.« So waren wir alle drei wieder ausgesöhnt und beschäftigten uns mehrere Tage hinter einander mit Sophien's Bildnis. Man weiß, mit welcher Geduld sich Künstler gegen Liebende waffnen müssen; anfangs zankte ich mit dem Maler, weil das reizende Porträt nicht genug schnell fertig wurde, und bald beklagte ich mich, dass er es zu schnell vollendet hätte. Mein Porträt war zuerst fertig; am vierten Tage hatte ich das Vergnügen es Sophien anzubieten. Ich bekam das ihre erst fünf Tage nachher. Indes erschienen Justine und Frau Dutour täglich mehrere Male an meiner Thüre und wurden immer kurz mit der beunruhigenden Antwort abgefertigt: »Er ist nicht zu Hause.« Der Graf staunte über meine plötzliche Bekehrung, jedoch behauptete er, dieselbe werde von keiner Dauer sein. »Rosambert, ich habe mein Ehrenwort gegeben!« »Ja, aber glauben Sie, die Marquise werde ruhig bleiben? sie hat bis jetzt klug abgemessene und wenig entschiedene Schritte gethan. Trauen Sie dieser scheinbaren Ruhe nicht, sie verbirgt irgend eine geheime Absicht. Die Marquise sinnt im Geheimen auf einen großen Streich, zweifeln Sie nicht daran, es wird das Erwachen des Löwen sein.« Eines Morgens gieng ich wie gewöhnlich ins Kloster; ich bemerkte, dass man mir nachschlich. Ein ziemlich gut gekleideter Mann hielt sich in einiger Entfernung von mir und richtete seinen Gang nach dem meinigen ein und schien zu fürchten, mich aus den Augen zu verlieren; als ich aus dem Kloster gieng, sah ich ihn noch mir folgen. Rosambert, dem ich meinen Verdacht mittheilte, schickte mir zwei seiner Leute, um mich zu begleiten. Ich befahl ihnen, sich jeder an eine Ecke der Straße zu stellen, in der sich das Kloster befand. Eine geheime Ahnung schien mir das Unglück zu verkünden, das unserer Liebe drohte. An diesem Tage drang ich mehr als gewöhnlich in Sophie, mir zu sagen, welche so wichtige Angelegenheiten ihren Vater entfernt hielten, auf welche Zeit die Rückkehr des Herrn von Pontis bestimmt sei, und welche Mittel ich zu ergreifen hätte, um von ihm mein hübsches Bäschen zu erhalten. Nachdem sich Sophie noch einige Augenblicke besonnen hatte, ergriff sie die Hand meiner Schwester und die meinige und sagte: »Meine liebe Adelheid, Du, in der ich eine Schwester gefunden, eine wahre und zärtliche Freundin; und Sie, theuerer Freund, der mir die Verbannung, in der ich schmachte, lieb gewinnen ließen. Es ist Zeit, dass ich Euch ein wichtiges Geheimnis mittheile, das bloß Frau Münch weiß, und das unter uns bleiben muss. Ich bin keine Französin; der Name, den ich führe, ist ein angenommener. Mein Vater, der Baron von Görlitz, besitzt bedeutende Güter in Deutschland, seinem Vaterlande, wo meine Familie sehr angesehen ist. Ich weiß nicht, warum man mich des Glückes beraubt hat, in ihrem Schoße zu leben; aber es ist bald acht Jahre, seitdem ich in Frankreich bin. Nicht mein Vater hat mich hierher geführt. Ein in seinem Dienste ergrauter französischer Diener hat mit der Zeit die Rolle eines Mannes von Stand spielen gelernt; er lässt sich Herr von Pontis nennen; er sagte, er sei mein Vater, und ließ mich unter der Aufsicht der Frau Münch in diesem Kloster, wo er seitdem regelmäßig jedes halbe Jahr sich nach mir zu erkundigen kommt, um meine Pension zu bezahlen. Seit acht Jahren habe ich zweimal das Glück gehabt, meinen Vater zu umarmen. Wenn ich Frau Münch frage, warum man mich in Frankreich erzogen hat, warum der Baron von Görlitz mir seinen Namen verweigere, warum er so selten seine Tochter zu besuchen kommt, dann antwortet sie ruhig, dass diese Vorsichtsmaßregeln nothwendig seien, und dass ich eines Tages die Weisheit meines Vaters segnen werde, der mich zärtlich liebe. »Seit einigen Monaten wiederholt sie mir oft, der Augenblick meiner Rückkehr nach Deutschland stehe bevor. »Ach, ich weiß nicht mehr, ob mein Herz es wünscht! wie süß wäre es mir, mein Vaterland, meine Familie und meinen Vater wiederzusehen! aber Adelheid, Faublas, wie grausam, von Euch getrennt zu werden!« »Getrennt! nie, Sophie, nie! reisen Sie morgen nach Deutschland, und morgen schon werde ich Ihnen nachfolgen. Ich werde bei dem Baron um Sie anhalten; wenn er seine Tochter liebt, so wird er sich unserem Glück nicht entgegenstellen.« Wie köstlich verlängerte sich die Unterhaltung, welche auf die vertrauliche Mittheilung Sophiens folgte! Adelheid wurde es endlich müde, uns schon zwanzigmal wiederholt zu haben, dass es mehr als zehn Uhr sei, dass Frau Münch uns überraschen würde, sie zwang Sophie, mich zu verlassen. Ich fühlte mein Herz verzagen, als ich meine Schwester umarmte, und fühlte es beklommen schlagen, als ich Sophie »Lebewohl« sagte. Als ich das Kloster verließ, bemerkte ich meinen Argus von gestern, der in einer nahen Allee als Schildwache stand. Als er mich in einiger Entfernung sah, verließ er sein Versteck, offenbar, um mich bis zu meiner Wohnung zu beobachten. Ich ließ ihn auf einige Schritte nahe kommen und wandte mich plötzlich gegen ihn um. Er erwartete mich nicht; aber wenn er schnell lief, so lief ich noch schneller. An der Straßenecke fasste ich ihn beim Bein in demselben Augenblick, wo ihn einer meiner aufgestellten Leute am Kragen packte. Der Flüchtling verlor das Gleichgewicht und fiel zur Erde, er schrie aus Leibeskräften und suchte die Volksmenge, die sich zusammengerottet hatte, für sich zu interessieren. Schon schickten sich einige, an mir einen schlimmen Handel zu machen, als ich rief: »Meine Herren, es ist ein Spion.« Bei diesem Worte wurde mein Gegner von allen Seiten mit Verachtung behandelt und seine Vertheidiger verließen ihn; er sah kein anderes Mittel, sich von den Stockstreichen, womit sie ihm drohten, zu befreien, als indem er mir gestand, wer ihn für sein Aufpassen bezahle; er nannte Frau Dutour. Ich entließ ihn mit der Ermahnung, sich nicht mehr blicken zu lassen. Am andern Tage führte mich mein Vater in aller Früh auf ein Landhaus, acht Stunden von Paris, das er erst gekauft hatte und dessen Einrichtung er, wie er sagte, mit mir in Augenschein nehmen wollte. Wir giengen in den Garten, welcher mir sehr hübsch vorkam, und besuchten die Zimmer, die ich sehr bequem und hell fand, deren Fenster aber vergittert waren; dies behagte mir nicht; besonders gefiel mir eines seiner angenehmen Lage wegen und deshalb theilte ich dem Baron meine Verwunderung über diese Sonderbarkeit mit. Er antwortete kalt: »Diese Fenster sind mit Gitter versehen, weil das Zimmer von nun an Ihre Wohnung sein wird.« »Die meine, habe ich recht gehört, mein Vater?« »Ja, mein Sohn, ich hatte dieses Haus gekauft, um die schöne Jahreszeit darin zu verbringen; Sie haben mich gezwungen aus diesem Lusthaus ein Gefängnis zu machen.« »Ein Gefängnis?« »Sie haben mich betrogen, mein Sohn. Ich sperre hier nicht den Liebhaber der Marquise oder Coralien's ein, sondern den Verführer Sophiens. Während ich mich über Ihren Gehorsam freute, haben Sie mein Vertrauen missbraucht und sind täglich im Kloster gewesen. Jemand, der sich offenbar um Ihre Aufführung bekümmert, hat mich davon benachrichtigt. Lesen Sie dieses anonyme Schreiben.« »Der Herr Baron von Faublas wird hiermit benachrichtigt, dass sein Sohn alle Morgen von acht bis zehn Uhr im Kloster zubringt, um Fräulein von Faublas und Fräulein von Pontis zu besuchen.« »Ich weiß,« fuhr mein Vater fort, »dass ein anonymes Schreiben keine Beachtung verdient. Ich würde Sie auch auf eine so verächtliche Anklage hin nicht verurtheilt haben; allein da man eine Sache dieser Art nicht vernachlässigen darf, so habe ich mich selbst erkundigt und von der Wahrheit dieses Schreibens überzeugt. »Mein Herr, wenn Sie Sophie nicht lieben, so sind Sie ein feiger, ein abscheulicher Verführer; diese häusliche Gefangenschaft ist für Sie eine zu leichte Strafe; wenn Sie Fräulein Pontis aber lieben, so muss ich darauf bedacht sein, Sie von dieser Leidenschaft zu heilen, denn ich billige dieselbe nicht. Sie werden dieses Zimmer nicht verlassen. Drei Männer, welche ich hier als Ihre Bedienten zurücklasse, werden zugleich Ihre Wächter sein; sie wissen, welche Besuche ich Ihnen anzunehmen erlaube.« Das Erstaunen, welches mir diese Erklärung verursachte, lässt sich nur mit dem Schmerz vergleichen, der sich meiner bemächtigte. Ich hatte anfangs, ohne ein Wort zu sagen, zugehört; jetzt gab ich mir vergebliche Mühe, um gemäßigt zu antworten. »Dürfte ich Sie wohl fragen, mein Vater, warum Sie meine Liebe zu Sophie nicht billigen?« »Weil der Vater dieser jungen Dame nichts davon weiß, weil er Ihnen vielleicht seine Tochter nicht geben würde, und endlich, weil ich Ihnen eine andere Frau bestimmt habe.« »Und wer ist denn diese Unglückliche, die Sie für mich gewählt haben, mein Vater?« »Herr Duportail ist mein treuester, mein liebster Freund, er schätzt Sie.« »Ah! also Dorliska soll ich heiraten, eine verlorene Tochter; vielleicht ist sie schon todt.« »Warum todt? Ich hoffe, dass mein Freund seine Tochter wiederfinden wird; der Himmel ist diesem unglücklichen Vater diesen Trost schuldig. Lowzinski stellt neue Nachforschungen an, und Sie, mein Sohn, wenn die Abwesenheit und die Zeit, die alle thörichten Leidenschaften heilen, auch der Ihrigen ein Ende gemacht haben werden, dann sollen Sie Ihre Reisen antreten und nach Polen gehen.« »Ja! und dort werde ich wie ein irrender Ritter an allen Thüren anklopfen, um ein Mädchen zu suchen, das ich heiraten soll!« »Mein Sohn, Ihre Antworten werden unhöflich.« »Verzeihen Sie, mein Vater, ich bitte tausendmal um Verzeihung. Das Übermaß meines Schmerzes –« »Mein Sohn, ich habe Ihnen bloß ein Wort noch zu sagen. Bereiten Sie sich vor, das lange Unglück eines Edelmannes wieder gut zu machen, für den meine Freundschaft keine leere Phrase sein darf.« »Mein Vater, ich werde Lowzinski mein Wort halten, ich will nöthigenfalls bis ans Ende der Welt gehen, seine Dorliska aufzusuchen.« »Und Sie entsagen dem Fräulein von Pontis?« »Lieber tausendmal sterben!« »Junger Mensch!« »Mein Vater, ich werde nicht eher nach Polen reisen, als bis ich Sophiens Hand erhalten haben werde. Ich schwöre es bei Ihnen, bei ihr, bei allen Heiligen.« »Haben Sie Achtung vor mir, mein Sohn, oder fürchten Sie –« »Was habe ich zu fürchten, ich werde von Sophie getrennt, was kann mir Schlimmeres begegnen? tödten Sie mich, Sie werden mir einen Gefallen erweisen.« Der Baron gieng wüthend hinaus, oder wollte er mich vielleicht nicht seine Bewegung sehen lassen, kurz, er schloss heftig die Thür und ließ mich in meinem Gefängnis. Welch' peinliche Gedanken bestürmten mich in diesem schrecklichen Augenblicke! Die Freiheit zu verlieren, würde mir wenig dagegen erschienen sein; meine Sophie zu verlieren, das brächte mich zur Verzweiflung. Meine Abwesenheit möchte ihre Eifersucht erwecken. Sie wird mich treulos und meineidig finden, wenn ihr Vater sie abzuholen käme, und sie sich dann beeilen wird, ein Land zu verlassen, das meine Treulosigkeit ihr verabscheuungswert erscheinen ließe! Wenn Fräulein von Görlitz am Wiener Hofe erscheinen wird, in ihrer Anmuth und im Glanze ihrer ganzen Schönheit, unter all' den jungen Kavalieren einen Gemahl wählen wird, wenn sie mich verriethe, indem sie sich zu rächen meinte, Fräulein von Pontis in den Armen eines Anderen! Oh! nein, niemals. Sophie wird verzweifeln, aber mir treu bleiben! Wenn aber ihr grausamer Vater sie zwingen möchte, eine ihr verhasste Verbindung einzugehen, während der meine, der nicht weniger unerbittlich ist, mich gefangen hält, in einem ganz unbekannten Dorfe seinen Sohn vor Schmerz und Ungewissheit sterben lässt! Grausame Marquise, durch Dich hat mein Vater wahrscheinlich meine unselige Liebe erfahren! es ist die eifersüchtige Wuth, die dieses abscheuliche Schreiben diktiert hat! Wie theuer lässt Du mich die Vergnügungen bezahlen, die Du mir gewährt! Wenn Deine Rache zum mindesten nur mich allein getroffen hätte. Es ist wahr, ich habe Frau von B... aufgeopfert, und wenn meine Vergehungen gegen sie ihren Hass auch nicht vollkommen rechtfertigen, so machen sie ihn doch erklärlich. Aber die Ungerechtigkeit des Barons kann ich nicht begreifen! er verlangt, ich soll mein Glück seiner Freundschaft für Herrn Duportail aufopfern. Er bestraft eine erlaubte Neigung wie ein unlauteres Verbrechen, er trennt mich von Allem, was mir theuer ist! er entreißt mir Sophie! er sperrt mich wie einen Verbrecher ein! er will meinen Tod. Nun wohl, es wird nicht lange dauern und ich werde ihn befriedigen. Sie haben Alles beseitigt, womit ich mich der Last meines Lebens entledigen könnte; aber wenn sie mich auch hindern können, einen Angriff auf mein Leben zu machen, so können sie mich doch nicht zwingen, für die Erhaltung desselben zu sorgen. Sie sollen mir nur etwas zu essen bringen! ich werfe die Schüsseln zum Fenster hinaus, alles muss durch die verfluchten Gitter hindurch in den Garten fliegen. Ich beharrte auf diesem rasenden Entschluss, bis nach mehrstündigem Fasten ein lebhafter Appetit mich die Sache vernünftiger betrachten ließ. Ein Unglücklicher, der nüchtern ist, denkt ganz anders, als ein Unglücklicher, der eine gute Mahlzeit gehalten hat. Ich bemächtigte mich daher der Speisen, die man mir zum Mittagmahle gebracht hatte, und sagte zu mir selbst, während ich mit wahrem Heißhunger aß: »Wahrlich! da hätte ich eine schöne Dummheit begangen! und wer würde Sophie nach meinem Tode trösten? wer würde ihr sagen, dass der letzte Schlag meines Herzens ein Seufzer der Liebe für sie war? nein, ich muss essen, um zu leben! um Sophie wiederzusehen, anzubeten und zu heiraten.« Am dritten Tage meiner Haft schickte mir der Baron meine Bücher, meine mathematischen Instrumente und mein Klavier. Ich dankte zuerst für die väterliche Güte, die mir in meiner Zurückgezogenheit einige Zerstreuung verschaffte; allein der Gedanke, dass diese Anstalten zur Erleichterung meiner Gefangenschaft auf eine Dauer derselben deuteten, erregte in mir das lebhafte Verlangen, ihr schnell ein Ende zu machen. Während man diese neuen Möbel in mein Zimmer schaffte, machte ich einen Versuch, zu entfliehen, der aber an der Wachsamkeit meiner Hüter scheiterte. Nachdem ich mein Gefängnis einer genauen Untersuchung unterzogen und die zu seiner Sicherheit getroffenen Vorkehrungen prüfte, überzeugte ich mich bald, dass nicht nur die nothwendigsten, sondern auch sehr unnöthige Maßregeln in Anwendung gebracht wurden. Ich hatte in meiner Börse drei Stücke von diesem allmächtigen Metalle, welches die Thore öffnet und alle Gitter sprengt. Ich bot meinen Gefangenwärtern meine zweiundsiebenzig Livres, ich bemühte mich, sie durch die schönsten Worte zu gewinnen: man schlug mein Geld aus, man verwarf meine Versprechungen. Ich weiß es nicht, wie mein Vater es angestellt hat, aber er hatte drei unbestechliche Bediente gefunden. Ich wurde bald von den Besuchen derer beehrt, die mir mein Vater zu empfangen erlaubte. Soll ich von einem zurückgezogenen Kaufmanne sprechen, der jeden Augenblick sein Gewissen zitierte; von einem Edelmann dieses kleinen Ortes, der mir hundertmal den Namen seiner Hunde und das Alter seiner Stute wiederholte, ehe er mir sagte, dass er eine Frau und Kinder habe; von einem Mönche mit kupferrothen Wangen, der gern einen mittelmäßigen Wein trank, obschon er den besseren vorzog; von seinem Kameraden, der in der ganzen Gegend durch seine Geschicklichkeit, ein Huhn zu zerlegen, berühmt war, und es immer so einzurichten wusste, dass das beste Stück in einem Winkel der Platte übersehen und ihm gelassen wurde! lassen wir diese Leute, deren sich in jedem Winkel welche finden, und erwähnen wir nur vier sehr außergewöhnliche Männer, die ein eigenthümlicher Zufall in diesem kleinen Dorfe von B... zusammenführte. Es waren ein Pfarrer, der Geist hatte; ein Professor, der nur aus Zerstreuung pedantisch war und der sehr oft aus bloßer Laune grob war! Ein alter Militär, der nicht immer fluchte, und endlich ein alter Advokat, der zuweilen die Wahrheit sagte. Welche Gesellschaft für den Freund Rosambert's, für den Zögling der Marquise! welche Gesellschaft für den Geliebten Sophien's! ich fühlte mich weniger unglücklich, wenn ich allein war; dann, meine angebetete Sophie, unterhielt ich mich im Geiste mit Dir. Die Augen auf Dein Bild gerichtet, glaubte ich mit Dir zu sprechen, indem ich Dein Bild bewunderte. Angebetetes Bild, wie viele Küsse hast Du erhalten! wie oft lagst Du auf meinem Herzen und hörtest sein stürmisches Pochen der Liebe! Ich muss jedoch gestehen, dass auch die schönen Wissenschaften viel dazu beitragen, meine langweilige Einsamkeit zu erheitern. Um mich aber hie und da der schmerzlichen und zugleich so süßen Erinnerung an meine theuere Sophie zu entreißen, musste ich mich in das Studium unser gefeiertesten Talente und der glänzendsten Geister vertiefen, auf die unsere Literatur stolz sein kann. Ich las Voltaire, Gesner und Delisle, Crébillon Sohn und La-Clos, Duclos und Marmontel, Moncrif und Florian. Aber wenn am Ende eines auf diese Art glücklich verkürzten Tages mein Geist und mein Herz gleicher Ruhe bedurften; wenn ich einmal den süßen Zauber brechen, auf einmal und zu gleicher Zeit Wissenschaften und Liebe vergessen musste; dann, liebe Sophie, dann diente unsere Literatur, die das Übel angestiftet hatte, auch dazu, es wieder gut zu machen. Ich schmachtete seit acht Tagen in meinem Gefängnisse. Jede Verbindung nach außen war mir abgeschlossen. Ich bekam gar keinen Brief; man erlaubte mir auch niemandem zu schreiben. Der Baron kam mich zu besuchen; ich versuchte ihn zu erweichen; er blieb unerbittlich. Vier Tage verflossen seit dem Besuche meines Vaters. Mitten in der Nacht auf den fünften wurde ich durch ein dumpfes Geräusch geweckt, welches aus dem Garten zu kommen schien. Ich eilte mein Fenster zu öffnen, unter welchem ich eine Leiter angelehnt sah. Vier Männer, welche unten standen, schienen sich zu berathen. Einer von ihnen stieg kühn hinauf, er hielt eine Feile in der Hand. »Sind Sie der Chevalier von Faublas?« »Ja, mein Herr!« »Kleiden Sie sich rasch an, während ich so viel als möglich geräuschlos eine Stange aus dem Gitter herausheben werde. Sollten Ihre Wächter mich hören und auf Sie zukommen, so zeigen Sie ihnen diese zwei Pistolen, die ich Ihnen hier gebe; das wird genügen, um sie zurückzuhalten. »Beeilen Sie sich. Ihr Freund erwartet Sie in einem Postwagen, bei der kleinen Thüre des Gartens.« »Mein Freund?« »Ja, mein Herr, der Graf von Rosambert.« »Welch' ein Dienst!« »Still! kleiden Sie sich rasch an!« Man musste mir dies nicht zum drittenmale wiederholen, obzwar ich gar nichts sah, denn es herrschte eine vollständige Finsternis um mich herum, so suchte ich doch meine Kleider zusammen, und nie war eine Toilette rascher beendet. Indes arbeitete mein Befreier eifrig an dem Gitter. Ich glaubte den Himmel offen, als eine Stange los war. Ich steckte zuerst ein Bein hinaus, dann das andere, hielt mich an dem Gitter, ich setzte die Fußspitze auf die Leiter; so schmal auch meine Person war so hatte ich doch große Mühe durch die Gitteröffnung hindurchzukommen. Endlich gelang es mir dennoch. Sobald ich draußen war und mich mitten auf der Leiter sah, zählte ich nicht mehr lange, wie viele Sprossen ich noch unter mir halte, sondern sprang frischweg auf den weichen Boden. Wir erreichten in raschem Laufe das kleine Gartenthor, das mein Befreier, ich weiß nicht wie, geöffnet hatte. Es blieb nur noch ein kleiner Straßengraben übrig, den ich mit einem Sprunge nahm. Ich stürzte mich in die Postchaise. Ich glaubte, dem Grafen Rosambert um den Hals zu fallen; es war der Vicomte von Florville, der mich umarmte. Während ich stumm vor Erstaunen blieb, fuhr der Postillon auf's eiligste davon; meine vier Befreier stiegen schnell wieder zu Pferd und folgten in gestrecktem Galopp dem rasch dahinrollenden Wagen. Ich antwortete nichts auf die Fragen, womit mich die Marquise überhäufte. »Chevalier,« sagte sie endlich, »es ist wohl das Übermaß Ihrer Dankbarkeit, der ich dieses Stillschweigen zuschreiben soll.« »Madame!« »Ach! ich weiß es wohl, dass ich für Sie nur noch – Madame – bin; und dennoch stelle ich mich bloß, ich setze mich Allem aus, um Ihrer Gefangenschaft ein Ende zu machen.« »Meine Gefangenschaft! Sie sind es doch, die dieselbe verursacht!« »Wenn Sie mich noch liebten, Faublas, das, was ich heute gethan, würde für meine Rechtfertigung hinreichen; aber hören Sie mich an, denn ich will auch nicht den kleinsten Vorwand zu Ihrer Undankbarkeit außer Acht lassen. Ich beweinte Ihre Unbeständigkeit, ich wollte meinen Geliebten zu mir zurückführen und ließ seine Schritte auskundschaften; dies ist mein ganzes Verbrechen. »Frau Dutour, die diesen Auftrag hatte, überschritt meine Befehle. »Ich habe zu spät erfahren, dass ein anonymer Brief den Baron von Ihrer grausamen Liebe in Kenntnis setzte. »Bald merkte ich, dass Ihre Abwesenheit nicht mehr bloß vorgegeben war, dass man sie eingesperrt hatte. »Den Ort konnte ich nicht erfahren. Dieselben Leute, die den Sohn beobachtet hatten, schlichen jetzt dem Vater nach. Vier ganze Tage hatte der Baron keinen Schritt gethan, den ich nicht auf der Stelle erfahren hätte; endlich besuchte er Sie am letzten Montag. »Die Umgegend, der Garten, das Haus wurden ausgespäht; man bemerkte ihre vergitterten Fenster. »Ich habe die erste Reise des Marquis benützt. In den Kleidern des Vicomte de Florville, unter dem Namen des Grafen Rosambert habe ich Alles auf's Spiel gesetzt, um Sie zu befreien. »Faublas, wenn Sie mich für die Fehler der Leute, welche Sie mich zwingen, in meine Dienste aufzunehmen, verantwortlich machen, so müssen Sie aber doch zugeben, dass die glückliche Kühnheit des Vicomte von Florville die unglückselige Unklugheit der Frau Dutour aufgewogen hat.« »Glauben Sie, Madame, dass ich diesen Dienst nie vergessen werde.« »Grausamer, diese höflichen und kalten Gegenreden, beweisen mir zur Genüge, dass ich gänzlich aufgeopfert bin. »Was ein anderes Weib nicht einmal zu denken gewagt hätte, das habe ich unternommen und ausgeführt, um den liebenswürdigsten und undankbarsten aller Menschen in die Arme meiner Nebenbuhlerin zu führen! Wenn es denn kein anderes Mittel gibt, sich wenigstens seine Freundschaft zu erhalten, so muss man sich darein fügen, man muss sich aufopfern. Faublas, ich habe den Muth dazu, ich entsage Ihnen, ich gebe Sie Ihrer Sophie zurück. »Beraubt von Allem, was mir theuer war, werde ich vielleicht glücklich sein, Sie glücklich zu sehen; vielleicht wird der Kummer, der die unausbleibliche Folge Ihres Verlustes sein wird, durch den tröstenden Gedanken gelindert werden, dass ich wenigstens zu Ihrer Glückseligkeit beigetragen habe. Mein Herr, wohin wünschen Sie, geführt zu werden?« Sie erwartete die Antwort auf diese Frage, die mich in nicht geringe Verlegenheit versetzte. Nach einem Augenblicke des Stillschweigens fuhr sie fort: »Zu Ihrem Herrn Vater zurückzukehren, hieße einer neuen Gefangenschaft entgegenzugehen. Herr Duportail ist noch in Russland. »Es wäre nur noch Rosambert übrig; aber man sagt, er sei seit einigen Tagen auf eines seiner Landgüter gereist. »Ich glaube, er sucht Sie! »Wohin wünschen Sie geführt zu werden, mein Herr?« Gerührt von der Großmuth der Marquise und ihrer zärtlichen und zugleich edlen Anhänglichkeit, widerstand ich kaum dem Verlangen sie zu trösten. Ich fühlte ihre Hand unter meinen Küssen erbeben, welche ich jedoch sehr zart und leicht darauf gelegt hatte. »Antworten Sie mir doch,« sagte sie mit fast erstickter Stimme. »Ach! meine zärtliche Sorgfalt hat Ihnen ein eben so sicheres als reizendes Versteck bereitet; aber Sie werden nicht dahin kommen,« sagte sie mit bewegtem Tone. »Ich werde Sie für immer verlieren. Sie werden mit einer andern leben, und ich soll ruhig zusehen! »Nein, Faublas! mein Schmerz konnte mich verleiten; ja, er hat mich zu weit geführt, als ich dies sagte; nie, nie werde ich es zugeben. Ich Sie einer Nebenbuhlerin abtreten? mein Freund, hoffen Sie das nie. Diese Aufopferung geht über die Kräfte einer Sterblichen.« Die schwache Strahlen der Dämmerung glitten schon über die Gegenstände dahin und ließen dieselben unterscheiden. Seit beinahe vierzehn Tagen hatte ich nichts als Bauernmädchen gesehen, deren plumpe von der Sonne verbrannten Reize mich nicht sehr lockten; übrigens hatte ich dieselben bloß durch ein Gitter hindurch und in einer Entfernung von mehr als fünfzig Schritten betrachten können. Jetzt dagegen saß der Vicomte de Florville an meiner Seite! die aufgehende Sonne zeigte ihn mir schöner, als jemals Adonis in den Augen der entzückten Venus erschien! und dann weinte die Marquise; eine weinende Frau ist so interessant! Ich wollte ihre Thränen trocknen, ich weiß nicht, wie ich mich dabei benahm; aber unsere Augen begegneten sich, mein Mund berührte den ihrigen, eine verhängnisvolle Neugierde führte meine Hand. – Oh! meine Sophie, ich wurde meineidig, ohne es zu wollen, und ich muss gestehen, dass Dein schuldiger Geliebter in diesem Augenblick eine Untreue begieng. II. Kapitel. »Wir gehen also nach Paris zurück, liebe Mama?« »Ja, mein Freund, weil niemand Sie dort vermuthen wird; übrigens habe ich so sichere Maßregeln gebraucht, dass Sie jeder Nachforschung entgehen werden. Während man die Dienste dieser vier Schurken kaufte, welche mich nur unter dem Namen des Grafen von Rosambert kennen, beschäftigte ich mich damit, eine bequeme Wohnung für eine junge Witwe zu suchen, welche als meine Freundin hierher kommt, um sich eines bedeutenden Prozesses wegen in Paris aufzuhalten. Sie heißt du Cange, und diese Madame du Cange sind Sie, mein Freund; aber da es nicht schicklich wäre, dass Sie allein nach Paris kämen, so hat Frau Dutour, welche gerne ihren Fehler wieder gut machen wollte, seit vier Tagen sich bemüht, die wichtige Rolle einer Frau von Verbourg zu übernehmen. »Sie wird, wenn Sie es wollen, die Mutter der Madame du Cange heißen. Bereits mit einem gestreiften französischen Kleide von Gros-de-Tours, mit braunen Blumen geschmückt, gibt sich Frau von Verbourg ein vornehmes Ansehen, worüber Sie sich halb todt lachen werden. Sie wird übrigens ihre Rolle nicht ganz schlecht spielen, wenn es ihr gelingt, einige energische Ausdrücke, die ihrer raschen Freimüthigkeit öfters entfahren, zu mildern; sie besitzt von Natur diese linkische Manier der Dorfdamen, die das Schloß der Provinz nie verlassen. »Sie werden den Neffen Ihrer Frau Mutter zum Bedienten haben. Man wird leicht einen Koch und eine Kammerfrau für Sie finden. »Das Hotel *** liegt zweihundert Schritte oberhalb dem meinigen; hier habe ich ein Zimmer für Sie gemietet und möbliert, das unsere Liebe verschönern wird. Wenn Sie mir folgen wollen, so gehen Sie nie in den Garten, dessen Benützung ich mir vorbehalte. »Er hat eine Thüre in die elysäischen Felder, durch diese werde ich fast alle Tage zu Ihnen kommen. Mein Arzt weiß, dass ich dieses Jahr nicht auf's Land gehe, und hat mir bereits befohlen, alle Morgen zeitlich die frische Luft zu genießen.« Die Leute, die uns begleiten, verließen uns bei der Barrière du Trône. Der Vicomte und ich stiegen bei der Modehändlerin ab, wo meine Mutter, Justine und mein neuer Lakai uns erwarteten. Frau Dutour entschuldigte sich bei mir wegen des begangenen Fehlers; Justine war sehr erfreut, mich wiederzusehen, sie führte eine Menge Schelmereien an, bis sie meinen Kopfputz zu Stande brachte. Der Vicomte von Florville hatte für alle meine Bedürfnisse gesorgt. Ich zog das einfache Kostüm einer Reisenden an. Meine Koffer wurde hinten auf die Postchaise gepackt, und Frau von Verbourg nahm neben mir Platz. Wir stiegen im Hotel *** Straße Faubourg-Saint-Honoré ab. Zwei Stunden nachher kam die Frau Marquise von B... in Begleitung ihrer Kammerfrau zu fragen, ob Madame du Cange angekommen sei. Wir umarmten uns wie zwei Frauen, die einander sehr lieben und die sich nach langer Zeit zum ersten Male wieder sehen. Meine Mutter, welche Lebensart besaß, ließ uns allein. Amor trat in mein Schlafzimmer in demselben Augenblick, wo Frau von Verbourg es verließ. Der kleine Gott blieb bei uns zwei Stunden lang. »Es ist bald Mittag,« sagte die Marquise, »ich muss Sie verlassen. Man weiß zu Hause, dass ich auf dem Lande zu Nacht speisen und schlafen werde; aber zum Mittagessen werde ich erwartet. Apropos, Sie sind galant! sagen Sie mir doch, wie verhält es sich mit einer gewissen Flasche?« »Eine Tölpelei von Jasmin, liebe Freundin!« »Und das Porträt von Fräulein Duportail, wann werden Sie mir dasselbe geben?« »Sogleich; es ist in einer Rocktasche des Chevalier von Faublas. Hier, liebe Mama, hier ist es.« »Morgen werde ich Ihnen das des Vicomte von Florville bringen.« »Hat der Marquis Ihnen nicht von Fräulein Duportail gesprochen?« »Ja, mein Freund, er sagte mir, Fräulein Duportail lebe mit Herrn von Faublas. Ihre Eltern suchen sie in der Ferne, während sie sich ganz in der Nähe aufhalte. Übrigens ist er sehr aufgebracht über die Behandlung seines la Jennesse.« »Wie, Madame,« sagte er zu mir, »einen Gertenhieb über den ganzen Arm! ist das Manier? schickt es sich für ein junges Mädchen, die Leute so durchzuprügeln? Sie werden sich noch jenes Tages erinnern, wo ich mir eine Beule an den Kopf stieß und das Fräulein mir die Stirne mit einem Geldstück eben drücken wollte; Sie wissen, wie ich schreien musste! Sie glaubten damals vielleicht, ich sei ein Weichling; aber ich versichere Sie, Madame, dass ich Schmerzen hatte wie ein Gemarteter. Das Mädchen hat eine höllische Faust, es ist ein wahrer kleiner Teufel, man sieht es auch deutlich an ihrer Physiognomie!« Sobald Frau von B... fort war, kam Madame Verbourg herein. Ich bat sie la Fleur zu dem Grafen Rosambert zu schicken. »Der Herr Graf ist nicht in Paris,« sagte sie. »Ich glaube, er muss in Paris sein, in jedem Fall will ich es gewiss wissen.« »Aber, gnädiger Herr, die Frau Marquise hat nicht befohlen –« »Die Frau Marquise hat nicht befohlen! meine Theuerste, sind Sie denn toll? meinen Sie denn, ich stehe auch in den Diensten der Marquise, wie Sie? Frau Dutour, merken Sie sich und vergessen Sie es ja nicht, dass ich hier in meinem Hause bin. Wenn la Fleur nicht auf der Stelle zu Herrn von Rosambert geht, so gehe ich selbst zu ihm. Frau Dutour, hören Sie, hier sind drei Louisd'ors! sie gehören Ihnen, wenn der Graf heute noch zu mir kommt.« »Aber wenn er auf dem Lande ist?« »Wahrhaftig, dann sollte es mir sehr leid thun; aber die drei Louisd'ors behalte ich. Sie können schreiben, meine Theuerste, nehmen Sie, was zum Schreiben nöthig ist.« Ich diktierte der Frau von Verbourg. »Madame du Cange wünschte den Herrn Grafen nur auf ein Viertelstündchen zu sprechen. Wenn jedoch Herr von Rosambert ein schlechtes Mittagmahl annehmen wollte, so ist er höflich eingeladen.« »Die Sache ist sehr pressant.« Ich rief la Fleur: »Mein Freund, Du wirst dieses Billet dem Herrn Grafen von Rosambert tragen. Auf seine Fragen wirst Du nur antworten, dass Deine Herrin schön ist, und dass sie in Faubourg Saint-Honoré, im Hotel *** wohnt. Wenn der Graf zufälligerweise nicht in Paris wäre, so wirst Du fragen, auf welches seiner Landgüter er gegangen ist.« Als mein Diener zurückkehrte, meldete er mir, dass der Graf ihm folge. Einige Augenblicke nachher trat Rosambert bei mir ein mit leichter und galanter Miene. »Schöne Dame!« Auf einmal hielt er inne und rief laut lachend: »Der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht ganz meines Sieges gewiss hierher kam! doch bedauere ich meine fehlgeschlagene Hoffnung nicht, denn ich umarme meinen Freund.« (Ich wandte mich zu Frau von Verbourg): »Frau Mama, wollen Sie die Güte haben, uns zu verlassen?« »Frau Mama! (Er gieng mehrere Male um sie herum und drehte sie um und um.) Frau Mama, Sie sind bezaubernd! Ihre Gestalt ist edel, Ihr Anstand unvergleichlich. Ihr Anzug majestätisch! aber ich bitte, lassen Sie uns allein.« »Mein lieber Faublas, was bedeutet denn diese Verkleidung von neuem?« Rosambert konnte den umständlichen Bericht meiner Entführung und neuen Verkleidung nicht anhören, ohne mich mehrere Male mit seinen spasshaften Bemerkungen zu unterbrechen. Endlich sagte er, als ich geendigt hatte: »Die Frau Marquise hat es so eingerichtet, dass Sie von nun an ganz in ihrer Gewalt sind.« »Ja, Rosambert, aber meine Sophie?« »Was wollen Sie von Ihrer Sophie? das ist der Punkt! nun ja, was wollen Sie anfangen? sie ist noch immer im Kloster.« »Wissen Sie es gewiss?« »Ja, ich weiß auch, dass Ihr Fräulein Schwester nicht mehr bei ihr ist.« »Der Baron?« »Hat sie aus diesem Kloster entfernt und in ein anderes gebracht, auch hat er den ehrlichen Herrn Person verabschiedet.« »Aber Rosambert, wenn ich hier bleibe, wie kann ich dann meine Sophie sehen?« »Ich würde Ihnen gern mein Haus anbieten, aber dieses Asyl würde nicht respektiert; Frau von B... möchte Sie auch dort verfolgen.« »Mein Freund, wenn Sie mich verlassen, so bin ich verloren.« »Zweifeln Sie an meiner Freundschaft, Chevalier?« »Nein, aber ich fürchte zu viel von ihrer Freundschaft zu fordern.« »Wie, wenn ich an Ihrer Stelle wäre und Sie an der meinigen, würden Sie zögern, mir die Dienste zu erweisen, die Sie sich nicht von mir zu verlangen trauen?« »Ganz gewiss nicht.« »Also sagen Sie es frei heraus!« »Rosambert, obschon ich mich hier weit besser befinde, als in diesem Dorfe Brie, obzwar ich das Vergnügen habe, eine reizende Frau, an die ich, ich gestehe es, noch einige Anhänglichkeit habe, ungestört zu sehen, so versichere ich Ihnen dennoch, dass ich nur mein Gefängnis vertauscht habe, wenn ich meine Sophie nicht wiedersehe. »Könnten Sie mich nicht in der Nähe ihres Klosters unterbringen?« »Ach! ich verstehe. Die Marquise hat Sie dem Baron geraubt, ich muss Sie der Marquise entführen; ich sehe dabei gar nichts Unschickliches. Ich habe sie nicht hindern können, sich Fräulein Duportail anzueignen, nun gut, so will ich ihr Madame du Cange wegfischen; das ist ganz gerecht und zugleich tröstend für mich. Übrigens möchte ich gerne sehen, wie diejenige, die mich dem Ungemach des Cölibats preisgegeben hat, sich in die Langeweile des Witwenstandes finden wird. »Verlassen Sie sich auf mich!« Es war Zeit uns zum Tisch zu setzen. Während des Mittagessens, welches lang dauerte, machte sich der Graf auf Kosten der Frau Verbourg sehr lustig. Wir waren eben am Nachtisch, als der Besitzer des Hotels, Herr Villartur, ein emporgekommener Finanzmann, der seine neuen Mieter sehen wollte, eintrat, ohne zu wissen, ob uns sein Besuch angenehm sein würde. Man stelle sich die Unwissenheit und Dummheit in der Person des Herrn Villartur vor. Man habe ihm gesagt, ich sei schön, und er fand, dass man ihn nicht getäuscht habe. Man wird begreifen, dass diese plumpe und einfältige Persönlichkeit mich sehr gelangweilt haben würde, wenn mir seine sogenannte Galanterie nicht das Vergnügen gemacht hätte, mich über ihn lustig zu machen. Mein schadenfroher Freund half mir tapfer, ihn zu verhöhnen; der gute Mann versprach mir im Fortgehen, mich wieder bald zu besuchen. Rosambert hatte Geschäfte abzumachen; als er mich verließ, sagte er zu mir: »Bis ich das Gewünschte finde, werden Sie mir hoffentlich den Gefallen erweisen, mein Freund, eine Summe Geldes, die mir gegenwärtig entbehrlich ist, von mir anzunehmen, zu einer anderen Zeit kommt sie mir vielleicht gelegen.« Noch am selben Abend schickte er mir zweihundert Louisd'or. Frau Dutour legte mir eine genaue Rechnung der Auslagen, die meine Entführung verursachte; ebenso von denen, die mein Aufenthalt in dem Hotel erforderte. Als die Marquise am anderen Tage kam, bat ich sie, die Bezahlung der ausgelegten Summe anzunehmen. »Viele Frauen,« sagte meine schöne Freundin, »behaupten, dass zwischen Liebenden nie von einer Geldangelegenheit die Rede sein dürfe; ich, mein Freund, nehme mein Geld zurück, ohne mich bitten zu lassen, und ich glaube mich selbst rechtfertigen zu können über mein langes Stillschweigen in dieser zarten Angelegenheit. Ich glaubte, Sie würden mir diese Auslagen nicht so bald zurückerstatten können; darum wagte ich gar nicht, davon zu sprechen aus Furcht, Sie nicht in Verlegenheit zu setzen; dennoch fühlte ich, ich möchte ihr Zartgefühl verletzen, indem ich diese Sache mit Stillschweigen übergehen würde; aber ich wollte mich lieber den Vorwürfen des Chevaliers aussetzen, als meinem Freunde Kummer zu verursachen. Nehmen Sie, mein Freund, behalten Sie dieses Bild, es soll für Sie ein Schatz sein, wenn ich Ihnen eben so theuer bin, als ich Sie liebe.« Es war das Porträt des Vicomte Florville. Ich sprach der Marquise meinen lebhaftesten Dank aus, sie theilte zuerst das Entzücken meiner Dankbarkeit, glaubte aber bald, dem Übermaße derselben Einhalt thun zu müssen. Man meldete den Herrn von Villartur. Die Marquise war sehr neugierig, dieses Original zu sehen. Er theilte seine einfältigen Huldigungen zwischen der Marquise und mir und brachte seine Liebeserklärungen in seiner Art und Weise an; er überhäufte uns mit lächerlichen Artigkeiten. Während seiner Unterhaltung, welche der dicke Finanzmann mit vielfachen Albernheiten würzte, bemerkten wir, dass dieser interessante Herr an die Astrologie glaubt. Er kannte Zauberer, er hatte schon Vampyre und Gespenster gesehen. Zum Schluss sagte er uns, er wolle einen seiner Freunde bringen, der ein halber Hexenmeister sei, der uns unsere vergangenen Abenteuer erzählen wird, das, was in der Gegenwart und selbst das, was in der Zukunft geschehen soll, wenn wir ihm nur unsere Hände und unser Gesicht sehen lassen wollen. »Bei Gott,« rief Frau Verbourg, die eben hereinkam, »meinen Sie denn, mein Herr, meine Frau Tochter zeige Ihnen ...« Ich trat meiner Frau Mama so derb auf den Fuß, dass sie nicht ausreden konnte. Die Marquise lachte laut auf. Herr von Villartur war entzückt und sagte beim Abschied, er werde morgen den Astrologen mitbringen. Ich sah Rosambert an diesem Tage nicht. Die Marquise kam sehr zeitlich früh am nächsten Morgen und leitete meine Toilette. Ich putzte mich sehr heraus zu Ehren des Astrologs, auf dessen Kosten wir uns zu unterhalten hofften. Kurz vor Mittag kam Herr Villartur, er rief uns vom Weiten zu, er bringe den Zauberer mit. Ich glaubte in Ohnmacht zu fallen, als ich den Marquis von B... erblickte, welcher hinter dem Finanzmann eintrat. Als er seine Frau sah, war er sehr erstaunt, und als er Fräulein Duportail erkannte, blieb er verblüfft stehen. »Was!« rief er aus, »das ist also Madame du Cange?« »Ja,« antwortete Villartur. Mit herabhängenden Armen, starrem Blicke und halboffenem Munde stand Herr von B... da und schien mich mit seinen kleinen Äuglein nicht scharf genug zu betrachten. »Wie er Sie ansieht!« sagte Herr Villartur; »Ihre Physiognomie ist ihm besonders aufgefallen, sehen Sie nur, wie er nachdenkt.« Die Marquise, welche stets kaltblütig blieb in ähnlichen Gelegenheiten, wo es auf rasches Handeln ankam, gieng auf ihren Gemahl los, sie nahm ihn beim Arm und zog ihn in eine Fenstervertiefung in meiner Nähe. »Ihre Freundin scheint mehr begierig zu sein, wie Sie, aber es nützt ihr nichts, er hat Sie genau angesehen,« wiederholte er stark lachend. Während dieser Zeit horchte ich aufmerksam auf das, was hinter mir gesagt wurde; wenn die Marquise gewollt hätte, dass ich es nicht hörte, würde sie gewiss ihrem Gemahl den Wink gegeben haben, leiser zu sprechen. »Hatte ich es nicht gesagt, Madame?« sagte der Marquis, »ich habe es ja errathen, dass sie guter Hoffnung ist, Sie müssen doch zugeben, dass dem so ist.« »Haben Sie es denn nicht gemerkt?« erwiderte die Marquise. »Ja, sofort; doch ist ihr Zustand noch nicht sehr fortgeschritten, vier oder fünf Monate höchstens. Wie ich mich rächen will!« »Aber kränken Sie sich nicht, mein Herr.« »Oh! ich werde keinen Schaden mehr anrichten, lassen Sie mich nur machen!« Da Herr Villartur aufhörte zu lachen und mit mir zu sprechen anfieng, so war ich verhindert, das Übrige zu hören. »Wissen Sie wohl,« sagte der Marquis, auf mich zukommend, »dass ich Sie ein wenig verändert finde?« »Ah ja,« unterbrach ihn Villartur, »Sie kennen sie also?« »Ja, als ich die Bekanntschaft mit Madame machte, war sie noch Mädchen.« »Ah, so, Sie hatten sich also gleich verheiratet?« »Ja, mein Herr.« »Und Sie sind schon Witwe?« »Leider! ja.« »Und Alles in drei oder vier Monaten! das ist wenigstens sehr schnell!« »Ist es mir wohl erlaubt zu fragen, ob der Selige liebenswürdig war? »Aber warum sind Sie nicht in Trauer gekleidet?« »Man wird Ihnen die Ursache davon schon sagen,« entgegnete Madame von B... »Ich glaube,« sagte der Marquis, »der arme Gemahl ist schon vergessen.« »Wie meinen Sie dies, mein Herr?« »Weil Sie der Kummer nicht abgehalten hat, Ausflüge auf das Land zu machen.« »Ich, mein Herr?« »Sie wollen vielleicht gar sagen, dass dem nicht so ist; habe ich Sie nicht auf dem Wege von Versailles begegnet, auf der Brücke von Sevres?« »Ach! ja, mein Herr.« »Sprechen Sie nicht davon,« sagte ganz leise die Marquise, »sehen Sie denn nicht, dass Sie sie quälen?« »Madame,« versetzte der Marquis erfreut über die Verlegenheit, welche ich zur Schau trug; »wissen Sie, dass es unklug ist, in dem Stande, in dem Sie sich befinden, auszureiten; hüten Sie sich vor einer Fehlgeburt.« »Sie glauben also, mein Herr, dass ich in der Hoffnung bin?« »Oh! ich bin dessen gewiss. Im letzten Karneval habe ich es bemerkt. Wetten wir, dass die Heirat schon vorüber war? Man hielt sie geheim, nicht wahr?« »Aber, mein Herr!« »Ich muss Ihnen sagen, meine schöne Dame, dass zu jener Zeit schon etwas in Ihren Augen lag; damals aber sprach ich mit Ihnen noch nicht von meinem Talente für die Astrologie, weil ich noch studierte, ich war noch nicht genug stark; aber Sie wissen ja, wie sehr ich Physiognomist bin. Nun gut, während des letzten Karnevals glaubte ich in Ihrer Gestalt etwas zu bemerken, das Temperament anzeigte, fragen Sie Madame, ich sagte ihr – auf Ehre, ich fühlte die Heirat. Was den anderen Zustand betrifft, so konnte ich nicht ganz errathen, denn die Sache war doch noch zu neu! aber jetzt verhält es sich ganz anders; man kann sich nicht mehr täuschen! Schönste Dame, Ihr Gesicht ist noch immer sehr schön, Ihre Taillie charmante; aber die Augen sind etwas matt und dann sehen Sie, hier könnte man auf den Verdacht kommen, dass nicht Alles ist, wie es sein sollte, hier ist eine kleine Rundung, die den gewissen Zustand anzeigt.« Ermuthigt durch das Gelächter, das die Marquise unter ihrem Fächer nicht unterdrücken konnte, fragte mich Herr von B..., wer der Pathe des kleinen Püppchens sein wird. »Ohne Zweifel Ihr Herr Vater?« Ich gab mir Mühe, roth zu werden, und sagte in gedemüthigtem Tone: »Mein Herr, mein Vater weiß nichts von meiner Heirat.« »So hatte ich also Recht?« »Wenn Sie meinen Vater oder meinen Bruder zufällig sehen sollten, so bitte ich Sie, ihnen nichts von mir zu sagen.« »Fürchten Sie nichts.« »Aber Herr von Villartur?« »Villartur! meine schönste Dame, er weiß Ihren Mädchennamen nicht und Ihre Verwandten kennen Sie nicht unter Ihrem Frauennamen. Übrigens ist Villartur in jedem Falle verschwiegen.« »Oh, ganz gewiss!« redete dieser ein. »Ich sage niemals aus, was ich nicht weiß. Übrigens, Herr Marquis, habe ich Sie hierher geführt, um diesen Damen wahrzusagen; wenn Sie eine davon kennen, so wird dies nicht hindern, hoffe ich.« »Nein, mein Herr, Sie haben Recht, ich muss Ihnen jetzt wahrsagen.« (Er gieng auf seine Gemahlin zu.) »Erlauben Sie, Madame, dass ich bei Ihnen anfange.« Die Marquise, reichte ihm ihre Hand, deren lange, kurze, gerade und schräge Linien er zählte; sodann untersuchte er ihr Gesicht und sagte mit einem zärtlichen Tone und mit dem selbstgefälligsten Tone zu ihr: »Madame, Sie haben einen Gemahl, der Ihnen durch seine witzigen Einfälle viele Freude macht, und den Sie rasend lieben.« »Ganz richtig, mein Herr,« antwortete die Marquise und zog ihre Hand zurück; »ich verlange nicht mehr zu wissen, ich sehe, dass Sie ein großer Wahrsager sind.« »Nun zu Ihnen, schöne Dame!« Nachdem er mich mit derselben Aufmerksamkeit betrachtete, fragte er, ob mein Gemahl nicht zwei Namen gehabt hätte. »Er hatte bloß einen, mein Herr, und dieser war du Cange.« »Das ist sonderbar.« »Warum denn?« »Weil es scheinen könnte, der Verstorbene hätte –« »Was wollten Sie sagen, mein Herr?« »Sie würden es übel nehmen! wie soll ich es nur sagen? Hören Sie, schöne Dame, ich will in der Blumensprache reden. Es scheint, die Frucht, die gegenwärtig auf dem Baum Ihrer Liebe ist, sei gepfropft von – einem gewissen Faublas, weil man es doch sagen muss.« »Sie werden anzüglich, mein Herr!« »Oh, wie drollig sie ist, wenn sie in Zorn geräth!« rief der dicke Finanzmann, heftig lachend, so dass der Puder von seiner Perücke flockenweise zu Boden fiel. »Es scheint auch,« fuhr der Marquis fort, »dies sei im Boudoir einer Modehändlerin geschehen!« »Mein Herr, Sie sind sehr anmaßend.« In diesem Augenblick trat Frau von Verbourg herein, die soeben ihr schönes Kleid angezogen hatte. Sie kam in große Verlegenheit, als sie den Marquis von B... sah. Nach einer komischen Verbeugung gieng sie auf mich zu, und ich sagte ihr ganz leise, wovon es sich handle. Ich weiß nicht, was der Marquis seine Gemahlin fragte, denn er wandte sich um und sagte zu Frau von Verbourg: »Ich glaube schon irgendwo das Vergnügen gehabt zu haben, Sie zu sehen.« »Dies ist wohl möglich, mein Herr,« antwortete Frau Dutour, die schon den Kopf verlor, »dies ist wohl möglich! ich gehe hie und da hin.« »Wohin, Madame?« »Wohin Sie sagten, mein Herr.« »Wie, Madame, haben Sie mich vom Boudoir sprechen hören? es war ein Scherz.« »Was reden sie denn von einem Boudoir, mein Herr?« »Nichts, nichts, Madame! wir verstehen einander falsch.« »Ich werde auch nicht klug daraus,« fiel Villartur ein. »Ich verstehe kein Wort von dem ganzen Gespräch!« Meine schöne Freundin lachte laut, ich konnte mich ebenfalls nicht länger halten und ergriff diesen Augenblick, um meiner Heiterkeit freien Lauf zu lassen. »Aber,« versetzte der Marquis, »sehen Sie nur, wie Sie lacht.« »Hüten Sie sich, Madame,« sagte der Marquis zu mir, »Sie reiten, und das ist gefährlich in Ihrem Zustand.« »Gewiss,« redete Villartur ein, »man kann fallen; dies ist mir erst vor einigen Tagen geschehen.« »Fallen!« antwortete der Marquis, »das fürchte ich nicht für sie.« »Ja, warum soll sie nicht fallen können?« »Warum? weil sie besser reitet als Sie. »Sie glauben nicht, wie stark diese junge Dame ist. Freund Villartur, so dick und rund Sie auch sind, so möchte ich Ihnen doch nicht rathen, sich mit ihr zu schlagen.« »Gut! das wollen wir doch sehen,« rief der dicke Finanzmann, auf mich zugehend. »Sind Sie toll, mein Herr?« sagte ich zu ihm. Er wollte mich um den Leib fassen, ich packte ihn am rechten Arm, und indem ich ihn rasch umdrehte, schwankte er und fiel zu Boden. Die Bedienten eilten bei dem Getöse herbei. Ebenso beschämt als ärgerlich, stand der Finanzmann auf und entfernte sich, ohne ein Wort zu sagen. Der Marquis folgte ihm, um ihn zu trösten, und Frau von B..., die einige Gäste zu Mittag hatte, verließ mich auch. Ich wunderte mich, seit zwei Tagen nichts von dem Grafen gehört zu haben. Er kam spät abends und umarmte mich mit den Worten: »Ich gratuliere Ihnen, mein Freund, Alles geht nach Wunsch, Alles ist fertig, folgen Sie mir!« »Wie! sogleich?« »Im Augenblick!« (Ich umarmte ihn.) »Mein Freund, wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig! aber, Rosambert, erzählen Sie doch.« »Ich werde Ihnen das Alles unten sagen, mein Wagen erwartet Sie; wir dürfen keinen Augenblick verlieren, folgen Sie mir!« »So werde ich also die Marquise verlassen?« »Ja, um Sophie wiederzusehen.« »Um Sophie wiederzusehen! schnell, Rosambert, fort! lassen Sie mir nur noch das Porträt meines hübschen Bäschens mitnehmen.« (Ich läutete der Dutour.) »Bestellen Sie ein Nachtessen. Der Herr Graf und ich gehen einen Augenblick in den Garten.« Statt in den Garten zu gehen, stiegen wir in des Grafen Wagen. »Über die Boulevards!« sagte er zu seinem Kutscher, »im Galopp bis an das Thor Saint-Antoine, von da aus bis an den Platz Maubert langsam.« Sobald die Vorhänge niedergelassen waren, sagte mir Rosambert, er habe seit unserer letzten Zusammenkunft eine kleine Wohnung für mich in der Nähe des Klosters, in dem Sophie weilte, gefunden. Von meinen Fenstern aus konnte ich alles sehen, was dort vorgieng. Er sagte zu mir, dass Fräulein Duportail, welche seit kurzem Madame du Cange geworden, von nun an Madame Firmin sein wird. Plötzlich fuhr der Wagen, welcher seit fünf Minuten über das Pflaster raste, sehr langsam. Rosambert sagte zu mir: »Nun sind wir schon in der Nahe der Bastille. »Beeilen Sie sich, mein Freund, diesen prächtigen Putz, der so gut einer Dame von Stand passt, der aber durchaus für eine bürgerliche Frau nicht geeignet ist, zu wechseln. Es handelt sich darum, eine andere Toilette zu machen. Zuerst müssen Sie diesen auffallenden Hut herunternehmen; machen wir, so gut es geht, aus diesen reizenden Locken einen bescheidenen Chignon; nehmen wir diesen einfachen Umhang über ein bescheidenes Wollkleidchen. Schöne Dame, ziehen Sie kühn diesen Unterrock an. Ich will nicht vorwitzig sein; ich liebe Sie sehr, aber ich achte Sie mehr. Recht gut; und jetzt bedecken Sie Ihren Busen mit diesem Musselintuche; nehmen Sie diese schwarze Mantille, schlagen Sie den Kragen in die Höhe und verbergen Sie Ihr Gesichtchen so gut als möglich.« »Jetzt ist es gethan und Sie sind noch immer zum Aufessen lieb! Was mich anbelangt, mein lieber Faublas, ich werde noch schneller fertig sein. Sehen Sie!« er zog seinen Frack aus und hüllte sich in einen großen Überrock ein. Wir stiegen am Platze Maubert aus und erreichten die Straße *** zu Fuß. Als ich bei meinem Hauswirte ankam, giengen wir über einen langen Hof und einen Garten, an dessen Ende ich einen kleinen Pavillon sah, welcher an einer Verbindungsmauer angebaut war, die mir ungefähr zehn Fuß Höhe zu haben schien. Ich bemerkte, dass man von den Fenstern des ersten Stockwerkes leicht in den Garten des Nachbars mittels eines Seiles gelangen konnte. Ich konnte mich vor Freude nicht fassen, als Rosambert mir sagte, dies sei der Klostergarten; dann zeigte er mir, dass er über dem Nützlichen auch das Angenehme nicht vergessen habe. Ein Piano stand neben dem Fenster; das Instrument stand so, dass ich während des Spieles Alles sehen konnte, was im Garten vorgieng. Zu meinem Leidwesen erklärte mir Rosambert beim Abschied, dass wir uns, so lange ich mich in diesem Hause verborgen halte, das Vergnügen einander zu sehen versagen müssen. Er machte mir begreiflich, die Marquise würde ohne Zweifel alle seine Schritte auskundschaften lassen und meine Wohnung bald entdecken, wenn er die Unvorsichtigkeit begienge, mich hier zu besuchen. Wir verabredeten einander, durch die Post zu schreiben, und ich sollte, um vor aller Unterschlagung sicher zu sein, meine Briefe an Herrn von Saint-Aubin, einen seiner besten Freunde, adressieren. Diejenigen, die dächten, dass ich in dieser Nacht nicht schlief, würden sich sehr täuschen, wenn sie mein Wachen etwas anderem zuschrieben, als der sehnsüchtig süßen Ungeduld, welche die Nähe meiner Sophie in mir erweckte. Ich dachte an meine liebe Adelheid, die schon beinahe einen Monat lang von ihrer Freundin getrennt, nicht einmal den Trost gehabt hatte, ihren Bruder zu sehen. Ach, ich dachte an den Baron, der mich der Gleichgültigkeit und der Grausamkeit anklagen musste. Allein die Liebe betäubt die Stimme der Natur und des erwachenden Gewissens. Konnte ich dem Glücke entsagen, meine Sophie wiederzusehen? konnte ich durch die Rückkehr zu meinem erzürnten Vater meine Geliebte der Gefahr einer ewigen Trennung aussetzen? Mit Tagesanbruch stellte ich mich an's Fenster auf die Lauer und richtete meine Jalousien so ein, dass ich unbemerkt Alles übersehen konnte. Ich musste die scharfen Blicke der Frau Münch fürchten, die mich früher in meinem Amazonenkleid einmal gesehen hatte, und jetzt, trotz meiner neuen Verkleidung, möglicherweise erkennen konnte. Auf eine Entfernung von fünfzig Schritte stand ein ansehnliches Gebäude; es hatte so viele Zimmer! wo war das meiner Sophie? Meine Augen durchstreiften unaufhörlich das ganze Haus von einem Ende zum andern, und wussten nirgends einen festen Halt zu finden. Um sieben Uhr morgens musste ich meinen Posten verlassen. Meine Hausbesitzer kamen, um ihre neue Mietfrau zu besuchen, und brachten ihre Gärtnerin mit, welche die kleine Bedienung der Madame Firmin besorgen wollte. Herr Fremont, der Besitzer meines kleinen Hauses, wunderte sich über die Anstalten, die ich traf, um immer allein zu sein. Er bemerkte mir galant, eine hübsche junge Frau sollte ihre schönste Jugendzeit nicht in der Einsamkeit zubringen. Auf diese sehr richtige Vorstellung, die Madame Fremont mit ihrem Beifall unterstützte, erwiderte ich, dass ich der Welt überdrüssig, eine einsame Wohnung in einer abgelegenen Gegend der Stadt aufgesucht habe, in der bestimmten Absicht, hier ganz zurückgezogen zu leben. Meine Hausleute verließen mich trostlos, wie sie sagten, dass eine so liebenswürdige junge Person den grausamen Entschluss gefasst habe, sich lebendig zu vergraben. Die Gärtnerin machte sich in meinem Zimmer sehr viel zu schaffen, ich bat sie aber, schnell Ordnung zu machen und mich in Ruhe zu lassen. Sobald ich allein und unbeobachtet war, setzte ich mich wieder hinter meine Gardine. Viele Fräulein giengen im Garten spazieren. Sophie war nicht bei ihnen. Ich sah sie viele Spiele unter einander aufführen. Wie schön waren diese jungen Mädchen! aber ach! Sophie war nicht bei ihnen. Wenn es mir gelänge, sie in die Nähe meines Pavillons zu locken, vielleicht käme Sophie dann zu ihren Gespielinnen! eine zarte Musik macht einen so angenehmen Eindruck auf ein liebendes Herz. Sophie wird ohne Zweifel kommen. Ich werde sie sehen. Gewiss, sie wird die Stimme ihres Geliebten erkennen. Ich setzte mich an mein Piano und sang ein Lied, welches meine Liebe mir eingab. Bei den ersten Accorden waren die Mädchen unter meine Fenster gekommen. Ich beendete eben meinen Gesang, als zwei Frauen herankamen, deren Kleidung mich erschreckte. Die eine war alt, sie zankte mit der liebenswürdigen Jugend, die aufmerksam auf meinen Gesang lauschte. »Lassen wir doch die Kinder sich unterhalten,« sagte die andere. (Ich glaube sie zu erkennen, sie war hübsch und jung.) »Sehen Sie, die Musik hat aufgehört, seit wir hier sind! es scheint, dass unsere Nähe das Vergnügen verscheucht; gehen wir, meine Schwester, lassen wir die Kinder sich unterhalten, die Stunde der Erholung ist so kurz. Sie haben nicht alle Tage das Vergnügen, etwas der Art zu hören. Dies sind andere Stücke, als ich spiele; und ich muss gestehen, dass ich bei weitem nicht so gut spiele. Lassen wir diesen Kindern ihre Freude!« Als die beiden Damen fort waren, fieng ich wieder an. Die Mädchen hörten mir aufmerksam zu, sie klatschten entzückt Beifall; aber ach! Sophie, meine Sophie war nicht bei ihnen. Verzweifelt, sie nicht zu sehen, stand ich von meinem Instrument auf. Traurig und träumerisch blieb ich hinter meiner Jalousie stehen; endlich bemerkte ich ein junges Mädchen, das allein in einer einsamen Allee spazieren gieng, die bis unter mein Fenster reichte. Ich sah das Fräulein bloß von rückwärts. Diese reizende Taille ist es die ihrige? Diese schattige Allee ist es die, von der Adelheid sprach? »Ach, Sophie, Du bist's; tritt doch ein wenig näher! Du entfernst Dich! komm zurück, komm hierher! wende Dich gegen Deinen Geliebten, zeige mir Dein angebetetes Gesicht!« Eine abscheuliche Glocke gab in diesem Augenblick das Zeichen zur Rückkehr und vereitelte meine Hoffnungen. Alle Mädchen verließen den Garten. Am andern Tag, abends sieben Uhr, kam dieselbe Person wieder an denselben Platz. Hinter meinem Fensterladen stehend, verfolgte ich alle ihre Bewegungen mit unruhigem Blicke. Ihr langsam abgemessener Gang verkündigte ihre tiefe Melancholie; sie schien die Tageshelle zu meiden und suchte auf diesem einsamen Wege die düstersten Plätze auf. Ich sang den letzten Vers meiner Romanze; alle Mädchen kamen herbei, die ich aber herbeisehnte, kam nicht. Was thun, um Sophie heranzulocken und die anderen zu entfernen? wenn ich nicht aufhöre zu singen, so bleiben die Mädchen unter meinem Fenster. Ich muss schweigen, muss mit ungeduldigen Blicken alle Bewegungen der schönen Träumerin verfolgen und den Augenblick abwarten. Als ich mich nicht mehr hören ließ, zerstreuten sich alle die jungen Mädchen im Garten. Hinter meinem Fensterladen versteckt, verlor ich das interessante Fräulein, die immer noch mit langsamen Schritten auf und ab gieng, keinen Augenblick aus den Augen. Endlich that sie einige Schritte gegen mich; ich sah sie – es war meine Sophie! etwas blass, etwas verändert; aber dennoch so schön! Sie war noch zu entfernt, als dass ich wagen konnte, ihr irgend ein Zeichen zu geben, aber ich schwelgte in dem Glücke, sie zu betrachten. Jetzt gab die verhängnisvolle Glocke das Signal. Schon hatten alle Kostgängerinnen den Garten verlassen; Sophie kehrte um und entfernte sich traurig. Ich war in Verzweiflung, die Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, auf's neue schwinden zu sehen, und konnte ich meine Ungeduld nicht mehr mäßigen. Ich schiebe mit der einen Hand meine Jalousie zur Seite und mit der anderen werfe ich meinem hübschen Bäschen ihr Portrait zu; es fällt ihr auf die Schulter. Sophie erkennt das Bild und bleibt voll Verwunderung stehen, um sich nach allen Seiten umzusehen; der Augenblick ist entscheidend. Zu verliebt, um mich noch zu besinnen, öffne ich mein Fenster. Sophie erblickte am Fenster des Pavillons eine Frau, deren Züge ihr bekannt scheinen; sie tritt einige Schritte vor, nennt meinen Namen und fällt in Ohnmacht. In diesem kritischen Augenblicke klopfte mein Wirt an die Thür, ich rief ihm zu, ich hätte keinen Hunger, und ohne an die möglichen Folgen einer so gefährlichen Unvorsichtigkeit zu denken, durch einen unwillkührlichen Drang geleitet, stürzte ich mich zum Fenster hinaus in den Klostergarten; zum Glück für mich war niemand mehr da als meine Sophie. Obschon vor dem gefährlichen Sprunge etwas betäubt, eilte ich unter die bedeckte Allee, mich ihr zu Füßen zu werfen. Meine Küsse brachten sie wieder zur Besinnung. »Ach, lieber Faublas, welch' ein Augenblick! was haben Sie gethan? Sie sind zum Fenster hinausgesprungen! Sind sie nicht verletzt?« »Nein, meine Sophie, nein!« »Aber wenn man Sie gesehen hätte; wie werden Sie wieder in Ihren Pavillon kommen? wir sind beide verloren! Faublas, sagen Sie mir die Wahrheit, sind Sie nicht verwundet?« »Nein, meine Sophie, ich werde schon ein Mittel finden, wieder auf mein Zimmer zu kommen.« »Sie wollen mich schon verlassen?« »Angebetete, theuerste Sophie, wenn Sie wüssten, wie ich gelitten habe.« »Und ich, liebster Faublas, Sie können sich keinen Begriff davon machen!« Während sie noch sprach, hörten wir den Namen Pontis erschallen, den mehrere Frauenstimmen schreiend wiederholten. Ich gestehe, dass ich in Todesangst gerieth; ich warf mich auf den Bauch hinter eine Hecke. Sophie, welcher der Schrecken ihre Kräfte zurückgab, flog den Suchenden entgegen. »Hören Sie denn die Glocke nicht, mein Fräulein? muss man Ihnen alle Abende nachgehen?« sagte Frau Münch, deren Stimme ich erkannte, in ärgerlichem Tone. Einige Nonnen, die mit der Gouvernante gekommen waren, zankten ebenfalls mit Sophie; sie verließen alle miteinander den Garten und verschlossen das Thor. Sobald meine Sophie nicht mehr da war, fühlte ich im ganzen Körper ein Unwohlsein, welches ohne Zweifel durch die heftige Erschütterung des Sprunges aus dem Fenster erzeugt war. Es war nicht dieser vorübergehende Schmerz, der mich am meisten beunruhigte; es handelte sich darum, wieder nach Hause zu kommen. Ich durfte es nicht wagen, über die Mauer zu klettern, bevor die Nacht mit ihrer ganzen Dunkelheit herabkam und Alle im Kloster zu Bette gegangen waren; und die Umstände erforderten es, dass ich mich bis zu dem Augenblicke der Flucht wenigstens zu verbergen suchte. Ein alter Kastanienbaum, dessen niedrig- und tiefhängende Zweige mir ein sicheres Asyl boten, schien mir am geeignetsten. Aber wie in dieser Kleidung hinaufsteigen? ich beschloss, meine Unterröcke auszuziehen, wickelte sie fest zusammen, schlich längs der Mauer hinter die Bäume bis an meinen Pavillon und warf das Päckchen durch das halb offene Fenster in mein Zimmer. Hierauf gieng ich zum Kastanienbaum zurück und kletterte schnell hinauf; allein seine knorrige Rinde machte lange Risse in die leichten Beinkleider, die meine Beine jetzt mehr hinderten, als bedeckten. Ich blieb hier volle drei Stunden, hoffend, der Mond, dessen Glanz von einigen zerstreuten Wolken etwas verdunkelt wurde, möchte mir sein widerwärtiges Licht endlich ganz entziehen; doch machte mir gegen eilf Uhr die tiefe Stille, die ringsum herrschte, Muth, hinabzusteigen. Umsonst versuchte ich, in meine Wohnung wieder hinauf zu kommen; umsonst suchte ich längs der frisch beworfenen Mauer eine Stelle zu finden, wo es sich leicht hinaufkommen ließe. Wenn es mir gelang, einige Zoll hinaufzuklettern und ich mich mit meinen angeklammerten Händen weiter hinaufschwingen wollte, blieben meine Füße in der Luft hängen, ich fand keinen Stützpunkt mehr und fiel zu wiederholtenmale herab. Beinahe eine Stunde lang quälte ich mich mit diesen mühsamen Versuchen ab; endlich verließen mich Muth und Kräfte zugleich. Mit blutigen Fingern und zerschundenem Körper lag ich auf dem Boden und überließ mich traurig meinen Betrachtungen. Was sollte ich anfangen, wenn der Tag, der nicht mehr lange ausbleiben konnte, den Nonnen einen in ihrem Garten eingeschlossenen Mann zeigte? einen Mann, denn ich hatte keine Unterröcke mehr und meine sehr feinen, überdies an mehreren Orten zerrissenen Beinkleider würden mein Geschlecht verrathen; die Frauen in ihrer Angst würden nach Hilfe rufen. Frau Münch könnte mich erkennen; ich fiele in die Gewalt eines strengen, auf sein Ansehen bedachten Vaters zurück, der Baron würde mich auf's neue einsperren, und auf immer meiner Sophie entreißen, meiner Sophie, die schrecklich bloßgestellt und vielleicht entehrt wäre. Dieser entsetzliche Gedanke vollendete meine Verzweiflung, als ich auf einmal den knarrenden Ton einer Thüre hörte, die man sachte öffnete. Ich eilte nach meinem schützenden Kastanienbaum zurück, erreichte aber seinen Gipfel nur auf Kosten meiner armen Beinkleider, die in Stücken herabhiengen. Nach einigen Minuten hörte ich ein leises Geräusch; eine Frau, deren eigenthümliches Kostüm die Mondhelle mich unterscheiden ließ, kam, vorsichtig nach allen Seiten sich umsehend, unter den Laubgang hervor. In demselben Augenblicke zeigte sich oben auf der Mauer ein Mann, der mit überraschender Geschwindigkeit in den Garten herabstieg. Er schlich sich hinter den Bäumen unter den Kastanienbaum, auf dem ich stumm und bewegungslos ihre Unterhaltung belauschte. Ich hörte, wie sie einander die zärtlichsten Versicherungen gaben und sich zu dem gelungenen Wagnisse Glück wünschten, sie gaben sich die süßesten Namen, welche die Liebe geheiligt hat. Ich erkannte in dem Manne den einzigen Sprössling eines erlauchten Hauses. Ich will ihn Derneval nennen. Die Geliebte! sie war keine Pensionärin; sie war keine Kammerfrau – die Geliebte, soll ich sie nennen? – es war Dorothea. Ich sah, wie das glückliche Paar im Schatten eines Baumes, auf dessen Verschwiegenheit es sich verließ, in der zärtlichsten Wonne schwelgte. Da Derneval ohne Mühe in den Garten gekommen war, und über die Art wieder hinauszukommen nicht die mindeste Unruhe zeigte, so musste er einen sicheren Rückhalt haben, und ich konnte ihn zwingen, mich mitzunehmen. Dieser ganz einfache Gedanke trat plötzlich vor meine Seele und ich wartete auf keinen anderen. Ich fasste die Spitze eines Zweiges, der mir der längste und biegsamste schien, nahm einen Schwung, der Zweig krümmte sich und ich that einen schweren Fall. Bei diesem Geräusch, bei meiner plötzlichen Erscheinung zitterte Dorothea; Derneval aber stand rasch auf, fasste mich beim Arm und setzte mir eine Pistole auf die Brust. »Oh, tödten Sie ihn nicht!« rief Dorothea mit bittender Stimme; ich sah meinem Gegner ruhig ins Auge und sagte mit festem Tone: »Ich fürchte nichts, mein Herr; ich weiß wohl, dass Derneval mich nicht tödten wird, aber Sie können ebenfalls ruhig sein, ich werde Ihre glückliche Liebe nicht verrathen.« Während ich so sprach, sah mir Derneval scharf ins Gesicht. Anfangs ließ er sich durch meinen weiblichen Kopfputz täuschen; aber die zerrissenen Beinkleider zogen ebenfalls seine Aufmerksamkeit auf sich und eine feine Leinwand, welche gewisse verrätherische Formen zeigte, führte ihn auf einen starken Verdacht. »Ist es ein Weib?« rief er. Sobald er wegen meines Geschlechts in Gewissheit war, sagte er mich scharf ansehend: »Sie werden mir sagen, wer Sie sind!« »Ich bin ein Liebender wie Sie.« »Wen lieben Sie?« »Das schönste und tugendhafteste Mädchen, das dieses Kloster einschließt.« »Wie heißt sie? und wie nennen Sie sich?« (Ich sah beide an.) »Ich weiß Ihre Namen, aber ich habe Sie nicht darum gefragt. Es genüge Ihnen zu wissen, dass ich Edelmann bin.« »Sie sind Edelmann! gut, mein Herr, ich bin im Augenblick wieder bei Ihnen.« Er steckte seine Pistole wieder in die Tasche, und während er einen Theil seiner Kleidung, die sehr in Unordnung war, wieder zurecht machte, betrachtete mich Dorothea mit einer Aufmerksamkeit, die fast an Dreistigkeit grenzte. Ihr Geliebter kam zu mir zurück. »Mein Herr, wer auch Ihre Geliebte sei, es scheint, dass Sie dieselbe ebenso lieben, wie ich die meine anbete. Der Tod eines von uns beiden muss dem andern ewige Verschwiegenheit sichern.« »Derneval, gehen wir beide, ich bin verpflichtet Ihnen Genugthuung zu geben.« »Und Sie glauben, dass ich dulden werde und ruhig zusehen soll, wie sie beide einander nach dem Leben trachten? Nein, mein theuerster Derneval, stehen Sie ab von diesem abscheulichen Vorhaben! und Sie, Herr von Faublas! ...« »Von Faublas, wer hat Ihnen dies gesagt?« »Ich erkenne Sie; Sie sind der Chevalier Faublas! Sie sind das leibhaftige Ebenbild Adelheids! ich habe Sie einige Male im Sprechzimmer gesehen. Sie kamen ins Kloster, um Ihre Schwester zu besuchen; Ihre Schwester gieng nie ohne das schöne Fräulein von Pontis. Ich weiß es jetzt, Sie lieben Fräulein von Pontis! Sie waren es, der gestern diese schöne Romanze sang, deren Refrain ich mir wohl gemerkt habe. »Erinnern Sie sich noch, dass gestern eine unserer Damen mit mir in der Nähe Ihres Gartenhauses vorbeigieng; Sie mussten es gehört haben, wie sie unsere jungen Mädchen auszankte, welche Ihnen zuhörten. Sie mussten auch gehört haben, wie ich dieselben entschuldigte. Chevalier, Sie waren es, der diese Romanze sang, und Sie haben sie für Fräulein von Pontis gesungen. »Derneval! Faublas,« fuhr sie fort, indem sie unsere Hände vereinte, »die Gleichheit Ihrer Abenteuer muss Ihnen beiden ein gleiches Vertrauen einflößen. Ein jeder von Ihnen muss in dem andern einen verschwiegenen und treuen Gefährten finden; und Sie wollten sich tödten? Sophie oder Dorothea würde bald ihren Geliebten beweinen.« »Herr von Faublas schwören Sie mir eine unverbrüchliche Verschwiegenheit.« »Ich schwöre bei Sophie!« »Und ich bei Dorothea!« rief Derneval. Wir fielen uns um den Hals, und diese gegenseitige Umarmung war das Pfand der Bruderliebe, die wir einander gelobten. Die zwei Liebenden hörten geduldig die Erzählung der Ereignisse an, die mich an diesen Ort führten, wo ich sie überrascht hatte. Hierauf sagte Derneval: »Der Mond verbirgt sich immer mehr, wir verlassen den Garten, sobald das Gewitter, das jetzt im Anzuge ist, losbricht; erlauben Sie, dass Dorothea und ich Sie einen Augenblick allein lassen.« Der Augenblick dauerte lang. Des Wartens müde, schlief ich unter dem Baum ein, an dessen Fuß ich mich gelagert hatte. Als ich erwachte, durchzuckten häufige Blitze ein finsteres Gewölke, aus dem der Donner mit entsetzlichem Krachen hervorrollte; der Regen stürzte stromweise vom Himmel herab. Ich stand auf und war sehr erstaunt Derneval nicht zu sehen. Ich gieng voll Ungeduld in die finstere Allee, wohin sie sich entfernt hatten. Die zwei Liebenden schwelgten in überseliger Wonne und ließen das Gewitter um sich herum toben; endlich sagte Derneval: »Der Himmel ist voll Feuer, man könnte uns vielleicht bei dem Leuchten der Blitze entdecken, mir müssen noch warten.« »Sie haben gut reden, Derneval! ich bin fast nackt!« »Mein lieber Kamerad, glauben Sie denn, der Regen durchnässe mich nicht auch?« »Aber mit Ihnen ist Dorothea, Sie sind in einer ganz andern Lage!« Ich entfernte mich traurig und gedankenvoll. Eine halbe Stunde später musste ich zu Derneval zurückkehren, um ihm anzuzeigen, dass es nicht mehr regne und donnere, und dass eine tiefe Finsternis unseren Rückzug begünstige. Endlich kam der Augenblick, wo er sich von seiner Dorothea verabschieden musste. »Ihr Glücklichen,« sagte ich zu ihnen, »habt Mitleid mit einem liebenden Paar! ach, Dorothea, Sie wissen, wie beseligend es ist, den Gegenstand seiner Liebe zu sehen, und Ihnen ist es ohne Zweifel nicht unbekannt, wie schrecklich es ist, von ihm getrennt zu sein! zeigen Sie mir meine Sophie, Sie können es!« Derneval fasste mich bei der Hand und sagte: »Dorothea schätzt Sie, sie liebt Fräulein von Pontis, wir sind Brüder, Sie werden Ihre Sophie sehen, gewiss. Sie werden sie sehen.« »In der nächsten Nacht?« fragte ich. »Nein, unsere Unvorsichtigkeit könnte nicht immer so glücklich ausgehen wie heute.« »Ich zittere Dorothea auszusetzen, und Sie würden ebenso wenig Sophie kompromittieren wollen. »Chevalier, wir sehen uns hier nur ungefähr zwei Mal in der Woche, und die Nacht unserer Zusammenkunft ist immer eine finstere oder eine Regennacht. »Ein Zeichen, das wir mit einander verabredet haben, täuscht mich niemals; und was Sie anbelangt, so werde ich Sie leicht benachrichtigen können, da Sie in diesem Gartenhause wohnen. »Seien Sie ruhig! spätestens in drei Tagen werden Sie Fräulein von Pontis sehen. Jetzt lasst uns gehen!« Er führte mich an den Theil der Mauer, wo seine Strickleiter angebracht war. Wir sahen, dass ich von da aus zwar wohl meinen Pavillon, nicht aber mein Zimmer erreichen konnte, wir kehrten sofort unter mein Fenster zurück. Derneval war hoch gewachsen, er ließ mich auf seine Schultern stehen, hielt sodann mit seinen Händen meine Füße und gab mir einen tüchtigen Stoß in dem Augenblicke, wo ich den Laden anfasste. Sobald er mich in meinem Zimmer sah, gieng er zu seiner Leiter zurück, vermittelst deren er im Augenblick die Mauer erkletterte. Ich war ermattet, ich hatte Hunger und fiel in einen tiefen Schlaf bis morgens zehn Uhr, wo mein Frühstück ankam. Zu gleicher Zeit erhielt ich durch die Briefpost ein Schreiben von Rosambert. Er benachrichtigte mich, dass noch am selben Abend meiner Entführung Frau Dutour die Freiheit gehabt habe, zu ihm kommen und ihn zu fragen, was aus Madame du Cange geworden sei. Er empfahl mir in seinem Briefe nie aus dem Hause zu gehen und das strengste Incognito zu bewahren. Frau von B... ließ mich überall aussuchen; ihre Leute schweiften den ganzen Tag um das Kloster herum; mein Vater konnte keinen Schritt thun, ohne beobachtet zu werden, und das Hotel des Grafen war sogar bei Nacht umlauert. »Unglückliche Marquise,« rief ich, »wie habe ich Sie im Stich gelassen! mit welchem Undank habe ich Ihre großmüthigen und zärtlichen Bemühungen belohnt! könnte ich Ihnen wohl ein Verbrechen aus Ihren Maßregeln machen, die Sie zur Entdeckung meines Aufenthaltes machen; wenn Sie mich nicht suchten, so hätten Sie mich weniger lieb.