Karl May Der Weg zum Glück. Zweiter Band. Roman aus dem Leben Ludwig des Zweiten Viertes Capitel. Fortsetzung Die Andern, welche bei dem Müller gewesen waren, hatten ihren Weg nach der Stadt genommen, den Wurzelsepp ausgenommen. Dieser hatte sich von ihnen weggeschlichen und war nach dem Grabesfelsen gegangen. Bei demselben angekommen, blieb er stehen. Aus dem Innern drang eine Fülle von Tönen, die selbst er dem Fex nicht zugetraut hatte. »Ja,« brummte er, »der hat diese Gabe vom lieben Herrgottle empfangen und laßt sie nicht brach liegen. Der bringts schon mal zu was!« Er suchte nach dem verborgenen Eingange. Die Steine waren fortgeräumt und das Bret lag da. Er hob es auf und kroch in den Gang hinein, den Eingang über sich wieder mit dem Brete zudeckend. Je tiefer er stieg, desto stärker und voller wurden die Töne. Als er unten ankam, stand der Fex mit hochrothem Gesicht vor dem Tisch, auf welchem die Noten lagen, die Geige des Concertmeisters in der Hand und war in seine Lection so vertieft, daß er das Kommen des Alten nicht eher bemerkte, als bis dieser ihn anrief. »Heda! Hörst wohl gar nimmer? Da könnt Dein ganzes Geheimniß wohl verrathen sein, und Du würdest dann erst weiter fiedeln.« Der Fex legte die Geige fort, zog den Alten in seine Arme und rief in freudiger Erregung: »Sepp, lieber Sepp, sie gehen alle.« »Wer?« »Die Musikstucken alle.« »So? Du bringst sie also fertig?« »Nicht blos geigen kann ich sie, sondern sogar auswendig geigen.« »Nicht möglich!« »Willsts hören?« »Ja, fang an.« Da schlug der Fex die Noten zu, setzte die Geige an und begann. Es dauerte über eine volle Stunde, daß er unermüdet geigte, ohne nur eine einzige Note auszulassen oder eine falsche zu spielen. Als er dann fertig war, streckte ihm der Sepp die Hand entgegen und sagte einfach, ohne alle Lobhudelei: »Fex, bist wirklich ein ganzer Kerl!« »Meinst?« »Ja. Hast dem Concertmeistern alle seine Stücken abgestohlen, alle mit nander.« »Und es ist kein Fehlern vorkommen, ich weiß es.« »So meinst, daß es gehen wird?« »Unbedingt.« »Und willsts wirklich wagen?« »Ja, ich will spielen und all mein Geld auf diese eine Karte setzen. Der König ist da und der Wagner. So prächtig paßts im ganzen Leben gar nimmer wieder.« »Aber wie willsts anfangen?« Bei dieser Frage zog er sich eine der Cigarren hinter dem Steine hervor und brannte sie an. »Das weiß ich freilich noch nicht. Ich muß mich da ganz auf Dich verlassen, mein lieber Sepp!« »Ja, der Sepp! Wann Keiner was fertig bringt, so soll allemal stets der Sepp dann helfen.« »Nein, so war das nicht gemeint. Du selbst hast mir gesagt, daßt einen guten Gedanken hättst.« »Freilich wohl.« »Nun, darum hab ich mir also keine Müh geben und auch gar nicht drüber nachdacht. Also bist nur selberst schuld, wenn ich Dir jetzund zur Last fall.« »Zur Last? Fallt keinem Menschen ein.« »Also willst?« »Ganz gern.« »Und wie ist Dein Gedanke?« »Schau, das möcht ich Dir lieber noch gar nicht sagen.« »Du meinst, ich könnt es verderben?« »Ja. Die Hauptsach ist, daßt überhaupt das Concerten mit anhören kannst. Ich werd mit der Leni reden. Vielleicht erhältst die Erlaubniß, Dich hinter die Coulissen zu stellen. Nachhero, wann Dir das gelingt, so ists gewonnen, vorausgesetzt, daßt dann auch Deine Sachen machst.« »Du brauchst gar keine Bangigkeit zu haben.« »Nun gut. Jetzt aber bin ich neugierig, zu erfahren, wast in dem Stuhl funden hast.« »Das hier.« Der Fex zog die Brieftasche hervor, öffnete sie und zeigte ihm das Bild. »Himmelsakra!« schrie der Sepp auf, als er kaum einen halben Blick darauf geworfen hatte. »Zeig her; zeig her! Die muß ich mir anschaun.« Er griff mit wahrer Begierde nach dem Bilde; es schien, als ob er es mit seinen Augen verschlingen wolle. Der Fex bemerkte dies mit Erstaunen. »Was ist mit Dir, Sepp?« fragte er. Der Alte zog den Schnurrbart zwischen die Zähne, hustete vor sich hin und meinte dann in möglichst gleichgiltigem Tone: »Was sollte mit mir sein?« »Kennst etwan dieses Bild?« »Wie sollt ich es kennen? Ich habs doch noch niemals in der Hand gehabt.« »Oder die Frau?« »Auch nicht.« »Es schien aber ganz so.« »Warum?« »Weilst so schnell zugriffst.« »Warum sollt ich nicht? Ich war neugierig drauf.« »Hör, Du verbirgst mir was.« »Fallt mir nicht ein.« »Und doch, gewiß. Dein Schnurrbart zittert und Deine Augen sind ganz anders, als sonst.« Er hatte ganz Recht; der Alte nahm sich zusammen und antwortete in gleichgiltigem Tone: »Was so ein Guckindiewelt doch nicht Alles wissen will! Mein Schnurrbarten zittert! Na freilich zittert er, wenn ich mit dem Maul wackle; er ist ja dran festgewachsen. Und meine Augen sind natürlich anders, wann ich sie zusammenkneifen muß, um bei dieser Lampen das Bild genau zu erkennen. Weitern aber ists gar nix nicht. Und nun sag auch, ob noch was in der Brieftaschen steckt hat.« »Das noch.« Er gab ihm die Papiere hin. Der Sepp griff mit wahrer Begierde nach ihnen. Er öffnete sie und betrachtete sie, ohne ein Wort zu sagen. Als er sie dann auch ebenso wortlos zurückgab, fragte der Fex: »Nun, was sagst dazu?« »Nix.« »Das ist wenig.« »Mehr weiß ich nicht.« »So kennst diese Schrift hier nicht?« »Du weißt ja, daß ich gar nicht lesen kann. Aber solche Schrift hab ich bereits auch schon gesehen.« »Ah! Wo?« »In meinen jungen Jahren bin ich auch was in deren Welt herumilaufen. Da hab ich unten an der Donauen solche Schrift erblickt. Ich glaub, die Serben schreiben damit und die Wallachen und Rumänen. Es sind russische Buchstaben, wenn ich mich nicht irr.« »Ists wahr?« »Waram sollt ich Dich belügen!« »Gott sei Dank! So weiß ich doch nun Etwas!« »Was?« »Wohin ich mich zu wenden hab, um mir die Schriften vorlesen zu lassen.« »Willst etwan nach Rußland laufen?« »Nein.« »Oder nach Serbien?« »Auch nicht. Ich werd hinein ins München gehen und mir einen Gelehrten erfragen, der es lesen kann.« »Ach so! Das aber hättst auch thun könnt, wanntst nicht wußt hättst, was für eine Sprachen es ist. Na, ich wünsch Dir Glück dazu. Wer aber mag die Frau wohl sein, deren Bild das ist?« »Meine Muttern.« »Unmöglich!« fuhr der Sepp auf. »Freilich! Was begehrst denn so?« »Ich? Ich bin ja ganz ruhig!« »Na, wann das ruhig ist, so weiß ich nimmer, was unruhig ist!« »Woher weißt denn, daß es Deine Muttern ist?« »Weil ich sie kenne; weil ich dies Gesicht nie in meinem Leben vergessen werd. Und wannsts mit dem meinigen vergleichst, so wirst die Ähnlichkeit zwischen ihr und mir sogleich herausfinden.« »Wie hat sie denn geheißen?« »Das weiß ich auch nicht.« »Du mußt sie doch genannt haben!« »Mama hab ich sie gerufen. Das hab ich ganz vergessen gehabt, aber als ich hier das Bild sah, ist mirs allsogleich wiedern eingefallen. Und beim Namen ruft doch ein Kind die seinige Muttern niemals.« »Ja, das ist wahr. Also weiter weißt nix von ihr?« »Gar nix.« »Das ist jammerschade. Jetzt hast das Bild von Deiner Muttern und kannst Dich aberst grad auf die Hauptsachen nicht besinnen, auf die es hier ankommt.« »Vielleicht stehts hier in denen Papieren.« »Wollen es hoffen. Ich werd mich auch mit umischaun nach Einem, der sie zu lesen vermag. Nun aberst schaff die Violinen fort und die Noten, denn in kurzer Zeit wirds Tag werden und dann bringsts nicht hinein in dem Capellmeistern seine Stuben.« »Regnets noch?« »Nein, Du brauchsts nicht einzuwickeln; es wird nix naß werden davon. Komm, ich geh mit.« Sie verließen die ›Kapelle‹; und begaben sich nach der Villa, um die Violine sammt den Noten heimlich abzuliefern. Der Tag graute wirklich schon im Osten und das Wetter hatte sich vollständig verändert, so daß ein prachtvoller Morgen zu erwarten war. Es war für den Fex die höchste Zeit gewesen, die erwähnten Gegenstände zurückzubringen, denn als er sich von der Säule der Veranda hatte herniedergleiten lassen, ergriff er den Arm des Alten, zog ihn schnell mit sich fort und sagte: »Komm rasch! Beinahe wär ich derwischt worden.« »Hat der Concertmeistern Dich gehört?« »Nein, aberst gesehen hätt er mich beinahe.« »Himmelsakra!« »Ja. Er war bereits aufistanden und lief in seiner Schlafstuben umher, im Hemden, mit der Zipfelhauben auf dem Kopf und Panteufeln an denen Füßen. Die Thür stand aufi und ich mußts sehr klug abjustiren, nicht bemerkt zu werden.« »Na, dann ists ein großes Glücken, daß es noch mal gelungen ist. Diese Schand, wann er Dich gesehen hätt!« »Gar keine Schand! Ich hätt schon gewußt, was ich sagen mußt, um nicht für einen Spitzbuben gehalten zu werden. Aberst ihn hättst anschauen sollen!« »Warum?« »Na, das ist ein ganz besonderbarer Kerlen! So alt, wie der ist, das schaut man ihm gar nicht an, wann er sich angemalt hat.« »Malt er sich an?« »Freilich! Ich habs ja sehen. Er strich sich mit einem Dingen im Gesicht herum, das war wie ein Pinsel, aber Federn anstatt der Haaren. Hernach schmierte er eines Lappen ins Gesicht, da wurden die Backen roth. Hernach schnitt er sich mit einer kleinen Scheeren die Haaren aus denen Nasenlöchern, und auf dem Kopf, da hat er gar keine gehabt, sondern er trägt eine Perrucken. Und zuletzt nahm er seine Zähnen aus einer Schüssel und steckt sie ins Maul. Er hat nicht einen einzigen. Das Maul war ihm eingefallen wie einer alten Frau; als er aberst das Kauwerk hineinsteckt hatt, da hatt er um zwanzig Jahre jünger ausgeschaut. Nachhero bin ich fort. Ich hab allen Respectum vor seiner Geigen und seiner Geschicklichkeiten mit dem Violinbogen, aber der alte Haxen, wann er sich in die Leni verliebt und sie gar durch das Perspectivenfernrohr anschaun will, so sollt man ihm gleich Zwanzig aufzählen, aber fortissimo!« »Ja, solche alten Kerls sind gar die Allerschlimmsten. Jetzt nun gehst wieder hinab in die Kapellen und schläfst noch ein Stündchen herab.« »Das geht nicht.« »Warum?« »Weil Jemand kommen kann zur Ueberfahrt.« »Da laß mich sorgen. Du hast in denen letzten Nächten gar nicht geschlafen, sondern gegichen und geübt, ohne ein einzig Aug zuzuthun. Das ist nix. Du bedarfst auch der Ruhen. Leg Dich nur hin. Ich werd mich hinauf ans Grab setzen, wo man Alles überblicken kann, und Dir ein Zeichen geben, wann ja ein Jemand kommen sollt.« »Aber Du hast auch nicht geschlafen.« »Das geht Dich nix an. So ein alter Kerlen braucht wenig Schlaf und ich hab ja am ganzen Tag nix zu thun. Ich kann mich schon spätern mal hinlegen. Du aber mußt die Augen immer aufihaben.« Es ging nach seinem Willen. Der Fex stieg in sein geheimes Cabinet hinab und er ging hinauf auf den Felsen und setzte sich am Grabe nieder, um für den jungen Freund zu wachen. Dort stemmte er das Gesicht in die beiden Hände und blickte höchst nachdenklich vor sich hin. Was sein Inneres bewegte, verriethen die halblauten Worte, welche er wiederholt vor sich hinsprach: »Ja, es ist ihr Bild, ganz gewiß ihr Bild! Ich werd nachforschen. O, Fex, wannt wüßtest, wert eigentlich bist, was thätst da machen vor Freuden!« Es wurde heller und sodann flutheten die ersten Sonnenstrahlen von Osten her in das Thal herein. In der Mühle begann es, sich zu regen, und auch die Thür der Villa wurde geöffnet. Der Italiener trat heraus. Der Sepp murmelte, als er ihn erblickte: »Da ist er. Auf ihn wart ich ja. Er soll mir auch nicht entgehen, wann er auch nicht grad hierher kommt.« Aber der Concertmeister kam doch nach dem Fluß herüber und lenkte nach dem Felsen ein. Seinem vorsichtigen Gebahren dabei war es anzumerken, daß er von der Mühle aus nicht gesehen werden wollte. Er stieg herauf. Der Sepp aber zog sich rasch hinter die Sträucher zurück. Grad dorthin, wo er soeben gesessen hatte, setzte sich der Italiener. Er konnte von der Mühle aus nicht gesehen werden, diese aber zwischen dem Busch hindurch beobachten. Er hatte sein Fernrohr abermals mit und hielt es an das Auge. Wohl eine Viertelstunde lang beobachtete er die Fenster, hinter denen er Leni wußte. Da hielt es der Sepp nicht länger aus. Er schlich sich leise von hinten heran und legte ihm die Hand auf die Achsel. »Grüß Gott, Herr Concertmeistern!« Der Kleine fuhr auf's Aeußerste erschrocken empor. » Oh Dio – ach Gott! Wer sein da?« »Ich bins. Brauchst nicht zu derschrecken!« »Du! Ah Du!« Sein Gesicht nahm einen beruhigten Ausdruck an und erheiterte sich sogar. »Ja, ich bins. Glaubsts wohl nicht?« »O, ich es ßehr klaupen, ßehr, ßehr!« »Schön, aber was machst denn da?« »Ich betrachten der Mühlen.« »So! Hast wohl schlechte Augen?« »Warum?« »Weilst durch das Blasrohr schaust, wannt die Mühlen sehen willst, die so nahe liegt.« »Blaßenrohr, cerbottana ? Das dok nicht ßein ein Blaßenrohr!« »Was denn?« »Einen Fernrohr.« »Ach so! Darf ich auch mal hindurchschaun?« »Ja.« »So zeig her!« Er setzte das Rohr an und richtete es auf die Mühle. Obgleich er gar nichts sah, sagte er doch: »Sapperment, welch ein fein Sperpectiven das ist! Da schaut man ja Alls ganz genau. Grad jetzund seh ich die Leni am Fenstern.« »Leni? Die Ssängerin?« »Zeigen her! Rasch! Schnell!« Er riß ihm das Fernrohr aus der Hand und blickte hindurch. Nach einer Weile meinte er enttäuscht: »Ich ßehen ßie nicht!« »So ist sie vom Fenstern hinweggegangen.« »Wird kommen wieder?« »Wie kann ich das wissen? Willst sie wohl gern sehen?« »Ja, ßehr, ßehr!« »So geh doch hin und besuch sie mal!« »Nicht ßo, nicht ßo!« »Nicht ßßßßo! Wie denn?« »Ich mein – ah, ich kann Dir nicht sagen!« »So halt den Schnabel, wannsts nicht herausbringen kannst! Aber ich wundre mich nur, daßt sie sehen willst. Du warst doch ganz bös über ihre Jodler!« »Böß? O ja – o nein, nein, nein! Ich mich haben getäuschen in ßie! Ssie ßein eine großen Sängrin!« »So? Woher weißt das?« »Ich ßie haben hören ßingen.« »Ach so! Nun, ich sagt es Dir ja gleich, daß sie es kann. Also hab ich Recht gehabt?« »Ssehr Reckt, ßehr! Ihr Ssingen ßein ßehr kut, ßehr auskeßeichnet; aber ihre Perßon nock schöner!« »Also gefallt sie Dir?« »Wie ßehr kut, wie ßehr! Sfie ßein ein Enkel, angelo .« »So red doch deutsch! Ich kann Deinetwegen nicht alle Sprachen der Erden auswendig lernen!« »Kut! Ich werde ßprecken deutschen.« »Ja, das bitt ich mir aus! Also für einen Engel hältst meine Leni? Das gefreut mich sehr, denn wann ein Dirndl Einem gefällt, so muß sich ihr Path doch drüber freun.« »Ja, Du ßein Path! Ich erst jetzt wieder daran denk! Das ßein ßehr kut, ßehr kut!« Er hatte bis jetzt unausgesetzt durch das Fernrohr geblickt; jetzt aber ließ er dieses sinken, zeigte neben sich auf den Sitz und fuhr fort, freundlich nickend: »Du ßollen Dich niederßetzen!« »Hier neben Dich?« »Ja.« »Nein; das thu ich schon nicht.« »Warum nicht?« »Das laßt mir der Respecten nicht zu, denn Du bist ein großer Künstler und ein vornehmer Herr.« »Ich ßein bei Dir keinen Kunstler und auk keinen Herrn! Ich ßein Dein Freunden.« »Ach? Das laß ich mir freilich lieber gefallen.« »Also Dich ßetzen!« »Schön!« Der Alte setzte sich eng neben ihn hin, schlug ihm vertraulich auf das Knie und sagte: »Daßt nicht so stolz bist und mich neben Dich setzen läßt, das gefreut mich sehr von Dir. Ich bin Dir gleich vom ersten Male her gut gewesen. Sag einmal, kann ich Dir vielleicht einen Gefallen thun?« »Kefallen? Ja, ja!« nickte der Italiener. »Dann heraus damit! Sag mir es doch!« »Du erßt ßagen mir, ob die Leni haben ein Anbeter.« »Anbeter? Wer soll sie denn anbeten? Sie ist doch nicht etwan ein Götzenbild.« »Nein, nein! Ich nicht ßo meinen. Ich ßagen wollen, ein Liebhaber, Keliebter, Schatzen!« »Ach so! Ob sie einen Schatz hat!« »Ja, ja!« »Nein, sie hat keinen!« »Schön! Aber ßie ßein wohl ßehr ßpröde?« »Ja, sehr.« »O wehe!« »Warum o wehe?« »Weil – weil – weil ich ßie lieben!« »Du? Was? Du liebst sie?« »Unaußenßprecklick!« »Da könnt mir auch Einer einen Storch braten!« »Ja, Stork! Erst Liebe und dann Stork!« »So! Willst sie wohl heirathen?« »Ssehr kern, ßehr kern!« »Obs auch wahr ist!« »Ssehr, ßehr!« »Hm! Das kann mich gefreun, wann meine Mündel eine Frau Concertmeisterin wird!« »Ja, das ßein eine große Ehren!« »Freilich, freilich!« »Aber ehe ßie heirathen, ich ßie vorher wollen ßehen.« »So geh zu ihr und schau sie Dir an.« »Ich anders meinen.« »Wie denn?« »Ich ßie ßehen will, ßo – ßo wie Venus.« »Venus? Hm! Was ist das für ein Thier?« »Thier! Oh, oh! Venus ßein Köttin der Lieben.« »Göttin der Liebe? Schau mal an!« »Ja, und ßie hat nicht an vielen Kleidungen.« »Donnerwettern! Und so willst auch die Leni sehen?« »Ja, ja!« »Du, das ist wohl bei der Venussen Mode, aber hier bei uns nicht. Verstanden, alter Freund?« »Ich haben verßtanden. Aber wenn ich heirathen, ßo müssen ich dock wissen, ob Frau auck ißt schön!« »Hin! Da hast nicht ganz Unrecht. Ich thät auch keine Katz im Sack bezahlen. Ich verstehe Dich ganz gut. Freilich möcht ichs gern haben, daß die Leni eine so vornehme Damen wird. Drum hab ich gar nix dagegen, daßt sie erst richtig anschaun willst. Aber wie willst das wohl anfangen?« »Mit dießem Fernrohren.« »Unsinn! Was kannst da schauen! Da weiß ich etwas viel Besseres und Intressanteres.« »Du wissen Besseres? Wirklick?« »Ja.« »Wie? Wo? Es schnellen ßaken!« »Nur sachte, sachte! Ich weiß, wo Du sie Dir ganz genau anschauen könntest.« »Wo?« »Hm! Du kannst leider gar nicht hin.« »Ssaken dock wo, wo, wo?« Der lüsterne Italiener war ganz Feuer und Flamme. »Im Theater,« meinte der Sepp. »Ssehr schön, ßehr! Ich auck ßein im Theater.« »So? Das nützt Dir doch nix.« »Warum?« »Als Zuhörer kannst sie nur sehen, wann sie singt.« »Ich ßein nicht Zuhören, ßondern Mitspielen!« »Ach so! Höre, das ist fein! Da läßt sichs machen.« »Wie? Wie?« »Wann Du durch das Garderobenfenstern schaust.« »Karderobe! Ah! Oh! Herrlick, präcktick!« Der Kleine klatschte vor Freude in die Hände. Der Alte aber blickte sich scheu um, als ob er einen Lauscher fürchte, und theilte ihm dann mit leiser Stimme seinen Plan mit. Der Concertmeister hörte schweigend zu, brach aber sodann in laute Lobeserhebungen aus. »Du ßein ßehr kluk, ßehr kescheidt! Hier, ich Dir geben ein Keschenken!« Er zog ein Silberstück hervor und gab es dem Sepp. Dieser steckte es schmunzelnd ein und fragte: »Machst also mit?« »Ja, ja, allemalen!« »Gut! Aber kannst denn auch klettern?« »Kletter, ripire, arrampicarsi ? Nein. Ich ßein nock nie ßteigen auf Baum.« »O weh! So mußt Du verzichten.« »Warum verzickten?« »Weil Du nicht auf den Baum kannst.« »Es ßein vielleickten da einen Leitern, ridolo ?« »Eine Leiter? Ach ja, daran hab ich ja gar nicht dacht! Ich werd Dir eine verschaffen.« »Woher?« »Vom Hausmann im Theater. Weißt, der ist ein guter Bekannter von mir. Er stammt aus meiner Gegend, und ich besuch ihn auch zuweilen. Darum kenn ich eben den Garten hinter dem Theater, den Baum und auch das Fenster, vor dem er steht. Ich werde Dir eine Leitern besorgen. Auf derselbigen steigst hinauf auf den Baum und kannst da grad in die Garderobe blicken, die nur für die Künstlerinnen da ist, die als Gast spielen thun. Da wirst sie sehen, wann sie das feine Kleid anlegt.« »Schön, ßehr schön, ßehr! Du ßein ein herrlicker Kerl, ein präckticker Kerl! Du gefallen mir!« »O, noch viel besser wirds Dir auf dem Baum gefallen! Nun aberst mach, daßt jetzt fortkommst von hier!« »Warum?« »Es darf Niemand sehen, daßt die Leni beobachten willst mit dem Fernrohren. Auch ists hier an diesem Grab nicht ganz geheuer. Hast noch nix gehört davon?« »Kehört und kesehen!« »Was? Sogar gesehen hasts?« »Ja, o ja!« »Was denn?« »Zweien Geßpenstern, am Abend. Ich gehen hierher nur bloßen am hellen Tak.« »Ja, das machst recht. Was hast aber denn gesehen, als Du die Gespenster erblickt hast?« »Ich ßein auskerissen, ßehr, ßehr!« »Das ist freilich das Allernbeste, was man thun kann. Also geh jetzt. Beim Concert sehn wir uns wieder.« »Schön! Addio!« »Adjoh, Herrn Concertmeistern!« Der Kleine ging, und der Alte blickte ihm sehr vergnügt nach. Es war ihm gelungen, die Angel auszuwerfen, und der Fisch hatte angebissen. Jetzt blieb er sitzen, um den Fex zu wecken, wenn Jemand zur Fähre kommen sollte. Aber es kam Niemand. In der Mühle wurde spät aufgestanden, weil die Bewohner wegen der nächtlichen Ruhestörung spät ausgeschlafen hatten. Ungefähr kurz nach acht Uhr kam der Fingerlfranz vom Dorfe her. Er hatte dem Müller versprochen, zu kommen, um diesem zu melden, ob er die Sau auch wirklich erhalten habe oder ob sie nicht auch noch nachträglich in allerlei Gethier verwandelt worden sei. Eben als er in die Thür treten wollte, kam die Leni heraus. Sie hatte noch ihren Alpenanzug an. »Das bist Du!« sagte er. »Was machst hier?« »Besseres als Du!« Sie wollte an ihm vorüber, er aber vertrat ihr den Weg und meinte in drohendem Tone: »Halt! So schnell kannst nicht vorbei! Ich will wissen, wast hier machst. Und Du sollst auch die Strafen empfangen für Deine Schlechtigkeiten gegen mich!« »Willst sie etwan wieder küssen?« erklang es von der Treppe her, wo Paula stand, ohne von ihm bemerkt worden zu sein. »Das fallt mir freilich nicht ein,« antwortete er. »Hasts aber doch thun wollen und gar erzwingen!« »Wer hat das gesagt?« »Die Leni.« »Das hat sie gelogen.« »So! Dann hat sie Dir wohl auch keine Ohrfeigen geben und Mehl in die Augen, daßt nix mehr sehen konntst?« »Das sind lauter Lügen. Die, wann mir eine Ohrfeigen gäb, die sollt sehen, was ihr geschehen thät!« »So, was sollt mir denn geschehn?« fragte die Leni. »Ich that Dich dermurxen!« »So versuchs! Da!« Ehe er es sich versah, holte sie aus und schlug ihn mit ihrer kleinen aber kräftigen Faust an die Nase, daß diese sofort wieder blutete. Er fuhr mit beiden Händen nach der verletzten Stelle, und das benutzte sie, ihn zur Seite zu stoßen. Rasch an ihm vorübergleitend, eilte sie fort. Als er sich umdrehte, um sie zu fassen, war sie bereits hinter der Ecke des Vorgartens verschwunden. Sie wollte so früh wie möglich ihr der Paula gegebenes Versprechen erfüllen. Darum ging sie jetzt nach der Villa, um von Weitem nachzusehen, ob sie es bereits wagen könne, zum Könige zu gehen. Sie sah, daß Wagner am offenen Fenster stand. Auch er erblickte sie, und da er an ihrem Gebahren merkte, daß sie irgend eine Absicht habe, so winkte er ihr. Sie eilte zu ihm hin, und er fragte: »Suchtest Du Etwas?« »Nein, sondern ich wollt schaun, ob ich den König nicht stören thät, wann ich ihm was sagen wollt.« »Ists nothwendig?« »Ja. Ich hab eine Bitten, nicht für mich, sondern für meine Freundin, die Paula.« »Die Müllerstochter? Die ist bereits Deine Freundin? Ja, Damen werden sehr schnell bekannt.« »O, die Männern oft noch schneller. Wann sie mit nander ein Bier trunken haben, so ist die Freundschaft allsogleich bereits dudeldick.« »So! Na, wir wollen einander Recht geben. Ist die Bitte groß, welche Du aussprechen willst?« »Nein. Der König soll nur mal dem Müllern den Kopf waschen, und das tüchtig, verstehst!« »Warum?« »Das werd ich ihm schon selber sagen. Wann er Dir nachhero erlaubt, zuzuhören, so hab ich nix dagegen.« Da ertönte hinter Wagnern ein kurzes, fröhliches Lachen und darauf die Stimme des Königs: »So komm herein!« Im Nu war sie im Eingang verschwunden. Ungefähr fünf Minuten später kam eine andere Person auf die Villa zu – der Hochzeitsbitter. Er war ganz so gekleidet, wie bereits beschrieben, hatte aber noch mehr bunte Bänder und Schleifen angehängt. In höchst würdevoller Haltung trat er in das Haus und klopfte an. Wagner öffnete die Thür ein Wenig, um nachzusehen, wer Einlaß begehre. Als er die fremdartige Gestalt erblickte, ließ er die Thür unwillkürlich aus der Hand. Dies benutzte der Bitter, rasch vollends zu öffnen und einzutreten. Er grüßte gar nicht, ging in die Ecke, um seinen Schirm in dieselbe zu lehnen, nahm den Hut ab und das karrirte Taschentuch heraus, schwenkte Beides hin und her, machte eine tiefe, tiefe Verbeugung und sagte dann, sich an den König wendend: »Bist Du der Wagnern oder der Ludewigen?« Die beiden Genannten wußten nicht, was sie von dieser Erscheinung denken sollten. Ihre Stirnen legten sich in Falten. »Ich heiße Wagner,« sagte derselbe. Der Leichenbitter schlenkerte ihm die Hand hin und meinte in verweisendem Tone: »Dich hab ich nicht gefragt. Aber weilst einmal den Mund hineinhängt hast, so weiß ich nun, daß hier der Andre der Ludewigen ist. Ich hab mit Euch Beiden zu reden.« »So machen Sie schnell!« »Sie? Ich bin ein Du und kein Sie! Das will ich mir ausbitten. Verleidigen laß ich mir nicht, auch von keinem Künstlern nicht, denn ich bin auch einer und hab also mein Recht auf Ebenbürtigkeiten und Frühgeburt und Nachgeburten!« Jetzt erkannten sie, daß es sich nicht um eine sträfliche Mystifikation, sondern um einen geistig nicht satisfactionsfähigen Menschen handle. Darum fragte Wagner in milderem Tone: »Nun, was sollen wir denn eigentlich erfahren?« »Wirsts gleich hören.« Er verbeugte sich abermals, schwenkte den Hut, strich sich mit dem Tuch über die Stirn und begann: »Damals, als der Vätern Abraham mit seiner Frauin Judith in Paris zusammentreffen ist – – –« »Halt, halt!« rief Wagner. »Was ist das für ein Unsinn? Was haben Sie uns zu sagen?« Da setzte der Redner den Hut auf und sagte in drohendem Tone: »Was? Unsinn? Hör, wannst mich noch einmal Sie nennst, so geh ich augenblicklich fort, und nachhero erfährst grad gar nix von der ganzen Sachen, und ich werd Euern Kiviar fressen mit Schokoladen und auch die Flaustern mit Syrupen!« »Nun also, was willst Du?« »Das kannst nur ganz ruhig abwarten. Meine Reden ist nicht für Dich da, sondern Du stehst um ihretwillen da! Verstanden! Ich muß es um zehn Pfennige machen, und wann Ihr mir nicht ein gut Trinkgelden gebt, so kann ich halt gar nicht wieder zu meinen Auslagen kommen. Man hat die Menschen einzuladen zu Vielerlei, zu Hochzeiten, Kindtaufen, Begräbnissen und Schweineschlachten. Da giebts allerlei Lust und Leid, Braut und Bräutigam, Särge und Gevattern, Leichenblumen und Bratwürsten, und wer da nicht einen guten Magen hat, der kann nimmer Leichenbittern werden. Darum – – –« »Ach, Du bist der Hochzeitsbittern?« fragte die Leni, der ein Licht aufzugehen begann. »Ja, freilich!« »Und kommst mit einer Einladung?« »Ja.« »Wohl in die Mühlen zur Verlobung?« »Woher weißt das Alles?« »Am Sonntag Abend um acht Uhren.« »Alle Tausend! Sogar auch des weißt!« »Da sollen diese beiden Herren sich einstellen, um dabei zu sein, wannt Paula mit dem Fingerlfranz zusammen versprochen wird?« Der Mann machte eine Geberde des größten Erstaunens, aber auch des Aergers, und sagte: »Wannt Alles bereits weißt, so kannst aber doch den Schnabeln halten! Mußt denn da grad zwischen hinein piepen wie eine Sperlingin? Wozu bin ich dann da? Ich habs zu verkünden, und nicht Du! Hast mich da um meine schöne Reden gebracht, und nun wirst sehen, was ich dabei verlieren thu! Einen Thalern Trinkgeldl hätt ich ganz sicher bekommen von denen vornehmen Leutln; nun aber, da ich nicht hab so lange sprechen können, wirds kaum ein Viergroschenstücken absetzen. Und davon soll ich leben bei dera Zeiten und denen Preisen, wo ich doch bereits homöpatschen Kaffee trinken thun, das Pfundt für zwölf Pfennige und Möhrensaft hinan anstatt den Zuckern. Und nachhero – – –« »Pst, pst!« unterbrach ihn Wagner. »Bemühe Dich nicht weiter. Deinen Thaler sollst Du haben, auch wenn Du die Rede nicht hast halten können. Hier hast Du ihn.« Der Mann nahm das Geldstück in die Hand, sah es nachdenklich an und fragte dann: »Ists etwan für Einen oder für alle Beid?« »Ach so!« lachte der Componist. »Hier hast Du noch einen. Bist Du nun zufrieden?« »Ja, und Du bist der Noble von Euch Beiden. Der Ludewigen kann mir gar nicht gefallen. Man muß leben und leben lassen, und wann – –« »Schon gut! Geh jetzt fort. Wir wissen ja nun, was Du uns hast sagen wollen.« »Wie? Was? Hinausschupsen willst mich? Nun, das ist gut, sehr gut! Ihr seid mir die Rechten, Höflichen und Gebilderten! Die Thalern will ich nehmen und meinen Regenschirmen dazu, aber wiederkommen ins Haus, das werd ich Euch nicht gleich. Adjeh, lebt wohl, und gesunde Feiertagen!« Er holte seinen Schirm und ging fort, die gewöhnlichen Verbeugungen und Complimente unterlassend. Glücklicherweise hatte Leni bereits von Paula Einiges über den sonderbaren Mann gehört. Ihre Erklärungen befriedigten die beiden Herren, und nun konnte das unterbrochene Gespräch fortgesetzt werden. Bevor der Hochzeitsbitter eingetreten war, hatte der König im Begriff gestanden, die Leni zu tadeln, daß sie sein Incognito verrathen habe; er that es jetzt, war aber doch bereit, den Wunsch des braven Mädchens zu erfüllen, wenn auch nicht persönlich. Es war ihm natürlich unmöglich, sich den Grobheiten des Müllers auszusetzen, und so erhielt Wagner den Auftrag, sich zu demselben zu begeben. Dieser war bereit, dies sogleich zu thun und ging mit Leni fort. Unterwegs begegnete ihnen der Fingerlfranz, welcher aus der Mühle kam. Im Vorübergehen erhob er, Leni drohend, die Faust. »Wer war das?« fragte Wagner. »Der Bräutigam.« »Und er drohte Dir!« Sie erklärte ihm aufrichtig den Grund. Inzwischen kamen sie an die Mühle, an deren Thür Paula in banger Erwartung stand. »Und die ist die Braut,« sagte die Leni. »So passen diese beiden Leutchen allerdings gar nicht gut zusammen. Wartet hier. Ich gehe hinein. Vielleicht wird Paula gerufen.« Als die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, hörten die beiden Mädchen die Stimmen der Männer, erst ruhig, dann schärfer und lauter, zuletzt diejenige des Müllers gar zornig schreiend. »Gott,« klagte Paula, »er wird nix ausrichten.« »Das kann ich mir nicht denken.« »Ja, hörst, wie der Vatern mit der Peitschen klatscht! Da stehts schlimm. Und wann es ihm gar einfallen sollt, nach dem Herrn zu schlagen, so – –« »Das wird er nicht wagen!« »Ihm ists dennoch zuzutrauen. Schau, da kommt der Fex herbei. Wann er es wüßt!« Der Fährmann hatte doch nicht schlafen können. Der Gedanke an sein musikalisches Vorhaben ließ ihm keine Ruhe, und so war er wieder aus der »Kapelle« emporgestiegen. Er brauchte einige Nägel, um einen kleinen Schaden an der Fähre zu repariren, und kam jetzt nach der Mühle, sich dieselben zu holen. Er hörte die Stimme des Müllers schon von Weitem und fragte die beiden Mädchen, was es drinnen bei demselben gebe. Paula erklärte es ihm unter Thränen. Er zuckte gleichmüthig die Achseln und sagte: »Den bringt kein König und kein Kaiser auf den andern Gedanken.« »So zieh ich fort, Fex!« »Nein, Du wirst bleiben.« »So soll ich den Franz heirathen?« »Wo denkst hin! Lieber thät ich sterben, als dies Unglücken mit anschaun. Ich werd mit dem Müllern reden.« »Du?« rief sie, mehr erschrocken als verwundert. »Ja.« »Dich wird er gleich mit der Peitschen hinaushauen!« »Hab keine Sorg um mich. Wann ich bisher still wesen bin, so hatt ich meinen guten Grund dazu. Von jetzt an aberst werd ich nicht mehr ihm gehorchen, sondern er mir. Ich werds Dir bald beweisen.« Da öffnete Wagner von innen die Thür. »Paula soll hereinkommen!« Sie ging zitternd hinein; die Thür schloß sich wieder; aber der Fex lehnte das Ohr an dieselbe, um zu lauschen. Er verstand jedes Wort. »Hör, Paula,« sagte der Müller, »da kommt dieser Mann herein und sagt mir, daß ich ihn zur Verlobung einladen hab und daß er aberst nicht kommen könnt, weil Du den Franz nicht haben willst und er also nicht der Zeuge von so einer Zwingerei sein mag. Jetzt nun sollst ihm sagen, daß er sich geirrt hat und daßt den Franz ganz gern magst. Jetzt red und zögre nicht!« Er warf ihr einen gebieterisch drohenden Blick zu und schwang leise die Peitsche. Sie antwortete dennoch: »Der Herr Wagnern hat Recht. Du willst mich mit Gewalt zwingen, und ich hab Dir bereits sagt, daß ich lieber in die weite Welt geh als den Franz nehmen will.« So einen Widerstand hatte er nicht erwartet. Er blieb einen Augenblick lang stumm, um dann desto kräftiger loszubrechen. Das benutzte Wagner zu der schnellen und eindringlichen Erklärung: »Da hören Sie es! Ich hoffe, Sie werden darnach handeln, und mache Sie darauf aufmerksam, daß es strenge Gesetze giebt, welche ein Kind gegen die ungerechtfertigte Tyrannei des Vaters schützen. Jetzt wissen Sie, woran Sie sind. Ich werde erfahren, was Sie thun, und mich darnach verhalten. Ihre Tochter steht unter meinem Schutze. Adieu!« Er ging schnell fort, um nicht den Zornesausbruch des Müllers anhören zu müssen. Der Fex hatte kaum Zeit, von der schnell sich öffnenden Thür zurück zu weichen. Dann aber, als Wagner kaum verschwunden war, ertönte ein fürchterliches Brüllen des Müllers und zugleich klatschender Peitschenschlag. Der Fex riß die Thür auf und sprang hinein, Leni hinter ihm her. Der Vater schlug die Tochter mit der Peitsche. Leni eilte auf Paula zu und schloß sie schützend in ihre Arme; der Fex aber entriß dem Alten die Peitsche und schleuderte sie in den Winkel. So eine That, so einen Widerstand hatte der Müller vom Fex noch nie erlebt. Das war ihm schier unbegreiflich. Er hielt mit Schreien inne und starrte ihn an. »Fex – der Fex – – er wagts!« knirrschte er. »Ja, ich wags!« sagte der junge Mann ruhig. »Es ist nun endlich mal aus mit Deiner Tyranneien. Jetzt komm ich auch mal an die Reihe!« »Du – – Du – –?« »Ja, ich! Jetzt wirst mir Gehorsam leisten, sonst weißt, was gleich geschehen wird.« »Was – was wird geschehen?« stammelte der Müller, noch immer ganz fassungslos. »Du sagst jetzund der Paula, daß sie den Fingerlfranzen nicht zu heirathen braucht!« »Das – das soll ich sagen!« »Ja, sogleich!« »Bist verrückt? Hat Dich ein toller Hund bissen?« »Nein, ich bin ganz bei Sinnen, besser als Du!« »Und weißt doch nicht, daß ich Dich sogleich derschlagen werd!« »Das wirst bleiben lassen!« »Oho, mein Bursch!« Er hatte sich von seinem maßlosen Erstaunen wieder erholt und wollte wieder losdonnern; aber der Fex ließ ihn gar nicht dazukommen. Er sagte: »Schweig! Jetzt hab ich zu reden!« »Du! Du! Was willst reden?« »Von der Südana.« »Von der – – –« Er sprach nicht weiter, er brachte das Wort nicht heraus. Er war vor Schreck bleich geworden. »Ja, von der Südana. Weißt, da drüben, als es geschah! Du hast geglaubt, allein zu sein, aberst ich war dabei, ich hab hinter dem Busch gelegen und Alles mit angesehen.« »Lü – lü – lügner!« stieß der Alte lallend hervor. »Ja. Und nun erscheint sie Dir bei Nacht, und Du mußt ihr Alles bekennen und ihr das Bild meiner Muttern zeigen!« Die Augen des Müllers wollten aus den Höhlen treten; seine Lippen zitterten und er lallte unverstehbare Worte. »Schau, warum bist nun still!« »Weil – weil – weil –« Er konnte nicht weiter. Der Fex fuhr fort: »Also sag ich Dir jetzund noch im Guten: Wannt die Paula zwingst, so verzähl ich Alles und trag das Bild und die Papiere, welche bei demselbiger in der Brieftaschen liegen, auf das Gericht.« Die Hände des Müllers fuhren unwillkürlich herab nach dem Kasten. »Ja, such nur da unten! Du wirst nix finden. Da ist sie, die Du haben willst!« Er zog die Brieftasche hervor und hielt sie empor. Der Müller wollte Etwas sagen, ließ aber den Kopf nach hinten sinken und schloß die Augen. »Herrgott, der Vatern, der Vatern!« rief Paula und sprang auf ihn zu. Er aber raffte seine verschwindende Kraft zusammen, richtete den Oberleib nochmals gerade in die Höhe und schrie sie an: »Fort, fort mit Dir! Sogleich!« Der Fex nahm sie bei der Hand und sagte: »Komm! Den mußt allein lassen. Er kann Dich jetzt nicht gebrauchen. Dich nicht und Niemand nicht!« Er zog sie und Leni zur Thür hinaus. Der Müller blieb eine ganze Weile regungslos liegen, dann langte er mit der Hand langsam in die Tasche und zog den Schlüssel hervor, welchen in letzter Nacht der Fingerlfranz gesucht und gefunden hatte. Er war nicht auf den Gedanken gekommen, nachzusehen, ob der Kasten geöffnet worden sei. Jetzt holte er diese Versäumnis nach. Er machte den Kasten auf und wühlte vergeblich mit den zitternden Händen drin herum. »Fort, fort ist sie!« stöhnte er. »Der Fex hat sie sich geholt! Er – er! Er ist nicht so dumm, wie er sich gestellt hat! Jetzt bin ich in seiner Hand. Er oder ich – Einer muß weichen. Aber ich werds nicht sein. Er muß sterben, weil er mich damals belauscht hat, und die Brieftaschen muß ich wieder haben. Nachhero hab ich Ruhe. Bis dahin aber muß ich klein zugeben. Wann ich nur wüßt, wie er herein in die Stuben kommen ist! Ich werd nimmer ruhen, bis ich das erfahr, und dann wehe ihm!« – Sowohl die stehenden, als auch die vorübergehenden Bewohner der Badestadt befanden sich in einer ungewöhnlichen Aufregung – des für heute anberaumten Concertes wegen. Am Vormittage war die Hauptprobe abgehalten worden, mit außerordentlich günstigem Erfolge, wie man leise zu hören bekam. Dann war der Altmeister Liszt angekommen und im feinsten Hotel abgestiegen. Er hatte nur eine einzige Nummer vorzutragen und dennoch sich einen besonderen Flügel mitgebracht. Das imponirte gewaltig. Die Menge hatte von vor bis nach der Probe das Theatergebäude belagert, um die Sängerin zu sehen – vergebens. Kein Mensch hatte von dem schlichten Mädchen in Gebirgstracht, welches auch eine halbe Stunde lang wie wartend dagestanden hatte unter den Neugieriger und dann unbeachtet durch eine kleine Seitenpforte verschwunden war, geglaubt, daß es die Mureni sei. Alle Plätze waren ausverkauft, kein einziger mehr zu haben. Man wußte, daß nur wenige durch Freibillets belegt worden waren. Welche Summe mußte da eingekommen sein! Diese Billets aber waren nicht etwa nur hier in der Stadt verkauft worden, nein, von weit her aus allen Richtungen waren telegraphische Bestellungen eingegangen, und nun kamen mit jedem Zuge die Vertreter und Verehrer der musikalischen Kunst, mit vor Freude und Spannung leuchtenden Angesichtern in Erwartung des bevorstehenden Hochgenusses. Alle Hotels und Gasthöfe waren gefüllt, Privatwohnungen bereits seit Tagen bestellt worden. Selbst Diejenigen, welche kein Verständniß oder kein Geld für die heutige Aufführung besaßen, suchten heute die Straßen und Gassen auf; es war ein ungemein reges Treiben, hin und her und überall. Daß Liszt, der berühmte Abbe, sich nach jahrelanger Pause wieder hören lassen wollte, war ein musikalisches Ereigniß; auch Antonio Rialti, der Concertmeister, war in den betreffenden Kreisen berühmt, auf Beide war man hoch gespannt. Daß aber neben diesen Meistern eine Anfängerin auftreten, eine arme Sennerin zum ersten Male vor einem so anspruchsvollen Publikum singen sollte, das war noch mehr als ein bloses Ereignis, das war geradezu ein Wunder. Die Stimmen waren getheilt. Die Einen behaupteten, daß man dies ein großes Wagniß nennen müsse, und die Anderen sagten, daß es für eine Anfängerin nichts Vortheilhafteres gebe, als ihr Debüt vor einem Auditorium abzulegen, welches durch die Leistungen von Meistern der Kunst in Ekstase versetzt und also willig und bereit zu einem milden Urtheile sei. Woher es entstanden sei, das wußte Niemand, aber es hatte sich das Gerücht verbreitet, daß sogar der König anwesend sei und Richard Wagner mit ihm, um sich an dem Triumphe der Sennerin zu erfreuen. Man fragte, man erkundigte sich auf das Angelegentlichste – vergebens. Niemand konnte erfahren, wo die beiden genannten Herren ihr Absteigequartier genommen hatten. Die Stadt hatte natürlich einen bedeutenden Vortheil von diesem Ereignisse. Die Gärtnereien, welche jetzt im Mai nicht mit sommerlichen Kindern Floras versehen waren, waren ausverkauft. Jede Dame wollte beim Concerte geschmückt erscheinen und Einige hatten während ihrer Einkäufe die leise Depesche aufgefangen, daß bereits seit gestern an riesigen Lorbeerkränzen gearbeitet worden sei. Würde die Sennerin sich wohl auch einen solchen erringen? Viele, wohl die Meisten, zweifelten daran. So verging der Nachmittag und der Abend brach herein. Der Haupteingang zum Theater wurde geöffnet, aber es war Polizei requirirt worden, um dem ungeheuren Andrang Ordnung zu halten. Ein halblautes Summen schwebte über der Menge, welche das Gebäude umstand. Man gedachte, den König aussteigen zu sehen, denn natürlich kam er, der bekanntlich Prachtliebende, jedenfalls in seiner Equipage vorgefahren. Die Meisten drängten sich zum Eingange, welchen die Künstler zu passiren pflegten. Dort mußte man doch unbedingt Liszt, Rialti und die Mureni ankommen sehen. Die Zeit verging – nur noch zwei Minuten bis zum Beginn, und doch hatte man von den Genannten noch keine Spur bemerkt. Das hatte seinen Grund. Kein Mensch hatte auf den alten Gebirgler gemerkt, welcher mit seinem Mädchen sich durch den Haupteingang gedrängt hatte. Nur einer der Polizisten hatte zu ihm gesagt: »Wurzelsepp? Du willst auch hinein? Das ist doch wohl ein Irrthum! Das Haus ist ausverkauft und heute giebts überhaupt kein Billet für fünfzig Pfennige!« »Weiß gar wohl. Hab ein besseres.« »Zeig her, sonst kann ich Dich nicht hineinlassen.« »Da sinds alle zwei.« Zum größten Erstaunen des Beamten befand sich der Alte im Besitz der zwei besten Plätze in der Orchesterloge. »Wo hast die her?« frug er. »Der Storch hats mir bracht?« lachte der Alte und zog seine Leni mit sich fort. Liszt war im einfachen Ueberrock, den breiten Kragen hoch ausgeschlagen, damit man ihn nicht an seiner langen, grauen Haarmähne erkennen möge, durch die Menge geschlüpft. Ganz ebenso hatten es auch der König und Wagner gemacht, welche sich keiner Equipage, sondern der Stiefeln bedient hatten. Sie saßen in der Mittelloge des ersten Ranges, welche bei feierlichen Gelegenheiten für die höchsten Beamten reservirt zu sein pflegte. Die Vorgardine derselben war geschlossen, so daß man vom Zuschauerraume nicht in das Innere zu blicken vermochte. Nur eine Minute vor Beginn schob sich ein kleines, hageres, unansehnliches Männchen, welches einen Violinkasten trug, durch die eng gedrängte Menschheit nach der Außenthür des Orchesters – Antonio Rialti. »Der fünfte Violinist!« lachte Einer. »Pah! Paganini! Man siehts ihm ja gleich an!« höhnte ein Anderer. Der Concertmeister verschwand, und so hatte kein Mensch die Ueberzeugung, einen der so sehnsüchtig Erwarteten gesehen zu haben. Im Zuschauerräume war das Gas halb eingedreht. Die Flammen brannten klein und trübe und die Reihen der Plätze lagen im Halbdunkel. Jetzt ertönte der silberne Klang eines Glöckchens; der Capellmeister erhob den Taktstock und der Haupthahn der Gasleitung wurde geöffnet. Sofort überfluthete ein Lichtmeer den weiten Raum und Jeder ließ seinen Blick umherschweifen, um zunächst eine Uebersicht der Anwesenden zu nehmen. Natürlich aber richteten sich die Blicke Aller zunächst nach der beschriebenen Mittelloge. In demselben Augenblicke wurde die Gardine weggezogen und Alle sahen den geliebten König in voller Beleuchtung auf seinem Platze, Wagner um einen leeren Platz neben ihm zur Linken. Wie auf ein gegebenes Zeichen erhoben sich die Hunderte der Anwesenden von ihren Plätzen, der Tactstock des Kapellmeisters fiel nieder und das reichbesetzte Orchester schmetterte einen jubelnden Tusch, in welchen das laute, schallende Hoch des Publikums dreimal einstimmte. Der König erhob und verneigte sich und gab dann mit der Rechten das Zeichen, die Plätze wieder einzunehmen. Dieser Vorgang war ganz außerordentlich geeignet, das Publikum in eine begeisterte Spannung zu versetzen. Die erste Nummer des Programms war eine Jubelouverture, welche die Kapelle mit allem Glanz executirte. Sie war aber den Meisten bereits bekannt, und so hatte man mehr Augen für die Umgebung, als Ohren für den Vortrag. Es war wirklich ein glänzendes Auditorium versammelt, so elegant und glänzend wie hier noch niemals. Offiziere und Civilisten mit ihren Ordensdecorationen, geistreiche und bedeutende Gesichter überall, ein Damenflor, wie die Götter des Olympes ihn sich nur hätten wünschen können. Augen blitzten, Lippen lächelten, Rosen dufteten und bewegte Fächer wehten ein leise bewegtes, parfümirtes Luftmeer durch den brillant erleuchteten Raum. Da war es wohl leicht erklärlich, daß die Blicke sehr verwundert auf das sonderbare Paar fielen, welches dort in der Orchesterloge saß, der Alte mit seinem Mädchen. Das waren arme Leute aus einem Gebirgsdorfe. Wie kamen diese in den glänzenden Tempel der Kunst? Der Alte – – nun ja, sein Gesicht schien wohl sauber gewaschen zu sein und den Bart hatte er sich auch gekämmt, wohl zum ersten Male in seinem Leben, einen weißen Halskragen hatte er umgethan, aber das Halstuch, welches unter demselben über der Brust herabhing, und die alte Lodenjoppe, aus deren kurzen Aermeln die neuen, weißen Manchetten hervorsahen, wie junge, saubere Kätzchen aus einem alten Lumpen, und die struppigen, grauen Haare, die sich dem ungewohnten Strich des Kammes nicht gefügt hatten, die großen, braunen, knochigen Hände und das wetterharte, scharf gezeichnete Gesicht – das Alles paßte doch gar nicht in den lichtflimmernden Raum und zu der hoch distinguirten Umgebung. Und das Mädchen an seiner Seite – nun ja, es hatte ein allerliebstes Gesicht und die Blicke manches der vornehmen Herren blieben an dem vollen, plastisch aus dem Mieder hervortretenden Busen und den schneeweißen, üppigen, nackten Armen haften; aber das Gewand gehörte doch höchstens auf die Gasse eines Dorfes. Wenn eine vornehme Dame in großer Toilette ihren Busen und ihre Arme entblößt sehen läßt, das hat Berechtigung und Chic, aber so eine Bauerndirne mit nackten Armen, das ist doch gemein – pfui! Die Augen der hohen Damen kniffen sich beleidigt zusammen und wendeten sich von dieser Person weg. Die Theaterdirection hätte doch unbedingt dafür sorgen sollen, daß an so ordinäres Volk keine Billets abgegeben werden – noch dazu gar für die Orchesterloge! Zwei Augen aber wollten und konnten nicht von ihr weichen – diejenigen des Krikelantons. Er saß mit dem Wiener Musikprofessor und dessen Frau auf erstem Rangplatze, der Leni gerade gegenüber. Er hatte einen Anzug des Professors angelegt und stach also gar nicht im Geringsten von seiner Umgebung ab. Das war wohl der Grund, daß Leni ihn nicht bemerkte. Freilich ließ sie ihre Augen auch gar nicht neugierig umherschweifen, sondern sie unterhielt sich mit dem Wurzelsepp und that dabei, als ob gar Niemand weiter vorhanden sei, sonst wäre, wenn sie emporgeblickt hätte, ihr Auge sicher an dem einstigen Geliebten haften geblieben, denn sein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht mit den kräftigen, männlich schönen Zügen stand doch in immerhin einem Contrast zu der städtischen Kleidung, welche er trug. Einer aber hatte ihn doch bemerkt, nämlich der Sepp, doch hütete dieser sich, die Leni auf ihn aufmerksam zu machen; aber er wartete einen Augenblick ab, an welchem der Anton zu ihm herniederblickte, und setzte den Daumen der weit ausgespreizten Hand an die Nase, so wie es streitende Jungens machen, wenn sie sich gegenseitig eine Nase machen. Diese unästhetische Pantomime wurde von mehreren Anwesenden bemerkt und natürlich mit genug Empörung weiter erzählt, so daß der gute Sepp zu seinem innigsten Vergnügen bemerke, mit welcher Indignation und Verachtung die Blicke so Vieler sich auf ihn richteten. Jetzt war die Ouverture beendet. Sie erntete den Beifalls welcher der ersten Nummer eines Concertes, wenn sie bereits bekannt ist, zu werden pflegt – einen kühlen Achtungserfolg. Als Nummer Zwei war im Catalog oder vielmehr Programm angeführt »Variation über ein Thema von Spohr – vorgetragen von Herrn Concertmeister Antonio Rialti.« Ein Theaterdiener brachte den Geigenkasten auf die offene Bühne und legte ihn auf einen seitwärts stehenden Tisch. Das Glockenzeichen wurde gegeben. Ein leises Rauschen ging durch den Zuschauerraum, Jeder rückte sich in eine bequeme Stellung zurecht, um den zu erwartenden Kunstgenuß recht auf sich einwirken zu lassen. Rialti trat vor und verbeugte sich. Er war schwarz gekleidet, wie gewöhnlich. Die Schöße seines Frackes waren für die gegenwärtig herrschende Mode ein Wenig zu breit und zu lang; das fiel auf. Vielleicht glaubte er, daß seine kleine, hagere Gestalt dadurch Etwas höher erscheine, doch brachte es gerade die entgegengesetzte Wirkung hervor. Als er die weißen Glacehandschuhe auszog und den Violinkasten öffnete, sah man mehrere kostbare Brillanten an seinen Händen blitzen. Auf seiner schmalen Brust glänzten einige Orden, welche er sich ergeigt hatte. Seine Gestalt, sein Aeußeres machten keineswegs einen sympathischen Eindruck. Das peinlich glatt rasirte Gesicht hatte einen ausgesprochen faunischen, roh sinnlichen Ausdruck. Wer das hervortretende, spitze Kinn, die dagegen sehr zurückweichende Stirn, die scharf gebogene Nase mit den aufgeblähten Flügeln und den breiten, geradegeschnittenen, lippenlosen Mund sah, den überkam augenblicklich das Gefühl, daß dieser Mann ein großer Liebhaber jener Vergnügungen sei, über welche man gern den Schleier des Geheimnisses fallen läßt. Er verbeugte sich mit Eleganz, wobei sein Auge einen Halbkreis von links nach rechts beschrieb. Da, plötzlich stutzte er und verbeugte sich nochmals in eine ganz bestimmte Richtung hin, kurz zwar nur, aber doch so, daß es bemerkt wurde. Wem galt dieser Gruß? Aller Augen blickten nach der betreffenden Richtung. Dort saß auf dem Vorderplatze einer Parquetloge die dicke Frau Directorin Qualéche, höchst eng eingezwängt von den beiden Armlehnen. Sie schwitzte bereits jetzt schon dicke Tropfen und wehte sich mit dem Fächer Kühlung zu, während sie in der anderen Hand das Taschentuch hielt, um sich den rinnenden Schweiß aus dem Gesicht zu trocknen. Neben ihr saß Paula, die Müllerstochter, heute in städtischer Kleidung. Ihr lieblich-schönes, reizendes Gesichtchen blickte wunderbar erquickend unter der leichten, seidenen Hülle hervor, welche sie um das Köpfchen drapirt hatte. Welche von diesen Beiden war es, der die Verbeugung des Concertmeisters gegolten hatte? Wohl dem jungen Mädchen? Bei diesem Gedanken mußte es Einem überkommen, als ob der Fuchs einem Rebhühnchen freundlich guten Tag gesagt habe, um es dann mit allem Appetit zu verspeisen. Er hatte die Violine aus dem Kasten genommen und ließ den Finger leise über die Saiten gleiten, um sich zu überzeugen, ob sie noch gut in der Stimmung ständen. Dann legte er sie an. Ein kräftiger Bogenstrich riß den gebrochenen G-dur Accord von der untersten Saite bis hinauf in das Flageolet- H und daran schloß sich nun das einfache, melodiöse Thema von Spohr, welches er in ausgezeichneter Weise virtuos variirte. Man mußte gestehen, daß er ein Meister seines Instrumentes sei und die Technik desselben völlig inne hatte; aber Eins fehlte ihm – seinem Spiele fehlte die Seele. Es lag nicht das mindeste Gefühl in seinem Vortrage, und darum war der Beifall, welchen er erntete, auch kein allgemeiner. Er wurde ihm nur von Denen gespendet, welche sich durch eine ungewöhnliche Fertigkeit imponiren lassen. Als er mit einer Verbeugung abgetreten war und nicht wieder hervorgerufen wurde, fiel die Innengardine vor der Bühne nieder und die Capelle spielte als dritte Nummer eine brillante Gavotte, welche noch Niemand kannte. Unterdessen gab es einige interessante Scenen hinter der Bühne und am Eingange des Theaters. Dort war nämlich der Fex erschienen, ganz in demselben Anzüge, den er gewöhnlich trug. Er hatte ja noch keinen andern. Er wollte ganz gemächlich nach dem Gange einbiegen, welcher nach dem Aufstiege zu den hinter der Bühne liegenden Räumen führte; da aber trat ihm der hier stationirte Polizist entgegen. Der Fährmann war allgemein bekannt, und es war auch gar nicht zu verwundern, daß sein Erscheinen hier Befremden erregte. Sein Aeußeres war ja gar nicht den Ansprüchen entsprechend, welche man an einem solchen Orte zu machen berechtigt ist. »Fex, Du hier?« meinte der Polizist. »Du willst Dir doch nicht etwa das Concert mit anhören?« »Ja, das will ich freilich,« antwortete der junge Mann offen und unbefangen. »Das wirst Du wohl bleiben lassen!« »Nein, das werd ich wohl nimmer bleiben lassen; ich komm ja grad nur von wegen dem Concert hierher.« »In dieser Kleidung?« »Ja. Oder meinst etwan, daß man auf einem Concertl gar kein Gewandl anzuhaben braucht?« »O nein, denn Schwimmstunden werden hier nicht gegeben. Ich darf Dich in diesem Aufzuge nicht passiren lassen.« Der Fex blickte lächelnd an sich hernieder, bis auf seine nackten Füße herab. »So gefall ich Dir nicht?« fragte er. »Nein.« »Nun, kommts hier so auf das Deinige Wohlgefallen an?« »Auf den allgemeinen Anstand kommts an, verstanden!« meinte der Polizist in einem etwas strengeren Tone. »Nun, in grad demselbigen Anzug geh ich doch auch in der Stadt und auf der Straßen herum!« »Da mag es freilich passiren.« »Aber dort muß doch grad der allgemeine Anstand erst recht vorhanden sein. Oder giebts vielleicht hier einen noch allgemeineren?« »Nein, einen besonderen. Und da paßt Du nicht herein.« »Ob ich hereinpaß oder nicht, das wird wohl am Meisten hierauf ankommen. Da, schau einmal!« Er zog eine Karte aus der Tasche und hielt sie ihm hin. Der Polizist nahm sie und las: »Dem Vorzeiger dieser Karte ist auf alle Fälle der Zutritt zu gestatten. »Die Theaterdirection.« Sogar das Siegel der Direction war darunter gesetzt und darum erklärte der Beamte, indem er ihm die Karte zurückgab: »Wenn das so ist, so muß ich Dich freilich passiren lassen.« »Nicht wahr? Ja, wannt auch so eine Karten hättst, so könnst Dir das Concertl auch mit anschaun und mit anhören. Gelt?« »Gehst wohl auf den ersten Rang?« »Noch höher!« »Ah! Wohin wäre das?« »Auf die Bühn hinauf. Ich spiele selber mit.« »Was denn? Sechsundsechzig oder schwarzen Peter?« »Keins von den Beiden. Wannst recht hübsch lauschst und das Ohr an eine Thüren legst, kannsts hören.« Er ging. Leni hatte ihm den Weg ganz genau beschrieben, so daß er sich nicht irren konnte. Zwischen ihm und ihr hatte es überhaupt eine heimliche Vereinbarung gegeben, welche von dem Wurzelsepp eingeleitet worden war. Nämlich heut früh, nach der Scene mit dem Thalmüller, war der Sepp zur Leni gekommen und hatte sie gebeten, einmal hinüber nach der Fähre zum Fex zu gehen. Als sie zu diesem gekommen war, hatte er sie um die Erlaubniß gebeten, das Concert mit anhören zu dürfen. Nachdem ihm die Erklärung geworden war, daß sie ihm gern die Erlaubniß auswirken wolle, hinter der Scene zuzuhören, hatte er sie gefragt: »Hast denn auch was Schönes, wast singst?« »O freilich.« »So! Ich hätt aberst auch was für Dich.« »Du? Ja, der Sepp hat mir freilich anvertraut, daßt auch Musik machst. Aber singen thust doch nicht.« »Nein, aberst compernirn.« »Du? Ein Componist?« lachte sie. »Freilich.« »So hast Harmonie studirt und Generalbaß?« »Der Sepp hat mir ein paar Büchern versorgt, schon seit langer Zeit, wo's von deren Harmonie drinnen steht und von dem Generalen seinem Baß!« »Das wird auch ein schöner Bassen gewesen sein!« »Der richtige ists wesen. Und als ich nun vom Sepp hört hab, daßt eine arme Sennerin wesen bist, und der König hat sich Deiner angenommen, so daßt nun so eine gar berühmten Künstlerinnen werden sollst, da hab ich eine große Freuden gehabt und Dir ein Liedl compernirt, wast heut mit singen könntst.« »Heut mit singen?« »Ja, weißt, weil der König selber mit dabei ist.« »So! Weißt denn nicht, daß bei so einem Concert blos Meisterstücken sungen werden dürfen?« »Wohl weiß ich das. Aber so ein kleines Liedl wirst wohl noch mit einschleichen lassen können.« »Vom Fex, als Componisten!« »Ja. Ich glaub nicht, daß man Dich deshalben aufhangen wird. Es klingt gar nimmer sehr übel.« »So!« sagte sie in dem Tone, in welchem man mit naiven Kindern zu reden pflegt. »Ists ein Lied ohne Worte?« »Nein; es ist ein Text auch dabei.« »Wer ist der Dichter desselben?« »Der Fexen.« »Auch Du?« »Ja.« »So bist nicht nur ein Komponist, sondern auch gar ein berühmter Dichtern allbereits? Das hätt ich nicht gedacht.« »Leni, ich will Dir mal was sagen. Du bist ein bravs Dirndl, und ich halt gar große Stucken auf Dich. Es kränkt mich also, wannt mich auch grab so beurtheilst wie Andre. Ich hab dran denkt, wie der König zu Dir kommen ist und wie der Krikelanton nun nix mehr von Dir wissen will deswegen. Das hat mich gerührt und im Herzen ergriffen. Und wie's da im Herzen drin steckt hat, so hab ichs herauskommen lassen und auf Papier schrieben und die Noten dazu auch. Ein Meisterstucken kanns freilich nimmer sein, aberst passen thäts wohl prächtig für die erste Proben, die Du heut ablegst, und auch grad, weil der König dabei ist. Wannts nur wenigstens mal probiren wolltst!« Um ihn nicht weiter zu kränken, sagte sie: »Nun, das könnt ich alleweil schon mal versuchen. Aber wie willst ein Gedichten machen können, wunnt nicht mal richtig hochdeutsch reden kannst, und gar schreiben!« Er machte ein höchst pfiffiges Gesicht. »Meinst?« »Ja, das hör ich doch.« »So! Nun, hat Dir der Sepp nimmer sagt, daß ich mich zuweilen verstellen thu, so ein kleins Bisserl?« »Das hat er freilich sagt.« »Schau, so ists auch mit dera Sprachen.« »So kannst hochdeutsch?« »Wie geleckt.« »Nun, so laß mal das Gedichten sehen! Weißt, es will gar mancher gelehrte Doctorn und Professern ein Gedichtl machen und bringts doch nicht fertig. Da möcht ich doch gern sehn, wie das Deinige ausschaun thut.« »Arg genug, wirst denken! Aberst es kommt da nimmer drauf an, ob man ein Professorn ist oder ein Steinklopfer. Wann das richtige Dichten drinnen steckt, so kommts auch richtig heraus, und ich will Dir wohl gestehn, daß ich allbereits schon viele tausend von Reimen macht hab, aberst ausschrieben noch keinen. Ich hab auch eine kleine Biblotheken, wo nicht mal der Sepp und kein Anderer auch was davon weiß. Da hab ich lesen und studirt viele Nächten lang. Ich denk, daß es nicht so ganz umsonsten gewest ist. Wannt also meinst, daß ich vielleicht so weit bin oder so weit zuruck wie ein Schulbuben; so taxirst mich falsch. Und nun, willst das Gedicht hören?« »Ja. Zeigs her!« »Nein, ich werds Dir selber vorlesen. Thu mir den Gefalln, lehn Dich da an denen Baum und mach die Augen zu. Dann werd ich beginnen.« Sie that ihm den Gefallen. Er zog ein Papier aus der Tasche und las die Zeilen vor, die es enthielt. Ja, das war eine andere Stimme, eine andere Sprache, ein ganz anderer Ausdruck! Bereits nach den ersten Worten öffnete sie die Augen. Das Papier in der Linken, begleitete er seinen Vortrag mit den Gestikulationen der Rechten. Seine Wangen rötheten sich, und seine Augen leuchteten. Auch die ihrigen begannen, sich höher zu beleben. Erst überrascht, dann erstaunt und später mit Verwunderung blickte sie ihn an. Ihr Blick las die Worte von seinen Lippen, und endlich, als er die letzten mehr vordeklamirte, als er sie vorlas und sie in derselben ihr eigenes Geschick beschrieben fand, da zog es sie vom Baume hinweg, langsam aber stetig zu ihm hin. Ihre Augen füllten sich mit Thränen, und als er geendet hatte, sagte sie unter lautem Schluchzen aber im Tone wirklichster, echtester Begeisterung: »Ich steh in meines Königs Schatten, Mein König hat an mich gedacht!« Herrlich, herrlich! Und das hast selber gedichtet, Fex?« »Ja.« antwortete er unter einem demüthigen Niederschlag der Augen. »Das sollte man nicht glauben!« »Meinst, daß es nicht ganz schlecht klingt?« »Schlecht, schlecht! Wo denkst hin! Ich will Dir sagen, Fex, daß ich viel Unterricht und viele Lehrern hab. Ich hab in kurzer Zeit viel lernen müssen und manches Gedicht kennen lernt, weil ichs ja singen mußt, von Heine, von Gehrock, von berühmten Andern, aber keins hat mir so sehr gefallen, und keins ist so ergreifend wie dieses. Wie lautet die Ueberschriften?« »Die alte Bettlerin. Weißt, die ist verloren und verlassen gewest von der ganzen Menschheit; da hat sie mal den König troffen hier, als er einen Tag hier gewest und spazieren gangen ist. Da hat sie ihm ihr Herzeleid erzählt, und er hat ihr ein Jahrgeld geben, von dem sie ihre letzten Tag ohne Sorg und Roth hat leben könnt. Und als sie vor zwei Jahren hier starben ist, da hat sie noch vor dem Tod den lieben, guten König tausendmal segnet und ihn dem Herrgott empfohlen. Schau, daran hab ich denkt und »die alte Bettlerin« dichtet mit den Schlußworten allemal an jeder Stroph: Ich stand in meines Königs Schatten, Mein König hat an mich gedacht! Und sodann, als ich hört hab, daß er auch zu Dir so gnädig wesen ist und hat Dich armes Wurm von der Alm weggenommen und für Dich zahlt, daßt eine Künstlerinnen werden magst, da hab ich an dies Gedicht noch einen Vers macht mit denselbigen Endworten und auch eine Melodieen dazu, daßt sie heut singen kannst, wann er mit im Theatern sitzt und Alles hört.« »So ists, so!« sagte sie, tief aufathmend. »Das hätt ich Dir im Leben nicht zutraut, daßt so ein gescheidtiger Kerlen bist und so ein Gedichten fertig bringst. Aber die Musiken dazu, wie stehts mit der?« »Willst sie auch sehen?« »Natürlich!« »Ja, damit freilich kann ich am End nicht viel Ehren einlegen. Ich hab nur eine Geigen, aberst kein Pianoforten, um den Zusammenhang hören zu können. Bei einem Orchestern bin ich auch nie wesen, und so hab ich nur nach denen Regeln setzen könnt, die ich im Buch funden hab. Ich weiß nicht, ob das genügt. Aberst das kann ich sagen, daß mir auch die Melodei grad so aus dem Herzen rausgeflossen ist wie das Gedicht, und wanns darnach geht, so wirds freilich fein klingen. Hier ists!« Er zog ein zweites Papier hervor, welches mit Noten beschrieben war. Sie nahm es und las es aufmerksam durch. Dann begann sie leise zu summen, nachher lauter und lauter, und endlich brach sie in die Frage aus: »Fex, lieber Fex, sind die Noten wirklich von Dir?« »Ja freilich.« »Wirklich? Sags aufrichtig!« »Meinst, daß ich Dich belügen werd!« »So komm her. Du herzguter Bub!« Sie ergriff ihn beim Kopfe und gab ihm einen kräftigen, schallenden Kuß auf den Mund. »So, da hast! Dieses Busserl kommt auch von Herzen und ist gut und brav verdient.« »Herrgott!!« rief er erschrocken. »Was jammerst denn?« »Du hast mich küßt. Du, Du!« Er war blutroth geworden. »Freilich, ich! Ja, da erschrickst sogar. Ich weiß aber schon: Ein Busserl von der Paula wär Dir lieber.« »Leni!« rief er aus. »Was? Hab ich nicht Recht?« »Was fallt Dir ein!« »Die Wahrheit.« »Aberst wanns Jemand hört!« »Nun, es ist ja Niemand da!« »Jedoch Du hast schreit, daß mans zehn Meilen weit hören kann. Mußt doch denken: die Paula, die reiche Müllerstochter, die schöne, und ich, der arme Fex!« »Arm? O, Du Hascherl! Reich bist, sehr reich!« »So? Davon weiß ich freilich nix.« »Na, wer so dichten kann und dazu eine solche Musiken setzen, der bringts sicherlich mal in deren Welt zu was!« »So hats Dir gefallt?« »Und wie!« »Dann sag, obsts singen kannst!« »Kannst? Natürlich. Solche Noten sing ich gleich ganz glatt und gleich vom Blatt herunter.« »Obsts aberst auch singen willst!« »Meinst heut schon, zum Concerten?« »Ja.« Sie sann einen Augenblick nach und antwortete dann: »Weißt, ich will Dir aufrichtig sagen: Dieses Lied, wann ichs singen dürft, war das allerbeste Stücken, was heut auf dem Programmen ständ; aber eben ist das Programmen bereits fertig, und hier steht nur die Partituren; da müßten noch die Stimmen außischrieben werden, und vielleicht hätt der Kapellmeistern auch noch was zu ändern; denn wannst auch componiren kannst, aber die Instrumenten richtig anzuwenden, das hast doch nicht gelernt.« »Da hast freilich Recht. Jetzt ists nun alleweil nix mit dem Liedl, und ich hatt mich so drauf gefreut, es zu hören.« »So! Hattst Dich wirklich? Nun weißt, ich werd noch ganz vor der Proben zum Capellmeistern gehn und ihm gleich Alles vorzählen.« »Alles?« »Ja.« »Du, eine!« »Warum nicht?« »Weil er nicht wissen soll, daß – daß –« »Nun, was soll er nicht wissen?« »Wies mit mir steht, und daß ich nicht der dumme Fex bin, für den man mich hier immer halten hat.« »Willst etwan dieser dumme Fexen immer bleiben?« »Nein, wohl nicht.« »Nun also! Wanns die Leutln einmal erfahren sollen, warum sollens nicht gleich heut und jetztund erfahren?« »Hm! Recht hast vielleicht.« »Also gut. Ich werd ihm Alles verzählen, und nachhero wird sichs zeigen, was geschehen thut. Freilich muß ich da das Liedl mitnehmen, wannst mir erlaubst.« »Immer, immer nimms mit!« »So gut! Und nun will ich auch gleich gehen. Hier hast meine Hand, lieber Fex. Wir wollen gut Freund sein und bleiben. Vielleicht wird mal ein großer und berühmter Künstlern aus Dir, und wannt nachhero mal ein großes Concerten giebst, so läßt michs wissen, daß ich auch komm und eine Nummern mitsingen kann. Das wär doch ein Gaudi, wann mir mal so mitsammen concertiren könnten, wir zwei Beid!« Er schüttelte ihr die Hand und antwortete: »Wannt das wünschen thust, so kann Dein Wunsch wohl bald in Erfüllung gehen.« »Meinst?« »Wohl ehern noch, alst denkst und ahnst.« »Doch nicht etwan heut schon bereits?« scherzte sie. »Na, mach keinen Spaßen; es könnt doch noch gar ein Ernsten draus werden.« »Das sollt mich sehr gefreun!« lachte sie lustig. »Aberst es ist schon dafür gesorgt, daß dera Ziegen der Schwanz nicht gar zu lang wachsen thut. Ehst ein Concerten mitgeben kannst, wirst noch gar viel üben müssen!« »Wollen sehen!« lachte er mit. »Also behut Gott! Gleich nach der Proben bring ich Dir den Bescheid hierher. Ich will gern wünschen, daß er gut ausfallen mag.« »Und ich werd kaum Athem finden, um zu erwarten, wie er lauten mag. Lauf schnell, Leni!« »Wie ein Gamsen! Da, paß mal auf!« Sie lief so eilig fort, daß er über ihre Sprünge lachen mußte. Dann ging er an das Wasser und setzte sich auf den Sitz seiner Fähre. Wer ihn hier beobachtet hätte, wie er so in sich versunken und mit halb stupidem Gesichtsausdruck da saß, der hätte sicherlich nicht angenommen, daß er der Verfasser eines solchen Gedichtes sein könne. Noch viel weniger aber konnte man ihm ansehen, daß ihn eine außerordentliche Unruhe beherrsche. Er konnte die Rückkehr Leni's kaum erwarten. Später kam der Sepp und setzte sich zu ihm. Beide besprachen leise ihre den heutigen Abend betreffenden Pläne. Der Fex erzählte natürlich auch, daß er der Leni das Lied mitgegeben habe. »So bin ich begierig, was der Kapellmeistern dazu sagen wird,« meinte der Sepp. »Vielleicht feierst heut sogar einen doppelten Triumpfen anstatt nur einen einfachen.« Endlich, endlich kehrte die Sängerin aus der Stadt zurück. Sie ging nicht nach der Mühle, sondern gradewegs zur Fähre. Als sie ihren Pathen erblickte, fragte sie: »Sepp, kannst auch rudern?« »Na freilich!« »Daßt die Leutln nicht ins Wassern schüttest, die Du hier überfahren mußt?« »Würd mich sehr wohl hüten, denn da fiel ich doch auch mit hinein. Aber soll ich denn überfahren?« »Freilich!« »Warum?« »Weil der Fex sogleich in die Stadt muß.« »Was soll er da?« »Er soll gleich zu dem Capellmeistern kommen.« »Himmelsakra!« rief der Fex. »Soll ich zu ihm kommen? Das ist ja ein sehr gut Zeichen!« »Ja, Dein Liedl wird mit aufs Programmen kommen, wann er mit Dir selberst vorher reden kann. Er muß einige Stimmen ändern und will Dich da erst um Deine Erlaubnissen fragen.« »O, die soll er gar gern bekommen.« »Und die Programmen, die bereits fertig sind, die werden weggelegt und dafür in aller Geschwindigkeiten neue gedruckt. Mußt aber gleich zu ihm.« »Ich lauf schon bereits. Sepp, fahr übern, wann Jemand kommen sollt. Ich lauf; ich lauf schon!« Er rannte fort, in, größter Eile, nicht etwa auf dem Weg, sondern gleich am Flußufer hin, durch dick und dünn. »Weißt auch, wo er wohnt?« rief ihm die Leni nach. »Ja,« schrie er zurück. »Ich lauf, ich lauf!« Und nach einigen Augenblicken fiel ihr noch Etwas ein. »Fex! Fex!« Er blieb stehen. »Was hast nun auch noch wieder?« »Sag ihm nix davon, daßt heut Abend auch mit kommst!« »Nein, nein!« Er wollte eiligst weiter. »So wart doch noch, Du Sakrifix!« »So red und mach schnell! Ich hab keine Zeiten übrig.« »Ich hab bereits ein Billeten für Dich, von deren Direction. Du brauchst also Niemanden wissen zu lassen, dem Capellmeistern aber erst recht gar nicht!« »Schön! Bist nun fertig?« »Alleweil ja!« »Gott sei Dank! Nun endlich kann ich laufen!« Und er lief, und wie! Erst als er die ersten Häuser der Stadt erreichte, hemmte er seine Schritte, um nicht gar zu auffällig zu erscheinen. Er befand sich in einer so glücklichen Aufregung, wie er sie noch nie gefühlt hatte. Der Capellmeister spazierte oft nach der Thalmühle und fuhr da auch zuweilen über. Darum kannte er den Fex sehr gut. Aus diesem Grunde war es ihm als ganz und gar unglaublich erschienen, daß dieser für stumpfsinnig gehaltene Mensch der Dichter und Componist dieses herrlichen Liedes sein sollte. Es war dem musikalischen Satze zwar anzuhören, daß der Verfasser kein geübter Musiker sei; es kamen mehrere Härten und kleine Mängel vor; aber das konnte mit einigen Federstrichen geändert werden, und dann war das Lied nicht nur salon- und concertfähig, sondern es ließ sich sogar vorausbestimmen, daß es bedeutenden Effect machen werde. Als der Fex die ersten Fragen des Capellmeisters beantwortet hatte, sagte der Letztere erstaunt: »Aber Fex, Du bist heut ja ein ganz anderer Kerl, als sonst! Du hast ein ganz anderes Gesicht aufgesetzt!« »Ja,« lachte der glückliche Jüngling, »ein Componist muß auch ein ganz ander Gesicht machen als ein Fährmann.« »Und es ist wahr, daß Du der Verfasser sowohl des Gedichtes als auch der Composition bist?« »Da kannst Dich drauf verlassen!« Der Musiker legte sich in seinen Stuhl zurück, sah ihn kopfschüttelnd und forschend ins Gesicht und meinte: »Mensch, Du giebst Einem wirklich zu rathen auf!« »Das Rathen ist nicht schwer.« »Nein. Die richtige Lösung ist freilich die, daß Du ein großes Talent besitzen mußt. Aber woher hast Du denn die Kenntnisse, welche dazu gehören?« »Heimlich, Herr Kapellmeistern, heimlich!« blinzelte der Fex vergnügt. »So, so! Also ein Autodidakt und Schlauberger!« »Beides!« »Wer irgend ein Instrument mußt Du doch wohl spielen können, wann auch nur schülerhaft?« »Ich hab ein Bischen auf dera Geigen rumgekratzt.« »So! Da will ich doch gleich mal hören, wie weit Du es gebracht hast. Hast Du denn Dein Lied schon einmal gehört?« »Die Melodie hab ich mir auf meiner Vigolinen so mal zusammengestoppelt. Weitern nix.« »So will ich es Dir jetzt einmal vorspielen. Geändert hab ich bereits einige kleine Versehen; nun aber kann es ein jedes Examen bestehen, sogar das strengste.« Er setzte sich an das Piano und spielte. Der Fex stand von ferne, faltete die Hände und hörte zu. Sein Gesicht verklärte sich. Die Strahlen, welche dasselbe erleuchteten, kamen aus der tiefsten Tiefe seiner Seele heraus. Es war zum ersten Male, daß er das Lied spielen hörte. Er hätte vor Seligkeit vergehen mögen. Als der Kapellmeister fertig war und sich umdrehte und dieses Gesicht erblickte, fuhr er empor und sagte: »Fex, welch ein Gesicht! Jetzt kenne ich Dich; jetzt glaube ich an Dich, und jetzt schwöre ich auf Dich. So ein Gesicht kann nur ein Gottbegnadeter zeigen, dem der Herrgott den geistigen Adel verliehen hat. Ich kenne das; ich habs oft erfahren. Also, Du erlaubst, daß die Leni Dein Lied heut Abend singt?« Dem guten Buben traten dicke Thränen in die Augen. »Ob ichs erlaub! O Du lieber Himmel! Auf den Knien möcht ich dafür danken, daß es gesungen wird!« »Und Du sollst es hören. Ich werde Dir ein Billet für einen Platz besorgen, an welchem Du Zuschauer und Zuhörer sein kannst, ohne gesehen zu werden.« Er warf dabei einen Blick auf die mehr oder vielmehr noch viel weniger als unscheinbare Kleidung des Fex. »Ja,« sagte dieser, »wannst so gut sein willst, so ist es mir freilich lieb.« »Komm vor dem Concert hierher, und laß es Dir geben. Du wirst es bekommen, selbst wenn ich nicht zu Hause bin. Und noch Eins: Willst Du das Lied nicht herausgeben?« »Herausgeben? Was meinst damit?« »Drucken lassen.« »Sapristi! Machst etwan gar einen Spaßen mit mir?« »Nein, es ist mein völliger Ernst. Das Lied muß gedruckt und vervielfältigt werden, damit Dein Name bekannt wird und Du – nun ja, das wird Dir wohl auch ein Vergnügen machen – Du wirst Honorar dafür bekommen, Geld.« »Das wird freilich eine Freuden sein! Hurrjeh!« »So! Das ist abgemacht. Wir werden uns von jetzt an sehr oft sehen und über diese Angelegenheit verhandeln. Jetzt aber sollst Du mir auf der Violine Etwas vorspielen. Dort liegt sie. Versuchs einmal!« Der Fex öffnete den Kasten und zog das Instrument hervor. Es war ein sehr gutes, von einem berühmten Geigenmacher gefertigtes. Als er es gestimmt hatte und mit dem Bogen leise über die Seiten gestrichen war, leuchtete sein Auge auf. »Das ist auch kein Zigeunerkasten nicht,« lachte er. »Das hörst Du bereits?« »Dazu hat man ja die Ohren. Aber was soll ich Dir vorspielen? Sags mir lieber selberst.« »Was kannst Du denn?« »Ein paar Liedln.« »Welche?« »Wann i komm, wann i komm, wann i wiederum komm.« »So! Was noch?« »Wer will unter die Soldaten.« »Und?« »Was frag ich viel nach Geld und Gut.« »Das sind nun freilich keine Meisterstücke. Kannst Du nicht auch Deine eigene Melodie hier spielen?« »Ja freilich.« »So versuche es.« »Ja, darfst mich aberst nicht auslachen, sonst werd ich irr und schütt um und kann nimmer weitern!« »Ich werde gar nichts sagen und mich ganz ruhig verhalten, bis Du fertig bist.« Er legte sich mit der Miene eines Kenners, welcher die ohrzerreißende Production eines Anfängers zu hören erwartet, in den Sessel zurück, und der Fex begann. Er spielte sein Lied erst auf das Allereinfachste, nur ganz allein die Noten nach ihrem Werthe und ihrer Höhe wiedergebend. Bei der Wiederholung aber kam Seele in diese einfache und darum um so ergreifendere Weise. Er spielte auch jetzt noch ohne alle Kunst, aber sein Zuhörer hob doch bereits den Kopf und warf einen erstaunten Blick auf den Spieler. Als dieser zum dritten Male begann, ließ er erst eine zweite Stimme leise, ganz leise mitklingen. Sie wurde volltönender und eine dritte gesellte sich dazu. So spielte er das Lied einfach, aber in herzinnigem Vortrage und dreistimmig zu Ende. Der Capellmeister hatte den Oberkörper gerade aufgerichtet, stemmte die Hände auf die Kniee und machte ein Gesicht, als ob er seinen Ohren nicht traue. Jetzt aber, beim letzten Accord, reckte sich die schmächtige und doch so kraftvolle Gestalt empor und der Bogen flog in einem brillanten, chromatischen Läufer über die Saiten bis hinauf zum höchst möglichen Flageolettone. Und dann, ja dann begann er seine Melodie zu variiren, in einer Weise, welche den Capellmeister vom Stuhle emporriß. »Fex!« rief er. Der Spieler schien es gar nicht zu hören. »Fex! Um Gotteswillen, ist das wahr? Bist Du es denn wirklich? Das ist Zauberei!« Der Fex aber verzog keine Miene, sondern er spielte weiter, so daß dem Kapellmeister vor lauter Verwunderung die Haare zu Berge steigen wollten, wohl eine ganze Viertelstunde lang, meisterhaft, wahrhaft meisterhaft, ja virtuos. Sodann riß er plötzlich mit einer rapid niederstürzenden Cadenz ab, legte die Geige hin und sagte lächelnd: »So, da! So kratzt der Fex die Vigolinen. Behüt Dich Gott, Herr Capellmeistern!« Und schnell war er zur Thür hinaus. Der Capellmeister riß natürlich die Thür wieder auf und schrie: »Fex! Halt! Halt!« Keine Antwort. »Fex! So warte doch!» Stille bliebs. Nicht einmal die Schritte des barfüßigen Künstlers waren zu hören. Der Dirigent der Theatercapelle sprang eiligst ans Fenster, riß es auf schaute hinab. Eben kam der Fliehende unten zur Hausthür heraus. »Fex, so warte doch nur!« Der Gerufene sah zum Fenster empor und fragte: »Was hast nun noch?« »Willst Du bei mir eintreten?« »In Deine Stuben? Da war ich doch jetzt schon!« »Nein in meine Capelle.« »Ich hab auch eine!« »Als erster Geiger!« »Da hast Du schon einen!« »Ich jag ihn fort!« »Das sollt mir leid thun!« »Freie Station –« »Die Station hab ich stets frei, wann ich zum Bahnhof geh und schau sie mir an. Weißt!« »Und tausend Mark Gehalt!« »Das glaub ich nicht.« »Verteufelt! Da rennt der Kerl doch fort! Fex!« Der Gerufene schritt weiter, ohne sich umzudrehen. »Fex – lieber Fex – Herr – Herr Fex!« Nicht einmal auf diesen höflichen Titel, den man ihm noch niemals gegeben hatte, hörte er. Da bog der Capellmeister seinen Leib so weit wie möglich zum Fenster hinaus und schrie mit einer Stimme, die nur für den bereits weit entfernten Fex bestimmt war, aber auch von allen Anderen weithin gehört wurde: »Fex, Fex! Ich geb fünfzehnhundert Mark!« Aber husch war der so sehnsüchtig Begehrte hinter der nächsten Ecke verschwunden. Der Capellmeister zog seinen Körper langsam wieder in die Stube zurück, machte das Fenster zu, fuhr sich mit den Händen in das Haar und sagte: »Mir ists grad noch so, als ob ich träume! Dieser verachtete Kerl ist wahrhaftig bereits ein Virtuos! Wo hat ers her! Wer ist sein Meister, sein Lehrer! Keiner und Niemand! Das ist eine Gottesgabe ohne Gleichen. Aber ich habe ihn entdeckt und ich angle ihn für mich. Ich werd fürchterliche Furore mit ihm machen und – mir ein wahres Heidengeld mit ihm verdienen!« Also das war heute vor und nach der Probe geschehen. Natürlich fiel es dem Fex nicht ein, sich das verheißene Billet vom Capellmeister zu holen. Es ärgerte ihn zwar nicht, aber er hatte doch den Blick, welchen derselbe auf die nackten Füße geworfen hatte, gesehen und dann die Bemerkung hören müssen, daß das Billet für einen Platz sei, an welchem er nicht bemerkt werden könne. Diese Worte und diesen Blick hätte der Mann lieber weglassen können. Nun erhielt der Fex von der Leni das Kärtchen, welches ihn berechtigte, sich hinter die Bühne zu verfügen. Gerade als er den engen Gang hinabschritt, trat die Genannte mit ihrem Sepp durch eine Tapetenthür heraus. Sie hatten unbemerkt ihre Orchesterloge verlassen. Als sie den Fex bemerkten, sagte die Leni: »Da bist ja! Das trifft sich gut. Komm! Ich will Dir Deinen Platz gleich zeigen. Da hasts so bequem, wiests nur zu haben wünschen kannst.« Sie nahm ihn bei der Hand und brachte ihn bis dahin, wo hinter den linkseitigen Coulissen ein Sopha stand, bestimmt, bei vorkommendem Bedürfnisse auf die Scene gestellt zu werden. »Hier,« sagte die Leni, »hast ein feins Plüschcanapee; das ist Deine Theaterlogen. Die wird Dir kein Mensch streitig machen. Und da hast auch ein Programmen, daßt nicht irre wirst und eine Symphonieen für einen Walzern hältst, oder gar eine Bratwürsten für eine Picoloflöten.« Sie gab ihm den Zettel. Es war eben der Augenblick, an welchem der Italiener seinen Vortrag beendet hatte und die Gardine niederging. Da kam der Direktor mit dem Altmeister Liszt von der anderen Seite auf die Scene und stellte die beiden Herren einander vor. Die Worte, mit denen sie sich begrüßten, bestanden in den bei solchen Gelegenheiten gebräuchlichen Redensarten und Höflichkeiten. Sodann hörte man Liszt fragen: »Und wo haben Sie das neue Lumen, die Mureni?« »Noch sehe ich sie nicht. Ich hörte, daß sie sich in ihrer Orchesterloge befinde.« »Rechtfertigt diese Dame denn das Arrangement, welches man ihretwegen getroffen hat?« Diese Worte hießen, ins Aufrichtige übersetzt: »Ist diese Sennerin denn wirklich ein solches Licht, daß sie an einem Concerte mitwirken darf, in welchem ich mich hören lasse?« Und der berühmte Meister hatte ja ein unbestreitbares Recht zu dieser Frage. Der Director antwortete: »Ganz gewiß, wie ich zu meiner Genugthuung sagen darf.« »So bin ich wirklich wißbegierig auf sie.« »Wann das so ist, so könnens mich halt anschaun!« Diese Worte erklangen hinter ihm, denn die Leni war hinter der sie verbergenden Coulisse hervorgetreten. Liszt drehte sich um. Sein tiefer, forschender Blick ruhte eine ganze Weile auf ihr. Dann machte er eine höfliche Verbeugung und sagte: »Wenn Ihre Stimme das hält, was Ihr Gesicht und Ihr Auge versprechen, so werden Sie Ihren Weg machen. Wir sehen uns ja wohl heute Abend wieder. Jetzt bitte, weiter, Herr Director!« Dieser führte ihn hinaus auf den Gang, welcher um die Logenreihen des ersten Platzes führte. »Bin ich angemeldet?« fragte Liszt. »Ja, bitte!« Der Director öffnete die Thür und Liszt trat ein. Er befand sich in der Loge des Königs. Wagner erhob sich sofort, und als der König, den Kopf leicht wendend, den Eintretenden gewahrte, begrüßte er ihn mit einem freundlichen Verneigen des Kopfes und winkte ihn mit der Hand an seine rechte Seite. Aller Augen waren natürlich an diesem Augenblicke auf diese Loge gerichtet. Eine solche Gruppe war eine Seltenheit: Wagner links, Liszt rechts und zwischen diesen beiden Koryphäen ein König, ein Beschützer und Gönner der Künstler, wie kein Zweiter. Der Fex hatte von seinem verborgenen und unbeachteten Platze aus Liszt mit leuchtenden Augen beobachtet. Erst als dieser verschwunden war, warf er einen Blick auf das Programm. Fast erschrak er, als er an vorletzter Stelle las: »Die alte Bettlerin. Gedichtet und componirt vom ›Fex‹; , gesungen von Signora Mureni.« Das Wort Fex war fett gedruckt. Die Buchstaben begannen vor seinen Augen zu schwimmen. Er spürte die Wirkung jenes süßen Rausches, den ein Jeder fühlt, der seinen Namen zum ersten Male gedruckt liest, und mußte sich alle Mühe geben, das Klopfen seines Herzens zu beherrschen. Jetzt wurden die Vorbereitungen zur Nummer Vier getroffen, während vom Orchester die Cavotte vorgetragen wurde. Die Scene wurde in eine Alpenlandschaft verändert und stellte eine steile Alpenwiese vor, auf welcher eine Sennhütte stand. Die Thür derselben war offen. Neben derselben stand eine Bank, über welcher ein Vogelkäfig hing. Durch die geöffnete Thür erblickte man den von der Decke herabhängenden Kessel. »Jetzt nun komm herbei,« sagte die Leni zum Sepp, indem sie ihn bei der Hand ergriff. »Da, setz Dich auf die Bank! Und wie ist Dirs denn so um den Magen herum? Hast vielleicht eine Angst?« »Angst?« lachte er. »Vor wen?« »Vor den vielen Herrschaften da draußen.« »Weißt, diese Herrschafterln gehn mich halt gar nix an. Ich sing mit Dir, wie ich so oft mit Dir sungen hab und weilts so gar expreß wollt hast.« »Ja, ich hab meine künstlerische Laufbahn anfangen wollen an Deiner Seiten, mit Deiner Zithern, mit Deiner alten, trauten Stimmen und mit unserm Lieblingslied. Obs Denen da draußen gefallt, das ist mir für dieses Mal gleichgiltig. »Ja, Du bist und bleibst mein bravs Lehnerl!« Er drückte ihr mit väterlicher Zärtlichkeit die Hand und setzte sich auf die Bank. Ein Theaterdiener brachte den alten Hut, den Bergstock und die Zither herbei. Die Letztere nahm der Alte auf die Kniee, den Stock aber, auf den er den Hut stülpte, lehnte er unter den Käfig an die Wand. Als nun die Leni an den einen Thürpfosten trat, bildeten sie ganz genau dieselbe Gruppe wie im vorigen September droben auf der Alm, wo sie auch mit einander sangen, ehe der König bei Leni erschien. Siehe das Bild zum ersten Hefte dieses Romanes. Jetzt waren die letzten Töne der Cavotte verklungen und der Regisseur erschien. Er warf einen prüfenden Blick auf die Scene, erklärte sich zufriedengestellt und sagte, aber unter einem leichten Achselzucken: »Sie haben es partout so gewollt, Signora. Wir haben Ihren Wunsch als Befehl genommen und tragen also keine Verantwortung, wenn Ihr Debut einen ganz andern Erfolg findet, als Sie erwarten.« »Den Erfolg weiß ich sehr genau,« antwortete die Leni. »Die Herrschaften erwarten natürlich eine brillante Kunstleistung. Statt dieser hören sie ein einfaches Alpenlied, gesungen von einem alten Kerl und einer dummen Dirn. Erst wird man erschrecken, dann sich wundern, nachhero gar sich ärgern und endlich schweigen oder gar zischen, anstatt uns Beifall zu klatschen.« »Nun, ein Zischen hören wir heute bei einem so distinguirten Auditorium wohl nicht.« »So desto besser! Also hast keine Angst, Sepp?« »Fallt mir nicht ein. Was steht denn jetzt auf dem Programmen, Leni?« »Auf der Alm, da giebts ka Sünd, Volkslied, vorgetragen von Signora Mureni und Joseph Brendel.« »Sappernlot! Das klingt nobel. Auf so einem Programmen bin ich schon gar der Sepp nicht mehr. Na, ich bin begierig, was noch aus mir werden mag!« Jetzt wurde das Glockenzeichen gegeben und die Gardine stieg empor. Natürlich waren Aller Augen nach der Scene gerichtet. Da das Orchester nicht zu begleiten hatte, so hatten auch die Mitglieder der Capelle genug Zeit, sich die neu aufgetauchte Künstlerin zu betrachten. Welch eine Enttäuschung! Das war ja der alte Mensch, welcher da unten in der Orchesterloge gesessen und die unanständige, gemeine Nase hinauf noch dem ersten Rang gezogen hatte! Und das Mädchen neben ihm? Das soll die Mureni sein? O weh! Es ging jenes leise Geräusch durch den Raum, welches dem geübten Künstler schon im Voraus sagt, daß er zu kämpfen haben werde und sich ja auf keinen Beifall spitzen möge. Aber nun erklangen die Töne der Zither durch den Raum, bei dessen Weite und Höhe sie auf den entfernten Plätzen an Stärke außerordentlich verlieren mußten. »Also, nicht zu stark vorerst, Sepp!« flüsterte Leni. Und dann, als das Vorspiel beendet war, begann sie mit dem Pathen »Von der Alm, da ragt ein Haus Niedlich übers Thal hinaus; Drinnen wohnt mit frohem Sinn Eine schöne Sennerin. Senn'rin singt so manches Lied. Das durch Thal und Nebel zieht. Horch, es klingt durch Luft und Wind: Auf der Alm, da giebts ka Sünd!« Leni hatte gesungen ganz wie früher. Ihrer Stimme war nicht eine Spur der Schulung anzuhören, welche sie seit jener Zeit genossen hatte. Und auch den Jodler »Hol di ei i di«, welcher auf die letzte Zeile folgte, sang sie ganz in derselben einfachen Weise wie vormals. Als derselbe verklungen war und der Sepp das Vorspiel für die zweite Strophe begann, flüsterte er: »Jetzt schau mal hinaus zu denen Herrschafterln, was sie halt für Gesichtern schneiden!« »Sehr schlimme!« »Du singst aberst auch schlimm!« »Dann wirds besser.« Jetzt war das Vorspiel zu Ende und es folgte die Fortsetzung. »Als ich jüngst auf schroffem Pfad Ihrem Paradies genaht, Trat sie flink zu mir heraus. Bot zur Herberg mir ihr Haus. Fragt nicht lang: Was thust allhier? Sondern setzte sich zu mir, Sang ein Lied, so weich, so lind: Auf der Alm, da giebts ka Sünd!           Hol di ei i di!« Für den Unbeteiligten wäre es wirklich ein Genuß gewesen, den Ausdruck dieser weit über tausend Gesichter zu beobachten. Jedes war anders, aber auf allen zeigte sich die eine Miene der größten, allergrößten Enttäuschung. Man wandte die Köpfe hin und her, blickte sich groß an, versteckte die Nase hinter Fächer oder Taschentuch – und wohl nur die Anwesenheit des Königs hielt Viele ab, der Indignation einen lauten Ausdruck zu geben. Und nun kam die dritte Strophe: »Und als ich dann von ihr schied, Klang von fern mir noch ihr Lied, Und zugleich mit Schmerz und Lust Trug ichs fort in meiner Brust, Und seitdem, wo ich auch bin, Schwebt mir vor die Sennerin, Hör sie rufen: Komm geschwind, Auf der Alm, da giebts ka Sünd!           Hol di ei i di!« Der erfahrene Theaterdirector hatte natürlich geahnt, welchen Mißerfolg dieser Vortrag haben werde, und da ihm am Meisten vor dem Unwillen des Königs bangte, so war er nach dessen Loge gegangen und da eingetreten, um in respektvoller Entfernung einen etwaigen Wink zu erwarten. Er hatte sich nicht getäuscht. Als der letzte Ton verklungen war, verbeugten sich die Leni und der Sepp und traten ab. Keine Spur von Beifall – aber auch nicht das leiseste Geräusch, welches als Entrüstungsausdruck zu deuten gewesen wäre. Eine schwere, bleierne Laut- und Geräuschlosigkeit lag auf dem Hause. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Da sah man, daß der König den Kopf wendete und den Director herbei winkte. Er sprach nicht laut, nur mit ziemlich gedämpfter Stimme, als ob Niemand es hören solle, aber bei der beängstigenden Stille klangen die Worte doch mehr oder weniger deutlich, je nach der verschiedenen Entfernung in die Ohren aller Anwesenden. »Was war das? Warum dieses Lied!« »Majestät, sie hat es nicht anders haben wollen.« »Warum?« »Joseph Brendel ist ihr Pathe, der einzige Mensch, den sie im Leben gehabt hat.« »Ach so!« »Und da hat sie den ersten Schritt mit ihm, dem lieben, alten Almler, thun wollen, an seiner treuen Seite und mit grad dem Liede, welches sie so oft mit ihm gesungen hat.« Auch die Stimme des Direktors drang bis in die entfernteste Ecke. Da nickte der König: »Das ist brav! Das ist Gemüth! Das verdient unsern Beifall!« Er klatschte, obgleich der Vorhang bereits gefallen war. Und nun konnte man sehen, was der Beifall und das Beispiel eines Königs vermag. »Brav – Gemüth – Beifall – alter Pathe – hat nur ihn gehabt im Leben –« so flüsterte es von Platz zu Platz, und alle Hände, keine einzige ausgenommen, begannen zu arbeiten, als ob die Mara, die Sonntag oder die Schröder-Devrient eine ihrer Bravour-Leistungen losgelassen gehabt hätten. Der König hatte seine Hände höchstens drei- oder viermal sich berühren lassen, dann blickte er mit lächelnder Miene nach rechts und links. Ein leises, freundliches Neigen seines Kopfes und die Kräfte verdoppelten sich. Da ging die Gardine wieder empor und der »alte Aelpler« brachte die Sennerin hereingeführt. Er verbeugte sich so gut, wie er es mit seinem steifen Rücken fertig brachte, und sie mit ihm. Sein Gesicht strahlte vor Entzücken. Er schwenkte mit der einen Hand den Hut und figurirte mit der andern in der Lust herum, als ob er Schwalben fangen wollte. Das Klatschen wollte kein Ende nehmen. Da trat er ein Stück weiter vor und gab mit der Hand ein Zeichen, daß man still sein solle. Und als da schnell Ruhe eintrat, sagte er laut, daß es bis in die entfernteste Ecke schallte: »Schauts, Leuteln, ich hab halt gar nicht glaubt, daßt Ihr so brave und liebe Herrschafterln seid. Wir habens schlecht macht, das weiß ich gar wohl, aberst die Leni, das sakrische Malefizdirndl, die hats grad so gewollt. Ihr sollt halt nicht sogleich wissen, wie sies eigentlich kann. Jetzt abern wolln wir den dritten Vers nochmal singen, ohne Zithern und ohne Alls. Da mag sie nun mal den Deuxi loslassen, und ich werd den Baß dazu orgeln, daß Ihr Eure Freuden dran haben sollt!« Er nickte dem Publikum brüderlich zu, als ob er sich in einer Schänke bei Seinesgleichen befinde, und trat zurück. Seine Rede machte einen gewaltigen Eindruck. Man erkannte, daß es hier nichts Gemachtes, Unwahres, Falsches gab, daß man es mit einem ehrlichen, wenn auch nicht blank polirten Biedermann zu thun hatte, und das regte an. »Bravo, Wurzelsepp!« erklang eine Stimme. Wessen Stimme das eigentlich war, das konnte Niemand sagen, außer wohl die nächsten Nachbarn, aber der kräftig klingende, viel bekannte Name war nicht umsonst ausgesprochen worden. Ein einstimmiges Lachen folgte; dieses wurde mehr- und endlich gar vielstimmig. »Bravo! Bravo!« erklang es von allen Seiten und wollte kein Ende nehmen, bis der Sepp abermals ein Zeichen gab und laut rief: »Wollt Ihr endlich nun mal Ruhen geben, Ihr Himmelsakra! Man kann doch seine eigne Red nimmer hören! Wann sollen wir denn anfangen zu beginnen, wann das so fortgeht!« Und dabei sah man es dem Alten ganz deutlich an, daß es ihm mit diesem heiligen Zorn vollständig Ernst sei. Das erhöhte natürlich die Teilnahme für diesen urwüchsigen Character, und der Beifall [unleserlich] em. Da warf er zornig seinen alten Hut auf den Boden, setzte sich auf die Bank, legte die Beine über einander und drehte sich vom Publikum ab, als hätte er sagen wollen: »Da, macht meinswegen fort! Ich kanns abwarten!« Dadurch wurde die Stimme des Publikums eine noch viel animirtere und der Regisseur flüsterte dem Director, welcher inzwischen wieder hinter der Scene erschienen war, froh zu: »Wer hätte das gedacht! Wir können wieder Athem holen!« »Ja, so ein Debut ist einzig, ist noch nie dagewesen. Diese Mureni ist genial. Sie hat mit ihrem alten Pathen einen Griff gethan, der ganz unvergleichlich und unbezahlbar ist. Ihr Weg ist gemacht. Sie hat an das Herz, an das Gemüth des Publikums appellirt und ihre Rechnung gefunden.« Endlich legte sich der Beifall, und nun ergriff die Leni ihren Sepp bei der Hand und zog ihn auf. »Schön!« sagte er. »Aberst nun mal laut!« Und nun begannen sie den dritten Vers abermals: ›Und als ich dann von ihr schied.‹; Gleich bei den ersten Tönen ging eine auf den Gesichtern bemerkbare Ueberraschung durch den Zuhörerkreis. Leni sang das Lied aus A-dur . Sie setzte mit dem e wie mit Orgelton ein und das tiefe cis klang voll, stark und sonor, wie es nur von einem ausgesprochenen Mezzo-Sopran hervorgebracht werden kann. Ihre Stimme hatte ein ganz eigenartiges, männliches Timbro, und doch, als die Melodie dann emporstieg, klang es, wie wenn im Organist die Vox Humana mit der Flauto amabile und dem Posaunenbasse registrirt. Das hatte Niemand erwartet. Diese Stimme füllte den weiten Raum, das Wort »füllte« als Kunstausdruck, als Terminus technicus gebraucht. Ein Jeder begann zu ahnen, was diese Stimme vermochte, wenn die Sängerin wirklich wollte. Und der alte Sepp ließ seinen Baß so ungenirt hören, wie oftmals in der Kirche, wenn seine Nachbarn aus der Melodie geriethen und er sie wieder in die richtigen Töne hineinposaunte. Und zuletzt der Jodler. Da stieg die Stimme der Sängerin, die man vorher für einen Mezzo-Sopran halten mußte, mächtig voll und jubilirend, mit einer Leichtigkeit bis in das dreigestrichene cis hinauf, daß man hörte, sie könne auch noch mehrere Töne weiter empor. Es war nur ein leichtes Volkslied mit fließendem Jodler, aber als der Letztere geendet hatte, hatte jeder Zuhörer die feste Ueberzeugung, eine solche Stimme noch nie gehört zu haben. Der Beifall brach von Neuem los, und zwar brausend, wie ein wirklicher Sturm. Wieder und immer wieder mußten Beide erscheinen, mußte der alte, glückliche Sepp die Leni aus der Coulisse hervorziehen. Er weinte vor Freude, und als zwischen dem Applaudiren eine kleine Pause eintrat, wie es zuweilen vorzukommen pflegt, da faßte er seine Pathe bei den Hüften, hob sie trotz seines Alters hoch empor und rief schluchzend: »Leni, Du bist halt meine einzige Freud und mein Glück! Das weiß der liebe Gott!« Natürlich brach der Sturm von Neuem los; doch wurde der Vorhang nicht wieder emporgenommen. Hinter demselben trat der Direktor auf die Sängerin zu, reichte ihr die Hand und rief, ganz entzückt über einen so ungeahnten Erfolg: »Signora, meine herzlichsten Glückwünsche! Es ist gar nicht möglich, daß einer Ihrer noch folgenden Vorträge einen ähnlichen Beifall haben kann!« »Meinen Sie?« lächelte sie ihn zuversichtlich an. »Ja. Ich kann Ihnen jetzt mein Wort geben, daß Ihre Zukunft gesichert ist, wenn Sie nun noch zeigen, daß Sie auch in höherer Weise Gutes leisten.« Auch der Italiener kam, Concertmeister Antonio Rialti, um sie zu beglückwünschen. Sie nahm seine Gratulation höflich aber kühl auf und ließ ihn dann stehen, um hin zu dem Sopha zu gehen. »Nun, mein lieber Fex, was sagst dazu?« fragte sie ihn. »Daß ich Dirs gönn, von Herzen gönn!« antwortete er einfach – aber die Thränen, welche in seinen treuen Augen standen, waren der beste Beweis, wie aufrichtig und herzlich er es meinte. Und noch Einer nahm an dieser Freude theil – der Krikelanton. Freilich wußte er nicht, ob er sich nicht lieber darüber ärgern solle. Je freundlicher die Leni vom Publikum aufgenommen wurde, desto schwerer war sie ja von der Bühne wegzubringen. »Nun, Anton, wie gefällt sie Dir?« fragte der Professor Weinhold. »Gut und schlecht.« »Das ist Wahnsinn! Ich sage Dir, daß ich Kenner bin; aber eine Stimme wie diese, ist mir noch niemals vorgekommen.« »Besser wärs, sie hält gar keine!« »Du bist ein Barbar!« »Meinswegen! Wer dann war sie auf der Alm blieben und ich hätt sie jetzt als meine Frau.« »Aber der Kunst wäre eine ihrer größten Priesterinnen verloren gegangen!« »Was geht mich die Kunst an!« »Leider hast Du gar kein Verständniß für sie!« »Ich wüßt auch gar nimmer, was ich damit thun sollt.« »Und ebenso wie mir diese Stimme imponirt, entzückt mich das gute Gemüth dieses Mädchens. Welch ein Gedanke, an diesem Orte und vor einem solchen Publikum mit dem Sepp und mit diesem Liede hinzutreten! Und doch hat sie es gewagt!« »Ja, brav ist das gewesen, das geb ich schon zu; aberst noch braver hätt ichs genannt, wanns niemals vor ein Publikum treten wär. Freun thut michs nur, daß sie ihr Gewanderl anhat und nicht so eins, was oben kurz ist und dafür unten viel zu lang!« Der Professor konnte sich die größte Mühe geben, ihn zu einer anderen Ansicht zu bringen – vergebens. In seinem riesigen Egoismus erkannte er nun einmal nicht, welch ein ungeheures Opfer er von der Geliebten verlangte und selbst jetzt noch forderte. Die nächste Nummer war wieder ein Orchesterwerk, und dann trat der Italiener nochmals auf. Er hatte vier Nummern übernommen, die jetzige war seine zweite. Er gab sie wie die erste, mit erstaunlicher Technik, aber ohne Seele und Leben. Dennoch war der Beifall, welchen er jetzt fand, für ihn befriedigender als vorhin, und das hatte er der Leni und dem Sepp zu verdanken, welche Beide das Auditorium in eine nachsichtigere, freundlichere Stimmung versetzt hatten. Als er abgetreten war, kam der alte Sepp zu ihm gegangen. »Nun, wie stehts? Willst noch?« fragte er. »Ich wollen ßehr, ßehr!« antwortete Rialti. »So ists jetzt Zeit.« »Ssein fertik allen Vorbereitunken?« »Alles.« »Auck die Leiter?« »Natürlich.« »Und wo ßein Leni, Signora Mureni?« »Die ist eben jetzt nach der Garderobe gegangen, sich umzuziehen. Also mußt jetzt eilen.« »Ssein auck das Fenßter das rickticke?« »Ja, ja! Hab keine Sorge, und komm nur mit!« Er gab dem Fex einen Wink und zog den Concertmeister mit sich fort, nach einer hinteren Thür, welche angebracht war, um Pferde oder Wagen hinter die Scene zu bringen. Dort wurde dann, wenn das Letztere der Fall war, eine breite, starke Holzbrücke vom Garten herauf angelegt. Seit längerer Zeit war das nicht vorgekommen, und so war diese Brücke einstweilen entfernt worden, Da es dort keine eigentliche Passage gab, war die Thür für gewöhnlich verriegelt. Sie lag in einer dunklen, unerleuchteten Stelle. Der schlaue Sepp hatte seinen Landsmann und guten Bekannten, den Hausmann des Theaters, dazu gebracht, ihm den Schlüssel zu dieser Thür zu geben. In der Nähe derselben hatte der Hausmann eine Leiter lang an der Mauer hingelegt. Diese wurde heut nicht, sonst aber sehr oft gebraucht, um schnell und ohne zu stören hinauf zum Schnürboden zu gelangen. »Hier ists,« sagte der Sepp, auf die Thür deutend. »Hab Du den Schlüssel?« »Ich hab ihn. Und hier liegt die Leiter. Aber Du mußt mit helfen.« »Aber wenn man uns ßehen!« »Kein Mensch kommt hierher.« Er schloß auf, und sodann ließen die Beiden die Leiter von der Thür hinab in den Garten. Der Sepp mußte von oben halten, und der Italiener stieg zuerst auf der Leiter hinab. Der Sepp hustete laut, und sofort kam der Fex herbei, welcher hinter der nächsten Ecke bereits darauf gewartet hatte. »Also laß Dich ja nicht sehen,« flüsterte ihm der Alte zu. »Und nachhero wartst hier, bis ich wiederkomm. Ich wills doch auch anschaun, wannt zum ersten Mal ein Conzertl giebst.« Jetzt stieg auch er hinab. Er nahm den Concertmeister beim Arm, zog ihn fort und sagte: »Komm! Wir müssen um die Ecke dort. Aber Du mußt ganz still und heimlich sein, ja nicht nießen oder husten, weil so ein sakrischer Hustrich oder Nießrich gleich Alles verrathen kann.« »Ich ßein kanz ßtill, ßehr, ßehr ßtill!« Sie bogen um die angegebene Ecke. Dort stand in der Nähe eines matt erleuchteten Fensters ein Baum. Sepp deutete hinauf zum Fenster und sagte: »Das ists, was Du suchst.« »Die Karderobe?« »Ja, die Gardroben.« »Wo Leni ßein drin?« »Ja.« »Ssie ßein ßicker drin? Ssicker und kewiß?« »Ganz sicher. Steig nur nun hinauf!« »Du auk mit ßteichen?« »Ja.« »Aber ich nicht kann kletter!« »Ach so! Da muß ich die Leiter holen.« Er hätte sie gleich mitnehmen können, hatte sie aber natürlich einstweilen anlehnen lassen, damit inzwischen der Fex auch herabsteigen könne. Als er zu ihm zurückkehrte, lachte er: »Der Hallodri geht wirklich in die Falle!« »Sollt man ihm so eine Dummheiten zutraun!« »Warum nicht? So ein alter Kerl, wann er in ein hübsch Dirndl verschossen ist, der ist zu noch ganz andern Dingen fähig.« »Eigentlich dauert er mich!« »Was denkst! Er will meine Leni belauschen, wann sie sich aus- und anzieht. Das ist eine Sünd und Schand und muß bestraft werden.« »Aber wann sie uns derwischen!« »Das ist nicht möglich. Nur der Hausmann weiß es, und der verräth mich nimmer; er käm ja gleich selber in Strafen, daß er mir diesen Gefalln that. Also komm noch bis an die Eck. Und wann wir oben sind, nimmst die Leitern weg.« Er nahm die Leiter und trug sie fort. Bei dem Baum angekommen, lehnte er sie an. »So steig voran!« gebot er dem Concertmeister. »Du halten feßt, ßehr feßt!« »Ja freilich.« »Damit ich nicht ßtürzen vom Baum.« »Steig nur. Ich kraxel gleich hinter Dir her!« Der Baum war eine Linde, welche erst in ganz beträchtlicher Höhe die Aeste spaltete. Der Italiener war sein Lebelang noch auf keinen Baum gekommen. Er stieg empor, als ob es gälte, dann auf dem hohen Thurmseile zu tanzen, so zaghaft und angstvoll. Droben angekommen, krallte er sich voller Angst an den Stamm an, mit den Beinen auf dem untersten Ast fußend. Der Sepp stellte sich auf die andere Seite des Stammes. Nun kam der Fex herbeigeschlichen, nahm die Leiter leise weg und trug sie fort. »Mich mit feßthalten!« bat der Italiener. »Ich ßittern, ßehr ßittern, ßehr!« »Ach was! Wer wird zittern! Jetzt giebts Anderes zu thun. Da schau ins Fenster hinein; da wird die Leni jetzt – – Sapperloten! Was für ein Fenstern ist das eigentlich?« » Vergogna! Oimè – pfui! O weh!« antwortete der betrogene Italiener. »Na, das ist auch eine Affenschand! Jetzt nun hat mir dera Hausmann das falsche Fenstern beschrieben. Dort das zweit ists richtige.« Das Fenster, in welches sie blicken konnten, gehörte nämlich zu einem jener heimlichen Gemächer, welche zwar in jedem Hause sehr nothwendig sind, ihm aber keineswegs zur öffentlichen Zierde gereichen und darum meist an einen Punkt angebracht werden, wo sie am Wenigsten in die Augen fallen. Noch dazu war es mit weiß gefirnißten Scheiben versehen, so daß man nicht einmal hineinblicken konnte, ein Umstand, den der gute Signor Antonio Rialti von unten gar nicht bemerkt hatte. Er sagte jetzt: »Schnell hin! Das ßweite es ßein.« »Ja. Steigen wir rasch wieder hinab.« »Vorwärts! Ich haben nicht viel von Zeit.« »Ich auch nicht. Was! Tausendelement!« Er sagte das im Tone der größten Ueberraschung. Dies fiel dem Italiener auf, welcher fragte: »Was ßein? Warum Du fluchen?« »Die Leiter ist weg.« »Das ßein unmöcklick!« »Da schau her!« Aber der Kleine wagte es nicht, sich nieder zu beugen, weil er Angst hatte, in diesem Falle das Gleichgewicht zu verlieren und vom Baume zu stürzen. »Ssie ßein wircklick weg?« fragte er. »Ja.« »Aber wohin ßie ßein.« »Das weiß der Teuxel!« »Ssie umßtürzen!« »Bewahre! Das hätten wir ja gehört.« »Waß ßonsten?« »Es muß Jemand heimlich hier gewesen sein.« » E egli possibile ! Ssein es möklick!« »Ich habe keinen Schritt gehört. Aber diese Schauspielern sind Halunken. Nun müssen wir hinabklettern. Komm, Bruderherz! Versuch es mit!« »Kletter! Nein, nein! Ich brecken die Hals!« »Das geht nicht so rasch.« »O, ich brecken nicht bloßen die Hals, ßondern auck nock daßu die Kenick!« »Ich halt Dich mit; ich helf Dir. Komm!« Er faßte ihn an; aber der Kleine wurde da vor Angst viel lauter als bei der gebotenen Vorsicht jetzt rathsam war. »Nein, nein!« quikte er. »Ich bleiben! Du allein hinuntergehen und Leiter holen!« »Sapristi! Hinuntergehen?« »Ja, ßehr, ßehr!« »Nun, da versuchs doch mal, und geh so ßßehr hinunter. Glaubst etwan, man spaziert so hübsch leicht den Baum hinauf und hinab wie draußen auf denen Promenadern? Hier muß man klettern gelernt haben.« »Alßo Du hinabklettern!« »Hm! Ich mit meinen alten Gliedmaßen.« »Es kehen schon!« »Ja, es geht schon! Du hast Angst, aber ich kann den Hals brechen. Danke schön, sehr schön!« »Nur hinab Du, und Leiter holen! Ich haben keinen Sseit mehr; ich müssen fort; ich müssen ßpielen!« »Ja freilich, bist bald wiedern an der Reihen!« »Alßo schnell, schnell! Ssehr, ßehr!« »Na, ich werde Dir den Gefallen thun! Ich will es wenigstens mal versuchen. Stürze ich hinab, so kannst kommen und mich aufheben.« Er war ein ausgezeichneter Kletterer, selbst noch jetzt in seinen alten Tagen. Er kam ohne alle Anstrengung und Beschwerde hinab. »So! Da bin ich im Parterr!« sagte er. »Du ßehen die Leitern?« »Nein.« »Sfie holen! Rasch, schnell!« »Ja, wohin hat sie denn der Urian gesteckt?« »Du ßuchen, ßehr suchen, ßehr!« »Na, meinswegen.« »Aber kommen kleik wieder!« »Sobald ich sie hab, ja.« »Ich bereits ßittern. Ich stürzen!« »Wann Du jetzt schon zitterst, so wirds bald noch schlimmer. Setz Dich lieber nieder auf den Ast. Da ists gemüthlich, und da kannsts aushalten, bis die Gans geschlachtet wird.« »Sso lange nicht, nein, nicht ßo lange!« »Gut, so schlachten wir sie eher. Also jetzt will ich nach dera Leitern suchen gehn. Verhalt Dich nur sein ruhig, sonst blamirst Dich in alle Ewigkeit!« Er ging, natürlich dahin, wo der Fex die Leiter wieder angelegt hatte und auf ihn wartete. »Ist er noch oben?« fragte dieser. »Ja. Wo soll er sonst sein?« »Herabklettert.« »Der und klettern! Der bleibt oben, bis man ihn vom Baume abschöpft wie eine Milchhauten. Jetzt aber mach, daß wir in unsere Ordnung kommen!« Sie stiegen die Leiter empor und zur Thür hinein, zogen die Leiter hinauf und legten sie wieder an ihren Platz. Nachdem der Sepp dann die Thür verschlossen hatte, begaben Beide sich wieder nach vorn. Es gelang ihnen, das Sopha unbemerkt zu erreichen, auf welches sie Beide sich niedersetzten. Das Alles war ziemlich schnell geschehen, so daß während dieser Zeit nur eine Nummer gegeben worden war. Die nächste hatte Leni zu singen. Eben kam sie aus der Garderobe. Als der Sepp sie bemerkte, fuhr er vom Sopha auf. »Verdimmi, verdammi!« sagte er. »Jetzund möcht ich grad so fluchen wie's damals dera Nachtwächtern droben bei uns in der Moden gehabt hat. Wer ist das? Ists die Leni oder nicht? Ich werd ganz irr!« Und er hatte Recht. Man konnte wohl glauben, daß man sich täusche, daß es eine Andere sei. Sie war jetzt in großer Toilette. Sie trug ein rosaseiden Kleid mit schwerer Schleppe; grüne Weinlaubguirlanden hoben sich prächtig von dem zartduftigen Stoffe ab. Die Taille war ausgeschnitten und der Schnitt mit eben demselben Laub garnirt; dazu eine blinkende, volle Traube am Achselschluß und Weinbeeren und Schneeglocken im Haar – eine seltsame Zusammenstellung, welche aber äußerst effectvoll wirkte. Sonst war kein Schmuck an ihr zu sehen. Aber sie selbst war, das sah man nun jetzt erst, von einer so eigenartigen, bezaubernden Schönheit, daß dieselbe durch ein Schmuckstück nur beeinträchtigt worden wäre. Diese volle, runde und doch dabei nicht gar üppige Schönheit mußte wirken; das war vorauszusehen. Der Director mochte denselben Gedanken haben, denn er verbeugte sich tief vor ihr und sagte: »Was soll ich sagen, Signora! Habe ich Sie vorhin beglückwünscht, so darf ich es doch jetzt nicht abermals, und doch ist jetzt Ihre bloße Erscheinung so entzückend wie vorhin Ihr Lied. Gestatten Sie mir, Ihnen ein Bouquet zu überreichen.« Er hatte es bereits durch einen Wink an den Diener herbei befohlen und hielt es ihr hin. »Danke! Nicht unverdient!« wehrte sie ab, freundlich aber ernst. Der Sepp strahlte förmlich vor Glück. Hatte er sich sein Lehnerl als Sängerin schön gedacht, so gar sehr schön aber doch nicht. »Das Hallodridirndl wachst mir im Handumdrehn gleich über den Kopf hinweg!« meinte er zum Fex. »Was meinst? Der, wer die mal zur Frauen bekommt! Der macht ein Glück!« Als nächste Nummer stand im Programm: »Ich sah Dich nur ein einzig Mal. Lied von Eduard Kauffer. Componirt von Gumbert.« Die Glocke erscholl; der Vorhang stieg empor. Leni rauschte hinaus. Ihre Haltung war diejenige einer Dame, welche gar keine andere Toilette gewohnt gewesen ist. Die schwere Schleppe genirte sie nicht im Mindesten. Es ging wie ein lautes Wehen durch den Raum. Ein lang gezogenes »Ah!« wurde hörbar, leise, leise zwar, aber es kam doch von Aller Lippen. Nur von da links herüber ließ sich etwas wie »Verteux – –« vernehmen. Es kam aus dem Munde des Krikelanton. Er sah die Geliebte so, wie er sie nicht sehen wollte – ausgeschnitten und mit bis oben herauf entblößten Armen. Der Wiener Professor hatte alle Mühe anzuwenden, ihn ruhig zu erhalten. Da begann die Kapelle die Einleitung, getragen und zart, nach und nach anschwellend, bis die Sängerin dann voll und kräftig einsetzte: »Ich sah Dich nur ein einzig Mal,         Da war's um mich geschehen: Ich fühlte Deines Auges Strahl         Durch meine Seele gehen. Ich fühlte Deiner Stimme Laut         Mich wunderbar durchdringen; Dein Blick so süß. Dein Wort so traut.         Erweckten neu mein Singen.« Es war, als ob sie nicht mit dem Munde singe, sondern als ob die süßen, herzinnigen, verlockenden Zaubertöne aus ihrer tiefsten Seele emporklängen. Man hörte, wie bereits vorhin, daß diese Stimme aller Register, der zartesten und auch der stärksten fähig sei, aber Das, was man jetzt hörte, war weder zart noch stark, oder vielmehr, man hörte gar nicht auf die verschiedenen Stärkegrade. Das Forte und Piano, das An- und Abschwellen, es konnte ja gar keine Beachtung finden vor dem himmlischen Wohllaute dieser Töne. Es war Liebe, Liebe, Liebe und abermals nichts als Liebe, was man hörte, nicht in Worten, denn die verschwanden, sondern in Tönen. Es war als ob eine hingebende Seele sich auflöse und nun dahinschwinde in Klängen, welche man wohl hören, nicht aber begreifen konnte. Wenn man sagt, daß an dem Augenblicke, an welchem Jüngling und Jungfrau einander ihre Liebe gestehen, Beide in ganz andern Stimmen und Tönen reden als sonst, so war hier ein Augenblick, an welchem die Liebe sich selbst das Lieben gestand und nun aus schönem Munde hinausfluthete in den lichtstrahlenden Raum und in alle Herzen hinein. »Mit dem Gebet: ›,O wärst Du mein,         Mir, wie ich Dir, ergeben!‹; Senkt ich in Deines Augen Schein         Mein ganzes Sein und Leben. Ich lauschte Deines Wortes Klang,         Und die mich floh'n, die Lieder, Sie kehrten, wie mit holdem Sang         Im Lenz die Lerchen, wieder.« So sang sie weiter. Dieses mächtig bittende, gewaltig flehende »O wärst Du mein!« mußte man hören. Und doch war es kein Fortissimo, nicht einmal ein Forte, wie sie es sang. Das Mächtige, das Gewaltige lag nicht in der Fülle, welche sie ihrer Stimme ertheilte, sondern in der wundersamen Eindringlichkeit, in dem mild Sieghaften, mit welchem sie diese Bitte, dieses Gebet hauchte. Der sinnberückende Aufschlag ihrer Augen, die liebeverlangende Gesticulation ihrer herrlichen Arme, das sehnsuchtsvolle Wogen ihres vollen Busens, das Alles samt sprach, bat und flehte mit. Sie war nicht nur Sängerin, sondern auch Mimin oder Mimikerin, nach der kurzen Zeit weniger Monate von einer Vollendung, welche Andere in ihrem ganzen Leben nicht erreichen. Und das war dasselbe Mädchen, welches noch vor wenigen Stunden da unten am Wasser im Gebet gekniet hatte, so rein und züchtig, so demüthig und ergeben. Ja, sie war rein und unberührt wie selten Eine, und was sie sang und wie sie sang und spielte, das that sie unbewußt und unberechnet; das war die echte, wahre Kunst, welche nur das Schöne und das Wahre will, und darum schön, rein und wahr bleibt immer und allezeit. Und nun die dritte, letzte Strophe: »Dein Blick so süß. Dein Wort so traut.         Erweckten neu mein Singen ... Ich fühlte Deiner Stimme Laut         Mich wunderbar durchdringen. Ich fühlte Deines Auges Strahl         Durch meine Seele gehen; Ich sah Dich nur ein einzig Mal,         Da wars um mich geschehen.« Dies, eine Wiederholung des Vorhergehenden, war trotzdem keine Wiederholung; es war neu, noch nicht gehört, ein Unbekanntes, Ungeahntes und Unbegreifliches. Und das letzte »Da wars um mich geschehen«, klang so vergehend, so unsäglich klagend und dabei doch wie ein tief unterdrücktes Jubeln – eine Liebe, die zur Entsagung verurtheilt ist und doch und dennoch und trotzdem das größte Glück ist auf der weiten Erdenrunde. Sie verbeugte sich nicht. Die Gewalt der Gefühle schienen ihren Gesang zum Hinsterben gezwungen zu haben; sie blieb mit leise gesenktem Haupte stehen, die Hand am Herzen, wie einen Richterspruch erwartend, der über ihr Glück, über ihr Leben zu entscheiden habe, und so – so ließ sie den brausenden Applaus über sich ergehen und nur langsam und mählich und mählig hob sie den Kopf und nach und nach leuchteten ihre Augen heller auf und rötheten sich ihre frischen, vom Puder noch nie berührten Wangen. Es war ein Bild, wie es raffinierter von der größten Künstlerin nicht gegeben werden kann, und doch war es nicht Raffineri, sondern die reine Wahrheit – hatten ihre Töne etwa nur Dem gegolten, welcher da drüben saß auf der linken Seite des ersten Ranges und sie mit glühendem Blicke verschlang, die Zähne auf einander knirschend und Wuth, unendliche Wuth im Herzen? In seiner Seele lebte jetzt nur die eine, einzige Ueberzeugung: Sie ist schön, unendlich schön, wie ich es nie gedacht und geträumt habe, aber sie ist verloren, für mich und auch überhaupt – sie zeigt ihren Busen und ihre Arme. Hol sie der Teufel! Er war der Einzige, der so finstere Gedanken hegte, denn die anderen Alle ohne Ausnahme fühlten sich hingerissen von der Macht und Gewalt eines solchen Vortrages. Ihr Applaus belebte sich immer von Neuem, bis der Vorhang sich doch nicht mehr erheben wollte. Die Beglückwünschungen begannen von Neuem. Sie aber machte sich schleunigst los, um ihren Sepp aufzusuchen. Er empfing sie mit der Klage: »Lehnerl, ich weiß halt nimmer, was ich von Dir denken soll. Du wirst mir zu gewaltig. Ich kann nun kaum mehr emporschaun bis zu Dir.« »So will ich mich niederbücken zu Dir.« Sie faßte ihn, der auf dem Sopha saß, bei seinem grimmigen Schnurrbarte, zauste ihn bei demselben und fuhr, herzlich lachend fort: »Weißt, über Dich kann ich ja gar nicht hinauswachsen. Du bist ja der Path, dem ich Gehorsam zu leisten hab!« »Ja, das, wanns so ist, so ists mein einziger Trost.« Jetzt sollte ein Vortrag des Italieners kommen. Der Tisch wurde wieder herbei getragen und die Violine darauf gelegt. Die Mitglieder der Capelle, welche ihn zu begleiten hatten, nahmen die betreffenden Noten vor. » Pas de hache von Paganini, vorgetragen von Herrn Concertmeister Antonio Rialti.« Ein Pas de Hache ist ein wilder Tanz. Auf diese Nummer war man außerordentlich gespannt, da ihr Vortrag eine seltene Beherrschung des Instrumentes erfordert. Jetzt hörte man hinter der Scene eine ungewöhnliche Bewegung. »Sucht ihn, schnell!« ertönte die unterdrückte Stimme des Directors. »Du,« meinte der Sepp zum Fex, »jetzt kommst nun an die Reihe. Oder hast Angst und Lampenfiebern und willst lieber verzichten?« »Angst! Woher sollt sie kommen?« »Siehst aber nicht gut aus.« »Wie denn?« »Als hättst Sorg um was.« »Die hab ich auch.« »Um was?« »Um den Concertmeistern. Wann er vom Baum fallt!« »Der hängt gut da droben.« »Oder wanns herauskommt, was wir than haben!« »So werd ich mich zu vertheidigen wissen. Du aberst kommst ja gar nicht in Betracht dabei.« »Ein Unrecht aber ists doch!« »Ists etwan ein Recht, daß er meiner Leni nachtrachtet! Himmel! Der, wann er jetzund die Leni sehen hätt, er wär vor Lieb verruckt worden!« Nach und nach verstärkte sich die erwähnte Unruhe. Es wurde überall gesucht, im Foyer und an allen anderen Orten, wo man den Italiener vermuthen konnte – vergebens. Er war nicht zu finden. Und doch war die Zeit bereits verstrichen und man konnte weder länger warten, noch eine Aenderung im Programm eintreten lassen. In seiner Verlegenheit gab der Director selbst das Glockenzeichen und trat, als der Vorhang aufgezogen war, hervor. Leider aber hatte er in seiner großen Verlegenheit ganz vergessen, dem Kapellmeister Nachricht von seinem Vorhaben zu geben. Dieser Letztere glaubte, als das Zeichen ertönte, Rialti werde auf der Scene stehen, und gab mit dem Tactstocke das Zeichen, die Einleitung zu beginnen. Das Orchester fiel in dem Augenblicke ein, an welchem sich der Vorhang erhob. Jetzt hätte man den Director sehen sollen! In Allerhöchster Gegenwart so ein Affront! Es war zum Rasendwerden! Er winkte auf offener Scene und gestikulirte mit solchem Nachdrucke, bis der Dirigent das Zeichen zum Aufhören gab. Jetzt, als die Instrumente verstummt waren, erklärte der Bühnenleiter, daß Signer Rialti leider plötzlich unwohl geworden sei und nicht spielen könne. Es sei jedoch zu hoffen, daß er sich bei seiner nächsten Nummer wieder erholt haben werde. Da geschah Etwas, was Keiner ahnen konnte. Der Fex trat vor, zum Director hin, und sagte mit lauter, überall vernehmlicher Stimme: »Wanns weitern nix ist, daß der Signor krank worden ist, so kann schon geholfen werden. Wann er das Dingerl nicht spielen kann, so werd ichs halt geigen. Die Herrschaften dürfen doch nicht etwan' drumkommen. Also bitt gar schön um die Erlaubnissen dazu, Herr Directorn!« Der Genannte stand ganz starr, wie zur Bildsäule geworden. Er konnte kein einziges Wort hervorbringen. Der Fex aber benutzte das, nahm schnell die Violine aus dem Kasten, den Bogen dazu und winkte ins Orchester hinab: »Herr Kapellmeistern, bitt, anfangen wieder!« Das gab dem Director die Sprache zurück. »Halt!« rief er. »Wahnsinniger! Fort von hier!« Er faßte ihn am Arme und wollte ihm die Geige nehmen. Der Fex aber meinte, ihn ganz lieb und vertrauensvoll anlächelnd: »So! Wann ich Dich aus dera Verlegenheiten reißen will, so wirfst mich zum Dank zur Thüren naus? Ich glaub nicht, daß die Herrschaften das dulden werden. Meinst nicht auch?« Alle disponiblen Theaterdiener erschienen auf der Bühne, um den Fex von derselben fortzubringen. »Hört,« sagte er in strengem Tone, »greift mich nicht an. Es könnt sehr fehl schlagen.« Da erschallte von der Parquetloge herauf die angstvolle Stimme der Paula. »Fex, lieber Fex, mach keinen Scandal! Geh doch hinab von der Bühne.« »Hast auch Ängsten um mich? Das hast aber nun gar nimmer nöthig. Es steht schon ein Stucken vom Fex auf dem Programmen. Das ist doch der Beweis, daß ich kein Verruckter bin. Und wann der Herrn Directorn ein Einsehen hat, so will ich – na, Kerl, geh fort, sonst werf ich Dich ganz da hinauf, wo die für fündig Pfennge gewöhnlich sitzen. Verstehst!« Er schob den Diener, welcher ihn fassen wollte, von sich, sprang auf die Seite, setzte schnell die Geige an und – ja, da fuhren Alle von ihm zurück. Das war ein Läufer, hinauf und hinab, ein rasendes Wogen von Accorden und Tönen, ein Haschen und Jagen, eine schreckliche, halsbrecherische Aufeinanderfolge drei- und vierstimmiger Accorde, und das mit einer Leichtigkeit, wie Wasser aus dem Brunnen läuft. »Aufpassen!« rief er laut. »Nach acht Tacten, dann beginnt das Stuck. Zwei – vier – sechs – acht – Schrumm, einfallen! So ists recht!« War es, weil der Capellmeister heute bereits eine so außerordentliche Probe von der Fertigkeit des Fex gehört und nun Vertrauen zu ihm hatte, oder waren es die wilden Töne, welche er gegeigt, mit denen er fast zwingend in das Stück übergeleitet hatte, kurz und gut, der Dirigent hatte das Zeichen gegeben, und das Orchester war eingefallen. Wer Beine hatte im Zuschauerräume, der war aufgestanden – Alle also. Der Director, der Regisseur, die Diener, Alle, Alle blieben, wie festgewurzelt, auch stehen. Welch ein Ereigniß! Da stand der barfuße Kerl, im schlechten Wamms, mit nackter Brust und spielte seinen Pas de hache herab mit einer Accuratesse und Flüssigkeit, wie ein guter Oberbayer seine Maß Bier hinunterlaufen läßt, ohne daß ihm ein Tropfen davon am Schnurrbart hängen bleibt! Und welch ein schwieriges Stück war es, dieser wilde Tanz! Ein Hexensabbath aller möglichen Schwierigkeiten. Hätte der Italiener das Stück so gespielt? Ein wild gebrochener Accord wurde bis in die höchste Höhe hinauf- und dann bis in die Tiefe wieder hinabgerollt – das war das Ende. Mit einem Lächeln, welches seine prachtvollen Zähne zeigte, blickte der Fex hinaus in den gefüllten Raum, nickte, als ob er sagen wollte: »Seht, so kann ich es!« machte dann eine Verbeugung und trat zwischen die Coulissen zurück. Da gab der König das Zeichen zum Applaus und von ganzem Herzen gern stimmten Alle ein. Der Fex mußte drei – vier – fünfmal noch vortreten. Als nun der Vorhang fiel, erhob sich ein lautes Summen im Zuhörerraum. Ein Jeder wollte wissen, wer dieser unbegreifliche Mensch sei. In Zeit von zwei Minuten war die Wißbegierde gestillt. Es sprach sich außerordentlich schnell herum.« Der Director wußte nicht, ob er den Fex ausschelten oder sich bei ihm bedanken sollte. Er sollte bald aus dieser Verlegenheit gerissen werden, denn der Logenschließer kam mit dem Befehle, daß der Director mit dem Fex augenblicklich in der königlichen Loge zu erscheinen hatten. Was dort verhandelt wurde, hörte Niemand, obgleich alle Ohren gespannt lauschten. Man sprach nur leise. Das Gesicht des Fex war hochroth gefärbt, und seine Augen strahlten vor Entzücken. Man sah, daß der König ihm zuletzt die Hand auf den Kopf legte und gnädig zunickte. Als er zurückkehrte, kam er natürlich sofort zum Sepp geeilt. »Du,« sagte er, »wann der Rialti nicht wiedern gesund wird, soll ich auch die andern Stucken spielen.« »So hat der König nicht erfahren, daß er nicht krank ist, sondern gar verschwunden?« »Nein, der Directorn hat sich wohl nicht getraut, es ihm zu sagen.« »Und was hat der König sonst noch gemeint?« »Viel, sehr viel. Ich werd Dirs später sagen. Jetzt aberst ist mirs Herzen so voll, daß ich gar keine Worten nicht finden kann. Der Directorn soll nur sogleich ein Paar Schuhen besorgen, damit ich nicht wieder barbs geigen thu. Ist das nicht lustig?« Daß die Herrschaften meinten, ihre Billets nicht zu theuer bezahlt zu haben, versteht sich ganz von selbst. Erst die neue, brillante Sängerin, und nun ein Lumpazi, in welchem ein Geigenvirtuos entdeckt wird, das kommt nicht alle Tage vor. Doppelt gespannt war man nun auf die folgenden Nummern. Nachdem abermals ein kurzes Orchesterstück vorüber war, kam: »Die Gewitternacht, von R. W., gesungen von Signora Mureni.« Leise ging die Frage rundum: Wer ist dieser R. W., dieser Pseudonym? Etwa Richardt Wagner? Aller Blicke richteten sich auf ihn, doch war in seinem unbewegten Gesicht weder ein Ja, noch ein Nein zu lesen. Als der Vorhang aufrollte, stellte die Scene einen freien Platz im Walde vor. Der Mond war im Niedergehen und stand im Begriff, zwischen sich aufbäumenden Wolken zu verschwinden. Leise, fast flüsternd begann das Orchester die Introduction. Da trat die Leni auf die Scene. Sie war vollständig in Schwarz gekleidet, lang und wallend, ohne Schmuck und ohne Blume. Das einzig Weiße, was man an ihr bemerkte, war das Gesicht und waren die Hände. Sie begann. Es klangen die Töne wie Windesrauschen. Sie sang von Müdigkeit und Ruhessehnsucht, so süß, so klagend. Sie wollte schlafen, vergessen die Sorgen des Tages und des Lebens; aber immer lauter wurde das Rauschen, es wetterleuchtete und in der Ferne grollte ein leiser Donner. Er kam näher und näher. Der Mond war verschwunden; der Himmel war gewitterschwarz, Blitze zuckten und der Regen begann herabzuströmen. Im Schutze eines Baumes stehend, gab sie den Tönen der Natur beredte Worte: »Nun zucken Blitze durch die Nacht,         Die Erde bebt, die Fluren weinen. Und wilde Geister sind erwacht,         Die Alles zu vernichten scheinen –« Die anwesenden Kenner hörten und fühlten es leicht heraus, daß dieses Stück gerade nur für diese Sängerin componirt sei, und so befestigte sich bald die Ueberzeugung, daß es Richardt Wagnern zum Komponisten habe. Der Dichter war unbekannt. Wagners Dichtkunst aber war es nicht. Diese nächtig mächtig prächtige Composition gab Leni vollauf Gelegenheit, zu zeigen, daß sie nicht nur eine Stimme und eine Seele besitze, sondern auch die gehörige Technik des Gesanges. Sie hatte ja noch zu üben und zu lernen, aber was sie bot, das war fertig und vollendet. Diese Gewitternacht bot der musikalischen Schönheiten außerordentlich viele, und die Sängerin verstand es, dieselben zur Geltung zu bringen. Wie mächtig gellte ihr Weheruf durch das Haus, als die Blitze den Baum umzuckten, und wie ergreifend zitterte ihre Stimme durch den Raum, als sie knieend um den Schutz Gottes bat! Und sie fand denselben. Das Gewitter entfernte sich; die Nacht war mit ihm vergangen und der Morgen tagte. Die Sonne ging auf und alles Schreckliche nahm in ihrem Lichte eine andere Gestalt und Farbe an. »Nun wieder strahlt das Licht der Sonnen         Warm lächelnd nieder auf die Flur. Es athmet Glück und athmet Wonnen         Noch unter Thränen die Natur. So ists, wenn Stürme Dich umtoben,         Wenn Dich umgeben Nacht und Graun: Es bricht ein goldner Strahl von oben         Und bringt Dir neues Gottvertraun.