Ludwig Steub Sommer in Oberbayern Military Government Control License US-E-185 Titelvignette von Pocci Der Verleger an den Leser Mit seinen Originalverlagen hat der am 16. März 1888 in München gestoorbene Ludwig Steub wenig Glück gehabt. Daher steht es seinem nachgeborenen Verleger an zu erklären, was er sich von einer Steub-Renaissance verspricht. Der Leser könnte sonst argwöhnen, es handle sich um eine lokalhistorische Ausgrabung, um retrospektive Altertümelei, um mit Steub zu reden, verlegt aus der Verlegenheit um unsre deutsche Gegenwart. Der Gemeinde der Steubverehrer braucht man nicht zu sagen, was sie an dem Liebhaberschriftsteller Steub Köstliches hat. Aber diese Gemeinde ist klein. Aus ihren Kreisen ist zwar öfters der Versuch gewagt worden, Steub marktfähig zu machen, so vor allem durch Josef Hofmiller (»Das Schönste von Steub« bei Georg Müller). Gelegentlich taucht eine seiner Naturschilderungen, seiner Novellen oder Kulturbilder in Sammelbänden, Zeitschriften oder Einzelausgaben auf, und in der und jener Literaturgeschichte wird seiner mit einem Satze gedacht. Zu einer rechten Einbürgerung bei der Leserschaft haben diese Versuche nicht geführt. Das rührt vielleicht daher, daß Steub, als Erzähler oder als Kulturhistoriker für sich vorgestellt, selten völlig überzeugt. Wenn auch sein Freund Felix Dahn die autobiographischen Kindheitskapitel des Romans ???»Deutsche Träume« zu dem allerschönsten zählt, was wir auf diesem Gebiete besitzen, so offenbart sich der ganze Reiz der Steubschen Schreibart doch erst in der Verflechtung epischer, stilistischer und kulturhistorischer Elemente. Deshalb hat Steub in der Kunstform von Wanderbildern sein Bestes gegeben. Der Verlag stellt ihn zunächst mit bayrischen Skizzen dieser Art vor. Unter Steubs zwei Dutzend Büchern sind die »Drei Sommer in Tirol« (Erstauflage München 1846) am bekanntesten. Sie haben diesem Band die Titelanregung und ihre beiden Anreisekapitel geliefert. Die übrigen Stücke sind den »Wanderungen im bayrischen Gebirge« (München 1862) entnommen und mit Ausschnitten aus den beiden anderen Hochlandbüchern (1850/62) und den bayrischen Kulturbildern (1869) durchsetzt. Die Rechtschreibung ist modernisiert; manche altertümliche Formen sind kolorithalber geschont. Über Leben und Werke hat Steub in der diesem Band ungekürzt beigegebenen Selbstdarstellung so reizend und dabei so ausreichend berichtet, daß wir uns biographisch-bibliographisches Wichtigtun schenken können. Was wir uns aber nicht schenken können, ist der Hinweis, daß es Steub nicht nur versteht, uns mit Humor und den »Hausmittelchen der Phantasie« zu laben, sondern daß er uns unmerklich zu Selbstkritik und Selbstbehauptung anleitet. Es ist zwar unsteubisch, den Leser mit der Nase darauf zu stoßen, was ihn in dieser Beziehung erwartet. Der Verlag betrachtet es indessen als seine Pflicht anzudeuten, warum er unter so vielen Manuskripten, die seit Jahren auf das Erscheinen warten müssen, gerade den alten Steub mit an die Spitze stellt. Uns Bayern wird so gerne der Vorwurf gemacht, daß wir uns in Eigenbrötelei gefallen und das deutsche Erbübel, die blinde Obrigkeitshörigkeit wie den Mangel an politischem Verantwortungsbewußtsein, geradezu kultivieren. Das sieht dann so aus, als wäre jeder Urbayer für ein Denken und Handeln in Völkergemeinschaften, geschweige denn in Menschheitszusammenhängen, verloren. Steub war ein Urbayer. Dennoch haben ihn seine Heimatbegeisterung, sein Amtseifer, seine Vorliebe für die »Felsenkeller der Erinnerungen« nicht gehindert, sondern vielmehr veranlaßt, gegen Engstirnigkeit, Denkträgheit, Rückständigkeit, gegen die »angestammte Beamtenrüpelei« wie gegen den »Rosenfinger der Obrigkeit«, anzugehen. »Bei uns auf dem Lande«, stichelt er, »braucht man glücklicherweise so wenig zu denken – etliche Priester und Beamte besorgen dies aus Gefälligkeit für alle –, daß man zuletzt selbst die Gewohnheit ablegt.« Wir dürfen uns vor aller Welt auf Steub berufen und können viel von ihm lernen. Die Heimat ist ihm allerdings das erste Anliegen. »Das Aufblühen von Shanghai scheint jetzt manchem wichtiger, als das Gedeihen von Seeshaupt«, macht er sich 1857 lustig. Er will zuerst bei sich zuhause mit »Bänken, die zu schmal, Türen, die zu nieder, und Betten, die zu kurz sind« aufgeräumt wissen. Ist das nicht eben der richtige Weg? Er reist viel, er treibt neben den alten acht moderne Sprachen, aber er bekämpft die Ausländerei. »Warum ›Zum russischen Hof‹?« schilt er vor einem neumodischen Gasthaus. »Jedermann meint, das müsse etwas bedeuten – aber was? Soll es nur eine Schmeichelei gegen russische Gäste sein, die vielleicht in ihrem Hofe lieber einkehren werden als in einem andern? Aber warum dieser Bückling, während uns die norddeutschen Brüder, namentlich die ständig kommenden Berliner, viel näher liegen und daher wohl Anspruch hätten, daß man durch einen ›Preußischen Hof‹ der gesetzlichen Sehnsucht nach ihrer angestammten Dynastie ein Opfer brächte. Oder soll durch jene Widmung etwa den Ideen des Fortschritts gehuldigt werden, insofern, als diese jetzt in Rußland einen großen Aufschwung zu nehmen scheinen? Dann war es sehr leicht, auf heimischem Boden zu bleiben, und man durfte nur sagen ›Zum jetzigen Ministerium‹, ›Zur neuen Gerichtsorganisation‹ ... und dergleichen.« Ich hoffe, man hat den Ausdruck »norddeutsche Brüder« gebührend vermerkt. Er ist keineswegs ironisch gemeint, was die bemerkenswerte Stelle auf Seite 108 beweist, wo Steub, nachdem er in Tegernsee lauter urbayrischen Bekannten begegnet, in das Stoßgebet ausbricht: »Ach, du lieber Gott, nur ein norddeutsches Gesicht!« Das berühmt-berüchtigte Problem Nord und Süd findet bei Steub folgende Erklärung. »Die Erfahrung lehrt«, schreibt er, »daß nordische Geheimräte, pommersche Dichterinnen, Abkömmlinge alter Raubritter aus der Mark und anderes ungefüges Volk oft ebenso groß in seinen Prätensionen, als verschwindend klein in seiner Erkenntlichkeit ist. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, daß sich unter den Fremdlingen aus Norddeutschland nicht auch sehr liebenswürdige Leute und Familien befinden, eine Anerkennung, welche in diesem Buche immer als stillschweigend wiederholt zu gelten hat, wenn wir uns hin und wieder über unsere Gäste eine gutmütige Heiterkeit erlauben. Unsere Absicht ist nie, sie zu verletzen, sondern nur, ihnen mit Sanftmut zu zeigen, daß sie ebensogut ihre Schwächen haben wie wir.« Nicht zu verletzen, sondern auf dem Umwege des Humors zu beeindrucken, das ist Steubsche Art. So spürt man hinter jedem Vorwurf, wie gut er gemeint ist, und wie vertraut mit der tiefen Berechtigung gewisser Stammeseigentümlichkeiten. »Ihr müßt entschiedener, rascher, prompter werden!« ermahnt er einen Einheimischen. »Ja natürlich«, läßt er den Landmann antworten, »die Promptheit hat schon manchen auf die Gant (Versteigerung) gebracht.« Mit Vorliebe bedient er sich dieses Kunstmittels der indirekten Aussage. So läßt er eine Wirtin zum Thema Krieg folgendermaßen das Wort nehmen: »Wenn diese zwei Kaiser (gemeint sind Kaiser Ferdinand I. von Österreich und König Karl Albert von Sardinien), etwas miteinander haben, so sollen sie es selbst ausmachen, zu zweien mit dem Schlagring oder mit dem Messer, oder wie sie wollen –, aber daß wir unsere Kinder hergeben sollen ... das ist doch ein Unsinn! Haben immer gesagt, die Menschen sind schon gescheiter und schießen nicht mehr aufeinander – aber jetzt sieht ein Blinder, sie sind noch so dumm wie vor und eh'! So sprach die Wirtin«, fährt der hinter der Wirtin steckende Steub mit Unschuldsmiene fort, »ohne zu ahnen, daß gerade der italienische Feldzug die Kriegswissenschaft mit einer Menge nützlicher Erfahrungen bereicherte, welche in sämtlichen deutschen Armeen die großartigsten Verbesserungen nach sich ziehen müssen, und daß wir uns nur freuen dürfen, wenn unseren Taktikern und Strategen wieder einige neue Ideen zugeführt werden, die das nächstemal zur Zerstörung des Menschengeschlechts pflichtgemäß verwendet werden können.« In solch lockerer, humoriger Art plädiert Steub unentwegt für freie Menschlichkeit, »die in konstitutionellen Staaten doch auch ein bißchen Achtung verdiente. – Bei den Regierungssystemen deutscher Staatsmänner sieht man wie bei den Eisenbahnlinien frühestens zehn Jahre zu spät, daß sie ganz falsch angelegt worden. – Man kritisiert bei uns lieber das Rindfleisch und den Kartoffelsalat, als die neuesten Leistungen der Geschichte. – Nach unseren jetzigen Begriffen vom Vaterland müssen die Schulkinder diesseits des Inns jene Siegestage bejubeln, welche die Schuljugend auf der anderen Seite beweint. – Die eigentliche Freiheit muß durch Ausdauer, Mut und Geisteskraft errungen werden.« Wie richtig! ist man versucht, an den Rand zu schreiben. Ich besitze in meiner Steub-Sammlung einige Werke in ehemaligen Leihbibliotheksexemplaren, in denen mit derlei Anstreichungen und Bemerkungen sonst nicht gegeizt wird. Solche Stellen aber, wie sie uns heute so besonderen Eindruck machen, scheinen gar nicht verstanden worden zu sein. Deshalb seien sie vorsorglich hier angestrichen, womit nicht gesagt sein soll, daß Steub nicht vor allem eine Künstlernatur gewesen sei, was den landesüblichen Nachteil für ihn hatte, mit seinen Maximen nicht voll genommen zu werden. »Sonst könnte sich's treffen«, scherzt er darüber, »daß am Ende ein Dichter in der allgemeinen Achtung noch über den Braumeister zu stehen käme, was kulturhistorisch sehr merkwürdig wäre und eine neue Ära bezeichnen dürfte.« Der Verleger Von München nach Bayrischzell Das längst Befürchtete ist eingetroffen, der Schlag ist gefallen – das bayrische Hochland ist fashionabel geworden! In Schliers gibt es bereits Markgräfler mit Sodawasser und das Pfund Forellen um I fl. Io kr.; in Tegernsee ringen fremde Prinzen, Wiener Equipagen und Pariser Toiletten wetteifernd um die Aufmerksamkeit eines auserlesenen Publikums. An den Table-d'hôten findet sich allenthalben jene vornehme schweigsame Gesellschaft, die immer den Eindruck macht, als könne keines das andere ausstehen, als möchte jeder den Nachbarn wenigstens nach Helgoland oder in die Pyrenäen verwünschen. Um mich auch an einem Bruchstück dieser Pracht zu laben, ging ich eines Tages zur Eisenbahn und nahm ein Billett nach Miesbach. Früher konnte ich mich über gar nichts ärgern – jetzt habe ich auch dies gelernt und ärgere mich oft den ganzen Tag. In der Frühe verdroß mich schon, daß die Wagen dritter Klasse des Königreichs Bayern keine Haken besitzen, so daß man bei der hydraulischen Einpfropfung, welcher die Fahrgäste trotz 25° R. unterliegen, Joppen, Ränzel und andere Reisekleinodien unter die Bank werfen muß, wodurch dann auch die Füße geniert sind und die Kleinodien schmutzig werden. Mittag um 12 Uhr 10 Minuten ärgerte mich zu Miesbach, daß sich der Posthalterssohn von ... ins Kabriolett des Omnibus setzte, welches ich selbst aspiriert hatte, in der Meinung, daß die Posthalterssöhne der Gegend in den Bauch des Wagens gehören, weil sie ihre Landschaft täglich vor Augen haben und die bequemen Schauplätze den Fremden überlassen sollen. Mit den höckerigen Sitzen der engen Kalesche versöhnten mich gleichwohl die Blumengirlanden, welche sie heute, als am Tag ihres Hinscheidens, zierten, denn morgen schon wird die Eisenbahn bis Schliers eröffnet. Sonst könnte man sich allerdings mehrfach über bayrische Omnibusse und Stellwagen ärgern, namentlich über jenen, welcher vor zwei Jahren von Wolfratshausen nach München fuhr – vielleicht jetzt noch fährt – und sich, zerrissen und zerflickt wie er war oder ist, geradezu jeder patriotischen Beschreibung entzieht. Indessen die Vorliebe für Unbequemlichkeiten jeder Art, namentlich auch für Bänke, die zu schmal, für Türen, die zu nieder, und für Betten, die zu kurz sind, sie ist bekanntlich eine Stammeseigentümlichkeit der Bajuvaren und muß als solche geachtet werden. Die Gesellschaft in Schliers scheint heuer sehr fein und sinnig zusammengesetzt, allein meiner Sehnsucht nach Wildnis und Einsamkeit bot sie keinen Ersatz. Es schien mir eine Rettung, bald im Nachen zu sitzen und zwischen den grünen Bergen auf der blauen Flut dahinzuziehen. Dabei schaute ich auf die schwarzen Trümmer von Hohenwaldeck, die weit oben unter den Fichten des Ronberges stehen, und dachte an die alten, darnach benannten Herren, welche einst berühmt und reichsunmittelbar, dann mit den Schlierseern und Miesbachern protestantisch, nachher wieder katholisch und Alchimisten wurden, als welche sie 1734 ausstarben, mit Hinterlassung eines Debitwesens, das erst vor wenigen Jahrzehnten zu Ende ging. Ferner dachte ich an meine alte Gönnerin, die gute Fischerlisel, die brave, ehrliche Wirtin, weiland das Jagdstuck aller Poeten und Maler, welche sie ohn' Unterlaß besangen und bildlich darstellten – die ist jetzt hochbetagt zu ihren Vätern eingegangen, und auf dem Ruhesitz ihres Alters, auf dem seeumflossenen Freudenberg, waltet nunmehr ein junger Sachse, der eine Tochter dieses Tales geehelicht hat. Auf der Mainzer Schiffbrücke – sagt Berthold Auerbach in seinen Schriften – kann man nicht allein hinüber, sondern auch herüber gehen; der Schliersee aber ist so eingerichtet, daß man in der Regel nur aufwärts fahren kann, nicht abwärts. In Fischhausen, welches am oberen Ende liegt, wird nämlich kein Fährmann geduldet. Das ist eine uralte, ehrwürdige Gerechtigkeit! »Bin ich nicht«, sagt der Schiffmeister von Schliers, »um acht Uhr morgens und um vier Uhr nachmittags mit meiner Gondel in Fischhausen, um die Harrenden aufzunehmen? Wer diese Stunden, welche die Vorsehung selbst kaum zweckmäßiger bestimmen könnte, nicht einhalten will, der mag wieder hingehen, wo er hergekommen, denn in Fischhausen wird er sich schwerlich halten können, weil da kein Wirtshaus ist.« Ein Fährmann zu Fischhausen wär' aber eine Unbequemlichkeit weniger in unserem Lande, und dieser Verlust könnte leichtlich einer Stammeseigentümlichkeit, ja in weiterer Folge sogar dem Nationalcharakter Eintrag tun. Ist es nicht gefährlich genug, daß nächstens ein Omnibus von Schliers nach Bayrischzell gehen wird, derselbe, den manche Wanderer schon vor fünfzehn Jahren vermißt haben? – Die Sonne des letzten Tages im Juli lag so schwer über dem Bezirksamt Miesbach und machte mich so müde und träge, daß ich nach dem Einspänner zu trachten begann, denn die Entstehung und Jungfernfahrt des neuen Omnibus wollte ich doch nicht abwarten. Ich sprach eine nahegelegene Bäuerin an, welche bereitwillig den Gaul von der Weide holen und das Wägelchen zurechtstellen ließ. Alles schien nach Wunsch zu gehen, als ich unvorsichtigerweise fragte, was es koste bis nach Bayrischzell. Jetzt fiel's der Bäuerin siedheiß ein, daß sie darum eigentlich den »Herrn« fragen müsse. »Und der Herr?« »Ist auf der Alm«, sagte die Frau, »da werden S' wohl nicht abwarten mögen, bis ich nauf g'schickt hab.« Im nächsten Wirtshaus fragte ich wieder. Die Frau Wirtin, welche herausgeholt wurde, ein Wesen von so liebenswürdigen Manieren, daß sie in Knigges »Umgang mit Menschen« als illustriertes Paradigma aufzustellen wäre, schaute mich überzwerch an und fragte mit Fernhaltung aller zeitraubenden Begrüßungsformeln: »Was wollen S' denn?« »Einen Einspänner nach Bayrischzell, und was kostet er?« »Ja, da muß ich zuerst den Herrn fragen«, antwortete die unterwürfige Gattin, drehte sich und kam nicht wieder. Wahrscheinlich war der Herr über Land gegangen. So zogen wir denn etwas ärgerlich ins grüne Tal der Leizach ein, den wilden Wendelstein vor unsern müden Augen, und sehnten uns fortwährend, nach Bayrischzell zu fahren. Nach einer heißen Stunde kam zu gutem Trost wieder ein Wirtshaus heran. Ein junger Mann, der zu der Anstalt gehörte, ließ sich über den Gegenstand unserer Sehnsucht bald in ein freundliches Gespräch mit uns ein. Trotz seiner sehr schlichten »Montur« zeigte er in feiner Unterhaltung gleichwohl bedeutende Spuren gelehrter Studien, die er in früherer Zeit getrieben. Aber bei uns auf dem Lande braucht man glücklicherweise so wenig zu denken – etliche Priester und Beamte besorgen dies aus Gefälligkeit für alle –, daß man zuletzt selbst die Gewohnheit ablegt. Infolgedessen verlor sich denn auch der Gelehrte von der Leizach zu meinem großen Vergnügen in nachstehende drollige »Discurrirung«. Erstens sei kein Gaul da; zweitens sei zwar einer da, aber dieser jetzt zu müde von der Arbeit. Übrigens seien wir auch zu schwer (ich führte nämlich meine zwei halbgewachsenen Kinder mit mir). »Was, zu schwer?« Ja, so ein Rössel ziehe zwar an Sonn- und Feiertagen oft zehn und zwölf Personen vom Wirtshaus heim, aber am Werktag dürfe man ihm so viel nicht zumuten, namentlich wenn es die ganze Woche nichts zu tun gehabt habe. Doch könnten wir immerhin fahren, nur wolle der Knecht nicht einspannen, weil schon Feierabend sei, und er auch nicht, weil er keine Knechtsarbeit tue. Nichtdestoweniger würde er gleich einspannen, aber er wisse nicht, was es koste, denn er sei nicht der Herr im Hause, sondern sein Vater. »Und der Vater?« Ist nach München gereist, so daß er ihn nicht einmal fragen könne. Daß sich Mann und Frau, Vater und Sohn im Leizachtal über den Preis eines Einspänners nach Bayrischzell ein für allemal verständigen und denselben das ganze Jahr im Gedächtnis behalten, scheint eine geistige Unternehmung, die für dieses einfache und unverdorbene Volk noch zu schwierig ist und zu ihrem Gelingen wahrscheinlich viel vorgeschrittenere Zustände erheischt. »Hier kann nur ein Schulgesetz helfen!« ruft vielleicht ein Fortschrittler aus. »Ach, laßt uns unsere Einfalt und unsern Glauben!« sagt der Patriot; mag es auch eine kleine Unbequemlichkeit für den müden Wanderer sein, wenn er bei großer Hitze an drei fertigen Einspännern vorübergehen muß, weil niemand weiß, was sie kosten sollen, so liegt doch so viel Unschuld und Uneigennützigkeit darin, wie ihr sie anderswo vergeblich suchen werdet. Wollt ihr auch diese Unbequemlichkeit, wollt ihr denn alles verwischen, was unseren Nationalcharakter und uns selbst im Wellengang der Geschichte aufrecht erhalten kann? Ich ärgerte mich aber schon wieder und sprach in gereiztem Tone: »Erwägen Sie alles und tun Sie, was Ihnen das beste dünkt. Wir gehen jetzt unserer Wege, um auf ihre Erwägungen nicht durch unsere Gegenwart zu drücken. Wenn sie uns nachfahren, so steigen wir ein; wo nicht, so werden wir die Zell auch zu Fuß noch erreichen.« Wir waren aber kaum die Hälfte des Wegs, nämlich eine Stunde, gegangen, als der Einspänner lustig daherfuhr und uns aufnahm. Immer noch ärgerlich sagte ich hiebei: »Diese Stunde, die wir jetzt gegangen sind, hätten Sie uns wohl ersparen können. Es ist nicht auszuhalten mit euch. Ihr müßt entschiedener, rascher, prompter werden!« »Ja natürlich!« entgegnete der Philosoph von der Leizach kopfschüttelnd, »die Promptheit hat schon manchen auf die Gant gebracht.« Im großen, stillen Alpenwinkel zu Bayrischzell aber kamen wir glücklich an, und bald nach uns fand sich der Herr Inspektor ein, der durch seine anziehenden, beredten Mitteilungen den Abend fühlbar erheiterte. Auch die Wirtsleute sind bieder und freundlich, obgleich sie in der Woche nur zweimal eine Postverbindung genießen, und ich hatte fast nichts mehr, um mich zu ärgern, als die Erinnerung, daß in Schliers die neuen Kartoffeln eben ausgegangen und in Bayrischzell dieselben noch nicht angekommen waren; daß man in letzterem Ort, nach der Härte des Weißbrots zu urteilen, nur alle drei Monate zu backen scheint; daß das Nationalgetränk allenthalben, wo es versucht wurde, matt und lau war – was vollkommene Unkenntnis der kühlenden Kräfte unseres vaterländischen Eises verriet; daß man sich hin und wieder nicht entblödet, einem neuen Gast ein altes Tischtuch vorzubreiten, und daß die unendliche Reihe oder die feste Kette von Kalbsschnitzeln, die den Reisenden wochenlang umgürtet, nur selten durch eine Forelle oder ein Huhn gesprengt werden kann, da ihr Preis für mich und andere am Werktag zu hoch ist. Drum habe ich schon öfter gesagt: Wer im bayrischen Gebirge angenehm leben will, muß eigentlich nach Tirol gehen. Und so sehne ich mich auch jetzt, nach diesen vaterländischen Reisebegebenheiten, wieder ziemlich stark nach dem teuren Lande der Glaubenseinheit. Dort findet der harmlose Wanderer nicht allein Litaneien, Rosenkränze und Andachten, sondern statt schlechter Biere gute Weine, statt der unaufhörlichen Kalbsschnitzeln einen unerschöpflichen Schatz von Forellen, Hühnern, Spiel- und Auerhähnen, Gemsen, Rehböcken und feisten Schöpsen – alles noch zu billigen Preisen – sowie eine Freundlichkeit und Aufmerksamkeit des Empfangs und der Pflege, über welcher er selbst die Wirtin zu ... mit dem Einspänner und den angenehmen Manieren vergessen könnte. Doch erwäge, Schriftsteller, was du schreibst! Es ist vielleicht schon zu viel gesagt – zu viel für die guten alten Bayerherzen, die nichts Schöneres kennen als eine »gefüllte Brust« zu Starnberg am See, mit all dem feinen Reiz der Höflichkeit, der dort die Bedienung verklärt. Der Wendelstein. Holzschnitt von A. von Ramberg, 1874 Von Bayrischzell zum Tatzelwurm Aus dem grünen Tal von Bayrischzell steigt man bekanntlich zu den Audorfer Almen hinauf. Die Audorfer Almen sind im ganzen bayrischen Gebirg eigentlich das empfehlenswerteste Stück für das große Publikum, weil sie leicht zu begehen und nicht übermäßig lang, dabei lieblich, großartig, mit weiten Fernsichten und mit kleinen Schönheiten an der Hand gar reichlich ausgestattet sind – eine Landschaft, wie eigens geschaffen für Reisende, die zwar den Schwindel nicht lieben und das Klettern an den Schrofen nicht gelernt haben, aber doch gern auf den Bergen wandeln, sohin für Hofräte und Professoren aus allen vier Fakultäten, ihre Gattinnen und Töchter, für Staatsanwälte, Oberappell-, Oberpost- und Regierungsräte sowie deren Gattinnen und Töchter, für Buchhändler, Rechtsanwälte und Strohhutfabrikanten, für Malerinnen und Dichterinnen – kurz für alle Gebildeten beiderlei Geschlechts, also namentlich auch für dahin zu rechnende Berliner, Dresdener, Hamburger, Lübecker, deren Gattinnen und Töchter. Es ist zu hoffen oder zu fürchten, daß dieser Berggang, ehe wir uns umsehen, ins große Weltgetriebe wird hineingerissen sein; denn wenn der Tourist jetzt auf der Eisenbahn um acht Uhr in Schliers, so kann er nach neun Uhr in Bayrischzell, nach zehn Uhr auf der Höhe, des Nachmittags aber zu Audorf im Inntal und abends wieder in unserem München sein, oder von Audorf aus die Reise über den Brenner nach Italien fortsetzen und dabei von diesem eintägigen Gang eine Erinnerung aus der Alpenwelt mitnehmen, wie sie selbst mehrtägige Wanderungen nicht vollständiger bieten möchten, eine Erinnerung an steile Bergwege, nasse Mooswiesen, schlüpfrige Stiegel, an stille Triften mit Speik, Madaun, und Edelweiß (dieses jedoch etwas höher), Herdengeläute in den verschiedensten Stimmungen, Sennerinnen mit Milch, Schotten und Butter, Sennhütten mit den Kabylen-Schlachten von L. Wenzel in Wissembourg, welcher bekanntlich, da die Münchner Künstler keine Zeit finden, die altbayrischen »Kaser« mit seinen Bilderbogen dekoriert, ferner an Waldschluchten, Wasserfälle, Felsenwände, alles hübsch hergerichtet und malerisch zusammengestellt (wenn auch zur Zeit ohne Führer und Maulesel), so daß der Flachländer, der Büro- und Kontormensch aus den Städten der Niederung mit dieser einzigen Erinnerung sein ganzes hölzernes Leben auspolstern und für den Abendtrunk immer sein schönes Souvenir, sei es an die Blumen, sei es an die Sennerin, an den Kot der Almen und seine nassen Socken, oder an die Felsenwände und Wasserfälle bereithalten kann. Wer auf dem steilen, waldschattigen Steig von Bayrischzell herauf die Audorfer Almen erreicht hatte, der mußte seit vielen Jahren auch noch zu den Sennhütten von Grafenherberg hinan und dann einen rauhen Weg hinuntersteigen, um wieder in die ebene Richtung zu gelangen – eine Abschweifung, die nur eine unnütze Ermüdung bot und keine innere Bedeutung hatte. Nach den Spezialkarten schien zwar ein näherer und wohl auch bequemerer Weg unten am Bache zu gehen, allein da waren seit zwanzig Jahren alle Stege zerfallen und die grause Schlucht war keinem Menschen mehr zugänglich. Der Nationalcharakter schien die Unbequemlichkeit des Umwegs über Grafenherberg dringend zu erheischen; erst der Herr Oberförster Rodt von Audorf wagte es, mit derselben zu brechen, die Stege wiederherzustellen und den Pfad am Bach wieder gangbar zu machen. Dieser aber ist märchenhaft schön. Dort in der Schlucht grünen riesige Huflattiche, blühen prächtige Blumen der seltensten Art; selbst die bewußte »blaue Blume« dürfte, wenn irgendwo, nur hier zu finden sein. Dabei geht der schmale Pfad, immer wechselnd, über die schwanken Stege hin und her, bald einmal hoch an der Halde, bald nieder unten am Bache, welcher hier harmlos dahinrieselt, dort in rauschenden Wasserfällen kopfüber stürzt. Einmal steigt das Weglein gar auf kunstlosen Stufen rasch und tief hinunter in dunkle Waldnacht, rechts und links die nacktesten Felsenwände, oben der schmale Himmel mit seinen Sommerwölkchen, der wie Abschied nehmend hereinschaut. Dort ist eine Stelle, wo die Blumen neigen und winken, die Fichten säuseln, die Wasser rauschen, die wenigen Sonnenstrahlen so seltsam auf den Felsplatten und durch die Zweige spielen, daß den Wanderer ein ganzer Schauer von Romantik überläuft, und daß er wieder an Wassernixen, Waldweiblein, Tatzelwürmer und alles mögliche zu glauben anfängt. An letztere um so mehr, als der »feurige Tatzelwurm« bereits in der Nähe ist, um den müden Fremdling aufzunehmen und zu laben. Wenn dieser nämlich aus dem Walde tritt, so steht er plötzlich vor einem niedlichen Häuschen mit vorspringendem Dach und einer Altane, an welcher ein Schild hängt. Auf diesem ist ein fabelhafter Drache oder etwas idealisierter Tatzelwurm aufgemalt, wie derselbe im Gebirge noch zuweilen gesehen werden will. Neben dem Häuschen, unter wehenden Buchen, sind etliche Tische und Stühle so einladend hingestellt, daß selten ein Wanderer dem süßen Drange zu rasten widerstehen mag. Und wenn er sich niedergelassen und den ersten Trunk getan, übergibt er sich gern der schönen Aussicht, die da so unerwartet aufgegangen, und verfolgt in stillem Vergnügen den gewundenen Gang des grünen Tals, das sich, reich an Wies' und Wald, an Hütten und Höfen, bis zum Innstrom hinauszieht. Über diesen herüber aber schauen die wilden Kaiser, mächtig übereinanderwogend, bis zum feurigen Tatzelwurm herein. Und damit keine Schönheit der Alpenwelt vermißt werde, ergießt sich wenige Schritte oberhalb dieser Stätte ein höchst eleganter Wasserfall in eine schwindelige Tiefe, über welche eine hölzerne Brücke gelegt ist, auch eine Brücke, »die da stäubet«, und die man gerade so gut Teufelsbrücke nennen könnte, wie so manche andere, die solchen Ehrennamen vielleicht weniger verdient. Kaum aber hat sich das Wasser in der blauen Gumpe, welche jedoch rote Steinwände umstarren, aus seiner Bestürzung wieder gesammelt und einige Ruhe gewonnen, so wirft es sich alsbald über zwei andere Felsenstufen hinunter, so daß zwei neue Wasserfälle entstehen, welche, tief in dem Spalt des unzugänglichen Gesteins verborgen, seit Erschaffung der Welt den gebildeten Völkern unbekannt blieben und erst vor drei Jahren durch gut angebrachte Felsenwege und Wasserstege zugänglich und sichtbar geworden sind. Die Wege und Stege sowie die Sprengung des Felsens, nach welcher jene erst möglich wurden, sind ebenfalls dem Herrn Oberförster von Audorf zu danken, der auch dem Straßenbau in seinem Bergrevier vielen Eifer zuwendet, nicht immer gefördert von den Bauern, die das Holz lieber im Walde verfaulen lassen, als bei solchen Dingen mithelfen. Jene drei Wasserfälle übereinander werden übrigens von einigen Autoritäten für das schönste Phänomen ihrer Art im bayrischen Gebirg erachtet. Der Wanderer, das heißt der Mensch, der eine gesunde Bewegung machen, seine Erübrigungen in fremde Länder tragen und die Welt sehen will, derselbe, nach welchem Rom, Florenz und Venedig seufzen, den die alemannische, die fränkische und die sächsische Schweiz, der Rheinstrom und die Pyrenäenbäder sich in ungezählter Zahl herbeiwünschen, in der Gebirgspolitik der unteren Obrigkeiten hier in Bayern und im Lande Tirol spielt er eigentlich zur Zeit noch gar keine Rolle. Sie lassen ihn seine Pfade im Nebel selber suchen und stellen ihm nicht einmal Wegweiser, viel weniger Ruhebänke zum Ausrasten hin. Über sumpfige Wiesen verlässige Bretter, an schwindelige Steige sichernde Geländer zu legen und andere solche Aufgaben der Nächstenliebe, sie scheinen sie lediglich den kommenden Jahrhunderten vorbehalten zu wollen. Aufmerksamer auf das allgemeine Wohl, aufmerksamer als alle Obrigkeiten war aber Simon, der Schweinsteiger, der biedere Landsasse von und zu Hinterschweinsteig, ein Bauer aus einer uralten Familie, welcher in der Nähe auf seinem Hofe waltete, der als Swinstic schon im zwölften Jahrhundert erwähnt wird. Dieser verfiel zuerst auf den Gedanken, hier an den Wasserfällen, wo die wilden Kaiser so schön hereinschauen, ein Wirtshäuslein zu errichten, auf daß seine und des Vaterlandes Gastlichkeit zu Ehren komme vor der Welt. Fünfzehn Jahre lang mußte er zwar bei Landgericht, Regierung und Ministerium sowie bei verschiedenen anderen Behörden anklopfen, Schriften verfassen und sich abweisen lassen, allein zuletzt erreichte er doch sein menschenfreundliches Ziel, und jetzt steht das erquickende Häuslein da und hat jeder Wanderer seine Freude daran. Am fünfzehnten August, am Himmelfahrtstage 1863, im prächtigen Sonnenglanze, unter Mitwirkung vieler angesehener Herren und Frauen, wurde dasselbe festlich eingeweiht und das schöne Schild »Zum feurigen Tatzelwurm«, welches Herr A. Bischer, der großherzoglich badische Hofmaler, spendiert hatte, mit großem Gepränge unter Böllerschüssen und Festreden aufgestellt. Bald wurde dem biederen Wirte auch ein Fremdenbuch verehrt, in welches sich die zahlreichen Touristen unter Beifügung von Zeichnungen und Gedichten so fleißig einschrieben, daß in nicht langer Zeit ein zweites notwendig wurde. Dieses hat Herr Doktor Volk, unser Parlamentsredner, auch ein Freund des Tatzelwurms, als Andenken dahin gewidmet. Es trägt in Anspielung auf des Wirtes Namen das Motto: »Wo die Schweine steigen, müssen die Steine schweigen« – ein rätselhaftes Wort, das in seiner mystischen Vieldeutigkeit schon zu mancherlei Auslegungen geführt hat. Seit der Zeit besorgt des Schweinsteigers Tochter die Wirtschaft mit emsigem Fleiße und großer Reinlichkeit. Der Wanderer findet da jede Labung, die er auf solcher Höhe billig erwarten kann. Bei Regenwetter hat sich schon mancher eingeschlossene Gast mit den Fremdenbüchern vergnügt, welche bei ihrem Reichtum an Dichtungen aller Art eint gute Einsicht in die Bestrebungen und die Fortschritte der neuesten deutschen Poesie gewähren. So ist denn hier für feinere Kultur eine segensreiche Stätte eröffnet, an welcher die Alpenjugend beiderlei Geschlechts, die allerdings noch einiger Nachhilfe bedarf, leicht manche fördernde Anregung entgegennehmen mag. Auf meiner jetzt schon ziemlich langen Schriftstellerbahn hat mich bisher wenig verdrossen, aber eines sehr stark. Vor Jahren nämlich, als ich ein anderes trautes Örtlein, den Tutzinger Keller lieblich zu schildern suchte, gedachte ich auch mancher wackerer Männer, die dorthin zum Besuche gekommen, inländischer Namen zwar, aber solcher, die auch jenseits der bajuvarischen Grenze bekannt sind oder sein sollten. Vielleicht verführte mich einige Eitelkeit, ihrer freundlich zu gedenken, da durch ihre Freundschaft mein eigener Heerschild etwas erhöht weiden konnte. Kam aber ein Rezensent daher und sagte mit der diesem Stande eigenen Bosheit – die Worte weiß ich nicht mehr genau –, jene Namen hätte der Verfasser wohl in Ruhe lassen können; es seien meist provinzielle Celebritäten, die außer Landes niemand kenne, und eine Ostentation damit sehr hinfällig. Dies ärgerte mich, wie gesagt, und in der Aufregung fiel ich auf den Gedanken, meine alten Freunde in Ruhe zu lassen und mir einen neuen Bekannten zu erzeugen, der teils durch flüchtige Erwähnungen, teils durch öftere liebevoll eingehende Schilderungen so bekannt, ja so berühmt weiden sollte, daß ich wie eine Rebe an der Ulme an ihm hinaufranken, mit ihm genannt und von ihm in die Unsterblichkeit mit hinübergeschleift werden möchte. Die Wahl konnte auf keinen anderen fallen, als auf meinen alten Freund vom Audorfer Berg, für welchen Geschichte, Natur und eigene Persönlichkeit schon so viel vorgearbeitet hatten. Überdies fertigte ich einen tüchtigen Stammbaum an, der sein Geschlecht bis auf Siboto I. von Schweinsteig, welcher in der Hunnenschlacht auf dem Lechfelde gekämpft haben mochte, hinaufleitet und bisher noch nicht widerlegt worden ist. Auch manche namhafte Journale interessieren sich für das Unternehmen. Almbesuch. Holzschnitt von A. von Ramberg, 1874 Auf der Alm Die Almerinnen führen fast ein Leben wie die Elfen, streifen in der Frühe mit leichten Sohlen über die tauigen Alpenkräuter, verschwinden im Morgennebel, singen aus dem Felsgestein, daß man nicht weiß von wannen es kommt und schallt, trinken nur Milch und Wasser und schlummern im Heu, das sie kaum eindrücken. Das Almenleben hat so viel eingeborene Poesie, daß selbst die Tausende von Schnaderhüpfeln und die schönsten Lieder vom Berge sowie die süßinnigsten Zithermelodien diesen tiefen und wahren Zauberbrunnen nicht ganz ausschöpfen. Wenn einer einmal einen dreibändigen Walter Scottschen Roman darüber schreiben wollte, der würde sehen, was ihm da alles entgegenkömmt: Die Almerin selbst mit ihren achtzehn Jahren und ihrem unbewachten Almenherzen, die Jägerburschen mit ihrem Stolz, die Wildschützen mit ihrem Haß, der Bauer im Dorf unten mit seiner Bäuerin, der Schwärzer mit seinem Tirolerwein, der Grenzwächter mit seiner Pflicht, der Kaplan mit seinem wunderbaren Finger Gottes, der städtische Reise-Enthusiast und Bergbesteiger mit seiner Dummheit, der Münchner Maler mit seinen himmlischen Gedanken, die er nie verkörpern kann, der Praktikant vom Landgericht mit seinen bösen Lüsten, der feurige Bue von der Zell mit seinen eifersüchtigen Ansprüchen auf das Almenherz, nach dem so viele trachten, dazu die Hütte, die Herden, der düstere Hochwald, die Mittagsonne auf den einsamen Triften und die Mondscheinnächte, wo Mädchenworte am weichsten klingen – es könnte einer mit der rechten Kunst schon etwas Monumentales daraus aufbauen. Daß aber keiner darüber geht, der's nicht versteht, sonst zerreißen wir ihn, wie die thrakischen Weiber den zweckwidrigen Sänger Orpheus, und werfen sein Haupt in den Innstrom, auf daß es traurig jodelnd hinausflöze in das almenlose Flachland. Eine Almenhütte ist gewöhnlich so gelegen, daß ihr ohne Mühe und Beschwer nicht beizukommen ist. Das Vieh tritt nämlich an diesem seinen Sammelplatz den Rasen auf und weicht ihn mit allerlei natürlichen Mitteln durch und durch. Hat man aber, etwa von einem Stein zum andern springend, diesen Stadtgraben, das »Tret«, glücklich zurückgelegt, so lohnt ein freundlicher Willkomm der Sennerin und alles Gute, was Almenwirtschaft bieten kann. Küche, Speise- und Sprechzimmer sind derselbe Raum, nebenan ein Schlafgemach, rückwärts ein geräumiger Stall für die Stunden eines Unwetters oder zu großer Sonnenhitze. Vor der Hütte sprudelt ein Brunnen mit klassischem Wasser. Innerhalb ist der Herd, zugleich auch Ruhebank, mit einem großen Käsekessel. An den hölzernen Wänden sind Schüsselrahmen, mehrere Pfannen, Milchkübel und dergleichen. Da die Kultur, wie schon hundertmal gesagt, alles beleckt, so findet man auch sächsische Steingutteller und Tassen mit Ansichten aus der sächsischen Schweiz oder vom Rhein. In einer Ecke ist ein kleines Kruzifix und etliche Heiligenbilder ringsum, was die Idee eines Hausaltärchens andeutet. Auch sonst finden sich da und dort zum Zierart verschiedene Malereien angeklebt. So sieht man in einer Hütte auf einem großen Bilderbogen eine Schlacht der Franzosen mit den Kabylen dargestellt, und selbst aus den Tagen unserer eigenen Bewegung haben einige Bilder schon die Hochalmen erreicht. Die Sennerin ist an Werktagen voller Schmutz, welcher sich jedoch kegelförmig verjüngt. Während nämlich die Füße von der Begehung des Trets sich in einem Überschuh von idyllischem Alpenkot züchtig verhüllen und so jedes Urteil über Größe oder Kleinheit trüglich machen, so nimmt die Reinlichkeit nach oben immer zu, über Mieder und Rock, und das Gesicht wird des Tages sogar mehrere Male gewaschen. Nicht selten sind ein paar schöne blaue Augen darin und etwas erlaubte rotbackige Schalkheit, um welche sich blonde Haare ringeln. Eine halbe Stunde Rast hat da noch wenige Junggesellen gereut. Seltsam klang aber die Antwort, als man sich diesmal nach der Liebe erkundigte: Selbe sei hierorts ganz abgeschafft! Als man sich auf einige Almenlieder bezog, welche die Sache in einem anderen Licht darzustellen scheinen, entgegneten die Almerinnen, das sei Poesie und zum guten Teil Verleumdung. Auf den Audorfer Almen empfange man nur anständige Besuche und nach dem Gebetläuten überhaupt keine. Sonst habe man genug zu tun, die Kühe zu melken, zu buttern, zu kochen und die Hütte auszuwaschen; denn wenn auch die Mädchen selber schmutzig sind, ihre Herberge wissen sie sehr reinlich zu halten. Am Abend dann, nach getaner Arbeit, setzen sie sich auf die Sommerbank vor der Türe und jodeln ihre lieblichen Weisen in den Äther hinaus. Des Sonntags legen sie ihre schönsten Gewänder an, gehen allenfalls ins Tal hinab zur Kirche oder besuchen sich oben, auch aus größeren Fernen, um miteinander zu plaudern, zu singen und Zither zu spielen. Übrigens tut man unrecht, wenn man sich die Dirnen gar zu naiv und alpenhaft vorstellt. Hier also, lieber Leser, hier erscheine um den Tag Maria Himmelfahrt herum, auf den sich alle Kräuter freuen, und wenn der liebe Gott deine Sünden nicht durch Regenwetter straft, vielmehr zur Belohnung deiner Verdienste um Staat und Kirche der zitternde Sonnenglast und der tiefblaue Äther über den Hochweiden liegen und alles über die schöne Sommerzeit frohlockt, die Blümlein und die Kühlein und die Sennerin, so kannst du deine eingebildete Wichtigkeit vergessen und dich mit heiterem Abandon in dem vollen Grase wälzen und dich ganz aufgehen lassen in almerischer Lust. Hier kannst du mit wonniglicher Neugier dich umtun um alle die sieben Sachen, die dir in der Schreibstube fremd geworden, kannst auch selber die Rinder melken und den Butter ausrühren. Für uns Süddeutsche ist's ein wahres Unglück, daß Butter, welches früher männlich war und in Schwaben, Bayern, Österreich annoch ist, hinter unserem Rücken weiblich wurde. Wir erlernen's nicht und blamieren uns nur damit in den Teezirkeln. Die Sennerin lacht sich zwar schief, wenn ein Norddeutscher die gute Butter lobt, aber was hilft uns das? Der Steffelbauer Die Zell verlassend, ging ich im grünen Tal der Leizach an den Füßen des Wendelsteins dahin, bis an den Hagenberg, wo Haus und Hof des Steffelbauern stehen. Man hat schon einmal versucht, diesen interessanten Landmann dem Publikum vorzuführen, wie er anno achtundneunundvierzig war, umgeben von seinen Broschüren, unterstützt von Pierers Universallexikon, vertieft in seine Pläne zu Deutschlands Wiederherstellung. Es war in jener Zeit wirklich ein literarischer Glanz um ihn, der jetzt leider fast ganz erblichen ist. Auch er selbst, seine Person, kam mir kleiner, unscheinbarer vor als dazumal. Er schien planlos im Hause herumzutrödeln, zerstreut oder auch verlegen wie einer, den man einst im Überfluß gesehen, und der nun mit Mühe seine Ärmlichkeit zu verbergen sucht. Auf dem schmalen Tisch nämlich, wo vormals die Zeitungen, Flugschriften, die stenographischen Berichte der Nationalversammlung gelegen, da lagen jetzt nur gelbe Rüben und Erdäpfel. »Ja, wo habt Ihr denn«, fragt' ich neugierig, »Eure Journale, Broschüren, politische Schriften?