Willy Seidel Die vier Augen I Andreas, Privatgelehrter für Volkskunde (ein ausgesprochen spröder Mensch, voll Argwohn auf alles, was seine innere Unabhängigkeit bedrohte), zeigte ein äußerst ungewohntes Benehmen. Ich fragte ihn nach dem Grund. Er sah mich matt an; seine Züge schienen wie verwüstet. »Ich will es dir erzählen. Denn dies kann man nicht bei sich behalten... Habe ich dir nicht schon erzählt, daß ich früher einmal verheiratet war?« »Das muß geraume Zeit her sein ...« »Gewiß – Das war vor achtzehn Jahren; in Amerika, während des Krieges. Die Welt war verrückt geworden; auch ich wurde gewissermaßen verrückt; aber Toodie hielt an meiner Seite aus. Ich hätte mir klarmachen müssen, daß dies kein allzu großes Verdienst von ihr war; sie saß ja in der gleichen Mausefalle wie ich. Aber ich behandelte sie falsch. Vier Kriegsjahre zermürbten uns in einem Land, das uns bis zum letzten Augenblick wesensfremd blieb. Und wenn zwei völlig aufeinander angewiesen sind, fallen sie sich allmählich auf die Nerven, verstehst du? Solche Abneigung ist dieselbe, mit der man den Gegenstand einer hoffnungslosen Liebe haßt. Dazu kam dies folternde Warten auf die Rückkehr zur ›Freiheit‹! Auf die Einbildung, ›Europa‹ genannt! Zuerst war es drüben ja ganz schön. Ich hatte Toodie vor dem Krieg in Deutschland kennengelernt; sie studierte Gesang; ihre spanische Herkunft sah man ihr an. Die schwarzen Haare, zum mächtigen Chignon gefaßt, lagen als knisternde Last auf dem schmalen Haupt. Ihr Gesicht hatte etwas Witterndes, Naturnahes, mit bestürzend unmittelbarem Mienenspiel ... Meine Schwerfälligkeit nahm sie als Möglichkeit, sich selbst zu bremsen. Sie ahnte nicht, daß ich meinerseits anlehnungsbedürftig war: an ihre temperamentvolle Weitläufigkeit und an ihr Sprachentalent. Wir waren zu tolerant miteinander; so verloren wir die ›Liebe‹. Drei Wochen nach der Lusitania-Katastrophe setzte Toodie sich auf einen Passagierdampfer; schon das erforderte Mut. Bei unserer Trauung in der St.-Patricks-Kathedrale glitt mir der Ring aus der Hand und rollte in die Apsis hinein. Ich machte, bis ich ihn fand, gerade keine sehr glückliche Figur. Der irische Priester verzog bedenklich den Mund; das Tierchen ›Omen‹ war gegen den Strich gebürstet... Dann speisten wir im vierzehnten Stock des Astor-Hotels, hoch über dem brodelnden Broadway – mit Panamaorchideen als Tafelschmuck. Überall echoten die Schallplatten das ›Turteltaubenduett‹ aus einer Revue. Die harmlos gurrende Melodie durchwehte den Maitag. Selbst die Rauchfahnen auf den Schloten der Turmhäuser hatten etwas Festliches und standen kerzengerade. Toodie trug ein Glockenkostüm mit einer Kragenversteifung an der Jacke und einen Florentiner mit keck gezückter Atlasschleife. Sehr enge Ärmel mit Rüschen am Handgelenk; dazu Schnallenschuhe und weiße Strümpfe. Was muß sie, in ihren weißen Glacehandschuhen, ausgestanden haben bei der Maihitze! ... Aber sie trällerte nach dem Takt der kleinen Melodie und marschierte beschwingt... II Der Krieg und wir waren noch jung. Als Sprachenwunder war Toodie mir natürlich überlegen während der ›paar Monate, die das Durcheinander noch dauern konnte‹. Nun, der Krieg tat uns nicht den Gefallen, uns jung zu lassen... Das Ungetüm begann sich in der ganzen Welt heimisch zu fühlen. Man spürte die fortschreitende Vergiftung wie eine wachsende Krankheit... Nach der schwierigen Geburt des Knaben Angus fing ein endloses Dasein an zwischen Koffern; ein Zigeunerleben in ewig wechselnden Pensionen. Inmitten der Begeisterung Amerikas über seine Kreuzritterfahrt zur ›Rettung der Zivilisation‹ kam Leila zur Welt. Im Gegensatz zu Angus stellte sie sich fast zu schnell ein, schrie kaum und blickte mit einer mißbilligenden Stirnfalte in die toll gewordene Umgebung. Eine Anstellung zu finden, war einem Deutschen unmöglich. Ich konnte von Glück sagen, daß ich meiner Familie halber vom Stacheldraht verschont blieb. Als der Triumph des Sieges losbrach, waren die Kinder zwei und drei Jahre alt ... Angus war ein kleiner Aristokrat mit schmalem Schädel und eingekerbtem Nacken, und Leila, rotblond, stämmig und eigensinnig, hatte bereits die Oberhand über ihn. Die beiden spielten mir ein tägliches kleines