Drei Monate in Sowjet-Rußland von Arthur Holitscher     1921 S. Fischer / Verlag / Berlin     Inhalt     »Die Wahrheit über Sowjet-Rußland« Das Arbeiter-Volk Subbotnik Das Rote Heer Propaganda Von der Arbeitsschule Proletkult Chaos der Künste Der Untergang der Intellektuellen     (nebst einem Anhang: Schaljapin) Das Leben der Städte Bourgeois Der weiße Terror und der rote Religion Welt-Revolution Völker hört die Signale!       Und nun sage ich euch: Lasset ab von diesen Menschen, und lasset sie fahren. Ist der Rat oder das Werk aus den Menschen, so wird's untergehen;   Ist's aber aus Gott, so könnet ihr's nicht dämpfen; auf daß ihr nicht erfunden werdet, als die wider Gott streiten wollen. Apostelgeschichte 5. 38, 39.   »Die Wahrheit über Sowjet-Rußland« In der ersten Septemberwoche des vorigen Jahres schickte Karl Radek, der damals im Gefängnis Moabit saß, einen Sendboten zu mir mit der Frage, ob ich mich einer Kommission anschließen wolle, die zusammen mit ihm nach Rußland reisen würde. Diese Kommission bestand aus Sachverständigen für die Landwirtschaft, die Industrie, einem ehemaligen Staatssekretär als Fachkundigen für das Verwaltungswesen, einem Vertreter der Berliner radikalen Arbeiterschaft und dem Polizeipräsidenten einer großen Schweizer Stadt. Ich sollte die Ergebnisse dieser Reise in einem Buche niederlegen. Ich sagte sofort zu und traf dann im Laufe des Herbstes wiederholt mit Mitgliedern dieser Kommission im Empfangszimmer des Moabiter Gefängnisses zusammen, wo wir mit Radek unter Aufsicht eines Inspektors sprechen durften. Die Abreise der Kommission, die Radek von seiten der deutschen Regierung gewährleistet zu sein schien, verzögerte sich von Woche zu Woche. Radek wurde dann im Januar des laufenden Jahres allein und heimlich über die Grenze gebracht. Je weiter unsere Abreise hinausgeschoben wurde, um so enttäuschter wurde ich in bezug auf die Möglichkeit, den Bolschewismus in seiner ursprünglichen, wie mir schien stärksten und 8 definitiven Form in Wirksamkeit zu sehen. Die »Schritte nach rechts«, die in Lenins Broschüre von den »Nächsten Aufgaben der Sowjet-Macht« ausführlich behandelt sind, wurden getan; das Taylorsystem, das Prämiensystem in das Programm des wirtschaftlichen Aufbaus aufgenommen; die Stellung der Bolschewiki zum Bauernstand, zumal zu den Mittelbauern, gab uns zu denken; es kamen Nachrichten über die Arbeitsarmee und den Arbeitszwang, Nachrichten, die uns verstimmten, und ich fragte Radek beim Abschied, ob es denn überhaupt noch Zweck habe, für mich wie für uns alle, nach Rußland zu reisen, da die vielen Kompromisse und Konzessionen das Bild des Bolschewismus doch schon, wenn auch nicht unkenntlich gemacht, doch in verhängnisvoller Weise gefälscht hätten. Radek beruhigte mich mit seinem hellen, sarkastischen Lächeln und sagte, wenn ich nicht irre: es komme wenig darauf an, daß man Kompromisse schließe, alles darauf, daß man es verstehe, sie im geeigneten Augenblick wieder rückgängig zu machen, und daß er der Überzeugung sei, dies würde geschehen. Meines Wissens bin ich das einzige Mitglied dieser Kommission, das seit Radeks Abschied von Berlin den Boden Rußlands betreten hat, und zwar auf den Tag genau ein Jahr nach dem Erscheinen jenes Sendboten in meiner Wohnung. In diesem Jahre hatte sich das Bild des Bolschewismus, d. h. der praktischen Durchführung der kommunistischen Prinzipien in Rußland fortwährend gewandelt und verschoben. Die Todesstrafe z. B. wurde abgeschafft, dann infolge eines versuchten Anschlags der Gegenrevolution wieder 9 eingeführt. Lawinen von Lügen, bewußten Fälschungen und phantastischen Verzerrungen stürzten vor den Augen der Welt über das Werk der Kommunisten in Rußland nieder. Schließlich kannte sich in dem Wust der Widersprüche, Gerüchte und Dementis, der Behauptungen und Manifeste niemand mehr aus. Der zweite Kongreß der Dritten Internationale, die Delegationen, die ihn besuchten, und die über das, was sie gesehen hatten, Bericht gaben, halfen nicht, den Nebel zu zerstreuen. Auf manchem qualmenden Scheiterhaufen, der den Männern der Sowjet-Regierung errichtet wurde, brodelte brenzlich das eigene heimische Parteisüppchen. Ich war ziemlich entmutigt, wankend und unsicher geworden, als mich im Sommer dieses Jahres ein Zeitungskonzern aufforderte, nach Rußland zu fahren und über meine Erfahrungen ein Buch zu schreiben. Wie sind die Berichterstatter beschaffen, die die Welt in das belagerte, vielverleumdete und vielgepriesene Land entsendet? Und auf welche Art und Weise kann man in Rußland das Wesentliche erfahren? Das Mitglied der Partei kommt hier nicht in Frage – es betritt und verläßt Rußland natürlich mit gebundener Marschroute. Ich kenne einige Bücher, eine Reihe von Aufsätzen über Sowjet-Rußland, bin auch mit einem und dem anderen Berichterstatter persönlich bekannt und infolgedessen fähig, den Mann mit seiner Meinung wie mit den tatsächlichen Verhältnissen zu konfrontieren. Allerhand ehrgeizige Gesellen, heimliche Geschäftemacher, tückische Verräter tummeln sich auf dem heißen und bunten Boden herum. Der Wahrheitsbegierigen, der in gutem Sinne Wissensdurstigen, der Befugten und 10 Berufenen, der Ernsten und Getreuen gibt es nicht gar viele. – (Von dem wüsten Chaos gröblicher Makulatur stechen da die Bücher einiger Engländer und eines Deutschen, Alfons Paquet, aus der ersten Zeit der bolschewistischen Revolution erfreulich ab.) Es läßt sich kaum beschreiben, mit welcher Verachtung die führenden Männer Rußlands über jene spekulativ Verzückten urteilen, die in ihnen herrliche Heroen ohne Makel erblicken, auf speichelleckerische Art und Weise ihr Werk bewedeln und beräuchern. Für jene anderen, die aus schlotteriger Angst in Rußland Begeisterung simulieren, um dann, über die Grenze zurück, in ihrer Heimat vor Verleumdung und Geifer überzufließen, hat man in Rußland selbstverständlich nichts weiter als das Viertellächeln der Geringschätzung, wie sich's gebührt. Wahr ist es, daß jeder, der im Auftrage bürgerlicher Zeitungen, Zeitschriften oder Verbände nach Rußland kommt, ohne sonderliche Liebe, dagegen mit unverhoblenem Argwohn empfangen wird. Eine gewisse, in entscheidenden Situationen erprobte Gesinnung gegenüber dem Sozialismus kann als Grundbedingung für die Gewährung der Einreise gelten. Aber ich habe es selber erfahren, auf welche Weise sich einer und der andere diese Einreiseerlaubnis erschlichen hat, der dann, kaum über die Grenze geraten, von den Russen erkannt und mit heftigem Griff in Gewahrsam genommen wurde. Besonders einigen mir gut bekannten Leuten, Herren und Damen, darunter Amerikanern, war es so ergangen. Ich war entsetzt, als ich bald nach dem Betreten russischen Bodens von ihrer Festnahme unterrichtet wurde. Kurz darauf 11 erhielt ich untrügliche Beweise für das Doppelspiel, das sie getrieben hatten, und dessen sie überführt worden waren. Es kann wohl nur eine Meinung, nur ein Urteil geben über Menschen, die sich mit sorgfältig verheimlichten Aufträgen in ein blockiertes, von inneren Krämpfen und erbarmungslosem äußeren Krieg durchschütteltes Land, in dem eine neue Welt sich vorbereitet, in dem 150 Millionen Menschen geistig befreit worden sind von jahrhundertelanger dumpfer Unwissenheit, einschleichen, um ihre kleinen privaten Interessen zu befriedigen. Zehnfach aber, hundertfach muß man solches Treiben verurteilen, wenn sich Publizisten seiner schuldig machen. Die Publizistik dieser Zeit hat die Aufgabe, Klarheit zu verbreiten, schonungslos und getreu das Sublime wie das Entsetzliche, aus dem diese Zeit sich zusammensetzt, darzustellen und zu verkünden. Wer heute nicht wahr und klar zu reden weiß, mit geheimen Plänen und Instruktionen in der Tasche lächelnden Mundes sich unter ein gequältes Volk mengt, begeht das Verbrechen wider den Geist, für das Kerker nur eine gelinde Strafe ist. All dies muß ich voraussenden, weil ich selbst im Auftrage eines bürgerlichen Konzerns, des »United Telegraph«, der der großen amerikanischen Zeitungsorganisation »United Press« affiliiert ist, nach Rußland kam und die Zweideutigkeit, in die manche Vorgänger uns Nachfolgenden versetzt hatten, lange Zeit zu spüren bekam und zu büßen hatte. Hindernisse anderer Art türmten sich mir noch in den Weg. Ich will eines kurz schildern, weil es charakteristisch ist für die unvorhergesehenen 12 Verquickungen und Verstrickungen, in die der ausländische Publizist gerät, der seinen rechten Weg gehen möchte. Mancher Schriftsteller gibt einem wohlfeilen feuilletonistischen Spieltrieb allzuwillig nach, würzt seinen Bericht mit kleinen intimen Anekdoten, Witzen oder Seitenhieben, die der eine Mann im Kreml über den anderen Mann im Kreml dem Journalistenohr in einem Augenblick der guten Laune preisgegeben hat. Ich könnte ein Lied davon singen, in welche Kalamitäten mich noch vor dem Betreten Rußlands und dann in den ersten Moskauer Wochen die scharfgespitzte Zunge Radeks gebracht hat. Radek hatte einem meiner entfernteren Vorgänger, einem Engländer gegenüber sich über ein großes Tier im russischen Auswärtigen Amt näher ausgelassen; er hatte dieses Tier unter die Langohrigen eingereiht. Der Vorgänger brachte die Äußerung wortgetreu und mit Nennung aller Namen in sein vielgelesenes Buch, und da ich als ausländischer Publizist dem Auswärtigen Amt unterstellt war, hatte ich als »Protégé Radeks« natürlich die Folgen zu tragen. (Nicht ich allein.) Manch' einer hat sich eine Woche lang in Petersburg oder Moskau aufgehalten, ist dann nach Hause gefahren und hat ein Buch über Rußland gescbrieben. Es muß gesagt werden, daß die wenigsten unter uns, die Bücher über Rußland geschrieben haben, der Sprache des Landes mächtig sind. Wie viele waren imstande, ihre Erfahrungen direkt aus dem Verkehr mit dem Volk zu schöpfen? Offizielle Vertreter der Staatsgewalt sind es zumeist, die den Fremdling über das System, die Zusammenhänge belehren. Die Volkskommissäre sind fast ausnahmslos ehemalige 13 Emigranten und beherrschen die europäischen Sprachen glänzend. Sie sind mit Arbeit überbürdet, und man dringt nur zu kurzen Unterredungen bis zu ihnen vor. Der nächste Kreis um diese Führer ist aus verläßlichen Kommunisten gebildet, die zum überwiegenden Teil nur russisch sprechen. Man gerät nicht selten, und dies trifft besonders auf Ämter zu, die die sogenannten »Spezialisten« beherbergen, an wortkarge, mißtrauische und unwillige Funktionäre, aber auch an solche, die die Anwesenheit des Fremden gerne dazu benutzen, ihrem Groll gegen das System, dem sie sich, um leben zu können, zur Verfügung gestellt haben, einmal freien Lauf zu lassen. Viele unter diesen haben im Ausland gelebt und schweifen gerne vom Thema, das zu erörtern man zu ihnen kam, ab, um gierig Nachricht über das verschlossene Europa zu fordern. Lenkt man sie dann an die Stelle zurück, von der man ausgegangen war, da öffnet sich zuweilen ein Ventil, durch das lange zurückgepreßter Dampf zischend hervorspringt. Aber dieses Ventil bleibt nicht lange offen. Die erschrockene Seele klappt es bald zu, und man erhält aus angstvoll verzerrtem Gesicht nichtssagende vage Redensarten. Solche Psychose verfehlt nicht ihre Wirkung auf den Fremdling, der sich, wenn auch nur für kurze Zeit, in Rußland aufhält. In diesem von Not, Begeisterung und Verzweiflung geschüttelten Land erlebt jeder einzelne das Schicksal der unsicheren Zukunft, der brennend gefährlichen Gegenwart. Gleich nach dem Überschreiten der Grenze spürt man eine gewissermaßen atmosphärische Last der Unfreiheit und des Mißtrauens sich drückend auf die Seele niedersenken. Wie 14 gerechtfertigt dieses Mißtrauen ist, welch' guten Gründe die Kontrolle hat, erwähnte ich bereits. Immerhin ist der Zustand, in dem zu leben man gezwungen ist, oft schwer, zu Zeiten vollkommen unerträglich. Und das liegt nicht an der Kontrollbehörde allein, sondern an den Scharen der zum Teil ganz zweifelhaften Elemente, deren sie sich bedient, um die nötige Kontrolle auszuüben. Leute der Ochrana befinden sich unter ihnen; aber auch manchem neugebackenen Spür- und Bluthund bin ich begegnet. Der Publizist mit ausländischem Auftrag lebt in Häusern unter militärischer Bewachung. Filzpantofflige Schufte schleichen durch die Korridore, und um das Schlüsselloch sammelt sich der fettige Abdruck ungewaschener Ohren. Man ist irgendwelchen Winkeltorquemadas ausgeliefert. Einmal hatte ich im Zimmer einer Dame ein Lehrbuch für erwachsene Analphabeten hinterlassen. Als die Dame verhaftet, ihr Zimmer versiegelt wurde, reklamierte ich bei der mir unmittelbar vorgesetzten Behörde, nämlich dem sogenannten Hauskommandanten, dieses Buch, das ich zu meiner Arbeit benötigte. Tags darauf wurde das Zimmer durch die Beamten jener Kontrollbehörde, der »Allrussischen Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution und des Wuchers« (nach den Anfangsbuchstaben Wetscheka genannt), geöffnet, die Habseligkeiten der Dame durchkramt, und als ich mein Lehrbuch zurückforderte, wurde mir mit höhnischer Miene erklärt: daß die Dame das »Buch für Anarchisten«, das ich ihr gegeben hatte, sehr sicher verwahrt habe, denn man könne es nicht finden. Dies ist nur ein kleines Mißverständnis, aber 15 an solchem Haken ist schon manch' einer hängen geblieben. Da alles, was man an Geschriebenem und Gedrucktem bei sich führt, vor dem Verlassen des Landes der Wetscheka zur Kontrolle vorgelegt werden muß, und da man mit diesem Material dann drei Grenzen zu passieren hat, ehe man wieder daheim ist, stellen die Notizbücher, die man bei sich trägt, natürlich hohle Attrappen vor. Das Wesentliche, ob es nun günstig oder ungünstig für eines der drei Länder lautet, verbirgt man ängstlich im Gedächtnis, um es vor Mißverständnis, Unverstand, Spitzeln und Grenzbehörden zu schützen. Dieser Zustand der geistigen Notwehr ist es, der allmählich jenen seelischen Druck, jene spezifische Moskauer Psychose erzeugt, die schwerer zu ertragen ist als alle anderen Nöte, die man in Rußland am eigenen Leibe erfährt. Der bare Selbsterhaltungstrieb, die Revolte des guten Gewissens fälscht und entstellt dir das Bild der Wahrheit, das zu enthüllen du unter das große, rätselhafte Volk des Ostens gekommen bist. Immer wieder erklärte man mir: Was wir hier brauchen, sind Leute mit Phantasie; keine kleinen klebrigen Matteroffact-Gehirne, deren Horizont auf den Dunstkreis um ihre Nase beschränkt ist. Ich machte den einen und den anderen, der so zu mir sprach, darauf aufmerksam, daß die Führer der Bolschewiki es ja heftig leugneten, ihr Ziel sei die Utopie – und daß dieser oft wiederholte Wunsch nach phantasiebegabten Fremdlingen doch die Suggestion einschließe: der Betrachter möge durch das Gegenwärtige, das Gegebene, durch das Werdende hindurch des leuchtenden 16 Zieles der Utopie gewahr werden, es nie aus den Augen verlieren. Und so ist es auch. Aus den Theorien der Führenden, der Gläubigen, der sich Opfernden, durch all den entsetzlichen Wust der halb und ganz vernichteten Möglichkeiten, durch das unsägliche Wirrsal der Widersprüche, des Provisorischen wie des überhaupt nie zu Verwirklichenden, den Widerstreit von papierner Verordnung und blutigem Daseinskampf, durch die Resultate der erbarmungslosen Kriege, der Blockade, der Sabotage durch die inneren Feinde hindurch das schon Verwirklichte und in einer helleren Zukunft zu Verwirklichende zu erfühlen und zu erblicken – dies ist und bleibt das Wesentliche in Sowjet-Rußland. Was man erfährt, sind indes Bruchteile von Bruchteilen.   Ich suchte in Rußland eine Religion und fand eine Partei. Eine Partei aber, die allerdings eine große Idee, die größte vielleicht, die Menschen je gedacht haben, mit allen Mitteln der politischen Macht und sogar der diplomatischen Schlauheit durchzusetzen bestrebt ist. Ein Franzose sagte mir: »Wir leben hier im Zeitalter der ersten Christenverfolgungen.« Ein Engländer sagte mir: »Wir in England, in Amerika, wir mutigen und energischen Menschen hätten den Kampf gegen derartige Hindernisse längst aufgegeben.« Wer aus den Bolschewiki Teufel macht, ist ein Verbrecher, wer aus ihnen Engel macht, ein Narr. Es sind lebendige Menschen, in Gefängnissen, im Exil hart geschmiedete Gehirne, gestählt durch Gefahren, gewaltige, für das Leiden der Unterdrückten offene Herzen, die selber am 17 tiefsten unter der Notwendigkeit leiden, nun wiederum ihrerseits andere unterdrücken zu müssen. Wie verhält es sich mit dem, der, ohne einer Partei anzugehören, aus Menschheitsdrang, aus innerer Bedrängnis – wenn auch mit ausgesprochen bürgerlichem Auftrag nach Rußland fährt? Mein seelisch gerichteter Kommunismus ist durch die russische Prüfung unversehrt mit mir nach Deutschland zurückgekommen. So wenig der Mensch vor der Revolution beim Baron anfing, so wenig fängt er heute beim Kommunisten an. Da mein Menschheitsideal das herrschaftlose Beisammenleben in voller Freiheit auf Erden bedeutet, darf ich, aus diesem Gesichtswinkel gesehen, den Kommunismus wohl als eine Stufe zu diesem Ziel, mehr noch seiner Durchführbarkeit als seiner baren Theorie nach, einer Kritik unterwerfen. Und in diesem Sinne hatte der »Kommandant« meines Hauses in Moskau wohl recht, wenn er das Lehrbuch für Analphabeten mit einem Handbuch für Anarchisten verwechselte. »Freiheit ist ein Vorurteil der Intellektuellen.« Dies steht irgendwo bei Lenin zu lesen. Wenn man nun, in einem Zustand der äußersten persönlichen Unfreiheit von einer Übergangszeit sprechen hört, einer zeitlich beschränkten Diktatur des Proletariats, die eine zeitlich abgeschlossene Diktaturperiode der imperialistischen, kapitalistischen Bourgeoisie ablösen soll und nach der sich alles in eitel Liebe und Gleichheit auflösen wird – wenn man die abgestandene Sentimentalität von den Enkeln, »die es einst besser haben werden«, aus dem Munde der konsequent und konkret denkenden Führer der Bolschewiki zu hören 18 bekommt: dann kann man darauf ruhig erwidern: ihr gebraucht hier die Phrasen von 1914. Es gibt keine Übergangszeit, weil eine Zeit eine andere, keine Übergangsaktion, weil eine Aktion eine andere Aktion gebiert und so fort. Ebensowenig gibt es Enkel; denn jeder Enkel ist seinerseits wieder Großvater. Es gibt nur einen ewigen Fluß der Dinge, und es gibt jawohl eine verhängnisvolle Verantwortung für die Gegenwart, den blutvoll schrecklichen Augenblick. Ihr selbst wißt es am besten, welche Schlagfertigkeit des Gewissens vonnöten ist, will man die Herrschaft einer Idee aufrichten. Es ist also nicht am Platze, von der allumfassenden Wahrheit zu sprechen, die nur aus den opalnen Fernen der Utopie herüberschimmert, und die nur das phantasiebegabte Auge zu erkennen vermag. Dasselbe Auge, das das Erreichbare betrachtet, muß hart und kühl die Ursache der Widerstände zu ergründen suchen. Wenn sich der Bolschewismus im Flusse befindet, so gibt es eherne Hindernisse, welche sich aus seinem eigenen Wesen emporrecken und seinen Lauf behindern. In den letzten Tagen vor meiner Abreise erzählte man mir, daß Trotzki eine Artikelreihe des Inhaltes vorbereite: auf welche Weise den lokalen Sowjets wieder mehr Macht zugewiesen werden könne, die ihnen durch die übertriebene Zentralisation zu entschwinden angefangen hat. Wenn diese Artikelreihe geschrieben worden ist, wird sie von ungeheurer Tragweite für die Entwicklung des Kommunismus in Rußland wie in der Welt sein. Unter allem Vorbehalt und mit größter Vorsicht gebe ich ein Gerücht wieder, das um dieselbe Zeit in Petersburg aufgetaucht war, und 19 das, auch wenn es sich nicht bewahrheitet haben sollte, den Beweis dafür liefert, daß der Bolschewismus ein lebendes Gebilde ist und seine Führer als kluge und den Notwendigkeiten des Tages gewachsene Menschen gelten dürfen. Der Anarchist Machnow, von den Bolschewiki als wilder Räuberhauptmann und Partisanenanführer zuerst in Acht und Bann erklärt, später freilich zum Bündnis aufgefordert, hat einen wichtigen, ja, wie es heißt, einen entscheidenden Anteil an dem Niederringen und der Erledigung Wrangels in Südrußland gehabt. Als Entgelt für seine Hilfe forderte er und wurde ihm gewährt: die Befreiung der um ihrer Gesinnung willen eingekerkerten Anarchisten und die Wiederherstellung der Rede- und Pressefreiheit in näher bezeichneten Gebieten Südrußlands. Ein Gerücht, wie gesagt.   Die Wahrheit! Wer es sich leicht machen wollte, könnte Ziffern an Ziffern reihen. Aber stülpe die ganze Statistik um – findest du in dem Haufen auch nur ein Körnchen Wahrheit? Die Naphthaproduktion bildet die Grundlage des russischen Verkehrswesens, aller inneren Möglichkeiten für den wirtschaftlichen Aufbau Rußlands. Rückte Wrangel in den letzten Monaten 100  Werst vorwärts, so versiegte die Quelle; wurde er 200 Werst zurückgeworfen, triumphierte der Statistiker. Ähnlich ging es mit der Baumwollproduktion und der Belieferung der Textilzentren durch Turkestan. Wir fuhren, durch die Statistik deprimiert, eines Tages aus Moskau nach dem Fabrikort Iwanowo-Wosnessensk im Gouvernement Wladimir. Wir wußten, daß dort die 20 Fabriken eben wieder geöffnet waren, um vor Beginn des Krieges aufgestapelte Rohstoffe zu verarbeiten. Als ich eine Woche später nach Moskau zurückkehrte, berichteten mir Delegierte der Turkestaner Sowjets, die in meinem Hause untergebracht waren, daß tags zuvor einige hundert Waggons mit Baumwolle aus Turkestan nach den nördlichen Gouvernements abgegangen seien. In den offiziellen Zeitungen Rußlands begegnet man immer häufiger Aufsätzen, die gegen die Lügenwissenschaft der Statistik zu Felde ziehen, allen Ernstes die Einstellung statistischer Untersuchungen beantragen, nicht etwa, weil man die Not des Landes verschleiern müsse, sondern im Gegenteil, weil die Not den Menschen durch die Mittel der Statistik nicht als ein bald vorübergehender Zustand dargestellt werden dürfe. Eine merkwürdige Tafel wird mir stets vor Augen stehen, wenn ich mich jemals noch an pathetische Zahlen stoßen werde im Leben. Diese Tafel war im Garten des Narkomproß, d. h. des Volkskommissariats für Volksaufklärung und Erziehung aufgestellt. Mit dieser Holztafel würde ich, ginge es nach mir, sofort in dem kalten Empfangszimmer Lunatscharskis, des Volkskommissärs, einheizen. Eine graphische Darstellung wies in schwarzen, dann in roten Strichen und Säulen Rubelmengen, nämlich für Zwecke der Volkserziehung ausgeworfene Rubel in den Jahren von 1900 bis 1920 auf. Das Erziehungsbudget von 1900 war ein kleiner wagerechter Strich von der Dicke eines Fingers. 1904 war's der Finger eines kleinen Kindes geworden, so wenig war für den Zweck im Staatsbudget vorgesehen. 1910 war der Finger, wenn ich mich 21 recht entsinne, der Finger eines normalen Bauern, aber immerhin noch ein Finger. 1918 schoß plötzlich eine rote Säule bis zur Mitte der Tafel in die Höhe, das war schon nach der Oktoberrevolution. Eine zweite rote Säule vom Jahre 1920 erreichte aber bereits den höchsten Rand der Tafel. Kein Mensch, der sich im Narkomproß auch nur eine Stunde aufgehalten hat, wird das Ungeheure, das über die Jahrhunderte hinaus Gültige und Wirkende leugnen, das die Bolschewiki für die Erziehung des russischen Volkes geleistet haben. Wozu dieser veraltete schwindelhafte Behelf der graphischen Darstellung von Rubelauslagen? Jedes Kind weiß ja, daß die Kaufkraft einer Million Rubel 1920 der Kaufkraft von 1000 oder gar 500 unter dem letzten Zaren entspricht. Fort mit der Statistik . . . . Aus Gegenwärtigem, Künftigem, aus der Gesinnung und der Leidensfähigkeit der Massen, aus meinem Gefühl, meinem Verstand, der Erfahrung meines ganzen Lebens, die mir Theorien, Menschen, Ergebnisse durchleuchtet, muß mir die Wahrheit über Sowjet-Rußland erstehen. Ich setze mich hin, um mein Buch zu schreiben. Gott helfe mir.   Das Arbeiter-Volk Es ist oft gesagt worden, daß der Ausspruch von Marx: das Land mit dem höchst entwickelten Kapitalismus sei berufen, zuerst die proletarische Revolution siegreich durchzuführen, sich nicht bewahrheitet habe. Denn gerade 22 Rußland, das Agrarland mit einem nur in den ersten Stadien befindlichen Industriekapitalismus hat die proletarische Diktatur zum Siege geführt. Ein anderer Ausspruch aber von Marx hat sich als wahr und folgerichtig erwiesen: daß nämlich das organisierte städtische Proletariat vor allem berufen sei, das Rückgrat jeder antikapitalistischen Revolution zu bilden. (In Deutschland haben die Kieler Matrosen, d. h. organisierte Metallarbeiter das Gebäude des Imperialismus zu Falle gebracht.) Der organisierte Arbeiter, den Marx meint, ist aber nicht nur der Teil des klassenbewußten Proletariats, der den Sinn des Sozialismus erfaßt hat und das proletarische Wirtschafts- und Verwaltungssystem begreifen, stützen und ihm zum Siege verhelfen muß, sondern vor allen Dingen ruht auf ihm die Pflicht, einen eben zertrümmerten Apparat durch eisernen Fleiß aufzubauen und alle nichtorganisierten, nicht klassenbewußten, alle unwilligen Elemente, die die neu aufzubauende Organisation auf die Dauer nicht entbehren und von sich abhalten kann, zu kontrollieren, zu disziplinieren, anzufeuern, wenn es sein muß zu unterdrücken. Das Problem des Kommunismus ist: arbeiten; mit vollster Hingabe, unter Anstrengung aller Kräfte auf eine nicht mehr dem kapitalistischen Zwang der Selbsterhaltung, sondern dem freien menschlichen Streben nach Hingabe an die Gemeinschaft unterworfene Weise arbeiten. Das Problem des bolschewistischen Aufbaues, der Diktatur des Proletariats beruht darauf, daß mit einem wuchtigen Griff, einem harten Zupacken, Umbiegen und Abbrechen zugleich mit dem Kapitalismus der Trieb des Eigennutzes, der Habgier vernichtet werde und die Produktion, die 23 Arbeitswütigkeit dabei nicht nur keinen Schaden erleide, sondern durch unerhörte Opferwilligkeit, angespanntes Pflichtbewußtsein auf dem eben zertrümmerten Gebäude der neue Zustand auferstehe. Es ist also, wie man sieht, ein psychologisches Problem. Es ist kein rein ökonomisches, sondern ein Gesinnungsproblem. Es ist ein Problem, bei dem die Psychologie der Massen wie des Individuums eine große Rolle zu spielen hat, eine entscheidendere Rolle vielleicht als die Routine. Unter welchen Bedingungen nun hat der russische Kommunismus dieses verhängnisvolle Experiment begonnen? Er fand eine durch 16 Jahre Krieg geschwächte, verwahrloste und demoralisierte Menschenmasse vor, einen total verlotterten Produktionsapparat, einen erschrecklichen Mangel an den notwendigsten Rohstoffen. Fortwährende Bedrohung durch den an den Grenzen des Landes sich düster zusammenballenden Weltkapitalismus, der, der ungeheuren Gefahr bewußt, immer neue Heere vorwärts schob, den ganzen papierenen Apparat der Feindseligkeit, der Verleumdung, der Verdächtigungen in ein rasendes Tempo versetzte, der durch tausend unterirdische Kanäle Zwietracht, Verrat und Ärgeres in das hart geschlagene, wie eine Festung blockierte Land sandte. Aber schlimmere Hindernisse noch als diese rein äußerlichen erwuchsen dem Bolschewismus und seinen Führern aus den seelischen Vorbedingungen der Menschen, die sie fanden, nm mit ihnen ihre Ideale aufzurichten. Ein Volkskommissar erklärte mir mit traurigem Lächeln: der russische Arbeiter habe in den Zeiten vor der Oktoberrevolution zu wenig kapitalistische Prügel erhalten, sei also niemals für eine angestrengte 24 systematische Produktion vorgebildet gewesen. Die besten und verläßlichsten Arbeiter seien die Litauer, die Polen und die Juden. Es gibt Leute, die den Bolschewiki den Vorwurf machen, daß sie mit einem ungeeigneten Volkskörper ein so radikales Experiment gemacht hätten. Und es sind nicht zuletzt die aufrichtigen Sozialisten, die diesen Vorwurf erheben; denn sie befürchten beim Scheitern dessen, was sie das bolschewistische Experiment nennen, ein weltweites Erstarken des Kapitalismus und eine Diskreditierung des sozialistischen Gedankens auf unabsehbare Zeit. Nach drei Monaten, die ich in Rußland verbracht habe, kann ich ein ähnliches, wenn auch viel leichteres Bedenken nicht von mir weisen. Das Volk ist müde, der Arbeiter entnervt, der Kapitalismus hat an der Gesinnung der Menschen, an dem Trieb zur Gemeinschaft jahrtausendelang gesündigt, und der treu ergebenen opferwilligen Genossen sind verhältnismäßig wenige. Die Opferwilligkeit dieser Treuen und Gerechten führt sie – an den roten Fronten – zur Preisgabe ihres Lebens und damit zur Vernichtung der wesentlichen und wichtigen Stütze der Gesinnung bei den schwankenden Massen und der Kontrolle aller der Disziplin Unfähigen, bewußt das Getriebe Zerstörenden.   Ich habe einige Fabriken besichtigt, in denen ich die Produktionsweise des heutigen Rußlands, fragmentarisch zwar, wie es sich von selbst versteht, aber doch in seinen Konturen zu verfolgen vermochte. Es waren dies: eine Textilfabrik in der Nähe Moskaus, eine Kattunfabrik in 25 Iwanowo-Wosnessensk, außerdem Fabriken verschiedener Art in Petersburg, Werkstätten, Bekleidungsindustrien, Brotfabriken usw. In mancher Fabrik fanden wir Rohstoffe vor, die noch aus der Zeit vor dem Kriege stammten. In anderen lag schon neues Material aus den unerschöpflichen Vorratskammern des weiten Landes bereit, jedoch wurden da auch Verarbeitungsstoffe verwendet, die die Blockade nicht herein ließ, z. B. Farben für den Musteraufdruck des Kattuns, die im Frieden aus Bayern importiert wurden, und deren Versiegen die Fabrikation wieder vor ein schwieriges Problem stellen wird. Die Fabriken, die wir sahen, waren bereits in der Zeit vor dem Kriege erbaut und eingerichtet worden. Alles, was wir zu beobachten hatten, um das Wirken des neuen Arbeitssystems zu erkennen, war: in welchem Zustand sich die Fabrik befand, auf welche Weise man die vorhandenen Maschinen und Stoffe behandelte, seit der Arbeiter selber Herr des Betriebes geworden war, und zuletzt das Wichtigste: auf welche Art man den zugrunde gehenden Apparat, die abgenutzten Maschinen, die unersetzbaren Maschinenbestandteile arbeitsfähig erhielt, durch sorgfältige Behandlung, durch Erfindungsgabe, durch Hingabe und Verständnis für die Notwendigkeit der Produktion, nicht nur für die äußeren Bedürfnisse des Volkes, sondern für die Stärkung und Aufrechterhaltung der großen politischen Idee. Ich bedaure es sehr, daß wir keinen Kodak zur Hand hatten, als wir die große Tuchfabrik in der Nähe von Moskau besuchten. Sie fabrizierte Militärtuch, außerdem Tuche für 26 Männerbekleidung und das sogenannte »technische Filztuch« für die Papierfabrikation. Die Herstellung dieses letzteren – eines schweren weißen Filzes von zwei Finger Dicke, der eine endlose Rolle darstellt – erfordert eine bestimmte Maschine zum Aufrauhen des Stoffes. Diese Maschine heißt Rollkardenmaschine und stellt einen Zylinder aus Metall dar, an dem distelförmige biegsame Stachelspulen befestigt sind. Das Tuch wird über diese Disteln gezogen, die die Fasern des Tuches aufrauhen. Die Maschinen, die aus Bury in England bezogen worden waren, waren nicht mehr zu gebrauchen. Die Arbeiter in der Fabrik zimmerten nun aus Holz ähnliche Zylinder zusammen und befestigten an ihnen wirkliche Disteln, die aus einem entfernten Gouvernement herbeigeschafft und natürlich einer raschen Abnutzung ausgesetzt waren. Diese Maschine, primitiv, naiv, wie von irgendeinem Robinson Crusoe zusammengesetzt, kam mir als rührendes Symbol der Not und der Tugend des neuen Rußlands vor. Ich besuchte diese Fabrik mit dem ehemaligen Volkskommissar der ungarischen kommunistischen Regierung, dem ausgezeichneten Volkswirtschaftslehrer Professor Varga. Wir fuhren unangemeldet dort hinaus und konnten einen genauen Einblick in das Getriebe so der Arbeit wie der Verwaltung gewinnen. Von 6100 Spindeln arbeiteten zurzeit nur 3000. 1600 Arbeiter lebten mit ihren Familien auf dem Gebiet um die Fabrik. Viele Maschinen standen still, weil es an Werkzeugen mangelte, die fehlenden Bestandteile zu erneuern. So z. B. mußte der endlose Filz, von dem ich sprach, da die Maschinen zum Zusammenweben des Filzes nicht funktionierten und 27 nicht zu ersetzen waren, von Hunderten von Arbeiterinnen zusammengewebt werden. Da saßen sie nun auf langen Bänken in einer Reihe und fügten mühselig Faden um Faden der beiden Enden des Tuches zusammen. Eine unendlich monotone und mühselige Arbeit, bei der es zu vermeiden war, daß Knoten in das Tuch gelangten, weil dann das Papier, das über diese Tuche laufen muß, natürlich zerrissen wäre. Mir fiel bei dieser Verrichtung ein Wort ein, das ich in Moskau gehört hatte: »Wenig Maschinen, viel Menschen – viel Maschinen, wenig Menschen. Unser Problem ist einfach: wir haben enorme Mengen Menschen, wir brauchen die Maschinen nicht.« Die Arbeiterinnen dieser Fabrik hatten pro Tag ein Minimum von 7½  Arschin Gewebe abzuliefern, erhielten dafür einen Minimaltagelohn von 121 Rubeln 20 Kopeken. Um die Produktion zu heben, wurde ein Prämiensystem eingeführt, welches die Bezüge bis zu 400 Prozent des Lohnes steigern konnte. Zu Zeiten der erhöhten Produktionsnotwendigkeit wurden 40 Überstunden monatlich bei 25 monatlichen Achtstundentagen geleistet. Vor der Einführung des Prämiensystems hatte bei den männlichen Arbeitern die tägliche Produktion einen Durchschnitt von 12 Arschin betragen, nach der Einführung des Prämiensystems betrug der Durchschnitt 15 bis 17 Arschin. Jeder Beamte und Arbeiter hat pro Kopf seiner Familie Anspruch auf 11  Szazn Landes zur eigenen Bebauung im nächsten Umkreis der Fabrikniederlassung. Das hatte seine Vorzüge und Nachteile. Da die Lebensmittelbelieferung oft eine gänzlich ungenügende war und zumal die Arbeiterinnen 28 vor Unterernährung und Müdigkeit kaum mehr zu arbeiten vermochten, durfte man nichts dagegen haben, daß sich ein Teil des Betriebspersonals halbe Tage lang unentschuldigt auf den Feldern umhertrieb, um Rüben, Kartoffeln und andere Erdfrüchte anzubauen, zu pflegen und einzuheimsen. Gegen diese notgedrungene Sabotage der Produktion half nur das mechanisch erhöhte Prämiensystem. Doch war die Stimmung unter der Arbeiterschaft eine vorzügliche. Sie wußten ja, daß etwas sich geändert hatte, daß sie für sich arbeiteten, und das half ihnen über manche Entbehrung, Müdigkeit und Kummer hinweg. Eine Schar hübscher, gut gekleideter und fröhlicher Kinder stand um unser Automobil, als wir kamen und gingen. Im Klubzimmer, in den Speisesälen, in dem Kinderklub der Arbeiterheime hingen Bilder und Fahnen mit Wahlsprüchen an den Wänden; ein Theater sah man, dessen Dekorationen von den Arbeitern selbst gemalt worden waren. Das Programm der letzten Aufführungen zeigte Stücke von Tschechow und Tolstoi. In einem kleinen Atelier standen naive Ton- und Holzskulpturen, die begabte Arbeiter in ihren Mußestunden ausgeführt hatten. Ein Sanatorium mit vorzüglich gehaltenen Räumen für Operationen, Wöchnerinnenstuben und Apotheke wies erstaunlich gut funktionierende Einrichtungen auf, der Oberarzt verfügte sogar über chirurgische Geräte; wie uns im Vertrauen mitgeteilt wurde, waren diese durch den Schleichhandel erstanden; auch war, was in Rußland noch seltener ist, Chloroform vorhanden. Im Betriebsrat saßen nur Arbeiter; kein Beamter. Der Vorsitzende war Kommunist. Doch 29 ist das nicht unbedingte Regel. Es gibt Fabriken, in denen kein Kommunist im Betriebsrat sitzt; nur war diese eben eine der wichtigsten in der Nähe Moskaus und stand in direktem Zusammenhang mit der Zentralstelle für Textilversorgung des Landes. Uns hatten zwei Genossen begleitet, ein älterer, mit der Kontrolle dieser Fabrik im Moskauer Textilkomitee beauftragt, und ein jüngerer, der im Zentrotextil, der obersten Stelle für die gesamte Produktion des Reiches, die verantwortungsvolle Stelle des Leiters der gesamten Wollabteilung innehatte. Beide Genossen waren ehemalige Angestellte der großen Fabrik und standen noch in einem freundschaftlichen und von seiten des alten, expropriierten Besitzers patriarchalischen Verhältnis zu ihrem ehemaligen Arbeitgeber. Weniger günstige Eindrücke hatten wir, als wir im Bureau der Fabrik mit den führenden Beamten zu sprechen anfingen. Der Leiter des Bureaus, ehemaliger Direktor der Fabrik, seit zwanzig Jahren in derselben Tätigkeit, gab ohne weiteres zu, daß seine Bücher nicht ordentlich geführt seien; außerdem konnte er über die Produktionsmengen, die Rohstoffe, die Quantitäten der Verarbeitung nur vollkommen vage und verlegene Auskunft erteilen. Nach Iwanowo-Wosnessensk fuhr ich als Mitglied einer kleinen Gruppe, die unsere wunderbare Klara Zetkin begleitete. Iwanowo-Wosnessensk ist eine der größten Industriestädte Rußlands, das Herz des revolutionären proletarischen Rußlands. Hier herrschte unter der Arbeiterschaft Jubel ob des Besuches der seltenen Frau. Auch Angelika Balabanoff befand sich in unserer 30 Gesellschaft. Wir wurden mit militärischen Ehren empfangen. Die Rote Armee stand auf dem Bahnhof, die Militärkapelle spielte die Internationale, und wir nahmen eine Art Parade ab. Weinende Frauen begrüßten und küßten Klara und Angelika, die vom Trittbrett des Waggons Ansprachen an die Versammelten hielten. Die Fabrik, die wir am nächsten Tage besichtigten, hatte im Frieden enorme Mengen von Kattunstoffen nach dem näheren und weiteren Orient geliefert. Die Musterbücher der Fabrik wiesen eine schier unglaubliche Fülle von buntesten Drucken auf. Alle Urformen indischer, chinesischer, persischer Dekoration fanden sich in diesen Musterbüchern vereinigt. Jetzt wurden natürlich Varianten von nur ganz geringer Zahl ausgeführt. Doch fanden wir schon neue Zeichnungen in einem sauberen, volkstümlichen Stile, der dem Geschmack des Proletariers angemessen schien. Im Hofe der Fabrik, die seit zwei Wochen erst wieder in Gang gesetzt worden war, im Frieden 4500, jetzt nur 2000 Arbeiter beschäftigte, lagen noch Berge von Granaten. Die Fabrik war nämlich im Kriege auf diesen angenehmen Produktionszweig umgestellt worden. Das ganze Teufelszeug rostete nun unter der dreimal wiederholten Schneeschicht. Iwanowo-Wosnessensk besitzt 210 Fabriken und ist, wie gesagt, das Zentrum der Kattunfabrikation Rußlands. Durch die neue Produktionsweise sind jetzt alle für die Fabrikation von Textilwaren bestimmenden Bearbeitungsstellen vereinigt, während früher der unsinnige Zustand herrschte, daß man einen Stoff, der an einem Ort gewebt wurde, Tausende von Meilen weit an einen anderen Ort zur weiteren 31 Bearbeitung, dann wieder quer durchs Land zum Dekatieren usw. herumschicken mußte. Von den 210 Fabriken sind es zwanzig große, die gegenwärtig in Betrieb stehen. Kleine Betriebe sind natürlich gesperrt, da die Konkurrenz der Fabrikanten und die Privatinitiative mit dem Privateigentum aufgehört haben. Auch hier sahen wir viel Heroismus der Arbeit und viel rührendes Elend. Blasse Frauen stürzten auf unsere Zetkin zu, zeigten ihre Bastschuhe – draußen hatten gerade die ersten Winterfröste eingesetzt – und baten die Freundin und Führerin, den Genossen Lenin zu veranlassen, daß er mehr Brot und mehr Schuhe nach Iwanowo schicke. (Der Ort galt von jeher als ein Hungerzentrum.) Gegen welche Schäden moralischer Art das meines Erachtens die Moral nicht minder schädigende Prämiensystem anzukämpfen hat, lehrte uns der Besuch einer großen Mäntelnäherei in Petersburg. Als wir ankamen, war eine kleine Gruppe von jungen Arbeiterinnen im Zimmer des Betriebsleiters versammelt. Auf Stühlen lagen, sorgfältig hingebreitet, hübsche, aus gutem Tuch verfertigte und mit Seide gefütterte Blusen und Jacken, Röcke, sogar einige schöne warme Mäntel aus Plüsch und mit Pelzwerk. Alldies wurde an Arbeiterinnen für gutes Verhalten, emsige Arbeit und pünktlich eingehaltene Arbeitszeit verteilt. Wir erfuhren, daß viele von den Arbeiterinnen sich den härtesten Strafen für Verletzung der Arbeitspflicht aussetzten, halbe Tage lang fortblieben, um für die Ehegattinnen irgendwo versteckter reicher Schieber Mäntel zu nähen, Kleider anzufertigen, wobei die Löhne für solche 32 heimlich fertiggestellte Kleider zwischen 60- und 80 000 Rubel schwankten. Hier hatten wir einen wüsten Ansturm von großstädtisch demoralisierten, keifenden und fuchtelnden Frauen zu bestehen. Dieser Ansturm galt dem Abteilungsleiter der Petersburger zentralen Kommunalbehörde, der uns die Werkstätten zeigte. Der Mann, einer der tüchtigsten, gewissenhaftesten und arbeitsfreudigsten Beamten des großen Stabes der Petrokommun war ehemals selbst Schneider gewesen. Die Beschwerden der Arbeiterinnen waren: mangelhaftes Schuhwerk und ungerechte Bevorzugung irgendwelcher Kolleginnen bei der Verteilung der Prämien.   Rußland, das blockierte, vom Krieg bedrängte, vor inneren Feinden sich nur ungenügend schützende Rußland krankt an einer Unterproduktion des Notwendigsten. Das traurigste Wort, das ich in Rußland gehört habe, war das Wort: Remont . Remont bedeutet Reparatur, und wenn man Remont hört, bedeutet es, daß etwas kaput ist, das nicht repariert werden kann. Im täglichen Leben bemerkt man dasselbe wie in den großen Dingen der öffentlichen Einrichtungen und Notwendigkeiten. Ging in dem schönen Hause, in dem ich in Moskau wohnte, eine Schraube von der Klinke meiner Zimmertür verloren, so konnte ich meine Tür nicht mehr schließen, denn es waren einfach keine Schrauben zu beschaffen. Mein Weg in die Stadt führte mich durch eine der belebtesten Verkehrsadern, eine abschüssige Straße entlang. Mitte Oktober hatten wir 15 Grad Kälte. In einem vierstöckigen Hause war allem Anschein nach ein Leitungsrohr 33 geplatzt. Ein ekler Bach von Urin ergoß sich gelb durch den Schnee und das Eis hundert Meter weit über die Straße. Die Röhren waren nicht zu ersetzen. Überall auf Schritt und Tritt Verwüstung, Unersetzbarkeit, Ruin. Damit zugleich Resignation, Gehenlassen, Verlotterung, Sich-Hinlegen und Sterben. Und doch – im Frühjahr 1920 gab es zwischen der Erledigung Denikins und dem neu einsetzenden Polenkrieg einen Zeitraum von ungefähr drei Monaten, in dem die Industrie mit einem Ruck erhöhte Produktion aufwies, dadurch die Belieferung vom Lande einen Aufschwung nahm, die allgemeine Stimmung sich hob, das System erstarkte und an Anhängern gewann. Aber dann kam Polen, dann kam Wrangel, dann kam die Besetzung des Donjetzbeckens, die Verwüstung und die Abschneidung der ukrainischen Felder, die Wegnahme der Naphthaquellen, Müdigkeit, Verzweiflung. Trotzdem ließ man den Mut nicht sinken. Die Lebensmittelration der Kinder wurde erhöht (die bösen Kommunisten erhöhten sogar die Lebensmittelration für die Kinder der verhaßten Bourgeoisie), und die wenigen Monate Waffenstillstand an der Front bewirkten, daß der Winter 1920/1921 minder hart und gefährlich auf die leidende Bevölkerung der großen Städte niederfällt. Als ich Rußland verließ, war Wrangel in die Flucht geschlagen, und wir atmeten auf. Eine Zeitspanne von mindestens vier Monaten Ruhe an den Fronten stand Rußland bevor. Rußland, das ein bewunderungswürdig aufgebautes Heer von Arbeitern und Bauern besitzt, wird imstande sein, diese disziplinierten, zum Teil 34 enthusiastischen, weil für das Recht kämpfenden Männer zur Arbeit in den wichtigen, für Leben und nächste Zukunft entscheidenden Produktionszweigen umzustellen. Wenn der Krieg, wie ich später ausführen werde, hilft: die Idee des Kommunismus in der Armee und damit in den breitesten Massen des russischen Volkes auf entscheidende Weise zu verbreiten, so hilft der Waffenstillstand, die Atempause zwischen zwei Kriegen, die Industrie zu stärken. So bewirkt der Kampf der Entente genau das Entgegengesetzte von dem, was sie sich von der Bekämpfung des Bolschewismus verspricht. Die Zukunft wird es lehren, ob der Weltkapitalismus sich nicht in einem nutzlosen Ansturm gegen die Idee der Befreiung der Massen aufreibt und verausgabt. Diese Befreiung der Massen ist nicht wörtlich zu nehmen. Denn wenn man unter Freiheit Selbstbestimmung, Leichtigkeit der Bewegung, ein gemütliches Hinvegetieren versteht, so kann man diese Freiheit in Rußland allerdings nicht finden. An ihrem Mangel leidet jedermann (nicht allein der Intellektuelle!), am allermeisten aber der russische Arbeiter. Einige Bemerkungen über die Art der Arbeitszuteilung und die Bedingungen der Arbeit selbst seien hier eingeflochten: Die Freizügigkeit des Arbeiters besteht nicht mehr. Die Vermittelung der Arbeitskräfte geschieht nicht durch Arbeitsbörsen, wie noch vor kurzem, sondern durch das Volkskommissariat für Arbeit (Kommissar Schmidt), das in enger Fühlung und bei den höheren Stellen auch in persönlicher Union mit den Gewerkschaften und ihren Führern steht. Arbeitspflicht besteht für jeden Mann vom 16. bis 35 50. Jahr, für jede Frau bis zum 40. Jahre. Der Maximalarbeitstag dauert 8 Stunden. In manchen Betrieben, die schwere, gefährliche oder gesundheitsschädigende Formen der Arbeit bedingen, wie in Zündholzfabriken, in Bergwerken usw., reduziert sich die Arbeitszeit um 2 bis 2½ Stunden und um ganze Arbeitstage in der Woche. Frauen haben acht Wochen vor und acht Wochen nach ihrer Niederkunft Anspruch auf vollständige Ruhe, vollständige Bezahlung ihrer Bezüge und auf eine Belieferung an Leinwandstoffen und allem Nötigen für die erste Versorgung des Kindes. Außerdem wird die Milchration, auch wenn die Frau ihr Kind nicht selbst stillt, erhöht. Schwankungen bei der Durchführung all' dieser Vorschriften sind noch zu beobachten. Ich selbst habe in manchen Betrieben junge Mädchen gesehen, die offenbar das 16. Jahr noch nicht erreicht hatten. Indes mag das auf einen Irrtum zurückzuführen sein; verkümmerte, armselige Proletarierkinder sind ja im Wachstum gehemmt worden von je, und der traurige Zustand des gequälten Landes vermochte daran im Zeitraum von drei Jahren trotz der ungeheuersten Anstrengung nichts Entscheidendes zu ändern.   Um das, was ich über die geistige Arbeit im Dienste des Staatswesens zu sagen habe, gleich in das richtige Gleichgewicht zu bringen, will ich zwei Sätze aus Lenins Broschüre »Staat und Revolution« zitieren. Der erste Satz lautet: »Beamtentum und ständiges Heer, das sind die Parasiten am Körper der bürgerlichen Gesellschaft.« Der zweite Satz lautet: »Von einer plötzlich restlosen Beseitigung des Beamtentums an allen Orten 36 kann keine Rede sein. Dies wäre Utopie; aber den alten Beamtenapparat sofort zertrümmern und gleichzeitig mit dem Bau eines neuen beginnen, der die allmähliche Beseitigung jeglichen Beamtentums ermöglicht, das ist keine Utopie.« Weiter führt Lenin aus: Mit der Beseitigung des spezifischen Vorgesetztentums der Staatsbeamten kann und muß sofort von heute auf morgen begonnen werden, und an deren Stelle müssen die einfachen Funktionen von Aufsehern und Buchhaltern treten. Was ich in Rußland gesehen, erfahren, und ich darf ruhig sagen, erlitten habe, läßt sich auf das System der ungeheuerlichsten Zentralisierung des ganzen Produktions- und Verwaltungsapparates zurückführen, den diese an Schrecknisse gewohnte Welt jemals erlebt hat. Die Privatinitiative ist zugunsten der Staatsinitiative ausgeschaltet, aber die Menschen sind die alten geblieben. Das Beamtentum ist eine in allen Formen der Gesellschaftsordnung wiederkehrende Belastung des produktiven Arbeiters, des die Schätze der Natur, sei es durch den Pflug, sei es durch den Spaten hebenden Arbeiters, des die Schätze des Landes verarbeitenden und zum Gebrauch für die Gemeinschaft herrichtenden Arbeiters. Ein Wort an Alle, an alle Arbeiter, an die sich vereinigenden Proletarier aller Länder! Im Augenblick, in dem ihr die Herren der Staatsgewalt geworden seid, im Augenblick, in dem ihr die Klasse der Ausbeuter unterdrückt und vernichtet habt, beginnt für euch eine Zeit der ungeheuersten Kraftanstrengung, die Notwendigkeit unerhörtester Arbeitsleistung, die Zeit einer selbstauferlegten äußersten Sklaverei, die nur bei den 37 Klassenbewußtesten, bei den Zukunftsbewußtesten unter euch ein Gegengewicht in der inneren Befreiung, in dem Bewußtsein der inneren Freiheit finden kann! Die Zentralisierung des politischen und wirtschaftlichen Verwaltungsapparates gebiert eine so maßlose, alle Begriffe überschreitende, jeder Kontrolle allmählich entschlüpfende Beamtenschaft, daß ihr wiederum für eine Schar mehr oder minder untätigen parasitären Individuen angestrengt zu arbeiten habt, maßlos zu arbeiten habt, nur daß diese auf eurem Buckel hockende Schar euch jetzt nicht mehr ausbeutet , sondern das verwaltet , was ihr mit eurer Hände und Hirne Arbeit aus dem Erdboden hervorstampft, in den Werkstätten verarbeitet.   