Louis Couperus Xerxes Illustrator: Martin Stekker, 1878-1962. Illustrationen aus ©-Gründen nicht aufgenommen. Re. I. Da sprach Xerxes in dem weiten Apadhana zu Susa zu seinen versammelten Großen: »Perser! Ich wünsche nichts Neues oder den Göttern Mißliebiges zu tun. Ich wünsche nur die Weltmacht zu erringen.« Mit dem Zepter machte er eine zierliche Gebärde, um zu unterstreichen, daß er in der Tat sehr sittsam sei und ehrlich Göttern und Menschen gegenüber. Xerxes, der König der Könige, saß auf seinem erhabenen Throne. Der ruhte auf zwei goldenen Löwen mit wild verzerrten Fratzen, und an den breiten Stufen entlang reihten sich gleichfalls zweimal sechs Löwen aus Gold mit wild verzerrten Fratzen. Xerxes selber stand in der Blüte der männlichen Jugend, und sein gewinnendes Lächeln und sein gewinnender Blick – als müsse er es allen klarmachen, daß die Erlangung der Weltmacht ein Ziel des Ehrgeizes, dem König der Könige, dem König der Perser, wohl gestattet sei – strahlten sonnengleich aus seinem Antlitz in den Saal hinein über alle seine Großen, die sich, wo sie standen, vordrängten bis ganz weit weg, vorn, in der Mitte und weit hinten, zwischen den vor dem Blick verschwindenden Säulen. Viele der geringeren Großen, die weit entfernt standen, vernahmen Xerxes nicht. Dies machte wenig aus. Sie stimmten allezeit mit den einflußreicheren Großen überein, die wohl vernehmen konnten, was der Basileus mit wohltönender Stimme laut verkündete. Es war im Spätherbst, und die Sonne (von der die Priester fälschlich behaupten, daß sie das Auge des Ormuzd sei) warf ihre schrägen Strahlen in einem glitzernd hellen, stäubenden Puder auf schiefen Glanzbahnen in den Thronsaal durch die tiefen quadratförmigen Fensteröffnungen. Im Inneren standen dicht gereiht sehr schlanke Säulen, die zunächst in Kelchkapitelle ausliefen und über ihnen noch zu zwei doppelten blaugrauen Marmorvoluten erblühten. Darauf lasteten kniende Stiertorsen aus blaugrauem Marmor, fast zu hoch für die Schlankheit der Säulen, und diese knienden blaugrauen Stiertorsen trugen die ungeheuren, goldgeschmückten Balken der Decke aus Zedernholz. Dort schwamm ein azurner Schattendunst. Die schiefe Bahn von Sonnenglanz schwebte hinter und um den Fürsten, und wer schlichten Gemütes war, konnte glauben, daß göttliche Genien auf diesem Pfade aus Sonnenstaub dem Himmel entsteigen und Xerxes umschweben würden oder daß er selber nach Beendigung seiner Rede auf ihnen emporwandeln werde, dem Himmel, Ormuzd, seinem Herrn, entgegen, gleich als sei dies ebenso rechtmäßig wie die Erstrebung der Weltmacht. Xerxes war hoch gewachsen. So wie er dort saß, stolz, doch liebenswürdig, mit einem bestrickenden Lächeln, auf seinem von bleckenden Löwen getragenen Thron und angetan mit seinem goldenen Mantel, den persische Königinnen eigenhändig gewebt hatten, machte er Eindruck sogar auf diejenigen Großen, die am weitesten entfernt standen. Die symmetrischen Locken, die aus seiner Tiara über sein bernsteinfarbenes Antlitz fielen, die symmetrischen Locken seines Bartes waren blauschwarz, schwarz mit blauem Widerschein. Liebenswürdig fuhr Xerxes fort: »Ägypten haben wir schon besiegt. Ägypten ist unser.« Was er sprach, war Wahrheit, und seine Großen wußten es: Er hatte Ägypten soeben besiegt. Ägypten war Persien tributpflichtig gemacht worden, und die Heere des Xerxes waren in diesen Monaten in ihre Heimat zurückgekehrt. »Seit Kyros dem Astyages die Krone entrissen und den Medern ihr Reich genommen, saßen wir niemals still, weder meine Vorfahren noch ich.« Xerxes schaute sich lächelnd um, und ein leises Beifallsmurmeln wie das Summen vieler Bienen schwirrte durch den Thronsaal. »Gott möge uns führen!« sprach Xerxes feierlich und fügte erläuternd hinzu: »Der Gott der Perser!« Denn ein jedes Volk hatte seinen Gott, sogar seine Götter. Aber Xerxes wollte nachdrücklich darauf hinweisen, daß der Gott der Perser sein Volk geführt habe in seinem Streben nach der Weltmacht, die er beinahe schon erreicht hatte. Der König der Könige fuhr sehr beredt fort: »Ihr selber wißt, daß Kyros, daß Kambyses, daß mein unvergeßlicher Vater Dareios unserem Reiche unzählige Provinzen angefügt haben. Ich kann nicht anders handeln, als sie handelten, und muß der Überlieferung meiner Dynastie folgen. Ich muß ein Reich erobern, und zwar ein Reich, das nicht geringer ist als die einstmals besiegten Reiche. Zugleich will ich uns rächen an Persiens Feinden. Ihr werdet mich gewiß verstehen. Ich will über eine Brücke, die ich über den Hellespont werde schlagen lassen, mit meinen Heeren in Griechenland einfallen. Insbesondere die Athener haben sowohl meinen unvergeßlichen Vater wie auch Persien beleidigt. Daher will ich Athen erobern. Übrigens haben die Athener angefangen. Sie sind mit Aristagoras aus Milet – das war ein Sklave von uns, denn Milet gehört uns – nach Sardes gekommen und haben dort die heiligen Hochebenen entweiht und die heiligen Wälder in Brand gesteckt. Es sind Barbaren, obwohl sie uns Barbaren nennen. Als Datis und Artaphemes mit unserem Heere in Griechenland einfielen ... Nun, über Marathon will ich lieber nicht sprechen. Die historische Wahrheit über Marathon ist noch längst nicht bekannt. Aber um auf meinen Ausgangspunkt zurückzukommen: Je mehr ich mich mit dem Gedanken beschäftige, Griechenland zu erobern, um so mehr leuchtet mir dieser einfache Plan ein. Pelops besiedelte den Peloponnes. Aber er war eigentlich ein Sklave von uns Persern. Denn er war ein Phrygier, und Phrygien gehört uns. Eigentlich gehört die ganze Welt uns. Ich will, daß Persien keine anderen Grenzen habe als den Himmel, und die Sonne soll in meinem Reiche nicht untergehen. Übrigens haben die Magier verheißen, daß einstmals ein Weltreich erstehen werde, in dem die Sonne niemals untergehe. Damit ist natürlich Persien gemeint. Ich will also ganz Europa erobern und werde der König der Könige sein über die ganze Welt. Sind die Griechen erst einmal geschlagen, so wird uns keine Stadt und kein Volk mehr widerstehen. Alle Völker, ob schuldig oder nicht, werden sich unter unser Joch beugen. Ihr werdet mich daher alle sehr verpflichten, Satrapen, wenn ihr tut, was ich euch sage. Nehmt alle in euren Satrapien Aushebungen vor! Wer mir die besten Truppen vorführt, soll aus meiner königlichen Hand das schönste Geschenk empfangen. So setze ich es fest. Aber auf daß es nicht den Anschein habe, als bestimmte ich alles nach eigener Meinung, ersuche ich euch, meine Großen, über diese Frage zu beratschlagen und mir euren sehr geschätzten Rat nicht vorzuenthalten.« Xerxes schaute sich liebenswürdig um, stolz auf seine Geschicklichkeit und sein letztes Wort. Er verstand es, mit seinen Großen umzugehen. Er wußte es sicher, daß seine Satrapen, wenn er sich so liebenswürdig zu ihnen herabbeugte und sie um ihren Rat bat, nicht anders raten würden als seinem Willen gemäß. Indem er mit selbstbewußtem Lächeln rings um sich schaute, völlig umstäubt von dem Goldstaub der sich herabsenkenden Sonnenbahn, gleich als sei er soeben erst dem Himmel entstiegen, merkte Xerxes es wohl, daß hinten in dem ungeheuren Thronsaal die am weitesten entfernt stehenden Großen die Hälse reckten und die Hände an die Ohren legten, um des Königs letztes, bereits verklungenes Wort noch aufzufangen. Aber es kümmerte ihn nicht, daß sie nichts verstanden hatten. Warum waren sie nicht große, sondern nur kleine Große? Warum standen sie soweit entfernt von seinem Thron und von seiner Glorie, zur Seite geschoben von den höchsten Großen? Fast unmerklich hob Xerxes die im Sonnenschein erstrahlenden, von goldenem Mantel umhüllten Schultern. An seiner Seite hatte sich Mardonios von seinem auf Löwenklauen ruhenden Sessel erhoben. Das war sein Schwager. Der führte wie viele Perser einen sehr griechisch klingenden Namen. Denn so persisch wie Xerxes klingt und klang, so rein griechisch klang und klingt Mardonios. Mardonios war ein begeisterter junger Feldherr, der Gemahl der Schwester des Xerxes Artozostra. Er hatte bereits gegen die Griechen gekämpft. Er war in Mazedonien gewesen mit seinen unzähligen Mannen, aber seine Flotte war beim Berge Athos durch einen Sturm völlig vernichtet worden: dreihundert Schiffe, mehr als zwanzigtausend Mann. Seeungeheuer hatten die ertrinkende Schiffsmannschaft verschlungen. Mardonios hatte es niemals vergessen können, daß weder seine Begeisterung noch sein Heer völlig triumphiert hatten über Griechen, Sturmgewalt, Umstände und Schicksal. So hatte er Xerxes bei Trinkgelagen im kleinsten Kreise wohl ein wenig beeinflußt, die Worte zu sprechen, die sein Schwager, der König der Könige, soeben gesprochen hatte. Allein Mardonios, dem seine Begeisterung zu schaffen machte und der mehr Feldherr war als Staatsmann, gönnte doch seinem Schwager, dem König der Könige, das ganze Verdienst, die Großen Persiens zu einem neuen Kriege gegen Griechenland anzuspornen. So rief denn Mardonios sehr begeistert aus: »Erhabener Despot! Ihr seid nicht nur der größte der Perser, die bisher die Sonne schauten, sondern auch der größte aller derer, die sie einst schauen werden.« In seiner Begeisterung war Mardonios völlig aufrichtig. Er dachte nicht an Ironie. Er wußte nicht, was Ironie war. Er hatte die Seele eines Kriegsmannes und eines begeisterten Schwärmers. Alles in allem eine schöne Seele. Aber er wußte nichts von seiner schönen Seele. Er sah nur die Größe Persiens und des Königs. Daher rief er begeistert aus: »Nein! Ihr werdet es nicht dulden, daß uns die Ionier von Europa, dieses niedrige, verächtliche Volk, noch länger beleidigen. Haben wir nicht Saken, Inder, Äthiopier, Assyrer und zahllose andere Völker, die uns niemals etwas zuleide getan hatten, besiegt? Sollten wir uns jetzt nicht dazu entschließen, diese Griechen zu besiegen, die nach Sardes gekommen sind, um unsere heiligen Hochebenen zu entweihen, und die es wagen, unsere heiligen Wälder in Brand zu stecken? Was haben wir zu fürchten? Die Anzahl ihrer Truppen? Ihre Reichtümer? Wir werden größere Heere haben und ansehnlichere Schätze. Außerdem sind sie stets so töricht, auf offener Ebene kämpfen zu wollen. Unsere größeren Heere werden sie also vernichten auf ihrer offenen Ebene, vorausgesetzt, daß sie den Mut haben werden. Denn sie hatten nicht den Mut, mir in Mazedonien eine Schlacht zu liefern, als ich dort die persischen Heere anführte. Wir sind, o König, im Kampfe nicht nur die Mutigsten, sondern auch die Kundigsten. Der Sieg wird unser sein.« Das Beifallsgemurmel durchschwirrte gleich dem Summen vieler Bienen den großen Thronsaal. Aber dies Gemurmel ließ sich nur deshalb hören, weil es am persischen Hofe Sitte war, den Worten des Redners aus Vorsicht beizustimmen. Im Grunde wünschten die Perser – denn sie dachten an Marathon – den Krieg nicht, obwohl Xerxes gesagt hatte, die historische Wahrheit über Marathon sei noch lange nicht bekannt geworden. Sie waren darum sehr erfreut, als von einem zweiten Sessel, der auf goldenen Löwenklauen ruhte, der alte Artabanos, Sohn des Hystaspes und väterlicherseits Oheim des Xerxes, sich erhob. Der Oheim sprach: »Basileus! Vergleichet, auf daß Ihr reines Gold erkennet, Euer Gold mit anderem Golde! Wäget Eure Empfindungen und die des Mardonios gegen meine ab! Riet ich nicht bereits Eurem Vater, meinem Bruder Dareios, er solle die Skythen nicht unvermutet bekämpfen? Er folgte meinem Rate nicht und verlor in Skythien seine Armeen. Ihr wollt über den Hellespont eine Brücke schlagen, um Eure Heere nach Europa zu führen. Aber setzt den Fall, unsere Feinde würden unsere Flotte vernichten und Eure Brücke über den Hellespont zerstören! Wie wolltet Ihr dann Eure Armeen wieder heimwärts führen? Großer König, seid vorsichtig! Wer groß ist, dem droht am meisten Gefahr. Der Blitz trifft Türme und Elefanten. Allein die Ameisen wimmeln geborgen umher auch im Wüten des Sturmes. Ihr aber, Mardonios, verleumdet die Griechen nicht länger! Niemals verdienten sie Eure Verachtung. Erinnert Euch lieber alles dessen, was Ihr jetzt vergeßt oder was Ihr auf Eure Weise vortragt! Dann werdet Ihr nicht in die Gefahr geraten, über die Perser eine Katastrophe heraufzubeschwören und selbst besiegt auf attischem oder lazedämonischem Boden zu liegen den Geiern und Hunden zur Beute.« So weise Worte bejahrter Vorsicht behagten weder Xerxes noch Mardonios. Allein das Beifallsmurmeln der Großen durchschwirrte den Saal, wie es stets nach Rat oder Rede sich vernehmen ließ. Wußte man doch niemals, was der König beschließen werde. Also war es vorsichtig, in jedem Falle höflich zu summen. Doch Xerxes erhob sich zornig und rief seinem Oheim zu: »Ihr seid ein Feigling und ein altes Weib! Ich werde Euch hier lassen bei den Frauen. Ich bin der Sohn des Dareios, und zu meinen Vorfahren zähle ich Hystaspes, Arsames, Kyros, Kambyses, Achaimenes. Ich will nicht geringer sein als jene. Ich erstrebe auch nicht mehr und nicht weniger als die Weltmacht. Ich will den Krieg, ich beschließe den Krieg.« Die Großen hörten Xerxes erschrocken an, aber trotzdem murmelte das beifällige Bienengesumm an ihren Barten entlang durch den Thronsaal hindurch. Oheim Artabanos hatte sich mit düster geneigtem Kopf wieder auf seinen Sessel niedergelassen. Nur Mardonios schaute freudig drein wie ein junger Löwe, und Xerxes wandte den versammelten Großen seinen goldenen Rücken zu zum Zeichen, daß die Beratung beendet sei. Er wandelte nicht durch die schräg herabfallenden Sonnenstrahlen empor zum Palaste des Ormuzd, des großen Gottes, er zog sich in seine Gemächer zurück zufrieden, weil seine Großen den Krieg mit Griechenland beschlossen hatten, und doch nicht ganz zufrieden um des Artabanos willen. Die Menge der Prinzen, Satrapen und Großen strömte zum Thronsaal hinaus. Deutlicher sah man in dem jetzt leerer werdenden Saal, dessen hundert Säulen auf ihren doppelten Stiertorso-Kapitellen das Zederngebälk der Decke trugen, wie der verlassene Thron mit seinen bleckenden Löwen leuchtete und Strahlen schoß. Die gleichen Löwen, die Löwen, die einander in laufender Bewegung folgten, die königlichen Löwen, die Symbole höchster Macht und Kraft, wurden jetzt auch in dem langsam sich leerenden Saal mehr und mehr sichtbar auf dem glasierten Ziegelfries, der den ganzen unermeßlichen Thronsaal umgab: die elfenbeinweißen Löwen mit dem Grün und dem Blau ihrer Mähnen und ihrer ungeheuerlich schwersehnigen Schulterblätter, die Löwen mit den vergoldeten, kreisrunden, geöffneten Mäulern und den hoch emporgereckten Schweifen. Als der Saal ganz leer war, kam hinter einem vergoldeten Gitter Atossa zum Vorschein, die Mutter des Xerxes, eine alte Frau, die kurzsichtig die Augen zusammenkniff und ganz in violette Schleier gehüllt war. Sie sprach zu den drei anderen Königin-Witwen des Dareios, die sie, die Allerhöchste, umringten: »Jetzt bin ich meines kleinen Krieges gewiß. Ich will athenische und dorische Sklavinnen haben. Es gibt keine besseren als sie.« II. Sobald sich Xerxes allein befand, ließen die Einsamkeit, die Nacht und die Stille ihn alles anders ansehen, als er es auf seinem Hochsitz im Thronsaal gesehen, während seine liebenswürdig lächelnden Augen auf seinen Satrapen ruhten. Er runzelte die Brauen. Er setzte sich nieder auf dem Rande seines Lagers, das auf goldenen Löwenklauen sich erhob, wiederum wie ein Thron, aber jetzt wie ein Schlafthron, und stützte das bärtige Kinn in die Handfläche. Er dachte nach und fand plötzlich alles sehr beschwerlich. Krieg anfangen gegen die Griechen? Eine Brücke über den Hellespont? Dann die ewigen Stürme, die das Vorgebirge Athos umtobten und einmal schon eine Flotte ihm weggeblasen hatten! In schäumender Wut ballte er seine Faust gegen den ihm nicht günstigen Windgott. Er beschloß plötzlich, keinen Krieg gegen die Griechen zu beginnen, und was er beschloß, war sehr menschlich ob der jähen Veränderlichkeit seiner Entschließungen. Im Nachtgewande und im stillen Schlafraum beschließt ein König der Könige oftmals etwas ganz anderes als in goldenem Staatsmantel und inmitten des Prunkes seiner Königsherrschaft. Aber unzufrieden mit sich selber, mit allem und jedem, mit seiner Mutter und mit Mardonios, war Xerxes dennoch. Daher warf er sich mit einem heftigen Ruck zur Ruhe, wandte seinen Rücken dem Gemache zu und schlief ein. Denn dazumal litt er noch nicht an Schlaflosigkeit. Als er schlief, näherte sich ihm ein Traum. Träume sind Gottheiten. Sie sind kleine Gottheiten, aber Gottheiten sind sie. Es gibt unter ihnen gute und böse. In der Regel sendet Zeus – den die Perser mit den Griechen, jedoch anders verehren – die guten Träume unter Götter, Helden und Menschen aus. War der Traum, der Xerxes nahte, durch Zeus gesandt oder durch Ahriman? Die Geschichte verzeichnet es nicht. Sie verzeichnet nur, daß der Traum Xerxes nahte als ein großer, leuchtender, geflügelter Kämpfer, der zum Könige sprach: »Wie, Xerxes? Wollt Ihr plötzlich keinen Krieg mehr, nachdem Ihr Eure Satrapen die Jahrgänge habt aufrufen lassen? Woher dieser Kleinmut? Ich sage Euch, Ihr müßt den Krieg beschließen.« Unwillig und mit einem Schrecken erwachte Xerxes. Krieg? Nein! Er wollte keinen Krieg. Er verfluchte den törichten Traum, drehte seinen Rücken wiederum dem Gemache zu und schlief ein. Am folgenden Tage versammelte er wiederum seine Satrapen um sich. Manche von ihnen waren bereits auf dem Wege nach ihren Satrapien wegen der Aushebungen und kehrten, von eilenden Botschaften eingeholt und verständigt, mit Wagen und Pferden und Gefolge wieder um. Sie betraten den Thronsaal gerade in dem Augenblick, als Xerxes berichtete, daß er anderen Sinnes geworden sei. Xerxes sprach in einer sehr allgemeingültig gehaltenen Rede über die Vorsicht, die er künftighin zu beobachten wünsche. Er sprach gut und wohlgefällig. Er hörte sich selber gern über die Vorsicht reden. Die noch gerade rechtzeitig zurückgekehrten Satrapen begriffen nicht sogleich und verstanden auch nicht, weil sie sehr weit entfernt standen. Sie legten die Hände muschelförmig an die Ohren und versuchten so des Xerxes sehr zierliche Sätze über die Vorsicht aufzufangen. Dann hörten sie, wie Xerxes sich entschuldigte. Um des rednerischen Eindrucks willen tat er dies mit einer etwas weinerlichen Stimme. Seinem Oheim Artabanos bot er seine Entschuldigung an, weil er ihn gestern ein altes Weib genannt. Er habe das nicht böse gemeint, sagte Xerxes, und verbreitete sich über die verschiedenen Sprachschattierungen des Ausdrucks »Altes Weib« im Persischen. Dies rührte Oheim Artabanos. Seine Augen wurden feucht. Von seinem Sessel aus machte er eine flehentliche Gebärde zu seinem königlichen Neffen, er möge so nicht fortfahren, so nicht. Xerxes schloß mit demselben Rednerschwung, der sich sehr schön ausmachte: »Ich wünsche also keinen Krieg mit den Griechen. Kehrt alle zurück in eure Heimat und bleibt ruhig, Ihr Herren!« Darauf wandte er ihnen seinen Rücken zu, während alle vorwärts zur Erde niederfielen vor Freude und Ehrfurcht. III. Allein Mardonios freute sich nicht. Er war sehr willensstark und empfand das Bedürfnis nach Bewegung. Er langweilte sich am Hofe zu Susa und war ein leidenschaftlicher Anhänger eines Krieges mit Griechenland. Das war nun einmal ein Gedanke der Atossa: ein kleiner Krieg mit Griechenland, um athenische und dorische Sklavinnen zu erhalten. So kam es denn, daß Mardonios an diesem Abend Kopfschmerz vorschützte und nicht zum Prunkbankett erschien. Er stritt sich darüber mit seiner Frau Artozostra. Er ging sogar so weit, daß er ihr, des Xerxes Schwester, sagte, ihr Name sei nicht wohllautend. Artozostra! Er sprach den Namen absichtlich verächtlich aus. Sie ließ sich das nicht gefallen und sagte ihm ohne Umschweife, sein Name sei für einen Perser viel zu griechisch. Mardonios! Sie schleuderte ihm seinen griechischen Namen ins Gesicht. Er wurde sehr erregt, behauptete, daß es noch mehr Prinzen von Geblüt gebe, die griechisch klingende Namen trügen. Er weinte vor Zorn. Als sie ihn weinen sah, begann auch sie zu weinen und umarmte ihn. Er umarmte sie und gestattete ihr, daß sie allein zum Prunkbankett gehe. Xerxes thronte mit der Königin Amestris diesmal auf einem Speisethron und war sehr verwundert, daß Artozostra ihren Gemahl Mardonios entschuldigte. Er habe Kopfschmerz, sagte sie. Doch Xerxes ließ sich das nicht einreden. In dieser Nacht aber, als Xerxes schlief, näherte sich ihm wiederum der Traum. »Sohn des Dareios!« sprach der Traum. »Höre, was geschehen wird, so du meinen Rat nicht befolgst und zum Kampf gegen die Griechen ausziehst! Du wirst zusammenschrumpfen und so klein, so klein werden.« In seinem Traum sah Xerxes, wie der Traum ironisch mit der Hand andeutete, wie klein, wie jämmerlich klein Xerxes zusammenschrumpfen werde, kaum nur noch ein wenig über den Boden erhaben. Mit einem Schrecken erwachte Xerxes. Der Schweiß rann ihm von den Schläfen. »Oheim!« rief er. »Oheim Artabanos!« Aus einem angrenzenden Gemache stürzte die Königin Amestris herein, aus einem anderen Atossa, die Mutter. »Ich will den Oheim!« rief Xerxes unwillig und mit hoher Stimme. Aus anderen Gemächern stürzten zwischen Wachen und Kammerfrauen Artozostra und Mardonios herbei. »Ich will den Oheim Artabanos!« rief Xerxes. Er selbst warf sich in des Oheims Arme. Artabanos führte ihn mit sich in sein eigenes Gemach. »Oheim!« rief Xerxes aus. »Von neuem hat sich mir der Traum genähert, zum zweitenmal. Der Traum hat mir verheißen, daß ich so klein sein werde« – Xerxes maß mit der Hand den Abstand seiner zukünftigen Kleinheit vom Boden aus – , »wenn ich Griechenland nicht den Krieg erkläre.« Oheim Artabanos erschrak heftig. Eine solche Kleinheit, wenn man von ihr geträumt, war Symbol, Symbol des bevorstehenden Unterganges des persischen Reiches. Was tun? »Oheim!« flüsterte Xerxes und preßte schaudernd seinen blauschwarzen Bart gegen des Oheims grauen Bart. »Höre! Doch wir wollen flüstern, auf daß uns der Traum nicht belausche. Wir müssen die Bedeutung des Traums erforschen und ihn auf die Probe stellen. Ich will wissen, wer mir den Traum sendet, ob Zeus, Ormuzd oder Ahriman. Daher mußt du dich in der kommenden Nacht erst in meinen Prunkmantel hüllen und dann in mein Nachtgewand und dich in meinem Bett zur Ruhe legen. Erscheint dir der Traum und befiehlt er dir das Gleiche wie mir, so ist der Traum von den Göttern gesandt. Dann werde ich wissen, was ich zu tun habe.« Oheim Artabanos bat, ihn zu entschuldigen. Er sei, sagte er, nicht wert, die Gewänder seines königlichen Neffen anzulegen und auf der Lagerstatt eines Königs zu ruhen. Allein Xerxes bestand großmütig darauf. Flüsternd gab der Oheim nach. Denn das Mißtrauen des Traumes durfte nicht geweckt werden. So schlichen denn am folgenden Abend Xerxes und Oheim Artabanos geheimnisvoll auf den Zehen davon, da dieser des Königs Prunkgewand anlegen sollte. Dann ließ Xerxes den Oheim allein. Der Oheim drang bis in des Xerxes Schlafgemach und entkleidete sich, gleich als sei er der König. Er legte sich zur Ruhe, gleich als sei er der König. Als er schlief, näherte sich ihm wirklich der Traum. Aber der Traum hatte wohl bemerkt, daß der Schlafende nicht Xerxes war. »Artabanos!« rief der Traum. »Warum hast du Xerxes davon zurückgehalten, Griechenland den Krieg zu erklären?« Artabanos erschrak heftig, eilte auf Xerxes zu und rief, während sie die Nachtgewänder austauschten: »Königlicher Neffe! Der Traum ist von den großen Göttern gesandt. Es ist kein Zweifel daran. Ich riet Euch ab von dem Kriege, weil ich mich an Kyros erinnerte, den die Massageten besiegten, an Kambyses, den die Äthiopier besiegten, und an Euren unvergeßlichen Vater Dareios, den die Skythen besiegten, und dachte, es werde am besten sein, ruhig zu bleiben und das Schicksal nicht herauszufordern. Aber es ist doch besser, das Schicksal herauszufordern. Befiehl deinen Satrapen, alle Jahrgänge aufzurufen, und zieh aus zum Kampfe!« »Der Gott der Perser wird mit uns sein«, rief Xerxes. In jener Nacht träumte er wiederum. Als er am nächsten Morgen die Magier sah, die sehr streng einer nach dem andern – dreimal neun an der Zahl – den langen Säulenportikus des Palastes durchschritten auf dem Wege zu ihrem Versammlungssaal, bemerkte, er, daß sie verstimmt waren. Er begriff, warum. Die Magier waren verstimmt, weil der König der Könige sie nicht nach der Bedeutung seines ersten und zweiten Traumes und nach dem Traum des Artabanos befragt hatte. Sie schritten vorwärts und taten, als sähen sie den König nicht. Allein Xerxes rief liebenswürdig: »Magier!« Sie wandten sich alle gleichzeitig um. Ihre spitzen Mützen starrten wie Hörner empor. Ihre blauschwarzen Bärte waren symmetrisch gelockt. Sie schienen alle gleich alt, gleich würdig, gleich groß, gleich weise. Alle glichen einander in ihrer grauenerregenden Erscheinung. »Magier!« sprach Xerxes lächelnd. »Sagt mir, was mein Traum der letzten Nacht zu bedeuten hat!« Er erzählte seinen Traum. Ein Olivenzweig habe sein Haupt umkränzt und sich dann mit Zweigen über die ganze Welt ausgebreitet. Dann sei der Kranz verschwunden. Die Magier – dreimal neun an der Zahl – riefen alle, ohne sich auch nur mit den Blicken zu verständigen, gleichzeitig aus: »Die Weltmacht!« Xerxes erschrak bei dem Klang ihrer Stimmen. Es war, als seien ihre siebenundzwanzig Stimmen eine einzige Stimme. Während Xerxes noch erschrocken dastand, wandten die Magier ihre mit spitzen Mützen bedeckten Häupter ab und schritten vorwärts nach dem Versammlungssaal. Der war dunkel. Völlig eingeschlossen war der Magiersaal in der Masse der Palastgebäude und dunkel. Daher sah auch keiner der Magier, daß einem jeden von ihnen ein bitteres Grinsen um den gelockten Bart spielte. Schweigend betraten sie den dunklen Saal und lächelten. Der Saal war so weit wie die Nacht, eine dunkle Nacht, und es stand darin weder Bildnis noch Altar. Denn die Perser stifteten ihren Göttern weder Altäre noch Bildnisse, nicht einmal Tempel, die dem Volke zugänglich gewesen wären. Doch sobald die Magier ihr eigenes nachtweites und dunkles Heiligtum betraten, ward es drinnen wie durch ein Wunder hell von geheimnisvollem Lichte. Da gewahrten die Magier gegenseitig ihr Grinsen. Sie erschraken heftig und warfen sich zur Erde vor dem großen runden Auge des Ormuzd, das am Ende des Heiligtums strahlte. Sie riefen alle mit einer Stimme: »Gnade für Persien, o Gott!« IV. Die Perser machten den Griechen zum Vorwurf, daß sie Barbaren seien, und die Griechen machten den Persern das gleiche zum Vorwurf. Die Griechen nannten sogar einen jeden, der nicht Grieche war, einen Barbaren, mit besonderer Betonung. Vielleicht hatten sie beide recht, vielleicht keiner von beiden. In jedem Falle waren die Griechen ein junges, kräftiges Volk, das im Aufblühen begriffen war, während die Perser nach drei Menschenaltern bereits bei der Überfeinerung angelangt waren. Vermutlich konnten sie einander aus diesem Grunde nicht verstehen. Ein Grieche nahm Anstoß an der Kleidung, dem Benehmen, dem Glauben und den Sitten eines Persers. Dem Perser war dies alles an dem Griechen zuwider. Es war keine Freundschaft möglich. Dazu kam noch, daß Xerxes die Griechen verachtete. Auch die Magier verachteten die Griechen wie ein minderwertiges Volk, das seinen Göttern dem Volk zugängliche Tempel stiftete mit Götterbildnissen darin. Wohl opferten die Magier dem Zeus, doch auf dem Gipfel der höchsten Berge, zwischen Donner und Blitz, und auch der Sonne, dem Monde, der Erde, dem Feuer, dem Wasser und den Winden. Allein Persiens Lieblingsgott war Mithra. Der war Mann und Weib zugleich, Gott und Göttin, schaffende und empfangende Kraft, aller Menschheit verständlich. Seit Kyros ganz Asien besiegt hatte – das lag nicht viel mehr als ein halbes Jahrhundert zurück – herrschten die Perser über eine große Anzahl von Völkern. Mit Kyros war Persien jung und kräftig gewesen wie Griechenland jetzt. Doch sobald die persischen Könige über so viel Völker herrschten, begann die persische Überfeinerung. Das ist das Gesetz vom Blühen, Wachsen und Welken. Allein Xerxes sah die Sache nicht so an und ahnte nichts von seiner Überfeinerung. Er haßte die Griechen und hatte nach seinen Träumen den Krieg beschlossen. Vier Jahre lang bereitete Xerxes sich vor. In dem ganzen riesengroßen Reiche wurden unter allen unterworfenen Völkern Aushebungen vorgenommen, überall wurden Vorräte angesammelt. Doch zwei Schwierigkeiten beschäftigten Xerxes vornehmlich. Das waren der Hellespont und der Berg Athos. Xerxes, der bereits beschlossen hatte, über den Hellespont eine Schiffbrücke, schlagen zu lassen, bestimmte jetzt, daß der Berg Athos durchbohrt werden solle, auf daß seine Flotte durch einen sichern Durchlaß in die griechischen Gewässer gelangen könne, ohne Gefahr zu laufen, wiederum in der Gegend des Vorgebirges von den griechischen Windgöttern, den unversöhnlichen, weggeblasen und vernichtet zu werden. Auf allen Plätzen und Straßen aller persischen Städte, insbesondere in Susa und Sardes, drängten sich während der ersten Monate der Kriegsvorbereitungen die Perser vor riesengroßen Anschlägen, auf denen in zierlichen Buchstaben des Königs Brief an den Berg Athos in Keilschrift abgeschrieben stand. »Göttlicher Athos, du, der du deinen Gipfel in die Wolken reckst, fordere mich, den König der Könige, nicht länger heraus! Lege meinen Baumeistern und meinen Sklaven nicht allzu unwillige Felsblöcke in den Weg! Sonst werde ich dich abtragen und als Schutt in das Meer werfen lassen.« Der Brief selber wurde nach dem Berge gebracht durch die königliche Post und in eine Felswand des Athos eingeritzt, auf daß der Berg niemals geltend machen könne, er habe des Xerxes Brief nicht erhalten. Aus dem Hafen von Elaius auf dem thrakischen Chersonnes liefen ganze Geschwader aus, Triremen auf Triremen, um den Berg Athos zu durchbohren. Jener Berg bildet ein ungeheures, heiliges, berühmtes Vorgebirge, das majestätisch in das Meer hineinragt wie ein Schiff der Titanen, das zu Stein und Fels geworden. Gegenüber dem Berge liegen Städte und Dörfer halb versunken in Klüften und Tälern. Eine Landenge von zwanzig bis dreißig Stadien Breite verbindet das Vorgebirge mit dem Festlande. Diese Landenge ist ein Tal, und in dem Tal liegt die Stadt Sana. Zehntausende von Kriegsknechten langten in Sana an und überschwemmten die kleine, friedliche griechische Stadt. Bubares und Artachaies hießen die Feldherren, die an ihre Spitze gestellt waren. Die Zehntausende von Kriegsknechten wurden mit der Peitsche gedrillt. So erforderte es die persische Manneszucht. Artachaies, der Achaemenide, war ein Riese. Das machte bei einem Feldherrn immer großen Eindruck. Die Perser bewunderten stets körperliche Größe und alles Kolossale. Artachaies maß fünf Königsellenbogenlängen weniger vier Daumen, das ist so viel wie sieben Fuß und etwas darüber. Seine Stimme war zum Erschrecken. Wenn er die Stimme erhob, erschraken seine Offiziere, die Mechaniker und sogar die Unteroffiziere, die selber brüllend die Peitschen über den Rücken der Kriegsknechte schwangen. Aber die Arbeit machte unter dem Drill und dem Brüllen gute Fortschritte. Die vereinigten persischen Völker erhielten jedes die Aufgabe, ein Stück des Athos zu durchbohren. Alles war gut verteilt. Mit Seilen und Stahltauen maß ein jedes Volk sich sein Teil ab. Man begann bei der Stadt Sana, und während die Peitschen klatschten, hieben und bohrten und gruben die Mannschaften von der Bauabteilung des persischen Heeres. Der Berg Athos spaltete sich sehr langsam, aber er spaltete sich. Von dem einen Meer bis zu dem andern Meer mußte sich der Berg spalten zur Strafe, weil die griechischen Windgötter, die stets über seinem Gipfel umherwirbelten, vor einigen Jahren des Mardonios Flotte weggeblasen hatten. Die Seeungeheuer, die derzeit die ertrinkenden Seeleute verschlungen hatten, kamen aus den wütenden Wellen hervor, um zu schauen. Sie blickten verstohlen und mit großen Augen nach dem Durchstich und fürchteten, daß, so dieser wirklich den Athos durchbohrte, kein Perser ihnen mehr zum Opfer fallen werde. Die Perser opferten an jedem Morgen den bösen Winden und den Seeungeheuern aus Vorsicht sogar jetzt, während die Arbeit gute Fortschritte machte. Der Durchstich vertiefte sich bereits. Unter den Füßen der zu unterst grabenden und der am tiefsten stehenden Steinhauer sprudelte schon das Wasser empor. Diese Grabenden und Aushauenden schleppten die Felsblöcke empor zu denen, die über ihnen auf Leitern standen. Von Leiter zu stets höherer Leiter, die mit eiserner Klammer in den Felsen befestigt war, stiegen die Felsblöcke in den Händen der sich zureichenden Männer – der Zehntausende – empor, und die Peitschen klatschten. Der gemarterte Fels ächzte und stöhnte. Hacken und Hämmer rasten mit wilder Musik von Eisen auf Fels zwischen den bereits sich voneinander entfernenden Wänden des Durchstichs. Körbe voll Schutt und Sand stiegen endlos an dem Hebewerk empor. Hoch oben über dem Gipfel des Berges links und rechts schwankten die Felsblöcke, der Schutt und der Sand. Die Löwen, die in den Höhlen hausten – damals gab es noch Löwen in Europa – entflohen oder sprangen ratlos in das Meer. Die Seeungeheuer verschlangen sie. Der Athos spaltete sich, und Boten meldeten dem Xerxes, der sich bereit machte, von Susa nach Sardes zu gehen, daß sich der Athos spalte. Er schickte Halsketten und Armbänder, die die Auszeichnungen der Perser darstellten, an Artachaies und Bubares. Inzwischen stürzten hin und wieder die Uferwände des Durchstichs zusammen, wenn unter den klatschenden Peitschen die Hacken und die Hämmer zu viel gehauen und gehämmert hatten. Die Felsblöcke stürzten donnernd in die Tiefe über sich hoch auftürmende Leitern und schuftende Sklaven. Dann gab es ein Fluchen und ein Geißeln und ein Wiederaufräumen und Emporreichen auf neu errichteten Leitern. Artachaies, der Riese, ritt auf seinem riesengroßen Rosse hoch oben über die felsigen Bergkämme, um die Arbeit zu übersehen. Um seine ungeheuerlich starken Arme ringelten sich die vielen Armbänder, die ihm der König gesandt hatte. Geier flogen hoch über dem Werk, begehrlich nach den Leichen, die unter den Trümmern begraben waren und nun mit den eingestürzten Felsen emporgereicht wurden von Leiter zu Leiter, um dann über das Gebirge hinweg mit Sand und Schutt hinabgeschleudert zu werden. In der Nacht, wenn der Mond durch die Wolken glitt und die Ruhe über den Bergen lag, kreisten sie gleich geflügelten Larven über den Leichen und räumten nach persischem Brauch mit ihnen auf. Tagsüber war kaum ein übler Geruch bemerkbar. Die Phönikier, die in allem sehr geschickt sind, waren es auch bei diesem Werk. Sie gruben den Teil, den man ihnen zugewiesen hatte, breiter aus, als es erforderlich war, und verengten ihren Durchstich nach der Tiefe hin, so daß sie Einstürze vermieden. Bubares, der Feldherr, unter dem ein Teil dieser Bauabteilung stand, war ein sarkastischer Geist. Während er die Kriegsknechte unter den Peitschen der Unteroffiziere arbeiten und schuften sah – er selber zu Pferde neben der riesigen Gestalt des Artachaies, der gleichfalls zu Pferde war – lächelte er und zuckte die Achseln und flüsterte, während er sich zu Artachaies hinabneigte: »Ein tolles Werk! Die Schiffe unserer Flotte könnten sehr wohl von ihren Bemannungen über den Isthmos getragen werden. Dann wäre dieser Durchstich überflüssig.« Allein Artachaies runzelte finster und ehrfurchtgebietend die Brauen und sprach: »Ein Durchstich ist besser, und dieser Durchstich wird so breit werden, daß zwei Triremen nebeneinander darauf werden fahren können.« »Ein Durchstich ist wohl besser, gewiß«, gab Bubares sogleich zu. Denn wo es auf Worte ankam, gab Bubares Artachaies immer sogleich nach. Nur sein Lächeln wurde schadenfroher. Artachaies sah das schadenfrohe Lächeln nicht und bewegte die starken Arme, so daß seine vielen Armbänder laut klirrten. Bubares schob die seinen etwas höher hinauf, damit sie nicht klirren sollten, und rechnete aus, daß er, wenn der Durchstich erst beendet sei, reich genug sein werde, um ... V. Währenddessen war Xerxes mit einigen Heeren aus Kappadokien auf dem Wege nach Sardes. Wer war der Satrap, der aus der königlichen Hand das schönste Geschenk für die glänzendsten Truppen empfangen hatte? Die Geschichte berichtet es nicht und braucht es vermutlich auch nicht zu berichten. Xerxes langte in Kelainai in Phrygien an. Die Heere lagerten sich draußen. Xerxes nahm die Sehenswürdigkeiten der Stadt in Augenschein. Er neigte sich auf dem Marktplatz über das breite marmorne Becken, aus dem der Katarrhaktes entspringt; das ist der Fluß, der sich in den berühmten Maeander ergießt. Als er die Flußquelle gesehen hatte – an der er nichts Besonderes fand, obgleich es merkwürdig war, daß auf einem Marktplatz ein Fluß entsprang – führte man ihn in den Apollotempel. Dort wurde der Weinschlauch verwahrt, der aus der Haut des geschundenen Marsyas gefertigt war, des Silen, der sich in Sangeskunst und Flötenspiel mit Apollo hatte messen wollen. Es war ungerecht, daß Apollo ihn schinden ließ. Denn Marsyas, Sohn des Hyagnis, der in Kelainai die Flöte erfunden hatte, spielte das Instrument seines Vaters besser als der Gott, dem die Flöte wohl stets minderwertiger erschien als die Leier. Xerxes fand den Weinschlauch ebensowenig reizvoll wie die Quelle des Katarrhaktes und sprach: »Ein unbedeutendes Städtchen dieses Kelainai!« Mißmutig schaute er sich um. Es war mitten am Tage, und er hatte nichts zu tun. Der Palast, den er bezogen, war ein altes, verfallenes Gebäude, das die persischen Architekten und Tapezierer in wenigen Tagen zur Not hatten bewohnbar machen können. Man hatte es ausgewählt, weil es das größte war und das Gefolge des Königs untergebracht werden mußte. Xerxes wollte gerade seine um ihn versammelten Offiziere fragen, ob denn in diesem Nest wirklich nichts mehr zu sehen sei, als sich über den Marktplatz ein Zug näherte: Kamele, Maulesel, ein Tragstuhl. »Wer kommt da?« fragte Xerxes erstaunt. Die Umstehenden flüsterten es ehrfurchtsvoll den Offizieren des Xerxes zu. Die sagten zu Xerxes: »Großer Despot! Es ist Pythios, der Lydier. Er ist nach Euch der reichste Mann der Welt und schenkte Dareios, Eurem Vater, die goldene Platane und den goldenen Weinstock, die sich in Eurem Palaste zu Susa befinden.« Xerxes war sehr gespannt. Pythios, der ausgestiegen war, näherte sich, von zahlreichem Gefolge umgeben, dem König der Könige und verneigte sich sehr tief, während er Arme und Hände von sich streckte, und alle anderen fielen vor Xerxes zur Erde nieder auf dem Marktplatz zu Kelainai, indem sie Arme und Hände ausstreckten. Xerxes fragte Pythios, nachdem ein paar höfliche Worte ausgetauscht waren, wie reich er wohl sei. Dies erscheint in der Meldung der Geschichte wie eine Unbescheidenheit. Allein der Maßstab des Benehmens, auch des eines Königs, war zu jener Zeit ein anderer. In des Xerxes Frage lag nichts anderes als liebenswürdige Teilnahme. Pythios faßte es auch so auf und freute sich über die Frage, die ihn ganz von selbst dahin brachte, wohin er gelangen wollte. Er sagte: »König der Könige! Warum soll ich es verschweigen und behaupten, ich hätte meine Schätze nicht gezählt? Ich will Euch sagen, wieviel ich besitze. Denn ich habe sie soeben gezählt. Sobald ich vernommen, daß Ihr zur griechischen See kommen würdet, habe ich meine Schätze gezählt, um sie Euch alle als Kriegstribut zu geben. Ich zählte zweitausend Silbertalente und vier Millionen weniger siebentausend goldene Statere, die wir nach dem darauf befindlichen Bild des Dareios Dareiken nennen. Ich biete Euch diese Schätze an für die Kriegskasse, Despot.« Xerxes war zufrieden und fühlte sich geschmeichelt. »Aber Ihr selber? Wovon werdet Ihr leben, Pythios?« »Ich habe, Herr,« sprach der Lydier bescheiden, »meine Besitzungen, die meine Sklaven bearbeiten.« Er sprach nicht von den achttausend Silbertalenten und den zwanzig Millionen goldener Statere, die er vergraben hatte, er selbst mit seinem Sohne, unter den Mosaikböden seiner Paläste, seiner Landhäuser. Xerxes lächelte liebenswürdig. Er war sehr aufgeräumt und sehr leutselig. »Seit ich Persien verließ,« sagte Xerxes, während ein strahlendes Lächeln seinen blauschwarzen Bart umspielte, »begegnete ich auf meinen Wegen noch niemals so edler Freigebigkeit und so erhabener Vaterlandsliebe. Empfanget im Austausch, Pythios, meinen königlichen Dank und meine Freundschaft!« Xerxes öffnete die Arme, umarmte Pythios und küßte ihn auf den Mund. Dies war die größte Ehre, die ein Perser einem anderen Perser konnte zuteil werden lassen. Blauschwarzer Bart und grauer Bart ruhten während eines Augenblicks in zärtlicher Zuneigung aufeinander. »Auf daß,« fügte Xerxes milde und großmütig hinzu, »kein einziger Dareikos an den vier Millionen fehlen möge, die Ihr mir geben wolltet und die Ihr nicht besitzt, werde ich selber, Pythios, mit meiner königlichen Hand die fehlenden siebentausend hinzufügen.« Ein Beifallsmurmeln lief durch die Bärte und über die glattrasierten Lippen. »Genieße ungestört deine anderen Besitzungen, Pythios,« fuhr Xerxes leutselig fort, »und trage Sorge, daß du allezeit so seiest, wie du jetzt warst! Es soll dich nicht gereuen, nicht heute, nicht in Zukunft. Willst du als Gast an meiner königlichen Tafel liegen?« Pythios nahm dankbar an. Er machte keinerlei Anspielungen darauf, daß er selber das königliche Gastmahl veranstaltete, zu dem Xerxes ihn einlud, und daß er vor der Toren der Stadt das Heer bewirtete. An des Königs Seite betrat er dessen in aller Eile ausgestatteten Palast und hielt es für unnötig, zu sagen, daß er selber die kostbaren Tapeten, die vergoldeten Ruhebetten und das fehlende goldene Geschirr dem königlichen Hausmeister zur Verfügung gestellt hatte. Der Tag verlief sehr erfreulich, die Nacht noch erfreulicher. VI. Inzwischen waren in Susa die königlichen Frauen zurückgeblieben. Im königlichen Palast, der zugleich eine ungeheure Zitadelle war, aber auch eine Flucht von Höfen, Portiken, Gärten, Sälen, Terrassen, waren die königlichen Frauen mit vielen Nebenfrauen zurückgeblieben. Es waren ihrer sehr viele. Um die Königin Amestris, um die vier Königin-Witwen, die Dareios hinterlassen, der unvergeßliche Vater des Xerxes, um die jüngeren Prinzessinnen zählten die Nebenfrauen und die Sklavinnen viele tausende. Der Oberste der Eunuchen kannte die Anzahl genau, die Geschichte nennt sie nicht. Es war im Frühjahr, und aus den Gärten wehte, vermischt mit einem süßen, schwülen Dunst von Eingemachtem, der Duft der Rosen, der persischen Rosen, der großen glutroten Rosen, der Duft von Zehntausenden von Rosen bis in die Portici, bis in den großen, offenen, vielsäuligen Saal, in dem sich die Königin Amestris mit den vier Königin-Witwen und mit den Prinzessinnen aufhielt. Sie alle saßen kauernd in der Runde auf viereckigen Ruhebetten. Die Königin Amestris webte mit ihren Sklavinnen an einem Webstuhl, der vor ihr die glänzenden Fäden des Mantels ausspannte, den Amestris für Xerxes wirkte. Der Königin gegenüber saß die älteste Königin-Witwe. Das war Atossa. Eine beinah schaudererregende Ehrfurcht war um sie, wenigstens solange als Atossa unter ihren gesenkten Augenlidern im Frauengemach umherspähte. Sie zählte sechzig Jahre, und eine persische Königin-Witwe von sechzig Jahren ist alt. Atossa war die Tochter des Kyros. Schon dies allein war etwas sehr Ehrfurchtgebietendes. Atossa hatte von Anbeginn das Aufblühen des persischen Reiches miterlebt. Das war nicht nur menschlich ehrfurchtgebietend, sondern auch historisch ehrfurchtgebietend. Atossa hatte drei persische Könige zum Gemahl gehabt. Alles, was sich seit mehr als einem halben Jahrhundert im Palast zu Susa abgespielt, hatte sie miterlebt. Dies war nicht nur ehrfurchtgebietend, sondern auch schaudererregend. Um jedes Ränkespiel, um jeden Mord, um jedes Geheimnis hatte sie gewußt, und wenn sie so kauernd auf ihrem Ruhebett saß gegenüber der webenden Königin Amestris, die alten, mit schweren Amethystringen geschmückten Hände unbeweglich im Schoß ruhen ließ und die orientalischen Augen halb zukniff unter den Säumen ihrer violetten Schleier, schien es, als spähe sie nach noch mehr Palastgeheimnissen aus, als fürchte sie, daß das Allerneueste ihr entgehen könne. Ihr erster Gemahl war Kambyses gewesen, ihr Bruder, den sie geehelicht hatte, weil das Gesetz des königlichen Hauses vorschrieb, daß der König seine Schwester an seine Seite zur Königin erheben müsse. Als Kambyses umgekommen war, war sie der Sitte gefolgt, die vorschrieb, daß der siegreiche König sämtliche Frauen seines Vorgängers eheliche, hatte den falschen Smerdis geheiratet. Das war damals für alle Frauen im Palast eine an Aufregungen und Neuigkeiten reiche Zeit gewesen, die Zeit des falschen Smerdis, des Meders, der sich für Smerdis, den Bruder des Kambyses, ausgab, für den Smerdis, der Kambyses hatte ermorden lassen. Als Dareios mit den andern, als die sieben Verschwörer den falschen Smerdis entlarvt hatten, war Atossa die Gemahlin des letzten Siegers geworden, die Gemahlin des Dareios. Jetzt war sie die Königin-Mutter, die Mutter des Xerxes, des Königs der Könige. Ringsumher spähte sie im Kreise der königlichen Frauen, ob nicht irgendein Geheimnis, ob nicht irgendwelche Ränke sich abspielten, die ihr entgehen konnten, weil sie alt wurde. Hinter der webenden Königin – rings umher schwebte ein endloses Gemurmel von Frauenstimmen – flüsterte eine Sklavin der anderen zu, während sie beide damit beschäftigt waren, das Goldgarn für die Königin auf eine Spule zu winden: »Eine Verheißung besagt, daß Atossa ...« »Was?« fragte die andere. »Vom König verzehrt werden wird.« »Brrr!« machte die Sklavin schaudernd, und beide kicherten. Doch Atossa hatte ihren Namen zischen hören. »Was sagt die Hexe da?« rief sie mit schriller, zorniger Stimme. »Wer, Tochter des Kyros, Mutter des Xerxes, allerhöchste Mütterlichkeit?« fragte Amestris, während sie von ihrem Webstuhl aus zur Seite nach der alten Atossa hinüberblickte. »Die sidonische Dirne da hinter dir. Was haben die beiden zu kichern?« »Nichts, Allerhöchste«, sagte Amestris beruhigend, während sie weiter webte. »Es sind Kinder. Sie lachen, wenn ihnen eine Fliege um die Nase tanzt.« »Hierher, ihr alle beide!« befahl Atossa. Zugleich ergriff sie eine Peitsche, die vor ihren Knien auf dem Ruhebett lag, eine Peitsche mit amethystenem Griff. Die Sidonierin und die andere begannen zu heulen, aber Atossa befahl barsch: »Schnell, schnell!« Die beiden Sklavinnen krochen über die leere Mitte des Saales zu dem Ruhebett der Atossa. »Widrige Faulpelze!« schalt Atossa, erhob die Peitsche und schlug. Ihre zitternde, alte Hand war unsicher. Sie traf entweder gar nicht oder schlecht. Die beiden Sklavinnen indes schrien jammernd auf und entflohen, die eine nach links, die andere nach rechts, in rhythmischer Zierlichkeit wie bei einem Tanz hinter den Rücken der Königin. »Windet die purpurne Seide!« befahl Amestris unzufrieden. Die Sklavinnen wanden von neuem und kicherten, während sie sich hinter Amestris und dem Webstuhl unsichtbar machten. Links von Atossa kauerte auf einem Ruhebett Artystone. Rechts kauerten auf zwei anderen Ruhebetten Phaidyme und Parmys. Das waren die drei anderen Königin-Witwen, Frauen des Dareios, des unvergeßlichen Vaters des Xerxes. Sie saßen da, und um sie waren ihre Sklavinnen beschäftigt. Eine Schar von Wäscherinnen schleppte in diesem Augenblick eine große Anzahl von Körben herein, in denen die Schleier der Königinnen und Prinzessinnen und ihre Taschentücher lagen. Neben Parmys saß Artaynte, die jugendliche, sehr schöne Tochter des Halbbruders des Königs, Masistes, und neben Artystone saß Artozostra, des Xerxes Schwester – aber nicht eine Tochter der Atossa – die Frau des Mardonios, eines Neffen des Xerxes. Die Frauen, die die Wäsche hereinbrachten, kannten nicht genau alle Familienbeziehungen der Königinnen und Prinzessinnen zu dem Könige und seinen Brüdern und Neffen. Diese waren auch so verwickelt und so schwer zu behalten – am persischen Hofe heirateten Brüder ihre Schwestern, die Neffen die Nichten und alle ihre Kinder untereinander – daß außer denen, die es unmittelbar anging, niemand sie behalten konnte. Im persischen Volke gab sich sonst niemand die Mühe, und der Verfasser dieser Annalen möchte auch niemand raten, sich die Mühe zu machen. Die Sklavinnen trugen einen großen Korb vor das Ruhebett der Atossa. Atossa schielte in den Korb. Ihre eigenen Sklavinnen holten mit behutsamen Fingern die geglätteten und zusammengelegten Schleier daraus hervor und zählten sie, während Atossa selber den Wäschezettel verlas: »Sieben violette Schleier aus ägyptischem Byssos mit goldgesticktem Saum«, las Atossa vor. »Hier sind sie, Allerhöchste«, sagte Baktra – sie war die oberste Sklavin, aus Baktrien gebürtig – , während sie die Schleier vorwies. »Dreimal sieben«, fuhr Atossa fort. Auch vor die anderen königlichen Frauen, auch vor die Königin trugen Sklavinnen die Körbe und suchten ihren Herrinnen die Schleier und die Taschentücher heraus, während die Herrinnen niedergekauert die dazu gehörigen Wäschezettel verlasen. »Tochter des Kyros!« sagte Artystone, die neben Atossa kauerte, aber auf eigenem Ruhebett. »Ist dieses Taschentuch nicht mit Eurem königlichen A gezeichnet?