« » Omnes composui «, entgegnete der Landmann mit wehmütigem Lächeln, »ich habe sie alle beigesetzt und begraben.« »Wie, vernichtet?« »Hm, die Weibsbilder haben sie nacheinander zum Fensterputzen verwendet und ich habe nit viel abgewehrt – was nutzt das Zeug?« »Steffelbauer«, sagte ich sehr überrascht, »Ihr seid ja eine gefallene Größe!« »Ich bin«, sprach dieser, »mit Deutschland gefallen. Um selbige Zeit, wo man noch geglaubt hat, es wird etwas von heut auf morgen mit dem deutschen Reich, da hat, mein Eid, ein jeder mittun müssen, wenigstens in Gedanken. Aber jetzt, wo's wieder der Bundestag betreibt, wo man nicht weiß, ob's unsre Kinder noch erleben, jetzt geht ein vernünftiger Mensch wieder seinem bürgerlichen Geschäfte nach und pfeift auf die ganze Politik!« Nur das Pierersche Universallexikon konnte vor dem fensterputzenden Frauenvolk gerettet werden und steht noch in alter Pracht in seinem Schranke. Wir warfen einen teilnehmenden Blick auf seine siebzehn Bände und schieden dann fast verstimmt. Er war für das Tal von Bayrischzell wie eine historisch-politische Akademie gewesen, der Steffelbauer, und es ist schade, daß ihn die deutschen Zustände so gründlich um die gute Laune, ja fast um alles Vertrauen gebracht haben. Vielleicht erlebt er doch noch einmal eine Wiederauferstehung seiner schönsten Hoffnungen. Das Familienwappen Von Ruhpolding auf die Reichenhaller Straße herüber führt ein Weg durch das schäferliche Tal, »am Froschsee«. Daß unsere Voreltern auf Eigennamen der Orte so wenig Wert gelegt und wahre Kleinodien der Landschaft so ordinär, so unpoetisch, so bauernmäßig benamset haben! Warum heißt's da nicht wenigstens am Elfensee, am Nixenteich? Die Griechen nannten ihre Bäche Ilissus, Cephissus, Eurotas – wir heißen sie Entenbach, Kälbelbach, Kuhbach –, ihre Berge hießen die Hellenen Hymettos, Parnassos, Helikon – wir nennen die unseren Krottenkopf, Katzenkopf, Saurüssel –, welch letzterer sich gar nicht weit von Ruhpolding befindet. Freilich, so tröstet uns die Philologie, wer weiß denn eigentlich, wie jene hellenischen Namen zu erklären sind? Und bei dem jetzigen Stand unserer Wissenschaft muß jeder zugeben, daß Parnassos ebenso leicht Saurüssel bedeuten kann als Dichterberg. Das Tal, welches der Froschsee ziert, ist südlich durch wildes Felsengeschröfe des Rauschenbergs, nördlich durch mildere Waldhöhen eingegrenzt, und seine Wiesen sind durch Laubholz angenehm unterbrochen. Die gute und schöne Gelegenheit des Ortes hat schon den Ahnen in grauester Vorzeit dermaßen eingeleuchtet, daß sie hier einen Hof an den anderen bauten, während doch von Ruhpolding nach Reit im Winkel auf dem vier Stunden langen ebenen Weg nur Almenhütten und Köhlerhäuschen zu treffen sind. Unter jenen Niederlassungen sollen einst auch sieben rittermäßige Ansitze gewesen sein. Einer davon, am Hallweg, hat sich auch noch bis auf den heutigen Tag einen gewissen, obwohl blassen Glanz erhalten, indem er über seinem Portal ein Wappenschild (wenn ich richtig blasoniere, im roten Feld einen weißen, mit drei roten Rosen gezierten Sparren) zeigt. Darüber steht zu lesen: »Steinbacher'sches Familienwappen«. Da man sich bei einem Wappen immerhin eine gewisse Vornehmheit denken zu müssen glaubt, so war ich überrascht, als sich die Edelfrau in ihrem Abendnegligé zu nähern begann, so schlicht und einfach wie nur irgend eine Bäuerin am idyllischen Froschsee. Auch in ihren Zügen lag nichts mehr von der alten Ritterschaft, sondern eher die Spur angreifender Feldarbeit und häuslicher Mühsal. Sie sagte, sie sei die letzte der Steinbacher von der einen Linie, die Erbtochter des Hofes gewesen, und habe das Gut vor so und soviel Jahren ihrem jetzigen Mann angeheiratet. Da das Tal so einsam ist und der innere Sinn wohl wenig zerstreut wird, so dachte ich wahrhaft in einen Ameisenhaufen von alten Familienüberlieferungen stechen zu können. Aber unser Bauernvolk schaut immer dermaßen in die Zukunft, daß ihm die Vergangenheit ganz gleichgültig ist. Das geborene Fräulein von Steinbach zu Hallweg am Froschsee wußte daher nicht mehr von ihrem Geschlecht, als daß es aus – Sachsen stamme. Vor zehn Jahren etwa seien auch zwei Zigeunerinnen des Wegs gekommen und hätten sogleich und unaufgefordert die Bemerkung abgegeben, daß das Wappen, welches sie wohl erkannten, ihnen schon in jenem Lande vorgekommen. Dies ist alles, was aus der vielleicht sehr reichen Geschichte des Geschlechts noch hängen geblieben. Auf die Frage, ob kein Stammbaum oder Wappenbrief vorhanden, meinten Mann und Frau, ein solcher sei allerdings noch da und befinde sich halbvergessen in der »guten Kammer«. Wir gingen hinauf und nahmen eine alte Schachtel vor, in der sich aber zuerst nur Wallfahrtsbildchen, Steuerzettel und ähnliche Schriftstücke zeigten. Endlich machte sich auch ein Pergamentblatt bemerkbar und die Bäuerin sagte fröhlich: »Jetzo kommt er!« Als wir aber das Pergament entfaltet und wahrgenommen hatten, daß es weder Stammbaum noch Wappenbrief, sondern eine Urkunde über Ablösung von Grundlasten aus der Zeit des alten Königs Max sei, sprach die Bäuerin achselzuckend: »Dann ist er halt fort! Wer weiß, wer ihn hat! Und was tut's auch? Wenn wir nicht selbst unsere Wiesen hätten und unsere Felder und fleißig darauf arbeiteten, von Wappenbrief oder Stammbaum könnten wir doch nicht leben!« Gleichwohl gab ich ihnen den Rat, sie sollten die Ehre ihres Geschlechts tunlichst zu erhalten suchen, und da es gar nicht unmöglich, daß einer ihres Hauses einst einen Ungläubigen erlegt, so dürften sie immerhin auf dasselbe von einem der Jünger des großen Cornelius ein historisches Freskobild malen lassen, wie Parzival von Steinbach in der Hunnenschlacht auf dem Lechfelde einem türkischen Pascha den Kopf zerspaltete. Und als die Bäuerin zweifelnd sagte: »Wenn das aber nicht wahr ist?« tröstete ich sie mit der Bemerkung, daß man, was Verdienste und Taten der edlen Geschlechter betreffe, ohnehin auf Genauigkeit keine großen Ansprüche mache. Der Seebühler erzählt Die Gegend von Reichenhall ist klassisch für die deutsche Sage. In Reichenhall im Dienst des Stadtschreibers stand Lazarus Aigner oder Gitschner, der an Maria Geburt im Jahre 1529 von einem Mönche in den Untersberg geführt wurde, alle seine unterirdischen Herrlichkeiten, auch den Kaiser Karl sah, und glücklich wieder an die Oberwelt und zum Stadtschreiber zurückkam. Hernach hat er seine wundersame Fahrt beschrieben und den Bericht davon fünfunddreißig Jahre später veröffentlicht. Als ich einmal im Kaitlgarten am späten Tage mit dem wackeren Förster, der da seinen Abendtrunk einzunehmen pflegt, über diese Dinge sprach, empfahl er mir einen ehrengeachteten Mann der Gegend, der viele Sagen – Lügen nannt' er sie – zu erzählen wisse und seine Freude haben würde, einen gläubigen Zuhörer zu finden; denn es gehe ihm nachgerade ziemlich schlecht mit seinen Geschichten, weil sie der Zehnte nicht mehr hören wolle. Dieser schätzbare Freund alter Sagen ist der Salinenbrunnenwärter Joseph Schweiger, den man den Seebühler heißt, weil seine Brunnenwarte auf einem waldigen Bühel am Thumsee liegt. So erging denn die Einladung an ihn, sich sonntags früh im Kaitlgarten einzufinden, und als er kam, setzten wir uns – es war ein warmer Sommertag – unter einen Kastanienbaum zu Bier und Brot; er fing an zu erzählen und ich hörte zu. Der Seebühler ist ein Mann von neunundfünfzig Jahren, mit einem schöngefärbten, heiteren Gesicht, in das schlichte weiße Haare hineinhängen. Er kann ordentlich schreiben und lesen und spricht dabei die altbayrische Mundart in voller Reinheit. Die Worte rinnen ihm geläufig von der Zunge und zuweilen bringt er einen guten Scherz an. Außer seinem Gedächtnis hat er keine Behelfe für seine Erzählungen. Mit der alten Sage vom Untersberg ist der Seebühler sehr vertraut; da sie aber unsere Leser wohl schon kennen, so erwähnen wir nichts davon, sondern erzählen unserem Gewährsmann eine andere Geschichte nach. Der Seebühler spricht also: »Zwei Jahre vor der teuren Zeit starb in Feldwies, einem Dorf am Chiemsee, der Weber und hinterließ in seinem kleinen Hause zwei Söhne und zwei Töchter, sämtlich erwachsen und ganz rechtschaffen. Diese lebten nun im Frieden auf dem väterlichen Anwesen, widerfuhr ihnen auch nichts Seltsames, bis sich die Sterbezeit ihres Vaters etwa zu jähren anfing. Da hörten sie nun einmal gegen Mittag im obern Stocke ein Winseln, den zweiten Tag wurde gehaspelt, am dritten aber vernahmen sie ein völliges Geräusch, wie wenn jemand am Webstuhl säße und arbeitete. Am vierten Tage gab es gar Musik, Klarinette und Querpfeife, die überaus schön zusammenspielten, und am fünften kamen noch ein paar Instrumente dazu, die sie früher nie und nirgends gehört zu haben sich erinnerten. Wenn nun die Weberkinder, wie sie es jedesmal taten, in den oberen Stock hinaufgingen, um nachzusehen, so war alles still. Kaum waren sie aber wieder in der Wohnstube, so fiel die Musik von neuem ein und dauerte bis gegen zwei Uhr nachmittags. Die Weberkinder hatten nun zwar keine sonderliche Furcht oder Beschwerde darob, da die Musik nur bei Tag verlautete und gar schön und heimlich klang; weil ihnen aber, wenn sie es erzählten, die Nachbarsleute nicht glauben wollten, so luden sie auf den sechsten Tag mehrere Befreundete beiderlei Geschlechtes ein, damit sie sich selbst überzeugen sollten. Diese fanden sich nun alle zusammen, und da sie bei guter Zeit gekommen waren, so fielen sie darauf, ein wohlfeiles Kartenspiel zu machen, umsomehr, als sie wohl dachten, sie würden umsonst zu warten haben. Nun spielten sie aber nicht lange, so ließ sich die Musik hören, vollständiger noch, als tags zuvor, mit Trompeten und Pauken und allen Instrumenten, so schön, daß sie alle sagten, nie ihres Lebens hätten sie herrlichere Musik gehört, wurde aber zuletzt so stark, daß sie gar nicht mehr spielen konnten. So gingen sie sämtlich miteinander hinauf unter das Dach, suchten jeden Winkel aus, konnten aber nichts Unheimliches entdecken. Während sie hinaufstiegen, war die Musik schnell eingeschlafen, kaum aber waren sie wieder unten, so brach sie abermals los wie vorher. Nun sagte einer, man solle im Kalender nachsehen, was heute für ein Tag sei, und da dies geschah, so fand sich, daß es der Sterbetag des Vaters war, woraus sie denn leicht abnehmen konnten, weß Ursprungs die Musik sein möchte. Von diesem Tage aber nahm der Spuk wieder ab, in gleicher Weise wie er zugenommen, und endete am fünften mit einem leisen Winseln, wurde auch späterhin nie mehr etwas gehört.« Solche Geschichten erzählen der Seebühler und seine Altersgenossen einfach, treuherzig und ohne alle Zweifel. Sie mäkeln nicht daran und scheinen wenigstens geneigt, sie so lange für wahr zu halten, bis ihnen das Gegenteil bewiesen wird. Die Leute mittleren Alters vermeiden es, sich entschieden über ihre Glaubwürdigkeit auszusprechen, die reifere Schuljugend aber lacht dazu unverhohlen. Der halbe Unglaube der einen und das Lachen der andern ficht aber den Seebühler ebensowenig an, als wenn ihn die junge Frau Kaitlwirtin das ›Lügenhaferl‹ nennt, was man zu hochdeutsch etwa mit ›Lügentöpfchen‹ wiedergeben könnte. Er hält fest an der Wahrheit seiner Erzählungen und glaubt dabei umso unbefangener zu erscheinen, als er selbst gerne etliche Geschichten hören läßt, in denen das anscheinend Gespensterhafte entweder von einem Schwanke ausging oder in einen solchen endete, und die somit als vollgültige Zeugnisse für seine uneingenommene Beurteilungskraft gelten müssen. Wir lassen auch eine solche mitkommen, die wir dem interessanten Manne verdanken. Derselbe erzählt also: »An einem warmen Maiabend stieg vor mehreren Jahren Jungfrau Maria ... aus Reichenhall zu St. Pankraz hinauf, in feierlichster Stimmung. Ihr Hochzeitstag stand bevor, der Abschied von ihren Eltern, ihren Befreundeten, ihren trauten Bergen, denn ihr Verlobter war weit draußen angesessen in der Ebene. So pflegte sie noch einmal voll wehmütiger Rührung ihrer Andacht in der kleinen Kapelle, und als sie wieder herausgetreten war, sah sie mit feuchten Augen hinunter in das grüne Tal ihrer Vaterstadt, wo sie die fröhlichen Jahre ihrer Jugend verlebt hatte, die nun zu Ende gingen, um nie mehr wieder zu kommen. Dabei fiel ihr Blick auch auf das alte Gemäuer des Karlsteins, wo einst die Reichenhaller im schönen Sommer oft mit Bierfäßchen und Musik aufgezogen waren, festliche Abende zu begehen, in den Tagen, als die Bänke und Lauben noch bestanden, die der Herr Förster vordem gepflanzt. Im stillen Schauen kam es ihr an, auch zur verfallenen Burg noch einmal emporzuklimmen, um dort vergangener Freuden zu gedenken. So stieg sie also von St. Pankraz herab und den Burgfelsen hinan und trat in die grauen Mauern, ließ sich unter einer Buche nieder, nahm eine Wiesenblume und zerpflückte sie in tiefem Träumen. – Als sie aber wieder einmal aufblickte gegen das Tor zu, sah sie ein schwarzes Frauenbild, hoch und edel, bleichen, geisterhaften Antlitzes, über dem Gesteine langsam daherschweben und den Zeigefinger warnend emporheben. Maria schaute, glaubte das Burgfräulein zu sehen, hatte einen jähen Schreck und fiel halb ohnmächtig an die Buche zurück. Als sie sich wieder erholt, war die Gestalt verschwunden, sie aber fühlte sich unbaß, wankte mühsam den Burgfelsen hinunter, ging nach Hause und lag vierzehn Tage krank, so daß die Hochzeit verschoben werden mußte, was dem sehnsüchtigen Bräutigam sehr schmerzlich dünkte. Am selben Tage und vielleicht zur selben Stunde kam ein anderes Mädchen, welches Kathi hieß, aus ihrem Kämmerlein ins Freie, um sich in der Abendluft zu zerstreuen. Man erzählt, ihr Großvater sei kurz vorher eines schnellen Todes verblichen, und sie habe sich den guten alten Herrn so schnell nicht aus dem Sinne schlagen können. So ging sie also in ihrer Trauer einsam in der Au und bedachte sich nebenher, daß es wohl zu ihrer Erheiterung dienen möchte, wenn sie den Karlstein bestiege, um oben der freien Aussicht froh zu werden. Deswegen nahm sie ihren Weg gegen den Burgfelsen, kletterte dann frisch die hölzerne Treppe hinauf und schritt durch den verfallenen Torweg in den schattigen Hof. Hier aber tat sie plötzlich einen lauten Schrei, denn sie sah unter einer Buche das Burgfräulein sitzen, weiß gekleidet, wie es in unheimlicher Ruhe mit einer Wiesenblume spielte. Kathi wollte zusammensinken in ihrer Angst, raffte sich jedoch glücklich wieder auf, stürzte in halsbrechenden Sätzen die Treppe hinunter, lief nach Hause und legte sich ins Bett, welches sie vor vierzehn Tagen nicht mehr verließ, so sehr hatte ihr der Schrecken zugesetzt. Die Begebenheit machte Aufsehen in der Gegend. Die älteren Leute fanden darin eine willkommene Bestätigung jener Sagen von dem Burgfräulein, die man ihnen so oft belächelt hatte, die jüngeren wurden stutzig und weniger freigebig mit ihren Spöttereien, die denn doch einer durch zwei unverwerfliche Zeugen beglaubigten Tatsache gegenüber ziemlich viel von ihrer Berechtigung eingebüßt zu haben schienen. Die Mädchen aber fanden bei aller Langeweile des Krankenlagers jede einen Trost in der Erscheinung, die, wie sie alsbald hörten, der andern geworden war; denn dieses Zusammentreffen allein war es, was sie vor den Verdächtigungen der Reichenhaller Freigeister rettete und den Vorwurf eines lächerlichen Selbstbetrugs von ihnen nahm. Vorher schon Freundinnen, konnten sie nun kaum den Augenblick erwarten, wo sie die Erscheinung miteinander besprechen und ihre Gefühle dabei einander schildern könnten, und als er endlich gekommen war, fielen sie sich mit dem Adel einer höheren Würde, wie zwei durch den Verkehr mit einer hereinragenden Geisterwelt geweihte Priesterinnen in die jungfräulichen Arme. Darauf setzten sie sich vertraulichst zusammen, nachdem Krankheit und Genesung kurz beredet war, begann Maria zu fragen: ›Aber sag nur, Kathi, wie hat denn dein Burgfräulein ausgesehen?‹ ›O, es hatte etwas Geisterhaftes‹, erwiderte die Freundin, ›es war ganz schneeweiß angezogen.‹ ›Schneeweiß angezogen?‹ ›Ja, und saß unter einer Buche.‹ ›Unter einer Buche?‹ ›Ja, und hatte eine Blume in der Hand.‹ ›Eine Blume in der Hand?‹ ›Ja, und dabei hatte es den eisigen, fürchterlichen Blick und das bleiche, schaurige Gesicht, wie es die Gespenster haben.‹ ›Laß gut sein, Kathi‹, sagte Maria mit unverkennbarer Gereiztheit. ›Du hast dir wohl nicht die Zeit genommen, es genauer anzusehen. Also schneeweiß, unter einer Buche, eine Blume in der Hand? Nein, liebe Kathi‹, fuhr das Mädchen fort, allen Ärger aufgebend, und griff der Freundin schmeichelnd an das Kinn, ›nimm's mir nicht übel, aber ich glaube schier, ich war dein Burgfräulein. Ich war damals weiß angezogen, ich saß unter der Buche, ich spielte mit einer Blume – ja, ich bin dir erschienen!‹ ›Meinst?‹ fragte die Kathi langgezogen und wagte es beschämt kaum mehr, der Freundin in die treuen Augen zu schauen, ›Möglich wär's ja; aber wie sah denn dein Gespenst aus?‹ ›Ja, das hatte schon die rechte Farbe, war ganz schwarz von Kopf zu Fuß, hatte so eine kleine Tasche an der Seite, wie die Ritterfräulein sie trugen, und auf dem Haupte etwas Glänzendes wie eine Riegelhaube, aber ganz anders, und kam zum Burgtor herein, ganz erhaben und ...‹ ›O du lieber Gott!‹ fiel Kathi ein, ›das war ja ich ! Ich war schwarz gekleidet, weil der Großvater gestorben, ich hatte meine neue Stricktasche bei mir und auf dem Kopfe etwas Glänzendes, das gar leicht einer Riegelhaube gleichsehen konnte, weil es wirklich eine war, und dann kam ich auch vom Burgtor herein und ging langsam vorwärts, bis du mir erschienst, worauf ich zuvörderst einen Schrei tat und dann schleunigst wieder umkehrte.‹« Frauenwörth. Steinzeichnung von Fr. Wilh. Doppelmayr um 1820 Am Chiemsee Eines Tages im eingehenden Augustmond standen wir, von Prien herabgekommen, am Gestade des Chiemsees. Der Ort heißt Stock und besteht aus ein paar Schupfen, ein paar Badehütten und einem Steg. Nicht weit davon, landeinwärts, hat sich aber eine Schenke aufgetan, wo der Wanderer im kühlen Schatten seine Reisehandbücher lesen und sich vorbereiten mag auf die Schauer der Vorzeit, die ihn bald auf den chiemseeischen Eilanden umwehen werden. Mir fiel dort immer der steinalte Hesiodische Vers ein vom »Winkel der heiligen Inseln« (\μ\ν\χ\ϖ \ν\η\σ\ω\ν \ι\ε\ρ\Α\ω\ν); es ist, wer's zu fassen vermag, ein urweltlicher Duft um diese Seestätten, obgleich die meisten Pilger nur hinüberfahren, um Hechte zu essen und im Lindenschatten der Verdauung zu obliegen. Schon raucht der hohe Kamin und die weißen Wölklein ziehen dem Gebirge zu. Zu Stock am Stege landet nämlich das Dampfboot, welches die breiten Fluten des Chiemsees befährt – ein schönes Unternehmen, das etwa auf achtzehn Jahre zurückgeht. Allererst trat ein ländlicher Zimmermann auf und stellte verwegenen Sinnes dem Publikum ein naives Schifflein zur Verfügung, eine Bauernarche von rührender Einfalt. Ich glaube nicht, daß hinten in Minnesota über die stillen Gewässer der Winnepagos je ein Dampfboot brauste, dem der Spruch, daß aller Anfang schwer sei, oder vielmehr die liebe Not so deutlich aus jedem Sparren guckte. Doch dauerte dieser erbärmliche Anfang nicht gar lange; denn als man gefunden, daß der Chiemsee auch für solche Schiffe gangbar, schlug man das erste zusammen und baute ein anderes, fuhr auch so fort bis jetzt, wo schon das vierte oder fünfte Fahrzeug sich in den blauen Wellen wiegt. Das gegenwärtige ist aber ganz reinlich und schmuck und gehört dem Kupferschmied Feßler zu München. Der Kapitän hat zwar nie die Welt umsegelt, ja eigentlich noch nicht das Meer gesehen, ist aber ein Insulaner von Frauenchiemsee und führt sein Schifflein trotz Wind und Wetter ohne Gefahr durch die wogende See. Auch ist er sehr höflich, was ich ausdrücklich anmerke, da mehrere Leute, die es ebenso leicht sein könnten, noch immer so grob sind. Das Dampfboot hatte vielleicht etliche gute Jahre, aber jetzt sind seine besten Tage auch wieder vorbei. Es florierte, als die Eisenbahn nur bis Rosenheim reichte und der Zug der Fremden dem »bayrischen Meer« gern etliche Stunden schenken mochte; jetzt, da die Schienen das Wasser zu Land umspannen, rollen die meisten in lächerlicher Hast dahin. Nur wenige, aber sinnige Seelen verlassen noch zu Prien den Zug, wandeln einsam nach dem Gestade, rauchen ihre Zigarre auf dem Deck des »Maximilian« oder stricken an ihrem Reisestrumpf und betrachten denkend das Gebirge und den chiemseeischen Archipelagus. Die Eisenbahn, wenn sie nicht so bequem wäre, so geeignet für Hochzeitreisende und flüchtige Schuldner, wenn sie nicht die Völker zueinander führte, ihnen, wie zu erwarten, die Schrullen austriebe und die germanische Freiheit über ganz Europa ausbreitete, man könnte ihr zwar manchmal einen bösen Tag wünschen, aber auf dem Chiemsee hat sie bisher nichts verdorben. »Als ich eines Nachmittags«, schrieb zwar unlängst mit feinen Worten ein guter Freund, »im April 1860 die Klosterfrauen auf Frauenwörth mit einem ehrwürdigen, pappendeckelumzogenen Perspektiv von hoher Mauer über den See spähen sah, aufgescheucht durch einen schrillen Pfiff, wie er vorher nie über die heiligen Wogen herübergepfiffen, und durch ein weißes, wagrechtes, fremdartiges Rauchwölklein, welches sich länger und qualmender längs der Gestade von Feldwies gegen Grabenstatt hinzog, – als damals, kopfschüttelnd und staunig betrübt, die Hüterinnen des Seeheiligtums den großen, schnaubenden Tatzelwurm der modernen Zeit seine ›Probefahrt‹ gen Traunstein tun sahen, da ward auch mir wehmütig zu Sinn, wehmütig um die stille Poesie jener Lande und jenes Seespiegels, und ich danke Gott, daß ich sie noch beschreiten und im morschen Einbaum rudernd belauschen konnte, eh' die Eisenbahn ihre Auswürflinge massenhaft dorthin schleudert.« Aber wie gesagt, Meister Feßler hat eher zu klagen, daß der Auswürflinge so wenige, und derer, die vorübereilen, so viele sind. Hat er doch, die Preise so nieder gesetzt, daß man auf allen Gewässern nicht billiger fahren kann, und gleichwohl war's immer so still auf seinem Deck! Wenn man das Dampfboot betrachtet, wie es mit den fünf oder sechs sinnigen Seelen, deren wir oben gedacht, dahinfährt und seinen Dienst so ordentlich tut, ohne alle weitere Nachhilfe oder Unterstützung, so meint man fast, es sei eine alte Wohltätigkeitsstiftung, welche die frommen Pilger nicht um schnöden Gewinn, sondern um Gottes willen über die blauen Fluten führt und in einer besseren Welt jene Vergeltung erhofft, welche ihr die heutigen Reisemenschen in ihrer Blödigkeit versagen. Bei schönem Wetter stachen wir in den See, fuhren zuerst an Herrenchiemsee mit seinen hohen Gebäuden und ragenden Wäldern, dann an der niederen Au, wo die Krautfelder sind, vorüber und landeten auf Frauenwörth. Heutigen Tages in unseren vorwärtssehenden Zeiten kann man nichts leichter übertreiben, als die retrospektive Altertümelei, und daher schweigen wir von Dobdagrek, dem berühmten Bischof zu St. Bonifazens Zeiten, von seiner Schule, wo die Bajuvarenjünglinge im vorigen Jahrtausend Griechisch gelernt, von dem uralten Portal an dem Münster der Frauen, vielleicht dem ältesten Denkmal bajuvarischer Kunst, von der heiligen Innengard, von Frau Hildegard und Gerburg, den altdeutschen Prinzessinnen, die hier als Äbtissinnen gewaltet oder das Brot der Verbannung gegessen haben, von dem Turm, den wahrscheinlich der nämliche Meister gebaut, welcher für den Stifter Aribo die Türme zu Seeon aufgemauert, schweigen auch von Bischof Berthold von Chiemsee, dem Verfasser der deutschen Theologey, und von vielem anderen, so daß wir eigentlich nur von dem bekannten Handwerksschild der Maler reden, das vor langen Jahren Engelbert Seibertz im Wirtshaus zu Frauenwörth aufgehängt, und von der Chronik der Insel, die einst Friedrich Lentner da gestiftet. Die Insel Frauenwörth haben schon manche gute Schriftsteller geschildert. In der Tat, dieses Eiland, gestaltet wie ein Fisch, und der grüne Busch von uralten, mächtigen Linden darauf, einst die Dingstätte des Eilands, und das stille, strengverschlossene Frauenkloster, aus welchem nur der Nonnen Gesang erschallt, und die niedlichen Fischerhäuschen, und die reizenden Gärtchen mit ihren Lilien und Rosen und Nelken und den Reben, die sich über die Fenster hinaufwinden, und das ruhige Wirtshäuslein und die wunderschöne Aussicht gegen Mittag über die spiegelnde Flut auf die Berge des Chiemgaues mit ihren Nachbarn links und rechts – dazu der leidstillende Gottesfriede, der über diesem Erdenfleckchen liegt –, sie haben nicht allein die Dichter und Maler, sondern auch die Prosaisten schon lange begeistert. Das Jugendalter der Insel fällt übrigens kurz vor die dreißiger Jahre, als sie, früher den Münchnern fast unbekannt, durch fahrende Landschafter aufgeschlossen, behaglich gefunden und mehreren vertrauten Seelen ihre heimliche Lage und Beschaffenheit mitgeteilt worden war. Da hob bald im stillen ein großes Reisen an nach dem Eiland des Friedens, und die Eingeweihten feierten da die fröhlichsten Tage, ja selbst Polterabende, Hochzeiten und Beilager. Unser Haushofer, der da, wie auch Direktor Ruben, sein häusliches Glück gefunden, fing damals den Chiemsee zu malen an und hat ihn seit diesem Anfang wohl dreißig oder vierzig Male gemalt – 's ist immer der alte Chiemsee, aber immer in neuer Auffassung und mit neuen Reizen. Das Gedächtnis jener Zeiten zu erhalten, legte Friedrich Lentner im Jahre 1841, also gerade vor zwanzig Jahren, die Chronik an. Diese ist ein heiterer, fast schnurriger, mit gotischen Randmalereien verzierter Bericht über die Entdeckung der Insel und die Begebenheiten, die seitdem da vorgefallen. Solche, die später kamen, Dichter, Maler und sonstige Naturfreunde setzten dann das begonnene Werk gar fleißig fort, dichteten Elegien, zeichneten Landschaftsbilder, Porträte, auch etliche schätzbare Karikaturen hinein. So ist das Buch ein Kleinod geworden, das mit Sorgfalt erhalten und aufbewahrt, aber den Eilandsgästen, die darnach fragen, gerne gezeigt wird. Gar viele haben darüber, schon eine angeregte Stunde zugebracht. Das Inselchen aber erfreut sich noch immer einer großen Beliebtheit, und es fehlte nicht an elegischen Pilgern, welche seine Einsamkeit suchen und gern etliche Tage oder Wochen da verleben. Für Leute, die viel Zerstreuung und Lustbarkeit begehren, ist es aber kaum mehr geschaffen – denn die lustigen Zeiten sind lange dahin. Still ist es noch immer, das grüne Eiland, aber es mangeln die fröhlichen Gesellen und Gesellinnen, welche einst diese Stille kurzweilig machten. Viele davon ruhen schon lang in der kühlen Erde. Doch nun fort von dem schönen Frauenwörth, das so viel besungen, und hinaus in den weiten See, der schon so oft gemalt worden ist! Der Chiemsee hat eigentlich ein doppeltes Angesicht, oder vielmehr dem Schiffer, der über das Wasser fährt, bieten sich im Handumdrehen, im Augenwinken, zwei so verschiedene Betrachtungen, als wäre er in Gedankens Schnelle viele Tagereisen weit geführt worden. Schaut er nämlich gegen Norden, so zeigt sich ihm nur die alltägliche Waldgegend, ein niederes Gestade mit Nadelholz bewachsen – wie es etwa um die hundert kleinen Seen in der Mark, in Pommern oder in Preußen auch zu finden sein möchte –, wendet er sich aber gegen Mittag, so steigt ganz nah ein prächtiges Gebirge auf, riesige almenreiche Gehänge, wie sie von bei Salzach bis an die Isar nacheinander sich emporrichten, vom Watzmann bis zum Wendelstein, bunt besetzt mit fernen Häusern, Wallfahrtskirchen, Schlössern und Sennhütten, während durch die Einschnitte, in welchen die Bergbäche herausströmen, lilienweiß die entlegenen Pinzgauer und Tiroler Schneehäupter herübergucken. Von Frauenwörth sticht oft in der Abenddämmerung ein Schifflein in den See und plätschert sich hinaus in die rosenrote Flut. In diesem Nachen sitzt immer eine sinnige Seele, ein Maler, ein Dichter, ein Romantiker. Er rudert mit sanften Schlägen fort in dem stillen Gewässer, bis er kaum mehr das Singen vom Gestade her vernimmt. Nun glaubst du aber nicht, wie wunderlich es dem Schiffer bald zumute wird und wie zweifelhaft, ob neben ihm auch noch Menschen auf der Welt sind, und wie er sich freut, wenn auf den Eilanden die Abendglocken erschallen und allmählich die ersten Lichter in den fernen Fenstern glänzen. Es weht da nämlich eine solitudo wie vor tausend Jahren; dieselbe Einsamkeit, wie sie aus den Urkunden der bajuvarischen Urzeit herausspricht – gegen Anfang, gegen Mittag und gegen Mitternacht alles öde, nur hier und da ein Kirchtürmlein, das verlassen aus dem Fichtenwalde spitzt, obwohl da Raum genug für sieben Städte wäre, welche sich um ihren berühmtesten Dichter streiten könnten, und selbst gegen Westen nur etliche Lichtchen aus den Fischerhütten und der matte Schein der Klosterfenster. Diese tiefe Waldeinsamkeit, welche die bayrischen Seen umgibt, verlangt fast eine Erklärung, die unsere Kulturhistoriker auch nicht lange schuldig bleiben werden. Bis wir die rechte haben, können wir immerhin anfuhren, daß die Ufer vielfach sumpfig find. Aber wenn die Ansiedler die nassen Stellen meiden wollten, warum haben sie sich nicht desto dichter auf den trockenen niedergelassen? Unter diesen oder anderen Betrachtungen fuhren wir an dem Steg zu Seebruck an, alle des Willens, den bestellten Wagen zu besteigen und mit Kind und Kegel nach dem Ort zu fahren, welchem wir noch unsere Aufmerksamkeit widmen werden. Auch sah ich schon von ferne über den langen, schwanken Steg meinen Gönner hereinschimmern, den freundlichen Hausmeister von Seeon nämlich, den ich mir eigens gekommen dachte, um uns mit einer glückwünschenden Festrede zu empfangen, das Gepäck zu übernehmen und die Gesellschaft an den Wagenschlag zu geleiten. Jeder Schritt brachte uns näher und näher, und endlich waren wir dicht beisammen. Unser freundlicher Hausmeister, mit dem ich schon manche Stunde unter der Kellerlinde gesessen – er schien mir zwar so kurz und rund wie immer, aber liebenswürdiger als je, und sagte verbindlichst, die Bestellung sei nicht auszurichten gewesen; ganz Seeon strotze von den anhänglichsten Familien, die um die besten Worte nicht weiterziehen wollten; der Wagen sei also auch nicht da und er selbst nur gekommen, um die kaiserliche Abtei und Badeverwaltung ergebenst zu entschuldigen und für ein andermal zu empfehlen. Welch garstige Äffung! Manche Stirne runzelte sich, manches Auge zuckte, aber das weiseste schien gleichwohl zu fragen: »Was nun?« Unser Gönner riet, mit dem Dampfboot wieder umzukehren, nach Frauenchiemsee, nach Prien zu schiffen, kurz auf und davon zu gehen, je weiter, desto besser. »Aber wie ist's denn hier im Dorfe?« »Nicht Raum genug für so viele Leute« (wir waren nämlich, groß und klein ineinander gerechnet, unser neune), »vielleicht wenig Bequemlichkeit.« »Vielleicht mehr als in Seeon!« rief da mit lauter Stimme ein dabeistehender Landjüngling von Seebruck, der die Ehre seiner Heimat ungern herabgewürdigt sah. »Geht hinein zum Wirt und schaut!