Wenn unter dem kapitalistischen System nur die Hälfte der Bevölkerung rein produktive Arbeit leistet, so weiß ich nicht, welcher Bruchteil der Bevölkerung unter dem kommunistischen System rein produktive Arbeit leisten wird und kann. Die erste Notwendigkeit, die erste Tat nach der Ergreifung der Macht durch das Proletariat war: die kapitalistischen Führer und Beamten aus dem Staats- und Wirtschaftskörper völlig auszuschalten. Sofort darauf ergab sich als nächste dringendste Notwendigkeit die Aufgabe: unter diesen Ausgeschalteten vorerst die Spezialisten in den einzelnen Fächern wieder in den Beamtenkörper aufzunehmen. Diese Notwendigkeit birgt eine maßlose Gefahr in sich, wie ich es gleich ausführen will. Sieht man sich das Diagramm eines großen Verwaltungskörpers, z. B. des Obersten Wirtschaftsrates, im Zusammenhang mit 38 allen den ihm untergeordneten Zweigen der Produktion und Verteilung an, so wird man an diesem Schema des Verhängnisvollen des Systems genau gewahr werden. Zuerst befindet sich im Innern dieses Diagramms, in der Mitte des Blattes, auf dem das Schema eines Kommissariats oder eines Zentralrats aufgezeichnet ist, ein kleiner Kreis. In diesem Kreise steht der Volkskommissar für Arbeit, für Volksaufklärung, für Auswärtige Angelegenheiten, für Gesundheitspflege, oder was er sonst ist. Diese Männer, soweit ich sie kennen gelernt habe, soweit ich ihre Arbeit beobachten und mich über ihre Arbeit informieren konnte, sind Persönlichkeiten von absoluter, keiner Verleumdung zugänglichen Integrität, durch das Leben und das Schicksal erprobte, gehärtete, aufopferungsvollste, für unsere gemäßigten Zonen der Pflichterfüllung unbegreifliche Arbeiter, Verantwortungsträger, zum Teil wahre Apostel und Herolde einer neuen Zeit. Um diesen innersten Kreis, der entweder einen Namen oder die Namen eines ganz engen Komitees von drei bis fünf Menschen umfaßt, zieht sich ein Kreis mit schon etwas breiterem Radius. In diesem Radius sind die Leiter der obersten Verwaltungsstellen des Kommissariats genannt, meist ebenso erprobte, zum großen Teil ebenso opferwillige, mit Arbeit überlastete und ihrer Verantwortung bewußte Kommunisten. Die Kreise weiten sich immer mehr. Jedem Leiter eines Verwaltungs- oder Produktions- oder Verteilungszweiges unterstehen Abteilungsleiter, die ihrerseits wieder einen weiteren Kreis und immer weitere Kreise von Untergebenen mit spezialisierten Funktionen besitzen. Je weiter diese Kreise 39 sich von dem Mittelpunkt entfernen, um so weniger können die Funktionäre, die ihn ausfüllen, kontrolliert werden. Ich habe den Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Tschitscherin, kennengelernt, habe ungefähr zu sehen bekommen, wie sein Kommissariat arbeitet. Außerdem habe ich auch neben anderen Kommissariaten das Kommissariat für Volkserziehung des Genossen Lunatscharski zu beobachten Gelegenheit gehabt. Ich kann nicht sagen, daß ein direkter Zusammenhang zwischen der Tüchtigkeit »des innern Kreises und der äußersten Kreise« ein und desselben Kommissariats besteht, und ich will nicht sagen, welches von den erwähnten Kommissariaten mir diese Überzeugung beigebracht hat. Ich weiß nur, daß Tschitscherin, ein kränklicher, hüstelnder Asket, von den achtzehn Arbeitsstunden, die er täglich leistet, reichlich zehn an Organisationsfehlern innerhalb seines Kommissariats einbüßen muß. Lunatscharski mag ein Mann von grandiosen Ideen sein, und manches, was in seinem Kommissariat durchgesetzt ist, wird die Welt in stärkere Erschütterung versetzen, als sie das Kommissariat der Arbeit oder irgendeines wirtschaftlichen Departements hervorzurufen vermag – aber er ist der typische Intellektuelle, verschwindet von Zeit zu Zeit, um Konrad Ferdinand Meyer zu übersetzen oder um ein Drama zu schreiben, in dem Marx mit Faust und Bakunin mit Mephisto und andere unzüchtige Paarungen stattfinden, und die Arbeit des Kommissariats trägt die Folgen. Je stärker sich der Kommunismus einwurzelt, im Maße, in dem das System in dem ganzen 40 ungeheuren Lande erstarkt, im Maße, in dem alle zur Zentralorganisation gehörenden Zweige der Verwaltung und der Produktion in den Bereich der Zentralisierung einbezogen werden, macht sich die Notwendigkeit der Auffüllung des Beamtenkörpers, der Zuziehung von Massen neuer und immer neuer Mitarbeiter bemerkbar. Es läßt sich nicht vermeiden, daß sich Elemente in diesen Scharen einfinden, die durch Faulheit, Korruption, durch bewußt feindliche Gesinnung gegenüber dem System den ganzen Apparat schwächen und diskreditieren. Die »inneren« Vorkämpfer der revolutionären Idee fordern von ihren Untergebenen mit mehr oder minderer Energie dieselbe Aufopferung, denselben Idealismus, dieselbe Gläubigkeit, die sie in sich hegen, und die letzten Grundes die Ursache dafür ist, daß der russische Kommunismus sich seit drei Jahren siegreich in Rußland behauptet hat und eine nie mehr vergängliche Umwandlung der Geister in der ganzen Welt bewirkte. Aber diesem seelischen Druck geben nur jene nach, die die Vorbedingungen der Aufopferung, des Idealismus, der Gläubigkeit in ihren Herzen besitzen. Bei den anderen, die, um zu leben, sich dem Sowjet-Apparat freiwillig, aufgefordert oder notgedrungen zur Verfügung gestellt haben, keimt und schwillt mächtig und immer mächtiger Haß, Böswilligkeit und Vernichtungssucht an. Wenn es die Eigenschaft des Staates ist, daß er einen enormen Beamtenapparat nötig hat, so trägt der Staat seinen Krankheits- und Todeskeim in sich, und es ist fraglich, wie sich aus dem vorläufig allmächtigen Gebilde des Staates jemals 41 unser utopischer Traum der freien Gemeinschaft kleiner Kreise entwickeln soll. In Rußland habe ich das unerhörteste, ungemessenste Leiden in fast allen Schichten der Bevölkerung gefunden, fröhlich aber und guter Dinge habe ich (außer den Kindern) nur eine Schicht gesehen, nämlich eine im wirklichen Sinne des Wortes parasitäre, bürgerliche Mittelschicht von neuem Beamtentum, die sich weiß Gott woher zusammen gefunden hat, sich über den wißbegierigen und ernst und eifrig den Zusammenhängen nachforschenden Fremdling lustig macht, ihn durch Ignoranz oder bewußte Irreführung bei seiner Arbeit behindert. Ich sprach schon vorhin von der Schwierigkeit, durch Informationen die Wahrheit über die innere Struktur des Apparates zu erhalten. Diese Schicht einer, man kann es ruhig so nennen, neuen Bourgeoisie, der sogenannten Sowjet-Bourgeoisie, ehrgeizige, zynisch unzuverlässige Menschen, werden durch Maulwurfsarbeit den Staatskörper unterminieren und würden vermutlich die ersten sein, die auf den Trümmern, wenn es jemals Trümmer geben könnte, die weiße Fahne oder irgendeine andere hißten. Die inneren Kreise kennen diese Zustände, kennen diese Leute ganz genau. Von Zeit zu Zeit »kämmen sie sie aus«, d. h. sie schütteln sie ab unter Hinweis auf die Notwendigkeit, daß die Front junger Männer bedarf, daß in einem entfernten Ort des weiten Landes ein Posten vakant geworden ist, auch wird der kommunistische Samstag oft als willkommener Anlaß dazu ersehen, die zu geistiger wie zu körperlicher Dienstleistung Unwilligen zu entlarven, sich ihrer zu entledigen. Aber es fragt sich, ob der Ersatz, der 42 für diese Ausgekämmten geschaffen wird, nicht aus noch trüberen Elementen besteht. Es ist in den Rußland feindlich gesonnenen Ländern immer wieder die Rede davon, daß die Rote Armee es sein wird, die letzten Endes die Bolschewiki stürzen wird. Dieser Hoffnung muß sich die vereinte kapitalistische Welt entschlagen. Die neue Sowjet-Bourgeoisie schenkt ihrerseits dieser kapitalistischen Welt eine erneute, wenn auch beträchtlich geringere Hoffnung. Es ist unwahrscheinlich, daß die Sowjet-Führer diesen Krebsschaden früher oder später vollkommen auszuschneiden fähig sein werden. Die Kommunistische Partei Rußlands ist zahlenmäßig gering. Sie beträgt nach neuester Schätzung dreiviertel Millionen bei einer gesamten Volkszahl von 150 Millionen, und von dieser dreiviertel Million ist, gering bemessen ein Drittel, und zwar gerade das wertvollste, verläßlichste und opferwilligste Drittel an den Fronten, wo es in den vordersten Gräben die Sache der Sowjets verficht. Welches Maß von Heroismus an diesen Fronten von den überzeugungstreuen, opferwilligen Kommunisten stündlich bezeugt wird, kommt nie ans Tageslicht. Die letzte Woche des Wrangelabenteuers, die ich in Rußland verlebt habe, weist auf eine Epopoe hin. Kämen diese verläßlichen, erprobten Menschen zurück, das Übel wäre über Nacht in nichts vergangen. Es ist unzweifelhaft, daß eine Schwäche, nicht der Führer allein, sondern des ganzen Systems darin liegt, daß die konterrevolutionären, die sabotierenden, faulen und korrupten Elemente nicht radikal beseitigt werden können. Schwierig dürfte es ja sein, die »Spez« hinauszuwerfen. »Spez« 43 ist ein ebensolches Schimpfwort wie »Spek«. »Spez« ist der Spezialist, »Spek« der Spekulant. Beide zugleich Spekulanten und Spezialisten der alten, nur unvollkommen vernichteten Wirtschaft und Gesinnung. Der Spez ist ehemaliger Kaufmann, Fabrikant, Kapitalist, Ausbeuter, aber gründlicher Kenner seines Produktions- oder Verteilungsgebietes. Er ist nicht leicht durch Männer der geraden Gesinnung, aber mangelnden Sachkenntnis zu ersetzen. Eine Vereinfachung des Beamtenkörpers wäre indes wohl durchführbar, und dadurch könnte eine ungeheure Schar überflüssigen, herumlungernden, Witze und Zoten reißenden Gelichters aus den Ämtern entfernt werden. Sie tun ja doch nichts. Man gerät in gelinde Wut, wenn man auf sie angewiesen ist. Unsereiner, der nur wenige Wochen und Monate in den großen Zentren der Arbeit und Verwaltung verweilen kann, leidet Höllenqualen. Die Ämter sind in Villen oder Palästen untergebracht, die ehemals reichen Leuten gehört haben und so ziemlich an der Peripherie der Stadt gelegen sind, nur wenige im Zentrum. Telephon funktioniert nicht, oder, wenn es funktioniert, nur einseitig. Eine Maschine, d. h. ein Automobil, das einem nebst Sekretär, Übersetzer und anderen schönen Dingen versprochen worden ist, tritt nicht in Erscheinung. Man ist also gezwungen, entweder zu Fuß zwölf Werst zu laufen oder sich in eine Droschke zu setzen, deren Lenker für eine Strecke wie vom Brandenburger Tor nach dem Anhalter Bahnhof 5000 Rubel verlangt und auch bekommt. Der Monatsgehalt eines Sowjet-Beamten, Arztes oder anderen Funktionärs macht selten mehr als diese Summe 44 aus; daher kann sich nur ein Spekulant eine Droschke leisten; infolgedessen entzieht sich der Droschkenlenker, der früher 10 bis 15 Kopeken für die Fahrt bekommen hat, der irdischen Gerechtigkeit. Man hat fest ein Stelldichein verabredet mit einem Funktionär zweiten, dritten oder fünften Grades; rast mit dem Iswostschik durch die Stadt. Der Funktionär ist nicht zugegen, verreist, noch nicht ins Bureau gekommen, kommt wahrscheinlich auch nicht, hat vergessen oder – ist nicht aufgelegt. Aber das ist es nicht, was einem die heilige Wut gegen das Beamtentum allmählich in den Adern gerinnen läßt. Es sind nicht nur die Einzelnen, auch nicht Gruppen, wie jene Chemiker im Gouvernement Wiatka (?), die sich an die Zentralstelle in Moskau mit dem schamlosen Ersuchen gewendet haben, keine Kommunisten zu schicken, sondern Leute, die Chemie verstehen; es ist auch nicht eine Kreatur wie jene Oberärztin in dem Petersburger Gefängnis, die uns mit sadistischer Wollust in ihrem Bereich herumführte, dann mit unverhohlenem Zynismus ihre Vorgesetzten wegen ihrer kommunistischen Gesinnung verhöhnte und uns, als wir ihr aus unserer Gesinnung kein Hehl machten, mit naiver Miene fragte: wie kann man nur? Es kann passieren, daß einem, nachdem man in einem Amt mehr oder weniger sichere und erschöpfende Auskunft bekommen hat und hoch befriedigt das Zimmer verläßt, ein kleines verdächtiges Lachen nachgesandt wird. Man wendet sich dann um, sieht eine Gruppe von vollkommenen unwissenden Leuten, die sich soeben eine Menge Lügen aus den Fingern gesogen haben und jetzt 45 den Bauch halten über die Naivität des Fremdlings, der wirkliches Wissen vorausgesetzt hat und mit wirklichem Wissen abzuziehen vermeint. Gogolsche Revisorstimmung. All' das sind wohl Geringfügigkeiten, obzwar sie sich traurig genug anhören. Aber durch solche Unzuverlässigkeiten geschieht es, was ich einmal in einer mir interessant und wertvoll dünkenden Bildungsstätte in Moskau erlebt habe. Dort war eine Reihe von Werkstätten geschlossen, einfach, weil aus Nachlässigkeit der vorgesetzten Behörde die Grenzfrage der Belieferung mit Materialien durch das eine oder das andere Kommissariat, das Kommissariat für professionelle Arbeit oder das Kommissariat für Volksaufklärung ungefähr fünfviertel Jahr lang unentschieden geblieben war. Man wundert und ärgert sich schließlich nicht mehr, zieht seine Schlüsse und geht seiner Wege, d. h. man geht, wenn man überhaupt noch zu gehen imstande ist. Als ich infolge totaler Erschöpfung und des erbärmlichen Pflasters von Moskau in einer Nacht auf der Straße hingeflogen war und mir Knie und Ellenbogen blutig geschlagen hatte, war ich gezwungen, mich nach einem Stock oder irgendeiner Stütze umzusehen. Der normale Weg wäre gewesen, ein Gesuch an die mir übergeordnete Behörde, das Auswärtige Amt, einzureichen und zu begründen, weshalb ich einen Stock benötige. Dieser Instanzenweg hätte, wenn es an den städtischen Verteilungsstellen wirklich so etwas wie einen Stock gegeben hätte, was man mir aber sofort verneinte, ungefähr zwei Wochen gedauert . . . . Ebenso die Besohlung von Amts wegen meines zweiten Paares total durchgelaufener Stiefel. Ich zog es vor, auf den Markt zu 46 gehen, von dem ich später ausführlich sprechen werde, wo aber keine Stöcke, sondern nur Besen zu haben waren. Ein Besen kostete 12 000 Rubel. Ich hätte den Besenstiel entzwei sägen müssen, und er wäre nur eine notdürftige Stütze gewesen. Infolgedessen brach ich von meinem Regenschirm das untere Holz ab und ging so mit einer etwas breiteren Basis wochenlang in Rußland spazieren. Kleine Fehler der Organisation, aber man spürt sie am eigenen Leibe. Was soll nun aus dieser maßlosen Zentralisation, aus diesem weiter und immer weiter überwuchernden Beamtenkörper, diesem parasitären wilden Fleisch an dem gesunden Leib eines Arbeitervolkes werden? Oft fuhr ich nachts aus einem Alptraum auf. Ich sah die Menschheit der Zukunft in zwei Lager gespalten. Die eine Hälfte saß in den Ämtern, die andere wartete in Vorzimmern. Die ganze Entwicklung der Politik kam mir so vor: die in den Vorzimmern strebten danach, selbst die Macht an sich zu reißen, d. h. drin in den Amtszimmern zu sitzen, damit jene, die jetzt im Amt saßen, sich draußen in den Vorzimmern in Reihen stellen müßten. Am ersten Tage meiner Anwesenheit auf ehemals russischem Boden, in Reval, während ich auf das Visum meines Passes im Auswärtigen Amt der Republik Eesti wartete, habe ich mir ein Andenken an diese drei Stunden mitgenommen. Das Außenministerium der Republik Estland ist in einem wunderschönen ehemaligen Herrenhaus, einem großen Haus aus dunkelroten Holzstämmen mit schwarzen Ornamenten außen, weißen Räumen mit enormen Kachelöfen und Empiremöbeln innen untergebracht. Im 47 Empfangszimmer, in dem ich auf meinen Paß wartete, drei Stunden lang wartete – es gingen derweil junge Beamte und Beamtinnen aus und ein, saßen auf den hübschen Empiremöbeln, erhielten von Leuten, die Anliegen hatten, Bonbonpakete, Blumen und anderes zugesteckt – in diesem schönen Vorzimmer habe ich eine Quaste von einem der Empiremöbel abgedreht. All' die Empiresessel und Fauteuils hatten seidene Borten, die von nervösen, stundenlang wartenden Vorzimmerkreaturen in unzählige Fasern zerpflückt und zerrissen über die Lehnen und Beine herunterhingen. Meine Verzweiflungstat vollendete nur das Zerstörungswerk ungezählter Vorgänger in den Empirefauteuils. Wenn ich nachher im Laufe der Monate in Ämtern zu tun und zu warten hatte, zupfte ich in der Tasche an dieser ersten Quaste, fühlte, dachte und betete. Ich betete: lieber Gott, man hat dich abgeschafft; ehe du aber vollkommen von der Erde verschwindest, erlöse uns von diesem Übel. Ich kenne keinen anderen Weg. An wen soll ich mich wenden? An einen Volkskommissar? Und dann dachte ich an William Morris und mein Lieblingsbuch »Märchen von Nirgendwo«. An den wunderbaren Traum, den vor Morris schon Fourier geträumt hat, von dem Schmetterlingstrieb im Menschen, dem Trieb, sich nicht in einer einzigen Beschäftigung zu verknöchern, kein Spezialist zu sein, sondern aus dem Leben an Abwechslungsmöglichkeiten all' das herauszuschlagen, was es enthält und freiwillig hergibt, ohne geschlagen zu werden, wenn die Menschen sich nur ein bißchen helfen wollen, statt sich zu unterdrücken. Ich dachte an die »kleinen Horden«, die Kinder, die so gern im Schmutz wühlen, die daher in der Gesellschaft der 48 Zukunft die Kloaken reinigen werden. Welche Menschenklasse wird in der Gesellschaft der Zukunft die Ämter anfüllen? Gibt es denn Menschen, die das Brot des Bureaukraten aus andern Gründen als aus der absoluten Notwendigkeit, zu leben, die es aus dem Trieb, dem Mitmenschen das Leben so sauer wie möglich zu machen, verzehren?   Subbotnik Aus der Moskauer »Prawda« vorn 17. Mai 1919: » Das Arbeiten auf revolutionäre Art « (Kommunistische Samstage) Das Schreiben des Zentralexekutivkomitees der Kommunistischen Partei über das Arbeiten auf revolutionäre Art hat den Kommunisten und ihren Organisationen einen mächtigen Ansporn gegeben. Die allgemeine Begeisterung hat viele Eisenbahner unter den Kommunisten nach der Front geführt. Doch die meisten durften ihre verantwortlichen Posten nicht verlassen, um neue Methoden der Revolutionsarbeit zu suchen. Die lokalen Berichte über die Langsamkeit der Demobilisierung und den bureaukratischen Schlendrian veranlaßten die Untersektion der Eisenbahn Moskau-Kasan, ihre Aufmerksamkeit dem Mechanismus des Eisenbahnbetriebs zuzuwenden. Es stellte sich heraus, daß aus Mangel an Arbeitskräften und infolge geringer Arbeitsintensität dringende Bestellungen und eilige Lokomotivreparaturen verzögert wurden. Am 7. Mai wurde in der Generalversammlung der Kommunisten und ihrer Freunde in der Untersektion der Eisenbahn 49 Moskau-Kasan die Frage aufgeworfen, wie man von Worten zu Taten übergehen könne, um den Sieg über Koltschak zu erringen. Die angenommene Resolution lautete folgendermaßen: In Anbetracht der schweren inneren und äußeren Lage, die von der Notwendigkeit geschaffen wird, den Klassenfeind niederzuringen, haben die Kommunisten und ihre Freunde sich von neuem aufzuraffen und ihre Ruhezeit um noch eine Stunde zu verkürzen, d. h. ihren Arbeitstag um eine Stunde zu verlängern. Die Überstunden sind zusammenzulegen, und am Samstag sind hintereinander sechs Stunden körperlicher Arbeit zu leisten, um unmittelbar einen realen Wert zu schaffen. In der Meinung, daß Kommunisten weder ihre Gesundheit noch ihr Leben für die Errungenschaften der Revolution schonen dürfen, wollen wir die Arbeit unentgeltlich tun. Der Kommunistische Samstag soll in der ganzen Untersektion bis zum vollständigen Sieg über Koltschak durchgeführt werden. Nach einigem Hin und Her wurde dieser Vorschlag einstimmig angenommen. Am Samstag, den 10. Mai, traten um sechs Uhr nachmittags die Kommunisten und ihre Freunde wie Soldaten zur Arbeit an, stellten sich in Reih und Glied und bekamen ohne Umstände von den Meistern ihre Arbeitsplätze angewiesen. (Es folgt die Tabelle der hier und anderweitig geleisteten Arbeit.) Die Gesamtkosten der Arbeit hätten bei normalem Tarif fünf Millionen Rubel betragen. Da diese in Überstunden geleistet wurde, hätte sie eineinhalbmal so hoch berechnet werden müssen. 50 Die Arbeitsleistung beim Verladen überstieg die Norm um 270 Prozent. Die übrigen Arbeiten weisen ungefähr dieselbe Mehrleistung auf. So wurden Verzögerungen dringender Aufträge von sieben Tagen bis zu drei Monaten vermieden, die infolge Arbeitermangel und schleppender Arbeit eingetreten wären. Die Arbeit wurde mittels schadhafter Werkzeuge verrichtet, die zwar leicht auszubessern waren, deren Instandsetzung aber einzelne Gruppen 30 bis 40 Minuten aufhielt.« –   In seiner Broschüre »Die große Initiative«, aus der der vorstehende »Prawda«Bericht wörtlich abgedruckt ist, nennt Lenin den freiwilligen Arbeitsentschluß der Moskau-Kasaner Eisenbahner die Keimzelle der neuen sozialistischen Gesellschaft, einen neuen gesellschaftlichen Zusammenhang, eine neue Arbeitsdisziplin, einen Sieg des russischen Arbeiters über den kleinbürgerlichen Egoismus und die eigene Trägheit, den ersten Schritt zu einer wirklich revolutionären Tat, zum faktischen Anfang des Kommunismus. Das Beispiel der Moskau-Kasaner Eisenbahner fand begeisterten Widerhall und enthusiastische Nachahmung in allen Teilen des weiten Landes, wo der kommunistische Grundgedanke der Arbeit für die Gemeinschaft bereits Fuß gefaßt hatte und in seinem tiefen Wesen begriffen worden war. Wir im Westen horchten auf. Für uns war der 10. Mai 1919 ein geschichtliches Datum, das uns mächtig erschütterte, fast so mächtig, wie der Gedanke an den 25. Oktober 1917, an dem das Proletariat die Macht ergriffen hatte. Wir sahen 51 die Tat der Kasaner Genossen von einer blendenden, die Jahrhunderte überglänzenden Schönheit umflossen. Wir achteten atemlos auf die Brandung, den Glanz, der aus dem Nordlicht herüber schwellen sollte zu den Proletariern der anderen Länder; wir hofften, glaubten und warteten. Als ein Jahr später Genosse Schljapnikow, der Führer der russischen Gewerkschaften vor dem Vorstand der U.S.P. Deutschlands in Berlin einen Vortrag über Rußlands ökonomische Lage und Arbeitsprobleme hielt, fragte ich ihn in der Diskussion, warum er es verabsäumt habe, über die kommunistischen Samstage zu sprechen. Ich bekam eine Antwort, die mich verwirrte und verstummen ließ; sie war ungenügend und vage und schien mir auf den Wesenskern nicht einzugehen. Stand doch der kommunistische Samstag vor meinem Gewissen als etwas Leuchtendes, Heroisches, als ein Beispiel von antiker Größe, denn ich wußte ja, was es für arme, hungrige und übermüdete, dabei träge geborene und jahrhundertelang mißhandelte Menschen heißt, freiwillig noch Bürden auf sich zu laden, das einzige hinzugeben, was sie besitzen, ihre Arbeitskraft, und immer wieder Arbeit – für eine Idee, für die Idee! Als ich Anfang September 1920 nach Moskau kam, erkundigte ich mich nach dem Subbotnik und nahm auch bald darauf an dem kommunistischen Samstag der Beamten, Arbeiter und Angestellten des Auswärtigen Amtes, dem ich zugeteilt war, teil. Nachmittags um drei Uhr begab ich mich zum Hotel Metropol, dem zweiten Sowjet-Haus, in dessen Seitenflügel das Auswärtige Amt untergebracht ist. Unterwegs hielt mich ein Schauspiel, eine kleine Episode auf. Auf dem Platze 52 vor der Oper, vor dem Blumenbeet, in dem aus bunten Blüten und Gräsern in naiver Zeichnung der Kopf von Karl Marx zusammengestellt ist, stand ein alter Kerl von riesigem Wuchs, mit einem Bocksgesicht und einer Rohrflöte vor den Lippen. Zu seinen Füßen lag sein Hut, und in den Hut und um ihn herum hatte man Rubelscheine, Hunderter und Tausender, außerdem noch Äpfel, Stücke Brot geworfen, sogar ein Ei, eine kostbare Seltenheit, eine fast unerschwingliche Kostbarkeit, hatte jemand vorsichtig auf den Haufen zerknüllter Scheine gelegt. Der Alte flötete mit zusammengekniffenen Augen, wie es mir schien, wunderbar und mit erstaunlicher Leidenschaft die wildlieblichen, herzzerreißend melancholischen Weisen Rußlands. Ich hatte mich über Gebühr lang im kleinen Park vor dem Theater aufgehalten und traf unten vor dem Hotel Metropol schon fast sämtliche Beamte, Arbeiter und Angestellten des Auswärtigen Amtes an. Ich stellte mich in Reih und Glied; wir waren etwa 80 an der Zahl, Männer und Frauen, ältere und jüngere Leute. Unter uns waren Korrespondenten vieler Nationen, Stenotypistinnen, ein Staatssekretär (oder von ähnlichem Rang), Delegierte der Internationale, Diener, Beamte aller Kategorien und auch unser Freund, der Quäker, war gekommen. Es ging militärisch zu, unsere Namen wurden von einer großen Liste abgelesen, und hinter die Namen, die sich nicht meldeten, ein Zeichen gemacht. Wir formten uns zu Reihen, zu viert, dann auf offener Straße zu Zweien und zogen in scharfem Marschschritt nach dem Petersburger Bahnhof im Norden der Stadt. 53 Es war ein etwa halbstündiger Weg, den wir in gutem Tempo zurücklegten. Ich ging neben einem österreichischen Genossen, der mich von Berlin her kannte, wo er mich sprechen gehört hatte. Wenn wir nicht sangen, unterhielten wir uns über den Subbotnik. Wir sangen nämlich viel und herzhaft. Es war ein schöner Herbsttag, sonnig und glasklar. Aus den Seitengassen der Mjasnitzkaja strömten uns ähnliche Züge von Subbotnikern entgegen. Einer von ihnen hatte seine eigene Musikkapelle mit, und bald marschierten wir unter den Klängen der Kapelle, die unser Gesang überbrauste, vorwärts. Die Warschawianka, der Rotgardistenmarsch. Wunderbare Rhythmen, wie belebtet ihr meine alten Füße! In den Zwischenpausen gab mir der Genosse Auskunft. Der Subbotnik ist längst keine freiwillige Handlung mehr, sondern ist Pflicht geworden, so für die Kommunisten wie für alle Arbeiter und Angestellten der Sowjet-Behörden, der Regierungsämter, der Betriebsbelegschaften. Es werden Listen geführt, und wessen Name das zweite oder dritte Mal einen Haken angestrichen bekommt, der wird erst gelinde verwarnt, dann ernsthaft zur Rede gestellt und schließlich »ausgekämmt«. Was auch in der Form geschehen kann, daß der Saumselige, Arbeitsunwillige in das Konzentrationslager gesperrt wird, das gefürchtete Lager für Wucherer, Diebe, Gegenrevolutionäre und andere ungetreue Mitglieder der Gesellschaft. Der Subbotnik ist also gewissermaßen ein Prüfstein für die Gesinnung geworden wie etwa der Ruf an die Front. Auf dem Bahnhof, so hieß es, sollten wir Holz aus Waggons abladen; als wir aber angekommen 54 waren, wies uns der Betriebsleiter des Bahnhofs zu einem Schuppen, wo wir Spaten und Schaufeln aus Eisen und Holz vorfanden; wir hatten für eine geplante Trambahnlinie längs des Eisenbahngleises eine Strecke von 70 Metern Länge und 10 Metern Breite von zähem, seit sechs Jahren angestautem und verhärtetem Schmutz und Schlamm zu säubern. Wir stellten uns nun in eine Reihe auf, entledigten uns unserer Oberkleider und begannen zu schaufeln. Freund Quäker machte rasch ein paar Kodakaufnahmen und stand dann in herrlichem grauleinenen Overall, dem amerikanischen Arbeitsgewand, Hose, Weste und Hosenträger aus einem Stück, der Zukunftskleidung der Kommunisten, »Internationalka« genannt, da; er arbeitete für vier. Ich erkannte viele aus dem Amt, die mich in dieser letzten Woche mürrisch und ohne Freundlichkeit behandelt, die an mir vorübergeblickt und mir unwillig Auskunft gegeben hatten. Jetzt nickten wir einander zu, waren freundlich zueinander, alles Mißtrauen schien geschwunden; wir standen ja da und schaufelten gemeinschaftlich knöcheltief in demselben zähen Dreck. Der Tag war so heiter und glasklar. Hinter uns auf einem Gleise stand ein langer Zug mit heimkehrenden österreichischen, tschechischen und ungarischen Kriegsgefangenen, die uns verwundert anblickten. Wir arbeiteten, und hier und dort wurde auch gesungen. Wenn auch nicht überall und von allen. Neben mir stand eine junge litauische Arbeiterin, die ihre Spatenhiebe in den Kot mit kleinen Ausrufen begleitete. Einmal sagte sie: wenn nur jeder vor seiner Tür den Mist wegschaufeln wollte, wir brauchten nicht hier zu 55 stehen. Ihre Nachbarin, Sowjet-Bourgeoise, leicht geschminkt und mit Spuren ehemals gewellten Haares seufzte: man lebt zum Glück nur einmal. Der kleine junge Staatssekretär, dünn und zart wie ein Knabe, mühte sich mit einem im Schlamm festgebackenen Wurzelstamm ab. Unsere Arbeit war ziemlich schwer, sie war auf 4 Stunden berechnet, aber in 2½ Stunden hatten wir sie getan. 70 Meter weit war der zähe Schlamm von Jahren weggeräumt, die Trambahnlinie konnte morgen gebaut werden. Ein Signal: wir marschierten zur Station zurück, stellten uns in Reih und Glied auf und bekamen, jeder und jede, den Schwerarbeiterpajok, d. h. die Lebensmittelzulage eingehändigt: ein halbes Pfund Brot und eine Tüte mit Körnerzucker. Im rotdunklen Nebel des Abends zogen wir an den phantastischen Türmen Moskaus vorbei durch die Stadt zurück. Aus anderen Straßen strömten uns Züge entgegen, die Arbeiter und Angestellten der Bekleidungszentralstelle, eine Abteilung roter Soldaten, die Genossen aus dem Kommissariat für Volkswohlfahrt. Hier und da schlüpfte ein Pärchen von kleinen Sowjet-Bourgeoisen, leicht geschminkt und kokett bebändert, aus unserem militärisch stramm über das holprige Pflaster dahin stapfenden Zug auf das glattere Trottoir hinüber. Mit hurtigem Griff hatte ein hinzuspringender Genosse die Ausreißer beim Wickel und zog sie in unsere geordnete Kolonne zurück. Die Warschawianka, das Lied von der Roten Fahne, die Internationale – wir sangen sie alle in den braunen Abendnebel, an den Türmen Moskaus vorbei. Der alte Faun mit der Pansflöte hatte sich jetzt vor dem Denkmal Feodorows, 56 des ersten Buchdruckers, am Fuße der Chinesischen Mauer der geschlossenen Inneren Stadt, Kitai Gorod, aufgepflanzt. Lockend und leidenschaftlich klangen die hellen trockenen Töne des Rohrs durch den Abend. Wir stapften vorbei. Vor dem Auswärtigen Amt schüttelten wir uns die Hände, und jeder trottete nach Haus. Beine und Arme taten mir weh, mein Herz aber war froh. Ich wünschte . . . ich wünschte, ein Zwang käme irgendwoher, und jeder von uns alten und jungen geistigen Arbeitern in Deutschland, Amerika, der ganzen Welt müßte einmal in der Woche mit Kameraden nützliche und harte körperliche Arbeit leisten. Um der Arbeit willen, der einen unteilbaren Arbeit der Hand und des Kopfes willen, der guten, lächelnden, helläugigen Kameradschaft willen, für die Idee der Gemeinschaft und der Zukunft verhärteten Schlamm aus dem Wege räumen mit harten Spatenhieben. Aber wenn es nach mir ginge, es dürfte kein Unlustiger, kein Widerstrebender dazu gezwungen werden, nicht mit Namenlisten, nicht mit Verwarnung, nicht mit Konzentrationslagern. Um der Arbeit willen und die heilige Gemeinschaft. Todmüde trottete ich durch die hereinbrechende Nacht in mein entferntes Quartier heim. Plötzlich bemerkte ich, daß ich meinen »Pajok« noch in der Hand hielt. Ein Arbeiter kam mir entgegen, mit ihm ein Roter, Soldat. Dem Arbeiter gab ich das Brot, dem Soldaten den Zucker.   Die dritte Phase des Subbotnik heißt Woskressennik, das ist die Sonntagsarbeit. Bei Winteranbruch, wenn die Tage kurz werden, verlegt man den Subbotnik auf den Sonntagmorgen. 57 Aus der freien samstägigen Überstundenarbeit der Kasaner ist eine allrussische allsonntägliche sechsstündige Zwangsarbeit geworden. Uns Ausländern folgte der Woskressennik in unser Haus nach. Am ersten Wintersonntag waren die Bewohner unseres Hauses verpflichtet, von zehn Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags im Hofe unseres Hauses Holz zu sägen, zu spalten und in die Kellerräume zum Zentralofen zu befördern. Diese Arbeit hatte einen leicht humoristischen Beigeschmack der Parodie an sich. Die im Hause ansässigen Arbeiter nämlich leisteten in zehn Minuten dieselbe Arbeit, die wir anderen Dilettanten in zwei Stunden zusammenstümperten, mit verrenkten Schulterblättern, blutig geschlagenen Daumennägeln und angesägten Hosenschäften. Immerhin hatten wir Holzhacken gelernt, auch war das Holz in den Kellerraum befördert, und es begab sich jeder in sein Zimmer, um nach dem Mittagessen: Krautsuppe, Grütze und Tee, seine gute Müdigkeit auszuschlafen.   Der Zweck des Subbotnik-Woskressennik ist erhöhte Arbeitsleistung. Wie eingangs erwähnt wurde, fördert das psychische Moment der freiwilligen, aber auch der notgedrungenen Arbeit in einer guten, freudigen Gemeinschaft die Leistung in beträchtlichem Maße. Immerhin darf man Bedenken gegen diese Umwandlung und Vergewaltigung eines ursprünglich wahrhaft religiösen Triebes in Zwang äußern. Die Heiligkeit der Arbeit – alle äußere Not ist nicht fähig, kann nicht geltend gemacht werden zur Rechtfertigung der Entheiligung der Arbeit. Die neue Justiz Rußlands hat die Geldstrafe aufgehoben – oder 58 doch in fast allen Fällen aufgehoben – und Freiheitsstrafen verwandeln sich immer mehr unter dem Druck der Notwendigkeit einer mit allen Mitteln forcierten Produktion in Zwangsarbeit. Die Arbeit für die Gemeinschaft, Wesenskern und Sinn des Kommunismus, verliert mehr und mehr die ihr innewohnende ethische Bedeutung. Es muß noch gesagt werden, daß der Subbotnik im Kreml genau so eingehalten wird wie in der Stadt, wie im ganzen Lande. Lenin, Trotzki schleppen und sägen Holz und schaufeln Dreck, wenn es sein muß, und vermutlich mit größerer Lust, als die Mehrzahl von uns Narkominodel-Leuten es getan hat. Denn unter uns waren nicht wenige, die mit widerstrebendem Gefühl und unüberzeugt von der Einheit der Arbeit im Schlamm an den Eisenbahngleisen standen. Der Kommunist aber arbeitet mit Hand und Gehirn, freiwillig und opfermutig und weiß es nicht, wann und wo die Überstunden in seinem Tagewerk beginnen. Radek erzählte mir von seinem Woskressennik. Er hatte mit anderen Volkskommissaren Holz durch das Borowitzkajator in den Kreml hinaufgeschleppt, und seine alte Köchin, eine simple bäurische Analphabetin, hatte ihn bei dieser Verrichtung gesehen. Die Alte war entgeistert: sie wußte doch, ihr Herr und Genosse stellte irgend etwas in der Regierung vor, jetzt leistete er diese entehrende körperliche Arbeit, wie ein beliebiger Bauernbursche bei ihr zu Hause im Dorf. Radek hielt ihr daraufhin einen populären Vortrag über den Kommunismus und das Problem der Arbeit in der kommunistischen Gesellschaft. Uralter 59 Nebel wurde fortgeräumt aus dem Bauernhirn; Der Herr hatte gearbeitet! Wirklich und wahrhaftig gearbeitet. Die Arbeit war also doch nichts Entehrendes, Erniedrigendes . . . . . Gesang der Panflöte, herzzerreißender Gesang des Volkes der Steppen, des weiten, weißen, rassischen Landes in der Winternacht!   Das Rote Heer Der Geburtstag der Roten Armee ist der Frieden von Brest-Litowsk. Der stupide Götze Imperialismus hieb mit dem Säbel auf den Tisch. Bedächtig und stark streckte sich da eine Faust von der anderen Seite des Tisches aus und zog den Säbel zu sich hinüber. Der Säbel wurde zum Schwert. Eines Tages wird es dem Götzen den Schädel spalten. Dann wird die Faust es in Stücke zerschlagen und wegwerfen. Und der Arbeiter wird aufhören, Soldat zu sein. – – Rußland steht seit 16 Jahren im Krieg. Die Kriege der letzten drei Jahre waren die erbarmungslosesten, die furchtbarsten dieser ganzen furchtbaren Epoche. Und doch kann man sagen: zum ersten Male ist der Krieg in Rußland populär. Der Krieg, den die Bolschewiki gegen das Weltkapital führen, ist eine russische Angelegenheit. Die Wurzeln des Krieges stecken diesmal tiefer im Volke als je. Dies liegt an der Beschaffenheit des Heeres, das das Heer eines Proletariervolkes ist, und das liegt auch vor allen Dingen an der neuen Gestaltung der Disziplin, die die Truppen mit ihren Führern und die Mannschaften unter 60 einander verbindet. Diese neue Disziplin ist sinnfälliger und für den primitiven Mann aus der Masse leichter verständlich, als es die tiefe und in den Massen noch nicht zum entschiedenen Durchbruch gelangte Idee des Kampfes ist, des kommunistischen Kampfes gegen den Weltfeind Kapital. Auf meiner Reise nach Rußland hinein, wir hatten hinter Narwa soeben die Grenze überschritten, hielt der Zug in einem Dörfchen mitten im Wald. In unserem Zuge fuhren junge Beamte und Beamtinnen der Revaler Sowjet-Expositur mit, die sangen. Alle die Lieder der Revolution sangen sie; es war ein singender Zug. Er gemahnte mich an einen anderen, in dem ich vor Jahren gefahren war, einen Kolonistenzug in Kanada, in dem an einem Sonntagnachmittag Psalmen gesungen wurden. Auch hier fuhren wir in Neues Land, auch hier war Andacht, die den Hörer ergriff. Als der Zug über die Grenze gefahren war und in dem rätselhaften heiligen Lande stillstand, stieg ein junger Mann, höherer Offizier der Roten Armee, wie uns gesagt wurde, hinunter zu den Grenzsoldaten, die sich sogleich um ihn scharten, und hielt eine Ansprache. Er stand da und sprach über die Armee, über den Krieg gegen die Polen, über den gegenwärtigen Stand der Operationen an den Fronten. Er stand da und sprach mit den Soldaten, solange der Zug hielt. Einer stellte Fragen, die der Offizier beantwortete. Von einem wurde er um Feuer gebeten. Zum Schluß schüttelte er allen die Hand, und der Zug setzte sich in Bewegung. Wir fuhren durch den Wald vor Jamburg, den schrecklichen Wald, in dem die Verhaue Judenitschs noch 61 starrten, dann über die schwankende Holzbrücke der Luga. Und jetzt war es die Internationale, die brausend durch unsern Wagen hallte. In Moskau erzählte mir ein Schauspieler von dem greulichsten Abend seines Lebens. An diesem Abend war der Stab und waren die Mannschaften eines Moskauer Regimentes in das Große Theater befohlen gewesen, wo ein zarentreues patriotisches Stück gegeben wurde. Nach den Aktschlüssen tönte aus den Logen, wo die Offiziere saßen, Applaus. Die Soldaten saßen stocksteif auf ihren Plätzen, die Augen wie hypnotisiert auf die Logen gerichtet und rührten sich nicht. Es wäre ihnen wahrscheinlich übel bekommen, hätten sie's getan. Der Schauspieler sagte mir: uns auf der Bühne schnürten sich die Kehlen zu. Wir spielten wie unter einer kalten Dusche und liefen nach dem letzten Wort betäubt nach Hause. – In dem Arbeiterheer, dem Bauernheer, hat sich bereits eine neue Disziplin, nicht von oben herab, sondern aus innen sozusagen, aus der Freiheit und Freude der Gemeinschaft heraus, entwickelt. Ja sogar ein neuer Paradeschritt, der aber mit dem zaristischen Drillschritt nichts gemein hat. Ich habe diesen Schritt bei einer Parade auf dem Roten Platz vor dem Kreml staunend beobachtet! Er sieht wie das energische Stapfen eines jungen Riesen aus, der das Gehen eben erst erlernt hat. Der Russe ist vom 18. bis zum 40. Jahre militärdienstpflichtig. Die aktive Ausbildungszeit und Dienstpflicht beträgt ein halbes Jahr. Die Arbeitspflicht der männlichen Bevölkerung Sowjet-Rußlands beginnt mit dem 16. Jahre. Vom 16. bis zum 18. Jahre nimmt der Russe an den Kursen 62 für physische Kultur teil. Neben dem Unterricht läuft parallel die militärische Ausbildung. Die Rote Armee besteht zu vier Fünfteln aus Bauern. Wie kommt es nun, daß die Bauern die furchtbare Last des Krieges unter einer Regierung, deren Grundidee und Wesenskern ihrem Instinkt in höchstem Grade zuwider ist, nicht nur willig unterstützen, sondern, man kann es sagen, tragen? Liegt das allein an der Rigorosität der Aushebungsmaßnahmen? Die Bauern haben in diesen drei Jahren gelernt. Das ist es. Die Offensiven Denikins, Petljuras usw. waren ursprünglich mit einer an Zahl ganz geringen, aber äußerst geschulten, hauptsächlich aus ehemaligen Offizieren bestehenden Armee unternommen. Diese Offensiven waren in ihren ersten Stadien überraschend erfolgreich. Die Weißen drangen so weit und widerstandslos vor, daß sie selber darüber beängstigt waren. Dies war ein glänzendes, nicht aus der Strategie, sondern aus der Psychologie geborenes Manöver der Bolschewiki. Sie ließen die Denikins, die Petljuras so weit vordringen, daß sie zur Stützung ihrer dünnen Frontlinie ein in aller Eile zusammengeklaubtes Volksheer aufbieten mußten, um das gewonnene Territorium zu füllen und zu halten. In ihrem Gefolge entwickelte sich sofort der Troß vorrevolutionärer Beamtenschaft, der ganze Apparat des zaristischen Militarismus und Kapitalismus, Die Bauern mußten kurzerhand das Land wieder zurückgeben, das ihnen von den Bolschewiki zu eigen gegeben worden war. Seither wissen die Bauern, daß jeder Versuch einer Restauration sie um ihren Landbesitz bringen muß. Im Herzen dem Kommunismus 63 feind, unterstützen sie darum mit aller Kraft das Rote Heer, das Heer des Kommunismus, festigen damit das Regime der Bolschewiki, das sie auf der anderen Seite durch boshaftes Zurückhalten ihrer Korn- und Lebensmittelvorräte zu schwächen und zu sabotieren suchen. Übrigens verhält es sich mit diesem Widerstand seit einiger Zeit etwas besser; Ursache dieser Besserung sind aber wiederum die Siege der Roten Armee – nicht etwa, daß die Bauern jetzt für ihre Lebensmittel mehr Industrieprodukte bekommen als früher – es ist vielmehr eine durch die Erfahrung bestätigte Tatsache, daß die Bauern jede Regierung unterstützen, die ohne ihr Hinzutun und vielleicht sogar gegen ihren Willen erstarkt und sich befestigt. (Es mag hier allerdings neben Gründen der Vernunft auch die Angst vor den Maßnahmen der Requisition mitsprechen.) Die neuen und immer neuen Denikins und Petljuras sollen daher mit der Einberufung zum Dienst in ihre Heere unter den Bauern wenig Erfolg mehr zu verzeichnen haben. Wie bereits erwähnt, stehen ungefähr 250- bis 300 000 Mitglieder der Kommunistischen Partei Rußlands an den Roten Fronten. Diese haben nicht nur die Kontrolle über die nicht verläßlichen, aus der alten Armee stammenden Offiziere, militärische »Spez«, auszuüben, nicht nur die Propaganda in Wort und Schrift unter den breiten Massen der Soldaten, die noch nicht erfaßt haben, um was es geht, wofür und gegen wen sie kämpfen, zu organisieren und durchzuführen – ihr Platz ist in den vordersten Schützengräben; sie haben vor allem die Aufgabe, das große Beispiel zu geben, sich zu opfern. Dies ist ihre 64 Propaganda durch die Tat, Erziehungsarbeit höchster Gattung. Die Kommunisten werden durch die Partei mobilisiert. Sie werden nach Bedarf zur Armee kommandiert, nicht als Offiziere, sondern als Mannschaften. Die Mitglieder der Gewerkschaften werden durch die Gewerkschaft mobilisiert. Die Gewerkschaften, die viele Millionen Mitglieder zählen, unter denen die Kommunisten nur einen geringen Prozentsatz ausmachen, stellen, was die Verwendbarkeit ihrer Mitglieder für die Zwecke der Armee anbelangt, die nächste Stufe nach den Kommunisten vor. Ich erkundigte mich nach der Art der Strafen, die an der Front üblich sind. Das zaristische Heer kannte Strafen grausamster Art für Vergehen an der Front und in der Armee im allgemeinen. Die Strafen, die in der Roten Armee üblich sind, sind durchweg moralische Strafen. Demütigung vor der Front die strengste. Auf Plünderung steht der Tod. – Der Kommunist an der Front erleidet für geringere Vergehen gegen die Disziplin härtere Strafen, als sie über den Nichtkommunisten im gleichen Falle verhängt würden. Da sein Beruf es ist, das Beispiel zu geben, wuchtet die Strafe mit äußerster Strenge über ihn nieder. Der Tag, an dem Trotzki zum ersten Male Mitglieder der Kommunistischen Partei an der Front füsilieren ließ, war der Tag, an dem dem Roten Heer seine Unbesiegbarkeit wurde. Es war ein furchtbares Experiment, über das die Partei hätte in die Brüche gehen können. Trotzki wußte das. Das Experiment gelang. Wiederholt war ich mit Kursanten beisammen, nahm an den Vorträgen teil, die vor ihnen 65 gehalten wurden. Kursanten sind junge, militärisch schon vorgebildete, organisierte Arbeiter, die einen halbjährigen Lehrkurs durchmachen, um darauf zu Offizieren befördert zu werden. Auch junge intelligente Bauern. Am besten eignen sich zu dieser Ausbildung die Metallarbeiter; immerhin ist die Anforderung an den Kursanten, der in kurzem Zeitraum die Elemente der Mathematik, Ballistik, Strategie zu bewältigen hat, ungeheuer. Die erstaunlichen Resultate sind nicht anders zu erklären als durch die Kraft der Begabung, die in diesen Menschen aus dem Volke geschlummert und durch die Schwungkraft, die die soziale Revolution diesen aus jahrhundertelanger Dumpfheit und unerhörter Bedrückung erwachten Seelen verliehen hat. 150 Schulen zu 600 Hörern soll es für die Ausbildung von Roten Offizieren geben – indes schwankt diese Ziffer ebenso wie die Monatezahl, die mir für die Ausbildung der Kursanten angegeben wurde; einmal waren es sechs, einmal acht Monate. In Kursen für den Generalstab währt die Ausbildung drei Jahre. Über jeder Armeedivision stehen Kommissare, wie zur Zeit der französischen Revolution Konventsoffiziere die Armee befehligten. Eines der merkwürdigsten Erlebnisse meiner an Erlebnissen reichen Moskauer Zeit war jene Parade auf dem Roten Platz vor der Kremlmauer. An einem farbigen Herbstmorgen zogen Truppenteile aller Art vor der Tribüne der Volkskommissare vorbei, von der herab Trotzki an die 500 neuausgebildeten Kursanten-Offiziere eine 1½stündige Ansprache hielt. Infanterie, Maschinengewehrabteilungen, Kosaken in braunblauen 66 Mänteln zogen vorüber, alle mit dem roten Stern der Sowjets auf Kappen und Helmen. Auch Panzerautomobile und Tanks in kriegerischer Bemalung. Jede Abteilung schrie beim Vorbeimarsch an der Trotzkitribüne begeistert Hurra. Trotzki und die Kommissare hoben die Hand zu ihren Mützen und Hüten und salutierten . . . Die Armee ist gut genährt und gekleidet – im Verhältnis zu den Möglichkeiten der allgemeinen Notlage selbstverständlich. Der Soldat im Lande erhält um ein Geringes mehr als der Schwerarbeiter der Klasse A, der höchstbewerteten Stufe in bezug auf die Lebensmittelversorgung. An der Front aber erhält er das Doppelte. Ich sah während der drei Monate meines Aufenthaltes wiederholt eben eingekleidete Truppen in neuen guten Tuchmänteln, Anfang September solche in funkelnagelneuen Regenmänteln. Das Schuhwerk ist zum Teil ganz ungenügend. Es ist ein Glück zu nennen, daß Wrangel noch vor Anbruch der härtesten Winterszeit geschlagen wurde. Ansätze zu neuen Uniformen kann man bei der Roten Armee auch schon konstatieren. So den neuen Spitzhelm. Nimmt man solch einen Helm in die Hand, so sieht man allerdings, daß es kein Pickelhelm mit Stoffüberzug ist, sondern ein Stoffüberzug ohne Helm, eine Tuchnachahmung des historischen Kalmückenhelms. Die Kavallerie zeichnet sich zum Teil durch Operettenhaftigkeit der Staffierung aus. (Wieweit diese auf das Konto der zaristischen Bestände zu setzen ist, weiß ich nicht.) Während die Fußtruppen und die Artillerie in Khaki mit Purpurstreifen (die Offiziere tragen ihre Distinktion auf den Ärmel genäht) gekleidet sind, spielt die Reiterei alle Farben, hat zum Teil 67 gar Federtschakos auf den Köpfen. Man spricht von einer ganz exzentrischen neuen Uniform, weiß, blau, Silber und Gold, und ich weiß nicht was noch für das nächste Frühjahr.   Es gibt eine Anzahl aus dem Volke hervorgegangener und emporgeworfener militärischer Genies, deren Namen in jedermanns Munde sind. Solche Namen sind: Budjonny, Gay, Sokolnikoff und außerdem das größte strategische Genie, das die Russen je besessen haben – so sagte man mir – Tuchatschewsky. Dieser ist ein ehemaliger Offizier der Zarenarmee, noch sehr jung, Kriegsgefangener in Magdeburg, der sich nach seiner gelungenen Flucht den Bolschewiki zur Verfügung gestellt hat und bei ihnen in hohem Ansehen steht. Im letzten Polenfeldzug soll er einen schweren Fehler begangen haben, der mit Schuld an dem verhängnisvollen Rückzug der Russen getragen hat. Die Bolschewiki indes sagen: »Gut, Tuchatschewsky hat gelernt. Das nächste Mal wird er es besser machen.« Der populäre Held der Roten Armee und des russischen Volkes aber ist der Reitergeneral Budjonny. Budjonny ist ein Donkosak. Sein Vater war Pächter in einem kleinen Dorf am unteren Lauf des Don. Budjonny hatte den großen Krieg ohne Begeisterung mitgemacht und dachte daran, nach dem Kriege heimzukehren, das Pachtgut seines Vaters zu übernehmen und zu bewirtschaften, er gedachte zu heiraten und ein friedlich beschauliches Leben zu führen. Daran, daß er Soldat bleiben würde, dachte er nicht im entferntesten. Bei seiner Rückkehr ins Dörfchen fand er den 68 Vater wie auch all' die anderen Pächter eingesperrt. Als er fragte: wer das getan habe? antwortete man: der General Mamontoff. Budjonny sammelte ein paar Dutzend seiner Reiterbrüder und schlug sich dorthinüber durch, wo Mamontoff mittlerweile ein Heer gegen die Bolschewiki aufzustellen suchte. Das sind die Ursprünge der bisher unbesiegten Reiterarmee Budjonnys. Budjonny ist einfacher Bauer geblieben. Sein Generalstabschef ist ein alter bewährter kommunistischer Agitator. In seinem Eisenbahnwagen haust Budjonny mit seiner Frau und seinem Generalstabschef. Nachts bei einem Glas Schnaps entwerfen sie ihre strategischen Pläne. Zuweilen kommen Kommissare aus Moskau zu Besuch. Zuweilen kommt auch Schaljapin und singt Budjonny und seiner Frau Arien aus Opern und alte Volkslieder. Zuweilen kommen auch Ballettänzer und tanzen Budjonny in seinem Wagen etwas vor. Budjonny ist dann besorgt, daß sie ihm mit ihren Fußspitzen seine Truhe kaput machen könnten.   