« Sie reichte der Königin-Mutter ein Taschentuch. Diese griff nach dem Taschentuch. Viele Sklavinnenhände streckten sich aus, um dem Taschentuch den Weg von der Hand der einen Königin zu der Hand der anderen Königin zu erleichtern. Doch es war nicht nötig. Atossa hatte das Taschentuch ergriffen und betrachtete es. »In der Tat, Artystone!« sagte sie halb zornig, halb liebenswürdig mit grinsendem Lächeln. »Immer diese Irrtümer!« Die Peitsche erhob sich und fuhr klatschend durch die Luft. Die Sklavinnen krümmten rhythmisch die Rücken und duckten sich. Atossa legte plötzlich beruhigt die Peitsche hin. »Sieben mal sieben Schleier aus Leinwand für die Nacht.« »Die vielen verschiedenen A sind wirklich unbequem für die Wäscherinnen«, sagte Artystone. Sie war sanft und liebenswürdig. Sie war des Dareios liebste Frau gewesen, die vierte im Rang. Sie war sehr schön gewesen. Er hatte sie geehelicht, als sie noch Jungfrau war. Er hatte ihr ein goldenes Bildnis gestiftet. Ihr Sohn war Gobryas, und Gobryas war Vater des Mardonios. Ihr zweiter Sohn war Arsames, und so war Mardonios der Neffe des Xerxes. Dieser hatte ihn zum Kriege aufgehetzt. Arsames war gleich Mardonios Feldherr und führte die Äthiopier an. Mardonios war mit des Xerxes Schwester Artozostra verheiratet, die auf ihrem Ruhebett neben Artystone saß und deren angeheiratete Enkelin war. »Großmütterlichkeit!« sagte Artozostra. Sie sah, obwohl sie nur angeheiratet war, ihrer Großmutter ähnlich. Diese war, obwohl noch gar nicht alt, bereits verblüht – eine persische Königin-Witwe ist niemals jung – , und alle Fürstinnen ähnelten einander mehr oder weniger. »Hier sind drei Taschentücher aus tyrischem Purpur. Sie sind mit Eurem großmütterlichem A gezeichnet.« Artystone, einst des Dareios liebste Frau, nahm mit gewinnender Gebärde die Taschentücher aus den Händen ihrer Enkelin entgegen. Die Sklavinnen führten unter den Taschentüchern überflüssige Handreichungen aus. »Wer hat einen Schleier von mir mit einer eingestickten Sonne in der Mitte?« rief die Königin Amestris verstört in der Runde. »Heilig!« riefen die Sklavinnen und verneigten sich oder warfen sich zur Erde. Denn das Wort Sonne war heilig. »Ich, fürstliche Muhme Amestris!« rief die jugendliche Artaynte, verließ ihr Ruhebett und überbrachte selbst der Königin den Sonnenschleier, während ihre jungen Sklavinnen ihr wie flatternde Vögelchen folgten. »Ich zeichne nur mit meiner Sonne«, rief Amestris. »Heilig!« murmelten die Sklavinnen. Es war wie das Summen von Bienen in dem Rosenduft. »Trotzdem gibt es immerfort Verwechslungen«, fuhr Amestris fort. »Artaynte! Diese Taschentücher sind mit deinem A gezeichnet.« »Ja, fürstliche Muhme«, bestätigte Artaynte und nahm den kleinen Stapel entgegen. Amestris schaute sie prüfend an. »Du wirst schön, Mädchen«, sagte die Königin ein wenig scharf. »Du mußt nicht allzu schön werden.« »Nein, fürstliche Muhme«, sagte Artaynte lächelnd, weil sie nicht verstand. »Mutter ist schöner als ich.« »Warum ist deine Mutter nicht hier?« fragte die Königin. »Sie zuckert Rosenkerne ein, fürstliche Muhme.« »O!« sagte Amestris lachend und begehrlich. Inzwischen saßen Phaidyme und Parmys, die beiden anderen Witwen des Dareios, zweite und dritte im Rang, da und zählten ruhig ihre Taschentücher und ihre Schleier. Da gab es keinerlei Verwechslungen. Sie zeichneten P und Ph. Parmys war die Tochter des Smerdis, des Bruders des Kambyses, den er hatte ermorden lassen, und der Phaidyme. Phaidyme, die älteste Schwester der Königin Amestris, hatte wie Atossa den falschen Smerdis ehelichen müssen, und nichts war ihr lieber, als die Geschichte des falschen Smerdis zu erzählen, obwohl ein jeder am Hofe sie bereits auswendig kannte. Deshalb hatte auch die Königin Amestris ihr Vergnügen daran, Phaidyme zu necken und sich beliebt zu machen bei all den geringeren Frauen und all den Sklavinnen. So rief sie jetzt, da sie von ihrem Weben leicht ermüdet war – die Wäsche wurde weggetragen – mit honigsüßer, lockender Stimme aus: »Liebste Schwester, fürstliche Phaidyme, älteste Schwester! Erzähle einmal, ich bitte dich, wie es doch entdeckt wurde, daß der falsche Smerdis nicht Smerdis war, sondern ein arglistiger Magier! Ich bitte dich, älteste Tochter des Otanes, der mein Vater ist, liebste Schwester, erzähle uns noch einmal ganz ausführlich, wie das geschehen ist!« Die Königin Amestris winkte nach den Vorräumen, die sich zur Seite ihres Ruhebettes auftaten. Hunderte von Nebenfrauen saßen dort und schwirrten dort umher, und hunderte von Sklavinnen umringten sie. Sie webten, sie spannen, sie stickten, sie zuckerten Rosenkerne ein. Sobald sie es gewahr wurden, daß die Königin Amestris ihre Schwester Phaidyme dazu verleiten wollte, wiederum die überbekannte Erzählung zum besten zu geben, da strömten auch sie schon von allen Seiten herbei, und hinter dem Webstuhl und hinter den Ruhebetten der Artozostra und der Artaynte entstand ein Gewimmel von persischen, baktrischen, kaspischen Frauenköpfen und -köpfchen: bernsteinbleiche, teerosengelbe Gesichter und Gesichtchen, blauschwarze, schalkhafte Augen unter schwarz angestrichenen Augenbrauen, still lachende, spöttische Näschen und Mündchen, die sich unzählbar nebeneinander drängten. Sogar die drei anderen Königin-Witwen, Parmys, die Tochter des echten Smerdis, Artystone, die liebste Frau des Dareios, und Atossa, die ehrfurchtgebietende und schaudererregende, spähten heimlich und mit stillem Genuß hinüber zu ihrer Mitwitwe, die sich anschickte, von neuem die Geschichte zu erzählen. Phaidyme begann: »Habe ich euch denn das nicht erzählt? Nein? Dann will ich es natürlich gerne tun. Ich, die Tochter des Otanes, war eine der Frauen des Kambyses neben Atossa, nicht wahr? der Tochter des Kyros.« Atossa nickte süßlich und zustimmend. Auch sie weidete sich daran, daß Phaidyme sich anschickte, zum hundersten Male die Geschichte zu erzählen, und wiewohl Phaidyme jünger war als sie, die alte Frau, meinte sie, daß Phaidyme wirklich halb kindisch sei. Sie selber war es durchaus nicht. Sie empfand nur, daß man sie nicht mehr in die neuen Palastgeheimnisse und die neuen Ränkespiele einweihte, und das konnte sie nicht ertragen. Aber die alten Palastgeheimnisse und die alten Ränkespiele hatte sie sämtlich miterlebt, und sich selber zum Trotz hörte die Tochter des Kyros mit ihren lauernden Augen und ihrem zornig lächelnden Munde zu. »Als Kambyses nach Ägypten zog, um es zu erobern...«, begann Phaidyme mit eintönig schleppender Stimme. Sie unterbrach sich selber. »Er war toll, er war halb wahnsinnig. Gewiß, er war toll, nicht wahr, Tochter des Kyros?« »Mein Bruder war nicht immer zurechnungsfähig«, murmelte Atossa, die, trotzdem das Ganze ein Scherz war, doch die Vergangenheit vor sich aufsteigen sah. »Ja, er war toll«, fuhr Phaidyme fort. »Denn in Memphis hat er den Apis ausgelacht und mit seinem Dolch durchstochen, weil er behauptete, daß ein Gott niemals ein junger Stier sein könne.« »Die Götter haben ihn dafür gestraft«, murmelte halb unwillkürlich Parmys, die dritte Königin-Witwe. »Auf dem gleichen Fleck, wo er den Apis verwundete, entfiel ihm die Scheide seines Schwertes, und er brachte sich eine tödliche Verwundung in der Seite bei.« »Dies geschah in Ekbatana«, murmelte Atossa. »Das Orakel hatte ihm vorausgesagt, er werde in Ekbatana sterben. Er aber dachte an Ekbatana in Medien, die Stadt mit den sieben Mauern, wo er seine Schätze zurückgelassen hatte. Dort, glaubte er, werde er am Ende seiner Tage sterben. Er starb jedoch in Ekbatana in Syrien.« Sie murmelte es unhörbar. Die Frauen, die sich hinter Amestris und ihren Webstuhl drängten, hörten zu, während sie verstohlen kicherten und sich unbändig freuten. Über Atossa, die heimtückisch und lauernd dasaß, hätten sie niemals zu kichern gewagt. »Nun also!« begann Phaidyme wieder. »Als Kambyses nach Ägypten zog, um es zu erobern, kam der Magier Patizeithes, der in Susa seine Güter verwaltete, auf den Gedanken, seinen Bruder, der auch Smerdis hieß wie dein Vater, Parmys, dich, die Tochter des Smerdis ...« Phaidyme nickte in der Richtung des Ruhebettes, wo Parmys in lakonischer Stellung kauerte. »Ja, mein Vater Smerdis, den Kambyses durch Prexaspes ermorden ließ, weil er von ihm geträumt hatte, er thronte auf seinem eigenen Thron und sein Haupt reiche bis in den Himmel ...«, erinnerte sich Parmys. »Es hat sich hier zugetragen,« murmelte Atossa, »hier im Frauengemach.« Vor sich sah sie die Bilder der Vergangenheit. »Dann kam dieser Patizeithes auf den Gedanken,« fuhr Phaidyme eintönig fort, »seinen Bruder, der zufällig auch Smerdis hieß und der dem Bruder des Kambyses sehr ähnelte ...« Die Nebenfrauen hinter Amestris und die Sklavinnen hinter den Nebenfrauen und Amestris hinter dem Webstuhl begannen sich vor Lachen und Kichern zu krümmen und zu winden. »... als König an des Kambyses Statt auszurufen. Kambyses war doch fern, und Smerdis, des Patizeithes Bruder, hieß Smerdis wie des Kambyses Bruder und ähnelte ihm sehr. Allein er hatte keine Ohren. Die hatte Kyros, dein großer Vater, Atossa, ihm abschneiden lassen wegen eines Vergehens, ich weiß nicht mehr wegen welches Vergehens.« »Arme Phaidyme!« sagte an Atossas anderer Seite Artystone zu ihrer Enkelin Artozostra, die liebste Frau einst des Dareios. »Sie weiß niemals, wegen welches Vergehens es geschehen war, aber Amestris und alle die Nebenfrauen sollten sich doch nicht so lustig über sie machen.« Unterdessen wechselten Artystone und die jugendliche Artozostra ihr gegenüber lustige Blicke des Einverständnisses und schalkhaftes Augenblinzeln, weil Phaidyme schon wieder die Geschichte erzählte. »Doch als der falsche Smerdis,« fuhr Phaidyme unbeirrt fort, »sich niemals den Großen des Landes zeigte und immer hier im Palast verborgen blieb, erwachte Mißtrauen. Da begann mein Vater Otanes als erster zu vermuten ...« Phaidyme hielt inne, um von den eingezuckerten Rosenkernen zu naschen, die Sklavinnen den Königinnen und Prinzessinnen auf großen, runden, geflochtenen Platten darboten, um sie kosten zu lassen. »Als erster zu vermuten,« fuhr Phaidyme fort, während sie die Rosenblätter zerkaute, »daß der, welcher sich Smerdis nannte, ein Betrüger sei. Dann ließ mein Vater mich nach dem Smerdis fragen, mit dem ich schlief, nicht wahr, Atossa?, wenn du nicht mit ihm schliefst oder die anderen Frauen.« Atossa runzelte finster die Brauen. Aus Zorn und Mißgunst hätte sie wohl gern eine beißende Antwort gegeben, aber sie genoß heimlich mit allen anderen zu sehr die Tatsache, daß Phaidyme wiederum die Geschichte erzählte. So lächelte sie denn süßlich und zustimmend, während ihr lauernder Blick den Webstuhl zu durchdringen versuchte, um zu erfahren, ob die Königin Amestris und die anderen Frauen noch etwas anderes taten als nur über Phaidyme spotten. »Ich aber hatte niemals den echten Smerdis, des Kambyses Bruder, und deinen Vater, Parmys, gesehen...« »Ja, mein Vater!« erwiderte Parmys wütend. »Es war eine Schande, daß ihn Kambyses ermordete.« »T ... t ... t ...!« sagte Atossa hochmütig und gebieterisch. »Kambyses war mein Bruder und Gemahl, Parmys. Vergiß das nicht! Ich bitte dich.« Allein Amestris rief aus: »Ich bitte dich, älteste Schwester, fahre jetzt fort, liebe Phaidyme! Wie wurde es dann weiter, und was ließ unser Vater Otanes dich fragen?« »Er ließ mich fragen, ob ich nicht mit den anderen Frauen, auch mit dir, Atossa, beratschlagen könne. Aber ich sah dich niemals. Denn der falsche Smerdis hielt sämtliche Frauen in verschiedenen Gemächern voneinander getrennt.« Atossa entsann sich dessen. Sie entsann sich, daß sie wie eine Gefangene gewesen war, sie, die Tochter des Kyros, sie, die Schwester und Gemahlin des Kambyses, sie, die der falsche Smerdis nach dem Tode des Kambyses zur Frau genommen mit dem ganzen übrigen Harem. Sie entsann sich auch der geheimen Kundschaft des Otanes und ihrer Ränke. Aber sie entsann sich auch, daß es für die eingesperrten Frauen unmöglich gewesen war, zueinander zu gelangen, trotz aller Ränke der Nebenfrauen und Sklavinnen. »Und dann ...«, sagte Phaidyme. »Jetzt kommt es«, dachte Amestris schadenfroh. »Jetzt kommt es«, sagten die Frauen hinter ihr kichernd. »Dann ließ mir mein Vater durch den geheimen Kundschafter befehlen, ich solle mich vergewissern, ob Smerdis Ohren habe. Denn der echte Smerdis habe Ohren, aber der falsche Smerdis habe keine. Kyros hatte sie ihm abschneiden lassen, ich weiß wirklich nicht, wegen welches Vergehens.« Auf den Ruhebetten und hinter den Ruhebetten und hinter dem Webstuhl lachte und kicherte es. »Es war sehr gefährlich für mich,« fuhr Phaidyme unbeirrt fort, »mich davon zu überzeugen, ob Smerdis Ohren habe. Aber ich habe es getan, um zu erfahren, ob Smerdis in der Tat Smerdis war. Einmal, nachdem ich wiederum sein Lager geteilt ...« Alle Frauen rückten geheimnisvoll näher, gleich als wollten sie von Phaidymes Lippen die gewichtigen Worte auffangen. »Schlief der Smerdis nach dem Liebesspiel ein.« »Und dann, Schwester?« »Und dann, Phaidyme?« »Und dann, dann, fürstliche Phaidyme?« riefen die Nebenfrauen und die Königin. »Dann tastete ich ...« Phaidymes Hände machten eine tastende Gebärde. »Und dann fühlte ich, fühlte ich, daß Smerdis unter seinen langen Haaren keine Ohren hatte.« Ein Frauengelächter brach los. Aber es verstummte sogleich. »Was gibt es?« fragte Phaidyme erstaunt. »Nichts, älteste Schwester«, sagte Amestris. »Eine der Sklavinnen hier hinter uns ist in die kochenden Früchte gefallen.« »Es ist eine Schande!« sprach Atossa verstimmt über das allzu laute Gelächter. »Wo ist sie, Amestris? Wo ist sie? Ich will sie sehen! Ich will sie haben! Hier!« Amestris erteilte rasch einen Befehl. »Bringt sie mir! schnell!« rief Atossa. Es dauerte nur noch einige Augenblicke. Draußen in dem Portikus, wo die Frauen mit ihren Schönheitstränken, ihren Ölen, ihrem Zuckerwerk beschäftigt waren, hatten einige schnell einen großen kupfernen Kessel über eine Sklavin ausgeschüttet, die sie allezeit neckten. Die Sklavin schrie laut auf, als der laue, süße Brei ihr über Kopf und Glieder troff. Die anderen Frauen stießen sie hinein. »Hier ist sie, Allerhöchste«, riefen die Frauen und zerrten die triefende Sklavin vor Atossa hin. Die Peitsche klatschte durch die Luft. »Mußt du die eingekochten Früchte verderben?« kreischte Atossa und schlug und schlug. »Ans Kreuz mit der dummen Dirne!« Die Frauen zerrten die schreiende, widerstrebende Sklavin durch den Saal. Der Oberste der Eunuchen Ogoas erschien an der Pforte des Saales zwischen den Ruhebetten der Amestris und Artozostra. »Königin von Persien!« Seine Stimme klang schrill. »Es sind Boten da aus Kelainai vom König der Könige und von den Prinzen der Perser. Seht hier die Briefe!« Er wies auf einen Korb, den zwei andere Eunuchen schleppten. Es war die königliche Post. Begleitet von den Zeremonien der Eunuchen, die fast krochen, wurden der Königin Atossa und Amestris große Briefrollen und mit goldenen Siegeln versehene Schreibtafeln von Xerxes und von Masistes, dem zweiten Sohne der Atossa, ausgehändigt, auch von beiden Neffen, Neffen zweiten Grades, und Enkeln, die alle im persischen Heere befehligten. Artystone wurden Wachstafeln ausgehändigt von ihren Enkelsöhnen Mardonios und Arsames, den letzten Feldherrn der äthiopischen Truppen, Parmys solche ihres Sohnes Ariomardos, der den Befehl über die Moschen führte, Artozostra solche von ihrem Gemahl Mardonios, Artaynte solche von ihrem Vater Masistes. Ihre Mutter Artaxixa kam von dem Einkochen in dem Portikus herbei, um zu schauen, welche Briefe für sie dabei seien. Auch Phaidyme erhielt einen Brief von ihrem Vater Otanes. »Ist kein Brief da von Otanes für mich, seine Tochter und Königin?« fragte Amestris zornig. Die Eunuchen fanden zwischen all den Briefen, die sie vor Ehrfurcht über das leere Mosaik kriechend zwischen den kreisförmig aufgestellten Ruhebetten voneinander sonderten, den Brief des Otanes an seine Tochter, die Königin, und überreichten ihn. Es herrschte große Erregung. Die Königinnen und Prinzessinnen erbrachen die Siegel, und die Nebenfrauen und die Sklavinnen drängten sich hinter ihnen, auf Neuigkeiten versessen. Atossa begann aus dem Brief des Xerxes einen Satz vorzulesen, während sie ihre kurzsichtigen Augen hinter einem geschliffenen Beryll zusammenkniff, der ihr als Augenglas diente, aber nur für ein Auge; das andere kniff sie ganz zu: »Allerhöchste fürstliche Mutter, Tochter des Kyros, Gemahlin meines unvergeßlichen Dareios!« las Atossa vor. »Während ich im Begriff bin, mit unseren mächtigen Heeren über die Schiffbrücke im Hellespont zu ziehen, teile ich, Euer Sohn, der König der Könige, Euch mit, daß ich Mangel leide an Nebenfrauen und geringeren Bettgenossinnen, deren uns nur eine beschränkte Anzahl gefolgt ist.« »Mir schreibt der König das gleiche«, rief Amestris, die Königin. Es stellte sich heraus, während viele Stimmen Aufmerksamkeit heischten, daß sämtliche persischen Feldherren – ihre Söhne, Brüder, Neffen, Oheime, Enkelsöhne und Neffen zweiten Grades – den vier Königin-Witwen und der Königin mitteilten, daß sie nicht genügend Nebenfrauen und Bettgenossinnen im Heere mitgeführt hätten, um den Hellespont überschreiten zu können. Sie schrieben dies aus Berechnung. Nicht nur Xerxes schrieb es an Amestris, Masistes schrieb es an Artaxixa, Ariomardos schrieb es an Parmys. Alle Männer schrieben es ihren Müttern und Gattinnen. Denn so sie nur dem Obereunuchen befohlen hätten, ihnen Nebenfrauen und Bettgenossinnen zu senden, bevor sie Sardes verließen und über den Hellespont zogen, würde zweifellos ein Aufruhr und ein Weiberkrieg ausgebrochen sein unter den Königinnen und den Prinzessinnen. Nun aber, da der König und die Prinzen ihnen allen den Fall mitteilten und es ihnen selbst überließen, welche Nebenfrauen und Bettgenossinnen sie den Eunuchen zu schicken anempfehlen würden aus den tausenden von Frauen im Palaste zu Susa, fühlten sich die fürstlichen Frauen geschmeichelt und entwaffnet. Artaxixa freilich, die sehr schöne Mutter der Artaynte, deren Nasenspitze rot geschminkt war von den eingekochten Früchten – sie hatte deren Süßigkeit beim Einkochen mit großer Sorgfalt geprüft und abgeschätzt – , rief aus: »Mein Masistes hat niemals genug Bettgenossinnen. Ach, Artaynte, meine Tochter, welch unersättlichen Vater hat dir die Sonne gegeben!« »Heilig!« riefen die Frauen. »Und mir welchen Gatten! Kind, geh jetzt zum Einkochen! Was hast du da so faul auf dem Ruhebett zu hocken, anstatt deiner Mutter beim Einzuckern der Rosenkerne zu helfen?« Sie zerrte Artaynte vom Ruhebett herunter und setzte sich selber darauf. Artaynte schmollte, aber sie war bestrickend schön. Sie verschwand schmollend in dem Portikus. Rosenduft und süße Dünste dampften herein. Amestris befahl, den Webstuhl zur Seite zu schieben. »Allerhöchste!« rief sie Atossa ehrfurchtsvoll zu. »Ist es Euch recht, wenn wir untereinander beratschlagen, welche Nebenfrauen und Bettgenossinnen wir auswählen wollen, um sie nach Sardes zu senden für unsere Männer und Söhne und Neffen?« »So rufe Ogoas in unseren Kreis!« Die Königin winkte dem Obereunuchen, in den Kreis zu treten. Der oberste Eunuche winkte noch vierzehn anderen Eunuchen, die ihm als Gefolge zustanden, ihm in den Kreis zu folgen. Atossa und Amestris schickten alle Nebenfrauen und Sklavinnen fort. Die aber blieben dennoch, schielten und horchten hinter den Säulen der Portici. Die Ruhebetten mit den Frauen darauf wurden dichter zusammengeschoben. Die Beratung begann. VII. Zwei Tagereisen von Sardes entfernt, wo während des ganzen Winters Xerxes und die Feldherren geweilt und gewartet hatten, bis der Athos durchstochen und die Schiffbrücke über den Hellespont beendet sei, teilt sich die Heerstraße. Ein Weg links führt nach Karien, der andere nach Sardes, der Hauptstadt von Lydien. Der Weg nach Sardes führt über eine Brücke über den Mäander und an der Stadt Kallatebos vorüber. Dort wird viel süßer Pflanzensaft gewonnen. Die Händler bereiten dort aus Weizenstärke und dem Safte der Myrike oder Tamariske eine sehr feine und duftige Honigmasse. Eine Karawane von Mauleseln, mit Myrikehonig in großen Töpfen und Pfannen beladen, war auf dem Wege nach Sardes, als sie an einer ungeheuren Platane vorüberkam. Die Platane hatte bereits ihre neuen Blätter entfaltet, die golden-grünlich wie ausgeschnitten sich von dem mattblauen Frühlingshimmel abhoben, und wütenden Schrittes marschierte ein Unsterblicher, ein riesengroßer Mensch, vor der Platane auf dem Wege auf und ab. Die Unsterblichen bildeten die Kerntruppen der Leibgarde des Königs der Könige. Die Unsterblichen zählten unter Befehl des Hydarnes, Sohnes des Hydarnes, zehntausend ausgesuchte Kriegsknechte. Prachterscheinungen waren es, wunderbar ausgerüstet. Sie wurden die Unsterblichen genannt, weil sie nie mehr und nie weniger zählten als zehntausend. Wenn einer fiel oder wenn einer erkrankte, so wurde sein Platz sofort von einem neuen Anwärter eingenommen. Wütend marschierte der Unsterbliche vor der ungeheuren Platane auf und ab, als die Honigkarawane langsam über den staubigen Weg heranzog. Da war sandige, felsige Landschaft. Da waren die blauen Berge, die in der Ferne verschwammen. Da war blauer Himmel ringsumher. Da stand an der Heerstraße die ungeheure Platane, und da war der wütend auf und ab schreitende Unsterbliche. »Hei!« rief der Unsterbliche dem Anführer der Karawane zu. »Wohin?« »Nach Sardes«, sagte der Anführer. »Zum Heere, zum Hofe, zum König mit Myrikehonig. Steht hier noch immer ein Unsterblicher bei der Platane?« »Ich weiß nicht, ob hier immer ein Unsterblicher bei der Platane steht«, antwortete wütend der Krieger. »Aber ich weiß wohl, daß ich Unsterblicher hier schon Tag und Nacht und Tag stehe bei dieser Platane und daß man vergessen hat, mich abzulösen. Sind sie wahnsinnig geworden in Sardes? Vergessen sie mich völlig? Ich bin todmüde. Ich habe schon seit drei Tagen nichts gegessen. Ich verschmachte vor Durst. Heute Nacht bin ich vor Erschöpfung an dieser Platane in Schlaf gesunken. Ich pfeife darauf, bei Ahriman und allen Teufeln! Verfluchte Platane, verfluchte Platane!« Er ballte seine Faust gegen die Platane. Die Platane erhob nach wie vor allgewaltig schön und stark ihren silbernen Stamm, breitete ihre schweren Zweige aus und entfaltete ihre neuen Blätter. Als Xerxes auf dem Wege nach Sardes an dieser Platane vorübergegangen war, hatte er sie bewundert, hatte sie die Königin unter den Bäumen genannt und sie wie einen königlichen Bruder umarmt. Denn in Xerxes lebten oftmals seltsame künstlerische Regungen. Die Schönheit der Platane hatte Xerxes gerührt. Darauf hatte er befohlen, daß man der Platane Ehrenketten und Armbänder umhänge, Ehrenketten um den Stamm, Armbänder um die Zweige. Als Schildwache hatte er einen Unsterblichen bei der Platane zurückgelassen. Die Schildwache war während des ganzen Winters täglich von Sardes aus abgelöst worden. Es war noch ein langer Marsch von Sardes bis zur Platane. Dieser Unsterbliche nun schien vergessen worden zu sein. Eine Herberge war nicht in der Nähe. Da war nur der weiße, endlose, staubige Weg, die blaue Bergdünung in der Ferne, der blaue Himmel ringsumher über der felsigen Landschaft. Da war die mit Ehrenketten und Armbändern behängte Platane. Da war der rasende Unsterbliche. »Ich pfeife darauf!« wiederholte er. »Karawanenführer! Ich gehe mit Euch.« »Aber die Armbänder und die Ehrenketten?« rief der Anführer. Der Unsterbliche fluchte. »Man hat in Sardes die Platane vergessen«, rief er. »Ich hole die Ehrenketten und Armbänder von dem Baume herunter.« »Bist du toll geworden, Unsterblicher?« rief der Anführer heftig erschrocken. »Man wird dich ans Kreuz nageln.« Auch die Mauleseltreiber stießen Rufe des Entsetzens aus. Allein der Unsterbliche war wie besessen. Er zerrte die Ehrenkette von dem Stamm los und schwang sich auf einen niedrigen Zweig, um von ihm das Armband loszureißen. Der Anführer und die Mauleseltreiber sahen ihm voller Entsetzen zu. Der Unsterbliche war hoch in die Platane geklettert und entfernte die Armbänder von den Zweigen. »Packt an!« rief er und warf grob die Ehrenzeichen und den Zierrat herunter. Er kletterte hinab. Er wankte vor Ermattung. Er sammelte die goldenen Dinger. »Hier!« sagte er, während er dem Anführer ein Armband zusteckte. »Dies ist für dich, und diese beiden sind für deine Mauleseltreiber, und der Rest ist für mich. Nimm mich mit zwischen deinen Töpfen und Pfannen mit Myrikehonig!« Die Mauleseltreiber halfen dem Prachtkerl einen Karren besteigen. Der Unsterbliche rollte mit seinen Riesengliedern zwischen den großen Eimern sehr unbequem hin und her und fiel beinah in Ohnmacht. Aber bevor sich die Karawane mit viel Peitschenknallen und lauten Erklärungen der Mauleseltreiber und des Karawanenführers schlendernd und baumelnd in Bewegung setzte, ballte der Unsterbliche die Faust gegen die Platane und schrie ihr zu: »Verfluchte Platane! Verfluchte Platane!« Die Platane antwortete nicht. Sie schien dessen nicht zu achten, daß sie ihrer Ehrenabzeichen, die der König der Könige ihr geschenkt, entkleidet war, und streckte allgewaltig, schön und stark ihre breite Blätterkrone in den blauen Himmel, unerschüttert. VIII. Von Sardes aus entsandte Xerxes Herolde nach allen Gegenden Griechenlands, ausgenommen Athen und Lazedämon. Um Erde und Wasser zu verlangen – das war das Zeichen der freiwilligen Unterwerfung unter seinen Willen – , entsandte er Herolde in alle Städte, um zu befehlen, daß man Proviant verwahre und ein Mahl bereit halte, wo immer der König der Könige mit seinen Heeren erscheine. Erde und Wasser hatte man seinerzeit dem Dareios, dem unvergeßlichen Vater des Xerxes, verweigert. Inzwischen arbeiteten tausende von Bauleuten an der Schiffbrücke über den Hellespont zwischen Abydos und Sestos. Die Meerenge war dort sehr schmal, gleich einem breiten Fluß zwischen rauhen, felsigen Ufern, nicht mehr als sieben Stadien breit. Die Ägypter banden die Schiffe mit Tauen aus Byblosbast aneinander fest, aber die Phönikier, die kundigen Arbeiter, gaben Tauen aus Flachs den Vorzug. Ein heftiger Sturm, der mehrere Tage wütete, raste über Meer und Land, zerriß sowohl die Taue aus Byblosbast wie auch die Taue aus Flachs und ließ die Schiffe aneinander zerschellen. Dann legte sich der Sturm gleichsam befriedigt, und das Meer wurde so ruhig wie ein See. Der Hellespont schien zwischen den Felsen, die in Blau verschwammen unter dem Himmel, der blau leuchtete, nur noch ein unschuldiger Fluß zu sein, eine idyllische Flut unter südlichem Lenzeshimmel. Die Winde waren ebenso friedlich wie damals, als sie Hero und Leander hier an der gleichen Stelle hatten umkommen lassen, als sie Leander, der zu Heros Turm schwamm, verschlungen hatten und auch Hero, die sich von dem Turm in das Meer hinabstürzte. Sie trieben kaum merklich die leicht sich kräuselnden Wellen weiter. Trotzdem sollte der Hellespont gestraft werden. Auch die Winde hätte Xerxes gern gezüchtigt. Allein sie wehten hier und dort und ließen sich nicht leicht geißeln. Der Hellespont aber sollte gegeißelt werden. Die Henker des Xerxes inmitten der herbeiströmenden Krieger und inmitten des herbeiströmenden Volkes, das schauen wollte, geißelten den Hellespont und zählten dem Hellespont dreihundert Geißelhiebe auf. Die Brandmarker brandmarkten die Wasser mit glühenden Eisen. Als die Eisen in den sich leicht kräuselnden Wellen des Hellespont zischten und diese unter den Geißelhieben nur flüchtig aufschäumten, um dann gleichgültig weiterzumurmeln, begann das Volk zu lachen. Des Xerxes Unteroffiziere schauten sich wütend um und riefen barsch: »Pack!« Da lachte das Volk nicht mehr. Ein Herold mit wuchtig klingender Stimme las aus einer Rolle, die er entfaltete, vor: »Süße Wasser, bittere Wasser! Euer Herr straft euch, weil ihr es gewagt habt, euch ihm zu widersetzen und ihn zu beleidigen. Der König der Könige Xerxes wird euch so oder so überschreiten. Niemals wird euch jemand Opfer bringen. Denn ihr seid ein trügerischer salziger Fluß.« Der Hellespont murmelte weiter sich kräuselnd, daß er kein Fluß sei, sondern eine Meerenge, wenn auch eine sehr schmale. Doch die Henker verstanden den Hellespont nicht. Sie schlugen den Baumeistern der vernichteten Schiffbrücke die Köpfe ab, und andere Baumeister erprobten ihre Kräfte an einer anderen Schiffbrücke. Sie ließen Triremen aneinander festbinden und Fahrzeuge mit fünfzig Rudern. Da waren dreihundert an der westlichen und dreihundertvierzehn an der östlichen Seite. Die ersten Fahrzeuge wandten ihre Flanken der Propontis zu, die anderen, die dem ägäischen Meer zustrebten, fuhren mit dem Strom, so daß die Taue sich straffer spannten. Anker wurden von den Fahrzeugen ausgeworfen. Doppelte Taue verbanden diesmal an ungeheuren hölzernen Winden, die an den Ufern aufgestellt waren, die Schiffe. Die Taue aus Byblosbast waren je vier zu vieren gespannt, die aus Flachs je zwei zu zweien. Diese waren die stärksten und wogen auf jede Ellenbogenlänge ein Talent. Als die Schiffe fest aneinandergebunden dalagen, wurden breite Bretter gesägt, gehobelt und auf schweren hölzernen Stützen über die Schiffe nebeneinander gelegt, während die Taue straff angezogen, und die hölzernen Laufbretter mit Sand bedeckt wurden. Zu beiden Seiten wurden Bretterzäune errichtet, auf daß die Pferde und Lasttiere nicht scheu würden beim Anblick des nicht immer nur leicht schäumenden, sondern oft auch heftig stürmenden Hellesponts. Die Phönizier waren stolz auf ihre Taue. Denn die waren schön und unzerreißbar. Aber die Ägypter behaupteten, die ihren seien es nicht weniger. Die Brücke über den Hellespont war fertig. Auch der Berg Athos war durchbohrt. Es waren zwei grandiose Werke. Der Erfolg wurde Xerxes gemeldet. Da verließ er Sardes mit seinem Heere. Während er auf dem Wege nach Abydos war, verfinsterte sich die Sonne am klaren, wolkenlosen Himmel, und es wurde Nacht mitten am Tage. Die Perser knieten nieder auf den Feldern zur Seite der Wege, beteten und riefen Ormuzd und Mithra an. Xerxes bat die ihn begleitenden Magier um eine Deutung der Sonnenfinsternis. Sie sagten ihm, daß die Sonne, obwohl Persiens Gott – der Gott der Perser – , nicht Persiens Zukunft verheiße, sondern Griechenlands Zukunft und Griechenlands Untergang. Der Mond verheiße Persiens Zukunft. Die Sonne leuchtete auf. Das endlose Heer strömte dankbar weiter in dem noch fahlen, unbestimmten Tageslicht. IX. Bei dem ersten Haltepunkt zog Pythios, der reiche Lydier, der zu Kelainai sein gesamtes Vermögen dem König der Könige dargeboten hatte, Xerxes mit großem Gefolge und tausenderlei Zeremonien entgegen. Xerxes empfing ihn in dem von den Haushofmeistern eiligst tapezierten und möblierten Hause, in dem er die Nacht verbringen wollte, und bat Pythios, während ein liebenswürdiges Lächeln seinen blauschwarzen Bart umspielte, er möge ihm sagen, was er auf dem Herzen habe. Denn er glaubte, der Lydier wolle ihm wiederum bares Geld anbieten. Pythios nahm mit demütigen Arm- und Handbewegungen Platz auf dem Sessel gegenüber Xerxes, der, wo immer er sich aufhielt, allezeit einen Thron zu seiner Verfügung fand. Verschiedene Thronsessel begleiteten Xerxes auf seiner Reise. Ermutigt durch das liebenswürdige Lächeln sprach Pythios: »Großer Despot! Soll ich es wagen, von Euch eine Gunst zu erflehen, die Ihr leicht mir verleihen könntet, die mir eine Wohltat wäre, so sie mir verliehen würde?« »Sage deine Bitte!« antwortete Xerxes lächelnd. Er glaubte noch immer, ihm werde wiederum demütig und in blumenreicher Sprache bares Geld angeboten werden, und meinte, in blumenreicher Sprache, aber nicht demütig hinzufügen zu sollen: »Pythios! Viel habt Ihr mir geschenkt, aber ich will gerecht sein wie mein unvergeßlicher Vater Dareios. Ich will Euch gewähren, um was Ihr mich bittet.« Xerxes dachte: er wird mich fragen, ob ich sein bares Geld wiederum wünsche, ein paar Silbertalente und vier oder fünf Millionen Goldstatere. Pythios atmete auf und sprach. »Basileus! Mir stehen, in meinem Greisenalter fünf Söhne zur Seite. Die Kriegsgesetze zwingen sie alle, Euch in den Feldzug nach Griechenland zu folgen. Erbarmt Euch meiner weißen Haare! Gönnt mir meinen Ältesten! Entbindet ihn, nur ihn allein, vom Waffendienst! Das erflehe Ich von Eurer Hoheit. Gestattet, daß er bei mir bleibe, um meine Güter zu verwalten, und nehmt die vier anderen mit Euch!« Der alte Pythios faltete flehentlich die Hände, während ein Lächeln seinen grauen Bart umspielte. Er glaubte, seine Sache bereits gewonnen zu haben. Allein Xerxes fuhr auf, rasend vor Wut: »Wie? Keine silbernen Talente? Keine goldenen Statere?« rief Xerxes rasend aus. »Elender Schuft! Wie? Ich ziehe nach Griechenland mit meinen jungen Söhnen, Brüdern, Schwägern, Neffen, und du, der du mein Sklave bist, wagst es, mir von deinem Sohne zu sprechen? Du hättest mir folgen müssen mit deinem ganzen Hause, mit deinen Frauen und Kindern, mit allen deinen Sklaven, die sämtlich mir gehören! Denn was sollte wohl einem meiner Untertanen insbesondere gehören? So erfahre jetzt, daß der Geist des Menschen hier in seinem Ohre thront!« Xerxes deutete rasend auf sein Ohr. »Wenn er etwas Angenehmes erfährt,« fuhr Xerxes fort und zeigte immer noch auf sein Ohr, »freut er sich, und die Freude breitet sich durch seinen ganzen Körper aus. Erfährt er etwas Unangenehmes,« – des Xerxes Zeigefinger drohte noch immer sein Trommelfell zu durchbohren – »so wird er böse und wütend. Obwohl du dich anfangs nach meinem Wohlgefallen betragen hast, warst du doch niemals so milde, wie ich , ein König, es gewesen wäre. Ich bin überzeugt, daß du viele Silbertalente versteckt hast und wer weiß wie viele Millionen Goldstatere. Trotzdem will ich, um dir meine königliche Dankbarkeit zu beweisen, dich nicht mit Strenge behandeln. Einen Sohn erbittest du von mir von den fünfen. Ich gönne dir vier, aber den fünften, und zwar den ältesten, deinen Liebling, werde ich richten nach meinem Wohlgefallen.« Xerxes befahl, daß man des Pythios ältesten Sohn gefangennehme. Er wurde den Henkern ausgehändigt und in zwei Stücke gehauen. Zu jeder Seite des Weges nach Abydos wurde eine Hälfte niedergelegt. Xerxes zog am nächsten Morgen mit seinen Heeren weiter, und die Feldherren und die Offiziere und die Unteroffiziere und die Krieger blickten verstohlen links und rechts nach den blutigen Rumpfteilen. Stunden dauerte der Marsch des Fußvolkes, das Hufgetrappel der Reiterei. Weiße Staubwolken wirbelten empor. Nach der Mittagsstunde kam wehklagend der alte Pythios, mit ihm viele alte auserwählte und bewährte Freunde, sämtlich Millionäre gleich ihm. Da gab es ein lautes Jammern, und die alten Millionäre nahmen die beiden Rumpfteile, die zu beiden Seiten des Weges niedergelegt waren, und fügten sie zusammen auf einer Bahre, die sie mit einer safrangelben Decke bedeckten. Die reichen Greise schafften die Bahre zurück und flüsterten untereinander: »Hätte doch Pythios nur den pflichtgemäßen Kriegstribut dem Könige gezahlt und nicht all sein bares Geld!« »All sein bares Geld?« »Beinah all sein bares Geld. Hätte er nur nicht mehr gegeben, als wir gegeben haben!« »Er hätte an seinem ältesten Sohn noch lange Zeit Freude erlebt.« »So wie wir sie vielleicht noch an unseren ältesten Söhnen erleben werden, so sie mit Xerxes als Sieger zurückkehren.« Die alten Millionäre, die alle ihre Söhne hingegeben hatten, aber nicht all ihr bares Geld, schleppten die Bahre klagend in die Stadt zurück. X. Das Heer strömte von Sardes nach Abydos an den Hellespont. Erst Kamele, Dromedare, Maulesel. Sie schleppten Behälter und Kisten. Es war eine endlose Karawane. Dann folgten die Truppen aller Völker, die dem König der Könige unterworfen waren. Das war mehr als die Hälfte des Heeres. Sie folgten mit ihren Feldherren, Offizieren und Unteroffizieren in beinah ungeordneten Massen, die nur von den knallenden Peitschen zusammengehalten wurden. Dann entstand eine Leere. Es war eine lange Leere, während der sich der weiße Staub des Weges legte. Dann folgten stattlich und im Schritt Tausende von Reitern, Kerntruppen, die aus allen persischen Untertanen ausgewählt waren, folgten Tausende Waffenknechte zu Fuß, bewaffnet mit Speeren, deren Spitzen zur Erde gestreckt waren, im Paradeschritt, Kerntruppen des Fußvolks, folgten die zehn heiligen Pferde. Das waren die nisäischen Pferde. Sie kamen aus der Ebene von Nisäa in Medien. Dort lagen die prächtigen Gestüte, die hundertfünfzigtausend Pferde faßten, die edelsten und größten Rosse der Welt, weiß oder schwarz, wie Schnee oder Gagat, und wer sie über die Ebene von Nisäa traben sah, glaubte die Pferde der Götter zu sehen: Pferde der schäumenden See oder der stürmenden Wolken, Pferde mit feuerblasenden Nüstern, Pferde mit blitzenden Augen, Pferde mit gekrümmten Nacken, flatternden Mähnen, wehenden Schweifen. Wer die hundertfünfzigtausend Pferde über die Ebene von Nisäa hatte traben sehen, hatte etwas unglaublich Schönes gesehen, einen lebendigen Ozean, einen ewig beweglichen, herabgesunkenen Himmel von Wolken. Die zehn heiligen Pferde, die prächtig gezäumt und mit Federbüschen geschmückt waren, hatte man aus diesen Pferden gewählt. Sie folgten, geführt von Stallknechten vornehmer Herkunft. Dann folgte der heilige Wagen des Zeus. Der war leer, aber er wurde von zehn weißen Pferden gezogen, und hinter den Pferden ging zu Fuß der Lenker. Denn niemand durfte den Wagen besteigen. Zeus, der Zeus der Perser, der Gott der Perser, bestieg hin und wieder unsichtbar den Wagen. Xerxes folgte auf seinem Streitwagen, vor den zwei Pferde aus Nisäa gespannt waren, und sein Wagenlenker ging zu Fuß. Es war ein Bruder der Königin. Er hieß Patiramphes und war ein Sohn des Otanes. Dann folgte die Harmamaxa des Xerxes, sein überdeckter Wagen, in dem er sich ausstreckte, wenn er von dem stolzen Stehen im Streitwagen ermüdet war. Dann folgten tausend Lanzenträger. Die Spitzen ihrer Lanzen waren nach oben gerichtet. Goldene Äpfel glänzten darauf. Dann folgten tausend Reiter, Kerntruppen der Reiterei. Dann folgten die zehntausend Unsterblichen. Alle diese Reiter und dies Fußvolk glänzte von vergoldeten Helmen und von Panzern, die ihre Glieder geschmeidig umgaben, von Arm- und Beinschienen, großen Schilden, Bogen, Lanzen und Schwertern. Auf allen lag das Gold leichter oder schwerer wie ein Glanz. Tausend Unsterbliche hatten goldene Granatäpfel auf ihren Lanzen, die übrigen neuntausend silberne, und das Gold und das Silber war wie ein blendender Glanz über den behelmten Köpfen. Dieser Glanz spiegelte sich in den Augen wie in kleinen, in den Schilden wie in großen Spiegeln. Um die Nasen der Männer spielte der Widerschein von Gold und Silber und Blau. Denn die Sonne, die an schwülem, azurblauem Himmel stand, spiegelte sich in allem, in den Granatäpfeln und in den Äpfeln und in den Schilden und in den Spitzen der Lanzen. Wenn die Pferde sich wiehernd bäumten, flatterten ihre weißen oder schwarzen Mähnen wie prächtige Fahnen festlich über all dem Glanz. Dann gab es wiederum eine Leere zwei Stadien lang. Es folgte die ungeheure Heerschar stundenlang ungeordnet unter der Zucht der klatschenden Peitschen und den Flüchen der Unteroffiziere. Am Nachmittage ward die Luft schwerer und schwüler Das Heer verließ Lydien und langte in Mysien an, zog durch die Stadt Karene und vorbei an Atramyttion und Antandros, der alten pelasgischen Stadt. Links ließ es den Berg Ida liegen, und am Abend jenes Tages marschierte es durch die homerischen Gefilde. In der Ferne errieten die feiner gebildeten Feldherren Troja. Ein wilder Stolz fieberte durch des Xerxes Adern. Durch die Vorhänge seiner Harmamaxa spähte er aus, ob er nicht die berühmte Ruine gewahre. Er sah nichts anderes als verschwommene Bergabhänge unter einem schwarzen, tragischen Himmel voll jagender Wolken. Es wurde Halt gemacht. An den Abhängen des Ida sollte das Heer lagern. Denn es war vom Marsche sehr ermüdet. Ein entsetzliches Unwetter brach los in der schwarzen Nacht. Nach der Sonnenfinsternis erschien das vielen als ein sehr schlechtes Zeichen. Die Blitze töteten, von den Metallmassen angezogen und an den aufleuchtenden Lanzen herunterfahrend, in jener Nacht unzählige Pferde und Männer. Am folgenden Abend lagerte das Heer an den Ufern des Skamander. Seit Sardes hatten die Soldaten kaum getrunken. Der Fluß gab, obwohl vom Regen angeschwollen, kaum Wasser genug her für die Männer und Pferde und Lasttiere. Nachdem diese alle getrunken hatten, ließen sie nur noch Schlamm zurück, der alsbald trocknete und in dem wieder schwülen und stechenden Sonnenschein auseinanderbarst. Xerxes besuchte die Ruinen von Troja, die Burg Pergamon des Königs Priamos. Er ließ sich umherführen und rezitierte die Ilias in schlechtem Griechisch. Er war selbst sehr gerührt von seiner künstlerischen Anwandlung. Er fühlte sich beunruhigt am Vorabend seines Unternehmens hier in dieser Umgebung, wo die Trojaner vernichtet worden waren und wo ihre Stadt in Flammen aufgegangen war. Auf der Burg von Troja stand noch wie in den heroischen Zeiten ein Tempel der Pallas Athene. Dort opferte Xerxes der Göttin tausend Büffel. Das Fleisch verzehrte das Heer. Die Magier brachten Trankopfer dar zu Ehren der trojanischen Helden. In jener Nacht entstand, als wiederum ein Unwetter losbrach, im Heere ein Aufruhr. Viele Krieger flohen in panischem Schrecken. Xerxes erfuhr nichts davon. Beim Morgengrauen zog das Heer nach Abydos weiter. XI. Es war ein Tag voll strahlenden Sonnenscheins. Von einem Hügel aus, von einem hohen marmornen Thron aus, der emporragte über die vielen Sitze, die seine Feldherren eingenommen, überschaute Xerxes sein Heer und seine Flotte: Die Flotte füllte mit ihren Triremen und längeren Schiffen den Hellespont, so weit das Auge nach Osten und nach Westen reichte. Das Heer schickte sich an, über die doppelte Schiffbrücke zu ziehen, und leuchtete am Strande vor der Stadt Abydos in viereckigen und länglichen Flächen blitzenden Glanzes in den Funken, die die Sonne den Schilden und Speeren und Helmen entlockte. Von dem marmornen Throne aus war das ein Schauspiel von so gewaltigem Eindruck – das Land, über dem das Heer blühte und glühte wie in endlosen Äckern golden und silbern leuchtender Ähren, die Waffen waren, das Wasser, das golden-blau wogte und schäumte und auf dem die glänzenden Schiffe sich wiegten wie zierliche Fabeltiere mit unzähligen, wimmelnden Füßen, die von den leicht bewegten Rudern gebildet wurden – , daß des Xerxes Herz anschwoll vor Stolz und Hochmut und er vor Dankbarkeit und Glück den Himmel anrief. Doch sobald er ihn angerufen hatte, schien ein Schrecken ob seiner eigenen Größe Xerxes heftig zu umfangen, und sein Jubel endete in einem krampfhaften Schluchzen und in unstillbaren Tränen. »Was gibt es, Neffe und König?« fragte Oheim Arbabanos, der, so bejahrt er auch war, das Heer bis hierher begleitet hatte. »Ich glaubte, du habest soeben erst den Göttern entgegengejubelt vor Glück, und jetzt weinst du wie ein Kind?« Xerxes packte auf seinem Throne sitzend hinter den Rücken seiner ebenfalls sitzenden Feldherren, die Truppenschau hielten, den Oheim krampfhaft am Arm und flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn ich nachdenke über die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens, mein Oheim, könnte ich weinen wie ein Kind bei dem Gedanken, daß nach hundert Jahren kein einziger mehr bestehen wird von diesen hunderttausenden Männern, von meinem Heere und von meiner Flotte, und ein beinah schwindelerregendes Gefühl der Leere kommt über mich.« Artabanos blickte Xerxes an. Er wußte um dessen weiche Anwandlungen, um seine Schwächen. Sie waren manchmal ästhetischer und manchmal philosophischer Natur. Sie wiesen noch unzählige andere Schattierungen auf. Diesmal war die Anwandlung nicht ästhetisch, sondern sie war entstanden wegen der Platane. Sie war diesmal ganz besonders philosophisch, und Oheim Artabanos, der selber philosophisch veranlagt war, glaubte in solchem Tone antworten zu müssen, um so mehr, als er beinah ängstlich ob seines Gedankens fühlte, wie Xerxes sich an ihn drängte und seine Hand noch immer um des Oheims Arm geklammert hielt. »Wir erleben«, sprach der Oheim mit wehmütig gebrochener Stimme, »im Verlauf unseres Daseins grausigere Dinge als das Sterben. Kurz ist das Leben, und dennoch wird unter den Hunderttausenden da vor uns kein Mensch sein – und kein Mensch auf der Welt – , der nicht einmal oder mehrere Male gewünscht hätte, zu sterben. Die Menschen nehmen alle Verdrießlichkeiten, Krankheiten, Schmerzen, Enttäuschungen zu schwer, als daß ihnen nicht hin und wieder das Leben zu lang erscheinen sollte, wie kurz es auch sein möge.« »Ich habe mich auch manchmal danach gesehnt, zu sterben«, glaubte Xerxes sagen zu müssen, doch erinnerte er sich nicht mehr, wann. »Doch jetzt will ich leben. Denn das alles dort« – er wies auf die jetzt im Sonnenschein glanzvoll sich entwickelnden Truppen, auf die unübersehbare Flotte auf dem Wasser – »bildet meinen Stolz und mein Glück. Sage mir Oheim! Hast du jetzt, da der Traum dir ebenso deutlich und unwiderlegbar erschienen ist wie mir, doch nicht bei deinem ersten Zweifel beharren können? Würdest du mir auch jetzt noch von dem Kriege gegen Griechenland abraten können? Sprich ohne Umschweife! Ich bitte dich.« »König!« sprach Artabanos. »Möge der Traum dich sowohl wie mich gut beraten haben! Aber trotz alledem fürchte ich auch heute noch zwei Dinge in diesem glorreichen Augenblick.« »Welche Dinge?« fragte Xerxes, auf den diese Worte nach der philosophischen Anwandlung einen starken Eindruck machten. »Das Land.« »Das Land?« »Und das Wasser.« »Erkläre dich näher, Oheim! Das Land, das Wasser? Wirfst du meinem Heere vor, es sei nicht zahlreich genug? meiner Flotte, sie sei nicht übermächtig? Empfiehlst du mir, neue Jahrgänge aufzurufen, mehr Schiffe zu bauen?« Der blauschwarze Bart des Xerxes berührte beinah den grauschwarzen Bart des Oheims, während der König sitzend den Arm des Artabanos, der aufrecht stand, noch immer umklammert hielt. »König!« sprach Artabanos. »Wer einen gesunden Verstand hat, könnte der wünschen, daß Ihr noch mehr Jahrgänge aufrufen, noch mehr Schiffe bauen solltet? Seht doch die wimmelnden Krieger auf der Ebene und am Strande, seht die wimmelnden Schiffe auf dem Meer, das wie ein Fluß ist! König! Ich fürchte das Land und das Wasser, aber nicht weil Euer Heer zu klein, nicht weil Eure Flotte zu minderwertig sei. Sie sind beide zu groß, zu groß. Dies ist das Alleräußerste an Menschenmacht. Wo werdet Ihr Häfen finden, geräumig genug für diese Tausende von Fahrzeugen, so die peloponnesischen Stürme drohen? Wo werdet Ihr Getreide finden, um all diese Hunderttausende von Männern zu nähren? Ich fürchte das Land, ich fürchte das Wasser. König! Ihr werdet der Gnade des Himmels ausgeliefert sein, von dem die Winde wehen, der Gnade der Erde, der das Korn entsprießt. Ihr habt keine geräumigen Häfen an Thrakiens und Makedoniens Küste, und wenn gleich in allen Ländern, durch die das Heer zieht, Befehl erginge, könnte für die Hunderttausende doch nicht genug Getreide wachsen.« Xerxes antwortete nicht. Er war sehr bleich und ließ seine Augen beinahe ängstlich über seine unermeßliche Macht schweifen. »So das Getreide wächst und so die Winde günstig sind,« fuhr Artabanos fort, »wirst du, König, unersättlich werden. Du wirst weiter und weiter wollen. Ganz Europa wirst du besitzen wollen, alles, was dort in der Ferne liegt, in dem Geheimnis des unbekannten Westens. Dein Ehrgeiz wird ins Grenzenlose wachsen.« »Es ist möglich«, murmelte Xerxes vor sich hin. Dann war es, als sei seine Anwandlung und ihre Nachstimmung plötzlich geschwunden. Seine Augen, die unstet umhergeschweift waren, fühlten sich übervoll von dem Bilde einer noch nie dagewesenen Macht. Asien war sein. Europa würde sein werden. Die Erde war sein. Der Himmel würde sein werden. Sein würden die Winde sein, und sie würden seinem Zepter gehorchen. Sein würde das Getreide sein, und Ähren würde es in voller Üppigkeit ihm darbieten. Jene Griechen, das Völkchen dort drüben, würde er zertreten. Ein unermeßliches Gefühl schwoll in ihm und ließ ihn leise lächeln. Rings um den Thron, jedoch so weit davon entfernt, daß sie nichts hören konnten, stand die Wache seiner Unsterblichen regungslos wie riesengroße, goldgepanzerte Standbilder. Vor ihm reihten sich die glänzenden Rücken seiner vielen Feldherren. Von allem gab es viel, alles leuchtete, alles war ungeheuer. Etwas Gewaltiges war bereits erreicht. Es sollte noch gewaltiger werden. Dies alles und alles, was nur irgend erreichbar war, sollte es umfassen. Wiederum lächelte Xerxes leutselig und liebenswürdig, und indem er sich unüberwindlich dünkte, wiederholte er: »Es ist möglich, Oheim, daß in dem, was Ihr sprecht, Wahrscheinlichkeit ruht. Doch so ich alles überlegte, würde ich untätig bleiben. Ist es nicht besser, mutig zu der Tat zu schreiten und freiwillig die Hälfte alles Ungemaches zu erdulden, das unsere Tat mit sich bringen kann, als sich durch voreilige Befürchtungen zur Untätigkeit verdammen zu lassen? Niemals ist der Mensch sicher. Der Mutige erreicht in der Regel, was er erstrebt, während die Langsamen und Umsichtigen nur selten an ihr Lebensziel gelangen.