« Dies schien sehr nahe zu liegen und wurde auch gleich versucht. Herr Isaak Wellkammer, der Gastgeber, in dessen christlicher Familie der seltene Taufname von jeher in Übung ist, empfing uns mit der ihm eigenen Freundlichkeit, sprach sehr hochdeutsch, als wenn wir nicht recht Bayrisch verstünden, zeigte uns seine heiteren Zimmer, seine guten Matratzen, und nach schnellem Umsehen fühlten wir uns ganz glücklich, nicht wieder in der Abendkühle auf die treulose Flut zu müssen und eine Stelle gefunden zu haben, wo wir unser müdes Haupt zur Ruhe legen konnten. Und so nahmen wir also Herberge in dem großen und guten Wirtshaus des kleinen Seebrucks, auf der Stelle der alten Römerstadt Bejadum, welche noch durch unterirdische Gewölbe und unverständliches Gemäuer, durch Kaisermünzen, die vor siebenzehnhundert Jahren verloren wurden und jetzt wieder gefunden werden, ihr längst verschollenes Dasein zu bezeugen sucht. Doch gefiel es uns, noch ein halbes Stündchen zu lustwandeln, hinaus und auf die lange, breite Brücke, welche hier über den Ausfluß des Sees, die ruhig flutende Alz, geschlagen ist. Auf der Brücke aber ein wunderschöner, unvergeßlicher Anblick! Gegen Süden das ragende Gebirge des Chiemgaues in tiefer, blauer Dämmerung, mit einem durchsichtigen, feinen Schleier umwoben, großartig und ehrfurchtgebietend; darüber die rosenroten Abendwolken, und weiter herüber gegen das Flachland ein goldgelber Schein, in den der finstere Kirchturm von Seebruck und die schweigsamen nächtlichen Bäume des Dorfes seltsam hineinstarrten, und im ruhigen See diese Farben wieder, das tiefdunkle Blau, wo sich die Berge spiegelten, die rosenroten Wolken, der goldgelbe Schein, und dann, wo dieser nicht mehr hinreichte, die grasgrüne Flut, die sich ganz hell und klar ins Röhricht hineinzog, wo die Tauchentchen schwammen und hie und da ein Fischlein aufsprang. Diese Brücke zur Abendzeit und das ganze Dörflein in seinem Obsthaine schien mir so neu, so niegesehen und überraschend! Bin schon mehrmals da vorbeigekommen, gehend und fahrend, ist mir doch nie aufgefallen, wie schön das ist! So mag es oft dem Dichter aus der Stadt ergehen, der jahrelang an einem Gesellen vorüberwandelt, den er zwar dem Namen nach kennt, der ihm aber spröde und widerwärtig und ungenießbar scheint, worauf dieser dann gesteht, daß er alle durchgefallenen Tragödien, Liebeslieder, Romanzen, Balladen und Lehrgedichte seines Nachbars sämtlich gelesen und wunderschön gefunden, sogar Zufriedenheit, Trost und Lebensmut daraus entnommen habe, so daß jener vorwurfsvoll zu sich selber sagt: Welch ein edler Geist! Könnt' ich an dieser Stelle so lange vorübergehen, ohne zu ahnen, wie schön sie ist? Bejadums weitere Umgebungen sind auch nicht zu verachten. Wer zum Beispiel nach Endorf, nach der nächsten Bahnstation sich wendet, der kommt auf dem allen Römerweg einmal an eine Stelle, wo die Straße abwärts führt und dann auf schmaler Landenge zwischen zwei Seen durchzieht. Die Seen sind waldumschlossen, dunkelschattig, einsam, fast melancholisch. Es ist ein eigentümlicher Fleck, wo für ein romantisches Auge, für einen »blinden Seher« vielleicht mancherlei zu schauen oder zu ahnen wäre; denn auf der Landenge stand einst eine Burg, Hademarsberg, später Hartmannsberg genannt, wo ein Zweig jener mächtigen Falkensteiner hauste, welche sich nach der Veste bei Brannenburg nannten, die jetzt verfallen ist. In einem alten pergamentenen Buche im Archiv zu München ist noch ein Stück des Schlosses abgebildet zu finden, ein mächtiger Grundbau, der aus dem See aufsteigt, und darüber ein Laubengang von romantischen Rundbogen, in dessen Pracht das Edelfräulein erscheint, wie es angelt, Fische angelt aus dem blauen See – wahrscheinlich wußte sie, die holde Unbekannte, auch unvorsichtige Ritterherzen zu angeln und hat es vielleicht nicht selten versucht. Ach, das fröhliche Mädchen liegt schon lang im kühlen Grabe, schon seit sechshundert Jahren, und weiß kein Mensch mehr, wie sie geheißen und wen sie geheiratet hat und wie es ihr ergangen ist. Ich lebe der Hoffnung, daß sie eine brave Hausfrau geworden und ordentlich gewirtschaftet, nicht in Saus und Braus ihre Habe vertrödelt, ihre Zahlungen eingestellt und hunderte von fleißigen Handwerkern um ihre Mühe und Arbeit gebracht hat, wie es jetzt mitunter vorkommen soll. Später, in milderen Zeiten, wurde die Burg zu Hartmannsberg ein offener Edelsitz, den zuerst die Pinzgauer und vor hundert Jahren die Grafen und Gräfinnen von Hörl sommerlich bewohnten, bis sie vergantet wurden. Jetzo ist der Edelsitz ein großes Wirtshaus, das aber, seit die Eisenbahn errichtet worden, nur wenig Besuch mehr sieht. Die Wirtin führt uns gern herum in dem oberen Stock, wo noch die Schloßkapelle, eingelegte Kommoden und Tische, getäfelte Türen und anderer verschlissener und vergilbter Wohlstand vergangener Zeit – nunmehr alles zur Verfügung zufälliger Herbergsgäste, Fuhrleute, Viehtreiber und wandernder Schneidergesellen. An den Wänden hängen auch etliche alte, nachgedunkelte Gräfinnen aus der Zeit des spanischen Erbfolgekrieges, jungferlichen Standes, wie es scheint, welche jetzt, natürlich nur mit gemalten Augen, den unsauberen Handwerksburschen zusehen, wenn diese abends in das Bett steigen. Nichts ist so erhaben und so ausschließlich als der hohe Adel, solange der Portier mit dem breiten Wehrgehänge unter dem Tore steht und die Wappenwagen anfahren, die schweren Seidenroben über die Treppe hinaufrauschen und die Ballmusik aus den erleuchteten Sälen schallt; aber wenn die Noblesse einmal auf der Retirade, so überläßt sie Hausgötter, alte Kommoden und alte Jungfern – letztere sogar zum Aufheiraten – schließlich gern dem bescheidenen Bürgerstande. Seebruck rühmt sich ferner der Auszeichnung, daß es zur nachmittäglichen Kaffeezeit von Seeons Badegästen in großer Anzahl besucht wird. Wer diesen geselligen Freuden etwa ausweichen wollte, könnte gerade um solche Zeit nach Seeon wandern, welches nur eine Stunde entfernt ist. Er ginge dabei zuerst die Alz entlang, den stillen, glatten Strom, der sich hier glänzend in schattige Waldbuchten verliert, aber bald von steigenden Höhen in Empfang genommen wird, die ihn lange begleiten und ein so reizendes Tal bilden, daß unser Siegelt wahrlich gut getan, es das Tempe des Chiemgaues zu nennen. Allmählich erreicht man auch Ischl, ein Dörflein, welches einsam im waldigen Grunde liegt. Man weiß nicht, ob dieser Ort vielleicht vor tausend Jahren, als die Chiemgauer in großen Haufen nach der Ostmark, dem heutigen Österreich wanderten, Stamm- und Namensmutter jenes anderen berühmteren Ischl im Salzkammergut geworden; aber so viel ist gewiß, daß wenigstens jetzt zwischen diesem und jenem nicht die geringste Ähnlichkeit besteht. Dort europäischer Zusammenlauf, Vornehmheit, Luxus und Prellerei, hier die tiefste Einsamkeit und ländliche Stille. Hier im chiemgauischen Ischl ist auch der Kaiser von Österreich noch nie mit dem König von Preußen zusammengekommen, wie dort anno 1851, obgleich es hier ebenfalls sehr wünschenswert wäre und vielleicht zur Aufrichtung aller guten Chiemgauer und sonstigen Deutschen gedeihen möchte. Um den Berlinern ein politisches Interesse an dieser Zusammenkunft beizubringen, könnte man auch einen französischen Friseur oder Marschall dazu einladen und ein paar Poeten von der, Spree, die zu deren Ehren wohl willig in die Harfe klingen würden. Das Örtchen besteht übrigens nur aus ein paar Bauernhöfen und einer Mühle am klaren Bach, welche ein Kirchlein, das mitten im Friedhof steht, verbindet – stilles Kirchlein ohne Altertum und Denkmal. Auf dem Friedhofe hielt ich einst ein bißchen an und las z. B. über einem Grabe: »Johann Reitmayer zu Ischl wollte nach dem Wallfahrtsorte Unser Herr auf der Wies gehen, starb aber ganz unvermutet zu Trauchgau.« Wer uns sagen könnte, warum Johann Reitmayer dazumal nicht zur bayrischen Muttergottes im nahen Altötting pilgerte, oder wenn er ein minder kräftiges Heilmittel seinen Umständen zuträglicher erachtete, warum nicht nach Maria-Eck, nach Tuntenhausen, nach dem Birkenstein bei Fischbachau? Warum so weit über Berg und Tal und Wasserflüsse bis hinaus nach Steingaden, an den Lech, zum schwäbischen Herrgott auf der Wies? Anziehungskraft und Ruf der Gnadenbilder haben auch ihre Geheimnisse, die noch wenig enträtselt sind. Manchmal reißt es den Pilger fort mit Sturmesdrang nach fernen Wallfahrtsorten, an die kein Mensch mehr denkt, deren Namen kaum bekannt, deren Gegend der Schullehrer gar nicht und der Pfarrer erst auf Nachschlagen angeben kann. Der Liebhaber steckt einen ledernen Schlauch mit Silbermünzen und seine Tabakspfeife zu sich und wandert des Gottes voll, wohin ihn die Gestirne leiten! Auch ein geringes Bildchen an der Friedhofsmauer zog mich seltsam an. Oben kniet ein Jüngling in einer Uniform, wie sie die Bayern in den Freiheitskriegen getragen, und darunter steht: »Mein Sohn, welcher als Feldjäger, fünfundzwanzig Jahre alt, in einer entlegenen Landschaft, die wir nicht wußten, gestorben ist, 1814.« Weil er bei seiner »Freundschaft« auf dem Friedhofe zu Ischl doch nicht schlafen konnte, der junge Freiheitsheld, so errichtete ihm der Vater dort an dem stillen Ort ein Zenotaphium. Wie einfach und wie lieb! »... in einer entlegenen Landschaft, die wir nicht wußten ...«. Wo mag es wohl gewesen sein? Zu Arcis in der Schlacht, zu Nancy im Spital, oder sonstwo jenseits der Vogesen! Hätte nicht gedacht, da zu Ischl diese wehmütige Erinnerung an jene Kriege zu finden, an den schönen Wahn und die große Zeit, als die hochherzigen Deutschen ihre Kaiser und Könige vom Napoleon befreiten, um selbst der traurigsten Herrschaft anheimzufallen. Der Feldjäger von Ischl hat's gewiß auch anders gemeint! Gott geb' ihm eine fröhliche Urständ, wo immer auch im fernen Frankreich seine Asche ruht! Rechts von Ischl fließt die Alz, und wenn wir nicht nach Seeon gehen, so erreichen wir, dem chiemgauischen Tempe folgend, in einer guten Stunde die Gegend, wo das Kloster Naumburg weithin sichtbar auf seiner schönbelaubten Anhöhe steht und der alte Markt an dem rauschenden Fall des Stroms sich ausbreitet, und Trostberg, der freundliche Flecken, mit der Siegertshöhe von ferne glänzt, und gegen Anfang die Brauerei von Stein zu ihrem flüssigen Golde winkt, lauter Schönheiten, die wir heute nicht näher zu beschreiben brauchen. Es ist überhaupt eine Eigenheit des Chiemgaues, so schaulich, so belvederisch zu sein, oder, um diese bedenklichen Adjektive zu umschreiben, es ist ihm eine so geschickte Anordnung, ein so wohlbemessenes Gewebe des wogenden Hügellandes zuteil geworden, daß der Wanderer alle Viertel-, alle halbe Stunden, nachdem er ein Tal durchschritten, wieder auf eine Höhe gelangt, von der sich die ungeheure Gebirgsansicht und der See, und über den Inn hinaus die unermeßliche bayrische Ebene zeigt. In allen Landschaften, die sich vor den Bergen ausbreiten, finden sich natürlich vielfach Stellen, wo sie übersichtlich vor Augen liegen; aber eine so regelmäßige Wiederkehr von Senkung und Hebung, und auf dieser von endloser Fernsicht sowohl einwärts in die Alpen, als in die grüne Heide, ins Flachland hinaus, sie hat nur der Chiemgau. Bauerntheater Im Wirtshaus war es nicht ganz geheuer. Öfter vernahm man unerklärliche Hammerschläge, zuweilen sah man eine seidene Schärpe, einen goldpapierenen Helm, einmal sogar eine hölzerne Hirschkuh vorübertragen. Als man nach dem Grunde dieser seltsamen Erscheinungen fragte, erhielt man die Erläuterung: die Bauern von Seebruck würden am nächsten Abend Theater spielen. Welche Überraschung! Der erste Anstoß zu diesem Unternehmen scheint von der königlichen Gendarmerie ausgegangen zu sein. Im Nebenhause des Gasthofes ist nämlich ein kleines Lager aufgeschlagen, in welchem drei Gendarmen friedlich beisammen leben. Sie erscheinen in ihren Freistunden auch im Hauptgebäude und wissen sich durch Dienstwilligkeit und kleine Aushilfen in Haus und Hof und Stall sehr beliebt zu machen. Einer davon ist der »Kommandant«, ein gebildeter Krieger, welcher im Königreich schon viel herumgefahren und den Landleuten an Weltkenntnis weit überlegen ist. Dieser zuerst erfaßte, so scheint es, nach unseres Schillers Vorgang den Gedanken, die Bühne als Bildungsanstalt zu benützen und so auf die ästhetische Erziehung der Seebrucker zu wirken. In kurzer Zeit waren auch die nötigen Talente gewonnen und es fehlte bald nichts mehr, als das Stück. Nun ging aber in der Gegend schon lange ein Gerücht, daß ein solches in dem benachbarten Höselwang zu finden sei, und so machten sich denn etliche von den Seebruckern auf und holten es im Triumph herüber. Aber auch die hohe Obrigkeit mußte dem Vorhaben ihre Weihe geben, und da man den Herrn Landrichter von Trostberg zu Seeon im Bade wußte, so zog eine »Deputation« an diesen Ort und brachte mündlich ihre Bitte vor. Der gemütliche Landrichter hörte sie lächelnd an, fragte nur, was etwa der geistliche Herr, des Dorfes Seelenhirte, dazu sage, und als die angehenden Mimen berichteten, dieser habe das Stück schon durchgelesen und nichts Anstößiges darin gefunden, so sprach der kunstliebende Badegast: »Geht nur hin und spielt; wir werden eurer Vorstellung selbst beiwohnen!« »Wie?« ruft hier vielleicht ein ergrauter Registrator oder Kanzleidirigent, der an die siebenunddreißig Bände der Döllingerschen Verordnungssammlung denkt, »welches Benehmen in der Stellung eines königlich bayrischen Landrichters! Und alles so mündlich wie in der grauen Urzeit, in den Tagen der Schachtelhalme und der Ichthyosaurier! Wo bleibt da schriftliche Instruktion, Protokoll, abweisender Beschluß und Publikation desselben, Rekurs, Aktenvorlage, Regierungsentschließung, die durch ihre Weisheit imponiert, Eröffnung derselben, Nullitätsbeschwerde und Deservitenabstrich? Wo bleibt die Strafe wegen ungebührlicher Schreibart? Welcher Schlendrian! Ach, wie kahl wird nun die Welt, wie unerquicklich diese Übergangsperiode, bis einmal die Buchstabenschrift wieder in ihre geheiligten Rechte eingesetzt ist! Und wie leiden einstweilen der Dienst und das Amt und die Regierung und der Staat und das ganze königliche Haus!« In der Tat wurden diese Dinge in anderen Landgerichten auch viel gründlicher behandelt. Die Audorfer, früher für weltliche Stücke die ersten Histrionen des Hochlandes, sie wissen wohl zu erzählen, wie oft ihnen in den letzten dreißig Jahren ihr »Gspiel« erlaubt und verboten worden, und wieviel Schreiberei darüber ergangen ist, bis endlich der große Brand von 1857 die Bühne mit der kostbaren Garderobe und den Dekorationen und den Spielbüchern in Asche legte. Damals verbrannten nicht allein die Stücke, die sie selbst geschrieben, sondern auch »Johanna von Montfaucon« und »Otto von Wittelsbach«, ja sogar »Hamlet, Prinz von Denemarkt«, und damit die lehrreiche Gelegenheit, zu untersuchen, wie sich der große Brite und sein Meisterwerk in den Köpfen der Inntaler Bauern malte. Die Bewohner von Kiefersfelden, in derselben Nachbarschaft, welche, wie ihr ältliches Schauspielhaus bezeugt, schon vor Jahren die dramatische Muse mit Eifer pflegten, sie kämpfen auch jetzt wieder um die langentzogene Erlaubnis, obschon sie aus ihren Leistungen gar keinen Vorteil ziehen, sondern die Überschüsse aus den Eintrittsgeldern zu einer Stiftung verwenden wollen, auf daß in der nahe gelegenen Ottokapelle alle Jahre für das Seelenheil des ganzen Landgerichts eine heilige Messe gelesen werde! Die dortigen Liebhaber sind meistens Arbeiter im Eisenhammer, und es ist wirklich sehenswert, wie ihre, obwohl rußigen Gesichter zu leuchten beginnen, wenn man mit ihnen vom Theater zu sprechen anfängt und die Hoffnung äußert, es könnte vielleicht doch noch einmal die Zeit kommen, wo es wieder erlaubt würde. Eine gewisse Bitterkeit erregt es in den Herzen des bayrischen Inntals immerhin, daß im Tirolischen, bei Kufstein, in der Thiersee, in Erl, in Sewi und allenthalben gespielt weiden darf. Die bayrische Obrigkeit, indem sie den Hirten des Hochlands mit ihrem Rosenfinger den theatralischen Mund verschließt, beteuert zwar, es geschehe nur, um sie vor unnützen Ausgaben und den Verführungen der Leichtfertigkeit zu bewahren, allein ihre Maßregeln haben, wie dies mitunter bei jeder guten Regierung vorkommt, gerade die entgegengesetzte Wirkung. »Daß jetzt wir nicht spielen dürfen«, sagte jüngst ganz grämlich der würdige Vorsteher eines bayrischen Grenzdorfes, »und in Tirol, da schlagen sie überall ihre Theater auf! Da hat man schon die Zeit nicht, solche Sachen zu verbieten. Wenn die Herren in der Stadt etwa hoffen, daß sich ihnen zulieb etwa der Bauer sein schönstes Sonntagspläsier abgewöhnt, da dürfen sie noch lange warten. Jetzt lauft und fahrt an Sonn- und Feiertagen alles ins Tirol hinein, zecht in dem teuren Tirolerwein, lebt in der größten Lustbarkeit und kommt in der finstern Nacht mit leerem Beutel und paarweis wieder heim – alles von derowegen, weil unser Gspiel dahier der Sparsamkeit und den guten Sitten schaden könnte! Hätten wir unser Theater im Dorf, dann blieben die ledigen Leute daheim und wir könnten selber auf sie Obacht geben!« Der Vorsteher meinte dabei, es sei ohnedem längst ausgemacht, daß die bayrischen Bühnen die bessern Stücke hätten, und erzählte nebenher zum Beispiel, auf einem tirolischen Theater hätten sie eine Art Passionsspiel aufgeführt, und da habe der kohlschwarze Teufel mit dem Judas ein Protokoll auf Stempelbogen aufgenommen, daß er ihm seine Seele verschreibe (scheint eine feine Ironie auf unsere Vielschreiberei), und dann, als der Verräter vom Baum gefallen und ihm der Wanst geborsten, sei ein ganzes Gequirl von schmackhaften Würstchen – sein Eingeweide vorstellend – herausgequollen, welche dann die jungen Teufelchen sofort unter furchtbarem Hallo des hingerissenen Publikums verzehrt. »Das wäre bei uns doch nicht mehr möglich!« sagte der Vorsteher mit einem gewissen bayrischen Geisteshochmut, während wieder andere in jenen Zügen gerade die liebenswürdigen Reste Mittelalterlichen Volkshumors erblickt haben sollen. Woher dieser unüberwindliche Hang zum Schauspiel stamme, wollen wir hier nicht untersuchen, aber uns gleichwohl die Meinung erlauben, daß er, abgesehen von der persönlichen Freiheit, die in konstitutionellen Staaten doch auch ein bißchen Achtung verdient, viel mehr Nutzen als Schaden bringt. Es ist ein Trieb zur Bildung, der gewiß begünstigt werden darf. Für die Welt lernen die Leutchen wenig, für ihr Dörflein, wenn nicht zuviel, doch mehr als sie verwenden und erhalten können. Da tritt nun das Theater helfend ein als lebenslängliche Feiertagsschule; sie üben sich wieder im Lesen und Schreiben, Singen und Dichten, und ihr Geist, der sich doch zur Indolenz hinneigt, bleibt in erfrischender Bewegung. Nachdem also den Seebruckern ihr Gspiel erlaubt war, so ging die »Heilige Genofeva« am Sonnabend, dem dritten August, auch wirklich über die Bretter. Es sollte zunächst eine Vorstellung für das Dorf und die Badegäste von Seeon sein, denn der Zufluß der weiteren Nachbarschaft wurde erst für den darauffolgenden Sonntag erwartet. Da jedoch ein starkes Gewitter eingefallen war, so blieben die Seeoner aus; der Saal hatte außer den Gästen des Wirtes nur die Dorfleute aufzunehmen und war wenigstens nicht überfüllt. Der Text der heiligen Genofeva war also in dem nahen Höselwang geholt worden, aber nach dem Verfasser hat man nicht gefragt, und es wußte ihn niemand zu nennen. Wahrscheinlich ist's ein junger Ackersmann, der morgens mit dem Pflug zu Felde geht und nur »des Abends auf den Helikon«; denn die Bacherl kommen bei uns nicht bloß unter den Dorfschullehrern vor, sondern reichen bis unter die Bauernknechte herab. Es ist eine Frage, ob der Dichter auch nur eine wandernde Truppe je spielen gesehen, wie denn selbst von dem Seebrucker Personal nur ein einziger einmal zu Traunstein dieses Glück genossen. Auf jene Frage führt übrigens die sozusagen zyklopische Haltung seines Werkes, welches so viele Unbeholfenheiten und Naivitäten enthält, daß es schon deswegen interessant ist. Im ganzen liegt das Genofevabüchlein des Verfassers der »Ostereier« zugrunde, und wo dasselbe Zwiegespräche oder Monologe enthält, fährt unser Dichter auch ganz sicher und behaglich dahin, obwohl er notwendigerweise vielfache Abkürzungen eintreten ließ. Wenn aber das Büchlein die dramatische Form verläßt, so ist unser Landmann in sichtlicher Verlegenheit und hilft sich bestmöglich ohne Worte durch. So gleich am Anfang. »Siegfried und Genofeva«, heißt es in der Erzählung, »lebten in der seligsten Eintracht. Eines Abends spät nach Tische, da man schon das Licht angezündet hatte, saßen beide vergnügt in dem gewöhnlichen Wohnzimmer. Genofeva sang und spann, und Siegfried begleitete ihren Gesang mit der Laute.« Als Schilderung dieser glücklichen Häuslichkeit sehen wir nun, nachdem der Vorhang aufgerollt, die beiden Gatten im »gewöhnlichen Wohnzimmer« an einem Tischlein sitzen, sie mit dem Spinnrade, ihn mit unterschlagenen Beinen, doch ohne Laute. Es steht eine Flasche Wein zwischen ihnen, nach der Etikette zu schließen: Forster Riesling von Weinwirth J. B. Michel in München. Der Graf füllt die Gläser und sie stoßen, ohne ein Wörtchen zu sagen, an, messen sich aber allerdings mit bedeutsamen Blicken. Nach diesem beginnen sie ein häusliches Duett zu singen, bei dessen Ende schon der Bote hereintritt, der den Grafen zum Kriegszug gegen die Mohren ladet. Dieser hat kaum Abschied genommen und die Wohnstube verlassen, als Golo mit seinen »schändlichen Anträgen« hervorkommt. Das Büchlein gibt weiter keine Worte an die Hand und der Dichter muß daher selber sprechen. Für Golos sündhafte Begierden bringt er auch noch einen ganz anständigen Satz auf, aber Genofeva findet keinen Ausdruck mehr für ihre Tugend. Um nicht reden zu müssen, gibt sie ihm einen stummen Schlag ins Gesicht, er geht mit einer kurzen Drohung ab, und damit ist der Knoten geschürzt. Die Pfalzgräfin entschließt sich nun unverweilt, an ihren Gatten zu schreiben und beginnt: »Lieber Siegfried! Obgleich du mir auf verschiedene Briefe, die ich an dich gerichtet, bisher noch keine Antwort gegeben hast ...« usw. Der Dichter hat nämlich die spätere Bemerkung des Büchleins, daß Golo alle Briefe der Gräfin an den Grafen, und umgekehrt, unterschlagen habe, schon hier verwendet, obschon Siegfried, wenn Genofeva zum Fenster hinaussehen wollte, sich gewiß noch im Burghof befinden müßte. Jene Zeilen soll nun der getreue Drako besorgen, der aber vom hereinstürzenden Golo durchbohrt wird und sie sterbend auf den Boden fallen läßt. Das Schreiben bleibt nun noch sieben Jahre lang auf dem Boden liegen, bis es Siegfried bei seiner Rückkehr gewahrt, aufhebt, und darin einen neuen Beweis der Unschuld seiner Gattin findet. Der nächste Akt führt diese im Kerker vor. Sie deutet da auch beiläufig an, daß sie »in anderen Umständen« sei. Ein städtischer Dramatiker würde nun wohl die Verwirklichung dieses Winks in den Zwischenakt verlegen, aber der Dichter von Höselwang läßt seine Heldin einfach hinter die Kulisse treten und nach ein paar Sekunden mit einer Windelpuppe, die sie eben geboren, wieder hervorkommen. In unserer Metropole hätte diese Erscheinung wohl ein schallendes Gelächter hervorgerufen, aber die Landleute von Seebruck waren in so getragener Stimmung, daß sie niemandem auffiel. Derlei wunderliche Vorkommnisse wären aber noch mehrere hervorzuheben, doch übergehe ich sie lieber, um nicht zu lange zu werden. Stehen nun diese Bauernspieler auch in den meisten Dingen hinter den dramatischen Künstlern der Stadt zurück, so sind sie ihnen doch darin voraus, daß sie keines Souffleurs bedürfen, denn ihr Gedächtnis scheint vortrefflich. Sonst werden ihre Leistungen allerdings nur im Licht eines ersten Versuchs zu betrachten sein. Die meisten spielten mit ägyptischer Steifheit; Berta und Schmerzenreich, der ein Lammfell und eine langhaarige, schwarze Perücke trug, sprachen jenen monotonen Diskant, welcher in den Landschulen für das Hersagen der bayrischen Geschichte eingeführt ist; mit Ausdruck und einigem Selbstvertrauen traten eigentlich nur Golo und der eine der Knechte auf, welche Genofeva morden sollen. Diese selbst genügte in den Elendsszenen des Kerkers und der Wildnis, war aber schwach und fast gefühllos gegen das Ende, wo sich die Freude über die Rettung und die Leidenschaft ihrer Liebe zeigen sollte. Nach der alten Tradition der geistlichen und der weltlichen Volksbühne ließ sich übrigens vor jedem Akt ein Chor vernehmen, der mit spröder Stimme eine Strophe absang, welche den Inhalt des kommenden Aufzugs ankündigte und besprach. Wer diese Vorworte gedichtet, vergaß ich leider zu fragen. Während des Gesangs war aber der Vorhang herabgelassen, so daß sein Schall nur aus dem Verborgenen kam. Die Sänger und Sängerinnen hielten es nämlich, wie sie später erläuterten, für unschicklich, sich mit aufgesperrtem Mund vor's Publikum zu stellen, und dieses in ihren dunkeln Rachen und geheimnisvollen Schlund hinunterschauen zu lassen, eine unerklärliche Diskretion, welche, übel angewendet, fast unsere ganze Oper unmöglich machen würde. Dagegen fehlte die lustige Person, Hanswurst oder Kasperl, welche im Bauernspiel der Tiroler nie vermißt wird, an die aber unser Dichter bei seiner Abneigung, sich selbst vernehmen zu lassen, wohl kaum denken konnte. Die Einrichtung der Bühne bot nichts Auffallendes. Das »gewöhnliche Wohnzimmer« war einfach gelb getüncht und durch einen gestreiften Vorhang rückwärts abgeschlossen. Wenn dieser aufgezogen, sah man in den Wald, der durch frische Tannenbusche bezeichnet war. Einmal ging oben auch der Mond über die Bühne, ein ernsthaftes Antlitz aus Ölpapier, durch eine dahinter verborgene Lampe beleuchtet, welches an einem Bindfaden langsam vorübergezogen wurde. Als das Stück zu Ende war, entfernte sich das ländliche Publikum, ohne zu klatschen und zu jubeln, welches durchaus gegen den Charakter des Volkes wäre, aber doch mit vollkommener Befriedigung. Wenn man die Einzelnen fragte, wie es ihnen gefallen, gaben sie wie mit einer Stimme zur Antwort: »Warum soll es uns nicht gefallen haben? Wir haben nie was solches, nie was Schöneres gesehen!« Ihre innige Anteilnahme hatte auch schon das Schluchzen bezeugt, welches sich bei den rührenden Stellen sehr vernehmlich erhob. Der darauf folgende Sonntag war also der eigentliche Spieltag, der auch mit unermüdlichem Eifer ausgenutzt wurde. Genofeva hatte des Morgens kaum ihren frommen Gesang auf dem Kirchenchore beendet, als sie auch schon das weiße Gewand der Pfalzgräfin um sich schlug und die anderen zur Eile drängte. Nach flüchtigem Mittagessen begann bereits um elf Uhr die erste Aufführung, die zunächst für die Kinder des Dorfes und der Umgebung bestimmt war. Hierauf folgte des Nachmittags die zweite, welche die Herren und Damen von Seeon mit ihrem Besuch auszeichneten, und abends endlich die dritte, bei welcher hauptsächlich die Landleute der Nachbarschaft vertreten waren. Wir hatten diesen Tag auf einem Ausflug nach Stein verbracht, erfuhren aber, als wir des Abends zurückgekehrt, daß alles wieder ganz gut abgelaufen, und daß die Zuschauer trotz der großen Hitze, die oben im Spielsaal geherrscht, sich doch sehr zufrieden und vergnügt gezeigt. Der ländliche Teil derselben blieb auch noch später beisammen und suchte seine Erquickung in Herrn Isaak Wellkammers großen Gastzimmern, die solchen Andrang kaum fassen konnten. Die Helden und Heldinnen des Spiels hatten sich an einem langen Tisch zusammengesetzt und wurden von den anderen nicht ohne gewisse Aufmerksamkeit betrachtet und behandelt. Sie selbst gaben sich sehr bescheiden, waren zum Teil noch ganz in sich versunken und erwachten erst allmählich für Gespräch und Unterhaltung. Als die Mitteilung lebendiger geworden, fing Golo, der Gemeindevorsteher, mit großem Lobe von den Verdiensten des Kommandanten zu reden an, von seinen Bemühungen, das Theater in Seebruck aufzubringen, und von seinen trefflichen Ratschlägen, welche über manche Verlegenheiten bei der Inszenierung hinweggeholfen hatten. Auch sonst, sprach Golo, indem er aufstand und die Stimme erhob, auch sonst sei er ein wahrer und herzlicher Freund der Gemeinde, der, ohne seiner Pflicht zu fehlen, alle Unannehmlichkeiten und Stänkereien zu vermelden wisse, daher auch die allgemeine Achtung genieße und verdiene. Er schloß mit einem Hoch auf den Gefeierten, welches den lautesten Anklang fand. Hierauf der Kommandant: Von seinen Bemühungen um das Theater wolle er nicht sprechen, denn sie seien kaum der Rede wert; aber es scheine ihm eine gute Stunde gewesen zu sein, als er nach mancherlei Umzügen in Bayern endlich zu Seebruck einen entsprechenden Wirkungskreis gefunden. Der Beruf des Instituts, dem er anzugehören die Ehre habe, sei zwar ein schwieriger, aber unter so braven und redlichen Leuten, wie seine Seebrucker seien, könne er ein sehr leichter werden und sich sogar, wie der eben vernommene Trinkspruch beweise, Anerkennung und Zuneigung erwerben. Je weniger Aufgaben die Gendarmerie zu lösen habe, desto glücklicher müsse er sich fühlen. Dieses Glück sei aber nach seinen Erlebnissen ihm nirgends so sehr zur Seite gestanden wie in Seebruck, und deswegen erlaube er sich ein dreifaches Hoch auszubringen auf diese biedere und ehrenwerte Gemeinde! Ich gestehe, daß mir das Verhältnis zwischen Gendarmerie und Volk nie in schönerer Wirklichkeit vor Augen getreten ist als hier. Übrigens, sagte ich mir selbst, kann man sich in der Tat nicht mehr über mangelnden Fortschritt im Bauernstand beklagen, wenn jetzt die Gemeindevorsteher schon frisch und keck Toaste auf die Gendarmeriekommandanten ausbringen, während doch selbst höhere Staatsbeamte ihre Festreden noch abzulesen pflegen. Goethe gibt im Wilhelm Meister bekanntlich den Rat, daß jeder Mensch, um sich über dem Gemeinen zu erhalten, wenn es möglich zu machen, alle Tage wenigstens einige vernünftige Worte sprechen soll, und dieses Hausmittelchen schienen mir jedenfalls die beiden Redner im Dorfe Seebruck besser angewendet zu haben, als es vielleicht an manchem größeren Art und Landgerichtssitz zu geschehen pflegt. Nachdem ich nun aber bemerkt, daß da jedermann spreche, ergriff ich auch das Wort und hob hervor, wie sehr wir landliebenden Stadtleute überrascht gewesen, hier ein so ernstes Streben zu finden, einen so festen Vorsatz, dem deutschen Drama eine Stätte am schönen Chiemsee zu gründen. Ihr harmonisches Zusammenspiel habe uns überzeugt, daß ihnen die Worte des Dichters der Genofeva keine unverständlichen Laute geblieben. Das Theater sei übrigens, wie schon unser Lieblingsdichter dargetan, nicht ein leerer Zeitvertreib, sondern eine Stiftung, das Herz des Menschen zu bilden und daher wohl berufen, Hand in Hand mit der Kirche zu gehen. Andererseits sei es auch eine Fortsetzung der Schule, indem es die Kenntnisse, die sie dort errungen, zu erhalten und auszubilden allen Anlaß gebe, so daß sie fortschreitend allmählich mit dem besten und schönsten, was unsere Literatur erzeugt, sich bekannt machen würden. Einem solchen Beginnen müsse jeder Freund des Vaterlandes zustimmen, und zum Wahrzeichen unserer Zustimmung sei hiemit ein Hoch gebracht auf die Schaubühne von Seebruck! Nicht ohne gehörigen Beifall ließ ich mich wieder nieder, jedoch fast verzweifelnd, ob ich der Goetheschen Anforderung wohl eben so gut wie meine Vorredner entsprochen haben möchte. Nur dessen war ich sicher, daß ich meinen Spruch in einem ganz angenehmen, nach den besten Elementarbüchern orthoepisch gebauten Hochdeutsch abgehalten, und nicht etwa, wie der sonst für die bayrische Muse sehr eingenommene Unbekannte neulich in einem Wiener Blatt andeuten wollte, in den ungezähmten Lauten des Isarwinkels oder der Holledau. Hat uns – nämlich einen gelehrten Allgäuer, der sich selbst verteidigen mag, und mich –, hat uns der sonderbare Verehrer weiter nicht erschreckt, indem er jenem eine »rauhe oberschwäbische Mundart« und mir gar ein »mastiges bojoarisches Idiom« beilegte, während ich doch wegen meiner feinen Sprechweise im Zillertal schon vor achtzehn Jahren für einen Mecklenburger gehalten worden bin! Abgesehen davon, hat man sich seit Einführung der Trinkberedsamkeit durch die beständig wiederholten Toaste bald auf »das einige Deutschland«, bald »auf Deutschlands Zukunft« gerade in den schmelzenden Tonarten der Muttersprache dermaßen eingeübt, daß man von Buxtehude bis an den Meraner Küechelberg bei volkstümlichen Zweckessen und anderen günstigen Gelegenheiten, wenn keine besseren Sprecher vorhanden sind, allenthalben als Not- und Hilfsredner auftreten könnte, ohne durch jenen bedauerlichen Makel sich und dem engeren Vaterland einen Schimpf zuzuziehen. Nachgerade fingen die Landleute auch zu singen an. Was singt der Bauer heutzutag am Chiemsee oder überhaupt in Oberbayern? Auf diese Frage werden die Kulturhistoriker viel weniger Antwort geben können, als man meint. Die Schnaderhüpfl gelten uns allen so sehr als alleiniger Ausdruck der Volkspoesie, daß sich eigentlich niemand um ihre anderweitigen Lieder und Gesänge viel gekümmert hat. Auch Lipowsky, in seinem gekrönten Schriftchen über das Landgericht Moosburg, erwähnt nur die erste Gattung. Es ist aber auch nicht so leicht, diesen Dichtungen beizukommen, denn wenn des Sonntags die wilden Bauernweisen durch die Wirtshausfenster schallen, wagen es zartere Gemüter selten, die rauhen Sänger zu stören, des Werktags aber sind die Nachtigallen in Feld und Wiese beschäftigt, deswegen schwer aufzufinden und nicht immer geneigt, ihre Gesänge anzugeben. Daher ist es höheren Orts nicht einmal bekannt, daß sich ein kleines Lied vorfindet, zwar nicht hochpoetisch, aber doch beliebt, welches die Auswanderung nach Amerika besingt. Es lautet: Jetzt ist die harte Stunde da. Jetzt reisen wir ins Nordamerika. Unsre Wagen stehen vor der Tür; Mit Weib und Kindern ziehen wir. All' unsre Freunde weinen sehr; Sie sehen uns ewig nimmermehr. Jetzt steigen wir in das Schiff hinab; Vielleicht ist das schon unser Grab. Soll unser Tod im Meere sein, So geben wir uns willig drein. Wir scheuen keinen Wasserschwall Und glauben, Gott ist überall. Jetzt sind wir dort an jenem Ort; Jetzt heben wir die Händ' empor Und rufen aus: Vivat, vivat! Jetzt sind wir in Amerika! Die Seebrucker sangen es noch um Anfang des Augusts, obwohl schon damals die Ereignisse herankamen, welche unseren Ideologen die oft empfohlene Lehre: Nil admirari ! wiederholt einprägen konnten. Ferner sangen sie ein Eisenbahnlied und ein Telegraphenlied, die beide sicherlich in der Gegend, und zwar zur Zeit, als Eisenbahn und Telegraph im Bau waren, entstanden sind. Es geht ein satyrischer Zug durch beide, doch sind sie in Sinn und Reim so vernachlässigt, daß wir sie als Bereicherung unseres Liederschatzes nicht ansehen können. Später griffen die Sänger noch auf einige ältere, echte Bauernlieder zurück, die mir, wenn nicht das Beste, so jedenfalls das Eigentümlichste des Repertoires zu sein schienen. Namentlich eines, ein vielstrophiges, in folgendem Stil: Was braucht man auf ein Bauerndorf? Was braucht man auf ein Dorf? Ein' Hund, der wacker billt. Ein' Müller, der nicht stiehlt, Ein' Kellnerin, die nit z'gscherzig ist, Ein' Gockelhahn auf jedem Mist – Das braucht man auf ein Bauerndorf, Das braucht man auf ein Dorf. Aber wie sehen denn die Leute, von denen du so plauderst, eigentlich aus? Sehr gut, sag' ich, denn es ist ja bekannt, daß der altbayrische Bauer noch etwas auf seine Volks- und Standestracht hält, und daß Männlein und Weiblein für ihr »Feiertaggewand« nicht leicht etwas zu schön und zu teuer finden. Ferner ist der Stamm der Chiemgauer gut gebaut und kräftig, auch groß gewachsen, und es schadet ihm nicht, daß er fast ohne Ausnahme die Nase ziemlich lang trägt – eine Entdeckung, welche schon anderswo verzeichnet ist und vielleicht von bleibendem Wert sein dürfte. Übrigens sind die Männer sozusagen fast schöner als ihr Gegenpart. Über Wirtshäuser Obwohl in Bad Aibling heuer die Gemahlin des französischen Gesandten und in Bad Rosenheim der Vertreter des Königs von Württemberg Herberge genommen, so rechnen diese Anstalten doch hauptsächlich auf die bürgerlichen Landeskinder. An ihren Mittagstischen erschallen die reinsten Klänge der ehrwürdigen bayrischen Mundart von München, Moosburg, Landshut und Ingolstadt, wie sie schon in der Schlacht bei Gamelsdorf gesprochen wurde. Die »Neuesten Nachrichten« aus der Hauptstadt, mit ihren Todesfällen, Anstellungen, Beförderungen usw., beherrschen das Gespräch. Man kritisiert hier lieber das Rindfleisch und den Kartoffelsalat, als die neuen Leistungen in der bayrischen Geschichte. Die Preise sind billig, das Essen vaterländisch. Das deutlichste Streben nach bürgerlicher Eleganz scheint Herr Beutling zu Aibling an den Tag zu legen, welcher Unterstützung verdient, da er das Anwesen vor kurzem sehr hoch übernommen. Dort ist auch, nebenbei gesagt, ein »Hotel Duschel« erstanden, gewiß ein sehr reinliches und freundliches Wirtshaus, aber wozu denn diese moderne französische Etikette in dem uralten, altbayrischen Aibling, wo sich selbst die Würdenträger durch die Einfachheit ihrer Manieren auszeichnen? Warum gibt man denn jetzt überhaupt in unserem Deutschland die poetischen alten Wappentiere, den goldenen Löwen, den schwarzen Adler, den roten Ochsen usw., warum gibt man diese Schilder, die durch Jahrhunderte unwandelbar hergehalten, hochmütig auf und beschert uns dafür die höchst uninteressanten Namen glücklicher Wirtssöhne oder spekulativer Oberkellner? Warum müssen wir nunmehr die Hotels Bauer, Müller, Fischer, Mayer, Maulik unserem Gedächtnis einprägen, um oft in wenigen Jahren zu erfahren, daß an die Stelle des ersten Niemand schon wieder ein zweiter oder dritter getreten? Fudge! O kehret doch, ihr ehrgeizigen Leute mit der Serviette unter dem Arm, o kehret lieber zu unseren historischen Bestien zurück, die uns viel kongenialer sind als eure eingebildete Wichtigkeit! Wie niedlich und schön es am Miesenbach ist, will ich eigentlich gar nicht näher ausführen. Die schnöde Welt weiß noch lange nicht, wo dieser Bach sein Rinnsal hat, und ich mag's auch heute nicht verraten. Es ist immerhin ein Wunsch des zarten Gemüts, daß noch ein grüner Winkel gedacht werden könne, wo sie nicht alle hinlaufen mit Plaid und Krinoline, sondern nur diejenigen, »die noch etwas haben, was die andern nicht verstehen«. Bei dem Schweigen, das ich mir auferlegt, will ich auch nicht veröffentlichen, wie sich die stille, kleine Herberge im Wiesengrund nennt, wo man mit wackerem Abendimbiß, Trunk und trefflichem Lager noch um vierzig Kreuzer über Nacht bleiben kann. »Frau Wirtin«, sagte ich andern Morgens, »ihr habt die himmlische Gabe der Billigkeit, und bei euch ist alles proper und reinlich. Ihr solltet hier noch einen Gaden anbauen lassen mit fünfundzwanzig Gemächern, auf daß die Fremden kämen und ihr ein schönes Geld löstet.