Ich erwähnte am Anfang dieses Kapitels die neue Disziplin, die sozusagen durch Anschauungsunterricht einer neuen Kameradschaft den Massen beigebrachte Pflicht, dem Einzigen, Großen, Gemeinsamen zu gehorchen. Kein Vorgesetzter mehr und kein Untergebener – ältere und jüngere, an Kenntnissen reichere und ärmere Kameraden nur. Und der Ältere, an Kenntnissen Reichere macht dem Jüngeren und Unerfahrenen begreiflich, was nun zu geschehen hat, zu welchem Zwecke er, wenn's sein muß, sein Leben einzusetzen hat. Ein lebender Mensch mit 69 Verstand und Gefühl »gehorcht«, kein abgerichteter Kadaver, keine Maschine. Es sind aber noch andere Handhaben zur Förderung des Einvernehmens, die uns Europäern, ja – mir ehemaligem Pazifisten eine nimmer versiegende Quelle des Erstaunens, der Bewunderung erschließen. Man erzählte mir von den Methoden, die die Bolschewiki anwenden, um an Stellen, wo ein Truppenkörper in Ruhe und Erwartung neuer Befehle zu erlahmen droht, den Geist und die Disziplin aufzufrischen und anzufeuern. Es kommen zu solchen Abschnitten der Front Agitatoren, Gelehrte, Fachleute, Lehrer, Dichter und Rezitatoren, Schauspieler, Kinokurbler und Tänzer. Der Klub, die Lesehalle, das Theater in der Scheune wird neu belebt durch Vorträge über wissenschaftliche Gegenstände, durch alle Mittel der Belehrung und Unterhaltung – plötzlich zieht wieder Lebensfreude, Zusammengehörigkeitsgefühl, Disziplin unter die Ermatteten und Mißmutigen ein. Jede Armee besitzt ihre politische Abteilung, ihre Presse, ihren Klub, ihre Schule, ihr Theater. Was die Bolschewiki zur Behebung des Analphabetentums unter der Masse der Bauern und Arbeiter an den Fronten leisten, ist staunenswert. Was die rednerisch begabten, seelisch hochstehenden, des Überzeugens fähigen Genossen an den Fronten erreicht haben, ist von größter Bedeutung für die Geschichte der nächsten Jahrhunderte. Je länger der stupide Götze Hekatomben armer irregeführter Sklaven gegen das Rote Heer vorwärtsstoßen wird, um so länger wird die Rote 70 Front bestehen, um so intensiver wird die Aufklärungsarbeit und die Erziehung zum Kommunismus der organisierten und zusammengehaltenen Massen des russischen Volkes durchgeführt werden können. Man faselte bei uns 1914 bis 1918 von dem sozialen Ausgleich, von der Annäherung der Klassen, die der gemeinsame Schützengrabendienst unter den heterogensten Individuen aus allen Schichten der Bevölkerung bewirkt haben sollte. Die Verschärfung, die der Klassenkampf bei uns seit 1918 erfahren hat, beweist das Gegenteil, will' ich meinen. Die Befreiung durch die soziale Revolution des russischen Oktobers hat einen ganz anderen Zusammenhang unter den Millionen des Volksheeres geschaffen! Wissensdrang ist erwacht unter den Stumpfsten. Menschen aus Gegenden, in die nie eine Zeitung gekommen war, lernen an der Front die Zeitung nicht nur lesen, sondern auch verstehen. Menschen, denen niemals die schöne Heiterkeit durch den Genuß eines erhabenen Kunstwerkes ins Leben gelacht hat, wohnen jetzt in Scheunen Aufführungen bei, die von den besten Künstlern der Moskauer und Petersburger Theater veranstaltet sind. Sie erfahren, was Tolstoj, was Gogol, was Tschechow war. Sehen bei 20 Grad Kälte und spärlichem Rampenlicht ein elfisches Wesen mit unbegreiflich zarten Bewegungen auf der Scheunenbühne einen Augenblick lang schmetterlinghaft an ihren traumoffenen Augen vorüberflattern. Morgen werden auf derselben Bühne Kameraden in Uniform wie sie, Studenten oder durch die Proletkult ausgebildete Arbeiter ihnen Vorträge über Dinge, die sie angehen, Fragen der Strategie, 71 des Ackerbaus, der Völkerkunde, des Kommunismus halten. Übermorgen werden Schauspieler ihnen die neuesten politischen Nachrichten aus aller Welt mit verteilten Rollen vorspielen – sie werden sich den Bauch halten, wenn Mr. Churchill, Herr Ebert oder der Völkerbund die Bühne betritt und seine Absichten gegen Sowjet-Rußland in wütenden Worten ins Parkett hinunter brüllt. Die stärkste und wesentlichste Arbeit, die das Kommissariat für Volksaufklärung gegenwärtig zu leisten imstande ist, wird an den Fronten getan. Berichte besagen, daß in Truppenteilen der Analphabet immer mehr zum verachteten Geschöpf geworden ist. Daß der Ruf nach Entsendung gebildeter und redegwandter Genossen, Lehrer und Künstler immer nachdrücklicher ertönt. Dieses Erlebnis des Roten Soldaten an der Front sollte dem Weltimperialismus zu denken geben.   Die Not des bedrängten Landes wirft den Roten Soldaten, sobald sein schweres Werk an der Front getan ist, in Bezirke, wo man seiner Kraft bitter bedarf. Es ist vorgekommen, daß in einem sehr entfernten Gouvernement Arbeitstruppen die Eisenbahnschienen aufreißen und sie an einen neuen Frontabschnitt befördern mußten, weil die Eisenwerke nicht imstande waren, Schienen zu produzieren. Notstandsarbeiten, die dringend auszuführen waren, wurden während einer Pause an einer Abteilung der Front erledigt. Alles frißt der Krieg, Leben, Wohlstand und Wohlergehen. Eines aber frißt er in Rußland nicht, und das ist die Seele des Volkes. Der Arbeitszwang, der für die Soldaten der kämpfenden Armee im 72 Ruhestand eingeführt ist, sieht sich, vom Westen gesehen, härter und grausamer an, als man ihn in Rußland selbst erkennen lernt. Die zur Arbeitsumstellung geeignet befundenen Truppenteile haben an der Front die Idee und mit ihr die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Arbeit eingeimpft erhalten. Zudem haben die Organisatoren der Armee ein kluges System der Verwendung der Arbeitersoldatenmassen aufgebaut. Zu spezialisierten Zweigen der Fabrikarbeit kann man geschlossene militärische Formationen natürlich nicht gebrauchen, da diese sich ja aus Arbeitern der verschiedensten Metiers zusammensetzen. Aber zum Bahnbau, zu der für die Elektrifizierung Rußlands gegenwärtig überaus wichtigen Torfarbeit, zu ähnlichen Tätigkeiten lassen sich solche Truppenkörper gut verwerten. Auch sind bereits, wie Trotzki in einem Bericht ausführte, qualifizierte Arbeiter zu Reparaturkolonnen geeint, in Gruppen und Kommandos an verschiedene Werke abgefertigt worden. Eine bedeutende Rolle spielt bei diesen Arbeitsformationen die Artillerie. Landwirtschaftliche Werkzeuge, Wagen, Schlitten und Geräte aller Art werden durch sie repariert. Der organisierte Arbeiter-Soldat entwickelt dabei auf dem Lande eine intensive Aufklärungstätigkeit. Rußland ist für den Krieg wohl gewappnet. Es wartet auf den Frieden. Alles, was ein großes Land zum Leben und zum Gedeihen benötigt, ruht in dem Boden, ruht in den Seelen. Besiegt erst der Frieden die Müdigkeit, die heute wie eine schwere Wolke über Rußland lastet, besiegt er die Not, erhellt den Horizont, dann ist dieses Land in zehn Jahren das mächtigste der Erde. 73   Propaganda Der Propaganda für die Idee und die Partei des Kommunismus begegnet man in Rußland auf Schritt und Tritt. Sie ist diffus, man kann sie nirgends fassen. Es darf nicht wundernehmen, daß sie allgegenwärtig ist. Denn die Massen müssen allmählich lernen, wofür an den Grenzen gekämpft und im Lande gelitten wird; welche Ursache die gewaltigste Anstrengung, die die Geschichte kennt, hat und welches Ziel. Es darf auch niemand wundernehmen, daß in Rußland die ethisch-politische Propaganda bis zu einer an Virtuosität streifenden Vollendung getrieben ist. Die Männer, die heute die Macht in Händen halten, haben ja in den Jahrzehnten ihres Exils, in offener und illegaler Arbeit Anhänger für ihre Idee geworben, ihre Ideen mit allen Mitteln zu verbreiten und zu festigen gesucht. Mit allen Fasern ihres Seins waren sie Verkünder, Agitatoren, und somit ist ihnen der Apparat der Propaganda wohl vertraut. Auf der ersten Station, durch die man, nach Rußland gekommen, hindurchfährt, stehen Wagen mit Aufschriften wie diese: »Wir sind stark. Keine Macht der Welt wird uns stürzen.« Darunter die Initialen der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjet-Republik. Auf einem anderen Wagen sieht man ein durch Fenster und Schiebetür unterbrochenes krasses Gemälde: einen Roten Soldaten, der einen Weißen General mit dem Bajonett einen Hügel hinabstößt. In der Bahnhofshalle – in jeder Bahnhofshalle Rußlands, auch des kleinsten Ortes – ist die Tür eines Holzverschlags offen, und über diesem Verschlag ist das Wort: 74 »Agit-Punkt« zu lesen. Im Verschlag verkauft und verteilt ein Mann Agitationsbroschüren, Flugblätter und die offiziellen Zeitungen. Die Halle ist, wie die Mauern aller Städte, mit Plakaten und Zeitungen beklebt. Da die Privatkonkurrenz aufgehört hat, sind alle diese Plakate, sofern sie nicht Anzeigen von Meetings und Theater usw. enthalten, natürlich auf die einzige Note gestimmt, nämlich auf die Propaganda für die gegenwärtig notwendigsten Taten: die Stärkung der Fronten an den Grenzen und der Arbeitsfront im Lande. An den Fronten platzen über den feindlichen Linien Granaten und schütten Tausende dünner Flugblätter nieder, in denen kurze Darstellungen der Ziele, für die die Rote Armee kämpft, enthalten sind, aber auch satirische Gedichte gegen den Pan Schlachzizen und gegen den baltischen Baron. In den Straßen sieht man Schaufenster, die einzigen, hinter denen noch Leben ist, das sind die Schaufenster des Zentropetschat, der Buchverteilung und der Rosta, des offiziellen Telegraphenbureaus. In diesen letzteren kannst du große amüsant gezeichnete Karikaturen sehen, die sich mit Tagesereignissen beschäftigen, politische und militärische Feinde verhöhnen und den Schleichhändler, den Kulaken, den Großbauern, der mit den Lebensmitteln nicht herausrückt, wie auch den faulen Arbeiter, dem die Sonne auf den Bauch scheint, an den Pranger stellen. Man könnte fast sagen, daß auch die Zeitungen der Bolschewiki, die »Prawda«, die »Iswestia« vor allem, ausschließlich der Propaganda dienen. Zuweilen habe ich mir einzelne Nummern 75 übersetzen lassen. Diese offizielle Presse verfügt über einige geniale Mitarbeiter, Sosnosky, Radek, Bucharin, Stjeklow – sie ist schon bunt und unterhaltsam, aber man erfährt aus ihr so gut wie nichts. Sie ist zu drei Vierteln mit Polemik angefüllt – einer Polemik gegen Gegner, die sich nicht verteidigen können, weil ihnen das papierne Maul gewehrt ist, das letzte Viertel aber enthält Neuigkeiten aus dem In- und Auslande, die ausschließlich auf Fortschritte der Weltrevolution Bezug haben und dem Passanten mit äußerstem Nachdruck ins Gehirn gehämmert werden, und gegen die man allmählich eine gelinde Wut und Revolte in sich aufsteigen fühlt. Denn schließlich ist ein 150-Millionen-Reich auf die Dauer nicht in solcher Form von der übrigen Menschheit abzusperren. Die Bolschewiki beantworten die wirtschaftliche Blockade mit einer Gedankenblockade – sehr zum Schaden des Passanten. Des Passanten – jedermann ist dieser Passant, denn die Zeitungen haben zu wenig Papier zur Verfügung, kleben an den Mauern und haben infolgedessen einen weiteren Leserkreis als welches Weltblatt immer, das nummerweis verkauft wird. Züge mit Propagandamaterial werden allmonatlich von den Bahnhöfen Moskaus nach allen Richtungen ins weite Land hinausgesandt. Nicht nur politische Propagandazüge und die bekannten Trotzkizüge der Roten Armee – Propagandazüge für die Landwirtschaft, für den Unterricht, die Volkshygiene, die Proletkult. Ich sah das Material für einen Propagandazug, der nach Samara, in die Erntegebiete, abgefertigt werden sollte. Auf großen Tafeln war da die Entstehungsgeschichte 76 einer Bürste, beginnend mit einem Holzklotz und einer Borste, bis zur Vollendung des komplizierten Gebildes: Besen-, Topf-, Kleider- und Haarbürste in all' den zur Herstellung notwendigen Materialien dargestellt. Mit dem Zug sollten Leinwandweberinnen an einfach gezimmerten und leicht herstellbaren Webstühlen, geschickte Vorarbeiter für die Herstellung landwirtschaftlicher Geräte und außerdem redegewandte Genossen mitfahren, die den Bauern Vorträge über alle Probleme der Bodenkultur und der Bewirtschaftung halten sollten. Chemische Substanzen und Geräte füllten einen Schrank. Tafeln zeigten in graphischer Darstellung alle Stadien der Kornkrankheit, der Klauenseuche. Außerdem war ein kleines anatomisches Museum vorhanden, das das Innere des menschlichen Körpers und pathologische Veränderungen des Herzens, der Atmungsorgane, der Leber und der Milz vorführte. Ein Berg von Broschüren aller Art, Anleitung zur Futterbereitung, zur Schweinemast ging mit. All dies schien wohl geordnet und erwogen. Auch eine hübsche Darstellung, wie man mit geringer Mühe Kinderspielzeug herstellen könne, fiel mir auf. Die Freude an dieser wirklich prächtigen Gesamtarbeit wurde mir natürlich wieder durch die Sowjet-Bourgeoise verleidet, die, als sie mir alles gezeigt hatte, mit sauersüßer Miene erklärte: die Regierung sollte den Bauern lieber Schuhe, Petroleum und Salz schicken, als sie mit Wissen zu füttern.   Es ist in Rußland ein harter, erbitterter Kampf gegen die Vereinigung oder die Verschmelzung der Propaganda mit dem Schulwesen geführt worden. Nicht zuletzt innerhalb der 77 Kommunistischen Partei selbst. Hier ging allerdings der Kampf nicht ausschließlich um das Prinzip, sondern er hatte einen Beigeschmack des Streites um die Organisation und Kompetenz, wie das bei einem so wenig gefesteten Apparat wie die Sowjet-Verwaltung entschuldbar und erklärlich ist. Die lokalen politischen Behörden wollten sich nämlich in ihre Agitationsarbeit nicht vom Kommissariat für Volksaufklärung dreinreden oder hineinpfuschen lassen. Es handelt sich im wesentlichen um folgendes Problem: wie weit ist die Aufklärung über das politische, d. h. das ethische Ziel des Kommunismus identisch mit der wissenschaftlichen Aufklärung der Massen? Die Physik, die Mathematik kann natürlich niemals zu Zwecken der politischen Propaganda benutzt werden. Aber wie steht es um solche Wissenszweige wie die Weltgeschichte, die Geographie, die Hygiene? Lunatscharsky formuliert die Kernfrage: ob das Kommissariat für Volksaufklärung ein Werkzeug der Aufklärungsarbeit für die Ziele der Kommunistischen Partei sein dürfe oder nicht, in diesen Worten: »Wie könnte es in einem proletarischen Staat einen Volksunterricht ohne kommunistische Propaganda geben? Haben wir, die wir kommunistische Propaganda treiben, uns jemals mit etwas anderem beschäftigt als mit der Volksaufklärung? Ist denn die revolutionäre Propaganda nicht die einzig wahre Volksaufklärung auf dem Gebiete, das dem Volke am meisten notwendig ist, das zu seinen dringendsten täglichen Bedürfnissen gehört? Wenn wir aus Erwägungen der proletarischen Taktik fordern, daß der Schul- und der Fortbildungsunterricht vom Geiste 78 des wissenschaftlichen Sozialismus beseelt sein müssen, so könnten wir mit gutem Gewissen die gleiche Forderung aus Gründen der höchsten wissenschaftlichen Objektivität stellen.« Das erschütterndste Erlebnis, das der nach Rußland kommende Fremdling erfährt, ist: bisher in grausamster Weise unterdrückte Schichten des russischen Volkes sind, man kann sagen über Nacht, zu stärkstem Selbstgefühl erwacht. Dabei sind Instinkte entbunden worden, die durch die Sklaverei Jahrhunderte hindurch zurückgedämmt und gepreßt gewesen sind. Wer sonst als der Lehrer wäre befugt und berufen, diese wild emporschießenden Instinkte nach der Seite hin zu lenken, wo sie für die Gemeinschaft nutzbar gemacht werden können? Die Verwilderung des Triebes in baren Egoismus zu verhindern und hintanzuhalten? Zumal die Sinnesverfassung des Arbeiters und des Bauern bedarf infolge der radikal veränderten wirtschaftlichen Basis der Produktion einer sicheren und energischen Führung. Von all' den vielen Propagandaheften und Schriftchen, die ich durchgesehen habe, ist mir eines das Bemerkenswerteste geblieben. Über dieses Heft will ich ausführlichen Bericht geben, weil es mir als vollendetes Werkzeug in den Händen der bolschewistischen Machthaber erscheint, zugleich aber die vollständige Rechtfertigung der uns gewaltsam erscheinenden Verbindung: Propaganda und Unterricht dartut. Dieses Heft ist vom »Allrussischen Verband zur Liquidierung des Analphabetentums« herausgegeben, stellt eine Fibel für des Lesens und Schreibens unkundige Erwachsene vor und enthält, mit einer kleinen Anthologie populärer klassischer und moderner 79 Gedichte und einem Kalender Anleitungen für den Lehrer zum Gebrauch der Fibel selbst. Auf dem Heft, das die Aufschrift »Nieder mit dem Analphabetentum!« trägt, sieht man ein primitives Bildchen: ein verwundeter Soldat lehrt einen alten Bauer die »Prawda« lesen. Auf dem Tisch der Bauernstube steht ein Tintenfaß. Eine junge Bäuerin lehrt eine andere, die ihr Kind stillt, in einem Buche lesen. – Hier sieht man also Lehrer und Schüler beisammen. Die Lehrer sind Soldaten, Arbeiter, Bauern und Bäuerinnen, die vor kurzem noch selber nicht schreiben und lesen konnten. Jetzt lernen sie sozusagen die zweite Klasse der Wissenschaft, indem sie andere in der untersten ersten unterweisen. In diesem Sinne sind die Instruktionen für den Lehrer in dem Heftchen verfaßt: für primitive, aus der Lethargie der Unwissenheit eben erst erwachte Intelligenzen. Die Freude an dem Lernen entfacht sich an der Freude, anderen das mitteilen zu können, was man selber weiß, und zwar seit kurzem erst weiß. So zieht das große, durch die Bolschewiki erweckte Volk Rußlands jetzt in enge aufeinander folgenden Staffeln in das Gefild einer werdenden Kultur ein. Wer wollte es den Männern der Oktoberrevolution verdenken, daß sie bei dem Buchstaben F statt Fisch, Fliege, Fuhrmann die Worte »Fabrik, Front, Flagge, Fackel« hinsetzen? Daß für fortgeschrittene Schüler der Name »Friedrich Engels« und das Wort »Föderative Republik« genannt ist? . . . Der Konsonant R und der Vokal A sollen in einem Wort zusammengestellt werden. Der Satz, der dieses Wort enthält, lautet: 80 » Muj nje rabi. « »Wir sind keine Sklaven.« Die Variante: » Muj nje bari. « »Wir sind keine Herren.« Ein Satz mit den Vokalen I, O, U. » Miri swobodu. « »Wir bringen der Welt die Freiheit.« Andere Sätze heißen: »Alle Macht den Räten.« »Unsere Armee ist eine Armee der Arbeiter und Bauern.« »Der Kommunismus ist die Fackel unseres Glaubens.« – Das erste Lesestück ist eine Rede Trotzkis. Die erste Übung für Fortgeschrittene enthält für den Lehrer folgende Anweisung: »Das Dekret über die Liquidierung des Analphabetentums erschien am 26. Dezember 1919. Gib dieses Datum in kürzester Form wieder. – Sage, wieviel Zeit seit jenem Datum vergangen ist? – Erzähle, was man bei euch im Dorf, in der Fabrik getan hat, um dieses Dekret zu verwirklichen? – Sage, was dein persönlicher Anteil an der Verwirklichung dieses Dekretes ist.« –   Die Gebildeten in größeren und kleineren Orten aller Gouvernements werden von Zeit zu Zeit mobilisiert, d. h. sie werden in die Dörfer geschickt, um ihre unwissenden Brüder und Schwestern in der Kunst des Lesens und Schreibens zu unterrichten. In den Fabriken werden Hefte verteilt, in denen zum Beispiel ein Dialog zwischen einer Kommunistin und einer politisch Indifferenten in großer leserlicher Schrift gedruckt steht: An der Front, um ein Beispiel zu nennen, wird ein Propagandaheft verteilt: »Warum soll 81 das Fußvolk die Reiterei nicht fürchten?« Die Fabrikarbeiterin lernt erkennen, wofür sie schuftet, der simple Soldat lernt Strategie. Dies ist Aufklärungsarbeit, Propaganda und Unterricht in einem. Es wird den Bolschewiki vorgeworfen, daß sie zu viel Papier für ihre Propagandaschriften verwenden, viel zu wenig für den Druck ihrer Schulbücher. Und wirklich – die prunkvollen, luxuriösen Monatshefte in Großquartformat der »Kommunistischen Internationale« stellen einen Unfug vor. Das Analphabetenheft haben sie in einer vorläufigen Auflage von drei Millionen auf mittlerem Papier gedruckt.   Die Kinder Rußlands, die Kinder der Ärmsten sind glücklich und heiter. Für sie sorgt die Regierung mit allen Mitteln, die das verelendete Land gegenwärtig aufbringen kann. Über das Versagen der Schule, über das verhängnisvolle Problem der Volksernährung berichte ich in anderem Zusammenhang. Hier nur so viel: Villen, Schlösser und Paläste der enteigneten Reichen sind in den Städten und auf dem Lande in Kinderheime, Kindersanatorien, Fröbelgärten verwandelt. Die notwendige Zahl von Kalorien, die zur vollkommenen Erhaltung der Gesundheit erforderliche Zahl ist in Rußland bei der Verteilung der Lebensmittel auf den Kopf der Bevölkerung in keinem Falle erreicht (vielleicht bei dem Frontsoldaten – gewiß nicht bei irgend anderen Individuen innerhalb und außerhalb des Kreml!), der höchsterzielbare Prozentsatz aber entfällt auf die Kinder. Viele Güter, darunter Jassnaja-Poljana, Tolstojs Wohnsitz, beherbergen jetzt 82 Kinderkolonien. Leider war es mir nicht vergönnt, nach Jassnaja zu fahren. Ich hatte im Kommissariat für Volksaufklärung angeregt, es solle uns ausländischen Publizisten ein Waggon zur Verfügung gestellt werden zu diesem Zweck; eine kleine Gruppe hatte sich im Nu angeschlossen; alles schien in bester Ordnung; dann wurde das ganze Projekt durch die Fahrlässigkeit des Beamten natürlich ohne Entschuldigung verbummelt. Dies zum endlosen Kapitel: »Russische Ämter.« Aber ich habe doch eine ganze Anzahl Kinderheime in Moskau, Petersburg und in der Provinz zu sehen bekommen und genau besichtigen können. Das bestgehaltene war das Petersburger Beobachtungsheim für geistig und sittlich unnormale Kinder. Ein ausgezeichnet eingerichtetes, von tüchtigen Lehrern und Psychologen beaufsichtigtes Institut in den Räumen des weiland vornehmsten Hotels der Stadt. Die gesamte Arbeit der Volksaufklärungsabteilung wird in Petersburg von der Genossin Liljina, der Frau Sinowjews, geleitet. In allen Kinderheimen gibt es Klubräume, an die Schulsäle stoßende Ausstellungszimmer, in denen die naiven Zeichnungen, Skulpturen und gemalten Wahlsprüche der Kinder nett arrangiert zu sehen sind, Bühnen für Theateraufführungen und für Übungen des Kurses für rhythmische Gymnastik. In Petersburg wurden uns allerliebste Darstellungen vorgeführt; wir sahen eine Kinderaufführung des Märchens »Vom Fischer und sin Fru«, Übungen nach dem System Dalcroze; auch viele modernste Erziehungsmethoden der Amerikaner schienen hier durchgeführt zu sein – oder erst in der Absicht angedeutet. Der amerikanische Unterricht zum 83 Staatsbürgertum, die »Civic-Stunde«, die in mir vor etwa einem Jahrzehnt in einer Mittelschule Chicagos einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen hatte, dient als vollendete Rechtfertigung der Bolschewiki, denen man Propagandaarbeit unter Kindern vorwirft. Wie die große Masse der erwachsenen Analphabeten durch die Bolschewiki geistig befreit wurde, so verhält es sich, geistig und körperlich, mit dem Kindern der armen und unterdrückten Klassen des 150-Millionen-Volkes. Nicht über diese Arbeit will ich noch referieren, sondern über die Erfahrungen, die wir mit einem 13jährigen Jungen in einem Kinderheim in Iwanowo-Wosnessensk gemacht haben. Sie zeigen an einem Beispiel, welche Resultate die Propagandaarbeit in dem Material, das die Bolschewiki vorgefunden haben, erzielen kann. Wassili K. aus Jurjetz, Sohn eines in der Revolution gefallenen Vorarbeiters, Bruder ebenfalls in der Revolution gefallen, Mutter Kontrolleurin auf einem Wolga-Dampfer. Als wir den Saal des schönen Hauses – es hatte einem reichen Tuchfabrikanten gehört und war erst im Krieg fertig geworden – betraten, saß Wassili an dem herrlichen Bechsteinflügel und spielte eine kleine russische Volksweise. Wassili ist Autodidakt; er spielte besser als die junge Lehrerin, die nachher den Chorgesang der »Internationale« zu begleiten hatte. Als Wassili hörte, die kleine Frau, die mit uns hereingekommen war, sei Angelica Balabanoff, die große alte aber Klara Zetkin, trat er artig zu uns und begann zuerst Balabanoff auszufragen: wie es mit dem Moskauer Konservatorium bestellt sei. Ob Balabanoff ihm dort 84 eine Studentenstelle verschaffen könne? Nachher fragte er unsere Zetkin: welchen Eindruck sie von Rußland habe, ob sie den Genossen Lenin und Trotzki schon begegnet sei, wie es mit dem Musikunterricht in Deutschland aussehe, ob Zetkin glaube, er könnte sich an einer der großen Musikakademien Deutschlands in seiner Kunst besser vervollkommnen, als das in Rußland möglich wäre? Wir erklärten Wassili durch einen Dolmetscher den Unterschied zwischen den Lebensbedingungen für die Kinder der Armen in Rußland und in Deutschland, Konservatoriumsunterricht usw. Worauf Wassili mit unerschütterlichem Ernst, klarem Blick und einer ruhigen Würde, die sich in seinen kleinen gemessenen Handbewegungen wie auch in der ganzen Art und Weise kundgab, wie er zu uns Erwachsenen völlig gleich einem Erwachsenen und Gleichberechtigten sprach, die Notwendigkeit zu erörtern begann: Daß die politischen Verhältnisse Deutschlands umzuwälzen seien, wie das in Rußland geschehen wäre. Wenn die Bildungsmöglichkeiten für die Kinder der Ärmsten in Deutschland, dem kultivierten Land, schwerer seien als in Sowjet-Rußland – dann sei es Pflicht der deutschen Arbeiterschaft, hier Wandlung zu schaffen, die Bourgeoisie davonzujagen und von der Staatsgewalt Besitz zu ergreifen. Er trug der Genossin Zetkin auf, diesen Wunsch der deutschen Arbeiterschaft zu übermitteln und gab der Hoffnung Ausdruck, daß er in absehbarer Zeit ein Konservatorium »in dem befreiten Deutschland« werde beziehen können . . . Dies ist bloß eine amüsante Episode und durch die kindliche Naivität, mit der Wassili – 85 allerdings ein ernstes, begabtes und leidenschaftliches Kind – seine Ansprache gehalten hat, klingt sie um einen Grad noch unterhaltsamer. Indes, sie sollte uns allen, uns und euch, zu denken geben. Was die Bolschewiki für die Kinder Rußlands tun, geistig und materiell, ist nicht auf Kinderwohlfahrt, Körper- und Geistespflege allein beschränkt. Die Stärkung des Selbstgefühls in den bisher unterdrückten Schichten vervielfältigt sich in den jungen Intelligenzen der befreiten Massen. Hier erziehen sich die Bolschewiki mit den reinsten und einfachsten Mitteln eine ungeheure Zukunftskraft, eine Waffe, mit der die Welt wohl erobert werden könnte. Der Frohsinn und Aufschwung, die die Kinder der Ärmsten Sowjet-Rußlands erleben, wird sie befähigen, die Zeit der furchtbaren Not, unter der die Erwachsenen seufzen und der sie zu erliegen drohen, zu überstehen. Niemals, niemals werden die kleinen befreiten Intelligenzen, die kleinen, zur Freiheit erzogenen Seelen und Körper der russischen Kinder vergessen, wem sie ihre Freiheit verdanken! Es ist nicht Agitation und nicht Propaganda allein, was die Bolschewiki bis zur Virtuosität ausgebildet haben. Es ist etwas mehr, etwas anderes, etwas Unvergängliches. Hier, wenn irgendwo in dieser heutigen Welt, ist ein Samen gesät.   Von der Arbeitsschule Jeder Bericht über die Schule, das Unterrichtswesen des neuen Rußlands, über die Bestrebungen der Bolschewiki, die breitesten Massen des russischen Volkes auf eine höhere geistige Stufe 86 zu heben, muß mit einer Anklage beginnen – einer furchtbaren Anklage gegen die imperialistisch-kapitalistisch regierten Völker, die die unerhörte, in der Geschichte der Menschheit beispiellose Anstrengung einer Handvoll enthusiastischer, vom höchsten Pflichtgefühl gegen die Kultur durchdrungenen Männer, ihr Werk zu schaffen, behindern. Die dieses Werk im Keime zu zerstören drohen – im Namen der Kultur! Welcher? Wahrscheinlich derselben, die es im Sommer 1914 zu verteidigen galt. Wollten die Machthaber jener Völker einen Blick in das Gefüge des Kulturwerks der Bolschewiki tun, wollten sich die großen Massen der sowjetfeindlichen Welt Rechenschaft ablegen über die Motive des Kampfes, der an den weißen Fronten mit allen Mitteln tiefster mittelalterlicher Barbarei gegen die Armeen der Sowjets gefochten wird – aber wozu viel Worte verlieren: an diesen Fronten kämpft das Kapital gegen die Kultur, und damit genug. – Diese Anklage erhebe ich, ein Intellektueller, der es weiß, daß seine Tage gezählt sind. Daß mit dem Aufstieg, dem Empordringen der tiefen Schichten des Volkes, die Oberschicht der Intellektuellen sozusagen an der Decke zerquetscht werden wird; daß dem, was wir als Blüte der Kultur anzusprechen gewohnt waren, in Rußland heute schon das Zügenglöcklein läutet. Und daß die Bolschewiki es sind, die an dem Strang des Glöckleins mit äußerster Energie ziehen und zerren. Betrachtet man das Schema des Volkskommissariats für Volksaufklärung mit Aufmerksamkeit, liest man nur die Titelbezeichnungen der Sektionen, der Betätigungsgebiete, über die sich die Kompetenz dieses Kommissariats erstreckt: 87 Gebiete des Unterrichts, der Propaganda, des Kunstschaffens und der Verwaltung, der Fürsorge für die Kinder (sogar der Kindergerichtshof untersteht merkwürdigerweise dem Narkomproß!), so ist man förmlich betäubt. Man weiß ja, daß das Schema der heutigen Volkskommissariate bis zu einem gewissen Grade dem der Ministerien unter dem Zaren nachgebildet ist. Mit dem Schema des Narkomproß aber verhält es sich anders, weil ja die Volkserziehung im zaristischen Rußland das am verbrecherischsten vernachlässigte Gebiet der Fürsorge des Staates für die Untertanen war. Die Bolschewiki haben sich in Dingen der Volksaufklärung und Erziehung Aufgaben gestellt, die das zaristische Regime niemals erkannt, niemals in sein Programm aufgenommen hat, und deren Nichtbeachtung vielleicht die tiefste Ursache des Unterganges der Zarenherrschaft in sich schließt. Um den Umriß der Gebiete, die das Narkomproß zu bewältigen sucht, ungefähr zu veranschaulichen, will ich ein paar Überschriften von Verwaltungsabteilungen hierhersetzen: Volksuniversität. Ausbildung politischer Agitatoren. Telegraphischer Auslandsdienst der Rosta. Schulen für Erwachsene. Unterrichtskurse für Analphabeten, an der Front, in Fabrikbetrieben. (Hier unterrichten speziell ausgebildete Lehrer zwei Stunden lang täglich. Der Schüler-Arbeiter erhält für diese zwei Stunden seinen Lohn wie für ordnungsgemäß geleistete Arbeit ausgezahlt.) Unterricht im Kunstgewerbe. Exkursionsinstitut. (Provinzschulen besuchen die Städte, städtische Schulen werden. aufs Land gesandt, solche 88 Exkursionen, an denen Gruppen bis zu 400 Schülern teilnehmen, dauern oft Monate. Jede Eisenbahnlinie stellt für diesen Zweck allwöchentlich einen Waggon zur Verfügung.) Kurzfristiger Vorschulunterricht. Die Proletkult mit all' ihren Verzweigungen. Unterricht der kleinen, über Rußland verstreuten fremdsprachigen Völker, mit zwei Unterabteilungen: Völker des Westens und Völker des Ostens. Administration der Papierindustrie. Volksverlag. Lesestuben auf dem Lande. Volksbibliotheken. Proletarische Meetings. Proletarische Bildungsarbeit in Klubs. Verbindung des Statistischen Amtes mit den Kommissariatsabteilungen. Konservierung der Kunstschätze aus Museums- und ehemaligem Privatbesitz. Kinoindustrie. Bauerntheater usw.   Es ist gesagt worden, daß seit der Oktoberrevolution der materielle Standard Rußlands gesunken, der kulturelle aber unerhört gestiegen sei. Und dies habe ich bestätigt gefunden. Indes dachte ich, als ich nach Rußland fuhr, die Intentionen der Bolschewiki auf dem Gebiete der Volkserziehung in klarerer und intensiverer Weise durchgeführt zu sehen, als dies in all den Gebieten der Wirtschaft möglich ist, da ja das Erbe der zaristischen Mißwirtschaft und des Weltkrieges sich in der Zerrüttung der Produktion bis zur vollständigen Auflösung manifestieren mußte. Ich kam an und sah bald meinen Irrtum ein.   Die Not! Die furchtbare, alles verschlingende Not des Landes hat sich mit ihrem Bleigewicht auch auf die Schule niedergesenkt. Soll man den Bolschewiki einen Vorwurf daraus machen, daß 89 soundso viele Schulgebäude in Schlafstätten für die Rote Armee umgewandelt haben? Hätten sie ihre Armee nicht, es säße längst irgendein Denikin oder Koltschak auf rasch wiederhergestelltem Zarenthron. Immerhin bleibt Lunatscharsky der Vorwurf mangelnder Widerstandskraft in diesen Dingen nicht erspart. – Die Not. Es gibt zu wenig Schulbücher, zu wenig Papier für Schreibhefte; vier Schulkinder müssen sich mit einem Bleistift behelfen. Es mangelt an Heizmaterial. An Schuhen. Viele Hunderttausende armer Kinder haben kein Schuhwerk und können nicht zur Schule gehen. Trotz allen Anstrengungen, gerade das Leben der Kleinsten heiter und glücklich zu gestalten, versagt der Apparat an entscheidenden Stellen. – Die Lehrer sind, zumal in den entlegenen Orten, ungenügend besoldet, und ihre Naturalentlohnung reicht nicht zum Notdürftigsten aus. Viele gehen als Schreiber an die Fronten. Arme junge begeisterte Lehrerinnen verkaufen ihr Haar um ein Stück Brot, verdingen sich als Mägde in die Häuser wohlhabender Bauersleute, Eltern ihrer Schüler, waschen die Dielen in Kulakenhäusern. Und doch macht trotz allen Elends und trotz aller Vernachlässigung der Lehrerschaft die kommunistische Idee unter den Lehrern, die sich vor Jahresfrist noch in heftigem Widerstand zum Bolschewismus befunden haben, entschiedene Fortschritte. Die Lehrerschaft Rußlands beträgt eine Viertelmillion, von dieser soll, dies wurde mir von verschiedenen Seiten bestätigt, ein Drittel kommunistisch sein. 90     »Die Arbeit in der Schule muß mit der Produktion verbunden werden, dann wird sie eine ungeheure erzieherische Bedeutung haben. Nur die enge Verbindung des Unterrichts mit der Produktionsarbeit der Gesellschaft kann den Klassencharakter der jetzigen Schule beseitigen.« Diese Worte Karl Marx' aus dem Kommunistischen Manifest gründen das eherne Gesetz, auf dem die Bolschewiki ihr Schulwesen, die Prinzipien des Unterrichts für das ganze Volk Rußlands aufgebaut haben. Die Einheitsschule kann natürlich nicht genügen. Sie ist ja in Ländern mit bürgerlich-kapitalistischem System durchgeführt. Die Einheitsarbeitsschule aber bildet die Errungenschaft und bedeutsame Neuerung, die vorerst nur noch in vagen und experimentierenden Versuchen vorwärts sich tastend, doch immer sicherer das alte Schulwesen verdrängt und von den Bolschewiki, wenn die Not sie daran, wie an so vielem anderen, nicht hindert, bis zum vollen Siege des Gedankens durchgesetzt werden wird. Rußlands neue Schule ist kostenfrei und obligatorisch. Koedukation. Die erste Stufe des Unterrichts umfaßt das 8. bis 13. Lebensjahr. Die zweite das 13. bis 17. Das Sommersemester wird vom landwirtschaftlichen Unterricht im Freien bestimmt, im Wintersemester tritt die handwerkliche Erziehung in der Werkstatt in ihre Rechte. Lehrer und Schüler verkehren kameradschaftlich miteinander. Der Lehrer ist der ältere Genosse des Kindes, der etwas mehr weiß als das Kind, sich aber darauf nichts einbildet. Er ist so wenig der Vorgesetzte des Kindes, wie der Rote Offizier Vorgesetzter des oder Befehlshaber über den Roten Soldaten ist. In diesem Sinne ist die Schule, die der Selbstverwaltung der Schüler 91 im Einvernehmen mit ihren Lehrern untersteht, eher eine Kinderkommune als eine Schule im hergebrachten Sinne zu nennen. Der Unterricht wird nach Möglichkeit den Fähigkeiten jedes einzelnen Schülers angepaßt, individualisiert. Das gleiche Prinzip gilt ja bei der Arbeitszuweisung in späteren Jahren. Die neuen wissenschaftlichen Methoden Amerikas zur Erkenntnis der Arbeitsfähigkeit und Eignung zu körperlicher und geistiger Arbeit werden somit schon in den ersten untersten Stufen des Unterrichts angewandt. Eine der interessantesten Schulen, man könnte auch sagen, Versuchswerkstätten für die Arbeitsschule habe ich in Moskau besucht. Es ist die im »Katharineninstitut«, einem von herrlichem Park umgebenen ehemaligen Erziehungspensionat für adelige Töchter untergebrachte Schule, die der Genosse Livintin und die Genossin Balkaschina leiten. Sie hat gegenwärtig ungefähr 300 Schüler. Eine große Anzahl Kursanten nimmt an dem Unterricht teil, das heißt organisierte Arbeiter, die hier ihre Ausbildung zu Instruktoren für die Arbeitsschule erhalten. Die Kursanten unterrichten die Kinder in ihrem eigenen Handwerk, das sie vollständig beherrschen. Die Kinder lernen von ihren proletarischen Lehrern nicht nur Werkzeuge, Modelle oder bestimmte Gegenstände herzustellen, sondern sie lernen auch den ganzen Prozeß der Erzeugung, die Gesetze der Physik, der Chemie kennen, die derartige Erzeugungsprozesse bestimmen. Die Schüler dürfen dabei ihrer eigenen Eingebung folgen und ziehen aus den Fehlschlägen ebensolche Lehren wie aus dem Gelingen. Livintin verwahrt sich energisch dagegen, daß man seine Methode mit Handfertigkeits- oder 92 Slöjdunterricht verwechsle. Seine Schule gibt Arbeitsunterricht und Unterweisung in den Grundprinzipien des reellen Handwerks. Was an diesen Methoden richtig, was falsch, was dilettantisch genannt werden darf, erhelle ein Beispiel: die Kinder sollen in den Werkstätten unter der Leitung der Lehrer und Kursanten einen Schuh herstellen. Da ist zunächst eine Zeichnung des Fußes zu machen, der beschuht werden soll. Die Anatomie des Fußes wird erörtert, der Knochenbau aufgezeichnet. Nun soll ein Leisten fabriziert werden, über den das Leder geschlagen wird. Draußen im Park wird ein Ast von einem Baum gesägt, aus dessen Holz der Leisten geschnitzt werden soll. Der Lehrer erklärt dem Schüler die Beschaffenheit des Holzes: ob hartes oder weiches Holz sich für den Leisten besser eigne. Das Holz wird unter dem Baumbestand mit großer Sorgfalt und Umsicht ausgesucht und der Schüler auf diese Art in der Botanik unterwiesen. Nun muß eine Feile hergestellt werden, damit der Leisten poliert werden könne. »Besser eine schlechte Feile, die ich selber herstelle, als eine gute, die ich irgendwo kaufe oder mir leihe«, sagt Livintin und läßt von dem Kinde nun eine Feile herstellen. Was ist eine Feile? Warum kann eine Feile nur dadurch hergestellt werden, daß Eisen von einem bestimmten Härtegrad Eisen von geringerer Härte angreift und formt? Nun folgt ein Exkurs über Eisenfabrikation und die Fabrikation von Stahl. Der Stiel der Feile ist von Holz, und auch dieser Stiel verursacht eine Erörterung, wenn auch geringfügigerer Art. Hierauf muß das Leder ausgesucht werden. Der Prozeß des Gerbens, das Problem des Oberleders, des 93 Sohlenleders, die Qualifikation bestimmter Ledersorten usw. Wie das Kapitel Eisen zu Gesprächen über die Geologie, über die Naturschätze Rußlands geführt hat, so führt das Kapitel Leder zu Gesprächen über Gebiete der Zoologie, Viehzucht, Völkerkunde u. dergl. Daß bei all' diesen Erörterungen Erfahrungen über das Problem der körperlichen Arbeit, Ermüdung des Körpers und Mittel zur Bezwingung dieser Ermüdung gesammelt und besprochen werden, versteht sich von selbst. Auch erweitert sich der Kreis der Beobachtungen durch die Notwendigkeit, die Werkstatt selber einzurichten. Zuletzt versammeln sich am Abend Schüler, Kursanten und Lehrer in einem Saal des großen Gebäudes und referieren in knapper, sachlicher Form über ihre Tagesarbeit, ihre Erfahrungen und die Erfolge ihrer Bemühung. Die Referate werden, falls sie von grundlegender Bedeutung und Wichtigkeit für die Arbeitsschule sind, im Druck niedergelegt. Ich habe solche gedruckte Referate mitbekommen, sie stehen in kleinen Büchlein, die im Institut selbst von den Kindern gesetzt und gedruckt worden sind. In einem dieser Referate berichtet ein Kind über die Herstellung eines Topfes. Ein Abschnitt des Referates hat folgenden Wortlaut: »Aufzeichnung der Wissenschaften, mit denen ich während der Herstellung eines Topfes in Berührung gekommen bin. (!!) 1. Geometrie. Was für Linien es gibt, und woraus sie bestehen. Was für Formen haben Winkel und wie viele Grade messen sie. Über den Kreis und seine Teile. Über den Erdglobus und die Linien, die auf ihn gezeichnet sind. 2. Naturkunde. Über das Eisen, Lehm, Holz. 94 3. Ich habe die Metermaße wiederholt, die ich bei anderen Methoden der Arbeit gelernt habe.« Auch die Berichte der Kursanten über die Prinzipien und das Material des Unterrichts sind sachlich, anschaulich und direkt abgefaßt. Die Not wütet auch in diesem Heim der neuen Arbeit. Instrumente von größter Schlichtheit müssen zur Ausführung komplizierter Arbeit herhalten. Gerätschaften, die ich in einer und der anderen Werkstatt gesehen habe, waren so primitiv, daß sie mich an die Handwerkszeuge der Steinzeit erinnerten, an die Urformen menschlicher Handwerksbetätigung. Manche Werkstätte war nicht in Gang zu bringen – es fehlte an dem Notwendigsten. Man fror in den riesigen Räumen. Fensterscheiben fehlten und waren durch Pappstücke ersetzt. Aber – in dem Saal für die Übungen in rhythmischer Gymnastik, im Speisesaal, im kleinen Museumsaal für die Mal- und Schnitzarbeiten der Schule hatten die Kinder Girlanden und rote Fahnen aufgehängt, die sie mit selbsterfundenen Sprüchen geziert hatten. Diese rührenden Inschriften besagten: »Kinder! Wir wollen nicht die Waffen strecken! Wir wollen kämpfen, und wir werden siegen trotz allem!« Und: »Heil den Kindern, den künftigen Kämpfern für die Freiheit!« Und: »Kinder, arbeitet, lernt und liebet einander! Dann werdet ihr glücklich sein.« Man singt viel in den kalten Schulen Rußlands. Auch in Livintins Schule hörten wir schönen Gesang. Wunderbar abgestimmte Kinderchöre 95 sangen uns die Internationale, dann das schwermütige uralte Lied der Wolgaschiffer, das Arbeitslied der Schiffzieher über den Wolgastrom, das so etwas wie eine Nationalhymne des russischen Arbeitervolkes geworden ist. Manchen unter uns wollte Rührung beschleichen, wie wir da saßen, am Anfang eines harten Winters, der schon durch die bröckelnden Wände fror, und die zarten Kinder die Lieder des großen leidenden Volkes singen hörten. Hier waren noch Kinder der ehemaligen Aristokratie, die sich mit ihren Kameraden aus dem Proletariat schon vorzüglich vertrugen, die sich bereits eingelebt hatten in das Neue, die gute Kameradschaft hielten mit ihren Altersgenossen, ihren Schicksalsgenossen. Über diesen rührenden Abschluß unseres Besuches vergaßen wir und verstummte in uns manches Bedenken. Das Kind ist, während es den Topf auf der Drehscheibe drehte, mit verschiedenen Wissenschaften »in Berührung gekommen«. Diese Berührung oder Bekanntschaft konnte natürlich nur eine äußerst flüchtige und von dem Lehrer, der sie vermittelte, nur auf höchst oberflächliche, dilettantische, um nicht zu sagen leichtfertige Weise vollzogen worden sein. Denn jedes Gebiet, das hier gestreift wurde, sei es nun die Geologie, die Bereitung des Stahls, die Verwendbarkeit von Holzarten für bestimmte Zwecke der Industrie, setzt gründliches Studium voraus, soll der Produktionsprozeß nicht zur Spielerei entarten. Die rasche, fragmentarische Aufeinanderfolge der heterogensten Wissensgebiete aber kann das junge Gehirn natürlich nur verwirren, nicht anregen. Das Problem der Arbeitsschule ist noch bei 96 weitem nicht gelöst, wie man sieht. Die Arbeitsschule steckt noch in den Anfängen des Versuches. Aber ihr Grundgedanke ist richtig und für das Schulwesen der ganzen zivilisierten Welt von Bedeutung. Die Verbindung geistiger und körperlicher Arbeit wird eine neue Gesinnung in den Menschen hervorrufen. Der Widersinn der Einseitigkeit unserer Tätigkeiten kam uns ja anläßlich des Subbotnik so recht zum Bewußtsein. Eine Gesundung der in Spezialisierung verästelten geistigen und physischen Arbeit kann allein durch die Arbeitsschule vorbereitet werden. Sollte sich in der Arbeitsschule nicht der Keim für eine höhere, die Fabrikarbeit allmählich ausschaltende, den Kunsttrieb nährende Produktionsweise der Zukunft ankündigen?   Proletkult Unter diesem Wort, einer Abkürzung der Worte »Proletarische Kultur« faßt man alle jene Bildungsorganisationen zusammen, welche gegenwärtig in Rußland sich das Ziel gesetzt haben, daß das Proletariat sich selber seine Kultur, eine neue Kultur schaffe, wie ja das Proletariat aus sich selber heraus eine neue Ökonomie und Produktionsweise zu schaffen bestrebt ist. Die Organisationen der Proletkult sind, wie aus dem Schema des Narkomproß ersichtlich, einer Sektion dieses Kommissariates, der Sektion »Bildung außerhalb der Schule«, untergeordnet. Diese Unterordnung vollzieht sich nicht ohne Spannung und Reibungen. Ja, es war wiederholt die Rede davon, daß die 97 Proletkult-Organisationen ihre Autonomie erhalten müßten, was sich aus den recht chaotischen Verhältnissen erklärt, in denen die Bildungsorganisationen Rußlands sich im allgemeinen befinden – aber vor allen Dingen und in erster Reihe aus dem noch im Zustande des Nebelflecks befindlichen Gebild der Proletkult selbst. Denn wenn es heute in Rußland eine Organisation gibt, die sich noch im Stadium eines völlig phantastischen utopischen Wollens befindet, so ist es die Proletkult-Organisation. Grundideen der Proletkult sind: es soll eine Kritik der bürgerlichen Kultur gegeben werden.– Es soll aus dem Schatze dessen, was die Kultur der vergangenen Zeit hervorgebracht hat, das zur Verwendung ausgesucht werden, was für eine auf vollkommen neuer Basis erstehende proletarische Kultur verwendbar erscheint. Schönheit soll überall, wie das Bewußtsein der Menschenwürde und die Genugtuung an den Früchten der eigenen Betätigung, aus der Arbeit und der Gemeinschaft der Arbeitenden erblühen. Sie soll nicht dort hineingetragen werden, wo gearbeitet wird, sondern aus der Arbeit selber erwachsen und die Seelen der Arbeitenden erheben und beschwingen. Die Schöpfer der Proletkult-Bewegung verneinen nicht das Hohe und Gute verflossener Kulturepochen. Aber warum hat die erdrückende Mehrheit des Volkes an den »Segnungen« dieser Kulturepochen bisher solch armseligen Anteil gehabt? Warum war sie, man kann es ruhig sagen, ausgeschlossen von dem Genusse dieser Kultur? Warum durfte sie nur, gleichsam auf der Straße stehend, die beleuchteten Fenster des Palastes sehen? Das kommt daher, sagen die Schöpfer der Proletkult, daß der Dichter, Künstler, der Gelehrte, der die Kultur der vergangenen Zeiten schuf, auch wenn er aus dem Proletariat hervorkam, für den Kaiser, den Papst, den Adel, zuletzt für den bürgerlichen Mäzen und Unternehmer, für das Publikum gewirkt und geschaffen hat. Jetzt soll das anders werden. Der Intellektuelle soll in der Masse, in dem zum Proletariat geeinten Volk aufgehen, und die Masse soll, groß, unnennbar und anonym, Schätze der Kultur fördern und hervorbringen, ihr eigener Künstler, Mäzen und Publikum werden. Die Proletkult umfaßt zwei Arbeitsgebiete: die proletarische Hochschule und die Werkstätten für proletarische Kunst. Das Vage und nur noch im Gedanken Gefügte, das die ganze Proletkult in ihrem heutigen Stadium kennzeichnet, drückt sich in den Intentionen aus, die die proletarische Hochschularbeit bestimmen sollen. Die Wissenschaften sollen auf die Aufnahmefähigkeit einer großen, aus Analphabeten ebenso wie aus schon fortgeschrittenen Schülern sich zusammensetzenden Zuhörerschaft eingestellt sein. Es soll eine Darstellung der Methoden der Wissenschaft, eine Darstellung des Zusammenhangs aller Wissensgebiete , sozusagen das Schema der Organisation aller Wissenschaften gegeben werden. Mit anderen Worten: das aus wenig und ganz unvorbereiteten Hörern bestehende Auditorium soll sozusagen im Schnellzugtempo einen Aufriß der gesamten Wissenschaft vorgeführt bekommen. Darstellung der Theorien und Erörterung des Kommunismus bilden den Kern dieser Vorträge. 99 Wenn also der Hörer, der den Kursus jungfräulichen Geistes betrat, die Universität wieder verläßt, nimmt er wohl einen unsicheren und ich fürchte gar bald sich verflüchtigenden Begriff von allen Gebieten menschlicher Erkenntnis mit, aber er geht, und das scheint ja die Hauptsache zu sein, als wissender, überzeugter und sattelfester Kommunist von dannen. Die Vorträge an der proletarischen Hochschule stellen sich nicht als das dar, was sonst Vorträge an gewöhnlichen Hochschulen sind. Der Lehrer pflanzt sich nicht auf dem Katheder auf, um dem Schüler etwas beizubringen, was der Schüler noch nicht ahnt, der Lehrer aber bereits mit Löffeln gefressen hat, sondern der Lehrer ist ganz einfach Vorsitzender der Versammlung und Leiter der Diskussion, die sich an sein Referat anschließt. Es wird ein beliebiges Wissensgebiet dargestellt, erörtert, besprochen. Der Lehrer unterhält sich mit dem Schüler, und wo es der begabte Schüler kraft seines unverdorbenen und ursprünglich funktionierenden Denkapparates vermag, belehrt und unterrichtet er den Lehrer. Ein Seminar, wie man sieht. Der Leiter der Aussprache hat lediglich die Pflicht und den Beruf, die Hörer und Mitschaffenden dorthin zu lenken, wo er, im Besitze seines höheren Wissens und seiner tieferen Erfahrung, sie hin haben will. Vielleicht verhilft ihm seine Zuhörerschaft zu einem neuen Standpunkt, den er am Anfang der Aussprache noch gar nicht ahnen konnte – nun, um so besser für ihn und für die Wissenschaft. Werden durch die naive und gerade Denkfähigkeit des Arbeitergehirns neue Gesichtspunkte in die diskutierte Materie gebracht, so hat sich das 100 vage und gefährliche Gebilde der proletarischen Hochschule bewährt und gefestigt. In solchen Kursen werden Instruktoren ausgebildet, die organisierte Arbeiter sind und bleiben. Alle möglichen Betriebe des weiten Landes schicken besonders befähigte und der großen Aufgabe gewachsene junge Arbeiter und Arbeiterinnen nach Moskau, Petersburg oder in eines der vielen Zentren der Proletkult, wo sie ausgebildet werden, dabei aber ihre Fabriktätigkeit nicht aufgeben, sondern in der neuen Umgebung weiter zu leisten haben. Dies über die proletarische Hochschule. Sie zeigt genau, was die Proletkult eigentlich will: Kultur nicht von oben herab, sondern aus den Tiefen aufwärts schaffen und bilden. Nun zum zweiten, dem weiten Gebiet der Künste.   