« So endete diese Nummer. Sie war von langer Dauer gewesen und die Leni hatte gezeigt, daß sie nicht nur Sängerin, sondern auch Schauspielerin sei. Sie wurde abermals mehrfach hervorgerufen und der Director bot ihr abermals das Riesenbouquet, welches sie jetzt auch annahm. Sie trug es dann dem Sepp hin. »Hier, Sepp, hast die ersten Rosen, die ich mir ersungen hab! Wer wird die letzten bekommen!« »Ich nicht. Dann leb ich schon lang nimmer mehr. Du wirst sie schon selber bekommen, Lehnerl; aber so eine davon kannst mir nachhero auf mein Grab legen, so zum Andenken an diese Stund, in welcher Du mir die ersten schenkt hast.« Er beugte sein altes, ehrliches Gesicht auf die Blumen nieder; er wollte seine Rührung verbergen. Jetzt sollte der Fex wieder auftreten, da der Concertmeister sich noch immer nicht gefunden hatte. »Am Waldesrand, Nocturno von Valery,« so stand im Programm zu lesen. Der Fex war in die Garderobe beschieden worden, und als er aus derselben zurückkehrte, bot er einen ganz anderen Anblick dar. Man hatte ihm einen hübschen Gebirgsanzug gegeben, wie sie ja in jeder Theatergarderobe vorhanden sind, und nun sah er blitzblank und nett aus wie irgend Einer. »Sepp, wie gefall ich Dir?« fragte er, sich lächelnd vor ihn hinstellend: »Gar nicht.« »Was? Warum?« »Schaust mir viel zu vornehm aus.« »Dürftst mich aber am Tag nicht anschaun. Dieses Zeug ist nur für Abend und für die Lampen gemacht.« »Die Künstlern vielleicht auch. Wann ich jetzt Dich und die Leni anso möcht mir fast angst und bange werden. Ich möcht denken, daß ich nimmer mehr lang haben werd. Ihr werdet berühmte Leutln und ich der dumme Sepp.« »Dumm? Na, wer Dich für dumm kauft, der kann geschoren werden. [unleserlich] nden? Hasts ja bewiesen, Alter!« »Laß gut sein! Hast mehr zu thun. Kannst denn Dein jetzig Stuck gut auswendig?« »Es wird gehen.« »So paß auf. Es klingerlt.« Als sich der Vorhang erhob, trat der Fex hervor. Er wurde mit Applaus empfangen und verneigte sich mit einer Eleganz, die man ihm wohl nicht zugemuthet hätte. Er ließ die Begleitung bis zu seinem Einsatz kommen und begann dann mit der bekannten Melodie: »Ich stand auf Bergeshalde, Als Sonn hinunterging, Und sah, wie überm Walde Des Abends Goldnetz hing.« Das war eine lieblich-innige Weise, und er trug sie einfach, mild und getragen vor, mit lieblicher Innigkeit. Sie wurde variirt, doch ohne die Absicht, dem Vortragenden Gelegenheit zu allerhand Kunst- und Bravourstücken zu geben; dann hörte man fernes Glockengeläute, wie das Einläuten eines hohen kirchlichen Feiertages, eine nicht leichte Aufgabe, welche aber der Fex mit Leichtigkeit löste – ein einsames Ave-Maria-Glöcklein ertönte; Heerden kehrten heim, die Schellen an ihren Riemen erklangen und dort am Waldesrande begann eine Nachtigall zu schlagen. Ein Rothkehlchen, zeitig eingeschlafen, träumte von der Allerliebsten und flüsterte leise leise Weisen; der Bach murmelte durch die Sträucher, drüben auf der Straße marschirten junge Burschen und sangen ein munteres Wanderlied. Dann wurde es dunkler und dunkler, der Mond ging auf – guter Mond, Du gehst so stille, hinter Abendwolken hin, und endlich tritt die stille Nacht herein. Der Müde geht zur Ruhe und die Welt liegt unter Gottes Schutz: Nun ruhen alle Wälder! Den letzteren Choral hatte er vierstimmig zu geigen. Er that es mit wirklicher Virtuosität. Diese Nummer war, ganz entgegengesetzt der wilden vorigen, ganz geeignet, ihm Gelegenheit zu geben, die Tiefe seines Gefühles zu erschließen und sein Verständniß für das Lyrische zu zeigen. Er endete unter ebenso lebhaftem Applaus wie vorhin. – Indessen hatte sich eine Scene hinter der Scene abgespielt. Man kann sich denken, in welcher Lage sich der Concertmeister während der ganzen Zeit befunden hatte. Er wußte ganz genau, daß die Reihe bereits wieder an ihm sei, und – er saß auf dem Baume. Was sollte er thun! Der Sepp kehrte nicht zurück. War ihm Etwas passirt? Je länger, desto größer wurde die Angst des Italieners. Es war ganz unmöglich, auf dem Baume zu bleiben. Sollte er laut werden? Hilfe herbei rufen? Auf keinen Fall! Er hätte sich dadurch ganz unsterblich blamirt. Er beschloß also, sein Leben zu wagen und herabzuklettern. Zitternd umfaßte er mit den Armen den Stamm und ließ erst das eine und nachher das andere Bein vom Aste weg. Beide dann auch um den Stamm legend, wie er es wohl bei kletternden Knaben gesehen hatte, begann er die für ihn so gefährliche Fahrt. Er bekam eine Angst, wie noch nie in seinem ganzen Leben. Seine Reise ging gerade so weit, daß er den niedrigsten Ast mit beiden Händen gefaßt und den Stamm mit beiden Beinen umschlungen hielt. Tiefer herab? O weh! Wenn er den Ast fahren ließ, traute er es sich nicht zu, sich mit den Armen am Stamme erhalten zu können. Wieder hinauf? Auch um keinen Preis. So blieb er also kleben, wie der Laubfrosch an der Leiter seines Wasserglases. Aber der gute Mann bedachte nicht, daß er dabei seine Kräfte ganz unnütz verschwendete. Er blickte angstvoll empor, wo er nicht hin konnte, und hinab, wo er sich nicht hin getraute. Er zitterte am ganzen Körper. Da hörte er Schritte, drüben im Nachbargarten. Es kam Einer, der vielleicht dachte, er könne vom Zaune aus Etwas vom Concert hören. »Holla! Wer ist da oben auf dem Baume?« rief es da drüben. Er hütete sich natürlich, einen Laut hören zu lassen. »Antwort!« Gleiches Schweigen. »Denkst wohl, ich sehe Dich nicht! Du hängst mir grad maulrecht gegen das Fensterlicht. Also gieb Antwort, wer Du bist, sonst –« Er vollendete seine Drohung nicht, aber der Herr Concertmeister zog es auch jetzt noch vor, sein Heil im Schweigen zu suchen. »Nun gut, so hetz ich den Hund hinüber! Phylax, Phylax! Wo bist Du denn?« Ein fernes Bellen antwortete. Jetzt war es um die Besinnung des Italieners geschehen. Er mußte hinab, mochte er unten ankommen so oder anders, mit ganzem oder mit zerbrochenem Halse. Er nahm also eine Hand nach der anderen vom Aste weg und legte sie um den Stamm. So hing er oben, mit allen Vieren den Stamm fest umklammernd. Fest? Ja, freilich, aber nur für einen Augenblick, denn seine Kraft ließ nach. Zwar hütete er sich sehr, loszulassen, aber festhalten konnte er nicht mehr, und so rutschte oder vielmehr fuhr er, gewichtig wie ein Dampfhammer, herab und schlug unten auf dem Boden auf, natürlich mit demjenigen Körpertheile, welcher bei ihm am wenigsten spitz war. So kam es, daß er kein Loch in den Boden schlug; aber fest saß er doch, denn er hatte mit solcher Gewalt unten aufgetroffen, daß ihm Hören und Sehen vergangen war. Er sagte sich, daß er jetzt unbedingt ohnmächtig und vollständig bewußtlos sei. »Phylax!« rief der Kerl da drüben. Da war es freilich mit der Ohnmacht vorüber. Rialti sprang auf und eilte davon, erst nach rechts und dann nach links. Dort war ein Gebäude und hier auch wieder eins. Hinter ihm stand der Kerl am Zaune, und da vorn, ja da war eine Mauer. Sie war nicht sehr hoch, und ein Weinspalier war an ihr errichtet. Er rüttelte an den Latten desselben. Sie waren fest, wenigstens fest genug für seine hagere, kleine, leichte Gestalt. Er »kraxelte« sich, wie der Sepp gesagt haben würde, mühsam an denselben empor. Aber oben angekommen, bemerkte er zu seinem Schrecke, daß da noch eiserne Spitzen angebracht waren, um das Uebersteigen Unberufener zu erschweren. Wie nun da hinüberkommen? Draußen ging die Straße vorüber. Er paßte einen Moment ab, an welchem es gerade keinen Passanten gab, und turnte sich auf die Mauer. Vorsichtig über die Spitzen steigend, setzte er sich auf der jenseitigen Kante fest und blickte hinab auf die Straße, um mit dem Auge abzumessen, ob er den Sprung auch riskiren könne. Da hörte er Jemand kommen. Sollte er sich hier erblicken lassen? Um keinen Preis! Er sprang hinab – oder vielmehr nicht, denn er kam gar nicht hinab. Er hatte nicht an die Schöße seines Frackes gedacht. Während er mit der Hose auf der Mauerkante gesessen hatte, waren diese »Schwalbenschwänze« zurückgeblieben. Sie lagen hinter ihm auf den Eisenspitzen und hingen jenseits noch ein Stück hinab. Jetzt nun, als er den Sprung that, spießten sich die Schöße an den Eisenspitzen fest, und er hing zwei Ellen hoch über der Erde an der Mauer, mit dem Rücken leider gegen dieselbe, so daß er sich gar nicht behelfen und sich aus seiner fatalen Situation befreien konnte. Mittlerweile war der Mann, dessen Schritte er gehört hatte, herbei gekommen. Dieser Mann war einer der Polizisten, welche nach dem Theater gesandt worden waren, um dort die Ordnung mit zu überwachen. Er hatte bis zum Ende des Concertes dort zu bleiben, war aber, da er jetzt nicht gebraucht wurde, auf den Gedanken gekommen, für einige Augenblicke die freie Luft zu genießen. Da ganz in der Nähe eine Laterne brannte, sah er den unglücklichen Springer an der Mauer hängen und eilte herbei. »Was Teufel!« meinte er. »Was für ein Vogel hat sich denn da gefangen?« »Hilfe, Hilfe! Sfie mich loßmacken, ßehr, ßehr!« antwortete der Concertmeister. »So sehr werde ich das nicht machen, mein Lieber. Sie hängen da sehr gut, um mir Antwort geben zu können. Wie kommen Sie denn in diese Falle?« »Ich ßein keweßen im Karten.« »Ah, im Theatergarten? Was haben Sie denn da eigentlich vorgehabt, he?« »Ich – – ich ßein keweßen ßpaßier.« »Ach so! Und wenn man in einem Garten spazieren geht, so spaziert man zugleich über die Mauer?« »Ich hab wollen auf – auf Straßen.« »Schön! Aber dazu haben Sie die Thüren nicht benutzt. Lieber Freund, das ist verdächtig. Ich arretire Sie. Sie werden mir nach der Polizeiwache folgen.« »Ich arretiren? Oh, oh, oh! Ich kann nicht mit macken arretir!« »So? Warum denn nicht?« »Ich müssen ßpielen Violin bei Concert.« »Sie? Mit spielen? Wer sind Sie denn da eigentlich, um diese Hauptsache nicht zu vergessen?« »Ich ßein Signoro Antonio Rialti.« »Alle Teufel! Der Concertmeister?« »Ja.« »Können Sie das beweisen?« »Ssehr kut, ßehr!« »So! Dann begreife ich mir nicht, wie Sie in die Lage kommen können, sich während des Concertes, bei welchem Sie mitwirken müssen, hier an diese Mauer aufzuhängen. Ich werde Sie jetzt befreien, und sodann haben Sie die Güte, mir zum Herrn Director des Theaters zu folgen, der Sie legitimiren mag. Ich werde Sie emporheben, und versuchen, Ihre Arme aus den Aermeln Ihres Frackes zu ziehen. Also jetzt. Hopp, hoch!« Er faßte ihn an und hob ihn hoch. Der Italiener wurde frei, doch nicht in der Weise, wie Beide es sich gedacht hatten. Nämlich er schnellte mit Armen und Beinen, um die Ersteren aus dem Fracke zu ziehen; dadurch stieß er den Polizisten in das Gesicht, so daß dieser ihn loslassen mußte. Dadurch verlor der Kleine natürlich den Halt, plumpste abermals nieder und – die Frackschöße zerrissen; er stürzte zu Boden. »Oh Unklück, oh Schmerz!« rief er aus. »Da ich lieken im Dreck!« »Ja, da liegen Sie im Dreck; da haben Sie Recht. Doch hoffe ich, daß Sie nicht ewig hier liegen bleiben. Ich habe Eile mit Ihnen.« »Ich auck. Ich werd auferßtehn. Aber nun der Frack! Der ßein noch oben.« »Na, den werden wir gleich herunterbekommen, nämlich, so viel noch davon oben hängt – ein halber Schößel.« Der Italiener stand auf. Er untersuchte die anderthalb Schwalbenschwänze, welche noch an ihm hingen, und blickte dann hinauf, wo die fehlende Hälfte hing. »Schlimm, ßehr schlimm!« sagte er. »Ja, für den dort oben. Wollen Sie ihn wirklich noch herab haben? Er kann Ihnen nichts nutzen.« »Nein. Ich kleik mir lassen geben ein ander Frack aus Karderoben vom Theater.« »Das ist das Klügste. Aber wie sehen Sie denn hier vorn aus? Sind Sie auch auf dem Bauche spazieren gegangen und nicht blos auf der Mauer?« Es war ihm nämlich bei seinem Rutsch vom Baume die vordere Seite der Hose und Weste höchst unglücklich beschädigt worden. Der Kleine blickte an sich hernieder und jammerte: » A poveretto me – ich Unklücklicker!« »Ja, und hier!« Er hob die anderthalb Schwalbenschwänze empor, unter denen auch die Hose einen bedeutenden Riß aufzuweisen hatte. Der Concertmeister fühlte nach hinten, betastete den Defect und rief: »Auk da! Oh weh, oh weh!« »Freilich! Sie sind überall und auf allen Seiten in schweren Verlust gerathen. Wenn wir in das Theater gehen, werden wir uns sehr in Acht nehmen müssen, daß Sie nicht von unberufenen Augen begutachtet werden. Kommen Sie! Ich hoffe, daß Sie mir nicht während der wenigen Schritte ausreißen!« »Außenreißen! Ich! Wie können ich außenreißen bei dießer Toilette!« »Schön! Also vorwärts!« Er führte ihn fort. Als sie in das Portal traten, hielt sich der Polizist stets so, daß der Schatten auf den Kleinen fiel. So brachte er ihn mit vieler Mühe und Vorsicht bis nach der hinteren Treppe. Da erklangen die Violintöne des Fex. Der Kapellmeister blieb, wie vom Schlage gerührt, einen Augenblick lang stehen. »Verrath, Verrath!« rief er dann plötzlich. »Man ßpielen mein Sstück, mein Sstück!« Er rannte fort, so schnell er konnte, der Polizist natürlich hinter ihm her, der Gedanke sehr nahe lag, daß der Flüchtling einen falschen Namen angegeben und sich nach dem Theater hatte bringen lasten, um dort, wo es mehrere Thüren gab, eine gute Gelegenheit zur Flucht zu benutzen. So ging der Dauerlauf die Treppe empor, durch mehrere Gänge bis an das erste Garderobezimmer, aus dessen Thür der im Theatergebäude stationirte Feuerwehrmann trat, welcher drin zu thun gehabt hatte. Er sah die Beiden gerannt kommen, den Polizisten hinterher. Natürlich nahm er an, daß der Vorauseilende ein flüchtiger Erdenbewohner sei, nach dem die Polizei sich sehne, und fing ihn in seinen starken Armen auf. »Halt, halt!« sagte der Kleine. »Ich müssen fort, fort, ßokleick weiter!« »Nein, Sie bleiben!« antwortete der Feuerwehrmann. »Und übrigens haben Sie hier ganz still zu sein, um nicht zu stören, sonst gebe ich Ihnen Eins auf den Schnabel!« Er holte mit dem Arme aus, um seiner Verheißung Nachdruck zu geben. Das imponirte dem Signor, und er wagte nun nur noch die Bitte, ihn zum Director zu bringen. Dies geschah natürlich. Als der Leiter des Kunsttempels den Arrestanten erblickte, kam er ihm schnell entgegen. »Um Gotteswillen! Wo haben Sie gesteckt?« Der Gefragte antwortete nicht. Er hörte sein eigenes Stück, und zwar viel besser und genialer vortragen, als er es vermocht hätte. Das benahm ihm den Athem. »An der Mauer hat er gehangen, hier mit dem Frack. Da, sehen Sie, Herr Director.« Bei diesen Worten faßte der Polizist den Signor; der Feuerwehrmann griff auch mit zu, und so wirbelten sie ihn mehrere Male um sich selbst herum, so daß alle seine Lecke, welche er beim heutigen Schiffbruche davongetragen hatte, in eminentester Weise zum Vorschein kamen. »An der Mauer? Der Herr Concertmeister?« fragte der Director. »Das ist ja gar nicht möglich!« »Sie müssen es doch seiner Kleidung ansehen?« »Ja, die steht freilich schrecklich aus, schrecklich!« »Also dieser Herr ist in Wahrheit Signor Rialti?« »Ja.« »Sie recognosciren ihn als denselben?« »Ja.« »Er ist nämlich mein Arrestant.« »Was! Alle Teufel! Wen hat er denn ermordet?« »Sich selbst beinahe. Er hat, wie ich bereits sagte, sich selbst aufgehängt, doch glücklicher Weise nicht mit einem Stricke am Halse, sondern mit und an den Frackschößen.« »Wie ist das gekommen?« »Fragen Sie ihn selbst! Mir hat er es bisher nicht erklären können. Uebrigens habe ich nun meine Pflicht gethan und fühle mich zu Weiterem nicht mehr berechtigt. Ich empfehle mich!« Er entfernte sich mit dem Feuerwehrmanne. »Aber, bester Signor,« lachte der Director, »ich bin in fürchterlicher Sorge um Sie gewesen. Wo haben Sie denn eigentlich bisher gesteckt?« Aber soeben erschollen die letzten Accorde des »Nun ruhen alle Wälder,« und dann hörte man den darauf folgenden Beifallssturm. Darum beantwortete der Gefragte nicht die an ihn gerichtete Erkundigung, sondern rief: »Das waren mein Sstück. Welk einen Applaus! Wer haben geßpielen, wer?« »Glücklicher Weise habe ich einen ausgezeichneten Ersatzmann für Sie gefunden, noch im letzten Augenblicke.« »Wer? Wo? Ich müssen ihn ßehen, ßehr, ßehr!« Er rannte fort und – geradewegs auf die Scene, ohne an den schauderhaften Zustand seiner Kleidung zu denken. Glücklicher Weise war soeben der Vorhang herabgelassen worden, so daß der Anblick des Beschädigten wenigstens dem Publikum erspart blieb. Doch rannte dieser mit – Leni zusammen, welche auch in diesem Augenblick herbeikam, um dem Fex die Hand zu geben. »Pardon – Verßeihen Ssie!« rief er aus. »Mei, – der Herr Capellmeister!« sagte sie erstaunt. »Und wie – oh, gehen Sie!« Sie wendete sich schnell von ihm ab. Er aber hatte jetzt keine Zeit, auf seinen Zustand Rücksicht zu nehmen. Er stürzte auf den Fex zu, in dessen Händen er seine Violine erblickte. »Wer haben keßpielt. Ssie, Ssie?« fragte er. »Ja,« antwortete der Fex. Erst jetzt betrachtete der Kleine denselben genauer. Wegen der anderen Kleidung, welche der Fex jetzt trug, hatte er ihn nicht sogleich erkannt; nun aber rief er erstaunt aus: »Fex, der Fex! Du, Du willßt haben keßpielt mein Sstück auf meiner Violine?« »Ja.« »Das ßein nicht wahr, nicht!« Da nahm ihn der Director am Arme und zog ihn unter beruhigenden Worten mit sich fort, in ein Zimmer hinein. Dort blieben sie eine Weile, dann kam der Director allein wieder heraus und winkte den Sepp zu sich heran. Es gab eine ernste Auseinandersetzung, von welcher nur die letzten Sätze zu verstehen waren da sie nicht mehr heimlich, sondern mit erhobener Stimme gesprochen wurden. »Also, er ist wirklich wegen – wegen – – na, auf den Baum gestiegen?« fragte der Director. »Ja, nur deshalb.« »Und kein Anderer hat davon gewußt, als nur Sie ganz allein?« »Keiner.« »Sie haben mich in schwere Verlegenheit gebracht, doch – –« »O, ich hab wußt, daß der Fex es noch besser macht.« »Eben darum will ich Ihnen verzeihen. Wir haben dadurch einen Violinisten entdeckt, der sonst wohl noch lange im Verborgenen geblieben wäre; aber es hat dabei zu bleiben, daß der Signor unwohl geworden ist.« Dieser, nämlich der Signor, schlich sich nach einiger Zeit mit seiner Geige heimlich davon. Er hatte, um seine Blößen zu decken, sich aus der Garderobe einen Theaternmantel ausgeborgt. Beinahe wäre er dabei noch von Liszt erwischt worden, denn kaum hatte er den Gang verlassen, so kam dieser herbei, da jetzt nun sein Vortrag beginnen sollte. Das kostbare Instrument, welches er sich eigens mitgebracht hatte, wurde auf die Bühne geschafft. Gleich als der Vorhang sich erhob und Liszt vortrat, wurde er von freudigen Rufen empfangen, in welche sich sogar, die ungarische Abstammung des Künstlers berücksichtigend, mehrere »Eljen!« mischten. Er spielte Themen aus der von ihm selbst componirten Hunnenschlacht, natürlich mit gewohnter, unerreichbarer Meisterschaft, welchen er als Honorar für den ihm gespendeten geradezu nie dagewesenen Beifall eine Paraphrase folgen ließ. Als er geendet hatte, kehrte er nach der Loge des Königs zurück. Jetzt kam die vorletzte Nummer. Mancher Blick hatte erst verwundert auf dem Programm geruht: »Die alte Bettlerin, gedichtet und componirt vom Fex , gesungen von Signora Mureni.« Seit aber der Besitzer dieses sonderbaren Namens sich als ein so ausgezeichneter Geiger gezeigt hatte und die Nachrichten über seine Person und Verhältnisse von Mund zu Mund gegangen waren, hatte sich die Spannung, mit welcher man dieser Nummer entgegensah, ganz bedeutend gesteigert. Die Scene wurde wieder so gesetzt wie beim ersten Auftreten Leni's – die alte Sennhütte auf hoher Alm. Als der Vorhang sich hob und das Auditorium dieses nun bereits bekannte Bühnenbild erblickte, wurde lebhafter Beifall geklatscht. Die Musik begann, und die Leni trat auf. »Die Lorbeerkränze!« befahl der Director leise. Sie wurden gebracht und in Bereitschaft gehalten. Beim ersten Anblick der Sängerin ging es wie eine Enttäuschung durch den Zuschauerraum. Sie trat in gebeugter Haltung ein, mit einem alten Mantel bekleidet, ein Tuch um den Kopf und einen Stock in der Hand. Ihr Gesicht war das eines alten Weibes – ohne Schminke, Farbe und sonstige künstliche Mittel. Man hatte ihr einen warmen Empfang zugedacht, aber diese Erscheinung erkältete die Wärme, mit welcher man ihrer bisherigen Vorträge gedacht hatte. Die Blicke flogen von ihr weg nach dem Orchester. Was waren das für Töne, für Harmonieen, so fremdartig herzergreifend, fast schmerzhaft die Nerven berührend. Das klang wie an einander gereihte klingende Thränen! In eben solchen Tönen begann die alte Bettlerin ihr Lied. Ihre Stimme zitterte vor Alter, und ihr matter Hals wollte nur schwer den Kopf in der Höhe tragen. Sie sang von Krankheit und Hungersnoth, von verrathener Liebe und zehrendem Grame, verlassen von den Eltern, verlassen von dem Manne, im Kampf mit dem Elend, das Herz voller Jammer – nur ein einziger Strahl wars, der in das Dunkel ihr drang – – – Dabei hob sich ihr Haupt, und ihre Augen gewannen Leben; die Stimme wurde kräftig, voller Halt, die Instrumentalbegleitung stieg im Crescendo empor, und den Arm mit dem Stocke hoch erhebend, sang sie, im Mezzoforte beginnend und im stärksten Fortissimo endend: »Als Alle mich verlassen hatten In meines Unglücks schwerer Nacht, Stand ich in meines Königs Schatten; Mein König hat an mich gedacht!« Jetzt, jetzt mehr als zuvor zeigte es sich, welche Kraft in Leni's Stimme lag. Wie ein brausender Strom ergoß sie sich über das ganze Haus. Hingerissen von dieser Mimik, diesem Vortrage, dieser Stimme, brachen bereits jetzt die Hörer in stürmischen Beifall aus. Und nicht die Sängerin allein war es, der dieser Letztere galt; nein, das Lied, der Text sowohl wie auch die Melodie, war so eigenartig, so originell und dabei meisterhaft gehalten, daß man ganz unwillkürlich beim Lob der Sängerin auch des Dichters und Componisten denken mußte. Und wieder begann sie von Entsagung und Anfechtung, von aller Noth des Körpers und der Seele. Jetzt gehen sogar die Kinder von ihr, Undank zahlend für die größten Opfer. Jetzt giebt es keine Seele mehr, an der sie sich festhalten kann, um nicht unterzugehen – nein, doch eine, eine erhabene Seele: Der König ist ihr erschienen als rettender Engel mit helfender Hand, und nun jubelt sie abermals: »Als Alle mich verlassen hatten In meines Unglücks schwerer Nacht, Stand ich in meines Königs Schatten; Mein König hat an mich gedacht!« Wieder derselbe Beifall, und dann beginnt sie von der letzten Tagereise der irdischen Pilgerfahrt. Das Leben stirbt hin; der Staub neigt sich mehr und mehr der Erde zu. Das Auge wird dunkel, und die anderen Sinne verweigern den Dienst. Von vornher rauscht bereits die Brandung der Ewigkeit. Mach Deine Rechnung quitt mit dem Leben, so arm es auch gewesen sein mag. Mit wem soll sie, die Bettlerin, abrechnen? Wem ist sie Etwas schuldig? Den Menschen, die ihrer nicht gedachten? Den Ihrigen, von denen sie verlassen wurde? Nein, ihrer kann sie nur mit der Bitte gedenken: »Verzeihe ihnen, o Herr, wie ich ihnen verzeihe!« Aber Einen giebt es, einen Einzigen, dem sie so viel schuldig ist, ihre Rettung von Verzweiflung und Tod. Ihm muß sie die erlösende That schuldig bleiben. Aber noch ihre letzten Gedanken gehören ihm, und mit ihrer letzten Kraft richtet sie sich vom Sterbelager empor, und ihre letzten Worte lauten: »Als Alle mich verlassen hatten In meines Unglücks schwerer Nacht, Stand ich in meines Königs Schatten; Mein König hat an mich gedacht!« Welch ein Vortrag! Wars möglich. daß vor wenigen Monaten diese Sängerin noch eine arme, ungebildete Sennerin gewesen war? Sie war während der letzten Strophen in die Knie, dann sogar ganz niedergesunken, und hatte sich sodann, ganz wie eine Sterbende, mit letzter Kraft halb erhoben, um die letzten Takte wie einen Segenswunsch hinüber zur Königsloge schwellen zu lassen. Da flossen Thränen, wirklich heiße Thränen. Niemand schämte sich derselben; aber als trotz dieser tiefen, tiefen Rührung der Beifall beginnen wollte, da sprang sie vollends vom Boden auf, machte eine abwehrende Armbewegung, warf Mantel, Tuch und Stock von sich und stand nun ganz so da wie bei ihrer ersten Nummer – als Sennerin Leni. Das überraschte. Was hatte das zu bedeuten? Was wollte sie? Warum that sie das? Ein lautloses Schweigen trat ein, keine Hand bewegte sich mehr, um mit dem Taschentuche offen oder halb verstohlen die Thränen zu trocknen. Was sie wollte? O, es sollte ja noch die letzte Strophe kommen, in welcher sie von sich selber singen wollte, dankerfüllt gegen den hohen Wohlthäter, durch dessen Barmherzigkeit sie hier begeistert und begeisternd stand. Der Dirigent nickte rechts und links lächelnd seinen Leuten zu. »Jetzt kommts! Paßt auf!« wollte er sagen. Und wirklich, er hatte Recht. Nicht mehr schmerzlich klagend und doch ganz in derselben Melodie, in epischer Fülle und Schönheit klang das Vorspiel voran, und dann fiel Leni ein: »Einsam, auf hoher, stiller Alm,         Lebt ich, die Tochter der Natur, Im prächt'gen Wald ein armer Halm,         Gehört ich meiner Heerde nur. Da plötzlich drang ein Ton der Gnade         Zu mir ins kleine Alpenhaus Und rief von meinem engen Pfade         Ins reiche Leben mich hinaus – – –« Die Spannung, mit welcher Aller Augen und Ohren gegen die Sängerin gerichtet war, läßt sich gar nicht beschreiben. Und sie verdiente es auch. Das waren Herzenstöne, welche ihrer schönen Brust entquollen, und darum konnte es gar nicht anders sein: sie mußten wieder zum Herzen gehen. Und weiter lautete die Strophe: »Wohl möcht ich fürchten all den Glanz,         Der fremd mir und erdrückend war; Vielleicht welkt nie ein Lorbeerkranz         Dereinst auf meinem greisen Haar; Doch, leuchtet mir an Tempelstufen         Der Kunst bezaubernd Morgenroth, Und hat mein König mich gerufen,         So folg ich freudig dem Gebot. Ade, ade, ihr grünen Matten;         Ade, der Gletscher wilde Pracht! Ich steh in meines Königs Schatten;         Mein König hat an mich gedacht!« Wohl selten war eine solche Wirkung eines Liedes gesehen worden, wie jetzt. Schon in der Mitte der Strophe hatte die Stimme Leni's zu zittern begonnen. Thränen füllten ihre Augen. Bei den Worten: »Ade, ade, ihr grünen Matten« mußte die Begleitung eine Pause machen, denn die Sängerin schluchzte laut auf und konnte nicht weiter; dann aber fuhr sie weiter fort, und unter strömenden Thränen, aber wie mit Orgelton und Glockenklang endete sie mit mächtig dahinbrausender Stimme: »Ich steh in meines Königs Schatten; Mein König hat an mich gedacht!« Die Worte waren verklungen, und die Musik schwieg. Still wie in einem leeren Tempel war es für einen Augenblick – da schallte ein lautes, lautes, herzbrechendes Weinen durch den Raum; der Sepp war es. Der Fex konnte sich auch nicht halten und fiel ein. Leni, bis jetzt still stehend, schlug die beiden Hände vor das Gesicht und eilte schluchzend hinter die Coulissen und – – – War es möglich! War so Etwas bereits einmal dagewesen? Auch draußen im Zuschauerraume, rechts und links, oben und unten, brach die Rührung hervor, welche nicht mehr zurück zu halten war: Man weinte allgemein. Auch der König saß still und bewegungslos, den Arm, welcher das Taschentuch hielt, auf die Brüstung gestützt und das Gesicht in die Hand gelegt – – – er weinte! Wagner und Liszt, die beiden Meister der Tonkunst, auch ihre Kraft war zu gering: Sie hatten Thränen. Nur Einer saß unten, dessen Auge nicht naß wurde – der Krikelanton. Der Grimm ließ ihn zu keiner Rührung kommen. So blieb es fast über eine ganze Minute lang, in solcher Situation eine ganz beträchtliche Zeit; dann aber regten sich erst zwei Hände, dann mehrere, endlich alle. Ein unbeschreiblicher Jubel brach los. Die Leni mußte erscheinen. »Mureni heraus! Mureni!« rief es immer von Neuem. Sie erschien immer wieder. Da rief eine Stimme: »Der Fex heraus!« »Der Fex! Fex, Fex!« fielen Andre ein. Er kam. Und da rief abermals Jemand: »Wurzelsepp, heraus! Der Pathe heraus.« »Sepp! Wurzelsepp! Der Pathe!« so erklang es aus vielen hundert Kehlen. Und als nun die Drei bis fast vor am die Lampen traten, da kamen die Diener und machten die vorhin gesungenen Worte unwahr: »Vielleicht welkt nie ein Lorbeerkranz Dereinst auf meinem greisen Haupte.« O, sie brauchte nicht zu warten, bis der Schnee des Alters sich auf ihr Haupt legen wird! Bereits heut, bei ihrem ersten Auftreten, waren ihr Lorbeerkränze beschieden. Mehrere, mehrere wurden gebracht, und weinend, immer noch weinend, legte sie einen davon dem Fex auf den Kopf und einen andern dem Wurzelsepp. Der Alte befand sich in einem unbeschreiblichen Zustand. Er weinte und lachte zu gleicher Zeit. Immer noch auf offener Bühne stehend, umarmte er die Leni und umarmte den Fex, und als der Direktor herbeitrat, um der Sennerin noch einen mächtigen Blumenkorb zu überreichen, da faßte der Alte auch ihn in die Arme, hielt ihn riesenfest und sprang mit ihm zu gleichen Beinen auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, herum. Ja, einen solchen Erfolg hatte dieses Haus noch niemals erlebt, und als der Vorhang fiel, nahm der Direktor die Leni fest und führte sie in sein Zimmer. Dort blieb er vor ihr stehen, blickte sie einige Augenblicke lang zagend an und sagte dann: »Nein, ich will keine lange Rede halten sondern es kurz machen: Signora Mureni, welche Bedingungen machen Sie mir, wenn ich Sie engagire? Ich bitte um eine gnädige Strafe!« »O, ich werde allerdings sehr gnädig sein,« antwortete sie. »Ich strafe Sie nicht.« »Das macht mir das Herz leicht. Sie wollen also Ihre Bedingungen nicht gar so drückend machen?« »Ich mache gar keine.« Sein Gesicht begann, vor Freude zu glänzen. »Wie? Sie wollen das mir überlassen?« »Nein. Sie verstehen mich falsch. Ich will Sie nicht strafen und Ihnen auch keine Bedingungen machen; das heißt, ich kann überhaupt kein Engagement eingehen.« »Ah! Das heißt, bei mir nicht!« »Nein, überhaupt nicht. Ich bin nicht leichtsinnig und lasse mich durch den heutigen Erfolg nicht zu einer Selbstüberhebung verleiten. Ich besitze Gaben, die ich später einmal beherrschen werde; jetzt aber bin ich noch ein dummes Ding, welches viel, so sehr viel zu lernen hat.« »Ists denn so gar sehr viel?« »So viel, daß es mir zuweilen angst und bange wird. Bedenken Sie. daß ich fast beim ABC habe anfangen müssen und beim Einmaleins. Und welche reichen Kenntnisse gehören oft dazu, um eine Rolle zu verstehen!« »Sie haben Recht. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich mich im Grunde genommen über den Ernst, mit welchem Sie Ihren hohen Beruf betrachten, freue.« »Ich danke Ihnen und will Ihnen dafür auch ein offenes Geständnis machen, Herr Director.« »Nun, ich bin gespannt, es zu hören.« »Ich werde nie, nie vergessen, daß ich meinen ersten Schritt bei Ihnen gethan habe. Sie find also gewissermaßen mein Pathe, mein – – –« »Ihr Wurzelsepp!« unterbrach er sie lächelnd. »Ja; Sie brauchen sich dieses Vergleiches nicht zu schämen. Der Sepp ist ein tüchtiger Kerl; auf den laß ich nichts kommen; also auf Sie auch nicht, da Sie mein Pathe ebenso sind. Und wenn ich mir einst sagen kann, daß ich das Schulbuch weglegen darf, so werde ich, wenn auch kein festes Engagement, aber doch wenigstens Station bei Ihnen nehmen, damit Sie sehen, daß ich dankbar bin.« »Daß Sie dankbar sind, das haben Sie heut mit Ihrer letzten Nummer bewiesen – – –« »Die eigentlich die vorletzte war. Die letzte ist ja gar nicht gegeben worden.« »Daran sind Sie schuld mit Ihren Erfolgen. Uebrigens bestand die letzte Gabe nur in einem kurzen Orchesterstück. Also ich darf mich darauf verlassen: Station bei mir ...?« »Ja.« »Die Hand darauf!« »Hier, topp!« »Topp!« Da wurde die Thür geöffnet. Der König stand unter derselben. Er trat ein, da der Director sich sofort unter einer tiefen Verneigung zurückzog und den Eingang hinter ihm schloß. Der König nickte ihr mild vertraulich zu und fragte: »Ein Engagement eingegangen?« »Angeboten worden aber nicht darauf eingegangen, Majestät!« »Warum?« »Ich bin ja noch ein kleins Schuldirndl!« »Recht so! Nicht stolz werden! Sie tragen einen überreichen Gottessegen in sich. Aber bevor Sie über denselben verfügen, müssen Sie sich desselben durch großen Fleiß und ernste Ausdauer würdig machen. Ist der Fex wirklich zugleich Dichter und auch Componist des letzten Liedes?« »Ganz gewiß, Majestät.« »Ein wunderbarer Mensch! Vielleicht Ihnen ebenbürtig an Gaben und Energie. Aber jetzt vor allen Dingen von Ihnen! Sie haben mir heut eine seltene Freude bereitet. Ich war eine kurze Zeit sehr glücklich. Haben Sie einen Herzenswunsch, so sagen Sie ihn mir!« Sie schüttelte sinnend mit dem Kopfe. »Fällt Ihnen nichts ein? Nun, so denken Sie einmal nach! Ich gebe Ihnen Zeit.« Da sagte sie erröthend: »Majestät, ich habe einen Wunsch; aber er ist so groß, so groß und ein schlimmes Wagniß!« »Ist das Wagniß gar so gefahrdrohend?« »Ja. Ich kann mir den Zorn Ew. Majestät erwerben.« »Nun, so denke daran: Ich steh in meines Königs Schatten!« beruhigte er sie lächelnd. »Sprich also freimüthig! Was wünschest Du?« Er hatte das Sie in das Du umgewandelt. Das gab ihr den Muth zu den Worten: »Es ist ein Geschenk, ein Andenken, welches ich heilig halten würde bis an meinen Tod, höher als alles Andere, und kein Blick sollts je entweihen.« Bei diesen Worten waren ihre Augen dunkler geworden. Sie füllten sich mit Thränen. »Nun, was ist es denn? Sei muthig!« »Nur ein – ein – nur ein Taschentuch,« stockte sie. Er wendete sich halb ab, wie um seine Rührung zu verbergen, schwieg eine Weile und sagte dann: »Du sollst es erhalten. Ja, Du hast Recht, es ist eine Gabe, welche kein anderer Monarch verleihen würde. Aber die Tropfen, welche es trank, hast Du meinem Auge entlockt, und Du sollst sie auch empfangen und behalten dürfen. Ich sende es Dir. Und hier hab ich Dir Etwas mitgebracht. Ich ahnte, daß Dein Debut nicht ohne Erfolg sein werde. Es sind Dir reiche Kränze geworden. ›Dein König hat an Dich gedacht.‹; Er bringt Dir nur ein einziges Blatt; vielleicht aber überdauert es alle diese Kränze. Gute Nacht!« Er gab ihr ein kleines Etui in die Hand und ging schnell hinaus, ihr keine Gelegenheit zum Dank zu geben. Sie öffnete das Etui. Es enthielt – ein Lorbeerblatt, in Gold gefaßt und mit edlen Steinen umgeben. Auf dem Rücken der Fassung war eine Sennhütte eingravirt, und darunter standen die Worte: »Auf der Alm, da giebts ka Sünd.« Sie drückte dieses kostbare Kleinod an ihr Herz, sank auf die Kniee nieder und sagte: »O Gott, so was bin ich doch gar nicht werth. Ich will ja recht brav und fromm sein, denn jede Sünd, die ich begehen würd, ist doppelt schwer!« Als sie dann aus dem Zimmer trat, stand der Sepp da und wartete auf sie. »Wo ist der Fex?« fragte sie. »Den hat der Capellmeistern gefangen nommen. Wer weiß, was der ihm da für Luftschlössern vorbauen wird. Wann der talkete Kerlen nur klug ist und gar nicht mitmacht.« Richtig, als die Beiden noch sprachen, kam der Fex ans der Coulisse, halb auf der Flucht, hinter ihm her der Capellmeister, ihn am Schoße der geborgten Joppe festhaltend. »Halt, halt, Herr Fex!« rief er dringend. »Laß mich aus mit dem ›Herrn!‹; Ich bin der Fex,« antwortete der junge Mann, indem er sich von ihm frei zu machen suchte. »Ich hab halt jetztunder keine Zeit mehr übrig.« »So gieb mir doch wenigstens Antwort!« »Ich mach nicht mit!« »Für fünfzehnhundert Mark und freie Station? So biete ich hundert mehr. Also schlag ein!« Er zog den Fex zu sich zurück und hielt ihm die Hand zum Einschlagen entgegen. Dieser gab sich vergebliche Mühe, sich loszureisen und antwortete ungeduldig: »Jetzt frag ich nun blos, obst mich loslassen willst! Ich mach nicht mit. Jetzt hasts nun ganz genau gehört.« »Nein; ich laß Dich nicht los! Du mußt mitmachen. Ich will auch noch zulegen. Ich geb siebzehnhundert. Das ist doch ein nobles Angebot. Nun wirst Du mir den Zuschlag geben.« »Nein, sondern die Joppen geb ich Dir.« Wie ein Joseph bei der Potiphar schlüpfte er aus dem Rocke, welcher in der Hand des Capellmeisters hängen blieb, und rannte fort – der Capellmeister mit dem Rocke hinter ihm her. Aber schon nach wenigen Augenblicken kam er von der anderen Seite wieder. Vorsichtig und schlau hinter der Coulisse hervorspähend, fragte er lachend: »Ist er halt auch wieder da?« »Nein,« antwortete der Sepp. »Das ist gut. Nun bin ich ihn los, und er mag sehen, wo er mich findet. Jetzt nun sagst mal, ob Ihr auch fertig seid.« »Freilich. Wir können gehen.« »So will ich erst meine Garderoben ablegen und mein eigen Gewandt wieder anthun. Wartet noch diese Minuten!« Er ging in diejenige Garderobenabtheilung, in welcher er sich umgezogen hatte. Leni meinte: »Jetzt komm, Sepp; ich will indessen nach meiner lieben Madame Qualéche sehen. Die wartet auf mich.« Sie traten hinaus und gingen hinunter nach dem Corridore, welcher hinter dem Parquet entlang führte. Eben als sie dort eintraten, that es einen großen Krach, und eine fette Stimme rief: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Wo bin ich?« Das war Madame Qualéche. Sie hatte mit Paula auf die Leni warten wollen. Um nicht stehen zu müssen, hatte sie es vorgezogen, sich zu setzen. Ein Stuhl aber von der Sorte, wie sie hier im Gange standen, war ihr zu schmal. Darum hatte sie sich von Paula zwei derselben zusammentragen lassen und darauf Platz genommen. Nach ihrer bekannten Weise war sie sogleich auf demselben eingeschlafen. Paula war, um sich die Zeit des Wartens zu vertreiben, indessen langsam auf und abgegangen. Die dicke Dame hatte nach Art solcher Schläferinnen fleißig genickt. War ihr der Kopf dabei zu weit niedergesunken, so hatte sie sich sogleich wieder in aufrechte Stellung zurecht gerückt. Durch dieses wiederholte Rücken waren die beiden Stühle nach und nach auseinander geschoben worden, und als sie jetzt nun eine etwas kräftigere Bewegung machte, rutschte sie zwischen den Stühlen nieder und setzte sich mit einem lauten Plumps aus den Boden nieder. In ihrem ersten Schrecke und, noch halb im Schlafe, nicht sogleich wissend, wo sie sich befand, schrie sie um Hilfe. Leni und der Sepp kamen von der anderen Seite geeilt. »Was machst denn hier?« fragte der Letztere. »Hast Dich wieder hergesetzt wie dort in der Mühlen unten an der Treppenstufen? Du mußt doch außerordentlich gern da unten auf der Parterrenerden sitzen.« »Oh, oh!« stöhnte sie. »Ich Unglückliche! Seht doch einmal nach, ob ich noch ganz bin, ob ich nicht Etwas zerbrochen habe!« »Ganz bist noch; das sehe ich wohl schon. Und zerbrochen wirst auch nix haben; das ist gewiß.« »Aber es thut mir ja Alles weh!« »Das wird nicht gefährlich sein. Wer so weich fallt, der kann nix brechen. Deine Knochen sind halt sehr gut gepolstert; denen kann so ein Fall nix schaden.« »Aber ich fühle es ja!« »Wo denn?« »Hier in den Armen und in den Beinen und da hinten im Kreuze und in den Rippen und oben am Halse und sogar auch im Kopfe.« »So hast eben Alles gebrochen, Du armes Wurm. Ich will nur gleich nach dem Siechkorb laufen.« »Nach was?« rief sie entsetzt. »Nach dem Siechkorb.« »Was ist das für ein Korb?« »Das ist derjenige Korb, in dem die todten Kranken und die lebendigen Leichen, die Versauften und Gehenkten nach dem Krankenhaus und nach der Leichenhallen schafft werden.« »Und in dem soll ich fortgeschafft werden!« stöhnte sie erschrocken. »Auf keinen Fall! Lieber sterbe ich!« »Dann wirst erst recht in den Korb steckt.« »So bleib ich leben, auf alle Fälle!« »Schön! So wollen wir sehen, obt aufstehen kannst. Greift mal zu. Paula und Leni. Aberst derb; sie ist schwer!« Die beiden Mädchen griffen an den Armen an, und er stellte sich hinter die Dicke, faßte sie mit beiden Armen um den Leib und commandirte: »Jetzt, hebt auf! Eins, zwei und drei!« Sie wendeten alle Kräfte an, aber vergeblich, da die Direktorin um so schwerer war, als sie sich lang ausstreckte und nicht die mindeste Anstrengung machte, die Bemühungen der Drei zu unterstützen. »Es geht nicht,« meinte der Sepp, indem er sie wieder fallen ließ. »Nein, es geht nicht!« stöhnte die Dame selbst. »Ich unglückliches Menschenkind! Wie komme ich wieder auf!« »Da kommt ein Logenschließer; der mag mit helfen.« Der Mann eilte herbei und faßte dienstbeflissen mit an; aber da es dem Sepp eigentlich gar nicht sehr ernst mit seiner Anstrengung war, so blieb auch diese Bemühung vergeblich. »Sie ist wirklich zu schwer!« meinte der Schließer. »O nein,« antwortete der Sepp. »Wir sind ja an die vier Personen, und da haben wir wohl Kräften genug, sie empor zu winden. Aber ich glaub nun halt doch auch, daß sie sich einen Schaden than hat.« »Ja, ja!« stimmte sie bei. »Mein ganzer Körper schmerzt mich so, als ob er eine einzige Wunde sei!« »So wollen wir mal untersuchen. Zeig den Arm her!« Er ergriff ihren rechten Arm und rückte ihn mit aller Kraft aus. »Au!« schrie sie auf. »Thats etwan weh?« fragte er. »Schrecklich!« »So hast ihn brochen. Und nun der linke!« »Au!« schrie sie auch jetzt, als er an diesem in seiner kräftigen Weise zog. »Auch er thut weh?« »Fürchterlich!« »So ist auch er brochen. Und nun da unten!« Er ergriff sie an dem einen Fuße, um ebenso an demselben zu ziehen. »Was wollen Sie mit meinem Beine?« schrie sie auf. »Ich will mich da mal dranspannen, um auch so zu rucken, wie an den Armen.« »Um aller Welt willen, nein!« »Warum nicht?« »Weil das Bein bereits jetzt so sehr schmerzt, daß ich es kaum mehr aushalten kann.« »So hast es auch brochen! Und das Andere? Zeig her!« »Nein, nein!« wehrte sie zeternd ab. »So halt doch still! Warum denn nicht?« »Es schmerzt noch weit mehr als dieses.« »So ists halt noch zerbrochener. Wir können Dich da unmöglich aufibringen. Da giebts nur eine einzige Hilf und Rettung.« »Welche denn?« »Der Siechenkorb. Ich werd gleich darnach laufen. Der Logenschließern mag mitkommen, daß wir ihn schnell herbei bringen. Es gehören zwei Leutln dazu.« Er ergriff den Schließer beim Arme und zog ihn mit sich fort. Sie waren bereits an der Thür, da rief die Dicke: »Halt, halt! So bleiben Sie doch! Ich habe nichts gebrochen.« »Freilich hast Alles brochen!« antwortete der Sepp, »sogar der Hals ist entzwei; er thut Dir ja weh!« »Nein, jetzt nicht mehr. Laßt den Siechkorb da, wo er ist! Ich kann ganz allein aufstehen. Paßt auf!« Sie hielt sich am Stuhle an und würgte sich ohne alle Unterstützung auf. Dann aber stand sie athemlos und pustend da, wie eine Dampfmaschine. »Verteuxeli! Wahrhaftig, es ist gangen!« rief der Sepp, sich ganz erstaunt stellend. »Freilich!« keuchte sie. »Also hast wirklich nichts brochen?« »Nein, nein!« »Aber den Korb müssen wir dennerst holen, wannt etwan nicht gut laufen kannst.« »Mich hinein legen lassen, wo die Leichen gesteckt haben! Auf keinem Fall! Ich kann laufen! Da seht!« Sie lief so schnell, wie seit Jahren nicht, den Corridor hinab, dem Ausgange zu. »Ja,« lachte der Sepp, »Du, wannst so sehr gut laufen kannst, so kannst bald Schnelllaufern werden oder Postboten hinaus auf's Land! Ich bin nur froh, daßt ganz blieben bist. Vorerst sah's gefährlich aus. Ich hab eine Aengsten ausstanden wie in meinem ganzen Leben noch nimmer. Jetzt da kommt auch der Fex. Der wird sich gar sehr freuen, daßt nicht zerbrochen bist.« Der Fex war heruntergekommen, weil er in den oberen Räumen vergeblich nach der Leni und dem Sepp gesucht hatte. Als er die Worte des Letzteren hörte, erkundigte er sich nach der Veranlassung derselben. »Schalksnarr!« raunte er dem Alten zu. »Kannst die Dummheiten doch nimmer lassen!« »Ja, weißt,« antwortete der Alte, »so ein Gespaß, wanns halt keinen Schaden macht, ist meine einzige Freuden auf der Welt. Was thun wir?« »Nach Haus gehen wir.« »Bereits?« »Ists etwan nicht spät genug?« »Eigentlich ja. Aberst nach dem Jubilari heut Abend thät ich doch am Allerliebsten noch ein Bier mit Dir trinken.« »Etwan im Wirthshausen?« »Freilich! Wo sonst?« »Das müßt fein schön ausschaun, wenn ich, der Fex, in eine Restaurationen käm und mich als Gast hinsetzen thät. Da würden die Leutln die Mäulern gar sehr aussperren. Ich bin noch nimmer mein Lebtag irgendwo einikehrt.« »Aberst heut kannsts. Heut bist ein großer Mann!« »Heut bin ich noch immer der Fex.« »Wirsts aberst nicht bleiben!« »Vielleicht doch!« »So! Nachdem der König Dich hat in seine Logen kommen lassen? Was hat er Dir da eigentlich sagt?« »Das werd ich Dir morgen verzählen. Jetzt aber müssen wir gehen und unsere Damen begleiten.« »Damen begleiten! Himmelsakra, bist auf einmal nobel worden! Damen und begleiten!« »Sollen wir sie allein nach der Mühlen laufen lassen?« »Warum nicht? Dera Mond ist aufigangen und scheint wie eine Gaslampen hernieder.« »Dennoch müssen wir höflich sein.« »Na, meineswegen! Aberst mit dera Dicken werden wir unsere liebe Noth und Besorgnissen haben.« Er hatte Recht. Sie wär am Liebsten heimgefahren; aber da es hierorts keine Droschken gab, so mußte sie auf diese Bequemlichkeit verzichten. Doch schimpfte sie weidlich auf den Concert- und den Capellmeister, daß diese es versäumt hatten, ihr die Cavalierdienste anzubieten. »Das schadet nix,« wurde sie von dem Sepp getröstet. »Wannst in krummen Arm laufen willst, so kann ich Dir ja den meinigen geben. Hier hast ihn!« Er machte ihr eine Verbeugung und bot ihr den Arm an; sie aber wies ihn ab. Mit dem Wurzelsepp Arm in Arm gehen, sie, die Frau Direktorin Qualéche! Welch eine Blamage, wenn es bekannt worden wäre! Aber als sie die Stadt hinter sich hatten, und nun der schlechtere Nachbarweg begann, wo sie oft über Steine und Unebenheiten strauchelte, bat sie den Alten doch selbst, sie zu führen. »Ja, nun ist der Sepp freilich gut!« lachte er. »Na, da hast den Arm. Häng ein? Und wannst herfallen thust, oder Dich wieder mal aufs Parterr setzen willst, so sags; ich hab halt nix dagegen.« Ein Mann war zu ihrer Unterstützung zu wenig; der Fex mußte sie an dem andern Arm nehmen. So kam es, daß dieser keine Zeit und Gelegenheit fand, seine Gedanken mit der Paula auszutauschen. An der Mühle trennte man sich. Paula gab dem Fex die Hand und sagte: »Ich hab noch gar nicht zu Dir sprechen könnt, lieber Fex. Mein Herz ist so sehr voll von dem, was ich sehen und hört hab, daß ich gar keine Worten find. Aber freuen thu ich mich grad so sehr wie Du, daß Dir eine solche Ehren widerfahren ist. Sag mir nur das Eine: Was hat der König mit Dir sprochen?« »Er will mich zu einem großen Meistern auf der Violinen thun und auch aufs Conservateri hinauf.« »O Jegerl! Wann wohl?« »Das ist noch nicht bestimmt. Es soll erst morgen in dera Früh ausmacht werden. Vielleicht muß ich bereits morgen von hier fort.« »Was für ein Schreck!« »Wie! Du verschrickst darübern, daß der König mir so eine große Gnaden erweisen will!« »Darüber? O nein! Darüber kann ich mich ja nur ganz außerordentlich gefreun. Aberst daßt von hier fort sollst, darüber bin ich so verschrocken. Willst denn auch wirklich fort? Hast bereits ja sagt?« »Nein. Ich hab gar nix sagt, wedern Ja noch Nein, denn ich hab vor Freuden und Glück gar nimmer reden und antworten könnt. Aberst dera König hat zu mir in einem Ton sprochen, gegen den es gar keinen Einspruch geben kann. Also muß ich gehorchen.« »So kommen wir wohl gar nimmer mit nander zusammen?« »O doch. Und wanns gleich am Morgen fort ging, so thät ich doch sicher erst von Dir Abschied nehmen.« Mittlerweile hatte Leni den Hausschlüssel angesteckt. Sie brachte die Thür nicht auf und der Sepp trat zu ihr, um ihr zu helfen. Da auch die Frau Directorin bereits an der Thür stand, so fand Paula Zeit, leise zu sagen: »Fex, bleib noch ein Wengerle aufi.« »Warum?« »Ich komm noch an den Fluß.« Das war noch niemals da gewesen, so eine heimliche Bestellung. Es überrieselte den Fex wonnig. Dennoch aber meinte er voll aufopfernder Bedenklichkeit: »Thus liebern nicht!« »Warum?« »Wanns Dein Vatern bemerkt!« »Will mich schon in acht nehmen.« »Ich seh, er hat noch Licht in dera Stuben. Er muß es doch hören, wannst die Thür aufschließest.« »Ich geh nicht vorn heraus, sondern durch die Hinterthür. Also, Du wartest auf mich, Fex?« »O wie gern, Paula!« »So laß Dir aberst gegen den Sepp nix merken.« »O, der kann Alles wissen. Der ist mein Freund und auch der Deinige, der wirds nimmer verrathen.« Jetzt war die Thür offen und die beiden Mädchen traten mit der Dicken ein. »Wirst auch zur Treppen hinaufkönnen?« fragte der Sepp die Letztere. Sie antwortete nicht sofort. Es war dunkel im Hausflur. Die Sache war höchst bedenklich. »Nun, was meinst?« »Schwer wirds gehen!« antwortete sie verzagt. »Es ist kein Licht im Hause und auch oben nicht.« »Ich werde eins anbrennen,« sagte die Leni, indem sie rasch die Treppe emporstieg. »Das kann auch nicht für Alles helfen,« bemerkte der Sepp. »Wart noch ein Wenig, Fex! Wir werden der ›Dame‹; helfen müssen.« Und als jetzt Leni oben mit dem Licht erschien, griffen die Beiden zu und halfen schieben. Die Lampe beleuchtete die Treppe nur nothdürftig, so daß die Direktorin die Stufen nicht deutlich erkennen konnte. Sie stolperte. »O weh!« rief sie aus. »Es geht nicht!« »Nicht? Warum?« fragte der Sepp. »Meine Beine! Meine Beine!« »So hast sie wohl dennerst zerbrochen und wir müssen Dich im Siechkorben nach dem Krankenhäuserl tragen.« »Nein, nein!« schrie sie auf. »Ich brauch keinen Siechkorb. Ich kann laufen, ich kann hinauf!« Sie holte tief Athem, setzte an und pustete hinauf. Es gelang, aber oben wäre sie in Folge dieser riesenhaften Anstrengung beinahe hingefallen. Sie wußte in die Stube geführt werden. Ihr körperlicher Zustand absorbirte ihr Denken und Sinnen auf eine solche Weise, daß sie bisher noch kein einziges Wort gefunden hatte, um der Leni zu ihrem außerordentlichen Erfolge zu gratuliren. Nicht eine einzige Sylbe hatte sie darüber verloren. Da ertönte unten die Clarinette des Müllers. »Kommt schnell hinab, dich ich Euch hinauslasse!« sagte Paula zum Sepp und Fex. »Das gilt mir.« Sie riegelte die Hausthür hinter den Beiden zu und trat sodann bei ihrem Vater ein. Dort fand sie trotz der späten Abendstunde zu ihrem Erstaunen den Fingerlfranz. Dieser war jenseits des Flusses auf geschäftliche Veranlassung in einigen Dörfern gewesen und am Abend ganz erzürnt zu dem Müller gekommen. Er hatte nach einem kurzen, höchst mürrischen Gruß den Stock und den Hut in die Ecke geworfen, ganz wie Einer, der sich über irgend Etwas ungewöhnlich geärgert hat. »Na, was giebts denn, was hast denn?« hatte der Müller gefragt. »Wer hat Dich wieder mal so verzürnt?« »Das fragst auch noch!« »Freilich!« »Kannsts Dir doch denken!« »Hältst mich etwan für allwissend?« »Nein; aberst Denjenigen, über den ich mich in dera Zeiten immer verzürnen muß, den weißt doch genau.« »Meinst etwan den Fex?« »Grad denselbigen.« »Was hat er Dir denn than?« »Than? Gar nix!« »Und da bist so außer dem Häuserl heraus?« »Ja, eben weil er nix than hat, weil er unterlassen hat, was er thun soll.« »So! Was wäre denn das?« »Bist doch heut sehr schwer von Begriffen!« Da zog der Müller die Augenbrauen zusammen und antwortete im nicht eben freundlichsten Tone: »Du, so kommst mir nicht!« »So! Soll ich etwan Honig reden, wann der Magen voller Giften und Gallen ist!« »Was geht Dein Magen mich an! Ich hab mich dieser Tage so viel ärgern müssen, daß ich Dich nicht auch noch brauch, um mir den Aerger vermehren zu lassen.« »So halt bessere Aufsichten über den Fex.« »Das thu ich auch.« »Ich merk halt nix davon. Heut war ich drüben hinter dem Wassern, und als ich nachher kam, um Dich zu besuchen, und als ich da überfahren wollt, da war keine Fähr nicht da, sie war gar nicht vorhanden.« »Sie liegt am Ufer.« »Ja, am diesseitigen, ich aber war am jenseitigen.« »Da bist selber schuld.« »So! Und hat etwan der Fex nicht da zu sein, wann Jemand kommt und überfahren will?« »Nein!« antwortete der Müller im grimmigen Tone. »Nicht? Was?« rief der Franz erstaunt. »Nein!« »Und das sagst selbst. Du, der Thalmüllern?« »Hörsts ja!« »Er hat doch überfahren müssen, so lange ich es nur weiß! Seit wann ists anders worden?« »Seit es ihm beliebt.« »Alle Millionen Teuxels! Kanns überhaupt irgend was geben, was dem belieben kann oder nicht?« »Ja freilich.« »Nun, was denn?« »Das Ueberfahrn zum Beispiel.« »Bist nicht gescheidt!« »Wohl bin ich gescheidt, aberst der Fex ist heut auch gescheidt worden. Er – er – na, wie heißt es wohl gleich, wann der Arbeiter seinem Herrn den Gehorsam aufsagt, das neumodische Wort?« »Ein Strike?« »Ja, ein Strike; der Fex strikt.« »Das sollt er wagen? Wirklich?« »Freilich! Heut, als es dunkel war, hat er die Magd zu mir schickt und mir sagen lassen, daß er heut nicht mehr überfahren thät.« »Der Hallunk! Warum wohl nicht?« »Weil er ins Theatern gangen ist.« Der Franz sperrte den Mund so weit auf, als es nur irgend möglich war, und fragte dann zögernd: »Ins – The – a – te –« »Theatern, ja.« »Der Fex ins Theatern! Höre, Müllern, wannst mich etwan veralbern willst, so kannst mich dauern!« »Ich Dich veralbern? Bist ja bereits albern genug!« »Halts Maul! Das duld ich nicht! Der Fex hat an der Fähr zu sein, wann man ihn braucht. Ich hab nicht herübern könnt und seinetwegen bei Nacht fast zwei Stunden umlaufen müssen, um über die Brück zu gelangen. Und nun hör ich, daß er im Theatern ist!« »Freilich!« lachte der Müller. »Im Theatern ist er!« Sein Lachen aber klang wie das Knurren eines Hundes, welcher sich zum Zubeißen anschickt. »Etwan gar zum Concerten, welches am heutigen Abend im Theatern abgehalten wird?« »Ja, so hat er mir sagen lassen.« »Und was hast dazu sagt?« »Nix.« »Und dagegen than?« »Auch nix.« »Was! Nix und wiedern nix! Das willst Dir also ruhig gefallen lassen, he?« »Ja.« »Himmeltausend! Ich begreif Dich nicht!« »Was hätt ich thun sollen! Gieb mal den guten Rath!« »Ihn durch die Polizeien zurückholen lassen.« »Das geht nicht!« »So! Warum denn nicht?« »Weilst nicht zu wissen scheinst, daß der Fex kein Schulbuben mehr ist. Er ist groß und herauswachsen. Ich muß ihm nun auch mal eine freie Zeit lassen. Ich muß überhaupten sehr froh sein, daß er mir bisher noch keinen Lohn abverlangt hat.« Er machte dabei ein ganz außergewöhnliches Gesicht. Natürlich verschwieg er, daß er, seit der Fex ihm mit der Anzeige gedroht hatte, sich vor ihm fürchtete. Der Fingerlfranz schüttelte den Kopf und meinte: »Thalmüllern, jetzt alleweil bist mir ein Räthsel!« »So versuchs zu lösen!« »Hm! Bist stets streng mit dem Kerl gewest, und heut plötzlich redest ihm das Wort. Noch das vorletzt Mal hab ich grad auch hier sessen und er stand an der Thür; da hast ihm die Peitsch ins Gesicht und um die Füßen schlagen, daß die Striemen aufilaufen find, und nun auf einmalen nimmst ihn so sehr in Schutz und in Schirm. Sag, was ist schuld daran?« »Hm!« »Hast einen Grund dazu?« »Ja freilich.« »Und welchen?« »Den, nun, den kann ich Niemandem sagen.« »Was! Auch mir nicht, Deinem Schwiegersohne?« »Nein.« »Aberst wannt nicht aufrichtig mit mir sein willst, mit wem nachher sonst!« »Warum grad denn mit Dir, he?« »Ich habs doch soeben sagt: Ich bin der Schwiegersohn.« »Noch bists nicht.« »Aberst am Sonntag werd ichs sein.« »Ah! Wieso denn?« Diese Fragen wurden alle in einer Art Galgenhumor ausgesprochen. Der Franz wußte wirklich nicht, was er von dem Müller denken solle. Er antwortete: »Weil da die Verlobung ist!« »Ach so, die Verlobung! Hm, ja! Aberst da kannst Dich doch vielleicht ein Wengerl täuschen.« »So! Machst wohl Spaßen?« »Nein, ich red leider sehr im Ernsten.« »Ich will doch hoffen, daßt Wort halten wirst!« »Freilich halt ich Wort.« »Also gut!« »Aberst wem halt ich Wort?« »Nun, doch mir!« »Dir? O, an Dich denkt halt Niemand mehr.« »An mich nicht? Donnerwettern! An wen dann?« »An –« er beugte sich weiter vor, hielt die Hand an den Mund, als ob er ein großes Geheimniß mitzutheilen habe, und fuhr fort: »– an den König.« Der Fingerlfranz fuhr erstaunt zurück. »Was?« fragte er. »An den König?« »Ja.« »Wieso?« »Das ist eigentlich auch ein Geheimniß.« »Von dem ich nix wissen darf?« »Ich solls geheim halten.« »Aber vor mir auch? Das ist nicht nöthig.« »Hm! Ich hab Vertrauen zu Dir, aber dennerst ists zu gefährlich, davon zu reden.« »So! Meinst etwan, daß ichs verrath?« »Nein, das grad nicht, aberst es kommt doch bei einem Jeden mal die Stund, in der er plaudern thut.« »Bei mir nicht.« »Meinst?« »Ja, bei mir ganz sicher nicht. Wann sichs um die Paula handelt, so kann ich schweigen bis an mein End.« »Um diese handelt sichs freilich.« »So? Nun, so sags.« »Hoppsa! So schnell geht das nicht.« »O, grad so schnell muß das gehen!« sagte der Franz ungeduldig. »Die Paula ist mir versprochen worden, und so will ich sie auch haben, ich muß sie haben.« »Wirklich?« »Ja. Sie muß mein werden, selbst wann sich der Teufel dagegen stemmen thät.« »Pah! Was wolltst dagegen machen?« »Alles!« »Auch wanns selber eine Teufeleien war?« »Ja.« »So könnt sichs vielleicht noch ändern lassen.« »Was?« »Nun, die Geschichten, die ich dem König hab versprechen müssen heut in der Früh.« »Was ist das für eine Geschichten? Was hast versprechen müssen? Heraus damit! Ich muß es wissen!« »Oho! Kommst mir in diesem Tone!« »Ja, Ich sags noch einmal: Wann sichs um die Paula handelt, so mach ich keinen Spaß. Ich hör schon aber, worauf Du hinzielen willst!« »Nun, worauf?« »Willst etwan Dein Jawort zurücknehmen?« »Ja, das ists.« »Donnerwettern! Warum?« Er sprang von seinem Stuhle auf und trat in drohender Haltung vor den Müller hin. So wollte dieser ihn haben; zornig sollte er werden, denn der Zorn ist der größte Feind der Ueberlegung und Vorsichtigkeit. Der Müller that, als ob er die drohende Stellung des gewaltthätigen Menschen gar nicht bemerke, und antwortete: »Weil ich muß.« »So! Weilst mußt! Wer zwingt Dich denn?« »Dera König.« »Tausendgranaten! Der König! Ists möglich!« »Natürlich.« »Er war also wirklich da bei Dir?« »Heut in der Früh bereits.« »Ich hab gar nicht wußt, daß er bei Dir war. Was hat der mit mir und Dir zu thun?« »Sehr viel. Aberst schrei nicht so laut, es brauchts Niemand zu hören. Was wir heut hier mit nander sprechen, davon darf kein Mensch niemals keine Ahnung haben. Dort steht die Flaschen. Nimms Glas und gieß Dir Einen ein!« Der Franz war sehr aufgeregt. Er goß sich nach einander zwei Gläser voll und goß sie hinab. »Nun, so red endlich mal!« sagte er dann. »Gut! Aberst ruhig mußt bleiben!« »Wann ichs kann, ja.« »Du mußt können!« »Wollens versuchen.« Er rückte seinen Stuhl näher an den Polsterstuhl des Müllers. Dann erklärte dieser flüsternd: »Also der König will, daßt die Paula nicht bekommst.« »Was gehts dem an? Was hat der darein zu reden!« »Ein König hat seinen Willen, ohne daß man ihn nach dem Grund fragen darf. Hasts verstanden, Franz?« »Ja, aberst der Fingerlfranz hat auch seinen Willen!« »Doch ein König bist nicht!« »Habs auch nicht nöthig. Du hast mir Dein Wort geben und das mußt mir halten!« »Wann ichs nun nicht halten kann?« »Oho! Weißt, der Paula bin ich gut, ich mag keine Andre. Schon deshalb besteh ich drauf, daßt mir Dein Wort halten mußt. Aber sodann giebts noch Eins.« »So! Was ist das?« »Es sind bereits alle Gästen zur Verlobung geladen; wann nun aus der Verlobung nix wird, so bin ich blamerirt vor aller Welt. Und das soll ich mir etwan gefallen lassen? Auf keinen Fall! Lieber thu ich Etwas, was –« »Nun, was?« fragte der Müller, indem er den Blick mit großer Spannung auf Franz gerichtet hielt. »Was kein Andrer thut.« »So! Was wäre das?« »Meinswegen ein Verbrechen. Für die Paula thu ich Alles, wann ich sie nur zur Frau bekomm.« »Wirklich?« »Ja, wirklich! Ich geb Dir mein Wort darauf. Ich laß sie mir nicht nehmen, auf keinen Fall!« »Was willst dagegen machen?« Der Franz goß sich ein Glas voll, trank es auf einmal aus und antwortete dann in trotzigster Weise und indem er mit der Faust auf den Tisch schlug: »Was ich thun thät, das weiß ich schon!« »Nun, so sags.« »Nein, so was sagt man nicht.« »Warum nicht?« »Weils zu gefährlich ist.« »Ich denk, wir Beid sollen Vertrauen zu nander haben, und nun spielst den Versteckten mit mir!« »Kannst Dirs doch denken, was ich mein'.« »Nein, denken kann ich mirs nicht.« »Nun, so will ichs sagen. Wann ich die Paula nicht bekommen soll, Der, der sie erhalten soll, der – dem – den – na, dem Genade Gott!« »Willst ihn etwan abmorxen?« »Wie ein Kalb! Ich drück ihm die Seel aus dem Leib! Darauf kannst nur immer Gift nehmen!« »Du, das ist gefährlich!« »Ach was! Mir die Paula nehmen zu wollen, das ist noch viel gefährlicher! Also mach keine so lange Red und sags liebern grad heraus, warum ich sie nicht bekommen soll.« »Weil der König einen Andern für sie hat.« »Was geht die Paula dem Könige an!« »Nix, gar nix!« »Nun, so brauchsts Dir doch auch nicht gefallen zu lassen!« »Oho! Meinst, daß ich ungehorsam sein soll? Das werd ich schön bleiben lassen! Das war mein größter Schaden.« »So! Aber wer ist dann Derjenige, der sie bekommen soll, den möcht ich doch kennen lernen!« »Kennst ihn schon bereits.« »So! Dann desto bessern! Ich kenn keinen Menschen, vor dem ich mich fürchten thät, wann sichs um einen Kampf um die Paula handelt. Also sag den Namen!« »Sollst ihn gleich hören. Aber erschrick ja nicht!« »Red kein solches Blech! Also, wer ists?« »Der Fex.« Da machte der Franz vor Staunen einen Satz, daß er mit dem Kopfe an die niedrige Decke stieß. »Der Fex!« stieß er hervor. »Jetzt hab ich mich verhört, oder Du hast Dich gehörig versprochen!« »Wann ich eine lange Reden halt, so kann ich mich wohl mal versprechen, aber wann ich nur einen einzigen Namen sag, ein einzig Wort, so ists von Gewicht.« »Der Fex, der Fex!« »Ja doch!« »Der, der!« »Was schreist nur so!« Der Franz lief in der Stube herum wie ein Besessener. Die Augen des Müllers leuchteten vergnügt. Je zorniger der Viehhändler wurde, desto lieber war es natürlich dem Alten. »Ich schrei? Soll ich etwan nicht schrein?« »Nein, gar nicht.« »Wannst von dem Fexen redst!« »Was ist da so gar Besonderbares daran?« »So! Das fragst mich? Da hört denn doch grad Alles auf! Das soll nichts Besonderes sein!« »Nein, gar nicht.« »Daß der die Paula bekommen soll?« »Ach so! Das meinst!« »Was sonst? Hörst heut etwan so gar sehr schwer? Oder ist Dir der Fex als Schwiegernsohn gar so sehr willkommen, daßt vor Freuden und Entzücken lieber gleich ein Dedeum singen lassen willst?« »Das nun grad nicht.« »So, das nun grad nicht! Und das sagst so ruhig?« »Wie soll ichs sonst sagen? Da hilft kein Aufbegehren und kein Zanken. Ich muß gehorchen.« »So! Warum?« »Weils eben der König will.« »Das hast schon bereits zehmal gesagt, und ich wills nicht wiedern hören. Warum wills denn der König?« »Weil – weil – hm, das ist so eine schlimme Geschichten. Der König hats mir nicht selbst sagt, sondern ein Andrer hats mir derklären mußt. Nämlich der Fex ist gar nicht dera Sohn der Zigeunerin.« Der Franz hatte wieder ein Glas ausgetrunken und sich wieder niedergesetzt. Jetzt wollte er vor Erstaunen wieder aufspringen, doch der Müller sagte schnell: »Bleib sitzen! Es ist nicht nothwendig, daßt immer auf- und niederfährst wie ein Hampelmann. Solche wichtigen und ernsten Sachen müssen auch ernst verhandelt werden. Also horch drauf: der Fex ist das Kind eines adligen Herrn, eines, der Baron wesen ist.« »Und das ist wahr?« »Ganz und gar.« »Wer hätt das denken könnt!« »Ich nicht und Du auch nicht. Aber es ist so, und dadran ist halt nix zu ändern. Sein Vatern und seine Muttern sind storben, und so kann die Sachen geheim bleiben; aberst um den Fex zu entschädigen für die Hoheit, die er verliert, soll er die Paula zur Frau bekommen.« Diese Lüge konnte er nur dem Fingerlfranz machen, kein Anderer hätte sie geglaubt. Dieser aber überlegte gar nicht, ob etwas Wahres dran sein könne. Er fuhr zornig auf: »Und das willst Dir gefallen lassen?« »Was soll ich dagegen thun?« »Daßt für die Schlechtigkeit von dem Fexen seinen Eltern Dein Kind hergeben thust?« »Ich muß!« »Meinswegen! Aber ich muß nicht! Ich laß mirs nicht gefallen! Das fallt mir gar nimmer ein!« »Auch Du kannst nix dagegen machen.« »Meinst? Da kennst mich schlecht!« »Ich kenn Dich schon sehr gut. Du bist ein tüchtiger Kerlen, aber gegen den Willen eines so hohen Herrn kannst Dich doch auch nicht wehren.« »Das wollen wir abwarten.« »Nun, so sag doch mal, wast thun willst?« »Das brauchst gar nicht zu fragen, das ist ganz nur meine eigene Sachen!« »Nein, ich bin der Schwiegervatern, ich muß auch was davon wissen. Wir müssen im Vertrauen mit nander handeln, das ist das Best, was wir thun können.« »So! Jetzt bist auf einmal der Schwiegervatern, und doch sagst, daßt nix dagegen machen kannst!« »Das ist auch wahr.« »Und Vertrauen müssen wir haben, aberst aufrichtig bist dennoch nimmer mit mir. Verstanden!« »Grad sehr aufrichtig bin ich mit Dir. Meinst etwan, daß ich gern gehorch? Du bist mir als Schwiegersohn doch tausendmal liebern als der Fex und noch mehr.« »So! Das laß ich mir schon ehern gefallen, das ist doch wenigstens ein gutes Wort. Und wannt bei dieser Gesinnungen bleibst, so ists nicht gefehlt. Die Paula wird meine Frau.« »Weißts so sehr genau?« »Ja.« »Wie willst das anfangen?« »Klüger, als Du denkst!« »Ich kanns errathen!« »Nun, wie?« »Du willst zum König gehen und ihm gute Worte geben?« »Fallt mir nimmer ein!« »Oder zum Fex?« »Da derschieß ich mich lieber!« »So. Oder willst die Paula bitten, daß sie Nein sagt, wanns den Fexen dann heirathen sollt?« »Die? O, die ist zuwider worden! Ich glaub, die nimmt den Fexen liebern noch als mich! Nein, auf die kann ich mich auch ganz und gar nicht verlassen. Ich muß da mit ganz andere Ziffern rechnen.« »Was sind das für Ziffern?« »Es ist eigentlich nur eine.« »Welche?« Der Fingerlfranz zog die Brauen empor, machte seine pfiffigste Miene und antwortete geheimnißvoll: »Eine Null.« »Das versteh ich nicht.« »So. Ja, das wird gar Mancher nicht verstehen. Weißt, wo eine Null vorhanden ist, was ist da?« »Nix, gar nix.« »Freilich! Jetzt hast Recht! Jetzt hasts troffen!« »Troffen hab ichs? Wer begreifen thu ichs doch noch nicht.« »Da giebts doch nicht viel zu begreifen. Ich mein' halt, die Null, das ist alleweil der Fex.« »Ich so! Der Fex ist Null, das heißt, der Fex ist nix, er ist gar nimmer da?« »Ja.« »Hm! Er ist aber da!« »Jetzt, ja, jetzt ist er noch da!« »Alle Teufeln! Wann ich Dich auch richtig begreifen thät? Meinst Du etwan, daß er bald nimmer mehr vorhanden sein wird?« »Ja, grad das mein ich halt. Hast was dagegen?« Da erhob der Müller warnend den Finger: »Du, das ist Mord!« »Pah! Wann eine Schlang oder Ottern mir in den Weg kommt und ich tret sie niedern, so ist das auch ein Mord; aberst ich mach mir den Teufeln daraus!« »Aberst der Fex ist ein Mensch!« »Eine Ottern ist er, ein Giftwurm, der mir ans dem Weg fort muß! Der Zigeunerbub, der niedernträchtige! Er ist nicht mal ein halbern Mensch. Er ist ein stupidern Kerl, der nix lernt hat und nix kann. Wer so Einen forträumt, der thut dera Menschheiten doch nur einen Gefallen. Schau her! Da hast noch mein Gesicht, wie er mich überfallen und schlagen hat! Soll ich mich nicht dagegen wehren?« »Ja, das Recht hast dazu!« »Also!« »Aber ein Mord ists dennerst, ein Todtschlag wenigstens!« »Red mir nicht so dumm! Woher weißt denn, daß ich ihn morden und derschlagen will?« »Ich habs mir dacht.« »Unsinn! Es kann ihm doch ein Malleur geschehen.« »Freilich ist das richtig! Im Wassern –« »O nein! Im Wassern ist der zu Haus. Der versauft im ganzen Leben nicht; da versauft ein Aal viel ehern.« »Also in dera Luft? Vielleicht derhängt er sich.« »Das glaub ich nicht. Vielleicht kommt er auf eine ganz leichte Weis aus dera Welt.« »Aberst wann?« »Ja, wann soll denn die Sachen vor sich gehen?« »Höchst bald. Es hat beinahe klungen, als obs bereits am Sonntag sein sollt, an der Stell von Deiner Verlobung.« »Also morgen!« »Ja, weißt, weil die Gästen einmal geladen sind.« »Donner und Durium! Das soll mir nicht geschehn!« »Wie willsts verhüten?« »So wisch ich dem Fex noch heut Eins aus.« »Du, sags mir nicht!« »Warum nicht?« »Weil ich nix davon wissen mag. Ich hab keine Lust, mich wegen Mitwissenschaft einsperren zu lassen!« »So! Meinsts in dieser Arten und Weisen? Denkst etwan, ich werd mich einsperren lassen?« »In solchen Dingen kann man nicht vorsichtig genug sein. Weißt, es ist auch eigentlich gar nicht nöthig, daß der Fex stirbt; er kann auch leben bleiben.« »So? Da erhält er doch die Paula!« »Nein. Weißt, er bekommt die Paula, weil er der Sohn eines so vornehmen Herrn ist. Das kann er beweisen; wann er das aber nicht beweisen könnt, dann, ja dann –« »Nun, was wäre dann?« »Nun, dann war er eben nicht der Sohn!« »Und?« »Und ich braucht ihm die Paula nicht zu geben.« »So! Hm!« »Siehst das nicht ein?« »Ei freilich. Aberst er kann es ja eben beweisen!« »So müßt man dafür sorgen, daß ers nimmer kann.« »Wieso?« »Indem – ah, wann ich nur laufen könnt!« »Heul nicht so und jammer nicht! Schau her; schau mich an! Kann ich denn etwan nicht laufen?« »Ja Du!« »Das ist aberst grad so gut, als obst selber laufen könntst. Hasts auch verstanden, Thalmüllern?« »Meinst, daßts für mich thun willst?« »Ja.« »Es mag sein, was es will?« »Gern, wanns nicht menschenunmöglich ist.« »Gar nicht. Es ist sogar leicht, sehr leicht.« »So sags!« »Man muß ihm seine Beweisen nehmen.« »Ach so! Aberst worinnen bestehen diese?« »In einer Photographieen und in mehreren Papieren.« »Die man ihm stehlen müßt? Was ists denn für eine Photographieen, für ein Bildniß?« »Es ist das Bild einer jungen Frauen, welche seine Muttern sein soll. Und die Papieren sind in einer fremden Sprachen geschrieben und untersiegelt.« »In welcher?« »Man nennt es Romanisch oder Wallachisch.« »Das kenn ich nicht; aberst das thut ja nix zur Sachen. Die Hauptsach ist, wo ers hat.« »Das steckt Alles in einer Brieftaschen.« »So? Und wo hat er dieselbige?« »Jedenfalls in seiner Joppentaschen.« »Und wann da nicht?« »Nun, so – so – hm, er hat keinen andern Platz als in der Fähr, weißt, in den Kästen unter denen Sitzbänken. Da muß die Brieftaschen stecken, wann sie sich nicht in seiner Joppen befindet.« Der Fingerlfranz nickte eine Weile vor sich hin, sich die Sache überlegend; sodann sagte er: »Wo schlaft er denn, dera Fex?« »Eben in der Fähr. Zuweilen hat er auch wohl im Wald geschlafen, denn in dera Nacht ist die Fähr leer wesen. Jetzt aberst ists noch nicht im Sommern, da liegt er ganz sichern im Schiff.« »So weiß ichs, wie mans machen muß.« »Nun, wie?« »Man geht zur Fähr und untersucht die Kästen. Und wann die Brieftaschen da ist, so nimmt man sie weg.« »Das wär freilich leicht.« »Sind diese Kästen verschlossen?« »Nein; es ist nur ein hölzerner Riegeln dran.« »Auf diese Weis ists leicht gemacht. Wann man die Taschen hat, so braucht man sich an dem Kerlen ja gar nicht zu vergreifen. Aberst wann die Brieftaschen nicht da ist, so muß man sie ihm aus dera Joppen nehmen. Nicht?« »Ja freilich. Und das ist schwer.« »Gar nicht.« »Wie willsts anfangen?« »Ich schleich mich hin an die Fähr und schau, ob er schlaft. Wann er schlaft, so drück ich ihm den Hals zu und zieh ihm das Ding aus der Joppen heraus.« »So wird er Dich verklagen!« »O nein!« »Er wird ja aufwachen und Dich erkennen.« »Das wird er nimmer mehr. Dafür laß nur mich sorgen. Ich hab noch meine Rechnung mit ihm zu machen, von wegen daß er mich draußen im Wald bei dera Paula überfallen hat. Jede solch Rechnungen hat einen Strich, und der Strich, den ich ihm machen werd, der wird stark genug sein und auch kräftig. Also er ist wirklich heut Abend in dem Concerten?« »Ganz gewiß.« »In seinem Anzug?« »Er wird um die Erlaubniß beten haben, in einen Winkel kriechen zu dürfen, worinnen man ihn nicht erblicken kann.« »Jetzt ists grad halber elf Uhr, da ist er vielleicht noch nicht wiedern da.« »Nein, denn sonst wär auch die Paula da.« »Wie? Die ist auch mit?« »Ja. Nämlich die Sängrin – nicht die Alte, Dicke, sondern die Junge, kam herab und hat mich so lange beten, bis ich erlaubt hab, daß sie mitgehen kann.« »Das hätt ich nicht than. Wann die Paula meine Frau worden ist, so hat sie zu Haus zu bleiben. Im Theatern lernt keine Frau was Guts. Aberst da der Fex jetzt noch nicht da ist, so ists wohl am Besten, daß ich jetzt nach der Fähr hinübergeh und mal nachschau, ob die Brieftaschen darinnen versteckt ist.« »Hast Recht. Geh und mach schnell.« »Gut. Ich werd bald wiedern da sein.« Er stand auf. Der Müller bemerkte noch: »Ich hab hört, daß der Knecht vorhin die Thür zuschlossen hat. Nimm hier den Schlüsseln, daßt hinaus kannst und wiederum herein, und schau, daßt mich nicht allzulang warten läßt.« »Ich werd mich beeilen.« »Aberst dennerst mußt auch genau suchen. Weißt, die Sachen ist so: Wannst die Brieftaschen nicht bringst, so muß der Hochzeitsbitter morgen gleich in der Fruh herumlaufen und Deine Verlobung abbestellen. Wannst sie mir aberst bringst, so wird sie nicht abbestellt und morgen Abend um die jetzige Zeit bist der Bräutigam von dera Paula.« »Na, da kannst Dich drauf verlassen, daß ich sie bring, und sollt ich – na, ich will nix sagen!« »Nein, lauf lieber!« Der Franz nahm den Schlüssel und ging. Als er hinaus war, brummte der Müller vergnügt in den Bart: »Er hats geglaubt, was ich ihm verzählt hab! Das ist sehr gut. Nun wird er mir die Taschen bringen, und selbst wann er derowegen den Fex derschlagen soll. Dafür aber wird er die Paula bekommen. Sie muß ihn nehmen, denn ich bin der Vatern und sie hat mir zu gehorchen. Ich hab einen großen Fehlern begangen, daß ich den Fex hab leben lassen. Aberst wer hat ahnen konnt, daß er damals zugeschaut hat, als ich die Südana abwürgt hab. Hätt ich das wußt, so hätt er gleich am damaligen Augenblick mit fortmußt! Na, nur erst die Brieftaschen wiedern her! Nachhero hab ich gewonnen und kann wiederum ruhig sein.« Es verging fast eine halbe Stunde, ehe der Fingerlfranz zurückkehrte. Natürlich schloß er die Thür draußen wieder zu, bevor er in die Stube kam. »Hast sie?« fragte der Alte gespannt. »Nein.« »So war sie vielleicht nicht da?« »Vielleicht? Was denkst von mir! Sie war absolutemang nicht vorhanden. Wanns dagewest wär, so hätt ich sie doch ganz sichern mitbracht. Das versteht sich ganz von selber!« »Hast auch richtig sucht?« »So genau, wiests selbern kaum macht hättst.« »Vielleicht steckt sie nicht in den Kästen und er hat sie wo anders hinsteckt!« »Ich hab halt überall sucht. Die ganze Fähr hab ich mit denen Händen austastet, von oben bis unten und von hinten bis vorn, aber nix funden, gar nix.« »Was war in denen zwei Kästen?« »Ein Werkzeuggeräth mit Hammer, Zang, Bohrern und solchen Dings da und nachhero auch ein paar alte Wachsleinwanden.« »Wozu er die brauchen mag!« »Wohl zum Zudecken, wanns regnet und er in der Fähren schlaft. Horch! Jetzt kommen Leutln!« »Ja, man hört die Schritten. Das Concerten wird zu End gangen sein. Nun kommt auch die Paula. Willst sie mal sehen?« »Ja, freilich.« »So wart, ich werd sie hereinirufen.« Er dachte nämlich, daß der Franz zu einem Angriff auf den Fex williger sein werde, wenn er zuvor die schöne Geliebte gesehen habe. Jetzt wurde die Thür geöffnet. Man hörte die Stimmen draußen im Flur und verstand jedes Wort. »Das find sie Alle,« flüsterte der Alte. »Der Fex ist dabei und auch der Wurzelsepp. Sie schaffen die Dicke hinauf. Was für einen Crambol die nun wieder mal macht! Wann die nur erst wiedern aus dem Haus hinaus ist. Wann ich das Zeichen nicht geb, so dauert der Spektakelum noch eine ganze Stunden fort. Das kann mir nicht gefallen.« Er nahm die Clarinette her und blies hinein. Darauf ließ die Paula die beiden männlichen Begleiter hinaus, schloß zu und kam herein. Sie machte ein sehr erstauntes Gesicht, als sie den Franz erblickte. Ihr Vater spielte den Klugen. Er sagte sich, daß er sie nicht erzürnen dürfe, weil sonst zu erwarten stand, daß sie sich dem Franz gegenüber unliebenswürdig zeigen werde, und das hätte diesen ja leicht obstinat machen können. Darum sagte er mit einer Freundlichkeit, die ein Anderer wohl kaum als Freundlichkeit erkannt haben würde, welche aber trotzdem bei ihm eine außerordentliche Seltenheit war: »Nun, bist wiedern zu Haus?« »Ja, Vater.« »Warum kommst nicht zu mir hereini?« »Weil ich dacht, Du schlafst, und weil wir doch erst die Madam hinaufschaffen mußten.« »Ach so! Diese dicke Madamen geht vor den Vatern! Das will ich mir verbitten! Ich will auch hören, wie das Concerten ausfallen ist, und dera Franz da auch.« »Nun, ausfallen ists sehr gut.« »So! Hats schön klungen?« »Ganz unbeschreiblich. Die Mureni hat sungen wie ein Engel. Alles hat weint, sogar der König auch.« »Das ist sonderbar! Na, diese Leutln mögen flennen immerhin. Sie haben die Zeit dazu!« »Und aber dera Fex!« »Was ists mit dem?« »Vatern, Du glaubsts halt gar nicht, nein. Du kannsts nicht glauben und denken, was der für Furoren macht hat!« »Furoren? Womit? Etwan mit seinen barbsen Füßen?« »Nein, sondern auf dera Geigen. O, hat der spielen könnt!« »Was! Der Fex hätt gichen?« »Und wie! Himmlisch!« »Du hast wohl träumt!« »So müßten die Herrschaften all, welche auch zuhört haben, ebenso träumt haben, denn sie haben ebenso und noch mehr Beifall klatscht wie ich.« »Aberst der Mensch kann doch nix!« »Das haben wir blos nur dacht. Aberst er hat sich schon vor Jahren eine alte Geigen verschafft und –« »Donnerwettern!« entfuhr es dem Müller. »Etwan gar der Südana ihre Geigen, die damals kein Mensch hat finden könnt. Nachhero hat er heimlich geübt!« »Ja, und nun ist er gar ein Virtuos worden!« »Der Heimtücker! Ja, so ist er stets wesen, hinterrucks und hinterlistig. Aber das werd ich ihm doch noch heraustreiben.« »Das wirst nimmer fertig bringen.« »Meinst etwan, weil er geigen kann, daß er mir nun nicht mehr zu gehorchen braucht? Da irrst Dich sehr! Ich bin sein Erzieher und Vormund; er ist noch nicht mündig und hat mir zu pariren. Wegen denen Hoppsern und Galoppen, die er gichen hat, brauch ich keinen sonderlichen Respectoris vor ihm zu haben.« »Von wegen denen Hoppsern und Galoppen, da irrst Dich freilich gar sehr. Hast den Herrn Concertmeistern spielen hört?« »Ja, wann das Fenster aufstanden hat. Ja, das ist freilich ein Künstlern ersten Ranges; das ist sogar ein Virtubos; das hört man sogleich.« »Nun, der ist im Concerten krank worden und hat nicht spielen konnt. Da ist der Fex auf die Bühne treten, vor allen Leutln, hat die Geigen hernommen und dem Concertmeistern seine ganzen Stucken so runterspielt, daß das ganze Theatern vor lautern Geklatsch und Beifall wackelt hat.« »Bist bei Trost?« »Es ist wahr. Der Capellmeistern hat ihn gleich anstellen wollen mit freier Stationen und siebzehnhundert Mark Gehalt.« »Der ist siebzehnhundertmal verrückt!« »Meinst? Der Fex hats aber nicht angenommen!« »So ist er noch viel verrückter! Aber freilich wird ers sehr gut wissen, daß ers nimmer mit dera Vigolinen dermachen kann.« »O, nicht derowegen, sondern weil der König ihn mit sich nehmen will.« »Der König?« Er entfärbte sich. »Ja freilich!« »Was geht dera Fex dem König an?« »Was ein jeder Unterthan dem König angeht. Dieser hat ihn sogar in seine Loge kommen lassen und ihm sagt, daß er ihn zu einem berühmten Tonmeistern thun werd und auch ins Conservatori.« »Ins Confraterobi? Was ist das?« »Das ist die Universitäten für die Musikkünstler.« »Und da soll er hinein und wann?« »Vielleicht soll er bereits morgen fort.« Der Müller war ganz fassungslos; er blickte den Fingerlfranz eine ganze Weile an, ohne ein Wort zu reden. Dann fragte er ihn: »Glaubsts?« »Warum nicht!« »Große Herren haben solche Marotten. Wann er dann hernach nix lernt, so schicken sie ihn Dir wieder.« »Oho! Sie werden ihn mir gar nicht wiederschicken, denn ich werde ihn ihnen gar nicht mitgeben. Ich bin der Vormund; ohne mich könnens nix machen!« »Meinst, daß dera König Dich groß fragen wird?« »Hm? Das glaub ich schon nicht, daß er gute Worten geben wird; aberst fragen muß er doch!« »Und wannst Nein sagst, wird er doch thun, was er will. Darauf kannst Dich getrost verlassen.« »Ja, freilich! Das ist eine ganz verteufelte Geschichten! Paula, jetzt gehst zu Bett. Ich hab nun grad genug gehört von demjenigen verflixten Concerten. Morgen in dera Früh aberst werd ich dera Fex ins Gebet nehmen, wie er Vigolinen spielen kann ohne alle meine Erlaubnissen und ins Concerten laufen und zuletzt gar noch ins Confexbraterori! Das will ich mir verbitten! Nun aberst mach, daßt auch hinauskommst!« Sie ging und stieg laut hörbar die Treppe zu ihrem Stübchen empor, in der Absicht, dies nach einiger Zeit heimlich zu verlassen, um dem Fex ihr Wort zu halten. Dieser war nicht etwa mit seinem alten Sepp fort und hinüber nach der Fähre gegangen, sondern kaum hatte sich die Hausthür hinter ihnen geschlossen, so ergriff er den Alten beim Arme und flüsterte ihm zu: »Halt, Sepp! Wir bleiben!« »Warum?« »Wollen sehen, was der Müllern noch so spät mit der Paula hat. Wir lauschen also!« »An demselbigen Laden? Sehr gut! Das Astlochen und die Ritzen sind beide ja noch da. Komm!« Sie traten leise an den Laden und blickten hinein in die Stube. Der Müller saß, wie gewöhnlich, ganz in der Nähe des Fensters und neben ihm – – –« »Du!« flüsterte der Sepp. »Der Franz!« »Sei still, daß sie uns nicht hören!« Sie konnten Alles sehen und auch jedes Wort verstehen. So hörten sie das Gespräch mit der Paula. Als diese dann die Stube verlassen hatten, ergingen sich der Müller und der Franz in Verwunderungen darüber, daß der Fex geigen konnte und sogar beim Concert gespielt habe. Beide aber waren zu unmusikalisch, als daß sie die Bedeutung und Tragweite dieses Umstandes hätten begreifen und ermessen können. Dann sagte der Franz, zwar in gedämpftem Tone, aber doch so, daß die Lauscher es hörten: »Und was wird nun mit unserer Geschicht?« »Ja, die ist nun schlimmer worden,« antwortete der Müller, indem er ein höchst bedenkliches Gesicht machte. »Wieso?« »Hasts nicht gehört, daß der Fex vielleicht bereits morgen schon von hier fort muß.« »Ja. So sind wir ihn los!« »Oho! Und Du bist auch die Paula los!« »Zum Teufel, ja!« »Denn er nimmt ja auch die Brieftaschen mit!« »Freilich!« »Und dann ists gefehlt!« »Na, jetzt noch nicht. Noch ists nicht morgen. Wir wollen doch sehen, wer morgen diese Brieftaschen hat!« »Der Fex.« »Pah!« »Wannt nix thust, so hat er sie freilich.« »Wer hat sagt, daß ich nix thun werd? Hab ich Dir nicht versprochen, daß ich die Taschen holen will?« »Auch nun noch, da es anders worden ist?« »Nun erst recht, denn wann ich sie nicht hol, so nimmt er sie mit, und die Paula ist für mich verloren.« »Ja, so mußt also noch in dieser Nacht zugreifen.« »Das versteht sich. Also Du meinst noch immer, daß er ganz gewiß in der Fähr schlaft?« »Sicher.« »So wart ich noch eine Weil, bis er einischlafen sein wird. Nachhero schleich ich mich hin – – –« »Und läßt Dich derwischen!« »Oho! Ich lauf doch nicht etwan auf dem offenen Weg hin, sondern ich mach emen Umweg, weiter aufwärts nach dem Wasser, und von da schleich ich mich im Baumschatten am Ufer herab bis an die Fähr.« »Und er hört Dich kommen!« »Fallt ihm nicht ein und mir auch nicht. Ich zieh die Schuhen eine Streck vorher aus und lauf auf allen Vieren hin, so wie ichs mal lesen hab in einem Buch, in welchem die wilden Indianer sich an ein weißes Haus schleichen thaten.« »Du meinst ein Haus, worinnen weiße Menschen gewohnt haben dazumal. Nicht?« »Das ist ganz egal, ob das Haus weiß war oder die Menschen, die Indianer haben die Schlacht gewonnen, und ich werd sie auch gewinnen. Weißt, ich lauf so auf Händen und Füßen nach der Fähren hin und steig auch so hinein, leise, heimlich, wie eine Schlangen, die Händ voran und die Beinen hinterher. Dann wird er drin liegen und schlafen.« »Ja, und nachhero?« »Ich wollt ihn bei der Gurgeln fassen; aberst das ist nicht sichern genug. Bessern ists, ich geb ihm gleich einen Klapps auf den Kopf, so daß er still ist, und dann nehm ich ihm die Taschen heraus.« »Das ist freilich das Gescheidtst, wast thun kannst.« »Habs auch denkt!« »Und sodann?« »Nun, da bring ich Dir die Taschen.« »Aberst was wird mit dem Fex?« »Den laß ich liegen.« »Meinst, daß das klug ist?« »Etwan nicht?« »Nein, denn entweder wacht er von dem Klapps, dent ihm geben hast, wiedern auf; dann wird er sagen, daß er überfallen und bestohlen worden ist – –« »Hab keine Sorg darum! Der Klapps wird ein solcher sein, daß der Fex das Aufwachen vergißt.« »Das wollt ich schon besser loben; aberst sodann findet man ihn in der Früh todt in der Fähr, die Aerzten untersuchen seinen Leichnamen und sagen: Er hat einen Hieb erhalten und ist derschlagen worden. Da beginnt ein großes Injusterium und ein Prozessiren und man kann gar dabei ganz unschuldig mit einisteckt werden.« »Du bists doch nicht gewest!« »Freilich nicht; aberst grad wegen dera Taschen kann das Alibi und Adlibitum auf mich fallen, und auch mit auf Dich. Beweisen kanns uns freilich Keiner, aber stecken lassen könnens uns eine lange Zeiten. Das braucht aberst nicht zu sein.« »Nun, was meinst sonst?« »Du giebst ihm den Schlag auf den Kopf, nimmst die Brieftaschen und wirfst nachhero den Kerl in das Wassern. Verstanden!« »Jawohl! Es wird nachhero heißen, daß er vor Unglück versoffen ist.« »Ja, er ist ein guter Schwimmer und hat darum mal auch zuviel gewagt. Dann ist uns geholfen und die Paula ist Dein, Topp!« »Topp!« Sie schlugen ein. Der Fex faßte den Sepp am Arme und zog ihn vom Fenster fort. In einiger Entfernung von dem Letzteren blieb er stehen und fragte, vor Aufregung zitternd: »Hasts gehört?« »Ja.« »Sollt mans glauben!« »Dermordet sollst werden!« »Derschlagen und ins Wassern worfen, grad wie ein Aas, was nicht mal der Schindern brauchen kann. Aber ich werd dem Kerlen einen Streich spielen. Wart hier!« »Wart Nur! Ich komm gleich wiedern.« Er eilte fort, um die Ecke des Hauses. Bereits nach einer Minute kam er wieder, mit einem Gegenstande in der Hand. »Was hast da herbei geholt?« fragte der Sepp. »Weißt, da im alten Kegelschub, wo ich den Topf holt hatte, da lag auch das alte Fuchseisen. Da drein soll der Fingerlfranz mit der Hand greifen und sich fangen. Wart nur, Bursch, Du sollst mir brav kommen, wart nur! Aber wer – ah, die Paula!« Sie kam hinter der andern Ecke des Hauses hervorgeschlichen und auf die Beiden zu. »Ah!« lächelte der Sepp. »Das also wars, was Ihr hinter mir zu rispern und zu flüstern hattet, als ich die Hausthüren aufschließen mußt! Ich habs wohl hört. Das ist ja grad ein Stelldichein. Da darf wohl dera alte Sepp nicht mit dabei sein?« »O, gar wohl könntst mit dabei sein,« antwortete der Fex. »Es ist wohl nix Unrechts, was wir mitsammen reden werden, und unser Freund bist ja auch; aberst dennoch werd ich Dich bitten, hier zuruckzubleiben. Du mußt lauschen, um uns zu sagen, wann dera Fingerlfranz kommen wird.« »Will Der etwan zu Dir kommen?« fragte Paula. »Ja, er wird wohl noch überfahren wollen. Es scheint, daß er bereits in der großen Fruh schon drüben im Dorf sein muß.« »Da geh ich liebern nicht mit.« »Fürchtst Dich vor ihm?« »Bei der Nacht, ja. Und er braucht ja auch nicht zu merken, daß ich bei Dir bin.« »Er wirds nicht merken, denn der Sepp soll ja eben aufpassen und uns benachrichtigen, wann er kommt.« »Er könnts aberst doch versehen. Lieber geh ich noch mal hinein und wart, bis der Franz fort ist.« »Wirds Dir nicht zu lang dauern?« »O nein. Ich könnt ja so nimmer schlafen nach Allem, was ich heut im Theatern hört und sehen hab.« »So geh, Paula, geh! Ich werd Dir einen Sand an Dein Fensterl werfen, wannst herabkommen sollst.« Sie schlich sich wieder hinein ins Haus. »Jetzt komm, Sepp!« meinte der Fex. »Wir wollen nun schnell die Fallen stellen.« Sie gingen nach dem Flusse. Im Gehen fragte der Sepp: »Warum sagst ihr denn eine Unwahrheiten? Der Franz will ja gar nicht überfahren.« »Soll ich der Töchtern etwan sagen, daß ihr Vatern ein Mördern ist? Nein, das thu ich der Paula nimmer an. Das bracht ich gar niemals übers Herz. Oder Du?« »Nein, ich auch nicht.« »Also ists viel bessern, sie ahnt gar nix. Darum hab ich mich freut, daß sie einstweilen wieder gangen ist. Jetzt nun aberst müssen wir uns sputen. Der Kerl kann spät kommen, aber auch bald, und wann er kommt, so müssen wir bereits fertig sein.« »Bin neugierig, wast machen willst.« »Versohlen will ich ihn.« »Ah, die Schuhen?« »Nein, sondern lieber da, womit der Schustern auf dem Schemel sitzt. Komm nur. Du mußt mit helfen.« Als sie die Fähre erreichten, bemerkte der Fex, daß er sie etwas lang angehängt hatte. Er zog die Kette mehr an, so daß das Hintertheil des Kahnes hart und fest ans Ufer stieß. »Nun schau mal an!« sagte er. »So wird er kommen, auf allen Vieren.« Er ließ sich auf die Hände und Füße nieder und kroch ganz so nach der Fähre hin, wie es vermuthlich auch der Franz thun würde. »Und nun ist er da am Kahn und will hinein, mit den Händen zuerst. Da wird er grad hierher greifen müssen, auf das Querbretle am Steuer. Dahier her also muß ich die Fuchsfallen legen. Nicht?« »Ja, das ist gewiß. Wie aberst machst sie fest?« »Wie? Das ist doch sehr leicht. Ich hab den Bohrer da und Schrauben und Nägel und Riemen und einen Strick und Bänder auch. Paß auf!« Er stieg in die Fähre, holte den kleinen Werkzeugkasten hervor und begann, Löcher zu bohren. Das Fuchseisen wurde aufgespannt und so befestigt, daß die Kraft des stärksten Menschen es nicht vermochte, es loszureißen. »So, das ist gethan!« lachte der Fex. »Nun her mit denen Wachsleinwanden.« »Wozu?« »Die roll ich auch zusammen und leg sie in die Fähr hinein, so daß es so scheint, als ob ein Mensch da liegen thät. Der bin natürlich ich.« »Bist ein Schlaukopf, Fex!« »Ja, wanns nöthig ist, da weiß ich schon, was man zu machen hat. Und das hier, thu ich gern.« Als er das erwähnte Arrangement getroffen hatte, nahm er einen Strick zur Hand und sprang mit demselben aus der Fähre an das Ufer. »Was willst mit denjenigen Stricken machen?« »Die bind ich hier mit einem End um den Baum, und das andre kommt um die Füß des Fingerlfranz, daß er sein still halten muß.« »Ach so! Wirst das auch bringen?« »Sehr gut!« »Es muß aberst rasch gehen!« »Hab keine Sorg! Ich kann eine feine Schlingen machen. Je mehr er zerrt, desto festern zieht er sie zusammen. Und nun wollen wir uns die Gerten und Schwippen schneiden, die wir brauchen.« »Sapristi! Also zuhauen?« »Natürlich! Oder hast etwan Mitleid mit dem Kerl, der mich dermorden will?« »Gar nicht! O nein! Ich werd zuhauen, daß ihm die Schwarte kracht wie Speck im Tiegel, wann man Wassern hineingießt. Der Kerlen ist werth, daß man ihn haut, bis er liegen bleibt.« »So komm! Aberst nicht zu schwach und auch nicht zu stark dürfen die Ruthen sein. Die richtige Elastik müssens haben, daß sie sein aufschwippen und aberst doch nicht zerbrechen. Solche stehen ganz hier in der Nähe.« »Aber eine Rachsucht wird er auf uns bekommen!« »Daraus mach ich mir nix. Auch wird er es gar nicht sehen, von wem er den Staar gestochen bekommt. Der Mond scheint nicht durch die Bäume herein, und wir werden sehr fleißig arbeiten aber kein Wörtle dazu sagen.« Der Fex schnitt sechs bis acht elastische Stöcke los und zog dann den Sepp in ein Versteck, welches hart am Ufer und ganz in der Nähe des Kahnes lag. Dort harrten sie der Ankunft des Mordgesellen. »Wird ihm das Eisen Schaden machen?« flüsterte der Wurzelsepp. »Nein. Festhalten wirds ihn und auch ein Stuck von dera Haut mitnehmen. Die starken Knochen aber, die der Franz hat, kanns nicht zerschlagen.« »Und neugierig bin ich, ob er schreien wird.« »Ich auch.« »Wann er schreit, verräth er sich doch selber.« »Aber die Portion, die er erhalten wird, so still hinzunehmen, das ist auch viel verlangt. Hier hast Deine Stöcken. Wir haun so lange zu und halten nicht ehern an, als bis sie zerbrochen sind. Jetzt aberst nun still, sonst hört er uns und nicht wir ihn.« Sie schmiegten sich an einander und gaben keinen Laut von sich. Es dauerte lange, sehr lange. Wer bei einer solchen Gelegenheit seine Geduld bewähren muß, dem werden die Minuten zu Stunden. Endlich, endlich hörten die Beiden Etwas wie das Zerbrechen eines Zweiges. Bald hörten sie ein leises Rauschen, wie wenn Jemand sich auf den Knieen im Grase fortschiebt und dabei ein dürres Blatt mit fortbewegt. Der Sepp stieß den Fex an. »Er kommt,« raunte er ihm zu. »Siehst ihn?« »Hinter uns. Er schleicht um uns herum.« Trotzdem es hier am Ufer und unter den Bäumen keinen Mondenschein gab, sah doch der Sepp, als er sich leise umwandte, die Gestalt des Fingerlfranz ganz hart an ihrem Versteck vorüberkriechen. »Wann er sich nur auch fangt!« flüsterte er. »Auf alle Fällen!« »Wie wird er verschrecken!« »Ehe er da zur Besinnung kommt, muß ich seine Beine bereits fest haben. Aberst nachhero, dann regnets Hiebe wie Schlooßen!« Der Franz machte seine Sache gar nicht übel. Wer von seinem Nahen nichts wußte, konnte es ganz unmöglich bemerken. In einem kurzen Bogen kroch er um das Versteck der Beiden herum und befand sich nun an der Stelle, wo die Fähre fest am Ufer saß. Da blieb er eine ganze Weile regungslos liegen, um zu lauschen. Den Athem des Fex, wenn dieser in der Fähre geschlafen hätte, hätte er trotzdem nicht hören können, denn die Wellen rauschten leise und gurgelten hier und da, wo es eine Drehung gab. Jetzt richtete er sich langsam auf. Er hob den Kopf über das erhöhte Hintertheil der Fähre ein Wenig empor, um zu sehen, ob der Fex sich in der letzteren befand. Trotz des Mangels an Mondenschein bemerkte er die zusammengerollten Wachsleinenstück. Er hielt sie wirklich für den Fex. Er legte beide Hände auf den Hinterbord, zog die Leine an und machte Anstalt, in die Fähre zu steigen. Natürlich griff er mit den Händen zuerst hinein – ein lauter, scharfer Knack – – – »Au, au! Himmeldonnerwetter!« schrie er auf. »Hat ihm!« flüsterte der Fex. Einige Augenblicke lang blieb es stille. Der Franz verhielt sich regungslos, doch schien es den Beiden, als ob sie seine Zähne zusammenknirrschen hörten. »Fex!« sagte er dann halblaut. »Ah! Der Kerl denkt auch, ich soll ihm helfen?« »Fex, Fex! Wach auf!« »Ja, ich komm schon!« flüsterte der Gerufene. Er kroch hinaus und nahm das andere Ende des Strickes in die Hand. Der Fingerlfranz wurde von dem Fuchseisen an den Unterarmen festgehalten. Er konnte auch nicht sehen, was hinter ihm vorging, weil er mit dem Bauch hoch auf dem Borde lag und sein Kopf sich im Innern der Fähre tiefer befand. Der Fex schlich sich heran. Zwei schnelle Griffe, und er hatte den Strick um die Beine des gefangenen Fuchses geschlungen. Ein starker Ruck, und er zog sie lang aus – ein Knoten gemacht, und nun lag der Gefangene so auf dem Bord der Fähre, wie die Beiden es sich nur wünschen konnten, nämlich der Kopf und die Füße tief, hoch oben aber derjenige Theil, welchem die milden Gaben der Freunde zugedacht waren. »Hölle und Teufel!« schrie er auf, als er fühlte, daß ihm durch eine unsichtbare Kraft die Beine ausgestreckt und dann so festgehalten wurden, daß er sie nicht im Mindesten bewegen konnte. Die Antwort auf diesen Ruf folgte sofort, nämlich ein wunderbar takt- und regelmäßiges und zugleich äußerst nachdrückliches Aufschlagen der Ruthen auf den jetzt so erhabenen Körpertheil. Es war wie wenn zwei Dienstmänner gemiethet sind, eine Stubendecke auszuklopfen; nur nicht so dumpf und leer klangen die Hiebe, sondern viel voller, viel fetter und viel schärfer. Bei den ersten Hieben verhielt sich Franz ganz still. Er war vor Schreck ganz perplex. Dann aber brüllte er los, und aber wie! »Hilfe! Feurio! Mörder! Mörder! Hilfe!« Aber je mehr er brüllte, desto stärker und dichter fielen die Hiebe. Es war eine Arbeit, welcher sich die Beiden mit einem Eifer hingaben, als ob ihr Leben und ihr ganzes Glück davon abhänge. Erst ein Stock war zerbrochen, und doch mußte der Sepp bereits ausruhen. Der Fex aber schien bei einem jeden Schlage größere Kraft zu gewinnen. Er gab sich Mühe, genau immer ein und dieselbe Stelle zu treffen, bis er annehmen durfte, daß sie sich im gefühlvollsten Zustande befinde. Dann ging er um einen Finger breit weiter. Die lauten Schreie waren nur im ersten Schreck und Schmerz ausgestoßen worden. Sie verstummten bald, denn der Fingerlfranz sagte sich, daß er sich in einer Situation befinde, in welcher er sich nicht treffen lassen könne, ohne bedenklichen Verdacht gegen sein nächtliches Gebahren zu erwecken. Darum zog er es vor, das Hilferufen zu unterlassen. Mit den Zähnen knirrschend und dumpfe Flüche ausstoßend, lag er da, keines Widerstandes fähig, trotz seiner so oft gerühmten großen Körperstärke. Bald konnte er nicht mehr fluchen. Es war ihm, als ob sein Körper ausgedehnt, gedehnt und weiter gedehnt wurde meilenlang und als ob da, wo seine Wildlederhose am breitesten war, ein loderndes Feuer brenne. Es summte ihm vor den Ohren, und er sah flackernde Lichter vor den Augen – und doch fielen noch immer die Hiebe regelmäßig auf ihn hernieder. Doch nein – jetzt hörten sie auf. Der Fex hatte seinen letzten Stock zerschlagen, und der Sepp hielt zwar den seinigen noch unzerbrochen in der Hand, konnte aber den Arm nicht mehr bewegen. »Komm!« flüsterte der Erste und zog den Alten fort. »Wohin?« »Nach der Mühlen.« »Was willst dort?« »Hilfe holen für den Franz.« »Ja, gut! Na, werden die Augen machen, wann sie ihn erblicken! Ich möcht dabei sein!« »Ich bin dabei. Du aber darfst Dich nicht derblicken lassen, sonst denkens gleich, daß wirs gewesen sind.« »Warum sollens das nicht denken?« »Hast eigentlich auch recht. Na, so komm!« »Hör mal, Fex, wie ists Dir jetzt?« »Sehr wohl.« »Auch im Arm?« »Zumal da ganz wohl.« »Na mir grad nicht. Ich hab im Arm so ein Gefühl, als wann er so stark und dick sei wie ein Mehlsack. Es ist mir ganz dumm und taub worden.« »Ich hätt noch längern mitmacht.« »Ich konnt nicht mehr. Und meinst nicht auch, daß er genug hat, he?« »Seine Portion hat er bekommen.« »Aberst reichlich, sehr reichlich. Ich möcht mal sehn, wie er ausschaut, nämlich grad da, wo wir ihn ausklopft haben. Er muß gar sein und wie gekocht.« »Hats auch verdient. Komm jetzt hinten hinein.« Sie befanden sich an der Mühle, und der Fex bog um die Ecke derselben. »Was sagen wir?« »Das wirst hören. Laß nur vorerst mich reden.« Er sprang über die Hofmauer und der Sepp hinter ihm auch. Die Hinterthür war bald geöffnet. Im Hausflur war es dunkel. Beide traten in die Stube des Müllers. Dieser machte ganz eigene Augen, als er diese Beiden erblickte anstatt den Fingerlfranz. »Der Fex!« rief er aus. »Und ich auch!« fügte der Sepp hinzu. »Der Wurzelsepp! Was wollt Ihr hier?« »Einen Rath sollst uns geben,« sagte der Fex. »Wozu?« »Es muß was passirt sein drüben an der Fähre.« »So! Was denn?« »Ich weiß es nicht.« »Wie! Was! Du bist der Fährmann und weißt es nicht?« »Ich trau mich nicht hin.« »So! Ach! Wollen sehen! Was giebts also?« Er griff nach der Peitsche. Der Fex erzählte: »Ich hatt mit dem Sepp die Sängrin heimbracht und wollt nun den Sepp nach der Stadt führen, wo er schlafen will. Aberst wir sprachen vom Concertl und blieben dabei so oft stehen, daß wir halt gar nicht weit vorwärts kamen. Da auf einmal hörten wir um Hilfe rufen.« »Wo?« »Drüben am Wassern.« »Alle Wettern! Wer hat gerufen?« »Wir wissens nimmer. Wir eilten zwar schnell hinzu; aberst als wir nahe herankamen, da erblickten wir zwei Gestalten, die waren fünfmal größer und höher als wir; die schlugen auf Einen los, der in der Fähr gelegen hat und immer nur so still vor sich hin wimmern that.« »Mensch!« rief der Müller. »Du hast ihm nicht geholfen?« »Ich hab mich nicht traut!« »Nicht. Hast Dich etwan fürchtet?« »Ja.« »So will ich Dir sogleich den Muth machen?« Er holte zu einem kräftigen Hiebe aus. Da aber that der Fex einige schnelle Schritte auf ihn zu, riß ihm die Peitsche aus der Hand und sagte: »Mit der Peitschen ists nun mal aus, Thalmüllern!« »Wa – wa – – was! Vergreifen willst Dich an mir!« »Nein! Schlagen, wie der Anton Dich schlagen hat, das will ich nicht. Vergreifen will ich mich nicht an Dir; aber Dein Zornlappen, dent ausklopfen kanntst, wannt mal Lust dazu hattst, der bin ich auch nicht mehr.« »Hallunk!« »Sei still! Auch das Schimpfen hilft Dir nix mehr. Ich will Dir sagen, daß ich weiß, wer da drüben geschlagen worden ist. Der Franz ists gewesen.« »Und Du hast ihm nicht holfen!« »Ich? Dem!« »Ja, Du mußt, denn Du weißt, daß er mein Schwiegersohn sein wird!« »Der wird er nicht sein, der Mördern!« »Mör – – –!« Das Wort kam ihm nur halb über die Lippen. »Ja, der Mördern!« »So, so willst ihn schimpfen!« »Es ist nicht geschumpfen, sondern es ist die reine Wahrheit.« »Willst Du's beweisen?« »Ja, das kann ich!« »Nun?« »Er hat mich morden sollen!« »Ah!« »Ja, derschlagen, ins Wassern werfen und vorher aberst die Brieftaschen abnehmen.« »Lügner!« »Willsts leugnen!« »Das ist die reine Schlechtigkeiten von Dir, daßt den braven Kerlen in diesen Verdacht bringen willst!« »Ists etwan auch eine Schlechtigkeiten, wann ich sag, daßt ihn selbst hingesendet hast?« »Ich? Kerl, Du bist wahnsinnig!« »Nachhero hast ihm die Paula dafür geben wollen!« Der Müller schwieg eine Weile. Er gab sich den Anschein, als ob er vor großem Zorn nicht reden könne; es war aber nur der Schreck, der ihm die Sprache benahm. »Wannst krank wärst,« stieß er dann hervor, »so wollt ich sagen, Du thätst phantasiren!« Da wendete sich der Fex zum Sepp: »Thu ich phantasiren, Sepp?« »Nein.« »Ists wahr, was ich sag?« »Ja.« »Hat der Franz mich ermorden sollen?« »Ja.« »Und der Müllern hat ihn gesandt?« »Ja. Ich kanns beschwören.« »Da hörsts!« sagte der Fex zum Müller. »Himmelsakra!« fuhr dieser aus. »Ist denn die ganze Welt verruckt worden!« »Oder bist selbern verruckt; denn nur einem Wahnsinnigen sollt man solche Unthaten zutrauen.« »Auch Du, Sepp, klagst mich an!« »Ich sag nur die Wahrheiten!« »Und ich hab Dich gespeist, daß Dir das Fetten und die Buttern hüben und drüben am Maul herablaufen ist! Das nenn ich eine Dankbarkeiten! Aber Undank ist der Welt Lohn.« »Hör, Thalmüllern,« meinte da der Alte im ernstesten Tone, »das wirf mir ja nimmer vor! Ich habs bereits sehr bereut, daß ich Dein Brod gessen hab!« »So! Auch noch!« »Ja, weilst der größte Schuft bist, den die Sonnen bescheinen thut. Weißt, wast gemacht hast?« »Was ich mach, das weiß ich stets!« »Erst hast die Südana erwürgt – – –« »Mensch, halts Maul!« »Nachhero schickst den Franz zur Fähr, damit er auch den Fex derschlagen soll!« »Ah, könnt ich nur auf, so thät ich Dich derschlagen, und zwar grad auf dera Stellen wot stehst!« »So weit kommst halt nimmer! Ich steh da als Zeug und kanns mit tausend Eiden beschwören!« »Meineiden sinds! Wie willst so was wissen!« »Woher ichs weiß, und wie ichs derfahren hab, das werd ich Dir nicht sagen; ich werds erst sagen, wann ich mit Dir vor Gericht steh. Du in Ketten und Banden, ich aberst frei und mit gutem Gewissen!« »Jetzt, jetzt nun hört aber Alles auf! Diese Kerlen kommen zu mir herein und beleidigen mich bis aufs Blut und reden auch noch von einem guten Gewissen!« Da legte der Fex ihm die Hand schwer auf die Schulter und sagte im drohenden Tone: »Willst Dich auch noch versündigen an diesem alten, braven Manne, Thalmüllern!« »Brav? Ein Lügnern ist er. Ein falscher Angeber, ein böser Leumundsmördern!« »Nun, ich seh, daß mit Dir nimmer zu reden ist, und so will ichs anderst machen mit Dir. Eigentlich sollt ich Dich vor Gericht anzeigen, aberst – – –« »Auch noch! Anzeigen!« »Ja; aberst Du hast ein gutes Kind, eine brave Töchtern, welche sterben wird vor Gram und Herzeleiden, wann ihr Vatern wegen Mord aufs Schaffot käm oder lebenslänglich ins Spinnhaus. Um ihretwillen will ich jetzt nix sagen. Aber denk ja nicht etwan, daß es Dir für immer geschenkt sei! Ich werd Dich beobachten und Dich nimmer aus denen Augen lassen. Sobald Du die Paula zwingen willst, den Franz zu heirathen, so bin ich allsogleich mit dera Anzeigen da. Und Zeugen hab ich mehr, alst denken kannst. Das magst Dir merken!« Der Müller nahm seine ganze Selbstbeherrschung zusammen, seine Bestürzung zu verbergen. Es gelang ihm sogar, einen höhnischen Ton anzuschlagen. »So! Hast sprochen?« »Ja.« »Und bist fertig?« »Noch nicht ganz.« »So mach, daßt fertig wirst. Nachhero werf ich Dich hinaus. Das hast reichlich verdient!« »Das werd ich wohl abwarten können. Ich will Dir noch sagen, daß ich Dein Haus nicht wieder betreten werd und die Fähr auch nicht.« »Ach so! Willst wohl fort?« »Ja.« »Ohne meine Erlaubnissen!« »Nach dera Erlaubnissen frag ich nicht. Ich könnt mir sogar den Lohn ausbitten, dent mir nicht mal angeboten hast, viel wenigern auszahlt; aberst ich will von Dir kein Geld haben, denn die Sünd klebt daran. Ich schenks Dir also. Nun weißts, ich geh fort von hier; aberst denk ja nicht, daß ich nicht weiß, wast machst. Ich werd Dich nicht aus denen Augen lassen, und wannst auf die Paula einen Zwang ausübst, so geh ich zur Polizeien, sag was ich weiß und laß Dich einstecken. Dich und auch den Franz!« »Ah! Warum bin ich gelähmt? Warum kann ich nimmer aufistehn?« stieß der Müller hervor, um nur Etwas sagen zu können. »Ja, der Herrgott hat bereits anklopft bei Dir. Er hat Dich an den Krankenstuhl fesselt, und es wird noch schlimmer kommen, noch viel schlimmer, wannt nicht in Dich gehst und Buße thust!« »Schau, wast gut reden kannst! Warum bist denn nimmer ein Pfarrern worden, he?« »Dazu hätts der Thalmüllern nicht kommen lassen. Aber ich bin fertig mit Dir. Ich will mich nimmer mit Dir streiten, denn bei Dir ist ein jedes Wort verloren, und Hopfen und Malzen dazu. Und eben weilst nicht auf kannst vom Stuhl, werd ich Dein Gesind wecken, damit die Leut hinübergehn zur Fähr und den Fingerlfranz frei machen.« »Hölle und Teufel! Ist er anbunden?« »Ja, und noch dazu hat er sich im Fuchseisen fangen.« »Wo ist ein solch Eisen?« »In der Fähr hatt ichs liegen, wann mal ein Mördern kommen thät, daß er sich fangen möcht. Und von wem er die Prügel bekommen hat, das kannst Dir nun auch denken und es ihm sagen. Ich brauch mich vor ihm nicht zu fürchten und auch vor Dir nicht und vor keinem Menschen. Ich steh unter einem dreifachen Schutz, und das ist mein König; mein Gewissen und mein lieber Gott. Bei Dir hab ich in Knechtschaft gelebt allezeit; von jetzt an bin ich frei. Ich schüttle hier den Staub von meinen Füßen. Leb wohl, Thalmüllern, leb so wohl, wiet leben kannst!« Er ging, und der Sepp ging mit ihm. Im Hintergebäude schlief das Gesinde. Die Beiden weckten diese Leute und sagten ihnen, daß sie mit Laternen nach der Fähre gehen sollten, um den Franz zu holen. »Und was thun nun wir?« fragte der Sepp. »Geh Du in meine Kapellen, bis ich auch hinunterkomm! Wirst nicht lang zu warten haben.« »Ach so! Willst der Paula das Zeichen geben?« »Ja.« »So will ich gehen.« Er ging nach dem Felsen zu. Unterwegs aber murmelte er vor sich hin: »In die Kapellen also soll ich! Zu dera Leichen hinab! Brrr! Und indessen steht oder sitzt er bei dera Paula und macht ihr die Liebeserklärung. Himmelsakra! Das laß ich mir nimmer gefalln! Hab ich die jungen Leutln zusammensteckt und beschützt, so will ich auch dabei sein, wanns einander zum ersten Mal das Busserl geben. Aberst klug anfangen muß ichs. Wo werdens hingehen?« Er blieb überlegend stehen. »Na, wo anderst hin als hinauf auf den Felsen ans Grab. Da ziehts ihn immer hin, und da giebts halt auch die Rasenbank, worauf man so schön mit Derjenigen zusammenrücken kann, mit der man nicht wieder ausnanderrucken will. Also da hinauf muß ich steigen. Ja freilich!« Er stieg hinauf und versteckte sich hinter die dichten Sträucher, um den Lauscher zu machen. Der Fex war nach der Seite des Hauses gegangen, wo sich Paula's Fenster befand. Er warf ein wenig Sand an dasselbe: Es wurde geöffnet. »Bists, Fex?« fragte es leise von oben herab. »Ja.« »Ich komme gleich!« »Aberst nimm Dich vor denen Knechten und Mägden in Acht. Sie stehen auf.« »Warum?« »Wirsts sehen. Komm hierher; ich bleib da stehen.« Nach wenigen Augenblicken stand sie bei ihm. »Ich hab eine große Ängsten ausstanden,« sagte sie. »Warum?« »Wegen Deiner. Weil der Franz hat zu Dir kommen wollen. Der hat Dir die Rache geschworen.« »Hasts auch merkt?« »Schon oft.« »Ich furcht ihn nicht. Komm, Paula?« »Wohin?« »Hinauf zum Felsen.« »Zum Grab in dera Nacht?« »Fürchtest Dich?« »Wannt dabei bist, nicht.« »Brauchst Dich auch sonst nicht zu fürchten. Die Zigeunerin ist eine gute Seelen gewest, und der liebe Herrgott wird sie zu sich nommen haben in seiner großen Gnad und Barmherzigkeit. Weißt, ein Mensch, wenn er brav ist, braucht sich an keinem Ort und vor Niemand nicht zu fürchten.« Sie schritten nebeneinander dem Felsen zu. Dabei ergriff sie seine Hand. Als er ihre zarten, weichen Finger in den seinigen fühlte, wurde ihm so unbeschreiblich selig zu Muthe. Er hätte dieses Händchen festhalten und nie wieder loslassen mögen. Jetzt erstiegen sie den Felsen. »Willst Dich setzen?« fragte er, als sie an der Bank standen. »Du nicht auch?« »Es ist wohl nicht Platz für Zwei!« »O doch! Wir haben hier ja neben nander sessen als wir noch kleine Kindern waren.« »Ja, klein. Darum hatten wir Platz. Jetzt aberst sind wir Beid größern worden.« »So rücken wir zusammen. Komm!« Sie zog ihn neben sich nieder. Er fühlte ihre Gestalt warm und weich neben und an der seinigen. Sie hatte früher gar oft seine Hand ergriffen; sie hatte auch neben ihm gesessen. Warum war es heut so viel anders als früher? Er beantwortete sich diese Frage nicht, weil er sie sich gar nicht vorlegte. Diese beiden jungen, reinen, unerfahrenen Menschen waren noch wirkliche Kinder, und dennoch wehte ihnen die Ahnung eines Himmels bereits entgegen. Die Herzen Beider waren so voll. Keins sagte ein Wort. Jedes suchte nach einem Anfange, aber es fiel ihnen keiner ein. Da sahen sie Laternen näher kommen. »Wer ist das?« fragte Paula. »Euer Gesinde.« »Was wollen sie hier?« »Den Fingerlfranz holen.« »Ist ihm denn was geschehen?« »Ja, aber brauchst darum nicht zu verschrecken. Weißt, er fing Streit mit mir an und mit dem Wurzelsepp, und da haben wir – na, weißt schon!« »Was?« »Dasselbige, was ich damals im Walde that, als er so unartig gegen Dich war.« »Habt ihr ihn geschlagen?« »Ja.« »Also gar eine Prügeleien!« »Nein, keine Prügeleien, sondern eine wichtige Executionen, eine Bestrafung.« »Wie denn?« »Wir haben ihn anbunden und ihm grad so viel Schläg geben, wie er verdient hat.« »Und nun muß er geholt werden?« »Ja.« »So kann er gar nimmer laufen?« »Ich weiß nicht. Wir haben ihm den Strick nicht weggenommen. Vielleicht lauft er schnell davon, wann sie ihn nur erst losbunden haben.« »Horch!« Die Fähre lag gar nicht weit vom Felsen entfernt. Man hörte laute Rufe des Schreckes, des Erstaunens, dazwischen hinein ein tiefes Aechzen. »Wer hat Dich aberst so zurichtet?« fragte ein Knecht. »Weiß nicht,« antwortete Franzens Stimme. »Das mußt aberst doch wissen!« »Es war finstern hier.« »Und wie bist nach der Fähre kommen?« »Ich wollt am Wasser hinauf.« »Konntst auch am richtigen Weg bleiben, so wärs Dir nimmer arrumvirt. Vielleicht bekommen wir die Thätern heraus, wannsts erst richtig verzählt hast. Kannst laufen?« »Ich weiß nicht.« »Versuchs doch mal!« »Ah! Oh! Brrr!« »Thuts weh?« »Freilich. Jede Bewegung sticht wie ein Messern und brennt wie ein Feuern. Ah! Oh! Puh!« »Das ist noch nimmer da gewest!« »Ja, die Hosen ist mir noch niemals da hinten so festklebt wie jetzund. Wann ich sie nur erst wiedern herunter hätt!« »Du mußt doch schmähliche Hieben kriegt haben! Das Ledern ist hinten ganz entzwei. Das ist Alles zusammenbacken. Am Besten wirds sein, Du nimmst ein Faß mit Essigwassern und thust Dich da hineinsetzen, da lößts und thauts wiederum auf, so daßt wenigstens die Hosen vom Fleisch herunter ziehen kannst. Solln wir Dich liebern tragen?« »Nein, nein! Da, wohin Ihr da greifen müßtet, da könnt ichs erst recht vor Schmerz nimmer aushalten. Ich wills liebern versuchen, ob ich laufen kann. Führt mich hüben und drüben unterm Arm!« »So komm!« Zwei derbe Knechte unterstützten ihn zu beiden Seiten, und er that einige Schritte, mußte aber bald stehen bleiben. »Ffffffft!« machte er es mit zusammengepreßten Lippen. »Es thut halt wohl schlimm?« »Als wann mir Einer die Haut abziehen thät!« »Brrrr! Das muß halt eine Passion sein!« »Und was für eine! Ich wollt, Du hättsts, aber nicht ich. Verstanden, Peter!« »Dank sehr schön für solche Limonaden!« »Ja, wanns Limonaden wär! Weiter!« Er ging wieder eine kleine Strecke, bis er grad unter dem Felsen stand. »Nun wirds mir fast zu bunt!« stöhnte er. »Was wird der Müllern sagen!« meinte ein Knecht. »Der? Na der ist eigentlich schuld daran!« »Wieso?« »Das geht Dich nix an! Aberst wann er nicht gewest wär, so wären jetzunder meine Hosen noch ganz und mein eigenes Leder auch. Hol ihn der Teuxel!« »Den Hosentheil da hinten?« »Nein; den hat er schon geholt. Ich mein den Müllern.« »Das sag ihm mal selber!« »Meinst, ich sags ihm nicht?« »Da wird er zur Peitschen greifen!« »Soll ihm nicht einfallen!« »Und die Paula, wann sie Dich erblickt!« »Hört, die darfs nicht sehen!« »So?« »Nicht mal erfahren darf sies!« »Ja, das versteh ich wohl! Was muß eine Braut denken, wann der Bräutigam so verledert wird!« »Hör mal, könntst auch andere Ausdrücken brauchen! Oder verlachst und verspottest mich etwan?« »Wie kannst das denken! Es ist die reine Barmherzigkeiten von mir! Du thust mir wehe!« »Was hilft mir das! Bessern wärs schon, wanns Dir da wehe thät, wo mirs wehe thut; da war ich gleich die ganze Geschichten los. Aber so ists halt immer: Dem, ders vertragen könnt, dem passirts leider nicht!« »Wer weiß, ob ichs so gut vertragen thät, wie Du. Aberst nun besinn Dich doch mal ordentlich, und denk nach, obst nicht errathen kannst, wers gewest ist.« »Ich kanns mir nicht denken.« »War denn der Fex in der Fähre?« »Nein. Erst hab ichs denkt, daß der Fex drin liegt. Das ist aberst die Wachsleinwand gewest, die ich sehen hab, als Ihr mit der Laternen kamt.« »Und daneben war auch Niemand?« »Nein.« »Wer aber hat das Fuchseisen festmacht?« »Das möcht ich auch wissen.« »Jedenfalls der Fex,« sagte eine Magd. »Der ist ja der Fährmann. Ein Andrer kann doch in der Fähr keine Fallen stellen. Ob er eine Ratten hat derwischen wollen?« »Ja, und was für eine!« lachte der Knecht. »Jetzt lachst also richtig!« zürnte der Fingerlfranz. »Nun ja freilich! Nimms mir nicht übel, Franz, aber wens nicht troffen hat, dem kommts doch so gar lächerlich vor, wannst so da stehst und ziehest den Frack hinein, als ob man die Schößen unversehens davon wegschnitten hätt. Und ein Gesicht thust schneiden, als obst Leberthran mit Essig trunken hättst.« »Hol Euch all zusammen der Teuxel!« »Lieber Die, dies gewest sind!« »Ja! Wann ichs herausbekommen thu, dann können sich Diejenigen gefaßt machen.« »Was hast nur eigentlich bei der Fähr gewollt?« »Der Müllern schickt mich mit einem Befehl zum Fex. Ich trat an den Kahn und blickt hinein. Dabei legt ich mich mit den Händen aufs Bret, und da ist das Eisen zusammenklappt. Darauf hab ich allsogleich um Hilf geruft; aberst anstatt mir Rettung zu bringen, hat man mir beide Beinen zusammenbunden und dann zugehaut.« »Verteuxeli! Aberst wacker gearbeitet müssen die Kerls haben. Es sind wohl an die acht Stöcken gewest, welche zerbrochen da lagen. Da ists kein Wundern und Mirakel, daß Deine Haut vor Verstaunen so zerplatzt ist. Mach jetzt, daßt weiter kommst, sonst sind wir übermorgen noch nicht wieder in der Mühlen!« »Uh! Puh! Es graut mir!« »So wart lieber. Ich will den Schubkarren holen; da legen wir Dich drauf, mit dem Bauch nach unten; da thut nachhero Das, was nach oben blickt, nicht gar so sehr weh.« »Fallt mir nimmer ein! Vom Schubkarren mag ich nun erst recht gar nix wissen. Lieber lauf ich!« Er setzte sich wieder in Bewegung. Langsam und mit vieler Unterbrechung gelangten sie endlich nach der Mühle. Der Weg war gewürzt von Bemerkungen, welche der Franz gewiß mit Ohrfeigen beantwortet hätte, wenn sein Zustand ein weniger leidender gewesen wäre. Der Fex und die Paula hatten diese Unterhaltung mit angehört. Sie sagte leise: »Habt Ihr denn gar so sehr zugehaut?« »So, wie ers verdient hat!« »War er gar so schlimm?« »Ja. Ich erzähls Dir schon einmal später. Wanns auf ihn ankommen wär, so lebt ich jetzunder nicht wehr, sondern ich wär eine Leiche.« »Meinsts im Ernst?« »Ja.« »Herrjemineh! Ich wollt ihn schon bereits bedauern; nun aberst sag ich freilich, daß ihm ganz recht geschehen ist. Er ist ein gar schlimmer und auch gefährlicher Mensch.« »Das ist er.« »Du, und nicht mehr leben! Mein Gott, was hätt ich da gemacht!« »Du? Nun, sag mal, wast da macht hättst.« »Geweint!« »Nur?« »Nur? Ist das nimmer genug, wann man sich zu Tode weint, Fex?« »Ja, dann ists freilich genug. Aber das hättst wohl doch nicht than, Paula!« »Warum nicht?« »Das hätt zu lang dauert. Zum Todtweinen gehören wohl vielleicht gar viele Jahre.« »Das kann sein; ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich nimmer wieder fröhlich gewesen wär.« »Ist's wahr?« »Das kannst glauben! Und warum nicht? Schau Dich doch mal um. Hab ich einen Menschen, der so zu mir ist wie Du? Sag mir einen, Fex!« »Ja, ich weiß halt auch keinen.« »So schau, daß ich gar Recht hab. Weißt, ich hab nur den Vatern, keine Muttern und keinen Brudern oder eine Schwestern. Ich bin so ganz allein, und der Vatern – –« Sie stockte. »Den hast nimmer lieb.« »Nein, ich hab ihn nimmer lieb. Es ist eine Sünd, wann ichs sag; aber es ist so, und ich kann nicht dafür. Ich fürcht mich vor ihm. Es ist mir oft, als ob ich gar nicht glauben sollt, daß er mein Vatern ist. Also, ich hab nur Dich, Dich allein gehabt, so lang als ich leb. Wir haben mitsammen spielt und sind mitnander aufiwachsen. Damals warst Du noch nicht Fährmann und hattst Deine Freizeit, in der wir im Wald und auf den Feldern herumstrichen sind. Das war so gar besonders schön.« »Besonders wann wir Mann und Frau spielt haben!« »Ja, da hast Deiner Frau stets so gut gefolgt.« »Freilich! Gehorsam bin ich Dir stets gewest.« »Das hat mir gar sehr gefallen. Und dann hier oben auf dem Felsen, wo kein Anderer heraufkommen that, da haben wir graben und pflanzt in die Millionen hinein! Und was für Blumen!« »Ja,« lachte er. »Gras und Hahnenfuß und Butterblumen und Löwenzahn. Du hast die Blumen abrupft von der Wiesen, ohne die Wurzeln daran, und sie hier in die Erden steckt. Und wanns nachhero verwelkt waren, da hast bitterlich weint und nicht begreifen konnt, daß sie nicht fortwachsen sind.« »Freilich, freilich! Ich hab mir die Papierduten aus der Küchen holt und darinnen das Wassern aus dem Fluß heraufitragen. Und wanns unten voll wesen sind und ich bin heraufikommen, so sinds allemal leer gewest und gar noch dazu aufileimt. Das war ein Nöthen und Aengsten!« »Und weils mit denen Papierduten nicht gangen ist, so hast nachhero Deinen Vatern seine Filzschuhen wegstiebitzt und in ihnen das Wassern geholt. Das ist schon bereits besser gangen, bis der Müllern es merkt hat. Da haben wir alle Beid ganz gehörige Schwippse bekommen.« »Du aberst die meisten, weilst Deinen Buckel hinhalten hast, wann der Vatern nach mir zielt hat.« »O, das hab ich gar nicht fühlt.« »Du hasts überhaupten gar nimmer fühlt, wannst für mich hast leiden und hungern müssen. Und das ists, was ich Dir gar niemals vergessen werd. Ach ja, das war so schön damals! Nicht?« »So gar schön!« nickte er. »Aber jetzt, weil der Vatern immer bösern worden ist, und auch besonders weil – weil – weil – – –« »Nun, weil? Was meinst?« »Den Fingerlfranzen.« »Weil der vorhin Prügel bekommen hat?« »O nein! Die sind ihm gern gegönnt. Sondern weil der Vatern mich mit Gewalt zu ihm zwingen will.« »Und Du magst doch nicht?« »Nein.« »Wirst aber doch noch nachgeben.« »Niemals! Nie!« »Ists wahr?« »Hab ich Dir schon mal eine Lügen gesagt?« »Noch keine einzige.« »Also schau, grad so ists auch jetzund keine Lügen, wann ich Dir sag, daß ich in dieser Sachen dem Vatern nimmer gehorchen werd. Willsts glauben?« »Wannsts sagst, so glaub ichs unbedingt.« »Aber schlimm wirds mir noch ergehen.« »Nein.« »Woher weißt das?« »Ich hab meinen Grund.« »Wohl wegen Dem, wast dem Vatern sagt hast, als der Richardl Wagnern bei ihm gewest war.« »Ja.« »Was war das?« »Das sag ich Dir schon noch, wann die Zeit dazu kommen ist. Auch brauchst jetzt vorerst keine Angst zu haben. So, wies jetzt mit dem Franz ausschaut, kann er keine Verlobung halten. Er kann nicht laufen, nicht stehn, nicht sitzen und nicht liegen. Das würde wohl ein schöner Bräutigam sein.« »Ich glaub. Du hast ihn auch wegen der Verlobung, die morgen sein sollt, mit so verhaun!« »Vielleicht.« »Ja, so bist halt immer mein Beschützern gewest. Wie aberst wirds dann werden, wannst ganz fortgangen bist von hier und von mir!« »Das ist falsch. Ganz geh ich gar nicht fort.« »Ich denk, der König hats gewollt!« »Freilich.« »So gehst also nicht mit ihm?« »Ich geh schon, aber ganz nicht.« »Das begreif ich nicht.« »Schau, ich meins halt so: Der Körpern geht fort, aber der Gedank bleibt da.« »Ach so ists gemeint!« »Ja. Oder soll ich nicht an Dich denken?« »Sogar oft und immer!« »Und Du? Denkst auch Du an mich?« »Das kannst auch noch fragen? In der Früh, wann ich aufsteh, werd ich gleich an meinen Fex denken und so immerfort am ganzen Tag, bis ich einschlaf am Abend.« »So wirds auch bei mir sein, und ich glaub sogar, daß ich von der Paula träumen werd.« »Geh!« »Warum nicht? Ists verboten, Paula?« »Nein doch!« »Nun, schau da mal den lieben Mond am! Wann er über mir steht, so werd ich ihm meine Grüßen an Dich sagen und er wird sie Dir bringen. Wannst also ihn schaust, so denk stets daran, daß der Fex an Dich dacht hat.« »Wie schön! Und ich werd da auch an Dich denken und Dir meine Grüßen senden.« »Grad so, wies im Lied steht: Wenn Du im Traum wirst fragen: Wer klopft ans Fensterlein? So wird der Mond Dir sagen: Ich bins, o laß mich ein!« »Das Gedicht ist gar schön. Gehts auch weitern?« »Freilich.« »Wie denn?« »So: Nämlich der Mond kommt nun durch das Fensterlein und sagt ganz leise: Der Liebsten ist nach Dir so bang; Ich bring Dir Gruß und Kuß und Sang – – –« »Sei still!« »Aber es geht noch weiter!« »Ich mags nicht hören!« »Aber soeben hast noch sagt, daß das Gedicht so schön sei!« »Erst wars schön, zuletzt aberst nicht mehr.« »Ach so, das gefallt Dir nicht! Nun, da muß ich freilich schweigen. Wer weißt, wann ich fort bin und Du brauchst einmal eine Hilf oder einen Rath, so sags dem Wurzelsepp.« »Meinst, daß ich mich an ihn wenden soll?« »Ja, er ist doch zuweilen hier, und ich werd ihn bitten, recht öfters herzugehen.« »Das soll mich gefreun, denn weißt, ich hab ihn auch recht lieb. Er ist nicht reich und nicht fein, aber herzensgut.« »Das ist er; drauf kannst Dich verlassen. Der Sepp ist ohne Tadel; an dem ist kein Flecken und kein Fehlern; der ist ein Kerl wie Gold so rein. Wann ich an ihn denk und von ihm sprech, so geht mir allemal das Herz auf. Und darum bitt ich Dich, Dich an ihn zu wenden, wannt einen Freund brauchst und ich Dir nicht helfen kann. Aberst wann ichs selber kann, so werd ich Dir selber helfen.« »Aber Du bist nicht da.« »Leider mit den Gedanken nur, und mit ihnen kann ich Dir nix nützen. Aber Du könntst mirs doch sagen, wannt irgend eine Noth oder einen Wunsch hast.« »Durch den Sepp.« »Ja, oder durch einen Brief.« »So meinst gar, daß ich Dir schreiben soll?« »Ja, Du mir und ich Dir.« »Wanns der Vatern erfährt!« »Der brauchts gar nimmer zu wissen.« »Ist das nicht ein Unrecht, Fex?« »Gott soll mich behüten, von Dir ein Unrecht zu verlangen! Wann Dein Vatern anders wär, so braucht ich Dich gar nicht zu bitten, mir zu schreiben. Aberst weil er ein Tyrann ist und unverständig, so muß ich ein klein Wenig Dein Vatern sein, und da darfst schon an mich schreiben.« »Du, das klingt so – so – so majestätisch!« »Meinst?« »Ja. Willst nicht noch was Andres sein?« »Was denn?« »Der Brudern?« »Ja, der will ich schon sehr gern sein. So bist also nun von jetzund an meine Schwestern!« »Ja.« »Meine liebe, gute Schwestern!« »Und Du mein guter, lieber Brudern!« »So gieb mir die Hand darauf, Paula!« »Hier hast sie!« Sie reichten sich die Hände. »Hast nicht gehört, daß Geschwister sich lieb haben müssen?« »O, das weiß ich schon bereits, so lang ich leb.« »Also müssen auch wir uns lieb haben?« »Das versteht sich wohl ganz von selbst.