Schweres Blut Juhani Aho I Ein Mann – langrückig, in hedeleinenem Hemd und groben Rindenschuhen – fällt Bäume zum Schwenden auf dem Abhang eines hohen Hügels. Wenn die eine Birke niedersinkt, erbebt schon das Laub der anderen, und die Späne fliegen umher. Er haut Stämme um so dick wie sein Schenkel, wie wenn er Weidengestrüpp lichtete, ohne den Rücken zu strecken. Der Hügel, dessen Abhang er rodet, liegt inmitten einer grenzenlosen Einöde, in der sich hier und da andere ähnliche Anhöhen erheben, wie Grashöcker auf einer überfluteten Schwemmwiese. All die anderen Hügel sind bis zur Spitze mit Wald bedeckt, nur dieser ist teilweise abgeschwendet; von unten nach oben ansteigend, vom südlichen Hang nach dem Scheitel hinauf strebt die Lichtung, doch ist sie noch nicht bis in die Mitte vorgedrungen. Indes ist da doch schon ein freier Fleck in der Wüstenei der Einöde, eine Kerbe im Urwald: ein grünendes Roggenfeld, weiter unten alte Rodungen, und noch weiter weg hinter einer Senkung ein Häuflein Gebäude, davor eine lange Landzunge, um die sich schmale Gewässer: kleine Seen, enge Straßen und Stromschnellen ziehen. Soweit sieht man von da, wo der Mann den Wald fällt. Er macht eine Pause, blickt hinunter, sieht sein Feld, sein Gehöft, die Landzunge und die Stromschnelle. Er schwingt seine Axt, wie um in einen Baumstumpf zu schlagen, will aufatmen, senkt aber die Axt in einen neuen Stamm und schwankt von dem Schlag – der mit dem langen Rücken, dem hedeleinenen Hemd und den groben Rindenschuhen. Die Axt hebt sich und senkt sich, löst sich los und schneidet ein; wenn ein Baum erkracht, bebt schon ein zweiter – und im Takt der Arbeit regen sich die Gedanken des Arbeitenden. Die einen kommen, die anderen gehen, indem sie eingreifen, wo sie haltgemacht, und haltmachen, wo sie angefangen hatten; immer ist es gleich schwer darüber hinwegzukommen und sich damit abzufinden. – Mußte denn wieder im Unfrieden auseinandergegangen sein – mußten denn wieder die bitterbösen Worte gesagt werden! Daß sie es sagen konnte, wenn es ja auch wahr ist – aber daß sie es sagen konnte: »altes Gerippe, Krummbein, Hakenkinn!« Denn was kann ich dazu, was kann ich denn dazu, daß ich den Leibschaden habe? Das hast du ja gesehen, als du mich nahmst, du wußtest es ja, als du zu mir kamst, daß ich mit dem linken Beine hinke – aber daß du mir das sagen konntest? Er hielt doch mit dem Fällen inne, legte die Axt auf den Boden und setzte sich. – Ich bin ja schon alt, und ich habe ja auch nie mit meinem Aeußeren geprahlt. Aber brauchte ihr Auge denn darüber aufzublitzen wie bei einem bissigen, tückiscken Hund. Und wenn ich ihr da auch ein bißchen die Schultern streichelte, brauchte sie da aufzubrausen: »weg, pack dick, du!« – und nicht viel fehlte, so hätte sie mit dem Kochlöffel zugeschlagen. Ich wollte sie ja nur besänftigen, damit das Maulen aufhörte – damit wir uns wieder gut würden. – Ich habe sie ja immer in Ruhe gelassen .. wann habe ich mich denn an ihr vergriffen? Wenn sie früher dann und wann ein heftiges Wort gesagt hat, bereute sie es gleich und vertrug sich wieder. – Hätte sie mir jetzt nur das Essen hergebracht, dann wäre es damit wieder gut gewesen. Wenn ich gehört hätte, daß sie kam, hätte ich ihr schon von fern gezeigt, daß ich nicht mehr daran denke. Wäre sie heute gekommen, wie sie früher kam, mit Singen, so daß der Wald vor ihr widerhallte, dann hätte ich ihr von hier entgegengebrüllt, ihr zugebrummt wie ein Bär, zum Zeichen, daß ich nicht mehr daran denke, darum solle sie es auch nicht. Er wollte glauben, daß Maria noch komme. Das Laubholz zischelte in dem warmen Wind, die Ruhe tat dem Blute wohl. Wenn sie es aber auch gesagt hatte! Es mochte ihr nur in der Hitze entfahren sein, im Aerger über irgend etwas, nicht über mich. Dort in die Gabel zwischen den beiden Birken hebe ich sie hinauf wie einst als kleines Mädchen. Da sitzt sie dann wie der Kuckuck im Baum, ich rede hier von dem Sumpf zu ihr wie zum Kuckuck, heiße sie eine Waldjungfrau, eine blaugekleidete Fee der Forsten, das hört sie gern, obwohl sie tut, als hörte sie es nicht; aber wenn sie auf den Viehpfaden hingeht, singt sie es selbst von sich. »Hilf mir, Juha«, ruft sie dann, »ich kann nicht herunter, wenn du nicht hilfst!« – und die Zarte springt mir an den Hals und läßt sich über die Schwende tragen und sich erst auf der glatten Rodung niedersetzen. Und es sah Juha, wie er da mitten auf der Schwende saß, die Hände im Schoß des Arbeitskittels zwischen den Knien, wie er matt über die gefällten Stämme blickte – er sah Marja, mit bloßem Kopf, das Tuch in den Nacken geglitten, auf ihrer gemeinschaftlichen Schwende gehen mit der kleinen Hippe, die er geschmiedet, der kleinen, flinken, wie sie Laubzweige und Büschel abhieb, während er selbst große Stämme krachend niedersinken ließ. Und so kam sie noch in manchem Jahr auf die Schwende, voller Freude, voller Lieder, als junge Wirtin, und brachte Glück über die Saaten ihres alten Gatten, die die Hitze nicht austrocknete, der Frost nicht verheerte, kaum, daß man's sah, und Juha wußte wohl, weshalb: weil ihm eine Waldfee zur Seite stand – aus welchem Versteck sie auch gekommen sein mochte –, die Schöne aus Karelien, fernher jenseits der fremden Höhen. Jetzt kommt sie nicht mehr, läßt sich nicht auf den Ast heben, nicht auf die alte Rodung tragen, kommt nicht, um zu singen, mit der Hippe zu helfen, nicht einmal mehr, um das Essen zu bringen. Ist unfreundlich gegen den alten Mann vom Morgen bis zum Abend. Und doch horchte Juha immer noch, horchte, während er einhieb, auch dann, wenn ein Span gar boshaft pfeifend vom Maserholz abflog. – Rief da jemand? Er heftete den über die gefällten Bäume hin gerichteten Blick scharf auf den unteren Rand der Schwende, sprang auf den Stein, auf dem er gesessen hatte. Es war niemand dort. Ob es wohl weiter unten gewesen war, bis wohin man nicht sehen konnte? Dort vom anderen Rande mußte man sehen, ob jemand kam. Von dort sah man bis zum Hof, den Weg über die alte Rodung, die Wiese und den Feldrain bis zum Hofe. Wenn er ihr nicht schon so viele, viele Male umsonst entgegengegangen wäre, auf die er dort umsonst wartete, dann wäre er auch jetzt gegangen. Doch statt dessen griff Juha wieder nach seiner Axt und hieb, hieb drein, daß er mit jedem Baume, den er fällte, dem unteren Rand der Schwende näher kam, von wo man zum Hof sehen konnte. Er schlug nur die ganz außen stehenden nieder, um schneller hinzugelangen. Die Bäume heulten auf im Fall, als hätten sie über mehr als ihr eigenes Niederbrechen geheult. Dort kam niemand. Die Kühe lagen weiter unten auf der alten Rodung in der Sonne. Auf dem See bewegten sich zwei Boote unter trägen Ruderschlägen vorwärts. Ein drittes wurde weiter hinten im Schutz des Ufers gerudert, als ob es den anderen nachspürte. Juha erkannte sofort, daß die beiden ersten Boote von russisch-karelischen Händlern waren, und er schloß aus ihrem Kurs, daß sie nicht die Landzunge umfahren und auf diesem Weg die Stromschnellen erreichen, sondern, um sie zu vermeiden, an seinem Ufer anlegen und die Boote mit ihrer Last über die Landenge ziehen lassen wollten. Die mochten ein Pferd brauchen. Sollte er hingehen? Aber mochten sie selbst es mit Marjas Erlaubnis aus der Hürde holen, sie wußten wohl Bescheid. Das dritte Boot schien der Espenholzkahn der Kohlenbrenner zu sein. Er wandte sich ab, schlug wieder eine Front bis zum oberen Rand der Schwende und von da wieder eine bis zum unteren Rand zurück, immer war noch niemand zu sehen. Und warum auch? Wieder kam er zum oberen Rand. Jetzt aber fühlte er das Bedürfnis, sich auszuruhen, und er setzte sich auf denselben Stein wie vorhin, unter die zusammengewachsenen Birken. Das mußte er überlegen, er mußte ausdenken, wie alles dies gekommen war, wie es kam. Doch gelang es Juha nicht, seine Gedanken zu lenken, wie er wollte, sie gingen immer wieder ihre eigenen Wege. – Früher hat sie immer das Essen gebracht, wie weit der Arbeitsplatz auch entfernt war. Brachte gebackene Fische, trug Dickmilch im Lägel herbei .... jetzt bin ich ihr zu alt: »so ein Gerippe, so ein Krummbein .. so ein Hakenkinn«. So kann es ja sein, aber wann habe ich ihr vorgeworfen, daß sie arm gewesen ist, daß sie nichts hatte, daß ich ihr das Haus gebaut, die Bäume gefällt, die Moore gerodet habe. – Kommt es denn darauf an, wie der Mann aussieht oder wie alt er ist, wenn er nur ein Mann ist? Kommt es nicht darauf an, daß er etwas fertig bringt und etwas leistet? Ist das nicht mein Werk: der Hof, mitten in den kalten Wald gebaut, auf der sonnigen Lichtung, am kühlen Wasser, auf der Landzunge zwischen den Schnellen – der Pferdestall, die Speicher, die Badestube, das Rinderhaus, das Pferd und die fünf Kühe? Mag Marja sagen, welcher andere sie dem Bettelmädchen, dem Findelkind, der Fremden erarbeitet hätte. Wäre es besser gewesen, als Leibeigene im eigenen Lande zu leben, wäre es besser gewesen, als Magd in dem alten Karhula-Hof? Mag sie's sagen! Und was habe ich dafür als Dank? Sie glaubt mich wohl schon damit belohnt, daß sie gut gewesen ist, als ich noch nicht so uralt war .. als ich noch nicht pustete und hustete. Juha kam die Reue. Was klage ich über sie? Sie war ja damals noch ein Kind. Ich, der Aeltere, hätte es besser wissen sollen ... Aber wenn sie sich nur einmal mit mir freute – wenn sie sagte: »Da hast du aber wieder ein Stück Bruchwald niedergelegt, das wird wieder ein prächtiges Neuland geben!« Aber nein! – Seine Gedanken standen eine Weile still. – Das ist es, daß wir kein Kind haben! Ja, das ist es. Es ist ihr selber leid! Darum ist sie so, wie sie ist. Wir haben kein Kind und bekommen keins mehr! Denn wie soll sie eins bekommen, wenn sie nicht will... Da hörte man, wie unten am Ende der Schwende jemand hackte, wie einer, der es nicht versteht. Juha flog auf, sah aber nichts als schwankende Laubzweige. Ob es Marja war? Ob sie das Mittagbrot brachte und Büschel abhieb? Vielleicht ist sie schon wer weiß wie lange dort, und ich habe nichts davon gemerkt? Es war nicht Marja. Es war Kaisa. Wenn sie aber Kaisa vorangeschickt hat und selbst mit dem Essen kommt? – So war es auch nicht, dort war das Mittagbrot. Die Magd begann das Bündel, das sie brachte, zu öffnen, aber Juha sagte, er gehe nach Hause. Kaisa solle bleiben und Büschel brechen. Er fühlte, er konnte heute nicht mehr fällen. Und es war ja Sonnabend, und die Netze mußten auch ausgelegt werden. – »Ich breche dort Quäste für die Badestube.« – Aber da sah er wieder ein Bild vor sich, sah Marja als junge Wirtin Büschel von einer Birke brechen, die er vor ihr gefällt hatte, Marja, mit bloßem Kopf, das Tuch im Nacken, lang, schlank, geschmeidig wie eine astlose Birke. Es gibt keinen herrlicheren Menschen als sie, wenn sie auch braunäugig, schwarzhaarig, dunkelhäutig ist! Sie wirft die Büschel in einen Haufen, daß die Espenblätter rascheln. Stemmt die Arme in die Seiten, wendet den Kopf und lächelt: »Da haben aber die Schafe den ganzen Winter zu knabbern!« Und als der Haufen aufgeschichtet war, da ging es mit den Quästen unterm Arm nach Hause, und der Weg lief quer durch das Feld, und da wurde geplaudert, wie dort im nächsten Jahr eine Schwende angelegt werden solle, und dort eine andere, und wenn man lebe, werde nicht locker gelassen, bis man um den ganzen Hügel herum sei und der Fichtenwald zu Laubwald geworden und ganz oben auf dem Scheitel nur ein großer Steinhaufen übrig wäre. Reich würden sie, schafften sich einen Hof, gegen den der Elternhof nichts wäre, obgleich der der beste im Kirchspiel sei, ein alter, reicher – »schaffen ihn recht deiner großen Sippe zum Trotz«, hatte sie gesagt – wie es auch geschehen war. Und vorangehend hatte sie die Quäste durch die Luft geschwenkt und hatte sich über das Zaungatter geschwungen ... Damals sagte sie nicht: »altes Gerippe, Krummbein«, wenn sie es gedacht haben mochte ... obwohl ich ja jetzt nicht viel anders als damals bin, da ich immer so gewesen bin wie jetzt. Jetzt hat sie an nichts mehr Freude, was wir gemeinsam durchgemacht haben, nichts gefällt ihr, was mir gefällt. Aergerlich macht sie sich am Morgen aus ihrem Speicher an die Arbeit, böse legt sie sich am Abend in ihrem Speicher schlafen und hakt ihre Türe zu. Soll ich sie mit zum Propst nehmen, der uns getraut und uns die Hand gereicht und Glück gewünscht hat? Ob sie ginge? Ob wohl der Propst Macht hat über ein verzaubertes Gemüt? Das waren ewig die Pfade von Juhas Gedanken, die er ging und tappte, ohne ans Ziel zu kommen; die immer in das Moor und auf Bebeland führten, wie die Steige im Oedwald das Vieh. Der Weg führte zuerst abwärts durch das Roggenfeld, dann am Rande einer alten Rodung hin, dann durch Gestrüpp, senkte sich in eine feuchte Mulde, in der man das Brausen der Stromschnelle hörte und zwischen den Bäumen hindurch die aufspringenden Wellen sah. Nun verschwand die Schnelle hinter dichterem Jungwald, der Weg stieg zu einer Wiese hinan, von der Wiese auf einen Acker und von da auf den Hofraum. Marja war im Viehpferch und melkte, reckte sich, um über die Kuh hinweg zu sehen, wer auf dem Gäßchen zwischen dem Pferch und dem Rinderstall kam, beugte sich zurück, sagte nichts, sandte aber doch einen stechenden kalten Blick und riß mit einem bitteren Zucken ihrer Mundwinkel dem anderen in die Seele, wie der Zahn der Säge reißt... Sie hatte sich immer noch nicht beruhigt. Steckte sogar noch in denselben Lumpen wie am Morgen, wie immer, solange sie in der Stimmung war. Sie hatte ihre Worte noch nicht bereut. Wie wenn sie bereit gewesen wäre, sie noch einmal über den Zaun zu schleudern. Mochte wohl denken: da geht er, das alte Gerippe, das Krummbein. Und Juha war es, als er über den Hof nach dem Wohnhaus schritt, als ob man ihn bei jedem Tritt mit Pfeilen in den Rücken geschossen hätte. Er nahm aus dem Speisekämmerchen einen Brotranft mit und ging an den Strand, raffte ein paar Netze aus dem Netzschuppen an sich und schob das Boot ab. Als Marja Juha kommen sah, hatte sie das Gefühl gehabt, als müsse sie einige freundliche Worte sagen. Aber sie blieben ihr in der Kehle stecken wie ein Stück harter Hungerkuchen. Und in ihr schrie es: so ist es ... und es wird nicht mehr anders! und ich kann nichts dagegen! und ich kann nicht anders sein, als ich bin! Nein, müßte ich auch ins Wasser gehen! Und ich bringe es nicht fertig, gut gegen ihn zu sein, bettelte er mich auch wie ein Hund mit den Augen darum an! Denn was kann ich dazu, daß er mir ist wie ein quakender Frosch und ich selbst mir ebenso? – Nun, ich sage nichts, sage nichts mehr, ich mache den Mund nicht auf! Aber wer hat ihn geheißen mir nahezukommen? Und wäre er damit zufrieden gewesen, mich als seine Magd zu halten – wozu brauchte er mich zum Pfarrer zu locken? Sie ließ das Schäumen in sich mit dem Schaum der Milch in den Eimer zwischen ihren Knien fließen, als sie hinter sich eine Stimme hörte und sah, wie ein fremder, hochgewachsener, krausbärtiger Mann an den Pferdezaun gelehnt stand und mit fröhlicher, klingender, männlicher Stimme sagte: »He, Mädchen, gibt es wohl ein Nachtlager im Hause, gibt es wohl ein Dampfbad bei euch für einen Wandersmann?« II. Als Juha vom Netzauslegen zurückkam, sah er, daß die Badestube geheizt und Wasser hineingetragen war und daß vor der Tür ein Bund Stroh für die Schwitzbänke stand. Seit langem waren die Schwitzbänke der Badestube nicht mit Stroh belegt gewesen! Sie hat sich besänftigt! Das beweist, daß sie mir wieder gut ist. Auch Quäste hat sie gemacht und nebeneinander in das Vorstübchen auf die Bank gelegt. Und hat sie wahrhaftig aus den Zweigen gebunden, die ich mitgebracht habe. Einen für sich, den andern für mich! Vielleicht kommt sie selbst zum Waschen und schickt gar nicht die Kaisa. Dann setzen wir uns zusammen zum Abendessen ... sie hakt die Tür ihres Speichers nicht zu ... Juha erschien sein Gehöft wie neu. Als ob die ganze Welt rosig schimmerte, wie die eben noch kalte und finstere Rauchstube schimmert, wenn das Herdfeuer hell aufflammt: dort die Stuben, der Flur dazwischen, dort die Speicher, der kleine, der mittlere und der große, dort der Pferde- und der Rinderstall und die Scheune, das Gäßchen dazwischen, und vor den Ställen der Pferch, in dem die Schellen der Kühe beim Wiederkäuen scheppern, und der saubere Hofraum und dahinter der Hügel mit den Föhren! Das hätte ich doch nicht umsonst für Marja gebaut? Wenn ihr doch nicht alles so fremd wäre, ihr vielleicht sogar gefällt – da das Bund Stroh vor der Tür und die Quäste auf der Bank im Vorstübchen sind. Nun nichts mehr davon ... wer kann hier immer jedes Wort auf die Wage legen! Und Juha war ganz überzeugt, daß alles wieder gut sei, als er Marja aus dem Hause kommen sah, nicht mehr in ihren Arbeitslumpen, sondern in ihren Sonntagskleidern, wie wenn Besuch käme. Und kommt sie da nicht auch auf ihn zu? Erst geht sie nach dem Speicher hin, schwenkt aber dann auf den Strandpfad ab und kommt wie in großer Eile herbei, als wäre sie voller Freude, daß Juha endlich erschiene. »Dort im Haus warten die Teerbrenner auf dich«, sagte Marja, mit glühenden Wangen und in den Augen helle Geschäftigkeit, »aber geh unter keinen Umständen auf ihr Vorhaben ein! Sie haben etwas Böses gegen die karelischen Männer im Sinne.« Und in Marjas Augen war keine Spur mehr von dem Ausdruck, der vorhin im Viehpferch darin gelegen hatte. In dem Hause saßen einige schwarze, rußige, teerbeschmutzte Arbeitsleute, die im Sommer für die Bauern der Uferstriche auf den Kieferheiden beiderseits der Wasserscheide Kohlen und Teer brannten. Bekannte Juhas, die sich in seinem Gehöft mit Brot versorgten und im Winter als Jäger und Renntierdiebe bis an die Grenzen Lapplands streiften; halbe Räuber mochten sie sein, doch bemühten sie sich immer, mit Juha in gutem Einvernehmen zu bleiben. Jetzt mochten sie etwas Besonderes vorhaben, da sie finster blickend dasaßen und an ihren Hosengurten zogen und mit dem Fußballen leise auf die Diele trommelten ... Juha setzte sich und wartete. Einer von ihnen rückte dicht an ihn heran, und die Augen funkelten in dem ruhigen Gesicht. »Jetzt, Freund, jetzt wäre ein Bär umstellt.« »Ein Fell, so schön wie nie,« fügte ein anderer hinzu. »Und jeder mit einem vollen Beutel auf der Brust und die Boote halb voll Waren.« »Sie sind nur drei, und wir sind sechs.« Juha begriff schon. »Lassen wir die Bären! Umstellt sie im Winter, wo ihr wollt, dann ist auch besser vorwärtskommen, wenn sie aus ihrem Nest ausbrechen sollten.« »Ausbrechen gibt's nicht. Vorn einen Strick um die Tatzen und hinten einen! – schwups, wie ein Kornsack ins Boot – das Boot vom Ufer los und auf und davon! Die Stromschnelle ist's gewesen, und niemand fragt danach.« »Sie zählten am Strand ihr Geld,« begann der dritte. »Das wäre ein Fang!« »Was liegt an 'nem Russen,« sagte der erste wieder. »Wir könnten sie auch einmal schröpfen.« »Habt ihr das nur einmal getan?« erwiderte Juha. »Niemals so wie sie! Wie haben sie's letzten Winter mit uns gemacht? Eine ganze Hütte voll Wild hatten wir am Abhang des Repovaara. Die haben sie ausgeräumt, daß wie zum Spott nur noch ein Eichhornfell drin hing.« »Die hier?« versuchte Juha einzulenken. »Wer weiß, ob die hier, aber das weiß ich, daß sie von dort waren.« »Von dort waren auch die, die vorvoriges Jahr zu Allerheiligen in Kianta gebrannt und gewütet haben.« Marja war hereingekommen und hatte an der Ofenbankecke herumhantiert. »Einer von ihnen ist hier gewesen und hat um ein Bad und Nachtquartier gebeten.« »Hast du zugesagt?« fragte Juha. »Es ist ja auch früher nicht abgeschlagen worden. Und er fragte auch, ob er Korn kaufen könnte.« »Welcher von ihnen war's denn?« fragte einer der Männer. »War es der große, lange?« »Lang war er,« sagte Marja. »Schwarze Haare und krauser Bart?« »So einer war's wohl.« »Sei auf der Hut,« begannen die Männer wieder eifrig, beinahe eindringlich auf Juha einzureden. »Angeblich kommen sie, um zu kaufen, sehen sich Haus und Gerät an, dieses Jahr erstehen sie was, nächstes Jahr nehmen sie's schon mit Gewalt. Wenn das Haus ausgeleert ist, wird es angesteckt, die Leute als Leibeigne weggeschleppt – was nicht mit dem Hause verbrennt. Wäre nicht das erste Mal.« »Ich glaube nicht, daß sie meinem Gehöft etwas tun. Wir haben Frieden mit ihnen gehalten und tun es auch weiter. Laßt sie zuerst machen, ich fange nicht an und erlaube es auch anderen nicht. Was ihr anderswo tut, ist mir einerlei, an meinem Strand wird in Friedenszeiten kein Wanderer beraubt, soweit wie ein Ruf in der Runde zu hören ist.« »Wir machen's so, daß du nichts hörst.« »Ich hör's.« Juha sagte die Worte mit solcher Bestimmtheit, daß nichts weiter hinzuzufügen war. Die Männer machten ein ärgerliches Gesicht, aber von Marja bekam er einen dankenden Blick. »Man hätte gar nicht kommen und euch fragen sollen.« »Ihr hättet es machen können, wie ihr wolltet, aber dann hättet ihr nichts mehr im Gehöft zu schaffen.« »'S ist doch schlimm ... nun gehen sie uns gewiß durch.« Und weg gingen die Männer, indem sie sich hinter den Ohren kratzten. »Sollte man nicht noch hingehen und die Männer warnen?« drängte Marja – »wenn sie ihnen trotzdem etwas tun?« »Das tun sie nicht, da sie einmal gefragt haben.« »Aber sie können ihnen nachgehen und sie jenseits der Grenze ausrauben und totschlagen?« »Da mögen sie tun, was sie wollen. Und sie können ihnen auch nichts anhaben, wenn sie erst auf den Schnellen sind.« »Aber geh doch und warne sie!« »Du bittest ja richtig ... richtig schön.« »Richtig schön, wie ich's nur kann.« »Die haben nichts zu fürchten ... aber ich kann ja gehen.« Das war lange her, daß Marja ihn so gebeten hatte, so zu ihm gewesen war ... Er erhob sich und wollte hinausgehen, als jemand an dem Fenster vorbeischritt. »Da ist er jetzt!« rief Marja. »Wer?« »Na, der Mann von vorhin.« Herein kam ein schlanker, schwarzbärtiger junger Mann, so lang, daß er sich in der fast zweimal zu niedrigen Tür bücken mußte, und, als er sich aufrichtete, sein Kopf die Längsbalken des Raumes streifte. Er hatte ein Bündel Säcke über dem Arm. »He, da ist ja der Wirt!« sprach er. »Glück ins Haus! Hast wohl nicht gewußt, daß ich kam, da du deine Balken so niedrig gemacht hast? Guten Tag auch!« er reichte Juha die Hand. »Guten Tag auch!« er reichte Marja die Hand – frisch, fröhlich, mit einem hellen Klang in der Stimme, die Zähne weißschimmernd in dem fein-kräuseligen Bart, in den braunen Augen ein listiger Schalk und ein sorglos-freudiger Glanz. »Woher kommt ihr denn?« fragte Juha. »Wenn ich dir sagen wollte, woher ich komme, Wirt, dann müßte ich mich im Kreise drehen. Aus Kem, Sunkku, Archangelsk, Olonetz, Abo, Torneå! Verkaufst du Roggenkorn?« »Etwas könnte ich wohl ablassen, wieviel soll es denn sein?« »Füll mir die Säcke hier, das wird für diesmal genügen.« Und er warf die Säcke vor Juha hin, während er seine Blicke auf Marja richtete. »Wieviel sind's?« »Sieh nach, sieh nach!« »Soll ich sie jetzt gleich füllen?« »Ja, gleich,« er musterte Marja immer noch, »und kann ich wohl ein Pferd haben, womit ich sie zum Strand fahre?« »Kann man die Dinger nicht das Stückchen Weg tragen?« »Dann füll du die Säcke, ich hole mittlerweile meine Männer.« »Laß sie bei ihren Booten, ich werde dir schon tragen helfen.« »Dann ist's gut!« Juha nahm die Säcke und ging, um sie zu füllen. Der Fremde hatte zu Juha gesprochen, Marja angesehen, ein Lächeln auf den Lippen, Leben in den Augen. Marja wußte nicht, weshalb seine Lippen lächelten, weshalb sich seine Augen freuten, aber auch sie lächelte dem angenehmen Fremden zu, wie er ihr. »Wer bist du denn? Die Magd?« »Sehe ich so aus?« »Vorhin in deinen Melklumpen sahst du wie eine Leibeigne aus, bist aber wohl die Tochter, oder bist du die Schwiegertochter?« »Vielleicht bin ich sogar die Frau. Wäre ich als Frau nicht gut genug?« »Dem seine?« »Der ist dein Mann, der –? »Ja.« »Deiner?« »Ja, meiner! Was ist denn dabei – daß du so fragst?« Der Fremde schwenkte die Hand. »O je, ist zu alt für dich. Du bist zu hübsch und zu fein für den, den alten Kerl.« »Den alten Kerl? Wart, bis du siehst, was für einen Sack er auf dem Rücken trägt.« »Das Krummbein, das Hakenkinn! Aber dich habe ich schon einmal gesehen, wenn ich dich genauer betrachte. Du bist wohl die – ja, die bist du – derselbe Kopf, dieselbe Haltung – aber damals hattest du die Haare offen.« »Ich? Wann?« »Im vorvorigen 5ommer, vor drei Sommern. Du standest dort an der Bucht bei der Schnelle am Strand und kämmtest dich – splitternackt - ich bin im Boot an dir vorbeigeflitzt?« »Das bist du gewesen?« »Wenn ich meinen Kahn hätte anhalten können, hätte ich dich mitgenommen.« »Hättest du?« »Ja. Wäre ans Land gekommen, hätte dich, mit der einen Hand unter deinem Arm, umschlungen, mit der anderen deine Füße vom Boden gehoben ... da hebt sich ein Mädchen leicht, denn da muß es einem die Arme um den Hals schlingen – und hätte dich in meinen Kahn geworfen.« »Nur so hineingeschwungen? – Du bist ein Prahlhans, wer du auch sein magst.« »Weißt du nicht, wer ich bin, junge Wirtin?« »Das Gesicht verrät es nicht.« »Hast du nicht von Schemeikka aus Uchtua reden hören?« Er streckte sich, reckte sich, verschränkte die Arme über der Brust – vertrat Marja nicht den Weg, fesselte sie mit den Augen, wo sie – die Hand am Pfosten der Ofenbank – stand. »Schemeikka aus Uchtua?« sagte Marja zögernd. »Hast du von ihm gehört?« »Der Bekannte, aus Karelien?« entfuhr es Marja. »Ja!« »Der Sohn von Hilappa?« »Ja!« Juha rief draußen. »Was will denn der Alte?« »Du sollst ihm einen Sack aufhalten!« Schemeikka drehte sich um, schwenkte die Hand und ging. Einer von denen war er? Von den Schemeikkas! Von der größten Kaufmannsfamilie Kareliens, von den Waldläufern, Bärentötern, Renntier- und Elchschützen, der hochangesehenen reichen Sippe. Schon als kleines Mädchen, zuhause bei Juhas Mutter, hatte Marja von ihnen sprechen hören, von den Gefürchteten, Gehaßten, Verfluchten, den Mordbrennern, den Frauenräubern ... Hätte mich einfach mitgenommen, konnte aber sein Boot nicht anhalten? – Marja griff nach einer Arbeit, ohne zu wissen, wonach, eilte an die Tür, kam zurück, warf einen Blick durch das Fenster, sah, wie Schemeikka versuchte, sich einen Sack auf den Rücken zu ziehen, aber stolperte und auf die Treppe des Speichers zu sitzen kam. Das hält der Rücken nicht aus, obgleich er lang ist. Juha nahm Schemeikkas Sack und seinen eigenen, den einen auf die rechte, den anderen auf die linke Schulter. Marja entfuhr ein kurzes, spöttisch-rauhes Lachen. Brauchte der ihn gegen mich herabzusetzen? »Das Hakenkinn ... das Krummbein?« Aber ohne das Krummbein wärest du Schlenkerbein jetzt in der Stromschnelle, statt daß er deine Säcke trägt. Magst noch pfeifen, Unverschämter, und mit der Rute auf den Sack schlagen! Glaub nicht, daß ich nach dir sehe! Glotz nicht hinter dich! – und Marja zog sich vom Fenster weg. So einem habe ich die Badestube geheizt! Als aber die Männer an den Fenstern vorbeigegangen waren, eilte sie doch hinaus und konnte noch sehen, wie der junge Mann mit einem leichten Satz sich über das Zaungatter schwang. Da stand auch die Magd mit einer Last Zweigbüschel auf dem Rücken zwischen Pferch und Rinderstall: »Guck den tollen Kerl, ist wie eine Seejungfer über den Zaun geflogen. Wer war denn das?« »Der Schemeikka aus Uchtua will er sein.« »Da hat man den doch auch einmal gesehen ... wenn auch nur von hinten.« »Lauf nach, dann kannst du auch sein Gesicht sehen!« »Geht er schon mit Sack und Pack davon?« »Ich weiß nicht, jedenfalls hat er nicht ›Lebewohl‹ gesagt. Aber ohne unseren Wirt läge der prächtige Bursch jetzt in der Schnelle, und seine Sachen gehörten einem anderen.« Nach einer Weile hörte man die Männer zurückkommen, in lautem Gespräch, in guter Laune, Schemeikka mit einem Ranzen auf dem Rücken, den er ins Haus trug. »Er ist wohl nicht weg?« fragte Marja. »Die anderen sind weg, aber dieser bleibt noch.« »Weswegen bleibt er denn? Hätte auch gehen können.« »Laß nur. 'S ist ein guter Kerl. Er muß noch bis morgen hier auf seine neuen Handelsknechte warten, sagt er. Die kommen hier alle zusammen, und einige ziehen von hier aus andere Straßen, unterhalb der Schnellen. Vielleicht richten sie hier bei uns eine ständige Herberge ein, und ich habe gesagt: tut das nur. Weißt du, der muß ein Bad und Essen haben und in dem Speicher untergebracht werden. Den muß man behandeln wie einen Pfarrer.« »Weshalb muß es denn der so haben, der Rekel?« »Er hat gut bezahlt, um keine Kopeke gefeilscht, wie die anderen russischen Leute. Ist spaßig und nett. Hat mir sogar einen Schnaps für meine Mühe gegeben.« »War er süß?« »Ob er süß war? Das war er – irgend so was Ausländisches – prickelt mir in den Adern wie im Frühjahr der Saft in der Birke.« »So als ob die Blätter an dir ausschlagen wollten?« Juha entfuhr ein behagliches Lächeln und Marja ebenfalls. »Die Badestube ist fertig, wenn ihr nichts anderes vorhabt.« »Marja, du mußt selbst kommen und uns das Wasser auf den Ofen gießen.« »Das versteht wohl Kaisa ebenso gut wie ich.« »Nicht doch – du, die Wirtin, mußt für den Dampf sorgen. Hör mal! Geh doch nicht – nicht mehr bärbeißig sein ... Was?« Er getraute sich, Marja mit der flachen Hand in der Seite zu berühren. Und sie fuhr ihn jetzt nicht an, tat, als hätte sie nichts davon bemerkt, wiegte sich nur ganz leise. Aber Juha war es, als habe er nicht die Erde unter den Füßen. »In die Badestube, Freund!« rief er ins Haus, aus dem Schemeikka sogleich herauskam. Marja war von den Speichern weg halblaufend nach dem Strande zu gegangen. »Du hast eine prachtvolle Frau,« sagte Schemeikka, ihr nachsehend. »Hebt die Füße wie ein Füllen vor dem Schlitten.« »Ja, die hebt die Füße!« »Ist sie auch sonst nach deinem Sinn?« »Ja, das ist sie, ist nach meinem Sinn wie sonst nichts. Und deine Frau?« »Habe mir noch keine zugelegt.« »So, nicht? Mußt dir eine nehmen. – War verdammt fein, dein Schnaps!« sagte Juha, mit den Fingern knipsend. »Willst du noch?« »Jetzt nicht, jetzt nicht ... später, wenn wir gebadet haben. Ich habe dir nichts vorzusetzen als ein bißchen bitteren Fusel. Laß dann die Frau auch etwas von deinem schmecken,« zischelte er, indem er seinen Gast in die Seite stieß. »Wenn du mehr Süßes in deinem Ranzen hast, wollen wir uns das später auch ansehen. Junge Menschen sind sehr hinter Süßem her.« »Habe süße Sachen, habe schmucke Sachen!« Juha tappelte und hopste und wußte nicht, wie er sein Behagen ausdrücken sollte ... Der Fremde war doch gerade zur rechten Zeit gekommen. Ohne ihn hätte das Verdrießlichtun noch eine Woche fortgedauert, und wer weiß, ob dann Frieden geworden wäre. Aber sobald ein angenehmer Gast kommt, ist sie gleich obenauf. »Laß deine Lumpen hier auf dem Hof. Ich lasse sie auch da.« »Mein Ranzen ist doch wohl in der Stube sicher?« »Der ist sicher! Und wenn du alle Reichtümer Kareliens darin hättest.« »Das nicht, das nicht, nur ein bißchen Kram und Plunder ...« »Zu uns kommen keine Diebe. Bei uns ist noch keiner beraubt worden, so weit wie der Ruf zum Hofe klingt. In Juhas Gehöft kommt kein Bandit. Und wenn einer käme, würde er weggejagt! Sie fragen um Erlaubnis, ehe sie was nehmen. Nun komm! So einer ist der Juha!« Während sie zur Badestube hinuntergingen, schlug Schemeikka seinen Wirt auf die Schultern. »So einer ist er! Ein tüchtiger Kerl. Der beste alte Knabe von der Welt!« Juha lachte aus vollem Halse und ging dem anderen voran in die Badestube. Marja stand in dem Vorraum, als die Männer kamen, und kehrte ihnen den Rücken zu. »He, Wirtin!« rief Schemeikka, splitternackt an ihr vorbeigehend. Aber Marja wandte den Kopf nicht um. Erst als sie hörte, daß sie auf den Schwitzbänken saßen, schlüpfte sie durch die Tür hinein, um die Quäste auf dem Ofen zu weichen. »Bist wahrhaftig ein stattlicher Bursch,« sprach Juha. »Der Rücken wie eine schwanke Föhre, die Unterschenkel fein wie bei einem Elch, die Oberbeine wie die eines Schlittenfüllens – eine Kunst, mit denen über den Zaun zu kommen! Meine hier sind ein bißchen krumm, weil sie mich zu jung im Laufstuhl haben stehen lassen, aber ich komme auch damit vorwärts.« »Da nimm,« sagte Marja, die Quäste hinstreckend. »Gib sie nur her und sei nicht so blöde. – Sieh auch mal dem seine Arme an – die haben sich nicht in den Pflugsterzen gewiegt – na, da sind sie hingefallen!« »Nun ja – da nimm!« Marja hob die Quäste vom Boden auf und reichte Juha den einen, während sie den anderen an ihm vorbei Schemeikka in die Arme warf. »Au!« rief Schemeikka. »Oh, hats weh getan?« »Ja.« »Wo denn?« kicherte Juha. »Irgendwo.« Juha, dem der Dampf und das Behagen und der starke Trank immer mehr zu Kopfe stiegen, lachte und brachte auch Schemeikka zum Lachen. Aber Marja schrie wie aufgebracht: »Verfluchte Taugenichtse!« »Jetzt Dampf!« rief Schemeikka. »Jetzt Dampf, schöne Frau!« »Noch mehr?« »Genug, genug!« Marja goß noch einmal, wie zum Trotz, Wasser auf den Ofen, zog sich dann in den Vorraum zurück und hörte dort alles, was die Männer in der Badestube sagten, wenn im Klatschen der Quäste eine Pause entstand. »Komm, jetzt werde ich dich abwaschen,« sprach Juha. »Streck dich aus. Sie hat ja gehörig draufgegossen. So recht aus der Fülle. Ja, die zieht mächtigen Dampf aus dem Ofen, wenn sie will. Das ist eine, das ist eine ... hätte nicht geglaubt, daß ich alter, etwas verkrüppelter Knabe eine so Junge und Stattliche bekäme.« »Ihr seid doch kein Krüppel?« »Ich hinke ja etwas, weil mich einmal ein Bär ins Bein gebissen hat. Dort sind noch die Narben von den Zähnen, und da ist die Sehne durch. Beim Gehen macht es nichts aus. Und ich merke es auch nur vor einem Wetter.« »Ein Fremder merkt nichts.« »Ich hätte sie vielleicht auch sonst nicht bekommen.« – Juha dämpfte die Stimme und glaubte nur noch zu flüstern – »dreh dich etwas auf die Seite ... hätte sie vielleicht auch sonst nicht bekommen, aber da ich sie mir von klein auf, von der Wiege an, selbst gezogen, wie die beste Kindermagd geschaukelt habe – ihre Mutter kam zu uns dort in das alte Karhula in dem Hungerjahr und brachte sie zur Welt und starb – ja, da ich sie da selber aufgezogen und zu einem Menschen gemacht, lesen gelehrt und zum Abendmahl geschickt habe, habe ich sie dann genommen, weil niemand anders da war, der sie genommen hätte, obwohl meine Mutter und die ganze Familie dagegen waren, weil sie nichts hatte und aus dem Russischen stammt.« »Aus dem Russischen?« Der Quast hörte auf zu klatschen. »Aus euerem Stamm. Dorther war auch die Mutter, wie sie sagte, aber genaueres weiß man nicht; wohl ein leibeignes Mädchen, aus ihrem Kirchspiel entflohen; dort sollen ja die Bauern mit ihren Mägden machen, was sie wollen: weiß nicht, obs so ist.« »Peitsch mir auch noch etwas die Fußsohlen!« »Aber einerlei, von wem sie stammt,« hörte Marja ihren Mann fortfahren – dieselbe Geschichte, die er immer seinen Gästen erzählt, wenn er sich nur etwas die Nase begossen hat, der Tölpel. – »Sie ist darum nicht schlechter als die Mädchen hierherum. Meine Mutter hätte mir eine von den Reichen aufgehalst, und die hätte ich vielleicht auch bekommen; immer kommt gern eine in ein fertiges Gehöft ...« »Daß er den Mund nicht hält!