Kunst soll . . . hier stocke ich schon. Nein, so kann ich das nicht anfangen. Die neue Kunst, die neue Kultur der künftigen proletarischen Welt soll aus der neuen Gemeinschaft entstehen. Die Arbeit soll Grundlage und Nährboden und Ziel dieser neuen Kunst sein, so wie sie ja Grundlage der Ethik der neuen Zukunftsgemeinschaft sein muß. Immer wieder betont der Ethiker der proletarischen Zukunft diese Notwendigkeit der Auflösung des Individualismus, des Aufgehens des Individuums in die Gemeinschaft. Sogar in eine sozusagen mystische, dem mittelalterlichen Kirchenkonzil gar nicht so unähnliche Körperschaft. Ja sogar in ein Gebild, wie es der antike Chor war! Die Dichter der Proletkult sind orthodoxe 101 Marxisten. Ginge es nach ihnen, die Dichtkunst dürfte nur dem Ausdruck der reinen proletarischen kommunistischen Klassenideologie dienen. Also wiederholen wir ganz einfach: kommunistisches oder kollektivistisches Fühlen und ebensolche Produktionsweise statt der bisher geltenden individualistischen. – In diesem Sinne soll die Kunst der Zukunft aus dem proletarischen Geiste der Gemeinschaft, welcher sich am stärksten in den großen Fabrikbetrieben ausbildet und anzutreffen ist, erblühen – organisiert werden, wenn man das so nennen darf. Eine Genossin erklärte mir einmal: daß der Säemann, der auf dem Felde einsam unter der Sonne geht und sein Lied im Rhythmus seiner Schritte und der Armbewegungen, mit denen er die Körner auswirft, singt, keineswegs jene Dichtung produzieren kann, auf die es der Gemeinschaft der Zukunft ankommt. Seine Art, sich zu bewegen, zu dichten und zu singen sei eine im höchsten Grade individualistische. Die Dichtungsform, die das Lied abzulösen berufen sei, sei der Gesang: der Gesang der Masse, aus dem Marschschritt gemeinschaftlich vorgehender Soldaten geboren oder aus dem rhythmischen Stampfen und Schwingen, von dem jeder mitgerissen wird, der längere Zeit in der Maschinenhalle einer großen arbeitenden Fabrik verweilt. Das Zusammenleben und Arbeiten im Betrieb, im Takt der surrenden Transmissionen und schlagenden Kolben, mit gleichbeschäftigten und gleichgestimmten Kameraden soll also den Rhythmus der Dichtwerke der Zukunft bestimmen, wie es heute den Geist der Organisation – und mit dem 102 Siege der Revolution das Schicksal der Menschheit bestimmt hat. Zur Zeit meines Aufenthaltes in Moskau war zwischen den proletarischen Dichtern und den anderen, den »Intellektuellen«, ein heftiger Streit um ein neues Buch Valerian Brjussoffs, des Dichters, entbrannt. In diesem Buche wurden Gesetze der Metrik wieder verkündet und aufgestellt, gerade als ob nichts geschehen wäre, als hätte die Revolution gar nicht die Gesetze und Grundbedingungen aller menschlichen Betätigung und jeder die Gemeinschaft angehenden Produktion umgestoßen. Brjussoff und die hinter ihm verteidigten erbittert die Gesetze der Dichtkunst, die ihnen solide genug vorkamen, um etliche Revolutionen zu überdauern, sie verteidigten die Dichtkunst hartnäckig und todesmutig gegen die wild anstürmende Schar der proletarischen Dichter, die die Metrik samt allen anderen überlebten Formen einer bürgerlichen Weltanschauung in den Orkus geschleudert haben wollte. Es gibt übrigens, und nicht erst seit Erschaffung der Proletkult, einen Rhythmus der Art, wie ihn das Gestampfe der Fabrik hervorzurufen imstande ist. Das ist der Rhythmus, den man im Russischen »Tschastuschka« nennt, ein dem Gassenhauer eigener oder ähnlicher Rhythmus, der aber doch nicht ordinär wirken muß, sondern eher populär, wild und kraftvoll. Es ist ein abgehackter Rhythmus, der sehr wohl das vorstellen kann, was die proletarischen Dichter oder die Theoretiker der Proletkult, die mit den proletarischen Dichtern oft ganz und gar nicht einig sind, sich unter der neuen Ausdrucksform vorstellen. Ich will, um die Tschastuschka dem 103 deutschen Leser rasch durch ein Beispiel zu erläutern, ein paar Zeilen hersetzen: »Gleich muß ich in die Fabrik. Komm, begleite mich ein Stück. Seit im Land der Burschuj schweigt, Wird bei uns nicht mehr gestreikt.« Man sieht, die Zeiten der Verse: »Die Rose, die Lilie, die Taube, die Sonne . . .« sind vorüber. – Der populärste Dichter, der Volksdichter des bolschewistischen Rußlands, Demian Bjedny, hat die Tschastuschka zu großer Wirkung erhoben. Bjednys Gedichte, Agitationsgedichte, Anfeuerungsgedichte sind an den Fronten in Millionen Exemplaren verbreitet; sie kleben auch, wenn sie sich auf aktuelle Ereignisse der inneren Politik beziehen, an allen Straßenecken der Städte.   Die Dichter der proletarischen Kunstbewegung führen die Linie, die von Whitman ausgeht und über Verhaeren zu den Expressionisten leitet, eine große Strecke weiter. Namentlich Verhaeren verherrlicht, wenn man der Meinung der jungen Russen Glauben schenken darf, wohl die Fabrik, aber – so sagen sie – er besingt in bürgerlicher Weise bloß das Produkt der Arbeit, die der Arbeiter in der Fabrik hervorbringt, und er meint dieses Produkt, wenn er die Arbeit besingt. Er besingt nicht die Fabrik selbst, nicht den Arbeiter, der in der Fabrik steht, nicht das Material, das er handhabt, mit dem er zu tun hat, ehe es noch eine Traverse, ein Automobil, eine Turbine geworden ist. Der proletarische Dichter aber tut gerade dieses. Er verherrlicht in pantheistisch anmutenden Hymnen das Einswerden der 104 Maschine mit dem Arbeiter, dem Körper und dem Geist des Arbeiters. Er verherrlicht den Prozeß der Arbeit , und außer dem Arbeiter gehört seine uneingeschränkte Liebe dem Material. Der wertvollste Dichter dieser neuen proletarischen Dichtergeneration oder Schule ist Michael Gerassimoff. Ein junges, von Leidenschaft und Güte durchströmtes Gesicht, eine warme, überzeugte Stimme. Gerassimoff spricht vom Fabrikschornstein, der den Himmelsbogen entzweireißen will, vom eisernen Takt der Arbeiterwelle. Er verherrlicht Lenin, in dem er den Arbeiter sieht, dessen Herz im gleichen Rhythmus mit der Masse pulst; die Oktoberrevolution, die das große Rußland zur gemeinschaftlichen Aktion hingerissen hat, und deren Schwingungen die Welt in Bewegung gesetzt haben. Aus einem seiner Gedichte, der »Frühlingsfabrik«, setze ich ein paar, dem Wortlaut, nicht dem Rhythmus entsprechend übersetzte Strophen her: »Im Eisen ist Zartheit, spielerische Schneeigkeit. Im geschliffenen leuchtet Liebe, Abendrot, Austurm und die Müdigkeit des Schlafs. Im verrosteten Bruch stockt Blut. Im Eisen ist Kraft, denn mit seinem rostigen Saft Hat das Erz Giganten großgezogen.« Dann: »Weiße Lohe, reifer Flachs, Schneeiger Dampf in Kugelschwaden wie Schaum, Wie ein brennender Haufen Heu Wird der Hochofen von hehrem Licht beschienen! In ihrem Erkalten knetet die Schlacke Trauben aus rosigem Korall. Der kleinen Lichter Mohnkörner zittern In dem schwarzsteinernen Kristall. 105 Die Asche fliegt wie Silberstaub hinauf, erlischt – Der Hochofen schüttelt von seinen Flügeln der Funken goldig roten Flaum.«   Im Zentral-Proletkult, der in Moskau in der Villa Morossoff untergebracht ist – diese Villa ist ein Alp, ein Monstrum an geschmackloser, protzenhafter Überladenheit, Kopie eines spanischen Schlosses in die nüchterne Wosdwischenka hinein gesetzt, Gotik und Maurisch und Renaissance durch- und übereinander, nachgemachte Muscheln, Taue und Schnecken aus Stein – man soll bei Morossoffs einst sehr gut gegessen haben – wo steckt ihr, meine Lieben, ich hoffe, es geht euch gut, irgendwo in Europa, Gruß von eurer Villa! – Aber ich muß von vorn anfangen. Im Zentral-Proletkult kann man also zu sehen bekommen, was von den Intentionen der Proletkult momentan zu verwirklichen ist und zum Teil bereits verwirklicht wurde. Ich sah hier eine Aufführungsreihe des Proletkult-Klubs, und ich sah hier und anderswo Ateliers für Malerei und Skulptur der Proletkult. Hier läßt sich die Spannweite zwischen der Idee und der Durchführbarkeit genau verfolgen. Die Idee besagt: es sollen keine Künstler mehr den zur Kunstübung befähigten Arbeiter im Malen, in der Skulptur unterweisen, denn es käme dabei ja doch nur eine schlecht und recht zusammengeschusterte Schularbeit, nachgeahmte und von der Richtung des Lehrers beeinflußte Atelierkunst heraus. Sondern der einfache Arbeiter soll in seinen Mußestunden die Proletkult-Werkstätte aufsuchen, dort bekommt er Farbe, Pinsel und Leinwand, und dann soll 106 er sich zurechtstellen, was er malen will, oder seinen Freund, den Soldaten, oder seine Geliebte, die Arbeiterin, auffordern, ihm zu sitzen, und dann in Gottes Namen drauflos. Aber da die Ausstellungen von Werken der modernen, bildenden Kunst allen zugänglich sind, und der unverdorbene Arbeiter in ihnen alle Kapriolen der Expressionisten, Futuristen und Suprematisten nach Herzenslust studieren kann, so wimmelt die Werkstätte der Proletkult auch ohne direkte Unterweisung von seiten der Künstler von Bildern, die schiefe Tischplatten mit einem Teller Hering und einer im Dreiviertelprofil dargestellten Flasche zeigen, von pythagoreisch als Tangenten mit der Spitze in die Luft an quer durchschnittene Holzrahmen hingewehten, vierfach verknüllten Papiertüten in absoluter Farbe. Aber auch mancher brave, ehrliche akademische Porträtkitsch, mühsam hingepinselt und zu Ende gebracht, befindet sich in der Reihe der ausgestellten Kunstwerke. Dabei macht sich der bittere Mangel an Material auch hier spürbar; es gibt keine Farbe, keine Leinwand, wenig Kreide oder Kohle, keinen Gips. Ein Gipsmodell muß gleich wieder zerschlagen werden, um für ein neues das Material zu liefern, Kartons sind vorn und hinten über und übermalt, die Werkstätten stehen jedermann frei – der Lust und Mut hat, bei 30 Grad Kälte und fehlenden Fensterscheiben Kunst zu produzieren. Eine interessante und, wie mir scheint, fruchtbare Idee der Kunstberater der Proletkult-Bewegung ist: der Arbeiter soll versuchen und angehalten werden, aus dem Material, das er am Tage in seiner Fabrik verarbeitet, Kunstwerke zu 107 schaffen; der Metallarbeiter aus dem Eisen oder Messing, aus dem er Nägel und Zahnräder, der Holzarbeiter aus dem Holz, aus dem er Türen oder Stuhlbeine macht; auf diese Weise soll in dem Arbeiter ein neues Interesse an seinem Material, das er doch besser kennt als alle anderen, erweckt werden und aus der Kenntnis des Materials und der Liebe zum Material eine neue Form der Kunstbetätigung und, wenn möglich, Gebilde von künstlerischer Vollkommenheit erwachsen. Denn das weiß ja jeder Künstler, wieviel Freude und Anregung zum Schaffen das Material selber gibt, sei es nun der Stein, Ton, die Farbe oder das Wort. Hier – so denke ich – weist die Proletkult, ohne es zu wissen und zu wollen, einen Weg zu den elysäischen Gefilden Morris'. – Die Klubarbeit der Proletkult ist eines ihrer hauptsächlichen und erfolgreichsten Betätigungsgebiete. Überall, auch in den kleinsten Orten Rußlands, in Dörfern und Flecken, gibt es proletarische Klubs, in denen junge Bauern, Arbeiter und Arbeiterinnen zusammenkommen, Vorträge anhören, diskutieren, in denen Theater gespielt, improvisiert, gesungen und getanzt wird und eine neue Geselligkeit sich bildet. Der Klubabend in der Villa Morossoff bot Darstellungen von ungleichem Wert. Es wurde da ein kleiner allegorischer Einakter von einem jungen Arbeiter gespielt, in dem vorgeführt wurde, wie die Entente den armen, unwissenden polnischen Arbeiter gegen den Roten Soldaten, der sein Bruder ist, vorwärts hetzt, und wie zuletzt der Rote und der Pole die Entente samt ihrem polnischen Schlachzizenlakaien über den Haufen rennen. Die 108 rhythmischen Übungen nach der Art des Dalcroze, die an und für sich wunderschönen Chorgesänge, wieder das Wolgalied, wieder die Internationale, boten eigentlich auch weniges, was mit der Proletkult und ausschließlich mit dieser zu tun gehabt hätte. Junge Arbeiter und Arbeiterinnen rezitierten Gedichte, die sie selbst verfaßt hatten. Wirklich schön und neu schien mir bloß eine Übung gesprochener Chöre zu sein, in denen aus Stimmwirkungen, Stimmklang und aus musikalischen, aber den Wortsinn nie verletzenden sondern heraushebenden Motiven Wirkungen erzielt wurden, die ein völlig neues Kunstgebilde aus einem neuen ansprechenden Massengefühl erstehen ließen. Das Gedicht, das auf solche Art rezitiert wurde, war eine Verherrlichung des populären Instrumentes der Ziehharmonika. Der Dirigent, der, wie mir gesagt wurde, diese neue Kunstgattung bis in ihre letzten Möglichkeiten erprobt und vervollkommnet hat, hieß Sergesnikoff.   Im Oktober tagte in Moskau der alljährliche Kongreß der Proletkult – die oberste Behörde der Bewegung selber. Es wurde da die Notwendigkeit erörtert, Klubs und Sektionen der Proletkult zu aktiverer Beteiligung an den großen offiziellen Festlichkeiten der Sowjets zu veranlassen. Die Kunst soll mit allen Mitteln zur Massenkunst und auf diesem Wege zur Monumentalkunst werden. D. h.: es sollen durch die Masse Wirkungen auf die Massen geübt werden. Ich sah dann eine solche Massenaufführung, an der sich die Proletkult mit Sprechchören beteiligt hatte, am dritten Revolutionsfeiertage in 109 Petersburg. Hierüber berichte ich sogleich. Vieles andere noch, eine Unmasse von Anregungen ging von diesem Kongreß der Proletkult aus. Ich habe es selber erfahren, wie schwer Organisationen zur Schaffung proletarischer Kultur aufzubauen sind, ehe das Proletariat noch die politische Macht erobert hat. Aber auch in Rußland, wo das Proletariat die Macht bereits in Händen hält, bleibt die Proletkult von all' den schönen und hohen Dingen, die heute die Seelen des Volkes bewegen, das Schmerzens- und Sorgenkind der werdenden neuen Welt.   Chaos der Künste Im Augenblick, in dem du den Fuß auf russische Erde setzest – nehmen wir an, dies geschieht am Ausgang des Petersburger Nikolai-Bahnhofes – siehst du dich bereits gierig nach der Kunst des neuen Rußlands um. Denn, nicht wahr, du weißt es: hier hat das Weltrad eine Drehung beschrieben, ein neues Volk bewegt sich durch die Straßen, da möchtest du doch sehen, wie die Künstler die veränderten Gezeiten empfunden, miterlebt, gestaltet haben, und wie das äußere Bild Rußlands, das durch die Revolution so gründlich veränderte, durch die Begeisterung der Künstler verschönt worden ist? Das erste, was du auf dem Newski-Prospekt erblickst, ist eine riesige Holzbaracke, eine Estrade und Rednertribüne, die Holzverschalung des monströsen Trubetzkoischen Pferdes mit dem Zaren Alexander III. darauf. Dieses Denkmal, so wurde 110 dir gesagt, stellt ein Nonplusultra an Plumpheit und Abgeschmacktheit dar, und du beklagst es darum nicht allzusehr, daß die blauweiße Holzkonstruktion den Prinzipien der Ästhetik auch nicht ganz entspricht. In Klammern stehe hier die Bemerkung: eine der erfreulichsten Veränderungen des Moskauer wie des Petersburger Stadtbildes wurde dadurch hervorgerufen, daß die Bolschewiki eine Unzahl schlecht empfundener und schlecht gestalteter Denkmäler einfach weggeputzt, zertrümmert, von den Piedestalen und Postamenten fortgesprengt haben, Zaren, Feldherren, Adler usw. Das Denkmal Peters des Großen, Katharinas in Petersburg, Minin und Posharskis in Moskau ist stehen geblieben. An Stelle des Skobeleff erhebt sich jetzt der Obelisk der Oktoberrevolution. Weiter oben auf dem Newski gewahrt man, an die winklige Treppe des ehemaligen Stadthauses geschmiegt, eine riesige Stele, die von dem überlebensgroßen Kopf Lassalles gekrönt ist. Dieser Lassallekopf, der mehr an Brutus als an Lassalle gemahnt und aus dunkelgrün getöntem Gips ist, ist eigentlich – außer den beiden Marmortafeln mit der eingravierten Sowjet-Verfassung im Smolny – das Schönste, was ich an neuer Kunst in Rußland überhaupt zu sehen bekommen habe. Indes, so stark und bedeutend er auch erfaßt, so wild-monumental die Dämonie des Tribunen in ihm auch zum Ausdruck gebracht ist, als Kunstwerk stellt er nichts Außerordentliches dar; mein Freund Totila Albert macht dies weit besser. Der Kopf ist aus Gips und die Stele aus gipsbestrichenem Holz. Sonderbar: diese steile Stele, die vier übereinander getürmte Quadern 111 vortäuscht, scheint in ihren Bestandteilen gar nicht fest gefügt, die oberste Quader hat einen Stoß abbekommen und ist sichtlich verschoben. Wenn man annimmt, daß diese Verschobenheit durch Inkonsistenz des Materials oder durch einen gegenrevolutionären Faustschlag verursacht sei, geht man fehl – denn man wird an vielen neuen Denkmälern dasselbe sich wiederholen sehen: die Postamente, auf denen sich diese Denkmäler erheben, sind verschoben und aus dem Gleichgewicht gerückt, womit ausgedrückt werden soll, daß überhaupt die Grundlagen dessen, was wir als Ruhm, Ewigkeit, Menschengröße anzusprechen gewohnt waren, in den letzten Jahren einen Stoß erhalten haben wie von einem moralischen Erdbeben, und daß sich unter diesem atmosphärischen Druck die Quadern, die den Gedanken stützten, verschoben haben. – Marx . – Unendlich viele Marxdenkmäler, Büsten, Köpfe, Profile, in Lebensgröße, in riesigen Proportionen! Was haben sie aus dir gemacht, armer Marx, die Künstler des kommunistischen Rußlands. Einmal stehst du da, ein eben vorgerückter Kanzleirat mit von Regenwasser bis an den Rand gefülltem Zylinder an der Bratenrockhüfte. Das andere Mal bist du ein kleiner beleidigter rechthaberischer Bourgeois, der sich auf die Spitzen seiner polierten Stiefelchen reckt, um die Wichtigkeit seiner Person augenfällig zum Ausdruck zu bringen. Aber auch als assyrischen Löwenkopf, als Sonnengott mit zerflatternder Mähne und Fächerbart kann man Marx dargestellt sehen. Das Absurdeste, was ich an Darstellungen Marxens zu sehen bekam, war ein riesiges Bild, das auf dem Kongreß der professionellen 112 Schulen hinter dem Rednerpult an die Wand genagelt war – hier war Marx buchstäblich auf seinen Lorbeeren ruhend dargestellt – er hatte seinen spitzen Lorbeerkranz um das Gesäß gewunden, der Künstler hatte sein bißchen Grün nicht mehr oben anzubringen vermocht, so brachte er es unten an. Wo sind denn die wirklichen Künstler geblieben, die das Stadtbild zu verschönern, die es auf den Grundton des neuen brausenden Lebensstromes zu bringen vermöchten? Hat die Revolution die Künstler nicht zu brüllender Ekstase angefacht und aufgepeitscht, so daß sie sich in rasendem Ungestüm auf die Stadt zu werfen, sie mit den Farben ihres Begeisterungsrausches zu überschütten, sie in die Formen ihres überschäumenden Dranges zu pressen und neu zu modeln versuchten? Ich habe Denkmäler gesehen, die, wie das des ermordeten Wolodarsky, von einem Dachdecker hätten herrühren können. Andere waren auf Bestellung in zweimal vierundzwanzig Stunden zusammengeschustert. Eines allerdings rührte von einem echten Künstler her, aber ich muß seine Entstehungsgeschichte erwähnen, sie scheint mir charakteristisch. Das Werk war ursprünglich auf dem Roten Platz vor dem Kreml aufgestellt gewesen und ist jetzt im »Ersten Proletarischen Museum« aufbewahrt. Sein Schöpfer ist Konjenkow und es stellt den Volkshelden und Ataman Stenka Rasin mit seinen sechs Gesellen nebst der »persischen Fürstin« dar. Auch dieses Denkmal ist nicht aus der überschäumenden Begeisterung für das Volk und seine wirklichen Helden, für die Legende des befreiten Volkes, die jetzt statt der Zarengeschichte auf den 113 Thron des Gewissens gehoben worden ist, entstanden, sondern auf Bestellung der Kosaken, die zu ihrem Fest auf dem Platz vor dem Kreml ihren Stenka haben wollten – genau an der Stelle, wo Stenka und seine Helfershelfer hingerichtet worden waren, der »Lobnoje Mjesto«, einer kreisrunden, von Gitter umgebenen Steinestrade vor der Kathedrale Wassili Blashenni. Die Kosaken gingen zu Konjenkow und sagten: »Konjenkow, Rußland ist frei, mache uns den Stenka und die Sechs um ihn herum, und vergiß die persische Fürstin nicht«, sagten die Kosaken. »Wir wollen dann das Ganze auf der Lobnoje Mjesto aufstellen zu ewigem Gedenken.« »Gut,« sagte Konjenkow, »bringt mir ein Faß Schnaps und ich mache euch den Stenka.« Die Kosaken brachten den Schnaps und warteten auf ihren Stenka. Ein paar Tage vor dem Kosakenfest gingen sie zu Konjenkow und fragten nach Stenka. Konjenkow hatte noch nichts gemacht, weder Stenka, noch die Helfershelfer, geschweige denn die Fürstin. »Ich brauche Schnaps, sonst kann ich nicht arbeiten«, sagte Konjenkow zu den Kosaken. »Hundesohn!« sagten die Kosaken, »du hast das Fäßchen leergesoffen und nichts gemacht?« Aber sie brachten doch wieder Schnaps, und nun machte Konjenkow rasch aus einem Baumstamm, den er roh zurechtzimmerte, den Stenka und bestrich die Ritzen mit etlicher Farbe, nahm dann einen anderen Holzklotz und setzte sechs kleine viereckige Klötze, grob zurechtgezimmert und bemalt, auf ihn hinauf: das waren die Köpfe der Helfershelfer. Unten aber, zu Füßen des Baumes Stenka, des Baumstammes, der Stenka, den Ataman, immerhin mit einer genialen 114 Brutalität und gewaltsamen, Etwas ausdrückenden Koloristik darstellt, unten liegt aus Gips, weiß und rosafarbig, zierlich geformt, die persische Fürstin in naturalistischer Brunst hingegossen. Das Ganze steht jetzt, wie gesagt, in jenem »Proletarischen Museum«, einer Villa, in der allerhand wunderschöne Bilder, Porzellane, Möbel und Kunstgegenstände aus dem Besitz geflohener Aristokraten und Bourgeois zusammengetragen sind. Wenn man zum Tor hereinkommt, sieht man in einer magisch panoptikumhaften Beleuchtung, von oben herunter beschienen, die persische Prinzessin in gipsener Anmut hingestreckt – man hat einen Effekt zu überwinden, so als ob man da in das Haus irgendeiner Madame Melanie geraten wäre –, aber dann bemerkt man den hölzernen Stenka hinter der Gipsfigur und sieht, daß das hier wahrhaftig ein repräsentatives Werk der neuen revolutionären Volkskunst Rußlands genannt werden darf. Etwas Ähnliches, barbarisch gewalttätig groß Gedachtes muß am Anfang der Revolution auf dem Ochotni Rjad zwischen dem Theaterplatz und der Universität in Moskau zu sehen gewesen sein. Man entdeckt noch Spuren. Auf diesem langgestreckten Platz steht eine Reihe ebenerdiger und stockhoher Gebäude, Verkaufsbuden, in denen ehemals Würste, Tee, Honigkuchen und allerlei Leckerwerk zu kaufen gewesen war. Als zugleich mit dem Privateigentum all' dies mit einem Knall zertrümmert in die Luft ging, kamen die Futuristen mit breiten Pinseln daher, löschten oder strichen den ganzen Platz aus, bemalten einfach all' diese Buden und Häuserchen kreuz und quer mit Wellenlinien, farbigen 115 Bogen, Zacken und Kurven von oben bis unten, von rechts nach links und zurück. Da die Farben leider schlecht waren, sieht man heute nur noch der Länge nach über drei Buden weg eine giftblaue Welle sich aufbäumen, anderswo eine rote zickzackförmig zum Pflaster niederstürzen. Die Bolschewiki, Lunatscharsky an der Spitze, haben in der Eile des Umsturzes die Futuristen, Kubisten und all' die anderen Atelierrebellen mit richtigen Revolutionären verwechselt, nämlich mit solchen, in denen der Drang, sich gegen überholte und verknöcherte Gesetze aufzulehnen, tiefer und bedeutsamer lebt als bloß im Handgelenk, womit sie ihre Pinsel, und den Kinnbacken, mit denen sie ihre Reden gegen den unverständigen bürgerlichen Käufer führen. Erst nach ungefähr anderthalb Jahren sahen die Bolschewiki ihren Irrtum ein; sie wurden gewahr, daß zwischen den extremen Kunstrichtungen und dem Empfinden des Volkes gar keine Verbindung bestand, und daß das Volk sich stumpf gaffend, aber gleichgültig, wohl die Purzelbäume an den Straßenecken gefallen ließ, in seinem revolutionären Trieb aber durch all' diese Kapriolen nicht im geringsten bekräftigt und angefeuert wurde. Da kamen dann die Dachdecker und Maurerpoliere an Stelle der Kubisten und Futuristen und verübten Kunstwerke auf ihre Art. Jetzt sieht man auf öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Gebäuden eine biedere, nichtssagende Dutzendkunst sich breitmachen und fühlt schmerzlich, daß hier eine Gelegenheit versäumt worden ist. – Ausstellungen sah ich in Moskau, in denen Kandinsky bereits als akademischer Klassiker überholt war. In solch' einer Ausstellung war ein Saal 116 einem Künstler eingeräumt, dessen Namen ich vergessen habe, der aber Gemälde wie dieses malte: eine Tafel, schwarz, in der Mitte ein schwarz lackierter Kreis, glänzend schwarz, der von einem mattschwarz lackierten durchschnitten wird. Eine andere Tafel zeigt auf blauem Grund einen geraden Strich von gelber Farbe quer von unten links nach oben rechts. Fünfzig andere Tafeln einer neuen Kunst, die das Primitive, wie man sieht, mit Erfolg sucht und zu finden gewußt hat, bedecken die Wände. An der Mittelwand aber hängt das Manifest des Künstlers: sieben eng beschriebene Schreibmaschinenseiten. Durch diese Ausstellung führte an einem Sonntag, als ich sie besuchte, ein junger Volkskommissariatsbeamter eine Arbeitergruppe, die das mit bewegter Stimme vorgetragene Manifest ehrfurchtsvoll anhörte und dann selber zusah, wie der eine schwarze Kreis den anderen durchschnitt.   Man wirft den Bolschewiki überhitzten Drang bei der Erfüllung ihrer Erziehungsbestrebungen vor. Man ruft ihnen zu: ihr überfüttert das Volk mit Kunst! Das Volk schafft sich sein Brot selber, ihr aber stopft ihm Schaumkuchen in den Rachen, bis es sich übergibt! In Petersburg leitete, als ich zuletzt dort war, eine Ausstellung im ehemaligen Winterpalais eine für den Winter und die kommenden Jahreszeiten geplante Ausstellungsreihe ein. In dieser ersten war alles Erdenkliche zusammengetragen: Theaterkunst, Kinokunst, ein Propagandawaggon für erwachsene Analphabeten, Gebrauchs- und Luxustöpfereien mit den Sowjet-Emblemen, eine Modenschau (!) mit neuen Kostümen und Hüten aus Samt, auf denen der 117 Hammer und die Sichel der Sowjets in eher abscheulichen als anmutigen Ornamenten angebracht waren – für die Sowjet-Bourgeoisie ersonnen und angefertigt – ein Sammelsurium aus moderner Malerei, Plastik, Schularbeiten, Buchdruckausstellung, Herbarien, primitivem Hausgerät, außerdem ein Saal mit Entwürfen für das geplante Liebknecht-Luxemburg-Denkmal. All' dies sozusagen inkrustiert in das Museum der Revolution, zu dem die Prunksäle des ehemaligen Zarenpalastes jetzt umgewandelt sind. Aus all' diesem Tohuwabohu habe ich mir zwei Dinge gemerkt und herausgefischt: das erste ist, daß in die Akademien jedermann aufgenommen werden kann und muß, der von der Straße hereinkommt und Kunstübung erlangen oder erlernen will. Es melden sich in der Tat Hunderte von jungen und älteren Leuten, Arbeitern, Studenten, Angehörigen der Sowjet-Behörden usw.; von all' diesen aber erscheinen in der Klasse kaum vier oder fünf, denn wer hätte nach der täglichen Arbeitszeit und der Last und Qual der Lebensmitteleinholung noch Lust und Spannkraft zur Kunstübung? Das andere aber war Tatlin. – Tatlin ist ein junger Künstler, Professor an der Petersburger Akademie, der die in wahrer Bedeutung des Wortes geniale Idee gehabt hat: daß in einem Zeitalter, in dem die Maschine den Menschen überflügelt, vernichtet, zertreten und zusammenkartätscht hat, eigentlich die Maschine als Modell viel interessanter sei als der Mensch selbst. Tatlin schafft infolgedessen Denkmäler für Maschinen und nicht mehr Akte. Die Struktur des menschlichen Körpers erleidet, durch das Temperament 118 eines modernen Künstlers gesehen, gewisse Veränderungen – somit darf man es Tatlin nicht verargen, wenn seine Maschinendenkmäler auch keine Maschinenkörper, sondern Quintessenzen von Maschinen vorstellen. Tatlin konstruiert diese Kunstwerke, die man in Moskauer Schaufenstern wie in Petersburger Akademiehallen anstaunen kann, natürlich nicht aus dem herkömmlichen Material Ton, Marmor, Bronze, sondern aus Latten, ausgedienten Wasserleitungshähnen, Blechbüchsen, Gummischnullern, Mikroskoplinsen, Schürhaken, geborstenen Treppengeländern. Ich traf ihn im Winterpalais, wo er vor einer seiner Kompositionen, die er »Konterreliefs« nennt, einer Schar zusammengeströmter Soldaten, Arbeiter und Arbeiterinnen aus der Sowjet-Bourgeoisie einen Vortrag über das Prinzip der Materialkunst hielt. Oscar Wilde hätte sicher den größten Genuß beim Betrachten der Kunst Tatlins gehabt, denn Tatlin bestätigt ja sein Paradox: daß nicht die Natur die Kunst schaffe, sondern die Kunst die Natur. Mich hat Tatlin von der Stichhaltigkeit dieser Meinung vollständig überzeugt. Denn wo ich seit dem Tage, an dem ich sein Werk zuerst vereinigt sah, einem Haufen von zerbrochenen Gebrauchsgegenständen, ausrangierten Lokomotiven, vor Müdigkeit umgesunkenen Trambahnwagen, in ihre Bestandteile zerfallenen Bretterbuden begegnet bin, sagte ich mir sofort: Tatlin. Tatlin ist in der Tat der repräsentative Künstler dieser Zeitepoche und über dem Tempel seiner Kunst steht das russische Wort: Remont . Er hat jetzt in Petersburg ein Denkmal für die Dritte Internationale, d. h. den Entwurf zu diesem 119 Denkmal ausgestellt. Das Denkmal soll an die 300 Meter hoch werden und an seiner Basis etwa 100 Quadratmeter messen. Man stelle sich vor, daß irgendein Titan den Eiffelturm beim Nacken gepackt und ihn mit einer Armwindung zur Spirale um- und umgedreht hat. In den Raum, den die Spiralkreise offen lassen, hängt nun Tatlin übereinander vier riesige Gebilde aus Glas mit Rippen aus Eisen und Beton. Das unterste größte ist ein Zylinder von etwa 80 Metern Durchmesser, in dem sich der Kongreßsaal der Dritten Internationale, außerdem Säle für Schreibmaschinisten, Leseräume, ein Theater und ein Restaurant befinden sollen. Etliche 30 Meter über diesem Zylinder ist eine Pyramide angebracht: in ihr finden die Sitzungen der Exekutive statt. Darüber wieder ein schon etwas schmälerer Zylinder, in dem die Radiostation, ein Kinosaal und ähnliche Lokalitäten untergebracht sind. Hoch oben aber eine Halbkugel: die Licht- und Kraftstation. Diese vier Gebilde aus Glas, Eisen und Beton drehen sich unaufhörlich um ihre Achsen. Der Sitzungssaal der Dritten Internationale einmal im Jahr, die Exekutive einmal im Monat, die Radiostation einmal am Tage und die oberste Halbkugel einmal in der Minute. Alle vier Gebilde werden nach dem Prinzip der Thermosflasche geheizt. Die Drehbewegung erklärt sich aus dem Gedanken, daß die Dritte Internationale ein Organismus ist, der sich in fortwährender Bewegung befindet, nichts Stabiles vorstellt, eher einem Himmelskörper vergleichbar. Daher ist auch hoch oben die Spitze des Turmes mit den Antennen wie ein Teleskop schief nach den Sternen umgedreht und weist ins Unendliche. Ich fragte einen Apostel 120 Tatlins, der mir das Modell erläuterte, nach der Kraft, die das Monument in Bewegung setzen sollte. Der junge Mann kroch sogleich unter das Podium und begann eine Kurbel zu drehen, worauf oben die Internationale in die gewünschte Rotation geriet.   Das Volk der Städte hat wenig zu essen, also soll es wenigstens an Zirzenses keinen Mangel leiden. In den Opernhäusern entfaltet sich allabendlich Pomp und Farbenpracht der ehemalig kaiserlichen Opernausstattungen. In dem wunderbaren blau und silbernen Marientheater Petersburgs, in dem nicht minder wunderbaren rot und goldenen Großen Opernhaus Moskaus sah ich manch' eine meisterhafte Aufführung der populärsten Werke von Rimsky-Korsakoff, Borodin, Seroff, Glinka, den »Prinzen Igor«, »Sadko« und »Die Macht des Feindes«, dann auch den »Barbier« von Rossini, »Lakmé« von Delibes und anderes. Das Orchester ist vorzüglich, zum Teil spielen die Solisten auf kostbaren, der ehemaligen Bourgeoisie weggenommenen Instrumenten. Der Kapellmeister sitzt im Frack da, seine Schar in der Buntscheckigkeit ihrer übriggebliebenen Garderobe. Sänger und Sängerinnen erfüllen ihre Aufgaben augenscheinlich mit großer Hingabe, von dem inbrünstigen Enthusiasmus der neuen Zuhörerschaft mitgerissen. Denn das Publikum der Oper ist ein ganz neuartiges: Soldaten, Arbeiter, Kinder – Scharen von Kindern, Tausende von Kindern füllen alle Ränge! Nach den Aktschlüssen hallen die prächtigen Häuser vom Jubel der entzückten Zuhörer wider, Kinderjubel mischt sich in die brausenden Rufe, die die beliebten Sänger und 121 Sängerinnen hervorlocken. Zum Paroxysmus aber steigert sich die Freude nach den Balletten. Ich kann es wohl sagen, daß ich in meinem ganzen Leben nicht so viel habe Ballett tanzen sehen wie im ersten Monat meines Aufenthaltes in Moskau. Und zwar waren dies gar nicht die Ballette, die wir in Europa als russische Ballette bestaunt haben, sondern die guten alten »Divertissements«, in denen 50 Damen in Tüllröckchen, mit rosafarbigen Trikotfüßchen und das sonderbare Wesen: Ballettänzer in seidenen Höschen mit wirbelnden Beinen Sprünge vor der Rampe beschreiben. Auch hier kannst du die Namen der meistbewunderten Künstler aus tausend enthusiastischer Kehlen Geschrei erfahren, und was mehr ist – nein, weiß Gott, ich muß den Hergang erzählen: Es war nach dem »Schwanenteich« Glinkas, da erschien auf der Bühne plötzlich ein in der alten Zarenlivree steckender Theaterdiener und schleppte aus den Kulissen einen riesigen Korb mit Orchideen und Chrysanthemen heraus. Oben in der linken Ecke war mit einem Seidenmäschchen ein Briefchen an den Henkel befestigt. Aus der entgegengesetzten Kulisse hüpfte Katharina Geltzer zum Korb herbei und bedankte sich mit Kußhändchen. Wir in unserer Loge, ich saß mit den Türken, Österreichern und Amerikanern da, vergaßen den Mund offen vor dieser voroktoberlichen Ehrenbezeigung, oder wie man es nennen will! Der Metallarbeiterverband Petersburgs hat sich in seiner letzten Jahresversammlung darüber beschwert, daß die Regierung der Sowjets mehr Geld für Ballette ausgebe als für den Verband der Metallarbeiter Rußlands. Und ich hörte 122 Künstler Klage führen darüber, daß Lunatscharsky in unbegreiflicher Verirrung Ballettgesellschaften im ganzen Lande herumhetze, wo doch die Bauernweiber sich vor den nackten Beinen bekreuzigten und davonliefen . . ., so verstehe der Volkskommissar für Volksaufklärung die Verbreitung der Kultur und die Erweckung des Bildungstriebes in dem kunsthungrigen Volk! Dies stellt natürlich eine böswillige Verdrehung der Tatsachen vor. Wahr ist, daß das russische Volk wie kein zweites der Welt den Tanz pflegt, daß bei den Russen die Freude an der Körperbewegung, an wilden und an gemessenen Rhythmen der Gliedmaßen als ein Element der Volkskunst gelten kann. Daran hat der Ernst der Zeit und der – Hunger nichts geändert. Im Gegenteil– es ist jetzt vielleicht eine Wildheit und Zügellosigkeit wach, die es einem begreiflich macht, daß dem Volk eine immerhin zur Kunst erhobene Form der Bewegung gebändigter Körper vorgeführt werden muß, um es zu entzücken. Eine andere Frage ist es, ob die Regierung nicht besser daran täte, ihr Augenmerk liebevoller auf das Schauspiel zu richten als auf das Ballett. Staunend las ich das Repertoire der Moskauer Bühnen durch. In den Monaten meiner Anwesenheit spielte man folgende Stücke: »Was Ihr wollt« von Shakespeare; »Locandiera« von Goldoni; »König Harlekin« von Lothar; »Sintflut« von Berger; »Cyrano de Bergerac« von Rostand; »Adrienne Lecouvreur« von Scribe; »Ein Glas Wasser« von demselben; »Das Heimchen am Herd« von Dickens; »Die Hoffnung auf Segen« von Heyermans und den »Revisor« von Gogol. 123 Ich war einigemal in Stanislawskis »Künstlerischem Theater« an der Kamergerski und in seinem »Ersten Studio« auf dem Platze an der Twerskaja, wo er seine jungen Künstler spielen läßt. An einem Nachmittag setzte ich mich dann mit ihm selber, dem scharmanten Menschen und großen Künstler, diesem wahrhaftigen Erneuerer des modernen Theaters zusammen und ließ mich über die Nöte und Hoffnungen des russischen Theaters belehren. Stanislawski (der politisch als wenig zuverlässig gilt) hat den Mut verloren. Er erklärte mir traurig: das neue proletarische Publikum komme ebensowenig in sein Theater, wie die proletarischen Dichter brauchbare Stücke einreichten. Beides gebe es also nicht. Die Kunst wate wie das private und öffentliche Leben durch einen Sumpf, durch die Auflösung, und es sei nicht abzusehen, wann es zu einer Konsolidierung kommen könnte. Daß die Konzentrationsmöglichkeit für die Künstler der nächsten Generationen verschwunden sei, und daß es nun nur gälte, zu vegetieren und am Leben zu bleiben. Ich konnte Stanislawski den Vorwurf nicht ersparen, daß er sein Publikum nicht erziehe, es nicht in sein Theater ziehe dadurch, daß er ihm ernste und wichtige Stücke biete, wie zum Beispiel Strindbergs »Damaskus«-Drama oder Tolstojs Alterswerke, die wir jetzt in Berlin hätten. Erschütternd brach da die Bitterkeit aus Stanislawski hervor: ich muß ja meinen Schauspielern um den Hals fallen, sagte er, wenn sie überhaupt zu den Vorstellungen kommen; zehn Werst zu Fuß ins Theater und durch die Nacht zurück, hungrig und frierend und erschöpft. – Byrons 124 »Kain« wollten wir jüngst aufführen: der Darsteller des Kain fiel bei den Proben vor Erschöpfung einfach um – wir können nur Stücke spielen, in denen die Lebensgeister der Schauspieler wie der Hörer durch das leichte Spiel der Phantasie beschwingt, heiter gestimmt werden. Darum spielen wir »Was Ihr wollt«, Dickens, Goldoni. Man gibt uns ja auch gar keinen Stoff zu Kulissen, Kostümen. Die Kunst, unsere Kunst, soll wohl zugrundegehen, von den Künstlern nicht zu sprechen. Im »Ersten Studio« sah ich dann, wie Stanislawskis Erfindungsgabe aus dem Erreichbaren und Möglichen sogleich neue Wege der Bühne fand und feststellte. Dieses »Erste Studio« ist ein langgestreckter Saal mit aufsteigenden Stuhlreihen. Es hat wohl einen Vorhang, aber keine Bühne, keine Rampe; der Schauspieler läuft, wenn die Laune ihn treibt, mitten ins Parkett hinein. In »Was Ihr wollt« spielten sich ganze Szenen auf der Bühne, im Zuschauerraum, ja sogar draußen im Vestibül und in der Garderobe ab. In der Zweikampfszene jagten sich die Schauspieler buchstäblich durchs ganze Haus und das Publikum raste vor Vergnügen, als von draußen, weit von der Treppe her der Wortwechsel zwischen Junker Bleichwang und Sir Toby in den Saal herein scholl. Von einer Drehbühne konnte hier natürlich keine Rede sein – dieser Not half Stanislawski durch ein System von an der Decke angebrachten halb- und viertelkreisförmigen Eisenstangen ab, über die bei Szenenwechsel in voller Beleuchtung Rupfenvorhänge an Ringen sich schoben und dadurch ein Segment der Bühne verhüllten – ohne daß die Illusion für 125 einen Augenblick gestört worden wäre. Hier sah ich einen Malvolio, der, wenn er am Leben bleibt, der erste Schauspieler Rußlands werden könnte, ein junger Chargenspieler Tschechow, ein himmlisch erschütterndes Geschöpf voll tiefster menschlicher Tragikomik, in einer Maske, die allerdings die Natur ihm für diese eine Rolle verliehen zu haben schien. Es gibt in all den größeren Städten Rußlands Theater, die ausschließlich die politische Satire pflegen. In Petersburg sah ich solch eine politische Satire in einem Kellertheater, das den Namen »Der räudige Hund« führt. Auch hier spielte sich die Hälfte des Stückes im Zuschauerraum ab. Auf der Bühne sah man eine Art Börsenkollegium, das mit Menschenfleisch handelte. Der Fabrikherr, der General mit phosphoreszierendem Totenkopf erschienen nacheinander und bestellten Arbeiterheere und Kanonenfutter. Die Häscher der Börsenkönige stürzten sogleich ins Publikum hinunter und holten einen Prachtkerl, einen jungen Proletarier herauf, der als Muster für die zu liefernden Hekatomben der Arbeit und der Armee seine Muskeln spielen lassen, seinen Mund aufmachen und die Zähne herzeigen mußte, vorn und hinten betastet, gewogen und dann nach vielem Feilschen zu einem vereinbarten Massenlieferungspreis den Bestellern zugeschlagen wurde. Ein revolutionärer Dichter stürzte indigniert auf die Bühne, die Häscher faßten ihn, er beging Selbstmord und wurde in den Zuschauerraum zurückgefeuert, während ein anderer, eine Kreatur in Regenbogenkleidung, der »K.W.D.«, d. h. Mantel-nach-dem-Wind-Dreher, siegreich den Platz behauptete und 126 Vorschuß von den Börsenkönigen einstrich. Madame Melanie erschien, mit Federn, Schmuck und Seidenkleid angetan, und unterwarf mit einem Opernglas von der Bühne herab die anwesenden Damen näherem Augenschein. Endlich hatte sie die Richtige erspäht. Die Schergen stürzten auf einen Wink der Börsenkönige ins Parkett hinunter und holten ein junges, reizendes, schrill schreiendes und verzweifelt zappelndes Geschöpf auf die Bühne hinauf, das dann von Madame einfach unter den Arm genommen wurde und hinter den Kulissen verschwand. Am Ende versagte plötzlich das elektrische Licht, ein Donnerschlag schüttelte die Kulissen durcheinander und blutrot zwischen feuerspeienden Fabrikschlöten stieg der fünfzackige Stern der Sowjet-Revolution über dem Trümmerfelde der Börse in die Höhe. Das Publikum dieses Theaters bestand zum größten Teil aus Matrosen der Roten Flotte. Oben aber, über diesem Kellertheater, im Erdgeschoß des Hauses, spielte man derweilen eine phantastisch herrlich kostbar ausgestattete Spieloper: »Den goldenen Drachen« von Auber, und zwar vor einem Publikum, das an Bürgerlichkeit des Aussehens, Geschmacks und Benehmens gar keinen Zweifel in bezug auf seine versteckten Spekulantenverdienste zuließ.   Ich muß hier noch über das Massentheater berichten. Einer Aufführung unter freiem Himmel nach den neuen Prinzipien der politischen Massenkunst wohnte ich am Revolutionsfeiertag in Petersburg bei. Es war die Aufführung des historischen Schauspiels: »Die Erstürmung des Winterpalais.« Wir hatten uns, eine kleine Gesellschaft, in 127 der sich auch Alexandra Kollontai und ihr Sohn befanden, gegen zehn Uhr in das Gebäude des ehemaligen Staatsarchivs begeben und sahen aus einem Fenster das Drama vor unseren Augen abrollen. Ich will über dieses Erlebnis ausführlich berichten, denn was ich da zu sehen bekam, war nicht allein etwas in seiner Ungeheuerlichkeit, seiner wilden Monstrosität Unvergeßliches, zugleich Schauder und Bewunderung Erregendes, sondern auch darum, weil in dieser Art des Theaterspielens sich zweifellos etwas Zukünftiges ankündigt, das alle unsere Vorstellungen vom Theater umwälzen muß. An diesem Revolutionsabend wurde ich auch der Ursache inne, warum bisher alle Versuche des Massentheaters scheitern und, nachdem sie Schaden die Fülle angestiftet haben und es jetzt noch tun, verschwinden müssen. Im Mittelpunkt des Lebens der Stadt stand im Mittelalter die Religion. Die Schauspiele, die auf den Brettergefügen der Marktplätze Engel, Dämonen, Bischöfe, Kaiser, Bürgersleute, Huren und Landsknechte in Aktionen mit- und gegeneinander zeigten, waren religiöse Mysterien. Heute steht im Mittelpunkte des Lebens der Stadt, des Erlebens des Volkes die Politik. Das Schauspiel am Revolutionsfeiertag darf mit Fug ein politisches Mysterium genannt werden. (Engel und Dämonen waren hier das Volk.) Der nach dem ermordeten Volkskommissar Uritzky benannte Platz vor dem Winterpalais ist der ehemals Dwortzowy-Ploschtschad, d. h. Schloßplatz benannte, mit der von Nikolaus I. zum Andenken an Alexander I. errichteten, von einem ein Kreuz schwingenden Engel gekrönten 128 Säule. Der Fassade des Winterpalais gegenüber ist der weite Platz von einem riesigen, halbkreisförmigen Gebäude, dem Oberkommando, abgeschlossen. Das Archiv, aus dem wir zusahen, befindet sich zwischen Palais und Kommando auf der Millionnaja-Seite. Zwei große Bühnen waren vor dem Oberkommando aufgeschlagen, rechts eine weiße, links eine rote, in der Mitte verband sie ein hoch geschwungener Brückenbogen. 15 000 Menschen waren Akteure, einige Berufsschauspieler darunter, die anderen Eleven der Theaterschulen, Mitglieder der Proletkult-Klubs, der Theatervereine der Roten Armee und der Baltischen Flotte. Am Schluß des Schauspiels spielten aber etwa 100 000 Menschen mit, die aus allen Seitenstraßen, von den Tribünen und aus den Häusern hervorströmten. Ein leichter Regen beeinträchtigte die Wirkung; man achtete seiner nicht. Als wir nach zehn unsere Plätze am Fenster einnahmen, hatte das Schauspiel eben begonnen. Der hoch oben an der Alexandersäule klebende Scheinwerfer beleuchtete taghell die rechts liegende weiße Bühne, auf der soeben die provisorische Regierung Kerenskis eine Sitzung abhielt. Von drüben, von der unsichtbaren roten Bühne her, drang ein undeutliches Gemurmel herüber: es war die leise murrende Menge, die genug vom Kriege hatte, aber sich Kerenskis Machtwort fügen mußte, weil der Ministerrat drüben unter dem Vorsitz des Tribunen soeben die Fortsetzung des Krieges bis zum siegreichen Ende beschlossen hatte. Der Scheinwerfer flog auf die rote Bühne hinüber – da sah man Arbeiter und Weiber, Kinder und 129 Krüppel müde aus den Fabriken wanken; verstümmelte Soldaten schleppten sich hinüber zur Brücke, weil das Aufgebot erfolgt war und neue Heerscharen zusammengestellt werden sollten. Auf der weißen Bühne schoben Kapitalisten indessen mit ihren Wänsten Geldsäcke vor den Thron Kerenskis hin, Minister sprangen von der Ministerbank und scharrten die Herrlichkeiten zu einem Haufen zusammen, während drüben von der dunklen Seite her einzelne wilde Schreie sich über das Murren erhoben und der Ruf »Lenin! Lenin!