Der heimliche König Romantische Komödie in vier Aufzügen von Ludwig Fulda Zweite Auflage     Stuttgart und Berlin l906 J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger     Personen Am Hofe Artus X., Königs der Briten:     Herzog Urgan , Seneschall     Jovelin , Oberkämmerling     Gurmun , Hauskaplan     Morgant , Leibarzt Prinz Lanzelot , Neffe des Königs Feirefiz , sein Knappe Sigune , Tochter des Herzogs Elinod , ihre Kammerfrau Cynewulf , Herold der Angelsachsen Peredur , ein Hirt Sprecher des Volkes:     Schaffilor , Barde     Florant     Frimutel     Garel Führer der Gegenpartei:     Caradoc     Rohalt     Ginas Godo , Pförtner Kammerdiener des Königs:     Limors     Geraint Hofbedienstete, Bürger, Angelsächsische Ritter Schauplatz : Der Königspalast zu Caerleon, der Hauptstadt der Briten. – Der erste und zweite Aufzug spielen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, der dritte zwei Tage nach dem zweiten, der vierte zehn Monate später.     Erster Aufzug Halle im Königspalast Die rechte Hälfte der Mittelwand öffnet sich zu einer nach rechts in die Kulisse führenden und durch einen Vorhang verschließbaren Galerie; in der linken Hälfte der Mittelwand eine Tür. In der rechten Seitenwand hinten führen einige Stufen zum Eingang der Hauskapelle; weiter vorn eine kleine Tür zu den Frauengemächern; ganz vorn ein Fenster. In der Mitte der linken Seitenwand, um einige Stufen erhöht, der Thron; unmittelbar über dessen Baldachin, in halber Höhe der Bühne, ein vorspringender Altan mit einer Zugangstür oben an der Wandseite; eine Treppe führt an seiner Vorderseite herab; sie hat in der Hälfte ein Podest, von dem aus sie sich im rechten Winkel zur Wand an der Vorderseite des Throns bis auf das Niveau der Bühne fortsetzt. Ganz vorn links Tür zu den Gemächern des Königs, von einer reichen Gardine verhangen. Rechts ein Ruhebett und ein Tisch mit Sesseln. Erster Auftritt Jovelin (steht bekümmert am Fenster vorn rechts, schaut hinab). Herzog (kommt von links vorn. Dann) Kaplan , Leibarzt . (Zuletzt) Godo . Jovelin (sich umwendend, rasch) Herr Urgan, Ihr verließt das Krankenzimmer? Herzog (in sichtlicher Verstörung) Er schläft. Jovelin           Ach, könnten wir erst wieder schlafen! Die schlimmste wahrlich aller Höllenstrafen Ist Ungewißheit. 8 Herzog                     Ohnmacht ist noch schlimmer. Jovelin (deutet hinab) Da drunten Kopf an Kopf die Menschenwand Schließt enger sich und schwillt mit jeder Stunde. Wer einmal kam, der steht wie festgebannt; Unheimlich Flüstern schwirrt von Mund zu Munde . . . Kaplan (ist aus der Kapelle eingetreten) Wie geht's dem König? Wirkt mein standhaft Flehn? Herzog Ihr laset eine Messe? Kaplan                               Schon die dritte. Herzog Lest weitre! Kaplan                   Freunde, seid nur unverzagt. Heut muß das Wunder noch geschehn, Um das ich brünstiglich den Himmel bitte. (Leibarzt von links vorn. – Alle erschrecken) Jovelin Da kommt der Leibarzt! Herzog                                     Ihr, Herr Morgant? Jovelin                                                                   Sagt, Gewahrt Ihr Besserung? Kaplan                               Schickt Gott uns Hilfe? 9 Leibarzt Der König schickt mich . . . Herzog                                             Schickt Euch? Leibarzt                                                                 Er ist wach. Herzog Und spricht? Leibarzt                   Mit einer Stimme, leis' und schwach Wie säuselnd Windeswehn im Schilfe Verlangt er . . . Herzog                   Mich? Leibarzt                           Verlangt er den Kaplan. Kaplan Des Lebens Manna wünscht er zu empfah'n. Wohl ihm und uns! (Ab links vorn) Jovelin (kopfschüttelnd)   Ein recht verfänglich Zeichen. Herzog (zum Leibarzt) Könnt Ihr noch leugnen? Er ist äußerst krank. Leibarzt Was jählings kam, das kann auch jählings weichen. Vertraut nur meiner Kunst! Der Trank, Den heut ich mischte, muß das Fieber stillen, Und wenn sich's allzu widerspenstig zeigt, So hab' ich noch Essenzen, habe Pillen, 10 Die Heil verbürgen, eh' der Tag sich neigt. Alsbald aufs neue füll' ich ihm den Becher. (Er will gehen) Godo (alter, eisgrauer Mann, kommt durch die Galerie) Herr Seneschall . . . Herzog                         Was gibt's? Godo                                             Des Volkes Sprecher, Um ihres Königs Leben bang, Erschienen Kunde heischend an der Pforte. Herzog (zum Leibarzt) Was, meint Ihr, soll man ihnen sagen? Leibarzt                                                 Worte. Vertröstet sie bis Sonnenuntergang. (Ab links vorn) Herzog (ihm nachrufend) Ich folg' Euch. – Geht, Herr Jovelin, hinunter; Versprecht zum Abend günstigen Bericht. Jovelin Ich geh'. Herzog             Doch streicht die Falten vom Gesicht. Seid rosig wie die Hoffnung; lächelt munter Und schwört, nichts weile ferner als Gefahr. Jovelin (seufzend) Kein leichtes Amt. (Ab mit Godo durch die Galerie) 11 Zweiter Auftritt Herzog . Sigune , Elinod (von rechts Mitte) Herzog (der nach links abgehen wollte, die Eintretenden bemerkend)                             Sigune . . . Sigune                                         Was gebeut Mein Vater? Herzog               Blumen prangen dir im Haar? Sigune Die hat der Frühling mir hineingestreut. Herzog Und hell dein Kleid . . . Sigune                                     Hell wie der Blick des Maien. Herzog Du willst . . . Sigune                     Mit Elinod hinaus vors Tor; Zum Fluß hinab, zum Hügel dann empor Lustwandeln wollen wir zu zweien. Herzog Vergaßest du des Königs Krankheit? Sigune                                                         Nein. Ich aber bin gesund, bin jung . . . (Sie will gehen) Herzog (vertritt ihr den Weg)                 Halt ein! Wenn du die schwere Sorgenbürde, 12 Die deinen Vater, Hof und Volk bedrückt, Nicht fühlst, so denk' an deine Würde. Die Tochter Herzog Urgans, der dem Throne Zur Rechten steht, sie darf nicht so geschmückt Gemein sich machen in den Gassen, Wenn finstre Wetter brauen um die Krone. Sigune Drum soll ich nicht des heitren Tags mich freu'n? Herzog Dein Platz ist hier. Du wirst ihn nicht verlassen. Sigune Und tät' ich's doch? Herzog (stark)                     Dann würdest du's bereu'n. (Ab links vorn) Dritter Auftritt Sigune . Elinod . Elinod O weh, gefangen! Sigune (trotzig)               Was auch immer droht . . . (Sie will gehen.) Elinod (zögernd) Prinzessin . . . Sigune                   Komm! – Du zauderst, Elinod? Hegst mindern Mut als ich? Elinod                                     Ihr, schlimmstenfalls, Gewärtigt Eures Vaters Schelten; 13 Ich aber wage meinen Hals.         (Näher und leiser) Und wüßt' er gar, wem diese Blumen gelten . . . Sigune (wirft sich unwillig auf das Ruhebett) Verwünschter Zwang! – Ihr Schwalben, hoch im Blau, Seht hier die Sehnsucht eingesperrt im Bauer! Elinod Wüßt' er, wie oft sein teures Vöglein schlau Entschlüpfte durch die Tür der Gartenmauer; Wie oft, vermummt in ländliches Gewand, Wir talwärts flogen, eh' die Hähne krähten, Und welch unwiderstehlichen Magneten Ihr jüngst entdecktet an des Flusses Rand . . . Sigune (träumend) Am Abhang graste seine bunte Herde . . .         (Sich schnell zu Elinod umwendend) Sprich! Wie er hingelehnt am moos'gen Ufer lag, War er nicht schöner als der junge Tag, Der grad geweckt mit Flammenkuß die Erde? Dann, als er aufschoß und dem flücht'gen Renner In leichtem Lauf den Vorsprung abgewann . . . Elinod Er ist doch nur ein Hirt. Sigune (aufspringend)               Er ist ein Mann! Und im Palast hier gibt es keine Männer. Hier schleichen, wie entfloh'n aus morscher Gruft, Nur greise Diener, schlottrige Vasallen, Und auf den Treppen, Gängen, in den Hallen Liegt von Jahrhunderten der Moderduft. 14 Wer spricht von Zukunft, wer von Gegenwart? Mit matten Augen, hohlen Wangen Raunt man von goldnen Zeiten, die vergangen, Von Heldentum, das tot und eingescharrt. Genug der Jahre hab' ich fromm geharrt, geseufzt vor Langerweil', vor Zorn geweint! Ich will nicht mehr mit meiner Jugend kargen, Will nicht mein Leben ungelebt versargen! Der König krank? Der scheue Weiberfeind, War er denn je wohlauf? Schon längst erscheint Sein Ahnenschloß mir wie ein großes Spittel! O neidenswerter Vorrang, daß mit Neid Ich blicken muß auf die geringste Maid, Die heute frei und frank im Lumpenkittel Den Liebsten an ihr wogend Herz darf pressen! Elinod Und Euer Liebster späht umsonst indessen Nach der vermeinten schmucken Dörflerin Und wähnt, Ihr hättet ihn vergessen. Sigune Arglistige, verschärfst du noch mein Leiden? – Heut wollt' ich ihm bekennen, wer ich bin, An seinem jäh verdutzten Blick mich weiden, Dem sprachlos Staunenden mit einem Kuß Die Zunge lösen . . . Elinod                             Schlimm! Doch was beginnen? Sigune (entschlossen) Ich muß ihn sehen, Elinod; ich muß! Elinod Bedenkt . . . 15 Sigune (mit Einfall)   Merk auf! Nur ich darf nicht von hinnen; Doch er, zum Glück, ist nicht gekettet. Elinod                                                     Er? Sigune Nun, Peredur. Elinod                       Ihr wollt . . . Sigune                                         Bring ihn hierher! Elinod Hilf Himmel, kamet Ihr von Sinnen? Hierher in den Palast? Sigune                             Zu kurzem Gruß. Elinod Ein Hirt! Sigune             Zum Spiel. Elinod                             Gefährlich Spielzeug! Sigune                                                             Führe Vorsichtig ihn durch die bewußte Türe . . . Elinod Wenn irgendwer ihn träfe . . . Sigune                                             Hasenfuß! Wer sollt' ihn sehn? Der König liegt darnieder; 16 Der Hof umsteht sein Lager; taub und blind Vor Übernächtigkeit ist das Gesind. Solch günst'ger Augenblick, nie kehrt er wieder. Drum flink! Elinod               Doch wenn . . . Sigune (herrisch)                         Tu, was ich dir befohlen! Elinod (kleinlaut) In Gottes Namen! Sigune                       Sag' ihm nur, du seist Von mir gesendet, ihn zu holen. Elinod Und wenn er fragt, wohin? Sigune                                         Dann lüge dreist. Elinod Meinthalb auch das. Sigune (hat ein breites Band von ihrem Kleid gelöst)                                   Wart! Nimm die Schärpe mit! Elinod Weswegen? Sigune                   Ihm die Augen zu verbinden. Ins Unbekannte folge dir sein Schritt: Erst hier soll er des Rätsels Lösung finden Und wie verhext sich umschau'n stumm und starr.         (Sie fortdrängend) Geschwind! geschwind! Ich warte dein mit Beben.         (Man hört Geräusch von Stimmen von der Galerie her) Wer kommt? 17 Elinod (spähend)   Prinz Lanzelot. Sigune                                       Der blöde Narr! Elinod (im Abgehen) Ein tolles Wagestück! Sigune                             Drum reizt mich's eben. (Elinod ab durch die Tür im Hintergrund links) Vierter Auftritt Sigune . Prinz Lanzelot , Feirefiz (durch die Galerie) Lanzelot (bemerkt Sigune und deutet auf sie, mit schwachsinnigem Stammeln) Da – da – die – schöne – 'gune . . . Feirefiz                                               Wollt verzeih'n, Prinzessin . . . . Sigune (die nach der Tür rechts gegangen war, sich umwendend)                         Was beliebt Euch? Lanzelot                                             'gune – da. Feirefiz Mein Prinz, der Euch seit Wochenfrist nicht sah, Will Euch den schuld'gen Zoll der Ehrfurcht weih'n. Lanzelot Ja – Zoll; ja – Zoll. Sigune                                 Welch Übermaß von Witz! 18 Feirefiz Er hat nun einmal eine schwere Zunge. Sigune Der Ihr mit Eurem Redeschwunge Barmherzig nachhelft, Junker Feirefiz. Feirefiz Ich bringe nur in Worte, was er denkt. Sigune Er denkt? In einem neugebornen Huhne Sind mehr Gedanken als in ihm. Lanzelot                                         Ha – 'gune . . . Feirefiz Er bittet Euch, daß Ihr Gehör ihm schenkt. Lanzelot (hat sich ihr grinsend genähert) Du – fall' – mir. Sigune                     Ich versteh' nicht, was er lallt. Feirefiz Er schwört, Prinzessin, daß Ihr ihm gefallt. Sigune O Glück! Lanzelot             Wa – wachen. Feirefiz                                     Und daß er allnächtlich Schlaflos zum Himmel Liebesseufzer haucht. 19 Sigune Ein Liebender, der einen Dolmetsch braucht! Lanzelot O – die . . . Feirefiz                     Seht, wie's ihn kränkt, daß Ihr verächtlich Sein Herz verschmäht, das zärtlich überfloß. Lanzelot Rang – Rang. Feirefiz                       Er meint, sein Rang geb' ihm das Recht Zu fordern, daß Ihr milder ihn behandelt, Da nächst dem König er der letzte Sproß, Der vom erhabenen Geschlecht Des großen Artus noch im Fleische wandelt. Sigune Der letzte Sproß, im Keime schon verdorrt, Als einzig Erbteil tragend wie zum Spott Den Heldennamen Lanzelot! Lanzelot O – du – die – da . . . (Er macht einen täppischen Versuch, sie zu küssen) Sigune (ihn von sich stoßend)       Fort, ekles Untier, fort! (Ab rechts Mitte) Fünfter Auftritt Lanzelot . Feirefiz . (Gleich darauf) Jovelin , Godo . Feirefiz (zu Lanzelot, der aufs Ruhebett gefallen ist) Mein armer Prinz, das Ungemach liegt offen. Nun grübelt nicht und fragt nicht viel warum; 20 Denn hier auf Gegenliebe noch zu hoffen, Das wäre selbst für Euch zu dumm. Jovelin (kommt mit Godo durch die Galerie, sagt im Auftreten zu diesem) Meld' es dem Herzog. (Godo ab links vorn) Feirefiz (zu Jovelin)             Herr, mein Prinz, getrieben Von Sorg' um den erlauchten Oheim, kam Zu forschen . . . Jovelin                     Wär' er doch daheim geblieben! Wann endlich wird die Rücksicht, wann die Scham In seine Burg ihn bannen, ihn verhindern, Als allgemein verlachter Harlekin Vor Müßiggängern, Gaffern, Straßenkindern Sein Fürstenwappen in den Staub zu ziehn! Lehrt ihn des Königs Beispiel nicht, Daß Hoheit ihren Zauber lebenslänglich Nur dann bewahrt, wenn einsam, unzugänglich Sie sich verbirgt vorm grellen Tageslicht? Hinweg mit ihm! Feirefiz                     Mein Prinz, hier geht's Euch übel; Drum kommt nach Haus. Lanzelot (die Tür rechts anstarrend)                                       Die – schöne – 'gune – da. Feirefiz (ihn fortführend) Laßt, sag' ich, das verzehrende Gegrübel. Es gibt noch andre Schönen. 21 Lanzelot (plötzlich verklärt)           Andre – ja. (Beide ab durch die Galerie) Sechster Auftritt Jovelin . Herzog , Kaplan , Godo (von links vorn. Dann) Cynewulf . Herzog (schnell eintretend) Der Angelsachsenherold eingeritten! Jovelin Er wünscht sogleich Gehör. Herzog (zu Godo)                           Wir harren sein.         (Godo ab durch die Galerie.) Botschaft vom Feind! Das fehlte noch, inmitten Der Drangsal, die uns würgend heut umstrickt! Jovelin Der König?? Herzog                     Bleich wie Wachs. Kaplan                                                 Sichtlich erquickt Durch meinen Zuspruch, schlief er wieder ein. (Cynewulf wird von Godo, der dann gleich wieder abgeht, durch die Galerie hereingeführt) Cynewulf Artus dem Zehnten, Könige der Briten Von König Egbert, Herrn des Angelnreiches Entbiet' ich Gruß und Heil. 22 Herzog                                   Durch unsern Mund Entbietet König Artus ihm ein Gleiches. Cynewulf So bitt' ich, geht ihm meinen Eintritt kund. Herzog Nennt Euren Auftrag erst. Cynewulf                                   Mein Auftrag wendet Sich an ihn selber. Herzog                       Ich, sein Seneschall, Besitze Vollmacht . . . Cynewulf                           Doch Ihr seid Vasall. Mein König ist's, der mich zum König sendet. Herzog Ihm selbst könnt Ihr nicht nah'n; drum nehmt vorlieb. Cynewulf (lauernd) Die Nachricht hat uns also nicht belogen, Er liege krank? Herzog                 Die Nachricht übertrieb. Ein leichter Zufall nur, schon fast verflogen. Cynewulf Und weigert doch so wichtigen Empfang? Herzog Wie? Habt denn Ihr allein noch nicht erfahren Von unsres Königs allbekanntem Hang 23 Zur Einsamkeit, der seit geraumen Jahren Ihn Menschenanblick meiden läßt und scheuen? Vernahmt Ihr nie, daß wie ein Klausner fast Er abgeschieden lebt hier im Palast, Nur sichtbar wenigen Getreuen? Cynewulf Verzeiht, man hat von unserm Nachbarfürsten Im Angelsachsenland kein deutlich Bild, Und kärglich nur wird unsrer Neugier Dürsten Durch eurer Barden Sang gestillt. Wohl hört man, daß, wenngleich der Zeitenspanne Noch nicht entrückt, wo lockungsreich dem Manne Das Leben winkt, er jeden Umgang flieht, Kein Roß je tummelt in Gefild und Hag, Daß auch sein Volk ihn nur von weitem sieht, Wenn durch die Stadt er einmal jeden Tag Sich in verhangner Sänfte tragen läßt, In ihre Polster regungslos gepreßt, Nicht achtend auf der Menge jubelnd Grüßen; Ja, daß die Sänftenträger das Vergehn, Sich, wenn er ein- und aussteigt, umzudrehn, Mit schnellem Henkertode büßen. Dies alles hört man; nur – man weiß nicht recht, Was wohl daran erdichtet ist, was echt. Herzog Dies all ist Wahrheit. Cynewulf                             Doch von nah gesehn Zeigt jedes Ding sich anders als von fern; Drum eben war's der Wille meines Herrn, Daß Aug' in Aug' ich Euren König spreche. 24 Herzog Weshalb? Cynewulf             Damit er selbst uns Klarheit schafft, Ob hinter dichten Mauern seine Kraft Er so versteckt hält oder seine Schwäche. Herzog Verwegner! Wärt Ihr nicht gefeit Vor unsrem Zorn durch dieses Heroldskleid, Dann Euren Zweifel solltet Ihr bedauern! Vergeßt nicht, wer sie fügte, diese Mauern: Artus der König, unsres Königs Ahn, Artus der Held, deß Stärke, nie bezwungen, Noch heut gepriesen wird in allen Zungen, Artus der Krieger, der auf blut'gem Plan, Mit seiner goldnen Rüstung angetan, Unwiderstehlich eurer Väter Scharen Wie Hasen vor sich hergescheucht In hundert Schlachten! Cynewulf                         Ja; doch wie mich deucht, Ist er nun tot seit bald dreihundert Jahren. Herzog Die Rüstung aber, die für keinen Speer Durchdringbar und von lautrem Gold so schwer, Daß niemand sie vermag zu tragen, Als nur ein Sproß von Artus' Blut und Art; Die Rüstung, fortgeerbt von Glied zu Gliede . . . Cynewulf Mit Stolz verkünden eure Sagen, Daß euer König sie noch heut verwahrt; 25 Doch man erfuhr aus keinem Bardenliede, Daß er sie jemals trug. Herzog                             Seither war Friede. Cynewulf Ein Friede, den ihr kauftet durch Tribut. Herzog Stellt unsrer Langmut nicht zu harte Proben! Cynewulf Darf ich nicht unsre frischen Kränze loben, Wenn ihr auf euren abgewelkten ruht? Auf jenen großen Artus folgten neun Des gleichen Namens; doch wir ließen alle Den Sieg des ersten bitterlich gereu'n. Ein Lamm, zerstückt von einer Adlerkralle Ist nun das Reich, dem weiland er gebot; Wir schnürten's ein mit immer eng'rem Walle, Und Tausende der Euren trieb die Not Fort übers Meer, zu Galliens fremden Küsten. Jovelin Daß ihr als Räuber bracht in unsren Zaun, Ihr habt nicht Ursach, euch damit zu brüsten. Kaplan Gott wird dafür euch strafen. Cynewulf                                         Laßt uns schau'n. Herzog Genug des Hohns, der zu willkommner Wut Uns stacheln möchte. Sagt uns, was Ihr wollt Von unserm Herrn. 26 Cynewulf                     Den fälligen Tribut. Herzog Wir zahlten ihn! Cynewulf                     Ihr zahltet den von Gold. Jedoch es jährt sich auch der andre heuer. Herzog (mit Jovelin und Kaplan Blicke wechselnd) Der andre? Cynewulf         Der beim letzten Friedensschluß Bedungen ward. Herzog                     Ihr meint? Cynewulf                                 Die Menschensteuer! Zweihundert Jungfrau'n und die gleiche Zahl Von Jünglingen, die nach des Loses Wahl Uns euer Volk zu Sklaven stellen muß, Jeweils wenn fünfzehn Jahre sind verronnen. Die Zeit ist um. Herzog                   Wie? Wollt vergilbter Schrift Den schaudervollen Anspruch ihr entreißen, Der tödlicher gewirkt als Dolch und Gift? Besinnet euch! Cynewulf               Wir haben uns besonnen. Jovelin Von eurem König selbst ward der Verzicht Aus diese Schreckensklausel uns verheißen! 27 Cynewulf Der das verhieß, war König Egbert nicht. Kaplan Sein Vorfahr tat's. Cynewulf                         Ja; doch von andrem Schlag Ist Egbert, der seitdem den Thron bestieg. Er fordert, was ihm zukommt durch Vertrag. Herzog Und weigern wir die Forderung? Cynewulf                                             Dann – Krieg. Herzog (nach einer Pause) Wohlan denn, unsres Herrschers Wort entscheide. Cynewulf Sein Wort erwart' ich. Herzog                                     Gebt ihm kurze Frist. Cynewulf Bis wann? Herzog                     Bis er genesen ist. Cynewulf Vom leichten Zufall? Herzog                                   Wenn sich das Geschick Von zweien Völkern wiegt auf Messers Schneide, Nimmt man die Losung nicht vom Augenblick. 