« Xerxes Augen waren erfüllt von der Glorie seiner Herrlichkeit, seine Seele voller Stolz über das prächtige Schauspiel seiner entfaltet vor ihm liegenden Macht. Er hörte sich selber mit Wohlbehagen die schönen Sätze sprechen. Er hatte seines Oheims Arm losgelassen. Seiner selbst sicher fuhr er fort: »Wie mächtig sind wir Perser geworden! Wenn meine Vorfahren mütterlicher- und väterlicherseits so viel nachgedacht und überlegt hätten wie du, mein Oheim, würden die Perser nicht an Ruhm so groß geworden sein. In der Gefahr ist unser Reich groß geworden. In dem größten Unternehmen ruht die größte Gefahr. Wir werden keine Hungersnot leiden. Wir werden weder das Land noch das Wasser zu fürchten haben, Oheim. Ganz Europa werden wir erobern.« Artabanos begriff, daß es für ihn nichts mehr zu raten oder abzuraten gab. Trotzdem sagte er noch: »Nur noch dies, Xerxes, bevor wir Abschied nehmen und ich nach Susa zurückkehre: hüte dich vor den Ioniern!« Xerxes lachte. »Hüte dich vor den Ioniern!« wiederholte Artabanos. »Führe sie nicht gegen ihr eigenes Blut ins Feld! Um an Zahl überlegen zu sein, brauchen wir sie nicht. So sie mit uns ziehen, werden sie entweder die Verächtlichsten oder die Gerechtesten aller Völker sein. Die Verächtlichsten, wenn sie ihr Land unter unser Joch bringen, die Gerechtesten, wenn sie für ihre Freiheit kämpfen. An ihrer Verächtlichkeit liegt uns nichts. Ihre Gerechtigkeit kann uns großen Nachteil bringen.« Xerxes lachte. »Fürchte nichts, Oheim!« sprach er. »Ich bin voller Vertrauen auch zu den Ioniern. Kehre zurück nach Susa, regiere mein Reich und mein Haus! Dir verleihe ich meine Krone und mein Zepter.« Xerxes konnte solche Dinge bewunderungswürdig aussprechen. Auf den Oheim, der ein Philosoph war, machte Xerxes, wenn er so sprach, stets großen Eindruck mit seinem stolzen Lächeln, seiner königlichen Armbewegung und der Gebärde seiner anmutigen Hand. Es sei der Hochmut, der so harmonisch in ihm abwechsele mit den weicheren Stimmungen, meinte der Oheim. Die Heerschau mit der Entfaltung der Truppenverbände schien beendet zu sein. Denn die Feldherren, die vor dem Thron saßen, erhoben sich und näherten sich dem König. Auch Xerxes erhob sich und begann: »Perser! Angesichts des glänzenden Schauspiels, das sich vor unseren Augen entfaltet hat, mache ich es euch zur Pflicht, den Glanz der ewig ruhmreichen Taten meiner erhabenen Vorfahren und meines unvergeßlichen Vaters Dareios niemals verblassen zu lassen.« Xerxes hielt eine glänzende Rede, die die Feldherren hörten und die auf der Ebene, auf den Schiffen und am Strande versammelten Truppen nur erraten durften. XII. Am nächsten Tage sollte das Heer über den Hellespont ziehen. Die Feldherren warteten, bis die Sonne aufging. Auf der Schiffbrücke stiegen aus ungeheuren bronzenen Weihrauchfässern Duftwolken empor. Die Planken waren übersät mit Myrtenzweigen, Lorbeerzweige schlangen sich um die Umzäunungen und die hohen Pfähle. Als die Sonne aufging, betrat der König, umgeben von seinen Feldherren, die Schiffbrücke. Inmitten der Magier betete er die Sonne an. Aus einem goldenen Becher brachte er die vorgeschriebenen Opfer dar und rief mit hoch erhobenen Armen: »O Sonne! Wende von mir jeglichen Umstand, der es verhindern könnte, daß Europa bis zu seinen äußersten Grenzen Persien zufällt!« Die Magier wiederholten das Gebet. Dann schleuderte Xerxes mit weiter Gebärde den Becher in das Meer, darauf die goldene Schenkkanne. Dann ließ er aus seinen Händen ein Schwert mit krummer Scheide in das Wasser sinken. Man flüsterte ringsum, er wolle den Hellespont versöhnen nach der Geißelung und der Brandmarkung. Der Übergang begann. Er dauerte sieben Tage und sieben Nächte. Xerxes sah während dieser Tage, als er selbst mit den zehntausend Unsterblichen, den heiligen Pferden, dem heiligen Wagen und seiner Leibwache aus Lanzenträgern über die Brücke gezogen war, sein Heer jenseits vorüberziehen. Auf der östlichen Schiffbrücke zog Fußvolk und Reiterei von Asien nach Europa hinüber. Auf der westlichen die Lasttiere mit Behältern und Kisten, die Sklaven, die Tragstühle mit den vielen Nebenfrauen und den von Susa nachgeschickten Bettgenossinnen. Während Xerxes auf seinem Thron am Strande von Sestos die endlosen Reihen eine nach der anderen an seinem Auge vorüberziehen sah, rief ihm ein Mann aus Sestos wie wahnsinnig zu: »Zeus! Du Zeus? Warum schleppst du in der Gestalt des Xerxes, des Königs der Perser, so viele Männer mit, um Griechenland zu vernichten? Du könntest dies auch ohne sie vollbringen.« Xerxes lachte stolz. Inmitten des Heerestrosses warf eine Stute einen Hasen. Wie unverkennbar war dies Wunder! Die Magier brauchten es kaum zu deuten. Es sprach so klar wie ein Buch. Das große Unternehmen würde nur geringen Erfolg, vielleicht sogar Flucht zeitigen. Eine Mauleselin warf ein Zwitterfüllen. Schwerer war dies Wunder zu deuten, aber dennoch ... Xerxes lachte der Wunder. Seine stolze Flotte steuerte jetzt an den Buchten der Küste entlang. Sein Heer zog durch den Fluß Melas, den es ausgetrunken hatte und nun trocken zurückließ, weiter auf einem notwendigen westlichen Umwege nach Ainos und ergoß sich dann in die Ebene von Doriskos, die sich bis an das Meer hinzieht. Durch die Ebene strömt der Hebros, ein mächtiger Fluß, den das Heer nicht sofort leer trank. Westlich von ihm erhebt sich dort das Schloß und die Burg Doriskos, wo schon Dareios eine Besatzung zurückließ, als er auszog, die Skythen zu bekämpfen. Die Ebene und die Meeresfläche erschienen Xerxes geeigneter, eine zweite und übersichtlichere Heerschau über seine Truppen und seine Flotte abzuhalten, als es auf dem Strande von Abydos und auf dem lächerlich engen Hellespont möglich gewesen war. Es war, als atme er freier, als fühle er, wie sein Heer und seine Flotte freier atmeten, als habe er eine weitere Welt bereits erobert. Zwischen Thasos und Samothrake reihten sich die Schiffe, während der König der Könige seinen Heerscharen vor dem Schloß den Vorbeimarsch befahl. Sie zählten insgesamt eine Million siebenhunderttausend Mann. Eine Gruppe von zehntausend Mann hatte man unter der Zucht der Peitschenhiebe dicht versammelt, einen Kreis gezogen, eine Mauer ringsum bis zur Gürtelhöhe errichtet, dann die Truppe heraus- und eine andere, ohne sie zu zählen, hineingehen lassen. So hatte man die eine Million siebenhunderttausend Mann gezählt. Jetzt führten die Truppen den Vorbeimarsch aus. Erst die Perser. Sie trugen eine spitze Filzmütze, die sie Tiara nannten, lange buntfarbige Leibröcke mit engen, anliegenden Ärmeln, darüber eiserne Panzer, deren Platten wie Fischschuppen geschmiedet waren, und lange Beinkleider, die eng anlagen. Sie sahen hübsch und geschmeidig aus. Die Uniformen machten sie schlank und ließen kräftige Formen gut zur Geltung kommen in jugendlicher Modellierung. Ihre Schilde aus Schilf, an denen unterhalb ein Pfeilköcher befestigt war, trugen sie um die Schulter. Die bildeten zierliche längliche Scheiben. Sie hatten sehr große Bogen, ihre Pfeile aus Schilf waren sehr lang, und ein Dolch baumelte ihnen rhythmisch über den Oberschenkel. Der große Otanes, der Vater der Königin Amestris, einer der sieben Perser, die Dareios auf den Thron gebracht, obwohl schon bejahrt, führte sie an zu Pferde. Den Persern folgten die Meder. Die waren ausgerüstet wie sie. Die Perser hatten bereits unter Kyros die Tracht der besiegten Meder übernommen. Tigranes, der Achämenide, Neffe des Xerxes, führte sie an zu Pferde. Die Kissier folgten den Medern in der gleichen Uniform, aber sie trugen eine Mitra aus Metall. Anaphes, Sohn des Otanes, Bruder der Königin, Schwager des Xerxes, führte sie an zu Pferde. Die Hyrkanier folgten den Kissiern, gekleidet wie sie. Megapanos, Satrap von Babylon, führte sie an zu Pferde. Die Assyrier folgten den Hyrkaniern. Sie trugen Helme, die sehr seltsam aus bronzenen Bändern geflochten waren. Sie trugen Brustpanzer aus Leinwand, die in achtzehn Lagen übereinander geschichtet und mit Salz und Weinhefe getränkt war. Kein Pfeil durchdrang ihre Rüstung. Sie waren bewaffnet mit hölzernen Keulen, an denen schwere eiserne Keile befestigt waren, und die Chaldäer waren wie sie. Otespes, Sohn des Artachaies, führte sie an zu Pferde. Die Baktrier folgten den Assyriern. Sie trugen ganz kurze Pfeile. Die Saken, die zu den Skythen gehören, folgten den Baktriern. Sie trugen sehr breite Pfeile. Hystaspes, Sohn des Dareios und der Atossa, Bruder des Xerxes, führte ihrer beider unübersehbare Horde an zu Pferde. Die Inder folgten: Pharnazathres, des Arbates Sohn, führte sie an zu Pferde. Sie trugen Rüstungen aus gepreßter Baumwolle, Bogen aus Schilf und Pfeile aus Schilf mit eisernen Spitzen. Die Arier folgten, Sisamnes, Sohn des Hydarnes, führte sie an zu Pferde. Die Parther und Chorasmier folgten. Artabazos, des Pharnakes Sohn, führte sie an zu Pferde. Die Sogder folgten. Azanes, Sohn des Artaios, führte sie an zu Pferde. Artyphios, Sohn des Artabanos, Neffe des Xerxes, führte die Gandarier und die Daiker an. Die Kaspier folgten, bekleidet mit Ziegenfell. Breit und bronzefarben kamen sie aus dem haarigen Pelz zum Vorschein. Ariomardos, Sohn des Artyphios, führte sie an zu Pferde. Die Sarangen folgten in greller Buntheit, mit Stiefeln bis an die Knie. Das verlieh ihnen ein sehr kriegerisches Aussehen. Pherendates, des Megabazos Sohn, führte sie an zu Pferde. Die Paktyer folgten in Fellen wilder Tiere. Artayntes, des Ithamitres Sohn, führte sie an zu Pferde. Utier und Myker folgten. Arsamenes, Sohn des Dareios, Stiefbruder des Xerxes, führte sie an zu Pferde. Siromitres, des Oiobazos Sohn, führte die Parikaner an zu Pferde. Die Araber folgten in langen, geschürzten Leibröcken mit Bogen, die sich auf beiden Seiten spannen ließen. Die afrikanischen Äthiopier folgten. Wild sahen sie aus in Löwen- und Leopardenfellen mit Bogen aus Palmenholz, die vier Ellenbogenlängen maßen, und langen Pfeilen aus Schilf, an deren Spitze ein langer Smirisstein befestigt war, der auch zum Gravieren dient. Sie trugen rehbockgehörnte Wurfspieße und knorrige Keulen. Sie waren über die Hälfte des Körpers mit Kalkfarbe, über die andere Hälfte mit Zinnober bemalt. Rot, kreideweiß und mit ihren schwarzen, wolligen Krausköpfen erschienen sie erschreckend abscheulich in ihrer Tigerfellhülle. Aber sie waren unbesiegbar tapfer. Arsames, Sohn des Dareios und der Artystone, Stiefbruder des Xerxes, führte sie an zu Pferde. Die indischen Äthiopier folgten. Ihre Haare waren glatt gelegt. Sie trugen Helme aus Pferdekopffellen mit den steilen Ohren und den ganzen Mähnen. Sie trugen Schilde aus Kranichfedern. Wer führte sie an zu Pferde? Massages, des Oarizos Sohn, führte die Libyer zu Pferde an, schwarze Riesen in rauhen Häuten. Die Paphlagonier folgten. Sie trugen lederne Helme, und ihr geflochtener Haarschopf stak heraus. Sie trugen Stiefel bis zur Wade. Die Kappadokier waren wie sie gerüstet mit Bogen und Pfeilen. Dotos, Sohn des Megasidros, führte die Paphgagonier an zu Pferde. Zu Pferde führte Gobryas, Sohn des Dareios und der Artystone, die Kappadokier an. Die Phrygier folgten mit umgeknickten Mützen. Die Armenier folgten, die Kolonisten der Phrygier sind. Des Xerxes Schwiegersohn, der sehr jugendliche Feldherr Artochmes, führte sie an zu Pferde. Die Lydier folgten und die Mysier mit sehr kleinen, festen Schilden und im Feuer gehärteten Spießen. Artaphrenes, Sohn des Artaphrenes, der bei Marathon die Perser befehligt hatte, führte sie an zu Pferde. Die asiatischen Thraker folgten, jetzt Bithynier genannt. Sie trugen Fuchsfelle und über ihren Leibröcken vielfarbige, sehr weite Mäntel. Sie trugen Schuhe aus Rehbockfell. Bassakes, Sohn des Artabanos und Neffe des Xerxes, führte sie an zu Pferde. Mit bronzenen Helmen in Form von Büffelköpfen folgten die Chalyber mit Schilden aus ungegerbtem Büffelleder, zwei Lanzen und scharlachroten Binden um die Waden. Es folgten die Kabaleer, die den Beinamen Mäonen oder Lasonier trugen. Badres, Sohn des Hystanes, führte ihre unübersehbaren Horden zu Pferde an. Die Moschen folgten mit hölzernen Helmen. Ariomardos, Sohn des Dareios und der Parmys, führte sie an zu Pferde. Die Maren folgten und die Kolcher. Pharandates, des Teaspes Sohn, führte sie an zu Pferde. Die Inselbewohner der erythräischen Inseln folgten. Welche Völker folgten noch? Die Unterbefehlshaber führten zu Pferde Scharen von Zehntausenden von Männern, jeweils abgeteilt in Trupps von tausend Mann, wiederum untergeteilt in Trupps von hundert Mann. In der Sonne ein blendendes Gefunkel: Mardonios, Neffe und Schwager des Xerxes, Oberbefehlshaber sämtlicher Heere mit seinem Stabe: Tritantaichmes, Sohn des Artabanos, Neffe des Xerxes, Smerdomenes, Sohn des Otanes, Bruder der Königin, dann Masistes, Bruder des Xerxes, Sohn des Dareios und der Atossa, Gergis, Sohn des Ariazos, Megabyzos, Sohn des Zopyros, alle zu Pferde rings um Mardonios. Jetzt, nachdem die verschiedenen Völker über die Ebene von Doriskos dröhnend anmarschiert und an des Xerxes Thron vorübergeschwenkt waren, um in drei Linien Front zu machen, kommt mit blendendem Gefunkel Mardonios mit seinem Stabe und den zehntausend Unsterblichen daher, den berühmten Unbesiegbaren, den ausgewählten Riesen, den herrlichen Prachtleibern, leuchtend in goldenen Helmen und goldenen Panzern, mit goldenen Schilden auf goldgezäumten nisäischen Pferden und prahlerisch vor lauter Glanz, Hochmut und Übermut, während donnernd und polternd ein rhythmisch geordneter Jubel aus allen Truppen symmetrisch emporsteigt, je mehr sich Mardonios nähert. Er steigt ab, er schreitet zum Thron, wo Xerxes ihn umarmt und mit zierlicher Gebärde auffordert, neben ihm Platz zu nehmen, um die Reiterei weiter vorbeiziehen zu sehen. Es sind die Sagartier, die Nomaden, die gleich einem Sturm über die Ebene daherdröhnen auf kleinen, wilden, schnellen Pferdchen. Sie alle tragen Netz und Fangstrick. Sie werfen ihre Fangstricke aus und fangen ihren markierten Feind. Sie werfen schreiend das aus Lederriemen geflochtene Netz über ihn. Dann töten sie ihren Feind oder nehmen ihn halb erwürgt lebendig gefangen. Sie wirbeln wie ein Sturmwind jauchzend vorüber im Reiterreigen. Dann rast indische Reiterei heran. Die rasselt ohrenbetäubend daher mit Karren, auf denen bewaffnete Männer sitzen. Die Karren werden von gestreiften Zebras gezogen. Dann traben die Kissier und die Meder und die Baktrier und die Kaspier und die Libyer und die Parikaner daher, alle auf gepanzerten Pferden und mit ihren Streitwagen, die mit alles niedermähenden Sensen ausgerüstet sind. Dann kommen die Araber auf schnellfüßigen Kamelen. Ohne die Kamele und Karren sind es achtzigtausend Pferde. In Geschwadern jagen sie in rasend jauchzendem Reiterreigen daher, jeder Reigen der Volksart gemäß verschieden im Waffenschwenken, Mäntelschwingen und Huldigungsgeschrei, das dem Könige gilt. Auf den Kamelen kommen die Araber zuletzt, auf daß die Pferde nicht vor den Kamelen scheuen. Ein Pferd kann den Anblick eines Kamels nicht ertragen. Die beiden Söhne des Datis – der mit Artaphernes bei Marathon die persischen Truppen angeführt hatte – Harmamithres und Tithaios, führen das Schwert schwenkend die Reiterei an zu Pferde. Stundenlang hatte der Vorbeimarsch gedauert. Aber Xerxes wird nicht müde. Er wird des Schauspiels seiner Macht nie müde. Nun, da die Feldherren und die Unterfeldherren die noch niemals so ungeheuer zahlreich geschauten Heeresmassen in Schlachtordnung auf der Ebene aufgestellt haben, besteigt Xerxes seinen Streitwagen. Mardonios reitet ihm zur Seite. Rings um ihn reiten die Unsterblichen. Es ist wie eine Sonne von goldenem Glanz mit goldenen Strahlen, die sich über die Ebene bewegt. Xerxes besichtigt liebenswürdig und leutselig. Mit seinem selbstgenügsamen Lächeln um den lockigen, blauschwarzen Bart spricht er seine unzähligen Brüder, Neffen und Schwäger an und stellt laut eine Anzahl von Fragen. Zur Seite seines Streitwagens buchen Schreiber gewichtig auf langen Rollen Fragen und Antworten in Keilschrift. Die Sonne brennt an diesem ganzen Tage auf die Ebene herab auf die aufgestellten Heere, allein Xerxes, die Sonne auf Erden, wird nicht müde. Nachdem er die Besichtigung des Fußvolks und der Reiterei vollendet hat, läßt er sich an den Strand führen. Die Sonne steht sengend auf dem Meere und auf der unübersehbaren Flotte. Von diesem Strande aus ist die Flotte auf dem Meere ebenso unübersehbar, wie das Heer in der Ebene unübersehbar ist, und gerade diese zwiefältige Unübersehbarkeit stimmt Xerxes sehr zufrieden. Er besteigt sein sidonisches Prunkschiff – das ist sehr lang – und setzt sich unter einen Thronhimmel aus Goldstoff. In der sengenden Sonne, auf dem golden sich spiegelnden Wasser wirken das Fahrzeug, der König und alle, die ihn umringen, wie ein Klumpen strahlenden Goldes. Die wilden Kriegsvölker schauen das alles von der Ebene aus verdutzt an. Ihnen wird es nicht schwer, zu glauben, Xerxes sei ein Gott, mindestens ein Sohn des Ormuzd, Mithra vielleicht. Des Xerxes Fahrzeug treibt am Bug der aufgestellten Schiffe entlang. Sie liegen vier Plethren vom Strande entfernt. Ihr Bug ist in kühnem Schwunge nach oben gebogen und dem Lande zugekehrt. Die Seekrieger stehen in Waffenrüstung wie zu einer Seeschlacht bereit. Der König fährt langsam an den Vordersteven entlang. Dort liegen die Phönikier und die Syrer vor Anker mit dreihundert Triremen. Ihre Seekrieger tragen undurchdringliche leinene Brustpanzer, hart wie Leder, und sind nach Art der Griechen behelmt. Die Ägypter hegen vor Anker mit zweihundert Triremen. Behelmt sind sie mit geflochtenem Schilf, umpanzert mit eisernen Bändern. Große Schwerter, lange, breite Schilde machen sie zu sehr starken Kämpfern. Vor Anker liegen die Kyprier mit hundertfünfzig Triremen. Sie sehen sehr griechisch aus, so daß Xerxes sich leicht verwundert. Die Kilikier liegen vor Anker mit hundert Triremen. Seltsam nehmen sich ihre Schilde von ungegerbtem Büffelfell aus, an denen sich noch alle Haare befinden. Sie gleichen einer Herde Büffeln mit behelmten Männerköpfen. Vor Anker liegen die Pamphylier mit dreißig Triremen. Wie sehen sie wieder griechisch aus! Die Lykier liegen mit fünfzig Triremen vor Anker. Sie sind gepanzert, ihre Waden mit bronzenen Knemides, Beinschienen, umgeben, Ziegenfelle tragen sie über den Schultern und geflügelte Mützen auf dem Kopfe. Sie sind mit Dolchen und mit langen Sensen bewaffnet. Die asiatischen Dorier liegen vor Anker mit dreißig Schiffen. Sie sehen wiederum wie Griechen aus, und Xerxes runzelt die Brauen. Aber die Karier, die mit siebzig Schiffen vor Anker liegen, erfreuen ihn wiederum mit ihren grausamen Sensen, die ihre Waffe sind. Da liegen vor Anker die Ionier mit hundert Schiffen Sie sehen sehr griechisch aus. Sollten die Ionier ...? Da liegen vor Anker die Insulaner mit nur siebzehn Schiffen, die Äolier mit sechzig Schiffen. Perser, Meder und Saken sind auf diesen Schiffen verteilt. Die phönikischen sind die besten, insbesondere die langen sidonischen. Xerxes fährt an dem Führerschiff entlang. Die vielen Flottenbefehlshaber sind Ariabignes und Achaimenes, Söhne des Dareios, Brüder des Xerxes, Megabazos, Sohn des Megabates, Prexaspes, Sohn des Aspathines. Rings um sie stehen in Reih und Glied alle die andern ehrenvollen Unterbefehlshaber der Flotte mit den prächtig klingenden Namen, den sidonischen, tyrischen und persischen Namen, die wie Gong- und Zimbelschläge tönen. Tetramnestos, Sohn des Anysos, Syennesis, Sohn des Oromedon, Kyberniskos, Sohn des Sikas, Timonax, Sohn des Timagoras, Damasithymos, Sohn des Kandaules. An des Xerxes freudige Ohren schlagen, während er vorüberfährt und die Flottenführer, die jubeln, ermutigend und leutselig anblickt, die prächtig klingenden Namen, die ein Begleiter ihm nennt. Der Begleiter ist trefflich unterrichtet und gut bei Stimme wie ein Herold. Am Führerschiff vorüber ruft einer aus dem Gefolge des Königs mit helltönender Stimme: »Artemisia, Tochter des Lygdamis, Königinregentin von Halikarnaß!« Die Königin liegt vor Anker mit fünf prächtig ausgerüsteten Triremen, die nur vergleichbar sind mit den sidonischen Schiffen. Sie regiert für ihren jugendlichen Sohn, der noch ein Kind ist. Sie hat gleich einer mutigen Amazone zu Wasser nicht gezaudert, Xerxes in den Kampf zu folgen. Behelmt steht sie da, während ihr schwarzes Haar wie in Mähnen über ihren goldenen Harnisch herabwogt, und jubelt dem König der Könige zu mit ihren Leuten aus Halikarnaß und mit denen aus Kos und mit denen von Nisyros. Xerxes lächelt ihr sehr höflich und zierlich aufs leutseligste zu. Der König fährt an den Transportschiffen entlang, die die Pferde und Zebras und Kamele, die Streitwagen und den Proviant herüberbringen sollen. Xerxes wendet sich um. Er sieht, nicht wie der Hafen, der zu klein, sondern wie der Saum des Meeres meilenweit von seiner ungeheuren Flotte eingefaßt ist. Der Schiffe hohe Rammsporne und breite Schnäbel verschwimmen in endloser Reihe hintereinander. Die Masten verschwimmen endlos wie ein geflügelter Wald hintereinander. Die in Gala entrollten Segel, vielfarbig, nur leicht von der Brise bewegt, verschwimmen in gelben, roten, grünen, violetten, indigofarbenen, weißen Flecken hintereinander. Ganz fern auf der Ebene von Doriskos verschwimmen die fernen, unbestimmt leuchtenden Vierecke der Truppen, vom Sonnenschein versengt, hintereinander. Bis an den fernsten Horizont ist alles des Xerxes Heer und Flotte. Er lächelt und fühlt sich übermenschlich vor Hochmut ob seiner Macht. XIII. In dieser Nacht konnte Xerxes nicht schlafen. Es war die erste Nacht, in der er nicht schlafen konnte. Er verließ sein Schlafgemach im Schlosse zu Doriskos, und während seine Leibwachen ihm nachstarrten, weil er so seltsam war, und ihm, wie es ihre Pflicht war, in einer gewissen Entfernung folgten, betrat Xerxes die große Terrasse, die von ihren hohen Zinnen Ausblick gab über die Ebene und über das weite Meer. Es war eine Frühsommernacht, der Himmel übersprenkelt mit dem Diamantstaub der Milliarden Sterne. Auf der weiten nächtlichen Ebene zeichneten sich kaum noch die schimmernden, wimmelnden Linien der Zelte ab bis weit, weit hin wie eine Dünung, die sich verlor. Auf dem weiten Meere hob sich kaum sichtbar hinter den aneinander verdrängenden Umrissen der Kiele jener Tausende von Schiffen der dünne Wald der Masten, an denen jetzt die Segel gestrichen waren. Ein Lichtnebel trieb überall umher. Xerxes hielt Ausschau, ließ sich auf dem Thron nieder – auf der Terrasse stand ein Thron, denn Xerxes fand überall Throne vor – und rief dem Offizier seiner Leibwache, von dem er wußte, daß er ihm bis an die Terrassenpforte gefolgt war, zu: »Ich lasse den König Demaretos zu mir bitten.« Sein Befehl klang prächtig in der schweigenden, unermeßlichen Nacht. Mit jenem unbestimmten Bilde – das dennoch Wirklichkeit war – seines Heeres um sich her und dem seiner Flotte vor sich auf dem Meere konnte nur ein König der Könige, konnte nur Xerxes mitten in der Nacht, weil er nicht schlief, einen anderen König, den König Demaretos, zu sich entbieten lassen. Allerdings mußte Xerxes ein wenig warten. Während er wartete, schaute er auf die fallenden Sterne, die gleich Pfeilen durch den Himmel schossen. Doch nicht lange. Der König Demaretos erschien alsbald, indem er sich bemühte, nicht schläfrig zu erscheinen. Demaretos war König von Sparta gewesen, aber verschiedener Ränke wegen zu Dareios geflohen, der ihn in Ehren an seinem Hofe behalten hatte. Bei den Persern stand er in großem Ansehen und war Xerxes gefolgt, wiewohl er gegen sein eigenes Volk und die ihm blutsverwandten Griechen nicht kämpfen wollte. Xerxes sagte mit einer lässigen Handbewegung: »Setze dich, Demaretos!« Er vergaß indes, daß neben seinem Thron kein anderer Sitz sich befand, so daß Demaretos sich hilflos umblickte, um sich dann mit angelerntem Gleichmut zu des Xerxes Füßen niederzulassen. Es war ein vertraulicher Augenblick: Nacht, Nachtgewänder und darüber mehr oder weniger königliche Mäntel. »Ich wollte dich gern sprechen«, begann Xerxes. »Ich habe dich heute wegen der Heerschau beinahe nicht gesehen. Wo warst du?« »In Eurem Gefolge, König, hinter Eurem Rücken«, sagte Demaretos. »O! Das war recht«, sagte Xerxes. »Aber ich wollte dich jetzt gern sprechen. Denn ich kann nicht schlafen. Schläfst du gut?« »Es geht an, König.« »Leidest du nicht an Albdrücken? Träumst du viel? Deine Mutter träumte viel, nicht wahr? Du bist ja der Sohn eines Traumes?« »Meine Mutter, die von vielen beschuldigt ward, daß sie mit einem Mauleseltreiber schlafe,« sagte Demaretos ein wenig trocken, »gebar mich in der Tat, nachdem sie von dem Helden Astrobakos geträumt hatte. So ich nicht der Sohn von Spartas König Aristom bin – er bezweifelte es selber, weil seine Frau mich zu früh gebar – bin ich der Sohn des Schattens jenes Helden Astrobakos, von dem meine Mutter träumte.« »Das ist eine seltsame Geschichte«, sagte Xerxes, der an etwas anderes dachte und sich erregt über die Stirn strich. »Träume! Ich träume auch oftmals seltsame Dinge, und mein Oheim Artabanos ebenfalls. Ich träumte, es sei der Götter Wille, daß ich Griechenland den Krieg erklärte. Sage mir aufrichtig, Demaretos! Wie denkst du darüber? Könntest du wirklich auch nur einen Augenblick denken oder meinen, daß die Griechen und die Völker des Westens, zwischen denen so wenig Einigkeit und Zusammenhang besteht, Gelegenheit haben könnten, mich... ich meine, meinen Angriffen zu widerstehen?« »König!« sagte Demaretos. »Wünscht Ihr, daß ich hier in dieser stillen Nacht, während wir unsere Augen über Euer Heer und Eure Flotte schweifen lassen, zu Euch in süßen Schmeichelworten spreche?« »Sage mir die Wahrheit, Demaretos!« »So werde ich sprechen, König«, antwortete Demaretos. »Niemals werden die Griechen kommen, um Euch Wasser und Erde darzubieten. Niemals werden die Griechen Euren Vorschlägen ihr Ohr leihen.« »Wirklich nicht?« »Sie werden im Gegenteil Euch entgegenziehen.« »Meinst du das?« »Sie werden Euch eine Schlacht liefern.« »Alle Griechen?« »Sicherlich die Lazedämonier, mein Volk, wenn auch die anderen sich Euch unterwerfen sollten.« »Sind die Lazedämonier zahlreich?« »Fragt mich nicht nach ihrer Anzahl, König! So ihrer nur tausend sind, werden sie Euch besiegen. So ihrer nur dreihundert sind, werden sie trotzdem Euch noch angreifen und Euch daran hindern, zu siegen.« Xerxes brach in ein gereiztes Gelächter aus. »Demaretos!« rief er. »Willst du denn kämpfen gegen zehn Perser, gegen zwanzig meine ich? Denn du bist ein König, und ein spartanischer König kann es mit einer doppelten Anzahl von Männern aufnehmen, nicht wahr? Demaretos, soll ich dir etwas sagen? Wenn die Griechen und deine Lazedämonier alle so aussehen wie du, ein Seemannskindchen und Sohn eines Traumes, wenn nicht der eines Mauleseltreibers, dann fürchte ich, deine Worte sind nur Prahlerei. Ich habe schon andere Griechen gesehen und andere Lazedämonier. Sie machten auf mich niemals einen besonderen Eindruck. Dazu kommt noch, daß sie keine Heere, keinen Monarchen haben. Hast du meine Unsterblichen gesehen, deren Monarch ich bin? Hast du gesehen, was für Leiber das sind? Einer von ihnen kann drei Lazedämonier zugleich schlagen, namentlich dann, wenn sein Unteroffizier mit der Peitsche hinter ihm steht. Nein! Selbst wenn sie uns an Anzahl gleichstünden, dann ... Sieh dir mein Heer, sieh dir meine Flotte an!« Xerxes wies mit einer schwungvollen Handbewegung auf die im Sternenschein silbern leuchtenden Unübersehbarkeiten. »König!« sagte ruhig Demaretos. »Es behagt Euch nicht, die Wahrheit zu hören. Doch die Spartaner sind so, wie ich es sage. Recht muß ich ihnen widerfahren lassen, obwohl ich an meinen Landsgenossen mancherlei auszusetzen habe. Sie achteten meine Vorrechte nicht, sie verleumdeten meine Mutter, sie machten mich landflüchtig und verbannten mich. Euer Vater Dareios ...« »Ja! Mein unvergeßlicher Vater«, sagte Xerxes erregt und dachte an dessen mißglückten Feldzug gegen Hellas. »Euer unvergeßlicher Vater«, verbesserte sich Demaretos, »nahm mich mitleidig auf, gab mir ein Haus, eine persische Prinzessin zur Frau, schenkte mir die Städte Pergamon, Teuthrania und Halisarne. Sollte ich ihm und seinem Sohne nicht dankbar sein? Nein! Gegen zehn Männer kann ich nicht kämpfen. Doch so es sein müßte, würde ich gegen einen Eurer Unsterblichen kämpfen. So ist es mit allen Spartanern. Mann gegen Mann stehen sie niemand nach, vereint sind sie unbesiegbar.« Xerxes zuckte die Achseln. »Wem gehorchen sie?« fragte Xerxes. »Dem Gesetz«, antwortete Demaretos. »Dem Gesetz?« fragte Xerxes erstaunt. »Dem Gesetz,« wiederholte Demaretos, »das ihnen verbietet zu fliehen.« Xerxes brach in ein lautes, krampfhaftes Gelächter aus. Dann erhob er sich und zog Demaretos mit sich an dessen Ärmel. Zusammen gingen sie bis an das Ende der Terrasse. Xerxes hielt Ausschau weit vor sich, weit um sich. Wiederum machte er mit der Hand eine schwungvolle Bewegung. »Es ist unmöglich«, sagte er und brachte seine eigenen Ängste zum Schweigen. »Herr! Möge es werden, wie Ihr es wünschet!« sprach Demaretos. Langsam ging Xerxes zurück und hinein, ohne sich mehr nach Demaretos umzuschauen. Es war des Xerxes erste schlaflose Nacht. XIV. Es war wie ein Strom, der anschwillt und alle Wasser mit sich führt, denen er auf seinem Wege begegnet. So war des Xerxes Heer. Denn als Xerxes Doriskos verließ, befahl er allen thrakischen Völkern – sie waren ihm unterworfen, seit Mardonios sie vor Marathon Persien unterworfen hatte – , mit in den Krieg zu ziehen. Sie gehorchten. Als die Truppen zwischen den Städten Mesambria und Stryme waren, zwischen denen der Liso fließt, tranken die Krieger den Liso leer. Mardonios und Masistes führten ein Drittel der Truppen am Meere entlang. Tritantaichmes und Gergis führten ein zweites Drittel mehr durch das Binnenland. Der Rest, in dessen Mitte sich Xerxes befand, folgte. Sie ließen die Lande hinter sich öde und verwüstet, so wie sie die Flüsse trocken zurückließen. Die Seen von Ismaris und Bistonis bei Dikaia vermochten kaum ihren Durst zu löschen. Der Fluß Nestos war wie ein Trunk Wassers in ihren zum Trinken erhobenen Händen, und ein salziges Meer, das dreißig Stadien im Umkreis maß, kaum ein Trinknapf für die Maulesel des Trosses. Die Paitier, die Kikonen, die Bistonier, die Sapaier, die Dersaier, die Edonen folgten gezwungen, weil sie darin ihre letzte Errettung erblickten, dem Heere des Königs der Könige. Sie taten es vielleicht nur deshalb, weil sie ihre in wenigen Tagen von dem Heer leergegessenen Städte und abgemähten Länder verlassen wollten, nachdem die Heere auch ihre Herden mit sich geführt. Diese Völker folgten zu Lande oder zur See mit Frauen und Kindern. Sie folgten mit ihrer gesamten Habe. Nur die Satren folgten nicht. Das waren die nie bezwungenen, wilden Thraker, die von ihren Höhen, den im Winter schneebedeckten, allzeit üppig bewaldeten Bergen aus die Heere des Xerxes spöttisch belachten. Der schwellende Strom strömte stets westwärts. Als Xerxes an den Strymon gelangt war, opferten die Magier am Ufer dieses Stromes schneeweiße Pferde. Die Pferde wurden nach dem Ritus in einer Grube geschlachtet. Denn das Blut des Opfers darf das reine Wasser nicht besudeln. Die Magier legten die Opfer auf Myrten- und Lorbeerzweige und verbrannten sie, während sie mit ihren dünnen Stäben im Feuer wühlten und Milch und Öl und Honig ringsum auf die Erde gossen. Während sie opferten und ausschütteten, sangen sie ihre Theogonien, ihre heiligen Opferhymnen. Die Eingeweide der Pferde verhießen Glück. Der Strymon, ein breiter Fluß, wurde nicht ausgetrunken. Unzählige Brücken lagen darüber. Die Truppen überschritten den Strymon. Auf der anderen Seite hieß das Land das Gefilde der Neun Wege. Dort opferten wiederum die Magier, auf daß die fremden Götter dem Feldzuge des Königs der Könige wohl geneigt sein möchten. Neun Jünglinge und neun Jungfrauen, aus den Eingeborenen gewählt, wurden dort lebendig begraben zu Ehren der unterirdischen Gottheit. In Akanthos hielt Xerxes längere Rast. Ihm ward dort die Freude zuteil, zu hören, daß der Durchstich durch den Athos vollendet sei. Zugleich aber hatte er den großen Schmerz, zu vernehmen, daß Artachaies, der Achämenide, der Riese, der fünf Königsellenbogenlängen weniger vier Daumen maß und dessen Stimme zum Erschrecken war, während er mit Bubares die Oberaufsicht über das Bohr- und Spaltwerk geführt, nach einer gefährlichen Darmkrankheit gestorben sei. »Es ist ein Unheil für unser ganzes Volk«, sagte Xerxes und befahl eine besonders tiefe Trauer für das Heer und für die Flotte. Den Akanthiern befahl Xerxes, auf dem Grabe ein Denkmal aus Felsstein zu errichten und Artachaies Opfergaben darzubringen wie einem Halbgotte. Das taten sie und riefen klagend mit den Klageweibern Artachaies an: »Artachaies! Artachaies!« Während des Xerxes Aufenthalt in Akanthos verarmten alle reichen Akanthier durch die Tafel des Königs. Verzweiflungsvoll suchten sie Antipatros auf, den Sohn des Orgus, den reichsten Thraker, der zu Thasos den König bewirtet hatte. »Antipatros!« riefen die reichen, beinahe bettelarm gewordenen Akanthier auf dem Marktplatz den Großen von Thasos, der jetzt einer der Hauptleute in des Xerxes Heer war, flehentlich an. »Antipatros! Wir flehen Euch an! Sagt uns doch, wieviel das Mahl gekostet hat, das Ihr dem Xerxes in Thasos anbotet?« »Reichlich vierhundert silberne Talente«, sagte Antipatros ruhig. Es war ein Gastmahl, das ihm im Namen von Thasos auf dem Festlande angeboten wurde. »Es war wirklich wohl hinreichend«, fügte Antipatros bescheiden hinzu. Die unglücklichen, schon beinahe bettelarmen Akanthier warfen verzweiflungsvoll die Arme empor. »Vierhundert silberne Talente!« riefen sie wirr durcheinander. »Darum ist der König der Könige hier nicht zufrieden. Dennoch tun wir, was wir können. Doch jeden Tag, Antipatros, jeden Tag müssen wir die königliche Tafel versehen, vom Heer und von der Flotte nicht einmal zu sprechen.« Megakreon aus Abdera, der von dort aus dem Heere hatte folgen müssen, trat näher. Er sprach: »Ehrwürdige Akanthier! Ihr solltet lieber den Göttern danken dafür, daß der König der Könige nicht so zu Mittag speist, wie er zu Abend ißt, und daß nur einmal am Tage ihm genügt.« Die reichen Akanthier baten Antipatros und Megakreon flehentlich, mit ihnen zu kommen ein wenig fort vom Marktplatz vor die Stadt. Dort zeigten sie ihnen, was sie seit Monaten getan hatten, seit die Herolde des Xerxes gekommen waren und für ihren Herrn Wasser und Erde verlangt hatten. Ungeheure Mühlsteine mahlten dort, von Eseln und Sklaven endlos umgewälzt, das Korn. In Umzäunungen war das schönste Vieh versammelt. Da waren große Hürden voller Rinder, große Hürden voller Ziegen und Schafe. Da waren Teiche angelegt für Fische und Wassergeflügel. Zehntausende von Männern, Frauen und Kindern arbeiteten hier unter hunderten von Aufsehern. Gold- und Silberschmiede waren unaufhörlich damit beschäftigt, immer neues Geschirr anzufertigen, Zimmerleute immer neue Sessel und Ruhelager. Denn sowohl das Mobiliar wie auch das Geschirr verschwand in jeder Nacht aus dem Palast, wo Xerxes zu Abend speiste. Vor der Stadt lagerte das Heer. Das Heer sowohl wie auch die Bemannung der Flotte des Xerxes war durch die mitgezwungenen Feldheere von Thrakien zu einer Masse von fünf Millionen dreiundzwanzigtausend und, wie man sagt, zweihundertzwanzig Mann angeschwollen. Doch niemand hat je die Anzahl der Eunuchen, der Nebenfrauen, der Sklavinnen und der Kinder gezählt, die alle diese Millionen von Feldherren und Prinzen und Kriegern begleiteten. Niemand hat je, nachdem die Pferde der Reiterei gezählt waren, die Kamele, die Zebras, die Lasttiere und indischen Zughunde gezählt, die vorangeschickt wurden oder die folgten. Das alles aß und trank im Vorüberziehen. Es war daher sehr wohl zu verstehen, daß die Flüsse, nachdem das Heer hindurchgezogen war, trocken lagen und daß die reichsten Einwohner verarmt waren. Des Xerxes Heer sollte jetzt in Thessalien einfallen. Des Xerxes Flotte sollte den durchstochenen Athos durchfahren. XV. In Hellas und Lazedämon warteten die Athener und die Spartaner die drohende Gefahr ab, die aus dem Osten sich näherte. Sie begriffen, daß der kommende Kampf ein Kampf um die Kultur sein werde.   Das persische Reich war nicht alt. Die jungen, unverbrauchten Perser hatten unter Kyros das alte, ausgelebte Medien besiegt, und die Tochter des Kyros, Atossa, war die Mutter des Xerxes. Allein in drei Menschenaltern hat sich ein Volk, wenn es auch noch nicht alt und ausgelebt ist, so wie es das medische Volk nach vielen Jahrhunderten der Kultur wohl gewesen war, an Geist und Körper, an Blut und Seele verändert. Kyros, Sohn des Persers Kambyses und der medischen Prinzessin Mandane, war bereits ein halber Meder gewesen, trotzdem er väterlicherseits seine Hälfte frischen persischen Blutes geerbt hatte. Als Kyros in seinen Knabenjahren seinen Großvater Astyages, den König der Meder, den er später besiegen sollte, sah, fiel es ihm auf, daß sein Großvater sich die Augen angemalt und das Gesicht geschminkt hatte und daß er eine Perücke und ein langes, schleppendes medisches Gewand trug. Kyros fand seinen Großvater so schön, daß er, als seine Mutter Mandane ihn fragte: »Wen findest du schöner, deinen Vater Kambyses oder deinen Großvater, den König der Meder?« antwortete: »Ich finde, daß mein Vater der schönste Perser und daß mein Großvater der schönste Meder ist.« Dies fand Kyros, weil er eine medische Mutter hatte und ein halber Meder war. Als er später König war und ein unbesiegbarer Feldherr, befahl er, daß die Perser das schleppende medische Gewand als Volkstracht tragen sollten, und tadelte niemand, der sich schminkte, nicht einmal unter seinen Feldherren und Flottenführern. Allein die von Hellas und Lazedämon, die Athener und Spartaner schminkten sich niemals. Die persische Kultur war nicht alt. Sie war nur vollkommen ausgereift und bis zu ihrer höchsten Blüte erblüht. Sie war prachtvoll überall da, wo der Aufbau und die Verwaltung des Staates in Betracht kamen. So wie Kyros die königliche Post gegründet hatte mit Posthaltern und trabenden Boten und stets frischen Pferden durch das ganze persische Reich, so war alles im persischen Reiche gegründet. Der Zusammenhang hielt gleich einem goldenen Gürtel die Satrapien des Reiches zusammen. So zerfielen die Verwaltung und das Finanzwesen in Unterabteilungen. So war die Zusammensetzung von Heer und Flotte. So war es auch bestimmt, welche Stadt der persischen Königin die Schleier zu liefern hatte und welche die Taschentücher. Das alles war prächtig, unbeschreiblich prächtig in Ordnung und hatte sich die Beherrschung aller anderen, auch der westlichen Kulturen zum Ideal gemacht. Die griechische Kultur war sehr jung. Sie hatte, ohne sich dessen schon bewußt zu sein, ein ganz anderes Ideal. Das Ideal ihrer Jugend bestand nicht in der Allmacht über das Bestehende, über die materielle Welt. Ihr Ideal beruhte in der Vervollkommnung des menschlichen Geistes, der in einem vollkommen schönen menschlichen Körper wohnen sollte. In diesen vier Jahren, da Xerxes sich anschickte, mit Millionen, die Weltmacht zu erobern, und seine Hand sich gen Westen streckte, sang Pindar den Siegern in den olympischen Spielen zu Olympia seine Hymnen, und dachte und dichtete Aschylus seine göttlichen Tragödien. Von der Brücke über den Hellespont ist nichts mehr übriggeblieben, auch nichts von dem Durchstich durch den Athos. Aber Hymnus und Tragödie sind ewig, ewig nach menschlichem und irdischem Begriff. Ohne sich dessen schon vollkommen bewußt zu sein, fühlte Athen bereits das in sich erwachen, was werden sollte: das Jahrhundert des Phidias und des Perikles. Nur in Susa, der Hauptstadt Persiens, im Palast des Königs der Könige, empfanden die vielen Königinnen, Prinzessinnen und Nebenfrauen um Atossa keinen Augenblick, daß des Kyros Jahrhundert bereits verblüht war. XVI. Xerxes hatte weder nach Athen noch nach Sparta Herolde entsandt, um Wasser und Erde zu fordern. Denn die Herolde, die Dareios einst entsandt hatte, waren sowohl von den Athenern wie auch von den Lazedämoniern in die für die zum Tode Verurteilten bestimmten Gruben geworfen worden mit dem schimpflichen Bescheide, sie sollten dort Wasser und Erde für ihren König holen. Seither waren die Eingeweide der Opfer insbesondere Sparta nicht günstig gewesen, und die Lazedämonier entsandten Sperthias und Bulis, zwei ihrer Edelsten, nach Susa zu Xerxes, um den Tod der persischen Herolde zu sühnen. Xerxes aber sandte in einer wunderbar großmütigen Laune die beiden Sühneopfer unversehrt nach Sparta zurück. Er schickte nicht, wie es Dareios getan hatte, Herolde nach Athen und Sparta, und in Hellas und Lazedämon warteten die Griechen auf die drohende Gefahr, die aus dem Osten daherkam. Die Athener entsandten die Theoroi, geweihte Gesandte, nach Delphi, um das Orakel zu befragen. Aristonike, die Pythia, saß in dem Heiligtum auf dem heiligen Dreifuß. Die Dünste umwallten sie. Rings um sie her saßen die Abgesandten. Sie stammelte: »Unglückliche! Was bleibt ihr sitzen? Verlaßt eure Häuser und den Felsen der Akropolis! Fliehet bis ans Ende der Welt! Athen wird vernichtet werden.« Alle Abgesandten hatten sich erhoben. Die Pythia aber fuhr in heiligem Wahnsinn fort: »Ein Raub der Flammen wird eure Stadt werden, und der fürchterliche Ares auf einem orientalischen Streitwagen wird nicht nur eure eigenen Burgen und Türme vernichten, sondern auch die anderer Städte. Die Flamme wird die Tempel vernichten, die bereits von Schweiß triefen und vor Schrecken erzittern, und das schwarze Blut tropft bereits von den Dächern. Wehe euch, ihr Athener! Verlaßt mein Heiligtum und wappnet euch mit Mut gegen soviel Unheil!« Die Abgesandten stürzten aus dem Tempel und schauten zu dem Giebeldreieck empor, allein es tropfte kein schwarzes Blut herunter. Daher wagten sie es, am folgenden Tage zurückzukommen, doch jetzt als Bittende mit Ölzweigen in der Hand, um Apolls Orakel zu befragen. Sie knieten nieder rings um die Pythia und flehten: »Phöbus Apollo! Gib uns günstigere Antwort über unsere Vaterstadt nun, da wir demütig mit diesen Ölzweigen vor dir knien! Sonst werden wir bis zu unserem letzten Lebenstage auf den Knien bleiben.« Da erklang aus dem Qualm des Weihrauchs stammelnd die Stimme der Aristonike: »Vergeblich steht Pallas Athene bei ihrem olympischen Vater Zeus und bittet flehentlich für ihre Stadt. Nichts vermag ihn zu erweichen. Hört, ihr Athener, den letzten, unwiderruflichen Bescheid! Wenn der Feind sich alles dessen bemächtigt hat, was Kekrops Land und der heilige Kithairon umfaßt, gewährt Zeus seiner Tochter und ihrer Stadt einen Wall aus Holz. Verlaßt, Athener, eure Stadt und schützt euch mit einem Wall aus Holz!« »Einem Wall aus Holz?« Die knienden Abgesandten sannen nach. »Und du, göttliches Salamis, wirst die Söhne der Weiber umkommen lassen«, fuhr das Orakel fort. »Umkommen lassen, sage ich, entweder wenn Demeter sich zerstreut oder wenn sie sich sammelt.« Die Abgesandten kehrten nach Athen zurück. XVII. In Athen jedoch reifte der attische Genius. Wenn auch nicht der Genius der höchsten Weisheit, wenn auch nicht der Genius der höchsten Kunst, so reifte doch bereits der Genius der hellenischen Menschlichkeit. Diese Menschlichkeit sollte noch nicht der Göttlichkeit gleichkommen, so wie sie es später in Wissenschaft und Kunst tun sollte. Doch obwohl sie im Rahmen der Menschlichkeit blieb, blühte sie zum Genie empor. Sie offenbarte sich in Themistokles. Alle Eigenschaften, die gleichzeitig fein und kräftig, fröhlich und ernst, schlau und gemütvoll, staatsklug und kriegerisch gemeinsam in einer genialen Menschenseele des gesegneten Südens aufblühen konnten, waren in Themistokles, dem Redner und Krieger, aufgeblüht. Ihm würde Persien nichts gegenüberzustellen haben außer dem gewaltig wirkenden Hochmut seiner ungeheuren Größe, außer dem blinden Gehorsam – sogar dem seiner unzähligen Fürsten – , der dem gut geordneten Zwang des Oberbefehls entgegengebracht wurde. Themistokles, Sohn des Neokles, war in seinen ersten Jünglingsjahren der protzige Verschwender gewesen, der Nachtschwärmer, den sein Vater enterbt hatte. Aber an der Seite des Miltiades hatte er schon in sehr jungen Jahren bei Marathon gekämpft und dort reichlich wieder gutgemacht, was er anfangs leichtsinnig verdorben hatte. Diesen verlorenen Sohn hatte das Vaterland zurückgewonnen, und köstlich war ein derartiger Gewinn namentlich in diesen Zeiten. Vaterlandsliebe bedeutete dazumal noch mehr als Empfindsamkeit und das Gefühl der Sicherheit. Vaterlandsliebe bedeutete dazumal Tugend. In Athen schloß die Vaterlandsliebe sogar die Liebe zu Sparta aus. Allmählich hat die Vaterlandsliebe ihren Blick erweitert, und so wird sie sich weiter entwickeln, bis sie zur Weltliebe geworden ist. Damals galt dem Athener nur die eine Tugend, Athen zu lieben nicht nur mehr als Persien, sondern auch mehr als Sparta, und Athen die Hegemonie über alle griechischen Staaten und sogar über Sparta erlangen zu lassen. Themistokles, dessen Genialität aus vielen sich widersprechenden Eigenschaften bestand, nährte den Ehrgeiz zugleich mit der lächelnden Gleichgültigkeit des Lebensgenießers. Doch der Ehrgeiz blieb am stärksten. Alles, was leichtsinnig gewesen war, trat in den Hintergrund. Die Atmosphäre in diesem Lande war jung. Die Tugenden, die an sich die schlichten, einfachen Schönheiten umschlossen, blühten darin wie saftige Obstbäume in einem üppigen Garten. Das Unkraut erstickte. Das noch knospende Hellas wurde eine ganz andere Welt als das bereits in voller Blüte stehende Persien. Themistokles hatte oftmals gesagt, daß der Lorbeer des Miltiades, der bei Marathon die Perser geschlagen hatte – obwohl Xerxes dies vielleicht nicht als geschichtliche Wahrheit anerkannte – ihn am Schlafen hindern werde. Aber diese Schlaflosigkeit des Themistokles war ganz anders als die des Xerxes. Als die Theoroi nach Athen zurückkehrten, machte der Ausspruch der Pythia alsbald die Runde. Ein hölzerner Wall! Ein hölzerner Wall! Angstvolle Erregung, die zur Verzweiflung anwuchs, umfing alle. Dann sprach Themistokles vor den Athenern mit einem neuen Stimmklang, der strahlend klang in der neuen Welt, wo die Keime der neuen, noch ungeborenen Dinge in der schwülen, reifenden Luft schwebten. »Athener! Warum befragt ihr eure Weisen und Priester darüber, was der hölzerne Wall bedeute, den die heilige Pythia nannte? Meint ihr in der Tat, daß der morsche, hölzerne Zaun, der unsere Akropolis noch umgibt, uns schützen könne vor der ungeheuren Gefahr aus dem Osten und vor dem persischen Ozean, der unsere Lande zu überströmen droht? Wozu diese entsetzliche Angst, die zur Verzweiflung anwächst? Hat die Pythia uns Unheil verkündet oder dem Feinde? Hätte sie von dem göttlichen Salamis gesprochen, wenn die Söhne, die fallen werden, aus unserer Mitte wären? Hätte sie da nicht viel eher Salamis unselig genannt? Nein, ihr Athener! Mit dem hölzernen Wall ist der Wall unserer Schiffe gemeint.« Der neue Klang rauschte kraftvoll über die angstvolle Warnung der Propheten hin: daß es besser sei, Attika zu verlassen und anderswohin – doch wohin? – zu fliehen. Der neue Klang war nicht nur kriegerisch, ernst-gemütvoll, fröhlich und kräftig wie von einem jungen Gotte, sondern er war auch staatsmännisch fein und klug. Es klang nicht nur begeistert, es war auch sachlich einleuchtend. Aus dem Staatsschatze war bereits das Silber und das Gold, aus den Bergwerken von Laurion die Schätze – die gleichmäßig hätten verteilt werden sollen unter alle erwachsenen Bürger, jeder Athener würde dann zehn Drachmen empfangen haben – auf des Themistokles Rat für eine Flotte gegen die Aigineten verbraucht worden. Die Schiffe, die gebaut, aber noch nicht ihrer Bestimmung gemäß gebracht waren, lagen unberührt im Hafen. »Ist unsere Flotte nicht bereits fertig?