Anne Katherine Green Hinter verschlossenen Türen Detektiv Gryce Serie IV.   Erstes Buch. Erstes Kapitel. Um acht Uhr abends sollte Doktor Kameron mit seiner Braut Genofeva Gretorex im Hause ihrer Eltern am Sankt Nikolausplatz getraut werden. Jetzt war es vier Uhr. Der Doktor saß in seinem Sprechzimmer. Er ließ sein vergangenes Leben im Geist an sich vorüberziehen und baute Luftschlösser für die Zukunft. Obgleich noch jung an Jahren, erfreute er sich doch bereits eines nicht unbedeutenden Rufes als tüchtiger Arzt. Nun eröffneten sich ihm auch noch durch seine Verbindung mit der Tochter eines der reichsten und angesehensten Bürger Neuyorks für seinen Ehrgeiz neue wertvolle Beziehungen, und er erhielt die Anwartschaft auf ein beträchtliches Vermögen. Diese nicht unwillkommenen Zugaben erhöhten in seinen Augen die Reize der Braut noch um ein Bedeutendes. Nicht daß er sie nicht geliebt – oder zu lieben geglaubt hätte – ganz abgesehen von ihrer Lebensstellung! War sie doch schön, und besaß dabei jene stolze Zurückhaltung, die er besonders bewunderte! Ihr vornehmes Wesen, ihre gesellschaftliche Bildung würden seinem bereits hochgeachteten Namen einen noch ehrenvolleren Klang verleihen! Allerdings hatte sie ihre Launen, wie man das bei einem Mädchen in solcher Stellung kaum anders erwarten kann; auch schien sie mehr verständige Wertschätzung als glühende Hingabe für ihn zu empfinden; das hatten verschiedene kleine Vorkommnisse der Verlobungszeit deutlich gezeigt. Aber eine Braut voll überschwenglicher Gefühle wäre kaum nach seinem Geschmack gewesen. Die ruhige Würde dieser Ehe schien seinem Charakter angemessen und für beide Teile höchst befriedigend. Es ließ sich dabei der innere Gleichmut bewahren, dessen er zur Ausübung eines Berufs bedurfte, der ihn in Anspruch nahm. Nur ein Umstand machte ihm Sorge. Warum hatte ihm seine Braut während der letzten Woche ihren Anblick gänzlich entzogen? Woher dieser seltsame Wunsch, sich zurückzuziehen in einer Zeit, da man meinen sollte, die Gegenwart des Verlobten müsse für sie ein unabweisbares Bedürfnis sein? – Sie war wirklich kein leicht verständlicher Charakter. Zuweilen hatte er in ihrem kühlen, meist matt umschleierten Blick einen Geist aufleuchten sehen, der nur nach Licht und Luft zu verlangen schien, um sich frei und groß zu entfalten, so daß ihm wohl der Gedanke gekommen war, es schlummere in ihr eine Tatkraft, für die es in dem gewohnten Geleise ihres vornehmen Gesellschaftslebens keinen Spielraum gab. – Weshalb aber wollte sie ihn nicht sehen? Hatte er etwa ihr Mißfallen erregt? Das konnte er kaum glauben. Er hatte ihr reiche Geschenke gesandt, kostbare Gaben, wie sie ihrem feingebildeten Geschmack entsprachen. War sie krank? Dann müßte er als ihr Arzt doch davon unterrichtet worden sein. Sie hatte ja auch das letztemal, als er das Glück gehabt, bei ihr vorgelassen zu werden, wohler und blühender ausgesehen als je zuvor. Eine gewisse nervöse Hast war ihm wohl in ihrem Wesen aufgefallen, doch hatte sie ihm ein weit freundlicheres Entgegenkommen gezeigt als sonst. So kurz dieser letzte Besuch gewesen war, er hatte ihm doch einen tiefen Eindruck hinterlassen; noch sah er im Geist den fast schüchternen Blick, mit dem sie ihn begrüßte, und ihr Lächeln, bei dem er förmlich erschrak, war viel wärmer und inniger als gewöhnlich gewesen. Dann die wenigen raschen Worte – denn selbst an jenem Abend entließ sie ihn bald – und die plötzliche Scheu, als er ihr zum Abschied die Hand bot, all das stand ihm noch deutlich in Erinnerung. Im Augenblick selbst war es ihm nicht weiter aufgefallen, aber jetzt kam ihm vor, als sei in ihrem ganzen Benehmen etwas Neues, Fremdartiges gewesen, das gegen ihr früheres Gehaben abstach. Er war sich des Unterschieds wohl bewußt, wenn er ihn auch nicht erklären konnte. Der Abschiedskuß zum Beispiel, den er erhalten, war nicht kalt und förmlich; ihre Lippen schienen den Druck der seinigen erwidern zu wollen. Das alles hätte als ein günstiges Zeichen gelten können, als Vorbote größerer Herzenswärme in ihren künftigen Beziehungen, wenn nicht durch das spätere Verhalten der Braut jede derartige Annahme zunichte gemacht worden wäre. Unter diesen Umständen ließ sich eher vermuten, sie habe sich damals in einem unnatürlichen Zustand befunden, es sei vielleicht ein Fieber im Anzug gewesen. War sie krank und verbarg man es ihm? – Des Dieners Ausflüchte: »Fräulein Gretorex bittet, sie zu entschuldigen, da sie gerade sehr beschäftigt ist,« – »Frau Gretorex bedauert sehr, aber das Fräulein ist eben in wichtigen Angelegenheiten ausgegangen,« konnten sehr wohl nichts als höfliche Redensarten sein, um ihm die Wahrheit zu verhüllen. Und doch schien ihm bei ruhiger Betrachtung selbst diese Vermutung nicht stichhaltig. Es müßte ihm ja zu Ohren gekommen sein, wenn sie krank wäre! Vielleicht wollte sie nur den allzustrengen Forderungen der Etikette entgehen, welche ihre Mutter an sie stellte. – Nun, wie dem auch sein mochte, in wenigen Stunden war sie ja sein Weib, die Gefährtin seines Lebens. Und nun wollte er sich aller Gedanken entschlagen und sich einzig und allein an jenen Kuß erinnern. – Ein Klopfen an der Tür seines Sprechzimmers riß ihn plötzlich aus seinem Nachsinnen. Aergerlich erhob er sich. Es konnte noch nicht der Hochzeitswagen sein, der ihn abholen sollte, und er hatte doch ausdrücklichen Befehl erteilt, weder Besucher noch Patienten vorzulassen. Vielleicht war es ein Bote von Fräulein Gretorex! Von diesem Gedanken beseelt, eilte er zur Tür. Diese ging jedoch auf, ehe er noch die Klinke berühren konnte, und zu seiner Ueberraschung trat ein ihm unbekannter Herr ins Zimmer. Das Wesen des Fremden hatte etwas Einnehmendes; er sprach ruhig, mit merkwürdig sanfter Stimme, doch schien sein Anliegen dringend zu sein. Ich bedauere, Ihnen lästig zu fallen, sagte er. Ihr Diener teilte mir mit, es sei heute Ihr Hochzeitstag, die Trauung finde um acht Uhr abends statt. Trotzdem erlaube ich mir, Sie um eine Unterredung zu bitten, da es sich um eine dringende außergewöhnliche Sache handelt. Es fiel Doktor Kamerun auf, daß der Mann ihm beim Sprechen nicht frei ins Gesicht sah, sondern den Blick auf irgendeinen Gegenstand im Zimmer heftete, was kein Zeichen von besonderer Offenherzigkeit war; er schien offenbar nicht den höheren Gesellschaftskreisen anzugehören. Nehmen Sie gefälligst Platz, sagte der Doktor. Sie kommen doch wohl, um sich ärztlichen Rat zu holen? Das nicht, entgegnete jener, wobei sein Auge mit seltsam mitleidigem Ausdruck bald auf der weißen Halsbinde des Arztes verweilte, bald auf andern unbedeutenden Gegenständen, die auf dem Tische lagen. Ich wünsche den Arzt in Ihnen zu sprechen, wenigstens gewissermaßen, aber ich bin kein Patient, fast möchte ich sagen: leider, fügte er mit so sorgenvollem Ton hinzu, daß des Doktors Teilnahme erwachte, obgleich seine Gedanken natürlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt waren. So sagen Sie mir, was Sie herführt! Das will ich mit Ihrer Erlaubnis, entgegnete der Fremde in kürzerem geschäftsmäßigem Tone, aber ich fürchte, Sie werden kaum Willens sein, die Geschichte anzuhören, welche ich Ihnen zuvörderst zu erzählen habe. An sich ist sie zwar nicht ohne Interesse, paßt aber so wenig zu Ihrer jetzigen Stimmung, daß Sie sich mit Geduld wappnen müssen. Doch ist es nicht zu vermeiden; ich muß sie erzählen, und Sie müssen sie hören – jetzt, gleich, ohne mich zu unterbrechen – ich kann Ihnen nicht helfen. Das klang beunruhigend, besonders da der Sprecher nicht den Eindruck eines allzuempfindsamen Menschen machte. Er schien von einem ganz bestimmten Beweggrund getrieben, jedes seiner Worte genau abzuwägen und sich aller Übertreibung zu enthalten. Darf ich um Ihren Namen bitten? fragte Doktor Kameron. Er wird Ihnen schwerlich bekannt sein, war die ruhige Antwort, es wäre mir lieber gewesen, Sie hätten nicht danach gefragt. Da es aber von höchster Wichtigkeit ist, daß Sie mir Ihr Vertrauen schenken, erlaube ich mir, Ihnen mitzuteilen, daß ich Gryce Sprich Grais. heiße, Ebenezer Gryce, und Beamter der Geheimpolizei bin. Doktor Kamerons Befürchtungen verschwanden gänzlich. Was jener auch zu sagen hatte, die Polizei konnte weder mit ihm noch mit einem der Seinigen irgend etwas zu schaffen haben. Sie unterschätzen Ihren Ruf, entgegnete Kameron höflich; Ihr Name ist mir wohlbekannt. Sie bedürfen meines Beistandes vermutlich für ein ärztliches Gutachten? Der Detektiv wandte den düstern Blick von dem lachenden Cherub auf dem Kaminsims ab und dem Doktor zu, ohne jedoch dessen verbindliches Lächeln zu erwidern oder seine Art und Weise zu ändern. Wir werden uns am schnellsten verständigen, wenn ich meine Geschichte erzähle, sagte er und begann ohne weiteres. Zweites Kapitel. Ich fange an alt zu werden, erzählte Gryce, und habe meine Schwächen. Doch gibt es noch immer Sachen, die man nur mir allein anvertraut, solche nämlich, bei denen die Ehre angesehener Leute auf dem Spiele steht. Daher nahm es mich nicht wunder, als ich vor drei Tagen zu einer Dame, sagen wir Frau A., gerufen wurde, wegen eines Geschäfts, das die strengste Verschwiegenheit erforderte. Ich beeilte mich, dem Ruf Folge zu leisten, denn Frau A. ist eine hochangesehene Dame, und ihr Mann besitzt Einfluß in weiten Kreisen. Frau A. hatte meine Ankunft bereits sehnlich erwartet und teilte mir sofort mit, was sie bekümmerte. Sie sehen mich in einem schwierigen Dilemma, Herr Gryce, sagte sie, es hat sich in meiner Familie ein Vorfall zugetragen, der uns möglicherweise in Schmach und Schande stürzen kann. Ich brauche Ihre Hilfe, um zu entscheiden, ob unsere Furcht begründet ist oder nicht. Ist letzteres der Fall, so werden Sie vergessen, daß Sie jemals in dieses Haus gerufen worden sind. Ich verbeugte mich, im stillen begierig, die Ursache ihrer ungewöhnlichen Erregung zu erfahren. Einen Sohn, der ihr durch seine Ausschweifungen Sorge machen konnte, besaß sie nicht, und ihr Mann war über jeden Verdacht erhaben. Die Dame ließ mich nicht lange im Dunkeln. Ich habe eine Tochter, Herr Gryce, sagte sie, es ist unser einziges Kind, das wir immer zärtlich geliebt haben. Hier blickte sie sich ängstlich um, als fürchte sie, belauscht zu werden; sie hat uns verlassen, fuhr sie fort, aber nur wenige Leute im Hause wissen darum; sie ging fort, ohne zu sagen wohin – plötzlich, auf unbegreifliche Weise, nur die notdürftige Erklärung ihres Schrittes hinterlassend – und – und – Aber gnädige Frau, unterbrach ich sie, wenn sie überhaupt eine Erklärung zurückgelassen hat, so – – Frau A. nahm einen kleinen zerknitterten Zettel aus der Tasche und reichte ihn mir. Dieser Brief kam durch die Post, sagte sie. Ich hätte meiner Tochter keine verständige Bitte versagt, wäre sie zu mir gekommen, denn ich war daheim, als sie das Haus verließ. Rasch hatte ich die wenigen Zeilen durchflogen; sie lauteten: »Liebe Mutter! Ich brauche Ruhe. Deshalb gehe ich auf einige Tage fort, werde aber am 27. wieder zurück sein. Mache Dir keine Sorge, Deine Dich liebende –,« Nun? fragte ich, was ist denn so ungewöhnlich hierbei? Sie sagt, sie werde am 27. zurücksein, und heute ist erst der 24. Nie zuvor, erhielt ich zur Antwort, ist meine Tochter von uns gegangen, ohne zuvor unsere Erlaubnis einzuholen. Der Augenblick könnte auch nicht schlechter gewählt sein. Die Einladungskarten zu ihrer Hochzeit, die am 27. stattfinden soll, sind bereits abgeschickt. Gryce hielt plötzlich inne – Doktor Kamerun war erschreckt emporgefahren. Kein Wunder, daß Sie Anteil daran nehmen, bemerkte der Detektiv in trockenem Tone, da Ihre eigene Hochzeit so nahe bevorsteht. Der Doktor hatte sich schon wieder gesetzt; er wandte den Kopf vom Lichte ab, bemüht, seiner Erregung Herr zu werden, während Gryce fortfuhr: Noch schien mir kein Grund für Frau A.'s verzweifelte Angst vorzuliegen; ich erkundigte mich daher, ob sie glaube, daß ihre Tochter das Haus verlassen habe, um der bevorstehenden ehelichen Verbindung zu entfliehen. Ich weiß nicht, was ich denken soll, erwiderte sie trostlos, meine Tochter ist seit einiger Zeit völlig verändert. Auch meinem Mann ist es aufgefallen. Wir hatten jedoch keine Ahnung, daß sie etwas so Schreckliches beabsichtige. Wohin sie nur gegangen ist? Was wird aus ihr werden? Was sollen wir der Welt sagen? Wie können wir es ihrem Bräutigam mitteilen? Sie glauben also – Daß sie an vorübergehender Geistesstörung leidet; die Aufregungen der letzten Wochen mögen schuld daran sein. Es wird am Ende nichts übrig bleiben, als zu warten, ob sie zu ihrem Hochzeitstag zurückkommt. Hierauf wußte ich nur eine Erwiderung: Warum ziehen Sie ihren Bräutigam nicht ins Vertrauen, teilen ihm Ihre Besorgnis mit und versichern sich seines Beistandes, um sie aufzusuchen? Die Antwort auf diese Frage überraschte mich: Unser und sein Stolz verbieten das, erwiderte die Dame. Bei derartigen Erklärungen würde sicher manches zur Sprache kommen, was für ihn ebenso demütigend wäre wie für uns. Zudem ist die Lage vielleicht weniger verzweifelt, als wir meinen. Die Möglichkeit, daß sie wirklich rechtzeitig zurückkehrt, ist ja nicht ausgeschlossen. Wir müßten dann zeitlebens bedauern, uns ihm gegenüber auf Bekenntnisse eingelassen zu haben. Seit wie lange ist Ihnen denn schon die Veränderung im Wesen Ihrer Tochter aufgefallen? fragte ich. Erst seitdem die letzten Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen wurden. Mich wundert, daß ihr Bräutigam nie eine Bemerkung darüber hat fallen lassen; denn gerade ihm gegenüber benahm sie sich am seltsamsten. Seit Wochen gewährte sie ihm jede Zusammenkunft nur wie eine besondere Gunst, ja sie weigerte sich sogar in den letzten Tagen mehrmals geradezu, ihn zu empfangen. Und welche Gründe gab sie dafür an? Ermüdung, Verstimmung, einen dringenden Brief, eine Schneiderin, die nicht warten dürfe – die erste beste Ausrede, die ihr einfiel. Dennoch wurden die Vorbereitungen zur Hochzeit fortgesetzt? Freilich, und die Einladungen herumgeschickt! Der Ton der letzten Worte gab mir zu denken. Frau A. galt für herablassend, menschenfreundlich, wohltätig, aber sie war eine Weltdame. Ein Verstoß gegen gesellschaftliche Sitte und Herkommen schien ihr ein Ding der Unmöglichkeit. Nachdem ihre Tochter einmal dem angesehenen Manne ihr Jawort gegeben, war dies in ihren Augen unwiderruflich, da sie sich außer stande fühlte, das Gerede und Aufsehen zu ertragen, welches ein Bruch nach sich ziehen mußte. Dies erwägend sagte ich: Wenn ich Ihnen in Ihrer Bedrängnis beistehen soll, müssen Sie mir gegenüber vollkommen offen sein. Hat Ihre Tochter je den Wunsch ausgesprochen, die Verlobung rückgängig zu machen? Sie hat einmal gefragt, erwiderte Frau A., ob es zu spät dazu sei. Hierauf konnte ich ihr nur eine Antwort geben, und sie hat nie wieder etwas davon erwähnt. Aber, fügte die unglückliche Mutter schnell hinzu, das war nur eine geistige Verirrung. Sie hat nichts an ihrem Bräutigam auszusetzen – ist durchaus nicht gegen ihn eingenommen. Nur gegen die Ehe? fragte ich. Ohne Zweifel. Und Sie glauben, daß sie den Mann liebt, den sie heiraten soll? Die Antwort erfolgte zögernd: Als er ihr seinen Antrag machte, war sie beglückt. Glauben Sie, daß sie einen andern liebt? fragte ich kühn. Die Mutter schrak entsetzt zurück. O nein, sagte sie, sicherlich nicht. Wie wäre das möglich? In unserm ganzen Bekanntenkreise kommt ihm keiner gleich. Dies war für den betreffenden Herrn sehr schmeichelhaft, befriedigte mich jedoch nicht. Mädchen haben zuweilen wunderliche Grillen, wie Sie wissen, sagte ich. Meine Tochter ist kein junges, unerfahrenes Ding, mein Herr; sie hat sich bisher in allen Lebenslagen klug und urteilsfähig gezeigt. Hierauf hatte ich nichts zu erwidern. Ich sah, daß Frau A. in vollem Ernst überzeugt war, ihre Tochter leide an einer Art Geistesstörung. Sie teilte mir mit, daß sie in letzter Zeit selbst den Umgang mit der Familie gemieden und sich einzig und allein mit der Sorge um ihre Garderobe beschäftigt habe. Für ihre Schneiderin war sie stets zu sprechen, fügte sie hinzu; jede andere Verabredung mußte zurückstehen, sobald es sich um die Anprobe der neuen Kleider handelte, die eins nach dem andern ins Haus geschickt wurden. Selten hat wohl eine Braut sich so eingehend mit diesen Dingen befaßt. Schon darum ist noch nicht alle Hoffnung auf ihre Rückkehr geschwunden, denn sie wird ihre neuen Kleider doch sehen wollen. Sie hat ihre Kleider also nicht mitgenommen? Sie hat gar nichts bei sich. Wie, keinen Koffer? Nichts. Das heißt, nur eine kleine Handtasche. Woher wissen Sie das? Wir sahen sie ja fortgehen, ganz als wolle sie Stadtbesorgungen machen. Aber Geld hatte sie doch? Jedenfalls nicht viel. In ihrem Pult lag ein Päckchen Banknoten. Mein Mann sagt, es sei fast die ganze Summe, die er ihr in letzter Zeit gegeben. Mehr als fünf Dollars wird sie schwerlich bei sich haben. Dieser Punkt war nicht ohne Bedeutung. Das Mädchen wußte sich entweder zu Bekannten begeben haben oder sie hatte wirklich den Verstand verloren. Auf mein Befragen nannte mir Frau A. die Häuser, in welchen ihre Tochter zu verkehren pflegte, fügte jedoch hinzu, daß die beste Freundin ihrer Tochter sich augenblicklich in Europa aufhalte, und sie mit den übrigen Familien nicht vertraut genug sei, um sie zu solcher Zeit aufzusuchen. Und sie hat wirklich kein Gepäck bei sich? Nein. Bei der Durchmusterung ihrer Sachen habe ich nichts vermißt. Auch ihren Schmuck und ihre Uhr hat sie zurückgelassen. Dies beunruhigte mich. Ich suchte in dem Blick der Mutter zu lesen, ob sie wirklich nichts Schlimmeres befürchte, als was sie mir gegenüber geäußert hatte. War sie denn blind für die so naheliegende Möglichkeit? Darüber mußte ich mir Gewißheit verschaffen. Bei meinen Bemühungen, Ihre Tochter aufzufinden, Frau A., sagte ich, wird mir der Umstand, daß sie so wenig Geld bei sich hat, sehr zustatten kommen. Aber zuerst muß ich mich überzeugen, ob nicht eine dritte Person – männlichen Geschlechts – bei der Sache beteiligt ist. Sie sind also ganz sicher, daß sie sich nicht insgeheim für einen Unbekannten interessiert? Ich kann Ihnen nur ihre eigenen Worte wiederholen, versetzte die arme Mutter. Als ich sie das letztemal sah (das war vorgestern abend), war sie so fieberhaft erregt und so anders als sonst, daß ich nicht umhin konnte, meine Besorgnis zu äußern, sie könne noch vor der Hochzeit erkranken. Da brach sie in ein unnatürliches Lachen aus, das mir noch in den Ohren klingt und sagte: Ich denke gar nicht daran, krank zu werden, wenigstens gewiß nicht, bis ich den Doktor geheiratet habe. Der Detektiv schwieg einen Augenblick. Dann fragte er: Sagte ich Ihnen bereits, daß Fräulein A.'s Bräutigam Arzt ist? Dies war mehr, als der von Ungewißheit gefolterte Zuhörer ertragen konnte. Doktor Kameron sprang auf und rief in heftigem Ton: Sie treiben Ihr Spiel mit mir! Es handelt sich um meine eigene Braut, und Sie wickeln hier vor mir eine endlos weitläufige Geschichte ab! Alles, was ich zu wissen begehre, ist, ob ich meine Braut zur bestimmten Zeit am Altar finde oder das Opfer eines öffentlichen Skandals werden soll, der meine ganze spätere Laufbahn schädigen muß. Jetzt ist es halb fünf Uhr, um acht – Ich weiß es, unterbrach ihn der andere, aber mein Name ist Ebenezer Gryce; »Eile mit Weile«, ist mein Wahlspruch. Habe ich Ihre Zeit in Anspruch genommen, um meine Geschichte zu erzählen, so geschah dies nur, weil – Aber des Doktors Geduld war zu Ende. Nur eines sagen Sie mir, rief er aus: ist Fräulein Gretorex in ihr Elternhaus zurückgekehrt, ja oder nein? Nein, war die Antwort. Sie hat auch keine Nachricht gegeben? Der Detektiv schüttelte den Kopf. Doktor Kameron biß sich auf die Lippen, stieß dann ein heiseres Lachen aus und wandte sich nach dem Fenster. Die Trauung wird demnach nicht stattfinden, sagte er in trockenem Ton, und ich kann den Hochzeitswagen wieder abbestellen. Im Gegenteil, flüsterte Gryce, zu ihm herantretend, wir brauchen den Wagen sofort. Bis er hier ist, hören Sie meine Geschichte zu Ende. Wollen Sie mich noch länger auf die Folter spannen? Gut, es sei, ich ergebe mich. Sagen Sie, was Sie wissen und wohin Sie mich führen wollen! Nach dem C-Hotel, entgegnete der andere und drückte auf die elektrische Klingel. Eine schöne Fahrt an meinem Hochzeitstage. Und der Zweck? Dort befindet sich eine Person, die sich Mildred Farley nennt und täuschend aussieht, als wäre sie das Original des Bildes über Ihrem Kaminsims. Den Doktor überlief es kalt. Ist es das wirkliche Original? fragte er. Wenn ich das wüßte, bedürfte ich Ihrer nicht. Ich würde dann mit Frau Gretorex hinfahren. Und weshalb tun Sie das nicht so wie so? Das Erscheinen einer so stadtbekannten Persönlichkeit in dem Hotel am Hochzeitstag ihrer Tochter würde Aufsehen erregen. Bei Ihnen ist das etwas anderes. Sie sind Arzt; Ihre Anwesenheit erweckt nirgends Argwohn. Ich verschaffe Ihnen Gelegenheit, die junge Dame zu beobachten, ohne von ihr gesehen zu werden. Und wenn sie wirklich die Fremde ist, für die sie sich ausgibt? So fahren Sie so schnell als irgend möglich nach dem Hochzeitshaus, in der sichern Voraussicht, dort Ihre Braut zu begrüßen. Doktor Kameron zauderte nicht länger. Der Wagen war bestellt, und während des Wartens beendete der Detektiv seinen Bericht. Reden Sie nur, sagte der Doktor, ich kann jetzt zuhören. Das Schlimmste weiß ich ja. Es scheint, daß Frau Gretorex zu dem Scharfsinn der Polizei ein ganz unbegrenztes Vertrauen hegt, begann Gryce wieder, sonst hätte sie schwerlich glauben können, daß die Auskunft, die ich von ihr erhalten, mir die Erfüllung meiner Aufgabe binnen drei Tagen ermöglichen würde. Lief doch alles, was ich wußte, darauf hinaus, daß ihre Tochter das Haus verlassen hatte, ohne Gepäck mitzunehmen. Um nicht auf eine falsche Fährte zu geraten und die so kostbare Zeit zu verlieren, ließ ich mir vor allem die Photographie der jungen Dame einhändigen und bat um Erlaubnis, auch bei der Dienerschaft Erkundigungen einziehen zu dürfen. Aber, rief die geängstigte Mutter, niemand im Hause ahnt etwas davon, daß meine Tochter sich ohne Wissen und Willen ihrer Eltern entfernt hat. Sobald die Dienstboten ins Vertrauen gezogen werden, ist das Geheimnis schon so gut wie verraten. Ich werde meine Fragen so einzurichten wissen, daß kein Mensch ihren wahren Zweck argwöhnen soll. Die Dame sah mich mit seltsamem Blicke an. Eine Dienerin, sagte sie, ist kürzlich aus dem Hause entlassen worden. Es geschah auf Wunsch meiner Tochter, welche eine Abneigung gegen die Person gefaßt hatte. Ich selbst hatte nichts gegen sie und war mit ihrer Arbeit zufrieden; bei dem reizbaren Gemütszustand meiner Tochter schien es mir jedoch besser, ihr den Willen zu tun. Vielleicht könnten Sie sich an dieses Mädchen wenden. Hier schien sich eine Handhabe zu bieten. Gab denn Ihre Tochter Gründe für ihre Abneigung an? fragte ich. Nichts Erhebliches; sie meinte, es sei eine neugierige, zudringliche Person; wahrscheinlich hatte sie sich zuviel mit der Aussteuer ihrer jungen Herrin zu schaffen gemacht, entgegnete Frau Gretorex; ihr Ton ließ deutlich erkennen, eine Dienerin könne unmöglich etwas über den Aufenthalt ihrer stolzen Tochter wissen, was ihr, der Mutter, verborgen geblieben. Auf mein Verlangen erhielt ich jedoch das Mädchens Adresse und begab mich in die bezeichnete Wohnung, nachdem alle übrigen polizeilichen Vorkehrungen getroffen waren. Es wäre unnötig, Ihnen weitläufig über meine Unterredung mit der Dienerin zu berichten. Sie verlief wie tausend andere, die ich bei ähnlichen Gelegenheiten gehabt. Ohne es selbst gewahr zu werden, plauderte sie alles aus, was sie über Fräulein Gretorex wußte und vieles andere, was nicht zur Sache gehörte. Ihr Geschwätz drehte sich hauptsächlich um ein Mädchen, welches häufig ins Haus kam, um für ihre Herrin zu nähen; ich mußte es wohl oder übel mit anhören, um den einen wichtigen Umstand zu erfahren, den sie mitzuteilen hatte, daß sie nämlich einmal die junge Dame beim Briefschreiben überrascht habe. Diese sei rot vor Zorn über die Störung geworden, habe die Dienerin heftig gescholten und ihr mit der Entlassung gedroht, die denn auch später erfolgte. – Und der Brief? fragte Doktor Kameron, der sich vergeblich mühte, äußerlich ruhig zu erscheinen. Er war nur eben begonnen: »Mein geliebter D–« war alles, was das Mädchen lesen konnte. Vielleicht an den künftigen Ehegatten gerichtet, wer weiß? Höchst wahrscheinlich, lautete des Doktors spöttische Erwiderung. Der Detektiv wußte genug. Also nicht an den künftigen Gatten, sagte er ernst. Auch sonst ist unter ihren Bekannten keiner, dessen Namen diesen Anfangsbuchstaben trägt. Dies bestärkte mich in meiner ursprünglichen Vermutung, daß nämlich bei Fräulein Gretorex's Verschwinden eine dritte Person die Hand im Spiele habe. Ich traf meine Maßregeln danach, schickte eine genaue Beschreibung ihrer Person und Kleidung an die verschiedensten Orte, ließ überall nach ihr forschen und alle ihre Freunde ausfragen. Sogar hier in Ihrem Sprechzimmer, Herr Doktor, hat ein Geheimpolizist eine halbstündige Unterredung mit Ihnen geführt, ohne daß Sie eine Ahnung hatten, was sein eigentlicher Zweck sei. Alle Bemühungen schienen jedoch fruchtlos bleiben zu sollen. Da erhielt ich am heutigen Morgen die Nachricht, daß eine Person, auf welche meine Beschreibung paßt, in einem gewissen Speisehaus zu Mittag gegessen und sich dann nach dem C-Hotel begeben habe, wo sie in Zimmer 153 zu finden sei. Eine halbe Stunde später war ich dort und fünf Minuten darauf hatte ich sie gesehen. Und war es – war es – stammelte der Doktor. Ich sagte Ihnen schon, daß ich das Original jenes Bildes zu sehen glaubte, bemerkte Gryce. Doch kann ich nicht darauf schwören, daß es Fräulein Gretorex ist. Sie trägt wohl die Züge der verschwundenen Braut, aber ihre Kleidung ist nicht ganz dieselbe, in welcher das Fräulein ihr Elternhaus verlassen haben soll. Ein alter Praktikus, wie ich, legt Gewicht auf dergleichen Unterschiede. So steht z.\ B. in der Beschreibung: » ein feines blaues Tuchkleid mit schwarzer Borte besetzt «; nun hat jene Person zwar ein blaues Kleid an, aber von grobem Stoff und ohne schwarze Borte. Auch trägt sie eine Uhr, und wir wissen, daß Fräulein Gretorex die ihrige zurückgelassen hat. Indessen, fuhr er fort, als sähe er Doktor Kamerons Miene sich erhellen, während er doch nach einer ganz andern Richtung blickte, die Kleidung läßt sich leichter verändern als das Gesicht. Für die kleinen Abweichungen von der Beschreibung weiß ich zwar noch keine Erklärung, aber nach meiner Ueberzeugung ist die Person im Zimmer 153 des C-Hotels die Dame, welche wir suchen. Mit Ihrer Hilfe werden wir bald Gewißheit darüber erlangen. Wenn aber, sagte der Doktor mit finsterem Blick, jener Dritte, von dem Sie sprachen, die Hand im Spiele hat – Der Wagen ist da! rief Gryce. Er erhob sich entschlossen, und der Doktor folgte ihm ohne Widerrede. Drittes Kapitel. Die Fahrt nach dem ziemlich abgelegenen Hotel wurde schweigend zurückgelegt. Gryce sah zum Wagenfenster hinaus, und Doktor Kameron fühlte sich durchaus zu keiner Unterhaltung aufgelegt; er war beunruhigt und voll düsterer Gedanken. Der unerwartete Schlag, den er erlitten, hatte seinen Stolz schwer getroffen – nicht sein Herz, das erkannte er jetzt deutlich. Er dachte nur an die Demütigung, die man ihm bereitete und die einen dunkeln Schatten auf seine ganze Zukunft zu werfen drohte. Es war entsetzlich, war völlig unerträglich! Sollte er wirklich hinters Licht geführt, schändlich betrogen worden sein und nun als verschmähter Liebhaber und Bräutigam vor der Welt dastehen! – Hundert Einzelheiten stiegen in seiner Erinnerung auf und bezeugten, daß dies stolze, kalte Weib zwar seine Werbung angenommen, aber ihn nie geliebt, noch seine Gegenliebe begehrt habe. Es wurde ihm schrecklich klar, daß nicht er der Gegenstand ihres Denkens und Fühlens gewesen. Was er für vornehme Zurückhaltung, edle Selbstherrschung und weibliche Würde gehalten hatte, war im Grunde nichts als kühle Berechnung, hinter welcher sich innere Gleichgültigkeit, ja Abneigung verbarg. Mit bitterem Hohnlachen gestand er sich, daß er von alledem keine Ahnung gehabt, bis heute an seinem Hochzeitstage. Er hatte ihr kostbare Geschenke gespendet und sein Haus geschmückt, um eine Braut zu empfangen, und diese verließ unter der elendesten Ausflucht heimlich ihr Elternhaus, um ihm zu entrinnen! Mußte das nicht den sanftmütigsten Menschen empören, mußte es nicht einen edlen, angesehenen Mann in einen Menschenverächter umwandeln? Die furchtbare Erregung stand ihm im Gesicht geschrieben, krampfhaft ballte er die Hand – sein Entschluß war gefaßt: befand sich, wie er fürchtete, Fräulein Gretorex hier im Versteck und nicht in ihres Vaters Haus bei der Vorbereitung für die Feier, zu welcher sich Hunderte von Gästen versammeln sollten, dann war auch seines Bleibens hier nicht länger. Er wollte die Stadt verlassen, wollte aus seinem Vaterlande fliehen, um nicht dem Hohn seiner Feinde und dem ihm gleichermaßen verhaßten Mitleid seiner Freunde zu begegnen. Schon sah er sich im Geist mitten auf dem Ozean – da hielt der Wagen. Vor ihm lag das Hotel, und seine Gedanken nahmen eine andere Richtung. Wie viel Uhr ist es? fragte er schnell. Gerade fünf Minuten vor sechs, antwortete der Detektiv. So spät! Wenn mir nun das Schicksal günstig ist, und Ihre Vermutung sich als falsch erweist, so werde ich nicht mehr vor acht Uhr auf dem St. Nikolaus-Platz sein können. Doch, entgegnete sein Begleiter; wir haben genau achtzig Minuten zur Herfahrt gebraucht, in achtzig Minuten gelangen wir zurück. Rechnen wir zehn Minuten auf unser Geschäft hier, so behalten Sie noch eine volle halbe Stunde, um den Hochzeitsfrack anzulegen und rechtzeitig Ihre Rolle bei der bevorstehenden Feierlichkeit zu übernehmen. Im Begriff, das Hotel zu betreten, stand Doktor Kameron plötzlich still. Ich erinnere Sie an Ihr Versprechen, sagte er, sie darf mich nicht sehen! Ich werde Wort halten. Suchen Sie überhaupt soviel wie möglich jedes Aufsehen zu vermeiden. Gryce zuckte mit den Achseln. Verlassen Sie sich darauf! erwiderte er kurz. Sie stiegen die Treppe hinauf, durchschritten den Vorsaal und blieben in einem dunklen Gange stehen. Warten Sie! flüsterte der Detektiv und trat auf ein Zimmermädchen zu, das sich in der Nähe befand. Er wechselte einige wenige Worte mit ihr, worauf sie schnell an dem Doktor vorbei auf eine Türe zuschritt, einen Schlüssel aus der Tasche zog und öffnete. Das Zimmer 153 ist besonders für unsern Zweck geeignet, flüsterte Gryce, während das Mädchen eintrat, und sie beide einen Augenblick allein blieben. Es hat außer der Haupttür noch diese andere, die selten benützt wird. Sie führt in einen mit Vorhängen versehenen Alkoven. Das Mädchen ist hineingegangen, um nach den Befehlen der Dame zu fragen. Beim Herauskommen wird sie die Türe angelehnt lassen. Doktor Kameron wurde dunkelrot und trat einen Schritt zurück. Das sind elende Schleichwege, murmelte er. Es bleibt uns keine Wahl, versetzte der andere, und als das Mädchen wieder herauskam, fügte er hinzu, so daß diese es hören mußte: Wenn es die Kranke ist, die Sie suchen, werden die Eltern Ihnen für Ihren Beistand aufrichtigen Dank wissen. Doktor Kameron bezwang sein natürliches Widerstreben und folgte finstern Blickes dem Detektiv, der schon die Zimmerschwelle überschritten hatte. Der Alkoven, den sie betraten, war ein düsteres Gemach, in welchem neben dem Bett und dem Kleiderschrank nur noch wenig Platz blieb. Zwischen den schweren Vorhängen, die den Raum von dem dahinter befindlichen Zimmer trennten, bemerkte der Doktor einen schmalen Lichtstreifen; rasch schritt er nach der Oeffnung und blickte hindurch. Es war ein erschütternder Anblick, der sich ihm bot. Ein Weib kniete vor dem Feuer, den hoffnungslosen Blick starr auf ein Papier gerichtet, das soeben im Kamin zu Asche verzehrt ward. Die flammende Glut verlieh ihren bleichen Wangen keine Farbe, sie sah aus, als ob es für ihr verzweifeltes Herz keinen Trost, keine Hoffnung gäbe, weder in dieser Welt noch in einer zukünftigen. Des Doktors schneller Blick haftete auf den Zügen und der Gestalt der Knienden. Augenblicklich wußte er, daß es niemand anders war als Genofeva Gretorex. Als er zurücktrat, stand ihm die Wahrheit deutlich auf dem Gesicht zu lesen. Der Detektiv nahm ihn beim Arm und zog ihn, ohne ein Wort zu sagen, nach dem Ausgang hin. Aber ein Gefühl des Erbarmens mit dem Jammer, den er geschaut, trieb den Doktor noch einmal an den Vorhang zurück. Sein Blick war milder, während er hindurchsah, und schon hob er, wie in unbezwingbarem Drang, die Hand, um den Vorhang zurückzuschlagen und einzutreten, als ihn sein Gefährte fest am Arm ergriff. Er gab diesem wohlgemeinten und entschiedenen Winke nach, wandte sich und folgte Gryce auf den Gang hinaus. Also kein Irrtum? fragte der Detektiv. Kameron schüttelte den Kopf. Leise schloß Gryce die Tür, durch welche sie gekommen waren. Es ist nicht die Person, welche wir suchen, sagte er zu dem in der Nähe wartenden Mädchen, dem er den Schlüssel übergab. Dann wandte er sich ruhig der Treppe zu, aber der Doktor hielt ihn zurück. Was werden Sie nun tun? fragte er. So schnell wie möglich nach dem St. Nikolaus-Platz fahren. Und ich? – was meinen Sie? Der Detektiv sagte mit einer kurzen Handbewegung: Ich möchte Ihre weiteren Schritte nicht beeinflussen. Allein Kameron ließ ihn noch nicht los. Herr Gryce, sagte er, haben Sie die junge Dame selbst gesehen? Freilich, war die Antwort, kurz ehe ich Sie aufsuchte. Ist Ihnen aufgefallen, wie bleich, wie unglücklich sie aussieht? Nicht daß ich wüßte. Sie ist ein wahres Bild der Verzweiflung. Gryce zog die Hand vom Treppengeländer zurück. Ihre eigene Gemütsbewegung muß Sie täuschen, sagte er. Noch vor drei Stunden sah sie blühend und hoffnungsvoll aus. Ueberzeugen Sie sich selbst, sagte der Doktor, wenn mich nicht alles trügt, ist es ein elendes, verzweifeltes Weib, das wir da drinnen zurücklassen. Der Detektiv zögerte nicht länger. Leise schlich er zurück, verschaffte sich den Schlüssel zum zweitenmal, sah mit eigenen Augen und trat ganz verstört wieder heraus. Unbegreiflich! schien der Blick zu sagen, mit dem er dem gefälligen Dienstmädchen den Schlüssel abermals einhändigte. Dieses mußte sein Staunen wohl bemerken und ließ einige Worte fallen, bei welchen Gryce in seltsame Aufregung geriet. Er stellte noch mehrere kurze Fragen und eilte dann schnell ins Bureauzimmer hinunter, aber nicht auf der Treppe, an welcher Doktor Kameron wartete. Fünf Minuten vergingen, ohne daß er zurückkam; der Doktor wollte eben die Geduld verlieren, als der Detektiv unten an der Treppe erschien und ihn zu sich herabwinkte. Kameron eilte hinunter und bemerkte sofort, daß mit Gryce etwas Besonderes vorgegangen sein müsse. Nun, fragte er, haben Sie sich überzeugt? Gryce lachte – er tat das nur zuweilen – und eilte dem Ausgang zu. Kommen Sie, rief er, wir haben keine Zeit zu verlieren. Sie vielleicht nicht, sagte der Doktor entschlossen; aber mein Platz ist hier. Fräulein Gretorex sah aus, als bedürfe sie eines Freundes, und wenn sie in der Tat gemütskrank ist, so – Hören Sie, erwiderte der andere in kurzem, scharfem Ton, vor fünf Minuten noch hätte ich Ihnen vielleicht beigestimmt, aber ich habe etwas erfahren, was meine Ansicht von der Sache ändert. Seit ich vor drei Stunden die Dame sah, hat sie den Besuch eines Herrn empfangen. Er ist eine volle Stunde bei ihr im Zimmer gewesen und beim Herausgehen – nehmen Sie alle Ihre Kraft zusammen, wenn Sie das Fräulein wirklich geliebt haben – hat er dem Dienstmädchen, das wir oben sahen, hinterlassen, er werde wieder kommen und einen Geistlichen mitbringen; man möge das Zimmer, in welchem er die Dame soeben gesprochen, in Bereitschaft halten, da er sich am Abend dort mit ihr trauen lassen wolle. Unten im Bureau hat er seinen Auftrag wiederholt, und – Sein Name? Wie heißt der Elende? Oder hat er sich nicht genannt? Reden Sie schnell, damit ich meine ganze Schmach auf einmal erfahre. Er hat eine Karte dagelassen. Der Name ist Ihnen vielleicht bekannt, erwiderte der Detektiv, indem er dem Doktor eine Visitenkarte überreichte, auf welcher die Worte standen: Dr. Julius Molesworth. Molesworth, wiederholte er im Tone ungläubigen Staunens. Unmöglich. Ein Fremder hat sich seiner Karte bedient. Meinen Sie? Ganz bestimmt! Die zwei können keinesfalls etwas miteinander zu schaffen haben, das muß jedem einleuchten. Molesworth hat mit mir dieselbe Hochschule besucht, ist ein tüchtiger Arzt und beim Gesundheitsamte angestellt. Seine Privatpraxis beschränkt sich auf bedürftige Kranke. Wie in aller Welt sollen sie sich kennen gelernt haben? Es liegt immerhin im Bereich der Möglichkeit. Und wenn auch, er hätte sie schwerlich für sich eingenommen. Er ist einer der überspanntesten Menschen, die mir je vorgekommen sind. Dabei richtete Doktor Kameron seine schöne männliche Gestalt zu ihrer vollen Höhe auf. Die Bewegung ließ sich nicht mißverstehen. Gryce schüttelte lächelnd den Kopf und entgegnete: Wir können darüber leicht ins Klare kommen. In das Bureau eintretend, begehrte er eine nähere Beschreibung des Herrn, welcher die Karte abgegeben. Eine ganz eigentümliche Erscheinung, war die Antwort. Ein Mann, der weiß, was er will. Er ist von mittlerem Wuchs, hat dunkles Haar und trägt keinen Bart. Sein Lächeln ist angenehm, aber wenn er finster blickt, könnte man sich vor ihm fürchten. Was seinen Anzug betrifft, so –. Aber Doktor Kameron hatte genug gehört. Schnell fort von hier! rief er und eilte seinem Begleiter voran. Viertes Kapitel. Als sie draußen standen, blickte der Doktor, welchen der letzte Schlag förmlich betäubt hatte, wie rat- und ziellos umher. Gryce nahm ihn am Arm und suchte ihm begreiflich zu machen, daß jetzt Eile nottue. Eile? wiederholte Kameron mechanisch; was sollte mich wohl zur Eile treiben? Wo die Braut fehlt, wird der Bräutigam nicht vermißt. Mir liegt natürlich zunächst die Pflicht ob, den Eltern über den Aufenthaltsort ihrer Tochter Mitteilung zu machen; aber ich dächte, auch für Sie gäbe es etwas zu tun. Hier? Das mag sein. Wollen Sie es versuchen? Die Dame ist jetzt allein – vielleicht gelingt es Ihnen – Nein, unterbrach ihn der andere, voll Abscheu in Miene und Gebärde, das vermag ich nicht. So weit reicht weder meine Liebe, noch mein Erbarmen. Er eilte nach dem Wagen und sprang hinein; Gryce folgte und nahm ihm gegenüber Platz. Nach der Stadtbahn! rief er dem Kutscher zu. Wir haben durch diese unerwartete Entdeckung volle zehn Minuten verloren, wandte er sich wie zur Entschuldigung an den Doktor, die müssen wir wieder einholen, so gut es geht. Kameron nickte schweigend; eine völlige Gleichgültigkeit schien sich seiner bemächtigt zu haben. Jener fuhr indessen fort: Ich möchte Ihnen doch auseinandersetzen, wie ich mir die Sache erkläre. Wollen Sie mich anhören? Was bleibt mir anderes übrig? war die herbe Antwort. Nun also: Fräulein Gretorex hatte sich mit Ihnen verlobt und schien sich als Ihre Braut glücklich zu fühlen, bis dies Glück durch einen Umstand gestört wurde, den wir nicht kennen; doch werden wir kaum fehlgehen, wenn wir ihn nicht mit Molesworth in Verbindung bringen. Nun wünscht sie die Brautschaft aufzulösen, aber ihre Mutter, an die sie sich wendet, sagt ihr, es sei zu spät. Einem unverständlichen Drange folgend, verläßt sie ihr Elternhaus drei Tage vor der festgesetzten Hochzeit, mit Hinterlassung des bestimmten Versprechens, rechtzeitig wieder zurück zu sein und den Ehebund zu schließen. Der Hochzeitstag kommt heran, ihre Rückkehr verzögert sich auf unbegreifliche Weise – aber noch ist der Tag nicht vorüber, und als ich sie um zwei Uhr sah, hatte sie noch sechs Stunden vor sich. Lag es damals in ihrer Absicht, Wort zu halten? Wir wissen es nicht. Aber sie war freudig erregt und erwartungsvoll; ganz wie ein Mädchen, das im Begriff steht, sich mit einem ihrer würdigen Manne zu vermählen, den sie achtet und liebt. Nun erscheint ein Fremder. Sie hat eine lange Unterredung mit ihm, und die Folge derselben ist eine gänzliche Veränderung ihres Wesens, die auf einen Umschwung in allen ihren Plänen schließen läßt. Wir erfahren, daß zwar eine Hochzeit stattfinden soll, aber der Name des Bräutigams ist ein anderer, und die Feier soll in demselben Gemach vor sich gehen, in welchem sie sich soeben ihrer Verzweiflung hingegeben hat. Was läßt sich daraus schließen? Gewiß mancherlei; aber mir drängt sich vor allem der Gedanke auf, daß Fräulein Gretorex in ihrem innersten Herzen den Mann liebt, welchen sie zu fliehen scheint. Vielleicht glaubt sie irgendeiner falsch verstandenen Pflicht genügen zu müssen und geht deshalb diese neue und überraschende Verbindung ein. Wenn dem so ist – Dem sei wie ihm wolle, entgegnete der Doktor kalt, für mich ist sie in jedem Fall verloren. Er liebt sie nicht, dachte der Detektiv; dann fuhr er fort: Sie geht einem traurigen Geschick entgegen. Eine Heirat, die auf solche Weise und unter so geradezu schimpflichen Umständen zustande kommt, setzt die junge Dame nicht nur in ihren eigenen Augen herab, sondern verstößt sie auch für immer aus der Gemeinschaft ihrer Verwandten und Freunde, aus allem Verkehr mit ihrer bisherigen Welt. Ihr Unglück ist besiegelt, wenn wir die Trauung nicht verhindern. Ihre Mutter ist die einzige Person, die hier noch Rat und Hilfe schaffen und der Sache Einhalt tun kann, da Sie sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlen – und zu ihrer Mutter eilen wir jetzt. Des Doktors finstere Miene hellte sich nicht auf. Sie haben recht, sagte er; teilen Sie Frau Gretorex so schnell wie möglich mit, in welcher Lage sich ihre Tochter befindet. Aber weshalb soll ich dabei zugegen sein? Damit kein Schatten auf Ihren guten Namen fällt. Sie werden zur Trauung mit Fräulein Gretorex um acht Uhr erwartet. Wenn die Braut »zu krank« ist und die Feier daher nicht stattfinden kann, so wird die Welt Sie wegen dieses Mißgeschicks höchlichst bedauern. Wenn Sie aber nicht an Ort und Stelle sind – Er hielt inne; des Doktors ganzes Wesen war auf einmal wie umgewandelt. Schnell, schnell, rief er, damit wir noch zur rechten Zeit eintreffen, ich gebe alles darum, wenigstens meine Ehre zu retten. Jetzt war es Kameron, der den Kutscher antrieb und zuerst aus dem Wagen sprang, um die Treppe zu dem Perron der Stadtbahn hinaufzueilen. Es traf sich glücklich, daß ein Zug zur Abfahrt bereit stand, und als die beiden im Wagen saßen, atmeten sie erleichtert auf. In fünfundzwanzig Minuten konnten sie die 125. Straße erreichen, in fünfzehn Minuten quer durch die Stadt fahren und eine Viertelstunde später am Hause anlangen. Das waren fünfundzwanzig Minuten, und es fehlte noch eine Stunde und vierzig Minuten bis acht Uhr. Dann galt es, Frau Gretorex schleunigst von der kritischen Lage ihrer Tochter zu unterrichten; denn vor neun Uhr mußte sie ja bei ihr im Hotel sein. Ließ sich das bewerkstelligen? Die ruhige Zuversicht des Detektivs ließ keinen Zweifel an der Ausführbarkeit des Planes. Es können jedoch Unfälle eintreten, die jede Berechnung zu schanden machen. Eben bemerkten sie noch mit Befriedigung, wie schnell ihre Fahrt von statten gehe, da erfolgte ein plötzlicher Stoß, und der Zug stand still. Die Ursache ward schnell bekannt: die Maschine war defekt geworden, und so mußte man zwischen zwei Stationen so lange halten, bis dem Uebelstand abgeholfen werden konnte. Gryce und Kameron sahen einander entsetzt an: mindestens eine halbe Stunde Aufenthalt! Selbst wenn es ihnen gelang, um acht Uhr das Haus zu erreichen, so war es doch fast unmöglich, daß Frau Gretorex noch bis neun Uhr in dem Hotel sein und die Heirat ihrer Tochter verhindern konnte. Das Schicksal derselben war also besiegelt und zwar durch eine höhere Hand, der gegenüber sie ohnmächtig waren. Kameron fühlte sich bei diesem Gedanken tief ergriffen. Wie er Doktor Molesworth kannte, glaubte er nicht, daß ihr Los an seiner Seite ein glückliches werden könne. Jener stand völlig außerhalb der Welt, der sie angehörte; wie sollte ihr stolzes Gemüt seine schroffe Art und Weise, sein rauhes Wesen ertragen? Im Geist sah er sie mit all ihren vornehmen Neigungen, ihrer feinen Bildung, unauflöslich an diesen strengen, verschlossenen, barschen Mann gekettet, der bei drückender Mittellosigkeit, von Ehrgeiz getrieben, nichts kannte als seinen eigenen engen Gesichtskreis, der ihm jeden freien Ausblick verschloß. Kameron empfand Mitleid mit der Betörten. Nicht jenes Mitleid, das der Liebe verwandt ist. Lieben konnte er das Weib nie mehr, das seinem Stolz eine so tiefe Wunde geschlagen; jeder Keim seines Gefühls war in seinem Herzen erstickt. Und doch erkannte er klarer als je zuvor, wie schön sie war, wie reizend und fesselnd in ihrer ganzen Erscheinung. Erst jetzt wußte er, wie begehrenswert sie sei, nun er sie für immer verloren. Deutlich stand sie ihm vor der Seele – nicht das verzweifelte, fassungslose Weib, das er in jenem verhaßten Moment durch den Vorhang erspäht – nein, die Genofeva, wie er sie bei seinem letzten Besuch gesehen. Damals hatte er in ihrem schüchternen, fast flehenden Blick, in ihrem bestrickenden Lächeln ein innigeres Gefühl zu lesen gemeint, und dies Bild war unauslöschlich in seine Erinnerung eingegraben. Stets sah er ihr Gesicht vor sich wie in jenem Zimmer und er vermochte es nicht aus seinen Gedanken zu bannen. Um sich zu zerstreuen, stand er vom Sitze auf, trat auf die Plattform, sprach mit verschiedenen ängstlichen Mitfahrenden, mit dem Zugführer – vergebens! Während der endlos langen Wartezeit war er kaum imstande, sich zu vergegenwärtigen, daß er nicht als glücklicher Bräutigam einem fröhlichen Hochzeitsfest entgegenfahre, daß ihn kein ehrenvoller Empfang, kein Gruß der Liebe erwarte. Was er auch tat und sprach, überall schwebte ihm jenes entzückende Bild vor Augen, und die schrecklichen Ereignisse der letzten Stunden erschienen ihm wie ein unheimlicher, wüster Traum. Während der ganzen Zeit hatte Gryce mit keinem Wort das Schweigen gebrochen. Erst als sich der Zug endlich in Bewegung setzte, fand er die Sprache wieder. Fünfunddreißig Minuten verloren, bemerkte er, das ist freilich schlimm. Jetzt müssen uns die Götter günstig sein, damit wir noch unser Ziel erreichen. Lassen Sie uns an die Wagentür treten, wir können dann gleich hinaus – jede Sekunde ist kostbar! Kaum hielt der Zug an der 125. Straße, so war auch Gryce schon aus dem Wagen und die Treppe der Hochbahn hinunter, Kameron folgte, und in atemlosem Lauf gelangten sie an die Bahn, welche die Stadt durchkreuzt. Sie fanden sofort Anschluß und stiegen richtig um dreiviertel auf acht an der St. Nikolaus-Avenue aus. Nur noch eine kleine Strecke zu Fuß, und sie hatten das Haus erreicht. Da rollte ein Wagen an ihnen vorüber. Großer Gott! keuchte Kameron, ist das ein Hochzeitsgast? Ein zweiter Wagen folgte, ein dritter, immer neue kamen auf der Straße einhergefahren. Der kalte Schweiß trat dem Doktor auf die Stirn. Himmel, daran habe ich gar nicht gedacht, stöhnte er. Es war kaum anders zu erwarten, entgegnete der Detektiv. Bis zuletzt haben die Eltern auf die Rückkehr der Tochter gehofft, es war daher unmöglich, die Gäste noch zu benachrichtigen, daß die Hochzeit nicht stattfinden könne. Alle Vorbereitungen müssen getroffen worden sein. Entsetzlich! murmelte der Doktor und blieb stehen, als sei er außer stande, einen Schritt vorwärts zu tun. Doch überwand er die augenblickliche Schwäche und folgte seinem voraneilenden Begleiter. Unterdessen fuhren die Wagen einer nach dem andern in langer Reihe vor, die Insassen stiegen aus, die Türen wurden zugeschlagen. Alles schien im besten Gange, keine Verwirrung, keine Unruhe war bemerkbar. Was soll das heißen? rief Kameron, den Detektiv krampfhaft am Arm fassend, die Gäste treten ein, man bewillkommnet sie, das ganze Haus ist von oben bis unten erleuchtet. Mir steht der Verstand still. Hoffen denn die törichten Eltern noch immer auf ihre Rückkunft? Gryce zog ihn schleunigst mit sich fort. Vorwärts, rief er, halten Sie sich nicht auf. Vergessen Sie alles andere, sorgen Sie nur, daß wir unbemerkt ins Haus gelangen. Führt keine Türe durch das Souterrain? Das wohl, aber treten wir lieber durch die Seitenpforte ein, das fällt niemand auf, dort erwartet man mich. Sie machten sich Bahn durch die Schar der Neugierigen, die ihnen den Weg versperrten, und erreichten den Seiteneingang. Lichterglanz strahlte ihnen aus den Fenstern entgegen, alles war mit Grün geschmückt. Beim Oeffnen der Tür vernahmen sie buntes Stimmengewirr, in das sich die festlichen Klänge eines Orchesters mischten. Nicht das Festgepränge fesselte jedoch ihre Aufmerksamkeit, sondern die stattliche Gestalt des Hausmeisters, der sie mit so freudigem Willkomm begrüßte, als erwarte man sie schon mit Ungeduld. Dies erhöhte noch das Geheimnisvolle der ganzen Lage. Nur mühsam brachte Kameron die Worte heraus: Wo ist Madame Gretorex? Ich muß sie sofort sprechen. Die gnädige Frau sind noch bei der Toilette, war des Dieners Antwort, wünschen der Herr Doktor vielleicht unterdessen auf sein Zimmer zu gehen? Gryce trat jetzt vor: Führen Sie uns unverzüglich zu Ihrer Herrin, sagte er, und bringen Sie ihr meine Karte, die Sache hat Eile. Damit schritt er dem erstaunten Diener voran die Treppe hinauf, ohne sich an die Verwunderung zu kehren, welche seine wenig elegante Erscheinung unter den geputzten Leuten erregte, und unbekümmert, ob der Doktor ihm folge oder nicht. Letzterem flüsterte der Diener im Hinaufgehen zu: Die gnädige Frau hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, die Braut habe sich etwas verspätet, Sie möchten die Güte haben – Ich kann nicht warten, unterbrach ihn Kameron, entrüstet über diesen Versuch, ihm den wahren Stand der Dinge zu verheimlichen. Bitten Sie Ihre Herrin, uns sofort vorzulassen, es ist von höchster Wichtigkeit. Gryce kam dem Doktor im oberen Vorsaal entgegen. Dort das letzte Zimmer ist für Sie in Bereitschaft gesetzt, fügte er. Man will uns scheint's hintergehen. Es gehört wahrhaftig Mut dazu, die Sache soweit zu treiben. Wenn wir nicht Wichtigeres zu tun hätten, wäre ich wirklich neugierig darauf, wie sie alles drehen und wenden wollen und welche Ausflüchte die Mutter ersonnen hat, um den Gästen und uns Sand in die Augen zu streuen. Daran ist jetzt nicht mehr zu denken, entgegnete der Doktor bestimmt, die Wahrheit muß ans Licht. Gryce aber schüttelte den Kopf und versetzte, auf die Wanduhr deutend: Wir haben noch eine Stunde vor uns. Ist die Mutter bereit, auf der Stelle mit uns zu gehen, so kann Herr Gretorex unterdessen der Versammlung drunten die Mitteilung machen, seine Tochter sei plötzlich von einer so heftigen Krankheit befallen worden, daß ihre Hochzeit am heutigen Abend unmöglich stattfinden könne. Mag man ihm glauben oder nicht, jedenfalls wird das Gerede, welches entsteht, Ihnen keinen Schaden tun. Morgen läßt sich dann der Geschichte eine Wendung geben, wie sie am besten zu dem Stand der Dinge paßt. Ehe der Doktor noch antworten konnte, vernahm man ein Rauschen von Gewändern. In prachtvollem Samtkleid trat Frau Gretorex über die Schwelle und stand in würdevoller Haltung vor ihnen. Wie festgewurzelt verharrten die Männer einen Augenblick an ihrem Platze und vermochten kaum die nötige Fassung zu erringen. Aus der Miene der Dame sprach weder Scham noch Verwirrung, sondern nur vornehme Zurückhaltung und stolze Höflichkeit. Sie haben mich sprechen wollen, sagte sie zu Kameron gewandt, den Detektiv gänzlich übersehend. Meine Tochter wird gleich fertig angekleidet sein, bitte, gedulden Sie sich noch einen Augenblick; es ist gerade acht Uhr, entschuldigen Sie die kleine Verzögerung. Ihre Tochter? stieß der Bräutigam in atemloser Hast hervor, ist sie denn hier? Gewiß, Herr Doktor, erwiderte die Mutter mit dem schneidenden Ton verletzten Stolzes, meine Tochter ist hier; wo anders sollte sie denn sein an ihrem Hochzeitsabend? Bei diesen Worten warf sie einen vernichtenden Blick auf den Detektiv, der jedoch viel zu sehr in Staunen versunken war, um darauf zu achten. Hier? wiederholte Kameron, den so viel Kühnheit vollständig verwirrte. Entschuldigen Sie, aber ich dachte – Sie lächelte verbindlich: Soll ich meiner Tochter mitteilen, daß der Bräutigam bereit ist, sie zu empfangen? fragte sie mit einem vielsagenden Blick auf den Anzug des Doktors. Kameron starrte sie stumm und hilflos an, so daß der Detektiv sich berufen fühlte, dazwischenzutreten. Madame, sagte Gryce, Sie verzeihen, aber jeder Augenblick ist kostbar. Ich muß gerade herausreden. Ihre Tochter – Aber Frau Gretorex war nicht gewillt, irgendwelche unberufene Einmischung zu dulden; zu dem Doktor gewandt fuhr sie fort: Meine Tochter wird Sie durch ihr Mädchen rufen lassen, sobald sie mit der Brauttoilette fertig ist. Brauchen Sie selbst vielleicht noch jemand, der Ihnen behilflich ist? Kameron raffte sich mit Gewalt zusammen. Er ergriff die Hand der Name und sagte, sich höflich verneigend: Madame, wenn Sie auch einen Mann nicht beachten wollen, dessen Dienste Sie gebraucht haben, so werden Sie doch mir Gehör geben. Wenn Ihre Tochter sich hier im Hause befindet, so kann sie erst vor wenigen Minuten zurückgekehrt sein und in diesem Fall – Sie sind gänzlich im Irrtum, werter Herr, unterbrach ihn Frau Gretorex; meine Tochter ist seit Mittag wieder zu Hause; sie kam mit ihrer Kousine aus Montclair zurück, als wir eben anfangen wollten, uns ihretwegen zu beunruhigen. Daß sie mit ihrer Toilette noch nicht fertig ist, hat einen ganz anderen Grund; ich glaube, ihr Schleier mußte noch einmal gesteckt werden. Des Doktors Erstaunen war grenzenlos. Ist es denn Wahrheit, was Sie reden? fragte er. Wie kann Ihre Tochter seit Mittag hier im Hause sein, da ich Sie noch vor einer Stunde im C-Hotel gesehen habe? Sie wollen mich hintergehen. Obgleich ich Ihre Tochter von Grund meines Herzens bemitleide, kann ich sie doch nicht heiraten. Diese späte Rückkehr zu ihrer Pflicht ist nur ein neuer Beweis für ihr verstecktes, doppelzüngiges Wesen. Jetzt war die Reihe, sich zu entsetzen, an Frau Gretorex. Sie starrte den Doktor au, als habe er den Verstand verloren und trat dann zornglühend auf Gryce zu. Das ist Ihr Werk, rief sie entrüstet. Sie sind weiter gegangen, als Sie sollten. Haben Sie meine Depesche nicht erhalten? Nein, gnädige Frau. Ich habe Ihnen sofort nach der Rückkehr meiner Tochter telegraphiert. Die Sache hatte sich sehr einfach und zu allgemeiner Befriedigung aufgeklärt; es lohnte nicht mehr, ein Wort darüber zu verlieren. Sie haben aber gerade am unrechten Orte geschwatzt, während ich Ihnen Schweigen anempfahl; durch Ihre Schuld ist das Lebensglück meiner Tochter bedroht und ihr guter Ruf geschädigt. Sie haben ein Unrecht begangen, das sich nicht wieder gut machen läßt, ich werde es Ihnen nie verzeihen. Damit ließ sie den Detektiv verblüfft stehen, wandte sich zu Kameron und sagte: Ihre Behauptung, daß Sie meine Tochter vor einer Stunde gesehen haben, ist mir unverständlich. Sie kann unmöglich begründet sein, da Genofeva nach ihrer Rückkehr heute mittag das Haus nicht mehr verlassen hat. Was aber das versteckte Wesen betrifft, über das Sie klagen, so müssen Sie wissen, daß meine Tochter sich durch die vielen Aufregungen und Vorbereitungen der letzten Zeit in ihrer Gesundheit ernstlich angegriffen fühlte. Sie hoffte, sich bei vollständiger Ruhe wieder zu erholen und kam plötzlich auf den Einfall – den sie jetzt mit uns aufrichtig bedauert – nach Montclair zu gehen, ohne jemand von ihrer Absicht in Kenntnis zu setzen. Sie hat jedenfalls ihren Zweck erreicht, denn noch nie sah ich sie so frisch und blühend, so ganz würdig, Ihre Lebensgefährtin zu werden, als in diesem Augenblick, da Sie zögern wollen, ihr die Hand zu reichen. Statt aller Antwort wandte sich Kameron an den Detektiv. Ist es denn möglich, daß ein Irrtum vorliegt und wir wirklich eine andere gesehen haben? In zwei Minuten sollen Sie Gewißheit erhalten, sagte Gryce und war verschwunden. Der Doktor verharrte regungslos und brachte kein Wort über die Lippen. Er brauchte nicht lange zu warten. Schon erschien der Detektiv wieder, machte der Dame des Hauses eine tiefe Verbeugung und flüsterte Doktor Kameron zu: Abermals ein Fall vermeintlicher Identität; alles verhält sich so, wie Frau Gretorex behauptet. Sie haben sich getäuscht und mich zum Narren gemacht; ich kann meinen Verdruß darüber nicht anders los werden, als indem ich mich schleunig entferne. Kameron erwiderte nichts; er war außer sich vor Freude. So waren denn alle die entsetzlichen Begebenheiten der letzten vier Stunden nichts gewesen als ein leeres Possenspiel! Seine Heirat war gesichert, seine Braut fleckenlos; kein Molesworth in ihrer Vergangenheit, keine Furcht vor Eifersucht in der Zukunft. Er hätte Frau Gretorex's Knie umfassen mögen vor Zerknirschung; er stammelte Entschuldigungen, aber Worte vermochten seine Gefühle nicht auszudrücken. Er brannte vor Ungeduld, seine schöne Braut zu sehen, strahlte vor Glückseligkeit und geberdete sich wie ein Mensch, der plötzlich aus dem Abgrund der Verzweiflung auf den Gipfel der Wonne und des Entzückens versetzt worden ist. Die Mutter, welche wohl begreifen mochte, was in seinem Innern vorging, lächelte nur und fragte, ob er sich umkleiden wollte. Dies brachte den Doktor schnell zur Besinnung. Ich war freilich auf das festliche Ereignis weder gefaßt noch vorbereitet, entgegnete er errötend. Die Hochzeitsgesellschaft wird warten müssen, bis ich nach meinem Frack geschickt habe. Frau Gretorex rief einen Diener herbei, dem sie die nötigen Befehle erteilte. In einer halben Stunde, sagte sie, kann das Fehlende hier sein; das Orchester wird unterdessen spielen, um die Gäste zu unterhalten. Sie können ihnen der Wahrheit gemäß mitteilen, ich sei durch einen Eisenbahnunfall aufgehalten worden. Vertreiben Sie ihnen die Zeit so gut es geht, und mir gönnen Sie den Anblick meiner Braut, nach welchem ich schmachte, rief Kameron erfreut. Sie Ungeduldiger, versetzte die Mutter sichtlich erleichtert, ich will sehen, ob sich Ihr Verlangen erfüllen läßt. Bald darauf erschien ein zierliches Kammermädchen lächelnd an des Doktors Zimmertür. Das gnädige Fräulein ist fertig angekleidet, lispelte sie, und will den Herrn einen Augenblick sprechen, wenn er es wünscht. Sie deutete auf eine Tür am andern Ende des Vorsaals, und Kamerun folgte der Weisung. Ihm brannte das Herz, ob vor Liebe oder wiedererwachtem Stolz, er wußte es selbst nicht. Wenige Schritte, und er stand vor dem bezeichneten Gemach, dessen Tür nur angelehnt war. Als er die hohe, anmutige Gestalt von dem glänzenden Gewande, dem duftigen Schleier umflossen erblickte, da schlugen seine Pulse schneller, und es hätte des lieblichen Lächelns kaum bedurft, mit dem sie ihn begrüßte, um ihn in das höchste Entzücken zu versetzen. Ich habe Sie warten lassen, flüsterte sie, während er durch den Schleier hindurch ihr in die strahlenden Augen blickte und wie geblendet von ihrer Schönheit vor ihr stand. Jetzt bin ich fertig, aber Mama sagt, Sie seien es noch nicht. Sie böser Mann – bei Ihren Kranken in der Stadt herumzufahren, statt nur an Ihre Braut zu denken. Er lachte beglückt. Waren sie beide denn noch dieselben Menschen, wie eine Woche zuvor? Er murmelte ein zärtliches Schmeichelwort, das sie hold erröten machte, und war eben im Begriff, ihrem Winke zu folgen und sich zurückzuziehen. Da sah er plötzlich, wie ihr Blick erstarrte und ihre Züge einen Ausdruck des Schreckens annahmen. Unwillkürlich wandte er sich, um nach der Ursache dieser jähen Furcht zu forschen. Im Vorsaal war nichts zu sehen, ganz und gar nichts. Nur eine Person mit einer kleinen Handtasche am Arm, eine Putzmacherin oder dergleichen, stand in Mantel und Schleier wartend da, um eingelassen zu werden. Betroffen über die Leichtigkeit, mit welcher er heute aus einer Stimmung in die andere geriet, wollte sich Kameron eben wieder seiner Braut zuwenden, um sich von der Grundlosigkeit seiner Besorgnis zu überzeugen, als die Zimmertür, die bis dahin offengestanden, sich leise schloß. Er sah sich allein, mit einer neuen Furcht im Herzen, deren schriller Mißton wenig zu den festlichen Klängen des Hochzeitsmarsches stimmte, welche nun bald erschallen sollten. Fünftes Kapitel. Das Haus Gretorex, noch im alten Stil erbaut, besaß unzählige Gänge, versteckte Winkel und Türen, war aber im übrigen für eine große, glänzende Festversammlung wie geschaffen. Hohe, weite Hallen und breite Treppen, eine lange Reihe kleiner und großer Zimmer und prächtige Säle boten Raum für Hunderte von Gästen. Die Gesellschaftsräume lagen alle im ersten Stock, und so kam es, daß Doktor Kameron nur auf der Treppe einige Bekannte begrüßt hatte, im obern Vorsaal aber und bei der Rückkehr in sein Zimmer sich ganz allein befand. Und doch wäre ihm ein befreundetes Antlitz, ein herzliches Wort jetzt so willkommen gewesen. Rastlos ging er wohl zwanzig Minuten lang in dem Gemach auf und ab; die erzwungene Einsamkeit bedrückte ihn; er wollte seinen Gedanken nicht nachhängen. Nun der Würfel gefallen war und seine Zukunft besiegelt, bereitete ihm jeder weitere Aufschub nur unnütze Qualen. Zu viele verschiedene Gemütsbewegungen waren schon auf ihn eingestürmt, er ertrug es nicht länger. Es drängte ihn, den entscheidenden Schritt zu tun, und sehnlich harrte er des Augenblicks, da er unter den Klängen der Musik seine Braut durch die versammelte Menge in den festlich erleuchteten Saal führen würde, um den Ehebund zu schließen. Dies Warten war aufreibend, war entsetzlich. Denn nicht nur peinigende Gedanken verfolgten ihn: ein inneres Gefühl, eine geheime Angst, die sich fast zur Gewißheit steigerte, sagte ihm, daß etwas Seltsames, Unheimliches vorgehe, in schreiendem Gegensatz zu dem Festgepränge dort unten. Diese Gefühle waren so stark und lebhaft und beherrschten ihn so vollständig, daß er sich ihrer nicht erwehren konnte, obgleich auch kein annähernd stichhaltiger Grund für dieselben vorlag. Wäre jene verschlossene Türe, die er beim Auf- und Niedergehen mit bangen Blicken streifte, plötzlich aufgesprungen und ein Schreckgespenst auf der Schwelle erschienen, es hätte ihn kaum überrascht. Und doch sagte ihm der nüchterne Verstand, daß dies alles nur ein Gebilde seiner Einbildungskraft sei. Er, als Arzt, wußte genau, welche Gewalt derartige Wahnvorstellungen über den Geist eines Menschen erlangen können, dessen Nerven durch so mächtige Eindrücke erschüttert worden sind, wie die seinen in den letzten Stunden. In jenem Zimmer geschah vielleicht in Wirklichkeit nichts anderes, als daß die Person, welche er hatte eintreten sehen, die letzte ordnende Hand an den Anzug der Braut legte, eine widerspenstige Haarlocke zurechtstrich oder die vielknöpfigen Handschuhe anstreifte. Trat nur erst die Braut im Glanze ihrer Schönheit aus jener Tür heraus, so hoffte er, würden alle Wahngebilde schwinden, und Freude und Zuversicht die Oberhand behalten. Die Ankunft des Dieners, der ihm die noch fehlenden Stücke seines Anzugs brachte, riß ihn endlich aus allen Fieberphantasien. Während er sich die Krawatte umband und die Handschuhe zuknöpfte, fühlte er, daß er wieder der Doktor Kameron sei, der Mann, der wegen seiner praktischen Anschauungen, seines gesunden Urteils in der ganzen Stadt bekannt war. Er mußte über seine eigene Torheit lachen, als er sah, wie der Diener, der ihm beim Anziehen behilflich gewesen, auf jene so angstvoll beobachtete Tür zuging und ganz zuversichtlich anklopfte. Als nun kurz darauf von innen geöffnet wurde und die Braut dem Diener Antwort gab, blieb ihr Schleier und die lange Schleppe dem Doktor sichtbar, bis auch er das Zeichen erhielt. In dem Gewirre, in der freudigen Geschäftigkeit, die nun entstand, war wirklich alle Sorge und Angst vergessen; kein Mißton störte des Bräutigams frohe Seelenstimmung; er gab sich ganz dem Glück der Gegenwart hin. Da, als das Paar vielleicht die Hälfte der Treppe hinabgeschritten war, fühlte Kameron plötzlich, daß der Arm seiner Braut bleischwer auf dem seinigen lag. Er schaute auf und sah an seiner Seite nicht eine holde Braut, ein fühlendes Wesen, sondern ein bleiches Gespenst, dessen gläserne Augen ins Leere starrten und sein Herz mit Grauen erfüllten. Was war ihr? Hatte sie den Verstand verloren? Er drückte ihren Arm fest an sich und rief sie mit leiser aber fester Stimme beim Namen. Ein Schauder flog durch ihre Glieder; sie wandte den Kopf nach ihm hin, ihre Lippen verzogen sich langsam und allmählich zu einem erzwungenen Lächeln. Auf der Stufe, die sie eben betreten, stehen bleibend, deutete Kameron auf die wogende Menge am Fuß der Treppe und sagte: Dort unten erwartet man uns, der Pfarrer steht bereit, deine Eltern ihm zur Seite. Aber wenn du nicht mein Weib werden willst, wenn irgend ein Hindernis im Wege steht, wenn du fühlst, daß ich dir nicht der Gatte sein kann, den du begehrst – sage es – noch ist Zeit zur Umkehr. Es ist nicht zu spät dazu, solange nicht am Traualtar das bindende Wort gesprochen worden ist. Furchtsam hatte sie die Augen geöffnet, als er zu reden begann, jetzt schlossen sich ihre Lider, und sie murmelte tonlos: Laß uns weitergehen. Nein, Genofeva, beharrte er, keinen Schritt, bis du mir eine Versicherung gegeben: Gehört dein Herz mir? Steht kein anderer Mann zwischen uns, dessen Andenken dir diesen Augenblick furchtbar macht? Wenn dem so ist – Nicht doch, nein, flüsterten ihre Lippen, die bei seinen Fragen die aschbleiche Färbung verloren. Ich bin nur krank, ich leide entsetzlich; weiter nichts. Er wandte den Blick nicht von ihr. Es gab ja Fälle, in denen Krankheit das Aussehen eines Menschen in kürzester Zeit völlig zu entstellen vermag. Seit er sie zuletzt gesund und blühend gesehen, war eine halbe Stunde vergangen. Konnte sie nicht plötzlich von einem solchen Uebel befallen worden sein? Fühlst du dich zu krank, um zur Trauung zu gehen? fragte er. Nein. Kannst du aber auch die Anstrengung und Aufregung ertragen? Ich kann alles ertragen. Er setzte den Fuß auf die nächste Stufe. Genofeva! sagte er, abermals stillstehend. Was? flüsterte sie matt. Liebst du mich? Ihre Gestalt, die sich bisher nur durch feste Willenskraft aufrecht erhalten, schmiegte sich plötzlich an ihn mit echt weiblicher Hingebung. Von ganzem Herzen! murmelte sie. Dann, sagte er, bin ich zufrieden. Das Paar schritt die Treppe hinab. Ohne weiteren Aufenthalt gelangten sie in den Saal, wo Hunderte von Augen neugierig oder teilnehmend auf sie gerichtet waren. Noch einen angstvollen Blick warf Doktor Kameron auf seine Braut. Große dunkle Ringe um die Augen ließen sie noch bleicher erscheinen, aber der entschlossene Ausdruck ihres Gesichts flößte ihm Mut ein. Ein Gemurmel durchlief den Raum. Man reckte den Kopf und hob sich auf die Fußspitzen, um ihr Gesicht zu sehen. Sie stand mit niedergeschlagenen Augen vor dem Geistlichen. Der alte Mann hatte wohl schon viele tausend Paare in seinem Leben eingesegnet; eine bleiche Braut, ein tiefbewegter Bräutigam waren ihm nichts Absonderliches. Mit freundlicher Miene öffnete er sein Buch und begann die Trauung. Was Jawort der Braut klang so leise, daß es niemand vernahm, außer dem Prediger und dem Bräutigam, aber auch das war nichts Ungewöhnliches. Als die Ringe gewechselt werden sollten, entstand jedoch eine Schwierigkeit. Genofeva Gretorex hatte aus irgendwelchem Grunde keine Brautjungfern bei ihrer Hochzeit haben wollen; jetzt war niemand bereit, ihr beim Ausziehen des Handschuhs zu helfen, und sie selber brachte dies in ihrer Aufregung und Hast nicht zuwege. So sah sie sich denn nach einigen fruchtlosen Versuchen genötigt, die behandschuhte Hand auszustrecken, um den Ring in Empfang zu nehmen. Doktor Kameron ließ es ruhig geschehen, um ihre Verlegenheit nicht noch peinlicher zu machen. Er war im Begriff, sein feierliches Gelübde auszusprechen, als gerade in diesem Moment lautlosen Schweigens ein Zwischenfall eintrat, der so erschütternd wirkte, daß sich unwillkürlich jeder Kopf umwandte und manches rosige Antlitz erbleichte: ein durchdringender Schrei ward plötzlich laut, ein wilder, unheimlicher Schrei des Entsetzens. Woher kam er? Niemand wußte es. Nur namenlose Angst und Furcht konnte ihn ausgepreßt haben. Er unterbrach die festliche Stimmung auf unheimliche Weise. In äußerster Bestürzung legte Kameron den Arm um seine Braut, auf welche diese neue Erschütterung höchst nachteilig wirken mußte. Sie schien jedoch weder seiner Hilfe zu bedürfen, noch von der allgemeinen Furcht mitergriffen zu werden. Sie hob das Haupt und stand in so fester, entschlossener Haltung da, daß auch der Bräutigam neuen Mut gewann, und der Prediger die Fassung bewahrte. Nach einer kaum sekundenlangen Unterbrechung ward die heilige Handlung zu Ende geführt, und der Segen gesprochen. Wie von einem drückenden Alp befreit, atmete die ganze Versammlung erleichtert auf. Als das Paar sich wandte, um die Glückwünsche in Empfang zu nehmen, wunderte sich natürlich niemand, die Wangen der Braut so bleich und des Bräutigams Stirn umwölkt zu sehen. Klang doch das Echo des rätselhaften Schreis noch in aller Ohren, und selbst weniger abergläubische Gemüter betrachteten den unheimlichen Vorfall als ein böses Omen. Nur die Eltern der Braut bewahrten ihre gewohnte Ruhe und Kaltblütigkeit. Lächelnd begrüßten sie ihr Kind und schüttelten dem neuen Schwiegersohn die Hand. Als nun aber Furcht und Verwunderung zu Wort kamen und man bald hier und bald dort flüstern hörte: »Was kann es nur gewesen sein?