28 Cynewulf Es sei. Wir geben Aufschub von drei Tagen. Zu meinem König, der im Purpurzelt Unweit von eurer Markung Hofstatt hält, Soll mich alsbald mein Rappe heimwärts tragen; Und kam ich diesmal einzeln und verstohlen, Um hier nicht Lärm zu schlagen vor der Zeit, Kehr' ich zurück mit reisigem Geleit, Artus des Zehnten Antwort mir zu holen. (Ab durch die Galerie) Siebenter Auftritt Herzog . Jovelin . Kaplan . (Zuletzt) Leibarzt . Jovelin Was nun? Kaplan                 Was nun? Herzog                                 Was nun! So plappern Stare. Wollt ihr den Krieg? Jovelin                         Wir wären viel zu schwach. Kaplan Der Feind uns überlegen hundertfach. Herzog So heißt es zahlen mit der Menschenware! Jovelin Jedoch das Volk . . . 29 Herzog                               Das Volk, ihr wißt's, erträgt Geduldig jedes Opfer, das zum Heile Des Staates ihm sein König auferlegt. Solang er atmet, führen wir's am Seile. Jovelin Doch wenn er nicht mehr atmen wird, was dann? Kaplan Der Sintflut unermeßliches Verderben Brach' über uns herein. Jovelin                             Er darf nicht sterben! Kaplan Der Allbarmherz'ge tut uns das nicht an! Herzog Was greint ihr? Wird euch denn erst heut gewiß, Daß über einem Abgrund wir geackert? Einzig das Flämmchen, das da drinnen flackert, Schürt noch dies Reich vor Grabesfinsternis. Wir aber, mit der Ohnmacht Fluch beladen, Sehn wir nicht lang, wie Rettung oder Tod Sich knüpft an diesen dünnen Lebensfaden, Der plötzlich nun zu reißen droht? Meint ihr, der Feind trieb ein so freches Spiel, Wenn ihm nicht ruchbar wurde sein Erkranken? Was hielt ihn ab, daß er mit Raubtierpranken Nicht längst in unsre Weichen fiel? Welch Bollwerk ist's, das nicht nur ihn erschreckt, Nein, auch vor unsrem eignen Volk uns deckt, Sodaß des Aufruhrs gift'ger Same 30 Bisher nur schadlos wuchert und versteckt? Des Königs Dasein, ja, sein bloßer Name; Der Urzeit Glanz, in ihm sich widerspiegelnd, Die Ehrfurcht vorm Geschlecht, aus dem er stammt, Das Rätsel, das der Neugier ihn verriegelnd Nur heller leuchten läßt sein göttlich Amt. Solch ungeheures Ansehn, dem man glaubt Geschlossen Auges, läßt sich nicht erwerben Von einem ungesalbten Haupt; Man kann es nicht verdienen, nur ererben. Kaplan Ach, wenn nur nicht grad ihm der Erbe fehlte! Jovelin Wenn nicht der letzte, der ihm blutsverwandt, Als Narr verschrieen wär' im ganzen Land! Kaplan Ein Frevel ist's, daß er sich nie vermählte! Jovelin Als hätten wir nicht täglich ihn gebeten: Nehmt Euch ein Weib! Schenkt uns den Königssohn! Herzog Ja, wir, die nicht geboren auf dem Thron, Sind mächtig nur, solang wir stellvertreten. Verschafft ein Knäblein mir, noch lallend kaum, Noch hilflos liegend an der Brust der Amme, Doch echt gezeugt aus Artus' heil'gem Stamme, So halt' ich spielend Volk und Reich im Zaum. Kaplan Ein Knäblein – jetzt? 31 Jovelin                                 Wie soll man . . . Herzog                                                           Einen Erben! Sonst betet, Priester, betet! Kaplan                                   Ach, ich tat's. Leibarzt (kommt schnell von links vorn) Ihr Herrn . . . Herzog (rasch auf ihn zu)                     Nun? Half der Trank? Leibarzt                                               Kein Mittel frommt . . . Kaplan (die Hände faltend) Allgüt'ger! Jovelin (umklammert den Leibarzt, fast weinend)                 Hört, er darf nicht, darf nicht sterben! Leibarzt Ich bin am Ende meines Rats. Sein Blick wird stier; ich fürchte . . . Herzog (drängend)                                   Kommt nur; kommt! (Alle in bestürzter Eile ab links vorn) Achter Auftritt Elinod (die schon kurz zuvor den Kopf spähend durch die Tür im Hintergrund links gesteckt und den Abgang der vier beobachtet hat, tritt, sobald die Bühne leer ist, herein, wendet sich zurück und reicht die Hand) Peredur (der ihr mit verbundenen Augen und tappendem Schritt nachfolgt. – Dann) Sigune . Elinod Das Feld ist rein. Tritt näher! 32 Peredur                                         Wieder Stufen? Elinod (ihn führend) Gradaus. Peredur         Gradaus. Elinod                         Ist dir nicht recht geheuer? Peredur Ei was! Mir graust vor keinem Abenteuer. Nun magst du meinethalb den Teufel rufen. Elinod Den Engel. Peredur                 Umso besser. (An der Binde zupfend) Dumme Binde! Elinod Halt, noch Geduld! Peredur                             Sind wir denn nicht am Ort? Zum mindesten verrat mir durch ein Wort, In welchem Hühnerstall ich mich befinde. Elinod Wart nur! Erfahren wirft du das im Nu. (Sie geht zur Tür rechts Mitte) Peredur (nach ihr tastend) Wo steckst du, Racker? Elinod (hat die Tür geöffnet, ruft hinein mit gedämpfter Stimme)                                     Herrin, nach Befehl: Hier ist er. Sigune (von rechts Mitte erscheinend)                 Peredur! (Sie geht ihm ein paar Schritte entgegen) 33 Peredur                         Ha, meiner Seel', Die Stimme sollt' ich kennen. (Er hascht nach ihr) Blindekuh! Sigune (legt ihm den Finger auf den Mund) Pst! Peredur (nachahmend)       Pst! Sigune (leise zu Elinod)             Sah Niemand . . ? Elinod (leise)                           Niemand. Sigune (leise)                                         Vorm Gemache Des Königs pflanz' dich an die Tür als Wache. Elinod (leise) Sogleich. (Sie geht nach links vorn) Peredur         Was tuscheln sie da miteinander? Sigune (ihr nachrufend) Und warn' uns flink, wenn hörbar wird ein Schritt. (Elinod ab links vorn) Neunter Auftritt Sigune . Peredur . Sigune (auf ihn zu) Nun, Schlingel, komm! Peredur (sie an sich ziehend)   Du glatter Salamander, Der stets, wenn ich ihn fassen wollt', entglitt, 34 Was spielst du für ein Hexenspiel mit mir? Wo bin ich? Sigune (nimmt ihm die Binde ab)                   Sieh dich um! Peredur (gaffend)                     Sankt Cyprian! Sigune Sag, hab' ich gut gehext? Peredur                                     Wo bin ich hier? Sigune So rate doch! Peredur                   Das ist ein feines Haus. Und du – du schaust ja heut so vornehm aus. Bin ich im Zauberschloß der Fee Morgan? Sigune Beinah. Peredur           Wo sonst? Sigune                             Du bist hier im Palaste Des Königs. Peredur             Unsres Königs? Sigune                                       Ja, du Tor. Peredur Ach, Peredur, beim höchsten Herrn zu Gaste? Das kommt mir traun wie ein Mirakel vor. Kein Blendwerk ist's? Kein Zauberspuk dabei? 35 Sigune Von dir bezaubert, übt' ich Zauberei. Peredur Kobold, wer bist du? Sigune                                   Nicht, was ich dir schien. Peredur Und in wie vielerlei Gestalten Wirst du mich fürder an der Nase ziehn? Sigune Wer weiß? Peredur                 Nein, diesmal sollst du nicht entfliehn! Zwei Arme hab' ich, um dich festzuhalten. Sigune So halt mich fest. Peredur                         Die Tochter eines Pächters, So nanntest du dich mir am Rasenhang, Als er zuerst lebendig widerklang Vom Echo deines silbernen Gelächters. Sigune Und die dir im Palast entgegenlacht, Nennt sich Prinzeß. Peredur                         Warum in niedrer Tracht Kamst du zum Fluß, wo meine Herde weidet? Sigune Ich hatte dir zuliebe mich verkleidet. 36 Peredur (mißtrauisch) Ist's wahr? Sigune             Den Zwang des Hofes zu vergessen Und meinem Herzen, das gebietend spricht, Frei zu willfahren. Peredur                     Dürfen das Prinzessen? Sigune Wenn ich es dürfte, tät' ich's nicht. Peredur Wer mit dem Wolfe schön tut, wird gefressen. Sigune So friß mich. Peredur (kalt)           Fallenstell'rin, spar' die Mühe! Schwellt mir die Adern auch nur Bauernblut, Zu deinem Gimpel hin ich mir zu gut. Laß mich inmitten meiner Pferd' und Kühe Und such dir anderswo dein Spielzeug aus! Sigune (ihn zurückhaltend) Du dummer Mann! Zieh nicht die Stirne kraus! Roll' nicht dein schönes Auge, dessen Blitze Mich angesengt mit so behendem Brand, Daß ich für meine Fieberhitze Die Kühlung nur auf deinen Lippen fand!         (Sie führt ihn zum Ruhebett) Komm, setz dich her zu mir! Komm, schling den Arm Um meinen Hals und laß den Durst mich stillen. Peredur Durst hab' auch ich. 37 Sigune (nach einem Kuß)         Meinst du, vor Sehnsuchtsharrn Verschmachtet man um eines Spielzeugs willen? Meinst du, man wagt solch kühnes Stelldichein, Wenn man den Kopf nicht völlig hat verloren? Bevor ich noch dich kannte, war ich dein! Ich lebte zwar, doch lebt' ich nur zum Schein: Erst als dein Blick mich traf, ward ich geboren. Du bist der starke Schöpfer, der mich schuf; Du bist das Licht nach fahlen Dämmerungen! Verachtend ihren Stolz und ihren Ruf Hält Herzog Urgans Tochter dich umschlungen. Peredur (aufstehend) Dein Vater ist . . . Sigune                         Des Königs rechte Hand. Peredur Urgan, der Seneschall? Sigune                                     Kannst du's nicht fassen? Peredur Nun merk' ich wohl, was dir die Zunge band. Sigune Wieso? Peredur           Das ist ein Name, den wir hassen. Sigune Ihr? Wer? Peredur               Das Volk. 38 Sigune                                 Da siehst du's: Wißbegier Soll immer nur verbot'ne Wege schreiten; Denn dort erfährt man tausend Neuigkeiten. Setz dich doch wieder her; erzähle mir! Das Volk haßt meinen Vater? Peredur                                       Ja. Sigune                                               Weshalb? Peredur Man sagt, daß er mitsamt den andern Großen In all das Elend uns hinabgestoßen, Das auf uns lastet wie ein böser Alp. Sigune (belustigt) Haha, dies Elend trägst du klar zur Schau Im frischen Purpur deiner drallen Wangen Und deiner Glieder kraftgedrungnem Bau. Peredur Prinzeß, was weißt denn du? Zwar Grillen fangen War nie mein Weidwerk; schwirren sie herbei, Verscheucht sie meine trällernde Schalmei. Jedoch die mich gelehrt das Rohr zu schnitzen, Ein Roß zu meistern, einen Pfeil zu spitzen, Den Fisch zu schnellen aus der kühlen Flut, Den Bären zu erlegen und die Nester Des Adlers zu bestehlen um die Brut, Wo sind sie hin? Ein Bruder, eine Schwester, Sie dir an Schönheit gleich, er mir an Kraft, Sie wurden von des Herdes Feuer – Ich war ein Kind noch – mit Gewalt entrafft, 39 durchs Los verdammt zu bittrem Sklavenbrod, In Feindesland geschleppt als Menschensteuer, Und Vater, Mutter grämten sich zu Tod. Sigune So hast du niemand mehr von deiner Sippe? Peredur (kopfschüttelnd) Oheim und Vettern zogen aus dem Land Zum gallischen Britannien überm Meer, Nachdem der Angelsachsen siegend Heer Ihr Vieh hinweggetrieben von der Krippe, Ihr Gut verwüstet und ihr Haus verbrannt. Sigune Drum haßt ihr meinen Vater? Was vom Feind Euch Übles ward getan, hat er's verschuldet? Ist dies die Meinung? Peredur                           Ja, das Volk, das meint, Derlei hätt' unser König nie geduldet, Wenn schlimmer Rat ihm nicht den Arm gelähmt. Sigune Den also liebt das Volk? Peredur                                   Warum so lange Hätt' es den aufgestauten Grimm bezähmt Und Not und Schmach erlitten ohne Laut, Als weil es fest auf seinen König baut? Sigune Was wißt denn ihr vom König? 40 Peredur                                             Was im Sange Der Barden klingt; was uralt fromme Mären Und heil'ge Seher von ihm prophezei'n: Der König wird sein armes Volk befrei'n, Der Krone Gold mit neuem Glanz verklären. Er hält sich nur in Einsamkeit gehüllt, Um, wenn das Maß der Zeiten ist erfüllt, Sich doppelt groß und herrlich zu bewähren. Dann, wie der Sonne langersehntes Licht Mit eins durch aufgetürmte Nebel bricht, Wird er die schlaffen Schädlinge verjagen, Die seinen Thron umstehn; mit Schwert und Schild Vorreitend seinem Heer ins Kampfgefild, Des Ahnherrn goldne Rüstung wird er tragen, Der räuberischen Feinde Macht zersplittern Und, wie der Geist der Väter ihm befiehlt, Das Britenreich aus allen Ungewittern Rückführen zu so stolzen Ruhmestagen Wie weiland, als mit nie besiegten Rittern Artus der Große Tafelrunde hielt. Sigune So, Liebling, sieht im Spiegel eurer Sagen Der König aus. Nun aber hör' und staune, Du gläubig Kind, wenn ich ins Ohr dir raune, Wie sehr sein Wesen diesem Traumbild fremd. Der wirkliche, dem auf dem Siechenbette Nun Atemnot die enge Brust beklemmt, Ward nie durch meines Vaters Rat gehemmt; Nie sann er nach, wie er sein Volk errette. Der war von Jugend an ein müder Greis, Ein Weichling, bebend vor dem eignen Schwerte, 41 Ein Zwitter, der den Liebespreis Von keinem Weibe je begehrte; Ein Puppenmann, der nicht einmal im strengsten Absondrungskreise frei die Glieder rührt Und all sein Lebtag nichts im Schild geführt Als essen, trinken, schlafen und sich ängsten. Peredur Und wird uns nie den Weg zum Siege bahnen? Auch nicht in ferner Zukunft? Sigune                                         Nimmermehr. Die goldne Rüstung seines Ahnen, Für ihn, den Enkel, ist sie viel zu schwer. Peredur Unmöglich! Sigune                     Zweifelst du? Peredur                                       Was würde dann Aus uns? Sigune           Wenn's euch erquickt, glaubt weiter dran. Peredur (heftig) Sag niemand, was du mir gesagt! Kein Wort! Ich selber will es tief in mir vergraben. Wer Menschen, die nur eine Hoffnung haben, Um die beraubte, der beginge Mord! Sigune Wie schön des Eifers Glut auf deiner Stirne! Wirf Scheite nach! Laß lodern! 42 Peredur (abschüttelnd)                     Ei, wozu? Sigune Ist doch am ganzen Hof kein Mann wie du. Peredur (in seinen anfänglichen Ton zurückfallend) Und rings im Sprengel gibt es keine Dirne, Die dir das Wasser reicht. Sigune                                   Ja, Peredur, Fortlächeln wollen wir, was quält und irrt. Ich bin nicht mehr Prinzeß, du nicht mehr Hirt. Zwei Kindern gleich auf einer Blumenflur Laß uns die Rosen dieser Stunde pflücken. Peredur Ich will's, und müßt' ich sie dabei zerdrücken. (Er küßt sie auf den Mund) Zehnter Auftritt Vorige . Elinod . (Gleich darauf) Herzog , Jovelin . (Zuletzt) Godo . Elinod (rasch von links vorn) Man kommt! Hinweg! Peredur (sich umsehend)       Wohin denn? Sigune                                                   Folg ihr nur! Peredur Seh'n wir uns wieder? Sigune                                   Bald. 43 (Während Elinod ihn zur Tür Hintergrund links bringen will, treten Herzog und Jovelin von links vorn ein und versperren so den Weg) Herzog (im Auftreten, zu Jovelin, verzweiflungsvoll)                                                 Es gilt das Letzte, Das Äußerste! Elinod (erschrocken haltmachend, flüstert)                       Zu spät! Peredur (zu Sigune zurückgewendet, leise)                                   Was soll ich . . . Sigune (leise)                                               Weile Und fürchte nichts. Herzog (zu Jovelin)         Schickt Boten aus in Eile! Urväterweisheit, töricht unterschätzte, Von Gegengiften, Formeln, Spezerei'n Geht um im Volk. Laßt in die Gassen schrei'n, Wer Mittel wisse zu des Königs Heile, Dem öffne reichster Lohn des Glückes Tor.         (Er bemerkt Peredur, scharf) Was ist das für ein Mensch? Wer ließ ihn ein? Sigune (sich mit Peredur durch einen raschen Blick verständigend) Er kam, mein Vater, deinem Ruf zuvor. Jovelin (der gehen wollte, kehrt um) Wie? Herzog     Dieser . . . Sigune                     Möchte seine Kunst erproben Und bat um Einlaß drum. Mit jedem Kraut, Mit Sprüchen und Beschwörungen vertraut, Hat er manch tödlich Übel schon behoben. 44 Herzog (zu Peredur) Du, Bursche, traust dir zu . . . Peredur                                       Je nun, mir ist bekannt, Wie man die Pest bespricht, den Teufel bannt . . . Herzog (zu Jovelin) Jetzt heißt es blind nach jedem Strohhalm fassen.         (zu Peredur) Folg uns! (Man hört dumpfes Gemurmel von außen her) Godo (durch die Galerie kommend)                 Herr Seneschall . . . Herzog (ungeduldig)                         Was noch? Godo                                                             Die Massen Da drunten fordern ungestüm das Ende Der dumpfen Spannung; ihre Führer pochen Von neuem an die Pforte; fest versprochen Sei noch vorm Abend eine günst'ge Wende. Herzog (aufstampfend vor Ratlosigkeit) Was noch? Was noch? Godo                               Ihr dringlicher Begehr Ist, von Euch selbst die Wahrheit zu ergründen. Jovelin Herzog, das Schweigen hilft nichts mehr. Wir müssen endlich irgendwas verkünden. 45 Herzog Sie sollen warten! (Zu Peredur) Folg mir!         (Er geht zur Tür links vorn, zurückprallend)   Was ist dies? Elfter Auftritt Vorige . Kaplan (und) Leibarzt (treten langsam, gesenkten Hauptes aus der Tür links vorn. Dann) Limors , Geraint . Kaplan (tonlos) Der Himmel schickt's. Wir müssen drein uns fügen. Leibarzt Ich tat, was ich vermocht. Wer darf mich rügen, Wenn Menschenwitz als Stückwerk sich erwies? Jovelin (aufschreiend) Der König . . . ?! Nein! Sagt nein, ich bitt' Euch! Herzog (dumpf)                                                       Tot? Kaplan Nach Gottes unerforschlichem Gebot Hat er zu seinen Vätern sich versammelt. – (Limors und Geraint, die beiden bejahrten Kammerdiener des Königs, erscheinen weinend auf der Schwelle der Tür links vorn, bleiben dort stehen) Leibarzt In dieser treuen Diener Armen schlug Sein Herz den letzten müden Schlag. Herzog                                                 Genug! – Godo, die Türen alle fest verrammelt! Niemand geht ein und aus! (Zu den Frauen) Ihr bleibt! 46         (Zu Peredur, der sich entfernen will)                       Du auch! (Godo verschließt die Tür Hintergrund links und die Kapellentür, geht ab durch die Galerie. – Während Sigune und Elinod rechts vorn stehen, Peredur rechts etwas weiter zurück, tritt der Herzog mit Jovelin, Leibarzt und Kaplan in den Vordergrund links, mit gedämpfter, vor Erregung bebender Stimme) Der Herrscher, Freunde, den nach unsrem Geiste Wir lenkten, ist nicht mehr; sein Thron verwaiste. Doch eh von diesem Schrecknis nur ein Hauch Verderbenschwanger kann nach außen dringen, Laßt uns mit möglichst kaltem Blut den Dingen Ins Auge schau'n. Jovelin (außer sich)       Haha, mit kaltem Blut! Könnt Ihr uns schützen vor des Volkes Wut? Wer soll der Herrschaft Zügel nun ergreifen? Gehorcht man Euch? Gehorcht man Lanzelot? Wird nicht im tollsten Wirrwarr zum Schafott Man uns, die Sündenböcke, schleifen? Herzog (mit Blick nach rechts) Sprecht leiser! Jovelin                 Pah, wenn einem an der Kehle Das Messer sitzt . . . (Godo, von vier Palastdienern gefolgt, ist zurückgekehrt) Godo (fällt vorm Herzog auf die Knie)                                 Herr! Herzog                                     Was denn? Godo                                                         Ich bin alt. Doch sterben möcht' ich noch nicht gar so bald. 47 Limors , Geraint und die vier Diener (gleichfalls knieend) Herr, schirmt uns! Godo (wimmernd)         Glaubt mir, keine Menschenseele Bleibt im Palast lebendig, wenn sie's wissen. Den Haß wird noch verschärfen ihr Verdacht, Wir wären's, die den König umgebracht. Glaubt mir, in Stücke werden wir gerissen! (Der Herzog sieht finster auf die Knieenden, die andern starren entgeistert vor sich hin) Sigune (zu Peredur) Ist's richtig, Peredur? Sind wir verloren? Peredur Ihr und das Volk, das nichts mehr hassen kann. Doch ihr zuerst. Sigune (eindringlich)   So rett' uns! Peredur (mit Entschluß vortretend)   Hört mich an! Durch rechte Kunst wird auch der Tod beschworen. (Alle blicken nach ihm hin) Herzog Wie? Du – du willst . . . Peredur                                   Eh man die Waffen streckt, Wär' etwa noch ein Mittel auszuspüren . . . Herzog Ein Mittel, das ihn wieder auferweckt? Peredur Ja. 48 Leibarzt     Wahnsinn, von Altweibern ausgeheckt! Kaplan An Wunder glauben, heißt schon sie vollführen. Jovelin (zu Peredur) Tu's! Weck ihn, guter Mann! Es soll dein Schade Nicht sein; man wird mit Gold dich überhäufen; Der König selbst wird seine höchste Gnade, Sobald er wieder lebt, aufs Haupt dir träufen. Herzog Komm und versuch's! Peredur                                 Nein, so vermag ich's schwerlich. Mit dem da drinnen ist es wohl vorbei. Herzog Wozu dann deine Prahlerei? Peredur Jedoch dem König, der im Volke lebt, Als Halt und Anker allen unentbehrlich, Für den die Menge drunten bangt und bebt; Dem König, dessen Mantel purpurfarb Euch, uns, das Reich umhegt mit seinen Falten, Dem, scheint mir, läßt das Leben sich erhalten. Jovelin Wieso? Leibarzt           Wodurch? Peredur                           Der ist und bleibt lebendig, Solang ihr selbst nicht aussprengt, daß er starb. 