« undeutlich erst, dann aber schon lauter emporflackerte. Nun sah man Kerenski auf seinem Thron zu Häupten der Ministerbank große Gebärden beschreiben, energisch fuchteln und auf die Geldsäcke weisen. Die Minister aber waren in eine sonderbare, pendelnde Unruhe geraten. Sie schoben sich auf ihrer Bank hin und her, denn von der unsichtbaren roten Bühne tönte der Tumult schon rhythmischer herüber, gesammelt, man konnte sogar Gesang hören, Akkorde, die die »Internationale« sein mochten oder auch nicht. Immer noch sprach und gestikulierte Kerenski. Der Ministerbank aber hatte sich allmählich eine einheitlich schwankende Bewegung bemächtigt. Man sah die ganze graugekleidete Reihe gleichförmig nach rechts, dann mit einem Ruck nach links sich biegen. Einigemal wiederholte sich dies in immer heftigerer Bewegung. Da kamen mit parodistischem Wackeln die berühmten Kerenskischen Frauenbataillone auf die Bühne, schwangen ihre Flinten und riefen Kerenski ihr » Moriturae te salutant! « zu. Während die weiße Bühne erlosch, flammte plötzlich die rote auf. Um eine riesige rote Fahne 130 drängten sich dort Arbeiter, Frauen und Kinder, Soldaten mit Waffen, Volk aller Art zusammen. Die Fabriken, die Gefängnisse, große rote Kulissen mit vergitterten, von innen grell beleuchteten Fenstern hatten ihre Tore weit aufgetan. Immer neue Scharen entströmten ihnen, um sich um die rote Fahne zu ballen. Aus dem wilden Durcheinandergewoge hob sich die »Internationale« in mächtigem artikulierten Chor empor. Das Wort »Lenin« stieg, vom Unisono tausender Kehlen emporgeschleudert, zum Himmel auf; daweil formierten sich um die Fahne die Bataillone zum Marsch nach jener Brücke hin, die die Bühnen miteinander verband. Hinüber flog der Scheinwerfer nach der weißen Seite: wie vom Sturm geschüttelt, schwankte bereits die Ministerbank hin und her. Eine Salve von drüben – die Leibwache um Kerenski stürzt mit geschwungenen Gewehren zum Brückenbogen – die Ministerbank fällt mit einem Krach unter den Tisch – aus einer Seitengasse des Uritzkyplatzes schießen wilden Getutes zwei Automobile zur weißen Bühne heran, Kerenski schwingt sich mit einem Saltomortale von seinem Thron über die Ministerbank zu den Stufen, die von der Bühne aufs Pflaster hinunterführen, die Automobile schlucken ihn mitsamt seinen Ministern und jagen in rasender Fahrt quer über den Platz an der Säule vorbei zum Winterpalais hinüber, dessen Tor sich blitzgleich öffnet und die Automobile aufnimmt. Jetzt begann das Winterpalais mitzuspielen: im ersten Stockwerk erglommen mit einem Schlag sämtliche Fenster in hellstem Licht – daweil ging die Aktion auf der Brücke weiter. Unter 131 Maschinengewehrgeknatter und wildem Schießen entwickelte sich dort oben um tausend rote Fahnen ein Gefecht und Handgemenge zwischen der Roten Armee und den übriggebliebenen Weißen. Tote und Verwundete kollerten über die Stufen, fielen über die Brüstung der Brücke auf das Pflaster des Platzes hinunter. Im Winterpalais erloschen daweil die Lichter, flammten wieder auf, erloschen wieder. Minutenlang tobte die Schlacht auf dem Brückenbogen, endlich war sie entschieden. Nun war die ganze kämpfende Masse der Roten Armee zu einer einzigen geeint, und machtvoll strömte diese Masse; die »Internationale« singend, über die Treppe hinunter dem Winterpalais zu. Aus den Seitenstraßen des Uritzkyplatzes marschierten Regimenter hervor, schlossen sich jenen von der Bühne Kommenden an, Zehntausende und Zehntausende – aber was war das? Von dort hinten, hinter dem Winterpalais, von der Newa her erdröhnte plötzlich furchtbarer Donner! Die » Aurora «, das historische Kriegsschiff, das im Oktober 1917 das Winterpalais bombardiert hatte, feuerte jetzt, auf demselben Fleck der Newa verankert, zur Mitwirkung an diesem Schauspiel bestellt, seine Kanonen ab, um das Mysterium zum Erlebnis der Revolution selbst zu erhöhen . . . Das Winterpalais lag schon seit einer Weile stockfinster da. Ein Torflügel tat sich halb auf, und aus ihm flitzten die Automobile mit Kerenski und den Seinen im Hui zur Millionnaja hinunter und weg. Jetzt waren es bereits Hunderttausend, die zum Winterpalais zogen. Der ganze riesige Platz war 132 erfüllt von schreitenden, laufenden, singenden, brüllenden Massen, die alle dem Winterpalais zustrebten. Gewehrschüsse, Maschinengewehrgeratter, das furchtbare Gedröhn von der »Aurora« her . . . grauenhaft, entsetzenerregend . . . Wir hinter unserem Fenster waren ein wenig bleich geworden. Wir wußten es ja genau: solche Gelegenheiten pflegte die Gegenrevolution – nicht etwa eine von Schauspielern gestellte, sondern die wirkliche, in ihren Schlupfwinkeln auf ihre Stunde lauernde Gegenrevolution – abzuwarten, um unter der Decke des Theaterdonners und der Aufregung Putsche und Aktionen zu inszenieren und auch zu vollführen. Es gab hierfür Anhaltspunkte, Präzedenzfälle. Aber alsbald stiegen die Raketen des Feuerwerks, das das Schauspiel beschließen sollte, zum Himmel auf; die »Aurora« verstummte, die Massen verteilten sich, verliefen sich in der Nacht und wir kehrten schweigend in unser Haus am Newaufer, gegenüber der Peter-Pauls-Festung, heim. – Über den künstlerischen Wert, die historische und ethische Berechtigung solchen Schauspiels kann man seine Ansicht formen, wie man mag. Packend und tollkühn, aufrüttelnd und in den innersten Fibern erschütternd war es. Unvergeßlich durch seine Unmittelbarkeit, Licht, Bewegung, durch die Idee der Masse, die es trug. Hier schien dem Theater der Zukunft – dem Massentheater, das einer politischen Idee, der Idee gehorcht und dient! – in Wahrheit eine Bahn gebrochen. – 133   Verhungert, ausgehungert – das ist das Wort. Die bildenden Künstler, die Dichter, die Musiker, die ich in Rußland sprach, leiden fast stärker noch als unter ihrem materiellen Ruin unter der Unmöglichkeit, mit der Kunst des Auslandes Fühlung zu gewinnen – trotz aller Anstrengungen, die das Volkskommissariat für Volksaufklärung macht, um die Blockade wenigstens in dieser Hinsicht aufzuheben oder zu lindern. Die Strömungen der Kunst, die ehemals die Welt durchflutet hatten, brechen sich an dem Wall, der um Rußland gezogen ist, fließen an ihm ab und zurück. Die Künstler, die Dichter Rußlands sitzen auf dem Trockenen und verdursten nach der Kultur der Außenwelt. Vergebliche Mühe, ihnen zu beweisen, was es mit dieser Kultur auf sich habe – daß mancher Künstler Europas vor Sehnsucht nach dem in Rußland springenden Quell neuer Kultur krank sei – sie verstehen es nicht! – Als ich in Petersburg einem jungen Maler, der noch bei der zweiten Manier Picassos stehen geblieben war, erzählte, daß der Spanier jetzt schon wieder wie Ingres male und der junge Künstler mir erbleichend und entgeistert ins Auge starrte – da hatte ich die Gewißheit gewonnen: daß ich der Kunst Rußlands soeben einen Stoß vorwärts versetzt hatte. Dasselbe erfuhr ich bei Gesprächen mit den Dichtern im Moskauer »Dom Petschat«, hinter den Kulissen von Stanislawskis »Erstem Studio«. Wie in einem luftleeren Raum schießen und rennen die jungen Dichterschulen Rußlands durcheinander und schlagen sich Beulen, wissen keinen Ausgang zu finden. Expressionisten, Futuristen, Imaginisten, Suprematisten, ja 134 Zentrifugisten – jede Schule überbietet die andere in der Geringschätzung sämtlicher übrigen. Die Dichter-Ästheten verachten die proletarischen als Stümper und talentlose Horde, die proletarischen erklären sie wieder für Akademiker und Gegenrevolutionäre. Von einer entzückenden Dolmetscherin begleitet, erschien eines Tages eine der Hoffnungen der jungrussischen Lyrik in meiner Behausung, um mir über die Literatur des heutigen Rußlands Auskunft zu geben. Der junge Dichter spielte offenkundig vor der Übersetzerin den grimmigen Recken; aber auch sonst reagierte er auf meine Erwähnung anderer Dichterpersönlichkeiten als der seinen durch Zerschlagen meiner Möbel. Von ihm erfuhr ich, daß die proletarischen Dichter samt und sonders verkapptes bürgerliches Gesindel seien, das in dem Augenblick, in dem es den Erfolg von fern gerochen hatte, mit dem Ansinnen an die Sowjets herangetreten sei: es möchte ein Haus in der Krim zur Verfügung gestellt bekommen, nebst entsprechendem Pajok natürlich, um dort, fern von der Not des Landes, idyllisch und nach Herzenslust seine miserablen Gedichte produzieren zu können. Als ich den jungen Dichter nach seiner eigenen Stellung zum Problem der proletarischen Ethik befragte, erklärte er mir, daß er in einigen Wochen einen Gedichtband anonym herausgeben werde – so fasse er den Dienst für die Gemeinschaft auf. Er unterließ es nicht, mir Titel und Inhalt seines Werkes mitzuteilen – und entwich auf meine Bemerkung hin, daß damit die Anonymität doch unrettbar durchbrochen sei, zornig aus meinem Zimmer. Ich las dann eines seiner Gedichte aus dem später erschienenen Band, in einer der von 135 der literarischen Abteilung des Narkomproß herausgegebenen Zeitschriften – nun ja, es war ödester Futurismus. Ich fragte einmal einen Mann im Kreml, der es wissen mußte: wer (außer Biedny) von den neuen Dichtern Rußlands das Ohr der Menge habe? Wie das Publikum, nein, das Volk sich gegenüber den jungen Dichtern, besonders den proletarischen, verhalte? Der Mann im Kreml sah mich groß an: die Dichter? das Publikum? das Volk? die proletarischen Dichter? Zehn hysterische Weiber – das ist das Publikum der heutigen russischen Dichter. Dies ist gewiß übertrieben, denn ich weiß es und habe es erfahren, wieviel ernstes und heiliges Wollen in mancher dieser von der Zeit gewaltig mitgerissenen Seelen einbeschlossen ist, und wie sehr es sich auch ohne Mittun und Förderung von seiten der Sowjet-Leute der großen Menge des Volkes schon allein durch die Arbeit der Proletkult-Klubs mitgeteilt hat. Freilich trennen den russischen Dichter noch Mauern rings von seiner natürlichen Familie, dem Volke. Es sind nicht nur Hindernisse seelischer Art, es sind ganz banale und darum gefährlichste Hindernisse materieller Natur . . . Für Schulbücher, geschweige denn für literarische, ist zu wenig Papier vorhanden. Die Kunst- und Literaturzeitschriften des Narkomproß, einseitig redigierte und kontrollierte Publikationen, bleiben nach den ersten Nummern stecken. Und auch diese sind schwer erhältlich, so daß wieder nur Literaten von ihrem Inhalt Kenntnis erlangen. Um diesem Notstand abzuhelfen, veranstalten die jungen Dichter, aber auch die älteren, berühmten, Vortragsabende, damit der Kontakt mit 136 ihrem entschwindenden, vielleicht nicht mehr vorhandenen Publikum erhalten bleibe. Da ist »die gesprochene Zeitung«; sie fügt sich aus einer Reihe von Rezitationen zusammen, in der Art, wie die typographierte aus einer Reihe von gedruckten Aufsätzen, Versen, Dramenfragmenten und vielleicht noch einem Essay über eine hervorragendere oder interessante Dichterpersönlichkeit zusammengesetzt ist. Zum Schluß schießt dann ein junger Kritiker seine Pfeile gegen die eben gehörten Lyriker, Dramatiker , und Essayisten ab; auch wird angekündigt, was sich in der nächsten Zeit ereignen wird: eine Art Büchereinlauf wird vorgelesen. Zuweilen wird ein »Literarny Sud«, d. h. literarisches Volksgericht veranstaltet. Der literarische Gerichtshof ist ganz dem Volksgericht nachgebildet, hat einen Vorsitzenden, Schöffen, Staatsanwalt, Verteidiger, Publikum und natürlich einen Angeklagten sowie Zeugen. In Moskau wurde solch ein literarisches Gericht über das Oberhaupt der Imaginisten abgehalten, das mit dem Freispruch des Angeklagten endete. Es geschah ihm nichts. Im Parkett – der riesige ungeheizte Saal des Konservatoriums war Schauplatz – saßen die zehn hysterischen Frauenspersonen und klatschten Beifall. Es war eine kleine Familienangelegenheit; das Volk kümmert sich um solche Affenstreiche natürlich nicht im geringsten, und das alte bürgerliche Publikum, das über Zeit und Muße verfügende, aus Unbeschäftigtheit hinter der Ästhetik und noch mehr hinter den Ästheten herjagende, existiert nicht mehr: es leidet, arbeitet oder hält sich verborgen; es muß auf offenen oder ebenso mühseligen, 137 nur gefährlicheren Schleichwegen der täglichen Nahrung nachlaufen oder schleichen – auch sind Bücher natürlich nicht mehr im Handel, der doch aufgehört hat, erhältlich, sondern man muß vor den Autoritäten des Narkomproß und Zentropetschat den Nachweis führen, daß man irgendein bestimmtes Buch zu irgendeinem bestimmten Zwecke benötige, und wenn man dann sein Bumaschka, d. h. Papierchen ausgefertigt in der Tasche hat, ist das Buch meistens vergriffen.   In Deutschland kennt man von den Heutigen Remisow, Brjussow, Bjäly, Kusmin. Man weiß aber wenig von zweien der wertvollsten Dichter der älteren und der jüngsten Generation: Alexander Block und dem Bauerndichter Kljujew aus dem Olonetzgebiet im nördlichen Murmansk. Block hat unter den Schauern der ersten Zeit nach jenen Oktobertagen ein Gedicht verfaßt, das bis heute als der vollendetste Ausdruck jener Epoche Geltung bewahrt hat. Es ist die »Ballade der Zwölf«. Ein kleiner Trupp Soldaten, Matrosen, durch die Woge der Revolution plötzlich in die Höhe geschäumtes Lumpenproletariat und verwilderte Bourgeoissöhnchen, trabt, liebt, schießt, haut um sich, taumelt durch die aufgelöste Winterstadt Petersburg. Die Rhythmen dieses außerordentlichen Gedichtes jagen und schlagen sich gegenseitig tot wie die Zwölf. Nie knallten Schüsse durch Strophen wie hier, in diesen wenigen, oft nur angedeuteten Wortfolgen. Gefährliche Raserei überschlägt sich und zerpufft in wüster Leidenschaft; als es nichts mehr zu rächen und zu morden gibt, wankt die Schar mit bleichem Gesicht, den Finger auf dem 138 Gewehrhahn, durch den Winternebel der schimmernden Wolke nach, in der sie Christos, den alten Gott der Menschenliebe aufsteigen sieht und erkennt – wie vor einer Vision letzter Wahrheit zerstiebt da der wilde Spuk in Nichts. Aus den »Isba-Liedern« Kljujews aber – Isba ist das dörfliche Bauernhaus, die »Stube« – strömt wunderbarstes Naturempfinden, eine schmerzensreiche Liebe zum Mütterchen Erde, zur kargen, innigen Natur des nördlichen Rußlands. Kljujew findet unnachahmliche Worte zum Preis seines armen Dorfes. Und mit derselben verliebten Inbrunst, mit der er die Natur als ein von Urelementen erbebender, mit ihrem Geheimnis unbewußt schwingender Mensch betrachtet, singt er »Rote Gesänge«, die »Rosen der Kommune« zum Preis der Revolution, sein Naturempfinden auf den nicht minder geheimnisvoll bedeutenden Vorgang der proletarischen Erhebung übertragend. Wie leben die Künstler, die Dichter, wie lebt die Kunst in Rußland, und was wird ihr Schicksal sein? Es wäre leicht und billig, zu sagen, daß die Künstler das ewig störrische, hoffnungslos individualistische Element, jenes Element des Volkes vorstellen, das sich durch die Lehren der Geschichte am wenigsten belehren und seine Gesinnung von dem geistigen Gebot des Kommunismus am wenigsten beirren läßt. Man könnte meinen, daß, wenn ein ganzes Volk in den Schmelztiegel des Kommunismus fliegt und der große Löffel die Elemente durcheinander rührt und wirbelt, auf dem Grund noch immer ein unlösbarer Klumpen 139 zu finden sein wird, und daß dies die Künstler sind. Es geschieht den Künstlern, den Dichtern, den Intellektuellen trotz ihrer Unbelehrbarkeit, deren Ursache vielleicht in der Biologie des künstlerischen Schaffens begründet ist, Unrecht im heutigen Rußland der Sowjets; das ist unleugbar. Man müßte Klage führen deswegen, daß Komitees bestimmen, wer als Künstler anzusehen sei und wer nicht. All' diese Dinge aber lösen ja doch nur eine Bevormundung des Künstlers, Bedrückung seiner Freiheit ab, die im kapitalistischen Zeitalter bestanden hat und weiter besteht, wo der Geschmack des zahlungsfähigen Pöbels die Lebensbedingungen des Intellektuellen nach seinem Gutdünken und schlechten Instinkten regelt und bestimmt. Aber es bestehen noch andere Gründe, aus denen die Intellektuellen unter der Herrschaft des Kommunismus zum Untergang verurteilt sind. Andere Gründe, tiefere; schwere, düstere Schicksale.   Der Untergang der Intellektuellen (nebst einem Anhang: Schaljapin) Gorki bin ich in Rußland nicht begegnet. Schade, ewig schade. Ein gemeinsamer Freund hatte in Moskau bereits eine Zusammenkunft verabredet, aber dann wollte Gorki plötzlich nicht mehr. Er stand wieder in einer seiner Krisen mitten inne, war von zwiespältigen Gefühlen, dem Widerstreit von Pflicht und Überzeugung bitter bedrängt; man erzählte sich, er 140 habe hier so geredet und dort anders; es solle zwischen ihm und Lenin wieder einmal zu einem Zerwürfnis gekommen sein; auch hatte er sich mit Wells, so schien es, zu weit eingelassen, und Wells hatte von dem, was er zu hören bekam, allzu ausgiebigen Gebrauch gemacht. Auch war vor kurzem ein neues satirisches Stück von Gorki in Petersburg aufgeführt worden. In diesem Stück waren etliche Verkehrtheiten des bolschewistischen Systems und Schwächen gewisser führender, aber schlechter Kommunisten verspottet. Zur Erstaufführung war die ganze übriggebliebene Bourgeoisie aus ihren Höhlen hervorgekrochen und hatte dem Stück durch rasenden Applaus einen ganz unerwünschten Erfolg bereitet. Worauf das konterrevolutionäre Schauspiel sogleich spurlos in der Versenkung verschwand. Gorki pendelt nun ruhelos zwischen Petersburg und Moskau hin und her, will fort, sehnt sich nach den entschwundenen Zeiten von Capri zurück und ist für den Ausländer nicht mehr zu sprechen. – Sein Werk aber, das »Haus der Gelehrten«, habe ich gesehen. Es ist zwei Häuser weit vom Palais Narischkin, in dem ich wohne, im Doppelpalast der ehemaligen Großfürsten Wladimir Alexandrowitsch und Kyrill, mit den Fronten zum Newakai und zur Millionnaja – ich bin wohl ein dutzendmal bei Tag und bei Nacht an diesem Palast vorbeigewandelt und habe nicht geahnt, daß das das Haus der Gelehrten sei, ein Ziel der Sehnsucht so vieler, die von Hörensagen Kenntnis von seiner Existenz besitzen. An einem Sonntagnachmittag besuchen wir das »Haus der Gelehrten«. Um drei Uhr nachmittags treffen 141 wir den Kommandanten des Hauses in tiefstem Negligé an. Notdürftig bekleidet er sich mit Pantoffeln und Flauschmantel, und wir machen uns auf den Weg durch die Speise-, Empfangs-, Vortrags- und Klubräume, die vorn im Palais Wladimir, und die Wohnräume der Gelehrten, die hinten im Palais Kyrill sich befinden. Der Kommandant, ehemaliger Impresario und Besitzer eines Theaterchens, in dem französische Cochonnerien aufgeführt wurden und nach der Aufführung die goldene Jugend und das lasterhafte Alter der Aristokratie und der Kaufmannsgilden mit Dämchen in verschwiegenen Zimmern Champagnerpfropfen knallen ließ – ein jovialer Falstaff übrigens, dieser Kommandant – führt uns in den kalten Prunkräumen herum, die von Schmutz und Vernachlässigung starren und übel riechen. Das Provisorische dieser öden, lieblosen Räume, in denen ein paar alte, stehen gebliebene Prachtmöbel ihr zerschlissenes Dasein neben allerhand weiß Gott woher zusammengetragenem Gerümpel fristen – denn es besteht ja die Absicht, hier so allmählich 4000 Menschen zu speisen . . . Tags zuvor hatten wir das Gewerkschaftshaus, das »Haus der Arbeit« besichtigt und dort auch die neu eingerichtete Bibliothek zu sehen bekommen. Im »Haus der Gelehrten« befand sich auch so etwas wie ein Bibliotheksraum – in einem düstern Lichtschacht standen staubige Bände auf einer Brüstung; wir sahen sie oben stehen, als wir die Treppe zum Palast des Großfürsten Kyrill hinuntergingen . . . Auf der Millionnajaseite hausen die Gelehrten. Ich hatte mir unter diesem Gelehrtenhaus so etwas wie ein weltliches Kloster, ein Refugium vor den 142 Nöten und Enttäuschungen des harten Daseins vorgestellt, ein geistiges Asyl etwa von der Art, wie es Strindberg in den »Schwarzen Fahnen« schildert: das Landhaus des Grafen Max auf der Sikla-Insel, oder wie Goethe es geträumt hat und Huysmans und eigentlich in einer oder der anderen Periode seines Lebens ein jeder von uns allen. Wie wir die Zimmerflucht betreten, erhebt sich von einem kleinen, halbkreisförmigen Seidensofa, das früher in irgendeiner Salonnische gestanden haben mochte, ein kleiner, blasser Greis, der dort geschlafen hat, stellt sich bescheiden vor uns hin und Führer Falstaff präsentiert mit einer Handbewegung den berühmten Physiker. Wir gehen vorüber. Im nächsten Zimmer, das in bemerkenswerter Unordnung ist, denn der Besitzer soll nach einem besser heizbaren gebracht werden, haust der berühmte Geograph, Mitglied vieler europäischer gelehrter Gesellschaften. Er breitet vor uns die großen Landkarten aus, die er gezeichnet, und auf denen er seine Theorie der Golfströmungen des Meeres und der Luft durch farbige Linien anschaulich gemacht hat. Ein italienischer Genosse befindet sich in unserer Gesellschaft. Der Geograph ergeht sich in Lobpreisungen der alten Zeit der Kongresse, er hat in Rom, in Florenz gesprochen, man kennt ihn dort, gewiß, man fragt sich, was ist aus X. geworden, lebt er noch? Er versäumt es nicht, zwei Zitate aus der »Göttlichen Komödie« mit betontem Nachdruck vorzutragen: » Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate! « und jenes andere, schreckliche: » Nessun maggior dolore, che ricordarsi dei tempi felici nella miseria. « 143 Wir gehen vorüber. Tür an Tür hausen die größten Gelehrten des Landes. Ist dies ein Heim, ein Gasthof zu kurzem Verweilen, oder ein Gefängnis? Aber das ist die gleiche Frage, die ich mir während dieser Monate so oft schon gestellt habe, wenn ich irgend jemand im Kreml, in der Stadt, auf dem Lande besucht habe. Hier hausen sie Zimmer an Zimmer, Biologen, Mediziner, Juristen. Gierig werden wir nach dem Neuen befragt, das sich in Deutschland, in der Welt dort draußen abspielt. Was diese Bewohner des »Hauses der Gelehrten« am schwersten bedrückt, ist der Mangel an Büchern, an Zeitschriften, an Briefen aus dem Ausland. – Bei einem von ihnen, einem noch jungen Manne, finden wir die Vorhänge vor den Fenstern eng geschlossen. Licht brennt in der Stube und der Bewohner geht mit großen Schritten von Ecke zu Ecke. Es dauert eine Weile, ehe er uns, die wir bei ihm eingetreten sind, bemerkt. Wir gehen vorüber . . . Unten im Vestibül des Palastes kleben Dutzende mit der Maschine geschriebener Verordnungen an der Wand: Verteilungsmaßregeln für die Viertausend, die hier gespeist werden, die sich die sogenannte akademische Lebensmittelzulage, dann Wäsche, Schuhe, Kleidungsstücke abholen sollen. Das meiste bleibt wohl auf dem Papier stehen, denn es herrscht ja Not, schreckliche Not im Lande . . . Dies also war das Haus der Gelehrten, am Kai zwischen unserem Hause und dem in ein Revolutionsmuseum verwandelten Winterpalais gelegen. Kalt und knirschend schieben sich die Schollen des Ladogaeises übereinander, das die 144 dunkle Newa hinunter zum baltischen Meere treibt. Geh vorüber, es ist nichts . . .   Die Künstler und Dichter Rußlands, die zu sprechen ich Gelegenheit fand, waren unglücklich. Manchem schrie der Kummer und Zorn aus der Kehle heraus, andere würgten ihn hinunter, aber ihre Augen flossen vor Verzweiflung über. Daran aber waren nicht die äußeren Lebensumstände allein schuld, nicht der Umstand allein, daß die Künstler, die Dichter Rußlands gezwungen sind, Bureaudienst zu tun, Stunden in den Ämtern der Sowjets abzusitzen, und daß die schöne Liederlichkeit, der Nährboden so mancher blühenden Kunst, aus dem Bereiche des Sowjet-Staates fortgefegt ist. Das Unglück der Intellektuellen Rußlands ist in der unüberbrückbaren Kluft begründet, die sich zwischen ihnen und den Führern der kommunistischen Regierung aufgetan hat.   Warum sind die russischen Intellektuellen Stiefkinder der Bolschewiki? Warum hört man im Kreml von den »verfluchten«, den »verdammten Intellektuellen« sprechen? Warum hört man dort Ausrufe wie diese: »Die verdammten Intellektuellen mit ihrem Geschrei nach Freiheit!« »Der verdammte Gerechtigkeitsfimmel dieser Intellektuellen!« Man muß sich vergegenwärtigen, daß die Väter des sozialen Gedankens so gut wie des Kommunismus oder der russischen Revolution Intellektuelle waren und sind. Die Wurzel dessen, was heute in Rußland aufgeblüht ist und die Welt beschattet, heißt Rousseau. Die Dekabristen, 145 Vorläufer des Sozialismus in Rußland, waren gebildete, vornehme Offiziere, die sich an den Quellen des europäischen Humanismus gestärkt hatten, und ihre Bewegung trägt unverkennbar die Züge der Aufklärungszeit, aus der die französische Revolution gewachsen ist. Die ungeheure unterirdische Arbeit, die im letzten Jahrhundert in Rußland selbst wie in den großen revolutionären Zentren der Asylländer England, Schweiz und Frankreich geleistet worden ist, war ausschließlich das Werk von Intellektuellen. Zum großen Teil das Werk von Intellektuellen jener Richtung, die heute unter dem Namen Sozialrevolutionäre von den Bolschewiki so arg befehdet werden. – Im Kreml sitzen ausschließlich Intellektuelle. Wollte man boshaft sein, ohne indes von dem Gebote der Wahrhaftigkeit allzusehr abzuweichen, man müßte sagen: gerade dieser Umstand sei die Ursache des Unglücks, der Not und der Verfolgung der Intellektuellen außerhalb des Kremls. Die Bolschewiki sind eine Partei. Eine sozialistische Partei stellt eine Sekte vor. Es gibt außer der Wolfsfeindschaft des Intellektuellen gegen den Intellektuellen keine erbittertere und unauslöschlichere Feindschaft als jene, mit der eine religiöse Sekte die Nachbarsekte, eine politische die benachbarte verfolgt. Heute sitzen in russischen Gefängnissen Kadetten, Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die die russische Revolution geschaffen haben, dieselben Männer und Frauen, die die zaristische Regierung verfolgt, eingesperrt und verbannt hat; zum Teil sitzen sie, denen die Revolution für kurze Zeit das Tor ihres Gefängnisses geöffnet hat, in denselben Zellen wie ehemals. 146 Dies wäre eine schier unerklärliche Grausamkeit der Regierenden, ein Hohn auf das Wort Kommunismus, wenn es letzten Endes nicht tief begründet und sogar unvermeidlich erscheinen würde. Die Intellektuellen, die die Revolution ersehnt, und die ihr den Weg gebahnt haben, sind von der Revolution überrascht, überrumpelt und entsetzt worden. Daß das Zarentum fiel, war ihnen recht; aber daß zugleich mit dem Zarentum der Kapitalismus durch die Bolschewiki über den Haufen gerannt worden war, daß mit dem Offizier und dem Tschinownik auch der Bourgeois entthront und vernichtet werden sollte, das ging diesen im Grunde ihrer Natur von bürgerlich-evolutionistischen Ideen erfüllten, vor den letzten Konsequenzen und Notwendigkeiten der Machtentfaltung und des Sichbehauptenmüssens – Unterdrückung und Entrechtung – zurückschreckenden und erbleichenden Gedankenmenschen nicht ein. Sie hatten für die Menschheit, für ihr Volk gelitten; sie hatten die Tücke und Grausamkeit des Bedrückers gefühlt, aber der Kreis der Bedrückung war bei ihnen nicht so weit gezogen wie bei der in ihrem Denken viel schärferen und in ihrer Energie weit konsequenteren Gruppe der Bolschewiki. Daß Kerenski und mit ihm alle, die im März 1917, in dem Augenblick, in dem der Zarismus gestürzt war, einen Pakt mit dem Kapital und dem Entente-Imperialismus zu schließen suchten, so rasch ihre Macht an die Bolschewiki abgeben mußten, darf als historischer Beweis für die Rapidität gelten, mit der sich der Gedanke des Klassenkampfes entwickelt hat. Im kleinen Park am Fuße des Kreml, dem 147 ehemaligen »Alexander-Garten«, haben die Bolschewiki den geistigen Vätern des kommunistischen Gedankens einen marmornen Obelisk errichtet. Vor diesem Obelisk und um diesen Obelisk habe ich manchen erregten Redestreit ausfechten hören. Denn es fehlen gewichtige Namen in der kurzen Nomenklatur. Und es kann sie jeder auf seine Art aus dem Schatze seines Wissens oder seiner Überzeugung ergänzen. Hier sind die Namen, die auf der Säule eingegraben stehen: Marx – Engels – Liebknecht – Lassalle – Bebel – Campanella – Melje (?) – Winstanley – Morus – St. Simon – Vaillant – Fourier – Jaurès – Proudhon – Bakunin – Tschernischewskij – Lawrow – Michajlowsky – Plekhanoff. Die Intellektuellen, die heute in Rußland und in den kapitalistischen Ländern der Welt leben, sind, wenn man den Bolschewiki Glauben schenken darf, vom Kapitalismus angefressen, korrumpiert und ruiniert. Im besten Fall sind sie unpersönlich und passiv. Am liebsten möchten sie aus Lauheit und Halbheit mit dem Kapital ein Kompromiß schließen, dem Kapitalismus womöglich mit Argumenten der Menschlichkeit das Portemonnaie und die Maschinengewehre abschmeicheln – sie sind die typischen Evolutionisten und Schreibtischideologen. Zum Kampfe für das und an der Seite des Proletariats, das selber von kleinbürgerlichen Ideologien und kleinkapitalistischem Ehrgeiz nur zu sehr angefressen und korrumpiert ist, sind sie nicht zu gebrauchen; sie müssen von ihm energisch weggeschoben werden. Die Bolschewiki sehen somit in den Menschewiki und den Sozialrevolutionären, die 148 dem Evolutionismus und der Kompromißsucht ergeben sind, ärgere Feinde als in den geknebelten Bourgeois und der expropriierten und geflüchteten Aristokratie. Die Bolschewiki sehen auch in den programmlosen und des Aufbaus unfähigen Anarchisten wie in den sozialistisch gesinnten verwaschenen Parteilosen (unter die sich immer mehr allerlei konterrevolutionäre und sabotierende Elemente einschleichen) die ärgsten Schädlinge der sozialen Entwicklung. Zum Thema: Evolutionismus und Kompromiß könnte man allerdings die Frage wagen: ob denn die Bolschewiki am Ende nicht auch Evolutionisten genannt werden müßten, allerdings nicht Evolutionisten von unten aufwärts, sondern sozusagen von oben hinab? Die mannigfaltigen Kompromisse, die Konzessionen, die sie dem Bauernstand und zuletzt dem ausländischen Kapital, namentlich dem amerikanischen, zu machen sich bemüßigt sahen, stellen doch auch eine Art Evolutionismus vor – wenn auch, wie gesagt, einen von oben nach unten gerichteten. Wobei zugegeben sei, daß die brennende Notlage des Landes die Ursache der Verminderung ihrer Maximalforderungen ist und nicht laue Furchtsamkeit der Gesinnung. Lunatscharsky selbst, Maximalist des Geistes, scheint sich einmal, es soll ganz zu Beginn der bolschewistischen Machtergreifung gewesen sein, in einer Sitzung der Exekutive »bloßgestellt« zu haben. Als die Notwendigkeit erörtert wurde, eine historische Kathedrale, das Monumentalwerk altrussischer Baukunst, zu bombardieren und wenn nötig, dem Erdboden gleich zu machen, weil sich in ihr Gegenrevolutionäre mit 149 Maschinengewehren und Munition verschanzt hatten, hat der Volkskommissar für Volksaufklärung eine Nervenkrise erlitten; er brach in Tränen aus und drohte, den Kollegen seine Bestallung vor die Füße zu werfen, weil er sich an dem Untergang der Kathedrale nicht mitschuldig machen wollte. Gorki. Gorki lehnte es zu Beginn der bolschewistischen Zeit, als er von Lenin zum Eintritt in die Regierung aufgefordert wurde, ab, mit den Bolschewiki gemeinsame Sache zu machen. Er begründete seine Absage mit den Worten: er wolle nicht »Kalif für einen Tag« sein. Durch seine Schwankungen während der letzten Jahre und noch in allerletzter Zeit hat er den berechtigten Vorwurf des Opportunismus und der mangelnden politischen Charakterfestigkeit nicht zu entkräften vermocht. Tolstoj – es ist nicht nur das Schicksal seiner Anhänger, über das ich in anderem Zusammenhange berichte, das einem die Augen öffnet. Tolstoj gilt den Bolschewiki als Dichter seiner Meisterwerke; als ethische Persönlichkeit ist er unproduktiver Schwärmer, als politische aber Gegenrevolutionär. Sie drucken seine Romane in kostbaren Bänden, aber seinen Namen, den Namen des gewaltigsten Revolutionärs der Neuzeit, suchst du gleichwie jenen anderen erlauchten des sterbenden Krapotkin, umsonst auf jener Ahnensäule, jenem Totempfahl der bolschewistischen Revolution. Durch seinen Tod hat Tolstoj den Bolschewiki einen unschätzbaren Liebesdienst erwiesen. – Ein charakteristisches Prosagedicht des Poeten Alexej Remisow will ich im Auszug hierher setzen. Es gibt die Sinnesverfassung des 150 russischen Intellektuellen, wie mich dünken will, getreu wieder. Es singt und schluchzt die Klage des unterdrückten Geistes und der verhallenden, vernichteten Hoffnung jener, die die neue Zeit in ihrer schrecklichen Glorie nicht zu erkennen vermögen, mit vor dem Erlöschen wild noch einmal aufflackernder Kraft in die Welt hinaus. Es ist »Das Wort vom Untergang der russischen Erde« (übersetzt von Woldemar Hartmann). »Zerlumpt und stumm stehe ich in der Wüste, wo einst mir Heimat war. Versiegelt meine Seele. Was ich besaß – sie haben es genommen; die Kleider haben sie mir vom Leibe gerissen. Was tut mir not? – Ich weiß es nicht. Nichts tut mir not, und ohne Ziel ist all' mein Leben. Zorn kocht in meiner Seele, kraftloser Zorn: war doch ein Menschenalter aufgelodert für dies Land, das sich in nichts verwandelt hat und alles hätte sein können, –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   – Werktag war, Schaffen und Leiden, doch war auch der Festtag mit langer Messe, Predigten, lautem Reigen, Lärm und Schaukeln. Hunger war – doch auch Fülle. Hochgericht war – doch auch Gnade. –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   – O heimgesuchte Heimat, du wankst nun, Unerschütterliche, und dein Kaiserpurpur sank dir von den Schultern. Um welcher Sünde willen? (!) Knechtung will ich – statt Freiheit, Sklaverei – statt der Brüderlichkeit, Ketten – statt der Gewalt. (!!) –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   – Rasender Bruder – unselige Stunde! Die russische Erde verdarb. Ein Kuckuck, schreie ich durch öden Wald und Blätterfäulnis; unterging meine russische Erde.«   Die Nöte der Intellektuellen Rußlands, die körperlichen und geistigen Nöte, die Unwilligkeit der Bolschewiki, diese Nöte abzustellen, ihr 151 starrer Wille, die Klasse der Intellektuellen eher zu vernichten und verenden zu sehen, als sich mit ihr auseinanderzusetzen, führt den Beweis, daß in der kommunistischen Gesellschaft der Zukunft das Gebilde des Intellektualismus überhaupt fehlen wird. Daß, so wie es fortan keine Grenze mehr zwischen körperlicher und geistiger Arbeit, zwischen Handwerk und Kunstübnng geben, auch keine Trennung zwischen Arbeiter, Bauer und Intellektuellem mehr bestehen wird. Der Intellektuelle war und ist Gegenpol des stumpfen, tierischen Analphabeten der entrechteten Klasse. Letzten Endes müssen die Intellektuellen jetzt mit ihrem Sein die Sündenschuld begleichen, die sie in den Jahrzehnten und Jahrhunderten als Klasse oder Kaste auf sich geladen haben, indem sie nicht gemeinsame Sache machten mit dem großen leidenden unterdrückten Volk – und indem sie, als Individuen, ja auch als revolutionäre Sozialisten nicht den Mut und die Logik des Herzens und Verstandes besessen haben, das Übel bis in seine Wurzel zu erkennen, es bei der Wurzel zu packen und auszureißen.   Damit diesem tristen Kapitel das Satirspiel nicht fehle, will ich über Schaljapin Bericht geben, um zu zeigen, wie im kommunistischen ebenso wie im kapitalistischen Staat der Tenor – auch wenn er ein Bariton ist – d. h. der reproduzierende und nicht der schaffende Künstler verhätschelter Liebling der Götter und Genossen bleibt; wie er in dem Meere der Not und des Hungers auf der letzten, obersten, kleinen Araratspitze ein fröhlich pantagruelisches Dasein 152 der Fülle und Völlerei weiterführen darf, um zu zeigen . . . Nun, es sei vorweg gesagt, daß dieser Schaljapin allerdings einer der wunderbarsten, begnadetsten Künstler unter den heute Lebenden ist, ein Kerl, der breitbeinig und mit sonnenwärts gewandtem Kopf eines Eddahelden vor einem schmerzdurchwühlten und freudebegierigen Volk steht, das seine Qual vergißt und lacht und den Abgott bejubelt. Die im Kreml grollen und fluchen, daß dieser Fresser und Schürzenjäger sich jeden Ton, den er zu singen hat, mit Säcken Mehl, Zucker und Kaffee bezahlen läßt; aber dann singt Schaljapin vor den Delegierten der Dritten Internationale das Lied von Dubinuschka, und nächsten Tag schickt ihm der Kreml Lachs aus der Wolga, Kaviar aus dem Ladogasee, Honig und Rosinen aus Turkestan, und der Freßsack bedankt sich nicht einmal, nimmt es als schuldigen Tribut dahin. Schaljapin wettet, daß er ohne Passierschein, im Kostüm des Zaren Boris Godunoff aus der Oper von Moussorgski an dem Troitzkytor des Kreml erscheinen, und daß ihn der vierfache rote Soldatenposten durchlassen wird, vergessend, daß ja die Zeit der Zaren um ist! – Schaljapin läutet in der Neujahrsnacht die Zarenglocke im Turm Iwan Weliki, der Strick reißt, und Schaljapin stürzt zehn Meter tief, ohne sich Schaden zuzufügen. – Schaljapin hat unter Nikolaus II. den berühmten Fußfall vor der Zarenloge getan und bei offener Szene »Boje tzara krani« gesungen, ist also ein ausgemachter Gegenrevolutionär; aber die Wetscheka würde morgen in die Luft fliegen, gestattete sie es sich, Schaljapin ein Haar zu 153 krümmen. – Schaljapin darf drei Wohnungen haben im rationierten Lande – warum nicht achtzehn? – Ich habe Schaljapin in Petersburg zweimal gehört und möchte blutige Tränen weinen, daß es nicht zwei dutzendmal gewesen ist. Das erstemal sang er den besoffenen Schmied, eine Episodenrolle in der volkstümlichen Oper »Die Macht des Feindes« von Seroff, und ich kann euch sagen, daß, als Schaljapin auf die Bühne kam, und noch ehe er den Mund auftat, ein Strom von Lebensfreude und Herzenstrost durch die Logen und das Parkett lief – ja lief, es war zu spüren! Das andere Mal aber sang er in einem großen Konzert im Volkshaus. Wir saßen in der ersten Reihe, weil uns die Regierung die Billette geschenkt hatte – ein Billet kostete nämlich 25 000 Rubel und die erste Reihe war, da es gefährlich ist, als ein Mensch zu gelten, der so viel Geld ausgeben kann, nicht ganz besetzt. Ein paar Sitze weit von uns saßen zwei kleine zerfetzte Gassenjungen. Sie waren einfach in den Saal hereingekommen und hatten sich auf zwei leerstehende Plätze gesetzt. Niemandem fiel es ein, sie zu verjagen. Sie saßen da und bohrten in ihren Nasen, während Schaljapin sang. Als er aber geendet hatte, sprangen sie herum und brüllten sich heiser vor Entzücken und Begeisterung. Schaljapin sang Lieder von Glazounoff und der alte, verhungerte Komponist begleitete am Flügel. Nach dem letzten Lied von Glazounoff fiel der Sänger dem Komponisten um den Hals, und es gab einen Schmatz, den die anwesenden vier- oder fünftausend Menschen schallen hörten. Es war eine spontane 154 Huldigung, wie jene andere vor dem Zarenpaare. Dann sang Schaljapin Lieder von Schumann. Beim zweiten murrte das Publikum, schneuzte sich und scharrte mit den Füßen, um seine Geringschätzung für die deutsche Musik auszudrücken, Ihr hättet sehen sollen, mit welcher Tierbändigergeste Schaljapin die Menge vor seine Füße hinkuschen ließ. Aber er verschluckte vom »Nußbaum« doch die letzte Strophe und sang dafür »Es blinkt der Tau« von dem Russen Rubinstein, der ja nur ein mit Zuckerwasser verdünnter Schumann ist. – Keiner, der heute über Rußland schreibt, darf das Phänomen Schaljapin unerwähnt lassen. Dieser Mensch ist eine Arznei. Er singt von der Zarenhymne bis zur Internationale alles, was den Ausdruck der Begeisterung großer Volksmassen wiedergibt, was Begeisterung bei großen Volksmassen erregen kann. Er bleibt im bedrängten Lande und die Bolschewiki sagen stolz: er ist unser! (Allerdings verweigerten sie ihm schon einmal den Paß ins Ausland.) Sie lassen ihn tun und treiben, was er will, die Gesetze umstoßen, er soll nur singen. Er ist der populäre Künstler Rußlands. Er hat das Ohr der Menge, und darum ist ihm nicht beizukommen. Er hält, im Frack, diamantengeknöpftem Plastron und Lackschuhen ein zerrissenes Notenblatt mit zwei Fingerspitzen vor sich, zieht eine Grimasse und drückt damit aus: seht her, dieses Elend; bald wird mein Notenblatt ganz zerrissen sein und dann ist es aus und vorbei, denn leider, leider, es gibt kein Papier für die Kunst! Er zieht sein Lorgnon aus der Tasche und mimt. Er benimmt sich wie einer, der überall zu Hause 155 ist. Er hat sich im Palast Narischkin nicht anders benommen, als noch fürstliche Gnaden dort wohnten und nicht ich und Genossen. Bogenlang könnte man so von Schaljapin weiter erzählen. Er ist der populäre Künstler der Russen. Das Schicksal der anderen geht an ihm vorbei, auf Zehenspitzen, und grüßt ihn.   Das Leben der Städte Ein rasendes Sowjet-Auto holt mich vom Bahnhof ab; im Auto sitzt die Sekretärin aus Smolny, eine kluge, elegante Sowjet-Katze, die mir im Vorbeifliegen die Sehenswürdigkeiten des Newski-Prospekts erklärt. Dieser heißt jetzt übrigens Straße des 25. Oktober und auch die anderen Sehenswürdigkeiten sind neu benannt, sind andere, als die, über die mein Baedeker zu berichten weiß. Ich stecke daher das biedere rote Buch in die Tasche und werde es nur wieder hervorziehen, wenn es mich nach einer Stunde ungetrübter Heiterkeit gelüsten sollte. Es tut gut, sich zuweilen die Vergänglichkeit alles Irdischen aus einem so ernsthaften und aus sichersten Quellen gespeisten Werk, wie der Baedeker eines ist, zu Gemüte zu führen. Hier, auf dem Platze hinter dem Katharinendenkmal ist das Alexandratheater: aber die junge Sekretärin weiß nur zu berichten, daß in jenem großen Gebäude die erste Sitzung unter Kerenski abgehalten wurde; nun fahren wir an der Kasankathedrale vorbei – die erhält ihre Bedeutung erst durch den Umstand, daß vor ihr die ersten großen Versammlungen unter freiem Himmel 156 stattgefunden haben – mit einem Schlag ist die Kathedrale im Nebel der Zeiten verschwunden. Volksgewühl steht auf, man hört Schreie; man vernimmt bereits die Klänge des heiligen Gesanges, der Internationale – und weiter, an jener Morskajaecke, wo einst die Stutzer und Dämchen des vornehmen Petersburg zu ihrem Konditor, ihrer Putzmacherin, ihrem Klub und ihren Rendezvous einzubiegen pflegten, tobte einer der entscheidenden Straßenkämpfe zwischen den Anhängern Lenins und der Provisorischen Regierung. Da ich Petersburg zu Zarenzeiten nicht gekannt habe, will ich keine weiteren vergleichenden Geschichtsstudien und topographischen Experimente mit dem Baedeker unternehmen, um etwa dem Leser, der Petersburg aus eigener Anschauung kennt und zu erfahren wünscht, was aus dieser Stadt geworden ist, Seufzer des Abscheus und der Verzweiflung zu entpressen. Ich will vielmehr versuchen, darzustellen, welchen Eindruck Petersburg auf mich gemacht hat, diese allem Anschein nach westeuropäisch zugeschnittene Großstadt auf den Inseln; keine spezifisch russische Stadt wie Moskau, das einen Tag später in seiner barbarischen Herrlichkeit vor mir aufstehen wird, sondern eher eine nach der Schablone von Berlin, Paris, Stockholm zurechtgezimmerte Metropole mit überhitztem Luxus und depravierendstem Elend in ihren verschiedenen Vierteln. Das erste, was einem auffällt, wenn man, wie ich, auf der Durchreise 24 Stunden in Petersburg verbringt, ist dies: es ist Sonntag, d. h. die Geschäfte sind samt und sonders geschlossen. Es ist wahrscheinlich Sommer, d. h.: die sogenannte »tote Jahreszeit«, denn von der 157 eleganten Welt ist nicht viel zu sehen. Arbeiter, Soldaten zirkulieren in den Straßen – es ist eine Proletarierstadt mit verlassenen Palästen und zugesperrten Läden. Erst wenn man an der Admiralität vorbei die Schloßbrücke am Newakai passiert und das Winterpalais des Zaren vor sich erblickt, erst da merkt man, daß sich in dieser Stadt etwas Außergewöhnliches zugetragen haben muß: hier sieht man nämlich Spuren; Spuren von Verwüstung und auch noch andere Spuren. Die letzte Zarin der Russen, Alix von Hessen, hatte es für gut befunden, ein paar hundert Waggons aus ihrer Heimat nach ihrem neuen Wohnort mitzubringen, als sie das Darmstädter Idyll mit dem Petersburger Pulverfaß vertauschte. In diesen Waggons kamen rote Sandsteinblöcke, eine hessische Gesteinsart, nach dem Newakai, wo sie sauber behauen zu einer einige Meter hohen Mauer um das Gärtchen vor der Seitenfront des Winterpalais aufgeschichtet wurden, gegen die draußen vorüberwandelnden Menschen, vor deren Anblick die heimische Gesteinsart die Zarin bewahren sollte. Ihr Auge wollte auf rotes Gemäuer fallen, wenn sie in ihrem Gärtchen ging oder aus den Fenstern schaute und nicht auf den vorbeiwandelnden Untertan. An einem der ersten Sonntage nach der siegreichen Oktoberrevolution haben die Petersburger Arbeiter, Soldaten und Matrosen diese Mauer niedergerissen. Sehr glimpflich und akkurat scheint sich diese Angelegenheit nicht abgespielt zu haben, der hessische Sandstein liegt in wirren Trümmern verstreut vor dem Winterpalais und am Newakai umher, und das Gras wächst zwischen den Steinen. Es ist, rein vom koloristischen Standpunkt, ein erfreulicher Farbenfleck. An der 158 Ecke erhebt sich jetzt ein Rednerpult aus Brettern mit den Emblemen der Sowjets, indes auch dieses Brettergerüst ist schon verwittert und halb zerfallen. Gras wächst in den Straßen Petersburgs! Jawohl, alter Petersburger, der du in Berlin, Paris und Genf emsig in die gegenrevolutionären Klubs läufst um die Rückeroberung Rußlands vorzubereiten – in Petersburgs Straßen und zwischen den Pflastersteinen der Zarenresidenz wächst Gras; es ist ziemlich hoch und sieht saftig grün aus. Und auf den großen Uferzeilen der Newa, die vom Winterpalais links hinunter an der Admiralität vorbei zum Hafen, rechts aber an den Palästen ehemaliger Großfürsten und weiterer höchsten Herrschaften vorbei bis zum Marsfeld sich hinziehen, liegen zwei Stockwerke hoch geschichtet Holzblöcke, denn der Winter steht vor der Tür. Hübsche junge Mädchen in guten Mänteln und Schuhen, fußfreien Knöchelchen und ganz niedlichen Hütchen auf den frisierten Köpfen bewachen die Holzhaufen. Diese Frauen haben Gewehre umgeschnallt (stochern zuweilen mit dem Bajonett in der Glut), und es ist wahrscheinlich, daß sie schießen werden, wenn jemand einen Holzstamm aus dem Haufen davonträgt. Indes, es kommt auch vor, daß sie am rechten Ende des Haufens ein kleines Stelldichein feiern und derweil am linken Ende jemand ungestraft mit einigen Scheiten davonläuft. Das Marsfeld wird ebenfalls von einer grimmigen Soldatin mit Gewehr und Gamaschen an den fußfreien Knöcheln bewacht. Dieses Marsfeld, ein ehemaliger Exerzierplatz, auf dem einst zuweilen Spießrutenlaufen und ähnliche 159 militärische Festlichkeiten stattzufinden pflegten, ist jetzt in einen grandiosen Friedhof umgewandelt: in der Mitte des Platzes, der riesige Ausmaße hat, erhebt sich düster und schwer ein Viereck von mannshohen Mauern. Innerhalb dieser Mauern ruhen die Kämpfer für die Freiheit Rußlands. An den vier Ecken liest man die Namen Uritzky, Lichtenstadt-Masin, Wolodarsky, Nachimson. – – Als ich zwei Monate später aus Moskau zu längerem Aufenthalt nach Petersburg zurückkehrte, hatte ich mich an den neuen Zustand schon einigermaßen gewöhnt. Es fiel mir nicht mehr so schmerzlich auf, daß ganze Straßen der Stadt von der Länge etwa der Leipziger Straße vollkommen leer und unbewohnt schienen, daß die ehemals vornehmsten Quartiere um die Mojka und Italianka ebenfalls verödet und verlassen dalagen, und man sich wundern mußte, wenn aus einem Fenster ein Mensch schaute oder hinter einem anderen Gardinen hingen – die Volksquartiere um das Taurische Palais und Smolny, wie auch jene auf der »Petersburger Insel« scheinen übrigens auch einen großen Teil ihrer Bewohner eingebüßt zu haben. Von den Holzhaufen waren, da der Winter eingesetzt hatte, bereits die obersten Lagen verschwunden. Der hessische Stein lag noch immer, wo er gelegen hatte, nur stachen die Spitzen des Grases jetzt aus einer dicken Schneeschicht in die Höhe. Es nützt kein Leugnen: Petersburg ist eine erschlagene Stadt. Dies ist nicht mehr die von raffiniertester Üppigkeit und Verderbtheit durchparfümierte Residenz, an die sich seufzende Frauen und knirschende Männer in allen Hauptstädten Europas erinnern. Es ist eine erschlagene 160 Stadt, oder besser gesagt eine tief eingeschlafene, die auf Erwachen kaum noch hofft. In der Fontanka sind große Holzbarken versenkt; das Holz liegt noch über dem Eise, aber die Barke ist bloß mehr ein Geripp – die Handelsreihen, einst zum Bersten voll von allen Kostbarkeiten Okzidents und Orients, verwittern und verfallen . . . Aber wie sonderbar: hinter den grau verstaubten Schaufenstern sieht man noch alles, wie es vor jenem Oktober gewesen sein mag! In dieser Stadt, in diesem Lande der Not und des herzzerreißenden Mangels sieht man hinter Schaufenstern feine Hemdchen, Spitzenhäubchen aus zartem Stoff, Pyjamas und allerhand kostspielige Modestücke, tausend andere nützliche Sachen noch außerdem. Die Scheiben sind grau, aber sie sind heil. Wie sonderbar – hier scheinen keine Einbrüche stattzufinden, wie in Städten, in denen der Kapitalismus Waren und Waren auf den Markt schleppt und die Schaufenster, vor denen der Arme sich füglich den Mund wischen darf, blitzblank geputzt sind. An diesem und anderem, an diesen verlassenen, aber noch von früherem Leben zeugenden Verkaufsläden, an den langen stockfinsteren Straßenzügen, die doch noch Spuren ehemaligen intensivsten Verkehrs tragen, kann man erkennen, daß dieser um ein Drittel ihrer Bevölkerung reduzierten Proletarierstadt mit nur hier und dort versprengten und zurückgebliebenen Nestern scheuen Bürgertums ein Dornröschenschicksal beschieden wurde. Fraglich bleibt es nur: wer der Märchenprinz sein wird, der dieses Dornröschen einst aufweckt. Prinz Kapitalismus etwa? Ach nein, ein forscher Proletarierprinz. 