« »Etwas Aehnliches habe ich nie gehört!« – da trat Herr Gretorex vor und erklärte: Eine unserer Dienerinnen leidet an Nervenkrämpfen; sie hat einen Anfall bekommen und den Schrei ausgestoßen. Schnell glätteten sich alle Stirnen bei dieser einfachen Mitteilung; Verwandte und Freunde strömten herbei, Glück- und Segenswünsche wurden laut, und die frohe Feststimmung war bald wieder hergestellt. Nur aus den Herzen der beiden Vermählten war die Bangigkeit nicht gewichen; der Schatten, der auf ihrer Stirn lagerte, war nicht durch ein bloßes Wort zu verscheuchen. Beide mißtrauten der so glaubwürdig klingenden Erklärung. Für die junge Frau, deren Seele vor künftigen Schrecknissen zitterte, war dies endlose Händeschütteln, Lächeln und Verneigen eine furchtbare Qual. Nur die Angst, neuen Argwohn bei den Gästen zu erregen, hielt sie aufrecht. Bald aber vermochte auch dieser Gedanke ihr nicht mehr die nötige Kraft zu geben. Kameron, der sie unausgesetzt beobachtete und ihre zunehmende Schwäche bemerkte, schob ihr einen Stuhl hin mit den Worten: Du mutest dir zu viel zu, liebes Herz. Nimm es nicht so schwer! Bei diesem ersten Beweis zärtlicher Fürsorge flog ein glückseliges Lächeln über ihre Züge. Es verschwand aber sofort wieder und ließ sie noch bleicher und hohläugiger erscheinen als zuvor. Ich ertrage es nicht länger, flüsterte sie; erst muß ich wissen, was der Schrei zu bedeuten hatte. Werden denn die Glückwünsche kein Ende nehmen? Ich möchte auf mein Zimmer gehen. – Ein unwillkürlicher Schauder überlief sie. – Nur einen Augenblick muß ich mich zurückziehen; hier ist mir's, als sollte ich ersticken. Ihre flehende Gebärde, während sie diese Worte sprach, überraschte und rührte ihn. Da kommt deine Mutter, entgegnete er, sie wird gewiß eine Auskunft finden. Leise berührte er den Arm seiner stolzen Schwiegermutter und flüsterte ihr zu: Genofeva fühlt sich sehr unwohl; sie wünscht sich einen Augenblick auf ihrem Zimmer zu erholen. Läßt sich das nicht bewerkstelligen? Was fehlt dir denn? fragte Frau Gretorex unzufrieden, du warst doch am Nachmittag nicht leidend. Die Tochter nahm sich zusammen, so gut sie konnte: Nur der Schrei – stammelte sie. Torheit! Wie oft hast du die Margret schon schreien hören. Jetzt ist ja alles vorbei. Ja, ich muß wissen, ob sie es wirklich war; laß doch einmal nachsehen. Ein verächtliches Lächeln spielte um Frau Gretorex' Lippen: Es soll geschehen, um dich zu beruhigen, sagte sie, winkte einen Diener herbei, dem sie einen Befehl erteilte und wandte sich dann wieder zu ihren Gästen. Genofeva versuchte ihrem Beispiel zu folgen, aber es kostete ihr augenscheinlich die äußerste Anstrengung. Sie saß aschbleich da und war kaum noch imstande, ein Wort hervorzubringen. Angstvoll heftete sich ihr Auge auf die Tür, als hinge ihr Leben von der Nachricht ab, welche der Diener zurückbringen würde. Kameron, dem von alledem nichts entging, verdoppelte seine Höflichkeit und Verbindlichkeit den Gästen gegenüber, um wieder gut zu machen, was Genofeva etwa versäumen oder verfehlen sollte. Eben war er im Begriff, ihr vorzuschlagen, er wolle sie selbst auf ihr Zimmer führen, als plötzlich eine völlige Veränderung mit ihr vorging. Eine rasche Entschuldigung murmelnd, war sie aufgestanden und nach der Tür geeilt. Ihr Gatte wollte folgen, aber das Gedränge war so groß, daß er sie einen Moment aus den Augen verlor; doch bald bekam er sie wieder auf der Treppe zu Gesicht; er sah sie schnell und sicher die Stufen hinaufsteigen. Vergebens strebte er, ihr nachzueilen; Freunde und Bekannte hielten ihn auf, um ihm bald hier ein Scherzwort, bald dort einen Glückwunsch zuzurufen. So waren bereits mehrere Minuten verflossen, ehe er die Zimmertür erreichte. Er fand sie verschlossen, und selbst auf sein wiederholtes Klopfen erfolgte keine Antwort. Aufs äußerste beunruhigt und erregt durch diesen neuen unerwarteten Vorfall rüttelte er an der Klinke und rief Genofeva bei Namen. Dies hatte den gewünschten Erfolg. Der Schlüssel drehte sich im Schloß, und ihr Gesicht erschien an der Türspalte. Er war erstaunt, zu sehen, daß es hinter ihr im Zimmer ganz dunkel war. Ich komme im Augenblick heraus, sagte sie lächelnd; es geht mir schon viel besser. Laß mich bei dir bleiben, bis du ganz erholt bist, erwiderte er besorgt. Sie trat zu ihm auf den Gang. Wenn ich nur noch zehn Minuten ganz in Ruhe bleiben kann, sagte sie, werde ich wieder wohl genug sein, um hinunterzukommen. Bitte, laß mich solange allein. Wohl hätte er bleiben und sein neues Anrecht geltend machen können, aber ihrem flehenden Blick vermochte er nicht zu widerstehen. Nach einigen ermunternden Worten verließ er sie. Wenig aufgelegt, sich wieder unter die Hochzeitsgesellschaft zu mischen, wollte er sich gerade nach seinem Ankleidezimmer begeben, als der Diener, welcher vorhin den Auftrag erhalten hatte, sich nach Margret zu erkundigen, auf ihn zutrat. Entschuldigen der Herr Doktor, ist die junge gnädige Frau wohl in ihrem Zimmer? Was gibt es denn? Man darf sie jetzt nicht stören. Ich sollte nur Auskunft geben, wegen der Margret. Sie ist gar nicht im Hause; gleich nach dem Abendessen ist sie ohne Erlaubnis fortgegangen. Sie meinte wohl, man werde sie nicht vermissen. Aber Frau Fenton, die Haushälterin sieht alles und – So war sie gar nicht hier, als der Schrei gehört wurde? unterbrach ihn der Doktor. Nein, aber Peter sagt – er kam gerade die Treppe hinauf – der Schrei sei aus dem Zimmer des gnädigen Fräuleins gekommen. Er muß sich geirrt haben, denn dort war ja niemand. War denn nicht eine Putzmacherin oder Näherin da drinnen? Ich sah doch eine solche Person hineingehen. Wohl möglich, aber dann ist sie auch wieder fortgegangen; das gnädige Fräulein – ich wollte sagen die Frau Doktor, hat ja ihre Tür hinter sich abgeschlossen, als sie zur Trauung hinabging. Ich stand hier im Vorsaal und habe es gesehen; vielleicht erinnern sich der Herr Doktor auch noch daran. Kameron hatte es nicht vergessen, obgleich ihm der Umstand im Augenblick keinen besonderen Eindruck gemacht hatte. Um seine Betroffenheit vor dem Diener zu verbergen, entließ er ihn und wollte eben sein Zimmer betreten, als er hinter sich die Stimme seiner Frau vernahm. Schnell wandte er sich und sah sie auf sich zukommen; sie hatte Schleier und Handschuhe abgelegt. Ich habe meinen Entschluß geändert, sagte sie, und berührte seinen Arm einen Augenblick mit der Hand, zog sie aber sofort zurück, bitte laß uns nicht wieder zu den Gästen hinuntergehen. Wir haben das gewiß nicht nötig – höre nur, wie gut sie sich ohne uns unterhalten. Wenn dir's recht ist, reisen wir sofort ab, ich sehne mich so von hier weg. Nicht wahr, du sagst ja und gewährst mir die Bitte. Ihre Blicke flehten noch dringender, als ihre Worte um Erfüllung des Wunsches. Er wußte sich dies plötzliche Verlangen nicht zu deuten und zögerte mit der Antwort. Wir gehen nach Washington, nicht wahr? fuhr sie fort, da haben wir noch die lange Fahrt nach Jersey City und müssen so wie so früh aufbrechen. Er sah ein, daß dies unter allen Umständen am besten sei. Wenn du meinst, erwiderte er, laß uns gehen, sobald du willst. Sie atmete erleichtert auf: Wie gut du bist! rief sie in herzlichem Ton. Ich ziehe nur schnell mein Reisekleid an und bin gleich wieder bei dir. Warte auf mich in deinem Zimmer; wenn wir beide fertig sind, lassen wir die Mutter rufen. Sie winkte ihm freundlich zu und eilte, ohne Rücksicht auf ihre prachtvolle Schleppe, hastig davon. Er blickte ihr nach, zwar mit umdüsterter Stirn aber doch voll inniger Gefühle. Was lag denn im Grunde daran, wenn ihr Wesen ihm für jetzt noch unerklärlich blieb? Es bezauberte ihn ja so sehr, daß er den Reiz ihrer Blicke und Worte nicht hätte missen mögen. So schmerzlich es ihm war, sie leiden zu sehen, hatte denn nicht vielleicht gerade ihre Krankheit sie weniger stolz und unnahbar gemacht? Nachdem sie in ihrem Zimmer verschwunden war, sah er sie bald darauf wieder verstohlen herausschleichen, sich sorgfältig nach allen Seiten umschauen und dann mit Hut, Reisekleid und Tasche in der Hand schnell in ein daneben gelegenes Zimmer schlüpfen. Jetzt fiel ihm ein, daß er sich reisefertig machen müsse, aber ein Umstand setzte ihn in Verlegenheit. Er hatte weder Geld noch Reisekoffer mitgebracht, auch stand ihm kein Wagen zur Verfügung, da er ja auf der Eisenbahn hergekommen war. So blieb ihm nichts übrig als Frau Gretorex zu bitten, für ihn anspannen zu lassen. Dies war nicht angenehm, aber immerhin nur eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Angst und Not, die hinter ihm lag. Er beschloß, die Sache leicht zu nehmen und schritt sofort zur Ausführung. Auf die Meldung hin, daß er genötigt sei, früher als beabsichtigt mit seiner Gattin abzureisen und um einen Wagen zu bitten, erschien Frau Gretorex in eigener Person. Nach mancherlei Einwendungen willfahrte sie schließlich seinem Wunsche, obgleich sie mit den veränderten Plänen keineswegs einverstanden war. Es wäre gewiß noch zu vielen Erörterungen gekommen, hätte nicht das Erscheinen Genofevas im Reiseanzug dem Zwiegespräch ein Ende gemacht. Sie stutzte, als sie die beiden beisammen sah, und setzte betroffen ihre Handtasche nieder. Bald aber gewann sie die Fassung wieder und näherte sich mit sorgloser Miene. Es ist schade, daß wir so bald fort müssen, Mama, sagte sie, natürlich wären wir gern geblieben. Aber jener Schrei hat mich entsetzlich erschreckt, ich kann mich noch nicht davon erholen; wir möchten lieber abreisen, solange ich mich noch stark genug dazu fühle. Entschuldige uns bitte, wir sehen uns ja sehr bald wieder. Frau Gretorex antwortete nicht; sie war mit dem Kleid ihrer Tochter beschäftigt. Noch nie hat dir ein olivenfarbenes Kleid so gut gestanden, sagte sie, während Genofeva sich ungeduldig abwandte. Die neue Schneiderin ist wirklich sehr geschickt; alles, was sie gemacht hat, sitzt ganz vortrefflich. Selbst Madame Dubois versteht es nicht besser. Du hast eine viel schönere Figur, siehst weit stattlicher und voller aus als sonst. Kurz, das Kleid hat meinen ganzen Beifall. Die junge Frau errötete, als sei solche weibliche Eitelkeit besonders im Augenblick des Abschieds durchaus nicht nach ihrem Sinn. Doch erwiderte sie kein Wort, sondern reichte der Mutter nur die Lippen zum Kusse, in jener kühlen förmlichen Art, die Kameron schon bekannt war. Auf Wiedersehn, Mama, murmelte sie, grüße auch Papa von mir. Ich – aber wo ist Peter? Er muß meinen Koffer hinuntertragen. Peter kommt gleich. Auf Wiedersehn, Herr Schwiegersohn. Bringen Sie mir mein Kind gesund und froh zurück! rief Frau Gretorex und winkte den beiden voranzugehen. Aber die junge Frau zögerte noch. Ich will hier warten, bis Peter den Koffer holt, erklärte sie und verharrte bei diesem Entschluß, obwohl ihr Gatte sie bat, hinunterzukommen, da jetzt gerade wenig Leute im Hausflur seien. Als Peter erschien, ging sie selbst mit ihm in das Zimmer, zeigte ihm den Koffer, der schon zugeschnallt dicht an der Tür stand und sah zu, wie er ihn hinaustrug. Wo sind nur alle Dienstmädchen? meinte Frau Gretorex unzufrieden, ich will doch lieber dein Zimmer gleich abschließen. Oh, das hat Zeit bis nach unserer Abreise, rief die junge Frau, die Mutter zur Treppe begleitend. Als ihr schweres Schleppkleid vor ihnen über die Stufen rauschte, nahm sie Doktor Kamerons Arm und ließ sich von ihm hinabführen. Wir wollen so unbemerkt wie möglich verschwinden, flüsterte sie. Aber schon hatte sich die Nachricht von der bevorstehenden Abreise verbreitet. Die Neuvermählten sahen sich von Freunden umdrängt, die ihnen unter Lachen und Scherzen ihr Lebewohl zuriefen. Genofeva erwiderte freundlich Wort und Gruß, doch glaubte ihr Gatte zu bemerken, daß ihr Blick unverwandt auf der Gestalt ihrer Mutter ruhte, deren Bewegungen sie unablässig mit den Augen folgte. Endlich war der Abschied vorüber. Sie standen draußen am Wagenschlag. Nun sind wir glücklich so weit, rief der Doktor. Ich muß nur noch Peter etwas sagen, entgegnete sie, trat schnell auf den alten Diener zu und drückte ihm dankend ein Abschiedsgeschenk in die Hand. Peter verbeugte sich und eilte ins Haus. Sie warf noch einen Blick zurück; ihr Gatte glaubte sie seufzen zu hören, dann wandte sie sich und stieg rasch ein. Der Doktor folgte ihr, schlug die Tür schallend zu und der Wagen rollte davon. Plötzlich fühlte der junge Ehemann, wie das Haupt seiner Gattin ihm schwer auf die Schulter sank. Er blickte ihr ins Gesicht und erkannte, daß sie in Ohnmacht gefallen war. Sechstes Kapitel. Nachdem Gryce von der Herrin des Hauses auf so schnöde Weise entlassen worden war, befand er sich in höchst niedergeschlagener Stimmung. Der Irrtum, den er begangen, wurmte ihn gewaltig. Er hatte nicht nur dem Manne, welchem er dienen wollte, ganz unnütz die peinlichsten Gemütsbewegungen bereitet, sondern auch sich selbst lächerlich gemacht. Bei der Behutsamkeit, mit der er stets verfuhr, bei seiner Schlauheit und Umsicht war ein so vollständiges Mißlingen wie in diesem Fall wirklich ganz unerhört. Ja, ja, ich werde alt, seufzte Gryce mit bitterm Lächeln, während er sich einen Ausweg durch die festlich geschmückte Menge suchte, welche in der Vorhalle und auf der untern Treppe hin- und herwogte. Auf einmal schien er sich jedoch eines andern zu besinnen; anstatt weiterzugehen, wählte er sich einen Standpunkt dicht an der Wand, wo er, ohne selbst bemerkt zu werden, den ganzen Schauplatz überblicken konnte. Bin ich einmal bei dieser vornehmen Hochzeit, murmelte er für sich, so will ich wenigstens die Braut sehen. Ich muß wissen, ob sie dem Bilde noch ähnlicher sieht als jenes Mädchen. Ist das nicht der Fall, so trägt der Photograph einen Teil der Schuld, und ich brauche mich noch nicht für ganz altersschwach zu halten. Es währte nicht lange, bis die ersehnten Klänge des Hochzeitsmarsches ertönten. Es wurde Platz gemacht, um Herrn und Frau Gretorex durchzulassen, dann, nach einer ungewöhnlich langen Pause, sah man, dem sonstigen Herkommen entgegen, Braut und Bräutigam zusammen die Treppe herunterschreiten. Sie kamen so nahe an der großen Standuhr vorbei, daß der Schleier der Braut den Detektiv streifte; unbemerkt entfernte er sich, sobald das Paar die Schwelle des Hochzeitssaals betrat. Gryce hatte keines zweiten Blickes bedurft, um sich zu überzeugen, daß dieses bleiche, stolze Weib das wirkliche Original des Bildes sei, so sprechend war die Aehnlichkeit der Züge und des Ausdrucks. Kein Zweifel mehr, er hatte sich getäuscht. Langsam und trübselig schlich er aus dem Hause, die eisbedeckten, schlüpfrigen Stufen hinab und bog gerade um die Ecke, als er jenen rätselhaften Schrei vernahm, welcher unter der Hochzeitsversammlung so große Bestürzung hervorbrachte. Dem Draußenstehenden schien er aus einem der obern Stockwerke des Hauses zu kommen, aber als der Detektiv zu den Fenstern emporblickte, konnte er nichts Auffälliges entdecken. Er war nicht in der Stimmung, sich auf nähere Forschungen einzulassen, auch maß er der Sache keine Wichtigkeit bei; der unheimliche Ton erschien ihm nur wie eine Art Echo seiner eigenen schwermütigen Gedanken. Sein Weg führte ihn in gerader Richtung nach der inneren Stadt. Bei der 125. Straße stieg er in die Stadtbahn, die er in der 32. Straße wieder verließ. Offenbar war es ihm noch zu früh, nach Hause zu gehen. Kurz entschlossen begab er sich geradeswegs nach dem C-Hotel. Nun, hat die Hochzeit stattgefunden? wandte er sich zu dem Angestellten, der noch im Bureau beschäftigt war. Dieser sah lachend auf. Nein, entgegnete er, es ist nichts daraus geworden. Die Braut ist durchgegangen. Was? rief Gryce in scharfem Ton. Sie hat sich davongemacht, ohne auf den Pfarrer zu warten; verdenken kann ich's ihr nicht, daß sie mit dem griesgrämlichen Molesworth nichts zu tun haben wollte. Was Sie nicht sagen! Es ist erstaunlich. Um wie viel Uhr denn? Lange nach unserm Weggang? Höchstens ein paar Minuten. Sie waren noch keine halbe Stunde fort, da kam schon der ungeduldige Bräutigam und der Herr Pfarrer Preiß hintendrein. Aber sie hatten das leere Nachsehen, sie war schon eine ganze Weile fort. Hat denn jemand sie weggehen sehen? Nur der Laufbursche. Und sie hat keine Botschaft hinterlassen? Doch; auf dem Tisch lag ein Brief. Molesworth hat ihn an sich genommen. Sonderbar, was heute alles geschieht. Nun, was sagte denn dieser Molesworth – wie Sie ihn nennen – dazu? Was weiß ich? Sehr glückstrahlend sah er auch vorher schon nicht aus und wenn einer grimmig wird, dem man so mitspielt – wer will's ihm verargen? Der Pfarrer zur Stelle und die Braut verschwunden! Mir selbst war's ordentlich peinlich, und erst das Zimmermädchen – ich glaube, sie hat Tränen vergossen, weil ihr das gute Trinkgeld entging, auf das sie gehofft hatte. Waren Sie denn auch mit im Zimmer? Nein, ich wußte von der ganzen Sache nichts, bis Molesworth herunterkam, das Zimmer bezahlte und mir mitteilte, daß die Hochzeit heute nicht stattfinden werde; die junge Dame wolle lieber warten, bis ihre Familie zugegen sein könne. Eine gute Ausrede, nicht wahr? Aber ich will wetten, daß sie ihm den Laufpaß gegeben hat. Er ließ sich zwar nichts merken und sprach ganz gelassen, aber sein Blick war furchtbar. Das läßt sich denken, warf Gryce ein. Tragisch schien er es gar nicht aufzufassen. Selbst als er den Brief des Mädchens hier an der Gasflamme verbrannte, blieb er ganz ruhig. Verbrannt hat er ihn! Bis auf die letzte Spur. Dann ging er fort. Wirklich höchst sonderbar, meinte Gryce kopfschüttelnd. Er verließ das Bureau, trat einige Häuser weiter in einen Krämerladen und suchte im Wohnungsanzeiger nach einer Adresse. Schlafen kann ich doch nicht, dachte er, da will ich mir lieber eine Kurzweil machen. Eine solche Verwickelung kommt nicht alle Tage vor und ein Detektiv muß die Gelegenheit ausnützen. Gryce stieg die Treppe des vierstöckigen Backsteinhauses hinauf, an dem sich ein Doktorschild befand. Eine sauber gekleidete Frau mittleren Alters öffnete ihm auf sein Klingeln. Ist der Herr Doktor zu Hause? Sie blickte auf eine Tafel, die in der Hausflur am Nagel hing, schüttelte den Kopf und erwiderte: Heute ist er nicht zu sprechen; er kommt erst morgen zurück. Und ich bin so krank und komme von weit her, klagte der Detektiv mit trübseliger Miene. Wenn ich meinen Anfall habe, kann mir nur Opium helfen, und man gibt mir's nicht in der Apotheke ohne eine Verschreibung vom Doktor. Ich glaubte, so spät würde ich ihn treffen; ich weiß zwar, er wird nächstens heiraten, aber jetzt kann er doch unmöglich noch bei seiner Braut sein. Heiraten! Doktor Molesworth – das muß wohl ein Irrtum sein, rief die Frau voll Verwunderung. O nein, ich weiß es von einem seiner Bekannten. Die Neugier der Frau war rege geworden, und da sie zudem mit dem leidenden Herrn Bedauern hatte, sagte sie: Wärmen Sie sich doch ein wenig im Wohnzimmer, ehe Sie fortgehen, ich muß noch aufsitzen, da ich zwei meiner Kostgänger zurückerwarte. Außer dem Doktor vertraue ich niemand den Hausschlüssel an; eine Zimmervermieterin wie ich muß auf Ordnung halten. Als der kranke Herr am wärmenden Ofen saß, in dem ein helles Feuer knisterte, fragte ihn die freundliche Wirtin angelegentlich, ob er denn auch gehört habe, wen Doktor Molesworth zu heiraten gedenke. Der Name ist mir entfallen, erhielt sie zur Antwort; ich bin zu alt, um mich für Liebesgeschichten zu interessieren, auch sind für mich die Mädchen alle gleich – bis auf eine , fügte er mit wohlgefälligem Lächeln hinzu und zog eine Photographie aus der Tasche, die er zärtlich betrachtete. Wohl Ihre Tochter? Meine Enkelin, war die stolze Erwiderung. Sie beugte sich neugierig vor, um das Bild zu sehen. Du meine Güte, rief sie, das ist ja Mildred Farley. Mildred Farley? wiederholte er in überraschtem Ton. I bewahre, es ist Johanna Hartlieb. Zeigen Sie doch her, rief sie, und Gryce händigte ihr bereitwilligst das Bildnis von Genofeva Gretorex ein, hoch erfreut, daß sein Kunstgriff so wohl gelungen war. Die gute Frau kannte also jene Mildred Farley, die offenbar der Genofeva Gretorex zum Verwechseln ähnlich sah. Kein Zweifel mehr, Mildred mußte das Mädchen sein, das auch er für das Original des Bildes gehalten hatte. Um ihr Schicksal weiter zu verfolgen, war er ja noch zu so später Nachtstunde hergekommen, in der Hoffnung, womöglich ihren Namen und Wohnort zu erfahren. Die Frau schüttelte verwundert den Kopf. Wie doch diese Photographien trügen, sagte sie. Ich hätte darauf geschworen, daß es Mildreds Gesicht ist, aber jetzt sehe ich wohl, sie trägt ihr Haar ganz anders und hat weit bessere Kleider an als Mildred je welche besaß. Sonst ist sie's aber, wie sie leibt und lebt. Ich möchte dies Fräulein – Fräulein – Hartlieb, half der Detektiv aus. Ich möchte sie wirklich einmal mit Mildred zusammen sehen. Sie konnte sich kaum von dem Anblick des Bildes losreißen und sagte endlich: Könnte ich es nur Mildred einmal zeigen. Das war gerade, was Gryce wünschte. Warum nicht? entgegnete er, wenn sie nicht zu weit wohnt; vielleicht ginge es heute abend noch. Sie wohnt bei mir im vierten Stock und ist Schneiderin. Das arme Ding sitzt oft bis tief in die Nacht hinein bei der Arbeit. Wäre sie da, ich würde sie gewiß noch wach finden, aber sie ist auf ein paar Tage verreist zu ihrer Erholung. Sie wollte heute nachmittag zurückkommen, doch habe ich nichts von ihr gesehen. Ich hoffte immer, aus Doktor Molesworth und ihr würde noch ein Paar werden: er solch ein tüchtiger Mensch und sie ein so reizendes Mädchen! Vielleicht ist sie es, die er heiraten will. Bewahre, sonst hätten sie mir's gesagt; ich habe ihnen ja so oft zugeredet, und sie wissen beide, wie lieb es mir wäre. Noch kann ich's überhaupt nicht glauben, daß der Doktor die Absicht hat. – Aber Marie, was gibt's denn noch heute Abend? Das Dienstmädchen, das an der Tür erschien, schrak zurück, als es des fremden Besuchers ansichtig ward. Die Frau eilte auf den Gang hinaus und kam gleich darauf mit einem Papier in der Hand wieder zurück. Ist nur so etwas erhört, rief sie, da hat Doktor Molesworth eigenhändig ein Briefchen für mich zurückgelassen, und die Marie vergißt es mir zu geben. Was kann er nur wollen? Ihr wachsendes Erstaunen, während sie die wenigen Zeilen des Briefes las, gipfelte in dem freudigen Ausruf: Welches Glück, es ist doch Mildred und keine andere. Er schreibt, die Hochzeit finde heute statt, und morgen bringe er sie heim. Kein Wort haben sie mir davon gesagt und wissen doch, wie gern ich sie beide habe. Da werd' eine andere klug daraus! Während sie in ihrem Selbstgespräch fortfuhr und sich vor Freuden kaum zu fassen wußte, band Gryce sein Halstuch wieder um und begann sich zum Aufbruch zu rüsten. In diesem Augenblick fuhr unten ein Wagen vor. Ich glaube wahrhaftig, sie kommen, rief die Wirtin. Kaum aber hatte sie einen Blick zum Fenster hinausgeworfen, als sie erschreckt zurückprallte und in heftiger Aufregung nach der Treppe stürzte. Gryce, der sich noch rechtzeitig daran erinnerte, daß er nicht aus seiner Rolle fallen dürfe, blieb in matter und hinfälliger Haltung in einer Ecke stehen. Schon vernahm er Stimmen auf dem Flur, und sein sonst so unerschütterlicher Gleichmut drohte ihn zu verlassen, als er gleich darauf zwei Männer eintreten sah, welche eine schwere Bürde trugen, den anscheinend leblosen Körper eines jungen Mädchens. Einer der Träger mußte wohl Doktor Molesworth sein, dem Aeußern nach zu urteilen. Die Wirtin folgte ihnen händeringend und schluchzend. Mildred, Mildred, du armes Kind, jammerte sie, was ist mit dir geschehen! Jetzt hatten die Männer ihre traurige Last auf das Sofa niedergelegt; die Frau zog hastig den Mantel hinweg, der das Gesicht verhüllte. Um Gotteswillen, Herr Doktor, wie bleich sie ist, wie kalt; liegt sie nur in Ohnmacht oder ist sie – Tot, kam es in tiefem erschütterndem Ton von seinen Lippen. Der durchdringende Blick, den er dabei auf die Frau richtete, entging dem unbemerkten Zuschauer nicht. Aber wie ist es geschehen? Was hat das arme Mädchen umgebracht und gerade an dem Abend, da sie Ihr Weib werden sollte?! Der Doktor stand mit übereinandergeschlagenen Armen neben der Wirtin und schaute auf die stillen, regungslosen Gesichtszüge. Dem wachsamen Detektiv waren sie wohlbekannt, und das blaue Kleid, das die starre Gestalt umhüllte, nicht minder. Wollen Sie es wissen? fragte Molesworth, der Frau abermals forschend und gespannt ins Gesicht blickend. Ich will es Ihnen sagen: Sie hat dieses Hochzeitsfest demjenigen vorgezogen, das ich ihr bereiten wollte. Darauf wandte er sich zu seinem Gehilfen: Sie können nichts weiter hier tun, sagte er, das übrige ist meine Sache. Der Leichenbeschauer wird wohl bald hier sein und – Wer aber sind Sie ? redete er einen kleinen, schmächtigen Mann an, der gerade in der Tür erschien, als sich der Gehilfe entfernte. Ich bin Geheimpolizist, Herr – erwiderte jener. Im Begriff, weiterzureden, ward er jedoch Gryce gewahr, erkannte in ihm einen Vorgesetzten und schwieg verwirrt. Gryce selbst hatte indessen den jungen Menschen kaum beachtet, so sehr war seine ganze Aufmerksamkeit auf den Doktor gerichtet, der sich bei dem Worte »Geheimpolizist« plötzlich abwandte, offenbar um seine Ueberraschung zu verbergen. In einem ihm gegenüberhängenden Spiegel aber erspähte der schlaue Gryce auf Molesworths Gesicht einen solchen Ausdruck der Angst und des Schreckens, daß er innerlich seine Neugier pries, die ihn zu so entscheidender Stunde in dies Haus gefühlt hatte. Als der Doktor sich gleich darauf an den Eindringling wandte, war jede Spur einer Gemütsbewegung aus seinen Zügen verschwunden. Was hat denn die Geheimpolizei hier zu schaffen? fragte er streng. Das Fräulein hat Gift genommen und ist tot. Ich habe den gerichtlichen Leichenbeschauer davon in Kenntnis gesetzt und – Verzeihen Sie, entgegnete der andere ehrerbietig, von diesem komme ich gerade her. Er läßt Ihnen sagen, er könne nicht vor morgen früh zur Totenschau erscheinen; um Ihnen jede Unbequemlichkeit zu ersparen, schickt er mich her, bei der Leiche zu wachen, damit kein unbefugter Eingriff geschieht. Das ist so üblich; ich habe das Amt schon öfters versehen. Niemand darf die Leichenwache bei dem armen toten Mädchen halten als ich, fiel hier die Wirtin entrüstet ein. Kein fremder Mann soll in ihre Nähe kommen. Ist sie auch nicht mit mir verwandt, so habe ich sie doch lieb gehabt, und Doktor – wenn Sie ihr Andenken nur im geringsten ehren wollen, so schicken Sie den Menschen weg. Molesworth hatte Mühe, der bitterlich weinenden Frau begreiflich zu machen, daß bei gewaltsamen Todesfällen die Leichenschau dem Gesetz gemäß sobald als möglich gehalten werden müsse. Trete eine Verzögerung ein, so dürfe sich niemand der gerichtlichen Aufsicht widersetzen, selbst nicht die eigene Mutter der Verstorbenen. Auch ich werde hier bleiben, fuhr der Doktor fort. Mir liegt es wahrlich nicht minder am Herzen als Ihnen, daß der Toten alle Ehre erwiesen wird; habe ich sie doch zu meinem Weibe machen wollen. Sichtlich unzufrieden schüttelte die Wirtin den Kopf, erhob aber weiter keinen Einspruch. Molesworth bedeutete dem jungen Polizisten, Platz zu nehmen, wobei er zum erstenmal Gryces Anwesenheit bemerkte. Eben wollte er nach seinem Begehr fragen, als ein Geräusch im Vorsaal entstand, und abermals ein Fremder eintrat. Was suchen Sie hier? fuhr ihn der Doktor grimmig an und eilte an ihm vorbei, um die äußere Tür zu schließen, die aus Versehen offen geblieben war. Der neue Ankömmling, der weit gewandter und selbstbewußter auftrat als der vorige, zog Bleistift und Notizbuch aus der Tasche. Mehr bedurfte es nicht. Molesworth, einen Reporter erkennend, ließ seiner Entrüstung vollen Lauf. Wie können Sie sich unterstehen, hier einzudringen? zürnte er, niemand hat Sie gerufen, dies ist ein Privathaus. Holen Sie sich Ihre Auskunft über den Unglücksfall wo Sie wollen – von mir erfahren Sie nichts. Der junge Mann ließ sich jedoch nicht so leicht einschüchtern. Wünschen Sie, daß ich den Artikel nach eigenem Gutdünken verfasse? fragte er. Ein junges Mädchen aus dieser Stadt ist auf einer Fahrt im Wagen umgekommen. Das Publikum hat ein Recht zu erfahren, wie das geschehen ist. Soll ich sagen mit einem Messer, einem Dolch oder – Schändlich, stieß Molesworth heraus. Sie verdienten für Ihre Zudringlichkeit gezüchtigt zu werden. Wenigstens will ich Sie zwingen, genau die Wahrheit zu berichten, was Sie vielleicht in Ihrem ganzen Leben noch nicht getan haben. Sich zu dem Polizisten wendend, fuhr er fort: Achten Sie darauf, was ich diesem Menschen mitteile; wenn er auch nur ein Wort anders schreibt oder das Geringste hinzufügt zu dem, was er hier hört und sieht, so werde ich Sorge tragen, daß er seine Stelle verliert. Dies ist keine müßige Drohung. Ich weiß, für welche Zeitung er schreibt und kenne den Herausgeber. – Also hören Sie: Dies Fräulein, Mildred Farley mit Namen, sollte heute abend mit mir getraut werden, und zwar, da sie sich nicht wohl fühlte, in aller Stille in einem Hotel – sie ist eine Waise und besitzt keine Freunde – verzeihen Sie, Frau Olney, ich hätte sagen sollen, keine näheren Verwandten. Alle Vorbereitungen zu der Feier waren getroffen, aber sie war kränker als sie dachte. Die Fiebersymptome, die ich schon am Nachmittag bei ihr wahrgenommen, steigerten sich rasch nach meinem Weggang. Als ich noch vor der festgesetzten Stunde zurückkam, fand ich sie nicht mehr im Hotel. Sie war geflohen mit Zurücklassung einiger völlig unzusammenhängender Zeilen. In höchster Besorgnis sprang ich in den Wagen und fuhr Straße auf, Straße ab, um sie zu suchen. Natürlich fand ich sie nicht. Mir war inzwischen eingefallen, daß ich versprochen hatte, einem meiner Patienten ein Rezept zu senden, das er nötig brauchte. Ich schickte den Kutscher damit fort und war im Begriff, den Wagen selbst nach Hause zu fahren, als ich in der 22. Straße auf einer Treppenstufe ein Mädchen sitzen sah, das mir bekannt schien. Ich wollte zuerst meinen Augen kaum trauen, aber es war wirklich die Vermißte. Fräulein Farley fieberte heftig und erkannte mich nicht. Ich bin so müde, sagte sie, und ließ ihr Haupt auf meine Schulter sinken, als ich sie aufhob. Zugleich hörte ich ein Klirren, als ob ein Glasfläschchen auf das Pflaster gefallen und zerbrochen wäre, und ein scharfer Geruch von Blausäure verbreitete sich. Aufs äußerste bestürzt, trug ich die Kranke in den Wagen und suchte so schnell wie möglich meine Wohnung zu erreichen. Ihre zunehmende Blässe und ihr Schwächezustand überzeugten mich jedoch bald, daß der Tod nicht fern sei. Ich hielt vor einer Apotheke und bat den Gehilfen, mir beizustehen, das Fräulein in den Laden zu tragen. Als ich mit ihm zum Wagen zurückkehrte, war es jedoch bereits zu spät – sie war während meiner kurzen Abwesenheit gestorben. Entsetzlich! rief die Wirtin, und selbst der gefühllose Berichterstatter schaute verwirrt und beschämt darein. Wo sie das Gift hergenommen, fuhr der Doktor fort, muß noch erwiesen werden; ohne ärztliche Verschreibung hätte sie es sich nicht verschaffen können, und von mir hat sie keines erhalten. Und ist das alles, was Sie mir mitteilen wollen? Sie haben genug für Ihren Artikel, entgegnete der Doktor kurz, das übrige kommt später. Damit mußte sich der Reporter zufriedengeben. Nachdem jener fort war, kam die Reihe an Gryce. Und wer sind Sie? fragte Molesworth. Der alte Mann schien vor Schwäche zu zittern. Ich hatte so arge Schmerzen, sagte er; aber jetzt will ich nach Hause. Ist wohl jemand so gut, mir die Treppe hinunter zu helfen? Schmerzen? fragte der Doktor, der durchaus nicht hartherzig war, was fehlt Ihnen denn? Ich leide an Magengicht und wollte mir Opium holen, aber ich kann nicht länger warten. Zu Hause ist man gewiß besorgt um mich; auch geht es mir schon etwas besser. Das klang so natürlich, daß Doktor Molesworth keinen Argwohn hegte und ihm freundlich den Arm bot. Wer der junge Polizist war ihm zuvorgekommen. Lassen Sie mich das besorgen, bat er gutmütig und dienstfertig. Ich habe nichts anderes zu tun und weiß mit alten Leuten umzugehen. Er nickte seinem Vorgesetzten vertraulich zu und geleitete ihn sorglich hinaus. Kaum aber hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, so flüsterte er rasch: Haben Sie Befehle für mich? Ist hier etwas nicht in Ordnung? Halten Sie die Augen offen und beobachten Sie alles, selbst die geringste Kleinigkeit, aber lassen Sie sich nichts anmerken! lautete die ruhig aber mit Nachdruck erteilte Weisung. Vielleicht werde ich einen andern an Ihre Stelle schicken müssen, da man hier weiß, wer Sie sind. Sie hatten die Haustür erreicht. Gryce setzte draußen seinen Weg langsam und sichtlich ermüdet fort. Nicht alle seine Schmerzen und Nöte an diesem Abend waren bloß äußerer Schein gewesen: er fühlte sich wirklich angegriffen. Siebtes Kapitel. Es war Gryce unmöglich, den Ausdruck des Schreckens zu vergessen, den er in jenem unbewachten Moment in Doktor Molesworths Blicken erspäht hatte. Der Sache näher auf den Grund zu gehen, verlangte schon seine Pflicht als Detektiv. Am nächsten Morgen suchte er den Coroner In Amerika und England der Beamte, der bei verdächtigen Todesfällen die sofortige Untersuchung zu leiten hat.] auf, der noch nicht lange von der Totenschau zurückgekehrt war. Er teilte ihm mit, daß ihn die Neugier oder eine Art Instinkt am Abend zuvor in das bewußte Haus geführt habe und erkundigte sich bei dem ihm wohlbekannten Doktor Braun nach den Ergebnissen seiner Untersuchung. Was Molesworth dem Coroner gegenüber in betreff des Vorgangs ausgesagt hatte, stimmte genau zu seinen Angaben vom vorigen Abend. Und doch, meinte Gryce, habe ich in seinem Gesicht etwas gelesen, was mich an der Glaubwürdigkeit seines Berichts zweifeln laßt. Sie überraschen mich; es ist Ihnen doch kein Verdacht aufgestiegen? Bis jetzt ist alles nur Mutmaßung; aber es sind Nebenumstände vorhanden, die – Sie müssen nämlich wissen, daß ich das Mädchen gestern nachmittag im C–Hotel gesehen habe. Ich beobachtete sie, von ihr selbst unbemerkt, als sie sich ganz allein glaubte – ich hatte meine Gründe dazu, die aber nicht hierher gehören. Damals fühlte sie sich allem Anschein nach froh und glücklich, jedenfalls war an ihrem Aeußern keine Spur einer Krankheit erkennbar. Sehr auffallend, das muß ich sagen. Hören Sie weiter: drei oder vier Stunden später begab ich mich abermals in das Hotel. Ich hatte jene Mildred Farley irrtümlicherweise für eine andere Person gehalten, welcher sie sehr ähnlich sah und wollte mir darüber Gewißheit verschaffen. In Begleitung eines Zeugen, dessen Aussagen jedoch für Sie keinen Wert haben, nahm ich meinen Beobachtungsposten wieder ein. Mit dem Mädchen war augenscheinlich eine große Veränderung vorgegangen. Aber Krankheit hielt ich nicht für die Ursache dieser jähen Umwandlung, denn aus ihren Mienen und Geberden sprach Jammer und wilde Verzweiflung, nicht körperliches Leiden oder Geistesstörung. – Was konnte ihr zugestoßen sein? – Ich erfuhr, daß inzwischen eine Unterredung zwischen ihr und Doktor Molesworth stattgefunden habe. Bei dieser muß etwas zur Sprache gekommen sein, was ihr Glück und ihre Hoffnung auf immer zerstört hat. Anstatt den Bräutigam zur Trauung zu erwarten, ergriff sie die Flucht. Sie entfernte sich aus dem Hotel, ohne Aufsehen zu erregen. Der Laufbursche, der sie hinausgehen sah, sagt aus, sie habe sich nicht wie eine Fieberkranke geberdet, sondern sei mit ihrer kleinen Tasche am Arm ruhig ihres Weges gegangen; ihr Gesicht habe sie mit einem Schleier von dunkelbrauner Farbe verhüllt. Diesen braunen Schleier will auch das Dienstmädchen bei ihr im Zimmer bemerkt haben; das ist abermals ein wichtiger Umstand, denn, beachten sie es wohl: der Schleier, der an ihrem Kleide hing, als sie in Frau Olneys Wohnstube getragen wurde, war hellgrau – der Beschreibung nach ein ganz anderer als der, welchen sie beim Verlassen des Hotels getragen. Sie muß also inzwischen noch an einem andern Ort gewesen sein. Wo? Das ist eine von den Fragen, für die wir noch die Antwort zu suchen haben. Und dann das Gift? – Von Molesworths Wohnung ging ich gestern abend durch die 22. Straße und fand vor einem der Häuser zwischen der Fünften und Sechsten Avenue ein zerbrochenes Fläschchen, das stark nach bittern Mandeln roch. Das stimmt also zu seiner Geschichte. Der Zettel aber mit der Aufschrift, wie ihn jeder Apotheker aufklebt, war abgerissen oder vielmehr mit dem nassen Finger von dem Fläschchen abgerieben worden. Ich habe die Glasstücke hier; sehen Sie, es sind noch einige Papierfetzen daran. Ja wohl, und daraus schließen Sie – Daß besondere Vorsicht beobachtet worden ist. Solche Vorsicht paßt aber nicht zur Annahme eines Selbstmords, mag derselbe mit oder ohne Vorsatz begangen worden sein. Da können Sie recht haben. Dazu kommt noch der Umstand:, Molesworth sagt aus, er habe sie auf der Treppenstufe sitzen gefunden. Nun sah ich aber, daß der leichte Schnee, der darauf lag, keine Spur davon zeigte, doch ist es nicht unmöglich, daß der Wind sie in der Zwischenzeit verweht hat. Jedenfalls hätte ihr Kleidersaum feucht sein müssen. Das war jedoch nicht der Fall, wie ich von dem Polizisten Harrison weiß, den ich vorhin einen Augenblick sprach. Sie haben keine Zeit verloren zwischen gestern abend und heute früh, das muß ich gestehen. Haben Sie noch mehr zu berichten? Ich bin fast zu Ende, doch möchte ich Sie noch bitten, mit mir Fräulein Farleys Handtasche zu öffnen. Sie wissen, sie trug eine am Arm, als sie das Hotel verließ. Gryce zog bei diesen Worten unter seinem Rock eine schwarze Ledertasche hervor, die auf der einen Seite mit zwei bronzenen Buchstaben, einem M und einem F verziert war. Wie sind Sie denn in den Besitz der Tasche gekommen? Ei, sie war im Wagen liegen geblieben. Als ich gestern abend das Haus verließ, stand der Wagen – ein leichtes Kabriolet – noch vor der Türe, und da ich vermutete, Sie würden ein Interesse daran nehmen, das Innere desselben zu besichtigen, wo nach Molesworths Aussage das Mädchen starb, so nahm ich das Gefährt in Beschlag und brachte es, ohne von jemand angehalten zu werden, glücklich in einer nahegelegenen Stallung unter. Jetzt hat es ein Polizeibeamter meines Bezirks in Verwahrung. In der Handtasche, deren Besichtigung die beiden Männer nun vornahmen, befanden sich verschiedene Toilettengegenstände und etwas Wäsche, jedoch weder ein Brief noch sonst etwas Schriftliches. Gryce machte eine Liste von allen einzelnen Artikeln. Was für Zeugen wären denn noch zu ermitteln? fragte der Coroner; die Apothekergehilfen zum Beispiel. Ich habe sie bereits gesprochen. Sie bestätigen Molesworths Angaben: er hielt vor der Tür, trat in den Laden und bat um Beistand. Sie folgten ihm hinaus, aber da kam er schon zurückgestürzt mit dem Ruf: Zu spät, sie ist bereits tot. Im Wagen lag das arme Mädchen zusammengekrümmt und leblos. Die jungen Leute dachten natürlich nicht daran, die Hand der Toten zu berühren, um zu sehen, ob sie schon kalt sei. Sie kannten den Doktor, glaubten seinem Wort und waren nur bemüht, ihm in seiner furchtbar peinlichen Lage beizustehen. Dem einen trug er auf, Sie, Herr Doktor, mittelst Telephon von dem Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen, der andere, Herbert Schwarz mit Namen, begleitete ihn nach seiner Wohnung und half ihm die Leiche hinauftragen. – Auch bei dem Pfarrer war ich, erfuhr jedoch nichts Neues. Aber der Kutscher, den er mit dem Rezept zu einem Kranken geschickt haben will? Seine Aussage wäre gewiß nützlich. Mit dem habe ich fast eine Stunde verloren. Er ist ein verdrossener, störrischer Mensch und wollte nicht mit der Sprache heraus. Was ich von ihm erfuhr, stimmt indessen mit Molesworths Bericht überein. Der Doktor hatte ihn in das E–Hotel bestellt, um den Pfarrer Preiß nach der Trauung zurückzufahren. Dort traf er aber nur seinen Herrn, der ihm sagte, die Hochzeit werde nicht stattfinden, dann in den Wagen stieg und ihm winkte, an seiner Seite Platz zu nehmen. Sie fuhren durch mehrere Straßen, bis der Doktor plötzlich halten ließ und ihm ein Papier einhändigte, mit der Weisung, es so schnell wie möglich zu Herrn Monroe in die 73. Straße zu tragen. Von dort war er eben zurückgekehrt, als ich bei ihm vorsprach. Seinem Zeugnis traue ich nicht recht, es kommt mir verdächtig vor; zwar blieb er genau bei seiner Aussage, trotz meiner Kreuz- und Querfragen, doch schien mir's, als habe er große Furcht vor seinem Herrn und sei nicht offenherzig. Da steckt scheint's etwas dahinter, meinte der Beamte. Noch einen andern Punkt möchte ich hervorheben: Molesworth sagt, daß er durch mehrere Straßen gefahren sei, um seine Braut zu suchen. Bei diesem Suchen und auch nachher, als er Fräulein Farley in so elendem Zustand gefunden, kann er unmöglich schnell gefahren sein. Als ich aber das Pferd nach der Stallung fuhr, bemerkte ich, daß es ganz müde und abgehetzt war, gerade als habe es eine weite Strecke in rasender Eile zurückgelegt. Ein merkwürdiger Umstand. Sie sehen, Doktor Braun, fuhr Gryce fort, es gibt bei dieser Sache manche ungelöste Frage. Ich habe noch viele Erkundigungen einzuziehen nach des Mädchens Vergangenheit, nach ihrem Aufenthalt während der letzten Tage vor ihrem Tode – die Wirtin sagt, sie sei zu ihrer Erholung verreist gewesen. Alles das erfordert Zeit, ob viel oder wenig, weiß ich noch nicht. Wollen Sie der Wahrheit auf den Grund kommen, so gedulden Sie sich noch eine Weile, bevor Sie die Kommission berufen. Unnütz werde ich die Angelegenheit gewiß nicht verzögern. Nun gut, tun Sie Ihr Möglichstes; ich verlasse mich ganz auf Sie, Herr Gryce. – Achtes Kapitel. Frau Olneys Entrüstung über die Anwesenheit des Detektivs Harrison hatte sich bald gelegt, als sie sah, wie ehrerbietig und rücksichtsvoll sich der junge Mann benahm. Im Verlauf der langen Nachtwache würde es ihm sicher gelungen sein, manches von ihr zu erfahren, was sein Vorgesetzter zu wissen wünschte, aber Doktor Molesworths düstere Gegenwart machte die gute Frau befangen. Dieser saß mit finsterer Miene da, schroff und unzugänglich, sein wachsames Auge, sein scharfes Ohr verhinderte jede vertrauliche Mitteilung. Der Polizist sah sich daher auf seine eigenen Beobachtungen beschränkt, deren Ergebnis recht dürftig ausfiel; nur was er am Morgen über die Beschaffenheit von Fräulein Farleys Kleidung zu berichten hatte, war für Gryce von besonderem Interesse gewesen. Nach der Unterredung mit dem Coroner betrachtete es Gryce als seine erste Aufgabe, sich mit der Vorgeschichte des unglücklichen Mädchens bekannt zu machen. Dies glückte ihm über Erwarten. Frau Olney, welcher er sich zu dem Zweck unter seinem wahren Charakter vorstellte, erzählte ihm ohne Argwohn alles was sie wußte, augenscheinlich befriedigt über den aufmerksamen Zuhörer, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Was sie berichtete, war folgendes: Mildred Farley war eine Waise. Erst vor einem Monat halte sie ihre Mutter verloren, die, seit lange verwitwet, mit der Tochter zusammen das Zimmer im Oberstock bewohnte, welches letztere bis zu ihrem plötzlichen Tode innehatte. Für diese Mutter, eine höchst anziehende aber kränkliche Frau, von zurückhaltendem stillem Wesen, in deren schwermütigen Augen eine lange Geschichte von Liebe und Herzeleid zu lesen stand, hatte die Tochter ganz gelebt. Mildred vergötterte sie, brachte ihr jedes Opfer und arbeitete von früh bis spät, um sie nicht nur vor Mangel zu schützen, sondern ihr auch die kleinen Annehmlichkeiten des Lebens zu verschaffen, an die sie gewöhnt war. Damit Frau Farley nicht die frühern bessern Tage allzu schmerzlich vermisse, hatte die Tochter einen Beruf erwählt, der offenbar nicht im Einklang mit ihrer seinen Erziehung und geistigen Fähigkeit stand, sich aber bei angestrengter Arbeit als lohnend erwies. Auch nach ihrer Mutter Tode ließ Mildred in ihrer emsigen Tätigkeit nicht nach, obgleich sie sich nun mehr Erholung hätte gestatten können. Vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein war sie beschäftigt, ein prächtiges Kleid nach dem andern zu vollenden. Frau Olney zerbrach sich vergebens den Kopf, was dieser rastlose Fleiß zu bedeuten habe. Sie hätte gern Mildreds Zukunft gesichert gesehen und hoffte und wünschte, sie möchte über kurz oder lang ihr Geschick mit dem des Doktors vereinigen. Die beiden jungen Leute sahen sich täglich am Mittagstisch und standen allem Anschein nach auf freundschaftlichem Fuße miteinander, aber weder des Arztes zerstreutes, verschlossenes Wesen, noch Mildreds gleichförmige Höflichkeit ließ darauf schließen, daß sich der Herzenswunsch der fürsorglichen Frau erfüllen sollte. Das junge Mädchen schien durchaus nicht mit Heiratsgedanken umzugehen. Daß sie ihre gewohnte Lebensweise unterbrach, um jenen Ausflug zu machen und sich etwas zu erholen, war zu natürlich, um Verwunderung zu erregen. Der Doktor aber hatte in seinen Gewohnheiten und seinem Benehmen nicht das Geringste geändert. So war denn Frau Olney durch die Nachricht von der beabsichtigten Heirat völlig überrascht worden, und das darauffolgende jammervolle Ereignis hatte sie tief erschüttert. Der guten Frau war es unfaßlich, daß dies jugendkräftige, blühende Geschöpf, welchem weder die schwere Pflege noch die harte Arbeit der letzten Monate etwas von seiner Frische hatte rauben können, urplötzlich im Fieberwahn Hand an sich gelegt, einen Selbstmord begangen haben sollte. Es mag sein, schloß sie ihren Bericht, daß so etwas den Menschen überfällt, man weiß nicht wie. Aber solch ein Ende paßt nun einmal ganz und gar nicht zu Mildreds Charakter, soweit ich ihn kenne. Hätte sie den Doktor glühend geliebt oder gehaßt, so wäre mir's vielleicht begreiflich. Davon aber war keine Rede, und wie soll ein frisches, lebensfrohes, junges Mädchen, das gesund ist an Leib und Seele, darauf kommen? – Sie sprach nicht weiter, aber der grimmige Ausdruck um ihren Mund schien Gryce ein deutliches Zeichen, daß Mildred Farleys warmherzige Freundin auf bestem Wege sei, seinen Argwohn zu teilen. In der Hoffnung, durch sie noch andere wichtige Aufschlüsse zu erhalten, begann er ihr eine Reihe Fragen vorzulegen. Wie geschickt er aber auch die Sache angriff, der Erfolg war nur gering. Am Schluß einer stundenlangen Unterredung hatte er etwa folgende Tatsachen erfahren: Das junge Mädchen war in letzter Zeit in betreff ihrer Arbeit sehr zurückhaltend gewesen. Von den vielen schönen Kleidern, die sie im vergangenen Monat angefertigt (die Flicken in ihrem Zimmer lieferten den Beweis dafür) war der Wirtin, welcher sie sonst alles zeigte, kein einziges zu Gesicht gekommen. Im Gegenteil, sie schloß sich damit in ihrem Zimmer ein, bis die Kleider zur Ablieferung fertig waren und trug sie dann selbst in einer großen Pappschachtel fort. Oft kam sie von solchen Gängen erst spät abends heim, was Frau Olney viel Angst und Sorge bereitet hatte. Das Haus ihrer Kundin mochte wohl in einem ganz andern Stadtteil liegen. Diese selbst mußte eine vornehme, reiche Dame sein; sie war öfters bei Mildred zur Anprobe erschienen und jedesmal im Wagen vorgefahren. Wo sich Mildred in den letzten Tagen zum Besuch aufgehalten, wußte weder die Wirtin noch sonst jemand im Hause anzugeben. Krank war sie nicht gewesen, hatte sich überhaupt stets der besten Gesundheit erfreut und, so weit bekannt war, nie einen Arzt gebraucht. Doktor Molesworth, der Frau Farley in ihrer letzten Krankheit behandelt hatte, war dadurch viel mit der Tochter zusammengekommen, aber ohne daß ihr Verhältnis ein vertraulicheres geworden. Sie für ein Liebespaar zu halten, wäre niemand in den Sinn gekommen. Die übrigen Kostgänger hatten sie weder zur Zielscheibe harmloser Spässe und Neckereien gemacht, wie dies bei solchen Gelegenheiten oft vorkommt, noch waren ihre Namen überhaupt im Hause zusammen genannt worden. Ein einzigesmal hatte man sie auf der Treppe miteinander flüstern sehen, aber auch dann nicht etwa in zärtlichem Zwiegespräch, sondern nur wie bei einer geschäftlichen Verabredung. Mit diesen Mitteilungen mußte sich Gryce fürs erste begnügen. Aber Frau Olney war nicht seine einzige Quelle. Als der Coroner sich am Morgen zur Totenschau eingefunden hatte, war in seiner Begleitung eine freundliche ältere Frau erschienen, um die Wirtin bei der Wache am Lager des toten Mädchens abzulösen. Von ihr hoffte Gryce Auskunft über einen Umstand zu erhalten, der ihm sehr wichtig war, denn Frau Roberts, die er sofort erkannte, diente der Geheimpolizei als ein tätiges Mitglied. Sobald er sich mit ihr allein sah, fragte er: Haben Sie meinen Zettel heute früh erhalten? Ja, lautete die Antwort, und Sie haben recht: auf dem Kleid, am Rücken zwischen den Schultern, ist wirklich ein ganz frischer Farbfleck. Gryce atmete tief auf vor innerer Befriedigung. Ist er hell oder dunkel? fragte er, beschreiben Sie ihn mir ganz genau. Ein rötliches Hellbraun, von ganz besonderer Schattierung. Also richtig. Besten Dank; ich bin Ihnen, sehr verbunden. Weiß jemand hier im Hause um den Fleck? Ich glaube nicht. Kann ich Ihnen sonst mit etwas dienen? Nur noch eine Frage: Was halten Sie von Doktor Molesworth? Es ist ein finsterer, trübsinniger Mensch, dem wohl noch etwas anderes auf der Seele drückt, als sein Kummer. Es ist schwer, aus ihm klug zu werden, aber eins ist sicher: verraten wird er nichts, wenn ihn nicht der Richter dazu zwingt. Er hat sich vollständig in der Gewalt, ist stets auf seiner Hut und benimmt sich ruhig und würdig. Ich bin erst so kurze Zeit hier auf dem Posten, aber ich muß sagen, er flößt mir Bewunderung ein. Wirklich? – Da wäre es ja leicht möglich, daß auch andere Frauen die gleichen Gefühle hegten. Versteht sich. – Sein Aeußeres ist zwar dem Auge nicht wohlgefällig, auch zeigt er keine Weichheit des Charakters, keine Schwäche für das weibliche Geschlecht – und doch kann er den Mädchen gefährlich werden. Ich sehe das in seinem Blick und kenne die Weiber. Sie glauben also, daß Mildred Farley durch die Liebe in den Tod getrieben worden ist? Aber der Doktor sagte doch ausdrücklich in meiner Gegenwart, sie habe den Tod der Heirat vorgezogen. Wir sonderbar! – das kann nur Doktor Molesworth aufklären, erwiderte Frau Roberts. Gryce fragte nun noch die Dienstmädchen aus und ließ Mildred Farleys Zimmer öffnen. Dort entdeckte er sichere Anzeichen, daß die junge Schneiderin sich nicht ausschließlich mit ihrer Näharbeit beschäftigt habe. Auf dem Tisch lagen verschiedene Lehrbücher und Hefte, darunter eins mit französischen Sätzen, offenbar von ihrer Hand geschrieben. Gryce riß ein Blatt heraus und steckte es in die Tasche. In tiefen Gedanken verließ er das Haus. Also, dachte er, wie Frau Olney sagt, kam das Mädchen oft erst spät abends nach Haus und zwar nicht immer infolge geschäftlicher Abhaltung, da sie zuweilen Ausflüchte gebrauchte, um sich zu entschuldigen. Wurde Molesworth eifersüchtig, vielleicht nicht ohne Grund und hat er, im Glauben an ihre Untreue, ihr nur den Ausweg gelassen, sich das Leben zu nehmen oder ihre Schuld öffentlich an den Pranger gestellt zu sehen? Oder hat er am Ende – freilich der schwärzeste Verdacht – ihr lieber den Tod gegeben, als sie zu heiraten? Neuntes Kapitel. Der Detektiv setzte seine Nachforschungen unermüdet fort, und erst als er nicht mehr hoffen durfte, selbst noch weitere Tatsachen zu ermitteln, suchte er den Coroner wieder auf. Es war Gryce weder gelungen, ausfindig zu machen, wo das Mädchen die letzten Tage vor ihrem Tode zugebracht hatte, noch für wen die schönen Kleider bestimmt gewesen waren, an denen sie so eifrig gearbeitet hatte. Nun sollte die Gerichtsverhandlung gehalten, und der Bericht darüber in allen Zeitungen bekannt gemacht werden. Vielleicht stand dann doch noch ein Zeuge auf, um Licht in die Dunkelheit zu bringen. Irgend jemand in der Stadt oder Umgegend muß doch wissen, wo sie sich aufgehalten hat, bevor sie den verhängnisvollen Schritt tat, äußerte sich Gryce dem Beamten gegenüber. Darüber, daß die Dosis Gift, die sie genommen, stark genug war, einen schnellen Tod herbeizuführen, ist wohl kein Zweifel? Nein, entgegnete der Coroner, das hat die Sektion erwiesen. Aber die Dosis war doch nicht stark genug, um auf der Stelle zu töten? Darüber sind die Sachverständigen uneins. Als Gryce im Begriff war, sich zu entfernen, hielt ihn der Beamte mit der Frage zurück: Wie verhält es sich denn mit dem Farbfleck? Der Fleck auf dem Wagenkissen ist nur undeutlich, aber der auf ihrem Kleiderrücken ganz frisch, war die Antwort. Sie muß sich an etwas angelehnt haben, was frisch gestrichen war, und vom Kleide hat der Fleck auf den Wagen abgefärbt. Die Farbe ist so eigentümlich, daß man sie leicht wieder kennt, aber ich habe trotz aller Mühe keinen solchen Anstrich entdecken können. Haben Sie auch daran gedacht, daß Molesworths Aermel gleichfalls befleckt sein müßte, wenn er, wie er angibt, die Sterbende in den Wagen getragen hat? Natürlich, und der Fleck ist vorhanden. Nun, dann dürfte des Doktors Geschichte doch wahr sein, meinte der Beamte. Bei dem gerichtlichen Verhör, das tags darauf stattfand, wurden die verschiedensten Zeugen vernommen, und die Untersuchung aufs gründlichste geführt. Dennoch kam nichts zutage, was nicht der Detektiv schon zuvor in Erfahrung gebracht hatte. Auch Molesworths Zeugenaussage ergab nichts Neues, doch waren einige seiner Antworten immerhin bemerkenswert. Auf die Frage, wann und wo er sich mit Fräulein Farley verlobt habe, entgegnete er würdevoll und ohne Rückhalt: Das Fräulein hatte niemals bestimmt gesagt, daß sie mich heiraten wolle, bis ich an dem Morgen des Tages, an dem sie starb, einen Brief von ihr erhielt, der mich aufforderte, nach dem C-Hotel zu kommen, wo sie bereit sei, sich mit mir trauen zu lassen. Zeichen ihrer Zuneigung hatte ich wohl schon früher erhalten, aber, wie gesagt, noch kein Versprechen. Sie haben ihr wohl Ihre Neigung schon seit längerer Zeit gestanden? Am Totenbette ihrer Mutter trug ich ihr zuerst meine Hand an. Er sprach mit verhaltenem Gefühl; ein scheues Gemurmel durchlief die Versammlung, und des Coroners Stimme klang ehrerbietig, als er die weitere Frage stellte, ob der eben erwähnte Brief noch in des Doktors Besitz sei. Nein, lautete die Antwort, ich bewahre grundsätzlich keine Briefe auf und habe daher die Zuschriften des Fräuleins ebenfalls vernichtet. Der ungünstige Eindruck, den dieser Umstand auf die Menge machte, schien Molesworth nicht zu bekümmern. Es waren weise Häupter genug zugegen, die solche Vorsicht durchaus lobenswert und nachahmungswürdig fanden. Sie handelten also dieser Ihrer Gewohnheit gemäß, indem Sie auch den Zettel verbrannten, welchen Fräulein Farley bekanntlich in dem Hotel zurückgelassen. Aber vielleicht teilen Sie uns mit, was er enthielt? Fast bloß unzusammenhängende Worte, nur ein einziger Satz war klar. Und der lautete? »Meine Bekannten müssen zugegen sein, das verlangt der Anstand.« Und doch hatte sie selbst die Heirat beantragt und sich bei der Unterredung, die wir am Nachmittag hielten, mit allem einverstanden erklärt, was ich in Bezug auf die Hochzeit vorzuschlagen hatte, ergänzte Molesworth. Können Sie den Inhalt dieser Unterredung angeben? Im allgemeinen, ja. Mildred Farley wollte als zartfühlendes Mädchen natürlich vor allem wissen, wie ich es aufgenommen, daß sie einen so entscheidenden Schritt gewagt hatte. Als ich ihr der Wahrheit gemäß mitteilen mußte, daß sie keine sehr geeignete Zeit für unsere Hochzeitsfeier gewählt habe, brach sie in Tränen aus und zeigte sich so fieberhaft erregt, daß ich sofort erkannte, sie befinde sich nicht wohl, und mich bemühte, sie zu beruhigen. Sie faßte sich auch bald wieder und hörte mir aufmerksam zu, als ich ihr auseinandersetzte, wie wir alles einrichten wollten. Auch erhob sie, wie gesagt, keinerlei Einspruch gegen meine Vorschläge. Und wie war ihr Abschied? Von meiner Seite liebevoll, von der ihrigen etwas gezwungen, wie mir schien. Die Krankheit steckte ihr schon in den Gliedern, das machte sie reizbar, sie fühlte sich gekränkt und verbarg es nicht. Ich hielt dies jedoch nur für eine flüchtige Verstimmung und war aufs höchste überrascht, sie bei meiner Rückkunft nicht mehr im Hotel vorzufinden. Sie hatten die Trauung auf neun Uhr anberaumt, doch erschienen Sie schon bald nach acht mit dem Pfarrer; darf ich fragen aus welchem Grunde? Aus Besorgnis. Je mehr ich die Sache überlegte, um so klarer wurde nur, daß bei Fräulein Farley eine ernstliche Krankheit im Anzug sei; deshalb kam ich früher zurück. Das klang alles höchst glaubwürdig, und doch war Gryce noch nicht zufriedengestellt. Er gab dem Coroner durch ein Zeichen zu verstehen, er habe noch etwas vorzubringen und schrieb einige Zeilen auf ein Papier, das er ihm zukommen ließ. Nachdem der Beamte den Zettel gelesen, wandte er sich wieder an den Zeugen: Waren Sie bei der bewußten Unterredung im Zimmer 153 des C-Hotel mit Fräulein Farley allein? Ohne Frage. Dies Zimmer ist durch Vorhänge von einem Alkoven getrennt. Ich glaube mich an die Vorhänge zu erinnern, aber was dahinter war, habe ich nicht untersucht. Wie können Sie dann mit Gewißheit behaupten, daß Sie allein waren? Schnell, wie ein Blitz, fuhr ein Ausdruck des Schreckens und Entsetzens über des Doktors Gesicht. Dem Coroner entging dies nicht, so wenig wie Gryce. Dieser Blick, den er schon bei einer frühern Gelegenheit gesehen hatte, besaß für ihn mehr Beweiskraft als alle Zeugenaussagen. Ich nahm das als selbstverständlich an, erwiderte Molesworth schon im nächsten Augenblick in völlig gelassenem Tone. Wenn Sie einen Zeugen haben, um das Gegenteil zu beweisen, rufen Sie ihn auf; er erinnert mich vielleicht noch an einige Einzelheiten der Unterredung. Ein kühner Schachzug, aber er glückte. Es war kein Zeuge vorhanden; der Doktor sah es, die Blässe schwand aus seinem Gesicht, und ein verächtlicher Zug spielte um seine Lippen. Das Verhör ward fortgesetzt, brachte jedoch nichts Bemerkenswertes zutage. Den Schluß bildeten noch einige Fragen ziemlich verfänglicher Natur: Doktor Molesworth, haben Sie während Ihrer Bekanntschaft mit Fräulein Farley je Ursache gehabt anzunehmen, daß sich außer Ihnen noch ein anderer um ihre Hand bewerbe? Dies kam unerwartet. Molesworth stutzte einen Augenblick, erwiderte dann aber mit voller Bestimmtheit: Nein. Leider ist durch die Erklärungen, die Sie bisher abgegeben haben, das Dunkel, welches über Fräulein Farleys Tat schwebt, nicht aufgehellt worden. Ich muß Sie daher bitten, mir zu sagen, ob Sie nichts von einer Neigung wissen, die das Fräulein etwa zu irgendeinem andern Manne gefaßt hatte. Diesmal entgegnete der Doktor ohne Zaudern: Mildred Farley hatte mir ihr Herz geschenkt und mir niemals Veranlassung gegeben, ihr zu mißtrauen, bis zum Augenblick ihrer Flucht. Sind Sie je außerhalb des Hauses, welches Sie bewohnten, mit ihr zusammengetroffen? Nein, die erwähnte Unterredung im Hotel ist die einzige, die nicht in Frau Olneys Hause stattfand. Doch sahen Sie einander nicht häufig und nur im Beisein Dritter, wenn ich recht unterrichtet bin. Fräulein Farley war ein unbescholtenes, alleinstehendes Mädchen; ich hätte es mir nicht verziehen, wenn sie durch allzuviele Aufmerksamkeiten meinerseits ins Gerede der Leute gekommen wäre. Meine Gefühle waren ihr nicht unbekannt, und ich wartete vertrauensvoll auf ihre Entscheidung. So können Sie uns nicht sagen, warum das Fräulein oft bis tief in die Nacht hinein auswärts war? Nein, aber wahrscheinlich geschah es in Geschäftsangelegenheiten. Viele ihrer Kundinnen wohnten weit entfernt in der oberen Stadt. Können Sie die Namen derselben angeben? Nein. Nicht einen einzigen? Nein, wiederholte der Doktor mit gerunzelter Stirn. Nur noch eine Frage: Wissen Sie, wo sich Fräulein Farley während der letzten Tage aufhielt, bei wem sie zu Besuch war? Sie hat mir darüber nichts mitgeteilt, und ich habe mich nicht danach erkundigt. Aber, welchen Poststempel der Brief trug, den Sie am Morgen ihres Todes erhielten, werden Sie uns angeben können. Er kam nicht mit der Post, sondern durch einen besonderen Boten des C-Hotel, wo sich das Fräulein schon befand, als sie ihn schrieb. Damit war Doktor Molesworths Verhör zu Ende. Wie klar und bestimmt aber auch seine Antworten gelautet hatten, wie glaubwürdig seine Zeugenaussage schien, den Detektiv konnte er nicht überzeugen; dieser beharrte nach wie vor bei seinem Argwohn und wartete mit Zuversicht darauf, daß die öffentliche Bekanntmachung der Verhandlung noch weitere Aufklärung bringen werde. Aber die Tage vergingen, die gerichtliche Untersuchung ward geschlossen, das Urteil der Geschworenen verkündigt, und kein neuer Zeuge ließ sich blicken. Länger als sonst wohl geschieht, fuhren die Zeitungen fort, den Fall zu besprechen. Sie brachten auch den Abdruck eines Bildes, das in Frau Olneys Wohnzimmer von der Leiche aufgenommen worden war; ein Bild, das Mildred bei Lebzeiten darstellte, ward nicht veröffentlicht, Gryce hatte dies hauptsächlich aus Rücksicht für Doktor Kameron unterlassen, dem er schon einmal so unnütze Aufregung bereitet. Mildreds Aehnlichkeit mit Genofeva Gretorex, Kamerons jetziger Frau, war so groß, daß Gryce füglich die Photographie derselben, die noch in seinem Besitz war, hatte benützen können, er war aber viel zu feinfühlend, um sie für Mildreds Bildnis auszugeben, obgleich dadurch die Neugier des Publikums befriedigt, und sein eigener Zweck gefördert worden wäre. Abermals verging eine Woche, aber erst die darauffolgende brachte etwas Neues, Eines Morgens ward Gryce in seiner Wohnung von einem Fremden aufgesucht, der ihm mit wichtiger, geheimnisvoller Miene einen Zettel einhändigte. Dieser war von dem Polizeiinspektor und enthielt die Worte: »Hören Sie, was der Ueberbringer Ihnen zu sagen hat, es wird Sie interessieren.« Gryce betrachtete den fein gekleideten jungen Herrn aufmerksam und fragte nach seinem Namen und Begehr. Er gab sich als Sohn einer alten, ehrenwerten Neuyorker Familie zu erkennen, die zur besten Gesellschaft gehörte. Sodann begann er: Es hat vor einiger Zeit eine gerichtliche Untersuchung stattgefunden, wegen einer gewissen Mildred Farley, die an Gift gestorben ist. Gryce nickte bejahend; er hielt den Blick fest auf seines Besuchers Uhrkette mit Petschaft und Siegelring geheftet; von der außergewöhnlichen Spannung, in welcher er sich befand, war nichts zu ahnen. Ich habe den Bericht gelesen, fuhr der junge Herr fort. Eine der Angaben des Hauptzeugen war falsch. Wirklich – lassen Sie doch hören! Sie erinnern sich, daß er das junge Mädchen auf den Türstufen eines Hauses in der 22. Straße sitzen fand, sie aufhob und in den Wagen trug, wobei ihr ein Fläschchen aus der Hand fiel und auf dem Straßenpflaster zerbrach. Da nun in diesem Fläschchen das Gift, die Ursache ihres Todes, enthalten war, ist es gewiß von Wichtigkeit, genau zu erfahren, was damit vorgegangen ist. Ohne Zweifel! Nun, ich kann darüber Auskunft geben, da ich an Ort und Stelle war. Die Sache verhielt sich so: ich hatte dort im Hause einen Besuch gemacht und wollte mir zum Heimweg eine Zigarre anzünden. Draußen war es windig, ich stellte mich daher hinter die halboffene Haustür. Da hörte ich Rädergeroll und gleich darauf ein Klirren, wie von Glas, das auf einem Stein zerbricht. Neugierig sah ich hinaus und bemerkte einen Doktorwagen, der eben am Hause vorbeifuhr. Er hatte nicht angehalten, und niemand war von den Stufen aufgehoben worden, die Treppe war leer, davon hatte ich mich kurz vorher überzeugt. Beim Hinausgehen trat ich auf die Scherben des Fläschchens und nahm einen starten Geruch wahr, wie von bittern Mandeln. Das ist allerdings ein merkwürdiger Umstand, versetzte Gryce; ich bin Ihnen sehr verbunden, Ihr Zeugnis wäre uns freilich noch willkommener gewesen, hätten Sie es früher abgelegt. Ich will Ihnen sagen, warum ich dies versäumt habe, entgegnete jener offenherzig. Ich bin nicht gewohnt, mit der Polizei zu verkehren, und empfand naturgemäß große Abneigung, mich in die Angelegenheit zu mischen. So ließ ich sie auf sich beruhen. Aber ich hatte Gewissensbisse und beschloß endlich, dem Polizeiinspektor Bericht zu erstatten. Der hat mich zu Ihnen geschickt. Also, das ist der Sachverhalt. Schon gut, nur möchte ich Sie bitten, nicht weiter davon zu reden und das Geheimnis zu wahren. Leider geht das nicht mehr an. Ich habe bereits mit einigen Bekannten darüber gesprochen. Sie waren es gerade, die mich darauf aufmerksam machten, daß durch mein Schweigen Unheil entstehen könne. Aber von nun an will ich gegen jedermann reinen Mund halten. Sie tun uns damit einen Gefallen, bemerkte der Detektiv. Sobald sich der Besucher entfernt hatte, begab sich Gryce zum Polizeiinspektor, mit welchem er eine längere Unterredung pflog. Noch am selben Tage suchte er Doktor Molesworth in seiner Wohnung auf und zwar zu einer Stunde, in der er gewiß sein durfte, ihn zu Hause zu treffen. In der Tasche trug er einen Verhaftsbefehl. Zweites Buch. Zehntes Kapitel. Ein viereckiges, düsteres Gemach mit zwei trüben Fenstern, die auf eine hohe Backsteinmauer hinausgehen; ein großer Tisch, der mit Flaschen und Kolben, Kasten voll Instrumenten, Schreibmaterial und Büchern bedeckt ist, ein Roßhaarsofa nebst zwei Stühlen, ein abgenützter Teppich, eine rauchgeschwärzte Zimmerdecke; hell und freundlich nur das knisternde Kohlenfeuer im Kamin; diesem gegenüber die ernste, unbewegliche Gestalt eines Mannes, der in tiefe Gedanken versunken dasitzt. So sieht es in Julius Molesworths Arbeitszimmer aus, an diesem für ihn so denkwürdigen Tage. Es ist das Sprechzimmer, zugleich auch Wohn- und Schlafgemach des finstern, verschlossenen Mannes, das einzige Daheim, das er sein eigen nennt. Hinten in der Ecke lehnt ein zusammengeklapptes Feldbett. Vier kahle Wände ohne jeglichen Schmuck und Zierat. Was kümmert sich ihr einsamer Bewohner um solchen Tand? Er besitzt kein Geld für die kleinen Zierden des Lebens, wenn er überhaupt Geschmack daran fände. Etwaige Erinnerungszeichen aus den schönen Händen dankbarer Patientinnen, oder bewundernder Freundinnen, nimmt er wohl mit kühler Höflichkeit in Empfang, aber nicht um sie zu bewahren. Bei erster Gelegenheit wirft er sie als lästigen Plunder ins Feuer; er mag kein Zeugnis weiblicher Schwäche in feiner Nähe dulden. Nur die Stärke des Weibes erringt seine Hochachtung. Unter den Büchern, welche die Bretter des altmodischen Gestells am andern Ende des Zimmers nur spärlich füllen, befindet sich auch, als einziges nicht medizinisches Werk, eine Bibel, auf deren Titelblatt in kräftigen Schriftzügen von Frauenhand folgende Zeilen stehen: »Dulde Armut, Hunger, Kälte, Mangel und Entbehrung, aber führe alles durch, was Du einmal unternommen hast und strebe bei Deinen Leistungen stets bis zur höchsten Stufe.