49 Herzog Was heißt das?! Peredur                         Kamt nicht ihr allein ihm nah? Vor allen übrigen verbarg Er sich genau so tief und so beständig, Wie jetzt er sich verbergen wird im Sarg. Muß man, um noch zu glauben, er sei da, Mehr von ihm seh'n, als man bis heute sah? Jovelin Vielleicht . . . Kaplan                     Am Ende . . . Herzog                                         Bursch, du redest klug. Doch bald bemerken würde man den Trug, Da Tag für Tag bisher der König offen In seiner Sänfte sich dem Volke zeigte. Peredur Zurückgelehnt, verdeckt von schweren Stoffen, Rings eingezirkt von seiner Höflingstruppe! Luchsaugen nur gewahrten Wams und Hut Und einen Kopf, der nie sich grüßend neigte. Das könnte, will mich dünken, eine Puppe, Die seine Kleider trüge, grad so gut. Kaplan Wahrscheinlich! Jovelin                         Sicherlich! Peredur                                         Seht, wenn dem Bauer Kein Wächter ist zur Hand, der auf die Dauer 50 Vom frischen Saatfeld ihm die Spatzen scheucht, Dann tut es, ausstaffiert mit Mütz' und Rock, Der erste beste Bohnenstock: Der wirkt und schreckt als wie ein ganzer Mann, Weil allen Spatzen er leibhaftig deucht, Und auf die Spatzen kommt es an. (Von außen her neues, stärkeres Gemurmel) Jovelin (den Herzog beiseite nehmend) Herzog, wir dürfen uns nicht lang besinnen. Kaplan (hinzutretend) Es ist ein Fingerzeig der Himmelsmächte! Leibarzt (ebenso) Kein andrer Weg, dem Unheil zu entrinnen. Sigune (ebenso) Mein Vater, zweifle nicht, er riet das Rechte. Jovelin Welch ein Gewinn, wenn wir nur Zeit gewinnen! Leibarzt Nur bis die nächsten Sorgen sich geklärt . . . Kaplan Nur bis dem Herold Antwort wir gegeben, Der in drei Tagen wiederkehrt . . . Herzog Sei's drum! Der König bleibt vorerst am Leben.         (In die Mitte tretend und das Kreuz des Kaplans ergreifend, feierlich) Ihr alle, Zeugen dieser Schicksalsstunde, Schwört auf dies Kreuz, daß ihr verdammt wollt sein Zu jeder zeitlichen und ewgen Pein, Eh daß ein sterblich Ohr aus eurem Munde, 51 Bis man vom Eid euch löst, ein Wort soll hören, Verratend unsres Königs Tod. Alle                                             Wir schwören. – (Abermaliges Gemurmel) Herzog Godo, den Einlaßheischenden erschließe Die Pforten; zum Empfang sind wir bereit. (Godo ab durch die Galerie) Peredur (zum Herzog) Kann ich nun geh'n? Herzog                           Du bleibst. Peredur                                           Hab' anderweit Auch noch Geschäfte . . . Herzog                                 Wenn man dich entließe, Wer könnt' uns gutstehn, daß du schweigst? Peredur                                                           Mein Eid. Herzog Dein Bleiben gibt uns doppelte Gewähr. Einstweilen wirst du wohlbewacht hier wohnen. Sigune (vielsagend) Und eh du gehst, muß man dich doch belohnen. 52 Zwölfter Auftritt Vorige . (Von) Godo hereingeführt, kommen durch die Galerie) Schaffilor (der eine kleine Harfe umgehängt trägt), Florant , Frimutel , Garel . (Abendrot) Florant Herr Seneschall und all ihr Herrn umher! Des Volkes Angst, bedrohlich angeschwollen . . . Herzog Hört eures Königs Botschaft! Tief bewegt Vom Anteil, den sein Volk für ihn gehegt, Läßt er durch mich erneuten Dank euch zollen, Daß ihr, ob ungleich auch an Sinnesart, Euch um den Thron in gleicher Treue schart. Florant Doch sein gefährlich Siechtum . . . Herzog                                                     Ist gewesen! Geht hin und bringt die Glücksgewißheit allen, Der königliche Kranke sei genesen. Garel Dann sind's auch wir! Herzog                               Und morgen wie zuvor Wird seine Sänfte durch die Straßen wallen. Florant (zu Garel) Auf! Ruft's hinab! Laßt's mächtig widerhallen Aus tausend Kehlen! (Garel ab durch die Galerie) 53 Frimutel                         Barde Schaffilor, Ein Freudenlied! Schaffilor                 Ich hab' es schon erfunden, Und künden soll's, mit Harfenklang vereint: Der König, siegend über jeden Feind, Hat auch die Krankheit glorreich überwunden! (Florant, Frimutel, Schaffilor ab durch die Galerie. – Von außen her frohe Rufe der Volksmenge) Herzog (zu Jovelin, Kaplan und Leibarzt) Was noch zu tun, beraten wir's geschwind! (Er geht mit ihnen zum Ausgang unter dem Altan) Kaplan Hört ihren Jubel! Jovelin                           Besser als ihr Wüten. Herzog (auf Peredur zeigend) Und diesen da . . . Sigune                         Den laßt nur mich behüten. Ich bürge, daß er nicht entrinnt. (Sie tauscht, während die Großen links vorn abgehen, mit Peredur verheißende Blicke) 54 Zweiter Aufzug Dieselbe Dekoration Erster Auftritt Sigune (kommt von rechts Mitte. Gleich darauf) Peredur . Sigune (eintretend, sieht sich um, spricht dann zurück) Hoch steht die Sonne, Liebster. Wir vergaßen Der Zeit. Peredur (eintretend)               Ich wollt', es wär' noch immer Nacht. Sigune Hielt ich nicht Wort? Hab' ich dich nicht bewacht Mit höchster Sorgfalt? Peredur                           Über alle Maßen. Sigune (leiser) In meiner eig'nen Kemenate! Die Fessel meiner Arme war zu dicht; Da konntest du nicht flieh'n. Peredur                                     Und wollt' auch nicht. Sigune (sich an ihn schmiegend) So dank' ich nun die Rettung deinem Rate; So dank' ich meiner Tollheit nun das Glück. Peredur (sie umschließend) Sigune! 55 Sigune         Peredur! Peredur                     Bin ich im Traume? War's gestern, als ich unterm Weidenbaume Die Kühe melkte? Sigune                       Sehnst du dich zurück? Peredur Nur eine Sehnsucht fühl' ich: Immer, immer Zu kosen dieses weiche Wellenhaar, Zu küssen dieser Augen feuchten Schimmer! So stellt' ich mir, als ich noch kindisch war, Die Nixen vor mit Gieren und mit Grauen, Die Nachts dem Fluß entstieg'nen Wasserfrauen, Die sich dem Schläfer auf dem samtnen Moos Unmerklich nah'n, sein Herzensblut zu fangen, Ums Morgenrot entschwindend wesenlos. Sigune Und just wie dich, mit diesen Sonnenaugen, Beschattet von der langen Wimpern Flor, Mit diesem straffen Wuchs und mark'gen Gang Stellt' ich mir die verkappten Helden vor, Die mit den Drachen fechten und den Riesen Und einer Maid aus eines Magiers Zwang Auftun den Weg zu fernen Paradiesen. Peredur Feinsliebchen! Sigune                       Trauter! 56 Peredur                                 Eden war nicht ferne In dieser Nacht. Sigune                     Entfernt es dir der Tag? Peredur Er kam so schnell, daß ich ihm zürnen mag. Sigune Geh, Sonne, fort und schick' dafür die Sterne! Peredur Was jetzt wohl vorgeht? Sigune                                       Wo? Peredur                                             Dort auf der Halde. Die werden mich vermissen, werden denken, Daß ich ertrank im Fluß, daß mich im Walde Der Meister Petz gefressen . . . Sigune                                           Wird sie's kränken? Peredur Ich weiß nicht; aber . . . Zweiter Auftritt Vorige . Elinod . Elinod (kommt durch die Galerie, lebhaft)                                           Herrin! 57 Sigune                                                   Was? Elinod                                                             O, viel Habt Ihr versäumt! Sigune                         Ganz recht; versäumt zu leben! Drum hol' ich's nach. Elinod                             Nein, Euch entging jetzt eben Ein unbeschreiblich Gaukelspiel. Sigune Was gab es? (Heilrufe aus weiter Entfernung, sich wiederholend und nähernd) Elinod                   Hört Ihr nicht das ferne Branden Der Menge? Sigune               Ja. Elinod                   Der König, auferstanden Vom Krankenbett und nicht einmal mehr matt, Nur nach Gewohnheit starr und unbeweglich, Durchzieht zur Stunde wieder wie tagtäglich In seiner Sänfte die getreue Stadt. Der Hofstaat gibt ihm würdig das Geleite; Voll Ehrerbietung weicht das Volk zur Seite, Schwenkt aus den Fenstern Tücher und frohlockt. Sigune (zu Peredur) Schwarzkünstler du, sei stolz! Elinod (zu Peredur)                       Man hat die Suppe Genau nach deiner Vorschrift eingebrockt. 58 Peredur Wer sitzt denn in der Sänfte? Elinod                                               Wer? Die Puppe, Die heute Nacht in hartem Arbeitsjoch Aus Holz und Wachs der Leibarzt hat vollendet. Hätt' er nur halb so viele Kunst gewendet An den Verstorbenen, der lebte noch. Sigune Ob man nicht Argwohn schöpfen wird? Elinod                                                           Bewahre! Denn während Limors und Geraint da drinnen Den Toten hüllten in ein weißes Linnen Und weinend neben seine Bahre Nach altem Brauch die goldne Rüstung stellten, Ward hier sein Schmuck und seine Kleiderpracht Der Puppe zugelegt. In solcher Tracht Kann sie getrost für einen König gelten. Sigune Gottlob! Elinod             Mit Godo trug Herr Jovelin Zum innern Schloßhof sie hinab die Stufen, Und Euer Vater selbst erschien Sich nicht zu vornehm, um ihr dienstbeflissen Emporzuhelfen auf der Sänfte Kissen. – Horcht! Nahe schon und näher klingt das Rufen. Sie kehren heim. Wollt Ihr nicht zum Empfange Mit mir hinab? 59 Sigune                   Nein, geh und laß mich bleiben. (Elinod verständnisinnig nickend, ab Galerie) Dritter Auftritt Sigune . Peredur . Sigune (nach dem Fenster rechts deutend) Geliebter, komm, wir lugen durch die Scheiben!         (Da Peredur unbeweglich bleibt) So stumm? Worüber sinnst du nach, mein Freund? Peredur Je nun . . . Sigune                   Gesteh's! Peredur                               Ich sinne nach, wie lange Das wohl so fortgeht. Sigune                             Was denn? Peredur                                             Daß ich hier, Durch deines Vaters Machtwort eingezäunt, Im Käfig sitze. Sigune                   Bist du nicht bei mir? Peredur Als ein Gefangener! Sigune                                 Den ich umfange. Wird vor der Blumenkette dir schon angst, Kaum daß du selbst sie fester, enger schlangst? 60 Peredur (leidenschaftlich) O du! Wie könnt' ich ihr umrankend Schmeicheln Je noch entbehren! Sigune                         Was entbehrst du? Peredur                                                   Mich! – Der hier sich füttern läßt von dir und streicheln, Das ist ein anderer, das bin nicht ich. Willst du, Prinzeß, geliebt sein von dem echten, Der braucht ein Tagwerk und zum Atmen Raum. Mit Riesen und mit Drachen heiß' ihn fechten; Zum Schoßhund aber taugt er kaum. Sigune Seht mir den Wilden! Dich auf meinem Schoß Zu wiegen, warst du mir zu schwer und groß. Peredur Wenn du mich liebst . . . Sigune                                       Ach, sehr! Peredur                                                     So laß uns fliehn! Sigune Zu deinem Fluß? Man fänd' uns bald. Peredur                                                       Nein, weiter. Sigune Empor zum Lustschloß auf der Himmelsleiter? Peredur Nur fort! 61 Sigune                 Willst nicht ein Weilchen noch verziehn? Ein kleines Weilchen? Peredur                           Wenn du mir versprichst . . . Sigune Nun sind sie da! (Ihn zum Fenster ziehend)                             Blick auf dein Werk hernieder! Da kehrt der König deiner Laune wieder. Mein Vater schreitet feierlichst Voran der Sänfte. Schau die Menschenmassen! Sie schwenkt zum Torweg. Jetzt auf seinem Sitze Gewahrt man den gefeierten Insassen. Peredur Ich seh' den Mantel. Sigune                                 Ich die Nasenspitze. Peredur Genau wie sonst. Es ist kein Unterschied. Sigune Sie winken nach. Verschwunden. Peredur                                                 Hier erscheinen Wird nun dein Vater . . . Sigune                                 Just nach meinem Sinn! Beisammen treff' er uns, damit er sieht, Wie streng dich hütet deine Wächterin. Rasch einen Kuß noch. 62 Peredur (bedenklich)             Aber . . . Sigune                                             Nur noch einen. Vierter Auftritt Vorige . Herzog . Herzog (schnell durch die Galerie eintretend, sieht die Umarmung) Mord, Höll' und Pest! Peredur (leise)                   Da hast du's. Sigune (leise, trotzig)                               Einerlei. Herzog (nach vorn kommend, außer sich) O Frechheit, nicht zu glauben, nicht zu schildern! O Gipfel aller Büberei! Du hergelaufner Wicht hast dich erdreistet . . . Sigune Mein Vater . . . Herzog (zu Sigune)       Schweig! Du wirst sein Los nicht mildern.         (Zu Peredur) Du hast gewagt . . . Sigune                           Denk, was er euch geleistet. Herzog Du, den mit allzu willigem Vertrau'n Wir angehört in einer finstren Stunde, Du namenloser Vagabunde, Vom Wind gezeugt, geboren hinterm Zaun, 63 Du streckst die Hand mit lüsternem Erkühnen Nach Herzogstöchtern? Sigune                               Vater, nein, er war . . . Herzog (zu Sigune) Schweig, sag' ich dir. (Zu Peredur, auf ihn losgehend)                                 Gesell, das wirst du sühnen! Sigune (stritt dazwischen; auflodernd) Ich aber sage dir: krümm' ihm kein Haar! Herzog Wie? Was? Sigune                   Kein Haar! Herzog                                   Die Sprache mir? Ich wüßte Doch wahrlich nicht . . . Sigune                                 Ich hab' es ihm verziehn. Herzog Was jungfräulicher Zorn verdammen müßte?         (Entschlossen) Nein! (Er ruft) Holla! He! Sigune (ihm wieder den Weg vertretend)                                       Du glaubst, daß er mich küßte? Herzog Ich sah's. Sigune                 Du hast geirrt. Ich küßte ihn! 64 Herzog (zurückprallend) Du scherzest?! Oder . . . Sigune                                 Nein, ich mag nicht scherzen! Ich mag nicht heucheln, mag nicht! Meine Wahl War frei wie ich; frei folgt' ich meinem Herzen. Herzog Du küßtest ihn?! Sigune                           Nicht einmal; tausendmal! Herzog Sigune! Das . . . das widerruf! Sigune                                               Mit nichten! Vielmehr mit hellem Jauchzen sei's bekannt, Daß ich, an diesen Trauerhof gebannt, Es endlich müde wurde zu verzichten Und drum das Glück mir aufgriff, wo ich's fand. Herzog Wo fandest du's?! Sigune                             Nicht hier! Nicht hier! Drum lief Ich ihm beschwingten Schritts ein Stück entgegen. Herzog Ha, nun begreif' ich! Nicht des Königs wegen Kam dieser Mensch . . . Sigune                                 Er kam, weil ich ihn rief. Herzog Und blieb . . . 65 Sigune                       Weil du befahlest, daß er bliebe. Herzog (schnaubend) Schamlose! Sigune               Scham? Weshalb? Weil ich ihn liebe? Mag schämen sich, wer etwas Böses tut! Was ich getan, beim Himmel, das ist gut. Herzog (auf sie eindringend) Mißratne, diesem abgefeimten Diebe Hast du . . . Peredur (ritt vor sie)                   Trefft mich, bevor Ihr sie berührt! Herzog Nichtswürdiger Verführer! Sigune                                         Ich verführt? Ich bin ein Weib, kein willenloses Lamm! Ein Weib, das hinter diesen morschen Quadern, Nur weil sie sproß aus herzoglichem Stamm, Man abgesperrt, geknebelt und gezäumt, Uneingedenk, daß auch in ihren Adern Das Blut der Jugend ungebärdig schäumt. Kein Wunder, wenn in erster Glut entglommen Es übersprang die Dämme der Geduld: Der mir gefiel, den hab' ich mir genommen; Mich, mich allein bezichtige der Schuld! Herzog Unselige! War denn in dir kein Funken Von Pflicht und Zucht und Würde deines Stands, Daß gleich dein Blick so tief hinabgesunken? 66 Sigune So tief? Wohin denn sollt' ich höher schau'n? Schläft unsres heimatlichen Adels Glanz Nicht unterm Rasen blutgetränkter Au'n? Sollt' ich für einen Jovelin mich sparen? Erglühn, wenn mich ein Lanzelot begehrt? Abwarten, ob ein fremder Prinz nach Jahren In dies verarmte Land zur Freite fährt? Herzog Dies war noch übrig! Lebt' ich doch im Wahne, Des Kelches Neige hätt' ich schon gekostet! War's nicht genug, daß alle meine Plane Wie Schwerter in der Scheide mir verrostet? Daß ich verdammt war, durch ein Meer voll Klippen Zu schlängeln mühsam dieses Staates Schiff, Das, eh noch meine Hand zum Steuer griff, Schon brüchig war und leck an allen Rippen? Genug noch nicht, daß einzig unterm Schilde Des Königs ich Gehorsam mir erzwang? Daß weder Strenge mir noch Milde Ein Quentchen Ansehn für mich selbst errang? Daß ich zuletzt an der Verzweiflung Rande Die Kluft mit einem Blendwerk überdeckt? Das Ärgste fehlte noch: Der Tochter Schande! Mein Haus entehrt, mein Wappen schmutzbefleckt! Doch nein, zuviel! Ich bäume mich empor. Nicht Unstern wär' es mehr, nein, eigne Sünde, Wenn voll Ergebung ich am Pranger stünde. Dies Brandmal tilg' ich aus! Sigune                                     Was hast du vor? 67 Herzog (ruft) He! Holla! Sigune (eindringlich)       Vater! Herzog                                   Nicht dein Vater mehr, Nur noch der Richter, der nach Fug euch beiden Das Urteil spricht. – Auf Nimmerwiederkehr Aus Schloß und Stadt wirst du noch heute scheiden. Ein Kloster liegt am öden Meeresstrand; Drin wohnen fromme Schwestern, abgewandt Dem Irdischen in ernsten Läuterungen, Mit kurzgeschornem Haar und nackten Füßen, Und ein Gelübde bindet ihre Zungen, Auf ewig stumm zu sein. Dorthin verbannt, Im Schleier sollst du deinen Makel büßen. –         (Auf Peredur deutend) Doch diesen . . . (Er geht nach hinten, zur Galerie, rufend)                           He, Geraint! Sigune (zu Peredur, flüsternd)             Geliebter, sei nicht zag! Peredur O nein. Herzog             He, Limors! Sigune (wie oben)                 Was auch kommen mag, Vertrau' nur mir! Ich werde dich befrei'n Und fliehn mit dir zusammen. 68 Fünfter Auftritt Vorige . Limors . Geraint (durch die Galerie). Herzog (zu den Eintretenden)             Kommt ihr endlich? – Den Hochverräter hier, der aus den Reihn Der Lebenden sich heute selbst verstieß Durch eine Missetat unnennbar schändlich, Werft in des Turmes unterstes Verlies! – Zieht eure Schwerter! Packt ihn! Limors , Geraint (zitternd)                 Nach Befehle. Herzog Weswegen zaudert ihr? Peredur                                   Weil's ihnen graust. Sie sehn, auf jedes Schwert kommt eine Faust, Die fahren könnt' an ihre Memmenkehle. Herzog Greift zu! Peredur (mit lachendem Spott)                     Seid unbesorgt; ich tu' euch nichts. Herzog Verschließt ihn dreifach! Hinter festem Gitter Wart' er des hochnotpeinlichen Gerichts. Hinweg! (Peredur, mit Sigune einen letzten Blick wechselnd, wird von Limors und Geraint durch die Tür Hintergrund links abgeführt. –.Herzog zu Sigune)                 Geh, rüste dich! Statt dieser Flitter Ein Kleid leg' an, das deine Reu verkündigt, 69 Und auf die Bußfahrt folge dir allein Die Kammerfrau, die hehlend mitgesündigt.         (Da Sigune stumm abgehen will) Wie? Nicht um Gnade flehst du? Sigune                                             Nein. (Ab rechts Mitte) Sechster Auftritt Herzog . Jovelin , Kaplan , Leibarzt (die schon kurz zuvor in der Galerie, lebhaft unter einander sprechend, sichtbar geworden sind, bemerken jetzt den Herzog und kommen nach vorn) . Jovelin Herzog, glückauf! Herzog (seine Verstimmung zu bemeistern suchend)                                 Ihr blickt ja sehr vergnüglich. Kaplan Warum auch nicht? Wir haben trift'gen Grund. Leibarzt Der König war noch nie so kerngesund. Kaplan Nie so gefeiert. Jovelin                       Alles geht vorzüglich. Leibarzt Man singt bereits im ganzen Stadtgebiet Des Barden Schaffilor Genesungslied. Kaplan Kein Blitz mehr zuckt; kein Leviathan dräut. 