« »So! Aber man sieht gar nix davon!« »Meinst? Wieso denn?« »Wir sitzen so beinander, als ob wir ganz fremd wären. Sagst das nicht auch, Paula?« »Nein, das sag ich nicht. So schön traulich zusammen, wie wir Beid jetzt, sitzen nur Geschwister.« »Hm!« »Bist nicht auch derselbigen Meinung?« »Nein.« »Wie solls denn sein?« »Noch anders und besser. Weißt, der Brudern soll der Beschützern sein von dera Schwestern. Er muß sie stützen. Darum darf er den Arm um sie legen.« »Ach so!« »Oder hast nicht dieselbige Meinung?« »Ich darf doch dem Brudern nicht Unrecht geben!« »Nein. Also muß ich den Arm um Dich legen. So! Darf ich auch, Paula?« Er schob den Arm hinter ihrem Rücken hin und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ja,« antwortete sie leise. »Und die Schwestern muß dem Brudern vertrauen und sich auf ihn verlassen. Darum darfst Dein liebes Kopfle so ein Wengerl an meine Achsel lehnen. Oder magst lieber nicht?« »Meinst, daß es sein muß?« »Muß? Nein! Wer schön wärs doch sehr.« »Dann will ichs thun, wanns so sehr schön ist.« »Ja, es ist so herrlich, so – – weißt, man kann das gar nicht sagen, wie schön es ist. Nicht?« Sie nickte stumm. Er zog sie leise, leise näher an sich. Und sie folgte dem lieben, innigen, reinen Druck seiner Hand, so daß ihr Haar nun seine Wange berührte. Es war wie ein süßer, seiner Rausch, der über ihn kam. Er konnte nicht anders. Er drückte seine Lippen auf ihr Haar. »Was machst!« sagte sie. Wenn es Tag gewesen wäre, hätte er sehen können, wie tief sie erröthete. »Bist mir bös?« fragte er mit leise zitternder Stimme. »Nein. Bist ja mein Bruderle!« »Ja, und das Bruderle darf die Schwester küssen!« »Ja, aber nur aufs Haar.« »Du, das glaub ich nicht. Ich hab schon sehen, daß Geschwistern sich ganz richtig aufn Mund küßt haben.« »Das hab ich noch nicht sehen; auf den Mund nicht.« »Wohin denn?« »Auf die Stirn oder die Wange.« »Das muß auch schon wieder herrlich sein!« »Das weiß ich nicht.« »Soll ichs Dir zeigen?« »Schon, ich soll bei Dir doch gleich Alles lernen!« »Weil ich nicht mehr da bleiben darf. Da muß ich es halt sehr eilig haben. Giebst mir Recht, Paula?« »Der Herr Brudern darf doch nicht Unrecht haben.« »Wie schön! Aberst nun mußt Dein liebes Köpferl ein klein Wenig emporhalten!« »Wozu?« »Daß ich auch wirklich zur Stirn kommen kann.« »Muß das denn so gar bequem sein?« »Versteht sich! Komm mal her! Da thus noch ein Wengerl höher! So, jetzt mags gehen. Und nun paß auf!« Er küßte sie leise und innig auf die Stirn. Ein längeres Schweigen trat ein. Dann fragte er: »Nun, hast mirs wohl übel nommen?« »Nein; so ungut bin ich nicht, lieber Fex. Auf die Stirn darf doch der Brüdern küssen.« »Und auf die Wange!« »Woher weißt auch das so plötzlich?« »Hast mirs ja vorhin selbst sagt!« »Ich? Nun schau, wiet gleich Alles vom Mund wegfangst! Du bist mir auch Einer! Bei Dir muß man sich in Acht nehmen, das seh ich schon.« »Ja, wann ich so was derfahr, so will ichs gern auch gleich studiren. Thu also doch das Köpfle noch mal so empor, wie vorher!« »Was man bei so einem Brudern Alles machen muß! Kannst doch nun bald zufrieden sein!« »Bald, ja, aberst ganz nicht. Das Busserl auf die Wange, das muß ich noch haben!« »Kannsts mir nicht erlassen?« »O nein! Die Wange, die muß ich noch haben!« »Welche? Rechts oder links?« »Hast denn zwei?« »Was? Meinst etwan, ich hab nur eine halbe!« »So muß ich mich auf alle Fäll zu Zweien zwingen.« »Was so ein Schlaukerl sich einibildet!« »Das ist grad gar keine Einbildung! Jetzt wird gar nimmer lang gefragt. Jetzt giebst das Gesichterl her! Ein Busserl hieben und eins drüben und das kleine Naserl dazwischen drinnen; das muß sich gar gut und besonderbar ausnehmen!« »Aberst wann ich nun nicht will!« »So bin ich der Bruder, und es wird gar nimmer lang gefackelt. Schau, so wirds gleich gemacht!« Er hielt ihr Köpfchen mit beiden Händen fest, bog ihr Gesicht nach oben und küßte sie, wie er gesagt hatte, auf beide Wangen. Dann nahm er die Hände wieder fort. »Was bist doch für ein sturmwindiger Fex!« klagte sie in komischem Zorn. »Ja, wannst mich etwan gar noch wilder machst, so kanns gleich noch mal wiedern beginnen!« »Du und wild!« lachte sie. »Gar gegen die Paula!« »Das glaubst wohl nicht?« »Nein.« »So seh ich, wie ich Dich gar sehr verzogen hab!« »Bist halt selbern schuld daran!« »Ja, aber ich werds nun anderst machen!« »Wannt fort bist von hier?« »Leider ja! Da ists nun wohl zu spät?« »Ich hab mirs wenigstens denkt.« »So ist Hopfen und Malzen verloren!« »An Dir?« »Ja freilich an mir.« »Ich dacht, Du hättst mich gemeint.« »O nein, denn wann ich Dich verzogen hab, so bin doch ichs gewest, der denjenigen Fehlern gemacht hat.« »Schaust Du wohl! Das ist eine gar edle Selbsterkenntnissen von Dir! Das kann mich gefreun!« »Ja, an mir kann Dich grad Alles gefreun.« »Nur das nicht, daßt noch nie sehen hast, daß Geschwistern sich auch einen richtigen Kuß geben.« »So! Ists das? Aber da muß ich mich schon mal verteidigen. Ich hab das auch schon gesehen.« »Ah, siehst! Und vorhin hasts geleugnet!« »Mußt ich nicht?« »Warum? Wer hat Dich dazu zwungen?« »Du selber.« »In wiefern da wohl?« »Eben weilst so Einer bist, der auch gleich Alles haben will. Verstanden, Bruderle?« »Das versteh ich gar wohl. Also haben soll ichs nicht?« »Nein.« »Warum nicht?« »Weils nicht nöthig ist, und weil der Brudern dera Schwestern nur bei einer ganz gewissen Gelegenheiten einen richtigen Kuß geben darf.« »So! Welches ist denn diese Gelegenheiten?« »Wann sie sich für lange Zeiten trennen oder sich nach so langer Trennung wiedersehen.« »Hasts nicht gehört, daß ich heut fortgehen werd?« »Das ist noch nicht bestimmt!« »Nun, dann morgen!« »Oder gar übermorgen!« »Das ändert gar nix an dera Sachen. Wer weiß, ob wir uns vor meinem Weggehen noch mal so sehen wie jetzund. Also müssen wir jetzt den richtigen Abschied nehmen. Meinst nicht?« »Nein.« »So soll ich nachhero gehen ohne Abschied?« »O nein.« »Aberst ohne Kuß?« Sie schwieg. »Paula!« Da schmiegte sie das liebe Köpfchen fester an seine Achsel, ergriff seine Hand und sagte: »Fex, sei gut! Es muß ja nicht sein, und ich kanns auch nicht gern. Erlaß mir das!« Er strich ihr mit der Hand über den Kopf und antwortete in überquellender Seligkeit: »Was bist doch für ein herrlich Dirndl! Ja, so muß es sein! Man darf nix fordern und auch nix geben, was nicht gern und ganz von selbst geben wird. Bleib immer so, wiet jetzund bist, so wirst einst Den sehr glücklich machen, den – den – den – – –« Er hielt inne. Es fiel ihm schwer, das richtige, zarte Wort zu finden. Sie aber blickte fragend zu ihm auf, und so fuhr er fort: »Mit Dem Du gern Verlobung machst und nicht so ungern wie mit dem Fingerlfranz.« Es wahr ihm, als ob ihre Finger sich fester um seine Hand legten, unwillkürlich; darum fragte er: »Giebts da Einen?« »Vielleicht später.« »Jetzt noch nicht?« »Daran darf man noch nicht denken.« »Warum?« »Weil – weil – wast auch heut Alles fragst!« »Weil ich fort muß von Dir und gern einmal recht tief in Dein Herzle blicken möcht.« »O, das ist so klein und gar nix werth. Du aber, o mit Dir ists was ganz Anderes!« »Wie meinst das nun?« »Du wirst ein großer und berühmter Mann sein, ein Mann, nach dem sich alle Händ ausstrecken.« »Da kannst Dich sehr irren!« »O nein! Ich bin nur ein arm und dummes Dirndl, aberst kennen thu ich Dich doch. Du bist noch so jung und hast schon so eine Furoren macht und gar unsern guten König für Dich gewonnen. Der, wann er die Hand für Einen aufithut, der weiß ganz gewiß, daß derselbige es auch werth ist und daß er eine Carrièren macht. So wirst auch Du emporsteigen und ich muß unten bleiben.« Sie sagte das in einem traurigen, beinahe entsagenden Tone. Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin; dann sagte er: »Ich will aufrichtig sein mit Dir, Paula. Ja, der liebe Herrgott hat mir ein groß Talent verliehen. Was Andre lernen nach schwerer Müh, das ist mir wie im Spiel zu Eigen worden. Freilich hab ich auch gekämpft und gesorgt und geübt und gearbeitet im Stillen, aber für meine Kraft ist das ein Leichtes gewest. Ich fuhls und ich bin überzeugt, daß ich emporsteigen werd. Aberst wannst meinst, daßt da unten bleiben wirst, so irrst Dich gewaltig.« »O nein!« »O ja und gewiß! Da bist bei mir gewest in meiner Armuth und Niedrigkeit. Du hast mich nicht verachtet, sondern mir geglänzt wie die liebe Sonn dem armen Wurm im Staub. Wann ich hab sterben mögen, so bist Du mein Leben gewesen, und wann ich am Verzweifeln war, so fand ich bei Dir den Glauben, das Vertrauen und die Zuversicht. Und jetzt meinst, daß ich meinen Weg allein machen werd? Der liebe Gott im Himmel weiß es, daß ich lieber der arme Fexen bleib, als daß ich ein großer Künstler werden und auf Dich verzichten sollt. Steig ich empor, so sollst auch mit empor, wann nicht, gut, so bleib auch ich da unten. Ich mag kein andres Glück, als bei Dir zu sein, und keinen andern Ruhm, als den, daß die Paula stolz sein kann auf den verachteten Fex!« Er schwieg, sie auch; aber ihr Athem war hörbar; er fühlte denselben auf seinen Wangen. »Paula, willst mir das glauben?« fragte er dann. »Das wäre ja zu viel für mich!« hauchte sie. »Nein, nicht zu viel! Nichts bekommst von mir, und gar nichts wirst mir zu verdanken haben. Nein, Alles was ich haben werde und sein werde, das werde ich haben und sein durch Dich. Du bist meine Seele gewesen allezeit und wirst auch meine Seele sein und bleiben für das ganze Leben. Ohne Seele ist der Mensch ein Nichts, und so würde auch ich nichts sein und nichts werden und nichts schaffen können ohne Dich. Ja, ich bin noch jung und ich habe meine Zukunft noch zu gestalten. Für diese Gestalt laß mich sorgen; der Inhalt aber bist nur Du allein!« So sprach der junge Mensch, der barfuß und in beinahe unzureichendem Gewande neben der reichen Müllerstochter saß. Er sprach in ganz anderer Weise, in ganz anderen Ausdrücken, als sonst. Er schien dem still liebenden Mädchen ein ganz Anderer, bereits ein viel Höherer zu sein. »Fex!« Das war ihre einzige Antwort. Da machte er eine rasche Bewegung, als ob er Alles von sich abschütteln wollte und sagte in wieder munterem Tone: »Jetzt weißt, was ich denk und fühl, Paula. Und nun wirst mir wohl recht sehr zürnen?« »Fex! Wie könnt ich das! Dir zürnen!« »Nicht?« »Niemals! Im ganzen Leben nicht!« »So sag: Willst auch fernerhin meine Seele bleiben, wie Du sie bisher gewesen bist?« »Das – das – das liegt noch zu fern.« »Gut! Aber mein Schwesterle bist doch?« »So gern!« »Dann bitt! Giebst mir nochmals Deine Stirn und auch die Wangen, Paula?« »Fex, warum willsts abermals!« »Aus Liebe nur; willsts mir versagen?« Sie antwortete nicht, aber sie senkte den Kopf tiefer herab. Er zog sie mit der Rechten, mit welcher er sie umschlungen hielt, fester an sich und hob ihr mit der Linken das Köpfchen empor. Sie sträubte sich. Da hielt er mit der Rechten ihren Kopf fest und griff mit der Linken nach ihren Händen. Sie trachtete, sie ihm zu entziehen. In diesem kleinen, zärtlichen Kampfe kam seine linke Hand auf ihre Brust zu liegen. Sofort ließ sie ihre Arme sinken, und in ihre ganze Gestalt kam es wie eine plötzliche Starrheit. Er fühlte es. »Paula, Paula, was hast?« fragte er. »Thu die Hand weg, Fex!« Er nahm die Rechte, in welcher noch ihr Köpfchen lag, zurück. Sie aber bat angstvoll: »Nicht die, sondern die andere! Schnell, schnell!« Erst jetzt bemerkte er, welch reizenden Ort sich diese Hand zur Ruhe gesucht hatte. Er selbst erschrak über sich. Er fühlte ganz deutlich, daß eine tiefe, tiefe Gluth sich über sein Gesicht verbreitete. Es war ihm, als habe er ein hohes Heiligthum entweiht. Er sprang schnell auf und trat einige Schritte fort. Es war spät geworden; der Tag begann bereits zu grauen. Konnte er diesem Tag ohne Vorwurf in das junge Angesicht blicken? So fragte sich der Fex. Dann drehte er sich um. Paula war sitzen geblieben, die Hände vor das Gesicht gelegt. Das zog ihn zurück zu ihr, hin zu ihren Füßen. Er knieete nieder, faltete die Hände und bat: »Paula sei nicht zornig!« Sie antwortete nicht. »Jag mich fort! Aber sag mir vorher, daß Du mir verziehen hast!« Auch jetzt blieb sie stumm. »Willst nicht mal mehr ein Wort mit mir reden? Ich habs ja nicht gewollt, Paula! Ich habs ja nicht einmal gewußt. Bitte, bitte. Du sollst auch gar nichts sagen, aber schau mich nur mal an!« Er griff nach ihren Händen und zog sie ihr vom Gesicht weg, erst die eine und dann die andere, leise und langsam, ohne Gewalt anzuwenden. Ihr Gesicht war bleich und ihr Auge ruhte mit einem ganz räthselhaften Blick auf ihm. »Paula, Paula! Mir wird angst um Dich!« rief er fast zu laut aus. »Fex – –« »Gott sei Dank! Sie redet!« »O Fex! Was hast than!« »Kannsts nimmer verzeihen?« »Verzeihen? Nein, nie!« »Mein Himmel! Und ich hab doch gar nicht wußt, wo die Hand war und daß ich so ein Sünden begeh!« »O nein! Ein Sünden ists nicht, von Dir nicht, von Dir allein nicht! Ach, Fex, wie war mir das nur! Ich kanns gar nicht beschreiben!« »Sprich nicht davon!« »Und doch muß ichs Dir sagen, daß ichs Dir grad darum nicht verzeihen kann, weils eben gar keine Sünden war. Fex, Du kannsts nicht ahnen, und auch ich habs nicht ahnt, wie es ist, wann zum ersten Male die Hand, die man liebt, auf das Herz zu liegen kommt. Das ist wie ein Zauber. Man ist fast todt; aberst hernach da kommt ein Leben, ein Leben so – – o Fex, Fex, lieber Fex!« Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und zog ihn innig an sich, so daß seine Stirn grad da zu liegen kam, wo vorhin zu ihrem großen Schreck seine Hand gelegen hatte. »Paula!« sagte er in dem Bestreben, seinen Kopf von diesem süßen Orte zu entfernen. »Fex, lieber Fex, laß mich! Ich zürne Dir ja gar nicht, ganz und gar nicht mehr!« »Nicht?« fragte er in glücklichem Erstaunen. »Nein. Da schau!« Sie küßte ihn auf die Stirn und die Wangen. »Glaubsts nun?« fragte sie. »Paula! Paula! Was war das! Ists wahr? Ists möglich? Bin ich wirklich bei Dir und Du bist bei mir?« »Ja, da fühl es doch!« Sie küßte ihn sogar auf den Mund, einmal, zwei- und dreimal. Da stieß er einen überlauten Jubelruf aus, schlang, noch immer vor ihr knieend, die Arme um ihren Leib, preßte den Kopf an ihr Herz und – schluchzte vor Glück. Und sie bog sich nieder, legte ihre Wange an die seinige und weinte mit – vor Glück, wie er. So hielten sie sich umschlungen lange, lange Zeit. Im Osten ward es heller. Man konnte bereits weit sehen. Die Thür der Mühle öffnete sich und der Fingerlfranz trat aus derselben. Er hatte sich verbinden lassen und ging nun in einer geborgten Hose mit kleinen, kleinen Schritten nach Hause. Hätte er sehen können, wie innig vereint diese beiden unverdorbenen und glücklichen Menschenkinder an einander ruhten. »Lieber Fex!« »Meine Paula!« »Ich muß fort. Schau, es ist bereits Tag.« Das hatte er gar noch nicht bemerkt. Er sprang schnell empor und blickte um sich. »Wahrhaftig! Der Morgen ist da! Und nun sollen wir scheiden – auf so lange Zeit!« »Nein, noch nicht. Noch bist nicht fort und mußt erst noch mit dem König sprechen. Ich werd den ganzen Tag am Fenstern sitzen und nach hier herüberblicken. Wann ich Dich da seh, so komm ich schnell herbei. Leb wohl, mein lieber, lieber Fex!« Dabei legte sie ihre Hände an seine Wangen, blickte ihm warm und innig in die Augen, schüttelte seinen Kopf zärtlich und scherzend einige Male hin und her und sprang davon, den Felsen hinab. Er sah ihr nach. »Ists wahr!« seufzte er tief auf. »O Paula, Paula, Paula! Und der Sepp, der Sepp, der solls sogleich erfahren. Ich muß zu ihm hinab!« Er eilte fort. Kaum war er verschwunden, so raschelte es in den Büschen und der Sepp kroch hervor. »Und der Sepp, der Sepp, der solls sogleich erfahren. Ich muß zu ihm hinab!« kicherte er. »Na, der weiß es bereits schon seit langer Zeit. Der hat hier gesteckt und sich eine Güten than an denen Zweien, die sich da ihre Liebesverklärungen macht haben, wie zwei Kindern, von denen keins so recht eigentlich wissen thut, was ein Mannsen und ein Weibsen ist. Herrgottsacra, wie machens da Andre dagegen! Die nehmen sich halt beim Kopf und beißen sich ab, daß mans in alle Winden schallen und klatschen hört. Die drucken sich fast die Seel aus dem Leib heraus und hangen mit denen Mäulern zusammen, als obs russischen Tischlerleimen gefressen hätten. Und dagegen diese Beiden da, die sind mitnander gewest wie die unschuldigen Englein in denen Wolken da droben und haben gemeint, daß es eine Todsünden sei, wanns sich mal an einander drucken und quetschen. Aberst so muß es sein. Zwei unverdorbene Menschenkindern sinds, fromm und gut und ohne Falschheiten, so daß man seine Freuden haben kann. Und wanns der liebe Herrgott sehen und hört hat, so hat er sicherlich denkt, daß er sie mal recht glücklich mit nander machen will. Verdienen thun sie es alle Beiden. Das ist gewiß. Aberst so einen kleinen Rüffeln muß ich dem Fex dennerst geben. Mit einem hübschen Dirndl thut man halt nicht so, als ob man wie ein kleines Büberl in der Wiegen liegt und hat dera Milchflaschen im Maul. Da muß man ein Wengerl Geschick dran machen; das wollen die Dirndln ja selberst so haben. Einen Schmachtlappen, der sie kaum anzuschauen traut und sie halt nur so von Weitem mit denen Fingerlspitzen antippst und antappst, der kann ihnen gestohlen werden. Das ist gewiß.« Er stieg den Felsen hinab, um in das Innere zum Fex zu gehen. Als er den geheimen Eingang erreichte, kam der Genannte soeben aus demselben empor gestiegen. »Da bist ja, hier heraußen!« sagte er. »Ich hab denkt, Du bist unten in meiner Capellen. Wo hast denn eigentlich steckt?« »Wo ich steckt hab, das errathest wohl nicht.« »Wills glauben, weil ich halt nicht allwissend bin. Also sags lieber gleich!« »Hm! Weißt, ich hab den Spionen gemacht.« »Du? Willst ein Spionen gewest sein? Bei wem?« »Bei zwei Leutln, die nur Augen für sich ganz allein gehabt haben, sonst hättens mich partoutemang merken müssen.« »Ja, Du bist halt ein gar Gescheidter und Kluger. Wirst wieder mal Jemand belauscht haben.« »Freilich wohl. Da hab ich ganz krumm auf der Erden gelegen; so daß ich fast mein Kreuz nicht mehr fühlen kann und mich so verkältet hab, daß ich wohl einen Schnupfen und Rheumatismus bekommen werd, der sich gewaschen hat.« »Ist Dir auch schon recht, alte Neugierde. Hast jedenfalls den Müllern wieder belauscht. Und derweilen hab ich einen – o Sepp, o Sepp, wann Du's wüßtest!« »Was?« »Was unterdessen geschehen ist!« »So! Das muß ja was ganz Außerordentliches gewest sein.« »Warum?« »Weilst ein Gesicht machst, ein Gesicht, als hättest einen ganzen Bottich voll Schlampinscher austrunken oder einen Sack voll Giftpilzen aufifressen.« »Ists gar so schlimm, das Gesicht?« »Ja, so eine Visagen hab ich halt noch gar niemals bei Dir gesehen. Entweder bist besoffen oder – verliebt.« »Hast Recht, aber betrunken, das ists nicht.« »Also verliebt?« »Ja, und wie!« »Alle tausend Teufeln! Bist etwan verruckt?« »Nein.« »Aber wer verliebt ist, der ist ja verruckt.« »Kannst Recht haben, wenn auch nicht ganz, aber doch halb, denn es ist mir so ein Bisle innerlich, als ob ich nicht so mehr beschaffen sei, wie gewöhnlich.« »Da hat man es! Hurrjesses! Der Fex und verliebt! Es giebt jetzt gar keinen Verlaß mehr, selbst auf den besten Freund nicht! Wer hat Dir denn den Kopf verdreht? Etwan die Käth, die Großmagd in der Mühlen?« »Die? Nein, so sehr verruckt bin ich glücklicher Weisen doch noch nicht.« »Oder die alte Leichenfrau und Heimbürgin, drinnen in dera Stadt?« »Auch die nicht. Traust mir halt keinen bessern Geschmack zu, Sepp?« »Nein. Ein Verliebter hat überhaupt gar keinen Geschmack mehr. Er hat sich die ganze Zungen mitsammt dem Maul verdorben, und darum schmeckt ihm Alles süß, was bitter, sauer, scharf und salzig ist. Ja, wanns noch ein hübsches Dirndl war, wie etwan die Paula; da wollt ich mirs gleich schon eher gefallen lassen. Aberst so hoch darfst die Nasen schon nicht erheben.« »Meinst?« lachte der Fex. »Ja.« »Du, da bist schief gewickelt, wie eine Cigarren, bei der das Deckblatt nicht über nander paßt.« »Oho!« »Freilich. Wannt meinst, daß die Paula mich nicht wollt, so kannst mich sehr dauern, alter Knaster!« Der Sepp betrachtete ihn mit listigem Blicke von der Seite her und sagte: »Weißt, da wird es Dir wohl gehen wie dem Fuchs in der Fabel: Diese Trauben ist Dir zu sauer.« »Gar nicht. Es giebt keine süßere Trauben, als grad die Paula. Das kannst mir wohl glauben.« »Na, hast sie etwan gekostet?« »Ja.« »Was! Richtig kostet? Mit dem Maule?« »Ja.« »Wirklich angebissen?« »Wirklich!« »Und wohl auch gar hinuntergeschluckt?« »Nein, so weit bin ich doch noch nicht kommen.« »Gott sei Dank! Die Paula sollt mir leid thun, wannst sie verschlungen hättst, denn so ein Dirndl giebts alleweil sogleich nimmer wieder.« »Da hast grad den Daumen auf der richtigen Flöten und Clarinetten. So Eine giebts überhaupt nicht mehr.« »Bist ja ganz begeistert.« »Ja. Muß ich nicht begeistert sein, wanns mir gut ist und meine Frau werden will?« Der Sepp fuhr in scherzhaftem Erschrecken zurück. »Die?« fragte er. »Die soll Dir gut sein?« »Hasts nicht gehört?« »Und Deine Frauen solls werden? Mohrenelement, da thät ich an Deiner Stell auch gleich mitmachen!« »Nicht wahr? Aber hab nur keine Sorg und Bangigkeit; ich tret sie Dir schon nimmer ab.« »Weilst sie überhaupt noch gar nicht hast, kannst sie also auch gar nicht abtreten.« »Oho! Ich hab sie wohl!« »Das machst Niemand weiß!« »Wannsts nicht glaubst, so geh hin zu ihr und frag sie halt selber darnach!« »Himmelsakra! Dazu machst ein so ernsthafts Gesicht, als obs wirklich die Wahrheiten wär?« »Es ist ja wahr!« »Du, Fex, Alles glaub ich Dir, aber nur dieses nicht. Ich kann mir den Fex, gar nicht vorstellen, als den Liebhaber von einem hübschen Dirndl.« »Warum nicht?« »Weil ich denk, Du hast kein Geschick dazu.« Der Jüngling erröthete wie ein Mädchen und antwortete: »Was für ein groß Geschicken sollt dazu gehören?« »O, es ist alleweil nicht leicht, ein Dirndl so anzufassen, wie sichs gehört. Hast etwan mit ihr beisammen gesessen?« »Ja.« »Wo?« »Da oben auf dera Rasenbank.« »Sapristi! Das ist freilich ein sehr hübsch Plätzchen dazu. Und da hast ihr sagt, daßt ihr gut bist?« »Freilich.« »Und sie hat Dir wieder sagt, daß sie Dich leiden mag?« »Jawohl!« »Und da hast sie in die Arme genommen?« »Das versteht sich.« »Und sie gedruckt, gequetscht und gekneipt nach Herzenslust?« »Gar so sehr freilich nicht.« »Und ihr ein Kußpusserl ums andre gegeben, daß es gekracht hat, wie eine ganze Kanonenbatterie?« »So laut nicht ganz.« »Ja, das hab ich mir denkt, daßt kein Geschick dazu hast. Weißt, wann man die Liebesverklärung macht, so muß man dabei das Dirndl quetschen, daß es laut aufischreit.« »Etwan gar um Hilfe?« »Da brauchst keine Angst zu haben. So eine Hexen kannst drucken, daß ihr die Seel aus denen Fußzehen hinausfährt, da will sie nicht gerettet sein. Und nachhero, wann man sie küßt, so darf das nicht so sein, als ob mans nur versuchen will, obs auch einen Mund unter dera Nasen hat, sondern es muß Saft und Kraft haben, es muß knallen, wie eine Schlittenpeitschen. Das habens gern, die Madels, das kann sie gefreun. Je kräftiger Einer thut, desto lieber habens ihn. Wie wars denn mit der Paula? Ist sie zufrieden mit Dir gewest?« »Ich meins wohl.« »Na, da hab ich noch so einen Zweifel. Ich werd mich bei ihr darnach verkundigen. Und wannst Deine Sach etwan nicht gut macht hast, so werd ich Euch Beid in die Schulen nehmen und Euch Unterricht ertheilen in dera Lieblingskoserei.« »Das werd ich mir verbitten, Sepp.« »So? Ja, das ist der Welt ihr Lauf. Wann man es gut mit denen Leuteln meint, so wollens das nicht anerkennen, und wann man ihnen was Ordentliches vorgeigen thut auf dera Vigolinen, so schlagens Einem den Fiedelbogen um den Kopf. Aberst ich will mich nun gar nicht mehr darum kümmern, und Euch lieber gehen lassen.« »Daran thust sehr recht, Wurzelsepp.« »Aberst sagen will ich Dir dennoch, daß Du mir gar nix zu sagen brauchst. Ich weiß bereits Alles, denn grad Ihr seids halt gewest, die ich belauscht hab.« »Wie? Ists auch wahr?« »Freilich! Ich hab hinter denen Büschen steckt und ein jeds Wort hört, was Ihr sprochen habt.« »Schlechter Kerle!« »Das ist nicht schlecht. Ich hab nur zuspringen wollen, wanns mit Eurer Lieb hat vielleicht gefährlich werden wollen. Aberst das ist gar nicht nöthig gewest, denn Ihr seid so zart und sanft und zahm gewest, wie ein Turteltäuberich mit seiner Tauberin.« »Mensch, jetzt kannst mich ärgern!« »Das darfst nicht, lieber Fex. Der Mensch soll sich überhaupt nicht ärgern, denn davon bekommt er das Gallenfiebern, das Friesel, die Masern und noch ganz andere Krankheiten auch. Eins aber muß ich Dir sagen.« »Was?« Er trat näher an den Fex heran und flüsterte demselben geheimnißvoll zu: »Wannst die Paula wieder küssest, so muß es noch viel mehr krachen als vorhin. Merks Dir gut!« »Alter Hallunk! Ich geb Dir eine Ohrfeigen, daßt denken sollst –« Er holte aus, halb im Ernst und halb im Scherz. »Dank schön, Fex! Diese Feigen kann ich nimmer brauchen!« lachte der Alte. »Wannst mir so gefährlich wirst, daßt gar zu verexplodiren beginnst, nachher reiß ich lieber aus und komm später wieder.« Er eilte davon. Wohin er eigentlich wollte, das wußte er selbst noch nicht; aber als er die Mühle erreicht hatte und sich eben links nach der Stadt wenden wollte, ging die Thür auf und die Leni trat heraus. »Ah, Du bist auch schon munter?« fragte er. »Nicht schon, sondern noch munter,« antwortete sie. »So hast gar nicht geschlafen?« »Nein.« »Glaubs Dir schon. Die Aufregung von gestern Abend her hats nicht erlaubt. Wo aber willst bereits hin?« »Ich wollt ein Wengerl im Morgen herumspazieren. Und Du, Path Sepp?« »Ich weiß selberst nicht, was ich eigentlich wollt. Vielleicht hätt ich mir ein kleins Platzerl sucht, wo ich einen Schlummer machen konnt.« »So hast auch nicht geschlafen?« »Nein. Ich hab mit dem Fexen zu thun gehabt. Nun aber, wanns Dir recht ist, lauf ich ein Stuckerl mit Dir spazieren.« »Recht ists mir allemal, das weißt ja gewiß.« Sie gingen, das gestrige Concert besprechend, langsam neben einander hin, auf dem Wege, welcher nach der Stadt führte. Fast hatten sie die ersten Häuser derselben erreicht, und nun wollten sie sich nach rechts ins freie Feld wenden, als Einer zwischen den Häusern hervorkam, den großen Kasten auf dem Rücken. »Der Anton!« sagte Leni, halb erschrocken. »Ja. Komm, gehen wir schnell fort!« »Nein, wir bleiben.« »Sehnst Dich etwan nach ihm?« »Nein. Aberst er hat uns bereits gesehen, und wann wir da fortlaufen, so meint er am End gar, daß wir uns vor ihm fürchten.« »Fürchten? Das könnt mir grad noch einfallen! Hast sehr Recht. Wir bleiben hier auf dera Straßen. Ich bin doch neugierig, was er sagen wird.« »Er macht ein schlecht Gesicht. Sepp, ich bitt Dich schön, sag nix dazu, wann ich mit ihm red!« »Nix? Wozu hab ich denn mein Maul?« »Das hast jetzund nur zum Schweigen. Wannst auch mit redest, so giebts einen richtigen Zank.« Der Anton war jetzt so nahe, daß Leni nichts mehr sagen konnte, ohne von ihm gehört zu werden. Er blieb mitten auf der Straße stehen, stemmte seinen Stock unter den Kasten, um sich dessen Last zu erleichtern, und sagte: »Guten Morgen auch, Ihr Herrschaften!« Die Beiden dankten. Leni that, als ob sie dann an ihm vorüber wollte. Er aber wehrte ab. »Willst weiter? Fürchtest Dich etwan vor mir?« »Das glaubst wohl selber nicht!« »So schämst Dich also vor mir!« »Ich wüßt halt nicht, warum!« »Nicht? Weißts wirklich nicht?« »Nein,« antwortete sie ruhig. »So muß ichs Dir sagen.« »Das hast nicht nöthig. Ich hab gar nix dagegen, wannst Deine Weisheiten für Dich allein behältst.« »Wirsts aber doch anhören müssen, denn ich bin derowegen zu Dir heraußikommen.« »Ah, nach dera Mühlen hast also gewollt?« fragte Sepp. »Ja.« »So früh am Tag? Konntst erst ausschlafen. Oder hast etwan ein schlecht Nachtlagern gehabt?« »Besser wohl als Ihr. Ich bin der Gast von dem Musikprofessor aus Wien, weißt, dessen Frau ich dazumalen vom Felsen herabholt hab. Bei denen Leuteln kann ichs fein genug haben. Aberst ich bin ihnen schon in der Fruh davongangen, weil ich nix mehr von dera Stadt wissen will. Ich hab das Nest hier übersatt bekommen und will nun wieder fort. Vorher aber wollt ich zur Leni – oder vielmehr zu der feinen Sängrin. Darum hab ich Euch auch ganz vornehm grüßt. Ihr seid ja Herrschaften worden.« »Da kannst Recht haben,« nickte der Sepp. »Du auch, Wurzelsepp. Hast ja auch mit sungen beim Concertl und bist ausklatscht worden.« »Ausklatscht? Du, Anton, sag das nicht noch mal, sonst bist Du's, der selber ausklatscht wird! Man hat mir Beifall und Bravori klatscht, aberst vom Ausklatschen ist halt keine Red gewest.« »Ja, und von dem Bravori bist nun ganz stolz und dudeldick worden, das seh ich bereits.« »Ich kann auch stolz sein!« »Auf Dich etwan?« »Jawohl!« »Und auf Deine Path wohl auch?« »Noch weit mehr als auf mich!« »So muß ich Dir sagen, daß ich für so einen Stolz sehr danken thät. Ihr habt Veranlassung, Euch zu schämen, zum Stolz aberst giebts halt gar keinen Grund.« »Das sagst nur Du allein, weilst wuthig bist und voller Neid und Eifernsuchten.« »Das brauchst Dir nicht einzubilden. Auf so ein Weibsen kann ich nimmer eifersüchtig sein.« »Meinst?« »Ja. Sie hat sich blamirt für alle Ewigkeiten.« »So! Hat sie ihre Sachen schlecht gemacht?« »Nun, wann ich gerecht sein will, so muß ich zugeben, daß das erste Stuckerl sehr gut gewest ist.« »Aha!« »Aberst nachhero! O wehe!« »Wieso?« »Nun, bei dem Lied – wie gings nur an? Wie heißen gleich die ersten Zeilen?« Leni hatte ihre vollständige Ruhe bewahrt. Sie antwortete in gleichmüthigem Tone: »Ich sah Dich nur ein einzig Mal. Da wars um mich geschehen. Ich fühlte Deines Auges Strahl Durch meine Seele gehen.« »Ja, das war es,« nickte der Anton. »Aber dieser Text war falsch. Er paßt nimmer zu dem ganzen Auftritt. Er sollte viel anderst heißen.« »Wie denn zum Beispiel?« fragte der Sepp. »Er sollte ungefähr lauten: Ich sah Dich nur ein einzig Mal,         Da wars um Dich geschehen. Der Anzug, nein, so ein Scandal,         So Etwas muß man sehen!« »Du!« rief der Sepp. »Ich kam auch dichten!« »So?« »Ja, aberst mit dem Prügelstock. Wann ich Dir ein Gedicht auf den Buckel schreiben soll, so kann es gleich beginnen!« »So fang an!« Der Alte war drohend auf ihn zugetreten. Die Leni aber ergriff ihn beim Arme und sagte: »Laß ihn nur, Sepp! Er verstehts halt nicht besser, und es ist freilich nix nur als die Eifersuchten, wann er sich so zornig geberdet.« »Oho!« widersprach der Anton. »Eine Eifersuchten giebts bei mir nicht mehr; das sag ich noch einmal. Du kannst mir gestohlen werden. Ich hab nix dagegen.« »Warum kommst da heraußi zu mir?« »Weil ichs Dir sagen will, wie sehr ich Dich von jetzt an verachten muß!« »Das ist nicht nothwendig, mirs extra zu sagen. Das kannst nur für Dich behalten.« »Nein, hören sollsts!« »Nun gut, so hab ichs jetzund gehört. Aber ich mach mir nix daraus. Was so ein dummer Lolch von mir denkt, das kann mir sehr Wurst und Schnuppe sein. Jetzt sind wir fertig und Du kannst gehen.« »Nein, fertig sind wir nicht. So einer ausverschämten Dirn, wie Du bist, muß man deutlich –« »Schweig!« unterbrach sie ihn, hart an ihn herantretend. »Oder willst abermals eine Backpfeifen haben? Du wärst mir der Kerlen dazu, mir eine Zeugnißcensuren zu geben! Dich wird kein Mensch nach Deiner Meinung fragen. Wir gehn einander nix mehr an, und wannst mir nun nochmals nachlaufst und mich beleidigst, so nehm ich halt die Polizei zu Hilf und laß Dich einsperren!« Er fuhr vor Ihrem Zorn zurück. »Wa-a-as! Gar ein-sper-ren!« »Ja, darauf kannst Dich verlassen! Hast etwan irgend eine Gewalt über mich? Was fallt Dir ein, zu denken, daß ich mir Deine Grobheiten gefallen lassen muß! Geh, wohin Du willst, und mach auch, was Du willst! Mich aber laß in Ruh, sonst werd ich mich zu wehren wissen. Mit so einem Kerlen, wie Du bist, wird gar kein Kram mehr gemacht. Komm, Sepp, und laß den Maulaffen stehen!« Sie ergriff den Alten bei der Hand und zog ihn fort. Der Anton blickte ihnen eine kurze Weile nach, dann rief er in seinem Zorn: »Was soll ich sein? Einen Maulaffen hats mich geheißen? Das ist gut, das ist fein! So eine dreifarbige Cyperkatzen will mich auch noch schumpfen! Lauf hin, Du alte Papierduten, Du! Um Dich ists halt gar nicht schade. Lauf hin mit Deinem Pavian, der Dir die guten Rathschläg ertheilt! Ihr paßt genau für einander und könnt Euch bald gar heirathen. Nachhero zieht Ihr mit dem Drehorgelkasten auf denen Jahrmärkten herum und singt den Leuteln das schöne Lied vor: »Die Lieb, die ist wie Sauerkraut: Wird Alles durch und durch gekaut, Die Leni wird des Pathen Frau, Und Alles schreit dann Ach und Au.« Er drehte sich um und ging fort, nicht nach der Mühle zu, sondern er schlug einen Richtsteig ein, welcher zur Höhe stieg, über welche die Straße aus dem Badeorte nach der nicht sehr entfernten Kreisstadt führte. Auf dieser Höhe lag eine kleine, aber viel besuchte Restauration. Von dort aus hatte man einen herrlichen Ausblick auf die Berge, und besonders gut konnte man da den Auf- und Untergang der Sonne betrachten. Darum saßen früh und gegen Abend immer zahlreiche Badegäste in dem kleinen Anbau, welcher mit hohen Glasscheiben versehen war und in Folge dessen der Glassalon genannt wurde. Auch heute befanden sich trotz der frühen Morgenstunde bereits Gäste da, unter ihnen der Professor Weinhold aus Wien mit seiner Frau. Anton verfolgte, wie bereits gesagt, nicht die Straße, sondern er stieg den Bergpfad empor, auf welchem man zwar mühsamer, aber auch schneller zur Höhe gelangte. Gerade unter dem Glassalon, welcher hart am Abhange lag, erreichte der Pfad einen Vorsprung, welcher seiner gefährlichen Lage wegen mit einem Geländer versehen war. Um zu verschnaufen, stützte dort Anton seinen Kasten auf dieses Geländer und blieb kurze Zeit da halten. Sein Blick fiel hinab in den Grund. Da sah er die Leni und den Sepp, welche mit einander langsam durch die Wiesen gingen. Um ihnen zu zeigen, daß er nicht etwa voller Herzeleid von ihnen scheide, stieß er ein lautes Juhu aus und schwang den Hut dabei. Sie schauten empor. Der alte Sepp erkannte ihn, riß seinen Hut auch vom Kopfe, schwenkte ihn und improvisirte nach Gebirglerart sogleich folgenden Trutzgesang: »Der Anton steigt den Berg hinauf         Und will nicht mehr herunter. Den Kasten schleppt er mit sich fort.         Da drinnen steckt viel Plunder.                 Hallodrium, Hallodria; Dein Scheiden macht uns froh.         Aus Dir wird nix, halleluja,                 Hallo, halli, hallo!« Es war hier oben jedes Wort deutlich zu verstehen. Als der Alte den Schlußjodler geendet hatte, antwortete der Krikelanton sofort schlagfertig: »Der Sepp, der alte Bösewicht,         Ist halt sehr naseweise. Sein alter Hut hat Loch an Loch,         und drunter krabbeln Läuse.                 Hallodria, hallodrium; Gebt Euch nur keine Müh.         Ihr Beid seid mir halt viel zu dumm,                 Halli, hallo, halli!« Der Anton hatte keine Ahnung von dem Reichthume, welchen er in seiner besaß. Sie ertönte von der Höhe hinab, füllte das ganze Thal und weckte die Echo des Waldes aus ihrem Schlummer. Drunten im Städtchen blieben die Passanten auf den Gassen stehen und lauschten dem mächtigen Schalle, welcher nicht aus einer einzigen Kehle zu kommen, sondern von einem Unisono-Chore herzurühren schien. Natürlich wurde sein Gesang auch im Glassalon über ihm gehört. Daß dort, als er den Jodler begann, eine Glasscheibe klirrte, bemerkte er gar nicht. Als er geendet hatte, antwortete Sepp sogleich wieder von unten herauf: »Renn mit dem Kopf nur durch die Wand!         Dumm bist halt, wie die Sünden. Sucht man bei Dir nach dem Verstand         So ist er nicht zu finden.                 Hallodrium, hallodria; Dein Scheiden macht uns froh.         Aus Dir wird nix, halleluja,                 Hallo, halli, hallo!« Und Anton wollte ihm das letzte Wort nicht lassen. Er schwang den Hut wieder und sang dazu: »Euch ärgerts nur, daß ich jetzt geh         Und laß Euch hinten liegen. Der Abschied thut mir nimmer weh,         Kann stets 'ne Andre kriegen.                 Hallodria, hallodrium; Gebt Euch nur keine Müh.         Ihr Beid seid mir halt viel zu dumm,                 Hali, hallo, halli!« Er sah von oben, daß Sepp ihm weiter Stand halten wolle, daß aber die Leni ihn beim Arm ergriff und mit sich fortzog. Da gab auch er sich zufrieden. Jetzt nun erst hörte er über sich Stimmen. Eine weibliche rief in ängstlichem Tone: »So komm doch herein!« »Ich kann ja nicht,« antwortete eine männliche. »Aber so kanns doch nicht bleiben!« »Nein. Ich zerschneide mir die Kehle. Der Kellner mag einen Hammer bringen.« »Ja. Wir zerklopfen die Scheibe, daß das Loch weiter wird, dann kannst Du herein. Nein, Mann, Mann, wie Du nur nicht sehen konntest, daß das Fenster nicht offen war!« »Ich dachte nicht daran. Der Sänger! Diese Stimme, nein, so eine Stimme! Wo mag er sein!« Anton blickte empor. Er konnte Niemand sehen. Die Stimmen der Sprechenden kamen ihm bekannt vor. Er ging weiter. Als er den Absatz verlassen hatte, konnte er die Fenster des Glassalons über sich sehen. Sie lagen höchstens acht Ellen über dem Pfade, auf welchem er sich befand. Ein Kopf mit hoch geröthetem Angesicht blickte aus einer der Scheiben herab. »Alle Teufel!« rief der Mann, welchem der Kopf gehörte. »Da kommt der Anton!« »Herr Professor, Sie!« rief dieser hinauf. »Ja. Ich bin mit dem Kopfe durch die Scheibe gefahren und kann nun nicht wieder hinein.« »Himmelsakra! Wer wird eine solche Dummheiten begehen!« »Freilich! Aber es sang da unten Einer, und da wollte ich schnell herausschauen und stieß also das Glas durch. Weißt Du, wer gesungen hat?« »O gewiß, ich wars halt selber!« Der gute Professor machte ein höchst erstauntes Gesicht. »Du?« fragte er lang gedehnt. »Ja.« »Unmöglich!« »Glaubsts etwan nicht?« »Nein.« »So hör einmal!« Er widerholte den Jodler. »Wahrhaftig, wahrhaftig, er ists gewesen!« rief der Professor. »Frau, denke Dir nur – ah, jetzt!« Jetzt erklangen Schläge gegen das Fenster und die Glassplitter fielen herab. Die Oeffnung wurde vergrößert und der Professor konnte seinen Kopf wieder zurückziehen, steckte ihn aber sogleich wieder heraus und sagte: »Anton, komm herauf, schnell!« »Ja, wannst denkst, so komm ich schon bereits.« Er stieg weiter. Unter der Thür der Restauration erwartete ihn der Professor, dessen Gesicht von dem Glase an einigen Stellen verletzt war. Er achtete dies aber nicht. Die Blutstropfen, welche langsam hervorquollen, mit dem Taschentuche abwischend, kam er ihm mit ausgestreckter Hand entgegen und sagte: »Ich kanns noch immer kaum glauben. Bist Du es wirklich gewesen, Anton, der gesungen hat?« »Freilich. Hasts ja nachhero noch gehört.« »So war es Deine Stimme! Komm herein!« Er wollte ihn mit sich hineinziehen. »Halt!« wehrte sich Anton. »Da hinein in die gute Stuben gehör ich nicht. Die ist nur für die vornehmen Herrschaften da.« »Papperlapapp! Für Einen, der eine solche Stimme besitzt, ist keine Stube gut und fein genug. Uebrigens ist meine Frau bereits im Nebenzimmer; dort sind wir allein. Ich hab mit Dir zu reden, was Niemand weiter zu hören braucht. Also komm!« Er zog ihn fort, in den Salon hinein, zwischen den Gästen, welche da saßen und die Scene mit stillem Lächeln betrachteten, hindurch in die Nebenstube, wo die Professorin ihrer wartete. Sie wollte natürlich zunächst für das Gesicht ihres Mannes besorgt sein, dieser aber wies ihre Dienste mit den Worten zurück: »Bitte, laß das jetzt! Ich habe Wichtigeres zu thun.« »Aber Du blutest ja!« »Das sind nur Tropfen. Das schadet nichts; das heilt in einigen Stunden zu. Komm her, Anton! Thu Deinen Kasten ab und setz Dich nieder.« Er war dem Tabuletkrämer behilflich, die Tragbänder abzuschnallen. Als der Kasten auf dem Tische stand, klapste er mit der Hand an ihn und sagte: »So! Der hat ausgedient!« »Wie willst das meinen?« fragte Anton. »Daß Du ihn nie mehr auf den Rücken nehmen wirst.« »Da kannst Dich irren.« »Nein, ich weiß es genau.« »Ich muß doch mein Geschäft haben!« »Ja, aber ein anderes. Diesen Kram hier kannst Du gleich sammt dem Kasten zum Fenster hinauswerfen, denn mit der Tabuletkrämerei ists aus.« »Was soll ich sonst thun?« »Singen.« »Das kann ich nebenbei.« »Nebenbei? Nein. Du sollst nichts thun als singen. Das Singen soll von heute an der Hauptzweck Deines Lebens, Dein Beruf sein, Anton.« »Meinst, daß ich ein Sänger werden soll?« fragte dieser erstaunt. »Nichts Anderes meine ich.« »Da machst aber doch wohl nur Spaß?« »Spaß? Es ist mein heiliger Ernst. Mensch, was hast Du für eine Stimme!« Er legte ihm beide Hände auf die Achseln und blickte ihm ganz begeistert in das Gesicht. »Na, eine Stimme hat doch ein jeder Mensch!« »Ja, aber was für eine!« »Nun, zum Singen!« »Stimme und Stimme ist ein großer Unterschied. Die Deinige ist ein Reichthum, der gar nicht zu ermessen ist.« »Sakra! So kann ich mal reich werden?« »Du kannst Dir eine Million erfinden.« »Hurrjesses! Wieviel ist das?« »Tausend mal tausend.« »Na, das thät ich mir schon gefallen lassen.« »Ja. Ich kenne keinen der jetzigen Sänger, welcher sich in Beziehung auf die Stimme mit Dir messen könnte. Du hast meiner Frau das Leben gerettet und keinen Dank dafür angenommen. Wir kennen Dich bereits seit jener Zeit und haben doch keine Ahnung gehabt von dem Pfunde, welches Dir der Herrgott verliehen hat. Soll es etwa vergraben liegen bleiben?« »Nicht? So gieb mir einen Rath!« »Ich bin ja Professer der Musik!« »Das weiß ich gar wohl.« »Ich bilde Dich also aus.« »Ausbilden? Verdimmi, verdammi! Etwan grad so wie die Leni?« »Grad so.« »Daß ich in Concertln sing?« »Ja.« »Und auf dem Theater?« »Ja.« »Und dabei muß ich auch andre Gewandle anziehen als gewöhnlich?« »Ja, freilich müßtest Du Dich nach der Rolle kleiden.« »Und könnts da auch vorkommen, daß ich grad mit der Leni auf der Bühne singen müßt?« »Das könntest Du sehr leicht einrichten.« Da schlug der Anton mit der Faust auf den Tisch, daß dieser krachte, und rief: »So hab ich meine Rache! So wirds gemacht, grad so! Und nachhero aber, nein, es geht halt nicht.« Er sagte diese letzteren Worte in einem etwas kleinmüthigeren Tone. »Warum geht es nicht?« fragte der Professor. »Wegen denen Eltern, die ich hab.« »Werden die sich dagegen sträuben?« »Ja. Weil sie doch leben wollen.« »Aber das können sie dann ja viel besser als jetzt! Da wirst viel, viel Geld verdienen!« »Dann vielleicht, aber jetzunder hab ich nix. Wie lange Zeit wird es währen, bis ich ein Sänger worden bin?« »Das ist unbestimmt. Auftreten kannst Du schon, bevor Du vollkommen ausgebildet bist.« »Bei der Leni hats vom September bis zum Mai gedauert, bis sie im Concert singen konnt.« »Bei Dir wird es auch nicht längere Zeit erfordern.« »Nun gut; aber in diesen Monaten wollen meine Eltern leben und ich auch.« »Ach so! Das meinst Du! Mensch, ich bin ja da!« »Willst mir etwan geben, was ich brauche?« »Ganz natürlich! Ich habe Dir ja längst bewiesen, daß ich Dir gern dankbar sein möchte. Jetzt freut es mich von ganzem Herzen, daß sich endlich eine Gelegenheit dazu gefunden hat, und was für eine!« »So willst mir das Geld schenken?« »Ja. Was ich habe, das ist auch Dein.« »Nein, geschenkt mag ich nix haben. Wann Du meinst, daß ich später viel Geld verdienen werd, so kannst mir ja borgen, was ich jetzund brauch; ich werd Dir es nachher zurückerstatten.« »Was bist Du für ein närrischer Kerl.« »Ja, anderst thu ich es einmal nicht.« »Nun gut, so borge ich es Dir.« »Und wann geht es los?« »Sogleich.« »Gern; aber hier darf Niemand kein Wort davon erfahren, das ding ich mir aus.« »Auf diese Bedingung gehe ich sehr gern ein. Auch mir ist es lieb, wenn kein Mensch Etwas erfährt. Wir werden ganz im Stillen mit einander studiren und dann treten wir plötzlich an die Oeffentlichkeit. Welch ein Aufsehen wird es erregen, wenn dann wie aus heitrem Himmel ein Riesentenor erscheint, von dessen Dasein kein Mensch eine Ahnung gehabt hat. Wir reisen von hier ab und suchen uns einen stillen, verborgenen Ort, an welchem wir an Deiner Ausbildung arbeiten können, ohne daß es den Bewohnern auffällt. Also sag, bist Du einverstanden?« »Ja.« »So soll der heutige Tag derjenige sein, an welchem Dein Glück begründet wurde. Für Deine Eltern werde ich sorgen.« »Und was thu ich da mit den Kasten?« »Der braucht Dir nicht am Herzen zu liegen. Er ist Dir nur hinderlich. Verschenke ihn!« »Nein, verschenken oder verkaufen thu ich ihn nicht. Ich werd ihn mir aufheben zum Andenken, daß ich mal ein Tabuletkramer gewest bin. Und wann es fehl schlägt und ich doch vielleicht kein Sänger werd, so greif ich halt wieder zum Kasten und fang das Hausiren ganz von Neuem an.« Fünftes Kapitel. Der Silberbauer. Es war ein ziemlich heißer Junitag. Draußen im Freien machte sich die Mittagshitze sehr bemerklich; aber hier im tiefen Walde gab es kühlenden Schatten und von den fließenden Wässern stieg ein leiser Luftstrom empor, welcher die Zweige der Waldesbäume zu einem leisen, vertraulichen Flüstern verleitete. Ein junger Mann schritt durch den Wald, da, wo es keinen Pfad gab. Und die Art und Weise, in welcher er sich umblickte und zuweilen lauschend stehen blieb, ließ vermuthen, daß er sich verirrt habe. Er war städtisch, aber nicht übermäßig fein gekleidet und an seiner linken Seite hing eine kleine Tasche, wie man sie zu tragen pflegt, wenn man sich auf einer Wanderung nicht mit überflüssigen Dingen schleppen will. Eben jetzt blieb er wieder stehen. Er hatte Etwas gehört, was wie Worte einer menschlichen Stimme geklungen hatte. Und nun bemerkte er, daß er sich nicht getäuscht hatte. Er hörte deutlich den Lockruf: »Matz, Matz, lieber Matz, sing noch ein Mal!« »Finkferlinkfinkfink!« erklang ein heller Finkenschlag als Antwort. »So ists schön! Machs noch mal, Kleiner!« »Finkfink – finkfinkfififififink!« »Prächtig, prächtig! Bist doch mein Liebling. Hier hast nun auch die Rübsenkörner. Ich hab sie vorher eingequellt, daßt Dir Dein Schnaberl nicht anzustrengen brauchst.« Der junge Mann ging diesen Tönen nach. Bereits nach wenigen Schritten erreichte er eine Waldblöße, welche rings von hohen Bäumen umstanden war, unter deren weiten Aesten es grünes Unterholz gab. Auf dieser Blöße saß ein grauköpfiger Mann, dessen Gesicht jetzt nicht zu erkennen war, da er den Rücken der Stelle zugekehrt hatte, an welcher der junge Mann stand. Der Alte trug kurze Lederhosen und war barfuß. Die alte Jacke, welche er ausgezogen hatte, lag neben ihm und der Hut darauf. Sein viel geflicktes Hemde war vom stärksten, gröbsten Leinenzeug, aber reinlich und schneeweiß gebleicht. Wie es schien, fehlte ihm der linke Arm. Der junge Mann schritt langsam auf ihn zu und bemerkte, daß ein Finke, der in der Nähe des Alten gesessen hatte, bei seinem Nahen scheu davon flog. Das veranlaßte den Mann, sich umzudrehen. »Grüß Gott!« sagte der Junge. »Grüß Gott auch!« nickte der Alte. »Wann der Fink nicht fortflogen wär, so hätt ich gar nicht wußt, daß Jemand kommt, so einen leisen Schritt hast Du.« »Hoffentlich bist mir nicht bös, daß ich Dich störe?« »Bös? Warum nicht gar. Die liebe Sonn, der Wald, die Luft, das Alles hat der Herrgott gemacht, und da hat halt ein Jeder das Recht, darinnen zu sein. Aberst Dich hab ich hier noch niemals gesehen.« »Ich bin fremd.« »Wo kommst her?« »Von der Eisenbahn.« »So. Da hast zwei Stunden laufen müssen.« »Ueber drei. Ich wollt es klug machen und grad durch den Wald gehen, da hab ich mich auf meine Landkarte verlassen und mich grad erst recht verirrt.« Der Alte blickte mit einer Art humoristischen Respectes zu ihm auf. »So! Eine Landkarten hast? Da bist wohl gar ein Gelehrter?« »O nein.« »So, ich dachts halt nur. Aberst mit denen Landkarten ists ein eigen Ding. Man möcht sie auch lesen können. Wer nach ihnen geht, der verirrt sich oft. Weißt, wo die beste Landkarten gezeichnet ist?« »Nun?« »Im Köpferl der Vögel. Die fliegen weit übers Meer hinweg und irren sich doch nie. Und kein Schulmeister hat ihnen die Geograferie gelehrt und keinen Wegweiser können sie lesen. Der Herrgott muß doch ein wunderbar kluger Kerle sein, daß er solche Geschöpferl hat machen konnt. Meinst nicht auch?« »Ja. Die Werke des Herrn sind wunderbar; er hat sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll seiner Güte.« Da erglänzte das Gesicht des Alten vor Freude. »Schau, den Spruch kannst auch auswendig! Hast wohl gern in der Bibeln gelernt?« »Ja. Sie ist das Buch der Bücher und Gott spricht in ihr.« »Da hast abermals Recht. In der Bibeln wohnt der liebe Gott, und in dera Naturen auch. Wer dera heiligen Schriften versteht, der kommt auch leicht in dera Natur zurecht. Der Glaube ist die größte Klugheit dieser Erden. Das hab ich oft derfahren. Aberst wo willst hin, da Du von der Eisenbahn kommst?« »Nach Hohenwald.« »Schau, nach Hohenwald! Da wohn ich auch.« »Ists noch weit?« »Drei Viertelstund. Willst Jemand besuchen?« »Ja.« »So kann ich Dir wohl Auskunft ertheilen.« »Zunächst muß ich zum geistlichen Herrn.« »Den kann ich Dir loben. Das ist ein braver Herr, weißt, nicht so gelehrt und frommthuerisch, sondern Einer von der richtigen Sorte, der mehr in Thaten predigt, als in Worten. Wannt zu den kommst, so sag ihm einen Gruß von mir!« »Danke! Aber wenn ich ihn von Dir grüßen soll, so muß ich Deinen Namen sagen können.« »Das sollst auch. Ich heiß halt eigentlich Heinrich Weise; weil man aberst hier Heiner sagt, anstatt Heinrich, und weil ich ein Vogelfreund bin und ganz besonders die Finkerln gern hab, so macht mans kurz und nennt mich halt nur den Finkenheiner. Willst nachher auch noch zu einem Andern?« »Ja, zum Dorfschulzen.« »Ach so! Hm!« Er hustete leise vor sich hin, sagte aber nichts weiter. »Kannst mir da nicht auch Auskunft geben?« »Ich könnte wohl.« »Magst aber nicht?« »Es ist halt besser, wann den ein Jeder selber kennen lernt. Nimms mir nicht übel.« »Warum sollt ichs Dir übel nehmen.« »Ja, Du hast ein guts Gesicht. Du kannst mir schon gefallen und – bst, bst! Setz Dich doch gleich mal da neben mich her! Da kommt meine Bachstelzen. Die war heut noch nimmer da und will sich nun ihr Wurmerl holen.« Wirklich kam eine Bachstelze geflogen und blieb in einiger Entfernung auf einem Steine sitzen. Sie betrachtete die beiden Männer. Der Junge setzte sich schnell zu dem Alten nieder. Dieser sagte: »Bist wohl nicht ein Vogelfreund?« »Ich liebe sie sehr.« »Und hast Käfige?« »Nicht einen. Ich höre den Gesang dieser lieben Thiere für mein Leben gern, aber frei müssen sie sein. Einen Vogel im Käfig möchte ich nicht haben, selbst wenn er der beste Schläger wäre.« »Du, da bist mein Mann! Da harmoneriren wir Beid vollständig zusammen. Ich sitz den ganzen Tag hier im Wald und alle Vögerl kennen mich. Ich hab meine ganz besondern Lieblinge; die kommen und holen sich eine Delicateresse von mir, ein Wurmerl, eine Fliegen, ein Ameiseneierl oder ein Körnchen, je nach dem Appetit, den ein jedes hat. Paß nur mal auf das Bachstelzerl auf. Es fürchtet sich noch ein Wengerl vor Dir; aberst ich werds doch herbekommen.« Er hatte nur einen Arm, den rechten. Vor ihm stand eine kleine Schachtel; er öffnete dieselbe mit den Fingern seiner einzigen Hand und nahm ein kleines Würmchen heraus. Dann machte er den leisen, kurzen Pfiff nach, den die Bachstelze bei jedem Flügelschlage hören läßt, und hielt dem Vogel den Wurm entgegen. Das kleine, niedliche Geschöpf kam auch wirklich nach einem kurzen, bedenklichen Zögern herbei und fraß ihm den Wurm aus der Hand. »Hasts gesehen?« fragte er mit glückstrahlendem Gesicht. »Sollte man es für möglich halten!« »Möglich? Was denkst von diesen Thierlen; Schau mal hin! Hipp hipp, tipp tipp, jipp jipp und schwipp schwipp ists nun fort. So sauber das Körperchen, ohne Schmutz und Fleck. So ist auch die Seel im Innern. So ein Geschöpferl kennt keine Sünde, und vor einem guten Menschen da fürchtet sichs auch nimmer. Diese kleinen Vögerl sind die Einzigen, denen ich Gutes thun darf. Ich bin arm und kann Niemandem was geben. Und wann ich auch mehr hätt – von dem Finkenheiner nähm doch Keiner irgend was an.« »Warum?« »Weil ich ein schlechter Kerle bin.« »Du? Das glaube ich im ganzen Leben nicht.« »Nicht? Warum?« »Wer ein solches Gesicht und ein solches Auge hat wie Du, der ist gewiß kein böser Mensch.« »Meinst?« »Ja, ganz gewiß.« Im Auge des Alten schimmerte es feucht. Er gab dem Anderen die Hand und sagte: »Da sag ich Dir auch meinen Dank. Du glaubst gar nicht, wie wohl ein solches Wort thut, wann man von allen Leuteln verachtet wird.« »Da thut man Dir ganz gewiß Unrecht.« »Das sag ich auch, aber Niemand glaubts.« »So hast wohl mal einen Fehler begangen?« »Ja.« »Ah! Und den will man Dir nicht vergeben!« »Du hasts errathen. Weißt, als meine Frau auf den Tod darniederlag und das Mädchen daneben krank auf der Streu, denn ein Bett haben wir nicht, da wollte sie essen und hatte nix. Und auch der Bub weinte vor Hunger. Ich bekam nix mehr geborgt und wo ich bat, da wurd ich abgewiesen, weil ich nicht aus dem Dorf stammte. Da bin ich in meiner Noth bei dem Schulzen in den Keller stiegen und hab mir heimlich einen Sack Kartoffeln holen wollen. Er hat mich derwischt, weil ich zum Stehlen kein Geschick gehabt hab. Dann bin ich in das Gefängniß kommen, und als ich wieder frei war, da war die Frau todt und die beiden Kinder steckten im Gemeindehaus. Seit dieser Zeit gelte ich halt für einen Spitzbuben, und nur die Waldvögerl halten mich noch für einen ehrlichen Menschen.« »Auch ich halte Dich für einen guten Menschen. Hier hast Du meine Hand nochmals darauf. Und ich will es Dir auch beweisen. Ich habe eine Bitte. Einem Andern würde ich sie nicht sagen, dazu wäre ich zu stolz.« »Sage sie nur heraus.« »Ich habe Hunger.« Der Alte machte eine Bewegung freudiger Ueberraschung. Sein Auge leuchtete auf. Doch fragte er: »Willst mich etwan narren?« »Nein, nein. Ich habe seit gestern nichts gegessen und dachte, eher nach Hohenwald zu kommen. Da habe ich mich aber verirrt und bin wirklich recht hungrig geworden.« »Das gefreut mich, das gefreut mich sehr, das kann ich Dir sagen. Aberst wannst etwan theure Schnepperpäppchen gewöhnt bist, so kann ich Dir nicht helfen.« »Ein Stück trocknen Brodes würde mir köstlich schmecken.« »Wanns das ist, so kann ich Dir gar wohl helfen.« Er zog aus der Tasche seines Wammses ein Papierpäcktchen hervor und gab es ihm hin. »Da hast. Gar weiß ist es freilich nicht, denn es ist viel Hafer drunter, aberst es schmeckt schon leidlich, wann man den Hunger hat.« »Ists Dein Deputat?« »Ja.« »So hast aber Du nachher nichts.« »Ich? Wannst blos das hast, so beiß nur tüchtig an! Ich brauch jetzt nix. Und wann ich am Abend nach Haus komme, so giebts eine Mehlsuppen, die ist wirklich delicatiös.« Er sah mit sichtlichem Entzücken zu, wie der junge Mann mit seinen weißen Zähnen in das harte, schwarze Brodstück biß. »Nun, wie schmeckts?« fragte er. »Ausgezeichnet!« »Ja, die Liesbeth hats gebacken.« »Wer ist das?« »Meine Tochter.« »So hast Du selbst auch einen Backofen?« »Ich?« lachte der Alte. »Wo denkst hin? Wannt meine Wohnung sähst, so würdst sagen, daß ein Wilder besser wohnt als ich. Und den Backofen baun wir uns allemal selber gleich, wann wir backen wollen – ein paar Steine, ein paar Hände voll Lehm, ein Feuer hinein und den Teig darauf, so wird das Brod bald fertig.« »Und was hast für ein Geschäft?« »Siehsts nicht, daß ich Löffelschnitzer bin?« »Mit einer Hand!« »Hab ich nicht die beiden Füßen? Hier hasts Holz und hier die Messern. Mit denen Knieen halte ich das Holz und mit der Rechten thu ichs schnitzen. Und wanns mal eine recht feine Arbeiten giebt, so halte ich das Holz mit denen Fußzehen. Die sind dazu eingerichtet.« »Hast Du stets nur einen Arm gehabt?« »O nein. Ich war fast über zwanzig Jahr alt, als ich den linken verlor.« »Wie ist dieses Unglück geschehen?« »Mit – na, ich will Dir nur sagen, daß ich es dem Schulzen verdank. Ich wohnte auswärts und kam zu Der in Heimgarten, die nachhero meine Frau worden ist; das hat den Arm gekostet.« Sein Gesicht hatte sich verfinstert, und er blickte eine Weile lang düster vor sich hin. Um ihn von dieser Erinnerung abzubringen, brachte der Jüngling das vor, was ihm am Meisten auf dem Herzen lag. »Kennst Du vielleicht alle Personen, welche in Hohenwald wohnen?« »Alle. Das Dorf ist nicht so groß, daß es Leute geben könnt, die man nicht kennt.« »Gehen von den Bewohnern oft welche nach auswärts in Dienst?« »Ja, das kommt freilich häufig vor. Weißt, der Ort hat früher mehr wohlhabende Leut gehabt als jetzt. Seit der Silberbauer aber Schulze worden ist, hat sichs geändert; der Reichthum hat die Andern verlassen und sich zu dem gezogen. Wo viele Kinder sind, da giebts auch viele Mäulern, welche essen wollen, und wanns nicht zureicht, so müssen eben die Uebrigen in Dienst gehen. Warum fragst darnach?« »Weil ich ganz zufällig eine Herrschaft kenne, bei welcher ein Mädchen aus Hohenwald gedient hat.« »Jetzt nicht mehr?« »Nein. Sie ist seid einem halben Jahre wieder zu Hause.« »Wo ist das gewesen?« »In Regensburg beim Kaufmann Herold.« »Wie – wa – – –! Warum fragst grad nach diesem Dirndl?« »Weil ich grad nach Hohenwald komme und mich ganz zufällig an sie erinnere.« »Ach so! Sonst hast keinen Grund?« »Nein.« Dabei konnte er aber doch nicht verhüten, daß eine leichte Röthe über sein hübsches Gesicht flog. »So ists also nur Zufall. So so!« »Ja. Kennst vielleicht dieses Mädchen?« »Nun ja, kennen sollt ich es halt wohl.« »Wer ists?« »Es ist die Liesbeth.« »Welche Liesbeth?« »Die meinige.« »Was? Deine Tochter?« »Ja.« »Warum hast sie denn aus Regensburg wieder fortgenommen? Dort hat sie es jedenfalls wenigstens ebenso gut gehabt wie daheim.« »Besser, viel besser hat sies gehabt. Aber weißt, der arme Mann kann niemals, wie er will. Mein Sohn, der Emil, ist plötzlich kränker worden, und da hat sie schnell wieder nach Haus gemußt. Ja, wenn der nicht immer so krank wär, da gings beim Finkenheiner auch nicht so schlimm. Nun aber weißt fast Alles von mir und ich von Dir noch gar nix. Was bist denn eigentlich? Ein Schuster oder Schneider sicherlich nicht.« »Nein. Ich bin Lehrer.« »Schau, schau! Darum hast die Bibel lieb gehabt! Man schaut es Dir auch gleich an, daßt Dich mit der Gelehrsamkeiten abgeben hast.« »Nun, so gar schlimm ists mit meinem Wissen leider doch nicht, lieber Heiner.« »Lieber Heiner! O Jerum Je! So hat noch Keiner zu mir gesagt. Wo warst denn Lehrer?« »In Regensburg.« »Ach so! Und da hast meine Liesbeth gesehen?« »Ja.« »Hast aber nicht mit ihr sprochen?« »Einige Worte, nur zufällig. Weiter nix.« »Aberst nicht wahr, sie ist ein braves und fein sauberes Dirndl?« »Das will ich meinen.« Wieder zog eine leichte Röthe über sein Gesicht. »Und warum kommst nach Hohenwald? Etwan auf einen Besuch?« »Nein. Ich bleibe ganz da.« »Aber halt nicht als Lehrer?« »Als was sonst?« »O Jemineh! Das ist nicht gut.« »Warum?« »Weil ich Dich bedauern thu.« »Das klingt nicht sehr tröstlich.« »Freilich nicht. Hast wohl mal einen kleinen Fehlern begangen im Schulamt etwa?« »Wie kommst Du zu dieser Frage?« »Weil diese Stelle eine sogenannte Strafstellen ist. Wer zu uns kommt, der steht bei seinen Vorgesetzten nicht gut angeschrieben.« »Das hab ich wohl gewußt.« »Und bist dennerst kommen?« »Ja, aber nicht zur Strafe.« »So kann ich Dich nicht begreifen. Du hast doch wohl in Regensburg auch mehr Gehalt bekommen, als Du bei uns erhalten wirst?« »Weniger bekomme ich; aber das gleicht die gute Waldesluft wieder aus. Ich komme nämlich herauf, um meine Gesundheit zu kräftigen.« Ein Menschenkenner hätte seinem ehrlichen Gesicht wohl anmerken können, daß er jetzt nicht ganz die Wahrheit sagte. Glücklicher Weise war der Finkenheimer kein großer Psycholog. Er fragte in teilnehmendem Tone: »So bist krank?« »So ziemlich.« »Doch nicht etwan die galoppirende Schwindsuchten?« »Wie kommst gleich auf diese?« »Weilst von unserer guten Lust sprochen hast. Na, die ist freilich gut; aber sonst wirst nicht viel Gutes weiter bei uns finden.« »Das ahnte ich schon, als Du Dich weigertest, mir Auskunft über den Schulzen zu geben.« »Ja, da hab ich Dich noch nicht kannt.« »Kennst mich vielleicht nun?« »Ja.« »So geht das bei Dir schnell!« »Warum nicht? Was gehört da viel dazu?« »Psychologisches Studium und Scharfblick.« »Das Psycho – bolo – die Studirerei und dern Scharfblick – hm, das ist mir zu gelehrt. Ich weiß, daß Du ein Lehrer bist und ein braver Kerl dazu. Das ist genug für mich und weit besser als alle Universitäten und Gelehrtheitsschulen. In Dir täusch ich mich nimmer.« »Das freut mich. Nun darf ich wohl noch einmal nach dem Schulzen fragen?« »Ja. Der Silberbauer ißts.« »Warum heißt er so?« »Weil er ein besonderer Liebhaber vom Silber ist. Alle Knöpfe an seinem Gewand sind Silberthaler, und überall, wo er eine silberne Zier anbringen kann, da bringt er sie auch an. Und so ists halt auch bei seinem Sohn und bei seiner Tochter.« »Ist er aber auch brav?« »Da frag lieber Andere. Er ist mein ärgster Feind, und ich halt ihn für den schlechtesten Kerlen auf Gottes Erdboden. Darum ist mein Urtheil wohl zu partheiisch.« »Was denkst von seinen Kindern?« »Sein Sohn ist wie er, aber seine Tochtern ist brav.« »So hat sie wohl eine brave Mutter gehabt. Doch das geht mich nichts an. Ich in meiner Stellung habe es nur mit ihm zu thun. Jetzt dank ich Dir für die Auskunft und für das Brod. Vielleicht kann ich Dir auch mal einen Dienst erweisen.« »Bitt gar schön! Ist nicht nöthig. Aber wannst mich mal brauchen solltest, so komm zu mir. Ich bin Dein Freund. Das darfst halt nicht vergessen.« »Bist wohl oft im Wald?« »Alle Tage. Früh komm ich heraus und des Abends geh ich wieder heim.« »Und da bist Du wohl meist hier an diesem Orte?« »Stets.« »Aber wanns regnet?« »So setz ich mich dort unter die dichte Fichte; da kann kein Tropfen hindurch. Hier bin ich Hans für mich; hier hab ich meinen Stand, und am Liebsten möcht ich auch hier einmal sterben.« Er sagte das in einem Tone, welcher ahnen ließ, daß er wohl irgend einen geheimen Grund haben müsse, grad an dieser Waldblöße so fest zu hangen. Sein Gesicht hatte eine Art von Starrheit angenommen, und der graue Schnurrbart, welcher seine Lippen verdeckte, zitterte verrätherisch. Es war augenscheinlich, daß er sich bestrebte, eine tiefe Gemüthserregung zu bemeistern. Dann erhob er sich langsam vom Boden, streckte dem Lehrer seine Hand entgegen und sagte: »Darfst nicht unrecht von mir denken, Herr Schulmeister. Ich bin halt kein weinerlicher Kerl; aberst heut ist mirs wieder mal ganz weich ums Herz. Und weißt, warum?« »Nun?« »Weilst mich behandelt hast wie einen Menschen auch und hast mein Brod gegessen. Das werd ich Dir gedenken, so lange wie ich lebe. Und nun sag mir auch Deinen Namen, damit ich weiß, wie ich Dich zu benennen habe!« »Ich heiße Walther, Max Walther.« »Ich dank Dirs schön! Und nun wannst nach dem Dorf hinein willst, so gehst hier immer grad durch den Wald. Da kommst an einen breiten Weg, und wannst ihm nach rechts folgst, so kommst grad am Gasthof nach Hohenwald. Der liebe Herrgott behüt Deinen Eingang und mags geben, daß Du Glück erlebst am neuen Orte!« Walther ging, nachdem er dem Alten herzlich die Hand geschüttelt hatte. Er folgte der Weisung desselben, was gar keine Schwierigkeiten hatte, da die Bäume nicht dicht zusammen, sondern im Gegentheile weit aus einander standen, so daß keine Hindernisse zu überwinden waren. So hatte er auf dem weichen Boden wohl über eine Viertelstunde zurückgelegt, als er Schritte vernahm. Der Betreffende mußte auf hartem Boden gehen. Wirklich kam Walther an den Weg, welcher jedenfalls derjenige war, von dem der Finkenheiner gesprochen hatte. Er wurde zu beiden Seiten von niedrigen, dichten Blutbuchen eingesäumt. Walther blieb hinter denselben stehen, um den Kommenden vorüber zu lassen. Eigentlich hatte er gar keine Veranlassung dazu. Es gab keinen Grund für ihn, sich nicht sehen zu lassen. Er that es ohne alle Absicht, so wie man sehr oft Etwas rein instinctiv thut oder unterläßt. Die Schritte kamen langsam von rechts her näher, und dann erblickte der Lehrer einen jungen, vielleicht vierundzwanzig Jahre alten Menschen, dessen Erscheinung ein Mittelding zwischen Bauer und Stutzer war. Er trug eine kurze Jacke, welche mit zwei Reihen von silbernen Thalern besetzt war. Am Hute war eine Silberspange angebracht. Von der Westentasche hing eine schwere, silberne Kette herab, und an den Händen trug er so viele silberne Ringe, daß auf jeden Finger wenigstens einer kam. Die Hosen steckten in halblangen Stiefeln, welche blank gewichst und mit silbernen Sporeninterims versehen waren. Die Gestalt war lang, breit und starkknochig, das Gesicht sommersprossig und unschön. Dieser junge Mann wollte vorübergehen, blieb aber plötzlich lauschend stehen, duckte sich nieder, um nach vorn zu lugen und sprang dann schnell hinter die Buchensträucher, welche am jenseitigen Wegrande standen. Er mußte etwas oder Jemand gesehen haben! Walther hörte Schritte, leicht und elastisch, wie von einem Frauenzimmer, und nach einigen Augenblicken erschien aus der entgegengesetzten Richtung ein junges, vielleicht achtzehnjähriges Mädchen, welches einen ziemlich großen Korb auf dem Kopfe trug. Die Nahende war ärmlich, aber sehr reinlich gekleidet. Ihre Gestalt war jugendlich voll, ihr schönes Gesichtchen vom Gehen und Tragen geröthet, und da sie mit der einen Hand den Korb auf dem Kopfe im Gleichgewicht zu erhalten hatte, so nahm sie eine Haltung ein, welche das schöne Ebenmaß und die weiche Rundung ihrer Körperformen zur vollsten Geltung brachte. Der Korb war mit Pilzen gefüllt. Sie hatte keine Ahnung, daß zwei Lauscher nahe seien. Eben wollte sie zwischen den Beiden hindurch, da rief Der drüben: »Liesbeth!« Sie erschrak und blieb stehen. »Wer ruft?« fragte sie. »Raths einmal!« »Hab keine Zeit dazu.« Das sagte sie in verweisendem Tone, und schon erhob sie das Füßchen, um weiter zu gehen, da trat er hervor. »Der Silberfritz!« rief sie aus, noch mehr erschrocken als vorher. »Ja, der Silberfritz!« lachte er, sich ihr in den Weg stellend. »Hast wohl keine Freude drüber, daßt mir hier im Wald begegnest?« »Ich kann weder drüber jubeln noch drüber weinen.« »So! Aber erschrocken bist?« »Da würd eine Jede verschrocken, wenn sie meint, ganz allein zu sein, und plötzlich tritt doch ein Bursch hinter denen Bäumen hervor.« »Ich hab Dich kommen hört und wollt sehen, wers war.« »Das hättst auch sehen konnt, wannt Dich nicht versteckt hättst. Jetzt weißts aber nun?« »Ja, ich seh's doch. Des Finkenheiners Liesbeth ists.« »So ist Deine Neugierden befriedigt, und nun kann ich weiter gehen.« »Nicht so schnell,« entgegnete er. »Es paßt mir gut, daß ich Dich hier troffen hab – –« »Mir aberst schlecht,« fiel sie ein. »So müßt Ihr Mädels ja sagen. Aber ob mans auch glaubt –« antwortete er selbstgefällig. »Das kannst gut und billig glauben.« »Fallt mir nimmer ein! Warum sollts Dir nicht passen, daßt mich hier triffst?« »Weil ich Dich überhaupt nicht treffen mag. Und num gieb Raum! Ich muß heim.« »Das hat noch Zeit. Du hasts daheim nicht so, daßt Dich um jede Minut, die Du nicht dort bist, grämen mußt.« »Das geht Dich gar nix an!« »O, grad sehr viel! Wann man Einer gut ist, so verinteressirt man sich für Alles, was sie betrifft. Und daß ich Dir gut bin, das weißt wohl nun bald?« »Ich kanns schon auswendig, so vielmal hasts mir bereits gesagt.« »Dennerst sag ichs jetzt abermals.« »Das kannst bleiben lassen!« »Oho! Wer wills dem Silberfritz verbieten, zu sagen, was er sagen will! Den möcht ich schon sehen!« »Thu nur nicht, als obst der größte Prinz in Europa wärst! Es giebt noch ganz andere Kerlen, als Du bist! Wannt meinst, daß es nur darauf ankommt, was Dir beliebt, so bist albern genug. Es kommt auch auf Diejenige an, die's anhören soll, ob sie auch Lust verspürt, es anzuhören. Und ich hab eben keine Lust dazu. Red, was Du willst; aber sags meinswegen hier den Bäumen; ich hab keine Zeit für Dich.« Sie wollte fort. Er hielt sie zurück. »Laß nach mit Deinem Gezier!« sagte er. »Ich weiß halt doch, daßt ganz anderst denkst, alst sprichst. Den Silberfritz weißt Keine von sich ab. Du aber willsts durch die Sprödigkeiten so weit bringen, daß ich noch tiefer verschossen werd in Dich und nachher gar vom Heirathen reden thu. Darinnen aber hast Dich sehr verrechnet. Des Finkenheiners Dirndl kann niemals Silberbäuerin werden, das sag ich ganz bestimmt; aberst mein Schatz kannst sein, das geht schon an.« Ihr Gesicht war noch röther geworden, als vorher. Sie trat rasch auf ihn zu und rief zornig: »Das sagst mir, mir, mir! Meinst, daß ich solche Worten anhören muß, weilst der Sohn vom Silberbauern bist und ich bin die Tochter vom ärmsten Mann im Dorf? Ich Dein Schatz? Nicht für zehntausend Thalern möcht ich mich von Dir nur mit denen Fingerspitzen anrühren lassen. So reich Du bist, so roh bist auch, so rüd und gemein. Da hasts, was ich von Dir denk. Und nun laß mich weiter gehen!« Man sah es ihm an, daß er solche Worte nicht erwartet hatte. Er war der Don Juan des Dorfes und hatte wirklich nicht geglaubt, daß es Eine geben könne, welche im Stande sei, ihn zurück zu weisen. Er war darum in hohem Grade erstaunt, doch verwandelte sich das Erstaunen schnell in Zorn. »Was?« fragte er. »Wie redest mit mir? Wann ich Dich nur anschau, so ists eine Ehren für Dich, die Tochter des Heiner, den mein Vater mit den Kartoffeln erwischt hat. Wer einen Spitzbuben zum Vatern hat, der hat fein demüthig zu sein. Ihr habt daheim nix zu fressen, und ich will Dir aus lauter Barmherzigkeiten eine Gelegenheit geben, Dir was zu verdienen. Wannst heut Abend hinters Haus kommen und da mein richtiger Schatz sein willst, so geb ich Dir einen ganzen Thalern.« Im Nu hatte sie den Korb vom Kopfe genommen und zu Boden gesetzt. Hart an ihn herantretend, rief sie aus: »Mensch, niederträchtiger und gemeiner! Soll ich Dir die Antwort ins Gesicht spucken? Willst mich nun auslassen, oder soll ich gar mit Dir balgen, damit ich den Weg frei bekomme?« Sie ballte drohend die kleinen Fäuste. Sie war in ihrem Zorne außerordentlich reizend. »Dirndl, was bist couragirt!« lachte er. »Aber so ists recht! So lieb ichs grad! Jetzt ist der Korb herab, und nun mußt mir ein Busserl geben.« Er faßte sie um den Leib. Sie aber rief keineswegs nach Hilfe. Sie glaubte sich allein mit ihm und also auf sich selbst angewiesen. Darum verließ sie sich auch ganz nur auf sich selbst. »Willst mich gehen lassen!« drohte sie. »Oder soll ich Dir zeigen, daßt ein Lump bist!« »Zeig, was Du willst, aber vorerst den Mund, daß ich ihn küß!« »Nein, vorerst die Hand. Da, und da und da und da!« Sie schlug mit beiden Fäusten so herzhaft auf sein Gesicht ein, daß er sie wirklich frei geben mußte. Er war aber in Wuth gerathen und drohte: »Das will ich mir noch gefallen lassen, denn das thut ja nicht wehe. Wann ich nur wollt, so könnt ich zugreifen, daßt gleich ganz still wärst. Aberst nun stell auch meine Geduld nicht länger auf die Proben. Ich will Dich küssen, und so mußt dran glauben!« »So! Meinst wirklich?« antwortete sie. »Denkst wohl, weil ich den Korb tragen muß, so kann ich mich nicht wehren? Den kann ich hier stehen lassen und ohne ihn davonlaufen.« »So habt Ihr nix zu essen.« »So hungern wir. Das schmeckt doch noch besser, als ein Kuß von Dir.« »Wannst die Pilzen zurücklassen willst, brauchens auch nicht im Korb zu bleiben. Da, paß auf!« Er ergriff den Korb und schüttete die Pilze aus, die von dem armen Mädchen mühsam zusammengesucht worden waren, um dafür in der Stadt einige Pfennige für den kranken Bruder zu lösen. Liesbeth stieß einen Klageruf aus; er aber kümmerte sich nicht darum, sondern warf den Korb weit fort und ergriff sodann das Mädchen; dasselbe so fest an sich pressend, daß eine Gegenwehr nun gar nicht möglich war, sagte er, höhnisch lachend: »Nun solls losgehen! Und nicht nur einen werd ich mir nehmen, sondern fünfzig und hundert.« »Nicht einen einzigen!« Diese drei Worte erklangen hinter ihm. Der Lehrer war hinter den Buchen hervorgetreten. Der Silberfritz drehte sich schnell um, maß den Störenfried mit zornigem Blick und sagte: »Was hast hier drein zu reden?« »Grad so viel wie Du!« »Oho! Wer bist denn eigentlich.« »Das kannst gleich erfahren. Vorerst aber nimm die Händ vom Dirndl weg!« »Fallt mir nicht ein.« »Soll ich Dich etwan zwingen?« »Du? Du wärst mir der Kerlen dazu!« Der Silberfritz wuthschnaubend, noch immer das Mädchen in den Armen, und der Lehrer ruhig und kalt, so standen sich die Beiden gegenüber. Liesbeth rührte sich nicht. Ihr Blick hing an Walther mit einem eigenthümlichen, ganz unbeschreiblichen Ausdrucke. Angst, Scham, Vertrauen und noch vielmehr war in ihrem schönen, jetzt so bleichen Gesichtchen zu lesen. »Nun, ich halt sie fest,« höhnte der Silberfritz. »So nimm sie doch weg, wannt kannst. Oder hast Angst?« »Vor Dir nicht.« Bei diesen Worten faßte der Lehrer den Arm des Bauerburschen. »Rühr mich nicht an!« brauste dieser auf. »Ich rühre Dich ebenso gut an, wie Du dieses Mädchen anrührst. Beides geschieht ohne Erlaubniß. Lässest Du sie gehen, dann gebe ich Dich auch frei.« »Das fallt mir nicht ein. Du aberst bekommst Deine Keile, wannst nicht sofort loslässest.« »Ober [Oder?] bekommst Du sie!« »Das werden wir gleich sehen.« Er wollte die Hand des Lehrers von sich abschütteln; dieser aber lachte lustig auf und sagte: »Du scheinst Dich für stärker als mich zu halten. Da irrst Du Dich aber gewaltig. Paß einmal auf!« Er drückte mit seiner Faust den Ellbogen des Gegners mit so einem mächtigen Griffe zusammen, daß der Silberfritz laut aufschrie und das Mädchen fahren ließ. »Hund!« brüllte er auf. »Das hast gewagt!« Liesbeth war frei, aber sie benutzte ihre Freiheit nicht zur Flucht, sondern sie blieb stehen, als müsse sie nothwendiger Weise erfahren, welchen Ausgang dieser Kampf nehmen werde. Der Silberfritz hatte seine Fäuste geballt und sich dem Lehrer gegenüber gestellt. Dieser stand ihm ruhig und furchtlos lächelnd gegenüber und antwortete: »Was ich gewagt habe? Nichts, gar nichts. In einem Streite mit Dir ist gar nichts zu wagen.« »Meinst, daßt mir über bist?« »Allemal!« »So wirst mir gleich unter kommen. Da schau!« Er holte aus, um nach dem Lehrer zu schlagen. Dieser aber ließ den Spazierstock, welchen er in der einen Hand gehalten hatte, fallen, parirte den Hieb mit einem Arme, faßte dann den Gegner mit einem blitzschnellen Griffe bei den Hüften, hob ihn aus und warf ihn mit solcher Gewalt zu Boden, daß er dort liegen blieb, halb betäubt und Arme und Beine von sich streckend. »Jesus Maria!« klagte Liesbeth. »Er ist todt!« »Nein! Trag keine Sorge! Er ist nicht todt. Es ist ihm nicht der mindeste Schaden geschehen. Ich habe ihn nur ein Wenig geprellt, und da wird er einige Zeit brauchen, ehe er wieder nach mir schlagen kann.« »Aber weißt, wer er ist?« »Nun?« »Der Silberfranz, der Sohn vom reichen Silberbauern.« »So! Was ist da weiter?« »Sein Vater ist der reichste Mann im Dorf!« »Was geht das mich an?« »Und der Schulz dazu, der Vorsteher!« »Desto mehr sollte sein Sohn es vermeiden, Ungesetzliches zu unternehmen.« »Aberst es kann Dir von ihm schlecht ergehen!« »Das wollen wir einfach abwarten.« »Brauchsts gar nicht abzuwarten. Es wird vielmehr sogleich kommen, jetzt, in diesem Augenblick.« Diese Drohung stieß der Silberfritz aus. Er hatte eine kurze Weile ganz regungslos am Boden gelegen und dann leise probirt, ob er seine Glieder zu bewegen vermöge. Es ging. Jetzt erhob er sich, spuckte in beide Hände und rieb sie wie Einer, der eine schwere Last erfassen will; dann sprang er auf den Lehrer ein. »O Gott!« rief Lisbeth erschrocken. Bei der Gewalt, welche der Bauerssohn in seinen Sprung legte, war sie überzeugt, daß er den Lehrer zu Boden reißen werde. Dieser aber trat schnell einen Schritt zur Seite, holte aus und schlug dem Angreifer die Faust so unter den hoch erhobenen Arm, also in die Achselhöhle, daß der Getroffene eine Wendung nach seitwärts erhielt und dort zu Boden stürzte. Sich schnell wieder aufraffend, erhob er beide geballte Fäuste und drang mit einem lauten Wuthschrei wieder auf Walthern ein. Dieser erhob einfach den rechten Fuß und trat dem Angreifer so in die Magengegend, daß derselbe abermals zur Erde flog. Es war ein Kampf der rohen, ungeschulten Kraft gegen einen geübten und geistesgegenwärtigen Turn- und Ringlehrer. Dieser Letztere stand noch ebenso lächelnd da wie vorhin. Nicht eine Spur der geringsten Anstrengung war ihm anzusehen. Der Silberfritz aber schnaufte, als er sich jetzt wieder aufraffte, wie ein wüthender Eber. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Er stierte den Lehrer an wie eine ganz unbegreifliche Erscheinung, da ihn, den Starken, noch kein Einziger Widerstand zu leisten gewagt hatte, blickte nach rechts und nach links, als ob er von dorther Aufklärung über seine unfaßbare Niederlage erwarte und stieß hervor: »Geht das denn wohl mit dem Teufel zu! Nieder mußt, Hund verdammter, und wann ich Dich derschlagen sollt!« Er griff abermals nach Walther. Dieser wich ihm zur Seite aus und antwortete: »Ganz wie Du willst! Wenn Du partout eine noch nachhaltigere Lehre haben willst, so sollst Du sie ganz gern erhalten. Da!« Er schlug ihm dabei die Faust unter das Kinn, daß der Getroffene einige Augenblicke lang wie eine Bildsäule stand, nach Luft schnappend, und sich dann halb um seine eigene Achse drehte. Walther benützte diese Blöße, welche sich der Gegner gab, faßte ihn mit beiden Händen an im Genick, trat ihm hinten in das Kreuz und riß ihn auf diese Weise abermals zu Boden. Einen gotteslästerlichen Fluch ausstoßend, schnellte der Silberfritz wieder zur Höhe, da er nicht an der Erde festgehalten worden war. Seine Augen waren jetzt mit Blut unterlaufen. Er blickte sich um. Nicht weit von ihm lag ein großer Stein. Er sprang hin, raffte denselben auf, holte aus und schrie: »Ob Dein Schädel fest genug ist. Komm her!« Der Hieb hätte unbedingt Walthers Hirnschaale zerschmettert. Aber der Letztere war zu gewandt und zu kaltblütig, um sich treffen zu lassen. Er wich aus und der Silberfritz wurde von der Gewalt, welche er in den Schlag gelegt hatte, zu Boden gerissen. Jetzt aber ließ der Lehrer ihn nicht wieder aufkommen. Er kniete auf ihn nieder, riß ihn herum, mit dem Gesicht nach oben, und versetzte ihm eine Menge so gewichtiger, schallender Ohrfeigen, daß Liesbeth voller Angst laut aufschrie: »Nicht so! Nicht so! Laß ihn gehen! Du derschlägst ihn ja!« »Pah! Solche Kerls haben ein zähes Leben,« lachte der Lehrer. »Er kann noch mehr, noch viel mehr vertragen.« Er fügte noch einige Ohrfeigen hinzu und erhob sich dann vom Boden. Der Bauernbursche lag still an der Erde. Er war nicht verletzt; aber Wuth und Scham arbeiteten so in ihm, daß er nicht wußte, was er vornehmen solle, und also liegen blieb. »Er kann nicht auf!« jammerte Liesbeth. »O, ich werde ihm schon aufhelfen.« »Welch ein End soll das nehmen!« »Ein besseres, als der Anfang war. Hast Du bereits mal gehört, wie man ein wildes Thier zähmt?« »Nein.« »Man muß ihm gleich erst merken lassen, daß man mehr Kraft besitzt als es selbst. Nachhero bekommts halt Respect. Dieser Kerl scheint auch halb wild zu sein, so eine Art Büffelstier, auf den man fein einhauen muß, ehe er gehorchen lernt. Paß auf, wie gehorsam er jetzt sein wird!« Er hob seinen Spazierstock auf. »Um Gotteswillen! Thu ihm nix mehr!« bat sie. »Wann er folgt, soll ihm nix mehr geschehen. Nimmt er aberst keinen Verstand an, so wird er bald erfahren, daß noch mehr kommt.« Und zu dem Daliegenden tretend, gebot er: »Steh auf!« Der Silberfritz bewegte sich nicht. »Nun? Willst oder nicht?« Er stieß ihm dabei den Fuß in die Seite. Der Besiegte raffte sich langsam auf. Er mußte sich erst auf die Hände stellen, ehe er emporkam. Es war ja auch kein Wunder, daß er sich wie an allen Gliedern zerschlagen fühlte. Jetzt stand er da, maß den Lehrer mit stieren Augen und sagte wuthbebend: »Das ist Dir nicht geschenkt!« »Nein, aber Dir! Nimms als ein gutes Andenken mit fort, und laß es Dir zur Lehre dienen!« »Willst auch noch spotten! Meinst etwan, daßt den Silberfritz gar besiegt hast?« »Ja, das meine ich. Oder willst nochmals anfangen?« »Das fallt mir jetzt nimmer ein! Ich bin heut krank und hab kein Gelenk, sonst lägst längst unter mir und bätst um Pardon und Barmherzigkeiten. Aberst laß Dich um Gotteswillen nimmer von mir treffen. Sobaldst mir wieder begegnest, kommt der Zahlaus!« »Schön! Auf den bin ich sehr neugierig!« »Wirst ihn kennen lernen! Jetzt aberst will ich gehn. Ich bin heut viel zu stolz, als daß ich mich noch weitern an Dir vergreif. Bleib da bei dem Dirndl, welches Keiner im Dorf anschaut! Kannst Freud an ihr haben und Ehr mit ihr einlegen. Ihr Vatern ist der Spitzbub, und sie ist die richtige Zuchthaustochter!« »Ich glaube, Du hast mehr Anlagen in dieses Haus zu gelangen als sie!« »Du, wannst dem Sohn des Silberbauern in dieser Art und Weisen kommst, so kannst was derfahren, was Dir nimmer lieb ist! Bist wohl auch Einer, der zu einem solchen Volk paßt und gehört!« »Ja, zu Dir passe ich freilich nicht.« »Das seh ich allbereits, und darum will ich gehen.« Er hob seine Kopfbedeckung auf, welche ihm während des Kampfes entfallen war, und wendete sich um, den Platz zu verlassen. Da aber sagte Walther: »Halt! So schnell kommst nicht fort von hier! Merkst nicht, daßt was vergessen hast?« Der Bursche wendete sich wieder um. »Was?« »Hier! Schau her!« Er deutete mit dem Stock auf die an der Erde liegenden Pilze und auf den Korb. »Meinst etwan die Schwammpilzen?« »Ja.« »Die gehn mich nix an!« »Aber diesem Dirndl gehns was an. Sie sind ihr Eigenthum: sie hat dieselbigen gesammelt, und Du hast sie ihr entrissen und auf den Boden geworfen.« »Wer sagt das?« »Ich habe es selbst gesehen! Du wirst sie zusammensuchen und sie ihr fein sauber wieder in den Korb thun.« Der Silberfritz wurde bis an das Haar glühend roth. »Meinst das wirklich?« fragte er. »Ja, wirklich!« »So thu's an meiner Stell! Der Silberfritz bückt sich wegen keines Menschen zur Erd herab!« »Aber auf der Erd hast doch meinetwegen bereits selbst gelegen?« »Weil ich heut krank bin und abgemattet. Aber gehorchen wie ein dressierter Pudel, das werd ich keinem Menschen, und Dir erst recht nicht. Verstanden?« Liesbeth sah, daß der Kampf von Neuem auszubrechen drohte. Sie ergriff den Lehrer leise beim Arme und bat ihn in besorgtem Tone: »Laß ihn gehen! Ich les mir die Schwammerln selber wiedern zusammen.« »Nein, das sollst aber nicht.« »Ich bitt gar schön!« »Hier hilft Deine Bitt nix. Ich wills haben, und so wird ers auch thun müssen!« »Meinst?« höhnte der Bursche. »Jawohl!« »Dann kannst wirklich mehr als Brot essen!« »Halt, laß sie liegen!« Diese in befehlendem Tone gesprochenen Worte galten dem Mädchen, welches sich bereits gebückt hatte, um die Pilze wieder in den Korb zu sammeln. Liesbeth fuhr bei dem Klange dieser strengen Worte wieder empor. »Also vorwärts!« gebot der Lehrer, mit dem Stocke auf die Erde deutend. »So kannst einen Hund anschnautzen, aberst mich nicht!« antwortete der Fritz. »Der Uebermuth wird Dir schon bald genommen werden! Jetzt geh ich.« »Du bleibst!« »Papperlapapp!« Er wendete sich zum Gehen. Aber mit einigen raschen Schritten stand der Lehrer hinter ihm. »Willst gehorchen oder nicht?« »Nein.« »So werd ich meinem Befehle Nachdruck geben.« »Meinswegen vermag die Prügelei wiedern beginnen. Aberst diesmal gehts anderst als vorhin!« Er griff nach dem Lehrer. Dieser aber versetzte ihm mit dem Stocke einen so wuchtigen Hieb auf den Arm, daß er denselben sogleich wieder sinken ließ. Sodann faßte Walther ihn beim Kragen und schleuderte ihn mit einem kraftvollen Ruck zurück, so daß der Silberfritz keinen Halt findend, zur Erde flog. Er wollte sich zwar sogleich wieder aufrichten, erhielt aber mit dem Stocke einen solchen Hieb über den Rücken herüber, daß er wieder niedersank. »Nun! Jetzt heißts arbeiten!« rief Walther. »Ich scherze nicht.« »Saukerl!« knirschte Fritz. »Also los! Sonst – –!« »Fallt mir doch nicht ein!« klang es bereits viel kleinlauter. Die Antwort war ein abermaliger Hieb. Wüthend wollte Fritz aufspringen; aber es fiel jetzt so schnell Hieb auf Hieb auf seinen Rücken, daß er durch die Wucht dieser Streiche förmlich zu Boden gedrückt wurde. Er griff nach den Pilzen. »Ah, endlich!« sagte Walther. »Nun aber schnell!« Es war wirklich, als ob ein Thier dem Gebote eines intelligenten, überlegenen Menschen Gehorsam leiste. Der Silberfritz begann die Arbeit, erst langsam und zögernd, dann aber schneller und schneller. Als er ungefähr zur Hälfte fertig war, machte er einen Versuch, sich zu erheben. »Jetzt ißts genug!« sagte er. »Noch lange nicht!« »Die sind zu klein!« »Aberst grad die besten, gesündesten und delicatesten!« lachte Walther. »Die dürfen wir erst recht nicht liegen lassen. Beeile Dich!« »Kannst auch mit helfen!« »Pah! Ich habe meinen Diener!« »Meinst etwan mich?« »Wen sonst?« »Donnerwettern! Das leid ich nimmer! Nun endlich ists genug. Jetzt wirds mir viel zu bunt!« »Wirklich?« »Ja. Jetzunder beginn ich, auch ein Wort zu reden!« »Das hast schon längst than, aberst es hat Dir leider gar nix geholfen!« »Jetzt wirds helfen!« Er wollte vom Boden auf. Ein Hieb des unbarmherzigen Bezwingers trieb ihn wieder nieder. »Schau, so gehts!« sagte dieser. »Du darfst nicht eher auf, als bis die Arbeit vollendet ist!« »Bin ich etwan Dein Sclav!« keuchte der Besiegte. »Jetzt, ja!« »So sollst bald sehen, wie es anderst wird!« »Meinswegen! Jetzt aber arbeitest weiter!« Und wirklich, der Silberfritz nahm die unterbrochene Zwangsarbeit wieder auf. Als zuletzt nur noch kleine Stückchen am Boden lagen, wollte Fritz aufhalten; aber Walther deutete mit dem Stocke auf jedes einzelne Stück, Fritz las auch diese auf. Dann aber richtete er sich langsam empor, stellte sich in seiner ganzen Höhe und Breite vor seinem Sieger hin und fragte: »Nun ists fertig; aberst eh ich geh, will ich noch Etwas wissen. Wer bist eigentlich?« »Das kann Dir sehr gleichgiltig sein!« »Gar nicht. Heut hast den ersten Trumpf gebracht; den letzten aber will ich ausspielen!« »Dagegen hab ich nix.« »Dann aberst mußt Du dabei sein! »Sehr gern.« »So will ich wissen, ob ich Dich wieder treffen thu.« »Du wirst mich noch oft gern sehen. »Wohnst in der Nähe hier?« »Noch nicht. Aber ich werde bald da wohnen, wo Du mich täglich sehen kannst.« »Das gefreut mich sehr. Da kann ich ruhig gehen und brauch mich nimmer zu schämen. Es wird sich zeigen, wer von uns Beiden der Sieger bleibt.« »Ja, jetzt kannst Du gehen. Du hast Deine Arbeit gethan, und ich halte Dich nicht zurück. Leb wohl!« »Hol Dich der Teuxel!« Er ging. Lisbeth stand neben ihrem Korbe. Sie betrachtete den Lehrer mit einem Blicke, aus welchem die größte Bewunderung sprach. Er nickte ihr freundlich zu und sagte: »Wird er auch gehen?« »Ich meine es.« »Oder kommt er heimlich zurück, um irgend eine Hinterlist gegen uns auszuüben?« »Nein. Der geht; der hat genug.« »Es ist ihm Recht geschehen.« »Aber was bist für ein – – für ein Herr!« »Herr?« fragte er lächelnd. »Wolltest Du nicht ein ander Wort sagen?« »Erst freilich! Was bist für ein Bursch, wollt ich sagen.« »Warum hasts nicht gesagt?« »Weil ich denkt hab, Du nimmsts übel.« »Uebel? Bin ich so ein gar alter Mann, daß man mich nimmer einen Burschen nennen kann?« »O nein, alt bist nicht, aber – aberst vornehm – – –« »Ich? Vornehm? Hältst mich wohl für einen Baron?« »Nein. Ein Lehrer ist doch kein Bauernbursch.« »Woher weißt, daß ich Lehrer bin?« »Von Regensburg her.« »So kennst mich wohl gar noch?« »Warum sollt ich Dich nicht mehr kennen? Es ist ja noch gar nimmer so lange her, daß ich Dich – – – –« Sie schien sich auf Etwas zu besinnen und hielt erschrocken inne. »Bitte, sprich weiter!« »O, ich bin sehr – dumm gewest! Ich sag immer Du zu Ihnen!« »Warum nicht?« »Zu einem Lehrern? Zu einem Schulmeistern? Das gehört sich nicht.« »Ich sag doch auch Du zu Dir!« »Das ist was ganz Anderes.« »So! Nun, ganz wie Du willst. Ich werde so zu Dir sagen, wie Du zu mir sprichst. Also Du oder Sie?« Sie blickte verschämt sinnend zu Boden und antwortete: »Ich bin ein arms Dorfdirndl.« »Und ich ein armer Schulmeister.« »Das ist kein Vergleich. Sie sagen Du zu mir, und ich sag halt Sie. Das ist das Richtige.« Sie war in Eifer gerathen, und ihre Wangen hatten sich geröthet. Er sah erst jetzt eigentlich, wie hübsch dieses Mädchen war. Diese rehbraunen Augen; diese küßlichen Lippen; diese volle Büste; diese runden, gebräunten Arme, und doch Alles so keusch, so rein, so züchtig. »Es bleibt dabei,« lächelte er. »Also wähle! Nennen wir uns Du oder Sie?« »Dann – – lieber Sie.« »Gut! Ich hab mich gefreut, als ich Sie vorhin erblickte, denn ich dachte daran, daß Sie mir eine Frage beantworten könnten. Wollen Sie?« »Wenn ich kann, ganz gern.« »Erinnern Sie sich noch, daß Ihre Herrschaft einmal Besuch hatte?« »Es ist oft Besuch dort gewest.« »Ich hab nur einen beachtet, obgleich ich grad gegenüber wohnte. Es war im vorigen Februar.« »Ein Herr oder nicht?« »Es war kein Herr, sondern eine junge Dame.« »Eine Dame?« meinte sie nachsinnend. »Im Februar? Das kann nimmer richtig sein.« »Und doch ist es so. Ihre Herrschaft wohnte neben einem Gasthofe. Im Saale dieses Letzteren veranstaltete ein Gesangverein ein Maskenfest. Ihr Herr war Mitglied dieses Vereins – – –« »Ja, das weiß ich schon. Allemal am Samstag ist er in den Verein gelaufen und spät nach Haus kommen, mit einem Spitz, einem Käfern, oder gar einem Affen.« »Ja, das kam vor.« »Dann hat die Herrin zankt.« »Das verdenke ich ihr gar nicht.« »Er aberst hat sich nix draus macht, sondern dabei immer pfiffen und sungen, was er am Abend im Verein hat lernen müssen. Er hat stets so lange summt und brummt, bis sie still gewest ist.« »Das verdenke ich nun auch ihm nicht. Aber wollen Sie sich vielleicht erinnern, daß an jenem Maskenfest er sich auch mit betheiligt hat?« »Ja, das weiß ich schon. Es sollt ein Bärenführer macht werden. Da hat mein Herr den Bären vorgestellt und sich in eine Bärenhaut nähen lassen müssen.« »Das stimmt.« »Darüber ist die Herrin so zornig gewest, daß sie fast aus der ihrigen Haut fahren ist.« »Welche Maske hat denn sie gehabt?« »Sie war die Königin der Nacht.« »Ja, ja, so ists richtig.« »Sie hat einen großen, dunklen Schleiern über den Kopf hängt und lautern Papiersterne von Gold und Silbern darauf klebt.« »Und gingen sie beide allein, Ihr Herr und Ihre Herrin? Besinnen Sie sich!« »Nein, sie sind nicht allein gangen, sondern die Martha ist auch mit gewest.« »Hm! Als was war sie verkleidet?« »Als eine Prinzeß aus der Türkei.« »Richtig, sehr richtig! Das war die junge Dame, welche ich meine.« »Also die ist eine Dame? Nun, ich weiß halt nimmer, was oder wer eigentlich eine Dame ist.« »Eine weibliche Person von nicht gewöhnlichem Stande.« »So! Dann ist sie halt keine Dame, weil ihr Vätern ein Bauern ist.« »Nicht ein Rittergutsbesitzer?« »Nein. Er möcht sich halt gar gern so nennen; aberst ein Ritterngut hat er nicht.« »Wer ist er denn?« »Der? Nun, der ist eben der Silberbauer.« Der Lehrer trat einen Schritt zurück. In seinem Gesichte spiegelte sich eine wirkliche Enttäuschung wieder. »Der – Silber – – bauer!« wiederholte er. »Ja freilich!« »So ist diese Martha die Schwester des Menschen, den ich soeben durchgeprügelt habe?« »Ja. Die Beiden sind des Bauern einzige Kinder.« »Aber, aber – Sapperlot! Sie sprach gar nicht, als ob sie eine gewöhnliche Bauerstochter sei!« »Ja, sie kann halt bereits vornehm thun. Sie spielt auf dem Pianissimo und redet auch ein Französisch. Sie ist zwei Jahr in Pension gewest.« »Aber sagen Sie mir doch, aus welchem Grunde die Martha Ihre Herrschaft in Regensburg besucht hat.« »Um sie mal zu sehen!« »So meine ich es nicht. Ist sie bekannt mit ihnen?« »Ja freilich. Meine Herrin ist die Schwestern von der Martha ihre Muttern. Sie hat meine Herrschaft Onkel und Tante genannt.« »Ach so – so! Wo befindet sie sich jetzt?« »Daheim.« »Und was thut sie da?« »Was soll sie thun? Sie spielt Pianissimo und hat auch manchmal eine Häkelnadeln in der Hand.« »Weiter nichts? Ist sie nicht in der Wirthschaft tätig?« »Nein. Auch fährts zuweilen spazieren in der Kutschen.« »So, so! Also spielt sie die Dame.« »Ja, wanns so gemeint ist, nachhero ist sie freilich eine Dame. Gut hat sies freilich, besser als alle Andern im Dorf.« Sie blickte dabei trüb vor sich nieder. Obgleich Walther sich in Folge dessen, was er soeben erfahren hatte, auch nicht in einer glänzenden Stimmung befand, that ihm das Bild der Entsagung, als welches dieses hübsche und brave Mädchen vor ihm stand, herzlich weh. »Auch besser als Sie?« nickte er theilnehmend. Sie hob den Blick ihrer guten Augen zu ihm auf und antwortete: »Ich? Halten Sie mich für unglücklich?« »Das nicht grad, aber für arm.« »Ja, arm find wir freilich; aberst unglücklich bin ich nicht. Mein Vatern hat mich lieb, und der Brudern hängt erst recht an mir mit seiner ganzen Seelen. Gesund bin ich auch, so daß ich herzhaft schaffen kann, und so könnt ich halt recht zufrieden sein, wann – wann – – wann nur Zweierlei nicht wär.« Sie hatte das nur zögernd ausgesprochen. »Zweierlei?« fragte er. »Also zwei Veranlassungen zum Kummer haben Sie?« »Ja.« »Darf man nichts darüber erfahren?« »Was hilfts, wann ich auch davon sprech!« »Sie erleichtern Ihr Herz.« »O, das bleibt dennerst fest drauf liegen. Und wanns Lehrern bei uns werden, so werdens ja Alles schon bald selber derfahren.« »Am Liebsten erfahre ich es von Ihnen selbst.« »So! Nun, das Eine wird mir schwer, wann ich davon sprechen soll, denn der Vatern ist in Noth gewest – – –« »Ach, Sie meinen die Angelegenheit mit den Kartoffeln?« »Ja,« antwortete sie, indem sie die Augen niederschlug. »Darüber brauchen Sie sich nicht zu kränken. Das ist ja vorüber, und Ihr Vater befand sich in sehr großer Noth, wie Sie ja selbst sagten.« »Was? Sie wissens schon bereits?« »Ihr Vater hat es mir gesagt.« »Wann?« »Vor einer Viertelstunde. Ich hatte mich verirrt und traf ihn im Walde. Er hat mich zurecht gewiesen, und wir sind recht gute Freunde geworden.« »Das gefreut mich sehr, wann der Vatern freundlich zu Ihnen gewest ist. Er ist es sonst nimmer. Wann er mit Einem freundlich ist, das ist eine Ausnahme, auf die man stolz sein kann. Hat er Ihnen auch wohl Etwas von dem Brudern gesagt?« »Daß er einen kränklichen Sohn hat?« »Das ist eben meine zweite Sorg und Bangigkeiten.« »Was hat er für eine Krankheit?« »Kein Mensch weiß, wie mans nennen soll. Und weils halt Keiner weiß, so hat der Doctorn der Krankheiten einen gar langen und fremden Namen geben. Wer den Brudern so sitzen sieht, der sollt meinen, es sei die Verzehrungsschwindsuchten. Aberst sie ist es halt nicht, sondern etwas ganz andres.« »Erhält er Medicin?« »Der? Wer sollt dafür zahlen? Als es vor letzter Zeiten mit ihm zur Besserung war, bin ich als Magd nach Regensburg gangen. Für meinen Lohn hat der Vatern den Doctorn kommen lassen und die Medicinen zahlt. Da aberst ist es so schlimm worden, daß ich wiedern zuruck mußt hab. Weitern aberst giebts halt keinen Menschen, der den Arzt zahlen wollt für ihn.« »Die Gemeinde, welche den Armenarzt honoriren muß.« »Da dürft halt dera Silberbauern nicht der Schultheiß sein. Und nachhero will ich mir auch das Blut von denen Händen herabarbeiten, bevor ich mir sagen laß, daß ich mir von dera Gemeind ein Almosen erbitt!« »Das ist brav, sehr brav! Was treibt denn der Bruder während der Krankheit?« »Was soll er treiben! Zur Arbeit ist er halt viel zu schwach. So liest er, wann er ein Buch oder so was derwischen und geborgt erhalten kann. Am allerliebsten aberst thut er halt malen und zeichnen. Die allergrößt Freuden kann man ihm machen, wann man ihm ein Bleifedern schenkt und ein Bogen weiß Papieren. Da malt er in die Million.« »Und was?« »Ganz dummes und fremdes Zeug. Was es hier bei uns halt gar nimmer giebt. Affen, Elephanten, Tigern, Krokodilen und lauter solches Zeugs. Aberst auf jedem Bild, das er macht, ist wenigstens ein Elephant dabei, und daher wird er, weil sein Name Johann ist, also Hans, im ganzen Dorf nur der Elephantenhans geheißen.« »Sonderbar! Woher hat er denn die Marotte, nur so fremde Thiere zu zeichnen?« »Aus denen Büchern, die er lesen hat. Und Alles merkt er sich. Alles. Jeds Wort, was in diesen Büchern steht, weiß er auswendig. Es wird Einem halt ganz angst, wann man ihn von so gelehrten Dingen sprechen hört. Es will ihn hier gar nimmer leiden. Er will fort.« »Wohin?« »Ich weiß den Namen nimmer. Es ist auch so ein fremds Wort, was Einer nimmer über die Zungen bringt. Wissens, der Doctoren hat sagt, der Hans könnt leicht gesund werden, wann er in ein Land ging, was im Süden liegt, wo es warm ist. Da hat er nun meist nach solchen Büchern ausschaut, wos drinnen auch warm und südlich ist, voller Palmen und Löwen und Elephantern. Darum malt er lauter solche Sachen, und darum redet er nur davon, daß er dorthin möcht nach – nach – – –« »Nach dem Orient?« »Orient! Ja, ja, das ist das Wort, worauf ich nimmer kommen bin. Dahin will er.« »Der Aermste! Dazu gehört Geld!« »Wohl viel?« fragte sie naiv. »Sehr viel!« »Da derschreck ich fast. Ich hab im Stillen bei mir denkt, daß ichs doch vielleicht dermachen kann.« »Was?« »Das Geld zu verdienen. Schauns, in großen Städten, da erhält ein Dienstmädchen mehr Lohn als in kleinen. Da hab ich denkt, wann ich nach München geh und erhalt am Monat zehn Mark, so sinds hundertzwanzig im Jahr. Wann ich nachher zwei Jahren hindurch dienen thu und leg Alles zusammen, so sinds zweihundertundvierzig. Das ist doch ein ganz erstaunlich Geld, und ich sollt meinen, daß der Brudern dafür nach dem Orient gehen und gesund werden könnt.« Sie rechnete ihn das mit einer Begeisterung her und in einem so vertraulichen Tone, daß es ihm so wohl und doch auch so weh im Herzen that. Dieses gute, schöne, aufopferungsfreudige Mädchen wollte Alles, Alles hergeben, um den Bruder gesund zu sehen. Durfte er ihre glückliche Illusion zerstören? Durfte er ihr sagen, daß selbst ein zehn Jahre langes Dienen und Sparen nicht zu der Summe führen könne, welche nöthig war, den Wunsch des kranken, wohl unheilbar kranken Bruders zu erfüllen? Nein, das wäre Grausamkeit gewesen! Er wollte die Familie und besonders den Bruder erst näher kennen lernen. Nachher konnte er eher ein Wort über diesen Plan des Mädchens sprechen. Darum antwortete er jetzt, ernst und nachdenklich nickend: »Ja, das ist freilich eine tüchtige Summe.« »Man könnt sich gar eine Kuh dafür kaufen und nachhero mit Milchen, Butter und Käs handeln. Aberst noch besser ists, der Hans wird gesund. Aberst wann ich von ihm fortgeh in den Dienst, nachhero wird es wieder schlimmern mit ihm, das weiß ich schon. Der Vatern kann mit seiner einen Hand nix verdienen, und wann ich fort bin, ists gar ganz aus.« »Was arbeiten Sie daheim?« »Allerlei. Ich halt unsere kleine Wirtschaften in Ordnung, geh zu denen Bauern, wanns eine Arbeiten im Feld oder im Garten giebt, und mach sodann auch heimlich für die Frauen und Töchtern, was sie nicht können.« »Was wäre das?« »Nun, ich hab in Regensburg meiner Herrin das Häkeln und das Sticken ablauscht und mich in dera Nacht übt, wanns denkt hat, ich schlaf. Hier in Hohenwald nun giebts Keine, die das kann, und so mach ichs für sie.« »Aber die Martha kann es doch?« »Ja, sie hats wohl lernt, aberst sie ist zu faul dazu. Da muß ichs arbeiten, und nachhero sagt sie, daß sie's macht hat. Das bringt mir gar manchen Groschen ein. Sie könnens glauben. Wann dies nicht wär, so müßten wir halt doch verhungern.« »Bitte, wo wohnen Sie?« »Beim Feuerbalzer.« »Wer ist denn das?« »Der war ein reicher Bauer; aberst er ist schnell arm worden, weil er mit dem Silberbauern ganze Nächte lang spielt hat um die Thalers und Gulden und wohl oft auch um die Dukaterln. Nachhero ist sein Gut eines Nachts wegbrannt, und darüberst ist er gar verruckt worden. Jetzt geht er umher und weiß nimmer, was er thut. Aber ich möcht nun fast verschrecken, daß ich so dasteh und mit Ihnen schwatz. Ich muß ja noch nach dera Stadt hinein!« »Haben Sie dort nothwendig zu thun?« »Ja. Ich will diese Schwammerln hineinschaffen. Da erhalt ich grad so viel, daß ich mir eine kleine Duten mit Kaffee kaufen kann. Wissens, dera Vatern trinkt gern den Kaffee. Das ist sein Leben, wann er so eine altbackene Brotrinden hineinbrocken kann. Und nachhero bleiben mir auch noch ein paar Pfennige über für einen Bogen Zeichenpapier für den Brudern. Jetzt also muß ich fort.« »Ich geh noch ein Stuck mit Ihnen.« »Ich hab denkt, Sie wollen ins Dorf hinein?« »Ja.« »So geht mein Weg anderst als der Ihrige.« »Ich denk, Sie müssen durch das Dorf?« »Eigentlich ja. Aberst weil ich so lang hier standen bin und die schöne Zeiten versäumt hab, so muß ich das jetzund wieder einholen und werd nun gleich grad durch den Wald hineinlaufen.« »Sie werden doch nicht etwa wieder auf den Silberfritz stoßen!« »O nein. Vor dem hab ich nun alleweil Ruhe.« »War es das erste Mal, daß er Sie in dieser Weise belästigt hat?« »O, was denkens? Der hat auf mich lauert auf Schritt und Tritt: aberst so arg wie heut ist er doch noch nie gewest. Ich weiß halt gar nicht, wie ichs Ihnen danken soll. Sie sind mir grad wie ein Rettern in dera größten Noth derschienen.« »Das bedarf keines Dankes.« »O doch! Ein Andrer hätt sich gar nimmer an den Silberfritz wagt, denn der ist als der stärkste Bursch in der ganzen Umgegend bekannt. Wer Sie so anschaut, der kann halt gar nicht denken, daß Sie so eine gar besondere Körperkräften besitzen.« »So? Ich seh also nach gar nichts aus?« Er sagte das im Tone scherzhafter Beleidigung. Sie glaubte, es sei Ernst, und so antwortete sie schnell: »So wars halt nicht gemeint, bei Leibe nicht! Sie sehen schon nach was aus! Das versteht sich!« Dabei glitt ihr Blick in unbewußtem Wohlgefallen über seine zwar nicht auffallende aber doch sehr stattliche Gestalt. »Nun, nach was denn?« fragte er. »Nach – nach – ja, wer kann das sagen! Dazu bin halt ich gar viel zu dumm. Hübsch sehens aus und reputirlich, gut und brav und wie Einer, der was lernt hat und sich vor Niemand nicht zu fürchten hat.« »So gefalle ich Ihnen?« Bei dieser Frage wurde sie glühend roth. Dennoch aber antwortete sie sogleich: »Freilich wohl. Ich hab schon damals gern nach Ihnen geschaut, als ich in Regensburg dient hab. Wissens, das ist grad so, wie wann die Gans sich das Roß anblickt. Sie wird gerupft und kostet zwei Mark; das Roß aber ist das vornehmste Thier auf dem Gut und kostet wohl gar über tausend Mark. Jetzt nun muß ich schönen Dank sagen für die Hilf, die Sie mir bracht haben. Wann ich Ihnen einen Gefallen thun könnt, einen recht gar großen, so wollt ichs von Herzen gern thun.« »Das freut mich sehr. Menschen haben einander nöthig, und so ist es möglich, daß ich mir recht bald von Ihnen einen kleinen Dienst erbitten muß. Aber da am Ende fällt mir ein, daß wir so viel von dem Silberbauer gesprochen haben, und ich hab aber noch gar nicht nach seinem Namen gefragt. »Claus heißt er. Aber wanns mit ihm sprechen, so sagens ja nicht so blos weg Claus, sondern Herr Claus.« »Das versteht sich ganz von selbst.^ »Aberst dieses Herr muß bei ihm ganz besonders betont werden. Am allerliebsten aberst läßt er sich Herr Silberbauern nennen. Merkens wohl!« »Ich ahne bereits, daß ich nicht allzu höflich mit ihm verkehren werde. Doch haben Sie Dank für Ihren guten Rath. Ich will Sie nun nicht länger aufhalten. Behüt Sie Gott, Liesbeth.« Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie legte die ihrige hinein und sagte, beinahe verschämt: »Sie wissen, daß ich Liesbeth heiß?« »Ihr Vater hat den Namen genannt, und auch bereits in Regensburg kam es vor, daß ich ihn hörte – wenn Sie zum Beispiel einen Gang zu thun hatten und sich bereits auf der Straße befanden, und Ihre Madame rief Ihnen noch Etwas aus dem Fenster nach. Sie müssen nämlich wissen, daß ich Sie immer gern so von Weitem beobachtet und angeschaut hab.« »Jetzt spottens über mich!« W. z. G. »Davor sollte mich Gott behüten! Ich habe Freude gehabt, daß Sie immer so nett und blitzsauber gingen.« Er hielt ihr Händchen noch immer in der seinen. Sie senkte den Blick und meinte: »Nett und blitzsauber? Herrgottle, wanns halt auch so wär! Aber wann man gar so arm ist und kaum Etwas hat zum Anziehen, so ists halt gar schwer, so zu sein, wie ein accurat Weibsbild sein muß. Wann Unsereins sich ein Röckerl oder eine Schürzen kaufen will, da muß man sichs vorher am eignen Mund absparen, wann man nicht gar den Vatern und den Brudern darben lassen will.« »Ich glaubs, ich glaubs!« sagte er ernst. »Aber es wird Ihnen wohl auch einmal besser gehen als jetzt. Ich habe mich herzlich gefreut, Sie wiederzusehen und will Sie nun ja nicht länger hindern, Ihrem Verdienste nachzugehen. Leben Sie wohl, Liesbeth!« »Behüts Gott, Herr Lehrern!« Sie schüttelten sich herzhaft die Hände und trennten sich. Sie ging grad in den Wald hinein, und er folgte dem Wege, welchen der Finkenheiner ihm beschrieben hatte, und welchen vor ihm auch der Silberfritz gegangen war, um sich nach dem Dorfe zu begeben. Dieser Weg folgte den Erhöhungen und Senkungen des Bodens, war bald breiter und bald enger, je nachdem das Terrain es gestattete, und schien sehr fleißig betreten zu sein. Bei einer solchen Bodensenkung wurde er zum engen Hohlwege, welcher steil abwärts und dann ebenso steil aufwärts führte. Da erblickte Walther eine alte Frau, welche an der Seite des Weges stand und sich schier über ihre schwachen Kräfte mit einem Tragkorb abmühte, den sie nicht auf ihren Rücken bringen konnte. Der Korb war hochauf mit dürrem Lesholz gefüllt, wie arme Leute es ja im Walde zusammensuchen dürfen. Um ihn auf den Rücken nehmen zu können, hatte die Alte ihn auf die Böschung gestellt; sie selbst stand unten auf dem Wege und bemühte sich, die beiden Tragbänder über ihre Achseln zu ziehen und unten wieder am Korbe zu befestigen. Aber so oft sie diesen Versuch machte, merkte sie, daß der zu sehr beladene Korb für sie viel zu schwer sei. Sie mußte arm sein, sehr arm. Sie war barfuß und hatte jedenfalls nur einen einzigen Rock an. Dieser, aus roth und schwarz gestreiften Flanell gemacht, war vielfach zerrissen gewesen und sorgsam wieder geflickt worden. Aber leider hatten die Flickflecke nicht nach der Farbe des ursprünglichen Zeuges gewählt werden können, und so waren an diesem Kleidungsstücke fast alle Farben des Regenbogens zu sehen. Oberhalb dieses Rockes trug die Alte ein schwarzes, bis hoch an den Hals gehendes Leibchen. Eine blaue, auch sehr geflickte Schürze war über den Rock gebunden, jetzt aber aufgerafft worden, weil die Frau irgend Etwas darinnen verwahrt trug. Eine Jacke oder einen Spencer gab es nicht, und so ragten die dürren, runzeligen Arme nackt aus dem Leibchen hervor, eben nur von den kurzen Aermeln eines groben, auch ausgebesserten Hemdes bedeckt. Ein Kopftuch oder eine sonstige Kopfbedeckung war auch nicht vorhanden und das graue Haar ganz kurz abgeschnitten, grad wie bei einem Manne. Das gab der Alten ein nicht eben sympathisches Aussehen. Und doch zeigte das runzelvolle, von der Sorge der Noth abgemagerte Gesicht noch Spuren, welche darauf schließen ließen, daß es einst sehr hübsch, vielleicht sogar schön gewesen sei. Als diese Greisin den Lehrer kommen sah, schmiegte sie sich so eng an die Wegböschung, daß er ja ganz bequem vorüber könne, ohne sie zu berühren. Dabei machte sie einen ehrerbietigen Knix und grüßte: »Gelobt sei Jesus Christus.« »In Ewigkeit!« antwortete er. Als er dabei sein Auge auf sie richtete, blickte sie ihn so stumm flehend an, daß es ihn innerlich erbarmte. Diese Frau mußte viel ausgestanden, viel innerliche und äußere Noth erfahren haben. »Haben Sie Hunger?« entfuhr es ihm. Sie sah aber auch wirklich ganz so aus, als ob seit langer Zeit kein Bissen über ihre Lippen gekommen sei. Sie öffnete den Mund, als ob sie antworten wolle, gab aber ihre Antwort dennoch stumm. Sie schüttelte den Kopf und öffnete ihre Schürtze, um ihm eine kleine Anzahl Pilze sehen zu lassen, welche sich in derselben befanden. Er verstand nicht, was sie meinte, und erkundigte sich also: »Warum soll ich diese Pilze sehen?« »Weils mich fragen, ob ich Hunger hab.« »Ach so! Was meinten Sie also damit?« »Daß ich keinen hab, weil ich Pilze gessen hab.« »Gleich so roh, wie sie hier sind?« »Ja.« »Mein Gott! Wer kann solche Schwämme essen, bevor sie zubereitet sind!« »Wer kein Geld – aberst dafür Hunger hat.« »Haben Sie kein Brod daheim?« Sie schüttelte traurig den Kopf. »Und auch nichts Anderes?« »Ein paar Stoppelrüben noch vom vorigen Jahr.« »Aber da können Sie doch gar nicht existiren!« »O wir existiren schon bereits eine lange Zeit so. Jetzt haben wir freilich Hunger. Aberst wann ich mit dem Holz nach Haus komm, nachhero können wir Feuern machen und die Rüben kochen und auch die Schwammpilzen dazu.« »Und nachher?« »Ja, nachhero – dann gehn wir zu Bett.« »Und morgen?« »Da wirds halt wieder so wie heut.« »Habt Ihr kein Feld?« »Keinen Teller voll Land.« »Aber ein Handwerk, ein Geschäft?« »Auch nimmer. Ich bin an die sechsundsiebzig Jahre; mein Sohn ist nimmer richtig im Kopf und kann nix verdienen, und meine Schwiegertochtern liegt krank auf der Streu und jammert den ganzen Tag über weiter nix, als daß sie Hungern hat und Schmerz dazu.« »Mein Gott! Erbarmt sich denn Niemand über Euch!« »Wer denn? Etwan der Silberbauern? Der spuckt uns höchstens an, wann er uns derblickt. Oder die Andern, die auch nix haben, weil er ihnen Alles nommen hat, grad wie uns? Nein! Wann nicht die Liesbeth zuweilen kommt und mir ein Stück Brod heimlich zusteckt, so hab ich nix als Rüben und Pilzen jetzunder.« »Meinen Sie die Tochter des Finkenheiner?« »Ja.« »Die hat doch selber nichts!« »Die? Ja die ist grad so arm wie wir; aber sie hat doch immerst Etwas für uns, einen Happen Brod, ein warms Kartoffel, eine Spinatensuppen, dies aberst aus Brennesseln macht hat; auch ein kleins Backobsten bringts zuweilen, und in voriger Woch hats gar ein Stuckerl Fleisch bracht. Wohers das gehabt hat, das weiß halt auch nur der liebe Herrgott. Sagen aberst thuts nix davon. Das Dirndl ist der wahre Engel für uns und auch für andre Leutln.« »Wie lange sind Sie heut bereits im Walde?« »Seit fruh Morgens drei.« »So lange haben Sie Holz gesammelt?« »Ja, und Pilzen gessen.« »Da müssen Sie aber doch todmüde sein!« »Freilich wohl.« »Und da wollen Sie den schweren Korb noch tragen?« »Muß ich nicht?« »Aber Sie können ihn ja nicht einmal heben!« »Wann ich ihn nur erst mal auf dem Rucken hab, nachhero wank ich schon auch mit demselbigen fort.« »So lassen Sie doch einen Theil des Holzes zurück! Dann bringen Sie das Uebrige leichter fort.« »Ja, mein gutes Herrle, das thät ich schon, wann nicht morgen der heilige Sonntag wär. Da kann ich doch nicht in den Wald, und bis zum Montag reicht doch das Holz nachher immer aus. Am Sonntag geh ich nicht in den Wald. Da will ich meine Kirchen haben, meine Predigt und ein Liedl dazu. Das ist das Einzge, was man auf dera Erden noch hat, bevor man stirbt. Wann ich den Trost nimmer hätt, so wär ich schon längst vergangen vor Gram und Herzeleid.« »Wo wohnen Sie denn?« »In derra Flachsdörre.« »Was! In einer Flachsdörre wohnen Sie?« »Ja freilich. Und wir sind gar noch froh, daß wir es so gut derwischt haben. Sie müssens nämlich wissen, daß die Flachsdörre ein gar großes Gebäuden ist. Unten ist dera Ofen west, wo dera Flachsen geröstet worden ist, und oben drüberst hat ein alter Bauersmann wohnt, der die Dörre baut hat und sich dabei ausbedungen, daß er bis an sein End frei da oben wohnen kann. Jetzt nun aberst wird in unsern Gegend kein Flachs mehr baut, seit der Silberbauern die ganzen Felder für sich zusammenworfen hat. Das, was die Andern haben behalten dürfen, brauchens jetzund, um ein Bisle Kartoffel, Roggen, Gerst und Hopfern darauf zu thun. Für dera Flachsen aberst giebts halt keinen Platz mehr. Darum wird die Dörre nimmer braucht, und nun wohnen wir darinnen, unten wir und oben über uns dera Finkenheiner.« »Wie? Dann seid Ihr wohl die Mutter des Feuerbalzer?« »Ja, die bin ich schon. Sie kennen mich also?« »Gehört hab ich von Ihnen.« »Freilich, mir ists an meiner Wiegen auch nicht sungen worden, daß ich mal in den Wald muß, Holz zu lesen und dabei Schwammerln essen. Ich hab gar andre Zeiten durchgemacht; das könnens mir gut glauben. Ich bin im seidnen Kleid gangen, mit dem Mieder von Sammet und goldene Spangerln daran; aber – –« Es waren ihr die Thränen in die Augen getreten. Sie hielt inne, sich dieselben abzuwischen. »Ich bedaure Sie!« sagte der junge Lehrer mitleidig. »Es ist dabei ein großes Glück, daß Sie Ihren Glauben und Ihr Gottvertrauen nicht verloren haben.« »O, meinen Gott, den geb ich nicht her; den halt ich fest bis zum letzten Athemzuge! Der ist ja mein einziger Trost im Leben und im Sterben. Sie habens wohl nimmer die Noth kennen lernt und – –« »Ich?« lächelte er wehmüthig. »Da irren Sie sich. Ich bin ein armes Waisenkind. Ich weiß, wie trocknes Brod schmeckt und der Stock dazu, wenn man einen brutalen Pflegevater hat. Ich hab arg gehungert und gekummert, um Das zu werden, was ich bin. Aber der liebe Herrgott hat auch mir geholfen. Und grad weil ich meine Hunger- und Kummerzeit nie vergessen werde, fühle ich mich als Bruder Aller, die mühselig und beladen sind.« »Schauns, das ist ja recht schön von Ihnen! Solche Leutln findet man jetzt selten, und bei uns im Dorf alleweile fast gar nimmer. Darf ich dennerst fragen, was der Herr noch worden ist, nachdem er ein arms Waisenkind wesen war?« »Schullehrer.« »Ein Schulmeistern sinds? Hab mir doch gleich so was denkt! Das gefreut mich sehr. Da habens einen schönen Beruf, aberst auch einen gar schweren. Seins nur froh, daß nicht Lehrer hier in Hohenwald sind!« »Warum?« »Mit dem ists halt gefehlt.« »Weils eine Strafstelle ist?« »Deshalb auch. Es war keine Strafstellen gewest vorher; aberst seit der Silberbauern das Heft in die Hand nommen hat, ist alles anderst worden, viel schlimmer als vorher. Da mag Niemand die Lehrerschaft hier haben, und darum wird halt immer Einer herschickt, mit dems irgendwie und irgendwo einen Haken hat. Das ging wohl an. Aberst das Allerschlimmst ist, daß der Lehrern hier nicht geachtet wird, sondern vielmehr grad verspottet.« »Warum?« »Weiß ichs? Niemand weiß, wie das so nach und nach kommen ist. Die Stellen bringt nicht viel ein, und so hat der Lehrern stets mit denen Bauern scharwenzeln mußt, um eine Wursten, eine Buttern, ein Brod zu erhalten, damit er auskommen kann. Das hat dera Reputationen Schaden than, und jetzund ists nun so gestellt, daß der Lehrern gar dena Hanswurstl machen muß für den Silberbauern. Wann er das nicht thut, so hält ers gar nimmer aus.« »Ists gar so schlimm?« »Jawohl! Der Jetzige hats gar nicht lange Zeit trieben. Er ist vom Bauern verführt worden und hat im Wirthshaus sessen, anstatt in dera Schulen. Da habens ihn halt fortgejagt. Gestern ist er weg, weit fort. Man sagt, er sei Schreiber worden bei einem Adverkaten. Heut nun soll dera Neue kommen. Wann er nicht käm, so könnt morgen gar nicht mal Kirch gehalten werden von wegen der Orgel.« »So ist man wohl neugierig, was für ein Mann er sein wird?« »Freilich wohl. Am Neugierigsten ist der Silberbauern. Er hat den Dorfwächtern ausgesandt auf dera Straßen nach der Stadt. Der soll ausschaun, ob Einer kommt, der wie ein Schulmeistern ausschaut, und ihn sogleich ins Wirthshaus bringen.« »Ach so!« »Ja, so schauts aus! So beginnts, und so ähnlich muß es nachhero auch enden.« »Weiß man denn nichts Bestimmtes über ihn?« »Nein.« »Freilich ein gar sehr braver wirds wohl auch nicht sein, eben weil er zu uns gesandt wird, und der Herr Pfarrern hat sich auch bereits wegen ihm mit dem Silberbauern zankt.« »Wieso und warum?« »Der Lehrern hat stets beim Silberbauern wohnt, droben überm Pferdestall. Er hat ihm die Schreiberei versorgen müßt, die in der Gemeind vorkommen, denn der Bauern ist der Schultheißen und schreibt nicht gern. Dafür hat dera Lehrern die Stub erhalten, und dera Bauern hat ihn gleich gut bei der Hand gehabt, zur Bedienung, zum Trinken und gar auch zum Allodria. Dera Neue aberst hat das vielleichten nicht wußt und darum seine Büchern und andre Sachen, als er sie vorausschickt hat, an den Herrn Pfarrern veradressirt. Das hat dera Silberbauern nicht leiden wollen. Er hat die Sachen heraus verlangt. Der geistliche Herr aber hat sagt, was an seine Adressen kommt, das hab er auch zu verwahren. Nun soll der Lehrer auf dera Straßen auffangt und gegen den Pfarrern hetzt werden. So geht halt gleich dera Teufel los.« »Wann dies so ist, so ist der neue Lehrer nicht sehr zu beneiden.« »Gar nimmer. Wann nur mal Einer käm, der sich vor dem Bauern nicht fürchten, sondern ihn gehörig anknurren thät wie ein Kettenhund. Das thät gar Manchen freuen, und nachhero könnts vielleicht im Ort auch besser werden.« »Dafür sollte doch eigentlich der geistliche Herr sorgen. Nicht?« »Vielleicht wohl. Aberst er ist bereits sehr alt, und sein Gemüth paßt nicht zum Streit. Er ist eine Seel und ein Herz. Er kann kein Wässerlein trüben. Doch sich mit dem Silberbauern balgen, dazu ist er dera Mann nicht. Nein, ein Schullehrer muß kommen, der noch jung ist und voller Muth und sich nimmer fürchtet, vor dem Teuxel nicht und auch vor dem Silberbauern nicht. Ich, wann ich derjenige war! Herrgottsakra, wollt ich dreinfahren!« Sie ballte die Hand und hob sie drohend empor. »Sind Sie denn gar so schlimm auf den Claus zu sprechen?« »Hab ich etwan nicht Ursach dazu?« »Ich bin fremd und weiß es nicht.« »Und ich red gar nimmer gern davon. Aberst Sie sind freundlich gewest mit mir, und da geht mir halt das Herz über. Drum will ich sagen, daß ich all mein Unglück nur ihm allein zu danken hab.« Sie blickte düster vor sich nieder. Er störte sie nicht. Dann erhob sie den Kopf und fragte: »Kennens halt die Karten?« »Ja.« »O Jerum! So spielens vielleicht auch selber?« »Zuweilen.« »Da hat dera Teufel seine Krall auch bereits nach Ihnen ausstreckt.« »Meinen Sie?« fragte er, indem es leise um seine Lippen zuckte. »Ja. Wer dem Spielteufel mal den keinen Fingern geben hat, den zieht er nachhero an der Hand und am Arm hinein in die Höllen. Lassens sich verwarnen. Ich hab das kennen lernt. Mein Sohn war ein braver Kerl. Er hat sein Weib lieb gehabt und mich dazu. Da hat ihm der Silberbauern die Karten zeigt, und von diesem Augenblick an ists aus gewest mit dem Glück. Da, hier steh ich halt. Schauns mich an! Das ist die reiche Balzerbäurin, die ihre Gulden und Thalern mit dem Maß gezählt hat. Wie schauts jetzunder aus? Kein Strumpf und kein Schuh und keinen Spencer! Und in der Kirch kriecht sie hinter den Balken, damits nur nicht gesehen und verspottet wird. Und wer ist schuld? Der Eine, Der, Der!« Sie drohte abermals mit der gehobenen Faust nach dem Dorfe zu. Dann fuhr sie fort: »Und noch wärs halt nicht gar so schlimm worden, wenn das Feuer nicht ausbrochen wär grad in dera Nacht, in welcher das gar viele Geld bei uns gelegen hat.« »Das ist wohl mit verbrannt?« »Ja, Alles, Alles!« »Das ist freilich schlimm!« »Schlimm? O, das sagt gar nix, das Wort schlimm. Es giebt halt gar kein Wort, um auszusagen, was nachher gefolgt ist, und was wir haben erleiden müssen. Mein Sohn hat sichs so zu Herzen nommen, daß er überschnappt ist und verrückt worden. Jetzunder läuft er umher, gar nimmer wie ein Mensch. Du lieber Herrgott! Und dazu die Schwiegertochtern krank! Und ich so alt, daß ich nix mehr verdienen kann als die paar Pfennige, die ich erhalt, wann ich mal so einen Korb voll Lesholz verkauf!« »Wie viel bekommen Sie da?« »Einen Groschen.« »Das ist unmöglich.« »Meinens, daß mehr zahlt wird, hier mitten im Wald, wo ein Jeder ins Holz gehen darf? Ich sag Ihnen halt, daß drei Wochen vergangen sind, und ich hab keinen Pfennig in meiner Hand gefühlt.« »Sie arme, arme Frau!« »Arm? O, wanns nur das wär! Das wollt ich schon mit Geduld vertragen. Ich bin einst hochmüthig gewest, und der Fetzen, den ich mir kauft hab, hat nicht gut und theuer genug sein können. Dafür hat mich der Herrgott gestraft, und ich sag halt, daß ichs verdient hab. Aberst es ist ja noch viel schlimmer. Nicht arm allein bin ich, sondern alt, elend und jämmerlich. Meine Schwiegertochtern liegt daheim und kann nimmer auf vor Schwachheit. Sie hat ein Nervenfiebern habt, und es ist halt zum Verwundern, daß sie's ausstanden hat. Wann die Liesbeth nicht wesen wär, so hätts sterben mußt. Nun aberst soll sie eine kräftige Suppen haben. Wer aber giebt mir das Geld dazu?« »Ich.« Sie fuhr förmlich vor ihm zurück, als er dieses kleine Wörtchen sprach. »Sie? Das glaub ich nimmer!« »Warum wollen Sie es nicht glauben?« »Weil ich in so langer Zeit keinen Menschen funden Hab, der mir in meinem Elend hat beistehen wollt.« »Auch die Liesbeth nicht?« »Die allein!« »Ihr Vater, der Heiner?« »Auch Der. Diese Beiden. Nun aberst ists auch gleich aus mit der ganzen Zahl von denen Leutln, die ich hier nennen könnt.« »So nennen Sie auch mich mit ihnen. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen einstweilen so viel zu geben, daß Sie Fleisch zu einer Krankensuppe kaufen können?« Er zog sein Portemonnaie aus der Tasche. »Herrgott! Er macht wirklich Ernst!« sagte sie in einem Tone, als ob sie darüber erschrecke. »Natürlich! Oder halten Sie es für möglich, daß Jemand über Ihr Elend scherzen könne?« »Viele, Viele habens than!« »Nun, so giebts auch Andre, welche dies für die größte Sünde halten würden. Hier haben Sie.« Er hielt ihr die Hand entgegen. Sie aber streckte die ihrige nicht aus, sondern sie versteckte dieselbe unter ihre Schürze. »Wollen Sie es nicht nehmen?« fragte er bittend. Sie sah ihn wie geistesabwesend an. »Soll ich – soll ich?« flüsterte sie leise. »Sie sollen! Sie müssen sogar!« »Nein. Ich darf nicht!« »Warum nicht?« »Ein armer Waisenjunge – gehungert und gekummert – trockenes Brod und den Stock!« wiederholte sie die Worte, welche er ihr vorhin von seiner Vergangenheit gesagt hatte. »Das ist ja längst vorüber!« warf er ein. »Nein. Sie sind selber arm!« »Ich hab so viel übrig, daß ich Ihnen diese Kleinigkeit ganz gut geben kann. Sie müssen es nehmen. Sie müssen gehorchen! Ich befehle es Ihnen!« Er hatte dies mit erhobener Stimme gesprochen. Sie zuckte zusammen und streckte ihre Hand aus, doch in einer Weise, als ob sie es nur aus Furcht thue. Er legte ihr die Gabe hinein. Als ihr Blick auf dieselbe fiel, wurden ihre Augen groß und starr. »Herrgott im Himmel! Zwei Thalern! Zwei ganze, ganze Thalern! Hier, hier, hier!« Sie streckte ihm die beiden Silberstücke wieder hin. »Was wollen Sie denn?« fragte er. »Ich kanns nicht nehmen, nein, nein, nein!« Es klang fast, als ob sie Angst vor dem Gelde hätte. »Warum denn nicht?« »So viel giebt Keiner!« »Aber ich doch!« »Weshalb? Wozu? Was soll ich dafür thun?« »Nichts, gar nichts. Sie sollen zum Fleischer gehen und Fleisch kaufen für sich und für die Schwiegertochter. Etwas Anderes sollen Sie nicht.« »Es ist keine Versuchung dabei, keine Verführung, wie beim Silberbauern?» »Nein.« »Schwörens darauf.« »Ich versichere, daß ich von Ihnen für dieses Geld nichts und aber auch gar nichts verlange. Hier haben Sie meine Hand darauf.« Er streckte sie ihr entgegen. Sie aber griff nicht nach ihr. Sie sank langsam, langsam auf ihre Kniee, drückte die zitternden Hände, in denen sie die zwei Thaler hielt, gegen ihre Brust, ihre Stirn, an ihre Lippen, küßte das harte, gefühllose Metall und sagte: »Mein lieber Herrgott droben, jetzt hast mir Deinen Engel gesandt, grad jetzt in der schwersten Stund, die ich derlebt hab. Was ich hab thun wollt, das hast mir nicht angerechnet, sonst hättst mir die Hilf nicht gesandt. Es war zu End mit meiner Kraft und zu End mit meinem Muth. Und nun ists doch noch nicht zu End. Es giebt noch Menschen und noch Engel! O Gott, o Gott, o Gott!