161   Moskau liebe ich inniger als Petersburg. Zwar in Petersburg laufen noch die Trambahnen, klingeln noch die Telephone; das Pflaster ist ebener und menschlich; auch kann ich, wenn ich im Smolny bin, Tür an Tür alles beisammen finden, wonach ich mir in Moskau, in den Volkskommissariaten an allen vier Ecken der Stadt die Füße wund und die Lunge aus dem Halse rennen muß. Aber diese Märchenstadt Moskau, dieses unerhörte orientalische Märchendorf mit seinen vierzigmal vierzig Kirchen ist ein chimärischer Zauber, in dessen Bann man tief und schmerzhaft noch monatelang fiebern möchte. Habt ihr schon einmal Kirchen gesehen, die mitten auf der Straße stehen und nicht höher sind als ein Stockwerk hoch vom Fundament bis zur Turmspitze? Aber es ist nicht eine Spitze, sondern es sind ihrer fünf. Wie Pilze sitzen die Türme auf den bunten Dächern. Da seht ihr Helme mit goldenen Sternen auf himmelblauem Grund und rote mit Stacheln wie der Rücken des Basilisk und schneeweiße Pilzköpfe mit kleinen silbernen Ornamenten und schwergolden gleißende, deren Licht in der prallen Wintersonne die Augen aussticht – und auf all' diesen Pilzen, Hauben, Helmen stehen nach Osten gerichtet große Kreuze, die mittels zarter goldener Filigranketten an die Türme angekettet sind. Die Kirchen, die Klöster, die Dome Moskaus! Die vierzigmal vierzig Kirchen! Und vor allem dieses nie erhörte, nie erträumte, in Scharlachfiebern ausgebrütete, zusammenphantasierte Winkelwerk, die göttliche Berserkerei dieser besessen ineinandergewühlten, durcheinandergekneteten, mit einem Krach auf den Platz vor dem Kreml hingeknallten Basiliuskathedrale! Man fällt auf 162 den Rücken, wenn man sie an einem farbigen Herbstabend zum erstenmal erblickt, wie sie im Scheine der untergehenden Sonne sprüht und flammt und aufglüht und erlischt! Wie soll ich diesen asiatischen Götterspuk schildern? Hundert Schritte führen einen um die ganze Kirche herum, aber sie hat eine unzählbare Menge Türme, kleine, große. Sie scheinen aus dem verwinkelten Gebäude hervorzuwachsen, zu schießen, während man um es herumgeht. Immer noch ist ein Turm da, ein Turmhelm, ein Knauf, den man nicht gesehen hat und eben erst bemerkt – er muß also soeben aus dem Gewinkel hervorgewachsen sein! Da sind Türme, die die Form einer Ananas haben, rotbraun und mit goldfarbigen Rhomben auf der Oberfläche. Daneben sieht man eine verdrehte Zwiebel aus gelb und grünen Korkzieherwülsten. Ein Turm ist ein Stachelschwein mit gemeinen Wehrvorrichtungen auf der Hornhaut. Da gibt es Turbane und Göttermäntel. Man ist schwindlig vor Bewunderung, wenn man einigemal um diese byzantinische Orgie herumgelaufen ist, und der Blick sucht, um für einen Augenblick zu verweilen, einen Ruhepunkt. Er findet ihn auf der Senatskuppel im Kreml, jenseits der Mauer, drüben hinter jener Mauer, die einst weiß war und jetzt rot ist – und auch von dieser Kuppel weht es rot – seht, dort flattert im Abendwind die Purpurfahne der Sowjets! Der Kreml . Von Mauern umfriedete Hochburg der Zaren, geheiligter Ort unheilvoller Traditionen, Hort der Tyrannei einst, nun Wiege des neuen Glaubens, einer jungen Freiheit, Hirn der Weltgeschichte; ehemals von Heiligenbildern über jedem Tor behütet, heute von rasenden 163 Automobilen durchzuckt und widerhallend vom Lärm und Kommandorufen der marschbereiten Roten Armee. Zwischen den Türmen, die nach dem Roten, d. h. dem Schönen Platz gegenüber den ebenfalls erschlagenen Handelsreihen weisen, trägt die Kremlmauer Spuren von Gewehr- und Artilleriefeuer. Das Senatsgebäude hat tausend Pockennarben abbekommen, die Mauer berieselte Ziegelblut. In Petersburg haben die Geburtswehen nur drei Tage gedauert, in Moskau tobte der Kampf zehn Tage hindurch, und in dieser Frist entschied sich das Schicksal der Welt. Moskau lebt sein zähes Leben, während Petersburg tot ist. Die Zusammenziehung sämtlicher Ämter des Landes hat eine Hochflut von Menschen über Moskau ausgegossen, die zwischen den Mauern brandet und nicht zur Ruhe kommt. Ein anderer Menschenschlag ist es, der einem in Moskau begegnet, als der von Petersburg es ist. Plätze, Straßen, Theater, Versammlungen haben ein anderes Gesicht. Hier sprenkeln nicht Überreste der ehemaligen Bourgeoisie das Arbeitervolk, sondern es macht sich ein stark bürgerlicher Einschlag bemerkbar, ein Element, das sich mit sicherem Nachdruck zu regen und geltend zu machen strebt, und dessen Dominieren zuweilen dem Grundcharakter des sozialistischen Staatswesens Hohn spricht. Man leidet in Petersburg wie in Moskau – aber ich glaube, in Moskau vollzieht sich das Leiden insgeheim doch in wütenderen Formen, widerspruchsvoller, erbitterter und gefährlicher. Die Kleider, die die Menschen abtragen, sind noch gut; sieben Jahre oder drei haben sie nicht zu Fetzen zerrissen. Auf den Promenaden, den Boulevards, die in 164 konzentrischen Kreisen um den Kremlhügel an der Moskwa gelegt sind, sieht man noch harmlose Spaziergänger, die weiß Gott auf welche Art über Zeit und Muße zu verfügen scheinen; wenn man nicht wüßte, um was es in dieser Stadt, diesem Lande geht, man müßte zuweilen baß erstaunt sein. Doch ist die Twerskaja, die berühmte Straße der Flaneure, jetzt eine Arbeiterstraße geworden, Arbeitervolk flutet an dem Revolutionsobelisken vorbei, der an Stelle des Skobeleff seinen Kunststeinkörper mit der Carpeaux schlecht nachgeahmten Freiheitsgöttin schwerfällig über die Häuser hebt. Prostitution gibt es nicht mehr in der Form, wie sie vor der Revolution bestanden haben mag, frech und zynisch am hellen Tage. Indes, sie ist, ist geblieben, unterirdisch, diffus und unkontrolliert, und es gibt sogar, es ist schaurig zu sagen, Kinderprostitution. Fragt ihr mich nach dem Alkohol, so sage ich euch: ich habe in den drei Monaten in Rußland keinen betrunkenen Menschen gesehen. Es gibt Betrunkene, das ist sicher, aber sie sind auf den Straßen und in der Öffentlichkeit nicht mehr zu sehen. Darf man Rußlandkennern, der Literatur, den Fachkundigen, Ethnographen, Reisenden Glauben schenken, so lagen ehemals die Rinnsteine der Städte voll von betrunkenem Volk, Männern und Weibern, man stolperte über ekle Tiere von nur entfernt an Menschen gemahnender Gestalt. Die Jahre des Krieges haben dem Alkoholismus Rußlands einen Stoß versetzt, die Jahre seit der Revolution aber haben den Gott Wodka entthront und verjagt, und das Volk der Erde, das am tiefsten erniedrigt war vor allen, durch das 165 Staatsmonopol für Branntwein, wie durch alle anderen Monopole zur Verdummung, Bestialisierung der Massen, zur Gefügigmachung des einzelnen wie der Gesamtheit zu Zwecken der Staatsinfamie, heute trinkt es Tee, wenn es seinen armen verhungerten Körper gegen die Unbilden der Witterung schützen will. Mit einem Juristen und einem höheren Beamten des Volkskommissariats für Rechtspflege wohnte ich einer Sitzung des »Narodny Sud«, des Volksgerichts, bei. Volksgerichte gibt es in allen Straßen; ihre Zusammensetzung ist eine höchst einfache: den Vorsitz führt ein verläßlicher, gerechter und ehrlicher Mann mit gesundem Menschenverstand und erprobter sozialistischer Gesinnung, der auch irgendeine Funktion im Volkskommissariat innehaben mag; Beisitzer sind zwei als anständig angesehene Arbeiter von einwandfreier Lebensführung, ein Mann und eine Frau. Im Volksgericht, in dem ich Zeuge einer Verhandlung war, hatte die Gewerkschaft der Postbeamten beide Beisitzer gestellt. Jedermann ist der Zutritt zu den Verhandlungen frei, auch kann jeder von der Straße Heraufgekommene sich von der Bank der Zuhörer erheben und den Angeklagten verteidigen. Der Fall, den ich mit meinen Freunden zu hören bekam, betraf einen Zahnarzt, der unter Alkohol einem Kutscher ein paar Zähne eingeschlagen hatte. Es handelte sich bei diesem Straffall aber nicht allein um die wenig menschenfreundliche, dem innersten Berufe dieses Gerechten einigermaßen widersprechende Betätigung, sondern hauptsächlich um penetranten Fuselgeruch. Der mißhandelte Iswostschik – ein Schuft übrigens, ich 166 wette, denn ich kenne jetzt die Moskauer Kutscher: sie verlangen »Pitiorka«, d. h. 5000, wenn du sie anrufst, geben sich dann mit 3 zufrieden, aber wenn du am Ziel angekommen bist, leugnen sie es hartnäckig ab und beharren weiter bei 5! –, dieser wohl rechtens mißhandelte Kutscher also rief die Miliz herbei, und auch die Miliz konstatierte intensiven Fuselgeruch aus dem Munde des schimpfenden Zahnarztes, der sich dazu nicht allzu sicher auf seinen Beinen hielt. Draußen im Wartezimmer erlitt während der Verhandlung die schwangere Ehefrau des Arztes einen schaurigen Schrei- und Weinkrampf. Die geringste Strafe für das Delikt, nach Schnaps zu riechen, beträgt ein Jahr Gefängnis. Mit solchen drakonischen Maßnahmen hat die Sowjet-Regierung die Trunksucht, das Urlaster des Russen innerhalb dreier Jahre fast vollkommen ausgerottet. Man zog uns zur Verhandlung über das Urteil zu. Die Genossin Postbeamtin war für Verurteilung des Arztes, wie überhaupt die Frauen in solchen Gerichtshöfen, zumal wenn es sich um Trunkenheit handelt, immer die unerbittlichsten Richterinnen zu sein pflegen. Wir erwirkten es nach langer Debatte, hauptsächlich unter Hinweis auf den Zustand der Ehefrau, daß der Arzt zu einer befristeten Zwangsarbeit verurteilt wurde: er mußte 6 Wochen lang in einer zwei Stunden von Moskau entfernten Waldstelle täglich 6 Stunden lang Holz fällen und spalten, durfte übrigens zu Hause wohnen und am Abend Zähne ziehen – er war, als ihm dieses milde Urteil verkündet wurde, sichtlich überrascht und erfreut und zog unter Dankbezeigungen ab. Der folgende Fall verlief etwas bitterer: Ein 167 junges Mädchen aus der entthronten Bourgeoisie, zurzeit Aufseherin in einer öffentlichen Speisehalle, hatte die Bezugskärtchen, die ihr drei arme Dienerinnen-Kolleginnen zum Bezuge von Kleiderstoffen aus dem Magazin der Verteilungsstelle anvertraut hatten, angeblich verloren. Sie verwickelte sich beim Verhör in Widersprüche. Es war offenkundig, daß sie die Kärtchen oder die Stoffe für sich verwendet hatte. Sie wurde verurteilt, innerhalb vier Wochen Waren oder Kärtchen zurückzuerstatten oder auf 6 Monate in das Konzentrationslager zu wandern.   In Moskau sieht man viel Landbevölkerung. Sie strömt nicht nur in die Stadt, um hier Schleichhandel mit den verhungerten Einwohnern zu treiben, sondern im Gegenteil: der Hunger ist es, der sie in die Stadt jagt. In dieselbe Stadt, die sie, wenn daheim die Ernte gut und üppig ausgefallen ist, gern verelenden läßt. Dieses Jahr hat manchem Gouvernement furchtbaren Mißwachs gebracht, damit distriktweise Hungersnöte, wie sie das arme Land seit Jahrzehnten nicht erlitten hat. Staatliche Musterfarmen haben Saatkorn unter die Bauern notleidender Provinzen verteilt, aber statt es zu säen, haben es die Bauern, man weiß nicht recht, aus Bosheit oder Dummheit, gemahlen und verzehrt. Die Bolschewiki haben einen harten Kampf zu führen . . . Gegen den unsinnigen Ansturm der verelendeten Bauernschaft wehren sich die hungernden Städte, wie sie können. In einem Moskauer Kindergerichtshof wohnte ich einer unvergeßlichen Szene bei: Eine Bäuerin aus Tula, eine schöne stattliche Frau, war mit ihren zwei kleinen Kindern 168 und einem Korb Äpfel, ihrem einzigen Besitz, nach Moskau gekommen. Als die Äpfel verkauft waren und der Erlös verzehrt, hatte die Miliz die armen Menschen in den Parks des nördlichen Moskau umherirrend angetroffen. Das ältere von den beiden Kindern, ein siebenjähriger Knabe, hielt sich mit Mühe aufrecht; das jüngere, ein zweijähriger, schien rosig und rund – wenn man näher hinsah, bemerkte man die unnatürlich gedunsenen Gelenke, Arme, Beine, Bauch, Gesicht wie Kürbisse angeschwollen – Oedem. Der Frau stürzten die Tränen aus den Augen. Sie heulte vor Schmerz und Angst; man mußte sie heim nach Tula schicken, ein Exempel war zu statuieren; mein Leben lang werde ich mich an den Ton erinnern, den Laut eines armen verendenden Tieres. Im selben Gerichtshof waren, zwischen Bajonetten, einige kleine Spekulanten erschienen, Schulkinder, die ihre Schule gar nicht zu schwänzen brauchten, denn sie war ja wegen Mangels an Brennholz geschlossen. Einem von diesen Kleinen, einem zehnjährigen geweckten Knaben, dem das Verhalten vor Gericht schon vertraut zu sein schien, wurden mit einer Schachtel Zigaretten 30 000 Rubel abgenommen.   Der Winter war gekommen und das Leben wurde härter. In den Kommissariaten sah man Hände, die wie Hummerscheren aus dünnen Ärmeln hervorstachen. Die verdorbenen Heizungsröhren gestatteten oft keine, wenn auch noch so geringe Durchwärmung der riesigen Häuser. Viele Holzhäuser wurden abgebrochen, man passierte mitten in der Stadt verwüstete Gassen. Das Bauholz wurde verheizt. Abends, sobald es 169 dunkelte, konnte man gutgekleidete Frauen auf diesen Trümmerstätten Holz, Tapetenfetzen und Ziegelsteine sammeln sehen. Ziegelsteine braucht man in den Zimmern, um das eiserne Öfchen auf sie zu stellen. Ich fragte auf dem Markte nach dem Preis eines solchen Öfchens, das nicht größer als ein Zylinderhut war: 70 000 Rubel. Dies war noch spottbillig im Vergleich zu der so nötigen Röhre. Der Preis einer solchen stieg ins Unglaubwürdige! Schon konnte man in den Straßen Menschen beobachten, die, vor kleine Handschlitten gespannt, den Strick um Hüften oder Schultern gewunden, durch die Stadt nach den weit draußen liegenden Friedhöfen trotteten. Auf den Schlittchen waren Särge festgebunden; die Leidtragenden hatten sich ihrer Mutter oder ihrer Ehefrau vorgespannt, niemand regte sich weiter darüber auf. Ehemals waren es festliche weißlackierte Fourgons, die die Leichen an ihre Ruhestatt brachten. Man sah noch viele von diesen weißen Wagen durch die Straßen rollen, indes sie dienten jetzt den Lebenden: auf ihnen häuften sich Säcke, Kisten, Fässer. – Es versteht sich von selbst, daß man über derartige Dinge nicht viel Tränen vergießen darf. Wohin käme man, wollte man an Derartiges viel Gefühl und Lebensenergien verzetteln? Die unbegreifliche Fähigkeit des Russen, zu dulden, zu ertragen, manifestiert sich ja auf Schritt und Tritt. Sie zeigt sich bei diesem gottgläubigen und nach Göttlichem hungernden und dürstenden Volke auch in der namenlosen Gleichgültigkeit gegen fremdes wie gegen eigenes Leiden. Ich erzählte bereits, wie ich in einer Nacht, in der peitschender, ätzender Frost die 170 schneebedeckten Straßen in Eis verwandelt hatte, hinfiel und Knie und Armgelenk verletzte. Bei dieser Gelegenheit habe ich eine kleine Studie für mein Buch gemacht. Mit geringer Energie hätte ich mich nämlich sofort erheben können, blieb indes liegen, und zwar etwa vier Minuten lang, um zu sehen, ob jemand mir zu Hilfe kommen würde. Ich lag mitten auf der Straße da, als hätte mich der Schlag gerührt, oder als sei ich gestorben: eine rechtschaffene Leiche mitten auf einer der belebteren Straßen des nächtlichen Moskau. Aus dem Augenwinkel vorsichtig in die Höhe lugend, bemerkte ich ungefähr dreißig Paar Stiefel, die an mir vorbeistapften, schlurften, stiegen und stelzten. Keinem dieser etwa dreißig Menschen fiel es ein, sich zu mir niederzubücken, mich aufzuheben. Ich sagte: Gut, ihr Schurken, das kommt in mein Buch! Als ich mich dann aufrappelte und beim nächsten Schlittenstand, zum erstenmal ohne zu handeln, in ein Gefährt hineinschleppte, war aber mein Groll bereits verflogen. Ich konnte es mir ja ausmalen, was das bedeutete: sich mit einem Toten auf der Straße abzugeben. Da mußte die Miliz gerufen werden; da gab's Begegnungen mit den Behörden, am Ende mußte man gar noch der Außerordentlichen Kommission Namen und Wohnung angeben – da ließ man besser die Toten ihre Toten begraben.   Über Nacht wurden in Sowjet-Rußland die Geschäftsläden, Magazine, Warenhäuser zugesperrt. Wie man Revolutionen nicht ansagen darf, so darf man auch die Todesstunde des Privatkapitals nicht vorher umständlich bekanntgeben. Hätten die Sowjets verkündet: am 23. 171 werden wir dem Kapitalismus den Garaus machen – ein riesenhaftes Hamstern hätte angehoben, der kapitalkräftige Teil der Bevölkerung wäre im Handumdrehen Herr über alle in Läden, Warenhäusern und Magazinen aufgestapelten Vorräte geworden, der Staat aber hätte zusehen dürfen, auf welche Weise er die Arbeiterschaft mit dem verfügbaren Nötigsten jahrelang beliefern könnte. So hat man dem Handel ohne viel Federlesens einfach den Hals umgedreht, Lebensmittel, Waren, alles Rohmaterial mit Beschlag belegt. Trotz dieser energisch und zielbewußt durchgeführten Maßregel ist noch genug verschwunden, versteckt und über die Grenzen getragen worden. Mangel an dem Nötigsten hat auch hier und dort schon ein gewisses Schwachwerden des Prinzips der Zentralisation gezeitigt; es gibt Straßenmärkte, die die Regierung duldet, und in verkehrsreichen Straßen stehen sogar Läden offen, in denen man wieder Lebensmittel und auch noch alles mögliche andere kaufen kann. Daß die Behörden gegen diese Verletzung einer der fundamentalen Gebote der Gemeinwirtschaft nicht mit Feuer und Schwert losziehen, ist wunderlich und kann nur aufrichtig bedauert werden. Korruption korrumpiert weiter, ich habe das an mir bemerkt. In Moskau habe ich einige von diesen postkommunistischen Verkaufsläden gesehen, in Petersburg einen. In diesem letzteren waren merkwürdigerweise Kompasse, Zigarrenspitzen aus Meerschaum und Benzinfeuerzeuge zu kaufen – während in den Moskauern zierliche, nach der letzten Pariser Mode entworfene Damenhütchen, dann frische Blumen – Chrysanthemen zu 10 000 Rubel – und andere Bedürfnisse der alten oder 172 auch der neuen Bourgeoisie befriedigt werden konnten. In dem Laden, der mein Gewissen arg belastet hat, gab es Kuchen, Speck, Käse und Konserven zu kaufen, und ich habe dort meine Kost zuweilen aufgebessert, indem ich alle paar Tage einmal ein gebratenes Huhn für 7500 Rubel erstand. Dieser gegenrevolutionären Handlung machte ich mich nicht ohne Not schuldig. Wir bekamen in unserem Hause, in dem wir, allerdings frierend, aber in sehr schönen Räumen untergebracht waren, tagaus, tagein nichts anderes zu essen als torfartiges Brot, sehr wenig Butter, schmutzige Zuckerstückchen, die sich seit Ausbruch des Krieges an allen Fronten herumgewälzt haben mochten, und die man in die Backe schieben mußte, um den dünnen Tee über sie zu spülen, einmal am Tage ganz durchsichtige Gemüsesuppe und außerdem Kascha, Kascha, Kascha. Kascha ist Grütze. Ich weiß nicht, aus was für Hülsen von Hülsenfrüchten die Kascha hergestellt war, die wir in Moskau monatelang zu essen bekamen. Früchte waren es nicht, sondern Hülsen; es mag aber auch Baumrinde gewesen sein. Unsere Kascha hatte zuweilen eine Färbung, deren Ursprung in der Botanik nur schwer zu lokalisieren sein dürfte. Fleisch und Kartoffeln gab es äußerst selten, noch seltener eine Konservenbüchse mit Fisch oder ein Stück Käse. (Ging man indes mit Kommissaren auf Reisen, so wurde einem vom Kommandanten auffallend reichlicher Mundvorrat mitgegeben.) Mein Zimmernachfolger wird versteckt im untersten Schiebfach eines prächtigen Rokokoschrankes sieben sauber und in aller Heimlichkeit abgenagte Hühnergerippe vorgefunden haben. Einige Worte über die Belieferung der Städte 173 mit Lebensmitteln. Wie leben die Städte, da der Bauer den Kommunismus gar nicht oder doch nur gezwungen anerkennt, keine Veranlassung sieht, für den Staat mit Begeisterung zu pflügen, zu säen, zu ernten, Vieh zu züchten, zu melken und herzugeben – zumal er für seine Produkte Sowjet-Geld erhält, daran ihm nichts gelegen ist, und keine Schuhe, Kleiderstoffe, Mützen, landwirtschaftliche Geräte, ja nicht einmal Heiligenbilder und Lämpchen davorzuhängen . . . Die Bauernfrage ist, soweit man das aus den schweren und fortgesetzten Kämpfen, die sich in den Sowjets und der Exekutive um sie abspielen, eine der brennendsten, im Zustand der täglichen Wandlung begriffenen Angelegenheiten Rußlands und des ganzen Systems der bolschewistischen Wirtschaft. Das Problem klärt sich, wenn man die Ursachen der Not des Landes nennt und wiederholt: zaristische Mißwirtschaft, Weltkrieg, Blockade und wiederum Krieg. Der Bauer gibt lange nicht genug her von dem, was die Regierung ihm notgedrungen als sein eigen überlassen hat, und es ist nicht gut möglich, seine Produktion zu kontrollieren. (In der ersten Phase der bolschewistischen Wirtschaft geschah dies durch die Kontrollbehörden der Dorfarmen.) Gäbe es keinen Krieg, keine Blockade, das Übel wäre über Nacht behoben; die Industrie funktionierte, und der Bauer erhielte statt des unbeliebten und wertlosen Sowjet-Geldes, auf dem in neun Sprachen die Mahnung: »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« aufgedruckt steht (der Bauer aber hält sich keineswegs für einen Proletarier, er besitzt, er sitzt auf seinem Stück Land!), Schuhe, Kleider, Mützen und Gerät. Gäbe es keine 174 Blockade, die Regierung könnte die Elektrisierung Rußlands durchführen, Gasolinmotore importieren oder bauen, die sie großen Komplexen landwirtschaftlicher Kooperativgemeinschaften zur Verfügung stellen würde, so daß nicht jeder kleine Bauer sein eigenes bißchen Land mühselig mit Dornpflügen zu bestellen (oder brach liegen zu lassen) brauchte, sondern, wie das z. B. in Kanada geschieht, ein riesiges Territorium von Tausenden von Quadratwerst in kürzester Zeit gemeinschaftlich umbrochen und gemeinschaftlich abgeerntet werden könnte. So ungern ich mich des Hilfsmittels der Statistik bediene, bleibt mir doch nichts übrig, als hierher zu setzen, was mir in der Petersburger Kommunalbehörde zu diesem wichtigen und verhängnisvollen Kapitel mitgeteilt wurde, und was ich mir sorgfältig aufgeschrieben habe. Der Bauer darf monatlich 40 Pud Mehl und ein geringes Quantum anderer Produkte behalten. Es ist ihm vorgeschrieben, welche Mengen Getreide und sonstiger Produkte er abzuliefern habe. Im ersten Jahr der Revolution sollen 30 Millionen Pud Getreide abgeliefert worden sein, im zweiten 150 Millionen, im dritten 250 Millionen. Der Voranschlag für das Jahr 1920/1921 ist 450 Millionen. Im ersten Jahr der Revolution mußten 90 Prozent der ziffernmäßig eingeforderten Vorräte mit Anwendung von Gewalt den Bauern abgenommen werden. Im dritten nur mehr 20 Prozent. Der Gründe, die den Bauer gefügiger machten, tat ich im Kapitel vom Roten Heer Erwähnung. Besonders die Ukrainer Bauern, die zu Aufständen nur zu geneigt sind, verursachen der Sowjet-Regierung höllische Sorgen. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, was ein 175 ukrainischer Lehrer auf dem Moskauer Kongreß der professionellen Schulen über die Arbeit und die Erfolge seiner Schule vorbrachte: dieser Lehrer kam aus einer Gegend der Ukraine, die innerhalb von 2½ Jahren die Regierung zweiunddreißigmal gewechselt hatte . . . Ebenfalls aus dem statistischen Material der Petrokommun stammt eine Notiz über die erreichten Kalorienziffern bei der Belieferung verschiedener Bevölkerungskategorien. Bei der Belieferung der Kinder war von dem zur normalen Ernährung des menschlichen Körpers nötigen Quantum das Maximum von ungefähr 68 Prozent erreicht. Das Minimum bei der Belieferung der Bourgeoisie betrug etwa 47 Prozent. (Die mir angegebene sehr niedere Grundziffer der erforderlichen Gesamtkalorien war nicht glaubwürdig.) Lebensmittel und sonstige Belieferungskarten werden durch Hauskomitees auf Grund einer Registration nach dem individuellen Arbeitsbuch verteilt. Dem Hauskomitee ist das Rayonbureau, diesem das Zentralkomitee übergeordnet. Der Schwerarbeiter, nach der Art seiner Beschäftigung in die Kategorien A, B, C eingeteilt, erhält seine Lebensmittelzulage von seiner Gewerkschaft, nicht durch das Hauskomitee zugewiesen. Die oberste Kategorie, A, bilden Eisen- (Putilow), Erd- und Transportarbeiter. Von 400 000 Petersburger Arbeitern gehören dieser Gruppe etwa 127 000 an. Als ich mich nach den zur Erhaltung des Lebens eines Intellektuellen nötigen und den ihm zugebilligten Kalorien erkundigte, antwortete man mir mit dem »akademischen Pajok«, einer, wie ich erfuhr, recht fragwürdigen Zulage. 176 Wer sich im Laufe dieser Darstellungen über die hier und dort verstreuten exorbitanten Summen empört hat, die als Preise für Lebensmittel genannt sind, möge bedenken, daß die auf reguläre Karten erhältlichen Quantitäten monatlich insgesamt etwa 300 bis 400 Rubel, also verhältnismäßig äußerst wenig kosten, während die gleiche Menge im Schleichhandel erstanden etwa 100 000 Rubel kosten würde. Es geschieht lediglich aus Gründen der Verrechnung, wenn die rationierten Lebensmittel oder Gegenstände überhaupt noch nach Rubeln bewertet werden. Seit dem 1. Januar 1921 ist ja das Geld in Rußland abgeschafft. Auf Grund seines Arbeitsbuches sind jedem Arbeitenden Lebensmittel, Wohnung, Gas, elektrischer Strom, Heizmaterial, Telephon, Trambahnfahrt, Eisenbahnbillette usw. kostenlos zugesichert – diese Reform soll durch den Nationalisator der Banken und Finanzinstitute Rußlands, Larin, durchgeführt worden sein – ein Schritt weiter auf dem Wege zur Reinigung der Arbeit von dem Odium der zahlenmäßigen Bewertung. Es bleibt zu hoffen, daß günstigere Verhältnisse die Durchführung all' dieser entschiedenen Reformen zulassen und das Versagen des Systems nicht, wie schon so oft, Schleichhandel und Korruption fördert. In den städtischen Speisehallen, die gelegentlich durch Schmutz auffallen und Herde der Infektion genannt werden müssen, habe ich zuweilen zu Mittag gegessen oder zugesehen, wie andere es taten. Es gibt verschiedene Kategorien solcher »Stolovajas«. In den gewöhnlichen bestand das Essen aus einer dünnen Suppe mit irgendwelchen grauen Klößchen, einem halben 177 Hering, einem Stückchen Gurke und einer kaffeeartigen Ersatzbrühe. In den Kinderspeisehallen war die Nahrung reichlicher, es gab da Gemüse, auch schienen die Speisen besser zubereitet. Auch diese Anstalten sind in Petersburg ordentlicher geführt als in Moskau, wo asiatische Nachlässigkeit mit einer fröhlichen Unbekümmertheit um das Erdulden in Gestalt der berühmten »schirokaja natura«, der »breiten Natur« des Russen dich anlacht oder angrinst, wie du willst, sei es aus breitknochigem sarmatischen Gesicht, sei es aus grimmig verzerrtem Totenschädel.   Es gibt in den Städten wohl keine Massenquartiere mehr, aber der Begriff des Heims existiert nur noch auf dem Lande bei den Bauern. Die Wohnungen der Städter sind rationiert; man lebt in Stuben, willkürlich zusammengepferchte Menschen nebeneinander. (Bei der ehemals »höheren« Bourgeoisie fand ich Ausnahmen von dieser Regel!) Übersiedelt man, so bleiben die Möbel, die Gemeingut sind, in der alten Wohnung stehen; in der neuen muß man sich mit den vorhandenen behelfen, wie es eben geht. Straßenzüge stehen verödet, bewohnte Häuser aber sind zumeist überfüllt. In den Wohnungen werden bei Winteranbruch die Fenster und Ritzen verkittet. Man schläft, atmet, lebt sechs Monate lang in einer Ausdünstung, die sich nie verzieht. Die alten Pelze kommen aus den Schränken, wie sie im Frühling hineingehängt wurden, die alten Läuse haben sich vermehrt, und mit ihnen halten Epidemien ihren Einzug, am ersten kalten Tage schießt Tod und Verderben wieder in die Höhe. Es gibt zu wenig 178 Seife, viel zu wenig Medikamente. Die Ärzte haben wahnsinnige Arbeit zu bewältigen, die Besuchszahl für den einzelnen Patienten ist daher auf zwei festgesetzt worden. Überlebt der Kranke den zweiten Besuch, so hat er die Wahl zwischen Gesundwerden oder Sterben. (Natürlich gibt es wie einen Schleichhandel auch gutbezahlte Privatpraxis.) Die Besorgung von Medikamenten ist äußerst umständlich. Dem Fremden erscheint das Leben des Russen mitunter als ein grauenhaftes Rätsel, für das er keine Lösung zu finden vermag. Geht er herum und beobachtet, wie der russische Mensch lebt, so wird ihn bald ein Schauder erfassen angesichts der unbegreiflichen Vernachlässigung, in der sich auch der kultivierte Städter zu gefallen scheint. (Ein Charakterzug des Russen, der sich nicht erst in der Revolution gezeigt hat, aber sicherlich durch das zunehmende Elend entwickelt worden ist.) Ich habe in Wohnhäusern der ehemals wohlhabenden Klasse Dinge mitangesehen, Zustände aufgedeckt, die jeder Beschreibung spotten. Auf meiner Reise nach Rußland gab mir ein Amerikaner, der in Reval ansässig war und mir einen Gefallen geleistet hatte, ein Säckchen mit Reis für einen Verwandten mit. Ich gab dieses Säckchen in Petersburg ab. Der Verwandte des Amerikaners war ein ehemaliger Handelsagent, der mit seinem Sohne und seiner Wirtschafterin im Hinterhause eines vierstöckigen, in einer vornehmen Straße der Stadt gelegenen Gebäudes wohnte. Er war aus seiner Wohnung nicht vertrieben worden, und auch seine Möbel standen noch in den Zimmern. Als ich den Hof durchquerte, der das Hinterhaus von der Straßenfront 179 trennte, mußte ich mich an die Mauer lehnen . . . Im Quergebäude stand ein Scheunentor offen, hinter dem einst wohl ein Automobil verwahrt worden war. Es war vom Boden bis an den oberen Rand mit einem riesigen Haufen menschlichen Kotes angefüllt. Die Abtrittröhren des Hauses waren, wie mir der Handelsagent, ein gebildeter und wolerzogener Mann, auf mein Befragen berichtete, vor zwei Jahren im harten Winter geborsten und die Bewohner des Hinterhauses mußten seither jeden Morgen den Inhalt der Abtritte in Kübeln aus ihren Wohnungen entfernen. Die Wohnung, in der ich das Säckchen abzugeben hatte, lag im dritten Stockwerk. Die Treppen wiesen die Spuren der Abfälle auf, die Monate, Jahre hindurch über diese Treppen hinuntergebracht worden waren. Remont! Aber nicht der Industrie allein, will mich bedünken. –   Die Nacht in Petersburg ist schwarz. In Moskau ist sie hell. In Moskau brennt nachts viel Licht in den Straßen bis zum hellen Morgen. Es geschehen wenig Verbrechen. Man kann ohne Gefahr stundenlang durch das nächtige Moskau gehen. Wir, die wir, Tschitscherins Arbeitsstunden folgend, allnächtlich um drei oder um vier Uhr aus dem Auswärtigen Amt nach Hause gehen mußten, können es bekunden, daß die Sicherheit in Moskau eine vollendete ist. – In vielen Häusern sieht man bis spät in die Nacht beleuchtete Fenster, dahinter drängt sich Kopf an Kopf. Das sind die Klubs der jungen Arbeiter, der Proletkult; ihrer gibt es viele in allen großen Straßen der Stadt. Riesige Gebäude erstrahlen die Nacht hindurch in Lichterglanz aus allen Fenstern: Ämter. 180 Kommst du am Kreml vorbei, so siehst du Nacht für Nacht die Fassade zur Glinnaja über dem Alexandergarten hell beleuchtet. Dort sitzt allnächtlich das Exekutivkomitee beisammen. Eine geringe Zahl von Menschen hält dort die Zügel der Macht in eisernen Händen. Dort vollendet sich das Geschick eines großen Volkes.   Bourgeois Es versteht sich von selbst, daß mit der Machtergreifung durch das Proletariat die Auflösung der Klassen nur angefangen hat, nicht vollzogen ist. Das Proletariat, das das Selbstbewußtsein der herrschenden Klasse erlangt hat, ist Proletariat geblieben, das entrechtete Bürgertum, das seinem Machttrieb nicht wie ehemals Genüge schaffen kann, ist Bürgertum geblieben – sein ihm innewohnender Wesenszug ist aber nicht geschwunden, sondern hat sich unter dem Druck sogar in verhängnisvoller Weise entwickelt, wie ich das bei der Erörterung des überraschenden Gebildes der sogenannten »Sowjet-Bourgeoisie« darzustellen versucht habe. Die obersten Schichten der alten Gesellschaftsform: Dynastie und Adel sind, soweit sie nicht landesflüchtig geworden, auf den Standard der entrechteten Bourgeoisie hinabgedrückt, teilen das Los der ihnen ehemals unterworfenen Klasse, sind aber im allgemeinen noch schlechter daran als diese, nämlich zum Vegetieren und zur Agonie verurteilt. Was ich in Rußland erfahren habe, kann ich dahin formulieren: die Mächtigen von ehemals, 181 die Herren über große Güter, Wald, Gruben, Fabriken, Häuser, sind expropriiert; die Mittleren leben in Angst und Gefahr von dem, was sie beiseite geschafft, verborgen haben und nun auf Schleichwegen verkaufen; das dem Proletariat benachbarte Kleinbürgertum ist vernichtet und schlimmer dran als welche leidende Klasse immer, wenn es bei den Voraussetzungen seiner ehemaligen Lebensführung beharrt. Der Arbeiter, der Soldat aber kämpft hart und aufopfernd um den Sieg des Systems. Wie lebt die Bourgeoisie, wie bringt sie es zuwege, ihre Existenz unter den ihr auferlegten Bedingungen weiterzufristen? Man kann, wenn man sich über diese Frage von Leuten aus der ehemaligen Bourgeoisie belehren läßt, das Wort » Koschmar « mindestens so oft hören, wie man sonst das Wort »Remont« zu hören bekommt. Koschmar ist ein russisches Wort; es bedeutet so viel wie das französische »Cauchemar«, d. h. Alp. Die Bourgeoisie bezeichnet ihren gegenwärtigen Zustand mit diesem Wort und jeder Tag, der vergeht und das System des Kommunismus befestigen hilft, stößt sie tiefer in ihren schauerlichen Traum hinunter, denn sie sieht die Zeit nahen oder hat sie bereits erreicht, in der nichts mehr in den Kellern vergraben, in den Schränken eingesperrt sein wird oder ist. Ich habe, zumeist bei Nacht und Nebel, Briefe und Pakete aus Deutschland, Österreich und Estland an Petersburger und Moskauer Bürger abgegeben, die mir von Verwandten dieser Leute anvertraut worden sind. Dabei habe ich die ehemalige Bourgeoisie in ihren Behausungen, Lebensgewohnheiten und ihrer Gesinnungsart 182 kennengelernt. Zufälle kamen hinzu, die mich mit Menschen aus den höchsten Schichten des ehemaligen Bürgertums zusammenführten. Außerdem habe ich bei hellem Tageslicht Leimruten ausgelegt. Diese Leimruten waren die in meinen Baedeker eingehefteten Stadtpläne. Ich legte sie an schönen Septembermorgen auf dem Platze vor dem Moskauer Großen Theater aus, und bald fingen sich auf meiner Bank beschäftigungslose Bürgerliche, aber auch schwänzende Beamte und papyrosrauchende, »pausierende« Arbeiter. Eine Begegnung unter freiem Himmel ist gefährlicher als eine zwischen vier Wänden; man darf dem ehrlichen Gesicht nicht ohne weiteres Vertrauen schenken; es kann einem passieren, daß, wenn man den Hut lüftet und sich in die Anonymität zurückbegeben will, aus der man einen Augenblick lang aufgetaucht ist, der »Fremdling« mit dem Baedekerplan sich als Geheimagent zu erkennen gibt und die Beichte dem Beichtenden schlecht bekommt. Aber der Wunsch, mit jemand zu sprechen, der von »draußen« kommt, schlägt, wie ich mich überzeugen konnte, sogar die mahnende Stimme der Vorsicht nieder, die ja besonders in Moskau laut genug ertönt . . . Der erste, der sich auf dem Theaterplatz zu mir setzte, war ein Kleinbürger. Er hatte vor dem Krieg die gutbezahlte Stellung eines Bleichmeisters in Glogau inne gehabt, war dann als Spezialist in seinem Fach nach Rußland zurückgekehrt und hat in einer Leinwandweberei bis zur Revolution 1000 Rubel monatlich verdient. Gegenwärtig gehört er der Transportarbeitergewerkschaft an, verdient monatlich 7000 Rubel, 183 d. h. um 1000 Rubel weniger, als ein Pfund Butter auf der »Sucharewka« kostet, hat Weib und Kind und muß aus seinem kargen Besitz dies und das verkaufen, Leinwand, Pelzwerk, kleinen bescheidenen Hausrat einer kargen Bequemlichkeit; auch eine Postkartensammlung, die er sich in Deutschland angelegt hat, gilt als Notpfennig. Ich fragte den Bleichmeister, wieso er, der ehemalige organisierte Sozialdemokrat der Partei Deutschlands, sich dem Kommunismus gegenüber so ablehnend verhalten könne? Er antwortete mir: »Seit ich verheiratet bin, gehe ich mit meiner Frau in die Kirche.« Von ihm erfuhr ich die Methoden, die einer beobachten muß, um am Leben zu bleiben, wenn der »Pajok« nicht ausreicht. Von ihm hörte ich auch zuerst das Wort »Sucharewka«, das mir noch unbekannt war, und das ich in den nächsten Monaten häufiger zu hören bekommen sollte als die Worte Remont und Koschmar zusammen genommen. Sucharewka heißt der Markt, auf den ich bisher des öfteren in geheimnisvoller Weise hingewiesen habe. Es ist ein ehemaliger Sonntagströdelmarkt und befindet sich auf dem äußeren Boulevardgürtel Moskaus in der Nähe des Roten Tores. Hier kann man von früh bis spät eine dicht gedrängte Menge, Tausende tauschen, feilschen, kaufen, verkaufen, sich gegenseitig bewuchern und bestehlen sehen. Es ist der geduldete Markt der großen Stadt, der, da ja alle Läden zugesperrt sind, die Verteilung von Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen aber bei weitem nicht den Bedarf des verarmten Städters decken kann, unter den Augen der Sowjets besteht und blüht – wenn auch zuweilen grimmige 184 Razzien und Verhaftungen von Käufern und Verkäufern vorgenommen werden und die Außerordentliche Kommission Gefängnisse, Klöster und Konzentrationslager mit Spekulanten neu auffüllen kann. Bauern kommen aus der Umgebung hierher und halten Lebensmittel aller Art feil; Buden mit Gebrauchsgegenständen reihen sich einige Werst lang aneinander; Schleichhändler stopfen sich die Taschen mit Gegenständen voll, die die Bourgeoisie, an einem geschützten Teil der Sucharewka in Doppelreihen aufgestellt, an den Mann zu bringen sucht. Als ich zum ersten Male dieses klägliche Spalier betrat, waren die ersten, die ich erblickte: eine junge, verhärmte Frau in guter Kleidung, die, über den Arm gelegt, ein altes Ballkleid aus Tüll und auf der Spitze ihres emporgereckten Zeigefingers einen dünnen Ring mit einem kleinen Stein den Passanten zum Verkauf hinhielt. Neben ihr stand ihr hübscher blondlockiger Knabe, der in seinen wie eine Schale ausgestreckten Händchen einen Gummiball den Passanten zum Verkauf hinhielt. Für diesen ersten Tag hatte ich damit eigentlich genug. Aber da die Sucharewka kaum zehn Minuten von meiner Wohnung in der Maly Charitonjewsky Pereulok entfernt war, besuchte ich den Markt noch des öfteren. Ich ging, gegen Eindrücke schon ziemlich abgestumpft, durch die Spaliere der Bourgeois hin und wieder, kaufte aber nichts, sondern sah zu, wie andere das besorgten. Es waren zumeist Bauern, die ihre Lebensmittel vorteilhaft losgeworden waren und nun mit handdicken Tausendrubelbündeln, die sie aus ihren Stiefeln zogen, von einem zum andern gingen, 185 Standuhren, Parfümfläschchen, Ringe, Seidenschals, Operngläser, Samoware und emaillierte Löffel, kurzum alles, was zu einer erhöhten Lebensführung unerläßlich ist, erstanden. Zu beiden Seiten dieser bürgerlichen Doppelreihe standen und saßen Verkäufer von Eiern, Obst, Speck, Weißbrot (von dessen Beschaffenheit sich Tausende im Vorübergehen durch einen Fingerabdruck zu überzeugen suchten), Zucker, Hefe, Käse, Fleisch; Buden mit Wurststücken, geschmorten Gurken, prasselten und zischten in der Wintersonne; da gab's Grammophone, Stiefel, Kinderwagen, Mandolinen, Lehrbücher der Chemie, Gounods »Faust«, Bandzeug, Bleistifte, altes Papier, Fahrräder, Küchengerät, Heiligenbilder; auch konnte man bemalte Schüsseln und Schöpfkellen, Siebe, Spielzeug und Bürsten erstehen, Zeugen einer heute fast vollständig verschwundenen Hausindustrie, deren Überbleibsel abnorm teuer bezahlt werden. Ich selber besitze als Andenken an die Sucharewka einen primitiven hölzernen Hampelmann, der ehemals, wie der Verkäufer mich versicherte, drei Kopeken gekostet hat, und den ich mit 1000 Rubeln nicht übermäßig teuer bezahlt habe. Panik auf der Sucharewka!! Mit einem Schlage, geheimnisvoll aufflackernd, verbreitet sich das Gerücht irgendwoher: die Roten seien im Anmarsch! In wilder Hast beginnen die Verkäufer, ihre Waren zusammenzuraffen, die Käufer ihre Taschen zuzuhalten; alles duckt sich, um in der Menge möglichst unbemerkt zu verschwinden, schiebt sich, stolpert übereinander hinweg. Ich stehe neben einem Burschen, der drei eiserne Bettstellen in einer Reihe aufgestellt hat und auf 186 Käufer wartet. Der Bursche hat einen Strick als Gürtel um die Hüften geschlungen: rasch wie der Blitz windet er sich diesen Strick vom Leibe, zieht ihn wie eine Schlange durch die Gitterstäbe am Kopfende aller drei Betten, spannt sich dann als Pferd vor dieses sonderbare Gefährt und beginnt, in wilder Hast einer Seitenstraße zuzugaloppieren. Hinter ihm hüpfen die drei Bettstellen über das Eis. Einige Minuten später stellt es sich heraus, daß die Furcht, die die Sucharewka im Handumdrehen gesäubert und entvölkert hatte, unbegründet war, und bald darauf steht alles wieder auf seinem Platz, feilscht, handelt, bewuchert und bestiehlt sich gegenseitig . . . Die blinde Angst vor den Roten, d. h. der Kommission! Der Bleichmeister sagte mir so: »Nun ja – er hat das Hündchen, ich aber habe keines. Darum darf er mich verhaften und darum darf ich nicht spekulieren. Er hat einen besseren Pajok als sogar der Soldat an der Front. Ich aber habe kein Recht zu leben. Wenn ich meinen letzten Löffel verkauft habe, dann wird mein Koschmar zu Ende sein, dann werde ich mich niederlegen und nicht mehr auf die Sucharewka gehen müssen, auch meine Frau nicht. Er hat das Hündchen und wird weiterleben.« Ich fragte nach einer Weile, was denn das »Hündchen« sei? Darauf wies er an seiner Hüfte die Stelle, wo die Leute von der Wetscheka ihren Revolver am Gurt tragen. Für den Bleichmeister bestand die Menschheit aus solchen, denen das Hündchen verliehen worden war, diese hatten alle Rechte, und aus solchen, die kein Hündchen haben durften und darum im Koschmar 187 unterzugehen verdammt waren. Ich habe diesem Bleichgesicht als Gegenleistung eine Stunde Unterricht im Kommunismus erteilt; aber außer verzweifeltem Kopfschütteln bemerkte ich keine Wirkung und gab's auf. Von ihm erfuhr ich dann noch, daß es für Arbeitswillige nach den Amtsstunden gutbezahlte Privatarbeit gibt; über die Art dieser Arbeit aber konnte ich weder von ihm noch von anderen, die auch in der Hauptsache von solchem Extraverdienst lebten, Aufschluß erlangen. Männer und Frauen, gebildete und sprachenkundige Leute aus der ehemaligen Bürgerklasse arbeiteten in fremdländischen Missionen oder übernahmen literarische Arbeiten für Ausländer; wie aber lebten die Abertausenden, auf welche Weise fristeten sie ihr Leben? Vielen verschloß Scham und Angst den Mund. Ich stellte schließlich keine Fragen mehr, sondern gab mich mit dem zufrieden, was ich sah, ahnte und erriet. Mit einem Arzneipäckchen betrat ich einmal ein Bürgerhaus, in dem eine größere Teegesellschaft gerade mit Kuchen und Zuckerwerk bewirtet wurde. Der Flügel stand im Salon, die Bilder hingen an den Wänden, die »Herrschaft« hielt Dienstmägde, die den Herrn des Hauses mit »Barin« anriefen; ein Kindchen in spitzenbesetztem Kleidchen tummelte sich auf dem persischen Teppich und lächelte den Besucher freundlich und mit rosigen Bäckchen an. Ein paar Häuser weiter kam ich eines Abends in ein Haus, in dem ehemals wohlhabende Leute, ein Ingenieur mit Frau und Tochter wohnten; der Herd stand leer und kalt, die Frauen sahen verhärmt und verhungert drein. Die bare Not schrie von Tisch 188 und Wand, und wenn Mutter oder Tochter den kranken Vater in der Klinik besuchen wollten, konnte es immer nur eine tun, weil die andere derweil, ohne Schuhe, daheim bleiben mußte. Woher kommt es denn, daß solche Vermögensunterschiede, denn anders kann man es ja nicht nennen, zwischen Individuen der, wie man annehmen muß, gleichmäßig entrechteten Bourgeoisie klaffen? Ich gebe zu, daß diese Frage einigermaßen naiv klingt und vielleicht auch manchem ein Lächeln entlocken wird. Es ist aber eine Frage an die Apostel des Systems. Wenn die letzten noch vorhandenen Habseligkeiten der niederen Bourgeoisie nämlich gegen Lebensmittel an die Bauern abgegeben sein werden, wird ein Teil, vielleicht gerade der wertvollste der ehemaligen Bourgeoisie wol »proletarisiert« sein – aber die Spekulanten, die Kapitalkräftigeren der ehemaligen Bourgeoisie werden immer noch obenauf schwimmen und ihre alten Lebensgewohnheiten wie auch die Formen ihrer äußeren Existenz keineswegs aufgegeben haben. Wann wird diese Schicht der Bourgeoisie und mit welchen Mitteln zur Kapitulation gezwungen werden? Ein utopischer Gedanke besagt, daß, wenn erst die Habseligkeiten der ehemaligen Bourgeoisie, die sich gegenwärtig bereits zum größeren Teil in den Händen der Bauernschaft befinden, verbraucht und verfallen sein werden und falls bis dahin die Arbeit in den Fabriken und die Bebauung des Bodens nicht nach dem Prinzip der einander in der großen Gemeinschaft stützenden Menschen durchgeführt sein wird – die Herstellung des Notwendigsten im Hause selbst und durch die Bewohner des Hauses wird 189 durchgeführt werden müssen – Rückkehr zu dem Wesen mittelalterlicher Hausindustrie, wie man sieht! – – – Einmal hatte ich Gelegenheit, einen aus der ehemals mächtigsten Oberschicht der Bourgeoisie stammenden Patrizier in seinem Heim und bei seinen Beschäftigungen zu sehen und zu beobachten. Da steht vor meiner Erinnerung ein alter Mann auf, ein Mordskerl, ein durch Ererbung, Lebensumstände und den bestimmenden Zug der Zeit auf die Höhen der Macht gehobener, jetzt mit einem Hieb in die Tiefe geschleuderter Herrenmensch, der auf seine Weise im Kampf mit dem Schicksal sich zu behaupten sucht und es auch zuwege bringt. Er empfing uns auf dem Gut, das ehemals ihm gehört hat, und als dessen Verwalter er belassen wurde: ein hochgewachsener, kerzengerader Greis von etwa siebzig Jahren, so stand er auf der Veranda seines Landhauses, aus dessen Fenstern fremde, dort einquartierte Proletarierfamilien blickten, und um das das herrliche Herbstland des Moskauer Gebietes sich farbig und warm erstreckte. Der Alte stand in seinem abgeschabten, von Erde und Baumharz fleckigen Kittel, in Bastschuhen über derben Socken vor uns. Er sah mit rasierter Oberlippe aus wie ein Amerikaner. Er erzählte uns auch sogleich, wie er dazu gekommen war, seine Oberlippe zu rasieren: er war nämlich erst vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen worden, in das man ihn – wohl wegen irgendwelcher Verabredungen und Zusammenkünfte mit ehemaligen Millionärsgenossen und sonstigen Gegenrevolutionären derselben Gesellschaftsschicht – für vier Monate eingesperrt hatte. Im Gefängnis 190 gab's nur Machorka zu rauchen, davon färbte sich sein Schnurrbart grün, was seiner Frau im höchsten Grade unerwünscht zu sein schien. Er hatte sich darum »kurz entschlossen« die Oberlippe rasiert und lief jetzt, wie er sagte, als ein vollendeter Pavian herum. Der Alte, ehemals Besitzer der größten Textilfabrik im Moskauer Gouvernement, hat eine Woche nach seiner Haftentlassung im Zentrotextil einen Vortrag über sein eigenes Fach, die Fabrikation von Männerkleidungsstoffen gehalten – eben vor jenen Kommissaren, die ihn enteignet und mittelbar ins Gefängnis gesetzt hatten. (Das mache ihm in Westeuropa einer nach!) Samowar und Gläser, aus denen wir Apfelschalentee zu trinken bekamen, waren verbeult und gesprungen. Ingrimmig lächelnd entschuldigte sich der Alte: ein herrliches Teeservice, das ihm einst vom japanischen Botschafter und seinem Stab verehrt worden war – er hatte die Herren seinerzeit eine Woche lang auf seiner Datsche bewirtet – war vor kurzem um ein paar Pfund Mehl, Graupen und Kartoffeln den Weg alles Irdischen gegangen; er hatte es einfach aufgegessen; der Alte klappte seine gelben Zähne aufeinander, um zu zeigen, wie man Porzellan kaut. Nach der Teestunde führte er uns in den Park, um uns den letzten Trost seines Daseins vorzuführen: den Überrest seiner ehemals weitberühmten Viehzucht. Wir traten in den verödeten Viehstall ein, in dem eine bejahrte Kuh und ein elendes Kalb sich an die Krippen rieben. Der Alte ging an diesen vorüber, ohne sie eines Blickes zu würdigen, einem besonderen Verschlage zu, aus dem 191 Prusten und Geschnaube zu hören waren. »Der Stolz meiner alten Tage!« sagte der Alte und wies mit dem Finger auf einen jungen Zuchtstier, ein ganz junges Tier von edler Rasse, das bei unserem Anblick mit einem Satz aufsprang. Der Alte zog die widerstrebende Bestie beim Schnauzenstrick ins Freie, hielt sie kurz und scharf, Auge in Auge, und nun begann ein Messen der Kräfte dieser beiden Rassetiere, des alten, ungebrochenen Mannes und des jungen gefangenen: Stiers. Es war etwas Wunderbares in seiner Grimmigkeit und zugleich in dem versteckten Sinn dieses Kampfes von Natur und Natur, Urkraft gegen Urkraft. Kurze zärtliche Flüche warf der Alte zum ungebärdigen, bockenden Tier hinüber. Dazwischen, nach unserer Seite, fortwährend wild hingeschriene Brocken der Anklage und Empörung über das ihm widerfahrene Schicksal. Wir sollten es uns merken, daß wir im Hause eines Mannes standen, dem Unrecht geschehen war! Auf dem Rückweg über die Veranda des Hauses bemerkte ich auf einem Lesepult im offenen Fenster des Schlafzimmers des Alten Chamberlains »Grundlagen« und die »Geschichte der französischen Revolution« von Louis Blanc. Auch in Iwanowo-Wosnessensk begegneten wir solch' einem Verwalter seines eigenen Gutes. Diesmal war das Gut ein Museum, und sein Verwalter hatte es im Laufe seines Lebens aus allen fünf Weltteilen an diesen Ort und in seinen Palast zusammengeschleppt. Obzwar dieses Museum eine der reichhaltigsten Sammlungen von Freimaurerparamenten, -geheimbüchern, -emblemen und derartigem mehr enthielt, war es wertlos, weil es ein von einem geschmackunsicheren 192 Menschen, der offenbar mit Millionen um sich werfen konnte, zusammengestoppeltes Sammelsurium von Kunstwerken, aber auch von Kitsch, ethnographisch interessanten, aber auch für Reisende fabrikmäßig hergestellten »Andenken« vorstellte. Der Alte, »ein Närrchen«, wie ihn die Wosnessensker mitleidig-liebevoll nannten, legte uns sein Fremdenbuch vor – das war sein Zuchtstier! Im übrigen war er nicht übel gelaunt, zeigte keine Wut gegen das Schicksal und lobte sogar die Behörde, die es ihm gestattete, in seinem Palast zu verbleiben und darüber zu wachen, daß seine Sammlungen nicht verfielen oder weggeschleppt wurden.   Den Bourgeois, die an ihren Wohnorten und in ihren Behausungen verblieben, d. h. die sich im Laufe der Zeiten mit der Arbeiterschaft und dem Volk überhaupt gut zu stellen gewußt haben, keinen Dreck am Stecken hatten und daher auch nicht zur Flucht gezwungen waren, ist im großen ganzen kein Unheil widerfahren. Wenn man aber die jetzt in Kindergärten, Kliniken, Altersheime, Proletkult-Klubs und Kommissariate umgewandelten Villen und Paläste der Geflohenen besucht oder auch nur von außen betrachtet, lernt man bald die Ursachen des traurigen, aber keineswegs unverdienten Schicksals der Bourgeoisie, zumal dieser östlichsten, verstehen. Iwanowo, ein Riesenort von Holzhütten und halb zerfallenen Baracken, mit entsetzlich ungepflegten, bodenlosen Straßen, besitzt, seinem Fabrikviertel benachbart, eine Villenstadt mit Millionärsheimen, die, aus kostbarstem Material errichtet, mit fabelhaften Räumen und luxuriösen Einrichtungen dem 193 Besucher den Übermut der Besitzenden und die Entrechtung des Arbeitssklavenvolkes so recht greifbar vor Augen führen. Dieser in Rußland besonders zynisch demonstrierte Kontrast von tiefstem Elend und verbrecherischem Überfluß beschwichtigt den berüchtigten »Gerechtigkeitssinn der Intellektuellen« einigermaßen – denn man kann sich füglich fragen, wo denn dieser Gerechtigkeitssinn sich verkrochen hatte, als das alte Regime seine Schandtaten auf solche Art verüben durfte. Auch wo keine barbarische Überladenheit, kein sinnloser Prunk von Marmor, Malachit, vergoldeter Bronze und Rosenholz den Besucher ärgert, sondern ein scheinbar an den besten Mustern geschulter Geschmack besticht, kann man bei näherem Hinschauen seine entscheidenden Beobachtungen anstellen. In Moskau wohnte ich in dem Hause eines ehemaligen Fabrikanten. Es war mit erlesenem Geschmack erbaut und eingerichtet; da war nichts, was das Auge oder den Kunstsinn stören konnte. Aber im Wohnzimmer des Besitzers hing ein Bild, das einen betrunkenen Fettwanst im Frack darstellte, wie er sich mit blöden Augen im Salon eines Bordells unter dem anwesenden Damenflor umsieht. Man kann das Sprichwort vom Russen, der, leise geschabt, den Tartaren durchschimmern läßt, füglich auf den Bourgeois anwenden, um dem Plebejer auf den Grund zu kommen und inne zu werden, welche Schuld gegen das Proletariat die russische Bourgeoisie jetzt sühnen muß . . .   