« »Ach, mein lieber Herr«, entgegnete die Wirtin, viel stoischer als ich, »was kümmert uns dieses lästige Landfahrervolk, das in der tiefen Nacht daherkommt, nach dem Bartscherer verlangt und seinen Tee haben will und ein Moorschlammbad, und um drei Uhr in der Früh seine frischgebratenen Hühner, und zu allen unrechten Zeiten das Unrechte, und nur Zuckerwasser trinkt, beständig spöttelt, und dann doch um alles knickt und schachert!« In diesen Worten liegt die Stärke und die Schwäche des oberbayrischen Wirtshauswesens. Wer die Landessitte einhält und nur das Herkömmliche zu den herkömmlichen Zeiten begehrt, ist gern gesehen und meistens befriedigend verpflegt, – wer den Gastgeber und seine Gattin aus der Ordnung bringt und belästigt, den vermißt man gerne und wenn er noch so gut bezahlt. »Wenn er noch so gut bezahlt« – ist aber fast ein ironischer Beisatz, denn die Erfahrung lehrt, daß gerade nordische Geheimräte, pommersche Dichterinnen, Abkömmlinge alter Raubritter aus der Mark und anderes ungefüges Volk oft eben so groß in seinen Prätensionen, als verschwindend klein in seiner Erkenntlichkeit ist. In diesem Betreff ist mir auch aus der Umgebung von Tölz mancherlei Material angemeldet, was ich seinerzeit schon verarbeiten will. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, daß sich unter den Fremdlingen aus Norddeutschland nicht auch sehr liebenswürdige Leute und Familien befinden, eine Anerkennung, welche in diesem Buche immer als stillschweigend wiederholt zu gelten hat, wenn wir uns hin und wieder über unsere Gäste eine gutmütige Heiterkeit erlauben. Unsere Absicht ist niemals, sie zu verletzen, sondern nur, ihnen mit Sanftmut zu zeigen, daß sie ebensogut ihre Schwächen haben wie wir. Darf der wahre Freund des Vaterlandes, umgeben von der großartigen Alpennatur, zwischen Staufen und Untersberg auch an guten Kaffee denken? Fräulein Julie Dungern hat's gewagt – und ihre vielleicht zu wenig beachteten Erfahrungen im Frankfurter Konversationsblatt niedergelegt. Diese freimütige Passagierin also fand den Kaffee in den Sommerlokalen an den schönen Ufern der Salach dazumal »sehr schlecht«. Ob er seitdem besser geworden, habe ich nicht untersucht, da ich in diesem Punkt eine Vorsicht beobachte, welche fast eines höheren Zweckes würdig wäre. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, daß auch das Nationalgetränk etwas mißlich schmeckt. Glücklich der Mann, der hier wieder in sein Säuglingsalter zurückkehren kann, um sich mit Milch und Zuckerwasser zu nähren. Über letzteres habe ich nie eine Klage gehört, aber über den Wein in der Gmain ließe sich schon etwas Unangenehmes vorbringen. Die Gmain, welche zwar nahe, aber schon auf kaiserlichem Boden gelegen, ist ein hübsches, zu den Füßen der alten Burg der Plaien hingebautes Dörfchen, welches die Badegäste, da kaum eine andere Wahl, fast täglich besuchen, um sich dabei zu überzeugen, welch' unüberwindliche Heiterkeit den Anwohnern des Untersberges zuteil geworden ist, da sie selbst bei so saurem Nektar noch so fröhlich sein können. Sonst sind gegen den Karlstein zu noch zwei Wirtschaften vorhanden, welche aber mehr für süddeutsche Fuhrleute, als für norddeutsche Kurgäste eingerichtet sind. Schnazelreut liegt schon etwas ferne und würde erst bequem zu erreichen sein, wenn einmal ein Verbindungssträßchen nach Jettenberg angelegt wäre. Aber wie z. B. ein gesulzter Schweinskopf oder anderes vornehmes und berühmtes Gericht auf der Tafel des Reichen nicht allein serviert wird, sondern in Gesellschaft von allerlei Brühen, Gemüsen, Salaten und anderen Leckerbissen, also soll auch ein solcher vornehmer Bade- und weit berühmter Kurort nicht allein sein und für sich, sondern umgeben von einem munteren Häuflein unferner Neben- und Hilfsorte, die sich gefällig zur Auswahl bieten, wenn der liebe Gast ein Frühstück auf dem Lande, ein Mittagessen im Freien, eine Tasse Kaffee unter der Linde oder den Abendtrunk in milder Waldluft genießen will. An empfehlenswerten Örtlichkeiten, auf welche die Kultur sich werfen könnte, ist auch kein Mangel. Namentlich das stille Non, das stille, alte römische Non, nicht weit entlegen, angenehm zu erreichen, durch Straßenlärmen nie gestört, mit schönster Aussicht begabt – dieses wäre sehr geeignet für ein niedliches Haus im Alpenstil mit Veranda und Lauben, mit zierlichem Gärtlein und kleinem Springquell, mit gutem Keller, duftendem Kaffee und saftigen Beefsteaken. Indessen – bis der Anlagebetrieb der Reichenhaller sich zu solchen Unternehmungen aufschwingt, werden wohl noch ein paar Frühlinge ungenützt verstreichen. Um aber den Nöten einstweilen möglichst abzuhelfen und mehrere Labestellen zu schaffen, hat man, natürlich unter Widerspruch der Wirte auf sieben Stunden in der Runde, etliche Forstleute und Bauern angereizt, sich im Fach der Hospitalität zu versuchen. Diese Dilettanten erstreben ihr schönes Ziel mit gutem Willen, aber mit großer Nonchalance. Julie Dungern schildert schon die Bewegung, die beim Molkenbauer entstand, als sie eines Abends frische Eier oder Kartoffel mit Butter verlangte. Die Eier und die Butter waren nämlich eben »ausgegangen«. Dieses »Ausgehen« ist überhaupt der böse Geist, der selbst die besten unserer Landwirtshäuser, ja auch die guten in den Städten jahraus jahrein beunruhigt und quält. Man trifft kaum eines, wo nicht jeweils einer der gewöhnlichsten Artikeln fehlte. Bald ist der Wein, der Zucker, Kaffee, Käse, Butter, Essig, Öl, Senf, Pfeffer, Eier, Kartoffel, ja selbst das Weißbrot »ausgegangen«. Daß aber eine Sache, von der man täglich nimmt, am Ende ausgehen müsse, ist ein Lehrsatz, wichtig genug, um auf den landwirtschaftlichen Schulen auch dem kommenden Geschlechte schon eingepflanzt zu werden, wenn möglich mit dem Beisatz, daß man vor dem Ausgehen noch für einigen Nachschub sorgen solle. Nebenbei kann man auch erwähnen, daß von den Badegästen eine Abgabe erhoben wird, aus welcher die Umgebung verschönert werden soll, und beträgt die zusammengelegte Summe jetzt wohl über dreitausend Gulden. Die Vorschläge, wie das Geld zweckmäßig zu verwenden, sind schon vor zwei oder drei Jahren nach München abgegangen, aber es fehlt immer noch der Auftrag, sie auszuführen. Mit täglich wachsender Spannung betrachtet man jeden Postillon, der von Teisendorf hereinfährt, ob er ihn vielleicht mitbringe, aber er kommt nicht. Während nun die Einheimischen mit loyaler Ergebung harren, beginnen die Ausländischen schon zu murren und sich um die richtige Verwendung ihrer Beisteuer zu sorgen, was die Stimmung trübt und den Erfolg der Kur leicht beeinträchtigen kann, denn, wie es auf dem Badehause zu Rosenheim zu lesen ist: Qui curat, non curator . Ein ganz neues Ereignis ist es aber, daß das Klaftnersche Bräuhaus sich jetzt einen glänzenden Titel beigelegt hat, nämlich »Zum russischen Hof«, Ich weiß nicht, ob ich wirklich nur so grämlich bin, wenn mir diese Errungenschaft auch wieder nicht behagt? Ich möchte aber lieber etwas Eigentümliches, Bergartiges, Alpenhaftes, nicht eine so auffallende Erinnerung an die teuren Hotels in Frankfurt, Mainz oder Köln. Warum also nicht »Zum grünen Panthertier«, dem alten Wappen der Burg zu Karlstein und der Stadt zu Reichenhall? »Zum goldenen Gams- oder Steinbock«? Warum »Zum russischen Hof«? Jedermann meint, das müsse etwas bedeuten – aber was? Soll es nur eine Schmeichelei oder Unterwürfigkeit gegen russische Gäste sein, die vielleicht in ihrem Hofe lieber einkehren werden als in einem andern? Aber warum dieser Bückling vor den Russen, während uns doch die norddeutschen Brüder, namentlich die ständig kommenden Berliner, viel näher liegen und daher wohl Anspruch hätten, daß man durch einen »Preußischen Hof« der gesetzlichen Sehnsucht nach ihrer angestammten Dynastie ein Opfer brächte. Oder soll durch jene Widmung etwa den Ideen des Fortschritts gehuldigt werden, insofern, als diese jetzt in Rußland einen großen Aufschwung zu nehmen scheinen? Dann war es sehr leicht, auf heimischem Boden zu bleiben, und man durfte nur sagen »Zum jetzigen Ministerium«, »Zur neuen Gerichtsorganisation«, »Zum aufgehobenen Lotto« und dergleichen. Wollte man aber irgend eine geheime Bosheit auslassen, eine Ironie andeuten, so konnte man im deutschen Vaterland« auch wieder ganz passende Firmen finden: »Zum Bundestag«, »Zur deutschen Eintracht«, »Zu den kurhessischen Zuständen« usw. Ankunft der Sommerfrischler Holzschnitt von Ludwig Beckstein, 1869 Unser Bier Also schon wieder beim Nationalgetränk! Ja, aber fast nur, um seinen Verfall zu beweinen, welcher unaufhaltsam vorzuschreiten scheint. Wo sind sie hingegangen, die schönen Zeiten, da man, wie einst Wolfgang Menzel schrieb, in jedem bayrischen Wirtsstüblein zwei unvermeidliche Dinge fand, nämlich gutes Bier und schlechte Zeitungen? Unsere Tagesblätter, diese tiefsinnigen Ausleger der laufenden Weltgeschichte, haben seitdem zwar an Genießbarkeit gewonnen, jedoch nicht in dem Maße, daß der Geist, der in ihren Spalten weht, den mangelnden Gehalt auf der anderen Seite ganz ersetzen könnte. In der Tat will das Naß, das zwischen Holzkirchen und Berchtesgaden aus adeligen und bürgerlichen Pfannen fleußt, selbst von patriotischen Kehlen nicht viel gelobt werden. Die Sachsen und die Preußen aber, die in unserm Gebirge wandern, sie lachen gerade über unsere Schöpfungen und laden uns nach dem Waldschlößchen und nach anderen norddeutschen Quellen ein, wenn wir gutes »bayrisches Bier« trinken wollen. (Welch schmerzlicher Hohn!) Unsere besten Braumeister, heißt es, sind in die Fremde gegangen, wohl über die Elbe und über den Rhein, und nicht bloß nach Stockholm und Christiania, sondern nach Cincinnati und nach St. Louis, wo sie die Schlünde der Republikaner mit derselben Flüssigkeit erquicken, die einst die Unterzeichner der Wasserburger Adresse gelabt. Vielleicht, daß diese Eingeweihten einmal wieder verschrieben und mit blauweißer Schuljugend unter Glockenklang und Vortritt des hochwürdigen Landklerus, der fast am meisten leidet, eingeholt werden. In unseren Gauen scheint sonst kein Heilmittel mehr zu verfangen, wenn auch diesen Sommer ausnahmsweise Berlochners Garten zu Rosenheim und Bücheles Keller zu Traunstein einen würdigen Abendtrunk gewährten. Die trefflichsten Verordnungen, in gediegenes Schweinsleder gebunden, drohen bändeweise von dem landgerichtlichen Bücherbrett herunter, aber die auserlesensten Assessoren und Polizeiverwalter, die bekanntlich in allem übrigen den reichen Brauer wie den armen Söldner zu behandeln wissen, sie zucken die Achseln und sprechen leise: »Quid leges sinc moribus Vanae proficiunt?« Und was helfen Gesetze noch, wenn die Sitte so krank? (Horaz, Oden III, 24) Die Getränke im Chiemgau, zu Reichenhall und am Königssee rühmen sich nämlich, wenn nicht ihrer harmlosen Leere, doch ihrer Taciteischen Bitterkeit. Mit diesem Safte, meinen viele, wäre die Geschichte der Ministerien Wallerstein und Abel, der politischen Untersuchungen, des bayrischen Ultramontanismus, der Zug nach Hessen und anderes Ähnliches zu beschreiben. Was bleibt uns aber, nachdem der edle Born versiegt, der einst unseren Ruhm in alle Welt getragen? Da wir ohne Auszeichnung doch nicht leben können, so spricht die innere Wahrscheinlichkeit dafür, daß wir uns nunmehr, wenn nicht mit Melchior Meyr auf die »Poesie des Geistes«, doch auf das vaterländische Drama werfen und auf der Höhe des boischen Parnasses jene Bedeutung wieder erringen werden, die uns in der Tiefe der Märzenkeller verwirkt ist. So könnte sich's treffen, daß am Ende der Dramendichter in der allgemeinen Achtung noch über den Braumeister zu stehen käme, was kulturhistorisch sehr merkwürdig wäre und eine neue Ära bezeichnen dürfte. Dann würden wohl auch unsere Buchhändler, die regsamen Männer, bei hohem Adel und sonstigem Publikum nicht bloß mit Gebet- und Kochbüchern, sondern auch mit vaterländischen Artikeln ein bescheidenes Glück zu finden vermögen. Die früheren bayrischen Kellnerinnen, die schlanken, leichten, neckischen Elfen, haben sich nahezu verloren. Wer denkt bei deren Erwähnung nicht an die Gedichte unseres heiteren, doch tiefsinnigen Melchior Meyr, der als Junggeselle unter anderem schalkhaft singt: »Soll ein Trank uns wahrhaft letzen Und erfreuen Herz und Sinn, Muß ihn auf die Tafel setzen Eine hübsche Kellnerin ...« wobei wir jedoch zur Steuer der Wahrheit anmerken müssen, daß seine ernsten Lieder ebenso viel zu denken geben, als seine lustigen zu lachen. Die schönen Kellnerinnen kann man, wie vielfache Erfahrungen gezeigt, länger als drei Vierteljahre nicht im Hause behalten, und der ewige Wechsel ist zu lästig. Man wählt jetzt lieber garstige, die über Hoffnung und Furcht hinaus sind und ihren Dienst oft sehr pflichtgetreu verrichten, nur daß die Grazie fehlt. Immerhin ist man noch stets viel wohliger daran, als mit dem vornehmen, windigen Kellnertroß in den großen deutschen Hotels. Außer Himmel und Erde, Wald und See wird der Reisende aber kaum etwas anderes öfter sehen, als das Bierkrüglein – zumal wenn er im Wirtshaus lebt. Der fröhliche Klang der schnappenden Deckel begrüßt seinen Aufgang und ein milder Schlaftrunk labt ihn freundlich, ehe er sich zur Ruhe legt. Viel weniger ist auch auf dem Lande von der Münchner Kunst, von der neuen bayrischen Wissenschaft die Rede, als von dem biederen Nationalgetränk. Wie das Gerücht von der Witterung oft landsfremde Leute zusammenführt und der Anfang treuer Freundschaft wird, die mitunter für das ganze Leben dauert, so leitet oft die Frage: »Ist's frisch angestochen?« oder: »Lauft's schon lang?« die angenehmsten Verbindungen ein. Eigentümlich aber, daß wir noch keine Geschichte des bayrischen Bieres besitzen, während wir doch einer Geschichte der bayrischen Patrimonialgerichte und anderer Institute, die sich viel vergänglicher gezeigt, rühmen können. Da Vater Aventin wohl des Weins, ja des istrischen und veltlinischen erwähnt, aber des Bieres kein Gedächtnis tut, so ist es fast, als hätten die Bayern zu seiner Zeit dies Getränke noch gar nicht gekannt; doch zerstreuen solchen Zweifel wieder mancherlei Urkunden, die, vom neunten Jahrhundert anfangend, des freundlichen Saftes erwähnen, wie denn zum Beispiel im Jahre 816 eine carrada de cerevisia vorkömmt, als Abgabe von der Kirche zu Böring. Im Jahre 1293 geschah es ferner, daß die Herzoge Ludwig und Otto geboten, es solle ein ganzes Jahr hindurch in ihrem Lande zu Bayern kein Bier mehr gebraut werden – eine höchst auffallende, noch lange nicht genügend erklärte Verordnung, die jetzt, wenn sie je erneuert weiden sollte, die bösartigsten Erschütterungen, wenn nicht den völligen Untergang des Staates herbeiführen könnte. Eine schöne Zeit für Biertrinker war dagegen das Jahr 1542, wo der Landtag das Sommerbier auf zwei Pfennige und das Winterbier auf drei Heller die Maß festsetzte! Welche tiefsinnige Volkstümlichkeit, welch' unwiderstehliche Gewalt würde unser jetziger Landtag gewinnen, wenn er ein solches Ziel ebenfalls erreichen könnte! Ein sprechendes Zeichen unserer edlen Einfalt war und ist es, daß wir zu allen Zeiten nur ein Bier brauten – eines, aber einen Löwen. Nicht ohne großes Selbstbewußtsein blickt der Bayer auf die bunte Musterkarte norddeutscher Gebräue mit ihren lächerlichen Titeln, auf den Brausegut am Harz, den Beißdenkerl zu Boitzenburg, den Hund zu Bremen, den Stürzdenkerl zu Dornburg, die Caccabulla zu Duisburg, den Krabbelanderwand zu Eisleben, den Maulesel zu Jena, den Mordundtod zu Köpenick, das Lumpenbier zu Wernigerode, und so viele andere, die sich alle nach seiner Meinung nur insoferne unterscheiden, als sie sämtlich mehr oder weniger ungenießbar sind. Nur einen Gesellen und siegreichen Wettkämpfer brachten die rollenden Jahrhunderte, nämlich den Bock – doch ist es dasselbe Getränk, nur feiner und edler –, das Bier in seiner Verklärung. Ihn zu keltern war früher ein eifersüchtig gehütetes Vorrecht der kurfürstlichen, dann königlichen Hofbrauerei, aber seit mehreren Jahren ist die Befugnis allen Sudherren freigegeben. Diese Freiheit veranlaßte bereits eine anmutige Erscheinung, welche den alten Ruhm unserer Brauerei bis in die weitesten Fernen zu tragen wohl geeignet ist. Herr Georg Pschorr, der jüngere, erfand nämlich im vorletzten Winter eine neue Spielart des beliebten Edelbieres, einen Bock für beide Hemisphären. Er wird zwar auf unserer rauhen Hochebene, jedoch mit steter Rücksicht auf die Anforderungen der tropischen Zonen, eingesotten. Diese Flüssigkeit schmeckt ernst, mild und geistreich, nicht ohne einen leisen Zug von Bitterkeit, wie es eben auch unsere Art ist. Um vor Verfälschung sicher zu sein, wird sie, wie deutscher Volksgeist, in Flaschen gefaßt, die, mit dem Silberhelm des Champagners bewehrt, mit schmucker dreisprachiger Etikette geziert und allerwege weitläufig hergerichtet sind. Bereits ist sie mit Ehren auf hohen Tafeln kredenzt worden. Viele tausend Flaschen gingen schon über das Weltmeer nach Rio de Janeiro. Andere Straßen werden sich wohl auch noch finden. Und sollte dem Kulturhistoriker nicht ein erfreuliches Bild entstehen, wenn er sich ausmalt, wie unter anderen Steinen, im äußersten Thule, an der Grenze der Kaffern und zu Adelaide, am Mississippi und zu San Franzisko beim Genuß dieses geistigen Erzeugnisses der Deutsche unter exotischem Laubdach der süßen Heimat, der kühlen Felsenkeller und der warmen Herzen, der deutschen Lieder und vor allem der deutschen Freiheit gedenkt! Vieles, ja viel Ungerechtes und Verletzendes ist den Altbayern nachgerufen und nachgeschrieben worden wegen dieses ihres Lieblingsgetränks. Besonders die Schnapsländer haben sich stets am meisten mokiert über diese Stammeseigentümlichkeit, obgleich sie selber, wenn sie einmal über Donau und Lech hereingebrochen, an diesem flüssigen Lotos ein tiefes Gefallen zu finden beginnen und selbst zur Polizeistunde oft nur mit sanfter Gewalt aus den Wirtshäusern hinauszuschaffen sind. In der Tat ist es auch, mäßig genossen, ein lieblicher Trank, gesellig und friedlich, weil es viel langsamer als der Wein zur Berauschung, zu Lärm und Streit verführt, billig und vor allem republikanisch, da es der Fürst, der König nicht anders hält als der Bettler. Wenn die Altbayern auf der Leipziger Messe weniger literarische Kleinodien auslegen als die meisten anderen Deutschen, so ist dies, wenn nicht ihrer Bescheidenheit, so sicher auch nicht ihrem Nationaltrank zuzuschreiben, sondern eher ihrer Vorliebe für Ackerbau und Viehzucht, wie ja auch die Arkadier im alten Griechenland keinen Homer und keine Tragiker erzeugten, und auch heute noch die Pommern, die Märker, die Mecklenburger dasselbe tun oder vielmehr unterlassen. Daß man manchen Schoppen Bier zu trinken und dabei doch geistreich zu sein vermag, hat unter anderem Jean Paul nachahmungswürdig dargelegt. Mit besonderer Freude begrüßte ich aber bei Gelegenheit der vorjährigen Schillerfeier eine anziehende Notiz in Gustav Schwabs beredtem Leben des Dichters, daß nämlich derselbe wenigstens in jenen Tagen, als er mit Don Carlos umging, und schon vorher viel lieber Bier als Wein getrunken habe. Wenn nun schon das Mannheimer Bier der ihm einwohnenden Muse so gedeihlich war, was würde er erst gedichtet haben, wenn er mit unserem Münchner Nektar vertraut geworden wäre? Er selbst schreibt doch nicht ohne Stolz im Hornung 1783 von Mannheim nach Bauerbach: »Jetzt bleib' ich – durch meine Aufnahme in die gelehrte Gesellschaft, deren Protector der Kurfürst ist, bin ich nationalisirt und pfalz-bayerischer Unterthan!« Das Hochgefühl, das aus diesen Worten spricht, hat den Edlen gewiß auch getröstet über den Ehrensold von fünfhundert Gulden, den ihm der kunstliebende Kurfürst, der gegen seine Schätzchen so freigebig war, gewährte. Überdies hatte er noch den anderen Trost, ein Berufener zu sein, was in Bayern immer zu den ersten Lebensgenüssen gehört. Und vielleicht fand er eine weitere Beruhigung gerade wieder in jener braunen Aganippe, wo sie ja auch schon Samuel Johnson in ähnlicher Lage gefunden haben dürfte, wenn er anders den Rat befolgte, den sein alter Einsiedler in folgender Ballade zu geben wußte: »Hermit old, in mossey cell Wearing out life's evening gray, Strike thy pensive breast, and tell: Where is bliss, and which the way? Thus I spake, and frequent sigh'd, Scarce repress'd the falling tear, When the hoary sage replied: ›Come, my lad, and take some beer.‹« »Einsiedel alt, in moos'ger Zell, Lebst du den ganzen Lebensabend hin, Schlag an die Denkerbrust und sag: Wo ist das Glück, wie führt der Weg zu ihm? Ich sprach's und seufzt' und seufzt', Und wußte kaum der fall'nden Trän' zu wehren. Doch der ergraute Weise kurz erwidert: Geh zua, mei lieber Bua, kaaf Dir a Maß!« Unsere Schriftsteller Friedrich Lentner hat bekanntlich mancherlei geschrieben, zwei Romane und mehrere feine, zum Teil humoristische Novellen, auf bayrischem und Tiroler Boden spielend. Sein Ruf hat jedoch das Fichtelgebirge nicht überstiegen, obwohl er hierzulande hoch geschätzt und gepriesen wird. Als er gestorben war, zeigten sich auch eine Menge Gönner und Gönnerinnen, Verehrer, Bewunderer, welche sich eifrigst nach der Herausgabe seines Nachlasses, vielmehr Zusammenstellung seiner in Zeitschriften zerstreuten Novellen erkundigten und diese ungemein beeilt wissen wollten. So erschien denn (bei Gebrüder Scheitlin in Stuttgart) der erste Band seines Nachlasses, eine bis dahin ungedruckte Erzählung aus Tirol, welcher ein guter Freund die Lebensbeschreibung des Verlebten vorgesetzt hatte. Als aber das Büchlein fertig im Schaufenster stand und etwas Zuspruch wünschte, hatten sich Gönner, Verehrer und Bewunderer mit einemmal ganz verlaufen. Zur Zeit bedenkt sich nun der Verleger natürlicherweise, ob er den zweiten Band, zu dem er das Zeug schon längst in Händen hat, noch nachschieben solle. Wir erwähnen aber diese Geheimnisse nur, weil sich einige teilnehmende Herzen dem Argwohn hingeben, der gute Freund, der sich um die Herausgabe angenommen, sei aus Lässigkeit oder Widerwille an der Zögerung schuld. Immerhin sieht man daraus, wie wenig Glück und Segen es bringt, bei uns und in den Nachbarstaaten der schriftstellernde Liebling des Publikums zu sein. In diesem Stücke wenigstens scheint die Metropole der Intelligenz an der Spree einiges voraus zu haben. Ist ihr niederes Volk viel roher, so möchte leicht ihr gebildetes auch etwas gebildeter, wenigstens viel bücherlustiger sein als das unsere, und dort, in dieser Stadt allein, als Schriftsteller, Talent oder Genius, als einer unter vielen rezipiert zu werden, wäre vielleicht ebenso nützlich und angenehm, als in Ober- und Niederbayern, München, Freising, Landshut, Tirol und Vorarlberg, Allgäu, Schwaben und Neuburg nebst den angrenzenden Territorien als erster und einziger zu gelten. Aber warum sollen unsere Geistespflanzen nicht auch im kalten Boden gedeihen wie unsere Rettige? Wie ganz anders ist es freilich anderswo, in den milderen Ländern, wo die Muse alle Abende zum Tee kommt? Dort stehen dem künftigen Literaturgeschöpf schon vom Zeitpunkt der Empfängnis, bis es das Licht der Welt erblickt, die Bulletins schriftstellernder Hebammen zur Seite, die auf seinen Zustand und den der männlichen Mutter liebevoll aufmerksam machen. In dem Feuilleton, in den Miszellen oder in den Notizen eines der gelesensten Journale findet man eines Tages: Unser N.N. soll an einen nationalen Roman aus dem Hofleben der Vandalenkönige denken usw. Nach einigen Wochen heißt es im »Deutschen Museum«: Der Roman sei begonnen, aber in die Tage Friedrichs des Großen verlegt worden, da der begabte Autor jene Urzeit viel ärmer an Situationen gefunden, als er einst vermutet; doch sei über die Person der Heldin noch nichts bekannt, daher allenthalben enorme Spannung. Später lesen wir in der »Europa«: Die Heldin sei nahezu gefunden – wahrscheinlich eine anhalt-zerbstische Hofdame, was sehr interessant. Noch später zeigt sich unter Pariser Korrespondenten und englischen Parlamentsreden in der »Kölner Zeitung« die Notiz, jene etwas verfrühte Nachricht bestätigt sich dahin, daß es eigentlich ein Höckermädchen aus Potsdam sei – eine äußerst erfreuliche Wendung, da Hofdamen längst nicht mehr populär. Kaum haben wir uns die äußerst erfreuliche Wendung zurechtgelegt, so lesen wir in der »Leipziger Zeitung« ganz unerwartet die Mitteilung, der geistreiche Verfasser sei an einen kleinen Hof befohlen worden, um der pensionierten Herzogin von X. sein Manuskript vorzulesen, und die hohe Frau sei freudig überrascht gewesen, bei einem bürgerlichen Schriftsteller so wahrhaft vornehme Gesinnungen anzutreffen. Namentlich habe ihr auch seine aristokratische Auffassung der Liebe zugesagt, die in dem Roman fast geschlechtslos erscheine. – Über den ersten Ausgang des Buches gehen mystische Andeutungen in die Welt, die sich in der blauen Ferne leicht so verstehen lassen, als habe man vor dem Laden Queue gemacht. Noch dieselbe Woche erscheinen in den besten Blättern Anzeigen und Besprechungen voller Jubel, daß endlich das längst ersehnte Werk an den Tag getreten, eine längst gefühlte Lücke unserer Literatur ausgefüllt und diese um ein Meisterwerk bereichert sei. So wird, sagen unsere Schriftsteller, der stiere Publikus kirre gemacht, er gewöhnt sich an den Namen, lernt ihn aussprechen, ja wiederholen, und frohlockt zuletzt, wieder einen berühmten Deutschen mehr zu haben. Der Berühmte aber wird Tischgenosse der Götter und erfreut sich unsterblichen Lebens. Aus dieser reichen Fülle des Betriebes, sagen unsere Schriftsteller, blühen für uns nur die Anzeigen in den Leipziger und Berliner Blättern. Wir werden da, wenn wir es verdienen und uns nicht Julian Schmidt mit seiner Universalkratzbürste einen blutrünstigen Hieb versetzt, günstig, sehr günstig, oft ungemein günstig besprochen, aber damit ist's auch vorbei. Unsereiner, sagen unsere Schriftsteller, ist dort wie ein schönes Bauernmädchen, das man vom Berge herab als Jodlerin zu einem Münchner Hauskonzert geladen – sie wird drei Stunden lang von jedem ausgezeichnet, sie gilt an diesem Abende mehr als alle übrigen, aber man würde es ihr doch sehr übelnehmen, wenn sie sich zur Familie rechnen wollte. So auch wir – wir singen mit Beifall unsre Liedlein und sind entlassen. In den Übersichten, Rückblicken, Generalberichten über die dramatische, lyrische, novellistische Jahresernte, sagen unsere Schriftsteller, in den Literaturgeschichten usw. ist kein Raum für uns; wir haben keine Journale, die uns lieben und loben und unser Gedächtnis fortpflanzen, wenn wir eben nicht auf dem Markte sind; wir blühen einmal, wie die Seelilie, und versinken dann wieder, kurz: wir leiden an unfreiwilliger Verschollenheit und unseren Schmerzensschrei will niemand hören. Vielleicht geht's aber den fröhlichen Österreichern, vielleicht den biederen Schwaben ebenso. Und vielleicht kann man allen mit gleichem Recht die Frage stellen: »Warum haltet ihr euch nicht auch ein Orchester, in dem die Posaunen der Anerkennung und die Trompeten des Lobes von tüchtigen Lungen geblasen werden? Warum schreibt ihr nicht auch eure Blätter, die in jedem Mondenwechsel wenigstens einmal euren Stil, eure Komposition, eure Charakterschilderungen, eure Landschaftsbilder, eure Abendröten ins Gedächtnis rufen? Warum seid ihr so rückhaltsvoll gegen eure Freunde und gebt ihnen keine Anweisung, wie sie die Tiefe eurer Intentionen, die Konsequenzen eures Gedankenspiels, das Großartige eures Genius sicher herausfühlen, lebhaft darstellen und mit Liebe preisen sollen? Ihr seid aber kaum auf der heimischen Erde beachtet – was wollt ihr denn von den Fremden?« Und damit ist denn allerdings eine andere Wunde aufgerissen, ohne daß die erste zugeht. Der gewöhnliche Bürger findet nämlich, wenn er den Versuch wagt, das meiste, was bei uns gedruckt wird, noch zu hoch, die ungewöhnlichen aber, die in Reichtum und Üppigkeit leben, stellen selbst den Versuch nicht an. Den öffentlichen Würdenträgern hat die Vorsehung zwar Weisheit und gestickten Kragen, aber meistens wenig Glücksgüter verliehen. Der fette Landpfarrer spielt nachmittags seinen Tarock und hat für solche Sachen keine Zeit. Der Gutsbesitzer kauft sich vor dem Sylvesterabend den Sulzbacher Kalender und spricht: »Zu lesen genug für's nächste Jahr!« Der hohe Adel endlich schwelgt, wie seine Gönner behaupten, lediglich in fremden Literaturen – wie seine Kenner sagen: »In gar keiner.« Im allgemeinen aber stellt man sich erstaunt, daß der Schriftsteller, der stets mit dem Geistigen beschäftigt sei, überhaupt wenigstens durch den Hunger noch mit dem Irdischen zusammenhänge und wundert sich, daß er nicht, wie hysterische Seherinnen, sein ätherisches Dasein mit einer wöchentlichen Rosine fristen könne. Daß ein Volksteil, ein Stamm, der eine eigene Literatur haben möchte, sich dafür auch etwas kosten lassen müsse, gilt als eine selbstsüchtige Meinung, als eine habgierige Überspanntheit. Die Reichen und die Vornehmen, wenn sie sich nicht gänzlich ferne halten, bezeigen ihre innige Teilnahme lieber dadurch, daß sie zum Verfasser senden, er möchte ihnen doch sein neuestes Buch, das so interessant sein solle, auf etliche Wochen zum Lesen leihen. In allen anderen Dingen steigt der Luxus auf, in der Pracht der Gemächer wie in den lukullischen Gastmählern, nur in diesem Stücke bewahren sie die Einfachheit der Väter, die ihre Unterschrift mit einem Kreuze fertigten. So lebt der Autor, ob er die Wissenschaft, ob er die Dichtkunst betreibt, unbeachtet, höchstens belächelt, doch in sich selbst vergnügt dahin, bis etwa das Gerücht auskömmt, daß ein fremdes Talent in unsere gastliche Hauptstadt versiedelt werden soll, wonach dann der gewöhnliche und ungewöhnliche Bürger, der Würdenträger, der Landpfarrer, der Gutsbesitzer, der Aristokrat, der Philister und der Idiot mit einer Stimme aufkreischen: »Haben wir denn nicht unseren A, unseren B, unseren C? Warum denn die Landeskinder hintansetzen?« – bei welchen Worten aber niemand neidloser und herzlicher in sich hineinkichert, als eben unser A, unser B, unser C. Über Bahnhöfe In dem Bahnhofe zu Rosenheim findet man ein Beispiel, wie schwer uns bescheidenen Altbayern der Glaube fällt, daß aus uns und unseren Schöpfungen etwas Großes werden könne. Dort legte nämlich der Baumeister die Erfrischungshalle nicht geräumiger an als die Herrenstüblein, die er etwa zu Neubeuern oder zu Reit im Winkel gesehen hatte. Wenn nun aber jetzt in diesen schönen Tagen die Züge von München, von Wien, von Innsbruck zusammentreffen, die Touristen von den Säulen des Herkules, von den britannischen Inseln, von den rhipäischen Gebirgen, von Kolchis, vom Nil und vom Ätna, so stürzen sich – gelinde gesagt – fünfzig bis sechzig Personen an den kleinen schmalen Schenktisch und verlangen zu trinken. Innerhalb steht aber nur eine dicke Samariterin, die sich nicht zu helfen weiß. Mittlerweile fangen die Reisenden, welche sechs, sieben Mann hoch übereinander drängen, zu kreischen und zu schelten an. Die Glücklichen in der vordersten Reihe, welche ihr Bleiglas und ihre Wurstsuppe errungen haben, beschütten, indem sie sich wieder herauswinden, die übrigen, die noch warten. Die Ungeduld und der Lärm werden immer größer. Die Madame, oder wie wir sie nennen wollen, verliert die Fassung. »Jetzt schrein s' wieder alle z'samm, jetzt versteht man gar nichts mehr!« ruft sie in solchen schweren Augenblicken und legt die Hände in den Schoß. Rosenheimer Bahnhofsrestauration. Holzschnitt von Wilhelm Busch, 1860 Derweilen wird wieder zum Zug gerufen und die Mehrzahl zieht schimpfend, aber ungelabt von dannen. »Das ist eine ungeschickte Einrichtung«, sagte kopfschüttelnd ein Sachse, der neben mir stand. Leicht zufrieden, wie wir sind, plädierte ich für mein Vaterland, bezog mich auf die Schwäche der menschlichen Natur und die Unerreichbarkeit des Ideals, worauf aber jener: »He, mein Bester, das Ideal ist schon erreicht – kommen Sie nur auf unsern Bahnhof zu Riesa – dort ist eine lange Tafel mit hinreichenden Leuten aufgestellt, und wenn hundert zu trinken begehren, sind sie in drei Minuten bedient!« Ich fühlte mich belehrt, wußte aber doch nicht recht, wie man in das kurze Zimmer jene lange Tafel stellen sollte. Der Bahnhof zu Prien hat eine etwas schalkhafte Natur, vor der wir warnen zu dürfen glauben. Freundlich lassen die Leiter des Zugs die harmlosen Fremdlinge aussteigen und rufen ihnen traulich zu: »Erquicket und labet euch!« Mitunter aber setzt sich ohne ein Zeichen, einen Ruf oder Pfiff die Maschine plötzlich in Bewegung und enteilt mit dem Zug, noch lange verfolgt von den Wehrufen und Verwünschungen derer, die sie zurückgelassen. Wer erinnert sich nicht an den melancholischen Fall, als am 12. Mai v. Js. (=1870) auch zwei angesehene Herren aus Tirol zur Stelle waren, ein geistlicher und ein weltlicher, vielleicht gar ein Reichsrat, welche sich in die nächste Nähe zerstreut hatten, und plötzlich mit peinlichster Überraschung die Lokomotive ohne allen Abschiedsgruß davonjagen sahen. Der eine Herr, der weltliche, sprang zwar noch auf Leben und Tod in einen Packwagen hinein, der andere, der geistliche, welcher sparsamerweise von seinen beiden Beinen weder das linke noch das rechte riskieren wollte, blieb zurück, machte noch eine sprechende Gebärde, und begab sich dann, aufrecht erhalten durch die Tröstungen der Philosophie, ins Wirtshaus, wo er nicht weniger von der Freundlichkeit der Bedienung, als von der Bildung der dort versammelten Honoratioren überrascht war. Teilnahmsvoll sagten ihm die Eingeborenen, daß sie an den Anblick Zurückgebliebener schon gewöhnt seien, da dieses unabwendbare Mißgeschick nicht gar selten hereinbreche. Und auch am 23. Juli soeben, als ich in dritter Klasse fuhr, da ich wie Herzog Ludwig zu Giengen »unter meinem Volk« sein wollte und vor der geschlossenen Wagentüre stand, ging der Zug urplötzlich unter meinen Händen davon, so daß der nächstgelegene Kondukteur nicht einmal die Türe mehr öffnen, sondern mir nur zuschreien konnte, mich zu retten wie ich könne. Worauf ich denn nachlaufend noch zufällig ein anderes Pförtchen offen und dort auch den besagten Kondukteur wieder fand, welcher mir auf die Bemerkung, daß ich mich diesmal über solche Manier gleichwohl beschweren werde, den freundlichen Rat erteilte, ich solle lieber der Vorsehung danken, daß ich nach allem diesem noch meine geraden Glieder habe. Wünschenswert wäre es aber gleichwohl, daß eine Methode erdacht würde, um künftig auch auf der Station zu Prien (nach einigen, aber wenigen, der Hauptsitz der alten Horazischen Breuni oder der Breonenser) eine halbe Minute vor Abgang ein Warnungszeichen zu geben – eine Rücksicht, welche, wenn auch nicht die einheimischen, so doch die fremden Reisenden zu verdienen scheinen. Auffallend ist es immerhin, daß unsere Oberkondukteure, obgleich die wenigsten studiert haben, doch nicht praktischer sind. Manchmal scheint dieser Zug zwar noch höher hinaufzusteigen, wie man denn bei der großen Eröffnungsfahrt nach Wien, die sich jetzt jährt, zwar eine vollständige Sammlung der wichtigsten Bürokraten, Diplomaten und Postbeamten hinunterschickte, dafür aber die berühmten Pfleger der Wissenschaft, die Münchner Mitglieder der Wiener Akademie, die österreichischen Künstler, die mit Zelebrität in München leben, und andere literarische Männer, die im Nachbarlande sehr gut bekannt sind, in Vergessenheit ließ, während man ihre Namen, wenn man sie nicht selber wußte, bei gebildeten Leuten leicht hätte erfragen können. Bei solchen Gelegenheiten fühlt man noch heutzutage sehr kräftig, daß wir in einem agricolen Lande leben, und daß die aus dem Nährstande hervorgehende Bürokratie oder wenigstens ein ziemlicher Teil derselben unsere »höheren Güter«, wie Kunst, Wissenschaft, Literatur, immer noch als Dinge betrachtet, welche ins Bayerland gar nicht hereingehören. Es ist daher Pflicht, stets darauf hinzudeuten, daß die Repräsentation einer Hauptstadt nicht in einem lebendigen Auszug aus dem Staatshandbuche besteht, sondern eher aus jenen Leuten, welche sich unabhängig davon einen Namen erworben haben. Wie ein gebildeter Fremder, der nach München kommt, zuerst nicht nach den Münchener Akten und Verordnungssammlungen fragt, sondern nach Kunstschätzen, Ateliers, Theater, Konzerten usw., so wird man auch, wenn man in anderen Städten derlei Festzüge mustert, zunächst nicht nach dem Registratur V., nach dem Sekretär W., nach dem Assessor X., auch nicht, wenn sie sonst nichts weiter sind, nach dem Kollegialrat Y. und dem Direktor Z. sich erkundigen, sondern nach Künstlern, Gelehrten, Dichtern usw. Das wollen aber jene Leutchen nicht begreifen. Wer etwa am 13. August zu Holzkirchen auf dem Bahnhof war, der wird sich noch lange erinnern, wie es damals bald nach Mittag zuging. Daß das reisende Publikum den Gedanken nicht los wird: es seien alle Beförderungsanstalten nur seinetwegen da! Daher das viele Schimpfen und »Aufbegehren«, welches den guten Sitten so zuwider ist und mitunter sogar den Respekt gegen Kondukteure und Bahnbeamte verletzt – während der Pilger jene Institute doch eigentlich als eine Gottesgabe, als ein himmlisches Gnadenbrot erachten sollte, für welches seine Fahrtaxen nur als eine Art Stolgebühren wie bei Kindstaufen und Hochzeiten erscheinen, wobei alles Räsonieren wegen mangelhafter Verrichtung gänzlich ausgeschlossen ist. Hundert Menschen also sprangen damals aus den Wagen und stürzten dahin, um die hintere Front des Bahnhofs zu gewinnen, wo das ehrsame Holzkirchen sich darstellte und die blauen Alpen, leider aber nur vier oder fünf Stellwagen. Über letzteres verdüstert, griffen manche sogleich zum Wanderstab, der sie wenigstens bis zu Holzkirchens Sommerkellern geleitet haben mag, die andern aber warfen sich zurück und auf eine kleine Schießscharte im Bahnhof, die dem Publikum einen vielbeschäftigten Mann im blauen Rock bis zum Kinn hinauf sichtbar werden ließ, der die Billette für die Stellwagen langsam austeilte. Und da entstand ein Gedränge, welches man wegen der mancherlei dabei beteiligten Damen und bei der jetzigen Bildung der Touristen fast erstaunlich nennen konnte, denn sie haben sich, um mit Kobell zu reden, »die schönste Sottise gesacht«. Doch die Miesbacher und die Schlierseer kamen glücklich davon in ihrer Arche, aber wir Tegernseer stritten zu dreißig sehr höflich um Einlaß in einen schmalen Kasten, der kaum ein halb Dutzend fassen konnte. »Man lasse Wagen kommen aus dem Markt!