« fuhr Marja bei sich dazwischen. »Daher ihrer Schwiegermutter Haß auf sie, daß ich sie genommen habe. Manchmal ist die Alte bei ihren Besuchen so böse, daß ich sie mitten in der Woche heimbefördern muß. Aber eine gute Zucht hat sie ihr seinerzeit beigebracht und sie zu den Arbeiten angelernt. Jetzt erbost sie sich auch darüber: ›Wenn ich gewußt hätte, daß ich mir aus dem Bettelmensch eine Schwiegertochter erzog, dann hätte ich sie nicht beschieden, wie man eine Nadel ins Öhr fädelt.‹ Aber was wollte ich gleich sagen? Leg dich auf den Leib, dann streiche ich dir auch über die andere Seite.« »Es ist genug,« sagte Schemeikka. »Ihr sagtet eben, ihr hättet euch nicht an die Reichen gekehrt, obwohl sie zu haben gewesen wären.« »Ja gewiß!« – Schemeikka stieg von der Schwitzbank und setzte sich weiter unten nieder. Juha sprach oben weiter, während er sich jetzt selbst mit dem Quast peitschte – »ja gewiß, aber sie ließen mich alle kalt, habe sie nicht von vorn und nicht von hinten angesehen, diese war mir ins Blut gegangen. Es zog mich nur zu der Marja.« »Wie es den jungen Specht in den Baum zieht?« hörte man Schemeikka summen. »Ei, was sie gut und nett sein kann, wenn sie will, lieb und munter, wie solch ein Quast im Sommer.« Schemeikka ließ ein kurzes unanständiges Lachen ertönen. Marja hätte mit einem Holzscheit gegen die Tür schlagen mögen. »Aber sie kann auch böse sein – ist sie dort im Vorstübchen? Sieh mal nach!« Marja konnte gerade noch hinter die Tür schlüpfen, als Schemeikka sie ein wenig öffnete. »Scheint nicht mehr da zu sein.« »Dann sorg du mir jetzt für ein bißchen Dampf!« »Soll ich dich auch klatschen?« »Streck du nur deine Klauen aus. Wo war ich denn gerade?« »Daß die Frau auch böse sein kann.« »Ach ja, doch das kümmert mich nicht. Sie ist ein wenig leicht erregt, bald ganz traurig, bald lacht sie vor sich hin, singt sich eins und zwitschert wie ein Vöglein auf dem Baum. Ist wie das Wild im Walde, ruht sich nicht am Tage, kann nächtelang nicht schlafen, aber dann wieder kommt sie nicht aus dem Bett, und wenn sie aufsteht, geht sie wie ein Gespensterseher umher.« Jetzt wusch sich Juha ab, schwieg einige Zeit, fuhr aber dann fort: »Diese Badestube haben wir zusammen gebaut. Ich hatte hier damals eine Schwende, an deren Rand habe ich sie gezimmert. Ich habe hier manchen Sommer geschwendet und Fische gefangen. Aus dem Elternhof habe ich niemand zur Hilfe gehabt als Marja. ›Nimm die russische Bettelhexe mit, dort ist sie ja näher bei ihrer Heimat‹, haben sie gesagt. Einmal sind wir im Sommer zusammen aus meinem Dorfe über die großen Seen hierher gerudert. Damals habe ich noch nichts verlauten lassen, obwohl ich's schon mit mir herumtrug, daß ich sie mir noch einmal zur Frau heranziehen würde. Ich haute die Balken glatt, Marja zupfte Moos und drückte es in die Fugen. Auch das Haus haben wir zusammen gebaut im Laufe von mehreren Sommern. Wenn sie will, versteht sie auch mit der Axt umzugehen. Obwohl sie damals schon erwachsen war, habe ich sie nicht mit dem Finger angerührt. Waren wie Bruder und Schwester bis zur Trauung und auch noch etwas danach. – Gieß mir einen Eimervoll über den Rücken, Bester! Brrr ... gut, gut...« »Habt ihr Kinder?« fragte Schemeikka danach. Es war Juha, als sei er aus etwas erwacht. Was war das eigentlich? Wer war denn der dort, zu dem er von Marja gesprochen hatte? Was mochte er alles gesprochen haben? »Nein,« antwortete er kurz und sagte dann nichts weiter. Aber Marja empfand Ärger und Scham. Solch ein Narr, solch ein Töffel! Was braucht er sich und mich denn vor dem Fremden lächerlich zu machen! Wenn er auch von sich redete, brauchte er denn von mir anzufangen? Als sie hörte, daß sich die Männer abspülten, huschte sie hinter die Wand des Vorstübchens. Sie war kaum hinaus, als Schemeikka kam und, ohne sie zu bemerken, langsam auf den Hof zuschritt, während seine rotbraune Haut in der kühlen Abendluft dampfte – lang, schlank, wohlgebaut – und Marja kam nicht mit den Augen von ihm los, bis sich Juha gebeugt, mit langem Rücken, kurzen Beinen aus der Tür hervorschob und, mehr als sonst hinkend, hinter jenem her eilte. Er holte den jungen Mann ein, bevor sie auf dem Hofe waren. Sie schritten nebeneinander dahin, ein Elch der eine, der andere ein Zugstier ... Und als sie sie anschaute, entfuhr Marja, während sie sich zum Bad entkleidete, ein ausgelassenes, schallendes Lachen; sie wußte selbst nicht, weshalb sie lachen mußte, aber sie mußte es auch noch in der Badestube, als sie sich mit dem Quast peitschte, daß es auf der Haut biß. Als sie herauskam und zum Hof hinanging, saß Juha nackt – mit dem Hemd in den Armen – auf der Haustürtreppe. Er schmunzelte Marja von dort zu. »Hast du auch schon gebadet? Hättest du gerufen, dann hätte ich dir für Dampf gesorgt.« Hätte Marja tun können, was ihr gelüstete, so hätte sie nach ihm geschlagen. »Solltest das Hemd anzieben und dich nicht nackt da herumrekeln!« zischelte sie im Vorbeigehen. »Na, wart doch, bis wir uns abgekühlt haben!« Aber auf dem Flur wandte sich Marja um und sagte freundlicher: »Hier ist auch das Essen für dich und den Gast fertig!« Als Marja in die Stube kam, saß Schemeikka da, mit einer silbernen Flasche und einem kleinen silbernen Becher auf der Tischecke und mit dem geöffneten Ranzen vor sich auf dem Fußboden. Er hatte reine Wäsche angezogen, weißes Unterzeug, ein Hemd wie aus Seide, am Hals und auf den Achseln rot und hellblau gestickt, zart wie ein Frauenhemd. »Will nicht auch die Frau kosten, was der Gast anzubieten hat?« fragte er. »Was ist es denn? Branntwein?« Juha trat gerade ein in sackleinenem Hemd, mit behaarten nackten Beinen. »Das ist kein Branntwein,« sagte er, – ist wohl auch welcher darunter, aber das hat noch einen anderen, wunderbaren Geschmack; weiß nicht, was es ist. Schmeckt wohl auch einem Weibermund?« »Ich würde auch nichts anbieten, was dem Mund nicht schmeckt.« Und Schemeikka reichte Marja den kleinen silbernen Becher hin, sah die ganze Zeit nach ihr, als sie langsam ihre Lippen damit befeuchtete, sah nach ihr, als sie, wieder aufgefordert, von neuem kostete, sah noch hin, als er den Becher zurücknahm und austrank, was Marja darin gelassen hatte – und Marja blickte nach ihm, die Lippen an dem Becher, die Augen an Schemeikka, einer gleichsam den anderen betastend. »Das war gut, vielen Dank,« sagte Marja. Aber Schemeikka hörte trotzdem nicht auf, Marja anzusehen. »Es ist wahr, was du gesagt hast, Wirt.« »Was hat er gesagt?« fragte Marja. »Hat seine Liebste nicht umsonst gelobt. Aber gehörte sie mir, die dir gehört, dann schlänge ich sie in Seide. Wollen wir etwas Schmuckes für ihren Hals aussuchen, Wirt?« »Wollen wir, wollen wir,« ereiferte sich Juha, vergnügt, daß sie sich nicht zu sträuben schien, obwohl ihr sonst kein Geschenk gefiel. Schemeikka senkte schon die Hand in den Ranzen, und als er sie hervorhob, bauschte sich in seinen Fingerspitzen ein seidenes Tuch, rötlichgelb, geblümt, raschelte, flog auseinander und flatterte Marja ins Gesicht. »Ja, das ist was, das ist was!« bewunderte Juha. »Was das wohl kosten mag?« bebte Marjas Stimme, als ihre Hände das Tuch ausbreiteten. »Frag nicht nach dem Preis,« sagte Juha. »Darüber werden wir schon einig werden,« sagte Schemeikka. »Du willst es mir kaufen – dies?« Juha fragte sie, Schemeikka sah sie dabei an. »Er gibt es dir aus Liebe,« versicherte Schemeikka. »Gehört es auf den Kopf oder um den Hals?« »Um den Hals,« sagte Schemeikka, stand auf, nahm Marja das Tuch aus der Hand, warf es ihr über die Schultern, zog es im Rücken zurecht, glättete es auf der Brust, hieß sie es an den Zipfeln festhalten, damit es sitze, und drehte sie um und schob sie vor Juha. »Jetzt ist deine Liebste, wie sie sein muß!« »Ja gewiß, ja...« Und Juha summte und lachte, drehte sich hin und her, machte ein paar Schritte, hielt an, summte aber gleich wieder vor sich hin. Und Schemeikka summte in demselben Tone mit, Auge in Auge mit Marja darüber lachend. »Nun fehlt noch eine Spange.« »Gib auch eine Spange her, gib auch eine Spange, wenn du eine hast!« stimmte Juha bei. »Ich habe ja schon eine Spange,« sagte Marja. »Eine aus Messing – ja?« fragte Schemeikka. »Meinst du etwa eine goldene?« »Messing mag zum Linnen passen, Seide mußt mit Gold du fassen.« »Gold?« barmte Marja. Juha sah, daß es sie danach verlangte. Einmal verlangte doch auch Marja nach etwas! Und wenn es den Preis eines Pferdes kostete, sie soll haben, was sie sich wünscht. »Zeig deine Spangen, zeig!« Wieder taucht Schemeikka die Hand in den Ranzen, hebt ein Bündel hervor, das in seidenen Stoff eingeschlagen, mit vielen Bändern verknotet ist, öffnet es, löst es mit den langen, geschickten schlanken Fingern auseinander, indem er die Litzen mit den Lippen sammelt, – in seinen Händen enthüllt sich ein Kästchen voller Dinge, die in immer feinere Seide gewickelt sind, von vielerlei Gestalt, von vielerlei Größe, die legt er auf den Tisch in einen Haufen, packt sie wieder weg – silbern schimmern, golden glänzen sie – eins läßt er schließlich zurück, wickelt es auseinander, zwischen Daumen und Zeigefinger hängt ihm eine Brustspange von goldener Farbe, mit leuchtenden Perlen, mit einer Kette auf beiden Seiten – was Marja alles, den Atem anhaltend, betrachtet. »So, die wird passen!« »Nein, nein! so etwas nehme ich nicht!« »Nimm's nur – nimm's nur!« »Was für ein gräßliches Gold mag das kosten?« »Laß es kosten, was es will!« sagte Juha. »Du wirst doch nicht?« »Ob ich werde!« Und Juha lief in demselben Augenblick hinaus und über den Hof nach seinem Speicher. »Zeig doch,« sagte Marja und ergriff die Spange und versuchte sie unter ihrem Halse anzubringen. »Komm, laß sie mich festmachen,« sagte Schemeikka. »Weshalb dich?« »Das ist so Sitte bei uns: wer etwas gibt, der steckt es an.« »Gibst du sie mir etwa?« »Kannst ja warten, wie sie der Alte ansteckt – wenn du meinst, daß er es besser kann.« »Nein, das nicht – aber ich nehme doch von einem Wildfremden nichts geschenkt,« sagte Marja, wie in Angst. »Von einem Wildfremden? – meinst wohl, von einem deines eigenen Stammes?« »Was weiß ich, welchen Stammes ich bin!« »Aber ich weiß es und – sehe es.« »Was siehst du denn?« »Ich sehe, was ich sehe« – und etwas zurücktretend maß Schemeikka sie vom Kopf bis zu den Füßen – »eine schöne Tanne aus Karelien, eine Tanne mit stolzer Krone, wenn sie noch mit einer Blume geschmückt wird.« Schon befestigte Schemeikka seine Spange an Marjas Brust, schob die linke Hand unter das Tuch und lüftete es, stach die Nadel mit der anderen Hand von oben durch und von unten wieder hervor und ließ sie einschnappen – langsam ging es, aber schön wurde es, an den Schultern drehte er sie um, strich ihr über den Rücken, zog wieder glatt, weil es etwas schief geraten war. Marja ruhte wie mit dem Rücken an seiner Brust, hätte sich gern an ihn gedrückt, tat es aber nicht – ihre Brust hob sich, ihre Augen flammten vor Entzücken, Schüchternheit, Behagen und Scham. »Jetzt ist es gut – jetzt wird sie sitzen.« Schemeikka drehte sie wieder um, entfernte sich, näherte sich und machte einige Schritte um sie herum, indem er Juhas Bewegungen nachahmte: »Jetzt ist die Liebste, wie sie sein muß – so ist's – so ist's! gewiß – ja gewiß! und er summte dazu wie vorhin Juha, und Marja brach in ein schallendes Gelächter aus, und Schemeikka fiel ein. Plötzlich, schnell wie eine Katze, hatte Schemeikka mit beiden Händen Marjas Gelenke erfaßt. »Es ist noch eine andere Sitte in unserem Lande.« »Was für eine Sitte?« Marja will ihm mutig ins Auge sehen und sieht ihn trotzig, ohne Furcht, ohne Wanken, aber mit gespannten Zügen und auch mit heiß brennender Stirn an. »Was für eine Sitte?« Schemeikkas Gesicht war ihr so nahe, daß es ihr dunkel vor den Augen wurde. »Für die Brautspange erhält der Bräutigam einen Kuß zum Lohn.« »Er kommt!« Sie flüsterte es. Man hörte Juha kommen, zwei Schritte, der eine schwerer als der andere, auf dem knarrenden Fußboden des Flures. Schemeikka ließ Marja los, schob sie mit raschem Schwung gegen die Tür auf Juha zu. »Jetzt ist die Liebste, wie sie sein muß! Da ist sie in Seide und Gold! Sieh, ist sie nicht schmuck so?« »Das ist sie, das ist sie – gewiß, ja gewiß.« Genau, wie ihn Schemeikka vorhin nachgemacht hatte! – er tat ein paar Schritte, drehte sich herum. Und Marja und Schemeikka brachen darüber zusammen in ein neues Gelächter aus, gerade wie vorhin. Juha aber warf – ein wenig prahlerisch – eine Handvoll Silbergeld auf den Tisch. »Da ist für das Tuch und die Spange. Ich frage nicht nach dem Preis – nimm, was es kosten mag.« Schemeikka nahm das kleinste Geldstück, warf es in die Höhe, knipste mit den Fingern, fing es auf und ließ es in die Tasche gleiten. »Weshalb nimmst du nur das?« »Das ist auch schon zuviel.« »Warum schenkst du mir denn aber etwas?« »Damit du mir ein Gegengeschenk machen kannst.« »Wenn er das aber schon getan hat!« entfuhr es Marja. »Was denn? – ach so!« Sollte er es wirklich erraten haben – das Vorhaben der Teerbrenner, und wollte sich so auf feinfühlige Weise erkenntlich zeigen? Das ist ein rechter Kerl, ein braver Mann! Und Juha hatte nicht oft einen Gast mit so warmem Herzen zu Tisch gebeten wie jetzt Schemeikka zu der harrenden Mahlzeit, zu der Marja, mit dem schmucken Tuch um die Schultern und der leuchtenden Spange auf der Brust und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, von der Stube in den Vorratsspeicher und von dem Vorratsspeicher in die Stube eilend, immer neue gute Sachen herbeitrug. Es wurde gegessen, und nach dem Essen wurde noch von Schemeikkas süßem Schnaps getrunken. Und zu dreien wurde geplaudert. Schemeikka schien Marja gar nicht zu sehen, mitunter nur blickte er lässig nach ihr hin, während er zurückgelehnt auf der Bank saß, die Beine schlank, gerade auf die Diele hinaus gestreckt, die Sehnen und Muskeln in Ruhe nach dem guten Bad und dem satten Mahl – die Arme auf der Brust verschränkt und die Hand von Zeit zu Zeit nach dem silbernen Becher langend. So saß er und erzählte von seinen Reisen, von seinen Fahrten zu Wasser und zu Lande und wo er sich sonst in fremden Reichen und fernen Städten herumgetrieben hatte – und lobte ein wenig sich selbst und seine Geschäfte und sein Tun, so daß Juha dann und wann meinte: »Nicht doch – ach so – na, das ist ja ...« Dann aber schien er müde zu werden und begann zu gähnen, und er fragte, ob er in der Badestube sich niederlegen oder hier im Haus auf der Bank sich ausstrecken dürfe. Morgen müsse er wieder auf und davon. »Im Speicher wäre Platz,« sagte Marja. »Führ ihn hin, Juha!« Juha ging voraus, um den Weg zu zeigen. Schemeikka ging mit, wandte sich aber auf dem Flur um und kam in die Stube zurück. »Hast du etwas vergessen?« fragte Marja. »Ich habe ja den Ranzen ganz vergessen.« »Da hast du freilich nicht wenig vergessen: den Ranzen!« Schemeikka nahm ihn an einem Achselband auf die Schulter, während Marja an dem anderen half. Die linke Hand hatte er an dem Band, die rechte war frei. »Ist noch etwas hier?« »Die Mütze noch.« Marja nahm sie von der Bank und brachte sie. Da packte Schemeikka Marja unter den einen Arm und drückte sie an seine Brust und hielt sie da einen Augenblick. Ließ sie dann los, als ob nichts geschehen wäre, sagte nichts und ging. Und auch Marja brachte kein Wort hervor. Sie blieb nur mit Schemeikkas Mütze in der Hand stehen. Juha erschien in der Tür. Marja warf ihm die Mütze zu und wollte hinausschlüpfen. »Bring dem Fremden die Mütze!« Aber Juha stand in der Tür, vertrat ihr den Weg, und sein Mund und seine Augen lächelten. »Was willst du?« Marja rief es fast schreiend das Auge kalt und scharf wie eine Messerspitze. »I–ich wo–wollte was trinken« stotterte Juha. »Du hast doch schon.« »Ja, ja, aber mi–mir ... ich habe so viel Salziges ...« »Da, nimm!« Marja schob ihm den Holzkrug mit verdünnter Sauermilch vom Tisch zu. Juha wollte etwas sagen. Er brachte es nicht heraus, dafür trank er Milch aus dem Kruge. Erst dann bekam er Mut. »Wo–wo wi–willst du denn schlafen, da – da –? »Da was?« »Da du dem Fremden dein Bett gegeben hast.« »In der Badestube!« fuhr ihn Marja an. »Vielleicht wä–wäre es in ma–meinem Speicher kühler ...? Ich kann ja auf dem Pferdestallboden schlafen.« Marja ging hinaus. Sie schien zu gehen, als ob sie wieder über etwas böse wäre. Und Juha ging mit seinem Kruge in seinen eigenen Speicher. III. Es ist schon heller Tag, als Schemeikka in seinem Speicher erwacht. Auf dem Rücken liegend, die Hände im Nacken, mustert er sein Nachtquartier. Der Speicher einer Frau, vielleicht der Wirtin des Gehöfts. Das will einer der besten Bauernhöfe sein, aber die Schätze der Wirtin sind jedenfalls nicht bedeutend. Zwei Winterröcke aus Fries und ebensoviele hausgewebte für den Sommer, ein einziges reinleinenes Hemd, die übrigen aus Zwillich. Ein Bündel graue Strümpfe am Sparren. Kein Wunder, daß sich die Augen von seidenen Tüchern und einer Spange blenden lassen, dem Alten wie seinem Weibe. Habe ihnen vielleicht umsonst ein so teures Geschenk gemacht, sie hätten ihren Hof verkauft, wenn ich es nicht billiger hergegeben hätte. Aber der Schemeikka aus Uchtua hat ja wohl nicht zum ersten Mal ein Weib beschenkt. Es hätte nicht alle Seide, die er weggeschenkt hat, auf den Sparren dieses Speichers Platz. Und es ist ja gut, daß man auch an diesem Wege Freunde hat ... Das ist ein schmuckes Weib, hat mir fast im Schlaf keine Ruhe gelassen... Plötzlich klang es, wie wenn der Wasserläufer auffliegend seinen gellenden Ruf ausstößt, es erklang die Stimme eines Liedes, die bei dem Viehpferch begann und von da über den Hof in das Haus trug und wieder nach dem Pferch und von da zurück – wohl hatte Schemeikka sie, die Weiber, singen hören, aber nie aus so tiefer Brust, nie so klar und leicht aus der Kehle quellend. Es war, als habe die Sängerin all ihre Freude und all ihren Jubel nicht in sich bergen können. Aus ihrem Singen hört man immer heraus, was sie sonst nicht wissen lassen. Aber nicht oft ist es so gegangen wie gestern: nicht einmal geschrien hat sie, obwohl ich fürchtete, daß sie zuschlagen würde... Ließ sich auf der Stelle bräutlich kleiden. Zitterte, obwohl sie an sich hielt. Die wäre bald zu haben, wenn man nur wollte. Aber, Schemeikka, von dir laufen ja schon mehr Sprößlinge, als für einen Mann genug wären, auf fremden Höfen umher, und erst auf deinen eigenen. Sie ahnen nicht, die Väter, wessen Söhne sie auf den Knien schaukeln. Sollte man ihm, dem guten Mann, hier auch die Freude machen? Das ist das Allerspaßigste und Tollste, wenn man nach einem Jahre in ein Gehöft kommt und einem da der eigene Junge zugeworfen wird, damit er einem am Barte zaust.   Er lachte mit halb geöffnetem, lautlosem Munde, und sein Blut siedete. Er stieß mit dem Fuße die Tür auf und sah Marja, eine Milchbütte tragend, mit wiegenden Schritten in das Haus gehen. Die hat eine Haltung wie die beste Bojarentochter, ja, das hat sie!   Marja seihte am Tischende die Milch durch, als Schemeikka in die Stube trat. Ihr Arm war im Bogen gehoben, wenn sie mit dem Schöpfer Milch in die Seihe fließen ließ. Es rauschte die Milch, rieselte dann, rauschte und rieselte wieder, während sich der Bogen des Armes hob und senkte. »Morgen, Wirtin.« »Ach, guten Morgen.« Marja wich seinem Blick nicht aus. Erwiderte ihn lang, wie trotzend. Sie war in ihrem Sonntagskleid, über den Schultern Schemeikkas Seidentuch und an der Brust die Spange. »Schläft der Wirt noch?« fragte Schemeikka. »Ob der noch schläft? Ist schon vor Sonnenaufgang hinaus und fängt laichende Brachsen. Ich soll dem Langschläfer sagen, wenn er aufsteht, daß er nicht weggelassen wird, bis der Wirt kommt .. und wenn er bis zum Abend auf sich warten ließe.« Schemeikka blieb stehen und verfolgte Marja mit den Augen, ein Lächeln auf den Lippen. Nachdem Marja die Milch durchgeseiht hatte, holte sie einen kleinen Holzkrug, füllte ihn und bat den Gast, ihn sich zu nehmen. Schemeikka lächelte nur. Marja fragte, ebenfalls lächelnd, ob er die Gabe des armen Gehöftes gering achte, weil er sie nicht möge. »Wirtin, du kennst wieder nicht karelische Sitten. Bei uns nimmt der Gast niemals selbst, die Wirtin reicht ihm alles in die Hand, was sie anbietet. Wie ein Wirbelwind so flink wird's ihm schon in der Tür entgegengebracht.« »Ich kann dir dies ja bringen!« und Marja ergriff das Gefäß und reichte es ihm. Schemeikka hob es an die Lippen. »Der Geber wartet bei uns, bis der Gast seinen Krug bis zum Boden geleert hat.« »Muß denn hier alles gemacht werden wie dort?« lachte Marja. »Ja, alles«, sagte Schemeikka ernst und blickte über den Rand des Gefäßes hinweg. »Wäre es nicht besser so, wie es im Lande Sitte ist?« »Nein«, sagte Schemeikka ebenso ernst und gemacht feierlich und reichte Marja den Krug. Marja wollte sich über die Späße des anderen totlachen, während sie den Krug auf den Tisch zurückstellte. »Jetzt hat der Mann das Maul voll Milch wie ein Kalb!« Schemeikka wischte sich den Bart nicht, leckte ihn nur ein wenig mit der Zunge ab und erwiderte immer in derselben Art: »Das war eine andere schöne karelische Sitte. Es gibt noch eine dritte, die allerschönste. Der muß den Bart des Gastes abwischen, der ihn beschmiert hat.« Mit einer raschen, aufzuckenden Bewegung streckte ihm Marja ihre Schürze hin, aber ebenso rasch griff Schemeikka sie hinten im Genick, während er ihr mit der anderen Hand ihr Kinn hob und einen langen Kuß auf ihre Lippen drückte. Marja spürte eine kräftige, lastende Brust und sah zwei dunkle, aufleuchtende Augen; Schemeikka fühlte einen weichen Busen und sah einen hinschwindenden, sich schließenden Blick. »Nicht«, sagte Marja matt, und wenn sie nicht frei geworden wäre, so würde sie hingesunken sein – und als sie zurückwich, war ihr der Fuß so schwer, wie einem, der im Traume flieht. Schemeikka ging langsam und ruhig hinaus und setzte sich auf die Treppe. Marja schritt vorbei. »Das darfst du nicht wieder tun.« »Nun, weshalb denn nicht?« »Wenn es jemand gesehen hätte?« »Deshalb nicht?« »Und auch sonst nicht. Das mußt du versprechen. Ich getraue mich sonst nicht das Essen auf den Tisch zu stellen.« Sie bat darum, als hätte sie es nicht aus eigener Kraft vermocht, mit fast flehenden Augen und Mienen. »Dann will ich's versprechen. Darf man dich aber ansehen?« »Ansehen meinetwegen.« »Ist nur gut, daß man nicht mit geschlossenen Augen dazusitzen braucht.« Marja lächelte verlegen zärtlich... Hatte er seinen Spott mit ihr? Nach dem Essen lag Schemeikka auf dem Hofe in der warmen Sonne auf dem Rücken, die Hände im Nacken. Marja spähte am Fenster der Stube, das Gesicht bleich und starr gegen die Scheibe gedrückt, mit wallendem Busen, und ihr Auge glitt über die gewölbte Brust und den sehnigen Bogen der Beine, wenn das eine Bein auf dem anderen ruhte. Die Schwalben schossen hoch über Schemeikkas Kopf durch die Luft, ein warmer Wind fächelte Brust und Hals. Sie will nicht mit mir sprechen, weicht mir aus. Habe ich sie zu sehr eingeschüchtert? Hätte ich sie vorsichtiger zutraulich machen sollen? Welches mag denn eigentlich das Locklied für dieses Vögelchen sein? Soll ich mich loben und rühmen: solch ein schlanker Bursch, ein weitbekannter Kaufmann, ein unvergleichlicher Jäger will dich haben! Oder soll ich sie selber rühmen, ihr ins Ohr flüstern: übermaßen schön bist du, ich habe nie deinesgleichen gesehen; du siehst doch, daß ich nicht anders konnte; als ich dich sah, mußte ich dich umarmen, mußte dich küssen. Die eine schmilzt bei klagender Musik, die andere läßt sich vom fröhlichen Lied betören. Aber was du auch singen magst, sing ohne auszusetzen das Schlaflied dem Weibe wie dem Kind, damit sie nicht vorher erwachen. Wenn du sie schon umstrickst, schweig nicht still, damit der Zauber nicht zergehe; wenn du einen Vers gesagt hast, wisse sogleich schon den zweiten, mit dem du fortfährst. Es erschien auf der Schwelle ihres Speichers die Wirtin, setzte sich mit einer Näherei hin, wandte nicht den Kopf, hob nicht den Blick. Schemeikka betrachtete sie da, und schon wußte er, welches seiner Locklieder er diesem Vogel singen mußte. Er stand auf, ging und setzte sich rittlings auf die Schwelle, mit dem einen Bein im Speicher, dem anderen draußen – und sagte plötzlich, überrumpelnd: »Solltest mir deine Sorgen mitteilen, junge Wirtin.« Marjas Stimme bebte etwas: »Meine Sorgen? Was für Sorgen?« »Alle, die du hast.« »Woher weißt du, was für welche ich habe und nicht habe, oder ob ich überhaupt Sorgen habe?« Schemeikka machte eine Pause in seinem Liede, dann rührte er wieder die Saiten, die, wie er fühlte, schon einen guten Klang gegeben hatten. »Du hast kein ergötzliches Leben hier in der Einöde.« Marja antwortete nicht, sie nähte. »Dein Mann alt und klotzig, deine Magd still und einfältig, im Winter kommt kein Fremder ins Haus, wenn im Sommer einer kommt, geht er wieder.« »Wenn man nichts Besseres gesehen hat, vermißt man nichts.« »Komm mit mir nach Karelien, da wollen wir lustig sein!« Marja fuhr zusammen und blickte auf, zugleich aber wieder zu Boden. »Und was soll ich dort?« Da kam die eindringliche, knappe, beengende Frage: »Und was tust du hier – in diesem erbärmlichen Land – eine wie du?« »Was ist denn an diesem Lande auszusetzen? Und ist es wohl anderswo besser?« »Schlecht sorgen sie hier für ihre Weiber. Bei uns wird ihnen nicht wie hier der Nacken durch ewige Arbeit gekrümmt, bei uns werden ihnen nicht die Augen im Rauch der Korndarre geblendet, nicht das Gesicht auf der Schwende berußt, nicht der Rücken an der Handmühle gebrochen. Die jungen Frauen der Gehöfte sind hier wie die alten Leibeigenen bei uns, ihr Rücken krumm, ihre Augen triefend, ihre Brüste hängend, ihr Leib aufgetrieben, wie struppige Hunde im Sommer – du, Wirtin, bist merkwürdigerweise noch nicht so, aber bald werden sie auch aus dir eine solche machen. Bald wird das Rot von deinen Wangen schwinden, bald der Glanz in deinen Augen verlöschen.« »Und wenn es auch hingeht – wer hat wohl Schaden davon?« »Du weißt schon, wer.« »Ist es denn dort wirklich besser?« »Dort? Die Männer schaffen, die Männer regen sich, holen das Korn fertig aus fremden Ländern – das Weib halten sie zu ihrer Freude, nicht als Leibeigene.« »Was tun dann die Weiber?« »Nun, sie weben Stoffe, nähen, sticken ihre Sachen und lernen die Leibeigenen an. Im Sommer, wenn sie es zu ihrer Unterhaltung wollen, fangen sie Fische, pflücken Beeren, kochen Süßigkeiten. So bleiben sie immer jung, so lange es die Jahre erlauben, rotwangig, drall, weich. Leicht ist ihr Fuß beim Tanz, hell sind ihre Stimmen, wenn sie an den Abenden singend beim Herde sitzen. Zärtlich und freundlich bleiben sie, – hier sind alle grob und stumm. Siehst du, so sorgt der karelische Mann für seine Liebste.« »Sie scheinen ja dort ein gutes Leben zu haben,« sagte Marja, ihre Näherei umwendend. »In Gold rauschen, in Seide knistern sie einher. Wir liegen nicht den langen Winter in ihren Betten. Mit einer Brust voll Liebe kehren wir jedes Frühjahr heim, spielen einen kurzen Sommer mit ihnen, lassen sie auf unserem Knie sitzen.« Schemeikka sprach dicht an ihrem Ohr, immer leidenschaftlicher wurde sein Lied, wie dem Auerhahn bei der Balz. Immer kommt er etwas näher, Marja rückt jedesmal etwas ab, auf den Lippen ein künstliches Lächeln, die Augen fest auf der Näherei, der Finger heftig die Nadel führend. »Solltest einmal mit nach Karelien kommen, liebe Wirtin, da du aus Karelien stammst! Wir sind ja Nachbarn, von den Höhen der einen blinken die Feuer nach den Höhen der anderen hinüber. Einen Tag geht es durch Stromschnellen, einen zweiten rudern wir über stille Wasser, zwischenhin wandern wir etwas über Heiden, und am dritten flitzen wir wieder durch strudelnde Wasser, – da dämmert schon dort unterhalb einer Stromstille meine Fischerhütte, und von da noch ein wenig weiter, so sind wir in meinem Dorf. Dort ist ein großes Dorf mitten in einem unberührten Bruchwald. Dort habe ich ein altes, reiches Gehöft. Auf Händen trügen sie dich da, das Findelkind aus ihrem Stamm, von Freude zu Freude führten sie dich, von Fest zu Fest, ließen von Tanz zu Tanz dich schweben. Eine alte Mutter habe ich, ist übermaßen gut und freundlich, die würde dich wie ihre Tochter – in Seide und Sammet kleiden. Komm mit nach Karelien, liebe Wirtin!« War dies Ernst oder Spaß? Die Stimme Ernst, aber unglaublicher Spaß, was er sagte. »Komm auf einen Besuch, komm, um es dir anzusehen! Komm sofort! Mit mir!« »Mit dir?« »Was tust du hier, schöne, schmucke Frau! Wirst alt, welkst hin, wirst ebenso wie all die anderen. Wenn du hier noch etwas weiter lebst, werden deine Lippen das Lächeln verlernen. Deine Augen werden trübe, dein Haar verdorrt, deine Wangen sinken in Falten ein wie eine erfrorene Beere. Den Nacken werden sie dir krümmen, den Rumpf verbiegen, durch viele Arbeit dir die zierlichen Füße schief drehen – die zierlichen Füße ...« »Sprich nicht so etwas.« Aber Schemeikka fuhr fort: »Und für wen? Für den Kerl mit der runzeligen Stirn, den schläfrigen Augen, den groben Lippen, dem dünnen Bart, dem langen Rücken, den krummen Beinen ...« »Sprich mir nichts mehr!« – Marja schrie es fast heraus, wie um Hilfe rufend. »Der da die Nächte hindurch ächzt und krächzt – röchelt und hustet –.« »O, o – nicht!« »Daß er sich nicht geschämt hat, sich einer wie dir anzubieten! Daß du bei einem solchen im Bette liegen mochtest?« »Ich liege nicht bei ihm im Bett!« rief Marja plötzlich wie in Wut, während ihr Auge in Haß und Verzweiflung aufblitzte, und sprang auf, fühlte zugleich Scham und setzte sich auf die untere Stufe. »Nicht? Wirklich nicht?« »Und wen geht es etwas an, wo ich liege, und wenn ich im Schweinekoben läge?« Sie wäre in Tränen ausgebrochen, wäre sie nicht aufgestanden und gegangen. Was fragt der mich nur alles? Und wozu redet er das zu mir? Und was hat er alles herabzusetzen? Was kann Juha dazu, daß er so ist, wie er ist? Und wen geht es etwas an, wen ich geheiratet habe? – Weshalb kommt Juha nicht endlich vom Fischen? – Und was höre ich denn auf sein Reden? Und trage seinen Schmuck? Sie wollte ihn abreißen, von sich werfen, als sie Juha auf dem See kommen sah. Sie wandte sich um, eilte nach dem Strand, lief immer schneller. Aber er hatte ja die Wahrheit gesagt – die Wahrheit hatte er gesagt. So war der arme Juha, genau so: langer Rücken, triefende Augen, krumme Beine, in seinem nassen Friesrock wie ein struppiger Hund. Aber je erbärmlicher er aussah, um so lieber wollte Marja zu ihm sein, um so mehr wollte sie ihm zeigen, wie sie sich über seinen Fang freute. Die Netze waren prall mit Laichbrachsen angefüllt, mit breiten, feisten, warzenköpfigen Burschen. Sie ergriff ein Netz und trug es zu dem Spanngestell. »Laß doch, Marja, laß doch,« warnte Juha. »Mach dir dein seidenes Zeug nicht schmutzig – das kann ich ja mit Kaisa besorgen.« Doch Marja nahm ihr Seidentuch ab und legte es von sich, zog sich Juhas Rock um, den er eben abgestreift hatte, wollte ebenso struppig und grau erscheinen wie Juha, wollte es Schemeikka, der pfeifend auf dem Hof daherging, zeigen ... der sollte sich nur nichts einbilden! »Das ist aber ein Fang, fast wie in früheren Zeiten, Juha!« ereiferte sie sich, während sie an dem Netze hob. »Komm doch und hilf, damit es nicht reißt.« »Es reißt nicht, es reißt nicht! ... warte, so,« lachte Juha laut, und er hielt das Netz in der Mitte, indessen Marja es über das Gestell ausbreitete. »Wo hast du denn die Netze gehabt?« »Nun, dort am Rand der Wiesenbucht.« »Da wars ja auch damals, weißt du noch?« »Freilich weiß ich das, weiß noch sehr wohl.« »Wieviele Bottiche habe ich doch damals, im ersten Sommer, eingesalzen?« »Da hast du ja wohl, da hast du ja wohl ... zum ersten Mal eingesalzen ... wi–wieviel mochtens wohl sein? ...« Sie erinnerte sich der Zeit, sie wollte sich ihrer erinnern ... sie hat es gesagt, um nur davon zu sprechen! Schemeikka stand an den Zaun gelehnt, beobachtete Marjas Bewegungen und lächelte vor sich hin und pfiff leise ... Du betrügst mich nicht. »Dort drüben auf der Landzunge ist ein Feuer angesteckt!« rief Kaisa, vom Hof herbeieilend. »Da ist jemand auf der anderen Seite des Sees, der übergesetzt werden will ... sollte das die Mutter sein?« »Die Schwiegermutter? – Von der ist das Feuer. Die steckt immer eins an, so groß wie ein Johannisfeuer.« Da war es um Juhas Freude geschehen. Marjas Antlitz war erstarrt, und ihr Mund war zu einem herben Bogen verzerrt. »Mag sie warten, ich habe jetzt keine Zeit,« sagte Juha wie gleichgültig. »Am besten holst du sie sofort, geholt werden muß sie ja doch ... sonst macht sie vielleicht mir Vorwürfe.« »Laß sie nur.« Etwas später ging er aber doch, nachdem er zuerst am Strand ein Feuer angezündet hatte, zum Zeichen, daß die Aufforderung verstanden worden war. Marja bewegte sich mit den Netzen heftig hin und her, als sei sie böse auf sie, riß die Fische los, wobei Löcher in das Garn kamen ... »Ist die Schwiegermutter der Schwiegertochter kein angenehmer Gast?« sagte Schemeikka, immer noch an den Zaun gelehnt. »Das einzig Richtige wäre, ich ließe das ganze Gehöft dahinfahren. Kaum kommt sie vom Strand herauf, fängt sie schon an und hört nicht auf, bis sie sich heiser geschimpft hat, und selbst dann zetert sie noch weiter.« »Worüber schimpft sie denn?« »Ich soll den Besten aus ihrer Sippe weggeschnappt haben ... er wäre zu gut für mich gewesen.« »Zu gut für dich? Wer?« »Juha.« Schemeikka brach dort hinter seinem Zaun in ein kurzes, spöttisches Lachen aus, und Marja ließ ihn lachen. Marja hat die Fische losgemacht und die Netze zum Trocknen ausgespannt, hat die Magd an das Ufer der Schnelle, jenseits des Gehöfts, geschickt, um die dort in der Weiche liegenden Fischbütten zu holen, und sie selbst sitzt neben der Netzhütte auf einem Stein und nimmt Fische aus. Schuppt sie, schneidet sie auf, spült sie und wirft sie in einen Spankorb. Nachdem sie einen ausgenommen, greift sie nach einem anderen, arbeitet wie im Zorn ... Was soll ich noch hier? Mögen sie ihr Haus allein bestellen, Mutter und Sohn! Wäre Juha ein Mann, dann schaffte er mir den Quälgeist vom Halse. Da er weiß, daß sie mir in der Nacht keine Ruhe, am Tag keinen Frieden läßt. Aber nein, obwohl ich ihn darum gebeten habe. Jeden Sommer läßt er sie herkommen. Fürchtet sich vor dem Drachen, wagt ihr kein Wort zu erwidern. ›Ertrag sie, ertrag sie noch einige Zeit.‹ Aber muß ich es ertragen, daß sie auch meine Mutter immer schmäht? ... einmal werde ich ihr so die Krallen zeigen, daß ... Schemeikka machte sich vor dem Hause zu schaffen. Er schien seinen Ranzen zu packen ... Der will auch schon gehen ... Ob er wohl nur ›Lebewohl‹ sagen wird, der Windbeutel, der Spötter. Konnte daheim bleiben mit seinen Flausen. Marja nimmt die Fische aus, ohne den Kopf zu lüften, mit dem Tuch im Gesicht, aber sie hört, wie jemand näher kommt, Schritt für Schritt. Jetzt ist er gerade hinter ihr, jetzt schleicht er vor sie und setzt sich auf den Stein ihr gegenüber. Sie sieht seine Füße bis zu den Knien und zwischen den Knien die Hände, feine, bewegliche Hände; und sieht ihre eigenen aufgesprungenen Finger und die knirschend abspringenden Schuppen. »Wollen wir nun gehen?« fragt Schemeikka. »Wohin?« »Nach Karelien, wie's verabredet ist.« »Weshalb redest du denn wieder davon?« »Deswegen, weil du mir gehörst.« »Weswegen sollte ich dir mehr gehören als anderen?« »Deswegen, weil ich es will.« Er hat sich fast über Marja gebückt. »Deswegen, weil du es willst?