Eines der wichtigsten Probleme des neuen Gesellschaftsaufbaues in Rußland – wie überhaupt jeder kommunistischen Diktatur – ist dieses: 194 auf welche Weise sollen die nur unvollkommen unterdrückten, vielmehr bis zum Bersten zusammengepreßten Energien und Instinkte der besiegten Bourgeoisie im Schach gehalten, benutzt und gelenkt werden? Der Bourgeoisie und gerade ihrer klassenbewußten Schicht wurde mit einem Schlage genommen, was Machttrieb und Machtentfaltung ihr ungezählte Generationen hindurch geschafft hat. Aber dieser Verlust hat ihren Machttrieb vervielfältigt, nicht gebrochen. Vermutlich lebt ein revolutionärer (d. h. gegenrevolutionärer) Wille von wesentlich größerer Sprengkraft in der Bourgeoisie, die alles verloren hat, als sie dem positiv gerichteten revolutionären Trieb des Proletariats, das zur Macht gelangt ist und alles gewonnen hat, innewohnt! Ein Ventil hat sich der Machthunger der Bourgeoisie bereits durch das Eindringen der Spezialisten in den Sowjet-Körper gebohrt. Mögen die Führer des Bolschewismus zusehen, wie sie die Auflösung der Bourgeoisie restlos vollenden, und auf welche Weise sie die Entrechteten für den Gedanken gefügig machen, der den Massen, durch die sie entrechtet worden sind, wesentlich ist!   Der weiße Terror und der rote Im Petersburger Winterpalais führte mich ein Freund in den Privatgemächern Nikolaus II. herum. Das Eckzimmer im ersten Stockwerk, gegen die Brücke zur Wassili-Insel gelegen, diente dem Zaren, besser gesagt den Zaren als Arbeitskabinett. Nikolaus II. hat dieses Gemach mit einer Anzahl kostbar gerahmter Speisekarten im vollsten Sinne des Wortes austapeziert. Hier kann 195 man von den Wänden herab lesen, was der Zar im Laufe seiner Regierungszeit in Offiziersmessen, bei Liebesmählern seiner Regimenter, in den Kaiser- und Königspalästen zu Berlin, Potsdam, Rom, London und Lissabon verzehrt hat. Nikolaus II. scheint den Tafelfreuden mit Hingabe gehuldigt zu haben. – (Im Badezimmer hängt über der Wanne ein sentimentaler Frauenkopf mit veilchenblauem Augenaufschlag.) Was ich jedoch am bemerkenswertesten fand in diesem Arbeitsraum, war die Aussicht aus dem Eckfenster. Ihm gegenüber liegt, jenseits der breiten Newa, nicht nur die Börse auf der Wassili-Insel, sondern auch, an die östliche Spitze der Insel gelagert, die Peter-Pauls-Festung mit ihrem vergoldeten Kirchturm, ihren Kasernen, ihren ober- und unterirdischen Kasematten und Verließen. Aus der Umfassungsmauer der Festung, nach der Newa zu, und gerade gegenüber dem Eckfenster des Zaren ist ein Stück herausgekerbt – dort sieht man im Bereich der Festung ein kleines braun gestrichenes Haus mit spitzem Dachgiebel. Dieses Haus ist dadurch bemerkenswert, daß in ihm ehemals die Attentäter gegen das Leben der Zaren, auf frischer Tat ertappte, dann jene, die an einer Verschwörung teilgenommen hatten und nicht zuletzt jene, denen man es zutrauen konnte, daß sie an einer Verschwörung beteiligt wären, jahre-, jahrzehnte-, zumeist lebenslang eingekerkert gesessen haben. Wöchentlich einmal wurde dem jeweiligen Zaren, so erzählte mir mein Freund, ein Rapport vorgelegt, der über das Befinden und die Taten jener Eingekerkerten genauen Bericht erstattete. Es hieß da unter anderem: X. hat am vergangenen 196 Sonntag seinen Schädel an der Mauer, an die er geschmiedet ist, einzurennen versucht, hat sich aber bereits wieder erholt. Y. hat einen Tobsuchtsanfall erlitten, diesmal erklärt der Arzt, daß der Anfall nicht simuliert sei, Y. habe nunmehr als unheilbar wahnsinnig zu gelten. Z. hat sich bereit erklärt, die Teilhaber an der Verschwörung, deren Bestehen er bisher geleugnet hat, zu nennen, falls ihm zu seiner bisherigen Gefangenenkost eine Zulage von Zuckerwerk und kandierten Früchten bewilligt wird. Der jeweilige Zar setzte unter diese Dokumente seinen Namenszug, blickte wohl einen Augenblick lang nach dem braunen Häuschen hinüber und ging dann, sich zum Ball umzukleiden, der in den Prunksälen auf der Dworzowy-Seite seinen Anfang genommen hatte. In anderen Zarenpalästen, dem Revaler Schloß z. B., verrichtet gegenwärtig die Spitzhacke ihr Werk. Dort ist ein Teil des Schlosses bereits niedergerissen – die vergitterten Fenster in der zerbrochenen Mauer kollerten gerade den Bergabhang hinunter, während ich drüben auf dem Damm stand und zuschaute. Dieser Flügel des Schlosses war nämlich ehemals Gefängnis gewesen. Im gleichen engsten Zusammenhang mit dem Machtbewußtsein der Herrschenden, in einem für uns Westeuropäer schier unbegreiflich engen Zusammenhang stand überall in diesem Lande die tiefste Erniedrigung der geknebelten Kreatur. Das Petersburger Winterpalais hat zurzeit einige seiner pompösesten Räume dem neugeschaffenen Museum der Revolution überlassen müssen. Hier sind die Taten der Denikin, Judenitsch und Koltschak durch Photographien, 197 schriftliche Dokumente, Reliquien und etliche Kuriosa veranschaulicht; der weiße Terror, den diese Bekämpfer der Kommunisten wie einen eiterigen Schimmel konzentrisch um die Kapitale Moskau gezogen und verbreitet haben, zur Erinnerung später Geschlechter festgehalten. Man sieht Photographien aus der Ukraine, Estland, Sibirien; Photographien zerstückelter, zu Brei zerstampfter Menschenkörper – viel zu grauenhaft, um Einzelheiten zu erwähnen, sein Leben lang vergißt sie nicht, wer sich einen Augenblick lang in ihren Anblick vertieft hat. . . . Man sieht hier unter anderen Raritäten auch den berühmten Tannenast aus dem schrecklichen Wald bei Jamburg, Judenitschs Wald, mit der vom Strick des Henkers ausgescheuerten Narbenspur in der rötlichen Rinde – darunter den Baumstamm, in den der Schreibens und Zählens unkundige Henker mit seinem Messer eine Rune nach der anderen eingeschnitten hat – nach jeder Gruppe von Kommunisten, die er oben auf jenem Ast vom Leben zum Tode befördert hat, eine. Im Holz sind siebzehn Einschnitte zu zählen. Aber auch Seltenheiten harmloserer Art bewahrt jenes erst im Zustand der Entwicklung befindliche Museum, interessantes Material aus den Archiven zaristischer Geheimpolizei. So einen sorgfältig durchgepausten Briefwechsel zwischen Haase und Ledebour aus dem Jahr 1916. Daneben eine Anzahl Seiten aus dem Album der Petersburger politischen Polizei: Porträts, im Profil und en face aufgenommen, von Lenin, seiner Frau Kamenjew, Sinowjew und anderen, nebst genauer Beschreibung. Und dann eine große Anzahl bis ins letzte Detail minutiös 198 aufgezeichneter Situationspläne von revolutionären Gruppen in großen Städten und kleinsten Provinzflecken Rußlands. Solch' ein Blatt, das mit kleinen blauen und gelben Vierecken, sich kreuzenden Strichen zwischen einem Viereck und dem anderen einer strategischen Übersichtskarte gleicht, behandelt den ehemaligen Revolutionär, jetzigen Gegenrevolutionär Sawinkow und seinen Kreis. Hier findet man Sawinkow nebst seiner Familie, dann seine Freunde, Gesinnungsgenossen, näheren und ferneren Bekannten, ja sogar die entferntesten Bekannten jedes einzelnen seiner Familienmitglieder mitsamt den Daten gegenseitiger Besuche, empfangener und abgesandter Briefe usw. in einem kalligraphisch notierten, mit haardünnen Pfeillinien aufgezeichneten Netzwerk. Dieses Blatt kann als Beweis für die Vollendung gelten, die der Spitzeldienst des zaristischen Rußlands bei der Verfolgung aller mißliebigen Persönlichkeiten erreicht hat. Die selben Archive bewahren in sauber geführten Registern auch die Namensverzeichnisse jener Hekatomben, die vom 22. Januar 1905, dem blutigen Geburtstag der ersten Revolution bis zur Einberufung der Reichsduma im Mai des folgenden Jahres dem Zarismus geopfert wurden. Nach unparteiischen Schätzungen belief sich die Zahl der in diesem Zeitabschnitt von der Regierung Hingerichteten auf 1000, der Getöteten auf 14 000, der Verwundeten auf 20 000, der Eingekerkerten und Deportierten auf 70 000.   Man hat sich daran gewöhnt, das aus dem jakobinischen Wortschatz der französischen Revolution stammende Wort »Terror« auf Handlungen 199 und Maßregeln revolutionärer Körperschaften und Regierungen anzuwenden. Diese in demagogischer Absicht geweckte Vorstellung verträgt eine Revision. Sie erscheint durch die neuerlich gebräuchliche, nur mit einer anderen Farbe bestrichene Bezeichnung für Vergeltungsmaßregeln der Gegenseite nur unvollkommen aufgewogen. Denn was besagt das Wort »weißer Terror« im Gebrauch bürgerlicher Ideologie anderes als: hättet ihr mit dem roten nicht begonnen, unser weißer Terror wäre nicht in Erscheinung getreten. Der Begriff des Terrors aber kann, ohne daß die Wahrheit dadurch zu Schaden käme, füglich verallgemeinert und auch zeitlich ausgedehnt werden. Es sind immer kleine Gruppen, die, wenn sie die Macht in Händen halten, die erdrückende Mehrzahl durch Zwang und Gewalt im Zaum zu halten suchen. Im Wort Arbeitgeber steckt Terror, wie im Wort Kapitalismus überhaupt. Die Selbstherrlichkeit der Anstifter des Weltkriegs, um nur eine seiner letzten geschichtlichen Phasen zu nennen, hat den Terror der Zwangsmaßnahmen gegen Leben, Freiheit und Gewissen der Völker in einem bisher ungekannten Maßstab und Zynismus gebraucht. Wenn die Hortybanden Ungarns, die finnischen Weißgardisten sich auf Vergeltung – die Offizierscliquen des ebertinischen Deutschlands, die Henker Liebknechts, Luxemburgs und tausend anderer, die Unterdrücker des amerikanischen Sozialismus in dem bisher »freiesten aller Kontinente« sich auf Vorbeugung berufen, so verbreitern sie doch bloß das Strombett ihrer eigenen Schreckensherrschaft, in dem die noch imperialistisch-kapitalistisch regierte Welt ihrem Ende zutreibt. 200 Diese Zeit scheint für Vergebung, Einkehr, Christlichkeit weniger reif, als welche andere uns aus der Geschichte bekannte immer; somit handelt es sich im Grunde allein darum, daß jene Gemeinschaft, die das Reich der reinsten Menschheitsidee errichten will, den Verderbern des Menschengeschlechts die Waffe aus der Hand schlage. Das aber vermag sie, es ist entsetzlich, dies auszusprechen, wiederum nur durch Anwendung von Gewalt . Es ist der Fluch der noch nicht göttlich gewordenen, mit irdischem Wesen allzusehr belasteten Gemeinschaft, er trifft den Menschen dieser Tage mit besonderer Härte, weil dieser Mensch sich zu tief in die Wahnidee von dem Werte seiner Kultur verstrickt hat. Auf dem Kirchturm der Peter-Pauls-Festung – unser Haus Narischkin hatte seine Fenster am Newakai gegenüber dieser Kirche, jeden Morgen blinkte mir ihr heftig vergoldeter Turmspeer in die Augen – ist ganz oben an der Spitze eine Wetterfahne angebracht. Sie stellt einen Engel vor, der ein Schwert schwingt. Der unerhörte Windstoß, der über Rußland dahingefegt hat, ließ diesen Engel eine Wendung von 180 Graden beschreiben – das Schwert kehrt sich genau gegen jene, die es für ewige Zeiten in ihrem unverbrüchlichen Besitz wähnten. Die Kasematten, Käfige, Verließe des braunen Häuschens, der Peter-Pauls-Festung, Schlüsselburgs und all' der anderen Folterkammern der Zaren sind zerbrochen, geschleift, aber . . . »Ich weiß es . . . daß das Monopol der Gewalt und Repressivmaßregeln in jedem »normal« funktionierenden Staatswesen, unabhängig von seiner äußeren Form, der Regierung gehört.« Das ist ihr »unverrückbares« Recht, 201 und dieses Recht behütet sie mit eifersüchtiger Sorgfalt, darüber wachend, daß keine private Korporation ihr Monopol antaste. Die staatliche Organisation kämpft auf diese Art um ihre Existenz. Es genügt, sich die moderne Gesellschaft, diese komplizierte, widerspruchsvolle Kooperation – sagen wir in solch einem ungeheuren Lande wie Rußland – zu vergegenwärtigen, um sofort zur Erkenntnis zu gelangen, daß bei der jetzigen, von inneren sozialen Widersprüchen zerrissenen Ordnung Repressalien ganz unvermeidlich sind!« (Aus der Verteidigungsrede Trotzkys in der Sitzung der Besonderen Delegation des Petersburger Obergerichtshofes am 17. Oktober 1906.)   Bis zum Sommer 1918 haben die Bolschewiki von der Todesstrafe keinen Gebrauch gemacht. Sie war ja durch die ersten Dekrete der Föderativen Republik abgeschafft. Die Bolschewiki haben sogar ihre politischen Feinde, obschon ihre Absichten klar zutage lagen, statt sie einzusperren, laufen lassen, weil es mit dem Grundgedanken des Kommunismus unvereinbar schien, aus Gründen politischer Gegnerschaft Menschen ihrer Freiheit zu berauben. Dies erwies sich als verhängnisvoller Irrtum. Überall, wo solche gegenrevolutionär gesinnte Individuen in Freiheit gesetzt worden waren, bildete sich sofort ein Herd der Verschwörung, und die Kommunistische Partei hatte gar bald ihre Toten, wo sie selber keine Toten auf dem Gewissen haben wollte. Wenn man also den Bolschewiki vorwirft, daß sie heute, statt den Terror in seinen »milden« Formen auszuüben und sich mit der Einkerkerung und Verweisung in Konzentrationslager ihrer politischen Widersacher, dann noch armseliger Spekulanten und Saboteure zu begnügen, zuweilen Menschen füsilieren und mitunter sogar 202 in großer Zahl, so darf man darauf füglich mit dem französischen Spruch antworten: » Que Messieurs les assassins commencent! « Ich für mein Teil gestehe, daß ich die Arbeit, die eine rasche Kugel verrichtet, menschenfreundlicher erachte, als die Arbeit, die lebenslängliche Einzelhaft an einem Individuum vollbringt, auch wenn nach zehn Jahren Amnestie ihr ein Ende bereitet. Tausendmal höher als das Leben ist die Freiheit zu achten, auch die physische Freiheit der Bewegung, des Atmens, des Schweifendürfens über die weite Erde . . . navigare necesse! Der Terror, den die Kommunisten Rußlands ausüben, trennt demokratisch fühlende Sozialisten von ihnen (wie der von ihnen eingeführte verschärfte Arbeitszwang auch jene undogmatischen, die in ihm nicht die vorübergehende durch Not gerechtfertigte Maßnahme erkennen) – Terror aber stellt gewiß eines der notwendigsten Mittel erhöhten Selbstschutzes einer belagerten Gemeinschaft vor, die sich gegen den eigenen Feind behaupten will. Sogar Kautsky, der Kritiker der Diktatur, der von den Bolschewiki als Renegat in Acht und Bann getane Theoretiker Kautsky hat, wie ihm Trotzky das in seiner Broschüre »Terrorismus und Kommunismus« nachweist, in einer älteren Studie den Wiedertäufern das Recht zur Ausübung terroristischer Maßnahmen zugestanden, weil diese Maßnahmen unter dem Druck der Belagerung Berechtigung besaßen. Nun ist ja Rußland, wie Kautsky wissen muß, eine aufs furchtbarste belagerte Festung und muß sich wohl oder übel vor inneren Feinden der Idee zu schützen suchen. Das aber, was der ethisch gerichtete Kommunist den 203 bedrängten Führern mit allem Nachdruck vorwerfen muß, ist: daß sie bei der Wahl der Exekutivorgane ihrer Außerordentlichen Kommission nicht umsichtig, vorsichtig genug verfahren und darum Willkür und Unverstand oft genug waltet, wo Rechtlichkeit und Einsicht die Energie in der Handhabung des Apparates kontrollieren müßten. Diese Außerordentliche Kommission ist, man kann es ruhig behaupten, heute die oberste, niemand verantwortliche Behörde Sowjet-Rußlands. Sie kann einen der führenden Kommissare verhaften, ohne nähere Begründung, ohne irgendwem dafür Rede stehen zu müssen. Bei Erklärung des Belagerungszustandes übernimmt der Volkskommissar der Wetscheka das Oberkommando über Stadt und Garnison. Der Volkskommissar der Wetscheka – der Fouquier-Tinville der russischen Revolution – heißt F. S. Dzerschinsky und ist ein etwa vierzig Jahre alter Mann von sanften, ja schüchternen Umgangsformen. Er hat, so sagt man, längere Zeit im Ausland gelebt, soll in Wien, Berlin und Zürich studiert haben und gilt als ein gebildeter Mann von puritanischer Denkungsart und durchaus einwandfreiem Charakter. Man hat ihn – ich weiß nicht mehr, wer, aber ich bin sicher, es gelesen zu haben – mit Franziskus von Assisi verglichen. Es ist bekannt, daß er im Warschauer Gefängnis die Unratkübel seiner Mitgefangenen täglich selber aus den Zellen geholt und entleert hat, »weil einer das Niedrigste für alle anderen besorgen muß, damit diese anderen vom Niedrigsten befreit seien«. Ein Sadist tut dergleichen sicher nicht. Als oberster Kommissar der gefürchteten und wild gehaßten Behörde tut 204 Dzerschinsky meines Erachtens etwas Ähnliches; er besorgt das Entsetzliche, aber unumgänglich Nötige in der kommunistischen Gemeinschaft der Regierenden. Nur sind es, hier wie anderswo, wiederum die »Spez«, noch dazu Spezialisten eigener Art in diesem Falle, die das ohnehin verrufene Kommissariat noch tiefer in Verruf bringen, die das ethische Moment, das der Terrorbehörde ebensogut wie der Roten Armee, wie dem Volkskommissariat Rykoffs, das die Expropriation durchgeführt hat, wie dem Kommissariat Lunatscharskys, das die Kirche vom Staat getrennt hat, innewohnt, sabotieren und beflecken. Diese Spezialisten der Wetscheka – es sollen sich darunter altbewährte Mitglieder der zaristischen Geheimpolizei oder der Schwarzen Hundertschaften befinden – haben sich der Kommission wohl nicht ausschließlich aus Not, sondern aus angeborener Neigung zur Unterdrückung des Nächsten angeschlossen, und die Kommunisten belohnen ihre Fähigkeiten, die sie bei der Verfolgung der Revolutionäre unter dem alten Regime entwickelt haben, mit doppeltem Pajok. Oft sind es aber auch ganz junge Burschen, die von der Wetscheka z. B. zur Beaufsichtigung von Bahnhöfen verwendet werden; diese haben zumeist im Krieg ihren Beruf entdeckt, sind indes noch nicht sattelfest, denn man hört von Mitteln der Betäubung, Kokain und ähnlichem, die diese Funktionäre zur Beschwichtigung etwa aufsteigender Gewissensnöte zu gebrauchen pflegen. Meine Erfahrungen mit untergeordneten Agenten der Wetscheka haben die ersten Wochen meines Aufenthaltes in Moskau, wie ich das im Anfangskapitel andeutete, genugsam vergiftet. Ich bedaure es keineswegs, daß 205 mir die entscheidenden Erlebnisse, über die mir aus der Lubjanka, Butyrka, dem Andronewski-Kloster entlassene Kollegen mehr oder weniger glaubwürdige Berichte erstatteten, mit Einzelhaft, Hungerstreik, Verlausung und Flecktyphus, spitzelnden Zellengenossen und seelenfolternden Untersuchungsrichtern, erspart geblieben sind . . . Wenn die Feinde der Bolschewiki behaupten, der Terror, den die Kommunisten ausüben, habe auch darin seine Ursache: daß das jahrhundertelang unterdrückte Proletariat seinem Machttrieb und Rachegefühl nunmehr die Zügel schießen lasse – so ist das bare Verleumdung! Es sind keineswegs Proletarier, die im Namen des Proletariats die Funktionen der Kommission ausüben, sondern eine bestimmte nichtproletarische Beamtenschicht, der eine starke Beimengung von raffinierten, abenteuerlustigen, kaltgeherzten und sich an der Perversion des Gefühls ergötzenden Intellektuellen eigen ist. Der hierzulande aus Gefangenenlagern sattsam bekannte »Unteroffizierstypus« spielt in diesem Zusammenhang gar keine Rolle. Die Besetzung der so notwendigen Behörde mit geeigneten Funktionären ist gewiß eines der schwierigsten und gefahrvollsten Probleme; daß alte zynische Praktiker mit den Amtshandlungen betraut sind, bleibt genau so bedauerlich wie die Verwendung von unfähigen, gegen die Regeln der Psychologie verstoßenden Neulingen. In der zweiten Nacht nach meiner Ankunft in Moskau wurde ich von der Außerordentlichen Kommission gesucht. Dies geschah auf folgende Weise: Zwei Leute traten in einem ganz anderen Hotel, nämlich im Hotel der Delegierten der 206 Internationale (ich wohnte damals am anderen Ende der Stadt in einem kleinen Gasthof, in dem ausländische Gefangenenaustausch-Kommissionen untergebracht waren), in das Zimmer eines mir bekannten Genossen ein, weckten ihn aus seinem wohlverdienten Schlummer und fragten ihn, ob er der Herr von der »United Press« wäre. Nun war dieser Genosse erstens nicht ich; zweitens bin ich nicht der Herr von der United Press, sondern vom United Telegraph; als der Genosse verneinte, fragten die Besucher, ob er im Zusammenhang mit den deutschen Unabhängigen stände – dies beruhte drittens wieder auf einer Verwechslung meiner Person mit der Person eines dritten Genossen, der gleichzeitig mit mir in Moskau eingetroffen war. Als diese Frage abermals verneint wurde, gingen die Beamten fort und nahmen dann, um nicht vergeblich mitten in der Nacht gekommen zu sein, viertens aus einem anderen Zimmer die Notizenbücher eines vollkommen einwandfreien Kommunisten zur näheren Durchsicht mit. Dieses Beinahe, diese Unzuverlässigkeit muß ebenso heftig getadelt werden wie die allzugroße Schlauheit älterer erfahrener Inquisitoren, von der andere aus ihrer Erfahrung zu berichten wissen. Denn, wie immer wieder betont werden muß: ist die Außerordentliche Kommission auch von allergrößter Notwendigkeit, so ist sie als kommunistische Behörde doch nur bis ins Letzte erst gerechtfertigt durch einwandfreies humanstes Vorgehen und durch genauestes Funktionieren des ganzen Justizapparates. Bei der Wahl des Hauses, in dem das Kommissariat Dzerschinskys untergebracht ist, hat der Zufall (oder war es Absicht?) einen grimmigen 207 Scherz gemacht. Der Sitz der Wetscheka ist in einem riesigen Bureauhaus an der Lubjanka, in dem sich ehemals eine Lebensversicherungsgesellschaft befunden hat. Hier verschwinden viele Personen, von denen man kaum weiß, aus welchem Grunde sie in Haft genommen wurden. Es kann geschehen, daß man verhaftet wird, weil man zur Zeit einer Haussuchung bei Bekannten oder Leuten, mit denen man gerade zu tun hatte, eingetreten ist. Ich sagte: verschwinden; das bedeutet keineswegs Ausgelöschtsein auf Nimmerwiedersehen, sondern lange und langwierige Haft; die Dekrete der ersten Zeit haben, so wurde mir berichtet, für die Erledigung der Fälle eine Frist von 24 Stunden festgesetzt – doch geschieht es jetzt zuweilen, daß Verhandlungen gegen Inhaftierte monatelang hinausgeschleppt werden, oft aber gar nicht stattfinden, und der Gefangene dann einfach entlassen wird, ohne Entschuldigung und natürlich auch ohne Entschädigung. Es kann auch passieren, daß man verhaftet und als Spekulant behandelt wird, weil man dem Verhungern nahe, im Schleichhandel ein Stückchen Käse oder Speck erstanden hat, oder weil ein Proletarier, dessen Pajok auf sich warten ließ, selber irgendwelchen armen Hausrat verkauft hat, wodurch er das Prinzip des geldlosen Verkehrs durchbrochen hat und unter die Spekulanten geraten ist. – Bei besonders eklatanten Fällen von Wucher und natürlich auch, wenn es sich um ungetreue Beamte handelt, die von ihren Befugnissen verbrecherischen Gebrauch gemacht, Gemeingut zu eigennützigen Zwecken verwendet haben, wird kurzer Prozeß gemacht. Wie notwendig umsichtige, ausgedehnte 208 Kontrolle über alle verdächtigen, gegenrevolutionären Elemente ist, haben wir während des Oktobers in Moskau erlebt, als an einem der letzten Tage des Monats ein von ehemaligen Offizieren der Zarenarmee ausgehecktes Komplott aufgedeckt wurde. Das Gebäude des Generalstabs sollte um die Stunde, zu der eine wichtige Sitzung fast aller Volkskommissare einberaumt war, in die Luft fliegen. Die Kontrolle über alle im Zentrum des geplanten Attentates vereinigten und auf wichtige Punkte der Stadt verteilten Gruppen der stark organisierten und verzweigten Verschwörung funktionierte vollkommen: am Abend hatte man alle, einige Hundert, in der Hand. Was wäre geschehen, hätte die Kommission diese Verschwörung nicht rechtzeitig und restlos aufgedeckt und unterdrückt? Ich will es nicht ausmalen, was an jenem Abend allen Kommunisten und Nichtkommunisten, jedem Bewohner Moskaus, ja Rußlands, was uns Ausländern in unseren bewachten Häusern widerfahren wäre. In der Nacht des denkwürdigen Tages ward der Belagerungszustand über Moskau erklärt, Dzerschinsky übernahm das Oberkommando über Stadt und Garnison, und um zwei Uhr nach Mitternacht wurde in der ganzen Stadt eine große Zahl vorgemerkter Personen verhaftet, darunter mir gut bekannte Mitbewohner unseres Hauses.   Wie man in Rußland gegen die Folgen der Not, des wirtschaftlichen Niederganges, gegen das eigene und fremde Leiden durch einen Akt der Notwehr der Natur abstumpft, so stumpft man auch gegen die Ereignisse ab, die den Terror hervorrufen, und die der Terror in 209 seinem Gefolge hat. Am schwersten gewöhnt sich die Bourgeoisie an diese Ereignisse, weil sie sich durch den Terror am nächsten bedroht fühlt. Die Bourgeoisie, die unter den Zaren die Fakta Sibirien, Schlüsselburg usw. ohne besondere Aufregung hinnahm, flucht jetzt aus gekränktem ethischen Bewußtsein dem Terror der Bolschewiki, der in seinen Ergebnissen nicht den hundertsten Teil von dem ausmacht, was der Terror der Weißen an den Grenzen und in den besetzten Gebieten unter dem gesinnungstreuen Proletariat und nicht zuletzt unter der Bourgeoisie anrichtet. Indes, wie ich sagte, man stumpft ab. Gegen den Anblick der Gefangenentrupps, die man zuweilen am frühen Morgen in der Nähe der Bahnhöfe, der großen roten Gefängnisse, von wenigen Bewaffneten bewacht, tristen Zuges durch die Straßen marschieren sieht. Gegen die Kunde von Verhaftungen und Exekutionen von Personen aus dem weiteren und näheren Bekanntenkreis. Das Fatalistische, das dem halborientalischen Russen im Blut liegt,. teilt sich, auf dem Wege durch die Vernunft, die die Notwendigkeit eiserner Maßregeln erkannt und einsehen gelernt hat, gar bald und in wuchtiger Schwere auch dem Westeuropäer mit. . . .   Besteht ein Unterschied zwischen einem Volksheer und einer terroristischen Regierungsbehörde? Beide vernichten Menschenleben, beseitigen Feinde, die sich an der Idee vergreifen; schuldigere Schädlinge im Lande selbst, als an den Grenzen, das ist gewiß. Man lasse die Bolschewiki in Ruhe ihre großen Kulturaufgaben, die eine sittliche Umwälzung der Welt bedeuten, 210 vollenden. Die Mörder der Idee an den Grenzen und die Meuchelmörder im Hinterland, die draußen mit Armeen und Blockade auffahrenden und die heimliche Anschläge schmiedenden daheim mögen doch selber mit der Humanität beginnen! » Que Messieurs les assassins commencent! « Solange Rußland einer belagerten Festung gleicht, kann die Außerordentliche Kommission nicht entbehrt werden. Solange der Kommunismus politischer Werkzeuge bedarf, um sich zu behaupten, ist die Diktatur in jeglicher Form vonnöten. Aber der Terror – sei er auch unabwendbare Notwendigkeit des Kampfes – rächt sich früher oder später – und zwar nicht an dem System allein. Der Terror ist es, der den Kommunismus der Bolschewiki daran behindert, aus einer politischen Richtung Religion zu werden! Heilig ist das Menschenleben, heiliger die Freiheit des Menschengeschlechts! In der furchtbaren Zeit, die durch unser Verschulden über uns hereingebrochen ist, kehrt jetzt das Schicksalswort, das Kampfwort: Sein und Sichbehaupten zu seiner schreckhaft primitiven Bedeutung für den Menschen und den Menschheitsgedanken zurück.   Religion Im Frühjahr und Sommer 1918 hörten wir in Berlin in geschlossenem Kreise wiederholt Vorträge russischer Genossen, die uns über die wichtigsten Fragen der Verwaltung und Politik Sowjet-Rußlands Aufschluß gaben. Nach solch' einem Vortrag fragte ich einmal einen Genossen, 211 der heute als einer der Führer des Bolschewismus gilt, welchen Einfluß die Lehren, die Persönlichkeit, das religiöse Genie Tolstojs auf das Werden des neuen Rußlands geübt haben. Ich bat den Genossen, uns über das religiöse Problem zu belehren, das der Bolschewismus zu lösen hat, soll er aus einem politischen und ökonomischen System das werden, wofür wir den Kommunismus doch immer gehalten haben, nämlich ein Bekenntnis zur seelischen Gemeinschaft der Menschen, im wahren Sinne Religion. Der Genosse schien über dieses Ansinnen nicht sehr erbaut; er bemerkte kurz, die Passivität Tolstojs, »der ja predige, daß man die linke Backe hinhalten soll, wenn man auf die rechte einen Streich bekommen hat«, die Lehre, dem Übel nicht mit Gewalt zu widerstreben, hätte nichts mit dem Bolschewismus zu schaffen – im Gegenteil, sie entspränge ja gerade der russischen Passivität, die der Bolschewismus auszurotten unternommen hat – und was das religiöse Problem anbelangt, so hätten die Bolschewiki sogar vor kurzem noch eine kirchliche Prozession in Kasan (?) geduldet; sie seien überhaupt tolerant in bezug auf solche kirchliche Schaustellungen und Umzüge, vorausgesetzt, daß sich mit diesen keine antibolschewistische Agitation verbinde. Diese Erklärungen befriedigten weder mich noch den größeren Teil der Hörer; besonders die Verwechslung von Religion und Ritus hat uns ziemlich verwirrt. Erst als ich in Moskau angelangt war, merkte ich, wie leicht es in Rußland wird, Religion und Prozession miteinander zu verwechseln. Die vierzigmal vierzig Kirchen Moskaus und 212 die vielen Tausende von Heiligenbildern und Altärchen, die an allen Häuserfassaden und Straßenecken angebracht sind, halten die Bevölkerung in einer fortwährenden religiösen Erregung, welche sich sichtbar darin manifestiert, daß die rechte, das Kreuz beschreibende Hand niemals in die Tasche kommt, sondern auf einer fortwährenden Wanderung zwischen Stirn und Brust, rechter und linker Schulter begriffen ist. Ich bin einmal von meinem Hause bis zum Auswärtigen Amt einem Muschik nachgegangen und habe gezählt, wie oft er auf diesem Wege das Kreuz geschlagen hat. Vor einzelnen Kirchtürmen und Ikonen zählte ich fünf bis neun Bekreuzigungen; die Gesamtzahl anzugeben, bin ich heute nicht mehr imstande. Man kann in den Kirchen und Kapellen Rußlands Menschen sehen, die einhalbhundertmal nacheinander mit derselben Geste vollendeter Hingabe die kotbedeckten Fließen, ein paar dutzendmal die fleckigen Scheiben an den Stellen, wo unter dem Glas die Hand, die Füße, Stirn und Mund der Madonna und des Kindleins sich befinden, mit inbrünstigen Küssen bedecken. Die Kirchen sind heilige Honigwaben, jede Wabe ist ein in Gold gefaßtes und mit Edelsteinen kostbar geschmücktes Ikon eines der unzähligen Heiligen der byzantinischen Kirche. Und inmitten dieser goldenen Waben bewegen sich, agieren und zelebrieren goldgewandete Fakire, ertönt das monotone Geleier des Vorbeters, der die sakramentalen Worte: » Gospodi pomiluj! « »Herr, erbarme dich unser!« zehndutzendmal 213 ohne Unterbrechung herunterhaspelt. Hier ist die Religion wahrhaftig zur Maschine degradiert, der Mensch zur Gebettrommel, der Sinn der Handlung verschwindet vollkommen unter der körperlichen Übung; die Heiligkeit der mystischen Handlung weicht einem theatralischen Pomp, der umso verwunderlicher erscheint, als ja das sichtbare Oberhaupt der Kirche, der Zar, die weltliche Obrigkeit der Kirche, der Synod, längst beseitigt sind, und zwar ohne den geringsten Widerstand und das Volk bei den sozialen Voraussetzungen seiner Existenz gepackt worden ist, was seine Anschauungen gewandelt und in den tiefsten Wurzeln seiner Gläubigkeit erschüttert haben müßte. Es wurde mir zwar versichert, besser gesagt, es wurde mir die ständige Redensart wiederholt, die man in Rußland von offizieller Seite immer wieder hört, wenn man nach den religiösen Bedürfnissen des heutigen Russen fragt: daß es nun ganz andere Menschen seien, ganz andere Schichten der Bevölkerung, die sich vor den Türmen, den Heiligenbildern der Kapellen bekreuzigten, als ehemals – nicht mehr Proletarier, sondern der verelendete und verschüchterte Bourgeois (der jetzt wol seinen Herrgott kennengelernt hat!) – allein diese Auskunft ist ungenügend und hält bei näherer Prüfung nicht Stich. In den Kirchen sieht man Bauern in größter Zahl, und wenn hier auch kein Soldat und wenig Arbeiter angetroffen werden können, so schleicht draußen vor den Kirchen und Klöstern doch mancher mit einem schiefen Blick vorbei, in dem sich so etwas wie schlechtes Gewissen verrät . . . Tritt man in ein Bauernhaus ein, 214 ist der einzige Fleck, der sauber gehalten und dem hohen Ehrengast eingeräumt zu sein scheint, die Ecke mit den Heiligenbildern. In elenden Hütten habe ich zuweilen neun Ikone gezählt: alle waren in verhältnismäßig kostbare Goldblechrahmen gefaßt und vor jedem hing ein silbernes Lämpchen mit farbigem Glas. Die Bewohner einzelner dieser Hütten hatten sich mit dem System des Kommunismus und den Behörden der Bolschewiki aufs beste zu stellen gewußt, denn wir wurden freundlich und ohne Scheu empfangen. Aber die Gepflegtheit jener Heiligenecken bewies, daß die Grundveste des alten Glaubens, aus dem alles, was die Bolschewiki vernichten wollen, emporgewachsen ist, noch felsenstark in den Seelen der Bewohner begründet und unerschüttert geblieben ist trotz der drei Jahre. Es sollte ja doch auch mit dem Teufel zugehen, wäre der alte Gott des Russen, des »Kristianin« – das ist bezeichnenderweise das russische Wort für Bauer – über Nacht Marx und seiner Lehre geopfert worden. Niemals könnte diese Lehre, niemals der Bolschewismus sich im Wesen des Russen verwurzeln, nie hätte er sich in ihm behaupten können inmitten aller Gefahren und Nöte ohne die Weichheit und fatalistische Passivität, die dem Slawentum innewohnt – aber auch ohne den diesem mystischen Wesen des Slawen merkwürdigerweise beigemengten wildesten und stärksten Fanatismus, der gerade im Dulden seine innigste Befriedigung sucht und erreicht! Bei allem Maschinellen seines Ritus ist der Russe, wir ahnen das aus jeder Zeile Dostojewskis, in seinem religiösen Erleben tiefer veranlagt als welches Kulturvolk des Westens immer. Ich 215 glaube, diesem Volk ist kein religiöser Cant, keine Heuchelei, kein Lippenbekenntnis zu Gott nachzusagen. An den Pforten der Kirchen, Kapellen, Klöster stehen die wunderlichen, wunderbaren Gestalten der Pilger, reglose, langhaarige, langbärtige, sanfte Menschenstatuen, rastend für kurze Stunden auf ihrem rastlosen Wanderweg durch das immense Land, durch das sie eine rätselhafte Stimme des Blutes lockt und treibt. Wissen sie vom Schicksal, das das Land erlebt hat? Vernehmen sie den vibrierenden Laut der Not und Spannung in den Lüften? In ihnen lebt Gott, der Unaustilgbare, laut und brausend weiter, und sie folgen allein den Schicksalswegen, die eine unerreichbare Macht ihnen vorgezeichnet hat. An ihnen zerschellt die Wirklichkeit . . . Noch rufen dir die Bettler, die Krüppel und die Kranken vom Straßenpflaster mit brechender Stimme das Wort Christos hinauf, wenn du an ihnen vorübergehst – einen jungen Blinden allein habe ich, so oft ich an ihm vorüberging, das Wort » Towarischtschi! « rufen hören! Er rief sie unzählige Male den Vorübergehenden zu, der Arme, diese Zauberformel der Neuen Gemeinschaft: »Genossen!« Und heimste weniger Almosen ein als seine Nachbarn, die die Menge im Namen des alten Gottes beschworen.   Immer wieder steht mir ein Bild vor Augen, wenn ich an den religiösen Russen und sein heutiges und zukünftiges Schicksal denke: die beiden emporgereckten, über die Flamme des 216 lodernden Scheiterhaufens in die Höhe stechenden Schwurfinger des Protoppen Avakkum, des Führers der Raskolniken, die sich zum alten Ritus mit den beiden Schwurfingern bekannten, während die Neuerer sich mit drei Fingern bekreuzigten. Dieser Protopp, der unter Peter dem Großen verbrannt wurde – seine beiden wilden Finger über den Flammen recken sich auch über dem heutigen Russen in die Höhe. Es ist ein Fanatikervolk, das die größte Umwälzung, die die Geschichte kennt, allen Völkern voran vollbracht hat, und das der wirkliche Erlöser der Erdenvölker genannt werden darf. Weil dieser Fanatismus seine Wurzel im Glauben besitzt, müssen die Bolschewiki zusehen, wie sie der wunderbegierigen Seele des Volkes auf die Dauer ohne Berücksichtigung ihres Dranges zur übersinnlichen Welt gerecht werden. Entfernt sich der Bolschewismus immer entschiedener vom mystischen Urgesetz des Kommunismus, so stirbt er ab, und die Welt der Erdenmenschen geht Erschütterungen entgegen, die sie zerschmettern werden. An dem Tore, das zwischen der ehemaligen Duma und dem Historischen Museum am Eingang des Moskauer Roten Platzes erbaut ist, klebt zwischen beiden Torbogen die kleine Kapelle der wundertätigen Iberischen Mutter Gottes. Sie bildet das Ziel aller Pilger, aber auch der meisten profanen Besucher Moskaus aus dem weiten Allrußland. Dieser Kapelle gegenüber war unter den Fenstern des zweiten Stockwerks in die Mauer der ehemaligen Duma bis zur Oktoberrevolution ein anderes wundertätiges Madonnenbild eingelassen. Die Bolschewiki, die sich an die Klöster und Kirchen (deren Eigentum sie sofort 217 konfisziert hatten) nicht recht herangetraut haben, brachen unter vielen anderen Heiligenbildern auch dieses aus der Dumamauer. An seiner Stelle haben sie eine Tafel angebracht mit dem Zitat aus Marx: »Religion ist das Opium der Völker.« Der brave Muschik, der zur Iberischen Mutter Gottes wallfahrtet und von Hörensagen oder früheren Besuchen her weiß, daß es der Kapelle gegenüber, dort oben, ebenfalls etwas Heiliges anzubeten gibt, bekreuzigt sich jetzt zwölfmal vor der Kapelle und zwölfmal vor dem Ausspruch Marxens. Dies ist schon fast ein Symbol zu nennen. Nicht minder der Verkaufsstand unter der blasphemischen Tafel: man kann dort neben Zigaretten, Äpfeln und Heften einer schmutzig pornographischen Schundliteratur in voller Öffentlichkeit und kaum zehn Schritte weit vom Kreml Heiligenbilder und Lämpchen in größter Auswahl zum Verkauf gestellt sehen – und sie werden gekauft. Die Bolschewiki haben redliche Anstrengungen gemacht, um dem Volke den alten Wunderglauben auszutreiben und damit einen der Grundpfeiler seiner Verdummung und Lethargie zu zerbrechen. Sie haben kurz nach Ergreifung der Macht die Särge der Heiligen im Lande geöffnet, diesen Vorgang kinematographisch festhalten lassen und dann die Filme in den Kirchen gezeigt. Außerdem haben sie in einem Propagandazug diese Särge durch ganz Rußland gejagt. Jawohl, die Särge waren offen und enthielten zerfallene Mumien, Knochenüberreste, Gewandfetzen, Schmutz. Aus den Dörfern und Weilern strömten die Bauern zu den Stationen herbei, um diese Särge zu bestaunen, Was aber sagte der Muschik? Daß die 218 Heiligen schlauer gewesen seien als die Bolschewiki, daß sie sich nämlich im Oktober samt und sonders aus dem Staub gemacht hätten, d. h. jetzt im Himmel säßen und in ihren Särgen Mist zurückgelassen hätten. Ebensowenig hat der Arbeitszwang, der im Oktober 1917 der Geistlichkeit auferlegt wurde, und der das große, uferlose Popengesindel, die parasitären Mönche und die Legionen der niederen und höchsten Geistlichkeit plötzlich zu produktiver Tätigkeit anhalten sollte, die gewünschte Wirkung gehabt. Als nämlich die Bevölkerung die bis dahin ziemlich verachteten Popen, die von größerer Ehrerbietung umgebenen Mönche und all' die Geistlichen der verschiedensten Kategorien in bäurischer oder städtischer Tracht die schwersten Arbeiten, Wasserschleppen, Holzhauen, Düngerfahren verrichten sah, bemächtigte sich ihrer ein großer Schreck. Die Bauern und die Städter fütterten und kleideten die Bedauernswerten, die nun mit einem Male arbeiten mußten, wie sie, die Bauern, die Städter, es ihr Leben lang getan hatten und die Popen, die Mönche, die Geistlichkeit sahen nun in dem allgemeinen Elend ringsum ihre goldenen Tage! Aus Faulpelzen und Fakiren waren über Nacht Märtyrer geworden . . . Heute werden in den Kirchen Messen mit demselben Pomp zelebriert, der vor der Oktoberrevolution gang und gäbe gewesen sein soll. Zwar werden Wasserweihen, Fahneneide, Universitätseröffnungen usw. nicht mehr unter kirchlicher Assistenz oder überhaupt nicht gefeiert – das ist klar. Aber daß die vom Staat getrennte und boykottierte Kirche noch immer die wundervollsten Chöre bezahlen kann, davon habe ich 219 mich durch manchen unvergeßlichen Ohrenschmaus während all' der drei Monate dankbar überzeugt. Unerfindlich bleibt es, wie die Regierung es nicht zuwege bringt, wenigstens die geistliche Sucharewka, als die sich so viele kirchliche Institutionen erweisen, diese contradictio in adjecto zu den Grundprinzipien des Bolschewismus durch einen zwingenden logischen Willensakt aufzuheben, wenn sie dies auf metaphysischem Wege doch nicht erreichen kann. Die Liturgie endete unter dem Zaren mit dem Gebet für die Dynastie, den Synod und das christliche Heer; unter Kerenski mit den Worten: »Noch beten wir für die russische Großmacht, über die Gott seine schützende Hand strecken möge«; jetzt aber, unter den Bolschewiki, lautet die Formel: »Noch beten wir für die leidende russische Großmacht, für Vaterland und Heer.« Ich möchte wissen, was Generalissimus Trotzky zu diesem Flehen um Hilfe von oben sagt! Das letzte Jahr hat übrigens ein merkwürdiges Schisma gezeitigt. Erzbischof Wladimir von Pensa hat den Kommunismus und seine weltliche Behörde, die Bolschewiki, öffentlich anerkannt. – Ich fragte herum, welche Bedeutung diesem Schisma beizumessen sei, ob damit ein Anfang zur Vertiefung des Gedankens in dem Bewußtsein des Volkes gemacht wäre? Der geistliche Herr, an den ich diese Frage richtete, ging über den Erzbischof und seine Wandlung mit einer bezeichnenden Handbewegung zur Tagesordnung über. – – 220   Um Tolstoj weben Legenden. Er soll nicht gestorben sein. Sein riesiger Schatten schwebe weinend und ruhelos über dem leidenden Volk, ein dunkler Vogel flügelschlagend ob den Hütten. Seine Jünger kommen nicht zur Ruhe. Viele von ihnen sind tot: jene, die den Dienst in der Roten Armee verweigert haben. In Samara hausen andere verschüchtert in Kolonien; sie sind Vegetarier – ihr Abstinenzlertum ist ihnen durch die Maßregeln der Bolschewiki, die den Alkohol abgeschafft haben, leicht gemacht worden. Sie sind der Politik abhold, aber sie können sich andererseits mit den Methoden und dem System des Bolschewismus nicht befreunden – wie jegliche Macht, so lehnen sie auch den Zwang ab, der durch die Regierung der Bolschewiki ausgeübt wird – der heutigen Gemeinschaft wohnt nach ihrem Empfinden nicht jenes ethische Element, jener sittliche Kern inne, der sie zu freudigen Bejahern machen könnte. Viele wertvollste Menschen aus der näheren Umgebung, aus dem nächsten Kreise um Tolstoj sind geflohen, gestorben oder halten sich scheu abseits. Einer von ihnen – sein Name ist jedem, der sich mit dem Leben Tolstojs befaßt hat, wol vertraut – kehrte vor einem Jahr mit seiner Familie nach Rußland zurück, stellte sich mitsamt seinen Söhnen den Bolschewiki zur Verfügung; heute arbeitet nur noch ein Sohn für die Regierung, die anderen haben sich zurückgezogen. Tschertkow begegnete ich im Vorzimmer Lunatscharskys; er bereitet eine Gesamtausgabe der Werke, Briefe, Tagebücher und mündlichen Aufzeichnungen von Gesprächen sowie der Biographie Tolstojs vor, hundert Bände im ganzen. 221 Auch Duschan Makowitzky, Tolstojs Arzt, traf ich in Moskau; er hat Jassnaja-Poljana verlassen, um in seine alte Heimat in der Slowakei zurückzukehren. – Ende 1920 setzte unter den deutschen Kolonisten in den südlichen Gouvernements an der Wolga eine panikartige Flucht ein. Dieser alte, von Katharinas Zeiten her ansässige treue Mennonitenstamm verließ seine schönen, reinen, wohlgeordneten Dörfer, die reichen Felder verkommen nun, das Vieh verdirbt. In unbegreiflicher Verwirrung fliehen die treuen Siedler aus ihrem alten Lande – die Bolschewiki haben nichts getan, um ihnen ihren Irrwahn zu nehmen, daß sie bei der Ausübung ihrer Religionsbräuche behindert würden. Wohl haben da auch Aushebungskommissionen ihr unverständiges Werk verrichtet.   Gott wurde in Rußland durch Lunatscharsky entthront. Auf unvollkommene Weise, wie es sich zeigt. Zuweilen gab es, in der ersten Zeit, wie man mir erzählte, große öffentliche Disputationen im Großen Theater, im Dom Sojusow, dem Haus der Gewerkschaften. Anwälte der Bolschewiki und Anwälte Gottes, d. h. der in Moskau vertretenen Glaubensbekenntnisse aller Völker Groß-Rußlands, lieferten auf den Bühnen Redeschlachten vor dicht gedrängten Sälen. Jedes Bekenntnis kam zu Worte. Lunatscharsky schlug auf das Pult und zieh den alten Gott, den voroktoberlichen, der Ungerechtigkeit: er sei ein Gott der Klassen zu nennen, ein Schurkengott! Wie dem auch sei – der Bolschewismus dürfte sich nicht damit begnügen, eine politische Sekte zu bleiben, eine weltlich verkrüppelte Sekte der 222 Essäer oder verspätete Schwester einer anderen utopischen Gemeinschaft – ihm täte not, daß er zu seinem Wesenskern, der Religion ist, zurückfände. Auf der Fahrt von Reval nach Moskau hatte ich mit Angelica Balabanoff eine Aussprache über diese Frage. Sie – einer der tiefst religiösen Menschen dieser Zeit – sagte mir: all' diese Bestrebungen, den Kommunismus zur religiösen Angelegenheit zu stempeln, seien in den führenden Köpfen der Bolschewiki schon um das achtzehnte oder zwanzigste Lebensjahr überwunden gewesen; die wesentlichen Fragen des Bolschewismus seien wirtschaftliche und politische Fragen; auf diese allein müsse man sich konzentrieren. Ich erwiderte: dies sei schlimm genug; wenn das Religiöse mit dem jugendlichen Überschwang aus den Köpfen der Bolschewiki verschwunden sei, müßten sie in dieser Beziehung wieder werden wie die Kindlein. Gibt es im Bolschewismus dieser Tage Ansätze zu einer Bindung mit der Metaphysik, Hinweise auf die Möglichkeit, daß der Kommunismus der Lenin, Trotzky, Lunatscharsky durch den alten verhärteten, eingefleischten Aberglauben des phantastisch hingegebenen Volkes in die Tiefe dringe, wo die Quellen sprudeln, aus denen die Seelen Nahrung schöpfen? Der Kommunismus hat seine Heiligen: die Häupter der Pariser Kommune von 1871, Delescuse, Ferré, Dombrowsky – dann Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht. Auf dem Marsfeld in Petersburg, an der Kremlmauer in Moskau ruhen die Kämpfer der kommunistischen Revolution – hier, wo die Spuren der Schüsse noch in den 223 Ziegeln des alten Mauerwerks und in der weißen Fassade des Senatspalastes klaffen, hat man auch jene Blutzeugen des Gedankens, die im Dienste der Weltrevolution ihr Leben gelassen haben, zur Ruhe gebettet. Zur Zeit meines Aufenthaltes in Moskau wurden dort an der Kremlmauer die junge Norwegerin Ines Armand und der amerikanische Apostel des Kommunismus John Reed begraben; beide waren todkrank von der Konferenz der Orientvölker in Baku nach dem Mekka ihres Glaubens zurückgekehrt. In jenen Marmorobelisk im Alexandergarten stehen die Namen der Kirchenväter des Kommunismus eingemeißelt: sie entstammen zum Teil den Akten der Märtyrer des Sozialismus. Der Subbotnik hatte, ehe ihn, wie so viele andere Funktionen der Bolschewiki, die brennende Not des Landes seiner tiefen Bedeutung entkleidete, sicherlich etwas von religiösem Kult aufzuweisen. – Vor und nach den Feiern, Versammlungen und Sowjet-Sitzungen wird die »Internationale« gesungen, ertönt oft der wundervoll ergreifende »Klagegesang auf die Toten der Revolution«. Das sind Vorläufer eines werdenden Kultes, eines Rituals der weltlichen Kirche, und sie strömen aus gläubigen Herzen, sind noch keineswegs zu leeren Gebräuchen erstarrt. In der Verfassung der Sowjet-Republik, dort, wo die Worte stehen: die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen habe aufgehört, in einzelnen Dekreten aus der ersten Zeit der bolschewistischen Herrschaft klingen die Glocken der Bergpredigt über die Menschen der heutigen zerfallenden Gesellschaft hinweg. Auf Bräuche stößt man, die an Zeiten und 224 Zeichen der frühen Katakomben-Christenheit gemahnen: bei Begegnungen in Rußland, beim Wiedersehen im Ausland umarmen und küssen sich Genossen auf Mund und Wangen. Das ist nicht die alte russische Sitte – der übrigens auch bereits ein religiöses Element innewohnte – nicht die Geste der Freude über Freundschaft und Verbundensein und Begegnung allein: in diesen Umarmungen gibt sich eine höhere Verbindung kund, im Angesicht des gemeinsamen Ideals und der gemeinsamen Gefahr, in der das Leben jedes Einzelnen sich stündlich befindet, der sich zum Glauben an die welterlösende Lehre und zu ihrem Dienste bekennt. Und so bedeutet jeder Kuß, der auf solche Weise gegeben und empfangen wird, einen Abschiedskuß fürs Leben. Auf der Heimreise von Iwanowo nach Moskau blieb unser Zug in der Nähe eines kleinen Ortes Jurjew Polski infolge einer Schneeverwehung stecken. Trotz großer Mühe konnten wir aus dem Schnee nicht herausgeschaufelt werden. Da wir im Zuge fast keine Lebensmittel hatten, litten wir schon am ersten Tage Not. Jurjew Polski ist ein kleines, in einer Talmulde der russischen Ebene gelegenes kreisrundes Städtchen, aus dem in die Winterbläue eine Unmenge bunter Türme emporragt. O, die russische Winterlandschaft, das wunderliche runde Städtchen, umgeben von weitem Weiß – in unermeßlicher Ferne zwei kleine, langsam dahinziehende Gefährte – näher schon ein Reiter mit etwas Blitzendem am Gurt, im strahlenden Schnee landeinwärts galoppierend! Aus dem Städtchen, in dem sich die Kunde verbreitet hatte, daß Klara Zetkin sich in unserem Zuge befinde, bewegte sich eine kleine Gruppe von 225 Menschen über das Feld zu uns heraus. Männer und Frauen trugen in ihren Armen große Holzschüsseln, auf denen alles, was die Gegend an Nahrungsmitteln hervorbringt, Brot, Fleisch, geräucherte Fische, Honig und Eier lagen. Wie ehemals mit Brot und Salz, kamen sie jetzt mit diesen Leckerbissen heran, um uns Eingeschneite vor dem Hungertod zu retten . . . Die schönen ernsten und ehrfurchtsvollen Mienen dieser Männer und Frauen, die Geste des Bringens, des vor uns Hinbreitens der Schüsseln, das stille Aufblicken dieser Menschen, ihr Reden und ihr Schweigen . . .   