« Der neue Klang tönte wie die Stimme eines Hahnes im goldenen Morgen. Die junge Seemacht war geschaffen. XVIII. Während der König der Könige mit seinem stets mehr anwachsenden Heere durch Thessalien zog, fuhr die ungeheure persische Flotte an der Küste von Magnesia entlang und warf Anker zwischen der Stadt Kasthanaia und dem Vorgebirge Sepias. Da waren keine Häfen, da war kein einziger Hafen. Die vorderste Reihe der Schiffe säumte mit ihren Schnäbeln den Strand. Die übrigen warfen Anker hinter den ersten. In acht Reihen lagen die Hunderte von Schiffen hintereinander verankert. Bereits vor der letzten Reihe fielen die Anker so tief, daß die Besatzungen ängstlich wurden. Die Nacht war dunkel und drohend. Eine kalte Brise wehte. Es war, als bedrohe Boreas, der eine athenische Jungfrau Oreithyia, Tochter des Enechtheus, geehelicht hatte, die persische Flotte mit seinen Nordstürmen. Hatte nicht ein Orakel verheißen, daß Athen auf die Hilfe seines Eidams rechnen dürfe? War nicht Boreas, der Nordwind, Athens Eidam? Athens Eidam blies in jener Nacht um die persischen Kiele, daß sie wankten, wankten auf den Wellen und gegeneinander tanzten. Das Ägäische Meer lag weit und schwarz unter einem schwarzen Nachthimmel und rollte seine hohen Wellen heran. Gegen Morgen erhob sich plötzlich ein starker Sturm. Das sei der Hellespontias, riefen die Bewohner der Küsten, die kamen, um den Seeleuten, die sich an ihren sich verwirrenden Tauen zu schaffen machten, Vorrat zu bringen. Es ward plötzlich ein rasender Sturm. Trotz des Morgengrauens blieb es Nacht, und der Orkan rollte die Wogen höher und höher und warf und schmetterte die Triremen gegeneinander. Die Besatzungen der ersten Schiffsreihe zogen diese an Land und lagen nun dort gleichsam gestrandet, aber geborgen vor der größten Gefahr. Doch die Schiffe, die Boreas auf offenem Meere umtobte, riß er von ihren Ankern los und schleuderte sie gegeneinander. Wütend zertrümmerte er sie oder blies sie mit himmelhohem Wellenschlag gegen die Felsen und Riffe des Pelion, der dort unmittelbar an der Küste wie eine lange, steile Schicksalsmauer seinen titanischen Schutz erhob. Bis nach Kasthanaia, bis nach Meliboia wurden die verzweifelten Schiffe verschlagen und zerschellten. Drei Tage und Nächte dauerte die Katastrophe. Mehr als vierhundert Schiffe spülten am vierten Tage, da das sommerliche Meer wieder in Bläue lachte, ihre Wracks an, die Fetzen ihrer Segel und die Leichen ihrer Bemannung. Am Vorgebirge Sepias bewohnte ein Magnesier, Ameinokles, Sohn des Kretines, eine ausgedehnte Besitzung, die sich vom Gebirge bis an den felsigen Strand erstreckte. Während er den Tod seiner Söhne, die in dem Sturm umgekommen waren, mit all den Seinen laut beweinte, spülten die ruhigeren Wellen ihm spöttisch einen goldenen Becher nach dem anderen zu, rollten die silbernen Schalen, die noch nicht gesunken waren, ihm zu Füßen. An einem einzigen Tage entrissen die Götter ihm seine Nachkommenschaft und machten ihn gleichzeitig reich mit persischen Schätzen. Er wußte nicht, ob er weinen oder lachen solle. Dann opferten die Magier den Winden, der Thetis und den Nereiden. Doch es war bereits ruhig geworden ohne diese Opfer. Indes sind die nutzlosesten Dinge, die die Menschen glauben tun zu müssen, insbesondere zur Versöhnung der Götter, von der allergrößten Schönheit, der Schönheit der Gebärde und des Gedankens. Xerxes hörte nicht sogleich von der Katastrophe. Er war mit seinen Heeren durch Thessalien bis an den malischen Meerbusen gezogen. Seine Heere zählten jetzt annähernd sechs Millionen Mann. Das Land war überall leer gegessen, die Flüsse waren ausgetrunken. Es schien, als sei Xerxes in diesen Tagen gewachsen. Seine Gestalt war größer und erschien königlicher denn je. In seinem umherschweifenden Blick lag indes eine seltsame Unruhe, und seit der Heerschau von Doriskos schlief er schlecht. Am Ufer des malischen Meerbusens ist jeden Tag mehr als einmal Ebbe und Flut, und Xerxes starrte auf die Flut und auf die Ebbe, wenn die eine sich seinen Füßen näherte, wenn die andere sich zurückzog über den feuchten, gerillten Sand. Er dachte nach und träumte, wenn er eben eingeschlafen war, von der Ebbe und von der Flut. Jetzt war er um den malischen Meerbusen herum in die Ebene von Trachis gelangt. Die Gegend hier fesselte ihn, weil sie übervoll war von Erinnerungen an Herakles, den Sohn des Zeus und den großen Helden von Hellas. Dort hinter der Stadt Trachis, dem alten Herakleia, reckte sich der Öta, auf dessen Gipfel Herakles auf dem Scheiterhaufen seine Seele den Göttern ausgehaucht hatte. Es sei hier sehr fesselnd, meinte Xerxes, während er sich umschaute. Zwischen den beiden Flüssen Melas und Asopos über die weite Ebene in Sehweite vom Meere breitete sich die Zeltwelt seiner Heere aus. Mit seinen Feldherren beratschlagte Xerxes, wie er weiter nach Hellas hineinziehen solle. Denn die Berge, zu denen er aufblickte, erschienen ihm wie eine unübersteigbare Mauer. Da wurde Ephialtes, der Verräter, vor ihn geführt. XIX. Inzwischen bewachten die verbündeten Hellenen die Thermopylen. Sie zählten kaum fünftausend Mann. Es war ein enger Durchgang, der einzige Weg, auf dem man nach Hellas eindringen konnte. Kaum vermochte bei Anthela ein einziger breiter, mit Büffeln bespannter Wagen durch den Bergspalt zu fahren. Kaum konnte bei Alpenos derselbe Wagen mit dem Gespann Ausgang finden. Die Felswände erheben sich steil an der einen Seite, an der anderen schimmert und glänzt das Meer in tiefen Lagunen über den Abgründen der unter der Meeresoberfläche liegenden Schluchten. Die Steineichen ragen mit ihren schwarzen Stämmen und mit ihren bizarren Zweigen knorrig hervor zwischen den Felsen, und das Meer scheint blauer noch zwischen dem grünlich-schwarzen Laubwerk der alten Bäume. Blauer noch sind die Chytroi, die Frauenbäder, die warmen Tümpel, die so blau sind, wie Wasser sonst niemals ist. Dort erhebt sich ein Altar, der dem Helden dieses Ortes, Herakles, geweiht ist. Alte, schwere Tore aus Holz und Bronze schließen den Durchgang ab. Eine hohe Mauer erhebt sich dort, wo die Felsen zusammenschrumpfen. Ein Schauder ob dieser alten, mythischen Zeiten webt hier meistens seine stille Einsamkeit. Die Bäder werden nicht mehr benutzt, die Pforten sind verfallen. Dennoch wird der Altar stets bedient. Hin und wieder schwebt dort ein Adler mit breitem Fluge über die gleichsam verzauberte Landschaft, gefolgt von einem zweiten Adler. Durch die harmonische Farbe des blauen Meeres und der Tümpel, der grauen Schluchten und Felsen, des beinahe schwarzen Laubwerkes der Steineichen, und durch den Gegensatz, in dem dies alles zueinander steht, ist dieser Fleck von einer heiligen Schönheit. Überall, wo die Götter, aber auch wo die Halbgötter den Fuß hingesetzt, ließen sie Schönheit zurück. Nicht nur des Herakles tragische Trauer ist hier erklungen, sondern auch sein baßtiefes und doch zugleich helles Lachen. Das erklang bei dem Felsen Melampygos, wo er den beiden Söhnen der Theia, der Nereïde, die jeden Vorübergehenden verspotteten, die Füße zusammenband und sie dann über seine Schultern unter seine Löwenhaut schwang. Ihre Mutter hatte sie oft schon ermahnt, die Vorübergehenden nicht zu verspotten, aus Furcht, sie könnten dem Buhmann mit dem dunkel behaarten Hinteren verfallen. Plötzlich lachten die beiden Schelme laut auf, und Herakles fragte sie, warum sie, obwohl gefesselt und mit dem Kopf nach unten über seine Schultern hängend, so laut lachten. Sie sagten es ihm und verrieten, daß auch die Prophezeiung ihrer Mutter sich erfüllt habe. Denn Herakles war sehr behaart. Darauf lachte der Held noch lauter als die Schelme und ließ sie laufen. Wenn der Wind den Felsen umwehte, schien es, als wecke er noch jenes Echo des einstigen uralten Humors. Doch weiter hinauf wurde die Landschaft ernster, die Felsen heiliger, das Meer göttlicher, gleich als sei dieser Platz zur Größe vorausbestimmt, als werde er deshalb von wenigen tausend Hellenen bewacht, die sich um Leonidas geschart hatten. XX. Leonidas! An ihn hat die Geschichte ihre Ironie nicht vergeuden können. Er ist stets von der Ironie verschont geblieben und war in der größten Schönheit der jungen, schlichten Welt des aufblühenden Hellas der Held, das Vorbild eines Helden, der Heros, Halbgott beinah unter den Menschen. Die Geschichte verklärte sich um Leonidas fast zum Mythos. Leonidas! Er war in Wirklichkeit nicht anders, als die Geschichte ihn uns überliefert hat. Er war jung, edel und blond und war König von Sparta. Er stammte von Herakles ab und von dessen Sohn Hyllos. In seiner blonden Athletenschönheit glich dieser König, der ein Held und ein Heros war, dem Herakles, als er jung war, mehr noch dessen Sohne Hyllos. Vor allem aber glich Leonidas den blonden Heroen aller Mythen, dem Meleagros, dem Jäger des kalydonischen Ebers, dem Bellerophontes, dem Bezwinger des Pegasus, dem Perseus, der der Medusa das Schlangenhaupt abschlug, dem Theseus, der den Minotauros tötete, dem Jason, der das goldene Vlies gewann. Er stammte nur von Herakles ab, aber an Schönheit kam der blonde König von Sparta allen größten Heroen des Mythos gleich. Zwischen ihm und ihnen gibt es keinen Unterschied. Der Mythos in ihm ist Geschichte geblieben, und die Geschichte ist in ihm zum Mythos geworden. Was göttlich war in schlichter Menschlichkeit, das wandelte sich in Leonidas von geträumter Gedanklichkeit zur Wirklichkeit, und was menschlich war in allerhöchster Göttlichkeit, ist in Leonidas zu einem greifbaren historischen Ideal emporgewachsen mit der Schönheit einer antiken Statue. Kein Dichter hat sich jemals einen schöneren Helden vorstellen können als Leonidas, den König von Sparta. Er blieb in der ihm gegenüber ironielosen Geschichte das Vorbild aller Helden. In der Morgenglorie seines Ruhmes strahlte er wie ein Bildnis aus Marmor. Über Xerxes lächelte die Geschichte, über Xerxes buchte die Geschichte ihre ironievollen Annalen. Über Leonidas lächelte die Geschichte niemals, über Leonidas erhob sie stolz ihr mütterliches Antlitz, das Antlitz mit den Zügen einer nie weich zu stimmenden Gottheit, stolz und dankbar, und aus ihren Götteraugen flossen zwei lange, perlengleiche Tränen. Leonidas! Wer von uns hätte ihn nicht in Schönheit geschaut in den jungen Knabenjahren, als zum ersten Male sein melodischer Name in unsere Ohren klang, als zum ersten Male sein Ehrenbildnis aus Marmor verherrlicht vor uns aufstieg? Er war die Glorie unserer Jünglingsjahre. Zu ihm stieg unsere jugendliche Schülerbewunderung auf wie zu keinem anderen. Vielleicht deshalb, weil er so götterschön war, so fabelblond, so athletisch schön und zugleich so sonnenblond, so leuchtend wie ein Sonnengott zwischen den dunklen, drohenden, schwarze Schatten werfenden Felswänden der Thermopylen, und weil er in diesen nämlichen Schatten verschwand, wie ein Sonnengott stets in Nacht verschwindet, nachdem er seine heroische Aufgabe vollbracht. Leonidas, er, der blonde König von Sparta aus den bereits greifbar geschichtlichen Zeiten, ist in meiner Liebe zur Antike eins geworden mit den homerischen Helden aus den halb mythischen, halb geschichtlichen Zeiten des alten Ilion. Leonidas! Ich habe ihn geliebt mehr als Achilles, den ich doch auch liebte, aber nicht weniger als Hektor, den ich mehr liebte. Leonidas! Ich liebe ihn noch immer, und jetzt, da ich über ihn schreibe an Hand der oft ironischen Annalen der Geschichte, werde ich niemals über ihn lächeln wie über Xerxes, werde ich seinen Namen nur mit Bewunderung und Liebe aussprechen und einen letzten Lorbeerzweig ihm entgegenstrecken. Leonidas ... XXI. An jenem Morgen schickte Xerxes einen Reiter die hohen Felsen hinan, auf daß er die geheimnisvollen Pforten der Warmen Bäder auskundschafte. Der Reiter, der links und rechts auf der Hut war vor möglicherweise drohender Gefahr in dieser Wirrnis, die er zwischen Steineichen und Gestrüpp von seinem Pferde erklimmen ließ, stieg langsam an den Steinmassen empor. Die Perser sind prächtige Reiter. Dieser Unsterbliche war ein prächtiger Reiter, und sein Pferd wußte, wohin es die Hufe zu setzen hatte. Xerxes starrte von unten hinauf, von seinem Throne aus, der ihm überallhin nachgetragen wurde, empor zu dem Kundschafter. Der hob sich wie ein leuchtendes Reiterstandbild aus Gold und Bronze klar vom schwülen, blauen Himmel ab. Endlich sah Xerxes, wie der Reiter behutsam am Bergkamm entlang ritt selbst auf die Gefahr hin, abzustürzen. Der Reiter dort oben, der sich leuchtend von dem blauen Himmel abhob – vielleicht wohl gar im Bereich eines lazedämonischen Pfeiles – spähte abwärts. Er wunderte sich sehr. Er hätte nicht geglaubt, daß er dies sehen werde. Der sieben Meilen lange Durchgang war leer. Nur drüben, wo zwischen den Felsen der breiteste Raum war, wimmelten ein paar weiße Zeltspitzen kaum weiter und höher als die anderen um ein einziges Zelt. Etwa tausend Zeltspitzen sah man um die Spitze eines höheren Zeltes. Vor diesem Zelte saß ein Mann auf einem Felsblock in der Haltung des Achilles, als er vor seinem Zelte saß. Das eine Bein hatte er über das andere gelegt, das Kinn auf die Handfläche gestützt. Nachdenklich, mit gesenktem Kopfe saß er da. Der behelmte Kopf war blond. Das dichtgelockte Haar fiel sonnenblond um den breiten, bloßen Nacken, der aus den hellschimmernden Halsringen des Panzers zum Vorschein kam. Edel-athletisch zeichneten sich die heroischen Muskeln jugendlich-königlicher Männlichkeit an den halbnackten Armen und Beinen ab. Das sei Leonidas, meinte der persische Reiter, Leonidas, König von Sparta, Nachkomme von Hellas' größtem Heroen Herakles, Leonidas, um den man bereits im persischen Heere wußte. Der Reiter spähte in größter Verwunderung herab auf Leonidas. Der König von Sparta saß nicht auf einem Thron wie der König der Könige. Er saß auf einem Felsblock. Um ihn war keine Leibwache von Unsterblichen und kein Stab von Feldherren, Schwägern, Brüdern, Neffen. Sehr schlicht saß dort der König von Sparta und dachte nach. Er hatte das Kinn in die Hand gestützt, das eine Knie kraftvoll und gelassen über das andere gelegt. So hatte der persische Reiter niemals einen König sich vorstellen können, nicht einmal einen König von Sparta. Doch als der Perser seinen Blick noch weiter schweifen ließ, wunderte er sich noch mehr. Dort unten in jener Spalte waren nicht mehr als ungefähr viertausend Mann. Sie verloren sich in der langen Kluft und schienen frohen Mutes zu sein. Da waren solche, die sich im Speerwerfen übten. Andere warfen den Diskus, wieder andere liefen um die Wette. Das frohe Lachen eines Siegers im athletischen Spiel ertönte laut wie das eines Knaben. Aber am meisten wunderte es den Perser, daß die meisten jener Männer dort unten ihre Haare, die bis an den Hals sich lockten, glätteten, gleich als schmückten sie sich zu einem Fest. Er wußte nicht, daß die Lazedämonier ihre Haare stets vor dem Kampfe glätteten. Er wußte nicht, daß bereits Lykurgos gesagt hatte, langes Haar mache die männliche Schönheit noch schöner, doch abstoßender die, welche häßlich seien. Der persische Reiter war sehr verwundert. Da blickte Leonidas zufällig auf und gewahrte den Perser, den glänzenden Reiter hoch oben auf dem gezackten Bergkamm, vielleicht sogar im Bereiche eines Pfeilschusses. Einen Augenblick lang starrte Leonidas scharf nach dem Perser, der, trotzdem er sehr mutig war, doch erschrak, allein er hielt sein Pferd im Zaum. Dann senkte Leonidas wiederum gleichgültig den Blick, und zu Boden starrend blieb er in der Haltung des Achilles nachdenklich vor seinem Zelte sitzen, ließ das Knie über das andere geschlagen und stützte das Kinn weiter in die Hand. Auch die anderen hatten den Perser gesehen. Hier und dort blickten sie flüchtig auf, wiesen mit dem Finger, lachten und fuhren fort, um die Wette zu laufen oder mit Speer oder Diskus zu werfen oder glätteten sich sehr ernst die Haare. Der persische Reiter schaute sehr verwundert drein. Mit Ausnahme dieser Handvoll Sonderlinge war in den Thermopylen, die beinahe siebenundzwanzig Stadien maßen, kein Heer zu sehen. XXII. Als der persische Kundschafter zurückgekehrt war in das Lager, wo Xerxes ihn erwartete, und vor dem König der Könige und seinen Feldherren über seinen Erkundungsritt Bericht erstattet hatte, machte ein unbändiges Gelächter die Runde. Xerxes zweifelte daran, ob der Kundschafter von so hoher Höhe herab wohl richtig gesehen habe. Ob er Leonidas wohl erkannt habe? Ob er die Geschichte mit den Haaren nicht einfach erfinde, weil er vielleicht gar nichts gesehen habe? Als Xerxes sich von dem königlichen Lachen ein wenig ausgeruht hatte, ließ er Demaretos, den Sohn des Ariston, den er bereits auf der Terrasse der Burg von Doriskos zu Rate gezogen, zu sich entbieten. Demaretos kam eilig, und Xerxes sprach, während er mit einer schwungvollen Handbewegung den fürstlichen Verbannten zum Sitzen aufforderte. Diesmal konnte er nicht einmal zu des Xerxes Füßen sich niederlassen, weil Xerxes auf einem kleinen, mit schmaler Stufe versehenen Feldthron saß. »Demaretos! Warum sind die Lacedämonier in den Thermopylen so seltsam, vorausgesetzt, daß das, was dieser Kundschafter berichtet hat, wahr ist?« »König!« sagte Demaretos. »Ich sprach Euch bereits von diesem Volk, als Ihr zum Kampfe auszogt. Als ich Euch mitteilte, was ich fürchtete, lachtet Ihr ob meiner Furcht. Wie schwer es mir auch werden möge, die Wahrheit in Gegenwart Eurer Allmacht zu offenbaren, ich werde es trotzdem tun. Hört mich an! Ich bitte Euch. Diese Männer, diese wenigen Männer, diese wenigen tausend Männer, die den umgeben, der an meiner Statt König von Sparta ist, werden Euch den Durchgang durch den engen Felspaß streitig machen. Denn stets glätten sich die Lazedämonier die langen Haare und kämmen sie, wenn Todesgefahr ihnen droht. Überwältigt diese Männer, König, und die Spartaner, die in ihrer Stadt geblieben sind, und kein Volk der Welt wird sich je wieder gegen Euch erheben! Denn die Spartaner, gegen die Ihr auszieht, sind die tapfersten aller Griechen. Ihr Königreich ist der blühendste Staat von Hellas, ihre Stadt die schönste aller hellenischen Städte.« Xerxes hörte nicht, welche Wehmut aus der Begeisterung des Verbannten sprach, der vor ihm stand. Unentwegt fuhr er fort: »Wie sollten wohl ein paar tausend Männer meine Heere bekämpfen?« Er lachte laut auf. Um ihn herum lachten ebenso laut seine Brüder, Schwäger und Neffen. Demaretos sprach nur: »Herr! Nennet mich einen Betrüger, so nicht das geschieht, was ich voraussage!« Demaretos zog sich zurück. Vier Tage blieben die Perser untätig in den Bergen. Xerxes erwartete, daß die wenigen, sich die Haare glättenden Männer, die um ihren närrischen König und Feldherrn geschart waren, der vor seinem Zelt träumend auf einem Felsblock saß, die Flucht ergreifen würden. Er werde sie ruhig fliehen lassen, dachte er großmütig und bewunderte sich selber, weil er diese armen Narren so gutmütig belächelte. Am fünften Tage aber ward er ärgerlich, weil sie blieben und ihn mit ihrer Unverschämtheit herausforderten. Er erteilte einer Abteilung von Medern und Kissiern den Befehl, sie gefangen zu nehmen und ihm vorzuführen. Er wartete den ganzen Tag auf sie ungeduldig. Frische Truppen zogen aus, um zu sehen, was die ersten täten. Als die Meder und die Kissier zurückkehrten, kehrten sie ohne Gefangene zurück, und ihre Hauptleute meldeten von großen Verlusten, die sie erlitten hatten. »Wie ist das möglich?« rief Xerxes rasend aus. Ein Hauptmann nach dem anderen gab ihm die gleiche Antwort: »Wir haben, Herr, viele Männer, aber nicht viel Krieger.« Der Kampf gegen die dichte Schar der Verteidiger an der engen Pforte wie vor einer Festung hatte den ganzen Tag gewährt. An den Ufern des Meeres häuften sich die Leichen der Perser. Man zählte zwanzigtausend. Am folgenden Tage wollte Xerxes der Sache für immer ein Ende bereiten und befahl Hydames und den Unsterblichen, die kleine Truppe gefangenzunehmen und sie vor seinen Thron, seinen Feldthron, zu führen. Hydames zog in goldenem Panzer strahlend zu Pferde zwischen seinen in goldenen Panzern strahlenden Prachtkriegern, den Unsterblichen, gegen die Thermopylen nach Anthela. Es tat nichts zur Sache, daß sie zehntausend zählten. Im übrigen gingen sie nicht alle zehntausend. Es gingen vielleicht sechstausend oder fünftausend oder dreitausend. Aber wie viele da gingen, tat nichts zur Sache. Die Stelle zwischen den Felsen war so eng, daß nur ein Mann gegen einen Mann kämpfen konnte. Dazu kam noch, daß die Speere der Unsterblichen zu kurz waren, und die Prachtkrieger schienen nicht kämpfen zu können, wenigstens nicht gegen die Lazedämonier. Mancher Unsterbliche biß ins Gras und lag dann da prächtig goldgeschuppt mit seiner durchschnittenen Kehle, aus der das Blut floß, ein Hindernis für den, der hinter ihm kam. Dann schienen die Lazedämonier zu fliehen Schulter an Schulter durch die enge Pforte. Die Unsterblichen verfolgten sie brüllend mit siegertrunkenen Baßstimmen. Allein die Lazedämonier wandten sich plötzlich um, und ihrer fünf, mehr nicht, fielen mit Speer und Schwert die brüllenden Unsterblichen an. Sie schlachteten sie im Angesicht der lebendigen Mauer der Hunderte, die hinter ihnen herkamen und die glaubten, daß die Vordersten bereits Boden gewannen. Dann flohen die Lazedämonier scheinbar von neuem und wiederholten regelmäßig und fast mechanisch ihre grausame Taktik. Es war unglaublich, wieviel Unsterbliche fielen. Zwischen den engen Felsen konnte man über ihre Leichen nicht mehr hinwegschreiten. Hydarnes befahl rasend, daß man Halt mache und die Gefallenen hinwegtrage nach rückwärts. Xerxes, dem man seinen Feldthron auf einen vorspringenden Fels gestellt hatte, sah sich von dort aus den Kampf an. Auch er war rasend. Dreimal erhob er sich zornig. Das war ein Beweis dafür, daß das Schauspiel Eindruck auf ihn machte. In der Regel blieb er angesichts des Kampfes würdevoll sitzen. Allein dies war zu toll. Dreimal erhob er sich. Gegen Abend zogen sich die Perser zurück. Am Meere entlang ward ein endloser Zug sichtbar von Unsterblichen, die auf Bahren aus Zweigen weggetragen wurden. Die Lazedämonier führten die, welche in ihren Reihen gefallen waren, durch die Pforten. Es waren ihrer so wenig, daß die Perser es nicht glauben wollten, als die Griechen mit ihren Toten sehr schnell fertig geworden waren. Da erschien vor Xerxes der verhängnisvoll unvermeidliche Verräter, Ephialtes. XXIII. In der Nacht führte Ephialtes die Perser über einen geheimen Weg vom Asopos her über die Berge. Ohne den Verräter hätten die Perser niemals diesen Weg gefunden. Zu der Stunde, da die Fackeln entzündet wurden, folgte Hydarnes mit den Unsterblichen dem Ephialtes. Am raschelnden Gestrüpp entlang, unter den blätterdichten Steineichen, in der schwülen, bösen Dunkelheit schlichen sie dahin über die stets höher ansteigenden Hügel. Sie marschierten die ganze Nacht schweigend und voller Mißtrauen gegen den Verräter, der sich vielleicht in scheinbarem Verrat für sein Vaterland opfern wollte. Als sie oben auf dem Berge waren, brach im Osten der Morgen an und schimmerte zwischen den Stämmen. Die tausend schwerbewaffneten Hopliten aus Phokis, die den geheimen Weg bewachten, hörten überrascht und verwundert, wie die Schritte der sich nähernden Perser durch die bereits zahllos abgefallenen Blätter raschelten. Überraschung auf beiden Seiten. Eine Wolke persischer Pfeile verjagte die Phoker auf die höheren Gipfel. Die bereiteten sich zum Sterben vor. Denn der Unsterblichen waren mehrere Tausende. Doch diese stiegen von dem Berge wieder herunter und beachteten die, welche höher hinauf geflohen waren, nicht mehr. Da begriffen die Phoker. XXIV. In jener nämlichen Nacht offenbarte der Wahrsager Megisties, nachdem er die Eingeweide der Opfer befragt hatte, den verwunderten Griechen zum ersten Male, sie würden, so sie blieben, in den Thermopylen von den Persern umzingelt werden und zugrunde gehen. Es wurde Rat gehalten rings um Leonidas, und Leonidas sagte den Entmutigten, den Unwilligen, den Andersdenkenden, sie dürften weggehen, damit sie nicht zugrunde gingen, er aber werde in den Thermopylen bleiben mit dreihundert Lazedämoniern, mit den Thespiern und den thebanischen Geiseln. Warum sollten die anderen bleiben? Sie verspürten keine Neigung, hier ihren gewissen, durch die Eingeweide der Opfertiere verheißenen Tod abzuwarten. Sie wollten wirksamer und umsichtiger ihrem Vaterlande dienen. Sie sagten es Leonidas, der zwischen seinen dreihundert Lazedämoniern stand wie der Gott Ares zwischen einer Handvoll Helden, und legten die Zelte ihres Lagers zusammen, das sich zwischen den moosigen, feuchten Spalten der Felsen mit Mühe eingenistet hatte. Sie nahmen Abschied mit vielen Worten, mit langen Reden, sogar mit Spott, auch mit Rührung. Dann gingen sie. Leonidas spornte sie ruhig und überlegen sogar zur Eile an, und das ohne Spott und Bitterkeit. Sie verschwanden zwischen den Spalten und den Höhlen, zwischen den knorrigen Eichenstämmen längs der breiten Tümpel der Frauenbäder, wo zwischen den zertretenen Farrenkräutern und dem Riedgras ihre noch flüchtig kupfern aufleuchtenden Beinschienen in der Ferne verschimmerten. Sie warfen links einen verstohlenen Blick auf das Ägäische Meer, das zwischen den Felsen und in den salzigen Lagunenflächen sommerlich blaute. Vielleicht hielten sie Umschau, ob sie die persische Flotte nicht sähen, wiewohl sie wußten, daß sie dort nicht war und niemals dort sein könne. Wer nicht ruhig ist, erwartet in der Gefahr das Unmögliche. Längs des Melampygosfelsens verschwanden sie, Abteilung nach Abteilung, Hunderte nach Hunderten, Tausende nach Tausenden, und schlichen nach Lokris. Die Thermopylen, siebenunddreißig Stadien lang, blieben beinahe verlassen. In ihrer Enge – sie maß nicht mehr als fünfzig Meter Breite zwischen Felsen, die erschienen wie zu Stein gewordene Titanen, die miteinander gekämpft – ward dem Auge, das von der hohen senkrechten Felswand flüchtig herabschaute, ein leichtes Gewimmel von ein paar weißen Flecken sichtbar, kaum hundert Zelte um des Leonidas Zelt. XXV. Leonidas dachte nach. Er war kein Genie wie Themistokles. Er war kein schlauer Staatsmann und spitzfindiger Denker. In seiner großen einfachen Seele gab es keinerlei Verwicklung von Widersprüchen. In ihm war nichts anderes als Klarheit, für ihn gab es nichts anderes als die senkrechten Linien, die er unausweichlich vor sich schimmern sah. Dazu kam, daß Leonidas gegen die Götter, an die er glaubte, fromm war. Während er nun auf seinem Sitze vor dem Zelte zwischen den Felsen nachdachte, wie einst Achilles am Seestrande von Ilion gesessen, beschäftigten sich seine Gedanken vor allem damit, wie er mit den Seinen der drohenden Gefahr entrinnen könne, von den nahenden Persern umzingelt zu werden. Seine Gedanken schweiften einzig zu dem Orakel, dessen er sich erinnerte. Als die Lazedämonier die Pythia in Delphi zu Anfang dieses Krieges befragten, hatte sie in Versen des alten Epos gesprochen: »Euch aber, die das geräumige Sparta bewohnen, verkünd ich: Entweder geht eure große und ruhmreiche Hauptstadt zugrunde unter den Händen der Enkel des Perseus, oder, wenn das nicht, wird sie den Tod ihres Königs aus Herakles' Stamme betrauern.« Vor kurzem war Leonidas König von Sparta geworden. Seine beiden älteren Brüder waren gestorben. Niemals hätte er geglaubt, daß die Krone ihm zufallen werde. Wenige Wochen erst war diese Krone sein. Er dachte nach über sein kurzes Königtum und gestand sich, daß er kämpfend sterben werde. Er dachte an sein junges Weib Gorgo, die Tochter seines verstorbenen Bruders Kleomenes. Er dachte an seinen jungen Sohn. Er dachte daran, daß die Dreihundert, die um ihn geblieben waren, und die alle in der Blüte männlichen Alters standen, ihre Frauen und Kinder in Sparta gelassen hatten. Allein die Wehmut über dies alles war in des Leonidas Seele nur gering. Vielmehr lebte in ihm einer stillen Begeisterung gleich nur die ruhige Erwartung, daß er für sein Land kämpfen und sterben werde, daß er, umgeben von allen seinen Tapferen, für ewig ruhmreich sein werde. Rings um seine glatte nachdenkliche Stirn, auf der eine einzige Runzel der Männlichkeit eingegraben war, hörte er die flatternden Flügel der breitbeschwingten Nike, fühlte er den schwellenden Wind ihrer weißen Gewänder, sah er, wie die weißen jungfräulichen Arme der Siegesgöttin sich ausstreckten und wie ihre Finger ihm die Zweige und Kränze aus Myrte und Lorbeer reichten. Zwischen den steilen Felsen, wo nun die Sonne des schicksalsschweren Tages leuchtete, der der erste von vielen anderen schicksalsschweren Tagen sein würde, dämmerten die lichten Erscheinungen wie in goldenem Sonnenstaub um Leonidas, den sinnenden Helden. XXVI. An jenem Tage, der der letzte sein sollte, versammelte Leonidas um sich seine dreihundert Lazedämonier, zugleich auch die Thebaner, die Geiseln – die Thebaner waren persisch gesinnt – und die Thespier. Während sie ihren Anführer Demophilos, den Sohn des Diadromes, umringten, erklärten die Thespier, daß sie mit Leonidas sterben würden. »Heiliger Vater!« sprach Leonidas zu dem Wahrsager, der ihm die Unvermeidlichkeit aus den Eingeweiden der Opfer verheißen hatte. »Gehet! Es ist noch Zeit.« »Leonidas!« antwortete Megisties. »Wenn ich meinem einzigen Sohne bereits zu gehen befahl, so ist dies schon väterliche Feigheit. Er war noch sehr jugendlich, fast ein Knabe noch. Ich befahl ihm zu gehen, und er ging. Ich aber bleibe.« »So setzen wir uns zu unserem Totenmahl!« sagte Leonidas. »Esset, meine Freunde, an diesem Mittag mit dem Gedanken, daß ihr heute abend im Palast des Hades zu Abend speisen werdet!« Alle setzten sich hierhin und dorthin auf die Felsen und in das Gras und aßen. Oben auf dem Berge, wo Xerxes in jener Nacht mit den Unsterblichen gelagert hatte, vollführte der König der Könige an jenem Morgen mit Schwung die üblichen Zeremonien zu Ehren der Sonne. Inmitten der Magier waren seine Bewegungen mit Becher und Amphora feierlich, fromm und ergreifend. Xerxes verstand es, dergleichen Zeremonien mit majestätischer Gebärde auszuüben. Dann stiegen die Perser den Berg hinab, ihrer Zehntausende, in breitem Kreise zur Umzingelung der Thermopylen. Der Verräter Ephialtes geleitete sie. Die Unteroffiziere jagten mit den Peitschen in der Faust die Krieger, die an den Felsen herabstiegen, vor sich her. Bis jetzt hatte die verstärkte Mauer bei der Pforte die Lazedämonier beschützen können. Aber nun, da die Perser von allen Seiten die Felsen herabtaumelten, drängten Leonidas und die Seinen dem breitesten Teile des Passes zu. Dort erwarteten sie die Perser, den Tod vor Augen, jedoch unerschrocken um der Idee und des Ruhmes willen, der vor ihnen erglänzte. Sie wollten ihr Leben und diesen Engpaß nach Lokris so teuer wie möglich verkaufen, und mit langen Speeren und breiten Schwertern fielen die erhabenen Toren die Perser an. Weitergepeitscht von den Unteroffizieren, erlagen die ersten Perser dem Angriff der Griechen. Klagend stürzten sie ins Meer. Sie fielen unter den Füßen derer, die hinter ihnen die Felsen herabpolterten. Sie fielen, bis die langen griechischen Speere zerbrachen und die kurzen griechischen Schwerter an den persischen Schilden zersplitterten. Die aber stiegen immer weiter und weiter die Felsen hinab, eine glitzernde Sturzflut von Tausenden von Sonnen. Leonidas selber kämpfte gleich einem wütenden Löwen. Die persischen Spieße fielen, eine Wolke von langen, scharfen Nadeln, über ihn her. Plötzlich sah er dort drüben Ephialtes, den er erkannte, und dann, dann sah Leonidas Xerxes selber umringt von seinen glänzenden Offizieren und den Unsterblichen. In Leonidas wuchs die Wut, bis er nicht mehr fühlte, wie sein Helm gespalten ward und sein Kopf blutete, wie das Blut überall an seinem Körper herabsickerte aus den Stichwunden von Speer und Spieß. Inmitten seiner Getreuen drang er mit geschwungenem Schwerte in der Richtung zum persischen König vor. Seine blauen Augen blitzten wild. Ephialtes floh zur Seite. Xerxes selbst war so erstaunt über das wütende Andrängen des Königs von Sparta, den er bereits zehnmal gefangenzunehmen und ihm vorzuführen befohlen hatte, daß er mit geöffnetem Munde stehenblieb. Er stand zwischen seinen beiden jüngeren Brüdern, Abrokomes und Hyperanthes, Söhnen des Dareios. Völlig unerwartet sah Xerxes nur einen Schritt hinter sich seine Brüder, die beiden Prinzen, im Kampfe mit den brüllenden Lazedämoniern Mann gegen Mann. Sie hieben die Unsterblichen nieder, sie hieben die beiden Prinzen nieder, Leonidas selber näherte sich, setzte den Fuß auf die Leiche des Abrokomes, und Xerxes, gleichsam versteinert, weil das Unmögliche geschah, schien sich nicht wehren zu können, stand mit geöffnetem Munde und konnte es nicht glauben, daß seine beiden Brüder dort gefallen lagen, dort unmittelbar vor ihm, zertreten von diesem Wahnsinnigen, von diesem Schwärmer. In diesem Augenblick hatte sich Leonidas Xerxes völlig genähert. Leonidas hatte keinen Speer mehr, denn der war zerbrochen, kein Schwert mehr, denn das war zersplittert. Hoch erhob er seine beiden bluttriefenden Hände, krampfte sie zum Griffe, stürzte auf Xerxes los, entriß ihm sein Diadem und schleuderte es dem König der Könige ins Gesicht. Xerxes brüllte vor Schmerz und Entrüstung, die Unsterblichen umringten ihn mit einem Wall von Schwertern. Die Lazedämonier umringten Leonidas, der wankte und von Blut triefte. Sie zogen sich, wie eng auch umzingelt, zurück und bargen ihren sterbenden König in ihrer Mitte. Viermal wogte die Masse auf und ab, auf und ab zwischen den engen Felsen. Viermal schien es, als würden die Griechen die Perser vertreiben angesichts der schmerzlichen Verzweiflung des Xerxes, der mit emporgestreckter Faust bei den Leichen seiner Brüder stand. Doch da näherte sich Ephialtes mit dichteren, stärkeren, neu gesammelten Truppen. In Schwärmen stiegen sie die Felsen herab. Die Thebaner wurden bereits unzuverlässig, ergaben sich, riefen, daß sie für Persien seien, es stets gewesen seien. Nur die Lazedämonier und die Thespier, in ihrer Mitte der sterbende Leonidas, erreichten in dichten Haufen den Hügel an der Pforte, durch die der Feind eingedrungen war, hinter der bezwungenen Mauer, die sie nicht mehr beschützte nun, da die Feinde von überallher herbeiströmten. Dort kämpften sie weiter mit nur noch vereinzelten Schwertern, aber sie rangen und zerrissen den Feind mit Händen und Zähnen, bis es schien, als ob eine Masse hoch erhobener persischer Schilde wie mit einem rasselnden Prasseln über sie hinstürze und sie begrabe, und die persischen Speere jeden Rumpf durchbohrten, der sich unter ihren rasselnden Schilden wand und die persischen Schwertern jeden Kopf abhieben, der sich unter ihren rasselnden Schilden hervorwand. Der Weg nach Delphi, nach Athen war frei.   Xerxes schämte sich seiner Verluste. Er schickte einen Herold zu seiner Flotte, die zwischen dem Vorgebirge Artemision und Histiää auf Euböa lag, und forderte das Seeheer auf, das für die Perser so ruhmreiche Schlachtfeld der Thermopylen zu besichtigen. Die Seekrieger und Ruderer kamen, um zu schauen. Sie sahen ungefähr tausend persische Gefallene, denen sie die letzte Ehre erwiesen. Alle übrigen Tausende hatte Xerxes in aller Eile begraben lassen in den Schluchten unter Erde und abgefallenen Blättern. Die Schiffsbesatzungen sahen wohl Tausende von griechischen Gefallenen, die Xerxes dort an der gleichen Stelle hatte aufstapeln lassen zu theatralischer Wirkung. Die List war allzu durchsichtig. Die Seekrieger und Ruderer kehrten am folgenden Tage zur Flotte zurück. Sie hatten gehört und hatten begriffen. Ihr Lächeln und ihr Flüstern verriet, daß sie begriffen hatten. Xerxes rückte mit seinem Heere tiefer in Hellas ein. Die Thermopylen blieben offen, frei und verlassen.   Die Geier waren in Scharen dem Flug der beiden Adler gefolgt, die hin und wieder über den blauen Badetümpeln und schäumenden Meerengen, über den Schluchten und zwischen den Steineichen sichtbar umherflatterten. Die Flügel der Geier rauschten in den kommenden Tagen gleich einer dunklen Wolke unheilkündend über den Thermopylen. Doch das Rauschen der Geierflügel währte nicht, wohl aber jenes andere Rauschen, das Leonidas um sein Haupt wie eine Harmonie und wie Musik gehört hatte, als er sinnend vor seinem Zelte saß, und jahrhundertelang währte jenes andere Rauschen, nicht das Rauschen von Raubtierflügeln, sondern das unvergängliche Rauschen der reinen Flügel weißer Siegesgöttinnen und das leise Rascheln ihrer Gewänder zugleich mit dem Rascheln der wehenden Zweige und Kränze, der Myrten und des Lorbeers, die sie den Kindern der Unvergeßlichen reichten, die dort den unvergleichbaren Heldenkampf gekämpft rings um Leonidas, ihren blonden König von Sparta, den Helden und Heros, das Vorbild für alle späteren Helden. XXVII. Als Xerxes in sein Lager zurückgekehrt war, entbot er Demaretos zu sich in sein Zelt. Xerxes saß auf seinem Zeltthron. Sein Bruder Achaimenes, den er zum Oberbefehlshaber über seine gesamte Flotte ernannt hatte, saß rechts von ihm. Xerxes forderte Demaretos durch eine Handbewegung auf, sich links von ihm auf einen freien Schemel niederzulassen. Sonnenschein drang durch die rotseidenen Segel des weiten Zeltes. Dort stand des Xerxes vergoldetes Lager aus Löwenfellen, dort stand sein vergoldeter Toilettentisch mit den goldenen Toilettensachen. Dort stand sein vergoldeter Waschtisch mit goldenem Geschirr. Dort hingen des Xerxes goldene Waffen, und der König und der Prinz saßen an einem vergoldeten Tisch, auf dem die Landkarte von Hellas lag. All dieses Gold und diese Vergoldung blinkten in dem rotleuchtenden Sonnenschein rings um Xerxes mit jenem reichen Glanz, den er liebte. »Demaretos!« sprach Xerxes wohlwollend. »Du bist ein ehrlicher Mann. Die Wahrheit deines Wortes ist mir erwiesen. Was du mir vorausgesagt hast, hat sich erfüllt. Sage mir jetzt nur noch, wieviel Lazedämonier noch in Sparta übrig sind! Sind sie alle so tapfer wie die, welche gegen uns gekämpft haben?« Xerxes nannte nicht gern des Leonidas Namen. An seiner Schläfe hatte er noch eine Narbe von dem ihm ins Gesicht geschleuderten Diadem, und das Diadem selber war völlig zertreten. Der König der Könige lächelte Demaretos wohlwollend zu. »König!« antwortete Demaretos. »Die Lazedämonier sind ihrer viele, und zahlreich sind ihre Städte, ich aber werde Euch wissen lassen, was Ihr zu wissen wünscht. Sparta, der Lazedämonier Hauptstadt, birgt achtzehntausend Mann, die den dreihundert gleichen, die Ihr besiegt habt.« Auch Demaretos, einst König von Sparta, vermied es, des Leonidas Namen zu nennen, wiewohl ihm die Worte »um Leonidas« auf den Lippen schwebten. »Die übrigen Lazedämonier« – Demaretos glaubte dies unbestimmt hinzufügen zu sollen – »sind tapfer, aber nicht so beispiellos wie jene.« Von neuem unterdrückte Demaretos des Leonidas Namen. »Die Ihr erschlagen habt«, wiederholte Demaretos, der einst König von Sparta gewesen war. »Sage mir,« beharrte der König, »wie ich ihrer auf die einfachste Weise Herr werden kann! Denn wahrlich, es dauert mir zu lange.« »Großer König!« sprach Demaretos. »Ich werde Euch meinen Rat erteilen, so gut ich es vermag. Sendet dreihundert Eurer Schiffe nach Lazedämons Küste auf die Insel Kythera! Bedroht von dort aus Lazedämon, das stets ein Seeheer fürchtete! Besiegt von dort aus Lazedämon, und das übrige Hellas wird Euch zufallen! Denn Euer Landheer kann es leicht besiegen, wenn Sparta die Hände bereits übervoll hat und ihm nicht beistehen kann. So Ihr meinem Rate nicht folgt, werdet Ihr bei der Landenge von Korinth den schwersten Kampf zu kämpfen haben.« Allein Achaimenes erhob sich leidenschaftlich. Er haßte Demaretos, den Verbannten, den sein Bruder Xerxes immer um Rat fragte. Heftig rief er aus: »Bruder und König! Willst du dein Ohr leihen einem, der dir dein Glück neidet und der deinem, Vorteil nicht dient? Sind die Griechen nicht alle so: neidisch auf das Glück anderer und voll Haß gegen die, welche ihnen überlegen sind? Vierhundert Schiffe hast du bereits im Sturm verloren. So du dreihundert andere Schiffe an der peloponnesischen Küste entlang kreuzen läßt, ist der Feind nicht stärker als wir. Bleibt unsere Flotte beisammen, so sind wir unbesiegbar. Wenn Landheer und Flotte zusammenbleiben, so helfen sie sich gegenseitig. Trennst du sie, so sind sie füreinander wertlos.« Xerxes war in einer sanften, leutseligen Laune. »Achaimenes!« sprach er, während ein großmütiges Lächeln seinen blauschwarzen Bart umspielte. »Dein Rat scheint mir gut, und ich werde ihn vermutlich befolgen. Allein Demaretos ist ein ehrlicher Mann und mein Gast. Sein Wort war stets wert, gehört zu werden, und ich wünsche nicht, daß man ihm Böses nachsage.« Nachdem Achaimenes und Demaretos das Zelt verlassen hatten, begann Xerxes alles wohl zu überlegen und zu erwägen. »Dreihundert Schiffe an die peloponnesische Küste oder nicht?« Er überlegte bis spät in die Nacht hinein und konnte nicht schlafen. XXVIII. Die griechische Flotte steuerte nach dem Vorgebirge Artemision, dem nördlichsten Punkte der Insel Euböa: die Korinther mit vierzig Schiffen, die von Megara mit zwanzig Schiffen, die Chalkidier ebenfalls mit zwanzig Schiffen, die ihnen die Athener geliehen hatten, die Aigineten mit achtzehn Schiffen, die Sikyonier mit zwölf Schiffen, die Lazedämonier mit zwanzig Schiffen, die Epidaurier mit acht Schiffen, die Eretrier mit sieben Schiffen, die Troizenier mit fünf Schiffen, mit zwei Schiffen die Bewohner von Styros und mit zwei Schiffen die von der Insel Keos, die Lokrer mit sieben Schiffen. Viele dieser Schiffe führten fünfzig Ruderer und steuerten durch die breit bewegten Wasser des Ägäischen Meeres. Auch die Athener fuhren nach dem Vorgebirge Artemision mit hundertsiebenundzwanzig Schiffen unter dem Befehl des Themistokles. Eurybiades, der Sohn des Eurykleides, ein Lazedämonier – denn die Verbündeten wollten keinen Athener als Flottenführer – hatte den Befehl über die gesamte Flotte. Die Athener hatten aus staatsmännischer Klugheit und aus Vaterlandsliebe für das ganze Hellas nicht darauf bestanden. Ungeachtet ihrer vielen Schiffe fügten sie sich für den Augenblick, und auch Themistokles fügte sich, während er in seiner Schlauheit verschiedene geniale Anschläge ausspann. Die griechischen Flottenbefehlshaber vor Artemision waren, während sie auf die gewaltige persische Flotte starrten – sie war noch immer gewaltig trotz ihres wiederholten Mißgeschicks – von Schrecken erfüllt und wollten fliehen. Die von Euböa flehten Eurybiades an, zu warten, bis sie Frauen und Kinder und Sklaven in Sicherheit gebracht hätten. Sie konnten Eurybiades nicht überzeugen. Sie gingen zu Themistokles. Sie boten ihm dreißig Talente, falls er die Flotte vor ihrer Insel zurückhalten könne, auf daß die Seeschlacht nicht anderswo geliefert und Euböa nicht wehrlos gelassen werde. Lächelnd sah Themistokles die dreißig Talente vor sich liegen. Es erschien ihm nicht als Verrat, sich von Hellenen bestechen zu lassen zugunsten von Hellas. Es erschien ihm auch nicht als ein Schurkenstreich, zugunsten von Hellas hellenische Flottenbefehlshaber mit hellenischem Gelde zu bestechen, damit sie diese Gewässer nicht verließen. Er ging mit drei Talenten zu Adeimantos, dem Befehlshaber der Korinther, der sich bereits anschickte, abzufahren, und sagte zu ihm: »Adeimantos! Beim allmächtigen Zeus! Ihr werdet uns nicht verlassen! So Ihr bleibet, werde ich Euch ein noch größeres Geschenk geben, als Euch der König der Perser geben würde, so Ihr ginget.« Er gab ihm die drei Talente. Adeimantos blieb, in der Meinung, er habe athenisches Geld empfangen. Zu Eurybiades ging Themistokles mit fünf Talenten. Auch Eurybiades blieb in der Meinung, er habe athenisches Geld empfangen. Die übrigen von Euböa stammenden Talente behielt Themistokles für sich. Es waren ihrer zweiundzwanzig. Unehrlich war er nicht gewesen, nur schlau, und er belächelte Menschen und Dinge zufrieden mit sich und mit Hellas. Dann wurden ein Mann und eine junge Frau vor Themistokles geführt. Beide trieften von Wasser. »Wer seid ihr?« fragte Themistokles. »Themistokles, Sohn des Neokles!« sprach der Mann. »Ich bin Skyllias von Skione, der hervorragendste Taucher von Hellas. Sieh hier! An meiner Seite ist meine Tochter Kyane. Sie taucht wie ich. Als die persische Flotte vor dem Peliongebirge von dem Sturm heimgesucht wurde, sind wir beide trotz des wütenden Unwetters in die Tiefe des Meeres hinabgetaucht.« »Und haben die persischen Anker losgerissen«, sagte Kyane und lachte. »Ich aber habe den Persern viel goldenes und silbernes Gerät vom Meeresboden zurückgebracht«, sagte der Taucher listig. »Aber auch einiges für uns behalten«, sagte Kyane lachend. Themistokles lachte ebenfalls. »Und jetzt?« fragte er. »Wir wollten nicht mehr unter den Persern leben«, sagte Skyllias. »Wir wollten zu den Hellenen zurück«, sagte Kyane. »Bei Aphetai, wo die persische Flotte vor Anker liegt, tauchte ich in das Meer.« »Ich auch«, sagte Kyane. »Erst beim Vorgebirge Artemision kam ich über Wasser. »Ich auch«, sagte Kyane. Themistokles lachte. »Das ist nicht wahr«, sagte er lachend. »Ist das nicht wahr?« fragte Skyllias entrüstet. »Nicht wahr?« fragte entrüstet die Tochter. »Wie lange wollt ihr denn unter Wasser geschwommen sein?« fragte Themistokles noch immer lachend. Er selbst rechnete aus: »Achtzig Stadien?« »Kleine Stadien«, meinte der Taucher demütiger. Themistokles lachte noch immer. »Ihr seid in einem Boot gekommen«, sagte er. »Aber erst sind wir unter Wasser geschwommen«, sagte Kyane. »Das Boot erwartete uns.« »Nun ja! Wir sind natürlich nicht achtzig Stadien unter Wasser geschwommen«, gestand der listige Taucher ein. Sie lachten alle drei. Dann sagte Skyllias: »Ich bin ein guter Grieche. Mir könnt Ihr vertrauen. Die persische Flotte – wenigstens ein Teil von ihr – nimmt Kurs auf Euböa. Dies wollte ich Euch nur sagen. Aber das von den persischen Ankern ist wahr.« »Ich glaube euch«, sagte Themistokles lachend. »Ich werde den Flottenführern empfehlen, euch zu Rate zu ziehen.« An jenem Morgen wurde Rat gehalten. An demselben Nachmittage zog die kleine, unvollständige griechische Flotte der persischen Flotte entgegen, um einmal darzutun, was sie vermöge. Die Führer und Seekrieger auf der persischen Flotte glaubten, es kämen vereinzelte griechische Narren mit so wenigen Schiffen. Sie lichteten ihre Anker und meinten, daß sie sich dieser unsinnigen Griechen mit Leichtigkeit würden bemächtigen können. Die Griechen gingen zum Angriff über. Sie nahmen in dem engen Fahrwasser dreißig persische Triremen. In jener Nacht brach ein gewaltiger Sturm los, und es schien fast, als ob Boreas und die Windgötter wirklich noch immer die Griechen beschützten. Es war Mittsommer. Der Donner rollte unaufhörlich mit schweren Wolken und Regengeprassel von dem Berge Pelion herab. Viele persische Schiffe zerschellten, und die Leichen und die Trümmer verwirrten sich in den Ruderreihen der übrigen Schiffe. Dies alles geschah, weil der Gott der Griechen, Zeus, im Kampf mit dem Gott der Perser, den sie ebenfalls Zeus nannten, die persische Flotte der griechischen Flotte gleichmachen wollte. Auf die Riffe von Euböa wurden mitleidslos die persischen Schiffe geschleudert, und als der Tag anbrach, schickten die Griechen Verstärkung von dreiundfünfzig athenischen Schiffen und vernichteten an jenem Nachmittag die kilikische Abteilung der persischen Flotte. Am dritten Tage kämpften sie mit gleichen Kräften. Die persische Flotte, die durch ihre eigenen zahlreichen Schiffe so behindert wurde, daß sie sich gegenseitig in ihren Ruderreihen verwirrten und gegeneinander stießen, verlor an jenem Tage unzählige Schiffe und Männer. Auch die Griechen erlitten starke Verluste. Es war am nämlichen Tage, als Leonidas die Thermopylen verteidigte. Zu Lande und zu Wasser verteidigten die Griechen den Durchlaß nach dem südlichen Hellas. Allein an jenem Abend legten sich die Griechen, insbesondere die Athener, als sie von Artemision zurückgekehrt waren, Rechenschaft ab von ihren großen Verlusten und beratschlagten, wie sie am schnellsten in die Binnenmeere von Hellas entfliehen könnten. Das aber war nicht des Themistokles Wunsch, und er dachte: »Wenn ich nur die Ionier und die Karier wieder zu uns zurückbringen könnte!« Auf den Felsen bei den Quellen, die trinkbares Wasser hergaben, und wo sicherlich die persischen Schiffsmannschaften ihre Becher füllen würden, ließ er folgendes anschreiben: »Ionier! Ihr tut Unrecht, wenn ihr gegen eure Vorfahren kämpft und uns Hellenen unter persisches Joch zwingen wollt. Vergeßt nicht, daß ihr die Ursache dieses Krieges seid! Haltet euch wenigstens, falls die Perser euch zwingen sollten, so sehr zurück wie möglich! Kämpft nicht mit Gewalt gegen eure Väter und Brüder!« Themistokles dachte: »Wenn Xerxes von diesen Inschriften nichts hört, werden die Ionier zu uns überlaufen. Wenn Xerxes aber von den Inschriften hört, werden die Ionier in seinen Augen verdächtig sein, und er wird sie nicht mitkämpfen lassen.« Ein Kundschafter kam aus Thrachis und berichtete den Tod des Leonidas und der dreihundert und der Thespier und meldete, daß der Weg nach Athen frei sei. Es waren sorgenvolle Tage, Tage der Verzweiflung beinah. Es war nicht ratsam, länger in diesen fremden Gewässern zu bleiben, selbst wenn die ganze Flotte hier vernichtet werden würde. Wie zerbrechlich war dieser hölzerne Wall, diese stolze, aber bereits heimgesuchte neue Flotte der jungen Seemacht, die nur die Wogen für sich hatte, aber nicht mehr das Land, das den Menschen not tut! XXIX. Da waren einige mißmutige Arkader, die den Kampf nicht liebten und die nur zu pflügen, zu säen und zu ernten wünschten, nach Phokis gekommen und erschienen vor Xerxes und seinem Stabe. »Was tun die Griechen jetzt in Elis, in Achaja, in Argolis und Arkadien?« fragte Xerxes stirnrunzelnd. »Bereiten sie sich darauf vor, uns Widerstand zu leisten?« »Nein, Herr«, antwortete der Wortführer der Arkader. »Was tun sie denn?« fragte Xerxes. Zu Olympia werden die olympischen Spiele abgehalten«, sagte der Arkader. »Es gibt dort Pferde- und Wagenrennen und athletische Wettkämpfe, König.« »Welchen Preis erhält der Sieger?« »Manchmal einen Dreifuß, häufig aber auch einen Olivenkranz«, antwortete der Arkader. »Der Olivenkranz ist wohl der begehrteste Preis. Um den Olivenkranz entbrennt der heftigste Streit.« »Aber was ist das für ein Volk, zu dem Ihr uns führt, Mardonios?« rief Tritantaichmes, des Artabanos Sohn, aus. »Im Begriff, von uns Persern besiegt zu werden, halten sie zu Olympia athletische Übungen und Wettkämpfe ab um eines Olivenkranzes willen. Kämpfen sie denn alle um des Ruhmes willen wie jener Leonidas in den Thermopylen?