« Ich suchte das Porträt des Vicomte von Florville aus der Tasche und küsste es. Ich will diese vielleicht unzeitigen, aber billigen Betrachtungen und diese ohne Zweifel verdammenswerte, aber unwillkürliche Bewegung nicht zu rechtfertigen suchen; alles, was ich dem Leser sagen kann, damit er mir seine Nachsicht nicht entziehe, ist, dass ich einen Augenblick nachher bloß an meine Sophie dachte. Abends um sieben Uhr sah ich sie erscheinen. Sie kam in Begleitung einer Frau, deren Kleidung mich anfangs erschreckte, die ich aber bald als Dorothea erkannte. Sie giengen beide unter meinem Fenster vorbei. Konnte Dorothea schön sein neben Sophie, die unter ihren Genossinnen hervorstrahlte, wie eine Rose unter anderen Blumen? ich konnte meine Freude nicht mäßigen, als ich sie sah. Sie hörten beide das Knarren meines Ladens, den ich eben aufziehen wollte; ihre schnelle Flucht hinderte meine Unvorsichtigkeit und machte mich sie bereuen. Doch hatten sie eine Aufmerksamkeit für mich, die mich tief rührte. Sie setzten sich unter den bedeckten Laubgang nicht weit und gegenüber von meinem Gartenhause. Ohne Zweifel unterhielten sie sich über mich; denn meine geliebte Sophie sprach mit Begeisterung und sah unaufhörlich nach meinem Fenster. Bald merkte ich auch Dorotheens Geberden, dass sie meiner Sophie die Seite der Mauer zeigte, auf der Derneval in den Garten zu kommen pflegte. Mein Herz überströmte von Seligkeit. Am anderen Tage derselbe Spaziergang, dieselbe Unbesonnenheit. Indes war der Himmel heiter und hell. Ungeduldiger als ein Landmann, dessen eingesäete Felder eine zweimonatliche Dürre versengt, rief ich die Winde des Südens an und sah unaufhörlich auf den Himmel. Am dritten Tage endlich verdunkelten dichte Wolken die Strahlen der Sonne. »Die Nacht wird trüb werden,« sagte Dorothea, als sie unter meinem Fenster vorbeigiengen. »Ich glaube, sie wird schön werden,« antwortete Sophie. »Ja, sehr schön!« rief ich ziemlich laut. Die beiden Freundinnen, die immer meine Lebhaftigkeit fürchteten, entfernten sich eilends. Schlag zwölf Uhr war Derneval am Fuße meiner Wohnung, er warf mir eine Strickleiter zu, die ich an mein Fenster befestigt, und gleich darauf umarmte ich meinen Freund. Wir giengen unter den Laubgang, wo meine Sophie und ihre zärtliche Freundin uns erwarteten. »Hier ist sie,« sagte Dorothea zu mir, »ich übergebe Sie Ihnen mit Vertrauen, Herr von Faublas; sie würde Sie nicht so sehr lieben, wenn Sie ihrer nicht würdig wären. »Ach, glauben Sie mir, halten Sie ihre schüchterne Jugend in Ehren; verlängern Sie die köstliche Zeit der tugendhaften und reinen Liebe! Ihre Verbindung sei unschuldig, da sie es noch sein kann! möge eines Tages ein glücklicher Hymen –« »Ach! diese Hoffnung ist Ihnen erlaubt, schöne Sophie: dieses abscheuliche Haus schließt Sie nicht auf immer ein. »Schreckliches Gelöbnis!« Sie konnte vor Schluchzen nicht mehr sprechen. Derneval zog sie fort, da er voll Kummer über ihr Leid war. Ich blieb mit meiner Sophie allein. Es sei mir erlaubt, hier zu wiederholen, was schon tausendmal gesagt worden ist: Die wahre Liebe ist furchtsam und ehrerbietig. Ganze Stunden bei einer angebeteten Geliebten zuzubringen, das schönste aller Mädchen zu umfassen, ihr Herz klopfen zu hören, und sich damit zu begnügen, ihre Hand sanft zu drücken, nur mit Zittern einen Kuss auf ihre Lippen zu hauchen: dies hatte der junge Faublas nicht für möglich gehalten; dies ist die erstaunenswerte Wahrheit, von der sein hübsches Bäschen ihn bei diesem ersten Rendezvous überzeugte. Ich näherte mich meiner Sophie und ihre Seele läuterte die meinige. Derneval war vielleicht weniger glücklich als ich. Diesmal war er es, der zuerst sagte: »Es ist Zeit, nach Hause zu gehen; die Morgenröthe wird sogleich heraufziehen.« »Die Morgenröthe? wir sind erst kaum eine Stunde hier.« »Allons, Chevalier,« fiel Dorothea ein, »fassen Sie Muth! wir sehen uns in drei Tagen wieder.« »Ach, Sophie, ich fürchte immer die Frau Münch.« »Lieber Faublas, wenn meine Gouvernante nach dem Essen einige Gläser Gewürzbranntwein getrunken hat, so schläft sie unausgesetzt, ich habe dann das Geschäft, die Thüre unseres kleinen Zimmers zu schließen.« »Die Zeit verstreicht!« fiel Dorothea abermals ein; »die Dämmerung darf uns hier nicht finden.« »Derneval, in drei Tagen; vielleicht etwas früher, ach! vielleicht auch etwas später.« »Adieu, liebe Sophie! in drei Tagen, wo möglich, etwas früher, aber, ich bitte Sie, nie später. »Leben Sie wohl, liebe Sophie!« Diesmal begünstigte der Himmel die Wünsche eines Liebenden. Ein düsterer umwölkter Horizont ließ mich am zweiten Tage an die Nähe des Rendezvous glauben. Mein hübsches Bäschen bestärkte mich in dieser Hoffnung, als sie zur gewöhnlichen Stunde an meinem Fenster vorbeigieng. »Es wird eine Regennacht werden,« sagte sie. »Ah, meine Sophie!« Da sie meine Antwort nicht abwartete, musste ich mich mit der Hoffnung trösten. Eine Stunde später klopfte mein Wirt an die Thüre. Ich speiste eben zu Nacht, als ein Unbekannter mir einen Brief zustellte, worauf er eine Antwort mitzubringen habe. Rosambert schrieb mir, wie folgt: »Ich fürchte krank zu werden, mein Freund; ich bin diesen Abend so traurig! ich habe schon über zwei Stunden nicht mehr gelacht. Mein Herz ist ganz durchdrungen von dem, was ich gesehen habe. »Denken Sie sich, diesen Abend machte ich vor dem Anfang des Theaters einen Spaziergang in Luxemburg. »Eine Dame von hübschem Wuchse gieng allein in einem Seitenwege spazieren; ich, aus Zerstreuung oder sonst in einer Absicht, lief der schönen Träumerin nach. »Ich kam hinter zwei Männern vorbei, die auf einer einsamen Bank saßen. »Einer von ihnen hatte ein Taschentuch in der Hand. »Ach!« rief er klagend, »ich glaubte, er liebe mich, der Grausame! er versetzt mich absichtlich in die tödtlichste Unruhe.« »Mein lieber Chevalier, die Stimme dieses Mannes war mir bekannt. »Ich ließ einen Augenblick von der jungen Dame ab, die ich beinahe schon erreicht hatte, kehrte um und fixierte die beiden Freunde, die zu sehr mit sich beschäftigt waren, um mich zu bemerken. »Faublas, der, den ich so bitter klagen gehört hatte, war Ihr Vater! »Der andere, ich glaube ihn hie und da in Ihrem Hause gesehen zu haben, ich glaube, es war Herr Duportail, denn er hatte sehr viel Ähnlichkeit mit ihm. »Mein Freund, der Baron weinte! dies hat mich so gerührt, dass ich nicht mehr an das galante Abenteuer dachte, das ich eben im Begriffe war, anzuknüpfen. »Ich bin nach Hause gegangen, um Ihnen zu schreiben. »Faublas, ich habe von Natur viele Freundschaft für hübsche Frauen; ich würde bei Gelegenheit tausend kleine Bedenken dem Wunsche aufopfern, diejenige, die mir gefiel, zu erobern; aber es gibt auch Pflichten! »Sophie ist es wohl wert, dass man ihr zu Lieb einige dumme Streiche macht, ich will es wohl zugestehen; aber Chevalier, Ihr Vater weinte, bedenken Sie dies.« Ich besann mich einen Augenblick, rief dann den Unbekannten und sagte zu ihm: »Mein Herr, melden Sie demjenigen, der Sie gesandt hat, dass ich ihm morgen antworten werde.« Diesmal wartete ich den Glockenschlag Zwölf nicht ab, um in den Garten zu steigen, allein meine Ungeduld konnte den Gang der Klosteruhr nicht beschleunigen. Die zwei reizenden Mädchen erschienen nicht vor der bestimmten Stunde. Sobald Derneval sich hören ließ, lief Dorothea ihm entgegen. Zu meiner Verwunderung kam sie in einer halben Stunde zu uns zurück. »Chevalier,« sagte Dorothea zu mir, »Sie haben das Geheimnis meines Lebens; allein ich bin Ihnen eine umständliche Geschichte meiner unglücklichen Liebe schuldig. Hören Sie.« Sie begann mit ihrer rührenden Erzählung, die sie nicht ohne einen Strom von Thränen zu Ende bringen konnte. »Tröste Dich, liebe Freundin, tröste Dich,« rief Derneval. »Du sollst nicht mehr lange in Deinem Kerker schmachten, bald werde ich Dich aus der gewaltsamen Gefangenschaft befreien. Deine unwürdigen Verwandten werden sich bald in Wuth verzehren über Dein Glück, das sie nicht sollen verhindern können. Und Sie, Chevalier,« fuhr er mit Wärme fort, »Sie, dem unser Unglück nahe gegangen ist, werden mir helfen, ihm ein Ende zu machen. »Ich danke Gott, der mir durch unser zufälliges Zusammentreffen einen Freund, einen Waffenbruder, einen Gefährten wie Sie gegeben hat.« »Wir werden, von denselben Gründen geleitet, beinahe denselben Gefahren ausgesetzt, in dem innigsten Bunde unserer Herzen auch unsere gemeinschaftliche Sicherheit finden. Dorothea's Feinde sind die Ihrigen; ich schwöre einen ewigen Hass den Feinden Sophiens; und wehe jedem, der von nun an unsere durch diesen Bund geschützte Liebe zu stören sich unterfangen wird!« »Derneval! ich schlage von Herzen gerne ein!« Ich umarmte Dorothea. Derneval umarmte meine Sophie. Es war noch nicht vier Uhr, als ich in meine Wohnung zurückkehrte. Ich machte im Hause meines Wirtes Lärm. Nachdem ich ihn geweckt, verlangte ich mit ihm zu sprechen. Ich sagte, eine wichtige Angelegenheit nöthige mich, auf's Land zurückzukehren. »Meine Abwesenheit dürfte lange dauern, übrigens will ich mir das Gartenhaus vorbehalten, um für jeden Fall ein Absteigequartier in Paris zu haben.« Vor fünf Uhr stand ich vor Rosambert's Haus. Die Diener wollten ihren Herrn nicht aufwecken, da er soeben erst zu Bette gegangen sei. Ich machte einen solchen Lärm, dass der Herzhafteste von ihnen zu dem Grafen gieng und ihm sagte, eine Frau wünsche ihn zu sprechen. »Schon so früh?« »Doch hör einmal, ist sie hübsch?« »Ja, gnädiger Herr.« »Dann ist es etwas anderes; lass sie herein.« »Ach, Madame Fermin! eine Ehre ist der andern wert!« (Er fiel mir um den Hals.) »Es scheint, mein Brief –« »Rosambert, lassen Sie mir Mannskleider geben, und ich gehe sogleich zu Herrn Duportail.« »Ich glaube, Sie werden ihn antreffen, mein Freund. »Gewiss ist es er, den ich gestern in Luxemburg gesehen habe. Wahrhaftig, der Baron hat mich merkwürdig gerührt. »Wissen Sie auch, dass er zehnmal hierhergekommen ist und mich nie angetroffen hat? »Ich hatte die bestimmten Befehle gegeben.« »Lassen Sie mir Kleider geben, Rosambert!« Man suchte mir die für mich geeignetsten aus seiner Garderobe heraus. Ich flog zu Herrn Duportail, den mein Anblick ebenso erfreute als überraschte. »Lowzinski,« sagte ich zu ihm, »ich überliefere Ihnen den Sohn Ihres Freundes, ich übergebe mich unbedingt in Ihre Hände; haben Sie nur die Güte zwischen meinem Vater und mir zu vermitteln. Wollten Sie mich gefälligst zu dem Baron führen?« »Augenblicklich, mein Freund! »Welches Vergnügen werden wir ihm bereiten! »Mein lieber Baron, was für ein freudenvoller Augenblick steht Dir bevor!« Unterwegs erzählte mir Lowzinski, er habe auf eine falsche Nachricht hin eine erfolglose Reise nach St. Petersburg gemacht. So innigen Antheil ich an seinem Unglück nahm, so konnte ich doch den Gedanken nicht unterdrücken, so lange Dorliska todt ist, kann man mich nicht zwingen, sie zu heiraten. Wir kamen ins Hotel. Herr Duportail bat mich im Salon zu warten. Er gieng allein ins Schlafzimmer meines Vaters. Dort wollte er ihn auf die Freude über meine Rückkehr vorbereiten. Bald umringten mich die Leute des Hauses, entzückt, ihren jungen Gebieter wieder zu sehen, besonders Jasmin konnte seine Freude nicht mäßigen. Herr Duportail hatte kaum zwei Minuten mit dem Baron gesprochen, als ich diesen rufen hörte: »Er ist da, mein Freund! Er komme doch nur herein! er soll hereinkommen!« Ich näherte mich der Thüre; sie wurde heftig aufgerissen. Mein Vater stürzte sich halb angekleidet in den Salon. Die Bedienten zogen sich ehrerbietig zurück. Der Baron schloss mich in seine Arme und bedeckte mich mit Küssen. Ich hatte nicht die Kraft, auch nur ein Wort zu sprechen. Auf einmal stieß mich mein Vater, wie wenn er bereute, mir seine ganze Zärtlichkeit gezeigt zu haben, unentschlossen zurück. Ich rief von Schmerz überwältigt: »Mein Vater,« und zeigte ihm meine noch volle Börse sagend: »Sie sehen, mein Vater, dass es nicht Noth ist, was mich zu Ihnen zurückführt.« Er stürzte sich auf's neue in meine Arme. Indem er mich auf's neue umarmte, benetzte er mein Gesicht mit seinen Thränen. »Blos dieses fürchtete ich noch. »Mein lieber Sohn, mein bester Freund! so ist es denn wahr, dass Du mich liebst?« »Konntest Du anders glauben, mein Vater?« »Faublas, mein lieber Sohn, Du weißt nicht, wie mich dieser Augenblick für alle Leiden entschädigt. »Indes, mein Freund, wirst Du auch einmal Vater werden! möchten Dir Deine Kinder den Kummer ersparen, den Du mir verursacht hast.« Mein Vater sah wohl, dass mein Herz überströmte, dass ich vor Schluchzen nicht zum Sprechen kommen konnte; er trocknete meine Thränen und sagte: »Tröste Dich, liebes Kind! Ich bin Dir nicht mehr böse.« »Oh! mein theuerer Vater, wie ist mein Herz beruhigt.« »Du darfst überzeugt sein, dass ich Dir nicht böse bin. Du hast mich verlassen, es ist wahr, allein die Umstände entschuldigen Dich. – »Du hast mich mehrere Tage in Unruhe gelassen, aber Du bist doch aus freiem Willen wieder gekommen. Geh! ich war mehr unruhig als misstrauisch; ich habe nie an der Güte Deines Herzens gezweifelt. »Siehst Du, ich liebe Dich jetzt vielleicht noch mehr, als ich Dich je liebte! »Wer macht in Deinem Alter keine Fehler? welcher junge Mann hat die seinigen wieder so gut gemacht, als Du? »Wo ist der Vater, der glücklicher wäre als ich, oder der einen bessern Sohn besitzt als ich? »Mein Freund, das Vergangene ist vergessen! geh wieder auf Dein Zimmer, tritt wieder in den Besitz aller Deiner Rechte ein.« Herr Duportail hatte sich in einen Lehnstuhl geworfen und betrachtete uns beide mit einem traurigen Lächeln; wir hörten ihn den Namen seiner Tochter vor sich hinmurmeln. Der Baron stand rasch auf und gieng auf seinen Freund zu, ergriff seine Hand und sagte zu ihm: »Sie wird sich wieder finden. Deine Tochter! fasse Muth und verzage nicht, sie wird sich wieder finden, und mein Sohn –« Er redete nicht aus, sondern wandte sich an mich mit den Worten: »Faublas, Sie werden Sophien entsagen.« »Sophien, mein Vater?« »Ja! ich verlange es, in diesem Punkte werde ich immer unerbittlich sein. Sie müssen mir versprechen, nicht mehr ins Kloster zu gehen.« »Nicht mehr ins Kloster zu gehen?« »Mein Sohn, ich wiederhole Ihnen, dass Sie mir dies versprechen müssen.« »Nun denn, mein Vater, weil Sie es durchaus verlangen, so versichere ich Sie, dass ich nicht mehr ins Sprechzimmer gehen werde.« »Dies habe ich gewünscht! geh, mein Freund, und begib Dich zur Ruhe.« »Aber Adelheid?« »Ja, sie ist in großer Unruhe. (Er schrieb einen Augenblick.) Hier hast Du den Namen des Klosters, in dem sie sich gegenwärtig befindet. Geh zu ihr! Du glaubst nicht, welche Freude Du ihr machen wirst.« Ich gieng auf mein Zimmer, um die Kleider zu wechseln, und besuchte dann meine Schwester, die ihre liebe Freundin sehr beklagte, da sie von ihrem Glück nichts wusste. Hierauf begab ich mich zu Derneval und benachrichtigte ihn von meiner Wohnungsveränderung und den Gründen, die mich dazu bestimmt hätten. Er fand es sehr gut, dass ich die Vorsicht gehabt hatte, uns für jeden Fall in dem Gartenhause ein Asyl offen zu halten, und versprach noch vor Abend Dorothea von allem diesen in Kenntnis zu setzen, so dass Sophie es gleich erfahren werde. Wir beschlossen in der übermorgenden Nacht in's Kloster zu gehen, wenn das Wetter schön sei. Bekanntlich waren die finstern, oder die Regennächte für uns die schönen; über diesen Punkt haben sich die Liebenden und die Reisenden nie mit einander verständigen können. III. Kapitel Noch an demselben Abend kam Justine zu mir. »Guten Abend, liebes Justinchen; wir haben uns schon lange nicht mehr allein gesehen!« »Oh, gnädiger Herr, und wenn es fünfzig Jahre wären, so bitte ich Sie mich anzuhören. Die Frau Marquise –« »Du bist noch immer sehr hübsch, mein Kind.« »Gnädiger Herr, meine Gebieterin schickt mich –« »Weiß sie schon, dass ich hier bin?« »Ja, heute früh sind Sie zu dem großen Thor hereingekommen, man hat es ihr sogleich gemeldet. – Aber lassen Sie mich doch, mein Herr! erinnern Sie sich an unsern Vertrag.« »Was für einen Vertrag meinst Du?« »Sie vergessen doch alles! vor einiger Zeit haben wir mit einander ausgemacht, dass ich, wenn ich auf Befehl meiner Gebieterin käme, immer mit meinem Auftrag anfangen dürfe.« »Nun denn, so sag' ihn schnell, mein Justinchen!« »Gnädiger Herr, meine Gebieterin war sehr erstaunt, sehr betrübt über Ihre Flucht ... so hören Sie doch auf!« »Hör Du selbst auf! Du machst Vorreden wie ein ausgepfiffener Autor. Deine Gebieterin war sehr erstaunt! – meinst Du, ich hätte dies nicht errathen?« »Noch einen Augenblick, gnädiger Herr.« »Hör einmal, die Vorreden langweilen mich immer, besonders aber in diesem Augenblicke. Zur Sache, Justinchen!« »Meine Gebieterin hat mir aufgetragen, Ihnen zu melden, dass Ihre geheime Liebe –« »Meine geheime Liebe! was will sie damit sagen?« »Ihr Liebesverhältnis mit ihr ist doch nicht öffentlich, wie ich hoffe.« »Du hast Recht; ja, ja!« »Sie sagt, dass Ihre Liebe von einem großen Unglück bedroht sei; sie sieht ein trauriges Ereignis voraus, das dem Marquis das Geheimnis Ihrer Verkleidung entdecken könnte.« »Meiner Verkleidung! aber meine schöne Freundin wäre ja dann verloren.« »Deswegen ist sie auch trostlos, sie weint und seufzt. »Wenn ich ihn doch wenigstens sehen könnte!« ruft sie jeden Augenblick.« »Gut! wie finde ich sie?« »Wie Sie doch so schnell mich verlassen wollen!« »Ach, Justinchen, entschuldige! aber Du sagst. Deine Gebieterin sei trostlos? was für ein Geheimnis fürchtet sie denn?« »Gnädiger Herr, ich weiß nichts. »Morgen früh um zehn Uhr wird sie es Ihnen bei ihrer Modehändlerin sagen. Sie kommen hin, nicht wahr?« »Ganz gewiss, ich werde die Marquise in einer so kritischen Lage nicht im Stiche lassen.« Schon lange hatte ich das Vergnügen entbehren müssen, das hübsche Kammermädchen zu sehen, dass man sich nicht wundern wird, wenn ich sie ein Viertelstündchen bei mir behielt. Nach ihrer Erzählung befand sich die Marquise in einer so traurigen Lage, deshalb beeilte ich mich, am anderen Morgen pünktlich schlag zehn Uhr mich zu dem Rendezvous einzustellen. Ich trat in das Boudoir und bemerkte sogleich, dass die Marquise das Taschentuch zu verbergen suchte, womit sie sich die Augen trocknete. »Mein Herr,« sagte sie zu mir, »ich bitte Sie, meine Zudringlichkeit zu entschuldigen; ich werde Sie nicht lange Ihrem Vergnügen entziehen, ich ersuche Sie nur um einen Augenblick Aufmerksamkeit. »Ich will Sie nicht an den wichtigen Dienst erinnern, mein Herr, den ich Ihnen vor einigen Tagen erwiesen habe; ich will nicht von der großen Undankbarkeit sprechen, womit Sie ihn erwidert haben; ich will Sie nicht fragen, wo Sie die Zeit von Ihrer Flucht bis zur Rückkehr in Ihr väterliches Haus zugebracht haben, ich sehe wohl, dass Sie mir nicht mehr das Recht einräumen, mich nach Ihrem Betragen zu erkundigen, ich sehe wohl, dass meine Klagen, meine Vorwürfe und meine Fragen gleich unnütz wären. »Ich habe alle Rechte auf ihr Herz verloren, ich will mir wenigstens Ihre Achtung erhalten. »Eine gemeinschaftliche Gefahr bedroht uns; ich will sie Ihnen zeigen, damit Sie sich davor hüten können. »Blicken wir auf die vergangene Zeit zurück. »Ich nehme es auf mich, meine Zärtlichkeit für Sie gegen Sie selbst zu rechtfertigen; und wenn nur Ihre Freundschaft mir bleibt – »Ich bitte Sie, Faublas, unterbrechen Sie mich nicht. »Ich will dafür sorgen, dass nur Sie in Sicherheit sind; ich aber will ruhig der Gefahr ins Auge sehen, es ist eine drohende Gefahr, der meine Ehre, ja vielleicht mein Leben ausgesetzt ist. »Sie erinnern sich ohne Zweifel, wie der Zufall, der Ihrer Gewandtheit so trefflich zu Hilfe kam, Sie zu mir brachte? »Gewiss, mein Herr! Sie haben es nicht vergessen, welcher Lohn Ihrer Kühnheit zu Theil wurde! aber wenn Sie, wie ich hoffe, meine näheren Verhältnisse prüfen, so werden Sie meine Schwachheit entschuldigen, wenn Sie bedenken, dass an meiner Stelle keine Frau mehr Stärke gezeigt haben würde, als ich. »Am anderen Tage aber, als ich darüber nachdachte, dass ein junger Mensch, den ich kaum kannte, mein Herz und meine Person besitze, erschrak ich gewaltig. »Allein in diesem jungen Manne vereinigten sich tausend glänzende Eigenschaften; seine Schönheit hatte mich in Verwunderung gesetzt, sein Geist entzückte mich, er schien Gefühl zu haben, er war noch nicht achtzehn Jahre alt! ich schmeichelte mir, seine zarte Jugend gefangen zu nehmen, sein empfängliches Herz zu bilden; ich fasste den kühnen Gedanken, ihn auf immer an mich zu fesseln. »Ich ließ nichts unversucht, um die allzuschnell geknüpften Bande fester zu ziehen und unauflöslich zu machen. »Alle meine Hoffnungen wurden grausam getäuscht; ich hatte eine Nebenbuhlerin und unglücklicherweise entdeckte ich es zu spät. »Meine Unbesonnenheit, wie ich selbst eingestehen muss, war grenzenlos; sie hatte meine grenzenlose Liebe zu Grunde; aber sie konnte mir vielleicht meinen Geliebten wieder schenken. »Ohne nach etwas zu fragen, führte ich das kühnste Unternehmen aus, das eine Frau je erdacht hat. »Meine Nebenbuhlerin hatte aber den Nutzen davon, denn ohne Zweifel hatte der Treulose sie gesehen, und für sie hat der Undankbare mich verrathen. »Entschuldigen Sie, Faublas, ich gehe zu weit! dies sind nicht die Ausdrücke, deren ich mich bedienen wollte, nicht dies wollte ich sagen. »Sie haben mich treulos verlassen, eine andere Frau würde Sie vielleicht hassen; ich bitte Sie, um Ihre Achtung und um Ihre Freundschaft.« »Oh, meine Freundin!« Ich warf mich zu ihren Füßen, ich wollte ihre Hand ergreifen; sie zog sie zurück. »Ihre Freundschaft, mein Herr, ist mir höchst nothwendig. »Stehen Sie auf und haben Sie die Güte, mich vollends anzuhören. Ihre erste Verkleidung hat andere neue nothwendig gemacht; wie viele unbesonnene Streiche sind aus diesen Verkleidungen gefolgt. »Bis jetzt haben uns meine Vorsichtsmaßregeln gerettet; allein man wird das neugierige und böswillige Publikum nicht mehr lange hintergehen können. »Der Zufall, der uns begünstigt hat, kann uns verderben; eine einzige vorlaute Äußerung unserer Leute, ein unvorhergesehenes Zusammentreffen, ein unüberlegtes Wort kann Alles machen. »Ich hätte dies Alles wohl schon früher bedenken sollen, allein ich habe die Regeln der Klugheit ganz vergessen, denn ich glaubte mich glücklich. So lange eine süße Hoffnung mich täuschen konnte, habe ich vor der Gefahr meine Augen geschlossen; sie giengen mir erst auf, als die sonderbare Flucht der Frau du Cange mein Herz mit der schrecklichen Wahrheit erfüllte, dass ich nicht geliebt werde. »Wäre ich doch nur in meinem Irrthum geblieben, ich stünde jetzt noch vor dem offenen Abgrunde, ohne denselben zu bemerken.« Ich sah, dass die Marquise in einer wahrhaft trostlosen, schon an die Verzweiflung grenzenden Verfassung war. Sie vergoss einen Strom von Thränen. Ich warf mich ihr abermals zu Füßen. »O, meine zärtliche Freundin, ich liebe Sie! ich liebe Sie!« Sie erhob sich ungestüm und sagte mit von Thränen erstickter Stimme: »Nein, nein! ich glaube es nicht mehr, ich kann es nicht mehr glauben. Warum wären Sie dann geflohen aus dem sicheren Asyl, den meine Liebe für Sie gefunden, wo ich dachte an Ihrer Seite manch' glückliche Stunde zu verleben. »Stehen Sie auf, mein Herr, ich bitte Sie, stehen Sie auf und hören Sie mich an! früher oder später, ich sehe es voraus, wird unsere Verbindung ans Tageslicht kommen, die Menge wird meine Liebe ein galantes Abenteuer nennen, und dieses Abenteuer wird, wenn man einmal seine Einzelnheiten pikant findet, ein schreckliches Aufsehen erregen; es wird die Tagesgeschichte werden! der Marquis wird seine Schmach erfahren, er wird sie erfahren! »Chevalier, ich bitte Sie nur um einen einzigen Freundschaftsdienst. Bieten Sie Alles auf, lassen Sie sich angelegen sein, der Rache des Herrn von B... zu entgehen; ich werde ihn ruhig erwarten, wenn ich es allein mit ihm zu thun habe. »Faublas, verlassen Sie Paris, nehmen Sie meine Rivalin mit und seien sie ebenso glücklich, als Sie mir theuer sind, als ich unglücklich bin.« »Wie? theuerste, verehrungswürdigste Freundin, ich sollte eine doppelte Abscheulichkeit begehen? ich sollte vor dem Marquis fliehen und die großherzigste aller Frauen seiner Wuth bloßstellen? Niemals! aber liebste Freundin, woher diese grausamen Besorgnisse?« »Sie sind nur zu begründet, mein Herr; hören Sie, in welcher Verlegenheit ich bin! eine ganz einfache Begebenheit wird bald den Verdacht des Marquis erwecken und ihn auf Nachforschungen führen, deren Ergebnis für mich nur unheilvoll sein kann. »Sie werden eben so wenig als ich, das fatale Abenteuer auf der Ottomane vergessen, jene sonderbare Scene, die uns beide so sehr geärgert hat. Von nun an wich ich jeder Annäherung meines Gemahls aus. Um diese Zeit wurden unsere Rendezvous immer häufiger und ich bin – ach, nicht mehr allein, ich fühle, dass – –« Die Marquise sprach dies in einem so traurigen Tone, dass es mich in tiefster Seele erschütterte. »Unglückliche Mutter! unglückseliges Kind!« Mit diesen Worten sank sie auf das Canapee, auf dem ich neben ihr saß. Ihre Augen schlossen sich, ihr Kopf sank auf ihren Busen; aber die gleichförmige Bewegung ihres Busens, ihre rothen Lippen, ihr blühender, mit sanftem Glanze übergossener Teint, den ich durch das reizende Morgenkleid erblickte, dies Alles verkündigte mir, dass der Zustand der Schwäche, in dem sie sich befand, nicht gefährlich war. Ich bemühte mich um sie und es gelang mir endlich, sie wieder ganz zum Leben zu bringen. Mit den heiligsten Versicherungen meiner Liebe verließ ich das Boudoir, nicht ohne das Versprechen, mich am nächsten Tage zur bestimmten Zeit wieder daselbst einzufinden. Seit zwei Stunden erschien ich mir übrigens als ein ganz anderer Mensch. Welch' wichtige Neuigkeit hatte mir die Marquise eben mitgetheilt? wie schmeichelhaft ist dieselbe für die Eigenliebe eines Jünglings! bereits ist Faublas nicht mehr der Tollkopf, der den Damen unverschämt in's Gesicht sieht, einem leichten Wagen vorspringt, wie ein Blitz mitten zwei alten Basen hindurchspringt, die an einer Straßenecke plaudern, bald da einem Gaffer, der einem Taschenspieler zusieht, auf den Fuß tritt, bald dort einem Tölpel, der einen Maueranschlag liest, über den Haufen wirft und jedesmal wie toll über die possierlichen Folgen seiner Lebhaftigkeit lacht. Des Chevaliers Betragen ist jetzt ernsthaft und gesetzt, und kündigt einen vernünftigen Mann an. Aber hier wollen wir stehen bleiben und mit ernsthafter Miene fragen: kann er es mit seiner Liebe für Fräulein von Pontis wohl gar ernstlich gemeint haben? Ich wünschte sehr, Rosambert bei mir anzutreffen, da ich vor Begierde brannte, ihm mein Glück mitzutheilen. Jasmin sagte mir, der Graf sei wirklich da gewesen, habe aber nicht lange warten können. Eine plötzliche und sehr gefährliche Krankheit eines seiner Oheime, dessen einziger Erbe er war, nöthigte ihn, sich unverzüglich mitten in der Normandie auf einem Gute dieses Oheims zu vergraben. Die Zeit seiner Rückkehr hatte er Jasmin nicht bestimmt voraussagen können; aber für den Fall, dass sein Exil längere Zeit dauern sollte, ließ er mich bitten einige Tage bei ihm zuzubringen, wenn ich den Muth dazu hatte und meine Liebesangelegenheiten es mir gestatteten. Ach, meine Sophie, der Gedanke an Dich beschäftigte mich vollends den Rest dieses und den ganzen folgenden Tag, an dem ein nebliger Himmel mir anzeigte, dass ich die nächste Nacht das Glück haben werde. Dich zu sehen. Ich speiste mit dem Baron zu Abend und gleich nachher, anstatt wieder auf mein Zimmer zu gehen, stieg ich hinunter und gieng zum Thore hinaus. Der Schweizer, den ich endlich durch meine Geschenke gewonnen hatte, sah mich nicht fortgehen. Ich begab mich hinter das Kloster in eine abgelegene Straße, wo Derneval mit zwei getreuen Bedienten bereits auf mich wartete. Die Strickleitern waren bald befestigt und bald umarmte ich die, welche ich anbetete. Sophiens Tugend wusste das Gefühl der Ungeduld und der Sehnsucht, sie endlich aus diesem Orte zu befreien und als meine angebetete Gattin frei vor aller Welt die meine zu nennen, mit edler Sanftmuth zu unterdrücken. Um vier Uhr morgens nahmen wir von einander Abschied. Jasmin erwartete mich mit einem Hausschlüssel und öffnete leise das Thor, sobald er das verabredete Signal hörte. Auf diese Weise täuschte ich drei Monate lang die Wachsamkeit des Barons, der ruhig schlief. Ebenso täuschte ich drei Monate lang auch die Eifersucht der Marquise von B..., welcher meine Tage gewidmet waren. Ich besuchte die Marquise oft bei ihrer Modehändlerin, einigemal in ihrem Hause zu Saint-Cloud, und zuweilen auch in ihrer Wohnung in Paris. Ich kam zuletzt zum Stelldichein. Meine schöne Freundin war sehr entzückt über meine Beständigkeit und lobte mein bescheidenes Betragen. »Lieber Faublas, warum sind Sie nicht stets so ernst gewesen?« »Haben Sie mich nicht zu diesem Verhalten selbst verwiesen?« »Hätten Sie vielleicht meine Rivalin aufgegeben?« Ich schwieg mehr verlegen als erschrocken. Sie schien meine Verwirrung als Beleidigung anzusehen und ließ diesen Gegenstand fallen. Ich verabschiedete mich, indem ich eine Verstimmung zur Schau trug. Rosambert kam in den ersten Tagen des Oktobers zurück. Sein Oheim hatte ihm durch seinen Tod einen Überfluss von Reichthümern verschafft; die Bewohner der Normandie, ein von Natur streitsüchtiges Volk, hatten ihm allerhand Widerwärtigkeiten bereitet. Als ich ihm von dem Zustande der Marquise erzählte, schien er überrascht, dann lächelte er und schüttelte mit ungläubiger Miene den Kopf. »Mein Freund,« sagte er zu mir, »dies ist nicht ganz in Richtigkeit, die Angst der Marquise darf Sie, glaube ich, nicht sehr beunruhigen; ihr Zustand scheint mir zum wenigsten problematisch zu sein. »Lieber Faublas, dieser erdichtete Zustand sollte Sie der Marquise wieder zuführen. Sie ihr erhalten und in Ihr Interesse ziehen. Im Ganzen ist aber der Kunstgriff nicht übel, wie der Erfolg zur Genüge zeigt.« Rosambert's Gründe machten tiefen Eindruck auf mich, allein dennoch that es meinem Herzen weh, dass die süße Hoffnung, die ich seit mehreren Monaten gehegt, zu nichten werden sollte. Ich beschloss, mir Sicherheit zu verschaffen. Justine kam zu mir, um mir zu sagen, ich solle mit Einbruch der Nacht zu ihrer Gebieterin kommen. Ich begab mich hin. Ich hatte nicht nöthig, am Thore zu klopfen, es war offen; allein der Schweizer sah mich, ich nannte Justine und gelangte, indem ich mich hinter einem Wagen, der vermuthlich gerade erst hereingekommen war, herumschlich, glücklich auf die verborgene Treppe. Vor dem Boudoir angelangt, öffnete ich schnell die Thüre und trat hastig ein, war aber nicht wenig erstaunt, Herrn von B... laut im Schlafzimmer der Marquise sprechen zu hören. Im gleichen Augenblicke kam Justine, ohne Zweifel durch das Geräusch, das ich durch das Oeffnen der Thüre gemacht, erschreckt, schnell aus dem Schlafzimmer in das Boudoir. Sie zog mich hastig hinaus, indem sie mir zuflüsterte: »Im Augenblick kommt er herein!« »Seht doch die Närrin!« rief Herr von B... hinten nach. »Sie läuft weg, wenn ich mit ihr rede.« In diesem Augenblicke trat er in das Boudoir, während Justine in der einen Hand das Licht, womit sie mir leuchtete, in der anderen die halboffene Thüre hielt. Das listige Kammermädchen schlug diese vollends zu, ohne eine Silbe zu antworten, schloss ab und gab mir ein Zeichen, dass ich auf sie warten solle. »Haben Sie keine Furcht,« flüsterte sie mir zu, sobald sie bei mir nahe genug war, »Hieher kann er uns nicht verfolgen. Aber, mein Herr, dies Boudoir ist für Sie unglücklich!« Hier lacht Justine laut auf, so dass es der Marquis hörte. »Die Freche,« schrie er, »lacht noch über ihre Thorheit und schließt mir die Thüre vor der Nase zu.« Mehr hörte ich nicht, denn Justine lachte noch viel lauter, als vorher, und war nicht im Stande, ihre tolle Fröhlichkeit zu bemeistern. »Warte. Du kleine Schelmin, Du sollst mir für Deine Gebieterin bezahlen.« Nun beginnt eine wahre Jagd, ich laufe hinter ihr her, und Justine, ein wenig lebhaft, machte eine schnelle, aber so linkische Bewegung, dass der neben ihr stehende Leuchter die ganze Treppe mit großem Geräusch hinunter stürzte. »Was ist denn das?« rief der Marquis hinter der Thür. »Hast Du einen Fehltritt gethan Justine?« »Es ist nichts, gar nichts!« antwortete Justine mit zitternder Stimme. Der Marquis klingelte seinen Leuten, und wir hörten, wie er ihnen befahl, sie sollten Justine zu Hilfe kommen, welche auf der verborgenen Treppe einen Fehltritt gethan habe. Ich habe keinen Augenblick zu verlieren. Mit Gefahr, den Hals zu brechen, stürzte ich mich die Treppe hinab. Ich bemerke in der Nähe eine Remise, in welcher ich mich, so gut ich konnte, verbarg. Bereits wollte ich mein Versteck verlassen, um über den Hof zu kommen, als die Bedienten an Fuß der Treppe erschienen. Sie liefen mit Lichtern herbei, und ich hatte kaum noch Zeit, einen Kutschenschlag zu öffnen und hinein zu schlüpfen. Von da aus sah ich, dass Justine denen, die ihr zu Hilfe eilten, den halben Weg ersparte. Sie wurde wie im Triumphe von den Bedienten davongeführt, die voll Vergnügen, sie nach einem so schrecklichen Fall wohl und gesund zu finden, mit lauten Freuderufen die Haupttreppe hinaufgiengen. Jetzt wollte ich den günstigen Augenblick benutzen, um zu entkommen; allein mein unglückliches Schicksal hatte mir für diesen Abend noch andere Unfälle bestimmt. Ein Reitknecht, ein junger hübscher Mann, trennte sich auf einmal von der Truppe ab und nahte sich der Remise mit einem Lichte, das er auf den Tritt der Kutsche stellte, in der ich in der schrecklichsten Angst saß. Er untersuchte nun einen Wagen, der neben dem meinigen stand, lief einigemal in der Remise auf und ab und setzte sich sodann auf den Kutschentritt, nachdem er sein Licht weggenommen und ausgelöscht hatte. »Sie kann nicht mehr lange ausbleiben,« flüsterte er, »hier will ich warten.« Als das Licht, welches mich sehr inkommodiert hatte, ausgelöscht war, wurde ich ruhiger. Die Nacht war so dunkel, und es war ein so dichter Nebel, dass man kaum vier Schritte weit sehen konnte. Nach einer langen Viertelstunde kam die erwartete Person immer noch nicht, und ich wurde in meinem Versteck eben so ungeduldig, als der junge Mann, welcher auf seinem Kutschentritt leise vor sich hin fluchte. Endlich hörte ich ein leises Geräusch im Hofe, der Reitknecht hörte es auch, denn er stand auf und hustete leise. Man antwortete ihm auf dieselbe Art, und es entstand ein leises Geflüster. »Gut,« antwortete er laut genug, dass ich es verstehen konnte. Bei diesen Worten verließ die Gestalt den Mann, der auf meinen Kutschenschlag zukam, ihn verschloss und das gleiche an dem andern Wagen that, der hinter dem meinigen stand. »Jetzt,« sagte er vor sich hin, »kann ich Licht machen,« und gleich als hätte er es darauf abgesehen, mich zur Verzweiflung zu bringen, zündete er gerade vor der Remise eine große Laterne an, die den weniger breiten als tiefen Hof trotz des dichten Nebels stark genug beleuchtete, dass man Alles, was darin vorgieng, deutlich sehen konnte. Jetzt konnte ich über meine mehr als traurige Lage nachdenken. Aus einem Boudoir vertrieben, über eine geheime Treppe flüchtend, in einer Remise eingesperrt, wo ich mich in einem der Wagen verstecken musste. Ich fror, und zum Unglück hatte ich noch nicht zu Nacht gespeist. Der Geruch der Speisen, der sich aus der Küche bis zu mir verbreitete, ließ mich nur zu deutlich empfinden, welches Unglück es zuweilen sein kann, einen guten Appetit zu haben. Doch schien mir meine Lage so traurig, dass der Hunger mich nicht am meisten beunruhigte. Hätte man mich entdeckt, würde dem Marquis endlich ein Licht aufgegangen sein, und dann wäre ich seiner Rache preisgegeben. O, mein Schutzengel! o, meine Sophie! Dich rief ich in diesem kritischen Augenblicke an. Es ist wahr, dass ich, durch die Umstände verleitet, Dich seit einigen Stunden vergessen hatte, es ist wahr, dass ich erst im Unglück Dir meine Huldigung dargebracht habe; aber ehrt man den Gott weniger in seinem Herzen, dessen Verehrung man zuweilen vernachlässigt? und liegt es nicht in der Natur des Menschen, dass er hauptsächlich, wenn er in der Noth ist, die Gottheit anruft? Ich hatte Zeit genug, an meine Sophie zu denken. Ich hätte vielleicht entfliehen können, aber ich wagte keinen Versuch zu machen, weil die Bedienten unaufhörlich im Hofe auf und ab giengen, und die fatale Laterne alle meine Bewegungen beleuchtet hätte, und weil ich endlich in der trostlosen Voraussetzung, man habe mich entdeckt und lauere mir unterwegs auf, den Feind lieber erwarten, als aufsuchen wollte. Der Feind zeigte sich nicht, und ich schlief endlich auf meinem Posten ein. Um Mitternacht weckte mich das Geräusch des Hofthors, das in seinen Angeln knarrte. Der Schweizer gieng mit seinem Schlüsselbund in der Hand an allen Schlössern herum und verriegelte alle Thüren. Dies war der Augenblick, den ich fürchtete. Ich kam mit der bloßen Angst davon. Der Schweizer gieng friedlich in seine Stube, ein Bedienter löschte die Laterne aus und Alles gieng zu Bette. Die tiefe Stille, die bald darauf im ganzen Hotel herrschte, beruhigte mich vollkommen. Es war ganz sicher, dass man nicht an mich dachte. Ich musste mich daher beeilen, aus dem Wagen zu kommen. In den Zimmern war noch Licht, aber keines mehr in dem Hof, und der Nebel hatte sich noch nicht zerstreut. Ich konnte endlich, ohne Furcht bemerkt zu werden, heraus zu steigen wagen, und es gelang mir vollkommen. Wie groß war meine Freude, als ich das Pflaster des Hofes unter meinen Füßen spürte. Einem jungen Pariser, der zum ersten Mal in seinem Leben eine Seereise macht, kann es nicht besser zu Muthe sein, wenn er in den Hafen einläuft. Ein kurzer Blick auf meine Lage kühlte indes meine Freude ab. Alle Thüren waren verschlossen, und so hatte ich mir nur ein unbequemeres Gefängnis verschafft; ich hatte Hunger, ich fror und zu meinem größten Verdruss musste ich noch eine langweilige Uhr hören, die alle Viertelstunden schlug und mir mit ihrem eintönigen Gebrumm eine entsetzlich lange Nacht verkündigte. Nach und nach erloschen die Kerzen in den Zimmern und überall herrschte eine tiefe Dunkelheit. Endlich ist es drei Uhr morgens, ich höre eine Bewegung in dem Hofe, ein Mann, dessen Züge ich nicht erkennen kann, nähert sich sachte; ich ziehe mich eilends zurück. Er öffnet den Schlag und steigt in den Wagen in demselben Augenblick, wo ich, von Neugierde übermannt, mich bescheiden hintenauf setze. Nun war es eine Viertelstunde still, dann aber stampft der Unbekannte mit den Füßen, brach auf einmal in ein Schimpfen aus, dem ich mit Herzenslust beigestimmt hätte, über die Nacht, die Kälte, den Nebel und eine Person, die er saumselig nannte. Er stieg vom Wagen herunter, gieng einigemal in der Remise auf und ab, kommt bis auf ein paar Schritte zu mir her, ich sehe von meinem erhabenen Sitze die Ungeduld und den Verdruss des armen Menschen und wäre meine Lage nicht so gefährlich gewesen, so würde mich dieselbe höchst belustigt haben. Endlich ließ sich ein leises Geräusch vernehmen, das seine Aufmerksamkeit so wie die meinige fesselte. Er stand auf und gieng dem Gegenstand seiner Liebe einige Schritte entgegen, sich bitter über das lange Warten in dieser kalten und nebligen Nacht beklagend. Sie entschuldigte sich durch vielfache Einwendungen, und hauptsächlich durch den Beistand, der sie während der Nachttoilette ihrer Gebieterin beschäftigte und so ungewöhnlich lange aufhielt. Ich wusste nun, dass es Justinchen war, die leichtfertige Schöne, deren Sprache so anziehend und energisch war. Sie sagte in versöhnlichem Tone: »Ich hoffe, mein lieber la Jennesse, dass Du nun nicht mehr mit mir grollen wirst.« Also la Jennesse war der Glückliche! Nun war meine Neugierde befriedigt. Ich versuchte abermals mich zurückzuziehen, zertrat aber einige Sandkörner, was ein leichtes Geräusch verursachte. »Mein Gott, was ist das?« rief Justine. »Ich hörte ein Geräusch, wir sind verrathen, sieh doch im Hofe nach.« Voll Verwunderung steigt la Jennesse aus, geht an mir vorüber, ohne mich zu sehen, läuft aufs Gerathewohl im Hofe herum und hustet absichtlich. Justine ist halbtodt vor Schrecken im Wagen geblieben. Ich trete an den Schlag: »Ich bin's, mein liebes Kind, ich habe Alles gehört; schicke la Jennesse sogleich fort, gib mir etwas zu essen. Ich will Dir dann sagen, wie es mir ergangen ist.« Mit diesen Worten machte ich mich wieder an meinen Posten. La Jennesse kommt zurück und versichert Justinen, dass sie sich getäuscht habe und niemand da sei. Justine behauptet, sie habe ein Geräusch gehört, es müsse jemand im Hotel aufgestanden sein. Sie lässt nicht früher nach, bis la Jennesse nachzusehen gieng. Sobald er uns von seiner Gegenwart befreit hatte, erklärte mir Justine, dass sie nicht wisse, wohin sie mich führen solle. »Der Herr Marquis,« sagte sie, »ist heute Nacht bei der gnädigen Frau.« »Wie, der Marquis?« »Er hat es durchaus verlangt.« »Ah! ah! aber Du hast doch ein eigenes Zimmer, Justinchen?« »Ja, gnädiger Herr, aber es ist ganz nahe am Schlafgemach der Frau Marquise.« »Gut, mein Kind, führe mich in Dein Zimmer. »Schon sieben Stunden lang muss ich hier Hunger und Kälte ausstehen, willst Du mich denn umkommen lassen?« »Ach, mein Herr Chevalier! ganz gewiss nicht! aber wenn die gnädige Frau –« »Sei ohne Sorge, ich werde mich ganz ruhig verhalten.« Justine nahm mich bei der Hand, und wir schlichen auf den Zehen, jedes Geräusch vermeidend, in ihr Zimmer. Sie zündete eine Lampe an und machte Feuer. Sie wagte es nicht mich anzusehen, aber ihre niedergeschlagenen Augen schienen mich um Gnade zu bitten, und die Beschämung auf dem trotzigen Gesichtchen der kleinen Schelmin machte sie nur noch pikanter. Ich war wirklich sehr erschöpft und ausgehungert, jetzt trat das Verlangen nach Speise mit erneuerter Stärke an mich heran. »Gib mir doch etwas zu essen, Justinchen,« unterbrach ich das Stillschweigen, »ich sterbe ja vor Hunger.« »Ich habe nichts, Herr von Faublas.« »Wie, gar nichts?« »Gar nichts, als zwei Töpfchen mit etwas Eingemachtem, die in meiner Kommode stehen.« »Bringe sie her!« »Hier sind sie.« »Ich danke Dir, mein Kind! aber gib mir doch Brod.« »Ich habe keines!« »Nicht einmal einen Mundvoll?« »Keine Brosame.« »Und zu trinken?« »Hier in diesem Krug ist frisches Wasser.« Zwei Töpfchen mit etwas Eingemachtem und noch dazu das eiskalte Wasser. »Nein, mein Kind, das ist für meinen gesunden Magen kein Nachtessen.« Justinchen schien meine Noth sehr zu Herzen zu gehen, sie wurde sehr traurig gestimmt. »Gnädiger Herr,« sagte endlich das verschmitzte Zöfchen, die zu erfahren wünschte, wie es zugegangen, dass ich sie um drei Uhr morgens belauscht habe; sie sagte deshalb: »Ich glaube, Sie hätten Zeit gehabt, das Hofthor zu erreichen; ich weiß, dass Sie sehr flink und gewandt sind.« Ich unterbrach sie, um ihr ganz genau zu erzählen, was mir seit meinem Eintritt in's Hotel begegnet sei. Sie konnte kaum das Lachen unterdrücken, als ich ihr von dem Boudoir erzählte. Ein erkünsteltes Mitleid zeigte sich auf ihrem boshaften Gesichtchen, als ich ihr meine Einkerkerung in der Kutsche erzählte. Das arme Kind wurde aber plötzlich sehr ernst und sagte: »Sie wissen nun, Herr von Faublas, dass ich mit la Jennesse einen vertrauten Umgang habe. Sie lachen, aber ich versichere Sie, dass er mich heiraten wird.« »Ohne Zweifel, Justine.« »Ich Unglückliche! ich sehe, dass Sie mir böse sind, und vielleicht wird mich meine Gebieterin morgen aus dem Hause schicken.« »Wie, meinst Du, ich werde es ihr sagen?« »Nein, gnädiger Herr, nicht dies; aber die Frau Marquise ist erzürnt, sie scheint zu merken, dass ich Sie zu lang begleitete. Als ich wieder in das Zimmer kam, fieng der Herr Marquis mich wegen meinen Sturz von der Treppe zu beklagen, aber die gnädige Frau sah mich finster an und sagte trocken: »Sie hat dies verdient, sie hätte nur gleich hinabgehen sollen statt sich auf der Treppe zu amüsieren.« »Seither hat sie nichts mehr zu mir gesagt, weil der Herr Marquis nicht von meiner Seite gewichen ist; aber sie war sehr übel gelaunt, als ich sie auskleiden half, und ich fürchte sehr, morgen...« »Wenn sie Dich wegschickt, Justinchen, so komm zu mir; ich will Dir einen Platz suchen, aber nur unter einer Bedingung. Seit fünf Monaten behauptet die Marquise, sie befinde sich in einem andern Zustand.« »Ja, gnädiger Herr, ich versichere Sie –« »Wie Du mich schon mehrere Male versichert hast; jetzt aber besinne Dich wohl, ehe Du antwortest! Ich werde die Wahrheit früher oder später erfahren, und wenn Du mich hintergangen hast, so nehme ich mich Deiner nicht mehr an.« »Aber gnädiger Herr, wenn ich es Ihnen sage –« »Dann hast Du nichts zu fürchten, ich werde Dich nicht verraten. Also, Justine, steht es um Deine Gebieterin wirklich so?« »Gnädiger Herr, sie hat es Ihnen gesagt, um Sie wieder zu versöhnen; und diese Nachricht hat Ihnen so viele Freude gemacht, dass sie sich unterdessen nicht entschließen konnte – »Es wäre Unrecht, wenn Sie ihr deshalb zürnen wollten; sie hat es bloß getan, um Ihnen ein Vergnügen zu machen.« »Wenn sie Dich wegschickt, Justine, so suche ich Dir einen Platz, indes nimm hier!« Ich zwang sie, die zehn Thaler anzunehmen, die ich ihr bot. Justine hatte die Gefälligkeit mir ihr Lager zu überlassen und da sie selbst auch müde und geängstigt war, so stieß sie in der Eile das Licht um, und in demselben Augenblick fing ein in der Nähe befindlicher Vorhang Feuer. Ich stehe auf, reibe mir die Augen und sehe ihn brennen. Justine war es, die aus voller Kehle schrie. Ihr Geschrei hatte mehrere Personen vor ihr Zimmer gezogen, und bereits erscholl der Ruf, sie solle das Zimmer öffnen. Ich verlor beinahe den Kopf, als ich die Stimme meiner schönen Freundin und ihres Gemahls erkannte. Wohin sollte ich mich verbergen? Es ist kein Schrank da. Ich sehe nichts als den Kamin, in den ich mich hinaufdränge. Justine bringt einen Stuhl, um mich hinaufsteigen zu lassen. »Öffne doch, Justine!« ruft der Marquis. »Das Feuer ist schon gelöscht,« antwortet diese, indem sie den Stuhl hält. »Das ist alles eins!« schreit der Marquis; »mach die Tür auf, oder ich lasse sie einschlagen!« »Ich muss mich doch vorher ankleiden,« stöhnte das Kammerkätzchen, immer noch den Stuhl haltend. »Du kannst Dich morgen ankleiden,« antwortete der Marquis wütend. Er gibt seinen Bedienten Befehl, die Türe einzubrechen. In diesem Augenblick nehme ich einen Schwung und klettere hinauf. Justine zieht den Stuhl weg, springt an die Tür und öffnet sie. Das Zimmer füllt sich mit Leuten, die alle zugleich fragen, antworten, raten, sich ängstigen, sich beruhigen und sich Glück wünschen, ohne einander zu hören. Unter diesem Gewirr von Stimmen lässt sich die des Marquis deutlich unterscheiden: »Die Unvorsichtige! bringt Feuer in mein Haus! setzt uns in solchen Schrecken! stört mich und meine Gemahlin in der Ruhe.« Während ihr Gemahl so tobt, untersucht die Marquise das Zimmer und überzeugt sich, dass keine Gefahr mehr vorhanden ist. »Alles gehe hinaus,« sagte sie. Die Männer gehorchten zuerst; einige Frauen boten, vielleicht mehr aus Neugierde als aus Diensteifer, meiner schönen Freundin ihre Dienste an, die ihnen zum zweiten Mal befiehlt, wegzugehen. »Wie kam das Feuer aus?« ruft der Marquis, rasend vor Zorn. »Warten Sie doch einen Augenblick,« sagte die Marquise, »bis die Leute alle draußen sind!« »Beim Teufel, Madame, wenn sie es auch hören! das ist ein schönes Geheimnis!« »Aber, mein Herr, sehen Sie denn nicht, wie das Kind zittert? Meinen Sie denn, man zünde das Haus absichtlich über seinem Kopfe an?« »Da sehen Sie, Madame, sehen Sie Ihr Justinchen! Sie lassen sie alles machen. Nun denn, so behaupte ich, dass sie ein dummes unbesonnenes Ding ist, das noch übel enden wird, das kann ich Ihnen sagen. Sehen Sie, ich habe immer an ihrer Physiognomie gesehen, dass sie nicht ganz bei Troste ist. Betrachten Sie nur dieses Gesicht! ist nicht etwas Verrücktes darin? merkt man nicht deutlich, dass sie heute oder morgen etwas ausführen kann, was uns alle in Gefahr bringen wird?« »Nun, Justine,« redete die Marquise ein, »erzähle uns, was für ein Zufall –« »Gnädige Frau, ich las.« »Die rechte Zeit zum Lesen!« rief der Marquis; »hattest Du denn Deinen Kopf verloren?« »Gnädige Frau,« versetzte Justine, »ich schlief ein, das Licht, das ich nicht gelöscht hatte und das zu nahe bei dem Bette stand...« »Hat es angezündet,« fiel der Marquis abermals ein; »Welches Wunder! und was lasen Sie denn so schönes bei Nacht, Justinchen?« »Gnädiger Herr,« antwortete das verschmitzte Zöfchen, »das Buch heißt: »Der erfüllte Physiognomist.« Dies beruhigte den Marquis, er fing an zu lachen. »Der vollkommene Physiognomist, willst Du sagen.« »Ja, gnädiger Herr, ja, der vollkommene Physiognomist.« »Nicht wahr, Justinchen, das ist ein hübsches Buch?« »Ja, gnädiger Herr, sehr hübsch, deswegen –« »Und wo ist denn dies Buch?« fragte die Marquise. Justine schwieg einen Augenblick und rief dann: »Ich finde es nicht, es ist offenbar verbrannt.« »Was verbrannt!« rief der Marquis; »mein Buch verbrannt! Du hast mein Buch verbrannt!« »Gnädiger Herr ...« »Und wer erlaubt Dir, meine Bücher zu nehmen?« »Aber, mein Herr!« sagte die Marquise, »Sie machen mich taub mit Ihrem Geschrei!« »Wie! Madame, hören Sie denn nicht, die Nichtsnutzige verbrennt mein Buch!« »Sie können ja ein anderes kaufen.« »Ja, kaufen! kaufen! meinen Sie denn, man finde es, wie einen Roman? dies war vielleicht das einzige Exemplar auf der ganzen Welt, und das dumme Ding verbrennt es.« »Nun, dann, mein Herr,« versetzte die Marquise lebhaft, »wenn Ihr Buch verbrannt ist und sich kein Exemplar mehr vorfindet, so können Sie es auch entbehren. Ich sehe hier kein großes Unglück.« »Wahrhaftig, Madame, die Unwissenheit – hören Sie – ich gehe! ich müsste Ihnen sonst sagen – und Du, Mädchen, ich wiederhole Dir, dass Du ein dummes, närrisches, unbesonnenes Ding bist; ich habe es schon lange an Deiner Physiognomie gesehen!« So schimpfend, ging er hinaus. In einem engen, schmutzigen Kamin hängend, wo ich mich auf der einen Seite mit Kopf und Schultern, auf der anderen mit den Beinen anlehnte und zur größeren Sicherheit auch die Arme ausgestreckt halten musste, befand ich mich in der unbequemsten Lage und fing an, müde zu werden. Dennoch musste ich mich gedulden und den Ausgang abwarten; ich strengte meine Kräfte aufs neue an und lauschte begierig. »Endlich ist er fort!« begann die Marquise. »Wir sind allein; ich hoffe, Mädchen, dass Du jetzt die Güte haben wirst, mir Deinen Fall von gestern Abend und das Geräusch, das ich seit mehr als zwei Stunden bei Dir höre, zu erklären; Du siehst ein, dass ich an Deine feinen Geschichten mit dem verbrannten Buch nicht glaube, und ich schmeichle mir, dass Du jetzt gestehst, wie das Feuer eigentlich ausgebrochen ist. »Gnädige Frau –« »Antworte, Mädchen! es war jemand bei Dir?« »Gnädige Frau, ich schwöre!« »Justine, Du bist im Begriffe, eine Lüge zu sagen.« »Gnädigste Frau Marquise, ich las, wie ich schon die Ehre hatte, zu sagen.« »Du lügst, Mädchen! das Buch, von dem Du sprachst, ist in meinem Kabinett.« »Sie husten, gnädige Frau, sie werden sich verkühlen.« »Ja, ich werde mich verkühlen, es ist wahr. Ich sehe, dass ich heute die Wahrheit nicht erfahren kann. Ich gehe jetzt; morgen werde ich ohne Zweifel glücklicher sein, oder doch (hier kehrte sie wieder um) ich muss vorher das Feuer auslöschen, damit kein Unglück geschieht.« Mit diesen Worten nahm sie ein Geschirr mit Wasser, das sie eben vorfand, und schüttete es über die brennenden Kohlen aus. Sogleich erhob sich ein dicker Rauch, der mir durch Mund, Nase und in die Augen ging, so dass ich fast erstickte. Meine Kräfte verließen mich, ich stürzte herunter. Die Marquise schauderte zurück und war höchlich erstaunt, als ich unter dem Kamin hervorkam. Wir sehen uns alle drei schweigend an. »Mädchen,« sagte endlich die Marquise zu Justine, ihr einen zornigen Blick zuwerfend, »es war also niemand bei Dir!« dann wandte sie sich mit sanfter, vorwurfsvoller Stimme an mich: »Faublas! Faublas!« Justine warf sich ihrer Gebieterin zu Füßen. »Gnädige Frau, ich versichere, bei meinem Leben –« »Wie, Mädchen, Du wagst es noch?« Während die arme Justine ihre Gebieterin zu erweichen und zu überzeugen suchte, zog mich der reizende Anzug der letzteren an. Ein leichter, unordentlich umgeworfener Mantel bedeckte nachlässig einen wunderbar geformten Körper. Ihre langen schwarzen Haare flossen ungebunden über ihre alabasterweißen Schultern herab und hoben die blendende Weiße ihres Halses noch mehr hervor. Wie schön war meine Freundin in diesem Augenblick! ich ergriff ihre Hände und küsste sie. »Liebste Mama, der Schein trügt sehr oft.« »Ach, Faublas! wem haben Sie mich aufgeopfert?« »Niemanden; nur ein Wort und meine Rechtfertigung wird Ihnen klar werden.« Justine wollte mich mit ihrem Zeugnis unterstützen. »Du bist sehr verwegen!« sagte die Marquise. »Ja, Sie haben Recht, sehr verwegen!« schrie der Marquis, der des langen Wartens müde, seine Gemahlin abzuholen kam. Schnell entschlossen, bläst die Marquise das Licht aus, küsst mich auf die Stirne und sagt ganz leise: »Einen Augenblick Geduld, Faublas, ich bin gleich wieder bei Ihnen.« Dann mit lauter Stimme zu Justine: »Hinaus, Mädchen, du gehst mit mir.« Justine, die ihre Leute kennt, ist mit einem Sprung vor der Tür des Zimmers. Die Marquise geht hinaus, treibt ihren Gemahl, der eben eintreten will, zurück, schlägt die Türe zu, verschließt sie doppelt, zieht den Schlüssel ab, und ich bin aufs neue im Gefängnis. Diesmal schien mir die Gefangenschaft erträglicher; es war mir doch eine Hoffnung vergönnt. Meine komischen, so sonderbar sich gestaltenden und die ganze Nacht hindurch grausam verlängerten Leiden waren ohne Zweifel ihrem Ende nahe. Die Marquise musste ja bald zurückkommen. Dieser tröstende Gedanke belebte meinen Mut aufs neue; ich nahm einen Stuhl, stellte ihn vor die Türe und wartete ruhig. Bald hörte ich Lärm im Zimmer der beiden Ehegatten, es wurde schnell, laut und heftig gesprochen. Ich merkte, dass die Marquise, um ihren Gemahl los zu werden, Streit mit ihm angefangen hatte, und ich zweifelte nicht, dass es ihr bald gelingen werde, ihn aus der Fassung zu bringen. Allein, es kam ganz anders. Nach ziemlich langem Wortwechsel verließ die Marquise ihr Zimmer und ging auf das meine zu. Bereits war sie am Ende des Ganges, ganz nahe bei dem Zimmer, in welches sie mich einschloss. Ich weiß nicht, wie es kam, kurz, sie blieb irgendwo hängen, glitt aus und stürzte so heftig zu Boden, dass der Schlüssel zu meinem Zimmer, den sie schon in der Hand hielt, mit Macht gegen die Türe flog. Meine unglückliche Geliebte stieß einen Schrei aus. Ihr Gemahl, der ihr auf dem Fuße nachfolgte, hob sie auf; mehrere Frauen sprangen herbei und brachten sie wieder auf ihr Zimmer. Einen Augenblick nachher schrie der Marquis: »Sie hat sich verletzt, alles soll aufstehen! Der Schweizer soll die Türe öffnen! lauft schnell nach dem ersten Wundarzt.« Wie klopfte mein Herz in diesem traurigen Augenblicke! welche Unruhe verursachte mir der Unfall der Marquise! wie weh tat es mir, gerade jetzt eingeschlossen zu sein, nicht erfahren zu können, ob ihre Wunde gefährlich, ob ihr Leben bedroht sei. Meine Verlegenheit wuchs, als ich noch weiter dachte. Konnte Justine in der Unruhe und Verwirrung, welche dieser Unfall mit sich führen musste, ihre Gebieterin verlassen? dachte sie daran, mich zu befreien? Die Zeit war kostbar, der Tag fing an zu grauen. Wenn es mir gelang, nach Hause zu entkommen, konnte ich Jasmin, so bald ich ihn sah, in das Haus des Marquis schicken und mich nach dem Befinden seiner Gemahlin erkundigen. Ich musste alle möglichen Mittel versuchen, um mich in Freiheit zu setzen. Jetzt wurde die Haustüre mit großem Geräusch geöffnet, und ich wusste nun, dass eines der größten Hindernisse gehoben war, und hoffte auch die übrigen, die mir noch im Wege standen, zu überwinden. Zuerst bemühte ich mich vergebens den Schlüssel, der noch auf dem Korridor lag, zu mir hereinzuziehen, sodann die Schrauben am Schlosse loszumachen und dieses wegzureißen, allein, es war von außen festgemacht. Ich untersuchte noch das Schloss, und bemühte mich, es mit meinem Messer zu öffnen, da flüsterte mir la Jennesse, den ich an der Stimme erkannte, leise zu: »Bist Du es, Justine? ich glaubte Dich bei Deiner Gebieterin, mach mir doch auf.« Die Gelegenheit war zu schön, als dass ich sie hätte unbenutzt vorübergehen lassen können; ich bin sogleich entschlossen, überlasse das übrige dem Zufall, und spreche leise, um meine Stimme zu verstellen. Ich ahmte, so gut ich konnte, Justinens Stimme nach und indem ich so zu sagen die Worte durch das Schlüsselloch schlüpfen lasse, antworte ich: »Bist Du es, la Jennesse? sag mir, was macht meine Gebieterin?« »Es geht ihr gut, sie hat sich nur die Haut ein wenig aufgerissen; soeben sagt uns der gnädige Herr, dass der Wundarzt keine Gefahr gefunden habe. Aber wie kommt es, dass Du dies nicht weißt? mach mir doch auf!« »Ich kann nicht, mein Lieber, die Frau Marquise hat mich hier eingesperrt.« »Es ist nicht möglich!« »Gewiss, der Schlüssel liegt draußen auf dem Boden, suche ihn!« La Jennesse sucht und findet ihn, er öffnet die Türe, blickt mich groß an, und ruft: »Mein Gott! dies ist der Teufel!« Ich suche hinauszukommen; er schlägt nach mir mit der Faust, ich pariere und schlage nach, treffe auch so gut, dass der Schlingel hinter sich hinstürzt mit einer Schramme am Auge. Ohne mich zu bedenken, springe ich über ihn hinüber und die Treppe hinunter. Mein Gegner steht aber wieder auf und rennt mir nach. Schneller als er, weil ich nicht hinke und mich die Not treibt, stürze ich über den Hof; und schon ist die Türschwelle hinter mir. Schon glaubte ich mich gerettet, allein, als ich mich eben um eine Ecke wendete, fiel ich einer Patrouille der Pariser Scharwache in die Hände. Der Anführer ließ mich arretieren. In der Tat, man konnte auch nicht abenteuerlicher aussehen. Gegen das Ende der Nacht hatten mich so viele Sorgen in Anspruch genommen, dass ich jetzt erst bemerkte, in welch' seltsamem Aufzug ich durch die Straßen lief. Die eine Seite meiner Kleider verbrannt, die andere von Ruß beschmutzt, mein ganzes Gesicht vom Rauch schwarz, mein Kopf mit einer Schlafhaube von Justine bedeckt. Wie sollte man sich wundern, dass la Jennesse mich für den Teufel hielt! Trotzdem, dass ich selbst über mein trauriges Aussehen verwundert war, versicherte ich den Anführer, dass ich ein ehrlicher Mann sei. Er schien aber nicht aufgelegt, meinen Worten Glauben zu schenken; und zudem kam mittlerweilen la Jennesse mit seinen atemlosen Begleitern herbei. Alle Bedienten umringten mich und schrien aus Leibeskräften den Soldaten zu, die mich einschlossen: »Arretiert ihn! es ist ein Schuft, ein Dieb! bringt ihn auf die Wache!« Auf mein Begehren führte man mich auf der Stelle zu dem Kommissär des Stadtviertels. Als der Kommissär hörte, dass es sich um Aufnahme einer Klage handle, konnte er seinen Verdruss, so früh aus dem Schlafe geweckt worden zu sein, kaum verbergen. »Wer sind Sie, mein Freund?« fragte er mich. »Mein Herr, ich bin der Chevalier von Faublas, Ihr ganz gehorsamster Diener.« »Verzeihung, mein Herr, wo wohnen Sie?« »Bei meinem Vater, dem Baron von Faublas, in der Straße l'Université.« »Was treiben Sie?« »Nicht viel, wie viele junge Leute von guter Familie.« »Woher kommen Sie?« »Aus einem Kamine.« »Mein Herr, das ist ein unkluger Spaß, der Ihnen teuer zu stehen kommen könnte.« »Nein, mein Herr, ich sage die Wahrheit, mein Anzug beweist es ja, sehen Sie her.« »Wohin wollen Sie?« »Zu Bette.« »Hübsche Antwort! wo ist der Kläger?« La Jennesse trat vor. »Mein Freund, wie heißt Ihr?« Ich antwortete an seiner statt: »La Jennesse.« »Um Verzeihung, mein Herr,« entgegnete mir der Mann des Gesetzes, »ich rede mit diesem Menschen hier.« (Zu la Jennesse): »Wo wohnt Ihr?« »In dem Herzen der Kammerfrau einer Marquise,« antwortete ich wieder. »Ich frage Sie nicht, mein Herr (zu la Jennesse): »Was treibt Ihr, mein Freund?« »Er kurzweilt mit den Kammerjungfern in den Kutschen.« Zornig stampfte der Kommissär auf den Boden, ganz verblüfft blickte mich la Jennesse an. Der arme Bursche konnte in seiner Verwirrung kaum die Fragen beantworten, welche unser Richter immerfort an ihn richtete. Übrigens gab er zu Protokoll, er habe mich in einer Kammer bei Fräulein Justine im Hause des Marquis von B... eingeschlossen gefunden, ich habe ein Schloss aufgebrochen, und ihm einen Faustschlag auf das Auge gegeben. Der Mann des Gesetzes, der alles sehr wichtig nahm, hieß mich einen Augenblick Platz nehmen, sprach ein paar Worte mit seinem Schreiber, und einige Minuten nachher trat der Marquis von B... ein. »Man benachrichtigt mich,« begann er mit erregter Stimme, »dass ein Dieb – – ah, ah, dies ist Herr Duportail.« Kommissär : »Herr Duportail? diesen Namen gab der junge Herr nicht zu Protokoll an.« Marquis (lachend): »Um Verzeihung, Herr Duportail, aber ich erblicke Sie in einem Aufzuge!... wie?... warum?...« Faublas (dem Marquis ins Ohr): »Es ist mir ein närrischer Streich begegnet! ich werde es Ihnen erzählen.« Marquis (ihn unentschlossen anblickend): »Ganz recht! aber hören wir doch das Protokoll.« Der Kommissär fing an zu lesen. Ich nahm den Marquis bei Seite und sagte leise zu ihm: »Ziehen Sie mich aus der Verlegenheit. Sie kennen ja meinen Vater! wenn er es erfahren würde! Wenn es sich der Kommissär hätte einfallen lassen, nach ihm zu schicken!« Marquis (laut): »Ihr Vater ist endlich wieder aus Russland zurück?« Faublas : »Jawohl!« Marquis : »Bei Gott! es ist ein sonderbarer Mann! er ist nie anzutreffen, und Sie ebenso wenig. Ich war mehr denn hundertmal bei dem Arsenal.« Kommissär : »Aber der Herr wohnt nicht beim Arsenal.« Marquis : »Herr Duportail wohnt nicht beim Arsenal.« Kommissär : »Der Herr heißt nicht Duportail.« Marquis : »Er heißt nicht Duportail? das ist etwas anderes.« Kommissär : »Lachen Sie, mein Herr, so lange Sie wollen! aber der Herr gab zu Protokoll, er wohne in der Straße l'Université und heiße Faublas.« Marquis (erstaunt zurücktretend): »Wie! was! wer redet von Faublas?« Faublas (dem Marquis ins Ohr): »Still! ich gab diesen Namen an, weil es sehr unangenehm ist, seinen eigenen Namen bei einem Kommissär anzugeben.« Marquis : »Ich verstehe! – wie befindet sich Ihr Fräulein Schwester?« Faublas (etwas traurig): »Ziemlich wohl.« Marquis : »Als ich Sie einmal in der Oper traf, sagten Sie mir, Sie kennen diesen Herrn von Faublas nicht.« Faublas : »Ja, ich redete damals vom Sohne! der ist ein liederlicher Bursche, der Vater aber ist ein wackerer Edelmann.« Marquis : »Aber sagen Sie mir doch, wie kam es denn, dass meine Leute Sie verfolgten?« Kommissär : »Herr Marquis, hören Sie doch das Protokoll, es ist sehr ernsthaft.« Marquis : »Nun lesen Sie, ich höre!« Faublas (zum Marquis): »Mein Herr, die Zeit verstreicht.« Marquis : »Es wird ja nicht lange dauern.« Faublas : »Ich werde es Ihnen ja erzählen.« Marquis : »Ohne Zweifel! aber lasst doch hören, was meine Leute angaben. Sie können ganz ruhig sein! ich weiß wohl, dass Sie kein Dieb sind.« Der Kommissär las die Angabe. Der Marquis ließ la Jennesse hereinkommen, der mit den anderen Bedienten im Hofe geblieben war. Dieser bestätigte alles, was er gesagt hatte, und brachte neue Nebenumstände vor, welche die Tatsachen, die ich nicht leugnen konnte, noch mehr aufklären mussten. Marquis : »Der Herr war in Justinens Zimmer eingeschlossen? Ich war ja auch darin und habe ihn nicht gesehen.« Faublas : »Ein Beweis, dass ich nicht da war, Herr Marquis.« Marquis : »Aber meine Gemahlin ging auch hinein und blieb ziemlich lange darin, und diese hat Sie ebenso wenig gesehen, mein Herr.« Faublas : »Wieder ein Beweis, dass ich nicht da war. (Zum Kommissar): »Mein Herr, Sie sehen, wie zweifelhaft die Anklage ist, die man gegen mich vorbringt. Erlauben Sie mir, dass ich weggehe.« Kommissär : »Es tut mir leid; nein, mein Herr! Schildwache, besetzt die Türe!« Faublas : »Was, mein Herr, Sie wollten –?« Kommissar : »Sie treten in ein Haus ein, man weiß nicht wie, oder warum. Man findet Sie im Zimmer einer Kammerjungfer eingeschlossen! Das alles ist nicht klar. Ich für meine Person glaube, dass man Sie wegen Verführung anklagen könnte.« Faublas : »Mein Herr, nehmen Sie die Anklage an, hören Sie die Zeugen, prüfen Sie die Beweise, aber verwerfen Sie, wie es das Gesetz will, trügerische Wahrscheinlichkeiten. Was Sie eine Vermutung nennen, ist höchstens eine Ungewissheit, namentlich, wenn es sich um die Ehre, ich will nicht sagen eines Edelmannes, eines Bürgers, oder eines Menschen überhaupt handelt.« Marquis : »Erlauben Sie, wo haben Sie Justine kennen gelernt?« Faublas : »Mein Herr, ich könnte zwar diese Frage ablehnen; allein, ich will Ihnen einen Beweis meines Vertrauens geben. Ich lernte Justine zu derselben Zeit kennen, da eine gewisse Frau Dutour, eine Bekannte Justinens, meine Schwester bediente.« Marquis (mit zufriedener Miene): »Richtig, Sie sahen sie bei Fräulein Duportail.« Faublas : »Ja, mein Herr.« Kommissär (verdrießlich): »Wenn Ihr Fräulein Schwester Duportail heißt, so heißen Sie auch Duportail. Warum geben Sie falsche Angaben zu Protokoll?« Marquis : »Das hat nichts zu sagen! ich weiß warum, ich weiß es. Lassen Sie immer den Namen Faublas in Ihrem Protokoll. (zu mir:) Ich will Sie durchaus nicht in Verlegenheit bringen, aber sagen Sie mir freundschaftlich, was wollten Sie in meinem Hause machen?« Faublas : »Wie? Sie haben es noch nicht errathen? ich lernte Justine bei meiner Schwester kennen! man fand mich auf Justinens Zimmer – Die Kleine ist so hübsch.« Marquis : »Ah, loser Vogel, Sie haben die Nacht bei ihr zugebracht! Die Marquise würde sich sehr freuen, wenn sie wüsste, dass der Bruder ihrer guten Freundin ihr Kammermädchen verführte. Aber, wie brach denn das Feuer bei Justine aus?« Faublas : »Wir waren müde, wir schliefen.« Marquis (lachend): »Sie werden schön erschrocken sein, als ich an die Thüre pochte.« Faublas : »Das können Sie sich vorstellen.« Marquis : »Aber wir haben Sie doch nicht gesehen, wo zum Teufel steckten Sie denn?« Faublas : »Im Kamin.« Marquis : »Aber meine Frau gieng ja noch einmal in Justinens Zimmer; also hat doch diese Sie gesehen.« Faulblas : »Keineswegs! ich hörte sie kommen und kletterte wieder in den Kamin.« Marquis : »Daran thaten Sie sehr wohl! meine Gemahlin kann nicht die geringste Unordnung leiden, nicht weil sie weniger nachsichtig wäre als eine andere, allein, Sie wissen ja, eine so rechtschaffene Frau kann sich nicht bloßstellen. Man mag thun, was man will, sie findet nichts daran zu tadeln, wenn es nur nicht in ihrem Hause geschieht, und selbst in diesem Artikel treibt sie die Gleichgültigkeit zu weit, manchmal entschuldigt sie die Schwächen ihrer Freunde. Apropos, mein Herr, ist Ihr Fräulein Schwester noch in Soissons?« Faublas (nach einigem Nachdenken): »Ja, mein Herr!« Marquis : »Wirklich? immer noch im Kloster?« Faublas (den Verlegenen spielend): »Ja, mein Herr. Warum denn nicht?« Marquis : »Ich frage, weil mir jemand sagte, er habe sie bei Paris begegnet.« Faublas : »Bei Paris? dieser jemand hat sich getäuscht, meine Schwester war es gewiss nicht. »Aber Herr Marquis, wir haben hier nichts mehr zu thun; ich dächte, wir giengen.« Komissär : »Mein Herr, Sie haben hier noch etwas zu thun; ich erwarte noch jemand.« Dieser jemand trat im nächsten Augenblick herein. Es war mein Vater. Der Mann des Gesetzes sagte zu ihm: »Mit wem habe ich die Ehre zu reden, mein Herr?« Baron von Faublas : »Mein Herr, ich bin der Baron von Faublas.« Kommissär : »In diesem Falle habe ich Sie sehr um Verzeihung zu bitten. Ich ließ Ihnen sagen, dass ein junger Mann, der sehr hart angeklagt wurde, Ihren Namen angenommen und sich für Ihren Sohn ausgegeben habe, allein seine Angabe ist falsch. Es thut mir leid, dass ich Sie gestört habe.« Marquis (zum Kommissär): »Wie, seine Angabe war falsch? bat ich Sie denn nicht, den Namen Faublas in Ihrem Protokoll stehen zu lassen? (Leise zum Chevalier:) Merken Sie denn nicht, was das für Folgen haben könnte? wenn dieser Kommissär einmal Ihren wahren Namen schreibt, so lässt er Ihren wirklichen Vater holen, und dies würde einen feinen Lärm setzen. Bitten Sie Herrn von Faublas, er möcht Ihnen seinen Namen lassen, dadurch kann Alles beendigt werden.« Chevalier von Faublas (zum Marquis): »Ich wage es nicht.« Marquis: »Ich will es selbst sagen. (Zum Baron.) Sagen Sie doch, es sei Ihr Sohn.« Erstaunt über Alles, was er sah, blickte der Baron bald den Kommissär, bald den Marquis und bald mich an. »Mein Herr,« sagte er endlich zu dem aufmerksamen Richter, »Ihre Sorgen sind nicht unnütz, meine Mühe ist nicht vergeblich. In dem Aufzug, in welchem ich diesen jungen Mann sehe, sollte ich ihn vielleicht nicht erkennen; aber der Ort selbst, wo ich ihn sehe, fordert Nachsicht von mir. Er hat Ehrgefühl und ist stolz. Wenn er einen dummen Streich gemacht hat, so ist er durch diese Untersuchung hinlänglich gestraft. Mein Herr, der junge Mann sagte Ihnen seinen wahren Namen, er ist mein Sohn!« Marquis (zum Baron): »Gut, vortrefflich!« Kommissär: »Dies verstehe ich wieder nicht. Ich werde Herrn Duportail holen lassen.« Marquis (zum Chevalier): »Er versteht dies nicht, das glaube ich wohl.« Baron (zum Kommissar): »Mein Herr, wenn ich Ihnen sage, dies sei mein Sohn –« Marquis (zum Baron): »Ganz vortrefflich! Sehen Sie, Chevalier, er spielt seine Rolle ausgezeichnet.« Chevalier (zum Marquis): »Oh, der Baron ist ein Mann von Einsicht, zumal da er großes Unrecht gegen uns gut zu machen hat.« Kommissär (zum Baron): »Alles dies ist ganz gut, aber es liegt eine Klage vor.« Marquis: »Ich stehe davon ab.« Kommissär: »Dies ist nicht hinreichend, mein Herr; die Sache ist von der Art: das öffentliche Wohl ist dabei interessiert.« Baron : »Das öffentliche Wohl ist interessiert? von was handelt es sich denn?« Marquis : »Bah! eine Kleinigkeit; ein Liebeshandel.« Kommissär : »Ein Liebeshandel?« Marquis : »Nun ja, mein Herr, ein galantes Abenteuer, es ist nichts als ein solches, ich versichere Sie.« Kommissär : »Mein Herr, es handelt sich um falsche Angaben, Einbruch, Verführung.« Baron : »Dies ist nicht möglich! wer sagt das? wer wagt es auf diese Art die Ehre meines Sohnes, meines Hauses, anzutasten?« Marquis (zum Chevalier): »Oh, wie er seine Rolle spielt, es ist erstaunlich. (Zum Baron:) Beruhigen Sie sich, mein Herr, es handelt sich bloß um ein Liebesabenteuer. Ihr Herr Sohn war in meinem Hause bei meinem Kammermädchen, und um sich zu retten, schlug er meinen Bedienten. Das ist alles.« Baron (zum Kommissär): »Mein Herr, Sie wissen meinen Namen, meine Wohnung, Sie werden mir nichts in den Weg legen, wenn ich meinen Sohn fortnehme und mich für ihn verantwortlich mache.« Marquis : »Auch ich stehe für ihn. (Zum Chevalier.) Ah, man muss nur den Kopf nicht verlieren.« Kommissär : »Meine Herren, Sie sind persönlich gehalten, ihn auf Zeit und an den bestimmten Ort zu stellen.« Baron : »Ah, selbst persönlich!« Marquis : »Ja, persönlich! gehen wir!« Wir giengen alle drei. »Mein Herr,« sagte hernach der Marquis zu meinem Vater, »wie vortrefflich spielen Sie Komödie, wie natürlich, mit wie viel Wahrheit! Sie könnten Leuten von Fach Unterricht ertheilen. (Sich zu mir wendend.) Haben Sie gehört, wie er rief: Wer wagt es, die Ehre meines Sohnes und meines Hauses so anzutasten? seines Sohnes? er hätte mich am Ende selbst davon überzeugt, dass es so sei, wenn ich nicht die Wahrheit so gut wüsste.