« Sie begann laut und bitterlich zu weinen. Walther lehnte sich an die Böschung des Weges, um zu warten, bis sie ruhig geworden sei. Das geschah erst nach längerer Zeit. Es wurde ihr zu schwer, ihre Aufregung zu bemeistern. Dann erhob sie sich und ergriff seine Hand, um sie an ihr Herz und an ihren Mund zu drücken. Er zog sie aber rasch zurück. »Nein, lassens mir die Hand!« bat sie. »Ich muß sie haben, ich muß!« Sie griff wieder darnach, hielt sie fest und drückte ihre Lippen darauf. »Wissens, was diese Hand than hat?« fragte sie. »Nichts Großes!« »O, gar das Größt, das Allergrößt, was nur eine Hand thun kann auf dera Welt.« »Ihnen eine kleine Gabe gereicht hat sie. Was ist das weiter! Sprechen wir nicht davon.« »O nein, nicht nur das hats than, sondern viel, viel mehr. Das Leben gerettet hats mir!« »Was – was – –!« Er blickte sie erschrocken an. »Ja,« nickte sie ernst. »Sie – hätten – sich – das – Leben– nehmen – wollen –?« fragte er in Absätzen. »Ja. Der Herrgott wirds mir nicht anrechnen. Ich hab dacht, daß ichs halt nimmer aushalten könnt. Heut Abend hab ich in das Wassern gehen wollt.« »Mein Himmel!« »Ja, ganz gewiß wär ich hineingegangen, wann Sie nicht kommen wären. Ich weiß, daß ein lieber Herrgott im Himmel ist; aber meine Kraft war vorbei für Das, was ich zu tragen hab. Mehr, als man Kraft hat, kann man ja nimmer thun oder dulden.« »Das ist wahr, aber Gott der Herr, der allweise, allliebend und allwissend ist, legt keinem mehr auf, als er zu tragen vermag.« »Mir wards doch zu viel.« »Nein. Sie haben es nur gedacht, daß es zu viel würde. Der Herrgott hat wohl gewußt, wie weit Ihre Kräfte reichen würden. Als es mit denselben auf die Neige ging, hat er Ihnen Hilfe gesandt.« »Durch Sie.« »Ja, durch mich; deß bin ich froh und glücklich. Aber stand es denn wirklich so bös in Ihrem Hause, daß Sie auf einen so schlimmen Gedanken kamen?« »Es war schlimm, so schlimm, daß ich gar keinen klaren Gedanken mehr gehabt hab. Nur weg hab ich wollt, weg, ganz weg.« »Und daran haben Sie nicht gedacht, daß es eine Todsünde sei, was Sie thun wollten?« »Ich hab halt schon sagt, daß ich gar nix mehr dacht hab. Die Schwiegertochtern hat gewimmert und geweint vor Hunger, und der Heiner und die Liesbeth haben auch nix mehr geben konnt. Das gute Dirndl hat selber seit gestern hungert und heut in der Früh ihrem Vatern das letzte Stuckerl Brod mit in den Wald geben –« »Und das hab ich ihm weggegessen!« »Sie? Wie ist das kommen?« »Hätt ich das gewußt! Hätt ichs gewußt! Ich hatte zwar auch wirklich Hunger, mehr aber als aus Hunger that ich es in der Absicht, ihm zu zeigen, daß ich eine Gabe von ihm hoch schätze.« »So habens ihn im Wald troffen?« »Ja. Und auch seine Tochter Liesbeth.« »Hat sie Pilzschwammerln funden?« »Ja.« »Sie hats in die Stadt tragen wolle, damit der Vatern heut am Abend was zu essen hat.« »Die gute, gute Tochter! Also auch mit Ihnen hat sie ihr Brod getheilt?« »Ihr allerletztes. Nachhero hatten wir nix weitern. Die Schwiegertochtern hat geweint, und der Sohn hat auf der Streu gesessen und sich immer gekrümmt und um Gnad gebettelt, daß es zum Derbarmen gewest ist und ich hab glaubt, daß ichs nimmermehr aushalten kann. Da hab ich denkt, noch einen Korb voll Holz zu holen und hernach ins Wassern zu gehen.« »O, Ihr Kleingläubigen! Warum zweifelt Ihr!« »Wanns Einer wären, der die Noth nicht kennt, so thät ich anderst antworten. So aberst kann ich nur sagen, daß die Trübsalen mir wirklich bis herauf an die Kehlen gangen ist. Es war zum Dersticken.« »Ich glaube es wohl. Nun aber können Sie wieder athmen, und wenn ich es vermag, sollen Sie nicht wieder in so schwere Sorge fallen.« »Ja, ich glaubs, daß Sie's thäten, wanns könnten. Aberst das ist doch nicht möglich.« »O, ein Stück Brot hab ich immer übrig.« »Aber bei uns sinds nicht.« »Nicht? Freilich werd ich in Ihrer Nähe sein.« »Wo? Wohl in der Stadt?« »Nein, sondern in Hohenwald selbst.« »Wie? Da werdens wohnen?« »Ja. Ich will es Ihnen sagen: Ich bin der neue Lehrer.« Sie öffnete den Mund, machte große Augen und blickte ihn an, ohne zunächst ein Wort zu sagen. Sodann stieß sie langsam hervor: »Sie – der – neue – Lehrern?« »Ja.« »Wann – dies – wahr – wär!« »Freilich ists wahr. Warum sollte ichs sagen, wenns unwahr wäre!« Da streckte sie ihm beide Hände zugleich entgegen und rief in fast jauchzendem Tone: »So mag der Herrgott Ihren Eingang segnen! Und ich will die Allererste sein, die Sie willkommen heißt!« »Der Finkenheiner hats auch schon gethan,« sagte er, ihre Hände schüttelnd. »Der? Dem gönn ichs gern. Jedem Andern aberst wär ich gram drüber gewest. Gott sei Dank! Endlich kommt da mal der Mann, den wir bei uns im Dorf brauchen können!« »Jubeln Sie nicht zu früh!« sagte er. »Sie können ja gar nicht wissen, ob ich der richtige bin.« »Sie sinds! Darauf möcht ich wohl schwören! Ich seh es, ich hör es, und ich fühls hier in meinem Herzen. Weiß auch die Liesbeth es bereits?« »Ja.« »Na, das wird eine Freuden sein! Aber warum kommens nicht auf dera Straßen?« »Ich liebe den Wald und wollte durch denselben meinen Einzug halten.« »Und wo werdens wohnen? Etwan beim Claus?« »Das weiß ich noch nicht.« »Nur nimmer bei diesem!« »Es könnte für ihn und die Gemeinde grad gut sein, wenn ich bei ihm wohnte.« »Das glaube ich nimmermehr.« »Giebt es denn auch andre Wohnungen?« »Es muß Rath geschafft werden.« »Im Schulhause ist wohl keine Wohnung?« »Wo denkens hin? Die Kirchen ist so klein, daß man dera Decken mit dem Kopf einistoßen kann. Beim Pfarrhaus kann man mit der Hand grad aufs Dach langen, wann man vor dera Hausthüren steht und ein richtigs Schulhaus haben wir gar nicht.« »Wo wird denn da die Schule gehalten?« »Nun ja, im Schulhaus; so wirds ja genannt. Aberst eigentlich ists Spritzenhaus. Daran ist eine kleine Stuben baut worden, worinnen die Kindern zusammen kommen und den Unterricht erhalten.« »O weh!« »Ja, wanns aus einer großen Stadt herkommen, so werdens halt bald wiederum fortgehen wollen. Und nun gar zur Straf hier sein! Aberst das kann ich mir bei Ihnen schon gar nicht denken.« »Das ist auch nicht der Fall. Ich hab mich ganz freiwillig noch Hohenwald gemeldet.« »Das hat Ihnen dera Herrgott eingeben! Jetzt nun wartet der Dorfwächter auf dera Straßen, und Sie kommen von der ganz andren Seiten. Da werden sich die Leuteln schier wundern. Schauns nur, daß Sie bald hinkommen. Ich hab Sie bereits allzu lang aufihalten. Aberst mit dena zwei Thalern weiß ich wirklich nicht, ob ich sie behalten darf!« »Sie gehören Ihnen.« »So will ichs nehmen und dera Herrgott wirds Ihnen hundertfach wieder schenken. Jetzt, wanns immer gradaus gehen, sinds in einer Viertelstunden am Dorf, da, wo der Gasthof steht.« »Wollen Sie mich denn so gern los sein?« »Ja, mit mir könnens doch nicht laufen!« »Warum nicht?« »Mit –« Sie sprach es nicht aus; aber sie sah ihm in das Gesicht, als hätte er etwas ganz Unbegreifliches gesagt. »Freilich möcht ich grad mit Ihnen gehen,« sagte er. »Wollens im Dorf verspottet werden?« »Auf die Stimme Derer, welche darüber spotten möchten, gebe ich gar nichts.« »Aberst schauens halt mich an!« »Grad so, wie Sie sind, sind Sie mir recht.« Ihre Augen wurden wieder feucht. Man sah es ihr an, daß sie sich bemühte, ihre Rührung zu verbergen. Sie ergriff seine Hand und sagte mit beinahe schluchzender Stimme: »Sie find ein wahrer Mann Gottes! Daß Sie mit Einer gehen wollen, das ist mir fast noch liebern, als die zwei Thalern, mit denens mich gerettet. Wanns so weitern wirken im Dorf, wies heut anfangt haben, dann wirds bald ganz anderst aussehen bei uns. Das könnens glauben.« »Ich werde meine Pflicht thun, so weit es in meinen noch jungen und bescheidenen Kräften steht. Aber da fällt mir ein, daß Sie vorhin von Ihrem Sohne sagten, daß er um Gnade gefleht habe.« »Das thut er immer.« »Wann?« »Immerfort, bei Tag und Nacht.« »Wen fleht er an? Gott?« »Ja, wann wir das wüßten!« »Hm! Sonderbar! Wie spricht er denn?« »Er sagt nur immer ganz dieselbigen Worte: ›Nimms hin, nimms hin. Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!‹; Diese Worte bringt er stets, kein anderes, kein einziges.« »Das ist nicht nur sonderbar, sondern sogar auffällig.« »Meinens?« »Ja, sogar sehr bedenklich. Was mag er meinen mit den beiden Worten: Nimms hin! Etwa das Geld?« »Das haben wir auch schon denkt.« »Dann müßte es Einen geben, der ihm das Geld abgenommen hat.« »Das, was bei uns lag?« »Vielleicht.« »Herrgott! Was das für ein Gedank ist!« »Freilich ein sehr schwerer.« »Vielleicht meint er auch mehrere Personern?« »Nein. In diesem Falle würde er sagen: Nehmts hin! Er aber sagt: Nimms hin! Das deutet darauf, daß er es nur mit einer einzelnen Person zu thun zu haben glaubt. Macht er vielleicht Gesticulationen dabei?« »Ja freilich, und immer auch ganz dieselbigen. Er kniet dabei und hält beide Händen vor den Kopf, als wann Jemand ihm einen Hieb geben wollt.« »Das ist doch höchst bedenklich. War er denn vor dem Feuer seiner Sinne vollständig mächtig?« »Ganz und gar.« »Und nach dem Feuer war er sogleich geisteskrank?« »Erst war der Körpern krank.« »Was fehlte ihm?« »Es war ihm ein Balken auf den Kopf stürzt.« »Ach so!« dehnte der Lehrer in bedächtigem Tone. »Sah man die Spur davon?« »Freilich. Er hatte eine lange Wunde im Kopf. Die Hirnschale war entzwei.« »Und da hatte er natürlich keine Besinnung.« »Nein.« »Sie ist ihm auch nicht wiederkommen?« »Er ist so blieben, wie er nach dem Feuer war. Er kennt seinen Namen and er kennt mich und seine Frau, aberst weiter keinen Menschen. Er macht Alles wie im Schlaf und wie im Traum und sagt nix als die Worte, die ich erwähnt hab.« »Hm. War die Wunde offen?« »Nein. Die Haut war ganz. Wir mußten Eis auflegen, und nachhero ist der Kopf selber heil worden.« Der Lehrer blickte still vor sich nieder. Dann fragte er weiter: »Also der Silberbauer ist Euer Feind?« »Unser bösester.« »Bekümmert er sich zuweilen um Ihren Mann?« »Jetzt nimmer.« »Aber vorher?« »Als derselbige noch krank lag, kam er alle Tage.« »Was that er da?« »Er saß stundenlang und hörte zu, wann mein Sohn in der Irre sprach.« »Können Sie sich auf den Tag, an welchem Ihr Gut wegbrannte, genau besinnen?« »Wie auf gestern und heut, denn einen solchen Tag vergißt man niemals nicht im Leben.« »Zu welcher Tageszeit brach das Feuer aus?« »Des Nachts.« »War der Claus vorher bei Euch gewesen?« »Nein.« »Wie ist das Feuer ausgebrochen?« »Kein Mensch weiß es. Alle Leuteln sagen, daß es anlegt worden sein müsse.« »Wo war Ihr Sohn zur Zeit als es ausbrach?« »Wir wußtens nicht. Als wir aufweckt wurden durch den Feuernlärm, war er nicht im Bett. Aberst nachher, als ich an das Geld denkt hab und gute Worten geben hab, zu versuchen, obs noch zu retten sei, da sind die Feuernleut hinauf in die guten Stuben sprungen. Da hat er auf dera Dielen gelegen. Sie haben ihn retten wollen vor dem Geld und sind mit ihm herab. Da aber ist ein Theil dera Decken einistürzt, auf sie und auf ihn. Ihnen hats nix than; er aber hat den zerbrochenen Kopf erhalten.« »War der Kopf nicht vielleicht schon verletzt, als er in der guten Stube lag?« »Wer kann das wissen.« »Hm! Hm!« Er brummte so nachdenklich vor sich hin, daß sie endlich aufmerksam wurde und ihn fragte: »Warum forschens so nach diesen Sachen?« »Ich hab einen Grund dazu, welcher vielleicht aus der Luft gegriffen ist. Wir sprechen jedenfalls noch später darüber. Ich bin neugierig, Ihren Sohn zu sehen.« »Wanns ihn anschaun wollen, so könnens zu aller Zeit kommen. Es wird eine Freuden sein, wann ich Sie bei mir seh. Nun aberst wollens aufbrechen und weiter gehen?« »Ja. Es wird Zeit, daß ich meinen Einzug halte.« »Aber nimmer mit der alten Frau!« »Sie werden sich wohl in meinen Willen fügen müssen. Was würde sonst mit Ihrem Korbe werden, wenn Sie nicht mit mir gehen wollten.« »Den trag ich heim.« »O nein. Ich würde gar nicht wissen, wo ich ihn absetzen sollte.« »Sie?« Bei dieser Frage blickte sie ihn erstaunt an. »Ja, ich,« lachte er vergnügt. »Das klingt ja allbereits grab so, als ob Sie ihn gar heimtragen wollten.« »Natürlich will ich das.« »Jetzt aberst machens großen Spaß!« »Nein, sondern großen Ernst!« »O nein. Es müßt doch gar zu gespaßig sein, wann der neue Herr Schullehrern seinen Einzug halten thät mit einem Tragkorb voll Reißigholz auf dem Rucken und ein altes Weib auf seiner Seiten!« »Genau so soll es werden.« »Na, meinswegen auch!« lachte sie. »So geben Sie den Korb her!« Bald hatte er ihn auf dem Rücken. »So, das geht ja ganz gut!« sagte er heiter. »Ja, wann man eine solche Körperkraften hat wie Sie, dann mags gehen. Aberst jetzunder wissens nun gut, wie es ist, wann man einen Holzkorb auf dem Rucken trägt. Nun thuns ihn fein wieder herab, damit ich ihn weiter trag!« »Werde mich hüten! Ich bin froh, daß ich ihn hab.« »Aber ich bitt gar schön! Sie werden doch nicht etwan aus dem kleinen Gespaß einen Ernst machen!« »Freilich ists Ernst!« antwortete er, indem er, mit dem Korbe auf dem Rücken, wacker auf dem Wege voranschritt. »Um Gotteswillen, so wartens doch!« rief sie. »So kommens doch!« rief er lustig zurück. »Sie reißen mir ja aus!« »Nein. Sie brauchen blos an meine Seite zu kommen, so sind wir schön beisammen.« Sie lief, so schnell sie konnte, bis sie ihn eingeholt hatte; dann sagte sie, ihn am Arme fassend: »Da bin ich schon.« »Das ist recht.« »Aberst nun gebens auch den Korb herab!« »Aberst nun lassens auch den Korb oben!« »Sie dürfen sich nimmermehr damit schleppen!« »Nein, Sie nicht!« »Und gar noch dazu lächerlich machen!« »Pah! Wer mich auslacht, der ist ein großer Esel!« »Im Dorf giebts ja nur lauter Eseln! Die werden halt alle lachen. Das weiß ich gewiß.« »So lache ich mit, und zwar länger als sie, und wer zuletzt lacht, der hat gewonnen.« »Aberst der Respect ist fort!« »Ich hab ganz großen Respect vor mich.« »Das hilft Ihnen nix.« »Von den Andern werde ich ihn mir schon verschaffen.« »Aberst ich kanns nimmermehr zugeben!« Sie hielt ihn noch immer am Arme und strengte jetzt ihre ganze Gewalt an, ihn zum Stehen zu bringen. Er blieb auch stehen. »Endlich!« sagte sie, tief aufathmend. »Nun seiens gut und geben ihn herab!« »Nein, das werde ich nicht thun.« »Dann bin ich gar bös auf sie!« »Und ich würde gar bös auf mich sein müssen, wenn ich mich von Ihnen verleiten ließe, Ihnen Ihren Willen zu thun.« »Jetzt weiß ich nimmer, was ich machen soll!« »Ich weiß es desto besser.« »Mir ihn geben.« »Nein,« sagte er jetzt sehr ernst. »Sie sind alt und schwach und haben zu viel aufgeladen. Sie brechen unter dieser Last zusammen. Ich aber bin jung und stark und trage sie mit Leichtigkeit auf meinen Schultern. Da versteht es sich ganz von selbst, daß der Starke die Arbeit des Schwachen thut.« Sie sah, daß er fest entschlossen war, bei seinem Vorsatze zu bleiben. Es gab nur einen rettenden Gedanken; diesem folgte sie, indem sie sagte: »Ich werd Ihnen auch ganz schön gehorchen und nach dem Rathe thun, dens mir geben haben.« »Welchen?« »Ich werf so viel von dem Holz herab, daß ich hernach den Korb leicht tragen kann.« »Dann können Sie morgen nicht in die Kirche gehen.« »Einmal schadet nix.« »O doch. Der liebe Gott soll wegen einer Wenigkeit Holzes nicht verkürzt werden. Vorwärts!« Er setzte sich wieder in Bewegung. Sie gab gute Worte über gute Worte. Am liebsten hätte sie weinen mögen vor Sorge, daß dieser gute Mann um ihretwillen sich von den Dorfleuten auslachen lassen müsse, und doch fühlte sie sich auch stolz und hoch beglückt, daß er sich nicht zu vornehm fühlte, ihr diesen so außerordentlichen Dienst zu erweisen. Er wollte ihren Einreden entgehen und machte große Schritte. So kam er eine kurze Strecke voran. Sie rief und bat hinter ihm her – vergeblich. Ein schmaler Seitenpfad mündete von rechts her in den Weg. Als er vorüber ging, sah er etwas Helles von da her schimmern. Er achtete nicht darauf und schritt weiter; aber nur drei oder vier Schritte hatte er gethan, so hörte er hinter sich eine tiefe, sonore Frauenstimme: »Ja, was ist denn das für ein Spectakel hier im Wald? Wer schreit denn da, ganz als ob er gebraten werden sollt? Ah, die Feuerbalzern!« »Ja, ich bin's,« antwortete die Alte. »Warum schreist denn so?« »Von wegen meinem Korb, denn der –« Sie hielt mitten in ihrer Rede inne, als sie die erstaunten Gesichter erblickte, mit denen die beiden Anderen einander betrachteten. Als der Lehrer die Stimme hinter sich hörte, war er stehen geblieben und hatte sich umgedreht, um zu sehen, wer die Sprecherin sei. Diese war ein Mädchen im ungefähren Alter von neunzehn Jahren. Ihre Gestalt war voller, als es in diesem Alter eigentlich erwartet werden darf, hoch und stark. Sie trug einen hellen, kurzen Rock, welcher deutlich sehen ließ, daß der feine Schnürstiefel eine starke Wade unterstützte. Die blaue Jacke war tief ausgeschnitten und mit mehreren Reihen eng an einander gesetzter, silberner Markstücken ausgeputzt. Der Ausschnitt umschloß die üppige Form eines ausgebildeten Busens, welchen ein sein gefälteltes Hemd bedeckte. Um den Hals hing eine aus lauter fremdländischen Silberstücken bestehende dreireihige Kette. Um die Handgelenke legten sich breite, massive, silberne Armspangen. Den Hut zierte eine Silberschnur, an welcher mehrere Thaler hingen. Und in die weit herabhängenden Zöpfe, aus tiefschwarzen Haaren bestehend, waren schillernde Silberschnuren eingeflochten. Die ganze Erscheinung war gebieterisch, in die Augen fallend, herausfordernd. Augen wie die Nacht, lange, dunkle Wimpern, volle, rothe Wangen, die vor Gesundheit strotzten, ein kleiner, wie nur zum Küssen geschaffener Mund, ein niedliches, rundes Kinn, unter welchem der allerliebste Ansatz zu einer frühzeitigen Unterkehle hervorlugte, das gab eine Gesammtheit, welche auch einem sonst kalt denkenden Manne das Blut schneller durch die Adern rollen lassen konnte. Sie blickte den Lehrer an, als ob sie vor einer überirdischen Erscheinung stehe. Er aber erwiderte diesen Blick lächelnden Auges. »Sehe ich recht!« sagte sie. »Jedenfalls,« antwortete er. »Ein Regensburger!« »Mich vorzustellen!« Dabei machte er trotz des Holzkorbes eine Verbeugung. »Eigentümlich! Wenn wir uns sehen, ists immer nur zur Fastnachtszeit!« »Ausgenommen heute.« »Aber auch Maskerade!« »Schwerlich.« »Sie geben doch zu, daß Sie hier in einer ganz anderen, als Ihrer bisherigen Eigenschaft erscheinen!« »Ich bin ein Mann!« Er sagte das in so würdevollem Tone, daß sie, auf den Korb deutend, lachend antwortete: »Und was für einer!« »Gleichviel! Ein Mann hat die Verpflichtung, der Ritter jeder Dame zu sein, welche seiner Dienste bedarf.« »Zum Beispiel der meinige?« »Ja, aber nicht jetzt.« »Warum nicht?« »Weil ich jetzt engagirt bin.« »Von wem?« »Ich bin der Ritter dieser Dame.« Er deutete auf die Alte. Das Mädchen machte Miene, in ein lautes, höhnisches Gelächter auszubrechen; aber aus seinem Auge strahlte ein solcher Blitz auf sie herüber, daß sie sich sofort beherrschte und nur ironisch sagte: »Ich gratulire!« »Danke! Es ist mir allerdings zu gratuliren, denn die Dame, der ich diene, ist eine Frau, der ich meinen Dienst von ganzem Herzen gern widme.« »Ich beneide Sie nicht,« erklang es kalt. »Ich begehre auch wirklich den Neid gar nicht.« Er machte eine Bewegung, als ob er sich abwenden wolle. Da trat sie nahe an ihn heran und fragte in leiserem Tone: »Wie kommen Sie zu diesem Korbe?« »Auf die einfachste Weise. Ich habe ihn mir auf den Rücken gebunden.« Da stampfte sie mit dem Fuße ungeduldig die Erde und sagte: »Geben Sie Antwort!« »Er war der Frau zu schwer, und da habe ich ihr ihn natürlich abgenommen.« »Soll das so viel heißen, wie selbstverständlich?« »Allerdings.« »Für einen Mann wie Sie ist es keineswegs selbstverständlich, einer Bettlerin Handlangerdienste zu leisten.« »Nicht eine Jede kann eine Silbermartha sein!« »Sie wissen meinen Namen?« »Ich erfuhr, daß die Martha des Silberbauers eine Tante in Regensburg hat, bei welcher sie zu Fastnacht auf Besuch gewesen ist.« Wieder stampfte sie mit dem Fuße. »Ich hatte mir unser Wiedersehen ganz anders gedacht. Sie sollten nach mir suchen müssen.« »Und zwar vergebens?« »Nein. Finden lassen wollte ich mich, aber nicht sogleich. Der Lohn folgt nur der Anstrengung.« »Nun, die habe ich ehrlich hinter mir. Sie sehen ja den schweren Korb.« »Schwatzen Sie nicht! Ich nehme an, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind?« Er machte seine unbefangenste Miene. »Welcher Einladung?« Ihr Auge blitzte zornig auf. »Sie wissen das nicht mehr?« »Nein – wenn ich es überhaupt gewußt habe.« »Ich flüsterte sie Ihnen noch zuletzt zu!« »Ah, das kommt davon, wenn man nur flüstert!« Wieder stampfte sie mit dem Fuße. »Zum Donnerwetter! Bleiben Sie doch bei der Stange und sprechen Sie nicht querfeldein!« Um seine Augenwinkel legte sich momentan ein kleines Fältchen. Er sagte lächelnd: »In Regensburg führten Sie eine so kräftige Sprache nicht!« »Weil ich es dort mit gebildeten Leuten zu thun hatte. Hier aber giebt es nur Affen und Hornochsen.« »Schöne Zoologie!« »Ja, ich bin nicht zu beneiden. Darum hatte ich mich auf Sie gefreut. Also Sie haben wirklich meine Einladung vergessen?« »Ganz und gar!« gestand er mit größter Aufrichtigkeit. »Warum sind Sie aber hier?« »Ich fliege, wie der Vogel fliegt.« »Ja, mit einem Korb auf dem Buckel. Sind Sie jetzt vielleicht Tourist?« »So ähnlich. Tourist für lange Zeit mit kurzen Pausen.« »Sie sprechen heute in ganz verteufelten Räthseln für mich!« »Sie sind geistreich genug, diese Räthsel alle schnell zu lösen.« »Oder kommen Sie als Dichter?« »Mit dem Pegasus auf dem Rücken, anstatt ich auf ihm? Nein.« Die Alte war natürlich auch stehen geblieben. Sie mochte der Tochter des Silberbauers lästig sein, denn diese fuhr sie jetzt an: »Was stehst Du da! Mach Dich fort von hier!« »Mein Korb –« antwortete die Frau. »Gehen Sie langsam weiter,« meinte der Lehrer in freundlichem Tone. »Ich komme gleich nach.« Als sie sich entfernt hatte, sagte Martha: »Und nun endlich die Wahrheit! Was wollen Sie hier in Hohenwald?« »Mein Licht leuchten lassen.« »In welcher Eigenschaft? Sie sind Lehrer, aber zugleich auch Dichter.« »In beiden Eigenschaften.« »Sakkerment! Sind Sie von Regensburg fort?« »Sehr!« »So sind Sie doch nicht etwa – das heute erwartete Opferlamm?« »Hm! Leider bin ich dieses Lamm.« »Ists wahr? Sie sind um die hiesige Stelle eingekommen?« »Sie mir anzubieten, hätte wohl Niemand gewagt.« Sie blickte in die Weite. Es lag ein eigenthümlicher Ausdruck auf ihrem Gesicht. War es Aerger, oder war es Triumph? Wer konnte das wissen! Vielleicht sie selbst nicht. Dann wendete sie sich wieder zu ihm: »Werden Sie diesen Schritt nicht bedauern?« »Ich bereue niemals einen Schritt, den ich mit vollster Ueberlegung gethan habe.« »Nun, was haben Sie sich denn bei dem jetzigen überlegt, mein bester Herr?« »Ob ich mir auf so einer Stelle eine Frau nehmen könne.« Es lag in seiner Haltung, seinem Tone und in den Worten, welche er wählte, etwas Giftiges, Grimmiges. Sie merkte das sehr wohl. Sie fühlte es bei jedem Worte, welches er sprach, sehr leicht heraus; aber sie ließ sich nichts davon merken. »Denken Sie schon daran, Familienvater zu werden?« lachte sie. »Natürlich! Seid fruchtbar und mehret Euch und füllet die Erde!« »Meinen Sie, daß Sie die Erde nun plötzlich ganz allein füllen sollen?« »Allein? Das ist eine Unmöglichkeit, ein grenzenlos unnatürliches Verlangen.« »So warten Sie noch. Aber, wollen Sie mit diesem Korb in das Dorf?« »Vielleicht.« »Ich kenne Sie und schätze Sie. Ein Mann von ihren Talenten darf einige Schrullen haben. Aber die hiesigen Leute haben keine Ahnung von diesen Talenten und werden Sie einfach auslachen.« »Das wird mich sehr glücklich machen.« »Unsinn! Geben Sie der Alten ihren Korb, sobald der Wald zu Ende ist. Wenn Sie sich mit demselben vor den Leuten sehen lassen, werde ich kein Wort mit Ihnen sprechen.« »Das würde mir mein Herz zerbrechen.« »Also sorgen Sie, daß Ihr Herz ganz bleibt! Wo werden Sie wohnen?« »In Hohenwald.« Sie stampfte abermals mit dem Fuße. »Himmeldonnerwetter! Kommen Sie mir nicht mit solchen Albernheiten! Sie können verständig sein, wenn Sie wollen. Hoffentlich wohnen Sie bei uns?« »Das dürfte für mich zu gefährlich sein.« »Halten Sie uns für Menschenfresser?« »Nein, aber Sie für eine Herzensfresserin.« »Das ist ein sehr zartes, sinniges Bild!« lachte sie. »Wir Dichter sind stets zart.« »Und tragen Lesholz auf dem Rücken – ah, da kommt glücklicher Weise ein Erlösung!« Ein Mann, der sehr ärmlich gekleidet war, kam des Weges daher. »Setzen Sie ab!« gebot das Mädchen. Dabei griff sie in den hinteren Korbhenkel und half dem Lehrer die Bänder loszumachen und den Korb auf die Erde zu setzen. »Hofmann,« gebot sie dem Manne, als dieser vorübergehen wollte, »trag diesen Korb da vor, wo die Feuerbalzern steht. Er gehört ihr.« »Nein,« sagte der Lehrer, »tragen Sie ihr ihn bis in ihre Wohnung. Sie ist zu schwach für eine solche Last. Hier haben Sie ein Geld für Bier.« Er gab ihm einen Fünfzigpfenniger, für diesen Arbeitsmann eine außerordentlich gute Bezahlung. Derselbe bedankte sich höflich und verschwand mit dem Korbe. »So!« sagte sie jetzt. »Nun sieht man Sie doch wenigstens in voller Gestalt. Aber das alte Weib hätte sich das Holz auch selbst nach Hause tragen können.« »Ich halte sie für brav!« »Wenn es auf Sie ankommt, sind alle Menschen brav.« »Sogar Sie?« »Der Teufel mag Sie holen! Sie sind heut so viel anders als früher.« »Ja, die Zeit bildet ihre Leute.« »Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß unser heutiges Wiedersehen mich nicht so entzückt, wie ich es mir in Gedanken ausgemalt hatte.« »So meinen Sie, daß ich heut nicht entzückend bin?« »Welch ungeheure Einbildung, nur zu denken, daß Sie es überhaupt einmal sein könnten!« Sie lehnte sich gemächlich an einen Baum, welcher am Wege stand, kreuzte die Arme über die Brust und musterte ihn vom Kopf bis zu den Füßen herab. Ein Weib, welches die Gewohnheit hat, die Arme über die Brust zu kreuzen, hat sicherlich einen selbstständigen Character und eine gute Portion Eigenwillen. Er lehnte sich an den gegenüber stehenden Baum und hielt ihren Blick mit ruhigem Lächeln aus. Keine Miene verrieth, daß seine Gefühle keineswegs so ruhige seien. »Eigentlich,« begann sie, »ist es ein glücklicher Zufall, daß wir uns treffen, ehe Sie das Dorf betreten. Wir können uns klar über unsere Stellung werden.« »Bin es bereits,« sagte er kurz. »Das kann ich von mir nicht sagen.« »Bei mir versteht es sich ganz von selbst.« »Wieso?« »Nun, was meine Stellung betrifft, so bin ich Lehrer in Hohenwald. Das ist sehr einfach.« »Sakkerment!« fluchte sie, mit dem Fuße stampfend. »Sie wissen recht gut, daß ich nicht das meine, sondern die Stellung, welche wir Zwei gegenseitig einzunehmen haben. Da müssen wir uns klar werden.« »Natürlich!« nickte er. »Also bitte ich, mir Ihre Wünsche mitzutheilen.« »Die sollen Sie hören.« Wieder schweifte ihr Blick an seiner Gestalt hernieder. Ihr Auge wurde warm und um ihre Lippen spielte ein befriedigtes Lächeln. »Wissen Sie, daß Sie ein hübscher Kerl sind?« »Wenn Sie es sagen, muß es wahr sein,« antwortete er kalt. »Sie werden ein schöner Mann werden!« »Auf solche Vorzüge bilde ich mir gar nichts ein.« »Aber jedes Weib hat gern einen schönen Mann.« »Und umgekehrt jeder Mann eine schöne Frau.« »Was halten Sie in dieser Beziehung von mir?« »Davon nachher. Sprechen Sie weiter.« »Gut! Sie wissen, daß ich reich bin?« »So leidlich.« »Ich kann wählen, und zwar nach meinem Willen. Mein Vater wird mich nie zu einer Heirath zwingen.« »Sehr verständig von dem Manne,« nickte er. Sie warf ihm einen forschenden Blick zu. Der halb ironische Ton, in welchem er Alles sagte, behagte ihr ganz und gar nicht. Sie fuhr fort: »Ich hatte mein Ideal. Nicht ob schwarz oder blond, alt oder jung, groß oder klein war bei mir die Frage, sondern mein Ideal war ein Dichter. Hübsch sollte er auch äußerlich sein. Damit war das Maß meiner Ansprüche voll.« »Sehr bescheiden!« »Ich kam nach Regensburg und hörte von Ihnen. Sie waren der Dirigent eines Gesangvereines, in welchem mein Onkel Mitglied war und –« »Und ich hatte ein Bändchen Gedichte verbrochen!« fiel er ein. »Ja. Das Bändchen wurde sofort angeschafft, und ich verliebte mich in den Dichter, ehe ich ihn noch gesehen hatte –« »Per Courierzug also!« »Bringen Sie keine so trivialen Bilder und Randglossen! Ich mag sie nicht leiden!« »Gut! Ich hülle mich in lyrisches Schweigen.« »Dann sah ich Sie während des Maskenfestes, und – ich war Ihnen sofort gut. Beim Scheiden machten wir ein Rendezvous aus und sahen uns noch einmal. Als wir uns trennten, theilte ich Ihnen mit, daß Sie mich finden würden, wenn Sie für länger als nur einen Tag nach Hohenwald kommen wollten. Jetzt sind Sie da –« »Halleluja!« »Donnerwetter! Wollen Sie schweigen!« »Wenn Sie wünschen, ja.« »Ich wünsche es sehr. Also weiter! Jetzt bin ich gewiß, daß Sie eine entscheidende Frage an mich richten werden, und ich will Ihnen die Antwort ertheilen, noch ehe Sie die Frage ausgesprochen haben. Sie gefallen mir. Ein Dichter ist mein Ideal. Aber einen Schulmeister heirathe ich nun und nimmermehr. So tief steige ich nicht herunter. Also dichten Sie! Sobald Sie einen Namen haben, legen Sie Ihre Stelle nieder und ich werde Ihre Frau. Deutlicher und bündiger kann ich doch nicht sein!« »Nein. Wir können uns schon morgen heirathen.« »Ah! Wieso?« frug sie befremdet. »Ihre Bedingungen sind erfüllt. Ich trete die hiesige Stelle gar nicht an und ich dichte nur.« »Sehr schön.« »Und ich heiße Max Walther.« Jetzt gab sie keine Antwort. Sie wußte nicht, was sie aus ihm machen solle. Er sprach so unbefangen, so überzeugt, daß sie sofort ja sagen werde. »Hoffentlich verstehen Sie mich?« fragte er. »Das Letztere doch nicht.« »Eine Ihrer Bedingungen war, daß ich einen Namen haben solle. Ich habe Ihnen denselben genannt.« So ruhig er bei diesen Worten war, sie wurde das directe Gegentheil. Sie ließ die Arme von der Brust herniederfallen, ballte die Fäuste, stampfte mit dem Fuße und rief zornig: »Wollen Sie mich verhöhnen?« »Verhöhnen?« fragte er erstaunt. »Wie kommen Sie zu dieser Frage?« »In Folge Ihrer albernen Erklärung.« »Albern? Ich muß da doch sehr bitten!« »Ja, albern genug war sie. Ich meine, Sie sollen einen Namen als Dichter haben; das versteht sich ja ganz von selbst. Berühmt sollen Sie sein. Eher heirathe ich Sie nicht.« »Ach so! Und Sie behaupten, mich zu lieben?« »Das ist höchst poetisch.« »Aber auch klug. Ich bin Keine, die sich verschleudert.« »Das merke ich.« »Ich habe dies auch nicht nöthig, denn ich bin jung, schön, reich, gebildet, kurz Alles, was ein Mann nur wünschen kann. Und nun, was sagen Sie dazu?« »Eigentlich habe ich nun gar nichts hinzuzufügen.« »Ah!« »Ja. Sie haben bereits Alles gesagt. Nur eine Kleinigkeit haben Sie vergessen.« »Welche?« »Ob ich Sie überhaupt auch mag.« Das hatte sie freilich nicht erwartet. Sie stand ganz perplex vor ihm. »Nicht – mag –« wiederholte sie. »Freilich. Sie scheinen von der Voraussetzung auszugehen, daß ich ohne Sie in den ersten Teich springen werde und ohne Sie überhaupt nicht zu existiren vermag. Das ist nicht der Fall. Es fällt mir gar nicht ein, Sie zur Frau zu begehren. Sie meinen, sich mit einem Schulmeister wegzuwerfen. O nein, Fräulein, Sie sind gar keinen Schulmeister werth.« Auch das sagte er in einer ruhigen, anheimelnden Freundlichkeit, als ob er ihr die größten Schmeicheleien sage. Dies machte sie irre. Darum sagte sie: »Sie treiben Ihre Scherze zu colossal!« »Scherz? Pah! Ich sehe ein, daß ich mich Ihnen erklären muß.« »Ja, ich bitte sehr darum!« sagte sie spitzig. »So erlauben Sie, daß ich mich in derselben Reihenfolge halte wie Sie. Also zunächst, ich habe niemals ein Ideal gehabt, weder als Junge noch als Säugling, wo doch ein fetter Zulp das größte Ideal ist, nach welchem man mit allen Fingern strebt. Ich habe auch nie gedacht, daß ich heirathen müsse, werde oder wolle. Ich habe das sehr einfach dem lieben Herrgott anheim gestellt. Da sah ich Sie –« »Ah, jetzt!« meinte sie, sich fest an den Baum lehnend. »Ja, ich sah Sie, und ich gestehe, daß Sie als Türkin wunderschön waren, entzückend sogar. Die Kleidung, welche mehr zeigte, als sie verhüllte, war mit raffinirtem Geschmack gefertigt. Ihre vollen Formen, das blendende Weiß Ihres Teints, die prächtigen Augen, die berauschenden Lippen, das – das Alles nahm meine Sinne gefangen. Ich kam mit Ihnen zu sprechen. Nun, für ein Dorfmädchen haben Sie mehr als genug gelernt. Was Sie wußten, das befriedigte mich, und wie Sie es vorbrachten, das war so naiv-offen, so traulich, so – so – eben auch so verdammt raffinirt, daß ich an der Leimruthe hängen blieb. Ich liebte Sie wirklich und von ganzem Herzen. Nach dem Scheiden schwärmte ich für Sie und dichtete auf Sie Lieder, wie ich sie so schön vielleicht in meinem Leben nicht wieder dichten werde. Es zog mich zu Ihnen. Ich hörte, daß der hiesige Lehrer abgehe, und meldete mich. Meine Vorgesetzten hielten mich für geistesgestört. Ich habe mehr gelernt als ein gewöhnlicher Volksschullehrer, und eine Karriere lag vor mir. Da bat ich um die Strafstelle. Von allen Seiten rieth man mir ab – vergeblich! Ich liebte Sie und ging.« »Ah!« holte sie tief Athem. »Jetzt nun treffe ich Sie und bin –« Er hielt inne. »Was denn? Was sind Sie?« fragte sie dringend. »Enttäuscht, vollständig enttäuscht.« »Ah!« »Ja, ich habe das Gefühl, wie Einer, der im Dampfbade sitzt und ganz unerwartet und plötzlich mit eiskaltem Wasser übergossen wird. Er schreit ganz gewiß »Au au« und nimmt Reißaus.« »Sie wählen wieder die trivialsten Bilder!« »Von Ihnen angeregt. Ich habe bemerkt, daß man sich bei Ihnen keine Mühe, zart zu sein, zu geben braucht. Zunächst erscheinen Sie mir in einer Kleidung, welche nur eine Coquette anlegen wird –« »Donnerwetter!« »Dieser Prassel mit Ihren Silbermünzen ist einfach ungezogen und beleidigend. Wenn Sie reich sind, so seien Sie es meinetwegen, aber hängen Sie das liebe Geld nicht an Ihrer werthen Person so auffällig auf die Bleiche! Sodann war Ihr erstes Wort eine Grobheit. Sie fluchen wie ein Landsknecht. Sie zeigten gegen die arme Frau, deren Korb ich trug, kein Herz – kurz, ich bin überzeugt, daß Sie ein gefühlloses, rohes, raffinirtes, eingebildetes, stolzes und – liebeslüsternes Frauenzimmer sind. Ich bin geheilt. Holen Sie sich einen anderen Dichter! Ich werde Schulmeister von Hohenwald sein, aber als Frau möchte ich Sie nicht, selbst dann nicht, wenn Sie mir mit aller Gewalt auf den Buckel sprängen.« Er hatte zuletzt seine Stimme erhoben. Sie stand ihm gegenüber und vermochte seine Worte gar nicht zu fassen. Nur mit Anstrengung stieß sie hervor: »Ist das etwa Comödie?« »Nein.« »So sind Sie verrückt, verrückt im höchsten Grade!« »Meinen Sie?« »Ja. Nur ein Verrückter vermag es, einer Dame solche maßlose Grobheiten zu sagen.« »Sie sind keine Dame, sondern eine Bauerndirne, und Ihre grenzenlose Gefühllosigkeit kann nicht anders als mit ebensolchen Grobheiten ärztlich behandelt werden. Adieu!« Er wendete sich zum Gehen. Da that sie einen Sprung auf ihn zu, faßte ihn beim Arme und rief: »Fort wollen Sie?« »Ja.« »Und was Sie sagten, war ernst gemeint, wirklich ernst?« »Im höchsten Grade ernst.« »Ah! Das haben Sie wirklich gewagt, wirklich? Sie haben gar keine Ahnung, wer, was und wie ich bin. Sie wissen nicht, was ich vermag! Ich will noch nachsichtig sein. Ich will Ihnen die Wahl stellen.« »So? Welche Wahl?« »Zwischen meiner Liebe und meiner Rache.« »Pah!« »Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie liebe. Noch größer aber würde meine Rache sein.« »Die Wahl kann mir nicht schwer fallen. Nur Ihre Liebe fürchte ich; sie könnte mich unglücklich machen. Ihre Rache aber kann mir gar nichts anhaben. Darum wähle ich sie; ich fürchte sie nicht.« Sie ließ seinen Arm los und trat einen Schritt zurück. Die Lippen fest zusammengepreßt, betrachtete sie ihn mit glühendem Blicke. »Rache, Rache wollen Sie?« stieß sie hervor. »Ja. Adieu!« Er drehte sich um. Da eilte sie ihm nach, schlang die Arme um ihn und bat: »Max, Max, nimm die Liebe, sonst verderbe ich Dich! Nimm sie, nimm die Liebe!« »Fort! Ein Weib, welches von Rache nur sprechen kann, ist keiner Liebe werth.« Er schob sie von sich. Sie stand da, die Hände niedergesunken, und sah ihn davongehen und um eine Biegung des Weges verschwinden. So stand sie eine ganze, ganze Weile noch. Dann ballte sie die Hand und drohte ihm nach: »Also Rache will er, Rache! Er soll sie haben, voll und ganz! Ich verderbe ihn! Ich –« Als hätte sie plötzlich einen Stich in das Herz bekommen, so fuhr sie schnell mit beiden Händen nach der Brust. Sie fest an den hoch wallenden Busen drückend, fuhr sie fort: »Und doch liebe ich ihn, unendlich, heiß und innig. Das fühle ich erst jetzt. Ich hab es gar nicht gewußt. Erst jetzt kommt es mit Allgewalt, da er sagt, daß er mich verachtet, und ich ihn deshalb verderben will und verderben muß!« Sie schrak zusammen. Eine Hand hatte sich auf ihre Achsel gelegt. Sie drehte sich um. Die Feuerbalzerin stand vor ihr. »Was willst Du hier!« rief sie sie an. »Ihn schützen!« antwortete die Gefragte. »Wen?« »Den Schulmeistern, dent verderben willst.« Martha nahm ihre ganze Selbstbeherrschung zusammen, um ruhig zu erscheinen. »Verderben? Was faselst da?« fragte sie, nun auch in den bäuerlichen Dialekt fallend. »Willsts etwan leugnen?« Die Augen der Alten waren mit scharfen, haßerfüllten Blicken auf das Mädchen gerichtet. »Leugnen? Fallt mir gar nimmer ein. Ich hab nix zu leugnen und nix einzugestehen. Ich weiß von gar nix gar nix.« »Oho! Meinst, daß ich dumm bin?« »Aberst ich weiß halt gar nicht, wast willst!« »Ich hab Dirs gesagt: Ihn schützen will ich. Er hat mit mir sprochen, mit der Verachteten, mir die Hand geben, mir Geld schenkt, ist mit mir gelaufen und hat mir sogar den Korb tragen. Ja, er hätt ihn ganz durchs Dorf tragen, wannt ihm nicht in den Weg treten wärst. Das Alles, Alles hat er than, und nun werd ich ihn schützen.« »Vor wem denn?« »Vor Dir.« »Was fallt Dir ein?« »Du bist die Teufelin, vor der er sich in Acht nehmen soll. Aberst wannt sein Teufel sein willst, so werd ich sein Engel sein. Wannt um ihn schleichst, so ich wachen am Tag und in dera Nacht, um ihn zu beschützen.« »Bist verruckt!« »Gar nicht. Heut, als mirs zu viel worden ist, was Dein Vatern für Jammer über uns bracht hat, da hab ich mein Leben all machen und in den Teich gehen wollen. Der Lehrer aber hat mir meinen Muth zurückbracht, und mit diesem Muth werd ich Dir entgegentreten und mit Dir kämpfen. Ihn sollt Ihr mir nicht vergiften, wie Ihr das ganze Dorf vergiftet habt!« »Alte, Du bist wirklich wahnsinnig! Ich habe ja gar keine Ahnung, weshalb ich diesem fremden Menschen Böses thun soll!« »Fremd? Und hast doch in Regensburg mit ihm sprochen!« »Alle Teufel!« fuhr sie auf. »Und ihn hierher bestellt!« »Woher weißt das?« »Und willst ihn heirathen, wann er ein berühmter Dichtern worden ist!« »Bist etwan allwissend?« »Er aber mag Dich nicht. Er will lieber Deine Rache als Deine Liebe. O, jetzund giebts endlich mal Einen, der den Muth hat und die richtige Schneid, es mit dem Silberbauernvolk aufzunehmen. Er hat die Silbermartha nicht wollt! Oh, oh! Wann das die Leutln derfahrn, wann sie's derfahrn!« Martha stand ganz bewegungslos vor der Alten. »Hast etwan gehorcht?« brachte sie hervor. »Sollt ich nicht?« höhnte die Alte. »Wer hat Dirs geheißen?« »Ihr alle Beid nicht. Aberst mein Herz hat mir sagt, daß er sich in Gefahr befindet. Als ich sehen hab, daßt ihn kennst, nachhero ists mir auch gleich sofort angst um ihn worden, denn wer mit Euch zusammenkommt, dem sagt das Unglück guten Tag. Alst mich dann fortjagt hast, hab ich than, als ob ich geh; aberst ich hab mich heimlich zurückschlichen und hinter die Bäumen steckt. Ihr habt nicht dacht, daß Jemand da sein könnt, und immer nur laut sprochen. So hab ich Alles hört. Und sodann, als er fort war, hast auch Du noch laut sagt, daß alleweil grad jetzt erst die richtige Lieb über Dich kommen sei. Ah, oh, hats Dich endlich auch mal packt? Dir ists schon recht. Jetzt weißt auch, wies Einer zu Muth ist, die Einen gern haben möcht und er mag sie nicht!« »Willst schweigen!« »Schweigen? Nein! Reden werd ich, reden! Verzählen werd ich es, damit alle Welt es derfährt, daß ein armer Dorfschulmeistern die reiche Silbermartha nicht mocht hat, und sie hat ihm doch gute Worten geben!« »Wannst ein einzig Wort sagst, nachhero wirst sehen, was ich thu!« drohte das Mädchen. »Wast thust? Nix, gar nix! Mehr kannst nun gar nimmer thun, als was Ihr allbereits schon than habt an uns. Und nachhero, wann mir ja was geschehen ist, so werden alle Leut gleich wissen, daß Du es gewest bist denn ich werds Allen verzählen, daßt mir droht hast. Ich fürcht mich nicht vor Dir. Ich hab mich gefürchtet vor Euch bis auf den heutigen Tag. Aberst er ist mein guter Engel gewest und hat mich nicht verachtet. Um seinetwegen thät ich mit Bären kämpfen und mit Tigern und Löwen, warum nicht auch mit Euch! Wann Ihr ihm was Leids anthut, so komm ich und zerreiß Euch Alle mit denen beiden Händen, diet hier schaust!« Sie krümmte die Hände wie Krallen und hielt sie vor das Gesicht. Die brave Alte hatte in diesem Augenblicke ganz das abschreckende Aussehen einer Harpye, welche bereit ist, sich auf ihr Opfer zu stürzen und demselben das Blut auszusaugen. Selbst die gefühllose Tochter des Silberbauern, die sich noch nie vor einem Menschen gefürchtet hatte, fühlte ein tiefes Grauen, eine plötzliche Angst vor ihr. »Ich thu ihm ja nix!« versicherte sie. »Das machst mir nicht weiß! Dir glaub ich nix, kein einzig Wörtle nicht.« »Ich kanns beschwören!« »Auch das gilt nix. Ihr in Eurer Familie schwört das Blaue vom Himmeln und das Feuer aus dera Höllen, ohne daßt Ihr Euch ein Gewissen daraus macht. Ich weiß, was ich weiß, und nun kannst mich nicht mehr irre leiten.« »So schweig doch! Es war nicht so gemeint.« »Ich schweig nicht, sicherlich nicht!« »Aber, Balzerbäuerin, was sollen die Leut von mir denken, wanns hören, daß ich ihm gute Wort geben hab, und er hat mich dennerst nicht wollt!« »Daß er ein gescheidter Kerlen ist, werdens denken, und daßt mal an den Richtigen kommen bist und Dich nun vor aller Welt schämen mußt. Warum nennst mich jetzt aufmal die Balzerbäuerin, he? Warum sagst nicht Feuerbalzern wie sonsten? Jetzt hast Angst vor mir und kannst nun höflich sein!« »So schrei doch wenigstens nicht gar so sehr.« »Schreien? Ich wollt, ich hätt eine Stimmen wie eine Kanonen, so wollt ichs hinauspuffern in alle Welt, was ich hört und sehen hab. Im schönsten und größten Gut haben wir wohnt, und bezahlt wars und schuldenfrei. Jetzt herbergern wir in dera Flachsrösterei wie die Ratten in dera Gossen. Geh hin zu uns, und schau Dir meinen Sohn an und sein Weib! Der Hungern ist unser Koch, die Krankheit unser Vergnügen und der Wahnsinn unser Pläsir. Wer hat das verschuldet? Das Feuern und Dein Vatern, diese beid haben uns aufgefressen.« »Ists gar so arg mit Euch?« Sie versuchte, ihrer Stimme einen theilnehmenden, mitleidigen Ton zu geben. »Meinst etwan, daß das geselchte Rauchfleischen bei uns zur Thürer hereinispaziert kommt? Heut hab ich nix gessen am ganzen Tag als Schwammpilzen draußen im Wald, ganz so, wie sie auf der Erden stehn, ohne Schmalz und Peterumsilium. Grad so fressens auch die Wurmerln an. Zu Haus liegen die beiden Andern und warten auf mich, daß ich ihnen die paar Schwammerln bring, welche ich hier in der Schürzen hab. Das ist unser Frühstücken, unser Mittag- und unser Abendessen. Nachhero können wir uns den Magen zubinden, damit der Hungern nicht herauskann und die Trübsalen nicht hinein. Der neue Lehrern aberst hat mir zwei blanke Thalern geben, um der kranken Schwiegertochtern eine Suppen zu machen. Das werd ich ihm danken all mein Leben lang. Was wird der arme Schulmeistern für ein Geld übrig haben! Gar keins! Er brauchts für sich selbsten, und dennerst hat er mirs mit Freuden schenkt und sogar noch richtig aufizwungen, als ich es trotz meines Hungern nicht hab nehmen wollen. Das hat der liebe Herrgott sehen, und der wirds ihm vergelten hier und dann auch in dera Ewigkeiten!« »Nun, was der kann, das können wir auch. Willst was haben etwan?« Sie griff in die Tasche. »Von Dir?« fragte die Alte, mehrere Schritte zurücktretend. »Ja, ich gebs Dir.« »Keinen Pfennig mag ich, keinen einzigen!« »So nimms aber doch!« Sie nahm eine Mark heraus und hielt sie ihr hin. Die Alte streckte beide Hände abwehrend dagegen aus und rief im Tone des Abscheus: »Der Herrgott mag mich behüten, daß ich von Euch ein Geld annehm! Lieberst verhunger ich mit Freuden, als daß ich so was anrühren thät.« »Oder ists nicht genug, eine Mark?« »Tausend sind nicht genug gegen das, was Dein Vatern uns abgenommen hat!« »So geb ich Dir mehr als eine. Hier, hast drei!« »Nein, nein, und wanns mein Leben kosten thät!« »Ich wills Dir ja gar nicht schenken, wannst zu stolz bist, ein Almosen zu nehmen.« »Was sonst?« »Du sollst mir einen Gefallen thun; dafür geb ich Dir sogleich fünf Mark.« »Welchen Gefallen?« »Du sollst Niemand sagen, wast hier hört hast.« »Aller Welt werd ichs sagen!« »So geb ich Dir zehn Mark.« »Nein, nein!« »Oder zwanzig? Sag, wie viel Du willst!« »Ich verkaufs um keinen Preis.« »Schau, ich will hier die Thalern von meinem Hut herabmachen und Dir geben, wannst still bist!« »Behalt Dein Geld!« Sie wendete sich zum Gehen. Martha bekam Angst. Sie wollte um keinen Preis einem Menschen wissen lassen, was zwischen ihr und dem Lehrer vorgegangen war. Darum ging sie der Alten nach, hielt sie am Arm zurück und sagte: »Schau Dir hier diese Halsketten an. Sie ist werth an die hundert Thalern. Ich geb sie Dir augenblicklich und werd sie morgen einlösen, wannst mir diesen Gefallen thust.« Die Bäuerin schüttelte den Kopf und versuchte, sich von der Hand des Mädchens zu befreien. »Denk – hundert Thalern!« »Nein!« »In Eurer Armuth ists ein Vermögen?« »Ich mags aberst nicht!« »Ihr könnt nun essen und trinken und Euch auch Kleider kaufen!« »Lieber nackt verhungern als Geld nehmen von Dir!« Es war viel, sehr viel von der Frau, daß sie trotz ihrer Noth diese Summe von sich wies. »Thu es doch! Thu es!« drängte Martha. »Nein! Fallt mir nicht ein!« »Schau, ich bitt Dich darum!« Sie faltete beide Hände zusammen und stand mit gesenktem Kopfe vor der Alten. Was kein Geld vermocht hatte, selbst die Summe von hundert Thalern nicht, das vermochte dieses Wort. »Was?« fragte die Bäuerin. »Du bittst mich?« »Ja.« »Du, die Silbermartha, die Feuerbalzern?« »Ja, Du siehsts ja! Ich weiß nicht, was ich machen thät, wann ich die Schand derleben müßt, daß die Leut derfahren, er hat mich nicht haben mögen.« Die Alte kämpfte mit sich selbst. Der Haß, die Rachsucht stritten wider ihr gutes Gemüth. »Laß Dich doch derbitten, Balzerbäuerin!« flehte das Mädchen. Das gute Herz siegte über den Haß. Die Alte sagte: »Nun gut, ich kann mal keiner Bitt nix abschlagen. Ein guts Wort findet eine gute Statt. Aberst für immer und ewig gelob ich kein Schweigen. Ich werd dem Lehrern sagen, daß ich Alles derlauscht hab, und ich werd ihn nachher auch fragen, ob ich still sein soll oder davon reden darf. Nach dem seinigen Willen werd ich dann handeln.« »Mein Gott! Was wird er sagen!« »Ich weiß es allbereits.« »Was?« »Daß ich schweigen soll.« »Meinst wirklich?« »Ja. Er hat ein gutes Herz, grad so wie ich, und er ist auch viel zu stolz, als daß er sich meines Mundes bedienen sollt, Dich zu blamiren.« »Aberst er war hier gegen mich hartherzig!« »Hartherzig? Was fallt Dir ein! Hat er nicht von einer Arzneien sprochen? Seine graden Worten sollten eine Arzneien gegen den Deinigen Hochmuthen sein. Er hat glaubt, Dich damit treffen und bessern zu können, sonst wärs ihm gar nimmer einifallen, in dieser Art und Weisen mit Dir zu reden. Also mein Versprechen hast.« »Und wirst mir sagen, was er Dir befohlen hat?« »Ja, wann ich Dich treff.« »So seh ich, daßt nicht so schlecht bist, wie ich dacht hab.« »Schlecht? Ich? Mein lieber Himmeln, ich und schlecht! Grad das Gegentheil ist der Fall.« »So wirst nun aberst auch ein Geld von mir annehmen, wann ichs Dir jetzt abermals anbieten thu!« »Nein. Da hilft Dir keine Bitt etwas. Aberst ich will Dir was geben, das mehr ist als alles Geld. Du bist nicht schuld an Deinem Vatern und Deinem Brudern. Du bist wohl noch die Best von Euch dreien. Wannt besser erzogen wärst, so könntst ein ganz ander Dirndl sein. Der Schulmeistern wird wohl ganz das selbige auch dacht haben. Er hats gut gemeint mit seiner Grobheiten. Er hat Dich sehr lieb gehabt, und vielleicht hat er Dich auch heut noch lieb. Nimm Dir seine Worten zu Herzen! Du kannst noch so glücklich werden, wie das Geld gar nimmer machen kann; aberst den Hochmuth mußt lassen, und fluchen und wettern darfst nicht, sondern recht fein sanft mußt sein und gut. Das kommt Dich jetzund schlimm an, und Du wirst denken, daßt das gar nimmer fertig bringst. Aberst wannst nur einmal Dich überwunden hast und einem einzigen Menschenkind eine rechte Lieb erwiesen, so wirst gleich empfinden, wie glücklich das im Herzen macht. Wer einen Sonnenschein hervorbracht hat im Gesicht eines Andern, der hat auch sogleich Sonnenschein in seinem Herzen und mag nachhero ohne diesen Sonnenschein gar nimmer leben. Ich bin im Unglück alt worden und habs derfahren. Schau, Du bist meine Feindin; aberst ich hab Dir jetzund eine Bitt erfüllt, und nun fühl ich keinen Hungern mehr, und es ist mir, als hätt der heilge Christ mir eine große Freuden gebracht. Versuchs auch so, nachhero wird eine große Freuden auch sein über Dich im Himmel und auf Erden. Es ist nicht gut, wann ein Kind keine Muttern hat; drum kann ich Dir viel verzeihen. Behüt Dich Gott, Martha; sei brav, sei brav!« War es wahr – war es wirklich geschehen? Die Alte hatte die Hand des Mädchens ergriffen und dieselbe mit Wärme gedrückt! Martha blickte ihr nach, bis sie verschwunden war. Dann preßte sie die Hände auf die Brust. »Martha, sei brav, sei brav!« wiederholte sie, diese Worte vor sich hinflüsternd. Sie betrachtete ihre Hand, welche soeben in derjenigen ihrer ärgsten Feindin gelegen hatte. An der Hand war nichts zu sehen, nicht die mindeste Spur dieser Berührung, aber von den Spitzen der Finger und durch den Arm und bis ins Herz hinab ging es wie ein warmer, wohlthuender Strom, der sich auch über den ganzen übrigen Körper verbreitete. »Er hat Dich sehr lieb gehabt, und vielleicht hat er Dich auch heut noch lieb!« So hatte sie gesagt. War das möglich? Konnte ein Bursche das Mädchen noch lieben, zu welchem er so harte, so schlimme Worte gesprochen hatte? Es fluthete heiß in ihr empor. Woher sie kamen, das schöne Mädchen wußte es nicht, aber im Augenblicke standen ihre Augen voller Thränen, welche über die Wangen herabliefen, um noch andern, vielen andern Platz zu machen. Es war ihr, als ab sie niederknieen und Gott bitten müsse, so wie jetzt auch ferner in ihr fort zu walten. Sie that es aber nicht, sondern sie kehrte zurück zu dem Baume, an welchem der Geliebte gelehnt hatte, und schlang die Arme um ihn. Als sie den wogenden Busen an den Stamm schmiegte, war es ihr, als ob sie ihn, ihn, ihn umarme. Die Thränen rannen fort, aber eine selige Ruhe fand sich im Herzen ein. »Max, o Max!« flüsterte sie. »Behalt mich lieb! Ich will anders werden, viel, viel besser, und nicht an Haß und Rache denken. Vergieb mir auch, denn ich hab – – – ja keine Mutter mehr!« – – – Der, an welchen sie so innig dachte, war von ihr weg nach dem Dorf gegangen. Bald sah er das Wirthshaus vor sich liegen; weiter oben lag die Kirche und also wohl auch das Pfarrhaus. Um nach dem Letzteren zu gelangen, mußte er an dem Ersteren vorüber. Er hörte bereits von Weitem, daß man Kegeln schob. Der offene Kegelschub zog sich dicht am Wege hin. Walther schritt langsam auf denselben zu. Im Vorbeischreiten warf er einen Blick hin auf die Bänke. Dort saßen und standen vielleicht zehn Männer, mit dem Kegelspiel beschäftigt – der Silberfritz unter ihnen. Dieser Letztere hatte kaum den Lehrer erblickt, so sprang er auf und rief mit lauter Stimme: »Das ist er, Vatern, das ist der Kerlen!« »Wo?« fragte eine tiefe Stimme. »Der da vorbeigeht.« »Der Dich anfallen hat im Wald?« »Freilich.« »So wollen wir gleich schnell die Polizeien machen. Kommt Alle, kommt! Den halten wir fest!« Im nächsten Augenblicke sah Walther sich von den Leuten umringt. Der Silberbauer war sofort an dem überreichen, prahlenden Silberschmuck seines Anzuges zu erkennen. Seine grobe, vierschrötige Gestalt, sein hartes Gesicht mit den kleinen, hinterlistigen Augen machten keinen guten Eindruck. Er erfaßte den Lehrer beim Arme. »Halt, Bursch!« schnauzte er ihn an. »Hier wird nicht vorübergelaufen!« »Warum nicht?« fragte Walther ruhig. »Weilt verarretirt bist.« »Von wem?« »Von mir!« »Ach so! Wer sind Sie denn?« »Der Silberbauer und die oberste Polizei hier in diesem Ort. Wo willst hin?« »Zunächst muß ich fragen, weshalb Sie mich arretiren wollen!« »Das fragst auch noch, Kerl!« »Natürlich habe ich das Recht zu dieser Frage. Uebrigens bitte ich um die nöthige Höflichkeit. Ich nenne jeden der anwesenden Herren Sie und muß dasselbe auch für mich verlangen!« »Wie wir Dich nennen werden, ob kurz oder lang, ob buckelig oder lahm, das wirst bald sehen. Zunächst wirst eingesteckt, damit wir erst das Kegelspiel beenden. Nachhero werd ich Dich vernehmen. Da kommt auch der Wächtern gleich gelaufen, als ob er gerufen wär!« Der Betreffende war ein langer, dürrer Kerl, gewöhnlich gekleidet. Nur eine alte Soldatenmütze ließ errathen, welch ein wichtiges Amt er in der Gemeinde begleitete. Er kam im Trab gelaufen, sprang über die Kegelbahn herüber, verschnaufte einen Augenblick, begrüßte den Silberdauer, indem er militärisch die Hand an die Mütze lehnte und meldete: »Er ist da!« »Wer?« »Der neue Lehrern.« »Wo denn? Kommt er schon auf dera Straßen?« »Nein, da nicht. Er steckt halt im Wald.« »Im Wald? Da hindurch geht ja gar nicht der Weg von dera Stadt herüber. Bist denn Du etwan draußen im Wald gewest.« »Nein, ich nicht, aberst das Liesbetherl.« »Meinst dem Finkenheiner die seinige?« »Ja. Die hat den neuen Lehrern troffen und auch mit ihm sprochen.« »Alle Donnerwettern! Da stell ich Dich auf die Straßen zum Aufipassen, und da lauft dera Huckibuschi grad durch den Wald. So ist er am End grad alleweil schon vorübergangen und sitzt nun bereits beim Pfarrer und macht bei ihm Kuschi. Das kann mir auch gefallen! Mußt also gleich mal hingehen und anfragen, ob er dort ist. Wannt ihn findst, so bringst ihn gleich mit hierher.« »Gleich mitbringen? Wird sich das machen lassen?« »Warum etwan nicht?« »Wann er nicht will.« »Nicht wollen? Dera Schulmeistern? Bist gescheidt oder nicht! Ich den dera Schultheise, und er ist mein Untergebener. Er hat mir zu gehorchen. Mit einem Schulmeistern wird gar kein großer Summs gemacht. Du sagst ihm, daß ich ihm befehl, mit zu kommen.« »Aberst wann er dennerst nicht mitgeht?« »So verarretirst ihn sofort.« Der Wächter machte ein sehr verlegenes Gesicht. »Nun, was machst da für eine Visagen, als hätts Dir die Kindstaufen verregnet?« »Weil ich an was denken thu.« »An was denn?« »Daß er sich nicht verarretiren lassen wird.« »Was fallt Dir ein! Bist etwan nicht die Polizei?« »Das wohl. Aberst ob er gehorchen wird!« »Er muß. Weißt, das war ja Widerstand gegen die Staatsgewalt, und ich thät ihn sogleich einisperren lassen.« »Und wann er auch da nicht mit macht? Wann er sich nicht ins Loch sperren laßt?« »Willst etwan gleich eine Maulschellen haben, Du Dummkopf Du?« »Ja, wann ich mich an ihm vergreifen thu und er verappellerirt mich ans Gericht, so wirds schlimm. Am End komm ich da gar gleich vom Dienst.« »Oho! Ich bin der Schultheißen, und ich thu, was mir beliebt. Das Gericht geht mich halt gar nix an. Aus dem Gericht mach ich mir keinen Pfifferling. Ich führ das ganze Gericht mit sammt dem Amtmann au dera Nasen herum. Dazu bin ich der Mann, denn ich bin der Silberbauern. Verstanden! Also Du sagst dem Lehrern, daß ich ihm befehl, herbei zu kommen. Wir schieben Kegel, und er muß mitthun. Wann er nicht will, so bringst ihn als Verarrestirten mit Gewalt herbei. Und jetzund zunächst nimmst diesen Kerlen hier gleich mit und steckst ihn eini. Er ist anklagt wegen Raubüberfall und Verletzung des Körpers. Wann ich morgen oder übermorgen Zeit hab, werd ich ihn ins Verhör nehmen und dann dem Gericht überliefern. Er hat meinen Sohn vermorden wollen, der Hallunkenschuft. Da steht er.« Der Lehrer hatte bis jetzt so hinter einigen der Bauern gestanden, daß der Wächter ihn nicht hatte sehen können. Jetzt traten die Betreffenden zur Seite. Der Blick des Wächters fiel auf Walthern. Er betrachtete ihn und sagte dann: »Heiliges Pech! Der soll ein Mordanstifter sein!« »Ja, mich hat er dermorden wollen,« antwortete der Silberfritz. »Ists möglich!« »Wann ich es sag, wirsts halt glauben müssen!« »Und doch glaub ichs nicht.« »Warum nicht?« »Well er der neue Lehrern ist. Nun brauch ich ihn auch nicht vom Pfarrern herbei zu holen.« Sie erstaunten Alle. Nur der Silberbauer sagte: »Wie kannst den neuen Lehrern kennen! Du hast ihn ja noch niemals bereits sehen könnt.« »Das ist freilich war; aberst das Liesbetherl hat ihn gesehen und ihn mir ganz genau beschrieben. Einen Anzug wie in dera Stadt, ein Hüterl auf dem Kopf, ein Tascherl an dera Seiten, ein Spazierstöckerl und dunkle Haaren. Sagt mal selberst, ob das nicht ganz genau stimmen thut!« »Ja, stimmen thäts schon,« meinte Claus, »und im Wald ist er auch gewest. Wollen schauen.« Er wendete sich an den Lehrer. »Wie heißt denn eigentlich?« »Max Walther,« antwortete der Gefragte gelassen. »Wo bist her?« »Ich komme aus Regensburg.« »Das ist freilich das Richtige. Das stimmt mit denen Nachrichten, welche ich erhalten hab. So bist also wirklich dera neue Lehrern?« »Ja.« Da lachte der Silberbauer laut auf und rief: »Na, da werden sich halt die Schulbuben gefreuen! Seit der Vorige fort ist, hats keine Schulen geben, und nun werden gar schon wiederum neue Ferien beginnen!« »Das möchte ich bezweifeln,« bemerkte Walther. »Von einer längeren Dauer der Vacanz ist keine Rede. Ich beabsichtige vielmehr, bereits morgen früh den Unterricht zu beginnen, und ersuche Sie, dies durch den Gemeindediener noch heut den betreffenden Eltern zu wissen zu geben.« »So!« höhnte der Bauer. »Schule halten willst?« »Natürlich!« »Das wirst wohl bleiben lassen!« »Warum?« »Meinst, daß wir einen Mördern zum Schulmeistern haben wollen? So dumm sind wir halt nimmer!« »Einen Mörder? Was fällt Ihnen ein?« »Nein, sondern was fallt Dir ein! Du hast meinen Sohn derschlagen wollen und bist mein Gefangener. Aberst ein Gefangener ist noch niemals dazu kommen, Schulen zu halten.« Da trat Walther einen Schritt näher an ihn heran und sagte in ernstem Tone: »Herr Claus, ich – – –« »Schweig!« donnerte ihn der Bauer an. »Herr Silberbauern hast zu sagen, aber nicht Herr Claus! Verstanden!« »Ich nenne Sie zunächst Claus, denn das ist Ihr Name. Sie nennen mich Du, trotzdem ich Ihnen dies bereits untersagt habe. Wenn Sie, als Vorstand dieser Gemeinde die nöthige Höflichkeit unterlassen, so müssen Sie gewärtig sein, daß man Ihnen mit ganz demselben Maße mißt. Sie dürfen nicht denken, daß ich mich von Ihnen dominiren lasse. Zwar bin ich jünger als Sie, sonst aber glaube ich ganz der Mann zu sein, der gar keine Veranlassung hat, sich vor Ihnen zu fürchten oder es zu dulden, daß Sie ihn wie einen dummen Jungen anschnautzen. Dazu sind sie mir denn doch nicht gescheidt genug. Verstanden?« Das war dem Bauer noch nicht passirt. So hatte noch nie ein Mensch mit ihm gesprochen. »Wie – – was – –!« stieß er hervor. Die Umstehenden waren ganz erschrocken. Sie selbst hätten nie gewagt, dem reichsten Manne des Dorfes solche Worte zu sagen, und da kam dieser fremde, junge Mensch und antwortete ihm in solcher Weise. »Ja, so hab ichs gemeint,« antwortete Walther. »Ich habe schweigend zugehört, als sie sich in selbstsüchtigen Reden ergingen; jetzt aber ist die Reihe, zu sprechen, an mich gekommen. Und ich werde sprechen!« »Schweig, Lausbub!« Diese beiden Worte stieß er donnernd hervor und hob dabei die Hand wie zum Schlage. Walther wich trotz dieser drohenden Haltung seines Gegners keinen Schritt zurück. Er sagte: »Diesen Schimpf werde ich nicht auf mir sitzen lassen!« »So! Was willst thun?« »Ich werde Sie anzeigen.« »Was! Mich, den Vorsteher!« »Ja. Denken Sie ja nicht, daß Sie mein Vorgesetzter sind. Sie haben mir gar nichts zu befehlen.« »Was! Das sagst mir? Du, der Arrestant!« »Ich bin nicht arretirt. Von einem Manne, wie Sie sind, lasse ich mich keineswegs arretiren. Ich habe keinen Mordversuch begangen. Ich kam im Walde dazu, als Ihr Sohn die Liesbeth anfiel und vergewaltigen wollte, und habe Sie in meinen Schutz genommen. Dabei hat er freilich gewaltige Prügel erhalten, und ich sage in aller Offenheit, daß er deren noch viel mehr bekommen kann, wenn er sich wieder bei einer solchen That von mir erwischen läßt. Er ists, welcher bestraft werden muß, und wenn es mir in den Sinn kommt, so mache ich zu den Prügeln, die er gekostet hat, auch noch Anzeige beim Gericht. Und wenn sein Vater mich weiter beleidigt, so werde ich mich zu schützen wissen. Zeugen sind genug vorhanden, welche aussagen müssen, daß ich diesen Streit nicht provozirt habe.« »Zeugen? Sie sollen nur das Maul aufthun!« »Ich glaube nicht, daß Einer von den Anwesenden dem Klausbauern zu Liebe sich wegen Meineids auf das Zuchthaus schaffen lassen werde.« »Oho! Zunächst kommst Du selber ins Zuchthaus. Du bist verarretirt. Wächtern, schaff ihn fort!« Der brave Ortspolizist befand sich in einer nicht geringen Verlegenheit. Er kratzte sich hinter dem rechten Ohr, dann hinter dem Linken und fragte: »Wohin?« »Ins Loch.« »Ja, in welches? Es ist ja gar kein Ortsgefängnissen vorhanden hier in Hohenwald.« »Schaffst ihn in mein Gut und schließest ihn in den Kartoffelkellern ein, den Schlüsseln bringst mir hierher.« »Ja, schön! Also komm!« Er winkte dem Lehrer. Dieser zuckte die Achsel, setzte sich an einen der Tische, welche im Freien standen und fragte einen dicken Mann, welcher unter der Hausthür stand und den Streit mit höchstem Interesse angehört hatte: »Sind Sie der Wirth?« »Ja.« »Bringen Sie mir ein Bier!« »Sogleich!« Der Wirth verschwand im Innern des Hauses. Einige der Anwesenden lachten leise vor sich hin. Der Silberbauer bemerkte es und rief zornig: »Was habts da zu feixen und zu lachen! Ich werd Euch gleich zeigen, wer der Herr ist. Wächtern, schaff ihn fort, aberst sogleich!« Der Polizist trat näher zu dem Lehrer heran und sagte: »So komm doch! Es hilft Dir ja doch nix, wannt Dich sperrst. Mit mußt auf alle Fällen.« Der junge Mann maß den Sprecher vom Kopfe bis zu den Füßen herab und antwortete: »Wenn Sie mich noch ein einziges Mal Du nennen, so pfeife ich Ihnen eine Ohrfeige ins Gesicht, daß Sie denken sollen, der Himmel fällt ein! Wenn der Ortsschulze grob ist, braucht doch der Polizist nicht unverschämt zu sein!« Der Wächter kratzte sich auf beiden Seiten hinter den Ohren und sagte zum Silberbauern: »Verdorium! Ist das ein Ausgesuchter! Bei den möcht ich halt mal in die Schulen gehn! Du, Herr Silberbauern, ich denk halt, es wird am Allerbesten sein, wannt ihn selber verarretirst.« »Das ist Deine Sache. Oder fürchtest Du Dich etwann?« »Das schon nicht.« »Sonst hätt ich Dich auch gleich abgesetzt. Ein Polizist muß Couragen haben.« »O, die Couragen ist schon bereits da; aber wann er zuhaut, so hab ich die Ohrwascheln drin, Du aberst nicht!« »Er soll es wagen. Jetzt schaffst ihn fort und nennst ihn Du! Ich will doch sehen, obt Couragen hast!« »Na, wanns blos daran liegt, so sollst gleich sehen, wie schnell ich mit ihm fertig bin!« Er nahm seinen ganzen Muth zusammen, trat zu dem Lehrer heran, faßte ihn beim Arme und sagte: »Hasts gehört? Ich laß mich nicht auslachen wegen Deiner. Jetzt kommst allsogleich mit oder – – –« Er sprach nicht weiter, denn er erhielt in diesen Augenblicke eine solche Ohrfeige, daß er an zwei Bauern flog und dann sich in den Kasten setzte, in welchem sich die Kegelkugeln befanden. Auch die beiden Bauern, welche auf eine solche Carambolage gar nicht gefaßt gewesen waren, setzten sich zu Boden. Der Wächter wußte gar nicht, wie ihm geschah. Zwischen den Kugeln sitzen bleibend, reckte er die langen, dürren Beine empor und sagte zum Silberbauer: »Da hasts! Nun sitz ich hier in dena Kugeln und hab die Ohrfeigen drin! Was hilft da die Couragen, und wann sie noch so groß ist?« Wieder lachten Einige. Das erhöhte den Zorn des Ortsschulzen. Da grad jetzt der Wirth das Bier brachte und dem Lehrer hinsetzte, adressirte er seinen Zorn an diesen: »Was bringst ihm Bier, he!« »Er hats ja bestellt!« »Er ist doch verarretirt!« »Davon seh ich noch nix.« »Das werd ich sofort beweisen. Wißt Ihr bereits, daß ein jeder Bürger der Polizeien Hilf erweisen muß, wenn sie dieselbige braucht und verlangt? Jetzt nun fordere ich sie von Euch. Ihr habt uns zu helfen den Lehrern fest zu nehmen!« Die Leute blickten einander verlegen an. Im Stillen gönnten sie dem Bauer die moralische Niederlage. Sie freuten sich über den Muth, welchen der neue Lehrer zeigte, und gönnten ihm den Sieg von ganzem Herzen; aber sie wollten es auch nicht mit dem Gebieter des Dorfes verderben. »Also vorwärts!« gebot dieser, auf Walther zeigend. »Geh nur auch selbst voran!« sagte Einer. »Ich? Ich bin der Befehlshaber; ich kommandire nur blos, und Ihr habt zu gehorchen.« »So schick wenigstens den Wächtern voran!« »Ja, der muß!« »Fallt mir nicht ein,« rief derselbe, noch immer zwischen den Kegelkugeln sitzend und jetzt zu den emporstehenden Beinen nun auch noch beide Arme abwehrend emporstreckend. »Ich kann nimmer aufi. Fallt nur mal Ihr so zwischen denen Kugeln hereini; nachhero werdet Ihrs merken, wie's Einem hinten und vorn zu Muthen ist. Ich glaub, ich lern all mein Lebtage gar nimmer wieder richtig laufen.« »Dummheit! Steh aufi!« »Ich wills halt versuchen; aberst alleini bring ichs halt nicht fertig; das fühl ich schon bereits. Es mögen mich zwei von Euch emporziehen.« Er wurde bei beiden Händen gefaßt und aus dem Kasten gezogen. In gebückter Haltung blieb er stehen, befühlte sorgfältig denjenigen Körperteil, mit welchem er sich in den Kasten gesetzt hatte, und klagte: »Ja, so hab ich mirs halt gleich denkt! Das ganze Fleisch ist von denen Knochen los, und nun kann ich nur heim gehn und mich von meinem Weib mit Opodeldoc und Baldriandincturen einreiben lassen. Jetzt bin ich Invalid und kann mein Amt nicht verwalten heut. Meinswegen mag ihn verarretiren, wer da will. Ich geh heim, leg mich ins Nest und laß mir kalte und heiße Umschlägen machen, mal kalt und mal heiß, die Kälte für die Knochen und die Wärme halt für das Fleisch. Adjeh also, und seht wie Ihr mit ihm zu Ende kommt!« Er hob seine Mütze auf, welche ihm bei der Ohrfeige abhanden gekommen war, stülpte sie auf und hinkte krummen Leibes von bannen. »Wächtern!« rief der Silberbauer. »Du Himmelsakra! Willst gleich bleiben!« Der Fahnenflüchtige schüttelte den Kopf. »Kommst her, oder – – –« »Nein! Mich bringst nimmer wieder hin. Wann ich noch so eine Ohrwatschen erhielt, so wär ich auf dera Stellen eine Leich. Und mein Leben setz ich halt nimmerst auf das Spiel für den Gehalt von drei Mark Fünfzig in Wochen. Nein, ich bedank mich gar schön!« Er humpelte so eilig wie möglich davon. »Also den Gehorsam sagt man mir auf!« rief der Bauer. »So will ich sehen, ob ich hier noch welchen finden werd. Jetzt kommt Ihr, mir zu helfen. Vorwärts!« Er trat auf den Lehrer zu. Dieser setzte sein Bierseidel an die Lippen, trank in aller Ruhe, stellte das Seidel höchst pflegmatisch wieder auf den Tisch und sagte: »Wer mich haben will, der mag herkommen!« »Ja, da sind wir bereits,« antwortete Claus. »Jetzt kommst sofort mit mir!« »Ich sage jetzt zum dritten Male, daß ich mir dieses Du streng verbitten muß. Eine Beleidigung dulde ich nun keinenfalls mehr.« »Pah! Soll ich etwan so einen Lumpazi auch noch mit Durchlaucht oder Excellenzi antituliren – au, verdammt!« Er flog nämlich über die ganze Breite des Kegelschubes hinüber und stürzte dort zu Boden, einen solchen Hieb ins Gesicht hatte er von dem Lehrer erhalten. »Hund!« brüllte sein Sohn auf, als er den Vatter stürzen sah. »Jetzt sollst Du es büßen!« Er wollte auf den Lehrer eindringen. Dieser war von seinem Stuhle aufgestanden, trat einen Schritt zurück, holte mit dem Stocke aus und schlug ihm denselben so über das Gesicht herüber, daß der Silberbauer heulend zusammenbrach. Der Vater desselben sah es und sprang, vor Grimm laut aufbrüllend, auf den muthigen, jungen Mann ein, flog aber trotz seiner Stärke wieder zu Boden, denn er erhielt einen Faustschlag, der ihn wie einen Klotz zur Erde fällte. Dennoch raffte er sich wieder auf, nahm einen Bierkrug vom Tische und drang mit demselben auf Walthern ein. Dieser schlug ihn mit dem Stocke auf den Arm, daß er denselben sinken und den Krug fallen ließ. Walther war so vorsichtig, keinen seiner Gegner so weit an sich herankommen zu lassen, daß er gepackt werden konnte. Es schien, als ob der Silberbauer den getroffenen Arm nicht gleich wieder erheben könne. Doch sprang er wieder auf den Lehrer zu, um denselben mit dem andern Arme zu ergreifen. Aber da erhielt der Lehrer eine Hilfe, an welche Niemand hatte denken können. Nämlich die Feuerbalzerin hatte ihre Unterredung mit Martha beendet und war jetzt ans dem Walde gekommen. Beim Wirthshause angelangt, sah sie, daß der Lehrer von dem Silberbauer angegriffen wurde, und sofort sprang sie ohne Besinnen herbei, stellte dem Schultheißen, der sie nicht sah, ein Bein, so daß er niederstürzte, warf sich auf ihn und bearbeitete ihn nun derart mit den Händen, daß er gar nicht zur Besinnung kam. »Was!« schrie sie. »Den Herrn Lehrern willst hauend Du, Du? Das ist mein Freund, und dem helf ich gleich!« Dabei schlug und kratzte sie mit der Schnelligkeit einer Meerkatze auf den am Boden Liegenden ein. Er wollte sich zwar wehren, aber sie war so behend, daß es ihm gar nicht gelang, eine ihrer Hände zu erfassen. Die dabeistehenden Bauern hüteten sich gar wohl, in diesem eigentümlichem Kampfe Partei zu nehmen. Sein Sohn konnte ihm nicht zu Hilfe kommen, denn sein Gesicht blutete von dem Stockstreiche, welchen er erhalten hatte. Er hielt es mit beiden Händen, fluchte und schimpfte in allen Tonarten und machte sich von bannen, um nach Hause zu gehen. Der Lehrer war der Einzige, welcher dem Silberbauer zu Hilfe kam. »Balzerbäuerin, lassen Sie ihn los!« bat er. »Nicht eher, als bis er derschlagen ist!« antwortete sie, immer auf den Bauer einschlagend und kratzend. »Sie wollen ihn doch nicht ermorden!« »Nicht? Ach, also nein! Aberst die Visagen werd ich ihm vorrichten, daß sie aussehen soll wie eine Landkarten, wann sie ins Tintenfaß fallen ist!« »Nein, nein! Bitte, lassen Sie ihn!« Er ergriff sie und zog sie empor. »Na, wanns nicht anderst wollen! Ihnen bin ich schon gehorsam!« sagte sie, ganz außer Athem. »Aberst er solls nimmer wagen, sich wieder an meinem guten Freund zu vergreifen, sonst komm ich ihm noch viel besser als bishero!« Der Silberbauer stand von der Erde auf. Er sah freilich schrecklich aus. »Wer ists denn eigentlich?« brüllte er. Er konnte kaum aus den Augen sehen. »Ach Du! Die Feuerbalzerin! Na wart, alte Hex, Dir werd ichs vergelten! Auf das Gericht werd ich gehen und – – –« »Und dort sagen,« fiel der Lehrer schnell ein, »daß Sie das ganze Gericht mit sammt dem Amtmann an der Nase herumführen. Wenn Sie das sagen, dann werden Sie Hilfe erhalten.« »Das, das hätt ich gesagt?« »Ja.« »Das ist eine niederträchtigen Lügen!« »Alle die Anwesenden haben es gehört!« »So! Haben sie es gehört? Nun, ich will doch sehen, ob sie wirklich Etwas gehört haben, was ich gar nicht gesagt hab. Jetzt geh ich hinein, um das Gesicht abzuwaschen. Nachhero komme ich wieder, und es werden Alle verarretirt und einisteckt, welche mir ungehorsam gewest sind und sich an mir vergriffen haben.« Er ging in das Haus. Der Lehrer setzte sich ganz ruhig nieder auf seinen Stuhl. Die Bäuerin setzte sich zu ihm, als ob sie es für nothwendig hielt, ihn noch länger in ihrem Schutze zu behalten. Die anwesenden Bauern, deren Kegelspiel ein so unerwartetes Ende gefunden hatte, wußten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Bei diesen Leuten wird meist auf physische Vorzüge gesehen, und daß der Lehrer einen solchen Kampf aufgenommen und auch als Sieger aus demselben hervorgegangen war, das sicherte ihm ihren Respect. Aber der Silberbauer war nun einmal Derjenige, zu dem sie alle mehr oder weniger in Abhängigkeit standen; auch scheuten sie sich vor dem Gericht, und so erschien es ihnen für das Allerbeste, jetzt zunächst für Keinen Partei zu nehmen. Sie setzten sich also zusammen an einen andern Tisch und flüsterten mit einander. Doch sagten dem Lehrer die bewundernden Blicke, welche sie zu ihm herüberwarfen, daß sie ihm keineswegs feindselig gesinnt seien. »Aber, Balzerbäuerin, wo kommen denn Sie noch her?« fragte er. »Ich hab fast geglaubt, daß Sie bereits längst zu Hause seien.« Sie zwinkerte ihn schlau an und antwortete: »Nach Hause gehen? Das ist mir halt nicht einifallen. Ich hab für Sie zu sorgen habt.« »Für mich?« »Freilich.« »So weiß ich nicht, in wiefern.« »Soll ichs sagen?« »Ja, bitte?« »Aberst Sie werden nachhero bös auf mich sein!« »Das glaube ich nicht.« »Na, wanns mir versprechen, daß Sie mirs verzeihen wollen, dann werd ichs Ihnen verzählen.« »Nun, ich bin vollständig überzeugt, daß Sie nichts Böses gegen mich unternommen haben.« »Da soll mich der Herrgott behüten!« »So erzählen Sie!« »Jetzt schauns! Sie wissen halt, daß ich nicht gut auf die Clausens zu sprechen bin. Ich trau ihnen nicht. Als ich nun fortgehen mußt halt von Ihnen, da hab ich mir denkt, daß die Martha doch eine Clausen ist und daß sie am End gar etwas Schlimmes vorhat mit Ihnen. Da hab ich Sie schützen wollen.« »Ah! ich vermuthe!« »Ja, ich hab halt gelauscht.« »Das hätten Sie freilich nicht thun sollen.« »Sie haben schon Recht. Aberst ich bin Ihnen gleich so gut gewest wegen dera Freundlichkeiten, dies mit mir gehabt haben, und da – da – da – – –« »Na, beruhigen Sie sich! Ich zürnen Ihnen nicht.« »So! Nicht? Nun, das kann ich mich halt gefreuen. Nun bin ich wieder ruhig.« »Haben Sie gehört, was wir gesprochen haben?« »Freilich.« »Hm! So hoffe ich, daß Sie keinem Menschen davon ein Wort sagen werden.« »Das ists ja eben, warum ich mit Ihnen darüber reden will. Ich hab so eine große Freuden gehabt, als ich hörte, daß die Martha Sie haben will und Sie mögen aberst nix von ihr wissen. Das hab ich aller Welt sagen gewollt, daß alle Leuten es derfahren sollen.« »Nein, das verbitte ich mir!« »Und nachhero, als Sie fort gewest find, da bin ich halt stehen blieben und hab sehen, was die Martha macht hat. Wissen Sie's?« »Nun; ich bin ja sogleich fort.« »Sie hat laut mit sich selber sprachen, daß sie sich rächen will.« »Dem sehe ich in aller Ruhe entgegen.« »O, Herr Lehrern, wann sich ein Dirndl rächen will, weils Einer nicht heirathen mag, dann darf man nie dabei ruhig sein. Das ist allemal gefährlich.« »Warten wir es ab!« »Ja, Sie fürchten sich halt vor gar keinen Menschen. Muth zu haben, das ist halt gar schön; aberst vorsichtig sein, das ist auch gut! Also rächen hat sie sich wollen. Dabei aberst hats doch auch ganz laut sagt, daß sie Sie lieb hat, nun erst recht, und daß sie das nun jetzt erst richtig gewahr worden ist.« Sein Auge leuchtete auf. »Das haben Sie gehört?« »Ganz deutlich. Aberst weils von Rach gesprochen hat, so bin ich hingangen zu ihr und – – –« »Ach, so weiß sie, daß Sie gelauscht haben?« »Alles weiß sie.« »O wehe!« »Ich hab ihr sagt, daß ich denen Leuteln Alles verzählen werd, und da hats gute Worten geben und mir auch Geld anboten, hundert Thalern zuletzt sogar; aberst ich hab nimmer mitgemacht.« »Balzerin, Sie sind eine Rachsüchtige und Hartherzige!« »Wanns das durchmacht hätten, was ich derlebt hab, so dächtens halt auch an Rach und Vergeltung. Aberst hartherzig bin ich dennerst nicht, denn als die Martha nachhero gute Worten geben hat, da hab ich freilich nicht widerstehen könnt.« »So haben Sie ihr versprochen, daß Sie schweigen werden?« »Na, so schnell ists doch nicht gleich gangen. Ich hab sagt, daß ich erst mal mit Ihnen reden will, und wann Sis es befehlen, so werd ich nachhero schweigen.« »Nun gut, ich wünsche es.« »Daß ich nix sag?« »Ja. Wenn ich erfahre, daß Sie nur ein Wort davon ausplaudern, so werde ich keine Sylbe mehr mit Ihnen sprechen und sie auch niemals wieder ansehen.« »Herrgottle! Das ist freilich schlimm!« »Ja, das werde ich thun!« »So werde ich freilich schweigen müssen. Ab erst schau, da kommt die Wirthin. Was mags wollen?« »Was ist sie für eine Frau?« »Ein schlechtes Weib ists halt nicht; aberst sie kann auch nimmer so, wies gern wollen thät.« Die Wirthin war mindestens ebenso dick wie ihr Mann. Mit freundlich glänzendem, hochrothem Gesicht kam sie herbei, wischte sich die Hand sorgfältig an der Schürze ab, hielt sie Walthern entgegen und sagte: »Das ist aso dera neue Herrn Lehrern – – –« »Ja, und ein fein braver dazu!« fiel die Feuerbalzerin ein. »Ich habs herfahren.« »Hast auch für ihn gekämpft!« »Hasts wohl sehen?« »Freilich wohl! Ich stand am Fenstern und hab mir Alles von drinnen heraus angeschaut. Wir sind hier dergleichen Sachen gar wohl gewöhnt, denn ohne eine Raufereien geht hier ein Vergnügen selten ab, und wann nicht ein Wengerl gerauft wird, nachhero ists kein Vergnügen und die Leutln gehn unzufrieden nach Haus. Aberst so einen wackern Kampf hab ich halt doch noch nimmerst geschaut. Dera Herr Lehrern ist ein sehr Tapferer, und eine Körperkraften und Gewandtheiten hat er auch. Es ist eine Freuden gewest, zuzuschauen, wie er zugehaut hat. Ich muß ihm nur gleich nochmals meine Patschen geben.« Sie hielt ihm abermals die Hand entgegen und schüttelte die seinige recht herzlich. »Aber die beiden Silberbauern haben die Schläge bekommen!« sagte Walther. »Das hab ich freilich sehen.« »Und sich doch darüber gefreut? So sind Sie nicht eine Freundin von diesen Beiden?« Sie hatte sich mit hingesetzt. Jetzt wischte sie sich mit der Schürze den Mund ab, neigte sich weiter zu ihm hin und antwortete mit leiser Stimme: »Ich bin halt Freund und auch Feind mit ihnen; das will ich schon wohl sagen. Freund bin ich, weils viel zu uns kommen und immer eine gute Zechen machen. Das muß Unsereins schon in Acht nehmen. Das Uebrige von ihnen aber gefallt mir nun schon gar nicht. Wann sie nicht da wären, so wärs halt im Dorf so gar viel anderst, nämlich besser.« »Wieso?« »Nun, von denen Gemeindesachen und solchen Dingen will ich halt nicht reden. Ich bin eine Frau, und das geht mich nix an. Aberst wann ich an meine Kindern denk, nachhero möcht mirs angst werden. So ein Bub soll doch was lernen, und die Dirndls auch. Aberst hier bei uns ist dera Lehrern immer der größest Ludrian von Allen. Die Silberbauern haben ihn im Sack. Da wird die Zeit verschlupft und verlurft, und wann er in die Schulen kommt, hernach hat er den Katzenjammern; er schlaft ein, und die Kindern lernen nix und tanzen ihm auf dera Nasen herum, weils keinen Respecten vor ihm haben. Es ist eine Sünden und eine Schanden gewest, und ich hab mir immer denkt, daß es doch ein recht groß Glück sein würd, wann mal ein Lehrern käm, der so recht mit dera Peitschen umzuspringen wüßt, und nimmer blos bei denen Schulbuben, sondern auch bei denen Leuteln müßt er sich eine Achtung geben. Als ich nun vorhin geschaut hab, wie brav der neue Herr Schulmeistern zuklopft hat, so ist mir ganz so gewest, als ob er dera Mann sei, den wir halt brauchen können. Dort sitzen die Alten und stecken die Köpf beisammen. Die haben wohl eine Furchten erhalten. Wanns nach Haus kommen, werdens verzählen, daß man mit dem Neuen nicht Hampelmann machen darf. Das werden die Kindern hören und einen Schrecken davon bekommen.« »Meinen Sie?« lächelte Walther. »Gewiß. Sie hätten hören sollen, was mein Dirndl zum Buben sagt hat, als Sie vorhin so wacker dreingesetzt haben.« »Ihre Kinder haben auch mit zugesehen?« »Freilich! So was ist ein Gaudium für sie, und sie freun sich immerst schon im Voraus, daß sie's spätern auch mal so machen werden. Da standen nun die Beiden am Fenstern. Der Bub ist zwölf Jahren alt und das Dirndl zehn. Als Sie nun so brav eingewichst haben, was meinens wohl, was das Dirndl sagt hat?« »Nun?« »Pfui Teuxel, schmeißt Der zu! Bub, steck Dir in der Schul ein Bret auf den Buckel unter die Westen, sonst kommst nimmer ganz nach Haus!« »So schlimm wirds wohl nicht!« lachte der Lehrer. »Hat der Bub geantwortet?« »Ja. Er hat den Buckel so langsam an dera Tischkanten gerieben und dabei gemeint: ›Da hilft auch kein Bret nix auf dem Buckel, denn Der da draußen haut auch durchs Bretten hindurch. Am Besten wirds da sein, man muxt sich nimmer!‹; Ja, so hat er sagt, und so werden Alle sagen. Wissens was, Herr Lehrern, ich will Ihnen mal einen sehr guten Rath geben!« »Nun, bitte, welchen?« »Wie werdens Ihre Schulen anfangen?« »Natürlich mit einem frommen Lied, welches gesungen wird.« »O weh! Das ist falsch!« »Warum?« »Mit dem Lied, da fallens hinten runter. Hier bei uns sind die Kindern ganz anderst als in dera großen Stadt, wo es außerhalb dera Schulen noch Gouvernanteln und Bonnerln und Verzieherinnen giebt. Unsere Buben sind von andrem Schlag. Wann Sie mit einem frommen Lied beginnen, so werdens dasselbige ganz alleini fingen müssen, denn kein solcher Hallunk singt mit. Ja, wanns ein Schnadahüpfel wär, da thätens Alle mitschreien. Nein, Sie müssen anderst beginnen.« »Aber wie?« »Ich will den Knecht hinaussenden in den Busch. Der mag so viele Ruthen schneiden, wies Kindern in dera Schulen giebt. Diese Ruthen thun wir in die Schulstuben, und wanns zum ersten Male hineinkommen, so sagens gar kein Sterbenswort, sondern Sie nehmens die erste Ruthen her und den ersten Buben und haun so lange zu, bis die Ruthen alle ist. So machens halt fort, bis der letzte Stock auf dem Rücken des letzten Buben zerbrochen ist, und nachhero erst fangens an, zu reden.« »So!« lachte Walcher. »Und was soll ich da sprechen?« »Gar nix weitern, als: ›Jetzt scheert Euch heim und wohl bekomms!‹; Die werden ganz still heimlaufen und sich das Ding fein merken.« »Ich kann die Schule doch nicht vor der Zeit schließen!« »O, habens keine Angst. Vier Stunden lang ist Schulen im Sommer, und grad vier Stunden werdens brauchen, um die Kinder der Reihen nach zu versohlen. Die werden Gesichtern machen! Und die Alten auch! Nachhero wirds ein Segen sein. Und wanns die Buben so abgehaut haben, nachhero könnens auch ein frommes Liedl mit ihnen singen. Das wird eine viel bessern Melodie geben, als ohne Prügeln. Ich kenne unsere Leutln. Also soll ich den Knecht hinausschicken nach Holz?« Es schien der Frau mit ihrem Raths wirklich Ernst zu sein. Aber Walther antwortete: »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihren guten Rath, und wenn ich ihn auch nicht wörtlich zu befolgen beabsichtige, so will ich ihn doch als freundlichen Wink gelten lassen, an welchen ich mich vorkommenden Falles gewiß erinnern werde.« »Na, ganz wies selberst wollen. Gut gemeint hab ichs schon. Die Jungen sollten ganz dasselbige bekommen wie die Alten. Und mit denen habens ja heut sogleich anfangt, sogar bei denen beiden Vornehmsten von ihnen. Die werdens merken!« »Nun, ich denke, daß ich noch nicht ganz fertig bin.« »Wieso?« »Der Silberbauer wird wieder herauskommen. Ich bleib ja deshalb hier sitzen, damit es nicht heißen mag, daß ich vor ihm davongegangen bin.« »Der? Wieder herauskommen?« »Ja, er sagte es. Dann will er Gericht über uns halten.« »Na, Der! Der ist ja längst fort!« »Was? Wirklich?« »Ja. Er hat sich das Gesicht abverwaschen und ist nachhero zur hintern Thür hinaus, um nach Haus zu gehen. Er hat sich halt geschämt.« »Und ich warte hier!« »Da könnens lang warten. Er sagte, er wolle anspannen lassen, um nach dera Stadt zu fahren und die Anzeig zu machen. Mein Mann hat ihn begleitet, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.« »Was mich betrifft, so mag er in Gottes Namen Anzeige machen. Ich fürchte dieselbe nicht.« »Ja, das hab ich freilich gesehen, daß Sie sich nimmer fürchten. Ich weiß zwar nicht, wie's eigentlich zugangen ist, aberst mein Mann hat sagt, daß Sie nicht Unrecht haben, wann der Silberfritz die Liesbeth im Wald draußen anfallen hat.« »Das ist der Fall gewesen. Freilich bin ich auch Etwas weiter gegangen, als ich eigentlich gedurft hätte. Ich hätte mich ruhig arretiren lassen und dann beim Gericht Einspruch erheben sollen. Aber die hiesigen Verhältnisse dürfen nicht nach dem gewöhnlichen Maße beurtheilt werden. Darum bin ich ein Wenig kräftiger aufgetreten, als das Gesetz es mir eigentlich gestattet. Ich hoffe aber, es verantworten zu können.« »Wills hoffen. Ich glaub, denen Silberbauern ist grad ihr Recht geschehen. Nur dera arme Wächtern dauerte mich, als ich ihn so da im Kasten sitzen sah.« »Es war wohl nicht so schlimm, wie er es machte. Er mag es sich zur Lehre dienen lassen, daß er den Silberbauer nicht als den Despoten der hiesigen Gemeinde zu betrachten hat. Es hat eben ein jeder Bürger seine Rechte, und wenn ein Gemeindevorstand seine Gewalt mißbraucht, so kann er zu jeder Stunde absetzt werden. Das scheinen die guten Leute hier nicht zu wissen. Schultheiß kann ein Jeder werden, selbst der ärmste Mann im Dorfe, und die Gemeinde ists ja, die ihn wählt.« Das sagte er mit erhobener Stimme, um an dem anderen Tisch gehört zu werden. Die Männer steckten die Köpfe wieder zusammen und es war zu hören, daß einer von ihnen sagte: »Sappermentsky, das ist Einer! Der hat eine Schneid und ein Geschick! Vor dem möcht man ja alleweilen gleich den Hut abnehmen!« Und als Walther sein Bier bezahlte und im Gehen nachher freundlich grüßte, griffen die Leute wirklich nach den Hutkrämpen, was sie vor einem Schulmeister seit langen Jahren nicht gethan hatten. Der Lehrer ging langsam das Dorf hinauf. Die Kinder, welche ihm begegneten, öffneten die Mäuler und starrten ihn an. Die Erwachsenen machten es ebenso. Das waren untrügliche Zeichen, daß er es hier mit einem höchst spröden Materiale zu thun haben werde. Als er das kleine Kirchlein erreicht hatte, sah er das Pfarrhaus neben demselben stehen. Er konnte sich gar nicht irren. An den kleinen Fenstern hingen weiße Vorhänge, und wohlgepflegte Blumen blickten durch die blank geputzten Scheiben. Er klingelte an der Thür. Die alte, grauhaarige Wirthschafterin öffnete ihm. »Hier wohnt der hochwürdige Herr Pfarrer?« fragte er. Eine so freundliche Anfrage war hier eine Seltenheit. Sie machte einen Knix und antwortete: »Ja. Vielleicht sind Sie gar der neue Herr Lehrer, den wir erwarten?« »Der bin ich allerdings.« »So kommen Sie schnell herein! Hochwürden freut sich sehr auf Sie; das will ich Ihnen im Vertrauen mittheilen.« Der alte, geistliche Herr saß in einem großblumigen Sopha, rauchte seine Pfeife, und las dazu. Er empfing den Lehrer mit aufrichtigster Herzlichkeit. Als Beide bei einer Tasse Kaffee einander gegenüber saßen, gestand der Pfarrer: »Ich begann fast zu zweifeln, Sie heut noch bei mir zu empfangen.« »Darf ich fragen, warum?« »Weil ich erfuhr, daß der Silberbauer Sie von der Straße wegfangen wollte. Sie kennen die hiesigen Verhältnisse noch nicht, und darum will ich Ihnen –« »O bitte, ich kenne sie bereits,« fiel Walther lächelnd ein. »Ich habe schon einige Erfahrungen gemacht, da ich unterwegs mit verschiedenen Mitgliedern Ihrer Gemeinde zu sprechen kam.« »So wissen Sie bereits, daß es hier einen Gegensatz giebt, welcher fast unausgleichbar ist?« »Leider – Sie, Hochwürden, und der Silberbauer.« »So ist es. Die Lehrer haben leider stets auf der Seite des Letzteren gestanden. Nun fragt es sich, welche Stellung Sie einzunehmen gedenken.« »Ich werde fest und treu zu Ihnen stehen.« »Gott sei Dank! Endlich erhalte ich Hilfe! Ich sage Ihnen aufrichtig, daß, als ich Ihre Zeugnisse und sodann Ihren Brief las, ich bereits ahnte, in Ihnen einen Helfer zu finden. Freilich konnte ich mir gar nicht recht erklären, wie sich ein Mann von Ihren Eigenschaften grad nach diesem Winkel sehnen kann. Sie haben sich unbedingt in Beziehung auf Ihre Zukunft Schaden gethan.« »Den werde ich gern verwinden.« »Bitte, gab es einen besonderen Grund für Sie, sich nach Hohenwald zu wünschen?« »Ja.« »Vielleicht erfahre ich denselben später einmal.« Die Wangen Walther's rötheten sich, als er sagte: »Es wird gerathen sein, Ihnen denselben sogleich mitzutheilen. Ich sehnte mich nach – Wald und nach Einsamkeit. Ich bin nämlich – – Dichter.« »O wehe!« entfuhr es dem Pfarrer. Sogleich aber fügte er hinzu: »Verzeihung! Im Allgemeinen ist meine Hochachtung für sogenannte Dichter leider nicht bedeutend.« »Und mit Recht. Ich hege ganz dieselbe Ansicht. Was werden Sie sagen, wenn ich Ihnen offen gestehe, daß ich sogar jetzt an einem Theaterstück schreibe?« Das Gesicht des Pfarrers nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. Er antwortete: »Das ist ein Stoff, über welchen sich nicht schnell aburtheilen läßt. Auf alle Fälle aber will ich Sie lieber dichten, als mit diesem Silberbauer im Wirthshause sitzen sehen. Die bisherigen Lehrer haben bei ihm gewohnt und sie alle sind an diesem Umstande zu Grunde gegangen. Da Sie so freundlich waren, mir Vollmacht zu ertheilen, habe ich mich im Stillen nach einer andern Wohnung für Sie umgesehen.« »Aber wohl nicht mit Erfolg?« »O doch. Sie werden sogar im neuesten Hause des Ortes wohnen. Vor Jahren brannte der Balzerbauer ab. Er war verarmt. Der Eschenbauer hat an seiner Stelle aufgebaut und will Ihnen zwei Stuben geben, obgleich vorauszusehen ist, daß er sich dadurch mit dem Silberbauer verfeindet. Der Eschenbauer ist nämlich einer der Wenigen, welche nicht zu den verlorenen Schafen gehören. Ich habe gestern Abend, als Niemand es sah, Ihre Kisten und Koffer bereits hinüberschaffen lassen. Es wird Ihnen bei ihm gefallen, während die Wohnung, welche Ihnen der Silberbauer gegeben hätte –« »Ueber dem Pferdestalle liegt,« fiel Walther ein. »Das wissen Sie bereits?« »Daß ich diese Wohnung sogar gratis erhalten hätte, dafür aber der Scriblifax des Vorstandes gewesen wäre.« »Oder auch noch Schlimmeres. Sie scheinen sich bereits erkundigt zu haben?« »Ich kam durch den Wald und traf da die Tochter des Finkenheiner und die Balzerbäuerin.« »Das sind zwei Seelen, mit denen ich keine Noth habe, so verschieden sie auch von einander sind. Ich wünsche von ganzem Herzen, in Ihnen einen thatkräftigen und streitbaren Helfer zu finden.« »Streitbar? Hm, das schein ich zu sein. Wenigstens werde ich hier bereits dafür gehalten.« »Hier? Wieso?« fragte der Pfarrer. »Ich habe bereits den Silberfritz so nachdrücklich durchgeprügelt, das er sich wohl nicht sogleich wieder an mich wagen wird.« »Sie scherzen!« rief der Pfarrer erschrocken. »Ich erzähle Thatsachen, Hochwürden. Auch seinem Vater, dem Silberbauer, hab ich eine so ernste Lehre gegeben, daß er sich das Blut aus dem Gesicht hat waschen müssen.« Der Pfarrer stand vom Sopha auf, legte die Pfeife weg, schlug die Hände zusammen und rief: »Soll ich das wirklich glauben?« »Gewiß! Und den Gemeindewächter habe ich beim Gasthof in den Kegelkugelkasten geworfen, daß er drinnen stecken geblieben ist, und Zwei mußten ihn herausziehen. Er ist nach Hause gehinkt.« »Und das sagen Sie mit diesem ruhigen Lächeln!« »Bitte, Hochwürden, setzen Sie sich wieder nieder und lassen Sie sich erzählen, in welcher Weise ich meinen Einzug gehalten habe.« Der Pfarrer nahm wieder Platz, hörte die aufrichtige und ausführliche Erzählung des Lehrers mit Staunen an und sagte dann, als sie zu Ende war: »Und Sie sind nicht besorgt um sich?« »Gar nicht.« »So begreife ich Sie nicht. Sie müssen sofort nach der Stadt, um dem Silberbauer zuvorzukommen.« »Das möchte ich doch nicht thun. Ich glaube nicht, daß er Anzeige machen wird. Wenn ich in diesem Falle die Initiative ergreife, bringe ich gleich am Tage meines Einzuges zwei hiesige Einwohner in Strafe. Das möchte ich vermeiden.« »So werde wenigstens ich jetzt zu ihm gehen.« »Warum? Um ihm in das Gewissen zu reden? Er wird Sie gar nicht anhören. Oder wollen Sie ihn um Nachsicht für mich bitten? Das könnte ich nicht dulden.« »Aber Etwas muß geschehen!« »Natürlich! Und das werde ich sofort selbst besorgen, wenn Sie die Güte haben wollen, mir das dazu nöthige Papier zu leihen.« »Was wollen Sie thun?« »Ihn schriftlich auffordern, den Eltern hiesiger Schulkinder sofort sagen zu lassen, daß morgen früh sieben Uhr der erste Unterricht beginnt und daß ich einen Jeden, der sein Kind nicht schickt, in die Straftabelle notiren werde.« »Das wollen Sie? Er wird es nicht thun.« »Er muß! Erlauben Sie mir, es wenigstens zu versuchen!« »Ich glaube an kein Gelingen!« »O, ich glaube, meinen Mann zu kennen. Jeder Bramarbas ist im Grunde doch nur ein Feigling.« Er schrieb die betreffenden Zeilen und der Pfarrer besorgte sie durch einen Boten zum Ortsschulzen. Sodann begaben sich die Beiden in das Eschengut, um sich die Wohnung zu betrachten. Dieses Gut hatte den erwähnten Namen von mehreren hohen Eschen, welche vor dem Thore desselben standen. Walther war mit den beiden Zimmern zufrieden und ebenso mit seinen Wirthsleuten, welche ihm gefielen. Er nahm sofort Besitz von der Wohnung, und begann, als der Pfarrer sich entfernt hatte, seine Bücher und andere Sachen auszupacken und sich häuslich einzurichten. Als die Dämmerung hereinbrechen wollte, setzte er den Hut auf, steckte seine Papiere ein und ging das Dorf hinab. Er war noch nicht weit gekommen, so erblickte er den Wächter, welcher aus einer Hausthür trat. Der Mann hinkte jetzt nicht und blieb, als er Walther erblickte, stehen und legte die Hand grüßend an die Mütze. »Guten Abend, Herr Lehrern!« »Guten Abend! Wie geht es?« »Alleweile wie immer.« »Wie stehts mit der Gesundheit?« »Es muß gut sein. Was hilft das Klagen!« »Kommts nicht zuweilen vor, daß Sie ein Wenig lahm gehen?« »Ja freilich, nämlich wann die Zeit dazu da ist.« »Giebts da besondre Zeiten?« »Ja, wann ich Einen verarretiren soll, den ich aber nicht verarretiren will. Nachhero hink ich heim und reib mich mit Opodeldoc eini.« »So, so. Was thun Sie hier?« »Ich hab den Umgang im Dorf. Ich muß denen Alten anheißen, daß die Jungen morgen in der Früh, wanns sieben Uhren ist, in dera Schulen sein müssen bei fünf Mark Strafen.« »Ah! Wer hats befohlen?« »Der Herr Silberbauern.« »Auch das mit der Strafe?« »Nein; das setz ich halt von selberst dazu.« »Hm! Rauchen Sie?« »Nur wann ich was hab.« »Hier haben Sie eine.« Er gab ihm eine Cigarre. Der Wächter betrachtete ihn, die Cigarre, wieder ihn und wieder die Cigarre. »Sapperlot! Was ist denn das!« »Nun, eine Cigarre.« »Ja, das weiß ich schon. Aberst wem soll die sein?« »Ihnen soll sie natürlich gehören.« »Mein, mir? Himmelsakra! Noch niemals hat mir ein Lehrern was geschenkt! Sondern die wollten Alle nur haben. Der Neue aberst ist ein Feiner; das hab ich nun schon bald weg!« »Auch mit dem Raufen!« »Ja, da erst gar! Na, ich dank Ihnen auch sehr schön! Werds auf Ihr Wohl rauchen und gratulir unterthänigst zum neuen Jahr!« Damit eilte er von dannen. In der Nähe stand das Pfarrhaus. Der geistliche Herr hatte am Fenster gestanden und den Vorgang mit angeschaut. Er öffnete und blickte heraus. »Wohin?« fragte er, als Walther zu ihm trat. »Zum Silberbauer.« Der Pastor hätte fast das Fenster zerbrochen, so sehr erschrak er bei dieser Antwort. »Das ist wohl unmöglich!« »Das ist sogar sehr nothwendig, Hochwürden. Ich habe meine Pflicht zu erfüllen.« »Welche?« »Der Silberbauer ist der Ortsvorsteher. Ich bin heut hier angekommen und habe mich bei ihm anzumelden.« Der Pfarrer schüttelte den Kopf. »Sie sind fast mehr als streitbar!« meinte er. »O nein. Ich möchte mich von ihm nicht auf Etwas aufmerksam machen lassen, was sich ganz von selbst versteht. Ich vermeide möglichst jede Blöße.« »Wie aber wird er Sie empfangen!« »Das ist seine Sache. Nach dem, was ich soeben erfahren habe, ist für mich nichts zu befürchten.« »Was war es?« »Er hat dem Wächter befohlen, meine Weisung auszuführen, und dieser hat sogar für Jeden, der nicht gehorcht, fünf Mark Strafe hinzugefügt.« »Ah! Unglaublich! Herr Lehrer, das klingt ja grad wie ein Sieg, den Sie erfochten haben.« »Es ist nicht der erste und wird hoffentlich auch der letzte nicht sein.« »So lassen Sie mich wissen, wie der gegenwärtige Besuch dann abgelaufen ist.« Walther ging weiter. Der große Gebäudecomplex, welchen der Silberbauer besaß, lag fast in der Mitte des Dorfes, nur Etwas seitwärts von der geraden Dorfstraße. Als der Lehrer durch das große, offene Thor schritt, empfing ihn das Gebell mehrerer großer Hunde. Er hatte über einen weiten Hof zu gehen. Aus der Hausthür trat ein Knecht, der, die Mütze auf dem Kopfe behaltend, ihn groß anblickte. Walther zog seinen Hut, grüßte und fragte nach dem Herrn Schultheißen. Der Mann dankte nicht, griff auch nicht an die Mütze und deutete schweigend nach einer Thür. Walther klopfte dort an und trat ein. Er befand sich in einem großen Raume, welcher wohl als Gesindestube diente. Eine Magd schlug Butter, eine Andere schälte Kartoffeln. Auf seinen Gruß und seine Fragen betrachteten ihn die Beiden mit großen Augen und sagten kein Wort; aber die Eine deutete mit dem Finger nach einer zweiten Thür, an welche Walther nun ebenfalls klopfte. Ein lautes »Herein!« ließ sich hören. Die Stube, in welche er jetzt trat, war jedenfalls die Herrschaftsstube. Das ganze Meublement lies dies errathen. Doch bedurfte es dessen gar nicht, denn es befanden sich ja die beiden ›Herren‹; da. Der Silberfritz sah gar nicht silbern aus. Er hatte das von dem Stockhiebe des Lehrers aufgesprungene Gesicht so bepflastert und verbunden, daß nur der Mund und die beiden Augen zu sehen waren. Der Silberbauer saß ihm gegenüber am Tische und sah auch gar nicht sehr appetitlich im Gesicht aus. Die Nägel der Feuerbalzerin hatten es nicht übel zugerichtet. Als sie den Eintretenden erblickten, fuhren sie Beide kerzengrade von ihren Stühlen empor. »Grüß Gott, Herr Vorsteher!« sagte der Lehrer in sehr höflichem Tone. »Bitte um Verzeihung, daß ich Sie stören muß!« »Himmeldonnerwettern!« rief der Silberfritz. »Da muß doch gleich der helle, lichte Teufeln drin sitzen!« fluchte sein Vater. »Was zu stark ist, das ist zu stark!« Der Lehrer beachtete diese beiden Interjectionen gar nicht. Er zog seine Papiere heraus und sagte: »Ich heiße Max Walther und bin der neue Lehrer, welchen Sie heut erwarteten – – –« »Zum Teuxel! Das weiß ich ja!« »Sie wissen das bereits? Nun so wird es – – –« »Mensch; bist denn ganz verruckt, daßt so thust, als obst uns gar nimmer kennst! Willst denn nun alleweile jetzt Deine Prügeln haben oder – – –« »Herr Vorsteher!« donnerte ihn Walther an. Der Bauer fuhr förmlich zusammen. »Na, was dann?« »Sind Sie gar so wenig Diplomat, daß Sie nicht ahnen, warum ich so thue, als ob ich Sie noch gar nicht gesehen habe? Wenn ich Sie Beide schon einmal gesehen hätte, müßte ich vielleicht Anzeige machen, und dann käm der Eine in Untersuchung wegen seines Verhaltens im Walde und der Andere würde wegen Mißbrauchs amtlicher Gewalt und Beleidigung des Gerichtes von seinem Posten abgesetzt. Sie sehen also ein, daß es für Sie am Besten ist, wenn ich sie gar nicht kenne.« »Fritz!« rief der Alte, seinen Sohn ansehend. »Vatern!« rief der Junge, den Alten anstarrend. »Was sagst dazu?« »Ich? Gar nix. Aberst Du?« »Mir bleibt der Verstand stehen!« »Wollen wir ihn nauswerfen?« »Das Allerbest würde das sein.« Da machte Walther eine energische Handbewegung und sagte: »Meine Herren, ich weiß nicht, von wem oder was Sie sprechen; aber ich habe nicht viel Zeit übrig und bitte, mich gütigst abzufertigen. Ich komme natürlich, mich anzumelden.« »Anmelden? Himmelsakra!« »Hoffentlich bin ich beim Vorsteher?« »Ja, der bin ich zwar. Aber ich hab keine Zeit!« »Wie ich sehe, sind Sie nicht beschäftigt.« »Das geht Dich nix an, ganz und gar nix. Ich hab keine Zeit und keine Lust, mit Dir zu reden und – – –« »Bitte!« fiel Walther ein. »Wenn Sie meine Geduld allzusehr auf die Probe stellen, dann kann es leicht passiren, daß sie reißt. Ich verlange, daß Sie mich Sie nennen und mir meinen Anmeldeschein ausstellen. Thun Sie das nicht, so melde ich mich morgen früh bei der vorgesetzten Behörde und stelle den Antrag, einen zuverlässigeren und weniger willkürlichen Mann mit dem Amte des Vorstehers zu betrauen. Jetzt wählen Sie! Ich bin in aller Höflichkeit gekommen und habe keine Lust mich mit Grobheiten regaliren zu lassen. Mein Wirth will den Meldeschein sehen.« »Dein – – ah! Ihr Wirth? So? Wer ist denn das?« »Der Eschenbauer.« »Ah, dort wohnst – – dort wohnen Sie! Der Lehrer hat hier bei mir zu wohnen!« »Wer sagt das?« »Ich sags.« »Welcher Paragraph gebietet dies.« »Ich selberst bin der Paragraph!« »Nun, ein solcher Paragraph hat bei mir gar keine Geltung. Ich bin kein Sclave und weiß auch nichts von einer Dienstwohnung, welche mit meinem hiesigen Amte verbunden ist.« »Der Lehrer muß hier bei mir wohnen, weil er mein Schreibern ist.« »In meiner Bocation steht nicht ein Wort von einer Schreiberstelle. Ich bin Lehrer aber nicht Schreiber und bitte, mich nun endlich abzufertigen.« »Donnerwettern! Willst etwan in meiner eigenen Stuben mit mir so anfangen wie drüben am Gasthof! Da kannst leicht wegen Hausfriedensbruch eingesteckt werden.« »Sie scheinen nicht zu wissen, was man unter Hausfriedensbruch versteht. Wenn ich gehen soll, so sagen Sie es nur. Ich werde melden, daß es hier einen Beamten giebt, welcher Den, der in amtlicher Veranlassung zu ihm kommt, wegen Hausfriedensbruch bestrafen lassen will. Es wird wohl eine geeignetere Person zu finden sein!« Er nahm seine Papiere wieder zusammen, steckte sie ein und wendete sich bereits zum Gehen. Da wurde eine gegenüberliegende Thür geöffnet. In derselben erschien Martha. Sie sah blaß aus und war viel weniger auffällig gekleidet als am Nachmittag. Sie schien sich im Nebenzimmer befunden und dabei das Gespräch gehört zu haben. »Herr Walther!« Das klang so bestimmt und doch auch so bittend. Er wendete sich um. »Verzeihung! Vater ist unwohl und scheint sich die Hand verletzt zu haben. Er kann nicht schreiben. Gestatten Sie, daß ich die Meldung entgegennehme!« Er verbeugte sich sehr förmlich und antwortete: »Wenn der Herr Vorsteher mir sagt, daß er Sie beauftragt, ganz gern.« »Vater, soll ich?« »Hol Dich der Teuxel! Mach wast willst!« Er stand auf und verließ die Stube. Sein Sohn schlug mit der Faust auf den Tisch und lief ihm nach. Sie aber zeigte nach der Thür, durch welche sie gekommen war, und sagte: »Bitte, treten Sie hier ein!« Er zögerte. Sie bemerkte es. »Oder nicht?« »Wo ist die Expedition des Vorstehers?« »Eben da, wo ich Sie einzutreten bitte.« Und kalt fügte sie hinzu: »Ein Privatzimmer zu betreten, würde ich Ihnen natürlich auf keinem Falle zumuthen.« Sie ließ ihn voran eintreten und machte hinter ihm die Thür zu. Dann zeigte sie auf einen Stuhl. »Bitte, nehmen Sie Platz!« Es fiel ihm ein, daß Sie heut im Walde gesagt hatte, ein Schulmeister stehe viel zu tief unter ihr. Darum standen ihm schon die Worte auf den Lippen: »Ein Dorfschulmeister darf in Ihrer Gegenwart nicht sitzen.« Aber sein besseres Ich ließ ihm diese Worte zurück behalten. Erst als sie ihre Einladung wiederholte, antwortete er kalt: »Ich gehorche.« Sie trat an ein an der Wand stehendes Stehpult und schlug ein großes, auf demselben liegendes Buch auf. Sie schien nicht unvertraut mit den amtlichen Obliegenheiten und Arbeiten ihres Vaters zu sein. »Darf ich bitten?« Er legte seine Legitimationen in ihre Hand, welche sie bei diesen Worten ausgestreckt hatte. Sie las die Papiere durch und begann, die Einträge zu machen. Das Stübchen war klein, aber die Ausstattung desselben war sichtlich darauf berechnet, auf den armen Bauersmann, der hier zu seinem Ortsvorsteher kam, den Eindruck zu machen, daß er sich bei einem sehr reichen Mann befinde. Das Einfachste und Anspruchloseste im ganzen Zimmer war – Martha. Der Silberschmuck war verschwunden. Kein einziger Silberfaden befand sich mehr in den schweren Zöpfen, welche ihr von dem schönen Haupte fielen. Kein einziger Ring war an den Fingern ihrer alabasternen, schönen Hände mehr zu sehen. Sie trug einen einfachen, dunklen Hausrock, aus welchem oben am Halse ein weißer Stehkragen blickte. Aber grad diese einfache Toilette ließ die Plastik ihrer Gestalt um so wirkungsvoller und bedeutender hervortreten. Walthers Augen hingen an dieser vollen, prächtigen, an das Stehpult geschmiegten Gestalt. Die Röthe der Wangen, welche ihn bezaubert hatte, war gewichen. Ihr Auge war fast glanzlos, ganz trüb und müde. Er bewunderte im Stillen den so wunderbar gezeichneten, üppigen Mund, und es war ihm, als ob auch der Purpur desselben erblaßt sei. Als sie den Meldeschein ausgefertigt und unterstempelt hatte, gab sie ihm denselben mit seinen Papieren zurück und sagte mit mattem Lächeln: »Ich danke Ihnen. Jetzt nun sind Sie legitimirter Einwohner von Hohenwald. Wir sind fertig.« Er steckte die Dokumente ein, indem er sich erhob, griff er nach seinem Hute und verbeugte sich. »Ich empfehle mich, Fräulein Claus!« »Gute Nacht!« Sie sah ihn dabei nicht an. Ihr Auge war auf den Boden gerichtet. Es war ihm, als ob er noch Etwas sagen müsse, eine Bemerkung, ein kleines, freundliches Wort. Und doch fühlte er, daß ihm die Kehle wie zugeschnürt sei. Schon streckte er die Hand nach der Thür aus. »Herr Walther!« Er zog die Hand wieder zurück. »Fräulein Claus!« Da hob sie die Wimpern empor. Es war ein unbeschreiblicher, ein qualvoller Blick, der ihn aus ihren Augen traf. Sie fragte leise, beinahe flüsternd: »Gehen Sie so fort?« »Wie anders denken Sie es sich?« »Ich dachte, Sie könnten mir eine Hand geben.« »Einer Dame, die mir Rache geschworen hat!« »Sie haben Recht. Dem Menschen ist oft sein eigenes Herz das größte, unbegreiflichste Räthsel. Jetzt kann ich nicht begreifen, wie ich vorhin von Rache zu Ihnen habe sprechen können.« »Ich kann es begreifen.« »Nun?« »Sie fühlen nicht wie ein ruhiges Menschenkind. Bei Ihnen ist Alles in höherem Maße vorhanden, das Gute und auch das Schlimme. Darum kann Ihnen der Wunsch nach Rache nichts Unbegreifliches sein.« »Ich habe ihn aufgegeben.« »Sollte ich das wirklich glauben dürfen?« »Ich bitte Sie darum!« »Nicht, daß ich Ihre Rache fürchtete, sondern allein um Ihretwillen würde es mich freuen, wenn Sie sich von einem so gewaltthätigen, unweiblichen Verlangen trennen könnten. Die Rache ist das Verächtlichste, was ich kenne. Und wenn Sie mir jetzt sagen, daß Sie auf dieselbe verzichtet haben, so kann dies auch nur ein Schachzug sein, der gegen mich gerichtet ist.« »Sie meinen, daß ich Sie dadurch einschläfern und sicher machen will?« »Grad dies will ich damit sagen.« »So irren Sie sich wirklich. Ich war unsinnig, als ich von Rache sprach. Ich hab mir nachher überlegt, in wiefern ich mich an Ihnen rächen könnte, und da ist mir allerdings klar geworden, daß ich nur Niederträchtiges thun könnte. Dazu aber besitze ich die Begabung trotz Allem wirklich nicht. Ueberhaupt haben Sie mir nicht die mindeste Veranlassung zur Rache gegeben. Ich selbst bin an Allem schuld. Das habe ich schnell eingesehen, als ich erst dazu kam, kühl über mich nachzudenken.« »Wenn Sie diese Worte wirklich vom Herzen sprechen, so geben Sie sich selbst das beste Zeugniß, mein Fräulein. Ich habe wirklich nicht geglaubt, daß die ›Silbermartha‹; so demüthig sprechen könne.« Bei dem Namen, den er mit besonderer Betonung nannte, erhob sie abwehrend die Hand. »Bitte, sprechen Sie dieses Wort nicht aus. Seit einer Stunde hasse ich es. Sie sehen jetzt bei mir keine Spur dieses Silbers mehr. Der Eine wird durch ein großes Unglück, der Andere durch ein Glück klug. Bei dem Einen bedarf es eines langen, schweren Ganges durch Trübsal und Prüfung, ehe er zur Selbsterkenntniß kommt, und bei dem Andern ists eis schneller, unerwarteter Blitzstrahl, der ihm die Tiefen seines Herzens erblicken läßt. Die Silbermartha lebt nicht mehr. Ich möchte den Reichthum hassen, denn ich habe erkannt, daß er ein Feind des wahren Glückes ist.« Sie wendete sich ab. Er kämpfte mit sich selbst. Doch gab er seinen Gefühlen nicht die Erlaubniß, ihn jetzt in seinen Worten zu bestimmen. Er fragte: »Aber bitte, wozu diese Bekenntnisse?« Jetzt rötheten sich ihre Wangen doch, und schnell antwortete sie ihm: »Ich bitte Sie, mich ja nicht falsch zu verstehen! Ich habe Sie beleidigt, und ich habe zugleich auch mich selbst beleidigt, indem ich Ihnen eine Anschauung von mir gab, welche eine – falsche war. Da ist es mir Bedürfniß, meine Fehler zu bekennen, damit Sie sehen, daß ich Sie rechtfertige und alle Schuld auf mich allein nehme. Die Vergangenheit ist hinweg. Unsere Lebenswege gehen weit aus einander. Wir wohnen einander jetzt zwar körperlich nahe, aber in anderer Beziehung stehen wir uns fern, ferner als sich vielleicht ganz Fremde stehen. Wollen wir da nicht wenigstens eine freundliche Erinnerung von einander mitnehmen hinaus in unser ferneres Leben?« »Sie haben Recht. Wir sind heut von einander geschieden – für immer. Wir können uns niemals wiederfinden; denn eine psychologische Unmöglichkeit ist eben auch eine Unmöglichkeit. Unser Scheiden war kein freundliches. Jetzt aber steigt doch noch ein mildes Abendroth empor, und so wollen wir still des vergangenen Tages gedenken, ohne Haß und ohne Zorn. Wir sind versöhnt.« Er streckte ihr die Hand entgegen, und sie ergriff dieselbe. Wie kam es nur, daß er die seinige so schnell wieder zurückzog? War ihm diese Berührung so sehr zuwider, oder hatte er das Vorgefühl, daß sie ihm gefährlich werden könne? Sie hatte diese schnelle Bewegung gar wohl beachtet. Sie senkte den Kopf und sagte: »Ehe Sie heut von hier fortgehen, erlauben Sie mir, eine Bitte auszusprechen!« »Gern. Ich will hoffen, daß ich Sie Ihnen erfüllen kann.« »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es ist ja möglich, daß auch hier eine psychologische Unmöglichkeit vorliegt.« Sie sagte diese Worte mit einiger Bitterkeit, obgleich sie sich Mühe gab, dies nicht fühlen zu lassen. »Sie haben heut ein Rencontre mit meinem Bruder und mit meinem Vater gehabt – – –« »Leider! Ists nicht besser, darüber zu schweigen?« »Nein. Es ist mir eine Nothwendigkeit, Ihnen wissen zu lassen, welche Stellung ich in dieser Beziehung zu Ihnen einnehme.« »Diese kann ich mir denken.« »Wohl schwerlich!« »Sie werden mich für einen Raufbold halten.« »Ich dachte es mir, daß Sie mich auch hier falsch beurtheilen. Ich habe in Regensburg gehört, daß Sie ein sehr geschickter Ringer und Fechter sind, aber für einen Raufbold halte ich Sie nicht. Sie haben sich vielmehr heut, geprügelt als – – Lehrer und als Psycholog.« Er blickte überrascht auf. Das war ja der betreffendste Ausdruck, den sie überhaupt hatte wählen können. Sie bemerkte das und fragte lächelnd: »Nicht wahr, ich habe es errathen?« »Allerdings.« »Sie sehen, daß ich wenigstens beginne, Sie richtig zu beurtheilen. Sie haben geglaubt, es sei für unsere Gemeinde und für die Erfolge Ihrer erziehlichen Bemühungen hier von Vortheil, meinem Vater entgegen zu treten. Sie sind gewöhnt, sich mit den Waffen zu vertheidigen, mit denen Sie angegriffen werden, und da Sie in niedrigster Weise herausgefordert wurden, ist es eben zu einer – – Rauferei gekommen.« »Das klingt freilich, als ob Sie gegen Ihre Anverwandten Parthei nähmen!« »Vollständig. Sie konnten fast nicht anders handeln. Was meinen Bruder betrifft, so weiß ich nach ganz genauer Erkundigung, daß Sie die Liesbeth zu vertheidigen gezwungen waren.« »Das haben Sie erfahren?« »Ja, und zwar von ihr selbst. Ich war bei ihr.« »Sie – – bei der Tochter des Finkenheiner?« »Ja, in der Flachsdörre! Ich weiß, was Sie meinen. Früher war ich viel zu stolz gewesen, den Fuß in dieses Gebäude zu setzen.« »So dachte ich allerdings,« antwortete er offen. »Ich muß wirklich ein sehr hoffährtiges Wesen gewesen sein! Doch, das ist vorüber! Sie haben den Vater und den Bruder besiegt. Ich warne Sie!« »Danke! Ich fürchte mich nicht.« »Das ist der Stolz der Jugend. Halten Sie sich ja nicht für unverwundbar! Kein Mensch ist das. Wenn es mir möglich ist, werde ich Sie beschützen.« »Gegen Ihre Angehörigen?« »Warum nicht? Soll ich Personen, welche zu mir gehören, nicht die Gelegenheit nehmen, Böses zu thun? Das bin ich Ihnen, mir und auch anderen schuldig. Aber nun meine Bitte: Wenn es Ihnen möglich ist, so schonen Sie den Vater. Er ist ja doch – – mein Vater!« Sie sagte das in so demüthigendem Tone und senkte dabei des Haupt so tief herab, daß es ihm ganz weh im Herzen wurde. Sie sah aus wie Eine, welche sich das Leben eines Andern erbitten will. »Fräulein Martha!« »Was wollen Sie sagen?« »Halten Sie mich für boshaft?« »Nein.« »Nun, es wäre ja Bosheit, Personen, welche ich bereits bestraft habe, ohne Ursache noch weiter zu verfolgen. Ich denk, daß die Ihrigen zu der Einsicht kommen werden, daß es für sie von Vortheil ist, alle Fortsetzung des Streites zu vermeiden.« »Aber wenn sie dies nicht einsehen?« »So vertheidige ich mich, grad so wie heute.« »Das ist es, was ich fürchte. Und ich fürchte es wahrlich nicht um Ihretwillen, denn ich habe die Zuversicht, daß Sie doch siegen werden – aber –« Sie stützte den Ellbogen auf das Stehpult und legte den Kopf in die Hand. »Bitte, sprechen Sie weiter!« »Ich möchte nicht haben, daß Sie auch mich als Ihre Feindin betrachten. Ich sprach heut mit einer Person, welche mir ein schweres, schweres Wort sagte, ein Wirt, dem ich es verdanke, daß ich so schnell und so plötzlich zur Erkenntniß meiner selbst gekommen bin. Ich war klein, ganz klein, als meine Mutter gestorben ist.« Ihr Kopf sank mit dem Arme tiefer herab. »Die Frau, welche mir dieses Wort sagte, meinte, daß man einem Mädchen, welches keine Mutter gehabt hat, viel, sehr viel verzeihen könne. Herr Walther, denken – – –« Ihre Stimme verlor den Halt. Ihr Busen arbeitete heftig. Sie bemühte sich, ein Schluchzen zu unterdrücken. »Denken – auch Sie zuweilen daran – daß ich – keine Mutter – gehabt habe!« Jetzt legte sie ihr Gesicht in beide Hände und die Letzteren auf das Pult. Sie weinte, nicht laut, aber herzbrechend. Sie hatte Recht. Das Wort der alten Feuerbalzerin hatte es in ihr hell werden lassen, so daß sie ihr ganz von Liebe verlassenes Leben, Denken und Treiben erkannt hatte. Sie hatte eingesehen, daß ihr Gefühlsvermögen bisher vollständig vernachlässigt gewesen sei. Und doch trug sie eine große, reiche Liebe im Herzen. Das hatte sie erkannt, als es zu spät war und als sie einzusehen begann, daß nur allein die Liebe glücklich zu machen vermag. Walther wußte nicht, was er thun und sagen solle. Es trat eine peinliche Pause ein. Leider hatte er sich stets bemüht, seinem objektiven Denken mehr Rechte zu lassen, als den subjectiven Gefühlen. Nur ein einziges Mal hatte er sich von seinem Gefühle zu einem schnellen, folgereichen Schritte verleiten lassen – er hatte seine gute Stelle aufgegeben, um nach Hohenwald zu gehen, eines Mädchens wegen, von dem er gleich beim ersten Wiedersehen die Ueberzeugung erhielt, daß es einen solchen Opfers gar nicht werth sei. Eine solche Dummheit wollte er nicht begehen. »Bleiben wir kalt, Fräulein Martha,« sagte er. »Aufregung läßt sich lieber vermeiden!« Da erhob sie den Kopf und blickte ihn durch rinnende Thränen an. »Läßt sie sich vermeiden!« »Gewiß!« »Das sagen Sie, weil Sie stärker sind als ich. Aber dennoch will ich es versuchen, auch stark zu sein. Sie sollen mich nicht wieder weinen sehen.« »O, nicht das Weinen verwerfe ich, sondern das vergebliche Weinen. Thränen find eine große Wohlthat, aber unnütze Thränen soll man nicht vergießen, denn – – –« »Schulmeister!« warf sie ihm vor. »Während andre weinen, philosophiren Sie kalt über das Thema der unnützen Thränen. Ich gebe Ihnen freilich Recht. Alles Unnütze ist überflüssig, also auch verboten. Auch die unnützen Worte, deren wir jetzt bereits so viele gesprochen haben. Thun wir das nicht wieder. Die Meinen werden sich überhaupt wundern, daß ich mit der kleinen Schreiberei eine so lange Zeit brauche. Gute Nacht!« Sie winkte mit der Hand und drehte sich von ihm ab, dem Lichte der Lampe entgegen, welche auf dem Pulte stand. Er blieb noch einige Augenblicke stehen. Er hatte das Gefühl, daß er eine wirkliche Sünde begehe, wenn er jetzt so von ihr scheide; aber – sie hatte Recht – Schulmeister, Pedant! »Gute Nacht!« sagte er und ging zur Thür hinaus. »Er geht!« klagte sie. »Er geht! Er kann gehen!« Laut aufschluchzend legte sie den Kopf und die Arme auf das Pult, welches unter den convulsivischen Bewegungen ihres Körpers zitterte. Er aber schritt ruhig durch die Stuben und über den Hof hinweg. Erst als er durch das Thor getreten war und längs des eisernen Zaunes hinging, blickte er nach dem Gebäude hinüber. Er sah das erleuchtete Fenster, das Stehpult und die an demselben liegende Mädchengestalt. Er blieb stehen. »Sie weint!« flüsterte er. »Vielleicht hat sie mich trotz Alledem lieb, wirklich lieb!« Er stand so noch eine ganze Weile. Wie kam es doch nur, daß er die Strophen jenes alten Gedichtes leise für sich hinsagte: O gräme nie ein Menschenherz;         Der Gram geht bis aufs Blut, Und all den Kummer, all den Schmerz         Machst Du nicht wieder gut! O mach, daß keine Thräne hier         Ein Mensch um Dich vergießt, Denn wiß, daß diese Thräne Dir         Ein ewger Vorwurf ist! O sorge, daß kein Herzeleid         Du hier verschulden magst: Es kommt die Stund, es kommt die Zeit,         Wo Du es tief beklagst!« Noch immer lag die Mädchengestalt unbeweglich am Pulte, als er endlich ging. Er suchte den Pfarrer auf, um ihm mitzutheilen, daß sein Gang zum Silberbauer ohne schwere Folgen gewesen sei. Sodann wollte er eigentlich nach Hause gehen. Aber der Abend war so mild, und vom Walde wehte es so duftig und kräftig herüber. Er ging noch eine Strecke weiter. Als er dann umkehrte, gewahrte er gegenüber dem Eschenhofe ein Licht im Stockwerke des Hauses, welches dort stand. Er hatte bereits am Tage bemerkt, daß dieses Haus von ganz eigentümlicher Bauart sei. Mehr unwillkürlich, als um es zu betrachten, näherte er sich demselben. Der Abend war nicht dunkel, und man konnte auf eine ziemliche Entfernung hin sehen. Da kam von seitwärts her eine Gestalt. Sie lief in gebückter, müder Stellung. Bei dem Lehrer angekommen, blieb sie stehen und betrachtete ihn. »Wer sind Sie?« fragte Walther. Er erhielt keine Antwort. »Wollen Sie etwas von mir?« »Gnade!« »Was? Gnade? Ich verstehe Sie nicht!« Da wimmerte der Mann: »Nimm sie, nimm sie! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!« Da besann Walther sich auf die Worte, welche die alte Feuerbalzerin zu ihm gesagt hatte. Sollte dieser Mann ihr wahnsinniger Sohn sein? »Gehn Sie nach Hause!« forderte er ihn auf. Da drehte sich derselbe um und schlich sich in seiner eigentümlichen gebückten Haltung nach dem erwähnten Hause und zu der offenen Thür desselben hinein. Walter war ihm nachgegangen. Er hörte innen hinter dem kleinen Holzladen eine Stimme: »Na, kommst endlich? Wo bist herumgeschlichen heut, wo ich nach so langer Zeit endlich einmal ein ordentliches Essen Hab für Dich. Komm setz Dich nun her!« Er erkannte die Stimme der Balzerbäuerin und trat in den dunklen Hausflur. Er suchte mit der Hand nach der Thür und klopfte an. Sie wurde geöffnet, und das Gesicht der Bäuerin blickte heraus. »Wer ists? Was willst?« fragte sie. »Ich bin es. Darf ich einmal herein?« Obgleich es dunkel war, erkannte sie ihn sofort, natürlich nur an der Stimme. »Herrgottle, das ist ja unser neuer Herr Lehrern! Na so eine Verüberraschung! Zu uns arme Leutln kommens! Na, na, so was!« Sie machte die Thür möglichst weit auf und er trat hinein. Was er erblickte, sah nicht tröstlich aus. Ein niederer Raum, von dessen Mauer sogar die Tünche gewichen war. Hinten ein Lager von Streu, auf welchem eine weibliche Gestalt lag, mit einem alten Rocke zugedeckt. Ein vielfach schadhafter Kachelofen, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schemel und eine Kiste, welche als Brod- und Kleiderschrank und vielleicht auch noch zu anderen Zwecken diente. In der Mauer steckte ein brennender Kienspan, dessen roth qualmende Flamme die Scene trüb beleuchtete. Die Alte hob den Rock auf, den sie anhatte und wischte den Schemel ab. »Setzens sich, Herr Lehrern!« sagte sie. »Auf den Stuhl könnens halt nicht, weil er nur drei Beinen hat. Nein, so eine Freuden! Schwiegertochtern, schau Dir nur den Herrn richtig an! Der hat mir die zwei Thalern für Dich geben.« »Schweigen Sie davon!« gebot Walther. »Ich mag das nicht wieder hören. Ich ging zufällig vorüber und sah Ihren Sohn hereintreten. Da kam ich ihm nach, um Ihnen einen guten Abend zu bringen und Ihnen zugleich zu sagen, daß Sie den Silberbauer nicht zu fürchten brauchen. Er wird keine Anzeige machen.« »Anzeig? Der? Der sollte mir mal damit kommen! Die Augen kratzt ich ihm aus! Aberst wissens, Herr Lehrern, wer da gewest ist?« »Nun, wer?« »Die Silbermartha.« »Bei Ihnen?« »Ja. Eigentlich hats freilich zur Lisbetherl wollt, aberst da ists halt auch gleich mal hereini kommen zu uns. Sie hat mich ausfragt, wies mit dem Zank gewest ist im Gasthof, und ich hab ihr den reinen Wein zu kosten geben. Nachhero ists hinaufi zum Heiner. Da ists sehr lange Zeit gewest.« »Was hat sie da gewollt?« »Das weiß ich halt nicht. Es ist Niemand von denen Leutln noch herabkommen zu mir, und ich geh nicht aufi, weils sonst meinen könnten, daß ich aus Neugierden komm.« »Na, für neugierig darf Sie kein Mensch halten!« »Nein, das bin ich niemals gewest.« »Auch horchen thun Sie nie?« »Nein. Nur manchmal im Wald, wann da Zwei miteinander schwatzen. Aberst da kann man auch nix hören und nix verstehen.« »Ist der Heiner daheim?« »Freilich. Na, Herr Lehrern, bei denen Leutln habens halt einen großen Stein im Bret. Dem Heiner habens gefallen und dera Liesbetherl auch. Wanns mal aufisteigen wollten zu ihnen, so thätens ihnen halt eine große Freuden bereiten.« »So? Da muß ich nur gleichmal hinaufgehen.« »Na, so gar gleich brauchts doch auch nicht zu sein. Bei uns sinds halt auch so willkommen.« »Ich glaube es. Aber ich habe nicht viel Zeit übrig.« »Doch essen könnens erst ein Wengerl mit.« »So? Was haben Sie denn?« Es war ihm gar nicht so, als ob er hier mit essen solle. Der Verrückte aß von einem zerbrochenen großen braunen Thonteller ein Zeug, dem man es gar nicht ansehen konnte, was es eigentlich war. »Erdäpfeln haben wir, Erdäpfeln und Runklrüben zusammenkocht und eine Zwiebeln hinein. Das giebt einen guten Geschmack und Gewürzen. Und der Schwiegertochtern hab ich für drei Pfennige Tropfenbier holt vom Gasthof. Wissens, was vom Hahn herunterläuft. Das hat Kraft und ist gut überstanden; da wird man halt nicht davon besoffen. Und einen Sallaten mach ich auch schon noch von Wegrichkrauten mit Essigen und ein Wengerl Pfeffern hinein und Kümmeln und Anis. Es geht halt nix über ein gut Gewürzen. Ich trag mir Alles selberst ein. Nachhero, wann der Dillen reif wird, da leg ich mir Rüben ein. Gurken sind noch besser; aberst dazu hat Unsereins das Geld nicht.« Der Irre schien zu begreifen, daß die Rede vom guten Essen sei. Er nahm einen Löffel voll von dem Kartoffel- und Runkelrübenbams und kam hin zum Lehrer, um es demselben in den Mund zu reichen. Walther hatte alle Mühe, ihn davon abzubringen. »Schauns, was mein Sohn für ein guter Kerlen ist,« lachte die Alte ganz glücklich. »Er hats gar wohl merkt, daß sie unser guter Freund sind.« Dieses Wort schnappte der Irre auf. »Freund! Guter Freund!« sagte er, dem Lehrer zärtlich die Wange streichelnd.« »Freund!« Man hätte über diese Wirtschaft lachen mögen, und doch war es zum bitterlich Weinen. Als nachher Walther nach der Oberstube gehen wollte, zog die Alte den Kienspan aus der Mauer, um ihm zu leuchten, und sagte: »Laufens leise hinauf, Herr Lehrern, und machens die Thüren recht heimlich auf. Das wird hernachers eine feine Verüberraschung geben.