« sagt Marja, immer noch aus ihrem Tuch heraus. »Und deswegen, weil du selbst es auch willst. Kreisch nicht!« – Er ergreift Marjas Hand, drückt sie so, daß das Messer auf das Fischbrett fällt. »Nicht Schemeikka – lasse mich –« »Kommst du mit?« Marja versucht sich loszumachen, aber es gelingt ihr nicht. Erst als sie aufhört zu zerren, gibt Schemeikka nach. Marja ist aufgestanden, sinkt aber zurück, wie wenn ihr der Kopf schwindelte. »Ich gehöre ja dem anderen,« sagt sie fast flüsternd, in den Augen einen hilflosen, erschrockenen, wie um Erbarmen flehenden Ausdruck. »Welchem anderen?« »Juha.« »Du gehörst ihm nicht mehr als der Vogel, den er gefangen und in seinen Käfig gesteckt hat. Wenn jemand die Tür öffnet, darfst du fliegen, wohin dich verlangt. Du gehörst ihm nicht mehr als das Rentier, das sich von der Tundra in das Gehege eines fremden Herrn verirrt hat.« »Wer ist denn mein richtiger Herr?« »Ich.« »Weshalb bist du ein richtigerer als Juha?« »Deshalb, weil es dich zu mir drängt und nicht zu ihm. Deshalb, weil du von da bist, woher ich bin. Und deshalb, weil ich nicht um Erlaubnis frage, sondern nehme, ohne zu fragen, und weil ich dich, wenn du nicht gutwillig kommst, mit Gewalt davonführe.« Schemeikka steht hinter ihr, spricht ihr ins Ohr, Marja ist schon, die Augen geschlossen, rücklings in seinen Armen. »Deshalb, weil du mich herbeigewünscht und erwartet, weil du am Tage nach mir ausgeschaut und in der Nacht dich nach mir gesehnt, die langen Dämmerstunden bis zum Dunkel auf meine Tritte gelauscht hast!« »Woher weißt du das?« Marja fährt herum und greift mit beiden Händen nach seinem Arm. »Wenn du in deiner Qual neben ihm lagst, klagtest du bei dir: ach, wenn einer käme, der mich hier wegrisse ...« »Woher weißt du das?« »Komm! Lauf zur Stromschnelle!« »Ich darf nicht!« »Komm – geh – dort herum! Es darf es niemand wissen.« »Ich getraue mich nicht.« »Ich habe dich damals gesehen – deinen ganzen Körper – deine Brust – deine Füße –« Marja duckt sich, schützt sich, als sei sie nackt, Schemeikka reißt ihre Hände auseinander, Marja sammelt ihre letzte Kraft, um nicht mit dem Rücken über die hohe Schwelle der Netzhütte zu fallen, und stößt Schemeikka von sich, so daß er, mit dem Fuß in den Fischkorb geratend, stolpert und mit dem Korb ins Wasser fällt. Als er sich wieder emporgearbeitet, war Marja verschwunden. Hinter der nächsten Insel kam ein Boot hervor, in dem vorn an den Rudern Juha und hinten eine Frau saß. Marja war auf den Hof geflohen und hatte sich in ihrem Speicher versteckt. Sie sah Schemeikka kommen, seinen Ranzen von der Treppe des Hauses aufraffen, ihn sich über die Schulter werfen, mit erregten Schritten sich nach der Stromschnelle zu entfernen. Er hatte sich wehgetan, denn er hatte eine blutige Schramme auf der Wange. Aber kaum war Schemeikka verschwunden, als es in Marjas Innerem aufschrie: Weshalb hast du ihm das getan? Weshalb hast du ihn erzürnt? Weshalb hast du ihn von dir gestoßen, der dich retten wollte? Endlich, endlich kam der, auf den du dein Lebenlang gewartet hast, kam der Stolzeste von der Welt – gab dir Seide und Gold – wollte dich mit Gewalt davontragen, dich in diesen Lumpen nehmen, das abgenutzte Gerät, das, was der andere übrig gelassen! Du hast ihn von dir gestoßen, daß er sich die Stirn blutig schlug ... Im Zorn ist er gegangen, ist wohl schon in sein Boot gesprungen, saust, ohne sich umzusehen, die Stromschnelle hinab und kommt niemals wieder ... Sie riß sich die schmutzigen Lumpen ab, ließ sie da, wo sie stand, raffte ihren Sonntagsrock vom Sparren an sich und stürzte hinaus. »Die Schwiegermutter!« Auf dem Hofe stand ihr gegenüber eine große, magere, knochige alte Frau. Sie sagte kein Wort, nicht guten Tag. Die Augen standen wie schlagbereit, und die Falten im Gesicht spannten sich bald an, bald glätteten sie sich. Da standen sich Schwiegermutter und Schwiegertochter kurze Zeit gegenüber, bis die Schwiegermutter aufkreischte: »Weshalb sind die Fische aus dem Korb am Strand herumgestreut und die einen nicht ausgenommen?« Marja antwortete nicht. »Die Schweine sollen sie wohl einsalzen – und scheinen sie schon eingesalzen zu haben – und du selbst legst dich im Speicher schlafen?« Marja antwortete immer noch nicht, wandte sich um und ging ins Haus; die Schwiegermutter hinter ihr her ... »Keine Silbe wird geantwortet – nicht guten Tag gesagt.« Noch immer sagte Marja nichts. – Wenn sie sitzt, gehe ich! »Man wußte, daß ich kam, aber kein trockner Ranft ist auf den Tisch gestellt, geschweige denn ein Fisch gebraten.« »Schwiegermutter, ihr braucht nicht gleich beim Eintreten Streit anzufangen.« »Was gesagt werden muß, muß gesagt werden – je eher, desto besser – was früher gesagt worden ist und gesagt wird, solange sich die Zunge im Mund bewegt und die Stimme durch die Kehle dringt!« Jetzt konnte Marja nicht mehr an sich halten. »Dann ist es das Beste, ibr bleibt und ich gehe.« »Geh, Liebe, was bist du überhaupt gekommen!« »Ein karelischer Mann war hier und hat mich mit sich zu locken versucht – wollte mich sogar mit Gewalt entführen.« »Du lügst! Eine wie dich wollen sie nicht in Karelien, sie haben ja schon deine Mutter fortgejagt.« »Schmäht meine Mutter nicht!« »Ich schmähe sie. Ich schmähe die Mutter und die Tochter – werde sie immer und ewig schmähen – noch im Grabe werde ich dich schmähen, die mir meinen besten Sohn abspenstig gemacht hat – wärest du gegangen, hättest dich entführen lassen – ach, hätte ich mich gefreut, wenn du gegangen wärest – wer ist es denn, der so eine entführt hätte und dem die nicht nachgelaufen wäre?« »Schemeikka aus Ucktua!« rief Marja, ihrer Schwiegermutter eine Grimasse schneidend, machte einen Sprung, drehte sich um und ging. Auf der Treppe kam ihr Juha entgegen. Sie prallten aneinander, hätten sich beinahe umgeworfen. »Wohin läufst du denn so wild?« »Deiner Mutter aus dem Wege!« rief Marja zurück. »Marja!« rief Juha hinter ihr her, aber Marja war schon hinter dem Hause verschwunden, in den Augen ein kalter, stechender, schneidender Blick, der in Juha eindrang, als hätte ihm jemand ein Messer durch die Brust bis in das Rückenmark gestoßen. Mit schweren Schritten trat Juha in die Stube und setzte sich auf die Bank, vom Rudern ermüdet, die Schweißtropfen sich von der Stirn wischend. »Hast ja doch nicht gehorcht, Mutter, obgleich du's versprochen hattest,« sagte er niedergeschlagen. «Kaum bist du auf dem Hof, fängst du schon Streit an. Das habe ich schon am Strande gehört. Ihr werdet ja diesmal ebenso wenig miteinander auskommen wie früher.« Ueber das Gesicht der Mutter huschte ein spöttisches Lächeln. Aber da faßte Juha der Grimm, und er sprang auf und schlug mit seiner Mütze auf den Tisch und rief, als hätte er zugleich geweint: »Aber das sage ich dir, und das kannst du glauben, – wenn hier nicht Frieden wird – und wenn du mir noch einmal Marja aus dem Hause treibst, dann setze ich dich ins Boot und rudere dich zurück, – und wenn du – wenn du dein ganzes Gehöft in Brand steckst, ich komme nicht noch einmal, um dich zu holen.« Die Mutter wußte, daß es nur eine Drohung war, die er schon früber viele Male ausgesprochen und sie ebenso oft gehört hatte. »Wenn du jemand ins Boot setzen willst, dann setz sie hinein und laß sie den Rajakoski-Fall hinunter gehen. Dann tust du, was du schon längst hättest tun sollen. Schick die Petze zu ihren Hunden, so werden sich hier keine mehr dorther ansammeln. Ja, ich weiß Bescheid! Eine Herberge für Russen soll hier eingerichtet werden?! Das habe ich erwartet. Ein Wunder, daß es nicht schon früher geschehen ist. Aber ich bin noch zur rechten Zeit gekommen, und auch für die ist der Rechte gekommen: der Sohn des Schemeikka!« »Schemeikka?« »Schemeikka, der Sohn des Schemeikka!« rief die Alte. »Des Mörders deines Vaters! Der deinen kleinen Bruder verbrannt hat! Dem sein Sohn hat sich hier von dir beschützen lassen, dessen Vater deinen Vater an die Wand spießte und danach das Kind aus der Wiege in den brennenden Ofen schmiß. Das hat er getan, und dessen Sippe schützt hier dein Weib, das zu derselben Art gehören mag, ja gewiß gehört!« »Woher wißt ihr, daß es Schemeikkas Sohn gewesen ist?« »Sie hat es mir eben, als sie ging, höhnend zugerufen.« »Wer weint und jammert denn da?« fragte Juha, plötzlich aufhorchend. Man hörte den Lärm von laufenden Schritten und ein immer näher kommendes Weinen und Jammern. »Ist es Marja, die da weint?« Juha eilte hinaus. Die Weinende war nicht Marja, sondern Kaisa, die ächzend vor der Treppe niedersank, die Hände gegen das Herz drückend, ohne ein Wort hervorzubringen. »Was hast du?« »Lauft an die Schnelle und helft!« »Ist Marja ins Wasser gegangen?« brüllte Juha. »Der karelische Mann – der – der hat unsere Frau – mitgenommen.« »Wie hat er sie mitgenommen? Wo?« »Eben, eben – gerade – ich hab's gesehen –« »Was hast du gesehen?« »Er riß sie in sein Boot.« Mehr vermochte das Mädchen nicht zu erklären, sie schwenkte die Hand und brach wieder in Tränen aus. Juha eilte an die Stromschnelle, in die Bucht, wo die karelischen Männer angelegt hatten und wo nach dem Abzug der anderen gestern Schemeikkas Boot zurückgeblieben war. Das war weg. Er eilte weiter hinunter auf die Landzunge, von wo man den Unterlauf der Schnelle überblicken konnte. Es war nichts zu sehen als die weißen Wellenkämme gegen die schwarze Wolke, und ein Lachs schnellte sich im Stillwasser bei dem Anfang des Gefälles empor. Es ist umsonst! Er rannte aber doch vorwärts, so schnell er auf dem geröllbedeckten Ufer konnte, fiel, stand auf und gelangte um das Stillwasser herum in den Winkel einer Bucht. Da am Rande wuchs Gras, das war zertreten, und junger Laubwald, in dem mit den Händen Blätter abgestreift worden waren. Dort lag ein Tuch, Marjas Tuch, dort ein Halbschuh, ihr Schuh. Juha begreift nur so viel, daß er Hilfe holen muß, um nachzusetzen ... ihr nach, so weit, bis er sie einholt, sei es bis ans Ende der Welt, sei es bis unter die Erde, wohinab die Stromschnelle wie in den schwarzen Schlund der Unterwelt zu stürzen schien. Die Mutter, Kaisa und zwei von den Teerbrennern standen auf dem Hof, als Juha kam. »Ihr wißt, was geschehen ist,« sagte er zu den Männern, keuchend, kaum vernehmbar, von dem Laufen außer Atem. – »Er hat sie geraubt, der schlechte Kerl. Da ist ihr Tuch.« »Was ist darin?« »Ein Schuh – ich habe beides am Ufer gefunden. – Der hätte ertränkt werden müssen.« »Du hast's ja selbst verhindert. Hättest uns machen lassen sollen.« »Hätte ich's getan.« Juha saß eine Weile schweigend da. Wollt ihr mir helfen, Männer, obwohl ich euch nicht geholfen habe? Wir setzen ihm nach, vielleicht holen wir ihn noch ein?« »Den holen wir nicht mehr ein, da er einmal auf den Schnellen ist. Der Rajakoski ist eine Meile lang, und noch ehe wir aufbrechen könnten, ist er unten, und da teilen sich die Wasser nach drei Seiten, und niemand weiß, welchen Weg er gegangen ist.« »Wir verfolgen ihn, bis wir ihn haben, meinetwegen bis in sein Land.« »So ein Zug muß mit stärkeren Kräften gemacht werden.« Juha sah selbst ein, daß er mit diesen Männern, auch wenn sie gegangen wären, nichts hätte ausrichten können. Die Männer redeten wie von irgendeiner gleichgültigen Sache. »Man sollte meinen, es müßte nicht leicht gewesen sein, einen so großen Menschen mit Gewalt ins Boot zu kriegen.« »Ach was,« sagte der andere. »Wo er sie einmal im Boot hatte – und weshalb hätte er sie nicht hineintragen können – und das Boot in den Strudel gestoßen war, da hat einer gerade Lust hinauszuspringen. Hat sie glücklich erwischt und behält sie. Haben sie auch früher behalten. Und der ist nicht allein dabei. Die anderen warten dort auf ihn, obwohl sie taten, als zögen sie voraus.« Die Magd kam, immer noch schluchzend, aus dem Haus und wollte in den Pferch gehen. »Wie ist es denn eigentlich zugegangen?« fragte Juha. »Ich weiß nicht, ach, ich kann es nicht ...« »War es in der Bucht, wo er sie gepackt hat?« »Da war mit einem Mal ein Boot ... ich habe nicht gesehen, wie es gekommen ist, obgleich ich da war.« »Wo warst du?« »Wie ich da war und die Gefäße ausspülte, sah ich die Frau kommen ... und dann warf er sie in das Boot und sprang nach ... und Marja fiel rücklings in das Boot und stürzte mit der Schürze vor dem Gesicht hin, weiter weiß ich nichts ...« »Das hast du gesehen?« »Ja.« Juha stand auf und ging in seinen Speicher. »Bist du sicher, daß er sie mit Gewalt fortgeschleppt hat?« fragte die alte Wirtin. »Ach, daß so etwas geschehen mußte!« weinte das Mädchen. Die Alte sah, wie Juha in seinem Speicher eilig seine Sonntagskleider anzog. »Willst du irgendwohin?« »Ich lasse das Kirchspiel aufbieten.« »Darum wird sich wohl das Kirchspiel nicht aufbieten lassen.« Juha lief schon nach dem Strande, stieß das Boot ab und begann nach Süden zu rudern.   IV. Es war Juha zuerst wie ein Unglück erschienen, als habe sich Marja irgendwohin verlaufen, von wo er ihren Ruf nicht hören konnte, von wo sie sich nicht zurückfinden konnte, wie ein Tier im Moor oder tief im Walde. Als er aber in seinem Boote saß und ruderte und ruderte, wurde ihm allmählich klar, was geschehen war. Marja war ja geraubt worden, ein fremder Mann hatte sie gewaltsam entführt, hatte ihm sein Weib entführt. Aber wenig kann der mit Gewalt von Marja erreichen. Der kannte Marja nicht, wenn er meinte, er könne sie durch einen Druck mit der Hand gefügig machen. Nicht durch Schläge und nicht durch Gewalt. Alles hatte ihre Schwiegermutter seinerzeit in der Art versucht. Was konnte denn Marja tun, als sie der Räuber am Strande überrumpelte, und auch noch im Boote? Aber Juha glaubte zu sehen, wie es ging, wenn der Dieb ans Land stieg und sich ihr zu nähern begann. Nichts antwortet Marja, blickt nicht auf, stellt sich taub. Er geht auf sie ein, Marja beißt, tritt nach ihm. Er schlägt sie in seiner Wut, Marja zuckt nicht mit dem Munde, obwohl ihr vor Schmerz das Wasser in die Augen steigt. Halt dich tapfer, Marja, halt dich tapfer, es kommt Hilfe, es kommt Hilfe! Juha ruderte, nickte, in gleichem Takt vor dem Wind und gegen den Wind, über Seenflächen, durch Sunde; wenn sich ein Dullenring durchgescheuert batte, steckte er einen neuen an; wenn er Hunger verspürte, hielt er nicht an, er biß beim Rudern in seinen Ranft, legte ihn auf die Bank, nahm ihn wieder auf, zerbrach ihn an der Bank, legte ihn wieder hin, biß wieder einen Happen ab und ruderte weiter, auf dem Gesicht Vertrauen und Entschlossenheit, auf den Lippen dann und wann ein zitterndes Lächeln, wenn er bei sich dachte: »hab keine Angst, ich komme mit den Männern« – und Marja läuft ihm entgegen, fliegt ihm an den Hals, fliegt ihm endlich auch einmal an den Hals und sagt: »du kommst ja, Juha, – hast mich ja nicht im Stich gelassen«. Vornüber dehnte sich ein inselloser See, und an dessen anderem Ende lag der alte Stammhof. Dort auf einer Landzunge sah man schon die Windmühle. Juha steuerte mit der Spitze seines Bootes darauf zu, und achteraus lag die Anhöhe bei seinem Gehöft, die immer noch matt dahinten blaute. Es war Jahre her, seit er dort gewesen. Schlecht hatten sie dort Marja von klein auf behandelt, die Waise hatte keinen anderen Freund gehabt als mich. Und so boshaft waren sie gewesen, daß sie uns keine Hochzeit zurichteten, zu zweien mußten wir zur Trauung gehen, auf der Rückfahrt ruderten wir vorbei zum Rajavaara-Berg, vorbei damals und vorbei auch später. Marja hatte danach das Gehöft mit keinem Fuße mehr betreten. Soll ich lieber geradeaus zum Kirchdorf rudern? Aber es ist ja recht und billig, daß ich auch aus dem Elternhof etwas bekomme. Ich habe mein Erbteil nicht von ihnen verlangt, habe sie nicht zur Bauarbeit bemüht. Habe nichts anderes erhalten als die Quälereien der Mutter in jedem Sommer. So viel darf ich doch wohl fordern, daß mir die Brüder in dieser Not beistehen. Zum erstenmal bitte ich um etwas. Und ich will sie auch jetzt nicht bitten, wenn sie mir nicht von selbst etwas anbieten. Je näher Juha seinem alten Elternheim kam, desto schwerer wog das Ruder. Ich will mich doch ein wenig ausruhen, dann werde ich ja sehen, wie sie sich dazu stellen. Groß und alt war das Anwesen, von dessen Strand Juha zum Hof hinanstieg. Groß die Netzhütten, lang die Häuserreihe, zahlreich die Speicher, breit, glatt, fett die Aecker. Hier haben sie es ja gut, schön wäre es hier auch für mich mit Marja gewesen, und Platz hätten wir gehabt und Land zum Roden näherbei, und ich hätte die junge Frau nicht fern von der übrigen Welt in die einsame Oede zu führen brauchen – und dann wäre auch dies nicht geschehen. Erschöpft und niedergedrückt betrat Juha das Wohnhaus. Sie saßen beim Abendessen an dem langen Tisch, eine große Menge Männer und Frauen, da waren Leute des Gehöftes, waren Fremde. Sie aßen, schmatzten, zogen Gräten aus der Fischsuppe durch den Mund und legten sie in großen Haufen vor sich. Als sie hörten, was geschehen war, hielten sie einen Augenblick mit dem Essen inne, schwiegen, fuhren aber wieder fort. Wie: – Was war das? – Nichts! – Aßen weiter, standen dann nach und nach auf, jenachdem wie sie sich gesättigt fühlten, steckten ihre Löffel in den Wandspalt und kamen, um Juha die Hand zu geben. »Das sind so Geschichten mit den karelischen Männern,« sagte der älteste Bruder aufstoßend. »Die haben sie ja früher auch gemacht,« sagte ein anderer. »Die haben sie ja früher auch gemacht, die Schurken,« sprach ein dritter. Und da wurde davon geschwatzt, was früher geschehen war, in Kriegszeiten und auch während des Friedens. Sie haben sich die einen geholt um sie zu ihren Frauen, die anderen, um sie zu ihren Leibeignen zu machen; dort sind sie verschwunden, und nicht viele sind zurückgekommen, ob sie nun alle gewollt haben. Aber es hat ja auch welche gegeben, die gern dageblieben sind. Das war ein Verschlagener ... wirft sie einfach in sein Boot und stößt das Boot in die Strudel, da weiß man ja, daß keiner herausspringt. Aus dem Schlitten kann man springen und sich da herumwälzen, aber springe mal einer in der schäumenden Stromschnelle aus einem Boot! Was ist sie dem aber auch an den Strand nachgegangen? »Sie ist vor der Mutter davongelaufen, weil die sie gleich bei ihrer Ankunft schimpfte.« »Was brauchte sie das so übel zu nehmen,« sagte eine krummhalsige Schwägerin von der Ofenbank her. »Marja kann das Geschimpf nicht vertragen.« »Muß sie denn so hochmütig sein, wenn ein älterer Mensch sie ein wenig zurechtweist.« »Nun ist sie wohl der ihr Geschimpf los,« sagte Juha. So ging das Schwatzen und Reden weiter, und das Ereignis wurde von allen Seiten beschaut, aber es geschah nicht und schien auch nicht geschehen zu wollen, was Juha doch erwartet hatte: daß sich die Brüder nach dem Essen schnell erhoben, ihre Gürtel umschnallten, ihre Büchsen und Aexte ergriffen und sofort in die Nacht hinausgingen, und daß auch in die anderen Gehöfte Boten gejagt wurden. »Du bist nicht hinterher gegangen?« »Was hätte ich allein mit ihnen gemacht, wenn ich sie auch eingeholt hätte?« »Ja, freilich, einer allein kann ja da nichts.« Nun sah Juha aus allem, daß ihm aus diesem Gehöft kein Beistand kam. Die waren nicht die Männer dazu, schickten sich an zur Ruhe zu gehen. Da war für ihn nichts mehr zu tun, er stand auf und verließ das Haus. »Wohin gehst du denn?« fragte ihn der älteste Bruder. »Ins Kirchdorf.« Der Bruder kam hinter ihm her, holte ihn auf dem Weg zum Strande ein. »Gehst du wegen dieser Sache ins Kirchdorf?« »Es bleibt mir ja nichts anderes, wie die Dinge stehen.« »Nein, gewiß nicht. Hast wohl gedacht, von uns wäre jemand mitgegangen.« »Habe ich darum gebeten?« »Nein doch.« »Was sprichst du dann davon?« »Es wäre ja zu helfen gewesen – deshalb bist du ja wohl doch gekommen. Aber du wirst selbst verstehen, daß es nichts nützt, wenn nur die Männer eines Gehöftes mitgehen.« »Wenn es nichts nützt, dann nützt es nichts.« »Es sind auch eilige Sommerarbeiten, muß geschwendet werden und sonst.« Juha hatte nicht die Absicht gehabt noch mehr zu sagen, konnte es aber nicht zurückhalten: »Man hat sich nicht um eilige Sommerarbeiten gekümmert, wenn einmal der Bär unter dem Vieh gewütet hat.« »Es ist nun doch ein Unterschied zwischen einer Bärenhatz und einer Jagd auf die Schemeikkas in Karelien.« »Und um eine Kuh ist es mehr schade als um einen Menschen? Mancher ist schon um Geringeres nach Karelien gegangen. Aber ich wußte ja schon, als ich kam, daß Marja hier kein Schaf wert ist, geschweige denn eine Kuh. Nur angenehm ist es euch, daß sie einem Wolf in den Rachen gefallen ist.« Juha stieß sein Boot vom Lande, setzte sich an die Ruder und fuhr davon. Er ruderte so, daß vorn die Wellen schäumten und der Strudel des Ruders gelb aufleuchtete wie das Auge eines wütenden Ochsen. Tief drückte er ein, und lang zog er aus. Er wird Marja doch retten. Der Propst wird helfen. Der Propst, der alte Mann, hat selbst eine junge Frau. Er kündigt es in der Kirche ab, läßt vielleicht sogar den Botenstab umgehen, bringt aus jedem Gehöft einen Mann auf die Beine, um die Gefangene zu befreien. Der ist ein Mann, der ist doch ein anderer Mann als all die anderen. Ist doch ein tüchtiger Mann in der Welt! Wenn der hilft, dann bedarf es des Beistands der anderen nicht mehr. Wenn der Alte mit dem Fuß auf den Boden stampft, dann eilen die Männer herbei wie zu einer Feuersbrunst. Es ging auf den Morgen zu, als Juha in einer Enge zwischen zwei großen Seeflächen dahinruderte; er zog die Ruder aus dem Wasser, ruhte aus und ließ das Boot von der Strömung treiben. Der Propst hat selbst eine junge Frau, nahm sie in demselben Jahre, wo ich die Marja heiratete. »Kehr dich nicht daran, was die Leute sagen. Nimm nur die, die dir gefällt. Sieh nicht auf ihre Armut. Jugend ist besser als Reichtum.« Und als er uns getraut hatte, kam er und gab uns die Hand. »Möget ihr glücklich werden,« sagte er zu Marja, und »Möget ihr glücklich werden,« sagte er zu mir und lächelte. Die anderen warnten vor einer Jungen: »nimm kein Kind,« der Propst wünschte uns Glück, und der mußte es besser wissen, da er selbst eine Junge genommen hatte... Dort auf der Landzunge waren wir die Nacht, die erste Nacht nach der Trauung ... wie neben ihrer Mutter schlief das Mädchen, die Hand an meinem Hals, auf den Nadelzweigen beim Holzfeuer. Wo mag sie jetzt sein? Hockt vielleicht irgendwo, an einen Baum gebunden, weint nicht, denkt aber: »komm und hilf, Juha, komm und hilf, Juha, solange es noch Zeit ist.« Ich komme, ich komme! Der alte Propst wird uns helfen. Die Nacht hindurch ruderte Juha. Die Morgensonne stach ihm in die Augen, auf dem Spiegel des Wassers blinkend, als er schließlich am Ufer des Pfarrhofs anlangte. Im Hause schliefen sie noch. Er setzte sich auf die Treppe eines Speichers. Von dem Rudern während eines Tages und zweier Nächte ermattet, verfiel Juha für eine Weile in Halbschlaf. Als er sich daraus aufgerüttelt hatte, begann er auf und ab zu gehen, um nicht wieder einzuschlafen. Er kam zur Kirche, die da in der Nähe lag. Sie sah hart und unfreundlich aus, Türen und Luken geschlossen, in den Fenstern etwas Kaltes und Gleichgültiges, wie im Blick eines Wildfremden. Es mochte auch hier keine Hilfe zu finden sein. Der Propst wird gewiß die Männer hier vor der Treppe der Sakristei um sich versammeln. »Dem Juha hier hat ein Wolf sein Einziges genommen, solltet ihr euch nicht mitsammen aufmachen und dem Diebe nachjagen?« Sie sagen kein Wort, schauen nur mit stumpfen Blicken drein. Was kümmre ich sie, wo nicht einmal die eigenen Brüder ..? Was liegt ihnen an Marja und mir? Wieviele kennen uns? Was bin ich überhaupt hierher gekommen? Hätte doch allein gehen sollen. Im Pfarrhaus klirrte ein Fenster, und in der Sonne blitzte eine Scheibe. Der Propst war aufgestanden, öffnete seine Tür und rief Juha herein. Und als der alte Mann seine Erzählung vernommen hatte, da geriet er in Eifer, seine Augen schwollen, und er wurde über seinen ganzen kahlen Scheitel rot, während er mit kleinen Schritten auf und ab ging: »Welche Gemeinheit! Der eine bewahrt ihn davor, daß er von Banditen ausgeraubt wird, gibt ihm Speise und Trank und macht ihm in seinem eigenen Speicher ein Lager und behandelt ihn als seinen besten Gast ... und der spielt den Freund ... und nimmt das Beste, was der andere hat, sein Einziges, seine junge Frau, sein Allerliebstes ...« Juha wurden die Augen von Tränen schwer, und in seinem Gesicht riß es, aber zugleich hätte er vor Freude lachen können, als er den Propst so sprechen hörte. »Sie war mir, sie war mir lieb. Eher hätte er mein Haus leeren und in Asche legen können ...« »Hätte er nicht in seiner Heimat so viele gehabt, wie er sich wünschen konnte? Da kommt er und raubt und schleppt mit Gewalt eines anderen Weib fort! Eines anderen Weib! Fangen die hinter der Grenze schon wieder an umzugehen wie früher in den Kriegsjahren? Nun kann ja niemand mehr sicher sein, daß sie ihn mit sich nehmen – beim Beerensuchen oder auf der Weide ... muß doch auch unseren Weibsleuten ein für allemal verbieten mit den Kindern in die Beeren oder auf den See zu gehen. Der Propst schritt, in dieser Weise anklagend, auf und ab und wurde immer aufgeregter. Gleich sagt er es, gleich verspricht er seinen Beistand, da er schon für seine eigene Frau fürchtet. Gleich sagt er es, da brauche ich gar nicht zu bitten. Aber der Propst fuhr nur fort: »Ja, das ist nun eine traurige Geschichte, armer Juha.« Der Propst dachte nach, sah Juha an ... Jetzt sagt er es! Aber der Propst sagte: »Wenn er sie aber freigelassen hat, nachdem er –« »Nachdem er was?« bebte Juha zusammen. Der Propst wich aus, sagte etwas anderes, als er beabsichtigt hatte: »Nachdem – ja, nachdem sich Marja gesteift hat.« »Da müßten sich auch andere steifen, nicht bloß Marja.« Immer verstand ihn der Propst noch nicht, er sagte nur: »Was meinst du, Juha?« Da kam es fast überstürzt aus Juhas Munde: »Ob die Männer des Kirchspiels zulassen wollen, daß sie hier so was verüben?« »Du meinst –?« »Das muß einen Krieg geben!« Juha sah sofort aus den Mienen des Propstes, daß nichts mehr zu machen war. »Einen Krieg kann das nun doch wohl nicht geben.« »Nein, gewiß nicht, gewiß nicht ...« »Nein, lieber Mann, doch keinen Krieg – bist du deswegen gekommen?« »Zuerst war mir der blödsinnige Gedanke durch den Kopf geschossen, daß der Herr Propst den Botenstab herumschicken möchte, damit die Männer herbeikämen – wi–wie zu einer Wo–Wolfsjagd.« Juha versuchte zu lachen, aber das Kinn zuckte ihm, und in den Augenwinkeln riß es. »Nein, lieber Mann, das kann ich ja nicht, das geht durchaus nicht, zumal, da vom König der Befehl gekommen ist, daß Grenzstreitigkeiten vermieden werden sollen, weil Friede zwischen den Reichen herrscht.« »Ja gewiß ...« »Darum ist es nicht möglich ... gar nicht möglich von meiner Seite.« »Nein, gewiß nicht ... also nicht?« Also war auch hier keine Hilfe. Dann kam sie auch anderswoher nicht. Juha fühlte, wie ihn eine unsägliche, schmerzende Trauer erfüllte, als hätte er ohnmächtig umsinken müssen. Es mochte so kommen, daß er Marja in seinem Leben nicht wiedersah. Sollte es so kommen? Deswegen, weil zwischen den Reichen Frieden gehalten werden sollte? Wann ist früher nach so etwas gefragt worden? Und fragte wohl der karelische Räuber danach? »Ich dachte, dies wäre eine gemeinschaftliche Sache, eine, die das ganze Kirchspiel anginge.« »Das schon, das schon, aber –« Juha saß noch da, obgleich er wohl schon hätte gehen sollen. Es wurde nichts mehr gesprochen. Der Propst schaukelte sich in seinem Stuhl und blickte hinaus. »Dann muß ich wohl allein hingehen,« sagte Juha. »Aber wenn dir unterwegs etwas zustößt?« »Wenn auch, aber versucht werden muß es.« »Es lohnt sich nun doch nicht, das Leben dabei aufs Spiel zu setzen.« »Wenn ich Marja nicht zurückbekomme ... dann mag es hingehen.« »Ist sie dir so lieb?« »Gar so lieb, Herr Propst.« Die Augen brannten ihm; der tiefe blaue, weiche Grund des Auges brannte glühend unter den buschigen Brauen. »Der Herr Propst wüßte es ... wenn es ihm selbst einmal so ergangen wäre.« Der Propst war gerührt. »Ja gewiß, ich ... gewiß, ja ... und ich hätte ja geholfen, Juha, kannst es glauben, daß ich geholfen hätte, wenn ich es könnte. Aber du wirst verstehen, daß man sich dem Befehl der Obrigkeit nicht widersetzen darf.« »Nein, gewiß nicht ...« Es trieb Juha fort, vor seiner eigenen Rührung fort, um das Zittern seines Kinns zu verbergen. – Nein, gewiß nicht, gewiß nicht! Er glaubte, was der Propst gesagt hatte. Es war ja doch nichts zu machen, wo es der Befehl des Königs war. Der war wohl da, der war wohl da. Was hätte er es sonst gesagt, wenn er nicht dagewesen wäre. Juha saß wieder in seinem Boot, mit der Spitze nach seinem Gehöft zu, mit der Kirche und der Pfarre achteraus. ... Das trifft sich doch seltsam, daß das Verbot der Obrigkeit gerade kommen mußte, wo sie mir Marja weggeholt haben. So etwas hat es früher nicht gegeben. Der Pfarrhof war nicht mehr zu sehen, das Kirchdorf war hinter dem Wald verschwunden. Ein starker Gegenwind wehte von der großen Seefläche in den Eingang des Sundes. Die Dullen knarrten, die Spitze des Bootes platschte von einer Welle auf die andere. Vergebliche Mühe, vergebliche Fahrt, verlorene Zeit. Das ist es nicht, es gibt keine solchen Befehle und Verbote. Es ist ihnen gleichgültig, wenn sie es auch nicht sagen mögen. Was liegt ihnen an Marja? Höhnen in ihrem Sinn, daß es so gekommen ist. »Das ist das Ende vom Lied!« Wäre es die Frau des Propstes oder auch nur irgendeine reiche Bäuerin, dann wäre schon die Hälfte des Kirchspiels hinter dem Wolfe her. Was liegt irgend jemand an Marja – der Fremden, Dunkeln. Gehörte sie einem anderen und nicht dem Kajakorpi-Juha, dem krummbeinigen, mürrischen, der nicht zu schwänzeln und zu scharwenzeln versteht ... Aber ich brauche ihre Hilfe nicht, ich hole sie mit eigenen Händen zurück, ich schlage den Schemeikka tot, ich drehe ihm den Hals um wie einem Schaf, daß er die Zunge aus dem Maule speit, ich zerbreche ihm die Beine, mit einem Knacks ...! Und die Spitze des Bootes sagte dazu, in die Wellen stoßend: tu das, tu das! – Einer von uns, er oder ich! Und einerlei, wenn auch beide – wenn ich Marja nicht lebendig finde ... wenn er ihr etwas angetan hat ... Und während Juha ruderte, wurde es ihm allmählich klar, was er zu tun hatte. Man ist früher in den Kriegsjahren auch den Spuren der gefangen Weggeschleppten gefolgt, nach Zeichen, die sie am Wege hinterließen. Auch Marja konnte solche hinterlassen haben, auch andere Zeichen, da sie schon ihr Tuch am Ufer gelassen hatte. Am Ziele angelangt, spürte man früher wochenlang nach – das kann ich ja auch tun. Gehöfte wurden in Brand gesteckt, ich kann sie auch anstecken. Da wird Marja schon erraten, wer sie angezündet hat ... Als Juha heim kam, sah er, daß sich seine Mutter da schon als Wirtin eingerichtet hatte, daß sie Marjas Arbeiten besorgte wie ihre eigenen. Sie bemühte sich auch nicht, ihre Zufriedenheit zu verbergen. Die Magd trippelte in ihrer Angst hin und her, die Augen voll Tränen. Nachdem Juha ein wenig gegessen hatte, holte er seine Büchse und sein übriges Jagdzeug aus dem Speicher in die Stube und begann es zurecht zu machen. Danach suchte er seine Dachsfelltasche hervor und reichte sie seiner Mutter: »Füll sie – so viel, wie hineingeht – Renntierzunge und gedörrtes Hafermehl.« »Gehst du auf die Jagd?« »Nein.« »Ich dachte, weil du dich so rüstest.« Als die Mutter die gefüllte Tasche gebracht hatte, sagte Juha: »Ich gehe jetzt und kann vielleicht ausbleiben. Seht hier solange nach dem Rechten. Besorgt mit Kaisa, was zu tun ist, und wenn ihr Hilfe brauchen solltet, dann nehmt sie. Dort ist der Schlüssel zum Kornspeicher, im Kasten ist Roggen, womit ihr den Lohn bezahlen könnt.« »Du willst doch nicht hinter der hergehen?« »Hinter der? – Hinter der gehe ich her.« »Allein?« »Ich habe sie auch einmal allein hierher gebracht.« »Hast wohl keinen gefunden, der mitgeht?« Juha hatte die Tasche über die Achsel gehängt und seine Büchse ergriffen, und er war schon an der Tür, als ihm die Mutter nachrief: »Du wirst sie dort nicht mehr finden ... kommst nur um deinen Kopf.« »Ist ja mein eigen, worum ich komme. Aber dann geht auch dem anderen sein Kopf hin.« Die Mutter sah und hörte, daß Juha es beschlossen hatte und nicht zurückzuhalten war. Der kommt nicht wieder – wegen der , dem Mensch, dem Russenweib ... jetzt geht er, jetzt läuft er dem Tod in die Arme, jetzt geht er ... »Geh nur!« rief sie, Juha auf den Flur nachfolgend, durch dessen Tür Kaisa in demselben Augenblick hereinschlüpfte. – »Kaisa, hast du's gehört? Er geht Marja suchen.« – »Geh nur, aber du kriegst sie nicht mit fort, wenn du sie auch findest!« »Was?« Juha war auf der Flurtreppe stehen geblieben. »Was sagst du?« drängte Juha, näher kommend. »Nicht, Frau ...,« sagte Kaisa, sich das Gesicht bedeckend. »Die geile Petze läßt sich nicht von der Straße locken!« »O, o ihr!« wimmerte Kaisa. »Sie ist gern gegangen!« rief die Alte, immer mehr in Wut geratend. »Hat sich ihm an den Hals geworfen!« »Das ist eine Lüge!« »Kaisa hat's gesehen, frag sie!« und mit einem gellenden Lachen zog sich die Alte in die Stube zurück. Die Magd hatte sich auf die Diele gekauert. »Was hast du gesehen?« schrie Juha, sie an den Schultern rüttelnd. »Ich habe nichts gesehen.« Zugleich aber flossen ihr die Tränen aus den Augen. »Sag, was du gesehen hast.« Die Magd weinte nur. Juha stürzte in die Stube. »Was hat sie gesehen?« »Sie hat gesehen, wie das Boot stromabwärts sauste und in die Bucht abbog, als Marja am Ufer entlang nachlief und, wie um es anzuhalten, das Tuch schwenkte. Da legte er an und breitete die Arme aus, und Marja warf sich hinein. Er schleuderte sie ins Boot und sprang selber nach, und dann ging es los, und deine Marja hat gar nicht gerufen. Wer mit Gewalt entführt wird, der ruft.« »Das lügst du,« keuchte Juha. »Frag sie selbst! Komm, Kaisa, und sag, ob ich lüge.« Das Mädchen kam nicht und antwortete nicht, man hörte nur ihr Weinen und Jammern in der Ecke des Flures. Sie hat nicht gelogen, wer weint, der lügt nicht. Die Mutter stand beim Herd, halb abgewandt, mit höhnischem Gesicht über die Achsel blickend, Juha mit herunterhängenden Armen, ein wenig vornüber gebeugt. »Sie ist gern gegangen, und meinetwegen konnte sie auch gehen!« Aber da schoß Juha das Blut zu Kopfe. Es lag die Futterstampfe auf dem Fußboden. Er packte sie am Griff wie eine Holzkanne, schwang sie um den Kopf und schlug sie vor seiner Mutter nieder, daß ein Dielenbalken zerbrach. »Das lügst du!« Und stürzte aufbrüllend hinaus. Die Mutter hatte sich, indem sie sich segnete, auf die Bank geduckt. Die Magd war in die Stube geflohen, als Juha an ihr vorbei durch den Flur rannte. »Ist dem wohl jetzt nicht die Lust vergangen? Da sind auch die Waffen geblieben!« »Ach, was habt ihr getan,« wimmerte die Magd. »Es wäre besser für ihn, ihr hättet ihm das Messer ins Herz gestoßen.« »Dem ist die Lust vergangen.