« So lange der Marquis sprach, blickte ihn mein Vater mit einer Miene an, die mich sehr unterhalten haben würde, wenn ich nicht seine außerordentliche Reizbarkeit gekannt hätte; ich fürchtete, die lächerlichen Höflichkeiten des Herrn von B... möchten seinen Zorn erregen, aber er hielt sich zurück. Sein Wagen hielt vor der Thüre. »Ohne Umstände,« rief er mir zu, »steigen Sie zuerst hinein.« Der Marquis wollte mich zurückhalten. »Wie,« sagte der Baron, »wollen Sie in diesem Aufzug, auf der Straße plaudern?« Ich stieg in den Wagen, mein Vater setzte sich neben mich. Wir verabschiedeten uns höflich von dem Marquis, ließen ihn aber zu Fuße heim gehen. »Warum wollen Sie denn durchaus die Nacht über nicht zu Hause bleiben?« sagte mein Vater. »Ist der Tag nicht lang genug? sehen Sie, welchen Gefahren Sie sich durch Ihren Ungehorsam aussetzen.« Ich entschuldigte mich, so gut ich konnte. »Sie zerstören Ihre Gesundheit,« fuhr der Baron fort. »Ach, mein Vater, niemals habe ich diesen Vorwurf weniger verdient; wenn Sie wüssten, welchen unglückseligen Zufällen ich heute Nacht ausgesetzt war, welche Gefahren ich lief, wahrlich, Sie würden mich bedauern.« »Mein Sohn, glauben Sie, Sie haben noch den Marquis von B... vor sich?« »Gewiss nicht, mein Vater; gleichwohl versichere ich Sie, dass ich mir keinen Vorwurf zu machen habe; wenn Sie mir erlauben wollten. Ihnen zu erzählen...« »Nein, mein Sohn, sparen Sie dies für Herrn von Rosambert auf.« Der Baron setzte hinzu: »Adelheid, Herr Duportail, Sie und ich sind auf morgen Mittag zu dem Herrn Herzog von ***, oben am Boulevard Saint Honoré eingeladen. Wenn das Wetter besser wird, werden wir bald aufbrechen. Sie drei machen dann vorher noch einen Spaziergang in den Tuilerien, während ich einen Augenblick ins Schloss gehe; ich habe mit Herrn von Saint-Luc einige Worte zu sprechen. Vergessen Sie das nicht und halten Sie sich zur rechten Zeit bereit.« Auf meinem Zimmer traf ich Justine. Die Marquise war in Todesangst gerathen, als sie erfuhr, dass ein in Justinens Kammer verborgener Dieb verhaftet und zu einem Kommissär geführt worden sei, der dann sogleich nach Herrn B... schickte. Sie hatte ihrer Kammerfrau, deren Schrecken eben so groß war, aufgetragen, in meine Wohnung zu gehen, meine Rückkehr dort abzuwarten und mich zu bitten, dass ich ihr alle Umstände eines Zusammentreffens, dessen Folgen ernsthaft sein konnten, ausführlich erzählen möchte. Justine weinte, als sie erfuhr, dass ich sie aufgeopfert habe, um ihre Gebieterin zu retten. »Ich sehe wohl ein,« sagte sie, »dass die Sache sich nicht anders machen ließ; aber der gnädige Herr wird sagen, man soll mich fortschicken, und meine Gebieterin, die bereits gegen mich eingenommen ist, wird vielleicht gerne diese Gelegenheit ergreifen, um mich wegzuschicken.« Ich tröstete das arme Kind mit der Versicherung, dass ich ihr eine Stelle verschaffen und jedenfalls sie nicht im Stich lassen werde. Sobald Justine weg war, wechselte ich die Kleider, machte eine vollständige Toilette und gieng dann zu Rosambert, dem ich die lustigen Begebenheiten der letzten Nacht erzählte. Ich setzte hinzu, dass er, wenn er Adelheid sehen wolle, morgen früh in den Tuilerien, der sogenannten Allee des Frühlings, sich einfinden solle. Der Graf versprach, vor Mittag dort zu sein. Nachmittags erhielt ich einen Besuch von Derneval, der mir ankündigte, dass wir in der morgenden Nacht unter jeden Umständen ins Kloster gehen werden. »Mein bester Faublas,« fügte er hinzu, »wir müssen uns jetzt trennen.« »Wie? Sie erschrecken mich.« »Die Angelegenheiten, die mich hier zurückhielten, sind beendigt; Alles ist zu dem großen Unternehmen bereit, auf das ich schon seit mehreren Monaten sinne. Morgen Nacht entführe ich Dorothea.« »Ach, Derneval! und wie kann ich meine Sophie sehen, wenn Sie uns verlassen?« »Haben Sie nicht Ihr Gartenhaus?« »Ja, aber das Gitterthor am Garten?« »Wahrhaftig! Sie haben Recht; daran dachte ich nicht.« »Derneval, könnten Sie Ihren Freund und die Freundin Ihrer Geliebten der Verzweiflung preisgeben?« »Nein, Chevalier, nein! wir werden nicht abreisen, bis Sie einen Schlüssel zu dem Thore haben; ich werde nöthigenfalls die Ausführung meines Planes um einen Tag verschieben. Beruhigen Sie sich, mein Freund!« Derneval gieng und überließ mich den ganzen Abend und die ganze Nacht den trübsten Betrachtungen. Er geht, sagte ich zu mir, er geht mit seiner Geliebten! und ich bleibe hier und werde meine Sophie vielleicht nie mehr sehen! wird Sophie es wagen, das Thor zu öffnen? wird sie es wagen, allein in den Garten zu kommen? und wird nicht Dorotheas Entführung ein fürchterliches Aufsehen in dem Kloster machen? wird man nicht die strengsten Maßregeln ergreifen, um für die Zukunft jeden ähnlichen Versuch unmöglich zu machen? wird nicht der Garten besser bewacht werden, als bisher? ach, meine theuere Sophie! so werde ich Dich künftig bloß noch zuweilen durch die Läden meines Gartenhauses hindurch sehen dürfen! ach, Derneval! ach, Dorothea! Ihr verlasset uns! haltet Ihr so Euer Versprechen? – Auf diese Art warf ich ohne alle Ahnung der Dinge, die da kommen sollten, Derneval seine schnelle Abreise vor, die ich selbst bald sehnsüchtiger wünschen sollte, als er. In dieser Nacht war ein dichter Nebel. Der Baron, der ungewöhnlich früh aufstand, fand das Wetter nasskalt; er wusste nicht, ob er Adelheid abholen sollte, er fürchtete, seine liebe Tochter möchte sich erkälten. Ich bemerkte ihm, dass die Sonne die Luft erwärmen werde und es einen recht hübschen Herbsttag geben könne. Herr Duportail, der um zehn Uhr kam, war ebenfalls meiner Ansicht; wir holten alle drei meine Schwester in ihrem Kloster ab und begaben uns in die Tuilerien. Der Baron befahl seinen Leuten, uns am Pont-Tournant zu erwarten. »Ich gehe zu Herrn von Saint-Luc,« sagte er zu uns; »promenieren Sie indessen.« »In der Allee des Frühlings, mein Vater?« »Ja, ich bin sogleich wieder bei Ihnen.« Wir giengen mehrere Male auf und ab. Endlich erschien Rosambert. Er dankte es dem Zufall, der ihn in so angenehme Gesellschaft geführt habe; er sagte Adelheid alle Komplimente, die sie verdiente, und unterhielt sich eine Viertelstunde lang so angelegentlich mit der Schwester, dass der Bruder ganz vergessen wurde. Indes gab ich mir alle erdenkliche Mühe, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Voll Ungeduld, ihn bei dem neuen Unglück, das meine Liebe bedrohte, um Rath zu fragen, nahm ich ihn beim Arm und bat ihn mir einen Augenblick zu schenken. Endlich hörte er mich an; wir verdoppelten unsere Schritte, ohne es zu merken. Meine Schwester, die uns nicht nachkommen konnte, blieb mit Herrn Duportail zurück. Erst am Ende der Allee fiel es uns ein, wieder umzukehren. Wir sahen Adelheid in großer Entfernung von uns, und von drei Männern umgeben; mir beeilten uns in ihre Nähe zu kommen. Bald erkannten wir in den zwei Neuangekommenen meinen Vater und Herrn von B..., die heftig mit einander sprachen. »Vorwärts!« sagte Rosambert, »hier gibt es eine Verwechselung.« Im Augenblick, wo mein Freund und ich ankamen, sagte der Marquis zu meinem Vater: »Warum mischen Sie sich darein, mein Herr?« »Warum ich mich darein mische? kennen Sie das Fräulein, das Sie insultieren, mein Herr?« »Ob ich Fräulein Duportail kenne,« sagte der Marquis. »Es ist meine Tochter, Herr Marquis, und nicht Fräulein Duportail. Herr Duportail hat keine Kinder.« »Er hat keine Kinder, und wer war es denn, der bei meiner Frau in ihrem Schlafgemach war? wollen Sie mir das gütigst sagen, Herr Baron?« »Was liegt mir daran!« Marquis : »Mir liegt viel daran, und ich weiß, dass es Fräulein Duportail hier war. Sie ist ein wenig verändert, allein dies kann nicht anders sein, ich sagte soeben den Grund davon.« Baron : »Den Grund davon! Sie wagen, es zu wiederholen! ... zum Teufel! ziehen Sie diesem Laffen hier (auf mich zeigend) ein Amazonenkleid an, und Sie werden sehen!« Marquis (den Chevalier ansehend): »Wär's möglich?« Indes theilte Herr Duportail und Rosambert ihre Aufmerksamkeit zwischen Adelheid, die in Thränen ausbrechen wollte, und den Baron, der in seiner Wuth nicht auf ihre Vorstellungen achtete. Chevalier (sich dem Baron nähernd): »Bitte, mein Vater!« Marquis : »Sein Vater!« Baron (zu seinem Sohn): »Schweigen Sie, mein Herr! wissen Sie, was man zu Ihrer Schwester sagt? Ich komme eben dazu, wie man ihr Glück wünscht, dass sie nach ihrer Krankheit wieder so gut aussehe. Donner und Wetter! verkleiden Sie sich als Frauenzimmer, so viel sie wollen, und betrügen Sie Dummköpfe, so lange Sie können, aber hüten Sie sich, die Ehre Ihrer Schwester aufs Spiel zu setzen.« Marquis (betrachtend den Chevalier): »Je mehr ich ihn prüfe – (Er machte eine drohende Geberde gegen ihn und geht auf Herrn Duportail zu.) Wenn Du keine Memme bist, so antworte mir. (Auf Adelheid zeigend.) Ist dieses Fräulein Deine Tochter? (Auf den Chevalier zeigend.) Ist dies der junge Mensch, den ich in Amazonenkleidung bei Dir gesehen habe?« Herr Duportail (mit der größten Kaltblütigkeit): »Sie wissen vielleicht nicht, mein Herr, dass meine Geburt der Ihrigen zum mindesten gleich ist; aber ich bin sehr glücklich einigen Vortheil über Sie behaupten zu können. Ich werde nie die Rücksichten aus den Augen lassen, die sich Männer von Stand, auch wenn sie einander feindlich begegnen, schuldig sind; mein Herr, ich werde Sie nie dutzen. Was Ihre Fragen betrifft, so wünschte ich sie nicht beantworten zu müssen. Marquis, dieses Fräulein ist nicht meine Tochter, und dies ist der junge Mensch, den Sie in Amazonenkleidung bei mir gesehen haben.« Der Marquis beobachtet einige Zeit ein düsteres Stillschweigen; dann gieng er auf mich zu, ergriff meine Hand und drückte sie heftig. Ein Blick von mir zeigte ihm an, dass ich ihn verstand. Mein Vater bemerkte diese Zeichen, denn ich hörte, wie er ganz leise vor sich hin sagte: »Werde ich meine Aufwallung nie bemeistern können! blinder Zorn! unselige Hitze! wenn Du mich meinen Sohn kosten würdest!« »Du hast mich schändlich betrogen!« sagte der Marquis mit gedämpfter Stimme zu mir, »morgen um fünf Uhr finde Dich beim Thore Maillot ein... Über Deinen Vater habe ich mich nicht zu beklagen, aber Duportail und Rosambert sind Deine Mitschuldigen; sag' ihnen, dass ich zwei von meinen Verwandten mitbringen werde, um sie zu züchtigen. »Adieu, Du wirst sehen, dass ich mich zu rächen weiß!« Mit diesen Worten entfernte er sich. Unser Streit hatte eine Menge Leute herbeigezogen, die uns umringten. Adelheid zitterte am ganzen Leibe und konnte sich kaum halten; wir giengen so schnell, als ihre Schwäche es gestattete, nach dem Pont-Tournant, wo zwei Wagen uns erwarteten. Der Baron stieg mit meiner Schwester in den unsrigen; Rosambert nahm Herrn Duportail und mich in den seinigen auf; und um dem Volkshaufen, der uns nachfolgte, zu entgehen, erhielten die Kutscher Befehl, im Galopp davon zu fahren und erst nach langen Umwegen vor dem Hotel des Barons anzuhalten. »Warum mussten Sie uns verlassen, meine Herren!« sagt jetzt Herr Duportail zu uns; »kaum waren Sie dreißig Schritte von uns, als Herr von B... zu uns trat. »Er überhäufte mich mit Artigkeiten und richtete tausend Fragen an Ihr Fräulein Schwester, die nicht wusste, was sie antworten sollte. Ich gestehe Ihnen, dass ich selbst aus seinen Äußerungen nicht klug wurde. Ich hoffte, Sie würden zurückkommen und mich aus der Verlegenheit reißen. Herr von B..., der mir schon zwanzigmal zur Rückkehr meiner Tochter und zu ihrem guten Aussehen Glück gewünscht, Herr von B... wandte sich jetzt an Ihr Fräulein Schwester und sagte: »Auf Ehre Fräulein, Sie sind sehr gesund, ich finde Sie wenig verändert; es ist erstaunlich,« sagte er, »denn wenn ich recht rechne, so sind Sie vor der Zeit –« (hier dämpfte der Marquis die Stimme). Fräulein von Faublas stieß einen Schrei aus; ich rief entrüstet aus: »Sie wagen, es mein Herr!« Unglücklicherweise war der Baron bereits hinter uns und sagte mit wüthender Stimme: »Was nennen Sie vor der Zeit.....? Sie werden mir für diese unverschämte Äußerung Rede stehen!« »Das Übrige wissen Sie so ziemlich, meine Herren; und diese furchtbare Scene,« fügte Herr Duportail mit einem Blicke auf mich hinzu, »wird ohne Zweifel verdrießliche Folgen haben.« »Ja, mein Herr, ohne Zweifel wird dies der Fall sein. Morgen früh um fünf Uhr erwartet Herr von B... nebst zwei seiner Anverwandten uns alle drei am Thore Maillot.« »Schon wieder ein Duell, schon wieder Blut!« rief Rosambert. »Sehen Sie, Faublas,« sagte Herr Duportail zu mir, »sehen Sie die Folgen einer strafbaren Leidenschaft! morgen werden sich sechs wackere Männer um der Marquise von B... willen die Hälse brechen! morgen werden der Herr Graf und ich, der Kampf mag ausfallen, wie er will, für die Theilnahme an Ihren Verirrungen gestraft werden; wir werden dafür gestraft werden, denn so sehr ich mit Leib und Seele Krieger bin – ich habe dies hundertmal bewiesen – – so ist es doch sehr hart, sein Leben nicht anders retten zu können, als indem man einen Gegner aufopfert, den man oft hochschätzt. In wenigen Stunden werden Herr von Rosambert und ich das Blut zweier Männer vergießen, die wir vielleicht nicht kennen, die uns nie im geringsten beleidigt haben.« »Mein Herr, ich bin mehr zu beklagen, als Sie, ich schlage mich mit dem Marquis, dem ich alles mögliche Leid zugefügt habe...!« »Es ist sehr sonderbar,« fiel Rosambert ein, »dass ich bei dieser Affaire Ihr Kampfgenosse bin! es ist sonderbar, dass ich mich für Sie schlage, weil Sie mir eine Geliebte weggenommen haben; aber meine Herren, keine langen Betrachtungen mehr, wir haben keine Zeit zu verlieren. Morgen früh um sechs Uhr sind wir entweder todt, oder wir müssen das Königreich verlassen, was ebenfalls sehr hart ist.« »Franzosen!« rief Herr Duportail, »Ihr, die Ihr mich gastlich empfangen habt, so werde ich denn nicht von Euch scheiden, ohne das weiseste Eurer Gesetze übertreten zu haben!« »Meine Herren,« fuhr Rosambert fort, »wohin wollen wir fliehen?« Ich antwortete rasch: »Nach Deutschland!« »Ja, nach Deutschland, wenn Sie wollen,« sagte Herr Duportail. »So sei es denn nach Deutschland!« versetzte der Graf. Wir kamen vors Hotel. Adelheid und der Baron giengen bereits die Treppe hinauf, Herr Duportail folgte ihnen in der Meinung, ich komme nach. Ich verabschiedete mich von Rosambert. »Wie? wohin gehen Sie denn?« »Zu meinem Freund Derneval; besorgen Sie das nöthige auf morgen.« »Wird man Sie Abend nicht sehen?« »Ich kann für nichts stehen; vielleicht komme ich erst morgen früh um vier Uhr zurück.« Ich entfernte mich in dem Augenblick, wo Herr Duportail zurückkam, um mich abzuholen. Ich kam mit so verstörter Miene zu Derneval, dass er mich sogleich fragte, was mir begegnet sei. »Mein Freund, ich habe morgen eine Ehrensache; morgen sterbe ich, oder Sophie verlässt Frankreich mit mir. Die Postchaise, in der Sie Dorothea fortführen, muss auch Fräulein von Pontis mitnehmen.« Derneval machte große Augen; wir beschäftigten uns den Rest des Tages mit Vorbereitungen aller Art, die unser großes Unternehmen erforderte. Ich hätte abends einen Augenblick nach Hause gehen können, allein ich fürchtete, von dem Baron zurückgehalten zu werden. Kurz vor Mitternacht versteckte ich meinen Degen unter einen Mantel; Derneval brauchte dieselbe Vorsicht. Wir machten uns in Begleitung von drei Bedienten, für deren Muth und Treue mein Freund bürgte, auf den Weg. Unter den Klostermauern angelangt, warfen wir ein großes Packet, das zwei vollständige Manneskleidungen enthielt, in den Garten, legten die Strickleiter an und befahlen zwei von unsern Bedienten, in einiger Entfernung Wache zu stehen, und dem dritten, schlag vier Uhr die Postchaise zu bringen. Wir stiegen in den Garten. Derneval und Dorothea ließen mich mit Sophie allein. Wir setzten uns unter den Kastanienbaum. Ich sah Sophie an, ohne ein Wort zu sagen, und benetzte ihre Hände mit meinen Thränen. »Was bedeutet denn dieses Schweigen?« sagte sie. »Was sollen diese Thränen?« »Sophie, diese Thränen verkündigen große Trauer. Weißt Du denn nicht, dass Dorothea uns verlässt?« »Ja, aber sie hat uns zu lieb ihre Reise um einen Tag aufgeschoben.« »Nein, liebe Sophie! ihre Reise ist nicht aufgeschoben; Derneval entführt sie noch diese Nacht.« »Heute Nacht!« »Ja, ich kann Dich nicht im Sprechzimmer sehen, ich werde Dich nicht mehr im Garten sehen können; so sind wir getrennt auf immer. Liebe Sophie, dies ist die letzte Nacht, die wir mit einander zubringen.« »Die letzte!« rief sie mit trauriger Stimme. »Ja, die letzte! Dorothea verlässt uns, sie lässt Dich allein; sie opfert Alles ihrer Zärtlichkeit für Derneval auf; Derneval ist glücklicher als ich!« »Mein Freund! können Sie ein Glück wünschen, das mich das meinige kosten würde?« »Sophie, dies ist die letzte Nacht, die wir mit einander zubringen.« »So wollen wir sie so zubringen, mein Freund, dass wir uns morgen keinen Vorwurf machen müssen.« »Morgen werden wir getrennt seufzen! und inzwischen sind Derneval und Dorothea auf dem Wege nach Deutschland!« »Sie gehen nach Deutschland?« »Ja, meine angebetete, geliebteste Freundin!« »Ich bitte, erklären Sie sich doch.« »Sophie, die Abreise Dorotheens ist das größte Unglück, das unsere Liebe bedroht.« »Aber sagen Sie mir doch, Faublas, haben Sie mich nicht hundertmal versichert, dass Sie, sobald der Baron von Görlitz ankomme, ihn um seine Tochter bitten werden?« »Die Einwilligung des Barons von Görlitz wird nichts helfen, wenn mein Vater nicht auch seine Stimme zu unserer Verbindung gibt.« »Aber Ihr Vater wird dieselbe doch gutheißen, sobald der meinige –« »Sophie, ich darf Sie nicht hintergehen, mein Vater bestimmt mir eine andere Gemahlin.« »Eine andere Gemahlin! und Sie kündigen mir es an! Grausamer, ich erkenne Ihre Absicht! ich bin aufgeopfert!« »Nein, meine Sophie, nein, beruhige Dich! ich erneuere Dir hier meine tausendmal wiederholten Schwüre! nie wird eine andere den Namen meiner Gattin tragen; aber wenn Du nicht die meinige bist, so hast Du es nur Dir selbst zuzuschreiben.« »Mir selbst, erkläre Dich, mein Freund!« »Ja, diese so ersehnte Verbindung, Du hast sie nicht nothwendig machen wollen!« »Ich verstehe Sie nicht!« »Wenn Du meine Wünsche erhört hättest –« »Mein lieber Faublas, was sagen Sie mir da?« »Ich hätte meine Sophie dem Baron von Faublas vorgestellt und zu ihm gesagt: Sie hat mein Wort, unsere Schwüre sind am Himmel geschrieben, es fehlt ihr nichts mehr, als der Titel meiner Gattin.« »Wie, Faublas, ich sollte diesen Titel um diesen Preis erkaufen?« »Du liebst mich also nicht mehr, wenn Du Dich dadurch entehrt glauben kannst! Grausame! auf was wartest Du denn? wir werden getrennt werden, bald wird man Dich in ein fremdes Land führen! ferne von mir. Sophie, öffne Deine Augen über die Gefahren, die uns bedrohen; Du kannst ihnen zuvorkommen. Du kannst Dich durch unauflösliche und heilige Bande mit mir vereinigen. Lass Dich erbitten, geliebteste Freundin.« »Nein, nein! nie werde ich dies zugeben.« Meine Bitten waren vergeblich. In Verzweiflung darüber, dass ich alle Hoffnung schwinden sah, überließ ich mich ganz meinem Schmerz. »Ihr Schmerz zerreißt mir das Herz,« sagte Sophie. »In welche Verzweiflung sehe ich Sie versunken, mein Freund!« »Sophie, nie war mein Schmerz tiefer und gerechter; die Stunden entfliehen, der Tag wird nur zu bald heraufziehen, und ich wiederhole Ihnen, dies ist das letztemal, das wir einander sehen!« »O, Himmel! in welchem Tone er zu mir spricht, welch düstere Verzweiflung aus seinem ganzen Wesen athmet! Oh! mein Freund, wie schmerzlich sind Ihre Thränen! Sie sind grausam!« »Sophie, ich weine jetzt, bald werden auch Sie weinen; bald wird eine traurige Nachricht sich in der ganzen Stadt verbreiten und bis in Ihre Mauern dringen, und Ihre späte Reue wird Ihnen Ihren Geliebten nicht wieder geben können.« »Grausamer, Sie könnten Ihr Leben bedrohen?« »Nein, nicht von meiner Hand wird der Todesstoß ausgehen, Sophie! wenn mein Leben Ihnen theuer wäre, so würde ich es gegen den Marquis von B... vertheidigen.« »Großer Gott! Sie wollen sich schlagen!« Sie fiel in Ohnmacht, ich verwendete alle Sorge auf sie, die ihre Lage erheischte. Sie schöpfte wieder Athem; dann lag sie in meinen Armen. Es schlug vier Uhr, als Derneval zu uns kam. Ich lief ihm entgegen; er sagte zu mir, die Postchaise sei angekommen. Dorothea habe ihn auf eine halbe Stunde verlassen, werde aber bald wieder da sein, und sich in die Männerkleidung angethan haben. Jetzt habe ich meine Sophie nur noch zur Flucht zu bewegen. Ich kehrte zu meiner Geliebten zurück, zeigte ihr die für sie mitgebrachten Männerkleider und beschwor sie sich umzukleiden. »Wie! warum?« »Derneval und Dorothea reisen nach Deutschland; sagt Dir Dein Herz nicht, dass wir mit ihnen gehen?« »Ich! ich sollte meinem Vater diesen tödtlichen Kummer bereiten? bin ich nicht schon strafbar genug?« »Höre mich, liebe Sophie!« »Nein, ich will nichts hören; nein. Grausamer, Sie haben mich zu Grunde gerichtet.« »Sophie, meine theuere, meine einzig geliebte Sophie, warum zögerst Du jetzt noch, da Du Dich mir doch zu eigen hingegeben, da ich Dich in meinen Armen, hochbeglückt und Alles um mich vergessend gehalten, als mein einzig, mein angebetetes Weib?« »Faublas, jetzt vermagst Du Alles über Deine Geliebte; habe Mitleid mit ihr!« »O, meine theuerste Sophie; ich möchte Dir gerne eine grausame Angst ersparen, aber Du zwingst mich Dich zu erinnern, dass der Marquis –« »Ach, mein Faublas!« »Zittere nicht mehr für ein Leben, an das nun auch das Deinige geknüpft ist; Dein Gemahl wird siegen! die ganze Familie des Marquis würde er jetzt in die Schranken fordern! aber Du kennst die Gesetze des Landes nicht! – Sophie, wenn ich nach Überwindung des Gegners hier bleibe, so setze ich mich der Gefahr aus, den Kopf auf dem Schaffot zu verlieren.« »Ich Unglückliche!« »Sophie wir müssen fliehen, wir wollen nach Deutschland gehen; der Baron von Görlitz kann Deinen Geliebten nicht verweigern, und mein Vater wird mein Glück bestätigen; und jetzt, liebste Sophie, erlaube, Dass Dein Gemahl Dich ankleide!« Es schlug drei Viertel, bis Sophie ganz reisefertig war. Dorothea kam zu uns; Derneval ward ungeduldig und sagte, dass die Morgenröthe ihn nimmer in der Stadt antreffen dürfe, und ich vor dem Thore Maillot mich einzufinden habe! »Wie, wir reisen nicht alle vier zusammen?« ruft Sophie. »Geliebteste, die Ehre ruft mich; ich lasse Dich bei Dorothea, ich gebe Dich unter Dernevals Schutz. Derneval wird höchstens eine Post vor mir voraus haben, er muss mich in Meaux erwarten; in zwei Stunden bin ich bei Euch.« Sophie wirft sich in meine Arme und ruft voll Verzweiflung: »Ich lasse Dich nicht!« Derneval stampft mit dem Fuße. »Noch begünstigt uns der Nebel, aber der Tag wird uns hier überraschen.« Ich riss mich aus Sophiens Armen. »Faublas, wenn Sie mich verlassen, so gehe ich nicht.« »Gut, Sophie, ich werde Dich nicht verlassen, aber jetzt eilen wir, um hinauszukommen!« Derneval hatte vorausgesehen, dass es unsern Freundinnen schwer fallen würde, die Mauern an den Strickleitern zu erklettern, und deshalb zwei hölzerne Leitern bringen lassen. Dorothea schon längst auf ihre Entführung vorbereitet, war bald auf der Straße; aber Sophie wäre zwanzigmal zurückgefallen, wenn ich sie nicht unterstützt hätte. Vor der Postchaise angekommen wollte mich Sophie zuerst einsteigen sehen. »Aber, Sophie, die Ehre ruft mich!« »Die Ehre? Sie wollen sich also schlagen? Ich werde es nie zugeben!« Während sie so sprach, schlug es fünf Uhr. Nie hatte es eine grausamere Lage gegeben, als die meinige in diesem Augenblicke. In der Verzweiflung ziehe ich meinen Degen, um mich zu durchbohren. Derneval hält meinen Arm. Sophie ruft zitternd: »Gut! ich gehorche, ich gehe, ich will Sie nicht in eine so trostlose Lage bringen durch meine Thränen!« Während man sie neben Dorothea setzt, sagte ich zu Derneval: »Es ist fünf Uhr, wenn ich den Weg zu Fuß machen muss, so komme ich zu spät und bin entehrt. Ich will von einem Ihrer drei Reiter ein Pferd nehmen; er soll so schnell als möglich in meine Wohnung gehen, wo ich befehlen werde, dass man ihm das Pferd gebe, das man ohne Zweifel für mich bereit hält.« Sophie neigte sich fast sterbend über den Schlag heraus. »Mein Freund,« sagt sie, »führen Sie mich wenigstens auf den Kampfplatz.« »Meine geliebte Freundin, beste Sophie, in zwei Stunden habe ich Euch eingeholt.« »Theuerster Freund, liebster Gatte! sorge für Dich, vertheidige mein Leben!« Ich sah die Postchaise davon fahren und gewann im stärksten Galopp die Straße l'Université. Jasmin erwartete mich am Thore des Hotels. »Eilen Sie, lieber Herr, eilen Sie! der Herr Baron hat Sie auf allen Seiten suchen lassen; in Verzweiflung über Ihre Abwesenheit ist er selbst zu Pferde gestiegen und hat seinen Degen genommen; ich fürchte sehr, er will sich für Sie schlagen.« »Ach, mein Gott! lass mich nicht zu spät kommen!« Ich ritt spornstreichs davon; Jasmin galoppierte hinter mir her. »Gnädiger Herr, warum nehmen Sie denn nicht Ihren guten Renner?« »Es ist kein Augenblick zu verlieren! kehre sogleich um; es wird jemand kommen und ein Pferd verlangen, gibt ihm das meinige.« In kurzer Zeit war ich vor dem Thore Maillot und sah den Baron von mehreren Personen umringt. Aus seinen Geberden schloss ich, dass er den Marquis herausforderte. Es schien mir, dass Herr Duportail, Rosambert und die beiden Verwandten des Herrn von B... sich diesem Kampfe widersetzten. Sobald man mich sah, trennte man sich. »Das wusste ich wohl!« rief Rosambert. »Mein Sohn,« sagte der Baron, »Sie kommen zu spät!« »Allzuspät, mein Vater, ohne Zweifel, da Sie selbst Ihr Leben aussetzen wollen!« Herr von B... unterbrach mich: »Hätte es sich darum gehandelt, das hübsche Mädchen zu spielen, so wärst Du früher bei der Hand gewesen. Komm, feiger, treuloser Weiberknecht! Dein Tod wird auf der Stelle meine Schmach rächen.« Unsere Degen kreuzten sich. Die große Überlegenheit, die ich mir in der Fechtkunst erworben hatte, und die Kaltblütigkeit, die ich der Wuth des Marquis entgegensetzte, wogen den ungeheuern Vortheil, den ihm ein gefahrloser Angriff gab, zu meinen Gunsten auf. Beim Anblick meines Gegners war mir mein ganzes Unglück vor die Seele getreten, ich fühlte, dass ich schweres Unrecht diesem Manne angethan, und so sehr ich in mancher Beziehung zu entschuldigen war, so fühlte ich doch, dass ich mir mehr als einen Vorwurf zu machen hatte. Ich konnte mich nicht entschließen, das Leben eines Mannes zu bedrohen, dessen Eigenliebe ich tödtlich verletzt, dessen Ehre ich bloßgestellt hatte. Zufrieden, seine Stöße zu parieren, ließ ich ihn sich in nutzlosen Anstrengungen erschöpfen, und verließ mich ganz auf meine Gewandtheit in der Hoffnung, er werde bald vor Mattigkeit aufhören müssen und sich glücklich schätzen, sein Leben dadurch zu retten, dass er sich für besiegt erkläre. Meine Hoffnungen wurden getäuscht. Mein Vater, der bei einem für ihn so schrecklichen Kampfe Zuschauer blieb, stand zehn Schritte von mir; ich konnte sehen, wie er die blitzschnellen Bewegungen unserer Degen mit unruhigen Blicken verfolgte. Mehr als einmal glaubte ich, er würde, vor Ungeduld übermannt, sich auf den Kampfplatz stürzen. Herr von B... suchte mit Drohungen und mit Schimpfworten seinen Zorn zu reizen und setzte mir mit einer Kraft zu, die ich nicht bei ihm gesucht hätte. Indes hatte er mir noch keinen Zoll breit Boden abgewonnen, und mein ruhiger Widerstand hatte seine Wuth bisher nur noch gesteigert. Auf einmal bemeisterte er seine tolle Hitze und täuschte mich durch eine geschickte Finte; ich kam etwas zu spät zur Parade; das feindliche Eisen, nicht kräftig genug hinweggedrückt, streifte meine Brust, die sich plötzlich mit Blut färbte. Mein Vater stieß einen Angstschrei aus und zog seinen Degen; sogleich aber hielt er ein und zerbrach ihn zornig, und rief, indem er die Hände rang: »Mein Gott, habe Mitleid mit mir! erhalte mir meinen Sohn!« Ich konnte den Anblick der Verzweiflung meines Vaters nicht ertragen. Der Marquis, dem ich nunmehr gewaltig zusetzte, vertheidigte sich tapfer, konnte aber den entscheidenden Stoß nur einige Augenblicke aufhalten. Sein Fall musste der Todesangst des Barons ein Ende machen. Indes sah ich meinen Vater fast zu gleicher Zeit mit dem Marquis zu Boden sinken. Ich dachte mir, der Baron werde mich schwer verwundet glauben; nachdem ich zu ihm trat, entblößte ich meine Brust und sagte: »Beruhigen Sie sich, ich bin bloß etwas gestreift!« Mein Vater nahm mich in seine Arme und zeigte mir den Kampfplatz. Ich blickte umher und sah einen der Verwandten des Marquis bewusstlos am Boden liegen. Ein Wundarzt verband Rosambert, den Herr Duportail und mehrere Bedienten hielten. »Wir machten Schlag auf Schlag,« sagte der Graf zu mir; »mein Gegner scheint nicht gefährlich verwundet zu sein, das ist mir lieb.« Der Baron kam jetzt zu uns; er hörte, wie der Wundarzt uns versicherte, der Graf sei nicht tödtlich verwundet, könne sich aber dennoch nicht ohne Gefahr den Strapazen einer langen Reise aussetzen. »Ich werde für ihn sorgen,« rief der Baron, »rettet Euch!« »Ja, rettet Euch!« wiederholte Rosambert; »komm her, Faublas, umarmen wir uns, und jetzt lebe wohl!« Mein Vater presste mich lange an seine Brust. »Diese unglückliche Affaire,« sagte er zu Herrn Duportail, »macht unsere Pläne zu nichts; sei sein Vater, Lomzinski, bis ich zu Euch kommen kann! ich will Euch nicht länger aufhalten, meine Freunde, geht! hier sind treffliche Renner, die Euch in weniger als einer Stunde nach Bondy bringen, wo Ihr einen Wagen finden werdet. Ich habe bis Clayes Relais bestellt, erst in Meaux werdet Ihr Postpferde nehmen; reiset so schnell als möglich, bis Ihr in Luxemburg und in Sicherheit seid.« Endlich machen mir uns auf den Weg; in Bondy treffen wir die Postchaise, den Kutscher meines Vaters und meinen treuen Jasmin. Die Relais folgten schnell auf einander bis Meaux; hier musste auch Derneval Postpferde nehmen; hier hatte er versprochen, eine Viertelstunde auf mich zu warten. Ich fragte, ob man nicht drei junge Herren in Begleitung von drei Bedienten gesehen habe. Man antwortete, sie seien vor einer halben Stunde abgereist. Dieselben Fragen, dieselben Antworten in Saint-Jean les deux-Jumeaux, in Montreiul-aux-Lions. Derneval hatte immer eine halbe Stunde vor mir voraus; offenbar fürchtete er, verfolgt zu werden, und beeilte sich; er hatte auch Recht; aber wie groß musste Sophiens Unruhe sein! Herr Duportail, dem meine vielen Fragen und meine Geldverschwendung auffielen, fragte mich, warum ich an diesen Leuten ein so lebhaftes Interesse nehme. »Mein Herr, es sind drei Brüder, die diesen Morgen wie wir eine Ehrensache abmachten. Ich muss sie nothwendig einholen. Wir wollen Reitpferde nehmen, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist.« »Aber mein Freund, wenn wir unsere Chaise zurücklassen, so müssen wir vielleicht den ganzen übrigen Weg zu Pferde machen.« »Oh, ich fürchte die Strapaze nicht!« »Und ich, mein lieber Faublas, bin daran gewöhnt.« In Vivray ließen wir unsern Wagen und Jasmin zurück und stiegen zu Pferd. Wir holten Derneval erst eine halbe Meile über Normans ein. Sophie stößt einen Freudenschrei aus, als sie mich bemerkt, die Seligkeit eines kaum geahnten glücklichen Wiedersehens scheint sie zu überwältigen, sie streckt mir ihre Arme entgegen. »Theuerste Sophie, liebste Freundin, mäßige den Ausdruck Deiner Zärtlichkeit; sie würde Dich verrathen! Herr Duportail folgt mir, bedenke, dass Du Dernevals Bruder bist.« In Pont-à-Binson stieg Derneval ab, begrüßte Herrn Duportail, bat ihn seine Brüder zu entschuldigen, dass sie sich nicht zeigten, und sagte zu uns: »Da es von Interesse ist, dass man unsere Spuren verliert, wenn man uns allenfalls auf diesem Wege verfolgt, so habe ich Maßregeln ergriffen, die Sie ohne Zweifel billigen werden. Zwei Meilen von Epernay werden wir die Pferde, die wir uns auf der nächsten Post geben lassen, zurückschicken, um bessere zu erhalten, die einer meiner Freunde, den ich vor mehreren Tagen davon benachrichtigt habe, sicher in Bereitschaft hält. Ein Seitenweg bringt uns nach Jalous. Auf der ganzen Route müssen hinlängliche Relais bestellt sein bis Sainte-Menehould, wo wir wieder Post nehmen. Aber meine Herren, als ich diese Maßregeln traf, um meine Flucht zu sichern, rechnete ich nicht auf Euch. »Meinen Leuten ihre Pferde zu nehmen, um sie Ihnen zu geben, hieße unsere Escorte auf eine höchst unkluge Art schwächen. Zum Glück ist mein Wagen groß und bequem. Sie haben beide noch darin Platz, ich will ihn führen. Ich will Ihr Postillon sein.« Herr Duportail ließ sich lange bitten, bis er endlich den Vorschlag annahm. Ich sagte leise zu Derneval, dass ich mich in einer sonderbaren Verlegenheit befinden werde. »Mein lieber Derneval, Ihre angeblichen Brüder sind so hübsch! ich fürchte besonders die sanften Stimmen und die zärtlichen Zerstreutheiten Sophiens; Herr Duportail wird sich nicht lange täuschen lassen. Derneval, empfehlen Sie unseren Freundinnen, dass sie tief schlafen, wenn Herr Duportail und ich uns in den Wagen setzen. Es gibt kein anderes Mittel. Eine Unvorsichtigkeit wäre gefährlich, so dass man sich hier durch eine Unhöflichkeit helfen muss.« Alles gieng, wie Derneval uns versprochen hatte. In einiger Entfernung von Epernay trafen wir ein Relai. Welche Rührung empfand ich, als ich mich in dem Postwagen gegenüber von meiner Sophie sah! sie schien zu schlafen; durch eine leichte Berührung ihrer Kniee, die erwiedert wurde, wusste ich, dass meine angebetete Sophie für ihren Geliebten wache. »Sind diese zwei jungen Leute Herrn Dernevals Brüder?« fragte mich Lowzinski sehr erstaunt. »Er versichert es wenigstens.« Herr Duportail fragte nicht weiter; aber ich bemerkte, dass er Dorothea nicht mehr ansah, dagegen keinen Blick von meiner Sophie abwandte, die ruhiger geworden, seit ich bei ihr war, und wirklich einschlief, während sie sich schlafend stellte. Nach einer halben Stunde Stillschweigen sagte Herr Duportail zu mir, er glaube nicht, dass dies Dernevals Brüder seien. Ich antwortete ruhig: »Ich auch nicht.« »Wie, Sie sagten mir doch –« »Ja, weil er es mir gesagt hat; ich kenne seine Brüder nicht.« »Faublas, ich glaube, es steckt ein Geheimnis darunter.« »Bei Gott, ich glaube es auch!« »Faublas, dies sind verkleidete Frauenzimmer.« »Auf Ehre, mein Herr, ich wollte darauf wetten.« Herr Duportail schwieg und betrachtete seit einer Viertelstunde meine Sophie immer aufmerksamer. Endlich zeigte er auf Dorothea und sagte: »Diese hier ist hübsch; aber diese da!« (er zeigte auf Sophie und seine Augen flammten.) »Ist weit hübscher, meinen Sie nicht so?« »Ja, weit hübscher, und ihr Gesicht erinnert mich an vergangene Zeiten.« »Dies Gesicht ist bezaubernd, finden Sie es nicht so?« »Oh, ja, bezaubernd!« Er stieß einen tiefen Seufzer aus und schwieg, die Augen fortwährend auf meine Geliebte gerichtet. Dann blieb Herr Duportail in eine tiefe Schwärmerei versunken, bis wir in Sainte-Menehould ankamen. Während der Postmeister umspannen ließ und unsere Leute zu überzeugen suchte, dass seine Mähren treffliche Pferde seien, gieng Herr Duportail auf Derneval zu und fragte ihn mit unsicherer Stimme, ob die beiden Damen, die noch im Wagen schliefen, seine Verwandten seien. »Da ihre Verkleidung Sie nicht täuschen konnte,« antwortete Derneval, über diese wenigstens indiscrete Frage eben so verwundert als ich, »so will ich Ihnen sagen, mein Herr, dass die eine meine Frau ist, und die andere meine Schwester,« fügte er mit einem Blick auf mich hinzu. »Welche ist Ihre Schwester, mein Herr?« fragte Herr Duportail weiter. »Diese hier.« (Derneval zeigte auf meine Sophie.) »Mein Herr, Sie haben eine sehr interessante Schwester; ihr Gesicht! Ich wünsch Ihnen Glück, dass Sie eine solche Schwester haben.« Meine Verwunderung stieg mit jedem Worte, das Herr Duportail sagte. Ich weiß nicht, ob er es bemerkte, aber er nahm mich einen Augenblick auf die Seite und sagte zu mir: »Faublas, bewundern Sie hier die außerordentliche Macht einer Leidenschaft, die ihren Gegenstand überlebt. Dernevals liebenswürdige Schwester interessiert mich im höchsten Grade, und wissen Sie auch warum? ich glaube in ihr die Gattin wieder zu sehen, die ich täglich beweine. Ja, mein lieber Faublas, beim ersten Blick auf sie sagte ich zu mir: »Dies ist Lodoiska!« Ich sage es noch jetzt, nachdem ich alle Züge dieses eben so schönen als geistigen Gesichts aufmerksam geprüft habe. Ja, mein Freund, so wäre Ihnen Pulawski's Tochter erschienen; als sie in Männerkleider mit ihrem Vater und ihrem Gatten vor den russischen Verfolgern floh. Etwas weniger jung, aber nicht minder schön, so war damals Lodoiska; die ganze leibhaftige Lodoiska athmet aus diesem reizenden Fräulein.« Ich hörte Herrn Duportail mit heimlichem Vergnügen. Überzeugt, dass er sich selbst über die Art der Gefühle, die ihn bewegten, zu täuschen suchte, konnte ich nicht umhin, einen gefühlvollen Mann innerlich zu beklagen, den sein Alter und seine Erfahrung schlecht gegen die gefährlichen Reize einer entstehenden Liebe vertheidigten; und doch pries ich mich selig über mein Glück, das mir ohne Zweifel noch tausend Nebenbuhler erwecken musste. Indes wartete man nur noch auf uns; der Tag neigte sich, wir fuhren die ganze Nacht, am andern Morgen um acht Uhr kamen wir in Luxemburg an und stiegen im ersten Gasthofe ab. Während wir ein kleines Mahl einnahmen, verschwendete Herr Duportail die schmeichelhaftesten Komplimente an Sophie. Er dachte nicht daran, dass sie Ruhe nöthig hatte, bis unsere; von der langen Reise erschöpfte Freundinnen den Wunsch äußerten, sich zurückzuziehen. Derneval hatte bei dem Wirte vier Zimmer bestellt; eines für die Damen, die unsern zwei neben an, das für Herrn Duportail ganz hinten im Gange. Derneval nahm Dorothea bei der Hand; Lowzinski, schneller als ich, bemächtigte sich Sophiens, führte meine Geliebte bis vor ihr Zimmer und entfernte sich seufzend in das für ihn bestimmte. Sobald wir ihn eingeschlafen glaubten, giengen Derneval und ich ins Zimmer unserer Freundinnen. Dorothea hatte sich eben zu Bette gelegt; Sophie war noch angekleidet und hörte weinend auf die Trostworte, die ihre Freundin an sie richtete. Derneval sagte leise zu mir, ich solle sie wegführen. »Komm, liebe Sophie, komm! lassen wir diese Liebenden allein; sie haben sich, wie wir, tausend Sachen zu sagen.« Ich führte sie in mein Zimmer. »So ist es denn wahr,« sagte sie, »dass ein Fehltritt immer andere schwerere nach sich zieht? so ist es denn wahr, dass ein unglückliches, durch ihr Herz verrathenes, durch eine thörichte Hoffnung getäuschtes Mädchen, so bald sie einmal einen unbesonnenen Schritt gethan hat, am Ende ihre heiligsten Pflichten verletzen kann? warum bin ich so oft in das unselige Sprechzimmer gekommen, warum habe ich Sie in dem Klostergarten empfangen?« »Meine Sophie, es war die Liebe, welche Dich hinführte.« »Wohl, aber ich liebte die Tugend nicht, ich habe mich leichtsinnig ausgesetzt.« »Was sagst Du, Sophie, welch traurige Betrachtungen vergiften Dein Glück?« »Mein Glück! – kann ich unter solchen Gewissensbissen glücklich sein?« »Sophie, noch diesen Abend, Herr Duportail mag sagen, was er will, reise ich mit Dir nach Görlitz; wir werfen uns Deinem Vater zu Füßen ...« »Nie, nie werde ich's wagen, ihm unter die Augen zu treten.« »So liebst Du mich also nicht?« »Ich liebe Dich! Faublas, mein theuerster Freund, mein Leben! ich fühle es nur zu gut, dass ein Gefühl der Reue mich in meinen eigenen Augen als gesunken hinstellt, bald werde ich es vor der ganzen Familie sein. Glaubst Du, mein Freund, Deine Sophie könnte das Leben ertragen, wenn ihr nicht ihre Liebe geblieben wäre? Ach, mein geliebter Faublas! meine Reue beleidigt Dich! meine Gewissensbisse erzürnen Dich, verzeih einem schwachen Weibe diese so sehr berechtigte Reue, komm und reiche mir versöhnend Deine Hand und habe Geduld mit mir!« Ich schloss sie in meine Arme und bedeckte ihr schönes Gesicht mit glühenden Küssen. Plötzlich wurden wir durch einen schrecklichen Lärm erschreckt; ich hörte Derneval rufen: »Zurück, ich zerschmettere jedem den Kopf, der hereinzudringen wagt.« In diesem Augenblick befiehlt man mir die Thüre zu öffnen; ich erkenne mit eben so viel Erstaunen als Schrecken die Stimme meines Vaters. Sophie ringt verzweiflungsvoll die Hände, ich fasse Muth und öffne. Herr Duportail tritt mit dem Baron von Faublas ein. »Sind Ihre schändlichen Pläne endlich in Erfüllung gegangen?« sagte dieser. »Sie haben es also gewagt...« In diesem Augenblick treten die, welche an Dernevals Zimmer klopften, in mein Zimmer. Ich erkenne Frau Münch. »Er ist's! dieser ist's!« sagte sie zu einem Greise, der ihr folgte. Der Unbekannte nennt mich einen ehrlosen Räuber und zieht seinen Degen. Ich springe nach dem meinigen und rufe: »Wer ist denn dieser unverschämte Fremdling?« Der Baron hält mich zurück und sagt: »Unglücklicher, es ist ein Vater, der seine Tochter an demselben Tage in Paris abholen will, wo Sie dieselbe entführten.« »Wie, es wäre – ?« »Ich bin,« unterbrach mich der Greis, »ich bin der Baron von Görlitz.« Bei diesem Namen stößt Sophie einen Angstschrei aus, schlägt die Vorhänge, hinter welche sie sich verbarg, zurück, streckt ihrem Vater die Arme entgegen und fällt in Ohnmacht. »Das Vergehen ist also vollendet,« ruft Herr von Görlitz beim Anblick seiner Tochter. Herr Duportail hat Mühe, meinen Vater zurückzuhalten, der mich mit Vorwürfen überhäuft. Der Baron von Görlitz ruft mir zu, ich solle mich vertheidigen. »Du hast mein Alter entehrt, schändlicher Verführer, ich will mich rächen oder sterben.« Er geht mit gezücktem Degen auf mich zu, ich werfe den meinigen zu seinen Füßen. »Stoßen Sie zu, ich werde mich nicht gegen Sophiens Vater vertheidigen; aber beklagen Sie Ihre Tochter, hören Sie mich, hören Sie ihre Rechtfertigung! Sophie stirbt, lasst uns ihr zu Hilfe eilen.« »Zu Hilfe?« antwortete der Baron, »hundertfältige Rache und Strafe soll sie treffen!« Er geht mit bloßem Degen auf seine Tochter zu, ich stürze mich auf ihn und fasse ihn um den Leib. »Unmensch, tödte mich! aber hüte Dich meiner Sophie nahe zu treten, ich würde sie selbst gegen ihren Vater vertheidigen. – Mein Herr, ich bitte, hören Sie mich an! Ihre Tochter ist unschuldig, ich habe sie verführt, ich allein bin sträflich.« Während ich Herrn von Görlitz zu erweichen suche, während Herr von Duportail sich Mühe gibt mit meiner Sophie, und die Wuth meines Vaters zu besänftigen sucht, ist Sophie, um welche sich Frau Münch ebenfalls bemühte, zu sich gekommen, sie öffnete die Augen, aber beim Anblick ihrer Umgebung ist sie wieder in eine tiefe Ohnmacht gesunken. In diesem Augenblick stürzt Derneval mit drei Bewaffneten in mein Zimmer und fragt in stolzem Tone, wer es wage, die Ruhe der Reisenden zu stören. »Und was gehen unsere Händel Sie an?« entgegnete mein Vater in demselben Tone. Ich weiß nicht, welche Antwort mein Waffenbruder auf der Zunge hatte; aber genöthigt meine Aufmerksamkeit zwischen mehrere, gleich theuere Gegenstände zu theilen, rufe ich Derneval zu: »Mäßigen Sie sich, mein Freund! hier ist mein und Sophiens Vater.« Derneval zieht sich mit seinen Leuten zurück, bleibt aber im Gange stehen. Indes hat sich Herr von Görlitz gesetzt; an die Stelle des Zorns ist plötzlich eine scheinbare Ruhe getreten. Er beobachtete ein tiefes Stillschweigen; mit trockenem Auge blickte er bald meinen Vater, bald seine Tochter, bald mich an. Ich glaube ihn der furchtbarsten Verzweiflung preisgegeben, denn ich weiß, dass große Schmerzen stumm sind und keine Thränen haben. Mein Vater sucht ihn zu trösten. Ich fliege auf Sophie zu, um meine Bemühungen mit denen der Frau Münch zu vereinigen. Herr Duportail ist nicht minder gerührt, nicht minder aufgeregt und nicht minder ängstlich als ich. In einem Augenblick wiederhole ich hundertmal den Namen meiner Geliebten; auf meine Stimme öffnet sie die Augen. »Ach, Du hast mich zu Grunde gerichtet!« sagt sie; und dieser nur zu wahre Vorwurf vermehrt für mich die Schrecken dieses entsetzlichen Augenblicks. Mein Vater sagt zu Herrn von Görlitz alles, wodurch er seinen Schmerz lindern zu können glaubt. Dieser unterbricht ihn unaufhörlich durch den grausamen Ausruf: »Sie ist nicht meine Tochter!« Herr Duportail vereinigt seine Bitten mit denen meines Vaters, er sagt zu Herrn von Görlitz: »So hören Sie doch ihre Rechtfertigung. Ihre Tochter kann nicht ganz unschuldig sein, aber vielleicht verdient sie Nachsicht. Unter einem so interessanten Äußern kann kein verdorbenes Herz verborgen sein. Hören Sie ihre Rechtfertigung!« Baron von Görlitz : »Meine Herren, ich wiederhole Ihnen beiden, dass sie nicht meine Tochter ist.« Duportail : »Aber erklären Sie sich.« Baron von Görlitz : »Sie ist nicht meine Tochter, ihre Gouvernante weiß es wohl; Frau Münch wird Ihnen sagen, dass ich sie an Kindesstatt angenommen habe, um ihr einen Theil meines Vermögens zu geben. Sie war kaum sieben Jahre alt, als meine geizigen Verwandten einen Versuch machten, sie zu vergiften; deshalb habe ich sie in Frankreich erziehen lassen.« Duportail : »Sie ist nicht Ihre Tochter? kennen Sie ihre Eltern?« Baron von Görlitz : »Ich hätte sie ohne Zweifel entdecken können; ich habe sie nicht gesucht; dies ist ein Verbrechen, das mir der Himmel nicht ungestraft hingehen lässt.« Duportail (lebhaft): »Mein Herr –!« Baron von Görlitz : »Mein Herr, haben Sie die Güte, mir einen Augenblick Aufmerksamkeit zu schenken.« Man denke sich meine Unruhe während dieser merkwürdigen Erklärung. Sophie will sprechen, ihre Schwäche lässt es ihr nicht zu; sie kann kaum hören. Todesblässe bedeckt ihr Gesicht. »Meine Herren,« fahrt der Baron von Görlitz fort, »ich habe mein Leben unter den Waffen zugebracht. Im Jahre 1771 diente ich den Russen, wir bekriegten die polnischen Rebellen.« Duportail : »Die Russen bekriegten damals die Polen, weil dieselben ihre heiligen Rechte wahren wollten, und Sie, mein Herr, waren dabei im Jahre 1771?« Baron von Görlitz : »Ja, mein Herr, aber Sie unterbrechen mich ja jeden Augenblick. – Nach einem blutigen Sieg forderte ich von einer ansehnlichen Beute nichts als ein Kind, das damals zwei Jahre sein mochte.« Duportail steht auf und geht tief ergriffen zu Sophien, breitet seine Arme aus und ruft kaum seiner Sinne mächtig: »Ach, meine theuere Dorliska, mein geliebtes Kind!« Baron von Görlitz (ihn zurückhaltend): »Dorliska? Diesen Namen fand ich auf einem kleinen Porträt, das ihr auf der Brust festgebunden war.« Duportail (zieht schnell ein Porträt): »Mein Herr, sehen Sie das Gegenstück! o, meine Tochter, meine liebe Tochter.« Baron von Görlitz : »Ihre Tochter, mein Herr, zeigen Sie Ihr Wappen.« Duportail : »Hier, mein Herr, sehen Sie diesen Ring, er trägt mein Wappen; ebenso diese Petschaft.« Baron von Görlitz : »Es ist das nämliche, das ihr unter der Achselhöhle graviert ist.« Sophie stößt einen Schrei aus, sammelt ihre Kräfte und steht Herrn Duportail gegenüber, indem sie ihre Arme ausbreitet; Lowzinski umarmt sie weinend und bedeckt sie mit zärtlichen Küssen. »Ach, meine liebe Tochter, so bist Du mir endlich wieder geschenkt; aber, an welchem Orte, in welchem Zustande finde ich Dich! welcher bittere Schmerz vergiftet den glücklichsten Augenblick meines Lebens! Dorliska! weißt Du, wer Deine Mutter war? Sie war Pulawski's Tochter, eines der tapfersten und aufopferndsten Patrioten, der sein Gut und Blut auf dem Altare seines unglücklichen Vaterlandes opferte. Das Andenken an Deine Mutter, meine theuerste und heldenmüthige Gattin, ist mir heilig. Mehrere Jahre lang hegte sie eine erlaubte und keusche Liebe zu mir, bis sie endlich nach vielen Kämpfen und harten Drangsalen meine Gattin wurde. »Sie war eine zärtliche Mutter und hörte nicht auf Deinen Verlust zu beweinen; Dein Andenken erfüllte ihre letzten Augenblicke. Suche meine theuere Dorliska, suche sie überall! dies waren die letzten Worte, welche die sterbende Lodoiska sprach. »Seit zwölf Jahren ist dies meine einzige Sorge; seit diesen langen zwölf Jahren habe ich mir kein größeres Glück gedacht, als das, meine angebetete Tochter wieder zu finden. Und jetzt, da ich sie in meinen Armen halte, seufze ich über sie und mich. »Lodoiska, Du tugendhafteste der Frauen und achtungswürdigste der Mütter, wie würdest Du Deine Dorliska beklagen, die von einem so jungen heuchlerischen Jüngling, der leider der Sohn meines einzigen Freundes ist, verführt und getäuscht worden ist, wie würdest Du Lowzinski beklagen, der durch eine grausame Bizarrerie des Schicksals der Helfershelfer der Entführung seiner Tochter, der Zeuge ihrer Verirrung geworden ist!« Herr Duportail wirft sich in einen Lehnstuhl, Sophie fällt ihrem Vater zu Füßen und ruft: »Ja, Sie sind mein Vater, mein Herz sagt es mir! Ihre Großmuth beweist es mir! denn Sie erkennen Ihre unwürdige Tochter an.« Herr Duportail stößt seine Tochter zurück und sagt mit abgewandtem Gesichte: »Grausames Kind!« Sophie ergreift eine seiner Hände; ich bemächtige mich der andern und sinke Lowzinski zu Füßen. »Mein Herr, Ihr Schmerz tödtet mich! ich bin nicht mehr glücklich, wenn Sie trauern; meine Fehler werden empfindlicher, wenn dieselben meinem Freunde, dem Freunde meines Vaters Thränen abnöthigen! »Lowzinski, Sie sind beschimpft; aber lassen Sie Ihren ganzen Zorn auf denjenigen fallen, der ihn verdient hat. Ihre Tochter ist unschuldig, denn wenn Sie wüssten, wie lange sie der Verführung widerstand. »Lowzinski, Ihre Tochter ist unschuldig. Tilgen Sie Ihre Beschimpfung durch mein Blut. Sie, der ein gefühlvolles Herz hat, Sie, der weiß, wie weit die Leidenschaften einen feurigen jungen Mann, ein betrogenes Mädchen irre führen können! Lowzinski, seien Sie nicht unerbittlich, haben Sie Mitleid mit unserem Alter, entschuldigen Sie uns, verzeihen Sie mir! Sie können unsere Irrthümer wieder gut und unsere Vergehungen ungeschehen machen! führen Sie uns an den Altar! dort werde ich die Schwüre wiederholen, die mich an meine Sophie knüpfen; dort werden Sie Ihre Dorliska wieder finden.« Mein Vater vereinigte seine Bitten mit den meinigen. Herr Duportail scheint gerührt, aber schweigt; doch sieht man, dass er auf eine Antwort sinnt. Endlich umarmt er seine Tochter mit leidenschaftlicher Bewegung, blickt mich ohne Zorn an und verlangt in ruhigem Tone, es sollen Alle hinausgehen, er wünsche den Rest des Tages mit seiner Tochter allein zuzubringen. Am andern Tage heiratete ich Dorliska. Viertes Buch I. Kapitel Die erhabene Ceremonie gieng zu Ende. In einer Rede, die mir lang geschienen, hatte der Prediger uns Tugenden empfohlen, die mir nicht schwer däuchten. Sophie nannte mich ihren Gatten; mein Mund wiederholte Sophien einen Schwur, den mein Herz sprach, als das heilige Gewölbe von einem herzzerreißenden Schrei widerhallte. Alle wendeten sich entsetzt um. Bereits fern von den erstaunten Zuschauern hat sich ein junger Mensch, von dem ich nichts bemerkte als seine blaue Uniform, gegen die Thüre der Kirche gestürzt. Einige Augenblicke vorher hatte man ihn schnell hereintreten, trotzig die Menge theilen und in der größten Aufregung auf den Altar zugehen sehen. Seine Blicke fielen auf Sophie; mit trauriger Stimme sagte er: »Sie ist es also!« und stieß dann jenen Schrei aus, der mir das Herz erschütterte. Voll Unruhe und Neugierde will ich mich auf ihn stürzen, mein Vater vertritt mir den Weg und hält mich auf; aber mein edelherziger Freund, mein treuer Genosse in Waffen und Liebe, freier als ich und vielleicht weniger bestürzt, eilt sogleich dem Unbekannten nach. Während der augenblicklichen Unruhe, die dieser sonderbare Vorfall erregt, neigt sich Sophie gegen mein Ohr und sagt mit zitternder Stimme zu mir: »Mein Freund, habe Acht auf mich.« Ich wollte ihr antworten, ich wollte sie fragen, als Herr Duportail, den die allgemeine Verwirrung einen Augenblick zerstreut, die Bewegung seiner Tochter aber, die ihm nicht entgangen war, sogleich wieder aufmerksam gemacht hatte, schnell den Platz neben ihr wieder einnimmt, den er vielleicht bereut, auf einige Sekunden verlassen zu haben. Ich sehe ihn einen strengen Blick meiner ängstlichen Gemahlin zuwerfen, die erblassend die Augen niederschlägt. Eine Menge grausamer Betrachtungen zerquälen mein Gehirn in den wenigen Augenblicken, die der Priester braucht, um die Ceremonie zu vollenden. »Wie, Derneval, mein Freund, wie! so schnell umgekehrt! dieser junge Mensch, kennen Sie ihn? wer ist er? was will er? was hat er Ihnen gesagt?« »Mein lieber Faublas, seine Leute hielten ihm vor dem Kloster ein Pferd bereit; er war am Ende der Straße, ehe ich die Kirchenthüre erreicht hatte.« »Und Sie wissen nicht, was aus ihm geworden ist?« »Mein Freund, er ritt im Galopp davon, und ich war zu Fuß; gerne hätte ich mich in den Wagen geworfen, der Frau von Faublas hierher brachte; allein der ungefällige Kutscher wollte nicht fahren.« »Derneval, Sie wissen nicht, wie unruhig ich bin. Versprechen Sie, uns heute nicht zu verlassen, reisen Sie nicht ab vor morgen!« »Morgen? wenn heute meine Verfolger auf meiner Spur wären!« »Ihre Gefahren sind möglich, aber die meinen sind unvermeidlich. Seit der gestrigen Scene hat sich Lowzinski seiner Tochter bemächtigt, die ich erst heute vor dem Altare wieder gesehen habe. Kaum hat man gestattet, dass ich ein Wort an sie richtete, jede Antwort schien ihr untersagt; nur an den Stufen des Altars zu den Füßen des Ewigen hat sie mir die Versicherung ihrer Treue wiederholen können; erst als sie meine Frau war, durfte ich ihr schwören, dass ich sie ewig anbeten werde. Derneval, betrachten Sie Lowzinski, sehen Sie sein düsteres, herzensvolles Gesicht, seinen misstrauischen, beobachtenden Blick; gleicht er wohl jetzt einem guten Vater, der sich freut, seiner Tochter den gewünschten Gatten gegeben zu haben? sagen Sie mir, ist dies die edle, stolze Haltung eines Mannes, der sich beleidigt fühlt, aber verzeihen will? und meine theuere Dorliska, meine schöne Sophie? welchen Eindruck tiefer Treue sehe ich auf diesem himmlischen Gesichte, das der Gedanke des höchsten, nunmehr auch erlaubten Glückes verschönern sollte! und in ihren umwölkten Augen eine Thräne, die sie mit Mühe zurückhält! was kann denn ihr Glück stören? was kann einen Tag der Freude zum Tag der Trauer für sie machen? welche Besorgnis oder welche Reue? – dieser junge Mensch, woher kommt er? woher kennt er sie? – was hat er hier zu thun? ein schrecklicher Verdacht zerreißt mein Herz. Doch nein, Sophie kann mich nicht verrathen! so wird sie denn als Opfer eines Verrathes unterliegen! »Sie ist es also!« waren seine Worte. »Habe Acht auf mich!« hat meine Sophie zu mir gesagt. Aber wie sie vertheidigen? wer sind unsere Feinde? auf welche Gefahren muss ich mich vorbereiten? Derneval, ich beschwöre Sie bei unserer Bruderschaft, verlassen Sie mich nicht in diesen kritischen Umständen. Wenn Sie mich jetzt verlassen, bin ich verloren. Die Pläne unserer Feinde sind in tiefe Finsternis gehüllt, meine Kräfte sind durch eine schreckliche Ungewissheit gelähmt. Wie soll ich Komplotten begegnen, die ich nicht kenne? und unter all' den Unglücksfällen, die ich ahne, wie denjenigen errathen, der mich zuerst treffen wird?« Ich hörte nicht auf Dernevals Antwort; denn bereits gieng Sophie, fortwährend von ihrem Vater begleitet, wieder zur Kirche hinaus. »Mein Freund, kommen Sie nicht?« sagte sie und in ihrem zärtlichen Blick lag ein so starker Ausdruck des Schmerzes, in der Biegung ihrer sanften Stimme ein so unverkennbarer Kummer, dass sich meine tödtliche Unruhe auf's furchtbarste steigerte. Wir kommen in's Kloster. Geschieht es aus Zerstreuung, oder aus Unhöflichkeit, dass Lowzinski, ohne weder auf Dorothea, noch auf meinen Vater Rücksicht zu nehmen, seine Tochter zuerst in den Wagen steigen lässt, und sich plötzlich an ihre Seite setzt? Während ich mir diese Frage vorlege, schließt Lowzinski rasch den Wagen, und der Kutscher treibt die Pferde mit kräftigen Peitschenhieben zum rasendsten Galopp an. Der rasch dahin rollende Wagen ist weit entfernt, bevor einer von uns sich aus der Betäubung erholen kann, in welche die plötzliche Flucht Alle versetzt. Ich erwache zuerst: schneller als der Blitz stürze ich fort. Die Größe des Verlustes, den ich erleiden soll, die Hoffnung, das theuere Gut, mein geliebtes, angebetetes Weib wieder zu gewinnen, das man mir entreißt, steigert meine natürliche Behendigkeit zu einer außerordentlichen; ich fühle mehr als menschliche Kraft in mir; bald werde ich den Wagen erreichen, bald meine Gemahlin ihrem Vater entreißen. Aber ach! Derneval und mein Vater sind zu schnell für mich aus ihrem Erstaunen erwacht und ihre lärmende Thätigkeit wird für mich unseliger werden, als die verhängnisvolle Unbeweglichkeit, in der ich sie verlassen habe. Beide folgen mir von ferne und rufen aus Leibeskräften: »Halt!« Ich laufe so schnell, dass ich nicht rufen kann. Mehrere Soldaten gehen vorbei; da sie mich allein und schweigend dahineilen sehen, so glauben sie, ich sei der Verfolgte. Sogleich bildet sich ein Kreis und ich bin umringt; ich will mich erklären, ich spreche französisch, es sind Deutsche! In Verzweiflung, nicht verstanden zu werden und eine so kostbare Zeit mit eitlen Reden zu vergeuden, versuche ich den Kreis zu sprengen; allein was vermag einer gegen zehn? mein Widerstand reizt sie; sie misshandeln mich. Es waren bloß Stöße, die ich kaum spürte, allein ich hörte das dumpfe Rollen des Wagens bereits in größerer Ferne und jede Umdrehung des Rades war mir ein Dolchstich in's Herz. Während ich mich so abkämpfte, werfe ich einen schmerzlichen Blick auf die Straße und unterscheide in der Ferne kaum eine schwache Staubwolke. Dann von tödtlicher Verzweiflung ergriffen, fühle ich meinen Muth erlahmen und meine Kräfte schwinden; jetzt geht in der ganzen so erschütterten Maschine die schnellste und schrecklichste Erschütterung vor. – Ich falle bewusstlos nieder zu den Füßen der Unmenschen, die mich aufgehalten haben, zu den Füßen meines Vaters und meiner Freunde, die mich endlich erreicht haben. Ich falle. »Ach! Sophie, meine Seele folgt Dir!« Unglücklicher Chevalier, wo warst Du! als Du wieder zur Besinnung kamst? Auf einem Krankenlager. Der Baron wachte an meinem Kopfkissen, das er mit seinen Thränen benetzte. »Sophie,« war das erste Wort, das ich sprach, als ich wieder zur Besinnung kam. »Sehen Sie, wie die Arzenei schon ihre Wirkung gemacht hat,« sagte ein kleiner Mann, den ich hinter dem Baron bemerkte. »Der Anfall ist vorüber, morgen ist der vierte Tag.« »Wie, mein Herr! ich bin erst seit drei Tagen hier?« »Mein Vater! es ist erst drei Tage, dass Sie mir Sophie entrissen haben?« »Ja, mein Sohn,« antwortete er traurig, »drei Tage sind verflossen, seit Dein trostloser Vater darauf wartet, dass Du ihn erkennst und seinen Namen nennst.« »Ach, verzeihen Sie! ich bitte hundertmal um Verzeihung! ... aber Sie wissen nicht. Sie können nicht begreifen, welche ungeheuere Last auf meinem Herzen liegt, wie sehr ich mich durch das Gewicht meines Unglücks niedergedrückt fühle.« »Dies mein Sohn, ist die gewöhnliche Wirkung der Leidenschaften, die eine irregeführte, unbesonnene Jugend bethört. Sie haben zuerst Deine Seele im Schoße der Vergnügungen eingewiegt, jetzt geben sie Dich kraftlos den Schlägen des Unglücks preis. »Gott bewahre mich davor, dass ich Dich jetzt so grausam behandeln wollte, Dir Deine Fehler vorzuwerfen. Das Schicksal hat Dich grausam dafür bestraft! Du hast eine Unterstützung nöthig, und Hilfe gedenke ich Dir zu bringen. Mein Sohn, höre meine Stimme, achte auf meine väterlichen Trostworte! höre einen zärtlichen Freund, den Deine Leiden unglücklich machen, einen besorgten Vater, der für Dich fürchtet! Deine Sophie gehört Dir, niemand kann sie Dir rauben. Duportail hat, indem er sie in die Kirche führte, alle seine Rechte auf sie verloren. »Mein Sohn, wir wollen sie suchen. Wo wir sie auch entdecken mögen, ich verspreche Dir, nichts zu vernachlässigen, um sie aus ihrer Verborgenheit hervorzuholen; ich verspreche Dir, Du sollst Deine Frau wiederbekommen. »Du, mein Sohn, rufe Deinen Muth zu Hilfe, erschließe Dein Herz der Hoffnung, habe Einsicht, erwäge meinen großen Kummer und gib mir meinen Sohn wieder.« »Ja,« fiel der kleine Mann ein, »ich will trachten, ihn so bald als möglich zu heilen; zu was wäre dann die Heilkunde, zu was unsere Wissenschaft, wenn wir es nicht zu Stande brächten, ein so zerstörtes Gemüth wieder in sein normales Geleise zu bringen? Ich will der Welt beweisen, was ein kluger Arzt, der sich durch kein Mittel von der rechten Bahn ableiten lässt, zu vollbringen mag.« »Ach, mein Vater, ich werde Ihnen zweimal das Leben verdanken.« »Und ich, mein Herr?« versetzte der kleine Mann, »glauben Sie mir nichts zu verdanken müssen?« »Mein Vater, weiß man doch wenigstens, was aus Sophie geworden ist?« »Mein Sohn, Derneval und Dorothea sind vorgestern abgereist und haben versprochen, Nachforschungen anzustellen.« »Meine Herren,« sagte der kleine Mann mit ernster und fast strenger Miene, »dies ist eine Unterhaltung, die Sie gütigst abbrechen müssen. Wir werden diesen jungen Menschen heilen, da er fast außer Gefahr ist und schon ganz vernünftig spricht; aber er soll schweigen und seinen Trank fortsetzen! morgen wird Alles gut gehen, und er kann vielleicht weiter gebracht werden.« So sprechend, füllte der kleine Mann eine Tasse und brachte sie vor mein Bett, er forderte mich im süßlichen Tone auf, die wohlthätige Arzenei zu trinken. Ein feuriger Liebhaber, dem man eine Tasse Heiltrank bringt, wenn er nach seiner Geliebten, die man ihm vor seinen Augen entführt hat, fragt, kann wohl eine Bewegung der Ungeduld in sich fühlen und nicht besonders höflich sein. Ich ergriff hastig das Gefäß und leerte es schnell über den Kopf meines Aesculaps. Die dicke Flüssigkeit lief über sein langes Gesicht hinab und benetzte seinen mageren Leib. »Ach, ach!« sagte der kleine Mann, seine runde Perrücke und sein kurzes Röckchen abtrocknend, in ruhigem Tone, »er deliriert noch! aber Herr Baron, haben Sie deswegen keine Sorgen; er setze seinen Trank fort! nur haben Sie die Güte, ihm denselben allein zu reichen, weil, da Sie sein Vater sind, er vielleicht nicht wagen wird, denselben Ihnen in's Gesicht zu schütten.« Der beste Arzt ist derjenige, der unsere Leidenschaften kennt und ihnen zu schmeicheln weiß, wenn er sie nicht heilen kann. So wirkten die Versprechungen des Barons weit kräftiger auf meine Wiedergenesung, als die beste Arzenei, die der kleine Mann mir hätte vorschreiben können. Am anderen Morgen fühlte ich mich besser und wurde, wie man mir den Tag zuvor angekündigt, weiter geschafft. Wir giengen in das Dorf Hollrip, zwei Meilen von Luxemburg, und bezogen dort ein bürgerliches Haus, das mein Aesculap vor ganz kurzer Zeit gekauft hatte. Man hatte dem Baron diesen abgelegenen Ort angerathen. Die Ruhe desselben, seine ländliche Heiterkeit, die Reize des Landlebens, die Bewegungen im Freien: dies alles, hatte man mir gesagt, würde wohlthuende Zerstreuungen oder nützliche Beschäftigungen bringen. Hier könnte ich ohne alle Gefahr eine gesunde Luft einathmen und in einem großen Garten mir eine mäßige Bewegung verschaffen. Mein Vater hatte auch in Betracht gezogen, dass wir in einem unbekannten Dorfe besser verborgen sein würden, und zu der vielleicht überflüssigen Vorsicht der Ortsveränderung hatte er die ohne Zweifel nothwendigere Namensveränderung hinzugefügt. Er hieß Herr von Belcourt, ich Herr von Noirval. Der Kammerdiener des Barons und mein treuer Jasmin bildeten unsere Dienerschaft. Seine übrigen Leute hatte mein Vater auf verschiedenen Straßen ausgesandt mit dem doppelten Auftrag, Lowzinski zu suchen und über unsere Sicherheit zu wachen. In der neuen Wohnung, die er für uns ausersehen, angekommen, untersuchte Herr von Belcourt alle Zimmer, um das bequemste und ruhigste für mich einräumen zu lassen. Der Arzt, Herr Desprez, machte uns auf einen kleinen Pavillon zwischen dem Hof und dem Garten aufmerksam. Er sagte uns, im ersten Stockwerk befinden sich drei sehr freundliche Zimmer, allein der letzte Eigentümer habe sich wegen der Gespenster genöthigt gesehen, sie zu verlassen. »Noirval,« antwortete mein Vater lächelnd, »fürchtet die Geister nicht, er hat jetzt seine Pistolen; wenn er einmal weiter hergestellt ist, so wird er auch seinen Degen bekommen.« Man setzte mich also in den Besitz eines der drei Zimmer; Jasmin bemächtigte sich mit Vergnügen eines der beiden andern und versprach, auch das dritte gegen die Geister zu schützen. Herr von Belcourt nahm seine Wohnung in einem ansehnlicheren Flügel des Hauses, der gegen die Straße lag. Die Nacht kam, die Geister zeigten sich nicht; sie ließen mich allein mit meinen traurigen Betrachtungen. »Oh, meine Sophie, oh, mein anbetungswürdiges Weib, wie viele Thränen weihte ich der Erinnerung an Dich!« Wohin hatte ihr Vater sie geführt? warum hatte er mir sie entrissen? welcher mächtige Beweggrund konnte ihn zu diesem gefährlichen Äußersten reizen, den von Natur gefühlvollen und sanften Lowzinski, dessen Herz die unwiderstehlichste Gewalt einer großen Leidenschaft, die man umsonst bekämpft, empfunden hatte? konnte der trauernde untröstliche Gemahl Lodoiska's ein grausamer Vater sein? hatte überdies eine rasche Vermählung nicht das wieder gut gemacht, was er meine Verirrung nannte? was konnte die Ehre seines Hauses, die ich ohne meinen Willen gefährdet, mehr verlangen? endlich, hatte er nicht eben meinen Vergehungen das unverhoffte Glück zu verdanken, seine anbetungswürdige Tochter wieder gefunden zu haben? und der Undankbare wagte es, sie mir zu rauben! und der Unmensch scheut sich nicht, sie aufzuopfern! Dorliska, meine unglückliche Dorliska! o, meine Sophie! wo soll ich Dich wiederfinden, wohin mich wenden, denn ich kann mir nicht vorstellen, wie Du getrennt von mir, dem Du Alles geopfert, leben kannst? So waren die Vorstellungen, die in der Stille der Nächte meinen Schmerz nur vergrößern konnten. Der Tag brach an, er brachte mir einige Ruhe, und mein gequältes Herz begann mit mehr Entschlossenheit sich zu wappnen. Mein Vater, der immer vor Tagesanbruch aufstand, wiederholte mir ohne Unterlass seine Versprechungen; er sprach von den Mitteln, die er gemeinschaftlich mit mir anzuwenden dächte, um meine Gattin wiederzufinden, und rettete mich davor, eine unbedachte, ja eine verzweifelte That zu begehen. Durch einen ihrer unveränderlichsten und wohlthätigsten Rathschlüsse der Natur, hat sie die Leichtgläubigkeit dem Unglück als Gefährtin beigegeben. Selten verlässt die Hoffnung einen unglücklichen Sterbenden, und je größer seine Leiden sind, um so leichter lässt er sich überzeugen, dass sie bald zu Ende gehen werden. Von einem beunruhigenden Verdacht gequält, fragte ich zuweilen meinen Vater, was er von dem jungen Menschen dächte, dessen Klageschrei ich noch zu hören glaubte. Herr von Belcourt wusste mir nicht zu antworten, wenn ich ihn bat, mir zu sagen, wie dieser Unbekannte uns habe nach Luxemburg folgen können, welche Absicht ihn dorthin geführt, um welche Zeit er Sophie kennen gelernt, und warum Sophie mir nie von ihm gesagt habe. Bisweilen fielen auch meine Gedanken minder traurig auf die Masse von Begebenheiten, die mein sechzehntes Jahr ausgefüllt hatten; es machte mir Vergnügen, einige Augenblicke jener interessanten Schönheit zu weihen, die mir den Anfang meiner Laufbahn mit so vielen Blumen bestreut, so angenehm gemacht hatte. Arme Marquise! was ist aus ihr geworden? – vielleicht ist sie von ihrem erzürnten Gemahl eingesperrt! vielleicht sogar todt! – konnte ich einer Frau, deren einziger Fehler darin bestand, dass sie mich zu sehr liebte, einige Thränen versagen? Auch darf ich nicht unerwähnt lassen, dass mein lieber Doktor, Herr Desprez, mir fortwährend heilsame Zerstreuungen verschaffte. Jeden Morgen fragte er mich, ob ich nicht von einem Gespenst beunruhigt worden sei, was mich sehr belustigte, denn seine furchtsame Miene verlieh seinem ganzen Wesen etwas so komisches, dass ich mich nur mit größter Mühe enthalten konnte, dem guten Manne nicht ins Gesicht zu lachen, und das wollte ich denn doch nicht thun, da er sich mit der ganzen Hingebung um mein leibliches Wohl kümmerte. Er empfahl mir jeden Abend die treffliche Tisane fleißig zu nehmen; aber trotz meiner dringendsten Bitten konnte er sich nicht entschließen sie mir zu reichen. Ich wunderte mich, dass mein Vater mir einen so sonderbaren Arzt gewählt hatte, der an nichts als an seine Tisane und an Gespenster glaubte. Mein Vater erklärte mir dies Räthsel, als ich ihn darüber befragte. Der geschickteste Arzt von Luxemburg, den er gleich anfangs über meinen Zustand zu Rathe gezogen, hatte die Arznei und die nöthige Diät verordnet. Herr Desprez hatte auf die Nachricht, dass man den Kranken auf's Land bringen wolle, sobald sein Zustand es erlaube, seit drei Tagen meinem Vater seine Dienste und sein Haus angeboten. Der erste Arzt hatte, so sehr er den Ort billigte, den er kannte, die demüthigende und gefährliche Konkurrenz eines modernen Mitbruders, den er nicht kannte, verworfen, und um die Nebenbuhler zu vereinigen, bediente sich mein Vater der ärztlichen Hilfe des einen und der Wohnung des andern. Dem berühmten Arzt in Luxemburg lag meine Behandlung ob; der obskure Doktor von Hollrip hatte kein anderes Verdienst, als dass er sein Haus sehr theuer an uns vermietete. Es stand bei mir, seine Geister zu fürchten, aber von seinen Verordnungen hatte ich nichts zu besorgen. Indes waren mehr als acht Tage verstrichen, bis wir endlich einigermaßen beruhigende Nachrichten erhielten. Dupont, derjenige von unseren Leuten, den mein Vater auf die Straße von Paris geschickt hatte, schrieb, er habe bei seiner Abreise von Luxemburg auf der ersten Poststation erfahren, dass man hier einem Manne von gesetztem Alter, der in Gesellschaft eines jungen verweinten Mädchens gereist sei, Pferde gegeben habe. In der Überzeugung, dass dies meine Gattin und mein Schwiegervater seien, hatte Dupont sie bis in die Gegend von Saint-Menehould verfolgt, wo er unglücklicherweise durch einen Sturz vom Pferde den Schenkel brach. Dieser Unfall hatte ihn gehindert, uns diese wichtige Nachricht früher mitzutheilen. Mein Vater, der geschickt Alles zu ergreifen wusste, was meiner Hoffnung schmeicheln konnte, bemerkt sogleich, dass unsere Nachforschungen jetzt leichter geworden seien, indem sich der Gegenstand derselben in den Grenzen des Königreiches, oder wohl gar innerhalb der Mauern der Hauptstadt befinde. »Lowzinski,« fügte er hinzu, »hat richtig erwogen, dass er ohne große Gefahr nach Paris zurückkehren könne, wo man ihn wenig kennt, indem, wenn wir auch seinen Aufenthalt entdeckten, es nicht wagen würden, ihn dort zu beunruhigen.« »Ich werde es wagen,« rief ich mit Enthusiasmus aus, »ich werde es wagen, mein Vater, und bald umarme ich dann meine Sophie.