70 Jovelin Die Donnerwolke wich dem klarsten Wetter. Leibarzt Auch ich ward nie so warm begrüßt wie heut. Jovelin (zum Leibarzt) Ihr geltet offenbar als Lebensretter. Herzog Ihr meint, geraume Zeit noch sei die List Aufrecht zu halten? Kaplan                         Ja, dem Himmel Dank, Das meinen wir. Leibarzt                   Die Puppe wird nicht krank. Jovelin Was heut so trefflich glückte, glückt auch morgen Und Jahr und Tag. Kaplan                       Wenn hier kein Judas ist . . . Jovelin Die Unsern schweigen ihres Kopfes halber. Leibarzt Nur dieser fadenscheinige Quacksalber . . . Herzog Der plaudert nicht; vor dem sind wir geborgen! Jovelin So frag' ich: Bleibt nicht alles dann beim alten? Ihr führt des Königs Siegel; wir verwalten 71 Das Amt, das wir von ihm zu Lehn bekamen, Und lenken unbehindert wie bisher In seinem Auftrag und in seinem Namen Das Reich nach unserm Willen und Begehr. Herzog Wenn in der Tat ein leerer Nebelschimmer Das Volk in Furcht und Glauben hält . . . Jovelin Der Popanz lebt, solang es uns gefällt. Leibarzt Und sterben lassen können wir ihn immer. Kaplan Kurzum, uns darf zu Mut sein wie Erlösten. Jovelin Und nicht wie gestern, stockend und verstört, Brauch' ich des Volkes Sprecher zu vertrösten, Die wieder drauf bestehn, daß Ihr sie hört. Nur warten hieß ich sie. Herzog                               Weshalb? Jovelin                                             Zum Zwecke, Jedweden Zweifel zu entkräften Am bündigen Bescheid, der König stecke Bis an den Hals mit uns in Staatsgeschäften. Herzog Laßt sie herein. Jovelin (geht zur Galerie, gibt dort ein Zeichen) 72                             Nicht absehn kann ich zwar, Aus welchem Anlaß bei sotanen Dingen . . . Kaplan Sie werden uns des Volkes Glückwunsch bringen. Siebenter Auftritt Vorige . Florant , Frimutel , Garel , Schaffilor (durch die Galerie). Florant Herr Seneschall, von wuchtiger Gefahr Aufatmend, hat das Volk uns abgesendet . . . Herzog Bevor Ihr Eure Rede noch vollendet, Vernehmt, wie froh das Herz des Königs schwoll, Als bei der heut'gen Runde so begeistert Ihm seiner Hauptstadt Gruß entgegenscholl. Er hat der Krankheit letzte Spur bemeistert Und fühlt bis zur Verjüngung sich erquickt. Frimutel Ja, wer den rechten Augenpunkt erhaschend Sein Antlitz in der Sänfte hat erblickt, Der fand sein blühend Aussehn überraschend. Herzog So hofft er, daß die treuen Untertanen Zufrieden sind . . . Florant                       Das eben sind sie nicht. Herzog Wie? 73 Florant         Dringend lassen sie durch uns ihn mahnen An die Erfüllung einer heil'gen Pflicht. Herzog (stirnrunzelnd) Ihn mahnen? Also wiederum die Krittler; Die Nörgler wieder! Florant                         Nein, das ganze Land. Die laute Forderung, als deren Mittler Man zu des Thrones Stufen uns entsandt, Kennt weder Zwiespalt noch Parteiengeist, Und vor den schlimmsten Folgen muß uns bangen, Wenn diesem starken, stürmischen Verlangen Des Königs Ohr gepanzert sich erweist. Herzog Was fordert man vom König? Redet offen, Statt daß Ihr länger uns mit Rätseln quält. Florant Man fordert, daß der König sich vermählt. Herzog (verblüfft) Ah! – (Er tauscht einen Blick mit den Höflingen) Garel (zu seinen Begleitern, leise)           Merkt ihr wohl? Sie sind verwirrt, betroffen . . . Herzog (sich fassend) Seit wann, zuwider allem Recht und Brauch, Bemengt mit Dingen sich des Volkes Wille, Die nur in tiefster Herzensstille Den König selber angehn? 74 Florant                                   Nein, uns auch! Denn daß er uns durch sein beharrlich Zaudern Mit einem ew'gen Schreckgespenst beschwert, Das hat mit kaum noch überwundnen Schaudern Uns dieser Tage Folterpein gelehrt. Schon malte man der Hölle ganzen Graus Im Geiste sich mit grellsten Farben aus: Das Volk im Bürgerkrieg, das Reich in Scherben, Wenn – was zum Glück uns diesmal blieb erspart – Der Herrscher ohne Leibeserben Antreten würde seine Himmelfahrt. Doch jetzt, nachdem er sich – dem Herrn sei Lob – Gestärkt, verjüngt vom Siechenbett erhob, Jetzt zeigt ein innres Licht uns klar und scharf, Daß Friede, Wohlfahrt, Zukunft von uns allen Nicht fürder auf zwei Augen ruhen darf. Der Löwe schaff' uns junge Löwenbrut, Dieweil mit ihm nicht soll zu Grabe wallen Der Artus-Enkel unersetzlich Blut. Zu seines Volks wie zu des Throns Gewinn Mög' es dem König endlich drum gefallen, Zu küren eine Königin. Herzog Den Bogen überspannt ihr, gute Leute, Durch solchen Ton; doch will ich immerhin Vorm König eures Wunschs bei günst'ger Zeit Erwähnung tun. Florant                   Herr, mit Verlaub, noch heute. Denn sehnlichst wird erwartet sein Bescheid. 75 Herzog Ihr wagt, ihn so zu drängen? Florant                                           Nein, nicht ihn. Jedoch . . . Herzog             Jedoch . . . Florant (nach einem Blick aus seine Begleiter)                                   Man denkt – ich sag's Euch redlich – Der Hofstaat woll' es in die Länge ziehn. Herzog Wieso?! Florant             Denn längst schon, eurem Rufe schädlich, Begann im Volk ein Zischeln sich zu regen, Nur darum sei der Fürst noch unbeweibt, Weil ehrbegier'ger Ziele wegen Man seine Heirat planvoll hintertreibt. Garel , Schaffilor Jawohl, so ist's. Jovelin                   Unglaublich! Kaplan                                       Unerhört! Florant Ihr Herrn, wenn dieser Argwohn euch empört, So könnt ihr heut' ihn bündig widerlegen. Des Königs Ja wird wie mit Sturmgewalt Ihm aller Herzen tausendfach verbünden; Des Königs Nein wird einen Brand entzünden, 76 Dem ihr zum ersten Opfer fallt. Deshalb . . . Herzog               Genug! Wir drehen unsre Taten Nicht nach der Volksgunst schwankem Flatterwind. Der Herrscher herrscht; wir dürfen ihn beraten, Doch nimmermehr ihn gängeln wie ein Kind. Frei spreche sein Entschluß! Florant                                     Wann aber laßt Ihr den uns wissen? Herzog (sie verabschiedend) Wenn er ihn gefaßt. (Florant, Frimutel, Garel, Schaffilor ab durch die Galerie) Achter Auftritt Herzog . Jovelin . Kaplan . Leibarzt . Herzog (nach einer kleinen Pause stummen gegenseitigen Anblickens) Jetzt ist das Wort an euch, ihr Neunmalweisen! Ihr, die so lustig in die Luft gebaut, Schickt euren Popanz nun geschwind auf Reisen, Damit er Umschau hält nach einer Braut. Jovelin Verdammt! Leibarzt                 Man könnte . . . Kaplan                                           Wenn man nur . . . 77 Herzog                                                                       Die Spinne Sitzt fest im eignen Fangnetz. Jovelin                                       Etwa so: Der König, der ja stets die Weiber floh, Erklärt, verschworen hab' er jede Minne . . . Herzog Wähnt Ihr, man werde diesem Spruch sich beugen? Leibarzt Antworten wird man, so befürcht' ich fast: Nicht girren soll er, sondern Kinder zeugen. Kaplan Und seine Weigrung legt man uns zur Last. Herzog Ja, wieder droht nach kurzer Sorgenrast Das Unheil, das wir schon besiegt geglaubt, Und nicht auf Beistand haben wir zu zählen, Wenn Haß und Aufruhr schnappt nach unsrem Haupt. Jovelin (energisch) So hilft es nichts, wir müssen ihn vermählen. Herzog (spöttisch) Recht einfach! Jovelin                   Selbstverständlich nur zum Schein. Herzog Doch ohne Weib kann auch ein Fürst nicht frei'n. 78 Leibarzt Und ohne Mann wird stets das Beste fehlen: Aus dieser Ehe wüchse keine Frucht. Jovelin Dann trügen wenigstens nicht wir den Schaden. Dafür mit einem Vorwurf uns beladen, Das könnte nicht einmal die Lastersucht. Kaplan Nein, Freunde, just in solchem Fall begab Sich oft ein Wunder, und ich möchte wetten, Wenn wir die Königin erst hätten, Der König würde Vater noch im Grab. Herzog (von einem Gedanken erfaßt) Die Königin . . . Jovelin                     Hier eben steckt der Knoten. Aus welchem Grunde sollt' ein Weib von Stand, Verzichtend auf ein wirklich Eheband, Sich knüpfen uns zu lieb an einen Toten? Herzog Die Königin! Jovelin                     Wo sucht man sie? Herzog                                                 Vielleicht Kann ich sie finden. Jovelin , Leibarzt , Kaplan                               Wie?! 79 Herzog                                   Bringt mir die Sprecher Zurück! Jovelin         Warum? Herzog                       Noch unterwegs erreicht Ein hurt'ger Bote sie. Jovelin                           Was plant Ihr? Herzog (drängend)                                 Flink! Führt sie zunächst in eins der Vorgemächer: Der König selber lädt sie zu verweilen. Jovelin So hegt Ihr Hoffnung . . . ? Herzog                                         Dankbar ihrem Wink Will er dem Volk alsbald Bescheid erteilen. (Jovelin, Kaplan, Leibarzt kopfschüttelnd ab durch die Galerie) Neunter Auftritt Herzog . (Gleich darauf) Sigune , Elinod . Herzog (geht erregt auf und ab) Vielleicht, vielleicht ist dies der Weg zur Macht! – Ich will . . . (Er geht nach rechts, hält inne)                   Nur Vorsicht! – (Lauschend) Schritte? – Ja, sie naht. (Er setzt sich schnell links vorn. – Sigune und Elinod, die ihr weinend ein Bündel nachträgt, von rechts Mitte; beide sind in härenen Gewändern. – Herzog, scheinbar unbefangen) Wohin, Sigune? 80 Sigune (langsam weitergehend, mit gespielter Demut, tonlos)                         Den gewies'nen Pfad Beschreit' ich in der anbefohlnen Tracht. Herzog Wart noch. (Zu Elinod) Laßt uns allein! Sigune (Elinod rasch zuflüsternd)                       Dies all' ist Spiel, Du Törin! Morgen sind wir weit entronnen. (Elinod ab rechts Mitte) Herzog Hast du kein Abschiedswort? Sigune (tonlos)                                 Mich ruft mein Ziel. Mir zugehörig sind nur noch die Nonnen. Herzog Und dir verwehrt dein überstolzes Herz, Um Linderung der Strafe mich zu bitten? Sigune Ich habe nur, was mir gebührt, erlitten, Und ohne Klage wall' ich heimatwärts. Herzog Doch wenn ich selbst nach ruhigem Erwägen Jetzt milder dächte . . . Sigune                               Meines Frevels Schwere Läßt das nicht zu. Herzog                       Wenn ich erbötig wäre, Dein Schicksal ganz in deine Hand zu legen? 81 Sigune Mein Schicksal? Welches meinst du? Herzog                                                       Ja, vernimm: Ich will des harten Bannspruchs dich entheben, Will niederschluckend meinen Gram und Grimm Dir deine Schuld und meine Schmach vergeben; Hier sollst du weilen dürfen, mir gesellt; Kein kränkend Wort soll deinen Stolz gefährden . . . Sigune Und ich – was alles hätt' ich zum Entgelt Zu tun? Herzog         Nur eins: die Königin zu werden. Sigune Du spottest mein. Herzog                           Des Britenkönigs Weib, Das man im ganzen Land mit lautem Schalle, Damit der Thron nicht unbeerbt zerfalle, Ihm an die Seite ruft. Sigune (sich wieder zum Gehen wendend)                                 Leb' wohl. Herzog                                             Nein, bleib! Sigune Ich ehrte deinen Zorn; doch deinem Hohne Halt' ich nicht stand. 82 Herzog                           Ein Freund, ein Vater sprach! Drum, eh' du wählst, Sigune, sinne nach: Für Klostermauern biet' ich dir die Krone, Den Purpurmantel für den Nonnenschleier. Statt unterm Dornenkranz will ich den Flecken Auf deiner Ehr' in Myrtenlaub verstecken. Gereinigt wirst du gehn vom Scheinaltar Und sicher obendrein, daß dieser Freier Nie forschen wird, ob er der erste war. Sigune Und wenn trotz alledem er mir mißfällt? Denkst du von deiner Tochter denn so niedrig, Als ob, den Schein zu retten vor der Welt, Mir kein Behelf zu schlecht, kein Spiel zu widrig? Den Lebenden sogar hätt' ich verschmäht, Wenn er von falschem Selbstvertraun gebläht Mir seine Zitterhand hätt' angetragen, Und glauben kannst du, nun das Herz ihm stockt, Daß mich ein Mann aus Holz und Wachs verlockt? Herzog Grad' mit dem Toten kannst du's ruhig wagen. Der fordert nicht, daß du gefügig seist; Dem mußt du keinen Liebeszoll entrichten: Es ist ein bloßer Name, den du freist, Und Ehren wirst du haben ohne Pflichten. Erhöht zur Frau des größten Herrn im Reich, Bleibst du doch Herrin deiner selbst zugleich. Was auch für Launen deine Stirn durchblitzen, Die Puppe nickt zu jedem Wunsch ein Ja, Und höchstens in der Sänfte hie und da Wirst du bejubelt ihr zur Seite sitzen. 83 Sigune Und magst du schwelgerischsten Überfluß An Prunk und Glanz und Herrlichkeit verheißen, Was ist mir dieses Füllhorns prahlend Gleißen, Wenn einsam dürstend ich verschmachten muß? Wenn ich der Ehe heilig holden Sinn Entweihen soll als Gattin ohne Gatten Und nur umarmt von eines Schattens Schatten Schon auf dem Brautbett Witwe bin? Nein, wahrlich, lieber, als mich zu vermählen Mit einem König, der nicht lebt, Will ich den Himmelsbräutigam erwählen! (Sie wendet sich abermals zum Gehen) Herzog (sie zurückhaltend, dringlicher) Sigune, hör', was auf der Wage schwebt! Ein Thron, ein Land, ein Volk, ein ganzer Staat, Verdienen sie nicht eine Rettungstat, Selbst wenn sie deinem Fühlen widerstrebt?         (Kopfschütteln Sigunens) Wie? Du verneinst? Und wenn ich nun dir sage: Mein eigen Leben liegt auf dieser Wage; Heil oder Untergang! Sigune (aufmerksam)         Dein eigen Leben? Herzog Zu kaum geträumter Gipfel Sonnenluft Vermag dein Jawort mich emporzuheben, Und deine Weig'rung stürzt mich in die Kluft. Begreifst du? Sigune                 Jetzt gewiß. 84 Herzog                                 Drum für das Wehe, Das auf des Vaters Busen du gewälzt, Halt nun ihn schadlos! Sigune                             Wohl denn, es geschehe. Herzog (auf sie zu, freudig) Hab' Dank! Sigune (abwehrend)                   Doch nur, wenn du mich schadlos hältst. Herzog Wie? Sigune         Jetzt bei dir das Schicksal von uns beiden! Herzog Was immer du begehrst . . . Sigune                                           Für viel nur wenig. Dir zu gefallen will ich untertänig Mein Herz und Antlitz vor der Welt verkleiden, Will tragen eines Abgeschiednen Ring, Und nicht gereizt von andern Gegengaben Stell' ich nur einen einzigen Beding. Herzog Sprich! Sigune             Meinen Hirten will ich wieder haben. Herzog Wen? 85 Sigune           Ihn, der meinethalb im Turmgemäuer Des letzten Stündleins harrt. Herzog                                     Du rasest! Sigune                                                       Nein. Gib mir in ihm, der meiner Seele teuer, Die warme Wahrheit zu dem frost'gen Schein! Herzog Ich soll . . . O Wahnsinn, Wahnsinn! Sigune                                                       Zum Ersatz Will ich ihn haben, zum verdienten Lohne, Drum gönne neben meinem öden Throne Dem Günstling meines Herzens einen Platz. Herzog Sag: deinem Buhlen! Sigune                                 Nein, ich will ihn hegen Mit kirchlichem und väterlichem Segen. Herzog Mir schwindelt! Sigune                         Einzig diese Doppelwahl Umschließt für dich und mich des Glückes Keim: Die Puppe sei nach außen mein Gemahl, Und er in aller Stille sei's daheim. Herzog Der Bettler, aus dem Kehricht aufgelesen! 86 Sigune O nein, gefunden auf des Lebens Höh'n; Denn was der König nie gewesen, Das ist der Bettler: jung und stark und schön. Herzog (schreiend) Niemals! Ich duld' es nicht! Sigune                                     So war's entschieden. Leb' wohl. Herzog             Du gehst? Sigune                             Ich geh' den Weg zum Frieden. Herzog Halt! Noch ein Wort! Er soll von dannen ziehn, Frei, straflos und mit Schätzen reich beladen . . . Sigune Umsonst! Ich will das Kloster oder ihn. Herzog Fühllose, nur bedacht auf meinen Schaden! So stößt mich in den Staub mein eigen Kind! Sigune Nicht ich! Du selber, deinem Vorteil blind. Zu nützen dacht' ich dir durch solchen Bund! Wer darf der Schuld mich zeihn, wenn deine Härte Die Bahn des Heiles dir wie mir versperrte? Herzog Des Heiles?! 87 Sigune                     Oder sag', aus welchem Grund, Zu welchem Ziel erhebt man rings im Land So lauten Anspruch, daß der König werbe? Herzog Weil . . . Sigune               Weil, wenn ich zuvor dich recht verstand, Dem Thron geboren werden soll ein Erbe. – Wie? Herzog   Ja. Sigune         Nun also! Herzog                       Doch . . . Sigune .                                       Und ich – ich soll Auf diesem leeren Thron zur Schau mich stellen, Um, wenn mein Volk zu mir erwartungsvoll emporblickt, seine Sehnsucht schnöd zu prellen? Herzog Bedenk . . ! Sigune                   O, nichts mehr hab' ich zu bedenken. Dem Puppenmann such' eine Puppenbraut! Werd' aber ich zur Königin getraut, Dann will ich meinem König Söhne schenken Von so gesundem, wetterfestem Schlage, So wangenrot und kernhaft und erlaucht, 88 Daß ihrer sich im Hünensarkophage Sein großer Ahnherr nicht zu schämen braucht. Herzog (mit sich kämpfend) Ich . . . Zehnter Auftritt Vorige . Limors , Geraint (durch die Tür Hintergrund links). Limors       Herr, was Ihr befohlen, ward vollführt. Geraint Der Schurke sitzt im allertiefsten Kerker, Mit Ketten und mit Stricken dicht umschnürt. Limors Und wär' er stark wie Simson, ja, noch stärker, Nun schreckt er nicht einmal den Rattentroß, Der mit ihm speisen wird aus gleicher Schüssel. Geraint Wir legten hinter ihm ein dreifach Schloß Ans Eisengittertor. Limors (dem Herzog einen großen, rostigen Schlüssel überreichend)                             Und dies der Schlüssel. Sigune (mit Betonung) Ja, dies der Schlüssel, Vater! Herzog (den Schlüssel Limors zurückgebend)                                             Nehmt ihn wieder; Löst von den Fesseln des Gefangnen Glieder Und führt ihn . . . 89 Sigune                         Führt ihn höflichst hier herauf, Euch überbietend in Entschuldigungen. Herzog (zu den Beiden, die ihn anstarren) Ihr hörtet! (Limors, Geraint ab Hintergrund links) Elfter Auftritt Herzog . Sigune . (Gleich darauf) Jovelin , Kaplan , Leibarzt . Sigune (sich dem Herzog nähernd)                 Vater! Herzog (abweisend)       Laß! Sigune                               Von Dank durchdrungen . . . Herzog Man dankt einander nicht für einen Kauf. (Jovelin, Kaplan, Leibarzt kommen durch die Galerie zurück) Jovelin (im Auftreten) Herzog, die Sprecher . . . Herzog                                 Kommt! Es ist gelungen. Jovelin Was denn? Kaplan                 So habt Ihr . . . Herzog                                         Kommt heran und schaut! 90 Leibarzt Ihr fandet Herzog                   Ja. Jovelin                       Wär's möglich? Herzog                                               Hier die Braut. Jovelin Prinzeß, Ihr wollt . . . Herzog                                 Mein Kind, mein Augenstern Hat sich zu dieser edlen Tat erboten. Kaplan Wohl Euch, Prinzeß! Ihr bringt dem Vaterlande Ein großes Opfer dar. Sigune                             Ich bring' es gern. Jovelin Und dennoch in so düsterem Gewande? Sigune Aus Trauer um den heißgeliebten Toten. Herzog Geh, meine wackre Tochter, dich zu kleiden, Wie's einer Braut geziemt. (Sigune ab rechts Mitte) 91 Zwölfter Auftritt Herzog . Jovelin . Kaplan . Leibarzt Jovelin (ihr nachsehend)               O, welch Juwel Habt Ihr in dieser Tochter! Leibarzt                                 Ohne Hehl, Ihr toter Bräutigam ist zu beneiden! Kaplan In jedem Sinn ist nun sein Haus bestellt, Und friedlich darf er liegen in der Truhe, Wenn er am selben Tag zur ew'gen Ruhe Bestattet wird, an dem er Hochzeit hält. Herzog Ruft mir die Sprecher! (Leibarzt geht zur Galerie und winkt dort) Jovelin                                   Ja, nun Saus und Braus, Um rasch den Mund zu stopfen allen Schreiern! Man braucht nur jeden Tag ein Fest zu feiern; Dann kommt man mit dem Pack vortrefflich aus. Dreizehnter Auftritt Vorige . Florant , Frimutel , Garel , Schaffilor (durch die Galerie) Herzog (den Eintretenden entgegen) Ihr treuen Bürger, nur damit ihr seht, Wie jeglichem Begehren seiner Briten Das Ohr des Königs allzeit offen steht, 92 Trug er uns auf, euch nochmals herzubitten. – Vernehmt, was ich an seiner Statt euch melde. Florant In Ehrfurcht lauschen wir. Herzog                                         Wie auf dem Felde Die Saat, wenn reicher Tau vom Himmel fließt, Urplötzlich in die Halme schießt, So hat in unsres höchsten Herrn Gemüte Die Knospe, die darin seit langem sprießt, Dank eurem Wunsch sich aufgetan zur Blüte. Florant So will der König . . ? Herzog                                   Was er längst gewollt; Nur zarte Scheu bewog ihn zur Verschweigung: Hat ihm doch sie, der seine Seele hold, Erst heut bekannt, sie teile seine Neigung. Florant Der König liebt?! Herzog                           Vom jungen Glück berauscht, Befahl er, ungesäumt euch kundzugeben, Daß mit der Auserkornen er soeben Den Schwur der Treue feierlich getauscht. Florant O Freudenbotschaft! Schaffilor                           Trifft nicht wunderbar Nun ein, was stets ich harfend prophezeite? 93 Herzog Schon in zwei Tagen will er ihr zur Seite Hintreten an den bräutlichen Altar. Garel O herrlich! Frimutel             Wonnig! Herzog                             Zwar nach seiner Weise, Die nur im stillsten sich gefallen mag, Besteht er drauf, sich auch am Hochzeitstag Streng abzuschließen im vertrauten Kreise. Doch wünscht sein gütig Herz darum nicht minder, Daß, um zu mehren dieses Tages Glanz, Von ihm bewirtet seine Landeskinder Durch Kurzweil jeder Art, Gesang und Reigen, Turniere, Schmauserei'n und Mummenschanz Ihm seine Lust im hellsten Spiegel zeigen. Florant Herr, dröhnen soll davon das Firmament! Jedoch verzeiht, wenn länger nicht bezähmbar Ein fragend Wort auf unsern Lippen brennt: O sprecht, wer ist sie, deren Zaubermacht Das spröde Fürstenherz, das uneinnehmbar Gewappnet schien, so hold zu Fall gebracht? Wer ist die Benedeite, wer die Reine, Mit Adel, Reiz und Tugend so geschmückt, Daß ihr der Siege köstlichster geglückt? Herzog Des eig'nen Landes Tochter und die meine, Emporgeblüht an seinem Hof und Herd, Nach Rang und Stand und Abkunft seiner wert. 94 Frimutel , Garel Juchheisa! Herzog (auf Sigune deutend, die eben eintritt)                 Nehmt an ihrem Glück ihr teil, Dann vor ihr selber könnt ihr's nun bezeugen. Vierzehnter Auftritt Vorige . Sigune (reich gekleidet, von rechts Mitte). Florant (zu seinen Begleitern) Ja, huldigend laßt uns die Kniee beugen! Heil unsrer künft'gen Landesmutter! (Er kniet) Frimutel , Garel , Schaffilor (kniend)         Heil! Sigune Erhebt euch! Schaffilor               Engelsgleiche Königsbraut, Der Barden Vorrecht ist's von Urbeginne, Zu singen mit beschwingtem Harfenlaut Von hehren Jungfrau'n und von keuscher Minne. Drum allen andern eil' ich weit voraus Und trage gottbegeistert, Euch zum Ruhme, Die Mär', welch eine selt'ne Wunderblume Der König auserkor, von Haus zu Haus. (Schnell ab durch die Galerie) Kaplan Doch euch, bevor auch ihr von hinnen geht, Entbiet' ich, uns zu folgen zur Kapelle, Damit ein brünstig Dankgebet Für diese Fügung, die so wundersam All unser Hoffen krönt, zum Himmel schwelle. 