« Xerxes runzelte unzufrieden die Brauen. »Neffe Tritantaichmes!« sagte er. »Dies ist eine Frage der Kultur. Ich verstehe nicht, daß du das nicht einsiehst. Unsere Kultur steht höher als die griechische. Alles, was bei uns Staatsordnung und Verwaltung heißt, würde sich aufbäumen gegen einen solchen Leichtsinn, am Abend, bevor sich das Verhängnis vollzieht, athletische Spiele zu feiern. Wir Perser sind von Natur nüchterner. Wir würden – ich setze einen Augenblick die Möglichkeit einer Niederlage voraus, die nicht möglich ist, weil der Gott der Perser uns hilft und weiterhelfen wird – am Vorabend einer solchen Entscheidung doch nicht versuchen ...« »Ich finde es doch glänzend«, sagte Tritantaichmes. Xerxes war sehr böse, daß sein Neffe ihn unterbrach. Aber nicht nur sein Neffe, sondern auch der einfache Arkader unterbrach nach Tritantaichmes den König der Könige und sagte gutmütig: »Herr! Sie glauben dort noch nicht an eine Niederlage, und wir Arkader auch nicht. Wir kommen nicht deshalb hierher, weil wir an Euren Sieg glauben, Herr, sondern weil wir den Wunsch haben, zu arbeiten. Uns fehlt es am Allernotwendigsten, und wir sind mehr Bauern als Krieger. Wir möchten gern arbeiten, Herr, und pflügen und mähen und ernten, wenn wir unseren Lebensunterhalt damit verdienen können.« Wenn Xerxes – was wohl hin und wieder vorkam bei so vielen Brüdern und Schwägern und Neffen – sich in seiner Königswürde gekränkt fühlte wie jetzt – erst durch seinen Neffen und dann durch jenen arkadischen Bauer – , hatte er den guten Geschmack, seinen Ärger zu bezwingen. Daher sprach er diesmal nur zu seinem Stabe glänzender Feldherren, die hinter ihm aufgestellt waren: »Ich hatte immer gemeint, die Arkader seien dichterischer, wenigstens dichterischer als dieser Bauer hier. Einen besonderen Eindruck macht dieser Arkader nicht, Tritantaichmes, aber wir können ihm in diesem besiegten Phokis ein wenig Ackerland verpachten.« Um die Lippen und Barte der glänzenden Brüder und Schwäger und Neffen spielte ein anerkennendes, vornehmes Lächeln. Xerxes ließ die Arkader in Frieden ziehen. Sie bebauten das besiegte Land von Phokis und dachten an die Zukunft. XXX. Xerxes machte sich auf den Weg nach Athen. Aber er schickte eine Heeresabteilung rechts ab nach Delphi. Er wäre gerne selber zuerst nach Delphi gegangen. Aber er fürchtete sich vor Delphi. Ein Schauder umfing ihn allein schon bei dem Gedanken an das Orakel, und mit einem verstohlenen Blick, den er rechts auf den Parnaß, den heiligen Berg, warf, über dem Phöbus Apollo thronte, und an dessen Abhängen die Musen in Chören und Reigen über die üppigen, blumigen Ebenen tanzten, machte Xerxes sich auf den Weg nach Athen. An dem Kephisos entlang brannten die Städte Drymos, Elatea, Hyampolis, Parapotamoi. Die Tempel gingen in Flammen auf. Der Apollotempel von Abai wurde geplündert. Dies geschah nicht immer auf Befehl des Xerxes, aber so es nicht auf Befehl des Xerxes geschah, dann doch durch die Fackel des Krieges und durch die Habgier der Barbaren. Längs des Weges lagen die vergewaltigten Frauen sterbend. Die Trostlosigkeit des mitleidslos besiegten und zertretenen Landes, über das die Horden dahinstürmten, blieb allein zurück in diesen mythisch-heiligen Gefilden, auf denen des Siegers Fuß gedröhnt hatte, und die Götter schienen zu schweigen. Die Delphier schickten – nachdem das Orakel ihre Frage, ob sie die heiligen Schätze des Tempels vergraben oder wegführen sollten, hochmütig unverständlich beantwortet hatte – ihre Frauen und Kinder nach Korinth und flohen selbst die Abhänge des Parnaß hinauf nach Amphissa. Sechzig Männer nur blieben als Tempeldiener rings um den Prophetes Akeratos, der das Amt hatte, die in Ekstase gestammelten Orakelsprüche der Pythia in Worte zu fassen. In jener Nacht, als die persische Heeresabteilung sich der heiligen Stadt näherte, war der tiefschwarze Himmel voller Wolken. Unter der frühen, seltsamen Dunkelheit näherten sich die persischen Räuber. Auf Widerstand stießen sie nicht, aber viele wünschten, man möchte sie zu diesem Werk nicht erkoren haben. Es kam ihnen in den Sinn, daß Phöbus Apollo wohl derselbe sein könne wie Ormuzd, obwohl der eine ein Gott der Griechen, der andere ein Gott der Perser war. Aus diesem frühdunklen Himmel voll schwerer, tragisch wirkender Wolken sprach an diesem Sommertage Bosheit und göttlicher Zorn. Den beinah unsichtbaren Parnaß umschwebten die treibenden Wolken, und immerwährend blitzte es unheilkündend aus den dunklen Wolkengruppen. Dies war doch ein seltsames Land, in dem sie, die Sieger, sich aufhielten, während dort oben die fremden Götter wohnten und zürnten und sie selbst sich von den Millionen des mächtigen Heeres getrennt hatten und sich beinah nicht mehr als Sieger fühlten, sondern mehr als Räuber, die mitten in der Nacht auf Raub ausgingen. Von den hin und wieder grell beleuchteten, schwarzen Wolkenzinnen hoben sich die unheimlichen Umrisse des massigen Tempels ab. Gespensterhaft weiß leuchteten die Marmorsäulen, und die Giebeldreiecke erschienen unwirklich in der unheimlichen Umgebung vor den Augen der heranmarschierenden Perser. Gespensterhaft weiß leuchteten ringsum die viereckigen Mauern auf wie unüberwindliche göttliche Hindernisse. Über dem offenen Raum des Theaters schienen große Schatten zu schweben, gleich als führten dort göttliche Geister ihr heiliges Schauspiel auf. Die Perser sahen die seltsamen Dinge von dem felsigen Wege aus, den sie hinabstiegen. Der Regen fiel, entsetzlicher ward das Unwetter. Zu ihrer Rechten erhob sich der Tempel der Athene Pronaia. Plötzlich bebte die Erde. Der Boden unter den Füßen der persischen Reiter bebte. Aus dem Athenetempel erklangen dröhnende Stimmen und Kriegsgeschrei, erklang ein fürchterliches Rasseln von Waffen, gleich als nähere sich die Göttin selber. Vom Parnaß herab rollten riesengroße Steinblöcke, gleich als wolle der Gott diejenigen zerschmettern, die kamen, seinen Tempel zu entweihen. Gleichzeitig sahen die bereits beim Apollotempel angelangten Perser den Prophetes. Er deutete auf einen Stapel von Waffen, die im Blitze aufleuchteten – Schilde, Speere, Schwerter, Helme – die heiligen Waffen des Apollo selber, die niemals berührt oder an einen anderen Ort gebracht wurden. Sie lagen da wie eine schaudererregende Masse funkenglühenden Metalls vor der Pforte des Tempels, und der Prophetes rief: »Ein Wunder! Ein Wunder! Die heiligen Waffen, die nimmer berührten, haben sich bis hierher fortbewegt.« Die Felsblöcke polterten die Bergabhänge herab in Steinstürzen, die so groß waren, als würden sie von Titanen geworfen. Die Erde bebte. Die Perser entflohen hier und dort und überall entsetzt, und zwei übernatürlich große Kämpfer, Phylakos und Autonoos, die Heroen jener Lande, verfolgten sie. Am folgenden Morgen war der Weg unten am Parnaß von persischen Leichen besät. XXXI. Xerxes schickte einen Boten der königlichen Post von Athen mit einem Brief an Atossa und einem Brief an Amestris, daß er gesiegt habe. Die königlich persische Post war bereits von Kyros erfunden und eingesetzt worden. Sie stellte ein Wunder persischer Verwaltung dar. Die Poststellen waren militärisch gegliedert und lagen in sehr kurzen Abständen voneinander. Frische Pferde waren stets gesattelt, und ausgeruhte Eilboten warteten stets an allen Stellen, indem sie Ausguck hielten. Da kam ein Eilbote mit umgeschnalltem Postsack angetrabt. Er saß ab. Er schnürte den Postsack los. Der Eilbote, der ihn ablöste, schnürte sich den Postsack um, bestieg blitzschnell sein fertiggesatteltes Pferd. Er verschwand in einer Staubwolke, und fort ging es bis zur nächsten Poststelle. So hatte innerhalb vierzehn Tagen die königliche Post aus Athen Susa erreicht. Atossa und Amestris lasen ihre beinah gleichlautenden Briefe vor, die Xerxes an seine Mutter und an seine Gemahlin geschrieben hatte: »Wir haben mit Hilfe des Gottes der Perser einen glänzenden Sieg errungen. Athen ist in unserer Macht. Der Feind flieht vor uns nach allen Seiten. Seine Verluste sind nicht zu zählen. Große Schätze fielen in unsere Hände. Unsere Verluste sind sehr gering. Der Gott der Perser wird weiter helfen. Gezeichnet: Xerxes, König der Könige.« Die Königin und die Prinzessinnen kannten derartige Briefe bereits auswendig. Nur diesmal war der gemeldete Sieg – Athen – wohl gewichtiger als der Bericht, daß mit Hilfe des Persergottes der Athosdurchstich durchfahren oder die eine oder andere kaum bekannte Stadt in Thrakien oder Thessalien genommen war. Athen! War das nicht eigentlich schon Hellas? »Der Krieg ist beinah zu Ende«, entschied Parmys, und Phaidyme entschied ebenso. Artozostra sagte freudig: »Ich habe einen Brief von Mardonios. Allerhöchste Mütterlichkeit, Atossa! Wünschet Ihr, daß ich des Mardonios Brief vorlese?« Die Königin und die Prinzessinnen, die in weitem Kreise auf den Ruhebetten kauerten – Atossa stets mit ihrer Peitsche und den böse zugekniffenen Augen, Amestris am Webstuhl, an dem sie dem Xerxes einen goldenen Mantel wob – , lasen einander ihre Briefe vor. Es war ein Zeitvertreib. Daß Leonidas ihm sein Diadem abgerissen, schrieb Xerxes nicht. Der Herbst näherte sich. Aus den Außenportiken strömte ein süßer Duft von eingemachten Pfirsichen und Birnen. XXXII. Die hellenische Flotte war auf Drängen der Athener vom Vorgebirge Artemision nach Salamis gesteuert und blieb dort liegen. Alle Frauen und Kinder verließen Athen und flohen nach Salamis, nach Troizen, nach Aigina. Die Orakel erfüllten sich. Die heilige Schlange auf der Akropolis im Athenetempel fraß nicht mehr die Honigkuchen: ein Beweis, daß Athene selber die ihr geweihte Stadt verlassen hatte. Die Peloponnesier, die vor Athen Böotien verteidigen sollten, dachten nur an ihr eigenes Heil und bauten eine Mauer quer über die Landenge von Korinth. Xerxes näherte sich. Mit ihm schien sich das Schicksal zu nähern. Vor Salamis lag im strahlendsten Sommerwetter – es war, als spotteten der Himmel und die Götter des Unheils, das über Athen dunkelte – die hellenische Flotte: sechzehn lazedämonische Triremen, vierzig korinthische, fünfzehn sikyonische, zehn epidaurische, fünfzig troizenische, drei hermionische, alles peloponnesische Fahrzeuge, hundertachtzig athenische, die glänzendste Flotte, die Aigineten mit zweiundvierzig schnellrudernden Schiffen, vorzüglichen Seglern, die Chalkidier mit zwanzig, die Eretrier mit sieben – sie hatten bereits bei Artemision gekämpft; – dann die von Keos, dann die von Naxos, dann die von Melos, von Siphnos und von Seriphos; sie ruhten die zweiundvierzig schnellrudernden Schiffe aus. Abgesehen von diesen kleineren schaukelten sich dreihundertachtundvierzig Triremen auf dem blauen Meere vor Salamis in den engen Gewässern zwischen jener Insel und dem Berge Aigaleos. Die Befehlshaber versammelten sich um Eurybiades in Salamis. Ein athenischer Bote trat vor. »Die Barbaren sind in Athen«, meldete er. Es entstand eine Verwirrung. Viele wollten mit ihren Schiffen sogleich abfahren, andere glaubten, als letzten Versuch den Isthmos von Korinth verteidigen zu müssen. Eine Mutlosigkeit lähmte die Mutigsten, obwohl sie infolge ihres Neides nicht alle Athen liebten, dessen Macht sehr gewachsen, das nun aber von dem Schicksal völlig zerschmettert war. »Sie haben überall in Attika ihre Fackel geschwenkt«, meldete der Bote. »Thespiä brennt und Platää.« »Drei Monate ist es erst her, seit sie über den Hellespont zogen«, murrten die Flottenführer untereinander. Der eine griechische Stamm machte dem andern allerhand zum Vorwurf. Alle machten einander Vorwürfe. Athen sei verlassen, fuhr der Bote fort. Nur wenige arme, alte Männer hätten sich auf der Akropolis hinter hölzernen Umzäunungen verschanzt, so wie es die Pythia befohlen. Man hörte ein verzweifeltes Summen tiefer Männerstimmen. »Eine Handvoll Elender hat versucht, die Burg zu verteidigen. Xerxes lag mit seinem Heer auf dem Areopag, gegenüber der Akropolis. Seine Krieger wurden zerschmettert von den Felsblöcken, die die armseligen, jedoch ruhmreichen Verteidiger auf sie herabwälzten, als sie den heiligen Pforten sich näherten.« Aus dem Stimmenrauschen tönte es wie Bewunderung. »Dann entdeckten die Barbaren den geheimen Durchgang zwischen den steilsten Felsen. Hatte das Orakel nicht verheißen, daß die Perser sich alles dessen bemächtigen würden, was Athen zu Lande besaß? Als die Verteidiger die Barbaren innerhalb der Akropolis sahen, töteten sie sich gegenseitig, stürzten sich von den Mauern herab oder flohen in das Innere des Tempels. Allein die Barbaren töteten sie ungeachtet der Ölzweige, die die Flehenden ihnen entgegenstreckten, und plünderten den Tempel. Burg und Tempel sind jetzt ein Haufen Asche.« »Wir werden beides ruhmreich wieder aufrichten«, rief Themistokles vortretend, ohne zu wissen, daß er des Perikles Zeit voraussagte. Die Unterführer um den Flottenbefehlshaber Eurybiades überlegten, ob sie Salamis verlassen und vor der Landenge von Korinth das Vaterland verteidigen sollten. Allein Themistokles meinte, daß sich die Verbündeten, sobald ihre Schiffe die Anker aus den salaminischen Gewässern lichteten, zerstreuen würden und jeder sich in sein eigenes Land zurückziehen werde. Er sprach es nicht laut aus. Aber als er an Bord zurückgekehrt war, überlegte er die Sache ausführlich mit seinem Freunde Mnesiphilos. »Wenn die Verbündeten ihre Anker lichten?« sagte Mnesiphilos. Sie schauten einander an. Sie dachten das gleiche. »Dann ist Hellas verloren«, sagte Themistokles. »Niemand, nicht einmal Eurybiades, wird die Verbündeten zurückhalten können«, sagte Mnesiphilos. »Themistokles! Berufe von neuem den Rat ein!« Von neuem begab sich Themistokles zu Eurybiades. Von neuem berief der Befehlshaber der Flotte die Unterführer zur Ratsversammlung. Themistokles sprach leidenschaftlich und dringlich. Doch Adeimantos, der Führer der korinthischen Schiffe, unterbrach ihn rauh: »Themistokles! Wer sich beim Wettlauf beeilt, vor den anderen den Strich am Ablauf zu verlassen, um sein Ziel zu erreichen, erhält von den Hellanodiken einen Schlag mit dem Stabe.« »Gewiß!« sagte Themistokles, ohne böse zu werden. »Doch die, welche zurückbleiben, erringen den Lorbeerkranz nicht.« Wiederum verschwieg er seine Ansicht, daß die Verbündeten nicht zusammenbleiben würden, falls sie beschlössen, Salamis zu verlassen. Er wußte andere Beweisgründe anzuführen. »Eurybiades!« sagte er beschwörend. »Das Heil von ganz Hellas ist in deiner Hand. Retten wirst du es, wenn du dem Feinde eine Schlacht lieferst in diesen Gewässern und nicht auf die hörst, welche Salamis verlassen wollen. Höre mich an und überlege! Bei der Landenge werden unsere Schiffe, da sie schwerer und weniger zahlreich als die der Perser sind, auf offenem Meere kämpfen müssen. Wir werden Salamis und Aigina verlieren. Das Landheer der Barbaren wird das Seeheer verfolgen und den Peloponnes überschwemmen. Der größten Gefahr ist alsdann das Land unserer Götter ausgesetzt. Befolge meinen Rat! Dann werden wir sicherlich in dieser schmalen Meerenge, die uns günstig ist, mit unseren wenigen Schiffen einen glänzenden Sieg erringen. Ich fühle es, ich weiß es gewiß. Rings um mich her summen Stimmen, die es mir sagen. Müssen wir nicht weiterhin Salamis beschützen, wo unsere Frauen und Kinder sind? Wirst du, wenn du hier kämpfst, nicht auch den Peloponnes schützen, besser noch als bei Korinth? Unsere Feinde – ich weiß es, und niemand kann es leugnen – werden nach unserem Siege zu Wasser in jähem Schrecken sich zerstreuen. Wir werden ihre Millionen vernichten, wenn wir nur vernünftig sind. Doch sind wir unvernünftig, so werden uns selbst die Götter von Hellas nicht retten.« Da wurde Adeimantos zornig – denn er dachte einzig an Korinth – und rief aus: »Vernünftig soll wohl nur das sein, Themistokles, was du verlangst, vernünftig nur, daß Eurybiades dein Vaterland rettet, das nicht mehr besteht? Zeige mir dein Vaterland, Themistokles, zeige mir deine Vaterstadt! Wo sind Attika und Athen? Wo sind sie? Sie sind in der Macht des Xerxes und der Barbaren.« »Mein Vaterland und meine Vaterstadt,« rief wütend jetzt Themistokles aus, »Attika und Athen, sind da, wo sie in diesem Augenblick mächtiger sind als Korinth: auf dem Boden von mehr als zweihundert Schiffen, die mit Athenern bemannt sind, und kein Staat in Hellas könnte uns widerstehen, obgleich wir nur noch auf unsere Flotte uns stützen. Bleibe, Eurybiades, bleibe in Salamis, und du rettest ganz Hellas! Haben denn wir Griechen etwas anderes als unsere Schiffe? Oder verlasse Salamis! Dann aber ziehen wir fort mit unseren Weibern, mit unseren Kindern, mit unseren Sklaven. Dann ziehen wir nach Siris in Italien, das solange schon unser Besitz ist, und werden dort den Orakeln zufolge die verheißenen Pflanzstädte begründen. Ihr alle aber« – wütend drohte er rings um sich – »werdet von den Verbündeten verlassen werden gleich uns und werdet euer Los noch betrauern.« In diesem Augenblick zitterte ein Erdbeben. Das Meer bebte, die Wogen hoben die Schiffe hoch empor rings um das Schiff des Oberbefehlshabers. Dann glätteten sich die Wasser allmählich wieder. Es war, als hätten die Götter – die von Hellas und nicht die von Persien – gesprochen. Dankopfer wurden den Göttern dargebracht, auch den Heroen Ajax und Telamon, auf daß ihre Schatten in den kommenden Kämpfen mitkämpften. XXXIII. In Athen hatte Xerxes verschiedene athenische Verbannte in ihre Vaterstadt zurückgerufen. Einer von ihnen, Dikaios, Sohn des Theokydes, war ein alter Freund des Demaretos, des verbannten Königs von Sparta. Sie waren zusammen an einem dieser Tage, die der kommenden Seeschlacht vorangingen, voll Wehmut umhergeirrt außerhalb Athens, gleich als könne der zurückgerufene Verbannte nicht atmen in jenem Athen, wohin ein persischer König ihn zurückrief aus großmütig scheinender Berechnung, gleich als könne der verbannte König, der sich mit einem feindlichen Heere Sparta näherte, ungeachtet allen vielleicht bald in Erfüllung gehenden Ehrgeizes neben dem athenischen Freunde nicht atmen. Die beiden Männer waren an den Abhängen des Berges Aigaleos, der sich wie eine Mauer zwischen Athen und Eleusis, der heiligen Stadt der Mysterien erhob, umhergeirrt in lebhaftem Gespräch über die Dinge des Tages, die hoffnungsvoll und nicht hoffnungsvoll waren, je nachdem sie sie ansahen, und waren in die thriasische Ebene gelangt. Die thriasische Ebene lag da wie eine hier dürre, heideähnliche, dort grasige Wüste mit langen wehenden Büscheln. Bevor sie in Athen eingezogen, waren die Perser darüber hingegangen. Auf diesen sandigen Wegen, in dieser felsigen Einöde fanden sich noch die Spuren ihres Marsches: Scherben von zerbrochenem Geschirr, wo sie ihr Lager gehabt, die Häute und Überbleibsel des geschlachteten Viehes, das sie verzehrt hatten. Hier und dort streckte die Ruine eines verbrannten Hauses oder Hofes ihre rußigen, zackigen Umrisse in die Luft, die blaugrau und schwül war. Es war eine Zeit der Erdbeben. Doch sie wurde sowohl von den Griechen wie von den Persern zu ihren eigenen Gunsten gedeutet. Die beiden Männer, Demaretos und Dikaios, waren weiter geirrt, als sie wollten, im eifrigen Gespräch mit weiten, gänzlich freien Gebärden in dieser Einsamkeit, in dieser Verlassenheit, die von allem Volk gemieden ward. Sie strauchelten über die Steine und durch den Sand und entfernten sich weiter von Athen, als ihnen bewußt war. Die Sonne ging hinter Eleusis unter. Die heilige Stadt mit dem langen Umriß ihres Demetertempels dunkelte mit düsteren Flächen dort in der Ferne. Geier schwebten umher. »Wir müssen zurück«, sagte Dikaios. »So nahe sind wir schon bei Eleusis.« »Es ist hier schaudererregend von Licht und Luft um uns her«, sagte Demaretos, während er um sich schaute. Plötzlich deutete er unmittelbar zu ihren Füßen auf etwas, das ihnen, bevor sie nahten, durch einen Felsblock verborgen gewesen war. »Sieh!« Er machte eine hindeutende Gebärde und klammerte sich an den Arm seines Freundes. Aber es war nur die Leiche einer Frau, die, grauenerregend, halb schon verschlungen war von den Raubvögeln. »Nein! Sieh dort!« rief Dikaios und deutete selbst jetzt in die Ferne. Die beiden Männer schauten aneinander geklammert aus. Es ging kein Wind, und doch näherte sich über die Ebene etwas wie eine ungeheure Staubwolke, wie wenn ein Heer sie bei seinem Aufmarsch aufgewirbelt habe. Allein es erklangen keine Stimmen, keine Schritte, bis plötzlich ... »Höre!« rief Dikaios. »Höre!« Er stand verstummt, erstarrt, entsetzt. Demaretos begriff schaudernd noch nicht. Aber als er horchte, hörte er eine klare, singende Stimme. »Singt denn dort jemand?« fragte er und vermochte seinen Ohren nicht zu trauen. »Jemand singt da den Hymnus des Iakchos«, flüsterte Dikaios, der aufs äußerste entsetzt war ob des übernatürlichen Geheimnisses, das sich zu dieser späten Nachmittagsstunde vollzog, während der Himmel seltsam düster war und der blutige Sonnenuntergang durch die dichte Staubwolke hindurchschimmerte. In der Tat erklang es mit feierlich mystischen Tönen von drüben her: »Iakche, o Iakche!« »Was bedeutet das?« fragte Demaretos. »Weißt du das nicht?« fragte Dikaios. »Wurdest du niemals eingeweiht in die eleusinischen Mysterien?« »Nein«, gestand Demaretos. »Sage mir ...« »Es ist der heilige Hymnus, der gesungen wird am sechsten Tage der Mysterien, am zwanzigsten des Monats Boëdromion, wenn das Bildnis des Bakchos Iakchos einhergetragen wird. Daß wir ihn hören hier in dieser Ebene, in dieser verlassenen Ferne, ist entsetzlich. Denn dort, Demaretos, dort, in jener singenden Staubwolke, schreitet oder schwebt ein göttliches Wesen. Demaretos! Großes Unheil verkündet dies, Unheil für Xerxes. Sieh! Das dort bewegt sich von Eleusis fort.« Die Geier umschwärmten die Köpfe der Männer. »Wohin schwebt es?« fragte Demaretos und schaute ängstlich zu, während er sich an des Freundes Arm klammerte. »Zu den Verbündeten«, sagte erklärend der, der in die elf Mysterien eingeweiht war. »Zweifellos, zweifellos zu den Verbündeten. Sieh doch das da, wie es schwebt! Wenn es zum Peloponnes schwebt, südwärts, wird das persische Landheer vernichtet werden.« »Aber es schwebt nach Osten. Es schwebt nach Osten«, rief Demaretos und deutete hin. »Dann«, rief Dikaios aus, »wird die Flotte des Xerxes bei Salamis vernichtet werden. Höre, wie der Hymnus heller erschallt!« In der Tat sang es unerklärlich seltsam aus der treibenden Wolke: »Iakche, o Iakche!« Demaretos flüsterte, während er seine Hand noch immer um den Arm des Dikaios geklammert hielt, in der jetzt fallenden Dunkelheit: »Dikaios! Sprich niemals hiervon! Weder ich noch du würde es jemals überleben.« »Nein.« »Sage es niemals, daß die Götter uns behüten, uns Verbannte ...! Und die Perser...« Die beiden Männer flohen in die Ebene hinab. Sie strauchelten über die Steinblöcke. Die durch ihr Kommen aufgescheuchten Geier senkten sich auf die Leiche der Frau herab. XXXIV. Die persische Flotte lag vor den Hafenstädten Phaleron und Piräus, und Xerxes bestieg sein eigenes sidonisches Fahrzeug und setzte sich auf seinen Schiffsthron. Zur Beratung waren alle höheren und niederen Flottenbefehlshaber aufgerufen. Denn es handelte sich für die Perser nicht weniger als für die Griechen um die Frage, ob sie hier bei Salamis die Seeschlacht liefern sollten. Als Xerxes sich auf seinen Schiffsthron setzte unter das goldene Segel, setzten sich alle andern, unter ihnen die Könige von Sidon und Tyros und die Königin Artemisia von Halikarnaß. Mardonios fragte der Reihe nach jeden von ihnen, was er wohl meine. Alle, unter ihnen auch Mardonios selbst, waren der Ansicht, daß man die Seeschlacht liefern solle. Nur die Königin Artemisia sprach, als Mardonios sie fragte: »Artemisia, du, die du bereits bei Euböa eine Heldin warst inmitten von uns allen, sage uns aufrichtig deine Meinung!« »Mardonios! Ich bin der Meinung, daß wir unsere Flotte schonen müssen, daß wir keine Seeschlacht herausfordern dürfen. Die Griechen sind auf See den Persern überlegen, so gut wie die Männer den Frauen überlegen sind. Ist es denn durchaus notwendig, eine Seeschlacht zu wagen? Ist Xerxes denn nicht Herr von Athen? Hat er nicht sein Ziel erreicht? Wird das übrige Hellas nicht unvermeidlich in die Hand der Perser fallen? Höre! So wir unsere Schiffe soviel wie möglich hier in den Häfen lassen und über den Isthmos in den Peloponnes vorrücken, werden wir siegen. Die Griechen werden uns nicht länger Widerstand leisten. Du, Mardonios, wirst sie zurück in ihre Städte treiben. Sie haben in Salamis keine Vorräte, und wenn du in den Peloponnes vorrückst, werden die Peloponnesier nicht ruhig in Salamis bleiben. Was kann ihnen daran liegen, vor Athen zu kämpfen? Aber wenn die Seeschlacht beschlossen wird, fürchte ich nach einer Niederlage zu Wasser eine Niederlage zu Lande. Denn alle unsere Tausende von Verbündeten – sage es Xerxes, Mardonios! – sind Sklaven, sind schlechte Sklaven, sind unzuverlässige Sklaven: Ägypter, Kyprier, Kilikier, Pamphylier.« Xerxes schätzte Artemisia sehr, obwohl er an seinem eigenen Hofe zu Susa kein Feminist war, obwohl er die Meinung vertrat, daß es für eine Königin besser sei, gleich seiner Mutter Atossa den Hofstaat mit der Peitsche zu regieren oder wie seine Gemahlin Amestris goldene Prunkmäntel zu wirken, als in den Kampf zu ziehen, schätzte er in diesem besonderen Falle Artemisia doch sehr. Er fand; daß sich die Amazone zu Wasser zwischen seinen höheren und niederen Flottenführern sehr malerisch ausnehme. Sie trug ihren Helm, aus dem ihre schwarzen Haare flossen, mit Schwung, und der kurze Waffenrock ließ ihre von glitzernden Beinschienen geschützten Waden frei. Xerxes empfand für Artemisia eine ästhetische Zärtlichkeit. Als Mardonios ihm, so wie es die Ordnung der persischen Ratsversammlung erforderte, Artemisias Rat mitteilte, stimmte er zwar durchaus nicht überein mit dem, was die Königin riet, lächelte ihr aber dennoch liebenswürdig zu. Er fand sie eigenartig, zu eigenartig vielleicht, aber dennoch ... Das Endergebnis der glänzenden Versammlung war, daß Xerxes die Seeschlacht beschloß. Er war übrigens schon vor der Versammlung zur Seeschlacht entschlossen gewesen. So handelte Xerxes fast immer. Im übrigen hatte er seine eigenen durchaus persönlichen Gedanken und Eingebungen ebensogut wie Artemisia von Halikarnaß. Die Gedanken und Eingebungen dieses Augenblicks teilte er Mardonios mit, während die glänzenden Könige, die Königin, die höheren und niederen Flottenführer – alle strahlten in ihren Ehrenketten und vielen Armbändern – nach der Versammlung in die Boote hinabstiegen. »Mardonios! Ich gebe zu,« sagte Xerxes, »daß wir im vergangenen Monat bei Euböa nicht glücklich gewesen sind. Die Seetruppen haben dort nicht ihre Pflicht getan. Unsere Flotte hätte dort die kleine griechische Flotte besiegen müssen. Es kam nur daher, weil ich selber nicht dabei war. Ich werde dort von meinem Thron aus – erteilt den Befehl, daß man ihn an einem günstigen Punkte des Berges aufstelle! – die Seeschlacht bei Salamis mitansehen. Wir werden mit Hilfe des Gottes der Perser die kleine griechische Flotte vernichten.« In jener Nacht zog Mardonios mit dem Landheer nach dem Peloponnes. Er vernahm, daß die verbündeten Griechen – Arkader, Eleer, Korinther, Sikyonier, Epidaurier, Phliasier, Troizenier, Hermioner – auf dem Isthmos eine hohe Mauer errichteten. Das geschah unter dem Oberbefehl des Kleombrotos, des Bruders des Leonidas. XXXV. Sobald die Griechen vor Salamis durch Späher erfuhren, daß Xerxes die Seeschlacht beschlossen habe, brach Bestürzung aus. Dieselben Beratungen, die vor einer Woche stattgefunden hatten, wiederholten sich. Die meisten der Verbündeten warfen Eurybiades seine beispiellose Unvorsichtigkeit vor, daß er vor Salamis liegenbleibe mit einer Flotte, die zu gering sei im Vergleich zu der persischen Schiffsmacht. Themistokles mit den Athenern, den Aigineten, den Megareern blieb halsstarrig bei der Meinung, daß nur bei Salamis Hellas' Heil zu suchen sei. Es begann Themistokles zu langweilen, namentlich als er sah, daß seine Gegner siegen würden und man sich zum Verlassen der Gewässer von Salamis entschließen werde. Er schlich aus der Versammlung hinaus, entbot Sikinnos, den Pädagogen seiner Kinder und seinen Vertrauten, zu sich und befahl ihm: »Fahre mit einem Boot zur persischen Flotte!« »Zur medischen Flotte!« verbesserte der Pädagoge. Es war eine Art von mehr oder weniger patriotisch gefärbtem Purismus, die Perser, die mit den besiegten Medern ein Volk geworden waren, Meder zu nennen. Themistokles zuckte die Achseln. »Ich sage dir«, wiederholte er, »fahre mit einem Boot zur persischen Flotte und sage dem Xerxes ...« Themistokles flüsterte dem Pädagogen drei lange Sätze ins Ohr. »Kannst du das behalten?« fragte Themistokles. »Ja«, sagte der Pädagoge. »Meine Botschaft wird das Heil für Hellas und den Untergang für die Meder bedeuten.« Themistokles zuckte wegen des Wortes Meder von neuem die Achseln. Der Pädagoge fuhr mit zwei Mann in einem Boot ab, als gelte es eine Lustfahrt. Die See war ruhig. Die Delphine spielten zwischen den Wogen. Der Himmel erstrahlte hell in prächtigem Mittsommerblau. Der Pädagoge umfuhr das Vorgebirge Kynosura. Die Küsten und Riffs, die Felsen jenseits der Insel Psyttaleia blauten wie in einem Nebel lauteren Lichtes. Dort lag die persische Flotte in ihrer ungeheuren Ausdehnung, doch schwankend. Kaum schien sie auf den leichtbewegten Wellen zu lasten. Fahrzeug lag an Fahrzeug. Die Segel waren gerefft. Die langen Ruder waren eingezogen. Das Takelwerk zeichnete sich in feinen Umrissen von dem tiefen, zitternden, südlich blauen Himmel in dunklen Streifen ab. Der Pädagoge winkte mit einem weißen Tuch. Die Meder sahen ihn. Er winkte, er näherte sich. Er fand es sehr seltsam, daß er sich in seinem Boot mit zwei Mann der ungeheuren medischen Seemacht näherte. Ob er den König der Könige sprechen könne, rief er – indem er die Hand an den Mund legte – um ihm Botschaft von Athens oberstem Flottenbefehlshaber zu überbringen? Es ward ihm gestattet. Er näherte sich. Er wurde vor Xerxes geführt. Der aber empfing solche Botschafter mit Vorsicht, umgeben von einem Wall von Unsterblichen. Der Pädagoge, den eine Wache umringte, hub an: »König der Könige! Themistokles ist Eurer königlichen Majestät wohlgesinnt. Er wünscht, daß Ihr siegt. Er wünscht den Untergang der Verbündeten. Diese beratschlagen, voller Verzweiflung darüber, daß Ihr Euch stark wie das Schicksal nähert, ob sie die Flucht ergreifen und die Gewässer um Salamis verlassen sollen.« »Die schmale Meerenge dort drüben?« fragte Xerxes und wies mit dem Finger. »Ihr sagt es, medische Majestät. Greift sogleich morgen früh an, König! Unvergeßlich wird Euer Triumph sein über die Verbündeten, die untereinander nicht einig sind und die sich stets befehden.« Sikinnos fuhr zurück. Er dachte darüber nach, wie seltsam gewichtig ein einziges Wort eines einzelnen inmitten einer tausendfältigen Macht klingen könne. Zugleich dachte er zwischen dem munteren Spiel der Delphine, die er rings um sein Boot sah, an die Belohnung, die ihm Themistokles versprochen, falls ihm sein schlauer Scheinverrat gelinge: viel Geld und später vielleicht das Bürgerrecht von Thespiä, wenn der Krieg beendet sei. Der Pädagoge nannte sich selber einen Sprachkünstler, einen Philosophen und außerdem noch einen guten Patrioten. XXXVI. Die Nacht fiel. Viele Perser blieben auf Psyttaleia, der Insel zwischen dem Festland und Salamis. Am Himmel standen leuchtende Sterne. Die Umrisse der Küsten, Vorgebirge, Felsen und Riffe neigten sich gegeneinander mit einer wunderbaren Harmonie wie Becher, die Götterhände aus dunklem Lazurstein und amethystenem Kristall kunstvoll geformt hätten, um das stille Meer damit auszuschöpfen. Es rundete und wendete und weitete und verengte sich wie mit Schalen voll leicht gekräuselten, violetten und flüssigen Nachtblaus. Da bewegte sich – die vorsichtigen Ruder warfen kaum das leicht schäumende Wasser empor – der östliche Flügel der persischen Flotte vom Piräus hinter der Insel Psyttaleia bis an das Vorgebirge Kynosura. Die silbernen Wasserstrahlen tropften in einem stets gleichen, beinahe lydisch anmutenden Rhythmus von den Rudern herab, gleich als habe dies alles mit dem Kriege nichts zu schaffen. Es lag eine stimmenlose Stille um die geflüsterten Befehle. Nach dieser reizvollen Flottenbewegung, die nur die Sterne sahen, lag die Meerenge von Salamis im Osten verschlossen da. Die anderen zahlreichen persischen Triremen trieben so dicht wie möglich längs der Küste, so weit wie möglich außer Sehweite der überall in ihrer Fahrt liegenden griechischen Schiffe in die Meerenge hinein, während sie sich fabelhaft leicht und schnell fortbewegten wie ein Gebilde aus Musik und Rhythmus, das entstanden war aus der Nacht, aus der Stille und aus der Schönheit der in Umrissen stets mehr verschwindenden nachtblauen, seevioletten Landschaft mit den amethystenen, sternfunkelnden Felsen und Rittern. Die kleine griechische Flotte, die an diesem Morgen noch an Flucht gedacht hatte, lag eingeschlossen zwischen den beiden mächtigen Flügeln der persischen Flotte. Themistokles, der in der Nacht auf seinem Schiffe Ausguck hielt, starrte in die kristallene Stille der blauen Nacht und versuchte zu sehen, was sich auf seinen schlauen Scheinverrat hin ereignete. Er lächelte. XXXVII. In Salamis beratschlagten während der noch dunklen Morgenröte von neuem die höheren und niederen Flottenführer. Themistokles sprach lächelnd, beinah spöttisch. Er wußte, daß Flucht nicht mehr möglich war nach dem, was geschehen, und ließ den, der fliehen wollte, in dem Wahn. An der Pforte des Ratssaals rief ihn eine Stimme an: »Themistokles!« Er sah sich um. Es war sein Feind Aristides, Sohn des Lysimachos. Ihn, den Athener, hatte das Volk verbannt durch das Scherbengericht. Jetzt kam er von Aigina. »Was willst du?« fragte Themistokles hochmütig. »Mit dir allein sprechen.« Themistokles folgte ihm aus dem Saale. »Du hassest mich«, sagte Aristides. »Ja«, sagte Themistokles. »Ich hasse dich. Jeder preist dich, obwohl du verbannt bist.« »Wir wollen unseren gegenseitigen Groll vergessen«, sagte Aristides. »Für persönliche Empfindlichkeiten ist jetzt kein Raum und keine Zeit. In diesen Tagen lastet das Schicksal schwer auf Athen. Die Peloponnesier wollen fliehen.« »Ja«, sagte Themistokles. »Sie können es nicht. Die persische Flotte umzingelt uns. Ich, der von Aigina kommt, sah es mit eigenen Augen. Sogar Eurybiades und die Korinther könnten diese Gewässer nicht verlassen, so sie es wünschten. Gehe zurück in den Ratssaal und sage es ihnen! Ich als Verbannter darf es nicht.« »Ich vermutete schon, was du mir mitteilst.« »Du vermutetest?« »Ja. Die Perser folgten meinem eigenen Rat. Ich beging einen Scheinverrat, um uns dazu zu zwingen, die Seeschlacht zu liefern. Du hast gesehen, was ich wünschte: daß die persische Flotte die unsere umzingelt. Teile es selber dem Rate mit! Es ist die beste Kunde, die ein Verbannter bringen kann. Wenn ich es sage, werden sie glauben, ich hätte es erfunden. Tritt ein! Glauben sie es, dann ist es gut. Glauben sie es nicht, dann ist es auch gut. Denn wenn wir umzingelt sind, können wir nicht fliehen.« Aristides betrat den Ratssaal. Er begann: »Athener! Mit meinen eigenen Augen sah ich ...« Die Flottenführer zweifelten noch. Allein eine Trireme war von Tenos gekommen, befehligt von Panaitios. Er bestätigte des Aristides Wort. Darauf sagte Themistokles hochmütig: »Dies ist mein Werk.« An Flucht war nicht mehr zu denken. Die Schiffsführer versammelten die Truppen. Themistokles sprach den Seinen zu in einer langen Rede voller Ruhmesdurst. Die Truppen schifften sich ein. Die griechische Flotte – dreihundertachtzig Schiffe – lichtete die Anker. Die Sonne ging auf, golden und strahlend, als der hölzerne Wall in Bewegung kam. Die Frauen und Kinder standen auf den Ufermauern im Hafen und winkten mit ihren Tüchern und Schleiern den Verteidigern des Landes der hellenischen Götter nach. Im rosigen Nebel des ersten Sonnenscheins im Osten tauchte die ungeheure persische Flotte auf. Sie bedeckte den ganzen Horizont. Es war der Tag von Salamis, es war die Sonne von Salamis. In der aufleuchtenden Strahlenflut dieser Sonne wimmelten dem Auge der Sterblichen unsichtbar die unsterblichen Niken, die aus der Hand des Zeus ausfliegen zu den Menschen, nun zu dem einen, dann zu dem anderen, so wie der Gott es weise will und fügt. XXXVIII. Nordwestlich vom Piräus ragte eine viereckige Halbinsel wie ein felsiger Sitz weit ins Meer. Die ruhigen Sommerwogen schlugen mit schäumenden Kämmen melodisch dagegen. Die Natur hatte diesen Fleck schon vor Jahrhunderten und Jahrhunderten geschaffen zu dem Zwecke, Xerxes einmal hier thronen und die Seeschlacht von Salamis anschauen zu lassen. Der König der Könige saß hier wie vor einem Schauspiel, wie vor einem Flottenkampfspiel. Es war ein prächtiger Mittsommertag. Xerxes hatte die aufgehende Sonne im Rücken. Dies war nicht störend, zumal eine liebliche Brise wehte. Über dem Thron war ein Baldachin aus goldenem Tuch ausgespannt. Xerxes saß in goldener Waffenrüstung und trug ein neues Diadem mit hoher Spitze auf dem Kopfe. Sein blauschwarzer Bart duftete nach wohlriechenden Essenzen. Zufrieden und leutselig blickte er um sich. Die Unsterblichen mit Hydarnes waren wie ein Wall von goldenen Schilden, Helmen und Speeren an den vier Seiten der Halbinsel aufgestellt. Neben Xerxes saß Mardonios, um Xerxes saßen viele Brüder, Schwäger und Neffen. Es war eine glänzende Versammlung von Fürsten, und alle blitzten und funkelten in ihren goldenen Armbändern und Ehrenzeichen. Das war, namentlich wenn die Sonne darauf fiel, blendend. Es war ein unaufhörliches Funkeln und Strahlenschießen. Xerxes liebte es, wenn er leutselig um sich schaute, diese Strahlen schießen und alles so unaufhörlich funkeln zu sehen. Er war zufrieden. Dennoch betrauerte er wohl seine beiden Brüder, Abrokomes und Hyperanthes, die in den Thermopylen gefallen waren, als sie ihn verteidigten. Denn Xerxes litt an einer Schwäche gegen die Mitglieder seines Hauses und liebte die vielen Brüder, Schwäger und Neffen. Auch dachte er flüchtig darüber nach, daß der Hofgoldschmied, der ihn nach Europa begleitet hatte, dieses neue Diadem etwas zu weit gemacht habe und daß seine Krone, die ihm Leonidas in den Thermopylen abgerissen, sich besser um die Schläfen geschlossen habe. Er versuchte das Diadem, ohne es mit der Hand zu berühren, etwas höher hinaufzuschieben, indem er die Stirn runzelte und sie emporzog. Allein es half nicht. Das Diadem sank Xerxes wieder auf die Brauen herab. Einmal schob er mit lässiger Anmut die Krone hinauf. Als sie dann wiederum sank, fügte er sich in philosophischer Ruhe. Im übrigen fühlte er sich heute sehr sicher, sehr ruhig, sehr im Gleichgewicht. Das Wetter war prächtig, und der Anblick seiner ungeheuren Flotte, die vor ihm lag in einer ungeheuren, unübersehbaren, nach Nordwest gerichteten Stellung – beide Flügel umzingelten die Griechen – einer Flotte, die sich von Westen nach Osten erstreckte, erfüllte ihn mit schwellendem Stolz. Er war sich dessen bewußt, daß kein Fürst der Welt solch eine Seemacht und zugleich eine solche Landmacht hinter sich in den Ebenen von Attika versammelt habe wie er, Xerxes, der König der Könige. Er wollte sich nun durch das zu weite Diadem nicht länger die Stimmung verderben lassen. Er wollte sich auch bezwingen, falls einmal während eines Augenblicks heute etwas geschehen sollte dort vor ihm, das einen Unfall bedeutete, ein Unglück. Es könnte wohl einmal ein Schiff geben, das nicht seine Pflicht täte, wenngleich er, Xerxes, hier saß. Dann wollte er nicht einmal von seinem Thron aufspringen. Er hatte sich dazu hinreißen lassen, als er von seinem Feldthrone aus den fluchwürdigen Widerstand in den Thermopylen hatte mitansehen müssen. Auf diesem Flottenthrone saß es sich auch bequemer und geräumiger, und Xerxes war im großen und ganzen guter Laune und des Sieges gewiß. Der Gott der Perser werde ihm und den Seinen helfen. Schon drei Viertelstunden saß Xerxes dort. Hin und wieder sprach er mit Mardonios. Es machte den Eindruck, als sei der König der Könige zu früh auf seinem Theatersitz erschienen, um ein Schauspiel mit anzusehen. Die glänzenden Brüder und Schwäger und Neffen sprachen untereinander nur flüsternd, wie es die Regeln des Hoflebens vorschrieben. Die Unsterblichen standen regungslos wie goldene Statuen, gewaltige Prachtleiber, so gedrillt, wie nirgends sonst Unsterbliche gedrillt waren. Ihre goldenen Rücken, ihre vergoldeten Schilde und ihre vergoldeten Helme machten sie zu einer Mauer aus Gold, und die ganze Halbinsel lag wie eine Goldmasse in der Sonne. Plötzlich sah der König, wie von Westen her die griechische Flotte sich näherte. Alle Perser sahen die griechische Flotte. Zwischen den beiden mächtigen Flügeln der ungeheuren persischen Seemacht tauchte, einer schmalen Sichel gleich, die griechische Flotte auf. Xerxes schüttelte flüchtig und verwundert den Kopf, dachte dann aber, daß er dies künftighin unterlassen müsse wegen des zu weiten Diadems. Aber er wunderte sich trotzdem. Was dachten sich denn eigentlich diese Griechen? »Es beginnt«, sagte Xerxes. Und zu einem diensttuenden Offizier an seiner Seite: »Man rufe meine Schreiber!« Die königlichen Schreiber näherten sich kriechend. Ihrer sechs kauerten nieder hinter Xerxes mit langen Rollen und Schreibstiften in der Hand. Sie sollten in Keilschrift den Verlauf der Schlacht buchen. »Seht!« sagte Mardonios mit der Hand weisend. »Seht, Schwager und Fürst I« Xerxes sah. Das Sonnenlicht des Morgens lag noch wie ein Dunst über dem blauen Meere, über den blauen Windungen der zurückweichenden Küste, über ihren tief eingezackten Buchten, über ihrem hervorragenden, umschäumten Vorgebirge. In dem zitternden Dunst ließ sich nicht alles gleich gut unterscheiden aus so großer Entfernung. Beim Ausschauen gewahrten Xerxes und Mardonios jetzt, wie ein griechisches und ein persisches Schiff aneinander gerieten. »Welches Schiff ist das?« fragte Xerxes die ihn umringenden Offiziere. Sie starrten hin. Sie konnten es nicht sehen. Das verstimmte Xerxes, weil er es nicht buchen lassen konnte. Die kauernden Schreiber hielten ihre Stifte in Bereitschaft und warteten nur darauf, sich auf ihre Papyrusrollen stürzen zu können. Dort drüben hatte Ameinias, der Athener, den Kampf begonnen. Freilich machten die Aigineten ihm später diese Ehre streitig. Die Griechen hatten geglaubt, in der Sonne, die sie blendete, die schemenhafte Gestalt einer göttlichen Frau zu sehen – Pallas Athene – die sie mit einer Gebärde ermutigte. Viele glaubten sogar der Göttin Mahnung vernommen zu haben, nicht feige zu sein, nicht rückwärts zu fahren. Eine Ekstase ließ sie sogar in der Sonne die herrliche Traumerscheinung schauen und die göttlich klingende Stimme hören. Xerxes und Mardonios unterschieden jetzt, nachdem sie sich langsam an Licht, Dunst und Ferne gewöhnt hatten, die Phönikier. Sie bewegten sich gegenüber der athenischen Flotte. Die Ionier lagen den Lazedämoniern gegenüber. Stafetten, die zwischen den beiden Flügeln der persischen Flotte hin und her ruderten, teilten dem König und den Prinzen mit, was sich auf dem Meere abspiele. Die Stafetten meldeten. Xerxes sprach: »Bucht, Schreiber!« Die sechs Schreiber stürzten sich mit den bereitgehaltenen Schreibstiften auf die langen Papyrusrollen und buchten darauf die Meldung. Die sechs kontrollierten einander. »Die Ionier, dem König der Könige getreu...« »Und Oheim Artabanos, der mir sagte, ich solle den Ioniern mißtrauen«, sprach Xerxes hochmütig lächelnd. »Entreißen«, buchten die Schreiber, »den Griechen viele Schiffe.« »Bucht die Anzahl!« befahl Xerxes dringend. Die Schreiber buchten, da das eine stillschweigende Abmachung war, doppelt soviel Schiffe, als die Stafetten gemeldet hatten. »Die Namen der ionischen Befehlshaber?« fragte Xerxes. »Theomestor, Sohn des Androdamas, und Phylakos, Sohn des Histiaios, beide aus Samos«, meldeten die Stafetten. Die Schreiber buchten. Mit Keilschrift bedeckten sie hastig kritzelnd die langen Rollen. »Es sind tapfere, treue Ionier«, sagte Xerxes preisend. »Ich werde Theomestor zum König von Samos ernennen und Phylakos dort Grund und Boden schenken. Und beiden werde ich den Titel ›Orosanges‹ verleihen. Ich werde Theomestor vier breite Armbänder und Phylakos zwei breite Armbänder geben. Bucht es, Schreiber!« Die Schreiber buchten neben den persischen Siegen die vom König verheißenen Auszeichnungen. Allein hinter Mardonios flüsterte der Leiter des Meldedienstes: »Fürstlicher Mardonios! Nicht alle Ionier sind treu. Einige Schiffe sind allem Anschein nach sogleich und vorsätzlich auf die griechische Linie zugefahren. Unter den Ioniern bergen sich Verräter.« »Die Namen der Führer?« fragte Mardonios streng. Der Leiter des Meldedienstes nannte die Namen. Mardonios flüsterte stirnrunzelnd den Verrat der Ionier Xerxes zu. »Wie ist es möglich?« fragte Xerxes ärgerlich. »Es wird nicht wahr sein.« Um besser sehen zu können, blinzelte er mit den Augen zu den Ioniern hinüber, die sich in der immer deutlicher werdenden blauen Ferne bewegten. Hastig und zornig sprach er zu den Schreibern, die glaubten, daß es etwas zu buchen gebe, und ihre Schreiberköpfe ehrfurchtsvoll zu dem König der Könige hinaufreckten: »Nein. Es ist nichts zu buchen.« Inzwischen war über die ganze Länge der Meerenge von Salamis die Seeschlacht entbrannt, entbrannt im wahrsten Sinne des Wortes. Denn aus den Schiffsgeschützen flogen die Pfeile, die mit Schwefel und Öl getränkte, brennende Wergbüschel trugen, hin und her. Hier und dort, zu beiden Seiten, stand eine Trireme in Brand. Sie erglühte an dem klargoldenen, blauen Tage kaum im Feuer, weil die gelbe Flammenglut bleich blieb und nur der Rauch sich schwarz nach oben verflüchtigte. Die Schiffe prallten aneinander, das eine mit dem bronzenen Schnabel in die Flanke des anderen. Das durchbohrte Schiff legte sich auf die Seite. Bewegliche Enterbrücken wurden ausgeworfen von Schiff zu Schiff. Die Krieger in schwerem Harnisch wurden handgemein. Sie taumelten ins Meer. Eine entsetzliche Waffe bildeten die Sensen, deren je eine von mehreren Männern bedient wurde. Die Schlachtsensen wurden nach beiden Seiten geschwenkt. Sie mähten mit ihren in der Sonne grell aufleuchtenden und wieder sich verdunkelnden Blitzen hoch über den Köpfen der Besatzung. Es war wie ein Kampf zwischen wütenden Zeitgeistern. Sie mähten durch das Takelwerk und die Segel. Sie behaupteten sich hartnäckig gegen die Masten. Die Schiffe, die noch vor kurzem im Dunst des langsam sich klärenden Tages auf dem blauen Meere manövriert hatten mit der gemessenen Feinheit zartliniger Schattenrisse am blauen Himmel, verwirrten sich gegenseitig in ihren Ruderreihen. Namentlich die Schiffe der persischen Flotte verwirrten sich, weil ihre Anzahl zu groß war, gegenseitig in ihren wimmelnden Ruderreihen. Die persischen Ruderer fluchten aufeinander. Inzwischen tobte der Kampf heftiger. Während die Sensen mähten und Segel und Takelwerk zerfetzten und zerrissen, während die Masten krachend zerbrachen und mehrere Schiffe diesseits und jenseits aufloderten in der flüchtigen gelben Glut, die sich kaum tiefer zu röten vermochte in all dem Blau und Sonnengold des Sommertages, schwankten auch die dröhnenden eisernen Sturmböcke hin und her, die an Ketten an den Masten hingen. Hin und her, hin und her schlugen sie ihre schweren scharfen Spitzen in die Planken der einander anfallenden Schiffe, zerschlugen die Planken der Schiffe zu Splittern, bis sie kenternd untergingen. Das entsetzliche Dröhnen der an den Ketten knarrenden und keuchenden Sturmböcke wurde zum Rhythmus des Krieges, zur Begleitung der brüllenden Kriegerchöre, der stets lauter schallenden Befehle. Von des Xerxes Thron aus, der über dem Kampf erhaben aufragte, ließ sich alles in einem unbestimmten Durcheinander überschauen. Aber wegen dieses Durcheinanders ließ sich nicht alles unterscheiden. Der Eindruck, den die Seeschlacht machte, war der eines ungeheuren beiderseitigen Chaos, eines Chaos, in dem die Vernichtung augenfälliger wurde, während zugleich wieder jedes Schiff, das in Flammen aufging, durch schwarzen Rauch und grauen Rauch verwischte, was soeben erst deutlich von den persischen Fürsten wahrgenommen ward. Xerxes hatte eine Weile geschwiegen. Allein es wurde mehr und mehr wahrnehmbar ungeachtet des Rauches, ungeachtet des beiderseitigen Chaos, ungeachtet der dichten Haufen der einander bekämpfenden Triremen, daß die persische Flotte große Verluste erlitt. Die Schreiber mit den Stiften in den Händen buchten nicht mehr. Denn sie buchten nie persische Schiffe, die untergingen oder verbrannten. Jetzt war schon, soweit Xerxes sehen konnte, die ganze Meerenge zwischen den Schiffen übersät mit den Wracks, den treibenden Überresten der abgemähten Segel und Taue, den ertrinkenden Schiffbrüchigen, und es fiel Xerxes auf, daß die griechischen Schiffbrüchigen nach Salamis schwammen, während die persischen, in zu schwerem Harnisch oder des Schwimmens unkundig ertranken, in dichten Massen ertranken, indem sich die Männer im Todeskampfe umklammerten. Nun war wie das Wasser auch der Himmel besudelt. Die schöne Reinheit des sommerlichen Tages schien verschwunden, schmutzig und verschwommen in den dicken Wolken, die aus den brennenden Schiffen aufstiegen. Die Felsen blauten nicht mehr wie zuvor, die Landschaft zerfloß in matteren Farben. Die Luft war nicht zu atmen. Bis über des Xerxes Thron hin wirbelten die brennenden Fetzen, die rauchgeschwärzten Atome, fielen die Rußflocken herab. Auf dem verunreinigten Wasser zwischen den Schiffen wagten die Tapfersten, aus beiden Lagern in Beibooten die Taue der großen Ruder mit Doppeläxten durchzuhauen. Das Schiff war dann außer Tätigkeit gesetzt und manövrierunfähig gemacht und wurde in einem Blutbad auf den beweglichen Enterbrücken erobert, die hin und her geschlagen wurden. Xerxes erblaßte. Denn er sah, daß namentlich die persischen Schiffe und die ihrer Verbündeten in Brand gesteckt, mit langen Harpunen und Haken geentert und von den dröhnend geschwenkten Sturmböcken in den Grund gebohrt wurden. Xerxes erblaßte. Was war die Ursache, daß diese Seeschlacht, für deren Erfolg er geglaubt hatte bürgen zu können, seiner Erwartung wiederum nicht völlig entsprach? Waren denn diese Griechen in der Tat bessere Seeleute? In jedem Falle konnten sie schwimmen, und die Perser und ihre Verbündeten konnten es nicht. Wie war es nur möglich, dachte Xerxes, daß sie nicht schwimmen konnten? Er verbiß sich in eine Wut darüber, daß sie nicht schwimmen konnten, daß sie in großen Scharen vor seinen Augen ertranken, während die Griechen, so weit er sehen konnte, ihm gegenüber ruhig auf Salamis zu schwammen. Mehr und mehr steigerte sich seine Unruhe. Er konnte nicht länger schweigen, umklammerte des Mardonios Arm und sagte mit hohler Stimme: »Mardonios!