« herrschte sofort eine Stimme im blauen Rock, die dieser Not ein Ende machen wollte. Sehr traurig ist es aber, daß der Markt nicht da steht, wo man den Bahnhof hingebaut, und daß der Tag so heiß war; denn als man nach einer halben Stunde nachfragte, hatte es wegen der tropischen Hitze niemand gewagt, in den Flecken hineinzutraben, und über die Wagen war keine Kundschaft einzuziehen. Denkende Reisende fanden aber leicht einen Trost im Ungemach und setzten sich ihrer drei zum Tarock zusammen (ein feines Spiel und erwünschte Aushilfe für regnerische Sommertage und lange Winterabende, gleich hoch geschätzt von Geistlichen und Laien; es wird dadurch manche Ausgabe für Bücher erspart), und spielten zwanzig Sölchen »ohne Fragen«, ehrlich und wohlgemut, bis endlich zwei Vehikel daherschaukelten, eng, aber gemütlich, welche sich entschuldigten, daß die Pferde auf dem Feld gewesen und die Knechte nicht daheim – worauf sich dann die braven Landfahrer nach anderthalb Stunden mit lächelndem Brummen in diesen Gehäusen verloren. »Bei uns«, sagte ein Stuttgarter – und sein schwäbischer Dialekt ließ seine Reden noch fremdartiger klingen – »weiß man bei gutem Wetter immer, daß mehr Leute kommen, und da tät' man den Posthalter zwingen, daß er lieber einen Wagen zu viel schickt, als zu wenig – und wenn einer leer bleibt, so kann er'n wieder heimführen.« Neues Beispiel von der tiefen Kluft zwischen den deutschen Stämmen! Diese grausame Energie der Schwaben gegen die Herren vom Dienst, und dabei der unwürdige Servilismus gegen das Publikum! Wie ganz anders ist das bei uns. Einen bayrischen Posthalter zwingen – mich überlief es kalt. Und erst die Stuttgarter, die im voraus wissen, daß bei gutem Wetter mehr Leute ins bayrische Gebirge reisen? Wahre Teufelskerle! Also wohl eingeschindelt und eingeschachtelt, Kopf an Kopf und Knie an Knie, nach Tegernsee. Je mehr dem Menschen gegeben wird, desto mehr verlangt er, woher auch die bekannte Maxime mancher Regierungsbeflissenen: daß man lieber gar nichts geben sollte. Jetzt, wo die Eisenbahn doch schon das schöne Stück bis Holzkirchen abkürzt, meint der Reisende, sei ein großer Übelstand, daß man nicht gleich bis an das Posthaus zu Tegernsee hinfahren könne. Freilich wird von einer Eisenbahn gesprochen, welche über Berg und Tal, durch Klüfte und Schluchten nach Miesbach hinziehen soll, in das freundliche Miesbach, wo unsere Miesbacher Kohlenbergwerksgesellschaft thront. Bei den Eisenbahnen sieht man bekanntlich, wie bei den Regierungssystemen deutscher Staatsmänner, frühestens zehn Jahre zu spät, daß sie ganz falsch angelegt worden, wonach dann die Reue über verlorene Zeit und das verschwendete Geld leider umsonst ist. Gott verhüte, daß dieses Schicksal auch dem kleinen zarten Ärmlein drohe, welches hier die Wien-Pariser Bahn mit naiver Neugierde verlangend in die Vorberge hineinstreckt. Unverständige Leute meinen, daß das freundliche Miesbach eigentlich eine Sackgasse sei, von wo aus die Bahn nur etwa über die Spitzing-Alm oder die Rote Wand im blauen Dunkel ferner Jahrhunderte, wenn einst auch diese Höhen mit blühenden und volkreichen Landgerichtssitzen besät sein werden, eine Fortbildung zu erhoffen habe, wahrend doch gerade im Süden von Holzkirchen die auf ebenem Boden zu erreichende »Kreuzstraße« liegt, ein unscheinbarer Punkt, der aber ein bisher verkanntes Talent zu naturwüchsiger Entwicklung zeigt. Von hier aus, sagt man mit einem Blick auf die Karte, würde auch das freundliche Miesbach in kurzer Zeit erreicht sein, und dann wäre einerseits »freie Hand« für die künftige Tölz-Kemptener Bahn – sollte sie auch auf lange hin nur erst durch eine gute Landstraße vertreten werden –, andererseits aber der Weg nach Kreut und ins herrliche Achental offen, wo so viele stille Seelen ohne Aufsehen hinpilgern, um des belebenden Umgangs der dort bei Scholastica hausenden Innsbrucker Gelehrten teilhaftig zu werden. Solche Gedanken machten sich auch im Stellwagen laut, und die Verfechter der Kreuzstraße wußten sich nicht wenig mit ihrer besseren Einsicht, bis ich endlich, da ich das Räsonieren im Omnibus nicht vertragen kann, sie beschwichtigte mit der Bemerkung: es sei bei uns überhaupt nicht zu vermuten, daß etwas Ungeschicktes geschehe (man habe noch keine Beispiele), und wenn die Eisenbahn nach Miesbach einmal wirklich gebaut sei, so müsse man sie eben mit der Ruhe des Weisen hinnehmen, denn alles was existiere, sei auch vernünftig. Dies wirkte, bis wir nach Gmund am Tegernseer kamen, wo ich ausstieg. Carl Ettinger: Gmund. Am Tegernsee Wer sich auf Reisen belehren will, darf nicht ewig in Gmund bleiben. Ein Ausflug nach Tegernsee ist gerade so nahe und so wichtig wie einer von Schwabing nach der Residenz. Es war an einem Sonntagmorgen, als ich alpenbedürftig vor der Post ankam. Ach, das sah aus wie ein Jahrmarkt, wo der am dichtesten ist! Ein halbes Dutzend Stellwagen luden ihren mannigfaltigen Inhalt aus, verschiedene Equipagen rollten vor, etliche Sonntagsreiter mischten sich unter die Menge, die von einem Kranz von Schifferinnen, Wildpretschützen, Almerinnen und Landleuten aller Art malerisch umfangen war. Auch etliche Tirolerinnen machten ihre Aufwartung und waren mit Aprikosen wie anderen Südfrüchten freundlich zur Hand. Die Kellner rannten, die Lakaien schwirrten, die Hausknechte brüllten. Viele Ankömmlinge standen ratlos in dem Wirrsal – kein Zimmer, kein Quartier, kein Bodenloch! hieß es von allen Seiten. Desto sicherer drehte sich da um die eigene Achse ein unzerstörbarer Stock von wohlvermieteten Münchnern, lauter gute Leute, die zum Ausschiffen der Stellwagen herbeisputeten wie die Kinder zur Wachtparade. Es ist so angenehm, sagt der alte Dichter, vom sichern Ufer aus dem Schiffbruch der anderen zuzusehen. Diese Zuschauer gewährten auch in der Tat lauter angenehme Gesichter und schienen in der herrlichsten Sonntagslaune. Herr Oberleutnant N., in der Stadt so vornehm, grüßte mich sogar. Viele andere gebildete Zivilpersonen von der Altane, von der Türstaffel herab taten desgleichen. Und wirklich, diese Blumenlese von lieben Bekannten – wer konnte sie nur im Traume ahnen! – sie ging weit über die kühnsten Wünsche. Hier der Herr Sekretär, dort der Herr Assessor, der Herr Bezirks-, der Herr Regierungs-, der Herr Appellations- und Oberappellationsrat, der Herr Staatsanwalt, der Herr Kommissar, der Herr Oberkommissar, der Herr Inspektor, der Herr Direktor, der Herr Konsistorialrat mit seinem christlich-germanischen Lächeln – auch der Herr Baron, der Herr Freiherr, der Herr Graf aus München waren da, alle in der Joppe und im ländlichsten Humor – aber es war fast zuviel auf einmal, und wirklich überwältigend. Ach, lieber Gott, betete ich endlich, nur ein norddeutsches Gesicht, sei's ein Hannoveraner, ein Märker, ein Mecklenburger oder Pommer, nur einmal eine Abwechslung! – Und übersättigt von der Süßigkeit taumelte ich fort an die Table d'hôte zu Guggemoos und kam unbewußt neben ein fremdartiges Hochzeitspaar aus Niedersachsen zu sitzen. Dieser günstige Zufall goß vorläufig Ruhe in mein beängstigtes Gemüt. So gibt's denn doch noch ein Fleckchen, dacht' ich mir, wo ihr nicht seid, ihr Lieben und Getreuen! Die junge Dame war schön und liebenswürdig, zum erstenmal im Gebirge und sonst auch ganz glücklich. Aus den reinen Augen lachte jene harmlose Seelengüte, die ich an den Frauen immer mehr schätzen lerne, je seltener ich sie in Wahrheit zu finden glaube. Hin und wieder sprachen wir etwas, hin und wieder auch nichts. Dieser geringe Verkehr stellte gleichwohl meine geistige Gesundheit wieder her. Als die Tafel aufgehoben war, dachte ich mir: »Noch einmal wag' ich's!« – und machte mich auf nach Egern. Als ich an der Abtei, dem jetzigen Schloß, vorüberging, fiel mir die Vergangenheit ein, das Mittelalter, das Jahr 746, wo Otkar und Adalbert, die beiden frommen Brüder aus edlem Stamm, im Tegernseer Urwald den Grundstein des später so berühmten Stiftes legten. Ach, wie lange ist das her! Wie fern sind uns jene Zeiten, wo der bayrische Adel, statt in bedenklichen Wechselgeschäften zu machen, jenen Überfluß für Bildung und Wissenschaft strömen ließ! Übrigens gibt es Augenblicke auf dem Lande, wo uns zu engerem Umgang ein althochdeutscher Klosterbruder ebenso lieb wäre, als irgend eine hoffnungsvolle Nummer aus einem neuhochdeutschen Staatshandbuch. Wie herzlich gern wär' ich dir begegnet, verehrter Fromund aus dem zehnten Jahrhundert, du Freund des Sängers von Venusia und unermüdlicher Kopist, oder dir, mein Werinher, ein heiterer Scholastikus, der schon dazumal ein Lustspiel auf den Untergang des Antichrist geschrieben, welches man wohl einmal auf unserem Hof- und Nationaltheater aufführen dürfte – und wie gern hätte ich dich gesehen, Metellus, den ältesten Poeten des Bayerlands, der bereits zur Zeit der Ottonen lateinische Almenlieder gedichtet! Die Tegernseer Mönche schrieben nebenbei so schön, daß sie für ein kalligraphisches Meßbuch Weinberge, Wiesen und Gehölz bekamen. Auch Friedrich der Rotbart, der von ihrer Kunst vernommen, bestellte sich daselbst ein Missale, und ist der Brief noch heutigen Tages zu lesen. Kaiser Heinrich III. erhielt sogar eine ganz herrlich geschriebene Bibliothek geschenkt. Aus jenen dunkeln Zeiten leuchten deshalb mit besonderem Licht etliche kunstreiche Schönschreiber hervor, ein Sigibold, ein Adalbert, ein Ellinger usw., wogegen wohl mancher gelehrte Vater, der den Plato und den Aristoteles verstand, für alle Zeiten vergessen ist. In solchem Ansehen stand vor achthundert Jahren in Altbayern die edle Schreibkunst, welche da seitdem wieder so herabgekommen ist, daß man die verehrungswürdigen Erkenntnisse unserer Gerichte jetzt kaum mehr lesen kann, teils wegen Schlechtigkeit der Handschrift, teils wegen Unsinns der Abschreiber. Das freundliche Egern ist nur durch eine kleine Meerenge von Tegernsee getrennt, doch behauptet man, zwischen den Städtern oder Sommerfrischgästen von Egern und denen von Tegernsee sei ein ungeheurer Unterschied der Denkungsart, der Sitten und der Tracht. Wer einmal in Tegernsee sich eingewohnt, passe seiner Lebtage nicht mehr nach Egern, und umgekehrt. Ein andermal werden wir vielleicht diese kulturhistorischen Rätsel näher untersuchen; heute wollen wir nur bemerken, daß auf jenem Gestade, wo die Fähre abstößt, an diesem Nachmittag sich fast immer mehr Seelen zusammenfanden, die nach dem Jenseits begehrten, als weiland um Charons schier zu oft zitierten Nachen. Früher war den Wartenden gar kein Schirm vor Regen oder Sonne geboten, jetzt steht wenigstens ein hölzernes Vordach da, unter welchem wir den glühenden Strahlen auszuweichen suchten. Da mir heute gar nichts zu Dank war, so dachte ich ärgerlicherweise: Wären wir jetzt im alten Griechenland, so stünde hier eine reizende Stoa mit korinthischen Säulen, und auf der Hinterwand hätte Zeuxis mit seinem famosen Pinsel ein mythologisch-historisches Gemälde hingehaucht, etwa wie die klassisch gebildeten Mönche von Tegernsee und ihre Braumeister sich mit Tritonen, Nereiden und Delphinen im Wasser tummeln – im Hintergrund der Hirschberg mit seinen Gemsen! Den Tegernseern wäre eine solche Pökile wohl auch schon angenehm, wenn sie nur einen unentgeltlichen Zeuxis fänden. Ich war schon wieder unversehens unter lauter Lieben, so daß ich nur in der goldenen Sonne, der herrlichen Landschaft, dem Blick auf die grünen Almen und den blauen See noch einigen Trost fand. Ach, du weiland stilles, idyllisches Egern, wie bist du doch so eigen geworden! Im See staken ein halbes Dutzend Bader, vielmehr Badende, männlichen Geschlechts natürlich, nur mit den Häuptern sichtbar, welche wie abgeschnitten auf den Wassern schwankten. Fräulein Crudelis fuhr schiffend am Gestade entlang, mutterseelenallein in einem bemalten Kähnchen. Die Zephire hatten – ich weiß nicht wie – den Weg in ihre weiße Krinoline gefunden, welche sich wie ein Segel blähte, so daß sie nur milde durch die Seerosen hinzusteuern brauchte, was sie mit himmlischem Lächeln tat. Derweilen schallen aus allen Fenstern die kunstreichsten Klavierkonzerte, die Chansons d'Amour, der Marsch aus dem Sommernachtstraum. Eine Zither schlägt den Elfenchor aus Oberon; Fräulein Amara jodelt: »Zu dir zieht's mich hin ...« usw., mit jugendlichem Ungestüm, als wenn sie gar nicht mehr aufzuhalten wäre. Hin und wieder ein Trompetenstoß aus dem Wirtsgarten wie ein Posaunenschall aus einer anderen Welt, und von der nächsten Wiese die Musik des Rindviehs, welche wir weit oben im Bergwald aus sentimentaler Schwelgerei »Alpengeläute« nennen, während uns hier die einfachen Instrumente derselben neben der Harmonie der Pianoforte doch auch nur vorkommen wie die gewöhnlichsten Kuhschellen. Im Wirtsgarten zu Egern saßen etliche Senate der beiden Münchner Bezirksgerichte beim braunen Bier, etliche Museumsfräulein bei ihrer Milch – mehrere würdige Matronen mit ihren keifigen Gesichtern lorgnettierten die ganze Welt. Da fand ich auch nicht, was ich im stillen begehrte – ich wollte nach Rottach hinüber, um das Letzte zu versuchen. Rottach ist der Zwillingsbruder von Egern, beide sich so ähnlich, daß man sie selbst in der Nähe kaum unterscheiden kann. Viele gingen nach Rottach, viele kamen daher – Männer und Frauen, diese verlockend geputzt mit den neuen Amazonenhütchen, auch schottisch verkleidete Münchner Kinder, welche unter sich französisch redeten; ferner der Herr Juwelier aus der Weinstraße, der Herr Großhändler von der Kaufingerstraße, die »lange Warenhandlung« vom Promenadeplatz, das Geschäftscomptoir bei den Theatinern – lauter Händedrücke, Begrüßungen und freundliche Erkundigungen. Wie man auf dem Maskenball fragt: »Bist auch da?«, so fragt man am Tegernsee: »Wie kommen Sie daher?«, obgleich jeder weiß, daß es da her eigentlich nur einen Weg gibt, und daß alle nur die eine Sehnsucht treibt, die Stadt und die Städter loszuwerden. Ihren Umarmungen kaum entrissen, begegnet der Wanderer wieder einer anderen Gefolgschaft – Dichtern, Malern, Professoren, Kunstschriftstellern, Politikern, nebst verschiedenen Gattinnen und Töchtern. Wieder Patschhändchen und Freundlichkeiten ohne Zahl. Ich nahm den Dichter zur Seite und flüsterte wehmütig: »Lieber Dichterling, ich habe einen wirklichen Poeten in der Tasche, möchte gern in einsamem Waldesgrün etliche Idyllen lesen – ist vielleicht dort drüben? ein stiller Ort unter einer Linde, oder wär' es auch unter einem Tannenbaum?« »Ach«, sagte der Poet, »dort drüben ist's noch viel ärger als hier. Hundert Münchner sitzen jetzt beim Kaffee und hundert andere krabbeln an den Bergen herum und machen die ganze Gegend unsicher!« Eine alte Misanthropie, herber Täuschungen bitterer Sprößling – oft unterdrückt, nie ganz zu vertilgen –, brach nun unwiderstehlich los. Ihr lieben Freunde und Bekanntinnen, dachte ich, o wäret ihr doch jetzt nicht hier, sondern im Tivoli oder bei Reibel zu München, wo ich niemals hinkomme – und raschen Entschlusses flüchtete ich wieder über die Fähre, und ganz verschüchtert, allenthalben ausweichend, am Tegernseer Schloß vorbei und hinaus, hinaus, bis ich einsam am Wege stand, der da zieht von Tegernsee nach Gmund. Die Sonne war untergegangen, ein feuriges Abendrot lag über dem Flachland draußen, die Luft war ruhig, der See auch, so daß man bis von Kaltenbrunn herüber die Mädchen lachen hörte. Die Berge standen schwarz und groß umher und die Sterne stiegen über ihnen funkelnd auf – o du herrliche Einsamkeit! O du stille Pracht der Nacht. Es war kein Gram mehr in meiner Brust, ich segnete alle, denen ich heute begegnet – es waren doch lauter treffliche Leute! Oberländer: Oberbayrischer See einst und jetzt Das landwirtschaftliche Fest zu Starnberg Und nun will ich euch auch wissen lassen, daß ich jetzt noch etwas beschreiben muß, das nicht im Jahre 1861, wie sonst das meiste, was in diesem Buch verzeichnet ist, sich zugetragen hat, sondern schon im Jahr zuvor, nämlich das landwirtschaftliche Fest zu Starnberg. Landwirtschaftliche Feste veralten aber nicht so bald und es ist daher noch immer Zeit, jenen Tagen, welche, wenn der Himmel günstiger gewesen, so herrlich hätten werden können, ein geringes und vergängliches Denkmal zu setzen. Landwirtschaftliche Feste sind im ökonomischen Gebiete, was die feierlichen Sitzungen der Akademie oder die Jahrtage der Universität im geistigen. Wie hier die Gelehrten und Weisen, die Zierden der Nation auf ihres Ruhmes Höhe schwelgen, so werden dort die Runkelrübenbauern und die Schweinezüchter, der Stolz des Landgerichts, mit Ehren überhäuft. Während hier das literarische Fett, so das Volk im letzten Jahre angesetzt und durch merkwürdige Schriften bezeugt hat, ans Licht des Tages tritt, so treten dort die Stiere und Ochsen, die Kühe nach ihrem Talg- und Fleischgehalt als Festobjekte auf und erregen in ihrem Kreise die gleiche Sensation. Hier setzen die feinen Geister die schönsten Preise aus für die Beantwortung der Frage, wie sich die göttliche Voraussicht mit der menschlichen Freiheit vertrage; dort suchen die dicksten Wirte und andere wohlgenährte Patrioten durch lockende Prämien auf die Erzeugung ausgezeichneten Saatleins oder die Einführung des Ochsengespanns beim Ökonomiebetrieb zu wirken. Wie hier die literarischen Rohprodukte ins Auge gefaßt und der wissenschaftlichen Kritik unterzogen werden, so dort hauptsächlich Kartoffel, Raps, Zichorien und andere Erzeugnisse des vaterländischen Bodens. Weil aber die Bauern in der Regel mehr Interesse für derlei materielle Bestrebungen zeigen, als die Städter für die geistigen, so trifft sich's auch, daß jene sich bei landwirtschaftlichen Festen viel zahlreicher einfinden, als diese, an den Ehrentagen, wo der Kultus des Genius begangen werden soll. Unsere landwirtschaftlichen Feste sind zwar nur eine sehr verkleinerte Ausgabe der großen olympischen Oktoberwoche zu München, allein sobald eine schöne Lage des Ortes, ein beliebter Bezirksvorstand, ein werktätiger, erfindungsreicher Festausschuß (wie dies alles in Starnberg der Fall war) hinzutritt, so können sie, wenn auch nicht so glanzvoll und wirkungsreich, doch ebenso anregend und heiter werden als jene berühmten Vorbilder der Hauptstadt. Die Einrichtung ist jetzt etwa zehn Jahre alt und findet allenthalben freundliches Entgegenkommen. Es werden jährlich zum Beispiel im Lande Oberbayern an wechselnden Orten vier oder fünf solcher Feste gefeiert. Ein sehr gediegenes und trefflich ausgestattetes ging im Jahre 1858 auch an den Bewohnern des Landgerichts Wolfratshausen vorüber, und ist dasselbe zierlich und geistreich von Paul Heyse in seiner frischen Idylle »Der Walchensee« geschildert worden. Wenn ich nun aber von Starnberg reden soll, so finde ich, daß es zu bekannt ist, um viele Worte darüber zu verlieren. Wir, die wir durch Geburt oder Wahl zu dem sinnigen Volk der Münchner gehören, wir können mit entsagender Wehmut sprechen: »Es ist noch unser – aber wir wissen nicht, wie lange es noch dauern wird!« Wenn man nämlich die Städte und Flecken am Gebirge, vielmehr die Sommerfrischorte betrachtet, so zeigt sich, daß schon viele an andere Nationen übergegangen sind. Reichenhall gehört der Welt im allgemeinen, Tölz und Partenkirchen sind preußisch geworden, andere kleinere Orte sind von anderen kleineren Stämmen, den Hannoveranern, Mecklenburgern, Sachsen eingenommen, Tegernsee ist paritätisch; bayrisch, den Münchnern alleinig untertan, sind nur noch Starnberg und Miesbach. Da ist die Gesellschaft zwar noch ungemischt, nur aus vaterländischen Bestandteilen zusammengesetzt, aber man weiß schon, was ich davon halte. Neben einem Norddeutschen, zumal wenn er Land und Leute studieren will, können wir einen halben Tag lang sitzen, ehe er uns anredet; der Münchner fragt aber beim ersten Blick schon unwillkürlich: »Wie kommen Sie daher?« oder: »Was gibt's Neues in der Stadt?« – auf welch' letztere Frage ich aber die »Neuesten Nachrichten« anzupreisen pflege, welche in der Regel viel besser unterrichtet sind als ich. Auch haben diese neugierigen Mitbürger sämtlich so bekannte Gesichter, und die Lieben, denen wir in der Stadt das ganze Jahr hindurch mit allen Listen auszuweichen strebten, die laufen einem hier ganz warm wie eine neugebackene Semmel und freundlich wie ein Gartenhäschen in die Hände, freuen sich ungeheuer, uns zu sehen, gehen gleich mit spazieren, wohin man will, und erörtern mit gereizter Teilnahme, warum, wie im letzten Regierungsblatt zu lesen, der Aktuar Mayer von Schöllkrippen nicht nach Immenstadt, wo doch seine Schwester an den Grenzkontrolleur verheiratet, sondern nach Mitterfels versetzt worden ist, wo er gar niemand kennt. Nach diesen Morgenunterhaltungen stürzt die hungrige Menge zu Pellet und nimmt beim Mittagessen das Beste ein, was der fruchtbare Landgerichtbezirk zu bieten hat. Alles recht gut und fleißig gekocht, da aber kein anderer Gasthofbesitzer aufkommen und einen kleinen Wetteifer an den Tag legen kann, so drängt sich, wenn die süße Pflicht der Selbsterhaltung ruft, die ganze gebildete Welt um den gastlichen Herd, und man erinnert sich auch hier wieder an das unvergleichliche München, nämlich an ein Künstlerfest oder sonstiges Spezialvergnügen in der Menterschweige, wo selbst die leeren Krüge ohne Ausdauer und Heldenmut nicht zu gewinnen sind. Die Dichter haben zwar in allen Nöten die Hausmittelchen ihrer Phantasie bereit, und als ich einmal bei Pellet unter den Bäumen saß und wegen langsamer Bedienung grämlich zu werden drohte, vertraute mir ein lieber Freund und bekannter Poet, der neben mir kauerte, im stillen an, er denke sich soeben in ein Schloß am mittelländischen Meere, wo die Pinien und Orangen wachsen, in ein Schloß, wenn auch nicht größer als ein Schweizerhäuschen, unten mit einem guten Keller, in der Mitte mit einer angenehmen Frau, oben mit einer herrlichen Aussicht nach den goldenen Wellen, welche sich im feurigen Abendrot an fernen Eilanden brechen – und dieses Bild aus der Ferne, meinte er, ersetze ihm jetzt alles, was ihm in der Nähe abgehe. Nun fühle ich zwar auch zuweilen eine poetische Ader schlagen, aber mir hilft's nichts, wenn ich mich dann als König von Thule in ein Schloß am Meere und beim festlichen Königsmahle denke, während ich in Starnberg Dreiviertelstunden lang auf die Suppe warten muß. Wenn wir unserer Hypochondrie einen weiteren Lauf lassen wollten, so könnten wir wohl noch mehrere Schattenseiten dieses angenehmen und bequem zu erreichenden Örtchens namhaft machen, aber unsereiner als Kind desselben Vaterlandes hat doch eher die Pflicht, für dessen Ehre und Ruhm, als für etwas anderes zu sorgen. Und freilich (wer wird's leugnen wollen?), es kann schon noch ein schöneres Leben geben als zu Starnberg, aber der höhere Mensch muß doch auch zugestehen, daß in der Frühe, ehe die städtischen Biedermänner mit ihren Schlafmützen an die Fenster trippeln, über dem See und über den blauen Alpen ein erhabener Reiz liegt, der einen mächtigen Eindruck nicht bloß bei denen hinterläßt, die dessen zum ersten Male Zeugen sind, sondern auch bei jenen, die an den Gestaden dieser edlen Flut von Jugend auf heimisch waren. Desgleichen sind auch die Abende, wo du vielleicht da und dort am See unter dem Dach der Linden in die Berge starrst und das Alpenglühen betrachtest, oder die spätere Zeit, wo der Mond seine eigenen Spiele mit den glänzenden Wellen treibt, nicht zu vergessen, denn auch diese Stunden lassen ein schönes Gedächtnis zurück. Und überdies muß man sich nicht verheimlichen, daß die ganze Niederlassung eigentlich eine blühende Kolonie ist, daß statt des ehemaligen armen Bauerndörfleins jetzt eine kleine und zierliche Stadt dasteht, welche eine Menge gebildeter und bildungsfähiger Einwohner enthält. Wo so viel für mannigfachen und namentlich nationalökonomischen Fortschritt geschehen ist, da muß sich am Ende selbst das schwermütige, nach Einsamkeit verlangende Herz des Dichters beschwichtigen, wenn er auch in der hohen Pappelallee »mit seiner Tracht unsterblicher Gedanken« nicht mehr so allein dahinwallen kann wie weiland vor achtzig Jahren, da Lorenz Westenrieder als erster Tourist die unbekannten Ufer des schönen Wasserbeckens umfuhr, wenn er auch in den kühlen Wellen beim Bade, wo ehemals seine Illusionen keine menschliche Nachbarschaft störte, wo er sich von unsichtbaren Nixen und Elfen umgeben wähnen konnte, plötzlich und in nächster Nähe den nassen, triefenden Kopf eines Theatermaschineriegehilfen, eines Handelsgerichtsdiurnisten oder eines schalkhaften Hoflakaien auftauchen sieht. Nun aber genug von solchen Dingen, da wir unser Augenmerk endlich dem Feste zuwenden müssen. Sonntag, den neunten September, des Morgens um fünf Uhr, begann es mit etlichen Aufweckschüssen, lärmend genug, um alle Schläfer ans Fenster zu treiben und sie dort mit Betrübnis ersehen zu lassen, daß die Witterung nicht die rechte geworden. Ein tränenschwerer Himmel, der sich oft ergoß, drückte auf unsere Fröhlichkeit, die sich erst des Abends unter schützendem Dach bei dem Klang deutscher Lieder in voller Blüte entfalten konnte. Ja, an diesem Tag wurde viel Schönes verregnet, auch manche Reden und Toaste, die im Freien erklingen sollten, und andere Späße, so daß eigentlich nur die Kinder in dem Karussell und die wackeren Schützen in dem Schießstand ihr Vergnügen hatten. Die Schönheit des ausgestellten Viehes zu schildern, überlasse ich den Geschichtsschreibern der bayrischen Landwirtschaft, und auch der übrigen Gegenstände, der Blumen und Früchte, zumal der kolossalen Rettige, will ich nur im Vorbeigehen gedenken. Fröhlicher verlief bei leidlichem Wetter der zweite Tag, welcher ganz und gar dem Seeleben gewidmet war. »Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen!« Zuerst einmal sind die Männer des Sees zu nennen, die Ichthyophagen von Ambach, die Renkenfischer von Tutzing, die Hofleute von Berg und Possenhofen, dann jene, die von Aufkirchens wundertätiger Höhe täglich der herrlichen Rundschau über die blauen Alpen genießen, und die anderen, die von Feldafings ragendem Bühel nicht allein in das Gebirge schauen, sondern auch weithin über den funkelnden See – mit ihnen erschienen die Völker aus dem märchenhaften Tal der Würm, dessen Geheimnisse wir aber jetzt nicht enthüllen wollen, und die armen Leute aus dem Bachhauser Filz. Ferner waren die Glücklichen gekommen, die um den heiligen Berg Andechs wohnen dürfen, und mit ihnen die Nachbarn, deren Ahnen sich im Schutz des Seefelder Schlosses niedergelassen haben. Von der alten Burg zu Pähl war wenigstens der Kastellan herabgereist, der männiglich bekannte Sepp, Hofrat Hanfstengels landwirtschaftlicher Bruder. Auch die Traubinger hatten sich in stattlichen Haufen eingefunden, diese hervorragende Gemeinde mit ihren guten Sitten und ihrem großen Wollen, so hervorstechend in dem Gau, daß ein angehender Historiker behauptete, sie müßten fast von einem edleren Stamme als die übrigen Bojoaren abzuleiten sein, vielleicht von den königlichen Goten oder einem anderen halbgöttlichen Urvolke. Von den Pöckingern, Söckingern, Berchtingern, Dreßlingern, Uneringern wollen wir der Kürze halber nur die Namen nennen, aus demselben Grunde auch der Starnberger selbst nur vorübergehend erwähnen, endlich aber gleichwohl noch des schöngezielten und elegant ausgestatteten Kontingents gedenken, das Münchens bessere und beste Stände an dem Feste teilnehmen ließen – Väter, Mütter, Kinder und deren Wärterinnen in freudig aufgeregter Stimmung, nebenbei auch – last not least – der k.k. österreichische Gesandte zu Pferd. Für diesen Vormittag war im Programm eine festliche Fahrt nach Possenhofen angesetzt. Wohl an hundert geschmackvoll und kunstreich mit Laub, Blumen und Flaggen gezierte Nachen fanden sich aus allen Dörfern des Sees im Hafen von Starnberg ein, um an dem Zug teilzunehmen. (Unter den Flaggen zeigten sich manche, die ein tiefes Studium der mittelalterlichen Heraldik verrieten; denn hier ist ja der Sitz des Ritters Karl von Mayer, eines Heraldikers ohnegleichen, der alle die nötigen Wappen selber angegeben und vorgezeichnet hatte.) Den Preis der Schönheit unter den Schiffen erhielt die Schaluppe von Ambach, welche mit allen Emblemen der Fischerei, Netzen, Rudern und Schilfkolben sehr malerisch verkleidet war. Auf ihrem Schnabel ruhte, edel hingegossen und reich bekränzt, die schöne Fischertochter von dort, mit Mieder und silbernem Geschnür, landesüblich aufgeputzt, obwohl sonst einer Amphitrite nicht ganz unähnlich. Auch ein fast lebensgroßer Walfisch erschien und schlenderte in dem Hafen gemütlich hin und her, wobei er mitunter hohe Wassergüsse über das Publikum streichen ließ, was allgemeine Heiterkeit erweckte. Ferner sah man auf den ruhigen Fluten einen ungeheuren Schwan von nie gesehener Größe einherschwimmen, welchen Herr Inspektor von Miller, der Erzgießer, kunstreich geschaffen. Dieses Treiben am Ufer, der heitere, farbenreiche Wirrwarr der Gondeln und der Menschen erinnerte an das Bild, welches Julius Schnorr gemalt, wie der Papst und der Kaiser in Venedig zusammenkommen. Endlich setzte sich die Armada in Bewegung, in der Mitte die lange Galeere der Honoratioren und des Festausschusses, zierlichst dekoriert, mit schallender Musik besetzt, auch von vielen Gästen und den HH. Landgerichtspraktikanten belebt. Es schien ein Tag aus der Zeit des alten kurfürstlichen Bucintoro, wie er vor mehr als hundert Jahren in seiner Pracht dahinflutete und mit seinem Geschütz die Waldgebirge des Ufers widerhallen machte, umgeben von einem zahlreichen Geschwader anderer Schiffe, begrüßt und bewundert von tausend fröhlichen Menschen. (Auch diese waren jetzt wieder zur Stelle, aber viel freier und gebildeter als damals.) Unfern von Possenhofen, an einem schattigen Orte, ward gelandet, ein Imbiß eingenommen, musiziert, gesungen und eine Stunde den Freuden des Waldlebens geweiht. Des Nachmittags erfolgte ein Segelrennen und nach diesem das von männiglich mit banger Freude erwartete Fischerstechen. Dieses besteht in folgender Unterhaltung: Zwei Nachen, die langsam gegeneinander rudern, tragen auf dem äußersten Brettchen des Vorderteils je einen Fischer, der eine lange Stange führt und damit sein Gegenüber herabzustechen sucht. Das Ganze ist für Schwimmer ohne Gefahr, zumal da auch die Spitzen der Stangen durch weiche Knöpfe unschädlich gemacht sind. Es gehört eigentlich zum »Gspiel«, daß wenigstens einer der beiden Fechter ins Wasser plumpst, ein Vorgang, den natürlich Stadtleute wie Bauern mit dem freudigsten Gelächter begrüßen. Die mit dem buntesten Flitter aufgeputzten Kämpfer kamen indessen den geheimen Wünschen des Publikums nicht alle entgegen, vielmehr hielten es die mehreren für anständiger, wenn sie beim Anprall aus dem Gleichgewicht gekommen, in den trockenen Nachen und nicht ins nasse Wasser zu springen. Aber um so größeren Beifall errangen die einzelnen ehrenvollen Ausnahmen, die doch allein die Idee des Spiels versinnlichten. Leider bekamen nicht sie, welche doch dem Publikum das meiste Vergnügen gewährt, den ehrenden Preis, sondern vielmehr die bösen Gesellen, welche sie herabgestochen. Auch die Fischerinnung des Sees erhielt am Schluß zur Erinnerung an den heutigen Tag vom Festkomitee eine schöne Fahne geschenkt. Als es Nacht geworden, entzückte uns ein Nachtmanöver, d.h. ein Feuerwerk, bei dem sich die Schiffe mit Raketen und Leuchtkugeln beschossen, und die vielfarbige magische Beleuchtung des Sees. Nach dieser kurzen Unterbrechung regnete es des anderen Tages wieder in Strömen. Die Festwiese war zum Sumpf geworden, so daß nur noch die Schützen in ihren Wasserstiefeln zu ihren Ständen gelangen konnten. Die Volksspiele, die den Nachmittag ausfüllen sollten, waren nicht mehr aufzuführen, und nur die Tanzunterhaltung, die auf den Abend angesetzt war, vermochte diesen Tag noch würdig zu beschließen. Eine traurige Empfindung für das tätige und sinnreiche Festkomitee, an dessen Spitze Herr Assessor von Schab sich allseitige Anerkennung erworben hat, daß die Unbill des Wetters so viel Schönes, das mit Mühe und Kosten vorbereitet war, verderben mußte. Obgleich die Bewohner des Landgerichts Starnberg mit denen von Brück und Dachau sich mehr durch ihre Anhänglichkeit an das königliche Haus, als durch die Feinheit ihrer Manieren auszeichnen, so gingen diese Tage von früh bis in die Nacht trotz des Gedränges ohne alle Störung vorüber, und die Lieblingsphrase deutscher Festreporter (»nicht einen einzigen Betrunkenen haben wir bemerkt«) läßt sich auch hier mit bestem Gewissen anwenden. Was die Gebildeten betrifft, so war es angenehm zu gewahren, daß jene furchtbare Geschwätzigkeit der anderen Germanen, welche jetzt allenthalben mit zerstörendem Ungetüm hervorbricht und, wie bei Juristentagen und anderen öffentlichen Versammlungen deutlich zu sehen, in ihrer Unbändigkeit auch die besten Absichten und die nützlichsten Institute zu untergraben droht – angenehm also war die Bemerkung, daß jene maßlose Freude an den eigenen, wenn auch noch so unnützen Worten, ihr Kontagium nach Starnberg, wo man mehr für Taten eingenommen ist, noch keineswegs verbreitet hat. Außer den üblichen konstitutionellen Gesundheiten herrschte eine löbliche Ruhe. Rauschende Toaste auf das große deutsche Vaterland wurden wahrscheinlich durch den Blick auf Kurhessen, Hannover, Schleswig-Holstein und unsere täglich wachsende innere Zwietracht schamhaft zurückgedrängt. Doch erscholl am letzten Abend noch Arndts deutsches Lied mit lauter Kraft, und so haben auch wir einen Tropfen beigetragen zu jenem Ozean von Gesangswogen, auf welchem unsere patriotische Empfindung, leider ohne Steuer und Anker, jetzt dahinsegelt. Starnberg. Holzschnitte von H. Wolf, 1876 Politik Dieses Buch fällt in eine böse Zeit – es ist nichts mehr mit der Weltgeschichte! Wilhelm Tell, Arnold von Winkelried, Seifried Schweppermann zergehen in poetisches Nichts; die schönsten Sprüche, wie » Finis Poloniae «, » La garde meurt, mais elle ne se rend pas « und dergleichen, gehören ins Fabelreich. Wer hält jetzt den König David noch für einen musterhaften Regenten? Seit Mommsen hat selbst die römische Geschichte aufgehört, eine Fundgrube erhabener Männer zu sein. Cato und Cicero sind auch keine größeren Charaktere gewesen als der Herr Bürgermeister Y und der Herr Volksredner Z, die noch unter uns leben. Wenn man vor hundert Jahren noch Hexen verbrannte und die armen Sünder mit glühenden Zangen zwickte, so wankt selbst der Glaube an die »christliche Zivilisation«, von der wir in vergangenen Zeiten so vieles hören und so wenig sehen! Von dem alten Einzug der Juden in Kanaan bis zu dem neuen der Preußen in Nürnberg ist eigentlich jedes große Ereignis ein Unrecht gewesen, aber die Nemesis macht sich meistens schamlos aus dem Staube. Und was das Mittelalter betrifft – was gelten sie jetzt noch, die uns in den Jugendschriften entzückt, die wehenden Banner nämlich, die Drommetenstöße im Wald, die ragenden Burgen, die fahrenden Ritter und Fräulein, die goldenen Rüstungen und die jungen Turnierhelden darin, die herrlichen Hochzeiten und die prächtigen Krönungsfeste? Sie verhüllen die breite Nachtseite jener Jahrhunderte voll Blutdurst, Habsucht und Treulosigkeit ebensowenig, als der frisierte Corydon und die parfümierte Phyllis den wüsten Gestank verdecken, den bei näherer Betastung »die gute alte Zeit« des Rokoko aufsteigen läßt. Wahlgespräch. Holzschnitt von Carl Kronenberger, 1881 Die Historie des engeren Vaterlandes hat aber auch ihre Bedenken. Nach unseren jetzigen Begriffen von Vaterland ist es begreiflich, daß die Schulkinder diesseits des Inns jene Siegestage bejubeln müssen, welche die Schulkinder auf der anderen Seite als Niederlagen beweinen, während der abstrakte Bajuvare in allen solchen Heldentaten, ob man nun zu München, zu Wien oder zu Innsbruck das Tedeum dafür gesungen, eigentlich doch nichts anderes sehen kann, als Prügeleien im Vaterhaus. Die eigentliche Freiheit mußte und muß doch erst auf deutschem Boden durch Ausdauer, Mut und Geisteskraft errungen werden. Daß man des Abends im Herrenstübchen, wo sich die Honoratioren des Landes und die Gäste aus der Stadt zusammenfinden, nicht wenig zu politisieren pflegt, versteht sich jetzt von selbst. Das »fluchwürdige« Jahr 1848 hat unter anderem auch die segenswürdige Folge gehabt, daß sich um die öffentlichen Dinge eine Unzahl von Untertanen bekümmert, die ihnen früher nicht das mindeste Augenmerk schenkte. »Vor dem Jahr achtundvierzig«, sagte der Wirt zu H., »habe ich gar nicht gewußt, daß wir einen Staat haben. Hab' immer gemeint, was wir Bauern zahlen, schiebt der König in seine Truhe und zahlt wieder aus davon, was sein muß. Damals aber haben sie mich in den Prüfungsausschuß für die Steuern genommen, und da hab' ich öfter nachdenken müssen, und der Rentbeamte hat mir auch ein Licht aufgezündet, so daß ich jetzt allmählich durchfinde.