« Am selben Tage kam ein Brief vom Grafen Rosambert, welchem mein Vater unsere Wohnung und Namensveränderung und die Einzelnheiten meines unseligen Abenteuers bekannt gemacht. Der Graf, der immer noch in dem Zufluchtsort, den er gewählt, sich befand, war beinahe schon ganz hergestellt und gedachte uns nun bald zu besuchen und mich zu trösten. Er schickte in das Kloster, um von Adelheide näheres zu erfahren; denn unsere Abwesenheit beunruhigte das arme Mädchen sehr, und sie fühlte sich sehr gekränkt durch unsere Theilnahmslosigkeit für ihre Person. Der Marquis war nicht todt; Rosambert sagte kein Wort im Betreff der Marquise von B... Das Stillschweigen, welches er für eine zu unglückliche und zu liebenswürdige Frau zur Schau trug, über deren ungewisses Schicksal er im Zweifel war, musste meine Neugierde im höchsten Grade erregen. Nichts weniger war ich überrascht, dass er mir nicht auch zu gleicher Zeit geschrieben, wo er mit meinem Vater im Briefwechsel stand; aber, indem ich darüber reiflicher nachdachte, errieth ich, dass mein Vater, der mich für den Augenblick nicht gerne mit dieser Korrespondenz beschäftigt sah, seine Briefe unterschlug. Wenn die Nachrichten, die ich soeben erhielt, mich auch nicht ganz trösten konnten, so beruhigten sie mich doch einigermaßen. Meine Wiedergenesung begann. Der kleine Doktor schrieb der Liebe und Natur das Verdienst dieser schnellen Heilung zu, um die ganze Ehre der kräftigen Tisane, die ich so selten trank, zuzuwenden. Nur etwas macht ihn glauben, dass irgend eine gütige Gottheit über unserem Geschick wache. Die Gespenster hatten mich noch nicht beunruhigt, seitdem wir unsere neue Wohnung bezogen. Herr Desprez sprach so oft von seinen Gespenstern, dass ich ihn endlich bat, mir zu sagen, was ihn zu diesem ewigen Scherze veranlasse. Sogleich begann er mit ernstem Tone folgende traurige Erzählung: »Eine kleine Meierei, deren Pächter sich Lukas nannte, befand sich auf demselben Platze, wo wir eben sind, an der Stelle dieses kleinen Gebäudes, welches damals noch nicht bestand.« »Ihre Folgerung ist treffend, Herr Desprez.« »Lukas betete sein Weib Lisette an, und Lisette liebte ihren Lukas zärtlich.« »Aber, mein Gott, Herr Desprez, was sollen mir Lukas und Lisette?« »Mein Herr, wenn ich einmal eine Geschichte erzähle, so muss ich auch die Personen nennen.« »Sie haben Recht, Doktor, aber wenn Sie dieselben weniger oft nennen würden, so könnte dies eben nicht schaden.« »Ich muss erwähnen, dass Lukas noch weit mehr als sein Weib, den Wein liebte, und wenn er getrunken hatte, so wurde er plump, bösartig und grob.« »Quälen Sie sich nicht, Doktor, ich errathe das übrige.« »Wenn diese traurigen Thatsachen nicht gewesen wären, dann würde für die unglücklichen Eheleute diese traurige Katastrophe nicht eingetreten sein, von der ich Sie noch zu unterhalten habe.« »Also die Katastrophe, Doktor!« »Mein Herr, es war im Jahre 1773, Freitag den 13. Oktober dreizehn Minuten über acht Uhr abends. Lukas, der, als er von der Kufe kam, wo er Wein gepreßt hatte, dreizehn volle Gläser neuen Weines hinunterstürzte. Als er sein Haus erreichte, war er kein Mensch mehr, sondern ein Teufel. »Lisette erschrak so sehr über den Zustand ihres Mannes, dass sie ihm einen Stoß Teller an den Kopf warf. »Lukas schlug Lisetten in der ersten Hitze mit einem wuchtigen Weingefäß zu Boden. Als er sie todt sah, dann fühlte er plötzlich, wie sehr er sie geliebt hatte. Er warf sich wie wahnsinnig auf den Leichnam, raufte sich die Haare aus, und wurde sich dessen bewusst, welch' grässliches Verbrechen er begangen. »Endlich stand er auf, gieng gerade auf seine Kufe zu; mit gekreuzten Armen ertränkte er sich in derselben, indem er zuerst langsam den Kopf hineinsteckte. Man zog ihn todt heraus.« »Ach, Doktor, das ist eine traurige Geschichte.« »Ich habe sie nicht erdacht, mein Herr, es ist die Sage des Landes. Aber hören Sie, was erfolgte. »Die Justiz erfuhr die Sache mit Entrüstung, die Gebäude wurden niedergerissen und die Güter versteigert. »Der Käufer befand sich schlecht dabei, er wagte es nie, dieses kleine Haus zu bewohnen, und der Grund davon ist der: Jedes Jahr, zur Zeit der Weinlese, entsteht des Nachts im Innern des Hauses ein entsetzliches, verworrenes Getöse; man glaubt, das Geklirr der Teller und das Schlagen des Weingefäßes zu hören; das Geächze einer Sterbenden ist zu vernehmen.« »Wirklich, eine schöne Geschichte, Herr Desprez! ich bitte Sie, erzählen Sie sie Niemanden und überlassen Sie mir den ausschließlichen Besitz derselben; ich will, wenn ich wieder nach Paris komme, für die Opera Comique ein hübsches, sehr lustiges Drama daraus machen.« Gewiss, dieser Plan war edel und großartig, aber wie man in der Folge sehen wird, hatte ich, als ich wieder nach Paris kam, die Hände so voll zu thun, dass ich mich mit der Ausführung desselben nicht befassen konnte. Hatte die Schreckensgeschichte des gläubigen Doktors mein Gehirn ein wenig verrückt, dies werde ich meinem Leser anheimstellen, ich will es seinem Scharfsinne zu entscheiden geben, ich aber will mit aller Naivität erzählen, was ich am andern Morgen zu fühlen und zu sehen glaubte. In einem Traum, der ungefähr zwei Stunden währte, sah ich fast unaufhörlich meine Sophie. Die Marquise von B... zeigte sich in kurzen Zwischenräumen ... und nur ein einzigesmal glaubte ich jenes reizende, liebliche Geschöpfchen, von dem ich schon früher erzählt hatte, diese undankbare Justine zu sehen. Ich kann nicht recht sagen, welche von den drei Schönheiten mich umarmte, aber was ich bezeugen kann, ist, dass ich umarmt wurde, ich wurde es, und zwar, so gut, so wahr, dass es alle drei zusammen nicht besser hätten machen können. Ich fuhr schnell vom Schlafe auf, der Tag begann zu grauen. Ich fühlte auf meinen brennenden Lippen den lebhaften Eindruck eines feurigen Kusses; die Vorhänge meines Bettes bewegten sich, ich stand hastig auf und komme mit drei Sprüngen im ganzen Zimmer herum, in welchem sich ein abgebrochener heller Laut vernehmen ließ, aber alles ist wohl verschlossen und ganz ruhig. Bin ich denn närrisch? haben die Liebe und die Gespenster mir den Kopf verdreht? Als mein Vater und Herr Desprez in mein Zimmer traten, war ich von dem erhaltenen Kuss noch so aufgeregt, dass ich ihnen erzählte, ein Gespenst habe mich geküsst. Mein Vater lächelte und vermuthete jetzt meine völlige Wiederherstellung. Der Doktor schien entzückt, rieth mir jedoch einige stärkende Mittel an. Diejenigen, die nicht an Geister glauben, werden sich sehr wundern, zu vernehmen, dass ich nach zwei Nächten wieder auf dieselbe Art aufgeweckt wurde; ich hatte dieselbe Empfindung, ich hörte denselben Laut, ich stellte in meinem Zimmer abermals die genaueste Untersuchung an, aber ohne Erfolg; jetzt konnte ich nicht anders glauben, als dass sich mit meinen Kräften bereits die ganze Glut meiner Phantasie wieder eingestellt habe. Oh, meine Sophie! seit mehreren Tagen ertrug ich die Ungewissheit über Dein Schicksal und die Qual Deiner Abwesenheit! Ich hörte nicht auf, meine Rückkehr nach Paris zu beeilen. Mein Vater hatte unglücklicherweise unangenehme Nachrichten erhalten, die der Erfüllung meiner Wünsche unübersteigliche Hindernisse in den Weg zu legen schienen; man sprach in der ganzen Hauptstadt von nichts, als von einem Abenteuer und dem Duell, womit es geendet hatte. Von den zwei Verwandten des Marquis war derjenige, der sich mit Herrn Duportail geschlagen hatte, auf dem Platze geblieben. Er wurde allgemein bedauert; seine mächtigen und zahlreichen Freunde erhoben gegen uns lebhafte Anklagen. Ich konnte mich nicht in der Hauptstadt sehen lassen, ohne das Schaffot zu riskieren. Mein Vater war tief erschreckt über die Gefahr, welche mir drohte und deren Größe ich ebenfalls fühlte. Ich würde dieser Gefahr tollkühn die Stirne geboten haben, wenn ich gewusst hätte, dass sie das einzige Hindernis meiner Wiedervereinigung mit meiner angebeteten Sophie gewesen wäre; allein ich musste doch vorher den Ort wissen, wo meine unglückliche Gattin seufzte. Da ich auf den Umkreis unseres Wohnhauses beschränkt war, gieng ich den ganzen Tag mit meinem Schmerz und meiner Langweile im Garten spazieren. Eines Abends, als ich mich auskleidete, fand ich in meiner Mütze ein sorgfältig zusammengelegtes Billet. Es enthielt die Worte: »Noirval, schicke Deinen Bedienten weg und lies.« Ich hieß Jasmin gehen und las: »Wenn es wahr ist, dass sich der Chevalier Faublas nicht vor Gespenstern fürchtet, so verbrenne er dieses Billet und beobachte heute Nacht ein tiefes Stillschweigen, was ihm auch begegnen möge.« »Seht doch,« rief ich laut, »dies ist gewiss ein Späßchen vom lieben Doktor!« Ich verbrannte das geheimnisvolle Papier, löschte mein Licht aus, legte mich nieder und schlief ein. Doch nur auf kurze Zeit; mein erster, obschon fester Schlaf konnte der wiederholten Berührung einer zarten Hand nicht widerstehen. Ich erfasste diese Hand, welche ich zärtlich küsste. Gewiss, ich werde wohl allgemein als ein treuloser und flatterhafter Gatte angesehen werden. Allerdings habe ich beschlossen, nur meine Sophie zu lieben, aber darf ein treuer, zumal sehr niedergebeugter Gatte niemanden die Hand küssen? hatte ich vielleicht Lärm machen sollen, Licht herbeiholen lassen, um eine Frau, denn es war eine Frau, dies errieth ich nach der Zartheit dieser Hand, hätte ich diese Frau in Verzweiflung bringen sollen? Ich fügte mich also ihrer Grausamkeit und dem strengen Befehl, keinen Laut von mir zu geben. Sie legte ihre zarte Hand auf meine Stirne. War es nun der Einfluss ihrer Nähe oder der sanfte Druck ihrer Hand, kurz, ich schloss die Augen und schlief von neuem ein. Als ich die Augen wieder öffnete, begann der Tag zu grauen und ich war allein in meinem Zimmer. Ich fieng meine schon mehreremale vergeblich angestellten Nachforschungen auf's neue an. Meine beiden Thüre und meine vier Fenster fanden sich genau verschlossen; in den Wänden war keine geheime Thüre angebracht, im Fußboden kein Schieber, im Plafond kein Einschnitt. Durch welche Oeffnung kam denn das weibliche Gespenst zu mir? Der liebe Doktor hatte weder eine Frau noch eine Tochter; das Haus war nur von Männern bewohnt. Woher kam doch der Versuchungsgeist, dessen Geschlecht mir recht gut bekannt war? reiste vielleicht Lisette aus der andern Welt in diese, um sich an dem armen Lukas zu rächen? O, meine Sophie! war es vielleicht in den Sternen geschrieben, dass Dein Gemahl Dir keine drei ganze Wochen lang treu bleiben sollte? Ich zog über dieses Abenteuer den Grafen Rosambert zu Rathe, von dem ich zu meiner großen Verwunderung immer noch keine direkte Nachricht erhalten hatte. Der Brief, den ich an ihn geschrieben hatte, war mehrere Seiten lang. Auf den ersten Seiten war in der That nur von meiner Sophie die Rede, auf den übrigen hatte ich die unbegreifliche Geschichte von dem hübschen Gespenst erzählt. Ich erwartete es auf die folgende Nacht, allein es erschien erst in der achten wieder. Voll Begierde, die nächtliche Schönheit, die mich besuchte, kennen zu lernen, fragte ich sie nach ihrem Namen, denn, Nymphe oder Göttin, musste sie doch welchen haben; ferner, seit wann sie mich liebe, denn sie hatte doch in der ersten Nacht zu mir gesagt: »Ich bin das Weib, welches Sie liebt,« folglich konnte ich mir ohne Eitelkeit schmeicheln, ihr gefallen zu haben. So wollte ich denn wissen, wo sie mir begegnet wäre, denn sie behandelte mich wenigstens wie einen alten Bekannten, wie einen, den man im Leben oft auf seinen Wegen getroffen. Ich verlegte mich auf die ausgewähltesten Schmeicheleien, auf die zärtlichsten Liebkosungen, die zuversichtlichsten Mitteln, eine Frau zum Reden zu bringen, allein der weibliche Dämon ließ mich in Vermuthungen erschöpfen, ohne auch nur im entferntesten meine Neugierde zu befriedigen. Ich bestand umsomehr auf meiner Forderung, mir ihren Namen zu nennen, als mich ihr beharrliches Schweigen verletzte, ich hielt es sogar für eine Unhöflichkeit. Alle meine Bemühungen waren vergebens; ich musste mit Verdruss sehen, dass die Frauen aus der andern Welt das süße Geplauder nicht haben, das bei den meisten Frauen dieser Welt so anziehend ist. Eine Feindin des verrätherischen Tages, erwartete meine schweigsame Geliebte bei mir nicht den Aufgang der Sonne. Als ich merkte, dass sie sich zum Aufbruch anschickte, suchte ich sie zurückzuhalten; allein sie drückte auf meinen Mund den Zeigefinger ihrer rechten Hand, auf mein Herz ihre linke, auf meine Stirne zwei Küsse; und dann entschlüpfte sie mit einem Seufzer und entfernte sich schnell, ich weiß nicht durch welchen Ausgang. Nur glaubte ich den pfeifenden Ton einer schrillen Thürangel zu unterscheiden. Offenbar hatte ich falsch gehört, denn ich untersuchte meine vier Wände, sobald es Tag wurde, und die einfachen Tapeten derselben schlossen fest an ihre Oberfläche an und ließen keine Spur von einem Risse sehen; meine Thüren und Fenster waren ebenfalls gut verschlossen. Abends fand ich in meiner Mütze ein zweites Billet. »Ich werde in der Nacht vom Sonntag auf den Montag wieder kommen, wenn der Chevalier Faublas mir sein Ehrenwort gibt, dass er keinen Versuch machen will, mich aufzuhalten. Er antwortete mir durch denselben Courier.« Ah! ich verstehe, der Courier ist meine Mütze! Am folgenden Tage wurde mein gefälliger Botschafter mit einer kurzen Depesche abgefertigt, die das verlangte Versprechen enthielt. Endlich kam dieser vielleicht mit Ungeduld erwartete Sonntag! bald sollte sie mich mit ihren treulosen Schatten umgeben, diese in der Geschichte meines Lebens so merkwürdige Nacht! Jasmin, der seit Mittag sich entfernt hatte, kam gegen Abend zurück. Als er mich allein sah, überraschte er mich mit der Nachricht, Rosambert sei angekommen; der Graf hatte in Luxemburg angehalten und von da aus heimlich nach Jasmin geschickt, aus wichtigen Gründen, die er mir selbst auseinandersetzen wollte. Er konnte erst eine Stunde vor Mitternacht nach Hollrip kommen; es war von der größten Wichtigkeit, dass ihn niemand ins Haus gehen sah; ich wurde deshalb dringend gebeten, ihm schlag elf Uhr in eigener Person die kleine Gartenthüre zu öffnen. Ich kam diesen Instruktionen pünktlich nach. Mein Vater machte seinem Verdruss, dass ich ihn früher als gewöhnlich verlasse, in einer Bemerkung Luft. Herr Desprez antwortete mit einem Scherze, der mir anfangs weniger auffiel als später. »Lassen Sie den Reconvalescenten gehen,« sagte er zu meinem Vater; »er hat ohne Zweifel mit Geistern einen Verkehr, den er nicht gesteht.« Statt auf mein Zimmer zu gehen, stahl ich mich leise in den Garten. Rosambert erwartete mich an der kleinen Thüre. »Guten Abend, mein Freund! lassen Sie sich umarmen, seien Sie mir herzlich willkommen; wie glücklich bin ich, Sie nach all dieser traurigen Zeit zu sehen! wo ist meine Sophie? was ist aus der Marquise geworden? haben Sie Nachrichten von Sophien's Vater? lebt der Gemahl der Marquise noch? was macht meine liebe Schwester? was spricht man von unserem Duell, ist das beunruhigende Gerücht noch nicht verschwunden, sind wir noch immer in derselben Gefahr, und dürfen wir uns in Paris nicht sehen lassen? Sagen Sie, lieber Rosambert, was denken Sie von dieser Unbekannten, die als ein Gespenst ausgegeben wird, deren nächtlichen Besuche mir durchaus nicht überirdisch scheinen, vielmehr scheint diese Fee etwas leidenschaftlich zu sein. Aber sagen Sie mir, lieber Freund, warum haben Sie mir nicht geschrieben? und vor Allem, wie geht es mit Ihrer Gesundheit, wie befinden Sie sich?« »He, Noirval, nur einen Augenblick! welche Lebhaftigkeit! welche Ungeduld! Sie haben große Ähnlichkeit mit jenem kleinen Chevalier Faublas, von dem man in Paris so viel spricht. »Vor Allem wollen wir uns auf diese Bank setzen und Sie werden mir erlauben, etwas mehr Ordnung in meine Antworten zu bringen, als Sie in Ihren Fragen hatten. »Meine wachsamen Spione haben Herrn Duportail in Paris gesehen; sie werden seine Spur verfolgen, bis sie den Aufenthalt seiner Tochter entdeckt haben; man wird uns darüber sehr zuverlässigen Bericht abstatten.« »Oh, meine Sophie, ich werde Dich wiedersehen!« »Sachte, mein Freund, erdrücken Sie mich nicht! Frau von B... ist vermuthlich auf einem ihrer Landgüter; man trifft sie weder bei Hof noch in der Stadt.« »Arme Marquise! ich werde sie nicht mehr sehen!« »Vielleicht; seien Sie deshalb unbekümmert. Der Marquis, dessen Wunde nicht tödtlich befunden worden ist, wünscht nichts, als Sie nach seiner Genesung aufzufinden, wo es auch sei, Faublas, er versichert, dass er Sie überall erkennen werde.« »Rosambert, man weiß nicht, wo sie ist?« »Offenbar auf einem ihrer Güter, mein Freund.« »Ja, Frau von B..., aber Sophie?« »Ah! in Paris, sehr wahrscheinlich.« »Mein Freund, glauben Sie, der Marquis werde ihr verzeihen?« »Der Marquise verzeihen? ja, warum nicht? das Abenteuer gehört nicht unter die gewöhnlichen, das gebe ich zu; aber das Übel ist an der Tagesordnung. Es macht bloß ein wenig mehr Lärm! oh! die Marquise ist die Frau, ihn in dieser Beziehung Vernunft zu lehren.« »Rosambert, sagen Sie, ohne mir zu schmeicheln, glauben Sie, man könne ihn zwingen, sie mir wiederzugeben?« »Wie! den Marquis zwingen, Ihnen seine Frau wiederzugeben?« »Ach, nein, mein Freund, ich spreche von der meinigen und ihrem Vater.« »Lieber Faublas, man wird Herrn Duportail zwingen, es unterliegt gar keinem Zweifel, er muss Ihnen Ihr angetrautes Weib wiedergeben.« »Die Hoffnung, meine Sophie bald wiederzusehen, lässt mich alle Leiden vergessen; trotzdem denke ich auch an diese so unglückliche Frau, die um meinetwillen, so entzweit mit ihrem Gemahl, nun keine friedliche Stunde haben wird.« »Die Marquise?« »Ich versichere Sie, dass es nicht meine Absicht ist, sie aufzusuchen. Es ist wohl wahr, ich beschäftige mich zuweilen im Gedanken mit ihr, aber dies kommt daher, dass –« »Ohne Zweifel, Chevalier, ich verstehe Sie! daher, dass man in dieser Beziehung sich nicht beherrschen kann. Gegen seinen Willen erinnert sich ein Jüngling von Erziehung an die Güte einer schönen, jungen Frau, die seine Jugend gebildet hat.« »Ewiger Spötter! sagen Sie mir, sollten Sie zufällig von der kleinen Justine etwas gehört haben?« »Wie, die Kammerfrau liegt Ihnen auch noch am Herzen! freilich, weil Sie diese gebildet haben. Aber Sie haben mir, glaube ich, gesagt, dass la Jennesse –?« »Ja, Rosambert, dies Mal habe ich Unrecht; sprechen wir nicht mehr davon!« »Nein, mein lieber Faublas, sprechen wir von dem sogenannten Gespenst!« »Ja, Rosambert, wie finden Sie es, ist das nicht eine merkwürdige Frau, die nie ein Wort sagt und sich immer so vortrefflich hält? ist es nicht ein drolliger kleiner Dämon, der zu mir kommt, ich weiß nicht wie?« »Faublas, besucht es Sie jede Nacht?« »Nein.« »Nicht jede Nacht, das gibt nachzudenken.« »Aber hören Sie, gerade heute erwarte ich es.« »Um so besser! wir werden dem süßen Geheimnis auf den Grund kommen! wir werden erfahren ... aber, ich habe mich im Gasthofe mit Schreiben beschäftigt, anstatt etwas zu Nacht zu speisen. Chevalier, ich habe Hunger.« »Warten Sie, ich will es Jasmin sagen.« »Lärm im Hause machen! hüten Sie sich wohl.« »Warum, mein Freund, diese ernste Warnung?« »Ich glaube, meine Postchaise ist noch nicht abgefahren, ich muss etwas darin haben; ich reise nie ohne Lebensmittel.« Er verließ mich und brachte einen Augenblick nachher ein halbes Huhn und eine Flasche Wein. »Ich habe zwei Gläser genommen,« sagte er, »weil Sie mir Gesellschaft leisten müssen.« »Hier?« »Ja, hier im Garten, Chevalier! wir haben viel mit einander zu sprechen, und in Ihrem Zimmer sind wir nicht sicher. Vor Allem werden wir auf die Gesundheit Adelheid's trinken, von der Sie nur einmal gesprochen haben.« »Ach, meine theuere Schwester! ich liebe sie dennoch sehr! wie befindet sie sich?« »Gut, sehr gut! Sie wird immer reizender! ich habe dem Verlangen nicht widerstehen können, sie vor meiner Abreise aus Frankreich noch einmal zu sehen. Das liebenswürdige Kind! wie ihr Schmerz sie verschönte! was leidet sie! weder ihren Vater, noch ihren Bruder, noch ihre gute Freundin zu sehen! Faublas, trinken wir auf ihre Gesundheit, trinken wir, mein Freund! ich weiß zwar wohl, dass es nicht zum guten Ton gehört, aber wir sind auf dem Lande, und überdies Reisende! hier nehmen Sie ein Stückchen! Sie wissen ja, ich kann nicht allein speisen.« »Rosambert, ich bin entzückt, Sie hier zu sehen; aber wozu in diesem Garten? wozu dieses geheimnisvolle Wesen?« »Weil ich nicht mit Ihnen allein hätte sprechen können, weil der Baron, der bereits meine Briefe an Sie unterschlagen, sich gleich anfangs meiner bemächtigt, um die Nachrichten, die ich Ihnen bringe, nach seinem Plan zu entstellen.« »Sie haben Recht!« »Und dann dieses Gespenst, glauben Sie, es beschäftige mich nicht? Faublas, auf Sophien's Gesundheit.« »Mein Freund, seit mehr als einem Monat trinke ich keinen Wein mehr; Sie werden mich betrunken machen.« »Auf Sophien's Gesundheit! Sie können dies nicht ausschlagen.« »Gut, Sophie soll leben! oh, mein reizendes Frauchen! es ist nicht das erste Mal, dass Du mich um die Vernunft bringst. Rosambert, dieser Wein ist schrecklich stark, er zersprengt mir den Kopf. Rosambert, was halten Sie von diesem Unbekannten, der während der Ceremonie so plötzlich erschien und wieder verschwand?« »Meiner Treu, ich weiß nicht, was ich davon sagen soll! sprechen wir von Ihrer neuen Geliebten, von dieser nächtlichen Schönheit, die Sie so verschwiegen liebt. Faublas, halten Sie dieselbe für hübsch?« »Für schön, ich bin sicher, dass sie schön ist.« »Seht doch, er ist auch noch in diese verliebt.« »Verliebt! nein.« »Faublas, ich wette, dass sie hässlich ist!« »Hundert Louisd'ors, sie ist bezaubernd!« »Es gilt hundert Louisd'ors!« »Es bleibt dabei, Graf, aber wie soll ich es angreifen, um sie zu sehen? und dann, werden Sie auch mein Urtheil gelten lassen?« »Gerne, wenn es nöthig ist! aber glauben Sie, es sei mir weniger interessant, als Ihnen, zu erfahren, wer diese schöne Geheimnisvolle ist? Seit Sie mir von Ihrem Abenteuer geschrieben haben, brenne ich vor Begierde, es endigen zu helfen. Wackerer Chevalier, Ihr Waffenbruder ist bei Ihnen, erlauben Sie, dass er Ihnen zur Seite stehe! Faublas, wir wollen ohne Licht und ohne Geräusch auf Ihr Zimmer gehen. »Sie legen sich schnell nieder und reden kein Wort; ich halte mich in Ihrem Alcoven versteckt. Ich habe eine Blendlaterne, die ich zur rechten Zeit gebrauchen werde; und wenn das Gespenst nicht alle Zauberkünste versteht, so werden wir sein Gesicht sehen. Noch eine Gesundheit, Chevalier, Sie haben jemanden vergessen.« »Ach ja, die schöne Marquise?« »Treuer Ehegatte, ich wusste wohl, dass ich sie Ihnen nicht zu nennen brauche. Allons, nur ein Tröpfchen, zu Ehren der Marquise.« »Sie spotten, mein Freund, die herrliche Frau! schenken Sie ein volles Glas ein.« Jetzt, da ich mich mit kaltem Blute an diesen undelikaten Ausruf erinnere, so ist mein Gemüth noch empört, denn die ganze Abscheulichkeit des Grafen lag in dem absichtlich aufgedrungenen Gesundheitstrinken, welches mich bereits etwas heiter gestimmt hat. Das letzte Glas gab mir den Rest, ich versank sogleich in den Zustand der Trunkenheit. Bereits schienen sich alle Gegenstände von der Stelle zu rücken. Alles wankte und war doppelt. Ich sprach, ohne mich verständlich zu machen, oder vielmehr ich lallte, statt zu sprechen. Bald träumerisch und kopfhängend werdend, verlor ich meine geschwätzige Freude, meine Wimpern wurden schwer, der unbesiegbare Schlaf wollte meine Augen zudrücken. Rosambert, der dies bemerkte, bat mich, ihn in mein Zimmer zu führen, nicht ohne mir mehrere Male zu wiederholen, dass man nicht den geringsten Lärm machen dürfe und das tiefste Stillschweigen beobachten müsse. Er empfahl Jasmin, der sich im Garten befand und meine Befehle erwartete, sich ohne Licht und ohne Geräusch zurückzuziehen. Wir kamen an, bloß von der Blendlaterne beleuchtet, die wir im Gange ließen. Als ich, von Rosambert gestützt, tappend ins Zimmer trat, fand ich einen Großvaterstuhl, auf den mich der Graf der Länge nach niederlegte, um mich, wie er ganz leise sagte, leichter auszukleiden. Klugerweise ließ ich meinen neuen Kammerdiener gewähren, allein er gieng so langsam und so tölpisch zu Werke, dass ich in einen tiefen Schlaf versank, ehe er fertig wurde. Eine Stunde Schlaf hatte die Dünste des starken Weins, der mir meine Vernunft geraubt, etwas zerstreut, als ich von einem schallenden Gelächter erwachte. »Endlich,« rief Rosambert, »endlich bin ich vollständig gerächt; ich will nicht Rosambert heißen, wenn sie es nicht ist!« In diesem Augenblick hörte ich ein Aufschluchzen, gefolgt von einem tiefen Seufzer. Ich befand mich noch auf meinem Schlafstuhl, der so gestellt war, dass ich durch eine halbgeöffnete Thür hindurch hinten im Gang den schwachen Schein der Blendlaterne bemerkte. Durch Unruhe und Neugierde gleich stark getrieben, laufe ich schnell in den Gang hinaus und komme mit der Laterne in der Hand zurück. Ich lasse ihr zitterndes Licht über die Gegenstände laufen, die mich umgaben, und sehe – ach! noch in dieser Stunde, wie soll ich es ohne Empörung erzählen? ich sehe Rosambert eine Frau fest in den Armen haltend. Sobald er glaubte, ich habe Alles genau gesehen, ließ der Graf sein Opfer fahren, nahm schnell seinen Hut und sagte lachend zu mir: »Adieu, Faublas, ich lasse Sie bei dieser schönen Unglücklichen! ich glaube, Sie werden eine interessante Erklärung haben; überreden Sie sie, wenn Sie können, dass Sie mit Rosambert nicht im Einverständnis waren. Leben Sie wohl, meine Postchaise erwartet mich, ich gehe nach Luxemburg zurück; morgen werde ich von mir hören lassen.« Rosamberts grausame Rede erbitterte mich nicht weniger als seine rachsüchtige Handlungsweise; in der ersten Regung meiner Wuth wollte ich nach meinem Degen springen und ihn zwingen, mir wegen seines ehrlosen Betragens Rede zu stehen, als auf einmal Frau von B... sich aufraffte, mich am Arm fasste und zurückhielt. Rosambert hatte Zeit, sich zu entfernen. Die Marquise ergriff mich jetzt mit ihrer Hand, die ich sogleich mit Küssen bedeckte. »Oh, von welcher drückenden Last fühle ich mich befreit!« sagte sie; »wie tröstend war es für mich zu vernehmen, dass Sie an dieser Abscheulichkeit keinen Theil haben, und nicht mit den Plänen dieses rachsüchtigen Menschen verflochten sind!« Frau von B... wollte fortfahren, allein ihre Aufregung ließ es ihr nicht zu. Sie schluchzte lange Zeit, ohne ein Wort verbringen zu können; endlich, ihre ganze Kraft zusammennehmend, begann sie auf's neue mit gebrochener Stimme: »Faublas, wenn Sie im Stande gewesen wären, mich diesem unwürdigen Menschen preiszugeben, wenn Sie mich so sehr verachtet hätten, so würde dieses letzte größte Unglück meinen unmittelbaren Tod herbeigeführt haben. Mein Freund, ich fühle, dass es mir unmöglich ist, zu leben, wenn mir nicht der Trost bleibt, dass ich in meinem namenlosen Unglück wenigstens auf Ihr Mitleid zählen darf.« »Wenn es zur Linderung Ihres bitteren Schmerzes beiträgt, meine liebenswürdige Freundin, so sei Ihnen die Versicherung gegeben, dass Ihnen meine Gefühle der Ergebenheit und meine dankbare Zuneigung stets ungeschmälert bleiben werden.« »Wie unglücklich ich bin!« »Und wie beklage ich Sie!« »Wie der Schändliche, durch einen unglücklichen Zufall unterstützt, meiner eitlen Klugheit gespottet! wie ein Augenblick meine schönsten Pläne vernichtet, meine theuerste Hoffnung zerstört hat!« Mit diesen Worten ließ die Marquise ihren Kopf auf meine Schulter zurückfallen, ihre Arme streckten sich aus, ihr Blick wurde starr, ihre Thränen stockten. Unempfindlich für meine sorgsamen Bemühungen, taub für meine Worte der Tröstung, schien sie sich in ihrer Verzweiflung das Schauderhafte ihrer Lage vorzumalen. Länger als eine Viertelstunde beobachtete sie dieses schreckliche Stillschweigen; dann sagte sie endlich in einem Tone, der mir gefasst schien: »Beruhigen Sie sich, mein Freund, setzen Sie sich neben mich, fürchten Sie nichts, schenken Sie mir Ihre ganze Aufmerksamkeit! ich will mich Ihnen ganz offenbaren; und wenn ich Ihnen gesagt haben werde, welche eitle Plane ich gebildet, und welchen unabänderlichen Entschluss ich soeben gefasst habe, dann erst werden Sie bestimmen können, in welchem Grade ich Ihr Mitleid oder Ihren Tadel verdiene. »Herr von B... war Ihnen in den Tuilerien begegnet. Er kommt wüthend zu mir, wirft mir vor zwanzig Personen seine eben erlittene Beschimpfung vor, kündigt mir seine nahe Rache an. Erstaunt über die grausame Rathlosigkeit, in der Sie mich in einem für meine Liebe und meine Ehre gleich gefährlichen Augenblicke lassen, bin ich genöthigt, mir zu sagen, dass ein wichtigeres Interesse, ein theuerer Gegenstand Sie beschäftige. »Justine geht mehrere Male in Ihre Wohnung und trifft Sie nicht. Jetzt beauftrage ich Dumont, den ältesten und vertrautesten meiner Diener, denselben, der hier als Desprez fungiert; diesen beauftrage ich, Sie in der Gegend des Klosters, das Fräulein von Pontis einschließt, zu erwarten und alle Ihre Schritte bis zum andern Morgen zu belauschen. Dumont sieht Sie ins Kloster gehen, wartet, bis Sie herauskommen, folgt Ihnen auf den Kampfplatz und auf die Straße bis nach Jalons, wo er Ihre Spur verliert. Er kommt nicht bald genug zurück, um der erste zu sein, der mir von zwei Entführungen erzählte, wovon in ganz Paris ein gewaltiger Lärm ist. »Dumont findet bei seiner Rückkehr meine Anordnungen bereits getroffen. Ich habe mein Geld, meine Juwelen und einige Bankbillete zusammengepackt, eine blaue Uniform, die Sie noch nie an mir sahen, angezogen, und eile selbst nach Jalons. Während ich dort den Postmeister ausfrage, kommt ein Mann, den ich kenne und der mir gegen seinen Willen Ihren Aufenthalt anzeigen muss. Es war Jasmin, der eine Postchaise führte; ich folgte ihm immer in einiger Entfernung und, wie er, komme ich vier und zwanzig Stunden nach Ihnen in Luxemburg an; man sagt mir, in der Stadt sei eine große Hochzeit, ein junger Mensch, der ein entführtes Mädchen bei sich habe, soll mit demselben getraut werden. »Dies ist genug, ich höre nichts mehr, ich eile in die Kirche, ich stürze mich – zu spät! man hatte Sie soeben mit ihr zusammengegeben! Ein Schrei entfährt mir, doch sammle ich plötzlich meine Kräfte und entziehe mich Ihrem Anblick; zu glücklich, fliehen zu können, fliehe ich. ohne zu wissen wohin; bald führt mich meine Liebe nach Luxemburg zurück; ich wollte wenigstens wissen, was aus Ihnen geworden ist. »Faublas, wahrlich! die Freude, die ich bei der Nachricht empfand, dass meine Nebenbuhlerin Ihnen entrissen worden sei, war weniger lebhaft, als die Unruhe, die sich meiner bemächtigte, als ich erfuhr, dass Sie von einer heftigen Krankheit befallen wurden. Von dem doppelten Wunsche beseelt, über das Leben meines Geliebten zu wachen, und ihn für mich, für mich allein zu erhalten, entwarf ich sogleich meinen Plan. »Dumont begleitete mich; wir durchstreiften die Umgegend von Luxemburg. Unter dem Namen Desprez mietete Dumont dieses Haus. In dem Pavillon, den ich für Sie bestimmte, ließ ich in der Eile einige zur Ausführung meiner Plane nöthige Änderungen vornehmen. Die Marquise von B..., entschlossen, Alles zu dulden, um nur Sie nicht zu verlieren, verschloss sich in einen elenden Speicher des andern Hauses. Ja, mein Freund, Sie sehen mich zweifelnd an, dies sei Ihnen ein Beweis, mit welch wahnsinniger Liebe mein Herz, ja meine ganze Seele sich zu Ihnen hingezogen fühlt, und ich bereit bin, Ihnen das größte Opfer zu bringen, indem ich Ehre und Ansehen von mir werfe. »Ihr Vater ließ Sie hierher schaffen; ich hatte das Vergnügen, mit meinem Geliebten beinahe unter demselben Dache zu wohnen, ihn unter meinen Augen wieder genesen zu sehen, zuweilen in der Stille der Nächte zu ihm zu gehen, ihn zu pflegen, indem ich die Glut seines Fiebers, welches ihn verzehrte, durch unermüdliche Sorgfalt zu mildern trachtete. »Ich hatte das Glück Sie allmählig wieder genesen zu sehen. Faublas, der Augenblick nahte sich, wo meine Wünsche in Erfüllung gehen sollten. In drei Tagen zerriß ich den beinahe magischen Schleier, womit ich mich umhüllt hatte; in drei Tagen entdeckte ich mich ohne Heimlichkeit. Ich zeigte Ihnen die Marquise von B..., die Ihnen zu lieb, ihres verlorenen Ranges kaum gedenkt, und nichts sehnlicheres wünscht, als Ihnen an irgend einem unbekannten Orte glückliche Tage zu bereiten. »Wenn mein Geliebter mich verstand, so bestimmte ich ihm ein immerhin beneidenswertes Los! wenn der Undankbare zu widerstehen wagte – »Chevalier, mein Entschluss war gefasst, ich entführte Sie gegen Ihren Willen, gegen Ihren Willen führte ich Sie, was weiß ich? vielleicht ans Ende der Welt! ja, ich hätte die Unendlichkeit der Meere zwischen meinen treulosen Geliebten und meine vorgezogene Nebenbuhlerin gesetzt!« Die Marquise, die anfangs gefasst, dann gerührt, jetzt schwärmerisch war, legte auf diese letzten Worte einen solchen Nachdruck, dass ich einige Zeichen des Staunens nicht zurückhalten konnte. »Beruhigen Sie sich!« sagte sie zu mir; »Sie sind von nun an frei, und ich bin für immer gefesselt! Sie ist für mich dahin die Zeit der zärtlichen Leidenschaften! »Ich darf nur noch die heftigste, die unversöhnlichste von Allen empfinden. Die Liebe flieht, vertrieben durch die Schmach; nie könnten Sie auch eine Frau in Ihre Arme schließen, die so beschimpft wurde. Durch den feigen Verrath Rosamberts aufgereizt bemächtigt sich meiner die Rache, die ich schon lange gegen diesen Abscheulichen hegte. »Faublas, es macht mir Vergnügen, es zu glauben, und ich habe es gesehen, dass Sie bereit sein würden, meiner gerechten Empfindlichkeit behilflich zu sein; aber Rosambert würde sich bei diesem Kampfe, dessen Erfolg nicht zweifelhaft wäre, noch seines Falles rühmen; sein ohne Schade verlorenes Leben wäre eine zu geringe Sühne für die unverzeihliche Schmach, die er mir soeben angethan hat. »Chevalier, seine Züchtigung ist meine Sache, und ich schwöre Ihnen, ich werde sie ausführen!« Frau von B..., mit flammenden Augen, geberdete sich wie rasend, dass ich die Folgen eines so gewaltsamen Zustandes für sie fürchtete. Meine unglückliche Freundin sah, dass ich sie unterbrechen wollte, und beeilte sich fortzufahren. »Sie würden sich umsonst bemühen, meinen Entschluss zu ändern. Ein Elender hat ihn nothwendig gemacht, als dass er Ihnen befremdend erscheinen darf, oder dass die unbedeutenden Gefahren, die er nach sich zieht, etwas Schreckliches für mich haben könnten; ich habe nichts mehr zu verlieren! »Faublas, ich wiederhole Ihnen, ich verbiete Ihnen, meinen Streit zu Ihrigem zu machen. Ich will ihn ganz allein ausfechten. »Ich würde verzweifeln, wenn mir ein anderer das Vergnügen der Rache entrisse. Man weiß, was eine beleidigte Frau wie ich vermag. Ja, ich schwöre es bei meiner verlorenen Ehre; eines Tags werden Sie sich staunend fragen, ob jemand auf der Welt die Marquise von B... hätte besser rächen können, als sie selbst.« Sie beobachtete einige Zeit lang ein düsteres Stillschweigen. Ich erfasste ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen, welche sie mir überließ, ohne einen Versuch zu machen mir dieselbe zu entziehen, und in einem weniger aufgeregten, aber nicht weniger klagenden Tone sagte sie zu mir: »Ach, ja! habe Mitleid mit mir. Ich bedarf einer Tröstung. Morgen verlasse ich Sie, morgen werden wir uns trennen, vielleicht auf lange uns trennen; ich gehe nach Paris zurück.« »Was sagen Sie, geliebte Freundin, nach Paris?« »Ja, Faublas! nicht Furcht war es, was mich aus der Hauptstadt trieb. Nicht um mich zu verbergen, flog ich nach Luxemburg. Ach! warum habe ich nicht, wie ich wünschte, den Rest meines Lebens Ihnen widmen können! Ich werde wieder in den Besitz meiner Güter und meines Ranges eintreten, da es mir nicht gestattet ist, sie Ihnen aufzuopfern. Ich gehe nach Paris zurück; seien Sie ruhig über mein Los! wann eine Frau, die nicht ganz ohne Geist und ohne Reize ist, nicht in Verlegenheit geräth, so überlassen Sie ihr guten Muthes die Sorge, ihren Gemahl wieder zu gewinnen, und wenn er das größte Recht hat, zu zürnen. Um dieses heickle Unternehmen zu einem glücklichen Ende zu führen, dazu bleiben mir noch zwei Mittel, wovon das leichtere nicht auch das bessere ist. Wie so viele andere, kann ich mich darauf beschränken, das Demüthigende, was mein Abenteuer für die Eigenliebe des kompromittierten Dritten hat, zu bemänteln, das übrige aufrichtig zu gestehen, und mit der Macht, welche die Schönheit immer über denjenigen behält, den sie beleidigt hat, eine Verzeihung nachzusuchen, die ihr nicht verweigert werden wird. Allein dieser Plan, so gut er zuweilen sein mag, ist immer äußerst gewagt und zeigt zu große Widerwärtigkeiten im Hintergrund. »Wegen des Herrn von B... eigener Ruhe will ich nicht, dass er sich jemals mit meinen eigenen Geständnissen gegen mich bewaffnen, mich ewig mit seiner Eifersucht verfolgen und aus Verdacht, ich hätte zehn Intriguen angesponnen, während ich nur eine Leidenschaft hatte, mir vielleicht die rechtmäßige Geburt des einzigen Kindes bestreiten kann, das ich ihm geschenkt habe. Überdies, warum sollte ich demüthig um eine Verzeihung bitten, die ich ihm stolz entreißen kann? nein, nein! ich mache lieber das unwiderrufliche Gleichgewicht geltend, das ein starker Geist immer über einen schwachen hat. Ich werde nicht die erste sein, die zu unwahrscheinlichen Lügen gezwungen, eine bewiesene Untreue laut und keck ableugnet. Vielleicht wird es mir weniger schwer, als Sie glauben können, Herrn von B... begreiflich zu machen, dass der Chevalier Faublas für mich immer Fräulein Duportail war; und wenn ich den Marquis auch nicht überzeuge, so werde ich ihn doch wenigstens in die Enge treiben wissen, dass er die Sache auf sich beruhen lässt. »Ich weiß wohl, dass das böse Publikum, das weit entfernt über wirkliche Vergehungen die Augen zuzudrücken, im Gegentheil immer geneigt ist, welche vorauszusetzen, sich nicht so leicht hinter's Licht führen lässt, als ein gutmüthiger Ehemann. Ich weiß wohl, dass ich mich auf die demüthigende Celebrität gefasst halten muss, die den galanten Abenteuern folgt, welche etwas außergewöhnliches haben. Unsere Dreiviertelschöngeister von Elegants werden mich besiegen; unsere gottesfürchtig gewordenen alten Weiber werden mich zerreißen. »In den Zirkeln, wenn ich je zu erscheinen wage, werde ich die Zielscheibe affektierten Geflüsters, boshafter Blicke, maskierter Spöttereien, zweideutiger Witze sein. Ich werde die unverschämten Blicke unserer abgeschmackten Stutzer, die kalte Verachtung der unerbittlichen Spröden, die verabredete Verschmähung der angeblichen ehrsamen Frauen, den schwesterlichen Empfang der übel berüchtigten Schönheiten mir gefallen lassen müssen. In den Theatern und auf den öffentlichen Spaziergängen, wenn ich anders den Muth habe, mich dort blicken zu lassen, wird die Menge mich umringen; ein Schwarm junger Laffen wird unaufhörlich um mich herum murmeln: »Sie ist's! diese ist's!« »Nun gut, Faublas! diese so peinliche Rolle, die mehrere Frauen von meinem Rang absichtlich übernommen haben, werde ich nothgedrungen durchzuführen haben, und ich werde suchen, sie durchzuführen. Wie diese kühn in meinem Auftreten, frei in meinen Reden, stoisch, unempfindlich gegen meine Schmach, werde ich mich vielleicht gewöhnen können, die Schande durch Frechheit, den Tadel durch Unverschämtheit von mir abzuhalten. Wenn es wahr ist, dass man, um nicht unglücklich zu werden, immer streng seine Pflichten erfüllen muss, warum legt man uns denn so schwer auf? ein Mädchen, das von sich selbst nicht weiß, fällt mit fünfzehn Jahren in die Hände eines Mannes, den sie nicht kennt. Ihre Eltern haben zu ihr gesagt: »Die Geburt, der Rang und das Geld machen das Glück aus; es kann Dir nicht fehlen, dass Du glücklich bist, indem Du zu Deinem Adel noch reicher wirst; Dein Gemahl kann nicht anders als ein ausgezeichneter Mann sein, da er ein Mann vom Stande ist.« Die junge Gattin allzuschnell enttäuscht, findet nur Lächerlichkeiten und Laster, wo sie angenehme Talente und glänzende Eigenschaften erwartete; die Pracht, die sie umgibt, die Titel, womit sie geschmückt wird, bieten ihrer Langweile nur sehr unzureichende, sehr vorübergehende Zerstreuungen dar. Vielleicht haben ihre Augen bereits unterschieden, ihr Herz den liebenswürdigen Sterblichen gefühlt, der zum Glücke ihres Lebens fehlt. Der flatterhafte Eheherr dagegen, nachdem er sie lange vernachlässigt, lässt er sie endlich ganz allein, und sie muss sich entweder einem frühen Cölibat unterwerfen, oder den gefährlichen Freuden einer sehnlich gewünschten Verbindung aussetzen. »Dies mein Freund, dies ist das Los der Frauen in diesem Frankreich, wo man behauptet, sie herrschen. »Mein Freund, ich verlasse Sie, was werden Sie beginnen? Gewiß, Sie brennen vor Verlangen, sich mit Sophie wieder zu vereinigen! ach! möchten Sie sie wieder finden und ihr immer treu bleiben! möchte diese wenigstens nicht so wie ich unglücklich sein. »Faublas, ich scheide von Ihnen, ich überlasse Sie auf einige Zeit den treulosen Einflüsterungen des schändlichen Rosambert. Hüten Sie sich, auf ihn zu hören, wenn mein Andenken Ihnen theuer ist, wenn Sie Sophie lieben! mein Freund, der Graf würde Sie zu Grunde richten; in seiner Gesellschaft würden Sie Geschmack an nichtigen Beschäftigungen, an verderblichen Vergnügungen bekommen; er würde Sie die verabscheuungswerte Kunst der Verführung und feiger Verrätherei lehren. »Vielleicht scheint es Ihnen auffallend, Frau von B... moralisieren zu hören; allein dies gehört auch zu den Sonderbarkeiten, die Ihnen Ihr glückliches Geschick und mein bizarrer Stern vorbehielten. Faublas, ich gestehe Ihnen, ich könnte Sie nicht ohne den tiefsten Kummer im Schoße verderblicher Trägheit und erniedrigender Ausschweifung die kostbaren Gaben verlieren sehen, welche die Natur an Sie verschwendete. Ein junger Mann, wie Du, kann auf Alles Anspruch machen. Alles umfassen. Die Wissenschaften laden Dich ein, die Literatur ruft Dich, der Ruhm erwartet Dich bei unseren Heeren: Begib Dich auf diese Laufbahn und schreite mit Riesenschritten fort immer vorwärts, dass Deine Feinde sich zum Schweigen genöthigt, Deine Rivalen zur Bewunderung gezwungen sehen! Deine ersten Erfolge werden meinem Schmerz eine erste Linderung bringen; das Lob, das Du verdienen wirst, werde ich erhalten zu haben glauben; Deine Vorzüge werden meine Schwachheiten rechtfertigen; ein Tag wird kommen, wo ich stolz überall sagen kann: »Ja, ich gestehe, ich habe mich vergessen, aber es geschah für ihn!« Frau von B... hatte meiner Seele den edlen Enthusiasmus mitgetheilt, von dem die ihrige entflammt war; von einer höheren Gewalt hingerissen, wollte ich mich in ihre Arme stürzen; sie hielt mich zurück. »Leben Sie wohl, Chevalier! rechnen Sie jeder Zeit auf mich!« »Warum, theuere Freundin, diesen traurigen Abschied?« »Lassen Sie mich so scheiden!« »Was wollen Sie unternehmen?« »Faublas, fragen Sie mich nicht, jetzt nicht!« »Ich lasse Sie nicht allein in dieser Stimmung von mir gehen!« »Chevalier, die schwache Marquise von B... ist nicht mehr.« »Ich fürchte für Sie, theuere Freundin!« »Mit Unrecht, Sie sehen jetzt eine Frau vor sich, die einiger Energie fähig ist und keine andere Sorge kennt, als ihre Rache zu vollführen und Ihnen eine glänzende Laufbahn zu sichern.« »Theuerste Freundin, angebetetes Weib!« »Es ist vorbei, nichts darf mich mehr zurückhalten von dem Wege, den ich mir vorgezeichnet.« »Möge ein friedlicher Engel Dich, theuere Freundin, geleiten!« »Leben Sie wohl, Faublas, Ihre Freundin umarmt Sie!« Sie gab mir einen Kuss auf die Stirne und entfernte sich. Der Tag, der auf diese unglückliche Nacht folgte, brachte mir Nachrichten, die mich trösteten. Vor Mittag erhielt ich von Rosambert einen Brief, den ich anfangs nicht lesen wollte. Desprez war allein bei mir, als er mir zugestellt wurde. »Hören Sie, Dumont, hier ist eine Handschrift, die ich kenne! thun Sie mir den Gefallen und bringen Sie diesen Brief der Frau von B..., sagen Sie ihr, ich wolle ihn nicht öffnen und sie könne nach Belieben darüber verfügen.« Dumont gieng und kam nach einer Viertelstunde wieder. »Die Frau Marquise lässt bitten, sie auf einen Augenblick zu besuchen.« Ich kam bei ihr an, ehe ich merkte, dass ich drei Treppen hatte steigen müssen. Ich befand mich in einer kleinen Kammer und sah Frau von B... in ihrer Traurigkeit, ihrer Niedergeschlagenheit, ihrer Blässe; ich fragte sie, wie sie den Rest der Nacht zugebracht hätte. »Ach!« sagte sie, »wie ich von nun an viele andere verbringen werde!« und mir ein in ihren Thränen gebadetes Papier überreichend, fügte sie hinzu: »Sehen hier diesen Brief meines feigen Verfolgers. »Mein Freund, ich habe ihn einmal durchsehen können, ich werde ihn auch noch hören können. Lesen Sie, lesen Sie laut!« »Laut?« »Es wird von Ihrer Seite eine grausame Gefälligkeit sein, aber ich fordere es.« »Erlauben Sie.« »Faublas, gewähren Sie mir diese letzte Gunst.« »Indes.« »Chevalier, ich will es! »Respektieren Sie endlich Ihren Meister, mein lieber Faublas! Gestern sahen Sie ihn einen großen Streich ausführen, den er länger als einen Monat vorbereitet hatte; wie teuflisch er denselben ausgedacht, davon haben Sie sich selbst überzeugt. Lesen Sie, was mir der feige Wicht schreibt!« »In meiner Zurückgezogenheit erfahre ich, dass ein Unbekannter, der in die Kirche kam, sich dort zur Schau bot und nicht geringes Aufsehen verursachte. Kurze Zeit darauf schrieben Sie mir, dass ein geheimnisvolles aber sehr vertrauliches Gespenst Ihnen des Nachts interessante Besuche abzustatten kommt; ich, der ich den Unternehmungsgeist der Frau Marquise kenne, stelle Vermuthungen an, ich fasse Verdacht und ziehe Erkundigungen ein; bald weiß ich, was ich wollte, hüte mich aber wohl, Ihnen etwas davon zu sagen. Ich erfuhr, dass Frau von B... am Tage Ihrer Flucht verschwunden ist. Es wird mir zur Gewissheit, dass sie bei Ihnen ist, Sie, mein lieber Freund, es aber nicht wissen, wie konnten Sie auch die List und Verwegenheit einer so intriganten und leidenschaftlichen Frau durchschauen. Sie, mit Ihrer jugendlichen Phantasie, mit Ihrem edlen und zugleich so vertrauensvollen Gemüthe. Nun, hören Sie mein Geständnis: Man vergisst nicht so leicht das Unrecht, ich möchte sagen, die Zurücksetzung, wenn ich Sie, mein lieber Freund, nicht so sehr liebte, ja die Zurücksetzung, die man von einer so liebenswürdigen Frau erlitten hat. Seit zehn Monaten hatte ich ihre pikante Untreue auf dem Herzen.« »Meine Untreue!« rief die Marquise; »als ob ich je – der Geck, der Unverschämte! doch fahren Sie fort, mein Freund, fahren Sie fort.« »Ich sehe in der Ferne das Mittel, mir eine vollständige und ebenso süße Rache zu sichern, ich will nicht leugnen, dass dieselbe wohl etwas schwer auszuführen sein wird; aber ich will Alles daraufsetzen, so selbst meine Sicherheit und mein Leben, um diesen so lange, so geschickt ausgesonnenen Strich auszuführen. »Ich beschleunige meine Heilung und nehme Post. »Um die galante Katastrophe herbeizuführen, musste ich Ihnen ein kleines Räuschchen anhängen, mein Freund; ich sah mich durchaus genöthigt, diese unschuldige List zu gebrauchen, die Sie mir ohne Zweifel verzeihen. Ja, ich hoffe bestimmt auf Ihre Verzeihung. Sie sollen sich vorerst von meiner guten Absicht, die ich in Betreff auf die Wiedervereinigung mit Ihrer liebenswürdigen, Ihnen angetrauten Gattin, hege, überzeugen. Diesen Morgen jedoch bin ich unruhig; was hat die Marquise nach meiner Abreise gesagt? was hat sie gethan? Gut, ich wette, dass sie stets geschickt die einzige, den Umständen angemessene Partei zu ergreifen, den rührenden Schmerz, die schreckliche Verzweiflung, die interessante Reue gespielt. Ich wette, dass der immer im höchsten Grade leichtgläubig und mitfühlend, die Trübsale seiner, auf verrätherische Weise behandelten Geliebten aufrichtig getheilt haben wird. Ich wette, dass der Undankbare nicht von Ferne an die Verpflichtung denkt, die er soeben gegen mich eingegangen hat; und dennoch entreiße ich ihn der Freundin, die ihn gefangen hielt, und ich gebe ihn ungetheilt der Gemahlin zurück, die er anbetet. »Faublas, durch einen gerechten Schicksalsspruch kommt Frau von B... auf's neue an ihren ersten Herrn zurück.« »An ihren ersten Herrn!« unterbrach Frau von B... »dies ist nicht wahr!« »Ein geschickter Dieb hatte sich seit zehn Monaten in mein Eigenthum festgesetzt.« »In sein Eigenthum!« rief sie abermals, »dies ist nicht wahr!« »Ich habe ihn durch die Überrumpelung vertrieben, da ich nicht Gewalt brauchen konnte, und bin in den Besitz meines Gutes zurückgekehrt. Chevalier, seien Sie der einzige Besitzer des Ihrigen. Sophie erwartet ihren Befreier; Frau von Faublas seufzt eingeschlossen im Kloster, Vorstadt Saint-Germain in Paris. Sie werden errathen, warum ich Ihnen diese wichtige Nachricht nicht schon gestern mittheilen wollte. »Gehen Sie, mein Freund, verkleiden Sie sich geschickt, eilen Sie in die Hauptstadt und wenn Sie Ihre reizende Frau umarmen, so vergessen Sie nicht ihr zu sagen, dass sie dem Grafen Rosambert das Vergnügen verdankt. Sie so bald wieder gesehen zu haben. Ich bin Ihr Freund u. s. w.« »Meine Frau im Kloster zu Paris!« rief ich, als ich den Brief zu Ende gelesen hatte. »Ach, meine Freundin, sehen Sie, wie glücklich ich bin!« »Grausames Kind,« antwortete sie mit einer leidenschaftlichen Bewegung, die sowohl ihre Liebe, wie ihre Verzweiflung ausdrückte; »grausames Kind, so mussten denn Sie es sein, der mir den letzten Schlag versetzt!« Ich wollte ihr zu Füßen fallen, ich wollte sie um Verzeihung für meine Unbesonnenheit bitten; allein ihre Unruhe war im Augenblicke verschwunden und sie fragte mich mit mehr Festigkeit, was ich zu thun gedenke und welchen Dienst ich von ihrer Freundschaft erwarte. Ich sprach das lebhafte Verlangen aus, bald nach Paris zurückzukehren; sie schien entsetzt von den Gefahren, die meiner dort warteten, und sprach von dem Kummer und der Besorgnis, die meine Flucht dem Baron verursachen würde. Ich bemerkte ihr, dass ich meinen Vater wahrscheinlich nur auf vierzehn Tage verlassen werde und vermittelst einiger klugen Vorsichtsmaßregeln den Gefahren zu entrinnen hoffen könne, die meine Rückkehr in die Hauptstadt wirklich nach sich zog. Frau von B... schien das Wagnis zu kühn, sie wollte sich nicht einverstanden erklären. »Meine Freundin,« sagte ich zu ihr, »fern von mir stirbt vielleicht meine Gattin, sie verzweifelt vielleicht; und jetzt, da ich ihren Aufenthalt kenne, wäre es mehr als feig, ihr nicht zu Hilfe zu eilen? Pfui über den Mann, der solches thäte! »Ich kenne für mich selbst keine so dringende Gefahr, wie diejenige, die sie bedroht, und meine erste Pflicht ist, ihr zu Hilfe zu kommen.« »Mir,« antwortete sie seufzend, »kommt es nicht zu, die Unklugheiten zu tadeln, welche die gebieterischste Leidenschaft begehen macht. Möchte ich, die Vertraute Ihrer Verwegenheiten, nie im Geheimen die vielleicht glückliche Zeit bedauern, wo ich vor ähnlichen nicht zurückbebte. Gehen Sie, lieber Faublas, mitten durch tausend Gefahren diese junge Sophie aufzusuchen, deren Schönheit mir so viele Thränen gekostet hat! O, wahrhaft bizarres Schicksal! jetzt muss ich, um Sie zusammenzuführen, mir ebenso viele Mühe geben, als ich mir früher angelegen ließ, Sie zu trennen. »Meine Freundschaft, zweifeln Sie nicht an derselben, sie wird über die unbedachtsame Liebe wachen; ich werde, so viel in meiner Macht steht, die Gefahren zu beseitigen suchen, von denen ich Sie umgeben sehe, und die schönen Tage vorbereiten, die Ihnen versprochen sind. »Von allen Vorsichtsmaßregeln ist die erste und nothwendigste die, dass Sie sich verkleiden; ich nehme es auf mich, Ihnen einen bequemen und passenden Anzug ausfindig zu machen; ich werde alle Vorbereitungen zu Ihrer Reise besorgen. Die meinige, deren Stunde festgesetzt war, wird um Ihretwillen auf morgen verschoben werden. »Verlassen Sie mich, mein Freund! sagen Sie Desprez, er solle zu mir heraufkommen; erwarten Sie mich heute um Mitternacht auf Ihrem Zimmer.« Sie kam in der That zu mir. Zuerst ließ sie mir meine Kleider ausziehen, dann zog sie geheimnisvoll aus einem kleinen Paket ein langes schwarzes Gewand heraus, in welches ich mich einhüllen musste. Ein kunstvoll umgebundener Batist schien den Schatz eines keuschen und entstehenden Busen zu verhüllen; auf meine bescheidene Stirne, die schon mit einem weißen Streifen bedeckt war, fiel noch ein leichter Schleier herab, hindurch welchen mein schüchterner Blick denjenigen meiner gefälligen Freundin aufsuchte, die mich ankleidete. Wie sah ich sie erröthen und in Verwirrung gerathen! mit welchem Schmerz und doch mit welchem Vergnügen hörte ich einen schmerzlichen und zugleich zärtlichen Seufzer ersticken, wie oft senkten sich ihre thränenfeuchten Augen, um die Begegnung der meinigen zu vermeiden. Wie oft blieben ihre zitternden Hände ruhen, um noch etwas an meinem Gewande zu richten, das ihr nicht ganz zu passen schien. Und ich, für den diese hübsche Hand immer nicht langsam genug war, ich, der ich sanft über meine interessante Freundin gelehnt, schweigend ihre meinem Herzen so wohlthuende Rührung genoss. Wie sah ich mich von dem lebhaften Verlangen gedrängt, meine Glut und meinen Kummer in einer letzten Umarmung zu begraben. Oh, meine Sophie! in keinem Augenblicke meines Lebens war Dein Andenken meiner wankenden Tugend nothwendiger und doch muss ich zu meiner Strafe gestehen, wenn ich sicher gewusst hätte, dass Frau von B... ebenso schwach als ich – – – Kurz, ich machte keinen Versuch und blieb standhaft. Du, mein geliebtes Weib, meine theuere Sophie, musst mir Dank wissen, dass ich den Muth der Marquise und die Treue Deines Gemahls nicht auf diese harte Probe stellte. Als Frau von B... sah, dass nichts mehr zu meiner Verkleidung fehlte, konnte sie einige Thränen nicht zurückhalten und sagte mit schwacher Stimme zu mir: »Leben Sie wohl! gehen Sie, kehren Sie nach Frankreich zurück, fliegen Sie nach Paris; in zwei Stunden folge ich Ihnen, zwei Stunden nach Ihnen bin ich in der Hauptstadt. »Faublas, wir werden, so zusagen, miteinander ankommen; dieselbe Stadt wird uns einschließen, und doch werden wir uns nicht wiedersehen! Ich werde wenigstens über Sie wachen, ich werde der Gefahr zuvorkommen oder sie beseitigen. Sie werden dann sehen, ob ich wirklich Ihre Freundin bin. »Chevalier, steigen Sie in der Straße Grenelle Saint-Honoré, im Gasthof »zum Kaiser« ab. Sie werden nur einen Augenblick dort sein, so wird in meinem Namen jemand zu Ihnen kommen, dem Sie Ihr ganzes Vertrauen schenken können. Faublas, hören Sie ja auf seinen Rath, folgen Sie seiner Ansicht und begehen Sie ja keine Unvorsichtigkeit, ich bitte Sie! Sie haben nur noch ein Mittel, mich für meine Bemühungen zu belohnen, wenn Sie die Wirkungen derselben nicht durch tolle Verwegenheit zerstören. Warum ist es mir nicht gestattet, Sie auf der Reise zu begleiten und die Gefahren zu theilen, die Ihrer vielleicht warten! hören Sie, mein Freund, für jeden Fall nehmen Sie Ihre Pistolen zu sich. Was diese Waffe anbelangt,« fügte sie hinzu, auf meinen Degen zeigend, der neben meinem Kopfkissen hieng, »dies kann niemals einer Nonne gehören, erlauben Sie, dass ich es mir zueigne.« Ich machte den Degen los und überreichte ihn ihr; sie ergriff ihn mit Entzücken, zog ihn schnell heraus und schien mit Wohlgefallen den feinen Stahl zu betrachten; dann senkte sie ihn wieder in die Scheide, bemächtigte sich meiner Hand, die sie mit einer Kraft drückte, welche ich ihr nicht zugetraut hätte, und sagte mit festem Tone zu mir: »Großen Dank, ich werde dieses Geschenks würdig sein!« Ohne meine Antwort abzuwarten, führte sie mich nach der Treppe, die wir schweigend hinabstiegen; wir giengen ohne Geräusch durch den Garten, dessen kleine Thüre sich öffnete, sobald wir uns zeigten; ich sah eine Postchaise, die mich erwartete. Ich wollte der Marquise danken, indem ich sie umarmte, allein schneller als der Blitz riss sie sich aus meinen Armen, schloss die Thüre hinter sich zu und ließ mich ein letztes Lebewohl hören. Es war ungefähr fünf Uhr morgens; mit Tagesanbruch kamen wir auf französischen Boden. Wer in einem Lande reist, wo er sich schlimme Händel zugezogen hat, bildet sich ein, jeder, der ihn ansieht, erkenne ihn, es scheint ihm unmöglich, dass sein fatales, auf seine Stirne geschriebenes Abenteuer nicht von jedem Vorübergehenden gelesen werde; überdies war es ganz natürlich, dass eine reisende Nonne aufmerksam betrachtet werde. So sagte ich zu mir in der Gegend von Longwy, dem ersten Grenzorte, wo ich zu bemerken glaubte, ich werde beobachtet. Ich verfiel in einen allzu kurzen Schlaf. Nach einigen hundert Schritten wurde mein Wagen umschlossen; ich öffnete die Augen bei dem Geräusch, das meine barsch aufgerissenen Wagenschläge verursachten. Ehe ich Zeit hatte zur Besinnung zu kommen, stürzte man in den Wagen; ich wurde gepackt und gebunden. Aus Ehrerbietung vor meinem Gewande, oder aus Unachtsamkeit, ließ man mich unausgesucht, man hüllte mich in einen Soldatenmantel und bedeckte meinen Schleier mit einer dicken profanen Leinwand. Der Anführer setzte sich ohne Umstände neben mich; der Postillon erhielt Befehl weiter zu fahren. Wohin führte man mich? Der verwünschte Wagen fuhr immer fort und wir kamen nicht zur Stelle. Seither habe ich berechnet, dass wir ungefähr sechs und dreißig Stunden unterwegs waren; sechs und dreißig Jahre hätten mir nicht länger erscheinen können. Welche schreckliche Unruhe quälte mich! welchen Betrachtungen war ich überlassen! ich sah mich von Richtern umringt, ich hörte den fürchterlichen Spruch verkündigen, ich gewahrte das unglückselige Schaffot! welche Lage! Das Tuch, womit man meinen Kopf eingehüllt, ließ mir zu wenig Licht zu, als dass ich etwas hätte unterscheiden können. Nur das Getrappel von Pferden erreichte mein Ohr, und ich schloss sehr vernünftig daraus, dass ich zur größeren Sicherheit von Soldaten geleitet werde. Einmal, als die Truppe einen Augenblick Halt machte, wahrscheinlich, um sich frische Pferde geben zu lassen, hörte ich sogar einen von ihnen Dernevals und meinen Namen nennen. Es war nicht für mich allein, dass ich zitterte bei meinen Gefahren, nein, mein Vater! an Dich dachte ich, ich dachte an den Brief, den ich auf meinem Tische für Dich zurückgelassen hatte, und worin ich Dir eine baldige Rückkehr versprach. Vielleicht sollte Dein Sohn Dich nicht mehr umarmen! Nicht wegen meiner allein bedauerte ich mein frühes Ende; nein, meine junge Gattin, nein! ich dachte an Deine liebliche Erscheinung, an unsere kurze Ehe, an unsere süßen so schnell zerrissenen Bande. Wenn auch mein klägliches Ende nicht das Deinige in Bälde nach sich zog, so war ich doch sicher, dass Du meinem Andenken treu bleiben würdest; dass sich nie ein Sterblicher des Glückes rühmen sollte, die Witwe des Faublas geheiratet zu haben. Oh, meine Sophie! wie rührte mich der Gedanke an das traurige Schicksal meines jugendlich geliebten Weibes. Endlich kamen wir an. Man hob mich heraus und trug mich, ich konnte nicht errathen wohin, denn ich konnte im Dunkel der Nacht nichts unterscheiden. In Ermangelung meiner Augen spitzte ich die Ohren und lauschte mit eben so großer Neugierde als Unruhe. Ich hörte das Geschmetter der Thüren, das Knarren der Riegel, den eiligen Schritt mehrerer von verschiedenen Seiten herbeilaufenden Personen. Der Ort, wo man mich niedergesetzt hatte, schien mir feucht und kalt; ich wurde auf einen ungeheuern hölzernen Lehnstuhl gesetzt; ziemlich weit von mir murmelte man einige Worte, die ich unmöglich verstehen konnte; meine Ohren erreichte nur jene Art dumpfes und langes Geseufze, das an einem sehr großen, in der Regel einsamen Orte das ungewohnte Durcheinander mehrerer Stimmen untereinander hervorbringt. Eine Person kam auf mich zu, neigte sich zu meinem Ohr und richtete in einem sehr sanften Tone die zugleich tröstenden und schrecklichen Worte an mich: »Großer Gott! was wird aus Ihnen werden? ach! werde ich Sie retten können?« Einen Augenblick nachher hörte ich den Ton einer Trauerglocke; es schien mir, als ob viele Leute miteinander hereinträten und mich umringten. Auf das Geschrei einer großen Versammlung folgte plötzlich eine tiefe Stille, die einige Zeit währte. Meine Seele wurde bewegt, eine unaussprechbare Trauer bemächtigte sich meiner, ich dachte, meine letzte Stunde sei gekommen. Eine schwache Stimme brach endlich das entsetzliche Schweigen und befahl mir, ein Ave Maria zu sprechen. Ein Ave Maria! dreimal ließ ich mir diesen sonderbaren Befehl wiederholen und dreimal verweigerte meine stockende Zunge Gehorsam; ich konnte mich in meiner großen Verwirrung keiner Silbe des verlangten Gebetes entsinnen. Eine Person stimmte es an und ließ mich es Wort für Wort wiederholen. Hierauf begann das kurze Verhör, dessen Verbalprozess genau lautete wie folgt: »Woher kommen Sie?« »Was weiß ich? fingen Sie die, welche mich hierher gebracht haben.« »Was haben Sie gethan, seit Sie von hier fortgegangen sind!« »Von hier? ich bin vielleicht noch nie hieher gekommen! wo bin ich?« »Haben Sie nicht Fräulein von Pontis verführt?« »Fräulein von Pontis! oh, Sophie!« »Ja, Sophie von Pontis! Sie kennen sie?« »Ich habe von ihr sprechen gehört. Wenn ich sie gekannt hätte, würde ich sie angebetet haben und nicht verführt.« »Kennen Sie den Chevalier Faublas?« »Dieser Name ist mir schon vorgekommen.« »Kennen Sie Derneval?« »Nein!« Dieses »Nein« kreiste, von mehreren Stimmen wiederholt, in der Versammlung. »Nennen sie sich nicht Dorothea?« »Nein.« Dies machte noch einen größeren Eindruck, als das erste. Die Stimme, die mich ausfragte, fuhr fort: »Man nehme ihr dieses Tuch ab und hebe ihren Schleier.« Der Befehl wird alsobald vollzogen und welches Schauspiel überrascht mich! vor einem Altar, auf einer kreisförmigen Bank, die mich in ihrem weiten Umfang einschließt, stehen der Reihe nach mehr als fünfzig Nonnen. Es ist kein Traum, je länger ich um mich schaue, desto deutlicher sehe ich, dass sie mich ganz verwundert betrachten: ich höre sie sogar im Chor ausrufen: »Sie ist es nicht!« »Sie ist es nicht!« wiederholte diejenige, welche der Versammlung zu präsidieren schien. »Die Sache ist verwickelt,« fuhr sie nach einem Augenblick Nachdenkens fort, »wir müssen noch heute Nacht an unsere Obern schreiben. Morgen werden wir Antwort erhalten; indes führe man sie ins Gefängnis und eine unserer Schwestern wache bei ihr.« Vier junge Novizen ergriffen mich und trugen mich fort. Ich leistete keinen Widerstand; erstens war ich gebunden und zweitens fand ich die Art, wie ich fortgeschafft wurde, nicht ganz unangenehm. Überdies folgten mir alle diese Frauen, und ich machte mir ein Vergnügen daraus, sie zu betrachten. Man führte mich bei Kerzenschein in ein langes Gewölbe, an dessen Ende ich eine Kapelle erblickte. Zunächst an derselben öffnete man ein Zimmer, das von einem Gefängnisse nur den Namen hatte. Es war eine Art Zelle, in der sich ein Bett befand, auf das man mich legte. Eine Lampe wurde angezündet, man ließ einen Sitz für die Schwester Ursula bringen, der die ehrwürdigen Damen beim Hinausgehen empfahlen, bis zum nächsten Morgen inbrünstig bei mir zu beten. Oh, mein Stern, Dank sei Dir gesagt! von allen hübschen Gesichtern, die ich gesehen hatte, besaß Ursula das reizendste. Welcher Teint! welcher Glanz! welche Frische! Welche Sanftheit in ihrem schüchternen Blick! Welche Unschuld auf ihrer offenen Stirne. Wenn man nicht Fräulein von Pontis gesehen hat, so findet man kein schöneres auf der Welt. Obschon ein Gefangener, hatte ich bereits keine Unruhe mehr als die, welche mir die lebhafte Bewunderung bei dieser so rührenden Schönheit einflößte. Obschon sehr ermattet, fühlte ich kein Bedürfnis nach Ruhe mehr; es wäre auch die rechte Zeit zum Schlafen gewesen. Frisch auf, Faublas, galanter Kamerad Rosamberts, gelehriger Zögling der Frau von B..., hier gilt es, Dich Deiner Lehrer würdig zu zeigen! Der Triumph kann Dir vielleicht schwer scheinen, allein die Laufbahn ist einmal geöffnet, und sieh! wie er Deiner würdig ist, der Preis, den der Zufall in diesem Augenblicke für die Beredsamkeit ausgesetzt, ein bezauberndes Mädchen und die Freiheit! wenn je Verführung zu entschuldigen war, gewiss! so war es hier der Fall. Neugieriger Leser, der Sie allein an Ihrem Feuer mit gierigen Augen dieses Buch durchblättern, wenn Sie eben so leichtfertig sind, wie sein junger Verfasser, so füllen Sie die folgenden sechs Seiten aus Ihrem eigenen Kopfe aus. * * * Ich hatte soeben die beiden hübschen Füße Ursula's zusammengebunden, ich hatte ihre Hände mit den Banden beschwert, von denen sie die meinigen befreit hatte; und mit schwerem Herzen bereitete ich das Sacktuch vor, das ihr den Mund bedecken sollte. »Noch einen Augenblick! ich will Ihnen Ihre letzten Anweisungen geben, ich will dieselben wiederholen, dass Sie dieselben wohl behalten. Geleitet von dem schwachen Scheine dieser Kerze, werden Sie in das Gewölbe kommen, das wir soeben miteinander durchgegangen haben. »Einige Schritte von da wenden Sie sich, wie ich Ihnen gezeigt habe, links, dann werden Sie bald an die Fallthüre kommen, die wir mit so großer Mühe ausgehoben haben; ganz in der Nähe derselben, unter dem Schirmdach des kleinen Hofs, nehmen Sie die Leiter des Gärtners; endlich öffnen Sie mit diesem Schlüssel hier das Gartenthor, das Sie kennen, und möge der Himmel Sie vor jedem Unfall schützen! ach, ich vergaß noch eine nothwendige Vorsichtsmaßregel, ich vergaß sie, weil sie nur mich betrifft. »Um es weniger zweifelhaft zu machen, dass Sie durch Gewalt von außen befreit worden seien, tragen Sie beim Hinausgehen Sorge, in den Eingang des Gefängnisses eine Ihrer Pistolen zu werfen, welche Ihnen die Landreiter so glücklicherweise gelassen haben. »Gehen Sie, mein Engel, retten Sie sich, es ist schon spät! Lebewohl, göttlicher Jüngling! Deine Worte klingen mir wie himmlische Musik! Das Feuer Deines Blickes versengt mein Herz, meine Seele ruht in der Deinigen! bedecke mir das Gesicht und entferne Dich eilends!« Es kam mir schwer an, sogleich zu gehorchen; dennoch musste ich mich wohl oder übel dazu entschließen. Ich bedeckte ihren schönen Mund mit einem Sacktuch, das ich so auseinander legte, dass man glauben konnte, man habe dem armen Mädchen ihr Gesicht verhüllt, damit ihr Geschrei nicht gehört werden könnte. Um die Zeit nicht mit unnützen Danksagungen zu verlieren, verließ ich sodann meine Befreierin, ziemlich beruhigt über ihr Los, was ihr auch begegnen mochte, aber noch in großen Sorgen um meine eigene Person. Wie groß war meine Freude, als ich, nachdem ich das Gewölbe glücklich durcheilt, die Fallthüre geöffnet hatte, mich in einem Garten erblickte, den ich wieder erkannte. Mein Herz klopft so stürmisch, meine Augen füllen sich mit Thränen. Ich sehe ihn wieder, diesen geliebten Spaziergang, wo meine angebetete Sophie seufzte! welche Gefühle empfinde ich! eine fromme Scheu! eine heilige, mit Rührung vermischte Ehrfurcht! diese Orte sind voll von ihrer Gegenwart und den Denkmalen unserer Liebe. Hier schwärmte sie an dem Tage, da ich ihr meine Romanze sang. Auf diese Bank, die ich berühre, setzte sie sich in den Erholungsstunden, damit mir uns durch die Jalousien unseres Gartenhauses hindurch sehen konnten. Auf diesem Platze hier kam ich fast alle Abende mit ihr zusammen; hier vermischten wir oft in gegenseitiger Herzensergießung unsere Seufzer und Thränen. Hier, unter diesem schützenden Kastanienbaume, umarmte ich sie, die jetzt meine Frau ist. Wir waren Liebende, nun sind wir Gatten und wir schmachten getrennt. Doch fort mit diesen traurig schönen Erinnerungen. Großer Gott! der Tag beginnt zu grauen, und wenn man mich hier entdeckt, so bin ich verloren. Ich lief nach meiner Leiter, stieg mit großer Mühe hinauf, in dem mich das lange Kleid, worin ich nach Ursula's Rath gekleidet blieb, sehr hinderte. Dessen ungeachtet hatte ich bereits die Zinne der Mauer erreicht, als ich, mich gegen die Straße hinabneigend, eine Patrouille erblickte, die hier auf und ab gieng. Ich stieg schnell wieder herab und war in großer Verlegenheit, wie ich hinauskommen sollte. Ich konnte nicht daran denken, mich zu Herrn Fremont zu retten, bei dem ich zu gut bekannt war, und ich wusste nicht, wer das Haus bewohnte, das ich neben dem seinigen erblickte; aber der Eigenthümer mochte sein, wer er wollte, kein Aufenthalt konnte mir mehr Gefahr bringen, als der im Kloster; ich beschloss daher, meine Leiter längs der mittleren Mauer aufzupflanzen. Um den gefahrvollen Gang mit weniger Schwierigkeit zu machen, will ich das weite Kleid ablegen, das alle meine Bewegungen hindert; allein ein leichtes Geräusch erschreckt mich; statt die Zeit mit Auskleiden zu verlieren, klettere ich so schnell als möglich hinauf, setze mich rasch rücklings auf die Mauer und ziehe die Leiter hinweg, um sie auf der anderen Seite aufzupflanzen. In dem Augenblicke, wo ich sie in der Luft halte, glaube ich jemand an dem Gartenthore zu bemerken. Mein Schrecken vermehrt sich, meine Hand zittert, die Leiter entwischt mir und fällt; und so sitze ich denn in einem äußerst unbequemen Aufzug rücklings einer Mauer. Glücklicherweise bin ich nicht derjenige, für den ein Sprung von zehn Fuß hoch etwas schreckliches hätte; die Zeit drängt, hier ist nicht zu zögern, ich stürze mich hinab. Beim Geräusch des doppelten Falles, von meiner Leiter und von meiner Person, kommt ein junges Mädchen im hübschen, zierlichen Hauskleide hinter einer Hagebuche hervor, wo sie verborgen war. Anfangs gieng sie auf mich zu, plötzlich machte sie Halt, wie wenn sie eben so erschreckt als überrascht wäre, und bedeckte sich das Gesicht mit ihren beiden Händen, ehe ich nahe genug war, um ihre Züge zu unterscheiden. Ich trete zu ihr, ich beruhige sie; und ihren Beistand anflehend, küsse ich ihre niedlichen Händchen eine nach der anderen und suche sie zu beseitigen, um das offenbar hübsche Gesicht zu sehen, das sie mir verbirgt. »Eine Nonne!« sagte jetzt eine Stimme; »er ist's, in dieser Verkleidung! ha, Schurke, ich werde Dich lehren, meiner Geliebten den Hof zu machen!« Während ich mich umdrehe, um zu sehen, woher diese drohende Stimme kommt, fühle ich, dass meiner Schultern sehr übel mitgespielt wird. Man bediente mich mit Stockschlägen. Meine Angreifer waren zu drei. Jeder hielt mit seinem Schlagen inne, sobald ich, nachdem ich mich einige Schritte zurückgezogen, das furchtbare Instrument zeigte, womit ich mich gewaffnet hatte. Derjenige von meinen Gegnern, den ich zuerst ins Auge fasste, hatte kaum vierzehn oder fünfzehn Jahre. Ich erkannte in ihm einen jener hübschen Buben, jener eleganten Jockeys, die majestätisch über die drohende Kuppel eines kolossalen Kabriolets gebeugt, artige Grimassen gegen die Vorübergehenden schneiden. Den zweiten würdigte ich bloß eines flüchtigen Blickes; es war einer jener bengelhaften Lakaien, die wir vornehmen Leute bezahlen, um Karten zu spielen, oder auf den Stühlen unserer Vorzimmer zu schlafen, und die sich in den Gesindestuben über uns lustig machen, um im Wirtshause das Geld des gnädigen Herrn zu verzehren und in den Dachstuben mit den Kammerfrauen der gnädigen Frau zu kurzweilen. Der Dritte zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich; seine Kleidung war zugleich einfach und gewählt; in seiner Haltung hatte er einigen Adel und viel Anmuth; sein Gesicht behielt etwas achtungsgebietendes, trotz seines augenblicklichen Schreckens. Ich hielt ihn für den Gebieter der beiden andern. »Mein Herr, wenn Sie es wagen, einen Schritt zu thun, wenn Sie sich nur ein Zeichen erlauben, wenn Ihre Leute nur den geringsten Widerstand versuchen, so schieße ich Sie nieder. Antworten Sie mir gefälligst: sind Sie Edelmann?« »Ja, mein Herr.« »Ihr Name?« »Vicomte de Valbrun.« »Herr Vicomte, ich werde Ihnen nicht sagen, wie ich mich nenne; nur so viel sollen Sie wissen, dass ich Ihnen in keiner Beziehung nachstehe. Dieses Abenteuer, dessen Anfang für mich unangenehm war, wird wohl glücklich für mich enden; es ist wahrscheinlich, dass Sie es nicht auf mich abgesehen hatten; aber Sie haben mich einmal auf eine unwürdige Weise beschimpft; mein Herr, es ist Ihnen ohne Zweifel nicht unbekannt, gekränkte Ehre erheischt Blut. Zum Unglück bin ich sehr in Eile, und habe nur eine Pistole. Doch werden wir, wenn es Ihnen genehm ist, unseren Streit auf der Stelle schlichten können. »Vor Allem ersuche ich Sie, Ihren Bedienten und Ihren Jockey gefälligst hinwegzuschicken.