« Das war alles, was er sagte. Er sah, daß Mardonios ebenso bleich war, wie er selber sich fühlte. Mit einem raschen Blick hatte er um sich geschaut und gesehen, wie die glänzenden Brüder, Schwäger und Neffen bleich und aufmerksam starrend dasaßen. Dann brachte er endlich zischend die Worte hervor: »Wie kämpfen sie schlecht, und das noch dazu unter meinen Augen! Ich werde Achaimenes ...« Doch was er dem Achaimenes, seinem Bruder und seinem obersten Flottenbefehlshaber auf dem prächtigen sidonischen Führerschiff zudachte, sprach er nicht aus. Plötzlich hatte er sich erhoben, wie sehr er sich auch vorgenommen hatte, sich zu beherrschen und auf seinem Throne sitzenzubleiben, was immer geschehen möge. Denn er hatte die Trireme der Artemisia, der Königin von Halikarnaß, entdeckt inmitten der dichtesten Verwirrung zwischen den einander mit den Sturmböcken rammenden Schiffen. Ihre Segel waren zerfetzt, und sie brannte. Eine athenische Trireme jagte dem Schiffe der Artemisia nach. Es hatte den Anschein, als wage sie es nicht, sich zum Kampfe zu stellen. Sie floh. Sie floh mit den auf und ab, auf und ab keuchenden Rudern, bis sie vor sich auf befreundete Schiffe stieß. Sie schien keinen Augenblick zu zögern. Das Schiff der Königin von Halikarnaß stieß mit dem Schnabel quer gegen das ihr das Fahrwasser versperrende Schiff des Damasithymos, des Königs der Kalyndier, des Verbündeten der Perser. Das getroffene Schiff sank, als werde es unter Wasser gezogen. Artemisias Schiff schoß vorwärts mit einer kaum merklichen Schwenkung. Der Athener, der vermutete, daß er sich irre und daß Artemisias Schiff griechisch gesinnt sei, hemmte seine Fahrt und nahm anderen Kurs. »Wen hat Artemisia in den Grund gebohrt?« fragte Xerxes. In seiner Umgebung wußte man, daß er Artemisia wohlgesinnt war. Niemand – auch wer ihn erkannt hatte – machte sich viel aus den Kalyndiern und ihrem Damasithymos, dem unbedeutenden, kleinen König. Ob sich wohl jemand von seiner Bemannung retten werde, um zu berichten, was geschehen? Es schien, als habe eine plötzliche, geheime Verschwörung zugunsten der Artemisia stattgefunden. In diesem kritischen Augenblick dachte Xerxes nicht an Damasithymos, war sich seines Verbündeten kaum bewußt. Es gab wohl hundert dieser kleinen Könige. Kannte Xerxes der König der Könige, alle diese hundert kleinen Könige? »König der Könige!« hörte man in der Umgebung des Xerxes rufen. »Artemisia ist die Mutigste, obgleich sie eine Frau ist. Saht Ihr, wie sie das athenische Schiff in den Grund bohrte?« »War es ein Athener?« fragte Xerxes. »Es war ein Athener! Es war ein Athener!« riefen die Neffen und Schwäger. Mardonios schwieg, war seiner Sache nicht sicher. »Diese Frau kämpft wie ein Mann,« rief Xerxes, »während meine Männer ...« Er hätte hinzufügen mögen: wie Weiber kämpfen. Allein er besann sich, sagte es nicht und befahl den Schreibern, die mit den Stiften und den Papyrusrollen herbeistürzten: »Bucht, Schreiber! Artemisia, Königin von Halikarnaß, Kos und Nisyros, bohrt eine athenische Trireme in den Grund. Seid stolz darauf, daß es an euch ist, diese Ereignisse zu buchen!« Unten am Felsen, auf dem der Thron stand, war eine Stafette einem Boot entstiegen. Sie kletterte hinauf über die ausgehauene Treppe. Sie warf sich schwankend, verzweifelnd, ohne Helm, dem Xerxes zu Füßen und rief aus: »Herr! König der Könige! Der Sohn des Dareios, Ariabignes, Euer königlicher Bruder und Flottenbefehlshaber, ist ertrunken. Sein Schiff ist in den Grund gebohrt mit all seinen Offizieren und der Bemannung.« »Was?« schrie Xerxes rasend. Eine zweite Stafette folgte der ersten. Blutend, schwer verwundet warf sie sich dem Xerxes zu Füßen und rief aus: »Herr! Ich komme, Euch zu melden, daß durch den Verrat der Ionier, der elenden Ionier, der Verräter, die phönikischen Schiffe vernichtet wurden.« »Die Ionier! Die Ionier!« brüllte Xerxes, während er die Fäuste ballte. »Es sind Verräter. Oheim Artabanos hat uns gewarnt.« Eine dritte Stafette warf sich vor dem Throne nieder, während die Schreiber in ihrer Ratlosigkeit nicht wußten, was und wie sie buchen sollten. »König der Könige! Ich melde Euch im Gegenteil, daß die ionischen Samothraker eine athenische Trireme in den Grund gebohrt haben.« »Bucht den Sieg!« befahl Xerxes den Schreibern. Diese stürzten sich von neuem auf Stift und Rolle. Mit Keilschrift bedeckten sie schnell kritzelnd die Papyrusrollen. Die zweite Stafette war umgesunken, die erste und die dritte trugen ihn weg, während eine vierte Stafette von Wasser triefend sich der Länge nach vor des Xerxes Thron warf: »Herr! König der Könige! Eine äginetische Trireme hat den Samothraker, über den Euch mein Vorgänger berichtete, in den Grund gebohrt.« Xerxes knirschte vor Wut, ballte die Fäuste. Die Stafetten folgten einander, bildeten eine Reihe auf der in den Felsen eingehauenen Treppe. Sogar auf den regungslosen, runden, goldenen Rücken der Unsterblichen war etwas wie Bewegung zu lesen. Die Stafetten warfen sich eine nach der anderen dem Xerxes zu Füßen. Brachte die eine gute Kunde, so machte die nächste diese sogleich wieder zunichte. Mehr und mehr zeigte es sich, daß, die Seeschlacht nicht mehr zu gewinnen war, wie unwahrscheinlich es auch klingen mochte. Xerxes maß abwechselnd jedem Befehlshaber und jedem Volk die Schuld bei, daß die Schlacht nicht so verlief, wie er es wünschte. Gleichzeitig aber wuchs in ihm eine geradezu kindliche Verwunderung darüber, daß die kleinen athenischen Schiffe, die außerdem noch plump waren, nicht nur den Kampf gegen seine ungeheure Seemacht aushielten, sondern sie sogar noch zu vernichten drohten. Es war unglaublich, unglaublich, und doch sah er es hier vor sich von seinem Throne aus. Die Samothraker hatten inzwischen, nachdem das Schiff in den Grund gebohrt war, dessenungeachtet die aiginetische Trireme, die sie angefallen hatte, bestiegen, sich ihres Kaperers bemächtigt und als ausgezeichnete Speerwerfer, die sie waren, die Aigineten verjagt und getötet. Diese Heldentat versöhnte Xerxes ein wenig und lenkte seine Aufmerksamkeit von den Ioniern ab, den Verrätern, vor denen ihn Oheim Artabanos bereits gewarnt hatte. Doch da seine Wut einen Ausweg suchte, warf sie sich auf die Phönikier, deren Schiffe vernichtet waren. »Schlagt allen ihren Schiffsführern, die sich gerettet haben, die Köpfe ab,« brüllte Xerxes mit trunkenen Augen, während ihm das zu weite Diadem schief um die Schläfen hing, »damit diese Feiglinge nicht die verleumden können, die tapferer sind als sie!« In diesem Augenblick sich jagender Erregungen waren die Ionier gerettet. Auf dem besudelten Meer, in der besudelten Atmosphäre war deutlich zu sehen, daß die heimgesuchte persische Flotte in der Verwirrung einen Rückzug suchte hinter die Insel Psyttaleia nach der Bucht von Phaleron zu. Die persische Flotte floh. Auf dem Felssitz, wo Xerxes' Thron stand, waren alle Prinzen um Xerxes und auch Mardonios aufgestanden und sahen die persische Flotte fliehen. Die athenischen Schiffe jagten sie, und die aiginetischen Schiffe ruderten ihr dreist entgegen. Sie fiel wie in eine Falle, sie verwirrte sich in ihren eigenen zu vielen, zu dicht aufeinander folgenden Ruderreihen. Das Schiffsvolk fluchte. Die Niederlage war zu sehen, war zu hören. Da war kein Zweifel mehr. »Xerxes!« flüsterte Mardonios, indem er alle höfische Rücksicht vergaß. »Es ist hier nicht mehr sicher.« Auf der Insel Psyttaleia selbst, wo Tausende von Persern zu landen versuchten, tobte gleichfalls der Kampf, unmittelbar vor dem Thron des Xerxes. Aristides, des Themistokles Feind, der aber in diesen Tagen sich mit ihm versöhnt hatte, vernichtete mit einer Schar ihm befreundeter und ergebener athenischer Hopliten die Perser. Da umfaßte Xerxes mit einem einzigen verzweiflungsvollen Blick die ganze von Rauch geschwärzte Landschaft der Meerenge von Salamis. Die Küsten, die mehr und mehr in dem Schwarz und Grau brennender Schiffe verschwammen, die Vorgebirge, die Felsen, deren sonst blau und zierlich verschwimmender Horizont ihm unkenntlich schien, verändert in eine höllische Landschaft der Verzweiflung, während die Ruder, die Wracks und die Leichen von der schwellenden Flut bis an die Felsen gespült wurden. Dann sagte er zu Mardonios nur noch: »Komm!« Alle persischen Rücken auf dem Felsensitze wandten sich um, die Unsterblichen, die Neffen, Schwäger und Brüder und Xerxes selber. Es war ein endloses Glitzern, eine in der untergehenden Sonne langsam verglitzernde Linie unnützen Goldes, das wie in Beschämung die in Stein gehauene Treppe hinabfloß. Der König der Könige floh. XXXIX. Die Nacht senkte sich wie eine seltsame Ruhe über das ebene Meer, auf dem an diesem Tage die Seeschlacht gewühlt und gewütet hatte. Ein Mann war langsam die Felsen hinaufgeklettert. Nördlich von Salamis hoch oben auf dem Felsen ließ er sich müde nieder und starrte vor sich hin. Von der besiegten persischen Flotte war hier nichts mehr zu sehen. Sie hatte sich südöstlich in die Bucht von Phaleron zurückgezogen. Die griechische Flotte sah der Mann vor Salamis liegen zu schmaler Sichel gebogen, wie sie gestern gebogen gewesen war. Von ihrer Beschädigung ließ sich nun in der Nacht nichts mehr ahnen. Nur hier oder dort ein Segel oder ein Mast, der an den wie erschöpft nebeneinander liegenden Schiffen fehlte. Der Rauch und der Dunst der Brände schien sich noch nicht ganz verflüchtigt zu haben. Man spürte noch einen Brandgeruch. Die Sterne drangen hervor durch einen Qualm, der immer weniger dicht ward. Der müde Mann gewöhnte sich, indem er rings um sich schaute, langsam an die Dunkelheit. Er vermochte mehr und mehr zu erkennen. Nördlich erkannte er die weite Bucht von Eleusis. Die lag horizontlos da wie ein Meer, kaum bewegt in dieser Windstille. Dann erkannte er immer deutlicher vor sich die ungeheuren Kämme des Aigaleosgebirges am nächtlichen Himmel, an dem immer mehr und mehr Sterne aufleuchteten. Die Umrisse der Küsten und die Spitzen der Vorgebirge zeichneten sich schichtweise in violett verschwimmenden Umrissen ab wie Kulissen einer weltweiten, ätherischen Bühne. Der Mann stützte den Ellenbogen auf das Knie und das Kinn in die Handfläche und ließ träumend seinen Blick über die nach Unruhe und Wildheit unglaubhaft ruhige Stille und Weite schweifen. Da erklang kein Geräusch, weder von der Stadt dort unten, wohin die Athener zu ihren Frauen und Kindern zurückgekehrt waren und des Sieges sowie ihrer Toten gedachten, noch auch von den Schiffen, auf denen das Schiffsvolk erschöpft schlief. Der Traum des Mannes in der violetten Nacht, in der weiten Stille und der weiten Einsamkeit wurde zu einem Traum von Schicksal und Göttern, von Missetat und Mitleiden, und es war ihm, als träten ihm zwischen diesen Kulissen, die waren wie die einer ätherischen Bühne, die Schatten vor Augen. Der Mann war Äschylus, Sohn des Euphorien, gebürtig aus Eleusis. Er hatte an diesem Tage auf einer athenischen Trireme gegen die Perser gekämpft. Er hatte an der Seite seines Bruders Ameinias gekämpft. Bei Marathon hatte er vor zehn Jahren in noch jugendlichem Alter an der Seite seines Bruders Kynegeiros gekämpft, der schwer verwundet und dem ein Arm abgehauen worden war. Äschylus war aber nicht nur ein tapferer Seekrieger der athenischen Flotte, sondern auch ein Dichter. Seit zwanzig Jahren schon schrieb er seine Tragödien und bewarb sich zugleich mit dem berühmten Pratinas in den Dichterwettkämpfen um den Ehrenkranz. Viele Male schon war er damit gekrönt worden. Er war der erste gewesen, der in Athen auf dem neuen steinernen Theater des Dionysos, das an Stelle des alten hölzernen Theaters am Südabhang der Akropolis errichtet worden war, nach seinen Ansichten hatte spielen lassen. Jetzt war die Zeit des Thespiskarrens vorüber, auf dem die bacchischen Dithyramben gesungen wurden von Schauspielern, die mit Hefe gerötet waren. Das war die freie Kunst augenblicklicher Eingebung, nicht eingelernten Vortrages gewesen, eine Kunst, schön, einfach, natürlich, aufwallend aus den ekstatischen Herzen der Dichterschauspieler, die das Religiöse und das Tragische in einem Schrei unbezähmbarer Verzückung hinausgerufen hatten, um danach mit ihrem Karren und ihrem Esel weiterzuziehen durch die Städte, an den Dörfern vorüber wie glückliche fahrende Leute, ihres Lebens froh und entzückt ob der Schönheit, die sie in sich fühlten und die sie gaben in allzeit quellendem Überfluß und nur um wenige erbettelte Münzen, oft auch nur um ein Mittagsmahl. Wenn der Dichterkrieger, wenn Äschylus dieser Zeit des Anfangs gedachte, wurde er fast wehmütig gestimmt und empfand die Wandlung des Schicksals allzeit bewußt in seiner niemals rastenden Einbildungskraft; in seiner allzeit schaffenden Phantasie. Die großen Schatten sah er stets vor sich, er sah sie dort drüben zwischen den in der violetten Nacht dämmernden, aneinander vorübergleitenden Hügeln und an den ferneren Bergabhängen. Er sah sie gehen weiten Schritts auf ihrem hohen Kothurn, mit ihren übermenschlichen, ihren heroischen und göttlichen Gestalten, mit der weiten Gebärde ihrer weitumhüllten Arme und den prächtigen Falten ihrer prangenden Mäntel und mit dem Scheu oder Schauder erregenden, erhabenen Ausdruck ihrer großen Masken. Es war, als höre er aus den hohlen, runden Öffnungen der Maskenmünder die schwer klagenden Ergüsse ihrer flehentlichen Bitten in rhythmisch getragenem Wortfall hervortönen, während über ihm wie in jener Nacht voll aufblitzender Sterne die Götter Leid und Glück der Sterblichen bestimmten und rings um die Götter die Schicksalsgöttinnen, die unabwendbaren, und das allmächtige, unversöhnliche, ewig gegenwärtige Schicksal in schreckenerregender Allmacht herrschten. In einer Allmacht, die das Mitleiden weckte mit der Sterblichen unabwendbarem Leid und die Missetat, um deretwillen sie litten und die sie von ihren miteinander verketteten Taten nicht hatten fernhalten können, als unabwendbare Schuld erkennen ließ, nach der nichts anderes mehr half, als fromm und demütig sein gegen den, der so allmächtig war. So sah der Dichterkrieger, wenn er träumte, so sah er, während er hier in der Nacht träumte, die Schatten. Er sah die Schatten des Agamemnon und der Klytaimestra. Er sah den Schatten des Prometheus zwischen den schwebenden Okeaniden, die kamen, ihn zu trösten. Er sah den Schatten des Orestes zwischen den ihn verfolgenden Eumeniden. Er sah die erhabenen Missetäter und die im Glanz erstrahlenden Götter, die über ihr Schicksal bestimmten, während die Einzelschicksale, die zusammenwuchsen zu dem einen ungeheuren Schicksal, den Nachthimmel ganz zu füllen schienen hinter und zwischen den Sternen und in dem Bereich dessen, was der Geist sich denkt und vorstellt selbst über den Umkreis der Welt und der Sterne hinaus. Plötzlich sah der Dichterkrieger, sah der Träumerdichter Äschylus in der unaufhaltsam auftauchenden Vorstellungswelt seiner Phantasie die Wirklichkeit des Tages selber. Er sah wie in einer erhabenen Verherrlichung alles, was an diesem Tage in den engen Gewässern der Meerenge von Salamis sich ereignet hatte: die Vernichtung der riesigen persischen Flotte, an deren Zerstörung er selbst als Einzelwesen sich beteiligt hatte aus Vaterlandsliebe, er, der nicht mehr jugendliche Mann. Er sah vor allem, was auf ihn von seiner eigenen athenischen Trireme aus ungeheuren Eindruck gemacht hatte: die Flucht, die mit einer golden glänzenden Linie in der untergehenden Sonne verschwimmende Flucht des Königs der Perser und aller derer, die ihn mit ihrem Glanz umringt hatten. Sieh dort! Dort drüben zwischen den violettfarbenen Vorgebirgen und den durch den Sternenhimmel amethysten verklärten Inseln wimmelte es wieder, aber erhabener, ungeheuer, grauenerregender vielleicht, als es wirklich gewesen war, und ohne die Ironie, die der Wirklichkeit stets anhaftet. Sieh! Dort wimmelte es wieder. Es war Äschylus, als zerfließe etwas von seiner Vaterlandsliebe in diesen ihm unbewußt größeren, allgemein menschlichen Wogen des Mitleidens, die seine Seele, die Seele des Dichterkriegers überwältigten, nach dem Entsetzen, das ihn um der Schuld willen hatte erschauern lassen. Um der Schuld des Xerxes willen, um des Hochmutes ungeheuerlicher Missetat willen, die erbarmungslos und unverdrossen Millionen mitgeschleppt und Dem hingeopfert hatte, was der sich Gott dünkende Mensch zur Verwirklichung seines nicht zu verwirklichenden hochmütigen, unsittlichen Gedankens angestrebt hatte: die Allmacht der Welt in seinen schwachen Händen zu wägen, während die Allmacht der Himmel, darinnen die Allmacht der Welt umherwirbelt wie eine Faser in einem Strudel, mehr wiegt denn alle Menschlichkeit und herabdrückt, was nicht demütig ist. Das seltsame, ungeheure Mitleid jenes Griechen, der an diesem Tage noch gekämpft hatte für sein Land mit allem Mut und mit der ganzen Kraft, die er in sich aufgepeitscht hatte! Das unerklärliche, göttliche Mitleiden jenes athenischen Dichters, der vergaß, daß er Krieger war, das Mitleiden, mit jenem persischen König, den er wie einen Schuldigen, wie einen Missetäter dort drüben auf dem Felsen an seinem Thron sich hatte umwenden sehen inmitten der Seinen, um zu fliehen, dorthin zu fliehen, von wo er so weit hergekommen war, nach Persien, nach einem Lande, von wo er mit Millionen Kriegern, mit unzähligen Völkern, mit unzähligen Königen, mit unzähligen fürstlichen Blutsverwandten gekommen war, hochmütig und siegesgewiß über die überbrückten Meere und durchstochenen Berge! Welch ein unausdenkbares, unaussprechliches Mitleiden durchwühlte dem Äschylus trotzdem das schaffende Hirn, wogte in den ihm rhythmisch über die Lippen fließenden Versen! Welches Mitleiden mit Xerxes, mit dem hochmütigen, gebrochenen, ungeheuren Flüchtling Xerxes, den Äschylus dort drüben in der violetten, nächtlichen Landschaft von See und Felsen entfliehen sah, einherschreiten auf hohem Kothurn, die Arme aus den weiten, in der Verzweiflung zerrissenen Königsgewändern ringen und um seine besiegte Flotte, um seine besiegten Krieger klagen aus der aufgesperrten Höhlung des Maskenmundes heraus, während die Züge der tragischen Maske sich abscheuerregend verzerrten im Schein des violettfarbenen Dunstes der Nacht! Dort, dort drüben, hinter jenem Dunste das unbekannte, geträumte Land, Persien, die fürstliche Stadt, Susa, der volle Ton jener schön klingenden persischen Namen: Ariomardos, Pharandakes, Hystaichmes, Anchares, Xanthis, Arsames, die wie schreiende Klagetöne die Nacht zu zerreißen schienen, während die getreuen Alten in Susa von Xerxes Rechenschaft verlangten darüber, was er mit so vielen jungen, tapferen, herrlich blühenden Brüdern, Schwägern, Neffen gemacht habe. Xerxes schrie dort drüben auf dem weiten Nachttheater zurück, daß sie gefallen, auf der Walstatt geblieben seien, daß ihre Leichen auf dem Meere trieben zwischen Tausenden zerschellter Ruder, daß ihre niemals dem Scheiterhaufen in Ehren überlieferten Leichen zwischen fremden, wilden, feindlichen Felsen angespült würden, und rief den Alten zu: »Weinet, jammert, klaget, schluchzet mit mir! Zerreißet ihr Alten, eure Gewänder! Rauft euch Bart und Haar! Erfahret all unser Unheil! Sie sind dahin, alle tot, tot! Seht! Meinen Köcher bring ich wieder, aber er enthält keinen Pfeil mehr. Der Wehr bin ich beraubt. Meinen Königsmantel zerriß ich. Meine Krone verlor ich. Sterblich waren meine Unsterblichen.« Die treuen Alten stimmten ein: »Persiens Macht ist gebrochen. Unerträglich ist unser Schmerz. Schlagt die Brust! Seufzt und jammert laut! O! Das Leid, das Leid! O! Die Verzweiflung, die Verzweiflung!« »Laßt ertönen das schwermütig-wehe mystische Klagelied!« rief Xerxes' Schatten dort drüben. Und die Alten schrien: »Sollen wir so verzweifelt uns dem Volke zeigen?« »Ja!« schrie Xerxes schmerzlich. »Persien soll Zeuge sein meiner Verzweiflung, unserer Verzweiflung! Wehe! Ich habe meine Schiffe verloren. Wehklaget, ihr einst so glücklichen Perser!« Nach diesem Ausbruch des Schmerzes schien der Dichter, in dem das aufwallende, seine Seele überströmende Mitleiden den Krieger, ja selbst alle vaterländische Empfindung für den Augenblick ausgelöscht hatte, so daß er nur noch der Dichter blieb, die aufsteigende Gestalt einer Mutter zu sehen. Er sah Atossa. Er sah sie, nicht wie sie als orientalische Fürstin auf einem Ruhebett saß mit einer Peitsche in der Hand, um Sklavinnen und Wäscherinnen zu züchtigen, inmitten der schwülen Dünste von dampfenden Früchten und Rosenöl. Er sah sie in gewaltigem Ausmaß, geläutert, durchgeistigt zwischen den amethystfarbenen und durchsichtigen Kulissen der Hügel, hinter denen der Palast von Susa unbestimmt schimmerte. Er sah sie, wie sie durch Fürstlichkeit und Mütterlichkeit göttinnengroß gewachsen war. Er sah sie in tragischem Aufzuge daherkommen, die Hände ringend, erfüllt von Sorgen und unverstandenen Träumen, die sie die weisen Alten zu deuten bat. Endlich sah er, wie sie bei eines Boten verzweiflungsvollem Bericht die mütterlichen Arme emporwarf und ihren Schmerz aus dem schwarzen aufgesperrten Maskenmund hinausschrie um ihres Sohnes, des göttlichen Xerxes, willen, der mit zerrissenem Mantel und leerem Köcher zurückfloh über die durchstochenen Berge und die überbrückten Meere. Während des Dichters Seele vor Grauen und Mitleiden überfloß auf jenem hohen, einsamen Felsen, der bei Salamis emporragte und auf Eleusis Ausblick gewährte, wurden Äschylus' »Perser« in seiner schaffenden Einbildungskraft und in seinem zitternden Gemüt empfangen mit dem heiligen, erschütternden Glücke, das des Dichters Empfängnis ist. XL. In seiner mit Vorhängen dicht verhängten Harmamaxa, deren Viergespann wie rasend dahinjagte, floh Xerxes zurück nach Athen. Er war nur von einer Wache der Unsterblichen umgeben, während das übrige Heer und die Prinzen folgten. Keiner der Perser hatte noch das Wort Flucht ausgesprochen, aber Angst und Schrecken war in aller Augen, in allen Pferdehufen, in jeder wehenden Falte der Kriegermäntel, die hinter den Schultern der Reiter flatterten. Während Xerxes zurückgeworfen in seinem Wagen lag, der über die Straße nach Athen polterte, fragte er sich: Wie war es möglich? Wie war es möglich? War seine Flotte wirklich besiegt worden von diesen plumpen griechischen Schiffen? Er nannte sie schon nicht mehr Schiffchen. In kindlichem Unglauben legte er sich tausendmal die Frage vor, während er unbequem dalag in seiner Waffenrüstung und das schlechtsitzende Diadem in der Hand hielt. Es war in der Tat bereits eine Flucht, aber nicht die prachtvoll tragische Flucht, wie sie der Dichterkrieger in dieser Nacht in seiner schöpferischen Einbildungskraft gesehen hatte. Denn Xerxes zerriß sich nicht seine Gewänder, raufte sich nicht den Bart. Der König der Könige trug um seine Schultern keinen Köcher, den Äschylus in symbolischer Bedeutung von Pfeilen geleert sah. Der König der Könige war zu erhaben, um sein eigener Bogenschütze zu sein. Als man nach Athen zurückgekehrt war in das Haus, das für Xerxes, so gut und so schlecht es ging, in einen persischen Palast umgeschaffen worden war, herrschte unter den Fürsten und Feldherren eine bange Spannung. Was würde beschlossen werden? Plötzlich erschien Xerxes und befahl mit hoher, vor Wut zitternder Stimme: »Befehlet, daß sogleich eine Verbindung hergestellt werde zwischen dem Festland und jenem verruchten Salamis!« Die Fürsten und Feldherren standen wie versteinert, starrten verständnislos mit weitgeöffnetem Munde. »Ich meine,« fuhr Xerxes, rasend, fort, »daß ihr die phönikischen Lastschiffe zu einer Brücke, zu einer Mauer sollt zusammenbinden lassen. Wir werden der Griechen schon Herr werden.« Er ballte die Fäuste und schloß sich in seinem Gemach ein. Er saß und starrte vor sich hin und dachte darüber nach, wie er die Kunde von diesem unheilvollen Tage nach Susa senden solle. An Oheim Artabanos? An Atossa? Er fand keinen Ausweg. Mardonios bat um eine Unterredung. Xerxes hatte nicht den Mut, sie seinem Schwager und höchsten Befehlshaber zu verweigern. Er ließ Mardonios ein. »Was willst du?« fragte Xerxes rauh. Mardonios stand bleich vor dem König der Könige, der noch immer auf seinem Thron vor sich hinstarrte, ratlos und im Stillen rasend. Mardonios, der sich schuldig fühlte an diesem Unglück, an dem ganzen Kriege, den er erzwungen hatte, sprach: »Xerxes! Schwager und Fürst! Sage mir – wir sind allein – willst du in der Tat eine neue Seeschlacht wagen? Oder stellt diese Brücke nach Salamis eine zum mindesten mir erkennbare List dar, um eine allgemeine Flucht vorzubereiten und vor den uns verfolgenden Griechen einen Vorsprung zu gewinnen?« »Ich weiß es nicht«, sagte Xerxes mit wild starrenden Augen. »Ich weiß nichts mehr.« Dann sprach Mardonios voller Rührung. Denn Mardonios hatte eine schöne Seele, obwohl er zum Kriege geraten hatte: »König! Trauert nicht länger um das, was bei Salamis geschehen ist! Betrachtet es nicht länger als unüberwindliches Übel! Der Erfolg dieses Krieges hängt nicht nur von unseren Schiffen ab. Habt Ihr denn nicht Mardonios und Euer ganzes gewaltiges Landheer, Fußvolk und Reiterei? Wurde das jemals übertroffen? Hatte es jemals seinesgleichen? Die Griechen, die vielleicht meinen, sie hätten alles erreicht, werden ihre Schiffe, ihre einzige Macht, nicht verlassen, um uns zu bekämpfen. Die auf dem Lande geblieben sind, taugen nichts. Mein König! Verlasset Euch jetzt auf Mardonios! Wir wollen sogleich den Peloponnes stürmen. Oder zieht Ihr eine Ruhepause vor? Wir wollen deshalb nicht den Mut verlieren. Die Griechen sind erschöpft und sie werden Eure Sklaven sein. Einst werdet Ihr von ihnen Rechenschaft verlangen für die Gegenwart und für die Vergangenheit. Einst werdet Ihr von ihnen Rechenschaft verlangen für Marathon und Salamis. Doch so Ihr es vorzieht, nach Persien zurückzukehren, wie ich vermute, dann höret meinen Rat, König!« Mardonios war tief bewegt. Denn seine schöne Seele war zwar blind dem gegenüber, was die Zukunft bringen sollte, aber doch tief gerührt. Er kniete nieder auf ein Knie vor dem sitzenden, still tobenden, ratlosen Xerxes und sprach: »Duldet es nicht, König, daß wir jenen Griechen zum Spott werden! Die Perser haben Eurer Sache nicht geschadet. Die Perser kämpften wie die Löwen. Unsere feigen Verbündeten sind die Schuldigen. Die Phönikier, die Ägypter, die Kyprier und die Kilikier taten ihre Pflicht nicht. Was sie taten, könnet Ihr uns, könnet Ihr mir, Xerxes, nicht anrechnen. Hört auf mich, Xerxes!« Mardonios wagte es, die Hand seines Schwagers zu ergreifen, und sprach: »So Ihr nicht bleiben wollt, so kehrt zurück mit dem größten Teil Eures Heeres und laßt mich hier mit nur dreihunderttausend Mann! Ich schwöre Euch bei unseren Göttern, daß ich die Griechen unter das Joch Eurer Macht beugen oder sterben werde.« Auch Xerxes war sehr gerührt. Er blickte Mardonios lange an und bewunderte dessen schöne Seele. Xerxes unterlag der schönen Dramatik dieses Augenblicks. Denn Xerxes hatte ekstatische Anwandlungen. Auch das, was der Dichterkrieger über Xerxes zu dichten im Begriff war, würde auf Xerxes tiefen Eindruck gemacht haben. Xerxes würde des Äschylus »Perser« bewundert haben, hätte er die Tragödie, die sein eigenes Schicksal behandelte, jemals hören und sehen können. Überwältigt von seiner Rührung und seiner zärtlichen Anwandlung öffnete Xerxes die Arme. Er tat es mit einer dramatischen Geste. Vielleicht tat er es ganz unbewußt. Aber so wie er es tat, war es gut. Er umarmte den knienden Mardonios, drückte ihn an sich und sprach: »Mardonios! Du bist ein Held und du hast eine schöne Seele.« Dann wurde Mardonios nüchtern-geschäftsmäßig nach der heftigen Rührung und sprach: »Wir wollen mit unseren Brüdern und Neffen und Schwägern beratschlagen, was uns zu tun bleibt.« Xerxes stimmte zu. Die Versammlung wurde anberaumt. Nachdem Xerxes mit den Brüdern, Neffen und Schwägern beratschlagt hatte – er hatte sich schon einige Male ringsum geschaut in dem vollen Raum mit den vielen Feldherren – sagte er: »Wo ist die Königin von Halikarnaß? Warum ist Artemisia nicht hier? Man entbiete die Königin von Halikarnaß zu mir! Sie ist eine Heldin, und ich lege großen Wert darauf, zu hören, was sie mir rät.« Artemisia, die horchend hinter einem Vorhang stand, ein wenig beunruhigt wegen der Trireme der ihr befreundeten Kalyndier und ihres Königs Damasithymos, die sie aus Selbsterhaltungstrieb in den Grund gebohrt hatte, trat sofort ein, während ihr Herz unter ihrem Panzer pochte. Xerxes blieb mit Artemisia allein. Denn er wünschte sie ohne Zeugen zu hören. Die Brüder, Schwäger und Neffen fühlten sich dadurch gekränkt, allein sie zeigten es nicht. Sie gingen. Xerxes wies der Königin einen Sessel an. Sie setzte sich. Er sprach: »Artemisia! Mardonios rät mir, den Peloponnes zu stürmen oder mit meinem Heere nach Persien zurückzukehren und ihn mit dreihunderttausend Mann in Attika zu lassen, um die Griechen unter mein Joch zu zwingen. Du, Artemisia, die sich heute als eine Heldin zeigte ...« Artemisia atmete auf. Xerxes wußte von nichts. »Sage mir, was rätst du mir zu tun?« »König!« rief die triumphierende Frau jubelnd aus. Listig ließ sie ihre freudige Stimme sinken. »Es ist schwer, Euch hierin zu raten. Ich bin aber der Ansicht, daß Ihr gehen, daß Ihr Mardonios hier lassen solltet mit den Truppen, die er auswählt. Er sagt, daß er die Griechen unter Euer Joch zwingen werde ...« Sie erhob sich. Sie schaute sich rasch um, setzte sich auf die Stufen zum Thron des Xerxes und flüsterte zu ihm empor: »So er Erfolg hat, wird es zu Eurer Ehre sein, Xerxes. Hat er keinen Erfolg, so macht es auch nichts aus. Ihr werdet fern sein und in Sicherheit. Ihr mit Eurem ganzen fürstlichen Hause. Solange Xerxes lebt, werden die Griechen zittern, auch wenn ihnen der Zufall heute günstig war. Ihr werdet sie wieder und wieder bekämpfen, und einst werden sie zerschmettert werden. Einst werden sie sich beugen. So Mardonios fällt, ist er nichts anderes als ein Sklave des Xerxes, so wie wir alle, Fürst, Eure Sklaven sind.« Verführerisch hob sie ihr Antlitz zu ihm empor. Sie war sehr schön, und er konnte sich dem fast bildhaft-mythischen Zauber dieser Amazone zu Wasser nicht entziehen. Sie war Heidin und dennoch Weib. Was er an seinem eigenen Hofe nicht geduldet, was er als der Überlieferung der Frauengemächer in Susa widersprechend empfunden hatte, erschien ihm sehr anmutig während des Feldzuges. Diese königliche Kämpferin, die so tat, als ob sie ihn liebe, während er so tat, als ob er sie liebe, das war eine Zerstreuung, das war in diesem Augenblick eine ihm sehr notwendige Verschönerung des Lebens. Diese Semiramis, die sich schmeichlerisch zu seinen Füßen niederließ, der Panzer um ihren Busen, die Schienen an ihren Beinen bezauberten ihn. Sie paßten in schönem Zusammenklang zu der Stimmung dieses Augenblicks. Eine seiner Nebenfrauen, die ihn in großer Zahl begleiteten, würde in langem, schleppendem medischen Frauengewande in diesem Augenblick keinen großen Eindruck auf ihn gemacht haben. »Artemisia!« begann er zärtlich. Sie lehnte sich fragend an sein Knie. Der blauschwarze Bart kitzelte ihre Stirn. Aber eine plötzliche neue Erregung erwachte in Xerxes. Er dachte an seine drei jungen Bastardsöhne, die er sehr lieb hatte und die ihn begleiteten. »Artemisia!« fuhr Xerxes in anderem Tone fort. »Dank für deinen Rat, Dank für die Liebe, die du mir entgegenbringst! Aber der Augenblick ist jetzt nicht dazu angetan, um ... Ich habe zu viel im Kopf. Ich dachte an meine drei Söhne. Ich fürchte für sie. Sie sind noch sehr jung und sind meine ganze Freude. Sie sind vielleicht jetzt in Gefahr. Wer weiß, welche Schwierigkeiten der Rückzug noch mit sich bringen wird? Darf ich sie dir anvertrauen, Artemisia? Sicherlich wirst du mit deinem Schiffe unbemerkt ausfahren und sie nach Ephesos mitnehmen können.« Artemisia jauchzte innerlich. Lieber als eine Schäferstunde mit dem König war ihr dieses Vertrauen. Sie brauchte nichts mehr zu fürchten. Sie willigte sogleich ein. Xerxes befahl der Wache: »Man bringe die Knaben hierher!« Die drei kleinen Bastardprinzen kamen. Es waren drei schöne persische Knäblein: bernsteingelb, schwarzlockig, reich geschmückt. Sie wirkten wie ein Spielzeug des Xerxes mit ihren Amuletts aus Edelsteinen und ihren kleinen Edelsteindolchen. Er umarmte sie sehr zärtlich, als der Eunuche Hermotimos sie hereinführte. Hinter ihnen entstand ein Gedränge, und der wachhabende Offizier neigte sich in der Tür tief zur Erde und rief: »Die königliche Post, König der Könige!« Die Stafette brachte Briefe aus Susa. Es war die prächtig geordnete persische Post. Es war die Stafette, die von der letzten Poststelle dahergetrabt kam und die in aller Eile von ihrem Vorgänger die Briefe für Xerxes und die Brüder, Schwäger und Neffen übernommen hatte. Schnee, Regen, Wärme, Nacht, nichts vermochte die trabende persische Stafette aufzuhalten. Sie warf sich der Länge nach vor des Xerxes Thron nieder und überreichte ihm die Tasche mit beiden Händen. Die Brüder, Schwäger und Neffen traten ein, nachdem man sie verständigt hatte. Die Briefe wurden verteilt. Xerxes empfing einen Brief von Amestris, der Königin; von der Mütterlichkeit: Atossa; vom Oheim Artabanos. Die Briefe waren voll Jubels ob des Falles von Athen. Sie lauteten ungefähr übereinstimmend: »An Xerxes, den König der Könige. Wir jubeln, weil unser Fürst Herr von Athen und weil das hehre Ziel des Krieges erreicht ist. Die Straßen in Susa sind mit Myrtenzweigen bestreut, auf allen Plätzen steigen aus den brennenden Weihrauchbecken die Rauchopfer auf, die Persiens Göttern dargebracht werden. Wir erwarten Euch, Xerxes, im Triumph zurück.« Xerxes hatte zu lesen begonnen. Alle hörten ihm zu blaß und schweigend. Dann plötzlich zerknitterte Xerxes wütend den Papyrus des Oheims Artabanos zu einem Knäuel und schleuderte ihn auf den Boden. Denn es war der Abend von Salamis. »Verbrennt Athen, o König der Könige!« rief dennoch jubelnd Artemisia, während sie ihre Arme um die drei Bastardprinzen, die drei kleinen Knäblein, schlang und wegging. Die Eunuchen folgten ihr. XLI. In jener Nacht zog sich der Rest der persischen Flotte mit Artemisia auf hohen Befehl aus dem Hafen von Phaleron zurück. Die Flotte steuerte in aller Eile ostwärts. Sie erschien in der unbestimmten Nacht mit all ihren entrollten Segeln wie eine über das Meer eilende Menge geflügelter, gespenstischer, ungeheuerlicher Wassertiere mit langen Pfoten, die aus den Wogen auf und ab sich hoben und senkten. Sie war wie eine ungeheure Erscheinung, wie ein im Glanz des aufgehenden Mondes durchsichtig werdendes Abbild eitler Menschenmacht, eitel und machtlos, weil die Götter es nicht gewollt hatten. Sie ruderte, sie segelte nun hinweg, um die Schiffbrücken über den Hellespont gegen einen möglichen Angriff und gegen Vernichtung durch die Griechen zu schützen. Obwohl dies ihr Ziel war, erschien sie doch vielmehr wie ein Zug entfliehender Schatten, die über das Meer sich ausbreiteten, erschien sie viel eher wie eine Flucht von Seegespenstern als eine noch mächtige und streitbare Flotte. Die Stille der Nacht hielt ihre Flucht geheim, und der fahle Mondenschein umhüllte sie mit einem Nebel des Geheimnisvollen, das auch ihr selber Geheimnis war, das sie, die selber ein Spuk war, Gespenster sehen ließ, wenn sie in ihrer Angst die aus dem Mondnebel auftauchenden Vorgebirge, Felsen, Inseln die Form von ihr entgegenfahrenden griechischen Schiffen glaubte annehmen zu sehen; so daß ihre eigenen Schiffe, die den bangen Inselbewohnern, die sie in der Nacht vorübersteuern sahen, wie Gespenster erschienen, hierhin und dorthin entflohen, gleichsam verweht von einem Winde, der nicht wehte, um sich dann, wenn sie zu verschwimmen und am Horizont zu verschwinden dem sicheren Morgen entgegen. An diesem Morgen sahen die Griechen das Landheer jenseits von Salamis lagern. Sie wähnten die persische Flotte noch bei Phaleron. Sie hörten zwar alsbald von der Flucht und verfolgten sie mit ihren Schiffen bis zur Insel Andros, aber die persische Flotte war außer Sehweite. Die Griechen hielten in Andros Rat. »Wir wollen die persische Flotte durch das Ägäische Meer verfolgen«, rief Themistokles aus. »Wir müssen die Schiffbrücke am Hellespont vernichten.« »Hüten wir uns wohl davor!« rief Eurybiades. »Wenn Xerxes nicht abziehen kann mit seinem Millionenheer, so harrt unser das größte Unglück, die Hungersnot, die ohnedies schon droht!« »Wir wollen dem König Gelegenheit geben, zu entfliehen«, riefen die peloponnesischen Flottenbefehlshaber. »Wir wollen später in seinem eigenen Lande gegen ihn kämpfen«, riefen andere. Themistokles hatte in einer genialen Eingebung, in einer Phantasie bereits gesehen, wie der persische König von Asien abgeschlossen ward und in die Macht der Athener geriet, die mit ihm nach ihrem Wohlgefallen verfahren würden. Die Vorstellung hatte etwas Blendendes und Verführerisches. Themistokles lachte nachträglich selber darüber. Allein die athenischen Flottenführer um Themistokles waren darüber entrüstet, daß die Verbündeten die Flucht der persischen Flotte duldeten. Sie machten den Vorschlag, ohne sie nach dem Hellespont zu fahren. Es schien, als gewahre Themistokles noch lächelnd etwas von der Zukunft, die ihn selber verdammen würde. Ungnade in Athen? Warum nicht, angesichts der Grillenhaftigkeit der Glücksgöttin? Verbannung? Eine Zuflucht? Wo? In Persien? Das alles erschien kaum klar umrissen vor seinem geistigen Auge. Dennoch war es die unbewußte geniale Ahnung dessen, was sich ereignen würde. Themistokles sprach, noch immer lächelnd, mit einer müden Bewegung seiner Hand: »Athener! Es wäre nicht das erstemal, daß einem besiegten und ratlosen Feinde auf solche Weise eine neue Aussicht geboten wurde, das erste Mißgeschick wieder auszugleichen. Athener! Laßt uns jetzt nicht, nachdem wir die Horden der Barbaren wider unsere eigene Erwartung verjagt haben, einen fliehenden Feind verfolgen! Wir haben diesen Sieg nicht unserer Kraft zu danken, sondern den schützenden Schatten unserer Helden und dem Gotte der Griechen, gewiß, dem Gotte der Griechen. Unser Gott, unser großer Zeus, hat es nicht geduldet, daß ein Mann, ein Gottloser, ein Wicht, der Göttliches und Menschliches nicht zu unterscheiden weiß, der Götter Tempel verbrenne und ihre Bildnisse stürze, daß er das Meer geißele und es in Fesseln schlage, daß er allein der Sieger über Asien und Europa sei. Athener! Wir haben einen großen Vorteil errungen. Wir wollen uns keinen größeren wünschen. Bleiben wir in Hellas! Widmen wir uns den Unsrigen! Vertrieben ist der Barbar. Wir wollen aufbauen, was vernichtet ist. Laßt uns die Ernte der Zukunft säen und bei Beginn des Lenzes nach dem Hellespont ziehen und in Ionien einfallen!« Die Athener jubelten Themistokles zu. Aber sogleich sandte Themistokles den Pädagogen Sikinnos zu Xerxes mit geheimer Botschaft. Der Pädagoge stieg in ein Boot mit einigen Männern. Sie ruderten ihn an Attikas Küste entlang. Er winkte der persischen Schildwache zu. »Ich bin ein Botschafter, den Athens Flottenbefehlshaber zum König der Meder entsandt hat.« Sikinnos wurde nach Athen geführt vor Xerxes. Sikinnos gewahrte die Erregung in der besiegten Stadt. Xerxes erkannte ihn. Dies war der Mann, der ihm zu Salamis Rat gegeben hatte. Er wurde bleich vor Wut. Allein der Pädagoge sprach: »Medische Majestät! Themistokles, der Sohn des Neokles, der Oberbefehlshaber der athenischen Flotte, sendet mich zu Euch, um Euch zu sagen, daß er Euch nicht ungeneigt ist.« »Themistokles?« fragte Xerxes zweifelnd. »Gewiß, medische Majestät! Und um Euch zu sagen, Ihr und Eure Söhne möget es nimmer vergessen, daß ...« »Was?« Der Pädagoge legte auf jedes Wort einen deklamatorischen Nachdruck: »Daß er zu Eurem Wohle die Griechen, die Verbündeten und die Athener daran gehindert hat, Eure Flotte zu verfolgen und die Schiffbrücke über den Hellespont zu vernichten. Ihr, medische Majestät, könnet unbesorgt in Euer Reich zurückkehren.« Der Pädagoge ruderte zurück. Er fand Themistokles auf seinem Schiffe damit beschäftigt, in seiner Schiffszelle Geld zu zählen. Lächelnd hörte Themistokles das Ergebnis seiner Botschaft an Xerxes. »Warum Ihr mich, Herr,« sprach der Pädagoge, »dieses Mal zu dem Meder sandtet, ist mir ein Rätsel.« »Mir vielleicht auch,« sagte Themistokles unbestimmt. »Warum sucht Ihr nahezu Freundschaft mit dem Meder?« »Sollte mein Tun Verrat sein, Sikinnos?« »Die Götter mögen mich davor behüten, Herr, dies auszusprechen! Durch Euren scheinbaren Verrat hat die athenische Flotte die Schlacht von Salamis gewonnen. Damals aber begriff ich, was ich zu melden hatte. Jetzt begreife ich es nicht. Ich sprach meine Botschaft schlecht wie der zweite Schauspieler in diesem Frühjahr im Theater des Dionysos in einem Trauerspiele von Äschylus, dem Sohne des Euphorion.« Themistokles erhob sich. »Sikinnos!« sagte er. »Ich brauche Geld, viel Geld.« »Ihr hängt zu sehr am Gelde, Herr«, sagte Sikinnos unzufrieden. »Seit Euren Jünglingsjahren habt Ihr viel zu viel Geld ausgegeben.« »Es ist möglich«, antwortete Themistokles lachend. »Ich bin nur ein Mensch mit menschlichen Schwächen. Ich bin kein Leonidas.« »Wie meint Ihr das, Herr?« »Ich bin kein Halbgott und kein Spartaner.« »Ihr seid ein Athener.« »Ja«, sagte Themistokles. »Und ein Mensch, der Geld braucht. Gehe an Land und teile den Behörden in Andros mit, daß sie es nicht unterlassen sollen, Athen Geld zu geben zu Ehren der beiden großen Göttinnen!« »Welcher Göttinnen, Herr?« »Des Schicksals und der Überredung«, erwiderte lächelnd Themistokles. Der Pädagoge ging. Nach einer Stunde kehrte er an Bord zurück. »Nun?« fragte Themistokles. »Die Andrier sagen, Herr, daß Athen, wenn es von so mächtigen Göttinnen beschützt werde, mit Recht groß, reich und mächtig sei. Allein auf ihrer Insel wohne ...« »Wer?« »Die Armut und die Ohnmacht.« »Weigern sie sich?« »Sie fügen sogar hinzu, daß Athens Macht nie mächtiger sein könne, als ihre Ohnmacht ohnmächtig sei.« Themistokles lächelte nicht mehr. Er runzelte die Brauen und sprach: »Sie sind geistreich, aber sie sollen belagert werden. Diese Verräter von Andros! Sikinnos! Geh nach Karystos und Paros! Bitte die Männer dort um Geld! Ich brauche nötig Geld.« XLII. In Athen waren die umfangreichen Vorbereitungen zum Rückzuge im Gange, zum Rückzuge des ganzen ungeheuern Landheeres von Millionen, die auf demselben Wege, den sie gekommen waren, nach Böotien zurückziehen sollten. Denn Mardonios glaubte, es sei besser, wenn er Xerxes eine Strecke begleite und mit den von ihm ausgewählten Truppen überwintere, um im kommenden Frühjahr gegen den Peloponnes zu ziehen. Als Mardonios nach Thessalien zurückgekehrt war, wählte er seine Mannen aus. Er wählte die Unsterblichen. Doch ihr Führer Hydarnes wollte bei Xerxes bleiben. Er wählte die Thoraxophoren, schwerbewaffnetes, gepanzertes Fußvolk und tausend Mann Reiterei: Meder, Saken, Baktrier und auch Inder. Er bildete Kerntruppen aus lauter gut gedrillten Prachtkriegern, die sich viele Ketten und Armbänder verdient hatten, welche schwer über ihre Brustpanzer herabhingen oder ihre sehnigen Arme breit umschlossen. Als Xerxes an diesem letzten Morgen in aller Eile, weil er sich des Albdruckes nicht zu erwehren vermochte, die Schiffbrücke über den Hellespont könne vernichtet werden, und die Verbündeten könnten ihm die Rückkehr nach Asien abschneiden, dieses Heer von dreihunderttausend Prachtkriegern musterte, flammte sein kaum gebrochener Hochmut wieder auf. Es war mit Sicherheit anzunehmen, daß die Verbündeten nicht imstande sein würden, gegen dieses Prachtheer etwas auszurichten, auch wenn zur See Tyche in ihrer Launenhaftigkeit – es war nicht auszudenken – gegen die Perser gewesen war. Nachdem die Musterung beendet war, wurde ein Herold der Lazedämonier vor Xerxes geführt. Wie war es möglich gewesen, daß der Mensch ihn in Thessalien ausfindig machte? Xerxes wunderte sich darüber mit verhaltener Furcht, und der Gedanke, daß vielleicht schon die Schiffbrücken vernichtet seien, verließ sein Hirn nicht mehr, was auch Themistokles, jener Unzuverlässige, ihm hatte melden lassen. Der Herold war von Sparta gesandt worden auf Grund eines delphischen Orakels, das befohlen hatte, man solle Xerxes für den Tod des Leonidas zur Rechenschaft ziehen und die Antwort, die der König geben werde, als Vorzeichen auffassen. Xerxes saß stolz zu Pferde. Sein Diadem schloß jetzt eng um die Schläfen. So empfing er den Herold. Der sprach: »Basileus der Meder! Die Lazedämonier und die Herakliden von Sparta ziehen Euch zur Rechenschaft für den Tod des Leonidas.« Xerxes begann laut und höhnisch zu lachen. »Ist das alles?« fragte er hochmütig. »Senden die Spartaner nur deshalb einen Herold, um von mir so nutzlose Rechenschaft zu verlangen?« In diesem Augenblick kam Mardonios geritten, eine glänzende Erscheinung inmitten seines glänzenden Stabes. Xerxes deutete mit seiner wiedergewonnenen schwungvollen Geste auf Mardonios. Die Kerntruppen leuchteten weithin über die Ebene. »Sieh hier, Herold, den Helden, der deinen Landsleuten Rechenschaft ablegen soll!« Der Herold schaute Mardonios starr an. Er ließ einen langen Blick über das Heer schweifen. Dann sprach er: »Euer Wort, Xerxes, nehme ich als Vorzeichen, so wie es das Orakel gebot.« Xerxes zuckte die Achseln. Der Herold ging. Doch der Alb lastete weiter auf dem König der Könige. Er nahm Abschied von Mardonios. Eine schöne Seele ist dieser Mardonios doch, dachte Xerxes häufig während seines Rückzuges, eines Rückzuges, der mit jedem Tage entsetzlicher wurde, eines Rückzuges, der einer dauernden Niederlage gleichkam, obwohl kein Blut vergossen wurde, einer Niederlage durch Hunger, Pest und Darmkrankheit. Auf den Wegen und in den Feldern blieben die Krieger erschöpft zurück. Sie nährten sich von etwas Saat, die sie fanden, von dem Gras der Weiden, von der Rinde und den Blättern wilder und gezüchteter Bäume. Vieh gab es nirgends mehr. Es war bereits von denselben Horden verschlungen, als sie in Griechenland einfielen. In allen Städten, die Xerxes durchzog, wo neben Hunger und Krankheiten die Armut herrschte, ließ er Tausende von Kriegern zurück, säte er sie hinter sich. Ganze Völker ließ er zurück, die Völker, die sein Heer anfangs mitgeschleppt hatte in schwellender, immer mehr schwellender Flut. »Ernährt meine Krieger und sorgt für sie!