« Sie blieb unten stehen mit dem Spane, und Walther stieg die alte, steile Holztreppe empor. Als er ihr durch einen Wink zu verstehen gab, daß er sich an der Thür befinde, ging sie hinein. Er klinkte leise und zog die Thür um eine kleine Spalte auf. Was er sah, war ein rührendes Familienbild. Der alte Heiner saß an einem alten, aber blitzblank gescheuerten Tische, eine ungeheure Messingbrille auf der Nase und las in einer Zeitung. Ihm gegenüber saß die Lisbeth und strickte an einem Pantoffelmuster auf Canevas. Sie hatte eine dünne, leinene Jacke an. Einer ihrer Zöpfe war aufgegangen und warf seine Haarfluth von Zeit zu Zeit auf die Stickerei, so daß sie dieselbe durch eine rasche Bewegung wieder nach hinten bringen mußte. Zur Seite stand ein Stuhl, den der Finkenheiner selbst gefertigt und mit weichem Moos gepolstert hatte. In demselben saß ein Jüngling, hager, außerordentlich hager, mit einem schönen, aber erschrecklich wachsfarbenen Angesichte. Er war seiner Schwester außerordentlich ähnlich. Seine Haltung, Alles, Alles an ihm war müd. Dennoch arbeitete er mit Eifer an einer Zeichnung, welche er vor sich auf dem Tische liegen hatte. Das Gemach war weiß getüncht. Anstatt der Rouleaux war weißes Papier angeklebt, in welches man eine hübsche Kante geschnitten hatte. Von der Decke hing eine Petroleumlampe herab, welche brannte, augenscheinlich ein Luxus, welchen man sich heut Abend erlaubte, dann in der Ecke stand eine hölzerne Vorrichtung zum halten der brennenden Kienspäne. Der Kachelofen war von hohem Alter und sehr oft ausgebessert, und doch hatte Alles in dieser Stube den Anschein äußerster Sauberkeit. Ein Tellerbret, jedenfalls auch von dem Alten selbst gefertigt, barg einen bescheidenen Vorrath Schüsseln, Tellern und Tassen. An der Hinterwand hing das Bild des Heilandes, von dem Jünglinge in Oel gemalt, darunter das Weihwassergefäß. »Und wie lang war er, Liesbetherl?« fragte der Kranke, augenscheinlich ein Gespräch fortsetzend. »Fast wie dera Vatern.« »So! Wannt mir nur das Gesicht mal so recht deutlich beschreiben könntst.« »Warum? Willst ihn wohl gar gleich malen?« »Ja.« »Du bist wieder mal der richtige Hans, der gleich Alles malen will.« »Sag doch, was er für eine Nasen hat!« »Ja, wie soll ich das sagen?« »Wars groß oder klein.« »Beids nicht.« »Wars eine griechische oder eine römische?« »Nein,« fiel da der Alte ein, indem er mit der Hand auf seine Zeitung schlug. »Es war eine Nürnberger Nasen.« »Wann ich ihn nur sehen könnt!« meinte der Sohn. »Er hat den Fritz niederschlagen und seinen Vatern auch. Er muß der richtige Herkules sein.« »Gar so lang und dick war der Schulmeistern nicht. Man hats ihm so gar nicht anschauen könnt, was für eine Gewalten er in denen Muskeln hat. Aberst daß er ein braver Kerlen war, das könnt man ihm gleich ansehen.« »Meinst?« Das hatte Walther vorn an der Thür gesagt, und sofort richteten sich alle sechs Augen nach derselben. Der Alte sprang augenblicklich auf. »Das ist er! Der Herr Lehrern! Na, da hat er standen und Alles hört! Willkommen auch an die tausend Malen!« Er streckte ihm seine eine Hand entgegen. Beide begrüßten sich herzlich. Auch Liesbeth gab ihm die Hand. Hans wollte aufstehen, brachte es aber nicht fertig. Darum sagte sein Vater: »Bleib sitzen, Bub! Der Herr Schulmeistern nimmt Dirs nicht übeln, daßt krank bist und schwach.« Er schob dem Gast den vierten Stuhl hin, den letzten, den es gab. Dann blickte er sich rathlos in der Stube um und sagte: »Ja, nun haben wir halt Besuch, aberst nix zum Vorsetzen. Was ist da zu machen?« »Bitte, keine Umstände! Ich komme nicht des Essens und des Trinkens halber.« »Das läßt sich auch denken, denn bei uns giebts da nicht viel zu haben; aber heut, wo dera Liesbetherl ihr Namenstag ist, da sollten wir schon was Guts vorsetzen können.« »Was? Der Namenstag? Da freilich muß es einen Schmaus geben,« sagte Walther. Also was haben Sie in Ihrer Rauchkammer?« »Rauch, weiter nix.« »So müssen Sie bald etwas hineinhängen.« »Ja, meine alten Holzpantofferln. Das Lisbetherl ist in dera Stadt gewest beim Kaufmann. Der hat wußt, das heut ihr Tag ist, und da hat er ihr bescheert: eine Flasche voll Petroleum, ein Pfund Seifen, eine Düten voller Kaffee und gar auch noch eine Tafeln Schokoladen. Und dem Hans hat er ein Blei und ein Papieren mitgeschickt auch. Das ist doch schön! Nicht, Herr Lehrern?« »Ja freilich.« »Aberst die Schokoladen haben wir schon kocht und außitrunken. Zum Kaffe haben wir nix, und das Petroleum und die Seifen kann man nicht verschnabuliren. Nun weiß ich halt nicht, woher wir was nehmen zum Schmausen.« »Wer ich weiß es.« »So? Da bin ich halt neubegierig.« »Haben Sie noch Brod?« »Nein. Das ist heut alle worden.« »Weil ich es gegessen hab.« »Na, na, na! Es hat mich schier gefreut, daß der Herr Lehrern mir die Ehre anthan hat.« »Und mich wird es ebenso freuen, wenn Sie mir auch die Ehre anthun. Das Liesbetherl mag jetzt beim Bäcker ein Brod, beim Fleischer eine Wurst und im Gasthof ein Bier holen.« Das Gesicht des Kranken röthete sich vor Freude, Liesbeths Gesicht vor Verlegenheit. Der Heiner aber sprang auf und rief, seinen Arm wie zum Schwur erhebend: »Nein, daraus wird halt nix, auf keinen Fall nix. Das geb ich gar nicht zu!« »Sie werden gar nicht gefragt. Wenn ich dem Liesbetherl das zum Namenstag geb, so hat nur sie allein zu bestimmen, ob sie es annehmen will oder nicht. Und wenn sie es nicht annimmt, so ist es eine große Beleidigung für mich, und ich komme ihnen niemals wieder in das Haus.« »Sakra! Aberst so ist er halt! Gefallen läßt er sich nix. Er haut sogleich zu! Was meinst, Liesbetherl? Wirsts nehmen?« Sie schwieg. »Wollen Sie mich beleidigen?« fragte Walther. »Ihr Vater hat mir heut sein letztes Brod gegeben. Da soll ich ihm kein anderes geben dürfen?« »Aberst eine Wursten dazu!« rief der Alte, »und gar auch noch ein Bier!« »Und auch ein Stück Butter,« fügte Walther hinzu. »Hurrjesses! Das wär doch die reine Hochzeiten und Kindtaufen! So was ist noch nicht derlebt.« »So erleben Sie es heut.« »Also Liesbetherl, wollen Sie? Sagen Sie Ja!« Er griff in die Tasche und legte ein Silberstück auf den Tisch. Der Heiner nahm dasselbe in die Hand, blickte von dem Geldstück zum Lehrer und so einige Male hin und her und sagte dann: »Fünf Mark! Sinds halt etwan ein Rothschild, Herr Lehrern?« »Nein; aber heut hab ich es übrig.« »Und dera Feuerbalzern habens auch allbereits sechs Mark geben!« »Diese alte Klatschbase sollt es nicht sagen. Also diese fünf Mark müssen heut alle werden.« »O Jerum Je!« »Ja. Ein Brod, eine Butter, eine ganze Wurst und vier Flaschen Bier. Was noch übrig bleibt, gehört der Liesbeth.« So blieb es, ob sie sich noch so sehr dagegen sträubten. Das Mädchen mußte gehen, um die bestimmten Einkäufe zu machen. Jetzt nun sah Walther sich die Zeichnung an, an welcher der Sohn arbeitete. Es war eine Bleistiftlandschaft, welche er in Zeit einer Stunde auf das Papier geworfen hatte. Als der Lehrer sich in höchst anerkennender Weise über dieselbe und über das Talent des Zeichners aussprach, schwieg der kranke Jüngling bescheiden; aber sein Vater sagte: »Das gefallt Ihnen wirklich? Das ist nix, gar nix. Da hat er noch ganz andere Sachen macht. Darf ichs Ihnen vielleicht mal zeigen?« »Ich bitte drum.« Da ging der Heiner in eine Nebenkammer, wo die Familie zu schlafen pflegte und brachte einen alten Kasten herbei, welcher ganz voller Zeichenblätter war. Walther begann, diese Blätter durchzusehen, und bemerkte zu seiner Freude, daß Hans nicht nur eine außerordentliche Begabung besaß, sondern sich ganz ohne Lehrer eine Fertigkeit angeeignet hatte, welche gradezu erstaunlich war, eben weil das ganze ohne Unterricht geschehen war. »Jetzt werde ich Ihnen etwas zeigen,« sagte er zu Hans und ging fort. Als er nach kurzer Zeit wiederkehrte, brachte er Gegenstände mit, bei deren Anblick Hans laut aufjubelte: ein Reißbret mit Reißschiene und vollständiges Reißzeug, einen Farbenkasten, Zeichenpapier, welches er sich aus Regensburg mitgebracht hatte in der Ueberzeugung, daß hier am dem abgelegenen Orte dergleichen nur schwer zu haben sein werde. Zuletzt legte er noch zwei schön eingebundene Bücher hin. Hans schlug die Tittel derselben auf und las: »Stieglitz, über die Malerei der Griechen und Römer« und »Völker, die Kunst der Malerei.« »Das Alles lasse ich Ihnen da,« sagte Walther. »Und alle Tage komme ich herüber, um mit Ihnen zu zeichnen. Talent haben Sie, und Methode habe ich. Da dürfen wir erwarten, daß Sie sehr bald vorwärts kommen.« Wer war glücklicher als der arme Kranke. Auch sein Vater wußte sich vor Freude nicht zu lassen. »Herr Lehrern,« sagte er. »Sie sind halt grad wie ein Engeln zu uns kommen. Erst habens der Liesbetherl beistanden gegen den Silberfritz, und nun bringens gar noch dem Hans diese Sachen. Das werden wir gar nie vergelten können. Und ein Geld habens auch noch geben zum Essen für heut Abend. Das ist gar zu viel!« »Nein, das ist nicht zu viel. Ich kann es geben.« »Aberst bei denen paar Markerln Gehalt, die Sie hier bei uns bekommen, da werdens gar nimmer weit ausreichen, wanns so splendid leben.« »O, so splendid bin ich nicht immer. Und glücklicher Weise bin ich nicht allein auf meinen Gehalt angewiesen.« »Sinds halt reich?« »Gar nicht. Aber ich bin nebenbei Schriftsteller.« »Was ist das?« »Das heißt, ich schreibe Erzählungen, welche gedruckt werden. Und dafür bekomme ich ein Honorar, welches weit mehr beträgt als mein Gehalt.« »Sakra! Das lasse ich mir halt gefallen.« Jetzt kam die Liesbeth mit den Eßwaaren zurück. Das war ein Gaudium, nicht ein lautes, geräuschvolles, sondern eine stille Freude darüber, daß man jetzt einmal ein ordentliches Stück Brod zu essen hatte. Denn das, was die Liesbeth aus dem schlechtesten Mehle selbst backen mußte, das war schließlich gar nicht Brod zu nennen. Und wie aßen diese braven Leute! Nicht als ob sie seit Monaten weder Wurst noch Butter oder Bier gesehen hätten, sondern als ob bei ihnen nicht der mindeste Appetit vorhanden wäre. Walther aß ganz wenig, um ihnen Alles zu lassen, und sie wieder hatten, wie sich nachher herausstellte, die Absicht, ihm das Uebrigbleibende einzupacken und mitzugeben, woraus freilich nichts wurde. Als er zuletzt noch einige Cigarren auf den Tisch legte, sagte der Finkenheiner, daß er noch nie so einen glücklichen Namenstag erlebt habe, wenigstens so lange seine Frau todt sei. Das erinnerte Walter an das, was er heute im Walde von ihm über diese Frau gehört hatte. Darum erkundigte er sich: »Der Silberbauer hat Ihre Frau auch gekannt?« »Freilich. Er hat sie ja haben wollen.« »Darf ich darüber Etwas erfahren?« »Alles, Alles könnens derfahren. Wanns unten rechts aus dem Dorf hinaus gehen, nachher kommens an das Wassern, an welchem die Schneidemühlen gelegen ist. Dort war ich der Müllerknappe, und meine Frauen war die Tochtern. Wir haben uns im Stillen lieb gehabt und haben denkt, daß Niemand was davon wüßt; aberst der Claus hats doch wohl merkt, denn er ist mir feind gewest zu aller Zeit. Er hat sich beim Müllern einischlichen, daß der ihm hat seine Tochter geben wollen; sie aberst hat nicht wollt. Ein Mal hab ich des Abends draußen mit ihr am großen Rad standen. Wir haben leise mitnander sprachen und dabei merkt, daß uns Einer zuhört. Kaum aberst ist sie fort gewest, so hat sich ein Kerlen auf mich worfen und mit mir gerungen. Sein Gesicht war schwarz von Ruß, so daß ich ihn nicht erkannt hab; aberst es ist die Gestalt des Claus gewest. Er hat mich nach dem Rad treiben wollt, und ich hab mich aus Leibeskräften wehrt. Es hat vorher geregnet habt, und da bin ich ausglitten und niederstürzt. Er war stark, und im nächsten Augenblick bin ich hinabflogen in das Radlager, wo das oberschlächtige Wassern darüber geht. Das Rad war im Gang, und ich hab aus Leibeskräften brüllt. Der Müllern war schlafen gangen, aberst mein Dirndl war noch wach und hat allsogleich die Mühlen stehen lassen. Nachdems den Vatern weckt hat, bin ich sucht und da unten funden worden. Der linken Arm war weg.« »Mein Gott! Das hat der Silberbauer gethan?« »Ich möcht halt drauf schwören, aberst ich kann nix beweisen. Damals ist das Gericht nach ihm laufen, aber er hat beweisen könnt, daß er um diese Zeit daheim gewest ist. Er war nämlich Knappen in der unteren Mühlen, die eine Viertelstunden tiefer im Thal gelegen war. Aberst später hat er zuweilen ein Wort fallen lassen, aus dem ich sicher weiß, daß ers gewesen ist.« »Wenn er auch nur Knappe war, so kann er doch früher nicht so reich gewesen sein?« »Der, reich? Ein armer Schlankerl ists gewest. Er hat nix habt als was er auf dem Leib tragen hat, denn Alles, was er verdient hat, das ist über die Zungen laufen. Als er damals freigesprochen worden war, ist er in die Fremd gangen, und ich hab doch mein Dirndl heirathet. Spätern ist der Claus dann wieder kommen, und zwar zum Unglück für uns Alle.« »Wieso?« Der Heiner warf einen bezeichnenden Blick auf seine Kinder und antwortete: »Wanns das wissen wollen, so verzähl ichs Ihnen ein ander Mal. Heut aberst ist der Namenstag, und da mag ich halt nicht an dera Sachen denken. Die heutge Zeiten ist schlimm genug; so wolln wirs nicht noch verschlimmern, indem wir halt auch noch das vergangene Unglück dazunehmen. Wanns erst eine längere Zeit hier wohnen, nachhero werdens bald Alles wissen, was da herum geschehen ist.« Das war für den braven Alten eine außerordentlich trübe Erinnerung gewesen, und er wurde auch nicht wieder so fröhlich, wie er vor derselben gewesen war. Als Walther sich sodann verabschiedete, sollte er unbedingt mitnehmen, was übrig geblieben war. Natürlich that er es nicht. Nun sollte er wenigstens das Geld zurücknehmen, was von den fünf Mark nicht ausgegeben worden war, doch auch dies wies er energisch von sich. Nach seiner Entfernung wurde sein Lob von allen sechs Lippen gesprochen. Am nächsten Morgen ging der Finkenheiner bei Zeiten in seinen lieben Wald hinaus und hinterließ der Liesbeth die Weisung, in die Mühle zu gehen und für fünfzehn Groschen Grobmehl zum Brodbacken zu holen. Das war ganz dieselbe Schneidemühle, von welcher er gestern Abend dem Lehrer erzählt und die ihm früher gehört hatte. Nach ihm war sie in die Hände des Silberbauern übergegangen, welcher sie auch zu einer Mahlmühle eingerichtet und nachher verpachtet hatte. Der jetzige Pächter war ein junger, überall gern gesehener und beliebter Mann, welcher noch keine Frau hatte und mit einer alten Magd eine einsame Wirthschaft führte. Als Liesbeth die Mühle erreichte, ging sie nicht sofort hinein, sondern sie schritt hinter derselben nach dem Wasser, welches die Räder trieb. Dort, am Radlager blieb sie stehen. Sie dachte an die gestrige Erzählung ihres Vaters. Hier, grad wo sie stand, hatte er mit dem Nebenbuhler gekämpft war von demselben hinabgestürzt worden und war da um den Arm gekommen. Und ihre Mutter? Warum sprach der Vater so wenig und beinahe ungern von ihr? Warum hatte er gestern dem Lehrer einen Wink gegeben, als dieser etwas Näheres hatte erfahren wollen? Auch sonst war es Liesbeth vorgekommen, daß Leute, mit denen sie von ihrer Mutter gesprochen hatte, plötzlich still geworden waren und ihr keine weitere Auskunft gegeben hatten. War da irgend ein Geheimniß vorhanden. »Grüß Gott, Liesbetherl!« hörte sie sich jetzt rufen. »Bist auch schon »munter und wach?« Der junge Müller stand drüben an der Ecke und hatte sie gesehen. Sie ging zu ihm hinüber und gab ihm die Hand. Sie waren Vertraute schon seit langer, langer Zeit und hatten mit einander gespielt, bereits als sein Vater noch Pächter der Mühle war. Es war von jeher ihr Ideal gewesen, Müllerin zu sein. Und gerade an diese Mühle hatte sie dabei allemal denken müssen. Aber der Müller, so hübsch und gut und herzig er war, schien seine alte Magd höher zu halten als alle jungen Dirndln der Welt. Das war immer ihr Herzeleid gewesen. »Stehst schon wieder drüben am Rad!« sagte er. »Wirst schon mal hineinfallen!« »So kannst mich herausholen.« »Warum ich?« »Weilst der Nächste bist, der dabei steht.« »Ach so! Dann mußt aberst auch richtig schreien, daß ichs sogleich gut hör.« »Wie beim Vatern.« »Denk nicht daran.« »Ich muß halt doch stets daran denken, daß er dort den Arm verloren hat. Seitdem ists ihm stets unglücklich gangen.« »Ich denk, er hat erst hernachers heirathet?« »Das wohl.« »So kann er doch nicht sogleich unglücklich gewest sein.« Sie blickte ihn forschend an. Auch er machte jetzt eine Bemerkung, die ihr zu denken gab. »Was meinst damit?« fragte sie. »Nix,« antwortete er kurz. »Und doch wars was!« »Na, ich hab denkt, Dein Vatern ist erst dann elend worden, als dera Silberbauern wiederkommen ist aus der Türkeien.« »In dera Türkeien ist er gewest?« »So sagt man zuweilen.« »Aber wie hat es ihm gelingen konnt, den Vatern unglücklich zu machen?« »Ja, wer weiß das!« antwortete er gedehnt. »Ich denke, Du willst ein Mehlen holen?« »Ei freilich! Recht grobes, billiges.« »Ja, Ihr seid die Feinen, die nur das Delicatste backen wollen. Hast aberst auch ein Geld?« »O, viel! Eine ganze Mark und eine halbe.« »Sapperloten, seid Ihr heut reich! Hast doch stets nur für eine Mark kauft?« »Ja, gestern zu meinem Namenstag war der Rothschilden bei uns.« »Oh wai, o weh! Der Namenstag war gestern? Schlipperment, das ist dumm!« »Was? Es ist dumm, daß ich einen Namenstag hab?« »Nein, sondern aber daß ichs nicht wußt hab.« »Wär auch weiter nix gewest!« »Oho!« »Nun, was?« »Ich wär in die Restaurationen gangen und hätt mir ein Bier kauft.« »So! Das ist schön! Was thätst aberst dazu sagen, wann ich zu Deinem Namenstag mir auch was kauf?« »Das thät mich freilich ärgern!« »So! Und ich soll mich nicht ärgern?« »Wannt Dich wirklich ärgerst, so muß ichs halt wiederst gut machen.« »Das bringst schon gar nicht fertig.« »Oho!« »Nein. Hast mir allemalen gratulirt, nur gestern nicht. Du bist schon der Richtige!« »Dann bin ich sehr zufrieden, wann ich für Dich der Richtige bin.« »Geh!« antwortete sie erröthend. »Wannt Einem das Wort im Mund herumdrehst, so bist eben der Richtige nicht, sondern grad der Falsche!« »Weißt, ich war gestern nicht daheim. Ich war verreist, Getreid einzukaufen. Nachher also konnt ich nicht zu Dir kommen. Und sodann hab ich wußt, daßt heut doch selberst kommst.« »O, wie willst das wissen?« »Weil Euer Brod alle gewest ist. Als ich in der Früh fort ging, traf ich Deinen Vatern im Wald, und der hat mir sagt, daß in seinem Sack der letzte Bissen stecken that.« »Und da denkst halt, daß wir gleich zu Dir kommen müssen?« »Ei freilich.« »Nein, nein! Wann der neue Lehrern nicht am Abend bei uns gewest wär, so hätt ich doch nicht kommen können. Er hat uns fünf Mark schenkt.« »Und dera Feuerbalzern gar sechs?« »Das weißt schon?« »Die hats ja schon im ganzen Dorf herumitragen. Der Neue muß ein Sakrafixi sein. Nicht?« »Ja, ein Wackerer und Guter.« »Ist er jung?« »Sehr.« »Und auch hübsch?« »Viel mehr als Du.« »Und den Namenstag hat er auch schon mit Euch feiert? So kannst Frau Lehrerin werden.« »Geh fort! Mit Dir sprech ich halt gar nimmer!« »So bekommst auch kein Mehlen.« »Ach so. Dann gieb mirs halt schnell.« »So schnell geht das schon nicht. Erst mußt mit in die Stub kommen und den Kaffee trinken. Die Barbara wird ihn wohl bereits fertig haben. Sodann werd ich Dir das Mehl einithun.« »Aber mußt besser messen!« »Meß ich schlecht?« »Nein, zu gut. Allemalen bring ich grad noch mal so viel heim, als ich zahlt hab.« »So wirds halt unterwegs mehr. Ich gab Dir das richtge Gewicht.« »Wers glaubt!« »Nun, ich glaubs halt selber. Also komm hereini!« Er führte sie in die Wohnstube, in welcher die alte Barbara wirklich grad beschäftigt war, die Tassen auf den Tisch zu setzen. Sie begrüßte das Mädchen mit herzlicher Freundlichkeit und holte unaufgefordert die dritte Tasse, denn sie kannte die Herzensneigung ihres jungen Herrn. Solche alte, treue Seelen pflegen instinktiv stets das Richtige zu treffen. Auch ein Weißbrod wurde hingelegt und goldgelbe Butter dazu. Eben schenkte die Barbara den Kaffee ein, da wurde die Thür um eine Lücke geöffnet, und eine helle Stimme rief herein: »Grüß Gott zum guten Morgen! Der ehrenwerthe Herr Meistern mag erlauben, daß ein wandernder Gesell der achtbaren Müllerzunften die edle Kunst begrüßen thut. Ich hab keinen Beutel, aber viel Hungern, kein Geldl, aber viel Dursten, und ein Kaffee mit Zuckern wär mir eben recht.« Als die Drei hinblickten, sahen sie einen alten, zerrissenen Hut, dessen Löcher mit allerlei Blüthen und Pflanzen durchwebt waren. Darunter blickte eine Nasenspitze und ein gewaltiger, grauer Schnurrbart hervor. »Was!« rief der Müller, indem er von seinem Stuhle aufsprang. »Bists wirklich?« »Nein, ich bin ein Anderer.« »Oho! Dich kennt man alsogleich an Deinem Hut und an dem Gespaß, wast allemalen machst.« »Wer? Was?« rief nun auch die Barbara. »Ists die Möglichkeiten! Diese Stimmen sollt man kennen. Das ist kein Anderer als dera Wurzelsepp!« »Weiß Jux, sie hats derrathen!« sagte der Sepp, indem er die Thür vollends aufmachte und hereinkam. »Ja, so eine alle Liebsten vergißt den Schatz niemalen.« Er warf den Sack und den Hut zu Boden, lehnte den Bergstock an die Wand und sprang auf die Alte ein. »Komm heran, Bärbel! Dich muß ich gleich zuerst begrüßen, sonst schaffst Dir gar einen Anderen an!« Er faßte sie um die Taille, drückte sie herzhaft an sich und gab ihr einen schallenden Kuß. Sie stieß ihn von sich, wischte sich mit dem Topflappen, den sie in der Hand hatte, den Mund schnell ab und zeterte: »Mach Dich fort, Du Sausewind! Ich will nur auch sehen, wannst mal zu Verstand kommen und ein gesetzter Mensch werden wirst! Bei allen denen hübschen, jungen Dirndln muß er seinen Schnautzi am Mund abwischen!« »Ja, Du bist halt die richtige Junge und Hübsche! Wann bist hundertfünfzig gewest? Vor sechzig Jahren, nicht wahr?« »Hundertfünfzig! Hört, Ihr Leutln, hundertfünfzig! Und da will der Lodrian gar einen Kaffee haben, und noch dazu mit Zuckern!« »Ists etwan nicht wahr? Bei Dir heißts auch: Jetzt bin ich hundertneunzig Jahr, Hab nur noch einen Zahn; Obgleich ich nicht mehr beißen kann, Krieg ich doch keinen Mann!« »Schweig!« raisonnirte sie. »Sonst werf ich Dich zur Thüren hinaus! Wir Beid sind nicht allein in dera Stuben! Kannst die Andern nicht auch grüßen?« »Ja, eben jetzt kommen sie dran.« Und Beiden die Hände entgegenstreckend, sagte er: »Herr Müller und Frau Müllerin, Ich bin froh, daß ich da nun bin. Schenkt gleich dem Sepp den Kaffee ein; Er hofft, willkommen Euch zu sein.« Liesbeth erröthtete am ganzen Gesicht. Der Müller aber wehrte ab: »Weißt, Sepp, hier giebts halt keine Müllerin.« »So? Steht sie nicht allhier?« »Da bist falsch berichtet. Die heirathet den neuen Schulmeistern.« »Was? Die Liesbetherl, eine Müllerstochter und das Kind von meinem Spezial, dem Finkenheimer? Die gehört in eine Mühlen. Und wann sie keine hat, so kauf ich ihr eine.« »Hast wohl gar sehr viel Geldl?« »So viel, daß mirs zu denen Strumpfen heraußifallt. Drum hab ich keines mehr im Sack. Aberst wie ists nun halt mit dem Kaffee?« »Siehsts nicht, daß die Barbara bereits einigießt?« »Ja, was Die thut, das sieht man niemalen. Ich glaub, sie thut überhaupt gar nix. Die ist auch die richtige Faullenzerin und Schlaraffenheimerin!« Die Alte schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und rief: »Was soll ich sein? Eine Faullenzerin? Und hier stehe ich schon seit stundenlang und hab nur immer den Kaffee herzugießen. Jetzt, wanns nicht anderst wird, kehr ich das ganze Volk gleich mit dem Besen hinaus!« »Na, nimm Dir Zeit, liebste Braut! Den Sepp mußt hinne lassen! So, jetzt haben wir uns gezankt, und nun wollen wir zur Hauptsach kommen. Wie gehts, und wie stehts?« Nachdem er Auskunft erhalten hatte, sollte auch er berichten. Der Müller meinte: »Hör, Sepp, ich hab hört, daßt ein gar großer Künstlern worden bist?« »Was für einer?« »Ein Sängern.« »Weißts auch schon?« »Es hat ja in dera Zeitungen standen, daßt sogar vor dem König sungen hast!« »Ja, ich und der König, wir sein halt zwei Spezi. Er sitzt auf dem Thron und ich drunter.« »Da hasts halt bessern als er.« »Das mein ich auch; drum bin ich halt immer lustig und kreuzfidel. Gut gehn thut mirs auch. Was will ich mehr haben auf dera Welt. Nur Eins thut mir fehlen, ein Einzigs und das ist a Stubn.« »Eine Stuben?! Und für wen denn?« »Für ein Jägern und sucht hier eine in Hohenwald.« »Da liegt ja das Jägerhaus im Wald.« »Dahin mag er halt nicht. Weißt er sucht denen Bombyx.« »Wie? Der Jäger sucht denen Bombyx? Wer ist das, dera Bombyx? Wohl gar ein Wildschütz?« »Nein, sondern ein Viehzeug.« »Das kenn ich noch gar nimmer.« »Wirsts auch sehen haben.« »Glaubs nicht. Von einem Bombyx hab ich noch gar niemals was hört. Ists groß?« »Hm! Es frißt ganze große Bäumen auf, besonders Kiefern und Fichten.« »Bist toll? Welch ein Thier kann eine Kiefern oder Fichten fressen!« »Eben dera Bombyx. Er frißt sogar ganze Wäldern aufi.« »Schneidst wohl mit dem großen Messer?« »Nein. Ich wills Dir sagen. Dera Bombyx ist halt ein Schmetterlingen, dessen Raupe im Wald gar großen Schaden macht. Wann man nicht bald schnell ein Mittel dergreift, so ists gefährlich. Und weil nun in dera Gegend der Bombyxen sein soll, so wird dera Jägern kommen, um nach zu schaun; ob er ihn auch wirklich findet. Er hat mir Auftrag geben, mich nach einer Stuben umzuschaun, in welcher er während dera Zeiten wohnen kann.« »Ach so ists! Ja, was ists denn für Einer?« »Nun, ein Feiner.« »O weh! Ich hätt wohl eine Stuben, aberst wanns ein so gar seiner ist, so ists ihm halt nicht gut genug.« »Ja, und essen und trinken will er auch. Das macht schon eine große Arbeit und Wirtschaften. Und Du hast nur die Barbara. Die ist zwar eine gar Fleißige und Emsige, aberst allein dermachen kanns doch halt so Etwas nicht. Du solltst also doch eine Müllerin haben.« »Damit ists gefehlt.« »Etwan weil Dich Keine mag?« »Ja.« »Oder weilst Dich nach Keiner umschaust. Du wirst auch warten und warten, grad so wie ich, bis es zu spät worden ist und Du kommst ins uralte Registern.« »Dann geh ich auf den Wurzelhandel.« »Gut, so heirath ich die Barbara und übergeb Dir meine Kundschaft. Machst mit, Bärbel?« »Mit Dir sogleich!« antwortete sie. »So? Wirklich? Na, da wollen wir bald losmachen. Hast auch bereits was gespart?« »Sechsundachzig Pfennige.« »Und ich zweiundneunzig. Das soll eine Hochzeiten werden, wies halt noch keine geben hat! Ich zieh den Kartoffelsack an, und Du nimmst den Regenschirm um. Gegessen und trunken wird auch, was das Zeug hält, Sauernkraut und Zwetschgenkerne und zwei Flaschen Röhrenbrunner dazu. Sodann haben wir uns und können wiederum auseinander gehn, grad so wie jetzunder.« Er stand auf. »Willst schon fort?« fragte der Müller. »Ja. Was will der Sepp auch noch länger hier?« »Wohin willst gehn?« »Wohin der Sepp überhaupt geht, überall und nirgends. Ich hab in aller Welten meine guten Freunden, die ich besuchen muß. Jetzund will ich zuerst zu meinem guten Spezi, dem Finkenheiner. Ist er draußen im Wald auf seinem Platz, bei denen Finken und Bachstelzern, Liesbetherl?« »Ja, wie immer.« »So will ich alleweilen mich für den Kaffee bedanken. Wann ich wiederum komm, gebt Ihr mir einen andern. Nachhero find wir quitt. Behüts Gott!« Er nahm Hut, Rucksack und Stock wieder auf, gab den Dreien die Hand und ging. Sie versuchten nicht, ihn aufzuhalten; sie kannten seine Art und Weise und wußten, daß es erfolglos gewesen wäre. Die Barbara begleitete ihn hinaus. »Jetzt nun kannst mir mein Mehl geben,« bat das Mädchen den Müller. »Hasts so eilig?« »Ja. Ich will heut noch backen.« »Wannst noch eine Viertelstund hier bleibst, wirds drum doch auch noch fertig.« »Der Brudern ist allein daheim.« »Da hast Recht. Also komm.« Er führte sie hinaus, aber nicht hinüber in die Mühle, wo er, wie sie wußte, das Mehl hatte, sondern nach der Treppe. »Da hinauf?« fragte sie. »Ja. Komm.« »Hast jetzt das Mehl da oben?« »Die Nummern, die Du brauchst, die ist da hier oben. Oder willst nicht mit?« »Mit Dir geh ich halt schon aufi.« Sie kannte das Haus von ihrer frühen Jugend her. Sie wußte, daß es allerdings oben eine Mehlkammer gebe, aber er schlug eine andere Richtung ein. Dann blieb er vor einer Thür stehen und zog den Schlüssel aus der Tasche, sie zu öffnen. »Da drin ist doch kein Mehl!« sagte sie. »Das weißt noch?« »Ja. Das ist meiner Muttern ihre gute Stuben gewest. Oder nicht?« »Ja, und der meinigen Muttern ihre auch. Komm hereini. Brauchst Dich nicht zu fürchten.« Als er die Stube öffnete, war es dunkel in derselben, denn der Fensterladen war verschlossen. Er machte das Fenster auf und öffnete ihn, und nun drang das Morgenlicht hell und freundlich in den Raum, der demselben Jahre lang verschlossen gewesen war. Die Mühle lag an einem Damme, nach welchem dieses Fenster führte. Obgleich man, um in diese Stube zu gelangen, eine Treppe hoch steigen mußte, konnte man doch von dem Damme aus, welcher höher lag als die Hausthür, ganz leicht in dieses Fenster steigen. Der Raum war sehr altmodisch ausgestattet. Ein einziges Bild hing an der Wand, das Bild einer Frau, deren Gesichtszüge auf große Herzensgüte schließen ließen. Der Müller deutete auf das Kanapee und sagte: »Setz Dich nieder, Liesbetherl. Ich will Dir Etwas suchen.« »Was denn?« »Das, was ich Dir heut zum Namenstag geben will, weil ich gestern nicht zu Dir konnt hab.« »Das ist nicht nöthig, Wilhelm. Brauchst mir nix zu schenken. Ich weiß dennerst, daßt mich nicht vergessen hast.« »Nein. Ich muß thun, was mir die Muttern sagt hat, bevor sie storben ist.« Er öffnete eine Truhe und nahm ein kleines Kästchen aus derselben. Mit dem Letzteren setzte er sich neben Liesbeth auf das Kanapee und öffnete es. »Schau Dir mal an, was da drinnen ist,« sagte er. »Hier, nimms in die Hand; da hasts nähern.« Es waren zwei einfache Goldringe und sodann eine goldene Kette, an welcher zwei Doppellouisd'ors und drei Henkelducaten hingen. »Ein Schmuck!« sagte sie. »Wohl von der Deinigen Muttern?« »Ja.« »Das ist ein heilig Andenken, Wilhelm. So was muß man gut und sauber verwahren. Da hängt ein großer Segen daran.« »Meinst?« »Ja. Von der meinigen Muttern hab ich gar nix erhalten. Es ist nix übrig blieben, weil die Eltern arm worden sind.« Es war ein fast mitleidiger Blick, welchen er auf ihr hübsches, ernstes Gesicht warf. »Ja, Du hast nix geerbt von dera Muttern. Nicht mal ein Ringerl oder ein Kreuzerl. Und doch sollst gern was haben, woran ein Muttersegen hängt. Ich schenk Dir die Ketten und auch die Ringerln!« »Wilhelm!« rief sie wie erschrocken. »Willsts wohl nicht?« »O, so was nimmt man schon gern; aberst Du darfsts nicht verschenken.« »Warum nicht?« »Eben weils von Deiner Muttern ist.« »Nun, sie hat mirs erlaubt, dies zu geben.« »Mir?« »Ja, grad Dir.« »Wie könnt ich das glauben!« »Wann ichs Dir sag, so ists halt wahr. Schau, diese Ketten hat die Muttern tragen, als sie Braut gewest ist, einen Ring auch und den andern aberst der Vatern. Ich schenks Dir, doch mußt auch mir den einen Ring tragen lassen.« Sie blickte ihn forschend an; dann plötzlich flog eine tiefe, glühende Röthe über ihr Gesicht. Fast hätten ihre zitternden Händchen das Kästchen fallen lassen. Er wartete eine Weile. Sie hielt das Kästchen in der einen Hand und hatte die andre in holder Scham an das Gesicht gelegt. Er zog diese Hand von ihrem Gesichtchen sanft fort und fragte: »Willsts haben, Liesbetherl?« »Nein,« hauchte sie. Er senkte den Blick seiner treuen, blauen Augen in die ihrigen. Sie wendete sich ab. »Magsts wirklich nicht haben, Liesbetherl?« wiederholte er, leiser als vorhin. »Nein, Wilhelm.« »Gar nicht?« »Nie!« Da nahm er das Kästchen wieder aus ihrer Hand, that es in die Truhe und verschloß dieselbe. Dann trat er zu dem Bilde heran und sagte: »Hasts gehört, meine gute Muttern? Ich hab sie so sehr lieb. Du hasts wußt. Sie aberst mag nicht. Nun wird keine Andre Dein Ketterl erhalten und die Hochzeitsringerln dazu. Es kommt keine Müllerin in diese Mühlen, und Dein armer Wilhelm wird allein mahlen, bis er nachher zu Dir kommt. Grüß mir den Vatern!« Er zog den Laden wieder zu und schloß auch das Fenster. Es war wieder dunkel in der Stube geworden. Er ging nach der Thür und öffnete dieselbe. Draußen fiel das Licht in sein Gesicht. Sie sah, daß ihm die Thränen in den Augen standen. »Liesbetherl, komm! Ich will Dir das Mehl einimessen.« Sie antwortete nicht, und sie bewegte sich auch nicht. »Liesbeth!« Auch jetzt blieb sie still. Da trat er wieder zurück und auf sie zu. Sie fuhr vom Kanapee empor, schlang die Arme um ihn und sagte unter ausbrechendem Weinen: »Wilhelm, ich darf nicht.« »Warum nicht?« »Ich weiß nicht.« »Wann Du weißt, daßt nicht darfst, so mußt auch wissen, warum nicht.« »Nein, ich weiß es nicht.« »Wohl weilt mich nicht lieb hast?« »Ich Dich nicht lieb? O, wie so sehr, wie so sehr! Ich hab Dich schon als kleines Dirndl lieb habt, und noch jetzund träum ich davon, daß ich Deine Müllerin bin. Aberst ich bin nicht so wie Du.« »Das versteh ich halt nicht. Wie meinst das?« »Ich find die richtgen Worten auch nicht, es Dir zu sagen. Es ist was zwischen Dir und mir, was uns nicht zusammenkommen laßt. Weißt, von dem meinigen Vatern.« »Du, da thust Deinem Vatern ein großes Unrecht und Herzeleid an. Er ist der bravste Mann, den es nur geben kann.« »Und doch liegt was auf uns – – –« »So ists von meiner Muttern! Du weißts, und auch Andre wissens, aberst Niemand wills mir sagen. Wilhelm, wannt mir das Kästerl schenken willst, so soll ich Deine Müllerin werden. Ich bin ein arms Dirndl, aberst ich weiß, daß ich eine brave Frau sein werd und auch fleißig und ordentlich. Das ist fast auch wie ein Geld. Also wegen dera Armuthen sag ich nimmer nein. Aberst wannt mir so ein großmächtiges Vertrauen schenkst, daß ich Deine Frau werden soll, warum schenkst mir da nicht auch das Vertrauen, mir zu sagen, wast von meiner Muttern weißt?« »Weils Dir nix nützen kann.« »Dir aber auch nicht. Ich hab Dich lieb, Wilhelm, und ich mag niemals keinen Andern; aber erst wann ich weiß, woran ich mit der Muttern und dem Vatern bin, nachhero kann ichs Dir sagen, ob ich das Kästle annehmen darf.« »Darauf bleibst bestehen?« »Fest und sichern!« »Nun wohl, so will ichs Dir sagen.« Er zog sie neben sich auf das Kanapee nieder. Obgleich er sie nicht umarmt hielt und ganz wie ein Fremder an ihrer Seite saß, bat sie dennoch: »Magst den Laden nicht wiedern aufimachen?« »Jetzund noch nicht. Das, was ich Dir verzählen will, laßt sich am Besten in dera Dunkelheit sagen.« »Ists so schlimm?« »Schlimm? Nein, wohl nimmer, aber traurig ists, sehr traurig. Liesbetherl, Du denkst, Deine Muttern sei storben; aberst sie ist nicht todt.« »Herrgott! Ists wahr?« »Ja.« »Wo ist sie, wo?« »Das weiß kein Mensch.« »Auch dera Vatern nicht?« »Nein.« »Warum forscht er nicht nach ihr?« »Sie ist ihm untreu worden und auf und davongangen, in die weite Welt.« »O Jesus!« »Sie hat das ganze Vermögen mitnommen und ihm nur viel Schulden hinterlassen.« »Mein Vätern! Mein armer Vatern!« »Und dera Silberbauern hat sie verführt.« »Der? Der und immer wieder Der!« »Soll ichs Dir verzählen?« »Ja, thu es! Ich muß es wissen.« »Schau, das ist so: Meine Muttern ist Deinem Vatern so sehr gut gewest, aberst er hat nur Augen für Deine Muttern gehabt, die sehr schön gewest ist, aber lüderlich und leicht, meine Muttern aber nicht hübsch. Sie hat dann später meinen Vatern genommen und sich mit ihm ganz gut zusammenfanden und bis an sein End glücklich mit ihm gelebt. Dann hat sie sehen müssen, wie es Deinem Vatern ergangen ist, und ihre alte Lieb ist wieder erwacht. Die hat Dich so lieb gehabt und mir noch auf dem Sterbebett geboten, Dich zur Müllerin zu machen, wannt mich nur haben willst.« »Und Du mich aberst nicht?« »Was denkst! Sie hat ja wußt, wie lieb ich Dich hab. Doch ich wollt ja von Deiner Muttern reden. Hier in diesem Haus war sie geboren, und hier hat Dein Vatern sie kennen lernt. Er war ein hübscher Kerlen, und sie war ihm gut, wie eben ein leichtes Dirndl einem Burschen gut ist. Daß sie ihn nicht nehmen sollt, das hat sie nur in dieser Lieb bestärkt. Freilich bessern für ihn wärs gewest, sie hätt ihn nehmen dürfen; dann hätt sie ihn wohl nicht genommen, und es war ihm alles spätere Herzeleid erspart geblieben. Der Silberbauern war in dera unteren Mühlen und stellte ihr nach. Ihr Vatern wollte, daß sie diesen nehmen solle, aber grad darum hat sie ihn nicht mocht. Da ists zum Kampf kommen zwischen denen beiden Nebenbuhlern, und das hat Deinem Vatern den Arm kostet. Der Claus ist zwar einisperrt worden, doch hat die Magd in dera unteren Mühlen sagt, daß er grad um dieselbige Zeit daheim gewest sei, und das hat ihn wieder frei gemacht.« »Bis hierher weiß ichs auch.« »Aberst weitern nicht?« »Daß der Vatern die Muttern heirathet hat.« »Das hat sie nur than, weil sie den obstinaten Charactern gehabt hat. Ihr Vatern hat Ja sagen müssen und Amen zu dieser Heirath; aberst er hat auch dafür sorgt, daß nachhero die Mühlen und Alles Deiner Muttern gehört hat und nicht Deinem Vatern. Der Claus ist in die Fremde gangen und für eine lange Zeit verschwunden gewest. Aberst plötzlich ist er wieder kommen und wieder Knappe worden in dera unteren Mühlen. Von jetzunder nun beginnt das eigentliche Unglück Deines Vaters. Der hatte nur den einen Arm noch. Damals, als er unter das Rad kam, das hat ihn gar arg mitgenommen gehabt. Er ist nimmer so frisch und gesund gewest wie vorher. Der Claus aberst, der spätern Silberbauern, hat sich in deren Fremde eine hübsche Gesichtsfarben geholt und einen festen, kräftigen Körpern. Er ist immer um die obern Mühlen herumischlichen, bis er sie troffen hat, und als sie nun so mit nander sprochen haben, da hat er ihr wohl viel bessern gefallen als ihr Mann, der um sie zum Krüppeln worden ist.« »Der arme Vatern!« klagte sie. »Hast Recht. Und Du kannst Dir halt denken, daß es nicht bei diesem ersten Zusammentreffen blieben ist, sondern sie sind nachher oft wiedern zusammenkommen, erst draußen im Wald und nachhero sogar in dera Mühlen, hier da, wo wir sitzen.« »Das – das ist ja eine Sünde!« »Was fragen solche Leut darnach, obs eine Sünden ist oder nicht? Sie thuns eben.« »Und habens die Nachbarn gemerkt?« »Erst nicht, aberst nachhero, als die Beiden nicht mehr so vorsichtig gewest sind, da hat man erst leis gesprochen, dann lauter und immer lauter, bis es öffentlich worden und vor die Ohren Deines Vaters kommen ist. Na, da kannst denken, was er dacht und than hat. Am Abend, als der Claus wiederum hier durchs Fenstern einistiegen war, da ist Dein Vätern dazu kommen.« »Herrgott! Was wirds da geben haben!« »Ja, was es da geben hat, davon weiß halt kein Mensch was. Aberst am andern Morgen hat Dein Vatern im Fiebern gelegen und ganz irr sprochen. Denn weißt, er hat Deine Muttern so sehr lieb gehabt, und Ihr beiden Kindern seid so kleine, arme Wurmerln gewest. Deine Muttern hat sich nicht um ihn und nicht um Euch kümmert.« »Davon hab ich ja gar niemals was wußt.« »Da schaust eben, was Dein Vatern für ein edler Charactern ist, trotzdem er verachtet wird, und daß er Deine Muttern so lieb habt hat, daß er nicht mal jetzt ihr bei Dir einen Schaden hat machen wollt.« »Und wie ists nachhero worden?« »Noch viel schlimmern» »Du lieber Herrgott!« »Ja. Als Dein Vatern so todtkrank dagelegen hat, da ist plötzlich Einer kommen, der hat zeigt, daß er die Mühlen kauft hat mit Allem, wie es steht und liegt, und der kranke Müllern must augenblicklich heraus und fort.« »Das ist doch gar nicht möglich!« »O doch!« »Ein Weib kann doch nix verkaufen ohne den Mann!« »Gewöhnlich, ja. Aber der alte Müllern hats so gemacht, daß sie hat machen konnt, was sie wollt hat. An Stelle des Mannes ist ein andrer Vormund gewest, und der hat halt den Kauf gebilligt. Dein Vater hat heraus gemußt.« »Und die Muttern?« »War verschwunden.« »Du großer Himmel!« »Und der Claus auch, mit ihr.« »Wohin?« »Kein Mensch weiß es. Aberst vom Claus redet man heut, daß er in der Türkeien gewest ist.« »Was hat denn da der Vatern anfangt?« »Der ist viel kränkern worden und ins Bezirkshaus kommen. Der Arzt hat sagt, er muß einen Schlag auf den Kopf erhalten haben. Erst viel spätern ist er wieder so worden, wie er heut noch ist.« »Und wir Kindern?« »Nun, Euch hat meine Muttern zu sich genommen, bis Dein Vatern Euch zurückgefordert hat.« »Die Gute!« »Ja, darum hat sie Dich so lieb habt wie ihr eigenes Kind. Dein Vatern hat seitdem eine ganz eigene Vorliebe zu der Waldblößen da draußen, wo er immer sitzt; Niemand weiß, warum; aber es muß doch mit jener Zeit zusammenhängen. Spätern ist dera Claus wiederkommen mit seinen zwei Kindern. Er ist indessen verheiratet gewest und sehr reich worden. Jetzt ist er der Silberbauern. So, Liesbetherl, jetzund weißt Alles.« »Ist das wirklich Alles?« »Alles, was ich weiß, ja.« »Und Niemand weiß mehr?« »Kein Mensch. Zwei wissen wohl mehr. Dein Vatern und dera Silberbauern; aberst die sagen nix.« »So muß ichs doch derfahren.« »Niemand wird Dir was sagen.« »O, ich werd keine Ruhen finden, als bis ich Alles weiß.« »Und doch mein ich, daßt nix derfahren wirst.« »Und ich weiß Einen, der mir helfen wird.« »Wer ists?« »Dera Wurzelsepp.« »Was will der derfahren haben?! Dera Silberbauern weiß das Allermeist, und der wird sich hüten, was zu sagen. Er hat stets sagt, daß er gar nicht weiß, wo Deine Muttern hinkommen ist. Er hat gar nicht wußt, daß sie fort ist; so sagt er.« »Aberst dem Sepp sagt ers.« »Nein, nein!« »Da kennst den Sepp schlecht. Der lockts aus ihm heraus.« »Ich kenn den Sepp schon lang und gut, aberst ich glaub halt nicht, daß er klüger ist, als dera Silberbauern.« »Dennerst werd ich ihn um seine Hilfen bitten. Und nachhero weiß ich noch Einen, auf dem ich mich wohl gar verlassen kann.« »Wer möcht das sein? Etwan ich?« »Nein. Auf Dich kann ich mich auf Alles verlassen im Leben und im Sterben; das weiß ich wohl. Hier aberst bist viel zu gut und ehrlich dazu. Nein, ich mein den neuen Lehrern.« »Den, ah den! Ja, ich hab gar wohl merkt, daßt auf den gar große Stucken hältst.« »Er hats auch gar verdient.« »Von wegen gestern?« »Ja.« »Wie ist denn das gewest?« »Weißts wohl noch nicht?« »Nein. Munkeln hab ich davon hören, aberst was Sicheres konnt ich nicht derfahren.« »Der Silberfritz hat mich im Wald überfallen.« »Der Hallunk! Ich derschlag ihn!« rief er zornig. »Ich sollt ihn – küssen.« »Der Hund! Ich derstech ihn!« »Ich hab mich wehrt, und er wollt mich zwingen.« »So ein verfluchtger Kerl! Ich derschieß ihn!« »Er hat mich beim Leib gehabt und fast wärs so weit kommen, daß er mich geküßt hätt.« »So ein infamer Galgenstrick! Ich verwürg ihn, und nachhero vergift und versäuf ich ihn noch obendrein!« »Da aberst ist der Herr Lehrern kommen.« »Ah! Jetzt kommt die Hilf!« »Ja. Der hat ihn hergenommen und zur Erd geworfen viele Male, als obs eine Puppen wär, und nachhero hat er ihn sogar mit dem Stock zwungen, mir die Schwammpilzerln wieder aufzuheben, die er mir ausgeschüttet hatte.« »Was that dera Silberfritz nachher?« »Er ist ausgerissen.« »Und der Lehrern?« »Er ging nach dem Dorf.« »Mit Dir?« »O nein. Ich bin gleich durch den Wald nach dera Stadt gangen, ganz allein, und hab die Schwammerln verkauft.« »Ists wahr?« »Werd ich Dir eine Lügen machen?« »Du, den neuen Lehrern könnt ich bereits lieb haben!« »Ich auch.« »Oho, das geht ja bei Dir so außerordentlich rasch!« »Bei Dir noch viel schneller! Hast ihn ja noch gar nicht sehen und bist ihm bereits schon gut.« »Du hast ihn wohl schon oft sehen?« »Gestern Abend wiedern. Er war bei uns.« »Verzähl mirs doch!« Sie erzählte ihm von dem gestrigen Besuche des Lehrers und schloß daran die Bemerkung, daß sie ihm zur Dankbarkeit verpflichtet sei und ein großes Vertrauen zu ihm habe. »Und darum willst ihn auf den Silberbauern hetzen?« »Dessen bedarfs gar nicht. Er ist schon selberst auf ihn gehetzt.« »Nun wohl, ich hab nix dagegen; aber wart jetzt noch ein Weilchen. Man muß den Mann doch erst kennen lernen.« »O, den kenn ich schon bereits ganz gut!« »Ich stimm Dir ganz bei, daß er ein braver und ganz tüchtiger Kerlen sein mag; aberst er ist noch neu. Laß ihn vorerst noch ein Wenig älter werden.« »Aberst dem Sepp darf ichs verzählen, das vom Vatern?« »Vielleicht weiß ers schon.« »Glaubs nicht.« »Er ist ja der Spezi Deines Vaters.« »Das wohl. Na, ich werd ja sehen; aber derfahren muß ich, was mit dera Muttern worden ist.« »Wann ich kann, will ich Dir gern auch dazu behilflich sein. Jetzt aberst sind wir nun fertig. Nun sag, ob ich die Truhen wiederum aufschließen soll.« Sie schwieg. »Liesbetherl, ich bitt! Antworte mir!« »Mach den Laden wiedern auf!« Er ging hin and that es. Als das Tageslicht nun wieder in die Stube fiel, trat er zur Truhe. »Soll ich?« Sie nickte. Er schloß auf, nahm das Kästchen heraus, öffnete es und hielt es ihr hin. »Da, nimm!« Sie erhob das kleine Händchen, zögerte aber doch noch. »Ists auch Dein Ernst?« »Gar sehr!« antwortete er. »Und wirsts nie bereuen?« »Niemals!« »So will ichs mit dem Herrgott wagen!« Sie nahm die Kette heraus, legte sie sich über den Busen, warf einen Blick auf die funkelnden Goldstücke herab und legte sie dann wieder hinein. »Wie? Willst sie etwan nicht behalten?« fragte er. »O ja; aberst Du sollst sie aufheben.« »Bis Du sie am Altar trägst. Nicht, Liesbetherl?« »Ja.« »So hat meine gute Muttern nun doch ihr Recht. Ich dank Dir gar sehr, Liesbetherl. Du wirst halt sehen, daß ich ein guter Mann sein werd.« »O, das weiß ich schon!« »Ich bin ein stiller, ruhiger Bub und stell mich nicht überall vornhin und obenan; aber was ich zu thun hab, das weiß ich zu thun, und so denk ich, daßt mit mir wohl gar zufrieden sein wirst.« Er hatte ihre beiden Hände ergriffen und hielt dieselben in den seinigen. »O, ich werd nicht nur zufrieden, sondern sogar glücklich sein!« sagte sie. »Grad daßt ein so Ruhiger und Bescheidentlicher bist, das gefallt mir so sehr wohl.« »Du weißt nicht, wie glücklich mich dies Wort macht, Liesbetherl. Aberst manchmal sehens die Dirndln gar nicht gern, wann man bescheiden ist.« »Ich immer!« »Was meinst? Ob ich auch jetzt bescheiden sein soll?« Sie blickte ihm ganz hell und unbefangen in das Gesicht. Aber plötzlich mochte sie errathen, was er meinte, denn sie wurde glühend roth und antwortete schnell: »Jetzt grad gar sehr!« »Aberst grad jetzt wär ich gern mal kühn gewest!« »Das ist nicht gut!« »Aberst es schmeckt so gut.« »Weißt das schon bereits?« »Ich habs hört.« »Von wem?« »Drunten von dera Barbara.« Da lachte sie hell auf, und er stimmte fröhlich ein. »Hat die denn auch mal einen Schatz habt?« »Ei freilich. Sie verzählt sogar zuweilen von ihm.« »Wer ists gewest?« »Ein Fleischerngesell. Der hat ihr ihren Lohn immer abgeborgt. Für jeden Gulden hat er einen Kuß geben. Daher weiß sie, wie es schmeckt.« »Das ist theuer! Ich thät viel weniger geben.« »Und ich viel, viel mehr.« »Wie viel?« »Für einen Kuß von Dir thät ich Dir geben – – na, was denn? Zehntausend andern!« »O Jerum! Wann thätst da fertig werden!« »Das könnt nicht lange dauern, denn ich thät da gar fleißig sein.« »Aberst wie lange ungefähr?« »Ja, wer kann das sagen, wann man es noch nicht probirt hat. Wann ich nur wüßt, obst mitmachen thätst.« »Das hat noch Zeit.« »Aberst, wann man sich liebt, muß man sich doch auch einen Kuß geben dürfen!« »Sogleich nicht.« »Der Anfang muß doch mal gemacht werden.« »In elf Wochen.« »Du mein Himmel! Da sterb ich vor lautern Appetit!« »So geh ich mit zu Grabe.« »Geh, Du hast kein Herz!« »Und Du keinen Muth!« »Was? Ich keinen Muth? Das hast nicht umisonst sagt. Jetzt wirst geküßt, und wannst eine alte Fischthranflaschen wärst!« Er hielt sie fest und küßte sie auf Stirn, Wange und Mund. Sie wehrte sich zwar, aber nicht allzusehr. Aber als er die Lippen gar nicht wieder von den ihrigen lassen wollte, schob sie ihn von sich und sagte: »Jetzt gehst nun halt! So ein gar Ungestümer brauchst derowegen nicht zu sein. Aus einer alten Fischthranflaschen trinkt man nicht so lange.« »O, noch länger, wanns so gut schmeckt.« »Dazu hab ich keine Zeiten. Ich will jetzt endlich mal mein Mehl haben!« »Ich so!« lachte er. »Das feinste?« »Nein, das billigste.« »Für zehn Thalern?« »Nein, für einen halben Thalern.« »Und backen willst heut auch?« »Freilich. Wann uns dera Lehrern gestern Abend nicht das Geld schenkt hätt, so thäten wir heut gar hungern.« »O Jagerl! So schlimm solls nicht wieder werden. Komm, Liesbetherl. Ich will Dir Dein Grobmehl einmessen.« Er machte das Fenster gar nicht zu. Es war ja das Glück hier eingezogen; darum durfte auch der Sonnenschein wieder herein. Er ergriff sie bei der Hand und führte sie hinab in die Stube, wo die alte Magd beschäftigt war. »Du Bärbel,« sagte er. »Schau Dir doch gleich mal dieses Dirndl an!« Die Alte stemmte beide Arme in die Hüften, stellte sich vor das Mädchen hin und machte die Augen weit auf. »Siehst sie?« »Ja. Blind bin ich nicht.« »Wer ist sie?« Wann er erwartet hatte, die Barbara in Verlegenheit zu bringen, so hatte er sich geirrt, denn sie antwortete: »Das sieht man ihr sogleich an.« »Nun, wer?« »Die junge Müllerin.« »Hurrah! Sie hats wahrhaftig derrathen!« »Na, daderzu gehört keine große Klugheit. Gut seid Ihr einander immer gewest, und wann Ihr volle drei Stunden droben in dera Stuben sitzt, so weiß man ganz genau, daß die Maus nun endlich mal in die Fallen schlüpft ist.« »Wer ist die Maus? Sie oder ich?« »Sie. Du aberst bist der Esel!« »Warum?« »Weilst nicht schon längst zugriffen hast. Eine Müllerin wie das Liesbetherl kannst gar nirgends bekommen. Aber wann ich nicht hier und da hätt ein Wort fallen lassen, so wärs auch heut noch nix. Der junge Hund muß oben mit dera Schnauzen hineindrückt werden in die Milch, bevor er sauft. Na, ich gratulir von ganzem Herzen und wünsch viel Glück, Gesundheit und gedeihlichen Kinder. Und nun kann dera Herren getrost kommen, der hier wohnen soll. Die junge Müllerin ist da. Kannsts dem Wurzelseppen sagen, daß hier Alles in Schuß und Ordnung ist.« »Das werd ich thun. Du aberst bekommst auch gleich Deine Arbeiten. Das Liesbetherl will nämlich backen.« »Backen?« sagte sie in sehr energischem Tone. »Damit hats einstweilen ein End.« »Meinst?« »Ja. Für die Braut backen wir hier, und wanns nachhero die Frauen ist, backts selber.« »Aberst sie braucht jetzt Brod.« »Das werd ich schonst Alles besorgen. Setzt Euch nur her, und nehmt Euch hübsch beim Kummt. Ich werd hinausgehn und das Brod besorgen.« Als sie nach einer halben Stunde hereinkam, um zu melden, daß die Liesbeth nach Hause gehen könne, und ihr die Beiden folgten, stand draußen vor der Thür der alte Esel, fast hoch bepackt. »Herrgottl!« rief Liesbeth, die Hände zusammenschlagend. »Was ists mit dem alten Peter?« »Den führst fort. Tragen kannsts doch nicht. Bringst ihn nachhero hübsch wiedern.« »Aber was hast denn aufgesackt?« »Willsts etwan auch noch wissen?« »Ja freilich.« »So horch! Vier Brode zu acht Pfund eins. Fünf Pfund Mehl. Sechs Pfund Backobsten. Drei Flaschen Milchen. Eine Flaschen Eingemachts. Zwei Pfunden Strickgarn. Ein Paar neue Pantofferln und zwanzig Ellen Hemdenzeug. Da habt Ihr für diese Woche nun genug zu essen, und wanns alle ist, so kommst wieder!« Liesbeth wollte Einspruch erheben, mußte aber mit dem alten Peter abziehen. – – – An diesem Morgen nun hatte Walther sein Amt angetreten. Der Pfarrer hatte ihn eingeführt; das heißt, er hatte ihn in die Schule begleitet und den Kindern gesagt, daß dieser Herr der neue Lehrer sei. Dann war er wieder gegangen. Walther hatte dies so gewünscht. Als sich der geistliche Herr entfernt hatte, forderte Walther die Schüler auf, ihre Gesangbücher zur Hand zu nehmen. Er fragte den Jungen, welcher der Erste in der Classe war, welches Lied gewöhnlich bei Beginn der Schule gesungen worden sei, und der Gefragte antwortete mit ernster Miene: »Auf d' Alma geh i aufi,         Es brummelt schon der Stier, Und wann er mit den Hörnern stößt,         Ists ein verfluchtges Thier.« Ein anderer Lehrer hätte über diese Frechheit den Gleichmuth verloren. Walther aber sah in die Liste, um den Namen des Jungen zu erfahren, und sagte: »Du kannst nach Hause gehen. Heut brauch ich Dich hier nicht.« Daß Einer für ein Vergehen eine solche Belohnung empfing, war noch gar nie da gewesen. Der Junge wußte gar nicht, ob er seinen Ohren trauen solle. »Geh!« wiederholte der Lehrer kurz, indem er nach der Thür zeigte. Der Bube nahm seine sieben Sachen und trollte sich schleunigst von dannen. »Na, der Neue, der ist aberst freilich ein Dummer!« erklang es von einer der letzten Bänke. »Wer sprach da?« fragte Walther. »Des Hornfriedern sein Christjörgen.« »Der kann auch für heut gehen.« Der betreffende Junge stampfte höchst beglückt ab. Dieses Strafverfahren fand den Beifall der lieben Schuljugend in solchem Grade, daß nach Verlauf der zweiten Unterrichtsstunde über die Hälfte der Kinder wegen Ungezogenheiten für heut Urlaub erhalten hatten. So war es auch am folgenden Tage. Die Kunde von diesem wunderbaren Strafverfahren des neuen Lehrers verbreitete sich schnell im Orte. Diejenigen, welche ihm wegen seines tapfern Verhaltens gegen den Silberbauer gewogen waren, schüttelten die Köpfe, die Andern aber lachten ihn aus. Am Abende des dritten Tages ging er zum ersten Male in den Gasthof, um ein Glas Bier zu trinken. Er that dies in einer ganz bestimmten Absicht, und auch, daß er zu einer Stunde ging, an welcher die meisten Gäste da waren, war eine Berechnung. Als er eintrat, richteten sich Aller Blicke auf ihn. Die früheren Lehrer hatten hier das große Wort geführt. Walther aber setzte sich, nachdem er höflich gegrüßt hatte, an die Ecke des entferntesten Tisches. Der Silberbauer war vorhanden. Er saß am großen Stammtische. Die Kratzwunden in seinem Gesicht sahen heut nicht mehr so auffällig aus. Wie es in solchen Fällen herzugehen pflegt, waren einige Minuten lang alle Anwesenden still. Als Walther sein Bier erhalten hatte und von demselben trank, sagte der Silberbauer zu einem dicken, untersetzten, stierköpfigen Gast, der ihm gegenüber saß: »Also, Hornfrieder, wie war das mit Deinem Buben, dem Christjörgen?« Alle wußten es, daß es mit dieser Frage auf den Lehrer gemünzt sei. Walther aber freute sich innerlich, daß es gerade so kam, wie er es sich gewünscht hatte. »Hasts noch nicht hört?« meinte der Gefragte. »Ja, hört hab ichs wohl, aberst glauben thu ichs nicht. Es ist auch gar so dumm!« »Ich hätts auch nicht glaubt, wanns nicht grad mein eigner Bub gewest wär. Also am Abend vorher wird ansagt, daß dera neue Lehrern am nächsten Morgen die Schul anfängt. Ich schick also den meinigen Buben hin. Er ist der Erst und Klügst in der ganzen Classen und darf also nicht fehlen. Als nun das Ding beginnt, so fragt der Lehrer den Meinigen, was für ein Lied immer in der Fruh sungen wird, und der Bub wird da vom Teuxeln geritten, daßt er ein Schnadahüpfl sagt, anstatt ein Gesangbuchsliedl.« »Welches?« fragte der Silberbauer in der Absicht, die Scene recht lustig zu machen. »Nun, Ihr kennts halt Alle. Es lautet: Auf d' Alma geh i aufi, Es brummelt schon der Stier, Und wann er mit den Hörnern stößt, Ists ein verfluchtges Thier.« Es erscholl ein allgemeines Gelächter durch die Gaststube. Die Blicke richteten sich verstohlen nach dem Lehrer. Dieser spitzte mit so gleichgiltiger Miene, als ob ihm die Sache gar nicht gelte, an einem Bleistift herum. »Und was hat da der Herr Lehrern dazu sagt?« fragte der Vorsteher. »Was meinst wohl?« »Dem Buben eine Watschen geben?« »O nein.« »Hiebe mit dem Stock?« »Auch nicht.« »Vortreten lassen zur Schand?« »O nein.« »So hat er ihn wohl ein paar Stunden länger in der Schul behalten?« »Fallt ihm gar nimmer ein.« »Was sonst?« »Das grade Gegentheil hat er than. Er hat ihn fortschickt aus der Schulen.« »Oho! Denkst, ich bin albern!« »Es ist wahr.« »Aberst mir machsts doch nicht weiß.« Da schlug der Andere mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten, und fluchte: »Donnerwettern! Wannsts nicht glauben willst, so läßts halt bleiben!« »Ja, es ist wahr!« rief ein Anderer. »Des Meinigen hat er auch heimschickt.« »Was hat denn der than?« »Den hat er fragt, wo Frankreich liegt, und dera Bub ist so kitzlich west und hat sagt, bei uns hinterm Mist.« »Na, den muß er doch durchhauen!« »Er hat ihm aber grad frei geben.« »Sollt man so was glauben!« »Ja, ich hab denkt, mein Bub macht mir was weiß, als er nach Haus kommt und sagt: Vatern, der neue Lehrern ist verrückt. Wer von dera Schul loskommen will, der muß eine Dummheiten machen.« »Das ist freilich wahnsinnig; das heißt halt grad heraus, das Vergehen belohnen.« »Die Buben und Madels merken sichs auch bereits. Heut sind nicht der Drittheil Schülern dagewest.« »Und da bekommt dera Lehrern den Gehalt!« rief der Silberbauer. »Keinen Pfennig soll er erhalten, nicht einen einzigen! Habt Ihr ihn schon auch Alle bereits einmal sehen?« Er saß nämlich mit dem Rücken nach Walthern gerichtet und that so, als ob er ihn gar nicht bemerkt habe. Rundum wurde geantwortet: »Ich nicht, ich auch nicht!« Nur einige Verständige schwiegen. »Ich möcht ihn doch mal sehen!« rief Einer. »Wer solche Dummheiten macht, der muß doch ein ganz besonderes Gesicht haben. Ja, ich thät allsogleich einen Schnaps geben, wann ich ihn sehen könnt!« »So blicken Sie gefälligst hierher zu mir!« ertönte es laut von der Ecke her. »Ich bin der Mann, von dem Sie sprachen.« Es trat eine augenblickliche Stille ein. Der Silberbauer drehte sich leicht um, that, als ob er ihn erst jetzt sehe und sagte halblaut: »Ah! Ja, das ist er freilich.« Der stierköpfige Bauer, dessen Junge den Vers gesagt hatte, lachte vor sich hin und sagte: »So! Also so schaut er aus! Hm, hm!« »Ja, so schau ich aus,« antwortete Walther. »Und ich selbst will nicht unterscheiden, ob ich dümmer aussehe als Sie. Aber das will ich fragen, ob Sie wissen, was Psychologie ist?« Alle schwiegen. »Und verstehen Sie vielleicht von der Erziehung mehr als ein Lehrer?« Da fiel der Silberbauer ein: »Ein Vatern, der Kindern hat, wird mehr davon verstehen als ein Lehrern, der keine hat.« »Leider ist dies nicht der Fall; das bemerkt man an den Kindern. Wenn die Eltern Etwas von Erziehung verständen, so würde ein Lehrer von ihren Kindern nicht solche Antwort erhalten. Ich habe meine Schüler zu lehren und zu erziehen. Wenn die Zucht bei den Eltern fehlt, hätte ich vergebliche Mühe, und dazu bin ich nicht da, und dazu werde ich auch nicht besoldet. Ich werde also die Eltern zwingen, ja zwingen, ihre Kinder anders zu erziehen, anders zu behandeln.« »Oho!« erscholl es fast allgemein. »Zwingen?« rief der Stierköpfige. »Ich wollt wohl sehen, ob ein junger Schulmeistern, der zum ersten Male in die Welt kiekt, mich zu was zwingen kann!« »Ja, gewiß! Sie, grad Sie sind wohl der Allererste, den ich zwingen werde.« »Donnerwettern!« »Ganz sicher. Kinder, welche gut erzogen sind, werden sich zu meiner Zufriedenheit verhalten; die bleiben bei mir und werden Etwas lernen. Buben aber, deren Väter Freude an den Ungezogenheiten derselben haben, jage ich fort, denn sie stören den Unterricht und stecken mir gar die Andern an. Solche Buben lernen also nichts.« »Brauchts auch nicht!« rief Einer. »Das sagen Sie jetzt aus Oppositionsgelüste. Aber wenn das Jahr herum ist und das Examen kommt, so entlasse ich Diejenigen, welche artig waren und Etwas gelernt haben; die Andern aber bleiben zu ihrer und ihrer Eltern Schande noch als Schulbuben sitzen, und wenn sie meinswegen unterdessen zwanzig Jahre alt werden sollten. Auf diese Weise zwinge ich die Eltern, darauf zu sehen, daß ihre Kinder sich zu meiner Zufriedenheit betragen.« Wieder trat eine Stille ein. Man überlegte. Der Silberbauer ergriff als der Erste das Wort: »Laßt Euch nix weiß machen, Ihr Leutln! Wann der Bub oder das Madl das Alter hat, so wirds aus dera Schulen entlassen.« »Nein, sondern wenn es Das gelernt hat, was es gelernt haben muß!« fiel Walther ein. »Oho! Ich bin der Vorstehern und werd es nie nicht dulden, daß ein Kind länger in dera Schulen gehalten wird.« »Sie werden das ebenso gut dulden, wie Sie bereits schon Anderes sich haben gefallen lassen müssen. Ich dächte, Sie wüßten nun so ziemlich, woran Sie mit mir sind. Ich befolge meine Grundsätze und weiche nicht von ihnen ab. Ein Ortsvorsteher hat mir auf diesem Felde nicht das Mindeste zu befehlen. In der Schule bin ich Herr, und wenn die Schule zu Hohenwald noch so verwahrlost ist, so werde ich doch Herr werden über alle diese räudigen Schafe. Wer von Ihnen also darüber lacht, daß ich sein Kind fortschicke, der wird später nicht mehr lachen, wenn es mit sechszehn und noch mehr Jahren noch schulpflichtig bleiben muß. Wer also sein Kind lieb hat und auf Ehre hält, der mag dafür sorgen, daß ich ihm dasselbe nicht wieder nach Hause sende. Das ists, was ich Ihnen sagen wollte. Deshalb bin ich gekommen. Wer mich nun noch auslachen und für dumm halten will, der mag es thun. Später kommen wir zusammen. Die Verständigen unter Ihnen aber bitte ich, sich ja nicht verführen zu lassen; ihre Kinder würden es unschuldig zu entgelten haben. Jetzt gute Nacht, meine Herren!« Er trank sein Bier aus, legte das Geld dafür auf den Tisch und ging, ganz unbekümmert um Das, was man nun über ihn sagen werde. Er begab sich zum Finkenheiner, um mit dessen Sohne die begonnene Zeichnenstudien fortzusetzen. Dort fand er den Müller, welcher nach seinem abgekürzten Vornamen Wilhelm in der ganzen Gegend nur der Müllerhelm genannt wurde. Beide junge Männer fanden Wohlgefallen an einander, und als der Lehrer erfuhr, daß der Müller seit heute der Verlobte der Liesbeth sei, freute er sich von ganzem Herzen über das Glück der Liebenden, durch welches ja auch der armseligen Lage des Heiners ein Ende gemacht wurde. Als er die Schankstube verlassen hatte, wurde von den Zurückbleibenden lebhaft auf ihn geschimpft. Der Allerschlimmste unter ihnen war der stiernackige Hornfrieder. »Was!« sagte er. »Ich soll der Erste sein, den er zwingen will? Der Letzt werd ich sein, der Allerletzt. Ich erziehe meinen Buben ganz so, wie es mir gefallt, und laß mir von keinem Schulmeistern darüber Vorschriften machen.« Die Debatte spann sich lange hin. Daher kam es, daß der Hornfrieder erst spät nach Hause kam und auch spät am Morgen aufstand, und zwar nicht in der allerbesten Stimmung, eine Folge des Rausches, den er mit nach Hause gebracht hatte. Als er in die Stube trat, stand sein lieber Christjörg am Tische und machte sich einen großen Papierdrachen. Die Mutter schimpfte eben darüber, daß ihr der Bube dazu einen großen Knäuel Strickgarn entwendet hatte. Der Hornfrieder sah an die Uhr. Es war grad halb Neun. »Nun, wird heut keine Schulen gehalten?« fragte er. Der Junge antwortete nicht. »Hasts gehört, Christjörgen?« »Ja.« »So thu halt das Maul auf, wann ichs wissen will!« »Schulen wird gehalten.« »Aberst ohne Dich?« »Ja. Ich hab wiedern frei.« »Warum?« »Weil der Lehrern ein Eseln ist.« Da zuckte es eigenthümlich über das Gesicht des Bauern. »So! Also ein Esel ist er? Woher weißt das?« »Weil er nicht rechnen kann. Er hat sagt, mein Exempel sei falsch, und ich hab mich mit ihm stritten, daß es richtig ist.« »So! Und da hat er Dich wiedern gehen heißen?« »Ja.« »Freust Dich wohl drübern?« »Alleweil ja!« »So freu Dich auch mal darüber! Da hast!« Er holte aus und gab ihm zwei gesalzene Ohrfeigen. Der Getroffene fuhr sich mit den Händen nach den beiden Backen und rief: »Donnerwettern! Das ist mir auch noch nicht passirt!« »Nein, das ist Dir auch noch nicht passirt; aberst von heut an kanns Dir alle Tage passiren, wannst wiedern nicht in dera Schulen bleibst!« »Hast Dich ja selberst freut darüber!« »Was? Gefreut hab ich mich? Sehr schön! Darum hast vor lauter Freuden noch zwei Watschen.« Der Christjörgen nahm die zweite Portion mit lautem Gebrüll in Empfang und schrie: »Ich bin noch nie gehaut worden und laß mich nicht versohlen! Verstanden!« »Ja, habs wohl verstanden. Sollst auch gleich die Quittung erhalten!« Er riß die Elle von der Wand, legte sich den Buben über das Knie herüber und maß ihm einige Kilometer von dem Theile ab, welcher für solche Messungen am geeignetsten ist. »Um Gotteswillen! Du haust ihn ja todt!« schrie seine Frau voller Angst. »Halts Maul! Es brauchts Niemand zu hören, daß ich den Buben verwalk. Das thät meinem Renommee schaden. So, Lausbub, da hast den letzten Hieb! Und wannst wiederum aus dera Schulen kommst, so erhältst noch viel mehr!« »Warum aber?« fragte die Frau. »Das verstehst halt nicht. Der neue Lehrern ist ein Kerlen wie dera Moltke. Wo der durch will, da geht er durch und haut den Feind. Wann der Bub ihm nicht parirt, so schickt er ihn heim, daß er nix lernen soll und nachhero nicht aus der Schulen kommt. Jetzt ist er der Erst in dera Classen. Das klingt gut und sein. Aber wie wirds dann nachher klingen, wanns heißen thut: Schaut doch mal den Hornfriedern seinen Christjörgen an! Der stellt sich im nächsten Jahr zum Militär und sitzt in der Schulen noch unter denen elfjährigen Buben!« »Na, so was wird doch nicht geschehen!« »Schweig! Sonst kriegst selberst auch Prügel! Ich laß mir den meinigen Buben nicht von Dir falsch verziehen! Hiebe muß er kriegen. Hiebe, daß die Schwarte knackt. Folgen und gehorchen muß er dem Lehrer; das verlange ich partutemang von ihm, aberst zu wissen braucht das Niemand, sonst werd ich halt ausgelacht!« Leider aber wurde er bereits ausgelacht, ehe noch der Mittag herangekommen war. Sein Christjörg hatte einem andern Buben im Vertrauen mitgetheilt, daß er heut wegen der Schule die ersten Prügel bekommen habe und zwar so, daß ihm die Lederhosen hinten angeklebt seien. Er ging mit demselben also hinter das Haus, wo die Wasserpumpe stand, knöpfte die Lederhosen oben ab und ließ sie sich voll Wasser pumpen damit sie sich von der wund geschlagenen Haut lösen möchten. Der andere Junge erzählte es schleunigst weiter, und so verbreitete sich sehr schnell im Dorfe die Nachricht, daß der neue Lehrer ganz Recht gehabt habe, denn der Hornfrieder habe seinen Christjörgen, weil der Lehrer ihn fortgeschickt habe, so wund geschlagen, daß er sich habe die Lederhosen voll Wasser pumpen lassen müssen. Für den Spott brauchte der Stiernackige nicht zu sorgen; Walther hatte abermals einen Sieg errungen. Als er zur Mittagsschule ging, begegnete ihm ein Bursche, welcher vor ihm stehen blieb, den Hut zog und ihn grüßte. »Grüß Gott, Herr Lehrern! Ich möcht gar schön bitten, daß Sie mir einen Gefallen erweisen.« »Gern. Was ists?« »Ich hab für den Herrn einen Zetteln nach dera Stadt zu tragen und weiß halt nimmer mehr, wohin er soll, ob auf die Post oder anderswo.« »Ist keine Adresse dabei?« »Ich kann halt nicht lesen, und weil ich den Herrn Lehrern so treff, wollt ich um guten Rath fragen. Nach Haus darf ich nicht wieder, um zu fragen, denn da würd ich gar schön Grobheiten erhalten.« Er zog einen zusammengefalteten Zettel aus der Tasche, schlug ihn auseinander und reichte ihn dem Lehrer hin. Dieser las Folgendes: »Telegramm. Herrn Gotthold Keller, Thalmüller bei Scheibenbad. Morgen früh elf Uhr bin ich dort. Ich mache das Geschäft.                   Der Silberbauer.« »Ach so!« sagte Walther, »Sie dienen beim Silberbauer?« »Jawohl.« »Das ist kein Brief, sondern eine Depesche. Sie müssen das Papier auf das Telegraphenamt tragen.« »Ich dank sehr schön! Behüt Gott, Herr Lehrern!« Er zog den Hut und ging weiter. Walther fühlte sich im Stillen befriedigt, daß ein Bediensteter seines Feindes ihn gegrüßt habe. Er hoffte, auf seine Weise nach und nach alle Widersacher zum Schweigen zu bringen. Er hatte keine Ahnung, wie wichtig der Umstand, daß er dieses Telegramm gelesen hatte, werden solle. Obgleich er sich keine Mühe gab, den Namen des Adressaten und den Inhalt zu merken, blieb doch jedes Wort in seinem Gedächtnisse fest. Der heutige Tag war ein sehr warmer. In dem kleinen Schullokale war es außerordentlich schwül. Walther war ein Freund des Wassers, und so beschloß er, nach dem Unterrichte ein Bad zu nehmen. Zwar wußte er nicht, ob das Wasser, welches seitwärts des Dorfes von den Höhen herabkam und nachher die Mühlen trieb, eine breitere Stelle habe, welche sich zum Baden eigne; aber er konnte doch wenigstens nach einer solchen suchen. Er schritt also zum Dorf hinaus und wendete sich nachher rechts zwischen den Feldern hindurch, dem Wasser entgegen. Da sah er auf einem Steinhaufen, welcher am Ende eines Feldraines aufgerichtet war, eine ihm fremde Gestalt sitzen. Der Mann war alt, hatte graues Haar und einen mächtigen grauen Schnurrbart. Auf dem Kopfe trug er ein kleines Hütchen, welches viele Löcher hatte, in denen allerlei Pflanzen steckten. Neben ihm lag ein alter Rucksack und ein starker Bergstock. Der Mann hatte ein Papier auf dem Knie liegen und schien zu schreiben. Je näher aber Walther kam, desto mehr überzeugte er sich, daß er nicht schreibe sondern zeichne, denn der Alte warf regelmäßig den Blick nach der Felsenhöhe, welche sich jenseits des Baches fast senkrecht gegen den Himmel hob. Diese Felsen hatten fast das Aussehen einer von Menschenhänden stammenden Ruine. Der Alte blickte sich um, als er Walther kommen hörte, griff er höflich an den Hut und grüßte zuerst. »Guten Tag auch, Herr!« »Grüß Gott!« »Schönes Wettern!« »Fast zu warm für die jetzige Jahreszeit.« »Ja, besonders wenn man eine Arbeit hat, bei der man Syrupen schwitzen möcht.« »Sie zeichnen?« »Freilich.« »Wohl den Berg?« »Den Berg mit denen Felsen. Schauns! Wie ists wohl getroffen?« Er hielt dem Lehrer das Papier hin. Dieser lächelte, als er den kindlichen Versuch einer alten, ungeübten und zugleich zitternden Hand erblickte. »Leidlich!« sagte er dennoch. Aber es mochte in seinem Tone doch eine schlimmere Censur gelegen haben, denn der Alte meinte: »Jetzunder lachens mich halt aus!« »O nein. Dazu habe ich das Recht ja nicht.« »Aberst die Veranlassung.« »Wie kommen dann Sie dazu, diese Felsen abzeichnen zu wollen?« »Weils mir gefallen. Ich will das Bild einem Bekannten geben, der sich sehr dafür verinteressiren wird.« »Nach Ihrer Zeichnung kann er sich aber kein Bild des Gegenstandes machen.« »Das glaub ich gar wohl, weil ich vom Gegenstand selberst kein Bild machen kann. Es ist doch halt zum Aergern, wenn man nix lernt hat. Ich hab schon bereits vier solche Papieren beschmiert und doch nix fertig bracht.« »Haben Sie nicht noch eins?« »Noch ein paar.« »So lassen Sie michs einmal versuchen!« »Himmelsacra! Sinds vielleicht ein Malern?« »Nein, doch zeichne ich ein Wenig.« »Aberst Zeit müssens halt auch dazu haben.« »Ich bin jetzt unbeschäftigt.« »Na, da mögens mal versuchen.« Er zog aus seinem Rucksack eine kleine Rolle Zeichenpapier hervor und gab sie ihm sammt dem Bleistift hin. Walther setzte sich nieder und begann. Der Alte schaute voller Spannung zu. Schon nach den ersten Strichen aber sagte er: »Ja, das ist ein ganz andre Geschichten! Das lauft ja wie Buttermilchen! Schau, da ist auch schon der Bergen, und nun kommen darauf die Felsen. Herr, Sie sind halt ein Malern!« »Nein.« »Was sonsten.« »Ein Lehrer.« »Verteuxeli! Heißens etwan Herr Walthern?« »Ja,« antwortete er, indem er immer weiter zeichnete. »So sinds der neue Lehrern von Hohenwald?« »Ja.« »Des gefreut mich, daß ich Sie da gleich kennen lernen thu. Das gefreut mich sehr. Ich hab von Ihnen gar viel Gutes gehört.« »Von wem?« »Von meinem Spezi, dem Finkenheiner, und seiner ganzen Familie.« »Ich habe diesen Leuten einen kleinen Dienst erwiesen, für welchen sie mir in der übertriebensten Weise dankbar sind.« »Oho! Kleiner Dienst! Das weiß ich halt schon!« »Sind Sie von hier?« »Ja und nein.« »Also aus der Nähe?« »Ja und nein.« »Oder weiter her?« »Ja und nein.« »Sie haben eine eigenartige Weise, zu antworten!« »Aberst es ist die richtige. Ich bin nämlich überall zu Haus und doch auch an keinem Ort daheim. Ich lauf im ganzen Land herum, und überall nennt man mich nur denen Wurzelsepp.« Da blickte Walther rasch von der Zeichnung auf, musterte den Alten mit einem sehr theilnehmenden Blicke und fragte: »Sie sind ein guter Jodler?« »Na, grad ein Künstlern bin ich nicht, aberst ich schrei doch noch immerst gern ein Bisserl mit.« »Das hab ich gehört.« »Von wem?« »Vom Capellmeister in Bad Scheibenbad.« »Sacra! Kennens den?« »Er ist mein Freund.« »Dort hab ich ein Conzerten mitmacht.« »Ich weiß es. Er hat mir davon erzählt. Auch vom Fex, welcher jetzt in München ist, von dem Concertmeister Rialti, dem Sie einen so großen Schalksstreich gespielt haben – –« »Ja freilich! Es ward bald Zeit, daß ich mich aus dem Staub fortgemacht hab, denn wegen dem Streichen wollt mich nachherst dera Italienern gar noch einisperren lassen. Aberst schau! Da wird das Bild ja bald fertig sein!« »Es ist nur eine flüchtige Skizze.« »So! Das ist grad ein Meisterstucken gegen die meinige Schmierereien. Na, wann ich dies am End gar behalten dürft!« »Ich zeichne es ja für Sie.« »So ists mein? Na, so merkens sich halt den meinigen Namen. Wann ich Ihnen mal wiederum einen Gefallen derweisen kann, so solls von Herzen gern geschehen. Odern lachens halt darüber?« »Gar nicht. Es kann der ärmste Bettler unter Umständen dem reichsten Fürsten einen Dienst erweisen.« »Wills meinen!« nickte der Sepp eifrig als wolle er sagen: »Ich zum Beispiel!« »Vielleicht ist das sogar gleich jetzt möglich.« »Der Dienst?« »Ja. Wenn der Finkenheiner Ihr Spezialfreund ist, so läßt es sich erwarten, daß Sie hier in der Gegend bekannt sind?« »Wie in meiner Taschen.« »Giebt es hier im Bach eine Stelle, welche sich zum Baden eignet?« »Ah, baden wollens halt?« »Ja.« »Es giebt da eine gar schöne, und wanns Ihnen recht ist, führ ich Sie hin, sobald die Zeichnung fertig ist.« »Sie wird gleich fertig sein. Ich will nur dem Baumschlag ein Wenig mehr Character geben, damit man erkennt, welche Art von Wald hier steht.« »Bei mir hat überhaupt kein Wald dastanden. Drin herumi laufen kann ich wohl, aberst ihn abzeichnen, das bring ich schon gar nicht zusammen.« Bereits nach kurzer Zeit war die Skizze fertig. Sie war sehr gut gelungen, und der Sepp war darüber so erfreut, daß er dem Lehrer auf die Achsel klopfte und dabei sagte: »Da habens mir einen Gefallen than, und zwar einen sehr großen. Bezahlen kann ichs halt nicht – – –« »O bitte!« »Aberst mein Freund, dem ichs schenken will, der ist halt gar kein so unrechter Kerlen. Wann der merkt, daß Sie so zeichnen können, so ists wohl möglich, daß er Sie auch mal aufsucht. Er kommt nächstens her.« »Er wird mir willkommen sein. Und nun bitte, zeigen Sie mir den Badeplatz.« »Sogleich.« Er verwahrte die Zeichnung sorgfältig in seinem Rucksack und führte den Lehrer dann weiter zwischen den Feldern hin. As sie um die Ecke eines solchen bogen, zeigte er nach rechts und sagte: »Dort kommt halt auch Einer, der badet hat.« »So? Ist das nicht der Silberbauer?« »Ja.« »Der badet?« »Mit Leidenschaft.« »Bei seinem Alter? Das ist selten.« »O, den hab ich schon gar oft im Wassern stehen sehen. Schwimmen freilich thut er nimmer. Er steht nur so drinnen und planschert die Armen hin und her.« Sie hatten jetzt die Felder hinter sich und gingen über saftige Wiesen. Dann kamen sie an den Bach. Sie folgten dem Laufe desselben durch bald dichtes und bald dünnes Gebüsch, bis sie an eine Stelle kamen, wo sich der Bach zu einer Art kleinen Teiches erweiterte, von zwei Seiten mit Felsen und steinigem Geröll umgeben. »Da ist der Platz,« sagte der Sepp. »Ists tief?« »Nur höchstens bis heran zur Brust. Die tiefsten Stelle ist hier, wo ich jetzt steh.« Er trat näher an das Ufer heran, bückte sich dort nieder, hob Etwas auf und sagte: »Was ist das hier? Eine Brieftaschenportföllchen. Die hat Jemand hier verloren.« Der Lehrer trat näher. »Ja,« sagte er. »Hier ist Jemand vor kurzem gewesen. Das Gras ist niedergetreten.« »Wer mags gewest sein?« »Wohl gar der Silberbauer?« »Ah! Sollte dem die Brieftaschen gehören?« »Jedenfalls haben Sie als Finder die Pflicht, hineinzuschauen, um den Namen des Besitzers dadurch zu ermitteln.« »Finder? Ich? Allein bin ichs halt nicht, Sie sind auch dabei. Da schauns hinein!« Er gab dem Lehrer die Tasche. Dieser öffnete sie. Sie enthielt werthlose Notizen über Feld- und Wieswachs und einen Brief, welcher neben dem zu ihm gehörigen Couverte in der Tasche steckte. Walther las: »Herrn Gutsbesitzer Conrad Claus in Hohenwald.« »Conrad Claus?« fragte der Sepp. »Giebts da einen?« »Ja; das ist der Silberbauer.« »Der sollt doch eigentlich als Vorsteher oder Schulzen angeredet werden. Vielleichten ist noch ein anderer Clausen gemeint.« »Das ist möglich. Ich kenne noch nicht die Namen sämmtlicher Einwohner. Vielleicht giebt uns der Inhalt des Briefes Aufschluß. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist es kein Vergehen, ihn zu lesen.« Er öffnete das Schreiben und blickte zunächst nach der Unterschrift. »Gotthold Keller, Thalmüller,« las er. »Keller? Dera Thalmüllern? Von dem ist der Brief?« fragte der Sepp. »Sappermenten! Da möcht ich, wohl wissen, was darinnen steht.« »Der Inhalt ist allerdings eigenartig,« meinte der Lehrer. »Sie sind der eigentliche Finder, und so müssen Sie es auch hören.« Er las Folgendes: »Lieber Freund. Es müssen Fremde in meinem Stuhle gewesen sein. Die Photographie fehlt mir und auch die andern Papiere. Es ist zum Teufelholen. Wenn ich nur wenigstens wüßte, ob man auch eine Geldrolle geöffnet hat, um zu sehen, was für Geld es ist. Ich muß Alles schleunigst fortschaffen, wenn ich mich und Dich nicht verrathen will. Aber ich kann nicht fort, da ich gelähmt bin. Zweitausend goldene türkische Pfundstücke macht 37000 Mark. Wenn Du mir das Gold abkaufen kannst und sogleich bezahlen, lasse ich Dir es für 80000 Mark. Du verdienst also 7000. Gieb schnell Nachricht. Dein Freund Gotthold Keller, Thalmüller.« Als Walther geendet hatte, schüttelte er den Kopf und sagte: »Wie gesagt, das klingt eigenthümlich, sogar verdächtig, möchte ich sagen!« Der Sepp stand ganz sprachlos da, mit offenem Mund, einer Bildsäule gleich. Plötzlich aber riß er dem Lehrer die Brieftasche und den Brief aus den Händen, faltete den Letztern zusammen, steckte ihn in die Erstere, machte sie zu, warf sie dahin, von wo er sie aufgehoben hatte, ergriff Walther beim Arme und zog ihn schleunigst mit sich fort, in die Büsche hinein. »Was giebts?« fragte der Lehrer, welcher über das seltsame Gebahren seines Gefährten fast erschrocken gewesen war. »Es kommt Jemand.« »Das hören Sie?« »Ja.« »Was haben Sie da für Ohren!« »Wann man immerst heraußen ist, so lernt man gut hören. Passens auf!« Sie standen hinter den Büschen versteckt und lugten nach der freien Stelle hinaus, auf welcher sie bisher gestanden hatten. Jetzt hörte auch Walther eilige und heftige Schritte. Ein Mensch kam schnell herbeigelaufen. Es war der Silberbauer. Er hatte noch unterwegs bemerkt, daß er die Brieftasche verloren hatte, und war schleunigst umgekehrt. Er brach förmlich durch die Büsche. An der Stelle angekommen, an welcher er gebadet hatte, sah er die Vermißte liegen. »Gott sei Dank, ah!« jubelte er laut auf. Er hob sie vom Boden empor, öffnete sie und sah den Brief darinnen liegen. »Ist auch noch da! So war noch Niemand hier! Na, das wird nicht wieder passiren!« Er hatte so laut gesprochen, daß die Beiden jedes Wort gehört hatten. Jetzt kehrte er um, den Heimweg einschlagend. Die Beiden warteten, bis seine Schritte verklungen waren. Dann sagte Walther: »Dahinter steckt Etwas!« »Natürlich!« lachte der Sepp. »Der Bauer ist förmlich entsetzt gewesen über den Verlust dieses Briefes. Es muß da viel auf dem Spiel gestanden haben.« »Viel Geldl.« »Vielleicht noch mehr als Geld. Ich traue diesem Manne nichts Gutes zu.« »Ich habe ihm schonst seit langen Jahren nicht traut. Und well er von dem Thalmüllern Freund genannt wird, so ist er ganz gewiß ein schlechter Kerlen.« »Kennen Sie diesen Thalmüller?« »Sehr gut. Er ist ein Schuft.« »Es muß sich um türkisches Geld handeln.« »Freilich. Der Silberbauern soll ja in deren Türkeien drin gewest sein.« »So? Wirklich?« »Ja. Vielleicht ist der Thalmüllern mit ihm gewest.« »Was mag das für ein Stuhl sein, welcher im Briefe erwähnt wird?« »Es ist dera Polsterstuhlen, auf dem dera Müllern sitzt, und den der Fex – – Sakra!« »Was?« »Jetzt hätt ich mich fast versprochen!« »Wieso?« »Ich soll doch nix sagen.« »Auch zu mir nicht?« »Zu keinem Menschen.« »Hm! Und doch wäre es vielleicht nöthig, daß Sie mir mittheilen, was Sie wissen.« »Ich darf nicht.« »Handelt es sich denn um ein Unrecht, welches Sie begangen haben?« »Hm! Einbrochen sind wir.« »O weh!« »Und stohlen haben wir.« »Sie sehen mir nicht wie ein Dieb aus!« »Nein. Ein Spitzbuben bin ich auch nicht.« »Und dennoch sind Sie eingebrochen, um zu stehlen?« »Ja. Aberst wir haben nur Das gestohlen, was dem Fexen gehört und was ihm vorher gestohlen worden war.« »Das ist derselbe Fex, welcher sich damals auf dem Concerte der Violine des Italieners bemächtigt hatte?« »Ja.« »Hm! Aus Dem, was ich über diesen jungen Mann gehört habe, ist seine Vergangenheit in ein Geheimniß gehüllt. Sollte dieselbe gar mit der Person des Silberbauern in Beziehung stehen?« »Das wäre freilich fast ein Wunder zu nennen.« »O, es geschehen täglich noch Wunder, nur daß wir die Augen und Ohren nicht genug offen haben, sie zu bemerken. Für den Herrgott ist kein Wunder zu groß. Freilich sendet er keine Propheten und Engel mehr zur Erde, um sie vollbringen zu lassen, sondern er läßt sie auf jenem Wege geschehen, welchen wir Menschenkinder so fälschlicher Weise den Zufall nennen.« »Ja, ganz denselbigen Gedanken habe ich auch. Es ist mir oft was passirt, was ich nur einem Zufall nannt hab, und wann ichs nachhero richtig betrachtet hab, so ists mir grad wie ein Wunder vorkommen. So ists wohl auch mit diesem Brief, den wir jetzt funden haben. Der Herrgott hatts gewollt, daß dera Silberbauer die Brieftaschenportföllgen mußt verlieren, damit wir hinter ein Geheimnissen kommen, von dem wir sonst keine Ahnung habt hätten. »Und dem Knechte des Silberbauern gebot er, mir zu begegnen und mir die Depesche zu zeigen, welche er fortgeschickt hat.« »Eine Depeschen?« »Ja. Der Bauer hat an den Thalmüller telegraphirt, daß er morgen Vormittags elf Uhr kommen will, um das Geschäft abzumachen.« »So will er ihm die türkischen Goldstücken wirklich abkaufen?« »Gewiß will er das.« »Himmelsakra! Da möcht ich dabei sein, wann die Beiden heimlich mit nander sprechen!« Der Lehrer blickte sinnend zu Boden. »Hm!« sagte er. »Vielleicht könnten wir doch wenigstens Etwas darüber erfahren, falls wir es schlau anfangen.« »So? Was müßten wir da thun?« »Das weiß ich noch nicht genau. Es schwebt mir jetzt nur so wie eine Ahnung vor. Vor allen Dingen müßten wir Beide uns gegen ihn verbinden.« »Da bin ich gleich dabei.« »In diesem Falle aber müßten Sie natürlich aufrichtig gegen mich sein. Ich müßte Alles erfahren, was Sie selber wissen.« »Das thät ich wohl sehr gern, aberst ich hab halt versprechen mußt, zu schweigen.« »Aber überlegen Sie sich doch, daß Sie sich mit Ihrer Mittheilung in gar keine Gefahr begeben! Ich bin ein Gegner dieses Silberbauern. Es würde mich sogar freuen, wann ich einer seiner Schändlichkeiten auf die Spur kommen könnte.« »Das glaube ich schon. Aberst ohne die Erlaubniß des Fexen darf ich halt doch nix sagen.« »Nun, ich will nicht in Sie dringen, ohne hoffen zu dürfen, daß Sie sich mir endlich mittheilen. Haben Sie jetzt noch Zeit?« »O, immer.« »So überlegen Sie sich die Sache. Ich werde jetzt baden. Wenn ich fertig bin, können Sie mit Ihrem Nachdenken so weit gekommen sein, mir endgiltig sagen zu können, ob ich das erfahren kann, was ich erfahren möchte.« »Ja, ich werd mich hier herniedern ins Gras setzen. Machens nur Ihre Sachen, Herr Lehrern.« Der Alte setzte sich hinter dem Busche nieder und schaute nicht hervor, bis er durch ein lebhaftes Plätschern überzeugt wurde, daß der Lehrer sich im Wasser befinde. Dann trat er an das Ufer heraus, um den Schwimmkünsten desselben zuzusehen. »Himmelsakra!« sagte er. »Sie sind fast beinahe so ein Schwimmern wie der Fexen selber!« »Schwamm der gut?« »Na, freilich. Der war die reine Wassermaus. Den, wanns mal hätten sehen könnt, so –« Er hielt mitten in seiner Rede inne und machte ein Gesicht als ob er über irgend Etwas ganz außerordentlich überrascht sei. »Was haben Sie?« fragte Walther. »Ich? O nix! Aberst Sie haben es.« »Was denn?« »Sie haben da doch ein schwarz Kreuzle um den Hals hängen, an dem Bindfaden.« »Ja, was ists damit?« »Von wem habens das geschenkt erhalten?« »Das weiß ich nicht.« »Na, wann Einer was hat, so muß er doch auch wissen, von wem ers hat!« »Das sollte man wohl denken. Leider aber weiß ich nicht, von wem ich dieses Kreuz habe.« »So habens es also funden?« »Nein, ich selbst bin gefunden worden, und da hat das Kreuz an meinem Hals gehangen.« Der Alte schlug die Hände zusammen und rief: »O, all ihr Himmeln da droben! Was war das nun auch für ein Wundern und Mirakeln, wann es das Kreuzle war, was ich schon so lange such!« »Sie suchen ein solches Kreuz?« »Ja. Bitt Ihnen schön, steigens heraus! Schnell, schnell! Ich kanns kaum derwarten!« »Hat es denn solche Eile?« »Ja. Aberst sagens mir vorher, ob vielleicht unten dran ein Stückle fehlt?« »Ja, da ist ein Stückchen abgebrochen.« »Du lieber Herrgotten! Vielleicht ists gar das richtige! Nun machens aber schnell, daß Sie herauskommen aus dem Wassern, sonst komme ich gar noch hineinsprungen.« Er ging wieder hinter den Busch zurück und der Lehrer stieg aus dem Wasser, um sich schnell anzuziehen. Er war damit noch nicht fertig, so stand der Sepp schon bei ihm. »Jetzt nun zeigens gleich schnell mal das Kreuzle her! Ich muß mirs anschauen!« Er griff an den Hals Walthers und betrachtete sich den kleinen Gegenstand. »Himmelsakra! Es ist schon gar dasjenige, was ich such! Ich will mich gleich mal überzeugen!« Er suchte einige Zeit lang in seinem Rucksack herum und brachte dann ein kleines, unscheinbares Päckchen hervor, welches aus lauter sorgsam über einander gewundenen Leinwandstückchen bestand, die alle einzeln wieder vielfach mit Zwirn umwickelt waren. Er wickelte und wickelte eine ganze Weile lang, bis er es geöffnet hatte. Seine Hände zitterten dabei vor Aufregung. »Endlich! Da ists!« sagte er. »Nun wollen wir gleich mal schauen ob das Stückle hinanpaßt.« Walther hatte dem Treiben des Alten natürlich mit der allergrößten Spannung zugesehen. Er sagte: »Gott im Himmel! Sollte dieses Stückchen Holz wirklich an mein Kreuz passen!« Der Sepp hatte nämlich ein kleines, schmales, schwarzes Holzstückchen aus der erwähnten Hülle hervorgebracht. Jetzt hielt er es an das Kreuz. »Hurrah, hurrah! Es paßt!« rief er dann, indem er vor Freuden einen Luftsprung that. »Es ist wirklich das Stückle, was davon abbrochen worden ist! Sie sinds, Sie sind das Buberl, was ich schon bereits seit so langer Zeit sucht hab.« »Also gesucht haben Sie mich! Dies ist ein Stückchen von meinem Kreuze. Sie müssen es also direct oder indirect von einer Person haben, welche über meine Abkunft Auskunft ertheilen kann.« »Natürlich, natürlich ists halt so!« »Wer ist mein Vater, meine Mutter? Schnell, schnell!« Er ergriff den Alten beim Arme. »Nur sachte, sacht! So schnell geht das wohl schon nicht! Das Kreuzle ist da. Ob Sie aberst auch der Bub sind, dems gehören thut –« »Der bin ich.« »Könnens das beweisen?« »So sehr, wie Sie es nur verlangen.« »Das werdens freilich müssen!« »Ich kann e, heut, sogleich, wenn Sie nur mit in meine Wohnung gehen wollen. Aber jetzt sagen Sie mir vor allen Dingen, wer meine Eltern sind!« »Das werd ich wohl nicht thun!« »Warum nicht?« »Es ist mir verboten worden. Erst, bevor ich Etwas sagen darf, muß ich derjenigen Personen, die mir das Stückle Holz anvertraut hat, meinen Bericht erstatten.« »So sagen Sie mir doch wenigstens, ob meine Eltern noch leben!« »Auch das darf ich nicht.« »Herrgott! Warum denn nicht? Es ist ja ganz ungefährlich, wenn Sie es mir sagen!« »Aberst es ist mir doch verboten, und was mir verboten ist, das darf ich nicht thun.« »So thun Sie nur schnell alles Mögliche, damit ich es baldigst erfahre!« »Das werde ich freilich thun.« »Und sagen Sie mir wenigstens, wie es kommt, daß man grad Ihnen dieses Stückchen Holz anvertraut hat! Warum haben die Betreffenden nicht selbst nach mir geforscht?« »Das weiß ich nicht.« »Sie müssen doch wissen, wo sie sich meiner entledigt haben. Oder bin ich geraubt worden?« »Nein, geraubt sinds nicht worden, so viel ich weiß. Jetzt aberst stellens sich nicht länger her in Hemden und Hosen! Ziehens auch die Westen an und denen Rock! Nachhero können wir ja auch mit nander weiter sprechen.« »Das wohl, aber ich brenne vor Begierde, Etwas zu erfahren.« »Wanns gar so lichterloh brennen, werd ich Sie sogleich hinein ins Wassern werfen!« Der alte Sepp war selber ganz weg vor Freude, daß er diesen außerordentlichen Fund gemacht hatte. Walther aber bebte so vor Aufregung, daß er fast die Knöpfe seiner Weste nicht zubrachte. »Sehens,« meinte Sepp, »das ist nun auch schon wiedern so ein Wundern, was da geschehen ist ohne Engel und Prophet. Der Herrgott weiß das Alls so schlau und geschickt anzufangen, daß man gar nimmer merkt, daß es eigentlich ein Wundern ist.« »Ja, seine Wege find unerforschlich. Wie habe ich mich gesehnt, Etwas über meine Eltern zu erfahren. Ich bin nicht so romantisch, zu erwarten, daß ich das Kind reicher oder gar hochstehender Leute sei. Ich bin herzlich zufrieden, wenn ich nur den Vater oder die Mutter finde, und wenn sie auch Bettler wären. Ich wollte für sie arbeiten Tag und Nacht, um ihnen zu zeigen, wie glücklich ich bin, zu wissen, wem ich mein Dasein zu verdanken habe.« »Nein, ein Graf oder Millionären ist Ihr Vater nicht gewest, aberst auch kein Bettlern nicht. Aberst sagens doch nun mal, was Sie halt von Ihrer Jugend wissen. Wie weit könnens sich da zurück besinnen?« »Von meinen Eltern habe ich freilich gar keine Vorstellung, denn als ich noch bei ihnen war, bin ich zu jung gewesen, als daß irgend eine Vorstellung sich in mir hätte befestigen können. Ich bin nicht viel über ein Jahr alt gewesen, als sie sich von mir getrennt haben.« »Und wo ist das gewesen?« »In der Nähe eines Dorfes bei Regensburg. Da gab es eine kleine Hütte, welche ein Tagearbeiter bewohnte, der zu einem nahe gelegenen Einödhof gehörte. Zu ihm kam eines Sonntags, als er Ruhetag hatte und in Folge dessen daheim war, ein junges, wohlgekleidetes Frauenzimmer, welches ein Kind im Arme trug. Das Mädchen bat, ein Wenig ausruhen zu dürfen, und er erlaubte es. Sie setzte sich auf die Bank vor der Thür. Er unterhielt sich mit ihr, und als sie ihn um einen Schluck Wasser bat, ging er, ihr ein Glas Milch zu holen. Als er wiederkam, war sie fort, und das Kind lag auf der Bank. Er wartete lange Zeit, aber sie kam nicht zurück, und als er sie darnach suchte, war sie nirgends zu finden. Er hat niemals wieder Etwas von ihr gehört.« »Und das Kind, das sind halt Sie gewest?« »Ja.« »War kein Papier dabei?« »Ja, es gab einen Zettel; darauf stand, daß ich nach katholischem Ritus getauft sei und Max Walther heiße.« »Weiter nix?« »Nein.« »Hm, hm! Aberst das Kreuzle war da?« »Ja, es hing an meinem Halse. Daß der Zettel vorhanden war, bewies deutlich, daß man beabsichtigt hatte, sich meiner zu entledigen.« »Und nachhero sinds halt bei dem Arbeiter blieben?« »Nein. Er war zu arm, sich mit mir zu befassen. Ich kam in die Stadt in das Waisenhaus.« »O weh!« »Was das betrifft, so habe ich keine Veranlassung, darüber Wehe zu rufen. Ich habe viel Liebe und Güte genossen, und später fand sich ein wohlthätiger Gönner, welcher mir die Mittel gab, das zu werden, was ich jetzt bin. Aber, obgleich ich mit meinem Schicksale zufrieden bin, hat mir der Gedanke an meine Eltern immer auf dem Herzen gelegen. Und jetzt stehe ich auf der ersten Stufe der Treppe, welche mich zu ihnen führen soll.« »Ja, auf dera ersten Stuf stehens schon bereits, aberst es werden halt noch viele Stuferln zu steigen sein.« »Ist es gar so schwierig?« »Schwierig wohl nimmer, aberst langweilig.« »Dauert es sehr lang, ehe Sie Ihre Erkundigungen einziehen können?« »Ja, denn die Personen, bei der ich anfangen muß, ist halt grad jetzt nicht zu haben.« »Wo ist sie?« »Verreist.« »Wohin?« »Nach Trippsdrillen, wo die Pfützen über die Weiden geht, verstanden? So fragt man nämlich den Kesselflickern aus. Wann ich Ihnen eins sag, nachhero wollens auch die Zwei wissen, und das kann ich halt nicht gelten lassen. Habens also eine Gedulden; nachhero wirds zu seiner Zeit schon ganz von selberst kommen.« »Aber Sie sehen doch ein, daß ich höchst begierig sein muß, baldigst Etwas zu erfahren!« »Eben begierig sollens halt nicht sein, sonst verderbens sich selber den Brei, und nachhero schmeckt er versalzen.« »Wie lange Zeit soll ich ungefähr warten?« »Achtzig Jahren!« »Unmöglich!« »Was? Unmöglich? Wann ich Ihnen nix sag, was wollens da dagegen machen? Warten müssens doch.« »Aber ich sterbe vor Ungeduld!« »Unsinn! An dera Auszehrungen kann man sterben, aberst nicht an dera Ungedulden. Habens nur gar keine Angsten. Der Wurzelsepp wird seine Sach schon so einrichten, daß Sie mit ihm zufrieden sind. Hier habens die Hand darauf. Topp!« Er streckte ihm die Hand hin. Der Lehrer ergriff dieselbe und sagte in dringlichem Tone: »Also Sie werden mich nicht länger warten lassen, als unumgänglich nothwendig ist?« »Keinen Augenblicken länger. Mir liegt ja selberst daran, daß diese Sachen so schnell wie möglich lauft. Und nun wollen wir sie bei Seiten legen und lieberst von dem reden, was nothwendiger ist.« »Was könnte das sein?« »Das fragst auch noch?« »Für mich giebt es nichts Nochwendigeres, als zu erfahren, wer meine Eltern sind und ob sie noch leben.« »Himmelsakra! Eben grad davon sollens ja nimmer wieder beginnen! Jetzunder reden wir nun mal ernstlich vom Silberbauern.« »Als ob wir von dem nicht schon gesprochen hätten!« »Aberst nicht genug! Jetzt handelt sichs um das Geldl, was er holen will.« »Ja; aber eigentlich geht uns dasselbe gar nichts an.« »Das scheint so; aberst ich denk mir, daß es grad für uns Beid nothwendig ist, hinter seine Schlichen zu kommen. Also wann wird er beim Thalmüllern sein?« »Morgen früh um elf Uhr.« »So werdens da das Geschäftl abschließen und hernach wird er wiedern zurückfahren.« »Ja. Sie meinen also, daß er nicht laufen wird?« »Nein. Er wirds Wagerl nehmen, damit er das Geldl gleich mitbringen kann.« »So müssen wir zu erfahren suchen, ob das Geschäft abgeschlossen worden ist.« »Das werden wir schon derfahren.« »Aber wie?« »Das könnens sich nicht denken?« »Ach, man könnte es auf verschiedene Weise erfahren. Aber welche wird die beste sein?« »Die meinige.« »Welche ist das?« »Ich fahr halt mit.« »Der wird Sie gleich mitnehmen!« »Der muß und der wird. Da kenn ich den Silberbauern schon beinahe ganz genau.« »Er muß ja darauf sehen, daß seine Sache so geheim wie möglich bleibe!« »Freilich wohl. Aberst denkens denn etwan, daß ichs so dumm anfang, daß er merkt, was ich wissen will? Gehens! So albern ist der Wurzelsepp freilich nicht.« »Nun, wie wollen Sie es denn anfangen?« »So, daß ich gar nicht mit hinfahr.« »Wie? Und soeben sagten Sie –« »Daß ich mitfahren will!« »Ja.« »Das ist auch richtig. Nämlich ich will gar nicht mit nach der Mühlen fahren, sondern ich werd unterwegs bei ihm aufisteigen, wann er auf dem Ruckweg ist.« »Ach so! Das ist freilich etwas Anderes.« »Na, sehens! Es ist ein Glück, daß er mich hier noch nicht sehen hat. Er weiß halt noch gar nicht, daß ich wiedern mal in Hohenwald bin.« »Aber er kennt Sie?« »Sehr gut. Da paß ich also morgen heimlich auf, ob er fortfahrt. Nachhero geh ich ihm entgegen bis zur Waldschänke, da, wo dera Weg steil abwärts geht. Da seh ich ihn nachhero auf dem Ruckweg den Berg herauf fahren kommen und geh gleich in die Schänk hinein.« »Wird er nicht vorüberfahren?« »Das fallt ihm gar nicht ein. Der bringts in seinem ganzen Leben nicht fertig, an dera Waldschänken vorbei zu fahren. Nachhero sitz ich drin und bitt ihn schön, mich mitzunehmen.« »Wird er das thun?« »Das ist so sicher wie Linsen. Wissens, dera Wurzelsepp ist ein armes Teuferl, aberst er hats auch da hinter den Ohren, und er wirds halt Keinem rathen, ihm so einen kleinen Wunsch abzuschlagen. Und nachhero, wann ich drin im Wagerl sitz, werd ich wohl merken, ob er das Geldl mit hat odern nicht. So eine Meng von Goldstuckerln kann man nicht in dera Westentaschen verstecken.« »Gut! Und nachher?« »Und nachhero? Nun, was solls nachhero sein?« »Was haben wir damit gewonnen, wenn wir wissen, daß er das Geld hat?« »Dann haben wir halt erstens den Beweis, daß er mit dem Müllern unter einer Decken spielt, und zweitens giebts noch was, wovon ich heut noch nicht reden will. Wann ich zuruckkomm, darf ich Sie aufsuchen?« »Ja, das versteht sich ganz von selbst. Wenn es gilt, diesem Manne hinter seine Schliche zu kommen, so bin ich gern dabei.« »Das gefreut mich sehr, denn vielleicht ists möglich, daß Sie mir dabei was helfen müssen.« »Und ich ahne, daß ich auch Ihrer Hilfe bedarf, in Betreff dieses Mannes. Kennen Sie den Feuerbalzer?« »Ja. Wie sollt ich den nicht kennen!« »Seit langer Zeit?« »Bereits schon, als er noch reich war.« »So wissen Sie auch, wie er arm geworden ist?« »Ja. Vielleicht weiß ichs noch bessern als Andere.« »Nun, wie denn?« »Da meinens, daß ichs Ihnen sag?« »Ja.« »Fallt mir nicht ein!« »Warum?« »Weils mir heut noch zu gefährlich ist.« »Ich denk, wir sind Verbündete!« »Ja freilich. Aberst trotzdem braucht der Eine dem Andern nicht gar Alles zu sagen. Ein jedes Ding hat seine Seiten, und es wird halt schon noch die Stund kommen, in der ich Ihnen Alles sag.« »Ganz, wie Sie wollen. Ich hörte, der Silberbauer habe ihn zum Spiel verführt?« »Das ist schon richtig.« »Und da hat er sein ganzes Vermögen verloren?« »Das ganze halt doch nicht. Er hat schon noch was übrig habt, aber das ist im Feuern verbrannt.« »Ja, das erzählte mir seine Frau.« »So! Hat sie es Ihnen auch bereits derzählt? Das derzählt sie allen Leutln, die sie nur derwischen kann.« »Bei dieser Erzählung fiel mir Einiges auf.« »Was?« »In Betreff des Silberbauern.« »So, so! Darf man das hören?« »Nein.« »Donnerwettern! Jetzt wollens wohl schweigen?« »Ja.« »Warum? Wir sind doch Verbündete!« »Jetzt sag ich grad so wie vorhin Sie: Es ist mir jetzt noch gefährlich, davon zu reden.« »Das ist ja die reine und richtige Rachsuchten! Das hätt ich Ihnen bei Leibe nicht zutraut!« »Wie Du mir, so ich Dir! Obs wohl viel gewesen sein mag, was damals verbrannt ist?« »Grad fünftausend Thalern.« »O weh! So eine Summe?« »Ja. Ich weiß es ganz genau. Ich war dabei. Der Balzer hatte ein Hypothekerl aufs Haus nommen und der Silberbauern hats ihm geben. Die Beid sind in die Stadt fahren, um das Geld zu holen und das Hypothekerl beim Amt festschreiben zu lassen. Nachhero beim Nachhauseweg stand ich auf der Straßen und bin mit auf den Wagen stiegen. Da hab ich Alls derfahren.« »Und später ist das Gut weggebrannt?« »Noch in derselbigen Nacht.« »Was Sie sagen!« »Ja. Ich bin niemals in dera Schänk über Nacht blieben, sondern stets bei einem Bekannten. So ein Lagern auf dem Heu kann ein Jedern einem armen Teuxeln geben. Am damaligen Abend bin ich beim Silberbauern zur Nacht blieben.« »Bei dem?« fragte der Lehrer schnell. »Hören Sie, das ist mir im höchsten Grade interessant.« »So? Warum?« »Weil – na, weil ich einen gewissen Verdacht nicht los werden kann.« »Welchen Verdacht?« »Daß das Feuer damals angelegt worden ist.« »Das hab ich auch bereits denkt, und viele Leutln habens damals grad heraus gesagt.« »Aber an den Tag ist nix gekommen?« »Gar nix.« »Waren Sie auch mit beim Brande?« »Natürlich. Wann an einem so kleinen Ort ein Feuerl ist, so rennt ja Alles hinzu.« »Und haben Sie nichts besonders Auffälliges bemerkt?« »Nein; nur daß das Feuer heiß war, hab ich merkt.« »Ich scherze nicht; ich habe meine ganz bestimmte Absicht, wenn ich Sie jetzt frage.« »So! Aberst die Absichten ist mir nicht bekannt.« »Natürlich war der Silberbauer auch mit bei dem Feuer?« »Ja. Er hat brav mit gerettet.« »War er gleich mit da?« »Nein. Bereits vor dem Feuern, so um die Mitternachten, als beim Silberbauern Alles schlief, da konnt ich keine Ruh finden. Ich hatt eine innre Aengsten, als ob was passiren wollt. Da bin ich vom Heuboden, wo ich schlafen wollt, wiedern herab gangen und in denen Garten hinaus. Da hab ich sessen im Mondenschein und so an Dieses und Jenes denkt, bis der Bauern kommen ist – – –« »Nach Hause?« »Nein. Wann er nach Haus kommen wär, da wär er doch durch die vordere Thüren herein. Er kam durch die Hinterthüren in denen Garten hinaus.« »Was hat er dort gewollt?« »Das hab ich mich auch fragt. Es ist so ein heller Mondschein west, und da hab ich sehen, daß er einen Hammern in der Hand tragen hat.« »Um Mitternacht mit einem Hammer in den Garten?« »Ja. Das hat mich auch wundert. Er hat mich nicht sehen, bis ich auf ihn sprechen hab. Da, als er mich hört und sehen hat, ist er schier verschrocken.« »Ah! Das böse Gewissen!« »Meinens? Thätens nicht auch verschrecken, wann in der Nacht plötzlich Einer auf Sie sprochen thät?« »Vielleicht.« »Na, also! Er ist fast zornig worden, daß ich noch nicht schlafen gangen war.« »So! Er schlief doch selber nicht!« »Freilich!« »Warum war er noch wach?« »Das hab ich ihn auch fragt, und er hat sagt, daß er nach dem Wassern will.« »Mit dem Hammer?« »Ja. Als ich vom Hammern sprochen hab, ist er wiedern verschrocken und hat ihn schnell in die Taschen steckt.« »Wozu hatte er ihn bei sich?« »Um Nachtangeln zu setzen.« »Mit dem Hammer? Hm!« »Ja. Er hat ihn wohl braucht, um die Holzpflöckern in die Erd zu schlagen.« »So! Dann ist er wirklich gegangen?« »Ja. Und mir hat er sagt, daß ich mich nun aufs Ohr legen soll. Das hab ich auch than.« »So haben Sie nicht bemerkt, wenn er wieder nach Hause gekommen ist?« »Nein.« »Vielleicht ist er gar nicht am Bach gewesen.« »Warum sollt er nicht? Warum sollt er mir eine Lügen macht haben? Es war gar kein Grund vorhanden?« »Vielleicht doch!« »Ich seh keinen ein. Und am Wassern, am Bach ist er ganz gewiß gewest. Das weiß ich genau.« »Woher?« »Als ich schon einschlafen gewest bin, hat man ganz plötzlich Feuern schreit. Ich bin schnell aufi und fort. Da hat dem Balzerbauern sein Gut brannt, lichterloh empor. Ich bin spät kommen, weil ich fest schlafen hatte; aberst der Silberbauern kam noch spätern, und als er kam, ist er ganz naß gewest. Also muß er doch nach dem Bach gangen sein.« »Hm hm! Und wie hat er sich beim Feuer verhalten?« »Wie soll er sich verhalten haben? Wie ein jeder Andre auch. Er hat sich mit in Reih und Glied stellt, um Wassern nach dera Feuerspritzen zu reichen. Aberst die Spritzen ist ausdorrt gewest und hat einen Sprung und Löchern gehabt, so daß mehr Wassern heraustropft ist, als man hineinthan hat. In denen Schlauch ist kein Tropfen kommen, und so hat man nicht löschen konnt, und das ganze Gut ist abibrant mit sammt deren Scheuern und Stallen.« »Und der Bauer wär beinahe auch mit verbrannt?« »Viel hat nimmer daran fehlt. Er muß sehr fest schlafen haben. Die Frau hat gar nicht wußt, daß er daheim ist, weil er noch nicht im Bett legen hat. Aber das Geldl ist ihr einifallen. Da sind ein paar brave Burschen hinauf in die guten Stuben, wo es aufbewahrt gewest ist, und da hat der Balzer besinnungslos gelegen.« »Vielleicht gar verwundet?« »Nein. Den Schlag hat er erst später erhalten, als der Balken auf ihn stürzt ist. Ihn habens gerettet; das Geld aber ist zum Teuxel gewest.« »Was war es für Geld?« »Lautern Goldstuckerln außer ein Kassenbilleterl von fünfhundert Thalern.« »Und man denkt, das Alles das verbrannt ist?« »Natürlich.« »Das Geld kann ja nicht verbrennen!« »Grad das habens sich auch denkt, und darum hat die Balzerbäurin dann streng nachsuchen lassen. Aberst es ist nix funden worden.« »Das Gold ist geschmolzen. Da aber muß es auf alle Fälle gewesen sein.« »Das denk ich halt auch; aber was hilfts wann mans denkt, und es ist doch nicht da! Die Arbeitern, welche sucht haben, sind vielleicht nicht ehrlich gewest.« »Das wäre die eine Erklärung. Aber es giebt auch noch eine andere und zwar daß das Geld vor dem Brand gestohlen worden wäre.« »Himmelsakra!« »Nun, ist das nicht möglich?« Der Sepp machte ein ganz eigenthümliches Gesicht, ein Gesicht wie Einer, dessen Gedanken man errathen hat. »Wie kommens auf dieselbige Idee?« fragte er. »Es muß ein Jeder darauf kommen, der einigermaßen nachdenkt.« »Ja freilich!« nickte er. »So haben Sie diesen Gedanken auch bereits gehabt?« »Ich bin ihn noch gar nicht los worden.« »Aber wer könnte der Dieb sein?« »Hm! Ja, wer?« »Vielleicht ist die Bezeichnung »Dieb« noch zu gelinde.« »Warum?« »Man könnte wohl auch »Mörder« sagen.« »Alle tausend Donnerwettern!« Sie standen längst nicht mehr am Bache, sondern sie waren von dort aufgebrochen und während ihres Gespräches ins freie Feld zurückgekehrt. Jetzt schritten sie über die Wiesen. Der Sepp blieb, als er die letzten Worte sprach, stehen und ergriff den Lehrer am Arme. Er machte zwar ein erschrockenes Gesicht, aber der Blick, welches er auf den Gefährten warf, sagte deutlich, daß er sich von dessen Worten eigentlich gar nicht überrascht fühle. »Es ist doch gar kein Mord vorhanden!« sagte er. »Nein, aber vielleicht ein Mordversuch.« »Was denkens eigentlich?« »Nun, ich denk mir, daß man das geschmolzene Gold hätte finden müssen, wenn es beim Ausbruch des Feuers noch vorhanden gewesen wäre. Es ist aber nicht gefunden worden, folglich – – –« Er hielt inne. Der Sepp setzte die Rede fort: »Folglich wars wohl gar nimmer da, als das Feuern losgangen ist.« »Ja. Aber wohin ists gekommen?« »Wer kann das wissen!« »Wissen kann es nur der Betreffende. Aber vermuthen kann man; Schlüsse ziehen kann man.« »Dazu hab ich halt kein Talenten.« »O doch! Ich halte Sie für einen Mann, dem man nicht leicht ein X für ein U hermachen darf.« »Meinens? Na, vielleicht habens Recht. Nachdenken kann ich halt schon, und vermuthen auch; aberst das Denken so in denen richtigen Worten sagen, das bring ich halt doch nicht fertig; dazu reichen meine sieben Universitäteln noch nicht aus.« »Gut! So wollen wir Beide denken, und ich will die Gedanken in die richtigen Worte fassen. Nehmen wir also an, das Geld sei beim Ausbruch des Brandes nicht mehr da gewesen, so müssen wir uns fragen, wohin es gekommen ist.« »Jawohl.« »Nun, was denken Sie?« Der Sepp legte den Finger an die Nase, machte ein pfiffiges Gesicht und antwortete: »Ja, wer hats gestohlen?« »Ja. Denken wir aber ja daran, daß der Bauer in der Stube gelegen hat, in welcher das Geld aufbewahrt worden ist. Weshalb ist er dort gewesen?« »Um das Geldl zu retten.« »Das ist falsch, denn wenn er das Geld hätte retten wollen, so hätte er wissen müssen, daß sein Gut brenne – – –« »Freilich!« »Dann hätte er um Hilfe gerufen, Lärm gemacht, geschrieen, gebrüllt –« »Himmelsakra! Daran habe ich gar nicht denkt!« »Seine Leute hätten ihn unbedingt hören müssen.« »Freilich, freilich.« »Sie haben aber geglaubt, er sei gar nicht zu Hause. Sie haben gar nicht gewußt, daß er sich in der guten Stube befand. Sie haben ihn also nicht gehört, und folglich hat er gar nicht gerufen. Sehen Sie das ein?« »Ja, das kann ich schon leicht begreifen, wanns mir in dieser Art und Weisen verklärt wird.« »Ich schließe folgerichtig weiter, daß er sich also nicht in der guten Stube befunden hat, um sein Geld aus dem Feuer zu retten.« Der alte Sepp hatte wohl in seinem ganzen Leben noch gar kein so gespanntes, wichtiges und aufmerksames Gesicht gemacht wie jetzt. Er stand vor der Lösung eines Geheimnisses. Was er so lange Jahre still verborgen und vielleicht ohne das richtige Bewußtsein in sich getragen hatte, das holte ihm jetzt der junge Mann mit seinen unerbittlichen und folgerichtigen Schlüssen aus der Seele heraus. Der Lehrer fuhr fort: »Der Balzerbauer hat also gar nichts vom Feuer gewußt. Warum?« »Weil er ohnmächtig wesen ist.« »Wie ist er ohnmächtig worden?« »Vielleicht vor Schreck?« »O nein. Die Nerven eines solchen Mannes halten schon einen Puff aus. Erschrecken kann er, starr sein für einige Augenblicke, ja. Aber daß er vor lauter Schreck todt hinstürzen soll, das glauben Sie wohl selbst nicht, Wurzelsepp.« »Freilich nicht.« »Also einen anderen Grund!« »Er ist vor Rauch fast erstickt?« »Auch das nicht. Diejenigen, welche das Geld haben holen wollen, hätten sich des Geldes wegen nicht in eine Stube gewagt, in welcher die Gefahr des Erstickens so groß war. Es ist Luft genug vorhanden gewesen.« »Freilich! Das Fenstern war noch nicht mal entzwei sprungen.« »Sehen Sie. Also weder vor Schreck noch vor Rauch ist der Bauer besinnungslos gewesen. Er hat seine Besinnung bereits vor dem Ausbruche des Feuers nicht mehr gehabt.« »Wie meinens das? Wie könnt das wohl der Fall gewest sein? Bevor das Feuern ausbrochen ist, ist dera Bauern doch wohl ganz frisch und gesund und muntern gewest!« »Davon bin auch ich sehr überzeugt. Wenn aber ein frischer und gesunder Mann besinnungslos am Boden liegend gefunden wird, und später bemerkt man, daß seine Hirnschale entzwei ist, was darf man da vermuthen, Wurzelsepp?« Der Blick des Alten wurde ganz starr. »Himmel und Höllen!« stieß er hervor. »Antworten Sie!« »Das ist so leicht und aberst doch auch so schwer!« »Wir sind allein, und Niemand hört es.« »Nun, Sie meinen, daß der Balzerbauern von Jemandem niedergeschlagen worden ist?« »Ja.« »Ich habs auch schon denkt – nein, nicht denkt sondern ahnt hab ichs. Aberst wanns Einem so klar und mundrecht macht wird wie von Ihnen, so könnt man gleich einen Eid thun, daß es so gewest ist.« »Nun, beschwören wollen wir es noch nicht; aber ich habe die Ahnung, daß wir uns auf dem richtigen Weg befinden.« »Aberst wir dürfen halt nicht vergessen, daß ihn der Balken verschlagen haben soll!« »Das vergesse ich auch nicht. Aber hat ihn denn der Balken auch wirklich getroffen?« »Sie sagens ja.« »Geben wir es immerhin zu. Die Hauptsache für uns ist die, daß er bereits vorher wie todt auf der Diele gelegen hat. Also ist ihm bereits früher Etwas geschehen. Und so haben wir wohl Veranlassung, anzunehmen, daß er die Kopfwunde bereits gehabt hat, als er gefunden wurde.« »Aberst wer soll ihn derschlagen haben?« »Das ist die Hauptfrage.« »Ich kann keine Antwort finden.« »Wirklich nicht?« fragte der Lehrer, indem er ihn scharf ansah. »Nein, eine richtige Antworten, die ich beweisen könnt, giebts halt nicht.« »Das glaube ich gar wohl. Aber das Gefühl geht richtiger als der Verstand. Wer sagt dem Vogel, was Nord oder Süd ist? Er weiß es nicht; er denkt gar nicht darüber nach; er folgt seinem Gefühle und findet ganz genau den richtigen Ort. Man pflegt das den Instinct zu nennen.« »Ja, das weiß ich wohl.« »Auch der Mensch handelt zuweilen auch instinctiv.« »Das hab ich auch bei mir schon merkt.« »Schön! Sie haben also auch Instinct.« »Ja, sehr.« »Nun, so nehmen Sie jetzt einmal denselben zu Rathe.« »Das wollt ich gar wohl, wanns nur nicht so gefährlich wär!« »Das begreife ich nicht.« »Nun, es giebt halt doch Sachen, die man sich wohl denken kann, aberst sagen darf man sie nimmer.« »Ich wiederhole, daß wir allein sind und daß uns kein Mensch hört.« »Das weiß ich schon. Und wann das nicht wär, so würd ich auch gar kein Wort sagt haben. Jetzt aberst will ichs gestehen, daß ich immern und immern an den Hammern denken muß.« »Den der Silberbauer damals in der Hand gehabt hat?« »Ja.« »Warum müssen Sie daran denken?« »Weil ich auch nicht so recht begreifen kann, wie er den Hammern zu denen Nachtangeln hat brauchen können.« »Auch mir ist das befremdlich. Ist er früher im Hause des Balzerbauern verkehrt?« »Alle Tagen.« »So daß er die Oertlichkeit genau gekannt hat?« »Wie der Balzer selberst.« »Hm! Warum ist er erschrocken, als er Sie im Garten bemerkte?« »Ja, und als ich den Hammern sah, verschrak er auch schon wiedern.« »Also muß er ein böses Gewissen gehabt haben. Und warum befahl er Ihnen, nun schlafen zu gehen?« »Ich sollt nicht sehen, wann er wiedern kommt.« »Oder sollten Sie nicht bemerken, daß er überhaupt gar nicht wiederkam.« »Das glaub ich halt nicht. Wiederkommen ist er. Wann er wirklich das Geld holt hat, so hat ers doch wohl nach Haus schafft. Oder nicht?« »Er wird sich gehütet haben, es in seine Wohnung zu verstecken. Nein, nein. Er hat es außerhalb derselben verborgen. Das ist gewiß. Und von dem Versteck aus ist er gleich nach dem Feuer zurückgekehrt.« »Wo mag das Versteck sein?« »Am Wasser.« »Wie? Am Bach? Warum denkens das?« »Weil er naß gewesen ist. Er muß also mit dem Wasser zu thun gehabt haben.« »Sapperloten! Daran hab ich gar nicht denkt!« »Ja, man denkt oft grad an die Hauptsache nicht.« »Und ist halt nicht ganz und gar besonderbar, daß wir grad denselbigen Gedanken haben?« »Freilich.« »Und auch denselbigen Mann im Verdacht! Nun hab ichs so lange Jahren mit mir herumitragen, und Sie habens gefunden und sind doch erst nur so ganz kurze Zeiten hier. Das ist zum Zerwundern!« »O nein. Es ist mir eben aufgefallen, als ich mit der Balzerbäuerin sprach. Uebrigens wundert es mich, daß die Behörde nicht auch auf einen ähnlichen Gedanken gekommen ist.« »Die? Ja, warum meinens das?« »Nun, hat man etwa Verdacht gehabt?« »Wegen Mord nimmer, aberst wegen Diebstahlen. Das Geld hat nämlich in einem eisernen Kastl gelegen.« »Ah, ah! Das ist ja ein neuer Anhaltepunkt! Wenn dies der Fall ist, so hätte man dies geschmolzene Geld unbedingt finden müssen, da die Goldstücke nicht zerstreut sein konnten.« »Und weil man nix funden hat, so hat das Amt denkt, daß doch ein Spitzbuben dagewest sein könnt.« »Der das Gut angebrannt hat, um den Diebstahl zu verdecken?« »Ja. Und darum hat das Amt nach dem Schein forscht und nach der Nummern, die er tragen hat. Sie ist in allen Blättern bekannt macht worden.« »Das ist gut, sehr gut. Der Dieb hat es nicht wagen dürfen, den Kassenschein auszugeben. Vielleicht hat er ihn gar noch heut im Besitz!« »Und das eiserne Kastl auch noch!« »Alles ist möglich. Alles. Und da wir einmal den ersten Schritt gethan haben, so müssen wir auf demselben Wege weiter vorwärts schreiten. Ich vermuthe, daß der Silberbauer der Thäter ist.« »Ich auch.« »Und daß er das Geld damals in der Nähe des Baches versteckt hat. Vielleicht hat er dieses Versteck noch heut in heimlichem Gebrauch. Ach, da fällt mir ein: Sie sagten doch, daß er ein fleißiger Bader sei?« »Das ist er.« »Daß er aber nie schwimme?« »Schwimmen habe ich ihn noch niemals sehen.« »Badet er stets da, wo wir heut gewesen sind?« »Oft auch am Mühlenwehr.« »Wo ist das?« »Ueber der oberen Mühlen, in welcher dera Müllerhelm wohnt. Es ist von dem Silberbauern vor langer Zeit baut worden, damit die Mühlen stets das richtige Wassern haben.« »Gehört die Mühle ihm?« »Beide, die obere und auch die untere. Er hat sie nur verpachtet.« »Giebt es nicht einen bestimmten Ort am Bache, an welchem er oft zu sehen ist?« »Nein. Einen Lieblingsort hat er halt nicht.« »Und doch kann ich den Gedanken nicht los werden, daß er sein damaliges Versteck noch heut dort hat. War, als das Balzergut niederbrannte, das Wehr bereits fertig gebaut?« »Ja, ganz fertig.« »Nun, wollen sehen. Uebrigens kommt mir da ein neuer Gedanke, der uns vielleicht zum Ziele führt. Nämlich das Geschäft, welches er morgen mit dem Thalmüller abschließen will, ist auch ein derartiges, daß er es geheim halten muß. Der Müller hat sein Geld nicht sehen lassen, und so denk ich, daß der Silberbauer es auch verstecken wird.« »Auf alle Fällen.« »Aber wohin?« »Nun, in seinem Haus. Odern – – Sapperloten, jetzt weiß ich, was Sie meinen! Wann das alte Verstecken noch da ist, so wird er das Geldl aus dera Türkeien auch dorten verbergen. Nicht?« »Ja, das hab ich gemeint.« »Nun, so brauchen wir ja nur aufzupassen.« »So? Stellen Sie sich das so leicht vor? Ich halte es für schwer?« »Warum?« »Weil wir die Zeit nicht wissen, in welcher er es verstecken wird.« »Nun, die werden wir halt schon derfahren.« »Aber wie?« »Sehr leicht. Ich paß halt auf ihn auf.« »Wollen Sie sich in seine Hausthür legen?« »Nein, sondern gleich ins Haus hinein.« »Ach so! Sie wollen ihn um Herberge bitten?« »Wird er sie Ihnen nicht versagen?« »Der? Kein Mensch versagt sie dem Wurzelsepp. Das wär ja eine ewge Schand für einen Jeden, wann er den armen Sepp von der Thür weisen thät. Nur wissen darf er freilich nicht, daß ich ein guter Freund von dem Herrn Schulmeistern bin.« »Nun, das können wir ja geheim halten.« »Ja, das müssen wir freilich. Und schauns, da hinten kommen zwei Leutln. Es ist nicht nothwendig, daß die uns beisammen sehen. Darum wollen wir uns jetzt den Abschied sagen.« »Gut. Wann sehen wir uns wieder?« »Morgen am Abend, wann ich mit dem Silberbauern wiederkommen bin. Wo wohnens halt?« »Beim Eschenbauern, wo früher der Feuerbalzer sein Gut gehabt hat.« »Wohl in dera guten Stuben?« »Ja.« »Schön! Wann ich komm, werd ich in die Hand klatschen. Nachher kommens herab zu mir.« »Und was mache ich, wann ich Sie einmal sehen will?« »Nun, da spazierens halt hinaus auf die Waldblößen zum Finkenheimer. Der wird Ihnen sagen, wann und wo ich zu finden bin. »Darf der Alles wissen?« »Nein, jetzund noch nicht. Also jetzt behüts Gott!« »Behüt Sie Gott auch!« Sie gaben einander die Hand und trennten sich. Der Wurzelsepp strich nach dem Walde hinüber, und der Lehrer nach dem Dorfe. Da er von dieser Seite kam, mußte er an dem Gute des Steinbauers vorüber. Eben als er sich demselben näherte, trat Martha aus dem Thor. Sie war heut nicht mehr die »Silbermartha«. Sie ging höchst einfach gekleidet, fast wie die Tochter eines armen Mannes. Ihr Gesicht war sehr blaß. Als die Beiden aneinander vorübergingen, zog der Lehrer den Hut, und sie nickte leicht mit dem Kopfe. Keins sprach ein Wort. Für einen Augenblick war sein Gesicht ebenso blaß geworden wie das Ihrige. Es hatte ihm einen Stich tief ins Herz gegeben, als er sie erblickte. Das war die Tochter des Mannes, den zu verderben er sich fest vorgenommen hatte. Er hatte sie geliebt mit der ganzen Gluth seiner Seele, und jetzt sann er auf ihr Verderben. Denn das Verderben des Vaters zog unbedingt auch dasjenige der Tochter nach sich. Seine Schritte wurden unwillkürlich kleiner und langsamer, und sein Blick suchte nachdenklich den Erdboden. Bald aber hob er den Kopf wieder empor. Ein Schulmeister sei ihr viel zu niedrig, hatte sie gesagt. Gut, sie sollte erfahren, daß ein Schulmeister mit der Tochter eines Verbrechers nichts, gar nichts zu schaffen hat! Es war ihm nun in diesem Augenblicke wirklich ganz so zu muthe, als ob er diesem Mädchen niemals auch nur einen einzigen seiner Gedanken geschenkt habe. Es war ihm, als ob er nie gefühlt habe, was Liebe und Enttäuschung sei. Er ging zum Pfarrer, um zu sehen, ob dieser zu Hause sei. Der geistliche Herr hatte heut nach der Kreisstadt gemußt, und Walther hatte ihn gebeten, Papier und Pastellstifte für den Elephantenhans, den Sohn des Finkenheiner mitzubringen. Er war noch nicht da, und erst als es dunkel geworden war, kam er nach der Wohnung des Lehrers, um demselben das Bestellte zu bringen. Als der Pfarrer wieder gegangen war, begab Walther sich nach der Wohnung seines Zeichenschülers. Der Heiner war bereits daheim, und die Lisbeth stand im Begriff, das Abendessen zu bereiten. Der Bruder saß am Tische und hatte ein Buch vor sich, welches der Lehrer ihm gestern geborgt hatte. Es waren die Reisen Vogels in Centralafrika. Der junge Mann hatte den Band heut mit Heißbegierde verschlungen und sich ganz besonders von den Illustrationen begeistert gefühlt. Er schob dem Lehrer, als dieser sich gesetzt hatte, ein Blatt zu, auf welchem er eine Scene aus jenen Ländern entworfen hatte. Walther betrachtete sie mit kritischem Auge und sagte dann: »Ich überzeuge mich immer mehr, daß sie eine seltene Begabung und eine außerordentliche Inclination für das Exotische besitzen. Wenn ich wüßte, daß es Ihnen recht wäre, würde ich mich mit Ihnen nach einem Sujet für eine umfänglichere Arbeit umsehen.« Die bleichen Wangen des Kranken rötheten sich bei diesem Lobe. »Bitte,« sagte er. »Suchens halt, und gebens mir eine Aufgab, an der ich eine Freud haben kann.« »Nun, ich glaube Ihren Geschmack zu kennen. Sie haben das Buch durchgelesen; der Inhalt ist Ihnen bekannt. Ein Capitel handelt von dem Tsad-See, jenem großen Wasserbecken im Sudan, an dessen Ufer sowohl die Vegetation als auch die Thierwelt in ihren riesigsten Formen vertreten ist. Krokodile, die riesigsten unter den Amphibien, bewohnen das Wasser; Löwen, Elephanten, Nashörner, Flußpferde trinken am Ufer. Gigantische Schlangen winden sich durch das hohe Gestrüpp. Und diese Ufer werden in Schatten gehüllt von Bäumen, deren Spitzen höher ragen als die Wetterfahnen unserer Kirchthürme. Palmen, Affenbrotbäume, Talha's und andere Riesen verbieten den Sonnenstrahlen den Zutritt zu der Fläche des Sees. Es ist Alles groß, erhaben, gigantisch, riesig. Eine Scene am Ufer dieses See's, das wäre ein Sujet für Sie.« Der Kranke nickte nur. Seine Augen leuchteten, seine dünnen, wächsernen Finger spielten zitternd mit dem Bleistifte. Der Lehrer fuhr fort: »Und dieses Riesenhafte müßte gemildert werden durch eine Fabel, deren Gestalten aus dem Schattendunkel leuchteten. Sie haben gelesen, daß sich ein kleines, helles, unscheinbares, liebliches Blümchen in großen Massen auf der Oberfläche des See's bewegt?« »Die heimathlose Fanna,« antwortete Hans. »Warum wird sie so genannt?« »Ich weiß es nicht.« »Nun, sie wurzelt nicht am Boden des Sees; sie lebt nur an der Oberfläche desselben und folgt der Richtung des leisesten Windes. Sie blüht also nicht an einer festen Stelle und heißt darum die heimathslose Fanna. An diese Blume knüpft sich eine Sage, von welcher sich die dortigen Eingeborenen erzählen. Auf dem Grunde des Wassers wohnt nämlich ein herrliches Meerweib von so wunderbarer Gestalt, daß kein Mensch, der sie erblickt, ihr zu widerstehen vermag. An hellen Mondnächten erscheint sie auf der Oberfläche, weiß von Farbe, wie ein Christenweib, nur noch viel herrlicher und entzückender. Rudert nun ein Jüngling über das Wasser und erblickt er sie, so ists um ihn geschehen. Er springt aus dem Kahn in ihre Arme und verschwindet mit ihr in der feuchten Tiefe – auf Nimmerwiedersehen. Seine Seele wird in eine Fanna verwandelt, in eine jener lichten Blüthen, welche heimathlos auf den Wassern treiben. So viele Blüthen als da schwimmen, so viele Jünglinge hat das Geisterweib bereits hinab in die Tiefe gezogen. Nun denken Sie sich ein Bild, eine Uferparthie des Tsad-See's vorstellend, der Mond über den riesigen Bäumen stehend, und im Wasser das Meerweib, einen Fischer ans dem Kahne ziehend. Das ist ein Entwurf, wie er besser Ihnen wohl nicht geboten werden kann.« »Ob ich es bringe!« flüsterte der Kranke. »Nein, das ist unmöglich.« »Ah!« »Ja, es ist unmöglich. Dazu gehört neben dem Genie eine jahrelange Schulung, welche Sie nicht besitzen. Aber versuchen sollen Sie es; eine Probe soll es sein, wie weit man auf Ihre Begabung rechnen kann. Und hernach, wenn es glückt, dann – –« Er hielt inne. »Dann?« fragte Hans. »Dann weiß ich Einen, der Sie ausbilden lassen wird.« »O Gott, wenn das wäre!« »Beweisen Sie, daß Sie Begabung besitzen, so wird er Ihnen seine Hand reichen.« »Wer ists?« »Der König.« Alle fuhren erschrocken auf. »Der König!« sagte der Finkenheiner. »Wo denkens hin, Herr Lehrern! Wird unser König sich mit meinem Hans abgeben.« »Warum bezweifeln Sie es?« »Weil ichs mir halt gar nicht denken kann, daß so ein großmächtger und vornehmer Herr einen Sinn für Unsereinen hat.« »Da irren Sie sich. Es giebt viele, viele vornehme Herren, welche ein echtes und rechtes Herz für das Volk haben, und bei unserm guten Könige ist dies erst gar sehr der Fall.« »Ich kann mich ab erst doch nicht drein denken. Und wie soll er von unserm Hans derfahren?« »Ich schreibe es ihm.« »Sie? Kennens ihn denn?« »Ich werde doch meinen König kennen!« »Aberst kennt er auch Sie?« »Nein. Er hat mich weder gesehen, noch jemals von mir gehört.« »Da schauns! Wanns ihm auch schreiben, so wird er das Brieferl gar nimmer lesen, sondern gleich in denen Ofen werfen oder ein Käs und Brod hineini wickeln, wann er mal spazieren geht und sein Fruhstucken in dera Taschen mitnimmt.