« Es war die Bibel seiner Mutter, welche die Worte für ihren Sohn geschrieben hatte. Er liebte diese Mutter, obwohl er ihr nie eine Liebkosung gespendet, seit er kein Knabe mehr war. Ihre Worte waren der Wahlspruch seines Lebens geworden, die Summe seiner Kämpfe, seiner Erfahrungen. In tiefem Sinnen sitzt Doktor Molesworth in seinem Zimmer. In seinen unregelmäßigen, aber ausdrucksvollen Gesichtszügen scheint sich eine geheime Furcht oder Hoffnung zu bergen; unbeweglich sitzt er da, der Mann mit dem kraftvollen Körperbau, den bartlosen Wangen, der großen, nicht unschönen Nase, den dunkeln Brauen, den zusammengepreßten Lippen, die jeder weichen Regung spotten. Seine Augen sind halb geschlossen; in diesen aber liegt seine fesselnde Gewalt; selbst jetzt leuchtet ein Strahl unter den Lidern hervor, der für empfängliche weibliche Gemüter unwiderstehlich sein könnte, nicht zärtlich, nicht geistsprühend, aber der sonst so unschönen Erscheinung eine magnetische Kraft verleihend, wie sie mancher Adonis nicht besitzt. Wer aber diesem Banne verfällt, tut dies auf eigene Gefahr. Das Wesen des Mannes selbst wirkt eher abstoßend als anziehend. Selbst die Schönste der Schönen, ein Weib, das aller Reiz der Anmut schmückt, dürfte nicht wagen, sich unaufgefordert dem einsamen Denker zu nahen. Wenn sie ihn auch liebte und danach schmachtete, ihm schmeichelnd die dunkle Locke aus der Stirn zu streichen, die seine Brauen beschattet, sie würde nur mit bangem Zagen die Hand erheben oder seinen Namen flüstern. Allein und sich selbst genügend, ohne von außen Hilfe, Ermutigung oder Zerstreuung zu bedürfen, kämpft er gegen die bösen Geister in seiner Brust oder ruft seine guten Engel wach. Er kennt nur den einen Wunsch: seinen Beruf vollkommen zu beherrschen; nur den einen Ehrgeiz: unter allen lebenden Aerzten für den geschicktesten, den gelehrtesten, den größten zu gelten. Danach hatte er seit seiner Knabenzeit gestrebt; um dieses Ziel zu erreichen, Kälte, Hunger und Armut ertragen, nach dem Rat seiner Mutter. Er war ohne Murren bisher gering und unbekannt geblieben, in der sichern Zuversicht, daß der Ruf, den er sich unter der armen Bevölkerung des östlichen Stadtteils erworben, sich eines Tages bis in die Kreise der Reichen und Gebildeten verbreiten werde. Dann würde dem Verdienst die Auszeichnung nicht fehlen, welche Macht und Größe im Gefolge hat. Vielleicht war der langersehnte Tag schon näher, als er glaubte. Erst kürzlich war ihm ein besonders schwieriger und verwickelter Fall anvertraut worden, dessen erfolgreiche Behandlung Aufsehen erregen und ihn zu Ruhm und Ehre führen mußte. Ein Mißlingen war nicht denkbar; das fühlte, das wußte er. Die ausgezeichnetsten Aerzte der Stadt hatten sich zwar vergebens bemüht, diese Krankheit zu heilen, er aber hatte ein Mittel entdeckt, das gerade für diesen Fall paßte und dessen Wirkung die ganze medizinische Welt in Erstaunen setzen mußte. Freilich gehörte Mut dazu, es zu verordnen, und ein unbeugsamer Wille, die genaue Anwendung durchzusetzen, aber Molesworth besaß diese Eigenschaften in hohem Maße, und sein Eifer war so groß, daß nichts ihn dämpfen, niemand ihn an der Ausführung hindern konnte. Eine Gelegenheit, wie sie sich hier bot, kam vielleicht im Leben nicht wieder; es galt, sie kühn zu ergreifen. War es dieser interessante Fall, über den er so eifrig nachdachte, daß er das leise Knarren der Tür überhörte? Hatte er, wie er so dem flammenden Kamin gegenübersaß, einen Entschluß gefaßt über die Art des Verfahrens, das er in Anwendung bringen wollte? Wohl möglich, denn seine Züge erhellten sich, er sprang plötzlich freudig auf, nicht als wolle er ein Geheimnis verbergen, sondern als habe er eins entdeckt. Ja, so ist es, rief er, in kleinen, häufig wiederholten Dosen muß es gegeben werden. Ich setze mein Leben zum Pfande, daß es gelingt. Als er das Haupt hob, erblickte er gerade vor sich in dem Spiegel, der über dem Kaminsims hing, ein ihm zugewandtes Gesicht in der offenen Tür. Es lag in der entschlossenen, ruhigen Miene des Mannes, der da so plötzlich erschienen war, ein gewisses Etwas, das dem also Ueberraschten deutlich verkündete, eine entscheidende Stunde sei gekommen. Ob darauf gefaßt oder nicht, er erkannte in diesem Augenblick, daß es mit allen seinen Hoffnungen vorbei war, daß sie schwinden würden, wie ein wesenloses Trugbild, ein blendender Schein. Wiewohl er das Gesicht im Spiegel sah, tat er doch, als bemerke er es nicht; erst mußte er seine Fassung wiedergewinnen und zu einem Entschluß gelangen. Dann wandte er sich anscheinend verwundert, doch höflich zu dem Eintretenden. Entschuldigen Sie, sagte er, um diese Stunde bin ich für meine Patienten nicht zu sprechen. Ich bin kein Patient, entgegnete Gryce. Aber Sie kommen in Geschäften. Ihr Gesicht scheint mir bekannt, doch besinne ich mich vergebens, wo ich es schon gesehen habe. Es handelt sich hier nicht um mein Gesicht, nur um meinen Auftrag; der läßt sich mit kurzen Worten erledigen: Ich komme als Polizeibeamter mit dem Befehl, Sie zu verhaften, Doktor Molesworth, als des Mordes von Mildred Farley verdächtig. Der Doktor, der am Tisch gestanden hatte, griff nach einem dort liegenden Papier, las die wenigen darauf verzeichneten Worte und machte dann eine leichte Verbeugung gegen den Detektiv. Dies war seine einzige Erwiderung auf die furchtbare Ankündigung, die er soeben vernommen. Ich bin beauftragt, Sie in Haft zu nehmen, fuhr Gryce fort. Aber, wenn Sie vorher noch eine Verfügung zu treffen haben – Ich bitte um eine halbe Stunde Frist, entgegnete der Doktor mit Festigkeit. Ich behandle gerade einen Fall – seine Stimme zitterte, er blickte wieder auf das Papier, welches er noch in der Hand hielt und nahm am Schreibtisch Platz. Unterbrechen Sie mich nicht, sagte er, die Feder ergreifend, ich habe einige wichtige Notizen zu machen. Leben oder Tod eines armen Weibes hängt davon ab. Schreiben Sie, war die Antwort, ich bin kein Schwätzer. Und Molesworth schrieb, ruhig, gedankenvoll, ganz in seinen Gegenstand vertieft, während der Beobachter, welchem nichts entging, kein Auge von den Arzneigläsern auf des Doktors Tisch verwandte. »Gift!« lautete die Aufschrift des einen. Als Molesworth seine Aufzeichnung beendet hatte, erhob er sich mit der gleichen wunderbaren Ruhe, reichte Gryce das Papier und sagte: Für Sie ist es vermutlich unverständlich, aber jeder Arzt kann es lesen. Bewahren Sie es auf, bis ich danach verlange. Er schrieb nun noch einige Briefe, die er sämtlich dem Detektiv zur Durchsicht übergab, ehe er sie zusammenfaltete und adressierte. Als dies Geschäft besorgt war, nahm er wieder das Wort: Jetzt bin ich bereit, Ihnen zu folgen. Es fragt sich nur, wohin Sie mich führen wollen. Sie sagen, ich sei des Mordes verdächtig. Um solche Anklage zu rechtfertigen, müssen wohl starke Gründe gegen mich vorliegen, stärkere als das neuliche Verhör ergeben hat, sonst wäre ich schon damals festgenommen worden. Ich will diese Gründe nicht näher untersuchen, aber, da ich die Tat nicht begangen habe, deren man mich zeiht, so weiß ich, Sie handeln nur auf einen Indizienbeweis hin. Ein solcher ist aber niemals untrüglich. Mir geschieht großes Unrecht, und für meine Kranken ist Ihr Verfahren geradezu ein Unglück, das sich nicht wieder gut machen läßt. Ich weiß, Sie haben in der Sache keine entscheidende Stimme, auch will ich mit Ihnen nicht über meine Schuld oder Unschuld streiten, sondern Sie nur um eine Gunst ersuchen, im Hinblick auf den unverdienten Schaden, den ich durch Sie erleiden muß. Ich bitte Sie, mir in Ihrem Beisein eine kurze Unterredung mit einem Manne zu gestatten, den ich durchaus sprechen muß. Und wer wäre das? fragte der Detektiv. Ein mir bekannter Arzt, Doktor Walter Kameron, wohnhaft in der Fünften Avenue Nummer – Nichts auf der Welt hätte Gryce mehr überraschen können, als die Nennung dieses Namens. Warum, wußte er eigentlich selber nicht, denn auch Kameron hatte ja ihm gegenüber seine Bekanntschaft mit Molesworth erwähnt. Aber die ganze Angelegenheit schien ihm dadurch plötzlich in ein neues Licht gerückt zu sein. Doktor Kameron ist verreist, entgegnete er; er ist von seiner Hochzeitsreise nach Washington noch nicht zurückgekehrt. Ueber das ernste Gesicht des andern flog ein Schatten. Ich muß ihn dennoch sehen, beharrte er. Bis jetzt haben Sie mir Ihren Haftbefehl noch nicht vorgezeigt. Nehmen Sie an, ich stände nur unter polizeilicher Aufsicht, und begleiten Sie mich nach Washington! Sie werden es nicht bereuen. Dann, als sehe er wohl ein, welches törichte Verlangen er gestellt habe, fügte er hinzu: Sie können nicht ohne die Erlaubnis Ihres Vorgesetzten handeln. Nun gut, so führen Sie mich zu ihm. Das soll geschehen; aber sagen Sie mir, was Sie bei Doktor Kameron wollen. Ein Hoffnungsstrahl brach aus Molesworths Augen und erhellte seine Züge. Sie würden mich kaum verstehen, und doch – hat Sie wohl je ein ehrgeiziges Streben beseelt? fragte er plötzlich, das ältliche, fast wohlwollende Gesicht des Detektivs zweifelnd betrachtend. Gryce lächelte. Reden Sie, als wenn dem so wäre, entgegnete er. So hören Sie: Nur noch die Hand brauche ich auszustrecken und das Ziel meines Ehrgeizes ist erreicht. Ich behandle einen schwierigen Fall, der in der medizinischen Welt Aufsehen erregt. Die Geschicklichkeit unserer berühmtesten Heilkundigen ist daran zu schanden geworden. Ich aber habe das wirksame Mittel entdeckt, die richtige Behandlungsweise herausgefunden. Auf dem Papier, das ich Ihnen gab, ist alles verzeichnet. Nun wissen Sie, was ich, von dieser Ueberzeugung erfüllt, mit Doktor Kameron, dem begabtesten und bedeutendsten unserer jungen Aerzte, zu besprechen habe, – was ich von ihm will. Ich glaube Sie zu verstehen, erwiderte der Detektiv, aber bitte, erklären Sie sich deutlicher. Nun denn: jenes arme Weib, von dem ich Ihnen sagte, soll ihr Leben nicht verlieren, noch die Wissenschaft die Aussicht auf eine wertvolle Entdeckung, weil ich der Freiheit beraubt bin. Bin ich selbst auch außer stande, die erforderlichen Versuche anzustellen, so wird es mir doch Beruhigung gewähren, wenn dies an meiner Statt ein Mann übernimmt, auf dessen Urteil und Fähigkeit ich mich verlassen kann. Ich weiß nur einen , zu dem ich volles Vertrauen habe und das ist Doktor Kameron. Von ihm, der ideales Streben mit Geistesschärfe verbindet, darf ich hoffen, daß er dem unausbleiblichen Widerspruch zum Trotz ganz in meinem Sinne den Fall behandeln wird. Habe ich mich jetzt deutlich erklärt und darf ich hoffen, daß man mir willfahren wird? Molesworth blickte dem Detektiv ängstlich forschend ins Gesicht; aber nichts verriet seine Gedanken. Sind die Verdachtsgründe, die gegen mich vorliegen, zu stark, um eine solche Vergünstigung zu gestatten? drängte der Doktor. Gehen wir zum Polizeiinspektor! entschied Gryce. Molesworth verbeugte sich dankend und traf seine letzten Vorkehrungen. Als sie im Begriff waren, das Zimmer zu verlassen, berührte er des Detektivs Arm. Dürfen Sie mir mitteilen, auf wessen Zeugnis hin ich verhaftet werde? Das ist nicht meines Amtes, war die kurze Antwort, ich bin nicht der Mund des Gesetzes, nur sein Arm. Der Wagen, welcher vor der Tür hielt, brachte sie nach dem Polizeibureau. Was sich dort zugetragen, braucht nicht weiter erwähnt zu werden. Eine halbe Stunde später saßen sie abermals im Wagen und fuhren nach Jersey City. Die Reise nach Washington sollte zur Wahrheit werden. Während Gryce die Fahrkarten löste, flüsterte ihm Molesworth zu: Um eines bitte ich noch: wir müssen den Doktor überraschen. Ich stehe nicht besonders hoch in seiner Gunst, er würde schwerlich auf meine Beweisgründe hören, wenn ihm eine andere Wahl bliebe. Versprechen Sie mir, daß Sie ihn überrumpeln wollen, wie Sie es mit mir getan. Der Detektiv am Schalter steckte eben sein kleines Geld ein; er sah ordentlich verjüngt aus. Offenbar war ihm die bevorstehende Reise nicht unangenehm. Das soll geschehen, sagte er, es stimmt ganz mit meinen Wünschen überein. Elftes Kapitel. In einem freundlichen Zimmer in Washington saß beim Schein der untergehenden Sonne Doktor Kameron, den Blick zärtlich auf seine junge Frau gerichtet, deren Finger mit einer eben eingetroffenen Einladungskarte spielten. Du wirst selbst die Antwort schreiben müssen, bemerkte sie, die rechte Hand wie vor Schmerz zusammenballend, mein Rheumatismus ist noch nicht vergangen. Und soll ich eine Zusage geben oder eine abschlägige Antwort? Wie du willst, lautete ihre lächelnde Erwiderung, ich bin überall froh, wenn du nur bei mir bist. Er wußte, daß dem so war, daß er wider alles Erwarten eine liebevolle, hingebende Gattin sein eigen nannte, und es ward ihm warm in der Brust. Du siehst heute ordentlich strahlend aus, Genofeva, sagte er und zog sie zu sich hernieder, um sie nach Herzenslust zu betrachten. Wohl war Genofeva Kameron schön, weit schöner als Genofeva Gretorex je gewesen. Mit Entzücken sah der Gatte ihren Blick voll Lust und Leben, ihr bezauberndes Lächeln. Aber noch eine Umwandlung war mit ihr vorgegangen, die ihrer ganzen Erscheinung ein völlig verändertes Aussehen verlieh. Während sie jetzt lieblich errötend an seiner Seite saß, schien Kameron heiter und aufmerksam im Gespräch mit ihr begriffen, aber seine Gedanken schweiften weit ab, zurück zu jenem Morgen nach seiner Hochzeit, an welchem sie beide mit Staunen und Bestürzung den merkwürdigen Umstand zuerst wahrgenommen, über dessen eigentliche Veranlassung Kameron so oft und viel nachgegrübelt hatte. Der ganze Auftritt stand ihm noch deutlich vor der Seele: Seine junge Frau war von der ermüdenden Nachtreise und der rätselhaften Gemütsaufregung des Hochzeitstages sehr angegriffen gewesen; er hatte sie schlummernd auf dem Sofa verlassen und kam von einem kurzen Spaziergang zurück. In dem verdunkelten Gemach war noch alles still; er schlich auf den Zehen hinein, um Genofeva nicht zu wecken. Da vernahm er plötzlich einen leisen, unterdrückten Ausruf neben sich und gewahrte die Gestalt seiner Frau, die, weit vorgebeugt, mit angstvoller Miene auf ihr Bild in dem Spiegel starrte, der zwischen den Fenstern hing. Licht, schrie sie mit wildem Entsetzen, mehr Licht! Zum Fenster eilend, schob er die Vorhänge zurück und öffnete den Laden. Ein leises Stöhnen rang sich aus Genofevas Brust. Sieh mich an! rief sie und schlug die Hände vors Gesicht. Schon stand er an ihrer Seite und was er sah, entlockte auch ihm einen Ausruf des Staunens. Ihr Haupt, das sich wie in Scham und Schmerz vor ihm zu beugen schien, war fast weiß, gleich dem einer Greisin, während es noch gestern die prächtigsten braunen Haarflechten geschmückt hatten. Jetzt nahm sie die Hände vom Gesicht und sah ihn mit wirren Blicken an. Genofeva, rief er, nur unsäglicher Seelenschmerz oder körperliche Pein können diese Wirkung hervorgebracht haben. Rede, liebes Herz, was fehlt dir? Ich will dich trösten und dir beistehen, welcher Art auch das Leiden sein mag, das dich drückt. Ein freudiges Lächeln flog über ihre Züge, dann brach sie in Tränen aus. Ja, ich habe gelitten, stöhnte sie, es war ein furchtbares Weh; kaum glaubte ich die entsetzlichen Stunden überleben zu können. Sie preßte die Hand auf die Brust, als sei dort der Sitz ihrer Qual. Ist das der »Herald«? stieß sie dann plötzlich in ganz verändertem Ton heraus und griff nach der Neuyorker Zeitung, die Kameron in der Hand hielt. Ich muß mich zerstreuen und den Schmerz vergessen, – laß sehen, vielleicht ist schon die Beschreibung unserer Hochzeit darin. Gezwungen auflachend eilte sie mit der Zeitung zum Fenster und überflog die Spalten, Kameron beobachtete sie mit steigender Sorge und verdüstertem Gemüt. War ihr flatterhaftes, aufgeregtes Wesen ein Zeichen von Geisteskrankheit? Barg die Zukunft Schrecknisse für ihn, die er jetzt nur dunkel ahnte? – Erschöpft und mutlos sank er in einen Stuhl. Da weckte ihn ein süßer Laut aus trübem Sinnen; sein Weib kniete vor ihm und schaute mit stillen, fast verklärten Blicken zu ihm auf. Habe ich dich durch mein sonderbares Benehmen erschreckt? murmelte sie. Es kommt daher, daß ich so von Herzen glücklich bin und doch solche Pein leide; aber auch das ist heute schon besser, nur die Hand schmerzt mich noch. Wieder fiel ihr Blick auf ihr lose herabhängendes weißes Haar – sie schauderte. Großer Gott, stöhnte sie, wie soll ich darüber Rechenschaft geben? Ihr jugendliches Antlitz, von den schneeigen Haarwellen umrahmt, sah so reizend aus, daß Kameron sich entzückt zu ihr niederbeugte und ihr einen Kuß auf die Stirn drückte. Dessen bedarf es nicht, rief er, sie liebevoll aufhebend und zum Spiegel führend, hier, sieh wie schön du bist. Beide sahen und staunten. War sie auch früher schon eine hohe, anmutige Erscheinung gewesen, so schien sich doch jetzt erst die Pracht ihrer Schönheit in vollem Glanz zu entfalten. Die zarte Hautfarbe, die dunkeln Augen, das weiße Haar – es war ein liebliches Bild, dessen Reiz selbst den flüchtigen Beschauer unwiderstehlich fesseln mußte. Die Gatten blickten einander an und lächelten beglückt. Weißt du, lieber Mann, rief Genofeva scherzend, ich werde meiner Mutter sagen, ich sei plötzlich so alt geworden, weil ich dir in grauen Haaren so gut gefalle. Du kannst ihr ja die Wahrheit sagen, entgegnete Kameron, sie muß, doch gewußt haben, wie krank du warst, wenn es auch mir verborgen blieb. Genofeva schüttelte den Kopf. Es wußte niemand darum, sagte sie; ich habe es still für mich ertragen und will das auch ferner tun. Wir werden das Uebel heilen; jetzt ist dein Arzt dein Gatte, der läßt sich nicht täuschen. Er begann nun, ihr Fragen über ihre Gesundheit vorzulegen, sie aber unterbrach ihn heiter: Der Schmerz ist jetzt vorbei, Walter, wir wollen glücklich sein und nicht mehr daran denken. Aber sprich, gefalle ich dir wirklich besser, wie ich bin? Wirst du nicht doch meine braunen Flechten vermissen, nachdem die erste Ueberraschung verflogen ist? Nie, rief er und schloß sie voll glühender Leidenschaft in die Arme. Genofeva, mein Weib, nicht Bewunderung der Schönheit allein, nein, heiße Liebe zu dir füllt meine Seele. Es ist vorbei mit kühler Ueberlegung, mit würdevoller Ruhe. Du bist mein ein und alles. Und bloß, weil mein weißes Haar dich begeistert? Ich will mir eine schöne Krone daraus flechten, lachte sie, sich ihm sanft entwindend und verschwand leichten Trittes in dem kleinen anstoßenden Gemach. Kameron wußte kaum, wie ihm geschah. Wo blieb der Vorsatz, den er als strenger Berufsmann gefaßt hatte, sich aller überschwenglichen Gefühle zu enthalten? Er war ja förmlich berauscht von Glück und Wonne. * In der Woche darauf erschienen sie zusammen in der Gesellschaft, überall von bewundernden Blicken gefolgt. Einer ihrer Neuyorker Bekannten, den sie zufällig trafen, hatte sein Staunen kaum zu bergen gewußt, die junge Frau nach der kurzen Verheiratung so verschönt und umgewandelt wiederzusehen. Die Huldigungen, mit denen man sie überschüttete, schienen sie zuerst völlig zu überraschen, doch sah man es dem lieblichen Lächeln, mit dem sie dieselben entgegennahm, dem anmutigen Neigen ihres Hauptes an, daß sie ihr wohlgefällig waren. Ganz ungetrübt hatte jedoch das junge Paar diese Freuden und Triumphe nicht genossen. Zuweilen zeigte sich Genofeva zerstreut, voll wechselnder Stimmungen und unberechenbarer Einfälle. Sie fand oft den nächsten Bekannten gegenüber nicht die passenden Worte und führte ungereimte Reden, über welche die Hörer sich verwunderten. In ihrer Zerstreutheit hatte sie sich erst gestern der Wirtin des Hauses gegenüber eine Ungeschicklichkeit zu Schulden kommen lassen, die ihrem Gatten die größte Verlegenheit bereitete. Es hatte freilich seinerseits nur eines Wortes bedurft, um sie an ihre Pflicht zu mahnen, und der rührende Blick, mit dem sie ihn angeschaut, um zu sehen, ob er ihr auch nicht zürne, hatte ihn vollends entwaffnet. Sie war wirklich eine rätselhafte, für ihn noch unergründete Natur. Manchmal schien die vornehme Erscheinung zu ihrem wenig gewandten, gesellschaftlichen Benehmen gar nicht passen zu wollen, aber ihre geistige Bedeutung sprach aus jedem Blick, jeder Miene und verlieh ihr einen stets neuen, unwiderstehlichen Reiz. Kameron hätte jene kleinen Verstöße gegen Brauch und Sitte, so überraschend sie ihm auch waren, kaum beachtet und sich vollkommen glücklich gepriesen, aber ein unbestimmtes Gefühl sagte ihm immer wieder, daß nicht alles in Ordnung sei, daß sein Paradies ein Geheimnis berge, welches er nicht ergründen dürfe, ohne seinen Seelenfrieden zu stören. Wagte er doch nicht einmal zu erforschen, ob die rätselhafte Krankheit, über die Genofeva klagte, die wahre Ursache jener wunderbaren Umwandlung ihres äußern Menschen sei, in die er sich noch kaum zu finden vermochte. Eines sagte er sich stets zur Beruhigung: was sie vor ihm verhüllte, konnte nichts Unehrenhaftes sein. Wie hätte sie auch sonst ihren Blick so voll reiner Liebe und Hingebung zu ihm erheben können? War er nicht ein Tor mit seinen Zweifeln? Warum sich nicht an der schönen Gegenwart genügen lassen, ohne weiter über die Vergangenheit zu brüten. Er wollte sich daher sein junges Glück nicht länger verbittern, sondern es aus voller Seele genießen. Diesen Entschluß hatte er in Gedanken gefaßt, während er scheinbar heiter plaudernd neben seiner Gattin saß. Ich kann es kaum mehr erwarten, rief er plötzlich aus, dich meinen Freunden zu zeigen. Wann wollen wir heimreisen? Ueber ihr Gesicht flog ein Schatten. Oh, müssen wir denn zurückkehren? rief sie; ich wollte, wir könnten immer hier bleiben. Neuyork ist mir verhaßt, fügte sie, sein Erstaunen gewahrend, rasch hinzu, ich möchte es nie wiedersehen. Hier kann ich dich immer um mich haben, dort gehört mir nur ein kleiner Teil deiner Zeit. Dies Geständnis beglückte ihn. Er schlang den Arm um sie und drückte einen zärtlichen Kuß auf ihre Lippen. Ein unbestimmtes Gefühl, als seien sie nicht allein, ließ ihn plötzlich aufblicken. In der Türe stand eine dunkle Gestalt. Wer ist da? rief er und sprang entrüstet auf. Die Gestalt trat näher; Kameron schaute in ein ihm bekanntes Gesicht, das an diesem Orte zu sehen er jedoch niemals erwartet hatte. Während er erstaunt schwieg, nahm der Eindringling das Wort: Entschuldigen Sie, wir glaubten, dies sei ein Gesellschaftszimmer des Hotels. Jetzt erst gewahrte Kameron noch eine zweite ihm unbekannte Person; doch schenkte er derselben weiter keine Beachtung, da Doktor Molesworth seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Ich habe ein geschäftliches Anliegen an Sie, Doktor Kameron, sagte dieser, darf ich es vorbringen? Ein Anliegen an mich? An Sie, wiederholte Molesworth zerstreut. Sein Blick ruhte mit Staunen und Bewunderung auf Genofeva, wie dies jetzt bei jedem Fremden zu sein pflegte, der sie zum erstenmal sah. Meine Frau, sagte Kameron kurz. Die Herren verbeugten sich bei der flüchtigen Vorstellung; die junge Frau erhob sich mit sichtbarem Unwillen und verneigte sich mit so kalter abweisender Miene, daß Molesworth zu Boden blickte und von diesem Moment an ihre Gegenwart völlig zu vergessen schien. Nicht so sein Gefährte. War es ihre Schönheit, welche ihn fesselte oder die seltsame Veränderung ihres Aeußern – er wandte kein Auge von ihr ab und war ganz in ihren Anblick versunken. Dabei schien ihm jedoch nichts von der Unterredung der beiden Aerzte zu entgehen, obgleich er sich so viel wie möglich im Hintergrunde hielt. Ich werde Sie nicht lange aufhalten, begann Molesworth, dem andern seine Karte überreichend. Wie wichtig das Geschäft ist, das mich herführt, mögen Sie aus dem Umstand ersehen, daß ich die Reise nach Washington nur zu dem Zweck unternahm, es mit Ihnen zu besprechen. Sagen Sie, um was es sich handelt, erwiderte jener, ihn höflich zum Sitzen einladend, während sich Genofeva mit stolzer Haltung in die Fensternische zurückzog. Wenn Sie sich meiner nicht mehr von der Universitätsklinik her erinnern sollten, fuhr Molesworth fort, so wird Ihnen in letzter Zeit mein Name wieder ins Gedächtnis gerufen worden sein, als der des Hauptzeugen bei einer gerichtlichen Verhandlung, die allgemeines Aufsehen erregt hat. Kamerons Züge nahmen einen gespannten Ausdruck an. Er war aus leicht begreiflichen Gründen dem Gang des Verhörs mit großem Interesse gefolgt, hatte jedoch vermieden, mit seiner Frau von der Sache zu reden. Gewiß, entgegnete er, ich erinnere mich daran; ich habe den Bericht über den Tod Ihrer Braut mit aufrichtiger Teilnahme gelesen, denn – Wie mit geheimer Anziehungskraft wurden seine Blicke, während er sprach, zu Molesworths bisher unbeachtetem Begleiter hinübergelenkt. Die Stimme versagte ihm und er geriet in seltsame Verwirrung. Trotz der geschickten Verkleidung glaubte er Gestalt und Züge als die jenes sonderbaren Menschen wiederzuerkennen, der ihn an dem denkwürdigen Abend seiner Hochzeit bewogen hatte, sich als heimlicher Späher bei Mildred Farley einzuschleichen. Jetzt hob der Mensch mit einem bedeutsamen Blick auf die junge Frau warnend den Finger in die Höhe. Sie starb an dem nämlichen Abend, an welchem Ihre Trauung stattfand, vollendete Molesworth die unterbrochene Rede. Kameron verbeugte sich stumm. Er wußte, was die Gebärde des Detektivs zu bedeuten hatte. Es würde für Genofeva höchst peinlich gewesen sein, wäre die wunderbare Aehnlichkeit zwischen ihr und der unglücklichen Selbstmörderin zur Sprache gekommen. Die Aehnlichkeit mußte wohl nicht mehr vorhanden sein, denn augenscheinlich war sie Molesworth gänzlich entgangen. Dieser nahm jetzt wieder das Wort: Ich bin nicht in der Absicht gekommen, um mit Ihnen über Fräulein Farleys rätselhaften Tod zu sprechen. Wenn Sie die Verhandlungen gelesen haben, kennen Sie auch den Urteilsspruch und wissen, daß man meinen Angaben allgemein Glauben schenkte. Es wird Sie daher einigermaßen überraschen zu hören, daß die Polizeibehörde nachträglich für gut befunden hat, die Wahrheit meines Zeugnisses anzuzweifeln, mich zu verdächtigen und meine Freiheit zu bedrohen. Nicht möglich, stammelte Kameron, in seiner Verwirrung unwillkürlich nach dem Fenster blickend, wo die regungslose Gestalt seiner Frau sich deutlich gegen den gelblichen Abendhimmel abhob. Ich sage Ihnen das nicht, um Ihr Mitgefühl zu erwecken, fuhr jener ruhig und gemessen fort. Ich bin unschuldig, aber – der Ton seiner Stimme schwankte – das ändert nichts an der Tatsache, daß durch diesen Verdacht meine Berufstätigkeit zerstört, meine Lebensaussichten vernichtet sind. Ob ich vor Gericht gestellt werde oder nicht, jedenfalls leidet mein guter Ruf darunter, und meine Praxis wird sich schwerlich so bald von dem Schlag erholen. Nur Sie können das Unglück für mich erträglich machen – wenn Sie wollen. Wie so, ich ? Doktor Kameron schaute wieder nach seiner Frau hin, die unbeweglich am Fenster stand, scheinbar ohne auf das Gespräch der Männer zu achten, nur mit der Außenwelt beschäftigt. Mit ausgestreckten Armen hatte sie die Vorhänge an beiden Seiten erfaßt und schaute hochaufgerichtet zu dem dunkelnden Himmel empor. Wer ihr Antlitz gesehen hätte, wäre erschrocken über die Qual, die sich darauf ausprägte. Molesworth fuhr mit unerschütterlicher Ruhe fort: Ihnen erscheint das rätselhaft, aber ich werde mich sofort erklären. Ich – er hielt einen Augenblick inne, wie um Atem zu schöpfen. Sagte nicht eben Ihre Frau etwas? fragte er plötzlich, ehrerbietig aufstehend, ich möchte der Dame nicht lästig fallen. Kameron meinte ihn seufzen zu hören. Ich glaube nicht, entgegnete er stolz; sagen Sie, wie ich Ihnen helfen kann. Jener verbeugte sich und nahm wieder Platz. Ich weiß, sprach er, Sie sind kühn und ehrgeizig; Sie würden bei einem schwierigen gefährlichen Krankheitsfall selbst vor ungewöhnlichen Mitteln nicht zurückschrecken. Und wäre ein Kollege, dem ein solcher Fall in seiner Praxis vorliegt, durch zwingende Umstände daran verhindert, die Kur selbst zu Ende zu führen, so würden Sie sich seine Diagnose und Heilmethode mitteilen lassen, und fände dieselbe Ihre Billigung, die Behandlung in seinem Sinne fortsetzen mit dem gleichen Interesse und der gleichen Aufmerksamkeit wie bei Ihren eigenen Patienten. Versteht sich, entgegnete der andere einfach. Nun gut, einen solchen Fall habe ich unter den Händen, fuhr Molesworth mit Nachdruck fort. Sie haben gewiß von Brigitte Halloran gehört. Von den Doktoren S. und B. wurde sie aufgegeben; ich aber glaube mit Bestimmtheit, sie heilen zu können. Dies Mittel, welches ich anzuwenden dachte – auf seinen Wink händigte ihm der Detektiv den bewußten Zettel ein – wird sich als äußerst wirksam erweisen, und den Namen des Arztes, der es mutig und entschlossen zu gebrauchen wagt, in weiten Kreisen bekannt machen. Kamerons wissenschaftliches Interesse war erwacht. Zeigen Sie her! rief er in sichtlicher Erregung. Er ergriff das Papier; die beiden so verschiedenartigen Männerköpfe, die sich nur in dem geistig bedeutenden Ausdruck ihrer Züge glichen, beugten sich zusammen über die Schrift. Nun folgte eine eingehende Konsultation rein medizinischen Charakters, während welcher Kameron mehr und mehr seine anfängliche Zurückhaltung aufgab. Allmählich trat die unverhohlenste, aber völlig neidlose Bewunderung an die Stelle seines früheren Vorurteils, und er fragte staunend: Aber wie in aller Welt sind Sie darauf verfallen, Molesworth? Es scheint mir eine ganz wunderbare Entdeckung zu sein. Durch angestrengtes Nachdenken, entgegnete jener, ich habe keine Eingebungen wie Sie. Das gereicht Ihnen zu um so größerer Ehre, erwiderte Kameron, das Papier zusammenfaltend und einsteckend. Und wollen Sie den Fall übernehmen? Unter der Bedingung, daß, wenn die Kur gelingt, Sie allein den Ruhm davontragen. In Molesworths dunkeln Augen blitzte es freudig auf. Er schien dem Kollegen die Hand schütteln zu wollen, doch unterließ er es. Einen Augenblick lang herrschte tiefes Schweigen in dem Gemach. Molesworth unterbrach es zuerst. Mein Geschäft ist beendet, sagte er, ich brauche hier nicht länger zu verweilen und, fügte er zu dem Detektiv gewendet hinzu, nun stehe ich zu Ihren Diensten. Doch schien er keine Eile zu haben, sich zu entfernen. Auch Gryce zauderte auf unbegreifliche Weise. Er bemerkte kaum, was um ihn her vorging; mit gerunzelten Brauen starrte er auf den breiten Besatz an Frau Kamerons Seidenkleid, als versuche er ein schwieriges Problem zu lösen. Ich hoffe, Sie werden bald imstande sein, den Fortgang Ihrer Kur persönlich zu überwachen, bemerkte Kameron mit höflichem Anteil. Diese – diese Haft, von der Sie sprachen, kann nicht von langer Dauer sein. Vor den Geschworenen muß die Wahrheit ans Licht kommen. So sehr kann ich mich nicht in dem Manne täuschen, der mir soeben seine eigensten Gedanken anvertraut hat. Sein Kollege schüttelte ernst das Haupt. Ich baue nicht darauf, sagte er, Hoffnungen sind trügerisch. Mit einer tiefen Verbeugung nach dem Fenster hin, wo die abgewandte Gestalt noch immer regungslos verharrte, wandte er sich und verließ das Zimmer; auch Gryce riß sich zögernd los und folgte ihm. Zwölftes Kapitel. Auf dem großen Ball, der in Washington an jenem Abend stattfand, war Genofeva Kameron die glänzendste und gefeiertste Erscheinung. Selbst ihrem entzückten Gatten schien es, als habe er sie in solchem Liebreiz noch nie gesehen; ein natürlicher Witz, der bei ihr die Stelle ausgebreiteter Kenntnisse vertrat, würzte ihre Unterhaltung, und die Worte strömten ihr ungesucht von den Lippen. Manches bewundernde Auge weilte ungebührlich lange auf den fesselnden Zügen, bis Kameron ihr eifersüchtig scherzend zuflüsterte: Gut, daß dies unser letzter Ball hier ist; ich bin nahe daran, den einen oder andern jener geschniegelten Herren auf Säbel oder Pistolen zu fordern. Sie schauderte unwillkürlich; doch ließ sie sich nicht in ihrem Vergnügen stören. Den letzten Ball mußte sie noch nach Herzenslust genießen, denn morgen kehrten sie nach Hause zurück. Das Versprechen, welches sich Doktor Molesworth von Kameron hatte geben lassen, war schuld an der Veränderung ihrer Pläne, in die sich die junge Frau übrigens ohne Murren gefügt hatte. Alle Anstalten zur Abreise waren getroffen, und die letzten Stunden ihres Aufenthalts in der Bundeshauptstadt verbrachte Genofeva in einem Freudenrausch, bei Tanz und Lustbarkeit. Sie hatte ihr Hochzeitskleid an, das ihr vorzüglich stand. Als sie zufällig mit der Generalin F., einer freundlichen älteren Dame, im Ankleidezimmer zusammentraf, betrachtete diese ihr Kleid mit Wohlgefallen und rief: So reizend wie Sie, meine Liebe, versteht sich doch niemand zu kleiden; wirklich, außerordentlich geschmackvoll. Ich wüßte gern, bei welcher Schneiderin Sie Ihre Sachen arbeiten lassen; wollen Sie es mir nicht sagen? Ein Rot des Unwillens flog über das Antlitz der jungen Frau. Die zudringliche Neugier der Frage schien sie zu verletzen; ihre Antwort war zwar höflich doch ausweichend: Sie sind sehr freundlich, mir Beifall zu spenden, lächelte sie, aber ich kann ein so wichtiges Geheimnis wirklich nicht verraten; ich habe Elfen und Feen in meinem Dienst, deren Wohnplatz niemand erfahren darf. Der kleine an sich so unbedeutende Vorfall mochte Genofeva verstimmt haben. Nicht lange darauf äußerte sie den Wunsch, den Ball zu verlassen. – Am nächsten Morgen erfolgte die Abreise nach Neuyork. Sie hatten bereits die Hälfte der Fahrt hinter sich, als Frau Kameron, sich vorbeugend, ihres Mannes Arm berührte. Walter, sage mir doch, flüsterte sie, was geschieht mit einem Menschen, der in solche Lage geraten ist wie jener Doktor – Doktor Molesworth, welcher gestern bei dir war; führt man ihn ins Gefängnis? Kameron war erfreut über ihren Anteil an einem Ereignis, das ihn selbst in hohem Grade beschäftigte und erklärte ihr die Sachlage, so gut es die Umstände gestatten. Sie hörte ihm gelassen zu und bemerkte, als er geendet hatte, mit leisem Seufzer: Er sah nicht aus als ob er schuldig wäre, meinst du nicht auch? Ich muß sagen, er tut mir leid. Damit sank sie ermüdet wieder in die Kissen zurück und erwähnte die Angelegenheit nicht weiter. Die jungen Eheleute hätten am liebsten gleich ihre eigene Wohnung bezogen; diese war jedoch der verfrühten Heimkehr wegen noch nicht zu ihrem Empfang bereit. So führte denn Doktor Kameron nach ihrer Ankunft seine Gattin zuerst nach dem St. Nikolausplatz. Noch am selben Tage, gegen 6 Uhr, sah sie sich in den Armen ihrer Mutter. Welche Ueberraschung, liebes Kind, rief diese, ihr die Wange zum Kusse reichend, wie wird sich dein Vater freuen! Aber es war doch unrecht von dir, daß du die Zeit über kein Wort an uns geschrieben hast, und es ganz deinem Manne überließest, uns Nachricht zu geben. Du hast doch sonst nicht an Rheumatismus gelitten; ich denke, es war wohl mehr Bequemlichkeit oder ein Vorwand, um deines Mannes Güte auf die Probe zu stellen. Frau Gretorex war in heiterster Stimmung, das frohe Ereignis hatte sie förmlich verjüngt. Jetzt trat sie einen Schritt zurück und betrachtete ihre Tochter mit einem Anflug von Neugier. Nimm doch den Schleier ab, sagte sie, und komm ins Wohnzimmer; ich muß sehen, ob das, was der Doktor von der merkwürdigen Verwandlung deines Haares schreibt, wirklich wahr ist. In deinem Alter ist so etwas ja ganz unglaublich; du mußt recht unglückliche Flitterwochen verlebt haben. Mit munterem zwanglosem Lachen, wie man es bei der feinen Weltdame sonst nicht gewohnt war, schritt sie dem jungen Paar voran, während Genofeva verstohlen einen scheuen Blick durch die weite Halle warf, bevor sie ihr folgte. Erschrecken Sie nur nicht allzusehr! warnte Doktor Kameron, während die Mutter den Schleier von ihrer Tochter Haupt löste. Der Anblick, der sich ihr bot, war bezaubernd. Wie wunderschön, rief Frau Gretorex mit stolzer Freude, wahrlich, der Kunstgriff deiner Eitelkeit ist dir vortrefflich gelungen. Du wußtest, das würde dich unwiderstehlich machen. Ich bin entzückt, mein Kind; gleich muß ich deinen Vater rufen. Sie eilte fort, und Genofeva sank in einen Stuhl, sichtlich erleichtert und nicht ohne ein Gefühl froher Genugtuung. Lächelnd blickte ihr Gatte auf sie nieder. Der Abend verlief nicht ganz so angenehm, als man nach diesem erfreulichen Anfang hatte erwarten sollen. So befriedigt auch Frau Gretorex über die äußere Erscheinung ihrer Tochter war, an ihrem Wesen fand sie mancherlei auszusetzen. Genofeva war ihr zu schweigsam, und wenn sie sprach, ging sie nicht auf die Interessen der Mutter ein. Sie erkundigte sich weder nach häuslichen Angelegenheiten, noch nach einigen wichtigen Veränderungen in betreff der Dienerschaft, die inzwischen stattgefunden hatten. Auch ließ die Nachricht, daß Klara Foote auf der Heimreise von Europa begriffen sei, sie vollkommen kalt. Ja, sie erklärte sogar, sie werde mit dieser früheren Jugendfreundin allen Umgang abbrechen, da ihr Dinge über Klara zu Ohren gekommen seien, die ihr durchaus mißfielen. Diese Aeußerung berührte Frau Gretorex sehr unangenehm, besonders da Genofeva über die Ursache dieses Bruchs der alten Freundschaft nichts Näheres mitteilen wollte. Schließlich forderte die Mutter sie auf, mit ihr in das Zimmer hinaufzugehen, das sie als Mädchen bewohnt hatte; dort sei noch alles so geblieben, wie sie es verlassen habe, damit sie selbst über ihre Besitztümer verfügen könne. Genofeva aber weigerte sich entschieden, diesem Wunsche Folge zu leisten. Ich fühle mich wirklich heute abend zu ermüdet, sagte sie, es wird wohl Zeit haben bis ein andermal, wenn ich nicht gerade von einer langen Eisenbahnfahrt angegriffen bin. Frau Gretorex war nicht an Widerspruch gewöhnt; sie sah verstimmt aus, und Genofeva, dies gewahrend, setzte mit jener gewinnenden Freundlichkeit hinzu, die selbst ihren Launen einen unwiderstehlichen Reiz verlieh: »Verzeih Mama, ich weiß wohl, mein Mann hat mich sehr verwöhnt und mir in allem den Willen getan. Das darf er künftig nicht mehr, sonst werde ich allzu selbstsüchtig. Hörst du wohl, Walter?« Kameron lächelte ihr zu und vertiefte sich in ein Gespräch mit seinem Schwiegervater. Frau Gretorex schien besänftigt; sie erkundigte sich nach den Festlichkeiten, die sie in Washington mitgemacht hatten. Der gestörte Einklang war wieder hergestellt, aber der Besuch des oberen Zimmers unterblieb. Das erste, was Genofeva am andern Morgen ihrem Gatten mitteilte, war der Wunsch, sofort ihre eigene Wohnung zu beziehen, selbst auf Kosten kleiner Unbequemlichkeiten. Kameron war damit einverstanden, und ohne auf die mancherlei Einwendungen zu achten, welche sich dagegen erhoben, setzte die junge Frau die Uebersiedlung noch am nämlichen Tage durch. Ihr Gatte konnte nicht umhin, sich geschmeichelt zu fühlen, daß sie seine alleinige Gesellschaft jeder andern vorzog, und Genofeva verließ mit freundlichem Abschied, aber anscheinend ohne Bedauern die Stätte ihres früheren Mädchenlebens. * Als Kameron am zweiten Morgen nach ihrem Einzug sein Wohnzimmer betrat, sah er seine Frau mit ängstlich gespanntem Blick die Spalten der Zeitung überfliegen, wobei ihr die Hände vor nervöser Erregung zitterten. Was hast du, Genofeva? fragte er; suchst du etwas Besonderes? Sie ließ das Blatt sinken. O nein, entgegnete sie leichthin, ich vertrieb mir nur die Zeit. Ich sehe, du willst ausgehen? Er zögerte noch einen Augenblick. Könnte ich dich nur fassen und verstehen, sagte er, mir ist oft, als seien wir meilenweit auseinander. O nicht doch, nicht doch, flüsterte sie, ihn zärtlich mit den Armen umschlingend; wie kann ein Mann wie du sich mit solchen Einbildungen quälen? Und sie barg ihr Haupt an seiner Brust. Tags darauf traf er sie wieder bei der Zeitung; diesmal sagte sie ihm, was sie suchte. Ich finde keine Anzeige von Doktor Molesworths Verhaftung; wird so etwas nicht veröffentlicht? Gewiß, ich habe mich selbst schon darüber gewundert. Im Hospital, wo ich den Fall behandle, den er neulich mit mir besprach, weiß man nichts von ihm; auch verlautet nicht, daß er sich in Haft befindet oder unter polizeilicher Aufsicht steht. Ich werde ihn einmal in seiner Wohnung aufsuchen. Da würdest du ihm gewiß eine Freundlichkeit erweisen, meinte Genofeva. So klingelte denn Doktor Kameron eines Morgens an Frau Olneys Wohnung, um sich nach Molesworth zu erkundigen. Es ward ihm bedeutet, der Doktor sei unwohl und nur für einige Patienten zu sprechen. Kameron schickte seine Karte hinein und wartete ungeduldig auf den Bescheid. Man bat ihn, einzutreten; der Doktor, hieß es, freue sich, ihn zu empfangen. Kameron fand in dem düstern Zimmer seinen Kollegen auf dem Sofa liegen; nicht weit davon saß ein kleiner Mann von unscheinbarem Aeußern, in einen Leihbibliothekband vertieft. Sobald sich die Tür hinter dem Dienstmädchen wieder geschlossen hatte, sprang Molesworth auf. Sie bringen mir gewiß Nachrichten von unserer Patientin, rief er, wie ist ihr Befinden? Gut, war die Antwort, aber die Wärterin schüttelt den Kopf bei jedem Tropfen Arznei, den sie ihr geben muß. So schicken Sie die Wärterin fort und nehmen eine andere; unter solcher Torheit darf die Kur nicht leiden. Kameron nickte zustimmend und warf einen neugierigen Blick auf seinen Gefährten. Ich höre, daß Sie krank sind. Ein grimmiges Lächeln flog über Molesworths Gesicht. Wie Sie sehen, habe ich einen Wärter, entgegnete er mit einem bedeutsamen Blick auf die stumme Gestalt im Winkel. Teilnehmend fragte Kameron: Ist Aussicht vorhanden, daß Ihr Uebel bald gehoben sein wird? Das läßt sich nicht bestimmen, erwiderte jener; noch fehlt es an der richtigen Diagnose. Soll ich Ihnen ein Mittel verschreiben? Ich danke. Oder kann ich sonst etwas für Sie tun? Nein – Sie nicht. Er sprach es in sanftem Ton. Kameron betrachtete ihn mit aufrichtigem Anteil. Mich freut, daß Sie sich doch leidlich wohl befinden, sagte er ernst, wir haben uns Sorge um Sie gemacht, meine Frau und ich. Sehr freundlich von Ihrer Frau Gemahlin, erwiderte sein Kollege fast feierlich und sich tief verbeugend. Kameron schritt der Türe zu. Urteile ich recht, rief jener, ihm das Geleit gebend, so hat der Abend, der mich ins Verderben stürzte, Ihnen das schönste Lebensglück gebracht. In Kamerons Augen leuchtete es hell auf. Ja, das ist wahr, erwiderte er. Um Molesworths Lippen spielte ein Lächeln, das den andern seltsam berührte. Ich wünsche Ihnen Glück, murmelte er. Dann schloß er leise die Tür zwischen ihnen. Dreizehntes Kapitel. Frau Doktor Kameron traf am selben Nachmittag mit ihrem Gatten in einem Kaffeehaus zusammen, von wo sie sich nach ihrer Wohnung begaben. Unterwegs erzählte er von seinem Besuch bei Molesworth; sie schien jedoch kaum darauf zu achten und war in heiterster Laune. Ihr anmutiges Geplauder ergötzte ihn so sehr, daß er alles andere darüber vergaß. Unter der Türe ihres eigenen Heims blieben sie stehen und blickten sich zärtlich an. Wie schön ist es, zusammen heimzukommen, sagte er. Es ist ein Himmel auf Erden, flüsterte sie beglückt. Der Doktor hatte zwar noch einige Besuche machen wollen, ließ sich aber leicht bereden, seine Frau hinaufzubegleiten; es gab ja noch allerlei Bestimmungen für die neue Möblierung zu treffen. Das Haus war nicht groß, sollte aber von oben bis unten auf das Feinste und Behaglichste eingerichtet werden. Kameron stand in dem hübschen Wohngemach am Kamin, während Genofeva ins Nebenzimmer gegangen war, um ihren Hut abzusetzen; da hörte er sie einen Ausruf der Ueberraschung ausstoßen und eilte ihr nach. Auf dem Bett lag ihre sämtliche Garderobe ausgebreitet. Es ist nichts, erwiderte sie auf seine Frage, ich verstehe nur nicht, was die Ausstellung hier zu bedeuten hat. Genofeva klingelte. Wer hat meine Kleider aus dem Schrank genommen? fragte sie das neue Zimmermädchen, das mit ängstlicher Miene eintrat. Entschuldigen die gnädige Frau, stammelte jene verlegen, ich glaubte, Sie hätten es befohlen. Die Mamsell schien ihrer Sache so gewiß zu sein, sie beschrieb das Kleid, das sie ändern sollte, so genau, aber ich konnte es nicht finden. Von wem redest du denn? Nun, von der Schneidermamsell. Sie sagte, die gnädige Frau hatte jemand herbestellt, um das blauseidene Kleid kürzer zu machen; sie hatte alles Nähzeug mit und wollte die Aenderung gleich vornehmen. Na ich aber das blaue Kleid nicht finden konnte, ist sie wieder weggegangen. Ich habe keine Bestellung bei einer Schneiderin gemacht; es war sehr unrecht von dir, meine Kleider herauszunehmen ohne ausdrücklichen Befehl. Ein wahres Wunder, daß die Mamsell nicht mit dem einen oder andern verschwunden ist auf Nimmerwiedersehen. O nein, gnädige Frau, es war ein ganz anständiges Mädchen; sie sagte selbst, die Sache müsse auf einem Irrtum beruhen. Fragen Sie sie nur, so werden Sie's hören. Hat sie denn ihren Namen genannt und gesagt, bei wem sie arbeitet? mischte sich hier Kameron in die Unterredung. Nein, Herr Doktor, aber da sie von der Schneiderin kam, bei der die Kleider gemacht worden sind, so dachte ich, die gnädige Frau wüßte – Woher weißt du das und wovon sprichst du nur? unterbrach sie ihre Herrin erzürnt. Ich dachte mir's bloß, weil sie allerlei Proben und Zeugstückchen in der Hand hielt und sie mit den Kleidern verglich. Mich wunderte das freilich, denn sie hatte doch nur mit dem blauseidenen etwas zu tun und nicht mit den andern; auch tat sie es ganz verstohlen und glaubte, ich sähe es nicht. Der Doktor war in das Wohnzimmer zurückgekehrt; seine Frau konnte die unwichtige Angelegenheit füglich allein abmachen. Er hatte nicht bemerkt, wie bleich sie plötzlich geworden war. Du sagst, sie hatte Zeugproben, die zu meinen Kleidern paßten, stieß sie mühsam hervor. Wie viele, und zu welchen Kleidern? Ich will es wissen. Das Mädchen wurde immer ängstlicher. Ein Stück wie das graue Samtkleid, sagte sie, auf einen prachtvollen Gesellschaftsanzug deutend, eine Probe vom Besatz des braunseidenen Kleides; ganz besonders aber hat sie das weiße Atlaskleid betrachtet und die Knöpfe an dem langen Mantel. Mitgenommen hat sie aber nichts; ich glaube, die Schneiderinnen machen's alle so. Die junge Frau war in einen Stuhl gesunken; der Anblick der reichen Gewänder, in denen sie in Washington solche Bewunderung erregt hatte, schien ihr förmlich verleidet. Hänge sie zurück in den Schrank! befahl sie dem Mädchen, und rühre sie unter keiner Bedingung je wieder an, ohne daß ich dir's sage. Als Genofeva bald darauf ins Wohnzimmer trat, ward ihre düstere Miene plötzlich hell, und aller Verdruß schien verflogen. Sie lächelte, scherzte und plauderte fröhlich und verscheuchte die Wolken von ihres Mannes Stirn. Auf diesen zwar unbedeutenden, aber höchst rätselhaften Vorfall folgte noch am selben Abend ein anderer, der nicht weniger unerklärlich schien. Ein Herr ließ sich bei Doktor Kameron und seiner Frau melden, die er in dringenden Geschäften zu sprechen wünschte. Ich komme, sagte er, sich gegen den Doktor verbeugend, um eine einfache Frage an Ihre Frau Gemahlin zu richten. Ich muß Sie bitten, wandte er sich an Genofeva, mir den Namen Ihrer Schneiderin zu nennen. Wäre die Decke plötzlich über dem Haupte der jungen Frau eingefallen, es hätte sie kaum weniger überrascht und erschreckt. Entschuldigen Sie, fuhr der Herr fort, wenn ich Ihnen zudringlich und unhöflich erscheine. Ich werde mich sogleich näher erklären. Ohne Zweifel wird Ihnen, Herr Doktor, vielleicht auch Ihrer Frau Gemahlin, eine Geschichte erinnerlich sein, die sich erst kürzlich zugetragen hat: ein junges Mädchen war in einem Doktorwagen an Vergiftung durch Blausäure gestorben. Sie sprechen von Mildred Farley? fragte Kameron, verwundert, daß dieser Name ihn überallhin verfolge. Ganz recht, versetzte der andere. Gewiß entsinne ich mich des traurigen und geheimnisvollen Vorgangs, erwiderte Kameron. Hat die Frage, die Sie an meine Frau stellten, etwas mit jener tragischen Angelegenheit zu tun? Allerdings steht sie in Zusammenhang damit, entgegnete der Herr mit einem recht väterlichen Blick auf die schöne junge Frau, die, gedankenvoll in das flackernde Kaminfeuer schauend, eine nähere Erklärung abzuwarten schien. Sie werden aus der Zeitung wissen, daß Mildred Farley Schneiderin war und bis kurz vor ihrem Tode ihr Gewerbe aufs eifrigste betrieb. Nun liegen verschiedene Gründe vor, die es der Polizei als zweifelhaft erscheinen lassen, daß es sich in ihrem Fall um einen einfachen Selbstmord handelt. Es ist zum Beispiel noch nicht gelungen zu ermitteln, für welche Kundin sie gearbeitet und in welchem Haus sie die Kleider abgeliefert hat, mit deren Anfertigung sie in den letzten Wochen beschäftigt war. Möglich, daß es gar keinen Wert hat, darüber Aufschluß zu erhalten, und der Umstand sich als ganz unwesentlich erweist. Aber gerade, weil es ein bisher noch ungelöstes Rätsel ist, schickt mich die Behörde, welcher daran liegt, jeden zweifelhaften Fall zu ergründen, in dieses Haus, damit ich versuche, etwas Licht in das Dunkel zu bringen. Er schwieg und schaute auf Genofeva, die seinen Blick mit Festigkeit erwiderte. Sie nehmen vermutlich an, daß ich mit Mildred Farley bekannt war? fragte sie kühl und bestimmt. Ist dem nicht so? Sie lächelte. Fragen Sie meinen Mann! versetzte sie statt der Antwort. Kameron schüttelte den Kopf, was den Herrn jedoch nicht zu überzeugen schien, denn er fuhr in ernsterem Tone fort: Wenn Ihnen Fräulein Farley unbekannt war, Frau Doktor, so ist es doch wunderbar, daß sie die Kleider zu Ihrer Ausstattung angefertigt hat. Wie meinen Sie das, entgegnete die Angeredete, jenes Mädchen hat niemals für mich gearbeitet, das kann ich auf das Bestimmteste versichern. Gut, dann komme ich auf meine erste Frage zurück, versetzte jener lächelnd: wer ist Ihre Schneiderin? Müssen Sie es durchaus wissen? fragte sie mit stolzer Haltung, ohne ihre Entrüstung über solche Zudringlichkeit zu verbergen. Nur um den Leuten widersprechen zu können, welche glauben, daß es Mildred Farley war. Aber welcher Grund liegt denn vor, fiel hier Kameron ein, meine Frau mit jenem unglücklichen Mädchen in Zusammenhang zu bringen? Ein sehr gewichtiger, über den uns die Frau Doktor vielleicht aufklären kann. In dem Zimmer der Verstorbenen fand man allerlei Stückchen und Abfälle von Samt und Seide, welche die Polizei als Proben der Stoffe aufbewahrt hat, aus denen die Kleider gefertigt waren. Darunter befand sich auch ein Stückchen Besatz – hier ist es – und da man neulich zufällig auf einem Kleide der Frau Doktor Kameron die gleiche Borte bemerkte, lag die Vermutung nahe, daß sie die Dame sei, für welches das arme Mädchen gearbeitet hat. So kann auch nur ein Mann urteilen, entgegnete Genofeva mit kühlem Spott; wahrscheinlich befinden sich gegenwärtig in hiesiger Stadt mindestens zwanzig Damen, die den nämlichen Besatz am Kleide tragen. Auch Kleider von diesem grauen Samt, diesem andern Stoff hier – wie heißt er doch, oder solchem weichen weißen Zeug wie dieses? Genug, genug, rief die junge Frau, während ihr ein halbes Dutzend verschiedenfarbiger Proben in den Schoß fielen; zu den Stoffen will ich mich gern bekennen, aber nicht zu Mildred Farley. Ich weiß, was man mir heute für einen Streich gespielt hat und bin den Herren sehr verbunden, aber es war verlorene Mühe und Zeit. Wie das Mädchen in den Besitz der Proben gekommen ist, kann ich nicht sagen, aber für mich hat sie nie geschneidert. Mit halb verächtlichem, halb sorglosem Lächeln schob sie die Stücke beiseite und sah dabei so stolz und gebieterisch aus, daß der Besucher schon im Begriff stand, sich unverrichteter Sache zu entfernen. Wenn ich etwas wüßte, würde ich es Ihnen gern mitteilen, fuhr sie herablassend fort. Aber mir ist es ebenso unbegreiflich wie Ihnen, wie die Proben von meinen Kleidern an jenen Ort gekommen sein können. Genügt Ihnen das nicht? Er stand auf, um sich zu verabschieden. Wollen Sie mir denn nicht sagen, wo Sie Ihre Kleider haben machen lassen? fragte er dringend. Sie schüttelte den Kopf, lachte und blickte ihn schelmisch an. Es ist ein Geheimnis, das ich selbst meinem Mann nicht verraten habe; aber, wenn es denn nicht anders ist, so hören Sie. Sie hob sich auf die Fußspitzen und flüsterte dem Herrn etwas ins Ohr. Dieser stutzte einen Augenblick und brach dann in ein heiteres Lachen ans. Ist das Ihr Geheimnis, Frau Doktor? rief er; nun, Sie können sich auf meine Verschwiegenheit verlassen, sobald sie nicht gegen meine Pflicht verstößt. Sich nochmals bei der Herrschaften entschuldigend, daß er mit seinem Besuch lästig gefallen sei, verließ er mit ehrerbietiger Verbeugung das Zimmer. Als er fort war, wandte sich Kameron zu seiner Frau: Was hast du ihm denn für ein Zauberwort zugeflüstert, das ihn so schnell beruhigte? fragte er. Ach so, scherzte sie, du willst mein Geheimnis auch wissen. Nun, ich sagte ihm, daß die vielbewunderten Kleider überhaupt nicht von einer Schneiderin gefertigt wären. Da ich sie in meiner Eitelkeit ganz besonders hübsch und in eigenartigem Geschmack haben wollte, bestellte ich sie bei einem Damenschneider – und jetzt schäme ich mich darüber. Vierzehntes Kapitel. Das hat sie Ihnen gesagt, Herr Inspektor, rief Gryce, und Sie haben ihr Glauben geschenkt? Sie sprach die Wahrheit, versetzte der andere, der eben von Frau Kameron zurückkam, der Ton ihrer Stimme war überzeugend, ich zweifle nicht im mindesten an ihrem Wort. Nun, da ich es nicht mit eigenen Ohren gehört habe, sind meine Bedenken wohl gerechtfertigt. In einigen Tagen wird es vielleicht mehr zu berichten geben; ob etwas dabei herauskommt, läßt sich freilich nicht vorhersagen. Gryce fühlte sich innerlich unbefriedigt. Je mehr er sich in den Fall vertiefte, um so verworrener erschien er ihm. Einstweilen ließ er Doktor Molesworth polizeilich überwachen; sein Instinkt, der ihn meist richtig leitete, warnte ihn davor, an seine Schuld zu glauben und zu seiner Verhaftung zu schreiten, ehe nicht alle andern Möglichkeiten auf das Gewissenhafteste geprüft waren. Daß sein Argwohn in letzter Zeit eine sehr verwunderliche Richtung genommen hatte, gestand er sich offen ein. Es war ja gegen allen gesunden Menschenverstand, eine vornehme Dame von Genofevas Charakter in irgendwelchen Zusammenhang mit dem Tod der armen Näherin zu bringen. Trotzdem ließ sich der Verdacht nicht so ohne weiteres von der Hand weisen. Die große Dame hatte nicht verschmäht, ihre Zuflucht zur Lüge zu nehmen, um den Namen ihrer Schneiderin nicht angeben zu müssen (denn was sie seinem Vorgesetzten ins Ohr geflüstert, glaubte Gryce einfach nicht), und so schien es ihm wohl der Mühe wert, die Fährte weiter zu verfolgen. In diesem Entschluß sah er sich noch bestärkt, wenn er an seine Nachforschungen betreffs der vor der Hochzeit verschwundenen Genofeva zurückdachte und ihm dabei die Unterredung wieder einfiel, die er mit ihrer früheren, so plötzlich entlassenen Dienerin Zilia gehabt. Er erinnerte sich, daß diese ihm von einem Mädchen erzählt hatte, welches die Kleider ihrer Herrin abzuliefern pflegte. Damals war ihm alles nur wie ein müßiges Geschwätz erschienen, was sie von der »hochmütigen, widerwärtigen Person« zu berichten wußte, die sich für besser hielt als andere Leute, immer tiefverschleiert daherkam mit ihrer großen Pappschachtel und keinem Menschen ein Wort vergönnte. Auf Genofevas Befehl mußte die Dienerschaft sie stets ungehindert einlassen, was besonders Zilia sehr übel vermerkt, haben mochte, denn sie hatte gegen den Detektiv ihrem Zorn über die »abscheuliche Schleicherin« freien Lauf gelassen. Jetzt bedauerte Gryce, der Sache damals nicht gleich auf den Grund gegangen zu sein; aber es war auch jetzt nicht zu spät, nähere Erkundigungen nach dem Mädchen einzuziehen; hatte doch auch Frau Olney von Mildreds häufigen Gängen mit der großen Pappschachtel und ihrem späten Ausbleiben gesprochen. Durch ein Zwiegespräch mit Herrn Gretorexs gefälligem Hausmeister hoffte der Detektiv wenigstens feststellen zu können, ob die beiden Mädchen ein und dieselbe Person seien. Diesmal war sein Vorgesetzter allzu leichtgläubig gewesen, das hätte er ihm gern bewiesen. Er traf Jean, den Hausmeister, in der Küche, und der vornehme Diener zeigte sich gar nicht abgeneigt, Rede und Antwort zu stehen. Auch Peter kam dazu, und nach und nach brachte Gryce durch geschickt gestellte Fragen mancherlei heraus: das Mädchen war stets so tief verschleiert gewesen, daß man ihr Gesicht nicht sehen konnte; redete man sie an, so blieb sie die Antwort schuldig; das gnädige Fräulein war immer für sie zu sprechen; sie kam stets gegen Abend und trug gewöhnlich einen langen schwarzen Regenmantel. Einen solchen Mantel hatte Gryce in Mildred Farleys Schrank hängen sehen. Aber das letztemal hatte sie den Mantel nicht an, meinte Peter, da sah sie ganz anders aus – hochfein – ich erkannte sie erst an dem braunen Schleier wieder und an der Handtasche, die sie immer am Arme hängen hatte; sie sprach nicht ein Wort und sah unsereinen mit keinem Blick an. Ich hatte aber damals etwas anderes im Kopf als die Person – es war ja der Hochzeitsabend. Aber Peter, da irrst du dich wohl, nahm Jean das Wort, am Hochzeitsabend kann doch das Mädchen unmöglich hier gewesen sein? So? und ich habe sie doch selbst durch die Hintertüre hereingelassen. Sie kam gerade noch recht, um dem gnädigen Fräulein beim Anziehen zu helfen, wenn es überhaupt noch etwas für sie dabei zu tun gab. Uebrigens habe ich sie nicht wieder fortgehen sehen. Gryce war enttäuscht. Es schien geradezu vernunftwidrig, anzunehmen, daß dies geheimnisvolle Mädchen Molesworths entflohene Braut war. Noch um sieben Uhr hatte er sie an jenem Abend in dem meilenweit entfernten C-Hotel gesehen. Und nun sollte sie, statt ihre eigene Hochzeit zu feiern, hier bei einer andern Dienst und Hilfe geleistet haben? Das war wirklich kaum zu glauben. Um aber nichts unversucht zu lassen, wollte er noch eine letzte Probe wagen. Wie sah denn die Tasche aus, die das Mädchen immer bei sich hatte? fragte er, war sie klein und gelb? Bewahre, versetzte Peter, klein war sie wohl, aber nicht gelb, sondern schwarz, ich habe sie so und so oft gesehen. Gryce holte unter seinem weiten Rock die Handtasche hervor, die er in des Doktors Wagen gefunden, und hielt Peter die Seite mit den Buchstaben hin. Sah die Tasche so aus? Nein, war die Antwort, die gelbe Verzierung war nicht darauf. Als er sie jedoch umdrehte, rief der Diener: Ja, nun kommt sie mir bekannt vor, so eine Art Tasche war es. Der Detektiv steckte sie lachend wieder ein. Sollte das Mädchen die Buchstabenseite stets nach innen getragen haben? Das war kaum anzunehmen. Er befand sich offenbar auf falscher Fährte und tat am besten, seiner Wege zu gehen. Aus der Küche gelangte er in den Hof, wobei er bemerkte, daß ein Kiesweg rings um das Haus herumführte; aber noch etwas erregte seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade, nämlich eine Küchenveranda, von welcher mehrere Stufen herabführten; sie war viereckig und mit einem hohen Geländer versehen, auf welchem sich Säulen erhoben, die das platte Dach trugen. Das Geländer hatte einen neuen Anstrich von ganz eigentümlicher hellbrauner Farbe. Wäre es möglich, daß ich hier endlich finde, was ich so lange gesucht habe? fragte er sich. Er trat auf die Veranda und spähte scharf umher. Plötzlich ließ er einen Ausruf des Staunens und der Befriedigung hören. Von der zunächst der Stufe befindlichen Säule war an einer Stelle die Farbe abgerieben in der Form und Größe des Flecks auf Mildreds Kleiderrücken, und in der dünnen, noch übrigen Farbenschicht sah man deutlich blaue Wollenfasern, die da eingetrocknet waren. Gryce hatte schon manches Wunder erlebt, aber ein so überzeugender, vollgültiger Beweis war ihm noch nicht vorgekommen. Mit sehr nachdenklichem Gesicht trat er in die Küche zurück. Was für eine reizende Veranda haben Sie da draußen, begann er sein Gespräch mit Peter von neuem, wie schön muß sich's dort an Sommerabenden sitzen! Das will ich meinen, lachte Peter gutmütig. Und so hübsch angestrichen, viel sauberer, als das übrige Haus. Ja, das habe ich auch selbst gemacht, schmunzelte Peter wohlgefällig, die Veranda sah recht schäbig aus, und da bat ich den Herrn um Erlaubnis und kaufte einen Topf voll Farbe, nur wollte sie nicht schnell trocknen. Na, wenigstens war es doch anständig zur Hochzeit, daß man sich nicht zu schämen brauchte. Gryce schwirrten die verschiedensten Gedanken im Kopf herum; das Rätsel, das er lösen wollte, wurde immer dunkler, das Problem immer schwieriger. Fünfzehntes Kapitel. Die Entdeckung, die Gryce gemacht hatte, war allerdings von großer Tragweite und Wichtigkeit. Durch sie war festgestellt, daß das Mädchen, welches Genofeva Gretorex' Kleider abgeliefert hatte und noch am Abend der Hochzeit bei ihr gesehen worden war, dasselbe sei, welches man am nämlichen Tage gegen Mitternacht tot in Frau Olneys Wohnzimmer trug. Daß sie hier im Hause gestorben sei, folgte jedoch nicht unmittelbar daraus. Es war zwar verdächtig, daß die jetzige Frau Doktor Kameron jede Bekanntschaft mit ihr hartnäckig ableugnete, aber was sie auch dazu bewogen hatte, es brauchte nicht gerade mit dem tragischen Tode des Mädchens in Verbindung zu stehen. Damen in Frau Kamerons Stellung hegen meist eine unüberwindliche Scheu davor, mit der Polizei zu verhandeln oder als Zeuginnen vor Gericht zu erscheinen. Wie aber erklärte sich Molesworths Wunsch, die Kamerons von seiner Lage in Kenntnis zu setzen? Derselbe entsprang, nach der Ansicht des Polizisten, schwerlich allein aus seinem Eifer für den interessanten medizinischen Fall. Und jener Schrei während der Trauung! Woher kam er, was hatte er zu bedeuten? – Damals war ihm nicht klar gewesen, wie wichtig es sei, Grund und Urheber desselben zu entdecken; jetzt mußte er alles daran setzen, um es nachträglich zu tun. Gelassen wandte Gryce sich wieder an die beiden Diener: Was ich noch sagen wollte: einer meiner Freunde erzählte mir, bei der Hochzeit hier wäre etwas ganz Merkwürdiges vorgekommen; mitten in der Trauung hätte man plötzlich einen lauten Schrei gehört. Ist das wahr? Freilich, versetzte Jean, das war die Margret, die schreit immer, als wenn sie am Spieß steckte. Peter lächelte mitleidig. Ich hab's euch wohl schon tausendmal gesagt, daß Margret gar nicht im Hause war; wie kann sie da geschrien haben? Was es gewesen ist, weiß niemand, mischte sich hier ein Mädchen ein, das gerade in die Küche trat; vielleicht war's ein Spuk, setzte sie mit scheuem Blick hinzu – ehe jemand im Hause stirbt, hört man ja oft – Unsinn, fiel Peter ein, es war eine Frauensperson, die einen Angstschrei ausstieß. Was ihr den Schrecken eingejagt hat, gerade an jenem Abend, ist freilich unbegreiflich. Währenddem prüfte Gryce innerlich jedes Für und Wider. War es möglich, daß Mildred Farley den Schrei im Augenblick ihres Todes ausgestoßen hatte? Wie aber konnte ein solches Ereignis, das sich im Zimmer der Braut zugetragen, unentdeckt bleiben? Und hatte sie das Gift hier im Hause genommen, wie kam dann kurze Zeit nachher Molesworth dazu, mit ihr im Wagen nach der Apotheke und nach seiner Wohnung zu fahren? – Nein, Mildred Farley war nicht hier gestorben, es müßte denn an jenem verhängnisvollen Abend Molesworth selbst hier im Hause zugegen gewesen sein. Nahm man dies an, dann freilich war manches Dunkel aufgeklärt. Aber wie schwierig würde es sein, die Tatsache zu beweisen. Gryce wußte, daß der Doktor von keinem Hochzeitsgast bemerkt worden war, sonst würde das bei der Gerichtsverhandlung ans Tageslicht gekommen sein; auch von den Dienern, die er befragte, hatte keiner eine solche Persönlichkeit gesehen. Und war es denkbar, daß er in so kurzer Frist von hier bis zur 22. Straße gelangen konnte? – Freilich, sein Pferd war fast zu Tode gehetzt gewesen, und um einen bestimmten Zweck zu erreichen, setzt der Mensch ja alles daran. Was aber war der Zweck gewesen? Mildred Farley zu retten – oder sie umzubringen? Daß Molesworth einen falschen Ort angegeben, wo er sie gefunden habe, daß er die Fabel von dem zerbrochenen Fläschchen aufgebracht, sprach gegen ihn. Die Wahrscheinlichkeit, daß der Doktor der Täter sei, war noch immer groß, von welcher Seite der Detektiv die Sache auch betrachten mochte. Ehe Gryce die Küche verlieh, warf er noch einen Blick auf die Hintertreppe; sie führte unmittelbar in den Hausflur und von dort ins Freie, so daß sich das Mädchen leicht unbemerkt hatte entfernen können, während alle Leute im Hause anderweitig beschäftigt waren. Dann mochte sie sich auf die Verandastufen gesetzt haben, um auf den Doktor zu warten. Warum nicht? – In dem Briefchen, das sie im Hotel hinterlassen, konnte sie ihm ja Nachricht gegeben haben, wo er sie finden werde. Das Gegenteil ließ sich wenigstens nicht beweisen. Zwei Dinge galt es nunmehr festzustellen: erstens, ob des Doktors Wagen an jenem Abend am Hause vorgefahren sei, und zweitens, aus welchem Beweggrund Frau Kameron bestrebt war, ihre Verbindung mit dem unglücklichen Mädchen geheimzuhalten. Gryce machte sich ohne Zögern und mit wahrhaft jugendlichem Eifer an die Lösung dieser Aufgabe. Seinen neuen Bekannten in der Küche Lebewohl sagend, ging er zur Hintertür hinaus und um das Haus herum. Gleich darauf hörte Jean an der Vordertür klingeln; er öffnete und erblickte zu seinem nicht geringen Erstaunen den eben entlassenen Besucher, der, mit ernstem, unbeweglichem Gesicht, als sehe er ihn zum erstenmal, sich erkundigte, ob Frau Gretorex zu Hause sei und er sie sprechen könne. Dann folgte er dem verblüfften Diener in das Wohnzimmer, mit der Miene eines Mannes, der in den niederen Küchenregionen überhaupt nichts zu suchen hat. Frau Gretorex war das letztemal im Unwillen von dem Detektiv geschieden, und zwar, wie dieser sich sagen mußte, nicht ohne guten Grund. Als er jetzt anhub, sich wegen des damals begangenen Irrtums zu entschuldigen, unterbrach sie ihn mit scharfem Ton: Ich verstehe nicht, wovon Sie reden, mein Herr. Ich weiß von keinem Irrtum, außer daß Sie, meinem bestimmt ausgesprochenen Wunsch zuwider, meinen Schwiegersohn ins Vertrauen gezogen haben. So hat er Ihnen nie Aufschluß über die Ereignisse jenes Abends gegeben? Ich habe keinen begehrt. Dem Detektiv entschlüpfte ein leiser Ausruf der Überraschung. Sie konnten freilich nicht ahnen, was für merkwürdige Dinge wir erlebt hatten, sagte er. Wir haben an jenem Abend eine Doppelgängerin Ihrer Tochter hier in der Stadt gesehen. Eine Doppelgängerin? Ja; sie glich ihr in solchem Grade, daß selbst ihr bester Freund – ich meine Doktor Kameron – sich durch die Aehnlichkeit täuschen ließ. Das Staunen der Mutter kannte keine Grenzen. Sie werden es daher begreiflich finden, daß auch ich die Person für Fräulein Gretorex hielt, um so mehr, da ihre Kleidung zu der Beschreibung des Kleides paßte, in welchem sie verschwunden war. Ungläubige Furcht spiegelte sich in Frau Gretorex' Zügen. Ich verstehe Sie noch immer nicht, Herr Gryce. Wer war jene Person, was ist aus ihr geworden? Sie machen mich ganz neugierig. Gryce blickte sich vorsichtig um und sagte sodann: Sind wir hier ganz allein? Es hört uns niemand; reden Sie, wer war die Dame? Die Zeitungen haben ihren Namen kürzlich viel erwähnt, erwiderte er, daher wird er ihnen bekannt sein. Es war Mildred Farley, das junge Mädchen, das am nämlichen Abend an Gift gestorben ist. Farley, wiederholte sie langsam und nachdenklich, Farley? – Ich dachte mir gleich, daß Sie den Namen kennen würden, murmelte er, ihren Gesichtsausdruck scharf beobachtend. O nein, Sie irren sich, entgegnete sie ruhig und würdevoll; ich kenne niemand dieses Namens. Was bringt Sie auf den Gedanken? Sie ist so oft hier im Hause aus- und eingegangen, war Ihrer Tochter so wohl bekannt, und hat sich, wenn mich nicht alles täuscht, auch an dem Abend hier im Zimmer Ihrer Tochter befunden, bevor diese zur Hochzeit und jene in ihr Verhängnis ging. Das waren augenscheinlich lauter unwillkommene Ueberraschungen für die Dame; sie vergaß alle Zurückhaltung, ja selbst des Detektivs Gegenwart. Ein Mädchen namens Farley, wiederholte sie, die Genofeva kennt und die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht? Wie soll ich das verstehen? Er schwieg und verwandte kein Auge von ihr. Sagten Sie nicht, sie sei tot? fragte Frau Gretorex plötzlich wie aus einem Traum erwachend. Ist es dasselbe Mädchen, das auf der Straße gefunden und von jemand im Wagen mitgenommen wurde? Jawohl, Madame, eine junge Kleidernäherin, die am selben Abend Hochzeit machen sollte. Statt dessen hat sie Ihrer Tochter hier bei der Brauttoilette geholfen. Frau Gretorex starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an; aller Hochmut war von ihr gewichen. Sie scheinen über meine Tochter sehr gut unterrichtet zu sein, besser als ihre Mutter und ihre nächsten Freunde. Ich wußte überhaupt nicht, daß Genofeva jemand zur Hilfe gehabt hat, wußte nichts von dieser Doppelgängerin namens Farley. Der Umstand wäre doch wohl von der Dienerschaft bemerkt worden; aber mir hat niemand eine Mitteilung gemacht. Man war eben ganz daran gewöhnt, sie kommen und gehen zu sehen; ihr Gesicht kannte niemand, denn sie war stets verschleiert. Und Sie behaupten wirklich, das Mädchen, welches ins Haus kam, um die Kleider meiner Tochter abzuliefern, für die sie stets zu sprechen war, wenn sie sonst keinen Besuch empfing, sei eine Far – sei dieselbe, die an ihrem Hochzeitsabend eines so plötzlichen