« Daß der italienische »Befreiungskrieg« von diesem Jahr die Gemüter mächtig aufregte, ist bekannt. »Wenn diese zwei Kaiser«, sagte die Wirtin von S., »etwas miteinander haben, so sollen sie es selbst ausmachen, zu zweien mit dem Schlagring oder mit dem Messer, oder wie sie wollen –, aber daß wir unsere Kinder hergeben sollen und unser Geld, und zuletzt das Gewerb stillsteht und der Bettel zu allen Fenstern hereinschaut, das ist doch ein Unsinn! Haben immer gesagt, die Menschen sind schon gescheiter und schießen nicht mehr aufeinander – aber jetzt sieht ein Blinder, sie sind noch so dumm wie vor und eh'!« So sprach die Wirtin zu S,, als gute Hausfrau und zärtliche Mutter, ohne zu ahnen, daß gerade der italienische Feldzug die Kriegswissenschaft mit einer Menge nützlicher Erfahrungen bereicherte, welche in sämtlichen deutschen Armeen die großartigsten Verbesserungen nach sich ziehen müssen, und daß wir uns nur freuen dürfen, wenn unseren Taktikern und Strategen, sei es auch mit etlichen Kosten, wieder einige neue Ideen zugeführt werden, die das nächstemal zur Zerstörung des Menschengeschlechts pflichtgemäß verwendet werden können. Aber nun wieder zurück in das Herrenstübchen. Dort trauerte fast jedermann über den gegenwärtigen Zustand des deutschen Vaterlandes, und daß eigentlich gar niemand wisse, wie ihm ohne »Nationalunglück« zu helfen sei. »Mit Deutschland«, sagte eine Stimme, »geht es gerade wie mit den Löschanstalten in den deutschen Hauptstädten. So lange es brennt und der Himmel feuerrot ist, lärmt das Publikum wie besessen und schreit: ›Das Ding muß morgen schon besser werden!‹. Sobald aber die Brandstätte zu rauchen aufhört, sprechen die Weisen: ›Seht ihr denn nicht, daß die Wasserkanten leck, daß die Schläuche zerrissen sind, daß die Gewinde nicht ineinander passen und den Spritzen die nötige Triebkraft fehlt? Wer wird jetzt die namenlosen Opfer bringen wollen, um dies alles zurecht zu machen? Warten wir lieber auf ein größeres Unglück – möglich, daß es dann etwas leichter geht. Ihr andern aber, ihr Volksredner, seid nicht so grausam und sprecht nicht öffentlich von Hoffnungen, welche kein vernünftiger Mensch erfüllen kann.‹« Das ist alles sehr tief gedacht und nur zu befürchten, es könnten, wenn die Vernünftigen nichts vermögen, am Ende gar die Unvernünftigen die Sache in die Hand nehmen. Ein Landkaplan sprach hier das auffallende Wort: »Wir müssen jetzt mit Preußen gehen!« »Ja, aber«, versetzte der Wirt, »wenn einer stehen bleibt, kannst ja nicht mit ihm gehen!« Mühltal. Holzschnitt von H. Wolf, 1876 Abschied auf der Reismühle Es war einmal im Lande Bayern ein schöner Sommerabend. An diesem schlenderte zwischen Starnberg und Gauting, an den Gestaden der Würm, welche dem herrlichen See entfließt, ein einsamer Wanderer dahin, ohne sonderliche Eile, ohne andere Begleitung, als das sanfte Rauschen des vollen Baches. Dieses Wasser fließt rasch, doch nicht ungestüm, ist nicht so hell und blau wie ein Alpenbach, vielmehr etwas gebräunt oder so, als wenn sich die Oreaden nach der Jagd in seinen Wellen gebadet hätten. Eine Menge kleiner, mit hohem Gras bewachsener, mit schönen Erlen besetzter Eilande ziert das Bett des Gewässers. Der schattige Wiesengrund an beiden Ufern, von dunklen Wäldern eingesäumt, war ehemals ein Lieblingsgang der hauptstädtischen Dichter, und man kann es wohl begreifen, daß dazumal, wo das Gebirge noch in beschwerlicher Ferne lag, die Münchner Empfindsamkeit in dem stillen Tal gar gerne ihre Selbstgespräche hielt. Auf einsamer Stelle steht dort eine Mühle an der Würm, ein weißes Haus mit grünen Läden; der große, strohgedeckte Stadel und einige andere Wirtschaftsgebäude niedern Ranges umgeben das Gebäude. Das Ganze bildet ein hübsches Gehöfte in der ruhigen abgelegenen Landschaft – von ferne nur schauen die Türme von Gauting herüber. Der Wanderer trat in die klappernde Mühle, wo vier Mahlgänge rüstig an der Arbeit waren. Fast noch neu und sehr reinlich gehalten, machte sie einen angenehmen Eindruck. Ein Müllerbursche stand nicht ferne und war wohlgestalt und freundlich. Der Pilger winkte ihn des Klapperns halber unter die Türe, und als er gefolgt war, fragte jener: »Wißt Ihr wohl, wer da geboren ist?« »Kaiser Karl der Große«, gab dieser ohne Bedenken zur Antwort. Hier ist nämlich die Reismühle, in welcher nach der alten Überlieferung jener glorreiche Held das Licht der Welt erblickt haben soll. Wer's nie gewußt oder schon wieder vergessen haben sollte, dem wollen wir nur in Kürze erzählen, daß nach der bayrischen Sage der Frankenkönig Pipin einst zu Weihenstephan bei Freising sein fürstliches Hoflager hielt und des Königs Tochter von Karlingen, Bertha, sich zur Gemahlin erkoren hatte. Der Hofmeister aber, der sie einzuholen ausgesendet war, verstieß sie bei der Reismühle in den finsteren, endlosen Wald und brachte sein eigenes Töchterlein als des Königs Braut nach Weihenstephan. – Etliche Jahre darnach kam aber Pipin von Waidwerks wegen selber in die Gegend an der Würm, verirrte sich, fand Aufnahme in der Reismühle, entdeckte dort die wahre Bertha wieder – am Brautringe hatte er sie erkannt – blieb eine Nacht in der einsamen Mühle, und so wurde die Königstochter von Karlingen die Mutter des großen Karl. Es war im Jahre 1803, als Christoph von Aretin die alte Sage aus der Handschrift von Weihenstephan seinen Landsleuten wieder vor die Augen legte. Die Aufzeichnung mag aus dem vierzehnten Jahrhundert stammen, der Inhalt aber soll, wie man neuerdings gefunden haben will, auf das noch ältere Karlslied des Strickers zurückzuführen sein. Der Stricker, ein Reimer des dreizehnten Jahrhunderts, erwähnt nun allerdings die Geschichte, aber nur in fünf oder sechs Zeilen, also nur nach den knappsten Umrissen, und zwar so, daß dem König Pipin seine Frau verwechselt ward und daß er dann auf eine Fahrt kam, da er die Teure wieder fand. »Wie aber das Ding alles erging«, die näheren Umstände des Hergangs, das wäre, meint er, zu sagen viel »zu lanch«. Darnach wissen wir denn auch nicht, wohin er den Schauplatz verlegt haben würde, wenn er zur Stillung unserer Wißbegierde auf die Erzählung näher eingegangen wäre. Der Herausgeber der Weihenstephaner Handschrift gab sich übrigens manche Mühe, um darzutun, daß deren Inhalt mit der beglaubigten Geschichte wenigstens in keinem Widerspruche stehe. Seit seinem Schriftchen ist indes auf bayrischem Boden nichts Erhebliches mehr in dieser Sache geschehen. Beachtenswert erscheint es immerhin, daß bei der Reismühle auch der Karlsberg liegt, auf dem in früheren Zeiten eine Burg stand und ein ritterlich Geschlecht, die Karlsberger, blühte. Ja, Aventin meint, der Kaiser sei oben in dieser Burg zur Welt gekommen. Herr Bibliothekar Föringer hat ferner gefunden, daß auch die Insel Wörth im Würmsee früher Karlsburg geheißen. Wenn nun auch das Tal der Würm nicht die Geburtsstätte des Kaisers gewesen, wie nur wenige mehr glauben, so scheint doch zwischen beiden irgend ein nahes oder inniges Verhältnis bestanden zu haben, dessen eigentliche Natur wir allerdings nicht erraten können. Sind ja auch die Pipine bei uns nicht spurlos verschwunden, da noch heutzutage die Dörfer Piping und Pipinsried an sie erinnern. Ein beachtenswertes Zweiglein derselben Sage ist es auch, wenn die Handschrift von Weihenstephan erzählt, der junge Karl habe auf dem Schloß zu Pähl, welches weiter oben nicht fern vom Ammersee liegt, seine Knabenjahre verlebt, dort bei einem guten Ritter das Waffenwerk erlernt und an demselben Orte sein Schwert vergraben, um es dereinsten wieder zu holen, wenn er aus dem Untersberg zur Herstellung des deutschen Reiches ausziehen werde. Eine andere Sage, welche gleichwohl der bayerischen, sehr nahe steht, ist in einer alten Chronik der Stadt Bremen aufbewahrt. Nach dieser ist Berthas Vater der König Theodorich von Schwaben, Bayern und Österreich. Die Wildnis aber und die Mühle liegen nicht an der Würm, sondern dort, wo jetzt Karlstadt am Main sein stilles Leben führt. Die älteren Dichtungen und Romane der Franzosen; Italiener und Spanier wissen sämtlich auch davon, daß Bertha in einen Wald verstoßen worden, aber sie verlegen alles in romanische Lande, geben auch der Erzählung einen ganz anderen Gang. Wer wenn der große Karl nicht auf der Reismühle geboren ist, wie der Müllersknecht behauptete, und nicht zu Karlstadt, und wenn den Sagen, welche sich alle widersprechen, überhaupt nicht zu trauen ist, wo hat er denn eigentlich das Licht der Welt erblickt? Wer so in dem stillen Tal der Würm zwischen Fluren, Wald und Rinderherden als Uneingeweihter dahinpilgert, der ahnt wohl kaum, wieviel über diese Frage schon geschrieben worden ist – nicht zwar im Landgericht Starnberg, nicht in Dachau oder Bruck, wo man die Sache abwarten zu wollen scheint, sondern draußen in der großen Welt, in Franken, Lothringen und Burgund, diesseits und jenseits des Rheins. Und doch ist die Frage noch immer nicht beantwortet, wird auch vielleicht nie eine ganz sichere Lösung erhalten. Um aber nach diesem Ausflug in den Garten der Sage und der Dichtung wieder in die Reismühle zurückzukehren, so suchte ich zwar an jenem Abend von dem Müllersknecht noch mehreres zu erfahren. Allein er schien sich mit den deutschen Forschungen auch nicht inniger bekanntgemacht zu haben und in der Tat nur soviel zu wissen, als er schon gesagt hatte. Dagegen wies er mich freundlich an seinen Herrn, der vielleicht ein Mehreres mitteilen könne und den ich wahrscheinlich drüben im Wohnhause finden würde. Ich ging also zur nächsten Türe und trat in die einfache, aber saubere Wohnstube, wo die Müllerin saß, die brave Mutter fünf frischer Kinder, die ihr jüngstes Büblein auf den Knieen fröhlich schaukelte. Nach einigem Hin- und Herreden über die alte Märe fragte ich, ob denn von dem Kaiser gar kein Andenken mehr übrig sei. »Was soll denn übrig sein?« entgegnete die Müllerin neckend. »Ein paar Kinderschuhe, ein gestrickter Nachtjanker?« Nur ein alter Kalender sei im Hause, in welchem die ganze Geschichte gedruckt zu finden. Sie wollte ihn aus dem Schranke nehmen, besann sich aber eben, daß der Müller den Schlüssel zu sich gesteckt, und dieser sei jetzt mit den Knechten und Dirnen der Ernte halber auf dem Felde. Den Müller und sein Gesinde bekam ich nicht zu sehen. Die Dirnen hätte ich freilich sehr gerne betrachtet, um zu prüfen, ob nicht vielleicht wieder eine versteckte Bertha darunter wäre, die etwa einem unserer jagenden Prinzen gefallen und dann später auf der Reismühle einen großen Kaiser gebären möchte. Aber wo jede Woche einen neuen Verfassungsentwurf für das deutsche Reich gebiert, ist es nicht ratlich, sich zuviel mit abgelegenen Almhütten, Bergseen und Wasserfällen, mit alten Liederbüchern und märchenhaften Mühlen zu beschäftigen. Es sollte dir, o Leser, aber auch nur zur Ruhe und Erholung dienen, auf daß du in den wilden Stürmen, welche, wie man meint, das teure Vaterland demnächst erschüttern werden, desto frischer und kräftiger dich bewähren mögest. Und sollte das deutsche Volk später wirklich wahrnehmen, daß gerade die Leser dieser Wanderungen sich vor anderen durch ausgeruhten Verstand (der leider täglich seltener wird) und verjüngte Tatkraft hervortun, so könnte der Verfasser immerhin mit einigem Fug behaupten, daß er sie nicht vergebens beschrieben habe. Ludwig Steub über sich selbst Diese schwer erreichbare und daher ungekürzt abgedruckte Selbstbiographie erschien, zusammen mit einem Aufsatz »Über L. St.« von Felix Dahn, 1883 in Breslau (Deutsche Bücherei, Verlag G. Schottlaender). Steub starb 5 Jahre nach ihrem Erscheinen am 16. März 1888 in München. Nachdem die von Paul Lindau redigierte Zeitschrift »Nord und Süd« vorausgegangen, hat auch Herr S. Schottlaender in Breslau für zeitgemäß befunden, mein alterndes Haupt einem mir größtenteils unbekannten Publikum vorzustellen, und nachdem ich, was mich wohl bald reuen wird, auf diesen Gedanken eingegangen bin, so muß allerdings auch diesem Bildnis eine biographische Erläuterung beigegeben werden, um denen, die es betrachten, deutlich zu machen, wen sie eigentlich vor sich haben. Geboren ward ich den 20. Februar 1812 zu Aichach in Oberbayern, einem freundlichen Städtchen in der Nähe des Stammschlosses Wittelsbach, mit vielen Brauereien und wenigstens einer Schule. Vater und Mutter stammen aus Ravensburg, der ehemals freien Reichsstadt im schwäbischen Kreise, nicht weit vom Bodensee. Des ersteren Vater und Großvater waren Kupferschmiede gewesen und letzterer war aus Schruns, dem jetzt viel besuchten Hauptorte des vorarlbergischen Montavons, gekommen. Von da aus ziehen nämlich alle Jahre um Lichtmeß die bekannten Kinderkarawanen, lauter halbgewachsene Buben, nach jener ehemaligen Reichsstadt, werden dort für den Sommer als Hirten eingedungen und im Spätherbst wieder in die Heimat entlassen. Manches »Bübli« ist aber schon hängen geblieben, hat ein Handwerk gelernt, eine Meisterstochter geheiratet und ist ein reputierlicher Mann geworden. Dieses scheint auch meinem Urgroßvater begegnet zu sein, von dem übrigens keine Nachrichten erhalten sind. Das Montavoner-Tal hat aber vor dreihundert Jahren noch romanisch gesprochen und die Deutschen, die sich dort eingesprengt fanden, sind noch früher als »Walser« aus dem schweizerischen Wallis eingewandert. Da nun die deutschen Walliser nach Albert Schott burgundischen Stammes sind, so gebe ich mich in guten Stunden oft für einen Burgunder aus, wenn es mir auch nicht ferne liegt, mich, wegen der schwäbischen Abkunft der Eltern, mitunter für einen halben Schwaben zu halten. Der Name Steub kommt übrigens im Montavon jetzt noch als Steu vor, was so viel als Stein bedeuten soll. Mein Vater wollte sich eigentlich dem Lehrfache widmen, hatte auch schon mehrere Jahre zu Ravensburg Schule gehalten, war aber in der kurzen Zwischenzeit, da diese Stadt bayrisch war (1803–1810), in eine königliche Kanzlei getreten und hatte sich da so brauchbar erwiesen, daß er im Jahre 1808 zum »Stiftungsadministrator« in Aichach ernannt wurde. Die Stiftungen waren damals noch alle unter königlicher Verwaltung und für die eines größeren Bezirkes wurde daher je ein Administrator aufgestellt. Das Leben in Aichach hatte keinen hohen Zug. Der Gehalt war klein, nacheinander kamen acht Kinder zur Welt und diese waren sehr häufig krank, denn die sumpfige Umgebung des Städtchens erzeugte eine Malaria, die uns allen zusetzte. Vier Geschwister starben in jungen Jahren und der Landgerichtsarzt, der vortreffliche Dr. Schefenacker, kam fast täglich ins Haus. Ich war etwa sechs Jahre alt, als er mir an mein Krankenlager ein altes Kräuterbuch brachte, in dem ich griechische Buchstaben, vielmehr Wörter entdeckte. Er erklärte mir nun Buchstaben und Wörter und von Stund an empfand ich eine Vorliebe für das Griechische, für die Hellenen, ihre Sprache und ihre Geschichte, die wohl meiner Lebtage nicht mehr vergehen wird. Die Kinderjahre in Aichach sollen aber hier nicht ausführlicher behandelt werden. Einige Erinnerungen aus jener schönen Zeit sind ins erste Kapitel der »Deutschen Träume« verwoben. Nachdem im Jahre 1818 die bayrische Verfassungsurkunde erschienen war, wurde die Verwaltung der Stiftungen den Gemeinden übergeben und die königlichen Administrationen hatten ihr Ende erlebt. Mein Vater ward nun 1822 zur Finanzkammer in Augsburg versetzt und mir ergab sich so die Gelegenheit, mich ein Jahr lang in dieser Stadt herumzutummeln. Sie gefiel mir ungemein und bot dem jungen Beschauer gar viele Gegenstände der Bewunderung. Das großartige Rathaus, der Augustusbrunnen, der alte Dom, die Stadtgräben mit ihren Schwänen und schattigen Alleen – das waren lauter unauslöschliche Eindrücke. Da ich schon in Aichach beim Stadtkaplan einigen Unterricht im Lateinischen genossen hatte, so konnte ich gleich in die zweite Vorbereitungsklasse eintreten. Für meine Jugend hatte ich schon ziemlich viel gelesen. Als einst eine Schilderung der Schlacht von Marathon und in dieser diktiert wurde, ein Athener habe ein fliehendes Schiff mit der Hand zurückzuhalten gesucht, letztere aber durch einen persischen Beilschlag verloren, sagte ich leise: »Das steht im Herodot!«, was den Lehrer sehr überraschte. Ein ander Mal, als derselbe in die Klasse hineingerufen: »Wer weiß, wie jetzt Athen genannt wird?«, hatte ich von allen allein »Setines« geantwortet, was ihm die Worte in den Mund legte: »Dieser Junge hat mehr gelesen als ihr alle miteinander!« Sonst verging dies Jahr ganz munter. Die Schule bot in der wohlhabenden, mit allerlei reichen Leuten und angesehenen Patrizierfamilien besetzten Stadt ein sehr einnehmendes Bild. Es waren meistenteils gut gekleidete, wohlgezogene, freundliche Jungen, mit denen ich mich sehr gut vertrug. Unsere Schulstube war im ehemaligen St. Annenkloster und ging auf einen geräumigen Hof. Da sah ich eines Tages auch den späteren Hellenophagen Ph. Jakob Fallmerayer, der zwanzig Jahre darnach mein guter Freund geworden, mit dem damals noch sehr unbedeutenden, bei seiner Mutter in Augsburg wohnhaften Prinzen Louis, später Napoleon III., in eifrigem Gespräch. Als dies Jahr zu Ende ging, stand uns aber ein neuer Umzug bevor. Mein Vater war nämlich zum Rentenverwalter der Universität München ernannt worden und mußte demgemäß seinen Wohnsitz in der Hauptstadt nehmen. Der Gehalt hatte sich dabei um ein Merkliches erhöht, und für ihn, der früher wohl ab und zu an heimlichen Nahrungssorgen gelitten, kamen jetzt schönere Zeiten. In München ging es nun wieder in die Lateinschule, die sich aber von der, die ich eben verlassen hatte, wesentlich unterschied. Statt etlicher sechzig Schüler zählten wir nun gegen hundert. In Augsburg überwog das wohlgezogene, protestantische, hier das oft ungeschlachte katholische Element. Es waren zur größeren Hälfte Bauernjungen, die vom Lande hereingekommen, um mit Freitischen und anderen Unterstützungen »auf Geistlichkeit« zu studieren. Da in Altbayern ein Junge, der sonst gar nichts taugt, am liebsten »zur Studi« bestimmt wird, so hatten wir eine Menge Mitschüler, die für die Wissenschaft nicht das Mindeste zu versprechen schienen. War nun der Lehrer gewissenhaft, so verging die Hälfte der Schulzeit mit den Schwachen, die er nachholen und mit denen er immer wieder von vorne anfangen mußte. Dies wirkte so abspannend und ermüdend, daß ich drei Vierteile der Lehrlinge gerne in die Wüste gejagt hätte. Einer war darunter, der jüngste und talentvollste von allen, ein Baron Josef von Tautphoeus, der Sohn eines Postmeisters in Lindau, der damals schon den Homer und andere sehr ernste Bücher über Naturwissenschaft und Nationalökonomie las und in jedem Jahre der erste war. Man sagte ihm eine enorme Zukunft voraus. Wir wurden und blieben sehr gute Freunde, bis er einmal am Ende der Universitätszeit plötzlich verschwand und zuletzt in Rio Janeiro auftauchte, wo er ein Erziehungsinstitut errichtet haben sollte. Er schrieb aber nie mehr eine Zeile nach Europa und es ist bald fünfzig Jahre, daß weder seine Eltern, die jetzt auch schon lange gestorben, noch seine Verwandten ein Wort von ihm gehört haben. Unter unseren Lehrern ragte damals namentlich Leonhard Spengel hervor. Er hatte in jugendlichem Alter ein paar Lehrjahre in Berlin verlebt und alle Manieren wie die Sprache eines jungen Berliners mitgebracht. Er war geistreich, keck, wegwerfend, aber immer liebenswürdig. Um den Lehrplan kümmerte er sich sehr wenig, sondern tat viel lieber, was ihm sein Genius befahl. Er fing die Weltgeschichte bald von hinten, bald von vorne an. Eine grammatische Frage konnte uns oft Tage lang beschäftigen und dann übersprangen wir wieder zwanzig andere. Der Zweifel, ob in der ersten Horazischen Ode, Vers 6, evehere oder evehit zu lesen, wurde einst drei Tage lang aufs Eingehendste erörtert, aber doch nicht endgültig gelöst. Einmal bekamen wir eine Abhandlung über römisches Geldwesen, über Agio, Rabatt, Disconto, Provision u. dgl. zu übersetzen, eine Aufgabe, die uns trotz aller Wörterbücher zur Verzweiflung brachte, aber doch ausging »wie das Hornberger Schießen«, da uns der Lehrer zwar über unsere einfältigen Arbeiten schimpfte, aber doch nie sagte, wie sie eigentlich hätten sein sollen. Das Jahr, das wir bei Leonhard Spengel zugebracht, war immerhin das anregendste und belehrendste in unserer Schulzeit. Er selbst wurde später Professor an der Hochschule zu München, dann nach Heidelberg und von da wieder nach München berufen, wo er vor wenigen Jahren starb. Auch unser Dichter und Historiker, Dr. Michael Söltl, später Hausarchivar und geheimer Hofrat, jetzt noch in hohem Alter und hoher Achtung in München lebend, war einst mein Lehrer, doch nicht länger als ein halbes Jahr, da er im nächsten Herbste schon eine andere Bestimmung erhielt. Auch er zeigte sehr guten Willen und strebte nach idealen Zielen, erlebte aber mit unseren Bettelstudenten viel Verdruß. Auch er suchte unsere ungefügen Sitten möglichst zu mildern und uns durch sein eigenes Beispiel zu Dichtern heranzubilden, fand jedoch wenig oder gar keine Nachfolge. Sonst war an diesem »alten Gymnasium« eben nicht viel zu lernen – indessen was die öffentlichen Schulstuben nicht boten, das suchte ich mir zu Hause im stillen Kämmerlein selbst zu verschaffen. Von meinem zwölften Jahre an legte ich in der Tat einen rühmlichen Fleiß aus. Namentlich war mir die Sprache der Griechen ans Herz gewachsen. Mit vierzehn Jahren hatte ich die Odyssee und die Iliade durchgepflügt, darauf den idyllischen Theokrit, Herodot und Xenophon kennen gelernt. Im Lateinischen geschah weniger, aber sehr viel Zeit wurde auf die neueren Sprachen verwendet. Im Französischen hatte mich mein lieber Vater schon in Aichach ziemlich weit gebracht; jetzt fing ich englisch, italienisch, spanisch, portugiesisch, später auch dänisch und schwedisch an. Lehrer mochte und verlangte ich nicht; um ihnen zu entkommen, hatte ich z.B. in Arnolds englischer Grammatik das ganze vielleicht dreißig Seiten lange Kapitel von der Aussprache Wort für Wort durchgearbeitet, was sich später, als es zum Treffen kam, ganz ausreichend erwies. Die französischen Bücher, die ich damals las, kann ich nicht mehr nennen, doch weiß ich, daß ich Fénélons Télémaque, den ich unter meinem Vater zu übersetzen angefangen, entschieden verwarf und nie zu Ende brachte. Im Italienischen kamen das befreite Jerusalem und im Spanischen Don Quixote, im Portugiesischen das Leben des Don Joao de Castro an die Reihe. Etliche Jahre später warf ich mich auch auf Lord Byron, zunächst auf seinen Childe Harold, der mir ungemein gefiel, und dem ich dann seine anderen Werke folgen ließ. Ich bin damals starker Byronist geworden, vielleicht nicht zu meinem Vorteile. Wir Kinder waren nämlich in Aichach, in Augsburg und in München alle sehr schüchtern erzogen worden, und diese Erziehung wirkte noch merklich nach, als wir zu unseren Tagen gekommen waren und in der Welt »auftreten« sollten. Vor gelehrten, hochgestellten, berühmten Männern hatte ich langehin eine erhebliche Scheu. Einem Professor an der Hochschule einen Besuch abzustatten, kostete mich z.B. eine solche Überwindung, daß ich manchen ganz unbesucht ließ. Zu dieser anerzogenen Blödigkeit kam nun die poetische Misanthropie, die mehr oder weniger künstliche Welt- und Menschenverachtung des edlen Lords, die mir ein Recht zu geben schien, wenn ich den Sterblichen, die mehr als ich bedeuteten, aus dem Wege ging. Ich wurde auch zu Hause ganz gloomy , was meinen Eltern gar nicht sehr gefallen wollte. Nebenher ging aber immerhin eine Laune, die nur wenig geschürt zu werden brauchte, um recht lustig aufzuflackern; oft auch zeigte sich eine plötzliche Keckheit, die mich selbst überraschte. Jenes schüchterne Wesen verlor sich zum guten Teile später in Griechenland, aber die letzte Scheu vor der Öffentlichkeit verschwand doch erst nach langen Jahren, erst als ich öffentlich zu reden anfangen mußte. Ich wundere mich jetzt oft, was ich damals in jene wenigen sieben Jahre alles hineinzupfropfen wußte. Ich saß nicht allein zu Hause über den Büchern, sondern war auch ein Botaniker, der jeden schönen Sommerabend im Englischen Garten herumstreifte, um Blumen ins Herbarium zu sammeln, nebenbei auch mutterseelenallein auf dem einsamen See herumzuschiffen. Dieser See, den damals niemand beachtete, trägt jetzt – so geht die Zeit voran – eine zahlreiche Flottille, und ist namentlich an Sonn- und Feiertagen mit glücklichen Menschen in farbigen Nachen dicht besät. Auf demselben See trat ich im Winter als eifriger Schlittschuhläufer auf. Auch geigen lernte ich vielleicht fünf Jahre lang, auf Andringen meines Vaters, der ein sehr guter Musiker war, aber aus mir keinen machen konnte. Mächtiger als all diese Ziele zog mich die Kunst an. Ich hatte schon in den Kinderjahren auf den Bilderbogen etliche hundert Soldaten und Türken übermalt, in Aichach auch vom Stadtmaler Unterricht im Zeichnen erhalten, dann im Gymnasium die Zeichenstunden besucht, aber immer lieber ohne Lehre und Aufsicht für mich selbst geschaffen, endlich gar in Öl zu malen gewagt und wenigstens zu meiner Zufriedenheit mein eigenes Konterfei in die Welt gesetzt. Zuletzt erhielt ich wieder unerbeten einen Lehrer, das trockenste, langweiligste Menschenkind, das ich je kennen gelernt, das mich für die Kunst weder begeistern konnte noch wollte. Unter seiner Leitung zeichnete ich noch mein letztes Werk, ein großes Crayonbild des heiligen Ignatius, der der Namenspatron meines »Firmgöten«, des hochwürdigen Direktors von Unser Herrgottsruhe bei Friedberg war. Dann legte ich den Griffel nieder. Um in die Akademie überzutreten, hätte ich nur eines kleinen Schubs bedurft, aber mir war leider unter meinen Büchern so wohlig, daß ich mir selbst den Schub nicht geben wollte, und da er auch von keiner anderen Seite kam, so blieb ich eben »bei der Studi«, was mich später nicht selten gereut hat. Der Trieb zu wandern zeigte sich sehr früh. Im Alter von zwölf Jahren hatte ich's den Eltern schon abgewonnen, daß ich zu Landrichters in Aichach, im nächsten Jahr, daß ich zum Pfarrer in Wittislingen bei Augsburg, der mir früher als Kaplan zu Aichach lateinische Stunden gegeben, »in die Vakanz« gelassen wurde. In das folgende Jahr fällt eine Reise, die ich von Buchloe, wohin mich ein Freund meines Vaters geladen, mit einem dort vorgefundenen älteren Studenten nach Schaffhausen und um den Bodensee unternahm. Wieder im nächsten Jahre durfte ich mit einem Brauerssohn aus München, einem Mitschüler, eine Weltfahrt in die Schweiz veranstalten. Diese Aussicht begeisterte mich. Ich begann schon im Winter die literarische Vorbereitung, las Ebel, Johannes von Müller nebst vielen anderen Büchern, und war daher recht leidlich unterrichtet, während mein Gefährte von der Schweiz nur den Namen wußte und auch den Dialekt der Schweizer ganz unverständlich fand. Er überließ sich daher unbedingt meiner Leitung und wir kamen vortrefflich miteinander aus. Wir gingen über Appenzell, Glaris, Uri an den Gotthard, dann hinunter an den Rhonegletscher, von da nach Grindelwald, Bern, Luzern, Zürich, Schaffhausen und kamen wohlbehalten in Ravensburg an. Da trennten wir uns; mein Gefährte ging wieder nach Hause, während ich, um auszuruhen, noch mehrere Tage bei meinen dortigen Verwandten blieb. Die ganze Reise hatte fünfundzwanzig Tage gedauert und – dreißig Gulden gekostet. Dieses seltsame Ergebnis erklärt sich dadurch, daß wir beide nur gehen und sehen wollten, darin unsere volle Befriedigung fanden, uns die strengste Askese auferlegten, nie einen Bissen oder einen Schoppen mehr als notwendig war zu uns nahmen und die großen, teueren Städte dadurch unschädlich machten, daß wir jedes Mal eine Stunde vor dem Tore in einem Landwirtshause über Nacht blieben, des Morgens in die Stadt gingen, die Kirchen, Zeughäuser und andere Merkwürdigkeiten besichtigten und am Abend wieder jenseits in einem stillen, billigen Dörflein Herberge suchten. Der schöne Erfolg empfahl eine Wiederholung. Im nächsten Herbste 1830 fanden sich unser sieben Jungen, teils Freunde von Augsburg, teils Münchner, in Weilheim ein und wanderten von da über den Fern nach Mals, über das Wormser-Joch ins Veltellin, nach Como, Lugano, über den Simplon nach Chamounix, nach Genf, Lausanne, und über Bern und Zürich an den Bodensee. Auf dem Heimwege bröckelte sich aber einer nach dem andern ab, und wie es eigentlich ausgegangen, ist nicht mehr festzustellen. In den nächsten Jahren folgte eine Reise über Salzburg nach Innsbruck, eine andere nach Venedig, mit Heimweg über Triest und Salzburg, eine dritte an den Rhein usw. Um mit den Reisen aufzuräumen, sei gleich hier erwähnt, daß ich in den letzten fünfzehn Jahren den Herbst meistenteils in Tirol verbracht habe, daß ich 1867 in Paris, 1876 drei Monate in Italien, 1878 in dem schon früher besuchten Wien gewesen, und in Ungarn bis Orsova gekommen bin. Zu anderen Zeiten habe ich mir auch Köln, Hamburg, Berlin besehen. In jenen Tagen, 1828, habe ich auch ein Tagebuch angelegt. Es ist früher öfter unterbrochen worden, läuft aber wenigstens seit meiner Heimkehr aus Griechenland ohne Lücken fort. Nun war das Gymnasium überstanden und die Hochschule zu beziehen. Man sollte philosophische Kollegien hören, aber bei dem alten, ehrwürdigen, jedoch kleinen und zaundürren Meillinger, einem ehemaligen Mönchlein, war wohl eine Art Logik zu haben, nur daß sie niemand aushalten konnte. Unser Historiker, der patriotische Buchner, der He-Buchner genannt, weil er nach jedem bedeutenden Satze seine Zuhörer durch ein gemütliches He? zur Abgabe ihrer Meinung aufforderte, dieser treffliche Mann las seine langweilige Geschichte des Bayernlandes so langweilig herunter, daß ich's auch nicht länger als eine oder zwei Stunden ertrug. Andere Versuche befriedigten ebensowenig. »Jetzt«, sagte ich im Selbstgespräche zu mir, »jetzt, nachdem ich fast alles von mir selbst gelernt, soll ich mich wieder auf die harten Bänke setzen und diese geistlosen Weltweisen anhören? Heißt das nicht seine Zeit vergeuden?« Mir schien es Pflicht, zu Hause zu bleiben und für mich selber fortzulernen. Einmal kam ich wohl zu Görres, ein andermal zu Schelling, aber Katheder, Schulbänke und Hörsäle waren mir so widerwärtig, daß ich auch zu ihnen nicht zurückkehrte. Das war nicht zu loben und ärgert mich heute noch. Doch erinnere ich mich, daß ich schon im ersten Semester bei dem gemütlichen Gotthilf Heinrich Schubert ein Collegion überdauerte, das er im besten Thüringer Deutsch über Erd- und Himmelskunde abhielt. Ihm habe ich sehr gerne zugehört. In den Vorlesungen über Philologie, der ich mich ja eigentlich widmen wollte, wurde ich dagegen selten vermißt. Friedrich Thiersch diktierte eine Encyklopädie der philologischen Wissenschaften und erläuterte des Aischylos Agamemnon , beides schöne Collegia. Indessen – auch die Philologie gefiel mir jetzt nicht mehr so einzig, seitdem ich sie von andern lernen sollte. Ferner schien es mir doch nicht gar so beneidenswert, mich mein ganzes Leben lang als Gymnasiallehrer mit ungezogenen Jungen herumzubalgen, und selbst diese Aussicht war sehr verkümmert, da in jenen Tagen eine Wallersteinische Verordnung erschien, welche zu solchen Lehrstellen vorzüglich geistliche Herren verwendet wissen wollte. So beschloß ich denn, allmählich zu einem andern Fach überzugehen und richtete mein Augenmerk auf juridische Collegien. Ich besuchte deren einige sehr fleißig, andere gar nicht. Nebenher betrieb ich immer noch literarische und historische Studien, und das Tagebuch spendet meinem Fleiße oft lautes Lob, aber eine warme Liebe zu dem neuen Fache wollte sich doch nicht einfinden. Im letzten Semester, wo es auf das Examen losging, stellte ich zwar entsagend die schönen Wissenschaften ganz beiseite, aber die Zeit, die dadurch frei geworden, verwendete ich doch nicht allein auf Wanderungen durch die Pandekten und den gemeinen deutschen Zivilprozeß, sondern holte lieber gute Freunde ab und wanderte mit ihnen auf die Menterschwaige oder in den Englischen Garten. Nebenher klagt dann das Tagebuch über Langeweile, Abspannung und Müßiggang. Dieses letzte Semester hat meinem Genius – sozusagen – das Genick gebrochen. Ich fühlte deutlich, daß ich nicht auf dem rechten Wege sei, aber ich wußte keinen andern. Der rühmliche Fleiß verflog sich, er schien überflüssig, wenn man nur k. bayrischer Assessor werden und sein Leben in der Kanzlei beschließen wollte. Am 18. November 1833 schlüpfte ich glücklich durchs Examen, und am andern Tage ging ich auf die Bibliothek und holte mir, um doch wieder einmal etwas Vernünftiges zu lesen, Floresta de rimas antiguas castellanas und Camoëns' Lusiadas . So war denn die Hochschule überstanden. Mit dem Bekenntnisse, daß ich nicht soviel gelernt, als ich hätte lernen können, ist die Mitteilung zu verbinden, daß ich immer, so lange diese Jahre währten, in einer anziehenden Tafelrunde von jungen Freunden gelebt habe, welche sich einer guten Aufführung beflissen, den Studien mit großem Fleiße oblagen und des Abends, den wir im Sommer gern auf den Kellern zubrachten, mit Eifer über das Eingenommene disputierten. Außerdem bestand ein lebhafter und langer Verkehr mit einem jungen Schottländer, der eines Prozesses halber sich in München aufhielt, mit einem italienischen Flüchtling aus Verona, mit mehreren Franzosen und andern Landsleuten des Schottländers und des Veronesers, so daß es an guter Gelegenheit, sich in den neueren Sprachen zu üben, durchaus nicht fehlte. Nun sollte ich also in die Praxis gehen. Der innere Drang zu diesem neuen Leben war sehr schwach. »Ich bin herzlich froh«, sagt das Tagebuch, »daß ich nicht mehr Student bin, und ich wäre ebenso zufrieden, wenn ich gar nicht anfangen dürfte, Praktikant zu sein.