«   V. Als Marja – mit einem Herzen voll Grimm und Ueberdruß und voll Ekel vor dem Leben – halb laufend an das Ufer der Stromschnelle kam, ohne daran zu denken, wohin sie lief, wenn sie nur wegkam, sah sie ein Boot in der Strömung herabgleiten, und hinten in dem Boote erkannte sie Schemeikka, der wie mit zornigen Gebärden noch mit der Bootsstange auf dem Boden nachschob. Kaum aber hatte Schemeikka Marja bemerkt, da schwang er die Stange in einem Bogen über sich durch die Luft, wie wenn er ihr zugewinkt hätte: komm dorthin! Und aus Marjas Herzen rang sich ein wortloser Ruf los, und ihre Hand hob sich, wie wenn sie hätte sagen wollen: du hast mich ja doch nicht mitgenommen! nimm mich, führ mich, wohin du willst! laß mich nicht hier! Marja lief am Ufer entlang, nicht mehr, um mitzukommen, sondern nur, um einen letzten Schimmer von ihm zu sehen, bevor er auf die große Stromschnelle geriet. Sie eilte nach der Landzunge, um die das Gewässer einen Bogen beschrieb und von der man bis hinunter sehen konnte. Schemeikkas Boot war verschwunden. Marja hastete immer schneller vorwärts, ihr Tuch wurde ihr von einem Erlenzweig abgerissen und blieb daran hängen. Es war keine Zeit es abzustreifen. »Weshalb habe ich ihn gehen lassen? Weshalb bin ich nicht mitgekommen, als er bat?« Als sie aber durch das Erlengestrüpp stürzte und quer über die Landzunge an das Ufer der Stromschnelle zurück, sah sie Schemeikka aus seinem Boot ans Land springen, die Spitze zwischen die Steine ziehen, die Stange in das Boot schleudern und ihr mit geöffneten Armen entgegenlaufen. Marja hielt an, taumelte im Lauf zurück, sie wurde um den Leib gefaßt, sie sank zu Boden, sie wurde aufgehoben, getragen, in das Boot geworfen, das zuerst gegen die Steine prallte und dann schwankte und sich neigte und nach einem Augenblick in den Strudeln schaukelte. Marja rührt sich nicht aus der Spitze des Bootes, wohin sie geworfen worden war. Sie sieht da nichts als den Himmel und mitunter einen Schimmer von einem Baum, unter dem sie hingleitet. Einmal hebt sich die Spitze, ein andermal senkt sie sich. Schemeikka steht hinten im Boote, bald oben, bald unten, in seinem Rücken die Strudel und in seinem Rücken der Himmel, auf und ab gewiegt, jetzt ruhig dahingleitend, jetzt plötzliche, kräftige, stoßende Bewegungen machend. Marja versucht sich zu erheben, lüftet den Kopf, sinkt aber zurück. Sie ist mitten in den Wirbeln der Brandung, das Boot saust so schnell dahin, daß sie nichts als ein undeutliches, fliehendes Ufer erkennt, und Wasser spritzt ihr ins Gesicht. Immer geschwinder gleitet das Boot. »Herr, mein Gott!« Das Tosen nimmt zu, die Wände des Bootes krachen, es ist, als wolle es unter ihr auseinanderbersten. Es ist mitten in den Strudeln. Schemeikka ist weit weg, er scheint nicht im Boot, sondern in der Brandung zu stehen. Zugleich ist er wieder oben, groß, wie ein Riese, mit flatterndem Haar, der Bart auf beiden Seiten um den Hals gebauscht. Niemand in der Welt steht wie Schemeikka, da die rasenden Fluten unter seinen Füßen auf beiden Seiten des Bootes brennen. Nichts ist vom Land, nichts von den Bäumen zu sehen, die Wellen gleiten um die Wette mit Schemeikka, hinter ihm her jagend, holen ihn aber nicht ein. Plötzlich fällt von dort Schemeikkas Auge auf sie, es lächelt flüchtig, ist jedoch sogleich wieder anderswo; seine Stirn ist gerunzelt, seine Lippen sind straff gespannt. Marja versucht den Kopf ein wenig über den Rand zu heben, ein großer Felsblock gleitet vorüber und schrammt hinten am Boot. Ein anderer liegt auf der anderen Seite und prallt vorn an. Aber zwischen ihnen hindurch lenkt Schemeikka. Marja sinkt zurück. »Herr, mein Gott!« Sie hat sich die Schürze über das Gesicht gezogen. Aber da scheint es langsamer vorwärtszugehen. »Ah! Fürchte dich nicht, hab keine Angst!« hört sie Schemeikka sagen. Sie sind im Stillwasser, Schemeikka steht und wrickt, und sein Rumpf biegt sich. Er ist groß und stattlich. Sie vermag ihm nicht in die brennenden Augen und in das glühende Gesicht zu blicken. Ach, wenn er doch anlegte! Aber er lenkt schon auf neue Strudel zu. »Laß mich hinaus! Wollen ans Land gehen!« »Willst du?« fragt Schemeikka, und das Boot ist nahe am Ufer. – »Spring!« Doch Marja sinkt auf die Bank zurück. Sie wagt nicht und kommt nicht dazu ... und will auch nicht. Und sogleich ist das Stillwasser zu Ende, die Strömung saugt, das Boot ist in einer neuen Schnelle. – »Ei, zum Teufel!« ruft Schemeikka. Er macht heftige Bewegungen, das Boot schlingt sich zur Hälfte mit Wasser voll, das Wasser braust draußen und drinnen, der Boden rennt auf einen Stein, die Wände krachen, das Boot sitzt fest. »Rudre!« ruft Schemeikka. Aber ehe Marja an die Ruder kommt, macht sich das Boot los. »Nicht nötig!« Marja hat sich aufgesetzt. Sie sind einen fast senkrechten Fall hinunter gekommen und befinden sich wieder in Stillwasser. »Laß mich hinaus,« fleht Marja. »Wir ertrinken.« »Leg dich lang hin, es ist noch ein Buckel – dann kommst du heraus.« Er lächelt ihr geheimnisvoll, schelmisch zu. Marja gehorcht. Mag kommen, was will! Er läßt mich nicht mehr weg. Und mag er mich nicht lassen ... mag er mich bringen, wohin es ihm gefällt! Jetzt scheint die Schnelle ruhiger zu sein, es braust nicht so, es schlägt kein Wasser herein, aber das Boot scheint noch rascher dahinzugleiten als eben, wie ein losgegangener Schneeschuh über den Abhang des Hügels auf dem glatten Schnee, wird aufgeregter, springt ein paarmal steil auf – dann beruhigt es sich wie auf ebenem Boden – Marja fühlt einen Schwindel, unter dem Herzen hebt es sich, ihr wird übel – da macht die Spitze eine jähe Biegung, Schemeikka springt ins Wasser, zieht das Boot an den mittleren Dullen auf, und die Spitze rennt in den Kies. Marja will aufstehen, aber ehe sie dazu kommt, hebt Schemeikka sie auf und trägt sie ans Land. »Nicht, Schemeikka, nicht, laß mich,« bittet Marja, drückt sich aber zugleich an seinen Hals und löst ihre Arme erst, als Schemeikka sie auf den Boden, auf einen Mooshöcker gelegt hat. Aber Schemeikka läßt seine Hände, neben Marja kniend, nicht los. »Wo sind wir?« fragt Marja, die Augen schließend. »Auf einer Insel,« sagt Schemeikka zögernd ... »Auf einer Insel zwischen den Strudeln,« wiederholt er. »Und jetzt bist du mein.« »Ich bin nicht dein ... ich bin eines anderen.« »Du bist mein.« »Weshalb wäre ich dein?« »Weil du es sein willst.« »Dein?« »Mein.« »Ich bin eines anderen ... laß mich gehen ...« »Du warst eines anderen,« flüstert Schemeikka, Augen und Stimme voll Jubel, – »warst eines anderen, solange du in Schweden warst, jetzt bist du in Karelien.« »In Karelien? – Warum hast du mich hierher geschleppt?« »Bist ja gern gekommen!« »Bin ich?« Und Marja wußte nicht, ob sie gern gekommen war oder ob er sie entführt hatte. Sie hörte nicht mehr, wie die Stromschnelle brauste. Dann brauste sie wieder, aber ganz in der Ferne. »Trag mich in die Schnelle,« sagt Marja. »Ruh da,« sagt Schemeikka. »Ruh du auch,« bittet Marja. – »Geh nicht.« Doch Schemeikka macht sich aus ihren Armen los, und sein Auge lächelte. »Weshalb lacht mich dein Auge an?« fragte Marja. »Es lacht nicht, es freut sich.« »Weshalb? Sag, weshalb?« »Es ist, als ob du früher nie einen umarmt hättest.« »Das habe ich auch nicht ... ich habe früher nie gewußt ...« »Was hast du nicht gewußt?« »Daß es so etwas gibt.« »Ich auch nicht.« Aber er log. Marja war nicht die erste. Schon dünkte ihm Marjas Arm unter seinem Kopfe hart. Er wäre gern allein gewesen. »Du bist müde,« sagte Marja zärtlich. »Nein, nein.« »Du hattest harte, schwere Arbeit in den Strudeln ... ich habe nur bequem im Boote gelegen. Ich will dir ein Lager vorn im Boot machen.« »Willst du das? – Mach dir zugleich auch eins.« »Nein, nur dir ... damit du recht friedlich ruhen kannst, Liebster.« »Mach es denn.« Schemeikka schläft im Vorderteil des Bootes. Marja hat es wie ein Hochzeitsbett geschmückt, hat Laub zwischen die Wand und das Wasserbord gesteckt. Sie selbst sitzt am Ufer auf einem Stein und denkt: läge Schemeikkas Boot im Wasser, dann schaukelte ich ihn wie ein Kind. Sie hat ein Feuer zwischen zwei Steinen angezündet. Ueber dem Feuer hat sie ein Kästchen aus Birkenrinde, und ab und zu schürt sie das Feuer und rührt den Inhalt des Kästchens mit einem Hölzchen um. Es ist ihr wohl, warm und schön; sie schließt mitunter die Augen, um es besser zu fühlen. Es kommt ihr vor, als bebe sie vor Wärme, außen und innen, zum erstenmal in ihrem Leben. Wo mag ich sein? Wie bin ich hierher gekommen? Wer mag der sein, der mich hierher gebracht hat? – Aber wo ich auch sein mag, wie es auch ist, wer der dort auch sei – wenn nur nichts mehr von dem ist, was früher war! Und das ist es nicht. Das ist wie losgetrennt, durchgebrochen, ich bin frei ... nichts hält mich mehr. Es ist, als könnte nie in der Welt etwas anderes gewesen sein als das rindene Kästchen dort, worin die Fische kochen, die sie für Schemeikka gefangen hat, und diese Insel hier in der Schnelle. Was dort irgendwo ist, das geht sie nichts an. Sie werden wohl dort auf mich wettern und schmähen. Laß sie schmähen! Ich bin ihnen nichts schuldig, ich habe ihnen meinen Unterhalt vielfältig bezahlt. Darf ich denn auch einmal auf der Welt neben meinem Liebsten wachen? Warten, daß er erwache? Wenn er sich recht ausschliefe. Wie schön war er auf der Schnelle, groß wie ein Geist an einem nebligen Abend! Er kam und holte mich, wie durch die Luft brachte er mich hierher. Wohin er mich wohl von hier führen will? Wird er mich noch weiter mitnehmen oder wird er mich hierlassen? Mag er tun, was er will! Wenn er mich auch hierläßt, wenn er auch wie ein Geist in der Luft zerrinnt! Ich klage nicht, und müßte ich jetzt gleich in die Schelle springen. Schemeikka bewegte sich in seinem Boot, erwachte nicht, wandte sich nur auf die andere Seite. Aber vielleicht brauche ich gar nicht mehr in die Schnelle? Vielleicht ist es noch gar nicht zu Ende? Fängt vielleicht erst jetzt richtig an. Auf ihn habe ich immer gewartet, der kommen, der mich nehmen sollte – und er kam ja, nahm mich ja. Wo ich auch bin, hier koche ich ihm jetzt – und wache neben ihm? Hier, in dem ganz Neuen und doch dem Alten so nahe, daß, wenn ich Feuer an jene Fichte legte, sie es dort sähen. Soll ich sie anzünden, damit er käme und die Ausreißerin holte, seine ›Liebste‹ zurückforderte? Möchte er kommen! möchte er es versuchen! »Sie ist nicht mehr die deine!« würde ihm Schemeikka zurufen. Sie würden miteinander kämpfen. Das wäre doch seltsam anzusehen. Marja fühlte eine unbändige Freude in der Brust, als sie es sich vorstellte. Schemeikka möchte dem armen Wicht nicht das Leben nehmen, er packte ihn nur am Arm und schwenkte den Schlotterbeinigen so, daß er in die Schnelle sauste. Er ginge unter, bald mit dem Rücken, bald mit dem Leibe – zappelte jetzt mit den Armen, jetzt mit den Beinen, an einem Fuß einen Schuh, der andere nackt – holterdipolter die Schnelle hinunter. – Aber laß ihn, was habe ich noch mit ihm zu schaffen ... Marja hob das Kästchen mit der fertigen Fischsuppe vom Feuer, deckte es mit einem Zeugstück zu und schlich an das Boot, wo Schemeikka schlief. Sein Gesicht, über das sie zum Schutz gegen die Mücken ein Leinentuch gebreitet hatte, sah sie nicht, aber sie sah die Brust, die breite, hohe und gewölbte, die sich leise hob und senkte; sah die schlanken Glieder – und hätte sie mit der Hand streicheln mögen, wenn sie nicht gefürchtet hätte, sie werde seinen Schlaf stören. Sie streichelte sie in Gedanken, von fern, mit eingebildeten Bewegungen. Ob ich nicht noch etwas Gutes für ihn finde, einen Leckerbissen zu der Suppe, wenn er aufwacht? Sie entfernte sich tiefer ins Innere der Insel. Diese lag mitten in einer Stromschnelle, zwischen zwei gleich stark brausenden Armen. An den Ufern hin standen Birken und Erlen; in der Mitte war sie etwas höher, da lag ein Felsen, auf dem Felsen eine Moorsenkung, die mit gelben Multbeeren besät war. Zwischen den Blöcken war weiter unten Himbeergestrüpp. Während Marja auf der Insel herumstreifte, fand sie auch noch ganz in der Nähe der Feuerstelle einen wilden Johannisbeerbusch ... »Ob wohl hier je vor uns jemand gewesen ist? Hier hat er mich hergebracht. Wahrscheinlich ist er auch früher hier gewesen, da er wußte, daß man hier anlegen kann. Er hat mich an ein bekanntes Plätzchen gebracht! Aber daß er mich mitgenommen hat! Daß er mich mochte! Wer bin ich denn? Ein elternloses, namenloses Bettelmensch, das nur für den Alten, Halbverkrüppelten gut war. Bin ich auch etwas? Er sah mich zum erstenmal, gleich nahm er mich. Sprach so, lockte so, wurde zornig, als er glaubte, daß mir nichts an ihm liege. Gehöre ich nun nicht wie einem Königssohn, einem Weitberühmten, dem Prächtigsten in Karelien! In ein mächtiges Gehöft wird er mich führen, mir eine gute Schwiegermutter geben.« Während sie in den Beerenbüschen auf der Insel der Stromschnelle, zwischen den Felsen umherstreifte, wo das Tosen bisweilen gar nicht zu hören war, dann wieder wie hinter großen Wäldern tönte, pflückte sie nach und nach ihr rindenes Körbchen voll, in der Brust die Ruhe des Glücks, auf den Lippen sein Lächeln. VI. Schemeikka ist erwacht, hat sich das Tuch vom Gesicht gerissen – wo bin ich? was ist geschehen? – Da fällt ihm alles ein ... Bin ich wieder einmal unvernünftig gewesen? Habe ich wieder eine Torheit begangen? Daraus wird noch ein Krieg entstehen, eine Fehde entbrennen. Eine üble Geschichte. Was will ich mit eines Fremden Weib? Hätte ich sie in Ruhe gelassen! Was fange ich nun mit ihr an? Soll ich sie mit nachhause schleppen – oder zurückschicken? Sie wird sich an mich klammern und heulen und weinen. Wenn sie einsähe, was für sie das Beste ist, bäte sie mich selber, sie ans Land zu rudern. Von dort würde sie sich schon am Ufer entlang heimfinden. Könnte sagen, sie habe nach den Kühen gesucht und sich verirrt, dann erführen sie nichts. Es hat dort niemand gesehen, wie wir davongefahren sind. Es hat mich doch keine umarmt wie diese, keine so zu Tode drücken wollen. Sie wußte nichts davon, daß sie früher einen Mann umarmt hat. Ich brächte es auch nicht übers Herz, sie jetzt schon gehen zu lassen. Aber besser wäre es doch, sie kehrte nachhause zurück. Dort könnten wir uns im Herbst wieder haben und immer, wenn ich vorbei komme. Schemeikka hat sich erhoben und sich auf die Ruderbank gesetzt. Da bemerkt er das Laub, womit das Boot geschmückt ist. Solch läppisches Zeug machen sie immer. Wäre wenigstens zu essen da. Schemeikka ist hungrig, und während des Liegens sind ihm die Glieder abgestorben. Er blickt matt und überdrüssig vor sich und speit sauer in das Boot. Sie hat Feuer angemacht – wozu hat sie denn Feuer angemacht? Hier ist ja doch nichts zu kochen und zu braten. Etwa, damit es die Verfolger sehen? Die konnten einem jeden Augenblick auf den Fersen sein. Waren vielleicht schon, während er schlief, vorbeigefahren und lauerten nun unterhalb der Schnelle. Er stand auf und trat das Feuer aus und schleuderte das angekohlte Holz mit dem Fuß in das Wasser. Ging wieder zu dem Boote, um seinen Eßranzen hervorzuholen, und riß dabei das Laub vom Rand des Bootes ab. Fand den Ranzen und setzte sich auf einen Stein. In dem Ranzen zeigten sich an Speiseresten ein Brotranft und die Schwanzhälfte eines gesalzenen Fisches. Marja stand nicht weit davon im Gebüsch und verfolgte Schemeikkas Tun mit den Augen ... Sie wollte ihn zuerst überraschen, von hinten kommen, ihn mit den Armen umschlingen. Aber plötzlich fuhr sie zusammen, als sie den Ausdruck in Schemeikkas Gesicht gewahrte. War er erzürnt? Weshalb war er erzürnt? Auf wen? Auf mich? Warum hat er das Laub weggerissen? Der Ausdruck in seinen Augen ist kalt, fast wild. Er hat Hunger! kam es sogleich wie Freude über Marja, als sie sah, wie Schemeikka sich unzufrieden und mit saurer Miene über den Brotranft hermachte. Der Aermste hat ja Hunger! Der liebe Kerl nagt ja an einem trocknen Ranft und weiß nicht ... er weiß nicht, daß ich eine Fischsuppe und im Schoß ein Körbchen mit Beeren für ihn habe. Und je mehr sich Schemeikkas Antlitz verfinsterte, desto munterer wurde Maria. »Schmeckt es nicht?« hörte es Schemeikka irgendwo in der Nähe auflachen. Zugleich bemerkte er Marja in dem Gebüsch. Dem gereizten Auge erschien sie alt, häßlich, dickbäuchig. »Na, was lachst du denn?« Marja lachte noch herzlicher, indem sie an die freudige Ueberraschung dachte, die sie ihm bereiten würde. »Ueber dein Essen lache ich, armer Mann. Hast du denn nichts als das ...?« Schemeikka antwortete nicht, er kaute wütend den Bissen im Munde und spie zugleich die eine Hälfte aus. »Hier wäre etwas, wenn es dir nicht zu gering scheint,« knixte Marja von dem Steine her und hob das Kästchen mit der Suppe aus seinem Versteck. »Was hast du da?« »Ein wenig gehackte Forellen hätte ich.« »Wo hast du denn die her?« »Laß dich das nicht kümmern, versuch nur, wie sie schmecken.« Schemeikka nahm das Kästchen aus Marjas Hand, trank von der Suppe und schob sich mit dem Umrührhölzchen ein Stück Forelle in den Mund. »Wie hast du denn aber die Forellen gekriegt?« »Ich fand in deinem Hut eine Angelleine, und eine Rute habe ich mir dort am Ufer gebrochen.« Schemeikka aß, gierig, schlürfend. Marja wartete, daß er sie auch aufforderte. Nicht weil sie hungrig gewesen wäre, sondern nur, damit er sie aufgefordert hätte – wie Juha, der sie immer aufforderte, der nie gegessen hätte, solange der andere nicht aß, und wenn er selbst noch so hungrig gewesen wäre. Und immer noch hat er den kalten, fast zornigen Blick. Und weshalb hatte er das Laub von dem Boot gerissen, obwohl es ihm ja nicht im Wege war? Will er mich vielleicht nicht weiter mitnehmen? Sie hörte Schemeikka aufstehen und stand selber auch auf. Als sie aber dann Schemeikka ansah, war er verändert. Er strich den Bart, auf dem Gesicht den zufriedenen Ausdruck des Satten. Sogleich glaubte Marja, daß sie sich geirrt habe. Er war müde gewesen und hatte Hunger gehabt. Und sie war so gerührt, daß sie ihm um den Hals hätte fallen können. Doch sagte sie nur, ihm das Beerenkörbchen anbietend: »Hier wäre noch etwas ...« »Hast du noch Beeren? Wann hast du die denn gepflückt?« »Während du schliefst.« »Habe ich lange geschlafen?« »Ach nein, nur so lange, daß ich sie gut pflücken konnte.« »Deine Beeren sind süß, und ausgezeichnet war auch deine Suppe.« Schemeikka aß, während Marja das Körbchen vor ihn hinhielt. Und sie erschien ihm nicht länger häßlich und ihr Körper nicht unförmlich, nachdem sie die Schürze herabgelassen hatte. »Iß du auch ... ich kann nicht alles.« »Ich habe schon beim Pflücken gegessen. Wenn etwas übrig bleibt...« Marja bebte über den ganzen Leib, sie wollte etwas sagen, brachte es aber nicht heraus – nahm ihre letzten Kräfte zusammen und sagte endlich: »... und wenn etwas übrig bleibt, kannst du es ja ein andermal brauchen.« »Und du?« Schemeikka hatte den Arm um sie geschlungen. »Ich brauche ja nichts.« »Nicht? Weshalb nicht?« »Ich habe von hier einen kürzeren Weg als du.« Marja versuchte sich loszumachen. Aber ihr zarter, weicher und zugleich sehniger Körper hatte Schemeikkas Blut zum Wallen gebracht, und er ließ sie nicht. »Willst wohl gar nicht mitkommen?« Marja konnte aus Schemeikkas Augen nicht herauslesen, welche Antwort er erwartete. Und auch Schemeikka selbst wußte nicht mehr, was er wollte. Marja antwortete nicht. »Wohin willst du denn? Nachhause zurück?« »Dahin nie wieder!« rief Marja, sich von ihm losreißend. »Aber wohin denn?« »Einerlei, wohin! Du setzest mich ans Land, vielleicht finde ich mich irgendwohin.« Ein Weinen schnürte ihr die Brust zusammen, vermochte sich aber noch nicht durchzubrechen. »Hast du denn schon genug von der Fahrt mit mir?« fragte Schemeikka einen vorwurfsvollen Ton annehmend. Marjas Züge strafften sich, es war darin ein Ausdruck wie im Antlitz eines Verzückten, eines, der Gesichte schaut. »Mag meine Fahrt hier zu Ende sein, ich habe ja doch genossen, was ich mir mein Lebenlang gewünscht habe.« Schemeikkas Auge loderte in Feuer, sein Blut brauste bis in die äußersten Spitzen der Adern. Viele Weiber hatte er gesehen und manchen Ausdruck ihrer Gefühle, aber niemals einen solchen Ausdruck, wie er ihn jetzt in Marjas Zügen sah. Manches hatte er Weiber sagen hören, aber nie das, was diese sagte und wie sie es sagte. Sie will nicht in ihr Heim zurückkehren, obwohl sie ein Heim hat! Geht eher davon, ohne zu wissen, wohin! Sie wird mir noch viel Freude machen. »Du kommst doch mit mir, Marja!« »Du willst es ja nicht?« »Ich will es.« »Du willst es? Sag, Schemeikka, willst du es ganz wirklich?« flüsterte Marja, indem sie sich an seinen Hals hängte. »Ich nehme dich nicht mit Gewalt ... aber wenn du gern kommst...« »Ich bin ja auch vorhin gern gekommen – oder glaubst du, du hättest mich mit Gewalt weggeschleppt? – Du! - Sag!« Da zog Schemeikka sie neben sich. Marja brach in Tränen aus über die Freude, daß sie nicht in die Stromschnelle zu springen brauchte – was sie getan hätte, wenn Schemeikka jetzt von ihr gegangen wäre. Ein einziger Rausch und ein Entzücken war der Weg von zuhause gewesen, die Stromschnelle und die Insel –, wie ein Traum war jetzt die Ruderfahrt durch die gewundenen Engen, bald zwischen felsigen Ufern hindurch, bald an ins Wasser gestürzten kahlen Föhren vorbei – das Sausen in der als Segel aufgestellten Birke über die rundumgrenzten Flächen, deren Namen man nicht kannte und nicht erfragte. Bald saß Marja rudernd vorn im Boote, bald Schemeikka, aber immer Auge in Auge, Blick in Blick, mit einem Lächeln, das wieder ein Lächeln hervorlockte, mit einem zärtlichen Wort stets, das die fröhlichen Reden beschloß: – »Bist du mein?« – »Frag doch nicht!« – »Ist es schön?« – »Du fragst, obwohl du es weißt.« – Und wenn nicht gesprochen, wenn nur still gerudert wurde, ließ Marja ihre Gedanken nicht weiter wandern als bis zur Kräuselung der Welle, die das Boot in das Wasser kerbte: wo sie wieder ausstrich, da strich ihr früheres Leben aus, wo sie vorn aufrauschte, da rauschte eine neue auf, und sie wollte gar nicht versuchen weiter nach ihr hinzuhorchen. – »Bist du mein, Marja?« – »Frag doch nicht.« – »Sag es doch.« – »Du weißt es ja, Schemeikka.« – Und derselbe Traum war es, wenn sie ans Land stiegen, die Moore querten und auf sandigen Hügelrücken hin unter Föhren nach neuen Gewässern wanderten, wo in den Buchten immer neue Boote lagen, wie von Geistern eigens für sie verborgen. Es war Holz zu einem Feuer für sie gehauen und ein Laubzweigbett unter dem Dach einer Reisighütte bereitet, wo sie auch übernachteten... Wer mochte es gemacht haben? Schemeikka lächelte nur, wenn Marja danach fragte. »Leg dich an der Spitze nieder,« sagte Schemeikka unterhalb einer brausenden, langen Schnelle, der wievielten, das hatte Marja nicht in acht behalten können. – »Leg dich hin! Zieh das Tuch übers Gesicht.« Und Marja fühlte, wie das Boot unter den kräftigen Schüben der Ruderblätter ruckte, sie hörte, wie die Spitze gegen die Kräuselwellen des schwachen Gegenwindes schwappte – das Rucken wurde sanfter, das Boot sauste in weichen Sand, aber ehe Marja das Tuch vom Gesicht ziehen und aufstehen konnte, fühlte sie, wie ein Arm sie unter den Knien und ein anderer im Rücken hob und wie sie am Ufer stand. »Damit du kommst, wie du gegangen bist,« sagte Schemeikka. »Wo sind wir?« »Am Ziel.« Marja sah einen hellen, sandigen Strand, etwas weiter oben eine grüne Wiese, dahinter einen schlanken Birkenwald, hinter dem Birkenwald einen hohen felsigen Bergrücken. Am Rand der Wiese, unter einer knorrigen Hängebirke stand ein Häuschen, aus runden Föhrenstämmen aufgebaut. »Ich habe dich zum besten gehalten – mein Hof ist gar nicht größer als so.« Marja brachte nichts heraus als ein zärtliches, entzücktes: »Ach du, Schemeikka!« Es kam ihr wie ein Schwindel, zog ihr eine Träne ins Auge, einen Schleier vor die Welt und das Leben. Ihr Auge weinte, ihr Herz frohlockte, und doch wußte keines, weshalb. Hübscher, zierlicher konnte nichts sein. »Ich habe dich zum besten gehalten, Marja, ich habe doch noch einen anderen Hof als diesen hier. Wenn du dahin möchtest, gehen wir? Wenn du mit diesem zufrieden bist, bleiben wir?« »Wir bleiben.« »Aber ich muß zuhause nachsehen.« »Das sollst du.« »Wagst du denn allein zu bleiben?« »Und wenn du ein Jahr fortbleibst oder gar zwei, wenn du nur im dritten kommst.« VII. Juha sitzt in halber Betäubung in seiner Stube, mit den Ellbogen auf den Knien, umsonst bemüht, sich klar zu machen, ob es Abend oder Morgen ist und ob es noch derselbe Tag ist wie damals, oder ob schon andere Tage und Nächte dazwischen liegen. Manches von dem, was geschehen ist, erinnert er sich, anderes nicht. Es ist, als ob seine eine Körperhälfte abgestorben und gefühllos wäre, wie die eine Hälfte seines linken Beines seit dem Bärenbiß immer etwas taub war. Wenn er daran rührte, war es wie fremdes Fleisch, wirkte wie von fern, von einem anderen Menschen. Wo er auch gewesen sein mochte, so war es, als hätte er sich um einunddenselben Fleck gedreht, links um das Wasser, rechts in niedrigem Bruchwald, auf schwankendem Moorgrund. Dessen erinnerte er sich, und auch, daß er seine Mütze verloren und wiedergefunden hatte. Es war auch noch etwas anderes, dessen er sich gern erinnert hätte, auf das er sich angestrengt besann, so daß ihm der Kopf schmerzte, die eine Seite leise schmerzte; die andere war taub und klebrig, als wäre sie voll fremden, geronnenen Blutes. Etwas war geschehen, was? Was hat den Balken dort auf dem Boden zerbrochen? Weshalb liegt die Tabakstampfe unter der Diele? Da fiel es ihm ein. Aber warum hatte er das getan? Wollte ich die Mutter treffen? Aber warum? Der Kopf wirbelte ihm, das Herz zog sich ihm zusammen. Er war eine Weile wie ohne Bewußtsein. Dann war ihm, als hörte er einen fernen Ruf: »Das lügst du!« Er selbst hatte es ja gerufen. Und jetzt fiel ihm mit einem Mal alles ein: wie er vom Hofe gerannt, im Laufen geschrien hatte: »du lügst,« es geschrien hatte, während er um die Moortümpel lief, hinfiel, weiter lief, wie etwas verfolgend, um es zu packen, es zu zermalmen. Aber das war ja keine Lüge. Das war ja Wirklichkeit. Sie war ja gegangen. Sie ist ja fort ... es schnitt ihm durch den ganzen Körper und in die Seele, so daß sich sein Mund zu einem Schrei öffnete, der aber nicht hervorwollte. Zugleich wurde es wieder dunkel und wirr. Wenn das geschehen war, mußte ja auch anderes geschehen sein? Aber es ist ja alles wie früher. Da ist der Ofen, und das Heimchen zirpt. Marja ist nicht gegangen. Nein, dies ist nur ein Traum. Aber weshalb wache ich denn nicht auf? Kann ich mich nicht aufwecken, ehe ich ersticke? Es entfuhr ihm ein Schrei, wie dem, der den Alp von seiner Brust zu wälzen versucht. Er stand mitten auf der Diele, die Arme aufgestreckt. Jemand sprang aus der Herdecke von der Bank und stürzte mit einem Ruf hinaus, im Hemd, weiß wie ein Hase. – »Kaisa, laß doch – ich tue dir nichts,« tröstete Juha hinter ihr her. Das Mädchen kam zurück. »Ich bin so erschrocken – ihr solltet doch in euern Speicher gehen und schlafen – seid ja ganz naß und schmutzig.« Juha ist vollständig zu sich gekommen. Er steht auf der Treppe und sieht, daß der Morgen durch den rieselnden Regen tagt. Der Hund kommt unter der Treppe hervor und schmeichelt ihm um die Füße. Ein Tauchervogel schreit auf dem See. Er ist an den Strand geschritten. Da sind die Netze noch auf dem Gestell, wie sie damals nach dem Brachsenfang hängen geblieben waren. Es ist Wirklichkeit, Wirklichkeit ist es. Um etwas zu tun, begann Juha die Netze auf den Maschenzapfen zu raffen. Er tat es schnell, geübt. Die Gedanken im gleichen Takt. So ist es, so ist es. Fort ist sie. Brauchst es dir nicht anders zu wünschen. Umsonst hast du doch den Dielenbalken zerschlagen. Da es Kaisa gesehen hatte, daß sie sich ihm an den Hals geworfen hat. Dir ist es geschehen, und sonst niemand. Ein Netz war gerafft, und er warf es vorn in das Boot, so daß die Steinsenker klapperten. ... Sie kamen zusammen vom Hofe hierher. Der Mann stand dort an dem Zaun. Ob sie es da schon beschlossen hatten? Daß Marja es fertig brachte noch zu schmeicheln und an die früheren Fischzüge zu erinnern ... Sie sind jung und schön. Ich bin alt und häßlich. Was liegt ihr an mir, wo solch einer sie nehmen will. Mag er sie nehmen! Mag er sie nehmen! Mag er sie behalten! Das zweite Netz war gerafft. Immer rascher arbeitete Juha, er kümmerte sich nicht darum, ob ein paar Maschen an dem Netz zerrissen. Sie nahm ja die Brautgeschenke offen, ohne Hehl von ihm an. Ihm hatte sie die Badestube geheizt, ihm machte sie die Schwitzbank zurecht, nicht mir, und bereitete ihm den Platz in ihrem eigenen Speicher. Sie ist nicht vor der Mutter davongelaufen – das hat sie gelogen. Hätte sie es geradeheraus gesagt, hätte sie gesagt: jetzt gehe ich, jetzt habe ich einen anderen, besseren. Ich hätte es ihr nicht verwehrt? Nicht? Sicher nicht, nein; aber daß sie heimlich – wie ein Dieb – Plötzlich wurde ihm schwach, es beengte ihn so, daß er nur mit Mühe das letzte Netz zu raffen vermochte. Mit Mühe gelangte er zum Hof, schwankte in seinen Speicher, dessen Tür offen stand, stolperte in den Kleidern auf sein Bett und schlief ein. Juha schlief den ganzen Tag bis zum Abend. Es war ein ziemlich rauher, klarer Abend mit abflauendem Nordwind. Die Mutter und Kaisa melkten die Kühe. Es ist geschehen, und er will es sich nicht mehr anders denken. Es ist nicht zu ändern, und was schadet es auch? Meinetwegen, ist sie gegangen, so ist sie gegangen. – In seinem Speicher waren Kleidungsstücke von Marja. Er nahm sie und trug sie in ihren Speicher. Als er die Tür öffnete, schlug ihm der Geruch des Krämers entgegen. Er warf hastig die Tür zu und steckte den Schlüssel in seine Tasche; ging an den Strand und schleuderte den Schlüssel in den See. Dann mähte er die Nacht und den Morgen, in den heißen Tag hinein, bis ihn die Erschöpfung umwarf. Tage und Nächte gingen jetzt Juha durcheinander. Es hatte ihn ein Rausch erfaßt, aus dem er gar nicht zu sich kommen wollte. Mit starren Augen, wie ein Nachtwandler, ging er umher und tat seine Arbeit. Ohne ein Wort zu sprechen, ließ er seine Mutter schaffen. Der alten Wirtin schien alles in bester Ordnung. »Es sieht ja aus, als ob man hier zurechtkäme,« sagte sie zu Kaisa. »Sie fehlt nicht weiter.« »Es ist nicht richtig mit ihm, denn er spricht kein Wort.« »Er hat ja früher auch nichts gesprochen.« »Es ist nicht richtig mit ihm,« wiederholte die Magd. »Ich habe ihn in der Nacht weinen hören, und am Tage redet er mit sich.« »Was sagt er?« »Ach, was du getan hast!« – »Ach, daß du das getan hast!« Er sehnt sich nach der Frau. »Laß ihn nur vergessen.« »Er erwartet sie noch zurück. Er vergißt sie nie und nimmer.« »Ich werde schon dafür sorgen.« »Nehmt dem Armen nicht seine letzte Freude.« »Was für eine Freude ist es, sich zu sehnen.« »Doch, das ist eine.« »Ich werde sie schon mit der Wurzel ausjäten.« »Wenn ihr sie aber nicht herauskriegt – wenn sie nur abreißt – und ist vielleicht schon abgerissen.« »Laß sie reißen!« »Wenn nun aber Marja zurückkommt?« »Die kommt nicht.« »Es ist euch wohl lieb, daß sie gegangen ist!« »Das ist's.« »Daß ihr so boshaft sein könnt.« »Jawohl.« Als Juha zum Essen kam und seine Mahlzeit beendigt hatte, sagte die Mutter: »Du wartest wohl noch auf sie?« »Was sprichst du denn noch davon, Mutter?« sagte Juha matt. »Ich weiß schon, daß du wartest und hoffst, aber wenn sie kommt, dann kommt sie deswegen, weil sie sie weggejagt haben, nicht deinetwegen.« »Laß das nun sein.« »Immer hat sie dich zu alt gescholten.« »Gegen wen?« »Gegen alle, die es hören wollten. ›Wenn das Schlotterbein nur stürbe, dann bekäme ich einen Jüngeren‹.« Plötzlich brach Juha zum Erstaunen seiner Mutter in Lachen aus. »Jetzt hat sie ihn ja! Hat einen Jungen und Flinken – und das ist ja gut, daß sie ihn hat! Was brauchte sie sich auch mit mir herumzuquälen – mit so einem. Seht mal, wie spaßig mir das Gehen steht – der Fuß stößt wie der Flügel einer zerbrochenen Windmühle, seht mal!« Juha war aufgestanden und hüpfte auf der Diele herum, indem er seinen Fuß absichtlich noch schiefer hielt. »Laß die Sperenzien, alter Mensch!« »So flutscht das; aber ich könnte ja auch mal tanzen, wenn einer aufspielte. Trällre was, Mutter!« Er lachte immer lauter, hüpfte und lachte noch, als er auf dem Hof war, und trällerte dazwischen, mit der Axt auf der Schulter. »Da siehst du es jetzt,« sagte die Alte. »Es ist nichts gerissen. Er scherzt schon darüber.« »Mir hat das nicht wie Scherz ausgesehen,« sagte Kaisa. Als Juha aber am Abend nachhause kam, tat er immer noch, als wäre er so vergnügt wie beim Weggehen. Lachte aus vollem Halse, spaßte und johlte, während er in der Badestube saß. »Vorigen Sonnabend machte mir hier noch meine Alte Dampf, jetzt ist die nicht da – nicht da – kommt auch nicht – trallala – drudirallala! Sorg du deinem Jungen für Dampf, Mutter. 's ist ja einerlei, wer es tut. He? – Meine Alte – meine Alte – meine Alte ist zu 'nem Russen in den Schlitten gesprungen! Aber was tut's? Sollen wir uns dafür eine neue nehmen? Was?« fragte er, mit dem Peitschen innehaltend. »Man darf sich doch wohl auch eine neue nehmen?« »Weshalb soll man das nicht dürfen?« bejahte die Mutter zufrieden. »Wenn auch die erste noch lebt?« »Wer jenseits der Grenze ist, der lebt nicht mehr.« »Das meine ich auch! Und wo sie dazu selber gern gegangen ist.« »Ich werde dir schon eine neue schaffen.« »Tu's! Schaff mir eine nach deinem Sinn, aber schaff mir keine Arme.« »In solch ein Gehöft bekommt man auch die Reichste.« »Eine Neue muß ein neues Haus haben! Wart solange, bis ich eine neue Stube und eine neue Kammer fertig habe. Da schlagen wir einen solchen Bau auf, mit einem Steinsockel, mit einem Schornstein drauf, wie ihn die Teerkrämer in der Stadt nicht prächtiger haben. ›Seht doch mal den Juha an, was der gemacht hat. Hat eine Reiche geheiratet, hat sich ein Haus gebaut, wie es die Krämer in der Stadt nicht besser haben. Hat sich eine neue Frau genommen, hat sich aber eine Schmucke genommen!‹ – Such du mir nur eine recht Junge und Schöne, Mutter – und eine, die auch Kinder zur Welt bringen kann. Ich werde schon noch! Mit der wird anders umgesprungen. Die wird gut gehalten, das Essen auf den Tisch gebracht, von Mägden bedient wie eine Pfarrersfrau, die Arbeit von Fremden gemacht, darf selber in der Kammer sitzen und Strümpfe stricken.« »Dazu ist auch dieses Gehöft gut genug.« »Nichts da, nichts da, denn wenn ich sage, es wird ein neues Haus gebaut, dann wird's gebaut!« »Hast du denn die Kraft und das Geld dazu?« »Ich? Die Kraft dazu? Ich?« Juha war von der Schwitzbank heruntergestiegen und nach dem Hof hinauf gegangen, wobei er immer dieselben Worte vor sich her sagte. Er saß auf der Treppe, als die Mutter hinterher kam. »Das Geld dazu? Was ist das dort für ein Hügel mit dem Laubwald? Hast du einmal gesehen, was für eine Schwende ich da habe? Ich nehme Männer und mache den Hügel über den ganzen Scheitel hin dem Erdboden gleich. Beim Brennen wird man die Flammen in zwei Reichen sehen. Mit den Nachbarn wird geschnitten, und mit den Nachbarn werden die Säcke in zehn Lasten nach Oulu gefahren. Die lieben Brüder, die eigenen Brüder, und die Dorfleute helfen. An Marja nach Karelien wird Nachricht geschickt. »Der große Rauch kommt von der Schwende des seligen Juha – deines seligen Mannes – ach was! – des alten Juha, des reichen Mannes am Kajavaara. Er hat sich auf seine alten Tage eine neue Frau genommen, hat ein neues Haus wie der erste Krämer in der Stadt. Denkt an nichts mehr. Ist bloß vergnügt, daß er eine neue gekriegt hat, die auch Kinder zur Welt bringen kann. Dem geht's gut dort, der spaziert und tänzelt umher – ist wieder jung geworden, der alte Knabe, hinkt auch nicht mehr. Seine eigenen Jungen fällen und roden bald.