« »Da irren Sie sich. Doch wollen wir uns in Beziehung auf diesen Punkt noch gar nicht mit Sorgen quälen. Jetzt ist die Hauptsache, daß sich unser Hans an die Arbeit macht. Ich habe hier Papier und Pastellstifte mitgebracht und werde ihm zeigen, wie man damit umzugehen hat. Und damit er einen Faden besitzt, nach welchem er sich richten kann, will ich ihm ein Gedicht dictiren über ganz denselben Gegenstand, über welchen er ein Bild anfertigen soll. Bitte, Hans, nehmen Sie Papier her, und schreiben Sie sich Folgendes auf: Die heimathlose Fanna. Es treibt die Fanna heimathlos         Auf der bewegten Fluth, Wenn auf dem See gigantisch groß         Der Talha Schatten ruht. Er breitete die Netze aus         Im klaren Mondesschein, Sang in die stille Nacht hinaus         Und träumte sich allein. Da rauscht es aus den Fluthen auf         So geistergleich und schön; Er hielt den Kahn in seinem Lauf         Und ward nicht mehr gesehn. Nun treibt die Fanna heimathlos         Auf der bewegten Fluth, Wann aus dem See gigantisch groß         Der Talha Schatten ruht.« Der Lehrer hatte keine Ahnung, welchen Einfluß dieses Gedicht, dessen Verfasser er selbst war, da er es augenblicklich improvisirte, ohne es sich merken zu lassen, auf die spätere Gestaltung seines Lebens haben sollte. Hans schrieb die Strophen nieder und erhielt dann eine kurze Unterweisung über die Anwendung der Pastellstifte. Dann trug Liesbeth das Essen auf, an welchem Walther theilnehmen mußte. Er that dies ohne Zögern, da er wußte, daß der Finkenheiner jetzt nicht mehr zu hungern brauchte. Nach dem Essen ließ Hans sich seinen Stuhl in die Stubenecke schieben, und der Lehrer begann zu erzählen. Die alte Balzerbäurin kam herauf und setzte sich auf einen Schemel, um ihm zuzuhorchen. Ihr geisteskranker Sohn war dabei. Er hockte sich gleich auf die Stubendiele nieder und verwandte kein Auge von dem Sprecher. Gegen zehn Uhr endlich verabschiedete sich Walther und erhielt von Hans das Versprechen, daß dieser gleich morgen früh mit seiner neuen Arbeit beginnen werde. Nachdem er Allen die Hand gegeben hatte, ging er. Er hatte von der Flachsdörre weg noch nicht die Dorfstraße erreicht, so hörte er einen leichten, schnellen Schritt hinter sich. Er blieb stehen und blickte sich um. Es war der verrückte Balzerbauer, der ihm nachgeeilt kam. Derselbe ergriff ihn beim Arme und flüsterte ihm zu: »Freund – guter Freund!« »Ja,« antwortete der Lehrer. »Ich bin Dein Freund, ich meine es gut mit Dir.« »Feind – böser Feind!« Bei diesen Worten deutete er nach dem Dorfe aufwärts. »Wen meinst Du?« »Feind.« »Wer ists?« »Böser Feind. Komm!« »Wohin?« »Du ihn sehen.« »Wo?« »Dort, dort!« Er deutete wieder in die bereits angegebene Richtung. Das Verhalten des Verrückten kam dem Lehrer ungewöhnlich vor. Seine Mutter hatte gesagt, daß er kein anderes Wort sage als »Nimms hin, nimms hin! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!« Und jetzt sprach er auch andere Worte. Wie kam das? War dem geistig Gestörten vielleicht gerade jetzt eine lichtere Stunde gekommen? Das mußte benutzt werden. »Ich soll mit gehen?« fragte Walther. »Komm!« Der Irre antwortete auch auf alle weiteren Fragen gar nichts, als was er bisher geantwortet hatte. Walther merkte, daß er nur das eine Verlangen habe, seinem ›guten Freunde‹; den ›bösen Feind‹; zu zeigen. Welchen Nutzen aber konnte das haben? Gar keinen. »Geh nach Haus!« sagte er darum. Aber als er Miene machte, sich abzuwenden, ergriff ihn der Wahnsinnige wieder beim Arme und bat in dringlichem, halblautem Tone: »Komm, komm!« »Warum denn?« »Licht, Licht!« Das war wieder ein neues Wort. Der Mann schien sich mehr Vorstellungen in seine geistige Nacht hinübergerettet zu haben, als man glaubte. Was aber meinte er mit dem Lichte? »Wer hat Licht?« fragte Walther. »Feind.« »Wo?« »Dort.« »Freilich hat er Licht brennen. Aber laß es doch brennen. Es stört Dich nicht. Geh nach Hause!« Walther sagte sich, daß unter dem Feinde jedenfalls der Silberbauer gemeint sei. Der Irre wollte ihm wohl zeigen, daß der Feind in seinem Gute Lichter brennen habe. Das war so eine kindische, irre Idee, wegen der man keinen Schritt zu machen brauchte. Darum wollte er den Balzerbauern von sich schieben. Dieser aber hielt sich an seinem Arme fest und sagte in wirklich flehendem Tone: »Guter Freund! Komm, komm!« »Nein. Geh!« »Feind sehen!« »Ich habe ihn schon gesehen.« Der Irre blickte ihm sinnend in das Gesicht. Jedenfalls bemühte er sich, irgend einen Gedanken zu finden. Dann sagte er: »Wasser?« Er sagte dieses Wort in so fragendem Tone, daß der Lehrer doch zu der Ansicht kam, daß es sich hier um irgend eine Idee handle, welche man festhalten müsse. Darum antwortete er: »Welches Wasser meinst Du?« »Dort!« »Den Bach?« »Wehr.« Dieses Wort durchzuckte den Lehrer wie mit einem electrischen Schlage. Wollte der Irre ihn etwa gar an das Wehr führen, an das Mühlwehr, welches der Silberbauer gebaut hatte? Sollte der Feind sich dort befinden? Befand der Irre sich im Besitze irgend eines Geheimnisses, welches er verborgen mit sich herumgetragen hatte, bis der Instinct ihm sagte, daß er jetzt einen guten Freund besitze, dem er Alles mittheilen könne? »Komm! Führe mich!« sagte er, entschlossen, mit dem Irren zu gehen. Dieser ergriff ihn bei der Hand und führte ihn fort, nicht in das Dorf hinein, sondern hinter demselben weg. Kein Wort wurde gesprochen. Das Gebahren des Irren war dasjenige eines Menschen, welcher von Niemand gehört und gesehen werden will. Das große Gut des Silberbauern lag etwas rückwärts vom Dorfe. Darum kamen die Beiden hart an dem dazu gehörigen Garten vorüber. Dieser war an dieser Stelle von einem lebendigen Zaun eingefaßt. Dort blieb der Irre stehen und blickte starr nach einem erleuchteten Fenster hinüber. »Wen suchst Du?« fragte Walther. »Feind.« »Ist er dort?« »Dort,« antwortete der Gefragte, nach dem Fenster deutend. »Nun, was wollen wir hier?« »Warten auf den Feind!« »Bis wann?« »Gehen nach dem Wehr.« Er gab alle diese kurzen, abgerissenen Antworten erst nach einer Weile nach den Fragen. Es verursachte ihm sichtlich Anstrengung, Walthers Fragen zu begreifen. Der Letztere ahnte nun, daß der Irre ganz genau wissen müsse, daß der Silberbauer heut nach dem Wehre gehen werde. Er wollte durch weitere Fragen der Fassungskraft des Geisteskranken zu Hilfe kommen, schwieg aber, denn es ließen sich leise Schritte hören. Sofort duckte sich der Irre am Zaune auf die Erde nieder. Walther wollte sich auch nicht sehen lassen und kauerte sich hart neben ihm hin. Jetzt kam der Betreffende, langsam und schleichend. Man hörte, daß er sich Mühe gab, jedes Geräusch zu vermeiden. Ganz in der Nähe blieb er stehen. Er hatte keine Ahnung, daß er nicht allein sei. Da flüsterte es neben ihm »Wurzelsepp!« Er fuhr erschrocken zusammen. »Tausendsakra! Wer ist da?« fragte er. »Ich bins.« Walther richtete sich empor. »Ah! Der Herr Lehrern! Was machens denn hier?« »Ja, was machen Sie hier?« »Ich wollt noch nicht schlafen, und da hielt ichs für das Best, mal ein Bißle lauschen zu gehen. Sie wohl auch?« »Nein. Ich bin hierher geführt worden.« »Von wem?« »Vom Balzerbauern. Hier kauert er.« Der Sepp bückte sich nieder. Da wimmerte der Irre leise und voller Angst: »Nimms hin, nimms hin! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!« »Mach keine Faxen, Balzer! Kennst mich denn nicht? Ich bin der Sepp, der Wurzelsepp!« Sofort erhob sich der Irre aus seiner kauernden Stellung und flüsterte in frohem Tone: »Freund, guter Freund!« »Ja, das bin ich, und das weißt gar wohl.« »Auch guter Freund!« Er nahm sie alle Beide bei den Händen. »Nun ja,« meinte der Sepp. »So Einer merkts gar wohl auch, wer sein Freund ist und wer nicht. Also der hat Sie herführt? Wozu?« »Er will mir seinen Feind zeigen.« »Das ist der Silberklaus.« »Wie es schien, wollte er mich auch an das Wasser führen.« »Wasser!« stimmte Balzer bei. »Hinunter zum Mühlenwehr.« »Wehr!« nickte Balzer. »Warum? Was wollens dort unten?« »Ich weiß es nicht, vermuthe aber, daß ich dort den Feind auch sehen solle, und – –« Der Irre unterbrach ihn jetzt. »Komm!« sagte er in dringlichem Tone. Dabei deutete er nach dem Fenster, welches dunkel geworden war, da man dort das Licht verlöscht hatte. Er faßte die Beiden und zog sie hinter sich her. Erst als er merkte, daß sie ihm auch freiwillig folgten, gab er sie frei. »Sonderbar!« meinte der Sepp. »Er muß eine lichte Stund haben, denk ich mir.« »Es scheint so.« »Er hat irgend eine Absichten. Wanns aberst nur auch eine gute ist.« »Ich glaube nicht, daß wir Etwas zu befürchten haben.« »So einem Verrückten darf sogar sein bester Freunden nicht trauen. Man ist niemalen sichern, ob ers ehrlich meint odern nicht. Nehmens sich also in Acht!« »Wir sind ja zu Zweien!« »Nun ja, und vielleichten ists grad gut, daß ich mit kommen bin.« Der Irre schien jetzt gar nicht auf Das, was hinter ihm gesprochen wurde, zu achten. Er schritt mit ziemlich schnellen Schritten vorwärts, zum Dorf hinaus, über die Wiesen hinüber und nach dem Flüßchen zu. Bei demselben angekommen, führte er die Beiden am Ufer entlang. Das Rauschen des Wehres war bald zu hören. Es tönte immer näher. Endlich hatte man es erreicht. Es war nicht leicht gewesen, im dunkeln Gebüsch dem Führer zu folgen. Hier aber am Wehre waren außer einem einzigen, welcher hart am Wasserfalle stand, die Sträucher abgerodet, so daß man mehrere Schritte weit zu sehen vermochte. Das Wehr stieß drüben am andern Ufer an eine steil ansteigende Felsenwand. Hüben aber war das Terrain eben, bis dahin, wo der Mühlgraben seinen Wasserinhalt auf das klappernde Mühlenrad leitete. Dort war der Mühlendamm, welcher ziemlich steil nach der Radgrube abfiel und auf welchen auch das Fenster führte, durch welches der Silberbauer früher zur untreuen Frau des Finkenheiner eingestiegen war. Da, wo das Wasser des Baches oder vielmehr des Flüßchens sich von der gemauerten Kante des Wehres in einem breiten Strahle herunterstürzte, stand der bereis erwähnte Busch dicht am Wasser, so daß er von demselben Jahr aus, Jahr ein benetzt wurde. Dort war der Irre stehen geblieben. Er deutete auf den Busch und sagte: »Hier Feind.« »Was mag er meinen?« fragte der Sepp. »Dieser Strauch ist doch kein Feind!« Das Braußen des Wehres war nicht gar zu stark. Man konnte verstehen, was gesprochen wurde. »Eine Absicht muß er mit seinen Worten haben,« erklärte der Lehrer. »Ja, aberst welche?« »Licht!« sagte der Balzerbauer. »Licht? Wo ist Licht?« fragte der Sepp. »Komm, komm!« sagte der Irre anstatt der Antwort. »Feind, Feind kommt.« Er faßte Beide beim Arme und zog sie eine kleine Strecke mit sich fort. Dort legte er sich in das Gras. »Sollte der Silberbauer kommen?« meinte der Lehrer. »Dann darf er uns nicht sehen, und wir müssen uns auch niederlegen.« Sie thaten es. Bereits nach wenigen Secunden erkannten sie eine lange, breite Gestalt, welche sich dem Strauche näherte und bei demselben stehen blieb. Es verging eine ganz kurze Zeit, dann leuchtete ein Streichholz auf, und eine keine Windlaterne wurde angebrannt. Beim Scheine derselben erkannten die Lauscher den Silberbauer. Als die Laterne brannte, bückte er sich nieder und kroch in den Busch, hinter welchem er zum großen Erstaunen der Beiden verschwand. Aber durch die Wassermasse, welche von der Höhe des Wehres stürzte, sahen sie die Laterne nachher schimmern und sich nach der Mitte des Wassers bewegen. Sodann verschwand der Lichtschein. »Feind, böser Feind!« sagte der Irre. »Habens Alles gesehen?« fragte der Sepp. »Ja,« antwortete der Lehrer. »»Er ist unterm Wassern. Ich hab denkt, da muß man gleich versaufen!« »Nicht unter dem Wasser ist er, sondern hinter demselben.« »Das begreif ich halt nimmer.« »Es ist sehr leicht zu begreifen. Das Wehr ist so gebaut, daß man hinter das Wasser gelangen kann. Haben Sie sich einmal ein Wehr genau angeschen?« »Nein.« »Gewöhnlich besteht dasselbe aus einem Mauerwerke, welches stromaufwärts sich senkrecht erhebt, um das Wasser zu stauen und in den Mühlgraben zu leiten; stromabwärts aber bildet es eine schräg abfallende Ebene, über welche das Wasser, welches nicht in den Graben geflossen ist, hinabläuft. Dieses Wehr aber bildet eine sehr starke Mauer, welche quer durch das Flüßchen errichtet ist und auf beiden Seiten senkrecht aufsteigt. Das Wasser, welches über sie hinwegläuft, stürzt dann in einem Bogen von ihr herab. Hinter diesem Bogen, also zwischen dem Wasser und der Mauer, befindet sich in Folge dessen ein hohler Raum, in den man gelangen kann. Es ist das ganz genau so wie beim Niagarafall in Amerika, hinter welchem man auch sich bewegen kann. Damit man nun nicht sehen soll, daß zwischen der Mauer des Wehres und dem Wasser ein freier Platz sei, hat der Silberbauer den Busch hergesetzt. Kriecht man unter dessen Zweigen hinein, so befindet man sich in dem genannten Raume.« »Aberst gefährlich muß das sein!« »Gar nicht, so lange die Wehrmauer hält.« »Was aber will dera Silberbauern drin?« »Das errathen Sie nicht?« »Meinens etwan, daß dies sein Verstecken ist?« »Ja.« »Sapperment! Da hätten wirs ja entdeckt!« »Mit Hilfe des Irren da.« »Der kennt es vielleicht schon längere Zeit.« »Nun möcht ich halt drin sein und zuschaun, was der Silberklaus machen thut.« »Wir brauchen das jetzt gar nicht zu sehen. Wenn er fort ist, werden wir es erfahren.« »Wollens etwan hinein?« »Natürlich. Sie nicht mit?« »Wanns halt meinen, daß ich nicht ganz versaufen thu, so gehe ich mit.« »Sie werden nicht ertrinken. Fürchten Sie das Wasser gar so sehr?« »Gar sehr nicht. Ich hab mit dem Fex Sachen macht, die ein Andrer nicht gleich wagt hätt. Aberst gefreun thuts mich außerordentlich, daß wir da hinter Dem seine Schliche kommen sind. Wann er nur erst wiedern heraußi und fort wär, damit wir gleich hinein könnten!« »So gleich können wir nicht hinein. Wir müssen erst ins Dorf zurück.« »Warum?« »Wegen einer Laterne. Ohne Licht ist es ganz unmöglich, sich dort hinein zu wagen.« »Da werd ich mich wohl hüten, ins Dorf zu laufen. Das hab ich gar viel näher.« »Wo?« »Hier in dera Mühlen.« »Wollen Sie sich eine borgen?« »Ja, bei der alten Barbara.« »Aber die darf um keinen Preis wissen, wozu wir die Laterne brauchen!« »Meinens etwan, daß ichs ihr sogleich auf die Nasen binden werd?« »Einen Grund müssen Sie doch angeben.« »Ich? Der einen Grund? Fällt mir nimmer ein. Ich hol mir eine Laterne, damit gut. Der alte Wurzelsepp hat gar viel vor, was andre Leutln nicht wissen dürfen. Das wissen halt Alle, und darum fragens mich auch nicht. Und wann die alte Bärbel gar sehr fragen thut, so sag ich ihr höchstens, daß ich ihr heut in der Nacht ihren Verstand zusammensuchen will. Dann ist sie halt still.« Jetzt schwiegen die Drei. Es dauerte eine ziemlich lange Weile, ehe sich vom Silberbauern wieder eine Spur sehen ließ. Endlich sagte der Irre: »Feind!« Das Licht schimmerte wieder durch das Wasser. Man sah, wie es sich langsam dem Rande des Falles näherte, und dann kam der Bauer aus dem Busche hervorgekrochen. Er löschte die Laterne aus, steckte sie ein und entfernte sich. »Ob er vielleicht was holt hat?« fragte der Sepp. »Es schien nicht so. Wenigstens hatte er außer der Laterne nichts in den Händen.« »So holen vielleicht wir uns was!« »Zunächst die Laterne.« »Da geh ich allein. Die Barbara braucht nicht zu wissen, daß ich nicht allein bin. Wartens halt ein paar Minuterln. Ich komm gleich wiedern.« Er ging, und es dauerte auch gar nicht lange, so kehrte er mit einer Blendlaterne zurück. »Es wird Ihnen doch Niemand aus der Mühle gefolgt sein?« fragte der Lehrer. »Nein. Kein Mensch.« »Wissen Sie das genau? Wir dürfen hier keinen Zeugen haben.« »Es ist Niemand mitgangen, denn es weiß gar Niemand, daß ich in dera Mühlen gewest bin. Der Müllern war drinnen im Gangwerk, und ich ging in die Küchen, wo die Laternen hangt. Durch die Küchenthüren sah ich die Barbara in dera Stuben sitzen am Tisch, hat die Brillen auf und schlaft wie eine Ratzen. Wanns so sitzen bleibt, wirds wohl bald anwachsen.« »So wollen wir anbrennen.« Sie steckten das Licht in Brand und begannen nun den Entdeckungsweg anzutreten. Der Lehrer hatte die Laterne in der Hand und ging voran. Er bog sich tief zur Erde nieder, schob die Aeste des Busches zur Seite und kroch hinein. Der Sepp folgte ihm. Der Irre blieb draußen sitzen. Er war wieder in seine Lethargie verfallen, in welcher ihm Alles gleichgiltig war. Als die Beiden den Busch hinter sich hatten, befanden sie sich nun unter dem Wehre, rechts die Mauer und links das Wasser, welches von derselben hernieder schoß. Hier im Innern war das Brausen stärker, doch konnte man sich verstehen, wenn man laut rief. Der Luftraum war eine Elle höher als ein Mensch. Der Boden bestand aus nassen, schlüpfrigen Quadersteinen. Grad traulich war es nicht da. Der geringste Zufall konnte den Tod des Ertrinkens oder ein Anderes Unglück nach sich ziehen. »Weiter!« rief der Sepp. Der Lehrer schritt fort, unter dem Wasser, dem andern Ufer entgegen. Als sie sich ungefähr in der Mitte des Wehres befanden, sahen sie eine hölzerne Thür, welche mit einem eben solchen Riegel verschlossen war. Sie schoben ihn zurück und öffneten. Ein kleiner, dunkler Raum blickte ihnen entgegen. Er wahr beim Bau des Wehres hohl gelassen und mit der Thür versehen worden. Sie traten ein. Das unterirdische Cabinet war nicht groß, vielleicht viertehalb Ellen hoch, sechs Ellen breit und drei Ellen tief. Darinnen befand sich zunächst ein schrankähnliches Möbel, welches verschlossen war, sodann eine Bank, ein Tischchen. An den Wänden hingen einige gleichgiltige Gegenstände. Auf der Bank lag ein eisernes Kästchen, welches ganz gewiß einmal gewaltsam aufgebrochen worden war. Der Lehrer setzte die Laterne auf den Tisch und griff sodann nach dem Kästchen. »Sollte das dasjenige sein – – –?« rief er. »Den Balzerbauern seins?« »Ja.« »Schauns nach!« Dem Gewicht nach schien es leer zu sein. Walther machte den Deckel auf. Er fand mehrere Holz- und Papierschnitzel drin unter den Letzteren ein – – – »Schaun Sie her!« jubelte er. »Was habens?« »Gucken Sie nur genau her!« »Was! Ein Kassenbilleterl!« »Zeigens her! Das ist doch eine Fünfhundert!« »Ja, fünfhundert Thaler.« »Herrgottsakra! Ists denn möglich!« »Wir sind am richtigen Orte!« »Sollts denn wirklich dem Balzerbauern sein Kassenscheinerl sein!« »Jedenfalls.« »Aberst wir kennen die Nummeri nicht.« »Die werden wir schon erfahren.« »Und was mag da in dem Schrank sein?« Der Lehrer probirte ob er zu öffnen sei. »Er ist verschlossen.« »So brechen wir ihn auf!« »Nein.« »Warum nicht? Ists etwan eine Sünden, wann man bei einem Spitzbuben einibrechen thut?« »Nein, besonders wenn man nicht stehlen will; aber die Klugheit gebietet uns, heut noch alle Gewaltmaßregeln zu vermeiden.« »Warum?« »Wir wollen warten, bis der Silberbauer morgen das andre Geld geholt hat.« »Ach so! Sie haben freilich Recht. Aberst was machen wir mit dem Banknoterl?« »Das lassen wir natürlich da.« »Was? Dalassen? Hörens, das gefallt mir nicht.« »Warum?« »Das Billeterl ist gestohlen. Es gehört dem armen Teuferl, welcher da draußen sitzt.« »Das ist sehr richtig. Aber wir dürfen den Silberbauern nicht ahnen lassen, daß wir in sein Geheimniß eingedrungen find. Darum lassen wir Alles stehn und liegen, wie es ist. Wir haben für heut genug Erfolg gehabt, indem wir diesen verborgenen Ort entdeckten. Alles, was sich hier befindet, ist – – ah, was liegt da unter der Bank?« Der Sepp bückte sich und hob den Gegenstand auf. »Herrgottle!« rief er aus. »Schauns, was das ist! Das gehört auch dazu!« »Ein Hammer!« »Ja, ein Hammern! Jedenfalls der, mit welchem er hat den Balzer verschlagen wollen.« »Zeigen Sie her!« Der Lehrer betrachtete das Werkzeug genau und meinte dann: »Vielleicht läßt es sich noch nach der Narbe bestimmen, ob ein solcher Hammer es gewesen ist, mit welchem der Schlag ausgeführt wurde. Legen wir ihn wieder her. Auch er soll hier liegen bleiben. Bis wir so viel Beweismaterial beisammen haben, daß die Last desselben den Silberbauer erdrücken muß.« »Wanns der Balzer wüßt!« »Ja, wenn er es verstehen könnte!« »Vielleicht doch!« »Meinen Sie?« »Ja. Ich an der Ihrigen Stell thät ihn mal holen. Vielleicht thät er doch den blechernen Geldkasten erkennen, und nachhero – – –« »Was, nachhero?« »Wann er nur erst was erkannt, dann kommt das Andre schon ganz selbst hinterher.« »Unrecht haben Sie freilich nicht.« »Also holens ihn mal hereini!« »So muß ich Sie im Finstern lassen.« »Für eine so kurze Zeiten gehts schon gut.« »Also warten Sie!« Er entfernte sich mit der Laterne und ließ den Sepp im Dunkel zurück. Bereits nach kurzer Zeit kam er wieder, den Irren an der Hand hinter sich her ziehend. Dieser zeigte in seinem Gesicht nicht die mindeste Spur von Angst. Das Braußen des Wassers, die Unheimlichkeit des Ortes machte nicht den mindesten Eindruck auf ihn. Walther stellte die Laterne auf den Tisch, neben den Eisenkasten, deutete auf denselben und fragte: »Kennst Du das?« Er erhielt keine Antwort. »Kennst Du diesen Kasten?« Wiederum keine Antwort. Die Augen Balzers waren auf den Schrank gerichtet. Da zog Walther ihn näher heran und hielt ihm den Kasten vor die Augen. Es änderte sich im Ausdrucke seines Gesichtes nicht das Geringste. Da nahm Walther den Hammer, hielt ihm denselben hin und fragte: »Was ist das?« Auch jetzt blieb er still. Ohne alle Absicht, höchstens nur um die Aufmerksamkeit des Indolenten zu erhöhen, erhob er jetzt den Hammer wie zum Schlage. Der Irre sah es, und sofort bemächtigte sich seines Gesichtes der Ausdruck der Unruhe, der Besorgniß. Sein Blick glitt in immer steigender Aengstlichkeit von dem erhobenen Hammer zum Kasten hin und von diesem wieder zu jenem zurück. Sein Auge gewann Leben, aber das Leben des Schreckes. Seine sonst so starren Züge bewegten sich, aber es waren die Bewegungen des Entsetzens. Seine Lippen bebten; sein ganzer Körper begann zu zittern, und dann stürzte er plötzlich in die Knie, erhob flehend die Hände und rief mit durchdringender Stimme: »Nimms hin, nimms hin, das Geld, alle fünftausend Thaler, nur morde mich nicht! Ich sag halt nix, gar nix, daß Dus gewesen bist, Silberbauer! Gnade, Gnade!« Sein Anblick war zum Erbarmen. Der Lehrer ließ den Hammer schnell wieder sinken und hob den Knieenden empor. »Stehe auf!« rief er ihm durch die rauschenden Wasser zu. »Ich thue Dir ja gar nichts!« Sobald der Irre den Hammer nicht mehr erblickte, beruhigte er sich. »Freund, guter Freund!« sagte er. »Ja, ich bin Dein Freund.« »Gut, gut, gut!« bat er. »Ja, komm, wir wollen gehen!« Er legte die Gegenstände, welche er in der Hand gehabt hatte, genau wieder so, wie sie vorher gelegen hatten, und zog dann den Irren mit sich hinaus. Der Sepp folgte und riegelte dann die Thür wieder zu. Als sie draußen angekommen waren, bliesen sie die Laterne aus. Die Entdeckung war vollendet. »Freund, gut Freund, fort!« sagte der Balzerbauer und lief davon. »Der ist halt froh, daß er heiler Haut davon kommen ist, der arme Schacherl,« meinte der Sepp. »Jetzt nun muß ich die Laternen wiedern heim tragen. Wollens mitkommen, Herr Lehrern?« »Ich denke, sie dürfen mich in der Mühle nicht sehen!« »Vorhin nicht. Jetzt aber geht es.« »So gehe ich mit.« Als sie die Thür erreichten, welche, wenn die Mühle sich im Gang befand, auch des Nachts offen zu stehen pflegte, stand die alte Barbara vor derselben. »O Jegerl, der Sepp!« sagte sie, vor Verwunderung die Hände zusammenschlagend. »Was thust denn Du noch hier bei nachtschlafender Zeit?« »Ich wollt schaun, ob mein Bärberl noch nicht müd worden ist heut.« »Ich? Müd werden? Herr Jerum, wie kann ich denn müd sein! In dem meinigen Alter schlaft man alle vier Wochen nur einmal.« »Odern alle Stunden sechsmal.« »Geh! Ich hab heut schanzt wie eine Junge. Es ist bereits nach Mitternacht; aberst ich verspür noch gar keine Müdigkeiten. Ich hab noch keine einzge Minuten sitzen können.« »Auch nicht am Tisch?« »Auch nicht.« »Mit dera Brillen auf der Nasen?« Sie stutzte, antwortete aber doch: »Was fallt Dir ein! Dazu hab ich keine Zeit.« »So ists Dein Geist gewest, der vorhin am Tisch gesessen hat, mit der Brillen auf dera Nasen und hat dabei schnarcht wie eine Lokomotiven.« »Mein Geist? Wie hättst das sehen könnt?« »Weil ich drin wesen bin in dera Stuben.« »Mach mir keine falsche Musiken!« »Gar nicht.« »Was hättst denn wollt?« »Zu Dir wollt ich.« »Wohl auf die Heirath und Brautschau?« »Nein, denn an Dir ist nix mehr zu schaun; ich hab Dich nur warnen wollen.« »Warum? Jemineh! Es ist doch nicht etwan gar ein Unglück geschehen?« »Leider ists eins!« »Bei uns? Bei mir? Hier in dera Mühlen?« »Ja.« »So sags schnell, sags!« »Es ist Eins ausgerissen.« »Ausgerissen? Wer denn?« »Das wirst auch nicht verrathen.« »So sags liebern gleich! Doch nicht etwan gar die Sauen? Die hat am Abend rumort.« »Nein, die nicht.« »Oder der neue Pfauhahn?« »Auch der nicht.« »Odern gar der alte Pater, unser Esel?« »Geh, der wird Dir außireißen! Mit dem bist ja so eine Seel und ein Herz, daß der Dir nie davonlaufen wird. Nein, es ist eine Andre. Ich traf sie im Wald, und da meint sie, ich sollt Dir ein schönes Complerment ausrichten, und sie käm heut nicht gleich wiedern heim.« »Mein Himmel! Wer mag das sein! Kommt heut nicht wiedern heim! Und gar ein Complerment noch! So sag doch nur, wers wesen ist!« »Ich bin auch gleich zu Dir laufen, ums Dir zu melden; aberst als ich sah, daßt so schön schlummern und dusserl thatst, da hat michs dauert, Dich zu wecken, und so bin ich gleich selbern wieder in den Wald zurucklaufen um sie zu fangen und Dir wiedern zu bringen.« »Und hast sie auch der wischt?« »Ja.« »Bei dieser Nachtzeit im Wald! Du armes Wurm! Wo hast sie denn und wer ists auch?« »Da ist sie, hier. Die ists gewest.« Er hatte die Laterne bisher hinter sich gehalten; jetzt zeigte er sie ihr vor. »Was! Die Laterne ists? Die Laterne hast meint? Und von ihr hast mir ein Complerment sagen sollen, he?« »Freilich.« »O Du Nixnutz, Du oberster. Lautern Dummheiten hast im Kopf und Schalksnarretheien. Es ist doch jammernschad, daßt nicht heirathet hast!« »Etwan Dich?« »Ja, grad mich!« »Au wai!« »Ich wär Diejenige gewest, die Dir den Kopf zurecht gerückt hätt! Alle Tag hätts Wassersuppen gesetzt und eine Hucke Prügel dazu! Weiter hast nix verdient! Und wen bringst denn da noch mit?« »Es ist mein guter Freund.« »Was? Ein guter Freund von Dir? Na, da wird er mich von dera richtigen Nummern sein!« »Ein gar Feiner ist er!« »Ja, das schaut man ihm gleich an! Man merkt gleich, was für ein Hallodri er ist; man braucht ihn ja nur anzublicken. So ein Hans Dampf in allen Gassen, kanns Stehlen und Mausen nicht lassen!« »Du, verschimpfir mir meinen Freund nicht!« »Willst etwan auch noch aufbegehren?« »Jawohl!« »So nehm ich den Besen und die Ofengabeln und bring Euch sogleich in Ordnung. Mit solchen Wischiwaschi, wie Ihr seid, wird gar nicht lang gespengerlt!« »Du nimm Dich in Acht! Weißt, wer er ist?« »Nun, wer dann wohl? Etwan ein Graf odern gar ein Fürst?« »Ja, ein Fürst ist er in seiner Schulstuben, denn weißt, er ist der neue Herr Lehrern, der den Silberbauern und seinen Buben so wacker durchprügelt hat.« »Machst etwan Spaß?« »Gar nicht.« »Was! Verschreck mich nicht! Ich kann ja gleich den Tod davon tragen! Der neue Herr Lehrern soll das sein? Ists wahr?« Sie richtete ihre letzte Frage an den Lehrer selbst. »Ja,« antwortete er lächelnd. »Ich bin es.« Da versetzte sie dem Sepp einen Rippenstoß, daß er weit fort auf die Seite flog und rief: »Warum hast mir das nicht sogleich sagt, Du alter Galgenvogel! Läßt mich da stehen und dem Herrn Lehrern solche Grobheiten anwerfen!« »Das hat mich ja eben gefreut!« lachte er. »Auch noch gefreut! Wart, Bursch, sollst mir nur wieder mal kommen und Kaffee verlangen und Zuckern dazu! Wirst nachher sehen, wast bekommst! Jetzt nun steh ich da wie eine Katz in dera Milchschüsseln und weiß gar nicht, wie ichs halt wiedern gut machen soll. Bitt schön, Herr Lehrern, was ist fein Ihr Leibessen?« »Warum?« »Ich kochs Ihnen allsogleich!« »Des Nachts ein Uhr?« »Ja. Das schadet nix; das ist ganz gleich. In einer Mühlen ists in der Nacht grad wie am Tag. Ich hab Sie geschumpfen, und das muß ich gut machen. Da muß ich Ihnen Ihre Leibspeis bereiten. Also, was essens gern? Etwan Dampfnudeln?« »Danke!« »Oder einen guten Schmarrn?« »Danke auch.« »Ein grünes Gemüßen mit Bratschinken?« »Nein. Ich kann überhaupt jetzt nichts essen. Ich danke von ganzem Herzen, Fräulein Barbara.« Einen Augenblick lang war es ganz still; dann schlug sie die fetten Hände zusammen, daß es weithin schallte. »Sepp, Sepp!« rief sie überlaut. »Was? Wo brennts?« »Hasts hört?« »Was er sagt hat, der Herr Lehrern? Daß er nix essen mag?« »Nein, das Andre, was nachhero kam.« »Das weiß ich nicht.« »Wie? Das weißt nicht? Grad die Hauptsachen hast übersehen? Weißt also nicht, wie er mich nannt hat?« »Nein.« »Fräulein hat er mich nannt, Fräulein Barbara!« »Donnerwettern!« »Ja. Hast Du mich etwan mal so geheißen?« »Nein.« »Nun, warum etwan nicht?« »Weiß nicht.« »Bin ich etwan kein Fräulein nicht?« »Nein.« »So? Was denn?« »Eine alte Rapunzerl.« »Was? Wie? Eine alte Rapunzerl! Weißt, wannt mir noch mal so kommst, mit so einem Wort, so werf ich Dir gleich Alls an den Kopf, was ich so mit allen Händen derwisch. So ein Schnauzerl wie Du kann mir gestohlen werden! Da ist der Herr Lehrern doch ein andrer Kerlen; der ist so ein seiner, verbildeter und gralanter Herr, daß man seine Freuden daran hat, der liebe, gute Herr Lehrern. Nein! Fräulein, Fräulein Barbara! Herr Lehrern, habens die Gewogenheit und kommens auf einen Augenblick hereini. Ich muß Ihnen mal gleich was zeigen.« »Was?« »Werdens schon sehen.« »O, ich denke, Sie werden sich irgend eine Arbeit machen, welche unnöthig ist!« »O nein! Aber Ihnen werd ich eine Arbeit zeigen, wanns mir nicht übel nehmen.« »Was für eine?« »Ich hab ein paar alte, gute Büchern, die solltens sich mal anschaun und probiren, obs was taugen.« »Wenn es das ist, so kann ich gern mit hineingehen. Ich bin ein Freund von alten Büchern.« Er ging voran, denn sie machte ihm eine fürchterliche Verbeugung. Dem Sepp gab sie einen Stoß, daß er auch zur Thür hinein und an den Lehrer flog, und dann folgte sie. Die beiden Männer mußten sich an den Tisch setzen. »Jetzund werd ich die Büchern holen,« sagte sie. »Ich werd gleich wiedern kommen.« Sie ging hinaus. »Ich bin neugierig, was für alte Schardeken sie mir bringen wird,« meinte der Lehrer leise zum Sepp. »Schardeken? Was ist das?« »Alte Bücher, die nichts taugen.« »So? Dann hat sie keine Schardeken.« »Also wirklich etwas Gutes?« »Na, und ob!« nickte der Sepp. »So bin ich neugierig auf den Titel.« »Den kenn ich schon.« »Das glaub ich wohl. Sie sind ja öfters hier und werden die Bücher wohl schon gesehen haben. Wer mag sie gedruckt haben?« »Die Barbara.« »Was? Die Barbara?« »Ja.« »Wie soll ich das verstehen?« »Die braucht halt keinen fremden Buchdruckern. Die backt und schlachtet und pöckelt und räuchert Alles selberst.« »Ach so ists gemeint!« lachte Walther. »So bin ich also doch in die Falle gegangen!« »Ja, und ohne Speck kommens nun nicht wiederum hinaus.« Er hatte Recht. Das Bärbel trug auf, daß der Tisch krachte. Der Müller kam auch herbei, und nun begann eine Schmaußerei, von welcher keiner zuerst aufstehen sollte – eine Folge des freundlichen Titels Fräulein Barbara. Es war spät, als der Sepp den Lehrer nach hause führte, denn der Wurzelsepp sollte in der Mühle bleiben und wollte zu ihr zurückkehren. »Jetzt nun brauch ich nicht den Silberbauern um ein Obdach anzureden,« sagte er. »Nein; das ist nicht mehr nothwendig. Sie brauchen ihn nicht zu bewachen, denn wir kennen sein Versteck. Morgen Abend wird er das Geld hineinthun, welches er vom Müller bringt.« »Was mag er heut drinn gemacht haben?« »Wohl nichts, was uns mehr interessiren konnte.« Und doch hätte es ihn interessirt, zu wissen. Der Silberbauer hatte sich nämlich das Geld für den Thalmüller aus dem Schranke geholt, welcher in dem geheimen Cabinete unter dem Wehre stand. Am andern Morgen wurde angespannt, und der Knecht wunderte sich nicht wenig, als er vernahm, daß seine Dienste heut überflüssig seien, da der Herr Ortsvorsteher selber fahren werde. Der Silberbauer liebte es nämlich, bei dergleichen Gelegenheiten mit seiner Dienerschaft zu prunken. Wie er in seinem Telegramm versprochen hatte, hielt er punkt elf Uhr vor der Thalmühle. Die Knechte waren bereits von dem Müller instruirt und flogen herbei, dem Herrn Vorsteher beim Aussteigen behilflich zu sein. Er übergab ihnen Pferde und Wagen und trat beim Müller ein. Obgleich Beide nicht sehr weit von einander wohnten, hatten sie sich doch seit Jahren nicht gesehen. Das Band, welches sie verband, war kein solches, daß sie sich sehr nach einander gesehnt hätten. Als nun jetzt Claus den Müller erblickte, blieb er an der Stubenthür stehen. »Keller, bists denn, oder bists nicht?« fragte er. »Wer solls denn sein?« antwortete der Müller ärgerlich, denn kein Mensch läßt sich gern sagen, daß er unter seinen körperlichen Gebrechen leidet. »Wie stehst aber aus!« »Jedenfalls nicht schlechter als Du!« »Oho!« »Da geh her, und schau Dich doch im Spiegel an.« »Ach so, wegen der paar Kratzerln?« »Die sind groß genug.« »Aberst eine Krankheiten ists doch nicht wie bei Dir!« »Ich will liebern krank sein als mich prügeln lassen.« »Prügeln?« »Ja. Was solls anderst sein?« »Geh weg! Die Katz ists gewest!« »Ja, eine Katz mit zwei Beinen und zwei Händen.« »Meinst etwan, ich hab noch meine Frau?« »Na, die Erst könnst noch haben; die lebt wenigstens noch. Die Zweit aberst hast ganz regelrecht zu Tod geschlagen.« »Ja, die Erst, die hat Haaren auf denen Zähnen gehabt. Die hab ich nicht angreifen durft, da hats mir gleich mit allen Nägeln im Kopf sessen. Die hat mir dera Finkenheiner verdorben gehabt.« »Hättsts ihm gelassen!« »Ja, wanns heut wär, da möcht ers gern behalten. Eine schöne Larven hats gehabt; das Andre aberst das hat gar nix taugt, und drum hab ich sie auch zum Teufel jagt.« »Und die Andre war besser?« »Viel besser. Nur das Flennen hab ich nicht ausstehen könnt; da hab ich alleweil gleich zuschlagen müssen. Aber darf man sich bei Dir nicht setzen?« »Warum nicht? Stühlen sind genug da. Sei auch willkommen. Also heirathen thätst nicht wiedern?« »Fallt mir nicht ein!« »Ich auch nicht. Wir sind Schwagern gewest und haben zwei Schwestern gehabt. Du hast die Deinige todt schlagen, und ich hab die Meinige todt geärgert. Nun sind sie weg, und das Geld haben wir.« »Ja, reich waren die beiden Dirndln, das ist wahr,« lachte der Silberbauer, indem er die Beine behaglich über einander schlug. »Zwei Müllerstöchtern und wir zwei Mühlenknappen; das war ein gut Geschäft. Der Alte hat Ja sagen müssen und ist nachhero – – storben.« »Ja – – storben!« stimmte der Müller bei, indem er höhnisch grinste. »Und hernacherst das Geschäft mit dem – – – –« »Schweig!« fiel der Bauer ein. »Warum?« »Von solchen Sachen redet man nicht.« »Wir sind allein!« »Auch die Wänd haben Ohren!« »Bei Dir vielleicht, bei mir aber nicht.« »Wie gehts daheim bei Dir?« »Gut.« »Die Kindern sind gerathen?« »Wohl! Der Bub ist ein ganzer Kerlen, ganz und gar nach mir gerathen. Der reißt die Welt über den Haufen.« »Und das Dirndl?« »Ist sakrisch sauber worden. Und die Nasen tragts auch schon hoch.« »Das ist so Deine Art.« »Ja, mir ists sehr recht. Und wie ists bei Dir?« »Da könnts besser sein.« »Einen Buben hast nicht!« »Und das Dirndl schlagt mir ganz aus der Art; das ist nach dera Muttern gerathen. Das ist ganz wie ein Pflaumenbrod. Wanns aus der Hand fallt, so fallts stets immer in den Dreck. Und vom Stuhl auf kann ich auch nicht.« »Das ist schlimm. Wie stehts da mit dem – – –« Er zeigte mit dem Daumen über die Achsel. »Wen meinst?« »Den Fex.« »Donnerwettern! Der macht mir Noth!« »Schlag ihn todt!« »Hätt ichs nur schon than!« »So thu es noch!« »Kann ich?« »Warum nicht?« »Weil ich ihn nicht hier hab.« »Was – wa – – – aaas! Er ist fort.« »Wohin?« »Ja, wann ich das wüßt, so schickt ich ihm Einen nach, der müßt ihm einen Hieb geben, daßt er gleich so auf dera Nasen liegen blieb, und wanns mich fünfhundert Mark kosten sollt.« »Warum hast ihn denn fort lassen?« »Konnt ich ihn halten!« »Bist nicht der Vormund?« »Bins nicht mehr.« »Wer sonst?« »Der Obervormund.« »Wen meinst?« »Nun den, der über Alle Vormunden ist.« »Das ist der König; aberst den meinst doch nicht?« »Grad den mein ich. Er war hier und hat ihn mit fortnommen.« Da sprang der Bauer vom Stuhle auf. »Bist albern!« »Nein.« »Wie kann der Fex mit dem König fort sein?« »Er ist mit ihm fort, und da machst gar nix anderst daran.« »Wie ist das zugangen?« »Mit dem Teuxel. Ich hab immer denkt, der Zigeunerin ihre Violinen ist verloren gangen; aberst nein, der Fexen hats sich aufbewahrt und heimlich drauf geübt. Jetzt nun hat er auf einem Concerten mitspielt ohne meine Erlaubnissen. Ich hab gar nix davon wußt. Der König ist auf dem Concerten west und hat den Narren fressen an dem Fex. Darum hat er ihn mit fortnommen.« »Was will er denn mit ihm?« »Er will einen großen Künstlern aus ihm machen.« »Alle Teufel! Das kann mir nicht passen!« »Mir auch nicht.« »Daraus wird nix!« »Was willst dagegen thun?« »Das wird sich schon bald finden. Der Bub gehört uns aberst nicht dem König!« »So hol ihn wiedern!« »Ja, das werd ich thun, wann ich nur erst weiß, wo er ist. Kannsts nicht derfahren?« »Nein. Niemand sagts. Einer weiß es ganz genau; aberst dieser Hallunk ist verschweigsam wie ein Fischen im Wassern.« »Wen meinst?« »Den Wurzelsepp.« »Den? O, das ist ein guter Bekannter von mir. Wann ders wirklich weiß, wird er mirs sagen.« »Meinst wirklich?« »Ganz gewiß. Wann ich ihn nur erst einmal treffen thu, nachher erfahr ichs ganz gewiß.« »Und was wirst nahero thun?« »Nicht, was Du thun wolltst. Ich werd dem Fex Niemand nachsenden, sondern ich werd selber hingehn und dafür sorgen, daß er – – still wird.« »Das wolltst wirklich thun?« fragte der Müller, dessen Augen freudig aufleuchteten. »Ja, ganz gewiß.« »So thust mir und Dir den größten Gefallen.« »Das siehst jetzt nun ein? Hab ich Dich nicht warnt, zehnmal und hundertmal? Hab ich Dir nicht sagt, daßt den Wechselbalgen ins Wassern werfen sollst?« »Hab ichs nicht than? Er ist ja nicht versoffen. Der Racker ist schwommen wie eine Wasserratten. Er hat gar nicht merkt, daß ich schuld war, daß er paar Mal ins Wassern fiel.« »Nun, wann er nicht versaufen wollt, so konntst was Anderst mit ihm machen.« Das hab ich nachhero nicht gern wollt von wegen der Paula, die ihn immer hat bei sich haben wollen.« »Schwachheit! So lange der Bub lebt, sind wir in Gefahr, wir und unser Geld.« »Darum ists recht, daßt ihm selberst nachmachen willst. Schau nur zu, daßt bald vom Wurzelsepp derfährst, wo der Hallunk zu finden ist. Ich hatt auch schon Einen, der ihm ans Leder wollt; aberst es ist halt nicht glückt.« »Wer war das?« »Der Fingerlfranz, der Bräutigam von der meinigen Tochtern. Der hat ihm eins auf den Kopf geben wollt. Aberst dieser Fex muß mit dem Teuxel im Bündniß sein. Es ist ihm nix geschehen. Und doch, wann er nicht bald auf die Seiten geschafft wird, so ists gefehlt mit uns Beiden.« »Warum?« »Er hat die Papieren.« Da sprang der Bauer abermals auf. Er war leichenblaß geworden und fragte: »Die Papiere? Welche meinst?« »Nun, die richtigen.« »Von ihm und seinen Eltern?« »Ja.« »Die Du in Deiner Verwahrung hattst?« »Ja doch! Welche andern könnt ich denn meinen?« Da schlug der Bauer mit der Faust auf den Tisch, daß Alles krachte und rief: »Müller, bist wahnsinnig?« »Nein.« »So mußt auch die Papieren noch haben!« »Er hat sie, und die Photographie dazu.« »Auch die! Dazu ist aberst doch gar keine Möglichkeiten! Du hasts doch hier im Stuhl gehabt!« »Freilich! Ich habs auch gar nimmer begreifen könnt, bis er mirs selberst sagt hat.« »Wie ists gewest?« »Ich hab mal fort mußt des Abends, aus dera Stuben hinaus. Da hat er sich einischlichen. Dera Schlüsseln ist mir herabfallen gewest. Er hat ihn funden und den Stuhl aufmacht. Die Papieren und das Bild hat er nommen.« »Und das Geld?« »Hat er drin gelassen.« »So wärs bessern, er hätt das Geld nommen und das Andre liegen lassen. Hat ihm Jemand dabei geholfen?« »Kein Mensch. Er hats mir sagt.« »Aberst weiß er denn, daß die Papieren die seinigen sind?« »Freilich.« »Wie kann er das wissen?« »Aus dera Photographien. Er hat da gleich seine Muttern wieder erkannt.« »Verdammt, verdammt, verdammt!« Der Bauer lief im Sturmschritt in der Stube auf und ab. Dann blieb er vor dem Müller stehen und sagte im Tone höchsten Zornes: »Daran bist ganz allein schuld! Warum gehst aus dera Stuben hinaus!« »Oho! Bleibst etwan Du in der Deinigen immer fort, bei Tag und bei Nacht?« »Warum hast den Schlüsseln verloren!« »Hast etwan Du noch nicht mal nix verloren?« »So eine wichtige Sachen noch niemals nicht! So ein alter Bub wie Du sollt doch nun endlich mal lernt haben, vorsichtig sein!« Der Müller hatte im Gefühle seiner Schuld bisher ziemlich ruhig gesprochen; jetzt nun brauste er auf: »Du, so kommst mir nicht! Du hast auch bereits schon Fehlern macht, die man nimmer verzeihen kann. Auf dem Stuhl kann ich nicht nimmerst sitzen bleiben wie eine Henne auf ihren Eiern, und einen Schlüsseln kann man auch mal fallen lassen, ohne daß mans bemerkt. Und daß dera Fex grad an dieser Zeit hereinikommen ist, dafür kann ich nicht.« »Dafür kannst schon! Du bist allein dran schuld, daß er überhaupt noch lebt. Verstanden? Hättst ihn gar nicht todt zu machen braucht. Hättst ihm nur zu wenig essen geben sollen; da wär er nach und nach einigangen. Aberst wer weiß, wie Du den Buben füttert hast!« »Ich? Ihn füttert?« lachte der Müller. »Ich sag Dir, Silberbauern, dera Fex hat selten was Anderst habt als Luft und Wassern. Es ist aberst dem Hallunken ganz gut bekommen.« »Weiß er denn auch was von mir?« »Nein, wann ihm damals die Zigeunerin nix sagt hat.« »Da war er zu klein. Wanns ihm auch was sagt hat, so ists doch längst wieder vergessen. Nein, sondern ich mein, ob nicht von Dir aus mal irgend ein Wort fallen ist.« »Wie kannst so was denken!« »Dir ists zuzutrauen.« »Oho!« »Wer den Schlüsseln verliert, der macht auch noch andere Dummheiten. Aberst wannst mich gegen ihn noch nicht erwähnt hast, so – – –« »Was fallt Dir ein! Ich hab ja über die ganze Geschicht mit ihm noch kein einzig Wort sprachen. Wie könnt ich also Dich derwähnt haben!« »So! Dann ist noch nicht Alles verloren. Weißt nicht, ob er mich kennt?« »Er kennt Dich nicht. Und wann er Dich auch einmal sehen hat, so hat er sichs doch nicht merkt.« »Das ist gut. So brauch ich mich nur zu derkundigen, wo er zu finden ist, sodann mach ich hin zu ihm.« »Und nachhero?« »Nachhero thu ich, als ob ich es sehr gut mit ihm meine, und brings so weit, daßt er mir die Papieren zeigt.« »O, der wird sich hüten!« »Meinst? Da kennst mich schlecht. Ich, wann ich will, so locke ich Einem Alles heraus. Und wann er hört, daß ich die Sprachen versteh, in der die Papieren geschrieben sind, so zeigt er sie mir ganz sichern und gewiß.« »So müßts sein.« »Ja. Und hab ich sie dann in dera Hand, so bekommt er sie nicht wiedern zuruck.« »Und wann er sie haben will?« »Pah! Er will sie nicht haben.« »Oho! Freiwillig laßt er sie Dir nicht.« »Nein; aberst wiederhaben will er sie auch nicht.« »Willsts ihm vielleicht abkaufen?« »Ja.« »So kannst viel dafür zahlen.« »Viel und wenig, wie mans verstehen will. Ein guter Hieb auf den Kopf ist viel und auch wenig, je nach denen Umständen. Schau, das braucht ich Alles nicht zu thun, wannst Deine Sachen bessern macht hättst. Ich sitz nicht denen ganzen Tag auf meinem Geld, und wann ich auch mal den Schlüsseln verlier, in mein Geheimniß kann doch Keiner einidringen. Dafür ist gesorgt.« »Ja, bei Dir war so eine schöne Gelegenheit vorhanden. Du hattst die Mühlen kauft, und das Wassern ist einsam. Da konntst das Wehr bauen ganz nach Deinem Gusto, und dann lief der Bach drüber weg, und Keiner kanns je finden. Wie aberst ists bei mir? Hab ich so was bauen konnt?« »Mußts denn grad ein Wehr sein!« »Nein. Aberst was Andres ist mir alleweil nicht einifallen, bis ich an den Stuhl denkt hab. Doch wollen wir dabei die Hauptsach nicht vergessen. Ich hab Deine Depesche erhalten und daraus ersehen, daßt meinen Brief bekommen hast.« »Ja; aberst wannst mir wieder mal schreibst, so machst eine richtige Adressen drauf! Was muß dera Briefträgern von mir denken, wann er so einen Wischen in die Hand bekommt!« »Ich hab denkt, daß wir Beid uns nander keine Komplimenten zu machen brauchen.« »Da hast Recht, nämlich wann wir bei nander find und allein. Aberst wann Andre dabei sind oder gar auf dera Briefadressen, da verlang ich mein Recht, und da geb ich Dir halt auch das Deinige. Da muß ein Jeder wissen und auch sehen, mit wem ers zu thun hat. Wann meine Bauern merken, daß es Einen giebt, der keinen Respectum vor mir hat, so ists gleich aus mit dem Gehorsam bei ihnen.« »Ach so! Bist wohl der König von Hohenwald?« »Ja, der bin ich auch. Da droben bei mir müssen Alle tanzen wie ich pfeif.« »Wanns so ist, so werd ich auf meinen nächsten Briefen schreiben: An Seine Majestäten, Herrn, Herrn Ortsvorstehern und Schultheißen Conrad Claus, Silberbauern in Hohenwald.« »So schlimm brauchsts nicht zu machen. Und nun, wie stehts mit dem Geld?« »Ja, wie stehts damit?« »Ich mein mit dem Deinigen!« »Und ich mit dem Deinigen. Das ist die Hauptsach. Das meinige Geld kennst ganz genau.« »Ich hab welches mit. Wie viel verlangst für das Gold, was Du los werden willst?« »Ich hab Dirs schrieben.« »So viel geb ich halt nicht.« »Dann kannst nur gleich wiederum gehen. Ich laß keinen Pfennig herab.« »Wirst schon noch handeln lassen!« »Kein Wort. Du kennst mich bereits. Ich hab Dir sagt, wie viel ich einbüßen will, mehr aberst nicht.« »Pah! Wann man Etwas partuhtemang los werden will, so muß man Preis machen.« »Ich hab einen guten Preis macht. Zum Fenstern will ich mein Geld doch nicht hinauswerfen. Und daß ichs partuhtemang losschlagen will, das ist auch nicht wahr. Weil der Fex die Papieren hat, muß ich gewärtig sein, es kommt aller Augenblick Jemand, um nun auch nach dem Geld zu schauen; darum will ichs von mir thun, damit Niemand es finden soll. Aberst für einen Lumpenpreis geb ichs doch nicht hin. Dann mags lieber liegen bleiben, und es mag es finden, wer da will. Mein Schad ists nicht allein, sondern auch der Deinige.« »Willst mich verrathen?« »Nein; aberst wanns mich anpacken, so forschens auch noch weitern, und dann kannst Dir denken, daß auch Du an die Reihe kommst.« »Nun gut, ich will mich nicht mit Dir zanken. Ich geb Dir, wast verlangt hast.« »Baar?« »Baar, in guten Staatspapieren.« »So zähl auf!« »Zähl erst Du Dein Gold her!« »Das ist noch in ganz denselbigen Rollen, in denen wir es damals mitbracht haben. Wie schaffsts fort?« »Ich hab einen Kasten mit.« »So hol ihn herein! Nachhero schließen wir die Thür zu. Es braucht kein Mensch zu wissen, was wir hier mit nander machen.« Der Bauer ging hinaus und holte den Kasten herein. Als er ihn dann nach ungefähr einer Stunde wieder zurück in den Wagen trug, konnte man es ihm ansehen, daß derselbe eine bedeutende Last habe. Er hatte sich aber einen Augenblick gewählt, an welchem er von Niemandem beobachtet wurde. Der Abschied der Beiden war keineswegs ein herzlicher. Sie gingen unter gegenseitigen Vorwürfen und Grobheiten auseinander. Die Sünde ist nicht das geeignete Mittel, Menschenseelen innig zu verbinden. Bald rollte der leichte, viersitzige Wagen des Königs von Hohenwald auf derselben Straße zurück, auf welcher er nach der Thalmühle gekommen war. Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien zwar heiß, aber da die Straße durch dichten, hohen Wald führte, so fielen die Strahlen derselben nicht lästig. Claus mochte ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, als er einen Wanderer bemerkte, welcher vor ihm her dieselbe Straße ging. Die Fahrt wurde ihm nachgerade langweilig, und da kam ihm der Gedanke, diesen Mann aufzufordern, mit in den Wagen zu steigen. Das gab wenigstens eine Unterhaltung. Darum prüfte er denselben, so weit das von hinten möglich war. Der Mann war von hoher, imposanter Gestalt und war halb wie ein Gebirgler, halb wie ein Forstbeamter gekleidet. An der linken Seite hing ihm eine Tasche, und in der Rechten trug er einen Stock. »Grüß Gott!« sagte der Bauer, als er ihn erreichte, doch griff er nicht an den Hut. »Wollens vielleicht mitfahren?« Der Angeredete wendete dem Sprecher das Gesicht zu, und nun blickte der Bauer in ein Paar dunkle, mächtige Augen, unter derem Blick er ganz unwillkürlich nach dem Hute griff, um ihn nachträglich doch noch abzunehmen. Der Fremde dankte mit kurzem Nicken, betrachtete mit einem schnellen, scharfen Blicke den Mann, die Pferde und den Wagen und antwortete: »Grüß Gott! Wohin fahren Sie?« »Nach Hohenwald.« »Wie lang geht man noch bis dorthin?« »Weit über zwei Stunden.« »So werde ich Ihr Anerbieten acceptiren. Wie viel verlangen Sie?« »Nix.« »Wenn ich fahre, zahle ich.« »Und ich nehme nix.« »So fahren Sie allein weiter!« »Donnerwettern! Das ist mir auch noch nicht passirt. Ich will gern einen Gesellschaftern haben. Darum laß ich Sie halt nicht laufen. Gebens also eine Mark!« »Ich gebe fünf!« »Was fallt Ihnen – – –« »Fünf!« unterbrach ihn der Fremde. »Ja oder nein?« »Na, ich bin kein so Dummer. Wanns Ihr Geld los werden wollen, so zahlens meinetwegen fünf, und steigens aufi! Aberst in dera Waldschänken mach ich eine kleine Pausen. Da müssens halt mal mit einikehren!« »Ist mir recht.« Er stieg ein, setzte sich aber nicht auf den vorderen Sitz neben Claus, sondern auf den hintern. Der Bauer trieb die Pferde an und sagte dann: »Warum setzens sich da hinten her?« »Hier ists bequem.« »Vorn bei mir ist das Reden bequemer.« »Ich bin kein leidenschaftlicher Redner.« »Das heißt, daß ich das Maul halten soll?« »Nicht grade das.« »Hernach hättens auch sogleich wiedern aussteigen mußt. Ich hab Sie mitnommen, um Einen zu haben, mit dem ich ein Wengerl vom Disputiren reden kann.« »Ich werde wohl nicht wieder aussteigen. Sie haben erklärt, mich für fünf Mark nach Hohenwald zu fahren, und wenn nicht ich selbst Sie von diesem Contract entbinde, so haben Sie ihn einzuhalten.« Der Bauer hielt unwillkürlich die Pferde an und sagte, sich zurückwendend: »Himmelsakra! Auch das ist mir noch nicht passirt. Jetzund also bin ich zwungen, Sie zu fahren?« »Ja.« »So! Das ist schön! Das ist prächtig! Das kann mich aberst gefreun! Erst bin ich der Herr, der den Wagen verschenken will aus Gnaden und Barmherzigkeiten, und nun auf einmalen bin ich nur dera Kutschern, der zu gehorchen hat!« »So ist es allerdings,« lächelte der Fremde. »Bitte, fahren Sie weiter!« Claus ließ die Pferde wieder laufen und fuhr dann fort: »Freilich, wanns wüßten, wer ich bin, so würdens nicht so mit mir reden.« »So lange Sie Ihre Pflicht als Kutscher thun, brauche ich nicht zu wissen, wer Sie sind.« »Meine Pflicht als Kutschern? Alle tausend Teuxeln! Das wird noch bunter als vorher! Wissens, ich bin der Claus, dera Silberbauern!« Dabei warf er sich in die Brust. »So!« meinte der Fremde gleichgiltig. »Habens etwan von mir noch nix hört?« »Kein Wort.« »Das ist aber ein Wundern! Ich bin dera Ortsrichtern von Hohenwald!« »Weiß nichts davon.« »Auch davon nix! So, da will ich Ihnen halt noch was sagen. Nachhero werdens Respect bekommen. In dem Kasten, da unterm Sitz, hab ich Geld, fast an die vierzigtausend Mark!« »Ich sitze trotzdem nicht besser.« »Was? Wie? Das impernirt Ihnen nicht?« »Nein.« »Da muß doch gleich der Teuxel drein fahren. Wer sinds denn eigentlich da, wanns bei vierzigtausend Mark so ruhig bleiben, als obs nur ein Stückle vom Fingernagel wäre?« »Ich bin jetzt Forstbeamter.« »So! Nun, da brauchens nicht grad gar so appart zu thun. Was ist ein Forstbeamter, und wie viel hat er im Jahr? Da heißts auch nur blos Hungerleiden mein Gemüthe. Es ist halt zwar ein gesundes Leben, aberst zu beißen giebts nicht viel. Forstern, Kinderwärtern und Schulmeistern, das könnt so meine Passionen sein. Besonders das Schulmeistern. Das thut groß und dick, und wanns zum Treffen kommt, so fressens Löschpapieren und saufen Klarizerintinten dazu.« »Kennen Sie so ein Beispiel?« »Bei uns im Dorf. Da ist vor ein paar Tagen der neue Schulmeistern kommen und hat gleich in dera ersten Stund Prügel bekommen.« »Wo?« »Im Wald und auch in dera Schänk.« »Von wem?« »Vona mir und meinem Buben, dem Silberfritz.« »So! Bei Ihnen empfängt also der Inhaber der Ortsgewalt den neuen Lehrer mit Schlägen?« »Warum nicht? Wann ers verdient hat!« »Was hatte er denn gethan?« »Er ist grob gewest gegen meinen Silberfritz.« »Und da giebts sofort Prügel?« »Sofort, und zwar nach Noten! Und wann dera König selberst käm, wann er nicht höflich wär, so würd er durchgehaun.« »Ah!« »Ja! Oder glaubens das etwan nicht? Da kommens bei mir schlecht an. Wir hier oben kümmern uns den Teuxel um den König und seine Leuten. Der weiß halt auch nimmer, was er für Dummheiten beginnen soll.« »Sie scheinen ihm nicht sehr gewogen zu sein.« »Gewogen? Na, mir ist er eigentlich ganz und gar gleichgiltig; aberst er soll mich nur auch in Ruhe lassen.« »Hat er das nicht gethan?« »Nein!« »Wieso?« »Der will alle Menschen groß machen und berühmt. Der Eine soll ein Maler werden und der Andre ein Dichtern, der Dritte ein Musikanten und der Vierte ein Sänger. Alle sollen Künstlern werden und berühmt und reich. Sogar die Bubn nimmt er von dera Fähr hinweg und wills studiren lassen, weils ein Wengerl Violinen geigen können. Da komm ich alleweil von einem Freund aus dera Thalmühlen. Dem hat der König einen Gesindebub wegnommen, weil er auf der halben Geigen klimpert hat. Mir, wann er das machen thät, na, ich wollts ihm schon stecken! Und weitern – ah, schad, daß ich aufhalten muß! Ah bin grad im Zug. Da aber ist die Waldschänken, und da gehn meine Pferden halt gar niemals vorüber. Also, steigens mit aus?« »Ja.« Beide sprangen ab. Der Bauer hing zwei Stränge aus, und dann ging er hinein. Der Fremde folgte langsamer. Als Claus in die Gaststube trat, befand sich nur ein einziger Gast in derselben. Sobald er diesen sah, rief er aus: »Was der Teuxel! Wurzelsepp, Du bist hier! Das ist gut. Wo willst hin?« »Nach Hohenwald.« »So kannst mit aufisteigen und mit uns fahren.« Der Sepp hatte diese Einladung erwartet, wußte aber nicht, was er darauf antworten solle, denn jetzt trat der Fremde ein. Würde dieser – – mit dem Wurzelsepp fahren. War es dem Sepp überhaupt gestattet, ihn zu kennen? Der Fremde bemerkte die Verlegenheit des Alten und beseitigte sie sofort, indem er, ihm gütig zunickend, sagte: »Das ist ja der Wurzelsepp! Ich hoffe, Du kennst meinen Namen noch?« »Ja wohl, Herr Ludewig.« »Wo willst Du hin?« »Nach Hohenwald.« »So kannst Du ja gleich mitfahren. Auf dem Vordersitz ist ein Platz übrig. Laß Dir ein Bier geben!« »Also Herr Ludewig heißens?« fragte der Bauer. »Und den Sepp kennens auch? Ja, ich möcht wissen, wer im ganzen Bayernlandl den Sepp nicht kennen thät. Der Haderlump steckt seine Nasen überall hinein. Aberst ein braver Schelm ist er doch. Oder meinst nicht, Sepp?« »Weiß nicht.« »Das kannst schon wissen. Bist überall willkommen, auch bei vornehmen Leutln, sogar bei mir. Wannt heut in Hohenwald bleiben willst, kannst wiedern bei mir im Heu schlafen.« »Kann noch nicht sagen, ob ich bleiben werd.« »Willst vielleicht schon weitern fort?« »Das ist möglich.« »So ists bessern, ich frag Dich gleich jetzund.« »Was?« »Ich hab mich bei Dir wornach zu erkundigen.« »So? Wann ich Auskünften geben kann, so soll es ganz gern geschehen.« »Hast Einen kannt, der Fex geheißen hat?« »Ja.« »Er soll jetzund ein Künstlern werden?« »Freilich.« »Der König will ihn studiren lassen, dens gar nix angeht eigentlich. Ich möcht nun gar gern wissen, wo der Fex jetzt ist.« »Warum?« »Weil ich mich sehr für ihn verinteressir.« »Das hast jetzunder nicht mehr nöthig.« »Warum?« »Eben weil der König sich für ihn verinteressirt.« »Ich möcht aberst doch gern wissen, wies ihm geht.« »Ganz gut.« »Und möcht ihm gern was schicken.« »Er braucht nix. Der König sorgt für ihn.« »Das ist wohl gar schön. Aberst ich mach in nächsten Tagen eine Reisen; da ists möglich, daß ich auch dahin komm, wo er sich befindet, und da thät ich ihn doch gar gern mal mit aufsuchen, weil er sich so sehr darüber freuen würd.« »So! Bist ein so gar sehr gutern Freund von ihm?« »Sehr. Ich solls aberst nicht sagen.« »Wer hats verboten?« »Er selber.« »Geh, dabei hat er grad nicht an mich dacht.« »Das ist sehr möglich.« »Aberst ich glaub gar nicht, daßt jemals dorthin kommst, wo er sich jetzt befindet.« »Das weiß man nicht.« »Da müßtest weit fahren, mit der Eisenbahnen und nachhero gar auch noch mit dem Dampfschiffen.« »Sapperment! Ists gar so weit?« »Ja.« »Also wo?« »In Sebastebol.« »In Sebastebol? Ists wahr?« »Ja.« »Was sie damals mit den Kanonen derobert haben, als der Malerkoff verstürmt worden ist?« »Dasselbige.« »Aber was will er dorten?« »Er soll dorten das Geigen lernen.« »Warum grad dorten?« »Weißt, dorten lernt man die Vigelinen mit den Beinen spielen, und weil das so eine große Kunsten ist, die bei uns noch gar Niemand kann, ist dera Fex hin, ums zu lernen.« »Die Vigolinen mit den Beinen! Wast da sagst! Ich hab wohl hört, daß Einer mit denen Fußzeherln zeichnet und auch malt hat, aberst die Geigen mit denen Beinen spielen, das ist noch nicht dagewest. Auf was steht dann so ein Mann?« »Auf dem Kopf und auf denen Händen.« »So, das muß freilich ein Gaudi sein für Die, welche es mit ansehen. Aberst da hast Recht, nach dem Sebastebol komm ich nicht. Das ist mir zu weit. Aber sag, warst dabei, als er fort macht ist?« »Ja.« »Weißt Alles, was er mitnommen hat?« »Ja.« »Was denn? Hat er eine Legitimutionen?« »Natürlich.« »Von frühern her?« »Nein. Die hat er zuruck gelassen. Eine Photographien war auch dabei.« Die Augen Clausens leuchteten auf. »Wo hat er sie gelassen?« fragte er. »Bei mir. Ah solls ihm aufbewahren, bis er mal wieder zurückkommen wird.« »Aberst Du trägsts doch nicht mit Dir herum?« »O nein; das fallt mir gar nicht ein!« »Wo hasts da hingethan?« »Zu meiner Frau.« »Wie – wa – wo – – –!« »Zu meiner Frau, hab ich sagt.« »Du – Du hättst eine Frauen?« »Ja.« »Davon weiß ich doch gar nix!« »Nur ganz Wenige haben das wußt.« »Nein, aber nein! Der Wurzelsepp hat eine Frauen! Wo lebt denn die?« »Gar nicht weit von hier.« »Aberst wo?« »Das willst wissen? Werd mich schön hüten, es zu sagen. Das ist gefährlich.« »Warum?« »Weißt, weil ich mir eine ganz junge Frauen nommen hab, dera Adressen sagt man nicht einem Jeden. Warum willsts wissen?« »Nur so.« »So ists auch egal wannts nicht verfährst. Später, wanns alt worden ist, werd ich Dirs vielleicht mal aufischreiben.« »Bist ein alter Hallunk!« »Ja, da hast Recht. Vertölpeln thut mich so leicht Keiner nicht. Das kannst merken.« »Meinst, daß ich Dich vertölpeln will?« »Ja.« »Da irrst sehr.« »O nein. Dich kenn ich schon. Du hast nur wissen wollen, wo sich die Papieren und das Bild befinden, welche der Fex bei sich hat.« »Das ist nimmer wahr!« »Schweig! Du bist jetzund beim Thalmüllern gewest und hast mit ihm vom Fex sprechen.« »Das behauptest blos. Ich kenn denen Thalmüllern fast gar nicht. Er ist mir fremd.« »Und da kaufst ihm für dreißigtausend Mark Geld ab, und er büßt dabei so viel ein?« Der Bauer erbleichte. Er blickte sich ängstlich in der Stube um. Der König war nicht mehr da. Es war ihm in der niedrigen Stube zu schwül geworden und darum war er nach den Worten, welche er mit Sepp gewechselt hatte, hinausgegangen, um sein Bier an einem der draußen stehenden Tische zu trinken. Er hatte also die Unterredung der Beiden nicht gehört. Sie waren allein in der Stube. »Du,« sagte der Bauer, »was weißt von dem Geld? Sags heraus! Schnell!« »Daß der Thalmüllern Dir darüber schrieben hat, und Du hast ihm darauf telergraphirt.« »Das ist nicht wahr!« »Freilich! Du hast ihm telergraphirt, daßt heut um elf Uhr zu ihm kommen willst, um den Handel mit ihm zu machen.« »Donnerwettern! Woher weißt das?« »Weil ich heut bei ihm war. Ich komme von ihm her und will nach Hohenwald.« »Er hätt Dir das sagt?« »Ja.« »Mensch, das kann doch nicht wahr sein!« »Freilich ists wahr. Ich bin sein Vertrauter.« »Er hat mir doch gar nix sagt, daßt da gewest bist.« »Weil ichs ihm verboten hab.« Der Bauer lief mit langen Schritten in der Stube auf und ab. Er befand sich in einer leicht begreiflichen Aufregung. »Du,« sagte er, »hier giebts mit Dir ein Geheimnissen, wast mir aufiklären mußt.« »Dazu bin ich gern bereit.« »So sag – – –« »Halt, jetzt nicht!« »Wann sonst?« »Hier ist kein Ort zu solchen Dingen. Ob ich heut noch Zeit hab, das weiß ich nicht; aberst morgen komm ich ganz sichern zu Dir, um Dir Alles zu derklären. Nachhero wirst froh sein, daßt mich heut hier an diesem Ort troffen hast.« »Sepp, ich weiß gar nimmer, was ich sagen soll. Hat dera Thalmüllern plaudert?« »Nein.« »Wer sonst?« »Ich hab mit Einem sprochen, der Euch sucht.« »Woher ist er?« »Da unten aus dem Land, wo die Donauen hinunterlauft. Ich glaub, es ist der jetzige Mann von Deiner ersten Frauen, welche vorher die Frau des Finkenheiner gewest ist.« »Herrgottsakra! Mich rührt der Schlag!« »Warum? Brauchst keine Angst zu haben, denn ich bin Dein Freund; ich halts mit Dir.« »Wirklich?« »Ja.« »Das soll Dein Schad nicht sein, Sepp; das versprech ich Dir. Also morgen kommst?« »Ja.« »Zu welcher Zeit?« »Das weiß ich noch nicht. Vielleichten am Abend. Also laß Dir ja nicht bang sein! Ich bin verschwiegen und sag keinem Menschen Etwas. Schau, wir sollen fort.« »Ja. Ich zahl Dein Bier.« »Der Andre hat schon zahlt.« »Wer ist er denn?« »Werds Dir spätern sagen. Jetzt darfst ihn nicht warten lassen. Komm!« Sie hatten nämlich gesehen, daß der König in den Wagen gestiegen war, für Sepp das Zeichen, mit dem Bauer zu kommen. Beide setzten sich auf die beiden Vorderplätze, und die Pferde zogen an. Ganz entgegengesetzt gegen vorhin, war der Silberbauer vollständig schweigsam. Er holte von Zeit zu Zeit tief Athem oder blickte den Sepp verstohlen von der Seite an. Er traute dem Allen doch nicht recht. So kamen sie in die Nähe von Hohenwald. Da ließ der König halten, stieg ab und bezahlte seine fünf Mark. Auf einen verstohlenen Wink von ihm wollte auch der Sepp herab. »Halt!« sagte der Bauer. »Du fährst mit mir bis ins Dorf hinein.« »Das geht nicht.« »Warum nicht?« »Weil ich vorerst gleich noch eine Pflanzen such, die bis morgen verdorren thät. Brauchst keine Sorg zu haben; ich komm schon zu Dir.« Jetzt sprang er ab, und der Bauer fuhr fort: »Ich komme eher, als ich dachte. Giebts ein Logis?« »Ja, aberst nicht im Dorf, sondern in dera Mühlen.« »Das ist mir recht. Führe mich! Kennst Du den neuen hiesigen Lehrer?« »O, sehr gut.« »Was ist er für ein Mann?« »Ein Bub so, wie ich wollt, daßt ich früher gewest war. Die Schulmeistern haben hier immer nur den Affen machen müssen; der aberst hat sogleich in dera ersten Stund bewiesen, daß er nicht mit sich spaßen laßt.« »Er rauft wohl gern?« »Nein, aberst er vertheidigt sich brav, wann er angriffen wird. Die Geschichten, wie er hier seinen Einzug halten hat, mit dem Tragkorben auf dem Buckel, die ist interesserant.« »Erzähl es mir!« Während der Sepp dieser Aufforderung nachkam, schritten die Beiden nach der Mühle. Sie waren dort angekommen, als er seinen Bericht beendet hatte. Das Gesicht des Königs hatte einen eigenen, befriedigten Ausdruck angenommen. Er nickte leise vor sich hin und sagte: »Diesen jungen Mann werde ich mir ansehen. Wer ist diese Frau?« Er meinte damit die alte Barbara, welche unter der Thür stand. »Das ist die Barbara, die Magd, welche dem Müllern die Wirthschaft versorgt, ein sauberes und accurates Weibsbild.« Als die Alte den vornehmen Herrn kommen sah, machte sie einen tiefen Knix und fragte: »Wen bringst denn da zu uns, Sepp?« »Das ist dera Herr, welcher den Bombyx sucht, weißt, was ich Euch verzählt hab.« »Ja ich weiß.« »Und er will Dich fragen, ob er bei Dir wohnen kann auf ein paar Tagen, liebes Bärbel.« Liebes Bärbel! So hatte der Sepp noch nie zu ihr gesagt. Ihr Gesicht glänzte vor Freude. Sie machte noch einen Knix und meinte: »Ja, wanns zufrieden sein wollen, lieber Herr, mit unserer armen Mühlen, so könnens uns gar gern willkommen sein. Reich sind wir halt nicht; aberst sauber will ichs Ihnen schon machen, daß ich mich nicht nachhero noch zu schämen hab. Bitt sehr schön! Kommens herein und seins willkommen!« Die Drei verschwanden in der Thür. Bereits nach kurzer Zeit kam der Sepp wieder heraus. Er hatte einen heimlichen Befehl nach dem Forsthaus zu bringen. Als er sich dieses Auftrages entledigt hatte, war der Nachmittag so ziemlich vergangen, und da er für heut nun von dem König beurlaubt war, so beschloß er, sich heimlich in der Nähe des Wehres auf die Lauer zu legen, falls der Silberbauer vielleicht bereits am Tage dort Etwas zu suchen habe. Mit dem Lehrer hatte er ausgemacht, daß dieser sich am Abende dort einstellen werde. Walther seinerseits war nach beendeter Nachmittagsschule hinaus ins Freie gegangen, um da, beeinflußt von den Reizen des herrlichen Sommertages, den letzten Aktschluß seines Theaterstücks zu vollenden. Er hatte sich am Waldesrande ein reizendes Plätzchen ausgesucht, das Taschenschreibzeug hervorgenommen und zu arbeiten begonnen. Er befand sich in ausgezeichneter Stimmung, und die Worte flossen ihm so schnell von der Feder, daß er bald zu Ende war. Er steckte das Schreibzeug wieder ein und streckte sich auf den warmen, duftenden Boden aus. Da schwebte ein Schmetterling heran, ein großer, prächtiger Trauermantel. Der Lehrer war Schmetterlingssammler. Er sprang auf, nahm den Hut in die Hand, und die Jagd begann, wobei er gar nicht beachtete, daß er sich weiter und immer weiter von dem Plätzchen entfernte. Bald kam ein Anderer langsam daher, der König. Dieser hatte bemerkt, daß er der alten Barbara überrascht gekommen war, und darum hatte er einen Spaziergang unternommen, um ihr Zeit zu lassen, die zwei kleinen Oberstübchen für den Herrn Ludwig in Glanz und Wichs zu bringen. Jetzt befand er sich auf dem Heimwege. Er sah das ziemlich dicke Heft liegen, hob es auf und blätterte darinnen. Seine Züge nahmen, je weiter er schritt, den Ausdruck desto größerer Spannung an. Als er bei der Mühle anlangte, empfing ihn die Barbara mit hoch gerötheten Wangen. »Jetzt nun könnens herauf kommen, Herr Ludewig,« sagte sie. »Wollen sehen, obs Ihnen gefallen wird.« »Ja, meine Beste. Aber sagen Sie mir vorher vor allen Dingen, ob es hier einen Dichter giebt.« Sie schüttelte fast erschrocken den Kopf. »Einen Dichtern? Nein, Gott sei Lob und Dank, einen Dichtern haben wir hier noch nimmer habt.« »Oder wohnt sonst Jemand hier, der sich mit der schönen Literatur beschäftigt?« »Ein Liter Natur?« brummte sie leise. »Hm, sonderbar!« Und laut fügte sie hinzu: »Schön ist sie wohl sehr, aberst hier hat Niemand Zeit, sich extra mit ihr abzugeben.« »Giebt es außer dem Pfarrer und dem Lehrer noch studirte Leute im Dorf?« »Nein.« »Der Pfarrer ist kein Dichter?« »Nein, obgleich er von seinen paar Kreuzern gar ärmlich leben muß.« Sie hatte nämlich die Ansicht, daß ein Dichter von Gottes- und Rechtswegen zum Hungern verurtheilt sei. »Aber der Lehrer dichtet wohl?« »Das fallt ihm halt gar nicht ein. Der, wann er was zu essen hat, kann gar derb einhauen. Das hab ich gestern am Spätabend bemerkt.« In Folge ihrer obigen Ansicht hegte sie auch die Ueberzeugung, daß ein Dichter einen so schwachen Magen habe, daß bei ihm gar keine Rede von einem richtigen, kräftigen ›Einhauen‹; sein könne. Der König errieth ihren Gedankengang und sagte mit freundlichem Lächeln: »Ich habe soeben draußen am Waldesrande dieses Heft gefunden und wünsche sehr, den Besitzer desselben zu erfahren. Wo ist der Müller? Ich will auch ihn einmal fragen.« »Er ist drüben in dera Mühlen. Wanns ihm das Geschreib zeigen wollen, glaub ich dennerst nicht, daß er sagen kann, von wem es ist. Aberst versuchen können Sie's halt.« Sie hatte Recht. Als der König zu dem Müller kam, um ihm das Heft zu zeigen, war auch diesem die Schrift vollständig unbekannt. Als er dann aus der Mühle zurückkehrte, stand die Barbara im Hausflur, um den Finkenheiner zu begrüßen, welcher mit seiner Liesbeth gekommen war, um den Abend bei dem Müller zuzubringen. »Schaut,« sagte sie zu den Beiden. Das hier ist dera Herr Ludewigen, der nach Hohenwald kommen ist, um den Bimbaxen zu suchen, der die Bäum zusammenfrißt.« Und sich an den König wendend, sagte sie, die Beiden vorstellend. »Und das hier ist halt dera Finkenheiner mit seiner Liesberthel, die den Müllern heirathen wird. Ich hab vorhin zu ihr schickt, damit sie mir helfen soll bei dera Bedienung. Unsereins ist nicht auf so vornehme Herren dressirt, sondern man braucht eine Hilfen dazu.« »Machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen! Ich bin nicht so vornehm, daß ich zwei Personen zu meiner Bedienung brauche.« »Ach gehens! Vornehm sinds halt doch! Das sieht man Ihnen ja sogleich an dera Nasen an.« »Hab ich eine so hohe Nase?« »Nein. Wie ein Kirchthurm ragts nicht empor. Aberst wer nach dem Buxbimben sucht, der muß schon ein gewaltig gescheidter Kerlen sein.« »Sie meinen den Bombyx?« »Ja, denen Bimbexen, den ich noch gar nie sehen hab, obgleich ich aus dera Gegend gebürtig bin. Aberst nicht wahr, dera Müllern hat auch nicht wußt, von wem das Geschmier ist?« »Nein.« »So zeigens doch mal dem Heiner hier!« »Was giebts?« fragte dieser. Der König erklärte es ihm. »O weh! Da kommens halt grad an den Unrechten,« meinte der Heiner. »Ich bin kein Schriftgelehrter; ja, ich kann nicht mal selberst schreiben. Was steht denn drin in den Papieren?« »Es ist ein Theaterstück, welches nur von einem begabten Dichter hat verfaßt werden können.« »Von einem Dichtern? Nun, wir haben einen.« »Wer ist das?« »Dera Schulmeistern. Er hat so beiläufig sich mal versprochen, daß er Gedichten macht und auch Geschichten, in denen er todtschlagt, wen er will.« »Also der? So hat er es verloren!« »Verloren? Ja, da fallt mirs ein, daß er vorhin einen Schmetterling nachlaufen ist bis in den Wald hinein zu mir. Da hat er meint, daß er schnell wieder zurück muß, weil er sein Heft hat liegen lassen.« »Dann ist er es sicher. Er soll es morgen erhalten.« Der König ließ sich nach seinen Zimmern bringen, welche allerdings zweier Schmuckkästchen glichen. Dort setzte er sich hin, um das Manuskript zu lesen. Barbara begann dann, sich in der Küche zu beschäftigen. Liesbeth half ihr, und der Heiner ging zu dem Müller. Nach einiger Zeit kam er in die Küche gelaufen und fragte: »Bärbel, ist denn Jemand droben bei dem Herrn Ludewigen?« »Nein.« »Er redet doch mit Jemand!« »Es ist Niemand droben.« »Und doch muß Jemand droben sein, mit welchem er sich vielleicht gar zanken thut. Er brüllt gar laut.« »Herrjesses! Es wird sich doch Niemand zu ihm hinauf schlichen haben!« »Das wird sein, denn horch nur mal!« Er machte die Küchenthür auf, und da war allerdings trotz des Mühlengeklappers die Stimme des Königs sehr laut zu hören. »Freilich ist wer droben!« sagte die Barbara. »Sonst thät er doch nicht reden.« »Und schreien thut er so! Da muß man ihm zu Hilf kommen. Gehn wir hinaufi, Barbara!« »Ja, gehn wir! Ich möcht nur wissen, was für ein Lumpen so heimlich hinaufi gangen ist. Dem werd ich aberst die Höllen heiß machen.« Sie stiegen die Treppe empor. An der Thür blieben sie stehen. »Wollen erst horchen,« sagte die Barbara. »Vielleicht hören wir gleich an dera Stimmen, wer bei ihm ist.« Sie lauschten. Die Stimme des Königs ertönte laut: »Herrlich, herrlich! Das rechtfertigt den Titel des Stückes,›der Schutzengel‹;. Dieser Lehrer ist ja ein Talent, vielleicht noch mehr.« »Er zankt nicht,« flüsterte Barbara. »Nein,« antwortete der Heiner. »Sie reden halt von dem Herrn Lehrern. Horch!« Drinnen erklang es mit Pathos: »Es giebt so wunderliebliche Geschichten, Die bald von Engeln, bald von Feen berichten, In deren Schutz wir Menschenkinder stehn. Man möchte gern den Worten Glauben schenken Und tief in ihren Zauber sich versenken, Denn Gottes Odem fühlt man daraus wehn.« »Du,« flüsterte die Barbara, »die reden vom Zauber.« »Ja. Es wird doch nicht etwan gar eine Teufelei losgelassen werden sollen!« Drin erklang es weiter: »So ists in meiner Kindheit mir ergangen, In welcher oft ich mit erregten Wangen Auf dererlei Erzählungen gelauscht. Dann hat der Traum die magischen Gestalten In stiller Nacht mir lebend vorgehalten, Und ihre Flügel haben mich umrauscht.« »Die reden von Flügeln. Verstehst was davon?« fragte die Barbara. »Nein. Horch noch mal!« Mit erhöhter Stimme fuhr der König fort: »Fragt auch der Zweifler, obs im Erdenleben Wohl könne körperlose Wesen geben, Die für die Sinne unerreichbar sind – Ich will die Jugendbilder frisch erhalten Und glaub an Gottes unerforschlich Walten, Wie ichs vertrauensvoll geglaubt als Kind!« »Na, Zank ist das halt nicht,« meinte der Heiner. »Nein. Aber Einer ist doch bei ihm drin!« »Ja, und wer?« »Wollen wir hinein?« »Nein. Wanns kein Zank ist, brauchen wir ihm nicht zu helfen. Aberst ich werd unten im Haus bleiben und dem auflauern, der drin bei ihm ist.« »Das wich das Allerbest sein, wast machen kannst. Stören thu ich ihn nicht gern. Er hat gar so ein vornehms Gesichten und ein paar Augen – na, solche Augen kann man selten sehen. Da liegt was drin!« Sie stiegen hinab. Der Heiner postirte sich an die Hausthüre. Zu seinem Erstaunen aber kam Niemand von oben herab, und als später die Barbara das Essen hinauftrug, war sie ebenso erstaunt, zu sehen, daß Herr Ludewig sich ganz allein in der Stube befand. Er studirte das Heft, auf dessen erster Seite der Titel zu lesen war »der Schutzgeist, Drama in vier Aufzügen.« Kurz vorher, als die Dämmerung sich zum Abende neigte, war ein eigenthümliches Gefährt durch das Dorf gekommen und hatte vor dem Gasthause gehalten. Ein magerer, abgetriebener Gaul hatte einen Wagen gezogen, wie sie bei sogenannten herumziehenden Künstlern gebräuchlich sind – die Leute pflegen gleich darinnen zu wohnen. Ein junger, ziemlich verlumpter Kerl führte das Pferd. Hinter dem Wagen schritt ein älterer Mann einher, welcher einen abgeschabten, ungarischen Schnürrock aus Sammet anhatte. Sein Gesicht war tief gebräunt und hatte den ausgesprochenen Zigeunertypus. Er beaufsichtigte zwei große, magere Ziegenböcke und mehrere ebenso magere Hunde, welche dem Wagen folgten. Das Ganze machte einen ziemlich herabgekommenen Eindruck. Als der Wagen vor dem Gasthofe hielt, kam der Wirth heraus, und die Wirthin folgte ihm. Beide waren neugierig, denn dergleichen Gäste gab es hier im Dorfe nur äußerst selten. Der Mann im Schnürrocke grüßte in fremdländischem Dialect und fragte, ob er hier für einige Tage Quartier bekommen könne. »Was sind Sie denn eigentlich?« fragte der Wirth. »Ich bin Akrobat und Equilibrist,« antwortete der Gefragte in stolzem Tone. »Das versteh ich halt nicht. Redens doch lieber in dera deutschen Sprachen, denn hier sinds ja in Bayern.« »Ich meine, daß ich Künstler bin auf dem Seile und auch in andern Produktionen. Ich führe dressirte Hunde und Ziegenböcke vor und habe auch einen Bären, welcher erstaunliche Kunststücke kann.« »Was! Einen Bären habens auch? Wo dann?« »Hier im Wagen.« »Donnerwettern! Ein Bären ist ein schlimmer Kerl. Der soll mit hier bei uns logiren?« »Ja. Er ist nicht schlimm. Er ist so zahm wie ein Kanarienvogel.« »So! Da thut er wohl auch singen?« »Zuweilen, aber mit Baßstimme.« »Nun, ich könnt Sie wohl schon behalten, wann nur der Bären nicht wär. Man kann halt nicht wissen, ob er mal Lust bekommt, Jemand aufzufressen.« »Er liegt ja an der Kette.« »So! Aberst wo thun wir ihn hin?« »Haben Sie nicht einen Stall oder einen andern sichern Behälter?« »Hm! Den Schweinestall hab ich schon; der ist jetzt leer. Wollens denn hier im Dorf Kunststücke machen?« »Ja.« »Warum nicht in dera Stadt? Da würdens doch viel mehr verdienen?« »Erst will ich mich hier produziren. Finde ich, daß die hiesige Bevölkerung Verständniß für meine Leistungen hat, so fahre ich dann auch noch nach der Stadt.« »Verständniß? Da brauchens keine Angst zu haben. Ziegenböcken und Hunden verstehen wir halt schon, und was den Bären betrifft, so wird er wohl nicht gar so gelehrt sein, daß wir ihn nicht begreifen können.« »So kann ich also ausspannen?« »So schnell nicht. Wanns hier wohnen wollen, müssens auch zahlen können. Wie aberst stehts nun da? Habens denn auch ein Geldl mit?« »Selbst wenn meine Kasse leer wäre, würde ich hier so viel verdienen, daß ich Sie bezahlen könnte. Uebrigens mache ich keine Ansprüche.« »Das ist auch nicht nöthig, denn seidene Betten und ein Tafelgeschirren von Silbern kann bei mir Niemand erhalten. Eine Stuben mit Betten müssens doch haben wie ein jeder Andrer auch.« »Nein. Ich brauche kein Bett. Haben Sie vielleicht eine Scheune?« »Ja, dort hinterm Haus.« »So können wir ja in derselben wohnen. Ein Wenig Heu wirds doch wohl geben zu einem Lager.« »Das giebts schon. Zwei Personen sinds also?« »Nein, sondern drei. Ich habe eine Dame mit.« »Potz Teuxeln!« lachte der Wirth. »Eine Damen! Da sinds doch gar vornehm! Wir haben im ganzen Ort nicht eine einzige Dame. Nicht mal die Silbermartha gilt für eine! Wo ist sie denn?« »Hier im Wagen ist die Signora.« »So! Habens aberst nun auch Ihre richtigen Legitimationen und Paßzeugnissen?« »Das versteht sich. Ich werde sie Ihnen vorlegen.« »So hab ich nix dawidern, daß Sie bei mir bleiben. Fahrens also herein in den Hof. Die Scheune werd ich Ihnen gleich öffnen.« Der Wagen wurde in den Hof geschafft. Der Künstler brachte Pferd, Ziegenböcke und Hunde im Stalle unter; dann wurde eine Wagenthür geöffnet. Der Bär stieg hervor. Er war ein sehr großes aber entsetzlich mageres Thier. Dasselbe wurde in den Schweinestall geschafft und dort angekettet. Von der andern Seite des Wagens stieg die ›Signora‹; aus. Sie war eine volle, fast üppige Gestalt, auch ärmlich gekleidet und hatte ihr Kopftuch so weit vor ins Gesicht gezogen, daß dasselbe gar nicht zu erkennen war. Sie ging aus dem Wagen so schnell in die Scheune, daß es zu merken war, sie wolle sich von niemandem betrachten lassen. Später kam der Künstler in die Gaststube, welche jetzt noch leer war. Er legte seine Papiere vor. Sie lauteten auf den Namen Jeschko Bandolini. Die Frau war Signora Mylla genannt. Er erkundigte sich bei dem Wirthe nach Verschiedenem, trank einen Schnaps, bestellte ein ärmliches Futter für seine Thiere und kehrte nachher in die Scheune zurück. Diese stand offen. Es war Abend geworden und also Dunkel. »Wo bist Du?« fragte er am Eingange. »Hier hinten in der Ecke auf dem Heu,« antwortete sie. »Hast Du Etwas erfahren?« »Ja. Es steht gut. Er wohnt hier.« »Gott sei Dank!« »Dieser Conrad Claus wird hier der Silberbauer genannt. Er ist sehr reich. Auf fast allen Häusern hat er Geld stehen. Die beiden Mühlen, welche ihm gehören, hat er verpachtet. Kinder besitzt er zwei, einen Sohn und eine Tochter. Ich werde ihn übrigens bald sehen. Er ist Ortsschulze, und ich habe mich also bei ihm zu melden.« »Wann thust Du das?« »Ich möchte am liebsten gleich gehen.« »Ja, geh gleich. Ich muß wissen, woran ich bin.« »Soll ich noch schweigen?« »Das mußt Du selber sehen, wenn Du bei ihm bist. Du bist schlau genug und wirst keinen Fehler machen.« »Nein. Du willst Dich an ihm rächen, und ich helfe Dir. Aber nachher –« Sie standen neben einander. »Was nachher?« fragte sie. »Nachher will ich auch meinen Lohn haben.« »Du wirst ihn erhalten.« »Und vorher eine Abschlagszahlung.« Er legte seinen Arm um ihre Taille und wollte sie an sich ziehen. Sie aber schob ihn von sich ab und sagte: »Abschlag giebt es nicht. Wenn ich mich gerächt habe, bin ich Dein, eher nicht.« »So gehe ich gleich jetzt.« Er hatte sich beim Wirthe nach der Wohnung des Silberbauern erkundigt. Sie war sehr leicht zu finden. Als er dort ankam und höflich nach dem Herrn Vorsteher fragte, wurde er nach der Gesindestube gewiesen und von da in das nächste Zimmer. Dort saß der Bauer mit seinem Sohne, ganz so wie an dem Abende, an welchem der Lehrer sich angemeldet hatte. Der Künstler grüßte höflich. »Was wollts?« fragte der Bauer. »Gestatten Sie mir, Ihnen meine Papiere vorzulegen.« Der Bauer nahm sie in Empfang. Während er sie durchlas, ruhte das schwarze Auge des Zigeuners mit stechendem Blicke auf seinem Gesichte. Der Vorsteher legte die Papiere vor sich hin, betrachtete den Künstler verächtlich und sagte: »Die Papieren sind gut. Also ein Akrobaten sinds? Was wollens da hier?« »Ich habe die Absicht, mich vor einem hiesigen hochverehrten Publikum zu produziren und möchte Sie um Ihre freundliche Genehmigung ersuchen.« »Habens denn was Ordentliches gelernt?« »Ich habe mich bereits vor höchsten Herrschaften und Fürstlichkeiten sehen lassen und stets den größten Beifall geerntet.« »Na, so schauns aberst gar nicht aus!« Der Zigeuner zuckte die Achsel. »In wiefern?« »Habens sich denn noch nicht selberst angeschaut?« »Ach so! Meinen Sie vielleicht, daß ich während der Reise und beim Fuhrwerke einen Galaanzug anlegen soll? Bei der Production bin ich im Stande, mich in befriedigender Garderobe sehen zu lassen.« »Hm! Und wie stehts mit dem Geldl? Könnens die Erlaubnissen bezahlen?« »Ja.« »Sie haben sofort den Betrag in die hiesige Ortsarmenkassen zu entrichten.« »Ich bitte um die Erlaubniß, dies nach der Vorstellung thun zu dürfen. Grad heut habe ich mich so ausgegeben, daß ich um Stundung ersuchen muß.« »Das geht nicht. Wanns nicht zahlen können, so könnens auch keine Kunststucken machen.« »Aber ich bitte, zu bedenken, daß die hiesige Armenkasse gar nicht gefährdet ist.« »Ja, wanns nun bei dera Vorstellung nix verdienen!« »So sind Sie durch das Eigenthum, welches ich mit mir führe, vollständig gedeckt.« »Wenn das Eigenthum so ausschaut wie Sie selberst, so ist da wohl gar nix zu holen.« »Der Zigeuner blitzte ihn mit seinen Augen zornig an, beherrschte sich aber und sagte demüthig: »Einen Werth haben selbst die Lumpen und leider kann nicht ein Jeder ein Silberbauer sein.« »Ja, das wollt ich mir auch gar verbitten!« »Obgleich sich ein armer Teufel vielleicht mehr und ehrlicher plagt als Einer, der nachher silberne Knöpfe und Ketten trägt.« »Was!« fuhr der Bauer auf. »Ehrlicher plagt! Wie meinens das etwa»? Bin ich nicht ehrlich!« »Werf ihn hinaus, Vatern!« sagte der Sohn. »Vom Hinauswerfen kann keine Rede sein,« meinte der Zigeuner. »Ich habe nur im Allgemeinen gesprochen und keinen Namen genannt.« »Aberst wann ichs nun auf mich beziehe!« rief Claus. »So sind Sie selber schuld. Ein ehrlicher Mann bezieht niemals ein solches Wort auf sich. Wer sich getroffen fühlt, der hat einen Grund dazu.« »Wollens damit etwan sagen, daß ich einen Grund hab? Das will ich mir verbitten!« »Ich habe gar nichts gesagt, was Sie beleidigen könnte.« »Aberst unverschämt ists, überhaupten hier mit solchen Redensarten zu kommen! Und da werd ich nun grad meine Erlaubnissen nicht geben. Es wird also hier im Ort keine Vorstellungen abgehalten.« »Ich glaube nicht, daß Sie mir die Erlaubnis verweigern können. Ich habe meine Conzession bezahlt, gebe meine Steuern und habe die Berechtigung, aufzutreten, wo es mir beliebt. Eine Verweigerung müßte da einen sehr triftigen Grund haben.« »Den hat sie.« »Welchen?« »Das ist meine Sachen!« »Wenn Sie ihn mir nicht nennen, werde ich mich bei der Behörde über Sie beschweren.« »Dagegen habe ich nix. Die Behörden wird mit solchem Volk nicht viel Sperrenzen machen. Hier sind Ihre Papieren. Machens nun, daß Sie hinauskommen.« Der Zigeuner steckte die Legitimationen zu sich und sagte in ruhigem Tone: »Sie werden es bereuen, daß Sie mir die Erlaubniß verweigern. Wenn Sie wüßten, was ich Alles aufführe, würden Sie sich und den hiesigen Einwohnern einen so hohen Kunstgenuß nicht versagen.« »Von dera Kunst mag ich nix wissen. Was wirds sein als ein paar Kartenkunststücken.« »O, es ist noch viel mehr! So führe ich zum Beispiel eine höchst interessante Pantomime auf, welche den Titel führt, »die beiden Müller«. Es ist das eine Leistung mit Feuerwerk und wahrhaft großartigem Schlußeffect.« »Die beiden Müllern? Machens sich nicht lächerlich! Was wollens von dera Müllerei verstehen!« »Ein Müller brauche ich nicht zu sein, Uebrigens hat das Stück einen ausführlicheren Titel. Es heißt eigentlich: Die beiden Müller oder die keusche Bojarenfrau oder – –« »Bojarenfrau!« rief der Müller, ihn unterbrechend. »Was wissens von Bojaren?« »Ich stamme von der unteren Donau. Der Titel lautet weiter: oder der Schloßbrand bei Slatina.« Der Müller wurde leichenblaß. Er stützte sich mit den Händen auf den Tisch. »Slatina!« sagte er. »Sie kennen Slatina?« »Sehr gut.« »Wann warens dort?« »Als das Schloß brannte, welches in der Nähe liegt. Der Name desselben thut nichts zur Sache.« »Das kenne ich nicht. Ich weiß nix davon.« »Das glaube ich. Wie sollte der Silberbauer von Hohenwald nach Slatina kommen? Aber grad darum sollten Sie sich mein Stuck ansehen.« »Was ists denn für eins?« »Es behandelt ein Ereigniß, welches bisher noch sehr unaufgeklärt ist. Bei Slatina liegen zwei Mühlen, welche zum Schlosse gehören. Die beiden Müller waren Deutsche. Der Schloßherr war gestorben. Die Herrin war jung und schön. Sie kam oft mit ihrem Söhnchen herab an den Fluß, an welchem die Mühlen lagen. Die beiden Müller verliebten sich in sie.« »Donnerwettern!« Er ließ sich in den Stuhl niederfallen. Seine Augen ruhten groß und erschrocken auf dem Zigeuner. »Nicht wahr, es ist interessant?« fragte dieser. »Ja,« stieß der Bauer hervor. »Erzählens weiter!« »Das kann ich nicht, weil das Ereigniß eigentlich geheim bleiben muß, bis meine Pantomime die Aufklärung bringt. Nur einige Andeutungen kann ich geben. Es kommt ein Zigeuner vor, welcher Barko heißt.« »Alle Teufeln!« rief der Bauer. »Der holt des Nachts den Knaben aus dem Schlosse.« Der Bauer nahm alle seine Selbstbeherrschung zusammen, um ruhig zu erscheinen. »Weiter!« sagte er. »Dann überfallen die beiden Müller die Bojarin.« »Die schlechten Kerlen.« »In der Schloßkasse war eine ganz bedeutende Summe in türkischen Goldstücken eingegangen. Dieses Geld verschwand. Die Müller theilten sich darein.« »Wer sagt das? Wer behauptet das?« »Ich und jener Zigeuner Barko.« »Das ist wohl eine erfundene Geschichten?« »Nein. Sie ist wirklich passirt. Um den Diebstahl zu verdecken, wurde das Schloß angebrannt. Die Bojarenfrau verunglückte dabei. Sie starb.« »Weiter, weiter!« »Die Müller übergaben die Mühlen anderen Leuten und zogen bald darauf fort.« »Wohin?« »Nach Deutschland.« »Das ist groß.« »Bayern ist kleiner. Ich bin ausgezogen, um sie zu finden und der Polizei zu übergeben.« »Donnerwettern! Das ist freilich eine sehr interessante Geschichten! Und die wollens spielen?« »Ja.« »Und wie endet sie?« »Natürlich wird der Knabe gefunden und die beiden Müller enden am Galgen.« »Das ist ein böser Schluß.« »Aber ein verdienter, denn die beiden Menschen haben auch noch Anderes begangen. Der Eine hat sich zum Beispiel der Bigamie schuldig gemacht. Er hat zwei Weiber zugleich gehabt.« »Das Alles hat sich wohl ein Romanschreibern ausdacht? Nicht wahr?« »O nein. Die Geschichte ist so wahr, daß ich sogar die Namen nennen kann.« Der Silberbauer fuhr sich mit der Hand über die Stirn, um sich den Angstschweiß abzuwischen, welcher ihm ausgebrochen war. Er wendete sich an seinen Sohn und sagte: »Vielleicht erlaub ichs doch, daß diese Geschichten aufführt wird. Ich muß nur erst wissen, ob die Sachen auch so viel Werth haben, daß ich das Geldl noch stunden kann. Lauf mal nach dem Gasthof und schau, was es taugt!« Der Sohn erhob sich nur langsam vom Stuhle. »Ich möcht halt liebern dableiben Vatern,« sagte er. »Warum?« »Weil dieser Mann da so gar sehr schön verzählen kann. Ich thät fürs Leben gern zuhören.« Das klang beinahe höhnisch. »Er ist fertig mit dem Verzählen. Geh nur!« Der Sohn ging, warf aber noch unter der Thüre einen bezeichnenden Blick auf die Beiden zurück. Der Bauer legte sich in den Stuhl zurück und betrachtete den Zigeuner. Er wußte nicht, wie er beginnen solle. Der Künstler setzte sich nieder, machte es sich bequem und sagte lächelnd: »So! Jetzt sind wir ohne Zeugen. Wir können mit einander sprechen, ohne befürchten zu müssen, verrathen zu werden.« »Was wollens! Was ich zu reden hab, das kann ein Jeder hören. Verstanden?« »So? Dann täusche ich mich. Ich glaubte, daß Sie Derjenige sind, den ich suche.« »Wer sollt ich sein?« »Der eine der beiden Müller, welche in meiner Pantomime vorkommen.« »Da täuschens sich freilich.« »Hm! Den Andern suche ich noch. Wissen Sie vielleicht, wo er sich befindet?« »Nein. Wie soll ichs wissen! Ich weiß von gar nix. Die Sachen gehn mich gar nix an.« »Das ist sonderbar, denn die Namen stimmen ganz genau. Der eine Müller hieß Conrad Claus und der andere Gotthold Keller oder Kellermann. Kennen Sie vielleicht den Letzteren?« »Nein.« »Nun, so bin ich freilich im Irrthume und muß also weiter suchen. Jetzt aber handelt es sich darum, ob ich die Erlaubniß erhalten werde, meine Vorstellungen zu geben.« Der Bauer stand auf und schritt einige Male im Zimmer auf und ab. Dann sagte er: »Ja, was machens dann eigentlich für Stücken?« »Ich führe dressirte Hunde vor.« »Das ist freilich hübsch. Das schaut man gern an.« »Zwei dressirte Ziegenböcke.« Claus hatte allen Grund, den Zigeuner mit sich auszusöhnen. Er mußte einlenken. Darum meinte er: »Das ist noch hübschern.« »Auch habe ich einen Bären mit, welcher außerordentlich gelehrig ist.« »Gar auch ein Bär! Ja, das hab ich nicht wußt.« »Und sodann besteige ich das hohe Seil.« »Auch das noch! Warum habens das nicht gleich erst sagt? Solche Sachen schau ich selbem gern an. Da will ich schon meine Erlaubnissen dazu geben.« »Ich danke! Und wie steht es mit der Pantomime?«. Er blickte dabei den Bauer erwartungsvoll an. »Die dürfens halt nicht machen,« antwortete dieser. »Warum nicht?« »Ich darfs nicht erlauben. Ich muß da vorher erst die höhere Behörden fragen.« »Warum sollte das nöthig sein?« »Weil ein Feuerwerken dabei vorkommt.« »So lassen wir es weg.« »Nein, denn dann würd das Stück nimmer so gut und schön sein. Wann das Feuerwerken dazu gehört, muß es auch mit geben werden odern das Stück wird liebern ganz ausgelassen. Ich werd gleich morgen anfragen.« »Sie stunden mir also den Betrag, welchen ich an die Armenkasse zu zahlen habe.« »Nein, stunden darf ich denselbigen nicht; das ist gegen meine Pflicht und Schuldigkeiten. Aber wanns das Geldl nicht gleich haben, so werd ichs selberst zahlen.« »Welch eine Güte von Ihnen. Vorhin habe ich Sie ganz anders beurtheilt.« »Ja, man täuscht sich oft im Menschen. Wanns einige Tagen hier bleiben, werdens vielleichten derfahren, daß ich ein sehr guter Kerlen bin. Aberst sagens doch mal, obs vielleicht in denen letzten Tagen mit Jemand von dera Pantomimen sprochen haben?« »Nein.« »Mit gar Keinem?« »Mit keinem Menschen. Ich komme erst heute hier an und habe noch gar keine Gelegenheit gehabt, mich mit irgend Jemandem zu unterhalten.« »Aberst vielleicht vorher und wo anderst. Kennens vielleichten einen alten Handelsmann, der der Wurzelsepp geheißen ist?« »Nein.« »So! Dann hab ich freilich falsch vermuthet.« »Und Sie, Herr Silberbauer, kennen Sie nicht einen Mann, welcher Müller war oder auch noch ist und Gotthold Keller heißt?« »Nein.« »So habe auch ich falsch vermuthet.« »Das ist gewiß. Also Sie dürfen Ihre Kunststücken machen, und wegen dem Geldl will ich Ihnen gleich die Quittung geben.« Er setzte sich hin und schrieb. Als der Zigeuner das Papier erhalte hatte, bedankte und entfernte er sich. Der Bauer lauschte, bis er die Thüre des vorderen Zimmers gehört hatte. Dann konnte er sich nicht länger beherrschen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und zischte hervor: »Da sollen doch gleich alle Donnerwettern drein schlagen! Erst kommt dieser verdammte Wurzelseppen und macht mir die Höllen heiß, und nun ist dieser Gauklern da, welcher die ganze Geschichten kennt! Was thu ich nur! Derschlagen sollt ich alle Beiden! Vielleichten thu ichs auch; dann bin ich sicher. Und dieser Fexen muß auch hinaus aus dera Welt, sonst – – ah, das Geld, was ich vom Thalmüllern hab, muß ich gleich noch heut Abend verstecken. Man kann nicht wissen, was passirt. Es darf auf keinen Fall bei mir funden werden, und nachher – –« Er hielt inne, denn sein Sohn kam zurück. Dieser blickte sich um und sagte: »Was? Er ist ja fort!« »Ja; er konnte nicht länger warten. Ich hab ihm derlaubt, seine Kunststucken zu machen.« »Und vorher hast ihn so anschnauzt!« »Er hat gar so gute Worten geben.« »Wann auch! Er hat so spitzfindige Worten sagt, und seine Sachen find auch nix werth. Ich hab mir Alles anschaut.« »Die paar Markerln, die er zu zahlen hat, wirds schon noch eintragen.« »Na, daßt auf einmal so redest, das ist auch vor Deinem End. Bist doch sonst nicht so!« »Ich hab mal eine gute Launen habt.« »Das ist eine Seltenheiten. Vielleicht hast Grund zu dieser guten Laune. Nicht?« »Was meinst?« »Kennst etwan die Geschichten genauer, die er vorhin uns verzählt hat.« »Was fallt Dir ein?« »Ich hab ja sehen, daßt ganz verschrocken bist.« »Ich? Verschrocken? Was hast für Augen habt? Der Silberbauern kann vor nix derschrecken.« »Hm! Gut solls sein, wanns so ist, denn dieser Kerlen sah mir grad so aus, als ob er noch viel hinterm Rucken hat. Dem ist nicht zu trauen. Im Gasthofen wird Karten spielt. Ich geh jetzt wiedern hin. Kommst vielleichten nach?« »Ja, später«. Jetzt hab ich noch zu thun.« Der Silberfritz ging wieder fort. Der Bauer aber trat in die nächste Stube, welche seine eigentliche Expedition war. Dort brannte auch eine Lampe. Auf einem Stuhle, welcher neben der Thüre stand, saß Martha. Als ihr Vater sie erblickte, erschrak er auf das Heftigste. »Was? Du bist hier!« rief er aus. Sie antwortete nicht. »Wie kommst hier herein? Ich hab nicht wußt, daßt hier bist. Ich hab denkt. Du bist gar nicht daheim.« Da sie auch jetzt nicht antwortete, betrachtete er sie genauer. Sie war leichenblaß und saß mit geschlossenen Augen da. Er legte ihr die Hand auf die Achsel und fragte: »Was hast? Was ist mit Dir?« Sie schlug die Augen auf und holte tief, tief Athem. »So red doch nur! Sprich!« Jetzt stand sie auf, langsam und unsicher. Sie mußte sich dabei auf die Lehne des Stuhles stützen. »O mein Gott, mein Gott!« stöhnte sie. »Na, was hast zu jammern?« »Ich habe Alles gehört. Alles!« »Was denn?« »Was der Fremde gesagt hat.« »So! Hast horcht? Na, was ists da weitern?« »Das fragst auch noch!« »Nun freilich.« Sie richtete sich grad empor und sagte: »Mach mal die Augen richtig auf! Ich will doch sehen, obt mich richtig grad anschaun kannst!« Er senkte doch die Augen. »Siehst, Du kannsts nicht. Das ist das böse Gewissen!« »Was meinst? Was sagst? Ich weiß halt gar nicht, wast eigentlich da willst.« »Du weists gar wohl! Du bist der Mann, Du!« »Wer?« »Von dem dera Seiltänzer verzählt hat.« »Bist bei Trost!« »Du bists, Du und dera Thalmüllern!« »Schweig!« »Warum hasts nicht sagt, daßt den Gotthold Keller ganz gut kennst?« »Was geht mich der Keller an!« »Auch Deinen Namen hat er sagt. Und in Slatina sind wir ja west und der Thalmüllern auch. O Gott, o Gott! Mein Vatern ist ein Verbrecher! Das halt ich nicht aus!« Sie sank wieder in den Stuhl nieder, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte bitterlich. Der Müller gab sich Mühe, seine Verlegenheit hinter einem geheuchelten Zorn zu verbergen: »Donnerwettern! Was sagst? Was soll ich sein? Ein Verbrechern! Soll ich Dich etwan aufs Irrenhaus schaffen lassen? »Frevle nicht! Der Gedanke, daß Du der Schuldige bist, kann mich bald dorthin bringen. Willsts wirklich leugnen, daßts bist?« »Ja. Ich weiß von nix etwas!« »Das ist nicht wahr! Sogar das von denen zwei Frauen hat er wußt. O Gott, o Gott!« »Jammer nicht, sonsten sperr ich Dich ein!« »Also dera Sohn ist gestohlen, und die Bojarenfrau ist storben, und die beiden Müller sind schuld daran! Jetzt will ich Dich in allem Ernsten fragen: Bist unschuldig odern nicht?« Sie war wieder aufgestanden und hatte ihn beim Arme ergriffen. »Ich bin unschuldig,« antwortete er, aber sein Auge suchte den Boden. »Das ist eine Lügen!« antwortete sie. »Dirn! Wag das nicht!« brauste er auf. »Ich seh Dirs an, daßt nur die Unwahrheiten sagst. Ich aber will wahrhaftig und offen mit Dir sein.« »Nun, da bin ich begierig, wast mir für eine Offenheiten zu bringen hast.« »Sollsts gleich hören.« »Ich hab aber keine langen Zeit. Machs kurz!« »Solche Sachen macht man stets so kurz wie möglich. Ich bin noch jung gewest, als wir von dera Donauen hierher zogen sind. Ich hab nix wußt und nix verstanden. Die Muttern war todt und weil ich nur Dich hatt, so bin ich innerlich so worden, wie Du bist, nämlich hochmüthig, goldprotzig, hart und schlecht – ja schlecht!« »Alle Teufel! Das sagst mir?« »Ja, Dir, denn Du bist schuld daran. Ich bin so blieben bis vor kurzer Zeit. Ich hab das Silbern um mich hängt und immer dacht, daß ich was ganz Besondres bin. Da aberst hat mir Jemand die Augen öffnet, und da ists schnell licht worden in mir drinnen und um mich herum. Ich Hab nun wußt, woran ich bin. Freilich hab ich nur das Eine wußt, daßt den Finkenheinern seine Frau mitnommen und nachhero wiedern fortjagt hast, aber – – –« »Willst schweigen, Dirn! Was geht das Dich an?« »Es geht mich an, denn ich bin Deine Tochtern. Also ich hab nur Das wußt, aberst ich hab nachdenken müssen und da ist mir viel einfallen und auffallen. Ich hab die Ahnung bekommen, daß mein Vatern ein schlechter Kerlen ist und daß der Brudern auch so einer wird.« Der Müller setzte sich auf den Stuhl und sagte: »Und das soll ich anhören! Na, red nur aus, nachhero werd ich Dir antworten, wie sichs gehört.« »Ich hab nix dagegen. Es ist mir klar worden, wie schlecht und albern ich gewest bin, und ich hab mir vorgenommen, anderst zu sein. Heut nun bin ich hier in dera Stuben gewest und hab ein jedes Wort vernommen, was draußen gesprochen worden ist. Jetzt nun weiß ich, woran ich bin. Ich hab meine Muttern nicht kannt und hab nun auch keinen Vatern mehr. Ich will lieber keinen haben als einen, der hinein in's Zuchthaus muß.« »Kreuzhimmeldonnerwettern! Mach mich nicht warm, sonst sollst sehen, was passirt!« »Es kann passiren, was da will, schlimmer ists halt doch nicht als das, was bereits schon geschehen ist. Der liebe Gott hat mir zur rechten Zeit die Augen öffnen lassen und nun weiß ich, was ich zu thun hab. Den Vatern kann ich nicht anzeigen; aberst bei einem Verbrechern bleiben kann ich auch nicht, und so werd ich fortgehen von hier.« »Bist verruckt!« »Nein.« »Du bleibst!« »Das kannst nicht verlangen.« »Ich befehl es Dir!« »Ich bin Dir keinen Gehorsam mehr schuldig. Ich geh von hinnen, arm und elend, aberst der liebe Herrgott wird mich nicht verderben lassen.« »Das ist ein Vorsatz, über den man nur lachen muß. Die Silbermartha will fort! Weißt, was Armuth ist und Hunger und Kummer und Arbeit und Elend? Du bist heut nicht bei Sinnen. Du hältst den Vatern für einen Andern, als er ist, und willst drum fort. Morgen aberst wirst schon anderst denken und gern bleiben.« »Morgen? Ich werd im ganzen Leben nicht anderst denken als ich jetzt und heut denk. Darauf kannst Dich verlassen. Ich geh und bevor ich geh, will ich Dir den Rath geben, der der einzige ist: Mach gut, wast bös macht hast. Geh in's Gericht und verzähl da Alles, wast auf dem Gewissen hast. Gieb Alles wiederum her, was Dir nicht gehört. Nachhero biß die Schuld los und ich kann wiedern Deine Tochtern sein und zu Dir in's Gefängniß kommen und Dich trösten.« »Nun hör jetzt auf! Wannt noch so ein Wort sagst, schließ ich Dich in Deine Stuben ein und laß Dich ein ganzes Jahr lang nicht wiedern heraus!« »So weit solls nicht kommen. Ich schweig. Wer wie bei mir der Herrgott anklopft hat, so daß ich anderst worden bin, so wird er auch Dir in's Herz hinein greifen. Wannt nicht selberst Buße thust, so wird er Dich mit seiner Gerechtigkeit fassen, ehe Du es dacht hast, vielleicht schon morgen oder gar heut bereits. Er läßt sich nimmer verspotten, und wer das Herz hat, eine Sünd zu thun, der soll auch den Muth haben, dieselbe zu bekennen. Ich bitt Dich von ganzem Herzen und aus dem tiefsten Grund meiner Seelen heraus, daßt jetzt –« »Schweig!« brüllte er, indem er aufsprang und die Hand ballte. »Wannt noch ein einzig Wort sagst, so schlag ich Dich nieder. Du Lumpendirn, Du!« »Gut, ich schweig! Leb wohl, Vatern! Der liebe Gott behüt Dich vor der ewigen Verdammniß und vor dera Höllen. Ich werd alle Tag und alle Stund zu ihm bitten, daß er Dich erlös aus dem Fallstrick; in demt gefangen bist. Leb wohl!« »Fahr selberst in die Höllen!« Er ergriff die Thür, welche sie geöffnet hatte, und warf sie hinter ihr in's Schloß, daß Alles krachte. Er war vollständig überzeugt daß dieses Abschiednehmen gar nichts zu bedeuten habe. Sie befand sich in Aufregung und würde wohl bald wieder ruhig werden. Sie begab sich nach ihrem Zimmer. Dort sank sie weinend und betend in die Kniee. Lange lag sie da, ehe sie sich wieder erhob und einen Kasten der Kommode öffnete. Sie packte ein Wenig Wäsche ein und steckte das Geld, welches sie grad besaß, zu sich. Dann öffnete sie ein kleines Kästchen, und nahm einen einzelnen Handschuh aus demselben. Ihn an die Lippen drückend, sagte sie schluchzend: »Max, Max, wannt wissen thätst, wie ich meinen Hochmuth büßen muß! Das ist so schnell kommen, und auch Alles zugleich, so viel, daß es mich schier zerdrücken will. Ich hab gar nicht wußt, wie lieb ich Dich hab. Ich hab denkt, Du bist so viel tief unter mir. Und nun bin ich die Tochtern des Verbrechers und kann gehn, um mich da zu verbergen, wo kein bekanntes Aug mich sehen kann. Damals, auf dem Maskenfest, hast mich um den Handschuh gebeten und mir diesen dafür geben. Jetzt nehm ich ihn mit. Es ist das Einzige, was ich wirklich mein nennen kann. Wie gern, wie so gern möcht ich jetzt die Frau des armen Dorfschullehrers sein, aberst ich bin auch das nicht werth. Ich muß gehen und verschwinden. Ich muß Buße thun für den Vatern, damit Gott nicht mit ihm in's Gericht geh. O Muttern, Muttern, warum bist mir hinwegstorben! Warum hab ich überhaupt eine Muttern gehabt! Mir wäre besser, wann ich gar nimmer geboren worden wär!« Sie steckte die Wäsche in eine kleine Tasche und ging, gleich wie sie war. Weder auf der Treppe noch im Hausflur begegnete ihr Jemand. Sie kam ganz unbemerkt auf den Dorfweg und ging denselben fort, in der Richtung nach der Stadt. Dabei kam sie beim Eschenbauer vorüber. Sie wußte, daß der Lehrer da wohnte. Sie kannte auch die Fenster seiner Wohnung; diese waren erhellt. »Er ist daheim,« flüsterte sie. »Wann ich ihn nur noch mal sehen könnt, nur ein einziges Mal, nur seinen Schatten wenigstens!« Sie stellte sich an den gegenüber liegenden Zaun und blickte beharrlich hinauf. Es wollte sich kein Schatten sehen lassen. Das hatte seinen Grund, denn Walther war nicht daheim. Er war für einige Augenblicke hinüber zum Heiner gegangen, um dessen Sohn, welcher sich allein befand, noch einige Kleinigkeiten zu bringen, welche zur Anfertigung des projectirten Bildes nothwendig waren. Dann wollte er Abendbrot essen und sich nachher hinaus nach dem Wehr begeben, wie er mit dem Wurzelsepp verabredet hatte. Der Weg, welchen er von der Flachsdörre nach Hause zu gehen hatte, führte an dem Zaune hin. Er war grasig und so waren Walther's Schritte kaum zu hören. Als er um die Zaunecke biegen wollte, blieb er überrascht stehen. Er sah eine weibliche Gestalt, welche starr nach seinen Fenstern emporblickte. Sie bewegte sich nicht. Sie war so in ihr Leid versunken, daß sie für Aeußeres gar keinen Sinn hatte. Darum hörte und sah sie ihn nicht. Er that zwei rasche Schritte und stand vor ihr. Jetzt erkannte er sie. »Marth – – Fräulein Claus!« »Max – – Herr Lehrer!« »Entschuldigung, daß ich Sie störe. Jedenfalls warten Sie auf Jemand.« Sie war außerordentlich verlegen. Sie schämte sich, hier von ihm gesehen worden zu sein. Was mußte er von ihr denken! Seine letzten Worte gaben ihr den Stoff zu einer Erklärung: »Ja, ich wart auf den Knecht, der mit dem Wagen kommt. Ich will nach dera Stadt.« »So spät?« »Es giebt heut noch zu besorgen.« »Dann wünsche ich gute Reise. Gute Nacht, Fräulein!« »Gute Nacht!« hauchte sie. Es wollte ihr das Herz abdrücken. Sollte sie ihn rufen? Nein, nein. O, wenn er wüßte, daß sie im Begriffe stehe, fortzugehen auf Nimmerwiederkehr! Vielleicht hätte er sich umgedreht, wäre zurückgekommen und hätte ihr ein freundliches Abschiedswort gesagt. Aber durfte sie das verlangen, sie, die Tochter des Verbrechers? Nein und wieder nein und tausend Mal nein!« Jetzt stand er bereits am Hause. Da blieb er doch, wie überlegend, stehen, wandte sich um und fragte: »Verzeihung, Fräulein, fährt Ihr Herr Vater mit?« »Nein.« »Ist er daheim?« »Ja. Als ich jetzt ging, war er in seiner Stuben.« »Ich dank! Gute Nacht!« Er verschwand hinter der Ecke des Hauses. Sie drückte die Hände auf den wogenden Busen, schluchzte ein, zwei Mal laut und convulsivisch auf, drängte aber mit aller Gewalt den glühenden Schmerz zurück und wankte weiter. Droben wurde das Licht verlöscht. Als Walther nachher herabkam, war sie fort. Er ging hinter das Dorfe hinweg hinaus nach dem Bache, wo er den Sepp seiner wartend fand und ihm sagte, daß der Silberbauer noch zu Hause sei. Sie lagerten sich in der Nähe des Wehres in das Gras, so daß sie jeden Nahenden, mochte er von der Mühle links oder von der Stadt rechts her kommen, deutlich sehen konnten. Sie hatten gar nicht sehr lange gewartet, so hörten sie von rechts her Schritte, langsam und leise. »Das ist er,« flüsterte der Sepp. »Möglich. Still!« Es kam näher; die Gestalt blieb am Wehr stehen. »Alle Teuxel, ein Frauenzimmer,« flüsterte Sepp. »Ja. Ist sie Ihnen bekannt?« »Nein.« »Aber jedenfalls eine Hiesige.« »Nein. So gekleidet geht hier keine. Sie hat das Tucherl ganz über den Kopf zogen. Vielleicht will sie das Gesicht nicht sehen lassen.« »Das ist verdächtig.« »Mir fallts auch auf. Da stehts und starrt in's Wehr, als obs Etwas drinnen zu suchen hätt.« »Sie wird doch nicht –« »Was?« »Bei Nacht so einsam hier am Wasser und so verhüllt! Ich will doch rächt hoffen– –« »Daß sie sich ersäufen will?« »Ja.« »Hm! Dieser Gedank ist am End nicht falsch. Soll ich sie anreden?« »Nein. Springt sie ja hinein, so hole ich sie heraus. Will sie nicht hinein, so brauchen wir ihr unsere Anwesenheit nicht merken zu lassen.« Die Frauengestalt blieb noch eine Weile stehen, dann schritt sie weiter, links hin, auf dem Mühlendamme. Dort konnte sie das erleuchtete Fenster sehen, hinter welchem der König das Manuscript Walthers las. Es war ganz dasselbe Fenster, in welches vor Jahren der Silberbauer in ehebrecherischer Absicht gestiegen war. Die Gestalt setzte sich auf den Damm nieder, starrte lange, lange in das Fenster und ließ dann den Kopf in die Hände und mit diesem nieder auf die Kniee sinken. Sie weinte, weinte leise aber anhaltend, immerfort. Nach langer Zeit erhob sie den Kopf und wischte sich die Thränen aus den Augen. »Heiner, Heiner!« flüsterte sie. »Wie habe ich mich an Dir versündigt, und doch bist Du es gewesen, den ich wirklich geliebt habe! Ich war jung und leichtsinnig, der Claus verstand es, mich zu bethören. Du wurdest unglücklich und ich auch. O, ich bin noch viel, viel elender geworden als Du, denn Du bist rein und ich trage meine Schuld und meine Schande mit mir herum.« Sie weinte wieder. Dazwischen hinein erklang es leise jammernd: »Meine Kinder! O Gott, o Gott! Ich muß sie wieder sehen, sonst sterbe ich vor Sehnsucht. Sie sehen und ihnen nicht sagen dürfen, daß ich die Mutter bin. Mein Herr und mein Gott, Du strafst hart, aber gerecht!« Die Jammernde war die Frau, welche mit dem Seiltänzer im Dorfe angekommen war. Als dieser vom Silberbauer zurückkehrte, hatte er sie in der Scheune aufgesucht, um ihr den Erfolg seiner Unterredung mitzutheilen. Dann hatte er sich in die Gaststube begeben, um sich den anwesenden Bauern für seine Vorstellungen zu empfehlen. Sie hatte dann heimlich die Scheune und den Hof verlassen und war nach der Mühle gegangen. Als sie sich vom Wehr entfernt hatte, theilten sich die beiden Lauscher ihre Gedanken über die fremde Erscheinung mit. Das Benehmen dieser Frau war sonderbar. Da hörte man trotz des monotonen Rauschens des Wassers wieder nahende Schritte. Ein Mann kam, lang und stark, er trug eine Last. »Er ist's!« flüsterte der Sepp. »Ja. Passen Sie auf!« Der Bauer stellte den Kasten neben den Strauch nieder, schob die Zweige desselben zur Seite und den Kasten dann hinein, zwischen die Mauer des Wehres und den Bogen des Wassers. Dann brannte er die Laterne an und kroch nach. »Was thun wir?« fragte der Sepp. »Gehen wir ihm nach?« »O nein.« »Warum nicht?« »Er braucht noch nicht zu wissen, daß wir hinter sein Geheimniß gekommen sind. Wenn wir noch schweigen, können wir noch mehr erfahren.« »Pah! Ich brauch gar nix mehr zu wissen. Was ich weiß, das ist halt vollauf genug. Spätern, wenn wir das Gericht hierher führen, leugnet er es gar, daß das Versteck ihm gehört. Nein, er muß hier dergriffen werden!« »Aber doch nicht heut!« »Wann anders! Ich hab keine Lust, länger zu warten.« »Es wird einen Kampf geben.« »Wir Zwei brauchen uns halt nicht zu fürchten. Es ist auch gar nicht nothwendig, daß wir ihn festhalten. Nur reden mit ihm müssen wir, damit ers nicht leugnen kann, daß ers gewest ist.« »Still! Jetzt kommt er wieder!« Man sah das Licht, welches durch den Wasserbogen leuchtete. Es kam dem Rande desselben immer näher und wurde dann ausgelöscht. Dieses Mal nahm der Bauer also die Laterne nicht mit nach Hause, sondern er ließ sie drinnen im Verstecke stehen. Die beiden Lauscher sahen den Busch sich bewegen; der Silberdauer kam hervorgekrochen. Er richtete sich auf, blieb einen Augenblick lang stehen und drehte sich um, um fortzugehen. »Tausend Teufel!« rief er erschrocken. Vor ihm stand der Lehrer. »Guten Abend, Herr Silberbauer!« Claus hatte so viel Geistesgegenwart, einzusehen, daß er sich verleugnen müsse. »Silberbauer?« sagte er. »Da kannst Dich wohl sehr geirrt haben. Geh zum Teuxel!« Er stieß den Lehrer von sich ab und wollte schnell enteilen. Da aber fuhr die Gestalt des Sepp vom Boden auf. »Willkommen, Silberbauer! Gehst spazieren hier am Wassern? Ja, schön ists da!« Der Bauer antwortete gar nicht. Die Gesichter der Beiden konnte er nicht sehen; aber den Lehrer hatte er an der Stimme erkannt. Sich zu fragen, wer der Andere sei, hatte er keine Zeit. Er sagte sich, da er die Gesichter der Beiden nicht erkannt habe, so würden sie das seinige also auch nicht deutlich gesehen haben. Er nahm überhaupt an, daß sie erst jetzt, in diesem Augenblicke an Ort und Stelle gekommen seien und also auch nicht beobachtet hatten, daß er hier ein Versteck habe und in demselben gewesen sei. Also nur fort, und zwar schnell, ehe es ihnen möglich war, sich genau zu überzeugen, daß er wirklich der Silberbauer sei. Darum sagte er auf Sepp's Anrede kein einziges Wort, sondern er ergriff schleunigst die Flucht, und zwar nicht nach der Dorfseite, wo die Beiden ihm im Wege standen, sondern nach der Mühle zu. Mit großen Sprüngen eilte er auf dem Mühlendamme hin, die Beiden hinter ihm her. Er wollte an der Mühle vorüber und dann im Wald verschwinden. Die Frau hörte seine Schritte. Sie blickte sich um und sah einen Menschen in höchster Eile auf sich zukommen. Sie erhob sich. Beim Trocknen der Thränen hatte sie das Tuch aus dem Gesichte zurückgeschoben. Sie stand jetzt grad so, daß der Lichtschein aus der Stube, in welcher der König lesend saß, voll in ihr Gesicht fiel. Der Bauer hatte sie nicht sitzen sehen. Es wäre jedenfalls in seiner Eile über sie hinweggestürzt. Da fuhr sie vor ihm empor. Er prallte zurück. Einen kurzen Augenblick standen sie einander gegenüber. Der Lichtschein traf auch sein Gesicht. »Claus!« rief sie. Kennst Du mich?« »Anna! Die Anna!« rief er aus. In seinem Entsetzen fuhr er zur Seite, bis an den scharfen Rand des Dammes, da, wo derselbe fast senkrecht nach dem klappernden Mühlenrade abfiel. Er verlor das Gleichgewicht. »Donnerwettern!« brüllte er auf. Er fuhr mit den Armen in der Luft herum, die Balance wieder zu erlangen – vergebens, er stürzte hinab. Ein lauter, schriller Angstschrei; und er war verschwunden, grad und direct in das Radlager hinein, in welches er damals den Finkenheiner gestürzt hatte. Das Wasser, rauschte aus dem Graben auf die Holzleitung und von da auf das Rad. Dieses drehte sich, aber nicht mehr so rasch wie zuvor. Die Frau rief laut um Hilfe, der Sepp auch. Der König riß das Fenster auf und blickte heraus. Der Lehrer verlor keinen Augenblick lang die Geistesgegenwart. Ohne einen Ruf des Schreckens auszustoßen, rannte er am Damme hin, nach der Mühle zu, zur offenen Hausthür hinein, durch die spärlich erleuchtete Flur und riß die Stubenthür auf. Da saß der Müller mit dem Heiner, der Liesbeth und der Barbara am Tisch. »Schnell die Mühle stoppen!« rief er ihnen zu. »Es ist Einer unters Rad gekommen!« Der Müller sagte kein Wort. Er fuhr blitzesschnell zur Stubenthür heraus, drüben zur Mühlenthür hinein – im nächsten Augenblicke war es beim Räderwerk todtenstill; die Mühle stand. »Wer ist hinein?« fragte der Heiner. »Der Silberbauer.« »O Gott! Der! Rasch, rasch! Leitern her!« Der Verunglückte war sein Todfeind und doch war er sofort zur Hilfe bereit. Er ergriff den Lehrer am Arme und riß ihn mit sich fort, hinter die Mühle, wo, wie er wußten die Leitern lagen. »Bringt Lichter und Laternen!« rief Walther den beiden Frauen noch zurück. Jetzt kam der Müller aus der Mühle und zu gleicher Zeit der König von oben herab. »Leitern, Leitern!« befahl der Letztere. »Der Heiner und der Lehrern sind schon darnach,« antwortete die Barbara. »Dann schnell Lichter!« Die wurden geschafft und dann begaben sie sich nach dem Radlager, das heißt nach dem Mauerwerk, zwischen welchem sich das große Triebrad bewegt. Dieses Letztere stand. Das Wasser rauschte über dasselbe herab. Man leuchtete in die Tiefe. Das Licht konnte nicht bis hinab dringen. »Die Leitern hinein!« befahl der König. Zwei wurden hinunter gelassen. Der Heiner wollte als Erster hinab. »Halt!« sagte der Lehrer. »Sie haben nur einen Arm, hier aber sind wenigstens vier Arme nöthig. Ich steige mit dem Müller hinab.« Die Beiden nahmen jeder eine Laterne und verschwanden in der Tiefe. »Ist er zu sehen?« fragte der König. »Ja,« antwortete der Müller. »Hier liegt er im Wasser.« »Ertrunken?« »Ertrunken kann er nicht sein. Das Wasser ist nicht tief und der Kopf liegt über demselben.« »Aber todt?« »Ich weiß nicht. Herr, mein Heiland! Es fehlt ein Arm!« »Bringt ihn herauf!« Sie brachten ihn, langsam und vorsichtig. Droben legten sie ihn nieder. Ja, es fehlte ihm der linke Arm, aber es war keine Spur von Blut zu sehen. Der König bückte sich nieder und untersuchte ihn. »Er lebt!« sagte er. »Er ist zwischen Rad und Mauer gekommen, und das Erstere hat ihm den Arm so glatt herausgedreht, daß sogar die Adern geschlossen worden sind.« Einige Augenblicke lang standen die Andern wortlos. Dann entfuhr es dem Lehrer: »Herr, Dein Strafgericht ist gerecht!« »Wieso?« fragte der König. »Dieser Mann hat vor Jahren hier unseren braven Heiner an ganz demselben Orte hinabgestürzt. Das Rad hat dem Heiner den Arm zermalmt. Heut ist der Thäter bestraft worden.« Es graute Allen. Dem alten Finkenheiner liefen die Thränen über die Wangen. »Lebt er?« erklang eine halblaute Frage hinter den Männern. Sie blickten sich um. Die fremde Frau stand da, mit verhülltem Gesicht. »Er lebt,« antwortete der Lehrer. »Wer sind Sie?« »Ich bin Niemand. Gute Nacht!« Sie verschwand schnell im Dunkel des Abends. »Und wer sind Sie?« fragte der König Walthern. »Ich bin der hiesige Lehrer.« »Ah, der sind Sie! Haben Sie heute ein Manuscript verloren?« »Leider, unbegreiflicher Weise.« »Ich habe es gefunden. Sie sollen es wieder haben. Jetzt aber vor allen Dingen muß der Verunglückte heim geschafft werden.« »Wird ers aushalten?« fragte Walther. »Ich hoffe es, da die Wunde nicht blutet. Dann muß sofort ein reitender Bote mit zwei Pferden nach der Stadt, um den Arzt schleunigst zu holen.« »Das will ich selbst ausrichten,« rief der Sepp und sprang eiligen Laufes davon. Die Andern hoben den Bauer auf und trugen ihn nach der Vorderseite der Mühle. Der Müller ging, um eine Trage zu holen. Da standen die Andern still bei einander. »Wie hat das nur geschehen können?« fragte der König. Der Lehrer wollte es erzählen, wenigstens so viel zur Erklärung nöthig war, ohne das Andere zu verrathen: »Ich ging mit dem Sepp am Wasser her und – –« Er hielt inne. Die zwei Laternen standen hart neben dem Verwundeten, zu welchem sich der König niederbeugte. Das Auge des Lehrers fiel auf die Züge des Monarchen. »Nun?« fragte dieser. »Und was nachher?« »O bitte, darf ich vorher fragen, wie – – wie Sie hier in die Mühle kommen?« »Der Herr hier?« meinte die Barbara. »Das ist unser Herr Ludewigen, welcher bei uns wohnt. Er will im Wald herum laufen, um denen Blomfaxen oder Fomplixen zu fangen.« »Bombyx,« verbesserte der König, welcher sehr wohl merkte, daß der Lehrer ihn erkannt habe. »Ich bin nämlich jetzt eine Art Forstbeamter.« Der Lehrer verbeugte sich discret und fuhr sodann in seiner Beschreibung fort. Da brachte der Müller die Trage. Der Bauer, dessen Herz zwar schlug, der aber kein Lebenszeichen von sich gab, wurde darauf gelegt. Der Lehrer und der Müller griffen zu, um ihn nach dem Dorfe zu tragen. »Soll ich mit?« fragte der Heiner. »Nein,« antwortete der Müller. »Dich können wir nicht brauchen, und wir wollen Dir halt auch gar nicht zumuthen, mit nach dem Silberhof zu gehen. Bleib Du also hier!« Sie schritten mit dem Verunglückten fort, dem Dorfe zu. Als sie an dem Silberhofe ankamen, trat ihnen vor dem Thore der Sepp entgegen. »Ist ein Bote fort?« fragte der Lehrer. »Ja, sofort. Und ich hab nun auch in den Gasthof nach dem Silberfritzen schickt, daß der heim kommen soll.« Das Gesinde eilte herbei. Es war ein Augenblick unbeschreiblicher Aufregung. Keiner ließ merken, was er eigentlich dachte und fühlte. Der Bauer wurde nach seiner Schlafstube gebracht und in das Bett gelegt. Da kam sein Sohn. »Ists wahr?« rief er bereits unter der Thür. »Der Alte ist todt?« »Nein, er lebt,« antwortete der Lehrer. »Na, die dumme Magd, die mich geholt hat, hat sagt, daß er bereits hinten rumi sei. Ja, der hat halt ein zähes Leben!« Das klang so roh und herzlos, daß es Alle kalt überlief. »Es läßt sich nicht sagen, ob er nur noch Minuten lang leben wird,« sagte der Lehrer in strengem Tone. »Er ist ins Mühlenrad gefallen und hat den einen Arm verloren.« Der Sohn beugte sich über das leichenfahle Gesicht des Vaters und meinte dann: »Na, wegen einem Arm gehts halt fort. Der blutet ja nicht mal. Nun kann er mit dem Finkenheiner Kameradschaft spielen. Wie aberst ist das denn zugangen?« »Das wird er Ihnen wohl später sagen.« »Ja. Sie brauch ich auch nicht dazu, verstanden! Jetzt aberst möcht ich doch wissen, warum man mich aus dera Wirthschaften holt, und dera Martha sagt man nix davon. Wo ist sie?« »Sie ist nicht zu finden,« antwortete ein Knecht. »Na, wo lauft sie wieder herum!« »Kein Mensch weiß es.« »Wie? Sie wissen nicht, wo sie ist?« fragte Walther, höchst erstaunt. »Nein,« antwortete der Knecht. »Sie ist ja nach der Stadt!« »Nach der Stadt? Davon hat sie nix sagt.« »Das muß ein Irrthum sein. Sie hat sich doch den Knecht mit dem Wagen bestellt, um nach der Stadt zu fahren.« »Wer hat denn diese Lügen derfunden?« fragte der Silberfritz in höhnischem Tone. Der Lehrer überhörte geflissentlich diesen feindseligen Ton und antwortete: »Sie selbst hat es mir gesagt.« »Was! Sie selber?« »Ja.« »Wo dann und wann?« »Vor Etwas über zwei Stunden. Ich traf sie unten am Ausgange des Dorfes. Dort stand sie mit einer Tasche in der Hand. Sie sagte mir, daß sie nach der Stadt wolle und auf den Knecht mit dem Wagen warte.« »Himmeldonnerwetter«! So ist sie fort! So hats sies doch wahr gemacht.« »Was?« »Sie hat sich mit dem Vatern zankt und ihm sagt, daß er ihr Vatern nimmer sein darf und daß sie fortgehen werd in die Fremden hinaus. Dera Vatern hat drüber lacht. Er hat nicht glauben wolln, daß sie grad wirklich so albern sein wird. Nun aberst, wann sie eine Taschen habt hat, so hat sie den Vorsatzen doch ausführt. Na, hat sie der Teuxel holt, so hab ich halt nix dagegen.« Es gab dem Lehrer einen Stich durch das Herze, nicht wegen dieser Gefühllosigkeit, sondern wegen etwas Anderem. Sie hatte sich von ihrem Vater getrennt. Sie war fortgegangen, still und heimlich. Jetzt wußte er, warum sie vor seiner Wohnung gestanden hatte, und jetzt erst besann er sich, daß ihre Stimme so gepreßt geklungen hatte, als wenn sie nur mit Mühe das Weinen hätte unterdrücken können. Er nahm den Müller und den Sepp beim Arme und entfernte sich mit ihnen.« »Kommen Sie!« sagte er. »Hier kann unsers Bleibens nicht sein. Wir haben unsere Schuldigkeit gethan.« »Und was machen nun wir Beide?« fragte der Sepp, als sie vor dem Silberhofe standen. »Für heut lassen wir Alles, wie es ist,« antwortete der Lehrer. »Warum? Wir müssen ja hineinschaun in – na, Sie wissens ja!« Er sprach nicht aus, weil der Müller anwesend war. »Das läuft uns nicht davon.« »Aberst dera Silberbauern –!« »Auch der ist uns sicher! Ich habe einen außerordentlich nothwendigen Weg zu machen. Kommen Sie morgen Früh zu mir; da werden wir besprechen, was zu thun ist. Jetzt aber hab ich keine Zeit, ich darf keinen Augenblick verlieren.« Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, eilte er davon, das Dorf hinab und auf der Straße weiter, nach der Stadt zu. Als er so allein durch die Nacht schritt und die Aufregung hinter sich hatte, konnte er sich mit sich selbst beschäftigen. Es kam jetzt so plötzlich und so schwer über ihn, daß er einen großen, großen Fehler begangen habe, einen Fehler, den er schleunigst wieder gut machen müsse. »Sie ist brav! Sie liebt mich! Sie hat mit ihrem Vater, mit der Heimath, mit Allem gebrochen, weil sie auf mich gehört hat! Ich muß ihr nach! Ich muß mit ihr sprechen! Ich muß ihr sagen, daß – daß – daß – ja, daß ich sie liebe, liebe, liebe! Und wie! So innig, so heiß, so unendlich! Herrgott, gieb nur, daß ich sie noch ereile!« Es war ihm himmelangst, daß er sie wohl bereits nicht mehr in der Stadt finden werde. – – Der Müller hatte zum Finkenheiner gesagt, er solle in der Mühle zurückbleiben. Das wollte der Heiner auch. Während der Herr Ludewig mit der Barbara und Liesbeth im Innern der Mühle verschwand, blieb der Alte im Freien stehen. Es war ihm zu Muthe, als ob heut das jüngste Gericht sei und Gott seinem Feinde das verdammende Urtheil verkündigt habe. Er dachte an jenen Tag zurück, an welchem er selbst da unten unter dem Rade verunglückt war. Das war schrecklich. Noch schrecklicher aber war jene Nacht gewesen, in welcher er den Silberbauer bei seiner Frau getroffen hatte und dann – – ah, jene fürchterliche Scene drüben auf der Waldblöße! Es hatte ihn seit jener Zeit täglich nach der Blöße gezogen, und es zog ihn auch jetzt hinüber, jetzt, wo der Nebenbuhler, der Mörder seines Glückes einen Theil der verdienten Strafe gefunden hatte. Er dachte nicht an Liesbeth, welche auf ihn wartete. Gottes Gerichtstag war heut. Hier an der Mühle war ein Urtheil gefällt worden. Drüben auf der Blöße war ein zweites zu fällen. Nicht aus Ueberzeugung, nicht aus Vorsatz, sondern rein aus Instinct schritt er langsam durch die Nacht dem Walde entgegen, den Pfad hinein und nach der Blöße zu. Er hatte keineswegs den Gedanken, Jemand dort zu finden. Er handelte ganz unwillkürlich, ganz unter dem Einflusse eines innern Antriebes, über welchen er sich selbst keine Rechenschaft ablegte, ja, von dem er vielleicht nicht einmal nur eine Ahnung hatte. Es war kein Mondschein. Nur die Sterne flimmerten am Himmel; doch ihr Licht reichte nicht hin, die von Bäumen freie Waldstelle zu erleuchten. Man konnte nur wenige Ellen vor sich hin sehen. Er kannte jeden Schrittbreit der Blöße, und sein Fuß traf trotz der Dunkelheit an keinen Baumsturz oder Stein. Er ging langsam und in Gedanken nach der Stelle, an welcher er seit Jahren täglich zu sitzen pflegte. Er erreichte sie. Da erhob sich eine dunkle Gestalt vor ihm vom Boden. Er hatte kein ängstliches Herz; aber er erschrak doch, als so unerwartet ein fremdes, menschliches Wesen wie aus der Erde emporstieg. »Halt! Wer ist da?