« Immerhin trat ich beim k. Landgericht Au, in einer Vorstadt der Metropole, ein, mit mir noch ein Dutzend anderer, die auch eben von der Universität kamen. Beschäftigung war eigentlich keine gegeben, denn die wenigen Akten, die den Praktikanten überlassen wurden, waren in den festen Händen der »Alten«, das heißt derer, die schon vor längerer Zeit da eingetreten und schon einigermaßen geübt waren. Der Assessor, ein sehr ehrenwerter und geschickter Mann, hatte immer mit unglücklichen Mädchen, verlassenen Gatten, mißhandelten Gattinnen, mit ungeduldigen Gläubigern, beeinträchtigten Gewerbsleuten usw. zu tun und konnte sich mit uns nicht abgeben. »Nur brav Akten lesen!« wiederholte er jeden Tag. Unser Eifer war aber nicht sehr groß. Da wir nichts zu tun hatten, so kamen wir spät, und da uns niemand aufhielt, so gingen wir wieder früh. Die Vereinbarung über den Frühschoppen »im grünen Baum« kam jeweils mit merkwürdiger Leichtigkeit zu Stande. Ich machte mir wenig Grillen über dies Schlaraffenleben, denn mit meinen Gedanken war ich damals nicht im Landgericht Au, sondern – im schönen Griechenland! Denn es war im lieben Vaterland nicht mehr recht behaglich. König Ludwig hatte die freisinnigen Vorsätze, mit denen er den Thron bestiegen, seit Weihnachten 1830 aufgegeben und sich ganz und gar auf die andere Seite geschlagen. Darum viel Mißvergnügen in den gebildeten Schichten, zumal unter den Studenten, die so beliebig gepackt, in die Fronfeste gesteckt und nach einigen Monaten ungerecht verurteilt oder wieder ausgelassen wurden, weil eigentlich nichts gegen sie vorliege. Dazu kamen in damaliger Zeit noch andere sehr trübselige Erscheinungen, auf die wir hier nicht näher einzugehen haben. Kurz, mich drückte der bayrische Himmel. – Da zog nun eines Tages Prinz Otto von Bayern nach Griechenland, um dort ein König der Hellenen zu werden. In jenen Tagen erwachten alle meine philologischen und humanistischen Neigungen wieder mit neuer Kraft. Ich glaubte zu ahnen, »daß ich nicht für mein Vaterland geboren sei, daß ich aber in Griechenland gedeihen werde.« Das Tagebuch spricht nun immer öfter von dem Lande meiner Sehnsucht und widmet meinen Träumereien die wohlwollendste Pflege. Was ich dort in Achaia oder Ionien werden sollte, das nahm ich freilich nicht so genau. Bald sah ich mich im Geiste als Professor zu Athen, bald als Gouverneur auf Naxos, als Capitain auf Akrokorinth, als Sekretär des Grafen Armansperg. Ich bin aber nur Letzteres geworden. Meine Eltern boten zwar alle Beredsamkeit auf, um mich von diesem »unseligen Gedanken« abzubringen, aber ich ließ ihn nicht mehr fahren und tat alles Tunliche, um die Sache in Gang zu bringen. Und nach mancherlei Aufschub und Verzögerung wurde ich am 16. Februar 1834 zum Hofbanquier von Eichthal gerufen, um dort zu vernehmen, daß ich mit 600 fl. Gehalt als Regentschaftssekretär in Griechenland angestellt sei; überdies wurde ein Reisegeld von 150 fl. gewährt. »Nun darf ich auch wieder einmal einen Freudenschuß ablassen.« Von meinen Eltern unter Tränen, von meinen Freunden und Gönnern, auch von manchen alten und noch mehr jungen Freundinnen mit warmen Abschiedsworten und den besten Wünschen entlassen, mit vielen Empfehlungsschreiben versehen, zog ich am 30. März in die blaue Ferne. Die Reise ging über Venedig nach Triest, wo den »Regentschaftssekretär« das griechische Paketboot Minerva (Athena) aufnahm, das ihn am 3. Mai, dem Ostertage, glücklich in Nauplia, der damaligen Residenz, ans Land setzte. Die ersten Eindrücke waren nicht so erfreulich, wie ich sie erwartet hatte. Die jungen Bayern, die da schon in Amt und Würden standen, zeigten sich sehr kühl und vornehm, was sich erst später aufklärte. Die Mitglieder der Regentschaft, Graf von Armansperg, der Präsident, Staatsrat von Maurer, General von Heideck, Legationsrat von Abel, nahmen meine erste Visite zwar freundlich an, und Herr von Maurer, der mich noch von der Universität her kannte, lud mich auch sofort zu Tische ein; dann aber hörte ich sehr wenig mehr von den hohen Herren. Doch zog mich das neue, fremde Leben mächtig an; diese Palikaren in ihren prächtigen Trachten, diese Häuptlinge mit ihrem fürstlichen Anstand, die Seeleute und ihr lautes Treiben im Hafen, die schweren Kriegsschiffe auf der Reede – diese und andere ungewohnte Erscheinungen gaben viel zu schauen und zu denken. Übrigens hatte ich mich in den letzten Monaten zu München schon sehr fleißig mit der Sprache beschäftigt. Das Neugriechische, wie es in den Büchern stand, bot mir als ehemaligem Philologen gar keine Schwierigkeiten, und in der Volksmundart hatte ich mich auf dem griechischen Paketboote mit Kapitän und Matrosen durcheinander so vielfach geübt, daß ich zu Nauplia schon als frühreifer Graeculus ans Land stieg. Im ganzen fand ich die Griechen sehr liebenswürdig und hatte bald viele Bekannte unter ihnen. Ihre Kultur, von Cekrops und Pelops anhebend, an der so viele weise Männer – so viele schöne Frauen – gearbeitet, ist in den äußeren Formen auch durch die Türken nicht geschädigt worden. Ihr geselliges Auftreten, ihre Art sich darzustellen, zu sprechen, zu diskutieren, war den bajuvarischen Manieren, wie wir sie hineingebracht, unbestreitbar überlegen. Eine tiefere Charakteristik aber soll hier nicht versucht werden. Nauplia, das alte Türkenstädtchen, hat vor sich das Wasser, vielmehr den Hafen, hinter sich den steil abfallenden, langgestreckten Fels, auf dem die Festung Itschkalé, rechts den Palamidi, einen himmelhohen, senkrechten Steinblock, auf welchem gleichfalls ein altes Kastell. Von der See aus betrachtet, zeigte sich die damalige Hauptstadt der Hellenen ganz ansehnlich, wie sie denn auch im Innern schon einige Kultur erlitten hatte. Neben ärmlichen Hütten standen auch schon neue hübsche Häuser, dazu gab es reinliche Straßen und eine geräumige Piazza. Die Caffenés am Hafen stammten noch aus der Türkenzeit, die Bella Italia, ein leidliches Speisehaus, war dem neuerstandenen Griechenland von Triest her nachgezogen. Aus der Stadt führte nur ein schmales Tor und ein schmaler Einlaß in die Freiheit, in das Land hinaus, doch war nicht weit draußen auf höherer Terrasse schon ein niedliches Ziergärtlein angelegt, wo ein Springbrunnen sprudelte, Kaffee nebst Wein genossen, und die ganze weite argolische Ebene überschaut werden konnte. Jetzt, als im Frühsommer, war diese noch ziemlich grün, aber später wurde sie immer gelber. Von Busch oder Wald war da keine Spur – nur einige Ölbäume standen im weiten Felde. Ich war mit einem Thüringer und einem Sachsen angekommen und in eine Stube gezogen, welche monatlich sechzehn Gulden kostete und ziemlich groß, aber, wie da gewöhnlich, ohne alle Einrichtung war. Diese hatten wir in Triest zusammengekauft und, ich weiß auch nicht mehr warum, auf ein anderes Schiff verfrachtet, welches erst später ankam, so daß wir jetzt weder Stühle oder Tische noch Betten hatten und alles, was wir in den Koffern mitgebracht, auf dem Boden herumlegen und auf diesem schlafen mußten. Doch blieben wir nicht lange beisammen – ich wollte lieber allein sein und bezog am vorderen Abhang des Itschkalé eine ehemalige Waschküche, die aber reinlich geweißt und mit frischen Fliesen ausgelegt war. Für Bett und Tisch fand sich Raum genug. Etliche Mäuschen, die mir zuviel Platz wegnahmen, habe ich eigenhändig erschlagen. Wenn der Mond am Himmel stand, schleppte ich meinen Strohsack auf das flache Dach und erfreute mich an seinen Strahlen. Erst später hörte ich, daß ich davon hätte mondsüchtig werden können. Außerdem waren nicht viele Genüsse zur Hand. Hinter dem Itschkalé konnte man wohl im Meere baden, aber die Seeigel, die da auf dem Grunde lagen, zeigten sich mitunter sehr unangenehm und zuweilen wollte man in naher Ferne auch Haifische gesehen haben. Am Tage nach meiner Ankunft meldete ich mich zum Eintritt in die Regentschaftskanzlei bei Herrn Ferdinand Stademann, dem geheimen Sekretär, der unter den Bajuvaren der höflichste, weil er ein geborener Berliner war. Mich schien niemand erwartet zu haben. Jener sah mich zweifelnd an und sagte: »Ja, ich habe keine Arbeit für Sie. Ich will's Ihnen sagen lassen, wenn etwas auskommt!« Gar nicht verletzt, nahm ich einen Gaul und ritt nach dem hochummauerten Tirynth, wo Herkules als Kind Vergißmeinnicht gepflückt und Schmetterlinge gefangen, nach Mycenä, zum Grab des Agamemnon, und ins pelasgische Argos – ein unvergeßlicher Tag! Als ich damals die Waschküche bezog, gewahrte ich im ersten Augenblick, daß sie eine unvergleichliche Aussicht bot über die Stadt und den Hafen und über die fabelhaften Königsburgen bis an die erhabenen Berge, durch die einst die dorische Wanderung herabgekommen. Unter Tags stieg ich gewöhnlich auf ein paar Stunden in die Stadt hinunter, abends saß ich vor meiner Türe und las oder schaute in die weite Ferne. Meine Gesellschaft war ein alter Gelehrter von der Insel Patmos, der neben mir wohnte. Er war etwas phantastisch kostümiert, trug eine lange seidene Tunika mit seidener Schärpe und einen tuchenen Talar darüber, auf dem Haupte aber einen hohen, fast spitzigen Zylinderhut ohne Krempe, gerade wie die Zauberer auf der Bühne, so daß ich ihn anfangs auch für einen solchen hielt. Wir verplauderten auf unserer Hochwarte manche Viertelstunde, schwatzten auch viel von seiner Insel, wo der heilige Johannes die Apokalypse geschrieben, aber was der Patmier in Athen zu ergattern suchte, blieb mir immer ein Geheimnis. Vierzehn Tage nach meiner Ankunft erhielt ich endlich eine Zuschrift unseres Geheimschreibers, welche mich einlud, am nächsten Morgen um zehn Uhr im Regentschaftsgebäude zur Verpflichtung zu erscheinen. Endlich war's von oben auch heruntergekommen, ich sollte über die griechischen Bittschriften gelassen werden und auf jeder derselben in kurzer Übersetzung den Betreff vermerken. Dieser Bittschriften war ein schöner Stoß, denn seit die beiden Dolmetscher abgegangen, hatte sich niemand mehr um sie gekümmert, weil sie niemand verstand. Es waren lauter flehentliche Notschreie um Unterstützung, da die Hagarener, Sarazenen, Ismaeliten – lauter Euphemismen für die wackern Türken – alles verbrannt, verheert und verwüstet hätten. Damit war für etwa acht Tage Arbeit geschafft, aber nachdem die Bittschriften aufgearbeitet, traten wieder flauere Zeiten ein, da fast jedes Hauswesen in Griechenland seine »Anaphora«, sein Unterstützungsgesuch, bereits übergeben hatte und der Einlauf nicht mehr stark war. Und so saß ich denn am letzten Juli 1834 im kühlen Morgenwinde vor meiner Türe und blätterte in einem Buch, als ein Amtsdiener den Steig heraufkeuchte und mir von weitem zurief, ich solle rasch hinunterkommen, ich werde erwartet. Als ich unten in die Kanzlei trat, sagte der geheime Sekretär mit hochwichtiger Attitüde: »Nach unseren Ihnen bekannten Vorschriften war ich berechtigt, Sie um sieben Uhr im Büro zu erwarten. Jetzt ist's bald acht!« »Ich habe ja um elf Uhr nichts zu tun!« »Se. Excellenz haben schon zweimal nach Ihnen gefragt. Gehen Sie schnell hinüber, schnell!« Ich ging also ohne Aufenthalt in das Büro des Präsidenten. Er stand mit freundlichem Lächeln vor mir und sprach: »Sie sind mir gut empfohlen, aber ich konnte bisher nichts für Sie tun. Sie werden von jetzt an in meinem Kabinett arbeiten. Ich rechne auf Ihre Redlichkeit und Ihren Fleiß.« Als er dies gesprochen, neigte er leise das Haupt und entließ mich. Dieser Vorgang erklärt sich, wenn man weiß, daß schon einige Zeit zuvor zwischen dem Präsidenten und den andern Mitgliedern der Regentschaft eine tiefe Spaltung ausgebrochen war. Die Lösung lag in München bei König Ludwig I. Dieser befahl, daß Graf Armansperg seine Stelle behalten, die Herrn von Maurer und von Abel aber – General Heideck hatte sich wieder versöhnt – nach Bayern zurückkehren sollten. Für sie trat nun des Grafen ungefährlicher, von ihm postulierter Freund, der Staatsrat Egid von Kobell, ein, der eben angekommen war und den königlichen Erlaß selbst mitgebracht hatte. In der Stadt entstand natürlich bei diesem Umschlag eine große Aufregung. Auch mein alter Patmier blieb nicht ungestreift: ???Greek sprach er mit erhobener Stimme, ???Greek (»Königlich fürwahr, der Befehl, und mit ihm der Mann!«) Unter den feindlichen Regenten war übrigens angenommen worden, daß keine Seite Personal an sich ziehen und sich so verstärken dürfe. Deswegen hatte ich denn seit meiner Ankunft wie in der Vorhölle gelebt und nichts zu tun gehabt, denn die Exzerpierung der Bittschriften war doch nur ein Trugbild, weil die Mittel, ihnen gerecht zu werden, leider nicht vorhanden waren. Meine Landsleute, die nicht wußten, ob ich zu dem Grafen oder zu seinem Gegner zu rechnen, hatten sich deswegen so vorsichtig und zugeknöpft gehalten. Jetzt war natürlich die Physiognomie der ganzen Gesellschaft eine andere und viel wärmere geworden. So ward ich denn plötzlich aus meiner Niedrigkeit emporgeschnellt, aber an meinem Gehalt wurde nicht gerüttelt. Er blieb noch immer auf 120 Drachmen des Monats stehen und wurde erst im November auf 160 Drachmen (900 fl. jährlich) erhöht. Nun kam aber viel Arbeit über mich. Ehe ich mich umsah, lag eine hohe Schicht von Akten vor mir, die ich sofort bearbeiten sollte. In der Kanzlei des königlichen Landgerichts Au hatte ich kaum gelernt, wie man die Akten auf- und zubindet, auf Konzepte und Signate hatten wir andern uns gar nicht eingelassen. Doch waren die Kinderschuhe in wenigen Tagen ausgetreten. Den Präsidenten sah ich zwar nicht gar oft, aber was ich verfehlt hatte, das kam mit seinen kleinen Bleistiftnoten zurück, welche mir anzeigten, wie es besser zu machen wäre. Der Einlauf bestand zumeist aus den Anträgen und Vorlagen der Ministerien, die von der Regentschaft, jetzt dem Grafen Armansperg allein, beschieden weiden sollten. Für Justiz, Finanzen und Krieg waren nun andere Hyperboreer meines Schlages aufgestellt, mir fiel alles andere zu, was da noch überblieb. Im Anfang versah der Präsident die besagten Anträge und Vorlagen sämtlich mit seinen Bleistiftnoten, und da hatte ich dann, je nachdem es »anzunehmen« oder »abzulehnen« hieß, die entsprechenden Erlasse zu stilisieren. Manchmal hieß es: »umzuarbeiten«, und da waren auch die Zielpunkte, nach denen ich mich zu richten hatte, angegeben. Später hieß es sehr oft: »Nach eigenem Ermessen«, und dann konnte ich mein eigenes Licht leuchten lassen. Nebenbei war aber noch manches zu übersetzen, Artikel aus griechischen und englischen Zeitungen, Denkwürdigkeiten oder auch Denunziationen und Enthüllungen, welche die Häuptlinge, die ihre Sprache nicht schreiben konnten, von irgend einem Schriftgelehrten hatten aufsetzen lassen, um sie dem Präsidenten im tiefsten Geheimnis zuzustecken. Am meisten und am liebsten nahm ich mich um das Schulwesen an. Für dieses hatte allerdings schon Herr von Maurer sehr fleißig gearbeitet, aber immer im Kampf mit unermeßlichen Schwierigkeiten. Im ganzen Lande war 1833, wie ein damaliger Zeitungsartikel besagte, kein Abc-Buch und kein Einmaleins vorhanden, dagegen fanden sich Widerwärtigkeiten ohne Zahl. Die deutsche Schule in Nauplia z.B. ging auseinander, weil man in der Not einen protestantischen Lehrer hineingesetzt; mit unsäglicher Mühe wurde das Gymnasium daselbst wenigstens auf dem Papier fertig, aber als die Lehrer ernannt waren, wollten sie ihr Amt nicht antreten. Die wenigen Griechen, die zu Lehrern taugten, trachteten nämlich alle nach anderen Stellen, weil diese besser bezahlt wurden. Auch ein weibliches Erziehungsinstitut ward gegründet, aber die griechischen Mütter wollten ihre Töchter nicht fränkisch erziehen lassen. Glaubte man alles beisammen zu haben, so fehlte das Lokal. Und so ging es weiter in jeder Richtung, wie Herr von Maurer in seinem Buch zum Haarsträuben schildert. Herr von Maurer spendete übrigens aus dem großen Ansehen noch mit vollen Händen; als Graf Armansperg auch dieses Fach übernahm, sah man der Truhe schon auf den Boden und es mußte gespart werden. In früheren Zeiten hatten allerdings reiche, begeisterte Griechen in Odessa, Alexandrien usw. viele Millionen für die Schulen Griechenlands geschenkt, aber als König Otto das hellenische Gestade betrat, waren diese Summen spurlos verschwunden. Man hat nie erfahren, wo sie hingekommen. So war denn trotz aller Mühe, die Herr von Maurer aufgewendet, das Schulwesen in üblem Zustande. Ich suchte mich bestens zu unterrichten, nach und nach die Lehrer kennenzulernen, ging auch in die Prüfungen und verkehrte viel mit dem trefflichen Professor Dr. Ulrichs aus Bremen, den die Regentschaft mitgebracht und nach Ägina ins Gymnasium verlegt hatte, wo er blieb, bis wir uns in Athen zusammenfanden. Dieser war ein gelehrter und geistreicher Philhellene noch jugendlichen Alters, mit dem sehr angenehm umzugehen war. Ich ließ mich gerne von ihm inspizieren, und auf seinen Rat überreichte ich dem Präsidenten im März 1835 eine Denkschrift, in welcher es, um nur einen Satz herauszuheben, heißt: »Das Gymnasium von Athen, gegenwärtig als die erste Lehranstalt des Reiches zu betrachten, ist seiner Auflösung nahe – die Lehrer gehen schon seit langem mit dem Gedanken um, sämtlich um ihre Entlassung einzugeben und verblieben bisher nur widerwillig auf ihrem Posten, der nur beschwerlich und viel verlangend, aber weder ehrenvoll noch einträglich ist. Der Grund dieses Mißvergnügens ist einerseits die unangemessene Behandlung der Anstalt und der Lehrer von seiten des Ministeriums, andererseits die für Griechenland unverhältnismäßig geringe Besoldung.« Der Graf war ganz willfährig, auch für die Schulen tätig einzutreten, aber er fand wirklich keine Zeit dazu. Auf dem Papiere standen übrigens die Sachen ganz befriedigend. Das Kultusministerium unter dem bekannten Jakovakis Rhisos sandte seine Vorschläge zu Schulengründungen, Lehrerernennungen usw. fleißig ein, und daran wurde selten geändert; ob aber diese Schulen gediehen und wie die Lehrer sich bewährten, davon hörte man nicht mehr viel. Jedenfalls wurde anerkannt, daß die Sachen jetzt nicht mehr liegen blieben, sondern rasche Erledigung fanden. Als ich später nach München kam, zu Friedrich Thiersch, der das griechische Unterrichtsministerium mit Recht als seine Domäne und heiß ersehnte Lebensaufgabe betrachtete, erzählte ich ihm, was da alles durch meine Hand gegangen, worauf er etwas unwirsch bemerkte: »Wie konnten Sie an solche Sachen rühren! Da gehört ein gewiegter Schulmann hin!« (Ja, wenn wir nur einen gehabt hätten!) Aber im nächsten Jahr, als Prof. Ulrichs und der später zu erwähnende Prof. Roß durch München gekommen, sagte mir mein verehrter Gönner scherzend: »Ich habe Sie damals zu wenig gelten lassen. Man war mit Ihnen sehr zufrieden. Sie waren ein ganz rarer Kultusminister!« Allmählich schlich sich auch eine andere Beschäftigung ein, die mir aber bald sehr lästig wurde. Die Regentschaft hatte nämlich im Jahre 1833 allerdings zwei junge bayrische Hellenisten als Dolmetscher mitgenommen, allein diese waren, wie schon erwähnt, nach Jahr und Tag wieder nach Hause gegangen und ihre Stellen nicht besetzt worden. Nun gab aber der Graf mit rühmlicher Geduld alle zwei, drei Tage seine Audienzen für Hellenen und Helleninnen, und dazu ließ er denn abwechselnd mich oder einen zweiten jungen Bayern, der des Griechischen mächtig war, aus der Kanzlei herüberholen. Ich protestierte gegen diese Dienstleistung, als sie regelmäßig wiederzukehren begann, weil ich nicht dafür engagiert sei und sie mir eine unbelohnte Last auflege, allein im treffenden Augenblick konnte ich doch meinen Vorstand nicht ohne Hilfe lassen, und so schleppte sich denn das Verhältnis bis zu meinem Abgange fort. Übrigens traten oft beträchtliche Pausen ein, da der Graf mitunter wochenlang seiner Gesundheit halber auf dem Lande lebte. Dieser Dienst nun bot allerdings die angenehme Gelegenheit, alle griechischen Dialekte vom Olympus bis zum Taygetus hinunter zu hören und dem ganzen griechischen Heroentum, den alten Klephten, den Kapitanis und den Palikaren, den Koloktronis, Grivas, Plaputas, dem Petrobei von Maina und so vielen anderen Häuptlingen ins Auge zu sehen, aber es war sehr unangenehm, daß die Vorsprechenden – die Elite ausgenommen – nach orientalischer Art Einfluß und Macht des Dragomans bedeutend überschätzten und alle Mühe daran setzten, ihn möglichst tief in ihre Angelegenheiten einzuweihen und für sich zu gewinnen. Diese Behelligungen begannen schon im Vorzimmer, und wenn ich die Hilfesuchenden da los geworden, erschienen sie auf meiner Stube, blieben stundenlang plaudernd vor mir sitzen – den besseren Leuten wurden Kaffee und Pfeifen gereicht –, überfielen mich dann auf den Gassen, auf dem Spaziergang, beim Abendessen, behaupteten, mich nicht ganz verstanden zu haben, und ließen sich meine Worte nochmals auslegen. Einige fragten alle Tage nach, ob der Präsident nicht von ihnen gesprochen, ob ich ihn an sie erinnert und was sie wohl zu hoffen hätten. Das Elend war allerdings groß im Lande, eine bedeutende Anzahl verdienter und unverdienter Helden verlangten Stellung und Gehalt, eine Menge armer Witwen flehten mit ihren Kindern um Unterstützung. Aber die Mittel waren sehr gering, und in den allermeisten Fällen hatte der Präsident nur den einen Trost zu geben: »Es wird geschehen, was die Gerechtigkeit erfordert und die Umstände erlauben.« Diese Botschaft hatte ich unzählige Male zu verkünden und lautet dieselbe griechisch: ???Greek. Nicht zu vergessen, daß wir noch vor Ende des Jahres mit dem Könige und der hohen Regentschaft nach Athen übersiedelten. Wir andern wurden auf ein hydräisches Schiff geladen und Männlein und Weiblein wie die Kulis ins Zwischendeck gestampft, wir hatten aber guten Wind und sahen andern Tages schon den Piräus, die Akropolis und den Parthenon vor uns liegen. O du schöne Zeit! So war denn die Stunde da, to behold the scenes my earliest dreams had dwelt upon! (die Landschaften zu schauen, bei denen meine frühesten Träume verweilt hatten)! In Athen standen damals nebst vielen uralten byzantinischen Kirchen etwa hundertsechzig neue Häuser auf einer sanft ansteigenden Fläche, aber mitten in einem weiten Ruinenfelde. Unter Ruinen darf man sich jedoch nicht jene malerischen Trümmer alter Burgen denken, wie sie auf den Felsen am Rheinstrom oder in den Alpen prangen, sondern die Ruinen von Athen waren nur die letzten Überbleibsel der dünnen Lehmwände, welche einst ein Dach getragen und die unglücklichen Athener beherbergt hatten. Sie reichten ein paar Spannen über den Boden empor, selten höher, und dienten zu gar nichts mehr, als mit ihren Linien den Grundplan der früheren Stadt anzudeuten. Das Leben in Athen wurde bald sehr angenehm. Unter Tags hatte ich zu tun und für die Stunden der Rast und der Erquickung fand sich immer heitere Gesellschaft. Das Abendessen wurde, da die wenigsten der Deutschen verheiratet waren, immer gemeinschaftlich in einem der griechischen Gasthöfe eingenommen, war immer stark besucht, und da es täglich etwas Neues gab, so wurde viel geplaudert und disputiert. Das war aber noch nicht die rechte Höhe, sondern wenn der Geist über uns kam, gingen wir nicht allzuselten zu Herrn Zographos, dem Malvasier, welcher den so genannten trefflichen Wein, der auf der Insel Tinos wächst, uns um billiges Entgelt vorsetzte. Dahin kamen auch gebildete junge Griechen, mit denen wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihres schönen Vaterlandes nach unserer Einsicht oft in Ernst und Scherz erörterten. Auch deutsche Lieder erschollen da oft, wenn auch aus etwas rauhen Kehlen. Aus diesem poetischen Winkel gingen wir nicht selten in seliger Trunkenheit nach Hause, kehrten aber am andern Morgen, wie der harmlos in unserem Englischen Garten mahnt, »neugestärkt zu jeder Pflicht zurück«. Mitunter zogen wir auch singend durch die Straßen der Hauptstadt und brachten da und dort ein Ständchen, doch alles mit so viel Anstand, daß sich niemand beschweren konnte. Wir waren eben alle jung und frisch, und das war so unsere »lustige Zeit«. Im Winter ging's besonders hoch her. Da rauschte jede Woche wenigstens ein vornehmer Ball vorüber, bald bei dem Präsidenten, bald bei dem oder jenem Gesandten. Dazu wurden nun die jungen Herren der Regentschaft immer geladen und es stand ihnen frei, mit Aspasiens Enkelinnen zu tanzen oder mit den anderen Huldinnen, die der Zufall aus Konstantinopel, aus Italien, aus England da zusammengeschneit. Uns galten als die ersten und glänzendsten Sterne die beiden älteren Töchter des Grafen Armansperg, Louise und Sophie, zwei vielbewunderte Erscheinungen, hochgebildet, sprachenkundig, von den anmutigsten Manieren und den schönsten Formen. Sie vermählten sich noch in diesem Jahre mit zwei Brüdern, den jungen Fürsten Kantakuzenos. Die herrliche Louise unternahm mit ihrem Gatten eine Hochzeitsreise nach Konstantinopel, erkrankte dort und starb am 23. September heimkehrend auf einem englischen Schiffe im Piräus. Dieses Ereignis erfüllte uns alle mit tiefer Betrübnis. Wir bedauerten mit inniger Teilnahme den Grafen. Louise war in all den Widerwärtigkeiten, die ihn in Griechenland umgarnten, in allen Zerwürfnissen und Kabalen, in körperlichen und geistigen Leiden sein Stolz, seine Freude und sein Trost gewesen. Im ganzen ragte aber das schöne Geschlecht in mein damaliges Junggesellenleben nicht fühlbar herein. Deutsche Fräulein waren nicht vorhanden, deutsche Frauen, die mit ihren Männern nach Griechenland gekommen, ganz wenige, und diese zeigten sich in der Brüder wilden Reihen nur selten. In griechischen Anstandshäusern wurden die jungen Deutschen, die alle für heiratsfähig galten, zwar sehr freundlich aufgenommen, aber wenn Töchter im Hause waren, so durften sie, sofern das Wohlwollen andauern sollte, ihre »soliden Absichten« nicht lange verheimlichen. Was mich betrifft, so hielt ich mich nicht für heiratsfähig, hatte auch keine soliden Absichten und suchte daher den Umgang mit griechischen Mädchen eher zu vermeiden. Im Tagebuch findet sich freilich mehr als einmal Fräulein Helene, aus bester Familie, wegen ihrer Schönheit erwähnt, allein das ist schon lange her und ich zweifle, ob ich sie jetzt wieder beschreiben würde. Was die Tage in Athen so anziehend und genußreich, so unvergeßlich macht, das sind die zahlreichen Stellen in nächster Nähe, die die Erinnerung an das Altertum verherrlicht. Die ehrwürdige Akropolis mit ihren Tempeln wurde zwar nicht zu oft erstiegen, aber dagegen führten uns tägliche Spaziergänge auf den Areopag, zum Tempel des Zeus, in das Stadium, in die Auen des Ilissus, hinunter in Akademos' Hain, wo Plato einst gelehrt, an den Lykabettos, an den Hymettos. Vielfach auch, namentlich an Sonntagen, bestiegen wir die Gäule, die immer, wie bei uns die Droschken, vor den Toren standen, ritten ein, zwei Stunden hinaus in die attischen Dörfer und unterhielten uns mit den Landleuten oder besuchten die feineren Familien, die dort in ihren Landhäusern weilten. Nicht selten kamen wir auch in den Piräus hinunter, wo sich schon damals der lebendige Lärm einer Hafenstadt auftat. Mehrere Male wurde im Phalerus, einmal auch in Themistokles' Gedächtnis an der Insel Salamis gebadet. Wenn, was öfter geschah, russische oder englische Kriegsschiffe vor dem Piräus geankert hatten, so wurden wir gerne eingeladen, und diese Besuche gingen nicht selten ohne einige Flaschen Marsalla ab, welche die gastfreundlichen Offiziere spendeten. Eines Tages war sogar die amerikanische Fregatte ›Constitution‹ erschienen. Auch diese wollte ich nicht unbesehen lassen, fuhr daher an Bord und wurde artig aufgenommen. Ich fragte neugierig, ob nicht unter den jüngeren Offizieren einer von deutscher Abkunft sei, worauf mir ein solcher vorgestellt wurde, der aber von unserer ganzen reichen Sprache nichts mehr wußte, als ›Sauerkraut‹ und ›Speck‹, überhaupt seine germanische Abstammung für einen sehr lächerlichen Umstand anzusehen schien. Tiefer ins Land hinein kamen wir leider nicht. König Otto unternahm zwar alle Jahre mit geringem, auserlesenem Gefolge einen Umritt in seinem kleinen Königreich, bald nach dieser, bald nach jener Seite, aber wir konnten dies verführerische Beispiel nicht nachahmen, denn uns schreckten einigermaßen die Räuber, von denen es damals nie ganz still wurde, noch mehr aber die großen Auslagen, die mit solchen Unternehmungen verbunden waren, denn, da es keine Straßen und Gasthäuser gab, so mußte der Reisende zu Pferde ausrücken, mit einem berittenen Diener und einem Treiber, mit seinem Maultier, welches die Betten, die Mäntel, das Zelt und die Mundvorräte trug. Unter 20–30 Drachmen für den Tag konnte das nicht abgehen. Wenn daher die athenischen Deutschen auf Urlaub oder auf Erholung gingen, so wählten sie fast immer das Meer und die reizende Inselwelt. Leider konnte ich mich nur einmal freimachen, im August 1835, wo ich zunächst nach Ägina und von da nach Poros segelte. In Poros war damals der Sitz der griechischen Marineverwaltung, an deren Spitze Graf Rosen, ein liebenswürdiger Schwede, stand. Dieser war mir ein herzensguter Wirt und auch ein geduldiger Samariter, als mich in seinem Hause das Fieber überfiel und mehrere Tage festhielt. Als ich von Poros Abschied nahm, gesellte sich zu mir ein junger Architekt, Ludwig Lange von Darmstadt, der später ein berühmter Baumeister zu München und mein langjähriger Freund geworden ist. Wir saßen ruhig in unserm Kaiki und schifften eben um das Vorgebirge Scylläum, als ein sehr unangenehmer Sturm ausbrach, der unsere Nußschale dermaßen hin- und herschüttelte, daß Lange sofort der Seekrankheit verfiel und stundenlang wie tot an meiner Seite lag. Doch kamen wir am nächsten Tag glücklich auf der Insel Hydra und in ihrer Hauptstadt an, blieben da über Nacht und fuhren des nächsten Abends auf einer hydräischen Brigantine nach der Insel Syros, welche in den Cykladen liegt. Dort verweilten wir ein paar Tage bei Herrn Bezirksrichter Sanderski, einem Landshuter, fuhren dann um Kap Sunium herum und kamen wieder wohlbehalten in Athen an. Zu dieser Seereise kommt nur noch eine zweite, welche meine letzten Tage in Griechenland umfaßt, die noch später zu erwähnende Fahrt vom Piräus nach Patros, die dann über Rom nach München ging. Dies war alles. Nachdem ich aber nicht ohne Wehmut jener schönen Zeiten gedacht, will ich auch jener gedenken, die sie mit mir geteilt – nicht aller, denn es waren gar viele, aber doch derer, welche einigermaßen hervorragten. Der ausgezeichnetste unter den jungen Bayern war Dr. Gottfried Feder aus München, ein vortrefflicher Jurist und liebenswürdiger Landsmann, der einmal mit mir in der Regentschaftskanzlei arbeitete, dann aber zum Rat am Kassationshofe und vor wenigen Jahren, nachdem er schon vorlängst aus Griechenland herausgekommen, zum Präsidenten des bayrischen Verwaltungsgerichtshofes in München ernannt worden ist; da lebt er noch in großer Rüstigkeit. Nicht allein wegen seiner wichtigen Stellung als Vorsteher der deutschen Schule in Athen, sondern auch wegen seiner immer sprudelnden Laune und seiner witzigen Einfälle sei hier Johann Beeg, ein Nürnberger, als nächster genannt; doch blieb dieser nur drei Jahre in Athen und starb schon 1867 zu Nürnberg. Sehr beliebt war auch J. N. Bisino, ein Altbayer, der nach einem lustigen Studentenleben unter die Theologen gegangen und Stadtpfarrer zu Athen geworden war. Ebenso geachtet als Sänger wie als Zecher, stand er noch hin und wieder auf der Mensur, besorgte aber auch mit rührendem Eifer seine Seelen, die Kranken und die Sterbenden. Er verschied vor wenigen Jahren als Pfarrer in Niederbayern. Anderer Art, norddeutsch und hochgelehrt, aber sehr anziehend und umgänglich waren die schon genannten Dr. Ulrichs aus Bremen, damals Professor am Gymnasium, und Dr. Ludwig Roß, ein Holsteiner, der über die Altertümer gesetzt war. Noch sehr schwach im Griechischen, kam damals Georg von Hahn aus Hessen in Hellas an, lernte jedoch bald, was er brauchte, wurde später k. k. Konsul in Janina und schrieb mehrere wertvolle Bücher über die Albanesen. Auch Karl Rottmann, der Landschafter, war längere Zeit unter uns. Ludwig Lange gehörte nicht minder zur Gesellschaft, ebenso Franz Wendland, ein Mecklenburger, der später Kabinettsrat des Königs Otto wurde. Ferner hielten sich mehrere jüngere Ingenieure und Architekten zu uns. Aber diese alle sind schon in Charons Nachen gestiegen, nur Ludwig Steub und Gottfried von Feder weilen noch diesseits des Acherons, wissen aber auch nicht, wie lange es noch dauern wird. Touristen dagegen kamen damals in Griechenland noch selten vor. Hin und wieder zeigte sich wohl ein Abenteurer, der auf Dienst und Sold ausging, allein er verschwand bald wieder, weil beides nicht zu haben war. Der einzige Reisende von Gelehrsamkeit und Ruf, der damals in Athen erschien und sich an unsern Tisch setzte, war Professor K. G. Zumpt aus Berlin, dessen lateinische Grammatik mich durchs Gymnasium begleitet hatte. Er blieb aber nur wenige Tage. Zu bemerken ist noch, daß in diesem Jahre, 1835, und zwar am ersten Juni, die Volljährigkeit des jungen Königs eintrat. Sie wurde mit großem Pompe gefeiert; wir Deutsche versammelten uns zu einem stürmisch heiteren Festmahl. An diesem Tage wurde Graf Armansperg zum Staatskanzler und ich zum Staatskanzleramtssekretär erhoben – die beiden Mitglieder der Regentschaft, die noch übergeblieben, von Kobell und von Heideck, fuhren nach Hause. Graf Ludwig von Armansperg war damals achtundvierzig Jahre alt und uns Bayern ein teurer Name, weil er kurz vorher, von der Kamarilla verdrängt, sich auf sein einsames Schlößlein zurückgezogen hatte, lieber als seinem König gegen seine Überzeugung zu dienen. Er war eine schlanke, hochgebaute, doch mehr einnehmende als imposante Figur. Seine Formen schien er den Vogesen, den Ländern an Rhein und Mosel entlehnt zu haben, denn in deren Verwaltung war er nach der Leipziger Schlacht für längere Zeit beschäftigt gewesen. Er war ein gefeierter Redner in der Kammer, ein anziehender Plauderer im Salon und hatte sich überhaupt eine vortreffliche Sprache zu eigen gemacht. So erschien er wenigstens äußerlich als vollendeter Gentleman, aus dem sich der Bajuvare ganz verflüchtigt hatte. Mit mir war er immer freundlich, schonend, rücksichtsvoll, doch redete er selten mehr als was zur Sache gehörte; auch nie ein Wort, das seiner unwürdig gewesen. Wenn wir zu Tisch geladen waren, ließ er sich schon eher gehen und erzählte allerlei Geschichten aus seiner früheren Zeit. Einmal, als wir aufgestanden, sagte er zu mir: »Nu, sprechen Sie einmal etwas englisch mit meiner Louise, damit ich sehe, ob sie etwas gelernt hat!