« Herr von Valbrun machte ein Zeichen und die beiden Bedienten entfernten sich. Plötzlich war ich bei Herrn von Valbrun und ihm eine geschlossene Faust vorhaltend, sagte ich: »Mein Herr, ich habe einige Geldstücke in der Hand; »gerade, oder ungerade?« wenn Sie errathen, so übergebe ich Ihnen die Pistole und Sie schießen. »Errathen Sie nicht, Vicomte, so sind Sie ein Kind des Todes.« »Gerade!« sagte er. Ich öffnete die Hand, er hatte recht gerathen. »Lebe wohl, mein Vater! meine Sophie! lebe wohl auf ewig –!« Herr von Valbrun ergriff die Pistole, die ich ihm übergab, und rief: »Nein, mein Herr, nein! Sie sollen Ihren Vater und Sophie wiedersehen.« Er schoss in die Luft, dann sagte er: »Merkwürdiger junger Mann, wer sind Sie denn? welcher Adel! welche Unerschrockenheit! es wäre zu unverzeihlich, wenn ich Sie wissentlich hätte beleidigen wollen. Bedenken Sie nur, dass der Zufall mich schuldig machte und gewähren Sie mir, ich bitte, Ihre Verzeihung.« Ich reichte ihm meine Hand. »Mein Herr,« sagte er, »ich werde nicht früher beruhigt sein, bis Sie mich über Ihre Gesinnungen völlig beruhigt haben.« »Vicomte, Sie bitten mich um Verzeihung, während Sie mir das Leben so großmüthig schenkten. Ich werde entzückt sein, Ihre Freundschaft zu gewinnen.« »Mit wem habe ich das Glück zu sprechen?« »Ich kann es Ihnen nicht sagen; ich werde mich Ihnen zu einer geeigneteren Zeit zu erkennen geben; erlauben Sie, dass ich mich zurückziehe.« »Wie? in diesem Kleide? kommen Sie mit mir, ich werde Ihnen einen Anzug geben lassen; es ist die Sache eines Augenblickes.« In der That war es unmöglich, dass ich in den Kleidern, worin ich steckte, weiter gieng; ich nahm daher das Anerbieten des Vicomte an. Indes war das junge Mädchen, das den ganzen Lärm verursacht hatte, in einiger Entfernung geblieben und sagte kein Wort. Herr von Valbrun rief sie: »Justine, warum kommen Sie nicht näher, was soll dieses fortwährende Verstecken?« Bei diesem Namen, der so sanft meinem Ohre klang, unterbrach ich Herrn von Valbrun. »Justine nennt sie sich? es wäre wirklich sehr merkwürdig – Herr Vicomte, erlauben Sie mir, einen Zweifel aufzuklären?« Er versicherte mich, es würde ihm Vergnügen machen. Ich näherte mich dem jungen Mädchen, und da es hell genug war, um die Züge unterscheiden zu können, so erkannte ich dieses hübsche, putzige Gesichtchen, dessen pikantes Andenken mich zuweilen beunruhigt hatte. »Wie? wahrhaftig. Du bist's, meine kleine Justine?« »Ja, Herr von Faublas, ich bin's.« Vicomte von Valbrun: »Herr von Faublas! er ist hübsch, edel, tapfer und großherzig. Er glaubt sich am Rande des Todes und nannte Sophie! hundertmal hätte ich ihn erkennen sollen.« Indem er meine Hand ergriff, sagte er: »Wackerer, ehrenfester Chevalier, Sie rechtfertigen in jeder Beziehung Ihren glänzenden Ruf! ich wundere mich nicht, dass eine reizende Frau sich um Ihretwillen einen großen Namen erworben hat. Aber sagen Sie mir, wie sind Sie hier? wie wagen Sie es nach dem Aufsehen, das Ihr widerwärtiges Duell gemacht hat, sich in der Hauptstadt zu zeigen? ein großes Interesse muss Sie herführen. Herr Chevalier, schenken Sie mir Ihr Vertrauen und betrachten Sie den Vicomte von Valbrun als den ergebensten Ihrer Freunde. Für's erste, wohin gehen Sie?« »In den Gasthof »zum Kaiser«, Straße Grenelle.« »Ein möblirtes Hotel! und in dem bewohntesten Viertel von Paris! hüten Sie sich wohl! ohnehin sind Sie dort bekannt; wie könnten Sie es wagen, sich bei Tage blicken zu lassen? Sie werden keine zwanzig Schritte thun, ohne verhaftet zu werden.« Der Vicomte hatte vielleicht Recht; aber ich fühlte nur das lebhafte Verlangen, den Augenblick zu beschleunigen, der mich mit Sophie zusammenführte; ich bestand daher auf meinem Vorsatze. »So sei es denn,« sagte er, »aber erlauben Sie wenigstens, dass ich auf Kundschaft ausgehe, während Sie sich umkleiden. Justine, führen Sie den Herrn in das Toilettenkabinet, öffnen Sie ihm meinen Kleiderschrank und tragen Sie Sorge, dass ihm nichts abgeht.« Als der Vicomte sich entfernt hatte, fragte ich Justine, was gegenwärtig ihre Beschäftigung sei, und was sie hier an diesem Orte, wo ich sie eben treffe, zu thun habe. »Dies hier,« antwortete sie, »ist der Wohnsitz des Herrn Valbrun.« »Ich verstehe. Du bist in diesen Räumen die kleine Göttin, der man huldigt. Du bist hübsch, dazu auch klug genug.« »Herr von Faublas, Sie machen mir Komplimente.« »Wie hat sich Dein Schicksal in so kurzer Zeit verändert.« »Das Abenteuer der Frau Marquise hat mir eine Art Ruf verschafft; man stritt sich um mich vor drei Wochen. Von allen Bewerbern schien mir Herr von Valbrun der liebenswürdigste.« »Sage mir aber, liebe Justine, was wolltest Du denn so früh in diesem Garten thun?« »Den schönen Morgen genießen und Luft schöpfen. Übrigens, wenn der Herr Vicomte unfreundlich wird, um so schlimmer für ihn, ich komme nicht in Verlegenheit wegen Stellen.« »Ja, Stellen in kleinen Lusthäusern?« »Bei Gott! ich will einmal auf einen grünen Zweig kommen. Meinen Sie, ich wolle mein Leben lang Kammerfrau bleiben? weit lieber bin ich die Freundin eines Herrn, der mich anständig versorgt, und ...« »Das heißt einmal solid denken, Justine! mit Ihrer schönen Berechnung verrathen Sie jedoch auf eine schändliche Art unsere Liebe, Treulose! Du vergaßt mich ganz, kleine Undankbare.« »Oh, nein!« antwortete sie in schmeichelndem Tone, »ich bin entzückt über Ihre Rückkehr und dieses Zusammentreffen. Herr von Faublas, Sie können immer sicher sein, geliebt zu werden, sobald Sie gefallen wollen, und bei Ihnen werde ich mich gewiss nicht berechnend zeigen.« »Dies ist sehr zärtlich gesprochen, mein Kind, auch sehr edel gehandelt; dennoch bleibt mir noch ein Zweifel. Hörst Du, dieser la Jennesse...« »Sprechen wir nicht davon!« »Im Gegentheil, sprechen wir davon, und lüge nicht! Mein Kind, er sollte Dich heiraten. Hast Du Deinen Zukünftigen so leichthin aufgeopfert?« »Gewiss,« sagte sie lachend, »ich heirate jetzt bloß Leute von Stande.« Ich wollte antworten, als Herr von Valbrun zurückkam. »Lassen Sie sich nicht beifallen, auszugehen,« sagte er zu mir, »die Straßen sind genau bewacht! ich habe mehrere Wachen in diesem Stadtheile patrouillieren gesehen. »Bringen Sie den Tag hier zu, ich will einige Freunde zusammenbringen; heute um Mitternacht werde ich zurückkommen, um in guter Gesellschaft Sie aufzusuchen, und wenn Sie mir einen wahren Dienst erweisen wollen, so werden Sie in meinem Hotel ein Asyl annehmen, das gewiss nicht verletzt werden wird. Sie, Justine, machen in meiner Abwesenheit die Ehren meines kleinen Hauses; ich befehle Ihnen, diesen Herrn wie mich selbst zu behandeln, und ich verzeihe Ihnen um seinetwillen Ihre Morgenspaziergänge. Justine, ich lasse zur Bedienung den Jockey und la Jennesse zurück.« »Ah! Herr Vicomte, der große Junge, der im Garten neben Ihnen stand, dies ist la Jennesse?« »Kennen Sie ihn?« »Ja, wenn es derselbe ist, der dem Marquis von B... gehörte. Sprich doch, Justine, ist's nicht derselbe?« »Ja, Herr von Faublas. Ein guter Mensch, ein vortrefflicher Bedienter.« »Du hast ihn dem Herrn Vicomte gegeben?« »Ja, Herr von Faublas.« »Gut, mein Kind, sehr gut! Du hast ihm einen wahren Juwel geschenkt.« Beim Abschied sagte mir der Vicomte, er werde, ehe er hinausgehe, sorgfältig alle Thüren verriegeln lassen, und empfahl Justine, niemandem, wer es auch sei, zu öffnen. Als wir allein waren, fragte mich Justine schüchtern, durch welche Art von Unterhaltung ich meinen Morgen auszufüllen gedächte. »Mein Kind, ich würde gern etwas frühstücken, wenn ich nicht große Lust hätte zu schlafen. Lass mir ein gutes Bett geben und sei besorgt, dass ich, wenn ich erwache, ein Mahl bereit finde.« Sie erblasste, seufzte, weinte beinahe und sagte in klagendem Tone zu mir: »Sind Sie denn böse über mich?« »Nein, meine Kleine, ich bin Dir nicht böse, aber ich fühle ein großes Bedürfnis nach Ruhe.« Sie seufzte stärker und fasste mich bei der Hand und führte mich in ein bequemes Schlafzimmer, das an Pracht der Möbeln dem eleganten Boudoir der Frau von B... nichts nachgab. Und auch ich seufzte in diesem Augenblicke, allein dies galt der Erinnerung. Justine blieb stehen, sie schien nachdenklich und betrachtete mich aufmerksam. Ich bat sie, sich zurückzuziehen, sie ließ es sich zweimal wiederholen und gehorchte endlich, indem sie mir einen Blick zuwarf, der mehr sagte, als alle Vorwürfe. Ich lag noch nicht im Bette, als man mir eine Tasse Chocolade brachte. Endlich, für diese Aufmerksamkeit der Hausfrau, nahm ich mir vor, ihr meinen Dank abzustatten, als ich sie in einem sehr leichten Morgenkleide hereintreten sah. Bereits wie eine große Dame, ließ das liebliche Geschöpf die Läden so schließen, dass auch kein Lichtstrahl durchdringen konnte. Die tafftenen Vorhänge wurden zugezogen, man stellte die Kerzen vor die Spiegel, Wohlgerüche brannten im Rauchpfännlein. Dies geschah Alles, ohne dass man mir ein Wort auf meine viele Fragen antwortete; aber als der Jockey sich zurückzog, sagte mir Justine, ihre erste Pflicht sei, dem Herrn Vicomte zu gehorchen und ihr sehnlichster Wunsch, mit dem Herrn Chevalier Frieden zu schließen. Sie gab sich alle Mühe, mich mit den zärtlichsten Liebkosungen zu überhäufen, denn ich war sehr traurig und niedergeschlagen, indem ich dachte, dass alle meine Drangsale, alle Verfolgungen, die ich ausgestanden, um meine geliebte Gattin endlich wieder in meine Arme schließen zu können, so jämmerlich daran scheiterten, dass ich nun abermals wie ein Übelthäter mich verbergen müsse, da man mir des unseligen Duells wegen überall auflauerte. Ich war müde zum Sterben, denn da ich sechsunddreißig Stunden lang mit der Post gefahren, von tausend Besorgnissen gequält, endlich von meinen Verfolgern eingefangen und schmählich in ein Klostergefängnis eingesperrt wurde, wo ich durch die glückliche Dazwischenkunft Ursula's abermals meine Freiheit erlangte, war ich zur äußersten Kraftlosigkeit verurtheilt, die damals meine Schmach und Justinens Verzweiflung ausmachten. »Ah!« sagte endlich das arme Kind in einem Tone, der ihre Beschämung und Überraschung ausdrückte. »Herr von Faublas, wie finde ich Sie verändert!« Es schien mir, als ob dieser, der zärtlichen Wahrhaftigkeit Justinens entfahrene Ausruf den Tadel gegen mich rechtfertige, und ich beschloss klüglich, ohne weitere Bemerkungen einzuschlafen. Justine ließ mich ruhig einschlafen, offenbar fest überzeugt, dass es ihr durchaus nichts nützen würde, wenn sie sich die Mühe nähme, mich aufzuwecken. Indes blieb sie fortwährend bei mir; ich sah sie nicht, denn die Kerzen waren ausgelöscht; wahrscheinlich hatte ich schon lange geschlafen. Es schien mir Essenszeit zu sein, denn ich fühlte einen lebhaften Hunger; mein erstes Wort drückte mein erstes Verlangen aus; ich bat Justine, mir etwas bringen zu lassen. Sie schickte sich an mich zu verlassen, als sich an der Thüre, die gegen die Straße führte, ein Lärm erhob, der mich erschreckte; man klopfte mit verdoppelten Schlägen. La Jennesse sprang herbei und sagte uns mit zitternder Stimme, es werde Einlass im Namen des Königs verlangt. »Geh, mein Justinchen! Edle, dulde nicht, dass man sogleich öffne! gib mir Zeit, mich zu retten!« »Zu retten! wohin?« »Ich weiß es nicht, aber lass nur öffnen. Hier in den Garten hinaus.« »Ich will Ihnen eine Leiter bringen lassen, steigen Sie über die Mauer rechts; und wenn unsere Nachbarin, die Frömmlerin Frau Desglins sich versucht fühlt, Sie eben so gut aufzunehmen, wie ich, so geben Sie sich Mühe, sie besser zu belohnen.« »Justine, höre doch!« »Nun ja!« »Suche der Frau von B... Nachricht von mir zu geben. Ich weiß nicht, was aus mir werden wird; aber gleichviel, sage ihr immerhin, dass ich in Paris bin, und Du mich gesehen hast!« Während dieses kurzen Zwiegespräches bringt man Licht, ich habe mich schnell des wesentlichen Stückes der Manneskleidung bemächtigt, eines Stückes, das unstreitig nothwendig war, um meine Flucht anzutreten. Ich habe nicht mehr Zeit, die Kleider anzuziehen, die Justine für mich zurechtgelegt hatte, ich nahm nur den Degen des Herrn von Valbrun; in einer Sekunde ist meine Rechte mit dem schützenden Schwerte bewaffnet, und meine Linke trägt, statt des Schildes, das nothwendige Kleid. Ich schwinge mich auf die Treppe, stürze in den Hof hinab und fliege dem Ende des Gartens zu. La Jennesse folgt mir mit der Leiter, er legt sie an, ich steige hinauf. Beim Anblick mehrerer Männer, die soeben mit Fackeln in den Hof des Vicomte traten, fühle ich, dass ich keinen Augenblick zu verlieren habe, und ohne lange das Terrain zu untersuchen, das ich doch nicht erkennen würde, indem die Nacht rabenschwarz ist, stürze ich mich kühn auf der andern Seite der Mauer herab. Werde ich wohl mit der kleinen Quetschung davon kommen, die ich am Beine erhalten habe? Es ist wahr, dass ich auf feinem Sand gehe; aber ich halte dafür, dass es wenigstens zehn Uhr ist, ich bin von dichter Finsternis umgeben in einem Garten, den ich nicht kenne, das bloße Nachtkleid, womit ich mich bedeckt habe, schützt mich nicht vor Kälte, auch nicht vor dem gewaltig pfeifenden Nordwind; ich bin von tausend Besorgnissen gequält und sterbe vor Kälte. Jedoch, warum den Muth verlieren? in Paris, wie überall, gibt es keine so schlimme Händel, aus denen sich nicht jeder Tölpel mit Geld ziehen könnte; wie viel mehr ein junger Mensch von Erziehung, wenn er seine volle Geldbörse und seinen Degen in der Hand hat. So gehe denn, Faublas, gehe munter vorwärts und beschaue Dir ein wenig das Haus, das Du einige Schritte vor Dir gewahrst. Ich gehe mit gemessenen Schlitten vorwärts, komme ohne Geräusch an und tappe leise am Hause herum. Wie es geschah, dass man mich gehört hat, begreife ich nicht; aber kurz und gut, die Thüre wird mir geöffnet, und da ich kein Licht sehe, so trete ich zuversichtlich ein. »Sind Sie es, Chevalier?« sagte eine Frauenstimme ganz leise zu mir. Sogleich verstelle ich meine Stimme, die ich sehr sanft mache, und antworte in einem eben so geheimnisvollen Ton, wie der ihrige: »Ja, ich bin's.« Sie steckte aufs gerathewohl ihre Hand aus, die auf das Heft meines Degens stößt. »Sie haben den Degen in der Hand?« »Ja.« »Werden Sie verfolgt?« »Ja, gewiss, meine Liebe.« »Sagen Sie es meiner Gebieterin nicht, sie würde in Angst gerathen.« »Wo ist sie?« »Wer? meine Gebieterin?« »Ja, ich muss es wissen.« »Sie wissen es ja! »Sie können die ganze Nacht hier in ihrer Gesellschaft zubringen, der Herr ist nach Versailles gegangen, und wird erst morgen zurückkehren.« »Gut, führe mich zu Deiner Gebieterin.« »Wissen Sie denn ihr Zimmer nicht?« »O ja, aber ich war sehr in Angst, ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, führe mich.« »Gut! hier, halten Sie meine Hand fest.« Kaum haben wir zwei Schritte gethan, als die Kammerfrau eine zweite Thüre öffnet mit den Worten: »Gnädige Frau, er ist's.« »Du kommst heute sehr spät, lieber Flourvac,« mit diesen Worten empfieng mich die Herrin des Hauses. »Es war unmöglich früher.« »Sie haben Dich aufgehalten?« »Ja, meine Liebe.« »Wo bist Du denn?« »Ich komme.« »Warum zögerst Du?« »Ich muss mich erst zurechtfinden, denn es ist so finster hier.« Ich musste mit großer Vorsicht und Langsamkeit in einem für mich neuen Zimmer auftreten, wo zum Glück weder Feuer noch Licht war. Endlich gelangte ich zu einem Divan, wo ich von zwei zarten Armen umschlungen ward, und die Unbekannte drückte die zärtlichsten Küsse auf meine Lippen. »Oh! wie kalt Du bist!« sagte sie. »Es stürmt fürchterlich draußen!« »Mein lieber Chevalier!« »Meine süße Freundin!« »Die üble Jahreszeit wird Dich nicht hindern zu kommen?« »Gewiss nicht.« »Jedesmal, so oft Herr Desglins nicht zu Hause kommt?« »Ja,« sagte ich, sie umarmend. »Bathile wird Dich immer so benachrichtigen, wie heute.« »Gut.« »Ist es kein sinnreicher Einfall mit dem kleinen Lämpchen, das an Ihrem Fenster brennt?« »Ja, bei Gott sehr sinnreich.« »Und mit dem Stück Mauer, das ich einreißen ließ?« »Ja, ich bin durch die Lücke gegangen.« »Und Du wirst mehr als einmal hindurchgehen, denn unsere Nachbaren werden sie diesen Winter nicht ausbessern lassen.« »Ohne Zweifel nicht.« »Bist Du nicht erfreut, bei ihnen wohnen zu können?« »Gewiss, theuere Freundin!« »Du weißt, lieber Freund, dass mein Mann nach –« »Versailles gegangen ist, ja.« »Wir können die ganze Nacht beisammen bleiben.« »Um so besser.« »Lieber Chevalier, ich wusste wohl, dass es Dich erfreuen würde.« »O, meine Freundin!« »Du liebst mich noch immer, Flourvac?« »Zärtlich.« »Dennoch muss ich Dir gestehen, dass ich heute Nachmittag verdrießlich war, mein Engel.« »Worüber?« »Du bist in der Predigt nicht zu mir gekommen.« »Unmöglich.« »Aber heute früh war ich vergnügt, und Du?« »Entzückt.« »Die Messe hat Dir nicht lange geschienen?« »Oh, nein.« »Welche Freude gewährt mir Dein Anblick.« »Und mir!« »Du hast sehr wohl gethan. Deinen Stuhl neben den meinen zu rücken.« »Nicht wahr?« Jetzt wusste ich wahrlich nicht mehr, was ich antworten solle, um mich nicht durch falsche Zwischenreden oder längere Dialoge zu verrathen, denn wie anders wäre es möglich, dass sie endlich nach dem fremden Ton meiner Stimme nicht errathen sollte, welcher abscheulichen Täuschung sie zum Opfer fiel? Der Kuss, den mir die Frömmlerin jetzt gab, schien mir der lebhafteste von allen. Ich hatte viele andere von ihr erhalten während ich bei dem misslichen Geschäfte, eine schwierige Unterhaltung fortzuführen, mir alle Mühe gab, nur kurz und einsilbig auf die vielen Fragen zu antworten, welche die getäuschte Unbekannte an mich richtete, fuhr sie fort die größten Zärtlichkeiten an mich zu verschwenden und ich versuchte es der gastfreundlichen Schönen, die mir so vollständig die Ehren ihres Hauses machte, meine Erkenntlichkeit zu beweisen. Indes wirkten ihre Reize mächtig auf mich, mein Blut fieng wieder an zu stürmen, und ich fand jene glückliche Regung wieder, die einige Minuten früher Justine zu gute gekommen wäre. Plötzlich erschreckt sie heftig und sagte: »Man macht Lärm; aber was ist denn das? wie! es ist die Stimme – es kann nicht sein... aber doch – guter Gott! ja, es ist die Stimme des Chevaliers! meines Geliebten! wie geht dies zu? ein Unbekannter! entsetzlich! ich bin verloren!« Beim ersten Geräusch, das ich hörte, bei den ersten Worten, die sie ausgesprochen, habe ich mich eilends aufgerafft. Während sie unschlüssig schwankt, lege ich schnell das nothwendige Kleid an, ergreife meinen Degen, gehe tappend vorwärts, stoße eine halbgeöffnete Thür auf; und wenn ich recht rechne, so muss ich jetzt in dem ersten Stocke sein, wo mich die wachstehende Kammerfrau empfangen hat. Was meine Vermuthung bestärkt, ist, dass ich nicht weit von mir einen Mann höre, der hinter der Thür ungeduldig wird und ganz leise aber sehr deutlich unaufhörlich wiederholt: »Öffne mir doch, Bathile.« Indes hatte Frau Desglins einen Entschluss gefasst. Sie verlässt ihr Schlafzimmer, geht auf den Treppenabsatz, wo ich bin, vorwärts und ruft mit erstickter Stimme den, welchen sie für ihren Geliebten gehalten hat. Statt ihr zu antworten, mache ich Halt, und das Geräusch ihres Schrittes lässt mich vermuthen, dass sie, ohne mich zu berühren, an mir vorbeigegangen ist. »Wer Sie auch sein mögen,« sagte sie jetzt, »hören Sie mich doch wenigstens an! richten Sie mich nicht ganz zu Grunde, fliehen Sie so, dass der Chevalier Sie nicht sieht; fliehen Sie, und ich verzeihe Ihnen, wenn Sie das Geheimnis bewahren.« Dies war meine Absicht; ich gedachte mich hinauszustürzen, sobald die Thüre aufgehen würde, allein die unglückliche Frömmlerin öffnete sie zu spät. Nachdem Frau Desglins zweimal den Schlüssel im Schlosse umgedreht, in demselben Augenblicke, wo Herr von Flourvac einen der beiden Thürflügel aufstößt, erscheint Bathile, die noch nicht zu Bette gegangen ist, durch das Geräusch, das sie hört, herbeigelockt mit Licht. Welches Schauspiel für uns Alle! Die Scene ist eine Art Speisesaal. Im Hintergrund, zu meiner Linken, stiert uns die Kammerfrau mit großen verwunderten Augen an; vor mir auf der Schwelle der Thüre, die in den Garten führt, sehe ich einen jungen Offizier starr vor Erstaunen, im Zwischenraum sinkt Frau Desglins bestürzt auf einen Stuhl und bedeckt sich das Gesicht. Indes hat sie dies nicht so schnell gethan, dass ich nicht ihre Züge hatte unterscheiden können; und immer ganz mit dem Gegenstand beschäftigt, der mich am meisten interessiert, immer unfähig, den Eindruck zu verbergen, den der Anblick einer jungen Frau auf mich macht, rufe ich aus: »Meiner Treu, sie ist hübsch.« »Die Treulose!« antwortet der Offizier wüthend; »gewissenhafte Frömmlerin, Sie brauchen also Abwechslung.« Ich will sprechen, ich will Frau Desglins rechtfertigen; allein der junge Mann, vielleicht zu lebhaft, hört mich nicht und zieht seinen Degen, dem der meinige sogleich begegnet. An den ersten Stößen merke ich, dass der junge Flourvac nicht der Mann ist, sich mit mir zu messen; bald lebhaft gedrängt, sieht er sich genöthigt, mehrere Schritte zurückzuweichen; der Garten wird der Schauplatz des Kampfes. Da ich hauptsächlich Boden gewinnen will, um mir einen schnellen Rückzug zu sichern, so rücke ich unaufhörlich gegen meinen Gegner vor, der, durch einen so kräftigen Angriff überrascht, sich immer weiter zurückzieht. Wir gelangen an den Eingang einer Allee, die mir geräumig scheint; hier breche ich schnell den Kampf ab und nehme Reißaus. Mein eben so muthiger als ungefährlicher Gegner verfolgt mich, und da die Dunkelheit mir nicht gestattet, schnell zu laufen, so wird er mich bald einholen. Ich kehre um, die Degen kreuzen sich auf's neue; der meines Gegners, von einer allzuschwachen Faust gehandhabt, springt hoch in die Lüfte; indes sind die beiden Frauen herbeigeeilt, sie ergreifen den Besiegten und halten ihn zurück; ich als Sieger wende mich und fliehe. Ich gehe der Mauer entlang, die Lücke suchend, von der Frau Desglins gesprochen hat; endlich finde ich sie. Ich klettere hindurch, und befinde mich im Bereich der Nachbaren. Jetzt fällt, um das Maß meines Missgeschicks voll zu machen, Schnee in dichten Flocken auf mich herab, und ich in meinem feinen Hemde, nur mit einem Beinkleide angethan, den Degen in der Hand, muss ich von Garten zu Garten einen mühsamen Spaziergang machen. Dieser währte länger, als ich gewünscht hätte, denn ich sehe mich am Ende des umfangreichen Besitzes des Nachbaren von einem Thore aufgehalten, das ihn schloss. Sogleich war ich entschlossen; ich nahm munter meinen Degen in die Hand und fieng an, mit Stoß und Hieb gegen die Riegel zu fechten, gleich als wollte ich Alles über den Haufen werfen. Bei dem Lärm, den ich machte, bellte ein Kettenhund. »Oh, guter Hund, mein Retter! ohne Dich wäre ich vielleicht trotz meines Schwertes bis zum Tagesanbruch in meinem Gefängnisse geblieben, und Gott weiß! was man mit mir angefangen hätte, vorausgesetzt, man hätte mich noch lebend gefunden.« Ein Mann kam herbei und öffnete mir das Thor. »Ist noch einer da?« rief er; »der sonderbare Mensch!« rief er, »welche Kleidung für den Winter und dann diese feine Klinge,« so wunderte sich der gute Mann. »Marsch, Herr Somnambul, gehen Sie auf Ihr Schlafzimmer und gönnen Sie wenigstens die Nachtruhe einem armen Pförtner, der sich den ganzen lieben Tag unseres Herrgotts plagen muss! ich bitte Sie gehorsamst, gehen Sie ins Bett; nicht dort, warten Sie doch, hier müssen Sie gehen.« Ich befand mich also im Hause des Nachbars, des Magnetiseurs; nachdem ich die Treppe hinaufgekommen war, sah ich durch eine halboffene Thüre einen großen von Lampen erleuchteten Saal, viele der Reihe nach aufgestellte Betten, von denen mir keines leer schien. Endlich entdeckte ich eins und schlüpfte hinein; ich zog zunächst mein ganz vom Schnee durchnäßtes Beinkleid aus; aber ich hatte nicht vergessen, dass es meinen Schatz enthielt, und gebrauchte daher die Vorsicht, denselben unter mein Kissen zu verbergen, neben welches ich meinen Degen legte. Hierauf warf ich schnell mein von geschmolzenem Schnee durchdrungenes Hemd ab und legte es auf einen Stuhl; mit einer Ecke des Leintuchs trocknete ich meinen bereits beinahe mit Eis überzogenen Körper und streckte mich ganz entkleidet, wie ich war, behaglich auf zwei schlechte Matrazen, zufriedener, als ich das prächtige Bett des Vicomte von Valbrun bestieg; so wahr ist das gemeine Sprichwort, das uns täglich sagt, das Vergnügen sei eine Tochter des Schmerzes. Ja, aber oft, wenn der Augenblick des lebhaften Schmerzes vorüber ist, so fällt die Menge kleinerer Schmerzen über uns her, und das Vergnügen ist schnell zu Ende. Sobald eine zunehmende Wärme mein Blut wieder belebt hatte, sobald ich meine aufgethauten Glieder ohne Schmerz wieder rühren konnte, so bemächtigte sich statt der körperlichen Leiden die größte Unruhe meiner Seele; ich betrachtete mit Entsetzen die zahllosen Gefahren, die mich umringten. Ohne Zweifel von außen verfolgt, vielleicht im Hause selbst bedroht, was sollte aus mir werden? ich wusste wohl, in welche Art von Haus mich mein Geschick geführt hatte, und welche sonderbaren Leute es bewohnten! aber wie da bleiben? wie hinauskommen? und vor allem, wie den lebhaften Appetit befriedigen, den ich während meiner großen Besorgnisse einen Augenblick vergessen, sich jetzt wieder eingestellt hatte und mir ohne Unterlass zurief, dass ich nach den Strapazen einer langen Reise und einer kurzen Nacht den ganzen Tag über bloß eine Tasse Chocolade zu mir genommen hatte. – Oh, meine Sophie! ohne Zweifel bin ich Deinem Schicksale Thränen schuldig! Du seufzest, getrennt von dem Gegenstand Deiner Zärtlichkeit; aber Dir ist das Gefängnis doch wenigstens bekannt, in welchem Du schmachtest; aber Du leidest, so lange Du meiner harrest, doch wenigstens keinen Mangel an Nahrung und Kleidern. Dein unglücklicher Gatte ist weit beklagenswerter; wie kann er sich auf diese Art für Dich erhalten? wie kann er Dich aufsuchen, mein geliebtes Weib? Ich blieb in diese trostlosen Betrachtungen versunken, als mehrere Personen, die schnell hereingetreten, sich meinem Bette näherten, das sogleich umstellt war. Was thun in dieser äußersten Gefahr? da keine Flucht möglich war, so beschloss ich, die Augen zu schließen und einen tiefen Schlaf zu affectieren, dessen wohlthuende Wirklichkeit sehr fern von mir war. Unter den Ärzten, welche mein Bett umstanden, befand sich auch eine Dame; diese sagte: »Meine Herren, binnen acht Tagen spätestens bürge ich Ihnen für seine vollkommene Heilung; noch mehr, ich will ihn in einer Viertelstunde ausfragen und ich versichere Sie, dass er schon somnambul sein und mir antworten wird.« Sobald die Ärzte sich von meinem Bette entfernt hatten, beeilte ich mich, die Augen zu öffnen, um die junge Dame zu betrachten, die, wie mir schien, ehe sie mich verließ, mir die Hand ein wenig gedrückt hatte; ihre Stimme war mir nicht unbekannt, aber ich konnte mich nicht erinnern, wo ich ihre süßen Töne gehört hatte. Unglücklicherweise kehrte mir die Dame bereits den Rücken, als ich nach ihr blickte; doch glaubte ich diese elegante und schlanke Taille, die mich schon jetzt entzückte, irgendwo gesehen zu haben. Ich folgte ihr fortwährend mit den Augen, als man ihr ankündigte, Madame Robin wünsche sie zu sehen. Sie befahl, sie herauszuführen, und sagte dann zu ihrer Umgebung: »Meine Herren, Madame Robin ist eine brave Frau; höchst wahrscheinlich hat sie uns heute Abend diesen schönen Truthahn mit Trüffeln geschickt, den wir uns morgen schmecken lassen wollen.« Ein welscher Hahn mit Trüffeln, ach! ich hörte von ihm sprechen, während ich mich von Herzen gern mit einem Stück trockenen Brotes begnügt hätte. »Guten Abend, Frau Robin!« sagte sie zu ihr. Die andere antwortete: »Ihre gehorsamste Dienerin, Frau Leblanc!« »Sie wünschen Ihre geliebte Tochter zu sehen, Frau Robin?« »Ja, Madame.« »Gut, gehen wir in dieses Kabinet.« Dieses Kabinet war gegenüber von meinem Bett; man ließ die Thüre offen, ich horchte und hörte: »Fräulein Robin, schlafen Sie?« Sie antwortete mit gedämpfter Stimme und in geheimnisvollem Tone: »Ja.« »Und doch sprechen Sie?« »Weil ich somnambul bin.« »Wer hat Sie eingeweiht?« »Die Prophetin Frau Leblanc und der Doktor d'Uvo.« »Was ist Ihre Krankheit?« »Die Wassersucht.« »Das Mittel?« »Ein Mann.« »Ein Mann für die Wassersucht?« sagte die Mutter Robin. »Ja, Madame, ein Mann, die Somnambule hat Recht.« »Einen Mann, der die Kraft haben muss, es zu sein; ich kenne welche, die bloß den Namen haben. Nichts von den alten magern hinkenden Burschen.« »Hinkend,« fiel Frau Robin ein; »und doch hinkt dieser arme brave Herr Rifflart.« »Pfui solcher Leute!« fuhr Fräulein Robin fort, »sie haben kein anderes Verdienst, als ein Mädchen ohne Vermögen zu nehmen.« »Ah! ich dächte, liebe Tochter –« »Still doch, Madame Robin!« rief Einer, »so lange die Somnambule spricht, muss man hören, ohne zu sprechen.« Die Somnambule fuhr fort: »Aber ein junger Mann von höchstens siebenundzwanzig Jahren mit braunen Haaren, weißer Haut, schwarzen Augen, rothem Mund, vollem rundem Gesicht, schön gewachsen, mit edlem Anstand, rüstig und munter.« »Ah!« sagte Frau Robin, »dies ist das leibhaftige Bild des Sohnes von unserem Nachbar, Herrn Tubeuf, einem armen Teufel. – Ach, mein Kind, warum habe ich nicht Vermögen genug, Dich zu versorgen!« Plötzlich entstand auf das Geräusch mehreren verlängerten Bst! Bst! ein tiefes Stillschweigen. »Stille!« sagte Frau Leblanc, »der Gott des Magnetismus hat mich ergriffen, er durchglüht und begeistert mich! ich lese in der Vergangenheit, in der Gegenwart, in der Zukunft. Stille! ich sehe in der Vergangenheit, dass die Mutter Robin uns heute Abend einen welschen Hahn mit Trüffeln geschickt hat.« »Das ist wahr,« antwortete sie. »Schweigen Sie doch, Madame!« sagte Einer zu ihr. »Ich sehe,« fuhr Frau Leblanc fort, »dass sie vor vierzehn Tagen ihre Tochter an den alten Knaben Rifflart verheiraten wollte, der schwächlich, zänkisch und hinkend ist.« »Ein sehr liebenswürdiger Mann jedoch,« versetzte Frau Robin. »Still doch, Frau Robin!« »Ich sehe, dass die Tochter sich den jungen Tubeuf ausersehen hat.« »Ja, aber so arm, so arm,« sagte die Mutter. »Schweigen Sie doch, Frau Robin!« »Ich sehe in der Gegenwart, dass die Mutter Robin in einer der Schubladen ihres großen Schrankes fünfhundert doppelte ...« »Oh, mein Gott! fünfhundert doppelte ... sprechen Sie es nicht aus.« »Fünfhundert doppelte Louisd'or in zwanzig Rollen verborgen hält.« »Ach, warum sagen Sie es?« »Aber still doch, Frau Robin!« »Ich sehe in die Zukunft, dass, wenn die Mutter Robin nicht binnen vierzehn Tagen über acht Rollen verfügt –« »Acht Rollen!« »Still doch, Frau Robin!« »Über wenigstens acht Rollen zur Verheiratung ihrer Tochter mit dem Sohne des Nachbars Tubeuf. Ich sehe – die Zukunft erschreckt mich ... ach arme Tochter und Mutter! wie beklage ich Euch! man wird den Schrank der Mutter öffnen, das Herz der Tochter wird geöffnet sein; man wird das Geld der Mutter rauben, die Ehre der Tochter wird geraubt sein, die Mutter wird aus Kummer über den Diebstahl sterben; die Tochter wird verzweifelnd in ein fremdes Land gehen und dort einen Sohn gebären!« »Ach!« rief Frau Robin, von Entsetzen ergriffen. »Ach, ich will sie verheiraten! in der nächsten Woche will ich sie verheiraten! ja, in der nächsten Woche soll sie den Schurken von Tubeuf zum Mann nehmen.« Mit diesem Entschluss entfernte sich Frau Robin, und einer der Doktoren geleitete sie höflich zurück. Was ich hier schreibe, glaubte ich kaum, obschon ich es gehört hatte. Wiegte mich ein trügerischer Traum ein, mit seinen lustigen Gebilden, oder war kein Fünkchen von Vernunft mehr in meinem leeren Gehirn? von welcher Scene hatte mich der Zufall Zeuge sein lassen! Auf der einen Seite welche Mischung von Schamlosigkeit, Ungereimtheit und Charlatanerie; auf der andern, welche Unbildung und Dummheit! o, Menschen! so ist es denn wahr, dass ihr große Kinder seid? so ist es denn wahr, dass der erste beste Taschenspieler mit seiner Tasche ... Ich dachte über diese ewige Wahrheit nach in einem der kurzen und seltenen Augenblicke, wo die Weisheit sich mir nähern zu wollen schien; aber die Weisheit, die keinen Wohnsitz in meinem tollen Kopfe fand, entfernte sich eilig; und wie ihr schneller Hingang mir damals nicht gestattete, meine solide und tiefe Betrachtung zu vollenden, so kann ich jetzt die philosophische, epigrammatische und moralische Phrase nicht zu Ende bringen. Man wird sehen, dass meine Gedanken eine ganz andere Richtung nahmen. Ich machte mir nicht eben zartsinnige, aber in meinen Umständen natürliche Vorwürfe, ein vom Hunger gepeinigter Mensch ist kein strenger Casuist. Kaum war Frau Robin unten an der Treppe, als Frau Leblanc den Doktor bat, wieder an mein Bett zu kommen. Bei ihrer Annäherung beeilte ich mich wie das erstemal die Augen zu schließen. Bald war die Prophetin bei mir, sie gebot Stillschweigen und verkündigte mit lauter Stimme das entsetzliche Orakel: »Welche höhere Macht versetzt mich über die Wolken! Ich sehe in der Vergangenheit, dass der hier liegende junge Mensch immer ein kleiner Wüstling von gutem Hause war; dass er nicht zufrieden, zu gleicher Zeit eine schöne Dame und ein hübsches Fräulein zu besitzen, es sogar gewagt hat, bei einem recht artigen Zusammentreffen dem Herrn Baron, seinem sehr geehrten Vater, eine liebenswürdige Nymphe wegzuschnappen. »Ich sehe in der Gegenwart, dass dieses verzogene Kind von Blasfau heißt. »Ich sehe in der Zukunft, dass es nicht lange krank sein, und dass es mir sogleich antworten und somnambulisieren wird.« An meinem wahren Namen, den die Prophetin mit bloßer Versetzung seiner zwei Silben sagte, an der Geschichte meiner Liebeshändel, die sie im Abriss erzählte, besonders aber an der geheimen Anekdote, an die sie mich boshaft erinnerte, erkannte ich endlich Coralie. Es war Frau Leblanc. Sie fuhr fort mir folgende Fragen vorzulegen: »Schöner Jüngling, schlafen Sie?« »Ja, aber ich spreche, weil ich somnambul bin.« »Wer hat Sie eingeweiht?« »Die liebenswürdigste der Frauen, die, deren hübsche Hand ich halte, die Prophetin.« »Was ist Ihre Krankheit?« »Heute früh war es Erschöpfung und außerordentliche Erschöpfung, heute Nacht hingegen ist es Liebe und Heißhunger.« »Wie ist da zu helfen?« »Man bringe mir sobald als möglich eine Flasche Perpignan und ein Stück von einem welschen Hahn mit Trüffeln.« »Ah, ah!« »Und dies im Zimmer der Prophetin, welche die Güte haben wird, mich unter vier Augen zu sprechen.« »Ah, ah! Wie fein!« »Ich werde ihr manche zur Fortpflanzung des Magnetismus wesentliche Dinge mittheilen.« »Mein Freund Sie machen mich wirklich neugierig.« O, Venus, Venus! Du wolltest zur Vergnügung des schönen Geschlechts und meiner Jugend, dass man in dem siebenzehnjährigen Faublas mehrere verschiedene Eigenschaften erblickte. Neben dem hübschen Gesichte eines jungen Mädchens gabst Du mir die Kraft eines gereiften Mannes. Du gabst mir Artigkeit und Lebhaftigkeit, Lustigkeit und Anmuth, seinen Weltton und die Beredsamkeit des Augenblicks; welche Gelegenheiten erzeugt die Geduld, welche sie erspäht, den kühnen Muth, der sie rasch ergreift, tausend verschiedene Reize, auf die ein geckenhafterer Mensch, als ich bin, stolzer sein würde, ungeachtet er sie vielleicht weniger benützte. Wenn Du willst, dass ich vom Kloster in Faubourg Saint-Germain von Haus zu Haus angehalten, am Wege zum Kloster im Faubourg Saint-Marceau, unaufhörlich gezwungen werde, zwischen einer vorübergehenden Untreue und einer ewigen Trennung zu wählen; dann, Göttin, erkläre ich Dir, dass ich bereit bin, dass nichts mich erschreckt, dass ich, und sollte ich untergehen, es versuchen will, zu meiner Sophie zu gelangen. Du aber sei eben so gerecht, als Du schön bist, setze die Mittel in Einklang mit den Schwierigkeiten, blicke auf die unaussprechliche Noth Deines Günstlings. O, wohlthätige Göttin! Du bist nicht bloß die Königin der Vergnügungen, man nennt Dich auch die Mutter der Liebe! Zwei Gatten, so lange sie noch Liebende sind, können deshalb Deines Schutzes nicht entbehren, nein, sie können Dir nicht unwürdig erscheinen. »Schaue von der Höhe des Feuerhimmels ohne Eifersucht herab auf eine Sterbliche, die eben so schön ist, als Du; sie seufzt, sie sieht Dich an, sie erwartet mich. Würdige ihren Ritter eines günstigen Blickes, komm mir zu Hilfe, schütze mich in Gefahr, beseitige meine Feinde, führe mich in das ersehnte Asyl; vereinige mich wieder mit der theuersten Hälfte meiner selbst! dann wird unter Deinem Beistande ein lieblicher und reiner Weihrauch verbrannt; dann wird zum Danke dafür Dir eine köstliche Opfergabe gebracht werden, gleich würdig des Priesters, des Opfers und der Gottheit.« Während ich dieses poetische Gebet spreche, vollendet die Prophetin ihren Gang in der Schlafkammer; bald zieht sie sich auf ihr Zimmer zurück und schickt nach mir. Ich begebe mich sogleich zu ihr. »Ei, guten Abend, mein liebenswürdiger Stiefsohn!« sagt sie, indem sie mir ihre kleine Hand zum Kusse reicht. »Guten Abend, meine reizende Stiefmutter!« »Faublas, sage mir welches Abenteuer –?« »Erzähle mir, Coralie, durch welche Verwandlung ich Dich hier treffe?« »Mein Herr, ich bin verheiratet.« »Auch ich bin verheiratet, Madame.« »Siehst Du, mein jünger Freund, Du kommst ganz zur gelegenen Zeit, denn ein Ehemann ist eine dumme Sache, und ich habe einen Geliebten mir gewünscht.« »Reizende Coralie, ich treffe Dich zur guten Stunde wieder, denn die Begegnung einer hübschen Frau kann mir nie missfallen, und zudem habe ich ein Asyl, eine Kleidung und ein Nachtessen nöthig.« Frau Leblanc ließ mir einen Schlafrock geben und befahl aufzutragen; man brachte mir die so nothwendige Flasche und das so ersehnte Geflügel. Ich trank mit der Hast eines nüchternen Musikanten, der seit drei vollen Stunden ohne Unterlass in einem vornehmen Hause aufspielt und noch keinen Augenblick gefunden hat, Erfrischungen zu sich zu nehmen. Ich aß mit der nimmersatten Gier eines magern Autors, der jeden Montag von einem fetten Buchhändler zur Tafel gezogen wird und dort periodisch für die ganze Woche speist. Während ich so meine Zeit auf's nützlichste anwendete, erzählte mir Coralie mit kurzen Worten ihre Geschichte. »Einige Tage nach der komischen Katastrophe, die mir Vater und Sohn zugleich raubte, wird ein ehrwürdiger Doktor bei mir eingeführt. Herr Leblanc macht mir den Hof, verliebt sich ernstlich in mich und bietet mir seine Hand an, die ich nicht ausschlagen kann, weil er reich ist. Ich heirate ihn also.« »Du heiratest ihn?« »Ja, in der Kirche! und was noch merkwürdiger ist, ich bin ihm seit drei Monaten treu; doch mir wird dies nachgerade langweilig; ich gestehe, ich bin nicht geschaffen, um nach dem Kalender der alten Männer zu leben.« »In diesem Fall, Madame, fürchte ich sehr nicht zur guten Stunde gekommen zu sein, als Sie mir die Ehre erwiesen zu glauben.« »Gut, verlangst Du Komplimente? sei nicht so bescheiden, Chevalier. Um auf Herrn Leblanc zu kommen; ich heirate ihn also. – »Er führte mich in dieses Haus, das ich voll von eingebildeten Kranken und angeblichen Doktoren finde. »Mein Mann, den der Magnetismus täglich reicher macht, bringt mir die famose Lehre bei, die ich wirklich sehr gut ausübe, weil sie mir Spass macht. Du weißt, mein Freund, wie gerne ich lache und mich auf Kosten derjenigen, die ich hintergangen, lustig mache. Übrigens bin ich auf Marktschreierbühnen aufgewachsen, und der Somnambulismus ist beinahe eine öffentliche Komödie; auf Ehre, bis auf den Ehestand, gefalle ich mir recht wohl in meiner neuen Lage. Coralie tanzt nicht mehr, aber sie magnetisiert; sie prophezeit. Du siehst, dass mir immer noch eine Rolle zu spielen übrig bleibt, und dass ich im Grunde nur den Schauplatz gewechselt habe.« »Sehr gut, Coralie! aber jetzt, da ich gespeist habe, lass uns ein Wörtchen im Ernst sprechen; Du willst mich nicht in die Schlafkammer zurückschicken?« »Gewiss nicht.« »Du erlaubst also, dass ich bei Dir bleibe?« »Du hast Geist, und es macht mir viel Vergnügen, in Deiner Gesellschaft zu sein,« dabei umarmte sie mich. Ich gab der Frau Leblanc ihren Kuss zurück und nahm das einigermaßen stockende Gespräch folgendermaßen wieder auf: »Wo ist Dein Mann?« »In Baurais, wegen Familienangelegenheiten.« »Und die Kammerfrau, wird sie nicht schwatzen?« »Du hast Recht; wie unbesonnen ich bin! man muss sie ins Geheimnis ziehen.« Mit diesen Worten klingelte sie. Die Zofe erschien; ihre Gebieterin sagte zu ihr: »Hier ist ein Louisd'or, den ich Ihnen gebe, aber lassen Sie sich nicht beikommen, meinem Manne zu sagen, dass dieser Herr bei mir war; denn ich würde sagen, Sie hatten gelogen, ich jage Sie fort! nun gehen Sie.« Nachdem sie diese wahrhaft heroische Rede mit dem majestätischesten Tone gesprochen, gieng Frau Leblanc in das Kabinet zurück, verriegelte die Thüre und nachdem sie mich stürmisch umarmte, führte sie mich zu einem schwellenden Sopha, wo wir ein paar der schönsten Schäferstunden verbrachten. Es war gegen acht Uhr morgens, als Frau Leblanc mich in ein weites schwarzes Kleid steckte, das sie aus der Garderobe ihres Mannes für mich ausgesucht hatte. Ehe ich einen Entschluss fasste, wünschte ich Herrn von Valbrun benachrichtigen zu lassen, in welche Zufluchtsstätte mein guter Stern mich geführt hatte. Der Auftrag war heikler Natur; Coralie wollte ihn selbst besorgen; allein sie war kaum fünf Minuten aus dem Hause, als ich sie zurückkommen sah. Sie trat rasch in das Haus, schlug die Thüre zu, schob die Riegel vor und benachrichtigte mich mit erschrockener Miene, sie habe, als sie ausgehen wollte, auf der Straße die Stimme mehrerer auf einem Haufen stehenden Männer gehört. Der eine von ihnen hatte, indem er die Klingel des Hofthors zog, gesagt: »Diese Nonne kann nicht weit sein, man muss in der Nachbarschaft Haussuchungen anstellen.« »Sie holen schnell den Kommissär C... herbei; Du, Griffart, bewachst die Straße und diese Herren kommen mit mir hier herein; wir haben keine Erlaubnis nöthig, weil es eine Magnetiseur-Anstalt ist.« Coralie hatte mich, während sie mir diese verdrießliche Nachricht brachte, nach einer geheimen Treppe geführt. »Chevalier,« sagte sie zu mir, »Du kannst nicht über den Hof gehen, weil die Diener der Justiz bereits da sind.« »Sie sind da, Coralie?« »Ja, mein Freund; während er seine Befehle gab, hat der Mann des Gerichts angeklopft, mein Pförtner hat die Thüre aufgezogen; ich habe Zeit gehabt, hieher zu fliegen und Dich vor der Gefahr zu warnen.« »Aber auf welchem Weg soll ich ihnen entrinnen?« »Auf diesem hier, Faublas. Steige diese kleine Leiter hinauf, klettere auf das Dach, und ich bitte Dich, sei behutsam!« »Sei ohne Sorgen!« Sogleich schwinge ich mich auf die Leiter, steige hinauf, komme in die Dachstube, gehe zum Fenster hinaus, springe auf die Dachrinne und ziehe mich weiter mit der ängstlichen Vorsicht, die mir die Höhe und die Unebenheit des Bodens, den ich unter meinen Füßen habe, einflößen. Einige Minuten lang war ich von Abgründen zu Abgründen gegangen, als ich in einem Garten, auf den mein Blick fiel, einen Menschen entdeckte, der Lärm machte, als er mich bemerkte. Ich beeilte mich ein Asyl in einer Hütte zu suchen, deren Eingang nur aus einem schlechten, mit papierenen Fenstern versehenen Rahmen bestand. Hier seufzte auf einem Strohlager ein junger Mensch, der mit schwacher Stimme zu mir sagte: »Was willst Du hier? was begehrst Du von mir? Beständig das Opfer der ungerechten Verachtung der Menschen, werde ich also umsonst gehofft haben, wenigstens meine Qualen ihrem beleidigenden Mitleid entziehen zu können! Antworte, unbescheidener Fremdling, antworte! warum kommst Du durch Deine Gegenwart den Schrecken meiner letzten Stunde zu vermehren?« »Unglücklicher! was sagen Sie? ich bin entfernt, Ihre Leiden verdoppeln zu wollen. Ach! warum kann ich Ihnen nicht einige Tröstungen bieten!« »Ich will nichts, verlass mich! ich bin allzu unglücklich, ich will ohne Zeugen sterben. Verlass mich!« Während er sprach, erwachte ein neben ihm liegendes Kind, das ich nicht bemerkt hatte, streckte die Arme gegen mich aus und rief: »Ich habe Hunger!« »Ach, armer Unglücklicher! wie? das Elend ...?« »Das Elend.« unterbrach mich der junge Mann. »Das Elend! so ist es denn wahr, dass es Alles beflecken kann. Alles! sogar die Tugend selbst! ist es meine Schuld, wenn ich, durch den Zufall der Geburt, in die bedürftigste Klasse geworfen, meine Kindheit von tausend Mängeln gequält und zu allen Entbehrungen verdammt gesehen habe? ist es meine Schuld, wenn später alle meine Anstrengungen, das undankbare Schicksal zu beugen, vergeblich waren? wenn alle meine Arbeiten, so sauern Schweiß sie mich kosteten, schlecht bezahlt wurden; wenn alle meine Unternehmungen scheiterten, weil sie ehrlich waren; alle meine Gefahren für unedel galten, weil sie zu keinem Erfolge führten, und als ich mich endlich bis zum Advokaten aufgeschwungen und mir eine ebenso nützliche als ruhmvolle Laufbahn eröffnet zu haben glaubte, lag es dann an mir, dass ich auf lauter Mitbrüder stieß, die ihr Interesse darin finden, dem Talente, das sie beargwöhnen, zu schaden, auf lauter Prokuratoren, die nicht im Stande sind, ein Verdienst zu schätzen, das man ihnen nicht anpreist; dass ich keinen Freund hatte, der mir zehn Louisd'ors hatte leihen können, um einen Process zu kaufen? bin ich tadelnswert, weil ich mir eine Leidensgefährtin zugesellt, die mir dies Kind schenkte, das unser Elend vergrößert hat? wird man mich tadeln, dass ich für die Krankheit meiner Gattin zu viel ausgegeben habe, die an ihrem Übel starb, weil sie keine Ärzte hatte? Ach! wenn mein Leben in seinem elenden, von tausend Unfällen durchkreuzten Laufe, von zahllosen Kummerreisen bewegt und Qualen aller Art preisgegeben war, wer darf es wagen, die Schuld mir zuzuschreiben? dennoch bin ich die Zielscheibe ihres Hohnes gewesen, der Spott hat mich verfolgt, Erniedrigungen jeder Art haben mich erdrückt, ich habe Drohungen ertragen und Beschimpfungen verschlucken müssen, man hat mich mit Verleumdung und Schmach überhäuft; endlich haben sich Alle von mir entfernt. Alle haben meine Nähe geflohen, gleich als ob ich auf meiner Stirne das Zeichen der öffentlichen Verachtung trüge. – Großer Gott, der Du mich schwer geprüft! mächtiger Gott, der Du in den Herzen liesest! Du weißt, ob mein Betragen jemals die Verachtung der Menschen gerechtfertigt hat; Du weißt, ob ich nicht Alles gethan habe, was ich konnte, um meine Armut wenigstens achtungswert zu machen!« »Wie! es hat Sie niemand unterstützt?« »Nur einmal that ich mir, gedrängt von meiner großen Noth und durch die Gefahren dieses Kindes bestimmt, die Gewalt an, die Hilfe eines Mannes anzuflehen, der sich mein Protektor nannte. »Wenn Sie wüssten, in welchem Ton der Grausame mich anfuhr, mit welcher Roheit er die Stimme erhob, wie er vor einem Haufen Bedienten sein Almosen hinwarf, wahrhaftig: ich habe diese Behandlung verdient, denn ich habe in dem Palast eines Reichen Schutz und Wohlwollen aufgesucht, man findet daselbst nichts als ein Almosen. »Ich habe mein bis dahin vorwurfsfreies Leben durch eine Niederträchtigkeit befleckt. Ich habe Erbarmen erzwungen! »Du, der mir zuhörst, wenn die Natur Dich mit einer starken Seele begabt hat, wenn Du Dir diesen Stolz des Charakters bewahrt hast, den das Bewusstsein eines reinen Lebens gibt und rechtfertigt, so fühlst Du, dass ich trotz der Schmach nichts annehmen konnte; Du fühlst, dass diese letzte Beschimpfung die unerträglichste von allen war, dass der Tod mein einziges Rettungsmittel war – nein, großherziger Unbekannter, behalte Dein Geld, ich sage Dir, es ist nicht mehr Zeit; aber ich gestehe es, Ihr Schmerz tröstet, Ihre Thränen rühren mich.« Er sah schmerzlich sein Kind an, schloss es in seine Arme und sagte: »O, mein Kind! wenn Du wie ich Dein Leben lang zwischen Schande und Hunger kämpfen solltest, so wäre es ohne Zweifel besser, Du sänkest mit mir in mein Grab; aber der Himmel schickt Dir einen Befreier. O, mein Sohn! ich fühle mich ruhiger, ich überlasse Dich einem Adoptivvater; er ist, wie ich sehe, gefühlvoll und wohlwollend. Mein Herr, wachen Sie über seine Kindheit und lassen Sie mich sterben.« »Warum sterben? welcher blinde Wahnsinn stürzt Ihre Jugend ins Grab? erbittert durch das Gefühl der Beleidigung, die ein unbarmherziger Mensch Ihnen zugefügt, sollte sich Ihr Herz dieser verdammenswerten und kleinlichen Eitelkeit erschlossen haben, die jede fremde Hilfe mit Verachtung zurückweist, die stolz diejenige verwirft, welche eine unbekannte Hand bietet? oder sollten Sie mich im Verdacht haben, ich könnte der Schmerzen innerlich spotten, über die ich Thränen vergieße?« »Nein! die zarteste Theilnahme herrscht in Ihren Worten und auf Ihrem Gesichte; ich glaube, dass es noch einen Menschen auf der Erde gibt, der eines menschlichen Gefühles fähig ist.« »Wohlan denn! so leben Sie für die Gesellschaft, die eine Ungerechtigkeit gegen Sie, Sie des Rechts nicht beraubt hat, Ihre Talente in Anspruch zu nehmen, deren Ausübung ihr nützlich werden kann; leben Sie für Ihren Sohn, den Ihr allzufrüher Tod schutzlos den Schlägen des Schicksals bloßstellen würde, das Sie so lange beschimpfte; leben Sie für mich, ja, gewiss! Ihr Kind wird das meinige sein; ja, ich werde es wiedersehen, aber ich wünsche, Sie beide wieder zu sehen. Mein Freund, beharren Sie nicht hartnäckig auf einem unseligen Entschluss; versagen Sie mir nicht das Versprechen, sich für Ihr Kind zu erhalten. Hören Sie mich! Seit mehr als einem Jahr in eine neue Welt geworfen, fortwährend durch Vergnügungen eines sehr leichtfertigen Lebens zerstreut, habe ich die Pflichten vernachlässigt, von deren Erfüllung mich nichts entbinden konnte. Ich gestehe es Ihnen, einzig mit mir selbst beschäftigt, habe ich diejenigen meiner Brüder ganz vergessen, an die ich hätte täglich denken sollen. Und wie viele ehrbare, jetzt rettungslos verlorene Familien hätte ich vielleicht mit einem Theil des Geldes aufrecht erhalten, das ich in meinen eitlen Vergnügungen verschwendet! und wie viele Unglückliche sind vielleicht zu Grunde gegangen, die ich von der Verzweiflung hätte retten können! mein Freund, ich bitte, helfen Sie mir diesen Fehler wieder gut zu machen, den ich mir nicht verzeihen werde; ich will Ihnen keine geringe Hilfe anbieten, die Sie nur auf einen Augenblick dem Schrecken Ihrer beklagenswerten Lage entzöge. »Zweihundert Louisd'ors sind in meiner Börse; entlehnen Sie die Hälfte von mir.« »Die Hälfte!« »Entlehnen Sie, ich bitte Sie. Hundert Louisd'ors werden für Ihre dringendsten Bedürfnisse hinreichen und Sie in den Stand setzen, Ihre Talente zu vervollkommnen, und Ihnen Zeit lassen, die Gelegenheit abzuwarten, wo Sie sich zeigen und endlich einen Namen machen können. »Hundert Louisd'ors werden vielleicht Ihr Glück gründen! nun denn, mein Freund, wenn Sie einmal in einer behaglichen Lage sind, so werden Sie ebenfalls Schmerzen zu lindern suchen; und sobald der erste Unglückliche Ihnen das Leben verdanken wird, werden Sie Ihrer Schuld gegen mich entbunden sein!« »Oh, Wohlwollen! oh, Edelsinn!« »Komm, mein Freund, raffe Dich zu neuer Thatkraft auf, nimm dieses Geld! fasse Muth, umarmen wir uns, tröste Dich! geh, ich weiß wohl, dass das Elend nur dann schmählich ist, wenn es aus eigener Schuld hervorgeht; und fast immer ist eine Wohlthat, wenn sie den Geber ehrt, auch für den Empfänger rühmlich.« »O, mein Befreiungsengel! Gott selbst hat Dich zu unserer Rettung gesandt... siehst Du, ich werde jeden Tag zu seinen Altären gehen, ich werde dem Ewigen danken und die Segnungen des Himmels auf Dich herabrufen.« Seine Stimme wurde von Schluchzen unterbrochen und das Kind fuhr mit seiner kleinen liebkosenden Hand über mein Gesicht. »O, Augenblick voll Wonne! wie ließe sich Deine Seligkeit beschreiben!« »Mein Herr,« fuhr der junge Mann, dessen Stimme sich wieder belebte, fort, »haben Sie die Güte mir zu sagen, wem ich das Leben verdanke?« »Ich kann nicht.« »Sie weigern sich, es mir zu sagen?« »Glauben Sie mir, mein Freund, es ist mir in diesem Augenblicke unmöglich.« »Mein Herr, nehmen Sie Ihr Geld zurück.« »Aber, sind Sie von Sinnen?« »Sie wollen sich meiner Erkenntlichkeit entziehen! mein Herr, ich nehme Ihr Geld nicht an.« »So hören Sie doch zuvor die Gründe.« »Mein Herr, ich nehme es nicht.« »Nun denn, so will ich Ihnen ein grenzenloses Vertrauen beweisen. Ich nenne mich Chevalier von Faublas.« »Chevalier von Faublas! Wie! ist er einer so großen Tugend und Hochherzigkeit fähig?« »Wie soll ich das verstehen?« »O, mein Wohlthäter, verzeihen Sie! ich bitte tausendmal um Verzeihung! ich beleidige Sie wahrhaftig ganz unwillkürlich.« »Es ist wahr, mein Freund, dass meine ersten Abenteuer in der Hauptstadt einigen Lärm gemacht haben; deshalb verdammten Sie mich im voraus; vielleicht sind Sie etwas zu streng. Mein Freund! entschuldigen Sie die Thorheiten des aufwachsenden Alters, beklagen Sie die Leidenschaften der Jugend und warten Sie noch einige Zeit, ehe Sie mich richten; Sie kennen mich noch nicht.« »Verzeihen Sie eine ohne Zweifel beleidigende Ausrufung. Ich kenne Sie, Herr Chevalier, und bin Ihnen meine ganze Achtung schuldig. Sie werden sich bessern, dessen bin ich gewiss, mit einem vortrefflichen Herzen kann man nicht lange irre gehen.« Er ergriff meine Hand und küsste sie mehrere Male. Ich umarmte ihn und fragte nach seinem Namen. »Florval,« antwortete er. »Florval, ich liebe Ihre edle Freimüthigkeit; sind Sie allen Ernstes geneigt, mich mit Ihrer Freundschaft zu beehren?« »Welche Frage!« »So werde ich Sie also in einer glücklicheren Zeit wiedersehen?« »Wie, wollen Sie mich jetzt verlassen?« »Florval, ich muss mich verbergen, ich weiß nicht, wie es mir ergehen wird, man verfolgt mich.« »Man verfolgt Sie? möchten Ihre Feinde in nutzlosen Nachforschungen erschöpfen! möchte ihre Wuth erblinden! aber warum dieses Kleid? man hat Sie vielleicht bereits gesehen? warum nehmen Sie nicht ein anderes?« »Wo soll ich es hernehmen, welches?« »Sehen Sie diese schwarze Hülle hier im Winkel? es ist mein Advokatenkleid, es ist ein Ding, welches ich immer behalten musste. Heute früh gedachte ich es zu verkaufen; allein ich hatte die Kraft nicht, die Treppe zu erreichen. Und dann, was hätte man mir dafür geben wollen? es ist so schlecht! nehmen Sie es immerhin, es kann Sie vollkommen unkenntlich machen; verbergen Sie Ihren Rock darunter und lassen Sie Ihre Haare der ganzen Länge nach darüber wallen; sie sind noch ziemlich gepudert.« Während ich mich mit meiner neuen Verkleidung beschäftigte, erlaubte ich mir, an Florval mehrere Fragen zu richten, die er schnell beantwortete. »Sie sind also Advokat Florval?« »Ach, ja, mein Herr.« »Ich hatte diesen Beruf immer für eben so gewinnreich als ehrenvoll gehalten!« »Ach, mein Herr, welches Handwerk! einen armen Teufel zur Vorausbezahlung zu zwingen, um ihn nicht verklagen zu müssen! für einen Prokurator Bittschriften zu schmieren. Consultationen zusammenschreiben, Facta notieren, bei allen Gerichtshöfen plaidieren und durch diese hastende Thätigkeit fünfzig magern Mitbrüdern das Blut aussaugen. Ach, mein Herr, welches Handwerk! Ich habe es zu sehr in der Nähe gesehen. Wer wollte sich damit abgeben, wenn man nicht zufällig von Zeit zu Zeit einen Unglücklichen zu vertheidigen hätte, mit Gefahr von der Liste gestrichen zu werden.« »Florval, mein Freund, das Unglück macht Sie bitter.« »Es ist wahr,« antwortete er beinahe lächelnd, »es ist wahr, dass man die Sachen nicht von der schönsten Seite betrachtet, wenn man seit zwei Tagen hungert. Herr Chevalier, Sie sind jetzt bald fertig – ich kann nicht auf die Straße gehen. Sie haben nichts für mich gethan, wenn Sie sich nicht die Mühe nehmen, mir einige Nahrungsmittel zu schicken.« »Mein Freund, ich eile.« Während er sprach, legte ich das Kleid so an, dass sein Alter weniger in die Augen stach. Ich steckte den einen Flügel in meine Tasche, während ich den andern unter den Armen hielt, so gieng Alles auf's beste, der kleine Advokat war verschwunden, ich sah aus wie ein Generalprokurator, denn ich gab mir die größte Mühe Alles elegant aufzuschürzen und die Löcher unter die Falten zu verbergen. »Leben Sie wohl, Florval! wenn man Sie zufällig fragt, ob Sie von mir etwa eine Spur haben, ob Sie mich nicht auf meiner Flucht gesehen haben –« »Lieber mich zu Tode peinigen lassen, als Sie der geringsten Gefahr aussetzen! aber werde ich Sie lange nicht wiedersehen?« »Ich weiß nicht, Florval.« »Herr von Faublas, vergessen Sie doch ja nicht denjenigen, der Ihnen alles verdankt.« »Florval, ich werde meinen Freund nicht vergessen.« »Leben Sie wohl, mein Wohlthäter, mein Befreiungsengel, leben Sie wohl!« Und als ich am Ende des Ganges war, rief das Kind, seine sanfte helle Stimme anstrengend, mir zu: »Adieu, guter Herr! Dich hat der liebe Gott geschickt, damit mein Papa und ich nicht sterben!« Der Dank dieses unschuldigen Kindes, und der Gedanke, dass ich eben zwei Opfer dem Tode entrissen, beseligte mich derart, dass ich meine Augen von den süßesten Thränen überströmen fühlte, die sie je vergossen haben. Mein Herz ist voll von einem wonnigen Gefühle! Oh, unaussprechliche Freude, die man in Folge einer guten Handlung empfindet! Oh, überschwengliches Glück, von dem ich nur eine schwache Idee hatte! was will das heißen, durch einen andern austheilen lassen? – Man muss selbst geben. »Meine Sophie! einst werden wir zusammen in die abgelegenen Wohnungen der Armen dringen. Dort werden wir das sich verbergende Elend entdecken, seinen peinlichsten Geständnissen zuvorkommen, die Unterstützungen mit den Bedürfnissen in Einklang zu bringen, die Schmerzen durch Tröstungen zu lindern wissen. Dort, mein entzückendes Weib, werden die durch Deine Wohlthaten genährten Unglücklichen Dir eine Huldigung nach Deinem Herzen bringen. »Wie viel schöner wirst Du mir erscheinen, wenn ich Dich durch ihre geheime Leiden gerührt sehen werde, wenn Du stolz auf ihre Segnungen zurückkehren wirst! kaum werden sie mich bemerken, sie werden nur Dich sehen! Deine Hand werden sie küssen. Dich werden sie einen Engel der Befreiung nennen können! Du hast das himmlische Gesicht eines solchen, jeder Deiner Züge zeigt von einer göttlichen Seele. Meine Sophie, wäre die Zeit schon da, um alles dies in Erfüllung gehen zu sehen. Werde ich sie ja erleben, diese schöne beseligende Zeit, die ich durch meine leichtsinnigen Handlungen selbst hinausgeschoben habe?« So nachdenkend gieng ich bis an die Thüre nach der Straße, wo die Gefahren, die mich umringten, meine Gedanken auf Gegenstände ganz anderer Art lenkten. Kaum hatte ich die schützende Schwelle verlassen, als mehrere Männer mir bereits nachfolgten. Besonders einer von ihnen erschreckte mich durch einen forschenden Blick, dann bald mit unentschlossener, bald mit entschiedener Miene abwechselnd sein tölpisches Auge auf mein erblasstes Gesicht und auf die gemeinen Gesichter seiner elenden Begleiter heftend, schien er sich mehrere Male mit ihnen zu berathen und mehrere Male zu ihnen zu sagen: Er ist's! Ich sah den Augenblick, wo ich gefasst wurde. Überzeugt, dass ich mich nur durch einen kühnen Streich der Gefahr entziehen könne, nahm ich schnell eine zuversichtliche Haltung an, und da mir mein Gedächtnis zur rechten Zeit zur Hilfe kam, wiederholte ich mit lauter Stimme den Namen, den mir Frau Leblanc gesagt hatte. »Griffart!« rief ich. Der garstige Bursche, der mich beunruhigte, war eben dieser Herr Griffart. »Was gibt's,« sagte er zu mir. »Wie, Du erkennst mich nicht?« »Weiß noch nicht.« Jetzt nahm ich vornehme Miene an. »Und Ihr, meine Herren?« »Wenn's der nicht weiß,« antwortete einer von ihnen, »so wissen wir's auch nicht.« Ich musterte die ganze Truppe vornehm über die Achseln, maß den Anführer von Kopf zu Fuß und sagte endlich: »Wie! Ihr sauberen Herren, Ihr kennt den Sohn des Kommissärs C... nicht?« Bei diesem verehrten Namen hätte man sehen sollen, wie meine Burschen, alle von Ehrfurcht ergriffen, plötzlich ihre wollenen Hüte oder baumwollenen Mützen herabrissen und mir unter den demüthigsten Entschuldigungen die gebräuchliche Reverenz machten. Ich bezeuge mit meinem Kopfnicken meine Zufriedenheit, und mich an Griffart wendend frage ich: »Nun denn, braver Bursche, was gibts neues?« »Noch nichts, lieber Herr, aber es wird nicht mehr lange dauern. Ich glaube, wir haben sie auf dem Dache gesehen, das saubere Mädel, sie konnte leicht herunterpurzeln. Sie hat Mannskleider angezogen, aber das macht nichts, ich sage, sie soll den Griffart nicht am Narrenseil herumführen.« »Und mein Lieber, wenn sie sich am Ende der Straße zeigt?« »Ah! ich sage, wir kriegen sie. Der Eisenarm passt dort mit seinem Galgenschwengel auf.« »Und auf dieser Seite hier?« »Nützt alles nichts, die Allerweltsspürnase ist da mit seinen Spürhunden.« »Hier, meine Kinder, habt Ihr etwas zum Frühstücken im Wirtshaus; Du, Griffart, ich beauftrage Dich, sogleich ein gutes Stück Brot, einen Braten und eine Flasche Wein einem gewissen Herrn Florval zu bringen, der hier in dieser Straße, jenem alten Hause im fünften Stocke wohnt. Was von meinen sechs Franks übrig bleibt, kannst Du mit Deinen Kameraden in der Schenke vertrinken.« Alle diese Leute erschöpften sich in mehr plumpen als einfachen Danksagungen, ich fand ihre Geberden eben so knechtisch als ekelhaft und lächerlich. Als sie mich verlassen hatten, fragte ich mich: Auf der einen Seite Eisenarm mit dem Galgenstricken, auf der andern die Allerweltsspürnase mit Gefolge. – Soll ich's wagen, dahin zu gehen; soll ich mich einer zweiten Prüfung aussetzen? ich fürchte. – Diese angebliche Nonne, die sie verfolgen, hat, sagen sie, Mannskleider angezogen; wenn ich mich als Frau verkleiden könnte! Ah! wer ist denn dieses einladende Frauenzimmer, das von seinem Fenster im zweiten Stockwerke aus höflich alle Vorübergehenden zu sich heraufruft? Gehen wir hin, vielleicht, dass mit Geld – gehen wir hin und sehen wir, es steht mir ja immer noch frei, wenn ich nichts Besseres thun kann, an's Ende der Straße zu gehen, um den Aufpassern den Sohn des Kommissärs vorzustellen. Also frisch gewagt, ich will hinaufgehen, es ist schlechte Gesellschaft, Faublas; aber es helfe, was kann! Mit einem Sprung war ich bei dem Mädchen, das seine Thüre halb offen gelassen hatte. Sie sah mein schwarzes Kleid und glaubte den Teufel zu sehen. Der gellende Schrei, den sie ausstieß, musste von allen Leuten in der Nachbarschaft gehört werden. Da ich nicht im Sinne hatte, mir die Masse Liebhaber dieser modernen Aspasia auf den Hals zu laden, so zog ich, um sie zu beruhigen, schnell das feindliche Kleid aus. Ihre Todesangst legte sich, als sie mich versichern hörte, ich sei nicht der Kommissär. Noch ganz anders war es, als sie mich einen doppelten Louisd'or aus der Börse ziehen sah; die süßeste Hoffnung glänzte auf ihrem wieder ganz heiter gewordenen Gesichte. »Mein Kind, diese zwei Louisd'ors gehören Dir.« »Ich will zuvor –« und schneller als der Blitz lief sie nach der Thüre, die sie verschloss, nach ihrem Fenster, über das sie eine fadenscheinige Leinwand ausbreitete, die weniger schwierige Leute Vorhang nennen würden; dann gieng sie in ihren Alkoven und rief: »Kommen Sie doch!« »Allzu gefälliges und allzu lebhaftes Mädchen, wenn Sie mich bis zum Ende hätten anhören wollen, so hätten Sie sich unnütze Demonstrationen erspart, die Ihrer Eigenliebe sehr sauer zu stehen kommen müssen. »Wahrhaftig, mein Kind! Du hast meine Absichten falsch ausgelegt. Für die zwei Louisd'ors, die ich Dir biete, verlange ich bloß, dass Du mir Weiberkleider gibst und mich anziehen hilfst.« »Recht gerne!« antwortete sie. »Das ist prächtig! Du willst Alles, was man will!« »Man muss seine Sache recht machen.« »Was gibst Du mir da für Lumpen, ich will nichts davon, hörst Du, mein Kind, gib mir Deinen besten Putz, ich will ihn bezahlen, so hoch Du ihn anschlägst; die zwei Louisd'ors sind für das Geheimnis.« »Das heißt gesprochen! so wahr ich ein ehrliches Mädchen bin, Fanchette wird Ihnen das glänzendste geben, was sie hat, sehen Sie!« »Teufel, aber das ist galant, ein prächtiges Ballkleid.« »Glaub's wohl! es gehörte einer großen Dame! eine schöne Marquise hat es getragen. Sie hat es ihrer Kammerfrau geschenkt und diese hat es an mich verkauft –« »Dieses Kleid ist sehr schön! jemand von meiner Bekanntschaft hatte ein solches, es ist sehr schön!« »So schön, dass ich fast nie wage, es anzuziehen! ohnehin ist es mir zu lang, ich will es Ihnen abtreten, wie ich es gekauft habe; vier Louisd'ors. Dann sollen Sie noch obendrein diesen großen schwarzen Hut sammt Federbusch haben, und überdies die Beweise meiner Freundschaft, wenn Sie wollen, weil Sie sehr artig sind.« »Das Kleid und den Hut nehme ich gerne an; für das übrige danke ich verbindlichst.« Das Kleid, welches mir Fanchette anzog, passte mir wie angemessen. »Wie das Kleid Ihnen gut steht,« sagte Fanchette. »Vollkommen, und je näher ich es betrachte – Sage mir, wer hat es Dir verkauft?« »Eine Kammerfrau.« »Weißt Du ihren Namen?« »Ja, Justine.« »Justine! eine Justine hat dieses Ballkleid an Dich verkauft?« »Ja, Sie kennen sie, diese Kammerfrau?« »Nein, durchaus nicht. Es gehörte einer Marquise, sagst Du?« »Ja, Sie kennen sie, die Marquise?« »Nein, dies Kleid, in der That, sicherlich es ist's.« »Mir scheint es, mein Herr, dass Sie dieses Kleid wohl kennen und noch mehr die Person, welche es getragen hat, gestehen Sie nur. Sie wissen davon mehr, als ich ahne.« »Ich versichere Dich, liebes Kind, Du machst vergebliche Kombinationen.« »Alles scheint mir doch nicht in Ordnung zu sein, mein Herr.« »Wer hätte mir vor einem Jahre gesagt, dass ich mich abermals damit verkleiden sollte, und an einem solchen Orte! Wie wunderlich es in der Welt zugeht! wie man sich wiederbegegnet.« »Was murmeln Sie zwischen Ihren Zähnen?« »Ich erinnere mich, dass ich es seiner Zeit Justinen zugestellt habe, die es der Frau von B... zurückgeben sollte; allein die Schelmin hat es als gute Prise angesehen. Wie doch Alles an's Tageslicht kommt!« »Sprechen Sie laut.« »Dies ist also das Kleid, das ohne Zweifel würdig unter den elegantesten geprunkt hat! dieses Kleid, das in unsern glänzendsten Zirkeln mit Ehre erschien, da ist es!« »Wie sagen Sie?« »An welchem Orte finde ich es und in wessen Besitz!« »Ich bitte Sie, mein Herr, sagen Sie mir doch gütigst, warum hat Sie dieses Kleid plötzlich so sentimental gestimmt, was für Erinnerungen hat es in Ihnen geweckt, warum würdigen Sie mich nicht Ihres Vertrauens? Sie schweigen, auf meine Fragen haben Sie keine Antwort. Es scheint, Sie sind tief in dieses Geheimnis verflochten, welches ich nach Ihrem Gebahren vermuthe.« »Welche Schmach hat die Tage seines so schnell vergangenen Ruhmes besteckt.« »Sprechen Sie doch lauter, mein Herr, dass ich Sie verstehe.« »Seltsamer Wechsel der menschlichen Dinge.« »Ja, freilich, aber was soll dies heißen?« »Sie, meine schöne Damen, die Sie friedlich schlafen im Vertrauen auf die Ehrerbietung, die man Ihren Tugenden zollt, und in der Sicherheit, die Ihnen die verschwiegene Treue Ihrer Dienerschaft einflößt; wagen Sie es noch, nach einem solchen Beispiel, wagen Sie es noch, zuversichtlich gegen uns zu behaupten, dass nichts, was Ihnen angehört, jemals an den Orten der Schmach sich befinden wird?« »Ich verstehe Sie ja gar nicht. Warum so leise sprechen?« »Reizendes Kleid, das mir meine herrliche Freundin lieh, galantes Kleid, womit ich mich einmal geschmückt habe, und das sie geschmückt hat, werde ich Dir heute einen schwachen Theil Deines früheren Glanzes wieder zurückgeben können? »Siehst Du, Fanchette, hier sind die sechs Louisd'ors, die ich Dir schuldig bin. Thue mir den Gefallen und hole einen Fiaker; Du wirst mich darin bis an das Thor des Luxemburg begleiten. Wenn ich Dich dort verlasse, werde ich Dir noch einige kleine Thaler für Deine Mühe geben; aber spute Dich und hüte Dich wohl, jemand ein Wort zu sagen.« »Ich verspreche es Ihnen. Ich liebe Sie, weil Sie so großmüthig sind, und ich sage: Sie haben Geist, denn Sie sprechen mit mir wie in den Büchern, ganz voll schönen Sachen, die ich nicht begreife.« »Geh, Fanchette, lauf schnell!« Sie war kaum fünf Minuten aus dem Hause, als ich den Schlüssel im Schlosse umdrehen hörte. Wie groß war aber meine Überraschung und mein Schrecken, als die Thüre aufgieng, und ich einen Unbekannten hereintreten sah, der so vertraulich, als wäre er zu Hause, mir guten Tag wünschte; ohne mich anzusehen, und Stock und Hut auf das Bett legte. Ich bemerkte, dass seine wankenden Beine ihn kaum trugen und dass er häufig zurücktaumelte, dass er sich an die Möbel anklammerte und an den Wänden anstieß. Seine Zunge stammelte kaum; er ergriff einen Stuhl und setzte sich daneben, dann stand er wieder auf und machte nach einigen Flüchen die gescheidte Bemerkung für sich: »Ich habe mich betrogen.« Er fügte hinzu: »Fanchette, ich bin überzeugt, dass Du unruhig warst, weil ich heute Nacht nicht zurückgekommen bin bis jetzt, es hat Dich empört! nun, ganz natürlich, meine süße Taube; aber es waren Leute im Gasthofe von England, und rechte Leute, sag' ich Dir ... Unser Nachbar, der Pastetenbäcker, war auch da, und dann der Haushofmeister des Herrn ... weißt ja! und lauter hübsche Leute! Denk nur, es hat gar keine Händel gegeben! nur einer hat einen andern todt gestochen, aber das war Alles. Es ist wirklich eine Freude in guter Gesellschaft zu sein; 's ist eine Freude in diesem Gasthof zu sein, da sind Leute, die sich ruinieren mit einem Anstand ... 's ist 'ne Pracht, sie zu sehen, besonders wenn man gewinnt. Ich habe gewonnen, ich! auf dem Heimwege ... Du darfst nicht glauben, ich habe zu viel getrunken; aber der Wein war nichts nutz, alle diese Wirte sind Hallunken, und dass ich Alles sage, der Wein war noch kein Jahr alt. Bin ich betrunken, ich? was meinst Du, Fanchette? wenn jemand betrunken ist, so geht er seitwärts.« Mit diesen Worten erhob er sich, um gerade auf mich zuzugehen; aber unwillkürlich gerieth er links und warf sich auf das Fenster, an dem er einige Scheiben zerbrach. Nach vielen Umwegen gelangte er jedoch zu mir und sah mir einige Sekunden lang unter die Nase mit einer Miene, die mich sehr ergötzt haben würde, wäre ich weniger unruhig gewesen. »Ich bin's, das ist ja Deine Kammer und Dein schönes Kleid; aber wie dreht sich Alles vor meinen Blicken; wahrlich ich bin nicht bei Sinnen, bin ich denn betrunken? Du hast schwarze Augen und ich sehe sie blau! Du bist blond und kommst mir braun vor! Du bist klein und ich finde Dich groß; aber ich will Dich überzeugen, dass Du hübsch bist und dass ich Dein lieber Schatz bin.