« befahl Xerxes den Behörden überall in den Städten. Es war ein vergebliches Wort, ein unausführbarer Befehl. Da war nichts. Da war nichts als Regen. Da war zwar Wasser in den Flüssen, in dem die Pestleidenden und die an Durchfall Erkrankten ihren Durst löschen konnten, aber das Wasser war vergiftet. Im Regen lagen die Sterbenden mit den Leichen wie hingestreut am Wege. Xerxes zog weiter und hielt die Augen ins Leere gerichtet. In der Regel ließ er sich in einer dichtverschlossenen Harmamaxa fahren im schnellsten Trabe gepeitschter Pferde, denen die Knie knickten. Als er in Makedonien anlangte, bat er um den heiligen Wagen des Zeus, des Gottes der Perser. Allein er fand den Wagen nicht mehr. Die Paionier hatten ihn den Thrakern in Verwahrung gegeben. Als er ihn von den Thrakern verlangte, antworteten sie Xerxes, die heiligen nisäischen Pferde seien gestohlen worden von den Räubern aus dem oberen Thrakien, die an den unerreichbaren Quellen des Strymon wohnten und die von ihren hohen Felsen herab Xerxes ausgelacht hatten im Frühjahr, als er gekommen war. Bei Eïon am Strymon ging Xerxes an Bord eines phönikischen Schiffes. Fünfundvierzig Tage dauerte der Rückzug des Heeres. Eine Auflösung war es, die mit jedem Tage entsetzlicher ward. Da lag endlich der Hellespont, und aufatmend gewahrte Hydarnes, der das Heer zurückführte, die Schiffbrücke. Wie sehr sie auch heimgesucht war von Sturm und unbezähmbaren Wellen, schien sie ihm doch wie eine leise Aussicht auf Rettung über der See zu schwanken. XLIII. An Bord des phönikischen Schiffes dachte Xerxes an tausenderlei Dinge. Er war blaß, seine Augen waren matt und hohl, und dem blauschwarzen Bart gönnte er nicht die Pflege des Bartscherers. Kaum hatte er während dieses Monats voller Elend die Kleidung unter seiner Waffenrüstung gewechselt, und er dachte, während er wesenlos und zerschmettert hinter einem Vorhang lag und der phönikischen Ruderer eintönige Rudermelodie ihm wie ein endloser Klagegesang voll Trostlosigkeit entgegentönte, an Mardonios, der mit den Prachtkriegern zurückgeblieben war. Er mußte sich die letzte Heerschau sehr scharf vor das geistige Auge zurückführen, um seinen müden Mut wieder anzufachen. Das Unglaubliche schien geschehen und schien noch einmal geschehen zu können. Er dachte an Mardonios, der hinter ihm zurückgeblieben war, er dachte an Oheim Artabanos, der seiner wartete, an das alte Weib, das immer gegen den Krieg gewesen war. War dies das Ende? Das konnte das Ende nicht sein. Mardonios würde siegen. Doch so nach Susa zurückkehren? Er wolle doch einen Siegeszug abhalten, meinte er; das mache besseren Eindruck. Viele Briefe hatte er nicht geschickt an den Oheim und an die Frauen. Es war ihm nicht möglich gewesen, sie abzufassen, nicht möglich gewesen, die schönen Redensarten auszudenken, die mit der allerschönsten endeten: der Gott der Perser wird weiter helfen. Der Prunkwagen gestohlen! Die nisäischen Rosse gestohlen! Immerfort dieser ewige Wind in diesen den Persern sicherlich allzeit feindlichen Gewässern des Ägäischen Meeres! Wie er wieder blies! Graue Wolken umdüsterten den Himmel, und das Schiff schlingerte nach links und nach rechts. Die Rudermelodie der Ruderer ächzte, ihre Ruder durchschnitten ächzend die Wogen. Die Segel wurden gerefft. Die Trireme krachte, gleich als berste jedes Brett ihrer Bordwände. Xerxes riß sich gewaltsam von seinem Lager empor. Mit einem Ruck öffnete er die Vorhänge. Er sah den Sturm. Der unerbittliche Herbst zerrte wie mit gierigen Klauen am Takelwerk. Auf Deck klammerten sich eine Anzahl von Offizieren, darunter auch einige Neffen des Xerxes, aneinander fest. Der Steuermann riß und riß am Ruder in stiller Raserei. »Steuermann!« rief Xerxes. »Bedeutet dies Gefahr?« »Ja, Basileus.« »Es besteht doch aber alle Hoffnung, uns zu retten, Steuermann?« fragte Xerxes böse. »Nicht die leiseste Hoffnung, Despotes, wenn dieses überlastete Schiff nicht erleichtert wird.« »Überlastet? Ich ließ fast mein ganzes Gepäck zurück.« »Überlastet mit Männern, Basileus.« Der Sturm, der Herbst rasten in Wut wie Rachegötter über die links und rechts in die Wellen hinabschlagende Trireme, die nicht weiter konnte. Vergeblich keuchten die Ruder durch die über das Deck stürzenden Wogen. »So befehle ich,« rief Xerxes, »daß sich die phönikischen Ruderer ins Meer werfen.« »Wer soll dann rudern, Herr? Eure Perser rudern nicht wie die Phönikier. Werfen sich die phönikischen Ruderer ins Meer, dann gehen wir sicher unter.« »Perser!« rief Xerxes jetzt. »Gekommen ist der Augenblick, eure Liebe zu eurem König zu beweisen. Von euch hängt sein Leben ab.« Ein Zaudern entsteht unter den dicht aneinander geklammerten Persern. Die Vornehmen drängen die Geringeren vor. Sie werfen sich dem Xerxes zu Füßen wie in Anbetung. Dann richten sie sich auf und springen in die See. Nachdem die Geringeren gesprungen sind, springen die Vornehmeren. Links und rechts springen sie von dem schwankenden Schiffe. Die hohen Sturzwellen werfen viele der Opfer zurück über Deck. Die Füße derer, welche um den König bleiben, stoßen sie von neuem in das Wasser. Die Rudermelodie der Ruderer ächzt weiter wie ein Klagelied. Die erleichterte Trireme bäumt sich auf den wütenden Wellen. Am nächsten Morgen legt sich der Sturm. Die Küste graut in dem noch heftigen Winde. Das ist die äolische Küste, das ist Asien, das ist die Rettung für das kostbare Königsleben. Xerxes geht an Land. Dem Steuermann schenkt er einen goldenen Kranz, eine hohe Auszeichnung, weil er des Königs Leben gerettet hat. Dann läßt er ihm den Kopf abhauen, weil der nämliche Steuermann den Tod von hundert Persern verursacht hat. Das ist keine Grausamkeit. In der königlichen Rechtsprechung liegt folgerichtiges Denken. XLIV. Nach einem kurzen Aufenthalt in Sardes kehrte Xerxes nach Susa zurück. Er kehrte dorthin nicht zurück, wie der Dichterkrieger von Salamis, wie der von den Musen umschwebte Äschylus es sich vorgestellt hatte in jener Nacht der Salamisschlacht auf dem violettfarbenen Felsen angesichts des amethystfarbenen Meeres. Er kehrte dorthin nicht zurück mit dem eindrucksvollen Symbol zerrissener Gewänder und leerer Köcher. Auch kehrte er nicht allein dorthin zurück wie der Protagonist in der Tragödie. Er kehrte zurück inmitten seiner vielen Neffen, Schwäger, Brüder, von denen nicht alle gefallen waren. Er kehrte nicht zurück mit den Unsterblichen, die um Mardonios geblieben waren, sondern an seiner Seite ritt Hydarnes, und ein ansehnliches Heer von Persern und Medern folgte dem dröhnenden Hufschlag des Königs der Könige und seines stets glänzenden Stabes. Xerxes saß hochmütig hoch zu Roß und peitschte sich zu stets höherem Hochmut auf. Die Menge in den Straßen verharrte schweigend. Übrigens hatte Xerxes den Takt besessen, diesen Einzug nicht zu einem prahlerischen Triumph zu gestalten. Der Weg von dem großen Stadttore zu dem nächstgelegenen Tore des Palastes, der selber eine Stadt bildete, war kurz. Das Heer zerstreute sich sogleich in das Winterlager und in die Kasernen. Ein kalter Wind blies und führte verirrte Schneeflocken mit sich vom Norden, vom Hyrkanischen Meer. Im Palast schloß Xerxes sich alsbald ein. Er blieb einsilbig und hochmütig gegen Oheim Artabanos, weil der recht gehabt hatte, als er vom Kriege gegen Griechenland abriet. Seine Mutter Atossa empfing er ehrerbietig, so wie es die Hofsitte einer so hochehrwürdigen Frau gegenüber erforderte. Dann aber sagte er, er sei müde. Da seine Gewänder nicht zerrissen waren, wie Äschylus es sich in seiner Tragödie ausgemalt hatte, brauchte Atossa auch nicht neue Gewänder für ihren Sohn bereit zu halten, wie der Dichter es sie hatte tun lassen in seiner Tragödie. Wohl aber empfing Xerxes auf einen Augenblick seine Gemahlin Amestris, die ihm einen Mantel brachte. »Mein Herr und Gemahl!« sprach Amestris, indem sie auf die vier Sklavinnen deutete, die auf ihren Armen einen vielfarbigen, von goldenem Glanz völlig überzogenen Mantel trugen. »Sieh! Diesen Mantel haben meine Hände dir gewirkt in der Einsamkeit der Frauengemächer.« Amestris hatte sich stets im Kreise der Königin-Witwen des Dareios und der anderen Prinzessinnen aufgehalten. Unterhaltung hatte es übergenug gegeben. »In der Einsamkeit der Frauengemächer«, sagte Amestris mit weinerlichem Nachdruck. »Mein Herr und Gemahl! Darf ich hoffen, daß mein Werk Euch behagen und daß dieser Mantel Euch von den königlichen Schultern wallen wird?« »Es ist gut, es ist gut. Ich danke dir, Amestris«, sagte Xerxes entnervt und wehrte die Sklavinnen ab, die mit dem breitgeöffneten Mantel sich ihm näherten. Die Sklavinnen wichen zurück und breiteten den Mantel über einen Sessel aus. Amestris war zornig und gekränkt. Xerxes blieb allein. Der Palast war still. Aus den Gärten erklang kein Laut. Die Stadt um den Palast war still. Dies alles war so groß, so weit, so fern von Griechenland und so fern von Salamis, daß kaum etwas geschehen zu sein schien. Xerxes, der im Gemach auf und ab ging oder sich auf ein Ruhelager warf, dachte: Was ist denn eigentlich geschehen? Es schien nichts geschehen zu sein. Es schien alles ein Traum gewesen zu sein: der durchstochene Athos, der überbrückte Hellespont, der Durchzug des täglich anschwellenden Heeres, bis es zu einem Strome von Millionen geworden, die Thermopylen und das Diadem, das ihm der närrische König von Sparta abgerissen, die Einnahme von Athen und das Entsetzliche, Unbegreifliche, Unausdenkbare, die Seeschlacht von Salamis. War das alles geschehen? Es erschien wie ein Traum. Hierher war er zurückgekehrt, und alles war wie zuvor. Das persische Reich, das ungeheure, ungemessene, so wie alles um ihn her unermeßlich war, Susa, seine Hauptstadt, nichts war verändert. Doch! Drei seiner Brüder waren gestorben: Hyperanthes, Abrokomas, Ariabignes. Es starben häufig Blutsverwandte in seiner Umgebung, wenngleich in der Regel in höherem Alter als diese beiden tapferen Feldherren und der Flottenführer. Ein Traum? Nein. Es war kein Traum. Es war Wahrheit. Denn Mardonios weilte in Thessalien, und die Unsterblichen waren um ihn. Dann wurde Xerxes, während er bequem in den Kissen hingestreckt lag, schwermütig. Es war kein Traum. Es war bittere Wirklichkeit. Persiens Gott hatte ihm nicht geholfen. Es war recht peinlich, daß der heilige Wagen und die nisäischen Rosse gestohlen waren. Aber dennoch ... Aus diesem Grunde würde Zeus nicht so sehr gezürnt haben. Daß Persien – er gestand es sich flüchtig ein – nicht alles das erlangte, was es erstrebt hatte? Unglaublich jener Tag von Salamis! Mit eigenen Augen hatte er es gesehen. Unglaublich, unglaublich! Er hatte doch nicht etwas erstrebt, was unmöglich war für einen König der Könige! Nur die Weltmacht. Was war dagegen einzuwenden, daß Persien die Welt, Asien und Europa, beherrschte? Nichts war dagegen einzuwenden. Persien war das am glänzendsten geordnete Reich, das jemals bestanden hatte. Die ägyptische Kultur von einst wog nicht auf gegen Persiens innere Gliederung. Auch die assyrische und babylonische Kultur nicht. Persien war die menschliche Allmacht zugedacht, ihm, Xerxes. Kyros und der unvergeßliche Vater Dareios hatten ihm den Weg geebnet. An ihm war es jetzt, zuzugreifen. Er hatte verkehrt gegriffen. Es war völlig mißglückt. Xerxes erhob sich. In seinem Gemache war es kalt. Aus den geöffneten Fenstern sah man in einen offenen Säulengang. Der Anblick der zerzausten Gärten war trostlos. Die Palmbäume bogen sich mit ihren langen Stämmen, und die wenigen verirrten Schneeflocken machten einen schauerlichen Eindruck hier in diesem orientalischen Süden, in diesem weiten Königsgemach, das von außen nur mit Vorhängen abgeschlossen werden konnte. Xerxes erschauerte. Da fiel sein zielloser, fast irr umherschweifender Blick auf den Mantel, das Geschenk der Amestris. Er lag da über den Sessel gebreitet. Er war sehr schön, aus scharlachrotem Purpur, mit einem breiten Rande von schwärzlichem Blau. Der goldene Glanz war durch den ganzen Stoff gewebt. Es sei ein prächtiger Mantel, meinte Xerxes. Er nahm den Mantel und legte ihn sich mit einem Schwung um. Es war ein langer, modischer, leicht schleppender Mantel mit weiten Ärmeln, ein Mantel, wie ihn sowohl Frauen als Männer bei feierlichen Gelegenheiten trugen. Xerxes fand, als er sich in der geglätteten, goldenen Spiegelwand sah, daß der Mantel ihn gut kleide. Er hüllte sich in den Mantel, ordnete die Falten, betrachtete sich behaglich in dem spiegelnden Glanz, strich sich zufrieden über den blauschwarzen Bart. Er war noch jung, und während er sich so im Spiegel betrachtete, begann er sich wie ein Hahn zu fühlen. In der letzten Zeit nach Salamis, während des Rückzuges, dieses abscheulichen Rückzuges, hatte er sich kaum die Zeit gegönnt, seinen Gürtel zu lockern. Jetzt empfand er das Bedürfnis, ein Hahn zu sein. Mardonios werde drüben in Griechenland den Krieg zur Zufriedenheit beenden. Xerxes fühlte sich hier wie ein Hahn. Doch wer sollte ihm Genüge tun? Die Nebenfrauen? Nein. Amestris? Nein. Es würde den Anschein haben, als wolle er sich für den Mantel besonders bedanken. Er wünschte sich etwas Liebes, etwas Junges, etwas Zärtliches. Er wußte nicht, wen oder was. Der König der Könige fühlte sich in seinem prächtigen Mantel sehr unglücklich, wiewohl er es sich nicht eingestand. Er hatte seine schwermütige Anwandlung. Die stellte sich häufig ein unmittelbar nach einem Anfall von Hochmut und selbstzufriedenem Dünkel. Er konnte die Einsamkeit nicht länger ertragen. Er schlug auf den großen Gong, der wie eine Sonne zwischen zwei bronzenen Pfeilern hing. »Rufe die Knaben her!« befahl Xerxes. Der Eunuche Hermotimos führte die drei Kleinen herein. Xerxes hatte sie sehr lieb. Er liebkoste sie. Sie waren seine drei Lieblingssöhne. Er gab ihnen Geschenke aus Edelsteinen, ließ sie naschen und bewunderte sie. Sie waren zu ihm wie kleine Kätzchen. So mußten sie sein. Sie erzählten ihm von ihrer Rückkehr mit Artemisia, die sie nach Ephesos gebracht hatte. Von dort hatte Hermotimos sie nach Susa gebracht. »Sieh nur!« sagte plötzlich das älteste der drei Knäblein. »Da geht Artaynte.« »Wer ist Artaynte« fragte Xerxes und blickte hinaus. »Die Tochter unseres Oheims Masistes«, sagte das zweite Knäblein. »Und unserer Muhme Artaxixa«, fügte mit einem sehr hohen Stimmchen das dritte hinzu. Xerxes sah, als er hinausschaute, eine junge Prinzessin, die Tochter seines Bruders Masistes, durch den Garten wandeln. Sie war sehr schön, sehr jung. Sie lachte bezaubernd inmitten ihrer Frauen, während sie alle sich zum Schutz gegen Wind und treibende Schneeflocken dichter in ihre faltenreichen Mäntel hüllten. Eunuchen folgten. »Artaynte?« fragte Xerxes den Eunuchen Hermotimos, der in dem Portikus wartete, bis der König von seinen Söhnchen genug haben würde. »Ja, Basileus. Sie kehrt gewiß in das Frauengemach zurück, nachdem sie ihren Vater bewillkommnet hat.« Xerxes kannte sie kaum, erkannte sie nicht wieder. Er fand diese kleine Nichte bezaubernd jung, schön und jungfräulich. Er flüsterte dem Hermotimos zwei Worte zu. »Ja, Basileus«, antwortete der Eunuche und neigte sich zur Erde. »Nimm die Knaben mit!« befahl Xerxes. XLV. Zwei Wochen später stand Artaynte, das schöne Mädchen, vor Xerxes, der saß. Sie war sehr stolz auf die Liebe ihres Oheims, des Königs. »Artaynte!« sprach Xerxes. »Sage mir, was du haben willst! Ein kostbares Geschenk werde ich dir geben.« Artaynte wußte schon längst, was sie sich wünschen wollte. »Werdet Ihr mir gewähren, was ich Euch nenne, mein Fürst und Oheim?« fragte Artaynte lächelnd im vollen Bewußtsein ihrer Reize. »Ich schwöre es beim höchsten Gott der Perser«, sagte Xerxes. Dies war der leichtfertige Eid, den persische Könige hin und wieder schweren und von dem sie sich schwerlich befreien konnten, wenn der Eid Schwierigkeiten mit sich brachte. Artaynte dachte, während ihre Händchen noch in den Händen des Xerxes lagen, wie eine echte persische Prinzessin, die im Frauengemache zwischen vielen Ränken aufgewachsen war, an ihre Zukunft. Um sie her waren so viel junge Basen, daß sie um diese Zukunft wohl hin und wieder besorgt war, ebenso wie ihre Mutter Artaxixa, die sich in der Zubereitung von Früchten besonders hervortat. »Dann will ich, Fürst und König,« sagte Artaynte mit bezaubernder Gefallsucht, »die Frau Eures Sohnes Dareios werden. Dann will ich Eure Schwiegertochter werden, Xerxes, und Thronfolgerin von Persien.« Xerxes runzelte die Brauen. Er war enttäuscht, daß Artaynte in diesem Augenblick der Belohnung, der auf Wochen williger Hingabe folgte, zuerst daran dachte, die Frau seines Sohnes zu werden. »Dareios ist noch sehr jung,« sagte Xerxes, »und ist eigentlich dazu bestimmt, als erste Frau ich weiß nicht welche von deinen Bäschen zu nehmen, Artaynte.« »Ich weiß es wohl«, sagte Artaynte schelmisch. »Aber ich will des Dareios erste Frau werden. Ich will späterhin Königin werden.« »Das ist nicht möglich, Artaynte.« »Das ist doch möglich!« bestand Artaynte eigensinnig. »Ich will des Dareios erste Frau werden.« »Vielleicht kann er dich als zweite Frau nehmen.« »Nein, nein!« bestand Artaynte eigensinnig. » Ich will Königin werden.« »Du kannst Artaxerxes heiraten, Artaynte.« Xerxes versuchte sie zu beschwichtigen. »Ich will nicht«, bestand Artaynte eigensinnig. »Artaxerxes ist noch ein Kind. Dareios ist mit mir nur um ein paar Jahre auseinander. Ich will meinen Vetter Dareios heiraten und Königin von Persien werden. Oheim und Fürst, Ihr habt geschworen, in mein Verlangen einzuwilligen.« »Eigentlich ist es nicht zu unbescheiden«, mußte Xerxes zugeben. »Gut, Artaynte! So werden wir dafür sorgen, daß du die erste Frau des Dareios wirst.« »Und daß ich später Königin von Persien werde.« »Später, ja später, Artaynte.« »Dann wünsche ich noch etwas«, sagte Artaynte, die erst jetzt ihren Hauptwunsch nannte. »Was noch, Artaynte?« fragte Xerxes ein wenig ängstlich. Zärtlich und gefallsüchtig befreite Artaynte ihre Händchen aus der Hand des Xerxes. Sie wich zurück, gleich als bereite sie sich zu einem Tanz vor. Aber sie tanzte nicht. Zurückweichend erreichte sie den Sessel, auf dem der prächtige Mantel ausgebreitet lag, der Mantel, den Amestris für Xerxes gewirkt hatte. Dann sprach Artaynte, während sie ihr Händchen nach dem Mantel ausstreckte: »Ich möchte diesen Mantel besitzen.« Xerxes erschrak heftig. Artaynte hatte sich bereits in den medischen Mantel gehüllt. Der scharlachrote Purpur mit dem schwarzblauen Rande, der ganz durchtränkt war von goldenem Glanz, kleidete sie, als sei sie bereits Königin von Persien. Erregt hatte sich Xerxes erhoben. »Das ist nicht möglich, Artaynte!« rief Xerxes ärgerlich. »Doch!« bestand Artaynte eigensinnig und hüllte sich fester in den Mantel. Sie betrachtete sich in der glänzenden Spiegelwand, so wie Xerxes selber sich darin betrachtet hatte. Sie drehte und drehte sich. »Es ist wirklich nicht möglich, Artaynte!« rief Xerxes rot vor Zorn. »Den Mantel hat Amestris während des Krieges für mich gewirkt. Ich kann dir den Mantel nicht abtreten.« »Ich will diesen Mantel!« bestand Artaynte eigensinnig, während sie sich betrachtete. »Ich habe gesehen, wie Muhme Amestris ihn wirkte. Ich weiß alles. Er ist nicht sehr schön gewirkt. Es sind Fehler darin. Seht nur! Hier am Rande. Aber ich will ihn trotzdem besitzen. Ich gebe den Mantel nicht zurück, Oheim Xerxes. Ich behalte den Mantel. Er gehört jetzt mir.« »Wirklich, Artaynte?« »Ihr habt mir geschworen, mir zu gewähren, was ich erbitten würde.« »Ja! Aber du erbittest ...« »Ich erbitte nicht viel. Ich bitte nur darum, die erste Frau des Dareios zu werden und später Königin von Persien. Außerdem bitte ich nur um diesen Mantel. Er ist nicht einmal sehr schön gewirkt.« Xerxes ballte verzweifelt die Fäuste, versuchte sich zu beherrschen, wollte sie überreden. »Artaynte!« sagte er leise und freundlich, aber zugleich hochmütig und fürstlich, so wie ein fürstlicher Geliebter seiner neuen jungen Lieblingsfrau gegenüber hochmütig und zugleich freundlich sein muß. »Artaynte! Es ist nicht möglich. In der Tat, mein liebes Kind! Es ist nicht möglich. Bitte mich um etwas anderes!« »Ich will nicht.« »Bitte mich um einige Städte!« »Ich will keine Städte«, sagte Artaynte. »Ich will den Mantel.« »Bitte mich um Gold, um Gold, soviel du willst!« »Aber ich will kein Gold. Ich habe Gold genug, und wenn ich Königin von Persien bin, wird alles Gold der Welt mein sein.« »So bitte mich um eine Armee, Artaynte! Artaynte! Eine Armee ist das größte Geschenk, das der persische König verleihen kann, eine Armee, die du selber befehligen darfst.« »Ich will keine Armee befehligen«, sagte Artaynte. »Ich will diesen Mantel haben. Ihr habt mir den Mantel versprochen, Oheim Xerxes. Ihr müßt mir den Mantel geben. Sonst brecht Ihr Euer königliches Wort, und ich erzähle alles dem Vater. Ich erzähle Masistes, daß Xerxes sein königliches Wort brach.« Plötzlich hatte sie sich in den Mantel gehüllt und stand da hoch aufgerichtet wie eine kleine Furie. Sie reizte ihn. Die persischen Prinzessinnen waren Sklavinnen ihrer Väter, Brüder, Onkel, Neffen. Aber wenn sie es wollten, machten sie diese zu Sklaven. »So sorge wenigstens dafür, daß Amestris es nicht sieht, wenn du ihn trägst!« sagte Xerxes, während Artaynte lachend hinwegschlich in dem Gewande, das sie schwer und königlich umkleidete. In den ersten Tagen trug sie den Mantel nur vor ihrem eigenen Spiegel und bewunderte sich darin in den verschiedenen Haltungen der künftigen Königin von Persien. Ihre Sklavinnen bewunderten sie. Dann wurde sie dreister, weil der Mantel ihr gar gut stand. Sie wagte sich damit außerhalb der Portiken. Ihre Mutter Artaxixa warnte sie. Die Königinwitwen Phaidyme und Parmys sahen, wie sie prahlend darin im Palmenwald der Gärten wandelte. Die geflüsterten Schwätzereien gingen jetzt im Frauengemach von der einen zur anderen unter den vielen Prinzessinnen, Nebenfrauen, Sklavinnen: Artaynte war die Lieblingsfrau des Basileus und trug den Mantel, den Amestris während des Krieges für Xerxes gewirkt hatte. Nicht alle wollten es glauben. Die Frauen kamen und blickten verstohlen hinter den Säulen hervor. Endlich sah sie auch Amestris. Amestris raste. Sie kratzte sich vor Wut und schlug ihre Frauen mit Peitschen. Im Frauenhofe herrschte eine heftige Erregung, die die Trauer um die gefallenen Brüder, Schwäger, Neffen, auch Gatten beinahe vergessen ließ, die den Schmerz über den verhängnisvollen Krieg in den Hintergrund drängte. Der Krieg hatte sich in weiter Entfernung abgespielt, mitten in Europa. Der Mantel aber hier in Asien, in Susa, das Aufkommen der neuen Lieblingsfrau Artaynte, das alles war viel reizvoller und anregender als der Krieg in Europa, als die Ionier und als Athen. Über den Mantel flüsterten alle Frauenlippen, während jeder sah, daß Amestris wütete und daß sie sich selbst die Wangen wund gekratzt hatte. Es herrschte große Neugierde, was wohl Amestris tun werde. Es schien, als werde sie nichts tun, bis der Geburtstag des Xerxes kam. An diesem Tage wurde ein großes Fest gefeiert in der Stadt und in dem Palast. Es ist die Tykta, wie die Perser sagen, oder das Vollkommene Fest. Viele Tage vorher sind die Köche in den Küchen damit beschäftigt, ungeheure Aufläufe von Fleisch und süße Fruchtkuchen zuzubereiten. Die Bäcker backen Tausende von Brötchen in geweihten und symbolischen Formen. Die Zuckerbäcker backen ihr Zuckerwerk in den nämlichen Formen. Die süßen Palmweine werden gewürzt und mit Myrikehonig gemischt. An dem Tage selbst vollzieht sich, wenn den Göttern Opfer dargebracht sind, zwischen Tanz, Spiel und Gesang die Weihe des königlichen Hauptes. Priester salben dem König die Stirn, den Scheitel, die Schläfen. Die wohlriechenden Öle tropfen ihm aus dem blauschwarzen Haar herab, an dem blauschwarzen Bart entlang. Durch den ganzen Palast duften die schwülen Öle. Xerxes hatte für diesen Tag den Mantel von Artaynte zurückerbeten. Er saß in den Mantel gehüllt, während der Priester ihn salbte. Dann speiste er allein auf einem erhöhten Sitz. Bedient wurde er von seinen nächsten Blutsverwandten. Ein einziger Glanz von Gold alles Gerät, woraus er aß und trank auf dem golddurchwebten Tischtuch mit den goldenen Fransen, die über die Stufen herabhingen. Der gesamte Hofstaat schaute den König, und das Volk schaute ihn von ferne. Es drängte sich hinter den Marmorgittern, um von all dem Glitzern und von der Heiligkeit des fürstlichen Mahles einen Schimmer zu erhaschen. Zuerst speiste und trank der König feierlich. Jede seiner Gebärden dabei war eine schwungvolle Zeremonie, die Xerxes mit Anmut und königlichem Selbstbewußtsein vollbrachte. Dann näherte sich der Augenblick, da er allen den Seinen, dem ganzen Hofe und dem Volke, Geschenke überreichen und jedem eine Bitte gewähren sollte. Wohl war es für den Bittenden gefährlich, unbescheiden zu sein. Das Gesetz des königlichen Hauses bestimmte aber, daß der König nichts abschlagen durfte. Weil Atossa ihres hohen Alters wegen der Feierlichkeit nicht beiwohnte, trat die Königin als erste vor. Der König erhob sich voller Anmut in dem Bewußtsein, daß aller Augen auf ihm ruhten, und fragte Amestris, was sie verlange. »Hoher Despot!« sagte Amestris. »Eure Sklavin erbittet von Euch den Mantel zurück.« Xerxes erschrak. Allein ein Weigern gab es nicht. Hofbeamte nahmen Xerxes den Mantel ab und näherten sich mit ihm Amestris. Während sie Amestris das schwere Gewand um die Schultern legten, fügte Amestris hinzu: »Und Artaynte.« Jetzt erblaßte Xerxes. Er zitterte und raste innerlich zu gleicher Zeit. Was der Königin auch späterhin widerfahren mochte wegen ihrer Unbescheidenheit, verweigern durfte er nichts. Inmitten der Prinzessinnen stieß Artaynte einen Schrei des Entsetzens aus. Aber ein Weigern gab es nicht. Sie wurde der Königin zugeführt, und diese entfernte sich, indem sie befahl, daß man Artaynte hinter ihr herführen solle. Es war empörend, aber Amestris hatte sich gerächt. Das Volk, das in weiter Entfernung stand, begriff nicht, blickte mit weitgeöffnetem Munde auf all den glänzenden Prunk. Inmitten der Schwäger, Brüder, Neffen, inmitten all der Prinzessinnen und Frauen, inmitten all der Tausende des Hofes erhob sich ein Stimmengewirr. Die Beteiligten vergaßen, um Gunstbeweise und Geschenke zu bitten. »Was will Amestris mit meiner Tochter, Fürst und Bruder?« fragte Masistes, der Vater der Artaynte. Xerxes, ohne Mantel, doch noch immer würdevoll, sagte etwas. Es war nicht verständlich. Es entstand eine allgemeine Verwirrung. In den Säulengängen klatschten wütende Peitschen. Ein kleiner Bäcker, der auf Schilfplatten Gebäck und Zuckerwerk trug, wurde umgerannt. Es sei etwas Unerhörtes, meinten die Königinwitwen und Artozostra, die Gemahlin des Mardonios. Die Portiken waren erfüllt von Frauen und von leisem Stimmenrauschen. Es gab leidenschaftliche Erläuterungen, und die Neugierde, was Amestris Artaynte antun werde, war groß. Man mißbilligte es, daß die Königin einen Feiertag wie den Tag des Vollkommenen Festes verdarb, indem sie einen derartigen Aufruhr heraufbeschwor. Denn eine Ungeheuerlichkeit war es in gerade dem Augenblick, da so viel köstliches Gebäck und Zuckerwerk zubereitet war. Inzwischen war Artaynte hinter Amestris her, umringt von Wachen und einem Schwarm von Eunuchen und Sklavinnen, im Frauengemach angelangt. Amestris, die so lange ihre stille Raserei hatte im Zaum halten können, wandte sich wütend um und ballte die Fäuste. Grausam und entsetzenerregend stand sie vor Artaynte, die mit flehender Gebärde auf die Knie gefallen war. »Gnade! Gnade!« rief Artaynte, indem sie die Hände emporstreckte. »Königin! Fürstliche Muhme! Gnade!« »Jetzt bist du in meiner Gewalt!« schrie Amestris, während ihr wie in aufsteigender Wollust vor Grausamkeit der Schaum zwischen den zusammengebissenen Zähnen zischte. »Jetzt bist du in meiner Gewalt. Eunuche! Rufe die Folterknechte herbei! Sie ist mein. Diese Metze! Sie ist meine Sklavin. Der König hat sie mir geschenkt. Ich werde ihr die Brüste abschneiden lassen und sie den Hunden vorwerfen.« »Gnade! Gnade!« schrie Artaynte mit verzweiflungsvoll zitternder Stimme und wand sich auf dem Boden zu Füßen der Amestris. »Ich werde ihr die Nase abhacken lassen.« »Gnade!« »Die Ohren, die Zunge ihr ausreißen lassen.« »Gnade!« »Die Lippen abschneiden lassen.« Artaynte flehte nicht mehr um Gnade. Sie schrie, sie schrie wie wahnsinnig, sie schrie, während ihr die Augen aus dem Kopfe traten. Sie litt in ihrer Angst bereits die Greuel, die sich manchmal aus Haß und Eifersucht in den persischen Frauengemächern abspielten, die Greuel, die, wie sie selbst einmal gesehen, an Nebenfrauen oder Sklavinnen verübt wurden, doch noch niemals an einer königlichen Prinzessin. Die Peitsche regierte zwar allezeit, doch wenn die Peitsche sich als zu schwach erwies, um zu züchtigen oder zu rächen, kam der Folterknecht mit seinen Beilen und Scheren und Zangen. Es war ein Rauschen wie von steigendem Entsetzen unter den dicht zusammengedrängten Frauen, die sich mit den Eunuchen zwischen den Säulen und den Türen stauten, namentlich als der Folterknecht mit seinen Helfern erschien. Alle waren im Festgewand, weil es das Vollkommene Fest war, der Geburtstag des Königs und der Tag der heiligen Salbung. Im nämlichen Augenblick erschien an der Tür, die zu den Gemächern der Königinwitwe führte, Atossa. Sie war sehr alt. Ihre violetten Schleier hingen müde und dicht wie Spinngewebe um ihre eckigen Glieder und um ihre grauen Haare und um ihre runzligen Züge. In ihrer zitternden, mageren Hand hing die Peitsche, die sie stets bei sich trug, die sie aber nur noch mit Mühe schwingen konnte, weil ihre gichtkranken Muskeln sich weigerten. Sie war sehr eindrucksvoll, während sie mit zugekniffenen Augen zwischen den übrigen Königinwitwen Artystone, Parmys, Phaidyme erschien, die sie gerufen hatten. Sie genoß das allergrößte Ansehen, und die Frauen zitterten vor ihr mehr als vor dem König selber. »Was gibt es hier?« fragte sie mit kühler Stimme. Amestris stand hoch aufgerichtet da, einer Furie gleich. »Mütterlichkeit!« rief sie. »Der Basileus hat mir diese Metze gegeben, und ich darf mit ihr machen, was ich will. Diese Metze, die mit dem Mantel prahlt, den ich für meinen Gemahl gewirkt habe! Ich werde ihr die Lippen abschneiden, die Zunge ausreißen, die Ohren und die Nase abhacken lassen. Ich werde ihr die Brüste abhauen lassen und sie den Hunden vorwerfen.« »Großmütterlichkeit!« schrie Artaynte und kroch auf dem Boden zu Atossa. »Gnade! Gnade!« Inzwischen war Artaxixa, ihre Mutter, mit Artozostra, der Gemahlin des Mardonios, in heftiger Erregung eingetreten. Sie hatte Xerxes um Gnade für Artaynte angefleht. Xerxes hatte gesagt, er könne nichts daran ändern, und er müsse jetzt Gunstbeweise und Geschenke austeilen an seine Offiziere und Hofbeamten. Da kreiste einer Schlange gleich ein Peitschenschlag durch die Luft. Die Riemen prasselten herab auf Artayntes Rücken. Atossa hatte gut getroffen. Das Mädchen schrie auf vor Schmerz. Ein wenig Blut floß purpurn über ihren Nacken. »Fort!« schrie Atossa rasend. »Hörst du nicht? In dein Gemach! Metze!« Die alte Frau erhob nochmals die Peitsche. Aber sie verfehlte das Ziel. Die Peitsche entglitt ihren Händen. Sklavinnen griffen wetteifernd nach ihr und boten die Peitsche kriechend und sich krümmend ihr mit hoch erhobenen Händen dar. Doch es bedeutete Gnade, was die alte Frau tat, sie, die Tochter des Kyros, die im Frauenhofe allmächtige Herrscherin war, sie, um die sich lange bereits die Legende schaudererregender Ehrfurcht wob. Artaxixa riß ihre Tochter empor, ihre Sklavinnen stürzten herbei, und ein dritter Peitschenhieb wies der Schuldigen, der aber Gnade verliehen ward, den Weg. »In dein Gemach!« Artaynte floh aus dem Kreis der Frauen. Amestris schrie auf, als sei dem Blutdurst eines Tieres eine Beute entgangen. »Der Basileus hat sie mir gegeben«, schrie sie Atossa rasend ins Gesicht. Die Peitsche wand sich empor. Die Peitsche kreiselte einer Schlange gleich durch die Luft. Die Peitsche bedrohte Amestris, die Königin von Persien, und aus den zugekniffenen Augen der allmächtigen Mütterlichkeit blitzte die Wut, blitzte das unantastbare Ansehen. Amestris schrie zu den Säulen empor ob ihrer Demütigung. Ihre Hände krampften sich vor Wut zusammen. Sie schrie weiter und stieß in hysterischer Machtlosigkeit ein fast erstickendes Schluchzen aus. »Die Königin in ihr Gemach!« zischte Atossa in überwallender Erregung zwischen ihren alten runzligen Lippen. »Ich herrsche hier, ich, ich!« Alles zitterte. Amestris gehorchte. Ihre Sklavinnen umringten sie und stützten sie, während sie mit den Fäusten um sich schlug und sich wand wie ein gebändigtes wildes Tier. Die Eunuchen umringten sie, öffneten ehrerbietig die Vorhänge vor den Türen. Atossa bückte langsam umher mit ihren durch Alter und Krankheit stets qualvoll zusammengekniffenen Augen im verzerrten Antlitz. Alles schwieg. Keine Stimme erklang. Kein Wort erschallte zwischen den regungslosen, dicht aneinander gedrängten Frauen, Prinzessinnen, Nebenfrauen und Sklavinnen. Dann wandte sich Atossa langsam um. Sie entfernte sich mit den übrigen Königinwitwen des Dareios, Artystone, Parmys, Phaidyme. Um Artaxixa und Artozostra rauschten sogleich in einem jetzt nicht mehr bezwingbaren Rauschen hunderte Frauenstimmen. »Jetzt hat sie, was sie verdient!« meinte die Mutter der Artaynte, indem sie auf ihre Tochter anspielte. Es gab lebhafte Auseinandersetzungen. Aus den Portiken strömte der süße Duft der Kuchen und all des symbolisch geformten Zuckerwerkes, das man zu dem Vollkommenen Fest gebacken hatte. »Das ist doch kein Grund,« meinte Artaxixa, »all das Köstliche nicht zu genießen.« Alle stimmten mit ihr überein. Der Zug der Sklavinnen, die auf Schilfplatten das Zuckerwerk und das süße Backwerk trugen, strömte herein, beinah feierlich, mit religiöser Weihe, während sie in hieratischen Haltungen köstlich duftende Näschereien auf ihren Köpfen oder mit weit ausgestreckten Armen vor sich her trugen. »Wir wollen Amestris etwas davon schicken«, sagte Artaxixa. »Und Artaynte«, fügte Artozostra mitleidig hinzu. »Und den Königinwitwen«, summte es heftig ringsumher. Artaxixa und Artozostra trafen ihre Auswahl aus den Herrlichkeiten, und weihevoll begaben sich die Sklavinnen mit ihren gefüllten Platten zu den Königinwitwen, zu Amestris und auch zu der beklagenswerten Artaynte. An jenem Abend verlief das Vollkommene Fest, als sei nichts geschehen. XLVI. Der Winter war vorüber. Der frühe südliche Lenz zog mit Mandelblütenduft über Hellas, über Thessalien, wo Mardonios inmitten der ihm wohlgesinnten Fürsten des Landes mit seinem Heere sein Winterlager aufgeschlagen hatte. Die Athener, die wieder in ihre verbrannte Stadt eingezogen waren, – die sie aber nur notdürftig wiedererbaut hatten wegen der Unsicherheit der kommenden Dinge – und die Peloponnesier, die die Mauer über den Isthmos von Korinth vollendet hatten, glaubten, der Augenblick sei gekommen, um ihre gemeinschaftliche Flotte, hundertzehn Schiffe, nach Aigina zu schicken: Leutychides, Sohn des Menares, war Strategos und Nauarchos über die peloponnesischen, Xanthippos, Sohn des Ariphron, über die athenischen Schiffe. Denn Themistokles lernte Persisch. Themistokles lernte Persisch, nachdem er den dreifachen Hafen Piräus bei Athen gegründet hatte, weil die Bucht von Phaleron sich für eine emporstrebende Macht, wie sie die athenische Flotte darstellte, als zu klein erwies. Themistokles lernte, nachdem er um Athen Mauern errichtet hatte – er hatte als Gesandter in Sparta die Verhandlungen so lange hingeschleppt, bis die Mauern um Athen plötzlich eine vollendete Tatsache bildeten – Themistokles lernte Persisch. Aus welchem Grunde, hätte er selbst vielleicht nicht sogleich zu sagen vermocht. Vielleicht empfand er es, daß Athen einen, der im Staate zu mächtig wurde, einen, der zu viel tat und getan hatte, einen, der den Staat zu so großem Ansehen über die anderen hellenischen Staaten erhoben hatte, nicht dauernd lieben werde. Möglich, daß Themistokles aus diesem Grunde Persisch lernte. Es war, als ahne er, was in späteren Jahren kommen werde: die wütenden Anklagen Spartas, daß er mit dem König von Persien gemeinsame Sache gemacht habe, und dann seine Verbannung und seine Flucht. Seine Flucht nach Persien lag zwar im Augenblick noch in ferner Zukunft, nun, da Themistokles, als habe er vorausschauend die Zukunft geahnt, Persisch lernte. Inzwischen arbeitete Mardonios seinen großen Angriff aus. Er überlegte ihn mit den befreundeten thessalischen Fürsten und tat noch mehr: er entsandte Mys, einen Griechen und keinen Perser, zu allen Orakeln von Hellas. Aber es hatte den Anschein, als sei Mardonios nach seiner prächtigen Geste, nachdem er vor Xerxes kniend versichert hatte, daß er die Griechen unter Persiens Joch zwingen oder sterben werde, finster geworden und mißtrauisch. Der Winter voll gespannter Erwartung war wie eine Verbannung hier in Thessalien, und Mys kehrte zurück mit verschiedenen Antworten verschiedener Orakel, und Mardonios wurde dadurch nicht freudiger gestimmt. Bevor er sich zu dem großen, entscheidenden Angriff entschloß, faßte Mardonios plötzlich den Gedanken, den Griechen den Frieden anzubieten. Wozu eigentlich dieser Krieg, zu dem er selber so sehr gedrängt hatte aus Rache wegen seiner einstigen Niederlage vor zehn Jahren, als er noch ein begeisterter jugendlicher Feldherr gewesen, ein blühender Prinz, der die großen Dinge vor sich erstrahlen sah und der in Susa, umgeben von der Weichlichkeit und den Ränken der Frauengemächer, sich gelangweilt hatte? Wozu eigentlich dieser Krieg? Um Atossa lazedämonische und korinthische Sklavinnen zu verschaffen? Wozu dieser Krieg? Um Rache zu nehmen wegen der Einfälle der Griechen in Kleinasien? Mardonios wußte es selber kaum noch. Es schien, als sei er um zehn Jahre gealtert, er, der Schwager des Xerxes, während der träge sich hinschleppenden Monate, die der Niederlage von Salamis und der Flucht des Königs gefolgt waren. Gleich wie Xerxes schlief auch er nicht mehr, empfand er es nicht mehr mit solcher Gewißheit, was er wollte, war in ihm beinahe etwas wie ein Widerwille, den Krieg fortzusetzen. Er sehnte sich nach Persien, nach Susa, nach seiner Gemahlin Artozostra, nach seinen jungen Kindern. Er fühlte, wie gegen ihn eine geheime Kraft am Werke war, ein Schicksal, das in diesen feindlichen Lüften sich barg, wie sehr sie auch in diesen Tagen von den Düften der blühenden Mandeln durchtränkt sein mochten. Es schien, als schwebten die Götter von Hellas irgendwo hinter den langsam treibenden Frühjahrswolken im blauen Äther, als würden sie stärker sein denn Persiens Götter, was Xerxes auch immer behaupten mochte. Mardonios fühlte sich müde und voller Heimweh. Nach Athen schickte er einen hohen Abgesandten, Alexandros, Sohn des Amyntas, Fürsten von Makedonien, der sehr persisch gesinnt war, aus persischer Sippe, eine durch und durch persische Seele und dazu befreundet mit den Athenern, die ihm von früher her viel schuldeten. Mardonios sandte Alexandros nach Athen, um zu bewirken, daß die starke, junge Seemacht die persische Hand nicht zurückweisen möge. Dann werde er, meinte Mardonios, mit den Verbündeten zu Lande schon fertig werden. Es war ein Trugbild, geboren aus Erschlaffung. Es war ein schwacher Augenblick, über den sich Mardonios selber kaum Rechenschaft ablegte. Mardonios bot den Frieden an. XLVII. Alexandros sprach zu den versammelten Athenern: »Athener! Hört, was euch Mardonios durch meinen Mund künden läßt! ›Botschaft ist mir geworden von dem Basileus. Er sagt: Ich verzeihe den Athenern, was sie verbrochen haben.‹« Dieser Anfang der Ansprache des Alexandros war sehr, sehr schwierig und undurchsichtig. Die Ichform bezog sich zunächst auf Alexandros selber, dann auf Mardonios und endlich auf Xerxes. Wer in weiter Entfernung stand, begriff anfänglich nichts von dieser dreifältigen Ichform. Einen Augenblick hatte es den Anschein, als verzeihe Alexandros den Athenern, was sie verbrochen hatten. Was hatten sie verbrochen? Diese ersten Worte des Alexandras warben dem Sprecher keine Zuneigung. Aber Alexandros, der sich seiner Rednergabe und der Verpflichtungen, die Athen Makedonien gegenüber hatte, wohl bewußt war, fuhr fort, indem er berichtete, was Xerxes dem Mardonios hatte melden lassen: »So tue, wie ich dir befehle, Mardonios, und gib den Athenern ihr Land zurück!« Die am weitesten entfernt stehenden Athener begannen erst allmählich zu begreifen, und doch ist ein Athener nichts weniger als dumm, aber die Form, die Alexandros für seine Ansprache wählte, war sehr umständlich. »Sage ihnen, daß sie sich bei Attika noch ein anderes Gebiet aussuchen sollen, was sie wünschen!« Der ferne König Xerxes im fernen Susa verfüge ziemlich eigenmächtig, meinten die Athener. »Daß sie nach ihren eigenen Gesetzen leben sollen.« Sie würden es niemals anders tun. »Daß ich, so sie mit mir, dem König der Könige, ein Bündnis schließen wollen, befehlen werde, man solle ihre verbrannten Heiligtümer wieder errichten.« Da war es! Ein Summen ward in der Rats Versammlung hörbar, ein Lärmen, ein Rauschen. Ein Bündnis schließen mit Xerxes? Niemals! »Diesen Befehlen«, fuhr Alexandros fort, gleich als sei er jetzt Mardonios, »werde ich Folge geben, so ihr mir kein Hindernis in den Weg legt. Jetzt spreche ich zu euch in meinem eigenen Namen.« »Er spricht in des Mardonios Namen«, meinten die fernab stehenden Athener. »Er sagt, was ihm Mardonios gesagt hat.« Alexandros fuhr fort: »Welche Torheit ist es, dem König den Krieg zu erklären!« »Er hat uns den Krieg erklärt«, riefen lärmend die Athener. »Die Schuld liegt bei ihm, bei Xerxes.« »Ihr werdet ihn niemals besiegen und nicht immer Widerstand leisten können. Seine großen Taten sind euch bekannt, auch die Menge seiner Heere. Auch hörtet ihr von meiner Streitmacht.« »Was sagt er?« riefen die Entfernten. »Wessen Streitmacht?« »Die des Mardonios«, erklärten die näher stehenden Athener. »Auch wenn ihr den Sieg über mein Heer davontragen würdet, was ihr, wenn ihr klug seid, euch wohl nicht einbilden könnt, werden noch mächtigere Heere kommen, um mich zu rächen. Wähnt ihr euch Persien gleich? Wollt ihr etwa euer Vaterland und euer Leben verlieren? So versöhnt euch mit dem Basileus!« »Nein!« riefen die fernab stehenden Athener, die verstanden hatten. »Wollet seine Gnade hinnehmen!« »Was für eine Gnade? Nein!« »Niemals werden euch ehrenvollere Bedingungen geboten werden, Athener.« Es entstand eine heftige Bewegung. Alexandros indes fuhr fort: »Seht, Athener! Das ist es, was Mardonios euch zu sagen mir befahl.« »Spricht er endlich in seinem eigenen Namen?« hörte man unzufrieden rufen. »Was mich anbetrifft, so will ich euch jetzt klarlegen, wie wohlwollend ich euch gesinnt bin.« »Er ist ein Perser. Er ist ein Barbar.« »Mein Rat ist der: Verwerft nicht des Mardonios Wort! Ihr seid nicht imstande, Xerxes bis ans Ende Widerstand zu leisten.« »Er ist vor uns geflohen nach Salamis.« »Wenn ich wüßte, daß ihr mächtig genug wäret, bis zum Ende Widerstand zu leisten, wäre ich nicht mit diesem Vorschlage hierhergekommen. Des Königs Macht ist unermeßlich, übermenschlich. Falls ihr nicht ein Bündnis schließt mit Persien unter so günstigen Bedingungen ...« Der Lärm war ohrenbetäubend. Des Alexandros Wort ging unter in dem Meer wütenden Lärms. »So fürchte ich um euch, um euch ganz besonders. Von allen Verbündeten seid ihr der Rache des Xerxes am meisten ausgesetzt. Ihr werdet wiederum die ersten Schlachtopfer sein. Unschätzbar ist das, was euch der große König bietet. Ihr seid von allen Hellenen die einzigen, deren Freundschaft er wünscht.« Sobald Alexandros inmitten des heftigen Lärms seine Rede beendet hatte, erhoben sich die lazedämonischen Abgesandten, die dem Rate beigewohnt hatten, würdevoll und entrüstet wie ein Mann. Ihr Wortführer sprach: »Athener! Sparta entsendet uns, um euch zu bitten, nichts anzunehmen, was Hellas Nachteile bringen könne. Ihr sollt dem Vorschlage des Xerxes euer Ohr nicht leihen! Ein Bündnis mit Persien würde Schmach bedeuten. Ihr habt den Krieg gewünscht gegen Spartas Willen.« Ein Lärmen entstand. Sparta habe den Krieg gewünscht, riefen Stimmen. Die Athener heischten Stille. Der spartanische Wortführer fuhr fort: »Anfangs war der Krieg nur eure Sache.« Lärmender Widerspruch. »Jetzt geht der Krieg uns alle an.« Freudiges Jauchzen wie von ausgelassenen Schülern. »Würdet ihr, nachdem ihr die Ursache dieses Unglücks gewesen ...« Heftiges Widerstreben inmitten des Volkes. Zischend wurde Stille verlangt. »Jetzt Zeuge sein wollen, wie sich Hellas unter das persische Joch beugt, Athener, ihr, die ihr stets die Verteidiger der Freiheit der Völker wäret?« Ein gewaltiger Jubel, ein ungeheurer Schrei aus tausend Mündern gegen die Tyrannei, gegen die Überwältigung, gegen den, der die Weltallmacht für sich allein erstrebte. Der Spartaner hatte gesiegt. In der von neuem eingetretenen Stille fuhr er mit leiser Stimme fort: »Athener! Das Leid, das ihr leidet, leiden wir mit euch. Eure Häuser liegen verschüttet. Zwei Jahre habt ihr nicht geerntet. Voller Verständnis für eure Schmerzen bieten wir euch an, eure Greise und Frauen und Kinder zu ernähren. Laßt euch nicht – wir flehen euch an – durch die schmeichlerischen Reden des Alexandros betören! Er ist ein Tyrann, der Sklave eines Tyrannen. Seid weise! Trauet dem Barbaren nicht! Denn der ist allezeit unzuverlässig.« Da antworteten die Athener durch den Mund ihres Wortführers dem Alexandros: »Es ist unnütz, Alexandros, Sohn des Amyntas, daß Ihr mit prahlerischen Reden die Macht der Meder aufbauscht. Wir wissen ebenso gut wie Ihr, daß ihr Heer größer ist als das unsere. Aber wir werden in heiligem Feuer erglühend unsere Freiheit bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Versucht daher nicht, uns zu einem Bündnis mit Xerxes zu bestimmen! Niemals werden wir das tun. Überbringet dem Mardonios die Antwort Athens, Alexandros: Solange die Sonne auf dem gleichen Wege auf- und untergeht, werden wir niemals uns an den Barbaren fesseln, sondern voller Vertrauen auf den Schutz unserer Götter und Heroen, deren Tempel und Bildnisse Xerxes vernichtete, dem Überwältiger entgegenziehen und ihn von unseren Gebieten vertreiben.« Atemlos hatten die Athener zugehört. Ein ehrfurchtsvolles Jubeln rauschte empor. Der Wortführer begann wieder, jetzt drohend: »Was Euch betrifft, Alexandros, so verkündet den Athenern niemals mehr derartige Botschaft! Mutet uns niemals mehr eine Schandtat zu, angeblich, um unserem Lande einen Dienst zu erweisen! Denn selbst wenn uns das Gesetz der Gastfreiheit und der Freundschaft verknüpfte, so würde es um dies Gesetz geschehen sein.« Alexandros erbleichte. Jetzt gab der Athener Sparta Antwort: »Die Furcht der Lazedämonier, wir könnten mit den Barbaren verhandeln, ist unbegründet. Schändlich würde solch Unterhandeln sein. Nein! Auf Erden gibt es kein Gold, kein Land, wie schön es auch sein möge, das uns dazu verführen könnte, die Verbündeten der Meder zu werden, um Hellas in Sklaverei zu stürzen. Wir Hellenen sind verknüpft durch Blut und Sprache. Die gleichen Götter beten wir an, die gleiche Sprache sprechen wir alle. Spartaner! Wir danken euch für das Anerbieten, unsere Frauen und Kinder ernähren zu wollen. Allein wir werden imstande sein, unseren Unterhalt selbst zu bestreiten. Nun, da dem allen so ist, führt euer Heer zum Streite! Sobald der Barbar vernimmt, daß wir sein Angebot ablehnen, wird er in Attika einfallen wollen. Lasset uns ihm zuvorkommen in Böotien!« Eine heftige Bewegung, ein Geschrei, ein Jauchzen, ein Gedränge. Alexandros steht bleich und wütend auf dem Platz vor dem Ratsgebäude. Ein Herold nähert sich ihm und spricht: »Alexandras, Sohn des Amyntas! Mir wurde befohlen, Euch zu melden, daß Ihr bei Todesstrafe in Athen nicht länger verweilen dürft, als die Sonne dort am Himmel steht.« Aus der lärmenden Menge hört man Zischen, Schelten, Schimpfen. Ein paar Steine fliegen durch die Luft. XLVIII. Mardonios, der wohl empfand, daß das Schicksal es so wollte, verließ Thessalien mit den thessalischen Fürsten, mit seinem ganzen Heere. Nach scharfen Märschen fielen die Perser in Böotien ein und besetzten das befreundete Theben. Hatte Leonidas seinen thebanischen Geiseln nicht immer mißtraut? Die Thebaner wollten Mardonios davon zurückhalten, zu schnell weiterzuziehen. »Ihr findet weiter hinauf keinen geeigneten Platz zum Lagern. Befolget unsern Rat, sendet Geld in die griechischen Städte! Uneinigkeit wird herrschen. Ihr werdet vereint mit denen, die Ihr Euch geneigt machet, die Widerstrebenden besiegen. Bleiben alle vereint, so werdet Ihr nicht leicht Herr über Hellas werden.