Theater vor ... Von unserer Stimmung merkten sie natürlich nichts. Toodie war erlahmt. Mit dem beschwingten Marschieren war es vorbei. III In ein verändertes, ausgehungertes, verarmtes Deutschland kamen wir zurück. Ich hatte all mein Geld verloren; jedoch Toodie machte um diese Zeit eine große englische Erbschaft. Ein wilder Drang nach Entschädigung für die verflossenen kriegsverödeten Jahre brach aus ihr hervor. Ich verstand sie gut genug, um ihr die Scheidung zu erleichtern; halb aus Mitleid half ich ihr dabei und halb aus Überdruß; ich war fast froh, als ihr ein ehemaliger Gardehusar bei Musikbegleitung seine muntere Männlichkeit zu Füßen legte. So tat sie den Sprung über mich hinweg und nahm auch die Kinder mit. Ich ließ sie ihr. Im großen Zusammenbruch löste sich auch mein kleiner Familienzerfall harmonisch auf. Meine Lebensebene hatte sich verschoben. Ein neues zweites Ich mit anderen Bedürfnissen gewann an Boden in mir. Ich heiratete eine junge Frau. Du wirst es kaum glauben: meine ganze Beziehung zu Toodie, ähnlich wie der Krieg, war nun wie ein Fremdkörper in meinem Blut oder wie Leben, von einem Doppelgänger gelebt. Mir war, als habe mir irgendeinmal jemand etwas sehr Eindringliches und Buntes erzählt. Alles, was mich an sie und die Kinder erinnerte, kam zu anderen Bildern, Briefen, Bekenntnissen sozusagen in die Kampferkiste. Ich glaubte alles vergessen zu können. Vergessen zu können!« »Ich begreife dich ja, Andreas. Wie kam es dann aber, daß die Vergangenheit dich nicht losließ?« »Jahrelang meldete sich nichts. In den letzten Monaten aber kamen Träume . Die weggehaltene ferne, schattenhafte Toodie meldete sich wieder. Ich träumte folgendes: Mit meiner heutigen jungen Frau weilte ich in kraus exotischen Landschaften; in nie geschauten Städten voller Winkelwirrsal. Ein merkwürdiges Traumkompromiß dabei war, daß auch meine Frau, Marga, nach Toodie suchte. Marga meinte, es ließe sich immerhin gut Kirschen essen mit Toodie. In der Folgerichtigkeit des Traumes erschien daraufhin sofort eine Schüssel mit Kirschen, von denen Toodie, die sich plötzlich eingestellt hatte, die schönsten um ihre Ohren hängte; dabei lächelte sie und war so jung, wie ich sie im Leben nie gekannt hatte. Sehr bald darauf, im Takt der Grammophonmelodie aus unserer Verlobungszeit, jenes Turteltaubenduetts, schlenderte sie tänzelnd um die Ecke und verschwand, während ich weinen mußte. Sie kam mir vor wie eine verfehlte, halb verwischte Momentaufnahme. Seitdem traf ich sie öfter im Traum. Ich litt an einer dunklen Schuld, die sie mir aufgebürdet; sie besaß einen großen Privatpark, und ein Gardehusar, der eigentlich gar nicht zu uns gehörte und eine weiße Uniform mit Litzen trug, sang im Hintergrund eine dröhnende Arie, aus der Besitzerfreude schmetterte. Zuletzt ging ich mit Marga quer über eine Insel, und wir suchten den Ozean. Als wir ihn gefunden, nahm Marga Abschied von mir und bestieg einen Dampfer. Sie wolle nach Deutschland fahren, sagte sie dabei; da gehöre sie hin; ich fand das selbstverständlich. Einstweilen fühlte ich die Verpflichtung, wieder nach Toodie zu suchen. Es war sehr schwül; es war so einsam... und nun geriet ich in eine Stadt voll bunter Gefahren, und zwar in die Halle eines Hotels. Ein kleiner gelber Manager sagte: ›Bemühen Sie sich bitte in den Lift, Senor. Es ist hier zu tropisch.‹ Dies leuchtete mir ein. Als ich in mein Hotelzimmer kam, hingen stockfleckige Spiegel darin, und statt auf Parkett trat ich auf Erde. Ununterbrochen gingen Leute durch diese Spiegel. Auf einmal erblickte ich Toodie, und sie sagte auf spanisch zu mir: ›Willst du uns wirklich verlassen?‹ Und nun gab es Angus und Leila, sie kletterten auf meinen Schoß und äußerten lauter unverständliche Sätzchen, an deren jedem ein kleines Fragezeichen hing. Plötzlich machten sie sich strampelnd von mir los; ich gab mir Mühe, sie festzuhalten, aber es gelang mir nicht. ›Es ist deine Schuld‹, sagte Toodie gleichsam nebenhin. Das begriff ich nicht ganz. › Meine Schuld?