« Er näherte sich, ich wich zurück; er folgte mir, ich stieß ihn zurück; er hielt mich, ich machte eine drohende Geberde; er gab mir einen Faustschlag, ich versetzte ihm zwei; er warf sich auf meinen Federbusch, ich fasste ihn bei den Haaren. Sein Sturz zog den meinigen nach sich – der Chevalier von Faublas auf dem Boden, wälzt sich im Staube mit dem gemeinen Liebhaber eines verrufenen Mädchens. Meine unbequeme Kleidung hinderte mich am Zuschlagen. Indes hätte der Sieg nicht lange unentschieden bleiben können, weil in unserer Art zu fechten der für mich ganz vortheilhafte Unterschied war, dass ich, ohne ein Wort zu sprechen, zu parieren suchte, ehe ich zuschlug, während der Schurke, der beständig fluchte wie ein Stallknecht, die Parade vernachlässigte und mich bloß zu treffen suchte und festhalten wollte. Man kann sich daher denken, dass der gute Mann nicht wenige Streiche erhielt; aber ehe ich mich von ihm losmachen konnte, sprangen die Nachbaren auf das Geschrei, das er machte, herbei. Entzückt, diese Gelegenheit zu finden, ihre verhassten Mieter los zu werden, begannen sie damit, dass sie uns mit Flüchen und Schlägen überhäuften; dann führten sie uns hinab und übergaben uns der Wache, die einer von ihnen herbeigeführt hatte. Zwei Soldaten legten meinem Kameraden Handfesseln an, zwei Soldaten gaben mir die Hand; der Pöbel verhöhnte mich, die Kinder liefen mir nach. Am Ende der Straße zog ich triumphierend mitten durch die Aufpasser, die unter diesen prunkvollen Kleidern und in diesem ehrenvollen Zuge ihre angebliche, als Mann verkleidete Nonne nicht vermuthen. Aber wie viele Straßen durchliefen wir zu Fuß! wie viel auf dem Wege aufgehäufter Koth beschmutzte das reizende Kleid, dem ich seinen ursprünglichen Glanz zurückzugeben gehofft hatte, wie viele plumpe Worte hörte ich auf meinem Wege! Mit welcher Roheit schleppten mich meine ungehobelten Führer fort. Man befahl mich nach Saint-Martin zu führen. Nach Saint-Martin! So ist es denn wahr, dass ich dahin geführt wurde! so ist es denn wahr, dass der frühreifste aller Jünglinge, derjenige, der sich mehrere Male in gewissen Fällen so vielen gereiften Männern weit überlegen gezeigt hatte, der, dessen Liebesglück noch immer die erstaunte Hauptstadt beschäftigte, der Chevalier von Faublas durch ein öffentliches Gericht für ein Mädchen erklärt und in ein Gefängnis geschleppt. Muth, Faublas; mit Gewandtheit und Gold konnte ich die Thore von Saint-Martin leichter sprengen, als die der Bastille ... allein vor Allem war Eile nöthig, ein Augenblick konnte mich in's Verderben stürzen. In der Vorstadt Saint-Marceau, die nun zum zweitenmale der Schauplatz meines Ruhmes und meines Missgeschicks geworden, konnten tausend Zufälle die Spuren entdecken, die der Chevalier von Faublas auf seinem Wege gelassen hatte. Nun heißt sich aufraffen und schnell einige Freunde zu Hilfe zu rufen. Freunde! ich habe in Paris nur noch Bekannte. Rosambert, nein, der hat mir einen zu garstigen Streich gespielt und übrigens ist er ja im Auslande. Derneval ist noch weiter entfernt. Frau von B... ist vielleicht noch nicht angekommen, und wenn sie auch hier wäre, wie könnte ich ihr Nachrichten zukommen lassen, ohne sie zu kompromittieren? aber meine geliebte Gattin? ihr! ach, ihr muss ich es zu wissen thun! Nein, Duportail ist hier und hat ohne Zweifel die Augen offen. Er kann die Briefe auffangen und mich noch einmal berauben ... nein, ich will kein Mittel, das mich der Gefahr aussetzt, meine Sophie zu verlieren ... Nun bleibt noch der Vicomte von Valbrun übrig. In sein kleines Lusthaus darf ich nicht schicken; wo sein Hotel ist, weiß ich nicht. Der Bote mag sich erkundigen; schreiben wir dem Vicomte. Nun dachte ich über die Mittel nach, wie ich wohl mein Vorhaben verwirklichen könnte, an diesem Orte, wo mir alle Hindernisse der Welt entgegentraten. Es waren ungefähr zwei Stunden, dass ich über meine traurige Lage nachdachte, von der ich den Vicomte benachrichtigen wollte, als man Fanchette rief. Ich musste dem Rufe folgen, denn für Fanchette galt ich hier. So gelangte ich zur ersten Pforte. Hier sah ich eine elegante Dame, die mir zwei oder drei verächtliche Blicke zuwarf und in trockenem Tone befahl, ihr zu folgen. Die Thore des Gefängnisses öffneten sich, meine stolze Beschützerin stieg ernsthaft in ihren Wagen und gab mir durch einen Wink mit dem Kopfe zu verstehen, dass ich auf dem Vordersitz Platz nehmen könne. Ich gehorchte, wir fuhren weg; jetzt sagte ich, mich an die Unbekannte wendend: »Madame, welchen Dank? ...« »Sie sind mir keinen schuldig,« unterbrach sie mich. »Aber, Madame, erlauben Sie –« »Es ist wahr, dass ich Sie aus diesem saubern Orte gezogen habe, an den Sie nicht so übel passten, wie ich glaube; allein es geschah nicht, um Sie persönlich zu verbinden, das versichere ich Ihnen.« »Indes, Madame –« »Indes, Mamsell, ersuche ich Sie, mir zu glauben.« »Warum wollten Sie die gerechte Huldigung ausschlagen?« »Guter Gott! das macht Phrasen! ich liebe solche nicht, Mamsell. Plaudern wir nicht mit einander, wenn ich bitten darf.« Es trat einen Augenblick Stille ein, während dessen ich mich ganz leise fragte, wer wohl diese unhöfliche Befreierin sei, die mir einen so großen Dienst erwies und mich doch so schlecht behandelte, wohin mich dieses neue Abenteuer führen und was aus mir werden würde. Die schöne Dame, die mir Stillschweigen auferlegt hatte, befahl mir nun zu sprechen. »Können Sie lesen?« fragte sie. »Ein wenig, Madame.« »Auch schreiben?« »Ebenso.« »Frisieren!« »Die Frauen?« »Ei, ja, ohne Zweifel!« »Ziemlich anständig, Madame. Ist das Alles, was ich zu thun haben werde?« »Genug, Mamsell; Sie vergessen, dass es Ihnen nicht zukommt, mich auszufragen.« Bald hielt der Wagen vor einem sehr schönen Hotel an; die Unbekannte hieß mich in ein prächtiges Zimmer treten, wo ich Herrn von Valbrun traf. »Guten Tag, lieber Faublas,« sagte er, mich umarmend; »sind Sie nicht zufrieden mit dem Eifer, den die Frau Baronin von Fonrose, Ihnen zu Gefallen, an den Tag gelegt hat?« »Ach, ich habe ihn sehr in Unruhe versetzt, Ihren lieben Faublas,« rief sie lachend; »fragen Sie ihn, was er davon denkt, fragen Sie ihn, ob ich nicht bereits die Rache meines Geschlechts auszuüben begonnen habe. Lieber Chevalier, keinen Groll! erblicken Sie in mir nur eine hilfreiche Fee, die Sie Zauberern entführt hat; und um Ihre Erkenntlichkeit zu beweisen, küssen Sie mir ehrerbietig die Hand.« Ich gehorchte der Baronin unter Danksagungen und wandte mich dann an den Vicomte: »Herr von Valbrun, gehen wir!« »Wohin?« »Sophie aufzusuchen.« »Ist Sophie in Paris?« »In dieser Vorstadt, im Kloster, Straße ...« »Um so besser, aber mäßigen Sie Ihre Ungeduld auf einen Augenblick und hören Sie mich! ich muss Ihnen sagen, was ich gethan habe, und mich mit Ihnen über die Maßregeln berathen, die wir jetzt zu ergreifen haben.« »Herr Vicomte! ich hätte damit anfangen müssen, Sie meines innigsten Dankes zu versichern.« »Haben Sie so große Eile, ihn mir zu beweisen?« »Zweifeln Sie nicht!« »Nun gut, so erweisen Sie mir den Gefallen, mich anzuhören.« »Von Herzen gern; aber gehen wir!« »Welche Hast! ich bitte, hören Sie mich!« »Meine Sophie!« »Wir werden sogleich auf sie zu sprechen kommen. Chevalier, ich bin heute um Mitternacht in mein kleines Haus zurückgekommen, wie ich Ihnen versprochen hatte. Justine hat mich durch Erzählung des Vergangenen in große Unruhe um Ihretwillen versetzt. »Da ich nicht wusste, wie es Ihnen ergehen würde, und mich nicht weit entfernen wollte, um Ihnen bei Gelegenheit Hilfe bringen zu können, so beschloss ich, bei Justine zu bleiben. »Die Kleine, die Sie sehr zu lieben scheint, stand fortwährend am Fenster gegen die Straße. Diesen Morgen glaubte sie, Sie zweimal in zwei verschiedenen Anzügen zu erblicken. »Vor zwei Stunden endlich rief sie mir zu, Sie würden von der Wache fortgeführt; sie erkenne Sie unter Ihrer neuen Verkleidung um so besser, weil das Kleid, in das Sie sich gesteckt, ganz gewiss früher der Frau Marquise von B... gehört habe. »Sogleich mischte sich unter den Pöbel, der Sie verfolgte, ein treuer Abgesandter, den ich beauftragt, so schnell als möglich zurückzukommen und mir zu melden, was Ihnen geschehen sei. »Bei seiner Rückkehr war ich nicht wenig überrascht, zu erfahren, dass die angebliche Fanchette nach Saint-Martin geschickt ward. Ich bin sogleich zu Frau von Fonrose geflogen.« »Und ich,« fiel die Baronin ein, »konnte nicht umhin, mich sehr für das Schicksal eines jungen Mannes von Ihrem Schlag zu interessieren. Ich bin sogleich auf das Polizeibureau gegangen, und Sie wissen, welchen raschen Gebrauch ich von dem Befehl machte, der Ihnen zu Gute kam, da er Ihre sofortige Freiheit verordnete.« »Madame, empfangen Sie meinen innigsten Dank.« »Herr von Faublas,« versetzte der Vicomte, »hören Sie mich zu Ende. Während die Frau Baronin auf die Polizei gieng, kehrte ich in die Vorstadt Saint-Marceau zurück, um Erkundigungen einzuziehen. Es ist nicht mehr von Dorothea die Rede, man spricht überall bloß vom Chevalier Faublas.« »Wie?« »Hören Sie weiter, die Erklärung einer gewissen Schwester Ursula, die, wie sie sagt, von den Entführern der Nonne misshandelt wurde, vermochte nichts gegen Sie; aber was Alles verrathen hat, ist die Klage eines gewissen Herrn von Flourvac, der im Garten des Magnetiseurs von einem jungen Menschen, der sich im Nachtkleide und mit dem Degen in der Faust geflüchtet, angegriffen worden zu sein vorgibt; ferner der Widerstand, den Frau Leblanc den Polizeidienern entgegensetzte, indem sie die Thüre ihres Zimmers lieber erbrechen ließ, als dass sie dieselbe öffnete; endlich die Angabe, zu der sich die wirkliche Fanchette genöthigt sah. Das Zusammentreffen so vieler außerordentlicher Umstände hat Sie verrathen, die merkwürdigsten Abenteuer sind auf Kosten des interessantesten jungen Mannes in Umlauf gesetzt worden. In zwei Stunden wird man Sie vielleicht in Saint-Martin aufsuchen, um Sie nach der Bastille zu bringen. »Madame wird ohne Zweifel beunruhigt werden, allein sie steht gut mit dem Minister. Wenn man Sie nur nicht findet, so bin ich außer Sorgen. »Die Freunde des Grafen G..., den einer Ihrer Sekundanten getödtet hat, dringen lebhaft auf seine Rache; aber ich habe ebenfalls Freunde, ich genieße einigen Kredit, wir werden die Sache beilegen können.« »Indes will ich meine Sophie sehen, und sollte ich zu Grunde gehen!« »Sie werden zu Grunde gehen, ohne sie zu sehen!« »Ohne sie zu sehen!« »Wenn Sie einen Schritt aus dem Hause wagen, so werden Sie verhaftet. Es ist kein Zweifel, dass die wachsamsten Diener der Polizei heute auf den Beinen sind. Warten Sie doch einige Tage!« »Die Tage sind mir Jahrhunderte!« »Würden Sie sie weniger lang finden in einem Staatsgefängnis, wo Ihnen sogar die Hoffnung entrissen wäre, Ihre Sophie wiederzusehen?« »Sie ist meine Frau, Herr Vicomte.« Die Baronin unterbrach uns: »Chevalier, wenn Alles wahr ist, was man von ihr sagt, so wünsche ich Ihnen Glück.« »Ganz wahr, Madame! man müsste lange suchen, bis man eine fände, die angebetet zu werden verdiente, wie sie.« »Ich glaube Ihnen.« »Eine, die der Zärtlichkeit und Ehrfurcht ihres glücklichen Gemahls würdiger wäre!« »Chevalier,« versetzte der Vicomte, »erlauben Sie.« »Eine, sage ich, die tugendhafter als meine Sophie ist.« »Um Gotteswillen! die Zeit ist kostbar, fassen wir einen Beschluss. Versprechen Sie mir, sich nicht auszusetzen.« »Ach! werde ich sie denn heute nicht sehen?« »Bedenken Sie, dass Ihre Angelegenheiten jetzt gut gehen können, dass ich aber, wenn Sie einmal Gefangener wären, für nichts mehr zu stehen vermöchte. Chevalier, ich sehe, Sie denken nach, wie nun?« »Vicomte, Sie sehen mich von Dank durchdrungen. In einer glücklichern Zeit wird mein Dank nicht minder lebhaft sein, und ich werde ihn besser ausdrücken können; heute will ich Ihnen dadurch einen Beweis davon geben, dass ich mich Ihrem Rathe füge. Herr von Valbrun, bestimmen Sie, was ich thun soll? ich werde gehorchen.« »Chevalier, ich kann Ihnen in diesem Augenblick in meinem Hause kein Asyl bieten, weil man Sie sicherlich hier aufsuchen wird.« »Warum soll der Herr nicht hier bleiben?« sagte die Baronin schnell. »Weil er hier nicht mehr in Sicherheit wäre, Madame.« »Glauben Sie, Vicomte?« »Aber ich frage Sie selbst, was halten Sie davon?« »Ich sehe nicht recht ein ...« »Wie, Madame, nach dem Schritt, den Sie so eben gethan haben?« »Oh, aber Vicomte! ...« »Sie setzen mich in Erstaunen, Madame,« versetzte dieser etwas launisch. »Wenn Sie übrigens den Chevalier durchaus behalten wollen, so werde ich mich in diesem Augenblick bloß in seinem Interesse widersetzen. Sie wissen, dass ich nicht eifersüchtig bin.« »Und doch,« antwortete sie, »liebe ich den spitzigen Ton, in dem Sie es sagen; er beweist, dass Sie mehr Anhänglichkeit an mich haben, als Sie gerne durchblicken ließen. Meine Herren,« fügte sie hinzu, »es ist spät; kleiden und frisieren wir vor Allem diese arme Fanchette, deren Putz in großer Unordnung ist. »Sodann wollen wir in den Speisesaal gehen, wo wir nicht lange verweilen werden, und während des Essens kann jeder von uns drei über die Mittel nachdenken, diesen liebenswürdigen Chevalier zu retten, den Freund aller Frauen und Liebhaber der seinigen.« Auf das erste Klingeln erschien eine Kammerjungfer, die entlassen wurde, sobald ich frisiert war. Jetzt hatte die Baronin die Gewogenheit, mir mit Hilfe des Vicomte von Valbrun, der uns nicht verließ, selbst eines ihrer hübschen Kleider anzuziehen, dem ich das auf immer beschimpfte Ballkleid aufopfern musste. Als meine Toilette fertig war, reichte mir Frau von Fonrose ihre Hand, deren sich der Vicomte schneller als ich bemächtigte, und wir setzten uns zu Tische. Die Baronin, die aus ihrem tiefen Nachdenken nur hie und da aufgewacht war, um mich von Zeit zu Zeit ins Auge zu fassen, die Baronin brach das Stillschweigen durch ein schallendes Gelächter. Der Vicomte fragte sie um die Ursache dieser plötzlichen Heiterkeit. »Ich will sie Ihnen im Salon erklären,« antwortete sie sich erhebend. Ich ärgerte mich beinahe über diesen raschen Aufbruch, denn ich hätte mir noch gern einige Gänge gefallen lassen. »Ich hatte soeben,« sägte sie zu uns, »für dieses junge Mädchen einen Platz gefunden, für den sie in jeder Beziehung vortrefflich passt.« »Einen Platz!« rief der Vicomte. »Ja, das weibliche Factotum soll Gesellschaftsdame, Sekretär und Leserin bei Frau von Lignolle werden.« »Bei der kleinen Gräfin?« »Ja, wie ich sage.« »Gesellschaftsdame bei der kleinen Gräfin! dies wäre zum Lachen.« »Gleichviel! sie will eine, und diejenige, die ich ihr geben will, gibt, denke ich, keiner andern etwas nach.« »Aber wegen Herrn von Lignolle!« »Herr von Lignolle ist ein garstiger Mensch, dem ich schon lange nicht geneigt bin. Eine meiner vertrautesten Freundinnen wirft ihm eine Beleidigung vor, und zwar eine derartige, dass sie eine Frau nie verzeihen kann.« »Fräulein Duportail,« fügte die Baronin hinzu, indem sie sich gegen mich wendete, »ich empfehle Ihnen die kleine Gräfin, sie ist jung und hübsch; etwas zu lebhaft, äußerst gebieterisch und launisch; hie und da kommt ihr die Grille in den Kopf, eine Viertelstunde lang die Spröde zu spielen. Sie will sich die gewöhnlichsten Witze nicht gefallen lassen, während sie einen Augenblick darauf mit der gleichgiltigsten Miene eine sehr leichtfertige Äußerung thun kann. Im übrigen macht sie Fehler, die sie zu Grunde richten werden, wenn sie nicht auf ihrer Hut ist. »In ihrem Alter flieht sie die Welt; sie lässt sich nirgends sehen, und nur wenige haben das Glück sie zu Hause zu treffen. Ich glaube gern, dass diese haushälterische Zurückgezogenheit ihrem Gemahl nicht unangenehm ist; aber er verlangt sie nicht, denn sie gebietet im Hause. Ich will Ihnen nur zwei Worte über ihren dummen Ehegemahl sagen. Er ist ein dicker Mann, groß, aber schlecht gewachsen, er hat ein plumpes Gesicht, das vielleicht einmal hübsch war, aber nie Ausdruck hatte. Man versichert, mehrere Frauen haben sich Mühe gegeben, ihm zu gefallen; aber man weiß keine zu nennen, die er geliebt hätte. Dieser Herr hat sein Leben den Musen geweiht; er gehört zu den geringen Schöngeistern von Stande, von denen Paris wimmelt, zu den vornehmen Literaten, die durch vierzeilige, periodisch in den öffentlichen Blättern abgedruckten Gedichten in den Tempel der Unsterblichkeit zu gelangen glauben. Er wird sich in Sie vernarren, wenn Sie sich die Mühe nehmen, gegen die neue Philosophie zu deklamieren und Räthsel aufzulösen.« »Wahrhaftig, Madame,« sagte Herr von Valbrun, »ein sehr meisterhaftes Porträt! ich erkenne darin den Pinsel einer beleidigten Frau.« »Vicomte,« antwortete sie, »ich habe Ihnen nicht gesagt, dass ich es sei, die sich über ihn zu beklagen habe.« »Jetzt sollte ich es fast glauben,« versetzte er, »aber was fiel Ihnen auch ein?« Ich unterbrach sie beide, um ihnen die Einwendung zu machen: »Statt Kammerfrau der Gräfin zu werden, könnte ich vielleicht anderswo unterkommen? wäre es nicht möglich, dass ich mit diesen Kleidern in das Kloster meiner Sophie dränge?« »Für heute,« antwortete der Vicomte, »wäre die Gefahr schrecklich! und welche Möglichkeit, zu bleiben?« Die Baronin unterbrach ihn: »Warten Sie, denn ich interessiere mich für seine junge Frau. Chevalier, Sie führen mich auf einen Plan, dessen Erfolg unfehlbar ist. Morgen, ja, morgen verspreche ich Ihnen, selbst in Sophien's Kloster zu gehen und zu fragen, ob es nicht ein Zimmer gebe.« »Für eine junge Witwe aus Ihrer Bekanntschaft, die Sie übermorgen selbst dahin begleiten würden, Frau Baronin?« »Übermorgen, nein! aber am Ende der Woche.« »Madame,« sagte der Vicomte, »wir können gehen, es wird Nacht; aber glauben Sie, Frau von Lignolle werde ihre Gesellschaftsdame noch so spät abends annehmen?« »Ja, mein Herr, dafür lassen Sie mich sorgen.« »Und wird sich Herr von Lignolle dieser Grille seiner Frau nicht widersetzen?« »Sie wissen ja, dass der Herr keinen Willen hat, wenn die Frau spricht; Sie wissen, dass wenn die Gräfin ihr entscheidendes – Ich will – ausgesprochen hat, der Graf wollen muss. Gehen wir, Chevalier!« fügte sie hinzu; »Sie werden sich Fräulein von Brumont nennen.« Wir giengen die Treppe hinab; als ich in den Wagen stieg, bemerkte ich, dass man einen Koffer hinaufpackte. »Er enthält Ihre Kleider und Wäsche,« sagte die Baronin zu mir. Ich bat den Vicomte mich morgen bei Frau von Lignolle zu besuchen; er versprach mir, mit Anbruch der Nacht sich daselbst einzustellen, um mich von den Schritten der Frau von Fonrose zu unterrichten. Jetzt neigte ich mich gegen sein Ohr und sagte ihm in Vertrauen: »Ich glaube Frau von B... ist wieder zu Hause. Könnte nicht Justine ihr Nachrichten von mir zukommen lassen und mir von ihr etwas näheres erfahren lassen?« »Wohl ich werde es ihr auftragen; demnach interessiert Sie Frau von B... noch immer?« »Nicht in der Art, wie Sie meinen; auf Ehre nicht! aber ich bin sehr neugierig zu erfahren, wie der Marquis sie empfangen hat.« »Ich werde es so einzurichten trachten, dass ich es Ihnen morgen sagen kann.« Obschon Herr von Valbrun nicht eifersüchtig zu sein behauptete, verließ er uns erst vor dem Hotel des Grafen. Fünftes Buch. Sechs Wochen aus dem Leben des Chevalier Faublas als Anhang zum ersten Jahre aus demselben. I. Kapitel. Herr von Lignoll war bei seiner Gemahlin, als man uns meldete. Die Baronin stellte mich der Gräfin vor mit den Worten: »Ich bringe Ihnen diese junge Dame, in der Sie alle Eigenschaften finden werden, die zu dem dreifachen Amte, womit Sie sie beehren wollen, erforderlich sind. Sie liest, schreibt und plaudert gut. Sie soll vortreffliche Studien gemacht haben, doch dies ist ihr geringstes Verdienst. Ich kenne an ihr durchaus anständige Sitten, einen sehr guten Geschmack und besonders solide Talente, die man bei einem so zarten Alter und einem so hübschen Gesicht selten findet. Glauben Sie ja nicht, dass ich übertreibe, Gräfin; bald werden Sie die vertrauteste Freundin Ihrer liebenswürdigen Vorleserin werden und einen wahren Schatz an ihr entdecken, für den Sie mir ohne Zweifel Dank wissen werden.« »Ich danke Ihnen zum voraus,« antwortete die Gräfin; »auf Ihre Empfehlung kann ich mich verlassen und ich nehme nicht den geringsten Anstand, das Fräulein in meinem Hause willkommen zu heißen.« »Mehrere meiner Freundinnen würden sich Gesellschaftsdamen wie diese wünschen,« sagte die Baronin; »allein ich habe eingesehen, dass Ihnen der Vorzug gebührt, und um Alles zu sagen: ich habe Herrn von Lignoll ein Geschenk machen wollen.« Die Gräfin erneuerte ihre Danksagungen gegen die Baronin und sagte ihr: »Noch diesen Abend soll das Fräulein bei mir eintreten.« »Noch diesen Abend?« fällt der Graf ein, »warten Sie doch bis morgen.« »Mein Herr, ich warte nicht!« »Aber –« »Kein aber, mein Herr! ich wünsche mir schon seit drei Tagen eine Gesellschaftsdame, und wenn ich noch länger warten müsste, so würde ich krank.« »Wenn man in der Welt lächerlich findet ...« »Was liegt mir daran, mein Herr?« »Man wird Sie tadeln, Madame, denn –« »Dacht' ich's doch, es würde noch eines dieser denn kommen, womit Sie mich unaufhörlich langweilen und die mir unerträglich sind, namentlich wenn Sie mir widersprechen. Mein Herr, noch diesen Abend wird das Fräulein hier eintreten.« »Aber, Madame, ich bemerke Ihnen –« »Oh, wie unglücklich ich bin!« »Aber, Madame, ich bemerke Ihnen, dass, wenn ...« Die Gräfin nahm eine stolze Stellung, sah Herrn von Lignoll majestätisch an und sagte in dem herrischesten Tone zu ihm: »Ich will es.« »Wenn Sie es so nehmen, Madame,« antwortete der Graf, »so muss es ja wohl sein; warum erklären Sie sich nicht gleich? Die Frau Baronin wird nur erlauben, dass ich ihren Schützling ein wenig examiniere, denn man spricht oft von guten Studien, und Gott weiß, was man darunter versteht! Ich habe alle Preise auf der Universität erhalten, so hört man Herrchen sagen und dabei konnten sie nicht einmal ein Räthsel auflösen. Mein Fräulein, ich zweifle nicht, dass Sie besser unterrichtet sind, denn Ihr Gesicht, Ihre Manieren – Wie heißen Sie, mein Fräulein?« »Von Brumont, mein Herr.« »Sie sind keine Philosophin, hoffe ich?« »Nein, mein Herr, ich bin ein anständiges Mädchen.« »Schöne Antwort, mein Fräulein; prächtig, prächtig! Sie sind aus guter Familie offenbar?« »Mein Herr, ich bin von Adel.« »Hm! auch dies! gut! ich sehe, dass wir uns trefflich mit einander vertragen werden. Ich will Ihnen nur gestehen, dass Sie in einem köstlichen Augenblick angekommen sind; als man Sie meldete, feilte ich eben am letzten Vers meiner Charade. – Es ist eine vollkommene Charade, dies! ... Hören Sie doch einmal meine Charade und rathen Sie.« Es ist wahr, dass es keines gewöhnlichen Scharfsinnes bedurfte, sie zu errathen. Der Herr Graf war nicht glücklich in der Kunst der Definition, dagegen stellte er seine Worte so geschickt, dass jedes ein Räthsel wurde. »Meiner Treu, sie hat's errathen!« rief er. »Ein Beweis, dass sie gut ist die Charade! Baronin, Sie haben Recht, es ist wirklich ein bewunderungwürdiges Mädchen!« »Mein Herr,« versetzte Frau von Fonrose, »ich bin sehr erfreut, dass Sie der Gräfin und zugleich Ihnen gefiel, denn es wäre mir wirklich unangenehm, wenn Sie nicht beide mit meiner Wahl einverstanden wären, und ich muss gestehen, dass ich in einiger Verlegenheit wäre, da ich Fräulein von Brumont eines gewissen Erfolges versicherte.« »Auf Ehre,« wiederholte er, »wir sind Ihnen sehr dankbar, Frau Baronin, sie ist ein bewunderungswürdiges Mädchen! sie hat soeben meine schönste Charade errathen! eine Charade, von der mich der Plan allein fünf Tage Nachdenken gekostet hat! ... eine Charade, an deren Styl ich neun und einen halben Tag gearbeitet habe! Endlich habe ich den ersten Vers achtzehn Male verändert, ja, achtzehn Male verändert! ich habe im Schlaf Varianten gemacht.« »Wie Voltaire, Herr Graf.« »Ach! Fräulein! Voltaire hat nie Charaden gemacht, und dann war er Philosoph. Kommen wir auf mein Werk zurück, wie finden Sie es?« »Sehr treffend, mein Herr, und voll herrlicher Antithesen.« »Herrlicher Antithesen? ich wusste es wohl, dass ich Antithesen machte! dennoch habe ich meinen rhetorischen Cursus nicht ganz durchgemacht; aber es gibt Sachen, die gewisse Leute nicht zu lernen brauchen. Die Natur gibt Antithesen. Meine Damen, dies nennt man Antithesen.« »Ganz und gar nicht, mein Herr!« antwortete die Gräfin, die in ihr Gespräch mit der Baronin vertieft war, »das sind Narrheiten.« »Ach! Madame,« rief er, »welche Antwort!« Er kam zu mir zurück. »Sehen Sie, Fräulein von Brumont; ich sage dies nicht um Ihretwillen, denn auf Ehre! Sie setzen mich in Erstaunen; aber die Frauen sind kleinlich! wenn Sie einmal das Vertrauen der Gräfin gewonnen haben,« fügte er ganz leise hinzu, »so suchen Sie ihr Geschmack an etwas Solidem beizubringen, übernehmen Sie ihren Unterricht, bringen Sie ihr die große Kunst der Charaden und Antithesen bei.« »Lassen Sie mich machen, Herr Graf! wenn ich nur einmal das Glück habe ihr zu gefallen.« »Sie werden ihr gefallen.« »Glauben Sie?« »Ich bin fest überzeugt, dass Sie ihr gefallen werden.« »Nun gut, so will ich sie viele Sachen lehren.« »An die sie nicht denkt, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, und Sie werden mir einen wirklichen Dienst erweisen, mein Kind, für den ich sehr erkenntlich sein werde.« »Sie sind allzu gütig, mein Herr; eine andere würde Ihnen danken, aber ich fühle mich versucht, Ihnen zu grollen. Überdies habe ich schon mehrere Male die Stelle eingenommen, die Sie mir in Ihrem Hause anbieten, und nie brauchte ein Gemahl mich aufzufordern, bei seiner Frau Pflichten zu erfüllen, die ich mir nicht auferlegen würde, wenn ihre Ausübung mir unangenehm schiene. Meine Bemühungen um die Frau Gräfin werden in Beziehung auf Sie, Herr Graf, immer uneigennützig sein, darauf schwöre ich Ihnen.« »Kommen wir auf mein Werk zurück! Sie finden es –?« »Überraschend! welche Einfachheit! wie erhaben! aber mein Herr, wie machen Sie es, dass ...?« Er unterbrach mich sagend: »Meine längsten Verse kosten mich keine vierzehn Tage Arbeit. Das Sylbenmaß zähle ich an den Fingern ab, den Reim nehme ich aus Richelet's Lexicon, und den Sinn, da warte ich oft drei Wochen lang, wenn's nöthig ist; auch sind meine Verse sehr leicht.« »Und Ihre Charaden haben das Verdienst, dass sie mit Reim-Enden gemacht sind.« »Ganz richtig! jeder Dichter hat seine Art, und dies ist die meinige.« »Würden Sie mir es nicht sagen?« »Ei, dies ist mein Geheimnis!« »Es ist schlecht bewahrt, Herr Graf, fast alle Schöngeister des Tages besitzen es. Lesen Sie die Menge ihrer Werkchen, die man jede Woche entstehen und vergehen sieht, unter dem stolzbescheidenen Titel: »Meine Phantasien«, »meine Erinnerungen«, »meine Versuche«, »meine Erholungen«, »meine Mußestunden« u. s. w., lesen Sie die kleinen Gesellschaftsgedichte, womit sie ihre Freunde an ihren Namenstagen bewirten und die sie dann der Nachwelt übermachen in jenen angeblichen poetischen Almanachen, die man am Neujahrstage kauft, um sie vor Mitte Januar zu vergessen. »Lesen Sie, Herr Graf, Sie werden sehen, dass dies Alles so ziemlich in Ihrer Manier ist, und dass die moderne Poesie vor der andern den Vortheil voraus hat, ganz in Reim-Enden zu sein.« Ich sah, dass er eine ernste Miene annahm, und gab ihm seine frohe Laune zurück, indem ich ihn mit Lobsprüchen überhäufte. »Also,« fieng er bald wieder an, »ernstlich meine Charade hat Sie verführt? und Sie glauben, dass man, ohne sich zu kompromittieren, seinen Namen darunter setzen kann?« »Ganz gewiss, mein Herr! und rechnen Sie auf den Dank des Publikums.« Er ergriff eine Feder und unterzeichnete: von Johann Baptist Immanuel Friedrich Louis Chrysostomus Josef, Grafen von Lignoll, Herrn der ... und von ... Oberstlieutenant des Regiments ..., in Garnison zu ... Ritter des königlichen und militärischen Ordens des heiligen Ludwig, Paris, Straße ..., Hotel... »Wie! mein Herr, Ihre Namen, Ihr Titel und Ihre Wohnung!« »Dies ist der Brauch, mein Fräulein! Sie werden dies in der nächsten Woche im Mercur lesen.« Durch meinen Beifall berauscht, sagte der Graf zur Baronin, sie würde mit nächstem in den öffentlichen Blättern etwas von ihm zu sehen bekommen; sodann wandte er sich zu der Gräfin: »Madame, Sie können Fräulein Brumont nehmen; ich versichere Sie, dass Sie mit ihr sehr zufrieden sein werden; ich gebe sie Ihnen als ein seltenes Mädchen, deren ganzes Verdienst man noch nicht kennt. Sie können sie nehmen.« »Mein Herr,« antwortete die Gräfin, »ich bin sehr erfreut, dass Sie meiner Ansicht sind; übrigens war es ja bereits eine abgemachte Sache.« Herr von Lignoll kam zu mir zurück, nahm mich ein wenig bei Seite und sagte ganz leise zu mir: »Fräulein von Brumont, ich habe eine Bitte an Sie zu richten.« »Sprechen Sie, mein Herr!« »Ich kann nicht zweifeln, dass Sie gute Sitten haben, da Sie von Adel und eine Feindin der Philosophen sind; aber ein junges Mädchen, so sittsam sie auch sein mag, hört täglich von galanten Abenteuern und erzählt sie wieder.« »Pfui doch, mein Herr!« »Gut! Sie verstehen mich; ich wünsche, dass Sie mit der Gräfin nie Unterhaltungen der Art haben.« »Dies ist nicht leicht, mein Herr, denn die jungen Frauen ...« »Ja! schwatzen im allgemeinen gern von tausend Albernheiten, die ihren Geist verderben, die ihnen eine falsche Weltansicht geben, und ich ersuche Sie, dies so viel als möglich zu vermeiden.« »Mein Herr, ich bin aufrichtig, ich kann Ihnen nicht dafür stehen, dass wir uns nicht in ein solches Gespräch einlassen.« »Versuchen Sie es, ich habe gute Gründe Sie darum zu bitten.« »Ich glaube es, mein Herr.« »Überdies dürfte es Ihnen nicht sehr schwer werden, die Gräfin ist in dieser Beziehung äußerst zurückhaltend.« »Das ist mir lieb.« »Und dann sind ihre Lektüren ausgewählt; sie hat gute, ganz moralische Bücher, die nicht sehr ergötzend aber belehrend sind. Keine Romane, zum Beispiel! denn in allen diesen verruchten Werken ist von Liebe die Rede.« »Ja, diese Herren tödten uns! es ist äußerst widerwärtig!« »Mein Fräulein, ich will eben so wenig von Liebe als von Philosophie, denn sehen Sie, die Philosophie und die Liebe ...« Die Baronin, die aufstand, um sich zu entfernen, unterbrach den Grafen und brachte mich so um die schöne Parallele, die mir zugedacht war. »Mein Fräulein,« sagte Frau von Fonrose mit einer Protektorsmiene zu mir, »ich lasse Sie in einem sehr angenehmen Hause, wo alle Vergnügungen auf Sie warten. Bedenken Sie, dass Sie von diesem Augenblicke an der Frau Gräfin angehören, dass es sich nicht blos davon handelt, ihren Willen zu erfüllen, sondern auch ihren Wünschen zuvorzukommen; und dass endlich, und sollten Sie sogar in gewissen Punkten dem Herrn Grafen zuwider sein, Ihre erste Pflicht ist, Madame zu gefallen. »Ich glaube, dies wird für Sie weder unangenehm noch schwierig sein; Ihre Ehre steht dabei auf dem Spiel, dass Sie die sehr vortheilhafte Meinung rechtfertigen, die ich von Ihnen gefasst habe; bemühen Sie sich daher, so schnell als möglich die Güte einer so bezaubernden Gebieterin zu verdienen, und erinnern Sie sich wohl, dass ich ihr alle meine Rechte abtrete.« Nach dieser Predigt gab mir meine hohe Gönnerin einen Kuss auf die Stirne und verabschiedete sich. Sobald sie weg war, bat ich die Gräfin um die Erlaubnis, ins Bett zu gehen. Herr von Lignoll bestand darauf, ich sollte bleiben, aber ein – ich will es – seiner Ehehälfte verschloss ihm den Mund. Die Gräfin führte mich selbst in das kleine Gemach, welches sie mir bestimmt hatte. Es war eine Art kleiner Alkoven hinten in ihrem Schlafzimmer. Der Graf wünschte mir mehrere Male mit sehr wohlwollendem Tone eine gute Nacht, und nachdem mich Frau von Lignoll auf die Stirne geküsst hatte, sagte sie mit vieler Lebhaftigkeit: »Gute Nacht, Fräulein Brumont, schlafen Sie gut, ich will es, hören Sie!« Nun bin ich allein, und ich hoffe, dass meine Feinde nicht bis hierher dringen werden, um mich zu suchen. Ich athme endlich auf. Wie viele Gefahren haben mich seit vier Tagen umgeben! Wie viele Abenteuer und Vergnügungen seit mehr als achtundvierzig Stunden! Vergnügungen? fern von meiner Sophie? Fern von ihr? Glücklicherweise findet sich der Raum, der uns trennte, bereits sehr vermindert. Mehr als sechzig Meilen lagen zwischen uns; jetzt ist sie höchstens fünf hundert Schritte von mir entfernt. Dasselbe Stadtviertel schließt uns ein, wir athmen so zu sagen dieselbe Luft. Ach! und ich kann nicht sogleich zu ihr gehen! und noch heute Nacht werde ich in einem trügerischen Traume nur ihr Bild umarmen! und noch heute Nacht wird sie mit ihren Thränen ihr einsames Lager benetzen. Herr von Valbrun, kommen Sie morgen, wie Sie mir versprochen haben; kommen Sie, denn wenn Sie nicht Wort halten, dann gehe ich, sobald es Abend wird, allein. Ich gehe auf gut Glück in das Kloster, ich frage dort nach meiner Frau, ich berausche mich in dem Vergnügen sie zu sehen, ihre zarte Sorgfalt zu belohnen und ihren Schmerz zu trösten! Ja, ich werde gehen, ich werde die Gefahr aufsuchen. Ich will allen Feinden Trotz bieten. Ja, zu glücklich einige Augenblicke überschwenglicher Wonne tausendmal mit dem Leben zu bezahlen, werde ich mich nicht über mein Schicksal beklagen, wenn man mich nur erst auf dem Rückweg verhaften wird. Ich werde gehen! die Gräfin wird mich nicht zurückhalten. Sie ist hübsch, die Gräfin! eine kleine Brünette von sehr feiner und sehr weißer Haut, sehr lebhaft; aber von sehr herrschsüchtigem Charakter, oh, der kleine Drache! hat sie Geist? liebt sie ihren Gemahl? aber auf welche Gedanken führt mich meine rasche Einbildungskraft. Habe ich dieser Kleinlichkeiten wegen die Gräfin um die Erlaubnis gebeten, mich zurückziehen zu dürfen? O, mein Vater, wünschen Sie sich Glück zu einem Sohne, der Sie so zärtlich liebt; um mich mit Ihnen zu unterhalten, hat Faublas eine hübsche Frau verlassen, und Faublas fühlt nur das Vergnügen, Ihnen endlich Nachrichten von sich zukommen zu lassen. Ich kann nicht umhin, hier den zärtlichen und ehrerbietigen Brief wiederzugeben. »Mein theuerer Vater! Vielleicht klagen Sie mich in diesem Augenblicke grausamer Undankbarkeit an. Ich habe Sie in diesem Asyl, das Sie für mich verschönten, verlassen; aber Sie wissen ja, welche Leidenschaft mein Herz verzehrt, das Sie allzugefühlvoll gemacht haben. Sie wissen, welchen Schlag ihm das unbegreifliche Beginnen eines Mannes versetzt hat, der sich unser Freund nannte. Mein Vater, als ich Sie verließ, nahm ich mir eine baldige Rückkehr vor, der Kummer, den Ihnen meine Abwesenheit verursacht, sollte schnell wieder verwischt worden sein; aber meine Frau seufzte wie ich in den Qualen einer Trennung, welche die beiden Liebenden ewig verzweifeln machen konnte. Mein Vater, es ist wahr, dass ich fern von Ihnen nur halb lebe; aber fern von meiner Sophie hätte ich nicht leben können. Ich habe erfahren, dass sie in Paris ist, ich bin dahin geflogen. Mein Vater hat kein Lebewohl von mir gehört, weil er mir nicht erlaubt hätte, den Gefahren zu trotzen, die mich unterwegs erwarten. Keiner der Unglücksfälle, die ich fürchtete, ist mir zugestoßen; aber ich habe mehr als eine Gefahr bestanden, die ich nicht vorhergesehen hatte. Seit den drei Tagen, die ich in der Hauptstadt bin, ist dies der erste Augenblick meiner Freiheit; ich weihe ihn demjenigen, der mir das liebste auf der Welt wäre, wenn meine theuere Sophie nicht lebte! Ich dachte zu Ihnen zurückzukehren, mein Vater, und jetzt bitte ich Sie hierher zurückzukommen. Sie können in Paris nur die Gefahren fürchten, die mich bedrohen, und bald wird es keine mehr für mich geben! Ich habe mir bereits mächtige Freunde erworben, die in Verbindung mit den Ihrigen meinen unglücklichen Handel beilegen werden. Übrigens hoffe ich, mich spätestens in drei Tagen an einen sicheren Ort zu flüchten. Haben Sie doch die Güte und kommen Sie zurück; kommen Sie zurück, ich beschwöre Sie. Wie schön wird der Tag sein, wo der Chevalier Faublas und seine Frau ihren geliebten Vater umarmen werden. Indes, bis ich dieses Glück haben werde, wollen Sie mir gütigst ein Wort zu meiner Beruhigung schreiben. Meine Adresse lautet: Witwe Grandval, im Kloster ... Straße ..., Vorstadt Saint-Germain. – Mein Vater, denken Sie sich meine Freude, Ihre Antwort wird mich bei Sophie treffen. Ich bitte, schreiben Sie bald, schreiben Sie, mein Vater! Ich bin in tiefer Ehrfurcht, u. s. w. P. S. Es ist mir bis jetzt unmöglich gewesen, meine liebe Adelheid zu sehen; ich werde, sobald ich kann, in ihr Kloster schicken.« Jetzt, da ich diesen Brief versiegelt und die Adresse des Herrn von Belcourt darauf geschrieben habe, möge mir vergönnt sein, mein kleines Zimmer ein wenig zu untersuchen. Diese Thüre führt in das Schlafzimmer der Gräfin, diese andere auf eine geheime Treppe in den Hof hinab. Es ist bequem, mein kleines Zimmer, wenn mir bei Nacht die Laune käme, die Frau Gräfin zu besuchen. O, ich werde nichts Ähnliches thun. Sei ruhig, meine Sophie. Schläft Herr von Lignoll wohl bei ihr? Was liegt mir daran? Was kommt mir da für ein Gedanke? Das wäre auch kein großes Unglück, übrigens: Es interessiert mich nicht sehr, es ist einfach nur die Neugierde. Ja, und dennoch quält es mich; ich möchte wissen, ob die Eheleute getrennt schlafen. Ich sehe nur ein Bett im Schlafzimmer der Frau; aber es ist groß, es konnte wohl sein, dass der Graf kein abgesondertes Zimmer hat. Wie soll ich es anstellen, um mich davon zu überzeugen? Bei Gott! den Augenblick abpassen und durch das Schlüsselloch zu sehen. Gut, es ist erst sieben Uhr; und sie werden vor zehn Uhr nicht nachtmahlen, vor Mitternacht werden sie sich wohl nicht zurückziehen; so würde ich also fünf geschlagene Stunden hier warten. Ich sterbe vor Müdigkeit. Wahrlich, nein, ich will mich nur mit Dir im Geiste beschäftigen, meine reizende Gemahlin; ein Beweis davon ist, dass ich mich niederlegen werde, um zu ruhen. Ich that es sogleich und schlief so fest ein, das Madame von Lignoll genöthigt war, mich rufen zu lassen, damit ich ihrem Lever beiwohne. »Wie haben Sie die Nacht verbracht, Fräulein von Brumont?« fragte sie mich lebhaft. »Vollkommen gut, Madame; und Sie selbst?« »Ich habe schlecht geschlafen.« »Und doch haben Sie eine blühende Farbe und glänzende Augen.« »Ich versichere Ihnen, dass ich schlecht geschlafen habe,« antwortete sie lächelnd. »Vielleicht ist es der Fehler des Herrn Grafen.« »Wie so?« »Madame hat wohl ...« »Erklären Sie sich, ich will wissen ...« »Ich bitte die gnädige Frau, meine Entschuldigungen entgegen zu nehmen, wenn ich Ihnen durch diesen unschuldigen Scherz missfallen.« »Durchaus nicht, aber ich verstehe denselben nicht, erklären Sie ihn mir und beeilen Sie sich, denn ich warte nicht gern.« »Madame ich wollte ...« »Mein Fräulein, Sie machen mich ungeduldig. Reden Sie, ich will es!« »Madame, ich gehorche Ihnen. »Es ist wahr, dass der Herr Graf bald fünfzig Jahre sein wird; aber ich glaube, dass die Frau Gräfin noch ganz jung ist.« »Ich zähle sechzehn Jahre.« »Es ist wahr, dass der Herr Graf von schwächlicher Gesundheit zu sein scheint, aber die Frau Gräfin ist sehr hübsch.« »Ohne Complimente, finden Sie es?« »Ich thue sicherlich nichts, als zu wiederholen, was Frau Gräfin gewohnt sind zu hören.« »Sie sind zu galant, Fräulein von Brumont, aber kommen wir auf das zurück, was Sie vorhin sagten.« »Recht gern. Es ist wahr, dass der Herr Graf der Gemahl seiner Frau ist, aber es ist wohl noch nicht lange her, dass die Frau Gräfin seine Frau ist; ich denke so.« »Es sind zwei Monate seither.« »Ich habe aus Allem diesen geschlossen, dass Herr von Lignoll noch sehr verliebt in seine reizende Gemahlin ist und es hätte sein können –« »Nun, doch, sagen Sie, was hätte sein können?« »Dass er heute Nachts zu Madame komme.« »Der Graf kommt nachts nie zu mir.« »Oder vielleicht gestern Abends, länger als gewöhnlich mit Frau Gräfin zusammen sein und dieselbe quälen.« »Mich quälen, weshalb?« »Wenn ich sage, sie quälen, so verstehe ich darunter, ihr seine Zärtlichkeiten und Liebkosungen zu erweisen, welche bei Eheleuten wohl erlaubt sind.« »Was, ist es also dies! wie, auch Sie konnten glauben, dass ich deshalb nicht schlief, weil mein Gemahl mich gestern Abend einigemale umarmt? Ich weiß nicht, warum alle Welt sich darin gefällt, mir diese sonderbare Zumuthung zu stellen.« Nach diesen Worten gieng die Gräfin mit ihrer Kammerfrau in ihr Toilettzimmer, und sagte mir, sie werde bald zurückkommen. Als ich allein war, fieng ich an über das Gespräch, welches wir eben zusammen führten, nachzudenken. Diese Frau setzte mich in Staunen; hätte ich die Verlegenheit schlecht gespielt? unterhielt sie sich auf meine Kosten? Nein, sie sprach sehr ernsthaft, sie sah so unschuldig aus, es war der Ton der Aufrichtigkeit. Wie doch, eine junge Frau will nach zweimonatlicher Ehe nicht besser unterrichtet sein in gewisser Beziehung, als sie es vor zwei Monaten war? Diese Phrase ist so klar. Vielleicht ist der Herr Graf Schuld daran. Warum sie beharrlich nicht verstehen? Glaubte sie vielleicht eine höfliche Art zu gebrauchen, um einen Scherz, der ihr missfiel, zurückzuweisen? Ich zweifle sehr daran. Herrisch und lebhaft, wie sie es ist, hätte sie einfach gesagt: Ich will dergleichen nicht hören, es missfällt mir. Und ganz im Gegentheil, sie ist es selbst, welche eine Erklärung fordert, die ich ihr zögernd gebe, deren wahren Sinn sie nicht zu fassen scheint, und nach der sie mir im naivesten Tone die zweideutigste Antwort gibt: »Sie glauben, ich würde bei Nacht nicht schlafen, weil mein Gemahl mich abends umarmt hat?« Wahrlich, Frau Gräfin, wie meinen Sie dies? Ich gestehe, dass ich meinerseits nicht ins Klare komme; ich gestehe, dass ich ihren Stand als junge Frau, ihre jungfräuliche Miene und ihre entweder zu unschuldige oder zu freie Reden nicht miteinander vereinigen kann. Frau Lignoll hielt Wort, sie kam bald in einem sehr einfachen Morgenkleide zurück, gieng in ihr Zimmer, bat mich ihr zu folgen, und verlangte die Chocolade. Wir wollten eben frühstücken, als Herr von Lignoll mit dem Ruf hereinstürmte: »Nein, nein, ich werde keine Gnade üben, ich werde unerbittlich sein!« »Guter Gott!« sagte die Gräfin, »welcher Zorn! ich habe Sie nie in diesem Zustande gesehen. Was ist denn vorgefallen?« »Was geschehen ist, Madame, etwas schreckliches!« »Wie, Herr Graf, ich begreife nicht.« »Heute Nacht, Sie schliefen ruhig, war ein Verführer bei Ihnen.« »Sie träumen von nichts als von Verführern, mein Herr; aber sagen Sie mir doch einmal, was es gibt?« »Ohne mich, ohne den Zufall, der es mich entdecken ließ –« »Nun denn, was für ein Zufall?« »Wären Sie vielleicht verloren, Madame!« »Ich wäre verloren, mein Herr?« »Der Unglückliche raubte mir mein Gut!« »Ihr Gut?« »Der Unglückliche raubte Ihnen die Ehre!« »Meine Ehre?« »Diese Nacht, sage ich, waren Sie sehr nahe daran, bethört zu werden.« »Wie? Sie glauben, ich hätte es geduldet, oder sollte ich es nicht bemerkt haben?« »Trauen Sie fernerhin denen, die sich Ihre Freunde nennen, nicht.« »Aber, ich verstehe von Allem dem, was Sie sagen, nichts.« »Angebliche Freunde sind es, die es Ihnen gegeben haben.« »Wollen Sie sich endlich erklären.« »Für seine Ehrbarkeit –« »Oh! ich verliere die Geduld!« »Und wer...« Der Graf, dessen Bewegungen ich alle beobachtete, weit entfernt, irgend eine der beleidigenden Apostrophen, die ihm sein Zorn entriss, geradezu gegen mich zu richten, sah mich nicht einmal an und wusste nicht einmal, dass ich zugegen war. Indes schienen einige der groben Betrachtungen so anwendbar auf meine gegenwärtige Lage, dass mir durchaus nicht wohl zu Muthe war. Die junge Gräfin, kochend vor Ungeduld, war soeben rasch aufgestanden, hatte ihren ganz erstaunten Gemahl beim Kragen gefasst und sagte, ihn kräftig schüttelnd: »Sie haben mich aus der Fassung gebracht, mein Herr; es ist unbegreiflich, wie Sie sich seit einer Stunde einen Spass machen; erklären Sie sich, ich will es!« »Nun gut, Madame, hören Sie! Ich weiß nicht, durch welche geheime Eingebung ich vorhin in Ihr Vorzimmer trat; indem ich dasselbe durchschreite, bemerke ich auf einem Gueridon ein offenes Buch, ich nähere mich, ich lese eine jener schrecklichen Broschüren, eines der abscheulichsten, der gefährlichsten Bücher: ein philosophisches Werk.« »Ah! da haben wir's, also das ist es?« »Die Abhandlung über die Entstehung der Ungleichheit unter den Menschen.« Von nun an war ich wegen meiner selbst beruhigt, ich erlaubte mir daher, Herrn Lignoll zu unterbrechen und ihm mein Erstaunen zu bezeugen. »Wie, Herr Graf, Sie nennen diese Abhandlung ein abscheuliches Buch?« »Ja, mein Fräulein, und noch mehr, es ist schlecht gemacht.« »Schlecht sagen Sie? Eines der besten Werke, des größten unseren Schriftsteller!« »Des größten! mit nichten, mein Fräulein. Jean-Jacques ist weniger rein und weniger correct als Herr von Buffon.« »Mein Herr, da ich von Ehrerbietung und Bewunderung dieser zwei seltenen und großen Talente durchdrungen bin, so kann ich nur schweigen. Wenn ich jemals als ein kühner Schüler es wagen würde auszusprechen, welchen meiner beiden Lehrer man mehr bewundern soll, dann glaube ich, würde Jean-Jacques den Preis der Beredsamkeit davontragen.« »Mein Fräulein, der Naturforscher schreibt besser! fragen Sie seine anbetungswürdige und edle Tochter.« »Ich wende mich nur an Sie, mein Herr!« »Rousseau ahmt Diderot nach.« »Jean-Jacques sollte Diderot nachahmen! ach! mein Herr!« »Sie zweifeln daran, mein Fräulein, so fragen Sie doch diese Dame ...« »Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, dass ich mich lieber an Sie wende.« »Alles, was Sie da sagen, ist vielleicht recht gut,« unterbrach die Gräfin, »aber ich möchte wissen, was die Ehre der Frauen und diese Abhandlung über die Ungleichheit der Menschen mit einander zu schaffen haben!« »Ja, ja,« rief die Gräfin, »sagen Sie uns dies.« »Was es damit zu schaffen hat, Madame,« antwortete der Graf in großem Eifer. »Sie fühlen dies nicht, wie? ein philosophisches Werk wird in Ihrem Hause offen gelesen! alle Ihre Lakaien werden Philosophen werden, und Sie zittern nicht?« »Welche Folgen könnte dies haben, mein Herr?« »Unordnungen jeder Art, Madame. Wenn ein Lakai Philosoph ist, verdirbt er alle seine Kameraden, bestiehlt seinen Herrn und verführt seine Gebieterin.« »Verführen! immer verführen! mit was, mein Herr! und warum?« »Ich habe das Vorzimmer soeben gesäubert, Madame.« »Sie verabschieden alle unsere Leute, mein Herr?« »Ja, Madame!« »Ich begreife dies nicht, mein Herr. Wenn einer unter denselben wirklich schuldig ist, dann schicken Sie ihn weg, ich habe nichts dagegen.« »Ich werde sie Alle entlassen, Madame.« »Nein, mein Herr.« »Alle sind schon verloren. Ein Philosoph braucht nur eine halbe Stunde, um tausend Menschen zu verderben.« »Mein Herr!« »Ein Philosoph ist wie eine Pestseuche in einer großen Stadt.« »Mein Herr, wollen Sie mich ganz toll machen?« »Ja, ich gestehe es, wenn ich in den Händen meiner Leute die philosophischen Gedanken, oder das philosophische Wörterbuch, oder die Abhandlung über das selige Leben oder die Abhandlung über das Entstehen der Ungleichheit unter den Menschen u. s. w. sehe, so erschrecke ich sehr und glaube mich im ganzen Hause nirgends sicher.« Indes hatte sich die Gräfin, wüthend darüber, dass Herr von Lignoll es wagte, ihr ohne Zweifel zum ersten Mal den Gehorsam zu verweigern, in einen Lehnstuhl geworfen. Hier stampfte sie, ganz ihrer Wuth sich überlassend, mit den Füßen auf den Boden, biss sich in die Hände, und schrie von Zeit zu Zeit wie eine Närrin. Unempfindlich gegen ihre komische Verzweiflung, fuhr der Antiphilosoph immer fort: »Wie viele Unglückliche dieser Klasse hat die Philosophie dieses Jahrhunderts zu Grunde gerichtet! Sie hat mehr Verbrechen und Selbstmorde jeder Art hervorgerufen, als jemals zu irgend einer andern Zeit Unglück und Elend veranlasst haben. Ich könnte, während ich seine Meinungen verdammte und seine Irrthümer beklagte, der Freund eines Anhängers der falschen Philosophie sein; aber nichts würde mich je vermögen, philosophische Lakaien zu behalten.« »Mein Herr,« rief die Gräfin mit vielem Stolz, »Sie werden sie dennoch behalten, denn ich will es!« Bei diesem Entscheidungswort verlor der gute Eheherr, wie niedergeschmettert, seine vorübergehende Wuth und antwortete ganz gelassen: »Da Sie es wollen, Madame, so werde ich es wohl auch wollen müssen; aber erlauben Sie mir wenigstens einige Bemerkungen.« »Verschonen Sie mich, mein Herr!« unterbrach sie. »Sehr gut, Madame,« versetzte er, den Kopf schüttelnd, »sehr gut! es soll geschehen; aber Sie werden sehen. Sie werden sehen, was daraus folgt. Alle Ihre Leute werden Ihnen Lectionen geben; davon bin ich überzeugt, es ist keiner darunter, der nicht Philosoph wäre, in Folge dessen werden Ihre Lakaien Trunkenbolde werden, Ihr Intendant wird Sie bestehlen; Ihre Kammerfrauen werden Ihre Geheimnisse verrathen oder Sie verleumden, und Ihre Gesellschaftsdame wird in Ihrem Hause ein Kind bekommen. »Sie selbst, Madame, werden diese abscheulichen Bücher lesen. Sie werden des Nachts in Ihrem Bette lesen und eine Nacht wird es sich ereignen, dass Sie Ihr Hotel in Brand setzen werden, und Alles dies, weil dieser verfluchte Jean-Jacques in Ihr Vorzimmer hineingekommen ist, aber das ist einerlei, ich wasche meine Hände in Unschuld. Ihre Lakaien sollen bleiben; aber so viel sage ich Ihnen voraus, wenn Alle diese Unglücksfälle sich ereignet haben werden, trotzdem ich dieselben vorausgesagt habe, dann werden Sie zu mir kommen und werden weinend sagen, ich hatte Recht, ich aber werde sagen: Desto besser, es ist Ihnen ganz Recht geschehen; denn Sie haben es selbst so gewollt.« Er gieng und that wohl daran; es hätte mir leid gethan, ihm laut ins Gesicht lachen zu müssen. Während er uns in der Zukunft eingebildetes Unglück zeigte, hatte uns ein wirkliches Unglück getroffen; die Chocolade war kalt geworden. Man kann sich meinen Kummer denken, ich hatte gestern den ganzen Tag nur ein kurzes Mittagsmahl eingenommen und war ohne Abendbrod zu Bett gegangen, die grausame Gräfin sprach davon, das Frühstück in die Küche zurückzuschicken. Ich nahm es eiligst, goss es in die Tassen und ließ es in dem Boudoir an's Feuer stellen. »Gut,« sagte Frau von Lignoll, »schreiben wir jetzt einen Brief, bis sie wieder warm ist.« Dieser Brief war an eine liebe Tante, die ihre Kindheit erzogen hatte. Wir schrieben ungefähr eine Seite lang lauter ehrerbietige Komplimente, dann zwanzig Zeilen mit zärtlichen Erinnerungen und noch eine Menge Herzensergießungen. Ich glaubte, es wolle kein Ende nehmen. In Verzweiflung darüber, weil ich sah, dass ich auch noch die vierte Seite dieses endlosen Epistels anfangen werde müssen, erlaubte ich mir der Frau Gräfin zu bemerken, dass die Chocolade warm sein müsse. »Ich glaube auch,« sagte sie; »aber machen wir zuvor dies fertig.« Es ist am besten, wenn ich Alles erzähle, was die Verlegenheit meiner wahrhaft kläglichen Lage noch vermehrte! Eine unglückliche Kammerfrau, der ich nicht zum zweitenmale ins Gesicht zu sehen wagte, so hässlich war sie, schweifte beständig um den Kamin herum. Ich weiß nicht, was mich beim Betrachten dieser Person für das Frühstück zittern machte; eine geheime Ahnung kündigte mir ihre Ungeschicklichkeit zum Voraus an, und ihre fortwährende Bewegungen verursachten mir beständige Zerstreuungen. Da Frau von Lignoll, deren Brief nicht zu Ende zu kommen schien, meine schlecht verstellte Unruhe zu bemerken schien, fragte sie mich am Ende launisch, ob mich etwas ärgere. In dem Augenblick, wo die ungeduldige Gebieterin diese Frage an mich stellte, goss die fatale Zofe, die das Feuer schürte, die Chocoladenkanne über die Asche. Ich sah das Unglück, die Feder entsank meinen Händen und meine Augen richteten sich gegen den Himmel, mein Kopf wurde durch eine fast konvulsivische Bewegung nach rückwärts gezogen, es fehlte wenig, dass ich nicht in Ohnmacht fiel. »Ach, Madame!« rief ich. »Die Chocolade!« Die sonst so sehr lebhafte Gräfin, jetzt zu sanft, um sich darüber zu erzürnen, warf einen Blick nach dem Kamin, richtete dann ihr heiteres Auge auf mich und sagte mit eisiger Kaltblütigkeit die ewig denkwürdige Antwort: »Nun gut, mein Fräulein! was hat die Chocolade mit dem Brief zu schaffen, den ich Ihnen diktiere?« Von Verzweiflung ergriffen, antwortete ich ungestüm: »Wahrlich, Madame, Sie haben gut reden. Sie haben gestern zu Abend gespeist.« »Diese sympathische Lebhaftigkeit missfällt mir nicht,« erwiderte sie, dann sich an die unwürdige Dienerin wendend, fügte sie hinzu: »Sagen Sie in der Küche, man soll andere machen und uns dieselbe schicken.« Dieser großmüthige Befehl war für meine betrübte Seele ein tröstender Balsam. Ich fühlte meine Kräfte sich wieder zu beleben, meine Gedanken wiederkehren, mein Styl fließender werden und Frau von Lignoll, welche mir half, ermuthigte mich der lieben Tante alles Schöne zu sagen. Als der Brief beendet war, schließe ich den Schreibtisch, und sehe das Frühstück wiederkommen. Man bringt einen kleinen Tisch; zwei Tassen werden eine der andern gegenüber aufgestellt, das belebende und erquickende Getränk wird eingeschenkt, die Gräfin will sich eben setzen, ich nehme meinen Platz ihr gegenüber ein, der glückliche Augenblick ist erschienen – aber, o Unstern unerträglicher als der erste! ein geschickter Lakai bringt einen Brief, die Gräfin bemerkt den Stempel. » Besançon! « ruft sie. Sie stößt einen Freudenschrei aus, erhebt sich ungestüm, wirft mit einem Stoß den zu leichten Tisch um, schüttet mir den ganzen Inhalt der duftenden Chocolade über die Kniee aus. Ich wollte einen Schrei thun, aber meine Bestürzung war so groß, dass ich wie niedergedonnert die Verwüstung betrachte, welche der unselige Sturz herbeigeführt, das niedliche Meubel, das entzweigeschlagen, die zerbrochenen Porzellantassen, die Chocoladenkanne, mein schönes Kleid, Alles dies betrübte mich nicht, ich sah nur die Chocolade, die stromweise auf den Boden fließt. Während ich unbeweglich stehen bleibe, liest die Gräfin mit halb vorgebogenem Leibe, die Augen auf das geliebte Papier geheftet, mit zitternden Händen und häufig unterbrochener Stimme: »Du begreifst, meine theuerste Nichte, deren Erziehung mir so viele Freude gemacht hat, wie weh es mir that, nicht zu Deiner Hochzeit kommen zu können; aber endlich hat der Gerichtshof von Besançon sein Urtheil gefällt, ich habe meinen Prozess gewonnen, ich reise ab, ich komme zugleich mit meinem Briefe an. Ich komme an 15.« Am 15., also heute, und indem sie das Papier als schriftlichen Vorboten mit Küssen bedeckt, fährt sie fort: »O, freudige Nachricht! o, meine liebe Tante! ich werde sie sehen, meine geliebte, meine theuere Tante! ich werde sie wiedersehen und ich bin entzückt.« In diesem Augenblick bemerke ich unter dem Lehnstuhl einen kostbaren Überrest: Ich stürze mich hin, ich ergreife denselben, ich küsse ihn und sage zu ihm: »O, liebes Brödchen! o, hilfreicher Überrest! jetzt meine einzige Hoffnung, ich halte Dich und ich bin entzückt!« Indes setze ich mich in einen Winkel, wo ich traurig meinen ungenügenden Raub verzehre, während Frau von Lignoll ihren Brief abwechselnd wiederküssend Luftsprünge in ihrem Zimmer macht. Endlich läutet sie einem Lakai: »Saint-Jean, sage dem Schweizer, dass ich heute nur für die Frau Marquise von Armincour zu Hause bin.« Dann kehrte sie zu mir zurück und sagte: »Fräulein von Brumont, ich habe Sie sehr früh gestört, aber Sie können jetzt über den Rest des Morgens verfügen.« Ich machte der Gräfin eine tiefe Verbeugung, die mir höflich erwiedert wurde, ich gieng und verschloss mich in mein kleines Zimmer. Nun begann ich meiner lieben Adelheid zu schreiben, die ich innig liebte; sie verdiente aber auch meine aufrichtige Liebe, denn ihre zarte schwesterliche Zuneigung und ihre Besorgnis um mein Wohl waren wirklich rührend. Als ich den brüderlichen Brief versiegelt, kam die hässliche Kammerfrau zu mir, um mich auf Befehl ihrer Gebieterin zu frisieren. Verwünschtes Blatterngesicht, Du bist das Frühstück nicht wert, das Du mich kostetest, und dessen Farbe Du hast. Da ich von Natur höflich bin, so machte ich natürlich diese Betrachtung nicht laut. Ich bot meinen Kopf und schloss die Augen. Doch muss ich der armen Jeanette Gerechtigkeit widerfahren lassen; von der Natur vernachlässigt, hatte sie zur Kunst ihre Zuflucht genommen; sie hatte eine leichte Hand und führte den Kamm nicht unsanft, aber wie sehr stehen die erworbenen Talente hinter den Naturgaben zurück! wie sehnte ich mich in diesem Augenblick nach meiner kleinen Justine. Als Jeanette meinen Kopfputz vollendet hatte, bot sie mir keine weitern Dienste an, und ich machte keinen Versuch, sie zurückzuhalten. Wäre es aber Justine gewesen, die würde wohl geblieben sein, ohne dass ich sie darum gebeten hätte: fürs erste hätte sie meine Toilette etwas verzögert; aber mit welcher Raschheit hätten wir dann die verlorene Zeit wieder eingebracht! mit welcher Gewandtheit hätte die kleine Schelmin die schwierige Anordnung der hundertlei Flittersachen geleitet, die zu einem halb vollständigen Frauenanzug gehören! jetzt musste ich selbst das missliche Geschäft übernehmen, mich von Kopf bis zu Fuß als Frau zu kleiden, und ich sprach noch von Glück, als ich damit zu Stande kam, nachdem ich mehr Zeit und Überlegung darauf verwendet hatte, als eine junge Faulenzerin, die man an einem Wintermorgen zwingt, sich in den Sonntagsstaat zu werfen, um mit der Mama in die Messe zu gehen. Inzwischen schlug es drei Uhr, die Marquise war angekommen. Herr von Lignoll, der offenbar immer noch grollte, hatte uns sagen lassen, dass er in der Stadt speise; ein Bedienter meldete, die Mahlzeit sei aufgetragen. Bei Tisch überhäufte mich die junge Gräfin mit Aufmerksamkeiten und die alte Tante verschwendete ihre Komplimente an mich. O, Muse der Geschichte, bewunderungswürdige Jungfrau, die man so oft geschmäht hat, beredte und wahrheitsliebende Göttin, die man mit so wenig Geschicklichkeit lügen gemacht, ehrwürdiges und verständiges Mädchen, durch welches man uns so viele unverzeihliche Dummheiten übermittelt, erhabene Clio: Du bist's, die ich anrufe! da Du Alles weißt, so brauche ich Dir nicht zu sagen, dass von allen den Abenteuern, welche meine feurige Jugend unterhielten, dasjenige, welches ich jetzt erzählen will, nicht das am wenigsten thörichte ist, auch verursacht mir die galante Erzählung, die ich davon machen muss, eine wahre Unruhe. Wo den leichten und zugleich anständigen Gaceschleier finden, durch welchen hindurch sich die Wahrheit fast nackt sehen lassen muss? Ich verletze das unzarteste Ohr, wenn ich das rechte Wort sage; wenn ich den Ausdruck mildere, so entstelle ich die Sache. Wie doch, ohne das Zartgefühl eines einzigen zu beleidigen, wie die Neugierde Aller befriedigen? O, keusche Göttin! wirf einen Blick des Mitleids auf den verlegendsten Deiner Diener, steige, um ihm zu helfen, vom Himmel herab! tritt in sein Zimmer und führe die Feder, die er eben zur Hand nimmt. »Sehr gut, mein Kind!« sagte Frau von Armincour zu Frau von Lignoll; »aber jetzt, da wir frei sind, lass uns von wichtigeren Sachen reden. »Bist Du zufrieden mit Deinem Gemahl?« »Ja, meine liebe Tante,« antwortete sie. »Bist Du immer in gleicher Laune, nicht außergewöhnlich gereizt?« »Warum sollte ich es sein, Frau Marquise?« »Weshalb sagst Du Frau Marquise! glaubst Du, ich werde Dich als Frau Gräfin begrüßen? in großer Gesellschaft ist das recht; aber unter uns! geh, Du bist das Kind, das ich erzogen habe, mein geliebtes Kind, sage stets »meine Tante«; ich werde sagen »meine Nichte«. Antworte mir, gedenkst Du mich bald mit einem kleinen Enkel zu beschenken?« »Ich weiß nicht, meine Tante.« »Das heißt, Du bist noch nicht ganz gewiss.« »Ich weiß nicht, meine Tante.« »Du bemerkst in Deiner Gesundheit nicht Veränderungen?« »Wie beliebt es, meine Tante?« »Du hast noch keine Abwesenheiten gehabt?« »Abwesenheiten? war ich den Abwesenheiten unterworfen?« »Als Du ein Mädchen warst, nicht; aber seitdem Du Frau bist?« »Wie so? werden denn die Frauen geistesabwesend?« »Geistesabwesend, handelt es sich hier um Narrheit? in diesem Falle betrifft es nicht das Gehirn, meine Nichte.« »Was fragen Sie mich denn, meine Tante?« »Was ich frage, warum Dich zieren? Fräulein von Brumont darf Dich nicht genieren, sie ist älter als Du; ein Mädchen von zwanzig Jahren kann, wenn sie auch noch so solid ist, in gewissen Sachen nicht unwissend sein?« »Gewiss, wenn Herr von Lignoll zögert, so werde ich böse.« »Ah! ist es möglich?« »Wenn er sich weigert, so befehle ich.« »Und er gehorcht?« »Er murrt, aber er geht.« »Er kommt aber wieder zurück?« »Er kommt zurück, oder er kommt nicht wieder zurück, was liegt mir daran.« »Wie meinst Du das, mein Kind?« »Wenn er nur gehorcht, und es mir frei steht zu thun was mir gefällt.« »Ah, meine Nichte! so sprechen wir also eine halbe Stunde mit einander, ohne uns zu verstehen? wissen Sie auch, dass dies mich ungeduldig macht?« »Es ist nicht meine Schuld.« »Ist es die meinige? ich stelle eine einfache Frage an Sie, und Sie scheinen sie nicht zu begreifen! wenn ich von den Pflichten des Herrn von Lignoll spreche, so verstehe ich darunter seine Pflichten als Gemahl.« »Sehr gut, meine Tante.« »Und wenn Sie mir antworten, dass er Ihre Wünsche erfüllt, so glaube ich Ihre Wünsche, als eine junge, lebhafte und das Vergnügen liebende Frau.« »Allerdings, meine Tante!« »Also haben Sie mich verstanden?« »Ja, meine Tante!« »Ich möchte Dir rathen, Deine Wünsche zu mäßigen!« »Und wer sagt Ihnen, dass meine Wünsche unmäßig sind?« »Du selbst, meine Nichte, da Du behauptest, dass Du in diesem Punkte nur zu befehlen hast; ich sehe heraus, dass Du thöricht handelst.« »Wahrhaftig, meine Tante, Sie sind heute nicht gut gelaunt.« »So sind doch die jungen Frauen, wenn man ihnen in diesem Punkte widerspricht.« »Wollen Sie mich nöthigen, mich zu entfernen, meine Tante?« »Nicht doch, meine Nichte, ich bin Deine Mutter und Du musst mich hören.« »Ich verstehe Sie nicht, meine Tante.« »Meine Nichte, finden Sie meine Fragen indiskret?« »Nein, gewiss nicht, sprechen Sie nur weiter.« »Höre, mein Kind, wenn ich frage, so geschieht es rein aus Interesse für Dich. Fürs erste, wenn man auf mich gehört hätte, so würdest Du Herrn von Lignoll nicht geheiratet haben; ich fand ihn zu alt für Dich. Ein Mann von fünfzig Jahren ... sage mir, erfüllt Herr von Lignoll seine Pflicht?« »Oh, Herr von Lignoll thut Alles, was ich will.« »Alles, was Du willst? »Dann gratuliere ich, meine Nichte, Du bist sehr glücklich; aber, Du liebe Kleine, musst Dich in Acht nehmen.« »Warum, sagen Sie mir gefälligst, warum sollte ich mich in Acht nehmen, glauben Sie denn, ich wüsste nicht, wie weit ich gehen soll, um meinen Willen, den ich einmal bestimmt gefasst habe, durchzuführen, wie bedauerungswert, wie klein müsste ich mir selbst erscheinen.« »Gut, mein Kind, ich lobe Deinen festen Willen; aber Du musst Deinen Gemahl schonen, denn Euer Alter ist sehr verschieden.« »Aber was macht das Alter?« »Dies macht Alles, liebe Kleine; denn es gibt Frauen, die ihre Wünsche ins Unendliche ausdehnen und dadurch Ihre Männer in Geduld erschöpfen.« »Das ist aber bei Herrn von Lignoll nicht der Fall, er befindet sich deshalb um nichts schlechter.« »Um so besser, meine liebe Nichte; aber ich wiederhole Ihnen, nehmen Sie sich in Acht, weil es nicht in die Länge dauern würde.« »Das wollte ich doch sehen!« »Sie lachen, meine Tante?« »Ja, ich lache, mit Deinem: ich wollte doch sehen! Was würdest Du machen, wenn ich bitten darf?« »Was ich machen würde! ich würde ihm sagen, dass ich es will.« »Ah! das wäre etwas neues.« »Sie glauben, ich würde es nicht wagen? es ist mir schon mehr als einmal vorgekommen.« »Und es ist Dir gelungen?« »Mein Gott!« »Nein, nein, bleibe nur und höre mich. Du musst Herrn von Lignoll nicht nöthigen, stets Deinen Willen zu thun.« »Ei, warum doch, meine liebe Tante! sollte ich mich an einem Tage mehr beherrschen lassen, als am andern?« »Eine schöne Denkungsart, meine Nichte!« »Sie können sagen, was Sie wollen, ich werde nicht dulden, dass mein Gemahl mir je etwas verweigert!« »Seht doch den Tollkopf!« »Noch dass er mich beherrscht, ich hindere ihn nicht, sich aufzuführen, wie es ihm beliebt.« »Sie verliert den Kopf!« »Aber er soll mich meinerseits auch thun lassen, was mir beliebt, die Hauptsache ist, dass er mich nicht geniert.« »Meine Nichte, ich begreife Dich nicht.« »Und dass ich in Allem meinen Willen durchsetze.« »Meine Nichte, willst Du denn, dass ich mich entferne?« »Es ist unerträglich.« »Es ist zum verzweifeln.« »Befolge meine Rathschläge, meine Nichte!« »Sprechen Sie vernünftig mit mir, meine Tante, ich bin kein Kind mehr!« Beide waren aufgestanden, beide grollten. Indes hatte die Nichte auf die klaren Fragen der Tante mit so vieler Unschuld und Wahrheit so offenherzige, so außerordentliche Antworten gegeben, dass ich sonderbare Sachen zu vermuthen anfieng. Ich suchte Frau von Armincour zu beruhigen, indem ich zu ihr sagte: »Allem Anschein nach, Madame, ist die Frau Gräfin in dem Sinne, den Sie meinen, nicht sehr glücklich, und ich wollte wetten, dass sie Ihre Vorwürfe eben so wenig verdient, als begreift.« »Glauben Sie?« versetzte sie; »nun gut, fragen Sie sie aus, Fräulein von Brumont, und sehen wir, ob Sie uns vielleicht einigen Aufschluss geben können.« Ich wandte mich an die Nichte: »Erlauben Sie, Frau Gräfin ...« Sie unterbrach mich lebhaft: »Sehr gerne, Fräulein!« »Schläft Herr von Lignoll im Zimmer der Frau Gräfin?« »Nein.« »Nie?« »Nie.« »Kommt er nachts hinein?« »Nein, auch das nicht.« »Kommt er morgens hin?« »Ja, wenn ich aufgestanden bin.« »Bleibt er abends ein wenig länger bei der Frau Gräfin?« »Nach dem Nachtessen höchstens fünf Minuten, dann sagt er mir gute Nacht, indem er mich umarmt und mir einige Küsse gibt.« »Ist dies Alles?« »Was wollen Sie weiter?« »Nun, Frau Marquise, was halten Sie davon?« »Ich glaube,« antwortete sie, »dass dies ganz unglaublich und entsetzlich wäre.« Sie lief schnell zu Frau von Lignoll: »Sage mir, mein Kind, bist Du Frau oder Mädchen?« »Frau, da ich vermählt bin.« »Bist Du vermählt?« »Gewiss, da Herr von Lignoll mich geheiratet hat. Es war so feierlich in der Kirche, so viele Gäste der besten Gesellschaft waren zugegen, auch sah Herr von Lignoll so stattlich aus, man wünschte mir Glück von allen Seiten und lobte den Geschmack meiner reizenden Toilette. Ich vermisste Sie so schmerzlich, liebe Tante, dass mir All' dies nur eine halbe Freude verursachte.« »Es that mir sehr leid, dass ich nicht zu Deiner Hochzeit nach Paris kommen konnte, aber Du weißt ja, dieser unselige Process hielt mich zurück; da es gerade zu Ende gieng, so durfte ich mich nicht entfernen, denn es handelte sich um einige sehr wichtige Aussagen. Alles hieng davon ab und ich wollte doch schon aus Liebe zu Dir dieses bedeutende Vermögen nicht verlieren, so kam ich denn um einen Lieblingswunsch, den ich so lange hegte, bei Deiner Hochzeit zugegen zu sein, um Dir doch wenigstens einige vorbereitende Anweisungen zu geben. Sage mir, liebes Kind, ist Dir nichts besonders begegnet?« »Nichts, meine Tante.« »Nichts! Fräulein von Brumont, es ist ihr nichts begegnet, arme Kleine! wie beklage ich Dich,« fügte die Tante weinend hinzu, »wie ist das zugegangen, antwortete mir.« »Guter Gott! meine Tante, Sie machen mich unruhig!« »Armes Kind! sie ist noch so unschuldig nach zweimonatlicher Ehe! welches Los! welches grausame Los.« »Wahrlich, meine Tante, Sie machen mir Angst! erklären Sie sich.« »Mein Kind, ich kann nicht ... ich kann nicht, der Schmerz drückt mich zu Boden. Sie, Fräulein Brumont, drücken sich mit so vieler Leichtigkeit aus, sagen Sie ihr einmal, was es ist. Erklären Sie ihr, wie schmählich es ist von einem Manne, wenn er eine junge Frau so behandelt. Sie sind ohne Zweifel nicht so unerfahren? Sie müssen wissen ...« »So ziemlich, Frau Marquise; ich habe davon sprechen gehört, und zudem habe ich gute Bücher gelesen.« »In diesem Fall thun Sie mir den Gefallen, sie zu belehren. »Dann, mein Fräulein, muss ich Ihnen offen sagen, dass mir Ihr ernstes und gemessenes Benehmen, was man von einer jungen Dame in Ihrem Alter selten findet, besonders Vertrauen einflößt, und ich Sie daher nochmals bitte, sich meiner Nichte anzunehmen.« »Erlaubt die Frau Gräfin?« Sie antwortete mir, ich würde ihr einen Dienst erweisen. Ich ließ es mir nicht zweimal sagen, und machte ihr eine umfassende Aufklärung. »Wie!« versetzte Frau von Lignoll, erstaunt über das, was sie gehört hatte; »Sie scherzen nicht?« »Ich würde mir diese Freiheit mit der Frau Gräfin nicht nehmen.« »Wie, meine Tante, was Fräulein Brumont gesagt hat, ist Alles wahr?« »Ganz wahr, meine Nichte!« »Also der Graf insultiert mich?« »Ja, mein armes Kind, er insultiert Dich, der Graf. Deine Reize vernachlässigen, heißt sie beschimpfen, heißt erklären, dass sie keine Berücksichtigung verdienen!« »Ah! ist es möglich?« »Dadurch bezeigte er Dir die größte aller Erniedrigungen, denen eine unglückliche Frau ausgesetzt sein kann.« »Es ist nicht möglich!« »Es ist nur zu möglich, liebes Kind! dadurch erklärt er Dir, dass er Dich dumm, langweilig und abgeschmackt findet.« »Großer Gott! ... meine Tante, Sie übertreiben, nicht?« »Frage, liebe Kleine, frage Fräulein von Brumont!« Sogleich ergriff ich das Wort und wandte mich an die beschimpfte junge Dame: »Wahrlich, durch diese Vernachlässigung, die ich nicht begreife, gibt der Herr Graf der gnädigen Frau auf's bestimmteste zu verstehen, dass sie hässlich ist!« »Hässlich! er hat gelogen. Ich verberge mein Gesicht nicht.« »Dass sie nicht gut gewachsen ist.« »Er hat gelogen. Sehen Sie meine Taillie, ist sie schlecht?« »Dass sie einen eckigen Arm hat.« »Warten Sie, bis ich meine Handschuh ausziehe, ich will Ihnen beweisen, dass er gelogen hat.« »Ein plumpes Bein.« »Er hat gelogen. Sehen Sie.« »Ein schiefes Knie.« »Er hat gelogen. Urtheilen Sie selbst!« Ich liebte die freimüthige und entschiedene Art, wie die Gräfin die verleumderischen Behauptungen ihres Gemahls zurückwies, den ich zu meinem Vergnügen sprechen ließ. Neugierig zu versuchen, wie weit der gerechte Wunsch einer leichten Rechtfertigung diese so lebhafte Frau führen würde, fügte ich hinzu: »Endlich sei es eine Erklärung, dass sie einen verborgenen Fehler habe.« Eine ausdrucksvolle Geberde, die Frau von Lignoll machte, eine Geberde, so rasch wie ihr Gedanke, verkündigte mir, dass sie den rechtfertigenden Beweis zu gleicher Zeit mit der Lügenstrafung führen würde. Frau von Armincour errieth ebenfalls sehr leicht die Absicht der Gräfin, und zum Unglück für mich, der sie löblich fand, lief sie schnell herbei, um die völlige Ausführung derselben zu verhindern. »Geh, mein liebes Kind, es ist nicht nöthig, das Gegentheil zu beweisen!« sagte sie zu ihrer Nichte. »Ich, die ich Dich von der frühesten Kindheit an nie aus den Augen verloren habe, weiß wohl, dass davon nicht die Rede sein kann, und Fräulein von Brumont glaubt Dir auf Dein Wort. Übrigens musst Du nicht so erzürnt sein!« »Nicht erzürnt sein!« »Dein Gemahl –« »Ist ein schamloser Lügner.« »Er ist vielleicht nicht so strafbar.« »Ein Unverschämter, ein Elender!« »Es ist möglich, dass eine lange Kränklichkeit, oder ein häuslicher Kummer –« »Keinen Kummer für einen Mann, der das Glück gehabt hat mich zu heiraten.« »Oder ein großes Unglück –« »Ja, der Fortschritt der Philosophie.« »Oder eine wichtige Arbeit –« »Charaden, nennen Sie das vielleicht eine wichtige Arbeit, das ist sein ganzer Lebenszweck, darüber brütet er Tag und Nacht; hören Sie, meine Tante, vertheidigen Sie ihn nicht, denn Sie bringen mich noch mehr auf. Jetzt begreife ich die ganze Unwürdigkeit seines Betragens, und sobald er nach Hause kommt, sobald er zurückkommt, lassen Sie mich nur machen; er wird sich erklären, er wird mir seine Gründe angeben, er wird mir wegen dieser Beschimpfung Rede stehen, oder wir wollen sehen.