95         (Alle, außer Sigune, folgen ihm. Auf den Stufen zur Kapelle wendet er sich nach ihr um) Prinzeß – und Ihr? Sigune                         Was ich dem Himmel schuldig, Bald hol' ich's nach; jetzt aber ungeduldig Erwartet mich mein hoher Bräutigam. Fünfzehnter Auftritt Sigune (wartet, bis sie allein ist; dann geht sie mit triumphierendem Ausdruck auf die Tür Hintergrund links zu. Gleichzeitig wird diese von außen geöffnet. Limors und Geraint erscheinen auf der Schwelle und fordern) Peredur (der hinter ihnen sichtbar wird, mit einem tiefen Bückling zum Eintritt auf, dann ziehen sie sich zurück). Peredur (im Eintreten) Was heißt denn das? Erklärt mir . . . Sigune (mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu)   Peredur! Peredur Sigune! Sigune               Du bist frei, bist mein! Dich küssen, Dich halsen darf ich, ohne fliehn zu müssen. Peredur Und ich . . . ? Sigune                         Und du mich wieder! Peredur                                                       Sag mir nur . . . Sigune (zärtlich) Geliebter! Peredur           Eben noch in Haft und Banden . . . 96 Sigune Und jetzt für allezeit mein süßer Mann. Peredur Jedoch dein Vater? Sigune                               Der ist einverstanden. Peredur Daß wir . . . Sigune                     Er segnet uns. Peredur                                         Begreif's, wer kann. (Von außen her haben Heilrufe begonnen, die bis zum Schluß anschwellen) Sigune Hörst du? Das Volk ruft Heil. Peredur                                           Mir ist, als tobten Sie toller noch als gestern. Sigune                                   Ja, fürwahr! Peredur Wem gilt denn dieser Jubel? Sigune                                             Den Verlobten. (Orgelspiel in der Kapelle) Peredur Und dieser Orgelklang? Sigune                                       Dem hohen Paar. 97 Peredur Wer ist verlobt? Sigune (sich an ihn schmiegend) Mein Liebling, kannst du fragen? Dem jungen Königspaare jauchzt man zu. Verstehst du? Peredur               Nein. Sigune                         Die Krone werd' ich tragen, Und mein geheimer König – der bist du! 98 Dritter Aufzug Dieselbe Dekoration Die ganze Halle ist mit Bannern und Blumengewinden festlich ausgeschmückt. Der Vorhang der Galerie ist geschlossen Erster Auftritt Godo (und) Elinod (einen Korb neben sich, sind beschäftigt, an den Schmuck der Kapellentür die letzte Hand zu legen, indem sie eine Rosenguirlande befestigen). Kaplan (sieht zu. Dann) Herzog , Jovelin . (Später) Leibarzt . (Während dieses Auftrittes hört man von Zeit zu Zeit aus der Tiefe herauf das dumpfe Geräusch grabender Schaufeln) Kaplan So recht. (Zu Elinod) Und jetzt noch Rosen ausgestreut Mit voller Hand! Hier Rosen auf die Schwelle Und Rosen auf die Stufen zur Kapelle. Noch mehr! Wir dürfen, da wir uns gebaren, Als ob ein König Hochzeit fei're heut, Am allerwenigsten mit Rosen sparen. Elinod (die seiner Weisung gefolgt ist, zeigt ihm den Korb) Der letzte Korb ist leer. Es blieb im Garten, Hochwürdigster, kein Beet, kein Strauch verschont; Nun müssen wir auf neue Schossen warten Zum Schmuck des Brautgemachs im Honigmond. Kaplan (ihr väterlich die Wange streichelnd) Schon gut, mein frommes Kind; es ist genug. 99 Herzog (kommt durch den Vorhang der Galerie) Geordnet steht im innern Hof der Zug! Kaplan, seid Ihr bereit? Kaplan                             Durchaus bereit, Euch mit dem Herrscherhause zu verschwägern. Herzog So winke, Godo, nun den Sänftenträgern.         (Godo ab durch die Galerie) Und meine Tochter? Elinod                           Schon im Hochzeitskleid. Herzog Bescheidet sie hierher! (Ihr nachrufend) Sie soll sich sputen. (Elinod mit dem Korb ab rechts Mitte) Jovelin (ist in freudiger Erregung durch den Vorhang der Galerie eingetreten, wirft einen Mantel ab) O, welch ein Tag, ihr Freunde! Welch ein Tag! Die Stadt ein aufgescheuchter Taubenschlag, Die Straßen überschwemmt von Menschenfluten. Vermummt schwamm ich hindurch, um zu erlauschen, Wie schon des Fests Erwartung sie verzückt; Kein Antlitz, dem nicht Frohsinn aufgeprägt, Kein Haus, von dem nicht heit're Wimpel rauschen; Sogar der Armut Hütten reich geschmückt! Soweit mich mein Gedächtnis rückwärts trägt, Hat nimmer solche Lust geherrscht im Reiche, Und . . . (Er horcht auf) Welch ein Dröhnen, wie aus tiefer Kluft? Kaplan Geraint und Limors graben für die Leiche Das Grab da drunten in der Ahnengruft. 100 Jovelin (beruhigt) Ach so. – Kurz, schwerlich wird uns alsobald Ein solcher Tag zum zweitenmal beschieden. Herzog Deshalb, noch eh' das Eisen wieder kalt, Mit wucht'gem Hammer müssen wir es schmieden. Laßt nur den Festlärm sich zum Taumel steigern, Zum Rausch, der jeden Widerstand erstickt: Heut kann das Volk dem König nichts verweigern, Auch wenn er ihm die schwerste Prüfung schickt. Drum . . . Leibarzt (kommt verstört von links vorn)               Seneschall, vernagelt ist der Sarg. Herzog Was habt Ihr denn? Ihr wankt. Leibarzt (sich niedersetzend)                 Ach, mich verwirrte Ein Hirngespinst. Als ich den Toten barg Im engen Schrein, erschien mir's just, als klirrte, Jawohl, als klirrte was in meiner Nähe, Und wie mit leichtem Schreck ich aufwärts spähe, Da war es mir – lacht mich nur aus! – mir war, Als ob, von inn'rem Leben plötzlich rege, Die goldne Rüstung drohend sich bewege. Jovelin (scherzend) Der Geist des großen Artus offenbar. Herzog Seltsam! Kaplan             Ihr träumtet. 101 Herzog                               Niemand ist gefeit Vorm atemraubenden Umfassen Der stets gespenstigen Vergangenheit; Doch uns wird sie fortan in Frieden lassen, Da wir noch heut mit kräft'gem Ruck und Stoß Abschütteln werden ihre starre Klammer, Den Sarg verwahrend in der Erde Schoß, Die goldne Rüstung in der Rumpelkammer. Und nun . . . Zweiter Auftritt Vorige . Sigune (im Brautschmuck, von rechts Mitte). Elinod (folgt, ihr die Schleppe tragend). Sigune                 Hier bin ich, Vater. Jovelin                                             Zauberbildnis, Das uns mit überird'scher Glorie blendet! Leibarzt Die Fee Morgan erschien aus ihrer Wildnis. Kaplan Ein lichter Seraph ward herabgesendet. Herzog (zu Sigune) Wohlan! Das Hochzeitspaar dem Volke zeigend Soll nun der Brautzug abgemess'nen Schritts Die Stadt umwandeln. In die Sänfte steigend, Rechts von der Puppe nimmst du deinen Sitz. Der Sänfte folgt vom höfischen Geleit Nur der Kaplan, damit nicht vor der Trauung 102 Des Herrscheramts gewohnte Weltlichkeit Ablenke von der göttlichen Erbauung. Leicht hast du's, alle Herzen zu gewinnen; Da sich dein starrer Bräutigam nicht rührt, So giltst du schon, wenn du nur huldvoll blickst, Ein wenig lächelst und ein wenig nickst, Als liebenswürdigste der Königinnen. Sigune Genau nach deiner Vorschrift sei's vollführt. Erst aber möge diesem edlen Kreis Kund werden mein Entschluß, den du gebilligt: Ja, wißt, als ich in dieses Spiel gewilligt, Gab ich mein schönstes Recht nicht preis, Mein Frauenrecht, zu lieben und zu leben. Denn weil ein Ehemann, der leider starb Am Tag, bevor er um mich warb, Auf Treue keinen Anspruch kann erheben, Und weil's mir nicht genügt, vermählt zu scheinen, Drum soll die Kirche heut zur gleichen Frist Mich nebenher mit einem Mann vereinen, Der zweifelsohne noch lebendig ist. Jovelin Vortrefflich! Leibarzt                   Wundervoll! Jovelin (auf Sigune zutretend)           Prinzeß, ich muß Zu diesem vielversprechenden Entschluß Euch meinen unbegrenzten Beifall schenken. Leibarzt (ebenso von der andern Seite) Der Glückliche, dem solch ein lockend Amt Ihr anvertraut, wird sich nicht lang bedenken. 103 Jovelin Es müßt' ein Mann sein, dessen Herz erkenntlich Und leidenschaftlich Euch entgegenflammt. Sigune Fraglos. Leibarzt           Ein Mann, der Euch so ganz unendlich Ergeben war' und bliebe wie kein zweiter. Sigune Gewiß. Jovelin           Der überdies als Eingeweihter Verschwiegenheit verhieße. Sigune                                     Selbstverständlich. Leibarzt Dann darf ein so beschaffener Mann wohl hoffen . . . Jovelin Dann wird Euch sicherlich die Wahl nicht schwer. Sigune Nein; denn ich habe sie bereits getroffen. Jovelin So nennt ihn uns! Leibarzt                         Ja, sagt, wer ist es? (Elinod hat auf einen Wink Sigunens die Tür rechts Mitte geöffnet, Peredur erscheint auf der Schwelle) Sigune (auf Peredur zeigend)                           Der! (Elinod ab rechts Mitte) 104 Dritter Auftritt Vorige (ohne Elinod). Peredur . Jovelin (zurücktaumelnd) Wie?! Leibarzt (ebenso)           Was?! Sigune                 Den Helfer, der in Todesgrauen Den rechten Weg zur Rettung euch empfahl, Erwähl' ich mir zum heimlichen Gemahl. Mit ihm soll mich der Priester heute trauen. (Sie schreitet auf Peredur zu und reicht ihm die Hand, während die Höflinge links abseits um den Herzog eine Gruppe bilden) Kaplan (zum Herzog) Das billigt Ihr?! Herzog                   Wer auf ein großes Ziel Hinsteuert, wäge Kleines nicht zu kleinlich; Und da der Mensch ihr nun einmal gefiel . . . Jovelin Sie tat, bei Licht beseh'n, sehr klug daran: Für einen halbwegs wohlgebor'nen Mann Wär' eine solche Stellung doch zu peinlich. Leibarzt Ja, der Gespons zu sein zur linken Hand, Erheischt ein starkes Maß von Selbstbegnügung. Kaplan So freu'n wir uns, daß dieser da sich fand Als schlichtes Werkzeug einer höhern Fügung.         (Er geht auf Sigune zu) 105 Prinzeß, wir müssen uns der Allmacht neigen, Die so beredt aus Eurem Willen spricht. Herzog (zu Sigune) Doch nun vor allem denk' an deine Pflicht! Sigune O ja, nun werd' ich in die Sänfte steigen. (Jovelin hat den Vorhang der Galerie aufgezogen. Dort steht die Sänfte, deren vordere geöffnete Tür von Godo gehalten wird. Sigune zu Peredur) Auf Wiedersehn, mein Liebster. (Sie geht schnell nach hinten, spricht in die Sänfte hinein, zu der für die Zuschauer nicht sichtbaren Puppe)                                                 Hoher Gatte, Hier bin ich, Eure Braut und Eure Magd. Der Platz, den Eure Huld mir gab zu eigen, Scheint mir so hehr, daß ich ihn nur verzagt Und zitternd einzunehmen mir gestatte. (Sie steigt in die Sänfte. Godo ist ihr behilflich, schließt die Tür hinter ihr, winkt dann in die Kulisse. Gleichzeitig beginnt drunten eine heitere Musik. Vier Träger eilen herbei, fassen die Sänfte und tragen sie ab durch die Galerie. Der Kaplan schreitet würdevoll hinter ihr her. Die zurückbleibenden Höflinge machen tiefe Verbeugungen. Sigune wirft aus dem Sänftenfenster Peredur verstohlene Kußhände zu. Kurze Zeit darauf hört man von unten lautes Freudengeschrei, das sich, ebenso wie die Musik, allmählich entfernt) Vierter Auftritt Herzog . Jovelin . Leibarzt . Peredur . Herzog (mit Jovelin und Leibarzt nach links vorn gehend) Die Saat ist reif! Jovelin                     Nun wohl, Herr Königsschwäher, Laßt uns beraten, ob . . . Peredur (ist ans Fenster vorn rechts getreten, schaut hinaus)                                       Ein hübsches Fest. 106 Jovelin (auf Peredur deutend) Der tut schon wie der Fink in seinem Nest. Leibarzt Was fängt man mit ihm an? Herzog (zu Peredur)                         He, du, tritt näher! Peredur (sich umwendend) Wer? Ich? Herzog             Ja, du. Peredur (treuherzig)       Hier bin ich, Euer Gnaden. Herzog Hm, reden wir nun einmal frei und frank. Peredur Top, reden wir! Das kann gewiß nichts schaden. Herzog Du bist nun gleichsam hier – wie soll ich sagen – Du bist am Hof gelitten. Peredur (mit Kratzfuß.)           Schönen Dank. Herzog Da muß das Ding doch einen Namen tragen. Peredur Was für ein Ding? Herzog                             Nun, daß du hier zugegen. 107 Peredur Kann nicht in einer und derselben Hürde Man vielerlei geduld'ge Schafe hegen? Herzog Du wirst belehnt mit irgend einer Würde . . . Peredur Herr, macht Euch keine Mühe meinetwegen. Herzog Man sprengt zum Beispiel aus, daß deine Kunst Den halb schon aufgegeben König heilte . . . . Leibarzt (protestierend) Unmöglich! Herzog (nach einem mißbilligenden Blick fortfahrend)                   Und aus ganz besond'rer Gunst Er dir dafür den Ritterschlag erteilte. Jovelin Den Ritterschlag?! Herzog (auffahrend)           Wer hat hier zu bestimmen? Ihr oder ich? Leibarzt             Wenn Ihr mein Amt besetzt . . . Jovelin Wenn's gar so billig wird, emporzuklimmen . . . Herzog Der König, merkt's euch, ist mein Eidam jetzt! Peredur (begütigend) Ihr Herrn, ich bitt' euch . . . 108 Herzog                                     Wahrlich, wir ernannten Schon manchen bei geringerem Verdienst!         (Zu Peredur) Der König, dem du dessen würdig schienst, Befördert dich zu seinem Leibtrabanten, Zu seinem Truchseß, Mundschenk oder . . . Peredur                                                           Nein, Laßt ab davon! Ich müßte mich verlachen Und Ihr vielleicht Euch selber obendrein, Wenn Ihr den Bock zum Gärtner wolltet machen. Ein hergelaufner Mensch, ein Vagabunde, Vom Wind gezeugt, geboren hinterm Zaun, Der könnte so viel Ehre nicht verdau'n Und bleibt am besten hübsch im Hintergrunde. Laßt mich im Dunkel nur, dem ich entstammte, Und seid gewiß, mein Ehrgeiz plagt Euch nie. Vollauf zufrieden bin ich mit dem Amte, Das Eurer Tochter Liebe mir verlieh. Leibarzt Sehr wohl gesprochen. Jovelin                                     Ja, durchaus vernünftig. Herzog Doch wenn man stetig hier am Hof dich sieht? Peredur Herr, niemand soll mich seh'n, nicht heut noch künftig. Just wie der König, der von hinnen schied – Obgleich ich sonst ihm gar nicht ähnlich bin – Will ich versteckt mich halten vor den Leuten 109 Und auch für Euch nichts anderes bedeuten Als den geheimen Mann der Königin. Herzog Nun ja, das läßt sich hören; aber . . . (Geräusch von draußen) Jovelin (aufhorchend)                                   Still! Herzog Was? Jovelin         Lauscht nur! Herzog                             Schwatzend wartet im Gedränge Man auf des Zuges Rückkehr. Jovelin                                         Nein, so schrill, So wenig festlich klang es . . . Leibarzt                                       Lärm der Menge, Der klingt bald so, bald so. Fünfter Auftritt Vorige . Godo (durch die Galerie) . Godo                                       Herr Seneschall . . . Herzog Was gibt es? Godo                       Bis zu meines Tores Pfosten Drang einer bösen Märe Widerhall. Herzog Nun? 110 Godo           Boten aus den Dörfern gegen Osten, Herbeigestürmt in atemloser Eile, Verwandeln rings die laute Lust in Zittern. Herzog Was melden sie? Godo                             Daß kaum noch eine Meile Von hier entfernt auf staubumhülltem Pfad Mit einem stattlichen Gefolg von Rittern Der Angelsachsenherold prunkend naht. Jovelin Schon jetzt?! Leibarzt                   Er ist nicht säumig. Herzog (Godo entlassen)                           Mag er kommen! Godo Ach, Herr . . . Herzog                     Was noch? Godo                                         Noch habt Ihr nicht vernommen, Welch' Angstgerücht von Mund zu Munde schwirrt. Herzog So sprich! Godo                   Der Herold habe sich gebrüstet, Daß er die Menschensteuer fordern wird. Peredur (näher tretend) Die Menschensteuer?! 111 Herzog (zu Godo)               Geh! Wir sind gerüstet. (Godo ab durch die Galerie) Sechster Auftritt Herzog . Jovelin . Leibarzt . Peredur . Jovelin Den Teufel auch! Man hat es zwar gewärtigt; Und doch . . . Herzog                 Seid unbesorgt. (Ein Pergament hervorziehend)                                             Auf diesem Blatt Hab' ich des Königs Aufruf schon gefertigt, Und augenblicks erfahre drauf die Stadt, Daß er noch einmal ohne Widerstreit, Weil nie des Friedens köstlich Gut zu teuer Erkauft kann werden, die verfall'ne Steuer Dem Nachbarreich entrichten wird. Peredur (mühsam seine Erregung bezähmend) Verzeiht . . . Verzeiht, ihr Herrn! Ich habe wohl nicht recht Verstanden? Jovelin               Was will der? Peredur                                 Auf diesem Blatte, Da steht, so hoff' ich, daß der nimmersatte Landräuber sich zum letzten Mal erfrecht, Von unsern Vätern, Müttern als Tribut Zu fordern ihr leibhaftig Fleisch und Blut, Und ihm die Lust vergällt soll werden heute, 112 Den König anzuschau'n wie seinen Knecht Und Kinder dieses Volks wie seine Beute! Herzog Wer fragte dich, vorlauter Schwäger? Störe Die Staatsgeschäfte nicht! Verlaß uns jetzt!         (Zu den Höflingen) Noch eh' der Herold . . . (Zu Peredur, der sich nicht rührt)                                       Hörst du nicht? Peredur                                                       Ich höre. Herzog Dann tu', was dir befohlen. Peredur                                         Wenn jedoch Was andres draufsteht . . . Jovelin                                   Wie? Du zögerst noch? Peredur Dann bleib' ich, bis ihr dieses Blatt zerfetzt In tausend Schnitzel! Jovelin                           Wahrlich, das ist heiter! Leibarzt Sein Glück stieg ihm zu Kopf. Jovelin (höhnisch)                                 Hast du vorhin Nicht selbst uns kundgetan, daß du nichts weiter Hier sein willst, als der Mann der Königin? 113 Leibarzt (ebenso) Der Mann im allereigentlichsten Sinn? Peredur Ganz recht, ihr Herrn. Doch wenn vor Freund und Feind Der König, dessen Weib sie scheint , An Wunden kaum vernarbt und nie geheilt, Soll rühren wie mit einem Feuerbrande; Wenn hier gewürfelt wird um Ehr' und Schande Des Thrones, den die Königin nun teilt; Wenn hier sich's fragt, ob sie fortan für jeden, Der heut' sie froh begrüßt und ehrfurchtsvoll, Mitschuldig eines Frevels werden soll, Dann hat ihr Mann ein Wörtchen mitzureden. Leibarzt Das fehlte noch! Jovelin (schadenfroh)         Nun, Herzog? Herzog                                                 Ich bin starr!         (Zu Peredur) Wie kannst du wagen, ausgemachter Narr, Den reiflichen Beschluß der Kronberater Zu hemmen mit verwirrtem Redeschwall? Weißt du nicht, wer ich bin? Peredur                                     Mein Schwiegervater. Herzog Ich, Herzog Urgan, ich, der Seneschall, Ich, der ich wachend über Wohl und Wehe Des Reiches hier anstatt des Königs stehe, Verbiete dir kraft meiner Amtsgewalt, Uns deine Gassenweisheit auszukramen. 114         (Mit gebieterischer Gebärde) Geh! (Zu Jovelin, ihm das Pergamentblatt reichend)         Jovelin, tragt Sorge, dies alsbald Bekannt zu geben in des Königs Namen. Peredur (in den Weg tretend) Und in des Königs Namen sag' ich: Halt! Herzog Was – du?! Peredur                 Jawohl, ihr Herrn, die Zeit ist um, Da sich der König regungslos und stumm Drein fügte, wenn ihr hinter ihn verkrochen, Vorschützend seines Willens Machtgebote, Nur euren eignen Willen ausgesprochen. Jawohl, er lehnt sich auf; er widerstrebt! Aus diesem Blatt, euch folgsam, spricht der Tote; Ich aber sprech' im Namen deß, der lebt; Im Namen deß, der herzhaft auferstand, Um heute, da sein Hochzeitstag erschienen, Den Ruhmeskranz, den man voraus ihm wand, Durch seine Taten endlich zu verdienen; Im Namen deß, den schreiend um Erbarmen Die Not aus tiefem Winterschlaf geweckt; Im Namen deß, zu dem mit tausend Armen Sich seines Volkes letzte Hoffnung streckt; Im Namen deß, der frei vom Erdenstaube Nur noch als Leitstern auf uns niederstrahlt, Nur als das lichte Bildnis, das der Glaube Mit frommen Farben sich von ihm gemalt. Ja, dieser hebt nun seinen Herrscherstab Auch über euch, des Throns bewährte Stützen, Und ich, der ihm das Leben gab, Will ihn, will meinen König vor euch schützen. 