« fragte er. Er erhielt keine Antwort, denn die Person schien über sein Erscheinen noch weit mehr erschrocken zu sein als er über das ihrige. »Nun, kannst nicht reden?« fragte er wieder. »Ich bins,« wurde geantwortet. »Ich? Wer?« Er trat näher und sah nun, daß die Person weibliche Kleider anhatte. »Ach so! Eine Frau bist! Was hast da in der Dunkelnheit hier im Wald zu thun?« »Ich geh spazieren.« »Spazieren? Sappernloten! Das ist mir auch noch nicht passirt, daß ich eine Frau troffen hab, die bei Nacht im finstern Wald eine Promenaden macht. Hör, das glaub ich Dir freilich nicht. Da steckt was ganz Anderes dahintern. Jetzt sagst gleich aufrichtig, wast hier willst.« »Nix.« »So, nix willst! Und da bist hier! Hm, wer bist denn da eigentlich?« »Ich bin eine Fremde.« »Und da gehst hier im unbekannten Forst spazieren? Hör, das machst mir nimmer weiß! Da hast irgend welche Absichten. Es giebt Forstspitzbuben und auch Grenzschmugglern, die verbotene Sachen hinüber und herüber tragen. Die Grenz von Oesterreichen ist ja ganz hier in dera Nähe. Gehörst etwan zu ihnen?« »Nein. So Etwas zu treiben, fallt mir gar nicht ein.« »Nun, so kann ichs erst recht nicht begreifen, wast hier willst. Ich werd mir also Dein Gesichten mal anschaun.« Er trat auf sie zu. Sie wich zurück und sagte: »Nein, nein! Ich laß mich nicht anschaun!« »Nicht? Das ist noch verdächtigern!« »Bist denn Einer von dera Polizeien oder von denen Grenzern, daßt in dieser Weisen gegen mich aufitrittst?« »Das braucht man nicht zu sein. Es hat Jedermann das Recht und auch die Pflicht, darauf zu sehen, daß nix Verbotenes passirt. Und daßt nicht sagen willst, wer Du bist, das ist verdächtig.« »So will ich es sagen. Ich gehör zur Gesellschaft des Signor Bandolini.« »Den kenne ich nicht.« »Wir sind erst in dera Dämmerung hier angekommen. Der Signor ist ein Künstler und Seiltänzer und will hier Vorstellung geben.« »Ach so! Und da gehst gleich in denen Wald spazieren? Wo seid Ihr denn her?« »Von weit aus dem Süden.« »Und da redest unsere Sprachen so hübsch? Nein, ich werd Dich doch mal anschauen. Ich bin der Heinrich Weise, den sie hier nur den Finkenheiner nennen.« Es war, wie gesagt, hier zwischen den hohen Waldbäumen noch dunkler als draußen im Freien. Darum hatte sie sein Gesicht nicht sehen und auch nicht erkennen können, daß er nur einen Arm besaß. Jedenfalls hatte sich im Laufe der Jahre seine Stimme so verändert, daß er an derselben selbst von einer Person, welche ihm früher nahe gestanden hatte, nicht erkannt werden konnte. Sie wich wie erschrocken noch weiter von ihm zurück und sagte: »Herrgott, dera Finkenheiner!« »Kennst etwan meinen Namen?« Sie zögerte mit der Antwort. Sie schien in Ungewißheit zu sein, ob sie Ja oder Nein sagen solle. »Nun, warum antwortest nicht?« »Weil – weil – ja, ich hab Deinen Namen bereits schon mal gehört.« »Hier? Warst schon hier?« »Nein, zum letzten Male hab ich ihn an einem Ort vernommen, welcher sehr weit von hier liegt.« »Wo?« »Da unten in dera Walachei.« »In – dera – Walacheien!« stieß er langsam hervor. »Bist dort gewest?« »Ja, lange Zeit.« »So kannst meinen Namen dort nur von dem Silberbauern hört haben – oder nein, denn der ist ja bereits schon eine lange Zeiten hier. Sag also, wer dort von mir sprochen hat!« »Das ist – – eine Frauen gewest.« »Eine Frauen? Herrgott! Was werd ich jetzund derfahren müssen. Sag an, ists vielleicht gar – – meine Frauen gewest?« Sie antwortete nicht sogleich. »Ja,« erklang es erst nach einer Weile und in sehr gepreßtem Tone. Es wurde still. Sie fügte nichts hinzu, und auch er beobachtete ein momentanes Schweigen. Sie sah trotz der Dunkelheit, daß er sich mit seiner einen Hand über das Gesicht fuhr. »Von ihr, von ihr!« erklang es dann leise. »Mein liebern Gott! So hat sie von mir sprochen?« »Ja.« »Und sie ist noch nicht todt? Sie lebt wohl noch?« »Ja, sie lebt noch.« Er setzte sich langsam auf einen Baumstumpf nieder, welcher neben ihm aus dem Boden hervorsah, und in müdem Tone meinte er: »Wie mich das angreift! Ich hab halt gar nicht denkt, daß ich so schwach sein kann!« Sie schwieg, und erst nach einer minutenlangen Pause gestand er aufrichtig: »Ich hab halt gar nicht wiedern an sie denken wollen, aber seit sie fort ist, verging keine Minut, an welcher ich nicht an sie hab denken müssen. Und ich hab auch nicht von ihr reden wollt, und nun, da ich Eine treff, die sie kennt, so red ich dennerst von ihr! Was ist das Herz doch für ein armselig Dingerl!« Da klang leise und verzagt aus ihrem Munde die Frage: »So hast sie also nicht vergessen?« »Vergessen? O Gott, wann ich sie hätt vergessen konnt, so wärs wohl bessern, viel bessern für mich gewest!« »Und – und – – hast sie wohl – – lieb gehabt?« »Lieb, so lieb wie mein Leben!« »Du Armer!« Auch sie setzte sich nieder, auf einen andern Baumstumpf, welcher in der Nähe stand. »Ja,« sagte er, »ich bin arm, aberst nicht mehr so wie früher, wie dazumal. Hat sie Dir vielleicht erzählt, was zwischen uns geschehen ist?« »Ja.« »Aberst wohl nicht Alles?« »Alles!« »So mußt halt eine sehr gute Freundinnen von ihr sein.« »Wir haben, so lang wir uns kennen, kein Geheimnissen vor nander habt.« »So kannst mir auch sagen, wo sie jetzund ist?« »Ja. Sie ist noch dort unten in derselbigen Gegend.« »Sie sehnt sich wohl nimmer heim?« »O, sehr; aberst sie darf doch nicht heimkommen!« »Ja, sie darf nicht. Sie selberst hat sich die Thür verschlossen, welche nach dera Heimath zuruckführt. Die Schand ist dera Riegeln, den sie nimmer wiedern wegschieben kann.« »Und Dir dürft sie ja auch niemalen wieder unter die Augen treten?« »Mir? Ach, mir!« Er sagte das in einem Tone, welcher weder als Ja noch als Nein gelten konnte. »Denn Du mußt sie ja hassen!« fuhr sie fort. »Hassen? O nein! Wie könnt man Eine hassen, die man so lieb habt hat!« »Aberst verachten!« »Auch nicht. Weißt, die Verachtung ist eine sehr, sehr große Sünden, welche ein Mensch an dem andern begehen kann. Verachten soll Keiner den Andern; das ist gegen die Lieb, die uns der Herrgott zur Pflicht macht hat. Hassen kann ich Einen, aberst verachten niemals. Selbst dera schlechtest Kerl, selbst dera schlimmst Verbrechern ist ein Geschöpf Gottes und hat noch ein Stückle Boden und Erdreich im Herzen, auf dem was Guts noch wachsen kann, wann das richtge Körnle drauf gesäet wird. Nein, hassen odera verachten kann ich die Anna nimmer. Aber Mitleid kann ich mit ihr haben, großes, großes Mitleid und Derbarmen!« Sie ließ den Kopf sinken und sagte nichts. »Schau,« fuhr er fort, »sie ist jung gewest und unerfahren. Sie hat eine schnelle und hitzigen Naturen habt. Ich war ein stiller und bedachtsamer Kerlen, und da hab ich halt nimmer gut zu ihr paßt. Das hab ich freilich erst spätern einisehen. Da ist dera Silberbauern kommen; der ist ein ganz anderer Kerlen gewest, und da ist sie von ihm verführt worden.« »Sie hätt sich nicht sollen verführen lassen!« »Ja, aberst ich bin auch mit schuld daran.« »Wieso?« »Schau, wann man einen Schatz hat odern ein kostbar Kleinoden, so wacht man darüber und laßt nicht einen Jeden dazu kommen. So ists auch, wann man eine schöne Frauen hat, die so jung ist, daß sie noch keinen festen Charactern haben kann. Ueber die muß eben dera Mann wachen, daß nicht hinter seinem Rucken ein Dieb kommt, der sie ihm hinwegschnappt. So eine Frauen will wohl gar nix Böses thun; aberst der Verführer ist schlau und hat sie halt gefangen, noch bevor sie überhaupt merkt hat, daß er sie fangen will. Das hätt ich wissen und mich darnach verhalten sollen. Ich hätt den Silberdauern gar nimmer an sie heranlassen sollen. Ich aberst hab nicht aufpaßt, bin zu sehr voller Vertrauen gewest, und darum bin ich auch mit schuld an Dem, was mir damals geschehen ist.« »Nein, nein, sie allein war schuld! Das weiß sie ganz genau.« »Hat sie es denn sagt?« »Ja.« »So hat sie bereut, was sie than hat?« »O, bitter, bitter bereut.« »Das gefreut mich um ihretwillen. Ich trag ihr keine Rache nach und wills ihr gönnen, wanns ihr so gut wie möglich geht.« »Ja, Du bist gut, so gut! Das hat sie auch immer sagt. Dera Silberbauern aberst ist ein Schurk gewest durch und durch. Er hat sie nur belogen und betrogen.« »Das hab ich mir freilich denken könnt. Sie wird als seine Frauen kein großes Glück derlebt haben.« »Glück? Wo denkst hin! Und seine Frauen ist sie ja gar niemals gewest!« »Nicht?« fragte er erstaunt. »Nein.« »So hat er sie freilich ganz schlimm betrogen! Ich hab damals – – hat sie Dir nicht sagt, was an jenem Abend hier, grad an dieser Stellen geschehen ist?« »Ja, das hat sie mir sagt.« Und leiser, leiser wiederholte sie: »Jawohl, sie hats sagt.« »Das war schrecklich, ganz schrecklich! Ich hab nicht ahnt, daß dera Claus zu meiner Frauen ging; aberst im Dorf habens Alle wußt und auch in dera ganzen Umgegend. Einer hat mich mal aufmerksam macht, und da bin ich in ihre Stuben gangen. Sie hat ihn bei sich habt. Er hat mir einen Schlag auf den Kopf geben, daß ich sogleich zusammenbrochen bin, und ist dann zur Thüren hinaus, sie mit ihm. Ich hab mich doch aufrafft und bin hinter ihnen her bis auf die Waldblößen hier. Da hab ich sie derwischt; er aberst ist weiter laufen. Mir ists so schlimm im Kopf gewest von dem Schmerz, daß meine Frauen mir untreu ist, und von dem Schlag, den er mir geben hat. Ich hab nur wankt und zittert und kaum reden konnt. Sie hat kein Derbarmen habt und zornig auf mich einisprochen. Sie hat verlangt, daß ich sie aufgeben sollt, weil sie den Claus hat heirathen wollen. Es ist ein Auftritt gewest, daß mir das Blut im Herzen stillstanden ist. Ich hab ihr auch versprochen, sie frei zu geben, und bin mit ihr nach Haus. Da hab ich ihr die Unterschrift geben und hab mich nachhero ins Bett legt. Als ich wiedern zu mir kommen bin, hab ich hört, daß ich sehr lange krank war, und im Kopf ists noch immer nicht richtig gewest. Die Frauen war fort, und die Kindern hat die Muttern vom jetzigen Müllern zu sich nommen gehabt. Spätern bin ich aufs Amt verlangt worden, denn sie hat die Unterschriften einschickt, und die hab ich vor Gericht anerkennen mußt. Ich habs than und ihr alles Glück gewünscht. Nun aberst hör ich, daß er sie doch nicht heirathet hat. Was hast denn?« Während er erzählte, hatte sie das Gesicht in die Hände genommen. Es klang, als ob sie leise weine. Sie antwortete nicht auf seine Frage. »Was thust denn?« wiederholte er. »Ich glaub gar. Du fangst an zu weinen.« »Ja, da muß man weinen,« antwortete sie. »Oder ists etwan nicht traurig?« »Freilich ists traurig, und wannt ihre Freundinnen bist, so mags wohl auch Dich angreifen.« »Ich wein nicht über sie sondern über Dich, weil Du das Schwerste hast ausstehen müssen, und noch dazu ganz unschuldig. Was sie derlebt hat, das hat sie verdient. Sie hat kein Herz habt, für Dich nicht und auch für die Kindern nicht. Als nachhero der Bericht kommen ist vom Gericht, daß sie geschieden war von Dir und hat wiedern heirathen konnt, so hat dera Claus zu ihr sagt, daß er sie nicht heirathen kann, weil er katholisch war und sie evangelisch.« »Dera Lump!« »Aberst spätern hat sie den eigentlichen Grund derfahren. Er ist nämlich gar nicht ledig gewest.« »Wie? Er war verheirathet?« »Ja. Er ist doch, bevor er Deine Frauen kennen lernt hat, bereits mal da unten an dera Donauen gewest. Dort hat er seine Frauen zurückgelassen mit zweien Kindern. Mit der Deinigen ist er nur bis ins Ungarn hinein; dann hat er sie sitzen lassen. Sie ist ihm nach, ohne Geld und ohne Alles, als Bettlerin. Sie hat ihn lange, lange vergeblich sucht, und nachhero, als sie ihn fand, war er verheirathet.« »Du guter Himmel! Was mag die Anna da denkt und fühlt haben! Das muß eine Strafen gewest sein!« »Eine harte, eine sehr harte. Sie hat fast den Verstand verlieren wollen. Er hat ja auch ihr Geld habt, um daß sie Dich vorher betrogen hat.« »Ja, ich hab aus dem Haus mußt, und weil ich so krank war im Kopf, hab ich keine Arbeit funden, und es ist mir und denen Kindern gar traurig ergangen. Aberst was hat die Anna nachhero anfangen?« »Sie hat sich einen Dienst sucht.« »Und auch einen funden?« »Ja, bei einer Bojarenfrauen auf einem Schloß, welches nicht weit von dera Stadt Slatina standen hat.« »Was ist das, ein Bojar?« »Ein Edelmann.« »O Jegerl! So hat sies wohl gut gehabt?« »Nur kurze Zeit, denn das Schloß ist wegbrannt, und nachhero starb die Frauen. Nicht weit vom Schloß sind zwei Mühlen gewest. In der einen hat dera Claus wohnt mit seiner Familien. O, was ich da verzählen kann!« »Von der Anna?« »Nein, vom Claus. Er hat da Sachen macht, die ihn aufs Zuchthaus bringen müssen.« »Wie? Wirklich? Weißt Du was?« »Ich weiß Alles, und die Anna weiß es auch.« »Und darf ichs vielleichten derfahren?« Sie wartete eine Weile, ehe sie antwortete: »Du? Warum willst Dus wissen?« »Weil er seine Strafen erhalten – – – Sapperloten, daran hab ich ja gar nicht denkt! Die Strafen hat ihn ja bereits schon troffen!« »Heut Abend, ja. Ich bin ganz voll Entsetzen gewest, als ichs sehen hab.« »Ach, Du warsts, die hinkam, als wir hinter dera Mühlen bei ihm standen?« »Ja.« »Wie bist dorthin kommen?« »Ich – ich – – weißt, meine Heimath hat im Wald gelegen, und darum lieb ich den Wald und bin des Abends gern in ihm. Darum bin ich heut, nachdem wir hier ankommen sind, in den Wald spazieren gangen – – –« »Eine Frauen, die im Dunkeln in den Wald spazieren geht, die ist eine große Seltenheiten?« »Ja, aberst ich thu es doch. Ich bin am Wasser her und kam grad dazu, als Ihr den Claus aus dem Rad herauszogen habt. Und – das will ich Dir sagen, daß ich nicht kommen bin, um mit Kunststücken zu machen, denn ich kann keins, sondern ich cassier vor das Geldl ein, sondern ich hab den Signor Bandolini so weit bracht, das er hierher gangen ist, denn ich hab den Claus aufsuchen wollt.« »Warum?« »Um ihm seine Straf geben zu lassen.« »Das wird jetzund nicht mehr nöthig sein. Ich habs aushalten, als mir der Arm zermalmt worden ist; ein Zweiter halts nicht so gut aus. Und ihm ist er nicht zermalmt sondern sogar gleich aus dem Leib rissen worden. Das ist noch schlimmern.« »Vielleicht ist das nicht so schlimm. Ich hab von einem Beispiel derfahren, daß in einer Fabriken die Maschin Einem den Arm ausrissen hat. Da hats auch kein Blut geben, und er ist bald wiedern gesund worden.« »Das ist wohl möglich. Aberst wanns bei ihm auch so war, so hat er sich wohl auch noch innerlich Schaden than; er hat mir ganz so ausgeschaut. Und dann ists aus mit ihm. Da kann er nicht davonkommen.« »Meinst? Nun, das kann nix ändern an dem, was ich thun will und was ich thun muß. Ich muß entdecken, was damals in Slatina geschehen ist, damit noch ein Andrer auch seine Straf erhält.« »Wer?« »Der zweite Müllern, der mit dort wohnt hat. Der ist auch mit dem Claus ins Deutschland zogen. Ich hab ihn nur nicht finden konnt, und dera Claus will ihn nicht verrathen.« »Das weißt schon jetzt?« »Ja, denn dera Signor ist beim Claus gewest, und der hat sagt, daß er den Kellermüllern gar nicht kennt.« »Kellermüllern? Heißt er etwan Keller oder Kellermann?« »Ja.« »Wanns das ist, so kann ich Dir wohl sagen, wo er zu finden ist. Der ist jetzt Thalmüllern in Scheibenbad, was gar nicht weit von hier gelegen ist.« »Wirklich? Wann ers wär, sollt michs gefreun. Aberst vielleicht ists ein Anderer.« »Das glaub ich nicht. Ich weiß genau, daß der Thalmüllern so da unten gewest ist, wo die Türkeien liegt, und dera Silberbauern ist sein guter Freund!« »So ist ers, so ist ers! Gott sei Dank, daß ich das derfahr! Nun kann ich vielleicht auch heraus bekommen, wo dera kleine Curty hinkommen ist.« »Wer ist das?« »Das ist das Söhnchen von dera Bojarenfrauen, welches plötzlich verschwunden ist. Ich hab immer denkt, daß er geraubt worden ist.« »Geraubt? Ein Kind? Wer kann das thun?« »Die beiden Müllern: Ich weiß noch viel mehr, als ich jetzunder sagen kann. Wehe dem Silberbauern, wann er an dem heutigen Unglücken nicht sterben sollt!« »Er hat Alles verdient, was ihm Böses geschehen kann. Aberst er ist schlau, und es wird gar schwer halten, ihm was zu beweisen. Wannst keine Zeugen hast, so – – – ah, da fallt mir ein, Du hast doch sagt, daß meine Frauen auch Alles weiß?« »Ja. Von der hab ichs doch erst derfahren.« »So müßt sie es sein, die ihn anzeigen thät.« »Meinst?« »Ja.« »Das kann sie nicht.« »Warum nicht?« »Wann sie gegen ihn aufitreten wollt, mußt sie doch wohl hierher kommen. Nicht?« »Freilich.« »Das kann sie nimmer wagen.« »Wegen meiner etwan?« »Wegen Deiner ganz allein.« »O, vielleicht mag sie sich von denen andern Leutln nicht gern anschauen lassen.« »Da irrst Dich. Was die Andern sagen, das ist ihr ganz gleichgiltig. Sie hat so viel gelitten und so viel gebüßt, daß sie sich gar nimmer vor dera Verachtung fürchtet, die sie vor den Leutln finden thät. Nur vor Dir hat sie Angst.« »Vor mir! Ich hab ihr damals nicht den einzigen Vorwurf macht. Ich hab ihr kein böses Wort sagt; ich bin nicht grimmig gewest sondern nur traurig und elend tief im Herzen drinnen.« »Aberst jetzunder? Wie würds da wohl sein?« »Wann sie käm?« »Da thät sie mich wohl nicht aufsuchen. Und wanns mich zufallig treffen thät, so wär ich ganz still. Ich sagt ihr auch jetzt kein böses Wort.« »Wirk – – lich?« fragte sie. »Ja. Was geschehen ist, das ist vorüber«, und das kann nun nimmer anderst werden. Es würd mir wohl einen Stich durch das Herz geben, wann ich sie schauen müßt, aberst daß ich ihr Feind bin, das soll sie nicht denken.« »Ja, Du bist – – gut, gut, gut!« Sie griff herüber und suchte nach seiner Hand. Als sie dieselbe fand, zog sie sie zu sich hin und – – drückte schnell ihren Mund darauf. Er entriß sie ihr augenblicklich. »Was thust? Was fallt Dir ein!« rief er. »Dera Finknheiner ist nicht ein vornehmer Herr, dem man die Patscherln küssen muß.« »Vornehm bist freilich nicht aberst gut und rein edel wie nur irgend Einer!« »Oho! Da kennst mich schlecht?« »Nein, ich kenn Dich gut?« »Woher?« »Von der Anna, die immer viel, sehr viel von Dir sprochen hat. O, wannts nur wissen könntst, wie sie es bereut hat, was damals schehen ist!« »Ich wills Dir glauben!« »Und wie sie sich seit Jahren sehnt hat nach dera Heimath, nur um Dich mal zu erblicken.« »Ists wahr?« »Ja. Sie hat oft herbei wollt, um sich zu verstecken, so daß kein Mensch sie sehen kann. Und da hats ausschauen wollen, bis sie Dich heimlich sehen konnt.« Ihre Stimme klang ganz so, als ob sie sich sehr große Mühe gebe, eine tiefe Bewegung zu verbergen. Er war still. Was er hörte, ging ihm zu Herzen. »Und weißt.« fuhr sie fort, »wornach sie dann auch noch die allergrößt Sehnsuchten hat?« »Nach dera Mühlen, wo sie wohnt hat?« »Auch wohl. Aberst das ists nicht, was ich mein. Die Kindern, die Kindern sinds, nach denen ihr Herz aufischreit hat jahrelang.« »So!« sagte er gerührt. »Hat sie nach denen Kindern eine Sehnsuchten habt?« »O, wie große, große Sehnsuchten.« »Das kann mich gefreun. Das macht Vieles, Vieles wiedern gut. Ich hab nicht glauben konnt, daß bei ihr das Mutternherz doch endlich mal die Stimm erheben werd.« »O, diese Stimme hat lange geschwiegen, aber spätern ist sie desto lauter worden. Die Anna hat vergehn wollen vor Sehnung nach dem Buben und dem Dirndl. Und je längern desto größern ist die Sehnsucht worden.« Sie sagte das langsam und mit mehreren Pausen. Er hörte es, daß nicht ihr Mund allein sondern auch ihr Herz es sprach. Die Thränen traten ihm mit Gewalt in die Augen. Er weinte. »Schau,« sagte er, »bei dem Allen hat michs am Meisten dergriffen, daß sie hat von denen Kindern fort können gehen. Wie, wie hat das mir wehe than!« »Sie hat ja nicht bleiben konnt!« »Ja. Sie war eine Ehebrecherin; sie hat fort mußt und die Kindern ja nicht mitnehmen konnt. Doch auch das mag ihr vergeben sein. Du aberst bist eine Gute. Du hast ein weiches Herz. Du, wannt ihre Freundinnen bist, so kann sie doch nicht so schlimm sein, wie ich immer hab denken müssen.« Auch sie schluchzte. »Ich, eine Gute? O nein, o nein!« »Ja, Du bist gut. Das hör ich ja.« »Nein, nein! Wannts wüßtest, was ich Alles than hab, so würdst wohl ganz anderst reden.« »Du magst than haben, wast willst, ein gutes Herz hast doch. Wann die Anna so eins habt hätt, so wär das Alles nimmer passirt. Jetzt aberst, da sie sich nach denen Kindern sehnt, wirds wohl besser worden sein in ihrem Gemüth.« »Viel, viel anderst; das kannst glauben. Sie hat mir gute Worten geben. Ich soll nachschaun, obs möglich sei, daß sie mal herkommen darf, weist ganz still und heimlich, ohne daß Jemand was merkt.« »Will sie das? Herkommen wills? Sie mag in Gottes Namen kommen.« »Und wanns Dich trifft, was wirst thun?« »Ich werd ihr sagen, daß ich ihr vergeben hab.« »Mein Gott, mein Gott! Was Du für ein so Guter bist! Und nachhero will sie sich von Weitem stellen, so ganz von Weitem und auch die Kindern mal schaun. Sie will nicht mit ihnen reden, denn das ist sie ja nimmer werth, und das will sie sich auch nicht von Dir derbitten; aberst mal anschaun möcht sie sie und nachhero wieder fortgehn. Dann hat sie doch das Bild von ihnen im Herzen und wirds festhalten bis an ihre letzte Stund.« Er schluchzte laut. »Wirst ihr das derlauben?« fragte sie mit brechender Stimme. »Wirsts thun?« »O Gott, o Gott! Ist das nicht zum Herzbrechen! O Anna, Anna, warum hast mir Das than und Dir aber auch! Wir hätten so glücklich sein konnt, so glücklich! Mir möcht jetzt die Seel ausnander gehn vor Jammer und Herzeleiden! Freilich, freilich werd ichs ihr derlauben, die Kindern zu sehen. Sie ist ja die Muttern und hat das Recht dazu!« »Dies Recht hat sie sich verscherzt!« »Nein. Das Recht der Muttern kann niemals verscherzt werden. Sie soll nur kommen. Sie mag die Kindern sehen und mag auch mit ihnen reden.« »Welch ein Glück, welch ein Glück!« erklang es fast jubelnd aus dem Schluchzen heraus. »Aber reden auch? Nein, reden darf sie nicht mit ihnen!« »Warum?« »Das kann sie nicht. Wannts auch in Deiner großen Güten derlauben thätst, so ists doch unmöglich.« »Da seh ich keine Unmöglichkeiten!« »Und doch! Was sollt sie zu ihnen sagen?« »Daß sie die Muttern ist.« »Das darf sie nicht sagen; das kann sie nicht sagen. Sie müßt ja vor Scham vergehen!« »Nein, sie braucht sich vor denen Kindern nicht zu schämen, gar nicht.« »Meinst, daß die Kindern freundlich wären, daß sie ihr keine Vorwürfen machen thäten?« »Keinen einzigen.« »So haben auch sie ihr vergeben?« »Vergeben? O, die wissen ja gar nicht, daß sie dera Muttern was zu vergeben haben.« Sie hob den Kopf mit einem schnellen Ruck empor. »Nicht? Sie Wissens nicht?« »Nein, kein Wort. Ich hab allein, ganz allein unglücklich sein wollen. Wann ich auch die Kindern hätt unglücklich machen wollt, so war ich ja doppelt elend gewest. Sie haben nie derfahren, daß ihre Muttern noch lebt, daß ihre Muttern fortgangen ist und sie verlassen hat. Sie haben immer dacht, daß die Muttern storben ist, daß sie im Himmeln ist. Ich hab denen Kindern nicht das Glück nehmen wollt, gern an ihre Muttern zu denken und des Abends, wanns schlafen gehen, und des Morgens, wanns aufistehen, für sie zu beten.« Da stand sie auf. Sie faltete die Hände und stieß, vor Bewegung am ganzen Körper bebend, hervor: »Wie? Das, das hättest than?« »Ja. Ich hab die Anna lieb habt, und die Kindern sollen sie auch lieb haben.« »Was – bist – doch – für ein Mann!« schrie sie förmlich laut auf. »Was sie an Dir verbrochen hat, kann ihr nimmer, nimmer vergeben werden!« »Ich habs ihr verziehen, und dera liebe Herrgott wird nicht weniger barmherzig sein als ich.« »Aber habens die Kindern nicht wohl von fremden Leuten derfahren?« »Nein. So lange ich krank legen hab, sinds bei dera Müllerin gewest und mit Niemand zusammenkommen. Und sobald ich hab laufen konnt, bin ich von Haus zu Haus gangen und hab die Leutln beten, denen armen Kindern nix von dera Muttern zu verzählen. Diese Bitten ist mir derfüllt worden, denn wanns Einer verrathen hätt, so hätten die Kindern mirs ja sagt und mich fragt. Nein, nein, die Anna braucht sich vor ihnen nicht zu schämen.« »O, wanns das wüßt, so thäts vor Glück vergehen. Und sag nun auch noch, was die Kindern machen!« »Die sind heran wachsen, ehe mans dacht hat. Die Zeiten vergeht ja schnell. Vorhin, alst beim Silberbauern standen bist, hast da das Dirndl sehen, was die Laternen in dera Hand habt hat?« »Ja.« »Wie hats Dir gefallen?« »Das ist ein gar prächtigs Dirndl gewest. Hats in die Mühlen gehört?« »Bereits ja, denn sie ist dem Müllern seine Braut. Das ist nämlich die Liesbetherl.« Da stieß die Frau einen lauten Freudenruf aus. »Die Liesbetherl, die Liesbetherl ists gewest! O Gott, o Gott! Wie schön sie war? Der Herrgott mag sie glücklicher machen als ihre Muttern!« »Die ist bereits glücklich. Weißt, das Liesbetherl ist eine gar Saubere und Richtige und auch Brave! Von der könnt ich Dir verzählen wochenlang. Die ist mein Glück und meine größte Freuden.« »Die? Dera Buben also nicht.« »O, der auch. Dem hab ich noch nie ein böses Wörtle sagen dürfen. Aberst er ist halt nicht gesund.« »Mein Gott! Was fehlt ihm denn?« »Ja, wann ich das wissen thät! Weißt, als meine Frauen damals fort ist, da war die Liesbeth so klein, daß sie gar nix wußt hat. Dera Hans aberst hat schon den Verstand habt. Ich war krank, so daß er nicht zu mir durft, und so hat er ohne End und Aufhören nach dem Vatern und nach dera Muttern schreit. Er hat sich da so abjammert und abhärmt, daß er ganz elend worden und bis heut auch schwach blieben ist. Eine Arbeiten kann er nicht machen. Seine größte Freuden ist, wann er am Tisch sitzen und Bilder machen darf aufs Papieren. Ich hab den Doctoren fragt. Der schüttelt den Kopfen, sagt einen fremden Namen für die Krankheit und meint, daß dera Hans gesund werden kann, wann er in ein Land kommen könnt, wo ein wärmers Klima ist.« »Mein Himmel! Und das kann er nicht!« »Nein, denn ich bin arm.« »Das glaub ich wohl. Und einen Arm hast auch nur; da wirst nimmer viel verdienen.« »Ich mach Holzlöfferln. Wann ich da am Tag zwanzig Pfennigen hab, so ists gar viel.« »Und davon mußt leben?« »Davon und von dem, was das Liesbetherl verdient. Die macht mit dera Nadeln gar saubere Sachen und arbeitet Tag und Nacht. Verkommen thun wir da freilich schon, aberst gar bescheiden. Eine Suppen aus Kartoffelschalen, die kommt sehr oft auf den Tisch bei uns.« »Eine – Suppen – aus – Kartoffelschalen!« wiederholte sie. »Die Kindern müssen eine Suppen aus Kartoffelschalen essen! Und das viele Geldl, was ihnen gehören thät, das hab ich mitnommen, das hab ich ihnen stohlen, ihnen und Dir, das hab ich dem Silberbauern an den Hals worfen! O, ich Rabenmuttern, ich Rabenmuttern!« Der Gedanke, daß ihre Kinder Hunger leiden müßten, war ihr so schrecklich, daß sie es vergaß, sich auch noch weiter zu verleugnen. Der Finkenheiner fuhr von seinem Baumstumpfe empor. »Was!« schrie er auf. »Von wem redest da? Wer, wer iß eine Rabenmuttern?« »Ich.« »Du? Du? Warum?« »Da, schau her, wannsts wissen willst!« Sie trat ganz nahe zu ihm heran, nahm das Tuch vom Kopfe und hielt ihr Gesicht vor das seinige. »Schau mich an! Kennst dies Gesichten noch?« Er erkannte ihre Züge trotz der Dunkelheit und trotz der Länge der Zeit, in welcher er seine Frau nicht gesehen hatte. Er taumelte förmlich zurück. »Anna!« Das klang fast wie Entsetzen. »Heiner!« antwortete sie. Dabei sank sie vor ihm in die Kniee und blieb in dieser Stellung vor ihm liegen. Er rang mit sich selbst. Er wollte sprechen und brachte doch kein Wort, keinen Laut hervor. Sie hörte es, daß er förmlich nach Luft schnappte. »Heiner!« flehte sie weinend. »Tritt mich mit den Füßen! Spuck mich an! Schlag mich mit dera Faust! Ich will Dirs gar noch danken, denn ich habs verdient. Aberst sei nur nicht so still! Das macht mir Angst. Was hast? Was schnaufst? Kannst keinen Athem erhalten? Sag ein Wort, sag eins!« Er ließ einige unarticulirte Laute hören. Sie sah, daß er taumelte. Da sprang sie auf und legte den Arm um ihn, um ihn zu stützen. »Heiner, setz Dich nieder, sonst fallst mir um!« »An – na. An – na!« kam es beinahe röchelnd hervor. »Du – Du – Du selberst bists!« »Ja, ja, ich! Aberst bleib stark, bleib ruhig! Mach Alles mit mir, Alles, nur fall mir nicht um!« »Mein Gott – – und mein Herr! Die Anna ist da, die Anna!« Er brach, trotzdem sie ihn hielt, langsam zusammen nieder in's Moos, legte den Arm auf den Baumstumpf und den Kopf auf den Arm und begann, wahrhaft herzzerbrechend zu weinen. Sie kniete neben ihm nieder und betete inbrünstig: »Mein Vatern im Himmeln, gieb ihm, daß ers ertragen mag! Laß mich sterben, gleich hier auf der Stell, aberst gieb, daß es ihm nix schaden mag!« Dann lehnte sie die gesenkte Stirn neben Heiners Kopf auf den Baumstumpf und weinte mit. Beide waren so von ihrem Schmerz gefangen, daß sie für nichts Anderes Augen und Ohren hatten. Sie hörten nicht ein leises, leises Räuspern, das ganz in der Nähe erklang. Es war ganz so, wie wenn Einer eine tiefe, tiefe Rührung kaum überwinden kann und dabei unvorsichtig laut einmal kräftig durch die Nase athmet. So knieten die Beiden eine ganze Weile neben einander. Endlich erhob die Frau den Kopf. »Heiner,« bat sie, »kannst noch nicht sprechen? Sag mir ein Wort! Nur ein ganz kleines!« Da erhob auch er den Kopf. »Sei still!« antwortete er. »Ich hab glaubt, daß dera Schlag mich trifft, aber der liebe Herrgott hat mich dafür behütet. Jetzt wart einen Augenblick!« Grad hier an diesem Baumstumpf pflegte er zu sitzen. Er war ein sparsamer Arbeiter. Selbst den kleinsten Holzabfall pflegte er aufzuheben und mit nach Hause zu nehmen, wenn er ein Bündel zusammen hatte. Dabei pflegte er das harzige Holz von dem andern zu scheiden. Für das Erstere erhielt er einige Pfennige, wenn er es verkaufte. Er wußte, daß er solches Holz hier liegen hatte. Er griff hin und nahm ein Stück davon, dann holte er ein Streichholz aus der Tasche. Es flammte auf und er brannte das harzige Stück an. Er leuchtete mit demselben der Frau in das Gesicht. Sie ließ es sich gefallen. Sie bewegte sich nicht und hielt den Blick angstvoll auf sein Gesicht gerichtet, welches sie beim Scheine der kleinen Flamme auch erkennen konnte. Nun blies er das Licht aus, warf den Spahn weg und sagte: »Ja, Du bists, Du bists! Jetzt seh ichs deutlich. An dera Stimm hätt ich Dich nicht derkannt. Bleich bist, bleich wie dera Tod. Hast wohl rechte Aengsten vor mir?« »Ja, große Angst.« »Das brauchst nicht, Anna. Ich hab Dir doch vorhin sagt, daßt Dich nicht zu fürchten brauchst!« »Da hast denkt, die Anna ist weit fort, und ich bin eine Fremde. Nun aberst bin ich selbern da!« »Das machts nicht änderst.« »So willst wirklich nicht auf mich zanken?« »Nein. Komm, steh auf, Anna!« Er ergriff sie mit seiner einen Hand. »Nein!« sagte sie. »Ich werd hier vor Dir knieen, bist mir sagst, daßt mir vergeben hast!« »Das hab ich ja bereits sagt. Ich hab keinen Groll mehr gegen Dich im Herzen. Steh also auf aus den Knieen und setz Dich neben mich her!« Ehe er es verhindern konnte, hatte sie abermals seine Hand ergriffen. Sie hielt sie so fest, daß er sie ihr nicht entziehen konnte und bedeckte sie mit Küssen. »Heiner, Heiner!« schluchzte sie. »Ich bin nimmer werth, daß die lieben Sterne vom Himmel auf mich niedern scheinen. Und grad weilst nicht zürnst, weilst so gut bist und so barmherzig, darum steht meine Schuld viel größern als bisher vor mir. Jetzt, wannt ich ungeschehen machen könnt, was ich Dir than hab, ich gäb mein Leben hin, ja, mit tausend Freuden gäb ichs hin, hier auf dera Stellen!« »Ungeschehen kannsts nicht mehr machen, Anna. Also kannst nix weitern thun, als es vergessen.« »Vergessen? Das ist unmöglich!« »Warum? Schau, ich habs auch vergessen!« »Vergeben hasts. Du Großmüthiger, aber vergessen kannsts nicht. Daß Einer um sein ganzes Lebensglück, um sein Vermögen und um seine Gesundheiten bracht worden ist, das kann bei ihm nicht in Vergessenheit gerathen.« »Wannsts so meinst, so hast freilich recht. Aberst man braucht doch nicht mehr mit Zorn daran zu denken. Schau, ich hab viel gelitten, aberst Du hast noch mehr erduldet. Du hast einen Wurm in Dir getragen, welcher immer nagt und fressen hat, und ein Feuern, das nie verlöscht ist. Ich hab nachhero doch noch Freuden habt an denen Kindern. Du aberst hast keine Freud finden können niemals nicht.« »O Gott, da hast Du Recht, sehr Recht. Ich bin oft, sehr oft nahe dran gewest, mir das Leben zu nehmen. Aberst da ist mir der Gedank an den lieben Gott kommen und an Dich und die Kindern. Euch hab ich noch mal sehen wollt und nachhero wird dera Herrgott ein Einsehen haben und mich sterben lassen, ohne daß ich mich an mir selberst vergreifen muß.« »Das ist schrecklich! Nein, so darfst nicht denken. Schau, jetzunder denk ich nimmer an das Herzeleid, sondern daran, wie lieb ich Dich habt hab und wie groß das Glück gewest ist, bevor der Claus kommen ist. Ich bin ein Krüppeln, doch glaub ich an den lieben Herrgott, der für den Sperlingen sorgt und für die Blum auf dem Felde. Der wird mich nicht verderben lassen und uns erlauben, das Vergangene zu vergessen und ein neues Leben zu beginnen.« »Ein neues Leben? Unmöglich!« »Nix ist unmöglich, wanns der liebe Gott will.« »Aberst das ist – – ich weiß ja auch gar nicht, was da hast sagen wollen.« »Ich hab meint, daßt nicht die Frauen von dem Silberbauern worden bist damals.« »Das freilich.« »Nun, so bist ja noch die meinige.« »Heiner!« rief sie auf. »Odern meinst halt nicht?« »Wir sind geschieden!« »Das tut nix. Man kann sich wiedern nehmen.« »Wie? Was? Ich hör da wohl nicht richtig!« »Wirsts schon richtig hört haben. Willsts wohl nicht glauben, daß ich Dir so gut gewest bin?« »Das glaube ich.« »Oder willsts nicht glauben, daßt Deine Fehlern längst bereut hast?« »Gott ist mein Zeuge, wie sehr ich sie bereue und wie sehr ich um ihretwillen gelitten hab.« »Nun, warum solls da nicht grad so werden können, wies früher mal gewest ist?« Sie schwieg. Sie starrte im Finstern zu ihm herüber, so daß er ihre Augen förmlich leuchten sah. »Heiner,« sagte sie, »ich denk, Du hast mir vergeben!« »Ja, freilich!« »Warum sinnst dann auf eine solche Rach?« »Auf eine Rach? Das fallt mir nicht ein!« »O doch! Denn nur eine Rach kanns sein, wegen der Du so zu mir redest.« »Das begreif ich nicht. Willsts mir erklären?« »Du willst so thun, als ob ich noch das größte Glück haben könnt, ein Glück, das so groß ist, daß ich nicht im Traum und nicht im Wahnsinn daran denken könnt, und nachhero, wann ichs glaub, dann willst mich auslachen und verspotten.« »Ich Dich auslachen und verspotten? Herrgottsakra! Wanns mir ein Andrer sagen thät, dem wollt ichs wohl zeigen! Ich schlüg ihn in Grund und Boden! Nein, was ich sag, das ist mein heiliger Ernsten.« »Nein, nein, unmöglich!« »So! Willst beim Seiltänzern bleiben?« Sie schwieg. »Bist etwan seine Frauen?« »Nein, Gott bewahre!« »Oder lebst mit ihm, als obt sie wärst?« »Heiner, ich habe ein einzig Mal nicht an meine Ehr gedacht; seit jener Zeit aberst hats Keinen gegeben, der mich hat anrühren dürfen. Ich bin beim Seiltänzer, weil er mir helfen soll, mich an dem Silberbauern zu rächen. Daß er das kann, davon werd ich Dir noch verzählen. Er will mich zwar zu seiner Frauen haben, aber er wird sich das aus dem Kopf schlagen müssen.« »So! Also bei ihm willst nicht bleiben. Was aber willst anfangen späterhin?« »Es wird mir schon ein gutern Gedank kommen oder eine Gelegenheiten, die ich ergreifen kann.« »Diese Gelegenheiten ist eben jetzt da, und Du mußt sie eben nur schnell dergreifen.« »Nein, nein! Deine Frauen kann ich nicht sein.« »So hassest mich?« »O Himmel! Ich und Dich hassen! Wann ich bei Dir sein dürft, nicht als Frauen, sondern als eine ganz geringe Magd, so wollt ich mir die Händ blutig arbeiten, um Dich zu dernähren und ein freundlich Wort von Dir zu erhalten. Nachhero, wannst mich mal freundlich anschaun thätst, so könnt ich mir gar kein größer Glück mehr denken.« »Ist das wahr, Anna?« »Soll ich schwören?« »Nein, nein! Ich wills lieber glauben.« »Schau, Heiner, nachhero, als ich von Dir fort gewest bin, da hab ich erkannt, daß nur Du es gewest bist, den ich lieb habt hatte. Dera Claus hat mich mit Reden trunken macht, und als ich nachhero wiedern nüchtern war, da hab ich erkannt, welch ein Glück ich mir verscherzt hatte. Ich hab Dich betrogen und eine Schand auf mich laden, die niemals nicht von mir herabnommen werden kann.« »Ich nehm sie herab!« »Du kannst nicht!« »O, ich kann! Wannt wiedern meine Frauen bist, so ist ja Alles gut und richtig!« »Was würden die Leutln sagen?« »Sie würden das sagen, was ich ihnen vorsag, nämlich es ist damals Alles ein Irrthum gewest. Du bist mir nie untreu worden; ich hab mich irrt, und weil ich Dich beleidigt hab und Dir nicht traut, so bist von mir fortgangen und wir sind schieden worden.« »Das – das wollst sagen?« rief sie. »Ja, Anna, das thu ich gern und gewiß.« Sie griff sich mit den Händen nach dem Herzen. »Jetzt, jetzt kommt die richtige Strafen, die ärgste und die schlimmste Strafen, die es nur geben kann,« sagte sie. »Heiner, jetzt möcht ich gleich in die Erd hinein sinken und ganz vergehen und verschwinden vor Scham und vor Reu, daß ich so schlecht an Dir handelt hab. Mir ists ganz so, als könntest mich hier auf dera Stell tödten mit Deiner Barmherzigkeit.« »Nein, tödten will ich Dich nicht, Anna. Leben sollst bleiben, noch lange leben, für mich und für unsere Kindern.« »Das wär ein Glück, das ich nicht fassen könnt! Es ist so groß, daß ich nicht mal nur den Anfang davon richtig ausdenken kann.« »So gar groß ists halt doch wohl nicht. Wer einen Mann bekommt, der für den Tag sich nur zwanzig Pfennige derschnitzt, der braucht nimmer von so einem großen Glück zu reden. Du würdst fast mit hungern und sehr darben müssen. Jetzt aberst haben wir den Schwiegernsohn; der backt uns wohl das Brod und für das Andere werden wir wohl selberst sorgen können.« »Wie gern wollt ich hungern, wann ich nur bei Dir sein könnt! Aberst so voller Vergebung kann doch kein Mensch sein!« »Anna, ich hab Dir ja bereits sagt, daß ich selberst auch mit schuld gewest bin! Und jetzunder bin ich kein Junger mehr, der die Eifersuchten in dera Taschen stecken hat, sondern ein Alter, der über einen solchen Fehlern nimmer fleischlich denkt. Wannts noch mal mit mir versuchen willst, so soll kein Mensch wagen, die Nasen über uns zu rümpfen.« Sie kniete noch vor ihm. Eine solche Milde war unerhört. Sie schlang die Arme um seine Kniee, preßte das Gesicht an dieselbe und weinte – weinte – weinte! Er legte seine Hand leise auf ihren Kopf und schwieg. Dann, als ihr Schluchzen leiser und leiser geworden war, bis er es nicht mehr hörte, sagte er in mildem Tone: »Weißt Anna, als ich damals drunten an dera Mühlen im Gras sessen hab und Du auf dera Bank? Da hab ich den Kopf auf Dein Knie legt und Dir sagt, wie seelensgut ich Dir bin.« Sie holte tief, tief Athem, ohne zu antworten. »Damals,« fuhr er fort, »damals ist mir mein Herz so weit gewest, als ob die ganze Welt drin Platz haben könnt. Und jetzt, da ich ein alter Kerlen bin mit grauen, Haar und nur dem einzigen Arm, da ists mir ganz genau wiedern ebenso.« »Heiner!« antwortete sie. »Ja, mir ists, als ob ich Dir jetzunder grad noch mal die Liebesverklärung machen müßt. Nur hast Dich verkehrt hersetzt. Damals hast Ja zu mir sagt, als ich Dich fragt hab, obst meine Frauen werden wolltst. Und jetzt? Was sagst nun dieses Mal?« »Heiner! Ich kanns nicht fassen!« »Hasts doch schon faßt, nämlich mich, bei denen Beinen. Willsts nicht festhalten, Anna?« »Ach, wie gern, wie gern!« »So thus!« »Nein. Es ist nicht zu glauben!« »So will ich Dir was sagen, Anna. Wannst mich partutemang nicht wiedern haben willst, so kann ich Dich nicht zwingen; aberst eine Freuden kannst mir machen.« »Wenn ich kann, mit tausend Freuden.« »So geh jetzt mit mir. Ich will Dir unsere Kindern zeigen. Willst sie sehen?« »Was!« rief sie aus. »Ich soll sie sehen?« »Ja, freilich!« »Jetzt? Noch heut am Abend?« »Willst wohl nicht?« »Mein Heiland! So eine Freuden, ob ichs auch wohl aushalten kann! Ich glaubs noch nicht.« »Wirsts schon überstehen,« lächelte er. »Solln sie aberst auch mich sehen?« »Natürlich!« »Nein, nein! Das geht nicht!« »Warum nicht?« »Ich – muß mich schämen!« »Hab ich Dir nicht bereits sagt, daßt dies nicht nöthig hast? Und woher wissens denn, daßt die Muttern bist?« »Ja, wannts ihnen nicht sagen willst?« »Soll ichs verschweigen?« »Ja. Wannt mir versprichst, daßt nix sagen willst, so will ichs wagen, mitzugehen.« »Nun gut, so werd ich nix sagen, Anna.« »Hältst aberst auch Wort?« »Ich hab mein Wort noch niemals brochen, also werd ich wohl auch jetzt die Wahrheit sagt haben. Gehst also mit?« »Fast trau ich mich nicht, Ja zu sagen. Schau, es ist mir ganz so, als ob heut der jüngste Tag war und ich sollt in das Fegefeuern und in die Höllen gehen; da aberst kommt der liebe Heiland herbei, nimmt mich bei dera Hand und führt mich in alle Himmeln hinein, wo die Engeln jubilirn in Ewigkeit!« »Und mir ists, als ob ich lange, lange Jahren krank gewest wär, und heut bin ich zum ersten Mal aus dem Bett stiegen und sitz am Fenstern und athme die frischen Luft und schau hinaus, da wo die liebe Sonne scheint und tausend Rosen und Nelken und Levkoyen blühen. Komm Anna, gieb mir die Hand! Der Herrgott hat mich und Dich gerächt an dem Silberbauern. Damit hat er sagt, daß die Trennung zu End sein soll, und so wollen wir mit nander heim gehen.« Er ergriff ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht, aber sie ging noch nicht sogleich mit; sie blieb noch stehen und sagte zu ihm: »Wegen dem Silberbauern hab ich Dir vorhin das Richtige doch nicht sagt, Heiner.« »So sags jetzunder!« »Jetzt kannst wohl wissen, warum ich trotz des Abends im Wald spazieren gangen bin?« »Ich kanns mir schon denken.« »Hier, da auf dera Blösen, hab ich zum letzten Mal mit Dir sprochen. Am andern Tag warst krank und ohne Besinnung, und ich ging fort. Heut, als ich nach Hohenwald kam, hab ich gleich sofort hierher mußt. Mein Herz hat mir keine Ruhe lassen. Da bin ich am Bach gangen bis zur Mühlen hin. Da hab ich sessen und nach dem Fenster schaut, weißte, dasjenige, wo –« »Weiß schon, Anna!« »Es war Licht in dera Stuben.« »Der Herr Ludewigen wohnt darinnen, ein seiner, vornehmer und gelehrter Herr, der ein paar Tagen hier bleiben will.« »Als ich die Mühlen sah und das Fenstern, da ists mir gewest, als ob mir das Blut nur immer so aus dem Herzen tropft; ich hab weint, ach so sehr weint! Dann ist Einer schnell laufen kommen, grad auf mich zu. Ich bin aufsprungen, sonst wär er über mich wegstürzt. Ich hab ihn angeschaut und er mich. Das Licht ist aus dem Fenstern grad in sein Gesicht und in meins kommen, und wir haben uns derkannt. Der Silberbauern wars. Er ist über mich so derschrocken, daß er zur Seit sprungen ist vor Entsetzen, den Damm hinab und grad in's Rad hinein. So ists kommen und so ists gewest.« »So, also so! Siehst nun ein, daß es Gottes Fügung war? Deinetwegen hat er mich in's Rad hinabworfen, daß ich den Arm verlieren mußt, und grad Deinetwegen ist er heut hinabstürzt und hat auch grad denselbigen Arm brochen. Gott ist der Gerechte. Er läßt nicht mit sich spotten. Aug um Aug und Zahn um Zahn. Seine Mühlen mahlen langsam, mahlen aberst schrecklich klein. Wolln ihn also immerst vor Augen haben und im Herzen und uns hüten, fernere Sünd zu thun. Und eine Sünd wärs ganz gewiß, wannt denen Kindern nicht ihre Muttern geben wolltst. Komm, und schau sie Dir an!« Er zog sie mit sich fort und sie folgte ihm ohne abermalige Unterbrechung. Beide waren so mit sich selbst beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkten, daß sich hinter ihnen eine hohe, breite Gestalt aus dem Moose erhob. Es war – Herr Ludewig. Dieser hatte in sein Zimmer zurückkehren wollen, doch als er in den niedrigen Hausflur trat, fühlte er sich – wohl auch mit in Folge der ihm ungewohnten engen räumlichen Verhältnisse – von dem Geschehenen so ergriffen, daß er es vorzog, noch für kurze Zeit im Freien zu bleiben. Er trat also wieder zur Thür heraus. Da sah er den Finkenheiner, dessen ganze Persönlichkeit ihm bereits vorher höchst interessant vorgekommen war. Die Haltung des Alten war in diesem Augenblicke eine solche, daß sie Ludwigs Aufmerksamkeit fesselte. Der Heiner stand gesenkten Hauptes da, gestikulirte mit seinem einen Arm in der Luft herum und stieg dann in einer Weise den Damm empor, als ob er irgend etwas sehr Geheimnißvolles vor habe. Ludwig folgte ihm langsam über den Damm hin bis zum Wege, der in den Wald führte. Was wollte der Heiner jetzt, bei dieser Dunkelheit, im Forste. Jedenfalls war es kein gewöhnlicher Grund, welcher ihn veranlaßte, diesen Weg einzuschlagen. Ludwig folgte ihm also. Der Weg war so weich, daß man die Schritte nicht leicht hören konnte; er konnte sich also ganz nahe hinter dem Heiner halten. Dieser bog dann links vom Wege ab und in den Wald hinein. Auch jetzt folgte ihm Ludwig. Es war hier freilich schwieriger, fortzukommen, und so kam es, daß er ihn bald verlor. Doch ging er trotzdem noch eine Strecke in gerader Richtung weiter und kam in Folge dessen auf die Blöse. Da hörte er die ersten Worte, welchen zwischen Heiner und Anna gewechselt wurden. Er ging näher, neugierig, was da für ein Gespräch geführt werde. Es konnten Wilddiebe, Schmuggler oder sonst Leute sein, welche Ursache hatten, ihr Wesen im Dunkeln zu treiben. Als er unbemerkt so nahe gekommen war, daß er jedes Wort deutlich verstehen konnte, ließ er sich hinter ihnen in das Moos nieder und horchte. Auf diese Weise wurde er Zeuge der ganzen ergreifenden Unterredung und lernte einen Blick in die Verhältnisse des armen Löffelmachers thun. Zugleich aber fiel dabei ein düsteres Streiflicht auf den Silberbauer, mit dem er heute gefahren war und der auf ihn bereits einen sehr abstoßenden Eindruck gemacht hatte. Als dann der Heiner den Kienspan anbrannte, konnte Ludwig die Züge der Frau ganz deutlich erkennen. Sie mußte früher allerdings schön gewesen sein, ja, die einstige Schönheit war noch nicht verschwunden. Die Frau mochte nicht viel über vierzig Jahre alt sein, und wenn die Folgen der bisherigen Leiden und Entbehrungen überstanden sein würden, so war zu erwarten, daß sie einen höchst stattlichen Eindruck machen werde. Der Heiner sah dagegen viel älter aus, als er war. Er hatte weit mehr noch als sie unter den Folgen ihres Fehltrittes gelitten. Als die Beiden dann aufbrachen, folgte ihnen Ludwig nicht. Er kehrte, erst langsam und vorsichtig zwischen den Bäumen hindurch und dann den bereits beschriebenen Waldweg entlang, ins freie Feld und nach der Mühle zurück. Der Heiner war mit seiner Anna kaum ans dem Walde heraus getreten, so hörten sie, daß ihnen Jemand entgegen kam. »Wer mag das sein?« fragte er. »Komm zur Seite.« Sie wichen einige Schritte seitwärts. Ein Mann wollte an ihnen vorüber. Der Heiner erkannte ihn. »Sepp! Wurzelsepp!« »Was? Wer ist da?« fragte der Angeredete, indem er stehen blieb. »Kennst mich denn nicht gleich an dera Stimmen?« »Ja, nun freilich. Der Heiner! Dich such ich.« »Hier?« »Ja, wo sollst sein, wannt nicht daheim bist und nicht in dera Mühlen. Dich kennt man schon. Du schläfst sogar, wanns Dir einfallt, draußen im Wald auf Deiner Blößen.« »Ich war auch eben dort.« »Hab mirs denkt. Aberst, Sappermenten! Bist ja nicht allein! Hör mal, ich glaub gar, Du hast ein Rothkatherl fangt und schaffsts jetzunder heim, damits Deine Mehlwurmern fressen soll!«« »Hasts derrathen. Fangt hab ichs und heimschaffen thu ichs. Ich laß es gar nimmer wiedern fort.« »So mags nur gut singen und pfeifen!« »Das wirds gar gern thun.« »Glaubs aberst nicht.« »Warum?« »Den Vogel, den kennt man schon. Der hat keine rechte Stimmen. Da ists gefehlt.« »Da bist auf dem falschen Weg. Diesen Vogel, den kennst halt freilich nicht.« »Oho!« »Ja. Kennen thust ihn wohl, aber sehen hast ihn noch nicht, noch gar niemals nicht.« »Da willst mich narren. Wer solls sein, als die Feuerbalzern, die bei Dir wohnt.« »Die! Denkst also das!« »Ja, denn eine Andre wirst nicht heimführen.« »Na, eine Andre ists aberst doch. Und was für Eine!« »Wohl eine gar Schöne oder Junge?« »Die Willkommenste, die's nur geben kann.« »Himmelsapperloten! Da bin ich freilich neubegierig, wers ist. Darf ich sie mir mal anschaun?« »Wann sie's leiden will, ja.« »Warum soll sie's nicht leiden? Der Wurzelsepp ist noch ein ganz hübscher Bub, so daß ein Dirndl nur ihre Freuden haben kann, wann ers anschaut.« Er brachte sein Gesicht nahe an das ihrige. »Nun, hasts schon kannt?« »Nein, das ist freilich eine Fremde. Du, Heiner, läufst doch nicht etwan gar auf Freiersfüßen?« »Grad das ists, worauf ich lauf.« »So will ich Dich vergratuliren. Nimmst mich doch zum Brautführern?« »Ja, Dich am Liebsten.« »Topp?« »Topp!« Sie schlugen ein. Der Sepp machte Spaß, dem Heiner aber war es Ernst. Der Letztere fuhr fort: »Jetzt nun brauchst nicht in den Wald. Gehst liebern mit mir?« »Nein. Ich geh zur Mühlen, wo ich schlafen will. Ich wollt Dich nur aufsuchen, um Dir zu sagen, wie es mit dem Silberbauern steht. Ich war bereits fort, bin aberst nachher nochmals hin, um zu derfahren, was er zu hoffen hat.« »Ist der Arzt kommen?« »Ja. Er hat den Kopf schüttelt.« »So stehts schlimm?« »Ja. Von wegen dem Arm, das hätt keine sehr große Sorg gemacht. Es ist kein Blutverlust gewest, und so seltsam der Fall ist, so thät er doch bald heilen. Aberst der Bauern hat auch noch ein Bein an zwei Stellen brochen und eine Rippen dazu. Das macht die Sach schlimm.« »So kommt er nicht davon, obgleich die Silbermartha ihn wohl gut pflegen wird.« »Die? Die ist nicht daheim. Es heißt, sie ist vom Vatern fortgangen, doch ists noch nicht zu glauben. Wer weiß, wo's steckt. Morgen komm ich zu Dir hinaus in den Wald, da können wir weitern drüber sprechen. Gute Nacht!« Er ging, und die Beiden setzten ihren Weg auch fort. Sie gingen, um nicht Neugierigen zu begegnen, nicht durch das Dorf, sondern hinter demselben weg. Da begegnete ihnen der Müller, welcher sich still wunderte, daß sein Schwiegervater mit einer fremden Frau ging. Er berichtete, daß er soeben Liesbeth nach Hause begleitet habe. Als sie die Flachsdörre erreichten, sahen sie, daß droben in der Wohnung des Heiner noch Licht brannte. Die Stube wurde nicht von einem Kienspane erleuchtet, sondern, ganz wie zu Liesbeth's Geburtstag, von der Lampe. Die alte, gute Barbara hatte dafür gesorgt, daß ihre spätere junge Herrin Petroleum im Hause habe. »Da droben wohnen mir,« sagte er. »Mein Gott! In dera Flachsbrechen!« Damals als sie sich noch in der Gegend befand, war das Gebäude noch nicht zum Bewohnen eingerichtet. »Brauchst keine Sorg zu haben. Es ist nicht gar schlimm da droben. Die Liesbetherl sorgt halt dafür, daß Alles recht hübsch fein und saubern ist. Komm nur gern mit!« »Ich weiß gar nicht, wie mirs ist. Es treibt mir eine gar große Aengsten aus.« »Das ist die Freud.« »Die Freud? Vielleicht ists auch was Andres. Die Kindern können sehr leicht meine Richtern sein, die mich verdammen werden.« »Wo denkst hin! Ich sag Dir, daß sie gar nicht wissen, daß die Muttern noch lebt.« »Wer willst nun sagen, daß ich bin?« »Das weiß ich selbern noch nicht. Gieb mir da einen guten Rath. Wer willst sein?« »Ja, das mußt bessern wissen als ich.« »Eine Verwandte von jenseits dera Grenz?« »Das geht nicht.« »Warum nicht?« »Wann ich eine Verwandte bin, so muß ich doch auch bei Euch bleiben als Gast.« »Das sollst auch!« »O nein gar! Das geht nicht.« »Den Grund möcht ich kennen.« »Nein, nein! Ich bleib im Gasthof.« »Bei dem Seiltänzern? Ist der Dir liebern als ich und die beiden Kindern?« »Das fragst auch nicht aus dem Herzen heraus. Du mußt ja einsehen, daß –« »Nun ja,« unterbrach er sie munter. »Ich sehs schon ein. Also komm heraufi. Das Andre wird sich schon bald finden.« Er ergriff ihre Hand, die er nicht wieder los ließ, und führte sie ins Haus und die Treppe empor. Er öffnete die Thür. Hans saß zeichnend am Tisch und das Liesbertherl stand im Begriff, den Ofen für morgen früh vorzurichten. »Der Vatern!« sagte sie, sich umdrehend. »Du warst ja schnell fort. Wo bist gewest?« »Ich hab einen Gast holt, den ich Euch hier mit bring. Da, schaut ihn Euch an!« Er schob Anna in die Stube. Ein einziger Blick der Frau zeigte ihr die Armuth der Bewohner, aber auch die Wirtschaftlichkeit des jungen Mädchens. Hans konnte wegen seiner Schwäche nicht gut vom Stuhl empor; Liesbeth aber trat der Eintretenden entgegen, reichte ihr freundlich die Hand und sagte: »Schau, das ist schön von Dir, daßt uns aufsuchst. Einen Gast hab ich halt gar zu gern; aberst leidern kommt Niemand zu uns.« Sie war vor Freude roth geworden. Auf dem Gesicht ihrer Mutter aber wechselte die Röthe mit der Blässe. Die unglückliche und doch so glückliche Frau mußte alle ihre Kraft zusammen nehmen, sich zu beherrschen. »Ja,« sagte der Heiner. »Du thust doch grad ganz so, als obt sie schon kennen thätst!« »Der Vatern wird sie schon kennen, und da ists mir halt gar gern willkommen.« »So hast wohl den Vatern sehr lieb?« Diese Frage sprach Anna aus. Ihre Stimme zitterte und über ihr Auge legte sich ein feuchter Schleier. Liesbeth horchte ganz eigenthümlich auf, als sie diese Stimme hörte. Ihr Blick nahm einen forschenden Ausdruck an. Sie antwortete: »Ja freilich hab ich den Vatern lieb. Und das dort ist Hans, der Brudern. Er ist krank und kann nicht gut aufistehen. Wannt seine Händen haben willst zum Willkommen, so mußt zu ihm gehen.« Da ging Anna hin, streckte ihm die Hand entgegen und fragte: »Wirst auch Du mich willkommen heißen?« Er hatte ihre Hand ergreifen wollen, zog aber die seinige wieder zurück, erröthete, fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen, ergriff dann aber hastig ihre Rechte und antwortete: »Freilich bist herzlich willkommen, denn Dich hab ich gern und sehr lieb.« Das war die Stimme des Blutes, welche Gottes Stimme ist. Dem Heiner traten rasch die Thränen aus den Augen. »Ja, habt sie lieb!« sagte er. »Sie ist eine gute und liebe Base aus – aus – aus Steinegg über der Grenz herübern. Wir sind frühern gar sehr gut bekannt mit nandern gewest. Nicht wahr, Bas?« »Ja,« antwortete Anna. Sie mußte die Lippen mit Gewalt zusammenpressen, um nicht in lautes Weinen auszubrechen; aber die Thränen stürzten ihr über die Wangen. Da that Liesbeth einen raschen Schritt auf sie zu, ergriff sie bei der Hand, sah ihr mit einem unbeschreiblichen Blick in das Gesicht und sagte: »Du weinst! Dera Vatern weint! Herr mein liebern Gott, ich weiß, warum ihr weint! Ich weiß, wert bist. Muttern, meine Muttern, meine liebe, liebe, liebe Muttern! Bist wiedern kommen! O meine arme, gute, liebe Muttern Du!« Sie schlang die Arme um sie. Sie hing an ihrem Halse und weinte und lachte aus thränenden Augen. Der Sohn fuhr vom Stuhle auf. »Mutter!« rief er. »Haben wir denn noch eine Mutter? Ist sie nicht todt?« »Nein,« rief Liesbeth. »Sie ist nicht todt. Der Wilhelm hat mir sagt, daß sie noch lebt. Und hier ist sie. Das ist sie. Ich kenne sie. Da drin, da drin im Herzen hats ruft, daß es die Muttern ist, die Muttern, die Muttern!« Hans flog hinter dem Tisch hervor, als ob er völlig gesund sei, und auf sie zu. »Ists wahr? Bists? Bist unsere Muttern?« »Ja, ja, Ihr guten, lieben, armen Kinder!« schluchzte sie, indem sie vor Wonne und Schmerz in die Kniee brach. Sogleich knieten die drei Anderen neben ihr. Vater und Mutter, Bruder und Schwester, die Vier hielten sich eng umschlungen und weinten, weinten, weinten. Sechstes Capitel. Die Sirene. Die Bahnhofsglocke war zum zweiten Male geläutet worden. Von fernher ertönte ein schriller Pfiff der Locomotive, zum Zeichen, daß der erwartete Zug nahe. Ein Aechzen, Stöhnen und schmerzendes Kreischen rollender Räder – der Zug fuhr im Perron ein. Der Zug hielt. Die Schaffner eilten an die Thüren, um dieselben zu öffnen. »Station Lindenberg!« ertönte ihr Ruf. Die Wagen entleerten sich, denn hier wurde auf die hier einmündende Sekundärbahn, welche westwärts in die Berge und an die österreichisch-bayrische Grenze führte, umgestiegen. Eine junge Dame stand auf dem Perron. Ihr Köpfchen, welches sich nach rechts und links wandte, um besorgt forschend die Aussteigenden zu betrachten, ließ vermuthen, daß sie irgend einen Passagier oder eine Reisende erwarte. Schon schienen alle Ankommenden die Coupées verlassen zu haben, da öffnete sich am hintersten Wagen die Thür, welche unachtsamer Weise von außen wieder zugeworfen war, noch einmal und es stieg eine in ein elegantes Reisegewand gekleidete Dame aus. Sie war blond, sehr üppig gebaut. Schon beim ersten Blicke auf sie mußte man sich sagen, daß sie den besseren, vielleicht sogar den höheren Ständen angehöre. Sie blieb am Coupée stehen und blickte sich forschend um. Da fiel das Auge der erst erwähnten jungen Dame auf sie. »Ah, doch, endlich!« sagte die Wartende in erfreutem Tone zu sich selbst und dann eilte sie auf die Andere zu. Diese sah sie kommen und kam ihr einige Schritte mit ausgestreckten Armen entgegen. »Milda!« rief sie aus. »Schon glaubte ich, Du seiest verhindert worden.« »O nein, liebe Asta. Beinahe fühlte ich Sorge. Ich sah so Viele aussteigen, nur Dich nicht. Hast Du mein Telegramm unterwegs erhalten, in welchem ich Dich benachrichtigte, daß ich Dich hier abholen werde? Ich hatte es Bahnhof Brünn zum Ausrufen unter den Passagieren adressirt.« »Freilich habe ich es erhalten. Der Portier rief so laut: ›Baronesse Asta von Zolba aus Wien!‹; Alle Welt wurde aufmerksam auf mich. Hätte ich es nicht erhalten, so würde ich mich hier nicht so nach Dir umgeblickt haben.« »So ist es also geglückt, und nun herzlich willkommen, meine liebe, liebe Asta!« Sie umarmten und küßten sich. Es war ein reizendes Bild, eine höchst interessante Gruppe, welche diese beiden Mädchen boten. Beide jung, schön, sichtlich wohlhabend und hochstehend. Die Eine blond, hoch, voll, eine fast mehr als königliche Gestalt, die Andere ein Wenig kleiner, fein, aber äußerst elegant, brünett und von jener Schönheit, welche zwar nicht im ersten Augenblicke alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, dann aber für immer fesselt. »Und ists weit, daß Du mir entgegengekommen bist, Milda?« fragte die Blonde. »Eine ziemliche Strecke. Wir haben volle zwei Stunden zu fahren, bevor wir ankommen. Aber ich wollte Dich gern so bald wie möglich begrüßen.« »Das ist so reizend, so lieb von Dir. Aber ich habe gar nicht gewußt, daß dieses Schloß Steinegg so weit entfernt von der übrigen Welt gelegen ist.« »Es liegt in den Bergen, hart an der Grenze, aber wirklich reizend. Ich bin ganz glücklich darüber, daß Vater es gekauft hat.« »Und wann geht der Zug?« »Wir haben eine volle Stunde zu warten.« »Dann also hinein in den Wartesalon!« Einer der Schaffner hatte indessen ihre Effecten aus dem Coupée genommen. »Wartezimmer erster Klasse!« befahl sie. Er trug die Sachen hinein und erhielt ein so reichliches Trinkgeld, daß er ihr ein Honneur machte, als ob er einen sehr hohen Offizier oder eine Prinzessin vor sich habe. Die beiden Freundinnen setzten sich an einen der wenigen Tische. Lindenberg war keine große Station. Das Bahnhofsgebäude war klein und so faßte das Wartezimmer erster Klasse nur wenige Personen. Da viele der eben Ausgestiegenen auf den Zug der Sekundärbahn warteten, und Andere, welche mit demselben Zuge fahren wollten, sich auch nach und nach auf dem Bahnhofe einstellten, so waren die Tische sehr bald so besetzt, daß nur eine kleine Anzahl von Stühlen noch frei stand. »Also Du findest Schloß Steinegg hübsch?« fragte Asta. »Das freut mich. Ich hatte Sorge, daß Du Dich enttäuscht fühlen könntest.« »Das gar nicht. Steinegg ist nicht nur hübsch, sondern geradezu reizend. Es liegt hoch oben auf dem Felsen, weißt Du, so recht wie eine frühere, alte romantische Ritterburg. Und unten am Fuße des Berges breitet sich zwischen Waldesgrün das Städtchen aus, schmuck und sauber, wie eine Perle zwischen lauter Smaragden.« »Du wirst ja förmlich poetisch!« »Ich bin geradezu begeistert von unserer neuen Besitzung. Schade, daß Vater erst so spät kommen kann!« »Leider! Es ist nicht immer bequem, eine solche Hofcharge zu bekleiden. Uebrigens hat er sich doch wegen Deiner Abwesenheit zuweilen einsam gefühlt, und ich habe meiner Freundespflicht genügt und Deine Stelle zu vertreten gesucht.« »Dafür muß ich Dir großen Dank wissen, zumal Vater jetzt weniger als früher der Mann ist, mit welchem man die Einsamkeit gern theilen mag.« »Ja, weißt Du, in aller Aufrichtigkeit, er ist doch ein ziemlicher Brummbär!« »Brummbär wohl nicht, aber schwermüthig. Es muß irgend ein Kummer an seinem Frohsinn nagen. Ich habe mich vergeblich bemüht, zu entdecken, was sein Gemüth beschwert. Ich habe bei ihm in Wien wirklich nicht behaupten können, daß ich die Freuden der Residenz genießen durfte. Ich bin vielmehr eine Einsiedlerin gewesen.« »Und jetzt wieder!« »O nein. Es giebt im Orte einige Personen, mit denen ich gern verkehre.« »Im Orte? Also in dem kleinen Neste Steinegg?« »Ja.« »Du scherzest. Eine Baronesse von Alberg kann sich doch nicht an irgend eine Bewohnerin einer solchen winzigen Provinzialstadt anschließen!« Es war ein hochmüthiger, beinahe harter, abstoßender Zug, welcher der Schönheit ihres reizenden Gesichtes in diesem Augenblicke Eintrag that. Ihre Freundin bemerkte es und antwortete mit einiger Reserve: »Nun, von einem förmlichen oder wohl gar innigen Anschließen habe ich doch nicht gesprochen. Es ist so zu sagen eine Art Höflichkeitsverkehr, und die Ansprüche, welche man bei einem solchen macht, sind ja nicht unschwer zu befriedigen.« »Ja, Du bist freilich immer leicht zu befriedigen gewesen. Das ist wahr!« Milda sah über diese Bemerkung, welche einen Vorwurf enthielt, hinweg und antwortete: »Du kannst Dir ja denken, daß ich zu einem wirklich geselligen Verkehr ja gar keine Zeit habe. Die umfangreiche Einrichtung eines Schlosses zu beaufsichtigen, das ist eine Anstrengung, welche Einem wenig Ruhe und Muße läßt. Darum freue ich mich Deiner Ankunft. Du wirst mich unterstützen und Dein bekannter, vorzüglicher Geschmack wird alle Lücken ergänzen, welche ich an mir so zu beklagen habe.« »Ja, dazu bin ich sehr gern bereit. Freilich der Wirthschaft werden wir uns nicht ausschließlich widmen können. Es giebt noch Anderes, was unser volles Interesse in Anspruch nehmen wird.« »Anderes?« »Ja, und zwar höchst Interessantes.« »Was könnte das sein?« »Etwas, was Du niemals errathen würdest.« »So will ich lieber gar nicht rathen und Dich also bitten, es mir gleich mitzutheilen.« »Ja, ich brenne vor Begierde, es Dir zu sagen. Ich werde nicht der einzige Besuch sein, welchen Du auf Schloß Steinegg empfängst.« Milda machte nicht ein Gesicht, als ob sie sich über diese Mittheilung erfreut fühle. »Noch anderen Besuch?« fragte sie. »Ja. Du scheinst nicht davon erbaut zu sein?« »Ich weiß ja nicht, wen Du meinst.« »Nun, ich habe Dir ja gesagt, daß es sich um etwas sehr Interessantes handelt. Ah!« Der letztere Ausruf war mit ganz eigenartiger Betonung ausgesprochen, etwa so, wie Einer, dem etwas Unangenehmes widerfährt, ›Nanu!‹; sagen würde. Er galt einer Person, welche soeben eingetreten war, sich im Zimmer umgesehen hatte und nun langsam auf den Tisch, an welchem die beiden Mädchen saßen, zugeschritten kam. »Ich glaube gar, dieser Mensch will sich hieher zu uns setzen!« »Er hätte ein Recht dazu. Dieses Lokal ist ja ein öffentliches,« meinte Milda in versöhnlichem Tone. »Was nennst Du öffentlich! Es muß selbst in größter Oeffentlichkeit, und da gerade erst recht, darauf gesehen werden, daß ein Jeder die Würde seines Standes zu wahren vermag. Ah, wirklich, der Mensch wagt es, der Strolch!« Der, von welchem sie sprach, trug kurze Hosen, so daß seine Kniee nackt hervorblickten, Wadenstrümpfe und derbe, rindslederne Bergschuhe. In seinem breiten, wollenen Gürtel steckte eine kurze Tabakspfeife. Aus der Tasche seiner Weste hing eine dünne, messigene Uhrkette. Sein Halstuch war von Baumwolle und sehr leger gebunden. Der breite Kragen des groben Hemdes war weder gestärkt, noch geplättet. Sein Hut war alt und zerknillt und der Stock, welchen er in der Hand hatte, schien einfach im Walde abgeschnitten worden zu sein. Sein Gesicht war – schön, männlich schön, scharf und kühn gezeichnet, und gewisse Parthieen desselben ließen vermuthen, daß es noch vor kurzer Zeit sehr wetterbraun gewesen sei. Dieser junge Mann war kein Anderer als – der Krikelanton. Er trug seine alte, ärmliche Gebirgstracht. »Grüß Gott!« sagte er. »Mit Verlaubnissen, meine Damen!« Milda nickte leise; Asta aber that, als ob sie ihn weder gesehen noch seinen Gruß gehört habe. »Gebens mal ein Bierl her!« sagte er zu dem Kellner, welcher soeben vorüber ging. Der dienstbare Geist brachte das Verlangte, und der Krikelanton zog ein kleines, altes Beutelchen aus der Tasche und suchte die nöthige Anzahl einzelner Kupferkreuzer aus demselben hervor. »Kellner,« sagte Asta, »nicht wahr, hier ist der Wartesalon erster Klasse?« »Ja, meine Dame.« »Dürfen Passagiere anderer Classen hier verkehren?« »Verkehren? Ja.« »Ich denke, das ist untersagt!« »Nein, nämlich der nothwendige Verkehr. Es kann doch vorkommen, daß ein Passagier niederer Classe mit einem höherer Classe zu sprechen hat.« »Davon spreche ich nicht. Ich frage, ob ein Passagier niederer Classe hier Platz nehmen und sein Bier verzehren darf grad wie Einer, welcher für erste Classe bezahlt.« »Nein.« »Nun, dann sorgen Sie schleunigst dafür, daß dieser Mann hier sich dahin plazirt, wohin er gehört.« Der Anton that, als ob ihm dies gar nicht gelte. Er setzte das Glas an den Mund und that einen kräftigen, vergnügten Schluck aus demselben, setzte es wieder nieder und schnalzte mit der Zunge wie Einer, dem es sehr gut geschmeckt hat. »Haben Sie es gehört?« fragte der Kellner. »Was?« »Sie sollen dahin gehen, wohin Sie gehören.« »Da bin ich bereits schon.« »So? Wohin gehören Sie?« »Hierher auf dem Bahnhofen.« »Sie befinden sich aber gegenwärtig im Wartesalon der ersten Classe!« »So? Das ist halt schon richtig. Da will ich ja auch sein.« »Ach so!« dehnte der Kellner. »Sie wollen erster Classe fahren, Sie etwa?« »Ja. Habens vielleichten was dagegen?« »Mit Ihren einzelnen Kreuzern!« Da blitzte der Anton ihn aus seinen dunklen Augen an und fragte ihn: »Hörens mal, Sie guts Gschnappsel, wer sinds dann eigentlich, daß mir in dieser Weisen kommen?« »Ich bin der Kellner hier. Verstanden!« »Na, da sinds auch was rechts! So ein Bierl einschenken und herumitragen und den Frack schwenken und mit dera Servietten wedeln, das kann halt ein jeder dumme Jungen. Ich will nicht sagen, daß Sie auch einer sind, mich abern lassens aus, sonst fang ich auch an zu wedeln, aberst halt nicht mit dera Servietten!« Er hatte das so laut gesagt, daß man es durch das ganze Zimmer hören konnte. Die Herrschaften wurden aufmerksam auf ihn. Der Kellner warf sich in Positur und antwortete: »Was, auch noch grob werden wollen Sie! Das fehlte noch, hier im Wartesaale erster Classe. Ich fordere Sie hiermit auf, das Zimmer zu verlassen.« »Du armes Männerl, Du hättst das Geschicken, mich aufzufordern! Du bist ein dienstbarer Geisten. Wann ich außigehen soll, so muß es mir ein ganz Anderer sagen als Du bist.« »Gut! Der Andere soll sogleich kommen!« Er ging, und der Anton nahm so ruhig und gleichmüthig einen zweiten Schluck Bier, als ob nicht das Geringste vorgekommen sei. Jetzt kam der Wirth, an seiner Seite der Kellner. »Da sitzt er,« sagte der Letztere. Kein Mensch im Zimmer sprach ein Wort. Alle wollten erfahren, was gesprochen wurde, und wie der arme Gebirgler sich verhalten werde. »Mein Kellner hat Ihnen befohlen, das Local zu verlassen?« fragte der Wirth. Der Anton nickte. »Gesagt hat ers, aberst befohlen hat er mirs nicht, denn er hat mir nix zu befehlen!« »Er hat es an meiner Stelle gethan!« »So? Wer sinds dann eigentlich?« »Der Wirth.« »Das will ich schon bereits gelten lassen, denn das geht doch ein Bisserl weitern hinaufi: erst dera Kellnern und nachhero dera Wirthen. Dann bin ich neubegierig, wer nun noch kommen wird!« »Niemand. Ich befehle Ihnen, zu gehen, und Sie haben zu gehorchen!« »So! Und wenn ich nun nicht gehorch?« »So lasse ich Sie mit Gewalt hinausbringen!« »Das könnens versuchen! Ich werds gar gern darauf ankommen lassen.« »Also Sie gehen nicht freiwillig?« »Nein!« »So hole ich Polizei!« »Das machens ja, mein scharmanter Herr Wirthen. Dir Polizeien wird Ihnen sodann sagen, obs hier Jemand hinauswerfen können, der herkommen ist, wo mit dera Eisenbahn zu fahren. Für solche Passagiererln sind die Stuben da!« »Aber die erste Classe nicht für Sie!« »So! Fahrt Ihr Herr Kellnern etwan erster Classen? Dann, wann nicht, so soll er bei Denen bedienen, die niedriger Classe fahren! Verstanden!« Die Anwesenden steckten die Köpfe zusammen. Sie waren überzeugt, daß er nicht herein gehöre; aber daß er sich nicht werfen ließ, sicherte ihn ihrer stillen Sympathie. Nur Asta von Zelba sagte in befehlendem Tone zum Wirthe: »Bitte, beenden Sie diese widerwärtige Scene! Es ist ja ein Skandal!« »Sofort gnädiges Fräulein! Ich hole Polizei!« Er ging und kehrte baldigst mit dem Stationär zurück. Dieser machte ein sehr grimmiges Gesicht, faßte den Anton bei der Schulter und sagte ganz einfach: »Komm Bursche! Hier bist Du am unrechten Platz!« Da stand der Anton langsam auf. Schon glaubten die Anwesenden, daß er dem Polizisten folgen werde; aber er wirbelte nur die Spitzen seines prächtigen Schnurrbartes in die Luft und sagte: »Hörens mal, zunächst verbitt ich mir das Du! Ich glaub nicht, daß ich mit Ihnen oder Sie mit mir die Schweinen gehütet haben! Und das Wort Burschen, das könnens meinetwegen anwenden, wanns mal mit sich selberst reden! Und wo ich am richtigen oder am falschen Platzen bin, das muß ich am Allernbesten wissen. Ich bin höflich hereinikommen, hab grüßt und um Erlaubnissen beten, mich hierher setzen zu dürfen. Weiterst hab ich nix zu thun, und weiterst hab ich auch nix than. Ich hab auch mein Bierl zahlt, und nun möcht ich doch fast wissen, warum ich hier nicht sitzen bleiben darf!« »Weil Sie nicht hier herein gehören!« »So? Wer sagt das?« »Ich. Oder fahren Sie vielleicht erster Klasse?« »Ja.« »So – o – s – o – o! Das glaube ich nicht. Sie sehen gar nicht nach erster Classe aus!« »Na, nach welchern sehens dann wohl Sie aus?« »Werden Sie nicht grob!« »Ach, aberst Sie haben wohl das Recht, mit denen Passagieren erster Classen grob zu sein? Da werd ich mich doch mal bei dera vorgesetzten Behörden derkundigen. Wann Einer sein Geldl zahlt wie ein jeder Andrer und nix than hat, gar nix, und muß sich vom Kellnern, vom Wirthen und sodann auch noch von dera Polizeien verinjuriren lassen, das ist mir schon die rechte Art und Weisen. Da werd ich doch mal gleich beim Ministerl anfragen. Verstanden!« »Sie haben nicht zu räsonniren. Zeigen Sie mir Ihr Billet erster Classe!« »Das hab ich noch nicht.« »So gehen Sie eben fort! Hier dürfen nur solche Leute verkehren, welche sich durch den Besitz des Billets legitimiren können.« »Wann kein Billetenschaltern offen ist, so kann ich mir keins kaufen. Und nun seins doch mal so gut, und fragens die andern Herrschafterln nach denen Billeten! Gar Mancher, der gut hier herein gehört, wird sich noch keins kauft haben.« »Das ist wahr!« ließ sich ein Herr hören. »So sagen Sie, wer Sie sind?« fragte der Polizist. »Ich bin dera Anton Warschauer geheißen.« »Ach, etwa gar der Krikelanton?« fragte der Wirth. »Ja.« »So, also der Wilddieb.« »Was? Wilddieb sagst? Na da werd ich Dir sogleich einen Gamsbock schießen, dent heimitragen magst!« Er holte aus und gab dem Wirth eine Ohrfeige, daß der Getroffene sofort niederstürzte. Da sprang der Polizist auf den Anton ein, faßte ihm beim Arme und herrschte ihn an: »Mensch, Sie vergreifen sich an dem Wirth! Jetzt sind Sie mein Arrestant!« »So? Dann verarretiren Sie vorher den Wirthen, der mich beleidigt hat!« »Was ich thun werde, das haben Sie mir nicht zu befehlen. Sie sind ein Ruhestörer und renitenter Mensch. Sie müssen bestraft werden. Kommen Sie! Vorwärts marsch!« Da trat der Herr herbei, welcher bereits vorhin gesprochen hatte, und sagte zum Polizisten: »Sie haben nicht das mindeste Recht, diesen Herrn zu arretiren. Er hat sich ganz anständig betragen. Er ist provocirt worden von einer Dame, welche selbst noch nicht bewiesen hat, daß sie sich im Besitze eines Billetes erster Classe befindet. Daß er dem Wirthe eine Ohrfeige gegeben hat, ist kein Grund zur Arretur. Der Wirth hat ihn geschimpft, und ich an seiner Stelle hätte ebenso mit einer Ohrfeige geantwortet. Ihr Verhalten ist auch nicht correct. Sie sind über Ihre Befugnisse hinausgegangen; das muß ich ernstlich rügen!« »So!« meinte der Polizist kleinlaut. »Wer sind Sie denn, mein Herr?« »Der!« »Er zog eine große, glänzende Medaille aus der Tasche und zeigte sie ihm. »Herrgott! Verzeihung, allergnädigst – – –« »Still! Entfernen Sie sich!« Der Polizist ging; der Kellner verschwand, und der Wirth trug in aller Stille seine Ohrfeige hinaus. Der Anton aber sagte zu dem Fremden: »Habens auch von Herzen Dank, gnädiger Herr! Es gefreut mich halt sehr, daß doch Einer hier wesen ist, der da wußt hat, was Gerechtigkeiten ist!« Er setzte sich wieder nieder. Es war still in dem Salon. Da ließ sich Asta's Stimme laut hören: »Bitte, Milda, komm! Vielleicht giebt es draußen anständigere Umgebung als hier!« Sie stand auf und verschwand hinter der Thür des andern Wartezimmers. Milda von Alberg befand sich sichtlich in größter Verlegenheit. Sie war glühend roth geworden. Sie wollte die Freundin nicht verlassen, aber auch nicht vor so vielen Leuten durch ihre Entfernung constatiren, daß sie die Ansicht Asta's theile. Der Krikelanton sah das. Er kam ihr zu Hilfe: »Gehens in Gottes Namen mit hinaus, Fräulein,« sagte er. »Ich weiß halt ganz genau, daß sie nicht so sind wie die Andre. Sie, wanns auf Sie ankommen wär, Sie hätten mich nimmer fortweisen lassen. Dazu ist halt Ihr Gesichterl zu lieb und zu gut. Also gehens immer!« »Bravo, bravo!« riefen mehrere Stimmen. Milda erglühte wie eine Rose. Sie blieb noch ein kleines Weilchen sitzen und entfernte sich dann. Draußen im Wartezimmer zweiter Classe saß ihre Freundin. »Nun, kommst Du endlich?« fragte diese in zürnendem Tone. »Das scheint doch beinahe, als ob Du mich verleugnen wolltest, als ob Du Dich meiner schämtest.« »Was denkst Du! Ich folgte nicht sofort, um den Affront nicht zu vergrößern.« »Affront? Wer hat ihn verursacht? Ich oder dieses Subject, welches uns in dieser Weise blamirte?« »Bitte, Asta, regen wir uns nicht weiter auf; freuen wir uns vielmehr, daß wir einander wieder haben! Ich bitte Dich!« Die schöne Blondine zog die Stirne in Falten, zuckte die vollen Schultern, was ihr ein äußerst indignirtes Aussehen gab, und antwortete: »Nun ja. Du bist immer ein klein Wenig plebejisch gesinnt gewesen. Nimm mirs nicht übel; aber ich gebe es auf, Dich zu ändern. Vergessen wir also dieses so unangenehme Intermezzo, obgleich ich am Allerliebsten wieder umkehren und nach Wien zurückfahren möchte. Ich denke aber an die höchst interessante Bekanntschaft, welche ich bei Dir machen werde.« »Ich wüßte nicht, wen Du meinen könntest!« »Nun, aus Schloß und Stadt Steinegg ist es allerdings Niemand. Darauf kannst Du Dich verlassen. Ich glaube nicht, daß es dort eine Person giebt, welcher ich meine Beachtung schenken werde.« »Ich hoffe doch!« »Ich? Wem zum Beispiel?« »Da ist zum Beispiel eine mir sehr sympathische Dame: Frau Bürgermeister Holberg. Sie ist Wittwe – – –« »Hm! Eine Bürgermeisterswittwe! Fi donc !« »Eine sehr gebildete Dame!« »Dame? Doch bürgerlich?« Nun, meinst Du, daß es keine bürgerliche Dame geben könne?« »Nein, die kann es freilich nicht geben. Eine Dame muß meiner Ansicht nach unbedingt von Adel sein. Also Deine Freundin kann mir nicht imponiren.« »Das wird sie auf keinen Fall. Ihr ganzes Wesen ist gar nicht aufs Imponiren angelegt. Sie ist eine sehr liebe, stille, bescheidene Seele, welche ihren reichen Schatz an Kenntnissen und Erfahrungen kaum ahnen läßt, weißt Du, so eine tief angelegte Natur, aus welcher man immer neue Schätze empor fördert, sobald sie sich Einem einmal geöffnet hat.« »Also eine Art Schacht?« spottete Asta. »Ja,« antwortete Milda, über den Spott hinweggehend, »wirklich ein reicher Schacht.« »Oder ein Stollen, eine Kohlengrube. Einmal von Weitem werde ich sie mir wohl ansehen; aber nahe kommen werde ich ihr auf keinen Fall. Kohlengruben haben für mich stets etwas Beängstigendes. Ich lasse sie Dir also über, ohne in die geringste Concurrenz mit Dir zu treten. Lieber werde ich mich mit der neuen Bekanntschaft sehr eingehend beschäftigen.« »So sage mir doch endlich, wen Du meinst!« »Es wird Dich außerordentlich überraschen, es zu vernehmen. Du liebst ja auch die Kunst.« »Also sprichst Du von einem Künstler oder von einer Künstlerin?« »Von Einem, nicht von Einer natürlich.« »Und den willst Du bei mir kennen lernen?« »Ja.« »Auf Schloß Steinegg?« »Freilich.« »Da dürftest Du Dich täuschen. Außer eben Frau Bürgermeister Holberg, welche eine angenehme Stimme hat, sehr reizend singt und mit mir zuweilen musicirt, giebt es auf und in Steinegg keine Person, welcher ich den Rang eines Künstlers zusprechen möchte.« »Schon wieder diese Frau Bürgermeisterin! Ich spreche aber ja von gar keiner sich in Steinegg befindenden Person, sondern von einem Herrn, welcher aus Wien kommen wird, sich Dir vorzustellen.« »Aus Wien? Ein Künstler? Ich weiß wirklich nicht, welcher das sein könnte. Mit welcher Abtheilung der Kunst beschäftigt er sich?« »Mit dem Gesange.« »Also ein Sänger? Ich wüßte keinen einzigen Sänger der Hauptstadt, welcher Veranlassung haben könnte, sich mir auf Schloß Steinegg vorzustellen.« »Das ist eben das Hochinteressante, daß Du ihn gar nicht kennst!« »Ich! Also ein Herr Deiner Bekanntschaft?« »Nein, auch nicht. Ich habe ihn weder gesehen noch gehört; aber ich brenne vor Begierde, ihn kennen zu lernen.« »Aber, liebste Asta, so begreife ich nicht, ans welchem Grunde er grad zu mir will!« »Aus dem sehr einfachen und sehr triftigen Grunde, daß Dein Vater ihn zu Dir schickt.« »Mein Vater?« fragte Milda erstaunt. »Der? Der schickt mir einen Sänger?« »Ja, meine Liebe!« »Unglaublich! Mein Vater, welcher mich zwar nicht meiner Ansicht nach, sondern zufolge des Urtheils Anderer fast zu streng, beinahe klösterlich erzogen hat, mein Vater, welcher so unausgesetzt jede männliche Bekanntschaft von mir fern hielt, sendet mir einen Künstler, einen Sänger nach Steinegg, welches ich, wie er weiß, in solcher Einsamkeit bewohne!« »So ist es.« »Du mußt Dich irren, vollständig irren!« »O nein. Er hat mir sogar, bevor ich abreiste, gewisse Instructionen in Beziehung auf diesen jungen Herrn ertheilt.« »Also jung sogar! Ich begreife nicht!« »Ich werde es Dir erklären müssen.« »Natürlich bitte ich Dich sehr darum!« »Nun, Du kennst doch den Professor der Musik, Weinhold?« »Freilich. Er war mein Clavier- und Gesangslehrer, eine ausgesprochene Capacität in seinem Fache.« »Nun, dieser Professor hat eine neue Gesangesgröße entdeckt, einen Tenor, der ohne Gleichen sein soll.« »Ach! Wo?« »Das ist Geheimniß, wenigstens konnte ich bisher nichts Gewisses erfahren. Dein Vater weiß es, aber er scheint Diskretion versprochen zu haben, denn ich vermochte mit allen meinen Bitten nicht, ihm eine Mittheilung abzulocken.« »Das klingt ja außerordentlich geheimnißvoll!« »Ist es auch, ist es auch wirklich. Also besagte Stimme ist entdeckt worden, irgendwo und vor ganz kurzer Zeit. Der Professor hat den Betreffenden mit nach Wien gebracht und ihm im Stillen den ersten Unterricht ertheilt. Der Sänger scheint ein Unicum zu sein, denn nicht nur seine Kehle ist einzig, sondern auch seine übrige Begabung soll eine so brillante sein, daß er in Zeit von wenigen Wochen Fortschritte zu verzeichnen hat, zu welchen bei Anderen Monate und wohl gar noch längere Fristen gehören. Du weißt, daß der Professor eben als Capacität bei den hohen und höchsten Herrschaften Zutritt hat. Auch wird er von ihnen in seinem Hause besucht. Eines Tages steigt die Fürstin Metternich vor seiner Thür aus dem Phaeton, um ihn irgend einer Composition zu interviewen. Sie gelangt, da seine Vorsaalthür zufälliger Weise offen steht, in seine Wohnung, ohne klingeln zu müssen. Niemand hat eine Ahnung von ihrer Gegenwart – da hört sie vom Vorzimmer aus eine Stimme – eine männliche, wunderbare Stimme, welche zur Pianobegleitung ein Lied singt. Sie hat noch nie so eine Stimme gehört, sie, welche die Künstler aller Länder und Welten gehört hat. Sie lauscht, sie hört das Lied zu Ende und ist unendlich entzückt und begeistert. Sie öffnet die Thür, ohne anzuklopfen, und überrascht den Professor beim Unterrichte, welchen er seinem neuen Findling giebt. Er muß erzählen, und die Folge ist, daß die neue Stimme zur Soirée der Fürstin befohlen wird. Der Professor weigert sich, er will nicht, aber er muß. Am Abend trägt der neu Entdeckte einige Piécen vor, natürlich vor höchsten Herrschaften, und erntet einen Beifall, wie er noch gar nicht gehört worden sein soll. Alle Welt will ihn nun hören. Alle Salons sind ihm geöffnet. Eine der allerhöchsten Damen; ich weiß nicht, ob eine der Erzherzoginnen oder gar die kaiserliche Majestät selbst, wünscht auch, ihn zu hören. Er erhält Audienz und singt mit ganz dem gleichen Erfolge. Eine Stimme wie die seinige soll noch gar nie gehört worden sein. Der hohe Herr Gemahl wird herbei gebeten; er hört den Sänger auch und ist für dessen Stimme so begeistert, daß er sich für seine Ausbildung auf das Lebhafteste zu interessiren beginnt. Der von Gott Begnadete soll sich nicht vorzeitig in den Salons verausgaben, sondern er soll studiren, ernsthaft arbeiten, um baldigst zur Vollkommenheit zu gelangen. Dazu aber ist Wien für ihn der Ort nicht. Man würde ihm keine Ruhe gönnen; er müßte singen, singen und immer wieder singen und fänd dabei nicht eine Stunde Zeit zur Ausbildung. Darum muß er fort, und zwar an einen Ort, welchen Niemand kennt, damit er nicht von den Kunstenthusiasten aufgesucht und entführt wird. Man wendet sich an Deinen Vater, und dieser ist ganz entzückt, Schloß Steinegg zur Verfügung stellen zu können.« »So also ist es, so!« »Ja. Du begreifst, daß es Deinem Vater ganz bedeutende Chancen macht, sich auf diese Weise den höchsten Herrschaften verbinden zu können. Der unbekannte Sänger ist bereits personna grata und wird es später unbedingt noch mehr werden. Also kannst Du Dich rüsten, ihn so zu empfangen, daß – – – verstehst Du mich?« »Vollständig!« »Der Professor kommt auch mit. Es soll auf Schloß Steinegg ganz im Stillen einige Monate lang geübt werden, und dann soll er plötzlich, und ganz unvorhergemeldet mit einer bedeutenden Leistung an die Öffentlichkeit treten, Und nicht blos der Professor allein soll an seiner Ausbildung arbeiten, sondern es sind noch zwei andere Personen dazu ausersehen.« »Noch zwei Lehrer, welche nach Steinegg kommen?« »Lehrerinnen!« »O wehe!« »Nicht o wehe, sondern ganz das Gegentheil!« »So wird mein liebes Steinegg ja zur wirklichen Unterrichtsanstalt!« »Freilich. Ich bin ganz entzückt darüber!« »Ich weniger.« »Warum?« »Nun, daß ich meinen lieben Professor für längere Zeit bei mir haben soll, das freut mich. Daß der Sänger bei mir ausgebildet werden soll, ist mir sogar eine Ehre. Ich werde ihnen Beiden gern die Thore öffnen. Aber daß ich noch zweien Lehrerinnen gastlich – – – das ist mir unbequem.« »Weißt Du denn, wer sie sind!« »Gleich viel, wer sie sind!« »Nein, denn die Eine bin ich, und die –« »Du? Du? Unmöglich!« »Ja, ich! Und die Andere sollst Du sein. Du selbst, liebe Milda!« »Du scherzest!« »Es ist mein völligster Ernst.« »Ich, Lehrerin eines angehenden Künstlers! Bist Du toll! Ich wüßte nicht, was er von mir lernen sollte!« »Anstand!« »Was? Anstand?« »Ja, Anstand und Tournüre!« »Höre, das klingt höchst sonderbar!« »Und ist doch so sehr einfach. Er soll nämlich, wie Dein Vater mir mittheilt, sich bisher nicht in sehr exclusiven Verhältnissen befunden haben, und in Folge dessen ist es ihm noch schwierig, sich in höheren Kreisen als souverainer Künstler zu bewegen. Eine alte Erfahrung aber lehrt, daß man diesen Chic sich am Leichtesten und Schnellsten und am Sichersten im Umgange mit gewandten und liebenswürdigen Damen aneignet. Diese beiden Eigenschaften besitzen wir. Du bist sehr liebenswürdig, und ich schmeichle mir, gewandt zu sein. Voila tout! Einverstanden?« »Ich möchte das doch noch immer für einen Scherz Deinerseits halten.« »Das darfst Du nicht; es ist völliger Ernst. Der betreffende Herr mag wohl einige kleine Ecken und Härten besitzen, welche er in unserer Gesellschaft verlieren soll. Nun, ich will mich dieser Aufgabe sehr fleißig und mit aller Sorgfalt widmen, denn ich habe gehört, daß er – im Vertrauen zu Dir gesagt – ein außerordentlich hübscher Kerl sein soll.« »Kerl! Asta!« »Pah! Unter vier Augen ist selbst ein solcher Ausdruck einmal gestattet!« »Also, das hast Du bereits gehört?« »Ja. Sein Aeußeres soll sehr vielversprechend sein. Du weißt, daß ich mich stets besonders gern mit den Vorzügen des starken Geschlechtes beschäftigt habe. Ich gehöre zu den umworbensten Mitgliedern unserer ›weiblichen Phalanx‹;, und so ist es für mich vom größten Interesse, zu probiren, ob ich diesen ›Neuentdeckten‹; besiegen werde oder ob er Sieger über mich sein wird.« »Asta, ich bitte Dich!« »Bitte, sei nicht prüde! Tugendhaft sind wir ja Alle, denn man beobachtet uns. Aber sobald wir uns unter uns befinden, können wir den lästigen Schleier ablegen. Ich halte es mit der Liebe, denn ich bin jung und schön. Wäre ich alt und häßlich, so würde ich mich nach einem anderen Sport umsehen.« Diese mehr als aufrichtigen Auslassungen machten einen höchst peinlichen Eindruck auf Milda. Die schöne Blondine nannte sich zwar ihre Freundin, aber von Milda's Seite war diese Freundschaft viel mehr eine Bekanntschaft gewesen. Von Herzen hatte sie sich nie zu ihr hingezogen gefühlt. Sie hatte auch recht wohl gewußt, daß Asta eine mehr sinnlich als geistig bevorzugte Natur sei; aber daß sie solche Grundsätze wie jetzt entwickeln könne, hatte sie freilich nicht geahnt. Sie fühlte sich abgestoßen und hätte wohl eine nicht sehr freundliche Bemerkung gemacht, wenn nicht gerade jetzt das erste Glockenzeichen für den Abgang des Zuges gegeben worden wäre. Das überhob sie der Gelegenheit, einen so schnellen Riß zwischen sich und Asta entstehen zu lassen. Beide begaben sich hinaus an den Zug, wohin Asta ihr Gepäck sich nachkommen ließ. Sie hätten sich ganz ungestört weiter unterhalten können, denn es stieg Niemand weiter bei ihnen ein. Jetzt läutete es zum dritten Male. Die Schaffner schlugen die ja noch aufstehenden Thüren zu. »Steinegg, erster Classe!« rief eine Stimme. »Was? Sie wollen erster Classe fahren?« »Ja.« »Das muß ein Irrthum sein. Zeigen Sie Ihr Billet!« »Hier!« »Ah, wirklich! Also schnell, schnell, hier herein!« Der Schaffner riß die Coupéethüre auf, und die beiden Mädchen sahen – – den Krikelanton einsteigen, Milda zu ihrem geheimen Ergötzen, Asta aber zu ihrem größten Aerger. »Ihr Diener!« grüßte er höflich und setzte sich nieder. Milda nickte ihm zu, Asta aber zuckte verächtlich die Achsel und wendete sich ab. Auf der nächsten Station bat sie den Schaffner um ein anderes Coupée, mußte aber zu ihrem Grimme vernehmen, daß alle anderen Plätze dieser Classe bereits besetzt seien. Sie mußte sich drein ergeben, mit diesem entsetzlichen Menschen bis Steinegg fahren zu müssen. Dort wartete ihrer eine Equipage, welche sie nach dem Schlosse brachte. Der Erste, welcher ihnen entgegentrat, war – Professor Weinhold, welcher mit dem vorigen Zuge angekommen war und sich durch einen Brief des Barons von Alberg legitimirte, welchen er der Tochter überreichte. Der Vater schrieb Milda ganz dasselbe, was sie bereits von Asta gehört hatte, und fügte allerlei wirthschaftliche und andere Bemerkungen hinzu, welche sich auf ihr Verhalten zum Professor und dessen Schüler bezogen. Nach diesem Letzteren befragt, erklärte der Professor, daß derselbe nicht direct von Wien hierher gefahren sei, sondern vorher einen kurzen Abstecher nach seiner Heimath gemacht habe, aber heut ganz gewiß noch ankommen werde. Es wurde sofort dafür gesorgt, daß er bei seiner Ankunft alle nöthigen Bequemlichkeiten vorfinden werde. Der Krikelanton hatte sich, nachdem er am Bahnhofe aus dem Coupée gestiegen war, nach dem Gasthause begeben, wohin er seine Effecten vorausgeschickt hatte. Dort ließ er sich ein Zimmer geben und befahl den Friseur zu sich. Als er später wieder in die Gaststube trat, starrte ihn der Wirth offenen Mundes an. »Ah, Verzeihung?« sagte er. »Ich weiß nicht – weiß nicht – aber sind Sie der Herr, welcher sich vorhin Nummer Drei anweisen ließ?« »Ja.« »Dann begreife ich nicht – –! Welch eine Veränderung ist da mit Ihnen vorgegangen! Fast hätte ich Sie für einen ganz Andern gehalten.« Anton begab sich nach dem Schlosse. Er trug einen höchst eleganten Anzug, den Frack unter dem Ueberrocke. Auch sein Gang, seine Haltung war eine ganz andere. Der Aufenthalt in Wien hatte zwar keineswegs lange gedauert, war aber doch von sehr günstigem Einflüsse auf sein Aeußeres gewesen. Auch des Hochdeutschen war er nun mächtig, so daß er nicht befürchten mußte, sich eine Blöse zu geben. Im Schlosse angekommen, fragte er den Diener nach dem Professor und wurde zu demselben geführt. Dieser ließ sogleich die Baronesse benachrichtigen, daß Herr Warschauer angekommen sei. Zugleich ließ er anfragen, wann es gestattet sei, denselben vorzustellen. »Was meinst Du?« fragte Milda. »Es ist bereits Dämmerung, also Abend. Sollten wir nicht so rücksichtsvoll sein, ihn erst bis morgen von seiner Reise ausruhen zu lassen?« »Ausruhen? Wozu?« »Nun, er ist soeben erst angekommen; darum sollten wir – – ah, da fällt mir ein, daß ja seit dem unserigen kein weiterer Zug gekommen ist!« »Wirklich? Dann hat er sich bereits heute hier befunden, oder er ist mit einer anderen Gelegenheit hier angekommen. Auf keinen Fall aber ist er so ermüdet, daß wir ihn bis morgen schonen müßten. Wir wollen ihn sehen. Und wie heißt er? Warschauer? Allerdings kein sehr distinguirter Name. Klingt fast wie ein Jude. Bruder Straubinger, Bruder Warschauer! Hm! Mir ists, als ob ich diesen Namen erst kürzlich gehört hätte.« »Mir auch.« »Aber wo?« »Ich kann mich nicht besinnen.« »Ich auch nicht.« »Nun, so – aber, höre, da fällt mir ein! Weißt Du, wer Warschauer hieß? Anton Warschauer?« »Nun, wer?« »Der Passagier, welcher mit in unserem Coupée saß.« »Ja, wahrhaftig. Du hast Recht. Jetzt fällt auch mir es ein. Anton Warschauer nannte er sich, als der Polizist ihn nach seinem Namen fragte. Aber das ist auf alle Fälle nur ein Zufall. Du meinst doch nicht etwa, daß dieser Mensch und der Sänger eine Person seien?« »Das möchte ich nicht glauben.« »Es ist ganz unmöglich! Die hoch interessante Person, von welcher ich gehört habe, und dieser freche Kerl können gar nicht identisch sein. Also, wollen wir ihn jetzt kommen lassen?« »Wenn Du meinst?« »Ja, ich meine es. Nun, was giebts?« Diese Frage war an den wieder eintretenden Diener gerichtet. »Frau Bürgermeister Holberg ist da,« meldete er. »Kann wieder gehen!« befahl Asta ganz so, als ob sie die Herrin des Hauses sei. »Verzeihe,« fiel Milda ein. »Ich möchte sie doch empfangen.« »Aber Du siehst doch ein, daß wir jetzt keine Zeit für sie übrig haben!« »O doch!« erklärte die Herrin leise, um dem wartenden Diener nicht hören zu lassen, was sie mit der Freundin spreche. »Ich muß Dir nämlich ein Geständniß machen, liebe Asta.« »Nun?« »Als Du mir gestern telegraphirtest, daß Du heute kommen würdest, war die Dame gerade bei mir, und in meiner Freude über Deine Ankunft lud ich sie ein, mich jetzt zu besuchen. Ich wollte sie Dir vorstellen, da ich ja unmöglich wissen konnte, daß Du in dieser Weise dagegen sein werdest. Nun ist sie da, und ich kann sie unmöglich wieder fortschicken.« »Das ist mir höchst fatal. Du hättest mit dieser Einladung warten sollen, bis Du wußtest, ob es mir angenehm sei oder nicht. Ich bin nun einmal auf solche Bekanntschaften nicht passionirt.« »Aber dieses eine Mal wirst Du es mir zu Liebe über Dich ergehen lassen, bitte!« »Nun, nur höchst ungern, das sage ich Dir allerdings. Wie wird es aber da mit dem Sänger?« »Den können wir trotzdem empfangen.« »In Gegenwart dieser – Bürgermeisterin?« »Ja. Warum nicht?« »Weil es, streng genommen, eine Beleidigung für ihn ist, wenn Du ihn in Gegenwart einer so gewöhnlichen Person empfängst.« »Das wohl kaum, denn er ist ja selbst bürgerlich.« »Aber das Genie adelt ihn. Na, sie mag eintreten. Es ist aber ganz gewiß das erste und das letzte Mal, daß ich mit ihr spreche. Du darfst von mir nicht erwarten, daß ich große Herzlichkeit gegen sie zeige.« Der Diener erhielt Befehl, die Bürgermeisterin herein zu lassen. Als die Dame hereintrat, begrüßte sie Milda wie eine lieb gewordene Person. Das Mädchen zeigte eine nicht ganz verhehlte Befangenheit, gab sich aber Mühe, sich gegen sie ganz so zutraulich wie gewöhnlich zu verhalten. Asta hingegen nahm ihren Gruß mit hochmüthiger Herablassung hin und trat dann an den offenstehenden Flügel, um in den dort liegenden Noten herum zu blättern. Die Bürgermeisterin war nicht eine alte Frau. Sie konnte wenig über vierzig Jahre zählen. Man sah es ihr an, daß sie sehr schön gewesen sein müsse. Ihr Auftreten war bescheiden, aber selbstbewußt. Sie mußte es unbedingt sehen und fühlen, daß sie von Asta mit Geringschätzung behandelt werde, besaß aber eine zu gute und gediegene Bildung, als daß sie ihre Indignation darüber hätte zeigen mögen. Sonderbar! Sie und Milda waren einander in Beziehung auf die Gesichtszüge nicht im Mindesten ähnlich; hätte man aber den Hohenwalder Lehrer Max Walther zwischen Beide gestellt, so wäre es eine Unmöglichkeit gewesen, nicht zu sehen, daß er sowohl mit Milda als auch mit dieser Frau eine frappante Ähnlichkeit besitze. Die Schloßherrin theilte ihrem Besuche mit, daß sie eben jetzt im Begriffe stehe, einen Herrn zu empfangen, welcher beabsichtige, sich als Sänger auszubilden. Sodann gab sie Befehl, Herrn Warschauer herbei zu bitten. Die Spannung der beiden Mädchen war eine ganz bedeutende. Da öffnete der Diener die Thüre und meldete: »Herr Professor Weinhold. Herr Warschauer!« Die Beiden traten ein und verbeugten sich. Die Blicke trafen sich. Anton war im Frack, weißer Cravatte und eben solchen Glacéehandschuhen. Er hatte keine Ahnung, daß er hier diese beiden Damen finden werde; dennoch aber verrieth nicht ein Zug seines Gesichtes, daß er sie kenne oder gar über diese Begegnung überrascht sei. Ganz anders Asta. Sie blickte ihn mit großen Augen an. Zunächst fragte sie sich, ob es möglich sei, daß der »Kerl« in so veränderter Gestalt jetzt vor ihr stehe, als sie aber seine Identität anerkennen mußte, konnte sie einen Ruf der Bestürzung nicht unterdrücken: »Also doch, Milda!« Und sie, die sich nicht beherrschen konnte, wollte in Beziehung auf Umgangsform seine Lehrerin sein! Milda war ebenso betroffen wie ihre Freundin, wenigstens einen kurzen Moment lang; dann aber fühlte sie eine innere Freude darüber, daß es gerade so und nicht anders sei. Sie war nicht schadenfroh, aber sie sagte sich doch, daß Asta diese Niederlage mehr als voll verdient habe. »Meine Damen,« stellte der Professor vor, »gestatten Sie mir, Ihnen meinen jungen Freund und Schüler, Herrn Warschauer, dringend zu empfehlen! Er ist ebenso wie ich in der Lage, Ihrer Freundlichkeit und Nachsicht zu bedürfen.« Milda gab ihm und dann auch Anton die Hand und sagte zu dem Letzteren: »Sie sind mir herzlichst willkommen. Papa schreibt mir viel Liebes und Gutes von Ihnen, und es soll mich aufrichtig freuen, wenn ich Ihnen den schweren Weg, welchen Sie so muthig betreten haben, ein Wenig erleichtern kann. – Hier, meine Freundin Baronesse Asta von Zella.« Die Beiden standen einander gegenüber. Ihre Augen trafen sich mit prüfendem Blick. Der seinige blieb ruhig und fest auf ihr haften; sie aber senkte ihr Auge. Es war ihr unmöglich, ihn so wie er sie anzusehen. Dann wendete er sich zu Milda: »Gnädige Baronesse, ich komme unfreiwillig als Einer, dem Sie einen Theil der Traulichkeit Ihres Heims zum Opfer bringen sollen. Ich kann mich nicht selbst entschuldigen, und Sie sollen selbst entscheiden, ob ich ein strenges Urtheil verdiene oder nicht.« Wie klang das so ganz anders als vorher auf dem Bahnhofe! Asta's Augen blitzten unwillkürlich auf, und als er sich jetzt zu der Bürgermeisterin wandte, um auch dieser vorgestellt zu werden, da folgte sie seinen Bewegungen mit hellen Blicken. Wie war es nur möglich, daß sie diesen jungen Mann auf dem Bahnhofe so hatte beleidigen können? Diese kräftige, ebenmäßige Gestalt, diese gewandten Bewegungen, die eigenartigen, männlich schönen Züge, das große, dunkle, gluthvolle Auge – ja, er war schön, und er war sogar noch mehr, er war interessant, höchst interessant. Sie beschloß ihren großen Fehler durch gesteigerte Liebenswürdigkeit wieder gut zu machen. »Eigentlich bin ich Diejenige gewesen, welche die Ankunft der Herren hier gemeldet hat,« sagte sie. »Der Herr Baron von Alberg hatte die Güte, mich damit zu beauftragen. Ich hatte das Vergnügen, mich wiederholt mit ihm über den neuen Stern zu unterhalten, welcher so plötzlich am Himmel der Kunst erschienen ist. Leider konnte ich nicht erfahren, in welchem Sternbilde er eigentlich entdeckt wurde.« Während die Herren sich setzten, antwortete der Professor: »Um auf Ihr Bild einzugehen, könnte ich antworten: im Sternbilde des Steinbockes.« »Also im Thierkreise!« lachte sie. »Ja.« fiel Anton selbst mit ein. »Ich wurde nämlich im Gebirge entdeckt und will zur besseren Erläuterung hinzufügen, daß ich eigentlich ein Wenig Wildschütz gewesen bin.« Dabei ließ er seinen Blick zu Asta hinüberschweifen. Sie erröthete, denn Sie dachte an die Scene im Bahnhofe, wo er den »Wilddieb« mit einer Ohrfeige beantwortet hatte. »Ja,« fügte der Professor bei, »sonderbarer Weise macht Herr Warschauer kein Hehl daraus, daß er zuweilen das Leben gewagt hat, um sich eine Gemse zu holen. Die Herren vom Amte sind auch so scharf hinter ihm her gewesen, daß er sich nur dadurch retten konnte, daß er einen Bären tödtete, welcher dem Könige an das Leben wollte. Diese kühne That war der erste Schritt auf der Bahn, welche er jetzt zu wandeln hat. Der zweite Schritt war der fürchterlich waghalsige Aufstieg zur Felsenwand, von welcher er mir meine arme, verunglückte Frau herabholte.« »Ich bitte, bitte, nicht weiter!« fiel Asta ein. »Das ist ja ein ganzes Verzeichniß von Heldenthaten. Gemsjäger, Bärentödter, den König gerettet, Ihre Frau Gemahlin gerettet! Dürfte man darüber nicht vielleicht etwas Näheres hören?« Anton sträubte sich gegen die Erzählung dieser Ereignisse; aber der Professor ließ es sich nicht nehmen, die Kühnheit seines Schülers in ein helles Licht zu stellen. Anton konnte nichts dagegen thun, als hier und da einen Einwand dazwischen zu werfen, wenn der Professor sich gar zu weit hinreißen ließ. Dadurch wurde die Unterhaltung eine außerordentlich belebte. Ein Wort gab das andere. Anton hatte keine Schule genossen, aber er war außerordentlich gut beanlagt. Er hatte seinen Aufenthalt in Wien fleißig ausgenutzt und fühlte sich in Folge des heutigen Vorkommnisses den Damen überlegen. Das gab ihm eine außerordentliche Sicherheit, und so war es kein Wunder, daß er bei seinen körperlichen Vorzügen einen höchst günstigen Eindruck machte, besonders auf Asta, welche für männliche Schönheit so sehr leicht empfänglich war. »Und bitte, wo haben Sie ihn denn zum ersten Male singen gehört?« fragte sie. »Das sollte ich eigentlich gar nicht erzählen,« antwortete der Professor, »denn die Rolle, welche ich dabei spiele, ist keineswegs eine sehr ehrenvolle. Es war in einem kleinen Badeorte. Ich saß in einer hoch gelegenen Restauration, zu welcher ein steiler Pfad empor führte. Herr Warschauer kam diesen Pfad herauf gestiegen und begann gerade unter meinem Fenster zu jodeln. Im beispiellosen Erstaunen über diese unvergleichliche Stimme vergaß ich, daß das Fenster geschlossen sei, und fuhr mit dem Kopfe durch das Glas. Meine Frau hat dann mit dem Hammer nachgeholfen, daß ich den Kopf wieder hereinziehen konnte. In dieser Weise wurde der Stern entdeckt. Sie sehen, meine Damen, daß der Beruf eines Kunstastronomen kein ganz ungefährlicher ist.« »Dann muß die Stimme freilich eine außerordentliche sein!« »Ich habe bisher meinen großen Vorrath von Kunstausdrücken und termini technici vergebens durchstöbert, um die geeigneten Ausdrücke, Herrn Warschauers Stimme zu beschreiben, zu finden.« »Schade, daß die Herren Künstler gewöhnlich so spröde und zurückhaltend sind.« »Wieso?« »Sie pflegen sich nur selten zu einer kleinen Gabe erbitten zu lassen.« »Ja, leider gehört Herr Warschauer auch unter diese Kathegorie.« »Wirklich?« »Ja.« »Ist er so unerbittlich?« »O nein,« antwortete Anton jetzt selbst. »Nur bin ich nicht immer gestimmt, die gewöhnliche Neugierde Jedermanns zu befriedigen. Sie werden mich hier ja täglich singen hören, wohl mehr, als Sie es wünschen mögen?« »Und wann werden Sie beginnen?« fragte Asta, ihm einen heißen Blick zuwerfend und dann eine ziemlich bezeichnende Wendung nach dem Flügel machend. »Sofort, nachdem ich die Erlaubniß dazu erhalten habe.« »Und wenn Sie dieselbe nun jetzt empfangen?« »Ah,« lachte der Professor. »Auch eine jener Diplomatinnen, welche unüberwindlich sind!« »Das soll sich jetzt erst zeigen. Milda, Du hast doch jedenfalls ein hübsches Lied hier liegen.« »Wohl, aber wir wollen Herrn Warschauer doch nicht gleich heute belästigen?« »Warum nicht? Ich mache mich anheischig, ihn so lange zu bitten, bis er die Bitte erfüllt.« Wieder sandte sie ihm einen Blick zu, welcher berechnet war, ihn verwundend zu treffen. Es war ihm ganz eigentümlich zu Muthe. Er stand auf und trat zu ihr hin. »Sie sollen nicht lange bitten müssen, gnädiges Fräulein,« sagte er. »Bitte, suchen Sie eines der Lieder aus!« »Gern; aber helfen Sie mit!« Sie schob ihm einen Theil der Noten zu. Beide suchten; dabei kam es wie von Ungefähr, daß ihre Hände sich berührten. Er erröthete. Sie bemerkte es. »Er ist mein; er ist mir verfallen!« erklang es in ihrem Innern. Endlich entschloß sie sich für eines der Lieder. »Hier, bitte, mein Herr! Ich habe diese Composition nur ein einziges Mal gehört. Sie ist von einer Zartheit und Innigkeit, welche einen außerordentlich tiefen Eindruck in mir zurückgelassen hat. Darf ich bitten?« »Gern, wenn der Herr Professor die Güte haben will, mich zu begleiten.« Der Professor trat an das Instrument. »Wenn ich auf dem Lager liege, componirt von Robert Franz? Gut, beginnen wir!« Er setzte sich. Anton stand hinter ihm. Asta stellte sich so, daß er ihr und sie ihm offen in das Gesicht sehen konnte. Der Professor präludirte die zwei Tacte, und dann begann Anton: »Wenn ich auf dem Lager liege,         In Nacht und Dunkel gehüllt So schwebt um mich ein liebes,         Anmuthig süßes Bild. Wen mir der stille Schlummer         Geschlossen die Augen kaum, So schleicht das Bild sich leise         Hinein in meinen Traum. Doch mit dem Traum des Morgens         Zerrinnt es nimmermehr; Dann trag ich es im Herzen         Den ganzen Tag umher.« So einfach das Gedicht ist, so einfach auch die Melodie. Wie viele tausend Male mochte dieses Lied schon gesungen worden sein, nur damit ein anderes folgen solle. Und welch einen Eindruck machte es hier! Als er langsam in As-dur begann, vermochte keine der Zuhörerinnen, unbeweglich zu bleiben. Es klang, als ob die hellsten, reinsten Perlen von seinen Lippen rollten. Er sang leise, mit unterdrückter Stimme; aber man hörte, welcher Mächtigkeit dieselbe fähig sei. Das war eine Zartheit, ein Schmelz! War das denn wirklich der Tabuletkrämer, der damals seine ungelenken Jodler hinausgeschrieen hatte? Keine der Damen war eigentlich eine Musikkennerin; aber alle Drei fühlten sich tief, tief ergriffen, nur eine Jede in ihrer Weise. »Dann trag ich es im Herzen Den ganzen Tag umher!« sagte Asta, als er geendet hatte. »Wie gut ist es doch, daß der Sänger nicht verurtheilt ist, das zu thun, was er singt! Sie würden bald müd werden.« »Wohl kaum,« antwortete er. »Ich würde mein Herz nur einem Bilde öffnen, welches ich gern in demselben trage, und dann ermüdet man nicht.« »Und wie müßte dieses Bild beschaffen sein?« Ihre Augen leuchteten förmlich auffordernd zu ihm herüber. »Blond,« antwortete er. »Das ist mein Ideal.« »Und weiter!« »Vielleicht folgt die Schilderung später einmal. Jetzt möcht ich auch den andern Damen gerecht werden: Für Jede ein Lied. Bitte, gnädige Baronesse!« »Für mich auch eins?« sagte Milda. »Nun dann mein Lieblingslied. Hier ist es!« Sie legte ihm das Notenblatt hin. Es war überschrieben »Blühendes Thal.« Der Gesang beginnt sogleich, ohne Vorspiel: »Wo ich zum ersten Mal Dich sah, Wie üppig grünt' die Wiese da.         Wo ich zum ersten Mal Dich sprach,         Da blühn die Veilchen unterm Dach. Wo ich Dich küßt in dunkler Nacht, Da hadert nun der Rosen Pracht,         Doch wo ich Abschied nahm in Leid,         Da rauscht nun eine Trauerweid'. Bald jauchzt in Wonne mir das Herz, Bald sinkt es ein in tiefstem Schmerz.         So blüht und rauscht das ganze Thal         Von unsrer Lieb, von unsrer Qual.« Er hatte jetzt vermieden, Asta anzusehen, und doch fühlte er förmlich ihren Blick auf sich ruhend. Es war etwas Fascinirendes, Gefangennehmendes an diesem Mädchen. Er fühlte sich von ihr abgestoßen und doch auch mit eigenthümlich zwingender Macht wieder angezogen. Er dachte kaum an das Lied, welches er sang. Er sah kaum die Noten, und er hörte kaum seine eigenen Töne. Es war, als ob er sich in einem Zauber befinde. Und nicht allein er war bezaubert. Auch Asta fühlte Etwas, was sie noch nie gefühlt hatte. Dieser Wildschütz machte ihr mit seiner herzbestrickenden und sinnbethörenden Stimme zu schaffen. Wenn Orpheus mit seinem Gesange Steine lebendig machen konnte, warum sollte es dieser geradezu beispiellose Tenor nicht vermögen, ein kaltes Herz in Liebesgluth zu versetzen? Warum vermied er ihren Blick? Sie veränderte ihre Stellung, um ihn zu zwingen, sie anzublicken, aber da wendete er sich ab: »Bitte, Frau Bürgermeister, nun auch Sie ein Lied.« »O nein, ich möchte Sie nicht belästigen,« antwortete sie in ihrer Bescheidenheit. »Sie belästigen mich nicht, sondern es ist ein Wunsch, welchen Sie mir erfüllen.« »In diesem Falle möchte ich Sie um dasjenige Lied bitten, welches mich unter allen hier vorzufindenden stets am tiefsten rührt: ›Des kranken Kindes Traum.‹; Bitte, hier sind die Noten!« Er überflog die Melodie. Sie begann in A-moll , in so weichen, herzinnigen Tönen fragt das Kind: »Was wecken aus dem Schlummer mich         Für süße Töne doch? O Mutter, sieh, wer mag es sein         In später Stunde noch?« Und die Mutter, welche am Bette des sterbenden Kindes wacht, antwortet voller Angst: »Ich höre nichts, ich sehe nichts;         O schlummre fort, so lind. Man bringt Dir keine Ständchen jetzt,         Du armes, armes Kind!« Aber das Kindesohr hört doch Töne, Töne, welche nun heller und heller, jubelnd erklingen. Das Moll mit seinen Klagen ist vorüber, und nun ertönt es in freudigem, sicherem Dur : »Es ist nicht irdische Musik,         Was mich so freudig macht; Mich rufen Engel mit Gesang,         O Mutter, gute Nacht!« Er hatte dieses Lied leise und zart begonnen wie die andern beiden auch; dann aber, bei den Worten »es ist nicht irdische Musik,« begann seine Stimme zu schwellen, stärker und starker; bei »mich rufen Engel mit Gesang« brauste sie durch das Zimmer, daß in Wahrheit und buchstäblich die Fensterscheiben klirrten, und dann sank sie bei dem letzten Gruße an die Mutter schnell wieder zum leisen, hinsterbenden Flüstern herab. Und diese Stärke seiner Stimme hatte nichts Gewaltsames, nichts Erzwungenes an sich. Die Sonne strengt sich auch nicht an, wenn sie das ganze Licht und die ganze Wärme ihrer Strahlen zur Erde sendet. Asta war unwillkürlich zurückgewichen. Sie war fast erschrocken über diese gewaltige Fülle von Wohlklang und Metall. Milda saß mit gefalteten Händen auf ihrem Stuhle und blickte den Sänger zweifelnd an. War es denn möglich, daß diese Worte, diese Töne aus einer menschlichen Brust kamen? Und die Bürgermeisterin hatte sich abgewendet und weinte inbrünstig. Es war überhaupt eigen, daß diese drei weiblichen Wesen sich ganz genau und treffend durch die Wahl ihrer Lieder characterisirt hatten. Asta mit ihrem einfachen, nackten Constatiren des Verliebtseins: »Dann trag ich es im Herzen Den ganzen Tag umher!« Milda, die Liebe tiefer, viel tiefer erfassend: »So blüht und rauscht das ganze Thal Von unsrer Lieb, von unsrer Qual.« und die Bürgermeisterin nur an die größte Liebe, an die Mutterliebe denkend »Man bringt Dir keine Ständchen jetzt, Du armes, armes Kind!« Sie war auf das Tiefste ergriffen. So wie jetzt hatte sie dieses Lied noch niemals singen gehört, und darum bäumte sich aller, aller Schmerz wieder empor, den sie seit langen, langen Jahren still im Herzen getragen hatte. Sie hatte zuweilen geglaubt und gehofft, ihn endlich, endlich besiegt zu haben; aber er regte sich von Zeit zu Zeit, um ihr zu zeigen, daß er noch immer vorhanden sei, und jetzt, heute Abend, war er mit einer Gewalt losgebrochen, welche ihr Herz erzittern und ihre Seele erbeben machte. Sie konnte sich nicht beherrschen, sie konnte nicht länger hier bleiben. Mit riesiger Anstrengung drängte sie die Thränen nur für die wenigen Augenblicke zurück, welche sie brauchte, um sich zu verabschieden. Sie machte dem Professor eine höfliche und Asta eine sehr kalte Verbeugung, gab Milda die Hand und streckte sie dann auch Anton entgegen. »Herr Warschauer,« sagte sie mit leiser Stimme, denn wenn sie laut hätte sprechen wollen, so wär sie in Schluchzen ausgebrochen, »ich danke Ihnen innigst für das Lied! Gott hat Ihnen in Ihrer Stimme eine Macht über die Menschenherzen gegeben, welche Ihnen und Andern zum Segen, aber auch zum Verderben gereichen kann. Er gebe Ihnen nun auch das ächte, wahre, treue Fühlen; dann werden Sie die Seele besitzen, ohne welche selbst die größte Kunst nur todt und leblos ist. Ich danke Ihnen nochmals! Gute Nacht!« Ganz ohne es zu wollen, hatte sie eine scharfe und äußerst treffende Kritik geführt. Ja, sein Gesang war ohne Gefühl, ohne wahre Empfindung. Ihm fehlte die Seele; er hatte sie mit der Leni von sich gestoßen. Welchen Eindruck hätten seine Lieder gemacht, wenn eine wahre, reine und treue Liebe in seinem Herzen gelebt hätte! Leni's Lieder wirkten ja gerade deshalb, weil sie eine unglückliche Liebe im Herzen trug, so wunderbar, so hinreißend. Anton mußte, um auf die Höhe seines Berufes zu gelangen, innerlich von Neuem geboren werden. Die Bürgermeisterin ging. Kaum hatte sie die Thür hinter sich zugemacht, so brachen ihre Thränen von Neuem aus. Es klangen ihr brausend und anklagend die Worte in's Ohr: »Man bringt Dir keine Ständchen jetzt, Du armes, armes Kind!« Sie wankte langsam den Schloßberg hinab, müd und immer müder werdend und flüsterte wieder und immer wieder: »Mein Kind, mein Kind, mein armes Kind! Mein Max, mein armer, kleiner Max! Dir wurde an der Wiege bei Fackelschein gesungen, und nun – bringt man Dir keine Ständchen mehr. Du armes, armes Kind! O Gott, gieb mir doch ein Zeichen, ob er todt ist, gestorben und verdorben in fremden, kalten Händen! Und lebt er noch, so laß mich ihn wiederfinden, damit ich gut mache, was an ihm gefehlt worden ist!« So betete sie inbrünstig und ging langsam weiter, weinend und die Hände ringend. Da trat ein Mann, der wartend am Rande des Weges gestanden hatte, an sie heran, blickte ihr in das Gesicht, um dasselbe bei der Dunkelheit des Abends zu erkennen und sagte dann in frohem Tone: »Grüß Gott, Frau Bürgermeisterin! Ich hab hört, daß Sie auf dem Schloß waren und hier auf Sie wartet seit fast einer Stunden.« »Sepp!« rief sie. »Sepp, ists wahr, bist Du es? Soeben habe ich zu Gott wegen meines Kindes gebeten, und da trittst Du zu mir heran. Ist das nicht, als ob mein Gebet Erhörung finden solle!« »Na, regens sich halt nimmer auf, Frau Bürgermeistrin. Eine Botschaften bring ich schon; das ist wohl wahr.« »Eine Botschaft! O Gott, mein Gott, ich danke Dir! Sepp, hast Du ihn gefunden?« »Wen? Sie meinen wohl denen Buben?« »Ja, wen soll ich denn sonst meinen!« »Na, seins halt nur nicht gleich so hitzig! Wann ich sag, daß ich eine Botschaften bring, so denkens nachher gleich, daß Alles aufifunden worden ist. So schnell gehen diese Sachen doch nicht.« »Aber eine Spur hast Du vielleicht doch?« »Eine Spuren? Ja, die hab ich vielleicht entdeckt; aberst es ist nur so eine ganz kleine, ein Gedank von einer Spuren, und da müssen wir halt erst sehen, obs auch wohl die richtige ist.« »So erzähle! Sag, wo, wie und wann Du diese Spur entdeckt hast.« »Wo, wie, wann? Also von dem Ort, von der Zeit und auch von dera Art und Weisen soll ich gleich in einem Athem berichten! Hörens mal, Frau Bürgermeistrin, das halt der Hundertste nicht aus! Und ich bin so ein alter Kerlen, bei dems Hirn schon ein Wengerl eintrocknet ist. Wann ich gleich so viel auf einmal sagen soll, so bleibt mir gleich dera halbe Verstand stehen und die andera Hälften läuft mir fort. Nachhero sitz ich da und kann mich auf gar nix besinnen. Nein, das geht nimmer. Das muß recht hübsch langsam gethan werden, so in dera richtigen Reihen, Eins nach dem Andern und auch nicht hier auf dera Straßen, wo man die fünf Sinnen nicht so beisammen haben kann wie drinnen in dera Stuben, wo's einen Kaffee giebt, oder ein Bier und auch ein Käs und Brod oder gar einen Endknopf von dera Servelleratwursten dazu.« »Du hast Recht. Hier ist freilich nicht der Ort zu solchen Mitteilungen. Mein Gott, wenn man sich so lange Jahre gesehnt hat, vergebens gesehnt, und man hört, daß diese Sehnsucht doch vielleicht gestillt werden kann, so denkt man freilich nicht sogleich an das Naheliegende. Also komm mit zu mir. Da magst Du mir erzählen, was Du erfahren hast.« »Na, endlich! Das ist ein Worten, was ich gelten lassen will. Dort kann auch Niemand nix hören. Hier aberst in dera Dunkelheiten kann man niwmerst wissen, ob nicht Einer in dera Nähe steht und Alles hört.« Sie gingen abwärts nach dem Städtchen. Die Bürgermeisterin lief so schnell, daß der Sepp Mühe hatte, nachzukommen. Er kannte die Wohnung seiner Auftraggeberin. Es war eines der besten Häuser der Stadt. Er war schon öfters bei ihr gewesen und darum kannte ihn auch das Dienstmädchen der Bürgermeisterin. Dort angekommen, mußte er sich sofort an den Tisch setzen und erhielt ein gutes Abendessen vorgesetzt. »Das laß ich mir schon gefallen,« meinte er schmunzelnd. »So was hat Unsereiner nicht immer. Das ist vom Mittag übrig blieben, ein halbes Backhähnerl mit Selleriesalaten und Backbirnen. Das öffnet den Verstand und macht die Augen hell. Und gar auch noch ein Gläserl Wein dazu! Na, das ist ja grad, als ob man die silberne Hochzeiten verzehren thut! Prost Mahlzeit, Frau Bürgermeistrin! Sie brauchen sich nicht mit anzustrengen, Essen werd ich schon selberst. Nachhero kann ich auch verzählen.« Er ließ es sich schmecken. Sie saß ihm gegenüber und sah ihm zu. Obgleich sie ihre Begierde, Etwas zu erfahren, kaum beherrschen konnte, bemühte sie sich, äußerlich ruhig zu sein, und freute sich auch wirklich darüber, daß es dem Alten so ausgezeichnet schmeckte. Wenn er sein Glas ausgetrunken hatte, schankte sie es ihm schnell wieder voll und nöthigte ihn, nur zuzulangen. Das Trinken erleichtert bekanntlich das Essen, und je schneller der Sepp fertig wurde, desto eher konnte er seinen Bericht beginnen. Er dagegen glaubte, nicht sogleich Alles sagen zu dürfen. Er hatte gehört, daß eine große Freude unter Umständen ebenso gefährlich wirken kann wie ein großer Schmerz. Er wollte vorsichtig sein, zumal er sehr große Stücke auf die Bürgermeisterin hielt. Endlich legte er Messer und Gabel weg und wischte sich den Schnautzbart mit dem Zipfel des Tischtuches ab. Sie athmete erleichtert auf. »So!« sagte er. »Das hat geschmeckt, und nun könnten wir wohl von unsera Angelegenheiten reden, wanns sicher wissen, daß's Niemand hören thut.« »Wer soll es hören? Das Mädchen ist in der Küche.« »Na, ich hab Dirndln kannt, dera Ohren gingen von dera Küchen aus dreimal ums ganze Haus herum. Da muß man sich in Acht nehmen.« »Die meinige horcht nicht.« »So? Das ist sehr gut. Dafür werd ichs auch heirathen, wann ich mal Eine brauchen thu, welche nicht neubegierig ist. Jetzt aberst darf ich Niemand auszanken von wegen dera Wißbegierden, denn ich hab ja jetzt selbst überall hinanhorchen mußt, um zu derfahren, was ich gern wissen wollt.« »Nun, und was hast Du erfahren?« Er machte ein verwundertes Gesicht und antwortete: »Ich? Nix hab ich derfahren, gar nix.« »Was? So hast Du wohl nur Scherz gemacht, als Du sagtest, daß Du eine Spur gefunden habest?« »Nein. In so einer Sachen mag ich keinen Scherz treiben; das fallt mir freilich nicht ein. Aberst ich mein, daß ich nix derfahren hab, wie's frühern gewest ist. Und das muß ich doch wohl wissen, um merken zu können, ob ich richtig denkt hab oder nicht.« Er blickte sie erwartungsvoll an. Sie lehnte sich in den Stuhl zurück, schloß für einen Augenblick die Lider, als ob sie überlegen wolle, und sagte dann: »Also wissen willst Du, was früher geschehen ist? Ja, vielleicht hab ich einen Fehler gemacht, daß ich Dir nicht Alles aufrichtig erzählte.« »Freilich wohl. Je mehr ich weiß, desto besser und leichter kann ich forschen. Jetzt hab ich wohl Einen funden, der an einer fremden Thüren niederlegt worden ist, aberst ob er auch – der Richtigen ist, wer kann das wissen.« »So! An einer fremden Thür? Wo?« »In dera Gegend von Regensburgen.« »Nun, das ist ja die Gegend, welche ich Dir genannt habe!« »Ganz richtig. Aberst um Regensburgen herum sind gar viele Oertern und gar viele Häusern und gar viele Thüren. Was nun ist das Richtige?« »Ich habe Dir gesagt, daß ich den Ort selbst nicht weiß.« »Das ist schlimm. Aberst grad darum muß ich doch das Andre derfahren, was Sie noch wissen.« Sie kämpfte mit sich selbst. Sie hatte ein großes Vertrauen zu dem Alten, und sie wußte recht gut, daß er dieses Vertrauen auch gar wohl verdiene; aber konnte sie, die Frau, einem Manne von ihrer Jugend erzählen, von dem Fehltritt, dessen sie sich damals schuldig gemacht hatte? War das nicht zu viel verlangt? Als sie so zögerte, nickte er bedächtig vor sich hin und sagte: »Na, ich weiß es gar wohl: es giebt halt Sachen, von denen man nicht gern redet. Darum will ich auch nix derfahren. Nachhero aberst dürfens auch nicht verlangen, daß ich mich weitern um diese Sach bekümmern thu. Ich sag Ihnen also, was ich weiß, und sodann mögens halt schaun, obs das Uebrige selber dermachen können. Ich werd Ihnen also mal was zeigen.« Er holte seinen Rucksack aus der Ecke, in welche er ihn gelegt hatte, öffnete ihn und nahm einen kleinen Lederbeutel heraus, den er ihr gab. »Hier habens dieses Beuterl, Frau Bürgermeistern. Schauns mal hinein, obs das kennen, was sich jetzt darinnen befindet!« Sie zögerte. Sie hielt den Beutel zagend in der Hand, drückte ihn an die Brust und seufzte: »Was wird es sein? Was?« »Das werdens ja gleich schaun!« »Jawohl. Aber es ist mir, als ob ich jetzt ein Urtheil vernehmen solle, welches über Leben und Tod entscheidet.« »Na, so schlimm wirds halt doch nicht sein. Da nehmens auch noch das Papiererl, was ich da in meiner Taschen hab.« Er zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche und gab es ihr hin. Das öffnete sie. Es enthielt jenes kleine Stückchen Holz, welches zu dem bereits erwähnten Kreuz gehörte. »Das Bruchstück, welches ich Dir anvertraut habe!« sagte sie. »Das giebst Du mir wieder? Warum? Hat es Dir nichts genützt?« »Machens nur das Beuterl auf, nachhero werdens sehen.« »Nun gut! So sei es gewagt!« Sie öffnete den Beutel. Er enthielt jenes schwarze Holzkreuzchen, welches der Sepp bei dem Lehrer Walther entdeckt hatte. Die Frau fuhr von ihrem Stuhle auf. »Das Kreuz, das Kreuz!« rief sie. Sie hielt es nahe an die Lampe, um es genau zu betrachten, und sah auch, daß das abgebrochene Stückchen ganz genau dazu paßte. »Es ists, es ists, es ist mein Kreuz, mein Kreuz! O Gott, endlich wird es Licht; endlich finde ich, was ich so lange Zeit und so vergeblich gesucht habe!« Sie preßte das Kreuz an ihr Herz und an ihre Lippen und brach in Thränen aus. Der Sepp sagte nichts. Er war selbst aufs Tiefste gerührt. Er ließ sie gehen. Nach einer Weile fuhr sie fort: »Wo das Kreuz gefunden worden ist, muß auch Derjenige sein, dem es gehört hat! Von wem hast Du es, Sepp, von wem?« »Ja, ich weiß halt nicht, ob ichs sagen darf.« »Warum nicht?« »Weil mirs verboten worden ist.« Das war nicht wahr. Er wollte vorsichtig sein. Er wollte hören, was sich damals begeben hatte, als die Mutter ihr Kind von sich gab. Erst dann konnte er gewiß wissen, ob der Lehrer dieses Kind gewesen sei, und erst dann konnte er, seiner Ansicht nach, die verlangte Mittheilung machen. »Wer hat es Dir verboten?« fragte sie. »Der, von dem ichs hab.« »Er muß doch einen Grund dazu gehabt haben?« »Freilich hat er ihn habt. Er hat nicht wollt, daß ein Mißbrauchen damit macht werde, und darum hat er mir befohlen, ich solls nimmer eher hergeben und nicht eher was verzählen, als bis ich selberst mich überzeugt hab, daß die Personen auch wirklich ganz die richtige ist.« »So traust Du mir also nicht?« »Ich? O, ich hab ein gar groß Vertrauen zu dera Frau Bürgermeisterin, aberst was mir anbefohlen worden ist, das muß ich doch thun.« Sie blickte still vor sich hin, betrachtete das Kreuz wieder und wieder und sagte dann: »Nun wohl. Du sollst sehen, daß ich wohl die Richtige bin. Ich werde Dir Alles erzählen.« »Daran werdens wohl sehr recht thun. Ich werd hernach auch Alles sagen, was ich zu sagen hab.« Sie war aufgestanden und ging in großer Erregung einige Male im Zimmer auf und ab. Dann blieb sie bei ihm stehen, legte ihm die Hand auf die Schulter und fragte: »Sepp, sage mir, warum Du ledig geblieben bist!« »Ich? Na, weil mich Keine hat haben wollt.« »Dich? Wenn ich Dich ansehe, so möchte ich trotz Deines Alters behaupten, daß Du in Deiner Jugend ein ganz hübscher Bursche gewesen sein mußt.« Er nickte leise vor sich hin, schüttelte dann den Kopf und antwortete: »Ja, was soll das nützen, wann man kein übles Aussehen hat und hernach dennoch keine Frau bekommt! Freilich wohl bin ich nicht ganz häßlich gewest, aberst es hat mir gar nix nützt.« »So hast Du gar kein Mädchen gehabt?« »Freilich hab ich mal Eine habt; dera Leni ihre Muttern ists gewest. Die hab ich so lieb habt, so sehr lieb; aberst sie ist mir untreu worden, als ich beim Militären standen hab und eine Zeiten lang nicht heimkommen bin.« »Also geliebt hast sie?« »Grad wie mein Leben und auch noch mehr.« »Das wollt ich wissen. Ich wollt erfahren, ob Du die Liebe kennen gelernt hast.« »O, die hab ich kennen lernt, mehr als genug, mit all ihrem Glück und mit all ihrem Leid. Als ich hab hört, daß es aus ist mit uns, da ist mirs grad so gewest, als ob ich schier vergehen soll und mich gleich hinlegen und sterben. Das hätt ich wohl nicht zweimal derleben könnt; das, wann mans nur einmal mitmachen thut, so ists grad schon mehr als genug.« Er wischte sich über die Augen und dann mit dem Aermel über den Schnurrbart. Es war die Rührung über ihn gekommen, welche ihn jedesmal übermannte, wenn er an jene Zeit dachte, in welcher er hatte entsagen müssen. »Sepp, ich fühle mit Dir. Nun ich weiß, daß Du die Liebe kamen gelernt hast, wirst Du mich verstehen und nicht gar schlimm von mir denken. Ich kann also von dem Jugendfehler, welchen ich begangen habe, mit Dir sprechen.