« Indes fieng der Tag an sich zu neigen. Nicht ohne Mühe erhielt ich von der Gräfin einen Augenblick Freiheit. Ich schloss mich auf mein Zimmer ein, wo Herr von Valbrun nicht lange auf sich warten ließ. Der Vicomte meldete mir, dass ein zuverlässiger Mann, dem er den Auftrag gegeben, der Frau Marquise selbst Justinens Brief einzuhändigen, folgende Antwort erhalten habe: »Diejenige, die Sie sendet, macht mir ein großes Vergnügen. Ich war unruhig über das Schicksal der Person, von der sie mir Nachricht gibt. Sagen Sie ihr, dass sie mich fortwährend von dem Stande dieser Person unterrichten kann, für die ich mich wirklich interessiere. Sie können hinzufügen, dass Herr von B..., der mich anfangs ziemlich schlecht empfangen, sein Unrecht eingesehen und Verzeihung erhalten hat. Es ist dies kein Geheimnis, sie darf es jedem sagen, der mir dazu nur gratulieren kann.« Herr von Valbrun sagte: »Frau von Fonrose ist jetzt ins Kloster zu Frau von Faublas gegangen. Morgen früh vor acht Uhr werde ich Ihnen sagen, was wir gethan haben.« Ich dankte dem Vicomte, wie ich es auch verpflichtet war, und stellte ihm meine zwei Briefe mit der Bitte zu, den einen in das Kloster, wo Adelheid sich befindet, zu schicken, und den andern auf die Hauptpost zu schicken. Er war so gütig, mir beim Fortgehen zu versprechen, dass er beide Kommissionen auf der Stelle besorgen werde. Unglückseliger Brief an Herrn von Belcour! hätte ich voraussehen können, wie viele Herzleid Du mir bereiten würdest! Jetzt frage ich mich, warum Fräulein von Brumont, ohne einen andern festen Plan im Kopfe zu haben, als den, sich Sophien zu nähern, dennoch bei ihrer Rückkehr ins Zimmer der jungen Gräfin die alte Marquise nicht ohne Missbehagen noch daselbst antraf. Offenbar weil, wie so viele andere, durch die Liebe berufen, das unverzeihliche Unrecht, das sich der Hymen täglich gegen die Schönheit zu Schulden kommen lässt, wieder gut zu machen, der Chevalier Faublas, gegen seine Absicht dahingerissen, nur dem Antriebe seiner Natur gehorchte. Ich frage mich auch, warum die Nichte, welche die Belehrung der Tante nur noch mit Zerstreutheit anhörte und von Zeit zu Zeit Blicke auf mich heftete, die mir ins Innerste der Seele drangen, kein lebhaftes Verlangen zeigte, die sonst so geliebte Frau von Armincour den Rest des Abends bei sich zu behalten. Weil diese von unsern modernen Philosophen grausam verworfenen Atome wirklich bestehen, diese sympatischen Atome, die auf einmal aus dem feurigen Körper eines lebhaften Jünglings in den eines jungen Mädchens übergehen. Weil auf die reizende Brünette bereits der Zauber wirkte, der den hübschen Jungen erfüllte, weil geleitet durch die mächtigen Strahlen des wohlthätigen Lichtes, welches ich bereits vor ihren Augen leuchten ließ, und mehr noch durch den, dem schönen Geschlechte eigenen Instinkt Frau von Lignoll sich innerlich von der Nichtigkeit eines Mannes überzeugt fühlte, der sie seit zwei Monaten Tag und Nacht vernachlässigte, und weil sie mechanisch in mir denjenigen ahnte, der die Beleidigungen gehörig strafen und die Beleidigte schadlos halten konnte. Ich fragte mich endlich, warum Frau von Armincour, trotz ihrer alten Erfahrung, nicht zu bemerken schien, dass sie überflüssig war, und ungeachtet der häufigen Zerstreutheiten ihrer Nichte sich in den Kopf setzte, ihr bis zur Rückkehr des Herrn von Lignoll treu Gesellschaft zu leisten. Weil die alten Leute von aller Ewigkeit her die spezielle Bestimmung hatten, die liebenswürdige Jugend zu genieren; vielleicht damit ihre Wünsche durch die Mäßigung noch feuriger würden, und damit die trotz der Hindernisse erlangten Vergnügen einen weitern Zauber für sie hätten. Frau von Armincour beehrte uns bis zum Abendessen mit ihrer Gegenwart, welche, wie es schien, sonst eine große Freude für ihre liebenswürdige Nichte war, heute aber eine ganz gegentheilige Wirkung auf dieselbe auszuüben schien. Frau von Armincour, welche dieses wohl der bösen Laune ihrer Nichte beizumessen glaubte, wollte sie durchaus auf andere Gedanken bringen. Sie erzählte daher sehr viel von der Provinz, wo sie ihre liebe Eleonore erzogen, von ihrem festen Schlosse, das man nur einmal im Jahre ausbessern musste, von ihren schönen Gütern, die ihr Schlossverwalter mit Nutzen bewirtschafte, von diesem Verwalter, den sie für den ersten Mann der Welt erklärte, und der, ohne Beleidigung oder Verdacht, mir derjenige von ihren Leuten zu sein schien, den sie am besten kannte. Ich glaube, es wäre bis zum andern Morgen von dem guten Manne die Rede gewesen; aber nach Mitternacht ließ sich der Wagen des Grafen hören. »Das widerwärtigste Abenteuer von der Welt ist mir begegnet,« rief Herr von Lignoll, hereintretend; »Sie wissen ja meine schöne Charade?« »Mein Herr,« unterbrach die Gräfin, »hier ist die Frau von Armincour, meine Tante.« Der Graf war überrascht, sagte der Frau Marquise von Armincour ein langes Kompliment, das sie nicht ganz anhörte. »Gute Nacht!« sagte sie plötzlich zu ihrer Nichte, »gute Nacht, liebe Eleonore. Morgen werde ich frühzeitig wiederkommen; morgen hoffe ich endlich der Frau Gräfin von Lignoll guten Tag zu wünschen. Adieu, mein Herr!« sagte sie trocken zu Herrn von Lignoll. Sie machte ihm beim Hinausgehen eine der kalten Verbeugungen, welche den Frauen für die Männer zu Gebote stehen, die sie nicht achten. »Sie wissen doch meine schöne Charade?« versetzte der Graf, als die Marquise fort war. »Fräulein von Brumont,« unterbrach die Gräfin, »thun Sie mir den Gefallen, sich auf Ihr Zimmer zurückzuziehen.« Ich gehorchte, ohne zu antworten, blieb aber dicht hinter meiner Thüre und lauschte mit der größten Aufmerksamkeit. »Sie wissen ja meine schöne Charade?« versetzte Herr von Lignoll abermals. Madame unterbrach ihn auf's Neue: »Es handelt sich nicht darum, mein Herr! man heiratet sich nicht, um Charaden zu machen, sondern um –« »Wie, Madame!« »Mein Herr, muss ich es Sie lehren? wenn meine Tante und Fräulein von Brumont mich nicht unterrichtet hätten, so wäre ich unwissend darüber geblieben.« »Madame, Sie verstehen mich nicht. Ich wusste so gut als ein anderer, welche Pflicht –« »Sie wussten es, mein Herr? wenn Sie es wussten, warum benehmen Sie sich nicht darnach? es ist also wahr, dass Sie mich hässlich fanden? es ist also wahr, dass ich seit zwei Monaten der Gegenstand Ihrer Verachtung bin? wo gehen Sie hin, mein Herr? bleiben Sie!« Ich hörte Frau von Lignoll an die Thüre laufen und sie verschließen. »Sie werden nicht aus diesem Zimmer kommen, mein Herr, bis Sie Ihre Beleidigungen wieder gut gemacht haben.« »Meine Beleidigungen?« »Ja, Ihre Beleidigungen, ich weiß Alles, mein Herr; Sie haben mich insultiert, indem Sie mich heirateten. Sie werden mich sogleich versöhnen. Wenn Alles, was man sagte, wahr ist, so ist es für Sie kein großes Übel, so hoffe ich. Übrigens ist es Ihre Pflicht; sie mag Ihnen angenehm sein, oder nicht. Sie müssen sie erfüllen; ich will es, ich befehle es Ihnen.« »Aber, Madame –« »Kein aber, mein Herr! ich finde Sie sehr grotesk. Glauben Sie, mein lieber Lignoll, ich stehe Ihnen nach? man wird Ihnen eine junge und hübsche Frau geben, um ihr Charaden vorzumachen? nein, mein Herr, Sie werden Ihre mir angethane Beleidigung wieder gut machen, ich will es, auf dieser Stelle!« Die Gräfin hatte ihn an der Hand genommen und hinter die Vorhänge geführt. Durch mein Schlüsselloch hindurch sah ich ein üppiges Lager, welches das gedämpfte Licht einer prächtigen von der Zimmerdecke herabhängenden Nachtlampe beleuchtete; hier sah ich die junge reizende Frau in ihrem sie schön kleidenden Unmuthe ihrem Gemahl gegenüberstehen. Was für eine Figur machte indes ich hier! wie demüthigend und peinlich ist die Rolle eines Beobachters in diesem Falle! Ha! geschwätzige und verwünschte Tante, warum sind Sie nicht früher gegangen. Ich raffte mich gewaltsam auf und sagte zu mir selbst: »Ei, Chevalier, was, Du verzweifelst an Deinem Glück! geh, beruhige Dich, Dein schützender Genius verlässt Dich nicht! geh, Faublas ist nicht gemacht, um bei einem bizarren, galanten Abenteuer eine untergeordnete Rolle zu spielen; höre, was die Gräfin sagt, und thue einen Freudensprung.« »Verzeihen Sie, mein Herr, ich habe vielleicht Unrecht! vielleicht haben meine Tante und Fräulein von Brumont wirklich bloß einen schlechten Scherz mit mir treiben wollen. Ich wollte Sie auffordern, bei mir zu bleiben; aber ich glaube, dass ich Ihnen einen Dienst erweise, wenn ich Sie ersuche, sich auf Ihr Zimmer zurückzuziehen.« »Madame; ich hoffe, dass Sie die Sache verschweigen, ich hoffe ein andermal glücklicher zu sein.« »Ein andermal! dann fragt es sich, ob ich will.« »Madame, jedenfalls rechne ich auf Ihre Verschwiegenheit.« »Mein Herr, ich verspreche nichts.« »Madame –« »Mein Herr, ich bitte Sie, mich allein zu lassen.« Sie hatte soeben die Thüre geöffnet, die sie wieder verschloss, sobald er gegangen war. Sogleich gieng ich aus meinem Zimmer und flog in das ihrige. »Ach! Madame, wie froh bin ich!« »Warum denn diese tolle Freude?« unterbrach sie mich. »Madame, Sie können nicht begreifen –« »Mein Fräulein,« unterbrach sie mich abermals in ernsthaftem Tone; »wenn Sie sich einen Begriff davon machen können, was Herr von Lignoll ist, so würden Sie wissen, dass zwischen ihm und mir soeben nichts hat vorgehen können, worüber man sich freuen und mir Glück wünschen dürfte!« »Nichts, worüber man sich freuen dürfte! Madame, und was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen gestände, dass Ihr gegenwärtiger Kummer mir Freude macht?« »Was ich sagen würde, mein Fräulein?« »Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen verkündigte, dass das allzeit gerechte Schicksal einen Rächer zu Ihnen geführt hat?« »Einen Rächer?« »Wenn ich Ihnen erklärte, dass Sie zu Ihren Füßen einen jungen Mann sehen.« »Einen jungen Mann!« »Der sie liebt.« »Der mich liebt!« »Einen jungen Mann voll Zärtlichkeit für Sie und voll Bewunderung für Ihre Reize!« »Sie sind ein junger Mann und Sie lieben mich?« »Ach! ja, reizende Eleonore, es ist die Liebe.« »Fräulein von Brumont, sind Sie gewiss, dass Sie ein Mann sind?« »Wahrhaftig, schöne Gräfin, ich kann hierüber nicht den entferntesten Zweifel haben.« »Nun gut, so rächen Sie mich! ich will es! ich befehle es!« »Ach! Sie haben nicht nöthig, es mir zu befehlen, ach, schöne Eleonore! ich kann mir nichts Besseres wünschen.« Sie hatte Ursache, über ihren Gemahl böse zu sein, ich hatte Ursache, mit Herrn von Lignoll zufrieden zu sein. Dieser Herr von Lignoll überließ mir Alles. Ein wahrhaft köstlicher Triumph, wo der Sieger in der Trunkenheit der Wonne sich Glück wünschen muss. Man muss der Geistesgegenwart der Gräfin Gerechtigkeit widerfahren lassen; sobald sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte, fragte sie mich, wer ich wäre. Vorbereitet auf diese Frage, die eine weniger lebhafte Frau ohne Zweifel sogleich an mich gestellt hätte, ließ ich nicht lange auf die Antwort warten. »Reizende Eleonore, man nennt mich den Chevalier von Flourvac. Meine ungerechten Verwandten, deren einzige Sorge war, einem ältern Bruder ein großes Vermögen zu sichern, haben mich mit Gewalt zum Stiftsherrn der heiligen Genovefa machen wollen.« »Sie wollten Sie zu einem Mönche machen!« rief sie, »aber dann hätten Sie ja nie jemand heiraten können; wie wäre es Schade gewesen.« »Auch, meine schöne Freundin, hat mir etwas unaufhörlich gesagt, dass ich nicht den geringsten Beruf zu dieser Lebensart hätte. Wahrhaftig, ich ahnte nicht, dass ein günstiges Geschick mir so viel Glück vorbehalten würde, aber ich hatte ein dunkles Bewusstsein, dass ich zum Heiraten geboren sei. »Ich bin deshalb dem Kloster entsprungen, in dem man mich eingesperrt hielt. Mein Freund, der Vicomte von Valbrun, entrüstet über die Niederträchtigkeit des Bruders und die Grausamkeit meiner Verwandten, hat mich aufgenommen, er hat mir diese Verkleidung angerathen und mich veranlasst, ein sichereres Asyl zu suchen, als sein Haus ist; und ich werde täglich dem günstigen Zufall Dank wissen, der mich zu einer jungen, hübschen und keuschen Frau geführt hat.« »Das Schicksal hat mich nicht weniger begünstigt, als Dich, lieber Flourvac,« antwortete die Gräfin mich umarmend; »Du wirst mir Gesellschaft leisten, bis Deine Verwandten todt sind.« »Welche Verbindlichkeit wollen Sie da eingehen, theuere Eleonore! mein Vater ist noch jung.« »Um so besser, mein Freund, so werden wir desto länger zusammen wohnen. Bleiben Sie bei mir, bis alle Ihre Verwandten todt sind; bleiben Sie, Flourvac, ich will es!« Ich muss gestehen, dass ich die süßesten Stunden meines Lebens in Gesellschaft dieser Frau verbrachte; und dennoch überließen sich meine flüchtigen Gedanken auf einige Augenblicke der Erinnerung an die liebenswürdige Lehrerin, die mich gebildet hatte. Dort wie hier, bei der liebenswürdigen Schülerin, die ich bildete, heute wie damals, hatten unerwartete und außergewöhnliche Umstände mein Glück vorbereitet. Ich fand mich an der Stelle des Herrn von Lignoll, der schönen Gräfin die ersten Elemente der erhabenen Wissenschaft beibringend, die ich von der reizenden Frau von B... unter den Auspizien des Marquis gelernt hatte. Aber, ach! von den zwei herrlichen Frauen, die mir mein überaus günstiger Stern gegeben hatte, war mir die eine bereits entrissen und die andere sollte sich bald im Stich gelassen sehen! Welche Schande wäre es jedoch für mich, wenn ich meine liebliche Schülerin verließe, ohne meine Erziehung vollendet haben, wo könnte ein Lehrer vom Zufall mehr begünstigt sein und sich einer trefflicheren Schülerin rühmen, als Frau von Lignoll! reizendes, köstliches Wesen, bei dem sich die verführerischen Mittel und die glücklichen Anlagen so vereinigt finden! welche Reize bot sie mir! welche Gelehrigkeit und welche Thätigkeit! Als ich erwachte, stand meine Uhr auf zwölf. »Großer Gott! wartet wohl Herr von Valbrun seit acht Uhr geduldig auf mich?« Ich öffnete die kleine Thüre gegen die Treppe und sah niemand. Glücklicherweise sah ich einen Papierstreifen, der in meinem Schlosse hervorragte. Der Vicomte hatte folgende Worte darauf gekritzelt, die ich mit vieler Mühe entzifferte: »Ich klopfe an und Sie antworten nicht. Wo sind Sie, Fräulein von Brumont? was machen Sie? ich weiß nichts; aber ich errathe es. Welche angenehme Nachricht werde ich der Baronin bringen! um zwei Uhr werde ich wiederkommen; wird die Frau Gräfin um zwei Uhr aufgestanden sein?« Ich machte meine junge Freundin aufmerksam, dass jemand Einlass zu fordern schien, und wollte mich zurückziehen, um nicht zu stören, aber sie gab mir einen Wink zu bleiben und fragte mit fester Stimme: »Wer ist draußen?« »Ich bins,« antwortete Herr von Lignoll; »stehen Sie heute nicht auf?« »Noch beliebt es mir nicht, mein Herr!« »Doch ist es schon spät, Madame.« »Ja, mein Herr, aber ich bin beschäftigt.« »Womit, Madame?« »Ich komponiere.« »Wer lehrt Sie komponieren?« »Fräulein von Brumont.« »Ich möchte gern der Lektion beiwohnen.« »Es ist nicht möglich, mein Herr, Sie würden uns hindern, denn auch ich versuche mich, eine Charade zu machen.« »Eine Charade? lassen Sie doch sehen!« »Sie haben Lust, sie aufzulösen?« »Ja, wahrhaftig! Ist es möglich, dass Sie endlich doch einsehen lernten, welch ein Schatz des Wissens darin enthalten ist, eine gute Charade zu machen? Ich will mich bemühen, dieselbe aufzulösen und sollte ich Nächte hindurch darauf opfern, einen solchen Triumph zu erringen, ist doch der Höhepunkt alles erträumten Glücks! Ja, ich will Ihre Charade auflösen, theuere Eleonore!« »Warten Sie nur einen Augenblick.« »Sehen Sie,« sagte sie ganz leise zu mir, »dies ist der Augenblick einer vollständigen Rache. Ich will ihm einen Streich spielen, dessen Erinnerung noch in fünfzig Jahren mein Alter ergötzen soll.« Mehr sagte sie nicht; aber ein Blick, ein Kuss – Gerne gelehrig, gehorchte ich, ohne mir die geringste Einwendung zu erlauben. Sie hatte Zeit genug, sich wieder zu sammeln, ehe noch ihr Gemahl, der durchaus rathen wollte, aufgehört hatte zu wiederholen: »Mein Ganzes, obschon von zwei Personen gebildet, macht nur eins.« »Mein Herr,« versetzte die junge Frau, »ich muss Ihnen gewissenshalber etwas wichtiges mitheilen; nämlich meine Charade ist eine Art Räthsel, die zwei Worte hat. Ich erkläre Ihnen zum voraus, dass ich sie Ihnen nie sagen werde, und ich glaube, Sie werden sie nie errathen.« »Ich werde sie nicht errathen! ich will mich auf mein Zimmer verschließen und ich komme in einer halben Stunde zurück.« »In einer halben Stunde, es sei! dann werde ich aufgestanden sein.« Wirklich kam er in einer halben Stunde wieder. Neben der Gräfin sitzend, schlürfte ich in ihrem Boudoir eine große Tasse Chocolade, die ich diesmal ohne Umstände verlangt hatte. »Meine Damen, Sie wissen ja meine schönste Charade,« sagte Herr von Lignoll eintretend, »gestern hat man sie öffentlich getadelt. Man hat sie getadelt! Fräulein von Brumont, hätten Sie dies geglaubt?« »Ja, Herr Graf.« »Ja? Sie sagen ja?« »Ohne Zweifel der Neid.« »Der Neid, Sie haben Recht. Aber ich muss Ihnen einen sehr unangenehmen Umstand erzählen. Gestern noch wird in einem Kreise eine Charade vorgetragen, ich errathe sie; einer meiner Nachbaren findet es auch, wir sagen es zu gleicher Zeit; jedermann gratuliert meinem Nebenbuhler, und kein Mensch macht mir nur das geringste Kompliment. »Diese Ungerechtigkeit machte mir böses Blut, und es ist mir darüber ein gewisser Plan wieder eingefallen, den ich schon zwanzigmal im Kopfe hatte. Im Merkure de France, mein Fräulein, wird unter jede Nummer der Name, der Zuname, der Titel, der Name der Stadt und der Provinz des Verfassers gedruckt; und ich finde, dass man wohl daran thut, weil man die Talente nicht genug aufmuntern kann. Aber ist es nicht etwas Schreckliches, wenn ein Mann, der regelmäßig drei oder vier Tage in der Woche darauf verwendet, den Logogryphen, das Räthsel oder die Charade jeder Nummer aufzulösen, nicht einmal mit ein wenig Ruhm für seine Arbeit bezahlt wird? wahrlich das ist Undank, oder ich verstehe mich auf nichts. »Jetzt, mein Fräulein, hören Sie meinen Plan. Ich will den Redakteuren des Merkurs den Vorschlag machen, eine Subscription zu eröffnen, deren Ergebnis zum Drucke eines großen Anschlagzettels verwendet werden soll, der wöchentlich zu erscheinen hat und auf dem man den Namen Aller derjenigen lesen kann, die den Logogryphen, das Räthsel und die Charade der vorhergehenden Woche errathen haben.« »Sehr gut!« antwortete die Gräfin, »aber weil wir eben von Charaden sprechen, haben Sie die meine errathen?« »Noch nicht, Madame!« erwiderte er mit verwirrter Miene. Frau von Lignoll entgegnete sogleich: »Mein Herr, wenn es Ihnen gelingt, die zwei Worte zu finden, so verspreche ich Ihnen, bis Ihr großer Plan ins Werk gesetzt wird, Himmel und Erde in Bewegung zu setzen, damit meine Charade, ihre Auflösung, mein Name als Verfasserin, Ihr Name als der, welcher sie errathen, in den Merkur gesetzt wird, und ich will dem Publikum sogar zu erzählen suchen, wie und warum ich sie gemacht habe.« »Madame, was Sie mir da sagen, ermuthigt mich noch mehr ...« Das Geräusch eines Wagens, der in den Hof fuhr, unterbrach den Grafen. Ein Lakai meldete die Frau Marquise von Armincour. Sie trat hastig ein, gieng geradeaus auf ihre Nichte zu und sagte zu ihr: »Nun denn, mein Liebling, wie befindest Du Dich heute? Ist eine Veränderung bei Dir eingetreten, hast Du Dich mit Deinem Gemahl verständigt? – Kleine Schelmin, Du siehst erschöpft aus. Deine Augen sind matt, und ein glückstrahlender Ausdruck ist in Deinen Zügen sichtbar. Ich ahne, dass Alles im Reinen ist, ich verstehe mich darauf! Ich wünsche Dir von ganzem Herzen Glück, meine Kleine. Und Sie, Herr Graf, empfangen Sie mein Kompliment, schließen wir Frieden, umarmen wir uns. Muth! mein Liebling, Du gibst mir Hoffnung auf ein Enkelchen!« »Sie haben Recht, meine Tante, dies möchte wohl möglich sein; aber begrüßen Sie doch Fräulein von Brumont.« Während sich die Marquise mit mir beschäftigte, sah ich Herrn von Lignoll sich gegen das Ohr der Gräfin neigen. Ich gab mir den Anschein, als ob ich der würdigen Tante sehr aufmerksam zuhörte, zugleich aber vernahm ich ganz deutlich, wie der Ehemann zu seiner Frau sagte: »Madame, verschonen Sie mich, lassen Sie der Marquise ihre Vermuthung!« »Wie so, mein Herr, sind Sie mit mir nicht zufrieden?« »Im Gegentheil, meine angebetete Frau, ich danke Ihnen für Ihre Diskretion.« »Und ich sage Ihnen, Sie haben Unrecht, mein Herr Gemahl; diese Diskretion ist natürlich und nothwendig, Sie sind mir dafür keinen Dank schuldig.« Nach diesen Worten seiner Gemahlin kam Herr von Lignoll zu mir. »Mein Fräulein,« sagte er sehr zuvorkommend und artig zu mir. »Ich danke Ihnen, dass Sie die Güte haben, die Gräfin die zu jung ist, um gewisse Sachen zu verstehen, in diesem Falle zu belehren, es ist wirklich schwierig.« »Nicht doch, Herr Graf.« »Oh, gewiss, mein Fräulein! ich weiß nur zu gut, was es ist, und ich bin Ihnen wirklich für Ihre Gefälligkeit verbunden.« Um das allzu schöne Kompliment des Eheherrn zu belohnen, widerholte ich ihm Wort für Wort die zweideutige Antwort seiner Frau, so als ob ich ihr dieselbe eingelernt hätte: »Und Sie haben Unrecht, mein Herr Gemahl; diese Diskretion ist natürlich und nothwendig, Sie sind mir dafür keinen Dank schuldig.« Nach diesen gegenseitigen Höflichkeiten wurde die Unterhaltung allgemein, und von beiden Seiten wurde nichts mehr gesagt, was Erwähnung verdiente. Um zwei Uhr meldete man mir, dass jemand nach mir frage. »Er möge hereinkommen,« sagte die Gräfin. Ich stellte ihr vor, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach Herr von Valbrun sein werde. »Nun gut,« versetzte sie. »Er mag Sie hier sprechen.« »Das wird wohl nicht gehen, Madame, da er mir etwas sehr dringliches, warum ich ihn gebeten, mitzutheilen haben wird.« »So wollen wir Sie nicht zurückhalten, gehen Sie auf Ihr Zimmer, aber kommen Sie bald zurück.« Ich traf Herrn Valbrun in meinem Zimmer. »Guten Morgen, Herr Vicomte, wie dankbar bin ich Ihnen, dass Sie einen so innigen Antheil an meinen Angelegenheiten nehmen, wie beglückend ist es im Unglücke einen Freund zu finden, der uns die Hand reicht, um uns zu trösten.« »Guten Morgen, Herr Chevalier, wie konnte ich Ihnen diesen Dienst verweigern?« »Nun gut! der Brief an meine Schwester?« »Ich habe ihn ins Kloster bringen lassen.« »Der an meinen Vater?« »Ich habe ihn gestern selbst auf die Post getragen.« »Und meine Sophie?« »Die Baronin hat sie nicht gesehen; doch ist in dem Kloster, von dem Sie sprechen, ein Zimmer für Sie übrig.« »Gehen wir Vicomte, gehen wir!« »Wie gehen?« »Ja, sogleich.« »Haben wir nicht ausgemacht zu warten?« »Ich warte keinen Augenblick.« »Aber bedenken Sie doch die Gefahr, die Ihnen droht.« »Ich bedenke nichts.« »Die Möglichkeit eines Misslingens, die Gefahren!« »Ich kenne keine mehr, oh, meine geliebte Sophie, ich sollte das Glück, Dich zu sehen, um einen Tag verschieben?« »Und dennoch, mein lieber Chevalier, ist Aufschub nothwendig!« »Vicomte, wenn Sie mich nicht führen wollen, so gehe ich allein.« »Aber so nehmen Sie doch Vernunft an.« »Ich gehe allein. »Lieber tausendmal sterben, als sie heute nicht sehen.« »Chevalier von Faublas, und die Gräfin?« »Wovon sprechen Sie? was ist die Gräfin, wenn es sich um Sophie handelt?« »Und Ihre Feinde?« »Ich biete ihnen Allen Trotz.« »Es ist demnach keine Rücksicht, welche Sie aufzuhalten vermag?« »Keine Rücksicht, Herr Vicomte; und ich wiederhole Ihnen, wenn Sie mich verlassen, so gehe ich allein, der Dank, den ich Ihnen schulde, wird dadurch um nichts verringert.« »Da ich Ihre Entscheidung nicht ändern kann, so ergebe ich mich; aber ich bitte mir eine Gefälligkeit aus.« »Sprechen Sie, Herr Vicomte, und glauben Sie mir, dass ich Ihre Wünsche zu erfüllen trachten werde.« »Warten Sie wenigstens, bis es Nacht ist! »Hören Sie mich! in einer Viertelstunde speise ich mit der Baronin zu Mittag, um sechs Uhr führe ich dieselbe hieher. Sobald Sie mich ins Zimmer der Gräfin treten sehen, können Sie gewiss sein, dass mein Wagen am Thore auf Sie wartet. Gehen Sie auf der Hintertreppe hinab, dann kommen Sie zu mir und ich verspreche Ihnen, Sie werden bis ins Kloster gute Gesellschaft haben.« »Schlag sechs Uhr, Vicomte!« »Gewiss, Chevalier, ich gebe Ihnen mein Wort.« In dem Augenblick, wo Herr von Valbrun sich von mir verabschiedete, kam die Gräfin selbst zu mir. Die sehenswürdige allzusehr getäuschte junge Frau meinte ohne Zweifel, sie sei der Gegenstand meiner tiefen Träumerei, in die ich während des ganzen Mittagessens versunken war. Doch meine Gedanken und mein Herz weilten zu dieser Zeit allein bei meiner geliebten Sophie, meinem armen verlassenen Weibe, die sich gewiss sehnte an meinem Herzen zu ruhen, und von ihrem Gemahl eine sichere Befreiung aus ihrer unfreiwilligen Gefangenschaft erhoffte. Nach dem Dessert, als wir im Salon den Kaffee tranken, betrachtete ich mehrere Male die Gräfin, und immer begegneten meine Augen den ihrigen. Meine Blicke wurden endlich unwillkührlich von so vielen Reizen gefesselt. Welche Lebhaftigkeit, welche Frische! die schöne Haut, der süße Mund, der mir so lieblich zulächelte; ach! reizendes Wesen, Du gabst Dich in wahrer Liebe mir hin. Du verdienst nicht schon am ersten Tage verlassen werden. Diese Betrachtungen waren die ganz einfache Wirkung eines zu natürlichen Mitleids, als dass jemand es tadeln könnte; aber unglücklicher Weise ruft in der Lage, in welcher ich mich befand, eine Betrachtung eine Idee hervor, auf die schnell eine Andere folgt, und so geschieht es häufig, dass gerade das, was seinem Prinzip nach gut war, in seinen Folgen tadelnswert wird. Ich näherte mich der Gräfin und mich gegen ihr Ohr neigend, sagte ich ganz leise zu ihr: »Könnte ich Sie nicht allem einen Augenblick in Ihrem Boudoir sprechen, schöne Freundin?« Frau von Lignoll stand auf. »Die Frau Marquise,« sagte sie zu ihrer Tante gewendet, »erlaubt wohl, dass ich sie auf einen Augenblick verlasse?« »Ja, ja!« antwortete Frau von Armincour. »Ich weiß wohl, dass die jungen Damen immer Geheimnisse haben.« »Gut, wissen Sie, was diese Damen machen werden?« fiel der Graf mit einem beinahe spöttischen Gelächter ein; »eine Charade in Prosa!« »Ei, mein Herr,« versetzte die Gräfin, »welche ironische Freude, welche Bitterkeit. Sie haben bis jetzt noch nicht errathen, wie mir scheint, und haben deshalb kein Recht, sich auf unsere Kosten lustig zu machen, oder sich zu ärgern.« Indes riefen meine Wünsche sehnlich das Ende des Tages herbei und die Nacht säumte lange. Sie kam; ich zitterte vor Freude; man meldete die Baronin an, ich hatte kaum die Kraft meine Bewegung zu verbergen, meine Beine trugen mich kaum, denn es fehlte mir an Beherrschung, meiner Gönnerin eine leichte Verbeugung zu machen; aber sobald die äußerste Aufregung sich gelegt hatte, schlug ich den Weg nach meinem Zimmer ein. Ich hatte mir geschmeichelt, die Gräfin, welche der Baronin die ersten Komplimente machte, würde mein Fortgehen nicht bemerken; aber keine Bewegung des geliebten Gegenstandes entgeht dem wachsamen Auge einer Liebenden. Frau von Lignoll sah mich hinausgehen und rief: »Sie gehen, Fräulein von Brumont?« »Ja, Madame!« »Aber Sie kommen bald wieder, hoffe ich?« »Oh! ja, Madame, ich werde wiederkommen, ja, ich werde suchen – ja, Madame, so bald als möglich.« Ich gestehe, dass meine Stimme unterbrochen war, und dass ich zitterte, als ich dieses verhängnisvolle Lebewohl zu ihr sagte. Arme Kleine! Fünf Minuten später komme ich im Kloster, dieser ersehnten Zufluchtsstätte, an. Eine Nonne öffnet mir das Thor und fragt mich, wer ich sei? »Die Witwe Grandval.« »Ich will Sie auf Ihr Zimmer führen.« »Nein, meine Schwester, sagen Sie mir, wo sind jetzt alle Zöglinge versammelt?« »Zum Ave, meine Schwester.« »Wo wird das Ave gesprochen?« »Aber in der Kapelle!« »Und die Kapelle?« »Ist vor Ihnen.« Ich eilte in die Kapelle, und mein unruhiger Blick umfasst den ganzen Raum. Viele Frauen knieen betend und in Andacht versunken, eine von ihnen besonders. Mein Herz ist bewegt und droht meine Brust zu sprengen, so ungestüm pocht es. Dies sind ihre langen braunen Haare, ihre feine Taille, ihre zauberischen Reize. Ich gehe einige Schritte nach vorwärts, ich sehe sie! großer Gott! Faublas, glücklicher Gatte, bemeistere die Gewalt dieses ersten Entzückens. Ich gehe sachte und kniee mich dicht an ihrer Seite nieder. Frau von Faublas war so in Gedanken versunken, dass sie es nicht bemerkte, als eine fremde Person Platz neben ihr nahm. Ich hörte das glühende Gebet, das sie zum Himmel sandte. »Großer Gott!« betete sie, »es ist wahr, dass ich eine strafbare Geliebte war; aber Du hast mir gestattet, seine rechtmäßige Gattin zu werden. Ich glaubte, dass diese lange Abwesenheit die Schwäche eines Augenblicks genug gestraft hätte. Wenn jedoch Deine Gerechtigkeit unbeugsam ist, wenn Du in der erhabenen Strenge Deiner Gerichte beschlossen hast, dass mein Vergehen nur durch ewige Trennung gesühnt werden könne; Allmächtiger Gott, Gott der Güte, der Du auch in der Züchtigung Dein unendliches Mitleid kund zu thun liebst, erinnere Dich, dass ich sterblich bin, beschleunige mein Ende, nimm mein Leben! ein schneller Tod wird große Wohlthat für Dein Opfer sein; und wenn Du seinen letzten Wunsch erfüllen willst, so wirst Du erlauben, dass ich noch in meiner letzten Stunde meinen Gatten einmal, nur einmal noch sehe! Du wirst erlauben, dass Faublas mein sterbendes Augenlid schließt und meinen letzten Seufzer empfängt.« Ich hörte ihr Gebet; meine erste Bewegung war, mich vor sie zu stürzen und mich ihr erkennen zu geben. Dennoch behielt ich Geistesgegenwart genug, um einzusehen, dass eine auffallende Scene uns zu Grunde richten würde. Ich besaß Muth genug, um meine Ungeduld zu mäßigen und meine Freude zurückzuhalten. Ich sagte mir: bis der Gottesdienst vorüber und meine Sophie allein sein wird, will ich mich, bevor ich mich ihr entdecken kann, in dem Glücke, sie zu bewundern, berauschen. Das Ave ist vorüber, Sophie steht auf und sieht mich nicht, weil sie ganz in ihrem Schmerz hingegeben, keinen der Gegenstände und keine der Personen sieht, von denen sie umgeben ist. Ich richte meine Schritte nach den ihrigen ein und folge ihr langsam von hinten. Sie ist soeben aus der Kapelle getreten und will über den Hof gehen. Im Augenblick, wo ich den Fuß hinaussetze, umringen mich mehrere Männer, die plötzlich aus einem Versteck hervorbrechen, und werfen sich auf mich. Die Überraschung und der Schrecken pressen mir einen Schrei aus, einen verzweifelten Schrei, der in Sophiens Ohren wiederhallt. Meine Gattin hat meine Stimme erkannt, sie drehte sich um, allzu früh ohne Zweifel, da sie mich noch bemerken kann. Ich selbst höre sie eine nutzlose Klage an mich richten; ich sehe sie die Arme gegen mich ausstrecken, ich sehe sie mitten unter den erschreckten Frauen, die sie umgeben, zu Boden sinken! Ach! wo sind meine Waffen? wo sind meine Freunde? Ich werde durch die Anzahl der Häscher überwältigt, sie schleppen mich hinweg von meiner Gattin, die ich vor meinen Augen bewusstlos hinsinken sah! Grausamer Gott! unbarmherziger Gott! hattest Du das Gebet gehört, das sie soeben an Dich gerichtet? Vergebliche Ereiferung einer unmächtigen Wuth! nichts kann mich retten. Abermals öffnen sich mir die Thore dieses Klosters, in das ich verwegen getreten bin! man hat mich in einen Wagen geworfen, der plötzlich abfährt und nicht sehr lange rollt. Ich höre unendlich viele Thüren in ungeheuern Angeln knarren; ich sehe ein festes Schloss, die Zugbrücke wird vor mir niedergelassen, ich trete in einen massiven Thurm, dekoriertes Militärs empfangen mich daselbst – ach! ich bin in der Bastille. Ende der sechs Wochen. Ende der Liebesabenteuer des Chevalier Faublas. Ach, ich bin in der Bastille! ... Ich brachte beinahe den ganzen Winter, vier Monate, vier volle Monate darin zu. Man hat es schon tausendmal geschrieben und doch muss ich es noch einmal schreiben. (Es war im Juli 1788, als ich so meine Klagen mit denen aller Bürger vermischte. Wie hätte ich damals ahnen können, dass im Juli 1789 die Bastille in weniger als drei Stunden von meinen wackern Landsleuten im Sturm genommen werden sollte? wie hätte ich die reißenden Fortschritte der Revolution ahnen können?) Alle Widerwärtigkeiten sind an diesem Orte des Jammers vereinigt, und von allen Widerwärtigkeiten die trostloseste, die Langeweile, die fürchterliche Langeweile wacht hier Tag und Nacht neben der Unruhe und dem Schmerz. Ich glaube, der Tod würde diesen Ort bald allein bewohnen, wenn man der Hoffnung verwehren könnte einzudringen. O, mein König! der Tag, wo Du in Deiner Gerechtigkeit diese unglückseligen Gefängnisse zerstören lassen wirst, wird für Dein Volk ein Tag der Freude sein. Die Sonne, die vielleicht seit mehr als zwei Stunden die übrige Welt beleuchtete, begann für uns unglückliche Gefangene kaum zu erscheinen. Kaum traf einer ihrer schwächsten Strahlen in schräger Richtung die erste Hälfte des engen länglichen Dachfensters, das in der dicken Wand einer ungeheuern Mauer angebracht war; meine Augen, die seit langer Zeit keine Thränen mehr hatten, meine müden Augen wollten sich auf einige Minuten schließen. Ich hörte auf, Sophie oder den Tod herbeizurufen. Plötzlich höre ich meine dreifache Thüre sich öffnen und der Gouverneur tritt herein mit dem Rufe: »Freiheit! Freiheit!« Wie kann ein Unglücklicher, der nur seit einigen Tagen in einem der am wenigsten schrecklichen Kerker der Bastille eingesperrt war, dieses Wort hören, ohne vor Freude zu sterben? wie habe ich das Übermaß der meinigen ertragen können? Ich weiß es nicht; aber was ich gut weiß, ist, dass ich mich ganz nackt aus meinem Kerker hinausstürzen wollte, als man mir begreiflich machte, dass ich mir zum wenigsten die Zeit nehmen müsse, um mich anzukleiden. Nie erschien mir eine Toilette länger, und dennoch geschah sie nie schneller. Ich bedurfte weniger Zeit, um die erste Thür zu erreichen. Als sich dieselbe öffnete, lief mein Vater mir entgegen. Mit welchem Entzücken umarmte ich ihn! mit welcher Freude schloss er mich in seine Arme! Nachdem er mir die sanftesten Vorwürfe machte, nachdem er mir die zärtlichsten Liebkosungen ertheilte, hörte der Baron auf die dringliche Frage, die ihm ein unruhiger Gatte wiederholte. »Deine Sophie,« sagte er mir, »ich wollte sie Dir zurückgeben können; aber eine reizende Frau, welche für Dich das lebhafteste Interesse fühlt, nimmt den innigsten Antheil an Allem, was Dich betrifft...« Ich glaubte, der Baron spreche von der Marquise von B...; ein tiefer Seufzer hob meine Brust. Wer sich an Alles erinnern wird, was die Marquise für mich gethan und gelitten hat, der wird mir diesen Seufzer verzeihen. Ich weiß nicht, ob mein Vater überrascht war, ihn zu hören; aber er schwieg einige Augenblicke und betrachtete mich sehr aufmerksam; dann fuhr er fort: »Diese Dame, die sich für Alles, was Sie betrifft, sehr lebhaft interessiert, hat mir gesagt ...« »Sie haben sie gesehen, mein Vater, Sie haben sie gesprochen?« »Ja, ich habe sie gesprochen.« »Nun gut, nicht wahr, sie ist ein Engel?« »Ich gebe es zu.« »Und Sie glauben, dass sie sich sehr interessiert?« »Für Sie, mein Sohn, ja, ich glaube es.« »Mein Vater, sie hat Ihnen gesagt ...?« »Daß Frau von Faublas sich am Tage nach Ihrer Verhaftung genöthigt gesehen hat, ihr Kloster zu verlassen; niemand hat entdecken können, an welchen Ort Lowzinski sie verborgen hat.« »Oh! theuere Gattin! Oh! in welchem Zustande sie war, als die Soldaten mich umringten und durch ihre Übermacht mich bewältigten. Ich sah sie hinfallen, ohnmächtig, sterbend. Ach! wenn meine Sophie nicht mehr lebt, so ist für mich Alles vorüber.« »Verbanne diesen unseligen Gedanken, mein Sohn. Gewiss, Deine Gattin ist nicht todt, sie lebt, um Dich zu lieben. Am Tage, als sie ihr Kloster verließ, schien sie sehr verzweifelt zu sein. Nein, fürchte nichts für Deine Frau.« »Sie beruhigen mich. Sie trösten mich, wir werden sie wieder finden.« »Ich wünsche es ernstlich, doch könnte ich es nicht zu versichern wagen. Ich habe lange Nachsuchungen angestellt, wir werden neue vornehmen; aber ich gestehe Dir, mein Sohn, dass ich anfange am Erfolg zu verzweifeln.« »Wie, mein Vater, sie lebt, ich bin frei und ich sollte sie nicht wieder finden? ah! ich werde sie wiederfinden, seien Sie versichert, dass ich sie wiederfinden werde.« Indes fuhr unser Wagen vorwärts. Wir hatten bereits die Höfe der Bastille hinter uns und waren nahe an dem Thor Saint-Antoine, als ein Bedienter zu Pferd unserem Kutscher einen Wink gab, anzuhalten, und mir einen Brief zustellte mit den Worten: »Dies von meinem Herrn hier!« Er zeigte mir einen jungen Mann, der eben nahe an unserem Wagen sein Roß tummelte. Trotz des runden Hutes, womit der junge Cavalier seine Augen beinahe bedeckt hatte, erkannte ich den Vicomte von Florville, ich erkannte den eleganten englischen Frack, womit er sich in glücklichern Zeiten kleidete, das eine Mal, um in das Zimmer des Chevalier Faublas zu kommen, das andere Mal, um Fräulein Duvortail nach dem kleinen Hause in Saint-Cloud zu begleiten. Ich stürzte mich an den Kutschenschlag und rief: »Sie ist's!« Der Baron hielt mich zurück, mich ermahnend: »Mein Freund, Sie werden hinausfallen.« Der Vicomte beehrte mich mit einem freundlichen Lächeln, grüßte mit der Hand und sprengte im Galopp davon. Entzückt, ihn wieder zu sehen, konnte ich meine Freude nicht mäßigen und rief unaufhörlich: »Sie ist's! Mein Vater, sie ist's!« »Wer, sie?« »Sie. mein Vater, diese reizende Frau, von der wir soeben sprachen. Sehen Sie!« Ich hatte des Barons Hand ergriffen oder zu ergreifen geglaubt, und zog sie so heftig an mich, dass ich seine Manchetten zerriss. »Wenn Sie wollen, dass ich nach ihr sehe, so bleiben Sie doch ein wenig ruhiger,« sagte er zu mir. »Wo sehen Sie sie denn?« »Hier unten! Sie ist schon ziemlich weit; aber Sie können ihr hübsches Pferd und ihr reizendes Kleid noch unterscheiden.« »Wie! kleidet sie sich zuweilen als Mann?« »Oft, mein lieber Vater!« »Und sie reitet?« »Gut, sehr gut, mit unendlicher Anmuth und Gewandtheit!« »Sie sind besser unterrichtet als ich,« antwortete der Baron, etwas ärgerlich, wie mir schien; »ich wußte das nicht.« »Mein Vater, erlauben Sie, dass ich lese, was sie mir schreibt?« »Ja, und sogar laut, wenn es sein kann; Sie werden mich verbinden.« Ich las laut: »Bis das unglückselige Duell ganz vergessen ist, mein Herr, können Sie sich ebenso wenig, als Ihr Herr Vater, der wohl daran gethan hat, seinen Namen, den er in Luxemburg angenommen, beizubehalten, unter dem Namen Faublas zeigen. Nennen Sie sich Chevalier von Florville, wenn Ihnen dies nicht unangenehm ist und wenn Sie sich zuweilen gerne einer Freundin erinnern, deren Bemühungen Sie Ihre endliche Befreiung verdanken.« »Ich wusste wohl, dass sie Schritte that,« unterbrach mich der Baron, »aber sie hoffte nicht auf so schnellen Erfolg. Ich habe erst diesen Morgen die glückliche Nachricht von Ihrer nahen Freiheit erhalten, und zwar durch einen Brief von unbekannter Hand. Lesen Sie weiter, mein Sohn!« »Diesen Abend werden wir einen Augenblick mit einander plaudern können; diesen Abend werden Sie einen Besuch von Frau von Montdesir erhalten, und Sie werden thun, was diese Ihnen sagt. – Verbrennen Sie dieses Billet.« Der Baron fragte mich lebhaft, wer diese Frau von Montdesir wäre. Ich antwortete, dass ich nichts von ihr wusste. »Es ist immer etwas Bizzares und Dunkles in Allem, was Ihnen begegnet,« versetzte er mit Ungeduld. Übrigens werde ich noch heute Abend den Schlüssel zu diesem Räthsel haben.« »Heute Abend, mein Vater?« »Ja, heute Abend werden wir dieser Dame in ihrem eigenen Hause unsern Dank abstatten.« »In ihrem eigenen Hause! aber ich kann mich dort nicht blicken lassen!« »Warum denn?« »Weil ihr Gemahl –« »Konnte ihr Gemahl es übel aufnehmen? aber er ist ja todt, ihr Gemahl.« »Er ist todt?« »Doch ja, er ist todt. Sie, der von Allem, was sie betrifft, so gut unterrichtet scheint, wie kommt es, dass Sie dies nicht wissen?« »Fragen Sie mich vielmehr, wie ich es wissen sollte, mein Vater. Er ist todt – dies thut mir wahrhaftig leid. Der arme Marquis von B...! offenbar starb er an den Folgen seiner Wunde; ich werde mir dies immer vorzuwerfen haben.« Mein Vater hörte mich nicht, weil unser Wagen soeben vor einem Kloster in der Straße Croix-des-Petits-Champs, nahe an dem Vendomplatz angehalten hatte. »Sie werden Ihre Schwester sehen,« sagte der Baron zu mir. »Ah! meine theuere Adelheid!« »Ich habe sie hierher gebracht,« fuhr mein Vater fort, »damit sie mehr in unserer Nähe ist; Sie werden sogleich und ohne Zweifel bemerken, dass Sie von den Fenstern des Hotels, das ich bewohne, Ihre Schwester sehen können, wenn sie sich in ihren Erholungsstunden im Klostergarten ergeht. Sie sehen ein, dass ich unmöglich länger in der Universitätsstraße wohnen konnte, und dass ich nothwendig ein anderes Stadtviertel wählen musste, als das der Vorstadt Saint-Germain. Folgen Sie mir, mein Freund! wir werden Adelheid mitnehmen, es wird ihr Vergnügen machen, mit uns zu Mittag zu speisen.« Als wir erschienen, kam sie sogleich ins Sprechzimmer. Um wie viel war sie während der mehr als fünf Monate, da ich sie nicht gesehen, schöner geworden! ich fand sie noch weit besser gebaut und gewachsen, größer und hübscher. Dies liebenswürdige Mädchen musste durch ihre Nähe jeden bezaubern und eine unauslöschliche Neigung einflößen. Ich hielt ihre Hand, die ich mit meinen Thränen benetzte; ihre Thränen fielen auf meine Hand und mein Vater verschwendete an uns beide tausend süße Liebkosungen. Doch mich umarmte er am öftesten. »Sei deshalb nicht eifersüchtig!« sagte er zu meiner Schwester, die mit ihrer bekannten Natürlichkeit eine Bemerkung darüber machte; »erlaube, dass ich ihn heute ein wenig mehr liebe als Dich. Seit mehr als sechs Monaten vielleicht leide ich und bin unruhig, und nicht Du bist es, die mir Kummer macht.« Um diesen gerechten Vorwurf zu versüßen, drückte mich der Baron mehrere Male zärtlich an seine Brust. Vom Kloster aus kamen wir in weniger als einer Minute in unser Hotel, wo mich mein Vater sogleich in den Besitz des Zimmers setzte, das er für mich bestimmt hatte. Ich war entzückt, den treuen Jasmin in meinem Vorzimmer wieder zu finden; aber nicht ohne Kummer konnte ich in meinem kleinen Schlafzimmer ein einziges schmales Bett sehen. »Oh, mein Vater, Sie haben den Chevalier Faublas so logiert, als müsste er noch lange als Witwer seufzen; das ist also mein Zimmer des Cölibats.« Statt aller Antwort öffnete mir der Baron eine anstoßende Thüre. Nachdem ich mehrere geräumige Gemächer durchschritten, trat ich in ein schönes Zimmer, wo sich zwei Alkoven und zwei Betten befanden. Ich that einen Freudenruf. »Das ist der Tempel des Hymens; hierher wird die Liebe meine Gattin zu mir zurückführen; mein Vater, ich werde dieses Zimmer nur mit Sophie bewohnen. Bis mir meine Frau zurückgegeben ist, werde ich in diesem andern, so traurigen Zimmer verweilen; niemand wird dieses betreten, niemand! keine dieses Ortes minder würdige Schönheit wird ihn durch ihre Gegenwart entweihen. Und dieses Boudoir, wie hübsch ist es, wie galant! sobald meine Sophie ein einziges Mal hierher gekommen sein wird, meine Huldigungen zu empfangen, so wird dieses Boudoir nicht mehr existieren; es wird ein wahrer Tempel, ein Heiligthum sein; ich werde mich dem Altar nie anders als mit heiliger Ehrfurcht nähern ...« Der Altar war ein prachtvoll schwellendes Ruhebett; er näherte sich demselben und sprach: »Ja, meine Sophie, ich schwöre es Dir, nie wird eine Sterbliche in dieses Heiligthum treten, wo meine Huldigungen Dich erwarten! ja, ich schwöre es abermals, sie allein wird hier angebetet werden, die Göttliche, die meine feurigsten Wünsche täglich hierher rufen werden!« Während er diesen doppelten Schwur that, dachte der Chevalier von Florvill nicht im entferntesten daran, dass noch vor Ende des Tages ein großer Skandal an diesem Orte vorgehen würde. Mein Vater zeigte mir, dass man von dem Boudoir in ein Toilettenzimmer kam, und von dort in einen Korridor, an dessen Ende sich eine geheime Treppe fand. Nicht ohne Mühe riss man mich aus dem Zimmer meiner Frau; der Baron musste, ehe er mich vermögen konnte, in das seinige zu gehen, über die zärtlichen Worte lächeln und die süßen Liebkosungen bewundern, womit ich die kleinen Möbel des reizenden Boudoirs eines nach dem andern beehrte. Ich weiß nicht, wie es kam, dass mehrere Stunden verstrichen, ohne dass ich der Frau von B... auch nur eine Erinnerung widmen konnte, ohne dass ich einen Augenblick fand, um meinen Vater über die neuen Verhältnisse dieser Witwe zu fragen, die mir so theuer war. Bei dem Geräusch eines Wagens, der soeben in den Hof des Hotels hereinfuhr, eilte mein Vater an das Fenster und kam dann zu mir zurück und sagte zu mir: »Mein Sohn, sie ist's! obgleich sie recht gut wusste, dass Sie hier sein würden, so habe ich es ihr doch sagen lassen; sie kommt offenbar, um bei uns Mittag zu speisen.« Ich wollte mich auf die Treppe stürzen, der Baron hielt mich zurück. »Mein Freund, Sie werden nicht im Vorzimmer Ihren Dank abstatten; mir kommt es zu, sie zu empfangen.« »Mein Vater!« »Mein Sohn, Sie bleiben hier, ich will es!« Er gieng hinaus und kam sogleich wieder zurück. Ich erwartete die Marquise von B... erscheinen zu sehen; und nun war es die Baronin von Fonrose, die eintrat. Mein bereits sehr großes Erstaunen stieg auf's höchste, als ich sie in Begleitung einer kleinen hübschen Brünette sah, die, schnell wie der Blitz, in meine Arme stürzte. Als sie mich mehreremal umarmt und ihren lieben Freund genannt, bemerkte sie erst, dass noch zwei Personen da seien, die sie nicht kannte, und die sehr überrascht über ihre unmäßige Freude, sowie über ihre noch unmäßigere Lebhaftigkeit, ihr stillschweigend zusahen und ungeduldig zu warten schienen, bis sie zu Ende wäre. »Verzeihen Sie,« sagte sie zu meinem Vater, ihn begrüßend, »ich hatte Sie nicht bemerkt; aber es ist nicht meine Schuld, denn Sie müssen wissen, ja, ich will es gestehen, dass ich von Natur aus etwas zu rasch bin.« Und ohne des Barons Antwort abwartend, fragte sie mich, auf Adelheid deutend, wer diese junge Dame wäre. Sobald ich ihr geantwortet, dass es meine Schwester sei, lief sie auf sie zu und umarmte sie mit den Worten: »Mein Fräulein, ich bin sehr erfreut, dass Sie so nahe mit ihm verwandt sind, denn ich finde sie sehr hübsch.« Meine liebe Adelheid, äußerst verwirrt, konnte kein Wort vorbringen; aber ich hörte, dass mein Vater, der sich kaum von seiner ersten Überraschung erholte, ganz leise Frau von Fonrose bat, ihm den Namen dieser jungen Dame zu sagen, die er wirklich etwas zu leidenschaftlich fand. Die Baronin antwortete laut: »Es ist eine meiner liebsten Freundinnen; ich glaube, Ihnen zuweilen von der Gräfin Lignoll gesagt zu haben.« Mein Vater richtete das Wort an die Gräfin: »Es scheint mir, dass mein Sohn die Ehre hat, mit Madame bekannt zu sein?« »Sehr, mein Herr!« sagte sie. »Ja, sehr!« wiederholte die Baronin lachend, »sie haben Charaden mit einander gemacht.« Alle hatten sich gesetzt, die Gräfin gab mir ein Zeichen, neben ihr Platz zu nehmen; ich wollte dies thun. »Tollkopf, der Sie sind!« sagte er zu mir, dann mich der Frau Fonrose vorstellend: »Empfangen Sie, Frau Baronin, den Dank meines Sohnes.« »Ich muss gestehen, dass er mir welchen schuldig ist,« antwortete sie; »ich habe ihm schnell eine hübsche Dame wieder gebracht, für die er ohne Zweifel einige Freundschaft hat.« »Aber,« versetzte er, »es handelt sich nicht bloß davon.« »Sie haben Recht; er ist mir auch dafür verpflichtet, dass ich ihm ihre Bekanntschaft verschafft habe. Auch habe ich heute früh sogleich die Gräfin aufgesucht, sobald ich durch Sie erfahren hatte, dass der Chevalier sein Gefängnis verlassen habe; aber ich hoffe, dass Sie es wussten, ehe ich es Ihnen sagen ließ.« »Nein!« »Wie? nicht? haben Sie nicht Schritte gethan, um die Freiheit des Chevaliers auszuwirken?« »Ich habe welche gethan, es ist wahr.« »Verdankt er nicht Ihnen seine Befreiung?« »Auf Ehre, ich glaube nicht!« »Madame, Sie setzen mich in Erstaunen,« rief er etwas ärgerlich; »warum sich der Erkenntlichkeit des Vaters entziehen, während Sie die des Sohnes wünschen?« »Während ich die des Sohnes wünsche? erklären Sie sich, mein Herr!« »Nun ja! Madame, Sie machen mir ein Geheimnis aus Ihren glücklichen Bemühungen, während Sie nichts Eiligeres zu thun hatten, als den Chevalier davon in Kenntnis zu setzen.« »Sagen Sie mir, mein Herr,« versetzte sie ungeduldig, »wie ich den Chevalier davon in Kenntnis setzen konnte, da ich –« »Wie Sie ihn in Kenntnis setzen konnten? durch einen Brief, den Sie ihm diesen Morgen geschrieben haben. »Einen Brief, den man ihm in dem Augenblick zugestellt hat, wo wir zu dem Thore Saint-Antoine hereinfuhren, und in welchem Sie ihm den Namen Florville zu geben beliebten!« »Den Namen Florville!« »Und worin Sie ihm noch für den Abend den Besuch einer gewissen Frau von Montdesir ankündigen.« »Es ist mir sehr lieb, dass Sie mir diesen Namen sagen. Indes gestehe ich Ihnen, mein Herr, ich erwarte mit einiger Ungeduld, dass Sie diesem langen Scherz gefälligst ein Ende machen.« »Dies hängt ganz von Ihnen ab, Madame; gestehen Sie einfach –« »Wie, mein Herr! alle die Träumereien, die Ihnen durch den Kopf gehen –!« »Gestehen Sie einfach,« fuhr er in gereiztem Tone fort, »gestehen Sie, dass Sie geduldig am Eingange des Boulevards postiert, einen Blick vom Chevalier erwarteten.« »Wenn der Herr Baron nicht scherzt, so hat er den Verstand verloren.« Ich brauchte nur ein Wort zu sagen, um die Sache aufzuklären; allein ich durfte die Marquise nicht bloßstellen und mir keinen Zank mit der Gräfin bereiten. Was thun? Ich sah, wie der Baron, der sehr heftig war, bereits sehr unruhig zu werden anfieng, und bei der Beschuldigung der Baronin mit gereiztem Tone sagte: »Worüber ich mich wundere, ist, dass Sie für nöthig hielten, mit verhängten Zügeln davon zu sprengen, als ich Ihnen nachsehen wollte.« »Mit verhängten Zügeln!« »Der Ausdruck ist vortrefflich!« »Im Galopp! wenn Sie lieber wollen.« »Dieser ist nicht minder gut.« »Ohne Zweifel!« rief er mit äußerster Lebhaftigkeit; »mit Erlaubnis, Sie saßen ja doch zu Pferde und in Kavalierskleidern.« »Ich diesen Morgen, auf dem Boulevard zu Pferde und in Kavalierskleidern? ich? mein Herr! wissen Sie wohl, was Sie sagen?« »Ah! dies ist zu stark! Madame, man hat Sie gesehen.« »Wer, mein Herr, wer hat mich gesehen?« »Mein Sohn.« »Er? das ist ja unmöglich, sage ich Ihnen.« »Er selbst, Madame!« »Nun gut, so berufe ich mich auf seine Aussage.« »Sprechen Sie, Chevalier, haben Sie mich gesehen?« Ich antwortete: »Nein, Madame!« »Wie nicht?« rief Herr von Belcourt. »Haben Sie mir nicht gesagt –?« »Mein Vater, wir haben uns falsch verstanden; als Sie glaubten, es sei von Madame die Rede, sprach ich von einer andern Person.« »Von wem denn?« »Erlassen Sie mir eine nähere Erklärung, die meine Ehre mir verbietet.« Jetzt erhob sich die Gräfin mit vieler Lebhaftigkeit und sagte zu mir: »Ich will es wissen, ich!« Lachend wiederholte ich: »Sie wollen es wissen?« »Ja,« versetzte sie, »ich will wissen, welche Frau so große Eile hatte, Sie heute früh auf Ihrem Wege abzupassen und Ihnen zu schreiben.« »Sie wollen es wissen?« »Ja, mein Herr.« »Wie ernstlich!« fuhr ich mit scheinbarer Verwunderung fort, »Sie wollen, dass ich sage –?« »Oh, wie machen Sie mich so ungeduldig! ja, ich will es.« »Durchaus, Madame?« »Doch, ja!« »Sie verlangen es?« »Ich verlange es.« »Wenn ich Ihnen gehorche, werden Sie nicht böse sein?« »Nein, mein Herr, ich habe Ihnen schon gesagt, ich verlange es.« »Aber, Madame, besinnen Sie sich wohl.« »Ich verliere die Geduld.« »Aber ich muss es doch wenigstens Ihnen allein sagen und leise!« »Welche Pein! nein, mein Herr, laut werden Sie es sagen und vor jedermann.« »Sie erlauben es?« »Offenbar, denn ich befehle es.« »Sie befehlen es, gut denn, Sie haben gewiss Ihre Gründe?« »Ohne Zweifel habe ich sie.« »Gut, so will ich es sagen, (zu dem Baron und der Baronin, auf die Gräfin zeigend:) Madame war es.« »Das ist nicht wahr!« rief sie aus. »Sie glauben also, ich hätte Sie nicht erkannt, Frau Gräfin?« »Ich schwöre Ihnen, dass ich es nicht war.« Ich erwiederte, sie wäre es gewesen; ich behauptete es mit solcher Zuversicht und Unbefangenheit, dass mein Vater es fest glaubte. Selbst die Baronin ließ sich täuschen. »Es ist wahr,« sagte sie zur Gräfin, »dass Sie zuweilen Mannskleider anziehen, und dass ich Sie heute früh nicht zu Hause getroffen habe, als ich Sie besuchen wollte. Ich habe beinahe eine Stunde auf Sie gewartet.« Frau von Lignoll war trostlos, trostloser als ich beschreiben kann, sie rief beständig: »Ich bin bei meiner Tante, der Marquise von Armincour, gewesen; ich habe mein Leben noch nie ein Pferd bestiegen; ich wusste nicht, dass der Chevalier sobald seine Freiheit erhalten sollte.« Sie betheuerte beständig, es nicht gewesen zu sein, niemand schien ihr zu glauben; und ich, fortwährend mit einer unerschütterlichen Kaltblütigkeit gewaffnet, die ganz geeignet war, ihre lebhafte Ungeduld zu verdoppeln, antwortete beständig: »Ah! ich habe Sie wohl erkannt!« Ich glaube wahrhaftig, die Gräfin hätte mich zum Fenster hinausgeworfen, wenn ich so grausam gewesen wäre, ihr das einzige Vergnügen zu nehmen, wodurch ihre kleine Wuth etwas beschwichtigt werden konnte, indem ich sie verhindert hatte, mich in die Arme zu zwicken und ihren Fächer auf meinen Fingern zu zerschlagen. »Sie grollen, Madame? hatte ich es nicht gesagt? ich habe dies vorausgesehen, als ich mich weigerte. Warum nöthigten Sie mich auch zu sprechen?« »Wie, mein Herr, konnte ich ahnen –?« »Dass ich Sie nennen würde? ah! so ist es also. Sie drangen deswegen so in mich, damit ich eine andere Person nennen sollte? warum habe ich dies nicht gemerkt? wahrlich, ich habe Unrecht, ich habe sehr Unrecht! welche Tölpelhaftigkeit von mir!« So sprechend dämpfte ich absichtlich meine Stimme, sprach aber deutlich genug, dass es Alle verstehen konnten. Dieser letzte Kniff brachte sie vollends zur Verzweiflung; sie hätte mich in allem Ernste geschlagen, wenn ich nicht Reißaus genommen hätte. Ich lief bis in das Zimmer meiner Sophie, bis in ihr Boudoir, ein Asyl dort zu suchen, das ich sicher zu finden glaubte. Ich täuschte mich, Frau von Lignoll drang fast zu gleicher Zeit mit mir darin ein. Zu unbesonnen dachte ich nur an das Vergnügen, sie an diesem trauten Orte zu sehen, wo ich auf ihren Zorn die Liebe folgen lassen konnte. Ich nahm sie in meine Arme und sagte in zärtlichstem Tone zu ihr: »Da Sie mir versichern, dass Sie es nicht waren, so muss ich Ihnen schon glauben; indes hätte ich mein ganzes Vermögen darauf gewettet, dass mir diesen Morgen Frau von Lignoll in der Nähe des Boulevards begegnet sei. Schöne Gräfin, dieser Irrthum meiner Augen, dieser Irrthum, worüber Sie sich betrüben, was beweist er? nichts anderes wahrhaftig, als dass beständig von Ihrem Andenken erfüllt, der Geliebte, der Sie anbetet, überall nur Sie sieht.« »Nun gut, dieser Grund lässt sich hören,« antwortete die Gräfin sogleich befriedigt; »warum sagten Sie es nicht früher? dann hätte ich mich nicht geärgert.« Sie umarmte mich. Von meinen zwei Schwüren war der eine bereits vollständig vergessen, da Frau von Lignoll in dem Boudoir blieb, in das ich sie allzuleicht hatte kommen lassen. Den andern Schwur, ich muss in aller Demüthigung gestehen, war ich im Begriff ebenso gewissenlos und vielleicht ebenso schnell zu brechen, als plötzlich Frau von Fonrose hereinkam und verhinderte, dass mich derselbe Augenblick von einem doppelten Meineid belastet sah. »Allons, Kinder!« sagte sie, die Thüre öffnend, »was wollen Sie da machen? Sie sind doch allzu unbesonnen. Der Baron grollt, er will nicht, dass seine Tochter über Mittag bei Ihnen bleibt. Und wahrlich, er hat nicht Unrecht! gehen Sie mit mir zur Gesellschaft zurück!« »Es ist ein hübsches Boudoir,« antwortete die Gräfin. »Wir wollen hieher zurückkommen, Herr von Faublas, Duportail, von Flourvac, von Flourville; denn Sie sind der junge Mann mit den fünfzig Namen.« »Wissen Sie denn dies Alles, Gräfin?« »Und noch weit mehr! wir werden einen Streit mit einander haben, das sage ich Ihnen zum voraus.« Ich schloss das Zimmer meiner Frau. Die Gräfin wusste es so einzurichten mir den Schlüssel zu nehmen, den sie in die Tasche steckte. »Sie haben ohne Zweifel einen andern,« sagte sie zu mir; »ich brauche diesen nothwendig.« Als die Damen in den Salon zurückkamen, war mein Vater nicht mehr da. Ich holte ihn auf der Treppe ein, die er mit Adelheid hinabstieg. Meine liebe Schwester hatte Thränen in den Augen. »Diese Dame thut uns viel Herzeleid an, mein Bruder. Ohne Zweifel ist sie schuld, dass wir nicht zusammen speisen; sie ist zu vertraulich und zu lebhaft, diese Dame; traue ihr nicht! siehst Du, mein Bruder, ich liebe die Frauen nicht, die reiten. Hüte Dich, auch für diese ein Amazonenkleid anzuziehen und Dich mit ihrem Gemahl auch zu schlagen! würdest Du denn ein Vergnügen daran finden, einem ehrlichen Manne böses zuzufügen und in die Bastille zurückzukehren? Mein Bruder, liebe diese Dame nicht! oh! ich bitte Dich, liebe sie nicht. Denke an meine gute Freundin! meine gute Freundin wird wieder zurückkommen, sie liebt Dich sehr, meine gute Freundin, und ich sage Dir, die Gräfin würde Dir eben so viel Kummer machen, als die Marquise, die Dir so viele Thränen gekostet hat.« Auf diese Art gab mir meine liebe Adelheid ohne jede Erkünstelung vortreffliche Lectionen. Aber wie kann ich ihre Moral gut finden in dem Augenblick, da die Gräfin mich oben erwartet? wie kann ich Vernunftsgründe anhören, so lange mir das Vergnügen winket? ein Tag wird kommen, da Du selbst durch die Leidenschaft belehrt, nicht ohne große Kämpfe ein Beispiel nach dieser Lehre wirst geben können. Zunächst, und bevor mein Vater zurückkehrt, fliege ich, meine Geliebte zu umarmen. Zwischen zwei schönen Frauen gestellt, deren eine sich über die Zärtlichkeit freute, welche die andere an mich verschwendete, fand ich die Zeit ungemein kurz. Gewiss ich glaubte bei der Rückkehr meines Vaters, dass er kaum ausgegangen sei. Der Baron nahm gegen die Gräfin den Ton kalter Höflichkeit an; aber Dank der Frau von Fonrose! man wurde heiter bei der Mahlzeit. Jeden witzigen Einfall des Herrn von Belcourt schien die Baronin mit einem Lächeln zu belohnen, und der Baron schien dieses Lächeln sehr zu lieben. Noch mehr erfreut, mich wieder an seiner Tafel zu sehen, heftete derselbe oftmals einen langen und zufriedenen Blick auf mich; oft sprach er von Adelheid und so oft er von ihr sprach, kostete ihm ihre Abwesenheit tiefe Seufzer. Ja, während dieses allzu kurzen Mahles, und ich werde es nie vergessen, sah ich, wie mein Vater bei dem Gedanken an seine Tochter zärtlich gerührt war, und dass er sich durch die Gegenwart seines Sohnes glücklich fühlte. Ja, ich beobachtete meinen Vater, und mein Herz sagte mir sogleich, dass nur die väterliche Liebe ihn damals beglückte. Ein gemeinschaftlicher Freund kommt unser Glück zu theilen; es war der Vicomte von Valbrun, der soeben meine Befreiung erfahren; er eilte herbei mir Glück zu wünschen. Es schien mir, als ob Frau von Fonrose an diesem Eifer keinen besonderen Gefallen gefunden. Herr von Valbrun führte gegen sie die stolz bescheidene Sprache, die dem ehemaligen Liebhaber zu geziemen scheint, und doch sah ich auf der andern Seite Herrn von Belcourt die überlegene Miene eines bevorzugten Nebenbuhlers annehmen. »Ja, die Sache ist im Reinen,« sagte der Vicomte ganz leise zu mir, als er bemerkte, dass ich jede handelnde Person dieser für mich neuen Scene neugierig beobachtete; »die Sache ist im Reinen, ich gelte nichts mehr bei der Baronin. Ach!« fuhr er lachend fort, »ich habe mein ganzes Unglück selbst herbeigeführt. Durch mich von Ihrer Verhaftung unterrichtet, kommt der Baron nach Paris zurück. Ich stelle ihn der Baronin vor, und plötzlich entreißt sie mir der Undankbare. Ich muss mich noch glücklich schätzen, wenn sein Herr Sohn mich gefälligst im ruhigen Besitze dieser kleinen Justine lassen will, die gegenwärtig allein meine müßigen Stunden beschäftigt.« »Sein Herr Sohn wird Ihre Liebe nicht stören, dessen dürfen Sie versichert sein, Vicomte.« »Ich traue ihm nicht ganz, schwören Sie bei Sophie!« »Von Herzen gern! ich schwöre.« Dies war für mich kein Tag der glücklichen Schwüre; bald wird man sehen, dass ich auch diesen noch brechen sollte. »Meine Herren, wollen Sie aufhören?« sagte Frau von Lignoll, ungeduldig über unser leises Geflüster. »Über wen unterhalten Sie sich denn so geheimnisvoll? über Frau von Montdesier?« »Frau von Montdesier!« wiederholte der Vicomte. »Dies,« versetzte die Gräfin in spöttisch ärgerlichem Tone, »dies ist eine unbekannte Schöne, die dem Herrn Chevalier heute Abend einen Besuch machen muss; diesen Morgen hat sie es ihm durch ein Billet doux angekündigt.« Herr von Valbrun wiederholte mit erstaunter Miene die letzten Worte der Gräfin: »Ein Billet doux!« »Ja,« antwortete sie; »bitten Sie den Herrn Chevalier, es Ihnen zu zeigen. Sie werden sehen, dass es sehr interessant ist.« »Ah! Chevalier, thuen Sie mir diesen Gefallen.« Ich machte keine Schwierigkeiten, Herrn von Valbrun den Brief der Marquise anzuvertrauen. Er las ihn mehrere Male mit einer Aufmerksamkeit, die mir Unruhe zu verkünden schien, dann gab er ihn zurück, ohne sich die geringste Bemerkung zu erlauben. Aber einen Augenblick nachher, als wir vom Tische aufstanden, zog er mich ohne Umstände an ein Fenster. »Dieser Brief,« sagte er, »ich errathe, von wem er kommt.« »Vicomte, Sie haben sehr gut gethan, nichts davon zu sagen.« »Ach! seien Sie ruhig.« »Was Frau von Montdesier betrifft, so ist es Frau von B...« Ich unterbrach Herrn von Valbrun. »Ich glaube es, wie Sie; es ist die Marquise, gewiss sie ist es!« Der Vicomte fuhr fort: »Während Ihrer Haft, die sehr lange hätte dauern können, hat mir Justine hundertmal gesagt, dass Frau von B... unaufhörlich für Ihre Freiheit thätig sei. Sie hat Ihnen vielleicht etwas sehr Interessantes mitzutheilen.« »Ich vermuthe es, Vicomte! und ohne Zweifel ist dies die Veranlassung zu dem Besuche, den sie mir heute Abend machen will.« »Chevalier, es ist mir lieb, dass sie zu Ihnen kommt, da dieser Schritt Ihnen nützlich werden kann; aber seien Sie wenigstens vorsichtig, denken Sie an Frau von Lignoll, denken Sie an Sophie, gehen Sie nicht ...« Die Gräfin, die mich keinen Augenblick aus den Augen verlor, kam jetzt zu uns und machte dieser Unterhaltung ein Ende. Sie sprach davon, in die Oper zu gehen. Als Herr von Belcourt hörte, dass die Gräfin Frau von Fonrose nicht dahin begleiten wolle, erklärte er, dass er nicht ausgehen wolle. Die Baronin versuchte alle Mittel ihn zu entfernen und in Verzweiflung, ihn unerschütterlich zu finden, sagte sie am Ende, sie würde ebenfalls bleiben; von der andern Seite versicherte mich die unruhige Gräfin leise, sie würde mich den ganzen Abend nicht verlassen. »Ich werde,« sagte sie mit bebender Stimme, »entzückt sein, die Bekanntschaft dieser Frau von Montdesier zu machen, die so schnell mit ihren Rendezvous bei der Hand ist.« Dann fügte sie mit vieler Güte hinzu: »Haben Sie mir nicht sonst etwas unter vier Augen zu sagen?« Ich begriff sehr gut diese Aufforderung der reizenden jungen Frau, die mich mit so tiefer Glut in ihren schönen Augen ansah und mir eine süße Schäferstunde zu verheißen schien. Wie sehr war ich zu beklagen, dass ich die hübsche Gräfin um jeden Preis entfernen musste, um die schöne Marquise einzuführen. Ich fürchtete in diesem kritischen Augenblicke eine Dummheit zu begehen, und hatte die größte Mühe nicht den Kopf zu verlieren. Ich sann ein Mittel aus, von dem ich mir den besten Erfolg versprach: um aus dem Salon zu entkommen, ergriff ich einen Augenblick, wo die Gräfin mit der Baronin plauderte, ich eilte in mein Zimmer und rief meinen Bedienten: »Höre, Jasmin! stehe Schildwache an dem Thor, das nach der Straße führt. Bald wird eine Dame kommen und nach dem Chevalier von Florville fragen; Du bittest sie, Dir zu folgen, aber sehr höflich, mein Freund, denn es ist eine sehr vornehme Dame; von der Dunkelheit begünstigt, werdet Ihr an dem Schweizer vorbeikommen, ohne dass er Euch beachtet; Ihr geht über den Hof und steigt auf der geheimen Treppe hinauf. Diese Dame wird die Güte haben, auf meinem Zimmer zu warten. Du lässt sie ohne Licht, weil man von den Fenstern des Barons aus nicht zu sehen braucht, dass jemand bei mir ist; Du verstehst mich doch?« »Ja, Herr Chevalier!« »So warte doch, es ist noch nicht alles! statt es mir bei dem Baron zu melden, gehst Du in den Hof hinab und spielst auf Deiner Violine die Melodie, die Du so gut kannst: »Wenn alles schläft.« Wann Du glaubst, ich habe Dich hören müssen, gehst Du auf Deine Stube zurück und erwartest meine letzten Befehle. Hast Du mich verstanden?« »Ja, gnädiger Herr.« »Ich brauche es Dir nicht zu wiederholen?« »Nein, mein Herr! ich werde Ihnen auf's pünktlichste gehorchen. Oh! wie bin ich erfreut, Sie wiederzusehen, ich sagte es immer, dass wenn mein junger Herr wiederkäme, die Liebe und die Vergnügungen in meinem Vorzimmer wieder ihren Wohnsitz aufschlagen würden.« »Du vergaßest Deine kleinen Gewinnste, Jasmin. Hier hast Du etwas; ich liebe die Leute, die Verstand haben.« Ich hatte die Gräfin kaum eine Minute verlassen, und doch ließ sie mich bereits durch einen Bedienten aufsuchen. Seit einer vollen Stunde erwartete ich bei ihr das verabredete Zeichen, als Jasmin es gab. Mein guter Jasmin geigte wie ein Marktfiedler; bei dem ersten Gekrill der schreienden Violine glaubte ich die Harfe Davids unter den Händen meines Lakaien ertönen zu hören. Zum Glück war die Begeisterung nicht so groß, dass ich den glücklichen Augenblick, der mir verkündigt wurde, darüber vergessen hätte. Ich sagte der Gräfin in dringendem Tone ins Ohr: »Wann werden Sie mir denn erlauben, Sie ohne Zeugen zu sprechen?« »So bald als möglich,« antwortete sie naiv; »es handelt sich nur um eine gute Gelegenheit, uns davon zu machen. Ich will darüber nachdenken; sinnen Sie auch auf ein Mittel. Lassen Sie mich machen!« Sie wandte sich zu meinem Vater und sagte: »Mein Herr, die Baronin hat mir gesagt, dass Sie gerne Trictrac spielen?« »Ja, Madame.« »Ich verstehe mich auch ein wenig darauf, mein Herr.« »Wollen Sie eine Partie machen, Madame?« »Gerne.« Ich war äußerst erstaunt. Sie wollte mit meinem Vater spielen, während es sich darum handelte, mir ein Rendezvous zu geben! dies schien mir eine Thorheit, über die ich mich aber bei näherer Betrachtung tröstete, denn wenn der Liebhaber der Gräfin darunter leiden musste, so konnte der Freund der Marquise Nutzen daraus ziehen. Ich glaubte eben entwischen zu können, als Frau von Lignoll mich zu sich rief. Allein ich täuschte mich, die kleine Person hielt die Augen offen, sie rief mich zu sich, zwang mich zu sitzen, und erlaubte mir unter keinem Vorwand, meinen Platz zu verlassen. Dies dauerte eine halbe Stunde; ich fing an, mich gewaltig zu langweilen, und offenbar hatte die Marquise auch Langeweile, da Jasmin sein Solo wieder begann. Mein werter Vertrauter fürchtete vielleicht, ich möchte ihn das erste Mal nicht gehört haben, denn diesmal machte er einen höllischen Lärm. Man kann sich denken, wie dieser Mahnruf meine Ungeduld vermehren musste; ich saß wie auf Nadeln. Ich fand die Melodie abscheulich. Der Baron, der in diesem Augenblick schlecht stand, fand diese Musik ebenfalls nicht sehr melodisch; er lief an's Fenster, öffnete und fragte, wer der verdammte Fiedler sei, der ihm die Ohren so martere. »Ich bin's,« antwortete Jasmin, das Kompliment annehmend, »ich bin's.« »Sei so gut und betäube mich nicht so sehr,« sagte der Baron zu ihm. Und ich, als guter Sohn, aus Rücksicht für meinen Vater, der sich unter dem Fenster erkälten konnte, rief aus voller Kehle: »Höre auf, Jasmin, was machst Du da für einen Lärm! man hört Dich im Salon, wie wenn Du hier wärst, höre auf – sogleich, auf der Stelle! verstehst Du mich?« »Ja, ja, gnädiger Herr, es ist ein Wort! ich verstehe Sie ganz gut.« Erfreut über meine Aufmerksamkeit, setzte sich der Baron mit vergnügtem Gesichte wieder zum Spiel; die gedankenlose Gräfin verlor bald ihre Vortheile und die Partie. Ein plötzlich eingetretenes Kopfweh lieferte ihr einen Vorwand, die Revanche auszuschlagen; sie bat die Baronin, es für sie zu übernehmen. Sobald sich Frau von Fonrose an ihren Platz gesetzt hatte, kam die Gräfin in einen Winkel des Salons zu mir und fragte mich ganz leise, ob die Treppe beleuchtet wäre. »Ja, meine schöne Freundin.« »In diesem Fall gehen Sie, ich folge Ihnen.« »Wie, sogleich?« »Ja, mein lieber Freund.« »Welche Unvorsichtigkeit! hüten Sie sich wohl davor!« »Warum?« »Weil wir unmöglich beide zugleich die Gesellschaft verlassen können.« »Sie sind im Irrthum, mein Freund, man wird nicht darauf achten.« »Unmöglich, es würde bemerkt werden, Sie würden sich zu Grunde richten. Ich will hinaufgehen; man kann mich auf meinem Zimmer beschäftigt glauben, und in einer halben Stunde ...« »Eine halbe Stunde? ach! das ist zu lang.« »Es ist durchaus nothwendig.« »Wie, ich soll in der tödtlichen Langeweile eine halbe Stunde hier sitzen?« »Die Zeit wird mir nicht kürzer erscheinen, als Ihnen, schöne Gräfin; aber wahrlich, es wäre ein Kinderstreich, wenn wir es anders machten. Sehen Sie, der Baron hat sich bereits mehrere Male umgedreht, er beobachtet uns, er wird unruhig.« »Der Baron, der Baron! was gehen ihn denn unsere Angelegenheiten an?« »Er glaubt sich in die meinigen mischen zu können, weil er mein Vater ist. Was wollen Sie, es ist die Gewohnheit fast aller Väter und Mütter.« Jasmin wagte nicht mehr auf seiner Violine zu spielen; aber ich hörte ihn, gleich einem französischen Sänger, aus vollem Halse plärren. »Meine reizende Freundin, ich gehe. Ich erwarte Sie auf meinem Zimmer.« »Nein, im Boudoir!« »Warum dort?« »Weil es hübscher und bequemer ist.« »Aber, bedenken Sie!« »Im Boudoir, mein Herr, ich will es.« »So muss ich Ihnen denn gehorchen. Gut! aber kommen Sie ja nicht vor einer halben Stunde. Sie versprechen es mir?« »Ich verspreche es.« Ich stürzte mich pfeilschnell hinaus. »Jasmin, komm hieher, verschließe die Thüren und erwarte unten an der geheimen Treppe diese Dame, die bald wieder herabkommen wird. Du hast sie doch unbemerkt hierher gebracht?« »Ja, mein Herr.« »Du wirst sie mit derselben Vorsicht wieder zurückführen; wo ist sie?« »Ah! gnädiger Herr, wie glücklich sind Sie! die hübsche Frau!« »Sag doch, wo ist sie!« »Gnädiger Herr, wir sind zum Toilettenzimmer hinein gegangen.« »Und dann?« »Sie hat das Boudoir gesehen und wollte nicht mehr weiter gehen. Ich habe sie ohne Licht gelassen, wie Sie mir es aufgetragen.« »Gut! lösche auch dieses hier aus, ich brauche es nicht mehr; geh und schließe die Thüren hinter Dir zu.« Schließe die Thüren hinter Dir zu! Eine saubere Vorsicht, Tollkopf! nicht mehr daran zu denken, da die Gräfin sich meines zweiten Schlüssels bemächtigt hatte! In unseliger Sicherheit ging ich durch das Zimmer meiner Frau so schnell, als die tiefe Dunkelheit, die mich umgab, es gestattete, und betrat das Boudoir. »Theuere Mama! zärtliche, vielbesorgte, angebetete Freundin! also hier sind Sie! der Chevalier Florville hat also das Glück, Sie auf seinem Zimmer zu begrüßen und zu umarmen!« Mit erstickter Stimme antwortete sie: »Ja, mein Geliebter!« »Welche Zärtlichkeit, welchen Dank bin ich Ihnen schuldig! wie liebe ich Sie! wie danke ich Ihnen!« So sprechend, suchte ich sie; zwei gefällige Arme, denen ich begegnete, zogen mich herbei; ich wurde an einen sanft wallenden Busen gedrückt, mit feurigen Küssen überdeckt. Ich lag ihr zu Füßen und umschlang ihren schönen Leib. Wehe dem, der es nicht weiß! für einen mit einer glühenden Einbildungskraft begabten Menschen gibt es Augenblicke im Leben, wo das Gefühl des Glücks so lebhaft wird, dass es jedes andere verschlingt; Augenblicke, wo die nach einem einzigen Gegenstand hindrängende Seele durch das sehnsüchtige Verlangen nach seinem Besitz irre geführt, der Geist nicht mehr nachdenkt, mit einem Wort, wo man Alles um sich herum vergisst. Ich selbst musste, wie man bald sehen wird, bedauern, in diese Extase verfallen zu sein. »Großer Gott! ich höre ein Geräusch! liebste Mama, retten Sie sich.