115 Herzog (mehr und mehr verblüfft) Mensch, wer – wer bist du?! Jovelin                                       Fragt Ihr noch? Ein Schüler Der allerschlimmsten Meuterer und Wühler, Gedungen als ihr Werkzeug . . . Peredur                                           Weit gefehlt! Der Zufall hat zum Werkzeug mich erwählt: Blind, wie er selbst, nicht ahnend wo und wie, Hab' ich als einer aus dem großen Haufen Von ungefähr mich hier ins Schloß verlaufen, Geradewegs von meinem Weidevieh. Noch vor drei Tagen hütet' ich die Herde, Und wie sich jeder Nerv in mir gespannt, Damit kein Wolf, kein Geier sie gefährde, So hüte, dacht' ich, unser Fürst sein Land. Doch nun zerriß vor meinem Blick der Schleier; Nun red' ich, wie mein sehend Aug' es heischt, Weil ich nicht dulden will, daß Wolf und Geier Mein hirtenloses Vaterland zerfleischt. Jovelin Droht uns der Wicht? Herzog (mit gespielter Sicherheit) Weshalb noch hört Ihr ihn Und zögert, meinen Auftrag zu vollzieh'n? Die Macht ist unser, und er soll's erfahren! Drum unbeirrt . . . Peredur (dringlicher)       Habt acht, ihr Herrn, habt acht! Sie steht auf schwanken Füßen, eure Macht. Ihr morscher Zügel war' euch schon entschlüpft, 116 Hätt' ich ihn nicht noch einmal festgeknüpft. Zwar schwor ich, das Geheimnis zu bewahren; Jedoch ich tat noch einen andern Schwur. An jenem Tage, da vor fünfzehn Jahren Dem allzu treuen Volk die gleiche Schmach, Die heut ihr wollt erneuern, widerfuhr; An jenem Tage, da der Schergenschwarm Auch in die Hütte meiner Eltern brach, Ihr Liebstes ihnen reißend aus dem Arm, Um über die verbrannten, kahlen Steppen Des Höllenzinses Opfer fortzuschleppen, Und mir vor Augen von der Hügelkante Mein kaum noch mündiges Geschwisterpaar Den letzten fleh'nden Blick zur Heimat wandte, Da ließ mein Vater mich, so klein ich war, Mit hochgehobner Schwurhand ihm versprechen, Am Feinde, der dies Land zum Sklavenmarkt Herabgewürdigt, einst, wenn ich erstarkt, Des Bruders und der Schwester Los zu rächen. Ihr seht, ihr Herrn, auch dieser Schwur ist heilig; Drum seid gewarnt, bevor ihr übereilig Mich einen von den beiden zwingt zu brechen. Jovelin (schreit) Verrat! Verrat! Hört ihr's, er plant Verrat! Der Weg, den tückisch er als Rettungspfad Uns anpries, führt in eine Mördergrube! Peredur Wenn ihr Verrat am König übt, ja, dann Üb' ich Verrat an euch! Herzog (schäumend, zieht sein Schwert)                                   Versuch' es, Bube! Versuch's! Du bist in unserer Gewalt. 117 Peredur Das wird sich zeigen! Herzog                                 Zweifelst du daran? Nur einen Schritt, so liegst du stumm und kalt, Von diesem Stahl durchbohrt, hier auf den Dielen! Peredur Und Eure Tochter? Steckt nur wieder ein! Ihr wißt ja doch, um welchen Preis allein Sie sich entschloß, die Königin zu spielen. Jovelin Um diesen schwerlich! (In der Galerie erscheinen die vier Träger wieder mit der Sänfte, gefolgt von Kaplan, Limors, Geraint, stellen sie hin und gehen gleich wieder ab) Peredur (nach hinten sehend)       Fragt sie selbst! Hier kehrt Sie just zurück von ihrem Hochzeitszuge. Fragt, ob sie sich dem ausgeputzten Truge Noch schweigend fügt, wenn mich man schweigen lehrt. Jovelin Ja, fragt sie, Herzog, ob die Niedertracht Sich hinter ihren Röcken soll verschanzen! Siebenter Auftritt Vorige . Sigune r(entsteigt mit Hilfe des) Kaplans (der Sänfte, diese wird von Limors und Geraint auf einen Wink des Kaplans durch die Tür Hintergrund links fortgetragen). Herzog (dringlich) Sigune . . . Sigune (nach vorn kommend)                 Stiller kommt, als wir gedacht, Mein Brautzug heim. Mit Jauchzen, Fiedeln, Tanzen 118 Umscholl der Festlärm anfangs meine Bahn, Zum Jubelsturme wachsend, als ich sachte Nachhelfend meine Puppe nicken machte; Doch dann . . . Kaplan (erläuternd)   Die Kunde von des Herolds Nah'n . . . Sigune (auf Peredur zugehend) Zur Trauung also! – Liebster, komm! Herzog (tritt ihr in den Weg)                       Geduld! Willst du dich einem Rasenden vermählen? Sigune Wie? Herzog       Dieser Mensch, kaum daß ihn deine Huld Emporgezogen, wagt uns zu befehlen, Dem Hof ins Antlitz schleudernd Schimpf und Hohn! Jovelin Verraten will er uns! Leibarzt                             Durch frevles Drohn Will er die Herrschaft aus der Faust uns winden! Sigune Mein Freund, ist's wahr? Peredur                                     Für mich begehr' ich nichts; Ich sprach für dich. Im Schatten deines Lichts Unsichtbar, unerkennbar zu verschwinden, Ist aller Ruhm, nach dem ich lüstern bin. Ich sprach für deinen König, Königin, 119 Und jetzo sprich du selbst, ob du gewillt, Zu schau'n, daß man im Adlerflug ihn hemme; Ja, sprich, ob er, der als dein Gatte gilt, Ein Held soll heißen oder eine Memme. Jovelin (zu Sigune) Hört Ihr's? Sigune (sich an die Höflinge wendend)                 Was will er? Jovelin (reicht ihr das Pergament)                                   Diesen Aufruf hindern. Leibarzt Uns zwingen, daß wir unsern Überwindern Den durch Vertrag uns auferlegten Zoll Mit jähem Friedensbruch versagen. Herzog In einen mörderischen Krieg uns jagen. Kaplan Verhüt' es Gott! Sigune                         Das freilich wäre toll. Peredur Sigune . . . Herzog                   Wenn ich nicht bereuen soll, Daß diesen Störenfried von deinen Gnaden, Dem weder Zucht noch Ehrfurcht innewohnt, Um deinetwillen ich bisher geschont, Dann, meine Tochter, steure nun dem Schaden, Bevor . . . 120 Sigune             Ihr Edlen, nehmt ihr's gar so schwer? Hat Jugendglut euch niemals fortgerissen? Den überlaßt nur mir! Wie solch ein Bär Gezähmt wird, glaub' ich etwa noch zu wissen. Herzog Du haftest uns für ihn. Sigune                                   Lenkt eure Schritte Getrost zum Schloßaltan, und in die Wogen Der Menge ruft nach alter, heil'ger Sitte, Artus des Zehnten Trauung sei vollzogen. Herzog (greift nach dem Pergament in ihrer Hand) Doch diese Schrift . . . Sigune                               Behalt' ich hier. Herzog                                                     Weswegen? Sigune Das Siegel meines Gatten ist darin. Wem eher ziemt es, als der Königin, Dem Volk des Königs Ratschluß darzulegen? Herzog Du wirst . . ? Sigune                     Ja. Herzog                         Wann denn? Sigune                                             Beim Empfang der Sprecher. 121 Herzog Ich halte dich beim Wort. (Er geht mit Jovelin, Leibarzt und Kaplan ab durch die Galerie) Achter Auftritt Peredur . Sigune . Sigune (sich ihm nähernd, mit zärtlichem Vorwurf)                                               Ei, sag', was fiel Dir bei, du höchst gefährlicher Verbrecher? Ich find' an unsres Hoffens kühnstem Ziel Dich mit dem ganzen Hofstaat im Gefechte . . . Peredur Sigune, ja, du flochtest nicht zum Spiel Den Kronreif dir ins Haar! Ein kostbar Pfand Für deine jungen Herrscherrechte, Frei schaltend hältst du's hier in eig'ner Hand. Nun wirst du deinem Kämpfer dich verbünden Und als dein erstes Wort herab vom Thron Dem Volk des Königs echten Ratschluß künden, Nicht den gefälschten hier! Sigune                                   Du machst mich staunen. Hab' ich doch einen bessern Liebeslohn Von dir erwartet. Peredur                     Wie? Sigune                               Sind dies die Launen, Dies die verliebten Sorgen, die der Braut Am Hochzeitstag ein Freier anvertraut? 122 Peredur Die Stunde drängt! Wenn du mich liebst . . . Sigune                                                                     Fürwahr, Du Böser, das verriet ich allzu deutlich Von neuem dir, als ich der Sänfte bräutlich Entstieg, mit dir zu schreiten zum Altar. Auch deine Wange, glaubt' ich, werde glüh'n Von eitel Glück, dein Aug' in hellem Schimmer Mir keinen andern Wunsch entgegensprüh'n, Als daß uns Priesterspruch vereint für immer; Und du . . . Peredur             Jetzt gilt es einem größren Werke: Mit welchem Vorsatz nahmst du dieses Blatt? Sigune (das Pergament beiseite legend) Nichts mehr davon! Peredur                         Antworte mir! Sigune                                                 Ich merke, Du bist schon vor der Hochzeit meiner satt. Peredur Niemals erschienst du mir begehrenswerter. Sigune Und blickst so kalt mich an? Und stehst so weit? Peredur Zwei Willen kreuzen sich wie blanke Schwerter: Erst wähle deinen Platz in diesem Streit! 123 Sigune Berufen warst du nicht, ihn zu beginnen. Peredur Berufen, ihn zu enden, bist nun du. Sigune Gedenkst du gar, mit mir ihn fortzuspinnen? Peredur Weich mir nicht aus! Sigune                                 Setz mir nicht länger zu! Peredur Dein Vater oder ich! Wem folgst du? Rede! Sigune Dir folg' ich, führst du mich ins Brautgemach; Doch folg' ich ihm, wenn er sich sträubt, ein Reich, Das ohne König ist und mürb und schwach, Gestürzt zu seh'n in hoffnungslose Fehde Durch eines Tollkopfs wilden Torenstreich. Peredur Schwach sind des Reiches Häupter; doch die Seele, Das Volk, ist stark! – Zerreiß dies Blatt . . . Sigune                                                             Mir scheint, Auch mir erteilst du nun Befehle? Peredur Zerreiß es! Sigune                   Träumst du? 124 Peredur                                     Mittendurch entzwei! Du zögerst? Sigune               Wahrlich, das ist Raserei. Peredur Tu's! Sigune           Nein, o nein, so war es nicht gemeint! So nicht, als ob ich darum jede Schranke Nach freier Wahl des Herzens überschritt, Daß kaum erwählt mein Trautgesell zum Danke Als mein Gebieter mir entgegentritt. Ich, zum Gehorsam nicht geschaffen, mahne Dich zur Vernunft, und hoffe, du begreifst, Was für ein Wahn . . . Peredur                             Du selber warst im Wahne, Wenn du geglaubt, ich tanze, wie du pfeifst. Sigune Vergaßest du, wie hoch zu mir empor Ich dich gehoben? Peredur                     Traun, am Schilfgestade Kam just ich hoch genug mir vor; Und du, so deucht mir, stiegest nicht aus Gnade Die vielen Mal hinab zu meinem Fluß: Wo zwei sich Liebe spenden, Lieb' erwidern, Da gibt es kein Erheben, kein Erniedern; Denn Gleichheit stiftet schon der erste Kuß. Sigune (will ihn unterbrechen) Jedoch . . . 125 Peredur             Und weil man nicht im Schloß mich zeugte, Wie dich . . . Sigune (stärker)     Jedoch . . . Peredur                                 Drum eben wär's verrucht, Falls ich auf Kosten jener dir mich beugte, Aus deren Mitte du mich ausgesucht. Sigune (heftig) Jedoch . . . Peredur           Tu, was ich dir gesagt! Sigune                                               Erbittre Mich nicht zum Grimm! Peredur                               Fach nicht den meinen an! Sigune (weicht unwillkürlich zurück) Du Werwolf, meinst du, daß ich vor dir zittre?         (Fast weinend) Ich bin die Königin! Peredur                         Und ich dein Mann. Du wolltest nicht in Weichlingsarmen ruh'n; Du wolltest einen Mann; du hast ihn nun. Sigune Noch bist du's nicht! Noch nicht! Peredur                                                 Wie du beschließest. Ich drängte mich nicht auf, du wirst's gestehn: 126 Ich kam hierher, weil du mich holen ließest, Und reut's dich – gut, so werd' ich wieder geh'n. Sigune (erschreckend) Du willst . . . Peredur               Jawohl, wenn dir die Lust gebricht, Dich einem festen Griff und Sinn zu fügen, Dann mußt du mit der Puppe dich begnügen: Die nickt, so oft es dir beliebt; ich nicht. Sigune So geh' doch! Geh'! Peredur                             Leb' wohl. Sigune                                               Ist's denkbar? Wird Es dir so schmählich leicht, mich zu verlassen? Peredur Ja, Königin, ich werde wieder Hirt. (Er wendet sich zum Gehen) Sigune Bleib, sag' ich dir! Peredur                           Was willst du noch? Sigune                                                           Dich hassen! Peredur Drum rufst du mich zurück? Sigune                                             Dich martern, töten! Peredur So rettet nur die Flucht mich. 127 Sigune                                               Hör' noch! Peredur                                                               Nein. Sigune Fliehst du, spring' ich durchs Fenster hinterdrein. Peredur (zurückkommend) Warum gehorchst du nicht? Sigune                                     Der Unmensch fragt! Soll ich vorm Vater, soll vorm Hof erröten, Weil ich getan, was würdig einer Magd? Peredur Je nun, wenn's lieblicher dir klingt, Sag, daß du's nicht getan, jedoch gelitten.         (Er geht auf das Pergament zu) Gib! Sigune (es schnell ergreifend)       Niemals! Nie! Will sehen, wer mich zwingt! Peredur Ich! (Er entwindet es ihr nach kurzem Kampf und zerreißt es) Sigune (aufschreiend)               O! – Godo (kommt durch die Galerie, meldet)                       Des Volkes Abgesandte bitten . . . Sigune (wütend, zu Peredur) Wart nur! (Zu Godo)                 Führt sie herein! (Godo ab durch die Galerie) 128 Peredur                                   Bescheidentlichst Muß dein geheimer König nun verschwinden; Sein Ohr jedoch wird hören, was du sprichst. (Er verbirgt sich, für die Zuschauer sichtbar bleibend, hinter der Gardine der Tür links vorn) Sigune Auch ohne Schrift werd' ich die Worte finden . . . Peredur (bedeutsam) Ich harre! Neunter Auftritt Vorige . (Durch die Galerie kommen rasch) Herzog , Jovelin , Kaplan , Leibarzt ; (kurz darauf) Florant , Frimutel , Garel , Schaffilor (und einige andre) Bürger . Herzog (tritt zu Sigune)               Die Verkündigung geschah: Von Stund' an teilst du gültig Thron und Rang Des Herrschers. (Flüsternd)                         Ward er kirre? Sigune (ihre Erregung bemeisternd, mit leicht zitternder Stimme)                                               Zum Empfang Bin ich gewappnet. Herzog (mit Betonung)     Völlig? Sigune (einen Blick nach der Gardine sendend)                                         Völlig – ja! (Sie steht vorn links, unfern der Gardine; der Herzog rechts von ihr. – Die Abordnung tritt, von Godo geleitet, ein, stellt sich dem Hofe rechts gegenüber) 129 Florant (vortretend) O Königin, von Eurem eignen Lenze Gekleidet in so lichte Lieblichkeit, Daß alle Rosen dieser Hochzeitskränze Sich neigen rot vor Scham und blaß vor Neid, Wer dachte wohl, daß durch ein arg Verhängnis Am Freudentag, den unser heiß Gebet Seit manchem Jahr herbeigefleht, Die rücksichtslose Stimme der Bedrängnis Zum Throne müss' erheben ihren Ruf In Eurer Untertanen erstem Gruße! Doch unser Todfeind läßt uns keine Muße: Straßauf schon sprühn die Funken unterm Huf Der Rosse seines reis'gen Botenschwarms, Und schreckvoll hallt bis an des Reiches Grenzen Die Frage: Wird ihm unser Fürst gestatten, Uns neuen Wermut zu kredenzen Im oft geleerten Becher unsres Harms? Herzog Die Königin wird ihres hohen Gatten Entscheidung euch verlesen. Sigune                                       Ja, merkt auf! Der König hat zum Heil des Staats beschlossen . . . (Ein Trompetenstoß) Garel (durchs Fenster blickend) Seht nur! Der Herold und sein Reiterhauf, Da sind sie schon und springen von den Rossen. Peredur (hat sich in seinem Versteck so weit vorgewagt, daß er, für alle andern durch die Gardine verdeckt, für Sigune, die am weitesten vorn steht, sichtbar geworden ist, und sucht sie mit den Augen zu beherrschen) Sigune (wie zwischen zwei Feuern, blickt bald auf ihn, bald auf ihren Vater, rafft sich gewaltsam zusammen) Und also kundtun läßt er seinen Landen, Daß er . . . daß ihr . . . Herzog (flüsternd)               Du stockst?! So lies doch; lies! Sigune (mit neuem Anlauf) Daß er um euretwillen . . . Herzog (wie oben)                     Was ist dies?! Wo hast du denn die Schrift? Sigune (flüsternd)                         Sie kam abhanden. Herzog (ebenso) Wie?! Wer . . . ? Du krochst vor ihm zu Kreuz?! Florant                                                                   Was lähmt, O Herrin, Euch die Zunge? Sigune                                     Nichts! Vernehmt . . . Godo (kommt durch die Galerie, meldet) Der Herold König Egberts. Sigune                                     Ich . . . Herzog (flüsternd)                                 Zu spät! Nun kannst du dir die Mühe sparen.         (Laut, zu Godo) Führt ihn herein! (Godo ab. – Zu den Bürgern)                           Ihr wackren Leute, geht! 131 Schaffilor Noch eh' wir wissen . . . Herzog                                         Bald sollt ihr erfahren . . . (Murren unter den Bürgern) Florant Nein, Klarheit bringen müssen wir dem Volke; Drum schickt uns nicht gleich Überzähl'gen fort, Wenn wie der Blitzstrahl aus der Wetterwolke Herniederzucken soll ein Schicksalswort! Laßt vor der prahlerischen Fremdlingsschar Für Thron und Reich uns in die Schranken treten! Herzog (zwischen den Zähnen) In Teufels Namen! Zehnter Auftritt Vorige . Cynewulf (mit einem Gefolge von geharnischten angelsächsischen) Rittern (durch die Galerie). Cynewulf (vortretend)     Dem erlauchten Paar, Wenngleich man uns zur Hochzeit nicht gebeten, Vermitteln wir vorab die Segensspenden Und Wünsche König Egberts, unsres Herrn. Sigune (mit Beherrschung) Der König mein Gemahl und ich entsenden Dafür ihm schuld'gen Dank und werden gern Euch unsres Festes Gastlichkeit erweisen, Sobald ihr dieses rauhe Kleid von Eisen Vertauscht habt mit geziemenderem Putz. 132 Cynewulf Frau Königin, uns lag der Skrupel fern, Ob Euer Fest ein solches Kleid verpöne; Denn wir erschienen nicht zu Schmaus und Reigen, Vielmehr um unter sich'rem Waffenschutz Zweihundert Töchter und zweihundert Söhne Des Britenlands von ihrem Heimatherd Mit uns hinwegzuführen als leibeigen. (Bewegung und Gemurmel unter den Bürgern) Sigune Und hierzu wählt ihr grade diesen Tag? Cynewulf Dreitäg'gen Aufschub haben wir gewährt, Weil König Artus krank darniederlag. Zur Überlegung ließen wir ihm Zeit, Wie zur Genesung, und er selbst bekundet Aufs augenscheinlichste sich als gesundet Vor aller Welt, indem er heute freit. Deshalb, wir hoffen's, wird er diesmal nicht Vasallenmund zu seinem Schallrohr küren, Nein, wird, um selbst für sich das Wort zu führen, Uns gönnen, ihn zu schau'n von Angesicht. Herzog Er bleibt unnahbar! Cynewulf                           Dann, Frau Königin, Eröffn' er uns durch Euch nun klar verständlich, Was ja bereits wir wissen ohnehin. Sigune Was wißt ihr? 133 Cynewulf                 Daß er tut, was unabwendlich, Und ohne lang zu markten und zu geizen, Mit Würde sich dem trift'gen Anspruch fügt, Dieweil des Mächtigeren Zorn zu reizen Der Schwächre meiden muß. Garel                                         Empörend! Frimutel                                                       Schändlich! Florant Er lästert unsren Landesherrn! Schaffilor                                           Er lügt! Cynewulf (sich umwendend) Wer untersteht sich . . . Herzog (zu den Bürgern)         Schweigt! Florant                                               Laßt sie nicht länger, O Herrin, Euren hohen Gatten schmähn; Sagt ihnen, daß ein Hauch von ihm die Dränger Hinweg wie Spreu wird in die Winde wehn! Herzog Noch einmal, schweigt! Cynewulf                                 Hat hier man so viel Mut, Wir halten jederzeit ihm gern die Wage; Für König Egbert steh' ich hier und frage: Gibt oder weigert man uns den Tribut? 