und geheimnisvollen Todes starb? Es ist noch nicht in die Öffentlichkeit gedrungen, auch glaube ich, daß selbst Frau Doktor Kameron nicht von dieser Identität weiß. In meinen Augen steht jedoch die Tatsache unumstößlich fest. Dies ist der Grund meines Hierseins. Ich suche eben jetzt die näheren Umstände in betreff des Mädchens zu ermitteln. Hatte Frau Gretorex plötzlich die Farbe gewechselt, oder bildete er es sich nur ein? Es gehörte wohl viel dazu, die Fassung dieser gewiegten Weltdame zu erschüttern. Was lag denn in seinen Worten, um sie aus ihrer Ruhe zu schrecken? Jedenfalls hatte sie den Gleichmut schnell wiedergewonnen. Ich finde das ganz natürlich, sagte sie; derartige Nachforschungen gehören ja zu Ihrem Beruf. Nur glaube ich, Sie werden hier nicht viel erfahren. Das scheint mir auch so, da Sie mir versichern, daß Sie nie mit ihr zusammengetroffen sind, sie nie gesehen haben. Nein, nie . Der Ton ihrer Stimme bezeugte, daß sie die Wahrheit sprach, Gryce veränderte seinen Schlachtplan. So will ich mich denn verabschieden, sagte er; und doch – etwas möchte ich noch von Ihnen erbitten, um der Sache der Gerechtigkeit willen, der ich diene: Wenn Fräulein Farley an jenem Abend wirklich hier und im Zimmer Ihrer Tochter war, so muß sie einen braunen Schleier zurückgelassen haben, den man an ihr gesehen haben will. Als die Leiche in ihre Wohnung gebracht wurde, hing statt dessen ein hellgrauer ganz neuer Schleier an ihren Kleidern. Hat sich nun beim Aufräumen des Zimmers nach der Abreise Ihrer Tochter der braune Schleier vorgefunden, so wäre das abermals ein kleines Glied, das wir unserer Kette von Beweisen einfügen könnten. Braune Schleier sind aber etwas so Gewöhnliches. Möglich, daß meine Tochter selbst deren ein Dutzend besitzt. Die doch aber nicht lose im Zimmer umherliegen werden? Wie soll ich das wissen? Sie können mir also nicht behilflich sein? Ich will Ihnen nicht verwehren, sich selbst in dem Zimmer umzuschauen. Alles steht und liegt noch darin, wie meine Tochter es verlassen hat. Ich wollte nur in ihrem Beisein über ihre Sachen verfügen, und sie hat bisher nicht Zeit gefunden, sich darum zu bekümmern. Wofür suchen Sie denn aber Beweise und gegen wen – wenn es erlaubt ist, zu fragen? Ist Ihnen vielleicht ein Doktor Molesworth in hiesiger Stadt bekannt, Madame? Nein. Sie können auch mit Bestimmtheit versichern, daß er nicht zur Hochzeit eingeladen war? Ganz bestimmt. Demnach geschah es ohne Ihr Wissen, wenn er sich damals hier im Hause befand. Molesworth gibt nämlich an, er habe Fräulein Farley auf der Treppenstufe vor einem Hause in der 22. Straße aufgefunden. Die Geschichte ist ziemlich unwahrscheinlich, und wir wünschen zu beweisen, daß er sie von hier aus mitgenommen hat, wo sie sich bis gegen neun Uhr in Fräulein Gretorex' Zimmer aufgehalten hat. Wenn es Ihnen nur darauf ankommt, diese Anwesenheit zu beweisen, so scheint mir das sehr einfach. Kann denn Frau Doktor Kameron nicht sagen, ob die Person bei ihr war oder nicht? Gryce wußte wohl, was die stolze Frau mit diesem Vorschlag beabsichtigte. Trotz aller äußern Selbstbeherrschung brannte sie innerlich vor Begier, zu erfahren, was ihre nicht minder stolze Tochter unter dem Schein der Gleichgültigkeit vor ihr zu verbergen trachtete. Ich habe die Frau Doktor nicht darum befragt, gab er zur Antwort. Ich nahm an, daß ihr der wahre Name und die Geschichte der unglücklichen Person unbekannt sein müsse, da sie der Polizei keinerlei Anzeige gemacht hat. Da werden Sie recht haben, versetzte die Mutter sichtlich erleichtert. So kommen Sie denn mit mir hinauf in ihr Zimmer. Das große geräumige Gemach auf der Vorderseite des Hauses, das sie betraten, war hübsch und wohnlich eingerichtet, aber mancherlei Anzeichen verrieten, daß kein Fuß über die Schwelle gekommen war, seitdem Genofeva es verlassen. Dieser Umstand war für den Detektiv günstig und für seine Nachforschung von ganz besonderem Interesse. Frau Gretorex war eifrig bemüht, in allen Ecken und Winkeln nach dem verlorenen Schleier zu suchen; erst als sich herausgestellt hatte, daß der vermißte Gegenstand nirgends zum Vorschein kam, deutete Gryce auf einen Haufen Kleider, welcher den Eingang zu einem kleinen Alkoven versperrte, der an das Zimmer stieß. Sind das die Kleider Ihrer Tochter, die dort aufgetürmt liegen? Sie scheint ihre ganze Garderobe aus den Schränken geholt zu haben. Es sind ihre alten Sachen, die sie vor der Verheiratung getragen hat; aber sie sind noch viel zu gut, um so herumgeworfen zu werden. Ich möchte wissen – Was soll das heißen? erklang plötzlich eine heftig erregte Stimme hinter ihnen. Was geht hier ohne meine Erlaubnis in meinem Zimmer vor? Beide wandten sich rasch um und sahen die Frau Doktor Kameron in Hut und Pelzmantel in der offenen Zimmertür stehen. Sechzehntes Kapitel. Die gleiche Bestürzung malte sich auf Frau Gretorex' Gesicht und dem des Detektivs, so gänzlich verschieden diese zwei Menschen auch sonst voneinander waren. Im nächsten Augenblick jedoch hatten beide die Fassung wiedergewonnen, sie aus Weltklugheit, er aus Gewohnheit. Gryce hörte nicht ohne heimliche Bewunderung, wie sie leichthin bemerkte: Wir suchen nach dem Schleier der unglücklichen Person. Er wird vermißt, und auf der Polizei scheint man zu glauben; sie habe ihn hier verloren. Genofeva war leichenblaß geworden. Ich begreife nicht, begann sie, dann senkte sie das Auge vor ihrer Mutter Blick und mußte sich an die Türe lehnen, um sich aufrecht zu erhalten. Du hast vermutlich gewußt, daß die junge Näherin, die so oft hier war, um die Kleider zu deiner Ausstattung abzuliefern, an deinem Hochzeitstag gestorben ist? fuhr die Mutter unerbittlich fort. Keine Antwort. Unmöglich kannst du von deinem neuen Leben so ganz in Anspruch genommen worden sein, daß du es in der Zeitung übersehen hast. Genofeva schüttelte den Kopf. Warum hast du denn niemand etwas davon gesagt? Das hättest du tun sollen, schon damit wir nicht den lästigen Nachforschungen und Verdächtigungen der Polizei ausgesetzt waren. Es ist dir wohl gar nicht klar gewesen, was für ein Geheimnis du verbargst? Das Mädchen hat dir vielleicht einen falschen Namen genannt, dir nicht ihr wahres Gesicht gezeigt. Ihr Gesicht? preßte die junge Frau mühsam heraus, die Mutter mit großen Augen anstarrend. Ja, – dieses Mädchen, Mildred Falley – soll eine ganz auffallende Aehnlichkeit mit dir gehabt haben, sagt man. Genofevas Angst schien auf einmal gewichen; sie sah heiter und unbefangen aus, wie gewöhnlich. Mit fester Hand knöpfte sie den Pelzmantel auf und warf ihn nachlässig über einen Stuhl. So, sagt man das? Wie merkwürdig. Dann, sich zur Tür wendend, rief sie in den Vorsaal hinaus: Walter, komm herein, du mußt mir helfen; man hat mich auf Winkelzügen ertappt, ich will meine Sünden beichten. Doktor Kamerons geistvolles Gesicht, seine hohe Gestalt erschien in der Türöffnung. Was gibt es denn? fragte er, ich will dir beistehen, so gut ich kann. Den Detektiv gewahrend, hielt er inne, unwillkürlich bestrebt, seine aufsteigende Besorgnis zu verbergen. Nur eine Kleinigkeit, die ich aufklären möchte, warf Genofeva sorglos hin. Mildred Farley war mir nicht unbekannt, ich habe hier im Hause mehrfach mit ihr zu tun gehabt; doch wollte ich nichts davon sagen und stellte es sogar in Abrede, als man mich befragte, weil – dir klingt das vielleicht wie eine lahme Entschuldigung – mir Verhandlungen vor Gericht in der Seele zuwider sind. Auch war unsere Aehnlichkeit wirklich höchst auffallend; es wäre peinlich für mich gewesen, in Gegenwart von Leuten, die das Mädchen gekannt haben, als Zeugin zu erscheinen. Wenn dies für Charakterschwäche angesehen wird, muß ich mich darein finden. – Jetzt bin ich froh, mein Geheimnis los zu sein, das mir Unruhe genug bereitet hat. Ihre ungezwungene Anmut, ihr Liebreiz und die Zuversicht, die aus ihren Mienen sprach, man könne ihr um so kleiner Schuld willen nicht zürnen, hätte wohl die meisten Männer zu ihren Gunsten gestimmt. Doktor Kaneron aber hatte strenge Grundsätze und verabscheute eine Unwahrheit im kleinen fast so sehr wie im großen. Sie sah das an seinem veränderten Gesichtsausdruck und ließ betrübt den Kopf hängen. Kann ich nichts tun, um meinen Fehler wieder gut zu machen? fragte sie. Gryce trat schnell vor: Sie können uns sagen, ob Sie das Mädchen hier im Zimmer zurückgelassen haben, als Sie zur Trauung hinabgingen. Genofevas offenbare Fassungslosigkeit bei diesem so einfachen Verlangen war für Kameron ein furchtbarer Schlag. Lebhaft standen ihm wieder alle Zweifel und Schrecknisse vor der Seele, die er in jener Stunde durchlebt hatte, von dem Moment an, als er sie beim Anblick des Mädchens erstarren sah, das, wie sie jetzt zugab, Mildred Farley gewesen war, bis zu dem Augenblick, da sie ihm im Wagen ohnmächtig in die Arme sank. Seine heftige Erregung schwand jedoch, als er das schelmische Lächeln bemerkte, welches jetzt Genofevas bleiche Züge erhellte. Was, auch das weiß man schon? rief sie; ich hätte mir niemals träumen lassen, daß die Polizei so gut unterrichtet wäre und so geschickt. Ja, sie war wirklich bei mir an jenem Abend, um mir den Brautschleier aufzustecken und die Falten des Hochzeitskleides zu ordnen. Ich erwartete sie nicht, denn bei Ablieferung des letzten Kleides hatte sie ihre Bezahlung erhalten. Es war gut, daß sie kam und mir noch zuletzt behilflich war. Als ich zur Trauung hinabging, ließ ich sie hier zurück. Das war doch kein Unrecht? Gewiß nicht, Madame. Wir suchen ja auch nur die Tatsachen festzustellen. War sie denn noch hier, als Sie zurückkamen? Nein, sagte Frau Kameron, den Kopf schüttelnd. Sie war fort, ich hatte auch nicht erwartet, daß sie bleiben würde. – Walter, wo gehst du hin? Warte doch auf mich, der Herr wird mich nicht mehr lange aufhalten. Kameron war in den Vorsaal hinausgetreten; bei den letzten Worten seiner Frau blieb er stehen, kam aber nicht wieder ins Zimmer. Mein Mann hat Eile, wandte sie sich an den Detektiv. Wünschen Sie sonst noch etwas von mir zu erfahren? Allerdings, Madame, versetzte Gryce in verbindlichem Ton. Erstens möchte ich wissen, wie Sie mit Mildred Farley bekannt geworden sind, ferner, ob Ihr Verkehr ein vertraulicher war, und endlich, ob Sie keine Ahnung von der Ursache ihres Todes haben. Mir ist es von Wichtigkeit, hierüber Aufschluß zu erhalten, denn wie Sie wissen, ist der Verdacht entstanden, daß sie sich nicht freiwillig und mit eigener Hand das Leben genommen hat, vielmehr dabei ein Mann im Spiele war, den Sie auch kennen oder wenigstens kürzlich gesehen haben. Hast du noch Zeit, so lange zu warten, Walter? fragte sie, an die Tür tretend, mit freundlicher Miene. So lange du willst, war die fast strenge Antwort; nur gib dem Herrn befriedigende Auskunft. Bei dem kurzen, scharfen Ton seiner Stimme veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, und ihr Blick wurde ängstlich. Ich will Ihnen alles sagen, was ich weiß, murmelte sie, es ist zwar nicht viel, kann aber doch der Polizei von Nutzen sein: Ich wurde zuerst mit Mildred Farley bekannt, als sie zu mir kam und mich um Arbeit bat. Sie hatte von meiner bevorstehenden Hochzeit gehört, durch wen, weiß ich nicht, und bat mich, meine Ausstattungskleider von ihr anfertigen zu lassen. Sie sah anständig aus, allein, da sie mir weder bekannt noch empfohlen war und ich überhaupt die Absicht hatte, meine Kleider in Paris zu bestellen, so ließ mich ihr Verlangen kalt. Als sie jedoch fortfuhr, mich mit Bitten zu bestürmen, es wenigstens einmal mit ihr zu versuchen, ward ich in meinem Entschluß wankend; das Mädchen begann mich zu interessieren, und ich forderte sie auf, den Schleier abzunehmen, der bis dahin ihr Gesicht verhüllt hatte. Sie tat das erst nach längerem Zögern; aber wie erstaunte ich, als ich in ihr mein treues Ebenbild erblickte. Mein Interesse war nun vollends erwacht, und ich befragte sie nach ihren näheren Verhältnissen. Aus ihren Antworten entnahm ich, sie sei die Tochter einer Witwe, welche an der Auszehrung darniederliege und für deren Unterhalt und Pflege sie zu sorgen habe. Sie hatte das Kleidermachen erlernt und traute sich das Geschick zu, mir ein Kostüm ganz nach Wunsch anzufertigen. Mein Eifer dabei wird um so größer sein, rief sie, als ich mir einbilden kann, ich schneidere für meine eigene Figur. Sie gleicht der Ihren genau, wenn ich auch nur ein armes Mädchen bin und Sie eine vornehme Dame. – Ich konnte ihr die Bitte nicht verweigern; so gab ich ihr den Stoff und ließ sie Maß nehmen. Der erste Versuch fiel so glänzend aus, daß ich beschloß, alle meine Kleider bei ihr zu bestellen. Doch machte ich zur Bedingung, sie dürfe nie unverschleiert hier ins Haus kommen, damit unsere außerordentliche Aehnlichkeit nicht zu Bemerkungen Anlaß gebe. – Wenn ich dies alles vor dir verborgen habe, Mama, so geschah es, weil ich überzeugt war, du würdest ein Vorurteil gegen die arme Näherin fassen, weil sie deiner eigenen Tochter glich. Es hätte mir weh getan, sie mit Geringschätzung behandelt zu sehen, ich kenne deinen Stolz und kann ihn begreifen, denn der meinige ist kaum weniger tief eingewurzelt. Mit unbefangener Miene blickte sie ihre Mutter an, deren Lächeln zu sagen schien, die Tochter habe sie nicht falsch beurteilt. Frau Gretorex seufzte wie erleichtert auf und ließ sich in einen Stuhl nieder. Weiter weiß ich nichts zu berichten, fuhr Genofeva fort, über ihren Tod kann ich keine Auskunft geben, und – Entschuldigen Sie, Madame, fiel hier Gryce ehrerbietig ein, hat das junge Mädchen, gegen das Sie sich so freundlich erwiesen, nie ihre eigenen Sorgen und Hoffnungen mit Ihnen besprochen? Hat sie nie Julius Molesworth erwähnt und ihre bevorstehende Heirat mit ihm? Was soll ich darauf erwidern? rief Frau Kameron mit einem bittenden Blick auf ihren Mann, der noch immer außerhalb der Türe stand. Hilf mir, Walter; ich möchte um keinen Preis durch meine Aussagen einem Menschen schaden, auf den unglücklicherweise der Schatten eines Verdachts gefallen ist, und den ich doch für ganz unschuldig halte. Stehe nur offen Rede und Antwort! entgegnete ihr Gatte, einen Schritt nähertretend, mir wäre es unerträglich, zu denken, daß meine Frau in einer so wichtigen Angelegenheit irgendetwas verheimlicht hätte. Ist Molesworth unschuldig – und auch ich bin davon überzeugt –, so kann ihm deine Aussage schwerlich schaden, wenn die Wahrheit dadurch ans Licht kommt. Sein freundlicher Ton schien Genofeva zu ermutigen. Sich zu dem Detektiv wendend, fuhr sie fort: Ja, Mildred Farley hat ihr Verhältnis zu Molesworth gegen mich erwähnt. Bald nach ihrer Mutter Tode klagte sie mir, wie einsam und trübe ihr die Zukunft erscheine und teilte mir dann zögernd mit, sie habe einen Heiratsantrag von dem Arzt erhalten, der die Kranke behandelt hatte. Ob sie denselben annehmen würde, sagte sie zwar nicht, doch schien es mir selbstverständlich, und wir sprachen nicht weiter über die Angelegenheit; ich hatte den Kopf zu voll eigener Pläne und kannte ja auch Doktor Molesworth nicht. Einige Tage vor meiner Hochzeit taten wir nun aber etwas Seltsames – ich gestehe es nicht gern ein, denn ich weiß, es wird meiner Mutter mißfallen – vielleicht auch meinem Gatten. Aber er will ja, daß ich reden soll, und ich gehorche: während unseres Verkehrs hatten wir uns sehr aneinander angeschlossen; Mildred war für ihren Stand ungewöhnlich gebildet und voller Geist und Leben. Um mich ihrer Gesellschaft ungestört erfreuen zu können und mir auch die Ruhe zu verschaffen, deren ich dringend bedurfte, schlug ich ihr einen gemeinsamen Ausflug vor. Weder ihre noch meine Bekannten sollten etwas davon erfahren, damit wir unsere Freiheit nach Herzenslust genießen könnten. Das taten wir denn auch; wir mieteten uns auf einige Tage in einer anständigen Pension in Newark ein, ich als Kranke, sie als meine Wärterin, und waren sehr vergnügt zusammen. Jetzt sehe ich wohl ein, daß es ein unpassendes und törichtes Unternehmen war, aber es kam mir so romantisch vor, das reizte mich; ich war ja damals noch nicht verheiratet. Als wir am Morgen meines Hochzeitstages Abschied nahmen, dankte mir Mildred aufrichtig und sagte, es seien die heitersten Tage ihres Lebens gewesen. Wie wenig ahnte ich, daß sie schon vierundzwanzig Stunden später den Tod finden würde und möglicherweise durch eigene Hand. Genofeva schwieg; aber der Detektiv war noch nicht zu Ende. Sie nahmen Abschied von ihr – darf ich fragen wo? An der Ecke des Broadway und der Franklinstraße. Sie kehrte nach der City zurück, und ich suchte meine Cousine auf. Daß ich nur ein paar Stunden bei ihr war, hat sie dir nicht gesagt, fügte sie hinzu, indem sie sich an ihre Mutter wendete. Frau Gretorex sah verstimmt und mit verächtlicher Miene da. Ich bedaure jetzt, den tollen Streich gemacht zu haben, flüsterte Genofeva mit einem reuigen Blick auf ihren Gatten. Es war unschicklich in meiner Stellung, und wenn ich mich gar noch öffentlich dazu bekennen soll, wird auch dir Verdruß und Scham darüber nicht erspart bleiben. Kameron zuckte die Achseln. Das ist jetzt von sehr wenig Belang, sagte er. Hier handelt es sich um die Frage: hat Mildred Farley das Gift selbst genommen oder ist es ihr von Molesworth eingeflößt worden? Deshalb, fiel Gryce ein, wäre es wichtig, zu erfahren, ob sich Fräulein Farley über ihre Zukunftspläne geäußert hat, bevor sie sich von Ihnen trennte, Frau Doktor. Soviel ich verstand, sollte ihre Hochzeit mit der meinigen zugleich stattfinden. Dann müssen Sie ja höchlich überrascht gewesen sein, als sie am Abend zu Ihnen ins Zimmer trat. Gewiß; ich wußte es mir anfangs gar nicht zu deuten. Und wie erklärte sie es? Einfach damit, daß ihre Trauung verschoben sei, und sie bei meiner Toilette zugegen sein möchte. Sie sah ernst und unglücklich aus; aber da sie mir nichts Näheres mitteilte, vermied ich es, sie mit Fragen zu quälen. Von Tod oder Selbstmord hat sie nicht gesprochen, auch nicht Abschied von Ihnen genommen? Frau Kameron schien nachzudenken. Sie war in großer Aufregung, entgegnete sie dann, und hat mir auch vielleicht Lebewohl gesagt; aber ich selbst befand mich in zu erregter Stimmung, um darauf zu achten. Wenn ich mir jetzt alles wieder vergegenwärtige, scheint es mir nicht unmöglich, daß sie den verzweifelten Schritt getan hat. Doch würde meine Ueberzeugung, daß sie das Gift freiwillig genommen hat, vor den Geschworenen schwerlich als Beweis gelten können. Das zwar nicht, entgegnete Gryce, sich dankend verbeugend, aber für einen Detektiv ist sie von Wichtigkeit. Er war im Begriff, sich zu entfernen, doch Frau Gretorex hielt ihn zurück, um ihm die größtmögliche Rücksicht und Schonung für ihre Familie ans Herz zu legen. Den Augenblick benutzend, schlüpfte Genofeva zu ihrem Gatten hinaus. Du zürnst mir, Walter, und mit Recht, murmelte sie, seinen Arm umfassend und ihm bittend ins Auge schauend. Mein Betragen erscheint dir tadelnswert und meine Heimlichkeiten unverzeihlich; aber ich habe nur aus Schwachheit gefehlt und nichts Böses gewollt. Kannst du mir nicht vergeben? Er antwortete nicht, sondern ergriff ihre Hand und zog sie mit sich in eine Fensternische. Genofeva, sprach er ernst, eines verlange ich zu wissen: Gryce fragte, ob du Mildred Farley im Zimmer zurückgelassen hättest, als du zur Trauung gingst, und du antwortetest: »Ja«. Doch sah ich damals mit eigenen Augen, wie du die Tür abschlossest und den Schlüssel einstecktest. Warum tatest du das, wenn das Mädchen noch dort war und sich eben zum Fortgehen rüstete? Weil – ihre Lippe bebte, aber sie sah ihm fest ins Auge – weil ich nicht wußte, was ich tat. Vielleicht sind nicht alle Bräute vor der Hochzeit so aufgeregt wie ich es war. Und dazu kam noch der Schmerz – ganz plötzlich, gerade als ich die Schwelle überschritt – wohl infolge der nervösen Erregung – mir vergingen fast die Sinne; so schloß ich die Tür und zog den Schlüssel ab. Als es mir wieder einfiel, war es zu spät. Mir ist nur unerklärlich, wie sie in meiner Abwesenheit herauskommen konnte: das Zimmer hat nur die eine Tür, auch gibt es keinen zweiten Schlüssel, und doch war sie fort, als ich zurückkam, ich wußte nicht wie, noch wohin. Das braucht Sie nicht weiter zu beunruhigen, hörte sie eine leise Stimme neben sich sagen, es ist leicht zu verstehen. Gryce kam hinter der Ecke hervor und winkte ihnen, ins Zimmer zurückzutreten. Wenn Sie einen Augenblick hersehen wollen, kann ich Ihnen zeigen, auf welche Weise Fräulein Farley hinausgekommen ist. Genofeva war zusammengefahren. Folgte ihr denn dieser Mensch wie ihr Schatten? Sah und hörte er alles, was sie tat? Unruhig ging sie ihrem Gatten nach, der schon ins Zimmer geeilt war, um die Lösung des Rätsels zu erfahren. Gryce deutete auf ein Fenster am Ende des kleinen Alkovens, Hier ließ sich der Ausgang leicht finden, sagte er, trotzdem es keine zweite Tür gibt. Richtig, rief Kameron nähertretend. Das Fenster ging auf das platte Dach einer Veranda hinaus. Sie sehen, das Fenster ist geöffnet, fuhr Gryce fort. Seit jenem Abend hat niemand das Zimmer wieder betreten; wenn nun von den andern Fenstern, die gleichfalls auf das Dach gehen, noch eines offen stand, so konnte sie leicht in das Nebenzimmer hinabklettern; von da gelangte sie in die Hausflur und auf die Hintertreppe. So ist es, bestätigte der Doktor. Dies kann also als feststehend betrachtet werden, bemerkte Gryce. Dagegen ist mir etwas anderes noch unbegreiflich: wie nämlich Fräulein Farleys brauner Schleier, den ich hier in der Hand halte, unter den Haufen Kleider gekommen ist, welcher da vor Ihnen liegt. Wenn Frau Doktor Kameron das ebenso leicht erklären könnte, wie ich das Verschwinden des Mädchens aus dem verschlossenen Zimmer, so wäre ich ihr sehr verbunden. Kameron sah sich nach seiner Frau um; sie stand mitten im Gemach, den Blick auf die am Boden liegenden Kleidungsstücke geheftet, nach welchen Gryce zeigte. Weißt du, wie der Schleier unter den Haufen gekommen ist, Genofeva? fragte ihr Gatte. Sie hob langsam die Augen zu ihm empor. Das geht mit sehr einfachen Dingen zu, sagte sie; ich konnte beim Anziehen ein Kleidungsstück nicht finden und warf in meiner Hast alles aus den Schränken heraus. Als dann Mildred kam, trug sie den ganzen Haufen nach dem Alkoven, um ihn aus dem Wege zu räumen. Beim Bücken wird ihr der Schleier vom Hut gefallen sein. Höchst wahrscheinlich. Kameron richtete sich erleichtert auf; auch Frau Gretorex schien befriedigt und rauschte zur Tür hinaus. Nur Genofeva war augenscheinlich halb unwillig, halb erschöpft und abgemattet. Der Detektiv bemerkte es, stellte aber doch noch eine letzte Frage: Gehörte Ihnen denn der hellgraue Schleier, der sich bei Fräulein Farley vorfand? Das weiß ich nicht. Ich habe damals so vielerlei gekauft, daß mir nicht alles gegenwärtig ist. Doch erinnere ich mich, mir fehlte der Schleier zu meinem Reisehut, als ich ihn aufsetzen wollte. Damit war die Sache abgetan. Gryce bedankte sich für die gefällige Auskunft und entfernte sich. Kaum war er fort, so begab sich Genofeva zu ihrer Mutter. Ich kam hierher, um meine Sachen mit dir zu ordnen, sagte sie. Aber der Mensch hat mich so ermüdet mit seinen endlosen Fragen, daß ich jetzt nicht mehr imstande bin, etwas zu tun. Sei doch so gut, selbst über alles zu verfügen, sobald du Zeit hast; mir ist die Lust dazu vergangen. Ohne die Antwort abzuwarten, nahm sie ihres Mannes Arm und zog ihn nach der Treppe. Wirst du mir je verzeihen können? flüsterte sie. Er sah sie lächelnd an. Wir sind zu jung, um aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, sagte er. Ihr Weltdamen nehmt es oft mit der Wahrheit nicht allzu genau. Ich will versuchen, dein Unrecht zu vergessen, zumal ich hoffe, daß du nie wieder etwas tun wirst, wovon du weißt, daß es mir Schmerz bereitet. Sie stand still, ihm den Mund mit einem Kuß zu verschließen. O, wie ich dich liebe, flüsterte sie. Ich begehre nichts auf der Welt, als dir die treueste, sorgsamste Gattin sein zu dürfen. Seine freundlichen Worte hatten sie förmlich neu belebt, sie strahlte vor Wonne und Glück. Als sie in den Wagen stiegen, sahen sie gerade noch, wie des Detektivs würdige Gestalt um die Ecke bog. Dieser überlegte sich jetzt seinen Schlachtplan. Julius Molesworth mußte ins Gefängnis wandern; das lag auf der Hand. Niemand als er hatte Mildred Farley umgebracht, wenn sie sich nicht selbst den Tod gegeben. Ob letzteres der Fall sei, war Sache der Geschworenen zu entscheiden, die Polizei aber hatte die Pflicht, seine Verhaftung vorzunehmen. Zwar waren die Beweise gegen ihn nicht ganz so überzeugend, wie Gryce wohl gewünscht hätte, aber ein Giftmord ist ja stets weit schwerer zu ergründen als Verbrechen, bei denen Dolch und Messer eine Rolle gespielt haben. Zudem waren hier die begleitenden Umstände höchst verdächtig. Daß Molesworth das Mädchen sterbend auf den Treppenstufen gefunden haben wollte, während sie in Wahrheit in seinem Wagen ihr Leben ausgehaucht und er das Fläschchen nur auf die Straße geschleudert hatte, um die von ihm erdachte Geschichte glaubwürdig zu machen, ließ auf einen sorgfältig vorher entworfenen Mordplan schließen. Was hätte ihn auch zu der Lüge veranlassen sollen, wenn nicht der Wunsch, die Gerichte zu täuschen? Elende Feigheit konnte man doch einem Menschen nicht zutrauen, der den Eindruck eines so starken furchtlosen Charakters machte. Noch länger mit seiner Verhaftung zu zögern, ging nicht an, zumal die Aussagen der einzigen Person, welche Mildred an jenem Abend noch gesprochen hatte, nicht dazu dienten, ihn von dem Verdacht zu reinigen. Sobald einmal die Notwendigkeit erkannt war, schritt man zur Ausführung, Um zwei Uhr langte Gryce mit seinem Gefangenen richtig auf dem Hauptpolizeiamt an; hier jedoch entstand ein Aufenthalt, noch ehe man zum Verhör schreiten konnte. Sie hatten nämlich kaum das Gebäude betreten, als ein Mann auf Gryce zueilte und seinen Arm ergreifend ihm ins Ohr flüsterte: Ich habe sie – sie ist hier. Es war aber eine schöne Jagd, denn sie hielt sich verborgen, weil sie sich fürchtete. Endlich habe ich sie doch aufgestöbert; nun sehen Sie zu, was Sie aus ihr herausbringen. Gryce schaute sich hastig um und gewahrte ein Frauenzimmer, das sich ängstlich in eine Ecke drückte. Es ist die Rechte, sagte er, und sich an Molesworth wendend, teilte er ihm mit, er werde ihn auf kurze Zeit andern Händen übergeben, da es sich um ein wichtiges Geschäft handle. Wann verschwand er mit dem Mädchen in das Polizeibureau. Nach einer geraumen Weile kehrte er zurück, zwar ohne das Mädchen, aber in Begleitung des Inspektors. Dieser trat auf Molesworth zu und kündigte ihm an, der Verdacht gegen ihn habe sich als unbegründet herausgestellt, er sei daher aus der Haft entlassen und könne gehen, wohin er wolle. Siebzehntes Kapitel. Doktor Kamerons freundliches Sprechzimmer war reich möbliert und mit kostbaren Kunstgegenständen geschmackvoll ausgestattet; es bildete den stärksten Gegensatz zu der kahlen düstern Stube, die Molesworth bewohnte. Zudem besaß er, bei gleichem Ernst und Eifer für seinen Beruf, in hohem Grade die Gabe, die Wurzel einer Krankheit auf den ersten Blick zu entdecken, während Molesworth jeden Fortschritt in der Erkenntnis nur durch geistige Anstrengung und schrittweise zu erringen vermochte. Kameron hatte den Abend mit seiner Frau in einer Gesellschaft zugebracht, war aber wegen eines dringenden Falles früher abgerufen worden. Jetzt saß er, auf Genofevas Heimkehr wartend, in tiefem Sinnen da. Er dachte nur an sie, an ihr reizendes berückendes Bild, das ihm stets vor der Seele schwebte. In ihrer Stimme lag der süßeste Wohllaut, die innigste Liebe in ihren Augen. Nie hätte er geglaubt, daß Wort und Blick einer Frau ihn so entzücken könnten. Die Liebe hatte sein Herz bezwungen, ehe er es selber ahnte. Und sein Weib war es, das dieses Wunder vollbrachte, sie, die gelobt hatte, sein eigen zu sein bis an das Ende des Lebens. Er horchte jetzt ungeduldig auf das Rollen des Wagens, das ihre Rückkunft aus der Gesellschaft verkünden sollte. Er sah nach der Uhr. Es war dreiviertel auf zwölf, und um elf wollte sie zurück sein. Er klingelte und erfuhr zu seiner Ueberraschung von dem schlaftrunkenen Diener, die Frau Doktor sei schon vor ihm wieder nach Hause gekommen. Beruhigt löschte er seine Studierlampe und begab sich in das Wohnzimmer hinauf; aber er fand Genofeva weder hier noch in dem anstoßenden Schlafgemach. Wo konnte sie sein? – Schon öfters, wenn er sie bei der Heimkehr vergebens gesucht hatte, war ihm der Bescheid geworden, die gnädige Frau sei vielleicht in dem kleinen Zimmer oben. Er hatte ihre Vorliebe für den engen, schlecht möblierten Raum, während ihr doch die bequemen prächtigen Gemächer unten zur Verfügung standen, nicht begreifen können. Warum zog sie sich dort in die Einsamkeit zurück? Wollte sie ihm entfliehen oder etwas vor ihm verbergen? Es war töricht, dergleichen zu denken, und doch wäre er am liebsten sofort hinaufgeeilt, um das Rätsel zu ergründen, hätte ihn nicht sein Stolz zurückgehalten. Er saß wartend da, nahm ein Buch zur Hand und blätterte darin. Plötzlich blickte er empor – Genofeva stand auf der Schwelle. Sie war in ein schlichtes, weißwollenes Gewand gekleidet, dessen weiche Falten ihr bis zu den Füßen niederfielen; Trauer und Sehnsucht, Zärtlichkeit und fester Entschluß sprachen aus ihren Blicken. Er öffnete die Arme, und sie eilte zu ihm hin. Wie bleich waren ihre Wangen, wie feierlich ihr ganzes Wesen! Walter, murmelte sie, noch ehe er das Wort ergreifen konnte, ich habe heute dein Mißfallen erregt, oder vielmehr, ich bin in deiner Achtung gesunken; das nagt mir am Herzen. Ich kann es nicht ertragen, wenn du meinem Reden und Tun mißtrauest. Lieber gleich sterben und von all meinem Glück scheiden, als in steter Angst schweben, du möchtest irre werden in deinem Glauben an mich, deiner Liebe zu mir. Deshalb komme ich jetzt in dieser feierlichen Stunde nach ernster Reue, um dir zu sagen, daß keine Lüge je wieder über meine Lippen kommen soll, im großen wie im kleinen. Was auch geschieht – ein krampfhaftes Zucken flog durch ihre Glieder – ich werde stets die Wahrheit lieben, das gelobe ich dir bei dem, was mir das Teuerste auf Erden ist – meines Gatten Liebe. Wie zum heiligen Schwur legte sie ihm beide Hände auf die weiße Stirn, er aber zog sie an sich, ohne ein Wort zu sprechen, doch im Innersten bewegt; sie lag an seinem Herzen, ihre Augen schlossen sich, und süßer Friede ruhte einen Augenblick auf ihren Zügen. Dann richtete sie sich mutig in die Höhe, preßte beide Hände zusammen und blickte ihn an, als wolle sie sagen: Was begehrst du zu wissen? Frage mich – du sollst die Wahrheit hören. Doch er rief beglückt: Jetzt habe ich meinen fleckenlosen Demant und will mich seines Besitzes freuen. Zum erstenmal im Leben fühle ich mich vollkommen glücklich. Und voll Leidenschaft schloß er sie in die Arme. Dies geschah um Mitternacht. Am andern Morgen fragte Frau Kameron ihren Mann, ob er auch im Osten der Stadt Krankenbesuche zu machen habe. Er erwiderte, er fahre hauptsächlich in diese Gegend, um nach Molesworths Patientin im Hospital zu sehen, mit deren Befinden er recht zufrieden sei. Würdest du mich wohl manchmal mitnehmen, fragte sie schüchtern, wenn du Armenbesuche machst? Ich möchte dich gern zu den Leuten begleiten, denen du Hilfe bringst. Möchtest du das? Ein Freudenschein erhellte seine Züge. Ein Weib zu besitzen, das Anteil an seiner Arbeit nahm, das hatte er nicht zu hoffen gewagt. Du kannst gleich heute mitkommen, rief er, und sie eilte hinauf, sich anzukleiden. Zuerst fuhren sie nach dem Hospital. In der Abteilung, wo Brigitte Halloran lag, schritten sie durch zwei Reihen von Krankenbetten voller Leidensgestalten. In der Nähe von Kamerons neuer Patientin angekommen, standen sie überrascht still, denn am Bett des armen Weibes, ihnen den Rücken zukehrend, saß ein Mann, den sie hier nicht erwartet hatten. Jetzt wandte er sich um – es war wirklich Doktor Molesworth, – Kameron trat schnell auf ihn zu. Welche unverhoffte Freude! sagte er. Wie lange – er hielt inne und besann sich – können Sie schon wieder ausgehen? Seit gestern, war die kurze Antwort; dann verbeugte er sich gegen Frau Kameron. Auch Sie interessieren sich für unsere Patientin? Ich bin zum erstenmal hier, versetzte sie; ich hoffe, Sie finden eine Besserung im Befinden Ihrer Patientin. Moleswurth sah die schöne Sprecherin einen Augenblick bedeutungsvoll an, dann versetzte er: Der Fall ist rätselhaft und die geheimen Vorgänge zum Teil unverständlich, doch hoffe ich, es wird alles gut gehen. Wenn nur hinter meinem Rücken kein Irrtum begangen wird. Man kann sich auf die Frauen nur schwer verlassen. Ich werde streng bei meinem Verfahren beharren und hoffe, Sie geben mir auch jetzt noch recht, Doktor Kameron, daß es seine Wirkung nicht verfehlt. Er blickte seinen Vertreter fragend an; dieser verbeugte sich zustimmend: Die Kur nimmt einen erfreulichen Fortgang, sagte er, mehr läßt sich noch nicht erwarten. Molesworth lächelte. Reden Sie doch einen Augenblick mit der Kranken. Sie sagt, Ihr freundliches Gesicht tue ihr wohl. Während Kameron und seine Frau mit Brigitte sprachen, trat er an ein anderes Krankenbett, war aber bald wieder bei ihnen. Genofeva die Hand reichend, sagte er: Obgleich Ihr Herr Gemahl in meiner Abwesenheit so gut für die Kranke gesorgt hat, bin ich doch froh, ihre Pflege jetzt wieder selbst übernehmen zu können; auch die Selbstverleugnung hat ihre Grenzen. Sie starrte verwirrt auf seine Hand und wechselte die Farbe. Ja – nein, stammelte sie bestürzt; dann wandte sie sich an ihren Mann: Bleibst du noch länger? Wollen wir nicht gehen? Molesworth schien ihre offenbare Unfreundlichkeit nicht zu bemerken und wandte sich an Kameron. Gönnen Sie mir Ihre Gesellschaft noch einen Augenblick! sagte er, ich möchte Ihnen einen andern Fall zeigen, der Sie vielleicht interessiert. Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, rief sein Kollege voll Eifer. Lassen Sie mich zuvor diese lästigen Dinger los werden! bemerkte Molesworth; sie sind mir nur im Wege bei den Kranken. Damit zog der seltsame Mann seine Manschetten aus und steckte sie in die Tasche seines Ueberziehers, der an der Wand hing. Dann schritten sie zusammen vertraulich plaudernd durch den Krankensaal. Genofeva war nicht wohl zumute; sie hatte sich den Besuch anders vorgestellt und war froh, daß sie still nebenher gehen durfte, ohne sich in die Unterhaltung zu mischen. Als die Runde endlich zu Ende war und sie eben den Saal verlassen wollten, hörten sie Molesworth einen Ruf der Ueberraschung ausstoßen. Kameron wandte sich fragend zurück. Es ist nichts, lachte Molesworth; meine Manschetten sind nur aus dem Ueberzieher verschwunden. Der Verlust ist nicht groß, aber doch ärgerlich. Der kleine schmächtige Mensch wird sie genommen haben, hörte er eine Stimme neben sich sagen, er kam herein, gerade als – Aber Kameron wollte seine Frau nicht noch länger warten lassen; der Vorfall war ja gar zu unbedeutend. Er würde ihm wohl wichtiger erschienen sein, hätte er gewußt, daß auf Molesworths Manschette in großen Buchstaben folgende Worte mit Bleistift geschrieben waren, die Genofeva in dem Augenblick, als er ihr die Hand reichte, erblicken mußte: »Seien Sie auf der Hut; meine plötzliche Freilassung ist verdächtig.« Achtzehntes Kapitel. In der großen Welt war die merkwürdige Veränderung von Frau Kamerons äußerer Erscheinung natürlich nicht ohne Aufsehen geblieben. Man sprach allgemein darüber, teils um ihr zu schmeicheln, teils um sich in Vermutungen über die Ursache eines so seltsamen Vorfalls zu ergehen. Bei der großen Bewunderung, die ihre Schönheit hervorrief, fehlte es auch nicht an Neidern, die ihren Stolz tadelten und ihr Benehmen teils freier, teils weniger rücksichtsvoll fanden, als vor ihrer Verheiratung; schien sie doch manche ihrer alten Bekannten sogar völlig zu übersehen. Derartige Bemerkungen mochten wohl Genofeva zu Ohren gekommen sein, denn während die glänzenden Gesellschaften und rauschenden Vergnügungen sie zuerst entzückten, verlor sie mehr und mehr den Geschmack daran, und man sah sie oft mitten in der festlichen Menge halb verächtliche, halb ängstliche Blicke um sich werfen. Zugleich wurden auch ihre Wangen bleicher, und ihr Gesundheitszustand so schwankend, daß Doktor Kameron ihr größere Ruhe verordnete. Als nun aber bei dem abgeschlosseneren Leben ihre Mattigkeit und Schwermut nur wuchsen, fürchtete er, daß ein ernsteres Uebel zugrunde liegen möchte als der Rheumatismus, über den sie noch dann und wann klagte, und begann sie schärfer zu beobachten. Das schien aber die Sache nur zu verschlimmern. Sie wich seinen Blicken aus und schrak oft bei dem geringsten Geräusch, dem Ton einer Klingel oder einer unerwarteten Anrede so heftig zusammen, daß ihm ihre nervöse Erregtheit ernstliche Sorge bereitete. – Es war Abend. Das Paar kam eben von Genofevas Eltern zurück, bei denen es gespeist hatte, und Kameron bemerkte, daß sich seine Frau in der trüben Stimmung befand, die sie von jedem Besuch im Hause Gretorex mitbrachte. Das nahm ihn nicht wunder, denn die frostige Atmosphäre, die dort herrschte, fiel auch ihm stets von neuem auf. Er suchte sich zwar dem stolzen Eisenbahnkönig als Schwiegersohn so angenehm wie möglich zu machen, doch fühlte er Wohl, daß er weder in seinem Herzen noch in dem seiner aristokratischen Gattin eine Stätte besaß. Die beiden wechselten aber auch untereinander nie ein Zeichen von Zuneigung, und so war er es wohl zufrieden, ihre kühle Achtung zu besitzen und sein Glück in der Hingebung an seine Gattin zu suchen, welche jeden seiner Liebesbeweise mit rührendster Dankbarkeit erwiderte. Die jungen Ehegatten saßen im Wohnzimmer, und Kameron sprach in heiterem Ton zu Genofeva, die er gern wieder lächeln sehen wollte. Sie aber schaute zerstreut auf die prächtige Gestalt im grauen Samtkleid mit Perlenschmuck in dem gegenüberhangenden Spiegel. Ihr Gatte folgte ihren Blicken und rief lachend: Nicht wahr, eine stolze Erscheinung? Hättest du je gedacht, Genofeva, du würdest einmal eine berühmte Schönheit werden? Sie erhob sich schnell und kniete an seiner Seite nieder. Bin ich hübsch, fragte sie, gefalle ich dir? Nicht hübsch bist du, nein, von imponierender Schönheit, Ich liebe dich und staune über dich. Du bist so ganz anders – Du liebst mich, Walter, flüsterte sie, wirklich mich – oder nur meine Schönheit? Würde dein Herz noch ebenso zärtlich für mich schlagen, wenn ich deinen Augen weniger wohlgefällig wäre? Besinne dich wohl, ehe du mir antwortest, es ist mir heiliger Ernst mit der Frage: Wie groß ist deine Liebe für mich? Kameron fühlte sich durch ihren Blick noch mehr ergriffen, als durch ihre Worte. Du bist mein Weib, sagte er, ich habe dich vor allen erwählt und würde dich auch jetzt einzig mir zum Eigentum erwählen. Ich liebe deine Schönheit – wie wäre das anders möglich – aber ich liebe auch, was diese Schönheit beseelt und belebt. Hätte ich nur die Wahl zwischen deiner reizenden Gestalt, hinter der sich ein kaltes, falsches Gemüt verbärge, und deinem Geist, deinem Herzen, deiner ganzen Natur in einem unschönen Körper, ich würde – Was würdest du wählen? unterbrach sie ihn gespannt mit bebenden Lippen. Dein innerstes Selbst, dein Wesen, das weiß ich, Genofeva. Es übt einen unwiderstehlichen Zauber auf mich aus, dem ich mich willig hingebe. Du bist mir oft rätselhaft, aber deine ganze Persönlichkeit zieht mich an und fesselt mich weit mehr, als bloße Anmut und Schönheit es je vermöchte. Bin ich dir ein Rätsel? flüsterte sie; der Tag wird kommen, der es löst, aber wirst du mich dann auch noch lieben? Er lächelte sie vertrauensvoll an. Würdest du mich noch lieben – sie schlug die Augen nieder – wenn du erführest, ich hätte etwas vor dir verborgen, was du wissen solltest, daß ich schon früher einmal geliebt, daß ich nicht sei, wofür du mich gehalten, als du mir deine Hand botest? Wenn nun mein Leben ein Geheimnis enthielte, wie das so mancher Frau, und obgleich mein Herz von jedem Vorwurf rein wäre, doch finstere, quälende Gedanken mir oft das Glück und den Frieden der Gegenwart trübten? Genofeva! rief er aus, und ein harter Zug lagerte um seinen Mund; seine Miene war ernst: Birgt dein Leben ein solches Geheimnis? Hast du je einen andern geliebt? Sie sah ängstlich zu ihm auf: Begehrst du eine Antwort auf die Frage? erwiderte sie. Er blickte düster vor sich hin. Ihr Versprechen, ihm stets die Wahrheit zu sagen, war ihm eingefallen, und er zögerte. Wenn sie nun »ja« sagte – würde es sie beide glücklicher machen? Jetzt liebte sie ihn, sie waren Mann und Frau; schien es nicht unklug, längst vergangene Geschichten wieder aufzurühren? Was berechtigte ihn denn, zu glauben, er sei ihre erste und einzige Liebe gewesen? Hatte nicht Genofeva Gretorex ihre Freier nach Dutzenden gezählt und konnte nicht leicht einer derselben auch ihr Herz eine Zeitlang erwärmt haben? Nein, er wollte die Frage auf sich beruhen lassen. Seine Liebe zu ihr war zu groß. Ich begehre nichts, erwiderte er; die Vergangenheit ist begraben und kümmert uns nicht mehr. Dein Herz gehört jetzt mir, und wer das echte Gold gefunden hat, vergißt, daß er sich einst an Schlacken ergötzen konnte. Sie hörte nur zerstreut auf seine Worte und schien ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. In Büchern liest man von leidenschaftlicher Liebe, sprach sie sinnend, für welche ein Mann alles opfert, was es Schönes und Köstliches auf Erden gibt. Ist das im Leben auch so? Kennst du zum Beispiel einen Menschen, der ein wirklich wertvolles Besitztum hingeben würde um einer Frau willen, deren Glück von ihm allein abhängt? Kannst du denken – begann er. Sie unterbrach ihn mit fester Stimme: Lebt wohl ein Mann auf Erden, der freudig mit einer Frau Schmach und Schande teilen würde? Du stellst seltsame Fragen, Genofeva, erwiderte er. Schande ist ein hartes Wort. Es gibt keine größere Qual für einen stolzen Mann, als die, seinen ehrenwerten Namen unter den Mitmenschen einzubüßen. Es war, als habe ein eisiger Hauch über sie hingeweht. Ist euch Männern der gute Ruf, das äußere Ansehen vor der Welt von so unvergleichlichem Wert? fragte sie. Ein Weib vermag doch alles zu opfern für den Mann, den sie liebt. Ein liebendes Weib ist ein Engel; wir Männer aber verlieren nie unsere menschliche Schwäche. Andere Verluste mögen uns tief verwunden, uns das Leben verbittern, aber wenn dem Mann sein Beruf, seine Arbeit bleibt, so kann er sich stets daran wieder emporrichten. Nimmt man ihm aber die Achtung seiner Nebenmenschen und damit die Möglichkeit einer gedeihlichen Wirksamkeit unter ihnen, so ist sein Lebensnerv durchschnitten. Er ist nur noch ein Schatten von dem, was er war, wenn er keinem mehr frei ins Gesicht zu sehen vermag. Es entstand eine kurze Stille, die beiden drückend erschien. Und doch weiß ich kaum, wer mehr zu bedauern wäre, murmelte Genofeva endlich, der Mann, dem so viel durch die Frau geraubt worden ist, oder die Frau, die solches Unglück über den Mann gebracht hat, den sie liebt. Kameron schüttelte den Kopf. Eine Frau, die etwas tun kann, was ihr Schande bereitet, wird schwerlich allzu zartfühlend um ihres Gatten willen sein. Ich weiß nicht. Manche Tat scheint im Augenblick nicht ehrenrührig und führt doch zur Schande. Hätte eine Frau so etwas verübt und wäre sie verheiratet – So müßte man ihren Gatten beklagen, fiel Kameron ein. Sie nahm an seiner Seite Platz. Wenn ich nun etwas begangen hätte – ich setze den äußersten Fall – was mich in Schande zu stürzen drohte? Wäre deine Liebe stark genug, um mich dennoch nicht aufzugeben, sondern mir Trost und Stütze zu sein, wenn du wüßtest, daß ich nicht aus Bosheit, sondern nur aus jugendlichem Ungestüm gefehlt und keine Ahnung gehabt, wie sehr –; sie murmelte nur noch unverständliche Laute und starrte ihn erschreckt an, denn auf seine Stirn hatten sich zornige Falten gelegt. Genofeva, rief er, in diesen Fragen birgt sich ein versteckter Sinn. Was haben sie zu bedeuten? Droht uns wirklich Schmach und Schande? Hast du etwas begangen – Sie schien plötzlich wie umgewandelt und lachte so hell und fröhlich auf, daß ihm seine eigenen Worte töricht und abgeschmackt erschienen. Ganz verdutzt schaute er sie an. Verzeih, rief sie plötzlich wieder ernst werdend, ich wollte nur deine Liebe auf die Probe stellen; mir scheint, sie ist noch nicht tief und stark genug. Aber vielleicht verstehe ich die Männer nicht, ich habe bisher wenig über sie nachgedacht; auch wußte ich ja nicht, daß einmal all mein Glück davon abhängen würde, wie hoch ich in deiner Achtung stehe – in deiner , Walter, nicht in derjenigen der Welt. Er blickte sie zärtlich an. Dies war echte Liebe und Hingebung, wie sie nur ein Weib empfindet. Er hätte den Saum ihres Kleides küssen mögen. Bisher war ich ein Kind, fuhr sie fort, Wert und Wesen der Dinge waren mir unbekannt; ich beachtete nur die glänzende Schale, nicht den inneren Kern. Meine Seele lag noch im Schlummer, jetzt ist sie erwacht, ich kenne jetzt die Herzensbedürfnisse einer Frau, welche liebt und wieder geliebt wird; ich fühle mich glücklich und elend, stolz und gedemütigt zugleich. Scheint dir das Torheit und Unverstand? Ich mußte bisher so vieles in meinem Innern verschließen; mir ist's eine Wohltat, mich einmal frei auszusprechen. Ihr Trübsinn schien verflogen; sie sah strahlend glücklich aus und so bestrickend, daß ihn die schöne Gegenwart alles übrige vergessen ließ; in liebender Umarmung zog er sie an sein Herz. Jetzt stelle ich keine Fragen mehr, rief sie, und wenn das Unglück kommt – Sie hielt plötzlich inne, Draußen ertönte die Klingel. Kameron erwachte wie aus einem Traum. Ist es ein Besuch oder ein Patient? fragte er. Die vordere Türe öffnete sich, und ein Herr trat ein, von einem sauber gekleideten Frauenzimmer gefolgt, das sich furchtsam an den Türen vorbeidrückte bis nach dem Sprechzimmer. Ehe Kameron sich dorthin begab, warf er noch einen Blick auf seine Frau, die liebreizend und lächelnd dastand. Kaum aber hatte er erhobenen Hauptes das Zimmer verlassen und sah sie sich allein, so schwand jeder Schimmer von Frohsinn aus ihren Zügen; sie sank auf den Sessel und überließ sich einer zwar stummen, aber furchtbaren Verzweiflung. Bald jedoch raffte sie sich wieder empor und den Blick auf ihr Spiegelbild geheftet, rief sie entschlossen: Bin ich denn schön, so möge mir meine Schönheit helfen, mein Glück zu bewahren. Auch seine Seelenruhe hängt davon ab. Kein Preis ist dafür zu hoch, es muß gelingen; alles opfere ich, nur die Wahrheit nicht. Auf einmal wurden schwere Schritte auf dem Teppich hörbar. Sie wandte sich um, und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Der Herr, in dessen Begleitung Doktor Kameron eintrat, war der Detektiv Gryce. Neunzehntes Kapitel. Des Doktors Verhalten war für seine Frau nicht gerade beruhigend. Während Gryce sich verbeugte, zog er sofort die Klingel und bedeutete dem Diener, daß er weder für Besucher noch Patienten zu sprechen sei. Darauf schloß er sämtliche Türen ab und ließ die Vorhänge herunter. Erst nachdem diese Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, wandte er sich an Genofeva, bemüht, seiner Stimme einen natürlichen Klang zu geben: Herr Gryce teilt mir mit, bemerkte er, daß seltsame Tatsachen über das Mädchen ans Licht gekommen sind, dessen Name neuerdings so häufig vor dir genannt wurde. Du allein, meint er, könntest Aufschluß darüber geben, und so habe ich ihn gebeten, sich direkt an dich zu wenden, da ich überzeugt bin, du wirst tun, was in deinen Kräften steht, um die Sache der Gerechtigkeit zu fördern. Sie nickte zustimmend, scheinbar ohne die geringste Verlegenheit; doch als sie dann den Detektiv anredete, stieg ein leichtes Rot in ihre Wangen. Ich weiß, sagte sie, ich habe durch meine früheren falschen Angaben Ihr gerechtes Mißtrauen erregt. Was mich damals bewog, von der Wahrheit abzuweichen, mag Ihnen nichtig erschienen sein, indes existiert jener Grund nicht mehr für mich. Wenn Sie mir also Fragen vorzulegen wünschen, werde ich mich bestreben, sie so gut ich kann der Wahrheit gemäß zu beantworten. Sie sprach mit so viel Anmut und Würde, daß ihre Worte auf Gryce nicht ohne Eindruck blieben, obgleich die höfliche Förmlichkeit seines Wesens nichts davon verriet. Mehr verlange ich nicht, erwiderte er, sich verbeugend. Genofeva sah, daß sein Argwohn noch rege war und nahm sich zusammen. Was für Tatsachen haben Sie entdeckt? forschte sie. Gestatten Sie mir zuerst eine Frage: bei unserer letzten Unterredung teilten Sie mir mit, Sie hatten Mildred Farley in Ihrem Zimmer zurückgelassen, als Sie zur Trauung gingen. Befand sie sich damals körperlich wohl und bei guter Gesundheit? – Dies zu erfahren ist uns von höchster Wichtigkeit. Was auch Genofeva erwartet hatte, hierauf war sie nicht vorbereitet. Sie zögerte einen Augenblick, um ihren Ideengang zu ordnen. Wünschen Sie nicht zu antworten? fragte Gryce. Ich überlege nur, worauf Ihre Frage zielt, versetzte sie langsam. Die Worte berührten ihn sonderbar. – Konnte es möglich sein, daß dieses schöne, unnahbare Weib selbst bei der Sache beteiligt war? Bangte ihr vor Entdeckung? Zwang er sie vielleicht, unbilligerweise Zeugnis gegen sich selber abzulegen? – Ein Blick in ihr Antlitz beruhigte ihn wieder. Dort lauerte kein versteckter Dämon; nur Bestürzung las er darin und jene unvernünftige Aengstlichkeit, wie er sie bei einem polizeilichen Verhör an Frauen schon gewohnt war. Er beschloß sofort zur Sache zu kommen. Vor allem möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, sagte er, daß ich hier keine Anklage vorzubringen, sondern eine Untersuchung zu führen habe. Ich will ermitteln, ob Mildred Farley einen Selbstmord beging oder ermordet wurde. Welcher Art die Tat auch gewesen ist, jedenfalls hat sie in Ihrem Zimmer stattgefunden, Frau Doktor, während Sie unten bei der Trauung waren. Sie fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Herzen, schien aber diese Gefühlsäußerung sofort zu bereuen. Warum wohl? Ihre Erregung über eine solche Mitteilung war ja nur zu natürlich. Woher wissen Sie das? fragte sie ungläubig. Vielleicht weil man den Schrei gehört hat? Das nicht gerade; doch sollen Sie auf der Stelle erfahren, woher ich es weiß. Gryce schritt nach dem Vorhang hin, der das Gemach von dem Sprechzimmer trennte, schlug diesen zurück und winkte dem Mädchen, das in seiner Begleitung gekommen war. Genofeva beobachtete ihn mit äußerster Spannung; sie schien alles um sich her vergessen zu haben. Was will er tun? Wen bringt er da? fragte ihr Blick. Auch als das Mädchen über die Schwelle trat und ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, veränderte sich ihr Ausdruck nicht. Nur Verwunderung und Ungewißheit sprachen aus ihren Mienen. Sie kennen diese Person? fragte der Detektiv. Genofeva blickte sie verächtlich an. Was soll sie hier? fragte sie. Ich weiß selber nicht, stammelte das Mädchen. Der Herr hat mich hergebracht, er sagte, Sie würden freundlich zu mir sein, aber ich weiß, Sie können mich nicht leiden. Ich wollte niemand erzählen, was ich gesehen habe, aber die Herren fragten so lange, bis sie alles wußten. Wovon spricht sie? fiel hier Genofeva streng und kalt ein; ich verstehe ihre Anspielungen nicht, sie muß sich deutlicher erklären. Erzählen Sie Ihre Geschichte, befahl Gryce kurz. Das Mädchen sah sich verlegen um. Ach, hätte ich geahnt, was daraus entstehen würde, begann sie und senkte die Augen wieder, welche sie einen Moment zu Genofeva erhoben hatte. Ich habe immer an den Türen gehorcht und durch die Schlüssellöcher geschaut; ich weiß, es war unrecht, aber ich wollte erfahren, was das Mädchen so lange in Ihrem Zimmer machte, wenn Sie sonst niemand hereinließen. Ich dachte, ich könnte sie einmal sehen, wenn sie ihren Schleier heruntertut. Als ich Ihnen damals über die Schulter guckte, wollte ich nur wissen, ob der Brief, den Sie schrieben, etwa an das Mädchen sei. Sie war doch nur eine Kleidernäherin und kein Umgang für eine vornehme Dame. Warum ich das alles tat, weiß ich nicht; ich will nur erklären, weshalb ich wieder kam, nachdem man mich fortgeschickt hatte. Ich mußte wissen, ob sie auch vor Ihrer Hochzeit noch ins Zimmer gelassen würde – und wirklich so war's. Sie will mit alledem sagen, bemerkte der Detektiv trocken, daß sie selbst zur Zeit Ihrer Trauung im Hause war, ohne daß man darum wußte. Genofeva verharrte unbeweglich in ihrem Schweigen. Wie ich sie hinaufgehen sah, fuhr Zilia fort, war ich so böse, daß ich mich auf die Hintertreppe setzte und anfing vor Zorn zu weinen. Als bald nachher alle bei der Trauung waren, dachte ich, sie würde auch oben am Geländer stehen, vielleicht ohne Schleier, um die Hochzeitsgesellschaft zu sehen; aber ich entdeckte sie nicht und konnte nicht begreifen, warum sie im Zimmer geblieben war. Das wollte ich wissen. Wie ich nun gar die Tür verschlossen fand, hatte ich keine Ruhe mehr, ich mußte sehen, was das Mädchen ganz allein da drinnen vorhatte. Vom Nebenzimmer aus stieg ich durch das Fenster aus das Dach und probierte durch das Fenster im Alkoven hineinzugucken – Fahren Sie fort! – War das Genofevas Stimme? – Selbst ihr Gatte erkannte sie nicht wieder. Zilia hatte nur Atem schöpfen wollen. Sie sah ihre frühere Herrin verwundert an und berichtete weiter: Im Zimmer war das Rouleau nicht ganz herabgelassen, es kam ein Lichtschein von der Straße her, aber das Mädchen war nirgends zu sehen. Das Fenster war nicht festgemacht, ich öffnete es, stieg hinein und ging ins Zimmer, aber das Mädchen war nicht da. Zilia hielt inne; sie mochte wohl fühlen, daß Genofeva sie mit ihren Blicken förmlich durchbohrte. Für die dramatische Wirkung ihrer Erzählung hatte sie kein Verständnis; ihr war unbehaglich zumute. Sie war nicht da, wiederholte sie, und mir fing an bange zu werden; ich wollte zum Zimmer hinaus, aber die Tür war verschlossen. Ich mußte wieder durchs Alkovenfenster, und da hatte ich einen Todesschrecken. Nicht neben mir am Boden lag ein Haufen Kleider, und eine Hand sah heraus – eine kalte weiße Totenhand – hu! Sie schauderte zusammen bei der Erinnerung, während Frau Kameron in die Höhe fuhr und dann wie vom Schrecken überwältigt auf ihren Sitz zurücksank; ihr schien der Atem zu stocken vor Entsetzen über das Bild, welches ihre Einbildungskraft heraufbeschwor. Ihr Gatte, den der Schreck gleichfalls im ersten Augenblick übermannt hatte, trat jetzt auf den Detektiv zu. Eine höchst unwahrscheinliche Geschichte, rief er; haben Sie wirklich Grund, daran zu glauben? Hören wir weiter, war die ruhige Antwort, dann können wir uns ein Urteil bilden. Er winkte dem Mädchen, fortzufahren. Die Leute sagen, man hatte einen gräßlichen Schrei gehört mitten in der Trauung – ja, das glaub' ich wohl! Ich war mutterseelenallein mit der schrecklichen Totenhand, die nach mir zeigte. Zuerst konnte ich kein Glied rühren, ich fürchtete mich so. Ich dachte nichts als: nur fort, nur fort von hier, ohne daß dich jemand sieht! Auch wollte ich nichts davon sagen, denn wenn man erfuhr, ich sei heimlich dort im Zimmer gewesen, konnte mir's übel ergehen. Wie ich an der Leiche vorbeikam und wieder durchs Fenster und zum Hause hinaus, weiß ich nicht. Draußen war mir's schwach zum Umfallen, aber ich nahm alle Kraft zusammen und lief nach Hause, so schnell mich meine Füße trugen. Lange habe ich kein Wort davon gesagt, und wie die Herren dahinter gekommen sind, daß ich das tote Mädchen in Ihrem Zimmer gesehen habe – Genug, unterbrach sie der Detektiv mit fester Stimme. – Sie haben nun ihre Geschichte gehört, wandte er sich mit höflicher Verbeugung an Frau Kameron, wünschen Sie noch eine oder die andere Frage an sie zu richten? Die Dame schien soeben aus einem furchtbaren Traum zu erwachen. Nein, murmelten ihre Lippen. So kann ich sie entlassen? Ja. Gryce wandte sich an den Doktor. Hätten Sie wohl die Güte, sie einstweilen sicher unterzubringen? Ich möchte die Sache noch etwas näher erörtern. Er sprach in verbindlichem Tone, aber Kameron und seine Frau erröteten unwillig. Offenbar war er mißtrauisch und wollte sie nicht zusammen allein lassen, während er in das Nebenzimmer ging. Trotz seiner innern Erregung folgte der Doktor der Aufforderung schweigend und mit ruhiger Besonnenheit; er geleitete Zilia in das Sprechzimmer, schloß sie daselbst ein und kehrte dann zu den andern zurück. Unterdessen war zwischen der Dame und dem Detektiv weder ein Wort noch ein Blick gewechselt worden. Kaum aber hatte Kameron das Zimmer wieder betreten, als sich Genofevas Gesichtsausdruck plötzlich völlig veränderte. Mit offener treuherziger Miene trat sie Gryce gegenüber. Wie gütig von Ihnen, sagte sie in so dankbarem Ton, daß beide Herren betroffen aufblickten, ich werde nie vergessen, wie schonend und rücksichtsvoll Sie verfahren sind. Nachdem Sie die gräßliche Geschichte gehört hatten, mußten Sie ja wissen, daß Mildred Farley gestorben ist, ehe ich hinunterging und nicht erst später. Und doch sind Sie hergekommen, ohne Aufsehen zu erregen, um mich im Vertrauen zu befragen, welchen Aufschluß ich darüber geben könnte. Zum Beweis, wie sehr ich Ihnen diese Freundlichkeit danke, will ich Ihnen alles mitteilen, was ich über den Tod des unglücklichen Mädchens weiß. Sie werden die Sache dann vielleicht mit andern Augen ansehen und einigermaßen die Furcht begreifen, die mich bewog, das entsetzliche Geheimnis, selbst vor meiner Mutter und meinem Gatten, zu verbergen, bis es mir jetzt stückweise entrissen wird. So hören Sie denn die Wahrheit: das Mädchen, dessen Tod Ihnen so rätselhaft erscheint, hat sich selbst vergiftet. Sie verübte den Selbstmord in meiner Gegenwart, wenige Minuten bevor ich zur Trauung ging. Es kam mir ganz unerwartet und erschütterte mich aufs tiefste. Ich war mit meiner Brauttoilette beschäftigt gewesen, und nichts schien mir ferner als ein solches Trauerspiel. Auch war es wohl nicht ihre Absicht gewesen, sich auf der Stelle zu töten; die Verzweiflung mußte sie überwältigt haben. Nachdem sie bei der letzten Unterredung mit ihrem Bräutigam erkannt, daß sie sich in ihm getäuscht habe, wollte sie ihn nicht wiedersehen. Nun stand ich vor ihr als Braut, geschmückt und voll Hoffnung, ihr dagegen war nur die Aussicht auf eine öde trostlose Zukunft geblieben. Das vermochte sie nicht zu ertragen. Im nächsten Augenblick schon hatte sie das Giftfläschchen ergriffen und an die Lippen gebracht. Die Tat war geschehen, und sie war eine Leiche, ehe ich mich noch von dem starren Schrecken erholen konnte, der mir alle Glieder lähmte. Bedenken Sie, ich war im Hochzeitsschmuck, die Feier sollte beginnen, jeden Moment konnte ich zur Trauung gerufen werden. Welches Aufsehen hätte es erregt, welches Grauen hätte sich der ganzen frohen Festversammlung bemächtigt, wenn ich den Vorfall offenbarte! Mir blieb nur eine Sekunde zur Ueberlegung, ich beschloß, ihn geheimzuhalten. Schmerzerfüllt und in Todesangst, Gott weiß es, zog ich das arme Mädchen in den Alkoven und deckte sie mit den Kleidern zu, die schon auf dem Boden umherlagen. Kaum hatte ich dies getan und meinen Schleier wieder in Ordnung gebracht, da klopfte es an der Tür, und ich ward hinabgerufen. Es war entsetzlich! Wie entsetzlich, das ward mir erst klar, als ich Zeit fand, mich zu besinnen. Ich fühlte mich kaum imstande, meine Aufregung zu bemeistern, und als nun noch der Schrei von oben ertönte – Die Erinnerung an das furchtbare Erlebnis machte sie schaudern. Ihr Gatte, der jetzt erst erkannte, wie schwer sie gelitten, reichte ihr voll Mitgefühl die Hand, obgleich er wohl begriff, daß die Vergangenheit in ihren Schatten noch manches unaufgeklärte Rätsel barg. Was aber, fragte der Detektiv in kühlem Geschäftston, geschah mit der Leiche? Wir finden sie erst in der Obhut von Doktor Molesworth wieder, der, wie mir gesagt worden ist, nicht zu den Hochzeitsgästen zählte. Frau Kameron erwiderte freimütig: Doktor Molesworth hatte sich nach dem Hotel begeben, wo seine Trauung stattfinden sollte. Da er die Braut nicht fand, vermutete er ganz richtig, daß sie hier wäre. Er gehörte nicht zu den Gästen, aber der Eintritt ins Haus war ihm nicht verwehrt. Ich sah ihn in der Halle stehen und erriet sofort, was er hier suchte. Es gelang mir, mich aus dem Kreis der Freunde, die mich beglückwünschten, zu entfernen und zu ihm zu eilen; rasch teilte ich ihm mit, die Person, welche er suche, sei oben in meinem Zimmer; er solle vorangehen, ich werde folgen. Auf den ersten Blick sah ich, daß er sich in höchster Aufregung befand, aber ich wußte, daß, wenn die Tote ohne Aufsehen aus dem Hause geschafft und die ganze Sache verschwiegen werden sollte, er der Mann war, dies auszuführen. Ich verließ mich auf ihn, ging ihm nach, berichtete ihm, was sich ereignet hatte, zeigte ihm die Leiche seiner Braut und bat um seinen Beistand, den er mir versprach. Ob es eine wirkliche Hilfe war, bezweifle ich jetzt, fügte sie mit leiser Stimme hinzu, für mich wäre es besser gewesen, ich hätte das ganze Haus zusammengerufen und allen das tote Mädchen gezeigt; mir wäre dann erspart geblieben, die Täuschung tage- und wochenlang fortzusetzen. Das Geheimnis lag auf mir wie eine Bergeslast, die mich zu erdrücken drohte. Ihr Gatte sah aus, als teile er diese Ansicht, doch schwieg er, und Gryce fuhr fort: Wenn Sie der Gerichtsverhandlung in der Zeitung gefolgt sind, werden Sie wissen, daß Molesworth vor dem Coroner aussagte, er habe das Mädchen auf einer Treppenstufe in der 22. Straße gefunden. Ich weiß. Wir verabredeten, er solle der Sache eine derartige Wendung geben. Es schien uns das beste. Der Toten schadete es nichts, und mir mußte es endlose Unannehmlichkeiten ersparen, wenn angenommen wurde, sie habe sich auf der Straße vergiftet. So urteilten wir damals. Wie sehr wir im Irrtum waren, beweist der gegenwärtige Augenblick. Der Detektiv blickte sie an; er öffnete den Mund zu einer neuen Frage, doch schien er sie nicht recht über die Lippen zu bringen und bemerkte einfach: Sie müssen Julius Molesworth genau gekannt haben, Frau Doktor. In Kamerons Gesicht stieg eine dunkle Röte auf; Genofeva aber veränderte die Farbe nicht, sie sprach ruhig und gefaßt: Von seiner Braut erfuhr ich mancherlei über seinen Charakter. Ich selber hatte ihn einigemale im Hause der Frau Olney gesehen und gesprochen. Die Lage, in der wir uns befanden, machte uns schnell zu Vertrauten. Das ist begreiflich, erwiderte Gryce, auch erscheint mir das Verfahren von Ihrer Seite nicht unnatürlich. Eine Frau handelt nach augenblicklicher Eingebung und überlegt die Folgen nicht, die daraus entstehen können. Aber ein Mann pflegt sich zu bedenken, bevor er auf einen Plan eingeht, der ihn zum Meineid führen muß. Sie blickte scheu und ängstlich zu Boden. Doktor Molesworth übernahm zudem eine furchtbare Verantwortung, als er versprach, die Leiche aus dem Hause zu schaffen, allein und ohne entdeckt zu werden. Um das auszuführen, brauchte er viel Mut und Entschlossenheit. Es gehörte die opferwilligste Hingebung dazu, um nicht vor einem so gefährlichen und grauenvollen Unternehmen zurückzuschrecken. Daß er um einer Dame willen, die er nur oberflächlich kannte, zu solchen Opfern bereit war, scheint mir wenig wahrscheinlich. Ich würde weit eher glauben, – er hielt inne, sie hing atemlos an seinem Munde, – daß er seine eigenen Gründe hatte, die Sache geheimzuhalten, schloß er bedeutungsvoll. Wohl möglich, entgegnete sie einfach. Was in seinem Innern vorging, kann ich Ihnen nicht sagen, nur was wir getan haben. Sie behaupten also, daß er die Tote aus Ihrem Zimmer und aus dem Hause geschafft hat und zwar ohne die Hilfe anderer? Ja. Und wann geschah dies? Das weiß ich nicht; ich war schon fort. Was? Sie verließen das Haus, solange die Leiche noch darin war? Ja, ich vertraute ihm die ganze Sache an und dachte nur noch an meine eigene Rettung. Die Hintertreppe hatte ich frei gemacht, indem ich meinen Koffer dort hinuntertragen ließ, und diesen Weg sollte er benutzen. Hat er es getan? Das vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß nur, daß es ausgeführt worden ist; wie und unter welchen Schwierigkeiten, müssen Sie ihn selber fragen, ich habe noch keine Gelegenheit dazu gefunden. Glauben Sie, daß er es mir mitteilen würde? Nein, entgegnete sie kühn. Solange er zweifeln muß, ob ich das Geheimnis offenbart habe, würde er es für seine Pflicht halten, zu schweigen. Was, selbst wenn sein Leben in Gefahr schwebte? Sein Leben? Jawohl, er würde als des Mordes verdächtig festgenommen worden sein, wenn Zilia nicht ihr Zeugnis abgelegt hatte. Sie wußten also, daß der Verdacht nicht unbegründet war, daß ihm Gefahr drohte, und hätten ihn doch ins Gefängnis gehen lassen? Ich war erst seit zwei Wochen verheiratet, Herr Gryce. Mein Gatte verabscheute jede Täuschung, und ich hatte nicht den Mut, ihm zu gestehen, wie ich in die Geschichte verwickelt worden war. Ich verließ mich fest darauf, Doktor Molesworth werde einen Ausweg zu finden wissen. Auch nicht entfernt dachte ich, daß ihn ernstliche Gefahr bedrohe. Wäre ihm der Prozeß gemacht worden, ich hätte die Wahrheit bekannt, ohne mich zu schonen. Solange noch die Möglichkeit vorhanden war, daß es nicht dazu kommen würde, schwieg ich. Sie verteidigte ihre Sache gut, aber ihre umwölkte Stirn, ihre bleichen Lippen verrieten nur allzu deutlich, daß sie dieselbe als eine verlorene betrachtete. Dem Verhängnis, welches so lange über ihrem Haupte geschwebt hatte, war nicht mehr zu entrinnen. Ihre Erklärungen genügen mir, erwiderte der Detektiv. Ich wünsche jetzt nur noch zu erfahren, wie Fräulein Farley zu dem Gift gekommen ist, mit dem sie sich das Leben nahm. Das kann ich nicht sagen, flüsterte Frau Kameron kaum hörbar. Holte sie das Fläschchen aus ihrer Tasche, ihrem Mantel oder den Falten ihres Kleides? Genofeva schüttelte ratlos das Haupt. Gryce ward unruhig; er zögerte ein wenig, dann fragte er freundlich: Sahen Sie, daß sie es an die Lippen setzte? Genofeva bejahte es. Aber nicht, woher sie es nahm? Darauf kann ich nicht antworten. Ihr Gatte trat an ihre Seite: Warum nicht? fragte er leise. Weil – sie griff nach einem Stuhl, um sich zu setzen – weil du mir nicht glauben würdest. Ich – dir nicht glauben! Sie hatte ins Leere gestarrt, jetzt sah sie ihn an. Es war ein Blick voll unergründlicher Liebe, aber auch voll namenloser Verzweiflung. Vielleicht doch, sagte sie, aber es klingt kaum glaublich. Was unglaublich scheint, ist doch oft wahr, bemerkte er. Sie lächelte, aber ohne Hoffnung. Nun denn: sie nahm es aus einem Kasten. Den sie bei sich trug? Nein, der sich im Zimmer befand. Kameron und der Detektiv starrten sie verwundert an; Genofeva bebte wie von Frost geschüttelt. Sie nahm ein Flaschchen mit Blausäure aus einem Kasten, der sich im Zimmer befand? Ja. Und wie kam dies Giftfläschchen in Ihr Zimmer, Frau Doktor? Sie fand anscheinend keine Antwort auf diese Frage. Sie bewegte die Lippen, brachte aber keinen Laut hervor und saß stumm da, ein Bild der Scham und der Verzweiflung. Von Angst gepeinigt wollte Kameron eben ungestüm das Wort ergreifen, aber der Detektiv kam ihm zuvor. Sie glauben, ich habe kein Recht, die Frage zu stellen. Gut, ich nehme sie zurück und möchte nur wissen, wie der Kasten aussah, der das Fläschchen enthielt und wo er aufbewahrt wurde. Es war ein Schmuckkasten, der in der obersten Kommodenschublade stand. Gryce gab kein Zeichen von Ueberraschung. So? sagte er, nun, da der Kasten wertvolle Dinge enthielt, war er vermutlich verschlossen und die Kommode auch? Die Kommodenschublade, das weiß ich nicht, aber der Kasten war verschlossen, ich sah sie den Schlüssel umdrehen. Es war ein verhängnisvolles Zugeständnis, das ihrer ganzen Aussage den Stempel der Unwahrscheinlichkeit aufdrückte. Sie erkannte das zu spät. Totenblässe trat auf ihr Gesicht, und sie schien dem Umsinken nahe. Ihr Gatte vergaß in seinem Schrecken die Frage, die ihm auf den Lippen schwebte. Der Detektiv jedoch fuhr unbarmherzig fort: Entschuldigen Sie, wie kam denn die arme Näherin dazu, Ihre Schubladen zu öffnen und Ihren Schmuckkasten zu plündern? Unter welchem Vorwand nahm sie sich so etwas heraus? Ihre letzte Kraft zusammenraffend erwiderte Genofeva hastig: Sie sagte gar nichts; es geschah alles so schnell, daß keine Zeit zu Erklärungen übrig blieb. Wie aber konnte sie wissen, – wie kam sie dazu – Der Doktor, welcher bei dem Zustand seiner Frau erkannte, daß kein Augenblick zu verlieren sei, unterbrach ihn schnell: Genofeva, sage mir nur das eine, war es das Fläschchen mit Blausäure, das ich dir damals gab als – Sein Fragen war umsonst; ein großer roter Fleck trat plötzlich auf ihrer Wange hervor; sie schien nichts mehr zu hören und zu sehen. Ich bin krank, Walter, ich bin krank, stöhnte sie in gebrochenen Lauten, und schon im nächsten Augenblick lag sie bewußtlos zu seinen Füßen. Zwanzigstes Kapitel. Ein Tag war vergangen, für Doktor Kameron ein furchtbar ernster Tag, an dem seine Gattin am Rande des Grabes geschwebt hatte. Noch jetzt war sie so krank, daß im Hause nur leises Geflüster und unhörbare Tritte gestattet wurden, aber das Schlimmste war doch vorüber. Sobald Kameron abkommen konnte, begab er sich verabredetermaßen zu Gryce, um der Ungewißheit ein Ende zu machen, welche durch die letzten Worte seiner Frau hervorgerufen worden war. Er wußte, daß dies in seiner Macht stand, denn ihm war noch klar erinnerlich, bei welcher Veranlassung er Genofeva das starke Mittel, das sie nur in der vorgeschriebenen Verdünnung gebrauchen durfte, gegeben hatte, und er rechnete darauf, das Fläschchen wiederzuerkennen, wenn auch die Etikette, auf der das Wort »Gift« nebst einer von ihm geschriebenen Gebrauchsanweisung stand, abgerissen war. Gryce, welcher Doktor Kameron sehr hoch achtete, fühlte aufrichtiges Bedauern für ihn; er hatte ihn bereits erwartet und empfing ihn freundlich, aber ernst. Haben Sie die Stücke des zerbrochenen Fläschchens hier, aus dem Mildred Farley das Gift getrunken haben soll? fragte der Doktor ohne weitere Umschweife. Ja, wollen Sie sie sehen? Ich möchte Ihnen beweisen, daß es dasselbe Arzneifläschchen war, das ich meiner jetzigen Frau kurz nach unserer Verlobung übergeben habe. Am oberen Rand, dessen erinnere ich mich, befand sich ein Einschnitt, etwa so groß, wie ein Stecknadelknopf; wenn das Stück noch vorhanden ist, kann ich es Ihnen zeigen. Das wäre allerdings eine wichtige Entdeckung, bemerkte der Detektiv, die Stücke hervorholend. Ist dies das Zeichen? Ja, bestätigte der andere. Eine ernste Sache, eine sehr ernste Sache, murmelte Gryce. Kameron ward unruhig; was wollte der Detektiv damit sagen? Es bestätigte doch nur, daß seine Frau die Wahrheit ausgesagt hatte, und war von Wert als ein noch fehlendes Glied in der Beweiskette. Oder glaubte man seiner Frau nicht? Hatte er vielleicht neuen Argwohn gegen sie erregt, statt ihn zu stillen? Ich bin in einer höchst peinlichen Lage, sagte er. Sie hegen Verdacht gegen meine Frau, die todkrank darniederliegt; ich aber verlasse mich unbedingt auf ihr Wort. Ich würde ihr glauben, und wenn zehn Zeugen gegen sie aufstünden, um auszusagen, sie hätten gesehen, wie sie Mildred Farley das Gift reichte. Gryce fühlte sich nicht veranlaßt, eine Unterhaltung fortzusetzen, die doch zu nichts führen konnte. Sind Sie wohl imstande anzugeben, fragte er, wann Ihre Frau soweit hergestellt sein wird, daß weitere Erörterungen stattfinden können? Das kann Wochen, ja Monate dauern, war die ernste Antwort. Um Auskunft über ihre Gesundheit und Vernehmungsfähigkeit zu erhalten, wenden Sie sich gefälligst an Doktor Weston. Ich habe ihn zu diesem Zweck beigezogen und werde sein Urteil nicht beeinflussen. Meiner Neigung nach – das werden Sie wohl begreiflich finden – würde ich die Sache überhaupt nicht wieder zur Sprache bringen. Seien Sie überzeugt, daß, wenn meine Pflicht es irgend gestattet, ich Sie und Ihre kranke Gattin gewiß nicht beunruhigen werde, versetzte Gryce teilnehmend. Halten Sie es denn für ein schlimmes Zeichen, daß es dieselbe Flasche war, welche sich in Fräulein Gretorex' Besitz befand? Ich bedaure nur, entgegnete jener, daß Ihre Frau Gemahlin uns nicht noch erklären konnte, wie es kam, daß die arme Näherin so gut in ihren Schubladen Bescheid wußte, daß sie beim ersten Griff sich des tödlichen Trankes bemächtigen konnte. Also dies war der verdächtige Umstand? Schon das zu wissen gewährte dem Doktor Erleichterung; er warf dem Sprecher einen dankbaren Blick zu. Vielleicht ist meine Frau überhaupt außer stande, es zu erklären; sie sagte ja, es klänge so unglaublich. Der Detektiv verbeugte sich stumm. Haben Sie mit Molesworth gesprochen und ihm mitgeteilt, daß meine Frau seinen Angaben widersprochen und eingestanden hat, daß das Mädchen bereits tot war, ehe er das Haus betrat? fragte Kameron. Hierüber habe ich Ihnen keine Mitteilung zu machen, Herr Doktor; wir müssen erst warten, ob Ihre Frau nicht noch über einige dunkle Punkte Auskunft zu geben vermag; ehe sie ihr Zeugnis nicht abgelegt hat, können wir ihren Gatten nicht in unser Vertrauen ziehen. Wohl, rief Kameron leidenschaftlich, aber ich will Ihnen mein Vertrauen schenken, Herr Gryce: ich liebe meine Frau – wie tief und innig, das weiß ich erst, seit ich die Schatten des Todes über ihr schweben sah. Ich muß suchen, sie zu retten. Unnennbares Leid, vielleicht unauslöschliche Schande bedroht ihre Zukunft, wenn ich nicht den unumstößlichen Beweis beizubringen vermag, daß ihr Bericht über Mildred Farleys unglückliches Ende die reinste Wahrheit enthält. Was fordern Sie? Welcher Beweis ihrer Unschuld würde Ihnen genügen? Sie haben es zwar nicht ausgesprochen, aber ich weiß doch nur zu gut, daß Sie glauben, sie selbst habe das Fläschchen aus dem Schmuckkasten genommen. Der stärkste Beweis für die Unschuld Ihrer Frau besteht darin, daß wir bis jetzt von keinem Beweggrund wissen, der sie getrieben haben könnte, dem Mädchen zu schaden, entgegnete Gryce. Wenn wir uns von dem wirklichen Mangel eines solchen überzeugen, so müssen wir ihre Geschichte glauben, wie widersinnig und unwahrscheinlich sie auch klingen mag. – Es handelt sich also darum, das ganze Geheimnis in seinem Zusammenhang zu enträtseln, damit wir erfahren, ob Mildred Farley guten Grund hatte, sich selbst das Leben zu nehmen, und wie sich Julius Molesworths Handlungsweise mit seinem sonstigen Charakter und gesunden Urteil vereinbaren läßt. Gelingt Ihnen das, so ist schon viel gewonnen. Ich will es versuchen, rief Kameron mit bleicher Lippe. Zu welchen Entdeckungen es mich auch führen mag, sie können mir keinen größeren Schmerz bereiten, als Ihr finsterer Argwohn. Wenn Sie nun aber bei Ihren Nachforschungen Leuten begegnen sollten, die den gleichen Zweck verfolgen? So muß ich ihnen den Vorrang einräumen. Um mit der Polizei zu wetteifern, fehlt mir die Uebung und erforderliche Gewandtheit. Mich treibt die Liebe ans Werk, Sie gehorchen der Pflicht Ihres Berufes. Nach diesen Worten entfernte sich Kameron eilig mit höflichem Gruß. Einundzwanzigstes Kapitel. Des Doktors Entschluß war nicht leicht auszuführen. Um sich darin zu bestärken, brauchte er jedoch nur in das bleiche Antlitz seiner Gattin zu schauen, die starr und regungslos auf den weißen Kissen lag. Wenn er diesem stieren Blicke nicht mehr zu begegnen brauchte, wenn sie ihn wieder anlächelte wie früher – welche Seligkeit! Alles wollte er daran setzen, um ihr beim ersten Wiederaufdämmern des Bewußtseins zurufen zu können: »Freue dich, mein Herz, alle düstern Wolken sind verscheucht! Keine Menschenseele mißtraut dir mehr. Erwache zu Friede, Freude und Liebe!