« Du glaubst es nicht, Mutter. Du glaubst nicht, daß ich das Haus im Handumdrehen hoch habe wie der erste Krämer in der Stadt!« »Ich glaube es ja.« »Du glaubst nicht, daß ich eine neue Frau kriege?« »Gewiß, die kriegst du.« »Schaff sie mir bald, ich habe es eilig. Sonst kommt am Ende die erste zurück. Ei ja, jetzt sputest du dich. Nimm den Propst als Freiwerber. Der ist ein guter Mann, der hilft. – He, Mutter! was machst du denn da auf dem Flur?« »Was denn?« brummte die Alte. »Wenn vielleicht Männer aus Karelien hier vorbeikommen, dann bestell Grüße, wenn sie ihr dort begegnen sollten.« »Ich schicke ihr keine Grüße.« »Sag, du – sag, es ist Juha nur recht gewesen, daß sie ging. Er denkt nicht mehr daran. Ist auch nicht gestorben, wird nur jünger und lebt auf neben seiner neuen jungen Frau. Gleich hat er sich an die große Schwende gemacht, die er schon früher angefangen hatte, und arbeitet an dem neuen Haus, von dem er immer gesprochen hat. Die alten rauchigen Löcher hat er niedergerissen und ein neues Haus gebaut wie der erste Krämer in der Stadt – na, komm doch, Mutter, damit wir es besprechen, – sag, es ist eine neue Wirtin da, aber die erste darf auch auf Besuch kommen, wenn ihr Weg hier vorbei geht. Juha trägt nichts nach.« »Es ist nicht richtig mit ihm – oder doch?« sagte Kaisa zu der alten Wirtin. »Sei still – was geht es dich an!« In der Nacht aber schlich Juhas Mutter an die Tür des Speichers und hörte ihn klagen: »Ach, was du getan hast, Marja! Weshalb hast du das getan?« Das konnte sie in der Nacht hören und in mancher anderen, es verging keine Nacht, wo er nicht jammerte, obwohl er am Tage johlte und lachte. VIII. Marja sitzt allein auf der Schwelle des kleinen Häuschens, mit dem einsamen See vor sich. Sie späht über das Wasser hin, ob er nicht endlich kommt. Es ist noch nichts zu sehen, aber morgen wird er vielleicht kommen. Wenn er aber morgen und auch übermorgen noch nicht zurückkehrt, dann kann ich ja auch allein hier leben. Sie hatten im Walde Fanggeräte aufgestellt gehabt und sie zusammen nachgesehen, hatten geangelt, hatten das Lachswehr unten an der Stromschnelle untersucht, Netze ausgeworfen und gehoben, die Beute ausgenommen, getrocknet und eingesalzen. Sie hatten zusammen Tiere gefangen, zusammen gearbeitet, und Marja hatte nie gedacht, daß es so etwas geben konnte, was es in diesen Tagen gegeben hatte. Wenn sie für immer hier bliebe und er sie niemals in sein großes Heim zu seiner Sippe nähme. Wenn er die Badestube dort etwas für den Winter ausbesserte, mir dort einen kleinen Rinderstall zimmerte und eine Kuh von zuhause herbrächte. Für eine Kuh hole ich das Heu bald aus den Wäldern und von den Ufern zusammen. Schemeikka rodete etwas Land ... Aber nein! Viel zu gut ist Schemeikka, Bäume zu fällen und Moore zu roden. Er ist ein Jäger, ist ein Handelsmann, erwirbt sich sein Brot durch andere Unternehmen. Ein Held ist er! Mich ernährt er hier auch ohne das. Schemeikka hat beim Weggehen nichts von seinen Plänen gesagt. Wenn er nur meinetwegen keinen Ärger hat! – Sei es, wie es will. – Er hat mich hierher gebracht, hat mich gebeten hier zu warten, als er behende in das Boot sprang, daß das Wasser aufspritzte, und sich an die Ruder setzte und anzog und rauschend davonfuhr, der sehnige, geschmeidige Bursch; wie er dort noch einmal den Hut schwang! Marja saß und wartete und blickte von der Schwelle des Häuschens auf den einsamen See. Da saß sie, ohne zu wissen, wo, ohne zu wissen, ob sie sich auch nur dahin zurückfinden würde, woher sie gekommen war. Und nachdem sie noch ein letztes Mal über den See geschaut, wandte sie sich in ihre Hütte und legte sich auf ihr Bett, das für zwei breit genug war. In der Nacht drang das Brausen der nahen Stromschnelle herein, es plätscherte die Welle am Strande, es rauschte der Wald, bis sie einschlief, indem sie nur die eine Hälfte des Bettes für sich nahm, damit die andere Hälfte unberührt sei, wenn der Freund kam. Und es war so wonnig wie in einem schönen Traum. Es kam der Morgen, es kam ein zweiter, wie ihrer schon mehrere gekommen waren, aber der Freund kam noch nicht – und mochte er nur ausbleiben. Ich werde hier schon allein fertig. Und Marja untersuchte das Wehr und legte die Netze aus und hob sie herauf und nahm die Fische aus und breitete sie zum Trocknen aus, und immer länger wurde die Reihe, die an dem Felsen in der Sonne aufgehängt war. Daß er aber nicht endlich kommt? Er hat sich wohl noch nicht losmachen können. Er verläßt mich nicht, er verläßt mich nicht ... woher habe ich nur diesen Gedanken? – Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist! Es sollen ja noch Stromschnellen auf seinem Wege sein, ehe er nachhause kommt. Sein Boot kann aufgerannt und umgeschlagen sein, da er nicht einmal einen Ruderer hat. Weshalb hat er mich nicht als Ruderer mitgenommen? Was soll aus mir werden, wohin soll ich gehen, wenn er nicht wiederkommt? Es war zufällig ein regnerischer Tag, durch das Dach der Fischerhütte sickerten Tropfen. Es war etwas unbehaglich in dem Häuschen. Er hätte mich doch mitnehmen können, wohin er gegangen ist. Da hätte ich gesehen, wie sie dort leben, wie das Leben seiner Sippe ist, wie das berühmte Karelien, das er gelobt und gepriesen hat. Dorther soll ich ja auch stammen. Dorthin versprach er mich ja zu bringen, mich dort zur Wirtin eines großen Gehöfts zu machen. Doch hätte er mich vielleicht wirklich mitgenommen, wenn ich mich nicht gesträubt hätte? Ich wollte ja selber hierbleiben. Aber ich wußte ja nicht, daß es so lange dauern würde – gleich drei ganze Wochen. Und er hat nur einmal gefragt, ob ich mitkommen wolle. Hätte auch zweimal fragen können, wenn er richtig gewollt hätte. Aber vielleicht wollte er gar nicht. Vielleicht wußte er, daß sein Vater und seine Mutter und seine große Sippe dagegen sind, daß er ein schwedisches Weib herbringt? Vielleicht gelingt es ihm dort sie umzustimmen? Vielleicht haben sie nein gesagt, und er will nicht kommen? Oder sie bereiten dort schon alles zur Hochzeit vor, überraschen mich und holen mich zur Hochzeit ab. – Wenn sie dagegen sind, gehe ich nicht hin. Eindrängen werde ich mich nicht, ich will nicht noch einmal eine Schwiegermutter gegen mich erbosen. Wenn ich denen dort nicht gut genug bin, werde ich es ihm hier sein. Marja versuchte sich zu trösten. Aber ihre Augen weinten am Abend, und ihr Herz fand auch am Morgen keine Freude. Es vermißte der Arm in der Nacht den Hals des Freundes. Wenn er nicht über die Insel in der Stromschnelle hinaus an mich gedacht hat? Wenn er mich nur mitgenommen hat, weil ich sagte, ich würde sonst ins Wasser gehen? Wenn ich zu unverschämt gegen ihn gewesen bin? Aber er hätte mich ja können gehen heißen, wo es ihm beliebte. Hätte nur ein Wort sagen dürfen. Hätte mich ja nicht bis hierher zu bringen brauchen. Kann mich ja noch zurückschicken. Wesbalb riß er damals mein Laub zwischen dem Bootsrand und dem Wasserbord weg? Weshalb war sein Blick damals so voll Überdruß? Woher soll ich wissen, wer er sein mag? Einen Tag habe ich den Mann gesehen, da bin ich gleich mit ihm fortgezogen. Nein, nein ... er ist kein solcher ... nein ... kein solcher. Ich bin töricht, ich schlecht ... er gut ... ich ... er nicht, nein! Es näherten sich Schritte. Marja eilte an die Tür. Schon bevor sie hinauskam, hatte sie alles bereut. Aber es war gar nicht Schemeikka. Es war ein nasser alter Mann, der sich das Wasser von seinem unüberzogenen Pelz schüttelte. »Hier scheinen ja Menschen zu sein,« sagte der Alte, sich zur Tür herein bückend. »Wer seid ihr? Ihr seid kein Hiesiger?« »Woher weißt du das?« »Ich höre es an eurer Sprache.« »Du bist auch nicht von hier.« Marja bat ihn, sich zu setzen und schob den Suppennapf vor ihn hin. Sie saßen einander an den Tischenden gegenüber, ohne zu sprechen. »Ich wollte einmal nach meiner Winterhütte sehen,« sagte der Alte, nachdem er kurze Zeit gegessen hatte. »Wohnt ihr hier im Winter?« »Ich habe das Häuschen gebaut und auch die Badestube. – Ich wollte einmal nachsehen, weil ich Rauch aufsteigen sah; wäre wohl auch schon früher gekommen.« »Weshalb wohnt ihr denn aber nicht auch im Sommer hier?« »Da brauchen sie dies als Fischerhütte und sonst. Ich siedle für den Sommer immer dort an die andere Seite des Sees über, da habe ich eine Reisighütte.« »Wenn ich das nur gewußt hätte, dann würde ich euch besucht haben.« »Das wäre ja hübsch gewesen.« »Was treibt ihr denn hier?« »Ich halte ihnen die Netze in Stand.« »Wie seid ihr denn aber hierher geraten?« »Zuerst haben sie mir den Hof niedergebrannt, dann haben sie mich selber mit Sack und Pack hergeschleppt.« »Wer hat das getan? Ist das lange her?« »Der alte Schemeikka, der Vater von dem jetzigen, und seine Männer.« »Aber ihr könntet wohl fort, wenn ihr wolltet?« »Ich war vor Jahren einmal drüben ... bin zurückgekommen.« »Weshalb denn?« »Zuhause waren alle gestorben, und hier kriegt man mehr Fische.« »Davon lebt ihr?« »Was braucht's denn mehr zum Leben!« »Fändet ihr euch von hier in eure Heimat?« »Ich denke doch, daß ich die Wege noch wüßte. Bei klarem Wetter sieht man hier sogar die letzten Berge auf der schwedischen Seite.« »Sieht man die?« »Dort von dem Berg.« – Der Alte deutete mit dem Kopfe nach dem Hügel. – »Wenn sie Wald niederbrennen, sieht man wenigstens den Rauch.« »Sieht man auch den Rajavaara?« »Den wird man wohl auch sehen.« »Ich bin dort von seinem Fuß.« »So, von dort?« »Seid ihr einmal dort gewesen?« »Nein.« »Seid ihr schon bei Schemeikkas gewesen?« »Dahin gehe ich, wenn ich ihnen Netze bringe und mir Garn hole und sonst was. Ich knüpfe für sie die Netze, für das ganze Dorf.« »Wie ist es denn dort?« »Nämlich wo?« »In Schemeikkas Gehöft.« »Da ist ein großes Dorf, groß wie eine Stadt – sagen sie, ich habe noch keine Stadt gesehen. Das größte Gehöft, etwas abseits von den anderen, ist das von Schemeikka. Sie haben keine Äcker und auch kein Vieh, ein paar Kühe im Gehöft, bei Schemeikkas drei. Vom Handel leben sie und von Jagd und Raub und allerlei Künsten. Aber gut leben sie, gut essen sie, gut trinken sie, reich sind sie. Der Sohn macht Reisen, seine Mutter besorgt das Haus, kommandiert die Weiber.« »Schemeikkas Vater lebt nicht mehr?« »Der lebt nicht mehr – war ein schlechter Mann, ein Wüster, ein Blutsauger. Hat viel Böses getan in seinen Mannestagen.« »Wie ist die Frau?« »Eine gute Alte, schüttet mir den Korb gehäuft voll Mehl, stopft mir den Ranzen voll Brot, wenn ich Fische oder Wild bringe, so daß die Strippen nicht schließen.« »Wie ist ihr Sohn?« »Das magst du besser wissen als ich, da du mit ihm gekommen bist.« »An euch werde ich ja nun einen Genossen im Winter haben.« »Gehst du nicht ins Dorf?« »Ich weiß nicht.« »Keine ist hier für den Winter geblieben.« »Von welchen?« Der Alte antwortete nicht darauf und sagte: »Ich wollte nachsehen, ob er schon gekommen ist.« »Schemeikka?« »Jawohl, und ob die Wirtin etwas geschickt hat.« »Sie ist gut gegen euch?« »Gut ist sie gegen alle, wird auch gegen dich gut sein, brauchst dich nicht zu fürchten.« »Ich werde euch bald einmal in eurer Hütte besuchen ... wie komme ich am besten hin?« »Wenn du auf die große Fichte dort zuruderst ... weiter brauchst du dich nach nichts zu richten.« Der Alte ruderte gemächlich davon, Marja blieb, Sehnsucht im Herzen, am Strand zurück. Am folgenden Tage, als Marja von der Stromschnelle nach ihrer Hütte ruderte, sah sie ein Boot am Strand. Sie freute sich, erbebte, glaubte, Schemeikka sei endlich gekommen, aber aus dem Häuschen stürzten ihr drei Mädchen entgegen. Lachend und jauchzend eilten sie an den Strand. »Da ist sie! Da ist sie!« und als sie herankamen: »Bist du es?« »Was meint ihr denn, Mädchen?« fragte Marja. »Bist du unsere neue Wirtin? Bist du sie?« »Wer seid ihr denn?« »Wir sind von Schemeikkas. Wollten einmal nachsehen. Hatten gehört, daß Schemeikka ein neues Mädchen mitgebracht hat, konnten es nicht mehr aushalten; vielleicht hat er endlich eine Wirtin mitgebracht. Bist du es?« »Ich weiß doch nicht.« »Hast du Schemeikka gewonnen?« »Ob ich ihn gewonnen habe, wo er sich so lange nicht gezeigt hat?« »Er wird bald da sein. Ist zu einem Fest in ein anderes Dorf gefahren. – Ei, er hat viele Sachen und viele Freunde, hat keine Zeit, lange an einem Ort zu sein. – Wir kamen unterdessen hierher. – Die Wirtin schickt uns. – Sag, wer bist du? Woher bist du? – Wie hat er dich entführt? – Hat er dich mit Gewalt entführt, oder bist du gern mitgegangen?« Marja konnte nicht zu Worte kommen, um die Wette fragten sie: »Ach, so bist du! – Siehst gut aus. Wir hatten schon Angst, wie du wohl wärest, da er auch seiner Mutter nichts Genaueres von dir erzählt hat. Aber du bist gut zu uns, bist gewiß gut zu uns?« »Seid ihr seine Mägde?« Sie sahen sich alle drei an und brachen in Lachen aus. »Sag du, Anja.« »Das sind wir – jetzt.« »Sind es freilich nicht immer gewesen.« Sie schwiegen eine Weile; sahen Marja an, und sie. »Ach, wie haben wir uns eine neue Wirtin gewünscht«, begann Anja wieder, »ein zartes herziges Mädchen, – gut ist ja auch die alte, aber eine junge, fröhliche ist doch immer besser. Ei, dort ist ein großer Hof, unser sind viele, wir werden dich auf Händen tragen, werden tun, was du uns befiehlst, wenn du zufrieden bist mit dem, was wir können. Die Alte tritt dir auch gern das Regiment ab, wenn sie dich sieht. Siehst wie eine Hausfrau aus, siehst verständig aus, deine Hände geschickt, darum hat dich Schemeikka wohl auch genommen. Gleich wird dir die Alte die Schlüssel übergeben. Sie sagte: ›Geht, seht nach, was für eine er mitgebracht hat, kommt bald zurück und erzählt mir, ich wäre froh, wenn Schemeikka endlich eine gefunden hätte, die ihm gefällt.‹ Sag, sprich ...« »Ich kann ja nicht zu Worte kommen, lachte Marja. – Wovon soll ich denn sprechen?« »Sprich, wer du bist, ist der Hof deines Vaters groß – wie heißest du?« »Ich heiße Marja.« »Ei, Marja, hast einen schönen Namen – ei, wie ernste Augen du hast ... und lang bist du und schlank bist du – stattlich bist du ... eine solche hat sich Schemeikka immer gewünscht, hat sie nur nicht in seiner Heimat gefunden. Du bist, wie er gerühmt hat ... ›ihr seid nichts gegen sie‹, hat er gesagt. Und wir sinds auch nicht und wollens auch nicht sein.« »Aber laß sie nun sprechen!« »Sprich, Marja.« »Was soll ich denn sprechen?« »Sag, welches ist deine Sippe?« »Ich habe keine.« »Ei, bist eine Waise? – Und auch kein Heim?« »Ein Heim hatte ich.« »Hast es nicht mehr? Hat er es niedergebrannt?« »Das hat er nicht, aber da ich es einmal verlassen habe, so habe ich kein Heim mehr.« »Hast du es gern verlassen?« »Ich habe mich immer fortgesehnt.« »War dein Heim groß?« »Es war nicht klein, fünf Kühe und ein Pferd.« »Und solch eins hast du verlassen?« »Mochtest gern davongehen?« »Was hat wohl deine Mutter gesagt? und dein Vater?« »Sie hat ja keine Mutter und keinen Vater, ist doch eine Waise!« »Warst du denn allein in deinem Hof? Magst doch wohl einen Bruder haben?« »Ich habe keinen Bruder gehabt, aber einen Mann hatte ich, viel älter als ich, fast ein Vater.« »Bist eine Witwe?« »Nein.« »Dein Mann lebt noch?« »Er ist noch am Leben.« Die Mädchen wurden vor Ueberraschung immer starrer, beugten sich vor und schauten Marja an, ohne zuerst ein Wort herauszubringen. Dann: »Du hast einen Mann, der noch lebt?« »Bist gar kein Mädchen?« »Ei, ei.« Sie pfiffen durch die Zähne, jede. Dann wurden sie ernst, beinahe traurig. »Immer hat Schemeikka noch keine Wirtin mitgebracht. O weh!« »Hat nur ein Sommermädchen gebracht.« »Wie immer zuvor.« »Unser Pfarrer traut ihn nicht mit der Frau eines anderen. – Traut ihn nicht, nein, traut ihn nicht.« »Und einer Ungetrauten gibt die Alte nie die Schlüssel heraus. Das fehlte noch.« »Gibt sie nicht, nein, gibt sie nicht.« »Er macht aus dir, was er aus uns gemacht hat, eine Leibeigne bloß.« »Wie aus euch?« »Uns hat er auch zuerst hierher gebracht, eine nach der anderen, hat uns einen Sommer behalten, uns dann im Herbst seiner Mutter als Leibeigne geschenkt.« »Also du hast einen Hof und einen Mann – einen eigenen Hof, einen eigenen Mann, einen eigenen Hof, mit Kühen voll besetzt – und bist hierher als Leibeigene gekommen? Du bist eine!« Sie wiegten wehklagend den Körper. Anjas Augen füllten sich mit Tränen: »Ach, armer Schemeikka! Hat er immer noch nicht die Richtige gefunden? Und hat ja schon Mädchen gehabt wie wir.« »Das Haus voll!« »Das Haus von uns voll! Hätte er doch jetzt die Rechte gefunden, hätte ein neues Leben in Schemeikka angefangen. Daheim wäre er geblieben, nicht den Winter von Markt zu Markt, nicht den Sommer von Prasnik (Fest) zu Prasnik.« »Seid ihr viele dort?« »Unser sind – wieviele doch gleich ... fünf!« »Du die sechste.« »Ich komme niemals dahin!« rief Marja sich reckend. »Du kommst nicht? Du kommst, du kommst! Kannst ja sonst nirgendshin. Die alte Wirtin wird dich ebenso gut halten wie uns.« Da tönten Männerstimmen auf dem See und das Lärmen und Schlagen von Rudern. »Schemeikka kommt mit seiner ganzen Horde!« »Macht schnell! Er läßt uns seinen Männern, wenn wir hierbleiben! Da, Schweden-Marja, das Essen und das andere, was seine Mutter schickt – der kleine hier ist für den Fischer-Matti.« Sie warfen zwei Ranzen auf den Fußboden und eilten hinaus, hinter dem Häuschen davon, ehe die Kommenden auf den Hof gelangt waren.   IX. Vom Strande drangen Männerstimmen herauf, Lachen, Schreien, Zanken und dann wieder Lachen. Schemeikka kam auf den Hof, die anderen dann etwas hinter ihm. Marja sah in dem Häuschen an der Wand, ohne ihnen entgegenzugehen. »Heda, Marja, heda!« hörte man Schemeikka rufen. »Wo ist die Wirtin?« Er kletterte etwas mühsam über die Schwelle. »Na, da ist sie ja! Weshalb kommst du mir nicht entgegen? Was für Ranzen sind denn das?« Seine Augen waren trüb, die Knie mehr als sonst gekrümmt. »Ich weiß nicht,« sagte Marja, indem sie versuchte vorbei und hinaus zu huschen. – »Deine früheren Mädchen haben sie gebracht.« »Dann ist Essen für uns darin. Nun, jetzt hats keine Not. Hier ist Speise und hier ist Trank, von Schemeikkas Mädchen gebracht! Kommt herein, Jungens! Kommt, seht sie euch an, hier ist sie!« Er packte Marja am Hals und ließ sie nicht entfliehen. Junge Männer standen in einem Halbkreis vor der Tür. Marja versuchte vergeblich sich loszureißen. »Die müssen wir fliegen lassen! Die müssen wir fliegen lassen, dein neues Mädchen!« »Laßt sie fliegen! Laßt mir mein neues Mädchen fliegen, Jungens!« Marja wurde ergriffen und in die Luft geworfen. Nach etlichen Würfen gelang es ihr aus dem Kreis herauszukommen, indem sie mit dem Kopf unter einigen Achseln durchfuhr, und sie floh hinter die Hütte. Alle rochen sie nach starken Getränken. Hatten wahrscheinlich viele Tage getrunken. Die Berührung ihrer Hände brannte, es war, als müsse an jeder Stelle, wo sie sie gepackt hatten, ein Fleck geblieben sein. Sie waren ihr widrig, fremdrassig, wie dem Wild im Walde das Stalltier, wie dem Renntier die Kuhherde des Ackerbauers. Denen hatte er sie zum Willkomm in die Arme geschoben! Schemeikka kam hinter ihr her. »Marja! Geh doch nicht! Jetzt gibts Spaß! Hast du Langeweile gehabt?« »Laß mich!« »Na, ich konnte ja nicht früher wegkommen. Ist die Badestube warm?« »Sie ist jeden Abend warm gewesen, seitdem du gegangen bist.« »Ich konnte ja nicht früher wegkommen. Sei doch nicht so. Komm, stell uns das Essen auf den Tisch, das uns die Mutter geschickt hat.« »Das werdet ihr wohl selber können.« In Schemeikkas Augen blitzte es auf: »Du wirst es tun!« »So? ich?« »Ja, du. Und den Tee kochen und alles bereit stellen, während wir baden geben.« Er sagte es befehlend wie zu einer Leibeignen und ging. Marja gehorchte, öffnete den Ranzen, nahm die Sachen heraus, stellte sie auf den Tisch, kochte den Tee und setzte ihn auf die Ofenbank. Als sie die Männer aus der Badestube kommen hörte, stand sie auf und ging hinter das Häuschen, wo sie durch die offene Luke alles hörte, was gesprochen wurde. »Wohin ist denn dein Mädchen gegangen? Weshalb kommt es denn nicht, den Tee einzugießen?« hörte man einen fragen. »Laßt sie nur, erwiderte Schemeikka darauf. Sie ist noch schüchtern. Sind blöde, die Schwedischen.« »Sie sieht mir nach nichts aus, dein diesjähriges Mädchen,« sagte ein anderer. »Manches ist ganz hübsch an ihr.« »Aber finstre Augen macht sie dir.« »Hast früher bessere gehabt.« »Zum Beispiel?« »Die Anja noch.« Sie sprachen, brummten dazwischen von etwas anderem. Dann sagte Schemeikka: »Und was habt ihr an dieser auszusetzen?« »Mag wohl nicht mehr so jung sein.« »Was tut das Alter, wenn sie sonst gut ist.« »Ist sie das?« »Als sie mich zum ersten Mal drückte, fürchtete ich, es wäre mein Tod.« »Ich mache mir nichts aus den Wilden. Ich will eine Sanfte und Stille.« »Ich will bald so eine, bald so eine,« hörte man Schemeikka mit einem Brocken im Munde sprechen. Bald eine Jungfer, bald ein Weib, bald eine Feurige, bald eine Kühle. Man wird einer bald überdrüssig.« »Hast du überhaupt eine so lange gehabt, daß du ihrer hättest überdrüssig werden können?« Schemeikka antwortete nicht darauf. Es war eine andere Stimme, die sagte: »Je eine einen Sommer lang.« »Mitunter habe ich doch einunddieselbe auch zwei Sommer gebabt,« sagte jetzt Schemeikka. »Wieviele hast du wohl allein in dieser Hütte schlafen lassen?« »Ich habe kein Kreuz in die Wand geritzt.« »Womit du sie auch kirren magst, immer kriegst du welche. Sie fliegen dir zu, wie die jungen Haselhühner der Pfeife.« »Durch Gesang macht man die Weiber kirre. Und ein Lied nur braucht's dazu: das von der Herrlichkeit ihres eigenen Ich. Das zieht immer. Wenn ich sie damit betörte, ermattete, sanken sie kraftlos neben mir hin. Die Melodie alt, die Worte neu. Wohl bekomms, Freunde!« »Solltest einmal eine fest nehmen, Schemeikka, dann würdest du dich selber auch endlich festigen. Was ist das für ein ewiges Herumgejage?« klang die Stimme eines älteren Mannes. Sammelst das Haus mit ihnen voll wie mit Plunder. Da läßt du sie dann auf den Höfen herumfahren und weißt nicht, was du mit ihnen anstellen sollst.« »Komme ich nicht für sie auf? Sorge ich nicht für sie?« »Gewiß, du sorgst für sie.« »Was redest du dann?« »Aber diese hast du dir zu nahe weggeholt, fast vom Nachbar. Der Juha Karhunen am Rajavaara ist ja ein alter Freund von dir. Hast dich um eine gute Herberge gebracht. Wie soll man denn in Zukunft die Boote da vorbeiziehen? Hieraus werden sich noch Scherereien und mancherlei Unannehmlichkeiten entwickeln. Aber das ist ja wohl nicht das erste, was Schemeikka angestellt hat. Die Sippe der Karhus ist groß, sicher wird eine Fehde daraus. Es wäre gut, wenn du das Liebchen in das Boot trügest und sie zurückrudertest und sie an dem 5trand niedersetztest, wo du sie weggenommen hast.« »Und dich schön bedanktest« »Und fragtest, was du schuldig bist.« »Ganz im Ernst, tu es, wenn du eine Fehde vermeiden willst.« »Wenn eine Fehde daraus entsteht, dann mag sie entstehen,« hörte man Schemeikka sorglos sagen. »Dann kann man ja auch die Mitgift in Empfang nehmen.« »Sollte wohl da etwas zu holen sein?« »Der Speicher voll Getreide, Vieh wie eine Renntierherde. Und der Alte selber ein gewaltiger Urwaldroder, ein unvergleichlicher Schwendenbrenner.« »Der Alte? Willst du ihn auch holen?« »Als die Mitgift seines eigenen Weibes?« »Na, warum nicht?« »Schlag ein ... da, meine Hand! Du bist ein Kerl, Schemeikka!« »Es wäre nicht der erste Arbeitsmann, der jenseits der Grenze geholt wird.« »Ach du, Schemeikka!« »Vielleicht kommt der Alte sogar gern, wenn er sein Weib zurückkriegt.« »Die kriegt er noch nicht; nicht, ehe wir Brot vom neuen Korn essen.« »Vom neuen Korn! Ei du, Schemeikka!« Sie schüttelten sich und lachten einander ins Gesicht. »He, Marja! Der Tee ist alle!« hörte man Schemeikka rufen. Aber Marja lief hinter dem Häuschen weg in den Wald, eilte fort wie ums Leben, bis sie erschöpft war, und sank zu Boden. Er hatte sie beschimpft, verspottet, geschmäht, wie nackt ausgezogen vor ihnen, den Betrunkenen, wie ein Stück Marktvieh. Wohin soll ich, wohin soll ich aus ihren Händen hier fliehen? Nachhause, ich gehe nachhause! Ach, gnädiger Vater im Himmel, wohin bin ich geraten! Wenn sie es wirklich tun, sich aufmachen, das Gehöft niederbrennen und Juha hierher schleppen? – Sie kletterte den Abhang des Berges hinan, immer höher und höher, über Geröll, über Blöcke, durch Erlengestrüpp. Schließlich kam sie so hoch, daß die Welt unter ihr sich im Blau verlor. Noch weiter hinauf gelangt, erblickte sie im Westen ferne Berge. Einer von ihnen war auf dem Rücken eingekerbt, war das ihr Berg? Aber er blaute in schwindelnder Ferne hinter Mooren, Seen und Bruchwäldern. Dorthin finde ich mich nimmer, und meine Füße tragen mich nicht dahin. Und wenn ich es auch könnte, was soll ich dort – jetzt noch? Sie kam immer weiter ab, auf die andere Seite des Berges, erschlaffte, setzte sich und schlief zuletzt über ihrem Weinen ein. Es war weit nach Mitternacht, als Marja zur Hütte zurückkehrte. Sie schienen gegangen zu sein, da keine Stimmen zu hören waren und ihr Boot nicht mehr am Strande lag. Als sie näher kam, drang ein Schnarchen aus dem Häuschen. Schemeikka lag quer über dem Bett unter der Fensterluke. Marja zog den Kopf zurück und schob die Luke zu. Dann schlich sie um die Ecke zur Tür und schloß auch diese .. Soll ich auch die Stange vorlegen? Die könnte man so legen, daß niemand mit eigener Kraft herauskäme. Man könnte ihn wie in einer Falle einsperren. Man könnte ihn darin verbrennen wie eine Maus in ihrem Nest auf einer Schwende. Aber zugleich riß sie die Tür wieder auf und eilte an den Strand – weg vor diesen entsetzlichen Gedanken. Der Fischer-Matti saß am Schilfufer und angelte. Marja rief ihn ans Land und erzählte ihm, um ihr Herz zu erleichtern, alles, was geschehen war. »Ihr wußtet ja auch, daß er jeden Sommer ein neues Mädchen hat, und habt mir nichts gesagt.« »Du hast ja nicht danach gefragt.« »Wie hätte ich denn danach fragen sollen?« »Er hat ja welche gehabt. Fast jeden Sommer war eine frische da. Bisweilen kommt er mit einer sogar zweimal.« »Und sie kommen, obwohl andere dazwischen gewesen sind?« »Die Mädchen sind nur froh, wenn sie wieder in Gnaden aufgenommen werden.« »Laßt mich in euer Boot sitzen und fahrt mich weg!« bat Marja erregt. »Das tue ich nicht. Ich habe gar keine Lust, mich mit dem in Streit einzulassen. Geh du nur zurück und schmeichle ihm, wenn er aufwacht. Das ist das Beste für dich. So habens die anderen auch gemacht.« »Aber ich tue es nicht!« »Es wäre doch am besten, du tätest es.« Der Alte ruderte weg. Marja ging auf den Hof zurück. »Marja!« klang es aus der Hütte. »Marketta! Wo bist du? Komm! Komm doch, kleine Marja!« Die Stimme war schmeichelnd, lockend, wie wenn einer seinen Hund ruft. Marja rührte sich nicht von dem Fleck, wo sie saß. Nach kurzer Zeit erschien Schemeikka in der Tür. »Na, weshalb kommst du nicht! Komm nun! Wo warst du denn hingegangen? Wo bist du gewesen?« Marja antwortete nicht. Als Schemeikka auf sie zukam, stand sie auf. Schemeikka griff nach ihr. »Laß mich in Ruhe!« schrie Marja. Schemeikka griff wieder nach ihr, aber da stieß Marja ihn zurück, daß er schwankte. »Wa–was soll denn das heißen?« erzürnte sich Schemeikka und faßte sie bei den Handgelenken. »Ich habe alles gehört, was ihr gesprochen habt! Laß mich los! Du hast alle Sommer ein neues Mädchen hier gehabt!« »Hast du vielleicht geglaubt, du wärest die erste?« »Und nächsten Sommer bringst du wieder ein neues?« »Glaubst du vielleicht, du wärest die letzte?« »Warum wurde ich überhaupt hierher gebracht?« »Ich dich gebracht? Hast du nicht selbst gewollt? Bist du mir nicht in die Arme gelaufen?« Marjas Trotz zerbrach. Schemeikka ließ ihre Hände fahren, und sie sank auf einen Stein. »Was soll jetzt hier aus mir werden?« weinte sie. »Meine Mutter wird dich ebenso gut aufnehmen, wie sie alle anderen aufgenommen hat.« »Ich gehe nie dahin, wo alle deine früheren sind,« sagte Marja aufschnellend. »Dann hilft wohl nichts, als daß ich dich nachhause fahren lasse.« »Und Juha soll ich dein Kind als Geschenk mitbringen?« »Ist es so?« »Ja!« Schemeikka grinste. »Du sagst, es wäre von ihm.« »Das kann ich nicht sagen.« »Weshalb nicht?« »Weil ich es nicht kann!« sagte Marja immer erregter. »Dann sag, daß es von mir ist. Vielleicht freut er sich sehr darüber. Ich schenke es ihm.« »Du gäbest ihm dein Kind?« »Ich habe auch für andere welche, und habe auch schon welche weggegeben. Habe auch eins und das andere mit seiner Mutter weggegeben.« – »Geh nicht, Marja! Ich meine es ja nicht ernst. Du brauchst ja nicht zu gehen, wenn du nicht selbst willst. Ich mache dich auch zu einer Wirtin, wenn es sich trifft. Schiel nur nicht so, als ob du beißen wolltest. Komm her, Marja, ich werde schon einen Mann aus deinem Kind machen, wenn es ein Junge ist. Mag er dort unter den anderen herumlaufen – dort sind Höfe genug. Tu nicht so, laß uns Freunde sein, kümmre dich nicht, Marja, höre, du bist mir besser als jede andere – besser, hübscher als je ...« Er näherte sich ihr mit süßen, noch müden Augen, trüber Stirn, vom Rausche roten Lippen. Wobei Marja zuerst zurückwich, dann stehen blieb. »Mich kirrst du nicht noch einmal mit dem Lied! Nein, du Schlenkerbein, du sollst nicht noch einmal prahlen, daß ich dich zu Tode drücke – und mein Kind wirst du nicht in deine Herde führen, du Bock. Laß mich in Ruhe.« »Sei böse, Marja, sei noch ein bißchen böse, du bist um so hübscher, je wütender du bist.« Da, indem Marja sich erinnerte gehört zu haben, daß man einen Angreifenden in die Herzgrube stoßen müsse« – schrie Schemeikka auf und fluchte, Marja fiel rücklings hin und wurde ohnmächtig. X. Juha kann nicht, kann nicht immer in dem Glauben leben, daß Marja gern gegangen sei. Er glaubt es, wenn er am Tage arbeitet und schuftet, bald auf den Äckern, bald auf der Schwende, bald auf dem neuen Wiesenland, wenn er schuftet, daß es ihn selbst verwundert, was er fertig bringt. Aber dann geht seine Kraft zu Ende, er wird der Arbeit überdrüssig, mag tagelang nichts davon sehen, weil der gefällte Baum, der umgewälzte Stein da im Zorn auf Marja gefällt und umgewälzt ist. Da wechselt er den Arbeitsplatz, macht sich an etwas anderes – glaubt und glaubt nicht. Gewiß ist es wahr, da Kaisa es gesehen hat und da Marja gedroht hatte; und gewiß hätte er sie nicht mit Gewalt in das Boot bekommen, ohne daß es umgefallen wäre. Und da sie unfreundlich gegen mich war. Aber dann: wie sehr sie mich auch gehaßt hat, konnte denn ein so verständiger Mensch mit vollem Bewußtsein einen Hof verlassen, der ihm gehörte, für ihn gebaut war, sein eigenes Heim, das er selbst mit geschaffen hatte, und ins Ungewisse mit einem Fremden, einem Feind, dem Erbfeind davongehen? Wie konnte sie so unklug sein? Sie konnte nicht gern gegangen sein, sie war trotzdem mit Gewalt weggeschleppt worden. Aber sie konnte ja gegangen sein, konnte im Ärger gegangen sein, konnte verzaubert gewesen sein, hat es aber bereut, hat es sicher schon unten an der Stromschnelle bereut, hat aber nicht mehr entfliehen können. Wenn sie auch zuerst gern gegangen war, dann hatte er sie mit Gewalt weitergeschleppt. Sie wird noch zurückkommen, wird sich irgendwie davonmachen. Solange es nicht friert, kommt sie wegen der großen Seen und Schnellen nicht fort. Sie mögen es mit ihr gemacht haben wie früher in den Kriegsjahren oft mit den gefangen Fortgeschleppten: haben sie mit verbundenen Augen lange Strecken geführt. Im Winter aber wirft sie sich auf die Schneeschuhe. Läuft immer geradeaus gegen Sonnenuntergang. Oder vielleicht hat sie schon im Sommer versucht zu entkommen, hat sich aber verirrt und ist ermattet und verschmachtet. Oder sie haben sie mit ihren Hunden verfolgt und eingefangen. Oder sie ist gar nicht weggegangen. Wenn es ihr dort in ihrer Heimat gefällt. Dort mag es ihr wohl gefallen, und sie hat keine Lust wieder heimzukommen. Hier hat sie es ja auch nicht gut gehabt. Vergnüglich ist es ja hier nicht für sie gewesen. Erst wenn ein Fremder kam, fing sie an zu singen und zu lachen und leicht umherzugehen. Wieder packte Juha die Arbeitswut, er stieg auf den Hügel und schlug Bäume um wie Weidengestrüpp. Von dem Hügel sah er die grenzenlosen Einöden, hier und dort einen Bergrücken des fremden Landes. Dahinter ist sie in irgendeinem Gehöft des anderen, geht auf den Höfen des anderen umher. Ob sie nun gern mit ihm gezogen oder mit Gewalt entführt worden ist – dort ist sie. Aber wo? Dahin ist sie, für immer dahin. Sie kommt nicht mit, wenn ich sie auch fände. Es ist so, wie die Mutter gesagt hat. Ich bekomme sie nicht mit Gewalt in mein Boot, wenn sie nicht gern will. Und allein kann ich nichts gegen sie und die anderen. Und wenn ich auch den Wolf totschlüge und meine Marja noch lebendig anträfe – sie ist ja kein Tier, kein Hund, den man an der Kette nachhause führt. Ich mache sie mir nicht mehr zutraulich – so wenig wie früher. – Und da kam wieder die erschöpfende Mattigkeit über Juha, so daß er kaum nachhause gehen konnte, und er saß tagelang auf der Bank mit dem Kopf in den Händen oder irrte mit bloßem Kopf, mit bloßen Füßen, ohne Ausdruck in den Augen, mit schlaff geöffnetem Munde auf dem Hof umher. Dann kam er wieder so weit zu sich, daß er nach Weihnachten sich nach einem Gehöft halbwegs zum Kirchdorf aufmachen konnte, wo dem Propst die Abgaben entrichtet werden mußten. Wenn er von dem einige Klarheit erhielte, wenn der doch zufällig irgendwie etwas erfahren hätte. Wenn er nur gewußt hätte, wie es dort stand – einerlei, wie es stand. Und noch einmal machte sich Juha auf, um seine Sache dem Propst auseinanderzusetzen, der sie getraut und ihnen Glück gewünscht hatte. Der Propst saß an dem kalten, sternhellen Februarmorgen im Vorderteil seines Lastschlittens und fuhr vom Hof des Anwesens, wo die Abgaben entrichtet worden waren, auf das Eis, als er merkte, daß jemand hinten aufsprang. »Wer ist das?« »Ich, ich ...« »Ach, Juha. Nun, wie ist's? Ich wollte dich dort schon fragen, habe aber dann nicht mehr daran gedacht.« »Ich habe hier gewartet. – Es ist beim alten.« »Na, das ist aber eine Geschichte. Sie ist also nicht zurückgekommen?« »Und kommt wohl auch nicht, sie sagen, sie wäre gern gegangen.« Juha redete da, bald neben dem Schlitten hertrabend, bald für eine kurze Weile auf die Schiene tretend, zum Propst, was die Magd gesehen und was seine Mutter gesagt hatte: daß Marja gar nicht mit Gewalt fortgeschleppt, sondern daß sie gern gegangen sei. Juha wartete und wartete, daß der Propst mit dem Peitschenstiel dreinschlagen und sagen sollte: ach was, das ist Weibergeschwätz, sie ist nicht gern weggegangen. Aber der alte Propst erwiderte nichts. »Gern? Steht es wirklich so?« Und er sah sie bei der Trauung vor sich, den alten Mann und das junge Weib, und erinnerte sich, wie er sie miteinander verglichen und gedacht, gezweifelt, aber dann doch überlegt hatte: Vielleicht! Nun, weshalb soll es nicht ihr Glück sein können, da es unseres gewesen ist. »Da ihr uns Glück gewünscht habt,« keuchte Juha, im Schnee trabend, »habe ich mir gedacht, ihr hättet es ja, wenn ihr es nicht geglaubt hättet, nicht gewußt – ihr habt ihr wohl an den Augen abgesehen, was sie ist.« Der Propst verstand nicht recht, was Juha meinte. »Was sagst du?