134 Herzog (zu Sigune, flüsternd) Gewähr' ihn! Peredur (ebenso)   Weiger' ihn! Florant                                 Dem Überfrechen Ins Antlitz schleudert einen Donnerkeil! Cynewulf Frau Königin, wird Antwort mir zu teil? Sigune (gequält) Ich . . . Cynewulf     Sprecht! Sigune (mit innerem Zusammenbruch)                           Ich kann nicht für den König sprechen! (Allgemeine Bewegung) Cynewulf Wie?! Garel , Frimutel Was?! Herzog                       Ich aber kann's und sag' Euch Florant                                                                   Nein, Ihr nicht und niemand außer ihm allein! Ihr dürft nicht reden jetzt und er nicht schweigen! Hielt er bis heut sich einsam abgekehrt Von allen, die mit Gut und Blut sein eigen, Wir haben seine Scheu geehrt; Jetzt aber, vor den übermüt'gen Schergen Des Feindes, jetzt, vorm Unheil, das uns droht, 135 Jetzt, vor des Vaterlands gehäufter Not gibt's kein Verriegeln mehr und kein Verbergen. So wahr ihn Gott zum Herrscher uns verlieh, So wahr geweissagt Sänger und Propheten, Er werde glorreich aus der Wolke treten, Ruft laut sein Volk ihm zu: Jetzt oder nie! Cynewulf (höhnend) Wer weiß? Er schläft vielleicht, und niemand wagt, Ihn aus dem süßen Schlummer wachzurütteln. Florant Ihr, Herrin, der er heut wohl nichts versagt, Bestürmt ihn, daß er diesen dreisten Bütteln Selbst Rede steh', die Hand am Schwertesknauf! Peredur (mit leuchtenden Augen, flüsternd, zu Sigune) Er soll es! Helf mir Gott, ich weck' ihn auf! (Von allen andern unbemerkt, schnell ab links vorn) Florant Eilt! Laßt Erwartung nicht uns tödlich foltern! Herzog Beendet euer müßiges Geschrei! Cynewulf Wir finden, daß mit gutem Grund sie poltern, Und stimmen schon aus Neugier ihnen bei. Hervor mit eurem unsichtbaren Helden, Von dem so viele dunkle Sagen gehn, Von dem die Barden so viel Wunder melden, Und den bisher kein Auge recht gesehn! Warum, wenn Wahrheit steckt im lauten Lobe, Das bis zum Überdruß im Ohr uns hallt, 136 Erscheint er nicht in leiblicher Gestalt Und gibt uns die so lang verheiß'ne Probe? Warum nicht legt er, unser kräftig Mahnen Erhörend, sein verstaubtes Erbstück an, Die goldne Rüstung seines großen Ahnen, Die nach der Fabel keiner tragen kann, Als er allein? Florant               Nicht Fabel ist's! Nur er, Dem Stamm des ersten Artus echt entsprossen! Cynewulf Mag sein; doch fast bedeucht uns, da seither Noch niemals man ihn sah von ihr umschlossen, Als wäre sie sogar für ihn zu schwer. (Lautes Murren der Bürger) Florant O Schimpf und Schmach! Cynewulf                                   Würd' er sich sonst verstecken? Packt ein mit eurer alten Ammenmär'! Sie kann wohl Kinder, doch nicht Männer schrecken. Florant (mit verzweifelter Zuversicht) Die goldne Rüstung tragend wird zu Staub Er euch zermalmen! Cynewulf (hohnlachend)   Frühstens wohl, ihr Toren, Am jüngsten Tag; denn heute bleibt er taub. Florant (mit Entschluß) So müssen wir zu seinen eignen Ohren Den Weg uns bahnen! (Er will mit den Bürgern zur Tür links vorn) 137 Jovelin (zum Herzog, flüsternd) Alles ist verloren. Florant (zu den Höflingen) Gebt Raum! Herzog               Zurück! Cynewulf                         Ich frage, mit Verlaub, Zum letztenmal . . . Peredur (erscheint oben auf dem Altan, von der abendlichen Sonne beschienen, in der goldenen Rüstung, mit geschlossenem Visier. In der erhobenen Hand das Königsschwert haltend, schreitet er während des Folgenden langsam die Stufen herab) Garel (ihn zuerst bemerkend, fast sprachlos)                               Ha, dort . . . Florant                                             Was? Garel                                                         An der Brüstung . . . (Alle blicken empor. Allgemeiner Aufschrei der Überraschung, des Schreckens, der Freude) Bürger , Ritter (tumultuarisch) Der König! – Die Bürger           Heil! Cynewulf (zu den Rittern, murmelnd)                             So täuschten wir uns doch! Florant (triumphierend) Wie dünkt Euch, Herold? Seht Ihr nun die Rüstung? Daß er sie tragen kann, verneint Ihr's noch? Leibarzt (knieschlotternd und zähneklappernd) Weh uns, das ist des großen Artus Geist! 138 Schaffilor (zu den Rittern) Haha, wie rasch die Kläffer doch das Bellen Verlernen, wenn der Leu die Zähne weist! Kaplan (gleich dem Leibarzt von Panik ergriffen) Flieht! Jovelin (ebenso)           Rette sich, wer kann! (Leibarzt, Jovelin, Kaplan eilen durch die Tür Hintergrund links davon) Herzog (ihnen nachrufend)             Ihr Memmen, weilt! Sigune (überwältigt und hingerissen, zum Herold, auf Peredurs erhobenes Schwert deutend) Da habt Ihr meines Gatten Antwort! Eilt, Sie König Egbert zu bestellen! Cynewulf (ebenfalls sein Schwert hochhebend) Verlaßt Euch drauf! (Er geht mit seinen Rittern ab durch die Galerie) Elfter Auftritt Sigune . Peredur . Herzog . Florant . Garel . Frimutel . Schaffilor . Bürger . (Abenddämmerung). Florant                         Fürwahr, sie sollen's büßen, Daß dir, erhabner König, sie mißtraut!         (Mit allen Bürgern vor Peredur niederkniend) Wir aber dürfen endlich dir zu Füßen, Den Blick von Freudentränen übertaut, Ja dir den angestammten Führer grüßen, Wie wir in langem Traum ihn vorgeschaut. Ob dein Gestirn auch stetig Jahr um Jahr 139 Vor unsrer Liebe sich verbarg im Dunkeln, Wir wußten, daß in desto hellerm Funkeln Es aufgehn werd' am Tage der Gefahr; Und wenn wir drum den Stürmen unser Haupt Niemals gebeugt, so heftig auch sie grollten, Heut wird uns überreich von dir vergolten, Daß unbeirrbar wir an dich geglaubt. Laß, deine Briten führend in die Schlacht, So deines Ahnherrn heil'ge Waffentracht Voran uns leuchten, und unwiderbringlich Zerschellt an ihr des Feindes Übermacht: In diesem Zeichen sind wir unbezwinglich! Sigune (ergriffen) Ja, tragt ins Volk des Königs Aufgebot! Getrost nun dürft ihr seiner Kraft vertrauen. Florant Aus Eures Hochzeitstages Abendgrauen Sprüht uns empor der Zukunft Morgenrot! (Florant, Garel, Frimutel, Schaffilor und Bürger in großer Bewegung ab durch die Galerie) Zwölfter Auftritt Herzog . Sigune . Peredur . (Während des Folgenden bis zum Schluß des Aufzugs von außen her freudiges Getöse, immer mehr anschwellend; zuletzt kriegerische Musik) Herzog (zu Peredur) Du bist am Ziel; frohlocke nur, du Fant! Ich, den allein du nicht vermocht zu blenden, Muß wehrlos zuschau'n, mit gebundnen Händen, Wie sich entfacht ein ungeheurer Brand. Mag denn uns allen überm Kopf zusammen 140 Das Bauwerk stürzen, dem ich Halt verliehn – Wer sie geschürt hat, meistre nun die Flammen! – Nur noch ein Letztes bleibt mir zu vollziehn. (Ab links vorn) Dreizehnter Auftritt Sigune . Peredur . (Es wird allmählich Nacht; nur auf Peredurs Rüstung blitzt noch ein Strahl der scheidenden Sonne) Peredur (das Visier aufschlagend) Sigune . . . Sigune (kniet vor ihm)                 Hier, mein König, sieh mich liegen, Hier auch dein Weib sich dir zu Füßen schmiegen, Von glüh'nder Scham die Wangen überloht Und doch vom Aufgang stolz'ren Glücks beschienen. Befiehl, du Starker, und ich will dir dienen, Will folgen deinem Stern bis in den Tod! Peredur Mit Feuertrank noch einmal mich zu laben, Eh' mich des Krieges wilde Flut umschäumt, Komm an mein Herz! (Er zieht sie empor) Sigune                             Das Volk und ich, wir haben Den Mann gefunden, den wir uns erträumt. Vierzehnter Auftritt Vorige . Herzog (kommt von links vorn zurück. Ihm folgen, noch zögernd und ängstlich) Kaplan , Jovelin , Leibarzt . Sigune (sie bemerkend) Kaplan, zur Trauung nun! 141 Peredur                                 Sodann zum Streit! Herzog Und hinterm Brautzug einer neuen Zeit Geh'n wir die unsrige begraben. (Er winkt in die offen gebliebene Tür zurück. Während Sigune und Peredur hinter dem Kaplan Hand in Hand zur Kapellentür schreiten, kommen von links vorn Limors und Geraint mit Fackeln; dicht dahinter die vier eingeweihten Diener, den Sarg des Königs tragend. Der Vorhang fällt) 142 Vierter Aufzug Dieselbe Dekoration Erster Auftritt (Orgelspiel in der Kapelle. Durch die Galerie kommen, von) Godo (geführt,) Florant , Garel , Frimutel , Schaffilor . Godo Erwartet hier den Hof! Die heil'ge Handlung, Die jetzo sich begibt in der Kapelle, Muß ihrem Ende nah sein. Florant                                   Welche Wandlung! Ja, guter Alter, als an dieser Stelle Wir bebend standen vor zehn Monden kaum, Wer hätte das zu hoffen sich erkühnt! Gerettet Volk und Reich, und aufgegrünt An unsres Königtums uraltem Baum Ein neues Reislein. Godo (stolz)                   Ei gewiß; ei freilich! Und was für eins! (Ab durch die Galerie) Schaffilor                   Der Wunder fast zu viel! Kaum Schritt noch halten kann mein Saitenspiel. 143 Frimutel Doch dies Zuviel erweist sich als gedeihlich Für Euch und Eure Zunft, Herr Schaffilor: Ihr werdet fett. Schaffilor (sich die Hände reibend)                       Es läßt sich nicht bestreiten: Wir Barden stehn gar üppig jetzt im Flor, Nachdem wir uns in dürren Zeiten Mühsam bewahrt vor gänzlichem Verderb; Denn stets nur ungescheh'ne Taten preisen Und Hungrige mit Zukunftsbildern speisen Ist, im Vertrau'n, ein kümmerlich Gewerb. Auf Jahr und Tag hinaus will niemand borgen, Und hart entgelten muß es der Prophet, Wenn das, was er geweissagt hat für morgen, Nicht heut schon in Erfüllung geht. Jetzt aber dürfen unsre Harfenklänge Dem Gestern folgen mit belohntem Fleiß, Und gleich Aposteln feiert uns die Menge, Weil wir verkünden, was schon jeder weiß. Garel (nach rechte deutend) Sie kommen! Zweiter Auftritt Vorige . (Aus der Kapelle kommen) Limors , Geraint (zu beiden Seiten der Stufen sich aufstellend; dann) Herzog , Jovelin , Leibarzt , Sigune , Elinod (die in einem kostbaren Steckkissen den Täufling trägt; zuletzt)s Kaplan . Florant                 Heil dem jungen Königsohn! Heil ihm zu seinem künft'gen Lebenslaufe, 144 Der ihn emporweist auf der Väter Thron; Gesegnet sei die Stunde seiner Taufe! Frimutel , Garel , Schaffilor Heil! Sigune     Seid bedankt im Namen meines Kinds Und meines hohen Gatten, daß aufs neue Dem Herrscherhaus ihr dartut eure Treue. – Seht, wie gefällt euch unser kleiner Prinz? Florant (mit seinen Begleitern ehrfürchtig nähertretend) Ein Hünenkind! Sigune                     Und erst vier Wochen alt. Schaffilor Vier Monde würde man ihm geben. Sigune Nicht wahr? Garel                     Erhabenheit und Kraft umwehen Die freie Stirn. Frimutel                 Die Fäustchen sind geballt, Als litten sie kein feindlich Widerstreben. Schaffilor Im Schlummer lächelnd ahnt er künft'ge Siege. Florant Der trägt einmal die goldne Rüstung leicht! Garel Ein Herrscher Zoll für Zoll schon in der Wiege! 145 Frimutel Ja, wer verkennt an Mund und Kinn und Wangen, Wie wundersam er seinem Vater gleicht? Garel Und seinen Ahnen! Schaffilor                       Ihre Reihe setzt In ihm sich fort! Kaplan                     Bei seiner Taufe jetzt Hat er den Namen Artus drum empfangen. (Auf einen Wink Sigunens geht Elinod mit dem Kind ab rechts Mitte, unter Vorantritt von Limors und Geraint, die zu beiden Seiten der Tür stehen bleibend sich tief verneigen und dann durch die Galerie abgehen) Frimutel (nachblickend) Wie muß der König glücklich sein! Sigune                                               Er ist's. Florant Und wir mit ihm. Nach segensreichem Ende Der äußren Stürme wie des innren Zwists Gewahren wir in all dem Frühlingsblühn Rings um uns her das Wallen seiner Hände; Und wenn er auch nur einmal aus der Nähe Sich uns gezeigt, vom Scheitel bis zur Zehe Gehüllt in blinkend Erz, um heldenkühn Gleich einem Engel Gottes uns voraus Die Bahn zu brechen, wo voll Todesgraus Der Hagelschlag am dichtesten gewettert, Und wieder in die Stille sich zu flüchten, Sobald in einer einz'gen heißen Schlacht Der Angelsachsen Heerbann er zerschmettert – 146 Wir kennen ihn seitdem an seinen Früchten, An all dem Herrlichen, was er vollbracht. Sigune Sogleich ihm schildern will ich, wie beredt Ihr die Beglücktheit seines Volks bestätigt; Falls ihr jedoch ihn gern mit Augen seht, Ihm gern durch Zuruf euren Dank betätigt, So wißt: wenn zärtlich sorgend er vermied, In meiner schwachen Zeit mich zu verlassen, Heut, seinem alten Brauch getreu, durchzieht Er in der Sänfte wiederum die Gassen Und hofft voll Vaterstolz, auf seinen Wegen Umringt zu werden durch ein froh Gewühl. Florant Traun, diesmal strömt mit innigerm Gefühl Als je zuvor ihm jung und alt entgegen. Sigune Ich meld' es ihm. (Sie geht ab rechts Mitte) Florant                         Laßt uns die Stadt geschwind Zu schuldiger Begeistrung vorbereiten! Schaffilor Zu singen allerwärts vom Königskind, Auf meine Harfe spannt' ich neue Saiten; Und klang bisher aus ihres Echos Kraft Artus des Zehnten Kriegsruhm brausend wider, So darf das neuste, schönste meiner Lieder Zum Himmel heben seine Vaterschaft. (Florant, Frimutel, Garel, Schaffilor ab durch die Galerie) 147 Dritter Auftritt Herzog . Jovelin . Kaplan . Leibarzt . (Zuletzt) Sigune . Jovelin Es ist, um sich die Ohren zu verstopfen! Soll denn, zum Henker, so jahraus jahrein Sich Jubel immerfort auf Jubel pfropfen Und alle Tage Kirchweih sein? Herzog (bitter) Verlangt Ihr mehr? Was wir von Anbeginne Für unsre Herrschaft uns ersehnt als Trumpf, Ward's nicht Ereignis? Kaplan                             Doch in welchem Sinne! Herzog Des Meutergeistes Waffen wurden stumpf; Der König steht auf höchster Ruhmeszinne . . . Jovelin Und wir – wir stecken klaftertief im Sumpf! Kaplan Uns hält ein gottvergessener Tyrann Vom sichren Winkel aus bequem zu Narren. Leibarzt Wohin's ihm gutdünkt, ziehn wir ihm den Karren, Vor den er uns geschirrt als Viergespann. Herzog Wohl wahr; doch eure Weisheit kommt verspätet. Warum nicht hat sie damals euch gewarnt, 148 Als mit dem Trug, den wir ihm nachgebetet, Wir uns am schlimmsten selbst umgarnt? Wir wähnten, diese Lüge werd' uns retten, Und er, den wir verkannt im tiefsten Kern, Schlug uns, des echten Herrschers einst'ge Herrn, Mit angemaßter Macht in Sklavenketten! Kaplan Wie konnt' auch ahnen unser Menschenhirn, Daß er die Rüstung anzutun vermöchte? Leibarzt Wer sah voraus, daß er des Toten Stirn Mit einem Siegeskranz umflöchte? Jovelin Ja, Freunde, schmählich wurden wir geprellt; Doch frag' ich, wenn der eigne Trug mit Ketten Uns schnürend einengt, was in aller Welt Uns jetzt noch zwingt, ihn länger fortzusetzen! Herzog Ihr meint . . . ? Jovelin                       Uns ward, weil in des Volkes Wahn Ein Toter lebt, ein Lebender beschwerlich; Doch sind nicht alle beide nun entbehrlich, Nachdem sie reichlich ihre Pflicht getan? Kaplan Indes . . . Jovelin                 Verurteilt waren wir zur Frohn, Solang wir harren mußten auf den Erben; Der ist nun da; dem König ward ein Sohn: Was also noch verhindert ihn, zu sterben? 149 Leibarzt (überzeugt) Gar nichts. Jovelin             Er wird von neuem krank. Leibarzt                                                   Und kränker. Jovelin Die Heilkunst müht sich ab . . . Leibarzt                                             Jedoch vergebens. Jovelin Letztwillig vorm Erlöschen seines Lebens Uns vier bestellt er als berufne Lenker Des Knäbleins, dem das Reich er hinterläßt . . . Leibarzt Worauf er sanft entschläft. Jovelin                                           Und kurz und bündig, Dann sind, bis der gekrönte Säugling mündig, Wir wieder Herrn! Kaplan                       Vortrefflich! Herzog                                           Ihr vergeßt: Wenn auch der Tote tot ist, seinem Knaben Lebt noch ein ausgewachsner Vater fort. Jovelin Nein, allerdings, der muß den Vortritt haben; Den werfen wir als Ersten über Bord.         (Näher und leiser) Ein Streich von rückwärts . . . 150 Leibarzt                                       Ein gewürzter Trank . . . Jovelin Und ohne daß ein Hahn danach wird krähn, Ist ein geheimer Alp geheim verschwunden. Leibarzt (zum Herzog) Nur Eure Tochter . . . Herzog                             Freunde, wir begehn Die rasche Tat vielleicht auch ihr zu Dank. Kaplan Wie? Herzog         Mehrmals, ob ihr Mund sich auch verschließt, Hab' ich ihr Aug' in Tränen jüngst gefunden, Wie nur verhaltner Unmut sie vergießt. (Sigune erscheint in der Tür rechts Mitte) Jovelin (sie bemerkend, leise) Hier ist sie! Herzog (leise)     Laßt mich ihren Sinn erspüren! Jovelin (leise) Und heute Nacht ans Werk! Sigune (eintretend)                       's ist an der Zeit, Ihr Herrn, die Sänfte durch die Stadt zu führen. Jovelin (mit Verneigung) Gleich soll's geschehn. 151 Sigune                               Wer gibt ihr das Geleit? Herzog Wir alle. – Geht voraus! (Jovelin, Kaplan, Leibarzt ab durch die Galerie) Vierter Auftritt Herzog . Sigune . Herzog                                     Mein Kind, verhehle Mir länger nicht, was schon ein Blick mich lehrt . . . . Sigune Was denn? Herzog                 Daß an der Wurzel deiner Seele Mit scharfem Zahn verstohlner Kummer zehrt. Sigune Du glaubst . . . Herzog                       Ja, brich dies Schweigen falscher Scham! Laß mich ins unverhüllte Herz dir schauen, Das, wie mich dünkt, in reuevollem Gram Erleuchtung allzubald empfing, Wie sehr im flücht'gen Rausch es irre ging! Sigune (lauernd) Und zögt sodann auch ihr mich ins Vertrauen? Herzog Wir? 152 Sigune         Oder denkt ihr, ich gewahre nicht, Welch harte Last auf eure Schultern drücke? Herzog Wohl nur die gleiche, deren Bleigewicht Auch ruht auf deinem jungen Mutterglücke. Sigune Ein Sieger ward von mir euch aufgedrungen, Der eurem Dasein Licht und Atem raubt. Herzog Hat nicht auch dein so hochgetragnes Haupt Mit rohen Fäusten er ins Joch gezwungen? Sigune An seinem Willen starb der meine hin. Herzog Du bist gekränkt wie wir. Sigune                                       Und wenn ich's bin? Herzog Gesteh's, er wurde dir zum Überdrusse. Sigune Und wenn er's wurde – nur den Fall gesetzt – Ist euer Plan gereift bis zum Entschlusse? Herzog Sag selber, ob es fortgehn kann wie jetzt? Sigune Nicht einen Tag! 153 Herzog (befriedigt nickend) Uns überlaß den Rest. Sigune Gut! Herzog       Und nun komm! Sigune                                 Wohin? Herzog                                           Zur Sänfte. Sigune                                                             Nein; Die Puppe wird's mir, hoff' ich, nicht verdenken, Lass' ich für diesmal sie darin allein. Herzog Weshalb? Sigune               Weil ungeteilt beim heut'gen Fest Sich eine Mutter ihrem Kind will schenken. Herzog Sei's drum. (Er wendet sich zum Gehen) Sigune (ihm nachrufend)                         Mein Segen folgt euch! (Der Herzog geht ab durch die Galerie. Sie blickt ihm nach, bis er verschwunden ist; dann atmet sie hoch auf, eilt mit erregter Entschlossenheit zur Tür rechts Mitte, öffnet sie und ruft hinein)                                                             Peredur! – – Hierher! – 154 Fünfter Auftritt Sigune . Peredur (von rechts Mitte. Zuletzt) Godo . Peredur (auf der Schwelle)                 Du riefst mich? Sigune                                   Rasch! Die Zeit ist knapp. Peredur (eintretend) Was trug sich zu? Sigune                       Noch nichts. Peredur (spähend)                           Dir widerfuhr Kein Leides? Sigune (nimmt ihn bei der Hand und führt ihn zum Fenster vorn rechts)                     Komm! Peredur                           Du zitterst . . . Sigune                                                   Blick hinab! (Während des Folgenden Heilrufe von außen, die sich allmählich entfernen) Peredur Das alte Bild. Ein Schwarm, der unverdrossen Der Sänfte wartet vor des Schlosses Tor – Und hier sie selbst, vom Hofstaat eingeschlossen, Begrüßt von hundertstimm'gem Jubelchor. Sigune Und ob auch oft beim gleichen Morgenstrahle Dir schon das gleiche Bild sich bot zuvor, Schau hin; du siehst es heut zum letzten Male. 155 Peredur Zum letzten . . . ? Sigune                             Ja, nicht länger durft' ich zaudern. Ich sah dich in Gefahr, und eben jetzt voll Schaudern Hab' ich erkannt, wie tödlich nah sie droht! Peredur (heiter) Ist's das? Sigune           Du zweifelst? Peredur                               Ei, mit offnem Rachen Schleicht unser Lebtag hinter uns der Tod; Sich nach ihm umsehn heißt ihn hungrig machen. Sigune Sie sind verschworen . . . Peredur                                     Mögen sie! Mit allen Gemeinsam nehm' ich's auf. Sigune                                       Auch unbewehrt? Im Schlafe werden sie dich überfallen. Peredur An meiner Seite schläft mein Schwert. Sigune Es schläft; drum sind sie kühn! Peredur                                             Glaub mir, ich schlüge In offnem Kampfe lieber mit ihm drein, Als mich zu ducken hinter einer Lüge. Und doch – ich darf mich nicht von ihr befrei'n! 156 Sigune Und ich soll ewig beben um dein Heil? Peredur Was bleibt zu tun? Sigune                             Den Augenblick zu nutzen, So gründlich, daß der giftgetränkte Pfeil Von deiner Brust zurückprallt auf die Schützen! Peredur Den Augenblick? Sigune                           In kurzem ist er da, Groß wie du selbst. Ergreif' ihn! Peredur                                           Wie? Sigune                                                     Zum Bunde Die Wahrheit rief ich dir. Peredur                               Die Wahrheit? Sigune                                                       Ja! Das Volk erfährt sie noch in dieser Stunde. Peredur Undenkbar! Sigune                     Mitten auf die Gasse tritt Sie hüllenlos, der langen Haft entsprungen. Peredur Lähmt nicht ein Schwur den Wissenden die Zungen? 