‹ fragte ich. Aber sie sagte nichts mehr. Sie umfaßte die Kinder mit beiden Armen und bettete sich mit ihnen auf die Erde, langsam und vorsichtig, als habe sie Kostbares und Zerbrechliches in Händen. Und da war es, als öffne sich ein Spalt; als schlucke die Erde die drei allmählich auf. Ihre Gesichter, mit seltsamem Ausdruck, unablässig nach mir spähend, versanken vor meinen Augen. Wie gelähmt sah ich Unwiederbringliches entschwinden ... Ich wollte zugreifen, aber was mir in der Hand blieb, waren drei seltsam verdorrte Pflanzen. IV Ich erwachte, und was darauf folgte, war genau so seltsam. Die Augen der Kinder, die ich im Traum so widerwillig hatte schwinden sehen, begleiteten mich im Tagesbewußtsein wie das Nachglimmen eines Netzhautreizes. Schloß ich die Lider, so erschienen sie auf der Purpurwand: vier fordernde, bittende Pupillen. Marga merkte es mir an; sie sprach das erlösende Wort: ›So laß sie dir doch kommen! Du hast ein Anrecht auf sie!‹ So einleuchtend mir das schien, ich tat es nicht. Ich hatte den Brief schon geschrieben, doch ich steckte ihn nicht in den Kasten. Mir genügte es auf einmal, jederzeit die Möglichkeit zu haben; die Verwirklichung erschien mir nicht so dringend. Ich verstehe mich selbst nicht ganz. Ich schleppte den zerknitterten Brief monatelang wie einen Talisman in der Tasche. Da gebar die Zeit, die erfüllte Zeit, endlich von selbst das Ereignis, das in der Luft lag: sie kamen mir zuvor, kamen trotz des unabgeschickten Briefes. Das ging so zu: Ich erhielt ein Telegramm, daß ihr Stiefvater sie mit dem Auto nach Italien nähme; sie kämen hier durchgereist und wollten mir einen Besuch abstatten. Man bäte mich, am folgenden Tage um fünf Uhr zu Hause zu sein. – In dieser Nacht schlief ich nicht; ich befreundete mich bis zum grauenden Morgen mit einer sonst selten beanspruchten Kognakflasche und verfiel erst dann in einen bleiernen Schlaf. Es war mir nicht gelungen, die vier Augen wegzutrinken; sie waren nicht gewichen. Mittags nahm ich das Telegramm, gab es Marga und sagte: ›Lies es und zeig ihnen, daß es angekommen ist. Ich bin verreist.‹ Sie wollte mich überreden, doch ich blieb bei meinem Entschluß. Um fünf Uhr hörte ich programmgemäß das Schnurren des kleingedrosselten Motors vor der Haustür. Ich hörte, wie sie die Treppe heraufkamen. Das Herz schlug mir bis in den Hals. Ich schob Marga beiseite, die schon zur Wohnungstür gehen wollte, und schlich auf den Zehenspitzen zum Späherloch. Gerade erreichten sie unser Stockwerk. Angus war der erste, den ich sah; er war ein schlanker großer Junge in kleidsamem Sportanzug. Dann kam Leila, vierzehnjährig, bloßbeinig und hübsch, und während ich die Kinder, meine eigenen Kinder, wie ein Spion belauerte, hörte ich, wie Angus dem Mädchen mit gekrauster Nase und gelangweiltem Gesicht zuflüsterte: ›Ach Gott, wenn wir's nur schon hinter uns hätten!‹ – Ich sah darauf, wie sie heftig nickte und ihr rotblonder Zopf dabei ins Schwingen kam ... und dann klingelten sie. Meine Brust zog sich zusammen; kaum brachte ich noch die Vorsicht auf, lautlos zurückzuschleichen. Nun hatte ich diese Augen in Wirklichkeit gesehen: die kühlen Augen zweier gesunder junger Menschen, die ich nicht kannte. Die mich nichts angingen. Im verschlossenen Zimmer war ich in meinem Stuhl zusammengebrochen und schloß die Augen: da erloschen die vier leuchtenden Punkte und ließen ein Nichts zurück. Ich hörte Marga zur Tür gehen mit dem offenen Telegramm; hörte, wie sie meine Abwesenheit bedauerte... Währenddessen schnurrte draußen der leerlaufende Motor und fraß gierig diese unendlich kostbaren Sekunden auf. Dann sprangen die fremden Kinder die Treppe wieder hinab. Mit schnarrenden Stößen setzte der Wagen sich in Fahrt. Dann kam Marga zurück und half mir mit ihrer Liebe über meinen Zustand hinüber. – Was ich dir soeben erzählt habe, geschah ... gestern. « »Du wirst sie nie wiedersehen ?« Er hob den Kopf, als begriffe er mich nicht. »Deine Kinder...«, drängte ich. »Meine Kinder! Hehe! Diese zwei Kinder! Die ihren Vater besuchen wollten. Ihren ›Erzeuger‹! Die da auf der Treppe standen!« Ich mußte ihn anstarren, als sei er verrückt geworden. Denn – in der Tat – es trat ein irres Licht in seinen Blick, und er beschloß: »Diese ganze Angelegenheit mit den Kindern ist überhaupt seltsam. Ich habe sie ja nie besessen , diese Kinder! Ich habe sie ja – er kicherte kurz und tonlos – nur geträumt !«