« »Ich meinte nur, wenn ihr vermutet hättet, daß sie so was tun konnte, dann hättet ihr nicht die Hand gereicht – oder ja – ja, ich meine nur: glaubt ihr, daß sie es getan haben kann ? Gewiß, gewiß kann sie, da sie eine Russische ist.« »Ach ja, sie ist ja eine Russische.« »Ja. Von dort ist sie. Wenn ihr Blut sie dorthin gezogen hat? Aber brauchte sie es denn darum?« »So etwas kann wohl auch im Blute liegen – ich will nicht sagen, daß es so ist, aber es kann so sein.« »Im Blut, gewiß, im Blut. Ja gewiß. Wenn sie es schon nicht besser verstanden hat.« »Ich will's ja nicht behaupten, denn ich weiß es nicht – ich meine nur!« Juha ging hinterher, hielt gar nicht mehr fest – da es auch nach der Meinung des Propstes sein konnte, war es wohl auch so! »Ich meinte noch – wenn ich noch etwas sagen darf –« »Setzt euch hier auf den Rand.« »Es geht hier schon – ich meine, was der liebe Gott hiermit – was er gewissermaßen eigentlich damit gegen mich bezweckt – ich meine, weshalb er mich so straft?« »Siehst du es für eine Strafe an?« »Ach je – weil es schneidet, als ob mir zwei Messer in der Brust herumgedreht würden. Nämlich, wozu das nur?« »Wenn es darum wäre, weil du sie mehr als Gott geliebt hast?« »Weil ich sie mehr –? oder also Gott weniger?« Juha schrie fast auf. – »Weniger? Ach, lieber Herr Propst, ich habe Gott darum nicht weniger – eher vielleicht mehr ...!« »Mehr?« »Nun, so wahr, wie – ich habe ihn ja gelobt und gepriesen ... daß er mir ein solches Glück gegeben, mir zur Freude eine so Junge und Sanfte gegeben hatte.« »Fürwahr, ein sanftes Weib ist ein Geschenk Gottes.« »So ist's ... die so warm und sanft war – wenn sie nur wollte.« »Hättest doch nicht darauf sehen und dich darüber freuen sollen.« »Aber ich habe darauf gesehen und mich gefreut. Und ich schäme mich nicht es zu sagen: jetzt habe ich eine so nagende Sehnsucht danach.« »Darin liegt aber nicht das Lob des Weibes.« »Worin sonst?« »In sittsamem Wesen und anderen Fähigkeiten.« »Sie war auch sittsam – gerade genug, ja zu sehr. Und auch in anderen Fähigkeiten tüchtig – ein arbeitsamer Mensch. Der Herr Propst versteht mich schon – habt selber eine Junge – solltet mich nicht tadeln!« Juha ließ sich hinten von dem Schlitten abfallen und stand allein auf dem weiten See. Wieder war ihm Unrecht geschehen. Nein, nicht ihm, sondern Marja. Auch der Propst glaubte, daß sie gern gegangen war. Was habe ich mich auch hierher aufgemacht? Was habe ich ihn sagen lassen, daß es ihr im Blut liegt, der Russischen? Aber da er der gewesen ist, der uns getraut und uns die Hand gegeben und Glück gewünscht hat. Aber, zum Teufel, er hat es wohl gar nicht in seinem Herzen gewünscht, wenn auch mit dem Mund! Mochte dies insgeheim gedacht und das gesagt haben. Woher wollte er wissen, daß Marja gern –? Etwa deshalb, weil sie eine Russische ist? Das mag ihm meine Mutter eingeredet haben, hat ihm, dem feilen Hund, wohl etwas zugesteckt, damit er so zu mir spräche. Aber Marja ist nicht gern gegangen. Mit Gewalt ist sie weggeschleppt worden! »Marja ist nicht gern gegangen,« sagte Juha, nachdem er dabeim angelangt war, plötzlich vor seiner Mutter stehenbleibend. »Sag nichts, mach den Mund nicht auf. Wenn du was sagst, dann –« »So, also nicht.« »Nein!« »Dann ist's ja gut.« »Ja, gut. 's ist gut.« »Hat dir das der Propst gesagt?« »Ja.« An den folgenden Tagen war Juha noch fleißiger als sonst. Er fuhr den Schuppen auf dem Hof voll Heu, spaltete Holz und hackte einen großen Haufen Nadelzweige für den Kuhstall. An einem Morgen, als die Mutter aufstand, war Juha verschwunden, und die Alte konnte aus der Schneeschuhspur nicht erkennen, in welcher Richtung er davongefahren war.   XI. Marja sitzt auf der Bank der Badestube, an einem Strumpf strickend und mit dem Fuß die Hängewiege in Bewegung erhaltend. Hinter der Wand knirscht der Schnee, es geht jemand an der Luke vorüber, die Tür öffnet sich, und eine wohlgenährte alte Frau schiebt sich herein. »Geh doch ins Haus und iß, Marja. Ich werde dein Kind solange wiegen.« Marja erwidert nichts. »Dort bei den anderen ist es gemütlicher zu essen.« »Ich möchte mir mein Essen lieber hierher holen.« »Na, es kann dir ja auch gebracht werden, Anja bringt es ... solltest aber jetzt doch kommen. Weshalb kommst du nicht?« »Ich habe es ja schon gesagt.« »Bist immer noch stolz und böse. Aber verbittre dir doch das Herz nicht so, meine Liebe. Da wird auch deine Milch bitter, und dein Kind weint.« »Davon weint es nicht.« »Die ganze Nacht hört man es wimmern.« »Es wird nach seinem Vater weinen, wenn es weint.« »Es wird nicht lange mehr weinen, Schemeikka kommt bald.« »Möchte er nie kommen!« »Ohne Grund schiltst du ihn, ohne Grund trotzest du uns mit deinem Haß. Hättest du nicht einem anderen gehört, hätten wir längst eine Schwiegertochter aus dir gemacht.« »Was redet ihr immer davon. Ich habe nie eure Schwiegertochter werden wollen.« »Weshalb bist du dann mit ihm davongegangen?« »Es war töricht genug.« »Und auch sonst hättest du nicht zu uns gepaßt. Sieh mal, aus einer großen Sippe muß die sein, die als Wirtin zu Schemeikka gebracht wird. Sie muß als Mädchen aus einem Gehöft genommen oder ihrem Vater für schweres Geld abgekauft werden. Aus einer angesehenen Sippe muß sie sein, darf nicht sein vom Wasser ausgeworfen, vom Strom herbeigetragen, vom Strand geraubt. Ei, meine Beste, übermaßen reich muß sie sein. Er gehört selbst zu einer großen Sippe, von Vaters Seite, von der Mutter her. Wir sind die Ersten in Karelien, im Kriege wie im Handel berühmt. Als sein Vater starb, sagte er: ›Laß den Sohn keine Geringe heiraten.‹ Und jung muß Schemeikkas Liebste sein. Wenn du auch sonst getaugt hättest, du wärest schon zu alt für seine Frau. Hast schon Falten auf der Stirn, und um den Mund bist du sehr verbittert. Davon weißt du selbst nichts, man sieht es noch nicht in der Quelle.« »Ich habe nicht danach geschaut.« »Dann weißt du noch weniger davon.« »Wäre mir auch gleichviel, wenn ich es sähe.« »Wirst noch älter, da du dein Kind stillst. Nein, die Schemeikkas machen sich nichts aus Alten, müssen immer Junge und immer Neue haben – so mußte es auch bei seinem Vater sein.« »Und das scheint euch ganz recht?« »Sein Vater hat in den drei ersten Jahren keine andere angerührt. Ich war jung und schön, war sechzehn, als er mich in einen Schlitten schwang. Sommermädchen nahm er sich erst, als ich Kinder stillte, und er mochte sie auch nehmen – ich kam nicht zu kurz dabei.« »Nicht doch, beste Wirtin!« »Ich habe ihn ja nicht immer gebraucht. Gab ihn gern denen, die keinen Mann hatten. Dann war er auch gegen mich freundlicher und zärtlicher. Wäre ich gewesen wie du gegen Schemeikka, dann hätte er mich verlassen wie Schemeikka dich; hätte mich nicht von vorn und nicht von hinten angesehen. Aber da ich ihn gehen ließ, wie er wollte, hielt er mich wert, hat sie nie zu mir an den Tisch gebracht. Und sie bemühten sich auch gar nicht darum, begnügten sich damit in der Ecke am Herd aus ihren eigenen Näpfchen zu essen. Ein Sommermädchen muß sich mit dem begnügen, was ihm gegeben wird und wie es ihm gegeben wird. Es ist ja eine Leibeigne, manchmal im Krieg erbeutet. Manch einer gibt ihnen auch schlechteres Essen, aber ich habe ihnen früher immer dasselbe gegeben, was wir selbst hatten, und gebe es ihnen noch heute. Aber dazu maulst du nur. Hast kein gutes Wort zum Dank. Wer weiß, wie es gegangen wäre, wenn wir dich in der Fischerhütte hätten weiter grollen lassen. Sind die schwedischen Weiber wohl alle so? Geh jetzt essen, Liebste, ehe dort alles kalt wird. Wenn du ißt und fröhlich bist, wird auch dein Junge dick werden. – Ach, er ist ja wach! Su – suh! Hat ja ganz die Augen seines Vaters! Su – suh! – Baba! baba! Komm zur Großmutter! Ja, du wirst schon auch noch den Ranzen auf den Rücken nehmen!« Marja warf sich auf die Bank und brach in unaufhaltsames, verzweifeltes Weinen aus. »Na, da, wieder! Nicht doch! Was ist denn los? Sag, fehlt dir etwas? Ich kann das Getue nicht mit ansehen. Was bist du denn hierher gekommen, wo du sogar gern gegangen sein sollst? Ach, die Unglückliche, wie sie weint! Na, das fehlte ... ich kann's nicht mehr hören. Dann bleib in Gottes Namen wo du bist, ich schicke dir durch Anja, was du brauchst.« Die Alte eilte weg, Marja beruhigte sich nach und nach, gab ihrem Kinde die Brust und begann es zu wiegen. So war also auch sein Vater gewesen, dachte sie. Ob wohl auch aus ihrem Sohn solch einer werden würde? Und sie beschloß: – Nimmermehr! – Und auch seines Vaters Knecht soll dieser Junge nicht werden! Dafür werde ich schon sorgen, daß das nicht geschieht. Mag es mir ergehen, wie es will, mag ich sonst wohin geraten, hier bleiben wir nicht. Sie öffnete die Luke und setzte sich mit ihrem Strickstrumpf daran. Die alte Badestube, die sie sich als Wohnung ausgebeten hatte, um nicht in dem Hauptgebäude den anderen zwischen die Füße zu kommen, lag etwas abseits unten an einem Hügelabbang. Das Gehöft mit dem Wohnhaus, dem Pferde- und dem Kuhstall lag in einem Haufen zusammen, unter demselben Dach, oben auf einem Absatz der Anhöhe. Es war gar nicht so prachtvoll, wie Schemeikka geprahlt hatte; schien bereits alt und verfallen. Da gingen viele aus und ein, lauter Weiber. Ihrer waren in diesem Gehöft und in den anderen ebenfalls eine zahllose Menge, ältere und jüngere. Sie waren es anscheinend, die hier alle Arbeit verrichteten, sowohl ihre eigene als die der Männer. Sie zogen auf Schleifen das Wasser vom See, das Heu aus den Schuppen herbei, schleppten es, wer mochte sagen wie weit, über den festgefrorenen Schnee. So war es mit ihren guten Tagen bestellt, von denen Schemeikka geredet hatte. Jetzt ziehen sie dort gerade mit großer Mühe das Waschfaß vom Strande herauf, da die Männer alle Pferde mithaben. Leibeigne sind sie, die einen wohl herbeigelockt, die anderen mit Gewalt entführt. Aber ich bin nicht die, die ihre Waschfässer ziehen wird. Als es dämmerte, wurde die Tür etwas geöffnet, herein glitt ein bewegliches, schmächtiges, schmalwangiges, bleiches Weib. Sie kam, fast jeden Abend, um Marja Gesellschaft zu leisten, obwohl Marja sie nicht dazu aufforderte – es ihr allerdings auch nicht verwehrte. Ihr Gespräch drehte sich meistens um einunddasselbe. Sie saß da und blickte Marja an, die Hände im Schoß, die Augen von Zärtlichkeit gefeuchtet. »Sei nicht so verbittert, Marja.« »Es ist ein Wunder, daß du es nicht bist, obwohl er dich ja auch verlassen hat.« »Ich bin es nicht. Ich bin zufrieden, wenn ich mit ihm zusammen sein darf, wenn er es will. Wenn er nicht mag, bleibe ich weg und arbeite für ihn. Dafür lobt er mich. Wenn er auch meiner überdrüssig wird und zu den anderen geht, denkt er doch mitunter wieder an mich und kommt dann zu mir.« »Und du bist froh darüber und läßt dich streicheln wie ein Hund?« »Ja. Meinen Arm schlinge ich um seinen Hals, denn er sagt, sagt jedesmal, wenn er mich um den Leib hält: ›Keine hat einen so zierlichen Wuchs wie du, Anja, keine küßt so süß wie du‹.« »Das hat er zu mir auch gesagt.« »Vielleicht hat er es gesagt, aber er hat es nicht gemeint, denn dein Wuchs ist nicht so zierlich wie meiner.« »Und braucht es auch nicht zu sein.« »Es ist vergeblich gegen Schemeikka zu murren. Nichts hindert ihn, wenn er gehen will, und nichts hält ihn zurück, wenn er kommen will. Mein Vater sperrte mich in den Speicher ein und legte sich selbst vor der Tür schlafen. Er kam und warf meinen Vater über den Zaun in den Wald und brach die Tür auf. – Ach, ach! Er hat sich schon mehrere Jahre nicht mehr um mich bekümmert. Andere hat er in der Fischerhütte gehabt, sich von anderen seine Badestube wärmen lassen. Aber er hat mir doch den kleinen Petri geschenkt. Aus dem mache ich ihm einen tüchtigen Mann. Vielleicht schenkt er mir noch einen anderen, vielleicht holt er mich auch noch einmal nach der Fischerhütte, und ich darf den Jungen mit hinnehmen, daß er sich am Ufer im Sande wälzen kann. Wenn er dich hinnimmt, dann bitte ihn, daß ich als deine Magd mitkommen darf.« »Ich gehe nie mehr mit ihm nach der Fischerhütte, und wenn er mich auf den Knien darum anflehte.« »Was liegt daran, wenn er in lustiger Stimmung ein paar Dummheiten geschwatzt hat. Ich kehre mich nicht daran, obwohl er mich auch geschlagen hat.« »Hat er dich geschlagen?« »Nun ja!« sagte das Mädchen mit strahlenden Augen. »Aber dann hat er mich geküßt und geweint und um Verzeihung gebeten.« »Und du?« »Ich hatte ihm schon verziehen, bevor er noch darum gebeten hatte.« »Hast du keine Lust gehabt, ihn wieder zu schlagen?« »O nein, nicht doch – ich wußte: wenn er schlägt, bereut er es und ist wieder gut. Wir haben zusammen geweint und dann gelacht.« Es wurde nach Anja gerufen. Sie schlüpfte hinaus, sagte aber, daß sie gleich wiederkomme. Aber Marja fragte sich wieder und immer wieder: Wie konnte ich mich von ihm so kirren lassen? Was für ein Rausch hatte mich an dem Sonntag erfaßt? Was wollte ich eigentlich hier? Ich habe nicht bekommen, was ich holen ging, habe bekommen, was ich nicht wollte. Den dort in der Wiege, ein ewiges Andenken, seinem Vater so ähnlich, daß es mir schwer wird ihn anzusehen. – Und es entfuhr ihr ein Wunsch, entfuhr ihr, obwohl sie versuchte, ihm den Weg zu versperren, es entrang sich ihrer Brust doch der Wunsch: ... Wenn du doch Juhas Sohn wärest! Könntest verkrüppelt sein, könntest sonstwie aussehen, wenn du nur Juhas Sohn wärest! Aber du bist es nicht. Vor ihm habe ich mich jahrelang in meinem Speicher eingeriegelt, dem dort bin ich an den Hals geflogen wie eine Fledermaus in ein weißes Tuch. Hier bin ich, flügellahm, in ihrer schlechtesten Hütte, des Loses der Leibeignen gewärtig, ich, die ich immer noch dort in meinem eigenen Hof, in dem zusammen mit dem anderen aufgebauten, sein, als Wirtin schalten und walten könnte, und Juha erfüllte mir auch das kleinste Gelüst. Jetzt wirtschaftet dort die Schwiegermutter, in meinem Reich, backt die Brote, melkt die Kühe und füttert sie; ihr brummen sie aus ihren Ständen zu; ihr schnurrt mein Spinnrad, ihr flammt das Holzfeuer vom Herd, die von ihr gebackenen Brote duften auf dem Tisch in der Stube. Jedem, der ins Gehöft kommt, erzählt sie höhnisch: »Hier war sie, bekam einen Hof, bekam einen guten Mann, war nicht gemacht zu bleiben und festzuhalten ... ich habe es ja immer gesagt, hätte es aber nicht geglaubt, daß sie zu einem Russen in den Schlitten springen würde.« – Was mag Juha machen, was mag er denken? Daß ich mit Gewalt weggeschleppt worden? Oder daß ich gern gegangen bin? Er mag wohl denken, daß ich ertrunken bin oder mich selbst ertränkt habe? Wenn er doch das glaubte, dann wäre ihm vielleicht wohler ... Ich möchte, daß ihm wohler wäre. Anja kam wieder und brachte in ihrem Schoß warme Pasteten. Als ob sie etwas erraten hätte, ließ sie Marja von ihrem früheren Leben erzählen. »Wie war der, dem du zuerst gehörtest?« »Wie er war? Er war so einer, viel älter als ich.« »Aber gut?« »Woher weißt du, daß er gut war?« »Ich höre es aus deiner Stimme.« »Er war ja wirklich gut, viel zu gut. Die anderen wichen dem Bettelmädchen aus, er hütete und liebkoste mich von klein auf, mag mich wohl auch gewiegt haben. Ging er in den Wald, so nahm er mich mit, fällte er Bäume zum Schwenden, so sagte er: Für dich fälle ich sie. Baute einen Hof und sagte: Für dich baue ich ihn. »Dir hat er einen Hof gebaut?« »Alles, sagte er, mache er für mich.« Marja quollen die Tränen in der Kehle empor. – »Zusammen haben wir ihn gebaut, das Vieh großgezogen.« »Und du hast ihn verlassen. Er baute dir einen Hof und du hast es übers Herz gebracht ihn zu verlassen?« »Weil er so alt und krummbeinig war, der alte Kerl.« »Wenn er es auch ein wenig gewesen ist.« »Ich weiß nicht. Werde wohl verzaubert gewesen sein. Mitunter wünschte ich, daß er tot wäre, um einen zu bekommen, der mir gefiele.« »Er, dem du das Einzigste warst?« Im Grimm über ihre eigene Rührung schrie Marja auf: »Das Einzigste? Sollte ich denn sein Einzigstes sein ... sollte ich deswegen meinen Arm um seinen Hals schlingen, weil er niemand anders hatte als mich? Meinetwegen hätte er noch so viele haben können. Haha! Und wenn er sich nur bald eine nimmt, seine Mutter wird ihm schon eine schaffen, hat ihm vielleicht schon eine geschafft. »Du tadelst Schemeikka, daß er sich nicht mit einer begnügt ... jetzt verstehe ich dich nicht,« sagte Anja. »Ich auch nicht!« Anja schwieg, Marja mit verwunderten Augen groß anblickend, ohne sie zu verstehen. Sie saß eine Weile stumm da, lachte dann kurze Zeit mit dem Kinde und schlüpfte ebenso lautlos hinweg, wie sie gekommen war – wie ein Tier des Waldes. Als aber Marja wieder allein blieb, um die lange Nacht ihr Kind zu wiegen, kam die Reue doppelt so stark. Weshalb habe ich den armen Juha wieder geschmäht? Weshalb habe ich gesagt: Der Krummbeinige; der Krüppel? Er nimmt niemals eine andere. – »Dem du das Einzigste warst?« sagte sie – ja, ja. Ich habe ihn verlassen, dem ich das Einzigste war, und habe mich an den weggeworfen, dem ich nichts bin. Der mich behütet und für mich gesorgt hat, wie ein Vater für sein Kind. Der wie ein Vater zu einer Waise war. Ein Vater? überkam es sie. Wie ein Vater wirklich. Er ist mir ja auch eher wie ein Vater gewesen. Und hatte sich fast schon darein gefunden wie ein Vater zu sein. Der alte Mann konnte ja nicht mehr anders. Wenn ich zu ihm zu gehen versuchte wie zu einem Vater! Ginge mit meinem Kind wie eine verirrte Tochter zu ihrem Vater. Bäte ihn wie einen Vater um Verzeihung? Wenn er dort vor mir stände, auf die Knie fiele ich vor ihm nieder, schleppte mich hinter ihm her, weinte, flehte um Verzeihung, gestände alles. Er würde verzeihen. Und Marja schien es ganz sicher, daß er verzeihen werde – schien es so in der dämmerigen Badestube, während sie das Kind an ihrer Brust hielt, schien es noch sicherer, als der Kleine in der Hängewiege leicht atmete, am allersichersten, als sie hinausgehend die flimmernden Sterne an dem kalten Spätwinterhimmel ansah und, wieder in die Hütte zurückgekehrt, leise auf ihrem Lager einnickte. – – Anja sitzt wieder da und plaudert. Anja spricht immer von Schemeikka. Er wird jeden Tag zurückerwartet. Es weiß niemand, wann er kommt und wo er ist, aber alles ist vorbereitet, wann er auch kommen mag. Da er im Vorwinter mit seinen Männern, um Pelze aufzukaufen, das nördliche Norwegen und die Gegenden am Weißen Meer durchstreift hat, führt im Spätwinter seine alljährliche Reise über das Dorf nach Süden. Lange können sie nicht zuhause weilen, einige Tage, höchstens eine Woche. Dann werden Feste und große Tänzereien veranstaltet. Dann kleiden sich alle Mädchen in ihren besten Staat. »Dann schmückst du dich auch mit Seide und Spangen, Marja – nicht wahr?« »Ich habe keine Seide und keine Spangen.« »Doch. Die Wirtin gibt sie dir wie den anderen Mädchen, allen die gleichen.« »So, allen die gleichen,« lachte Marja auf. »Damit die eine nicht die anderen beneidet.« »Wenn ich meine eigenen Sachen trage, werdet ihr mich um so weniger beneiden.« »In den rußigen willst du zum Tanze kommen?« »Wenn ich komme, komme ich in diesen.« »In solchen darf keine kommen. Das würde Schemeikka sehr übel nehmen. Du wirst gekleidet, und dein Sohn auch. Wenn Schemeikka hinten in der Stube auf der Bank sitzt und den Willkommstee schlürft, dann trittst du zur Tür herein, mit dem Jungen auf dem Arm, und wirfst ihn seinem Vater an die Brust.« »Nimmermehr, nimmermehr!« sagte Marja, leidenschaftlich abwehrend, mit flammenden Wangen. »Sie werden es sehr übel nehmen, wenn du nicht tust, wie sie bitten.« »Nimmermehr, nimmermehr lege ich dieses Kind dem Mann auf das Knie.« »Aber wo willst du es hintun.« »Ich gehe davon, bringe es nachhause.« »Sie lassen dich nicht fort – auf keinen Fall geben sie dir das Kind. Du solltest dich doch endlich beruhigen, Marja, und du wirst dich auch beruhigen, wenn er kommt.« »Beim Weggehen hat er mir nicht einmal Lebewohl gesagt. Wenn er mein Kind sehen will, mag er hierher kommen.« »Du bist sehr böse.« »Jawohl.« Aber Schemeikka kam Marja nicht aus dem Sinn, so sehr sie ihn auch zu verdrängen suchte. Sie wachte gegen ihren Willen auch in der Nacht und lauschte auf das Bellen der Hunde. Die heulten bald die Nächte hindurch oben im Hofe, den Herrn herbeiwünschend, zurückahnend, bald rannten sie, aus vollem Halse bellend, auf das Eis, wie wenn er schon dort wäre und sie ihn im Triumphzug auf den Hof bringen könnten. Da schlich Marja hinaus und horchte, den Atem anhaltend, oder sie warf sich, auf sich selbst zornig, auf ihr Bett und zog sich die Felldecke über die Ohren, um nichts zu hören und nichts von seiner Ankunft erfahren zu müssen. Aber wenn die Hunde nicht bellten und nichts zu hören war, dann sah sie um so mehr. Sah Schemeikka vor sich stehen und Juha auslachen, sah ihn auf der Treppe des Speichers dort zuhause sich über sie beugen, sah ihn schlank aus der Badestube treten, sah ihn wieder, wie er sie umarmte, wie er ihr aus dem Boote entgegenlief, sah ihn bald in den Wirren des Traumes, bald mit wachenden Augen. Einmal sah sie ihn so deutlich, als hätte er dagestanden: wie er die Tür öffnete, sich mit bereiftem Bart hereinschob, in der Türöffnung stehen bleibend sagte: »Marja, wo ist der Junge, wo ist unser Junge?« Da eilte Marja zur Wiege, riß den Knaben in ihre Arme, stützte ihn unter den Achseln am Rande der Schwitzbank ... Du gehörst Schemeikka, du Schwarzäugiger, Schlanker, Ranker ... du gehörst nicht Juha, nein, Gott sei Dank ... und brauchst ihm auch nicht zu gehören! Und je mehr sich Marja dann bemühte nicht zu warten, desto mehr wartete sie. Und obwohl sie schon wußte, daß das Bellen der Hunde nichts zu bedeuten brauchte, erbebte sie jedesmal, wenn sie auf das Eis rannten, woher alle kamen, die in das Gehöft wollten. XII. Bellend und kläffend rannten die Hunde wieder eines Morgens hinter Marjas Badestube her auf das Eis. Aber vor Freude aufheulend und mit gellenden Kehlen stürmten sie nach einer Weile wieder zurück. Marja wußte, auch ohne nachzusehen, daß es Schemeikka war, der jetzt endlich mit seinen Männern kam. Sie öffnete nicht die Tür, schob nicht die Luke beiseite. Einige Augenblicke später kam Anja wie der Blitz hereingestürzt und warf ein Kleiderbündel auf den Fußboden. – »Komm, Marja, komm! Sie sind da! Zieh gleich diese neuen Kleider an!« rief sie und wandte sich zugleich wieder weg, kehrte aber noch einmal zurück und riß Marja in ihre Arme. – »Er hat mich auch geküßt! Er hat mich umarmt und mich um den Leib an sich gedrückt! ›Ei, bist ja rund und drall geworden, Anja‹, sagte er, ›aber so zart wie früher ist dein Wuchs‹. Komm schnell, Marja! Komm! Streif die reinen Sachen an! – Jetzt essen die Männer, dann ruhen sie sich aus – am Abend wird getanzt, vielleicht gehen sie morgen schon wieder weg. Hörst du, sein Bart ist gewachsen, aber sonst ist er wie früher – ein Königssohn! Sput dich, schnell!« Marja öffnete das Bündel. Da waren neue Kleider für sie, bunt und schmuck, und für das Kind auch. Sie legte sie in das Umschlagtuch zurück und band es zu. Das Kind war unruhig, weinte den ganzen Tag und nahm die Brust nicht. Den ganzen Tag hörte man vom Hofe her Fahren, Rufen und Schellengeklingel. Die Pferde wieherten auf, die Hunde bellten. Um keinen Preis wollte Marja etwas davon wissen. Es wurde ihr kein Essen gebracht, und sie fragte auch nicht danach. Als sie nach Einbruch der Dunkelheit einmal hinausging, sah sie alles erleuchtet, Teerfackeln im Schnee rings um das Gehöft und an den Ecken. Man hörte Gesang, Musik und Tanz. Das Kind hatte sich beruhigt und schlief. Marja drückte sich in ihrem hochgezogenen Pelz auf die Bank. Aber je mehr sie versuchte nichts zu hören, desto mehr hörte sie, je mehr sie versuchte nichts zu denken, desto mehr dachte sie. Morgen gehen sie schon wieder weg ... kommen erst im Sommer zurück ... Es ist doch gut, daß auch die arme Anja ihren Anteil erhalten hat. Da haben sie jetzt Stoff zum Reden ... wer das alles mag anhören können. Es wurde ihr in der Kehle trocken. Sie hatte sich nicht für Wasser gesorgt. Sie ging hinaus, begab sich auf den Hof hinauf zum Brunnen und füllte ihr Gefäß. Plötzlich erwachte die Neugier und der Trotz in ihr. Ich gehe und sehe es mir an, denn ich bin ja eingeladen, ich gehe in diesen Alltagskleidern, dann sieht er, dann kann er mich so sehen, wie ich bin – der Königssohn sein altes Liebchen. Ich trete mitten auf der Diele vor ihn hin ... »hier bin ich ... kennst du mich noch?« Auf dem Flur drängten sich Leute aus und ein. Marja wäre schon zurückgewichen, wenn sie gekonnt hätte. Doch mußte sie vor den Andringenden in den Flur schlüpfen. An die Wand gedrückt, schob sie sich so vorwärts, daß sie unter die Tür gelangte, von wo sie in die Stube sehen konnte. Dort stand Schemeikka allein auf der Diele, alle anderen in einem Kreis um ihn herum. Er tanzte um ein junges Mädchen, ein behendes und rotbäckiges, bog sich, wirbelte herum, schnellte auf, juchzte mitunter, während sich das Mädchen ruhig, kalt und stolz auf ihrem Platze drehte. Marja kannte das Mädchen nicht, es war nicht aus dem Dorfe, ihr Kleiderschnitt nicht der hiesige, sondern fremdartig. Es mochte eine neue sein, vielleicht für nächstes Jahr als Sommermädchen ausersehen. Wieder kam Marja die Lust vorzustürzen, das Mädchen bei der Hand zu ergreifen und es hinauszujagen, vor Schemeikka hinzuspringen und zu sagen: »Du hast ein Kind in der Badestube! Du magst nicht wissen, daß du ein Kind in der Badestube hast!« Aber plötzlich brach der Tanz ab, als Schemeikka das Mädchen unter den Armen nahm und es hoch in die Luft hob, es oben im Kreis herumschwenkte, so daß die Röcke an die Längsbalken bauschten, und es auf die Ofenbank setzte, während er selbst hinausstürzte, um sich abzukühlen, dicht an Marja vorbei, sie an der Schulter streifend, ohne es zu merken. Zugleich begann in der Stube ein gemeinschaftlicher Tanz. Die auf dem Flur Stehenden schoben Marja vor sich her, aber sie duckte sich an den Türpfosten, um draußen zu bleiben. Anja bemerkte sie dort. »Marja!« rief sie. »Komm herein, Marja!« »Nein!« Aber Anja faßte sie bei der Hand und wollte sie mit Gewalt hereinziehen. Marja riß sich los und versteckte sich in der dunkelsten Ecke des Flures. Doch Anja gab nicht nach. »Weshalb kommst du nicht herein? Komm doch.« »Ich will aber nicht .. laß mich gehen.« »Wer will nicht?« hörte man Schemeikka vor der Haustür sagen. »Hier ist Marja!« »Anja, laß mich gehen.« »Wo ist sie?« fragte Schemeikka, nach einer Fackel greifend, die zur Tür hinaus brannte und den Flur im Dunkeln ließ. »Hier, hier!« Schemeikka kam und beleuchtete Marja, die sich zuerst in die Ecke gedrückt hatte, sich aber jetzt aufreckte und vor Schemeikka stand, indem sie ihm trotzig ins Gesicht blickte. Dann schlug sie plötzlich die Fackel aus seiner Hand, so daß sie erlosch, und rannte hinaus. In Schemeikkas Augen hatte zuerst die Neugier gestanden, dann Enttäuschung und Gleichgültigkeit, zuletzt hatte es um seinen Mund gezuckt, als hätte er etwas Widerwärtiges gesehen. Aber Marjas Augen waren Schemeikka schöner erschienen als je. Und als sie sich, in lautes Weinen ausbrechend, über die Bank der Badestube hinwarf, wußte sie nicht ob sie darüber weinte, wie sie Schemeikka gesehen hatte, oder darüber, wie Schemeikka sie. Weshalb bin ich auch hingegangen? Weshalb bin ich in diesen rußigen, zerlumpten Kleidern hingegangen und habe mich nicht wie die anderen angezogen, obwohl ich Feiertagskleider gehabt hätte wie sie? Vielleicht hat er sich vor meinen Kleidern geekelt und nicht vor mir? Vielleicht kommt er noch hierher? Wenn er doch käme? Er muß kommen, wenigstens um sein Kind zu sehen, wenn auch nicht meinetwegen. Die alte Wirtin und auch Anja lassen ihn nicht gehen, ohne daß er bei uns gewesen ist. Sie steckte Kienspäne in die Wandritzen und zündete sie an, öffnete wieder das Bündel, das Anja gebracht hatte, wickelte das Kind in die Windeln der Wirtin und zog selbst die Sachen an, die die Wirtin für sie hatte nähen lassen. Dann saß sie die ganze Nacht wartend und die abgebrannten Kienspäne durch neue ersetzend. Sie weiß selbst nicht, weshalb sie auf ihn wartet, was sie ihm zu sagen gedenkt. Nur das, daß Schemeikka kommen muß, daß er nicht gehen kann und darf, ohne dagewesen zu sein. Oben vom Hof herab dringt immer noch Lärm und Freude und Johlen, und manchmal glaubt sie zwischen den Rufen der Weiber das Lachen Schemeikkas zu unterscheiden. Er kommt, wenn alle gegangen sind. Er kommt ganz sicher wenigstens morgen früh vor dem Aufbruch. Gegen Morgen schlief Marja ein, erwachte aber plötzlich durch den Hufschlag von Pferden, das Knarren von Schritten, jähe Rufe von Männern und das Klingeln von Schellen. Ein Schlitten prallte gegen die Ecke der Badestube, so daß das Schwarze von dem Kienspan abfiel. Der Lärm zog vorüber wie eine Hagelwolke und verklang auf dem Eise. Als Marja die Luke öffnete, war es schon Tag. Der Hof war leer, die Schlitten und Männer verschwunden, die Weiber winkten dort denen, die im vollen Galopp über das Eis stoben, mit ihren Tüchern nach. Er war gegangen! Er war nicht gekommen, um sie zu sehen, nicht einmal, um sein eigenes Kind zu sehen. Sie riß die Kleider ab, die sie sich und ihrem Kinde angezogen hatte, und stopfte sie in das Bündel zurück. Er will von dir, der Vater von seinem Kinde nicht einmal so viel wissen, daß er dich hätte sehen und auf den Arm nehmen mögen! Und meinetwegen, meinetwegen! Du hast eine Mutter, armes Ding ... hast eine Mutter ... komm her! Marja drehte sich halb lachend, halb weinend auf der Diele mit dem Kind auf dem Arm, es küssend und an die Brust drückend. Man hörte jemand nahen. Marja griff nach dem Besen und begann den Fußboden zu kehren. Es war die alte Wirtin, die kam. In ihrem Gesicht war nicht der einschmeichelnde Ausdruck wie früher. »Meine Kleider waren der reichen schwedischen Dame nicht gut genug, waren ihr wohl zu unfein, es war wohl schöner in den eigenen Lumpen zum Vorschein zu kommen. Dann nehmen wir sie weg.« »Ihr könnt sie mitnehmen,« sagte Marja, bemüht, es still und bescheiden zu sagen, und in der Hoffnung, daß die Alte gleich wieder wegginge. Aber diese war gekommen, um etwas zu sagen. »Sie sind fort .. er ist jetzt fort ...« Marja erwiderte nichts. »Und niemand weiß, wann er zurückkommt. Er bleibt lange auf seiner Reise, hat viel zu verkaufen, manchen Jahrmarkt zu besuchen, in Moskau, in Nowgorod und wo er sonst sein mag. Mächtig waren die Lasten, groß die Beute, gut war es gegangen, billig erhandelt ... das versteht er, ist ja ein Kaufmann, der Schemeikka. Wer weiß, was für ein steinreiches russisches Mädchen er sich noch dorther mitbringt. ›Bring‹, habe ich gesagt, ›bring einmal eins mit, das du sofort nachhause bringen kannst, laß es nicht mehr in deiner Fischerhütte!‹« »Was erzählt ihr mir davon ... was geht mich das an?« »Na, was denn! Ist er denn gar hier gewesen?« »Er hat sich nicht getraut. Hat sich geschämt. Und das ist gut. Wenn er gekommen wäre, hätte ich ihm hiermit eins gegeben.« »Du, Leibeigene, deinem Herrn mit dem Besen? Daß du dich nicht schämst, du Schwedenmensch!« Die alte Wirtin erregte sich so, daß sie sich auf die Bank setzen und von da sprechen mußte: »Ich wollte dirs nicht sagen, aber jetzt sage ich es, sage es, obwohl ich es nicht, aus Mitleid mit dir, sagen wollte. ›Geh doch einmal zu der, die du in Schweden geraubt hast, bevor du wegfährst‹, sagte ich zu ihm. ›Geh einmal zu ihr und deinem Kind, du hast einen hübschen Jungen dort in der Badestube‹, sagte ich. – ›Ich habe sie ja schon gesehen‹, sagte er. ›Ihre Stirn ist voll Falten und ihr Haarboden welk, ihr Hals vertrocknet, ihr Leib aufgedunsen‹ – so sagte er. ›Geh aber doch‹, sagte ich, ›sie ist doch nicht übel, da sie dort nach dir geweint hat‹ ...« »Das ist eine Lüge, ich habe nicht nach ihm geweint! ..« schrie Marja. »›Sie wird dir schon wieder aufblühen‹, sagte ich.« »Nie in meinem Leben werde ich dem ...!« »Ich bin für dich eingetreten, aber wie es scheint, hätte ich das nicht tun sollen.« »Laßt mich fort von hier!« rief Marja. »Fort – wohin?« »Gebt mir Schneeschuhe und einen Schlitten und laßt mich gehen!« »Wohin würdest du denn gehen?« »Dahin, woher ich gekommen bin!« »Mitten im Winter? Mit einem Kind von kaum einem Monat? Um im Walde im Schnee mit ihm zu verhungern?« »Wenn wir auch verhungern.« »Jetzt habe ich keine Lust mehr zuzuhören,« sagte die Wirtin und stand gekränkt auf. »Du selbst magst gehen, wohin es dich zieht, aber den Jungen nimmst du nicht mit.« »Der Junge gehört mir.« »Der Junge gehört Schemeikka.« »Der Mutter gehört das Kind, das der Vater nicht als sein eigen anerkennt.« »Aber bei uns gehört das Kind in das Gehöft, wo es geboren ist. Und es ist anerkannt, da es hier aufgenommen ist. Solltest dich doch schämen. Du bist eine. Erst wirft sie sich ihm an den Hals, verläßt ihren Mann und ihr Heim und alles und geht mit einem Fremden davon. Hier wird für sie gesorgt und getan, und sie würde gehalten werden wie der vornehmste Gast. Diese ist nur halsstarrig und wütend, will noch besucht und gelockt und umschmeichelt sein, wo sie nicht einmal so viel Anteil zeigt, daß sie zum Tanz der anderen reine Kleider anzöge. Da muß man sich ja vor der ganzen Welt totschämen, daß man hier ein Mädchen Schemeikkas in Lumpen umhergehen läßt, daß man sie vielleicht gar durch Hunger zu Tode quält. Aber das willst du wohl auch. Liegst absichtlich hier in der Badestube, obschon auch anderswo Platz wäre. So? fort? damit es heißt, daß ein Mädchen Schemeikkas mit ihrem Kind aus dem Hause gejagt worden ist. Schlag dir das nur aus dem Sinn! Sprich noch einmal von Schneeschuhen und Schlitten, dann nehme ich dein Kind und setze dich selbst hinter Schloß und Riegel.« Marja zuckte zusammen, sie meinte es vielleicht ernst. Aber die alte Wirtin hatten ihre eigenen harten Worte schon gerührt. »Na, nimms nicht übel,« sprach sie, von der Tür zurückkommend. »Ich sage ja nicht, daß er seinen Sohn nicht hätte aufsuchen sollen. Aber so sind die Schemeikkas, so war auch sein Vater. Es ist ja schmählich, daß er jeden Sommer eine neue haben muß. Jetzt fängt er schon an und bringt sie im Winter. Was mag das für eine gewesen sein – hast sie ja gesehen – mit der er die ganze Zeit tanzte, ohne sich um die anderen zu kümmern. Was mag das für eine gewesen sein, sie verstand kein Wort, eine Russin, Serafina oder so etwas. ›Bring sie hin, woher du sie geholt hast‹, habe ich gesagt, ›ich habe genug Aerger und Sorge mit den früheren. Wie soll ich sie alle durchfüttern?‹ – Nicht doch, kleine Marja, ich werde ja schon für dich und dein Kind Sorge tragen. Wart, wenn wir nur den Sommer erleben. Wärest mir recht, mehr als irgendeine von ihnen ... obwohl ja auch Anja ...« »Nicht doch, liebe Wirtin ... ich kann ja nicht ...« Sie waren beide ins Weinen gekommen. An einem knisternden kalten Morgen waren die Hunde wieder auf den See gerannt, wo sie jemanden kommen sahen, und waren mit diesem, kläffend und immer aufgeregter lärmend, bis an die Badestube gelangt. Die Tür öffnete sich, wurde aber sogleich wieder zugedrückt. Das Kind war über das Unwesen erschrocken und hatte laut zu weinen begonnen. »Ach ein Kind ... weine nicht, ich lasse die Hunde nicht heran«, sprach eine Männerstimme hinter der Tür. Man hörte, wie er die Hunde wegscheuchte und zum Hof hinanging. Vom Hof aus wurden die Hunde angerufen, und sie verstummten sofort. Marja öffnete die Luke ein wenig, warf sie aber sogleich wieder zu. »Juha!