157 Sigune Ja; doch bedenk, die Puppe schwor nicht mit. Peredur Die Puppe?! Sigune                     Selber vor der Menge Blick Entlarvt sie sich. Ein scheinbar Ungeschick Der Träger, die für Gold von mir gedungen: Auf ihrem Weg ein schlüpfrig glatter Stein; Sie straucheln, gleiten aus; ihr Fuß entwurzelt; Die Sänfte kippt, und ihr Insasse purzelt Kopfüber in sein treues Volk hinein. Peredur Das tatest du?! Sigune                         Für dich! Peredur                                     Ob ich es wollte, Hast du mich nicht einmal gefragt?! Sigune                                                 Vergib; Doch schweigen mußt' ich, bis der Würfel rollte. Peredur Warum? Sigune               Weil dich ein Zwang beflügeln sollte Zu höherm Flug, als dich dein Wille trieb. Ich wußte ja, daß meinen Angstgebeten So taub wie deiner eignen Ehrbegier Du nie mit angeschlagenem Visier Freiwillig würdest in die Helle treten, 158 Du, der sie weniger zu scheuen braucht Als alle, die sich prunkhaft in ihr sonnen. Peredur Und wäre, wenn kein Dunkel mich umsponnen, Je für mein Volk der Morgen aufgetaucht? Mir war's genug, daß ich dies junge Licht Spurlos beschattet hüten durft' und mehren. Sigune Dir war's genug; doch meiner Liebe nicht! Ihr, die dein Heldenrecht auf Ruhm und Ehren Ermessen konnt' am eignen Übermaß! O Heuchelqualen, marternd, herzverbrennend, Wenn ich, dein Weib, den Retter und Befreier, Die Zierde meines Volks mein eigen nennend, Dem Puppenkönig an der Seite saß; Wenn ich daheim nach jeder lauten Feier, Bei der ich meines Lebens Glück und Stolz Gleich einem Brandmal hüllen mußt' in Schleier, In bitterliche Tränenflut zerschmolz! Und hat ein zorn'ger Schmerz schon Tag und Nacht In mir, der Gattin, all die Zeit gelodert, Die Mutter fühlt sein Kreuz vertausendfacht Und sträubt sich, daß ein andrer, längst vermodert, Dir auch die Vaterwürde streitig macht. Peredur Und du vermeinst, wenn allen kund ward . . . (Tumult in der Ferne, nach und nach anschwellend und sich nähernd) Sigune                                                                       Lausche! Peredur Was? 159 Sigune           Hörst du nicht? Peredur                                 O doch. Sigune                                               Es braust und brüllt Und wogt heran, doch nicht im Freudenrausche. Kein Zweifel mehr, mein Auftrag ward erfüllt. Peredur Mag denn, was unentrinnbar unsrem Pfad Zuletzt bevorstand, uns schon heut ereilen! Doch ob dich bei der Ernte deine Saat Nicht reu'n wird . . . Sigune                           Nein; denn was auch immer naht, Vor aller Welt nun darf ich's mit dir teilen. Peredur Des Strudels aufgepeitschter Wellenschlag, Nicht mehr gehorchen wird er deinen Winken . . . Sigune An deiner Seite will ich drin versinken, Eh' daß ich fürder dich verleugnen mag! Doch du, der Fels, auf dem mein Glaube ruht, Wirst unerschüttert ragen in der Flut; Dein Herrschergeist wird ihre Wirbel hemmen Und heut erst offenbart in ganzer Kraft Gebietend sie zurück ins Ufer dämmen, Bis willig sie zu neuem Heldenwerke Als spiegelglatter Strom die Bahn dir schafft. Peredur O Törin, unumschränkt war meine Stärke Nur durch den Schleier, den du mir entrafft, Und . . . 160 (Der Lärm des Aufruhrs ist nun dicht unter den Fenstern angelangt; man hört Schläge gegen das Tor)               Horch, die Brandung nagt schon an den Borden. Sigune (mit einem Schritt) Ich werde . . . Godo (kommt rasch durch die Galerie, in äußerster Angst)                       Herrin, alles ist vorbei! Was wir verhehlt, ward ruchbar; wilde Horden Umzingeln den Palast mit Wutgeschrei. Sie fordern Einlaß; weichend ihrem Pralle Kracht schon das Tor, von Fäusten hart bedräut . . . Sigune Das Tor weit auf, und freien Weg für alle! Godo Jedoch . . . Peredur               Tut, was die Königin gebeut! (Godo ab durch die Galerie) Sigune Den rechten König biet' ich ihnen dar! Peredur Und ich – ich soll mich mit geschmeid'gem Rücken Nach ihrer Gunst, nach ihrer Gnade bücken Und betteln: Laßt mich bleiben, was ich war? Sigune Nein, hören sollen sie von meinen Lippen, Daß . . . 161 Sechster Auftritt Vorige . (Ein lärmender) Volkshaufe (wälzt sich durch die Galerie herein, diese und den hinteren Teil der Bühne völlig überschwemmend. In seiner Mitte erscheint, auf Schultern getragen, die lebensgroße Puppe, im Königsornat, starke Spuren des Sturzes aufweisend. An der Spitze der Menge) Caradoc , Rohalt , Ginas . Caradoc (tritt vor, auf die Puppe deutend)               Fürstin, seht, so kehrt ein König heim! Doch sorgt Euch nicht! Zerbrach er sich die Rippen, Der Tischler stellt ihn wieder her mit Leim. (Unruhe und bedrohliches Gelächter) Sigune Hört . . . Caradoc             Aus der Sänfte, seiner Scheu zum Trotz, Leutselig flog er in die dichtsten Massen, Und nun wir endlich klar ins Aug' ihn fassen, Erweist er sich als aufgeputzter Klotz. Rohalt Die Lungen haben wir uns ausgeschrie'n Für einen Hampelmann, behängt mit Flittern. Ginas Ha, sollen wir vor dem vielleicht erzittern? Rohalt Heißt man vor dem uns gläubig niederknien? Ginas Hat unsre Lieb' und Treue dem gegolten? Rohalt Hielt er sich darum ängstlich im Versteck? 162 Ginas Wer ist's, dem wir bis heut Gehorsam zollten? Rohalt War unser König nur ein Kinderschreck? Sigune Hört mich . . . Mehrere                     Wir sind gefoppt! Andere                                                 Wir sind geprellt! Caradoc Man soll uns nicht mehr an der Nase führen . . . Siebenter Auftritt Vorige . Florant , Frimutel , Garel , Schaffilor (und andere) Bürger (eilen herein und drängen sich gewaltsam durch) Godo (folgt ihnen angstvoll. Dann) Kaplan . Florant (atemlos) Macht Platz! Was ist geschehn? Der Aufruhr gellt Rings durch die Stadt. Wagt man ihn gar zu schüren Am Fuß des Thrones? Nein, eh' Mordbegier Soll rühren an des Herrschers Haupt, eh' bilden Ihm unsre Leiber einen Wall von Schilden. Frau Königin, sagt an, wo weilt er? (Man hält ihm die Puppe vor) Caradoc , Rohalt , Ginas                     Hier! Florant (zurückprallend) O Bubenstück! Hat, unsern Herrn zu schänden, Der Teufel selber sich ins Spiel gemischt? Wo ist der Hofstaat? 163 Caradoc                         Leider uns entwischt. Nur einer blieb als Geisel uns in Händen: Hervor mit ihm! (Der vor Angst halbtote Kaplan wird aus der Menge heraus in den Vordergrund gezerrt) Kaplan (händeringend) Um Gott, Barmherzigkeit! Unschuldig bin ich . . . Caradoc                             Pfäfflein, keine Possen! Du gingst in dieses Flederwischs Geleit. Kaplan (zu Sigune gewendet) Helft, Königin! Sigune (zum Kaplan) Der Herzog? Kaplan                                       Nach dem Sturz Der Sänfte mit den andern rasch entschlossen Landein geflüchtet auf gespornten Rossen. Nur ich, als Unberittner, kam zu kurz. Caradoc (zum Volk, auf den Kaplan deutend) Greift und verwahrt ihn! Sigune                                 Gebt ihn frei! Nicht er Beging, was euch erbost. Rohalt                                 So sagt uns, wer? Florant Ja, sagt, wer stahl des Königs Purpurtracht? 164 Schaffilor Wer zog sein Ansehn ruchlos in den Kot? Frimutel Weiß er, daß man ihn hier zur Fratze macht? Sigune Er weiß es nicht. Florant                         Wieso? Sigune                                     Denn er ist tot. (Tiefer Eindruck auf Alle. Dumpfes Gemurmel) Florant Tot – unser König?! Frimutel                             Jählings von den Seinen Hinweggenommen unser Herr und Held?! Schaffilor Birg, Sonne, dein Gesicht, ihn zu beweinen! Florant Wann starb er? Caradoc                     War er jemals denn geboren? Ich wette drum, er kam schon tot zur Welt! Rohalt Von einer Puppe ließen wir uns lenken! Viele Der König lebte nie! 165 Florant                             Wahnwitz'ge Toren, Er nie gelebt?! Ist euch das Angedenken An seine Taten so geschwind entflohn? Ritt eine Puppe her vor unsern Scharen? Trieb eine Puppe kühn den Feind zu Paaren? Erzeugt ein Puppenkönig einen Sohn? Sigune Er hat gelebt – nicht nur in eurem Wahn. Florant (zur Gegenpartei) Hört ihr's? Sigune             Jedoch in seinem Tun hienieden War er von dieser Puppe kaum verschieden . . . Caradoc (zu den Sprechern) Hört ihr's? Florant             Unmöglich! Sigune                               Was er je getan, Des ersten Artus Beispiel nachzuahmen Zum Heil des Volks, daheim und in der Schlacht, Nach seinem Tod erst hat's in seinem Namen Ein Anderer, ein größerer vollbracht. Was jener schien, er war's; nicht Purpurkleidung, Nicht Kron' und Zepter hat er ihm entlehnt; Doch heldenhaft am Tage der Entscheidung Tat er, was ihr von jenem euch ersehnt. Das Reich, versunken schon und halb verdorben, Auf starken Schultern hob er's himmelan: 166 Wohl euch! Denn ist ein König euch gestorben, Erstanden ist euch zum Ersatz ein Mann. (Unruhe und wachsende Erregung) Florant Wer ist's, von dem Ihr sprecht? Caradoc (und Andere)                           Wen meint Ihr? Sigune (weist auf Peredur)                                             Ihn! Florant Was? Diesen? Schaffilor                   Diesen? Sigune                                     Dankt ihm auf den Knien Und preist und segnet ihn als euren Retter! (Alle sind unwillkürlich zurückgewichen. Peredur steht allein) Caradoc Potz Blitz, das ist ja Peredur, der Hirt, Der meinem Ohm die Pferde hat geschirrt! Rohalt Und der das Vieh gehütet meinem Vetter! Florant (schreiend) Der hätte . . . Nein, es ist nicht wahr! Das glaubt, Wer mag! Die Königin ist sinnberaubt. Wer darf den Ruhm des Königs unterschlagen Vor uns, den Zeugen seiner größten Tat? Sah'n wir ihn nicht die goldne Rüstung tragen? Sigune (wieder auf Peredur weisend) Der war's, den ihr die Rüstung tragen saht. 167 Florant (und) Bürger (tumultuarisch) Betrug! Sigune         Betrug, von einem Arzt ersonnen! Der Mittel äußerstes hat er gewagt, Dieweil ihr in den letzten Zügen lagt, Und so das Leben euch zurückgewonnen, Den Sieg, den Frieden, all den Frühlingsflor, Der euch umblüht mit nie gehofftem Prangen. Florant (außer sich) Ein Staatsverbrechen, wie so schnöd zuvor Die Welt noch keins gesehn, ward hier begangen. Des Herrschers heilig Amt, zu dessen Führung Nur fürstliche Geburt ein Recht verleiht, Hat mit besudelnder Berührung Ein Tempelschänder frevlerisch entweiht. Des toten Königs Namen hat ein Knecht Mißbraucht; nicht Gottes Beistand ließ ihn siegen: Dem Höllenpfuhl ist seine Macht entstiegen; Die Rüstung, die er trug, sie war nicht echt. Bürger Sie war nicht echt! Florant                             Den Tod für solch Verschulden! Schleppt zum Gericht ihn! Fließen soll sein Blut! Peredur (zu Sigune) Siehst du? Schaffilor , Frimutel , Garel                 Zum Tod! (Sie wollen auf Peredur eindringen) Sigune (zu Caradoc und den Seinen)                                 Und ihr – das könnt ihr dulden? Ihn, der vor euren Töchtern, euren Söhnen 168 Als Schützer stand, euch lösend vom Tribut, Soll man ihn kreuzigen, statt ihn zu krönen? Caradoc Nein! – (Zur Partei Florants)                     Laßt ihn los! Florant                                   Ihn krönen! Hört ihr nicht? Auf offnen Kronraub war es abgesehn! Caradoc Er tat uns heimlich Gutes. Laßt ihn gehn! (Die Partei Florants und die Partei Caradocs, beide ungefähr gleich an Zahl, treten einander gegenüber. Peredur in der Mitte) Frimutel Hinweg mit euch, ihr Pack! Ihr Aufruhrstifter! Rohalt Wir freu'n uns, daß er tüchtig hinters Licht Euch führte, Katzenbuckler! Florant                                     Volksvergifter! Wollt ihr, daß einer, der zuvor die Pferde Gehütet, auf des Artus Thron sich setzt? Caradoc Nein; doch wir wollen, daß ihn unverletzt Ihr wiederkehren laßt zu seiner Herde. Peredur (auflachend) Haha, wie seid ihr gnädig! Florant (zu Peredur)                 Wenn dein Leben Du vor dem Henker willst bewahren, dann 169 Gelob' uns erst, für immer dich fortan Der angemaßten Herrschaft zu begeben, In wandelloser Untertanentreue Dich unterwerfend unsrem echten Herrn. Peredur Dem toten? Florant                   Dem lebendigen. Den Stern, Der unterging, löst strahlend ab der neue. Des Artus hehrer Stamm ist nicht verdorrt: Aus ihm erstand ein Erbe für die Krone; Der tote König setzt in seinem Sohne Leibhaftig sein erlauchtes Leben fort. (Zustimmung) Sigune Ihr meint . . .? Kaplan (leise, sie beschwörend)                             Beim Himmel, jetzt kein weitres Wort! Florant Ja, Königin; und als ein gütig Walten Der Fügung wird man's preisen immerdar, Daß an dem Tag, da Hochzeit Ihr gehalten, Artus der Zehnte noch am Leben war. Drum laßt nunmehr uns nach Gesetz und Pflicht Ihm huldigen, den jetzt wir Herrscher nennen. Peredur (zu Godo) Ja, holt ihn her! (Godo ab rechts Mitte) Florant (zu Peredur, streng)                         Du wirst ihn anerkennen? 170 Peredur Seid außer Zweifel, den verleugn' ich nicht! Sigune (zu Peredur) Du willst . . . Kaplan (eindringlich, ihr zuflüsternd)                     Um des Dreifalt'gen willen, schweigt! Ihr seht ja, wie sich alle Wirrsal schlichtet, Wenn Euer eigner Sproß den Thron besteigt. Jetzt nur ein Argwohn, und Ihr seid vernichtet! Achter Auftritt Vorige . (Godo kehrt von rechts Mitte zurück und läßt durch die geöffnete Tür) Elinod (eintreten, die auf ihren Armen das Kind trägt). Peredur Da bringt man euch den Auserkornen. Mehrere                                                         Schaut! Caradoc (in unwillkürlicher Ehrfurcht) 's ist unser Fürst. Florant                     Die gegnerischen Hälften Des Volks verschmelzen sich im Jubellaut: Heil unserm König! Schaffilor                     Heil Artus dem Elften! Alle (außer Sigune und Peredur, niederkniend) Heil! Florant (zu Peredur)         Beug', wie wir, vor deinem Herrn das Knie! 171 Peredur Meinthalb auch das. Sigune (rasch)                       Knie nicht! Peredur                                                 Warum nicht? Mehrere                                                                       Wie? Peredur Dem Herrscher laß mich huldigen gleich allen. Sigune Und mag des Todes eis'ger Wirbelwind Uns fortwehn; mag dies Reich in Trümmer fallen – Ein Vater soll nicht knien vor seinem Kind. (Alle springen auf. Getöse und wildeste Verwirrung) Florant Wer sprach das?! Sigune                             Ich, die Mutter. Bürger                                                     Zeter! Zeter! Sigune Der König starb schon vor dem Hochzeitstag. Auch seinen Erben schuf sein Stellvertreter. Ginas Ein Wechselbalg! Rohalt                         Vor einem Bankert lag Man auf dem Bauch. 172 Florant (verzweifelt)           Nein, tausend Male nein! Sie tobt; sie rast! Soll hirnverbrannte Lüge Mehr Zutraun finden als der Augenschein? Seht hin auf den Verlästerten; seht hin! Seht hier um diesen Mund, seht um dies Kinn Des Artus-Enkels unverfälschte Züge! Der König ist's! Ihr dürft, ihr müßt es glauben! Peredur Ja, glaubt es, glaubt's und laßt, sofern ihr klug, Von niemand euer gläubig Herz euch rauben! Wozu sich abmühn, daß man euch betrüge? Wart ihr doch Meister stets im Selbstbetrug! Caradoc Nichts glauben wir; doch glauben wir an dich . Dein Ebenbild sehn wir in diesem Knaben. (Zustimmung) Schaffilor (tonlos) Der Thron steht leer. Du Harfe, nun zerbrich, Nachdem der letzte Britenfürst begraben. Florant Der letzte? Nein, noch nicht! Noch hat nicht Gott Beschlossen, daß der Todesstreich uns treffe. Sei falsch der Sohn, so bleibt uns doch der Neffe: Des Urahns echter Nachfahr – Lanzelot. Mehrere Was?! Florant             Nach der Briten tausendjähr'gem Brauch Und nach der Satzung erzgegoss'nen Rechtes 173 Folgt er als einz'ger Erbe des Geschlechtes Auf seinen kinderlosen Ohm. (Zustimmung der einen, Murren der andern Partei) Rohalt                                       Der Gauch? Ginas Der Gimpel? Florant (zu Garel)     Eilt! In raschem Botengange Entbietet ihn von seiner Burg hierher, Damit sein Erbteil festlich er empfange. (Garel und einige andere Bürger gehen ab durch die Galerie) Rohalt Dem sollen wir gehorchen? Volk                                             Nimmermehr! (Wieder treten die beiden Parteien sich feindlich gegenüber) Florant Lehnt ihr euch auf? Caradoc                             Das tun wir! Frimutel                                                 Neuer Zwist? Florant Wir zwingen euch! Rohalt                             Laßt sehn, wer stärker ist. Caradoc Flink, Peredur, ergreif das Glück beim Schopf! Den Kriechern trotzend schwing dich in den Bügel! 174 Wir stehn dir bei; wir halten dir die Zügel. Uns ist ein Hirt noch lieber als ein Tropf. Florant Kampf bis aufs Messer, eh' sich das begibt! Caradoc Dich haben wir erprobt. Im ganzen Sprengel Macht schwerlich solchen Sieg und solchen Bengel Dir einer nach. Stütz dich auf uns und pflück Die Krone dir als reife Frucht vom Stengel! Peredur Und wenn ihr sie mir vor die Füße schiebt, Mit meiner Sohle stoß' ich sie zurück. Caradoc , Rohalt , Ginas (gleichzeitig) Wie? Peredur   Wähnt ihr, daß ich als der schlimmre Tor Mit einem Toren um sie ringen werde, Gestützt auf euch – auf euch, die just zuvor Ihr huldreich mich entließt zu meiner Herde Und wissend, was ihr meiner Tat verdankt, Vor einem Wickelkinde niedersankt? Des Volks Geschick, des Thrones Allgewalt Vergabt ihr an dies Würmlein, kaum getauft, Nur, weil's euch für den Sohn des Schwächlings galt, Der euch verraten und verkauft! Und ich, verwundnen Jammer zu verschärfen, Soll in dies Reich, das ich dem Wolfsgebiß Der bösen Nachbarn mühsam nur entriß, Des Bürgerkriegs blutrote Fackel werfen? Nie könnt' ich ja den vollen Sieg erstreiten, 175 Da, wenn fortan mich Artus' Rüstung deckt, Für Freund und Feind statt eines Gottgeweihten In ihr nur einer euresgleichen steckt! Nein, kniet in schöner Einigkeit gesellt, Nicht anders, als ihr vor dem Säugling knietet, Vor ihm, der jetzo rechtens hier gebietet: Ich räume willig ihm das Feld.         (Zur Partei Florants gewendet) Jawohl, ihr hört's, ich selbst will wohlgesinnt Mich weit von Schloß und Vaterland verbannen Und fordre nichts, als daß ihr frei von dannen Mich ziehen laßt mit meinem Weib und Kind. Florant Je früher, desto besser! Garel (kommt mit den anderen Boten durch die Galerie zurück)                                           Auf dem Fuße Folgt uns Prinz Lanzelot. Florant                                 So laßt zum Gruße Uns ihm entgegenfliegen! (Er geht, gefolgt von seiner Partei, in die Galerie) Peredur (Sigune die Hand reichend) Übers Meer, Zu Galliens wirtlich lockenden Gestaden, Dahin schon so viel Brüder notbeladen Den Weg gesucht auf Nimmerwiederkehr, Wird uns, bevor noch dieser Tag entglitt, Ein glückhaft Segel tragen. Caradoc (nach Verständigung mit seiner Partei)                                         Nimm uns mit! (Zustimmung) Peredur Euch? – Caradoc             Nimm uns mit an deines Schiffes Bord! Für uns ist nichts hier zu verlieren; dort Ist alles zu gewinnen. Diesem Reiche Hilft niemand mehr; es ward zu starr und alt. Wozu noch harren, bis an seiner Leiche Der Angelsachsen Siegsdrommete schallt? Du kannst es der Verwesung nicht entraffen; Jedoch du kannst uns dort ein neues schaffen. Da drüben strahlt noch kein ererbter Glanz Den unsrigen im Kampf um ihre Scholle; Dort, vom Vergangnen ungehemmt, entrolle Das Banner des verjüngten Britenlands! Peredur (mit funkelnden Augen) Bei Gott, ich will's. (In der Galerie erhebt sich Freudenlärm) Neunter Auftritt Vorige . Lanzelot (wird von Florant und seiner Partei im Triumph durch die Galerie hereingeführt. Hinter ihm) Feirefiz . Florant (zu Lanzelot)       Erhabner, sei willkommen In deiner Väter Schloß! Lanzelot                             Ja – Schloß. Florant                                                   Und mag Dein Eingang deinem treuen Volke frommen! 177 Schaffilor Ihn preisen wird mein hellster Harfenschlag. Florant Kaplan, geleitet ihn empor zum Throne! Lanzelot (entdeckt, während ihn der Kaplan die Stufen hinanführt, Sigune) Die – schöne – 'gune – da. (Er will auf sie zu) Feirefiz (neben ihm, ihn zurückhaltend)                                         Mein Prinz, begreift: Ihr seid ein König nun. Lanzelot (am Thron stehend)   Ja – König. Florant (zu Frimutel und Garel, auf die Puppe deutend)                                                       Streift Von diesem Zerrbild Mantel ab und Krone, Daß unser Fürst sein Haupt und seine Glieder Mit ihnen schmücke, seinen Ahnen gleich! (Frimutel und Garel nehmen, wie geheißen, der Puppe den Königsornat ab, der mit Hilfe von Florant und Schaffilor Lanzelot angelegt wird) Peredur Sie haben glücklich ihre Puppe wieder. – Wohlauf denn, frisch voran ins neue Reich! (Er geht mit Sigune voraus; Elinod mit dem Kind folgt; Caradoc, Rohalt, Ginas und ihre Partei scharen sich hinter ihnen zum Zuge) Florant (an den Stufen des Throns, zu den Abziehenden) Seht hier von Purpur unsern Herrn umflossen! Caradoc Seht unsern Führer hier im schlichten Wams! 178 Florant Heil Lanzelot, dem letzten Artussprossen! Caradoc Heil Peredur, dem ersten seines Stamms! (Während die Zurückbleibenden den Thron umringen, die Abziehenden in der Galerie verschwinden, fällt unter beiderseitigen Heilrufen der Vorhang)