« – Die Wonne dieses Augenblicks mußte alle Schmerzen aufwiegen. Zwischen dieser Hoffnung und ihrer Erfüllung lag freilich noch eine weite Kluft. In Genofevas Boudoir sitzend, sann Kameron nach, ob er sich nicht irgendeines Umstandes erinnern könne, der ihm bei der Lösung des Problems helfen würde. Seine Gedanken wanderten zurück bis zu jener Stunde, da er durch die Oeffnung des Vorhangs das verzweifelte Mädchen vor dem Kamin im Hotelzimmer hatte knien sehen. Was tat sie dort? – Sie verbrannte ein Blatt Papier, ein einziges Blatt. Aber auf dem Tisch lag ein Haufen engbeschriebener Blätter, ein ganzes Päckchen Papiere, von einem schmalen blauen Band zusammengehalten. Er hatte es damals nicht besonders beachtet, aber die ganze Szene war seinem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt. Wenn er die Augen schloß, vermochte er jedes Möbel des Zimmers deutlich vor sich zu sehen und auf dem Tisch das Tintenfaß, die Feder, die dicht an der Kante lag – und das Päckchen. Was sollte anderes darin sein als Briefe – Briefe, von denen sich Mildred Farley selbst in dieser Stunde nicht trennen mochte, welche Aufschluß über ihr Leben, ihre Liebe enthalten konnten und jetzt für ihn von ganz unberechenbarem Wert waren. Wo war dieses Päckchen hingekommen? Verbrannt hatte sie es nicht; nur ein verkohltes Papier war im Kamin gefunden worden; es mußte der Entwurf des Billets gewesen sein, das sie für Molesworth zurückgelassen. Was hatte sie mit dem Päckchen getan? In der Handtasche war es nicht gewesen; Gryce hatte nicht davon gesprochen, auch bei dem Verhör war es nicht erwähnt worden. Wo mochte es geblieben sein? – Kameron versuchte, sich an die Stelle des unglücklichen Mädchens zu setzen. Was konnte sie in ihrer Lage mit diesen Papieren angefangen haben, die er für die Liebesbriefe Molesworths hielt, mit dem sie jede Verbindung abbrechen wollte? Schwerlich hatte sie sie unter seiner Adresse im Hotel zurückgelassen aus die Gefahr hin, sie Neugierigen in die Hände fallen zu lassen. Sie mußte sie zu sich gesteckt und mitgenommen haben. Aber wohin? – Wohin anders, als in das Haus Gretorex? – Nach seiner Berechnung von Zeit und Entfernung hatte sie sich ohne Aufenthalt dahin begeben. Dort mußte sich das Päckchen noch befinden, wofern es nicht Gryces scharfe Augen bereits entdeckt, oder Molesworth es während seines schrecklichen Zusammenseins mit der Leiche an sich genommen hatte. Dort im Hause, in Genofevas Zimmer – aber an welchem Platz? – Bei dieser Frage schaute Kameron unwillkürlich um sich, und sein Blick fiel auf ein altes, mit buntem Zitz bezogenes Sofa in einer Ecke des Gemachs, in welchem er saß. Es war das einzige Stück Möbel, das Genofeva aus ihrem Elternhaus mitgenommen; obgleich es häßlich war und unbequem, sie auch seines Wissens niemals Gebrauch davon machte, hatte sie es dennoch herüberschaffen und in das zierliche Boudoir, zu dessen Ausstattung es ganz und gar nicht paßte, stellen lassen. Das mußte einen besonderen Grund haben. Wäre es möglich, daß – er sprang auf, eilte nach dem Sofa und fuhr mit der Hand rings unter dem Sitz herum. Jetzt berührte er einen glatten runden Gegenstand, Er zog ihn heraus – es war eine Papierrolle; o Wunder, er erkannte die engbeschriebenen Seiten und das blaue Band, das darum gewickelt war. Wie selten es sich auch ereignen mag, daß wir, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz, durch bloßes Nachdenken auf eine richtige Spur geleitet werden – hier lag ein solcher Fall vor. Es wäre hundert gegen eins zu wetten gewesen, daß die Rolle vernichtet oder an einem Platz aufbewahrt worden sei, der ihm nicht zugänglich war. Von alledem war das Gegenteil geschehen, und Kameron erkannte dankbar, daß ein günstiges Geschick ihn den wichtigen Fund hatte tun lassen. Ehe er die Sache näher untersuchte, ja ehe er auch nur die Rolle aufband, trat er ins Nebenzimmer, das er erst vor wenigen Minuten verlassen hatte. Ihm schienen seitdem Stunden vergangen zu sein, denn dazwischen lag ja das merkwürdige Ereignis, welches den ganzen Verlauf der Dinge ändern konnte. Der Zustand seiner Gattin war sich gleich geblieben; sie verharrte unbeweglich wie zuvor, nur eine ihrer weißen Hände lag auf der Decke, regungslos, wie aus Wachs geformt. Mit unaussprechlicher Zärtlichkeit beugte sich Kameron zu ihr nieder, er drückte einen Kuß auf die Hand, und seine Augen wurden feucht. Noch nie im Leben hatte der starke Mann sich so von seinem Gefühl überwältigen lassen. Hätte sie den Blick sehen, den Kuß fühlen können, wer weiß, ob nicht der Nebel, der ihre Sinne umfangen hielt, weniger dicht und schwer gewesen wäre. Jetzt kehrte der Doktor in das Boudoir zurück, verschloß die Türen und nahm die Rolle in die Hand. Einen Augenblick zauderte er noch. Es widerstand ihm, sich in die innersten Geheimnisse einer andern Seele zu drängen. Aber der Gedanke an den Zweck, den er verfolgte, gab ihm die nötige Entschlossenheit. Er streifte das Band ab, glättete die Bogen und warf einen Blick hinein. Großer Gott! Das waren nicht die Schriftzüge eines Mannes; das war auch keine Handschrift, wie man sie bei einem Mädchen aus Mildred Farleys Stande erwartet. Es war ja – Er rang nach Atem, schaute sich um in dem bekannten Gemach, ob er auch bei Verstande sei, und blickte dann wieder in die Blätter. Kein Zweifel – es war die Schrift seiner Frau oder doch derselben so ähnlich, daß – Er sprang auf, holte die kurzen Briefchen herbei, die er während der Verlobungszeit von ihr erhalten, und verglich sie mit den Zeilen, die vor ihm lagen. Dieselben Buchstaben. Nur Genofevas Hand konnte die Worte geschrieben haben, die er jetzt lesen sollte. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Unterdessen ging Gryce ebenfalls auf Entdeckungen aus, jedoch auf einem andern Felde. Frau Kamerons wiederholte Ausflüchte und die erschütternde Wirkung des Verhörs hatten ihn zu der Ueberzeugung geführt, daß damals in Genofeva Gretorex' Zimmer ein Mord begangen worden sei. Ihm lag es daher ob, zu erforschen, was jenes verwöhnte Kind des Reichtums bewogen haben konnte, der armen Näherin nach dem Leben zu trachten, während Kameron damit beschäftigt war, nach den Gründen zu suchen, die Mildred Farley zur Verzweiflung und in den Tod getrieben hatten. Mit gewohnter Tatkraft und Genauigkeit ging der Detektiv ans Werk. Auch ihm war ein Umstand erinnerlich, den er bisher niemand mitgeteilt hatte: die offenbare Gemütsbewegung nämlich, in welche Frau Gretorex bei der Nachricht geraten war, daß ihre Tochter mit einem Mädchen Namens Farley in Verkehr stehe. Der Name mußte in ihrer Brust eine geheim gehaltene Erinnerung erweckt haben, von welcher ihre Tochter nichts erfahren sollte. Mochte das Geheimnis Ehre oder Schande, Glück oder Unglück bedeuten, jedenfalls mußte Gryce es sich zu eigen machen. Mit solchen alten Familiengeheimnissen stehen oft die Verbrechen der Gegenwart in Zusammenhang, wie Ringe, die eine verrostete Kette bilden. Bei der seltsamen Ähnlichkeit der beiden Mädchen hatte Gryce angenommen, es werde sich eine Blutsverwandtschaft nachweisen lassen; dies war jedoch nicht der Fall; denn unter den armen Verwandten des Hauses Gretorex kam der Name Farley nicht vor. Und doch mußte irgendeine Beziehung vorhanden sein, die es zu ermitteln galt. Aber mit wessen Hilfe? – Bei Frau Gretorex Erkundigungen einzuziehen, war völlig nutzlos. An ihrer Weltklugheit wären seine Fragen sämtlich abgeprallt gleich matten Pfeilen. Um zum Ziele zu gelangen, mußte er nach anderen Quellen suchen. Der erste Mensch, der ihm einfiel, war Herr Gretorex. Er galt zwar in der Gesellschaft nur als Gatte seiner vornehmen Frau, aber in der Geschäftswelt stand er seit mehr als zwanzig Jahren in hohem Ansehen. Die Reichtümer, um derentwillen seine Familie zu den ersten der Stadt zählte, hatte er selber erworben und weise verwaltet, selbst unter den schwierigsten Verhältnissen. Bei ihm beschloß Gryce, einen Versuch zu machen. Er suchte ihn am Morgen nach seiner Unterredung mit Kameron auf seinem Bureau auf, gab sich als Mitglied der Geheimpolizei zu erkennen und brachte sein Anliegen vor. Ich bin schon einige Male in Ihrem Hause gewesen, Herr Gretorex, sagte er, mein Zweck war, Näheres über ein Fräulein Farley zu hören, das von Ihrer Tochter großmütig unterstützt worden ist. Die Züge des Millionärs drückten nur höfliches Staunen aus. Fräulein Farley? fragte er, der Name ist mir unbekannt. Es ist das Mädchen, welches vor einigen Wochen an Gift gestorben ist. Gewiß haben Sie Ihre Frau Gemahlin davon sprechen hören. Der vielbeschäftigte Mann schüttelte den Kopf und griff nach den Papieren auf dem Pult. Ich weiß nichts von der Sache, habe auch für dergleichen keine Zeit. Wenden Sie sich an meine Frau, wenn Sie glauben, von ihr etwas erfahren zu können; ich vermag Ihnen keinerlei Mitteilung zu machen. Es ist mir angenehm, das zu hören, entgegnete Gryce unbeirrt; ich fürchtete schon, Mildred Farley stünde in irgendwelchem Zusammenhang mit Ihrer Familie. Herr Gretorex sah ihn mit großen Augen an. Das muß wohl auf einem Irrtum beruhen, meinte er, wieder in seine Papiere blickend. Gryce war ein Menschenkenner; der Mann vor ihm besaß Ehrgeiz, Entschlossenheit und Tatkraft, aber nicht den Willen, ihn zu täuschen. So empfahl er sich denn mit höflicher Entschuldigung, überzeugt, daß Herr Gretorex ebensowenig wie er eine Ahnung davon habe, warum der Name Farley für seine Frau von besonderer Bedeutung sei. Ohne sich durch den Mißerfolg entmutigen zu lassen, beschloß der Detektiv, die Sache nun am andern Ende anzupacken. Waren auch Frau Farley und ihre Tochter tot, so hatten sie doch ihr Eigentum hinterlassen. Darunter befanden sich sicher alte Briefschaften, aus denen die Auskunft zu holen sein mußte, um die es ihm zu tun war. Bald saß Gryce in Frau Olneys Hause vor dem Koffer, welcher Mildred Farleys Besitztümer barg, aber nicht lange; die Briefe, die er enthielt, stammten sämtlich aus ihrer Schulzeit; er fand nichts darin, was für ihn von Wert fein konnte. Wenn das Geheimnis, nach dem er forschte, aus früherer Zeit stammte, so war es ja auch weit eher in dem Briefwechsel der Mutter als in dem der Tochter zu entdecken. Auf sein Befragen führte ihn Frau Olney nach der Bodenkammer, wo er in einer Kiste verschiedene Pakete alter Briefe fand, von denen einige vor zehn, andere vor zwanzig Jahren geschrieben waren. Er trug sie in das Zimmer hinunter, welches die gefällige Wirtin ihm zur Verfügung gestellt hatte, und begab sich mit aller Umsicht und Sorgfalt daran, einen Einblick in die Lebensgeschichte der verstorbenen Frau Farley zu gewinnen. Aus den verschiedenen Zuschriften, meist von weiblicher Hand, richtete Gryce sein Hauptaugenmerk auf die mit »Anna« unterzeichneten. Sie schlugen den vertraulichsten Ton an und verrieten die genaueste Bekanntschaft mit Frau Farleys Schicksal und Erlebnissen. Es war kein heiteres Bild, das sich darin entrollte: eine Entführung und heimliche Trauung, ein halbes Jahr voll Seligkeit, dann Krankheit und Armut, und Vernachlässigung von seiten dessen, der das Elend über sie gebracht. Einige Monate später noch schwerere Krankheit und drückendere Armut, dann ein furchtbarer Schlag, auf den sich folgende Zeilen bezogen: »Du armes Herz, bleibe nur standhaft, bis ich komme; Du sollst den entsetzlichen Kummer nicht allein tragen.« Nun folgte eine Pause im Briefwechsel, und als er einige Monate später wieder aufgenommen wurde, ließ die teilnehmende Erwähnung des Witwenleids der Adressatin erraten, welchen Verlust diese erlitten haben mußte. Aber der Detektiv stieß noch auf andere, weniger verständliche Andeutungen. Sie wiesen auf ein großes Opfer hin, das die junge Witwe gebracht hatte, und er sah sich außer stande, sie zu enträtseln. Erst als er in einem viel späteren Briefe die Worte las: »Ich hoffe, es geht Deiner süßen kleinen Mildred gut; ob wohl die andere ebenso blühen und gedeihen mag, wie sie?« – da ging ihm auf einmal ein Licht auf über die anscheinend höchst einfache Geschichte; er glaubte den Faden gefunden zu haben, der ihn aus dem Labyrinth führen sollte. Mit erneuter Aufmerksamkeit wandte er sich den übrigen Briefen zu, doch stieß er nur hier und da auf ein Wort des Mitgefühls und der Befriedigung darüber, »daß Frau Farley die Hälfte ihrer Last andern Händen übergeben habe, um den Rest leichter tragen zu können.« Die volle Bestätigung seiner Vermutung brachte ihm erst der Anfang eines Briefes aus Neuyork, welcher lautete: »Denke Dir nur, ich habe sie gesehen. Sie und Mildred gleichen einander so sehr, wie das bei zwei Kindern möglich ist, von denen das eine im Luxus aufwächst und das andere oft kein zweites Paar Schuhe zum Wechseln hat. Ich traf sie auf dem Schulweg, sie kam ganz dicht an mir vorbei; ich hätte sie in die Arme schließen mögen. Warum ich es nicht tat? Daß sie geglaubt hätte, ich sei nicht bei Verstande, würde mir weniger ausgemacht haben, als sie so unbeachtet an mir vorübergehen zu lassen, – das süße Geschöpf, das doch zu mir gehörte. Aber ihr prächtiges Kleid und die hochmütige Miene, mit der sie um sich blickte, flößten mir solche Scheu ein, daß ich ihr nicht einmal die Straße hinunter folgte, und doch zog mich mein ganzes Herz zu ihr hin, als wäre es mein eigenes Kind. Wie magst Du erst um sie trauern und Dich nach ihr sehnen. Erst jetzt begreife ich Deinen ganzen Schmerz, nun ich mit eigenen Augen dies Abbild Deines Lieblings gesehen habe, der Dir allein noch zu Trost und Freude geblieben ist.« Dieser gleichfalls von »Anna« geschriebene Brief datierte nur zehn Jahre zurück. Von da ab trugen die Briefe eine andere Adresse, was den Detektiv nicht sonderlich überraschte. Sie wanderten nicht mehr nach der kleinen Stadt in Ohio, sondern in ein gewisses Haus der Bleeckerstraße in Neuyork. Die Witwe war mit ihrer Tochter nach der Weltstadt übergesiedelt. In den späteren Briefen war nun häufig von einem schweren Kampf in ihrem Innern die Rede, welcher im Verein mit dem Ringen um das tägliche Brot ihre ohnehin schwache Gesundheit mehr und mehr untergraben müsse. Endlich war nur noch ihr leidender Zustand erwähnt, und die Worte der Hoffnung verstummten allmählich. Doch ward die Dulderin glücklich gepriesen, daß sie bei aller Schwachheit die Kraft gefunden habe, ihren feierlichen Eid nicht zu brechen. Auch der Tochter ward häufig gedacht, die sich ihr als treue Hilfe und Stütze erweise und ihr Ersatz gewähre für alles, was sie verloren. Nun schrieb »Anna« nicht mehr; es folgten einige kurze Zeilen von einer ihrer Angehörigen: Erkundigungen nach Frau Farleys Gesundheit und Nachrichten über das Befinden der »teuern Kranken«, mit welcher Anna gemeint war. Von der Hand der letzteren lag nur noch ein kleiner Zettel bei, mit der Ermahnung: »Sei auf Deiner Hut. Mildreds Glück sowohl als das der andern hängt davon ab, daß die Dinge bleiben wie sie sind. Gedenke Deines Eides.« Damit war das Paket zu Ende. Aber Gryce hatte viel daraus erfahren und brauchte die sichere Fährte nur weiter zu verfolgen. Er prägte sich das Datum, an dem Mildred zuerst erwähnt wurde und den Namen der Stadt, aus welcher die Briefe der teilnehmenden Anna kamen, ein und verließ mit befriedigtem Gefühl Frau Olneys Wohnung. Freilich gesellte sich dazu in seinem wohlwollenden Gemüt auch die geheime Furcht, daß er einem Verbrechen auf die Spur gekommen sei, welches über ein schönes Weib und ihren edlen Gatten Schmach und Schande bringen könne. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Zusammenkunft, welche kurze Zeit darauf zwischen Kameron und Gryce im Hauptquartier der Polizei stattfand, war seltsamer Art. Beide hatten einander wichtige Mitteilungen zu machen, aber jeder wartete, daß der andere beginnen solle und suchte seine Ungeduld sorgfältig zu verbergen. Endlich nahm Gryce das Wort: Ich habe eine überraschende Tatsache in Erfahrung gebracht und halte es für meine Pflicht, Sie davon zu unterrichten, auf die Gefahr hin, Ihren Stolz zu verletzen und Ihnen Kummer zu bereiten. Mein Stolz, versetzte Kameron mit bitterem Lachen, hat durch die Erlebnisse der letzten Tage einen so harten Stoß erlitten, daß ich nicht mehr allzu empfindlich bin; reden Sie ohne Furcht! Erlauben Sie mir zuerst eine Frage, begann der Detektiv. Als Sie um die Hand des Fräuleins Genofeva Gretorex anhielten, waren Sie da bestimmt der Meinung, daß Sie sich um die leibliche Tochter von Herrn und Frau Gretorex bewarben? Was wollen Sie damit sagen? – Natürlich – ohne Zweifel – Man hat Sie bei dem Glauben gelassen und Ihnen nicht mitgeteilt, daß sie nur ein angenommenes Kind ist? Zwar geliebt wie ein eigenes und zur einstigen Erbin bestimmt, aber doch nicht mit der Familie verwandt, nicht von ihrem Blute? Doktor Kameron war sprachlos vor Ueberraschung. Nun denn, fuhr Gryce fort, so hat man Sie betrogen. Ihre Frau ist als kleines armes Kind von dem Ehepaar Gretorex adoptiert worden und zwar unter Umständen, die eine so strenge Geheimhaltung der Sachlage ermöglichten, daß selbst die nächsten Familienglieder keine Kenntnis davon besitzen. Kameron stand auf, schritt zum Fenster und starrte einige Minuten in die Winterlandschaft hinaus. Als er zurückkam, erschien er zwar bleich und verstört, aber äußerlich gefaßt. Geben Sie mir nur eine Beruhigung, sagte er. Weiß meine Frau – Es ging über seine Kräfte. Er sah den Detektiv mit stummer Bitte an. Ich verstehe, entgegnete dieser, Sie wünschen zu erfahren, ob Ihre Frau um den Betrug wußte. Darauf kann ich Ihnen nicht sogleich Antwort geben. Hören Sie erst die näheren Umstände. Reden Sie! entgegnete Kameron mit tonloser Stimme. Die unaufhörlichen Schicksalsschläge wirkten zu erschütternd, seine Widerstandskraft war gebrochen. Gryce schwieg noch einen Augenblick und betrachtete ihn mitleidig, dann begann er in ruhig sachlichem Ton seine Erzählung: Es sind jetzt zwanzig Jahre her; Philo Gretorex besaß zwar damals schon ein ansehnliches Vermögen, war aber noch nicht eine so allgemein bekannte Persönlichkeit wie heute. So erregte es auch in der großen Welt keine besondere Aufmerksamkeit, als er beschloß, wegen der leidenden Gesundheit seiner Frau eine längere Reise durch Ohio und die Mississippistaaten zu unternehmen. Die Ehegatten hielten sich nach Gefallen wochen-, ja monatelang an den Orten auf, wo es ihnen behagte. So waren sie auch eines Tages nach dem Städtchen M. gekommen; als sie es nach längerer Zeit verließen, nahmen sie ein kleines Mädchen mit, welches sie von da ab unter dem Namen Genofeva für ihr eigenes Kind ausgaben. Das Nähere hierüber erfuhr ich aus dem Munde der Frau, welche bei der Geburt der Kleinen zugegen und auch Zeugin war, wie dieselbe durch die eigentliche Mutter an die reiche kinderlose Dame aus Neuyork abgetreten wurde. Frau Farley – der Name wird Sie nicht überraschen – befand sich in der äußersten Not. Sie hatte plötzlich ihren Mann verloren und zu gleicher Zeit alle Mittel zum Lebensunterhalt. Aus Mildherzigkeit gestattete man ihr, in dem einzigen Gasthof des Städtchens ihre Niederkunft abzuwarten. Ebendaselbst waren auch Herr und Frau Gretorex abgestiegen. Obgleich die vornehme Dame der armen jungen Witwe nur hier und da auf der Treppe oder im Vorsaal begegnet war, nahm sie doch menschlichen Anteil an ihrem Geschick. Als der bang erwartete Tag kam, erkundigte sie sich mehrmals nach ihrem Ergehen; in der Nacht hörte sie endlich das Kind schreien und ließ sich nicht abhalten, aufzustehen und in Frau Farleys Zimmer zu eilen, das dicht neben dem ihrigen war. Dort bot sich ihr ein unerwarteter Anblick. Die Wöchnerin lag mit wahrhaft schreckensbleicher Miene da, ihre Verwandte aber, welche die Pflege übernommen hatte, hielt ein neugeborenes Kind in den Armen und der Doktor ein zweites. Beide Kleinen ließen hilflos die Köpfchen hängen, ganz auf gleiche Weise und sahen sich schon in dieser ihrer ersten Lebensstunde so ähnlich, als sei eines das Spiegelbild des andern. – Zwei Kinder! und das junge Weib wußte kaum, wie sie eines aufziehen sollte. Irre ich mich nicht, stieß Kameron mit heiserem Ton hervor, so sprechen Sie von meiner Frau und – Dem armen Mädchen, welches ihr so sehr glich, daß wir beide es für Genofeva Gretorex hielten. Ein seltsames Lächeln flog über des Doktors bleiche Züge; seine Augen schienen in die Ferne zu schweifen. Weilte er vielleicht im Geiste an dem Lager, wo sein Weib noch immer blaß und regungslos verharrte, wie ein schönes Marmorbild? Wenn nun die Stunde kam und ihr Bewußtsein zurückkehrte, welch ein schreckliches Erwachen! – Kameron bezwang sich und sagte nicht ohne Bitterkeit: Demnach waren es Schwestern. Jawohl, Zwillingsschwestern. Es entstand eine Pause, bis Kameron murmelte: Erzählen Sie nur weiter, ich kann mir denken, was nun folgte. Das liegt freilich auf der Hand. Beim Anblick des übergroßen Segens, der für die arme Mutter eine so schwere Last war, fühlte sich die kinderlose Frau Gretorex plötzlich von heftiger Sehnsucht ergriffen. Bald die beiden gesunden, hübschen und vielversprechenden Kleinen anschauend, bald die bleiche Mutter, rief sie unwillkürlich aus: Was würde ich nicht darum geben, wenn eins von euch mir gehörte! Da erhellte ein Hoffnungsstrahl das Antlitz der schwachen, fast verzweifelnden Frau. Sie hob den Blick zu ihrer Verwandten empor, die ihr beistimmend zunickte, dann sah sie wieder fragend den Doktor an. Frau Gretorex ist eine vermögliche Dame, erklärte dieser; wenn sie sich einer dieser kleinen vaterlosen Waisen annehmen will, so ist Ihr Kind wohl versorgt. Das arme Weib faltete die Hände: Ist es Ihr Ernst? rief sie. Wollen Sie – wünschen Sie – Ich will mich mit meinem Mann besprechen, war die Antwort der Dame, kleiden Sie die Kinder an, in einer Stunde komme ich wieder. – Sie kam und fand die Neugeborenen nebeneinander auf dem Bett der Mutter liegen. Die Dame betrachtete das reizende Bild mit Wohlgefallen; ihr Entschluß schien gefaßt. Ich will eine der Kleinen mitnehmen und als mein eigenes Kind erziehen, ihr meinen Namen geben, sie dereinst vielleicht zur Erbin meines Vermögens machen, aber nur unter der Bedingung, daß Sie alle Ihre Rechte aufgeben und an mich abtreten. Sie dürfen sich nicht weiter um ihr Schicksal kümmern, noch sich in ihre Angelegenheiten mischen. Mir, und mir allein muß sie angehören. Wollen Sie mir geloben, weder durch Wort noch Tat dem Kind oder sonst jemand gegenüber zu verraten, daß ich nicht seine Mutter bin? Sie müssen es mir feierlich schwören auf das Bibelbuch. Das arme von Schmerzen erschöpfte Weib stöhnte laut auf und drehte das Gesicht nach der Wand; ihre Finger tasteten jedoch krampfhaft nach der Bibel auf einem Bücherbrett neben dem Lager. Die Verwandte, Anna mit Namen, welche zugleich ihre Ratgeberin zu sein schien, legte ihr das heilige Buch in die zitternde Hand, die Frau küßte es und auch Anna leistete auf Verlangen der Dame den geforderten Eid. Nur der Arzt, der aus Neugier im Zimmer zurückgeblieben war, verweigerte den feierlichen Schwur, doch versprach auch er den Vorgang geheim zu halten. Nun ward zur Wahl des Kindes geschritten. Wie die Kleinen so nebeneinander lagen, konnte kein menschliches Auge den geringsten Unterschied zwischen ihnen entdecken; aber die Dame griff ohne Besinnen über das ihr zunächst liegende Kind hinweg nach dem zweiten, wahrscheinlich weil sie glaubte, man habe das andere für sie bestimmt. Die kleine, ungewohnte Last an sich drückend verließ sie eilig das Zimmer; nur die leichte Einbuchtung im Kissen blieb als einzige Spur von dem verschwundenen Mägdlein zurück. Ein tiefer Seufzer Kamerons unterbrach den Erzähler. Alle Zärtlichkeit für sein Weib, dessen Kinderköpfchen dort auf dem Kissen geruht hatte, schien ihm zum Herzen zu strömen; fast vergaß er darüber die traurige Wirklichkeit. So wurden die Schwestern voneinander getrennt, fuhr Gryce fort. Schon am nächsten Morgen verließ das Ehepaar Gretorex mit der Dienerin, die sie bei sich hatten, und dem Kinde die kleine Stadt. Frau Farley, durch ihre Armut im Westen zurückgehalten, erfuhr zehn Jahre lang nichts von der Tochter, welche sie weggegeben hatte. Dann aber ward durch ein unbedachtes Wort jener Verwandten die schlummernde Mutterliebe aufs neue in ihr erweckt. Ohne die Folgen zu bedenken, nur dem Verlangen ihres Herzens nachgebend, siedelte sie mit ihrer kleinen Mildred nach Neuyork über. Sie mietete sich in der Bleeckerstraße ein, den alten Kampf ums Dasein fortsetzend, aber unter weit ungünstigeren Bedingungen. In der früheren Heimat hatte man sie geschätzt und wegen ihres Unglücks bedauert; hier war sie allen Menschen fremd. Allein das Bewußtsein, sich in der Nähe des Kindes zu befinden, von welchem sie sich einst getrennt hatte, half ihr über alle Entbehrungen hinweg. Es ward ihr auch leichter, für die Erziehung der kleinen Mildred zu sorgen, die schon früh gute Geistesgaben zeigte und mit der Zeit ihr Trost und ihre Stütze zu werden versprach. Wann Frau Farley ihr verlorenes Kind zum erstenmal wiedersah, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Ueberhaupt sind meine Nachrichten in dieser Beziehung nur dürftig. Aus ihren Briefen an die Verwandte geht hervor, daß sie unbefriedigt war und sich in Sehnsucht nach der Tochter verzehrte. Sie muß ihr zu wiederholten Malen begegnet sein, zuweilen auch, wenn sie allein war; die Versuchung, sie anzureden, ist wohl groß gewesen, doch liegt kein Beweis vor, daß sie ihren Schwur damals gebrochen hat. Oft unternahm sie den meilenweiten Gang nach dem Hause Gretorex, bloß um zu den Fenstern emporzuschauen, hinter welchen sie ihr Kind vermutete; einmal sah sie es gerade vor der Tür in den Wagen steigen. Der Anblick überwältigte sie dergestalt, daß sie stöhnend und händeringend dastand, bis die Vorübergehenden auf sie aufmerksam wurden und sich neugierig nach ihr umschauten. Da überkam sie die Angst, und sie floh eilends nach Hause. Inzwischen hatte sich Mildred körperlich und geistig immer erfreulicher entfaltet, aber dies genügte der Mutter nicht. Sie liebte sie zwar, sie brauchte ihre Hilfe und verdankte ihr später sogar gänzlich ihren Unterhalt; ihr innigstes Denken und Fühlen aber galt der vornehmen Genofeva, die sie gleichgültig und mit stolzer Miene an sich vorüberschreiten sehen mußte. Sie in ihrer Nähe zu haben, von ihren Lippen das Wort »Mutter« zu vernehmen, dafür hatte sie willig ihr Lebensblut geopfert. – Als beide Mädchen herangewachsen waren, und die eine liebevoll und ohne zu murren Tag für Tag in mühseliger Arbeit jedes Bedürfnis der Mutter zu befriedigen stiebte, setzte diese trotz ihrer schwachen Kräfte und ihrer leidenden Gesundheit noch immer die langen Gänge durch die Stadt fort, bloß um die andere im Glanz der Pracht und des Reichtums zu sehen, der das arme Weib schier geblendet haben muß. Die außerordentliche Aehnlichkeit der Schwestern scheint der Grund gewesen zu sein, warum sie sich auf diesen Wegen niemals von Mildred begleiten ließ, selbst als ihre Schritte schon zu wanken begannen und sie sich häufig auf den Treppenstufen ausruhen mußte, um neue Kräfte zu sammeln. Ob Mildred das Geheimnis ihrer Mutter gekannt hat? werden Sie fragen. – Höchst wahrscheinlich. Es kommen in den Briefen Andeutungen vor, daß das weniger begünstigte Kind sich zuweilen dagegen aufgelehnt habe, daß ihrer Schwester nicht nur alle Glücksgüter, sondern auch alle Schätze der Liebe zufielen; doch scheint sie in ihrem Fleiß und der treuesten Pflege der Mutter nie nachgelassen zu haben. So kam denn endlich der Tag heran, der die vollständige Wandlung in ihrem Leben bewirken sollte, um schließlich auf noch unerklärte Weise zu dem Trauerspiel zu führen, das wir erlebt haben. Frau Farley brach ihren jahrelang gehaltenen Eid und gab sich Genofeva als ihre eigentliche Mutter zu erkennen. Mildred übernahm dabei die Rolle der Vermittlerin; sie suchte ihre Schwester unter dem Vorwand auf, sie um ihre Kundschaft zu bitten. Ueber die weiteren Ereignisse weiß ich wenig Verbürgtes. Nur ein Brief von Frau Farley ist noch vorhanden, der kurz vor ihrem Ende geschrieben, in abgerissenen Sätzen einer überschwenglichen Freude Ausdruck gibt, daß es ihr endlich vergönnt gewesen fei, ihre geliebte Genofeva ans Herz zu drücken. Bei der Zusammenkunft mit der jungen Näherin, von welcher uns Frau Kameron berichtet hat, wird jene ihr die erstaunliche Mitteilung gemacht haben, welche das vornehme Fräulein bald darauf an das Bett der armen Kranken führte. Im Hause der Frau Olney erinnert man sich noch daran, wie eines Tages eine feingekleidete, dichtverschleierte Dame im Wagen vorfuhr und sich geradeswegs in Frau Farleys Zimmer hinaufbegab unter dem Vorwand, sich ein Kleid anmessen zu lassen. Sie verweilte dort mehrere Stunden, so daß ihr Besuch große Verwunderung erregte. Noch mehrmals während Frau Farleys Krankheit und einmal nach ihrem Tode fuhr der Wagen am Hause vor, aber immer nur auf kurze Zeit. Das müßige Gerede darüber verstummte jedoch allmählich, da die Neugier keine Befriedigung fand. Der Detektiv schwieg; sein Bericht war offenbar zu Ende. Kameron raffte sich zusammen, sah den Erzähler an und fragte mit seltsamer Betonung: Wissen Sie, ob sie bei den Besuchen, die sie ihrer Mutter machte, je mit Doktor Molesworth zusammengetroffen ist? Das war ein ganz neuer Gesichtspunkt. Gryce blickte überrascht auf. Wir sind noch nicht am Ende unserer Forschungen, sagte er nachdenklich. Also selbst die Entdeckung, daß meine Frau die Schwester des Mädchens war, das in ihrem Zimmer starb, genügt Ihnen nicht als Beweis, daß sie an ihrem Tode unschuldig ist? fragte Kameron leidenschaftlich. Ihr Selbstmord erscheint dadurch etwas weniger unwahrscheinlich, entgegnete Gryce; die Schwester konnte eher mit dem Inhalt von Fräulein Gretorex' Schmuckkasten bekannt sein, als die arme Näherin. Aber – Vollkommen befriedigt find Sie doch nicht, fiel der Doktor ein, wie leicht sich auch der Selbstmord erklären läßt und wie schwer es ist, einen Beweggrund für den Mord zu finden. Ich wäre nur zu froh, wenn mir jeder Zweifel genommen würde, schon damit ich Sie aus dieser peinlichen Lage befreien könnte. Um Ihnen dies zu beweisen, bin ich bereit, den Fall im einzelnen mit Ihnen durchzusprechen. Halten Sie zum Beispiel die Angst, welche das Haar Ihrer Gattin in einer Nacht gebleicht hat und sie bei dem Verhör bewußtlos zu Boden sinken ließ, dadurch genügend erklärt, daß sie fürchtete, Sie könnten die wahren Familienverhältnisse erfahren? Der Doktor schwieg, Gryce aber fuhr mit beinahe väterlichem Tone fort: Ich habe bei Erfüllung der Pflichten meines Berufs die Frauen in den verschiedensten Lebenslagen kennen gelernt, habe sie in jeder Gemütsbewegung, in Liebe, in Haß, in Jubel und Verzweiflung gesehen. Sie können bei ihrer leicht beweglichen Natur sich lange verstellen, viel verheimlichen, viel ertragen – unterliegen tun sie erst, wenn sie kein Mittel mehr sehen, ein furchtbares Geheimnis ihres Innern auch ferner in ihrer Brust zu verschließen. Daß Ihre Frau ein solches Geheimnis bewahrt, ist meine Ueberzeugung. Bis ich nicht weiß, ob es damit eine andere Bewandtnis hat, kann ich nur annehmen, daß sie – ob mit oder ohne Absicht – Mildred Farley das Leben genommen hat. Es ist möglich, daß der Detektiv mit diesen Worten nur den Zweck verband, Kamerons innerste Gedanken zu erfahren. Wenn dem so war, gelang ihm seine Absicht jedenfalls vollkommen. Der Doktor fuhr unwillkürlich zusammen und rief mit Heftigkeit: So mögen Sie's denn erfahren, und wenn ich darüber auch den letzten Rest von Stolz opfern muß, der mir noch übrig geblieben war. Ich würde sie retten, gälte es auch mein Leben. Um sie zu retten will ich ihr Geheimnis offenbaren. Sprechen Sie! entgegnete der Detektiv, und seien Sie überzeugt, daß außer mir niemand als der Inspektor darum wissen soll, wenn wir nicht durch die Geheimhaltung unsere Pflicht verletzen. Kameron warf ihm einen langen Blick zu und sagte mit Nachdruck: Wissen Sie, warum das Mädchen, welches wir durch den Vorhang im C-Hotel beobachteten, meiner Frau so wunderbar ähnlich sah, daß wir eine Täuschung für ganz ausgeschlossen hielten? Gryce lächelte. Ich habe es Ihnen ja eben mitgeteilt. Es war Mildred Farley, die Zwillingsschwester Ihrer Frau, die ihr so sehr glich, daß – Sie irren sich, unterbrach ihn Kameron. Es war nicht Mildred Farley, die wir sahen, es war Genofeva Gretorex selbst, meine Braut, jetzt meine Frau. Vierundzwanzigstes Kapitel. Diese Eröffnung kam unerwartet. Gryce fühlte sich seltsam erregt; er hörte auf, den Ring an seinem Finger zu drehen; seine Hand zitterte. Wirklich? fragte er. Genofeva Kameron leidet an den Folgen der Torheit, die Genofeva Gretorex begangen hat, fuhr der Doktor in rauhem, hartem Tone fort, als vermöge er nur mit Unterdrückung jedes Gefühls sich der Aufgabe zu entledigen, die ihm oblag. Doch sie hat den Bann gebrochen, der sie gefesselt hielt, denn sie liebt jetzt ihren Gatten und fürchtet nur, er könne ihre frühere Schwäche, ihre verkehrte Herzensneigung entdecken. – Was sie damals aus dem Elternhause trieb und sie fast bis zu der für die Trauung anberaumten Stunde in jenem Hotel verweilen ließ, war nichts anderes, als eine starke, sinnlose, verblendete Leidenschaft für Julius Molesworth. Das Wort war heraus. Gryce sowohl als Kameron fiel ein Stein vom Herzen. Es blieb nur noch übrig, die Tatsache zu erläutern. Ihre Geschichte, fuhr der Doktor fort, war die passende Einleitung für die meinige; sie zeigt uns, wie das vornehme Fräulein dazu kam, jenen Mann kennen zu lernen. Sie trafen sich im Olneyschen Hause, am Krankenbett der Frau Farley, ihrer eigentlichen Mutter. Obgleich mit mir verlobt, überließ sie sich doch dem Eindruck, den sein ganzes Sein und Wesen, in mir völlig unbegreiflicher Weise, auf sie ausübte. Sie sah ihn wieder und wieder, ihr Gefühl für ihn wuchs zur Leidenschaft, sie vergaß Ehre, Pflicht und ihr gegebenes Wort. Daß die Welt, in der er lebte, von der ihrigen so gänzlich verschieden war, verlieh dem Verhältnis in ihren Augen einen romantischen Schimmer, den kein anderer Mensch darin hätte sehen können. Als dann aber die entscheidende Stunde kam und sie erkannte, was sie alles würde auf sich nehmen und entbehren müssen, wenn sie als Weib des rauhen, schroffen Mannes mit ihm unter dem Druck der Armut lebte – da wich der Zauber. Aber – Geduld! Es kommt mir hart genug an, Ihnen diese Mitteilung zu machen; lassen Sie mich fortfahren. – Die einzige Entschuldigung für ihr heimliches, verstecktes handeln liegt in Frau Gretorex' Stolz, hätte ihre Adoptivmutter, statt ihr zu sagen, es sei zu spät, das Verhältnis mit mir abzubrechen, geantwortet, wie es ihre Pflicht erheischte, hätte Genofeva Vertrauen zu mir gehabt, sie würde vielleicht die Wahrheit bekannt haben. Da sie nicht den Mut besaß, dem Tadel der Welt offen die Stirn zu bieten, nahm sie ihre Zuflucht zu wahrhaft unerhörten Mitteln, um an das Ziel ihrer Wünsche zu gelangen. Denn nicht genug, daß sie an unserem Hochzeitstag ihre Hand einem andern Manne reichen wollte, sie hatte auch alle Anstalten getroffen, um mich mit einer Braut zu versehen, welche bereit war, mich an ihrer Stelle zu beglücken. Während eines kurzen Moments sah ich in die strahlenden Augen dieser Braut und mußte glauben, meine eigene Genofeva sei zu mir zurückgekehrt, nur froher und gekräftigter. Wäre nicht eine halbe Stunde, ehe wir zur Trauung schritten, die wahre Genofeva, reuig und bekehrt herbeigeeilt, ich hätte ahnungslos die falsche Braut an den Altar geleitet, zu meinem Unglück und zum Verderben aller Beteiligten. Das übersteigt ja alle Begriffe, rief Gryce, so etwas ist noch gar nicht dagewesen. Mir wird ordentlich wieder jung ums Herz, es erinnert mich wahrhaftig an – Er hielt plötzlich inne, als schäme er sich eines Berufseifers, über den er für den Augenblick sein menschliches Mitgefühl vergessen hatte. Aeußerlich blieb er nun ruhig, aber seine Augen glühten wie Feuerfunken. Daß die zwei sonst so vernünftigen Mädchen, fuhr Kameron fort, durch ihre außerordentliche Aehnlichkeit verleitet, auf einen so törichten und gefährlichen Plan verfallen konnten, läßt sich nur durch die gänzliche Unerfahrenheit der einen und die Verblendung der andern erklären. Letzterer versagte aber der Mut, als es zur Ausführung kam. Von weitem hatte das Beginnen nicht so unmöglich ausgesehen, als jetzt, da es verwirklicht werden sollte. Wahrscheinlich auch, daß durch Molesworth der Sache ein Ende gemacht wurde, die er bei seinem gesunden Menschenverstand nun und nimmermehr gut heißen konnte. Seine Dazwischenkunft wird wohl veranlaßt haben, daß Genofeva so schnell zu ihrer Pflicht und der für ihre Lebensstellung passenden Verbindung zurückkehrte. Dies ist jedoch meinerseits bloße Vermutung; ich urteile nur nach dem Bericht, welchen sie selbst über ihre Gemütsverfassung gibt von der Stunde, da sie Molesworth zum erstenmal gesehen bis zu dem Abend, an welchem sie ihn im C–Hotel erwartete. Unwillkürlich fuhr Kamerons Hand bei diesen Worten nach seiner Rocktasche. Gryce bemerkte die Bewegung. Sie haben Papiere? Zeigen Sie her; ich unterrichte mich am liebsten an der Quelle. Kameron runzelte die Stirn im Unmut über sich selbst; bei näherer Ueberlegung erkannte er jedoch, daß er früher oder später seinen Fund doch hätte preisgeben müssen. So zog er denn, ohne zu zaudern, die Papierrolle heraus, die er in dem Sofa seiner Frau gefunden hatte. Es sind Tagebuchblätter meiner Frau an den bereits erwähnten Herrn, bemerkte er. Sie wurden nicht abgeschickt, sondern sollten wahrscheinlich nach erfolgter Trauung übergeben werden. Der Ehebund ward nicht geschlossen, und ich fand die Rolle, die sie in ihr Elternhaus mitnahm, zwischen den Kissen eines alten Sofas versteckt, das dort früher in ihrem Zimmer stand. Warum sie die Briefe nicht zerstört hat, ist mir unbegreiflich. Möglich jedoch, daß sie ihr als Beleg dienen sollten, wenn jemals die Vorgänge an unserem Hochzeitstag ans Tageslicht kämen. Gryce nahm die Rolle begierig in Empfang und blätterte darin. Es ist Fräulein Gretorex' Handschrift, kein Zweifel! sagte er, dann begann er zu lesen: »Ich schreibe, weil ich mich aussprechen muß. An Sie schreibe ich, denn Sie sind der erste Mensch, der meine Seele über das gemeine Alltagsleben emporgehoben hat. Diese Zeilen werden Ihnen nie zu Gesicht kommen, aber was tut das? Achtet die Sonne denn auf alle Blumen, die sich ihrem Strahl öffnen? Ich fühle mich gestärkt, fühle mich neu belebt durch den Gedanken an Sie. Mein Leben verfloß in trostloser Einförmigkeit, ehe ich Sie sah. Jetzt ist mir geholfen.«  –  –  –  –  –  –  –   »Ich habe mich geprüft, habe mein Inneres befragt. Sind Sie wirklich der Mann, für den ich Sie halte, oder spiegelt mir meine Einbildungskraft ein bloßes Idealbild vor? Nur wenige Worte habe ich zwar aus Ihrem Munde vernommen, doch glaube ich Sie zu kennen und fühle, daß ich durch Sie besser, edler, weiser geworden bin. Ist es mein guter Engel, der mir das zuflüstert, oder muß ich besorgen – – Ich wage nicht den Gedanken auszudenken. Meine neu geborene Seele darf ihren Flügelschlag nicht frei erheben; ich gehöre mir ja nicht mehr selber an, sondern dem Manne, dem ich meine Hand zugesagt habe.« »Ich sah Sie wieder. Nein, es war kein Irrtum, ich fühlte, daß Ihnen meine Gegenwart beglückend ist, wie mir die Ihre. Eine gefährliche Erkenntnis. Sie nimmt all mein Denken und Sinnen gefangen. Wie ist mir denn? Mein altes Dasein ist mir fremd geworden; ich lebe in einer ganz neuen Welt. Hat das Ihr Blick getan? Hat er die alten Bande gelockert, von deren Vorhandensein Sie freilich nichts ahnen konnten?«  –  –  –  –  –  –  –   »Warum haben Sie monatelang mit meinem Ebenbild unter einem Dache gelebt und sie nie mit solchem Blick angeschaut, wie mich heute? Sind unsere Seelen verschieden und nur unsere äußere Erscheinung gleich? Oder ist nur das verführerisch, was unerreichbar scheint? – Sehen Sie mich hoch über sich – schauen Sie zu mir empor, wie ich zu Ihnen? –«  –  –  –  –  –  –  –   »Meine Mutter ist tot; an meiner Brust hat sie ihren letzten Seufzer ausgehaucht, mir ihr letztes Wort zugeflüstert, doch bin ich nicht unglücklich, mir ist nicht, als hätte ich etwas verloren. In jener Stunde vernahm ich ja zum erstenmal das Geständnis Deiner Liebe. Dein Antrag gab mir mehr, als die Welt mir nehmen könnte, und raubte sie mir all mein Gut!...« »Ich gab Dir keine Antwort; was hätte ich auch sagen können? habe ich doch einem andern Mann Treue gelobt! Du aber warst großmütig und drangst nicht in mich. Du offenbartest Deine Liebe, das war genug. An mir ist es nun, durchzusetzen, daß wir einander angehören und unser innigstes Entzücken, unsere höchste Ehre in dieser gegenseitigen Liebe finden können. Werde ich den Mut dazu haben? Wenn ich an die Hindernisse denke, die sich mir in den Weg stellen, sage ich: Nein! – Gedenke ich Deiner, so spricht mein Herz ein lautes und furchtloses Ja!«  –  –  –  –  –  –  –   »Du wußtest nicht, daß ich verlobt sei, als Du mir Deine Hand botest, nur daß ich reich bin und meine gesellschaftliche Stellung hoch über der Deinen steht. – Jetzt weißt Du es – Mildred hat es Dir mitgeteilt, aber Du entziehst mir Deine Liebe nicht – Du kannst es nicht, hast Du gesagt. So besitze ich denn noch diesen Schatz, der mir Verderben bringen muß oder eine nie endende Freude und Wonne – je nachdem es das Schicksal fügt.« »Ich habe mein Leben lang nie eine Sorge gekannt, mir keinen Wunsch versagt. Jetzt scheint mir eine Heirat, welche mir die ewig wiederkehrenden Genüsse des Lebens sichert, weniger wünschenswert als ein Ehebund, der alle schlummernden Seelenkräfte in mir wecken und mich täglich durch Kampf zum Siege führen würde. Nicht die Furcht, den Glanz und Reichtum, der mich jetzt umgibt, zu verlieren, läßt mich vor dem entscheidenden Schritte zurückschrecken; ich bedarf dieser Güter nicht mehr zu meinem Glück; sie sind mir nur ein unnützer Ballast, den ich gleichgültig von mir werfen würde. Mein Entschluß ist gefaßt: morgen spreche ich mit meiner Mutter; sie hat sich mir ja stets gütig erwiesen, als sei ich ihr leibliches Kind.« »Vergebens. Ich wußte es beim ersten Wort. Das Urteil der Welt geht ihr über alles. Ich muß den Mann heiraten, dem ich mich verlobt habe, und der schönste Traum meines Lebens, der einzige, den ich je geträumt, wird nie zur Wirklichkeit werden. Kann ich das ertragen? – Kannst Du es? – ›Nein,‹ flüstert eine bange Stimme in meinem Innern.«  –  –  –  –  –  –  –   »Mildred hat Dir die Entscheidung mitgeteilt und was war Deine Antwort? – ›Das Weib, das mich liebt,‹ sagtest Du, ›muß bereit sein, mir alles und jedes zum Opfer zu bringen.‹ Soll das heißen, daß Du von mir verlangst und erwartest, ich werde meinem alten Leben entsagen, alle früheren Bande lösen, was auch die Welt darüber denken und urteilen mag? Weißt Du wohl, was das heißt? Weißt Du, wie stark die unsichtbaren Fäden sind, die uns mit den Menschen verknüpfen, denen zu gehorchen wir seit der Kindheit gewöhnt sind, die wir achten und ehren? Und wie kann ich ohne Beistand und die Genehmigung meiner Eltern mit dem stolzen Manne brechen, der schon Haus und Herd in Bereitschaft hält, um mich Unwürdige zu empfangen? Wahrlich, dazu gehört mehr Mut als ich besitze – oder mehr Härte des Herzens. – Für Dich sterben, ja, das könnte ich, wenn es Dich glücklich machte.«  –  –  –  –  –  –  –   »Ich kann nicht heiraten ohne Liebe – mein ganzes Inneres empört sich dagegen. Wohin soll das führen? Will denn kein Engel herniedersteigen, um mir zu helfen in meiner Not? –«  –  –  –  –  –  –  –   »Darf ich Dich auch nicht sehen, Dir nicht schreiben, kann ich doch an Dich denken, für Dich beten und mit Mildred von Dir sprechen, die Dir dann und wann ein Wort wieder sagt. Die glückliche Mildred! Doch auch sie ist unbefriedigt. Sie sehnt sich nach dem, was ich gern verlassen möchte; sie sieht meinen Reichtum und findet ihn begehrenswert, sie sieht meinen Verlobten und begreift nicht, daß ich in meiner Treue gegen ihn wanken kann. Armes, betörtes Mädchen! Aber wie hochherzig sie ist, wie edel, wie hingebend! Ich komme mir oft so klein neben ihr vor, ihr Geist scheint Schwingen zu haben. Könnten wir doch miteinander tauschen! – – Großer Gott! – was für ein wahnsinniger Gedanke ergreift mich plötzlich. Hat mich meine verzweifelte Lage um den Verstand gebracht? Fast sollte ich's meinen.« »Wir sind von gleicher Größe und Gestalt, von gleichem Alter, in jeder Miene, jeder Bewegung sehen wir einander so ähnlich, daß mir bei ihrem Anblick immer ist, als erblicke ich mich selbst im Spiegel. Ein unheimliches Gefühl. Wie mögen andere darüber denken? – Wir haben heute den Versuch gemacht, die Rollen zu tauschen. Es war in Frau Olneys Haus; ich zog Mildreds Kleider an, sie die meinigen. Sie saß in der Fensternische hinter dem Vorhang, nur ihr Kleid war zu sehen; dann rief ich Frau Olneys Zimmermädchen herein, gab ihr eine Arbeit, die sie längere Zeit beschäftigte und unterhielt mich mit ihr. Ich las keine Verwunderung in ihrem Gesicht, keine Spur von Argwohn war in ihrem Wesen bemerkbar. Was erhöhte meinen Mut – ich bat sie, Frau Olney herbeizurufen; sie kam, ich sprach mit ihr, wie es zu Mildred paßte, ich bat sie um Auskunft über etwas, das Mildred zu wissen wünschte. Es gelang über alles Erwarten, die Frau blieb ruhig und ahnungslos; ich sah, sie hegte keinen Zweifel, daß ich wirklich die Person sei, für die ich mich ausgab. Der Erfolg machte uns kühner; wir wollten eine noch schwierigere Probe anstellen. Ich zog Mildred den Schleier über das Gesicht und führte sie in Dein Sprechzimmer hinunter. Wir klopften, Du warst allein. Ich hielt Wache vor der Tür, sie ging hinein und sprach mit Dir, als wäre sie Genofeva. Erfreut strecktest Du ihr die Hand entgegen; ich beobachtete Dein Gesicht, während sie den Schleier abnahm und Dir ins Auge blickte. Das Lampenlicht fiel hell auf ihre Züge, aber Du wurdest nicht unsicher, Du wichest nicht zurück . Sie warf den Kopf in den Nacken, wie ich es tue und erklärte mit stolzer Miene: ›Erst wenn ich frei bin, sollst Du mich wiedersehen!‹ An Deinem triumphierenden Lächeln erkannte ich, daß eine Aehnlichkeit wie die unsere selbst die Liebe zu täuschen vermag. Unser Plan schwebt uns nicht mehr als unbestimmte Hoffnung vor, er hat Form und Wesen angenommen und verspricht uns die einzig mögliche Lösung unseres Lebensrätsels zu gewähren.«  –  –  –  –  –  –  –   »Mildred ist wie ein Vogel, der seine Schwingen entfaltet, wie eine Blume, auf die der erste Sonnenstrahl fällt. Wenn mir der Mut sinkt, ermuntert sie mich wieder; wenn ich von den schrecklichen Folgen der Entdeckung rede, fragt sie heiter, ob Dein Bild in meinem Herzen zu erbleichen beginne, oder ob ich nicht glaube, mich auf sie verlassen zu können. Ihr fällt freilich die schwerste Ausgabe zu, und sie schlägt mir vor, erst eine Probe mit ihr anzustellen, ehe wir die letzte Entscheidung treffen. Ich bin darauf eingegangen; heute abend wird sie im Hause Gretorex Genofeva vorstellen, wie ich neulich in Frau Olneys Haus Mildred war.«  –  –  –  –  –  –  –   »Ein unvergeßlicher Abend. Mildred kam in der Dämmerung, und wir wechselten die Kleider. Meine Abendtoilette stand ihr vortrefflich. Dann gab ich ihr wohl eine halbe Stunde lang die genaueste Anweisung, wie sie sich meiner Mutter gegenüber zu verhalten habe, wie sie Doktor Kameron begegnen solle. Sie ist eine gelehrige Schülerin; man hätte meinen können, sie sei von Kind auf an diese Umgebung gewöhnt, so schnell fand sie sich in allem zurecht. Als sie nun hinuntergehen sollte, um die gefährliche Feuerprobe zu bestehen, da sah sie so strahlend und glücklich aus, daß ich sie zurückrief, um ihr zu sagen, das sei ein Ausdruck, wie man ihn bei mir seit den Kinderjahren nicht gesehen habe. Darauf nahm sie eine ernsthafte, sittsame Miene an und fragte schalkhaft, ob Doktor Kameron mir je die Ehre antue, mich zu küssen. ›Manchmal,‹ erwiderte ich. ›Dann flehe zum Himmel, daß er es heute nicht tut,‹ flüsterte sie, ›ich würde sicherlich purpurrot werden, denn meine Lippen hat noch nie ein Mann berührt.‹« »Die Worte gingen mir wie ein Schwert durchs Herz. Sie ist so unschuldig und unerfahren, und ich setze sie einer so furchtbaren Versuchung aus. In ihre Träume von Glanz, Genuß und Bewunderung mischt sich jetzt auch eine romantische Schwärmerei für den Mann, dem sie das alles verdanken soll. Sie hat zwar nie den Ton von Doktor Kamerons Stimme gehört, aber neulich hat sie ihn vor unserm Hause gesehen, und der eine Blick war genug, sie zu begeistern.« »Unglaublich. Sie ist stolz und froh zurückgekehrt, ihr Fuß schien kaum noch die Erde zu berühren. ›Es ist geschehen,‹ rief sie, ›ich habe bei Vater und Mutter (so nannte sie Herrn und Frau Gretorex) auf dem Sofa in der Bibliothek gesessen und im Wohnzimmer ein paar Worte mit Doktor Kamerun gewechselt. Gern hätte ich noch länger mit ihm gesprochen,‹ fügte sie unbefangen hinzu. ›Du siehst, ich bin noch am Leben, mir war nur ein klein wenig bange und verwirrt zumute. Die Mutter sah mich anfangs überrascht an, aber nicht lange; ihr gegenüber fühlte ich mich etwas verlegen, sie sah so gebieterisch aus; nach einiger Uebung werde ich jedoch auch in ihren Augen eine ganz regelrechte Genofeva sein. Ob Doktor Kameron mit seiner Braut zufrieden war, mußt Du von ihm erfahren, wenn Du ihn wiedersiehst.‹ – ›Du wirst ihm schon gefallen haben,‹ sagte ich, ›wenn Du ausgesehen hast wie in diesem Augenblick.‹ – Wir lachten beide und schauten uns dann lange und ernsthaft an. Der Würfel war geworfen, unser Entschluß gefaßt.« »Wäre Mildreds kühner Versuch mißlungen, so hätten wir gesagt, es sei ein Scherz gewesen. Ich bin froh, daß es dessen nicht bedurfte; es wäre meiner Liebe für Dich nicht würdig.« »So wohlgemut wie Mildred bin ich nicht, aber ebenso glücklich. Denkst Du an mich mit gleicher Innigkeit, wie ich Deiner gedenke? Steht mein Bild Dir stets vor der Seele, ist es Dir ein Sporn zu höherem Streben? Nur völliges Vertrauen zu Dir kann mir die Kraft verleihen, das gewagte Unternehmen durchzuführen, dessen einzig« Zweck ist, vier Menschenseelen zu befriedigen und zu beglücken.«  –  –  –  –  –  –  –   »Auf welche Weise ich mich frei machen werde, wenn die Stunde kommt, die mich Dir zu eigen gibt, sollst Du nicht vorher erfahren. Du könntest Dich sonst weigern, ein so großes Opfer von mir anzunehmen (obgleich Du ein Opfer willst und verlangst); auch fürchte ich noch immer, daß der Plan mißlingt und alle unsere Hoffnungen zu Schanden werden. Drum ist es besser ich schweige, bis der Augenblick da ist. Dann wirst Du Dich mit mir über das Gelingen freuen und das Weib von Herzen willkommen heißen, das bereit war, sein eigenstes Selbst aufzugeben, um Dir angehören zu können.« »Meine Mutter wollte eine Schar Brautjungfern zur Hochzeit ihrer Tochter laden, aber ich habe mich dagegen aufgelehnt; wie hätte sich Mildred vor ihren Fragen, vor den scharfen Augen weiblicher Neugier schützen sollen? Das Fest wird ja ohnehin noch glänzend genug sein, um den Reichtum des Hauses zur Schau zu stellen, wie meine Mutter es liebt. Prachtvolle Geschenke sind bereits eingelaufen, Mildred wird ihre Freude haben an all der Herrlichkeit.« »Ich erwähne dies nur, weil es mich beglückt, hinzuzufügen, daß ich sie nicht im geringsten beneide.« »Mildred arbeitet Tag und Nacht an den kostbaren Kleidern. Wenn alles gut geht, werde aber nicht ich es sein, die sie trägt, sondern sie. So schön sie sind, mich freut doch nur das eine neue Kleid, das sie mir genäht hat; es ist für den Tag bestimmt, der uns vereinigen soll. Ich könnte ja jetzt nach Gefallen die arme Näherin mit Schätzen überhäufen, die ich später selbst verwenden und genießen würde, aber mein Gefühl sträubt sich dagegen. Julius Molesworths Braut soll nichts erhalten, was ihr nicht von Rechts wegen zukäme, wenn sie wirklich das arme Mädchen wäre, für das sie sich ausgibt. Dies völlige Aufgehen in dem einen Zweck ist ganz nach meinem Sinn und wird auch Deinen Beifall haben, das weiß ich.«  –  –  –  –  –  –  –   »Ich habe Doktor Kameron erzürnt durch meine wiederholte Weigerung, ihn zu empfangen, aber das läßt sich nicht ändern. Es wäre falsch und treulos von mir, ließe ich ihn jetzt noch die Hand fassen, die ich für immer in Deine Rechte legen will. Mildred wird alles wieder gut machen, wenn sie erst an meiner Stelle ist.« »Nur noch wenige Tage, und unser Schicksal ist entschieden. Könntest Du wohl so ruhig sein in der Ausübung Deines Berufs, wenn Du wüßtest, was Dir so nahe bevorsteht?« »Eine Entdeckung vor der Hochzeitsfeier fürchte ich nicht. Die Unruhe und Aufregung, die zu solchen Zeiten herrscht, wird keine längere Unterhaltung mit Mildred zulassen, bei welcher ihre Unkenntnis vieler Verhältnisse Argwohn erregen könnte. Aber was wird später geschehen? Ich zittre bei dem Gedanken und frage mich, ob wir Schwestern nicht besser täten, zusammen in den Fluß zu springen und unserem Dasein ein Ende zu machen, statt an das andere Ufer zu fahren nach dem kleinen Ort, in dessen Abgeschiedenheit wir unser früheres Selbst begraben wollen. Dort wollen wir unsere Namen und unsere ganze Persönlichkeit vertauschen und ein neues Leben anfangen.«  –  –  –  –  –  –  –   »Meine Befürchtungen sind grundlos. Außer Dir weiß kein Mensch, daß wir zwei sind; das Geheimnis ist völlig bewahrt geblieben. Wenn Doktor Kamerons Braut etwas Ungewöhnliches sagt oder tut, wird keiner die wahre Ursache davon erraten. Je näher der Tag rückt, um so mehr vergesse ich mich selbst und denke einzig und allein an Dich. Bald, bald wird Deine düstere Stirn sich erhellen, und ein glückliches Lächeln um Deine Lippen schweben. Das Dunkel, die Einsamkeit und Verlassenheit, die Dich jetzt umgibt, wird vor meiner Liebe weichen. Deine Seele wird sich frei und leicht in die höheren Regionen erheben, wo sie allein sich heimisch fühlen kann.«  –  –  –  –  –  –  –   »Mein letzter Tag in diesem Hause! Ich ging heute früh noch einmal durch die Räume, um zu sehen, ob beim Abschied mein Herz bange klopfen, mein Mut sinken würde. Aber ich empfand nichts davon. Die weiten Hallen, die prächtigen Gemächer mit den Bildern und Statuen, den hundert Zieraten und Kunstschätzen, die jedes Zimmer, jeden Winkel füllen, machten auf mich kaum noch einen Eindruck; ich versuchte mich im Gegensatz dazu in Deine trübselige, düstere Stube zu versetzen, aber ich sah im Geiste nur Dein Angesicht. Die Pracht um mich her verschwand, ich ward auch nicht die Armut und das Unbehagen gewahr, das von nun an mein Dasein umgeben soll. So groß ist die Liebe, die ich Dir entgegenbringe. Wird Dir diese Mitgift genügen? – Mich von denen zu trennen, die mir seit der Kindheit Gutes erwiesen haben, das freilich tut meinem Herzen weh. Die Aufschlüsse der letzten Monate haben die Bande zwischen uns zwar gewaltig gelockert, aber meine Dankbarkeit für alle Wohltaten, die ich genossen, macht es mir schwer, für immer ohne Abschied von ihnen zu gehen. Doch auch dieses Gefühl gebe ich hin, um Deinetwillen!«  –  –  –  –  –  –  –   »Ich habe meine Heimat verlassen und befinde mich mit Mildred in einer kleinen Pension in Newark. Wie heiter wir sind! Sie ist jetzt die Dame, ich ihre Dienerin. Ich muß sie in alles einweihen, wir reden und reden ohne Aufhören. Nur wenn ich mit meiner Unterweisung fertig bin,, gestatte ich mir's als Belohnung, von ihm zu sprechen, um dessentwillen das Unerhörte geschehen soll, das wir vorhaben. Bald wird er alles erfahren.« »Die Tat ist getan, der Rubikon überschritten, Mildred ist in mein früheres Elternhaus am Nikolasplatz gegangen, und ich warte hier im Hotel als Deine sehnsüchtige, glückliche Braut. Welche schöne Stunde; ich zittere – aber vor Wonne. Nur wenige Minuten noch, dann tut sich die Tür auf und ich sehe Dich mit strahlendem Antlitz eintreten, um alle meine Hoffnungen Zu erfüllen. Wäre doch der Augenblick schon da. Mir schwindelt vor so vielem Glück; ich – –«  –  –  –  –  –  –  –   »Sie wissen, wie alles gekommen ist. Der Blick, mit dem Sie eintraten, sprach deutlich genug, es hätte der Worte nicht bedurft. Das also war die Art, wie Sie das größte Opfer annahmen, das je ein Weib gebracht hat ! Ich weiß nichts zu erwidern. So unermeßlich meine Liebe für Sie war, so groß und unaussprechlich ist jetzt meine Verachtung. Da Sie weder eine wirkliche noch eine falsche Mildred Farley zum Weibe haben wollten, da Sie Genofeva Greturex liebten und nur sie zu heiraten dachten – wenn Sie überhaupt in die Ehe traten –, so sollen Sie mich das nächstemal als Genofeva Gretorex sehen, aber nicht als Ihre Braut. O nein, auf diese Ehre verzichte ich. Sie wollten zwar großmütig sein und in Anbetracht, daß ich alles für Sie hingegeben, mich auch in der Person der armen Näherin zu Ihrer ehrbaren, wenn auch nicht besonders geehrten Gattin machen, aber ich will Ihnen dieses Opfer nicht zumuten, das auch meine Kräfte übersteigen würde. Ich war ein stolzes Mädchen, als ich Sie kennen lernte, ich bin es noch. Ihrer Gnade bedarf ich nicht, um mich zu vermählen. Wenn die neunte Stunde schlägt und Sie mich hier aufsuchen, habe ich diesen Ort längst verlassen, um an meinen richtigen Platz, zu meinem wahren Selbst zurückzukehren. Noch ist es nicht zu spät. Sie sollen das Weib, das gedemütigt und betäubt vor Ihnen stand, als stolze, glückliche Gattin wiedersehen. Ich preise mein Geschick, das mich nicht für immer an die Seite eines Mannes gebannt hat, dessen Herz von Stein ist und ohne Verständnis, wie ehrenhaft auch seine Gesinnung sein mag.« »Die Abschiedsworte, die ich zurücklasse, werden Ihnen sagen, wohin ich mich gewandt habe. Wenn Sie sie lesen, bin ich Doktor Kamerons Frau.