« »Ja, das könnens halt ganz gut. Ich hätt mir wohl spätern ein Weib nehmen konnt; wann ich wollt hätt, denn es hat mehrere geben, welche gar gern ihr Ja sagt hätten und sind auch ganz saubera Dirndln gewest; aber ich hab eben nicht wollt. Die Lieb hat mir zu tief im Herzen sessen; sie ist meine erst und einzige gewest und wird auch mal mit mir ins Grab hinunter gehen. Da brauchens also gar keine Sorg zu haben. Was die Lieb betrifft, davon versteh ich schon auch so ein kleines Wengerl.« »So höre mich an! Ich werde es möglichst kurz machen, um nicht all des Vergangenen aber nicht Vergessenen wieder in mir aufzuwühlen.« »Ja, sprechens nur! Ich hör schon zu.« Sie setzte sich ihm wieder gegenüber und begann: »Als ich jung war, hielt man mich für ein schönes Mädchen – – –« »Ja,« fiel er ein. »Das glaub ich gar wohl, daß die Frau Bürgermeistrin ein appetitlichs Dirndl wesen ist. Das sieht man ja sogar jetzunder noch.« Sie überhörte diese Bemerkung und fuhr fort: »Mein Vater war Banquier. Er galt für reich; aber er hatte sich auf Zureden seines Compagnons in sehr verwickelte Speculationen eingelassen, und eines schönen Tages stellte es sich heraus, daß ihm kein Gulden und kein Kreuzer übrig bleibe, wenn er so ehrlich sein wollte, seine Passiva zu decken.« »Ja, das hat man davon, wann man sich einen Compagnonerl anschafft! Das hab ich mir auch immer denkt, und darum hab ich meinen Wurzelhandel stets ganz alleini trieben. Ich mag halt keinen Andern dazu.« »Er war ehrlich und zahlte. Er mußte eine untergeordnete Stelle im Bureau eines Andern annehmen.« »Das war brav. Er hat Niemand betrogen. Solche Leutln sind aberst nicht gar zu häufig zu finden.« »Ich hatte einen Jugendgenossen, welcher stets viel Interesse an mir genommen hatte. Er studirte Jurisprudenz und besuchte uns täglich, wenn er in den Ferien daheim war.« »Ah, jetzunder beginnt die Liebesgeschichten!« »Nein. Ich war ihm sehr freundschaftlich gesinnt, aber Liebe fühlte ich nicht für ihn.« »Der arme Schluckerl!« »Ich glaube vielmehr, daß meine Schwester ihm im Stillen eine innige Zuneigung widmete. Sie war ein gutes, aber immer kränkliches Mädchen, welches wenig Geräusch von sich machte. Er hieß Holberg.« »Ah, so heißens doch jetzt selbst! So ist er also doch noch Ihr Mann worden?« »Später! Als Vater sein Geschäft aufgeben mußte, reichte sein Gehalt nicht zu, unsere gemeinschaftlichen Bedürfnisse zu bestreiten. Ich als Aelteste sah mich darum gezwungen, dem Vater die Last zu erleichtern. Ich sah mich nach einer Stelle um und wurde Gouvernante in einer adeligen Familie.« »Das ist ein großes Viehzeug, eine Gouvernanten; das weiß ich auch schon bereits. Denen Gouvernanterln steht die Nasen manchmalen höher als denen Herrschaften selbst. Das hab ich sehen, wann ich zu denen vornehmen Leutln kam und Wurzeln verkaufen wollte. Keine einzige Gouvernanten hat mir einen Enzianen oder auch nur einen Kalmussen abkaufen wollt!« »Was sollte eine Gouvernante mit Kalmus machen?« »Mit Kalmus? Na, der ist gar sehr gesund, auch für Gouvernanten, besonders wanns Bauchgrimmen haben und die stechende Koliken dazu.« »Ach so! Also weiter. Meine Herrin war kränklich und mußte jährlich sechs Monate ins Bad. Natürlich nahm sie ihre Kinder mit, und ich mußte sie begleiten.« »Der Herr aberst nicht?« »Nein. Der blieb daheim. Er war bei der Regierung angestellt. Ueberhaupt besaß meine Dame einen sehr selbstständigen Character. Sie liebte es nicht, von ihrem Manne abhängig zu sein. Im Bade machte sie die Bekanntschaft eines jungen, höchst interessanten, adeligen Herrn, welcher sich Herr von Walther nannte. »Walther? Hm!« brummte der Sepp. »Was meinst Du? Kennst Du den Namen?« »Ja, den kenn ich schon.« »Wer heißt so?« »Es soll mal einen Dichtern geben haben, welcher Walther von dem Vogelleim geheißen hat.« »Walther von der Vogelweide, meinst Du wohl?« »Na ja; der Walthern war aberst doch dabei.« »Ich glaubte schon, Du hättest von jenem adeligen Herrn gehört.« »Nein. Dafür werden Sie halt desto mehr von ihm hört haben. Nicht?« »Leider! Ich bemerkte nämlich sehr bald, daß er nur um meinetwillen so oft kam. Das gefiel mir. Ich war ihm gut. Sein Aeußeres nahm mich gefangen, und seine gesellschaftliche Gewandtheit imponirte mir. Ich war sehr streng erzogen, hatte keine Mutter mehr und mit dem Vater und der Schwester sehr einsam gelebt. Es entging mir also alle Welt- und Lebenserfahrung. Meine Liebe wuchs von Tag zu Tag. Er wußte es einzurichten, mich oft allein zu treffen, und sprach endlich von seiner Liebe zu mir. Meine Zuneigung zu ihm war zur tiefen Hingebung geworden. Er sprach davon, seinen Eltern zu schreiben, und brachte mir nach kurzer Zeit ihre schriftliche Einwilligung. Nur machten sie die Bedingung, daß unsere Liebe noch einige Zeit geheim bleiben solle.« »Warum denn?« »Weil er eine alte, hocharistokratisch gesinnte Verwandte besaß, deren einziger Erbe er war. Sie hätte ihm aber die Erbschaft entzogen, wenn er eine Verbindung mit einer Bürgerlichen eingegangen wäre.« »Also habens auf ihren Tod warten sollen?« »So war es.« »Na, das ist schön! Das ist gut! Und das nennt sich nachhero vom Adel und hocharistokraterisch! Unsereiner thät sich in dera Seelen hinein schämen, wann man auf den Tod einer alten, guten Tanten warten sollt. Das ist ja grab so schlimm, als wann man die alte, liebe Karfunkeln gleich todtschlagen thut! Ich dank sehr schön!« »Leider sind solche Verhältnisse gar nicht sehr selten. Aber Du brauchst Dich gar nicht so zu ereifern. Er wartete gar nicht auf den Tod einer Verwandten.« »Nicht? Aberst sogleich erst haben Sies sagt!« »Es war ja gar nicht wahr! Er hatte mich belogen.« »Was! Dera Schuft! Aberst warum hat er dann so eine Lügen macht?« »Um meine Liebe auch ohne Ehe besitzen zu können.« »Ah! So ist diese Sachen! So ein Hallodri ist er gewest! Na, Der, wann ich ihn da hätt, hier in dera Stuben, dem thät ich das Genick zerbrechen und auch noch ein paar andre Knöcherln dazu!« »Ich liebte ihn, und in Folge dessen glaubte ich ihm. Er besaß mein ganzes Vertrauen, und wir verlobten uns im Stillen. Zwar gab ich meine Stellung nicht auf, aber wir befanden uns trotzdem möglichst oft und allein bei einander, und da – – da habe ich ihm denn mehr Vertrauen bewiesen als er verdiente. Ich habe es bitter bereuen müssen.« »Ja, so gehts halt, wann so ein Schuftikus einen armen Dirndl den Himmeln vormalt, und doch hat er nix als nur Teufeleien im Kopf!« »Das war im Spätherbst, und nach einigen Tagen verließen wir das Bad. Er ging nach Wien, und ich folgte meiner Gebieterin nach deren Besitzung.« »Nun habens den Kerlen wohl gar nimmer wieder sehen?« »O doch. Zunächst schrieben wir uns oft. Ich mußte alle meine Briefe poste restante adressiren – – –« »Possi fressante? Warum?« »Wegen seiner Tante. Sie wohnte bei ihm, und so war es leicht möglich, daß ihr eine Zuschrift von mir in die Hände fallen konnte.« »Hörens mal, Frau Bürgermeistrin, das glaub ich halt nicht.« »Du hast Recht. Ich aber glaubte es. Er besuchte mich auch einige Male heimlich. Dann blieb er aus, und auch seine Briefe kamen immer seltener. Ich hatte gegen Ende des Winters zu meinem Schreck gefühlt, daß der innige Umgang mit ihm nicht ohne Folgen geblieben sei, und es ihm mitgetheilt, aber keine Antwort erhalten. Meine Briefe wurden gar nicht mehr von der Post abgeholt und kamen zurück. Ich begann zu ahnen, das ich meine Liebe einem Unwürdigen geschenkt hatte.« »Freilich. Das selbige hab ich schon längst geahnt.« »Ich suchte natürlich meinen Zustand zu verbergen. Im Anfange deß Juni ging meine Dame wieder ins Bad, aber in ein anderes, nämlich nach Eger.« »Und Sie mit?« »Ja. Zu meiner freudigen Ueberraschung begegnete ich – – meinem Geliebten.« »Himmelsakra! Was hat er sagt?« »Er zeigte eine große Freude und entschuldigte sein Schweigen damit, daß er ganz plötzlich eine Reise nach Petersburg habe antreten müssen und jetzt erst zurückgekehrt sei. Er betheuerte mir, daß er nun im Begriff gestanden habe, mich aufzusuchen, und ganz glücklich sei, mich so unerwartet gefunden zu haben.« »Na, wers glaubt!« »Ich liebte ihn ja, und darum glaubte ich es.« »Ja, die Lieb ist das schönste, aberst auch das dümmste Ding auf Gottes Erdboden!« »Natürlich theilte ich ihm meine Sorgen mit. Ich hatte höchstens noch drei Wochen Frist und konnte es nicht über mich gewinnen, meinen Zustand der Herrin oder gar meinem Vater mitzutheilen. Er ging leichthin darüber weg und tröstete mich mit dem Versprechen, die Angelegenheit auf das Befriedigendste zu arrangiren.« »Da gabs halt nur Eins: Er mußt Sie heirathen.« »Das war ja unmöglich, weil seine Tante noch lebte, wie er sagte. Aber er zeigte mir so viel Liebe, daß ich mich beruhigte und ihm versprach, ganz nach seinem Willen zu handeln.« »Na, da bin ich halt fast neubegierig, was sein Willen gewest sein wird!« »Grad zu dieser Zeit bekam ich einen Brief, in welchem mir Vater meldete, daß die Schwester sehr krank geworden sei. Auch ihn hatte der Verlust seines Vermögens außerordentlich angegriffen. Er fühlte sich schwach und wünschte, daß ich schleunigst zu ihm kommen möge, um mich seiner und der Schwester anzunehmen. Das sagte ich dem Geliebten. Er fand, daß dieser Brief grad zur günstigen Zeit komme. Ich mußte ihn meiner Herrin zeigen und enthielt sogleich meine Entlassung.« »Und auch ein Geldl dazu?« »Nein. Ich war im Vorschuß, da ich sehr oft kleine Summen nach Hause gesandt hatte. Das Gehalt, welches Vater bezog, war sehr niedrig.« »So sinds also nach Haus gangen?« »Nein. Herr von Walther hatte sich nach einer nicht zu fernen Stadt gewandt, in welcher eine Hebamme Annoncen, wie man sie oft zu lesen pflegt, in den Blättern veröffentlichen ließ. Sie nahm Damen, welche ihre Entbindung in discreter Weise halten wollten, bei sich auf. Zu ihr mußte ich. Als ich mich drei Wochen bei ihr befand, war ich Mutter eines wunderhübschen kräftigen Knaben geworden, und – – das Geld, welches Walther mir gegeben hatte, war alle. Natürlich glaubte ich, daß er kommen werde. Er kam auch und wohnte einige Tage lang im besten Hotel des Ortes. Da wurde das Kind auf den Namen Max getauft.« »Also Max von Walther? Hm!« Er nickte nachdenklich vor sich hin. »Was hast Du, Sepp? Du machst jetzt wieder ein Gesicht grad wie vorhin.« »Ja, dies Gesichten mach ich allemalen, wann ein Kind tauft wird, Frau Bürgermeistrin.« »Ich verstehe Dich nicht. Ich war an jenem Tage ganz glücklich. Mein Verlobter sprach von unserer Hochzeit, und als wir so allein in der kleinen Stube beisammen saßen, ich mit dem kleinen Max auf dem Arme, eine glückliche, hoffnungsvolle Mutter, da ertönten aus dem Gärtchen herauf die Töne eines Ständchens, welches er mir und dem Kinde bringen ließ. Der Garten lag abgeschieden, und es war nur ein Streichquartett; darum mochte dieses Ständchen gar kein Aufsehen, keine Störung im Orte, ich aber fühlte mich um so entzückter darüber.« »Na, den Kerlen begreif ich jetzt fast nicht. Ich trau ihm gar nix Gutes zu, und doch läßt er gar ein Ständchen geigen! Hm!« »Es war das erste und wohl auch das letzte, welches man dem Kinde gebracht hat!« Und sich an das Lied erinnernd, welches der Krikelanton gesungen hatte, fügte sie traurig hinzu: »Ich höre nichts, ich sehe nichts,         O schlummre fort, so lind, Man bringt Dir keine Ständchen jetzt,         Du armes, armes Kind!« Sie schwieg. Der Sepp verstand nicht, warum sie diese Strophen sagte, und schwieg darum auch. Nach einer längeren Weile fuhr sie fort: »Als er dann an jenem Abende von mir ging, war ich so glücklich. Das Glück sollte ein schnelles und ganz unerwartetes Ende nehmen. Nämlich als ich am andern Morgen erwachte, brachte mir die Hebamme einen Brief, welcher für mich abgegeben worden sei. Ich erkannte auf dem Couvert die Handschrift meines Verlobten und öffnete, eine freudige Ueberraschung vermuthend.« »Und es war doch keine?« »O, es war im Gegentheil die schrecklichste Nachricht, welche mich treffen konnte.« »Was hat drin standen?« »Sepp, das würdest Du nie vermuthen, im ganzen Leben nicht!« »Na, eine Schurkereien ists doch!« »Ja, der würdige Abschluß einer entsetzlichen Schurkerei. Ich werde Dir den Brief vorlesen, obgleich ich seinen Inhalt auswendig weiß. Ein jedes Wort, ein jeder Buchstabe ist mir mit glühenden Zügen in die Seele geschrieben.« Sie ging in das Nebenzimmer und kam mit einem alten, ganz zerlesenen Blatte, zurück. »Das ist der Brief,« sagte sie. »Tausende von Thränen, nein, Millionen und Abermillionen find darauf gefallen. Sie haben die Schriftzüge verwischt, und doch kann ich sie noch lesen. Höre!« Sie faltete das Blatt auseinander, fuhr sich mit der Hand über das Auge, als ob sie von dort einen Schleier entfernen wolle, und las langsam und mit tief bewegter und zitternder Stimme: »Liebe Bertha. Es ist die Zeit gekommen, in welcher ich es für gerathen halte. Dir eine Mittheilung zu machen, welche ich Dir wohl nicht so lange Zeit hätte vorenthalten sollen. Wir müssen uns trennen, und zwar für immer. Zwar habe ich Dich geliebt und liebe Dich auch noch, aber das Weib eines unter einer Freiherrnkrone Geborenen hättest Du doch nie werden können. Der Sommer ist so schön. Die Sonne flimmert, und es duften die Blumen. Der Schmetterling nippt von der Rose und fliegt dann weiter. Die Rose warst Du, und der Schmetterling bin ich. Wir haben einen schönen Traum geträumt. Jetzt müssen wir erwachen, denn das Leben ist sehr streng und verlangt nüchterne Menschen. Natürlich habe ich von allem Anfang an diese Trennung voraus gesehen und mich darnach verhalten. Ich heiße nicht von Walther. Ich habe mir diesen Namen beigelegt aus Gründen, welche Du begreifen wirst. Auch habe ich keine alte Tante, welche ich beerben soll. Das sagte ich ja nur, um Dich einmal recht innig als – – Braut umarmen zu können. Diese Umarmung ist zu innig gewesen. Ich bedaure das jetzt um Deinetwillen. Aber es läßt sich nicht ändern. Natürlich bin ich so aufmerksam gegen Dich, Dir den kleinen Max nicht zu rauben. Du magst ihn als Andenken an die glücklichen Stunden behalten, welche Du in meinen liebevollen Armen verlebtest. Forsche nicht nach mir! Es würde doch vergeblich sein. Du findest mich nicht. Und wolltest Du mich ja belästigen, so würde ich in meiner einflußreichen Stellung die Mittel besitzen, mich aller Querulei nachhaltig zu erwehren. Ich habe Dir gestern Abend zum Abschied ein Ständchen bringen lassen, damit für immerdar ein zarter, poetischer Hauch über dem Andenken an unsere Trennung schwebe. Vielleicht hätte ich das unterlassen sollen, denn dieses Ständchen habe ich fast mit dem letzten Gulden bezahlt, den ich besitze. Ich habe in diesem verdammten Bade heuer wenig Glück aber desto mehr Pech gehabt. Mein Geld ist alle, und alle meine Mittel sind nun erschöpft. Ich muß fast wie ein Handwerksbursche von hier abreisen und sehe mich also gezwungen, Dir die Befriedigung der Hebamme zu überlassen. Das wird Dir nicht schwer werden; Du hast ja Kleider und Wäsche genug bei Dir. Uebrigens warne ich Dich, allzu lang bei ihr zu bleiben. Ich erfuhr, daß Deine Schwester nur noch kurze Zeit zu leben habe. Vielleicht ist sie jetzt bereits todt. Wann Du an ihrem Begräbnisse theilnehmen willst, mußt Du Dich also höchst wahrscheinlich beeilen. Natürlich wünsche ich Dir und Deinem Max alles Glück der Erde. Es sollte mich freuen, wenn ich einst von Euch nur Erfreuliches zu hören bekäme. Also zuletzt herzlichen Dank für Deine Liebe und Hingebung. Denke zuweilen an Deinen – – sogenannten                   Curt von Walther.« Es war still im Zimmer, als sie den Brief vorgelesen hatte. Sie hatte denselben auf den Tisch gelegt und blickte starren Angesichtes in die Ecke. Der Sepp stand auf. Er stieg mit langen Schritten hin und her, stieß halblaute Flüche und Kraftworte aus, blieb endlich vor ihr stehen und fragte: »Wissens, wers gewest ist?« »Nein.« »So habens nicht nach ihm geforscht?« »So viel es mir möglich war, ja. Aber es ist vollständig vergeblich gewesen.« »So gut also hat er sich verstecken konnt! Ich!« Er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Lampe empor sprang und fast umgefallen wäre. Dann fügte er hinzu: »Ja, versteckt hat er sich gut, sehr gut. Aberst er wird seine Rechnung ohne den Sepp macht haben!« »Wie so?« »Wie so? Das fragens auch noch? Wie so? Nun, weil ich ihn finden werd!« »Das ist unmöglich!« »Meinens halt? O nein, da denkens sehr falsch, sehr falsch! Wissens, es giebt einen Herrgott, der das Gute belohnt und das Böse bestraft. Er wird den alten Wurzelseppen leiten, daß dieser den Herrn Curt von Walthern finden thut. Unds liegt mir halt schon heut in allen Gliedern, daß ich mit dem Urianer schon recht bald zusammen gerathen thu. Aberst dann, o dann! Himmelsakra, dann werden die Aesten und die Spänen so herumi fliegen, als ob Einer mit dera Axten einen Baum niederschlagen thut!« »Daran denk ich längst nicht mehr!« »Aberst ich seit jetzt! Hätt ichs schon ehern wußt, so hätt ich den Hallunken schon bereits funden. Das ahn ich ganz deutlich. Na, na, ich freu mich halt schon jetzt, wies sein wird, wann ich ihn ins Gebet nehm und in die Beichten. Dem solls zu Muthen werden als ob die Welt gleich untergehen wollt!« »Es sind seit jener Zeit über zwei Jahrzehnte vergangen. Ich habe natürlich nicht öffentlich geforscht; aber einen Erfolg hätte mein Suchen doch gehabt, wenn der Erfolg überhaupt möglich gewesen wäre. Jetzt nach dieser langen Zeit ists nun ganz die Unmöglichkeit. Uebrigens, weshalb sollt ich nach ihm suchen?« »Weshalb? Was für eine Fragen! Natürlich muß er seinen Zahlaus erhalten.« »Nein. Ja, damals habe ich auch an Rache gedacht. Ich bin vor Schmerz, Jammer und Elend fast wahnsinnig gewesen. Das ist aber längst, längst vorüber. Ich bin alt und ruhig geworden und denke nicht mehr an Rache. Ich überlasse sie dem lieben Gott.« »Und noch Einem!« »Wem?« »Dem lieben Gott und dem Wurzelsepp. Diese Beiden halten gar große Stucken auf nander und werden den Kerlen schon zu finden wissen. O Du mein Himmelreich, wie muß es Ihnen damals ums Herze gewest sein, nach dems den Brief gelesen hatten!« »Ich war starr wie eine Leiche!« »Das glaub ich halt gar gern.« »Ich hab nicht denken und fühlen können. Ich bin bei lebendigem Leibe todt gewesen, bis mich das Schreien meines Kindes zu mir gebracht hat.« »Und was habens nachhero macht?« »Wenn ich Dir das ausführlich und wahrheitstreu erzählen sollte, würde ich sehr in Verlegenheit kommen, denn ich kann mich nicht besinnen, weil ich überhaupt ganz ohne Besinnung gewesen bin.« »Ja, nach so kurzer Zeit, daß die Entbindung vorüberwest ist. Das ist ja grad ganz gefährlich gewest für die Gesundheiten und das Leben!« »An mich hab ich zunächst gar nicht gedacht, sondern an das Kind, welches nun keinen Vater mehr hatte, und an die Schwester, welche nun todt sein solle. Diesen letzteren Gedanken hielt ich fest. Ich mußte fort, fort, fort, und zwar heimlich, daß mich Niemand zurückhalten konnte. Ich zog mein schlechtestes Kleid an, schrieb ein paar Zeilen an die Hebamme, daß sie sich mit meinen Sachen bezahlt machen möge, wickelte mein Kind in ein Tuch, steckte das wenige Geld zu mir, welches ich noch besaß, und schlich mich leise von dannen.« »Herrgott! Wohin wolltens da?« »Nach Hause.« »Mit dem Kind?« »Daran dachte ich nicht. Ich handelte ja ohne alle Ueberlegung. Ich befand mich wie im Traume und wußte nicht, was ich that. Ich lief nach dem Bahnhofe und lößte ein Billet. Aber ich kann heut noch nicht sagen, wo ich ausgestiegen bin. Ich konnte nicht weiter fahren, weil mein Geld nicht reichte. Das hätte ich mir doch ausrechnen können.« »Sie armes, armes Wurm!« »Dann bin ich zu Fuße gewandert, weiter und immer weiter. Das Geld wurde weniger und weniger. Ich empfand weder Hunger noch Durst; aber ich fühlte doch, daß ich essen müsse, um meinem Kinde zu trinken geben zu können. Dann wurde es nach und nach heller in meinem Kopfe, wenigstens zeitweilig, während es auch Stunden gab, in denen ich gradezu fieberte. In solchen offenen Augenblicken fragte ich mich, ob ich mit dem Kinde vor den alten, schwachen Vater treten dürfe. Nein! Es konnte sein Tod sein! Aber was anfangen?« »Ja, was? Wann man keinen Verstand hat und keine Erfahrung und kein Geld! Mein Herrgott!« »Da kam mir der Gedanke, das Kind einstweilen irgendwo hinzulegen, wo es gefunden werden mußte. Später konnte ich mir es ja wieder holen. Dieser Gedanke wühlte sich in meine Seele fest, und ich wurde ihn nicht wieder los. Ich wollte kein Verbrechen begehen, o nein! Nur einstweilen wollte ich mich des Kinders entäußern. Ich schrieb auf einen Zettel, den ich mir nebst Bleistift in einem Wirthshause, in welchem ich für einige Augenblicke einkehrte, geben ließ, den Namen des Kindes auf und daß es getauft sei.« »Hm, ja! Das stimmt!« »Womit stimmt es?« »Nachher! Verzählens jetzund nur weitern!« »Dann ging ich noch stundenlang fort, bis ich an ein kleines, allein stehendes Häuschen kam. Vor der Thür stand eine Bank, auf welche ich mich niedersetzte. Der Mann kam heraus und begann ein Gespräch mit mir. Was wir gesprochen haben, hatte ich bereits nach kurzer Zeit vergessen. Aber Einiges habe ich mir bis heut gemerkt. Der Mann war Tagearbeiter in einem nahe liegenden Einödhofe und hieß Beyer. Er hatte an jenem Tage frei, weil es ein Sonntag war.« »Beyer?« fragte der Sepp. »Habens sich den Namen auch wirklich genau merkt?« »Ganz genau. Ein guter Bekannter meines Vaters hieß ebenso. Das erleichterte es mir, den Namen zu merken.« »Hm! Oh!« Er machte wiederum ein sehr nachdenkliches Gesicht. »Was meinst Du?« fragte sie. »Nix, gar nix. Ich sinn nur eben nach, ob ich nicht vielleichten einen Beyer kennen thu, der Tagarbeiter an einem Einödhof wesen ist.« »Nun, fällt Dir vielleicht einer ein?« »Vielleicht, wann ich noch länger nachdenk. Es ist mir, als ob ich diesen Namen schon mal hört hätt.« »Das sollte mich außerordentlich freuen, denn all mein Forschen ist vergeblich gewesen. Der Mann hatte ein so gutes Auge, ein so ehrliches Gesicht. Ich beschloß, ihm den Knaben da zu lassen. Ich fragte ihn, ob ich nicht ein Glas Milch erhalten könne, und er ging, es zu holen. Die Zeit, in welcher er mich allein ließ, benutzte ich, den Knaben auf die Bank zu legen und mich zu entfernen. Aber ehe ich es that, kam mir der Gedanke, ob ich dem Kinde nicht ein Andenken zurücklassen möchte. Ich hatte von meiner Mutter ein kleines Kreuz von Rosenholz, dieses hier, welches Du mir gebracht hast. Ich nahm es vom Halse, um es dem Knaben umzuhängen. Er schlief so schön, und seine Mutter wollte ihn verlassen. Das griff mir tief in das kranke Herz hinein. Ich hatte das Kreuz an die Lippen gelegt, um es noch einmal zu küssen. In meinem Schmerze nahm ich es zwischen die Zähne und bis darauf. Die Zähne gruben sich tief in das Holz ein. Ich sah es und brach das halb abgebissene Stückchen vollends ab. Es konnte mir ja als Erkennungszeichen dienen; dieser Gedanke kam mir.« »So also ists gewest. Ich hab nicht begreifen konnt, warum das kleine Stückle ist abbrochen worden.« »Ich hing dem Kind das Kreuz um, steckte den Zettel in das Tuch und eilte von dannen. In der Nähe gab es ein Gebüsch, an welches sich der Wald anschloß. Dort konnte man mich im Falle der Verfolgung nicht leicht finden; also suchte ich den Wald zu gewinnen, und das gelang mir auch.« »Und habens sich die Gegend merkt?« »Ja. Es war in der Nähe von Regensburg, wie ich Dir früher ja gesagt habe, daß Deine Nachforschungen dort von Erfolg sein könnten.« »Sinds aberst doch nicht gewest.« »Die meinigen auch nicht. Freilich bin ich nicht so bald wieder hin gekommen, wie ich mir vorgenommen hatte. Ich lief damals im Walde immer nach Osten hin und ließ mich an diesem und dem folgenden Tage von keinem Menschen erblicken. So kam ich über die kaiserliche Grenze und nach Hause.« »Und wie stands da?« »Als ich kam, wars am Abend, und sie hatten meine Schwester grad in den Sarg gelegt.« »Du lieber Herrgott im Himmel droben!« Die Bürgermeisterin senkte den Kopf und weinte. Es dauerte lange, ehe sie wieder fortfahren konnte. »Das war schrecklich, schrecklicher wohl noch als Alles, was vorher geschehen war. Der Vater hatte meiner Herrin geschrieben und die Nachricht erhalten, daß ich längst fort sei. Ich fand keine andere und bessere Ausrede, als daß ich unterwegs erkrankt sei. Das glaubte man mir sofort, denn ich hatte ja das Aussehen einer Leiche. Weiter konnte ich nichts sagen. Ich sah die todte Schwester und den alten, gramgebeugten Vater. Ich fand keine Worte und auch keine Thränen. Am andern Morgen wankte ich neben dem Vater hinter dem Sarge her, und dann legte ich mich krank nieder – ein Wundfieber hatte mich ergriffen.« »Sapperloten! Da habens wohl phantasirt und auch Alles verzählt, was geschehen war?« »Nein. Phantasirt habe ich nicht, sondern ganz still und stumm gelegen. Das Fieber hatte jene heimtückische, schleichende Gestalt angenommen, welche dem Leben am gefährlichsten ist. Ich rang Monate lang zwischen Tod and Leben, bis endlich die Jugend siegte. Und selbst dann war ich noch lange Zeit so schwach, daß ich nicht stehen konnte. Es war ein Gefühl stumpfer Gleichgiltigkeit, ein Zustand dumpfen Vergessens über mich gekommen. Ich sah die Gesichter der Leute, welche in meine Nähe kamen, aber ich merkte sie mir nicht. Ich wußte später nicht, was um mich her geschehen war. Nach und nach, langsam, äußerst langsam erwachte der Puls neuen Lebens in mir. Ich zwang mich, meiner Umgebung wieder Aufmerksamkeit zu schenken. Was ich erblickte, war traurig genug. Der Vater wankte wie ein Schatten umher, abgemagert, mit müden, glanzlosen, todten Augen. Der Tod meiner Schwester meine Krankheit, sein eigenes, unverdientes Schicksal; das trieb nun auch ihn an den Rand des Grabes. Er hatte mich in meiner Krankheit nicht verlassen können und in Folge dessen seine Stelle verloren. Er war zu schwach, eine andere zu begleiten und hätte jetzt auch keine andere erhalten.« »Aberst wovon habens dann gelebt?« »Das wußte ich auch nicht. Ich fragte ihn, und er antwortete mir nur mit dem Namen Holberg. Mein Jugendfreund hatte kurz vorher sein Assessorenexamen bestanden und sich dann in unserer Stadt als Rechtsanwalt niedergelassen. Bereits vor meiner Ankunft hatte er den Vater unterstützt und während meiner Krankheit seiner Güte in Form einer Geldanweisung Ausdruck gegeben. Auch diese Summe war bald zur Neige gegangen, und nun lebten wir Beide, Vater und ich, ohne daß ich es erfuhr, nur von der edlen Unterstützung des braven Holberg. Er war keineswegs sehr vermögend; aber er besaß trotz seiner Jugend bedeutende juridische Kenntnisse und hatte bald eine so zahlreiche Klientel um sich versammelt, daß er nicht unbedeutende Einnahmen machte.« »Ein sehr braver Kerlen!« »Ja, das war er,« gab sie mit einem tiefem Seufzer zu. »Und daß er so brav war, das hat mir später so manche, manche böse Stunde bereitet.« »Warum das? Wann einer brav ist, kann man doch nicht bös drübern werden!« »O nicht über ihn, sondern über mich mußte ich zürnen. Ich war nicht brav gegen ihn. Ich erfuhr erst nach und nach vom Vater, welchen Dank wir ihm schuldeten. Das lockte die Aufmerksamkeit meiner dankenden Seele auf ihn. Ich begann, ihn zu beobachten. Ich lernte seine Charaktereigenschaften, seine Vorzüge kennen, lernte ihn schätzen. Ich hatte ihn täglich vor Augen, sein bescheidenes Wesen, sein stilles Werben um meine Liebe. Ich betrachtete auch sein Aeußeres zum ersten Male mit anderen Augen. Ich sah, daß er zwar nicht schön war, aber doch auch körperliche Vorzüge besaß, welche mir bisher entgangen waren. Kurz und gut, er war ein edler Mann, und ich lernte ihn lieben. Das war freilich eine ganz andere Liebe als meine erste. Sie hatte nicht die Gluth, die unbedenkliche Hingabe der Ersteren; aber sie war rein, innig und wahr.« »So habens ihn dann heirathet?« »Ja. Aber das ging nicht so schnell. Ich fühlte und wußte, daß ich sein nicht werth sei. Ich war ohne den Segen des Priesters das Weib eines Andern gewesen. Durfte ich einem so edlen Manne gehören, ohne mich der größten Sünde, des Betruges schuldig zu machen? Aber konnte ich ihm Alles sagen? Nein und tausendmal nein. Ich wär vor Scham gestorben. Da belauschte ich eine Unterredung zwischen ihm und meinem Vater. Dieser sagt: ihm, daß er mich kenne und daß er glaube, ich liebe ihn, den Rechtsanwalt. Er gab ihm den Rath, zu mir von seiner Liebe zu sprechen. Aus der Antwort, welche darauf erfolgte, erkannte ich den Edelmuth Holbergs. Er sagte, daß er nur mich lieben könne und sein Glück nur an meiner Seite finden würde, aber er glaube, daß ich ihn nicht liebe, sondern nur Dankbarkeit empfinde für das Wenige, was er für uns gethan habe. Vater zerstreute sein Bedenken, und dann – ja dann kam eine Stunde, in welcher der edle Mann meine Hand in die seinige nahm und mich fragte, ob ich sie ihm lassen wolle fürs ganze Leben. Sepp, was hättest Du ihm geantwortet? Sage es mir aufrichtig!« »Hm! Das weiß ich selberst nicht. Unrecht wärs gewest, ihm nix zu sagen; aberst es ihm zu sagen, das wär wohl auch eine Sünd an ihm gewest, weils ihn unglücklich macht hätt.« »Das sagte ich ihm auch. Meine Liebe flüsterte mir hundert Entschuldigungsgründe zu, und ich – – wurde seine Frau.« »Hat ers spätern derfahren?« »Nein. Das hätte ihn elend gemacht. War ich vorher nicht aufrichtig, so durfte ich es später vollends gar nicht sein. Ich habe mir bittere Vorwürfe gemacht und oft, oft mit meinem Gewissen gekämpft. Grad dann, wenn er die ganze Fülle seiner Liebe über mich ergehen ließ, habe ich mich am elendsten gefühlt; aber ich habe einen großen, großen Trost: ich habe ihn glücklich gemacht, so glücklich, wie ein Weib ihren Mann nur machen kann.« »So wirds der liebe Gott verzeihen, daß Sie nicht aufrichtig sein konnten.« »Das hoffe ich von ganzem Herzen. Wir haben fünfzehn Jahre ununterbrochenen Glückes mit einander verlebt; dann starb er mir an einer Epidemie. Seitdem bin ich Wittwe. Während der letzten sechs Jahre war er Bürgermeister des hiesigen Ortes und hat mir dann ein Vermögen hinterlassen, von dessen Zinsen ich sorglos leben kann.« »Aberst der Bub, der kleine Max Walthern. Was ist aus dem worden?« »Das ists ja, was ich wissen will!« »Habens denn nicht nach ihm forscht?« »Gleich im ersten Jahre meiner Ehe. Ich hatte Gelegenheit, mit einer Freundin nach Regensburg zu reisen, und benutzte dies, nach dem Einödhof zu suchen. Ich fand ihn nicht. Ich habe die Nachforschungen fortgesetzt und sie niemals unterlassen. Erst nach dem Tode meines Mannes hatte ich Freiheit genug, in eigener Person zu suchen. Die Gegend hatte sich verändert. Einst kam ich an ein kleines Häuschen, welches ganz genau aussah, wie dasjenige, an dessen Thür ich meinen kleinen Max auf die Bank gelegt hatte. Ich fragte den Besitzer nach seinem Namen; es war nicht der richtige; aber nach vielen Fragen erfuhr ich, daß vor ungefähr fünfzehn Jahren ein gewisser Beyer, ein Tagearbeiter, hier gewohnt habe, aber bald darauf fortgezogen sei. Fernere Erkundigungen, selbst bei der Behörde, waren vergeblich. Er ist fortgezogen und hat den Knaben mit sich genommen, falls derselbe nicht vorher gestorben ist. Welche Vorwürfe ich mir darüber mache, das könnte nur eine Mutter fühlen, welche so wie ich ihr eignes Kind verstoßen hat. Und nun kommst heut Du und bringst mir das Kreuz, dasselbe Kreuz, mein Kreuz. Es ist mir, als sollte ich aus meiner Pein erlöst werden. Ich habe eine schwere Buße gethan, indem ich Dir Alles erzählt habe. Nun sage aber auch Du mir endlich, wie Du zu dem Kreuz gekommen bist!« »Das ist ganz eigenthümlich. Das hat ein nackter Kerlen am Hals hangen habt.« Sie blickte ihn verständnißlos an. »Was? Sprich deutlicher!« »Ich saß am Wassern und drinnen in demselbigen da badete Einer. Der hatte das Kreuzle anhangen.« »Wer war es, wer? Sags schnell!« »Na, ich hab ihn auch nicht kannt.« »War er alt?« »Nein, so ungefähr zwanzig.« »Mein Gott! Das stimmt ja! Du hast ihn aber doch gefragt, wer und was er ist?« »Na freilich werd ich das, wenn er das Kreuz am Hals hangen hat.« »So sags doch, sags! Spanne mich nicht auf die Folter!« »Ja wissens, ein Schullehrern ists gewest, und Max Walthern hat er heißen.« Da fuhr sie blitzschnell von ihrem Stuhle auf. »Max Walther! Ists möglich!« »Natürlich! Er wird doch den seinigen Namen richtig nennen können!« »Da stimmt ja auch der Name sehr genau.« »Ja, der stimmt. Und Anderes stimmt halt auch noch.« »Was?« »Daß er bei Regensburgen an einem Häusle, in dem dera Tagearbeiter Beyer wohnt hat, auf die Bank legt worden ist von einem Mädchen, welches ein Glas Milchen verlangt hat und nicht gar sehr nobeln aussehen hat.« »Ich habe Dir ja gesagt, daß ich mein schlechtestes Kleid angezogen hatte. Und unterwegs, in meinem fieberhaften Zustande, habe ich wohl auf mein Aeußeres so wenig Rücksicht genommen gehabt, daß mein Aussehen nicht das allerbeste gewesen ist. Er ists, er ists, er ists! Aber wohin hat ihn der Tagearbeiter mitgenommen?« »Gar nicht. Der Mann ist so arm gewest, daß er sich des Buben gar nicht hat annehmen konnt. Er hat ihn also in das Waisenhaus geben mußt.« »In das Waisenhaus!« Sie schlug die Hände zusammen. »Mein Kind mein armes Kind!« »Na, da könnens schon ruhig sein. Er hat sagt, daß er da viele Liebe funden hat. Dann hat er einen Gönnern kennen lernt, der hat ihn auf die Schulen than, daß er hat Lehrern werden konnt.« »Welch eine Fügung! So hat Gott mehr Mitleid mit ihm gehabt, als seine Mutter. Mein Heiland! Was wird er von dieser Mutter denken.« »Das will Ihnen wohl Sorgen machen?« »Wie schwere, wie große!« »Nun, so werfens diese Sorg nur immerst zum Fenstern hinaus! Dera Maxerl ist halt ein gar braver Kerlen und denkt von seiner Muttern gar nix Böses. Er hat eine gar große Sehnsuchten nach derselben und wird ganz glücklich sein, wann er sie nur sehen kann.« »Wirklich, wirklich?« »Ja, er hat sagt, daß sie arm sein kann, wie eine Bettelfrauen. Dann will er für sie arbeiten und so gut zu ihr sein, daß sie alles Herzeleiden vergißt, was sie im Leben derfahren hat.« »Das, das hat er gesagt?« »O, noch viel, viel mehr!« »Herr mein Gott, ich danke Dir! So einen Sohn bin ich nicht werth! Ich habe mich so schwer an ihm versündigt, daß ich ihm gar nicht unter die Augen treten darf!« »Na, wo denkens da eigentlich hin? Den Max seine größte Aengsten ist, daß dera Vatern und die Muttern schon storben sind. Welch eine Freuden, wann ich ihm die Muttern bring.« »Die ihm nicht einmal sagen kann, wer sein Vater ist!« »Was das betrifft, so lassens nur den Wurzelsepp sorgen. Der wird den Luftikussen schon so ausfindig machen, daß er ihn beim Schopf derfassen und an den Haaren herbeischleppen kann. Es munkelt so eine geheime Stimm in meiner Seel, daß ich ihn schon recht bald derwischen werd. Wissens, da fallt mir was ein. Habens schon mal einen Steckbriefen gelesen?« »Ja.« »So ein Steckbriefen kommt in die Zeitungen, wann ein schlechter Kerlen, ein Verbrechern sucht und funden werden soll. Der Curt von Walthern aberst ist ein Verbrechern. Er hat Ihnen was vorschwindelt; er ist also ein Betrügern.« »Willst Du etwa haben, daß wir ihn steckbrieflich durch die Polizei suchen lassen?« fragte sie unter einem leisen Lächeln. »Durch die Polizeien nicht, sondern durch den Wurzelseppen. Bei so einem Steckbriefen steht alleweilen auch ein Signalementen. Jetzt wollen wir auch eins machen, damit ich ihn gleich kenne, wann ich ihn seh. Könnens Sich vielleichten noch derinnern, wie er damals ausschaut hat?« »Als ob es noch heut wär. So eine Person prägt sich dem Gedächtnisse unauslöschlich ein. Aber was soll es Dir nützen, wenn ich ihn Dir beschreibe?« »Gar sehr viel.« »Er ist damals jung gewesen und muß also jetzt ein ganz anderes Aussehen haben.« »Meinst? Ja, ältern wird er nun wohl ausschaun, als dazumalen; aberst es giebt doch Dingen, welche auch beim Alter nicht anderst werden. Wann er zum Beispiel schwarze Augen habt hat, so werden die nicht indessen roth worden sein und die blonden Haaren blau. Verstanden? Also sagens doch mal, wie alt er damals war!« »Grad dreißig Jahre.« »So ist er jetzund fünfzig. War er lang und stark?« »Nein, sondern mittler Statur.« »Die Haaren?« »Blond.« »Augen?« »Blau.« »Zähnen?« »Vollständig und gut.« »Hatte er Bart?« »Ein Schnurrbärtchen. Aber ich kann mir nicht denken, daß dies zu Etwas führen soll!« »Warum nicht? Lassens nur den alten Wurzelsepp gehn. Der weiß schon, warum er so fragen thut. Sagens lieber, ob er vielleichten so ein besonderes Kennzeichen habt hat, woran man ihn verkennen kann.« »Das hatte er allerdings. Er hatte sich als Student einmal auf der Mensur befunden – – –« »Was ist das für ein Ding?« »Zweikampf. Zwei stehen auf der Mensur, das bedeutet so viel wie, sie stehen vor einander, um zu kämpfen.« »Welch eine Dummheiten! Mensur! Kann man da nicht lieber gleich sagen: Sie fangen eine Rauferei oder Keilereien an? Nun weiter!« »Dabei hat er einen Säbelhieb über den Kopf erhalten. Die rothe Narbe davon geht über die linke Stirn fast bis in das Auge hinein.« »Wanns lieber was tiefer in den Kopf eindrungen wär, so wärs aus gewest mit ihm und er hätt kein braves Dirndl betrügen konnt! Also eine Narben hat er! Das muß man sich merken. Das kann leicht dazu führen, daß ich ihn entdecken thu.« »Sei nicht zu sanguinisch mit Deinen Hoffnungen!« »Warum soll ich nicht hoffen? Ich komm halt gar weit im Land herum, und da ists leicht möglich, daß ich mal Einen treff, der eine rothe Narben auf dera Stirn hat. Den werd ich dann gleich beim Schopf nehmen. Und nun sagens mal auch, wie Ihr Namen vorher gewest ist, bevor Sie den Mann geheirathet haben!« »Mein Vater hieß Hiller, ich also Bertha Hiller. Aber ich bin überzeugt, daß Du diese Erkundigungen ganz umsonst einziehst. Ich werde mir, wie bisher, auch fernerhin Mühe geben, den Vater zu vergessen, und lieber meine ganze Aufmerksamkeit dem Sohne zuwenden. Noch habe ich Dich ja nicht nach einer der Hauptsachen gefragt. Wo hast Du Max getroffen?« »Das hab ich bereits sagt, nämlich im Wasser, wo er baden that.« »Bitte, scherze jetzt nicht!« »Na, so will ich mal ernst sein und Ihnen den Ort nennen. Freuen werdens sich aberst wohl nicht sehr darüber, denn er ist weit von hier, sehr weit!« »Das schadet nichts! Mag es noch so weit sein, ich reise hin. Und wenns in Amerika und noch weiter sein würde, so suchte ich meinen Sohn auf. Ich muß ihn sehen; ich muß ihn haben. Ich muß ihn um seine Verzeihung bitten und möglichst wieder gut machen, was ich an ihm verbrochen habe. Da kann mir kein Weg zu lang und kein Meer zu breit sein!« »Na, schlimm ists freilich nicht. Uebers Wassern brauchens nicht, und auf dera Eisenbahn brauchens sich auch nicht zu setzen, denn sie könnens schon recht gut mit denen Füßen derlaufen. Sie brauchen halt nur da über den Berg zu steigen, so sinds halt gleich schon dort.« »Da, hinüber, also in Bayern?« »Ja, freilich.« »Geht es durch viele Orte?« »Nein, sondern es ist gleich dera erste.« »Das wäre ja wohl Hohenwald?« »Das ists. Dort ist er.« »In Hohenwald! Das ist ja ein wahrer Spaziergang von wenig über einer Stunde! Also dort ist er, so nahe, und ich habe nicht die mindeste Ahnung davon gehabt?« »Er ist erst seit ganz kurzer Zeit dort.« »So! Und – – aber, da fällt mir ein: Hohenwald ist so verrufen. Ich glaube, gehört zu haben, daß die dortige Schulstelle eine sogenannte Strafstelle ist?« »Das ist freilich wahr.« »Mein Gott! Das erschreckt mich! Hat er einen Fehler begangen? Hat er sich das Mißfallen seiner Vorgesetzten zugezogen?« »Der? Na, dem fallt das gar nimmer ein! Der ist ein Kerlen, der Haaren auf denen Zähnen und Federn am Buckel hat! Wann der noch eine kleine Weilen in dem Hohenwald ist, nachhero wird die Schulstellen bald keine Strafstellen mehr sein.« »So! Also ist er brav?« »Und was für ein Braver! Da könnt ich gar viel bereits erzählen, wann ich nur wollt.« »Natürlich mußt Du das! Ich will Alles hören, was Du von ihm weißt.« »Na, meinswegen. Werst es ist heut schon so spät worden und ich muß nun nach denen Gasthofen, sonst find ich keinen Platz zum Schlafen.« »In den Gasthof lasse ich Dich nicht. Du mußt bei mir bleiben. Du. mußt Alles berichten. Ich werde noch eine Flasche Wein holen.« »Ja, Frau Bürgermeisterin, das ist freilich der allerbesten Gedank, dens heut gehabt haben. Wanns mir noch ein Weinerl vorsetzen, nachhero bin ich nicht fortzubringen.« »Gut, also Du bleibst! Sage mir aber noch schnell, wie er aussieht!« »Na, wie soll er halt ausschaun? Die Beinen hat er unten und den Kopf oben, wie alle Menschen, und Schulmeistern.« »Bitte, bleib ernsthaft.« »Na, das bin ich schon! Ich seh bereits, daß ich ihn beschreiben muß fast auch wie in einem Steckbriefen.« »Das ist nicht nöthig. Ich muß nur wissen, ob er gut aussieht und wohl und gesund.« »Na freilich! Er ist nicht gar zu groß und stark, aberst auch nicht klein und schwach, wissens, so eine brave Mittelsorten. Haaren und Augen schwarz, das hat er von seiner Muttern. Und dabei hat er eine Körperkräften, die zum Verstaunen ist. Und er sieht auch gar nicht so aus, wie ein Dorfschulmeistern; er hat ein ganz ander Aussehen, viel gelehrter und vornehmer. Wann man ihm zum ersten Male begegnet, muß man bereits einen großen Respecten vor ihm haben. Auch mehr lernt hat er, als ein Schulmeistern, viel mehr. Er ist sogar ein Dichtern worden wie der Schillern und Göthen. Er hat dem Elephantenhanns ein Gedichten macht mit viel Wassern und großen Bäumen und Elephanten und auch einen Geist dazu. Das bringt gar nicht ein Jedern fertig. Und nachhero hat er auch ein Stuck aufs Papieren bracht, was im Theatern spielt werden muß; das wird halt ein Krama nannt.« »Drama, meinst Du!« »Ja, so mags sein. Ich weiß das Worten noch nicht so genau, weit ich noch selbst kein solches Lama schrieben hab. Sie werden eine große Freuden über ihn haben, wanns ihn sehen.« »Ich bin ganz entzückt, lieber Sepp. Natürlich muß ich ihn gleich morgen sehen.« »So! Da habens das Ding freilich sehr eilig!« »Ich darf keine Stunde länger zögern, als unbedingt nöthig ist. Ich habe ihn und er hat seine Mutter so lange entbehrt, daß ich keine Minute verlieren darf, mich mit ihm zu vereinigen.« »Recht habens da gar sehr. Und passen thuts morgen doch auch, denn da giebts keine Schulen, weil ein Feiertag ist. Aberst im Amt ist er da auch, weil er in dera Kirchen die Orgeln schlagen muß.« »Desto besser. So kann ich sein Spiel hören und ihn sehen, ohne daß er mich bemerkt. Wir müssen also bei Zeiten aufbrechen, Sepp. Hörst Du?« »Ja, das hör ich schon. Aberst wann wir so gar früh fort wollen, so müssens den Wein recht bald bringen, Frau Bürgermeisterin, sonst ist morgen die Kirchen anfangen und ich hab noch immer keinen.« »Du hast recht,« lächelte sie. »Ich denke nur an mich und nicht an Dich.« »Freilich! Und doch ist mir von dem vielen Sprechen und Derklären die Kehlen so trocken wie eine alte Feueressen. Den Ruß muß ich schnell hinabspülen.« Sie war jetzt eine ganz Andere als vorher. Die Gewißheit, den Sohn zu sehen, verlieh ihr eine ganz jugendliche Spannkraft. Ihre Wangen hatten sich geröthet und ihre Augen leuchteten. Es war nach langer Leidenszeit neue Lebenskraft und neuer Lebensmuth über sie gekommen. Sie holte den versprochenen Wein und während sich der Sepp denselben schmecken ließ, mußte er von Max Walcher erzählen, so viel er von demselben wußte. Nur das Abenteuer am Mühlenwehr verschwieg er. Als er erzählte, wie Walther gleich bei seiner Ankunft so mannhaft aufgetreten sei, war die Bürgermeisterin wirklich stolz auf den Sohn und fühlte sich so glücklich, wie noch niemals in ihrem ganzen Leben. Sie trennten sich sehr spät, waren aber dennoch bereits sehr bei Zeiten wach. Die Bürgermeisterin zog sich nur sehr einfach an und dann begaben sie sich auf den Weg. Es fiel der braven Frau gar nicht ein, sich darüber zu schämen, daß sie an der Seite des armen Wurzelhändlers durch das kleine Städtchen ging. Der Sepp war auch hier bekannt und von allen Leuten geachtet. Der Weg nach Hohenwald führte den Berg hinauf, an dem Schlosse vorüber und dann durch den Park, welcher zu dem Letzteren gehörte. Dann senkte er sich wieder abwärts, bis er in der Nähe der Mühle aus dem Walde trat und man Hohenwald vor sich liegen hatte. Als Beide am Schlosse vorübergingen, blieb der Sepp einen Augenblick stehen und fragte: »Ich hab hört, daß Schloß Steinegg verkauft ist. Wie heißt der jetzige Besitzern?« »Es ist ein Baron von Alberg.« »Aus dera hiesigen Gegend?« »Nein. Er ist noch niemals hier gewesen. Er bekleidet eine hohe Anstellung in Wien, wo er von seinen Pflichten so festgehalten wird, daß er nicht selbst kommen konnte, sondern seine Tochter geschickt hat, um die Einrichtung des Schlosses zu beaufsichtigen.« »Was für ein Dirndl ist sie, diese Tochtern?« »Eine liebe, gute, junge Dame. Ich bin sehr oft mit ihr zusammen und habe sie wirklich herzlich lieb gewonnen. Natürlich ist auch sie noch niemals hier gewesen.« »So kenn ich sie halt nicht.« »Nein. Aber Du wirst sie gleich kennen lernen, denn dort kommt sie.« Sie waren am Gebäude des Schlosses vorübergekommen und hatten den Park erreicht. In einiger Entfernung vor ihnen trat Milda mit Asta aus einem Seitenpfade auf den Hauptweg heraus. Sie hatten einen Morgenspaziergang gemacht und kamen den Beiden langsam entgegen. »Welche ists?« fragte der Sepp. »Die Schlanke.« »Und wer ist die Andre?« »Ein Fräulein von Zelba, welche den astronomischen Namen Asta führt.« »Solche Namen können mir niemals gefallen. Wenn Einer sich immer bei so einem vornehmen Namen nennen hört, so wird er endlich gar selberst vornehm und stolz. Das ist wohl auch bei dera der Fall, denn sie schreitet so ganz besonderbar einher, grad als wanns in jeder Taschen eine Millionen stecken hätt.« »Ja, stolz ist sie. Sie hat mich gestern, als ich ihr vorgestellt wurde, fast gar nicht angesehen.« »So, dann mag sie nur höflich danken, wenn ich sie jetzt grüß, sonst sag ich ihr meine Meinung.« »Das wirst Du nicht thun. Solche Leute läßt man in ihrem Hochmuthe gehen.« »Ich werd sie auch gehen lassen. Ich halt sie nicht fest, aber Etwas thät ich ihr doch mitgeben.« Die beiden Paare begegneten sich. Asta blickte verächtlich zur Seite. Milda machte zwar auch ein einigermaßen befremdetes Gesicht, als sie den ihr unbekannten Sepp an der Seite ihrer Freundin erblickte, nickte derselben aber doch bereits von Weitem freundlich zu. Die Bürgermeisterin verbeugte sich vor den beiden adeligen Damen und der Sepp zog sehr höflich den Hut. Asta sah es gar nicht. Sie ging vorüber. Milda aber blieb stehen. »Schon so früh munter, liebe Frau Bürgermeisterin,« sagte sie, ihr die Hand gebend. »Wollen Sie einen Spaziergang machen?« »Ja, gnädige Baronesse. Und mit dem Angenehmen habe ich etwas Nützliches zu verbinden. Ich bin nach Hohenwald gerufen worden.« »Dann darf ich Sie ja nicht aufhalten.« Sie gab ihr die Hand zum Abschiede und ging der Freundin nach. Sepp hatte bewegungslos dagestanden und kein Auge von ihr verwendet. Es zuckte über sein Gesicht wie eine große Ueberraschung. »Komm!« sagte die Bürgermeisterin, als er auch jetzt noch stehen blieb und Milda nachblickte. Sie hatte Sorge, daß er seinem Vorsatze folgen und gegen Asta grob sein werde. »Donnerwettern!« stieß er hervor. »Was hast Du?« »Nix für Sie. Laufens langsam fort. Ich hab das Fräulein um was zu fragen.« Er wendete sich rückwärts und eilte den beiden Damen nach. Sie hörten ihn kommen und blieben stehen, da sein Nahen nur ihnen gelten konnte. Er zog den Hut sehr respektvoll, blieb vor ihnen stehen und sagte: »Bitt gar schön, Fräulein Baronessen! Nehmens halt nicht übeln, daß ich Sie vermolestir! Ich hab zwar kein vornehm Gewandel an, aberst ein braver Kerlen bin ich dennoch. Ich möcht halt sehr gern was fragen.« »Thun Sie es,« antwortete Milda. »Nicht wahr, Ihr Namen ist von Alberg?« »Ja.« »Lebt dera Herrn Baron Vatern noch?« »Allerdings.« »Ist er von nicht gar zu großer Figuren?« »Ja.« »Und er hat blonde Haaren?« »Gewiß. Aber bitte, welche Ursachen haben Sie zu diesen eigenthümlichen Fragen?« Statt die Antwort Sepp's abzuwarten, fiel Asta sogleich ein: »Keine Ursache hat er. Der Mensch muß nicht recht im Kopfe sein.« »Warum?« meinte Sepp. »Sonst würden Sie nicht in dieser Weise nach dem gnädigen Herrn Baron von Alberg fragen.« Er blickte sie vom Kopfe bis zu den Füßen herab an, drehte sich dann von ihr ab, Milda zu und fuhr zu dieser fort! »Gnädiges Fräulein, Sie kennen mich nicht. Man nennt mich den Wurzelsepp, weil ich mit Wurzeln handle. Aber ich bin kein Irrer und auch kein Landstreichern. Sogar unser König redet gern mit mir, wann ich mal zu ihm kommen thu, und ich hab bereits mit manchen vornehmen Leutln so sprochen, wie ein Anderer nicht mit ihnen sprechen darf. Darum dürfen auch Sie mich anhören. Und Sie werdens thun, denn Sie haben ein liebs Gesichterl und zwei seelensgute Augen.« Sie erröthete ein Wenig und nickte ihm dann gewährend zu: »Sprechen Sie weiter!« »Ich hab mirs denkt, daß ich darf. Ich habs Ihnen halt gleich angeschaut. Und das will ich Ihnen sagen, daß ich nicht unnütz frag, sondern daß ich eine sehr große Ursachen dazu hab, die ich Ihnen wohl einmal sagen werd. Nicht wahr, Ihr Herrn Vatern hat auch blaue Augen?« »Ja.« »Und eine Narben ans dera linken Stirn, von einer Pfenuren, auf der er standen hat.« »Auch das ist richtig.« »Haben Sie noch Geschwistern?« »Nein.« »So dank ich Ihnen gar schön! Heut kann ich Ihnen noch nicht sagen, warum ich diese Verkundigungen einizogen hab, aberst nächster Tagen werd ich mal um die Erlaubnissen bitten, mit Ihnen sprechen zu dürfen. Nachhero werdens wohl derfahren, daß ich meinen guten Grund habt hab.« Und sich nun wieder zu Asta wendend, fuhr er fort: »Und Sie, wissens, wanns wiedern mal gegrüßt werden, so dankens fein hübsch. Wann man vornehm ist, so muß man erst recht höflich sein, sonst ist man halt noch unverbildeter als gewöhnlichen Leut. Verstanden, Fräulein!« Sie stand ganz starr. »Frecher Mensch!« stieß sie hervor. »Oho! Frech sagst zu mir? Da kommst gar schön an. Frech bist nur Du, daßt einer Damen nicht dankst, wie die Frau Bürgermeisterin ist! Denkst wohl, Du bist was Bessres? Denkst wohl, Deine Haut ist von Saffianen und Dein Gesicht von Marzipanen? Weißt, wannst zu viel trinkst, wirst auch besoffen, and wannst zu viel issest, bekommst auch das Schneiden im Leib, grad wie andere Menschen. Du bist aus demselbigen Stoff auch wie andere Leut, und wannst stirbst, so fangst auch an zu riechen, so daß man Dich fortschaffen muß. So eine Eiernudeln wie Du wird auch nur gefressen Und nun schau, daßt fortkommst! Du machst ja ein Gesichten, als ob die Gans den Schneemuff verschlungen hätt!« Er drehte sich um und eilte der Bürgermeisterin nach, welche von dieser Unterhaltung nichts gehört hatte. Es fiel ihm gar nicht ein, zurück zu schauen, um zu sehen, welchen Eindruck seine Strafrede gemacht habe. Dieser war allerdings ein gewaltiger, denn Asta fühlte sich einer Ohnmacht nahe. »Das – das – das – – ah, hast Du es gehört?« stammelte sie. Milda nickte nur. Der Alte war ihr sympathisch gewesen und der Freundin gönnte sie diese Zurechtweisung. Freilich hätte dieselbe nicht gar so grob kommen sollen. »Also Wurzelsepp, Wurzelsepp!« rief Asta. »Er kommt aus der Stadt, er muß also dort wohnen. Ich werde sofort zur Polizei gehen, um ihn bestrafen zu lassen.« Sie eilte fort und ließ Milda stehen. Mittlerweile war der Sepp mit seiner Begleiterin weiter gegangen. Sie versuchte zu erfahren, was er mit der Baronesse zu sprechen gehabt habe, doch verschwieg er es. Der Weg führte durch den Wald. Bald ging ein Seitenpfad rechts ab. Sepp bog in denselben ein. »Das ist doch nicht der richtige Weg,« sagte sie. »Wir müssen gradaus gehen.« »Kommens nur immer mit,« antwortete er. »Oder fürchtens sich, mit dem Sepp allein im Wald zu sein?« »Nein. Dazu habe ich keine Veranlassung.« »Dann gehens nur mit. Ich muß Ihnen was zeigen.« »Was?« »Einen Mann, der da drinnen wohnt.« »Warum?« »Das werdens bald derfahren. Gestern am Abend habens von dem Beyer sprochen, der Tagarbeitern gewest ist. Deshalben geh ich jetzunder hier in den Wald hinein.« Er schritt rasch aus, um weiteren Fragen vorzubeugen und sie mußte folgen. Nach mehreren Windungen des Weges kamen sie an eine von Bäumen befreite Stelle, an welcher eine alte sehr baufällige Hütte stand. Diese hatte nur zwei sehr kleine Fenster. Sepp klopfte an die Thür. »Wer da?« fragte drinnen eine mürrische Stimme. »Dera Wurzelsepp.« »Gleich!« Es dauerte eine Minute, bevor die Thür geöffnet wurde, dann kam ein langer, hagerer, kahler Kopf zum Vorschein. »Bist auch wieder mal da?« erklang es unter der spitzigen Nase heraus. »Das siehst ja, wannt mich anschaust!« »So komm herein.« »Heut bleib ich heraußen. Ich werd gar nicht lang bleiben; ich hab nur den Waldheger was fragen wollt.« »So frag!« Der Mann trat jetzt heraus. Er hatte trotz seiner schmalen, scharfen Gesichtszüge doch das Aussehen eines sehr gutmüthigen Menschen. Die Bürgermeisterin stand seitwärts, sodaß die offene Thür sich zwischen ihm und ihr befand, darum sah er sie nicht. »Kennst vielleicht den neuen Herrn Lehrern?« fragte der Wurzelsepp. »Da ist immer ein Neuer da, aberst keiner taugt was. Jetzt wohl wieder?« »Ja.« »Den hab ich noch gar nicht sehen. Was kümmert mich dera Lehrern? Ich geh nicht mehr in die Schulen.« »Vielleicht thät er Dich doch was verinteressirn. Nicht wahr, Du bist früher Tagarbeitern gewest?« »Freilich. In dera Gegend von Regensburg ists gewest.« »Wo da?« »Am Wasser aufwärts, beim Einödbauern, der damals Günther heißen hat.« »So, also so! Und da kümmerst Dich nicht um den neuen Herrn Lehrern? Das ist wunderbar.« »Warum wunderbar?« »So hast auch wohl noch nicht hört, wie er heißt?« »Ich hab schon sagt, daß er mich nix angeht. Er mag heißen, wie er will.« »Na, wirst gleich anderst denken, wann ich Dir den Namen sag. Er heißt nämlich Max Walthern.« Die lange Gestalt des Waldhegers fuhr kerzengrad empor. »Max Walthern?« sagte er. »Alle Teufeln! Sollt das etwan dera Bub sein, welcher –« »Nun, welcher? Was stehst nun da und sperrsts Maul sperrangelweit auf?« »Weil dera Namen mir freilich bekannt ist.« »Habs auch denkt.« »Wieso kannst Du's dacht haben?« »Weil ich weiß, daßt mal einen Buben gefunden hast, der grad so geheißen hat.« »So! Da möcht ich auch fragen, wie Du das derfahren hast. Uebrigens hab ich den Buben nicht funden, sondern er ist mir grad nur so vor die Thür legt worden. Auf einem Zettel hat dera Namen standen, und am Hals hat er ein Kreuzerl habt. Ich bin ein armes Wurm west, fast noch ärmern als jetzund und hab den Buben ins Waisenhaus schafft. Was mit ihm worden ist, das weiß ich nicht, denn ich bin nachhero fortzogen, bald hierhin, bald dahin, wo ich grad eine Arbeiten funden hab.« »Und bist doch so sucht worden. »Von wem?« »Von dem Mädchen.« »Das sollt mich verwundern. Wer sein Kind in dieser Weise verläßt, der sucht nicht wiedern darnach.« »Und doch hat sie sucht. Sie ist ein braves Dirndl west und krank. Sie hat das Fiebern habt im Kopf und in denen Nerven und da weiß man nicht, was man thut.« »Ja, wanns so ist, so will ich ihr abbitten, was ich von ihr denkt hab. Also dera Bub ist nun groß und jetzt hier Schullehrern worden?« »Ja. Kannst ihn Dir mal anschaun.« »Freilich werd ich ihn mal aufsuchen. Vielleicht schenkt er mir da eine Cigarren odern gar ein Maß Bier. Dazu bring ichs von mir selber halt nicht so oft.« Da trat die Bürgermeisterin hervor und fragte: »So sind Sie wohl sehr arm.« »O Jerum, ein Frauenzimmern!« rief er aus. »Sepp, was machst mit einem Weibsenbild im Walde?« »Ich such den gestrigen Tag und kann ihn nicht finden. Jetzt aberst antwort doch, wannt fragt wirst!« »Na, meinetwegen! Ob ich arm bin? Na freilich bin ich arm. Wann ich mir mal eine Extra-Güten thun will, kann ich Tannenzapfen essen.« »Das sollen Sie nicht,« sagte die Dame. »Würden Sie jenes Mädchen, welches vergaß, daß Kind mitzunehmen, heut wieder erkennen?« »Das wird schwer sein. Es sind seitdem doch nun zwanzig Jahren verflossen.« »So will ich Ihnen sagen, daß ich es bin.« »Sie!« Er schlug überrascht die Hände zusammen. »Sie sinds gewest, Sie? Na, damals habens mir halt eine schöne Arbeiten macht. Ich hab doch gar nicht wußt, was ich mit dem Kind anfangen sollt!« »Sie haben gethan, was Sie thun konnten, und Sie sollen es nicht umsonst gethan haben. Würden Sie bereit sein, mich zu unterstützen, wenn Ihre Gegenwart nöthig wäre, falls der Lehrer legitimirt werden soll?« »Allemalen! Das ist ja meine Schuldigkeiten.« »Gut! So sagen Sie mir, was ich für Sie thun kann!« »Sie für mich? Nix.« »Was gar nichts?« »Nein. Was solltens für mich thun können? Etwan im Wald herum laufen und meine Arbeit machen? Die muß ich halt selberst thun.« »So meine ich es nicht. Ich wollte gern wissen, ob Sie nicht irgend einen Wunsch haben. Ich möcht Ihnen gern Etwas schenken.« Da erheiterte sich sein altes Gesicht. Er kratzte sich mit beiden Händen den Kahlkopf, trotzdem derselbe keine Haare mehr hatte und meinte schmunzelnd: »Ja, das ist freilich eine sehr böse Geschichten!« »Wieso?« »Sie wolln mir was schenken, und dos thät ich mir auch gar wohl gefallen lassen, aberst jetzt weiß ich nun nicht, was ich thu. Verlang ich zu viel, so geben Sie mirs nicht, und verlang ich zu wenig, so komm halt ich schlecht dabei weg.« »Verlangen Sie nur getrost!« »So! Na, so gebens mir vielleicht einen Groschen für ein Bier?« »Gern!« lächelte sie über diese Bescheidenheit. »Vielleicht gar auch fünfzehn Pfennige noch für ein Packeterl deutschen Kaisertabaken?« »Auch das noch!« »Aberst nun natürlich weiter nix?« »O, wünschen Sie nur zu!« »So gebens halt noch dreißig Pfennige für meine Schuhen hier. Sie haben einen Rissen, und ich muß mir einen Seitenflecken draufsetzen lassen.« »Schön! Weiter!« Er blickte sie ganz erstaunt an. »Immer noch weitern?« fragte er. »Ja.« »Na, wanns gar so gut sein wollen, so gebens mir noch zwanzig Pfennige für einen Topf, worinnen ich mir meine Suppen kochen kann. Der vorige ist in diesem Winter zerfroren, und da muß ich nun kalt' Wassern trinken.« »Auch das sollen Sie haben. Und wünschen Sie vielleicht noch Etwas?« »Wie? Gar noch immer was?« »Jawohl.« »Da hat doch Ihre Güten und Mildthätigkeiten gar kein End! Wann das so ist, so werd ich mich mal sehr feini versteigen. Da kommt hier nun gar die Uhren daran. Darf ich?« Er zog eine riesige Taschenuhr hervor, welche an einer starken Eichhörnchenkette hing. »Immer wünschen Sie! Hat das Werk einen Fehler?« »Nein, das hat keinen Fehlern. Wanns mal an einem Tag eine halbe Stunden vorauslaufen ist, so bleibts am nächsten Tag drei Viertelnstunden zuruck und dann läufts übermorgen wiedern eine Viertelstunden vor, und hernach hab ich ja gleich wiederum die richtige Zeiten. Also einen Fehlern hat die Uhr nicht. Es ist ein gar altes Erbstuck von meinem Großvater mütterlicher Seits, aus dem besten Tombak gemacht und mit vier Gehäusern gar – eine schwere und gar gewichtige Uhren! Aber vor anderthalb Jahren habe ich denen Schlüsseln verloren. Da borg ich mir zuweilen einen, wann ich Jemand treff, dessen Schlüsseln grad in die meinige paßt. Das ist ab erst äußerst selten weil sie gar so ein großes Schlüsselloch hat. Ich habs auch wohl versucht, mit dera Drahtzangen hinein zu. langen und sie aufi zu ziehen, äderst da kann ich mir leicht das kostbare Werk zu schanden machen. Also muß ich mir doch bald wiederum einen eigenen Schlüsseln kaufen.« »Und den soll ich bezahlen?« »Wanns wollen, bitt ich gar schön!« »Wieviel kostet er?« »Den macht mir dera Schlosser. Da ist er am Stärksten und hält am Längsten. Ich glaub, er wird halt nicht mehr verlangen als fünfzehn Pfennige vielleicht.« »Die sollen Sie auch haben.« »Na, so eine Güten ist mir seit langer Zeit nicht anthan worden! Jetzt nun kann ich nix mehr verlangen, und da wollen wir mal zusammenrechnen. Einen Topf, einen Uhrschlüsseln, einen Seitenflecken auf denen Stiefeln, ein Tabakspaketen und auch noch ein Bier. Das macht zusammen –« Er hielt inne und kratzte sich sehr verlegen auf der Platte. Dann meinte er: »Ja, verteuxeli, jetzt weiß ich nimmerst mehr, wie viel ich für das Einzelne anrechnet hab. Nun können wir nur gleich wiedern von vorn anfangen!« »Nein, nein,« lachte die Bürgermeisterin. »Ich will Ihnen gleich lieber Etwas in Pausch und Bogen geben.« »Meinswegen auch so! Aberst ob auch dieser Pausch und Bogen nachhero ausreichen wird?« »Ich hoffe es. Hier haben Sie!« Sie gab ihm zwei Stücke aus ihrer Börse. Er betrachtete dieselben, dann die Dame, ging mit den Augen noch einige Male herüber und hinüber und sagte dann: »Jetzunder weiß ich gar nimmer, ob meine Augen auch noch richtig sehen können.« »Nun, was sehen Sie denn?« »Das sieht ja grad wie Gold aus, kanns aberst doch gar nicht sein!« »Es ist Gold.« »Dann ists ja ein Zwanzigmark- und nachhero noch ein Zehnmarkstuckerl!« »Gewiß.« »Aberst das kann doch nicht mir gehören sollen!« »Warum nicht? Ich schenke es Ihnen.« Er machte den Mund weit auf, schluckte und schluckte, als ob er Etwas drinnen habe, und sagte: »Madame, wann ich mich nicht verrechnen thu, so sind das dreißig Markerln oder zehn Thalern!« »Das ist richtig!« »Und mein, mein solls sein! Sepp, Sepp, glaubst das etwan auch?« »Freilich glaub ichs. Die Dame ist gut. Sie schenkt Dirs gern.« »So will ich nur machen, daß ich schnell fortkomme, sonst könnts sich und zu meinen Kindern. Herrgott, wird das ein Jubel sein! Adjeh, Sepp, Adjeh, Madame! Behüts Gott alle Beid! Lebens recht wohl, und dank auch schön!« Er nahm sich gar nicht Zeit, die Waldhütte zuzuschließen. Er rannte davon, so schnell seine alten Beine es ihm erlaubten. »Da habens freilich eine Freuden angerichtet!« lachte der Sepp. »Der kanns halt brauchen!« »Er soll noch mehr bekommen. Ist das nicht wieder eine Schickung Gottes, daß er diesen Mann und meinen Sohn so ganz in meine Nähe führt? Komm, Sepp, komm! Laß uns weiter gehen!« Sie kehrten auf einem zweiten Waldpfade wieder nach dem Hauptwege zurück und folgten diesem bis zu der Brücke, welche über den Bach führte. Dort sahen sie Hohenwald vor sich liegen. Sie blieb stehen. »Dort also, dort wohnt und lebt mein Sohn?« sagte sie, wie in Andacht die Hände faltend. »Dort ist die kleine, ärmliche Kirche, in welcher er nachher, die Orgel spielen wird! Mein Gott, wie ist mir zu Muthe! So froh, so selig und doch so bang!« Sie schritten über die Brücke. Da kam hinter den Büschen des anderen Ufers der König daher. Die Drei trafen auf einander. Sepp zog den Hut. Die Bürgermeisterin grüßte auch, blieb aber mitten im Gruße starr halten. Sepp beeilte sich, ihr zu sagen: »Das ist der Herr Ludwig, der hier für ein paar Tage wohnt.« »Ludwig!« stotterte sie. Dann machte sie eine tiefe Verneigung. »Majestät!« »Bitte!« antwortete der Monarch. »Nicht Majestät! Ich will hier nicht erkannt werden. Wenn Sie mich kennen, so ersuche ich Sie um Discretion.« Sie beugte sich abermals. Sepp meinte einfach: »Das ist nämlich die Frau Bürgermeisterin von Steinegg da drüben. Sie will zu ihrem Sohn, dem Herrn Lehrern.« »Wie? Ich denke, dieser ist ein Findelkind.« »Ja, er ist schon ein Findelkind, aberst sie gehören dennerst zusammen, denn sie ist eine Findelmutter, weil ich sie funden hab.« »Ich verstehe das nicht.« »Frau Bürgermeisterin, soll ichs verzählen?« Die Frau erröthtete und erbleichte. Ihre Verlegenheit war eine ungeheure. »Es handelt sich hier jedenfalls um eine discrete Angelegenheit,« sagte der König. »So sehr ich mich für den Lehrer interessire, kann ich doch nicht zugeben, daß der Sepp über Ihre privaten Angelegenheiten spricht.« »Ach was!« rief der Sepp. »Wanns Eisen warm ist, so muß mans schmieden, sonst wirds wiederum kalt. Frau Bürgermeisterin, bedenkens, daß dera Max im Bayrischen geboren und auch da erzogen worden ist. Unsera königliche Majestäten habe also ein Wort mit drein zu sprechen, und es wird vielleicht niemalen wiedern vorkommen, daß Sie den guten, gnädigen Herrn so treffen wie grad jetzt in diesem Augenblick. Nehmens sich ein Herz, und redens von dera Leber weg. Er wird Sie nicht fressen. Dazu ist er doch gar zu gut und freundlich. Ich werd mich dabei zurückhalten und fein hinterherkraxeln.« Der König machte eine Wendung zum Weitergehen, und die Bürgermeisterin hielt dies für eine Aufforderung, sich an seiner Seite zu halten. Sie folgte derselben. Der Sepp ging in gehöriger Entfernung hinter ihnen her. Er schmunzelte höchst vergnügt vor sich hin und brummte: »Sepp, bist doch ein Teufelskerlen! Alles bringst zu Stande, Alles! Jetzt hast sogar Die da auf den König hetzt. Nun wird das Ding mit dera Legitimationen gleich gehen wie geschmiert!« In der Nähe des Dorfes blieben die beiden Voranschreitenden noch eine ganze Weile in ernstem Gespräch stehen. Der Sepp sah dann, daß die Bürgermeisterin weinend des Königs Hand ergriff und ihre Lippen darauf drückte. Der Monarch schien tief gerührt zu sein. Es lag jener tiefsinnig-wohlwollende Zug über sein Gesicht ausgebreitet, welchen man stets an dem hohen Herrn bemerkte, wenn sein Herz in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er nickte ihr zu, schenkte auch dem Sepp einen Blick und schritt dann langsam weiter. Er ging hinter dem Dorfe hinweg, an Das denkend, was ihm die Bürgermeisterin in tiefster Reue und unter strömenden Thränen erzählt hatte. Seine Stirn legte sich in Falten. War sie nicht zu rechtfertigen, so war sie doch zu entschuldigen, denn sie hatte nur unter dem Einflusse ihres krankhaften Zustandes sich des Kindes entledigt. Wer aber war jener Schurke, welcher ein vertrauensvolles Mädchenherz in solcher Weise hintergangen hatte? Jedenfalls ein Angehöriger der feinen Aristokratie, welche dem Volke doch als leuchtendes Beispiel gelten sollte. Er verdiente die strengste Strafe, und diese Strafe sollte ihm werden, falls es gelang, ihn zu entdecken. So dachte der König. Es war ein wunderbar schöner Feiertagsmorgen. Die Sonne leuchtete in all ihrer Pracht. Die Lerchen trillerten. Vom Busch her ertönte lauter Finkenschlag. Der König hörte es nicht. Sein Herz war so tief traurig. Welch eine Fülle von Schmerz vermag eine einzige Menschenseele in sich zu fassen! Hier, dieses kleine Hohenwald, dieses weltvergessene, einsame Gebirgsnest, wie viel Sorge und Noth, wie viel Jammer und Elend, wie viel Schlechtigkeit und Verbrechen trug es versteckt in seinen Häusern! Und nun die weite, weite Erde – welche undenkbare Masse von Herzeleid hat sie zu tragen, während sie stolz und leuchtend in furchtbarer Eile um die Sonne rollt! Ist das Leben denn überhaupt werth, daß man es lebt! Ist das Hohe, das Edle, nach welchem der Erdensohn strebt, denn wirklich so erhaben? Verdient es die Wissenschaft, die Kunst denn wirklich, daß man ihr die Leiden, Entbehrungen und Anstrengungen seines ganzen Daseins opfert? Ist nicht der Augenblick, an welchem ein müdes Auge bricht, um das Aufleuchten einer besseren Welt zu erblicken, nicht der schönste, der beneidenswertheste im ganzen Leben? Ist der Tod nicht Erlösung von allem Uebel, und bedeutet nicht der Klang der Sterbeglocken einen Bewillkommungsruf aus höheren Sphären, was die Seele Alles abgestreift hat, was – – Er fuhr aus seinem Sinnen auf. Der Pfad hatte geendet und er stand vor der einstigen Flachsdörre. Die alte Feuerbalzern saß vor der Thüre auf einem Stein und flickte ein altes Tuch, welches kaum noch zu flicken war. »Guten Morgen,« grüßte er. »Guten Morgen,« dankte sie. »Der Herr hat sich gewiß verlaufen. Wo wollens denn halt hin, zu wem?« »Ich geh nur spazieren.« »So, dann sinds ein gar glücklicher Mensch. Unsereins kann nimmer spazieren gehn. Dazu giebts halt keine Zeit. Man muß schaffen, schaffen und immer schaffen, wann man nicht verhungern will.« »Sind Sie so arm?« »Arm? Du liebes Herrgott!? Wann wir nur blos arm wären, so wollt ich noch froh sein! Elend sind wir, die elendesten Leutln weit und breit.« »Das wäre ja unaussprechlich traurig! Worin besteht denn Ihr Elend?« »Das wissens nicht? Habens noch nimmer von der verrückten Feuerbalzern hört?« »Es ist mir, als ob man mir diesen Namen einmal genannt hätte. Aber Genaues weiß ich nicht.« »Sie können es sogleich derfahren.« Und er erfuhr es. Die einstige Balzerbäuerin war stets bereit, Jedermann ihre Noth zu klagen. Sie that es auch jetzt. Sie erzählte Alles. Sie erzählte am Schlusse auch, daß der neue Lehrer der Einzige sei, der sie nicht verachtet, sondern ihr die Hand gereicht habe und sogar mit ihr gegangen sei. Während der Erzählung war der Balzer aus dem Hause getreten. Er starrte dem Könige in das Gesicht. Das Auge des hohen Herrn ruhte forschend auf ihm. »Ihr Sohn hat nicht das Aussehen eines Verrückten,« sagte er. »Es ist, als ob die Intelligenz sich vergeblich anstrenge, hervorzubrechen. Wo hat ihn denn damals der Balken getroffen?« »Auf den Kopf freilich.« »Das haben Sie mir bereits gesagt. Aber an welche Stelle?« »Das kann ich halt nicht wissen. Das hat doch nur dera Doctoren merken konnt.« So schmutzig der Balzer aussah, der König legte ihm doch die Hand prüfend auf das wirre Haar. »Freund, guter Freund!« stammelte der Kranke, indem er dankbar nach der anderen Hand des Königs haschte. Der Letztere betastete mit den Fingerspitzen den Kopf. Balzer duldete es, ohne eine Miene zu verziehen. Plötzlich aber schrie er laut auf. Der König hatte eine Stelle getroffen, welche schmerzte. »Das habe ich mir gleich gedacht, als ich Ihrem Sohne in das Auge blickte. Er leidet nicht an einem Wahngedanken; sein Geist schläft auch nicht, sondern ist von einem physischen Drucke mit aller Gewalt niedergehalten.« »Das verstehe ich nicht.« »Ich meine, die verletzte Stelle seines Kopfes ist noch gar nicht geheilt; darum wird sein Geist verhindert, normal thätig zu sein. Wenn diese Stelle zur Heilung gebracht wird, so wird Ihr Sohn auch geistig gesunden. Er wird nicht mehr irr im Kopfe sein.« Da blitzten ihre Augen auf. Sie warf das Tuch von sich, stand von dem Steine auf und fragte: »Nicht mehr irr wird er sein? Er wird dann denken können und auch sprechen?« »Ich bin kein Arzt und kann also nichts behaupten, aber ich vermuthe, daß ich Recht habe.« »Und könnt er sich dann auch auf Alles besinnen, was damals in jener Nacht geschehen ist?« »Ich glaube es.« »Und er könnt es uns verzählen?« »Gewiß.« »Herrgott! Wärs möglich? Das ist das erste Licht, was ich leuchten seh. Wann doch die Stelle heilen thät! Dann käms heraus, wo unser Geld ist, und wer das Haus anbrennt hat. Warum sinds doch kein Arzt! Warum!« Der König hatte jetzt die Stelle abermals berührt. Balzer stieß einen Weheruf aus und bat: »Nimms hin, nimms hin! Ich sag ja nix. Gnade, Gnade!« Dann, als der König die Hand von ihm nahm, rannte der Jammernde eiligst davon, um den Schmerz nicht etwa nochmals leiden zu müssen. Der König blickte ihm sinnend nach und erkundigte sich dann: »Ist denn nie ein Arzt auf denselben Gedanken gekommen, den ich soeben ausgesprochen habe?« »Nein. Unsere Aerzten haben nie nix taugt. Und von fremd her einen klugen kommen lassen, das können wir nicht. Wir haben ja keinen einzigen Pfennig dazu.« »Es soll ein kluger herkommen. Ich werde ihn rufen lassen.« »Sie? Sie? Für uns? Sie wollen zahlen?« »Ja, und zwar bald. Morgen bereits soll er hier sein.« Da stürzte sie sich auf seine Hände, ergriff beide und bedeckte sie abwechselnd mit Küssen. »Ists wahr? Ists wahr?« rief sie dabei. »O, ich weiß halt nicht, wers sind, aberst für uns sinds ein Engel, ein guter Engel vom Himmeln herab. Thun Sie's, ja thun Sie's! Wir können Ihnen freilich nix dafür geben, aberst dera Herrgott wirds Ihnen vergelten im Himmeln und in dera Seligkeiten!« Er wehrte sie von sich ab. »Wer wohnt noch in diesem Hause?« »Dera Finkenheiner mit den Seinigen.« »Ist er daheim?« »Ja. Da droben steht er ja bereits am Fenstern und schaut herab auf uns.« »So will ich ihn einmal aufsuchen.« Er stieg die Treppe empor. Droben öffnete der Heiner bereits die Thüre. »Der Herr Ludewigen,« sagte er. »Das ist gar schön, daß Sie mal zu uns kommen. Ich bin mit dem Sohn allein. Die Liesbeth ist mit –« er wollte sagen »mit ihrer Mutter«, schluckte aber die Worte wieder zurück – »nach dem Mühlen gegangen. Hier ist mein Bub, dens den Elephantenhannes nennen, weil er so gern so große Thieren malt.« Der Jüngling saß bleich und matt wie gewöhnlich in seinem Stuhle. Er hatte ein von dem Lehrer geliehenes Buch vor sich. Seine großen; intelligenten Augen richteten sich mit demüthig forschendem Blick auf die gewaltige Persönlichkeit des Königs. Dieser winkte ihm freundlich zu und fragte: »Könnte ich nicht vielleicht Etwas sehen, was Sie gezeichnet haben, junger Freund?« »O, sehr Viel!« antwortete Heiner an Stelle seines Sohnes. »Das steht auf vielen hundert Blättern.« Das Gesicht des Sohnes war leicht geröthet. Er machte eine abwehrende Handbewegung gegen den Vater und sagte: »Nein, das zeig ich nicht mehr her. Das taugt ja Alles nix, gar nix. Das hab ich einsehen, seit der Herr Lehrern mich unterrichtet und seit ich in seinen Büchern les. Das neue, das Pastellenbild, wird wohl besser; aberst ich kanns auch noch nicht herzeigen, denn es ist noch nicht fertig.« »Ich will Sie keineswegs dazu zwingen,« sagte der König. »Aber ich darf vielleicht erfahren, welchen Gegenstand es behandelt.« »Ja, das kann ich schon sagen. Ich hab ein Bild zu zeichnen über ein Gedichten, welches dera Herr Lehrern macht hat.« »Erlauben Sie mir, es zu lesen?« »Er wird wohl nix dagegen haben, wann ichs Ihnen mal zeig.« »Geben Sie es mir getrost? Ich werde es bei ihm verantworten. Wir sind gute Freunde.« »So sollen Sie es gern haben. Hier ists.« Der König erhielt das Blatt. Er las: »Es treibt die Fanna heimathslos         Auf der bewegten Fluth, Wenn auf dem See gigantisch groß         Der Talha Schatten ruht. Er breitete die Netze aus         Im klaren Mondenschein. Sang in die stille Nacht hinaus         Und träumte sich allein. Da rauscht' es aus den Fluten auf,         So geistergleich und schön; Er hielt den Kahn in seinem Lauf         Und ward nicht mehr gesehn. Nun treibt die Fanna heimathlos         Auf der bewegten Flut, Wenn auf dem See gigantisch groß         Der Talha Schatten ruht. Der König ließ die Hand, in welcher er das Blatt hielt, langsam niedersinken und blickte still durch das niedere Fenster hinaus. Die Anwesenden sagten kein Wort. Der Ausdruck seines Gesichts sagte ihnen deutlich, daß er jetzt im Geiste mit dem Inhalte der soeben gelesenen Strophen beschäftigt sei. Sein Auge hatte einen sinnenden und doch beinahe begeistert glänzenden Blick. Er nickte dann leise und wie zustimmend mit dem Kopfe und sagte: »Wer es nicht versteht, der kann dieses Gedicht nicht würdigen. Es ist ein geistreiches Gemälde einer südlichen, fremdartigen Landschaft, in kurzen, kräftigen und doch so tief durchdachten Worten – ein Meisterstück, welches eben nur von Meistern beurtheilt werden kann.« Das hatte er wie zu sich selber gesagt. Dann wendete er sich wieder zu dem Elephantenhanns: »Und nach diesen Worten wollen Sie ein Gemälde anfertigen, mein junger Freund?« »Ja,« nickte der Gefragte. »Eine Pastellzeichnung.« »Und haben weder eine Akademie besucht noch irgend einen namhaften Künstler zum Lehrer gehabt! Wissen Sie, daß Sie sehr kühn sind?« »Ja, das weiß ich halt gar wohl, und darum zeig ich das Bild auch keinem Menschen. Nur dera Herr Lehrern darf es sehen.« »So! Das ist bei aller Kühnheit doch bescheiden und vorsichtig.« »Freilich, vorsichtig muß man halt bei einer solchen Sachen sein, wenn man nicht auslacht werden will.« »Nun, ob Sie ausgelacht werden würden, das bezweifle ich doch. Ich glaube nicht, daß es hier irgend Einen giebt, der das Zeug hätte, über einen Versuch lachen zu dürfen. Daß Sie sich an ein so schwieriges Sujet wagen, beweißt, daß Sie entweder ein großer Dummkopf sind oder Genie besitzen. Wenn ich Sie so ansehe, möchte ich glauben, daß das Letztere der Fall sei.« Hanns erröthete. »Das sagens halt gar schön,« meinte er. »Aberst ein Genie bin ich wohl nimmer. Es liegt mir im Blut, daß ich zeichnen muß. Ich kann nicht anders. Es ist wie beim Rothkätherl oder beim Zeißig; die müssen singen, weils in dera Naturen bei ihnen liegt. Sie sind ganz traurig, wenns nicht singen dürfen, und auch ich fühl mich ganz elend, wenn ich kein Papieren mehr hab und keinen Bleistiften. Ich möcht ohne das Bildermachen halt gar nimmer leben.« »So möchte ich gar bezweifeln, daß Sie Talent besitzen. Schade, daß man Ihre Pastellzeichnung nicht ansehen darf!« Er warf einen fast bittenden Blick auf den jungen Menschen. Der alte Heiner sagte daher: »Na, Hanns, einmal ist halt doch nicht immer. Laß doch dem Herrn das Bildwerk sehen!« »Nein, Vatern, das geht nicht!« »Warum denn nicht?« »Weils noch nicht fertig ist. Ich muß mich ja schämen. Es ist einstweilen nur so dera Entwurfen da, und dera Elephant und das Flußpferd und die beiden Löwen sind ausgeführt. Die Dum- und Talebpalmen und die Talha und der Affenbrodbaum haben noch gar keine Schatten, und dera Geist, welcher den Fischern hinabzieht in das Wassern, ist erst nur in dera Contur angeben.« »So weit ists schon fertig!« sagte der König. »Nun, da kann man ja doch bereits sagen, ob es nach der Vollendung Werth haben werde oder nicht!« »Ja, dazu muß man aberst ein Kenner sein!« Er sagte das in einem so naiv eindringlichen und auch ein Wenig selbstbewußten Tone, daß der König ein fröhliches, kurzes Lachen nicht unterdrücken konnte. »Nun, sagte er, es giebt eine ganze Anzahl von Künstlern, welche mich für einen Kenner halten!« »Obs aberst auch wahr ist?« »Ich denke, diese Herren werden Recht haben.« »So? Wie heißens denn diese Herren?« »Ich will nur Lehnbach, Piloty, Kaulbach und Defregger nennen.« Hanns fuhr empor, so weit seine Schwäche es ihm zuließ, und rief überrascht: »O, Jerum! Das sind ja grad die berühmtesten!« »Haben Sie bereits von ihnen gehört?« »Ja denen Büchern, die ich mir borgt hab, hat gar viel von ihnen gestanden, und dera Herr Lehrern hat dann von ihnen erzählt. Also diese Künstlern sind Ihnen bekannt?« »Persönlich sogar!« »Dann sinds halt ein gar glücklicher Herr! Waans diese Leute kennen, so müssens vielleicht wohl aus dem München sein?« »Ja, ich bin aus der Hauptstadt.« »So möcht ich Sie beneiden. Wann ich mir mal so eine Gemäldesammlung anschauen, oderst gar mal mit so einem Künstlern reden könnt, gleich ein Jahr oder auch zwei thät ich von meinem Leben hingeben!« Der König war tief gerührt von der Begeisterung des kranken Jünglings. Er sagte in mildem Tone: »Vielleicht läßt es sich bewerkstelligen, daß dieser Wunsch Ihnen erfüllt werden kann.« »Nein; das ist leidern gar nicht möglich. Ich bin ja krank und kann nicht aufi von meinem Platz. Ich muß die größt Anstrengung machen, wenn ich mal in dera Stuben umhergehen will. Und selbst wann ich gesund wär, so sind wir doch so sehr arm. Ich könnt das Geldl gar nimmer derschwingen, was man braucht, um nach dem München zu fahren.« »So wenden sie sich doch an einen wohlhabenden Mann! Man hört ja so oft, daß ein Reicher einen Armen unterstützt hat.« »Das klingt schon ganz gut und ganz schön. Aberst die Sache hat einen Haken oder gar zwei.« »Welche?« »Zunächst bin ich arm, aberst betteln könnt ich wohl nimmer, und sodann, wann ich auch bitten möcht, so wüßt ich doch gar nicht bei wem. Ich kenn nur einen einzig reichen Mann. Das ist dera Silberbauern. Von dem möcht ich keinen Pfennig haben, selbst wann ich darum sterben müßt.« »Das glaube ich Ihnen. Aber es giebt doch noch Andere.« »Die kennen wir nicht.« »Nicht? Wirklich nicht? Hm! Einen kennen Sie doch.« »Einen? Wer sollt das sein?« »Der, welcher der Vater aller seiner Landeskinder ist und der allen Bedrängten und Hilfsbedürftigen gern eine Hand der Unterstützung bietet.« »Landeskindern? Also meinens wohl unsern Landesvater, den König?« »Ja.« »O, der ist wohl gut. Ich hab ihn noch nie sehen, aber ich weiß, daß er ein gar milder und gütiger und barmherziger König ist. Das ganze Land weiß es, und darum halt ein jeder brave Bayer gar große Stücken auf seinen Landesherrn. Aberst wissens, das hat auch grad wiedern zwei Haken.« »So! Gleich zwei? Welche sind das?« »Zuerst weiß ich nicht, ob er grad auch mir helfen thät, und sodann weiß ich sehr wohl, daß er so gar sehr Vielen helfen muß, daß es eine Sünden und Unverschämtheiten war, wann grad dera dumme Elephantenhanns ihn auch belästigen wollt. Da sind noch gar Anderen da! Odern nicht?« »Nein. Ein jeder Unterthan hat dasselbe Recht, sich an seinen König zu wenden.« »Meinens? Hm! Wissens, dera Herr Lehrern hat auch davon sprachen, daß unser gutern König vielleicht ein Einsehen haben möcht, wann er wissen thät, daß ich arm bin und doch eine gute Anlage zum Malen hab.« »So, hat er das gesagt? Das freut mich von ihm.« »Ja, ich glaub gar, daß er mit dem Pastellbild eine gewisse Absichten hat, die sich auf den König bezieht.« »Will er es ihm vielleicht zusenden?« »Es ist möglich, daß er daran denkt.« »Und würden Sie Ihre Einwilligung dazu geben?« »Wenn ich halt wüßt, daß es dem Majestäten nicht gar so viel Störung machen thät, so wollt ich gar wohl einwilligen, denn unsera guter Ludwigen ist wohl dera Einzigen, vor dem ich mich nicht schämen thät. Darum geb ich mir halt eine große Mühen jetzund, und darum solls auch Keiner sehen.« »Auch ich nicht?« »Auch Sie nicht.« »Es freut mich, daß Sie sie einen festen Willen haben. Aber es wäre wohl sehr gerathen, es mir einmal zu zeigen. Ich kann Ihnen auch erklären, weshalb.« »Nun, warum?« »Wenn Sie Ihr Werk dem Könige senden, so wird er es doch immer erst einigen hervorragenden Künstlern zeigen, um auf deren Ansichten zu hören. Diese Herren aber sind Bekannte von mir. Könnte ich nun Ihr Bild sehen und vorher mit ihnen von demselben sprechen, so würde das nur vortheilhaft für Sie sein.« »Ja, hörst, dera Herr hat Recht!« fiel der Finkenheiner ein. »Zeigs ihm also doch mal, Hanns!« »Nein, nun grad erst recht nicht,« entgegnete der junge Mann, dessen Gesicht sehr ernst geworden war. »Aberst warum nicht?« »Weil ich meinen König nicht täuschen will.« »Was fällt Dir ein! Es ist ja gar kein Gedank dran, ihn zu täuschen.« »O, freilich! Was sonsten? Jetzund zeig ich dem Herrn da mein Bild. Aus Mitleid giebt er den Künstlern ein gutes Worten, und diese geben nachher wiederum dem König aus Mitleid mit mir und aus Freundschaften mit dem Herrn da ein guts Wörtle. Nachhero sagt dera König Ja. Niemand hat ihn täuschen wollt, und dennoch ist er täuscht worden.« »Bist ein dummer Talk!« »Nein; ich hab Recht. Ists nicht so?« Diese Frage war an den König gerichtet. Dieser streckte ihm die Hand entgegen und antwortete: »Ja, Sie haben Recht. Ich sehe, daß Sie trotz Ihrer Jugend ein sehr reges Ehrgefühl besitzen. Damit haben Sie sich meine Hochachtung verdient, und ich will sehen, ob ich nicht selbst Etwas für Sie thun kann, auch ohne daß wir den König belästigen.« »Sie? Könnens denn auch was thun für mich, für den Elephantenhanns, dens hier Alle auslachen?« Der König nickte ihm zuversichtlich lächelnd zu. »Trauen Sie mir gar nichts zu?« »O, gar wohl. Ein guter Herrn sinds auf alle Fällen. Wann man Ihnen so ins Angesichten schaut, so hat man zuerst eine kleine Angsten vor Ihnen, denn Sie haben halt ein gar ernst Anschauen; aberst wenn man länger in Ihre Augen geschaut hat, und wanns nachher gesprochen haben, da geht Einem das Herz auf, denn man ist Ihnen recht gut worden inzwischen. So ists, wanns das wissen wollen.« »Wenn Sie das ehrlich gemeint haben, so freue ich mich von Herzen, daß ich Ihr Vertrauen besitze.« »Ja, ehrlich hab ichs meint. Sie haben ein Aug, ein Aug, so tief und voller Geheimnissen – – Wissens, grad so wie dera Tsad-See, den ich malen soll. Da sind auch Geistern und Nixen und allerhand Räthseln darinnen, und an seinem Ufer stehen tausend und abertausend Bäumen und Sträuchern, die sich an seinem Wasser derlaben und derquicken. So ists, ganz so!« Der König war fast betroffen über die Wahrheit, welche in diesem Vergleiche lag. Er betrachtete den jungen Mann mit einem seiner mächtigen Blicke, die Keiner, auf dem das königliche Auge einmal geruht hatte, wieder vergessen kann, und sagte: »Dieser Vergleich überzeugt mich, daß Sie eine tief und künstlerisch beanlagte Seele besitzen. Ich werde mich Ihrer annehmen.« Ueber das bleiche Gesicht des Kranken ging ein sehr glückliches Lächeln, aber dennoch fragte er mit fast neckischer Betonung: »Na aberst, wie werdens das anfangen?« »Indem ich für Sie sorge.« »Das könnens nicht. Das ist gar schwer.« »Ja, es mag schwer sein, denn diese Sorge muß sich sowohl auf Ihren Geist als auch auf Ihren kranken Körper erstrecken. Das Letztere ist vielleicht noch schwieriger als das Erstere. Ich habe gehört, daß die Aerzte der Ansicht seien, nur eine Klimaveränderung könne Ihnen Heilung bringen.« »Freilich wohl. Ich soll nach dem Süden.« Er sagte das traurig, im Tone schmerzlicher Entsagung. »Wohin?« fragte der König. »Das hat Keiner sagt. Was solls auch nützen, wanns mir ein Land nennen? Sie wissens halt doch, daß ich im ganzen Leben nicht hinkommen kann.« »Nun, wenn es durchaus nothwendig ist, daß sie unser Klima verlassen, so bin ich wohl erbietig, Ihnen das Fahrgeld auf der Eisenbahn zu bezahlen,« scherzte der König. »O, weh! Das könnens gar leicht sagen!« »So? Ich halte es nicht für leicht.« »Schwer ists halt nicht. Was kanns eintragen, wann ich hinfahren kann? Ich muß doch dort bleiben, und dazu gehört wohl gar ein größeres Geldl als für nur das Hinreisen erforderlich ist.« »Das ist sehr richtig. Und was sagen Sie dazu, wenn ich Ihnen verspreche, auch das zu bezahlen?« Hans blickte ihn mit zaghaft forschenden Augen an. Sein Blick umschleierte sich feucht. »Hörens,« bat er mit gesenkter Stimme, »machens keinen Scherz mit mir. Man darf einem Kranken nicht den Arzt und die Arzneien zeigen und ihn nachhero auf dem Schmerzenslager liegen lassen; das wäre eine gar große Grausamkeiten!« »Gott soll mich behüten, grausam gegen Sie zu sein! Nein! Ich will Ihnen sagen, daß ich ziemlich wohlhabend bin. Ich habe keine Kinder; also macht es mich nicht arm, wenn ich für ein fremdes Kind einmal eine kleine Summe ausgebe. Zeigen Sie mir Ihr Bild, und dann werde ich Ihnen sagen, ob Sie Anlage zum Künstler besitzen. In diesem Falle werde ich Sie ausbilden lassen. Auf alle Fälle aber, selbst wenn Sie kein Talent für die Malerei besitzen sollten, werde ich dafür sorgen, daß Sie körperlich hergestellt werden, so weit es in der Möglichkeit liegt.« Die beiden magern, bleichen Hände, welche der Kranke ihm jetzt entgegenstreckte, zitterten heftig. »Ists wahr? Ists wahr?« fragte er. »Ja. Ich spreche im Ernste.« »Vater, Vater!« jubelte Hanns laut auf. Er biß sich auf die Lippen, um nicht weinen zu müssen. »Hanns, mein lieber Hanns!« rief der Heiner, auf ihn zuspringend und die Arme um ihn schlingend. »Hasts hört? Hasts deutlich hört?« »Ja, ja! Du sollst gesund werden! O, Herrgott, wer hätt denken konnt, daß heut so ein großes Glücken einkehren könnt in unsera arme Stuben hier!« Hanns legte seinen Kopf an das Herz seines Vaters und sagte, auf den König deutend: »Schau, wie gut er ist! Er weint! Der Herrgott mags ihm vergelten, daß er nur Freudenthränen kennen soll in seinem ganzen Leben!« »Ja, die Augen des Monarchen standen voller Thränen. Er trat an das Fenster und blickte stumm hinaus. Er fühlte ganz und voll das Glück, der Wohlthäter braver Menschen sein zu können. Die Beiden wagten es nicht, ihn in seinem Schweigen zu stören. Sie hielten einander still umschlungen, und erst, als er sich wieder zu ihnen umwendete, trat der Heiner zu ihm, streckte ihm seine Hand entgegen und sagte aus überfließendem Herzen: »Ich bin nun dera Finkenheiner, ein armer Deixsel, der Aermste wohl unter denen Armen hier; aberst da nehmens meine Hand! Ich muß sie Ihnen geben, sonst thät mirs das Herz abidrucken. Was Sie für meinen Hanns thun wollen, das kann er Ihnen gar nie vergelten, und ich kanns auch nicht. Es giebt nur Einen, der das lohnen kann; das ist dera Herrgott im Himmel droben. Zu dem werden wir halt beten alle Tagen und alle Nächten, daß er seine Hände so über Ihnen halten mag, daß nie kein Leid auf Ihr Haupt herabkommen mag. Er mag der Vergelter sein, hier im Leben und hernach auch droben in dera Ewigkeiten!« Der König schüttelte ihm tief gerührt die Hand und sagte: »Ich danke! An Gottes Segen ist Alles gelegen, und ohne seinen mächtigen Schutz ist selbst ein König machtlos und ein Millionär arm. Was den Hanns betrifft, so habe ich bereits die Absicht, einen Arzt kommen zu lassen, welcher den Balzerbauer untersuchen soll. Dieser Herr ist einer der berühmtesten Doctoren, welche wir besitzen, und er wird uns auch ganz genau sagen, was unserm jungen Maler frommt. Ich brauche jetzt eine Person, welche in die Stadt gehen kann, um mir eine Depesche zu besorgen – – –« »Ich, ich werd das thun,« fiel der Heiner freudig ein. »Ich hab zwar nur einen Arm, aberst ich hab meine zwei Beinen, und mit denen werd ich springen, daß es auf dera Erden noch gar keine schnellere Stafetten geben hat als mich.« »Gut! Vorher aber – – wie steht es nun mit dem Bilde? Darf ich es ansehen?« »Freilich, freilich! Nicht wahr, Hanns?« »Das versteht sich ganz von selberst! Hols schnell herbei, Vatern, schnell!« Der alte Heiner ging hinaus in die Kammer und brachte die Zeichnung herein. Sie war mit einem dünnen Bogen bedeckt. Als der König nach demselben griff, um ihn zu entfernen, ging ein schwerer Seufzer durch die Stube: »O Gott!« Hanns hatte ihn ausgestoßen und dabei angstvoll die Hände gefaltet. Der Augenblick war ja da, an welchem entschieden werden solle, ob er Talent besitze oder nicht. Es öffnete sich die Zukunft für ihn, aber welch eine Zukunft. Der König hörte den leisen Ausruf des Jünglings. Sein Auge mild auf denselben richtend, tröstete er: »Seien Sie ruhig! Wie diese Prüfung auch ausfallen möge, Ihren Krankenplatz sollen Sie hier auf jeden Fall nicht länger mehr innebehalten. Und nun wollen wir getrost den Schleier lüften!« Er schlug den Bogen zurück und ließ sein Auge prüfend auf die Zeichnung fallen. Kein Zug seines Gesichtes bewegte sich. Mit zuckenden Wimpern blickte Hanns ihn an. Es wurde ihm Angst, als der König nichts sagte. Der Heiner konnte es nicht aushalten. Er ging hinaus in die Kammer, sank in die Kniee, erhob seinen einen Arm und betete: »Mein lieber Herrgott, gieb Deinen Segen dazu; gieb ihn, o gieb ihn! Dann will ich alles Herzeleid vergessen, was ich tragen hab, und auch noch mehr, noch viel mehr tragen bis an mein Sterbensend!« Dann kehrte er in die Stube zurück. Der König hatte das Bild vom Tisch hinweggenommen. Er hielt es gegen das Licht. Noch immer sagte er kein Wort. Hanns preßte auch die Lippen zusammen. Sie bebten ihm, als ob er unter einem Gesichtskrampf leide. Endlich, endlich legte der König den Zeichenbogen wieder auf den Tisch und deckte das andere Papier darüber. Der Ernst seines Gesichtes machte einem heiteren, milden Lächeln Platz. Er bemerkte die Angst, mit welcher die Blicke der Beiden auf ihn gerichtet waren, und fragte: »Das waren jetzt wohl böse Minuten?« »Ei wohl!« antwortete der Heiner. »Fünf Minuten sinds gewest, volle fünf Minuten! Fast hab ichs nicht aushalten könnt. Mir ist gewest, als ob ich ein Mördern sein, der auf sein Urtheil warten muß. Und dem Hanns wirds nicht gar viel besser gewest sein in seinem Herzen!« »Nun, ein Todesurtheil ist es glücklicher Weise nicht, was ich zu fällen habe.« »Gott sei Dank! Also wirds halt gar nicht so sehr schlimm lauten?« »Nein, sondern im Gegentheil sehr gut, besser wohl als Hanns es erwartet hat.« Er trat zu dem Kranken, legte diesem die Hand auf den Kopf und fuhr fort: »Gott hat Ihnen eine Gabe verliehen, wie nur sehr Wenige sie besitzen. Wenn Ihr Körper erstarkt ist, so daß Sie die Kraft besitzen, welche zu den Anstrengungen, die nothwendig sind, erforderlich ist, so werden Sie bald einen Platz erobern unter Denen, welche eine Zierde der Gesellschaft sind. Ich werde das Meinige thun, Ihnen den Weg zu ebnen und die Anstrengungen zu erleichtern. Von heut an, von dieser Stunde an, sorge ich für Sie.« Hans holte tief, tief Athem, als ob er dem Erstickungstode nahe sei, stieß einen lauten, schrillen Schrei aus und legte den Kopf hintenüber an die Lehne des Stuhles. Todesbleich und mit geschlossenen Augen lag er da. Er war ohnmächtig geworden. »Hanns, Hanns! Mein Bub, mein lieber, einziger Bub!« schrie der Heiner aus. »Stirb mir nicht! O mein Herrgott, stirb mir nur nicht!« Er sprang auf ihn zu und zog den bleichen Kopf an seine Brust. »Haben Sie keine Angst,« tröstete der König, nachdem er den Puls des Ohnmächtigen befühlt hatte. »Er lebt; es geschieht ihm nichts. Die Freude ist zu groß für seine schwache Constitution gewesen. Er hat mir die Besinnung verloren, wird aber sehr bald wieder zu sich kommen.« »Meinens? Denkens das wirklich?« »Ja, ich bin überzeugt davon.« »Aber wanns sich irren! Wann er mir dennerst stirbt, grad heut, wo alle Sorg und alles Elenden ein End haben soll!« »Er stirbt nicht. Da öffnet er ja schon die Augen!« Hanns schlug die Augen auf, warf einen langen Blick in das Gesicht des Königs und schloß sie dann wieder. Ueber sein hageres Gesicht legte sich das Lächeln des Glückes, des Entzückens. »O Du mein lieber Gott!« flüsterte er. »Wie herrlich das ist! Ich hör die Engel singen, und der Himmel ist offen, und alle Sonnen leuchten herab. Vater, Vater, hörsts auch?« »Nein, Hanns,« meinte der Heiner. »Wach auf, wach auf! Mir ist so gar sehr bang um Dich!« »Bang? Warum? Ich bin so selig! Ich soll ein Malern werden dürfen, ein großer Künstlern, eine Zierden von dera Gesellschaften, wie dera Herrn hier sagt hat! O Gott, o Gott! Jetzt weiß ich halt nimmerst, was ich denk und was ich thu. Ich bin wie im Traum und wie in allen Himmeln, und fast wird mirs zu schwer, wieder auf die Erd herab zu steigen. Ich möcht am Liebsten da bleiben, wo es so ein Wonnen giebt und solche Seligkeiten!« Der König wendete sich ab. Am Fenster faltete er die Hände, empor zum heitern Morgenhimmel und flüsterte im leisen Gebete: »Allliebender, ich danke Dir für diese Stunde! Ich danke Dir, daß Du mir die Macht und die Mittel verliehen hast, Menschen glücklich zu machen. Verleihe mir die Gnade, mein ganzes Volk glücklich zu sehen. Wie so gern möchte ich die Hungernden speisen, die Durstenden tränken, die Beladenen entlasten und die Irrenden auf den rechten Weg führen. Verleihe mir dazu die Kraft und die Weisheit, und bleibe bei mir mit Deinem starken Schutz und Schirm, denn Du, o Allmächtiger, bist es, ohne den ich nichts vermag!« Da begannen die Kirchenglocken zu läuten. Es waren nur zwei kleine, armselige Glöcklein, welche im schwanken Kirchthurme ihre dünnen Stimmen ertönen ließen, aber es klang den drei Anwesenden doch, als ob diese Stimmen voll und gewaltig vom Thurme eines Domes erschallten. Und da fuhr der Heiner sich mit der einen Hand über die thränenden Augen und begann mit leiser, nach und nach stärkerer Stimme: »Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, Dem Vater aller Güte, Dem Gott, der große Wunder thut, Dem Gott, der mein Gemüthe Mit seinem reichen Trost erfüllt. Dem Gott, der alle Jammer stillt. Gebt unserm Gott die Ehre!« Und der Elephantenhanns, welcher wieder zu sich gekommen war und die Augen geöffnet hatte, fuhr fort: »Ich rief den Herrn in meiner Noth: ›Ach Gott vernimm mein Schreien!‹; Da half mein Helfer mir vom Tod Und ließ mir Trost gedeihen. Drum dank, ach Gott, drum dank ich Dir! Ach dankt, danket Gott mit mir! Gebt unserm Gott die Ehre!« Als jetzt nun die Stimmen des Vaters und des Sohnes zusammen erschallten, drehte sich der König nach ihnen um und fiel mit ein: »Es danken Dir die Himmelsheer', O Herrscher aller Thronen, Und die auf Erd', in Luft und Meer In Deinem Schatten wohnen, Die preisen Deine Lieb und Macht, Die Alles, Alles wohl gemacht. Gebt unserm Gott die Ehre!« Das Geläute war verhallt und still standen die Drei, still wie in der Kirche, bis der König sein Notizbuch aus der Tasche zog. Er nahm einen Zettel heraus, beschrieb ihn, steckte ihn in ein Couvert, welches er verschloß, versah dasselbe mit der Aufschrift ›Telegramm‹; und gab es dann dem Heiner. »Hier, dieses Couvert muß nach der Stadt und dort auf dem Telegraphenamte abgegeben werden,« sagte er. »Ich werd gleich laufen, was nur die Beine hergeben. Hab ich dort was zu zahlen?« fragte der Alte. »Ja. Hier ist das Geld.« Er zog seine Börse und schüttete den Inhalt derselben auf den Tisch aus. Der Alte warf eine fast erschrockenen Blick auf das viele Geld und fragte: »Was? Wie? Kostet eine telegräfliche Depeschen ein solche Summen?« »Nicht ganz. Was übrig bleibt, das soll als Botenlohn gelten.« Der Alte blickte auf das Geld, in des Königs Angesicht, wieder hin und abermals her und rief: »Na, wieviel wird da wohl übrig bleiben?« »Ich hab es mir nicht genau ausgerechnet. Jetzt muß ich fort. Sobald der Arzt da ist, komm ich mit ihm her. Da können wir ja zusammenrechnen, Heiner.« »Ja, das werden wir thun. Ich brings halt ehrlich wieder, was ich herausbekomm. Und wanns etwan gar zu viel verlangen, so kommens bei mir grad an den Rechten. Ich werd mit ihnen gut reden und so viel abhandeln, wie nur möglich ist!« Der König ging, und dann konnte man den Heiner forteilen sehen, auf der Straße nach der Stadt, als ob er mit Hasen um die Wette zu laufen habe. – Unterdessen war der Wurzelsepp mit der Frau Bürgermeisterin nach der Kirche gegangen. Er hätte gar so gern gewußt, was sie mit dem König gesprochen hatte; aber er besaß doch zu viel Zartgefühl, als daß es ihm eingefallen wäre, sie zu fragen, und da sie still und wortlos neben ihm herging, so achtete er ihr Schweigen und sagte auch nichts. Die Dame hatte, wie bereits bemerkt, ihr einfachstes Kleid angelegt. Dennoch fiel ihre Erscheinung im Dorfe auf, zumal der Sepp mit ihr ging. Beide aber machten sich nichts aus der Aufmerksamkeit, welche sie erregten. Das kleine Kirchlein stand inmitten des Gottesackers. Dort pflegten die Kirchengänger sich vor dem Beginn des Gottesdienstes einzufinden, um einige stille Minuten an den Gräbern ihrer Verstorbenen zuzubringen. Als der Sepp die Blicke bemerkte, welche ihm und seiner Begleiterin von diesen Leuten zugeworfen wurden, sagte er: »Wollen doch lieber hineingehen in die Kirchen. Hier schaun halt Alle noch uns her, als ob wir so gar große Wunderthieren wären.« »Das stört mich nicht,« antwortete sie. »Mich auch nicht. Wanns Ihnen recht ist, so hab ich halt auch nix dagegen.« »Ich möchte hier bleiben, um den Lehrer sehen zu können, wenn er kommt. In der Kirche kann ich ihn jedenfalls nicht so genau betrachten.« »Wanns das ist, so gehen wir da um die Eck. Dort geht die Thüren hinaufi zur Orgeln, die er schlagen thut. Dahin muß er halt kommen.« Sie stellten sich also so, daß sie ihn sehen konnten. Noch ehe die Glocken läuteten, kam der Pfarrer langsam aus seiner Wohnung herbei. Die Anwesenden grüßten ihn und er verschwand in der Sacristei. Nur einige Augenblicke später kam Max Walther. Die anwesenden Bauern rissen ihre Hüte und Mützen in ganz anderer Weise herab, als vorhin beim Erscheinen des geistlichen Herrn, und die Frauen machten ihre respektvollen Knixe. »Schauens,« flüsterte der Sepp. »Das ist er. Vor dem habens noch eine ganz andere Höflichkeiten, als vor dem Hochwürden. Er hats halt gar prächtig verstanden, sich in dera Ambitionen hineinzulegen. Ists nicht ein schmucker Bub?« Sie standen Beide an einem Grabe, zu dessen Häupten sich ein Holzkreuz erhob. Die Bürgermeisterin sah den Sohn. Sie fühlte sich plötzlich so schwach, daß sie sich an das Kreuz lehnen mußte, um nicht zu wanken. Der Lehrer mußte an ihnen vorüber. Der Sepp zog seinen mit Blumen und Kräutern besteckten Hut vor ihm vom Kopfe. Walther bemerkte den Gruß, dankte und trat herbei. »Gut, daß ich Sie treffe, Wurzelsepp,« sagte er. »Ich habe Sie gestern vergebens gesucht.« »Brauchens mich, Herr Lehrern?« »Ja, Sie wissen doch, wozu.« »Wohl wegen dera Geschichten, dort unterm Wassern?« »Ja.« »Nun, dann bin ich allzeit bereit.« »Sehr gut! Wir müssen doch nachschauen, was dort zu finden ist, sonst kann sich leicht eine Störung ergeben.« »O nein. Dera – na, Sie wissen halt doch, wen ich meine, der liegt ja ohne Bewußtsein und kann also nix thun.« »Wir müssen dennoch vorsichtig sein. Ich bin heut in die Mühle zu Tische geladen. Wollen wir uns dort treffen?« »Ja, ich werd schon kommen. Und da – – ich hab nämlich hört, wann Zwei sich treffen, die sich noch nicht kennen, so muß dera Dritt ihnen sagen, wers sind. Das ist nobel und fein und man nennts halt eine Vorstellungen. Also werd ichs jetzundern auch machen. Dieser Herrn ist nämlich dera Herr Lehrern Walther, und diese Damen, die ist die Frau Bürgermeisterinnen Holberg in Steinegg, drüben über dera Grenzen hinüber. So, jetzunder hab ich meine Sachen brav macht. Wars halt so richtig?« Die Bürgermeisterin hatte seitwärts am Kreuze gelehnt, so das Walther vorher nur einen kurzen Blick auf sie geworfen hatte. Jetzt zog er den Hut und verbeugte sich. Sein Blick fiel forschender auf sie. Es glitt ein ganz eigenthümlicher Zug über sein Angesicht. »Grüß Gott, Frau Bürgermeisterin,« sagte er. »Ich kann mich nicht besinnen, wo es geschehen ist, aber wir müssen uns bereits einmal gesehen haben.« Er stand so frisch, so kräftig in ahnungslosem Selbstbewußtsein vor ihr. Sie hätte ihn an ihr Herz ziehen mögen mit größtem Entzücken, aber sie durfte es doch nicht. Sie gab sich alle Mühe, ihre Bewegung zu beherrschen, und dennoch zitterte ihre Stimme ganz hörbar, als sie antwortete: »Ich möchte das bezweifeln.« »O doch! Ich pflege mich da niemals zu täuschen. Es ist mir sogar, als ob wir uns nicht nur gesehen, sondern sogar auch gesprochen hätten.« Sie war leichenblaß. »Ich könnte mich wirklich nicht besinnen.« »Ich leider auch nicht; aber ich möchte schwören, daß ich bereits Ihre Stimme gehört habe. Wir müssen uns jedenfalls einmal getroffen haben, und zwar unter Umständen, welche mir sympatisch gewesen sind. Aber da läutet es. Ich muß zur Kirche. Entschuldigen Sie!« Er entfernte sich. Sie legte die Hand auf die klopfende Brust. Das Herz wollte ihr zerspringen. »Habens ihn wirklich schon mal sehen?« fragte der Wurzelsepp. »Nie.« »Aberst er sagts doch!« »Das ist die Stimme des Herzens. O Gott, wenn er wüßte, wer ich bin!« »Nun, das müssens ihm halt sagen!« »Nein. Jetzt noch nicht.« »Wann sonst?« »Später, später.« »Hat er Ihnen etwan nicht gefallen?« »Wie können Sie so fragen! Ich bin unendlich glücklich und ganz entzückt von ihm. Ich bin nicht werth, einen solchen Sohn zu haben.« »Papperlapappen! Sie sagens ihm, daß Sie seine Muttern sind und nehmen ihn beim Kopf. Nachhero ist Alles gut. Anders könnens gar nix machen!« »Ich fürchte mich!« »So? Eine Muttern, die sich vor ihrem Buben fürchtet? Das ist eine Dummheiten, die ich gar nicht leiden mag. Wanns selberst nix sagen, so sag ichs halt. Verstanden!« »Um Gotteswillen, nein!« »Wir werdens ja sehen. Jetzunder aber wollen wir hinein in die Kirchen.« »Gut, aber vis-à-vis der Orgel, damit ich ihn sehen kann. Zeig mir einen passenden Ort.« Das that er. Sie setzte sich gleich auf den ersten Platz an der Thür, um möglichst wenig aufzufallen, und lauschte mit Andacht dem Gesange und dem Orgelspiel ihres Sohnes. Als später der Pfarrer die Kanzel betrat und über die heutige Bibelstelle predigte, sprach er über die heilige Kirche als Mutter der Gläubigen. Der alte Herr sprach sehr eindringlich, da ihm selbst ein jedes seiner Worte aus dem Herzen kam. Im Laufe seiner Rede hatte er Gelegenheit, mehrere Male das Bibelwort zu wiederholen: ›Kann auch eine Mutter ihr Kind vergessen?‹; Wie mit glühenden Lanzenspitzen traf diese Frage das Herz der Bürgermeisterin. Der hochwürdige Herr schilderte das Mutterherz in all seiner Liebe, in all den Entbehrungen und Aufopferungen, in denen es so groß, so unvergleichlich ist. Und so sorgt auch die Kirche für die Gläubigen. Es war, als ob ein jedes Wort eigens für die Bürgermeisterin berechnet sei. Sie befand sich in einer geistlichen Folter und fühlte Qualen, welche kaum zu ertragen waren. Dann sprach der Redner von Gottes Güte, welche ohne Ende ist; er sprach davon, daß der Herr seine Sonne aufgehen lasse über Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte, und wie hingegen der Mensch den Götzen Selbstsucht anbete und sein Herz verhärte dem Nächsten und sogar den Seinen gegenüber. Für die Bürgermeisterin bewährte sich die Stelle der heiligen Schrift: ›Das Wort Gottes ist wie ein Hammer, welcher Felsen zerschmettert‹;. Jedes Wort des Predigers war ein solcher Hammerschlag für sie. Welche Liebe, wie viele Liebe hatte sie ihrem Kinde erwiesen? Gar keine. Hinausgestoßen hatte sie es in die weite Welt, hilflos unter fremde Menschen. Und jetzt, nachdem sie es wiedergefunden hatte, scheute sie sich, es an ihr Herz zu nehmen! Sie fühlte, daß es ihre Pflicht sei, keinen Augenblick zu zögern, und doch und doch kam dieser Schritt ihr so schwer, so unendlich schwer vor! Am Schlusse der Predigt stellte der Pfarrer die unendliche Liebe Gottes als Aufforderung hin, ihr nachzueifern und in der Liebe zu den Menschen nicht zu ermüden und zu wanken. Dann verließ er die Kanzel. Trotzdem und trotz Alledem fühlte die Bürgermeisterin den Gedanken, daß sie ihren Fehler eingestehen und ihr Kind um Verzeihung anflehen müsse, schwer auf sich lasten. Da ertönten mild und weich die Klänge der Orgel. Es war ein armes Instrument von nur vier Registern. Die Gemeinde hatte kein theureres zu beschaffen vermocht. Aber Walther war ein ausgezeichneter Orgelspieler. In seinem Vorspiele klang es wie eine Wiederholung des soeben Gehörten, wie eine innige, herzliche Mahnung zur Liebe, und dann begann der Gesang: »Wie groß ist des Allmächtgen Güte!         Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt, Der mit verhärtetem Gemüthe         Den Dank erstickt, der Gott gebührt? Nein, seine Liebe zu ermessen,         Sei ewig meine größte Pflicht. Der Herr hat mein noch nie vergessen;         Vergiß, mein Herz, auch seiner nicht!« Wer noch niemals den Eindruck einer einfachen, ergreifenden Melodie an sich erfahren hat, der kann es auch nicht begreifen, welche Macht sie auf ein vorbereitetes Menschenherz auszuüben vermag. Und das Herz der Bürgermeisterin war vorbereitet. Was die Predigt nicht vermocht hatte, das erwirkte diese Melodie. Sie schlich sich in die Seele der angstvollen Frau ein, stimmte sie ruhig und schmeichelte ihr alle Bedenken hinweg. Und was die erste Strophe noch unbesiegt gelassen hatte, das zerschmolz unter den Wogen der zweiten: »Und diesen Gott sollt ich nicht ehren         Und seine Güte nicht verstehn? Er sollte rufen, ich nicht hören.         Den Weg, den er mir zeigt, nicht gehn? Sein Will ist mir ins Herz geschrieben         Und bleibt mir in der Seele ruhn: Wie er mich liebt, will ich auch lieben         Und meine Pflicht getreulich thun.« Es stand nun fest in ihr, nicht eher nach Steinegg zurück zu kehren, als bis sie sich ihrem Sohne zu erkennen gegeben habe. Als der Gottesdienst beendet war, saß sie so in Sinnen versunken da, daß sie gar nicht bemerkte, daß die Gemeindeglieder sich von ihren Sitzen erhoben, um die Kirche zu verlassen. Ganz hinten, da wo es keinen Sitz mehr gab, hatte der König gestanden, unbemerkt von den Anwesenden. Er war erst später gekommen und hatte nicht stören wollen. Darum ging er auch eher, als die Andern. Als er aus dem Thore des Kirchhofs trat, kam in demselben Augenblicke ein städtisch gekleideter Herr das Dorf herauf, den Ueberrock am Arme tragend und eine Tasche an der Seite. Diese Letztere schien sehr gefüllt zu sein. Er trug eine goldene Brille und hatte ein sehr gelehrtes, dabei aber ziemlich joviales Aussehen. Als der König ihn bemerkte, blieb er überrascht stehen. Der Andere sah ihn und beschleunigte seine Schritte. Als er herangekommen war, zog er den Hut und machte eine tiefe, respektvolle Reverenz. »Pst! Keine Komplimente!« warnte der König. »Es darf mich hier Niemand kennen. Aber Ihre Ankunft überrascht mich. Sie können doch unmöglich mein Telegramm bereits erhalten und in Folge dessen hier angekommen sein, Herr Medizinalrath.« »Ein Telegramm habe ich allerdings nicht erhalten,« antwortete der Rath. »Umsomehr freue ich mich, ganz unbewußt dem hohen Rufe gefolgt zu sein.« »Nichts vom ›hohen‹; Rufe, bitte ich! Ich wiederhole, daß ich hier nur ein gewisser Herr Ludwig bin, und ich werde Sie einfach Doctor nennen. Ihre Gegenwart ist hier dringend nöthig. Sie werden Interessantes zu thun bekommen. Aus welchem Grunde aber befinden Sie sich bereits jetzt schon hier?« »Aus dem einfachsten: Meine Pflicht gebot mir, nach Hohenwald zu kommen!« »Ah, das ist dankbar anzuerkennen!« »Nachdem ich Eure Maje – – –« »Pst, pst!« »Entschuldigung! Also, nachdem ich Ihnen einen kurzen Aufenthalt in dieser herrlichen Waldluft angerathen hatte, verstand es sich von selbst, nachzusehen, wie mein Patient sich befinde, und ob er auch meine Verordnung in Ehren halte.« »Das thut er sehr!« lächelte der König. »So wird der Erfolg nicht ausbleiben.« »Ich bemerke das bereits jetzt. Kommen Sie, damit wir nicht unter die Dorfbewohner gerathen, welche eben jetzt die Kirche verlassen. Sie begleiten mich nach meiner Wohnung.« »Die ich mir hätte erfragen müssen, da ich sie nicht kannte.« »Der Wurzelsepp hat sie mir besorgt. Ich wohne in einer Mühle bei sehr braven Leuten. Sie werden einem feinen Diner mit beiwohnen.« »Von Herzen gern. Ich bin in der Stadt aus dem Coupee gestiegen und habe es vorgezogen, den Weg nach hier zu Fuß zurückzulegen. Das und die Gebirgsluft machen Appetit. Darf ich fragen, ob es ein Diner unter vier Augen sein werde?« »O nein. Ich habe den Müller veranlaßt, den alten, würdigen Pfarrer zu laden und auch den Lehrer, einen sehr hoffnungsvollen, jungen Mann, von welchem ich überzeugt bin, daß er ein Dichter von Gottes Gnaden ist.« »Ganz recht! Wieder einen Künstler entdeckt!« »Zwei sogar. Einen Maler auch. Sie werden an demselben Ihre Kunst und Wissenschaft zu erproben haben. Doch davon später. Wir werden ferner speisen mit einigen guten Leuten, deren Namen Ihnen vielleicht ein Wenig prosaisch klingen werden.« Der Medizinalrath freute sich außerordentlich, seinem hohen Patienten bei so vortheilhafter Stimmung zu finden. Er warf, während sie das Dorf verlassen hatten und nun über die Wiesen schritten, einen Blick umher und sagte: »Hier in dieser Gottesnatur sollte Einem eigentlich gar nichts prosaisch erscheinen dürfen.« »Namen doch wohl. So speisen wir zum Beispiel mit einem gewissen Müllerhelm. Das ist mein Wirth, der Müller, welcher Wilhelm heißt. Sodann mit dem Wurzelsepp – – –« »Auf diesen freue ich mich bereits.« »Und mit einem gewissen Finkenheiner.« »Also Heinrich der Finkler, der Vogelsteller, aus dem sächsischen Herrscherhause.« »O, mein Finkenheiner ist ein sehr guter Bayer. Er hat meine an Sie gerichtete Depesche nach der Stadt getragen und wird dennoch zur rechten Zeit zur Tafel kommen.« In dieser wohlgemuthen Weise machte der König den Arzt mit den hiesigen Verhältnissen und Personen bekannt, während Beide langsam nach der Mühle spazierten. Der Müller war auch in der Kirche gewesen. Als er aus der Thür derselben trat, sah er den Sepp stehen, welcher auf die Bürgermeisterin wartete. Er ging zu ihm hin und fragte: »Hasts doch nicht vergessen, Sepp, daßt heut mit zum Mittag essen mußt?« »Nein. Aberst ich kann trotzdem nicht kommen.« »Das fehlt grad noch! Dera Herrn Ludwigen hats extra gewunschen, daßt mit dabei bist.« »Mag wohl sein; aberst es geht dennerst nicht, weil ich heut em Kavallerirer bin.« »Wie? Was bist?« »Ein Kavallerirer.« »Was meinst? Ein Kaviller oder ein Kavallerist?« »Keins von Beiden. Weißt, ein Kavallerirer, das ist ein feiner Herrn, der eben einer feinen Damen ihr Begleitern und Beschützern und Kavallerirern ist.« »So! Hast etwan eine feine Damen da im Dorf?« »Ja.« »Wohl die alte Feuerbalzern?« »Nein, diese nicht. Aber wannst vielleichten meinst, daß ich mich mit dera schämen thät, so irrst Dich gar gewaltig. Die ist ein gar braves Weibsenbild, und es wär halt sehr gut, wann sich auch die Andern nach ihr richten thäten.« »So ists eine Andere?« »Ja, ab erst keine Hiesige.« »Was Teuxel! Gehst etwan auf Freiersfüßen? Da würdest bei meiner alten Barbara schön ankommen.« »Hat sich was! Es ist eine sehr feine Damen, eine Bürgermeisterin drüben aus Steinegg, welche hier zu thun habt hat und nun wiederum nach Haus will. Ich soll mitgehen.« »Das geht nicht. Du mußt mit bei mir essen. Der Herr Ludewigen hats so befohlen.« »Ich möcht freilich gern mit dabei sein, denn die Barbara wird sich heut mit ihrer Küchen sehen lassen.« »Freilich! Die Liesbetherl hat gar sehr mit helfen mußt. Es wird hergehen fast wie auf einer Hochzeiten oder Kindtaufen.« »Du, da möcht ichs freilich nicht versäumen; aberst meine Bürgermeisterin darf ich auch nicht im Stich lassen, und wannst ein gescheidter Kerlen bist, so weißt, wast nun da zu machen hast.« »Was denn wohl? Das möcht ich fragen.« »So bist eben halt kein gescheidter Kerlen, wannst erst fragst? Ohne sie kann ich halt nicht mit zu Dir. Also mußts mit einiladen.« »Verbuxbaumi! Eine Frau Bürgermeistrin?« »Jawohl!« »Das kann doch wohl Dein Ernst nicht sein.« »Grad ists mein allergrößter Ernst.« »Das kann ich doch gar nicht wagen! Eine solche Damen, die noch dazu einen Bürgermeistern zum Mann hat! Wo denkst hin!« »Sie hat den Mann nimmer mehr. Sie ist Wittwe!« »Desto schlimmer! Die Wittwen, die haben gar viele Haar auf denen Zähnen. Vor denen hab ich immer einen großen Respecten habt.« »O, die meinige beißt nicht.« »So, also meinst, daß sie fürlieb nehmen wird?« »Ganz gewiß, Schau, da kommts aus dera Kirchen. Sie kommt herbei. Nun kannsts ihr sagen.« »Himmelsakra! Die hat so einen vornehmen Gang. Da fallt mir gleich die Buttern vom Brod, und ich weiß gar nicht, wie ich anifangen soll.« »Ich werd Dir schon einihelfen. Paß nur aufi!« Die Bürgermeisterin schritt auf die Beiden zu. Es war ihre Absicht nicht, bereits jetzt Hohenwald zu verlassen. Sie wollte vielmehr den Sepp fragen, ob es nicht möglich sei, den Lehrer wie durch einen blosen Zufall noch einmal zu treffen. Der alte Wurzelhändler hatte sich das bereits gedacht und darnach seine Vorkehrungen getroffen. Er ging ihr einige Schritte entgegen und sagte: »Schauns, Frau Bürgermeistrin, hier Der ist dera Müllerhelm, mein bester Freund im Ort. Kennens den noch nicht?« »Nein,« antwortete sie lächelnd, da er recht wohl wissen konnte, daß sie den Müller nicht kannte. »Das ist Derselbige, bei dem halt der Herr Ludewigen wohnt. Er hat ein großes Essen bei sich. Wollens da auch nicht mitthun?« »Ich? Ich bin ja fremd.« »Fremd? Na, wanns dem Wurzelseppen seine Freundin Frau Bürgermeistrinnen sind, so sinds hier halt Keinem fremd. Der geistliche Herr speist mit und dera Herr Lehrern auch.« »So! Aber dennoch kann ich es nicht unternehmen, in der Mühle Störung zu bereiten.« »Störung? Sappermenten noch mal! Da giebts gar keine Störungen; da setzt man sich hin, nimmt das Messern und schneidet tüchtig ab. So ists hier Sitten, und so muß mans machen.« »Hm! Du thust ja grad, als ob Du der Müller seist!« »Ich? Wieso?« »Weil Du mich einladest. Wenn dieser Herr es wirklich wünschte, daß ich mitkommen solle, so würde er es mit doch selbst sagen.« »Der? Na, da kommens an den Rechten. Der hat gar die richtige Schneid nicht dazu. Der hat Angst vor Ihnen, weils eine Frau Bürgermeisterin sind.« »Du!« rief der Müller, indem er ihm die Faust in die Seite stieß: »Ja! Was hast mich da zu stoßen? Ists etwan nicht wahr?« »Nein,« antwortete der Müller, indem er sich Muth anschaffte. Er zog den Hut, machte einen schiefen Knix und sagte: »Wissens, gnädige Frauen, einen Roggen kann ich von einer Gerste unterscheiden und einen Weizen von einem Hafern auch. Aberst mit denen großen städtischen Complimentern hab ich mich leider nicht gar viel abgeben konnt. Wanns zu mir kommen wollen und tüchtig mit essen, so solls mir halt eine Ehren sein und auch eine Freuden. Also sagens Ja, so wird halt noch ein Tellern mehr geschafft.« Sie wäre gar zu gern mit gegangen. Aber schickte es sich denn? Darum wendete sie nochmals ein: »Ich bin Ihnen ja fremd!« »Nein, denn Sie sind hier beim Sepp. Und wen Der uns bringt, der ist grad, als ob er mein Brudern oder meine Schwestern oder Onkeln oder alte Tanten wär.« »So,« lachte sie. »Dann will ich versuchen, Ihre Tante sein zu können.« Der Müllerhelm kratzte sich verlegen am Ellbogen und raisonnirte über sich selbst: »Sacra! Jetzund hab ich einen Bock schossen! Mit dera Tanten bin ich gar schön ankommen. Das mach ich gewiß nicht gleich wiedern! Lieberst sag ich da gleich Großmuttern, anstatt dera Tanten!« »So soll ich als Großmutter kommen?« Er sah sie erschrocken an. »Donner und Doria! Jetzt hab ichs nun gar noch viel schlimmer macht! Nein, Frau Bürgermeistrin, mit dera Tanten und Großmüttern sinds halt nicht gemeint. Das weiß doch dera Teuxel! Mit dera Liesbetherl kann ich reden; das geht wie auf Butter; aberst sobald ich ein ander Weibsbild vor mir hab, so bin ich dera größt Dummrian auf dera Erden. Also nehmens, wie's gemeint ist, und kommens mit. Wollens die Güten haben?« »Wenn Sie Ihre Einladung im Ernst meinen, so will ich Ja sagen.« »Natürlich mein' ichs im Ernsten, denn zum Spaß wird bei mir nicht gessen; das werdens schon gar sehr bald wegbekommen. Wollens gleich mit mitnander? Da kommt auch schon dera Herr Lehrern.« Ein kleines Bedenken hatte die Bürgermeisterin in Beziehung auf den König. Aber nach Dem, was sie ihm heut für ein Geständniß abgelegt hatte, sagte sie sich, daß es ihm nicht unerwünscht sein werde, falls sie mitkomme. Ihr Sohn war ja anwesend und der König war incognito.« Während des kurzen Gespräches waren die Drei ans dem Gottesacker heraus auf die Dorfstraße getreten. Der Lehrer war herbeigekommen und hatte die letzten Worte gehört. »Ja,« sagte er, »da komme ich bereits. Freilich will ich noch nicht nach der Mühle. Dazu wär es jetzt noch zu früh. Ich werde vorher noch einen kleinen Spaziergang machen.« Das paßte dem Sepp. Er sagte sofort: »Das ist sehr gut, Herr Lehrern. Wollens etwan allein spazieren?« »Wollen Sie mit?« »Nein, ich nicht. Ich muß hier mit dem Müllern gehen, weil wir noch Eins und das Andre zu besprechen haben. Aberst hier die Frau Bürgermeistrin kommt auch mit zum Schmauß; sie hat auch noch Zeit und kennt die hiesige Gegend noch nicht. Wanns galant sein wollen, so könnens sie halt einladen zum Mitgehen.« Sie erröthete. Der Lehrer warf ihr ein bittendes Lächeln zu und sagte: »Sie entschuldigen, Frau Bürgermeisterin! Unser Sepp hat so seine eigene Weise. Man darf ihm nichts übel nehmen.« »Das fehlt auch noch, wann ichs nur gut meint hab!« rief der Alte. »Komm, Müllern! Die Beid werden keinen Andern brauchen, der so seine eigene Weise hat. Vorwärts!« Er nahm den Müllern beim Arme und zog ihn fort. »Da sehen Sie!« lachte Walther. »Hier oben in den Bergen wohnt ein kräftiger Menschenschlag; aber gut ist es doch gemeint.« Sie mußte sich große Mühe geben, auch ein Lächeln zu zeigen, und fast nur leise antwortete sie: »Ich bin überzeugt davon. Nur befürchte ich, Ihnen Störung zu bereiten, wenn Sie den Wunsch unsers eigenthümlichen Freundes erfüllen.« »Störung? O nein! Es ist mir im Gegentheil recht lieb und aufrichtig angenehm, daß Sie mir erlauben, mich Ihnen anzuschließen. Ich befinde mich noch gar nicht lange hier oben in Hohenwald, aber doch fühle ich bereits jenen Wunsch nach Anderem, welchen Jeder empfindet, dem sein täglicher Umgang kein Genügen bringen kann. Man ist hier wirklich von Allem abgeschlossen. Sie kamen in diesem Augenblicke an dem Gasthofe vorüber. Die Wirthin stand unter der Thür. »Grüß Gott, Herr Lehrern!« rief sie erfreut. »Wollens spazieren gehen?« »Ja, ein Wenig.« »Das machens gar recht,« meinte sie, indem sie langsam näher kam. »Das Spazieren habens gar sehr nöthig zu dera Erholungen.« »Meinen Sie?« »Ja. Ich weiß halt sehr gut, was für eine Anstrengung Sie haben in dera Schulen. Die Buben sind kaum zu zähmen und die Maderl kaum zu bändigen. Aberst freuen thuts michs doch, daß sie bei Ihnen an den richtigen Mann kommen sind. Wissens noch, als sie kamen, was ich Ihnen da für einen Rath geben hab?« »Ja, sehr gut noch.« »Schauns, da hat ich gar ernst meint, Prügel müssens haben, ganz gewaltge Prügel, hab ich denkt. Und nun Sie bringens das Alles ganz anderst fertig, ohne nur einen Stock anzugreifen. Sagens doch, wie bringens das nur eigentlich fertig?« »Hm! Das ist nicht so schnell zu erklären. Man muß ein Wenig Psycholog sein.« »Da wollt ich, ich wär auch ein solcher Phixologen. Meine Zwei wachsen mir über denen Kopf zusammen. Wann ich da nicht zuhauen thät, so kriegt ich selberst noch die Prügel. Das muß hier heroben so in dera Luft liegen. Nicht?« »Gewisser Maßen haben Sie Recht. Eine kräftige Luft zeitigt auch kräftige Charactere.« »Ja freilich, kräftig sinds bei uns. Mein Bub, der kaum zehn Jahren zählt, frißt mir bereits eine ganze Pfannen voll Dampfnudeln aus und fragt hernachers auch noch, ob ich keinen Eierkuchen hab. Der ist kaum mehr zu derfüttern. Was sollens hernach in dera Schulen lernen. Ein voller Bauch wird kein Magistern.« »Nein; darum gewöhnen Sie Ihre Kinder lieber an eine mäßige Speisekarte.« »Da käm ich schön an! Ja, eine Karten wollens schon bereits haben, aberst keine Speisekarten, sondern eine ganz andre. Da sitzen die Zwei am Tisch und spielen Sechsundsechzig mit nander, und wanns dann fertig sind, so hauens sich den Gewinn mit denen Holzpantofferln um den Kopf herum. Meiner Seel, es kracht oft so, daß es mir Angst wird um die armen Köpfen. Aberst das hält schon was ab hier in dera Gegend! Also habens Besuch erhalten, Herr Lehrern?« »Besuch? Wieso?« »Nun diese Damen hier?« »Die Dame ist kein Gast von mir. Wir haben uns an der Kirche getroffen.« »Ach so! Ich hab denkt, daß es ein Besuch ist, vielleicht wohl gar Ihre Muttern, weils sich gar so ähnlich sehen. Na, nix für ungut! Machens sich viel Vergnügen, die Herrschaften!« Sie knixte und kehrte in das Haus zurück. Bei ihren letzten Worten hatte es der Bürgermeisterin einen Stich ins Herz gegeben. Sie setzten ihren Weg fort, zunächst schweigsam. Walther warf von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick in das ernste Gesicht seiner stillen Begleiterin. Dann sagte er: »Eigenthümlich! Die Wirthin hat Recht. Erst deren Aeußerung hat mich auf diesen Umstand aufmerksam gemacht. Bemerken Sie nicht auch, daß wir einander außerordentlich ähnlich sehen?« Sie hatte das auch bereits bemerkt. »Wirklich?« fragte sie. »Ja, und zwar ganz auffällig. Man sollte kaum glauben, daß zwei Personen, welche einander in jeder Beziehung fremd sind, eine solche Ähnlichkeit besitzen können.« »Ein Naturspiel,« sagte sie in unterdrücktem Tone. »Sie müssen also aus diesem Grunde die Wirthin entschuldigen, daß sie Sie in eine solche Beziehung zu mir bringen wollte!« »Das bedarf keiner Entschuldigung. Ich halte es vielmehr für ein Glück, einen Sohn zu besitzen, welcher die Achtung Andrer in der Weise besitzt wie Sie.« »Es ist mir nicht leicht geworden, sie mir zu erringen. Ich hatte es, als ich hier ankam, mit einem sehr harten Materiale zu thun.« »Also darum Ihre vorige Bemerkung, daß Sie keine Genüge finden!« »Nein, darum nicht, sondern aus einem andern Grunde. Einen guten Reiter macht es ganz glücklich, ein wildes Pferd zu bändigen! Ungefähr in ähnlicher Weise fühlt der Lehrer eine innige Befriedigung, wenn es ihm gelingt, solche spröde Seelen gefügig zu machen. Aber in meiner Erholungszeit finde ich nicht Das, was ich suchen möchte. Ich mußte mir das freilich vorher sagen.« »Und dennoch haben Sie sich um diese schlimme Stelle beworben!« »Dennoch!« »Sie müssen einen sehr zwingenden Grund dazu gehabt haben?« »Ich hatte ihn. Leider sehe ich ein, daß ich ein großes Opfer gebracht habe, ohne die erwartete Entschädigung dafür zu finden.« Es legte sich ein herber, fast bitterer Zug um seinen Mund. Er blickte vor sich nieder. Sie fand nicht gleich einen neuen Anknüpfungsbund, und so schritten sie eine Weile stumm neben einander her.