« Dieser Befehl wurde sofort vollzogen, aber es ging nicht ohne einige Verlegenheit auf beiden Seiten ab. In seinem Leben war er mäßig – in der Arbeit unermüdlich, doch wurde er von Zeit zu Zeit durch das Fieber auf das Land verwiesen, und wenn er in der Stadt war, verlor er viele Stunden mit den Gesandten der sogenannten »wohltätigen« Mächte, die ihm täglich auf die Bude stiegen. Ich hatte immer eine Vorliebe für solche feingeschnittene, weltläufige, taktfeste Gestalten. Eine Persönlichkeit dieser Art schien mir immer viel wertvoller, als so ein »edler Kern in rauher Schale«, wie sie unter Bayern und Tirolern so häufig sind und so wenig in die Welt oder in gebildete Gesellschaft passen. Der Graf ging 1837 wieder heim. Sein Wirken in Griechenland ist nicht sehr fruchtbar gewesen. Die Aufgabe war aber so schwierig, daß sie wohl auch kein anderer gelöst hätte. Seit Herrn von Maurers Zeiten haben die Geschichtsschreiber schwere Anklagen auf ihn gehäuft, ich muß sie auf ihm liegen lassen, denn ich bin nicht imstande, sie wegzuwälzen. Die Unzahl von historischen Schriften, die seitdem über das neuere Griechenland erschienen, würde für die Aufgabe so viele Zeit erheischen, daß ich sie ablehnen müßte, auch wenn ich ihr gewachsen wäre. Nachgerade war ich aber lange genug in Griechenland gewesen, um deutlich einzusehen, daß da für mich auf keine Zukunft zu rechnen sei. Die Flitterwochen waren dahin, und die Ehe schien nicht glücklich zu werden. Auch der Graf sagte mir offen, er sei seiner aufreibenden Tätigkeit müde und sehne sich nach Hause. Wenn er verschwunden, so waren aber die schönen Tage in der Stadt des Theseus wohl auch für mich zu Ende. Ich nahm mir daher vor, allmählich wieder an den Strand der Isar zurückzukehren und verschob entscheidende Schritte nur, weil mich der Staatskanzler, so oft ich davon sprach, zu beschwichtigen suchte. Es eile ja nicht! Im Augenblick sei ich nicht zu entbehren; wenn ich vielleicht doch in Griechenland bleiben sollte, würde sich auch da eine passende Stellung finden usw. Da geschah es am 26. November, daß ich mit einem von dem Grafen aus Bayern berufenen, erst seit wenigen Monaten vorhandenen »Kabinettsrat« in einen Streit geriet, der sich nach meiner Ansicht durch unseren Vorgesetzten sehr leicht hätte schlichten lassen. Allein der Gegner verlangte eine Demonstration, und so erhielt ich nach wenigen Tagen einen Erlaß, der mich aus dem Staatskanzleramte entfernte und zum Bezirksrichter in Chalkis, einer kleinen Stadt der Insel Euböa, ernannte. Ich habe das türkische Nestchen nie gesehen, die Stelle aber auch nicht abgelehnt, sondern um Urlaub gebeten, um auf meine Kosten nach Deutschland zu gehen. Dieser Urlaub wurde gewährt, aber als ich im Mai 1837 aufgefordert wurde, meine Stelle anzutreten, bat ich um meine Entlassung, welche ich dann auch erhielt. Eigentlich war mir jene Wendung nicht unangenehm, denn sie stimmte zu den Gedanken, die mir seit dem Sommer immer näher gerückt, aber wunderlich war's mir doch, wie der Graf, der mich einst so unentbehrlich gefunden und so oft auf die Zukunft vertröstet hatte, mich jetzt so leichthin fallen ließ. Nun ging's an die Zurüstungen zur Abreise. Am 15. Januar bestieg ich zum letzten Male die Akropolis und nahm Abschied von dem alten Parthenon, von Erechtheus' Tempel und von der ganzen heiligen Feste. Es versteht sich, daß mir eine lange Reihe von Abschiedsbesuchen oblag, viele bei den deutschen, noch mehrere bei den griechischen Familien. Letztere versicherten mich einstimmig, daß ich herzlich willkommen sein würde, wenn ich wiederkäme. Ein stark besuchtes Festmahl in meiner Stube versüßte die Trennung mit guten Speisen und guten Weinen, mit Reden, Gesang und herzlichen Sprüchen. Am 24. Januar, wo die seit langem schwankende Witterung gute Fahrt versprach, zog ich mit meinem Pädi ernst und still in den Piräus hinab; am anderen Morgen bestieg ich das Kaiki, das mich nach Korinth brachte. Die Reise von Athen nach Korfu ging sehr angenehm vonstatten. Die Geduld und das freundliche ´ Wesen, das ich den armen Bedrängten und Hilfesuchenden in den Audienzen und außerhalb derselben zu zeigen bemüht gewesen, hatte meinen Namen weit hinausgetragen ins Land, und wo ich hinkam, zunächst in Korinth, Patras und Korfu, fand ich unter den Griechen, namentlich unter den gebildeten und wohlhabenden, die herzlichste Aufnahme. ???Greek – sagte mir der Erzbischof von Korinth; wenige Worte, die aber zu schmeichelhaft sind, um übersetzt zu werden. (für Neug.) Von Korfu segelte ich mit Kapitän Ulisse auf dem italienischen Trabaccolo »La Gloria« nach Ancona, hielt dort in heiterer Gesellschaft, unter englischen Offizieren und einer welschen Operntruppe, die in Korfu gespielt hatte, eine zwölftägige Quarantäne, fuhr, nach damaliger Weise mit dem Vetturino, über den Apennin ins ewige Rom, wo ich etwa vierzehn Tage blieb, und kam über Florenz und Venedig am 11. Mai, von meinen Lieben mit hohen Freuden bewillkommt, wieder in München an. In München wurde ich allenthalben herzlichst aufgenommen, zumal im Hause meines väterlichen Freundes, Friedrich Thiersch. Der Aufenthalt in Athen hatte mir einiges Relief gegeben und meine Beziehungen erweiterten sich nun auf die anmutigste Weise. Ich fand mich wieder leicht in diese Verhältnisse hinein, aber sie gefielen mir doch nicht recht, und ich konnte das schöne Griechenland noch lange nicht vergessen. Meines Lebens Mai hatte im Lande der Götter und der Helden aufgeblüht. Die Energie des Willens zeigte sich, als ich wieder auf heimischem Boden stand, bedenklich gemindert. Nachdem ich von dort, wohin ich so große Hoffnungen getragen, nichts mitgebracht als schöne Erinnerungen, so war ich zu sehr enttäuscht, um für die kommenden Tage mich in neue Träume zu verlieren. Ich sah daher in eine reizlose Zukunft. Es schien nichts übrig zu bleiben, als im Dienst der Gerechtigkeit, der mich wenig ansprach, den ersten Vorstufen still und bescheiden entgegenzualtern, dann in einem Landstädtchen zu verbauern und endlich, wenn's gut ging, in späten Zeiten als ein hochbejahrter und allgemein bedauerter, aber höchst obskurer Ehrenmann ins bessere Jenseits zu verduften. Noch lag ein großer Stein auf der Rennbahn meines Lebens, der zunächst übersprungen werden mußte, wenn ich auf bayrischem Boden weiterkommen wollte. Dieser Stein war der juridische Staatskonkurs, der am 1. Dezember begann und vierzehn Tage dauerte. Diese Prüfung, welche sämtliche Aspiranten in einem Saal vereinigte, war sehr verrufen, doch fiel sie mir viel leichter als ich erwartet hatte. Einmal waren alle Hilfsmittel, alle Bücher erlaubt, und dann waren die gestellten Fragen lauter hübsche literarische Aufgaben, die sich mit jenen Behelfen ganz angenehm bearbeiten ließen, Ich hatte mir von der Staatsbibliothek über einen Zentner Bücher ausgebeten und schwang mich mit deren Unterstützung ohne Mühe zur besten Note empor. »Diesmal«, sagte damals ein altbayrischer Leidensgenosse aus Dachau, »diesmal haben's die Bücher ausg'macht, und die besten Bücher hat der Steub g'habt.« – Nachher trat ich wieder als Praktikant beim Stadtgericht München ein, welches fortan sehr ruhig verlief. Nun laßt uns aber das juridische Leben unseres Biographen mehr und mehr bei Seite setzen und so kurz als möglich erzählen, was er auf seiner literarischen Laufbahn erstrebt und erlebt hat. Bücher zu schreiben und gelesen zu werden oder, wenn ich mich edler und vornehmer ausdrücken darf, der Literatur oder gar der Poesie zu leben, das war ein Wunsch, der in meinem Herzen schon sehr früh erstand. Walter Scotts Ivanhoe hatte mich so entzückt, daß ich mich sogleich entschloß, ihn nachzuahmen. Ich war kaum vierzehn Jahre alt, als ich schon meine erste Szene niederschrieb. Es war ein Gespräch zwischen einem Hirtenknaben und seiner Großmutter, der er erzählt, daß er einen jungen Ritter in glänzender Rüstung habe auf die nahe Burg reiten sehen, um da um die Hand des Edelfräuleins anzuhalten. Dies interessante Fragment ist längst verloren, doch habe ich mich über den Verlust auch längst getröstet. Das Tagebuch des Jahres 1830 bringt im Spätherbst eine Stelle, welche lautet: »Wie ich nun in Dillingen (bei Verwandten auf Besuch) verweilte und so manche Stunde mir selbst überlassen war, da kamen mir die alten Gedanken wieder, wie ich mir Namen und Ruhm erwerben könnte, wenn ich so schön beschriebe, wie die Plinganser und die Meindel für's alte Bayerland gefochten und wie traurig es ausgegangen sei. – So war's mir niemals im Kopfe wie damals, so innig romanhaft, und wenn's mir immer so wäre, so müßte ein Meisterwerk entstehen.« Seltsam klingt hier die Erinnerung an »alte Gedanken«; übrigens ist der schon vielfach beschriebene und besungene Bauernaufstand von 1705 gemeint, dessen Geschichte Professor Sepp jetzt erst genauer erforscht, ausführlich dargestellt und im »Sammler« der Augsburger Abendzeitung veröffentlicht hat. Im Januar 1831 spricht das Tagebuch noch einmal davon, dann aber nie wieder. Nachdem der Staatskonkurs überstanden, dachte ich auch wieder an die literarischen Träume meiner Jugend. Am 26. Januar 1837 berichtet das Tagebuch: »Seit beinahe vier Wochen schreibe ich an einem Aufsatze für das Morgenblatt, den ich ›Ferienreisen in Griechenland‹ betiteln will. Er soll meine im vorletzten Sommer unternommene Reise nach Poros und Syra zum Gegenstand haben. Es wird leider nichts Schönes und ich werde froh sein, wenn es die Redaktion nur aufnimmt. Morgen werde ich fertig. Gut, daß es aus ist, denn ich habe mich über dieser Arbeit wirklich mehr ennuyiert, als ich dachte, daß es bei meinem ersten schriftstellerischen Versuche der Fall sein würde.« An Fleiß hatte es gleichwohl nicht gefehlt. Von dem Manuskripte liegen in meiner Schublade noch mehrere Abschriften, die alle wieder frisch durchgefeilt und verbessert sind. Aber die Redaktion rechtfertigte entgegenkommend meine Befürchtungen. Ihr Schreiben vom 30. März sprach die Ansicht aus, daß die Schilderungen nur gewinnen müßten, wenn sie an manchen Stellen etwas zusammengezogen würden. Ob sie dies selbst tun sollte, ob ich es besorgen wollte? Ich überließ ihr das Manuskript auf Gnade und Ungnade, allein als es nach mehreren Monaten immer noch nicht gedruckt erschien, erbat ich es zurück. Ich habe schon mehrmals daran gedacht, es wieder vorzunehmen und ein kleines Bächlein guter Laune durchzuleiten, allein ich habe nie die Zeit dazu gefunden. Um diese Zeit, Februar 1838, dachte ich auch einmal an meine Zukunft und bat Se. Majestät, mir den Akzeß im Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten zu gewähren. Im Juni 1835 hatte nämlich der Staatskanzler mir schriftlich kundgegeben, daß er wegen Berücksichtigung meiner Sr. Majestät von Griechenland geleisteten und noch zu leistenden Dienste mit der königl. bayrischen Regierung Rücksprache nehmen werde. Diese Rücksprache war übrigens in den letzten drei Jahren noch nicht an Ort und Stelle gelangt, und das besagte Ministerium hat mich daher aus Schonung, allerdings nur mündlich, abgewiesen. Ich hatte übrigens nicht im Sinn, dereinst königl. bayrischer Botschafter in Athen oder Konstantinopel zu werden, sondern nur ein Feld für meine linguistischen, historischen und ethnologischen Neigungen zu finden. Vielleicht fragt einer, warum ich nicht in der Bibliothek oder im Archiv einen »Unterschlupf« gesucht, allein die Zugänge zu diesen ästhetischen Rosenlauben waren damals von den Ultramontanen und ihren Galopins dermaßen verlegt, daß unsereiner gar nicht dahin denken durfte. Was diese frommen Herren in der Wissenschaft von Görres' christlicher Mystik bis zu den gewöhnlichsten Hexen- und Mirakel-Büchlein geleistet, hat man bereits rühmlich zusammengestellt, wieviel sie aber verdorben und erdrückt, das wäre erst zu erzählen. Übrigens bin ich auch der einzige Bayer meines Zeichens, der aus Griechenland ohne den Erlöserorden davongekommen; ich habe nämlich nie drum eingegeben. Indessen ging es immer um in mir; felsenfest stand der Glaube, daß ich nur ein schönes Buch zu schreiben brauchte, um meinem Leben einen andern Schwung zu geben. Im März 1838 wird denn auch allmählich das Morgenrot der »Bilder aus Griechenland« sichtbar. Es sollte eine humoristische Beschreibung meiner Reise von Athen nach Korfu werden. Besonders schildernswert schien mir dabei jenes gutmütige, aber ungeschlachte Wesen der bayrischen Landbeamten, das ich schon damals hinreichend kannte, weil ich in Aichach unter ihnen aufgewachsen war. Diese gemütlichen Rüpel gehen wie ein roter Faden durch alle meine Schriften. Ich entdeckte immer neue Reize an ihnen und wurde nicht müde, sie immer wieder von neuen Seiten darzustellen. Herr Zöpfelmaier, der den Praktikanten Hirlmayer von Ebersberg, auch einen Griechenfahrer, widerspiegeln sollte, ist das erste Beispiel dieser Art. Im August 1838 hatte ich meinen Wohnsitz nach Neuburg an der Donau verlegt, einem schöngelegenen Städtchen mit Appellationsgericht und anregender Gesellschaft, wo ich ein Jahr verbleiben sollte, um mich in der höheren Jurisprudenz auszubilden. Ich nahm die »Bilder aus Griechenland« halb vollendet mit und war nun eifrig bemüht, sie zu Ende zu bringen. Im März 1839 sandte ich ein fertiges Stück, »Die Piräusstraße«, an das Morgenblatt. Diesem gefiel das Fragment und so erschien es dann am 7. Mai in seinen Spalten. Dieser Maitag ward ein Festtag für mein ganzes Leben, und ich übersehe ihn jetzt noch selten. Es war, als ob eine liebliche Muse die rosenfingrige Hand zum Fenster hereinstreckte und ich sie nur zu fassen und zu halten brauchte, um aus meines Tales nebeligen Gründen auf sonnige Höhen gezogen zu weiden. Um Neujahr 1840, als ich wieder in München, war das Buch fertig. Ich kann ihm in Wahrheit nachsagen, daß es sehr oft durchgesehen, mit strenger Kritik behandelt und vielfach abgeändert, im Sinne des Verfassers verbessert worden ist. Nach seinen Hoffnungen sollte es ihm viel Glück ins Haus bringen. » Post nubila Phoebus !« schrieb er am Neujahrstage auf das Titelblatt des Tagebuches. Und am letzten Januar sandte er das Manuskript zur Annahme an die Cotta'sche Buchhandlung, der es vom Morgenblatt her empfohlen sein sollte, um es am 10. März mit dem Bescheide zurückzuerhalten, daß sie es nicht verwenden könne, weil sie mit einer ganz ähnlichen Publikation, einem sehr gründlichen und umfassenden Werke, beschäftigt sei. Das war ein harter Schlag! Nun begann aber durch ganz Deutschland, über Stock und Stein, über Feld und Haide eine Hetze nach einem Verleger, bis endlich, nachdem ich in dreizehn Monaten vielleicht zwanzig Körbe erhalten hatte, sich ein solcher fand, der mir die Courtoisie erwies, das liebe Buch, in dem so viele hundert hoffnungsvolle Stunden steckten, ohne Honorar vor das Publikum zu bringen. Als es dann erschien, 1841, wurde es von den Kritikern in den Zeitungen und den Wenigen, die es lasen, sehr gelobt, aber es kam doch nicht auf und war bald verschollen. (Näheres hierüber in meiner Schrift: »Aus Tirol«, 1880, S. 208 u. ff.) Da in jenen Zeiten aus unserer Heimat noch so viele Liebe, Väter, Haussöhne, Brüder, Gatten, teure Verwandte, vielleicht auch Bräutigame im schönen Hellas weilten, so glaubte ich, die »Bilder aus Griechenland« würden bald in jeder feineren Familie des Bayerlandes zu finden sein, aber ich sollte mein Volk, vielmehr dessen literarische Bedürfnislosigkeit erst kennenlernen. Vor kurzer Zeit begegneten mir bald nacheinander Hyacinth Holland und Hermann Lingg auf der Gasse. Jeder erzählte, er habe eben zum ersten Male die »Bilder aus Griechenland« gelesen, das sei ja ein sehr schönes Buch! So hörte ich nach vierzig Jahren wieder zum ersten Mal von diesem verlorenen Sohne. Im Jahre 1841 erschien im Morgenblatte auch »Der Staatsdienst-Aspirant«, meine erste Novelle, die das leere, geistlose Leben eines gewöhnlichen kgl. bayrischen Landgerichts-Praktikanten in heiterer Ironie zu schildern sucht. Im Herbst desselben Jahres erhob sich ein Verleger zu Karlsruhe, um ein großes Werk: »Deutschland im neunzehnten Jahrhundert«, herauszugeben. Dazu wurden verschiedene deutsche Schriftsteller geworben und die gefürstete Grafschaft Tirol mit Vorarlberg fiel in meine Hände, worüber ich sehr glücklich war. Daran hängen nun die »Drei Sommer in Tirol«, die in den Jahren 1842, 43, 44 entstanden und im Jahre 1846 ans Licht getreten sind. Das Werk wurde freundlich aufgenommen, obgleich es gar nicht zweckmäßig angelegt ist. Ich hatte nämlich zuerst die Gegenden, die mich am meisten anzogen, in Arbeit genommen und an den Notizen, die ich über Berg und Tal gesammelt, mit Zuziehung anderer literarischer Hilfsmittel lange, lange fortgeschrieben, bis ich eines Tages eine annähernde Berechnung aufstellte und dabei fand, daß ich schon weit über die vereinbarten 30 Bogen hinausgekommen war. Ich strich nun manches wieder, was schon fertig, und konnte mich um so weniger entschließen, neue Gegenden anzugreifen, als ich sie auch nur wieder hätte streichen müssen, wenn das Buch nicht in zwei Bänden hätte erscheinen sollen, was doch der Verleger keineswegs wünschte. So sind denn sehr wichtige Landschaften wie das Unterinntal, das Pustertal, das untere Etschtal und Welschtirol ganz weggeblieben. Diesem Fehler hat die zweite Auflage, die im Jahre 1871 erschienen, möglichst abzuhelfen gesucht. In Tirol gefällt diese zweite Auflage gleichwohl nicht recht, einmal, sagt man, weil der historisch-politische Nachtrag der ersten, der mir, aus dem Vormärz stammend, nachgerade denn doch veraltet schien, gänzlich weggeblieben ist, und dann, weil die alten Stücke hie und da gekürzt worden sind, um mehr Raum für die neuen Zutaten zu gewinnen. Meines Erachtens haben aber doch die neuen Stücke ungleich mehr Wert, als das wenige, was weggeblieben. Übrigens ist auch die erste Auflage ziemlich still durch ihr langes Leben, ihre fünfundzwanzig Jahre gegangen. Mit den fünf ungebundenen und zwei gebundenen Freiexemplaren, die ich 1846 an meine Freunde in Tirol gesandt, war der Lesebedarf des ganzen Landes gedeckt. Die jetzigen Tiroler kennen nur noch den Titel. Wenn ich mitunter auf der Wanderschaft des Werkleins bedarf und nach ihm frage, kommen ganze Landschaften in Verlegenheit. Ein reisender Freund war einmal Innsbrucks sämtliche Buchhandlungen ausgegangen, ohne es auftreiben zu können. Jetzt wird es nie mehr zitiert, aber öfter ausgeschrieben. Als die drei Sommer in Tirol verstrichen waren, im Jahre 1845, und zwar im März, wurde ich zum Rechtsanwalt in der Vorstadt Au ernannt. Mir hätte leicht etwas Angenehmeres begegnen können. Ich hatte damals einen Roman begonnen und hätte lieber an diesem fortgeschrieben, freilich nicht um ihn wieder herzuschenken. Später, 1863, ging ich zum neueingeführten Notariat über, in dem ich aber zuletzt so melancholisch und nervös wurde, daß es mir eine Lebensrettung schien, als ich im Herbst 1880 diese Bürde niederlegen konnte. Das Jahr 1848 brachte eine zweite Novelle, »Die Trompete in Es«, eine seltsame Geschichte, die zwischen dem Vikar und dem Färbermeister in Oberaudorf vorgefallen war und zur guten Hälfte in meinen Akten lag, weil ich letzteren vertreten hatte. Die Geschichte wurde ein paar Male aus dem Manuskript vorgelesen und gefiel den Hörern ungemein. Ein Verleger hatte sich auch bald gefunden, und so druckten wir denn 500 Exemplare auf gemeinschaftliche Rechnung, Stück für Stück um achtzehn Kreuzer rheinisch. Das Geschichtchen fand bei einzelnen vortreffliche Aufnahme, aber der Preis war fürs große Publikum doch zu hoch gegriffen. Nach einiger Zeit, als die Kosten gedeckt waren, schenkte mir der Verleger den ganzen Rest, etliche hundert Exemplare, die ich dann wieder kleinweise, namentlich an meine ländlichen Klienten, verschenkte. Zu den vielen schönen Sachen, die mir hienieden noch abgingen, zählte ich auch eine tiefe, heiße, phantastische Liebe. Ich war jetzt sechsundreißig Jahre alt und hatte diese noch nie empfunden. Um mir die Sehnsucht, mit der ich nach ihr lechzte, vom Halse zu schreiben, stellte ich nun im Jahre 1849 wieder eine Novelle her, »Das Seefräulein«, das zuerst in den Fliegenden Blättern erschien, und später, in ein Lustspiel umgearbeitet, zuerst am 5. Mai 1868, und seitdem öfter im Hoftheater zu München mit Beifall über die Bretter gegangen ist. Nun waren aber allmählich so viele kleine Stücklein zusammengekommen, daß es an der Zeit schien, sie zu sammeln. Sie erschienen im Jahre 1853 zu Stuttgart unter dem Titel: »Novellen und Schilderungen«. Aber wer da dachte, daß die früher mit so vielen Freuden aufgenommene »Trompete« oder das mit nicht minderer Herzlichkeit begrüßte »Seefräulein« dem Büchlein die Wege ebnen würden, der fand sich bitterlich getäuscht. Es blieb ebenfalls liegen, kam durch Gantversteigerungen in verschiedene Hände, und neulich erst, fast nach dreißig Jahren, als noch ein gutes Hundert Exemplare vorhanden waren, wurde es von Herrn Alfred Bonz, meinem jetzigen vortrefflichen Verleger, mit seinen andern Kleinodien vereinigt. In Tirol, in Vorarlberg und in Graubünden finden sich bekanntlich eine Unzahl undeutscher Ortsnamen, um die sich bis dahin niemand gekümmert hatte. Ich suchte nun zu beweisen, daß dieselben teils rätischen, teils romanischen Ursprungs seien, und daß Tirol, obwohl von Deutschen beherrscht, doch bis tief ins Mittelalter herein ein romanisches Land gewesen. Diese Aufstellungen waren neu und sie durften namentlich die Tiroler interessieren. Aber das Büchlein, das 1854 unter dem Titel: »Zur rätischen Ethnologie« erschien, brauchte zwanzig Jahre, bis es den kurzen Weg von München bis zu den Gelehrten von Innsbruck zurückgelegt hatte. Erst seit einigen Jahren wird es dort mitunter zitiert. Es liegt über ihm noch immer eine Tarnkappe, die die wenigsten Forscher zu durchbohren vermögen. Nun kommen wir an den schon erwähnten Roman, der meines Erachtens das glänzendste Gestirn an meinem literarischen Himmel werden sollte, aber eigentlich auch nie aufgegangen ist. Er sollte ein Bild jener düsteren Zeiten geben, die wir unter dem ersten Ludwig durchzuleben hatten, jenem Fürsten, der für den Fortschritt in den schönen Künsten ebensoviel als für den Rückschritt in allen übrigen Richtungen getan hat. Die ersten Anzeichen dieser traurigen Geschichte finden sich schon in den Zeiten, die den »Drei Sommern« vorangingen. Ja, das erste Kapitel, der Helden Jugend, scheint schon im Jahre 1841 entstanden zu sein. Nachher vergingen wohl viele Tage, aber doch nie ein Jahr sine linea . Ich empfand noch keine Lust, am Anfang anzufangen, denn ich kam mit dem Plane nicht ganz ins reine und hatte natürlich auch immer anderes zu tun, was mich entschuldigte, wenn ich diese Arbeit beiseite legte. Immerhin hatte sich nach und nach in blauem Umschlag eine solche Menge flüchtig hingeworfener Einfälle gesammelt, daß es endlich billig schien, ihnen eine anständige Unterkunft zu gewähren, die sie durch ihr geduldiges Warten wirklich verdient hatten. So begann denn im Herbst 1853, etwa zwölf Jahre nach dem ersten Spatenstich, die ernst genommene, wenn auch noch nicht ununterbrochene Beschäftigung mit dieser Arbeit, die ich, wenn ich's sagen darf, mit Begeisterung durchführte und mit einem Fleiße, der ihr gleichstand. Es findet sich wohl in der ganzen Literatur der Deutschen kein Buch, das in allen seinen Teilen, im großen und im kleinen, so oft überlesen, so mühsam durchgebürstet, so vielfach nachgebessert worden ist, wie diese »Deutschen Träume«. Da ich bisher in Süddeutschland kein Glück gefunden, so war es mir sehr angenehm, daß sich dieses Mal ein norddeutscher Verleger fand, Friedrich Vieweg in Braunschweig, der das Buch im Frühling 1858 ans Licht brachte. Ich war nach meiner Art fest überzeugt, daß diese »Deutschen Träume« einen ungeheuren »Pumperer« tun und in einem Vierteljahr die zweite Auflage erleben würden; die Sache aber ging sehr ruhig ab. Es kamen mir wohl zwei oder drei enthusiastische Briefe zu, ebensoviel mündliche Glückwünsche gleichen Tones, auch mehrere günstige Rezensionen, darunter eine von Taillandier in der Revue des deux mondes , aber es zeigte sich bald, daß der Geschmack des großen Publikums nicht getroffen und daß das Buch ebenfalls in die bayrische Lethe zu versinken bestimmt sei. Das Buch, hieß es, hätte im Vormärz erscheinen sollen; da hätte es in die allgemeine Stimmung eingegriffen – jetzt sei man über jene Zustände hinaus und erinnere sich nicht mehr gerne daran. Auch sei es zu melancholisch! Nachdem jene Zeiten einmal vorüber, wäre es allerdings zuträglicher gewesen, sie ironisch, humoristisch, satirisch zu behandeln – statt eines tödlichen Schusses ein glücklicher Ausgang, und das Buch hätte gewiß einigen Erfolg erlebt. Seit jener Zeit habe ich mich auch immer vor traurigen Ausgängen in Acht genommen. Unser tägliches Leben bringt wahrhaftig immer so viel Ärger, Verdruß und Kummer mit sich, daß der Schriftsteller dem Leser, der sich bei ihm erheitern will, nicht zumuten sollte, sich auch noch über die Schicksale seiner fingierten Personen abzuhärmen. Professor Anton Schönbach in Graz meinte einmal in einer sehr günstigen Besprechung meiner gesammelten Novellen, welche das deutsche Literaturblatt brachte, es wäre vielleicht nicht übel, wenn nach dreiundzwanzig Jahren die »Deutschen Träume«, etwas revidiert, neuerdings ans Licht träten. Seitdem denke ich selbst mitunter an eine solche Auferstehung, die aber den eben ausgesprochenen Ansichten nachgehen würde und Herrn Jörg von Bolzen die schöne Gitta heiraten ließe. Nun wollte ich aber auch einmal für mein engeres Vaterland eine literarische Tat vollbringen. Seit zwanzig Jahren war ich jeden Sommer auf ein paar Wochen ins bayrische Gebirge gegangen und hatte da allerlei Wanderschaftliches geschrieben, was dann im Morgenblatte oder in der Allgemeinen Zeitung erschien und in München sehr gefiel. Diese Aufsätze wurden nun fleißig überarbeitet und die Lücken kunstreich ausgefüllt, so daß das Buch, »Das bayerische Hochland« (1860), ein ebenso unterhaltendes als belehrendes Bild des ganzen Gebirges von Füssen bis Berchtesgaden bietet. Im Anfang sollen sich diese neue Erscheinung auch wirklich einige Tegernseer Bauern angeschafft haben, aber den gebildeten Familien der Hauptstadt und des Hochlandes blieb sie nahezu unbekannt. Der Verfasser hing aber damals so innig an seinem bayrischen Hochland, daß er immer wieder neue Skizzen schrieb und sie in der A. Allgemeinen Zeitung erscheinen ließ. Anfangs wollte er diese für eine zweite Auflage jenes Büchleins zurücklegen, aber da eine solche, wie sich bald zeigte, in immer blauere Ferne rückte, so fand er doch geratener, ein eigenes Werklein daraus zu bilden, welches denn im Jahre 1862 unter dem Titel: »Wanderungen im bayrischen Gebirge« ans Licht trat. Gegen alles Herkommen erlebten diese Wanderungen schon im zweiten Jahre eine zweite vermehrte Auflage, welche mir aber insofern keinen Nutzen brachte, als der Verleger seine Zahlungen gerade in dem Augenblick einstellte, wo ich die meinige zu erhalten hoffte. Das Jahr 1867 brachte die »Herbsttage in Tirol«, in deren erster Hälfte sich eine Biographie des berühmten Tirolers Philipp Jakob Fallmerayer findet, und zwar nach einem schriftlichen Grundriß, den mir dieser Freund auf meine Bitte selbst gefertigt. Die zweite Hälfte enthält ethnographische Betrachtungen über die Rätsel der tirolischen Vorzeit, über Rätier, Römer und Romanen, Bajuvaren, Goten und Langobarden, Betrachtungen, die diese Vorzeit wohl in sehr verläßlicher Weise konstruiert haben. Jene Herbsttage brachen aber über Tirol nie an, nicht einmal die dortigen »Gelehrten« nahmen Notiz von ihnen, wovon ein schlagender Beweis anzuführen wäre. Im Jahre 1869 erschienen die »Altbayrischen Kulturbilder«, deren Hauptstück der Deggendorfer Judenmord war, eine von ultramontaner Seite herausgeforderte Untersuchung jenes jetzt noch nach fünfhundert Jahren durch Prozessionen, Wallfahrten, Predigten und Ablässe gefeierten Ereignisses. Sie stellte klar heraus, daß es nur ein blutrünstiger Betrug gewesen, der die Juden von Deggendorf und mit ihnen auch die Schuldbriefe, die ihnen die Deggendorfer ausgestellt, vernichten sollte. Die Artikel, die zuerst die A. Allgemeine Zeitung brachte, erregten großes Aufsehen. Viele verlangten dringend, daß sie wieder abgedruckt würden, aber als sie bald darauf vermehrt und verbessert bei Ernst Keil in Leipzig erschienen, fragte niemand mehr danach. Jetzt liegen zu Leipzig 300 Exemplare. Im letzten Jahrzehnt habe ich sehr fleißig gearbeitet und geschrieben, viel mehr herausgegeben als in den dreißig Jahren, die vorangehen. Da erschienen einmal »Die oberdeutschen Familiennamen« (1870), eine Untersuchung, die den Gegenstand, meines Erachtens, merklich weiter brachte, jedoch nur die Ehre erlebte, von einem strebsamen Gelehrten als Unterlage für ein analoges Büchlein benützt, aber keineswegs als solche angeführt zu werden. Hierauf folgte die schon erwähnte zweite Auflage der »Drei Sommer in Tirol« (1871), die »Lustspiele« (1873), und dann unter dem Titel »Kleinere Schriften« alle meine bis dahin noch nicht gesammelten Aufsätze und Abhandlungen in vier Bändchen, Reiseschilderungen, literarische Aufsätze, tirolische Miszellen, altbayrische Miszellen (1873–75). An diesen »Kleineren Schriften« habe ich auch nicht viel Freude erlebt, zumal da sie Herr Hermann Uhde in den Blättern für literarische Unterhaltung schimpflich herunterriß, behauptend, einmal tauge das Sammeln überhaupt nichts, und wenn es auch einzelnen nachgesehen werden könnte, so gehöre doch ich nicht zu dieser Elite. Im Jahre 1875 war das »Bayerische Hochland« vergriffen und die Verlagsbuchhandlung regte zuerst eine zweite Auflage an. Die italienische Reise, die ich damals vorhatte, verhinderte mich, die Arbeit sofort zu beginnen und als ich sie wieder in Erinnerung brachte, hatte sich jene anders besonnen und meinte, da sich die erste Auflage in neunzehn Jahren kaum verkauft habe, so wolle sie auf eine zweite lieber nicht eingehen, vielmehr das Verlagsrecht in meine Hände zurückgeben. Sie habe einmal mit meinen Büchern – unbeschadet ihres inneren Wertes – kein Glück, wie dies bei den »Kleineren Schriften« und der zweiten Auflage der »Drei Sommer« besonders der Fall, da letztere in acht Jahren noch nicht zur Hälfte abgesetzt sei. (Näheres hierüber in meinem Büchlein »Aus Tirol« S. 218 ff.). Nachdem alle die verschiedenartigsten Verleger, die ich mir bisher selbst gesucht, über mich nur zu seufzen gehabt, so schien es mir eine gute Vorbedeutung, einmal von einem Verlag gesucht zu werden. Dies begab sich vor etwa sieben Jahren in Radolfszell am Bodensee, wo ich meinen Freund, den Herrn Hofrat von Scheffel, besuchte und dort auch den Herrn A. Bonz von Stuttgart traf, der des ersteren Schriften druckt. »Da die Herrn«, sagte letzterer eines schönen Morgens zu mir, »so gute Freunde sind, so möchte ich auch Ihr Verleger werden.« Ich hatte damals nichts anzubieten als eine Reihe von Reiseschilderungen, die in den Jahren 1871–75 entstanden und schon vorher in der Allgemeinen Zeitung erschienen waren, dann aber 1878 trotz Herrn Uhdes Bannstrahl unter dem Titel: »Lyrische Reisen« gesammelt herauskamen. Im Weinmond des Jahres 1878, als ich zu Arco in Welschtirol saß, fiel mir plötzlich ein, ich sollte einmal eine alte Geschichte, die mir vor dreißig Jahren ein guter Freund im tirolischen Hall erzählt hatte, als Novelle verarbeiten. Ich ging mit jugendlichem Feuer ans Werk und hat mich nicht leicht eine Aufgabe so gefreut wie diese. Aufrichtig gestanden, schien mir »Die Rose der Sewi« auch vortrefflich gelungen. Als die Herren A. Bonz \& Cie. sie 1879 als zierliches Heftchen in die Welt schickten, dachte ich in meiner Art gar nichts anders, als sie würden im Sturmlauf die Herzen von ganz Deutschland erobern und in wenigen Wochen eine neue Auflage erheischen, doch ist's auch wieder da anders gegangen. So wenig Seide Herr A. Bonz mit den »Lyrischen Reisen« gesponnen, so druckte er doch bald – mit gleichem Erfolg – ein ähnliches Büchlein: »Aus Tirol«, welches vor drei Jahren herauskam. Es enthält einige Schilderungen aus der Wanderschaft, einige literarische und kulturgeschichtliche Abhandlungen, darunter auch die merkwürdige Begebenheit: »Im Lesezimmer zu Kufstein«. Von den »Novellen und Schilderungen«, die 1853 erschienen, ist oben schon gesprochen worden. Sie lagen damals in guter Ruhe in einem Keller zu Stuttgart. Nun waren aber mehrere neue Novellen erblüht und es schien nicht unstatthaft, die alten und neuen gesammelt herauszugeben, was Herr H. Uhde, wenn er gefragt worden wäre, wohl auch verboten hätte. Nur entstand die Frage, ob auch »Die Rose der Sewi« in die Sammlung aufzunehmen sei. Mir schien sie eine liebliche Nachtigall, die vielleicht in der Freiheit viel schönere Tage erleben konnte, als mit den anderen in ihrem Käfig. In Stuttgart meinte man aber, ohne die Rose ginge es nicht. »Bis wann kriegen wir denn die zweite Auslage?« fragte ich den Herrn Verleger im November 1880, denn wenn sie nahe bevorstand, wollte ich die Rose lieber getrennt erhalten. »Nicht vor drei Jahren!« Da warf ich alle »diesbezüglichen« Hoffnungen in den nächsten besten Winkel und sprach: »Schlachten Sie in Gottes Namen das liebe Mädchen in das Buch hinein, mir ist jetzt alles gleich!« So erschienen denn die Gesammelten Novellen vor zwei Jahren in feiner Ausstattung zu Stuttgart. Ich dagegen erhielt im letzten Mai einen Brief meines Herrn Verlegers mit der Meldung, daß zwar die eine Hälfte des Vorrats verkauft sei, daß er aber die andere mit neuen Titeln und Umschlägen Anfang September als zweite Auflage in die Welt senden möchte. Die guten Freunde des Herrn Bonz können nun freilich nicht anders, als das Publikum »nachdrücklich« auf diese interessante Erscheinung hinzuweisen, umsomehr als sie auch mit meinem »Porträt geschmückt sein wird«. Anbei bleibe aber nicht ungesagt, daß ich mich, nachdem jene chimärischen Hoffnungen zerstoben waren, mit dem bisherigen Absätze ganz zufrieden gegeben und die künstliche zweite Auflage so wenig angeregt habe, als die Ausschmückung mit meinem Antlitz, zumal ich dies einer zweiten Veröffentlichung nicht bedürftig und auch seine Aufgabe, als eine Art Sirene die unvorsichtigen Schiffer aus dem Ozean der deutschen Literatur hereinzulocken, nicht für lösbar halte. Das letzte Buch, mit dem ich die deutsche Lesewelt zu erfreuen meinte, ist voriges Jahr erschienen. In Tirol lebten einst zwei bedeutende Männer, Pater Beda Weber zu Meran und Dr. Joseph Streiter zu Bozen, welche früher gute Freunde waren, später aber unheilbar zerfielen. Dieses Zerwürfnis wurde nun in einem Wiener Blatt besprochen mit dem Beisatz: »Auch Zwischenträger mögen geschadet haben.« Da ich nun dazumal im Sommer 1844 – allerdings in Streiters Auftrag – dem Pater Versöhnung anzubieten hatte, welche dieser aber nicht annahm, so war ich immerhin ein Zwischenträger zu nennen, und da sonst kein Sterblicher mitgetan, so bezog ich jene Worte nur auf mich. Um sie richtig zu stellen, suchte ich nun alte Zeitungen, alte Briefe, alte Tagebücher hervor und schrieb nach diesen Quellen ein Buch über die literarischen Unruhen jener Tage, welches die Welt als »Sängerkrieg in Tirol« überraschte. Es schildert die damaligen Zeiten, die in Tirol vollkommen vergessen sind, so daß ich der einzige bin, der noch davon zu erzählen weiß. Den Tirolern will das Büchlein aber nicht recht munden; es schildert sie zu sehr, wie sie sind, während sie sich viel lieber loben lassen. Sie sagen daher, sie hätten etwas anderes zu tun, als jetzt noch die Schliche eines Paters Beda zu studieren, und lassen das Büchlein links liegen. Der Verleger seufzt – was mir leid tut, denn ich wünsche ihm ebensoviel Glück wie mir selber. Dies ist mein Leben – zunächst mein literarisches –, ein trübseliges Tableau eines mehr als vierzigjährigen Ringens, das fast nur Nieten, nie einen schönen beneidenswerten Erfolg eintrug und die Verleger noch mehr als mich verstimmte. Gleichwohl erwecken mir meine Schriften, wenn ich sie hin und wieder durch die Hand gehen lasse, nur freundliche Erinnerungen, denn ich habe sie, abgesehen von dem allerersten Versuche, alle aus ganzem Herzen, mit voller Kraft, in der angenehmsten Aufregung zustande gebracht. Wenn das, was mir schriftlich oder mündlich oder in Rezensionen zukommt, nicht eitel Schmeichelei ist, so müssen sie ganz gut geschrieben, witzig und geistreich sein, und doch hat meine Muse in so langer Zeit so gar nicht gedeihen wollen! Glücklich, daß ich nicht von ihrer Hände Arbeit abhänge. Einige Schuld an diesem Mißgeschick mag wohl auch daran liegen, daß ich zumeist für Bayern und Tiroler geschrieben habe. Wer für diese beiden stamm- und geistesverwandten Völker schreibt, wird immer zwischen zwei Stühlen niedersitzen; das literarische Interesse ist dort drinnen so gering wie da heraußen. In Berlin oder Wien geht's viel leichter. Somit stehe ich denn am Ende eines Lebens, das ich immerhin ein glückliches nennen darf, da ich bisher von Krankheiten und schweren Schicksalsschlägen verschont geblieben bin. Wenn meine Bücher kein Glück gemacht, so schlage ich das nicht so hoch an, sondern kann mich sogar, wie der bekannte Spartaner, freuen, daß im großen Vaterlande so viele bessere Skribenten zu finden als ich. Habeat sua fata libelli . Schlußvignette von Pocci