« Fünfundzwanzigstes Kapitel. Gryce saß da und starrte ins Leere, die Blätter waren seiner Hand entfallen. Endlich vermochte Doktor Kameron, von Angst gefoltert, dies unheilvolle Schweigen nicht länger zu ertragen. Er berührte den Detektiv an der Schulter, und Gryce fuhr mit einem tiefen Seufzer aus seinen Gedanken auf. Eine merkwürdige Lage der Dinge, rief er, es ist zu arg, daß ich die ganze Zeit über an Ort und Stelle war, ohne etwas zu ahnen, fügte er leise mit bekümmertem Ton hinzu. Und ich hatte eben mit der falschen Braut gesprochen, als die richtige Genofeva erschien. Noch sehe ich den Gesichtsausdruck des armen Mädchens bei ihrem Anblick. Schrecken, Zorn, Entsetzen, Empörung, alles vereinigt. Damals konnte ich mir diese entfesselten Leidenschaften freilich nicht erklären, aber nun ich weiß, daß sie sich das Leben nahm – Wen hatten Sie gesprochen? fragte der Detektiv eifrig. Wirklich Mildred Farley in dem Brautanzug von Genofeva Gretorex, in welchem letztere bald darauf zum Altar trat? Ja. Und Sie haben sich täuschen lassen, haben geglaubt, es sei Ihre Braut? Mir kam kein Zweifel. Sie wissen ja, welche Erleichterung mir ihre Anwesenheit gewährte, ich war wenig kritisch gestimmt. Nur einen Augenblick sah ich sie, und da erschien sie mir reizender und sprach lebhafter als Genofeva je getan. Wie groß muß ihre Bestürzung gewesen sein, als sie die andere kommen sah. An Mildreds Enttäuschung hatte Fräulein Gretorex offenbar nicht gedacht. Sie war zu sehr mit ihrer eigenen beschäftigt. Die doch kaum schrecklicher sein konnte als die ihrer Schwester. Alle ersehnten Freuden lagen in Mildreds Bereich; sie brauchte die Hand nur auszustrecken und ihre Wünsche auf Erden waren erfüllt; da wird ihr plötzlich alles entrissen, und sie sieht sich zurückgeschleudert in ein liebeleeres Leben voll Mangel und harter Arbeit. Sie besaß viel Ehrgeiz und war überhaupt, wie mir dünkt, eine ursprünglichere, feurigere Natur als ihre bevorzugte Schwester. Das weiß ich nicht. Jedenfalls erschütterte die Zerstörung ihrer Hoffnungen sie so sehr, daß sie alles verloren gab. Nun Sie den Beweggrund kennen, der Mildred in den Tod trieb, werden Sie Ihren furchtbaren Argwohn gegen meine Frau fahren lassen müssen. Der Beweggrund ist freilich stark genug für jede Tat, rief Gryce. Hätte ich nur damals durch Mauern und Wände sehen können, dann wüßte ich, wie alles zugegangen ist. Wir müssen das Geheimnis jener letzten Zusammenkunft der beiden Schwestern enträtseln, wenn Sie je wieder zur innern Ruhe kommen sollen, und ich zur Befriedigung in meinem Beruf. Der Doktor sah gedrückt und niedergeschlagen aus. Ich hatte gehofft, sagte er, Sie zu überzeugen und die Sache zu erledigen, ehe meine Frau wieder zum Bewußtsein erwacht. Was Sie verlangten, habe ich erfüllt. Sie kennen das wichtige und zugleich beschämende Geheimnis, das meine Frau in der Brust verschloß und dessen drohende Entdeckung ihr die tödlichste Angst bereitete, und ich habe Ihnen bewiesen, daß Mildred Farley den hinreichendsten Grund hatte, um eine Tat der Verzweiflung zu begehen. Wohl wahr, aber damit stehen wir zugleich vor einer neuen und furchtbar ernsten Frage: wie, wenn sich Mildred Farley nicht in das Schicksal ergeben wollte, das ihr durch die Rückkehr der wahren Genofeva bereitet wurde? Wie, wenn ihre plötzliche Unterwerfung unter die Macht der Umstände nur durch den Trank ermöglicht wurde, der sie aus immer verstummen ließ und den notwendigen Umtausch der Kleider gestattete? Oder können Sie das Gegenteil beweisen? Beweisen? Ja, ich habe Beweise. Zeugt nicht Genofevas Angesicht unwiderleglich dafür, daß kein böser Dämon in ihr wohnt? Haben Sie sie beobachtet? Haben Sie ihr Lächeln gesehen? Edle weibliche Würde umgibt sie, ihr Wesen ist voll Sanftmut, Weichheit und Milde. Und Sie trauen ihr das Entsetzliche zu! Erst der Schwester das Leben zu nehmen und dann mit kaltem Blut die eigenen Kleider mit denen der Leiche zu wechseln: das wäre die Tat einer völlig Verworfenen. Schon der Gedanke erfüllt mich mit Grausen, die Handlung selbst ist eine Unmöglichkeit. Wir haben es mit weiblichen Wesen zu tun, nicht mit satanischen Geschöpfen – vergessen Sie das nicht! Wir haben es mit der verzweifeltsten Lage zu tun, in der sich je ein Weib befand, war Gryces schnelle Erwiderung. Was im gewöhnlichen Lauf der Dinge gilt, findet hier keine Anwendung. Rasches, energisches Handeln tat not. Liebe, Ehre, Hoffnung, ja das Leben selbst stand auf dem Spiel. In der Stunde der äußersten Gefahr gab es kein Bedenken, keine Rücksicht. Auch möchte ich Sie daran erinnern, daß Frau Doktor Kameron selbst gestand, sie habe die Leiche der Schwester in den Alkoven gezogen und dort unter dem Haufen Kleider verborgen. Wenn sie imstande war, das zu tun – Doktor Kameron ließ ihn nicht aussprechen, sondern bemerkte: Das erforderte nur eine momentane Unterdrückung des Gefühls, es war das Werk eines Augenblicks. Einen leblosen Körper zu entkleiden und ihm die eigenen Sachen Stück für Stück anzuziehen, ist nicht damit zu vergleichen. Sie müssen doch einsehen, daß nicht einmal die Zeit dazu hingereicht hätte, selbst wenn sie es in Windeseile tat, ohne einen Moment des Zitterns und Zagens. Schon daß es ihr mit Hilfe der Schwester gelang, sich so schnell in den Brautanzug zu kleiden, ist wunderbar genug. Freilich – freilich, gab Gryce zu. Die Frauen, fuhr Kameron fort, brauchen bei solcher Gelegenheit stets lange Zeit, auch war kein Zeichen von Übereilung oder Mangel an Sorgfalt erkennbar; daraus folgt, daß Mildred sofort bei Genofevas Erscheinen das größere Recht der Schwester anerkannt haben muß und beide, ohne ein Wort zu verlieren, auf der Stelle den Tausch der Kleider vornahmen. Als nun Genofeva im Brautschmuck vor ihr stand, wird über die arme, grausam getäuschte Mildred eine solche Verzweiflung gekommen sein, daß sie nur noch den Tod begehrte. Sich des Fläschchens bemächtigend, von dem sie schon früher gewußt haben muß, hat sie es auf einen Zug geleert, wie meine arme Frau damals berichtete. Gryce nahm ein Blatt Papier zur Hand und schrieb einige Worte nieder. Scheint dies nicht die einzig mögliche Erklärung der Tatsachen? fuhr der Doktor fort. Ist es vernünftig, gegen alle Wahrscheinlichkeit eine Schuld beweisen zu wollen, die so der Natur zuwiderläuft? Der Detektiv schob das Papier wieder von sich, antwortete jedoch nicht, sondern gab dem Gespräch eine neue Wendung. Es ist doch sehr auffallend, sagte er, daß, Fräulein Gretorex in jenen Briefen nur den Abschied von ihren Eltern erwähnt und ihrer übrigen Freunde gar nicht gedenkt, von denen sie doch gleichfalls für immer geschieden war, wenn der Plan zur Ausführung kam. Ein Fräulein Foote wurde zum Beispiel genannt, welches – Meine Frau hat den Umgang mit Fräulein Foote abgebrochen; sie sehen einander nicht mehr. – Vielleicht hatte sie ihr den Plan mitgeteilt, und die Entzweiung rührt daher. Schwerlich. Fräulein Foote ist längere Zeit in Europa gewesen und erst kürzlich zurückgekehrt. Der Post ein solches Geheimnis anzuvertrauen wäre mißlich gewesen. Die eigentliche Ursache der Entfremdung kenne ich nicht; Genofeva sagt, sie habe sich in ihrer Freundin getäuscht; sie will sie weder bei sich empfangen noch von ihr sprechen. – Gryce warf abermals eine Notiz auf das Papier. Frauenlaunen sind unberechenbar, murmelte er. Hat sie sich denn auch ihren andern Freunden gegenüber so gleichgültig verhalten und keinen Anteil für ihre früheren Beziehungen an den Tag gelegt? Das brachten die Umstände mit sich. Eine junge Frau wird durch so mancherlei in Anspruch genommen. Bei Genofeva kamen noch die verschiedensten Aufregungen hinzu, die eine etwaige Gleichgültigkeit im Verkehr mit den Bekannten sehr begreiflich erscheinen lassen. Auch zeigte sie sich für die Freuden der Welt durchaus nicht teilnahmslos. Ja, sie hat sogar eine Zeitlang in Washington größeres Vergnügen an Festen und Gesellschaften bekundet als jemals, seit ich sie kenne. Wie hätte sie so von Lust und Heiterkeit übersprudeln können, wenn ihr ein geheimes Verbrechen auf dem Gewissen lastete? Das war, ehe Doktor Molesworth kam, ehe sie erfuhr, daß er verhaftet werden solle? fragte Gryce. Ja. Später war sie weniger heiter? Natürlich. Vielleicht ängstigte sie sich um ihn und suchte es zu verbergen? Welche Frau hätte sich nicht geängstigt, wenn um ihretwillen ein unschuldiger Mann in eine verdächtige Lage geraten wäre, aus der sie ihn nicht befreien konnte, ohne ihre eigene Sicherheit zu gefährden? Ließ sie bei ihrer Reue keine Liebe durchblicken, kein Rachegefühl bei ihrer Weigerung ihm beizustehen? Ich würde als ihr Gatte keine Antwort auf solche Anspielungen geben, Herr Gryce, wenn ich nicht fürchtete, Sie könnten mein Schweigen falsch deuten. Deshalb erkläre ich hiermit, daß mir Fräulein Gretorex, seit sie meine Frau ist, weder durch Wort noch Blick die leiseste Veranlassung zur Eifersucht gegeben hat. Wenn in ihrem Innern noch ein Funke der alten Leidenschaft glüht, so ist er völlig unsichtbar geblieben; auch ihr etwaiger Groll äußerte sich höchstens als Gleichgültigkeit. Gryce sah aus, als habe er den Doktor in die Enge getrieben und freue sich darüber. Er warf abermals einige Worte auf das Papier. Wenn sie ihr früheres Wesen so ganz wieder angenommen hat, sagte er, so wird sie wohl auch ihren Eltern gegenüber zu den alten Gewohnheiten zurückgekehrt sein, ihnen fleißig geschrieben haben und sich als gute Tochter erweisen. Sie litt damals an Rheumatismus und konnte nicht schreiben. Ich übernahm daher den Briefwechsel und schrieb zweimal die Woche. Vorher besprachen wir zusammen, was ihre Mutter besonders interessieren würde. Sie hatte Rheumatismus und ging doch so gern in Gesellschaft, wie Sie sagten? Es waren nur Schmerzen an der Hand; sie konnte die Finger nicht gut bewegen, das Uebel ist noch nicht ganz gehoben. Ja so, – sie hat mancherlei Leiden und ist sehr zu bedauern. Gryce stand bei diesen Worten auf, faltete das Papier zusammen, das er beschrieben hatte, und steckte es mit der inhaltsschweren Briefrolle zu sich. Wir wollen diese Unterredung nicht fortsetzen, sagte er, bis ich mit dem Inspektor gesprochen habe. Er ist ganz in der Nähe, und Sie werden nicht lange zu warten brauchen. Es wird uns beiden eine Beruhigung sein, in einer so wichtigen Angelegenheit seinen Rat einzuholen. Kameron machte keinen Versuch, ihn zurückzuhalten; es wäre doch nutzlos gewesen. Der Detektiv verließ eilig das Zimmer, aber nicht ohne zuvor einen teilnehmenden Blick auf den Doktor geworfen zu haben, der gebeugten Hauptes dasaß. Die Wartezeit war endlos, die Minuten schienen sich zu Stunden zu dehnen. Kameron atmete förmlich erleichtert auf, als sich endlich die Tür öffnete, und Gryce eintrat in Begleitung des Herrn, welcher den Doktor damals in seinem Hause aufgesucht hatte, um Erkundigungen über Genofevas Kleidernäherin einzuziehen. Kameron ging ihm entgegen. Was ist mein Schicksal? fragte er rasch und in ängstlicher Spannung. Der Inspektor nahm ihn bei der Hand. Ich muß mit Ihnen reden, sagte er. Derartige Entscheidungen wollen wohl überlegt sein. – Sie lieben also Ihre Frau, Doktor Kameron, und sind von ihrer Unschuld überzeugt? Unbedingt. Das Urteil eines jungen Ehemanns ist in solchem Falle nicht ganz maßgebend. Aber ich glaube an Ihre aufrichtige Ueberzeugung und redliche Absicht. Wollen Sie mir Näheres über den Eindruck mitteilen, den Ihre Frau seit der Hochzeit auf Sie gemacht hat? Das würde mir schwerfallen, denn ihr Benehmen war höchst wechselhaft. Nun ich aber die Ereignisse kenne, die ihr Gemüt so sehr belasteten, kann ich mit gutem Gewissen sagen, daß ihre Aufregung und ihre Schmerzen unter den Umständen höchst erklärlich waren. Auch ihr weißes Haar? Auch dieses. Stellen Sie sich doch einmal vor, was sie im Laufe weniger Stunden durchgemacht hat! Alles folgte Schlag auf Schlag: das Scheitern ihrer Pläne mit Molesworth, ihre Rückkehr, der Anblick Mildreds als Braut, der furchtbare Eindruck, den ihre veränderten Absichten auf das arme Mädchen machten, mit dem sie bis zuletzt in zärtlichster Gemeinschaft gestanden, die fieberhafte Eile beim Wechseln der Kleider, mit denen sie zugleich ihr früheres Selbst wieder annahm, dann Mildreds rasche Tat, die in einem Augenblick das Hochzeitshaus zu einem Leichenhaus machte und ihren Triumph, ihre Festesfreude in Todesfurcht und Entsetzen umwandelte, was sie noch obendrein vor aller Augen, selbst denen ihres Bräutigams aufs sorgfältigste verbergen mußte. Dann folgte der Schrei, der irgendeinen unbekannten Schrecken oder die Entdeckung bedeutete. Entweder war Mildred wieder zum Leben erwacht, vielleicht unter qualvollen Schmerzen, oder der Schlüssel, den Genofeva bei sich trug, hatte die Tür nicht verschlossen, und schon im nächsten Augenblick konnte der Ruf: »Mord!« durch das Haus erschallen. War das nicht genug, um den stärksten Geist zu erschüttern? Und zu alledem der Gedanke, der sie keinen Moment verlassen haben kann, was sie sagen und tun solle, wenn die Entdeckung wirklich erfolgte und sie nicht nur erklären mußte, wie die Tote in ihr Zimmer kam, sondern auch Aufschluß über alle Nebenumstände geben, möglicherweise auch über den schimpflichen Plan, dessen Mißlingen die ganze Katastrophe herbeigeführt hatte. Was für Ausflüchte mag sie ersonnen haben, während sie lächelnd die Glückwünsche von Verwandten und Freunden entgegennahm! Darauf der Schreck, als sie Molesworth an der Tür gewahrte – Molesworth, den sie gewissermaßen betrogen hatte, und der, wie sie sich sagen mußte, in diesem Augenblick zu allem fähig war, selbst seine Anklage gegen sie zu schleudern in Gegenwart ihres Gemahls und der Schar der versammelten Gäste. War das nicht mehr, als ein schwaches, geängstetes Weib zu ertragen vermochte? Durch schnelles Handeln zwang sie ihn, zu schweigen; ihrer Klugheit gelang es, sich mit ihm oben in dem Totenzimmer einzuschließen, wo sie sich mit Scham und Entsetzen genötigt sah, ihm die grausigen Folgen ihrer Tat zu offenbaren und um seine Hilfe zu flehen, statt ihm, wie sie gehofft hatte, ihren Triumph zu zeigen. War das alles nicht genug, um ihr Haar in einer Nacht zu bleichen? Ich gerate fast von Sinnen, wenn ich nur daran denke, und bin doch ein beherzter, wetterharter Mann. Sie sind ihr ein trefflicher Verteidiger und haben mich durch Ihre Gründe fast überzeugt, versetzte der Inspektor. Doch möchte ich noch eine Frage an Sie richten, die Ihnen vielleicht vorwitzig und gefühllos erscheint, zu der mich aber einzig und allein der Wunsch veranlaßt, Ihnen einen Dienst zu erweisen. Fragen Sie immerhin; was könnte ich wohl bei dieser Sache vor Ihnen verbergen wollen? Ich schicke voraus, daß ich mit dem Inhalt der Briefe bekannt bin, die Sie Herrn Gryce gezeigt haben. – Welches Gefühl glauben Sie, daß Ihre Frau jetzt für Sie hegt? Ist es Liebe? Nichts anderes. Nicht bloß Dankbarkeit oder Hochachtung – wirklich Liebe? Ja, Liebe. Und vor ganz kurzer Zeit erging sie sich in den überschwenglichsten Ergüssen von Zärtlichkeit für einen andern! – Sie verzeihen, aber ich kann Ihnen das harte Wort nicht ersparen! Wohl wahr. Aber solche schrankenlose Leidenschaft schlägt oft in ihr Gegenteil um. Sie bedurfte vielleicht einer derartigen Erfahrung, um den Wert echter Liebe zu erkennen. Und Sie haben nichts vermißt? – ich meine in ihrem Verhältnis zu Ihnen? Ueber des Doktors bleiche Züge flog ein Lächeln. Hätte ich sonst keinen Kummer – ich wäre der glücklichste Mensch, sagte er. Der Inspektor sah ernster aus als gewöhnlich, er blickte Kameron zweifelnd an. Täuschen Sie sich auch nicht? fragte er mit Nachdruck. Einer schönen Frau glaubt der Mann oft alles. Des Doktors Gesicht erglühte vor Zorn; seine Stimme klang gereizt. Sie beleidigen mich noch in meinem Elend, rief er, senkte aber sofort die Augen vor des Inspektors Blick. Ich weiß, Sie verfolgen einen Zweck, setzte er hinzu. Sie wünschen nicht bloß, mich unnütz zu peinigen. Ich wünsche zu ergründen, ob Genofeva Gretorex eine so oberflächliche Natur war, daß sie ihr Herz heute dem, morgen jenem schenken konnte. Kameron sah den Sprecher an, und da er erkannte, daß es gefährlich sei, hierauf zu antworten, schwieg er. Ein Weib, das so denkt und fühlt wie Genofeva Gretorex, nach dem, was sie in ihren Briefen ausspricht, fuhr der Inspektor unerbittlich fort, konnte unmöglich ihre Liebe mit aller ursprünglichen Kraft und Glut auf Sie übertragen und sich Ihnen so zu eigen geben, wie ich es nach Ihren Worten annehmen muß. Der Doktor schwieg noch immer. Wenn ein Zeitraum dazwischenläge, wenn sie aus Gleichgültigkeit und Niedergeschlagenheit zuerst zur Erkenntnis Ihrer Güte erwacht wäre und allmählich ihr Herz dem Manne zugewandt hätte, der sie so zärtlich liebte – dann würde ich ihr Verhalten begreifen. Aber sich von einer heftigen Leidenschaft ohne Uebergang in eine andere zu stürzen, scheint so unnatürlich, daß ich an Ihrer Stelle an der Aufrichtigkeit des Gefühls zweifeln würde. Aber – wollte Kameron einwenden, doch kam er nicht weiter. Er sah sich in einem Netz gefangen und fand keinen Ausweg. Der Inspektor beobachtete ihn genau und fuhr mit scheinbarer Hartherzigkeit fort: Sie würden mir gewiß beipflichten, wenn es sich um einen andern Menschen handelte, der sich in Ihrer Lage befände. Das kann sein, erwiderte der Arzt, ich weiß es nicht. Ich scheine meine Urteilskraft verloren zu haben. In meiner Brust krümmen und winden sich wie greuelvolle Schlangen die Gedanken, die Sie darin geweckt haben. Warum foltern Sie mich so? Es muß sein. Daß Sie Qualen leiden, ist für mich eine wichtige Tatsache. Hätten meine Worte Sie unempfindlich gelassen, hätten Sie dieselben widerlegen können, ich würde zu ganz andern Schlüssen gelangt sein, Sie werden mir mein Verfahren verzeihen, wenn Sie meine Beweggründe kennen. Aber warum mir die Beweggründe nicht jetzt sagen? Warum mich in dieser entsetzlichen Spannung erhalten – Ich will Sie nicht länger in Spannung halten, Herr Doktor. – Obgleich ich mit Rücksicht auf den Zustand Ihrer Frau für jetzt davon abstehe, sie in Haft zu nehmen, bin ich doch fast überzeugt davon, daß sie über den Tod des armen Mädchens mehr weiß, als sie eingestanden hat. Ich muß sie daher unter polizeiliche Aufsicht stellen. Bei Ihrer Rückkehr werden Sie in Ihrem Hause eine Frau finden, die ich Sie bitte, als Wärterin für die Kranke anzunehmen. Sie ist gutherzig, geschickt und verschwiegen, wird sich weder lästig machen, noch uns verraten, aber sie steht im Dienst der Geheimpolizei. Darf ich darauf rechnen, daß Sie ihr Einlaß gewähren und ihr nichts in den Weg legen, was sie an der Erfüllung ihrer Pflichten hindern könnte? Sie sind Herr meines Schicksals und meiner Ehre, rief Kameron voll Seelenpein, ich muß mich Ihrem Willen fügen. Der Inspektor schüttelte den Kopf; ihm war noch selten ein Geschäft so sauer angekommen. Ich tue nur was ich muß, sagte er. Ich nehme aufrichtigen Anteil an Ihrem Geschick, wie dies jeder Ehrenmann tun muß. Aber Kameron war es nicht um Teilnahme zu tun, er verlangte Gerechtigkeit. Ist denn kein Ausweg zu finden? rief er, müssen wir diese unwürdige Behandlung erdulden, obgleich Sie nicht einmal wissen, ob überhaupt ein Mord begangen worden ist? Frau Kameron ist die einzige, die über den rätselhaften Todesfall Auskunft zu geben vermag. Freilich, wenn wir alles wüßten, was Doktor Molesworth aussagen will – Er soll reden. Ich werde mich an ihn wenden, und er wird mit der Wahrheit nicht zurückhalten. Der Inspektor blickte ihn mitleidig an: Diese würden Sie vielleicht nicht hören wollen, sagte er. Meinen Sie? erwiderte Kameron schnell und heftig. Es kann nichts Schlimmeres geben als diesen Zweifel, diese Ungewißheit. Stellen Sie mich ihm gegenüber, und wenn er die Umstände kennt, die Mildred Farleys Tod begleitet haben, so wird er das Geheimnis nicht lange bewahren, wenn er erfährt, was sein Schweigen für mich bedeutet. Der Inspektor war nicht so zuversichtlich, Molesworth ist kein Schwächling, sagte er, hat er einmal den Entschluß gefaßt, die Wahrheit zu verbergen, so wird man ihm schwerlich ein Geständnis abzwingen können. Er weiß noch nicht, daß meine Frau gestanden hat, daß das Mädchen in ihrem Zimmer gestorben ist. Wollen Sie es ihm sagen? Wenn Sie nichts dagegen haben. Ich glaube nicht, daß es genügen wird, um ihm die Zunge zu lösen. Wenn er nicht vor einem Meineid zurückgeschreckt ist, um Ihre Frau vor den Folgen zu schützen, die sie fürchtete, so wird ihn ein solches indirektes Zeugnis schwerlich bewegen, seine frühere Aussage zu widerrufen. Er wird es dennoch tun. Meine Gründe werden ihn umstimmen. Die Verzweiflung soll mir Kraft geben. Wäre er ein Mann von Stahl, ich will ihm die Wahrheit abringen. Der Inspektor sah Kameron bewundernd an. Ich wollte nur, ich könnte Ihnen Gelegenheit geben, den Versuch zu machen, sagte er, leider ist das im Augenblick nicht möglich; ich bin genötigt, Ihnen die Mitteilung zu machen, daß Julius Molesworth nicht aufzufinden ist. Er ist verschwunden. Verschwunden? Ja, wir haben es geheim gehalten, doch verhält es sich so. Im Hospital hat er sich seit mehreren Tagen nicht blicken lassen, auch in seiner Wohnung ist er nicht zu finden. Ob er tot ist oder die Flucht ergriffen hat, wissen wir nicht. Eines Abends entzog er sich der Beobachtung der Polizei; er verschwand, und es ist uns trotz aller Anstrengung bis jetzt nicht gelungen, eine Spur seines Aufenthalts zu entdecken. Molesworth fort! Dann hat er doch wohl mehr Grund gehabt, den Meineid zu schwören, als wir dachten. Die Flucht sieht aus wie ein deutlicher Beweis seiner Schuld. Welcher Schuld – doch nicht des Mordes? Des Inspektors trockener Ton brachte Kameron zur Besinnung. Der Beweis, daß Mildred Farley tot gewesen, ehe Molesworth das Haus betrat, war unerschütterlich; auch lag nicht der geringste Grund vor, warum Genofevas kaltherziger Liebhaber dem Mädchen nach dem Leben getrachtet haben sollte, dessen einzige Schuld war, daß sie der Dame im Wege stand, die ihre Stellung in der Welt wieder einzunehmen wünschte. – Kameron schämte sich, den Verdacht ausgesprochen zu haben. Und doch – diese plötzliche Flucht – was konnte sie anders bedeuten als Furcht? – Furcht wovor? – Das war jetzt das Rätsel, welches zu lösen er sich berufen fühlte. Julius Molesworth besitzt den Schlüssel des Geheimnisses, rief Kameron. Sonst würde er jetzt nicht die Stadt verlassen, da ihn das höchste Berufsinteresse hier festhält. Ich will mir den Schlüssel verschaffen. Teilen Sie mir die näheren Umstände mit, die seine Flucht begleiten; vielleicht finde ich darin einen Anhaltspunkt, den nur ein Fachgenosse entdecken kann. Der Verlauf war sehr einfach. Molesworth fuhr eines Abends wie gewöhnlich im Wagen nach einem Haus der Vorstadt, wo er einen Krankenbesuch zu machen hatte; er trat ein, kam aber nicht wieder heraus. Das Haus hat eine Hintertür, durch die er es sofort wieder verlassen haben muß, denn die kranke Frau, die ihn erwartete, sagt, er sei gar nicht bei ihr gewesen. Seinen Kutscher hatte er nicht mitgenommen, und der Wagen blieb vor der Tür stehen, bis ihn ein Polizeidiener nach dem Stalle fuhr. Er scheint die Flucht vorher geplant zu haben, denn er hat all sein Geld bei der Bank erhoben und eine kleine Reisetasche mitgenommen. Gestatten Sie, daß ich den Versuch mache, ihn aufzufinden! Zwar bin ich kein Geheimpolizist, aber diese furchtbare Zeit hat meine Beobachtungsgabe geschärft; ich möchte die Probe wagen. Ich wüßte keinen Grund, es Ihnen zu verwehren. Wir brauchen den Mann und wollen kein Mittel unversucht lassen, ihn herbeizuschaffen. Aber er hat einen Vorsprung von mehreren Tagen und kann schon viele hundert Meilen weit sein. Ist es Ihnen möglich, Ihre Frau zu verlassen? Ich kann nicht anders. Mit den ungelösten Fragen und Zweifeln im Herzen an ihrem Lager zu wachen übersteigt meine Kräfte. Ich muß etwas für sie tun, muß für sie wirken, wenn ich bei Sinnen bleiben will, bis sie aus ihrem Schwächezustand erwacht. Auch wird meine Abwesenheit nicht lange währen. Ich habe ein Vorgefühl, als würde ich ihn bald finden. So gehen Sie, aber – Der Inspektor sprach nicht weiter. Bei seiner Teilnahme für den schwergeprüften Mann bangte ihm vor den Entdeckungen, die diesem noch bevorstanden. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Kameron begab sich geradeswegs nach Frau Olneys Hause. Wenn er auch nicht hoffen durfte, dort etwas zu erfahren, was ihn bei seinen Forschungen leiten könne, so glaubte er doch, daß die Frau, bei welcher Julius Molesworth schon so lange wohnte, einen bessern Einblick in seinen Charakter haben müsse, als ihm bei seiner Voreingenommenheit möglich war. Die gute Frau empfing ihn wie einen alten Bekannten und hielt mit ihren Mitteilungen ihm gegenüber durchaus nicht zurück. Sie war auf eine längere Abwesenheit ihres Mieters gefaßt und wurde in dieser Ansicht hauptsächlich durch den Umstand bestärkt, daß er die Photographie seiner Mutter aus dem Rahmen geschnitten und mitgenommen hatte. Alle seine Rechnungen waren berichtigt, und in der Kommodenschublade fand sich die kleine Summe für die Waschfrau und den Laufburschen. An Kleidungsstücken hatte er nur das Nötigste bei sich, auch seine übrigen Sachen waren zurückgeblieben. Seit er seine Braut auf so schreckliche Weise verloren, war er stets so trübsinnig gewesen, daß die Wirtin das Schlimmste befürchtet hatte; aber das Fehlen des Bildes beruhigte sie wieder. Kameron lächelte bitter. Natürlich glaubte die gute Frau gleich der übrigen Welt, die Tote könne niemand anderes gewesen sein, als Molesworths Verlobte. Frau Olney floß von ihres Mieters Lobe über, den sie offenbar schätzte und bewunderte. Ein so ehrenwerter, tüchtiger Mann, rief sie, nur etwas hart und schroff. Das hat die arme Mildred in den Tod getrieben; sie war so klug und gut, aber sie verlangte nach mehr Liebe und Mitgefühl, als er ihr zu bieten hatte. Daß seine Gleichgültigkeit sie um den Verstand bringen und zum Selbstmord treiben würde, daran habe ich freilich nicht von ferne gedacht. Hätte ich eine Ahnung gehabt – Kameron war im Augenblick wenig dazu aufgelegt, ihre Klagen über Mildreds Geschick anzuhören, und leitete das Gespräch schnell wieder auf den Mann zurück, der jetzt allein sein Interesse in Anspruch nahm. Sie ging bereitwillig darauf ein und sprach des längeren und breiteren von Molesworths Gewohnheiten und Bekanntschaften, ohne daß Kameron aus ihren Reden für seinen Zweck das Geringste hätte entnehmen können. Auf einmal aber brach sie zu seinem höchsten Erstaunen in die Worte aus: Und für Sie, Herr Doktor, hatte er eine solche Zuneigung! Er fuhr auf, als platze eine Bombe zu seinen Füßen. Für mich? fragte er verwundert. Ja wohl; Sie sind doch sein bester Freund, nicht wahr? Kameron errötete bis in die Schläfen hinauf; Frau Olney sah ihn bestürzt an. Ich – ich war der Meinung, stammelte sie, er wäre keinem Menschen so zugetan wie Ihnen. – Ihr Name ist doch Kameron? Der Doktor verbeugte sich stumm; er brachte kein Wort heraus. Eine Flut von argwöhnischen Gedanken und nagenden Zweifeln stürmten auf ihn ein. Dann habe ich ganz recht, daß er große Stücke auf Sie hält. Sonst wäre ich auch vorsichtiger gewesen Ihnen gegenüber, denn ich habe Herrn Gryce versprochen – der ist ein sehr kluger Mann und Detektiv –, ich würde des Doktors rätselhafte Abwesenheit gegen niemand erwähnen. Ich habe sie auch ganz geheim gehalten, und bis jetzt hat noch in keiner Zeitung etwas davon gestanden. Aber auf Sie bezieht sich das nicht; ich weiß ja, daß Sie ein Recht haben zu erfahren – Bitte, erklären Sie sich deutlicher, fiel ihr Kameron ins Wort. Mir ist nichts davon bekannt, daß Doktor Molesworth besondere Wertschätzung für mich hegt. Wenn dies aber der Fall ist – Freilich; ich will Ihnen auch sagen, woher ich es weiß. Ich schäme mich zwar etwas darüber, aber wir Frauen sind nun einmal neugierig, wenn es auch nicht gerade meine Gewohnheit ist, fremde Briefe zu lesen. Ihr Besucher erblaßte plötzlich. Er hob die Hand, als wolle er dem Gespräch ein Ende machen, doch besann er sich anders und hörte gespannt zu. Neulich, fuhr sie fort, wurde nämlich ein Mann vor unserm Hause überfahren, und Doktor Molesworth rasch zu Hilfe gerufen. Er nahm sich nicht einmal Zeit, seine Schreibmappe zuzuklappen und die Tür abzuschließen. Ich hatte gerade in seinem Zimmer etwas zu tun und sah einen angefangenen Brief auf dem Schreibtisch liegen; mir kam es ja nicht in den Sinn, ihn zu lesen, er konnte mich auch gar nicht interessieren, aber mein Blick fiel ganz zufällig auf ein Wort, das meine Neugier reizte – es war das Wort »Liebe« und so las ich flüchtig ein paar Sätze. Reden Sie nicht weiter! rief Kameron aufspringend; ich danke Ihnen, aber ich kann diese vertraulichen Mitteilungen nicht anhören. Die Frau lachte laut: Es ist gar kein Unrecht dabei. Der Brief war ja an Sie. An mich? Freilich; der Name Kameron war deutlich zu lesen. Erst dachte ich, die Zuschrift wäre an eine Dame, weil der Schluß so zärtlich war, es hieß darin: »Der Liebe ist kein Opfer zu groß, und dies Gefühl für Sie hat mich beseelt von dem Augenblick an, als Sie –« An dieser Stelle hörte der Brief auf; vielleicht ist er gar nicht abgeschickt worden, aber Sie können sich das Ende gewiß hinzudenken. Ich bin ordentlich froh, daß er an keine Frau gerichtet war. Kameron hatte Mühe, die Fassung zu bewahren und sich mit Höflichkeit zu empfehlen. An seinem Innern nagten alle Schlangen der Eifersucht. Er wußte, für wen der Brief bestimmt war, keinen Augenblick hatte er daran gezweifelt. Molesworths Leidenschaft, welche dem armen Mädchen gegenüber erloschen schien, war wieder zur Glut entflammt, nun die Geliebte im früheren Glanz des Reichtums und der Schönheit strahlte. Dieser Umschwung der Gefühle war wohl erklärlich, aber es gehörte Schändlichkeit dazu, sie in Worte zu kleiden, nachdem Molesworth selbst den Gegenstand seiner Verehrung durch seine Gleichgültigkeit in die Arme eines andern getrieben, dessen Weib sie geworden war. Kamerons Empörung kannte keine Grenzen; ihm kamen die Reden und Andeutungen des Inspektors ins Gedächtnis zurück, und er schalt sich einen Toren, daß er geglaubt habe, der Bruch zwischen ihr und Molesworth sei unwiderruflich, sein eigenes Recht als Gatte und Beschützer unantastbar. Wie, wenn sie den Brief erhalten und mit gleicher Zärtlichkeit erwidert hatte? Konnten nicht alle ihre Beteuerungen von Liebe und Hingebung nur elende Kunstgriffe sei, um ihr Schuldbewußtsein unter schmeichelndem Lächeln und heuchlerischen Tränen zu verbergen? Solche Gedanken beschäftigten Kameron, nachdem er Frau Olney verlassen. Noch war er jedoch nicht weit gegangen, als ihm die Besinnung zurückkehrte und mit derselben seine unaussprechliche Liebe für Genofeva. Er sah im Geist ihr reines süßes Antlitz, sah wie sie auf den Kissen lag, so rührend in ihrer Schwäche und Hilflosigkeit, und der düstere Argwohn schwand aus seiner Brust. Wie groß auch ihr früheres Unrecht, ihre Verblendung gewesen war, jetzt liebte sie ihren Gatten, und ihr Herz wußte nichts von Falschheit und Hinterlist. Er baute fest auf ihre Treue und Wahrhaftigkeit und Verbannte alle Zweifel. Im Augenblick des wiederkehrenden Vertrauens hegte Kameron nur zärtliche Gefühle für das Weib, das von allen Seiten so erbarmungslos verfolgt wurde. Aber der Groll gegen Molesworth war nicht geschwunden, und immer fester wurde der Entschluß, ihn in seinem verborgenen Schlupfwinkel aufzuspüren. Wenn keine Ueberredung half, wollte er ihm mit Gewalt das Geheimnis entreißen, nach welchem die Polizei forschte. Er wollte ihn auch zu dem Bekenntnis zwingen, daß Genofeva an dem erneuten Versuch eines heimlichen Verkehrs zwischen ihnen keinen Anteil habe. Nie letzte Entdeckung, verbunden mit der Kenntnis von Molesworths früherem Liebesverhältnis, war zu einer furchtbaren Waffe in Kamerons Hand geworden, vor welcher der Gegner zittern sollte. Jetzt dachte er sich an die eigentliche Quelle zu wenden, wo er Auskunft über den Aufenthalt des Flüchtlings zu finden hoffte. Er wollte die arme Frau im Hospital aufsuchen, an deren Heilung Molesworth so viel gelegen war. Molesworth mußte sie, aller Gefahr zum Trotz, bis zu einem gewissen Grad ins Vertrauen gezogen haben. Noch war ihre Kur nicht so weit vorgeschritten, als daß sie Molesworths Rat und Hilfe ganz hätte entbehren können; er durfte nicht jede Verbindung mit ihr lösen, wollte er nicht zugleich den Fall aufgeben, auf dessen günstigen Ausgang er so große Hoffnungen gebaut hatte. Bald saß Kameron im Hospital am Bett der armen Kranken, die ihn mit dankbarer Freude begrüßte. Wie haben Sie nur gewußt, rief sie, daß ich nach einem Blick von Ihnen schmachte? Sie sind so lange nicht hier gewesen, und ich wollte Ihnen doch zeigen, wie viel besser mir's geht. Fast bin ich mit Ihrer und Herrn Molesworths Hilfe wieder auf die Beine gebracht, und ich glaubte doch schon, mein nächster Weg wäre auf den Kirchhof. Jetzt fühle ich, wie es wieder vorwärts geht mit mir. Es ist mir lieb, das zu hören, entgegnete Kameron freundlich, ich sprach nur eben einmal vor, um zu sehen, was Sie machen, damit ich Doktor Molesworth darüber berichten kann. Brigitte blickte sich vorsichtig um: Sie wissen also, wo er ist? Das ist schön. Hier ahnt es niemand; man will mir glauben machen, er sei wieder krank, und ich sage auch nichts dagegen. Er hat so viel für mich getan, da werde ich ihn doch nicht verraten, wenn ich auch nicht weiß, warum er fortgereist ist. Kameron war schlecht zumute; es kam ihm schändlich vor, der Frau das Geheimnis ihres Wohltäters zu entlocken. Er sagte, er müsse auf längere Zeit fort, um einen Kranken zu besuchen, ich solle die Arznei regelmäßig nehmen und alle seine Vorschriften genau befolgen; wenn ich dann wieder wohl sei und ausgehen könne, solle ich's ihn wissen lassen. Das will ich gerne tun, wenn ich nur lesen könnte, was er mir aufgeschrieben hat. Sagen Sie mir's doch, ob es Yonkers oder Orange heißt, ich kann's nicht herausbringen. Es ward dem Doktor schwer, seine natürliche Abneigung gegen List und Falschheit zu unterdrücken, doch sah er keinen andern Ausweg. Mir geht es leider ebenso, gute Frau, ich weiß auch nicht, ob es Yonkers oder Orange heißt. Er hätte wirklich deutlicher schreiben sollen. Zeigen Sie mir die Adresse, die er Ihnen gegeben hat, vielleicht kann ich sie entziffern. Zögernd fuhr sie mit der Hand unter das Kopfkissen. Er hat mir gerade in die Augen geschaut und gesagt, niemand dürfe es sehen, und wenn man den Zettel fände, solle ich nicht sagen, wer ihn geschrieben hat. Aber Sie kann er doch nicht gemeint haben – Sie sind ja sein Freund und auch ein guter Arzt wie er. Nein, ihn hatte Molesworth nicht gemeint – wie hätte er die Gründe ahnen können, die ihn zu seiner Verfolgung trieben? Kameron nahm der Kranken das Papier aus der Hand. Ein einziger Blick genügte ihm. Es heißt weder Yonkers noch Orange, sagte er zu der armen Brigitte, ihr den Zettel zurückgebend, sondern Harley. Hierauf untersuchte er ihren Zustand genau, überzeugte sich, daß ihre Besserung gute Fortschritte mache und die Heilung nahe bevorstehe, schärfte ihr nochmals alle Verhaltungsmaßregeln ein und verließ dann den Krankensaal mit dem Bewußtsein, daß kein Detektiv die Sache geschickter hätte anfangen können. Vom Hospital begab er sich zu dem Arzt, welchem er die Behandlung seiner Frau anvertraut hatte, traf die nötigen Verabredungen mit ihm und machte sich dann auf den Heimweg. Aber keine frohe Hoffnung beflügelte seinen Schritt, bange Furcht geleitete ihn – war doch die schlimmste Nachricht, welche ihn in seiner Behausung erwarten konnte, die, daß seine Frau zum Bewußtsein zurückgekehrt sei und sehnsüchtig nach seinem Anblick verlange. Diese Prüfung stand ihm aber noch nicht bevor. Genofevas Zustand war unverändert, und die neue Wärterin, die er, der Ankündigung des Inspektors gemäß, daheim vorfand, bedurfte keiner Erklärung, warum er dem Krankenzimmer fern blieb. So traf er denn seine Vorkehrungen zu dem abenteuerlichen Unternehmen und verließ das Haus, ohne zuvor die Schwelle zu übertreten, die vor kurzem noch für ihn die Pforte des Paradieses gewesen war. Drittes Buch. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Adresse, welche Brigitte von Doktor Molesworth erhalten hatte, lautete: J. M. Postlagernd Harley N.Y. Der Ort ist, wie allgemein bekannt, in ziemlicher Entfernung von Neuyork an der Eisenbahn gelegen. Noch am selben Tage, einem Sonnabend, war Doktor Kameron vor einbrechender Nacht daselbst angelangt. Er begab sich unverzüglich auf das Postamt. Hat J. M. seine Briefe heute schon abgeholt? fragte er den Postmeister. J. M.? – Wer ist denn das? Es kommen Briefe unter dieser Adresse für ihn an; ich kenne ihn und muß ihn sprechen. Dann tun Sie am besten, ihn in seiner Wohnung aufzusuchen, hier ist er unbekannt. Kameron zog sich enttäuscht zurück. Zwar zögerte er noch einige Minuten, die Nähe des Postgebäudes zu verlassen, in der Hoffnung, Molesworth irgendwo auftauchen zu sehen; da aber seine hohe stattliche Gestalt nicht lange unbemerkt blieb, hielt er es für geratener, den Beobachtungsposten aufzugeben und vorerst einen Gang durch die Stadt zu machen. In den Straßen ließ er den Blick zu den Häusern emporschweifen, als ob er irgendwo den Mann, welchen er suchte, zu entdecken hoffte, bis ihm plötzlich einfiel, der Flüchtling könne ja möglicherweise in demselben Augenblick hinter einem der geschlossenen Fensterläden ihn selbst bemerken. Vielleicht hatte er sich durch die unbesonnene Schaustellung seiner Person bereits um die Hoffnung gebracht, seiner habhaft zu werden. Wer den Geheimpolizisten spielt, sagte er sich, darf sich in keiner Beziehung auffällig machen; je unscheinbarer, desto besser. Meine Figur ist ein Nachteil für mich; ich wollte ich sähe aus wie der arme Teufel da hinter mir, dessen Gesicht man im nächsten Augenblick wieder vergißt, nachdem man es gesehen hat. Dabei blickte er fast mit Neid auf einen Burschen mittlerer Größe, der anscheinend ziel- und zwecklos von einem Ladenfenster zum andern schlenderte. Kameron begab sich nun in den Gasthof, um in einer ruhigen Ecke seine nächsten Schritte zu überlegen. Bald nach ihm trat auch der Müßiggänger ein, den er vorhin auf der Straße um seine Physiognomie beneidet hatte, ohne indes weiter Notiz von ihm zu nehmen. An wen sollte er sich wenden, um zu erfahren, ob ein Mann, dessen Beschreibung auf Molesworth paßte, kürzlich in dem Städtchen angekommen sei? – An den Gastwirt oder lieber an die Beamten der Eisenbahn und die Droschkenkutscher, welche die Fremden vom Bahnhof abholten? Dadurch wäre aber der Zweck seiner Anwesenheit offenbart und möglicherweise vereitelt worden. Hätte er sich doch von der Polizei an irgend jemand weisen lassen, der ihm Beistand leisten, ihm die betreffende Auskunft vermitteln könnte! – Endlich fiel ihm etwas ein, das ihn auf die Spur bringen konnte. Er sagte sich nämlich, daß Molesworth, mochte er stecken wo er wollte, das Verlangen haben werde, zu erfahren, ob die Polizei neue Entdeckungen in seiner Angelegenheit mache. Er mußte daher suchen, sich die Neuyorker Tagesnachrichten direkt oder indirekt zu verschaffen. Kameron ließ sich durch den Gastwirt einen Zeitungsladen bezeichnen und dort erkundigte er sich, ob ein kürzlich angekommener Fremder ein Neuyorker Blatt bestellt habe. Das war nicht der Fall. Dann forschte er weiter, ob sonst ein Kunde vielleicht im Lauf der letzten Woche angefangen habe, den Herald oder die Neuyorker Times zu lesen. – Das wohl. Dem alten Jakob Lewis sei plötzlich eingefallen, den Herald zu studieren; er hole die Zeitung alle zwei Tage in dem Laden ab. Kameron merkte sich den Namen und fragte beim Abendessen ganz beiläufig nach dem alten Mann. Er sei ein Pächter, hieß es, der mehrere Meilen außerhalb der Stadt wohne. Ein Wort gab das andere, und der Doktor erfuhr nicht nur, daß sich bei Jakob Lewis im Hause ein Fremder aufhalte, der nicht zu seiner Familie gehöre, sondern auch, daß der Pächter alle Sonntage nach der Stadt zur Kirche komme. War dies der Fall, so konnte sich Kameron füglich die vielleicht ganz vergebliche Fahrt nach dem entfernten Pachthof sparen. Er beschloß daher bis zum andern Tage zu warten und indessen unter der Hand weitere Nachforschungen anzustellen. Nach Anbruch der Dunkelheit ging Kameron noch einmal aus, in der Absicht, da und dort, wo sich am besten Gelegenheit bot, dem Geplauder müßiger Leute zuzuhören. Es war ja immerhin möglich, daß er ein paar Worte aufschnappte, die zu seiner Orientierung dienen oder ihm sonst nützlich sein konnten. Er war schon hier und dort gewesen, als er an einer offenen Schmiede vorbeikam, wo gerade der Meister zusammen mit seinem Gesellen, und wie es schien, einigen Bekannten und Nachbarn, plaudernd vor der Esse stand. Er trat näher heran und blieb im dunkeln Hintergrund stehen. Die Unterhaltung war die gewöhnliche: Stadtklatsch, Politik, Wetter, und ließ nicht im mindesten etwas von Interesse für unseren stummen Zuhörer erwarten. Er war schon im Begriff, seiner Wege zu gehen, als ein Mann humpelnden Ganges hereintrat und auf die Gruppe am Feuer zuschritt. Behagliches Feuer hier – erlauben wohl, daß ich mir ein bißchen die Glieder wärme. So ein Hausierer, wie ich, kann's brauchen. Komme von der Umgegend herein. Der Schmied ließ den Ankömmling, der alles in näselndem Tone sprach, gewähren, ohne sich in der Unterhaltung stören zu lassen. Hm – fiel der Hausierer plötzlich dazwischen – wer ist denn der närrische Kauz, der bei Jakob Lewis wohnt? Wieso? entgegnete einer der Umstehenden. – Bei Lewis wohnt meines Wissens nur John Staples. Ich kenne den seit Jahren; aber an dem ist weiter nichts Sonderbares; es ist eben ein kranker Mann. Er meint gewiß den Fremden bei Hunters, ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Der ist freilich sonderbar. Seit er angekommen ist, hat er sich noch kein einziges Mal auf der Straße blicken lassen, und er ist doch nicht krank. Kann sein, gab der Hausierer zurück; ich komme an so viele Orte, da verwechsle ich zuweilen die Namen. Wie sieht er denn aus? Ich habe ihn nicht gesehen; man hat mir nur erzählt, Frau Hunter habe einen Kostgänger, der komme von weit her und lasse sich nirgends blicken. Sie sagt, niemand dürfe ihn stören, weil er ein Buch schreiben wolle – als ob das ein Grund wäre! – Wohnt nicht Frau Hunter in Jakob Lewis Nachbarschaft? fragte der Hausierer. Ja, ihr Haus ist das nächste; kaum eine Viertelstunde davon. Nun, daher meine Verwechslung, bemerkte der Hausierer, der sich kurz darauf entfernte. Auch Kameron verließ die Schmiede, um alsbald einen Lohnkutscher aufzusuchen, bei dem er für den andern Tag ein Gefährt bestellte. Er verabredete eben noch die Stunde der Abfahrt, als er hinter sich wieder die näselnde Stimme des Hausierers vernahm: Können Sie mir vielleicht sagen, ob der Fremde noch bei Frau Hunter wohnt? Wohl möglich, war des Fuhrherrn Antwort; ich habe nicht gehört, daß er abgereist ist. Ich frage nur, damit er sein Paket erhält; ein paar Hemden und sonstige Kleinigkeiten, die ich in Frau Hunters Auftrag für ihn besorgt habe. Kommt sie nicht vielleicht zur Kirche herein? Schwerlich. Ich habe sie wenigstens noch nie da gesehen. Oder fahren Sie morgen dort vorbei? Nicht daß ich wüßte, entgegnete der andere mit einem Seitenblick auf Kameron, der in der Tür stehend sich langsam die Handschuhe anzog, immer mehr überzeugt, der Hausierer sei ihm als rettender Engel zugesandt worden. Ich habe Frau Hunter versprechen müssen, die Sachen bis Montag früh hinauszuschaffen. Aber ich kann mich nicht zu Tode hetzen. Ob mir Jakob Lewis wohl den Gefallen täte, das Paket mitzunehmen? Warum nicht? Er holt ja auch immer die Postsachen für sie ab. Dann will ich ihn darum bitten. Sie kennen wohl nicht zufällig den Namen des fremden Herrn? Nein. Ich habe ihn dorthin gefahren, aber weiter weiß ich nichts. Wie sieht er denn aus, blond oder braun? Ganz schwarzhaarig. Das ist gut wegen der Krawatten, die ich für ihn besorgt habe. Trägt er auch einen Bart? Bewahre, er ist glatt rasiert. Desto besser, murmelte der wunderliche Mensch und schlurfte hinaus. Doktor Kameron ging nun in das Wirtshaus zurück, hocherfreut über das Zusammentreffen mit dem Hausierer, der ihm so zur rechten Zeit geholfen hatte. Der nächste Morgen brachte ihm jedoch eine unangenehme Ueberraschung. Er erwachte mit heftigem Kopfweh, das sich auch im Laufe des Vormittags nicht verlieren wollte. Erst gegen drei Uhr fühlte er sich imstande, die Fahrt zu unternehmen. Um vier Uhr etwa sah er von einem kleinen Hügel aus einen Pachthof vor sich liegen, den er der Beschreibung nach für das Haus der Frau Hunter hielt. Das niedrige weiße Gebäude hob sich scharf von dem düstern Hintergrund der kahlen Winterlandschaft ab; weit umher war der Himmel in ein aschfarbenes Grau gehüllt, und ein eisiger Wind durchfröstelte den Doktor mit so unheimlichem Schauern, daß er nicht übel Lust empfand, umzukehren, statt den Feind, welchen er dort unten verborgen wähnte, in seinem Versteck aufzuspüren. Aber das strenge Gebot der Pflicht brachte solche Stimmen zum Schweigen. Bald war er nur noch einen Steinwurf von dem Hause entfernt und allein mit dem Gedanken an die bevorstehende Zusammenkunft beschäftigt, die ihn aus seiner Ungewißheit erlösen, ihm den verlorenen Frieden wiedergeben sollte. Das Haus lag öde und verlassen da, nur eine dünne Rauchsäule, die aus dem Kamin aufstieg, zeigte an, daß es bewohnt sei. Es hatte zwei Eingänge, von denen der Hintere in den Hof führte, an welchen sich Felder und Wiesen anschlossen. Die Seitenfenster waren ohne Laden und starrten den Näherfahrenden unheimlich an. Er fürchtete, gesehen und erkannt zu werden, denn sein eigentliches Verhältnis zu Molesworth kam ihm in diesem Augenblick klar zum Bewußtsein. Noch jetzt galt kein Besinnen mehr. Entschlossen fuhr er am Hause vor, sprang vom Wagen herab, ohne sich Zeit zu nehmen, das Pferd anzubinden, schritt auf die Türe zu und klopfte laut. Es blieb jedoch alles still und selbst auf sein wiederholtes Klopfen und Rütteln erfolgte keine Antwort. Entweder war wirklich niemand im Hause, oder man wollte ihn nicht hören; in beiden Fällen machte er sich nur vergebliche Mühe. Er blickte sich um in der öden, trostlosen Gegend, der Himmel sah finster und drohend aus, als sei ein Sturm im Anzug, und der Wind wurde immer schneidender. Entschlossen, seine Absicht durchzusetzen, begab er sich um das Haus herum nach der Hinterpforte, die er unverschlossen fand. Er drückte auf die Klinke, die Tür sprang auf, und er sah sich in einem großen wohnlichen Zimmer. Kein Mensch war in dem Raum, aber der Tisch stand zur Mahlzeit bereit und den Töpfen auf dem Ofen entströmten würzige Düfte. Durch die halboffene Tür blickte er in ein zweites Wohnzimmer und drang entschlossen weiter vor. Doch auch dieses Gemach war leer und nirgends eine Spur des Mannes zu entdecken, den er so sicher hier zu finden gehofft hatte. In bitterer Enttäuschung starrte Kameron noch immer die Reihe steifer Familienbilder auf dem Kaminsims an, als er plötzlich einen Schritt vernahm; eine Tür ward schnell geöffnet und wieder geschlossen, dann schallten Männertritte draußen vor dem Hause, und gleich darauf vernahm er das Rollen von Rädern, als mache sich jemand unberufenerweise mit seinem Gefährt zu schaffen. Trotz seiner Bestürzung behielt er noch Geistesgegenwart genug, um mit einem Satz im Hausflur zu sein und die Vordertür zu öffnen. Da gewahrte er Doktor Molesworth, der, den Hut in der Hand, eben in den Einspänner sprang. Um des Himmels willen, Molesworth! schrie der Doktor und streckte die Arme aus, als könne er dadurch den zum Aeußersten entschlossenen Menschen zurückhalten. Dieser aber winkte ihm nur mit der Hand, stülpte den Hut auf, griff nach den Zügeln, und fort rollte der Wagen. Wenn Sie ein Mann sind und kein Feigling, rief Kameron entrüstet, so werden Sie umkehren und mir Rede stehen! Aber der Hufschlag übertönte seine Worte. In tiefster Niedergeschlagenheit wankte er ins Haus zurück und ließ sich auf den ersten besten Sitz fallen. So war denn Julius Molesworth nicht nur ein Feigling, sondern ein Schurke, der selbst vor dem schändlichsten Streich nicht zurückbebte, um einer Begegnung auszuweichen, von welcher sein böses Gewissen ihm nichts gutes versprach. Kameron schäumte vor ohnmächtiger Wut und verwünschte die Torheit und Sorglosigkeit, mit der er sein Fuhrwerk im Bereich des Flüchtlings gelassen hatte. Wer hätte aber auch glauben sollen, daß der Mann, dem er vor kurzem noch einen so wichtigen Dienst geleistet, zu einem solchen Mittel greifen würde? Des Doktors üble Lage ward noch durch den Umstand verschlimmert, daß Molesworth nach einer der Stadt entgegengesetzten Richtung entflohen war. Er sah sich in einem fremden Hause und bei hereinbrechendem Sturm ohne die Möglichkeit, nach seinem früheren Quartier zurückzukehren oder die Verfolgung des Mannes fortzusetzen, der so feige die Flucht vor ihm ergriffen. Nun war es ja erwiesen, daß Molesworth noch weit mehr, als er geglaubt, an dem geheimnisvollen Vorgang beteiligt sein müsse, welcher nicht nur Kamerons eigene Ehre schädigte, sondern auch die seiner geliebten und schwer geprüften Gattin. Jetzt ließ sich hinter ihm eine schrille Stimme vom Eingang her vernehmen. Was in aller Welt soll denn das heißen? Der Doktor stand auf und sah sich einer starken, breitschulterigen Frau mittleren Alters, augenscheinlich der Herrin des Hauses, gegenüber. Kameron verbeugte sich. Sie sehen mich, sagte er, als höchst unfreiwilligen Eindringling in Ihrer Behausung. Ich kam hierher, um Ihren Kostherrn aufzusuchen, und er hat mir den Streich gespielt, mit meinem Einspänner auf- und davonzufahren, ohne sich nur einmal danach zu erkundigen, was mich zu ihm führt. Frau Hunter zeigte kein Mitgefühl für den Betrogenen. Ja, der ist schlau, gab sie zur Antwort, indem sie an eins der Seitenfenster trat und auf die Landstraße hinausblickte, den holen Sie nicht mehr ein. Warum nicht? Ich gehe sofort zur Stadt, um mir ein neues Fuhrwerk zu verschaffen. Weil ein Sturm im Anzug ist. Mit einem solchen Vorsprung ist an Einholen nicht zu denken. Kameron lachte. Sie reden, als wären wir im Januar oder befänden uns nicht weit vom Nordpol, anstatt kaum hundert Meilen von Neuyork. Um diese Jahreszeit mag der Wind wohl blasen und die Flocken fliegen, aber die Wege werden doch nicht mehr vom aufgetürmtem Schnee versperrt. Was wißt denn Ihr Städter von unserm Wetter auf dem Lande! Mich müßte alles trügen, oder wir bekommen einen Sturm wie seit Jahren nicht. Ich weiß, was so ein bleierner Himmel zu bedeuten hat, und Sie werden es auch erfahren, ehe Sie vierundzwanzig Stunden älter sind. Während sie sprach, ließ Kameron seine Blicke über die Landschaft schweifen, aber sie blieben unwillkürlich auf einem Einspänner haften, der den Hügel herab auf das Haus zugerollt kam. Die Witwe Hunter, welche dieses Gefährt gleichfalls bemerkt haben mochte, bot dem Doktor jetzt ein Unterkommen in ihrem Haufe an, was diesem einigermaßen verdächtig erschien. Wer kommt denn da gefahren? fragte er. Nur Jakob Lewis, der aus der Kirche heimkehrt. Er soll mir sein Fuhrwerk vermieten, rief der Doktor und war schon zur Türe hinaus. Zu seiner Ueberraschung sah er den Hausierer von gestern bei dem Pächter im Wagen sitzen. Mir ist mein Gefährt gestohlen worden, rief Kameron atemlos, ich muß den Dieb einholen. Wollen Sie mich fahren? Es soll Ihr Schaden nicht sein. Ihr Pferd sieht gut und stark aus. Recht gern, bestätigte der Pächter, aber heut ist Sonntag, auch zieht ein Wetter herauf, und wir sind zu dreien – Ich kaufe Ihnen Ihr Fuhrwerk auf der Stelle ab, fuhr Kameron fort, nennen Sie Ihren Preis. Am Sonntag mache ich keine Geschäfte, war die Antwort. Wer hat denn Ihr Pferd gestohlen? Der Kostgänger hier. Besinnt Euch nicht lange, Mann! Sagt, wollt Ihr mich fahren oder nicht? Ich will wohl. Aber das nimmt mich doch Wunder von diesem Mann; ich dachte, er setze keinen Fuß vor die Tür. Nur herein in den Wagen, Herr, nahm jetzt der Hausierer das Wort; ich wiege nicht viel und brauche wenig Platz. Das Pferd holt wacker aus, und wir wollen dem Spitzbuben bald auf den Fersen sein. Der Pächter rückte zur Seite und ließ Kameron einsteigen; darauf ergriff er die Zügel und sagte, indem er das Pferd antrieb: »Ein schöner Schluß zur heutigen Sonntagspredigt.« – Dann ging es fort. Achtundzwanzigstes Kapitel. Die drei Männer hatten es für eine Kleinigkeit gehalten, den Flüchtling und sein erbärmliches Pferd einzuholen; nach einstündiger Fahrt mußten sie jedoch zugeben, daß ihre Aufgabe schwieriger sei, als sie geglaubt. Molesworth hatte einen bedeutenden Vorsprung gewonnen, sie bekamen sein Gefährt nie zu Gesicht, und es ließ sich daher auch nicht entscheiden, ob er auf der Landstraße geblieben sei oder einen der zahlreichen Nebenwege eingeschlagen habe, die sich rechts und links abzweigten. Die Dunkelheit brach schnell herein, und der von Frau Hunter prophezeite Sturm schickte als Vorboten einen seinen kalten Regen hernieder, der sich auf höchst unbehagliche Weise fühlbar machte. So bekam denn der Pächter das Unternehmen bald herzlich satt, und nachdem er schon mehrmals unzufrieden vor sich hin gebrummt hatte, hielt er endlich das Pferd an und erklärte seine Absicht, umzukehren und nach Hause zu fahren. Aber Kameron, dem es vorkam, als sähe er das Verdeck eines Einspänners in der Ferne auftauchen, bat und beschwor ihn, weiterzufahren, und auch der Hausierer stimmte für die Fortsetzung dieser Jagd, die ihn ordentlich aufzuregen schien. So willigte denn Jakob Lewis schließlich ein, sie noch bis zu einem gewissen Hause zu fahren; könnten sie von dort aus weiter befördert werden – schön und gut; wo nicht, so würde er umkehren und sie nach seinem Pachthof mitnehmen. Auf andere Vorschläge wollte er durchaus nicht eingehen. Man konnte es ihm nicht verargen. Der Wind blies mit furchtbarer Gewalt, und das Pferd schien zu ermüden. Sie ergaben sich daher wohl oder übel in ihr Schicksal, und die Fahrt ging schnell weiter. Als sie das erwähnte Haus fast erreicht hatten, sahen sie einen Farmer, der sich abmühte, sein Scheunentor gegen den Wind zu schließen. Ist ein Mann in Heydes neuem Einspänner hier vorbeigefahren? rief Lewis hinüber. Der Farmer nickte und deutete zugleich mit der Hand die Straße hinab; dann fuhr er mit seiner Arbeit fort. Kameron war vom Wagen gesprungen, über den Zaun gesetzt, und stand jetzt vor dem Mann, ihm einen Silberdollar hinhaltend. Hat der Mann etwas gesagt? rief er, dies Geldstück soll Euer sein, wenn Ihr mir seine Worte wiederholt. Der Angeredete bekannte zögernd, daß derselbe gar nichts gesprochen habe. Ich gebe Euch noch fünfmal so viel, rief Kameron, wenn Ihr mir ein Fuhrwerk verschafft, um ihm nachzufahren. Unser Pferd ist abgehetzt. In zehn Minuten würde meines ebenso weit sein, wandte der Farmer ein. Das Pferd vor uns kann unmöglich länger aushalten; vielleicht holen wir's schon in einer Viertelstunde ein; laßt Euch doch den Verdienst nicht entgehen. Schon gut, Herr, treten Sie nur hier in die Scheune, ich will im Augenblick einspannen. Aber fünf Dollars bekomme ich, ob wir den Burschen einholen oder nicht! Ja, wenn Ihr versprecht, mich nicht unterwegs im Stich zu lassen. Ohne Sorge; ich fahre Sie jedenfalls nach der Stadt. Zu Kamerons Ueberraschung ergab sich nun, daß die Straße, auf der sie sich befanden, in einem Bogen nach Harley zurückführte, wahrend er geglaubt hatte, die Stadt im Rücken zu haben. Und wie weit ist es von hier nach dem Gasthof? fragte er. Fünf Meilen, wenn wir über Sinton fahren; drei Meilen auf dem direkten Wege. Wir verfolgen dieselbe Richtung wie der Mann vor uns, und der ist schwerlich über Sinton gefahren. Mit einem besorgten Blick nach dem Himmel verließ der Doktor die Scheune und suchte seine Gefährten auf. Er fand nur den Pächter Lewis im Wagen. Wo ist der Hausierer? fragte er. Hineingegangen, um sich zu wärmen. Er scheint die Geschichte satt zu haben und wird schwerlich heute abend noch weiter wollen. Will Noyes Sie fahren? Ja wohl, er spannt eben ein. Ich hätte ihn für klüger gehalten. Na, das ist seine Sache. Ich will machen, daß ich heimkomme zu meiner Alten, ehe mein Pferd liegen bleibt. Gute Verrichtung! Den Kerl werden Sie nicht kriegen, wohl aber einen tüchtigen Schnupfen. Bei dieser tröstlichen Verheißung wandte er sein Tier und war in der Dunkelheit verschwunden, ehe der Doktor ihm noch danken konnte. In höchster Ungeduld wartete Kameron, bis das neue Gefährt endlich erschien. Zugleich hatte sich der Hausierer wieder eingefunden. Sie werden mich doch nicht hier lassen, rief er, Kamerons Absicht erratend, in heftiger Erregung; wenn Sie mich nicht mitnehmen, bleibt mir nur übrig, zu Fuß hinter dem Wagen herzulaufen, denn nach Harley muß ich heute jedenfalls zurück. War dies der näselnde, schlürfende Mensch von gestern abend? Der Doktor betrachtete ihn mit zweifelnder Miene. Wie, wenn der angebliche Hausierer ein Verbündeter seines Feindes war, der ihn unterwegs aufhalten wollte? – Bei genauerer Betrachtung fand er aber den Menschen so gutmütig, harmlos und unverdächtig, daß er es nicht über's Herz brachte, ihm den Platz im Wagen zu verweigern. Der niederströmende Regen hüllte jetzt die ganze Landschaft in einen dichten Schleier ein, und der Wind blies mit verdoppelter Wut. Aber der neue Kutscher verstand sein Geschäft. Er fuhr darauf zu, so schnell das Pferd laufen konnte. Wir holen ihn sicher ein! rief er. Es ging jedoch weiter und weiter, und kein Einspänner kam in Sicht. Oefter glaubten sie vor sich das Rollen von Rädern zu vernehmen, aber der Wind heulte so laut, daß sich nichts unterscheiden ließ. Sie hatten jetzt den Punkt erreicht, wo die Straßen sich trennten, und hielten still, um einen Entschluß zu fassen. Wenn er in Harley wohnt, ist er sicher nicht über Sinton gefahren, behauptete Noyes; man möchte ja heute keinen Hund hinausjagen. In Harley wohnt er nicht, ist überhaupt nicht aus der Gegend; er trachtet nur, mir zu entkommen und wird den Weg wählen, auf dem ihm das am leichtesten ausführbar scheint, sagte Kameron. Falls er von dem Sonntagszug weiß, der um Mitternacht durch Sinton kommt, wird er vermutlich mit diesem die Flucht bewerkstelligen wollen. Was sagen Sie? Ein Sonntagszug nach dem Süden? rief Kameron in höchster Erregung. Ja wohl; trifft in Sinton um 12 Uhr nachts ein. Also, auf nach Sinton! Diesen Zug wird er benützen wollen. Er weiß, daß er mir anders nicht entrinnen kann. Bei heftigem Regen und dunkler Nacht erreichten die drei Männer endlich die Stadt Sinton und fuhren sogleich am Gasthaus vor. Hier stand ein Einspänner vor der Tür, und kaum hatte Kameron ihn erblickt, als er in höchster Aufregung aus dem Wagen sprang und auf das Gefährt zueilte. Jetzt kann er uns nicht mehr entgehen, rief er voll froher Zuversicht; dies ist mein Fuhrwerk, das er sich angeeignet hatte. Allein er hatte zu früh frohlockt. Im Wirtshaus erfuhren sie, der Gesuchte habe sich nach der Abgangszeit der Bahnzüge erkundigt und sei dann wieder fortgegangen, ohne etwas zu hinterlassen. Weit konnte er indessen nicht sein. Es war ja zweifellos, daß er es auf den Nachtzug abgesehen hatte und rechtzeitig wieder zum Vorschein kommen würde. In dieser Zuversicht entließ Kameron den Farmer, und er hätte es nicht ungern gesehen, wenn der Hausierer auch mit verschwunden wäre. Dieser aber hatte sich einen warmen Winkel ausgesucht, wo er sich höchst gemütlich zu fühlen schien. Der Doktor beachtete ihn nicht weiter, verzehrte sein Abendessen und ließ sich dann an einem möglichst verborgenen Platz nieder, um Molesworths Ankunft abzuwarten. Nicht lange genoß er jedoch die behagliche Ruhe. Der Gedanke quälte ihn, ob es auch wirklich klug gehandelt sei, wenn er hier bliebe. Molesworth, der ihm heute schon einmal einen so empfindlichen Streich gespielt hatte, war wohl imstande, einen zweiten ähnlichen auszuführen. Hatte er vielleicht das Gefährt nur darum zurückgelassen, um ihn zu täuschen? Diese Zweifel ließen dem Doktor keine Ruhe mehr, und so trat er vor das Haus, um nach dem Wetter zu sehen. Der Regen rauschte herab, der Wind heulte, und das arme Pferd stand noch immer zitternd vor Kälte und Nässe da. Plötzlich kam ihm ein Einfall: wie, wenn er geschwind nach Harley zurückführe? Auf direktem Wege war die Entfernung dorthin nicht groß, und er konnte dann ganz gut in Harley in denselben Zug steigen. Nebenbei erhielt der Eigentümer sein Gespann wieder, und er konnte die Reisetasche, die er im Gasthof in Harley zurückgelassen, abholen. Und was noch wichtiger erschien: durch seine Entfernung würde der Argwohn des Verfolgten eingeschläfert, falls dieser den Wirt bestochen hatte, um rechtzeitig vor jeder drohenden Gefahr gewarnt zu werden. Entschlossen, diesen Plan auszuführen, machte Kameron sein Eigentumsrecht auf das draußen stehende Fuhrwerk geltend, und da keine Einsprache erhoben wurde, schickte er sich sofort zur Abfahrt an. Der Wagen war schon im Gang, als der Hausierer mit überraschter Miene auf der Schwelle erschien und ihm nachrief: »Sie kommen doch wieder, Herr!« Allein der Doktor hatte den Zuruf überhört oder wollte nichts erwidern. Unterwegs dachte er über seine glückliche Idee weiter nach, und er sah schon im Geiste, wie Molesworth, nichts ahnend, beim Eintreffen des Zuges auf dem Perron stand, auf den Wagen zuschritt, und er ihn am Einsteigen hindern würde. Man denke sich seinen Verdruß und Schrecken, als er in Harley erfuhr, daß ausnahmsweise gerade dieser Zug auf dieser Station nicht anhalte, woran er zuvor gar nicht gedacht hatte. Es blieb ihm nichts übrig, als abermals ein Gefährt zu mieten und schleunigst wieder hinüberzufahren. Allein seit seiner Abfahrt aus Sinton hatte sich das Unwetter fortwährend verschlimmert, und der Zustand der Landstraße wurde immer mißlicher. Weder der Fuhrherr wollte eines seiner Pferde zu der Fahrt hergeben, noch fand sich sonst ein Kutscher, der selbst für hohen Preis das Wagnis unternommen hätte. Also im Stich gelassen, mußte er sich der Macht der Umstände fügen und nach dem Gasthaus zurückkehren, wo er die letzte Nacht zugebracht hatte. Er wäre über seine Niederlage untröstlich gewesen, hätte er nicht zu seiner Beruhigung auf der Station vernommen, daß der Nachtzug infolge von Schneewehen mit bedeutender Verspätung, von mehreren Stunden, signalisiert sei. Wahrscheinlich kam derselbe nicht lange vor Tagesanbruch durch, so daß er nur einen kurzen Vorsprung vor dem Expreßzug voraus hatte, der Harley um 7 Uhr vormittags verließ. Neunundzwanzigstes Kapitel. Es war eine qualvolle Nacht für den schlaflosen Mann. Der Wind fuhr wie rasend um das Haus herum, das in seinen Grundfesten erbebte; die Gipfel der Bäume bogen sich krachend über das Dach, das hin- und herzuschwanken schien, als wolle es der Sturm aus allen Fugen reißen. Stand Kameron auf und trat ans Fenster, so erblickte er nichts als das wilde Gewirr der durch die Luft kreisenden dichten Schneemassen; legte er sich nieder, um Ruhe zu finden, so tönte ihm ein Aechzen, ein Lärmen und Toben in den Ohren, als sei die ganze Hölle losgelassen. Der Anblick, der sich Kameron beim Morgengrauen bot, würde den Mutigsten erschreckt haben. Die Gegend war nicht wieder zu erkennen; alles lag unter dem Schnee begraben, der sich an vielen Stellen bergehoch auftürmte. Auch hatte der Sturm noch keineswegs nachgelassen, im Gegenteil, es war, als strebe er seine Wut zu verdoppeln, um das Schneegestöber in immer tolleren Wirbeln vor sich her zu treiben. Der für den Monat März so ungewöhnlich furchtbare Wintersturm schien Kameron die letzte Aussicht rauben zu wollen, Molesworth noch einzuholen, zumal derselbe schon um einen Zug voraus war. Der Gedanke brachte ihn außer sich, seine ganze Tatkraft erwachte, und dem Unwetter zum Trotz kämpfte er sich glücklich bis zum Bahnhof durch. Hier erfuhr er, der Nachtzug sei erst um sechs Uhr morgens durchgekommen und telegraphierte sofort nach Sinton, ob der Herr, dessen Beschreibung er beifügte, nach Neuyork abgefahren wäre. Die Rückantwort lautete bejahend, und unbekümmert um alle drohenden Fährlichkeiten löste der Doktor sich eine Fahrkarte zum Morgenschnellzug. Dieser ging zwar ebensowenig fahrplanmäßig ab, als der frühere, aber drei Stunden Verspätung waren von wenig Belang, wie Kameron bald erfahren sollte. Die Hindernisse auf der Bahn wurden immer größer, und die Lokomotive schleppte sich nur mühsam weiter durch die zusammengewehten Schneehaufen. Schwerfällig keuchte und ächzte sie dahin und brauchte Stunden für eine Strecke, die sie sonst in wenigen Minuten zurückzulegen pflegte. Das Schicksal hat sich gegen mich verschworen, seufzte Kameron, als es Nachmittag wurde und sie noch viele Meilen von Neuyork entfernt waren, nicht nur ist mir der Flüchtling entkommen, sondern ich selbst bin verirrt, wie ein Wanderer in öder Wildnis. Sein eigenes Mißgeschick nahm ihn so völlig in Anspruch, daß er sich kaum nach den angsterfüllten, verstörten Gesichtern seiner Mitreisenden umsah. Eine Stunde nach der andern verging, der Abend brach herein, und ihre Lage wurde immer hoffnungsloser. Nun erst begann Kameron sich aus dumpfer Erstarrung emporzuraffen; er schüttelte die selbstsüchtigen Gedanken ab, um auch an seine Leidensgefährten zu denken, die er mit dem freundlich teilnehmenden Ausdruck betrachtete, welcher ihm so leicht alle Herzen gewann. Unter der Zahl der Reisenden befanden sich auch einige Frauen, die sich mit großer Seelenstärke in ihr Geschick zu fügen schienen. Ihre stille Geduld bei so trübseliger Aussicht rührte Kameron, der gleich den übrigen Männern sich nicht länger über den Ernst der Lage täuschen konnte. Eben machte die Lokomotive mit herkulischer Anstrengung noch einen letzten Versuch, sich durch einen ungeheuren Schneeberg Bahn zu brechen, der ihr den Weg versperrte. Noch eine schwache Bewegung, dann stand der Zug still. Wir bleiben stecken, rief ein Reisender. Auf freiem Felde, fiel ein anderer ein, nirgends ein Unterkommen. Und die Nacht bricht herein, klagte ein dritter. Her mit den Schneeschaufeln, drängte ein tatkräftiger Mann, wir wollen doch sehen, ob sich die Mauer nicht wegschaffen läßt. Der Doktor trat auf die Plattform, um die traurige Lage selbst in Augenschein zu nehmen, doch kehrte er bald wieder in das Innere des Wagens zurück; er konnte sich draußen kaum auf den Füßen halten, und der tobende Wind drohte ihm den Atem zu rauben. Ein zweiter Versuch gelang jedoch besser. Sich an der Bremsstange festklammernd blickte Kameron umher: sie befanden sich anscheinend auf einer mit hohen Schneehügeln besetzten Ebene; kein Haus, kein Zaun war sichtbar, und Weg und Steg zugeschneit. Man glaubt in Sibirien zu sein, war das wenig trostreiche Ergebnis seiner Betrachtung. Bei zwei Schaffnern, die am Wagen standen, erkundigte er sich, ob denn keine menschliche Wohnung in der Nähe sei, wo man hoffen dürfe, warme Decken und Nahrungsmittel zu erhalten. Die Antwort lautete nicht ermutigend; die Gegend, hieß es, sei wenig bewohnt, das nächste Dorf drei Meilen entfernt, und näher keine Wohnstätte anzutreffen, außer der Behausung des alten Harper. Und wie weit ist's bis dahin? Nur eine Meile, schrie der Schaffner so laut er konnte, um das Heulen des Windes zu übertönen. Aber der Alte läßt niemand herein. Er ist ein Menschenfeind und lebt als Einsiedler in seiner Mausfalle von einem Haus. Sie tun besser, im Zug zu bleiben. Kameron sah die Weisheit dieses Rates ein und beschloß ihn zu befolgen. Aber je weiter die Nacht vorrückte, um so empfindlicher ward der Frost, zu dem sich noch ein nagender Hunger gesellte. Voll Mitleid blickte der Doktor auf die zarten, stumm duldenden Frauen, denen er nicht zu helfen vermochte; er sagte sich, es müsse weit erträglicher sein, draußen mit Schnee und Wind zu kämpfen, als hier still zu sitzen und an seinem Kummer zu zehren. Lieber wollte er den Kampf mit den Elementen aufnehmen, als wer weiß wie lang in duldender Untätigkeit verharren. Im Verein mit drei oder vier Reisenden, die seine Gefühle teilten, beschloß daher Kameron den Versuch zu wagen, Harpers Wohnhaus zu erreichen. Der Mann konnte doch kein solcher Unmensch sein, Leuten, die sich in großer Bedrängnis befanden, seine Hilfe zu verweigern. Der Schaffner, den sie nach der einzuschlagenden Richtung befragten, gab die gewünschte Auskunft, fügte aber kopfschüttelnd hinzu: »Schließen Sie sich doch lieber den Männern vom vordern Wagen an, welche versuchen wollen, sich bis zum nächsten Dorf durchzuschlagen!