« Marja war auf die Bank gesunken, einer Ohnmacht nahe ... Er war dort gewesen, hatte die Tür geöffnet, hatte hier hereingeblickt. Er hatte das Schreien des Kindes gehört, hatte die Tür wieder zugedrückt, um es zu beruhigen, und war nicht hereingekommen ... Weshalb ist er hier? Hört er sich nach mir um? Sucht er mich? Werden sie mich verraten? Wenn er hierher kommt? Dann schlägt er uns tot? Marja sprang auf, riß das Kind aus der Wiege, um irgendwohin zu entfliehen, war schon draußen, stürzte aber zurück, warf das Kind wieder in die Wiege, um allein zu fliehen. Sie war wie gelähmt, wie erschöpft, ohne von der Stelle zu kommen, sank auf die Bank, ohne ein Glied rühren zu können. Nachdem ihr die Kräfte so weit zurückgekehrt waren, daß sie es vermochte, öffnete sie die Luke einen Spalt weit. Juha stand oben auf dem Hofe, um ihn herum eine Gruppe Weiber. Er schien eifrig zu fragen, und die Weiber schienen mit Handbewegungen zu antworten, als hätten sie gesagt: wir wissen gar nicht ... hier ist niemand dergleichen gewesen ... Jetzt kommt die alte Wirtin heraus und scheint ihn aufzufordern, er solle eintreten. Juha zögert, stellt aber dann seine Schneeschuhe an die Wand und geht hinein. Marja späht aus, indem sie durch die Luke starrt wie ein an einen Mooshöcker geducktes Schneehuhn, das von einem Fuchs beschlichen wird. Wann kommt er zurück? Werden sie mich verraten? Werden sie ihn hierher bescheiden? Jetzt kommt Anja. Anja war aus dem Hause gehuscht und lief aus allen Kräften auf den Strand zu. »Er ist hier .. er ist es!« »Ich weiß .. was er will!« »Woher weißt du es? Hast du ihn gesehen?« »Ja, ja .. was will er? Habt ihr gesagt, daß ich hier bin?« »Nein doch .. wir errieten sofort ...« »Wenn sie es aber anderswo verraten?« »Nein – die Wirtin hat schon im Dorf herumgeschickt.« »Jetzt kommt er!« Juha war, von der Wirtin begleitet, auf der Treppe erschienen. Er schritt sie hinunter und trat matt, gebeugt, mit dem Ranzen auf dem Rücken zu seinen Schneeschuhen. Stieg nicht darauf, sondern trug sie den steilsten Uferabhang hinab, den er, wie es schien, nicht hinunterzufahren wagte. »Er geht weg,« flüsterte Anja. »Wenn er hierher kommt, dann sag, daß das Kind dir gehört .. und daß ich nur mit Gewalt weggeschleppt worden bin ...« »Er kommt nicht hierher, er macht sich schon die Schneeschuhe fest.« Sie blickten beide durch den Lukenspalt. Schon von weitem sah Marja in dem blendenden Sonnenschein jeden Knopf an Juhas abgetragenem Pelz, jede Runzel in seinem erschöpften Antlitz. Er hat sich den Bart wachsen lassen, der ist grau und struppig. Die Augen liegen tief im Kopfe, und sie haben einen jammervollen Ausdruck, wie damals, als er nach tagelangem Herumwandern im Walde erschöpft und hungrig nachhause kam. Es ist darin ein Ausdruck wie in den Augen des Wanderers, der kein Nachtlager bekommen hat und nicht weiß, wohin er gehen soll, während die Augen nach dem Himmel und vom Himmel nach der Erde irren, und der Mund steht ihm offen. Keinmal fällt sein Auge auf die Badestube, er scheint sie gar nicht zu bemerken, obgleich er gerade vor ihr stehen geblieben ist ... Er schaut nach dem Gehöft zurück, aus dem er gekommen ist, blickt nach den anderen Gehöften jenseits des Sees, räuspert sich, setzt mit seinen Schneeschuhen an und gleitet auf den See. »Ach, wie der mir leid tut,« flüstert Anja. »Er sucht dich mit hohlen Augen wie eine Tote. Daß es Schemeikka auch übers Herz gebracht hat, dich ihm zu rauben!« »Wenn er mich nur geraubt hätte, aber wo ich gern mitgegangen bin ... ich laufe ihm nach ...« Marja huschte nach der Tür. Aber als sie sie aufstieß, stand da die alte Wirtin und versperrte ihr den Weg. XIII. »Da glotzt er wieder hinaus,« sagte Juhas Mutter verächtlich hinter ihrem Spinnrad. Juha, der wieder, nach dem Waldrand spähend, am Fenster gesessen hatte, erwiderte zusammenfahrend: »Ich glotze ja nirgends hin.« »Wenn sie auch noch mal in dieser Welt dorther zurückkäme, wohin sie so gern gegangen ist.« »Ob sie gern gegangen ist, das weiß man ja nicht,« sagte Juha sanft. ».. dann kommt sie auf alle Fälle nicht in diesem Frühjahrsmatsch. Sie wäre gekommen, als der Schnee trug, wenn sie hätte kommen wollen.« Als der Schnee trug, das war ja auch Juhas Hoffnung gewesen, seine letzte Hoffnung. »Sie wird nicht kommen ... ach nein.« Aber plötzlich bekam er einen Anfall seiner Wut: »Aber wenn sie kommt, und ihr habt sie ohne Grund beschimpft ...« »Was dann?« »Dann sollt ihr wissen, daß ihr keine Nacht mehr im Hause bleibt.« »Gewiß, ich gehe!« lachte die Mutter still, ohne ihr Spinnen zu unterbrechen. »Ich gehe auch unaufgefordert, wenn die einmal kommt.« Die Sicherheit der Mutter nahm Juha seine eigene. Sie wird ja wohl nicht mehr kommen und kommt auch nicht .. wo sie sein mag, wenn sie überhaupt noch am Leben ist, da ich nicht die geringste Spur von ihr aufgefunden babe. Wenn er sie in die Stromschnelle gestürzt hat, nachdem er getan, was er wollte. Aber er wartete doch immer noch, da er ja nicht anders konnte, wartete bei der Arbeit auf dem Hof, wartete bei der Arbeit im Freien. Wartete beim Fischen im Frühjahr, beim Ausbessern der Zäune, beim Fällen auf der Schwende, sogar während des schlimmsten Hochwassers im ganzen Frühjahr. Sie kam nicht. Aber im Sommer wird sie sicher kommen. Wenn sie nicht in diesem Sommer kommt, so kommt sie im nächsten. Man hat ja gesehen, daß auch die in den Kriegsjahren Fortgeschleppten nach zehn, zwanzig Jahren zurückkommen. Darum muß alles hier für sie bereit sein. Hier darf nichts so aussehen, als hätte man gedacht, sie würde nicht kommen. Weshalb habe ich den Schlüssel ihres Speichers in den See geschmissen? Und Juha machte einen Dietrich, und auf den Sommer zu an einem Sonntag, als seine Mutter in die Kirche gefahren war, öffnete er die Tür und sagte zu der Magd: »Marjas Häuschen muß so zurecht gemacht werden, wie es vorigen Sommer war.« Das Mädchen wurde so froh, daß ihr die Augen in Tränen schwammen. Sie huschte nach dem Speicher hin, kehrte aber auf halbem Wege um und sagte: »Wirt, ich glaube es nicht – ich kann es nicht glauben ...« »Daß sie nicht wiederkommt?« »Nein, daß sie gern gegangen ist.« »Du sagtest ja, du hättest es selbst gesehen?« »Ich habe es nicht gesehen .. ich weiß nicht, ob ich es gesehen habe, obwohl ich glaubte ...« »Was hast du denn eigentlich gesehen?« »Das habe ich gesehen, daß er die Frau vom Strande wegriß und daß die Frau gewiß nicht um Hilfe gerufen hat, aber was liegt daran? sie kann ja so erschrocken gewesen sein, daß sie nicht schreien konnte.« »Aber hatte sie nicht der Mutter gedroht?« »Das glaube ich nicht! Das hat niemand gehört. Aber ich habe gesehen, daß, als der Fremde an dem Sonntag herumschwänzelte und ihr nachstrich, Marja immer aufstand und wegging ... auch dort von der Speichertreppe, als er sich heranmachte und sich neben sie drängte .. das habe ich gesehen, mag die alte Wirtin sprechen, was sie will.« Das Mädchen ereiferte sich immer mehr: »Marja hätte sich eher gar totschlagen lassen. Und kann gar in der Stromschnelle liegen, da ihr sie nicht gefunden habt und niemand dort etwas von ihr wußte. Aber gern ist sie nicht gegangen. Und weswegen ist mir so etwas in die Schuhe geschoben worden, daß ich es gesehen hätte oder daß ich gesagt hätte, sie wäre gern gegangen, was ich nicht habe – da ich mich halbtot geweint habe!« »Weine nur nicht, Kaisa, ich habe es ja nicht geglaubt.« »Ihr auch, ihr habt selbst so fest an eure eigene Frau geglaubt.« Mit noch größerer Sicherheit wartete Juha jetzt auf Marja. Er wanderte umher wie in einem Rausch, sah in diesem seinem Traum am hellichten Tage Gespenster. Bald ging sie, wie sie leibte und lebte, vor ihm auf dem Pfade, bald sah er, wie sie die Kühe in dem Pferch melkte, bald rief sie jenseits der Stromschnelle, am Stillwasser, nach einem Boot; bald glaubt Juha, sie schliefe schon in ihrem Speicher, und öffnet in der Nacht, als er nachhause kommt, leise die Tür. Sie kommt, wann es auch sei, sie kommt. Und wenn sie auch erst nach zehn Jahren kommen sollte, sie kommt. Weil ich sie erwarte und sie mir nicht aus dem Sinn schwindet, gerade deswegen kommt sie, wenn sie nur noch am Leben ist .. Und damit er, während er an seiner Arbeit ist, auf seiner Schwende oder beim Fischen auf dem See, sofort erführe, daß Marja gekommen sei, baute Juha hinter dem Wohnhaus auf dem Abhang des Hügels unterhalb der Föhren einen Reisighaufen auf, den Kaisa anzünden sollte, wenn Marja gekommen wäre.   ... Ich bin verrückt, dachte er jedoch eines Tages, als er wieder am Rande seiner Schwende auf dem Abhang des Hügelrückens saß, von wo er, wer weiß zum wievielten Male, nach dem Gehöft gespäht hatte. Sie kommt nicht. Kaisa hat mir zu Liebe gelogen. Oder sie glaubt, was sie glauben will. Marja hat sich nie etwas aus mir gemacht. Wenn sie auch zuerst nicht gern gegangen ist, hat er sie dort vielleicht nach und nach herumgekriegt, so daß es ihr gefällt und sie bleibt. Das hat man früher auch gesehen. Was läge ihr auch noch an mir, wo es früher nicht so gewesen ist, nachdem ich immer mehr gealtert bin. Derselbe Ärger wäre es. Auch für sie selber wäre es besser, wenn sie nicht mehr käme. Ich hätte dort auf dem weiten See bleiben können, in dem nächtlichen Schneesturm, als ich in die offene Eisspalte fiel. Was mag es wohl sein, das manche Menschen am Leben hält? Juha saß am Rand seiner Schwende. Da er nicht mehr zu hoffen vermochte, war es ihm, als habe er sein Boot, das er bisher fest in der Hand gehabt, der Strömung überlassen. Es wurde von ihr fortgerissen und verschwand und verschwand ... Der Wald ist gleich bis zum Gipfel des Bergrückens geschlagen; bald ist auf dem Abhang dieses Hügels nichts mehr zu fällen. Da ist ja genug für mich. Was mühe ich mich noch ab? Dahin gingen die Überlegungen des Mannes: kein Weib, kein Kind, nur eine bissige, boshafte Mutter und die übrige herzlose Sippe. Für sie habe ich dies erarbeitet. Wenn Marja nicht gegangen wäre, hätte sie einmal nach meinem Tode und nach der Übernahme des Gehöftes einen anderen Mann geheiratet und von diesem ein Kind bekommen – dann hätte doch mein Mühen einen Zweck gehabt. Aber das ist ja einerlei. Er erhob sich und stieg den Hügel hinunter. Es hatte geregnet, der Fuß glitt auf dem schlüpfrigen Wege aus. Bei jedem Schritt schmerzte es in der Hüfte, die seit dem Biß des Bären immer etwas empfindlich gewesen war und sich seit der Schneeschuhfahrt nach Karelien verschlimmert hatte – Aber was hatten die Kühe dort? Die mit der Schelle schien, unten in der Senke, brünstig geworden zu sein. Man hörte die Schelle gellend rasseln, wie wenn ein Tier in wildem Lauf dahinstürmt. Zwischendurch brüllten sie auf, nicht wie wenn sie jemand jagte, sondern wie wenn sie selbst etwas vor sich her gejagt hätten. Es war wie das freudige Blöken des Viehs, das auf die Sommerweide getrieben ist. Da Juha von dort, wo er ging, nicht auf den Weg sehen konnte, stieg er höher hinauf, wo er die Stelle sah, von der sich der Weg durch die Senke zuerst auf die alte Rodung und danach über diese nach dem Hof zu wandte. Eine von den Kühen kommt eben auf die Rodung, den Kopf gereckt und den Schwanz gesteift. Sie bleibt stehen und blickt hinter sich. Sofort erscheint eine andere in vollem Lauf und neben ihr, an dem Schellenband hängend, eine Frauensperson. Hinterher kommen noch die beiden anderen Kühe, und jetzt lassen sie sie wie zwischen sich gehen. Juha kann nicht erkennen, wer es ist, da sie für einen Augenblick in das Erlenwäldchen verschwinden, wieder hervorkommen und wieder verschwinden. Das Weib versucht sie wegzuscheuchen, sie bewegen sich auf sie zu, wie um sie zu lecken. Eine Ahnung in der Brust, rennt Juha aus Leibeskräften in die Senke hinunter, läßt den Weg, der um die Senke führt, links liegen und stürmt geradeaus. Es ist Marja, es kann niemand anders sein als Marja! Sie ist zurückgekehrt, ihre Kühe haben sie erkannt. Auf der Rodung findet er ein Tuch am Boden. Es ist ein Tuch, wie es die karelischen Weiber tragen. Es gehört Marja! Als er sich dem Hofe nähert, gewahrt er die Kühe in dem Pferch, wie sie mit hochgehobenen Köpfen über den Zaun in den Hof brüllen. Der Hund stößt heulende Rufe aus, wirbelt im Kreis auf dem Hofraum hin, hinter dem Rinderstall hervor und dort wieder verschwindend. Als Juha um die Ecke gerannt kommt, sieht er, wie sich Marja der Treppe des Wohnhauses nähert. Zugleich kommt die Mutter auf die Treppe heraus, mit dem leeren Melkeimer in der Hand, droht ihr damit und ruft: »Hier kommst du nicht herein!« Marja weicht zurück, schwankt und gleitet zu Boden. Die Mutter hebt das Gefäß wieder. Es wird Juha dunkel vor den Augen, er schreit auf, läuft herzu und reißt seiner Mutter den Eimer aus der Hand und zerschmettert ihn an den Steinen des Hofraumes. Dann wirft er seine Mutter über den Hof hin. Die Mutter stürzt kreischend zurück und will abermals auf Marja losgehen: »Du hast noch die Frechheit wiederzukommen, du Russendirne?« Noch einmal schleudert Juha sie fort und sagt, außer Atem und stotternd, zu Marja: »Ge–geh hinein – geh doch hinein ...« Marja hat sich erhoben und flieht in das Haus. Juha will ihr nacheilen, bringt es jedoch nicht fertig. Er geht auf den Flur, kehrt aber um. Er muß seiner Mutter sagen, daß – nein, er muß erst Marja sagen, daß sie nicht ... Die Mutter geht vor Wut schnaubend in ihren Speicher. Juha kehrt in den Flur zurück und eilt in die Stube. Marja sitzt beim Herd auf der Bank, fast in die Ecke geduckt, im Schoß ein Bündel, die Hände vor dem Gesicht. Sie schluchzt .. das kann man sich ja denken, weshalb sie weint. Und Juha wendet sich wieder hinaus. Es muß sofort gesagt werden. »Wenn ihr Marja etwas tut oder sagt ..!« ruft er an der Tür des Speichers. »Ich habs ihr schon gesagt!« »Ihr geht gleich morgen aus dem Haus.« »Ich gehe schon heute abend!« »Daß ihr ihr so entgegenkommen konntet?« »Jawohl.« »Eine Ku–ku–kuh hat ja ..« Juha wollte sagen, daß eine Kuh mehr Herz habe, konnte es aber vor Rührung nicht herausbringen und wandte sich in das Haus. Marja hatte sich an das Fenster gesetzt und blickte hinaus, mit der Schulter nach der Stube, ohne den Kopf zu wenden, als Juha kam. »Sei nur ohne Sorge .. sie tut dir nichts mehr .. sie geht schon ..« »Meinetwegen braucht sie es nicht,« sagte Marja matt, kaum hörbar. »Sie geht schon.« Juha hatte sich noch nicht recht getraut, Marja anzublicken. Jetzt sah er sie. Ihre Wangen waren eingefallen, die Nasenspitze war scharf, die Brust flach, der Zopf, der früher so voll fast bis an den Gürtel gereicht hatte, schaute dünn wie ein Hanfbüschel unter dem Tuch hervor. Die Kleider waren naß, an mehreren Stellen zerfetzt. Juha fuhr es durch den Kopf, daß sie ja hungrig sein müsse. »Kaisa, wo bist du?« Kaisa stürzte sogleich herein: »Ist die Frau gekommen? Wo ist sie? Ich habs ja doch gesagt! – Ach, wie haben sie euch schlimm zugerichtet!« Kaisa kamen die Tränen, aber Juha schrie sie an: »Geh und hol zu essen.« Zugleich humpelt er schon selbst in das Speisekämmerchen, findet dort ein Schafbein und ein Stück Brot und eilt damit in die Stube. »Iß doch, du mußt ja hungrig sein.« »Ich ginge lieber zur Ruhe.« »Zur Ruhe ... gewiß, gewiß ... aber weshalb bringt sie denn nicht die Butter .. und die Milch ..?« Kaisa war dabei, in dem Speisekämmerchen Butter auf einen Teller zu tun. »So, ja, so ists gut, und Milch auch –« Juha ging zum Geschirrbrett und nahm eine Milchbütte herab. »Nicht die, ich melke frische .. wo ist denn der Eimer?« »Der ist entzwei gegangen. Bring nur die Butter hinein .. ich melke .. einerlei .. in den K–krug.« »Da ist Schlickermilch drin.« »Ich wasche ihn aus ... bring du nur die Butter hinein.« Juha eilte an den Brunnen, um den Krug auszuwaschen. Kaisa kam herbei, nahm ihn und sprang über den Zaun in den Pferch. »Wie ich da die Kühe heimholen wollte,« hub Kaisa an, »ja, wie sich da die Kühe losrissen nach dem Hofe zu .. und ich ahnte ja nicht, daß sie hinter der Frau herwollten .. dachte, das Ungeziefer zwickte sie .. o weh! ich habe mein Körbchen mit den Erdbeeren stehen lassen ...« »Wo hast du es stehen lassen?« »Dort auf der Treppe ..« »Ich bringe es ihr ..« Die Mutter kam aus dem Speicher, hatte ihre Sachen zusammengepackt, warf die Tür zu und ging ohne Abschied nach dem Strand, stieß das Boot vom Ufer und ruderte auf die gegenüberliegende Landzunge zu. Als Juha mit dem Körbchen in die Stube kam, saß Marja am Tischende. Sie hatte sich ein Stück Brot abgebrochen und eine Scheibe Fleisch abgeschnitten, das sie zu kauen versuchte, aber es schien, als könne sie es nicht hinunterschlucken. Juha blieb an der Ecke der Ofenbank stehen, ohne ein Wort herauszubringen, da auch Marja nichts sagte. »Kaisa bringt gleich Milch – hm, ich gehe und wärme die Badestube.« »Mach dir doch keine Mühe ...« Marja mußte so stark husten, daß sie sich vom Tisch wegwendete. Juha eilte fort, er mußte in Bewegung bleiben, er mußte allein sein. Sie ist noch etwas scheu, fürchtet sich, glaubt vielleicht, daß ich einen Verdacht gegen sie habe, ihr Vorwürfe machen werde. Ach, wie sie abgemagert und verkümmert ist! Wo mag sie nur gewesen sein? Wie mögen sie sie auch gequält haben? Sie sagte nichts, sah mir nicht in die Augen. Was braucht sie sich zu fürchten? Die Ärmste war ja, als ob sie sich auch vor mir fürchtete. Als ob sie nicht gewagt hätte, mir nur die Hand zu geben. Wie ein aus dem Wald heimgekehrtes Schäfchen, so unglücklich ist sie. Juhas Kiefer zitterten, während er Scheite vom Holzstoß auf seine Arme lud, es fehlte nicht viel, so wäre er in Tränen ausgebrochen, während er die Birkenrinde anzündete. – Ich muß sie zutraulich machen und pflegen, daß sie wird wie früher. Ich breite Stroh auf dem Fußboden und auf der Schwitzbank aus, eine Viertelelle dick wie die Weihnachtsgarben, damit sie sich wohl fühlt. Lasse sie von Kaisa bähen und kneten. Nachdem Juha die Badestube geheizt hatte, ging er, um Stroh aus der Scheune zu holen. Als er von dort zurückkam, sah er, wie Marja, von Kaisa begleitet, in ihren Speicher ging. Sie waren dort eine Weile, dann kam Kaisa heraus, und Marja zog die Tür zu. Kaisa eilte zu Juha. »Sie möchte gern ruhen – war so müde, daß sie sich kaum aufhalten konnte.« »Hat sie gegessen?« »Ein klein wenig.« »Kaisa, sag nur ja nicht, daß wir – daß ich geglaubt habe, sie wäre gern weggegangen.« »I wo! Es kamen ihr die Tränen, als ich sagte, ihr hättet gewollt, daß ihr Speicher wäre wie früher.« Juha überkam eine fast sinnlose Freude. Marja ist unschuldig! Sie ist nicht gern gegangen, da sie doch zurückgekehrt ist! Die Mutter hat falsch geglaubt, und der Propst hat falsch geglaubt. Und ich auch – wie konnte ich so etwas von ihr glauben? Er breitete das Stroh auf den Schwitzbänken und dem Fußboden der Badestube aus, band einen Quast und trug Wasser herbei und ging dann, um die Netze auszuwerfen. Je mehr er an Marja und ihren Zustand dachte, desto mehr drückte es ihn, daß er auch nur einen Augenblick von ihr hatte glauben können, was er geglaubt hatte. Wenn sie sich erholt hat und sich wohler fühlt, bitte ich sie um Verzeihung, sage ihr, daß ich doch nicht so etwas geglaubt habe wie die Mutter. Ich frage nicht, wie alles zugegangen ist. Schlecht ist es ihr dort ergangen, das sieht man. Aber das mag sie selber sagen. Ich forsche sie nicht aus. Ich will gegen sie sein, als ob sie von einem Besuch nachhause gekommen wäre. Sie mag tun, wie sie will, mag erzählen, was sie für gut findet ... oder nichts. Juha fischte mit dem Störhamen und kehrte erst spät am Abend zurück. »Wo ist Marja?« fragte er Kaisa. »Sie ist nach dem Baden in ihren Speicher gegangen.« »Hast du sie geknetet und besorgt?« »Sie ließ mich nicht, sie wollte allein baden.« »Geh leise umher, damit sie schlafen kann. Treib die Kühe für die Nacht ins Gehege, damit sie nicht mit den Schellen scheppern und brüllen.« Juha schlief die Nacht auf dem Pferdestallboden, um nicht, wenn er in seinen Speicher ging, vielleicht Marja durch sein Rummeln zu stören. Nachdem er sich vergeblich bemüht hatte Schlaf zu finden, schlich er hinter Marjas Speicher und horchte mit dem Ohr an der Wand. Er hörte nichts vom Atem einer Schlummernden, einmal nur ein schwaches Räuspern und ein andermal einen Seufzer, wie von einer Wachenden. XIV. Marja schläft in ihrem Speicher. Sie schläft nicht mehr, ist aber auch nicht richtig aufgewacht. Sie ist in der Badestube von Schemeikkas Gehöft, auf der Schwitzbank, mit dem Kinde neben sich auf dem Stroh. Plötzlich ist es gar kein Kind, sondern eine junge Katze, die sie von ihrer Brust reißt und auf die Diele schleudert. Da ist es wieder das Kind und liegt auf seinem Bettuch unten vor der Schwelle. Marja vermag sich nicht loszumachen, ihr ist, als sei sie mit Händen und Füßen an die Schwitzbank gebunden. Hinter der Wand dröhnen Schritte. Die Luke wird geöffnet, und man hört, wie jemand seinen Kopf hereinzwängt, aber Marja kann nicht sehen, wer es ist. Die Tür wird aufgerissen. Schemeikkas Mutter hebt ihren Fuß über die Schwelle. Marja will schreien, sie solle nicht auf ihr Kind treten, aber ihre Stimme versagt. Da ist es gar nicht Schemeikkas, sondern Juhas Mutter. Die kommt auch gar nicht herein, sondern weicht zurück und ruft hinaus: ›Komm und sieh! Früher standen ihre Brüste wie volle Samenbeutel, jetzt baumeln sie herab wie die Tasche eines Zugnetzes. Sie hat ein Kind geboren! – Schau, da ist es ja!‹ Sie nimmt es und gibt es dem, der seinen Kopf zur Fensterluke hereingeschoben hatte. ›Wirf es in die Wake. Juha, wirf die Mißgeburt von dem Russenmensch in die Wake!‹ Maria ruft: »Nehmt mir mein Kind nicht weg!« und erwacht. Hatte jemand ihr Rufen gehört? Sie stand auf und öffnete die Tür ein wenig. Es ist niemand zu sehen. Der ganze Hof ist leer. Marja schwindelt der Kopf, und sie schwankt auf ihr Bett zurück. Was soll aus allem dem noch werden? Ob ich es jemals hierher bekomme? Ob es Anja gelingt, es zu bringen? Wie konnte ich es dort lassen? Wenn ihm nur nicht am Ende etwas geschehen ist? Es war Anjas Plan gewesen, und Schemeikkas Mutter hatte schließlich beigestimmt. Wenn sie aber nur beigestimmt hätte, damit sie mich los würden? Wäre es nicht besser, ich sagte Juha alles, statt daß ich ihn zu betrügen versuche? Er hat mich ja auch gegen seine Mutter verteidigt. Nein, er glaubt nichts, er hält mich für ebenso gut wie früher. Wie kann ich es ihm dann aber sagen? Er kann das Kind eines anderen nicht annehmen – er, der sich immer ein eigenes gewünscht hat. – Ob wohl jemand gehört hat, was ich im Traume gerufen habe? Marja fiel in Halbschlummer und schlief eine Zeitlang. Dann erhob sie sich und ging in das Haus. Da saß Kaisa und las. Jetzt erst bemerkte Marja, daß Sonntag war – wie damals, als sie wegging. Es hatten sich ihr alle Tage in den Wäldern durcheinandergewirrt. »Wo ist der Wirt?« »Er ist wohl in den Wald gegangen.« Um etwas zu sagen, erwiderte Marja: »Da ist ja ein neuer Dielenbalken gelegt.« »Ja, der alte ist zerbrochen,« erklärte Kaisa. »War er denn schon morsch?« »Nein, das nicht; der Wirt hat ihn zerbrochen.« Und nach und nach erzählte Kaisa, wie der Wirt wegen irgend etwas über seine Mutter wütend geworden .. »na ja, ich kann ja jetzt sagen, weswegen – deswegen, weil sie gesagt hatte, ihr wäret gern weggegangen .. ja, darüber wurde er wütend und schmiß die Stampfe auf die Diele .. war dann lange Zeit wie blöde ... Ach, wie er euretwegen getrauert hat!« Marja hatte nur den Wunsch, vor Kaisas forschendem Blick zu fliehen. Sie verließ die Stube, ging von einer Stelle zur anderen. So geht es nicht, so wird es nichts. Er wird nicht imstande sein, alles zu hören, wie es ist. Wenn ich wenigstens gut gegen ihn sein könnte. Aber ich habe es ja nicht über mich gewinnen können auf ihn zuzugehen, nicht einmal, ihm die Hand zu reichen. Weshalb bin ich so? .... Daß ich mich doch davongemacht, daß ich nicht doch auf Schemeikkas Rückkehr gewartet habe .. Wenn ich irgendwie einen Anfang fände hier, zum mindesten, bis sie mit dem Kinde kommen oder bis ich daran denken kann, wenigstens auf sie zu warten. Auf keinen Fall kommen sie schon in einigen Wochen, wenn sie überhaupt kommen. Wenn sie kämen, liefe ich sofort davon und bettelte mich gar bis ans Meer durch. Marja irrte umher, auf dem Hofe und am Strand und überall, schaute um sich, ohne etwas zu sehen, ohne das Auge auf etwas zu heften. Alles schien zu sein, wie es gewesen war, ach, dort war ja noch die Nadel, die sie im vorigen Sommer in die Speicherecke gesteckt hatte. Aber alles war fremd, wie wenn sie hier nur auf der Durchreise gewesen wäre. Wenn ich irgendwohin entkommen könnte, wenn ich fortgegangen wäre und nicht die Schwiegermutter. Sie entfernte sich weiter vom Hofe, ging in das Gehege hinunter, wo sie die Schellen der Kühe hörte. Plötzlich stand Juha vor ihr auf dem Pfade. Zuerst wußten sie einander nichts zu sagen. Dann sagte Marja: »Ich wollte nach den Kühen sehen ...« Juha erwiderte: »Ich habe Zaungatter ausgebessert ...« Und dann gingen sie nach verschiedenen Seiten. Sie weicht mir aus, dachte Juha, nach dem Hof gehend. Sie vermeidet es, mir ins Gesicht zu sehen wie früher. Hat mir auch nicht die Hand gegeben. Und sie klagt mich ja auch nicht ohne Grund an. Man muß ja einen Mann verachten, der sein Weib im Land der Räuber läßt, bis sie selbst zurückkommt, eine einzelne Weibsperson aus einem fremden Land, aus den Händen der Feinde, durch Moorwälder und Sümpfe. Und als sie kommt, wie wird sie da empfangen? Während sie dort in wer weiß welchem Elend lebt, währenddem schaltet die Schwiegermutter hier mit meiner Erlaubnis und fällt über sie her wie ein reißendes Tier. Und Marja mag glauben, daß ich derselben Meinung gewesen bin und es vielleicht immer noch bin, weil ich die Alte die ganze Zeit hier geduldet habe. Marja ist nach einiger Zeit zurückgekehrt. Sie haben zu dreien gegessen, Juha, Marja und Kaisa. Gesprochen worden ist so gut wie nichts. Nach dem Essen ist Kaisa gegangen, Marja ist geblieben, um den Tisch abzuräumen und das Geschirr an der Ecke der Ofenbank zu säubern. Juha scheint es, daß sie auf etwas wartet. Jetzt muß es ins reine gebracht werden. Er will es schon sagen, da hält er wieder zurück, einmal nach dem anderen. Schließlich bringt er es heraus, indem er seiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben versucht: »Wi–wie hast du dich denn von dort hierher gefunden .. und hasts ausgehalten?« »Wenn ich irregegangen war, habe ich nach einer Stelle gesucht, von wo unser Berg zu sehen war.« »Darauf bist du zugewandert! Der hat dir den Weg gezeigt? Unser Berg!« »Ja.« Jetzt mußte es gesagt werden. Aber wenn ich sie damit kränke. Wenn sie es mir übel nimmt, daß ich davon spreche ... Wenn es ihr womöglich wehtut. Wenn es besser ist, daß ich nicht daran rühre. Vielleicht hat sie es daraus verstanden, daß ich die Mutter sofort weggejagt habe. Wenn sie aber schon von Kaisa gehört hat, weshalb ich mich nicht aufgemacht habe, obwohl ich es wollte? Jetzt hat sie die Näpfe abgewischt. Gleich geht sie. »Es war schlecht von mir, daß ich dir nicht zu Hilfe gekommen bin ...« »Du kamst ja doch?« »Woher weißt du das?« »Ich habe dich ja gesehen, als du an der Badestube standst .. dort ...« »Warst du dort? In der Badestube .. dort?« »Ich habe dich kommen und weggehen sehen.« »Und hast nicht gerufen?« »Ich durfte nicht ...« »Hatten sie dir einen Knebel in den Mund gesteckt?« Marja hatte ihm den Rücken zugekehrt. Jetzt wandte sie sich herum, und aus ihrem Munde glitt es so leicht und friedlich, daß sie sich selbst darüber wunderte: »Nein, aber ich wagte nicht, weil sie gedroht hatten, sie würden mich totschlagen, wenn ich irgendwem meinen Aufenthaltsort verriete. Sie hätten jedenfalls dich totgeschlagen, wenn sie erfahren hätten, wer du warst.« Juha stand da, wie vom Donner gerührt. »Du warst da .. und ich sollte nicht wissen .. und kam nicht hinein, obwohl ich schon die Tür der Badestube geöffnet hatte .. aber weil dort ein Kind war, das bitterlich zu weinen anfing ..« In Marja zuckte es auf, und sie sagte schnell, hastig: »Das war das Kind einer Leibeignen des Gehöfts ... ich hütete es, weil seine Mutter gut gegen mich war. Sie war geraubt und in das Gehöft gebracht worden.« »Wie du?« »Ja, da sie sie mißhandelten, kam sie mit ihrem Kind weinend zu mir, als ich wegging. Nimm, nimm mich mit!« flehte sie. Marja sprach schnell, wie hingerissen, so daß es auch Juha ergriff. »Warum hast du sie nicht mitgenommen?« Da traten Marja die Tränen in die Augen, indem sie sich erinnerte, wie Anja sie mit dem Kinde eine kurze Strecke begleitet hatte: »Sie lief mir nach, die Ärmste, über die Heide mit ihrem Kinde.« »Warum hast du sie nicht mitgenommen?« fragte Juha, ebenfalls immer mehr gerührt. »Sie hätte es ja mit dem Kinde nicht gekonnt.« »Wenn ihr es abwechselnd getragen hättet.« »Das hätten wir ja gekonnt, aber wohin wären wir ... was wäre hier aus ihnen geworden, wenn es gegangen wäre – wer hätte sie hier in sein Haus genommen?« »Sie hätte hierher zu uns kommen können. Wir hätten sie doch wohl nicht in den Wald gejagt, wenn sie gekommen wäre.« »Wer weiß, ob die Schwiegermutter sie nicht weggejagt hätte.« »Die Mutter? Die hat hier nichts mehr zu sagen!« brauste Juha auf. »Wer weiß, vielleicht kommt sie ja noch einmal mit ihm her.« »Laß sie nur kommen. Bei uns kann sie bleiben, solange sie will, weil sie gut gegen dich gewesen ist.« »Gut war sie.« »War sie aus unserer Gegend geraubt?« »Ich glaube, sie war wohl aus ihrem eigenen Lande.« Marja findet sich dabei, wie sie Wasser aus dem Brunnen heraufholt, ohne sich erinnern zu können, weshalb sie sich aufgemacht, es zu holen. Wie war das so leicht gegangen? – Jetzt ist ja alles so weit vorbereitet! Er ahnt nichts und argwöhnt nichts. Niemals kann er sich denken, daß ich ihn auf die Weise belügen konnte. Wie konnte das so leicht gehen? Ich muß versuchen, gut gegen ihn zu sein. Ich muß ihm für all das Böse lohnen, das ich getan habe. Wenn ich nur so gegen ihn sein könnte, wie ich müßte. Dort gebt er hin, wie um etwas bittend, scheu und ängstlich, wie früher, wenn er mit mir reden wollte und ich nichts dazu tun konnte ... nichts, wie sehr ichs auch versuchte. Was könnte ich ihm tun, was könnte ich ihm sagen? Juha hatte nicht in Worte zu fassen vermocht, was er gern gesagt hätte. Aber er mußte es sagen können, auf der Stelle, noch heute abend. Marja durfte nicht länger in dem Glauben wandeln. Er sieht Marja mit müden Schritten nach ihrem Speicher gehen und begibt sich nach einer Weile dahin, indem er sich scheu auf die Schwelle setzt, wo zuletzt Schemeikka gesessen hatte. Marja hat eine Näherei auf ihrem Knie. Was näht sie? Einen Knopf an ein Hemd – an mein Hemd? Kaum ist sie da, so fängt sie schon an einen Knopf an mein Hemd zu nähen, das nicht fertig geworden war, als sie ging. »Ich bin ja gewiß gekommen, wie du sagtest. Aber ich hätte doch viel früher kommen sollen, auf der Stelle. Und ich wäre ja auch gekommen .. Ich habe mir selbst deswegen Vorwürfe gemacht und mache sie mir noch jetzt.« »Wozu das noch!« »Wenn du mir das verzeihen könntest – und noch etwas anderes.« »Verzeihen? Was?« fragte Marja verwundert. »Ich habe ja – ich habe ja zuerst geglaubt, du wärest gern gegangen.« Juha wartete, aber er erhielt keine Antwort. Marja drückte den Kopf auf die Näherei. »Ich hätte ja nicht ... aber da mir meine Mutter immer das Gift ins Ohr goß – du mußt es mir verzeihen, wenn du nur kannst – ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn du mir nicht verzeihst.« »Das ist ja nichts,« sagte Marja ausweichend. »Doch – daß ich so etwas von dir denken konnte, die – die – und daß ich der Mutter und vielleicht auch den anderen – auch den Teerbrennern – daß ich mir statt deiner eine neue, reiche holen wollte und keine Bettlerin wieder .. obwohl du noch gar nicht tot warst, sondern nur jenseits der Grenze .. und der ein Haus bauen wollte wie ein Krämer in der Stadt .. und Grüße an dich bestellte .. höhnische .. an dich. Jetzt weißt du, was für einer ich bin .. während du dort weggeschleppt warst und als Leibeigne gehalten wurdest ... da habe ich so etwas ...« Er war zu Marja gekommen und hatte ihre Hand ergriffen. Er mußte es los werden, die Rührung begann ihm in der Brust zu schwellen und drohte hervorzubrechen, er mußte Marja verlassen und hinausgehen, vor seiner Bewegung irgendwohin entfliehen. Aber schon hinter den Speichern mußte er ihr freien Lauf lassen. Sie hat mir noch nicht verziehen, es schien nicht, als hätte sie es. Aber mag sie mich damit strafen ... sie darf mich strafen, wie sie will, nachdem ich es ihr endlich habe sagen können ... damit sie weiß, was für einer ich bin .. und nun weiß sie es. Marja hörte Juhas Rührung. Er bittet mich um Verzeihung? .. Wenn er aber einmal erfährt, wie es ist, dann bringt er entweder mich oder sich um. So ist er. Soll ich ihm alles mitteilen? Wie konnte ich ihn noch so belügen? Was soll hieraus werden? Wie soll ich sein? Aber sie war so müde, daß sie nur dies wußte: ich kann jetzt nicht, mag es gehen, wie es geht. XV. Juha sitzt auf einem Baumstumpf seiner Schwende, oben auf der Anhöhe. Die ganze Welt unter ihm ist in Nebel gehüllt, die Seen, die Wälder, seine Wiesen und seine Äcker und das Gehöft. Ein ferner Bergrücken nur erhebt sich wie ein Gespenst aus dem Nebelmeer hervor. Hier und dort reckt eine verdorrte Föhre ihre Spitze empor, wie die erstarrte Hand eines Ertrunkenen aus vereisten Wasserwogen. Die Stromschnelle ist nicht zu sehen, aber ihr Brausen tönt so nahe, daß man glauben möchte, man könne sie mit einem Steinwurf erreichen. Es ist Juha, als habe er vor sich eine gähnende Leere, in deren Boden er sich vergeblich bemüht hat einzudringen, seitdem Marja gekommen ist. Daraus erhebt sich vor ihm gewiß Marjas Verschwinden und ihre Rückkehr, alles andere aber ist wie dunsterfüllter Bruchwald, in dessen Inneren nur die Gespenster seiner eigenen grübelnden Gedanken hausen ... Jener versuchte sie damals mit seinen Lumpen und Spangen zu blenden und mit seinen geschmeidigen Worten. Doch Marja warf seine prunkenden Fetzen weg und kam – wie eigens, um es ihm zu zeigen – an dem Sonntagabend, die Netze auseinanderzuwirren. Dann lief sie vor der Mutter davon an das Ufer der Schnelle und ward nicht mehr gesehen. Bis dahin war Juha klar, was sich zugetragen hatte. Von da ab war alles in Dunkel gehüllt, bis Marja unter den Kühen auf der alten Rodung erschien. Was dazwischen lag, war wie im Nebel. Aber darin konnte sich alles Mögliche verstecken, das Furchtbarste. Weshalb spricht sie nichts? Wenn sie wenigstens erzählte, wenn sie die Rede darauf brächte, da würde ihr vielleicht auch selbst leichter. Sie mögen sie dort gequält, gemartert, gezerrt, gerissen, vergewaltigt daben, die Stolze, Scheue, Empfindliche, die wie ein Renntier zittert, wenn man sie nur leise anrührt; woher weiß ich, was sie ihr getan haben, wo sie nicht erzählt? Aber da sie wie zehn Jahre älter ist, der Zopf dünn geworden, der Glanz der Augen getrübt, die Brust eingesunken, die Stirn voll Falten – mögen sie sie so erschöpft haben, daß sie wohl auch am Tage wird ruhen müssen .. und sie jammert in ihrem Bett und wandert am lichten Tag wie im Traum umher. Ist so verschüchtert, daß sie nicht einmal mit Kaisa plaudern mag. Juha kehrt jeden Abend von seiner Schwende mit dem Entschluß zurück, jetzt werde er fragen, jetzt werde er Marja erzählen und sich erleichtern lassen; aber die Frage bleibt stets ungetan. Marja sitzt an einem regnerischen Tage – es war ein nebeliger, regnerischer und nasser Sommer in diesem Jahr – in der Stube, unter dem Eckfenster und strickt an einem Strumpf, einem kleinen Kinderstrumpf. Mag er fragen, wenn er will, ich werde ihm sagen: ich stricke für mein Kind. Ich kann es nicht verheimlichen .. und mag es nicht .. er kann es wissen .. einmal erfährt er es ja doch. Mag er mich dann fortjagen, wenn er will, ich gehe zurück. Oder mag er mich mit der Stampfe dort schlagen, wenn er Lust hat. Und Marja strickte und starrte mit müden, zerstreuten Augen vor sich in die Stube, wo Juha in der Gegend der Tür mit dem Schnitzbeil arbeitete. Sie sah zusammenhanglose Bilder, ohne sie herbeizurufen, ohne sie von sich weisen zu können, obwohl sie es matt versuchte. Sie sah Schemeikka zurückgelehnt, sorglos dort auf der Bank am Tisch, mit seinem gestickten Hemd bekleidet. Sah, wie er langsam seinen Ranzen öffnete und seine Seidentücher und Spangen über die Finger hängte. Sah, wie er sie an seine Brust riß und ans Land trug. Sie mußte ihn sehen, obwohl sie ihn wegscheuchte, wie er auf der Insel unten an der Stromschnelle erwachte, das Laub fortraufte, Überdruß in den Zügen – ich hätte in die Schnelle springen sollen, dann wäre mir jetzt besser. Aber wieder stieg Schemeikka vor ihr auf, wie er in den Strudeln das Boot lenkte, der Bart auf beiden Seiten im Winde flatternd, um den Mund ein stolzes Lächeln, Jubel und Spott im Auge. Daß er mich doch betrog, daß er es doch fertig brachte! Und mochte auch sein Kind nicht sehen .. Weshalb finde ich keine Ruhe vor ihm? Aber sie konnte diese Erinnerungen nicht wegwischen, hatte keine Kraft dazu, nicht die einen und nicht die anderen. Sie kamen, wie das Vieh auf die Waldwiese, deren Zaun vermorscht und eingefallen ist, und gingen, fraßen gierig und stampften umher, und sie konnte sie nicht verscheuchen, und alles war so öde und jämmerlich – immer noch regnete es – ob wohl Anja mit dem Kinde aufgebrochen ist, wenn sie sich überhaupt getraut hat – was wird aus ihnen werden – sie werden wohl nicht kommen, da sie noch nicht gekommen sind. Ach, Herr Jesus, was soll hieraus werden, wenn Anja nicht das Kind bringt! Wenn sie sich in die Wälder aufgemacht und sich verirrt haben? Oder gar nicht aufgebrochen sind, wenn Fischer-Matti nicht mitkommt, obwohl er es versprochen hat .. Ach, daß ich es dort gelassen habe! Juha hörte Marja wieder seufzen. Das sieht man ja aus allem, daß sie einen Kummer hat und leidet. – Er legte das Beil beiseite, stand auf und begann mit seinem Messer zu schnitzen. Zuletzt sagte er mühsam: »Hat er dich dort sehr übel behandelt?