In vielen Seelen des neuen Rußlands ist heutigentags ein Glaube wach, der in Zeiten, wie wir sie durchmachen, mit starkem Zauber auf die Gemüter zu wirken pflegt: der Glaube an das bevorstehende Erscheinen des Erlösers. Im Widerstrebendsten ist eine Ahnung des gewaltigen Geschehens, das sich kundgibt und für das politische und wirtschaftliche Gründe unzulänglichste, unbefriedigendste Lösungen zulassen. Die Angst vor dem noch tieferen Eindringen des verderblichen Opiats in den Volkskörper läßt die Führer des Bolschewismus ihre religiöse Mission leugnen – an die sie inbrünstig glauben. Dafür spricht die Hingabe, die sie bei der Erfüllung ihres Werkes an den Tag legen. Dafür spricht auch das sonst unbegreifliche Feuer, das sich von Moskau aus über den ganzen Erdball verbreitet hat. Wenn die Adyar-Bewegung, die Theosophie, die neue aus Deutschland stammende Lehre der Anthroposophie unter den verzagten 226 Intellektuellen immer mehr an Bedeutung gewinnt, so verbreitet sich dafür unter dem niederen, dem emporgehobenen Volke der Glaube, daß ein Erlöser der Menschheit in der Person Lenins , den der Volksmund mit seinem Vatersnamen Iljitsch liebkosend nennt, bereits unter den Menschen weile. Ein Schicksalslicht aus Märtyrertum und Menschengläubigkeit webt um Iljitsch, der Hunger, Exil, Verfolgungen aller Art kennt, der verwundet worden ist von Kugeln und Flüchen. Die Gestalt Lenins, in dessen Natur der Fanatismus des russischen Bauern mit der Weltklugheit eines Führers der Massen sich auf seltsamste Weise paart, lenkt in Wahrheit zugleich die Schicksale des Volkes, dem er entstammt und die Welt zu einer neuen, erst in den nebligen Anfängen erkennbaren Gläubigkeit hin.   Zu den vier Kelchen, aus denen die Menschheit bisher Beseelung, überirdisches Labsal getrunken hat: den Feigensaft Buddhas, den Wein Roms, den Honig des Davidsohnes Christus, die Milch Mohammeds, fügt sich der fünfte – bis an den Rand gefüllt vom heilenden Wasser des Kommunismus. In diesem von Seufzern und Schreien widerhallenden Tränental, dieser von Not, Begeisterung und Verzweiflung geschüttelten Weit lebt ein starker Glaube an die Zukunft, ohne den kein Wesen auf die Dauer zu bestehen vermag; ein Jenseitsglaube, wie ihn kein Bekenntnis bisher den Menschen zu schenken vermocht hat. Dieser Glaube, der mit metaphysischer Gewalt von immer größeren Kreisen der Menschheit Besitz ergreift, ist: der Glaube an die Weltrevolution. 227   Welt-Revolution Jede Seite dieses Buches trägt mit unsichtbarer, zuweilen aber auch mit sichtbarer Schrift die Worte »Zarenregime, Weltkrieg, Blockade, Krieg des Weltkapitals gegen Rußland« aufgedruckt. Dies sind die hauptsächlichen Ursachen der furchtbaren Nöte der Sowjet-Macht, gegen die Erfindungsgabe, Opferwilligkeit und Begeisterung bei dem Aufbau des Systems ihren harten, verzweifelten, zuweilen aussichtslos scheinenden Kampf durchzukämpfen haben. Die Tragik des russischen Proletariats fügte es, daß die Sowjets in einem Augenblick zur Macht gelangt sind, in dem die Wirtschaft des Landes in ihren Grundvesten unterminiert und zugleich die Wurzeln der Gesinnung der Menschen durch Müdigkeit, Habgier, Blutlust angefault waren, das Land zu einem sozialen Umschwung wenig geeignet erschien. Verhängnis des proletarischen Schicksals: daß die Diktatur automatisch und aus naturnotwendigen Ursachen mit der Zerrüttung des kapitalistischen Wirtschaftssystems zusammenfallen muß, was dann weitgehende Unwilligkeit zur Arbeitsleistung und damit vollständige Desorganisation des gesamten Produktionsapparates zur Folge hat. Gegen diese moralischen Faktoren führt die Sowjet-Macht einen nicht minder heroischen Kampf, als es jener ist, den sie gegen viele andere von diesen unabhängige Hindernisse materieller Natur durchficht. Seit drei Jahren leistet Rußland einem von vierzehn Staaten genährten konzentrischen Waffenangriff erfolgreichen Widerstand. Es beantwortet ihn mit einer Offensive der Idee, die in Moskau 228 ihren Hort gefunden hat. Ätherwellen der Initiative zucken von dieser Metropole der Welt bis in die entferntesten Teile der von Menschen bewohnten Gebiete. Heute schon kann man erkennen, wie diese Ströme von Kraft die individuellen nationalen Sonderheiten der Länder zu irritieren, beeinflussen, stellenweis umzuwandeln beginnen; wie sich überall, je nach den äußeren und inneren Lebensbedingungen und Anlagen der Völker und ihrer proletarischen Majoritäten eine Umwälzung ankündigt, hier erst durch leises Krachen im Gebälk, dort bereits durch unheimlich grollendes Erdbeben. Positive Faktoren dieser Umwälzung sind in den im Weltkrieg besiegten Ländern: die zusammengebrochene Finanzwirtschaft, damit die offenkundige Krise der Produktion, die Unhaltbarkeit der Lebensführung der Arbeiterschaft, des Mittelstandes und das bis in die Tiefen gedemütigte Nationalbewußtsein. Mit diesem zuletzt genannten Faktor muß eine Politik rechnen, die sich des Mittels der Katastrophen zur Erreichung ihres Endziels bedienen will. Die Irredenta Deutschlands, Österreichs, die Zerrüttung des Balkans, in den sich Rumänien und Serbien zu teilen haben, die vernichtete Türkei, um die sich die Entente streitet, sie müßten einer Politik dieser Art ebenso sichere Handhaben bieten, wie die Gärung in den vom britischen Imperialismus mißbrauchten Ländern Irland, Ägypten, Kanada, Indien. Ich sage: »müßte«, weil ich weiß, daß sich die Weltrevolution in den Köpfen jener aktiven Politiker des Bolschewismus, die sich der Sprengkraft der kommunistischen Idee auch ohne Katastrophengläubigkeit bewußt sind, als ein Ereignis darstellt, das auf mehr oder minder 229 betont mechanischem Wege herbeigeführt werden kann. Diese Sinnesverfassung zwingt zu einem Verweilen bei den materiellen Faktoren der Weltrevolution. Es gehört zu den oft erörterten Tatsachen, daß sich ein sozialer Umsturz der Art, wie er sich in Rußland ereignet hat, in selbstversorgenden Ländern leichter befestigen kann, als in Ländern, die auf Einfuhr der nötigsten Lebensmittel angewiesen sind. Die Bolschewiki hätten ohne Zustimmung und tätige Unterstützung von seiten der Bauernschaft nie zur Herrschaft gelangen können, sie befestigen sich trotz des Verfalls der Industrie, deren Erzeugnisse erst in zweiter Linie für die Erhaltung des Verkehrs und der Existenz wichtig sind – ja, trotz der eigenwilligen Sabotage dieser selben Bauernschaft, auf deren Gründe hier des öfteren hingewiesen worden ist. Utopische Gebilde sozialer Neuschöpfung können sich, wenn sie in selbstversorgenden Ländern entstehen, innerhalb einer feindlichen kapitalistischen Umwelt trotz politischer Isolierung behaupten, sie können sich sogar, falls geeignete Wehrkräfte an den Grenzen und im Inland sie verteidigen, so lange und siegreich behaupten, bis die kapitalistische Umwelt gezwungen ist, durch eine improvisierte überstaatliche Organisation mit dem blockierten und boykottierten Lande in Verbindung zu treten. Dies ist heute schon genau zu beobachten, da unter der Oberfläche bereits die Fäden des Verkehrs zwischen Rußland und ihm politisch diametral entgegengesetzten Staaten geknüpft sind. Pflicht des klassenbewußten Proletariats der Völker wäre es, Rußland und die Tendenzen seines proletarischen Systems aktiv, oder wo dies 230 nicht möglich sein sollte, durch passive Resistenz zu verteidigen. Die Verbindung Rußlands mit den imperialistisch-kapitalistischen Ländern aber geschieht sozusagen hinter dem Rücken des Proletariats, d. h. diese Verbindung gehen die Rußland helfenden Länder zur Stärkung ihres heimischen Kapitalismus ein und benützen die Notlage des feindlichen Proletarierlandes, um sein innerstes Wesen zu diskreditieren. Das Werkzeug, dessen sich Rußland zur Herbeiführung der zögernden Aktion des Weltproletariates bedient, ist die Partei: die Partei mit allem, was in diesem Wort an Zweideutigkeit und Unzulänglichkeit enthalten ist. Die Kommunistische Partei Rußlands als mechanisches Werkzeug operiert sogar auf gefährlichere und unzulänglichere Art, als das aus praktischen, taktischen Gründen zulässig erscheinen sollte. Es hat den Anschein, als wolle diese Partei, die zahlenmäßig gering, in Rußland selbst sich einer feindlichen Umwelt im eigenen Lande zum Trotz, vermöge ganz besonderer, aus den Verhältnissen Rußlands erklärlichen Konstellationen behaupten und entwickeln konnte, jetzt all den proletarischen Parteien der Welt ein Revolutionsschema vorschreiben, Bedingungen diktieren, die den inneren Verhältnissen jener Proletariate kaum genügend Rechnung tragen – und die sie selbst, die Kommunistische Partei Rußlands, gar nicht mehr beobachtet. Man erlebt angesichts der Moskauer Forderung das sonderbare Schauspiel, daß die kommunistischen Parteien der fremden Länder viel päpstlicher sind als der Papst, d. h. bei weitem schroffere Prinzipien zu vertreten haben, als Moskau selbst, das, wie gerade die letzte Zeit es wieder bewiesen hat zu 231 Änderungen seines Programms genötigt war und zu Kompromissen aller Art gegriffen hat. Zur Weltrevolution, deren Herbeiführung Gesetzesdiktate, Parteiverordnungen usw. ermöglichen sollen, wäre eine in ihrer äußeren wirtschaftlichen Struktur wie ihrer inneren geistigen Verfassung homogene Welt notwendige Voraussetzung. Aber man muß gar nicht weit gehen, um zu sehen, wie gefährlich das System diktierter Anschlußbedingungen ist. Rußland selbst, das gewaltige, ist ja völlig unhomogen. In Sibirien z. B. sitzen in den Sobranjes neben Menschewikis, Sozialrevolutionären, Anarchisten sogar die Konstitutionellen Demokraten, die »Kadetten« der weiland Duma. Dort sind auch Rede- sowie Pressefreiheit und Formen des Privateigentums wieder hergestellt. (Japan ist bedrohlich nah!) Wie sollte sich nun, um nur ein Beispiel zu nennen, das Volk der Vereinigten Staaten, in denen der Arbeiter einen bürgerlich gehobenen Mittelstand repräsentiert, in seiner großen Mehrheit ganz und gar nicht sozialistisch zu denken und zu fühlen gewohnt ist, zu einem Umsturz im Sinne Moskaus verstehen? – Wo ja sogar Moskau selbst den Fehler begangen hat (denselben, den es sich gegenüber den englischen Shop-Stewards hat zuschulden kommen lassen), die syndikalistischen I. W. W., Industriearbeiter der Welt, tatkräftige Reserven der Revolution, nicht in geeigneter Weise für die Dritte Internationale zu benutzen. Man darf den Bolschewiki den Vorwurf nicht ersparen, daß sie, indem sie die Psychologie fremder Völker und ihrer Proletariate nicht genügend berücksichtigten, über ihr eigenes Land und ihre eigene Arbeiterschaft übergroße Not und Leiden 232 gebracht haben. Daß sie aus demselben Grunde ihr eigenes System dem Zwang fundamentaler Widersprüche und Veränderungen unterwerfen mußten, die es in mancher Hinsicht bis an den Rand des Widerrufs geführt haben. Indes wird dieser Vorwurf sofort gemildert werden müssen, wenn man sich von der Betrachtung der rein materiellen Handhaben für die Weltrevolution entfernt: die Fehler der Bolschewiki ruhen in ihrem grenzenlosen Idealismus, der Gläubigkeit ihrer Führer, die das treibende Element der ganzen Weltbewegung ist, und als deren Ausdruck die Überschätzung der Menschen im allgemeinen zu gelten hat. Und es darf sich daher jeder, der den Bolschewiki den Vorwurf macht, sie hätten das Proletariat fremder Länder (und ihres eigenen!) für die Idee des Kommunismus bereits reif und berufen gehalten, angesichts des Versagens der Bewegung in ihrer ersten Phase füglich an die eigne Brust schlagen und » Mea culpa! «rufen. Indes setzt die Partei es fort, Dogmen aus Moskau in die Proletariate der westlichen Völker zu schleudern, wodurch diese in verhängnisvoller Weise gespalten und zu direkten Aktionen immer unfähiger werden. Wann wird es der Idee gelingen, das Proletariat, die große heilige Masse der Erde, diese im Weltkrieg allein und ausschließlich – auch in den siegreichen Ländern der Entente – geschlagene Masse des Proletariates zu sammeln und geeint vorwärtszuführen?   Durch die Weltrevolution sollen alle unterdrückten Klassen, Rassen und Völker der Erde befreit werden, das Joch des Kapitalismus zerschmettert ins Dunkel der Vergangenheit 233 zurückfliegen. Das ist kein Zufall, daß es zum großen Teil Intellektuelle jüdischer Rasse sind, die die Sache der Unterdrückten führen, und deren Führerschaft von dem klassenbewußten Proletariat aller Rassen und Konfessionen solidarisch anerkannt wird. – Nach dem Versagen der Weltrevolution im Westen antwortete dem fast schon triumphierenden Imperialismus der westlichen Regierungen die enorme Aktion der unterdrückten Völker Asiens. Als ich nach Moskau kam, war die Konferenz in Baku, eines der großen weltbewegenden Ereignisse der Neuzeit, gerade beendet; Führer und Delegierte strömten zurück nach der Kapitale. Sinowjew hatte den Vorsitz in Baku gehabt, und als er den Heiligen Krieg gegen den Weltimperialismus verkündete, da hatten sich achtzehnhundertneunzig Delegierte fast sämtlicher asiatischen Völker, Stämme und Nomadengruppen wie ein Mann erhoben, ihre Revolver, Säbel und Dolche aus den Gürteln gerissen und in einem einzigen Aufschrei ihr Einverständnis zum gemeinsamen Weltbefreiungskampf mit Moskau verkündet. Im Osten gibt es kein Proletariat im Sinne des Westens. Die Bedingungen der Erhebung und der Durchführung der Revolution sind dort andere, als in den Staaten der westlichen Zivilisation. In Asien soll, wie Radek das in Baku ausgeführt hat, die Revolution nach der Befreiung der Ostvölker hauptsächlich vom britischen Weltimperialismus und der Zerbrechung seiner Kolonialgewalt, den Kampf gegen die inländischen Ausbeuter durchführen, den Feudalismus beseitigen und das Werk durch eine Agrarrevolution, wie sie in Rußland stattgefunden hat, vollenden. In 234 diesem kolossalen Projekt – wie auch in der Wiederholung des Wortes vom Heiligen Krieg, das wir 1914 und in den folgenden Jahren des öfteren zu hören bekommen haben – verrät sich eine Grundtendenz, deren die kommunistische Bewegung Rußlands nicht entraten kann und mag, und die mit der Bezeichnung Panslavismus , wie mir scheint, nur angedeutet, nicht aber umzirkelt ist. Wie im Gedanken des Roten Heeres der Panslavismus mit der Bekämpfung der weltkapitalistisch gerichteten Feinde des neuen Rußlands eine Vereinigung erfahren hat, verbindet sich in der Revolutionierung Asiens der religiöse Nationalismus des Russen mit dem der geknebelten und der unentwickelten Völker des Ostens.   Die Führer der Bolschewiki, die Emigranten, die in Genf, Zürich, Berlin, Stuttgart, Paris, London die russische Revolution in glühenden Nachtdebatten und angestrengter Tagesarbeit vorbereitet haben, setzen ihre Tätigkeit jetzt im Kreml in großartigstem Maßstabe fort. Sie sind Fanatiker der Weltrevolution, wie sie ehemals die Fanatiker der russischen Revolution gewesen sind. Pathetische Anlässe, wie die Beerdigung im Dienste der Idee gefallener Führer (Leichenfeier für John Reed), entflammen religiöse Inbrunst auf bebenden Lippen. In Gesprächen aber, die man mit den Leitern der Weltbewegung zu führen Gelegenheit findet, kommt zumeist nüchternes Abwägen der Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Klassenkampfes in seinem augenblicklichen Stadium zum Ausdruck. Es ist für den keiner Partei angehörenden ausländischen Publizisten natürlich nicht leicht, auf alle Fälle 235 unerquicklich, sich mit russischen und nichtrussischen Führern über das Thema Weltrevolution auseinanderzusetzen. Doch bleibt es eine der wichtigsten Aufgaben, zu beobachten, wie sich dieses Problem in den Köpfen der Obersten der Bolschewiki malt. Hier, wie auch in all' den anderen Fragen der inneren Politik, Wirtschafts-, Parteipolitik kämpft Erfahrung und Temperament, Universalität und Russentum, Gläubigkeit und Skepsis in bedeutsamster und verhängnisvollster Weise um Methode und Aktion. Ich verbrachte an manchem Nachmittag Stunden bei Radek im Kreml. Kuriere mit Radionachrichten aus der ganzen Welt gaben sich die Klinke seiner Zimmertür in die Hand. Auf dem Boden kroch Fräulein Sonja Vera, die das Gehen noch nicht erlernt hatte, auf allen Vieren umher. Unter Beachtung der mäandrischen Wege, die seine Tochter auf dem Teppich beschrieb, ging Radek mit den Depeschen in der Hand, sprechend und gestikulierend, zwischen Tür und Schreibtisch den Mäandern der Weltpolitik nach. Es war im höchsten Grade bewundernswert, wie dieses eminent schlagfertige politische Gehirn jede unscheinbarste Nachricht, die Äußerung irgendeiner Persönlichkeit der Weltdiplomatie, einen irgendwo aufflammenden Streik, die geringste Schwankung der Weltmärkte, Stand der Valuta, einen fingierten Zug irgendwelcher fremder Mächte gegen Rußland oder eine ihnen befreundete Macht sofort verarbeitete und zur Beurteilung der nächsten Aktionsnotwendigkeit benutzte. Die stabile, sozusagen von der Wissenschaft hergeleitete Kraft Tschitscherins besitzt in Radek, der einer der fähigsten Journalisten dieser Zeit ist, ein Korrelat von 236 höchster Bedeutung. Sicherlich ist Radek einer der ersten Faktoren der unablässig vorwärtstreibenden Weltbewegung, wichtigster Gärstoff der Weltrevolution. Wie sein jüngerer Freund, der Theoretiker des Bolschewismus Bucharin, steht Radek (mit Trotzky, Ossinski-Obolenski u. a.) auf dem äußerst linken Flügel der Führerschar. In Zeiten, da die Bewegung an einer gewissen Raststelle angelangt ist, verliert man einen und den anderen der bewährten Führer für eine Weile aus den Augen. In solchen Perioden ist der Schmiegsame wichtiger als der Ungestüme, der Aufbauende, der Organisator wichtiger als der Propagandist. Da scheint dann die notwendige Opposition gegen die zu Konzessionen und Kompromissen geneigten Rechtsstehenden für eine Zeit paralisiert und ausgeschaltet zu sein. Mit einem Ansprung aber stehen plötzlich die Linken dann wieder auf dem Plan, vor aller Augen auf ihrem Posten. Die Weltrevolution stellt einen steilen und an Kehren und Windungen reichen Weg dar. Mancher, der nicht Schritt halten und die Notwendigkeit des Richtungswechsels nicht einsehen kann, fällt und erhebt sich nicht mehr. Es geschieht oft, daß irgendeiner, der von Moskau Abschied nimmt, um heimzureisen und in seinem Lande die Bewegung zu führen, daheim plötzlich als ein Abtrünniger oder vom Tempo der Bewegung Überrannter sich erweist. Der Zauber Moskaus ist der Atmosphäre des gewohnten Milieus gewichen, und Moskau kann eine seiner Hoffnungen aus der Liste streichen. Zuletzt geschah dies mit Serrati, dem Italiener, der in Moskau noch als starke Säule der Weltrevolution gefeiert worden war. 237 Béla Kun. Ich lernte ihn in Moskau kennen und hatte wiederholt Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Dieser von den Verleumdern aller Nationen als blutrünstiger Tyrann Verschriene ist unter den Kommunisten großen Kalibers, die mir begegnet sind, den Pionieren der Weltrevolution, sicherlich einer der gläubigsten, zartest fühlenden und gütigsten Menschen, bereit, das Leiden der schuldlos zu Schaden Gekommenen zu lindern, der Menschlichkeit Gehör zu schaffen inmitten der härtesten Notwendigkeiten. Im Grunde vereint jeder wirkliche Revolutionär diese Eigenschaften: Mitleid mit der leidenden Kreatur und fanatischen Willen, der Unerträglichkeit des Mitansehenmüssens dieser Leiden ein Ende zu bereiten. Der ewig unerschütterliche Glaube an das Gute im Menschen kann so bezwingend werden, daß er das Gebot der Gerechtigkeit übertönt, aber auch auf verhängnisvolle Weise sich kundgeben, durch Nachgiebigkeit und zage Weichheit im gefährlichsten Augenblick, wodurch die Aktion in die schwerste Not geraten kann und zuweilen auch geraten ist. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, sind besonders die weiblichen Führer der Weltbewegung merkwürdig. Zärtlichste Mütter und zugleich erbarmungsloseste Kämpferinnen um die Auflösung des heute gültigen Gebildes der Familie. Man kennt die Briefe Rosa Luxemburgs aus dem Gefängnis: es sind rührende Dokumente einer franziskanischen Alliebe – und doch war diese Frau die konsequenteste Verfechterin all' der Notwendigkeiten der an Härten wahrlich nicht armen Kampfbewegung des Proletariats. Auf die unerhörte Arbeitsleistung der Moskauer Führer wies 238 ich schon öfters hin. Zur maßlosen Bewunderung steigerte sich mein Gefühl für die sich Opfernden des Kommunismus, wenn ich zuweilen Frauen beobachten konnte, in Moskau, in Petersburg, die angesichts der Not an geeigneten Exekutivorganen ihre schwierige Arbeit taten, ihren Platz auszufüllen bestrebt waren. Klara Zetkin, eine Frau nahe an die Siebzig, fast erblindet, hat die beschwerliche Reise nach Moskau um die ungünstigste Jahreszeit unternommen; ihr Tag, von dessen 24 Stunden der Schlaf nur vier in Anspruch nahm, war ganz ausgefüllt von Arbeit an Broschüren über die Erziehungsprobleme Rußlands, Berichten über die russische Bewegung an die deutschen Frauen, über die deutsche Bewegung an die russischen Organisationen. Ein einziger Nachmittag erforderte zuweilen zwei längere Ansprachen an Versammlungen in den Sowjets, in Kongressen von Lehrern, vor Frauenvereinigungen, der Abend meist ausführliche Referate vor den verschiedensten Körperschaften. Ich hörte Klara Zetkin einige Tage nach ihrer Ankunft in Moskau vor dem deutschen Soldatenrat über die wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands sprechen. Wie fast jeder Fremde, der nach Moskau kommt, litt sie in den ersten Tagen an der Ruhr. Sie sprach über zwei Stunden und führte ihre Rede durch, obzwar sie zweimal ohnmächtig aus dem Saal gebracht werden mußte. Die staunenswerte Energie der revolutionären Frauen! Sie verursacht auch manches tragische Schicksal – ein solches lernte ich in Petersburg kennen, als ich dort Emma Goldmann aufsuchte, die ich von Amerika her gut kannte. Viele geborene Führer haben sich in dem ungeheuren 239 Problem Rußlands nicht bewährt, nicht zurechtgefunden. Wenn es in Amerika hier und dort so etwas wie einen revolutionären Sozialismus gibt oder gegeben hat, so hat ihn diese außerordentliche Frau in jahrzehntelangem Ringen und angestrengtester Arbeit vorbereitet. Als Anarchistin aber ist sie dem Bolschewismus gegenüber dieselbe kritische Utopikerin geblieben, wie sie es der amerikanischen Demokratie gegenüber sein mußte – die Bolschewiki wissen mit ihr nichts anzufangen, Emma Goldmann reist mit Alexander Berkman, dem Anarchisten, jetzt von ihrem Petersburger Hotelzimmer aus nach Charkow, nach Omsk, nach Archangelsk, um für das Revolutionsmuseum im Winterpalais Material zu sammeln – die weltbewegende Kraft liegt brach, verzehrt sich . . . Es gibt unter den Führern der Bewegung Intransigente der Idee, von denen wir das verhaßte Wort Menschenmaterial, das im Weltkrieg jeder imperialistische Scharlatan und Massenmörder im Mund gewälzt hat, wieder und wieder zu hören bekommen. Damit sind die Menschenscharen gemeint, die die Idee des Kommunismus zur siegreichen Durchführung ihres Kampfes benötigt, die dieser Idee geopfert werden müssen. Aber auch bei derlei Zeloten der Menschenliebe – ich bin in Rußland einem und dem anderen begegnet – ist der Grund der Härte in einem grenzenlosen, die Natur des Menschen vollständig beherrschenden Entschluß zu suchen: daß die Ungerechtigkeit, die allzu lang angedauert hat, jetzt endlich radikal aus der Welt geschafft werden muß. Zuweilen erzittert solch eine weithin tragende metallische Stimme, und dann ist dem Lauschenden eine 240 Schwingung vernehmlich, eine unvergeßliche Vibration ertönt dem Ohre, die den verborgenen Wesenskern einer historischen Persönlichkeit enthüllt . . . In Augenblicken schlägt die Wucht der Idee, der Verantwortung, der Not der Gesamtheit das kühnste Herz gleichsam in Stücke. Der Gläubigste, seines Zieles am sichersten Bewußte, der starke Führer der geistigen und der praktischen Bewegung wird plötzlich mutlos, weich zu Tränen, sehnt und wünscht sich wie ein Schiffskapitän von seiner Karawelle auf hoher See im Angesicht fast schon der begehrten Küste nach dem Land, nach dem Debattierklub in der Züricher Mansarde, nach der Zeit des Elends, der Verfolgung, nach der alten Zeit im Exil zurück. Es ist die ewige Tragödie der Macht, und sie spielt sich in den Seelen der Verneiner der Macht in erschütternder Weise ab. Wer den Führern der Bolschewiki, den Trägern der Weltrevolution nachsagt, daß sie aus dem Trieb zur Machtentfaltung, zur Befriedigung irgendeines Rachegelüstes oder zur Bereicherung gehandelt haben und handeln, der kennt das Grundprinzip des revolutionären Charakters nicht: Verachtung des eigenen Vorteils, der Sicherheit der äußeren Existenz, des eigenen Lebens und Sterbens. Höher als all' dies gilt ihm das Fortbestehen der Bewegung, die Fortführung des Kampfes, die Propaganda . . . Einige Wochen nach meiner Ankunft in Moskau, um die Zeit, da die Kontrolle über mein Kommen und Gehen, über meine Anschauungen und Äußerungen nicht mehr so übereifrig geführt wurde als zu Anfang, habe ich in zwangloserem Verkehr mit einer und der anderen der führenden 241 Persönlichkeiten Einblick in ihre Häuslichkeit, die äußeren Umstände ihrer Lebensbedingungen gewinnen können. Über diese Frage kreisen die phantastischsten Vermutungen, Lügen und Hirngespinste in der Welt, ich weiß es. Im Kapitel über die Intellektuellen erwähnte ich, daß man sich, tritt man im Kreml bei einem der Führer, der die höchsten Machtbefugnisse in seiner Hand vereint, ein, fragen muß: ob dieser Mensch in einem Gefängnis, einem Absteigequartier oder einer wirklichen Wohnstube hause? Gewiß: hier und da ißt man sich im Kreml satt; es gibt dort zuweilen sogar Lachs, wenn es in der Stolowaja unten in der Stadt Hering gibt, und hier und da kann man auch eine Blechdose mit Preßkaviar und ein paar Stücke Würfelzucker auf einer Kommode erblicken – im großen ganzen aber würde sich der Herr Groschenrentier in der Schönhauser Allee bestens bedanken, wenn man ihm zumuten wollte, das Menü Lenins oder Radeks einige Wochen lang zum Muster zu nehmen. Die Bolschewiki lieben es nicht, wenn man sie mit den Puritanern vergleicht, ich weiß es aus den ironischen Randbemerkungen der »Iswestja« zu den Berichten Bertrand Russels; darum nur die Bemerkung, daß in dem Topf, in den man die Bolschewiki zusammen mit den Puritanern werfen könnte, oft nicht mehr schmort, als ein wenig Kascha mit Kohlsuppe.   Wenn man uns zum Gehen zwingen wird, werden wir die Tür hinter uns mit einem Krach zuschlagen, der den Erdball erschüttern wird.« Dieser pittoreske Ausspruch stammt von Trotzky. Er wurde in einer Zeit getan, als es noch nicht so felsengleich feststand, daß der 242 Bolschewismus sich behaupten können werde, inmitten des konzentrischen Angriffs der vierzehn Nationen, wie dies heute der Fall ist. Die Tür steht immer noch offen. Und durch sie ziehen sogar, wie man das beobachten kann, kleinere und größere Gruppen von Menschen aus Westen und Osten in eine Welt ein, die jenseits der Dünste, Betrübnisse und Verworrenheiten des Augenblicks schon in Zukunftsfernen sichtbar zu werden beginnt. Eine furchtbare Zeit der Kämpfe, geistiger und materieller Kämpfe, steht den Völkern der Erde bevor. In diesen Kämpfen geht es nur scheinbar um die Macht einer Klasse; im Grunde handelt es sich um den Triumph einer religiösen Vorstellung. Die Kämpfe um die Weltrevolution werden Religionsfehden sein, ähnlich jenen, die sich um das Heilige Grab entsponnen haben und jenen, die das Zeitalter der Reformation gezeitigt hat. Dem Bolschewismus wohnt vieles inne, was an die Reformation erinnern könnte: auch er zertrümmert Dogmen, obzwar er vorerst an ihre Stelle weithin sichtbare und der Anfechtung nur zu zugängliche neue Dogmen und Gesetzestafeln stellt. Doch bereitet sich die Wandlung in den Seelen auch der Dogmenungläubigen vor. Sie vollzieht sich sogar vielleicht in entscheidenderer Weise außerhalb jener Vereinigungen, Parteien und Bünde, die den Mechanismus der Weltbewegung dirigieren. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Stunde des Materialismus als treibender Macht des Weltgeschehens geschlagen hat. Der Historiker der Zukunft wird die Epoche, an deren Schwelle wir stehen, und deren Eingang Moskau bezeichnet, nicht mehr mit dem Maßstab des geschichtlichen Materialismus messen dürfen. 243   Völker hört die Signale! Am 18. Januar 1919 verbreitete sich in Rußland die Nachricht, daß Karl Liebknecht in Berlin ermordet worden sei. Um die Mittagsstunde des selben Tages begaben sich in einer kleinen Stadt eines entlegenen östlichen Gouvernements drei bewaffnete Arbeiter in das Haus eines Bürgers. Der Bürger, ein ältlicher Mann, saß mit seinen Angehörigen im Wohnzimmer beim Mittagstisch. Die Arbeiter blieben im Zimmer stehen und sagten: »Karl ist tot. Komm mit.« Der Bürger verstand nicht, was die Arbeiter mit diesen Worten meinten. »Wer ist Karl? Was meint ihr mit Karl? Wohin soll ich mitkommen?« Die Arbeiter sagten: »Karl Liebknecht ist tot. Die Bourgeois haben ihn ermordet. Komm hinaus.« Der Bürger fragte noch, was die Mordtat denn mit ihm zu schaffen habe, warum er, gerade er hinaus kommen solle? Aber er erkannte bald, daß es für ihn kein Entrinnen gab, er erhob sich inmitten seiner wehklagenden Angehörigen und folgte den Arbeitern auf den Hof seines Hauses. Bald darauf fielen drei Schüsse. Einige Tage nach meiner Rückkehr aus Rußland wohnte ich in Berlin einer politischen Versammlung bei, in der der Redner vor einem von Bürgern und Kleinbürgern dicht besetzten Saal – es mochten zweitausend Menschen zugegen sein – den Namen Rosa Luxemburg erwähnte. Er sprach ihn zweimal aus: das erstemal in einem Zusammenhang, der Lachen auslöste, das zweitemal erwähnte er ihren Tod, worauf aus der Schar der Anwesenden lautes Bravo! ertönte. 244 Ehe ich Moskau verließ, erfuhr ich von Bekannten, die in verschiedenen Kriegsgefangenen-Austauschmissionen der ehemaligen österreichisch-ungarischen Nation beschäftigt waren, daß (größtenteils ungarische) Genossen an den Grenzstationen Rußlands aus den Transporten zurückbeförderter österreichisch-ungarischer Kriegsgefangenen die Offiziere ungarischer Nationalität herausheben und entweder an Ort und Stelle internieren oder sie nach Moskau oder Petersburg zurückschicken – während die Mannschaften ordnungsgemäß in die Heimat, die sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatten, zurückbefördert wurden. Dieser Akt der Willkür der russischen und ungarischen Genossen erschien mir unmenschlich und unbegreiflich. Ich nahm mir vor, nach Kräften Abhilfe zu schaffen. Ich war erst einige Tage wieder in Berlin, da zirkulierte ein Aufruf, der von den besten Namen des geistigen Europa, den bewußten »besten Namen« unterfertigt werden sollte. Es handelte sich in diesem Schriftstück um einen Appell an die Menschlichkeit und Einsicht der Hortyregierung Ungarns, die soeben zehn ehemalige Volksbeauftragte der ungarischen Kommune, darunter die Mehrzahl Sozialdemokraten und nicht Kommunisten, teils zum Tode durch den Strang, teils zu lebenslänglichem Kerker verurteilt hatte. Bald darauf stand in den bürgerlichen Blättern des In- und Auslandes der Appell der besten Namen – diese waren gesperrt gedruckt – zu lesen. Zur selben Zeit aber saß in Reval eine ungarische Regierungskommission mit dem Beauftragten Sowjet-Rußlands Litwinow beisammen und unterhandelte. Litwinow hatte den 245 Ungarn eine Liste mit siebzig Namen von ungarischen kriegsgefangenen Offizieren vorgelegt, die im selben Augenblick füsiliert werden sollten, in dem von den zehn Volksbeauftragten auch nur an einem das Urteil vollstreckt würde. In den ersten Tagen des Novembers empfing mich Tschitscherin nachts in seinem Arbeitskabinett im Auswärtigen Amt zu einer Abschiedsunterredung. Mit seinem blassen Gelehrtengesicht saß er, einen dicken Schal um den Hals und eine Tasse Tee vor sich, inmitten bis zur Decke gestapelter Zeitungen, Dossiers und Broschüren in dem ungenügend geheizten Raum. Er sah mich mit einem Auge an, das zwischen den gabelförmig gespreizten Fingern seiner Hand röntgenscharf den Besucher auf Herz und Nieren zu prüfen schien. (Diese Attitüde, eine von den unheimlichen Gepflogenheiten der führenden Bolschewiki, sie mögen sie in der Schule der amerikanischen Energieprofessoren oder bei Ignaz von Loyola gelernt haben, habe ich des öfteren bei Volkskommissaren beobachtet, denen ich gegenüber saß.) Was Tschitscherin mir sagte, klang, von dieser heiseren und gemessenen Theoretikerstimme gesprochen, doppelt wunderlich. Er sprach mit offenkundigem Nachdruck, in der Absicht, daß ich von seinen Worten in breitester Öffentlichkeit den ausgiebigsten Gebrauch machen sollte. »Es bleibt uns keine Wahl. In Europa, in Amerika mordet man unsere Freunde und Genossen zu Tausenden, sperrt man sie zu Zehntausenden ein. Wir haben gegen diese Akte unsererseits nur das Mittel, Vergeltungsmaßregeln walten zu lassen. Es ist sehr traurig und bedauerlich, daß wir außer den in Rußland befindlichen 246 Angehörigen der Bürgerklasse fremder Länder gerade noch die Ärmsten und Bemitleidenswertesten, die Kriegsgefangenen als Geiseln zurückbehalten müssen. Es ist sehr bedauerlich, daß für Schuldlose abermals Schuldlose haftbar gemacht werden und leiden sollen. Aber wir müssen zu diesem mittelalterlichen System zurückkehren. Es bleibt uns keine Wahl.« Ich kenne einzelne unter den zehn ungarischen Volksbeauftragten, habe ihr Leben in Entbehrungen, treuestem Dienst für die größte Sache der Menschheit, in Treue und Aufopferung abrollen sehen. Litwinows Liste hat sie gerettet. Und den Siebzig in Rußland ist kein Haar gekrümmt worden. Der literarische Erguß der besten Intellektuellen hätte, bei der Mentalität der Hortyleute, sicherlich nicht den Erfolg erzielt, den das mittelalterliche System gehabt hat. Die »besten Intellektuellen« haben das tiefe, in seiner Abgründigkeit schauererregende Wesen der Blutsgemeinschaft aller heute Lebenden noch nicht erfaßt! – –   Was wir bis zum Kriege unter der Kultur unserer Welt verstanden haben, ist zum Untergang verurteilt. Diesen Untergang habe ich einmal, in einer Vision, blitzgleich mein Herz und Hirn durchzucken gefühlt. Wir saßen in einem Petersburger Palast beisammen, einige führende Genossen und Genossinnen und ich. Es war Nacht, und über unseren Köpfen brannte ein wundervoller venezianischer Lüster. Papiere und Druckschriften lagen auf einem kostbar intarsierten Tisch vor uns. Die Unterhaltung ging um geistige Dinge des kommenden Europas. Während 247 die anderen sprachen, blickte ich zum Lüster hinauf, auf den Tisch vor mir nieder. Leb wohl, Venezianerlüster, leb wohl, herrlich intarsierter Tisch, mit dem Verschwinden des Mehrwerts verschwindet ihr auch, Unwiederbringliche einer versinkenden Welt. In dieser Welt des Scheins seid ihr ja überhaupt nur noch Mumien der Erinnerung, trüber werdend, abbröckelnd mit jedem Tag. In dieser Welt der Verwandlung – was bin ich da, was sind diese hier mit mir, liebenswerte, reine und hohe Geister und doch fremd, wie fremd, unbegreiflich unsere Beziehungen zu einander, unbegreiflich die Zusammenhänge zwischen dir und mir, dir und dir. Wir alle, Geschöpfe einer den Zukünftigen unbegreiflichen untergegangenen prähistorischen Epoche. . . . Die Bolschewiki haben es unternommen, diese alte, inkoherente, aus Widersprüchen, Grausamkeit und Gedankenträgheit mühsam zusammengeleimte Welt zu zertrümmern, die der Vernunft ja doch nicht standhalten kann. Sie sind noch eifrig mit Zertrümmern beschäftigt – dem guten Willen und geschärften Blick indes zeichnen sich bereits definitive Umrisse der auf Sinn und Vernunft begründeten beseelten Welt der Zukunft. Die Bolschewiki wandeln die Gesellschaft in allen ihren Formen von unten auf gründlich um. Dem Begriff: Heiligkeit des keimenden Lebens haben sie ein Ende bereitet. Heiliger ist der Wille der Schwangeren; sie allein muß es bestimmen, ob sie Mutter werden will oder nicht. Dem Staat, der mit dem Menschen als Steuerzahler, Kanonenfutter, überzähliger Arbeitskraft bisher doch nur Schindluder getrieben hat, sind seine Befugnisse auf das richtige Maß zurückgeschraubt. In den 248 Kliniken Rußlands liegen gedruckte Bogen auf, in denen sich werdende Mütter in den ersten Wochen ihrer Schwangerschaft einverstanden erklären damit, daß der zu diesem Behuf angestellte Arzt ihre Leibesfrucht vernichte. Es soll keine Frau mehr Mutter werden müssen, die den Instinkt der Mütterlichkeit nicht in sich trägt. Die Ehe ist im bolschewistischen Rußland zur Farce, ein Scherz geworden – ich möchte fast sagen: wie das Geld. Wer Zeit und Lust dazu hat, Männlein und Weiblein, kann sich in einer Woche viermal trauen und dreimal scheiden lassen. (Die Woche hat sieben Tage.) Die Ämter, die diese Prozedur vornehmen, verlangen an Legitimation ein Mindestmaß: das Arbeitsbuch und die Unterfertigung eines Formulars. Im rötlichen Scheine einer an der Wand befestigten Fahne der Sowjet-Republik vollzieht sich diese Handlung auf rapide und mechanische Art. Es bleibt den Beteiligten unbenommen, nachher zum Popen oder Rabbiner zu wandeln. Viele sollen dies tun, wird gesagt. Selbstverständlich hindert keine Verordnung Menschen, die sich lieb haben, in einem durch das Gefühl geheiligten Bündnis beisammen zu bleiben. Es ist nur ein Haufen von Lügen, materiellem Zwang, veralteten Vorurteilen, gesellschaftlichen Konventionen und sonstigem Kehricht aus dem Leben der Gemeinschaft hinausgefegt. Für die Kinder sorgt der Staat, der auf solche Weise die Familie aufgelöst hat.   Es darf nicht vergessen werden, daß die Bolschewiki Intellektuelle sind, die mit geringen Ausnahmen aus dem Bürgertum stammen. Sie 249 kämpfen jetzt im Namen des Proletariats und für dieses Proletariat, mit dem sie ursprünglich gewiß geringere Fühlung hatten, als mit ihrer eigenen Klasse und Kaste, gegen diese Klasse und Kaste und gegen die Kultur ihrer Klasse und Kaste. Wenn die Bolschewiki aber Proletariat sagen, so meinen sie damit: die Menschheit. Sie sind es, die an der Spitze der zivilisierten Menschheit marschierenden kommunistischen Intellektuellen Moskaus, die die Formen der Gesellschaft, die Kultur der alten Welt zertrümmern und eine neue Gemeinschaft und Kultur erschaffen wollen – auf einer Grundlage von bisher unerhörter Breite, das kaum vorstellbare Gebilde einer geeinten Menschheit, in der sich die Klassen aneinander zerrieben haben, aufgelöst sind, in der alle Rassen, alle Farben Orients und Abendlandes, die Individuen aller Kulturschichten und Zonen gleichberechtigt sein sollen. Intellektuelle sind es, die es unternommen haben, den Individualismus dieses Zeitalters zu zertrümmern, ein weites, unabsehbares Trümmerfeld der allgemeinen Anonymität zwischen dieses heutige und jenes ersehnte und geahnte Zeitalter zu breiten, Intellektuelle sind's, die die Menschheit auf dieses Trümmerfeld vorwärtsjagen, damit sich auf ihm die Auflösung des Einzelschicksals vollziehe und aus dem großen allgemeinen Schicksal der Massen dort drüben ein neuer Individualismus von unausdenkbarer Herrlichkeit erstehe. Die Pole dieses Trümmerfeldes sind Egoismus und Altruismus. An seinem Eingang steht Blutsgemeinschaft von Geiseln, an seinem Ausgang Blutsgemeinschaft von Brüdern. Dazwischen liegt ein Leidensweg, wie ihn die Geschichte der 250 Zivilisation nicht keimt, Etappen der Verwüstung, Schlachtfelder mit Leichenbergen von Generationen, Krater von Besessenheiten. In Moskau lernt man es verstehen, warum dem Schicksal des einzelnen heute so geringe Bedeutung beigemessen wird.   Bolschewismus ist das System zur Verwirklichung des kommunistischen Ideals. Was jetzt in Rußland wirkt, ist noch nicht Kommunismus, sondern eine Anstrengung, die erste entscheidende Stufe zum kommunistischen Gemeinwesen zu erklimmen. In Rußland reißt eine revolutionäre Partei ein Volk zu dieser Stufe in die Höhe. Vor allem besteht die Aufgabe der Kommunisten darin: gut zu machen, was eine kapitalistische Entwicklung an der Grundidee des Christentums und den Endzielen dieser christlichen Idee gefälscht und vernichtet hat. Der Bolschewismus der Moskauer Führer stellt im Grunde eine Empörung des europäischen Gewissens gegen die ungeheure Entwürdigung und Unterdrückung des Menschengeschlechts dar – er tritt in einem Augenblick in Erscheinung, in dem diese Entwürdigung eine Phase des an Paroxysmus streifenden Verbrechens erreicht hat: im Weltkrieg. Seine ungeheure und verhängnisvolle Aufgabe erwächst dem jungen Willen zum Kommunismus in der Bekämpfung all' jener durch den Weltkrieg maßlos verhärteten Tendenzen der Gesinnung, die latent und niedergehalten schon immer auf dem Urgrund dieser Zivilisation gelauert haben und sich in diesen letzten Jahren breit entfalten konnten. Die Bolschewiki gehen den vergifteten 251 Elementen dieser Gesinnung mit äußerster Entschlossenheit zu Leibe, um sie wegzuräumen aus dem Weg zur Utopie. Ihr Versagen bei manchem Beginnen schichtet das Trümmerfeld nur zu gewaltigerer Höhe auf. Wo die Methoden der Bolschewiki aber versagen, da wuchert die Giftgesinnung sofort maßlos in Breite und Tiefe. Es ist unbestreitbar, daß die Kompromisse, die Lenin mit den eigentumsfanatischen Bauern zu schließen gezwungen war, und die er durch phantastische Mittel wie die Elektrifizierung Rußlands zu beheben gedenkt, aus der Verzweiflung zu erklären sind. Und die Erweckung der Massen Asiens stellt eine an Raserei grenzende Kampfmethode dar, die die Welt in den nächsten Jahrzehnten in unausdenkbares Chaos stürzen könnte. Die Bauernschaft. Schon erwähnte ich Symptome einer beginnenden Periode der Völkerwanderung, die sich vorerst in der Wolgagegend unter den von Panik ergriffenen Mennoniten bemerkbar gemacht haben. Aber auch unter den Bauern der mit Mißernte geschlagenen Gouvernements hat sich der Wandertrieb eingestellt. Scharenweise ziehen und irren diese Unglücklichen zumeist planlos, durch die weiten Gebiete des Landes, in die Städte, kreuz und quer von Süden nach Norden, von Osten nach Westen, und die ihnen entgegengesandten Truppenkordone vermögen dieser Auflösung keinen Riegel vorzuschieben. An solchen, Elementarkatastrophen vergleichbaren Ereignissen zerschellt das von den Bolschewiki sorgfältig erwogene System des Aufbaus. Die Ostvölker. Die Explosion von Baku reißt 252 die jungen Rassen weitester, unerforschter Gebiete mit einem Anhieb aus dem Urschlaf der Zeiten hinauf auf die höchste Spitze einer Entwicklung, die nur durch die Mühle der Weltgeschichte gegangene Völker erreichen, und auf der sich nur diese behaupten können. Zwischen dem Kommunismus eines kirgisischen Nomadenstammes und dem Kommunismus marxistischer Sozialisten liegt doch noch ein gewaltiger Weg. Alte Rassen aber, die Chinesen, Inder, deren Urgeschichte und sogar noch die der neueren Zeiten Aufkommen und Verfall des Kommunismus kennt, erleben jetzt den Anbruch der zweiten Epoche ihrer entschwundenen und durch die Mächte des Westens vollends unterdrückten Kultur. Indem die Bolschewiki bewußt gegen die Nutznießer der Lethargie dieser alten Kulturnationen Asiens: das imperialistische Großbritannien und das westliche Methoden nachahmende Japan sich wenden, beschwören sie eine Erschütterung herauf, die kaum in Jahrhunderten verebbt sein wird, und die das Werden einer neuen Kultur auf der Basis allgemeiner Völkervereinigung fraglich macht. So wird, wer Idee und Methode der Bolschewiki zugleich betrachtet, vom Himmel zur Hölle geschleudert, ein Spielball von Verzweiflung und Begeisterung. Wiederholt habe ich es aus dem Munde der Führer Moskaus vernommen, daß der Kampf um den Kommunismus – in seiner heutigen akuten Gestalt ist es ein Kampf der Bolschewiki um ihre Existenz – die Welt in Jahrzehnte andauernde Bürgerkriege stürzen wird. Dieser Kampf um die Kultur der Zukunft wird sicherlich mit all' der Erbitterung durchgefochten werden, die der Weltkrieg über eine 253 mißbrauchte und niedergehende Menschheit beschworen hat. Es gibt Atempausen des Kampfes, in denen man wie ein unterirdisches Grollen die tiefe röchelnde Wut vernimmt, Vorboten dessen, was sich ereignen könnte, stürzten demnächst die Klassen mit erneuter Wucht und ausgeruht aufeinander los. Wenn schon die Loslösung der Kirche vom Staate durch Dekrete dem alten Glauben und Aberglauben nicht den Garaus macht, die Loslösung des Kapitalismus von der Produktion wird den Trieb der Habsucht aus den Menschen nicht exstirpieren. Die Größe der Aufgabe, die der Bolschewiki harrt, wird erst evident, wenn die Notwendigkeit der inneren, seelischen Revolutionierung der Massen in Frage steht. Und da muß aber und abermals gesagt werden, daß, was die Bolschewiki zur Bildung des Volkes, zur Behebung des Analphabetentums getan haben, bewunderungswürdig wäre, auch ohne Berücksichtigung der elementaren Hindernisse, der alles bezwingenden Not des Landes – die diese Bewunderung allerdings ins Grenzenlose steigern muß. Aber auch diese geistige Befreiung der Massen kann ungeahnte Gefahr in sich bergen, wenn mit ihr der innere Aufbau der Menschen nicht Schritt hält. Die Schwächen des ökonomischen Systems können hier Resultate der Erziehung vernichten, Entwicklung in ihr Gegenteil verkehren. Das Ergebnis, das man aus Rußland mit nach Hause bringt, ist: aus der Politik des Bolschewismus muß die Religion des Kommunismus erstehen. Solange der Bolschewismus sich notgedrungen mit ökonomischen Problemen und Grundsätzen plagen muß, kann er an Stelle der 254 kapitalistischen Verkehrsmethode zwischen Menschen und Gütern nur eine ähnliche, wenn auch bessere Methode des Verkehrs zwischen Arbeitsleistung und Güteraustausch setzen. Erst wenn der Bolschewismus dieses erste Stadium überwunden haben wird, können die Beziehungen zwischen Menschen und Menschen aufgerichtet werden. Vorderhand sind die Menschen aber, und das lernt man in Rußland in entscheidendster Weise verstehen, zu dem notwendigen Fortschreiten auf dem Weg des Bolschewismus nur durch ein System des eisernen Zwanges zu bewegen. Dieses System, das zu seinem Endziel den Triumph des befreiten Individuums gesetzt hat, arbeitet mit äußerster Entrechtung, mit einer zeitlich unabsehbaren Unterdrückung der Freiheit des Individuums. Eines ist aber doch zu beachten: Ein neuer Militarismus ist in Rußland entstanden, eine Armee ohne Kadavergehorsam. Ein neuer Arbeitszwang, aber nicht vom Ausbeuter diktiert, sondern von der Staatsgemeinschaft. Eine neue innere Polizei, die aber jetzt im großen ganzen doch die Schädlinge faßt, wo sie ehemals von den Schädlingen gehandhabt worden ist. Die Erben der Despoten sind Lenin, Trotzky, Lunatscharsky. Diese Momente sind wohl zu beachten. Sie beweisen, das sich an den Zielen der Macht doch einiges geändert hat – man sollte dies nicht außer acht lassen in Augenblicken, in denen die Erkenntnis niederdrückt: daß die Methoden der Macht die gleichen geblieben sind, ja stellenweise sich noch verschärft haben. 255   Es ist Schweres, was man im Rußland der Sowjets erlebt. Nicht jeder geht heil aus dieser Prüfung hervor. Schaurig tönen die Signale der Befreiung dem Gläubigen ins Ohr. Zuweilen mit dem Posaunenton des Jüngsten Gerichts. Oft wollen sie fast die Hoffnung auf die Zukunft übergellen. Oft ist es einem, als sollte man sich wünschen, rasch von einer der düsteren Epidemien, die wie Wirbelstürme über die russische Erde fegen, ergriffen und hinweggerafft zu werden. Aber dann erhebt sich vor dem schier Verzweifelnden der blutende, der mystische heilige Mensch Rußlands, Tolstoj, der vor dem Tode, eigentlich schon nach seinem irdischen Tode, von Verklärung und Unsterblichkeit beschienen sich auf dem winterlichen Weg ins Ungewisse vorwärts tastet. . . . Es ist der Weg der Menschheit, den der russische Mensch geht, über den er die Menschheit vorwärtsführt, der Weg geht über Trümmer und Not und Alptraum zur Wiedergeburt und zur Gemeinschaft der beseelten Vernunft. Ist es Begeisterung, ist es Verzweiflung, was in der Seele dessen überwiegt, der aus Rußland zum übertünchten Abgrund der westlichen Zivilisation zurückkehrt? Ist es die Heimat, in die er zurückkehrt? Oder ist die Heimat nicht etwa dort, wo gelitten, gekämpft wird, unter dem hungernden, frierenden, ringenden Volk? Wo um das Menschenrecht gekämpft wird, ist die Heimat. Von dort her ertönen die Signale.