« Dies leuchtete dem Doktor ein, und bald darauf hatten sie sich mit dem kleinen Trupp vereinigt, der entschlossen war, nach dem fernen Dorfe aufzubrechen. Daß es ein tollkühnes Unternehmen war, erkannten einige der Teilnehmer nur allzubald. Sie vermochten kaum der Gewalt des grimmigen Sturmes zu widerstehen und verloren bei dem dichten Schneefall obendrein die Richtung. Der Mann, welcher ihnen als Führer dienen sollte, war der erste, der die Hilfe seiner Gefährten in Anspruch nahm und sich halb erstarrt von ihnen mit fortschleppen ließ. Nach einem mehr als halbstündigen verzweifelten Kampf sank den meisten der Mut, und sie wären gewiß wieder umgekehrt, hätten sie nur hoffen können, den Rückweg zu finden. Die dunkle Nacht und der wirbelnde Schnee ließen sie jedoch nichts erkennen, außer von Zeit zu Zeit einen Baumstamm, wenn sie der Wind dagegen trieb. Doktor Kameron, dem ein solcher Kampf mit den Elementen völlig neu war, bot seine ganze Willenskraft auf, um nicht zu erliegen. Zuerst hatte er sich an zwei der stärksten Männer angeschlossen, deren Mienen ihm besonderes Vertrauen einflößten; er wurde jedoch in der Dunkelheit von ihnen getrennt. Im Weiterschreiten kam er an die Seite eines andern Gefährten, und als er einmal erschöpft stillstand, reichte ihm der Fremde den Arm und zog ihn mit sich fort. Dieser Beweis menschlichen Gefühls und die Berührung selbst schienen Wunder zu wirken. Des Doktors Kraft ward neu belebt; zwar konnte er dem hilfreichen Genossen seine Erkenntlichkeit nicht in Worten aussprechen, aber er drückte doch dankbar den stützenden Arm und hob sein Haupt mutiger empor. Diese zwei kühnen Männer, welche an der Spitze des Zuges marschierten, während die andern mehr und mehr zurückblieben, fochten unverdrossen weiter gegen alle Hindernisse. Nur einmal machte der Doktor Miene, sich auf einen weichen Schneehaufen zu kurzer Rast niederzulassen, aber sein unbekannter Kamerad ließ ihm keine Zeit; schon fühlte er sich von seinem Arm erfaßt und aufgerüttelt. O Gott, fuhr es ihm durch die Seele, wenn Genofeva mich jetzt im Traume erblickte! Ein sanftes, zärtliches Gefühl überschlich ihn, wie es sein Herz seit lange nicht empfunden; sein Tritt ward unsicher, die Knie wankten ihm, und er wäre zu Boden gefallen, hätte ihn nicht der starke Arm gehalten. Da tauchte in der dunkelsten Nacht auf einmal vor ihnen ein fernes, schwaches Licht auf; ob es aus einem Hause kam, ob ein Wanderer es in der Hand trug, sie wußten es nicht, aber der Anblick gab ihnen neues Leben, und sie folgten dem freundlichen Leitstern, der ihnen eine sichere Zukunft versprach. Schulter an Schulter drangen sie weiter vor, obgleich ihnen der angehäufte Schnee zuweilen bis an die Brust reichte. Plötzlich jedoch erlosch das rettende Licht. Sie schrien nach Hilfe, aber keine Antwort kam zurück, und die Enttäuschung war doppelt groß nach der kurzen Hoffnung. Selbst wenn uns die Kraft nicht verläßt, ehe wir durch die Schneewüste bis zum Dorf gelangen: zurück kommen wir nicht wieder, dachte Kameron bei sich. Der starre Frost lähmte ihm die Glieder, und er fühlte, er müsse sich gewaltsam aufrecht halten, sonst sei alles verloren. Da fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, daß Molesworth jetzt vielleicht wieder in Neuyork sei, in ein und derselben Stadt mit seiner Frau; das feuerte ihn an und entflammte seinen Eifer von neuem: »Ich will nicht unterliegen,« war sein unbeugsamer Entschluß, und nun war es Kameron, der am energischsten vorwärtsdrang und den Gefährten mit sich fortzog. Von dem scharfen, prickelnden Schnee schmerzten ihn die Augen, er hatte sie seit einigen Minuten geschlossen, als er sich urplötzlich auf der Stelle festgehalten fühlte. Er blickte um sich und gewahrte, daß sie am Rande eines wild schäumenden Flusses standen, in den er blindlings hineingestürzt wäre, hätte ihn nicht der wachsamere Gefährte zurückgehalten. Schaudernd erkannte er die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage. Das also war das Ende der Wallfahrt. Alles Leiden war vergeblich gewesen, auch der furchtbare Kampf, bei dem sie hundertmal dem Tode getrotzt hatten, um nun doch zu unterliegen. Dem Doktor war der Mut geschwunden; er fühlte, daß er nicht einmal mehr Kraft genug besitze, um dem Fremdling an seiner Seite eine letzte Botschaft an sein Weib anzuvertrauen. Im Geist sah er in diesem Augenblick ihre reinen Züge vor sich auftauchen, es war ihm, als schaue er in ein Engelsangesicht. Da wandte sich sein Kamerad auf einmal nach rechts und zog ihn mit sich; mechanisch folgte er; es war ja doch alles umsonst, jede Hilfe ausgeschlossen. Er sehnte sich nur nach Ruhe und wäre, sich selbst überlassen, sicherlich zu Boden gesunken, um nicht wieder aufzustehen. Aber er blieb nicht allein, und jetzt vernahm er neben sich ein hohles, dumpfes Krachen, das wieder und wieder erklang und ihm wie Posaunenton in den Ohren dröhnte. Es war der Anprall eines Verzweifelnden gegen eine verschlossene Türe. Wider Willen aus seiner Erstarrung aufgerüttelt, vereinigte er seine Anstrengung mit der des Genossen. Sie stemmten zusammen die Schultern gegen das ungefügige Holz und mit der Anspannung ihrer letzten Kräfte hoben sie die Türe aus den Angeln, daß sie donnernd nach innen auf den Boden stürzte. Vor ihnen gähnte pechschwarze Nacht, allein sie waren unter Dach und fühlten wärmere Luft. Kamerons Herz durchströmte inniges Dankgefühl; er half dem Kameraden die Oeffnung wieder mit der Tür schließen, dann schwankten sie vorwärts in den dunklen Raum hinein. Nach einem Moment halber Bewußtlosigkeit gewann Kameron so viel Kraft, um mit den erstarrten Fingern nach der Streichholzbüchse in seiner Tasche zu suchen und Licht zu machen. Ich muß meinen Beschützer von Angesicht sehen, rief er und hielt das brennende Streichholz zwischen sich und den Mann, dessen wunderbare Tatkraft und Ausdauer ihn aufrecht erhalten und bis zu dem rettenden Port geleitet hatte. Gleichzeitig entrang sich ihren Lippen ein Schrei maßlosen Erstaunens. Doktor Kameron und Julius Molesworth sahen sich Auge in Auge einander gegenüber. Dreißigstes Kapitel. Für Kamerons erschöpften Zustand war die Erschütterung zu heftig, er sank wie ein Stein zu Boden, Als er wieder zu sich kam, erschien ihm alles wie ein Traum; nur wie durch einen Schleier sah er zwei Augen auf sich gerichtet, die sich aber sofort wieder von ihm anwandten. Allmählich begann er sich in der fremdartigen Umgebung umzuschauen. Wie er an diesen seltsamen Ort gekommen, war ihm nicht mehr erinnerlich; es kam ihm beim Schein des flackernden Herdfeuers vor, als befinde er sich in einer Höhle oder der Hütte eines Nordländers; vier kunstlose Pfeiler trugen eine rohgezimmerte Balkendecke, von welcher an den Wänden allerlei Tierhäute und Felle herabhingen. Der Fußboden war feucht und ungedielt; Tisch und Bank, welche die Mitte des Gemachs einnahmen, sowie das Lager, auf dem er ruhte, schienen aus einer Zeit zu stammen, da noch jeder sein eigenes Hausgeräte aus dem Holz zu fertigen pflegte, das um seine Blockhütte her wuchs. Der erste bekannte Gegenstand, dessen er ansichtig wurde, war ein Mantel, mit welchem seine erstarrten Glieder fürsorglich bedeckt waren. Dies rief ihm die vergangenen Leiden und seine plötzliche Rettung ins Gedächtnis zurück, und schon im nächsten Augenblick stand ihm die ganze Lage der Dinge mit furchtbarer Deutlichkeit vor der Seele. Vom andern Ende des Raumes her vernahm er einen unterdrückten Laut und richtete sich auf dem Ellenbogen in die Höhe, um verstohlen nach seinem Gefährten auszuspähen, in welchem er mit Grauen seinen verhaßtesten Feind erkannt hatte. Er sah ihn am Herde kauern, über das Feuer gebückt, auf welches er versorglich Holz und Reisig häufte, das neben ihm aufgeschichtet am Boden lag. Den seine Gestalt verhüllenden Mantel hatte er ausgezogen, der Schnee, welcher ihm Haar und Gesicht bedeckt hatte, war geschmolzen und die Flamme beleuchtete den stets wechselnden Ausdruck in seinen scharfgeschnittenen Zügen mit unheimlichem Schein. Ist er ein Engel oder ein Teufel? dachte Kameron und versuchte die steifen Glieder zu strecken, um sich zu erheben. Die Anstrengung ging jedoch über seine Kräfte; noch mehrere Minuten lag er unbeweglich da, auf das Heulen des Sturmes horchend und halb hoffend, halb fürchtend, es möchte ein Hilfeschrei an sein Ohr dringen, der das Nahen eines der übrigen sturmverirrten Wanderer verkündigte. Endlich aber konnte er die Leidenschaft, die in seinem Innern tobte, nicht länger bezähmen; er raffte sich vom Lager empor und schritt über die schwarzen Schatten der Pfeiler am Boden hin auf Molesworth zu, der sich bei seiner Annäherung erhob. Welcher Fügung der Vorsehung verdanke ich dies Zusammentreffen? fragte er. Ich glaubte nicht anders, als daß Sie mit dem Nachtzug abgefahren seien, Doktor Molesworth, und mir weit voraus. Das tat ich, war die kurze Antwort, aber beide Züge sind in derselben Schlucht stecken geblieben. Daher die unheilvolle Begegnung. Ich aber preise die Gnade des Himmels, die sich meiner erbarmt hat, frohlockte Kameron, hier können Sie mir nicht mehr entgehen. Sein Gegner blickte ihn einen Augenblick kopfschüttelnd und seufzend an. Sie wissen nicht, was Sie sagen, murmelte er. Besser, wir lägen beide dort draußen im Schnee begraben, oder wenigstens ich wäre tot, als daß uns diese Stunde hier zusammenführt. – Lassen Sie uns wenigstens handeln, wie es weisen Männern ziemt, und einander als Fremdlinge betrachten, bis die Vorsehung uns Mittel und Wege zeigt, uns zu trennen, um einander nie wieder zu begegnen. In Kamerons Blicken loderte eine wilde Glut. Glauben Sie wirklich, rief er mit Ungestüm, daß ich Sie wieder von mir lasse, ehe ich Ihnen das Geheimnis entrissen habe, welches mir nicht nur Haus und Herd bedroht, sondern auch die Sicherheit und Ehre meines Weibes? Ich verstehe den Sinn Ihrer Worte nicht, entgegnete Molesworth. Die Unsicherheit, mit der er sprach, war das erste Zeichen von Schwäche, das Kameron je an ihm bemerkt hatte. Ich weiß von keinem Geheimnis, das – Die Gebärde seines grimmigen Verfolgers brachte ihn zum Schweigen. Walter Kameron stand vor ihm wie ein Rachegeist. Das ist eine Lüge, sprach er langsam, aber fest. Um mich mit leeren Ausflüchten abspeisen zu lassen, habe ich nicht mein bewußtloses, krankes Weib verlassen und den Schrecken des Sturmes getrotzt. Wenn Sie mich hassen – Doktor Molesworth lächelte. Wenn Sie mein Weib lieben – Doktor Molesworth fuhr in die Höhe. Glauben Sie nicht, Sie können mich verderben oder Sie werden sie erringen, indem Sie das Geheimnis zu verbergen suchen, um dessentwillen Sie geflohen sind. Inzwischen sind seltsame Dinge zutage gekommen; die Polizei hegt jetzt nicht mehr den Verdacht, daß Sie, Doktor Molesworth, der Urheber von Mildred Farleys Tode sind, sie erhebt ihre Anklage gegen meine Gattin, gegen die Frau, welche Sie – er sprach nicht weiter, sein Stolz gewann die Oberhand über jedes andere Gefühl. Molesworth wandte sich ab, um das fast erloschene Feuer von neuem anzufachen. Ihre Mitteilungen überraschen mich, sagte er, darf ich Sie bitten, sich deutlicher zu erklären. Das will ich. Zu dem Zweck bin ich hier, rief Kameron in seiner Erregung, Ort und Stunde vergessend. Von der Polizei gedrängt, hat meine Frau nicht länger verschwiegen, daß das Mädchen nicht, wie Sie beschworen haben, in Ihrem Wagen während der Fahrt gestorben ist, sondern vorher, in ihrer Gegenwart im Hause Gretorex am Nikolasplatz. Sie hat auch eingestanden, daß Sie selber in die Angelegenheit verwickelt wurden, indem Sie ihr zu Hilfe kamen und die Tote fortschafften. Es entstand eine tiefe Stille; endlich öffnete Molesworth die fest geschlossenen Lippen und flüsterte kaum vernehmbar: Sie sagen, sie sei krank? Schwer krank. Und Sie wünschen von mir – Gewißheit über einen Punkt zu erhalten, an dem für mich Leben oder Tod hängt. – Halt! – Sie sollen mir nicht entgehen. Molesworth war nach der Tür geeilt, aber er hörte das Rasen des Sturmes und ließ sich in stummer Ergebung auf die Holzbank sinken. Ueber welchen Punkt? fragte er. Walter Kameron nahm alle Kraft zusammen: Ob das Weib, dem ich angehöre, nur Zeugin von Mildred Farleys Tode war, oder ob sie von einem unklaren Gefühl fortgerissen, jener selbst den Trank gereicht hat, welcher – Sie wissen, was ich meine. Zwingen Sie mich nicht, auszusprechen, was nur zu denken schon Wahnsinn ist. Und woher glauben Sie, daß ich imstande bin, diese furchtbare Frage zu beantworten? – Molesworth sprach mit so leiser Stimme; daß seine Worte in dem Toben des Unwetters fast verhallten. – Wenn Frau Kameron Ihnen über meinen Anteil an dem unglückseligen Ereignis die Wahrheit gesagt hat, so müssen Sie ja wissen, daß ich erst dazukam, als das Mädchen bereits tot war. Sie sahen sie aber noch unter dem Eindruck des ersten Entsetzens. In solchen Momenten bleibt nichts verborgen. Was haben ihre Blicke, ihre Mienen bekannt ? Kamerons Stimme bebte, er rang mühsam nach Fassung: beim Anblick seiner entstellten Züge wich Molesworth erschreckt zurück und fand erst kein Wort der Erwiderung; endlich sagte er: Haben Sie so wenig Vertrauen zu Ihrer Gemahlin – Jetzt brach des andern verhaltene Leidenschaft in hellen Flammen los: Vertrauen! Sie reden mir von Vertrauen, während sie mich nur geheiratet hat, um der Hölle zu entfliehen, die Ihre Gleichgültigkeit ihr bereitet hätte. Und jetzt wagen Sie es, Briefe an sie zu schreiben, um – Von Molesworths Blick getroffen, verstummte er, und als jener seinen Arm mit festem Griff faßte, durchdrang ihn zugleich das Gefühl der Dankbarkeit für die Rettung, die er ihm verdankte, als auch der Seelenpein, die ihm Molesworth zufügte. Ihre Worte sind unverständliche Rätsel, rief Molesworth. Was reden Sie von meiner Gleichgültigkeit und ihrer Heirat? Wie können Sie behaupten, ich hätte ihr Briefe geschrieben, während ich an dergleichen nicht einmal dachte? Blind vor Zorn hörte Kameron nur die letzte Versicherung. Wollen Sie leugnen, rief er, daß Sie vor wenigen Tagen einen Brief an meine Frau gerichtet haben, worin Sie erklären, Ihre frühere Leidenschaft für sie sei nur ein Schatten, eine leere Täuschung gewesen; erst jetzt sei Ihre wahre Liebe erwacht – Aber Walter! – Seine Stimme klang so sanft und herzlich, daß Kameron ihn verwirrt und bestürzt anstarrte – in wie seltsamem Irrtum sind Sie befangen! Ja, ich habe einen Brief geschrieben, ihn jedoch nicht abgesandt; nicht an Ihre Frau war er gerichtet, sondern an Sie selbst. – Sie glauben mir nicht? Wohl, ich kann es Ihnen beweisen, ich habe den Brief bei mir. Und mit hastigem Griff zog er aus seinem Taschenbuch einen offenen Umschlag hervor, den er in Kamerons Hand legte. Lesen Sie! rief er und trat an den Herd, wo das Feuer zu erlöschen drohte. Aber Kameron war völlig fassungslos; die Buchstaben schwammen ihm durcheinander und tanzten vor seinen Augen; nach einigen vergeblichen Bemühungen mußte er den Versuch aufgeben und starrte seinen Gefährten mit hilflosen Blicken an. Hören Sie mich, Walter, sprach jener, in seiner starken Gemütsbewegung unwillkürlich die alte vertrauliche Anrede gebrauchend. Wenn ich Sie durch mein Verhalten unwissentlich beleidigt habe, so kann ich zu meiner Rechtfertigung nichts anführen als meine aufrichtige, ebenso herzliche, wie männliche Liebe für Sie. Sie nahmen meinen Platz an Brigitte Hallorans Lager ein, Sie stimmten meiner Diagnose bei und wandten meine Arzneimittel an, mit dem Bewußtsein, daß ein Mißlingen der Kur Ihnen Hohn und Spott eintragen würde, während der Ruhm eines etwaigen Erfolges auf mein Teil fallen sollte. Seitdem liebe ich Sie, wie meinen Bruder, mit aufrichtigster Herzensneigung. Von Natur kalt, empfinde ich doch für zwei Menschen die unbegrenzteste Zärtlichkeit: für meine Mutter, die mir Vorbild und Leiterin war, und für den Mann, der sich mir als Freund erwiesen hat. Bestürzt und verwirrt über diese völlig unerwartete Ansprache vermochte Kameron nur ungläubig zu stammeln: Aber einst sind Sie doch in leidenschaftlicher Glut für ein Weib entbrannt, für die Frau, welche seitdem meine Gattin geworden ist? – Der liebreiche Ausdruck in Molesworths Blick wich einem geheimnisvollen Feuer, das urplötzlich in seinen Augen aufflammte, um ebenso schnell wieder zu erlöschen. Hat sie Ihnen vertraut – begann er. Ich habe ihre Briefe gelesen, welche aus einer Zeit datieren, als sie meine Braut war, und unsere Hochzeit vor der Türe stand. Die Briefe waren für Sie bestimmt, sind zwar nicht abgeschickt worden, offenbaren aber in allen Einzelheiten den von ihr im Verein mit ihrer Schwester gefaßten Plan, nach welchem die Näherin Mildred Farley mir als Braut untergeschoben werden sollte, während Genofeva – Molesworths Gesicht war erdfahl geworden; er ergriff krampfhaft des andern Hand und hing mit seinen Blicken atemlos an seinem Munde. Sie rechneten darauf, die vornehme junge Dame zu heiraten und konnten sich nicht in die gewöhnliche Näherin finden, die sich Ihnen statt dessen darbot. Ich verdenke Ihnen das nicht; aber die Tatsache bleibt bestehen, daß die Braut mit der Liebe zu Ihnen im Herzen mit mir zur Trauung schritt und mir die Hand reichte, die noch eben in der Ihrigen gelegen. Die Leiche ihrer Schwester war noch nicht aus dem Hause geschafft, als sie mein Weib wurde. Es ist ein Trauerspiel ohne Gleichen, sprach Molesworth in dumpfem Ton; dann lauschte er gespannt, ob nicht ein Nachlassen des Sturmes es ihm ermöglichen werde, der erzwungenen Zusammenkunft ein Ende zu machen. Kameron aber dachte nicht mehr an Sturm und Unwetter. Sie ist mir eine liebende Gattin gewesen, fuhr er fort, und ich, der von ihrer düstern Vergangenheit nichts ahnte, habe sie in mein Herz geschlossen und jeden Argwohn in mir niedergekämpft, als ich sah, wie die Polizei sie von allen Seiten bedrängte. Meine Zweifel sind erst mit doppelter Gewalt erwacht, als ich von dem Briefe hörte, den Sie geschrieben, und glauben mußte, daß der Anblick ihrer Schönheit in Ihnen die Liebe zu ihr aufs neue angefacht habe. Nun sagen Sie mir aber, der Brief sei an mich gerichtet gewesen, nicht an sie! Ich segne Sie für dies Wort, Molesworth, ich segne Sie viel tausendmal; denn, wenn sie rein ist von der Sünde, deren ich sie zieh, kann sie nicht auch ebenso unschuldig an dem Verbrechen sein, dessen die Polizei sie anklagt? Eine wahre Bergeslast schien sich ihm vom Herzen zu wälzen; sein Blick war so voller Inbrunst, daß Molesworth unwillkürlich seufzen mußte. Sie hängen an ihr mit ganzer Seele, murmelte er, nicht Ihr Stolz allein hat also unter dem Zweifel gelitten. Stumm wandte sich Kameron einen Moment ab, dann bezwang er sich nicht länger. Ja, ich liebe sie, rief er; sie ist mir teurer als mein Leben, wie seltsam auch dieses Bekenntnis Ihnen gegenüber klingen mag! Bleibt auch nur der Schatten eines Verbrechens an ihr haften, so bin auch ich ein gebrochener Mann. Mein Glück ist auf immer dahin, und zwar nicht, weil meine Laufbahn zerstört ist und Neugier und Spott mit Fingern auf mich weisen dürfen, sondern weil mein Ideal in den Staub getreten ist, weil das Weib, welches ich voll Entzücken an meinem Herzen hielt, in der ganzen Ruchlosigkeit ihres wahren Charakters vor mir dasteht. Ich verstehe Sie, obgleich ich nie geliebt habe – Molesworth hielt inne und besann sich. Verzeihung, bat er nicht ohne männlichen Stolz, das Gefühl, das ich einst für Genofeva Gretorex zu hegen wähnte, liegt so weit hinter mir, daß ich kaum noch die Erinnerung daran bewahre. Gott, der uns beide dem drohenden Untergang im Schneesturm entrissen hat, ist mein Zeuge, daß ich nur Ihr Bestes will, Kameron! Ich glaube Ihnen; Sie haben den Haß bezwungen, den ich noch vor einer Stunde gegen Sie im Herzen hegte; ich lege mein Leben, meine Ehre vertrauensvoll in Ihre Hand. Sie werden mit mir zurückkehren, Julius, werden sich der Polizei zur Verfügung stellen und mir helfen, Genofevas Unschuld zu beweisen. Sie sind ja überzeugt, daß das Weib, dem Sie in seiner schrecklichen Bedrängnis so wunderbare und beispiellose Hilfe leisteten, nicht eine verabscheuungswürdige Mörderin war, sondern nur eine unschuldige Unglückliche, deren einziges Vergehen darin bestand, daß sie entschlossen war, zu ihrem früheren Selbst zurückzukehren, sogar auf Kosten der ehrgeizigen Hoffnungen ihrer Schwester. Ich wünsche nichts sehnlicher, als Ihnen zu helfen, erwiderte Molesworth, aber so, wie Sie meinen, geht es nicht. Hätte ich Ihnen nützen oder Ihre Frau retten können, wenn ich in Neuyork blieb, wahrlich, ich hätte meine Kranken nicht verlassen, nicht in einem Augenblick, wo sich mir hoffnungsvolle Aussichten erschlossen, meinen Beruf aufgegeben, um mich in einer elenden, abgelegenen Bauernhütte verborgen zu halten. Aber – Sie fürchteten für Ihre eigene Sicherheit, Sie haben einen Meineid geschworen und – und – Ich fürchte nichts für mich. Seit ich Sie kenne, hege ich nur den einen Wunsch, Sie vor jedem Kummer, jeder Demütigung zu bewahren. Lesen Sie den Brief, den ich an Sie geschrieben habe. Hätte ich ihn abgeschickt, so wären Sie vielleicht nicht hier. Aber ich wollte warten, bis die Gefahr dringender war, und ich zu der unumstößlichen Gewißheit gelangte, daß meinerseits ein langes, vielleicht fortgesetztes Opfer erforderlich sein würde. Lesen Sie den Brief! – Kameron gehorchte mechanisch; er bezwang den Sturm in seinem Innern, heftete die Blicke auf das Papier in seiner Hand und las beim Schein der Herdflamme folgende Worte: »Lieber Doktor Kameron! Wenn Ihnen diese Anrede vielleicht anmaßend erscheint, so verzeihen Sie einem Unglücklichen, der voll Hochachtung zu Ihnen aufblickt. Was Sie für mich getan haben, das wissen Sie, nicht aber, welches unaussprechliche Gefühl der Dankbarkeit und Zuneigung Ihre hochherzige und selbstlose Handlungsweise in meiner Brust erweckt hat. Ich hätte es früher nicht für möglich gehalten, daß meine Hingebung an jemanden bis zur Hintansetzung meines Berufes und meines Ehrgeizes gehen könnte. Sie haben das bewirkt, und mein vornehmstes Bestreben soll hinfort sein, Ihren Liebesdienst zu vergelten. Ich will mir das zu einer wahren Lebensaufgabe machen, und wenn Ihnen dieses Geständnis dünkelhaft und unmännlich erscheint, so bitte ich Sie mit Ihrem Urteil zurückzuhalten im Hinblick auf meine Entschlossenheit, Ihre Ehre und Ihr Glück vor Unheil zu bewahren. Der Liebe ist kein Opfer zu groß, und dies Gefühl hat mich für Sie beseelt von dem Augenblick an, da Sie mir in der höchsten Bedrängnis so großmütig Ihre Hilfe zusagten. Zürnen Sie mir daher nicht, wenn ich jetzt vom Schauplatz verschwinde. Es geschieht allein um Ihretwillen, denn Ihnen zu dienen ist das innigste Verlangen Ihres wahrsten und treuesten Freundes Julius Molesworth . Verbrennen Sie diese Zeilen und vergessen Sie, daß ich sie je geschrieben.« Der Brief entsank Kameruns Hand; Molesworth griff danach und warf ihn in die Flamme. Beim Schein des aufflackernden Feuers standen die beiden Männer einander wieder Auge in Auge gegenüber. Was soll das? stöhnte Kameron. Daß ich nicht mit Ihnen nach Neuyork zurückkehren darf. Daß jeder Verkehr zwischen uns aufhören muß. Sobald der Sturm sich legt, und ein Pfad durch die Schneewüste gefunden werden kann, entschwinde ich Ihren Blicken für immer. In welchem Schlupfwinkel ich mich verberge, dürfen Sie nie erfahren; um Ihrer Ehre, um Ihres Glückes willen dürfen Sie mir nicht folgen. Totenblässe bedeckte Kamerons Gesicht bei diesen Worten. Hierfür gibt es nur eine Auslegung, rief er; Sie sind zu der Ueberzeugung gelangt, oder Sie haben Beweise dafür, daß – Molesworth hielt Kamerons Hand mit eisernem Griff umklammert. Kein Wort weiter, befahl er. Fordern Sie keine Erklärung von mir! Für uns ist kein anderer Ausweg möglich, als zu schweigen, nun Sie erfahren haben, daß ich nicht aus Furcht, sondern nur um Ihretwillen die Flucht ergriffen habe, und daß zwischen uns kein anderes Band besteht, als das der Liebe und Hochachtung. Und Genofeva – Der Name fiel wie ein Donnerkeil zwischen ihnen nieder. Es entstand eine drückende Stille, dann fuhr Molesworth fort: Man wird sie auf einen bloßen Verdacht hin nicht gerichtlich belangen. Solange ich verborgen bleibe, können die Zweifel, welche den Fall umgeben, nicht gelöst werden, und alle Anstrengungen, ihn zu ergründen, müssen sich als vergeblich erweisen. Und wenn man Sie findet? Das wird nicht geschehen. Ich habe jetzt einen noch stärkeren Antrieb, mich vor den Spähern zu hüten, seit Sie mein Bekenntnis angehört haben, ohne mich zurückzustoßen. Das tiefe Gefühl, welches in diesen Worten lag, verfehlte seinen Eindruck auf Doktor Kameron nicht, zugleich aber trat ihm sein hoffnungsloser Jammer klar vor die Seele. Er schlug beide Hände vor das Gesicht und stöhnte laut: So ist denn mein Traum zu Ende! Meine Frau ist – Das Weib, das Sie verpflichtet sind, zu schützen und zu lieben, unterbrach ihn der andere mit ernster, beinahe feierlicher Stimme. Wie zerschmettert sank Kameron auf seinen Sitz zurück. Die wilde Leidenschaft, mit welcher er die Unterredung begonnen hatte, war verflogen, und völlige Gleichgültigkeit an ihre Stelle getreten. Ehe er noch ein Wort der Erwiderung fand, eilte Molesworth nach dem andern Ende des Raumes, stieg die Sprossen einer kleinen Leiter in die Höhe, die an der Mauer lehnte und verschwand in der Dunkelheit durch eine Falltür, die in das obere Stockwerk führte. Einunddreißigstes Kapitel. Das Feuer war abgebrannt, und die empfindliche Kälte weckte Kameron endlich ans der dumpfen Betäubung, in der er zurückgeblieben war. Halb erstarrt stand er auf und schürte die Glut von neuem, bis eine behagliche Wärme ihm durch die Glieder strömte. Dann schob er die Tür etwas zur Seite, um hinauszublicken; ein heftiger Windstoß trieb ihm den Schnee ins Gesicht, und er taumelte von der Oeffnung zurück, vernahm aber zu gleicher Zeit einen halberstickten Verzweiflungsschrei, der ihm kundtat, daß einer seiner Unglücksgefährten draußen im Sturm mit dem Tode rang, vielleicht in unmittelbarer Nähe seines rettenden Armes. Da galt kein Besinnen; in seiner Hast warf Kameron die Tür dröhnend zu Boden, riß einen Feuerbrand vom Herde und schwang das Rettungszeichen in die Dunkelheit hinaus. Schon im nächsten Augenblick hatten Schnee und Wind es ausgelöscht, aber nicht bevor es dem Verirrten den Weg gewiesen. Atemlos und keuchend kam ein Mann durch die Oeffnung gestürzt und fiel, keines Wortes mächtig, auf die vom hereinwehenden Schnee bedeckte Erde. Kameron leistete ihm sofort die nötige Hilfe, wie es Molesworth für ihn getan. Nachdem er die Türöffnung wieder geschlossen, schleppte er den Mann zum Feuer und versuchte mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, ihn wieder zu sich zu bringen. Bald gewahrte er denn auch zu seiner Genugtuung, daß die zwar schmächtigen, aber kraftvollen Glieder sich neu zu beleben begannen und ein deutliches »Ich danke Ihnen« sich vernehmen ließ. Er schrak zusammen, die Stimme kam ihm bekannt vor. Rasch beugte er sich nieder und blickte dem Geretteten ins Gesicht. Zu seinem großen Erstaunen erkannte er in ihm den Hausierer, dessen Gegenwart ihm schon in den letzten Tagen wiederholt lästig gefallen war. Ein schlauer Zug um Augen und Mund, der Kameron früher nicht aufgefallen war, verriet ihm aber zugleich noch eine andere Tatsache. Wie ein Blitz fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, der Mensch habe wohl nur deshalb seinen Weg so oft gekreuzt, weil er dazu bestellt war, ihm zu folgen. Sie find ein Geheimpolizist, nicht wahr? fragte er, so kaltblütig er vermochte. Zu dienen, gestand der andere, indem er sich erhob und dabei so kräftig auftrat, daß die Hinfälligkeit, die er vordem zur Schau getragen, plötzlich verschwunden war. Wie freut es mich, Sie gerettet zu sehen. Solchen Sturm habe ich noch nie erlebt, ich glaubte schon, es wäre mit uns allen Matthäi am letzten. Kameron erwiderte kein Wort; er dachte an den Flüchtling oben, der nicht ahnen konnte, was für ein gefährlicher Kamerad in ihren Schlupfwinkel eingedrungen war. Hier ist's zum Glück ganz behaglich; drüben am Herde liegt noch ein Haufen Holz, und ein Bissen Brot wird sich doch auch auftreiben lassen. Halt! rief der Doktor, da jener im Gefühl der neuen Lebenskraft nicht übel Lust zeigte, den Ort, an welchem sie sich befanden, einer genauen Durchforschung zu unterziehen, wobei er unfehlbar die Leiter entdeckt hätte, halt! Erst beantworten Sie mir gefälligst ein paar Fragen. Zuvörderst: wie kommen Sie hieher? Ich ließ Sie doch in Sinton zurück. Ja, aber ich nahm Anteil an Ihnen und zog deshalb vor, in Ihrer Nähe zu bleiben. Unsereins läßt man nicht so leicht zurück. Ich schlief im selben Gasthaus mit Ihnen und fuhr mit dem gleichen Zuge ab. Wir haben einen harten Strauß bestanden, aber das ist glücklich vorbei und verdrießt mich nicht weiter. Kameron musterte ihn mit ernsten Blicken. Sie kommen aus Neuyork, sagte er, und sind meinen Schritten gefolgt, seitdem ich die Stadt verließ? So gut es ging. Aber das hat nichts auf sich, solange es in freundlicher Absicht geschieht. Sie werden mir bezeugen, daß ich bei meinen kleinen Aufmerksamkeiten nie die schuldige Achtung verletzt habe. Doch möchte ich mir gerade über Ihre Absichten etwas nähere Aufklärung ausbitten. Hat die Polizei Sie mir als Spion nachgeschickt, oder sollen Sie mich in meinen Bemühungen unterstützen, Doktor Molesworth aufzufinden? Das können Sie noch fragen nach allem was geschehen ist? Wären Sie ohne meinen Beistand dem Bösewicht je auf die Spur gekommen? Und wenn auch, hätte man Sie nicht für einen Polizeispion gehalten und mit Mißtrauen betrachtet? Es war zwar nur wenig, was ich für Sie tun konnte, aber doch genug, um Ihnen zu beweisen, daß ich hier bin, um Ihre Zwecke zu fördern. Nur der Sturm ist schuld daran, daß uns der Flüchtling entkommen ist. – Aber, zum Kuckuck, in was für eine Spelunke sind wir denn eigentlich hier geraten? Diese Pfeiler, der Tisch, die Bank, die Tierfelle – man glaubt sich in eine Höhle versetzt, nur der Feuerherd paßt nicht recht dazu. Jedenfalls haben wir hier Zuflucht gefunden und Obdach für die Nacht, rief Kameron, der des andern Blicke neugierig zur Decke hinaufgerichtet sah, mehr brauchen wir nicht zu wissen. Mir scheint, wir sind im Untergeschoß eines Hauses, und wir wollen nur hoffen, daß der Eigentümer nicht zum Vorschein kommt und uns unserer Wege weist. Wer soll nur kommen, ich fürchte mich nicht. Wüßte ich nur, wo er seine Vorräte verwahrt! Wir täten besser, daran zu denken, ob nicht noch andere verirrte Wanderer in Todesnot draußen sind und unserer Hilfe bedürfen, entgegnete der Doktor in dem unbestimmten Gefühl, daß ein solcher Zuwachs erwünscht sein könne. War denn niemand in Ihrer Nähe, als ich Sie rufen hörte? Wir waren doch mindestens unser zwölf, als wir aufbrachen. Jeder ist sich selbst der Nächste in solcher Not. Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht. Ich hatte sogar Ihre Spur verloren. Aber wo ist denn Ihr Gefährte? Mein Gefährte? – Da liegt ja noch ein Ueberzieher. Sie haben doch nicht zwei angehabt? Kameron sah sich betroffen um; auf dem Boden lag noch das Kleidungsstück, mit welchem Molesworth ihn auf dem Lager zugedeckt hatte. Das Wort blieb ihm fast in der Kehle stecken, und er mußte selbst über die scheinbare Sorglosigkeit staunen, mit der er erwiderte: Es ist noch einer hier, einer der Reisenden, der sich mit mir durchgeschlagen hat. Er ist hinaufgegangen, da muß wohl noch eine Art Zimmer sein. Haben Sie es nicht untersucht? – Wenn man in solchem Nest steckt, muß man sich doch darin umsehen. Wo ist denn die Treppe? Was weiß ich und was kümmert's mich? Ich lasse mir an dem genügen, was die Götter mir beschert haben. Sie sind freilich nicht »Q., der Neugierige«, lachte der andere. Wenn ich auch nur fünf Minuten an einem Orte bin, muß ich ihn von oben bis unten durchstöbern. Das gehört zu meinem Geschäft, ja, mehr als das: es liegt in meiner Natur. Q.? fragte der Doktor zerstreut. So heiße ich; eine Abkürzung des lateinischen » Quaesitur «; ich bin ein lebendiges Fragezeichen. Kameron war ein solcher Mensch noch nicht vorgekommen, er sah ein, daß er gegen ihn nichts werde ausrichten können. Ihr Name ist wunderlich, und Ihre Naturanlage wenig beneidenswert, bemerkte er, aber das geht mich nichts an. Wahrscheinlich ist sie Ihnen in Ihrem Beruf sehr nützlich. Ja, da treffen Sie den Nagel auf den Kopf. Mich als Geheimpolizist auszuzeichnen, ist mein höchstes Streben. Wenn Herr Gryce einst alt und schwach wird, hoffe ich ihn zu ersetzen. Man hält das nicht für unmöglich. – Jetzt aber bin ich darauf aus, uns ein Abendessen zu verschaffen; hier unten ist nichts zu holen, das ließt auf der Hand, ich muß einmal mein Glück im oberen Stockwerk versuchen. Er würde sich sicherlich dahin begeben haben, und Kameron hätte ihn nicht zurückhalten können, ohne seinen Argwohn zu erregen, wenn nicht in diesem Augenblick der Ruf erschallt wäre: Hurrah, die Hütte des alten Harper! Zugleich erfolgte ein heftiger Anprall gegen die Türe. Sie polterte auf den Boden, und drei Männer stürzten, vom heulenden Wind getrieben, gleich Wahnsinnigen in den innern Raum. Dieser unerwartete Ueberfall fesselte für den Augenblick die Aufmerksamkeit des Geheimpolizisten, was für Kameron von größter Wichtigkeit war, da er bereits ernstliche Besorgnis zu hegen begann. Die allgemeine Aufregung benutzend, schlich er sich leise davon und stieg, ohne bemerkt zu werden, in jene dunkle Region hinauf, wo Molesworth vorhin verschwunden war. Des Flüchtlings Namen und Persönlichkeit vor Entdeckung zu schützen, hielt Kameron jetzt für seine wichtigste Aufgabe. Zweiunddreißigstes Kapitel. Sobald Kameron Boden unter den Füßen fühlte, kniete er nieder und tastete im Dunkeln nach den Enden der Leiter. Sie waren an einer oben angebrachten Eisenstange mittelst Haken befestigt, die Leiter konnte daher leicht ausgehängt und heraufgezogen werden. Nachdem der Doktor auf solche Weise alle Verbindung zwischen dem oberen und unteren Stock abgeschnitten und die Leiter oben im Gang niedergelegt hatte, war er der frohen Zuversicht, daß »Q,, der Neugierige«, wie er sich nannte, nicht imstande sein werde, ihm zu folgen. Beim Schein eines brennenden Streichholzes erkannte er, daß zwei Stubentüren auf den Gang führten. Die erste, die er zu öffnen versuchte, war verschlossen; dort also hatte Molesworth wahrscheinlich Zuflucht gefunden. Dagegen ließ sich die andere Türe öffnen; es war ein Raum, der zugleich als Eßzimmer, Speisezimmer und Küche zu dienen schien. Nachdem er eins von den Lichtern, die auf dem Kaminsims standen, angezündet, konnte er seine Umgebung näher ins Auge fassen. Von dem großen Schlafsofa schweifte sein Auge zu dem Bücherbrett mit den altertümlichen Bänden, zu Töpfen und Pfannen, zu einer Bronzefigur von wirklichem künstlerischen Wert und vielen andern nicht zusammengehörigen Gegenständen und Geräten, die der menschenfeindliche Sonderling, der in dem Bau hauste, darin gesammelt hatte. Indessen hatte Kameron Wichtigeres zu tun, als sich mit dem abwesenden Hausbesitzer zu beschäftigen. Sein dringendstes Verlangen ging natürlich dahin, Molesworth von der Gefahr zu unterrichten, in welcher er schwebte. Er trat daher wieder auf den Gang hinaus, ungewiß, ob er klopfen oder rufen solle, um sich ihm bemerklich zu machen. Da vernahm er von unten her Stimmengewirr, und wie er oben ängstlich darauf horchte, sah er plötzlich in der Falltüre den Kopf des Mannes auftauchen, dessen Wachsamkeit er vor allem fürchtete. Hollah, nur noch einen Schub, dann wird's gehen, rief Q. dem Manne unten zu, auf dessen Schultern er zu stehen schien. So, nun reichen Sie mir Ihre Hand herunter, bester Herr, und ich bin an Bord. So große Lust auch Kameron verspürte, den Menschen wieder durch das Loch zurückzustoßen, statt ihm heraufzuhelfen, er wagte nicht, ihm den begehrten Beistand zu verweigern. Q. kletterte vollends durch die Oeffnung der Falltüre hindurch und stand im nächsten Augenblick an des Doktors Seite. Sie sehen, ich hatte Lunte gerochen, rief er, mit scharfem Blick umherspähend, und da die Männer unten mich als Kundschafter aussenden wollten, bin ich Ihrem Beispiel gefolgt. Aber wie sind Sie denn eigentlich ganz allein heraufgekommen, Sie können doch nicht geflogen sein? – Aha, ich sehe schon, lachte er, da liegt ja die Leiter; Sie haben sie heraufgezogen. Das sieht nicht gerade wie eine Einladung aus. Kameron lachte mit, so wenig ihm danach zumute war. Glaubten Sie, ich sei willens, mir meine Nachtruhe von der Gesellschaft unten stören zu lassen? Die wäre mir höchlich im Wege, da nur einer hier bequeme Unterkunft finden kann. Q. hatte indessen schon alle Schubladen aufgezogen, in alle Kisten und Kasten hineingeguckt. Sie verstehen sich gut auf Ihren Vorteil, das merke ich, sagte er, aber nun ich einmal hier bin, so gestatten Sie wohl, daß ich bleibe. Ich kann auf der Diele schlafen und werde Ihnen nicht lästig fallen, verlassen Sie sich darauf. Schnarchen tue ich auch nicht, sonst wäre ich ja zum Geheimpolizisten völlig untauglich. Der Doktor sah ein, daß er gute Miene zum bösen Spiel machen müsse, haben Sie etwas zu essen gefunden? fragte er. Damit sieht's windig aus, war die Antwort, nichts zu brocken und zu beißen; einen Topf Essiggurken, ein Säckchen mit Mehl und weiße Bohnen, weder Brot noch Kartoffeln – so ein elendes Hungernest ist mir noch nicht vorgekommen. An die Falltüre tretend, rief er hinab: Alles leer, auf Ehrenwort, wie gefegt! Morgen können wir Bohnen kochen, davon gibt's noch einen Scheffel voll. Die wenig verbindlichen Antworten, die zurückschallten, machten ihn nicht ärgerlich; er fand auf jede eine launige Erwiderung und wußte auch dem Widerspruch, der sich bei der Ankündigung erhob, daß er zu bleiben gedenke, wo er sei, durch Witze und Scherzworte zu begegnen. So verstummten denn allmählich die scheltenden Stimmen unten und niemand hinderte ihn mehr an der Ausführung seiner etwaigen Plane. In Molesworths Zimmer blieb indessen alles totenstill, aber Kameron stellte sich die peinliche Lage des Flüchtlings lebhaft vor; vielleicht stand er jetzt lauschend in der Dunkelheit, bemüht, sich Gewißheit zu verschaffen, wer der neue Ankömmling sei; ob er von ihm für seine Person Gefahr zu fürchten habe; ob sein Schlupfwinkel entdeckt sei. Lange konnte es auch gewiß nicht dauern, bis sich die Aufmerksamkeit des unruhigen Kameraden der verschlossenen Türe zuwandte. Diese Besorgnis erwies sich als nur zu Wohl begründet. Q. warf dem Doktor einen fragenden Blick zu. Der andere steckt gewiß da drinnen, bemerkte er, der muß auch ein Pfiffikus sein, wie Sie. Ich weiß nicht, entgegnete Kameron, aber da er nicht hier ist, wird er wohl dort sein; hoffentlich friert er nicht so, wie wir. Da will ich doch gleich ein Feuer anzünden, rief jener lebhaft und machte sich sofort ans Werk. Die Beschäftigung beruhigte einstweilen seinen Forschungstrieb, den Kameron so sehr fürchtete. Das Feuer kam erst nach vieler Mühe zustande, als die Nacht bereits weit vorgerückt war. Kameron lag auf dem Sofa am Kamin; er horchte auf den draußen tobenden Sturm und auf jeden Laut, der aus dem Nebenzimmer herüberdringen konnte; dabei beobachtete er unablässig das Gesicht des nicht weit von ihm ruhenden Q., der sein Lager dicht an Molesworths Zimmerwand bereitet hatte, welche nur aus Brettern bestand. Lange, unheimliche Schatten dehnten sich auf Fußboden und Decke, und jedesmal, wenn sich der Doktor vornüber beugte, um Holz auf das Feuer zu legen, schien es, als ob ein drohender Riesenarm auf ihn herab fahre, um nach ihm zu greifen. Mitternacht war längst vorüber; von Zeit zu Zeit schwieg der Sturm, um sich dann wieder mit doppelter Gewalt zu erheben. In einer solchen Pause schrak der Doktor plötzlich beim Ton einer Stimme zusammen, die in hastigen, abgebrochenen Lauten an sein Ohr schlug; woher dieselben kamen, ward ihm erst allmählich klar: »Der Vorsaal ist ganz hell. – Niemand auf der Treppe. – Komme unbemerkt hinunter. – Nur ruhig bleiben. – (Hier folgte ein klagender Seufzer.) O, wie starr ihre Augen sind!« – Gerechter Himmel, was für Reden! Kamerons Blicke flogen nach dem Detektiv hinüber. Konnten die Worte aus seinem Munde kommen? Nein, Q.'s Lippen blieben fest geschlossen, und die entsetzliche Stimme sprach weiter: »Wie soll ich sie tragen? – So? – Nein, man sieht ihr Gesicht. Oder so? – Aber jetzt hängt die Hand herunter. – O Gott, die furchtbare Aufgabe. –« Es war Molesworth. Er durchlebte offenbar noch einmal im Traum die Vergangenheit einer schrecklichen Stunde und verriet im Schlafe, was keine Folter ihm in wachem Zustande entrissen hätte. Wenn der anscheinend so ruhig daliegende Geheimpolizist ihn hörte, war die Entdeckung unvermeidlich, Kamerons Herz stand still vor Entsetzen; er erwartete jeden Augenblick, ihn aufspringen zu sehen, um in atemloser Spannung auf die merkwürdigen Enthüllungen des Träumers zu lauschen. Jetzt begann das schnelle, eintönige Gemurmel von neuem: »Wie schwer sie ist! – Ein toter Körper, wie viel er wiegt. – Es muß ihr Herz sein – das ist schwer wie Blei – wie Blei. –« Kameron war fassungslos. Mußte er hier liegen und hören, wie Molesworth sich selbst verriet und das Geheimnis preisgab, von dem seine Ehre, sein Glück abhing? Er hatte aufschreien mögen, um diese verräterischen Worte zu übertönen, oder an das Lager des Detektivs schleichen, um ihm die Ohren zuzuhalten. Da er aber alles vermeiden mußte, was ihn selbst bei Q. in Verdacht bringen konnte, so hielt er an sich, so qualvoll es auch für ihn war. Er legte den Kopf zurück und schloß die Augen. Trotz der eiskalten Nacht trat ihm aber der Angstschweiß aus allen Poren, als die Stimme jetzt wieder mit schaurig hohlem Klang anhob: »Habe manche Tote gesehen. – Noch keine in Armen getragen. – Das Blut erstarrt in den Adern. – Ich kann nicht zurück. – Die Musik, das Lachen der Gäste. – Weiter mit der furchtbaren Last – die Stufen hinunter – die Treppe – immer weiter – weiter –« Jetzt war alle Hoffnung aus. Daß es Molesworth sei, ließ sich nicht mehr verbergen. Keiner außer ihm hatte je ein totes Mädchen in seinen Armen aus einem Hause der Freude und Festlichkeit getragen. Und wiederum ertönte die Stimme: »Meine Hochzeitsnacht – aber mein Herz ist erstorben – keine Hochzeit mehr für mich – sie ist tot – kalt und tot – das helle Auge starr – das Lächeln erloschen. – Genofeva – Genofeva !« Der Name hatte nur noch gefehlt. Kameron warf einen schnellen Blick nach dem Geheimpolizisten, dessen Gesichtsausdruck ihm verändert erschien. Aber mehrere bange Minuten vergingen, jener sprach nicht und rührte sich nicht, so daß der Doktor die Hoffnung zu hegen begann, er übe nicht Verstellung, sondern schlafe wirklich. Kameron holte nun tiefer und tiefer Atem, und trotz der empfindlichen Kälte ließ er das Feuer ausgehen, um Q., falls derselbe wirklich schlief, durch kein Geräusch zu wecken. Da dieser in derselben ungezwungenen Lage, die er von Anfang an eingenommen, verharrte, bildete sich der Doktor immer zuversichtlicher ein, er habe wirklich nichts gehört, und so ließ auch allmählich seine Wachsamkeit nach, bis er infolge seiner völligen Erschöpfung in einen tiefen traumlosen Schlummer versank. Er mochte wohl eine Stunde oder mehr geschlafen haben, als ihn ein Geräusch im Zimmer erwecke. Sofort stand ihm alles Erlebte mit furchtbarer Deutlichkeit wieder vor der Seele. Er blickte beim Schein des tief herabgebrannten Lichtes nach der Nische hin, in welcher Q. gelegen hatte. Die Stelle war leer. Hastig wandle er den Kopf nach der Türe, hinter welcher der Detektiv soeben verschwand. Jetzt ist alles verloren. Er geht zu Molesworth, um ein Verhör mit ihm anzustellen, war Kamerons erster Gedanke. Geräuschlos verließ er sein Lager und schlich durch das Zimmer in den Gang hinaus. Dort vernahm er jedoch kein Rufen und Klopfen an Molesworths Türe, wie er erwartet hatte. Q. hatte soeben die Leiter hinabgelassen, und, ehe sich Kameron dessen versah, war er hinuntergeklettert und seinen Blicken entschwunden. Trotz seiner Ueberraschung bei dem unerwarteten Ereignis zögerte der Doktor keinen Augenblick, sich dasselbe aus jede Gefahr hin zunutze zu machen. Kaum waren die Schritte des Geheimpolizisten verhallt, als er kräftig an Molesworths Türe rüttelte und rief: Oeffnen Sie, öffnen Sie so schnell wie möglich, um Gottes willen! Ich muß mit Ihnen reden. Hatte er es gehört? Würde er antworten? Die Spannung war entsetzlich. Aber schon im nächsten Augenblick ward ein leichter Tritt vernehmbar, der Schlüssel drehte sich im Schloß, der Riegel ward zurückgeschoben, und die Tür ging auf. Was gibt es? Wer ist der Mann und – Still! Es ist ein Geheimpolizist. Sie haben im Schlaf gesprochen. Er muß wissen, daß Sie hier sind. Kommen Sie schnell heraus, steigen Sie die Leiter hinunter und verbergen Sie sich in einer dunkeln Ecke, bis Sie Gelegenheit finden, hinauszuschlüpfen. Ich weiß ein besseres Mittel, zu entkommen. Halten Sie ihn bis sechs Uhr morgens von meinem Zimmer fern; dann mag er hineingehen. Er wird mich nicht finden. Aber wie – Fragen Sie nicht. Lassen Sie ihn eintreten, aber nicht lange verweilen. Um sechs Uhr oder später, keine Minute früher. Noch ein Lebewohl murmelnd, schloß Molesworth die Türe, schob den Riegel vor, und alles war wieder still. Kameron vernahm nichts als das laute Pochen seines eigenen Herzens. Was kann er meinen? Wie will er entfliehen? waren die Fragen, die vor seinem Geiste aufstiegen. Wir sind im zweiten Stock, sein Zimmer geht auf den Fluß, wenn ich nicht irre. Der ist so wild und reißend, es wäre Wahnsinn, sich in die brausende Flut hinauszuwagen. Jetzt hörte er Q. zurückkehren und schlich leise wieder auf sein Lager, von wo er mit weit offenen Augen nach dem eintretenden Detektiv blickte, der ein großes Tierfell hinter sich herzog, das er unten von der Wand genommen. Wenn man eine solche Bettdecke haben kann, wird man doch nicht unnützerweise zu Tode frieren wollen, lachte er. Bedaure, Sie gestört zu haben; hätte Ihnen auch eins mitbringen sollen. Ich kann noch ein solches holen, wie meins, wenn Sie wünschen – ein ganz prachtvolles Fell. Aber der Doktor lehnte dankend ab; ihm genügte der zweite Ueberzieher, um sich zuzudecken. So lag denn der Geheimpolizist bald wieder in seiner Nische, und Kameron beobachtete ihn, solange das Licht brannte, dann horchte er in der Finsternis auf seine Atemzüge. Draußen tobte der Sturm noch immer, und wenn er einmal eine Weile schwieg, so war es nur, um sich mit einer Wut wieder zu erheben, vor welcher das Haus in allen Fugen zitterte und die Herzen derer erbebten, die sich darin geborgen hatten. Dreiunddreißig st es Kapitel. Es war noch dunkel, als Q. das Tierfell, in das er sich eingewickelt hatte, von sich warf und leise aufstand. Geschickt und schnell legte er im Kamin das Holz zurecht, um ein Feuer zu entzünden, dessen behagliche Wärme sich bald im ganzen Zimmer verbreitete. Kameron, der aus den verhüllenden Falten des Mantels verstohlen nach ihm hinblickte, sah ihn ans Fenster treten und nach dem Wetter ausspähen. Während Q. ihm den Rücken zudrehte, zog er seine Uhr heraus: es war halb sechs. Kopfschüttelnd näherte sich jetzt Q. der Türe, öffnete sie und stand einen Moment wie unschlüssig auf der Schwelle; doch kam er wieder zurück und begann die Schubladen zu durchsuchen, bis er gefunden hatte, was er brauchte, um eine Art Morgenimbiß zu bereiten. Kameron verwandte kein Auge von ihm, und erst als Q. anfing, gleich einem erfahrenen Koch am Herde zu hantieren und Mehl in einem Topf mit siedendem Wasser zu quirlen, fühlte er sich einigermaßen beruhigt. Durch eine unvorsichtige Bewegung seinerseits zog er jedoch des Detektivs Aufmerksamkeit auf sich. Dieser stellte sofort das Kochgeschirr hin und wandte sich mit aufgeregter Miene an seinen Gefährten. Schön, daß Sie wach sind, Herr; ich habe Ihnen etwas mitzuteilen. Für wen halten Sie wohl Ihren Freund hier im Nebenzimmer? Kameron fuhr empor, eine derartige Frage kam ihm nicht gerade unerwartet. Es ist Molesworth, fuhr jener fort, dessen Fährte wir beide verfolgen. Sein Eisenbahnzug muß wohl vor unserem stecken geblieben sein, wie sollte er sonst hierher kommen? Wahrscheinlich waren Sie gestern zu aufgeregt, um ihn zu erkennen, oder er hatte irgendwelche Verkleidung angenommen. Aber, er muß doch wissen, wer Sie sind; war er denn gar nicht erstaunt über Ihren Anblick? Der Doktor starrte den Sprecher mit weit geöffneten Augen an. Wie sollte er diesem schlauen Manne gegenüber seine Rolle als Molesworths hartnäckiger Verfolger weiterspielen? Er schien sich zu besinnen. Sind Sie denn Ihrer Sache ganz gewiß? fragte er verwirrt und unentschlossen. Freilich, er hat heute nacht böse Träume gehabt, wahrscheinlich infolge des Wiedersehens mit Ihnen; auch trägt der Ueberzieher sein Zeichen, sehen Sie hier das J. M . unter dem Kragen; ich brauchte Sie garnicht im Schlafe zu stören, um es zu finden. Kameron hätte den Menschen erwürgen können, doch zwang er sich, äußerlich ruhig zu bleiben und bemerkte: Wenn Sie recht haben, dann kann er uns nicht entgehen; wir brauchen nur zu warten, bis er hungrig wird und von selbst zum Vorschein kommt. Wissen Sie, entgegnete der Geheimpolizist geheimnisvoll, das könnte uns doch zu lange währen. Menschen seines Schlages haben eine eiserne Hartnäckigkeit. Daß er fürchtet, erkannt zu werden, ist sicher, sonst hätte er sich zur Nacht seinen Ueberzieher geholt, den er in der Eile, Ihnen zu entkommen, liegen gelassen. Wohl wahr, erwiderte Kameron, dem der Gedanke, daß Molesworth sich ohne den wärmenden Rock in das Unwetter hinauswagen werde, einen Stich ins Herz gab. Aber wollen Sie denn die Türe aufsprengen? Vorerst werde ich mich nur erkundigen, wie ihm die schreckliche Sturmnacht bekommen ist. An höflicher Rücksicht meinerseits soll es gewiß nicht fehlen, sagte Q., indem er zu Molesworths Türe schritt. Kameron folgte ihm mit klopfendem Herzen; erst wenige Augenblicke zuvor hatte er gehört, wie der Schlüssel sich leise im Schloß drehte, und ein Blick auf seine Uhr überzeugte ihn, daß es bereits sechs vorbei war. Hollah! rief Q., an der Türe rüttelnd, Sie da drinnen, sind Sie nicht hungrig? Ich will Ihnen etwas von der köstlichen Mehlsuppe abgeben, die ich gekocht habe. Kein Laut ließ sich hören. Leben Sie noch, oder sind Sie erfroren? – Antworten Sie, sonst muß ich mir aus reiner Menschenfreundlichkeit mit Gewalt Einlaß verschaffen. Tiefes Schweigen herrschte. Ganz, wie ich dachte, flüsterte Q. seinem Gefährten ins Ohr und war eben im Begriff, sich mit voller Wucht gegen die Türe zu werfen, als jener vorschlug, doch erst die Klinke zu versuchen. Zu Q.'s grenzenloser Ueberraschung ging die Türe auf. Was, nicht verschlossen – und ich liege hier stundenlang davor! Für solchen Narren hatte ich mich nicht gehalten, rief er in das Zimmer stürzend. Kamerun folgte ihm hastig; in der Dunkelheit vermochten sie eben nur die Umrisse der Möbel zu unterscheiden, Tisch, Stuhl, Kommode, und in einer düstern Ecke eine Art Bett. Nach diesem eilte Q. hin, trat aber betroffen wieder zurück. Auch hier ist niemand, murmelte er und suchte dann eifrig in den Winkeln umher, als erwartete er, den Vermißten plötzlich aus dem nächtlichen Schatten auftauchen zu sehen. Erleichtert atmete Kameron auf, während er das letzte Streichholz seiner Büchse entzündete. Wie mag er nur entflohen sein? Vielleicht einfach die Leiter hinuntergestiegen? sagte er verwundert. Er wäre nicht an der Tür vorbeigekommen, ohne daß ich's gehört hätte, rief Q. zuversichtlich. Wenn er sich nicht unsichtbar machen kann, muß er noch hier sein. Dem Doktor das Streichholz aus der Hand nehmend, beleuchtete er die gegenüberliegende Wand; dann waren sie wieder im Dunkeln. Dort muß noch ein Zimmer oder eine Kammer sein, sagte er, schritt auf eine Tür zu und öffnete sie. Ein heftiger Windstoß fegte herein und benahm ihm fast den Atem, so trieb er ihm den Schnee ins Gesicht. Die Tür führt ins Freie, rief er, sie eilig schließend, und unten braust der Fluß. Es ist keine Kleinigkeit, sich in den schwarzen Abgrund hinauszuwagen. Hätten wir aber auch ein Licht, so würde es der Wind auslöschen. Der Doktor riet, unter diesen Umständen den Anbruch des Tages abzuwarten, aber Q. würde um keinen Preis die Nachforschungen eingestellt haben solange er noch hoffen durfte, daß sich Molesworth in seinem Bereich befand. Mutig steuerte er in das Dunkel hinaus, zuerst vorsichtig nach allen Seiten umhertastend. Bald jedoch hatte er sich überzeugt, daß sicherer Boden für seine Füße vorhanden, und die Gefahr überhaupt nur eine eingebildete sei. Er brauchte nicht zu fürchten, von dem wütenden Sturm ergriffen und in die drunten tosenden Fluten geschleudert zu werden, denn rings um die Plattform, auf die er hinaustrat, zog sich ein starkes Eisengitter, zudem war sie an den Seiten durch Bretterwände geschützt, die eine Art Dach trugen. Aber auf dem Balkon war außer ihm kein lebendes Wesen zu erblicken. Konnte Molesworth von hier aus entkommen sein? Enttäuscht und niedergeschlagen trat er ins Zimmer zurück, um dem Doktor mitzuteilen, was er gefunden. Diesen trieb es nun seinerseits auf den Balkon hinaus. Er blickte schaudernd über die Brüstung in die Tiefe und vermochte kaum die finstern Gedanken zu verscheuchen, die sich seiner dabei bemächtigten. Da war ihm, als vernähme er einen seltsamen Laut, aber woher derselbe kam, ließ sich nicht unterscheiden. Er glaubte sich getäuscht zu haben und wollte eben voll unheimlicher Gefühle vor dem eisigen Wind ins Zimmer flüchten, als eine dumpfe Stimme, die aus dem Boden aufzusteigen schien, seinen Namen nannte. Im selben Augenblick rief Q., der drinnen im Dunkeln stand: Ich gehe schnell einmal hinunter, mich da umzuschauen. Vielleicht ist er doch vorbeigeschlichen, ohne daß ich's bemerkt habe; ich muß mich erst davon überzeugen. Ohne die Antwort abzuwarten, begann er, geräuschlos wie eine Katze, die Leiter hinabzuklettern. Rasch war der Doktor wieder auf dem Balkon. Molesworth, rief er, sind Sie da? Wie groß aber war seine Bestürzung, als schon im nächsten Augenblick eine Gestalt schattengleich aus der Nacht auftauchte und vor ihm stand. Still, flüsterte Molesworth hastig, noch bin ich hier, aber ich muß fort. Bringen Sie mir den Ueberrock, Kameron, und nehmen Sie meinen letzten Abschiedsgruß, denn wir sehen uns wohl niemals wieder. Aber wo kommen Sie her? Unmöglich haben Sie sich doch an den Händen vom Balkon herabhängen lassen? Nein, es ist eine Falltür im Boden, und darunter hängt ein Boot, in welches ich niederkauerte. Ich hoffe, es wird mich sicher ans andere Ufer des Flusses bringen; sollte es zertrümmert werden, so entschädigen Sie den Eigentümer, von dem ich es entlehnen muß. Es kann mittels einer Winde ohne Schwierigkeit ins Wasser gelassen werden. Gern hätte ich den Versuch gleich gemacht, aber es war zu dunkel; ich muß das erste Morgengrauen abwarten. Halten Sie den Polizisten von diesem Teil des Hauses fern, bis ich außer Sicht bin. Und nun schnell meinen Rock! Kameron schüttelte die ihm dargebotene Hand zum Abschied und stürzte durch den Gang, den Ueberzieher zu holen. Eben kam er damit zurück, um ihn Molesworth zu reichen, als der Detektiv plötzlich zwischen sie sprang und lachend in die zwei bestürzten Gesichter blickte. Sieh da, nun ist unser Freund doch noch zum Vorschein gekommen, rief Q. vergnügt ans. Nun, das ist schön, um so besser wird uns jetzt das Frühstück munden. Vierunddreißigstes Kapitel. Kameron sah seine Hoffnungen jäh zertrümmert, aber die Selbstbeherrschung verließ ihn nicht im entscheidenden Augenblick. Allerdings eine Ueberraschung, sagte er in gleichmütigem Ton, Doktor Molesworth hier ohne Verkleidung begrüßen zu dürfen! Ein bequemer Platz am Feuer wird ihm nicht unwillkommen sein, denn er muß arg gelitten haben unter der Kälte, da ich mir selbstsüchtigerweise seinen Rock angeeignet hatte. Sich bei solchem Sturm am Balkongeländer hängend festzuhalten ist auch kein Kinderspiel. Das will ich meinen, fiel der Detektiv verwundert ein. Haben Sie wirklich auf diese Art Ihre nächtlichen Fieberphantasien abgekühlt? wandte er sich an den Doktor, der in finsterem Schweigen verharrte und dem vorlauten Q. nur einen wahrhaft vernichtenden Blick zuwarf. Dieser ließ sich jedoch nicht aus seiner heitern Laune bringen. Ohne die geringste Verlegenheit suchte er mit gutmütigem Scherz den beiden andern über die peinliche Lage hinwegzuhelfen, deren tragische Bedeutung er natürlich nicht entfernt ahnen konnte. Er lud die Herren ein, am Kamin Platz zu nehmen, während er mit unermüdlichem Eifer beschäftigt war, ein möglichst schmackhaftes Frühstück zu bereiten; auch würzte er das Mahl durch allerhand lustige Geschichten und spielte den angenehmen Wirt, wenn auch, wie er lachend zugab, auf Kosten des abwesenden Besitzers. Alsbald stellten sich auch die drei Fremden von unten in ihrer Mitte ein, von Q.'s fröhlichem Gelächter herbeigezogen. Damit schwand für die beiden Doktoren auch die letzte Aussicht, unbemerkt miteinander verkehren zu können. Der dämmernde Morgen zeigte den Unglücksgefährten ein wenig hoffnungsreiches Bild. Soweit das Auge reichte, war nichts zu sehen als eine einzige Schneefläche, kein Haus, keine Straße, nirgends eine Spur menschlichen Lebens. Die Wut des Sturmes schien zwar etwas nachzulassen, doch waren die Schneewehen noch immer so tief, daß man bei einem Schritt vor die Tür hinaus bis über die Knie in der lockern Masse versank. So war denn das Haus, in dem sie nur eine zeitweilige Unterkunft zu suchen dachten, für sie zum Gefängnis geworden; rings umgab sie der Schnee wie mit einer Mauer, und an ein Verlassen des Ortes war nicht zu denken. Hätte ihnen nur wenigstens der Mangel an Nahrungsmitteln nicht bange gemacht, und wäre der Holzvorrat nicht auf so erschreckende Weise zur Neige gegangen! – Nur Molesworth und Kameron wußten, daß ein Entkommen auf dem Wasserweg mit Hilfe des Bootes möglich sei, aber vergeblich harrten sie der Gelegenheit, es unbemerkt hinabzulassen; der vorsichtige Q. wich und wankte nicht vom Schauplatz. Jetzt entstand eine ernste Frage. Das Mittagsmahl war höchst mager gewesen, und wo sollte ein Abendessen herkommen? Wieder und wieder durchstöberte Q. alle Schubladen, allein ohne den geringsten Erfolg. Auch bei ihm begann sich im Laufe des Nachmittags ein nagender Hunger einzustellen, und gegen vier Uhr ertrug er es nicht länger. Ich muß noch einmal im Keller nachsehen, rief er, und verließ das Zimmer. Kaum war er fort, so ergriff Molesworth die günstige Gelegenheit und eilte nach dem Hausflur. Doch kam er sogleich mit schmerzlich enttäuschter Miene wieder zurück. Er hatte seine Zimmertür verschlossen, und so den Weg zum Balkon abgeschnitten gefunden. Q. kehrte bald mit strahlendem Gesicht zurück, in der Hand zwei Faßdauben tragend. Wer hat einen Strick? rief er triumphierend; wenn ich mir die Dauben an den Füßen befestige, gibt es ein Paar prächtige Schneeschuhe, mit denen ich das Dorf erreichen und Vorräte herbeischaffen kann. Man sieht von hier aus den Kirchturm in der Ferne. Was meint Ihr, Kameraden, soll ich's versuchen? Freilich, freilich, lautete die Antwort; nur die beiden Doktoren schwiegen, aus Furcht, sich durch allzu eifrige Unterstützung des Planes zu verraten. Ehe Q. das kühne Unternehmen begann, winkte er Kameron beiseite. Machen Sie sich um unsern Zeugen keine Sorge, flüsterte er ihm zu. Den Schlüssel zu seiner Türe trage ich in der Tasche; die übrigen Faßdauben habe ich gut versteckt, und ohne eine solche Vorrichtung kommt niemand durch den Schnee. Sie müssen sich seine Gesellschaft schon noch eine Weile gefallen lassen; das kann Ihnen ja auch nicht lästig sein, nachdem Sie sich so viele Mühe gegeben haben, ihn aufzufinden. Damit stieg er, von zwei Gefährten geleitet, ins Erdgeschoß hinab. Die beiden Doktoren wünschten sich im Stillen Glück, von seiner Gegenwart befreit zu sein. Nun galt es, die kostbare Zeit zu benützen. Molesworths Flucht mußte so bewerkstelligt werden, daß auf Kameron kein Verdacht der Begünstigung fallen konnte. Deshalb streckte sich dieser aufs Lager und schien bald in festem Schlummer zu liegen, aus dem er nicht einmal erwachte, als Q.'s Begleiter zurückkehrten. Erst bei einem donnerartigen Getöse, das von der Hausflur herübertönte, fuhr er empor, rieb sich die Augen und blickte sich erstaunt um. Was gibt es denn? fragte er schlaftrunken, fällt uns das Dach über den Köpfen zusammen? Es ist nichts Besonderes; nur der finstere Mensch – ich weiß nicht, wie er heißt – hat den Spektakel gemacht. Er wollte sich schlafen legen, und da er die Türe verschlossen fand, hat er sie aufgesprengt. Der Hausherr wird schöne Augen machen, wenn man so mit seinem Eigentum umgeht ... Schon war Kameron auf den Füßen und in Molesworths Zimmer. Dieser hatte mit weiser Vorsicht die Balkontür hinter sich abgeschlossen. So trug es ganz den Anschein, als sei Kameron überlistet und außer stande gewesen, die Flucht seines Zeugen zu verhindern. Kamerun geberdete sich sehr aufgebracht und versuchte nun, die Balkontür aufzubrechen. Sie widerstand jedoch seinen Anstrengungen. Daher stellte er sie bald ein, um mit ängstlicher Spannung zu lauschen, ob sich nicht ein Knarren der Seile hören lasse, zum Zeichen, daß das Boot sich niederwärts bewege. Mit innerem Frohlocken vernahm er jetzt den ersehnten Laut. Aber wer beschreibt sein Entsetzen, als gleich darauf ein plötzlicher Krach erfolgte, dann ein Sturz und ein Klatschen ins Wasser. Kein Zweifel, die Seile waren gerissen und das Boot samt dem Doktor in den Strom gestürzt. Fünfunddreißigstes Kapitel. Molesworth im Fluß – mit dem Tode ringend! Wenn er diesmal verschwand, so war es auf Nimmerwiedersehen. Eine teuflische Versuchung trat in diesem Augenblick an Kameron heran; allein er gab ihr keinen Raum. Sein Entschluß, ihn zu retten, war auf der Stelle gefaßt. Na die Tür einem nochmaligen Anprall nicht nachgab, öffnete der Doktor ein Fenster und sprang hinunter. Er versank fast bis an den Hals im Schnee, arbeitete sich aber heraus, bis er glücklich den überfrorenen Rand des Flusses erreichte. Ein Blick zum Balkon hinauf überzeugte ihn, daß das Boot noch in senkrechter Richtung an einem der Seile herabhing, während von Molesworth nichts zu erblicken war, außer seinem Hut, der auf der Wasserfläche dahintrieb. Jetzt aber tauchte aus der schwarzen Flut unterhalb der Stelle, wo das Haus stand, ein geisterbleiches Antlitz empor. Ohne Besinnen entledigte sich Kameron seines Rockes und sprang ins Wasser. Es glückte ihm nach mehreren vergeblichen Versuchen, den Ertrinkenden am Arm zu ergreifen; aber Molesworth war schon zu erstarrt, um sich selbst zu helfen, zumal ihn die Last der doppelten Röcke in die Tiefe zog. Einen Augenblick durchzuckte Kameron der Gedanke, nur auf die eigene Rettung bedacht zu sein und Molesworth sinken zu lassen. War es nicht eine Torheit, sich mir jenem zugleich dem Untergang zu weihen? – Aber selbst in diesem verzweifelten Moment erkannte er klar, daß es für immer um seinen Seelenfrieden geschehen sei, wenn Molesworth sein Grab in den Wellen fand. Schon lagerten sich die Schatten des Todes auf dessen bleichem Angesicht. Hier galt es schleunige Hilfe: er mußte den Zeugen der Polizei überliefern und den unberechenbaren Folgen ihren Lauf lassen. Nur der Stimme der Pflicht gehorchend, stieß er einen durchdringenden Hilferuf aus, auf welchen seine Gefährten sofort an das Fenster und von da zum Flußufer hinabeilten. * Etwa zwei Stunden später kehrte Q. von seinem Ausflug ins Dorf zurück. Hollah, schallte seine Stimme durch das Haus, ist denn niemand da, um mich festlich zu empfangen und mir den Korb abzunehmen, den ich meilenweit hergeschleppt habe durch Dick und Dünn? Die selbsterfundenen Schneeschuhe von den Füßen streifend, eilte er nach der Leiter. Hollah, he! seid Ihr denn alle tot dort oben? Habt Euch vermutlich aus Sehnsucht nach mir verzehrt. Hier bin ich wieder und bringe die köstlichen Vorräte, die das elende Nest für Geld und gute Worte aufzuweisen hattet altes Brot und zähes Fleisch, aber Hunger ist der beste Koch. Nun, da ist ja endlich eine Menschenseele; aber welch feierliches Gesicht. Was ist denn geschehen? Zwei Herren sind fast im Fluß ertrunken, lautete die Antwort. Sie sind noch ziemlich erschöpft; wir haben für sie getan, was wir konnten. Einen Ruf ausstoßend, der wie ein unterdrückter Fluch klang, war Q. mit einem Satz im Zimmer. Schnell hatte er die Sachlage überschaut und war nun gleich dem erfahrensten Krankenwärter bemüht, den halb ertrunkenen Gefährten jede Pflege angedeihen zu lassen. Erst als sie sich wieder ziemlich erholt hatten, flüsterte er Kameron zu: Wollte er sich denn fortstehlen, oder sich gar das Leben nehmen? Nein, entgegnete jener ebenso leise, es war nur ein Fluchtversuch. Er sprengte die verschlossene Tür und gelangte ins Freie. Unter dem Balkon hing ein Boot, an Seilen befestigt, das wollte er ins Wasser lassen, dabei riß ein Strick und er stürzte aus dem Boot in den Fluß. Ich hörte es und schoß ihm nach wie ein Pfeil; aber es war ein verzweifelter Kampf, das können Sie glauben. Ich bin nur froh, daß Sie mit dem Leben davongekommen sind, entgegnete der arglose Detektiv mit einem Blick in das bleiche Antlitz auf der andern Lagerstätte. Wie war es nur möglich, daß ich das Boot nicht bemerkt habe? Freilich, der Sturm ist schuld daran – aber doch – der Inspektor wird unzufrieden sein, und ich finde es selbst unverzeihlich. Mit meinen Taten hier kann ich leider nicht prahlen; des Löwen Teil haben Sie vollbracht. Uebrigens sieht der da drüben recht erbärmlich aus, mir scheint, er wird so bald keinen neuen Fluchtversuch machen; was ist denn Ihre Meinung als Arzt? Kameron warf einen Blick auf Molesworths eingefallene Wangen und hohle Augen. Davor sind wir sicher, flüsterte er, vor allem braucht er jetzt Ruhe – und ich auch. Zur Befriedigung dieses Bedürfnisses fehlte es nicht an Zeit und Gelegenheit, denn ihre Befreiung ließ noch auf sich warten. Am Abend erhob sich der Sturm von neuem, und wenn auch am nächsten Morgen die Sonne durch die Wolken brach, so erwiesen sich doch die Straßen als völlig unwegsam. Erst am Donnerstag war der Schnee soweit geschmolzen, daß der Eigentümer des Hauses den Rückweg vom Dorfe aus unternehmen konnte, wohin er sich an jenem denkwürdigen Montag nur begeben hatte, um neue Vorräte einzukaufen. Seine Wut über die ungebetenen Gäste und Q.'s mutige Abwehr aller beleidigenden Angriffe des menschenfeindlichen Geizhalses wäre für einen unbeteiligten Zuschauer gewiß ein recht ergötzliches Schauspiel gewesen. Bis Freitag war der Schnee endlich soweit fortgeschaufelt, daß die Eisenbahnverbindung wieder hergestellt werden konnte. In dem ersten Zug, der nach Neuyork abging, befanden sich auch die beiden Doktoren in Begleitung des jetzt weniger redseligen Q. Ehe sie den Ort verließen, an welchem sie so viel gelitten, wechselten sie einen langen bedeutsamen Blick miteinander. Sie waren sich während der letzten Tage ihres Beisammenseins in herzlicher Freundschaft nahegetreten, auch ohne viele Worte zu machen. Nur ihrer großen Selbstbeherrschung war es gelungen, den Geheimpolizisten bei der Täuschung zu erhalten, daß sie einander als erbitterte Feinde gegenüberständen. Auf der Fahrt nach Neuyork zeigten sich überall die Spuren des Schneesturms und seines beispiellosen Wütens; die ganze Gegend war kaum wiederzuerkennen, die Stadt selbst wie verwandelt. Die Reisenden achteten jedoch wenig auf die veränderte Landschaft; ihre eigene Stimmung beschäftigte sie ausschließlich. Im Bahnhof verabschiedete sich Kameron von Molesworth mit wenigen höflichen Worten. Beide waren sich klar bewußt, daß der Detektiv, trotz aller scheinbaren Rücksicht und Zurückhaltung, Molesworth als seinen Gefangenen betrachte. Er durfte nicht hoffen, je wieder sein eigener Herr zu sein, bis er nicht der Polizei auf alles, was sie zu wissen begehrte, Rede und Antwort gestanden. Vielleicht war diese Gewißheit der Grund seines finstern Trübsinns. Der tieftraurige Blick, den er Kameron beim Abschied zuwarf, verfolgte diesen förmlich auf dem ganzen Heimweg und machte ihm den ohnehin sauren Gang doppelt schwer. – Was wartete seiner daheim nach der fast achttägigen Abwesenheit? Welche neue Prüfung stand ihm bevor? Er war auf das Schlimmste gefaßt; aber an der Miene des Mädchens, welches ihm auf sein Klingeln die Haustüre öffnete, erkannte er sofort, daß im Zustand seiner Frau noch keine wesentliche Veränderung eingetreten sei. Bei dem flüchtigen Besuch, den er im Krankenzimmer machte, gab er der Wärterin recht, daß die Krisis nun nicht mehr fern sein könne; auch er glaubte eine leise Bewegung der Kranken zu bemerken. Höchstens noch einen oder zwei Tage – aber was konnte sich innerhalb dieser Frist alles zutragen! – Noch am selben Abend sandte Doktor Kameron folgende Zuschrift an den Polizeiinspektor: »Ich versprach zu viel. Zwar habe ich Doktor Molesworth aufgefunden und nach Neuyork gebracht, aber es ist mir nicht gelungen, ihn zum Reden zu bringen. Wenn Ihnen dies besser glücken sollte, haben Sie wohl die Güte, mich davon zu benachrichtigen.