« Jetzt fängt er an danach zu fragen. Sie hatte schon geglaubt, Juha werde nicht darauf eingehen. Was soll ich ihm sagen? »Wo? Ach so, dort?« »Wie hat er dich denn in das Boot bekommen?« »Irgendwie ist es wohl gegangen.« »Warst du bewußtlos geworden, daß du nicht einmal den Kopf gehoben hast? Konntest du kein Glied rühren?« »Ob ichs nicht konnte?« »Kaisa hat gesagt, du hättest wie gelähmt vorn im Boote gelegen. Sie hätte dich auch nicht rufen hören. Aber wie hätte man das auf der Stromschnelle gehört, wenn du auch gerufen hättest?« Hatte Kaisa es gesehen? Was hat sie gesehen? erbebte Marja. »Ich erinnere mich nicht,« sagte Marja. »Ich bin erst unterhalb der Schnelle wieder zu mir gekommen.« Juha schwieg eine Weile und maß das Holz mit den Augen; dann begann er wieder, und seine Stimme zitterte: »Haben sie dich da gebunden?« »Wer, sie?« »Na, der und seine Genossen.« »Ob sie mich gebunden haben?« »Im Boot, ja, oder an einen Baum oder sonstwie, daß du nicht entfliehen konntest?« Marja antwortete zuerst: »Nein.« Aber dann: »Es waren ja keine anderen als er allein.« »Ich dachte, sie hätten dort auf euch gewartet.« »Nein.« »Aber wie konnte er dich denn allein halten .. bis hin .. solche weite Strecken?« »Weshalb hätte er das nicht gekonnt – ein Mann ein Weib?« »Gewiß, ja – solch ein Kerl – der hatte wohl seine Mittel?« Sie antwortete nicht. Es krachte etwas. Marja wandte sich jäh um. Es war ihm seine Arbeit auf den Boden gefallen, und er bückte sich, um sie aufzuheben. »Er hat dir auch Gewalt angetan?« sagte er barsch, um seine Rührung zu verbergen, hinter seinen Schnitzklotz gebeugt. Warum schnüffelt er denn nach allem? Wird es dadurch besser? Das sollte er sich doch denken können. Und Marja entgegnete hämisch: »Glaubst du, er hätte es nicht getan? – Schemeikka, der Sohn Hilappas.« Zugleich aber entfuhr ihr ein Schrei, ein Segen. Juha stand aufgerichtet an seinem Schnitzklotz, die Augen gerötet, die Hand erhoben und darin das Beil, den Längsbalken streifend. »Ich – ich – schlage ihn noch tot!« keuchte er, und das Beil sank bis zum Rücken in den Klotz. Er riß daran, aber es saß fest, der Klotz hob sich mit empor und krachte so hart auf, daß die ganze Stube erbebte und die Brotstange auf die Diele polterte. Juha stürzte hinaus. Marja überkam, als der Schreck vorüber war, ein Gefühl wie Jubel, wie Entzückung. Das Herz schien sich ihr vom Fleck zu bewegen. Wärest du der Mann dazu? Dich an Schemeikka zu rächen, ihm das Beil in die Stirn zu hauen wie in den Klotz dort? Ihm meinen Knaben mit Gewalt zu nehmen, wenn er ihn nicht anders gibt? Wärest du auch dazu imstande? Fände er in dir seinen Meister? Man hörte Juha mit heftigen Schritten zurückkommen. »Der – der gemeine Räuber – das Schlenkerbein – hat dir Gewalt angetan?« »Der!« schürte Marja. »Dir, die – die – wo es keine gibt wie du – in der ganzen Welt. – Bei dir hat er es getan – gewagt?« »Er scheint es gewagt zu haben.« »Hat er es öfters getan?« brüllte Juha. Marja mußte sich abwenden. Jetzt fühlte sie Angst. Nie hatte sie Juha so gesehen, so unheimlich, seltsam. »Sag, hat er es öfters getan?« »Nein – nein doch,« sagte Marja leise, wie beruhigend. »Hast du ihn nicht gelassen?« »Frag doch nicht so etwas!« »Hast du ihn gehindert?« »Ach, frag nicht mehr!« »Hast du nach ihm geschlagen, gebissen, getreten?« »Was hast du, Juha?« »Nein – nein – ich will ja nicht ...« Juha bemerkte die Brote, die vom Spieße rings über die Diele gerollt waren, und wollte sie auflesen. Zugleich aber begann er wieder: »Wo hat er es getan?« »Wo wars gleich ...« »Sofort, als er ans Land stieg, oder schon im Boote?« Marja vermochte nicht zu antworten. »Wenn ich ihn kriege – und ich kriege ihn .. ich kriege ihn!« Er stand mitten auf der Diele, wie ein Bär auf zwei Beinen, und führte die Hände unbeholfen zusammen und auseinander, wie nach etwas Unsichtbarem tastend, mit knirschenden Zähnen, stand an derselben Stelle, wo damals Schemeikka Marja mit dem einen Arm an sich gerissen hatte. Und Marja, wie in einem Rausch, ohne zu wissen, ohne zu fassen, wie vor einer Gefahr ausweichend und sich in dieselbe stürzend, warf sich an seine Brust, drückte sich an seinen Hals und schrie: »Ach, lieber Juha – schlag mich nicht tot!« »Dich, dich –«, stammelte Juha. »Ich – ich werde dich doch nicht schlagen.« »Verzeih mir, Juha!« »Was .. weshalb denn?« »Laß mich los! – Laß mich gehen!« – Marja versuchte von Juha loszukommen. »Wohin denn, weshalb .. liebes Kind, hör doch!« »In die Schnelle .. oder sonstwohin.« »Weshalb .. hör doch!« Marja warf sich von neuem an Juhas Brust. »Ich habe dich belogen!« »Was hast du gelogen?« »Es war nicht das Kind der anderen!« »Was für ein Kind?« Juha erinnerte sich nicht, wußte nicht, dachte an nichts als an Marja ... daß Marja in seinen Armen, an seiner Brust lag, zitternd wie ein frierendes Lamm. »Das, welches du dort hast weinen hören.« Marja brach in Tränen aus, sank vor Juha auf den Fußboden, von wo er sie auf die Bank heben mußte, und fiel da zusammen. »Nicht doch .. du lieber Gott.« Juha hielt mit der einen Hand Marja am Arme, mit der anderen drückte er ihr unbeholfen auf den schütternden Rücken, von Rührung und Weichheit ergriffen, gegen sein Mitleid und seine Tränen ankämpfend. »Ich wollte mit dir überlegen, wie wir es heimlich hierher bekommen könnten – aber ich will es nicht mehr her haben, und wenn ich es nie wiedersehen sollte.« »Das sollst du ja .. weshalb solltest du es denn nicht ..« »Sie geben es nicht heraus! Es kommt nicht mehr, da es noch nicht gekommen ist! Ich .. werde es .. nie wiedersehen.« »Das wirst du doch – wir holen es.« Marja weinte immer noch, wimmerte fast, jetzt über das, was Juha gesagt hatte. »Wir holen es, holen es zusammen her.« »Nein, lieber Juha .. ach nein, nein .. sag das nicht!« »Da ist ja nichts dabei .. du konntest ja dort nichts machen .. er hat dich ja mit Gewalt fortgeschleppt .. er hat dir ja Gewalt angetan.« Marja wollte rufen: er hat mir ja nicht Gewalt angetan, ich war ja gern mitgegangen! – so wäre alles gesagt gewesen. Aber sie sagte: »Du könntest es ja doch nicht, wenn du es auch sagst – Schemeikkas Kind.« »Es ist ja nicht seins, scheint mir, so wenig wie sonst jemandes.« »Es ist doch seins.« »Das war ja ein Versehen .. oder eher ein Unglück .. weine nicht, liebe Marja.« »Ein Unglück?« »Dagegen konntest du doch nichts, gegen die Gewalt.« »Wenn sie es erfahren .. deine Mutter und deine Brüder.« »Davon erfährt niemand etwas.« »Du wolltest es zu dir nehmen?« »Ich werde dich doch nicht von meiner Sippe zerreißen lassen .. meine Einzigste, Liebste ..« Juha brachte nicht mehr heraus. Er fürchtete wieder in etwas auszubrechen, er wußte nicht, ob in Lachen oder Weinen. Um etwas zu tun, begann er die Brote von der Diele aufzulesen und sie an den Spieß zu stecken. Marja eilte herbei, um zu helfen, den Spieß am einen Ende zu stützen. Als Juha ihn an seinen Platz unter dem Dach hob, bemerkte er, daß die Rutenringe, an denen der Spieß unter dem Dache gehangen hatte, zerbrochen waren. »Legen wir ihn hier auf den Tisch .. bis ich ein paar neue Ringe gedreht habe.« Marja sah ihn im Regen mit bloßem Kopf hinter dem Haus in die Hürde eilen und dort am Gatter eine junge Fichte zu einem Band drehen, wobei der Wipfel wild hin und her schwankte. Er will das Kind Schemeikkas als sein eigen annehmen, und der eigene Vater stellt sich, als wüßte er nicht von ihm? Und den habe ich belogen, und den betrüge ich immer noch. Und ich kann es ihm auch nie gestehen. – Sie lief hin und her .. nach der Tür und zurück .. zum Fenster und zurück ... Ich sage es ihm doch! Und wenn ich es ihm gesagt habe, springe ich in die Schnelle. Oder ich sage nichts, und gehe doch hinein .. Und soll ihnen das Kind lassen? Jetzt, wo Juha gerade versprochen hat, es zu sich zu nehmen? – Ich kann jetzt nicht .. jetzt noch nicht. Am Abend hörte Marja Juha zu Kaisa sagen: »Ich gehe morgen mit der Frau über die Grenze. Hüt du inzwischen hier das Haus.« »Du lieber Gott, weshalb denn?« »Die Frau hat ein Kleines dort gelassen .. sie konnte es nicht allein mitbringen.« XVI. Schemeikka liegt auf der Schwitzbank auf Laubzweigen, mit einer Leinwanddecke unter sich, und Anja drückt ihm leise den Rücken und die Schultern, knetend und streichend, auf den Lippen ein glückseliges Lächeln, in den Augen einen Ausdruck ewigen Entzückens ... Ach du mein einziger schmucker Bursch! »Darf ich ein wenig ausruhen?« »Ruh dich, ruh dich«, sagt Schemeikka. Anja steigt von der Schwitzbank herunter und setzt sich auf die Türschwelle, jedoch nicht, um sich selber auszuruhen, sondern um Schemeikka auf das Bad ein Schläfchen tun zu lassen, wenn er will. »Ich gehe und sehe nach dem Kind .. ich komme gleich wieder.« »Geh nur, geh.« .. Seine liebe Stimme ist matt und sein Sinn betrübt. Wenn ich ihn fröhlich machen könnte, wenn ich wüßte, wie ich ihn aufheitern könnte. Will er denn schon wieder weg? Anja machte sich auf, um in das Häuschen zu gehen, nach Marjas Kind zu schauen. Ihr eigenes war in der Hut der alten Wirtin, sie hatte es nicht mit hierher nehmen dürfen, obgleich sie es gehofft hatte. Aber ich murre nicht, ich murre nicht, alles ist gut, wie Schemeikka es will .. Doch wer hat die Tür geöffnet? Sollte es der Fischer-Matti sein? Eine Frau stand mit dem Rücken gegen die Tür an der Hängewiege, über das Kind gebeugt. Anja klatschte in die Hände, sie hüpfte vorwärts, breitete die Arme aus und flog in das Häuschen: »Marja, Marja! – Du bist da! Wie bist du denn hierher gekommen? Bist du oben im Gehöft gewesen? Haben sie dich dort beschieden?« »Fischer-Matti angelte unten an der Schnelle, von ihm habe ich es gehört.« »Von ihm hast du es gehört. Ach, daß du gekommen bist! Es ist mir gar sehr leid, daß ich nicht wegkonnte. Schemeikka ließ uns ja nicht gehen. Wollte sein Kind selbst behalten – und mich auch. Wir sind fast seit deinem Weggang hier. Den ganzen Sommer, Marja, den ganzen Sommer!« »Hat er sich denn diesen Sommer keine Neue mitgebracht?« fragte Marja, die Lippen verziehend. »Nein doch, der Ärmste. Ach, es ist Schemeikka schlimm ergangen! Es gibt böse Menschen auf der Welt! Denk dir, sie hat Schemeikka verlassen, ist ihm davongelaufen!« »Die Russin vom vorigen Winter?« »Ja, die – hat ihn in Nowgorod oder in Moskau oder sonst irgendwo verlassen, nachdem sie zuerst miteinander gelebt und allen Handelsverdienst, den eigenen und den fremden, durchgebracht hatten. Hat ihn blank geschunden, bis aufs Hemd, den armen Mann, ihm nicht so viel gelassen, daß er seinen Mädchen ein Geschenk hätte kaufen können, keine Spange, kein Bandendchen hat er uns mitgebracht. Das ist ihm sehr zu Herzen gegangen, Schemeikka. Lieb scheint sie ihm gewesen zu sein, sehr lieb. Wenn er im Traum nach mir greift, ruft er ihren Namen, Serafina. Er war auch sehr böse, daß du gegangen warst, Marja. Ist schon einmal mit den Hunden hinter dir her gezogen, hat dich ja aber nicht gefunden. ›Alle betrügen mich, alle verlassen mich‹, hat er gesagt. Marja fuhr herum, indem sie die Achseln hochzog, und beugte sich nieder, um ihr Kind anzusehen. »Es ist gewachsen, nicht wahr? Es ist niedlich, nicht wahr? Der Liebling seines Vaters. – Ei, wie er seinen Jungen gern hat, trägt ihn im Arm, plappert mit ihm, füttert ihn aus dem Saughorn: ›Saug, saug, deine Mama hat dich verlassen, dein Papa gibt dir die Brust, mein Semu, der Papa gibt.‹ Hier gefällt es ihm. Im ganzen Sommer ist er auf keinem Prasnik, auf keinem Tanz gewesen, nirgends als dann und wann auf der Jagd und beim Fischen. ›Nun müßte ich auch Marja gut genug sein‹, sagte er. Dich hätte er mit hierher genommen, wenn du zuhause gewesen wärest. Aber du warst nicht da, und so nahm er mich. Soll ichs ihm sofort sagen, oder soll ich ihn noch schlafen lassen?« »Ich will ihn nicht sehen.« »Nicht? Weshalb nicht?« »Ich gehe auf der Stelle wieder.« »Du gehst? Warum? Wo du eben gekommen bist! Du gehst doch nicht meinetwegen? Du bekommst ihn von mir. Ich habe schon mehr Freude von ihm gehabt, als ich hoffen konnte. – Anja umarmte Marja, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. – Geh nicht, nimm ihn, vielleicht würde er mich sowieso bald verlassen, er will noch hinter seiner Russin her – es ist mir lieber, wenn du ihn bekommst als eine andere; ich werde auch Magd bei euch .. darf ich dann Petri mit hierher bringen? Ich wohne mit ihm in der Badestube und diene euch. Aber ich gehe auch ganz weg, wenn du es willst ...« »Du darfst ihn behalten, Liebste, sagte Marja und beugte sich nach dem Kinde hin. Ich gehe sofort, ich habe dort jemand anders, der auf mich wartet.« »Bist du immer noch so böse?« »Ja.« »Hassest ihn immer noch?« »Ja.« »Ach nein .. das glaube ich nicht .. du kannst es nicht.« – Und Marja glaubte selbst nicht, was sie sagte. Die Stube tanzte ihr vor den Augen, wie wenn sie in einer Stromschnelle vorn im Boot gesessen hätte. Hatte die Russin Schemeikka verlassen? Hatte Schemeikka nach mir gefragt und war mir nachgezogen? – Weshalb bin ich nicht allein gegangen? – Ob ich wohl Schemeikka noch ein letztes Mal sehen werde? Wenn nur Juha bei dem Boote bliebe, wie er versprochen hat! »Du darfst nicht .. du darfst es ihm nicht verraten«, sagte sie doch. Doch Anja war schon hinausgeschlüpft. Marja nahm das Kind und wollte sich aufmachen. Aber dann legte sie es zurück .. Mag er seinem Kinde Lebewohl sagen, wenn er will ... Schemeikka ist auf der Schwitzbank auf den Laubzweigen eingeschlafen. Er liegt noch, wie Anja ihn verlassen hat ... Soll ich ihn aufwecken oder schlafen lassen? Er ist ganz erschöpft, der Liebe. Kam erschöpft von der Jagd heim. Da habe ich ihn baden lassen, ihn gestrichen. Da ist er eingeschlafen, der schlanke Bursch, mit dem Bart zwischen Wange und Arm. Soll ich Marja mit ihrem Kinde gehen lassen? Aber wenn er sehr böse wird? – Und Anja weiß nicht, was tun. Eine Träne sickert ihr hervor. Es war eben so heiter alles, jetzt ist es so wirr. Hätte sie nur ihr Kind genommen und wäre gegangen, ehe ich kam. Mag sie es nehmen und gehen .. ich sage, es sei heimlich entwendet worden .. Ich wecke ihn nicht, lege ihm das Laken auf die Schultern; wenn er davon erwacht, so ist es gut, wenn er nicht erwacht, mag er weiter schlafen. Aber Schemeikka erwachte, wandte sich auf die Seite, streckte sich, gähnte, bemerkte Anja, machte ihr, an die Wand rückend, Platz, zog sie neben sich, lässig, mit geschlossenen Augen ... »Es ist eine Fremde gekommen«, sagte Anja. »Wer denn?« »Marja.« »Was für eine Marja? .. Marja?« »Die schwedische Marja. Sie ist zurückgekommen.« Zurückgekommen! Schemeikka sprang auf. Doch zurückgekommen! Obwohl sie grollend davongegangen ist? »Wart, ich trockne dich ab, ehe du gehst«, sagte Anja und wischte und trocknete an ihm, während Schemeikka sich ankleidete. .. Hin ist sie allein durch die Einöden gegangen, aber sie ist zurückgekehrt! Hat ihr ihr alter Mann doch nicht gefallen? Ist ihr Schemeikkas Umarmung dennoch ins Blut gegangen? Ja, der stolze Nacken mußte sich beugen! Sie ist gekommen, trotzdem gekommen! Wenn doch auch du noch zurückkämest, russisches Mädchen? Und zufrieden lächelnd schritt er den Weg nach dem Häuschen zu, im Gehen überlegend, was er tun sollte: – ich öffne die Arme und lasse sie sich hineinwerfen wie früher. Aber Marja bewegt sich, aufrecht an die Bank gelehnt, nicht nach ihm hin, obwohl Schemeikka eine Weile mit offenen Armen in der Tür steht. Sie ist ernst, steif, die Stirn in Falten. Tut, als sähe sie ihn nicht. Da erblickt Schemeikka, indem er näher kommt, hinten in der Stube Juha, der auf einer kleinen Bank sitzt. Zusammenfahrend weicht er zuerst einen Schritt zurück. – So? – Ist hier Krieg oder Frieden? – Aber als er bemerkt, daß Juha keine Waffe hat, nimmt er seinen Schritt zurück und bleibt in der Türöffnung stehen. »He, sieh da, Gäste, weitgereiste Gäste! Willkommen!« Sie antworten nicht, nicht Juha und nicht Marja. »Führt euer Weg hierher oder noch weiter?« »Ich bin gekommen .. wir sind gekommen, um den Knaben zu holen«, sagte Marja. »Zu holen .. Auch der Wirt?« »Jawohl,« sagte Juha. »War sie also gar nicht gekommen, um zu bleiben ..?« Schemeikka verfärbte sich ein wenig, blieb in der Tür stehen, ohne vorzutreten, ohne hinauszugehen, schweigend, bald auf den einen, bald auf den andern Fuß gestützt, die eine Hand im Hosengurt, mit der anderen seinen Bart zwickelnd. Sie war also nur gekommen, um ihr Kind zu holen? Und hatte den Alten zur Hilfe mitgenommen? Und der Alte war gegangen, sie waren dieselben Schnellen hinabgefahren, vielleicht auf denselben Inseln gewesen .. und jetzt läßt sie ihn das Boot die Schnellen wieder hinaufziehen und über die Stillwasser schieben und über die Seen rudern .. und der Alte zieht und rudert .. Naß und zerfetzt sind beide, und glotzen mich an, wie wenn sie einen Groll gegen mich hätten ... Schemeikka hatte manche tolle Geschichte mit seinen Weibern und ihren Männern durchgemacht und mit den Kindern, von denen niemand wußte, von wem sie eigentlich waren ... »Weiß der Wirt – ?« fragte er, einen fröhlichen Kitzel in der Luftröhre. »Er weiß,« beeilte sich Marja zu sagen, wie um vorzubeugen. Schemeikka entfuhr ein breites Lachen, unwiderstehlich, ausgelassen, ein Lachen, das die Zähne blinken, den Bart schüttern, den Kopf nicken ließ, verhalten, prustend, das sich in ein die Hände gegen die Knie peitschendes Hoho verwandelte. »Was lachst du?« fragte Juha, in den Augen ein blutig schillerndes, regloses Starren. – »Was lachst du?« fragte er von neuem, von dem Schemel aufschnellend, auf dem er saß, sich aber sogleich wieder niederlassend. »Da kommt ihr gleich zwei Mann hoch – nimm mit, was dir gehört, alter Knabe!« – hahaha! Anja ist in der Tür hinter Schemeikka erschienen, sie zupft ihn, wie vorwurfsvoll, am Ärmel. Schemeikka wendet sich schnell um und will, immer noch lachend, über die Schwelle treten. Da schreit Anja auf: »Nimm dich in acht, Schemeikka!« Aber Juha ist schon, wie ein in seinem Lager vom Spieß bedrängter und getroffener und gereizter Bär, aufgesprungen, indem er an den Beinen die Bank hält, auf der er gesessen hatte. Schemeikka dreht sich jäh um und versucht, mit dem Arm abwehrend und den Rumpf beugend, seinen Kopf zu schützen. Der Schlag trifft den ausgestreckten Arm, und die Hand schlottert herab. Schemeikka fällt auf den Fußboden, springt auf, weicht in die Türecke zurück, indem er den Fuß vor einem neuen Schlag hochhebt. Dem Fuß geht es wie der Hand, und er fällt zum zweiten Mal. Marja hat das Kind an sich gerissen und ist hinausgeeilt. Anja jammert, quer über die Schwelle gesunken. Schemeikka liegt hilflos auf dem Boden, die Augen geschlossen, den letzten Schlag erwartend. Doch Juha schlägt noch nicht. Er versucht tief zu atmen, kann aber keine Luft kriegen, er ist plötzlich erschlafft, so schwach, daß er die Hand nicht zu rühren vermag. Es ist ihm wie einmal auf der Wolfsjagd, wo er nach tagelangem Schneeschuhlaufen zuletzt, als er schon auf der Spur zusammenbrechen wollte, dem Tier so nahe gekommen war, daß er ihm mit dem Stabe den Rücken zerschmettern, aber es noch nicht totschlagen konnte. Der Oberkörper der Bestie strebt noch davon, die Vorderfüße halten noch, aber die Hinterfüße und der herabhängende Schwanz versinken immer tiefer im Schnee. Sie keucht und bleckt die Zähne, über ihren Rücken knurrend. – Du entkommst nicht mehr, verkomm da, verkomm da, der du meine einzige Färse zerfleischt, ihr Euter zerfetzt hast – bist doch auch einmal in die Patsche geraten ...! »Na, schlag, schlag mich doch tot.« »Das kann ich immer noch ...« Jetzt liegt er da ... und Juha hat gar keine Hilfe gebraucht, um sich zu rächen .. hat dies allein gemacht, wie er alles andere allein hat machen müssen .. und wie er es ausgedacht und beschlossen hatte, ohne jemandem etwas zu sagen .. das können gleich das ganze Kirchspiel und die Brüder und die Teerbanditen hören .. und er macht es, wie man es früher gemacht hat: verriegelt das Haus und legt den Querbaum vor und zündet es an, und jener verbrennt darin ... Zeig die Zähne, Wolf, zeig noch einmal die Zähne! ... lach, na, weshalb lachst du denn nicht mehr? Anja war aufgestanden und wollte über die Schwelle in die Stube kommen. »Weg, hier wird nicht geheult!« – und er stieß sie rückwärts nach der Tür. Er fühlte, wie ihm die Kräfte wiederkehrten. »Ihr habt geglaubt, der Juha könne nichts, der Schlenkerfuß, das Krummbein ... du Unverschämter hast es gewagt, sie mir am hellen Tage aus dem Hofgehege zu stehlen – hieltest mich für alt und verkrüppelt, du karelischer Geck, aber da liegst du nun – schling jetzt deine Hand um ihren Hals – lauf, lauf jetzt hinter ihr her, na, dort ist die Tür, geh, darfst gehen! Nimm sie jetzt, nimm sie noch einmal!« »Ach, was hast du getan, hast ihn zum Krüppel geschlagen – fürs Leben!« wimmerte Anja. »Laß das Wimmern ... jetzt das Ende!« Juhas Hand schwang eine Axt, die er unter der Bank gefunden hatte. Anja hängte sich an seinen Arm. »Nein, lieber Mann, schlag ihn nicht tot ... was hat er dir Böses getan?« »Er hat mir mein Einzigstes geraubt ...« Schemeikka hob plötzlich den Kopf, indem er sich mit der gesunden Hand auf die Diele stützte. »Geraubt?« »Ja.« »Ich habe sie nicht geraubt.« »Du hast sie geraubt, mit Gewalt weggeschleppt!« »Hat sie dir gesagt, ich hätte sie mit Gewalt weggeschleppt?« »Das hast du, das hast du!« »Ich habe sie nicht weggeschleppt, sie hat sich mir selbst am Strand in die Arme gestürzt.« Juha hob wieder seine Axt, aber Marja warf sich vor Schemeikka, um ihn zu schützen, und rief: »Marja ist ja aus freiem Willen mit ihm gegangen! Sie liebte Schemeikka, mußte ihn beim ersten Blick lieben, und dich verabscheute und haßte sie – sie hat es selbst gesagt! Haßte dich und wünschte sogar, daß du tot wärest!« »Das hat sie gewünscht? – Das hat sie gewünscht?« Juha wankte auf der Diele hin und her wie ein Betrunkener, die Axt hing immer noch in seiner Hand und schlug gegen Tisch und Wände. »Wenn sie nicht gern mitgegangen wäre, hätte sie dann den Sommer hier mit Schemeikka –?« »Hier –?« »Hier, jawohl, auf dem Bette dort!« Schemeikka hatte sich mit Anjas Hilfe aufgesetzt, mit dem Rücken gegen die Ofenbank gelehnt. Von da rief er, das Gesicht vor Schmerz gestrafft, aber die Lippen von einem spöttischen Lachen verzerrt: »Sie sagte, sie habe nie früher einen umarmt wie mich –!« »Sie hättest du niederhauen sollen, nicht Schemeikka!« rief Anja mit sprühenden Augen und aufgelösten Haaren vor Juha. Hast mir den Einzigen lahm geschlagen, hast ihn von hinten überfallen, Meuchelmörder du! – Jetzt wird er ohnmächtig!« Schemeikka war auf die Seite gefallen, auf seine zerbrochene Hand, und hatte das Bewußtsein verloren. Anja versuchte ihn aufzuheben, vermochte es aber nicht. Juha war die Axt aus der Hand geglitten, und er stand fassungslos mitten auf der Diele. »Ich bekomme ihn nicht hoch,« jammerte Anja, wieder in Tränen. – »Warum habe ich dich geweckt, warum habe ich dich nicht schlafen lassen? Ach, wenn ich ihn wenigstens dort auf das Bett bekäme – hilf mir! Hör, hilf du mir!« Und Juha half Anja Schemeikka weiter hinten in die Stube auf das Schilfbett heben, er am Kopf anfassend, Anja an den Füßen tragend. »Gib das Kissen dort her.« – Juha gab es, und Anja legte es Schemeikka unter den Kopf. Juha stand immer noch wie fassungslos da. »Geh nun .. na, geh doch, Unglückseliger,« sagte Anja aufatmend und schob ihn an den Schultern hinaus. XVII. Marja ist am Strand bei dem Boot auf der Landzunge, neben dem großen Steinblock, niedergeduckt wie in einem Versteck, mit dem schlafenden Kind an der Brust, an dem unwirtlichen Strand, wo von dem öden insellosen See die vom rauhen Nordwest bewegte Welle plätschert. Das lichte Schilf schwankt hin und her, und das Erlengestrüpp am Ufer raschelt bald leiser, bald lauter. Die Stromschnelle braust hohl vom Winkel der Bucht herüber. Juha kommt das Ufer entlang, erregt, mitunter strauchelnd. Nachdem er das Boot erblickt bat, eilt er darauf zu. Er sieht furchtbar aus, im bloßen Kopf, mit der Mütze in der Hand. Jetzt schlägt er mich tot – und mag er. Wenn er nur das Kind nicht mordet ... Doch als Juha näher kommt, sieht Marja in seinen Zügen nur grenzenlose Erschöpfung. Aufatmend setzt er sich auf den Stumpf eines umgefallenen Baumes, das Gesicht hart, die Haare feucht, die Stirn voll Schweißperlen, das Kinn schlaff herabhängend. »Verzeih, wenn du kannst,« sagt Marja. »Verzeihen ...« In seiner Stimme liegt eine hilflose, verzweifelte Mattigkeit, die Marja klingt wie: Was nützt das noch, wenn ich auch verzeihe. Dann sagt Juha, wie für sich, immer vor sich hinstarrend, die Stimme ebenso erloschen wie der Blick: »Du bist nicht mit Gewalt fortgeschleppt worden?« »Nein.« »Dir ist keine Gewalt angetan worden?« »Nein.« »Bist gern mitgegangen?« Marja antwortete nicht. »Weshalb hast du mir das nicht früher gesagt?« »Ich habe es nicht gewagt.« Jetzt gesteht sie es, wo sie es nicht mehr leugnen kann und es auch nicht mehr abzuleugnen braucht. »Hast du gewünscht, daß ich tot wäre?« Marja bringt keine Antwort heraus. Ein Schluchzen will ihr von der Herzgrube in die Kehle reißen .. Sie gesteht also auch das ein? Hätte sie das wenigstens geleugnet – obwohl es doch wahr ist. Juha erhob sich wild, stieß das Boot vom Lande ab, so daß die Ruder und Sitze durcheinanderpolterten und -sprangen und er selbst von der Wucht des Stoßes auf die Knie sank. »Steig ein!« befahl er barsch. Marja schien es, daß der Ausdruck in Juhas Augen wieder rasend, fürchterlich war. Sein Gesicht war bis über die ganze Kopfhaut rot übergossen. Marja fühlte sich von einem sinnlosen Entsetzen gepackt, und, ohne zu wissen, was sie tat, rief sie: »Ich komme nicht, du bringst uns um!« »Ich bringe euch nicht um ..« sagte Juha, leise jammernd, wie einer, der lange krank gewesen ist, das Gesicht wieder schlaff, die Augen eine Weile geschlossen. »Wohin fahren wir?« fragte Marja scheu. »Doch wohl heimwärts – oder willst du hier bleiben .. um ihn zu pflegen?« »Nein, nein, Juha – laß uns nur gehen – ich habe nicht gewünscht, daß du tot wärest.« Juha winkte mit der Hand, als wollte er sagen: laß nur .. ich weiß schon .. es nützt nichts mehr. Marja stieg in das Boot und ging nach achter. »Setz dich vorn, da ist es besser mit dem Kind.« Er selbst nahm an den hinteren Riemen Platz, um zu rudern. Marja legte das Kind an die Spitze des Bootes und griff nach den Rudern. »Laß, ich werde euch schon rudern.« Er schwenkte das Boot auf die Stromschnelle zu, von der Schaumbälle mit der Strömung vorwärtstrieben. Er ruderte und mußte sich in der immer stärker werdenden Gegenströmung immer mehr anstrengen. »Soll ich nicht doch rudern?« »Laß.« Aber er ermattete immer mehr und keuchte wie ein auf ungebahntem Wege ziehendes Pferd .. Kann ich denn nicht mehr? Was hat mir so die Kraft gelähmt? .. Wie bekomme ich sie nun alle Schnellen und Gegenströme hinauf? Was wird aus ihnen, wenn ich mitten drin zusammenbreche? Es schwindelte ihm der Kopf wie einem, der ohnmächtig wird. Die Ruder griffen in das Wasser wie in Eisbrei, das Boot schien sich nicht vom Fleck zu bewegen; die Ufer standen still, obwohl das Wasser nach hinten schoß. »Dann rudre du nur auch.« Mit Marjas Hilfe ging es durch die erste Strömung, und sie gelangten in Stillwasser, wo das Rudern leichter war. Juha glaubte zu rudern, aber die Ruder platschten in das Wasser wie in den Händen eines Ungeübten, ohne Takt. ... Ich habe ihn zum Krüppel gehauen. Weshalb habe ich ihm den Arm und das Bein entzweigeschlagen? Es ist ja nicht seine Schuld, daß die andere gern mit ihm davongegangen ist ... vielleicht hat sie sich ihm sogar aufgedrängt ... Seine Sippe wird ihn nicht ungerächt lassen, den Besten in Karelien. Eine Fehde wird daraus entstehen ... Eine Plage werde ich ihr nur sein, in Zukunft wie bisher. Sie fürchtet, ich könnte sie und ihr Kind umbringen. Davor wird sie Tag und Nacht zittern ... Es wird kein richtiges Leben mehr werden ... Sie hat es doch gewünscht, hat gewünscht, ich wäre tot. Und das kann man ja auch von mir wünschen, da ich in der Wut so etwas vollbringe. Einen Unschuldigen habe ich zerschlagen, den Vater ihres Kindes. Ein Vater ist ein Vater. Dem hat sie das Kind geboren, nicht mir, bei mir hat sie es wohl auch nie gewollt – nein, nein ... Aber sie bekommt ja einmal das Gehöft ... Das Boot fuhr unterhalb der Stromschnelle an das Ufer. Marja stieg mit dem Kinde aus. Juha blieb wie selbstvergessen, mit den Rudern im Wasser, auf der Bank sitzen. ... Sie bekommen ja das Gehöft. Die Sippe kann es ihr nicht nehmen, da sie einen Leibeserben hat. Das weiß auch Kaisa ... Da ist noch der oberste Scheitel des Hügels unabgeschwendet .. Ach, was wird mir das Atmen schwer ... Die hier zerstören vielleicht nicht den Hof ihrer Verwandten, solch eine gute Herberge ... Ich kann sie, kann sie vielleicht bis zum Sonntag dorthin rudern, wenn ich mich hier erst ein bißchen verschnaufe ... Wenn sie aber doch lieber da geblieben wäre, um ihren Liebsten zu pflegen ... Juha erhob sich mühsam, er wäre beim Aussteigen fast gestolpert, nahm seinen Hut, wendete das Innere nach außen und trank Wasser damit; setzte ihn umgewendet auf den Kopf und stand, die Stromschnelle betrachtend, eine Weile da. Dann begann er langsam den Zugstrick vorn im Boote auseinanderzuwirren. Marja saß weiter oben am Strand und beruhigte das Kind, das in seiner Hülle zu weinen angefangen hatte. »Was weint es denn?« »Ich weiß nicht .. vielleicht will es die Brust haben.« »Gib ihm .. Na, gib ihm doch dann die Brust.« »Ich kann ja nicht ..« Sie nahm doch das Kind aus dem Tuch, in das sie es gewickelt hatte, und beruhigte es, indem sie es an sich drückte. Das Kind hörte auf zu weinen, lächelte, stammelte, mit Mund, Fingern, Augen die Brust suchend – eines Anderen Kind, ein fremdes, dunkelhaariges, mit Marjas Stirn, Schemeikkas Augen ... Ihm hat sie eins geboren .. mir nicht .. nein, nein ... Juha hatte sich abgewendet, das Boot vom Land gestoßen, den Strick über die Schulter geworfen und angefangen am Ufer der Schnelle hinzuschreiten, indem er das Boot nachzog. Als er es den Fall hinauf in das Stillwasser gebracht hatte, zog er es ans Ufer, stieg hinein und begann es, hinten stehend, mit der Stange stromaufwärts zu schieben. Marja ist am Ufer entlang mitgegangen, um am Stillwasser in das Boot zu steigen und beim Schieben zu helfen. Aber er scheint ja allein fertig zu werden. Das Boot bewegt sich leicht, den Steinen ausweichend, hinauf. Juhas Rücken beugt und streckt sich immer heftiger, obgleich die Strömung keinen Widerstand mehr bietet, als wollte er hastig wegfahren, entfliehen. – Er wird doch nicht gehen und uns hier zurücklassen? Wenn er es sich nun so ausgedacht hat? Nein, nein –! Plötzlich sieht Marja, wie das Boot still steht und das Vorderteil hoch auffährt, wie auf einen Stein. Juha drückt mit der Schiebstange auf den Boden, indem er das Boot zurückzustoßen versucht, aber es rührt sich nicht, neigt sich ein wenig auf die Seite und nimmt Wasser ein. Es ist wahrscheinlich zwischen zwei Steinen eingeklemmt, und das Wasser drückt es immer fester dazwischen. Jetzt geht Juha nach vorn, schlägt mit der Stange auf den Boden und versucht das Boot, vorsichtig gegen den Rand stemmend, loszumachen. Die Stange steckt irgendwo fest und geht nicht heraus. Juha läßt sie aufrecht stecken und macht ein paar Schritte nach hinten zu, schwankt, fällt aber nicht. Er geht wieder nach vorn, packt von neuem die Stange und dreht sie wild hin und her. Sie bricht durch, und Juha stolpert auf die Ruderbank, in der Hand die Hälfte der Stange. Zugleich macht sich das Boot los, und das Wasser beginnt es davonzutragen. Weshalb greift er nicht nach den Rudern? Läßt er es auf den großen Fall zu gehen? – »Juha! Juha! rudre! weshalb ruderst du nicht?« – Mit zunehmender Geschwindigkeit gleitet das Boot querüber in die Strudel. Juha sitzt ruhig an seinem Platz. – Ach; der Unglückliche, er will nicht! – Marja läuft so nahe heran, wie sie kann, und fuchtelt mit den Händen. Als das Boot ihr gegenüber am Kamm des Falles ist, wirft Juha, nachdem er Marja gewahr geworden, das Ende der Stange in das Wasser und winkt wie zur Antwort ein-, zweimal mit den Händen, als ob er den Flug eines Vogels nachahmte, auf den Lippen ein sinnloses, eindrucksloses Lächeln, den Hut umgewendet auf dem Kopf. In demselben Augenblick schlägt das Boot um, und Juha stürzt den Fall hinab.