« Wie sollte sie sich retten, wohin sich verbergen! sie befand sich ohne Licht in einem unbekannten Zimmer, mit dessen Ausgängen sie ebenfalls nicht vertraut war. Ich wollte ihre Flucht begünstigen, und sie an der Hand nehmend, suchte ich die Thüre des Toilettenzimmers zu finden; allein ich hatte keine Zeit mehr; die andere Thüre des Boudoirs wurde zu schnell geöffnet. Von Zufall und der Liebe geleitet, fand Frau von Lignoll bald den Ort, wo sie den jungen Chevalier ahnte. Das liebende Paar war durch ihre Annäherung sehr erschreckt und wusste im ersten Augenblick nicht, was zu beginnen, um einem so unliebsamen Zusammentreffen, welches für die Marquise die schlimmsten Folgen haben konnte, auszuweichen. »Endlich sind Sie es, mein Freund!« sagte sie, eine Hand küssend, die sie soeben ergriffen hatte; und es war nicht meine Hand, die sie küsste. Die Marquise, auf einmal angehalten, wagte keine Bewegung mehr zu machen; und ich, der ihre Angst und ihre tödtliche Verlegenheit begriff, stürzte mich schnell zwischen sie und Madame Lignoll. »Sie sind's, mein Freund!« wiederholte sie. Zu einer Antwort genöthigt, war ich in meiner äußersten Verwirrung hart genug, ihr Vorwürfe zu machen, dass sie dem Augenblick des Rendezvous vorgeeilt sei. »Sollte ich zu früh gekommen sein?« antwortete sie. »Ich habe den Baron sehr mit seiner Partie beschäftigt gesehen, ich habe meine Ungeduld nicht beimeistern können und daher den Augenblick benützt, mich davon zu machen.« »Und Sie hatten Unrecht gehabt, Madame, diese Eile war nicht nöthig; Sie hätten warten sollen, ich habe Sie darum gebeten. Sie versprachen es mir! Mein Vater wird Ihre Abwesenheit bemerken, mein Vater wird kommen.« Ach, ich hatte nur zu wahr gesprochen; er kam wirklich herbei. Der Baron blieb, mit einer unglückseligen Kerze bewaffnet, auf der Thürschwelle stehen, und welche Scene beleuchtete er! Für's erste war er, der nur eine Frau bei seinem Sohn zu finden glaubte, nicht wenig erstaunt, deren zwei zu sehen, die sich freundschaftlich bei der Hand hielten. Dann zeigte Frau von Lignoll, die ebenso erbittert als beschämt und überrascht war, deutlich auf ihrem Gesichte, auf welchem sich die Kämpfe mehrerer, einander widerstreitenden Leidenschaften malten, dass sie weder die Untreue, die ich ohne Zweifel an ihr begangen, noch sich selbst die abgeschmackten Liebkosungen verzeihen könne, womit sie noch vor einem Augenblicke ihre Nebenbuhlerin überhäuft hatte; ihre Nebenbuhlerin, die ganz aufrecht an die Wand gepflanzt, kein Lebenszeichen von sich gab. Aber es lässt sich leicht denken, dass von den vier handelnden Personen bei dieser sonderbaren Scene ich nicht die am wenigsten verblüffte war, als ein verstohlener Blick auf die unglückliche Bildsäule mich erkennen ließ ... ich betrachte sie mit überraschten Blicken, ehe ich mich überzeugen konnte, dass meine Sinne mich so sehr irre geführt ... Diese Frau, in deren Armen ich die schönste der Frauen zu besitzen geglaubt hatte, war bloß eine mittelmäßige Brünette! die, in der ich soeben noch Frau von B... anbetete, war bloß ... Justine! In ihrem ganzen Hofdamenschmuck lag, ich weiß nicht welche erkünstelte Unziemlichkeit, trotz der hübschen Schuhe, des prächtigen Kleides und diesen eleganten Hutes mit wallendem Federbusch. Auch die boshafte Gräfin merkte es. Sie musterte ihre unwürdige Nebenbuhlerin von Kopf bis zu Fuß. »Madame ist offenbar Frau von Montdesier?« sagte sie zu ihr. Justine, die sich eben wieder erholt hatte, zeigte viele Fassung und antwortete in schnippischem Tone: »Ihnen zu dienen, Madame!« »Madame ist vielleicht verheiratet?« fuhr die Gräfin fort. »Oh! so gut als irgend eine Frau, Madame.« »Was macht der Mann von Madame?« »Ach! Alles, was er kann. Und der Ihrige, Madame?« »Nichts,« erwiderte die Gräfin ärgerlich. »Sie sind sehr kühn, mich zu fragen! antworten Sie bloß auf die Fragen, mit denen ich sie beehren will. Ich frage Sie, was Ihr Mann macht; was sein Stand, sein Gewerbe, kurz, was er eigentlich ist?« »Was er ist? was offenbar der Ihrige auch ist, Madame.« Ich gestehe, dass ich hier ein neues Unrecht beging. Dieser Einfall Justinens war ohne Zweifel ergötzlich, aber ich hätte doch nicht in lautes Gelächter ausbrechen sollen, wie ich that. Da ich doch im Zuge bin, Alles zu sagen, so will ich gestehen, dass Madame Lignoll, die ungeduldige kleine Person, mir eine Ohrfeige gab, weil ich mich so unhöflich benahm. Man kann sich denken, dass mein Vater bei einer so ärgerlichen Scene kein ruhiger Zuschauer blieb; aber bizzar war die Art, wie er ihr ein Ende machte, wie er meinen Schimpf rächte. Auf ein starkes Glockenzeichen sprang ein Bedienter herbei, dem der Baron befahl, Frau von Montdesier bis an die Thüre gegen die Straße zu leuchten. Dann richtete er das Wort an die Gräfin: »Madame, ich bin vielleicht dreimal älter als Sie, ich bin Vater und Sie sind in meinem Hause. Ich sehe mich daher genöthigt, Ihnen ohne Umschweife zu sagen, was ich von Ihrem Betragen halte. Es ist so unüberlegt (und Sie müssen mir Dank wissen, dass ich noch so viel Schonung habe, keinen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen), es ist so unüberlegt, dass ich bloß in Ihrer noch sehr zarten Jugend eine Entschuldigung für Sie sehe. Wenn mein Sohn Freundinnen hat, Madame, so kann er sie nicht hier empfangen, und keine Frau, wenn sie nicht den Anstand ganz aus den Augen setzt, wird, um dem Chevalier Rendezvous zu geben, das Haus seines Vaters und das Zimmer seiner jungen Gattin wählen. Endlich, Madame, wird eine Frau von Erziehung, besonders aber eine Frau von Stand, sich wohl hüten, ihren Geliebten, und wäre er auch noch so strafbar und wäre sie allein mit ihm, so zu behandeln, wie Sie sich nicht entblödet haben, den Ihrigen vor meinen Augen zu behandeln.« Frau von Lignoll war eine Zeit lang wie vom Donner gerührt. Der Baron fuhr in weniger strengem Tone fort: »So oft die Frau Gräfin als Freundin des Herrn von Belcourt und des Chevaliers von Florville, dem einen und dem andern zugleich Besuche machen will, so werden sich beide sehr geehrt fühlen; aber Sie heute länger aufhalten, Madame, dies hieße, glaube ich, die Widerwärtigkeit Ihrer Lage missbrauchen ... Mein Sohn, gehen Sie in den Salon, sagen Sie der Baronin, dass die Frau Gräfin, die sogleich nach Hause gehen will, sie bitte, sie nach Hause zurück zu begleiten, und sie in ihrem Wagen erwarte ... Madame, erlauben Sie mir, Sie die Treppe hinab zu begleiten.« Die Gräfin, so wüthend, dass sie alle Besinnung verlor, stieß die Hand meines Vaters zurück und sagte zu ihm: »Nein, mein Herr, ich werde allein hinabgehen! Sie schicken mich von Ihrem Hause weg,« fügte sie in dem gebieterischen Tone, den sie oft gegen ihren Gemahl annahm, hinzu; »aber gedenken Sie daran! kommen Sie einmal zu mir, dann werden Sie sehen!« Ich hörte nicht, was der Baron auf diese Drohung antwortete, die ihn in Erstaunen setzen musste. Von dem Wunsche beseelt, die tollen Streiche, deren ich mich schuldig fühlte, wenigstens durch meinen Gehorsam wieder gut zu machen, von dem Wunsche beseelt, meinen mit Recht aufgebrachten Vater zu besänftigen, entledigte ich mich bereits seines Auftrags an die Baronin, die durch das plötzliche Aufbrechen der Gräfin überrascht, mich um die Ursache fragte. Ich erwiderte, dass Frau von Lignoll ihr das unglückliche Ereignis, das mich sobald des Glücks, sie zu sehen, beraubte, in allen seinen Details besser erzählen würde, als ich. Frau von Fonrose nahm die Hand des Vicomte und ging hinab; ich begleitete sie bis in den Vorhof. Von da hörte ich die Gräfin statt aller Antwort ihr ohne Unterlass zuzurufen: »Ha! der Treulose! ha! der Undankbare!« Als mein Vater allein mit mir war, ging er aus Sophiens Zimmer zurück, wohin ich ihm folgte. Er blieb vor der Thür des Boudoirs stehen. »Diesen Morgen,« sagte er zu mir, »durfte kein Sterblicher bis hierher dringen, und diesen Abend sind zwei Frauen da gewesen! die, welche ich nicht kenne, ist nicht weit her, glaube ich; aber die andere! diese Frau von Lignoll! sie macht mir Angst! eine Frau von diesem Alter! ein Kind! schon so unternehmend, so rückhaltlos, so kühn! Warum muss sie zu Ihrem Unglück Rang, Geist und Figur haben? mein Freund, diese Frau von Lignoll macht mir Angst! ich habe nie eine tollere, unbesonnenere, leidenschaftlichere gesehen; fürchten Sie sie und hüten Sie sich vor ihr! Sie sind selbst zu unüberlegt, zu lebhaft; sie kann Sie weit führen. Sehen Sie, wie sie seit mehreren Stunden Sie, mein Sohn, diejenige vergessen machte, deren Abwesenheit ich Sie den ganzen Morgen beweinen sah! Wie! Sophiens Unglück und ihr ungewisses Los kann Sie nicht hinlänglich beschäftigen? ist es durchaus nöthig, dass mehrere Gegenstände zugleich die Thätigkeit Ihrer Seele und die Unbeständigkeit Ihrer Sinne üben? werden Sie nie klug sein? Hat Ihnen das Unglück noch keine bleibende Lehre gegeben? und Ihre Frau, Ihre so reizende, so unglückliche Frau, wahrlich, mein Sohn, ich hätte nie geglaubt, dass diese liebliche interessante Sophie in Ihnen den flatterhaftesten aller Gatten besitzt! ahnen Sie denn nicht den Grund, warum Lowzinski, einst mein treuester Freund, seine Tochter entführt und dieselbe so sorgfältig verbirgt? Ich glaube, es ist deutlich genug angedeutet, denn warum sollte er auch sein einziges Kind nicht gerne glücklich sehen! eben weil er mit ganzer Liebe au seinem Kinde hängt, will er nicht sehen, dass es durch die zu große Treulosigkeit ihres mehr leichtsinnigen als schlechten Gatten gekränkt würde, und ihre junge Ehe durch unsägliches Leid verbittert und wahrscheinlich auch verkürzt wäre. Hat er nicht Kummer und Unglück in seinem Leben genug durchgekämpft? Faublas! gehen Sie in sich. Ich sehe ein trauriges Ende aller dieser grenzenlosen Tollheiten. Es wird ein Tag kommen, wo der Chevalier Faublas seine Gattin beweinen wird!« Der Baron sah meine Thränen fließen und verließ mich ohne ein Wort des Trostes hinzuzufügen. Wie langsam verstrich der Rest des Abends! und als der Augenblick zum Schlafengehen gekommen war, wie schmerzlich erschien es mir, unmittelbar neben dem Zimmer mit den zwei großen Betten das Stübchen mit dem einzigen Bette bewohnen zu müssen! dennoch war es behaglich und durchaus nicht darnach beschaffen, so wie in meinem Gefängnis der Bastille den Tod herbeizurufen; sondern ich sehnte mich nach dem Schlafe, der allein mich trösten vermochte, meine Bekümmernisse, die ungeduldigen Wünsche, meine glühende Liebe in einen lieblichen Traum zu führen, wo das Bild meiner geliebten Sophie mir vorschweben würde und ich dann in ihren Armen erwachte. Gott der Lügen, Du wirst mir nur einen Traum gegeben haben; aber werde ich der erste junge Mann sein, den ein Traum getröstet haben wird? ja, wohlthätiger Gott, Du wirst mir meinen Muth wieder gegeben haben, voll von einer neuen Hoffnung werde ich mit Dir mein Lager verlassen; ich werde gehen, ich werde mich einschließen, ich werde von der ganzen Welt meine Gattin fordern; und wenn die Liebe mir günstig ist, so wirst Du mich bald in den Tempel des Hymens die Schönheit zurückführen sehen, die am besten im Stande ist, Dich daraus zu vertreiben. Ein Brief, der mir in der Frühe gebracht wurde, gab mir einen Theil meiner Heiterkeit zurück. Man schrieb mir Folgendes: »Niemals, Herr Chevalier, lassen Sie einer armen Frau Zeit, zur Besinnung zu kommen. Ich hätte an Ihre Manieren gewöhnt sein sollen; aber ich lasse mich jedesmal überwinden, weil ich kein Gedächtnis habe und weil ich den Kopf verliere. Indes hätten Sie sich unter allen Bedingungen erinnern sollen, dass ich immer mit meinem Auftrag anfangen muss. Gestern Abend haben Sie mich einen sehr wichtigen vergessen gemacht. Eine gewisse hohe Dame, deren unwürdige Dienerin ich war zu der Zeit, als Sie für ihren treuen Ritter galten, war ärgerlich, dass ich Sie gestern nicht sprechen konnte, wie sie mir aufgetragen hatte: bittet mich, Ihnen heute zu schreiben, dass sie eine kurze Unterhaltung mit Ihnen zu haben wünsche. Sie wird in zwei Stunden bei mir sein. Kommen Sie früher, wenn Sie vorher noch ein Frühstück mit mir allein einnehmen wollen. Ich habe das größte Verlangen darnach, denn Sie haben eine so gute Art, dass man sich nicht dagegen wehren kann. Ganz die Ihrige von Montdesier.« Von Montdesier! es ist kein Zweifel mehr, Justine hat sich in den Adelsstand erhoben. Das Glück ändert die Sitten. »Ganz die Ihrige!« Das ist etwas leicht hingeworfen; es scheint mir, das liebe Kind nimmt den Ton vornehmer Freundschaft an ... Warum denn nicht? ich bin von Stande, aber sie ist hübsch. Ist die ewige Frage entschieden, ob es erlaubter sei, sich auf den Zufall, den Geburt und Reichthum zu stützen oder der Schönheit und dem Liebreiz zu huldigen? Frau von B... will mich unter vier Augen sprechen! Götter! wenn die Liebe mir sie so zärtlich wieder schenkte ... »Jasmin!« »Gnädiger Herr!« »Wird eine Antwort erwartet?« »Ja, gnädiger Herr.« »Sage, dass ich sogleich komme.« Sie wird sich erst in zwei Stunden einstellen. Was liegt daran? ich werde Justine finden, ich werde mit der Kleinen schwatzen; ich bin traurig gestimmt, das wird mich zerstreuen. »Jasmin, sage, dass ich dem Boten auf dem Fuße nachfolge.« Wirklich war ich fast zugleich mit ihm in Palais-Royal. Was mich bei Justine in Staunen setzte, war weniger die Schönheit ihrer Wohnung, die Pracht ihrer Möbel, das sehr unverschämte Aussehen ihres kleinen Lakaien und ihrer hässlichen Kammerfrau, als der wahrhaft vornehme gütige Empfang, womit sie mich beehrte. Halb auf einer Ottomane ausgestreckt, spielte sie mit einem Kätzchen, als man ihr meinen Besuch meldete. »Ah!« sagte sie nachlässig; »nun gut, er mag eintreten!« Und ohne ihre Lage zu verändern, ohne die Pfoten der hübschen Katze loszulassen, begann sie: »Sind Sie es, Chevalier? es ist sehr früh; aber dennoch werden Sie mich nicht stören; ich habe schlecht geschlafen, es ist mir nicht unangenehm, Gesellschaft zu haben.« Sie richtete das Wort an ihre Kammerfrau: »Werden Sie die Toilette nicht endlich in Ordnung bringen, Mamsel? wahrlich! ich weiß nicht, wozu Sie Ihre Zeit verwenden. Sie werden mit nichts fertig.« Dann wandte sie sich an mich: »Mein Herr, nehmen Sie doch ein Fauteuil, wir wollen plaudern.« Dann sagte sie zu der Zofe: »Es ist schon gut, Sie machen mich ungeduldig, verlassen Sie uns! wenn jemand kommt, so sage man, ich sei nicht zu Hause.« »Gnädige Frau, Sie haben aber Ihrer Nähterin das Wort gegeben.« »Guter Gott! wie dumm sind Sie, Mädchen! wenn ich sage jemand, spreche ich denn dann von dieser Frau? ist denn diese Nähterin jemand? Sie soll warten.« »Gnädige Frau, und wenn sie nicht Zeit hat?« »Ich sage Ihnen, dass sie warten soll; sie ist dazu da, und Sie, meine Liebe, um zu schweigen. Gehen Sie!« Ich war anfangs stumm vor Überraschung; aber endlich konnte ich ein lautes Gelächter nicht zurückhalten. »Sage mir, schönes Kind, seit wann spielst Du die Prinzessin?« »Man darf sich,« antwortete sie, »gegen diese Leute und vor ihnen nichts vergeben. Ärgere Dich nicht über den Ton, den ich führe.« »Wie, Justine! es beliebt Dir mich zu dutzen?« »Da Du einmal der Frau Montdesier gefällst und sie liebst.« »Sehr gut, meine Kleine! wahrhaftig, ich habe mir das selbst kaum vor einer halben Stunde prophezeit, als ich Deinen vertraulichen Brief las. Erlaube mir indes eine Bemerkung. Liebtest Du mich vorher nicht?« »Vorher, pfui doch! ich liebte Dich, ja, soweit eine unglückliche Kammerfrau lieben kann.« »Und jetzt?« »Jetzt habe ich nicht weniger Zärtlichkeit, und diese Zärtlichkeit ist anständiger, vornehmer; denn endlich habe ich eine Einrichtung.« »Madame, ich mache Ihnen mein Kompliment! Alles hier athmet Wohlhabenheit; erzähle mir doch, liebes Justinchen, wie Du dieses glänzende Glück gemacht hast?« »Gerne! aber ich habe Dir zuvor noch viele interessantere Sachen zu sagen.« Ich ließ Justine sprechen, die sich erstaunlich gut ausdrückte. Es schien mir, als hätte die Kleine seit drei Monaten sich bedeutend zu ihrem Vortheil gebildet, und wunderte mich weniger über den Missgriff, der gestern Abend meine Sinne getäuscht hatte. Ich kann nicht genau versichern, dass nicht ein Blendwerk mit im Spiele gewesen sei; ein hübsches Negligé wirkt oft mächtiger, als man glaubt; und wer es noch nicht erfahren hat, kann sich nicht vorstellen, wie sehr die schon bekannten Reize einer jungen, in ihrer Kleidung lange Zeit allzusehr vernachlässigten Person durch einen eleganten Putz gewinnen. Ich will noch hinzufügen, was vielleicht mancher Mann nicht weiß, was aber sicherlich keiner Frau unbekannt ist, dass oftmals eine Kokette, die verschmäht oder verrathen worden, bloß einer neuen Blume in ihr Haar oder an ihren Gürtel bedurfte, um den Widerspenstigen zu unterwerfen und den Unbeständigen zurückzuführen. Die Liebe ergötzt sich an solchen Kleinigkeiten, sie ist ein Kind, das Spielwerke nöthig hat. Ich hoffe, dass mein Leser mich begreifen wird, von welcher Liebe ich spreche, wenn ich von Justine spreche. Indes habe ich Herrn von Valbrun nicht ganz vergessen. Es ist wahr, dass ich mir sein Andenken und mein Wort spät genug zurückrief, dass sich Frau von Montdesier darüber weder wundern noch beklagen konnte; aber daran war bloß mein Gedächtnis schuld und nicht mein Wille. Als der Augenblick des Vertrauens und der Ruhe gekommen war, bat ich Frau von Montdesier, mir zu sagen, welche Art von Interesse der Vicomte an ihrem Schicksal nehme; sie erklärte mir ohne Bedenken Alles. Herr von Valbrun, der sich mit jedem Tage mehr in seine Maitresse verliebte, hatte Justine so glänzend ausgestattet. Er gab Justine fünfundzwanzig Louisd'ors monatlich, ohne den Mietzins, den er bezahlte, ohne die vielen Geschenke, ohne die häuslichen Ausgaben; und dies verstand Frau von Mondesier unter ihrer Einrichtung. Sobald ich wusste, dass sie im vollsten Sinne des Wortes ein unterhaltenes Mädchen war, zog ich aus meiner Tasche einige Louisd'ors, die ich sie anzunehmen nöthigte. Bei dieser Gelegenheit muss ich bemerken, dass jetzt, wo sie im Solde des Vicomte stand, und ihre Reize verkaufte, ich gegen das Zartgefühl zu fehlen geglaubt, wenn ich sie unentgeltlich für mich in Anspruch genommen hatte. Alle unsere jungen Leute von Stand, die Grundsätze haben, bekennen sich zu dieser Lehre; auch ist es für ein hübsches Mädchen, das sich durch seine Reize den Weg zum Glück bahnen muss, weit leichter, fünfzig Bewunderer zu finden, die sie vollkommen von ihrem Verdienste überzeugen kann, als einen anständigen Mann, der zuerst auf den Gedanken käme, einen Preis dafür zu bestimmen. Dem sei, wie ihm wolle, ich bezahlte Frau von Montdesier und wagte sie um ein Frühstück zu bitten. Der unverschämte Lakai brachte es. Der Schlingel hatte ein hübsches Gesicht, und ich merkte sogleich, dass seine Gebieterin gegen ihn nicht den unfreundlichen und groben Ton führte, welchen sie gegen die arme Zofe anschlug. »Frau von Montdesier, ich beobachte Sie und Sie nehmen sich nicht genug zusammen. Ich glaube nicht, dass Sie sich gegen diesen glücklichen Diener so wenig vergeben, wie Sie vorhin sagten. Justine, dieses kleine Herrchen erinnert mich an la Jennesse.« »Ach, lieber Herr Vicomte, denken wir nicht mehr an mich, ich glaube Frau von B... zu hören.« In der That, Frau von B... kam von der Seite, auf der ich herein getreten war. Ich sah sie auf einmal aus dem Hintergrunde des letzten Zimmers, das Frau von Montdesier bewohnte, hervortreten. Schnell warf ich mich zu ihren Füßen, die ich umfasste. Die Marquise neigte sich über mich und gab mir einen Kuss, dann, als sie sah, dass ich mich schnell erhob, um ihr denselben zu erwiedern, wich sie zwei Schritte zurück und bot mir bloß ihre Hand, aber mit einer mehr höflichen als entgegenkommenden Miene, die weit entfernt, um eine Liebkosung zu werben, eine Huldigung zu gebieten schien. Ich aber, entzückt, diese schon so lange Zeit so geliebte Hand wieder einmal in die meinigen zu drücken, ich fühlte, dass als ich ihr mehrere sehr lebhafte Küsse gab, diese Hand für bloße Achtung und Freundschaft zu hübsch sei. Justine machte ihre Verbeugung vor Frau von B...; diese empfing sie sehr huldreich. »Kleine,« sagte sie zu ihr, »ich bin zufrieden mit dem Eifer und dem Verstand, denn Sie bei der schnellen Ausführung meiner Befehle an den Tag gelegt haben; Sie kennen mich, ich werde nicht undankbar sein. Gehen Sie, schließen Sie diese Thüre hinter sich und lassen Sie niemand hereintreten.« Sobald Justine gehorcht hatte, suchte ich Frau von B... das Übermaß meines Dankes und meiner Freude auszudrücken. »Chevalier,« sagte die Marquise, ihre Hand zurückziehend, die ich offenbar zu stark drückte, »ich will nicht mit erheuchelter Delikatesse leugnen, was tausend Leute in Bälde erfahren und Ihnen bezeugen würden; dass sich nämlich durch meine Vermittlung die Thore der Bastille für Sie geöffnet haben. Vielleicht hat Justine Ihnen bereits gesagt, wie sehr viermonatliche Bemühungen bei Hofe meinen Kredit daselbst vermehrt haben; und ich versichere Ihnen, dass der Gedanke an Ihr Unglück, dem ich ein Ende machen musste, nicht der unwesentlichste war, der mich beseelte und bei der Verfolgung meiner ehrgeizigen Pläne aufrecht erhielt. Ich stehe jetzt auf der höchsten Stufe der Gunst, die ein glücklicher Hofmann erreichen kann; und wenn Ihre, anfangs fast täglich umsonst erflehte, aber endlich trotz tausend Hindernissen und Feinden ausgewirkte Freiheit nicht so schnell, als ich es gewünscht hätte, den ganzen Umfang meiner Macht bezeichnet hat, so kann ich mich dessen doch rühmen, dass sie der unzweideutigste Beweis derselben ist; und ich scheue mich nicht; Ihnen zu gestehen, dass ich darin meinen liebsten Erfolg sehe. »Glauben Sie jedoch nicht, dass Ihre beste Freundin ihre Gefälligkeit gegen Sie darauf beschränke. Ich weiß, dass die Freiheit nicht das höchste Gut für Sie ist, ich weiß, dass Faublas, obschon unaufhörlich von mehreren Liebhaberinnen geliebkost, nicht glücklich leben kann, wenn er von derjenigen, die er immer vorgezogen hat, getrennt schmachtet. Ich verspreche, sie ihm zurückzugeben, ich verspreche Lowzinski's Aufenthaltsort ausfindig zu machen, und wäre es am Ende der Welt.« »O, meine Wohlthäterin!« rief ich; »o, meine großherzige Freundin! ich bete Sie an.« Die Marquise zog ihre Hand zurück, die ich wieder ergreifen wollte, und fuhr fort: »Und wenn es mir gelungen sein wird, die beiden reizenden Gatten wieder zu vereinigen, dann werde ich zu ihrem gemeinschaftlichen Glücke eine kühnere Unternehmung wagen. Ich werde, wenn Faublas meine Bemühungen mit seinem Vertrauen belohnt, wenn er mir erlaubt, seiner Jugend mit meinen Rathschlägen beizustehen; dann werde ich ihn gegen die Verführungen und Verirrungen zu schützen suchen. Glauben Sie ja nicht, dass ich mich über die Schwierigkeiten dieses Unternehmens täusche. »Nein, ich weiß wohl, dass die größten von Ihrer Seite kommen werden. Ich kenne sie, Ihre ungeduldige Lebhaftigkeit, die Ihnen selten Zeit lässt, den gefährlichen Gelegenheiten zu widerstehen; ich kenne sie. Dies, Faublas, sind die Feinde, die ich fürchte; dies erschreckt mich mehr als die zärtliche Leidenschaftlichkeit Ihrer tollköpfigen Gräfin, mehr als die schlauen Einflüsterungen der Baronin, ihrer sehr intriganten Freundin.« Ich unterbrach Frau von B... »Wie! Sie kennen diese Damen? aber woher, woher wissen Sie –?« »Herr von Valbrun,« antwortete sie mir, »hat kein Geheimnis für Frau von Montdesier, die seit drei Monaten keines mehr für mich hat.« Die Miene, womit Frau von B... mich anblickte, indem sie einen deutlichen Nachdruck auf die letzten Worte legte, erlaubte mir nicht, an dem wahren Sinn zu zweifeln, den sie ihnen geben wollte. Ich konnte nicht umhin zu erröthen; die Marquise sah meine Verwirrung und sagte: »Lassen wir Justine, wir werden sogleich von ihr sprechen! zuvor aber will ich Sie über den Charakter der Frau von Fonrose aufklären, und es ist mir nicht unangenehm, wenn Sie wissen, ob ich Frau von Lignoll kenne. »Die kleine Gräfin, eitel auf ihre Reize, die sie unvergleichlich glaubt, auf ihren Geist, den man ihr als originell preist, auf ihre Geburt, von der sie nicht weiß, dass ihre Rechtmäßigkeit bestritten wird; stolz auf die Reichthümer, die sie erwartet, und auf den Rang, den sie hofft; sicher durch den Zufall, der ihr die schwächste aller Tanten und den dummsten aller Ehemänner gegeben hat; die kleine Gräfin bildet sich ein, man sei ihr nur Huldigungen, Anbetung und Ehrfurcht schuldig. Unbesonnen, herrisch, hartnäckig, grillenhaft und eifersüchtig, hat sie alle Fehler eines verwöhnten Kindes. Sie wird sich immer weniger empfindlich für das Vergnügen, zu gefallen, als für das Glück, zu befehlen zeigen; man wird in ihr die anmaßendste Geliebte finden, wie sie sich als die unverschämteste Frau zeigt. Sie wird bald aus ihrem Liebhaber ihren ersten Bedienten machen, wie sie aus ihrem Gemahl bereits ihren untersten Sklaven gemacht hat. Ich bürge Ihnen dafür, dass sie ebenso unfähig ist, ihre ungereimten Ansichten zu verdecken, als ihre ungeordneten Leidenschaften in den Schranken zu halten. So werden Sie immer hören, dass sie die Dummheiten, die sie gemacht hat, durch Dummheiten, die sie sagen will, zu vertheidigen sucht; und ich will Ihnen voraussagen, dass sie bei der unerschöpflichen Masse von Eigenliebe, die man an ihr kennt, sich vergeblich bemühen würde, die in ihr vereinigten Fehler der Natur und der Erziehung zu bessern. »Was die Baronin betrifft, so ist ihr Ruf auch zweifelhaft; niemand achtet sie, weil jedermann sie kennt. »Der Kummer über den Skandal ihres ersten Auftretens hat Herrn von Fonrose getödtet, einen sehr wackeren Mann, der nur den Fehler hatte, dass er auf einer hohen Stufe der Gesellschaft seiner allzuvornehmen Frau Geschmack an bürgerlichen Tugenden beibringen wollte. Madame nannte ihn in ihrer lustigen Laune nur den Philosophen der Straße Saint-Denis. »Durch den Tod ihres Gemahls ganz frei geworden, beeilte sich Frau von Fonrose, die glänzenden Hoffnungen zu rechtfertigen, die sie erregt hatte. In weniger als zehn Jahren hat sich die Zahl ihrer Eroberungen so vermehrt, dass sie endlich, aus Furcht einen zu vergessen, ganz neuerdings den sehr klugen Entschluss gefasst hat, das ehrenvolle Verzeichnis derselben selbst aufzusetzen. In diesem endlosen Wörterbuch findet sich der Name Ihres Herrn Vaters vielleicht als der tausendste und wird ohne Zweifel von tausend andern Namen, den Ihrigen nicht zu rechnen, gefolgt werden; sie empfängt jedermann und nie wird jemand abgewiesen. »Niemals schadet der Neuangekommene bei dieser Messalina dem ersten Gekommenen. Trostlos über die müßigen Augenblicke, die ihr ihre eigenen Liebesangelegenheiten lassen, entschädigt sie sich durch Begünstigung fremder Liebeshändel. »Gehen Sie einmal an einem Empfangstage zu ihr, so werden Sie sie von hübschen Jungen, die sie bildet, und jungen Frauen, die sie heranzieht, umgeben finden. »Dies sind die Feinde, die ich mit Ihnen zu bekämpfen mir vornehme; indes glaube ich Ihnen noch einige Zeit das Vergnügen Ihrer Niederlage lassen zu müssen. Vermehren Sie immerhin die große Liste der Glücklichen, die Frau von Fonrose gemacht hat; diese allzubeschäftigte Frau wird einen jungen Mann, den ich als gefühlvoll kenne und für zartfühlend hatte, nur noch einen Tag fesseln können. Was Frau von Lignoll betrifft, so erlaube ich ihr, Sie noch einige Wochen aufzuhalten. Da Sie durchaus einen Gegenstand der Zerstreuung nöthig haben, so ziehe ich ein launiges und leichtsinniges Kind, das Ihnen bloß eine vorübergehende Neigung einflößen wird, jedem andern vor. Seien Sie daher in Ihren Tagen der Muße die Puppe, in die sie vernarrt ist; aber bedenken Sie, dass Sie, sobald ich Ihnen Sophie werde zurückführen können, unabänderlich mit der Gräfin brechen müssen.« Ich versprach es der Marquise und dankte ihr lebhaft für die Theilnahme, die sie mir bezeugte; ich gelobte ihr nur noch meine Frau zu lieben, sobald meine Frau mir wiedergegeben sein würde. Indes hatte ich nicht ohne Verdruss Frau von B... meine Treue für Sophie in Anspruch nehmen gehört. Die Marquise strahlte damals mehr als je von den Reizen ihrer Jugend. Ich fand ihre Haut blendender weiß, die Rosen ihrer Wangen schienen mir mehr Frische zu haben, mein Gedächtnis führte mir andere Reize vor, die meine Einbildungskraft mir noch mehr vollkommen zeigte; aber ich fühlte mich auch gedrungen, in ihrer allzeit zauberischen Haltung etwas Wohlanständigeres, Zuversichtliches, und in ihrer ganzen, wie früher von Liebreiz überströmenden Person eine gewisse Würde zu erkennen, die nicht der Liebe angehört. Ich war in Verzweiflung, zwanzigmal legte sie mir Stillschweigen auf durch eine Geberde und einen Blick, der zu sagen schien: »Beklagen Sie mein Unglück und achten Sie Ihre Freundin.« Ich musste mich entschließen sie zu achten, ich musste mich entschließen, ihr noch einige Zeit zuzuhören, ohne sie zu unterbrechen. Sie schilderte mir die vielen Mittel, die jetzt in ihrer Gewalt wären, und die sie zur Aufsuchung der Frau von Faublas anzuwenden gedächte; und als sie mich fest überzeugt sah, dass niemand in der Welt Sophie wieder finden könne, wenn es Frau von B... nicht könne, sprach sie mit mir von Justine. »Diese Kleine,« sagte sie, »hat mir versprochen, kein Hindernis zu sein in dem Plane, welchen ich mir betreffs Ihrer Besserung gebildet; aber ich traue ihr nicht genug Kraft zu, um einen verzweifelten Beschluss durchzuführen, deshalb ersuche ich Sie, ihren Muth nicht auf allzuharte Probe stellen zu wollen. »Auch,« setzte sie hinzu, »können Sie die lange Neigung, die Sie für sie gehabt haben, anständigerweise nicht mehr fortsetzen. Eine Intrigue dieser Art schickt sich in keiner Beziehung für Sie; mein Freund, Sie sind weder genug thöricht, um Frau von Montdesier zu bereichern, noch abscheulich genug, um sie unentgeltlich lieben zu wollen. Es scheint mir, dass man allgemein in dieser Ansicht einverstanden ist, dass man den reichen Wüstling, der ohne Unterlass Mädchen kauft, etwas weniger verachten muss, als den armseligen Laffen, der sich ein Geschäft daraus macht, ihnen zu gefallen; aber das weiß man noch nicht genau, ob es lächerlicher ist, ihre Gunstbezeugungen, um die man sich sehr wenig bekümmert, sehr theuer zu bezahlen, oder schmählicher, sie durch Niederträchtigkeiten zu erlangen, wenn man kein Geld hat, um sie zu kaufen. »Allgemein bekannt ist, dass, wer einmal das Unglück hatte in der Gesellschaft dieser Art von Frauen Gefallen zu finden, bald, wenn er nicht auf der Hut ist, mit seinem Vermögen oder seiner Gesundheit zugleich die Achtung der Gutgesinnten und seine eigene Achtung verlieren muss.« Um die Marquise zu rechtfertigen, verhehlte ich ihr nicht, dass diesen Morgen und so eben noch, Frau von Montdesier ihrem verwegenen Versprechen untreu gewesen sei, und ich erzählte ihr sogar in aller Naivetät, welcher angenehme Irrthum am letzten Abend, um mir einen der glücklichsten Augenblicke meines Lebens zu verschaffen, Justine in meinen Armen mit allen Reizen der Frau von B... verschönert habe. Ich sah die Marquise mehrere Male erröthen, und mehrere Male hörte ich sie meinen, allerdings nicht zu entschuldigenden Irrthun zu beseufzen. Durch ihre Verwirrung kühn gemacht, wagte ich mit einer kleinen Liebkosung eine tückische Frage: »Und Sie, liebe Mamma, denken Sie denn nie an mich? nie eine zärtliche Erinnerung?« Frau von B..., die sich bereits wieder gefasst hatte, unterbrach mich: »Dürfen Sie fragen, ob ich an Sie denke? beweist Ihnen denn nicht Alles, was ich sage, dass Ihre Freundin ohne Unterlass mit Ihren theuersten Interessen beschäftigt ist?« »So ist es denn wahr, dass Sie meine Freundin sind! ach, Sie sind nur noch meine Freundin!« »Faublas, Sie sollten mir dazu Glück wünschen.« »Liebste Mama! ich kann mich nur darüber beklagen.« »Mein Freund, Sie müssen Madame sagen.« »Madame zu Ihnen? nie werde ich mich daran gewöhnen.« »Dennoch ist es nothwendig, Faublas.« »Madame, mein Name ist Florville.« »Um so besser, Ihre Folgsamkeit macht mir Freude!« »Warum bin ich nicht mehr Fräulein Duportail!« »Chevalier, brechen mir hiervon ab!« »Warum gehen wir nicht mehr zusammen nach Saint-Cloud!« »Guter Gott! schon Mittag!« rief sie mit einem Blick auf ihre Uhr. »Florville, ich will Ihnen, ehe ich Sie verlasse, einen Auftrag geben.« Sie zog aus ihrer Brieftasche ein Papier, das sie mir zustellte. »Ich habe selbst um dieses Schreiben des Ministers nachgesucht, das meinen ärgsten Todfeind nach Frankreich zurückruft; thun Sie mir den Gefallen, es an den Grafen Rosambert in Brüssel zu adressieren, wo er sich gegenwärtig aufhält. Melden Sie ihm, dass er sich unter seinem Namen wieder in der Hauptstadt und sogar bei Hofe zeigen könne. Ich erlaube Ihnen, ihm wissen zu thun, dass diejenige, die er beschimpft hat, ihn mit einem Wort auf immer seiner Güter, seiner Ämter, seines Vaterlandes berauben konnte, und dennoch seine Rückkehr ausgewirkt hat. Er glaube übrigens nicht, dass ich auf meine Rache verzichte; aber er soll erfahren, dass ich eine meiner würdige Rache will. Er soll für seine feige Beleidigung nicht auf eine feige Art gezüchtigt werden. Einen seiner Geburt unwürdigen Menschen, der sich nicht entblödet, mich niederträchtig zu beschimpfen, auf eine edle Art strafen, heißt ihn zweimal strafen. Leben Sie wohl, mein Freund!« »Leben Sie wohl, Madame! werde ich lange das Glück entbehren müssen, Sie zu sehen?« »Nein, Florville! ich denke zuweilen hierher zu kommen.« »Sagen Sie oft!« »Oft, wenn ich kann.« »Und bald?« »So bald als möglich.« »In einigen Tagen?« »Sie werden es durch Justine erfahren. Leben Sie wohl, mein Freund!« Als Frau von B... weg war, rief ich Justine: »Sage mir doch, wohin diese Thüre führt, durch die ich die Marquise ein- und ausgehen gesehen habe.« »Zu meinem Nachbar, dem Juwelier, den Madame reichlich dafür bezahlt hat,« antwortete sie; »es ist hier ganz so, wie im Boudoir der Modehändlerin.« »Ach, nein, Justine, es ist nicht so, es fehlt noch viel.« »Wie? ist Madame grausam gewesen?« »Ja, mein Kind!« »Vielleicht weil Sie verheiratet sind?« »Glaubst Du?« »Freilich, ich fühle, dass mir dies an ihrer Stelle fürchterlich weh thun würde, ich wäre von Anfang wie ein kleiner Teufel. Doch können wir Frauen nicht lange grollen, ich würde mich am Ende zufrieden geben.« »Du glaubst also, dass die Marquise –« »Sich zufrieden geben wird. Ja, seien Sie ruhig! und dann,« sagte sie in schmeichelndem Tone, »es bleiben uns ja noch Tröstungen übrig.« Frau von Montdesier schien mir wirklich sehr in der Laune zu sein, mir welche zu bieten; allein ich hatte den Muth, meinen Verdruss mit nach Hause zu nehmen. Jasmin erwartete meine Rückkehr mit Ungeduld. Er sagte mir, Frau von Fonrose habe jemand geschickt, um mich zu bitten, zu ihr zu kommen. Ich schrieb zuerst an den Grafen Rosambert einen kurzen Brief, den ich auf die Post bringen ließ, und begab mich dann zur Baronin. Als man den Chevalier von Florville meldete, that Frau von Fonrose einen Freudensprung. Sie führte mich in ihr Toilettenzimmer, setzte mich vor einen Spiegel und läutete einer ihrer Frauen, die nicht minder geschickt als Justine mir in einem Augenblick, mit Bändern und Blumen, die eleganteste Frisur machte, auf die jemals ein junges Mädchen stolz war. Sodann wurde ich in ein reizendes Kleid angezogen, und um die Metamorphose zu vollenden, wurden meine Füße in einen niedlichen Schuh von blauem Sammt gesteckt. Frau von Fonrose entließ jetzt ihre Kammerfrau, gab mir mehrere Küsse und machte die gütige Bemerkung, dass es wenig so liebenswürdige Frauen gebe, wie ich. Ich wollte ihr schnell ihre schmeichelhaften Worte und ihre zärtlichen Liebkosungen erwiedern, als noch zur gelegenen Zeit ein Lakai vor der Thüre rief: »Herr Baron Faublas!« Die Baronin, die meinen Vater nicht ins Toilettenzimmer kommen lassen wollte, ging ihm schnell entgegen und traf ihn im Salon. »Ich komme,« sagte der Baron zu ihr, »mich zu entschuldigen, Ihnen Vorwürfe zu machen und mein Leidwesen auszudrücken. Sie mussten uns gestern ein wenig schnell verlassen; ich habe sehr dabei gelitten, aber Sie sind selbst Schuld daran; Sie haben mir eine tolle junge Frau ins Haus gebracht.« »Sagen Sie vielmehr eine bezaubernde Frau, mein Herr! reizend, lebhaft, hübsch, geistreich.« »Dies mag sein, Madame, aber –« »Kein aber!« unterbrach sie. Doch fuhr er fort: »Ich gestehe Ihnen, dass ich nicht ohne Kummer meinen Sohn in eine neue Intrigue verwickelt sehe. Es wäre für mich zu grausam zu denken, dass seine Frau noch lange ausbleiben werde.« »Ach, guter Gott! beruhigen Sie sich, Baron! wann sie wiederkommen wird, geben wir ihr ihren Gemahl zurück.« »Zu spät vielleicht, er wird sie weniger lieben; und seine Sophie verdient wahrhaftig, glücklich zu sein.« »Ja, so sind Sie! ich bewundere Sie; wenn man Sie hört, sollte man glauben, eine Frau könne ihr Glück nur in den unaufhörlichen Anbetungen ihres Mannes finden; und Sie haben von Ihrer Provinz her diese Idee der vorigen Jahrhunderts mitgebracht, dass jeder gute Ehemann seine Frau fein bürgerlich durch ewige Liebe zu Tode quälen müsse. »Mein Herr, Sie wissen nicht, dass ein Mann von Stand gegenwärtig nur heiratet, um ein Haus, einen gesellschaftlichen Kreis, einen Erben zu erhalten?« »Und eben darum, Madame, haben die gebildeten Leute, von denen Sie sprechen, nach einigen Jahren der Ehe weder einen Kreis, noch Kinder, die ihnen angehören.« »Sie sind,« versetzte die Baronin lachend, »der unterhaltendste Mann von der Welt, wenn Sie sich die Mühe dazu nehmen wollen.« »Man spanne ein!« sagte sie zu einem Bedienten. Mein Vater, der diesen Befehl vernahm, rief: »Sie speisen zu Mittag nicht zu Hause?« »Nein, Herr Baron, ich beabsichtige, den Abend bei Ihnen zuzubringen. »Es thut mir sehr leid, Ihre liebe Gesellschaft nicht länger genießen zu können, aber es ist unmöglich, da ich mein Wort gegeben habe.« »Madame, kann man ohne Indiskretion fragen, wo Sie zu Mittag speisen?« »Bei der kleinen Gräfin.« »Gehen Sie allein hin?« »Nein, mein Herr.« »Mit meinem Sohn vielleicht?« »Mit dem Chevalier? gewiss nicht!« »Sie lachen, Baronin.« »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass Ihr Herr Sohn mich nicht begleitet.« »Und wer denn, wenn es erlaubt ist zu fragen?« »Fräulein von Brumont!« »Die kenne ich nicht, holt das Fräulein Sie ab?« »Ich erwarte sie hier!« »Bleiben Sie lange bei Frau von Lignoll?« »Ich denke bald zurückzukommen, um mit Ihnen zu soupieren.« »Da hatten Sie einen vortrefflichen Gedanken, Madame.« »Und ich würde meine Thüren für jedermann schließen lassen, wenn Ihnen nicht die Unterhaltung unter vier Augen zu langweilig wäre.« »Ich fürchte nur, sie möchte zu kurz sein,« antwortete er, ihr die Hand küssend. Ein Bedienter meldete, dass die Pferde angespannt seien. Agathe, die gewandte Kammerfrau, die mich frisiert hatte, nahm gern einen Louisd'or an, und führte mich eine kleine Treppe hinab in den Hof, wo ich den Wagen der Baronin traf; dann nahm sie es auf sich, ihrer Gebieterin zu sagen, Fräulein, von Brumont sei soeben angekommen; da sie aber erfahren habe, dass Gesellschaft bei Frau von Fonrose sei, und da sie Niemand sehen wolle, so erwarte sie die Baronin in ihrem Wagen. Mein Auftrag wurde gut besorgt, bald sah ich Frau von Fonrose herabkommen. Mein Vater gab ihr die Hand. Er warf einen neugierigen Blick in den Wagen; aber ich war unhöflich genug, mein Gesicht mit dem Fächer zu bedecken. Wir fuhren ab. Die Baronin gratulierte mir lachend zum Erfolg meiner List. Sie ergriff meine Hand, drückte sie sanft, beehrte mich mit einigen sehr zärtlichen Blicken und sagte mir mehr als einmal, mein Vater könne für einen sehr liebenswürdigen Mann gelten, aber ich sei die reizendste Frau, die sie jemals gesehen habe. Während der weitern Fahrt sagte mir Frau von Fonrose, die Gräfin, die ohne Zweifel noch sehr gereizt sei, werde mich anfangs vielleicht schlecht empfangen; doch, fügte sie hinzu, würde ich die Dame beruhigen, wie man sie Alle beruhige, durch Lobeserhebungen und Liebkosungen. Herr von Lignoll war bei der Gräfin, als man uns meldete. »Ja, wahrlich,« sagte der Graf, »sie ist's!« Frau von Lignoll stand anfangs, von einer ersten Bewegung hingerissen, auf und streckte mir die Arme entgegen; aber plötzlich warf sie sich, von einer entgegengesetzten Empfindung überwältigt, in ihren Lehnstuhl zurück und rief: »Ich will sie nicht sehen.« Ich wollte mich entfernen, aber Frau von Fonrose kam mir zuvor: »Dennoch bringe ich sie Ihnen sehr reuevoll und ganz trostlos zurück, sie will Alles aufbieten, Ihre Verzeihung zu verdienen.« »Verzeihung nach solchem Undanke!« »Es ist wahr,« sagte Herr von Lignoll, »dass sich das Fräulein ein sonderbares Benehmen gegen uns erlaubt hat. Bloß zwei oder drei Tage hier zu bleiben und uns im Stich zu lassen, ohne ein Wort zu sagen! sie hatte doch wenigstens die Frau Gräfin zwei Tage vorher davon in Kenntnis setzen sollen.« »Mich in Kenntnis setzen?« rief die Gräfin; »man muss mich nicht derart verlassen.« »Ah! doch man muss gestehen, dass das Fräulein frei war, sie hatte das Recht, ihren Abschied von Ihnen zu verlangen, wie Sie das Recht hatten, sie zu entlassen. Aber in diesem Falle, ich wiederhole es, sagt man es einander drei Tage vorher.« »Mein Herr, wollten Sie die Güte haben, mir Ihre Bemerkungen zu erlassen? in einem andern Augenblick würden sie mich vielleicht ergötzen; ich gestehe Ihnen, dass sie mich jetzt sehr langweilen.« Der Graf schwieg; ich ergriff das Wort. »Madame, ich gestehe, dass ich mich einigermaßen gegen Sie verfehlt habe; aber der Schein zeigt mich strafbarer, als ich wirklich bin.« »Wie! eine Untreu von vier Monaten!« fiel der Graf ein. »Mein Fräulein, die Gräfin hat Recht; dies war nicht brav.« »Ich muss auch ein Wörtchen für sie sprechen,« sagte Frau von Fonrose. »Ich weiß von guter Hand, dass ihr diese viermonatliche Abwesenheit sehr lang geschienen hat, und dass, wenn man ihr die Freiheit gelassen hätte, Sie zu besuchen, sie es von Herzen gern gethan haben würde.« »Sie suchen sie umsonst zu entschuldigen, Baronin, Sie wissen nicht, dass sie mich verrathen hat!« »In der That, ohne Zweifel!« versetzte Herr von Lignoll, »es ist eine Art Verrath.« »Sie hat mich aufgeopfert!« »Ja,« fuhr der Beifall gebende Gatte fort, »sie hat uns aufgeopfert, wenn sie eine andere Verbindung eingegangen hat.« »Eben dies, mein Herr,« rief die Gräfin, »eben dies hat sie gethan!« »Madame, ich erkenne mein Unrecht; aber –« »Sie hören es,« unterbrach sie, leidenschaftlich ihre hübschen Händchen ringend, die sie zuerst gegen die Zimmerdecke erhob, und womit sie sich dann Augen und Stirne bedeckte. »Sie hören es! sie hat eine andere Verbindung eingegangen,« wiederholte die Gräfin mit klagendem Tone und fing an zu weinen; »sie hat eine andere Verbindung eingegangen!« »Mit einer Frau?« fragte der Graf. »Ohne Zweifel, mit einer Frau,« antwortete Frau von Lignoll mit großem Eifer; »Sie stellen sonderbare Fragen!« »Wer ist diese Frau?« fragte er mich. »Was liegt Ihnen daran, wer sie ist?« unterbrach die Gräfin. »Ist sie von Stand, diese Frau?« fragte er. »Ja, von Stand,« rief sie, »wie mein Stallknecht.« »Und was macht sie?« »Was sie macht!« sagte die Gräfin, deren Zorn mit jeder Frage ihres neugierigen Gemahls größer wurde; »Dummheiten macht sie und schlechte Witze.« »Und sie nennt sich?« Frau von Lignoll rief: »Oh! ich weiß, wie sie sich nennt; aber ich will, dass Sie es sagen, Fräulein.« »Madame, erlassen Sie es mir.« »Keine schlechten Entschuldigungen, mein Fräulein, ich will es!« »Nun gut, sie nennt sich Montdesier.« »Montdesier! dacht ich's doch!« »Sie hat mich wegen einer andern verlassen können!« und die Gräfin fing auf's neue an, zu weinen. »Jetzt ist sie gerührt,« sagte die Baronin zu mir; »sie wird sich beruhigen, sie wird verzeihen. Fallen Sie ihr zu Füßen und bitten Sie um Gnade.« Ich warf mich zu ihren Knieen, die ich umfasste, und während Frau von Fonrose ganz leise einige Worte des Trostes an sie richtete, hielt mir der Graf unter sanften Vorwürfen eine väterliche Moralpredigt. »Sie sind jung, Fräulein von Brumont, Sie haben alle Vorzüge des Geistes und der Gestalt für sich; dennoch wird es Ihnen nicht gelingen, die Ungerechtigkeit wieder gut zu machen, die das Schicksal sonst gegen Sie begangen hat, wenn Sie in Ihren Neigungen unbeständig sind, wenn Sie sich an niemand anschließen wollen, wenn Sie überall Verbindungen eingehen, ohne sich irgendwo auf die Dauer festzusetzen. Waren Sie nicht gut hier? Ich glaube nicht, dass ich es in einer Beziehung an Achtung habe fehlen lassen, gegen ein Fräulein, das ich sehr schätze: und was meine Frau betrifft, die liebt Sie zum Närrischwerden. Übrigens hatten Sie, die tausend andern Vortheile nicht zu rechnen, bei uns einen sehr großen, den man selten anderswo trifft, den: alle Tage Charaden aufzulösen und selbst nach Belieben welche zu machen.« Der Ärger der Gräfin konnte sich gegen die letzte Bemerkung ihres Gemahls nicht halten. Kaum hatte Herr von Lignoll seine Rede vollendet, als sie in ein unauslöschliches Gelächter ausbrach. Plötzlich wich der düstere Schmerz einer tollen Freude auf diesem bezaubernden Gesichte, auf dem ich Thränen und Lachen mit einander vermischt sah. Ich konnte leicht merken, dass Frau von Fonrose, ebenso wie ich, viel um die Erlaubnis gegeben hätte, so laut wie die Gräfin zu lachen; aber ich war wie sie durch die Furcht zurückgehalten, bei ihrem Gemahl, der uns ansah, und dem der gewaltige Zorn seiner Frau und ihre unmäßige Lustigkeit gleich befremdend sein mussten, schlimmen Verdacht zu erwecken. Der Graf beruhigte mich folgendermaßen: »Sie sind erstaunt, mein Fräulein, allein Sie dürfen sich darüber nicht wundern. Mir entgeht keine Affection der Seele; während Ihrer Abwesenheit hat die gute Laune meiner Frau sichtlich abgenommen; ich habe ein sicheres Mittel ausfindig gemacht, ihr die Heiterkeit wiederzugeben, ich habe von Charaden mit ihr gesprochen. Dann lachte Madame sogleich wie eine Närrin. Ich habe die Erfahrung mehrere Male gemacht, immer hatte ich denselben Erfolg. Sie sind nun selbst Zeuge; seit einer Viertelstunde hört sie nicht mehr auf.« Die Gräfin fing auf's neue an, und Frau von Fonrose genierte sich nicht mehr; ich wurde wie sie hingerissen, und Herr von Lignoll konnte drei Personen nicht von Herzen lustig sehen, ohne selbst bei der Partie zu sein. Unser schallendes Gelächter musste von der ganzen Nachbarschaft gehört werden. Während indes Fräulein von Brumont lustig lachte, verlor der Chevalier Faublas den Kopf nicht. Mit glühenden Lippen presste er die Lilien eines Armes, weißer als Elfenbein, und drückte mit liebkosender Hand sanft die hübschesten Kniee von der Welt. »Verzeihen Sie ihr!« sagte Frau von Fonrose zur Gräfin. Die schlaue Baronin beobachtete mich, und sie schien kein Detail von dieser lustigen Pantomine zu verlieren. »Verzeihen Sie ihr!« wiederholte der arglose Gemahl, der, nicht zufrieden, nur mit Blicken und Winken seinen Beifall zu bezeugen, sich zwei Mal bückte, um mir die ermuthigenden Worte ins Ohr zu sagen: »Gut, gut! werden Sie nicht müde, bleiben Sie fest, sie ist besiegt.« »Verzeihen Sie mir!« rief nun auch ich mit zärtlicher Stimme und in flehendem Tone; »verzeihen Sie mir, denn ich bereue meinen Fehler und liebe Sie.« »Und ich liebe Sie auch,« antwortete sie, mich umarmend; »und ich verzeihe Ihnen,« fügte sie hinzu und umarmte mich zum zweiten Male; »aber ich stelle die Bedingung, dass Sie diese Frau von Montdesier nicht mehr sehen.« »Oh! nein, Madame!« »Und dass Sie nie mehr eine andere Verbindung eingehen, als mit mir.« »Nie, ich gelobe es bei meiner Liebe.« »In diesem Falle verzeihe ich Ihnen, ich liebe Sie, und zum Beweis umarme ich Sie; und wenn Sie mir Wort halten, werde ich Sie mein ganzes Leben lang lieben und umarmen.« »Nun gut!« rief Herr von Lignoll, entzückt über das Vergnügen seiner Frau; »da Madame Sie liebt, Sie umarmt und Ihnen verzeiht, so will auch ich Ihnen verzeihen. Sie lieben und Sie umarmen.« Er beehrte mich mit mehreren Küssen; und auch ich sagte zu Frau von Fonrose: »Liebe Sie, verzeihe Ihnen und umarme Sie, denn Sie haben mich seit einer Viertelstunde sehr ergötzt.« »Nun sage mir jemand, dass die Charaden zu nichts taugen,« versetzte der Graf mit triumphierender Miene. »Sehen Sie, Sie Sie uns Alle in gute Laune versetzt haben, wie der Friede geschlossen worden ist.« Die Gräfin unterbrach ihn: »Apropos, Charaden! wissen Sie auch, Fräulein von Brumont, dass der Herr Graf die unserige noch nicht hat auflösen können?« »Ja, sie ist auch nicht klar,« antwortete er. »Ein schöner Grund,« antwortete Frau von Fonrose. »Wie, mein Fräulein, Ihre Charade ist nicht klar?« Ich entgegnete auf die Gräfin zeigend: »Madame hat sie gemacht.« »Ja,« antwortete diese, »aber Sie haben es mich gelehrt.« »Gleichviel,« versetzte die Baronin, »wenn sie nicht klar ist, so müssen Sie sie auf's neue anfangen.« Die Gräfin erwiderte: »Dies ist unsere Absicht, Madame.« »Ohne Zweifel!« sagte Herr von Lignoll, »Sie müssen sie auf's neue anfangen.« »Es wird Ihnen also Vergnügen machen?« fragte ihn seine Frau. »Ganz gewiss, Madame, und zwar viel! ich wünschte Ihnen dazu zu helfen, ich wünschte Sie unterrichten zu können.« »Danke tausendmal!« unterbrach sie ihn. »Ich will künftig keinen andern Lehrer mehr als Fräulein von Brumont. Ohnehin, mein Herr, würden Sie sich vielleicht ganz vergebliche Mühe geben.« »Herr Graf,« sagte ich zu ihm, »ich will mir die Freiheit nehmen zu bemerken, dass die Frau Gräfin jung und sehr wissbegierig ist!« »Nun gut! mein Fräulein, Sie bedürfen keines Helfers, um ihr Alles zu zeigen, was zu wissen nöthig ist, ich bin überzeugt, dass Sie wohl im Stande sind, Ihrer Schülerin vortreffliche Anfangsgründe beizubringen, und wenn Sie den Unterricht einmal angefangen haben, so bin ich gerne bereit, ihn zu vollenden.« »Nein, wenn ich bitten darf; ich würde niemanden weder den Ruhm noch das Vergnügen hiervon abtreten.« »Wie Sie wollen, mein Fräulein; dies wird mich nicht hindern, mich lebhaft für die Fortschritte Ihrer Schülerin zu interessieren.« »Mein Herr, was Sie die Güte haben mir zu sagen, ist sehr geeignet, mich aufzumuntern. Ich verspreche Ihnen, der Frau Gräfin gute Lektionen zu geben.« »Nur Muth, mein Fräulein, nur Muth!« »Ich werde mehr als eine Charade mit ihr machen, dafür stehe ich Ihnen, Herr Graf.« »Ganz recht, mein Fräulein, kein Zögern, keine übermäßige Schüchternheit! fangen wir wieder an und machen Sie es besser.« »Ich werde mich bemühen, mein Herr.« »Gut so, das lasse ich mir gefallen, und so bald als möglich.« »Ah! sogleich, wenn Madame es will.« »Nein,« fiel die Baronin ein, »speisen wir vorher zu Mittag; Sie werden immer noch Zeit genug haben. Ich denke Sie vierzehn Tage hier zu lassen.« Ich traute meinen Ohren nicht. »Wie, vierzehn Tage!« sagte ich. »Ich begreife es, der Termin scheint Ihnen kurz; aber ich habe keinen längern erhalten können.« »Nicht erhalten können, ich begreife nicht, Frau Baronin!« »Ich habe das Unmögliche versucht, mein Fräulein; denn ich wusste, wie sehr Sie ihren Aufenthalt bei der Gräfin zu verlängern wünschten.« »Wirklich, Madame, ich bewundere Ihren Scharfsinn.« »Ihre Verwandten haben Ihnen nur vierzehn Tage bewilligt.« »Sie sagen, meine Verwandten haben mir bewilligt?« »Ja, nur vierzehn Tage. Nichts hat sie bestimmen können, sich des Glücks, Sie bei sich zu besitzen, auf längere Zeit zu berauben.« »Frau Baronin, wissen Sie gewiss?« »Ich weiß gewiss, mein Fräulein, dass sie Ihnen nicht erlauben werden, länger zu bleiben, richten Sie sich darnach ein; in vierzehn Tagen führe ich Sie zurück, es ist schon ausgemacht.« »Beschlossen, Madame!« »Unwiderruflich beschlossen, mein Fräulein.« »Ach! wie umsichtig, Madame!« »Inzwischen werde ich Sie fast alle Tage besuchen, wie Sie sich wohl denken können!« »Wie gütig, Madame!« »Ich speise heute Abend mit einem Ihrer Verwandten.« »Ich weiß es, es ist, glaube ich, einer meiner nächsten Verwandten!« »Ich, mein Fräulein, ich werde mit ihm von Ihnen sprechen.« »Ah! ich werde Ihnen sehr verbunden sein.« »Ich zweifle nicht daran, dass diese vierzehntägige Trennung ihn wie die andere anfangs erschrecken wird; aber ich werde ihn darüber aufklären.« »Sie werden mir einen wahren Dienst erweisen.« »Ich versichere Ihnen, dass er nicht böse sein wird.« »Madame, ich verlasse mich auf Sie.« Man begreift, dass ich durch die künstliche und kühne Art, wie die Baronin mich, so zu sagen, gegen meinen Willen bei der Gräfin einquartiert hatte, sehr überrascht war. Dennoch möchte ich nicht zu behaupten wagen, dass es mir sehr unangenehm gewesen sei; so viel wenigstens kann ich versichern, dass ich in meinem Innern den festen Entschluss fasste, meine Verbindungen mit Frau von B... fortwährend zu unterhalten, um nöthigenfalls schnell von ihrer Entdeckungen in Kenntnis gesetzt zu werden und mein Betragen nach denselben einzurichten. Der Graf, der kein Wort von meinem Zweigespräch mit der Baronin verloren hatte, fragte, ob meine Verwandten gegenwärtig in Paris wären. Die Baronin antwortete, sie wären incognito hier, aus Gründen, die sie zwar wüsste, aber nicht sagen könne. Wir setzten uns zu Tische. Ich kam zwischen die beiden Eheleute zu sitzen; von Zeit zu Zeit brachte die gewandte Gräfin eine Hand unter das Tischtuch, der die meinige jedesmal begegnete. Herr von Lignoll hätte unsere häufige Zerstreuung unfehlbar bemerken müssen, hätte nicht die allzeit aufmerksame und allzeit gefällige Frau von Fonrose zwanzig Mal auf eine sehr feine Art uns an unsere Unvorsichtigkeit erinnert. Beim Nachtisch aber erging es mir nicht gut. Die Baronin, sei es nun, dass sie mich von dem Gegenstand ablenken wollte, womit sie mich so sehr beschäftigt sah, oder dass es ihr ein eigenes Vergnügen machte, mich ein wenig zu quälen, ließ sich einfallen, einen Streich gegen mich zu führen, der schwerer als alle andern abzuwehren war. »Apropos,« sagte sie, »wissen Sie schon die große Neuigkeit; der Chevalier von Faublas hat die Bastille verlassen.« »Wer, der Chevalier von Faublas?« »Sie erinnern sich doch der Geschichte dieses hübschen Jungen, der unter Frauenkleidern sich bei dem Marquis von B... aufhielt?« »Ja. Madame.« »Und diesen liederlichen Burschen hat man wieder in Freiheit gesetzt, und hat ihn nicht zeitlebens eingesperrt?« »Herr Graf! Sie sind sehr streng. Man sagt, es sei ein sehr liebenswürdiges Kind.« »Ein Erztaugenichts, den man hätte züchtigen sollen.« Die Baronin wandte sich jetzt an mich: »Fräulein von Brumont sagt kein Wort; sie ist der Meinung des Herin Grafen?« »Nein, Madame, durchaus nicht, nein, dieser Chevalier von Faublas, von dem Sie sprechen, verdient, glaube ich, Entschuldigungen, wenn er nur nichts schlimmeres gethan hat.« »Er hat Abscheulichkeiten gethan!« rief Herr von Lignoll. »Sie wissen also seine Geschichte nicht, mein Fräulein? Ich will sie Ihnen erzählen. Für's erste hat er die Kleider seines Geschlechts abgelegt und, indem er sich für eine Frau ausgab, fast unter den Augen des Gemahls das Lager seiner Frau der Marquise von B... getheilt, ist das nicht schrecklich?« »Erlauben Sie eine Einrede, mein Herr; dies kommt mir nicht wahrscheinlich vor. Wie ist es möglich, dass ein Mann so sehr einer Frau gleicht, dass man ihn dafür halten könnte?« »Es ist nichts gewöhnliches, aber dennoch ist es möglich und schon vorgekommen.« »Wenn Sie es nicht versicherten, würde ich es nicht glauben,« sagte die Gräfin. »Man muss es glauben,« antwortete er, »denn es ist Thatsache. Übrigens ist der Marquis von B... dennoch ein Einfaltspinsel bei allen seinen physiognomischen Kenntnissen.« Ich unterbrach ihn: »Ich glaube, wenn Sie an der Stelle des unglücklichen Marquis gewesen wären, Sie hätten sich von dem Herrn von Faublas nicht hintergehen lassen.« »Oh, nein, dessen können Sie sicher sein. Ich habe vielleicht nicht mehr Geist, als ein anderer; aber ich bin ein Beobachter; ich kenne das Herz des Menschen und keine Affection der Seele entgeht mir.« »Wir wissen dies,« sagte die Baronin; »aber um auf den Chevalier zurückzukommen, so werden Sie sich doch ein wenig wundern, wenn Sie erfahren, dass er der Marquise seine Freiheit verdankt.« »Der Frau von B...!« rief der Graf. »Der Frau von B...!« rief ich mit erheucheltem Erstaunen. »Der Frau von B...!« wiederholte die Baronin kalt; »jedermann versichert es.« Die Gräfin stand schnell auf und sagte zu mir: »Wie! ist dies die Marquise?« Sie sprach so laut und so schnell, sie schien so überrascht, so unruhig und so verdrießlich, so dass ich aus Furcht, sie möchte mir einen unvorsichtigen Vorwurf machen, oder eine gefährliche Frage an mich stellen, sie eilends unterbrach: »Wenden Sie sich an die Frau Baronin. Wozu wollen Sie mich fragen, da ich doch nichts von der ganzen Fabel weiß?« Herr von Lignoll hatte die Güte mich zu unterstützen. »Eine Fabel, wie das Fräulein sehr gut sagt. In der That, wie ließe sich denken, dass die Marquise die Kühnheit gehabt hätte.« »Es ist kein unwahres Wort an Allem, was ich sage,« versetzte die Baronin. »Dass ein so unerfahrenes Mädchen, ohne Leidenschaft und ohne Tadel, die Begebenheit, von der Sie sprechen, anstößig findet und in der Unschuld ihres Herzens nicht glauben will, dies scheint mir sehr natürlich; dass aber Herr von Lignoll, der tiefe Beobachter, der Mann von ausgezeichneter Urtheilskraft, kurz, dass Herr von Lignoll eine Thatsache, die zwar allerdings nicht zu den gewöhnlichen gehört, die aber doch nicht ohne Beispiel ist und jedem, der die verdorbenen Sitten dieses Jahrhunderts kennt, sogar wahrscheinlich vorkommen wird; dass er eine solche Thatsache zur Fabel stempeln will, das kann ich nicht begreifen.« »Dazu,« antwortete der Graf, »müsste ich den Charakter der Frau von B... eigens studiert haben, und ich kenne sie bloß ein wenig vom Hörensagen.« »Und ich kenne sie daher,« sagte die Baronin, »dass ich sie allzu oft auf meinen Wegen begegnet habe. Die Mehrzahl der jungen Leute vom Hof sagt, sie sei schön, und sie wisse es wohl; aber die alten Hofmänner versichern, sie sei gewandter, einschmeichelnder, künstlerischer und heuchlerischer, als sie Alle: man muss ihnen glauben. Ich will für ihren seltenen Verstand nur einen Beweis anführen, nämlich die Art, wie sie sich nach ihrem fürchterlichen Falle mächtiger als je wieder erhob. »Als ihre Geschichte mit dem Chevalier von Faublas so großen Lärm machte, da glaubten wir sie verloren; sie allein hatte den Muth an ihrem Glück nicht zu zweifeln. Wie sie ihren gehörnten, gedemüthigten und unzufriedenen Gemahl überredete, dass er nicht zum besten gehalten worden sei, kann ich nicht sagen; aber gewiss ist, dass wir sie heute vortrefflich zusammen leben sehen. Übrigens ist dies der geringste Erfolg, den sie sich versprochen hatte; sobald sie den guten Gemahl bezaubert hatte, dachte sie an die Befreiung des reizenden Freundes. »Was thut sie also? Herr von M..., der viele Anhänger hatte, weil er ein wenig Verdienst und bedeutendes Vermögen besaß, Herr von M... war seit langer Zeit in sie verliebt, aber leider umsonst und strebt umsonst nach dem Ministerium. »Frau von B... schlägt sich zu seinen zahlreichen Anhängern, und der glückliche Bewerber, dem sie dient, sieht endlich das seligmachende Portefeuille in seinen Händen. Jetzt hält es seine Wohlthäterin nicht unter ihrer Würde, seine Geliebte zu werden. So gelang Frau von B... wieder zu ihrem früheren Ansehen, das mit jedem Tag zunimmt. Der Chevalier von Faublas wird so der Gesellschaft wieder geschenkt, um, wenn wir nicht auf der Hut sind, neuen Spuck zu machen.« Endlich schwieg Frau von Fonrose, und da sie mich bloß in Verlegenheit setzen wollte, so konnte sie sich über meinen Verdruss nur freuen. Ich hörte im Innersten meines Herzens eine geheime Stimme mir zurufen, dass die Marquise mich hätte im Gefängnisse lassen sollen. In meinem großen Missbehagen wagte ich meiner Freundin den Vorwurf zu machen, dass sie zu viel für mich gethan habe. Der Mensch ist von Natur ein undankbares Geschöpf; so sagen mit Recht unsere trostreichen Moralisten. Frau von Lignoll war unzufrieden über meinen Verdruss, der leicht zu sehen war, und bemerkte es laut: »Sie sehen sehr nachdenklich aus, mein Fräulein.« »Wahrhaftig ja,« sagte der Graf, »ich bemerke es auch.« Ich gab der Gräfin keine Antwort, weil die Baronin, welche die Unvorsichtigkeit ihrer Freundin leicht voraussah und schnell zu verhindern wusste, sich ihrer bereits bemächtigt hatte und ganz leise sie zurückzuhalten und zu beruhigen suchte; aber ich ergriff diesen Augenblick, um mich Herrn von Lignoll zu nähern und ihm ein großes Geheimnis anzuvertrauen: »Mein Herr, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, so haben Sie früher einmal den Wunsch geäußert, dass vor Ihrer jungen Frau nie von Liebeshändeln und Galanterien die Rede sein möge!« Er antwortete mir: »Dies ist wahr, aber es handelt sich von diesem Wüstling; ich gerathe in Eifer, lasse mich hinreißen und vergesse meine Vorsätze. Übrigens danke ich Ihnen, dass Sie die Güte haben, mich daran zu erinnern; ich will mich darnach richten und die Unterhaltung auf einen andern Gegenstand lenken.« Er hielt mir grausam Wort; ich musste den ganzen Abend Charaden auflösen und lange Abhandlungen anhören. Um zehn Uhr zog sich die Baronin zurück, um den Abend bei dem zuzubringen, den sie meinen sehr nahen Verwandten nannte. Um zwölf Uhr wünschte Herr von Lignoll der Gräfin eine gute Nacht und dem Fräulein von Brumont einen guten Schlaf. Von diesen zwei Wünschen konnte nur der eine erhört werden; die Gräfin hatte eine gute Nacht, eben weil Fräulein von Brumont wenig schlief. Am andern Morgen waren alle Spuren von Eifersucht aus ihrem Herzen verschwunden. Wir nahmen ein ganz prächtiges Frühstück zusammen, denn wir waren durch keine Gegenwart eines dritten belästigt. Herr von Lignoll, der nach Versailles reiste, wo er mehrere Tage zuzubringen gedachte, hatte mir empfohlen, seiner Frau treulich Gesellschaft zu leisten und für sie zu sorgen. Im Gegentheil sorgte sie für mich; ihre kleinen Hände ordneten meine Haare, ihre kleinen Hände kleideten mich an. Es ist wahr, dass ich dadurch um nichts besser frisiert oder gekleidet war; es ist wahr, dass ich ihr aus Überfülle des Dankes vielleicht ungeschickt, aber doch zu ihrer Zufriedenheit die Dienste heimgab, die ich von ihr empfangen hatte. Der ganze Morgen verging wie ein Augenblick unter so angenehmen Beschäftigungen. Ich will hier nicht die Zerstreuungen aufzählen, weder der ausgelassenen Streiche, welche die von Natur so lebhafte Frau von Lignoll ausführte, erwähnen. Auch ich war keinesfalls bescheidener oder vernünftiger. Unsere kindische Freude, unsere komischen Zärtlichkeiten, unser lärmendes Entzücken, unsere pikanten Schelmereien, mussten uns in eine ergötzliche Laune versetzen; wir vergaßen, dass wir beide durch heilige Bande gebunden uns nicht dieser tollen Freude hingeben sollten. Aber kennt die Jugend Schranken? richtet sie sich nach der Strenge der Gesetze, welche die Menschen beherrschen? ich war noch nicht achtzehn Jahre, die Gräfin zählte kaum sechzehn! wir waren beide noch Kinder. Frau von Lignoll hatte ihr Haus nicht für jedermann verschließen lassen. Nachmittags empfingen wir einen Besuch von Frau von Fonrose, die mir Nachrichten von meinem Vater brachte, und von der Marquise von Armincour, der ihre Nichte die Rückkehr des Fräuleins von Brumont zu wissen gethan hatte. Die gute Tante war entzückt, mich wieder zu sehen, und überhäufte mich mit Komplimenten. Von der größten Achtung gegen mich durchdrungen, hatte sie nicht vergessen, dass ich mit dem ziemlich gewöhnlichen Vorzug, Alles zu wissen, das seltene Talent verband, Alles zu erklären, und dass ich sie bei einer misslichen Angelegenheit kräftig unterstützt hatte, als sie ihrer Eleonore Anweisungen von der dringendsten Wichtigkeit gab. Die alte Marquise liebte mich so sehr und sagte mir so viel Schmeichelhaftes, dass ich nicht ohne Undankbarkeit ihren Besuch allzu lang finden konnte. Ich bemerkte, dass die gute Baronin sich alle erdenkliche Mühe gab, die gute Tante mit sich nach Hause zu nehmen. Als sie sah, dass sie sich nicht dazu bewegen ließ, beschloss sie ebenfalls bei uns zu bleiben. Um Mitternacht zogen sich unsere beiden Gäste zurück und die Freundin der Gräfin wurde wieder ihr Liebhaber. Ich sage mit Recht die Freundin der Gräfin. Man wusste im ganzen Hause, dass ich nicht mehr ihre Gesellschaftsdame war. Übrigens glaube ich, dass bei Gelegenheit jeder gute Edelmann, ohne sich etwas zu vergeben, eine Anstellung unter solchen Bedingungen annehmen könnte, wie ich. Morgens der Toilette der gnädigen Frau vorzustehen, mittags in ihrem Boudoir zu plaudern, vor der Nachmittagsruhe ihr vorzulesen, oder zu wachen, dass ihr Ruhe nicht gestört werde; dann beim Speisen an ihrer Seite sitzen, des Abends sie in ihr Schlafzimmer zu begleiten, daran finde ich nichts, was man für zu schwierig halten könnte. Was mich anbelangt, so weiß ich wohl, dass ich die verschiedenen Pflichten, die meine Stelle mit sich führte, mit großem Vergnügen erfüllte, und ohne eine Verunehrung meines Adels zu fürchten. In jeder Hinsicht befand ich mich bei Frau von Lignoll so gut wie zu Hause. Von Zeit zu Zeit überkam mich die Sehnsucht meine Sophie zu sehen und zu umarmen. Obwohl seit unserer Trennung nur zwei Tage vergangen waren, so fühlte ich doch das Bedürfnis, meinen Vater wieder zu sehen und von ihm einige wichtige Nachrichten zu erhalten. Es geschah aus Liebe zu meiner Frau, dass ich gegen Tagesanbruch mit meiner Freundin einen ernstlichen Streit anfing. »Ich glaube, Du weinst,« rief die Gräfin verwundert; »was hast Du denn?« Ihr gestehen, dass ich der Abwesenheit Sophiens diese Thränen widmete, wäre eine wahre Grausamkeit gewesen; ich wollte mir lieber eine Lüge erlauben. »Ich bin deswegen traurig, liebe Eleonore, weil ich Sie in einigen Stunden verlassen muss.« »Mich verlassen! was wollen Sie denn machen?« »Einen Besuch.« »Bei wem?« »Nicht bei meinem Vater, denn er würde mich zurückhalten, und ich will wieder zu Ihnen zurückkommen; aber bei meiner Schwester.« »Bei Deiner Schwester! mein lieber Freund, das hat keine Eile.« »Ich kann es heute nicht unterlassen.« »Du kannst nicht?« »Nein, meine theuere, geliebte Freundin.« »Nun gut! ich gehe mit Dir.« »Welcher Einfall! uns zusammen auf der Straße von Paris zu zeigen! wenn man mich erkennte?« »Wir lassen die Vorhänge herunter.« »Gut, muss man aber nicht immer aus- und einsteigen? und dann wie ist es möglich, dass ich Dich in dieses Kloster, wo meine Schwester sich befindet, führe, was würde man glauben, was vermuthen?« »Ich werde Dich am Thore erwarten.« »Ach, nein, nein!« »Sie wollen nicht?« »Ich wollte es von Herzen gern; aber –« »Sie hintergehen mich.« »Liebste Freundin, kannst Du dies glauben?« »Ich glaube es; Sie sinnen auf eine Untreue.« »Eleonore –!« »Sie gehen nicht zu Ihrer Schwester, sondern zu dieser unwürdigen Marquise, oder vielleicht zu dieser kleinen Thörin von Montdesier.« »Meine liebe Eleonore!« »Aber wenn Sie Rendezvous haben, so werden Sie dieselben verfehlen, denn ich verbiete Ihnen auszugehen.« »Sie verbieten es mir?« »Ja, ich verbiete es Ihnen.« »Madame, führen Sie diesen Ton gegen Herrn von Lignoll, so lange er es erlauben will! was mich betrifft, so erkläre ich Ihnen, dass ich ihn nie dulden werde, und dass ich sogleich ausgehen will.« »Und ich, mein Herr, erkläre Ihnen, dass Sie nicht ausgehen werden.« »Ich werde nicht ausgehen?« »Nein, sage ich!« »Ah! wir werden sehen.« Ich machte eine Bewegung, um mich aus dem Bette zu stürzen; sie hielt mich mit der rechten Hand an den Haaren, und mit der linken zog sie so heftig an ihrer Klingelschnur, dass sie dieselbe abriß. Erschreckt sprangen ihre Frauen vor ihre Thüre. Sie rief ihnen zu: »Man sage dem Schweizer, dass er das Hotel ganz verschlossen halte und keine der Frauen von meinem Hause hinausgehen lasse.« Diese Art, einen Geliebten zurückzuhalten, schien mir so neu, dass ich nicht umhin konnte, zu lachen; meine Heiterkeit gefiel der Gräfin, die ebenfalls zu lachen anfing. Einige Minuten verstrichen in dieser Stimmung, dann standen wir auf; und als ich angekleidet war, fing der Streit auf's neue an. »Eleonore, ich gehe; ich gebe Dir mein Ehrenwort, dass ich vor zwei Stunden wieder bei Dir bin.« »Fräulein Brumont, ich gebe Dir mein Ehrenwort, dass mein Schweizer Dich nicht aus dem Hause lässt.« »Wie! ist das Ihr Ernst, Madame?« »In allem Ernst, mein Herr!« »Frau Gräfin, ich werde den Ausgang nicht zu erzwingen suchen, weil Sie sichtbar bloßgestellt würden, wenn ich zu Ihrer Unvorsichtigkeit eine neue hinzufügte; aber erinnern Sie sich der Gewalt, die Sie mir anthun, bedenken Sie, dass Sie nicht immer die Macht haben werden, Ihren Liebhaber gegen seinen Willen bei sich zu behalten, und dass er, einmal frei, sich vielleicht lange nicht mehr dem Joche unterziehen wird, das Sie ihm schwer gemacht haben.« »Ach! der Unwürdige! er droht, mich zu verlassen! – Faublas, wenn Du nicht zurückkommst, so werde ich Dich aufsuchen; ich werde zu allen Deinen Geliebten gehen, zu dieser Frau von Montdesier, um sie zu beohrfeigen; zu der Marquise, um Dich von ihrem Gemahl zurückzufordern; sogar zu Deiner Frau, wenn es nöthig, um ihr zu erklären, dass ich auch Deine Frau bin, dieser Herr von Lignoll hat sich bloß mit meinem Vermögen vermählt. »Nur Du hast mich wirklich geheiratet, mein Freund, Du weißt es ja. Warum willst Du mich verlassen und eine Untreue an mir begehen? so lange Du in der Bastille warst, hatte ich mit niemanden Rendezvous; ich konnte nichts als nach Dir rufen und seufzen. »Erwartet Dich Frau von B..., die Du mir vorziehst? ist sie schön? ich bin auch hübsch. Hat sie Geist? daran fehlt es mir auch nicht; liebt sie Dich sehr? ich liebe Dich noch mehr, ich bin jünger, frischer, liebenswürdiger, jeder sagt es mir, dass ich liebenswürdig und reizend bin, ich sage es Dir auch. Du lachst, Faublas? bleibe bei mir, mein lieber Freund! ich verspreche Dir, dass der heutige Tag uns nicht weniger kurz erscheinen wird, als der gestrige.« »Dies Alles ist vergebens, Madame! Sie halten mich mit Gewalt auf, aber sorgen Sie dafür, dass Ihr Gefangener Ihnen nicht entspringt; denn wenn er seine Kette verlässt, so wird er sie zerbrechen!« »Sie wagen noch zu drohen? oh! Sie wissen nicht, wessen ich fähig bin. Setzen Sie meinen Muth auf die Probe und Sie werden sehen. Treuloser! ich werde Sie überall verfolgen, ich überrasche Sie bei einer Nebenbuhlerin, ich tödte dieselbe, ich tödte Sie, ich tödte mich, und in meinen letzten Augenblicken beweise ich Ihnen wenigstens noch, dass ich Sie anbete, Undankbarer, der Sie sind! Große Götter, ich fühle es wohl, dass ich dem Wahnsinn nahe bin, und im Stande das größte Unglück zu begehen, ich kenne mich nicht mehr. Faublas, mein Freund, sei nicht böse, gehe nicht. Du sprichst kein Wort, Du stoßest mich zurück. Ach! ich bitte Dich, verzeihe mir. Sieh, ich weine, ich liege auf den Knieen.« Ich wurde erweicht; ich hob sie auf, ich tröstete sie, wir reichten uns die Hände, wir kapitulierten. Ich setzte durch, dass das an den Schweizer erlassene Verbot, wodurch ich in Haft gehalten war, auf der Stelle aufgehoben wurde; sie dagegen setzte durch, dass ich nicht ausging.