« Sechsunddreißigstes Kapitel. Wieviel Doktor Kameron auch schon gelitten hatte, der schwerste Augenblick für ihn kam am nächsten Morgen. Sie hat den Arm erhoben und wieder fallen lassen, flüsterte die Wärterin, die ihm mit dem Finger auf den Lippen an der Treppe entgegentrat. Er aber fand nicht ein Wort der Erwiderung, wankte in sein Sprechzimmer und schloß die Türe. Keine Macht der Erde hätte ihn in diesem Moment vermocht, sich Genofevas Krankenlager zu nähern. Als er das Weib mit der Botschaft auf ihn warten sah, war ihm ein Hoffnungsstrahl in die Seele gefallen, es möchte Tod sein und nicht Leben, was sie zu verkünden habe. Er fühlte in diesem Augenblick, daß sein Glauben erschüttert sei, daß er die frühere abgöttische Liebe und Verehrung für seine Gattin nicht mehr im Herzen trage. Bald jedoch gewann der starke Mann die Herrschaft über sich selbst zurück. Vor seiner Pflicht als Arzt mußte jede persönliche Empfindung schweigen; mit kühler Ruhe und Besonnenheit betrat er das Krankenzimmer. Sein Weib lag wieder unbeweglich da, nur der Gesichtsausdruck war verändert: nicht mehr starr und leblos, sondern zart und lieblich, wie von einem aufdämmernden innigen Gefühl beseelt. Unendlich rührend sah sie aus in ihrer Hilflosigkeit; Kameron kniete an ihrem Lager nieder und betrachtete sie lange mit unverwandtem Blick. – Ließ sich solcher Frieden vereinigen mit dem Bewußtsein einer schweren Schuld? Konnte hinter dieser Engelsmiene Betrug und Falschheit lauern? – Es schien unfaßlich, und doch – war nicht ihre ganze unheimliche Geschichte eine einzige Kette von Täuschung und Unwahrheit, die jede redliche Natur mit Abscheu erfüllen mußte? – Wohl – aber jetzt handelte es sich nicht darum, ihre Schuld oder Unschuld abzuwägen; es handelte sich nur um die Kranke, um ein menschliches Wesen, das seiner Hilfe und Pflege bedurfte. Er mußte bei ihr ausharren, mußte den schwachen Lebensfunken mit aller Liebe und Sorgfalt von neuem entfachen, bis die Enttäuschung kam, und er sein Elend auch vor den Augen der Welt nicht mehr zu verbergen brauchte. In der entferntesten Ecke des Krankenzimmers sitzend, verbrachte er die endlos langen Stunden. Er harrte und wartete mit angstvollem Herzen. Denn er wußte, daß eine Botschaft vom Polizeiamt nicht ausbleiben würde. Jetzt ward er hinabgerufen, ein Herr wünsche ihn zu sprechen. Es war Herr Gretorex, der sich nach der kranken Tochter erkundigen wollte. Kaum hatte sein Schwiegervater ihn mit bedenklicher Miene verlassen, da rauschten weibliche Gewänder durch den Vorsaal, duftende Blumenspenden wurden abgegeben, und teilnehmende Stimmen fragten nach Genofevas Befinden. Während ihr Gatte noch höflich Rede und Antwort gab, sah er plötzlich, als er den Kopf wandte, die Gestalt des Detektivs Gryce hinter sich stehen. Noch eine Verbeugung gegen die Damen, und er trat in den Vorsaal zurück. Haben Sie Molesworth gesprochen? stieß er mühsam hervor. Gryce blickte in seinen Hut, den er in der Hand hielt. Der Inspektor ist heute früh sehr beschäftigt, bemerkte er, ohne Kamerons Frage zu beachten. Könnten Sie wohl in sein Bureau kommen? Er wünscht, mit Ihnen zu sprechen. Ich stehe ganz zu seinen Diensten, erwiderte der Doktor; aber es war für ihn ein Gang wie zur Hinrichtung. Kameron hatte geglaubt, man werde ihn Molesworth gegenüberstellen; er fand jedoch den Inspektor allein. Sie haben merkwürdige Erlebnisse gehabt, seit wir uns zuletzt sahen, bemerkte dieser. Also Molesworth hat Ihnen nichts anvertraut? Nun, mich nimmt das nicht wunder. Sie werden ihn eben nach Dingen gefragt haben, die er selbst nicht wußte. Ob Genofeva Gretorex ihrer Schwester das Gift gereicht hat, an welchem diese starb, konnte er Ihnen nicht sagen. Aber etwas anderes hätten Sie von ihm erfahren können. Und das wäre? Kamerons Stimme bebte, als er den seltsamen Ausdruck in des Inspektors Mienen gewahrte. Davon später, war die Antwort. Vor allem sollen Sie wissen, daß wir infolge Ihrer Mitteilungen bei unserer letzten Zusammenkunft zu der Ueberzeugung gelangt sind, daß Genofeva Gretorex an dem Todesfall, der in ihrem Zimmer stattfand, unschuldig ist; sie war nicht die Täterin, sondern das Opfer ; denn die Frau, welche Sie geheiratet haben – Er hielt inne und sah den Doktor an, welcher vor freudiger Erregung zitternd zu ihm aufschaute und rief: Nicht aus meiner Beweisführung haben Sie diesen Schluß gezogen. Sie haben Molesworth gesprochen, und er – Der Inspektor unterbrach ihn mit ernster Miene. Durch Molesworths Verhör ist nichts Neues zu unserer Kenntnis gekommen. Die Tatsachen, welche Sie selbst neulich anführten, Ihre eigenen Aussagen, haben Genofeva Gretorex' Unschuld bewiesen. Aber, fügte er mit einem Blick hinzu, der Kamerons Freude verstummen machte, sie haben uns zugleich die traurige Gewißheit gebracht, die ich Ihnen nicht länger verhehlen will, daß es Ihre Braut selbst war, die in jener verhängnisvollen Stunde starb, und nicht deren Stellvertreterin und Abbild. – Die Frau aber, die Sie geheiratet haben und die jetzt unter polizeilicher Aufsicht auf dem Krankenlager liegt, ist nicht die vornehme Dame, nicht die feingebildete Tochter des Herrn Gretorex, sondern die feurige, kluge und ehrgeizige Mildred Farley . Siebenunddreißigstes Kapitel. Der Schlag, der schon längst über Kamerons Haupte schwebte, war mit zerschmetternder Gewalt niedergefallen. Aber der Doktor ermannte sich wieder. Das ist nur eine Vermutung Ihrerseits, sagte er mit unsicherer Stimme, wie wollen Sie die Tatsache beweisen? Wir haben bis jetzt freilich nur Indizienbeweise, aber sie, sprechen deutlich genug. Ich erwähne nur den Umstand, daß Ihre Frau während Ihrer Hochzeitsreise keine Feder in die Hand genommen hat. Der Doktor sah bestürzt aus; es ließ sich nicht leugnen, daß sie jeder Gelegenheit, ihre Handschrift zu zeigen, aufs sorgfältigste ausgewichen war. Sie litt an Rheumatismus, sagte er, deshalb – Sie hat jede Ausflucht benutzt, um die Entdeckung ihres beispiellosen Betruges zu verhindern. Der Unterschied zwischen der Handschrift der Dame, für welche sie sich ausgab, und der ihrigen hätte sie unfehlbar verraten. Den stärksten Beweis für meine Behauptung haben Sie uns aber durch die Gründe geliefert, mit denen Sie Ihre Gattin verteidigten. Herr Gryce hat Ihre Aeußerungen damals niedergeschrieben, und ich möchte Sie Ihnen wieder ins Gedächtnis zurückrufen. Der Inspektor nahm ein Papier zur Hand und fuhr fort: Wie Sie sich erinnern, haben Sie Ihre Einwendungen gegen den Verdacht, daß Genofeva Gretorex schuldig sei, damit begründet, daß es nach Mildred Farleys Tod an Zeit gemangelt habe, um den nötigen Umtausch der Kleider zu bewerkstelligen. Ihre Worte lauteten etwa folgendermaßen: »Einen leblosen Körper zu entkleiden und ihm die eigenen Sachen Stück für Stück anzuziehen, dazu hatte die Zeit nicht hingereicht, wäre es selbst in Windeseile geschehen und ohne einen Moment des Zitterns und Zagens. Schon daß es ihr mit Hilfe der Schwester gelang, den Brautanzug so schnell anzulegen, ist wunderbar genug. Nie Frauen brauchen bei solcher Gelegenheit stets lange Zeit; auch war kein Zeichen von Uebereilung oder Mangel an Sorgfalt bei dem Anzug erkennbar.« Daraus folgt sonnenklar, ergänzte der Inspektor, daß der Tausch der Kleider überhaupt nicht stattfand. Die Braut, mit der Sie zur Trauung schritten, war dieselbe, die Sie gleich bei Ihrer Ankunft im Hause im Hochzeitsschmuck gesehen hatten. Scheint Ihnen diese Erklärung nicht die einzig vernünftige? Kameron konnte ihm nicht widersprechen. – Aber ich möchte Sie noch auf eine andere Tatsache aufmerksam machen, fuhr der Inspektor fort. Wieder führe ich Ihre eigenen Aussagen an: »Genofeva sagt, sie habe sich in ihrer Freundin, Klara Foote, getäuscht; sie will sie weder bei sich empfangen, noch von ihr sprechen« Eine seltsame Laune für Fräulein Gretorex, aber eine sehr natürliche Vorsicht für Mildred Farley. Weit eher durfte sie hoffen, die Adoptiveltern zu täuschen, mit denen sie ein immerhin etwas förmliches Verhältnis verband, als eine vertraute Jugendfreundin und Schulgefährtin, welche in alle ihre Herzensgeheimnisse eingeweiht sein mußte. – Dagegen ließ sich ebensowenig etwas einwenden – Ferner paßte die Empfänglichkeit für die Weltfreuden, die Ihre Gattin an den Tag legte, ganz und gar nicht für die vornehme Dame, die an Luxus und gesellschaftliche Triumphe aller Art gewöhnt war. Hören Sie nur: »Sie hat eine Zeitlang in Washington größeres Vergnügen an Festen und Gesellschaften bekundet, als jemals, seit ich sie kenne. Wie hätte sie so von Lust und Heiterkeit übersprudeln können« – wenn sie Genofeva Gretorex gewesen wäre, füge ich hinzu, die in ihrer Liebe getäuscht und aller Lustbarkeiten und Aufregungen des Gesellschaftslebens herzlich müde war. – Im Geist sah der Doktor die strahlende Gestalt seines Weibes in jenen ersten Tagen ihres jungen Glücks; er schwieg und fragte sich, ob denn dies alles nicht ein Traum sei, aus dem er nächstens erwachen werde? – Noch eins bitte ich Sie zu erwägen, fuhr der unerbittliche Beamte fort; es hat auf Doktor Molesworth Bezug und scheint mir von großer Bedeutung. Auf die Frage, ob sie um seinetwillen keine Besorgnis verraten habe, erwiderten Sie: »Welche Frau hätte sich nicht geängstigt, wenn durch ihre Schuld ein unschuldiger Mann in eine verdächtige Lage geraten wäre, aus der sie ihn nicht wieder befreien kann, ohne ihre eigene Sicherheit zu gefährden?« Für das Weib, das ihn geliebt hat, wäre dies ein unnatürlich kühler Gemütszustand, der dagegen bei einer bloßen Bekannten wie Mildred Farley ganz begreiflich ist. Aber – wandte Kameron ein. Lassen Sie mich nur noch eine Ihrer Aeußerungen anführen, unterbrach ihn der Inspektor: »Seit Fräulein Gretorex meine Frau wurde, hat sie mir weder durch Worte noch Blicke die leiseste Veranlassung zur Eifersucht gegeben. Wenn in ihrem Innern noch ein Funke der alten Leidenschaft glüht, so ist er mir unsichtbar geblieben.« Sie sehen wohl nun selbst, Herr Doktor, auf wie natürliche Weise Ihre Aussagen in uns den Argwohn geweckt und bestätigt haben, daß das Mädchen, über dessen Leiche die Totenschau gehalten wurde, Ihre eigentliche Braut war, während die, welche jetzt der Welt gegenüber Ihren Namen trägt, niemand anders ist, als deren Zwillingsschwester Mildred. Von dieser wissen wir aus Fräulein Gretorex' eigenen Aufzeichnungen, daß sie sich ebenso bereitwillig als fähig erwiesen hat, an ihre Stelle zu treten. – Glauben Sie trotz alledem noch, daß wir im Irrtum sind, so können Sie uns vielleicht durch ein Beispiel beweisen, daß Ihre Gattin wirklich die Talente und Gaben besitzt, durch welche Fräulein Gretorex in der Gesellschaft geglänzt hat. Bei dem Wort »Talente« erinnerte sich Kameron plötzlich, wie oft Genofeva (so nannte er sie noch immer) sich geweigert hatte, ihren Gesang oder ihr Spiel hören zu lassen, jedesmal den leidigen Rheumatismus oder sonst etwas vorschützend. Er dachte daran, daß ihr der Trauring zu weit gewesen war, daß sie ihren Eltern oftmals wie eine Fremde gegenüber gestanden hatte, und an hundert große und kleine Vorkommnisse, die er früher nicht so genau beachtet. Und zu alledem kam noch die Ueberzeugung, daß das Herz seiner Gattin ihm angehört habe mit aller Glut und Innigkeit einer ersten, einzigen Liebe. Wie war das bei Genofeva möglich, die eben noch das Bild eines anderen Mannes in der Seele getragen? Und doch – ihm schwindelte bei dem Gedanken, daß er wirklich ein Weib zu seiner Gattin gemacht haben solle, das ihm ganz unbekannt war, dem er nie gehuldigt, um das er sich nie beworben hatte. – Es wird Ihnen schwer, meine Frage zu beantworten? fragte der Inspektor mit aufrichtiger Teilnahme. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, ich will es nicht versuchen. Wenn Genofeva – meine Frau – sich so weit erholt hat, daß es ohne Gefahr geschehen kann, werde ich ihr die Frage vorlegen, und sie wird mir die Wahrheit sagen. Glauben Sie? – Ja, das möchte vielleicht genügen, wenn es sich allein darum handelte, Sie persönlich zufriedenzustellen. Aber die Polizei wird schwerlich damit einverstanden sein, die Sache auf diese Weise zu erledigen. Auch nicht, wenn sie eingesteht, daß sie Mildred Farley ist? Auch dann nicht. Es könnte eine List sein, welche Genofeva Gretorex anwendet, um sich aus einer zweideutigen Stellung zu befreien. Durch das, was diese Frau getan und gewagt hat – sei sie nun Genofeva oder Mildred –, hat sie die Grenze überschritten, innerhalb welcher ihr eigenes Wort als Bürgschaft gelten kann. Kameron sah dies ein. Und was gedenken Sie zu tun? fragte er in ratloser Angst. Sie haben vergessen, war des Inspektors ernste Antwort, daß Doktor Molesworth gewußt haben muß, wessen Leiche er in seinem Wagen davonführte. Ja, rief Kameron, leidenschaftlich aufspringend, Molesworth soll es mir sagen; gehen wir zu ihm! – Doch plötzlich stutzte er und wurde bleich. Molesworth hat für diejenige, welche jetzt mein Weib ist, große Opfer gebracht – bemerkte er zweifelnd, sollten sie wirklich Mildred Farley gegolten haben? Ist es nicht wahrscheinlicher, daß er aus Mitleid für Genofeva Gretorex der Gefahr trotzte und um ihretwillen die eigene Ruhe und Sicherheit aufs Spiel setzte? Der Inspektor schüttelte den Kopf. Das ist keineswegs ausgemacht. Bedenken Sie doch, daß sie ihn um seine Hoffnungen betrogen hatte, daß sie vor ihm geflohen war, um sich mit einem andern zu vermählen! Und wenn auch – man bringt oft der Freundschaft größere Opfer als der Liebe. Sie haben ihn gesehen, haben mit ihm gesprochen – gewiß hat er Ihnen gestanden – Nein; Doktor Molesworth gab gestern abend keine Antwort auf unsere Fragen. Er war allem Anschein nach krank – sehr krank. Kameron dachte daran, wie tiefschmerzlich der letzte Blick seines Freundes gewesen war. Gewiß hatte er aus Rücksicht für ihn die bedrohlichen Anzeichen einer nahenden Krankheit soviel wie möglich unterdrückt. Der Sturz ins Wasser an jenem eiskalten Tage, fuhr der Inspektor fort, nebst den mancherlei Beschwerden und Entbehrungen, denen Sie beide ausgesetzt waren, hat wohl den Grund zu dem Uebel gelegt. Ich möchte mich jedoch überzeugen, ob er sich nicht kränker stellt, als er ist, um dem Verhör zu entgehen. Sind Sie bereit, mich zu ihm zu begleiten? Kamerons sehnlichster Wunsch war es, dies zu tun. Auf Molesworth ruhte seine ganze Hoffnung; von ihm allein konnte er die Gewißheit erhalten, von der jetzt alles abhing. So folgte er denn dem Inspektor bereitwillig nach Frau Olneys Wohnung. Die Kunde, welche dort auf die Ankommenden wartete, traf sie jedoch wie ein Donnerschlag. Sein Befinden hat sich heute früh bedeutend verschlimmert, hieß es, der Arzt, den man eiligst herbeigerufen hat, sagt, er werde den Tag nicht überleben. Vom heftigsten Schmerz ergriffen, vermochte Kameron sich im ersten Augenblick kaum aufrecht zu halten; er wankte nach Molesworths Zimmertüre. An der Schwelle trat ihm Frau Olney entgegen. Kommen Sie, rief sie, er hat nach Ihnen verlangt und die Nacht hindurch fortwährend Ihren Namen gerufen. Jetzt ist er so krank, daß er niemand erkennt. Wer hätte gedacht, daß er nur heimkehren würde, um zu sterben! In stummer Verzweiflung trat Kameron an das Bett des Kranken. Großer Gott! Konnte dies derselbe Mann sein, von dem er erst vor kurzem geschieden war? Er traute seinen Augen kaum; es ging über sein Verständnis. Stumm starrte er auf den todkranken Freund, mit dem alle seine Hoffnungen ins Grab sanken. Ein schwerer Fall von Lungenentzündung, flüsterte eine leise Stimme neben ihm. Das Bewußtsein kehrt vielleicht noch zurück, aber höchstens auf einige Minuten. Selbst seine eigene Kunst vermöchte ihn kaum zu retten, und die wird er nie wieder ausüben. Sie teilen gewiß meine Ansicht, Herr Kollege. Der Puls – die Temperatur – Kameron sah und hörte nichts, er wußte nicht einmal, wer mit ihm sprach. Julius, flüsterte er, kennst du mich nicht? Walter Kameron ist bei dir. Aber der Kranke vernahm den flehenden Ruf nicht; die fieberglühenden Augen rollten unstät umher, er erkannte seine Umgebung nicht. Er verläßt uns auf immer, rief Kameron in bitterem Weh zu dem Inspektor gewandt, das Geheimnis, das er im Innern verbirgt, ist für uns verloren. So lange noch Atem in ihm ist, weiche ich nicht von seiner Seite. Wollen Sie mit mir hier bleiben oder gestatten, daß ich allein bei ihm wache? Gryce ist hier, entgegnete der Inspektor. Er hat den Kranken seit gestern abend nicht verlassen und wird mit Ihnen hier bleiben. Der Doktor eilte nach dem Telephon, um Nachricht von Hause zu erhalten, und erfuhr, daß der Zustand seiner Frau unverändert sei. Nachdem er befohlen, man solle ihn sofort unterrichten, falls sie zum Bewußtsein erwache, kehrte er an Molesworths Lager zurück. Er kennt Sie nicht, flüsterte Frau Olney, und doch scheint er ruhiger, wenn Sie bei ihm sind, hören Sie, er ruft Sie wieder bei Namen. »Walter – Walter Kameron,« kam es von des Kranken Lippen. Der klagende Laut schnitt dem starken Mann ins Herz, und seine Augen füllten sich mit Tränen, die sein eigenes schweres Leid ihm nicht hatte auspressen können. So vergingen bange Stunden, bis plötzlich eine Veränderung eintrat. Der Sterbende blickte empor, erkannte Kameron und stieß einen tiefen Seufzer aus. Der Doktor beugte sich über ihn: Du hast mir etwas zu sagen, Julius, flüsterte er, sprich nur ein Wort, ich will dir's ewig danken. Welche von den Schwestern habe ich geheiratet? Antworte mir, teurer Freund, dann frage ich dich nichts mehr. Der Kranke öffnete die Lippen; es war, als wolle er reden, aber er brachte keinen Laut heraus. O Gott, stöhnte Kameron in Verzweiflung, muß ich ihn sterben sehen, ohne das rettende Wort zu vernehmen? Julius, du hast Kraft genug, dich zu bewegen. Wenn Genofeva Gretorex mein Weib ist, hebe die rechte Hand empor. Die Hand blieb regungslos. Wenn es Mildred Farley ist, erhebe die linke. Auch diese bewegte sich nicht. Kannst du es mir nicht sagen? rief Kameron in wildem Schmerz, oder willst du es nicht tun? Du sagst, du hast mich lieb, beweise es jetzt! Aber der Sterbende bewegte sich nicht mehr; nur aus seinen Augen brach ein rührend sehnsuchtsvoller Blick. Da gab der Doktor sein vergebliches Trachten auf; alle selbstsüchtigen Gedanken von sich weisend, beugte er sich nieder und küßte mit heiliger Scheu und Zärtlichkeit die Stirn, die schon vom kalten Todesschweiß bedeckt war. Ein Strahl unaussprechlicher Freude ergoß sich über das verklärte Antlitz; die Hand, die sich nicht hatte regen wollen, streckte sich nach Walter aus und ruhte einen Moment mit innigem Druck in der seinen. Kameron kniete neben Molesworth und flüsterte ihm ins Ohr: Heute früh ist Brigitte Halloran zum erstenmal eine Strecke weit ganz allein gegangen. Den Ruhm dafür erntest du allein. Da trat ein glückseliges Lächeln auf die bleichen Lippen, noch ein dankbarer Blick, und die tiefen unergründlichen Augen schlossen sich für immer. Es ist vorüber, sagte eine wohlbekannte Stimme neben Kameron in feierlichem Ton. Wir müssen ein anderes Mittel suchen, um die Wahrheit zu ergründen. Ein anderes Mittel? Aber welches? Kameron stand einige Zeit nachher allein mit Gryce im Wohnzimmer. Der Detektiv überlegte. Blieb er nicht immer noch der große Gryce, wenn auch seine Jugend und Blütezeit vorbei war? Es mußte ihm gelingen, der Schwierigkeit Herr zu werden. Das langsame Forschen und Erwägen bringt mich um, brach Kameron das Schweigen. Der Zweifel ist nicht länger zu ertragen; ich muß wissen, wen ich an meinem Herzen gehegt und gehalten habe. Auch wir müssen uns Klarheit verschaffen, fiel Gryce ein. Was war Ihre letzte Nachricht von zu Hause? fügte er in kurzem geschäftsmäßigem Ton hinzu. Meine Frau hatte sich abermals bewegt, aber nur schwach. Des Detektivs Züge nahmen einen seltsamen Ausdruck an. Wer Gryce kannte, hätte ihn nicht ohne Neugier und Interesse betrachtet, denn so sah er nur aus, wenn er eine wunderbare Entdeckung gemacht oder einen scharfsinnigen Plan ausgeklügelt hatte. Sie möchten wissen, rief er, wie wir uns untrüglich davon überzeugen können, welche von den Schwestern Sie als Gattin in Ihr Haus geführt haben? – Gut, es gibt ein Mittel, und ich hoffe, daß es mir damit gelingt. Bei diesen Worten trat er dicht an den Doktor heran und flüsterte ihm voll Eifer und Nachdruck einige Worte ins Ohr. Achtunddreißigstes Kapitel. Wir befinden uns in Doktor Kamerons Hans, im Schlafgemach seiner Frau. Aber es ist völlig verändert. Nur Wände, Türen, Zimmerdecke und Kamin sind sich gleich geblieben. Der Teppich, die halbgeschlossenen Vorhänge, selbst das Bett samt Kissen, Decken und Betttüchern scheinen nicht hierher zu gehören; sie sind aus grobem Stoff und von schlechter Beschaffenheit, und stehen in schroffem Gegensatz zu der seinen, geschmackvollen Ausstattung der übrigen Zimmer. Dem Bett gegenüber, wo sonst die wunderschöne Madonna hing, befindet sich jetzt ein Bild, das wir früher schon einmal gesehen haben – in Frau Olneys Haus. Nun erkennen wir auch die andern Möbelstücke und die ganze Einrichtung wieder. Wir meinen uns in der Stube zu befinden, die Frau Farley ehemals mit ihrer Tochter bewohnt hat. Die Täuschung ist vollkommen, denn ein Bettschirm verdeckt den eleganten Kamin, und da steht ja auch Mildreds kleines Wandgestell mit ihren Lieblingsbüchern und Nippsachen. Neben dem Bett aber sitzt Frau Olney selbst, den freundlichen Blick besorgt auf die regungslose Gestalt gerichtet, welche auf den Kissen des dürftigen Lagers ruht. Nach der Meinung der schlichten Frau paßt die Kranke vollkommen zu der armen Umgebung, in welcher sie den andern Beschauern so fremdartig erscheint. Der Abend bricht herein, und bei dem Dämmerlicht, das bereits in dem verdunkelten Gemach herrscht, lassen sich die Gestalten zweier Männer unterscheiden, die mit atemloser Spannung darauf harren, daß wieder Leben in die starren Glieder zurückkehrt, die geschlossenen Äugen sich öffnen, und der Geist zum Bewußtsein erwacht. Des Detektivs Gesichtsausdruck ist kaum weniger erregt als derjenige Kamerons, des angsterfüllten Gatten. Es ist sechs Uhr und alles totenstill; nur des Doktors Herz klopft hörbar – sonst vernimmt man keinen Laut. Sie sagten, in vierzig Minuten würde das Pulver, das Sie ihr eingaben, seine Kraft verlieren; die sind jetzt vorbei, flüsterte Gryce, der nach der Uhr gesehen hatte, dem Gefährten zu. Ein langgezogener, tiefer Seufzer vom Bette her antwortete ihm, Frau Olney beugte sich vor und berührte die Stirn der Erwachenden. Mildred, sagte sie leise. Kameron hielt den Atem an; er horchte aus allen Kräften auf einen Ausruf, eine Antwort, von der die Entscheidung abhing. Mildred, wiederholte Frau Olney. Oh! klang es schwach und gedehnt aus der Kranken Mund; sie öffnete die dunkeln Augen, heftete den Blick auf das wohlbekannte Gesicht und lächelte, als wolle sie sagen: »Hier bin ich.« Aber fast im nämlichen Augenblick schauerte die abgezehrte Gestalt zusammen, die Blicke irrten wild umher, von einem Gegenstand zum andern, bis sie wieder mit ängstlich fragendem Ausdruck auf Frau Olney verweilten. Diese, getreu der übernommenen Rolle, sah sie liebevoll an und sagte in ruhigem Ton: Du bist krank gewesen, sehr krank, armes Kind. Da blickte Frau Kameron auf das Bett, auf das wollene, verblichene Tuch, das ihr die Schultern bedeckte, auf ihre Hände, von denen man alle Ringe entfernt hatte, und rief in namenloser Angst: War es denn alles ein Traum? Gibt es denn keine Genofeva, keinen Walter – und bin ich Mildred Farley geblieben? – Ein Tritt ließ sich hören, ein scharfer Geruch verbreitete sich am Kopfende des Bettes, und Frau Olney sah sich der Antwort überhoben. Die Kranke, die kaum erst zu sich gekommen war, versank wieder in Bewußtlosigkeit. Neununddreißigstes Kapitel. Es ist mir nicht um Anerkennung zu tun, sagte Gryce mit dem Ausdruck innerlicher Befriedigung, Ich wollte nur Ihnen und mir selbst die Gewißheit verschaffen, daß Ihre Gattin nicht Herrn Gretorex' Adoptivtochter ist. Der Versuch ist gelungen. Nicht wahr, Sie sind jetzt vollkommen überzeugt? Ich hatte schon vorher kaum einen Zweifel mehr, versetzte der Doktor. Von dem Augenblick an, als mir eine solche Möglichkeit überhaupt nahegelegt wurde, mußte sie mir einleuchten. Zahlreiche Vorkommnisse aus der Vergangenheit bestätigten die Tatsache. Es waren Kleinigkeiten, die ich damals kaum beachtete; jetzt aber erscheinen sie mir im wahren Lichte, als Beweise der großen und geschickt ausgeführten Täuschung. Alles bestätigt sie mir: meiner Frau Unwissenheit, die sie unter vieldeutigem Lächeln zu verbergen wußte, so daß sie bald als höhere Weisheit, bald als Gleichgültigkeit erschien; ihr schwaches Namengedächtnis, ihre vorgeschützte Kurzsichtigkeit. Wie oft schwieg sie, wenn sie hätte reden sollen, und war gesprächig, wenn man keine Unterhaltung von ihr erwartete; mit launigem Scherz half sie sich aus mancher Verlegenheit; durch ihre Blicke, ihr Lächeln verstand sie die Pausen auszufüllen und abfällige Urteile zu entwaffnen. Die Haltung, die sie Herrn und Frau Gretorex gegenüber angenommen, brachte das Verhältnis auf den Höflichkeitsfuß, bei dem allein sie vor Entdeckung sicher war. Kleinere Gesellschaften zu besuchen vermied sie so viel wie möglich und erschien fast nur in größeren Kreisen, wo kein vertrauliches Gespräch aufkommen konnte; meiner Aufforderung, mir vorzusingen oder zu spielen, wich sie stets unter diesem oder jenem Vorwand aus; sie zeigte ihre Handschrift nicht und sprach nie über persönliche Beziehungen aus früherer Zeit. Jetzt sind mir diese Rätsel alle gelöst; ich weiß nur nicht, worüber ich nachträglich mehr staunen soll, ob über ihre merkwürdige Geschicklichkeit, ihren richtigen Takt, oder darüber, daß ich nicht von selbst auf die Wahrheit verfallen bin. Schon daß sie mir so viel geistreicher, begabter und liebreizender erschien als früher, hätte mich argwöhnisch machen müssen. Von Genofeva Gretorex, wie ich sie kannte, ließ sich eine derartige Umwandlung durchaus nicht erwarten. Mich nimmt das weiter nicht wunder, entgegnete Gryce. Das förmliche Verhältnis zu Ihrer Braut, während der kurzen Verlobungszeit, gestattete Ihnen keinen genauen Einblick in ihren Charakter. Was etwa an der jungen Frau auffällig war, konnte leicht der Veränderung zugeschrieben werden, welche die Ehe häufig bewirkt. Daß Sie sich täuschen ließen, erscheint mir nicht befremdlich, aber daß ich meinen Irrtum nicht früher erkannte, das macht mir Verdruß. Aber Sie hatten ja Fräulein Gretorex nie gesehen. Wohl wahr; aber für einen Detektiv ist das keine Entschuldigung. Ich war von vornherein nicht ohne Mißtrauen und hätte genauer nachforschen müssen, besonders da ich wußte, daß die zwei Schwestern einander zum Verwechseln ähnlich sahen. Ich finde es sehr begreiflich, daß Sie das Geheimnis nicht gleich durchschauten. Um zu entdecken, was den Augen der Eltern und des Gatten verborgen blieb, hätte es ganz außerordentlicher Gaben und des großen Scharfsinns bedurft. Gryce sah nicht aus, als fühle er sich nicht im Besitz solcher Gaben, doch antwortete er bescheiden: Plan und Ausführung zeugen von vollendetem Geschick, das steht außer Frage. Hätte sich Doktor Molesworth zu Genofevas Mitschuldigem gemacht, wäre er auf die Heirat eingegangen, ich glaube Ihr junges Glück würde durch keinen Zweifel gestört worden sein. Wenn Sie auch später diesen oder jenen Mangel an Ihrem Weibe bemerkt hätten, so wären Sie durch die Gewohnheit bereits dagegen abgestumpft gewesen. Sie würden sich zum Beispiel gesagt haben, wie ihre früheren Bekannten jetzt tun: »Genofeva hat sich seit der Hochzeit merkwürdig verändert, aber sie ist ja nicht die erste verheiratete Frau, die ihre Musik aufgibt.« Höchst wahrscheinlich, meinte Kameron. Auch muß ich gestehen, daß mir ihr feuriges, lebhaftes Wesen fast die Erinnerung an jene Genofeva Gretorex verwischt hat, um die ich mich damals bewarb, und deren Stelle sie eingenommen hat. Freilich hat sie mich hintergangen, aber was sie dazu trieb, war an sich nicht verwerflich; sie handelte ja nicht aus Bosheit des Herzens, – Gryce trat betroffen einen Schritt zurück. Fast scheint es, bemerkte er, als sei Ihnen durch unsere Entdeckung eine schwere Last von der Seele genommen! Und warum nicht? Besitze ich doch jetzt ein Weib, das unberührt ist von jener wahnsinnigen Leidenschaft für einen andern. Aber sie war doch ein – ein Mädchen – Aus niederm Stande, wollen Sie sagen, ergänzte der Doktor. Das freilich; doch ist sie Genofevas Schwester und ihr an Verstand, an Schönheit und, wie ich hoffe, auch an innerem Wert überlegen. Zwar ist sie anscheinend ohne Gewissensbisse auf den Betrug eingegangen, hat aber seitdem Zeichen einer so aufrichtigen Reue blicken lassen, und hat für den Mann, welchen sie täuschte, eine so innige Zuneigung an den Tag gelegt, daß ich die frohe Hoffnung hege, sie wird meine Schonung und Hingabe verstehen und sich künftig meiner Liebe und Achtung würdig zeigen. Gryce trat näher an ihn heran: Sie machen es mir schwer, meine Pflicht zu erfüllen, sagte er. Ihre Pflicht? Sie scheinen zu glauben, daß es sich einzig und allein darum gehandelt hat, die Identität Ihrer Gattin festzustellen, und daß Ihnen jetzt nichts anderes mehr bevorsteht, als sich mit ihr zu versöhnen? Kameron unterdrückte einen Ausruf des Schreckens. Sie wollen doch nicht etwa ihr gegenüber den schwarzen Verdacht festhalten, denselben Argwohn, den Sie gegen die bis zum Wahnsinn erregte Tochter des Herrn Gretorex richteten? Der Detektiv seufzte; es war ihm höchlich zuwider, abermals das Amt eines Folterknechts zu versehen. Ich war der Meinung, bemerkte er zögernd, ich brauche Sie nicht erst darauf aufmerksam zu machen, daß der Verdacht der Polizei gegen Ihre Gattin weit eher verschärft als gemindert wird durch die Entdeckung, daß es Genofevas Stellvertreterin war, die am Leben blieb und Ihr Weib wurde – und nicht sie selbst. Darauf bin ich nicht vorbereitet. In der Ueberzeugung, die Lösung des Rätsels gefunden zu haben, habe ich mich nicht gefragt, ob wir noch ein anderes Geheimnis zu erforschen hätten. Ich wollte, wir wären dieser Pflicht überheben. Aber im Hinblick auf die begleitenden Umstände und die schwere Versuchung, die an Ihre Gattin herantrat, können wir unmöglich von einer gerichtlichen Untersuchung abstehen. Da Fräulein Gretorex Mut genug besaß, um ihre frühere Stellung als Herrn Gretorex' Tochter und Ihre Braut wieder einnehmen zu wollen, so würde es ihr auch sicherlich nicht an Kraft gefehlt haben, ihre Absicht auszuführen, hätte Mildred sie nicht gewaltsam daran verhindert. – Wie sollen wir uns den Vorgang erklären? Läßt sich annehmen, sie habe der Schwester zu Gefallen ihr Leben von sich geworfen? Scheint es nicht wahrscheinlicher, daß die Schwester ein Mittel fand, den Tod herbeizuführen, welcher ihr den Besitz aller Güter sicherte, die sie begehrte? Der Doktor gab die einzig mögliche Antwort: Das Gift, sagte er, gehörte Genofeva. Es war in dem Schmuckkasten verschlossen, der in ihrer Kommode stand. Ist es auch denkbar, daß Mildred dies wußte, so konnte sie Genofeva doch unmöglich den tödlichen Trank einflößen, ohne daß diese es gewahrte. Dies ist der schwache Punkt. Wir haben dagegen nur die Einwendung zu machen, daß Molesworth der Ansicht gewesen sein muß, Mildred Farley habe ein Verbrechen begangen. Er betrat zuerst den Schauplatz der Tat und bewies in seiner Handlungsweise eine Entschlossenheit und Umsicht, wie sie sich bei einem Manne erwarten läßt, der Willens ist, einen Mord zu verbergen. Wenn er so urteilte – Wir haben keine Gewißheit darüber. Was er dachte oder mutmaßte, werden wir nie erfahren; er ist tot und hat sich zu nichts bekannt, entgegnete Kameron kühl. Aber der Schlag war nicht wirkungslos geblieben. Niemand wußte ja besser als er, daß Molesworth sich gefürchtet hatte, ihm die Wahrheit in betreff der Identität seiner Gattin zu verraten. Gab es denn für diese Furcht eine andere Erklärung, als daß er an ihre Schuld glaubte, welche durch die Entdeckung, wer sie sei, als erwiesen gelten konnte? – Lassen Sie uns nicht weiter darüber streiten, Herr Doktor, bemerkte der Detektiv. Solange ich noch über meine Pflicht im Zweifel war, bin ich zu jeder Erörterung bereit gewesen, nun ich aber weiß, was ich zu tun habe, wünsche ich kein Wort mehr zu verlieren. Auch Ihnen möchte ich als Freund raten, ferner über die Angelegenheit zu schweigen. Dieser Ton war Kameron bei dem Detektiv ganz neu; er fühlte sich aufs peinlichste davon betroffen. Also, seine persönliche Ueberzeugung, ja die Wahrheit selbst vermochte nichts an der Tatsache zu ändern, daß sein Weib von nun an in den Augen der Polizei als des Verbrechens verdächtig gelten müsse, nachdem ihr einziger Zeuge in das Grab gesunken war. – Nur durch eine entscheidende Tat seinerseits konnte er die furchtbare Frage ein für allemal aus der Welt schaffen. Er sah den tiefen Ernst in Gryces Mienen und beschloß, sofort zur Ausführung zu schreiten. Auch ich möchte einen Versuch wagen, sagte er. Ihre Probe ist gelungen. Sie haben uns alle überzeugt, daß der Mädchenname meiner Frau Mildred Farley war. Ich begehre jetzt durch ein ähnliches Mittel den Beweis zu liefern, daß sie zwar den Namen, die Stellung, das Wesen ihrer Schwester angenommen hat, aber an deren Tode völlig unschuldig ist. Wollen Sie mich in das Krankenzimmer zurückbegleiten, Herr Gryce? Der Detektiv zögerte, er war im Begriff, sich zu entfernen. Ich weiß, was Sie vorhaben, sagte er, rate Ihnen aber, es zuvor reiflich zu überlegen. Es ist ein gewagtes Unternehmen. Auch brauchen Sie die Dame ja nicht notwendigerweise als Ihre Gattin anzusehen – Was sagen Sie? Kein Gerichtshof der Welt würde Sie zwingen, eine Ehe als gültig anzuerkennen, die auf so betrügerische Weise zustande gekommen ist. Der Doktor ward rot, wandte den Blick ab und schwieg eine Weile. Dann entgegnete er mit Bestimmtheit: Sie ist mein Weib, und ich werde sie nicht verlassen, wie auch mein Versuch ausfallen mag. Ich hätte kein Recht, ihn anzustellen, wenn ich nicht bereit wäre, die Folgen mit ihr zu tragen. Gryce nahm den Hut ab, ob aus Hochachtung, oder weil er zu bleiben gedachte, ließ sich nicht entscheiden. Sie sind also fest dazu entschlossen und wollen mich zum Zeugen machen? Ja, denn ich glaube an ihre Unschuld und will sie vor der Welt behaupten können. Nach diesen Worten führte er Gryce in das Zimmer seiner Frau zurück. Sie werden nicht lange zu warten brauchen, sagte er, das Betäubungsmittel, das ich ihr gab, muß seine Wirkung bald verloren haben. Die dürftigen schlechten Möbel waren aus dem Gemach entfernt worden und die frühere elegante Ausstattung wieder an Ort und Stelle gebracht. An Frau Olneys Platz saß die Wärterin, und von der seltsamen Umwandlung des Raumes, durch welche die nur halb zum Bewußtsein Erwachte sich wieder in ihre Mädchenzeit zurückversetzt geglaubt hatte, war jede Spur verschwunden. Auch die Ringe trug sie wieder an der Hand und auf dem Tischchen neben dem Bett tickte ihre Uhr, ein Geschenk Kamerons aus jenen glücklichen Tagen in Washington. Sie lag ruhig da, nur mit den Augenlidern zuckend und von Zeit zu Zeit die Glieder krampfhaft bewegend, als empfinde sie Schmerz oder Kummer. Der Doktor nahm den Sitz der Wärterin ein, welche aufgestanden war, faßte die rechte Hand der Kranken und beobachtete gespannt die Wirkung seines leisen Druckes. Nur Güte und Liebe sprachen aus seinen Zügen. Bei seiner Berührung schien das in ihr schlummernde Leben neu zu erwachen. Sie schlug die Augen auf und starrte ihm mit wilden Blicken in das Gesicht, dessen freundlicher Ausdruck sich nicht veränderte, wie heftig auch der Sturm in seinem Innern tobte. Oh, stammelte sie mit einem Seufzer innigen Entzückens, so war es also kein Traum, ich bin dein Weib, du bist mein Gatte, und – Jetzt ward ihr die Wirklichkeit klar, Seelenangst malte sich in ihren Zügen; leben hieß nicht nur lieben! Die warme Färbung ihrer Wangen verschwand, wie von einem vernichtenden Eiseshauch angeweht. Der Doktor verwandte keinen Blick von ihr. Geht es dir besser, Mildred? fragte er. Als er den Namen nannte, entrang sich ein dumpfer Schrei ihren Lippen; sie wollte sich aufrichten, sank aber vor Schwäche wieder in die Kissen zurück. Kameron warf unwillkürlich einen Blick nach dem Detektiv, der im tiefen Schatten an der andern Seite des Bettes stand. So weißt du es? murmelte sie schwach. Ja, war die Antwort, ich weiß, daß du nicht Genofeva bist, sondern ihre Schwester Mildred. Wie verwerflich mir aber auch die Täuschung erscheint und der Ehrgeiz, welcher sie anstachelte, sie zu begehen, so liebe ich dich dennoch und bin bereit, dir zu verzeihen. Ein seliges Lächeln, ein Strahl des reinsten Glückes, der aus ihren Augen leuchtete, übergoß ihre Züge mit dem Glanz der früheren Schönheit. Dann habe ich keinen Wunsch auf Erden mehr, rief sie; all mein Kummer ist vorbei. Ach, wie habe ich gezittert und gezagt, du würdest mich hassen, würdest mich von dir stoßen, wenn du entdecktest, daß ich durch einen Betrug in den Besitz deines Namens gelangt bin. – Große Tränen stahlen sich unter ihren Wimpern hervor und rollten ihr über die Wangen. Laß mich Gott danken! flüsterte sie und versuchte die Hände zu falten, doch war sie zu schwach dazu und lächelte nur stillbeglückt. Kameron drängte die Rührung zurück, die sich seiner unwiderstehlich bemächtigen wollte. Und war das der einzige Kummer, der dich bedrückte? fragte er, sie zärtlich anblickend; hast du keine andere Besorgnis, keine Furcht auf dem Herzen? Keine. Was könnte mich sonst noch quälen? War das nicht genug, deine Liebe zu verlieren? O Walter, du weißt nicht, welcher Schatz deine Liebe für mich ist! Aber, wenn ich am Leben bleibe, sollst du es noch erfahren. Sie Hob die schweren Lider und sah den Gatten mit so viel Freimut, Offenheit und Innigkeit an, daß er triumphierend aufstand und zu Gryce hinüberblickte. Dieser aber hatte seinen Beobachterposten verlassen und stand jetzt an der Tür, den Hut in der Hand. Ich möchte mich Ihnen empfehlen, sagte er, als der Doktor auf ihn zutrat. Wenn Sie noch einen Auftrag für mich haben, lassen Sie es mich gefälligst wissen. Ich selbst hege kein weiteres Anliegen und wünsche Ihnen nur noch von Herzen Glück. Mit wohlwollendem Abschiedsgruß wandte er sich zum Gehen und verließ geräuschlos das Zimmer und das Haus. Vierzigstes Kapitel. Etwa sechs Wochen später erhielt Gryce die nachstehende Zuschrift: »Seit einigen Tagen weiß ich aus dem Munde meines Gatten, zu wie furchtbarem Verdacht ich der Polizei durch mein Verhalten Anlaß gegeben habe.« »Daß ich das Glück, welches mir zuteil geworden ist, nicht verdiene, fühle ich wohl; auch bin ich weit entfernt, meine Handlungsweise beschönigen zu wollen, aber meiner Schwester habe ich kein Leid zugefügt und trage keine Schuld an den schrecklichen Folgen, welche mit ihrer unerwarteten Rückkehr verbunden waren. Um Sie hiervon zu überzeugen, schicke ich Ihnen den folgenden wahrheitsgetreuen Bericht, in der Hoffnung, Sie werden der Gattin eines so edlen Mannes, wie Walter Kameron, gern Gerechtigkeit widerfahren lassen, mag sie Ihnen auch noch so tadelnswert erscheinen.« »Meine Jugend war nicht glücklich. Von Natur ehrgeizig und mit aufgeschlossenem Sinn für alles Hohe und Schöne, sah ich mich durch die Armut nicht nur in allem Streben gehemmt, sondern auch jeder Gelegenheit beraubt, die mir verliehenen Fähigkeiten und Gaben auszubilden. Unausgesetzte Arbeit war mein Los; meiner Mutter zuliebe ergab ich mich zwar darein, konnte mich aber von dem bittern Gefühl nicht freimachen, daß mir zu schwere Opfer aufgebürdet und meine Kräfte mißbraucht würden.« »Meine Unzufriedenheit wuchs, als mich meine Mutter eines Tages in ihr Vertrauen zog. Ich erfuhr, daß ich eine Zwillingsschwester besitze, die mein vollständiges Ebenbild sei, aber im Schoße des Glückes lebe und alle Güter ihr eigen nenne, nach welchen ich von ganzer Seele schmachtete. Sie hatte Reichtum und Talente, sie verfügte über ihre Zeit und konnte jeden ihrer Wünsche befriedigen. In den Häusern der Vornehmen und Reichen, die mir wie Zauberpaläste erschienen, verkehrte sie als willkommener Gast. Und doch war es nur ein Zufall, welcher ihr und nicht mir dies glänzende Geschick bereitet hatte, denn eigentlich hatte meine Mutter mich für die vornehme Dame bestimmt, welche eines der beiden Neugeborenen an Kindesstatt annehmen wollte; aber jene griff über die ihr zunächstliegende Kleine hinweg nach meiner Schwester, obgleich diese weder hübscher noch größer und kräftiger war als ich.« »Seit dieser Umstand zu meiner Kenntnis kam, war ich wie verwandelt; mir schien, als sei ich durch meine Schwester unrechtmäßigerweise von dem mir gebührenden Platz verdrängt worden. Dabei malte sich meine jugendliche Einbildungskraft die Freuden und Vorzüge, welche sie genoß, mit um so glänzenderen Farben aus, je schroffer der Gegensatz war, in dem sie zu meinem mühseligen Alltagsleben standen. Die Pflichten gegen meine geliebte, häufig leidende Mutter war ich zwar bemüht, treulich zu erfüllen, aber ich beneidete meine Schwester um den äußeren Glanz ihrer Stellung, und brütete Tag und Nacht über mein trauriges Geschick, es mit dem ihrigen vergleichend. Ich hatte sie nie gesehen und wußte nur, daß sie in einem vornehmen Stadtteil wohnte, als eine jener Glücklichen, deren prächtige Wagen in den Straßen an mir vorüberrollten, oder sich an den Portalen der Theater und Konzerthäuser drängten. – Für mich waren solche Genüsse unerreichbar! –« »Inzwischen war meine Mutter immer kränker geworden, und eines Tages erklärte sie mir, sie fühle, daß sie nicht ruhig sterben könne, ohne zuvor ihre beiden Töchter an ihr Herz geschlossen zu haben. Selbst der Eid, den sie geschworen hatte, sich ihrem Kinde nie wieder zu nahen, schreckte sie nicht ab, so groß war ihr Verlangen, die Tochter wiederzusehen und sich ihr als ihre Mutter zu erkennen zu geben. Wie meine Schwester die Entdeckung aufnehmen werde, im Fall man ihr bisher ihren wahren Ursprung verborgen gehalten, beunruhigte sie nicht; meinen Einwendungen gab sie kein Gehör, sondern geriet in die heftigste Gemütsbewegung, bis ich versprach, ihr zu einem Wiedersehen mit der verlorenen Tochter behilflich zu sein.« »Nun erfuhr ich zum erstenmal Namen und Wohnung meiner Schwester und zugleich, daß sie im Begriff stehe, sich zu verheiraten. Diesen Umstand wollte ich benutzen, um mir Eintritt in das vornehme Haus zu verschaffen; meine Mutter billigte den Plan und schickte mich sobald als möglich nach dem Nikolasplatz.« »Unter dem Vorwand, mich Fräulein Gretorex als Schneiderin zu empfehlen, ließ ich mich bei ihr melden; ich war dicht verschleiert, da ich fürchtete, durch meine Aehnlichkeit mit der jungen Dame Aufsehen zu erregen; ich traf sie zu Hause und wurde eingelassen.« »Mit unbeschreiblichen Empfindungen betrat ich ihr prächtig ausgestattetes Zimmer, aber wie ward mir erst, als ich inmitten der glanzvollen Umgebung mich selber erblickte, das heißt mein getreues Abbild, von mir nur durch die Kleider unterschieden und durch jene feinere Erziehung, die sich mir in dem ganzen Wesen meiner Schwester gleich bei dieser ersten Begegnung schmerzlich fühlbar machte. In ihr sah ich das Ideal verkörpert, das zu erreichen ich mein Leben lang vergeblich getrachtet. Die wunderbare Aehnlichkeit erregte mich tief, sie ging bis ins Kleinste, erstreckte sich sogar auf das Mienenspiel und die Bewegung der Hände. Wir waren von einer Größe und erst als ich ihr später Maß zu den Kleidern nahm, fand ich, daß sie etwas stärker in der Taille sei.« »Sie hielt mein Schweigen für Befangenheit und redete mich zuerst an. Der Klang ihrer Stimme überwältigte mich, mir war, als spräche ich selbst, nur aus dem Tonfall hörte ich einen Unterschied heraus.« »Sie haben ein Anliegen an mich, sagte sie gütig, nennen Sie es, ich bin gerade gnädig gestimmt. Es war ein kühles Lächeln, das diese Worte begleitete, und unwillkürlich fragte ich mich, ob meine Mienen auch so unbeweglich bleiben würden, wenn ich mich glücklich fühlte wie sie. Ach, ich ahnte ja damals nicht, wie gleichgültig ihr alle die Freuden waren, die für mich einen so unaussprechlichen Reiz besaßen. In ihrer Uebersättigung empfand sie sie als eine ebenso schwere Last, wie ich die harte Arbeit meiner Hände.« »In Erwiderung auf Genofevas Anrede sprach ich zuerst von meiner Arbeit und bat sie um ihre Kundschaft. Um ihr Interesse für mich wachzurufen, kam ich dabei auf meine Lebensverhältnisse zu sprechen; ich erzählte ihr von meiner kranken Mutter, von ihrem tiefen Kummer, ihrer Sehnsucht nach der Tochter, welcher sie ihre innige Liebe nie habe offenbaren dürfen. Vergeblich hoffte ich, sie würde verstehen, was ich im Sinn habe; sie hörte meine Worte nur geduldig mit an, wie einen der vielen Berichte von Not und Unglück, die ihr wohl häufig zu Ohren kamen. Erst auf meine bedeutungsvolle Frage, ob sie nicht in ihrem Bekanntenkreise eine junge Dame wisse, auf die meine Erzählung Bezug haben könne, zeigte sie sich betroffen und forderte mich auf, den Schleier abzunehmen.« »Nun hielt ich den Augenblick für gekommen, mich deutlicher zu erklären. Ihre eigene Mutter ist es, von der ich spreche, rief ich, und Sie sehen Ihre Schwester hier vor sich. Verzeihung, wenn ich Sie nicht schonender darauf vorbereitete, mich überwältigt Ihr Anblick, ich vermag die Wahrheit nicht länger zurückzuhalten.« »Sie geriet weder in Zorn noch in Schrecken; sie sah mich nur mit festem Blicke an und fragte, wie ich diese erstaunliche Behauptung beweisen wolle.« »Auf die einfachste Art von der Welt, entgegnete ich und schlug den Schleier zurück.« »Nachdem die erste Ueberraschung verflogen, die ersten Gefühlsergüsse ausgetauscht waren, beschäftigte sich Genofeva aufs eingehendste mit dem für sie so neuen Verhältnis und nahm einen ganz unerwarteten Anteil an allen Einzelheiten unseres täglichen Lebens. Sie ward nicht müde, mich darüber auszufragen und wollte mich nicht wieder von sich lassen, obschon ich fürchtete, meinen Besuch bereits allzusehr ausgedehnt zu haben. Wir verglichen unsere äußere Erscheinung vor dem Spiegel, um einen Unterschied zu entdecken, ihre Hände waren etwas schmaler, ihr Grübchen im Kinn weniger tief als das meinige; unsere Füße waren aber gleich groß, und als sie mir einen ihrer Hüte aufsetzte, wußte ich kaum, ob es ihr Gesicht sei oder mein eigenes, das mir aus dem Spiegel entgegenlächelte.« »Im allgemeinen schienen meine Mitteilungen sie weit weniger beunruhigt zu haben, als ich erwartete, Sie freute sich über das neue Lebensinteresse, das sich ihr bot und versprach mir ihren Besuch für den folgenden Tag. Ihre Kundschaft, um die ich gebeten hatte, sollte uns den besten Vorwand liefern, einander häufig wiederzusehen. So wurde die eine Schwester die Schneiderin der andern, und es entspann sich zwischen uns ein reger Verkehr, von welchem damals freilich kein Mensch voraussehen konnte, daß er so schrecklich in Verzweiflung und Tod enden werde.« »Ihren stolzen Pflegeeltern verbarg Genofeva aus verschiedenen Gründen, was zu ihrer Kenntnis gelangt war, überzeugt, dadurch manches Unheil zu verhüten. Um das Geheimnis zu wahren, erschien sie am nächsten Tage gleichfalls tief verschleiert in unserer ärmlichen Behausung. So wenig dieselbe zu ihren Lebensgewohnheiten paßte, sie schien sich dort schnell heimisch zu fühlen und widmete sich mit Eifer den neu entdeckten Verwandten. Vielleicht empfand sie in der leidenschaftlichen Umarmung meiner Mutter eine Liebeswarme, die sie bisher nicht gekannt, aber größer noch war der Einfluß, den Doktor Molesworths ernste schwermütige Augen schon bei der ersten Begegnung auf sie ausübten.« »Er war der Arzt meiner Mutter und besuchte sie täglich. Auch an jenem Tage wollte er wie gewöhnlich nach der Kranken sehen; als er auf sein Klopfen keine Antwort erhielt, glaubte er, sie schliefe und trat leise ein. In der Meinung, die Türe sei verschlossen, hatten wir jede Vorsicht außer acht gelassen; wir waren von seinem Erscheinen völlig überrascht und hielten uns für verloren. Genofeva stand ohne Schleier neben mir, und unsere auffällige Aehnlichkeit ließ sich nicht verbergen.« »Für meine Schwester hatte der Augenblick höchst peinlich sein müssen, aber sie zeigte weder Unruhe noch Besorgnis, auch erhob sie keinerlei Einwendung, als meine Mutter dem Doktor die Lage der Dinge auseinandersetzte. Die Blicke bei beiden hatten sich getroffen, und von dem Moment an war Genofeva Gretorex wie umgewandelt.« »Mir war ihre plötzlich erwachte Leidenschaft völlig unbegreiflich; ich konnte an Doktor Molesworth nichts Anziehendes finden, während der Verlobte meiner Schwester alle Vorzüge besaß, um das Herz eines jeden Mädchens zu beglücken, mochte es arm sein wie ich oder in vornehmen Verhältnissen aufgewachsen. Zwar war mir Doktor Kameron bei meinen häufigen Besuchen im Hause Gretorex nur einmal zu Gesicht gekommen, aber sein gütiger Blick, sein freundliches Lächeln hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. An der Seite eines solchen Mannes schien mir Genofevas Los beneidenswerter als je, während ich nach dem Tode meiner Mutter einsam und verlassen dastehen würde. Sie dagegen wußte die Gunst ihres Schicksals nicht zu schätzen und pries mich glücklich wegen meiner Freiheit.« »Die Tage vergingen, die Schwäche meiner Mutter nahm zu, sie fühlte ihr Ende herannahen; Genofeva ahnte nichts davon, ich durfte sie auch nicht herbeirufen, denn andere Menschen waren zugegen, wir beide hätten nicht zusammen am Sterbebett weilen können, ohne das Geheimnis zu verraten.« »Aus Liebe zu meiner Mutter, die in der Todesstunde keine Ruhe finden konnte, ohne die wiedergefundene Tochter noch einmal an ihr Herz zu drücken, faßte ich einen schnellen Entschluß; ich flüsterte der Kranken ins Ohr, ich wolle ihr die Heißgeliebte herbeiholen, und von ihrem dankbaren Blick geleitet, begab ich mich auf dem kürzesten Wege in das Haus Gretorex. Meine Schwester säumte nicht, meinem Ruf zu folgen, wir wechselten die Kleider, sie ging, um den Segen der sterbenden Mutter zu empfangen und ich blieb an ihrer Stelle zurück. Damit war ihr Schicksal besiegelt. Dort am Sterbelager traf Genofeva den Doktor, und als meine Mutter in ihren Armen verschieden war, zog er sie an seine Brust, sagte ihr, daß er sie liebe und trug ihr seine Hand an.« »Es war ihm durchaus nicht unbekannt, in was für Verhältnissen sie lebte, und welches ihre gesellschaftliche Stellung war, auch wußte er das reiche Mädchen in jeder Verkleidung von dem armen zu unterscheiden. Damit will ich nicht etwa sagen, daß Julius Molesworth meine Schwester um des Geldes willen heiraten wollte. Auf Reichtum legte er sehr wenig Wert. Aber, daß sie aus vornehmem Stande war, die Tochter eines angesehenen Mannes, daß sie um seinetwillen von ihrer stolzen Höhe herunterstieg, Genuß und Wohlleben aufgab, um seine Armut zu teilen: dies Bewußtsein erfüllte ihn mit Freude und Genugtuung. Ihr Bild erschien ihm in immer verklärterem Lichte, so oft er ihrer gedachte, bis er zuletzt glaubte, sie wirklich zu lieben.« »Genofeva von seiner Liebe zu überzeugen, ward ihm nicht schwer, denn sie hatte ihr ganzes Herz an ihn gehängt und war trostlos bei dem Gedanken, ihre Verlobung mit Doktor Kameron nicht auflösen zu können. Sie fragte mich um Rat, aber wie gern ich ihr auch geholfen hatte, ich wußte keinen Ausweg. Trotzdem hielt sie hartnäckig an ihrer Hoffnung fest, schickte durch mich Grüße und Botschaften an Doktor Molesworth und ließ ihn in Ungewißheit, ob sie ihm angehören könne oder nicht, obgleich der Tag ihrer Hochzeit immer näher heranrückte und die Vorbereitungen zu dem glänzenden Fest bereits getroffen wurden.« »Zuletzt offenbarte sie mir den Plan, den sie in ihrer verzweifelten Lage gefaßt hatte, und suchte mir zu beweisen, mit welcher Leichtigkeit es sich ausführen ließe, daß wir die Rollen miteinander tauschten. Ich hörte ihr voll Staunen, voll Verwirrung und Entzücken zu, als sie halb scherzend, halb bittend ausrief: Meinen Anteil an den Freuden des Reichtums habe ich zur Genüge genossen; jetzt, Mildred, nimm du den deinigen!« »Die Worte fanden lauten Widerhall in meinem schwachen, unzufriedenen Herzen. Die alte Sehnsucht, der alte Neid erwachte darin mit verdoppelter Gewalt. War doch die Absicht meiner Mutter, mich der vornehmen Dame zu übergeben, bei der Wahl des Kindes nur durch eine Laune dieser Dame vereitelt worden, die mich aber um mein Glück betrog. Ich ward rot und zitterte vor Verlangen, obgleich ich nicht glaubte, daß meine Schwester es mit ihrem Vorschlag ernst gemeint haben könne.« »Sie sah meine heftige Erregung und schlug mir lachend vor, einige Proben anzustellen. Nun folgten die mancherlei Versuche, über welche Genofeva in ihrem Tagebuch Bericht erstattet hat, und deren unerwarteter Erfolg uns bald überzeugte, daß wir ohne Furcht vor Entdeckung den Tausch wagen dürften.« »Bald war die Ausführung des Planes beschlossene Sache. Ich fühlte Mut selbst zu dem gewagtesten Unternehmen, um des herrlichen Preises willen, der mir winkte. Die Sehnsucht meines Lebens sollte sich erfüllen, Mangel und Armut für immer verschwinden; ich sollte das vornehme Fräulein werden, das Herrn und Frau Gretorex Vater und Mutter nannte, und bald würde mich der herrlichste der Männer, Doktor Kameron, als seine Gattin begrüßen. Zwar hatte ich ihn nur flüchtig gesehen, aber ich trug sein Bild im Herzen und war für ihn von jenem Gefühl beseelt, das mit gleicher Stärke und Innigkeit nur einmal im Leben die Brust des Weibes bewegt.« »Vor mir tat sich eine beglückende Zukunft auf, und alle Kräfte meines Geistes begannen sich frei und reich zu entfalten. Meine Schwester, welche die Welt kannte, sprach wohl öfters die Befürchtung aus, unser Vorhaben könne auf Hindernisse stoßen, aber ich suchte sie zu beruhigen und bereitete mich mit Ernst und Eifer vor, den Platz, welchen ich einnehmen sollte, auch würdig auszufüllen. Genofeva stand mir dabei mit Rat und Tat zur Seite, sie leitete mich durch ihr Urteil, und die letzten Tage, welche wir zusammen in dem kleinen Badeort verbrachten, benutzte ich besonders dazu, mich mit allem vertraut zu machen, was mir für das neue Leben förderlich und nützlich sein würde.« »So kam der Hochzeitstag heran. Voll froher Hoffnung trennten wir uns; jede ging ihrer Bestimmung entgegen. Genofeva zweifelte keinen Augenblick, daß sie Doktor Molesworth nur eine Botschaft zu schicken und ihm ihre Entscheidung mitzuteilen brauche, dann werde er auf den Flügeln der Liebe zu ihr eilen, um sie nie wieder von sich zu lassen.« »Was mich betrifft, so betrat ich das prächtige Haus auf dem Nikolasplatz mit weit mehr Freude als Bangigkeit im Herzen. Ich stand am Ziel meiner Wünsche und hatte kein anderes Verlangen, als das Leben meiner Schwester weiterzuführen, wo sie es vor wenigen Tagen verlassen, als sie sich auf geheimnisvolle Weise aus dem Elternhause entfernte. Dem Hausmeister, der mich einließ, trug ich mit kurzen Worten auf, seine Herrin von meiner Rückkehr zu benachrichtigen, und begab mich geradeswegs in Genofevas Zimmer.« »Ich hatte eben noch Zeit, einen raschen Blick auf meine Umgebung zu werfen, als Frau Gretorex eintrat. Die Scheu, welche mich bei ihrem Anblick ergriff, war schnell verschwunden; ich antwortete auf ihre Fragen, ließ mir die kostbaren Geschenke zeigen, die inzwischen eingetroffen waren, und nahm so viel Anteil an allem, was sie mir in betreff der Vorbereitungen zur Hochzeit mitzuteilen hatte, daß sie ganz heiter wurde und ihre Mißstimmung über meine Abwesenheit nebst der deshalb erlittenen Angst vergaß. Um mich nicht zu übergroßer Lebhaftigkeit fortreißen zu lassen, suchte ich die Unterredung möglichst abzukürzen, indem ich Ermüdung vorschützte.« »Erleichtert atmete ich auf, als die Dame sich entfernt hatte, und auf einen Sessel sinkend vertiefte ich mich nicht in die Betrachtung der zahllosen Schmuck- und Kunstgegenstände, deren Besitzerin ich jetzt war, sondern in das Anschauen von Doktor Kamerons Bild, welches ich auf den ersten Blick erkannt hatte, und das zu bewundern ich mich jetzt für berechtigt hielt.« »Als es Zeit wurde, mich anzukleiden, rief ich eines der Mädchen ins Zimmer, mir zu helfen, schickte sie aber bald wieder fort, da ich die Gegenwart einer Fremden in diesem Augenblick nicht ertragen konnte. Bald versetzte mich das Wagengerassel und Stimmengewirr der ankommenden Gäste in solche Aufregung, daß ich mich kaum zu fassen vermochte. Ein Blick in den Spiegel beruhigte mich jedoch wieder. Die strahlende, glückliche Braut, deren Bild er zurückwarf, erinnerte nicht an die arme Mildred Farley; es war Genofeva Gretorex, wie sie liebte und lebte, aber frei von gesellschaftlichem Zwang, im Vollbesitz aller Erdenlust.« »So sah mich Doktor Kameron auf der Schwelle meines Zimmers, und unsere Blicke begegneten einander in diesem Augenblick, dem schönsten meines Lebens, voll Entzücken. Als ich jedoch, während ich mit ihm sprach, den hellerleuchteten Gang hinunterschaute, gewahrte ich, was mir zuerst als ein Blendwerk meiner erregten Sinne erschien – Genofeva Gretorex' Gestalt, die auf mich zukam.« »Als sei ein Blitzstrahl von der gemalten Decke herabgefahren und habe so plötzlich den Boden zu meinen Füßen gespalten, so durchzuckte mich der Gedanke, daß sie gekommen sei, um ihre Rechte wieder geltend zu machen – meine Hoffnung, mein Glück und meine Liebe, alles war mit einem Schlage zertrümmert.« »Aber – ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist – mein Gewissen ist rein; ich hegte nichts Arges in der Seele wider meine Schwester. Die Türe schloß sich hinter uns, und wir standen einander mit der furchtbaren Frage gegenüber, wer von uns beiden die Schwelle als Braut überschreiten solle.« »Ich war wie zu Boden geschmettert; in meinen Blicken mochte wohl deutlich zu lesen sein, was in meinem Innern vorging, denn plötzlich rief Genofeva stockend: An deine Gefühle und wie du es aufnehmen würdest, Mildred, habe ich noch gar nicht gedacht – was soll daraus werden?« »Was ist denn geschehen? stammelte ich mit bebenden Lippen. Ist er nicht gekommen? Hat er –« »Sprich nicht von ihm. Er hat kein Herz, kein Verständnis, stieß sie in hartem Ton heraus. Er fühlt nicht, welches Opfer ich ihm bringen wollte. Nicht mir galt seine Liebe, sondern Herrn Gretorex' Tochter. Es ist aus zwischen uns für jetzt und in Ewigkeit.« »Ich brachte kein Wort heraus; unwillkürlich irrte mein Blick nach der Uhr hin.« »Es ist noch Zeit, rief sie, es kann nicht zu spät sein. Ich werde wieder, was ich früher war. Wenn ich verheiratet bin und tun und lassen kann, was ich will, sollst du meine Schwester und Gefährtin sein. Was ich besitze, soll dir gehören, jeden deiner Wünsche will ich erfüllen.« »Ach, ihre Worte waren kein Trost für mich, sie enthüllten mir den Zustand meines Herzens mit vollster Klarheit. Reichtum und Luxus lockten mich nicht mehr. Ich hatte alles verloren, die ganze Welt war schal und öde. Eine Purpurglut ergoß sich über meine Wangen, und ich wagte nicht aufzublicken.« »Mit weitgeöffneten Augen starrte sie mich an. Du liebst ihn, rief sie, ich bereite dir den gleichen Schmerz, der mich heute bis auf den Tod verwundet hat. Das kann ich nicht – lieber sterben.« »Ich vermochte keinen Laut zu erwidern. Sie schlug die Hände vor das Gesicht. Gott, stöhnte sie, muß es dahin mit mir kommen? Aber eine von uns soll glücklich sein, und es gibt kein anderes Mittel. Schnell öffnete sie eine Schublade ihrer Kommode und nahm ein Kästchen heraus, in welchem sie, wie ich wußte, ihren Schmuck bewahrte. Ich begriff nicht, was sie vorhatte.« »Es war Torheit von mir, nur an die Möglichkeit zu denken, fuhr sie voll Bitterkeit fort, mein Herz ist gebrochen, der Nerv meines Lebens zerstört. Wie hätte ich mein altes Dasein wieder aufnehmen, den zerrissenen Faden von neuem knüpfen sollen? Ich vermag es nicht. Meine Seele ist in wildem Aufruhr, ich leide hoffnungslose Qual. Jammer und Elend wäre mein Los gewesen und auch dein Glück hätte ich zerstört. Ich kann die Last nicht tragen.« »Ihre Worte waren mir unverständlich, ich sah, daß sie etwas aus dem Kasten nahm, ich glaubte, es sei ein Edelstein, Aber schon hatte sie das Fläschchen an die Lippen gesetzt. Die furchtbare Frage ist entschieden, sprach sie dumpf.« »Genofeva, schrie ich, und eilte zu ihr, was hast du getan? Ich sah ihre Wangen erbleichen: der Tod trat ihr ins Antlitz. Verwirrt blickte sie mich an.« »Ich weiß nicht, stöhnte sie, vielleicht habe ich alles verdorben; ich glaubte, ich würde die Straße noch erreichen, aber das Gift wirkt zu schnell – Sie hielt sich nur mühsam aufrecht.« »Mit einem Sprung war ich an der Tür; ich wollte Hilfe holen, aber sie rief mich zurück: Die Rolle, die Rolle, keuchte sie verzweifelnd, die Rolle in meiner Tasche. – Ich nahm sie heraus, um sie ihr zu reichen. Sie ist für ihn – für Molesworth. Verbirg sie, und wenn du kannst, gib sie ihm.« »Kaum wissend, was ich tat, steckte ich sie zwischen die Kissen des Sofas; mir schwindelte, das Zimmer schien sich mit mir im Kreise zu drehen, ich fühlte mich dem Wahnsinn nahe. In meinen Armen fing ich Genofeva auf, als sie umsinken wollte. Decke mich zu, murmelte sie; du gehe hinab, nichts darf deiner Trauung im Wege stehen. Eine – von – uns – muß – glücklich – werden.« »Ich glaubte, es sei alles vorüber, aber noch einmal öffnete sie die Lippen: Sage ihm – Julius – meine – letzten – Worte – er – soll – dein – Glück – nicht – stören. Er – soll – dir – helfen –« »Weiter sprach sie nicht; während ich noch überlegte, was ein Mensch in meiner entsetzlichen Lage tun könne, war ihr Atem entflohen. Ich starrte sie wie versteinert an – alles Leben war von ihr gewichen; sie lag ganz still und regungslos da.« »Allmählich erwachte ich zum Bewußtsein dessen, was geschehen war. Eine unnatürliche Ruhe überkam mich. Sie war tot, und die letzten Worte der Sterbenden klangen mir noch im Ohr wie ein Befehl: Die Hochzeit solle stattfinden. Ich solle zur Trauung hinabgehen.« »Würde es mir möglich sein? Mir schien, als hätte ich die Kraft dazu. Wenn ich nur nicht mehr das Totenantlitz mit den gebrochenen Augen zu sehen brauchte. Ich mußte es vor meinen Blicken verbergen. Wie ich vermochte, die Leiche in den Alkoven zu schaffen, weiß ich heute noch nicht. Als ich die Kleider darüber gehäuft hatte, welche ich vorher in der Eile des Ankleidens auf die Erde geworfen, stand ich scheinbar allein an der Stätte des Grausens.« »Ich horchte, ob ich kein Geräusch vernähme, dann warf ich einen Blick in den Spiegel. Mein Antlitz war farblos, mein Schleier in Unordnung; ich mußte ihn abnehmen und von neuem aufstecken. Kaum war ich fertig, so klopfte es an die Tür: der Bräutigam kam, mich zur Hochzeit zu holen.« »Als während der Trauung der entsetzliche Schrei ertönte, hatte ich zuerst nur e inen Gedanken: die Feier durfte nicht gestört werden, es galt vor allem, sie zu Ende zu führen. Sobald aber mein Ehebund mit Doktor Kameron geschlossen war, kam das Entsetzen über mich. Ich trachtete nur danach, aus dem Kreis der Gäste zu entfliehen, um zu ergründen, was der Schrei bedeute. Ueber mir wähnte ich Schritte zu vernehmen. Genofeva mußte wieder zum Leben erwacht sein, denn kein anderer Mensch konnte das Zimmer betreten haben, zu dem ich den Schlüssel bei mir trug. Meine Blicke irrten durch die offene Tür nach der Vorhalle, da sah ich die Gestalt eines Mannes, dessen Erscheinen meine Hoffnung neu belebte. Julius Molesworth mußte mir helfen!« »Es gelang mir, mich zu entfernen, den Festsaal zu verlassen. Ich stand dem unerwarteten Ankömmling allein gegenüber.« »Doktor Molesworth, begann ich atemlos. Er aber ließ mich nicht zu Worte kommen.« »Welche von beiden sind Sie? fragte er. Antworten Sie auf der Stelle; denn, wenn Sie Genofeva sind –« »Nein, unterbrach ich ihn, ich bin Mildred. Genofeva ist oben, im ersten Zimmer rechts. Hier ist der Schlüssel – gehen Sie hinauf – ich folge sogleich.« »Er tat nach meinem Willen; ich sah ihn auf der Treppe und wartete, denn man durfte uns nicht zusammen erblicken. Die Schar der Gäste umgab mich wieder, aber ich bahnte mir mit Scherz und Lachen einen Weg und eilte Molesworth nach. Er trat eben wieder über die Schwelle. Da ist sie nicht, rief er in zorniger Erregung, verstummte aber bei meinem Anblick und folgte mir in das Zimmer zurück, das ich hinter mir verschloß.« »Doktor Molesworth, schrie ich jetzt fassungslos, retten Sie mich!« »Er starrte mich an. Wo ist Genofeva? fragte er abermals.« »Ich zitterte, als sei ich ihre Mörderin. Das fragen Sie sich selbst, rief ich. – Sie haben sie umgebracht. Sie vertraute Ihrer Liebe und –« »Er umfaßte meinen Arm wie mit Eisenklammern. Wo ist sie? Zeigen Sie sie mir! Oder sind Sie es selbst – sind Sie Genofeva? wiederholte er heftig und suchte in meinen Zügen zu lesen, Sie haben das Brautkleid an, sind vielleicht schon Doktor Kamerons Gattin – aber wenn Sie auch das Weib sind, welches versprochen hat, mir anzugehören –« »Das bin ich nicht. Ich liebe Walter Kameron. Die, welche Sie liebte – liegt hier.« »Ich führte ihn nach dem Alkoven und enthüllte die Leiche vor seinen entsetzten Blicken.« »Sie hat den Tod erwählt, um mir mein Glück nicht zu rauben. Zwar kam sie zurück zur Hochzeitsfeier mit Doktor Kameron, aber als sie mich so hoffnungsfroh im Brautschmuck sah, packte sie die Verzweiflung, und sie leerte auf einen Zug das Giftfläschchen, das sie in ihrem Schmuckkasten verwahrt hielt.« »Er hatte sich bereits über die Tote gebeugt, ihren Puls gefühlt, das Fläschchen aus ihrer starren Hand gelöst und daran gerochen. Blausäure, sagte er, sich emporrichtend mit mühsam erkämpfter Selbstbeherrschung.« »Sie starb schon nach wenig Augenblicken, rief ich hastig. Jede Hilfe wäre zu spät gekommen, auch hielt sie mich zurück. Es war ihr Wille, ich sollte die Früchte ihres Opfers ernten. Sie bestand darauf, eine von uns müsse glücklich werden, und ihre letzten Worte waren: Sage Doktor Molesworth, er soll dein Glück nicht stören, er soll dir helfen!« »Er sah mich mit einem mir unverständlichen Blicke an. Mißtraute er mir? Kam ihm ein ähnlicher Verdacht in den Sinn, wie ihn die Polizei gegen mich gehegt hat? Ich glaube es nicht. Wenn er an mir irre wurde – und nach dem, was mir mein Gatte über sein späteres Verhalten berichtet hat, muß das der Fall gewesen sein –, so erwachte sein Argwohn erst später, nachdem er Zeit gefunden, über das Geschehene nachzudenken. Schwerlich hätte er sich sonst so bereitwillig in meine Lage versetzt, mir so großmütig seine Hilfe zugesagt in meiner schrecklichen Not.« »Denn schon im nächsten Augenblick bezwang er die heftige Bewegung seines Gemüts, und sich zu mir wendend, fragte er mich, ob mein Geheimnis noch ungefährdet, und ich vor Entdeckung sicher sei. Als ich dies bejahte, fuhr er fort: »Es ist keine Zeit zu verlieren. Doktor Kameron kann schon in der nächsten Minute hier sein, um Sie zu suchen. Wird die Leiche entdeckt, so läßt sich die Täuschung nicht fortführen, und es ist um Sie geschehen. Es stehen Ihnen nur zwei Wege offen: Entweder Sie bekennen offen die Wahrheit und entbinden den Doktor seiner Verpflichtung – wozu ich Ihnen dringend raten würde –, oder Sie nehmen Zuflucht zu meiner Hilfe und überlassen es mir, die Tote von hier wegzuschaffen.« »Es ist mir unmöglich, ein Geständnis abzulegen, war meine Antwort. Ich habe Doktor Kameron geheiratet und will ihm angehören. Er selbst würde es wünschen, wüßte er, wie alles gekommen ist. Er liebt mich – Genofeva ist tot – ich beeinträchtige niemand durch mein Schweigen und spare allen ein tiefes, nie endendes Leid.« »Molesworths Lippe bebte, als wolle er meiner letzten Behauptung widersprechen, doch erwiderte er: »Hören Sie mich, Mildred; ich bin nicht allzu weichherzig, aber Ihre entsetzliche Lage flößt mir Mitleid ein, und ich will Ihnen helfen. Mein Plan ist der folgende: sobald Sie fort sind, trage ich die Tote hinaus – mein Wagen wartet unten – und fahre mit ihr nach Frau Olneys Wohnung. Gelingt es mir, das Haus unbemerkt zu verlassen, so sage ich, sie habe unterwegs Gift genommen. Hält man mich hier an, um mich zu befragen, so erkläre ich, sie sei plötzlich krank geworden, und ich, ihr Arzt und ihr Bräutigam, wolle sie nach Hause bringen. Unter allen Umständen werde ich behaupten, daß sie Mildred Farley ist und bei dieser Aussage verharren, bis Sie mir selber Nachricht geben, daß Ihr Gatte die Wahrheit weiß, und es nutzlos ist, die Lüge langer fortzusetzen. Sie verstehen mich, Mildred? Gut, dann vergessen Sie nicht, daß Sie Genofeva Gretorex sind! Ich werde tun, was an mir liegt, um Sie vor Nachforschungen zu schützen. Ist dies aber nicht möglich, so seien Sie auf Ihrer Hut.« »Kaum hatte er die letzten Worte gesprochen und das Giftflaschchen zu sich gesteckt, als wir auch schon meinen Gatten an die Tür klopfen hörten.« »Löschen Sie das Licht aus; sprechen Sie draußen mit ihm, lassen Sie ihn aber unter keiner Bedingung das Zimmer betreten, hauchte Molesworth im Flüsterton.« »Ich tat, was er mich hieß, und dann waren wir noch einen Moment allein.« »Wo ist ihr Schleier? fragte er; ich muß ihr Gesicht damit verhüllen.« »Ich sah mich vergebens danach um und reichte ihm den, welchen ich zu tragen dachte, dann raffte ich meine Kleidungsstücke zusammen und verließ eilends das Zimmer, in dem er zurückblieb. Ich betrat es nur noch einmal mit Peter, dem Diener, welchen ich anwies, meinen Koffer die Hintertreppe hinabzutragen. Dadurch wollte ich zugleich Doktor Molesworth, der im Hause fremd war, einen Wink geben, wie er selbst am besten hinuntergelangen könne. Die Hintertreppe war leer, die Dienerschaft im Vorderhaus beschäftigt, und Peter hatte ich befohlen, mich am Wagen zu erwarten; so hoffte ich, der Doktor werde den Weg frei finden. Was damals weiter geschehen ist, habe ich nie erfahren.« »Meine Hoffnung, daß Doktor Molesworth sein Wagestück glücklich zu Ende geführt habe, ohne Argwohn zu erregen, ward nur zu bald zerstört. Der schwärzeste Verdacht erhob sich gegen ihn. Dann folgte eine Entdeckung nach der andern. Ich selbst wurde beargwöhnt. Meine Angst wuchs ins Grenzenlose; ich nahm meine Zuflucht zu Verstellung und Unwahrheit, um das Geheimnis zu behüten, von dem mein Glück und meine Ehre abhing. Bald aber zog sich das Netz, in das ich mich verstrickte, immer dichter um mich zusammen. Dem Polizeiinspektor, der nach dem Namen meiner Schneiderin forschte, sagte ich kühnlich, ich hätte die Kleider selbst angefertigt und mußte dann Doktor Kameron gegenüber die Lüge von dem Damenschneider ersinnen, da er wußte, wie gering Genofevas Geschicklichkeit in Handarbeiten war.« »So sah ich mich von einer Täuschung zur andern getrieben, bis ich zuletzt mit Schrecken erkannte, daß ich auf dem besten Wege sei, durch solche Doppelzüngigkeit die Liebe und Achtung meines Gatten zu verscherzen. Von qualvoller Reue ergriffen tat ich einen Schwur, nie wieder von der Wahrheit zu weichen, und so kam denn zuletzt alles ans Licht. Ich kann das nicht beklagen. In meines Gatten Herzen ist zwar dadurch die Leidenschaft für die falsche Genofeva ertötet worden, aber aus der Asche dieses Gefühls hoffe ich die Liebe zu Mildred Kameron erstehen zu sehen, welche mit der Zeit das Glück meines Lebens ausmachen wird.« »Mich dieses kostbaren Gutes würdig zu erweisen, soll von nun an mein höchstes Streben sein.«