« Mardonios beachtete in dem Fieber, das ihn wie ein verhängnisvolles Feuer versengte, die Worte der persisch gesinnten Thebaner nicht. Gleich einer Sturmflut fiel er in Attika ein. Zum zweiten Male nahmen die Perser Athen, zehn Monate nach der ersten Einnahme, und Mardonios erteilte, obwohl die Stadt völlig verlassen war – wiederum hatten die Athener auf ihren Schiffen vor Salamis Zuflucht gesucht – , triumphierend den Befehl, man solle dem König in Asien Athens Fall melden. Dies geschah schneller noch als durch die prächtig geordnete persische Post. Dies geschah durch die rasche Fackelbotschaft, so wie Äschylus, der Dichterkrieger, in seinem »Agamemnon« der Klytaimenestra den Fall Trojas melden läßt. Wird eine Fackel auf einem Turm von Athen entzündet, so ist sie sofort viele Stadien weit sichtbar. Der Wächter auf einem zweiten Turm in der thriasischen Ebene gewahrt die Feuersglut in der Nacht. Er entzündet seinerseits die Fackel. Weiter hinauf erglüht in der Dunkelheit die dritte Fackel des Siegesberichts. An der ganzen Küste entlang, längs des langen Weges erglühen die Fackeln und schmieden Glut an Glut die Kette der flammenden Fanale. Noch bevor die Nacht sich in Morgengrauen löst, weiß Xerxes, wissen alle Perser, weiß ganz Asien um Athens zweiten Fall. Die Schnellschrift des Feuers hat in der Sommernacht ihre flammenden Zeichen, die besagen, daß Mardonios Athen genommen habe, in die nächtlichen Lüfte geschrieben von Athen bis nach Susa. Die Athener haben keine Zeit gehabt, den Persern in Böotien entgegenzutreten. Die athenischen Abgesandten werfen es in Sparta den Lazedämoniern vor, die die Hyakinthia, die Lenzesfeste des Hyakinthos, des Lieblings des Apollo, feiern. Sie ermahnen die Verbündeten, mindestens jetzt mit ihnen zusammen den Persern in der thriasischen Ebene eine Schlacht zu liefern. Es gibt Bündnisse, aber es gibt allezeit die Selbstsucht der Staaten, so wie es ungeachtet aller Freundschaft die Selbstsucht des einzelnen gibt. Die Mauer über den Isthmos von Korinth ist beinah vollendet. Die Peloponnesier haben im Grunde von den Persern nur wenig zu fürchten. Apollo aber ist der höchste Gott, und die Hyakinthia sind die heiligen Feste, die den Tod und die Wiedergeburt der heiligen Natur feiern. Sollen die Lazedämonier in Frömmigkeit versagen, weil die Perser in Attika einfallen? Die Ephoren von Sparta antworten den Athenern nach einem Aufschub von zehn Tagen, in denen die Schutz bietende Mauer ganz vollendet ward, daß fünftausend Spartaner auf dem Wege nach Attika seien. Jedem von ihnen stünden sieben Heloten zur Seite, die ihre Sklaven sind. Der König von Sparta, der der Anführer der lazedämonischen Streitmacht sein müßte, ist Pleistarchos, der Sohn des Leonidas. Allein der Knabe ist fast noch ein Kind, das mit anderen kleinen Knaben Krieg spielt. Nun, da Gorgo, das blonde junge Weib des königlichen Helden, der der ewige Held der Thermopylen bleiben wird, ihn seinem Vetter und Vormund Pausanias, Sohn des Kleombrotos, zuführt, der der lazedämonische Feldherr sein wird, neigt sich Pausanias zu dem Kinde herab und umarmt den kleinen König. Gruppe und Augenblick sind von so keuscher Schönheit, daß homerischer Rhythmus in dem blauen Lenzeshimmel zu zittern scheint. XLIX. Mardonios hört, daß die Spartaner sich nähern. Wieviel Ränke er auch gesponnen haben mag mit den Städten von Argolis, es hat nichts gefruchtet. Ihr schnellster Hemerodromos, ihr Tageläufer, ist gekommen, ihm zu melden, daß die Spartaner nahen. Mardonios wird nicht in Athen bleiben. Er wird in der weiten thriasischen Ebene oder nördlicher noch, jenseits des Kithäron in der Ebene von Platää, eine Schlacht schlagen. Von neuem geht Athen in Flammen auf. Von neuem werden nicht nur Mauern und Gebäude unter Hammerschlägen geschleift. Sogar der Götter Tempel verschont Mardonios nicht. Es ist das Schicksal des Barbaren, daß er in der Verblendung eines tragischen Augenblicks es unterläßt, das zu schonen, was durch die heiligen Kulte der Menschen geweiht ward. Doch falls es jemals ihm zum Vorwurf gemacht wird, so wird er mit dem gleichen Vorwurf zu antworten wissen, und schuld hat alles und jeder, die ganze Welt. Denn Zeit und Menschen wandeln sich nicht. Die Stafetten folgten einander. Sie melden, daß tausend Lazedämonier nach Megara kommen. Sie melden, daß ihre stärkste Heeresmacht nach dem Isthmos zieht, um die Mauer zu verteidigen. Mardonios befiehlt, gleichfalls eine Mauer zu errichten längs des Asopos, und sein Heer hat sich von Erythrä bis Platää gelagert. In Theben veranstaltet Attaginos, Sohn des Phrynon, zu Ehren des Mardonios ein großes Fest. Fünfzig angesehene Perser liegen mit Mardonios an der Tafel, außerdem fünfzig Thebaner. Auf jedem der Lager liegt ein Thebaner mit einem Perser. Die Weine fließen in die Schalen. Es gibt üppige Gerichte, Spiel, Tanz und Gesang. Ein Perser fragt Thersandros von Orchomenos, mit dem zusammen er an der Tafel liegt: »Woher stammt Ihr, Tafelgenosse?« »Aus Orchomenos«, sagt Thersandros. »Doch sagt mir nun Eurerseits, Tafelgenosse, warum Ihr so bewegt seid?« Denn der Perser, der die Frage nur stellt, um der Höflichkeit des Tischgespräches zu genügen, ist sehr bleich. Seine Augenlider zittern, seine Hände beben. Der Perser antwortet: »Soll ich Euch sagen, wodurch meine Rührung entstanden ist, die ich sogar hinter einem Tafelgespräch nicht scheine verbergen zu können? So hört denn, Thersandros von Orchomenos, auf daß Ihr an mich, der mit Euch aus der gleichen Schale spendete, in den Tagen, die da kommen werden, eine Erinnerung bewahren werdet, eine Erinnerung, die Euch vielleicht von Nutzen sein wird!« Der Perser faßt Thersandros am Arm und spricht: »Seht Ihr die Festgenossen dort alle liegen?« »Ja«, sagt Thersandros, während er sich langsam umschaut. »Seht Ihr dort drüben zwischen den Säulen und Vorhängen das Heer in der Ebene schimmern?« »Ich sehe«, antwortet Thersandros. »Seht Ihr weiter nichts?« fragt der Perser erschauernd. »Ich sehe weiter nichts«, antwortete Thersandros erstaunt. »Was soll ich noch weiter sehen?« »Seht Ihr nicht das seltsame Licht?« »Der Tag ist umwölkt, die Sonne verschwunden.« »Aber seht Ihr nicht das matte bläuliche Licht, das sich über das Meer verbreitet?« »Nein.« »Seht Ihr nicht den bleichen, schaudererregenden Schimmer, so fahl, wie ihn der nahende Tod mit sich bringt, einem trägen Nebel gleich?« »Ich sehe ihn nicht. Seht Ihr ihn?« »Ich sehe ihn.« »Ihr seid ein empfindsamer Mann. Ihr seht die Dinge mit einem sechsten Sinn.« »Ich sehe den Nebel, ich sehe den Dunst. Das kommt von außen her. Seht! Es breitet sich schaudererregend wie ein fahler Schimmer über die Zelte, über die Krieger dort drüben. Seht doch hier! Hier drinnen in diesem Saal schwebt das seltsame Schimmern umher wie die Farbe des Todes selber über Mardonios und beinah über allen Persern, die ihn umringen.« Die beiden Tafelgenossen schauen bleich einander an. »Jetzt seid Ihr bewegt, wie ich es bin«, spricht der Perser. »Ich bin bewegt«, erwidert Thersandros. »Seht Ihr das alles?« »Ich sehe es.« »Was verheißt dies seltsame Gesicht?« »Den Tod. Von allen diesen Persern, von allen diesen meinen Landesgenossen werden nach wenigen Tagen nur noch einige die Sonne schauen. Ich selber ...« Er zauderte. Er tastete umher, gleich als fühle er die Kälte, die er nicht sah, dicht um sich her. »Ich weiß es nicht von mir selber«, antwortete er zitternd. »Allein sie alle ...« Er deutete in die Runde. »Werden sie tot sein?« fragte Thersandros. »Sehr viele von ihnen.« Der Perser weinte, indes er sich hinter seiner Trinkschale verbarg. »Warum wird das Mardonios nicht gemeldet?« Wiederum legte der Perser seine Hand auf des Thersandros Arm. »Nein, mein Gastgeber«, sagte der Perser. »Was Gott beschlossen hat, das läßt sich nicht abwenden, und wer nicht glauben will, der glaubt nicht einmal an das, was unzweifelhaft ist. Doch schaut um Euch!« »Ich schaue um mich. Ich sehe viele Perser, die...« »Sprecht!« »Die bleich und gerührt sind wie Ihr. Sind sie sehend?« »Sie sind es«, antwortete der Perser. Sie schienen sehend zu sein. Die Perser blickten bleich einander in die Augen und gewahrten den fahlen Schimmer, den leichenfarbigen Dunst, der einer gespenstischen Erscheinung gleich einen kurzen Augenblick die Häupter vieler umschwebte. Allein Mardonios sah nichts und brachte lächelnd mit der Trinkschale in der Hand das Trankopfer dar, während er mit seinem Tafelgenossen Attaginos plauderte. L. Fünf Tage später hat Mardonios durch eine königliche Stafette zu der zweiten Einnahme von Athen des Xerxes Glückwunsch erhalten. Die Wachstafeln haben ihn für einen Augenblick glücklich gemacht. Allein er sehnt sich nach der Einsamkeit und in dieser Nacht nach einem Tage voll vielerlei Erschütterungen nach frischer Luft. Er besteigt sein weißes Roß, und Artabazos, des Pharnakes Sohn, der hochverdiente Feldherr, begleitet ihn. Wozu die Ironie der Geschehnisse? fragt sich Mardonios, während er schweigend mit Artabazos langsam weiter reitet das Lager entlang und eine aus wenigen Unsterblichen gebildete Wache mit gedämpftem Hufschlag der Pferde den Feldherren folgt. Wozu diese Ironie? Der nämliche Tag, an dem Mardonios des Xerxes Glückwunsch empfing, ist einer gewesen voll großer Reue und großem Schmerz. Jetzt ist die Nacht schwül und sternenlos, beinahe ganz dunkel und ganz still. Dieser Tag, dieser Tag ist beinah zu schwer gewesen. Die Eingeweide der Opfertiere, die Hegesistratos, der Wahrsager aus Elis, befragte, verkündeten beharrlich Unheil, und die Kundschafter brachten die Meldung, daß die Opfer der Griechen ihnen selber günstig seien. Die Lazedämonier hatten ihr Lager quer über dem Isthmos aufgeschlagen hinter der Mauer. Darauf sind sie gemeinsam mit den Athenern um die Mauer herum weiter vorgerückt bis an den Fuß des Kithäron. Aber über die Pässe des Kithäron sind sie nicht gezogen. Sie scheinen im Schutze des heiligen Berges lange und vorsichtig zu beratschlagen. Mardonios hat an diesem Morgen seiner prächtigen Reiterei befohlen, anzugreifen, und Masistios führt das Reitervolk an. O Tag der Schmerzen! Wie kann die Nacht so seltsam ruhig, still und dunkel sein nach allem Unheil, das dieser Tag brachte? Da erklingt nichts als der dumpfe Hufschlag der Pferde in der Einsamkeit, über die der schwüle, schwarze Himmel seine Dunkelheit breitet wie mit Schleiern dichter Trauer, und Masistios, der Held auf seinem goldgezäumten nisäischen Pferde, Masistios, so groß und so schön wie einer der heiligen Helden von Persien, deren Schatten jetzt bei den Göttern sind, Masistios hat sich mit seinen Reitern auf die Griechen gestürzt und hat ihnen argen Schimpf angetan und hat sie Weiber genannt, die sich verborgen hielten. Wie soll Mardonios jetzt dem Könige melden, was geschehen ist? Verstärkung ward dem Feinde. Athener kamen. Die Perser lockten sie durch die Pässe in die Ebene. Der Kampf entbrannte. Masistios – o Tag der Schmerzen! – ritt vor, zu übermütig für einen Feldherrn, zu ungeduldig. Plötzlich traf ein Pfeil sein prächtiges Pferd in die Flanke. Mardonios hat von fern das Tier sich aufbäumen sehen, hat sein tolles Wiehern der Verzweiflung gehört. Dann stürzte es zu Boden, über Masistios hin. Die Griechen eilten herbei mit erhobenen Lanzen, konnten ihn aber nicht sogleich treffen wegen der goldenen Schuppen seines starken Panzers. Aber endlich trafen sie ihn ins Auge und töteten ihn. Was Mardonios von ferne sah, das sahen die persischen Reiter aus nächster Nähe, zwar nicht sogleich, weil sie heransprengten und dann den Feind nachlockend unmittelbar wieder zurückwichen und weil keiner von ihnen allen Masistios hatte fallen sehen. Doch endlich sahen sie es und stürzten herbei, um wenigstens die Leiche ihres Feldherrn ihr eigen zu nennen. Wie haben sie um diese Leiche gekämpft! Als sie sie erobert hatten nach erbittertstem Kampfe, wie haben sie alle gewehklagt, wie haben die Perser gewehklagt gleich Frauen und Klageweibern! Sie haben sich Haare und Bart geschoren, sie haben ihren Pferden die Mähnen abgeschnitten und ihren Lasttieren alle Haarbüschel. Sie haben die größte Trauer zur Schau getragen. Ganz Böotien hallte wider vom Ruf ihrer Klagen. Der feindliche Himmel muß gezittert haben von ihren Klagen. Denn Masistios, der Held, war nicht mehr. Sie haben seine Leiche auf einen Streitwagen gelegt und ihn langsam durch das Lager geführt. Alle Krieger liefen vor Schmerz weinend herbei, um des Masistios Leiche zu schauen. Wie war er schön und groß, so wie er dalag, wiewohl sein Auge völlig durchbohrt war! Wie glich er den heiligen Helden, die um die Götter Persiens sind! Sicherlich war auch sein Geist in dem Paradies aus Azur, wo Ormuzd thront in einer Glorie des Lichts, umringt von seinem Stabe geflügelter Helden. Aber mag hoch oben die Glorie sein, hier unten lastet die Trauer. Das Schicksal, das entsetzliche Schicksal! Was schwebt dort in der Luft? Was droht dort in der Nacht? Ist es wirklich das lauernde böse Schicksal Persiens? Sollte es möglich werden können nach den Thermopylen, nach dem unseligen Salamis? Sollte aus diesen feierlichen Atmosphären etwas wie Verweichlichung fließen in die Kraft und die Erwartung, die in ihnen lebte, in ihnen, die Sieger waren trotz allem, sie, die zweimal Athen nahmen? Während Mardonios schweigend weiter reitet, an seiner Seite schweigend Artabazos, hinter ihnen die Wache der Unsterblichen, möchte er es hinausschreien, diesem rätselhaften, schweren Nachthimmel entgegen: Sollte es Möglichkeit werden können, daß er, Mardonios, der diesen Kampf gewollt und durchgesetzt hat und der geblieben ist, als der König besser daran tat, zu gehen, besiegt würde von diesen Doriern und diesen Ioniern, daß der mächtige Perser nicht mehr allmächtig sein würde nach Kyros, nach Dareios? Es kann nicht sein. Mardonios gewinnt wieder die Herrschaft über sich, nimmt eine straffe Haltung ein. Der stille, wortlose Ritt ist beendet. Da ist des Mardonios Zelt. Er steigt ab und tritt mit Artabazos hinein. Da zeigt sich die Üppigkeit, die Xerxes hinterließ, da steht sein vergoldeter Sessel, sein vergoldetes Lager, das kostbare Geschirr, da breiten sich prunkvoll die gewebten Teppiche. Der Lampen Widerschein spiegelt sich in all dem Gold und all der Bronze. Die brennenden Dochte werfen ihren Schein auf die purpurne Zeltwand. Es findet eine Beratung statt mit den anderen Feldherren und Unterfeldherren, die entboten wurden. Es ist besser, das Lager mehr nach Westen zu verlegen. Dort gibt es reinere Brunnen, dort gibt es Überfluß an Wasser. »Wie heißt die Stadt, in deren Nähe wir dann liegen werden?« fragt Mardonios. Durch das Zelt erklingt ein Name, der gleich dem von Thermopylä, von Salamis ein Echo der Schicksalsstimme ist: »Platää.« LI. Acht Tage sind vorübergegangen. Am Fuße des Kithäron liegen die beiden feindlichen Heere einander in der Ebene gegenüber. Beiderseits herrscht mißtrauisches Zögern, beiderseits herrscht Erwartung. Es ist ein Spätsommertag. Hochgestapelte Mengen weißer Wolken treiben an dem winddurchwühlten Himmel dahin. Am Ufer des Asopos bringt Hegesistratos die Opfer dar. Mardonios wohnt der Zeremonie ungeduldig bei, während der Wahrsager auf einem Altar die Eingeweide der Rinder befragt. »Verheißen sie Günstiges?« fragt Mardonios drängend. »Noch nicht«, antwortet der Wahrsager. »Das griechische Heer wächst mit jedem Tage«, sagt Mardonios. »Die Kundschafter melden es alle.« »Die Vorzeichen«, sagt der Wahrsager, »sind weder den Persern günstig noch den Griechen, die mit ihnen sind.« »Nicht den Thebanern?« »Auch nicht den Thessaliern. Es ist besser, zu warten.« Mardonios vermag seine Ungeduld nicht zu meistern. Namentlich nach dem Tode des Masistios ist in ihm der fieberhafte Drang, endlich an den Griechen Rache zu nehmen, ständig gestiegen. Er befiehlt, daß neue Opfer dargebracht werden und daß ein neuer Wahrsager, Hippomachos von Leukas, die Eingeweide der Opfer deuten solle. Allein auch dieser neue Wahrsager meint, die Eingeweide lägen den Persern nicht günstig genug, um einen Angriff zu beschließen. Mardonios möchte die Götter zwingen. Oftmals empfindet er es so, wie seine Perser es während des Festmahles zu Theben schauten. So, wie sie den fahlen Schein schauten gleich einer bleichen Sphäre des nahenden Todes, so empfindet es Mardonios hin und wieder. Aber er will es nicht empfinden. Diesmal will er siegen und ist krank vor Ungeduld, zu beginnen. Des Nachts kann er auf dem üppigen Zeltlager, das Xerxes ihm hinterließ, nicht schlafen. Es vergehen noch einige Tage. Die Perser und auch die Thebaner reiten einander herausfordernd immer wieder bis an die Ufer des Flusses entgegen und rufen den verbündeten Griechen Schimpfworte zu. Worauf wartet das Schicksal? Warum schleppt es die Dinge, die geschehen müssen, so träge hin zwischen diesen Wolken, diesen Bergkämmen und diesem Fluß, zwischen den Zelten dort drüben am breiten Fuß des heiligen Berges, in der weiten Ebene zwischen den beiden voneinander getrennten Zeltlagern, während hin und wieder die persischen Reiter, den Speer in den Fäusten schwingend, herausfordernd über die Ebene reiten und die Dorier furchtsam zaudern? Schon elf Tage liegen die Heere einander gegenüber. Wer wird zum Angriff übergehen? Wem werden die Götter den Sieg gönnen, der aus des Zeus geöffneter Hand zur Erde entschwebt? Wie sehr die Perser auch herausfordern mögen, die Griechen gehen nicht zum Angriff über. Die Perser selber? Die Eingeweide der Opfertiere bleiben ihnen allzu ungünstig, um etwas anderes zu tun als nur herauszufordern. Mardonios fragt Artabazos und die anderen Feldherren um ihren Rat. Artabazos, der es gleichfalls sieht, der es gleichfalls empfindet, sagt: »Wir wollen das Lager aufheben. Wir wollen uns in Theben verstärken. Dort gibt es Nahrung und Vorräte und Futtermittel. Hört mich, Mardonios! Wir wollen diesen Krieg beenden, wenn möglich, ohne weiter zu kämpfen. Die Eingeweide verheißen uns dauernd Unheil. Wir wollen die Götter nicht herausfordern. Sie sind gegen uns. Sendet den verbündeten Griechen Gold, ungemünztes Gold, gemünztes Gold, auch Silber und das ganze zahlreiche Schänk- und Trinkgerät aus edlem Metall, das der König uns zurückließ! Sendet alle diese Schätze den Griechen! Sendet sie denen unter ihnen, die die Macht in Händen haben!« Die thebanischen Feldherren stimmen dem Rat des Artabazos zu. Sie mahnen zur Vorsicht. Die Götter sind nicht günstig gesinnt. »Die Götter!« ruft Mardonios aus und richtet sich hoch auf. Toll, als ob eine Verzückung ihn durchfahre, ruft er nochmals: »Welche Götter? Die griechischen Götter, denen wir opferten?« »Unsere Götter«, sagt Artabazos. »Ich opfere nicht mehr«, sagt Mardonios, und entsetzt sehen ihn die Feldherren an. »Ich will das Gesetz der Perser achten und werde nach Perserregel kämpfen. Zu lange schon vertraue ich Wahrsagern, die unter diesen feindlichen Himmeln geboren wurden. Ich traue ihnen nicht mehr. Unsere Götter werden uns beistehen, und mein Heer ist mächtig.« Niemand widerspricht ihm mehr. Er ist der Oberbefehlshaber. Er hat allezeit den Krieg gewollt und will jetzt allen und allem zum Trotz den Kampf. Sie sehen ihn keuchend dastehen. Er ist tragisch wie die Helden der künftigen Tragödien. Er schaut sich um und ruft herausfordernd: »Weiß einer unter euch um ein Orakel, das den Persern meinen Tod in Hellas weissagt?« Alle schweigen. Einige wenden das Antlitz ab. Mardonios ruft: »Da ihr nichts wißt oder nichts zu sagen wagt, werde ich selber sagen, was ich sicher weiß. Ein Orakel hat uns die Niederlage verheißen, so wir den Tempel von Delphi plünderten. Unsere Götter haben uns durch ein Erdbeben daran gehindert, Delphis Tempel zu plündern. Wir werden auch niemals Delphis Tempel plündern. Wir werden Ehrfurcht hegen vor dem Willen der Götter und dankbar sein für ihren Schutz. Wir werden die Griechen besiegen.« Er winkt ihnen, zu gehen. Finster verlassen die Feldherren das Zelt. »Das Orakel des Bakis!« sagt einer der Thebaner draußen. »Wie lautet es?« fragt Artabazos. Der Thebaner blickt um sich. Alle umdrängen ihn horchend. Er flüstert: »Blickt auf den Heerbann der Griechen und horcht auf das Sprachengewimmel aller der Fremden am Rande des schilfreichen Betts des Asopos! Zahllos werden dahinsinken bogenbedienende Meder, mehr, als die Parze bestimmt, wenn die Stunde des Schicksals herannaht.« »Es gibt viele Orakel mit ähnlichem Sinn«, sagt ein Thessalier. Der Thessalier beginnt zu flüstern. Artabazos wendet sich ab. Er will nicht länger hören. Er weiß auch ohne die Orakel, was das Schicksal bringen wird. Er hat gesehen und gefühlt. LII. Die Nacht senkte sich herab. Eine sternenlose, dunkle Stille legte sich über die Ebene, über die Berge, über den Fluß, über die beiden Lager. Perser und Griechen hier und dort. Die Schildwachen standen auf ihren Posten. Sonst schien alles und jeder zu schlafen. Das seltsame Rätsel des kommenden Tages lag verborgen in Schlaf und Stille und Dunkelheit. Dies war ein Augenblick jener seltsamen Ruhe, die häufig dem donnernden Sturm des Schicksals vorangeht, und die Schildwachen, die sich beinahe ängstigten ob dieser Stille, spähten hinaus, horchten. Die griechischen Schildwachen, die horchten und spähten, sahen, wie ein Reiter ruhig über die Ebene ritt aus dem persischen nach dem griechischen Lager. Es war ein dunkles Schattenbild von Mann und Pferd in der grauen Nacht. Als er sich genähert hatte, antwortete er auf den Anruf der Wachen, er wünsche die athenischen Feldherren zu sprechen. Sein Ton war gebieterisch, und zwei der Schildwachen gingen, um dem Befehlshaber zu melden, daß ein Reiter aus dem persischen Lager gekommen sei. Die Befehlshaber näherten sich im Dunkel der Nacht der äußersten Linie der Wachen. Der Reiter in dunklem Mantel auf schwarzem Rosse verharrte regungslos. »Was wollt Ihr?« fragten sie ihn. Er führte sein Roß um zwei Schritte näher. Er sprach: »Ich komme, Athener, euch ein Geheimnis zu offenbaren. Ich ersuche euch alle, es dem Pausanias zu melden, so er nicht mit euch ist. Denn in der Dunkelheit vermag ich ihn unter euch nicht zu erkennen. Ich bin ein Grieche. Mein Geschlecht entstammt grauer griechischer Vorzeit. Ich möchte nicht wünschen, daß Hellas sich unter das persische Joch beugt. So komme ich denn, euch zu sagen, daß der Opfer Eingeweide dem Mardonios ungünstig bleiben. Hätten sie sich günstig erwiesen, so würde schon längst eine Schlacht geschlagen sein. Allein nichtsdestoweniger ist Mardonios zum Angriff entschlossen.« »Für wann?« »Für morgen. Er fürchtet, daß euer Heer wächst. Macht euch bereit! Falls ihr die Schlacht hinausschiebt, bleibt dennoch hier! Er hat Vorrat nur für zwei Tage.« »Warum verratet Ihr die, in deren Reihen Ihr kämpft?« Der Reiter antwortete nicht. Er fuhr fort: »So dieser Krieg euren Wünschen gemäß endet, seid dann gerecht gegen Den, der sich aus Liebe zu Hellas der höchsten Gefahr aussetzt, um euch des Mardonios Pläne zu verkünden!« »Wer seid Ihr?« »Erkennt ihr meine Stimme nicht? Ich bin Alexandros, Sohn des Amyntas. Ich bin Alexandros von Makedonien, der in Athen euch Botschaft brachte.« Langsam wandte er sein Roß um. In der Nacht verschwand sein dunkles Schattenbild düster und wehmütig wie die Ungewißheit selber dem dunkeln persischen Lager entgegen. Die Feldherren weckten Pausanias in seinem Zelt. Er fürchtete die Perser und sprach: »Athener! Ihr liegt den Böotiern gegenüber. Es ist besser, daß ihr den Ort wechselt und euch den Persern gegenüber sammelt, deren Kampfesart ihr von Marathon her kennt. Wir Spartaner haben noch niemals mit ihnen gekämpft, aber wir kennen jene Verräter, Böotier und Thessalier. Laßt uns tauschen! Geht ihr rechts! Wir werden links gehen.« »Wir kamen, Euch dies vorzuschlagen«, sprachen die athenischen Befehlshaber. An jenem Tage wechselten die Athener und die Spartaner ihre Plätze. Die Böotier meldeten es Mardonios. Mardonios befahl den Persern, sofort mit den Böotiern zu tauschen, so daß sie wiederum den Spartanern gegenüber zu liegen kamen. Pausanias, dem dies gemeldet wurde, befahl den Athenern, von neuem zu wechseln. Ein persischer Herold erschien in der Ebene. Er blinzelte mit den Augen der aufgehenden Sonne entgegen. Spöttisch sprach er: »Lazedämonier! Man nennt euch die Tapfersten eures Landes und rühmt euch nach, daß ihr niemals entflohen seid und daß ihr niemals euren Posten verließet während des Kampfes, sondern daß ihr auf der Stelle den Tod gabt oder empfingt.« Er lachte höhnisch auf und fuhr fort: »Doch nichts ist weniger wahr. Ihr entflieht bereits, ohne zu kämpfen. Ihr überlaßt den Athenern die Ehre, sich mit uns zu messen. Ihr zieht die vor, die unsere Sklaven sind, Sklaven aus eurem Blut, um sicherer den Kampf zu bestehen. Ihr enttäuscht uns bitter. Wir hatten geglaubt, ihr würdet uns einen Herold senden, um uns Perser herauszufordern. Doch ihr zittert vor Angst und habt an diesem Morgen bereits zweimal den Platz gewechselt. Jetzt fordern wir euch heraus. Warum sollen wir nicht kämpfen, da wir gleich an Zahl sind, ihr, die Tapfersten – hahaha! – aller Griechen, und wir, die in euren Augen nur feige Barbaren sind? Laßt uns allein den Ausgang des Kampfes entscheiden! Nach uns mögen neue Truppen, wenn es so sein soll, von neuem kämpfen! Mich dünkt aber, daß es genüge, wenn ihr Spartaner und wir Perser miteinander ausmachen, wer als Sieger zu gelten hat.« Der stolze Herold wartete herausfordernd auf Antwort. Es war einer, der nicht gesehen hatte und der nicht empfand. Niemand antwortete. Die Stimme des Schicksals der Perser schwieg. Die Griechen schwiegen. Der Perser zuckte die Achseln, pfiff verächtlich durch die Lippen und trabte zurück, während er sich umschaute, um einem etwa ihm nachgesandten Pfeil zu entgehen. Geringschätzig schalt er noch von ferne. Zwar war nichts mehr hörbar, allein die Bewegungen seiner Lippen ließen erraten, daß er von alten Weibern und verächtlichen Feiglingen sprach. Er bringt Mardonios Kunde und meldet, daß die Spartaner nichts wagen, daß sie Feiglinge sind und zitternd vor Angst nicht geantwortet haben. In Mardonios jubelt es jetzt. Er möchte diesen stolzen Herold, diesen herrlichen, unantastbaren Helden umarmen. Er befiehlt seiner Reiterei, über die Ebene dahinzusprengen und die Griechen noch stolzer herauszufordern. Alsbald wimmelt es dort von Reitern, alsbald wimmelt die freie Ebene zwischen Asopos und Kithäron von den prächtigen persischen Unsterblichen. Die glänzenden Reiter funkeln und strahlen. Meisterhaft werfen sie den Speer und spannen den Bogen und richten den Pfeil, umwoben von dem Schimmer kraftvoller Anmut. Die überall goldübersprenkelten Umrisse der Bogenschützen auf den schönen, kohlschwarzen Rossen heben sich zu Beginn des Kampfes von der fahlen, versengten Ebene mit sehr deutlich gezeichneten Linien und immerfort aufschießenden Funken an Helm und Schild ab, und ihre Pfeile schwirren in dichten Bündeln zischend durcheinander in tausend Richtungen und kreuzen einander. Daß ihr Schuß niemals fehl gehe, damit brüsten sich die Schützen. LIII. Die Griechen sind der phantastischen persischen Reiterei nicht gewachsen. Sie ist nun hier, dann ist sie dort. Sie scheint zu spielen mit ihren Pfeilen. Sie führt ein Spiegelgefecht gegen die ein wenig zaudernden Griechen, und ihre Pfeile treffen manchen Mann. Der Tag ist heiß, und die Perser hindern die Griechen daran, sich der Quelle Gargaphia zu nähern. Das ist die Quelle, an der das ganze griechische Heer seinen Durst löscht. Die Griechen sind unruhig. Sie haben keine Vorräte. Sie leiden Hunger und Durst an diesem schwülen Tage. Pausanias berät sich mit den Feldherren. Vielleicht sei es besser, die sogenannte Insel zu beziehen, die in nächster Nähe von Platää zwischen den verschiedenen Verzweigungen des Flusses liegt. In dieser Nacht werden sie dorthin marschieren, sagt Pausanias, allein schon, um der sie toll machenden persischen Reiterei zu entgehen. Die Griechen empfinden es und gewahren es plötzlich: da ist eine Ungewißheit in der Luft, in dieser Schwüle, eine Ungewißheit treibt an den Bergen entlang und über die Ebene und eine Ungewißheit herrscht auch in ihren Seelen. Eine Ungewißheit ist um Pausanias. Sie sehen sie ihm an, fühlen sie in ihm. Fast hat es den Anschein, als fürchte er sich. Dennoch entstammt er dem gleichen Geschlecht wie Leonidas, und dessen Vorfahren sind die seinen. Entschlossen, diese Nacht nach der Insel zu ziehen, bleiben sie dennoch während des ganzen Tages den Herausforderungen der persischen Reiterei ausgesetzt. Wider ihren Willen bewundern sie diese glänzenden Reiter. Doch während der Nacht gelingt es ihnen, die wasserreiche Insel zu erreichen, und sie nächtigen unweit des Heraion, des Heratentempels, bei Platää. Der Tag von Platää bricht an, die Sonne von Platää geht auf. Als Mardonios an diesem Morgen erfuhr, die Griechen hätten ihren Lagerplatz gewechselt, rief er den thessalischen Feldherren jubelnd zu: »Was wollt ihr noch behaupten, jetzt, da die Griechen ihr Lager verlassen haben? Ihr behauptet, daß die Lazedämonier niemals fliehen würden und daß sie die Tapfersten der Welt seien. Sie aber wechselten anfangs aus Furcht zweimal ihren Standort und ihr Lager. Jetzt haben sie endgültig die Flucht ergriffen. Sie sind Feiglinge inmitten aller Griechen, die gleichfalls Feiglinge sind. Aber ich verzeihe euch, daß ihr sie prieset. Ihr kanntet nur sie und nicht uns Perser. Mehr noch wunderte es mich, daß sogar Artabazos, er, ein Perser, die Lazedämonier zu fürchten schien und daß er unser Heer bis nach Theben wollte zurückgehen lassen. Das soll der König einstmals erfahren! Zunächst aber wollen wir die fliehenden Griechen nicht entwischen lassen. Verfolgen wir sie und vernichten wir sie für immer an diesem Tage!« Das ganze persische Heer zieht über den Asopos. Es überströmt wie mit einer breiten See mit Fußvolk und Reiterei die Ebene. Es trabt jauchzend in unübersehbarer Breite daher, der Sonne von Platää entgegen, und denkt nichts anderes, als daß in der Tat die Griechen geflohen seien, und folgt der Spur ihres Marsches der Insel zu. Die Athener, die hinter den Hügeln am Fuß des Kithäron liegen, sehen die Perser anfänglich nicht. Sobald sie es gewahr werden, wie die Perser jauchzend über die Ebene stürmen, reißen die Athener ihre aufgepflanzten Feldzeichen aus dem Boden und rennen über die Hügel, über die Ebene mit einem grauenerregenden Schreien und Brüllen. Ein Herold, den Pausanias in seiner nicht zu vertreibenden Ungewißheit zu den Athenern entsandt hatte, trabt ihnen über die Hügel entgegen. Er schreit, daß die ganze persische Reiterei auf die Lazedämonier anstürme. Er ruft die Athener zu Hilfe. Er ruft ihnen zu, sie sollten zum mindesten Bogenschützen entsenden. Denn zu Fuß vermöchten sie es mit der persischen Reiterei nicht aufzunehmen. Das ganze athenische Heer stürzt brüllend und fürchterlich schreiend über die Hügel, über die Ebene den Persern nach, die sie nicht hinter sich erwarten. Es sind schwerbewaffnete Hopliten. Die persischen Bogenschützen, die sich überrascht auf den durch das Geschrei erschreckten, hoch sich aufbäumenden, wiehernden Rossen umwenden, kehren sich halb um im Sattel und richten die Pfeile gegen sie. Eine Wolke von Pfeilen verdunkelt die Luft. Die Pfeile kreuzen einander, als webten sie, jäh aufleuchtend, ein sogleich wieder zerreißendes, dunkles Netz durch die Lüfte. Die unaufhaltsamen Pfeile, die Tausende von Pfeilen machen es den Athenern unmöglich, zu nahen. LIV. Auf der Insel opfern die Spartaner, und die Wahrsager deuten die Eingeweide der Opfer. Sie tun es, während ihre auserlesensten Truppen, fünfzigtausend Mann, gegen die Perser Front gemacht haben. Allein die Eingeweide bleiben den Spartanern ungünstig, und währenddessen schießt die persische Reiterei hinter einem Wall von Schilden – der eine Schild dicht neben dem anderen, der eine Schild dicht über dem anderen – , schießt das persische Fußvolk vor ihr die unaufhaltsamen, die Tausende von Pfeilen ab. Es ist ein Dunkel von Pfeilen in dem entsetzlichen, schwülen, schwer herabhängenden Schicksalslicht dieser seltsamen Spätsommersonne, die scheint, die aber nicht golden leuchtet an diesem Himmel, der unbewölkt bleibt, ohne blau zu sein. Dort drüben fallen Hunderte von Spartanern, getroffen von den unentrinnbaren Speeren. Hier, mitten auf der Insel, richtet Pausanias Hände und Augen nach dem Tempel der Hera und fleht die Göttin mit lauter Stimme um ihre Hilfe an. Sobald er sein flehentliches Gebet vollbracht hat, künden die Eingeweide des frisch geschlachteten Opfertieres – ein Wunder! – ein den Griechen günstiges Zeichen. Kann es wahr sein? Die Unsicherheit hat sich plötzlich geklärt in Pausanias. Sobald es bekannt wird, daß die Götter freundlich sind, ist alles Zaudern bei den fünfzigtausend Spartanern verschwunden. Es will so scheinen, als offenbare es sich in den Seelen jener bisher noch zaudernden Kämpfer. Die Lazedämonier stürzen in rasendem Angriff ihrer dicht geschlossenen Reihen, ohne mehr der Pfeilwolken zu achten, auf die Perser ein. Die Pfeile schießen über ihren jähen Sturmlauf hinweg. Lazedämonier und Perser haben sich einander dicht genähert. Ein Wall von Schilden ist zwischen ihnen. Die Perser weichen zurück auf das Demetreion, den Tempel der Demeter, der sich ungeheuerlich und schicksalsschwer emporreckt mit seinen alten Mauern und dem schweren Giebelfeld, gleich als wolle er der Perser Flucht zurückhalten. Der berstende Wall der persischen Schilde spaltet sich hier und dort breit klaffend. Perser und Griechen sind im Handgemenge. Die Perser beugen sich und brechen den Griechen ihre Speere aus den Fäusten. Jetzt wird es eine gleichsam hoch aufgeschichtete Kriegswut von einem gegen einen, von zweien gegen zwei, von zehn gegen zehn unter den aufschlagenden Hufen der sich bäumenden Pferde der Perser. Doch nur leichtbewaffnet ist das persische Fußvolk. Schwerbewaffnet indes sind die stets näher und näher herandröhnenden griechischen Hopliten. Inmitten des dichtesten Gewühls erscheint auf seinem weißen Roß Mardonios mit wildrollenden Augen, das Schwert in der Faust. Er führt seine Unsterblichen und feuert sie an. Die Ironie dieses Namens! Sie fallen jeweils zu zehn rings um ihn her, nun, da sie fallen infolge ihres Mutes, der zum Übermut anschwillt, infolge ihrer Wut, die zur Tollkühnheit wird. Denn niemals dachten sie auch nur im entferntesten an die Möglichkeit einer Niederlage, sowie sie auch nimmer daran dachten, daß ihr langes medisches Gewand; das unter ihren Panzern flattert, ihnen hinderlich sein könne im Kampfe, so wie sie nimmer daran dachten, daß ihre leichten, zierlichen Waffen, die sie mit Bogen und Pfeilen tragen, dem Angriff der schweren griechischen Waffen nicht würden standhalten können. Doch solange sie ihren Feldherrn sehen in ihrer Mitte, ihren Feldherrn, der sie anführt und der sie anfeuert, wehren sie sich bis zum Äußersten und bringen eine große Anzahl von Lazedämoniern zur Strecke. Plötzlich aber gewahren sie mit Verwunderung, daß Mardonios mit einem Spartaner in wildem Zweikampf begriffen ist. Der Spartaner Arimnestos hat ihn angegriffen. Beider Schwerter kreuzen sich hinüber und herüber, hinter beider Schilden. Die Unsterblichen drängen herbei zuhauf, um Mardonios zu befreien. Da sehen sie, wie ihr Feldherr eine jähe, durch den Schmerz entstellte Bewegung macht und wie er rückwärts in seinen Sattel sinkt. Er ballt die Faust dem Himmel entgegen, den Göttern, den Göttern von Hellas entgegen. Das Schwert entgleitet seiner Hand. Ein wütendes Geschrei erhebt sich aus der dichten Schar der Perser. Arimnestos aber ruft laut aus: »Dieser Tag rächt des Leonidas Tod an Mardonios.« Sobald die Unsterblichen ihren Feldherrn fallen sehen, – möglich, daß noch während eines Augenblicks der Gedanke in ihnen lebte, sich seiner Leiche zu bemächtigen, die vom Pferde herab in das Gewühl gleitet – wenden sie sich ungeordnet um, schreien laut vor Wut und Verzweiflung und ergreifen die Flucht. Es scheint, als sei dies ganze ungeheure Heer, das so weit herkam, die Griechen zu züchtigen, plötzlich aufgelöst und entnervt. Scharenweis ergreifen sie die Flucht. Es ist, als ob die Erscheinung der Demeter selbst, der Göttin, bei ihrem Tempel die Flüchtigen daran hindere, Schutz zu finden in ihrem Heiligtum und in ihrem heiligen Haine, wo sie als Bittende beinahe sicher wären. Sie fliehen rings um den Tempel, sie stürmen zurück in die Ebene. »Folgt mir alle, wohin ich euch führe, sobald ich den Befehl erteile, daß die Schnelligkeit des Marsches erhöht werde!« So hat Artabazos bereits vor diesem Augenblick der allgemeinen Flucht zu seinen Truppen gesprochen, zu vierzigtausend Mann, die zu retten er bestrebt war, als er sah, daß Mardonios das Unmögliche wollte. Jetzt befiehlt er ihnen, ihren Schritt zu beschleunigen. Sie meinen, daß sie auf Umwegen Artabazos folgen dem Feinde entgegen. Allein Artabazos weiß, daß alles verloren ist. Er hat es gesehen, er hat es empfunden, und ein Kampf gegen das Schicksal und gegen die Götter ist weder nötig noch nützlich. Er flieht. Er flieht mit seinen Truppen nicht nach der hölzernen Mauer, die das Lager noch beschirmt, nicht einmal nach Theben. Auf einem weiten Umwege flieht er nach Phokis. Er will zurück nach Thessalien, er will zurück nach Persien, wie fern es auch sein, wie unerreichbar Susa ihm auch scheinen möge. Er will fort, dem Könige zu melden, daß ein Kampf gegen die Götter und gegen das Schicksal weder nützlich noch nötig sei. Überallhin, über die Ebene, über die unheilvolle Ebene von Platää fliehen die Perser. Auch alle ihre geworbenen Verbündeten fliehen, obwohl die Thebaner anfangs den Athenern noch standhalten. Die Tausende entfliehen in Scharen, sie fliehen in Staubwolken eingehüllt dem fernen Horizont zu nach Norden, nach Nordwesten in einer Flucht, die an eine epische Panik erinnert, in einer ungeheuren Flucht, einer Flucht der einst verbündeten, doch nun durch des Mardonios Tod plötzlich aufgelösten Völker. Sie fliehen ohne Kampf. Was fruchtet es noch zu kämpfen nun, da Mardonios tot ist? Sie fliehen alle, weil als erste die verzweifelten Perser das Beispiel gaben und entflohen. Die Griechen verfolgen die Flüchtigen. Hier und dort gibt es noch ein letztes Scharmützel. Die böotische Reiterei hält noch flüchtig stand. Es ist eine allgemeine, eine ungeheure Flucht, eine Flucht in einem Blutbad des Entsetzens ohne Gnade. In das persische Lager hinter dem Asopos, hinter der hölzernen Mauer, aus der die hölzernen Warttürme in regelmäßigen Abständen herausragen, sind viele flüchtige Scharen, sind Perser und Tausende anderer Barbaren eingedrungen. Sie verschanzen sich noch in aller Eile. Es gelingt ihnen sogar, die Lazedämonier, die mit der Einnahme befestigter Plätze nicht vertraut sind, noch eine Weile abzuwehren, bis die Athener den Lazedämoniern zu Hilfe eilen, bis die hölzernen Mauern einstürzen, bis die Griechen das persische Lager erstürmen. Dort erheben sich die prächtigen Zelte der Feldherren inmitten der Tausende anderer Zelte. Dort ragt etwas höher die Spitze vom purpurnen Zelt des Mardonios empor, dort flehen die persischen Sklaven um Gnade, dort verbergen sich zitternd die Frauen, die Nebenfrauen und Bettgenossinnen der Perser, dort plündern die Griechen des Mardonios Zelt. Sie schleppen seinen auf silbernen Füßen ruhenden Thronsitz weg, die ausschweifende Üppigkeit der vergoldeten und silbernen Möbel, das kostbare Geschirr. Sie lachen über die Kamele. Die bronzene Raufe seiner Rosse schleppen sie weg, die ein Kunstwerk persischer Bildhauer darstellt. Das Schönste aus dieser Beute werden sie den Göttern in ihren Tempeln weihen. Von einem aus dreihunderttausend Mann bestehenden Heere entgehen dreitausend wehrlose, um Gnade flehende Sklaven mit knapper Not dem Tode. Artabazos entfloh nach Phokis, entfloh auf weitem Umwege mit seinen vierzigtausend, entfloh, um dem Xerxes Kunde zu bringen. LV. »Stapelt die gesamte Beute hier auf!« gebietet Pausanias. »Daß keiner, ihr Griechen, sich persönlich eine Münze oder eine Schale aneigne!« Die Heloten, Spartas Sklaven, schleppen die Beute auf einen Platz mitten im Lager. Sie tragen die aufgerollten Zelte herbei, die mit Gold und Silber durchwebten Wandbehänge und Stoffe, die silbernen und goldenen Ruhelager, die silbernen und goldenen Kessel und Feuerbecken und Trinkschalen. Das einfachste Küchengerät ist aus Bronze und Kupfer. Den unzähligen Toten nehmen sie ihre Ehrenketten und Armbänder ab und ihre zierlich gearbeiteten, mit runden Steinen eingelegten Dolche. Vor die versammelten griechischen Feldherren führen sie die nisäischen Pferde, die spaßig anmutenden Kamele. Der furchtsame Troß der unzähligen Weiber beschließt den Zug. Unnötige Greuel werden nicht verübt. Das Geld und die Schätze in Behältern und Truhen werden gezählt, geordnet, gebucht. Ein Zehntel soll den Göttern geopfert werden, und späterhin werden die Sieger für den Tempel von Delphi den goldenen Dreifuß daraus schmieden, um den sich drei bronzene Schlangen ringeln und der sich auf den drei Köpfen der Schlangen erhebt, und für Olympia den bronzenen Zeus in Höhe von zehn Ellenbogenlängen und für den Isthmos den bronzenen Poseidon in Höhe von sieben Ellenbogenlängen. Ein zweites Zehntel wird Pausanias dargeboten. Es sind Frauen, Pferde, Kamele, einige silberne Talente, allerlei Gerät. Jeder, der sich an diesem Schicksalstage der Perser zu Platää ausgezeichnet hat, erhält seinen Anteil an der staunenerregenden Beute. Welch eine Üppigkeit, welch eine Verschwendung! Wie viele unnütze Dinge wurden aus Persien hierher mitgeschleppt! Wie viele Sklaven und Frauen, gleich als sei ein persisches Feldherrnzelt der persische Königshof! Pausanias lacht, obwohl ihm alle diese üppigen Gegenstände, die er mit den anderen Befehlshabern betrachtet und dabei durch die Finger gleiten läßt, doch einen gewissen Eindruck machen: eine kleine, mit Toilettengegenständen gefüllte Truhe, das mit Gold beschlagene Zaumzeug eines Pferdes, ein Armband, das ein Ehrenzeichen bedeutet. Er lacht zwar beinah gezwungen, findet aber dennoch alle diese Dinge sehr schön und befiehlt: »Hierher die Köche und die Kellermeister und die Bäcker des Mardonios!« Sie treten vor ihn hin in Reih und Glied unter Führung ihres Obersten. »Bereitet heute abend mir ein Mahl, wie ihr es für euern Herrn getan haben würdet!« befiehlt Pausanias. Die Küchensklaven gehen an die Arbeit, die Kellermeister mischen die Palmweine mit Myrikehonig, die seidenen Schirme werden auf Stöcken emporgehoben, die mit Silber und Gold beschlagenen Lager werden geordnet. Auf den Tafeln dampfen die feinsten Speisen. Doch zugleich hat Pausanias befohlen, daß man ein Mahl bereite nach Art der Lazedämonier. In aller Einfachheit steht die schwarze Suppe auf den ungedeckten hölzernen Tischen. Lachend weist Pausanias seine Offiziere auf den Unterschied hin. »Hellenen!« ruft er aus. »Jetzt seht ihr die Torheit des persischen Königs und seiner Brüder, Schwäger und Neffen. Sie hatten eine so ausgezeichnete Tafel und neideten uns die unsrige. Wir wollen nicht tun gleich ihnen, sondern uns bei dieser spartanischen Einfachheit niederlassen!« Er setzt sich vor die schwarze Suppe. Die anderen folgen seinem Beispiel, während drüben die persischen Sklaven – auch die geschmückten Sklavinnen, die der Meinung sind, daß die Sieger mit den sanften Sitten sie zu Spiel und Tanz auffordern werden – voll Erstaunen mit weitgeöffnetem Munde schauend dastehen, weil die Griechen dies üppig bereitete Gastmahl nicht einmal scheinen berühren zu wollen. Vielleicht aber schleicht sich gerade in diesem Augenblick in die Seele des Spartaners Pausanias eine seltsame Neugierde nach der persischen Üppigkeit, die er jetzt verschmäht. Vielleicht legt der Gott der Üppigkeit gerade in diesem Augenblick in die Seele des einfachen Kriegsmannes den giftigen Keim, der ihn dereinst dazu bringen wird, sich in ein medisches Gewand zu hüllen, nach persischer Art zu speisen, und um die Hand von Xerxes' Tochter anzuhalten, die ihn dem Untergang weihen wird. Dies aber ist noch der Tag von Platää. LVI. Eben jener Abend ist der Abend von Mykale, an dem der Rest der persischen Flotte in den ionischen Gewässern von der Seemacht der Verbündeten geschlagen ward und Nike aus der geöffneten Hand des Zeus den Hellenen entgegenfliegt hier wie dort, nach Platää wie nach Mykale. Der Gott der Perser, auf den sich Xerxes stets berufen hat, hat Xerxes nicht geholfen.   Die Tage in Susa schleppen sich fort. Es sind wiederum die schwülen, schweren Sommertage. Die Tausende von Rosen stehen in reichster Blüte. In den Portiken des Frauenhofes sind die Frauen mit dem Einkochen der süßen Früchte beschäftigt, und Rosenkerne werden in siedendem Zucker gedünstet. Denn zwar wütet der Krieg und herrscht Angst und Niedergeschlagenheit, weil die Stafetten, die Mardonios entsenden wollte, ausbleiben und weil kein Fackelbericht mit raschen Feuerzeichen in der Nacht einen entscheidenden Sieg und die Vernichtung der verbündeten Griechen an und bei Athen oder wo immer es sei in Attika, vielleicht sogar auf dem Isthmos verkündet hat, doch zugleich ist es auch die Zeit der Rosen, und es wäre schade, sie nicht zu pflücken, und es wäre schade, sie nicht einzukochen und die köstlichen Kerne nicht einzuzuckern. Die Königinwitwen Atossa, Artystone, Parmys und Phaidyme sitzen wie stets auf ihren Ruhebetten. Amestris hat soeben der Phaidyme wiederum die Geschichte des falschen Smerdis entlockt, und alle, die der Königin Gunst erhaschen wollen, hören kichernd zu. Artaxixa ist um das Einkochen bemüht, und Artaynte, ihre Tochter, – der Vorfall mit dem Mantel und die kurz nur währende Leidenschaft des Xerxes sind schon längst Dinge, die der Vergangenheit angehören – sieht Artozostra aufmerksam zu. Denn vor Artozostra, der Frau des Mardonios, steht jetzt der große Webstuhl, und um sie her wetteifern die Sklavinnen, um ihr die purpurne Seide und den Goldfaden um die verschiedenen Spulen zu winden. Artozostra wirkt einen Mantel für Mardonios, ihren Gemahl, dessen siegreiche Rückkehr aus dem Kriege sie erwartet, und Artaynte, die jetzt die Gemahlin des Dareios, des jugendlichen Erbprinzen ist – aber er ist noch sehr jung, ein Knabe noch und wohnt noch nicht mit ihr, sondern weilt noch im Lager der Jünglinge, wo er die ritterlichen Übungen erlernt – Artaynte bewundert den Mantel, den Artozostra für Mardonios wirkt, und flüstert ihr zu, dieser Mantel werde viel schöner als der Mantel, den Amestris für Xerxes wirkte und der während einiger Tage ihr, der Artaynte, Eigentum gewesen, und Artozostra, die sich geschmeichelt fühlt und die sich nach Mardonios Rückkehr sehnt, ermahnt sie, leiser zu sprechen, auf daß Amestris nichts höre. »Es gibt eine Weissagung«, flüstert hinter dem Rücken der Artozostra eine Purpurseide windende Sklavin einer anderen zu, die die Strähnen aus einem Korbe sammelt. »Was für eine?« fragt die andere beinahe gleichgültig. Denn Weissagungen gibt es zahllose am persischen Hofe, aber niemals deuten sie eine mögliche Niederlage der Truppen des Mardonios auch nur von ferne an. »Daß der Prinz Dareios nicht König der Könige werden, sondern jung sterben und daß Artaxerxes König sein werde.« Die Sklavin, die die Strähnen verliest, zuckt gleichgültig die Achseln. Doch plötzlich werfen sich beide zu Boden, und alle anderen Sklavinnen tun gleich ihnen. Denn das Wort Sonne ist erklungen. Artozostra sagt, zufrieden mit ihrer Arbeit, zu Artaynte: »Die Sonne auf der Rückseite des Mantels wird schön.« »Heilig!« murmeln sämtliche Sklavinnen, die sich auf die marmornen Fliesen niedergeworfen haben. Draußen hört man einen anschwellenden Lärm. Sollte das endlich die so gut arbeitende persische Post sein, die Briefe bringt von Mardonios und all den Prinzen, die um ihn blieben, Briefe an die Mütter, Frauen, Töchter? »Es wird die königliche Post sein«, sagt die Königin Amestris. »Seit langem schon hörte ich nichts mehr von meinem Vater Otanes.« Es ist nicht die königliche Post. Doch was es ist, läßt sich nicht sogleich erkennen. Es ist ein unbestimmtes Lärmen, das anschwillt durch den Innenhof von dem Palastflügel her, wo die Gemächer des Xerxes liegen. Die Frauen sind heftig erschrocken. Sie wissen nicht, was es ist. Sie denken an Mord, an Brand, an entsetzliche Katastrophen. An unheilvolle Kunde denken sie nicht, denken sie niemals, da sie allezeit nur Siegesnachrichten aus Hellas empfangen haben. Zweimal ward Athen eingenommen. Von den Thermopylen wissen sie nichts, und Salamis wurde von Xerxes selber mit zwei Worten abgetan. Wohl sind ihre Brüder, Söhne, Neffen dort gefallen, sie aber haben getrauert und gewehklagt und darauf vertraut, daß die siegreichen Perser alle jene rächen werden, die dem Kriege zum Opfer fielen. So denken sie noch immer nicht an unheilvolle Kunde aus Hellas, doch wohl denken sie an Mord, an Brand, an eine Katastrophe, die entsetzlich sein muß. Alle stürzen herbei, neugierig erschauernd: die alten Fürstinnen, Amestris, die jungen Prinzessinnen, sämtliche Nebenfrauen, sämtliche Sklavinnen. Sie stürzen aus dem Innenhofe nach den Gemächern des Königs. Dort stehen die Wachen, die Eunuchen, die Hoftrabanten. Es ist eine unbeschreibliche Verwirrung, bis sie plötzlich in seinem geöffneten Empfangssaal Xerxes gewahren mit wirren Augen, verkrampften Händen und vor ihm Artabazos, den sie in Hellas, in Europa, wie sie zu sagen pflegen, wähnen. Sie hören Xerxes fragen: »Also Mardonios ...?« »Mardonios ist gefallen«, antwortet Artabazos. Aus der Frauen Mund steigt ein einziger ungeheurer Schrei empor. Der Frauen Arme machen eine einzige ungeheure, verzweiflungsvolle Gebärde gen Himmel, und Artozostra schreit: »Mardonios! Mardonios ist gefallen.« Sie kann es nicht glauben. Es ist unglaublich. Sie und Artystone, die Großmutter des Mardonios, werfen sich einander in die Arme. Atossa hält die neugierigen Sklavinnen mit einem leichten Peitschenschlag ihrem Wege fern. Sie nähert sich ihrem Sohne. Der junge Prinz Dareios, der Gemahl der Artaynte, ist aus dem Lager der Jünglinge herbeigeeilt. Sogar Artaxerxes, ein Kind noch, ist mit seinem Pädagogen und den Eunuchen aus dem Palastinnern herbeigelaufen. Artabazos wiederholt es: »Mardonios ist gefallen.« Von neuem der Schrei, von neuem die Gebärde. Die Verzweiflung wogt einem Strome gleich durch den Palast. Der geringste Sklave weiß es jetzt, daß Mardonios gefallen ist. Alle eilen herbei, unaufhaltsam. Sie wollen Artabazos verkünden hören, wie die schicksalsschwere Schlacht von Platää verlief und wie Mardonios fiel. »Feigling! Du bist geflohen«, schreit Xerxes. Artabazos bejaht es. Er ist geflohen, geflohen mit vierzigtausend Mann. Kampf sei nicht mehr möglich gewesen, sagt er. Da ihm der König seine Flucht zum Vorwurf macht, reut es ihn, daß er nicht kämpfte, daß er nicht fiel. Aber er sei nicht aus Feigheit geflohen. Er sei geflohen, weil er gesehen und gefühlt habe, weil ein Kämpfen nicht mehr möglich gewesen sei und weil er dem König dies melden wolle. »Wer sonst würde es in Susa gemeldet haben?« ruft Artabazos aus. »Was kann mir am Leben gelegen sein nach der Schande, die sich uns Persern über die Häupter ergoß?« »Wo ist dein Heer?« schreit Xerxes. »Wo mein Heer ist? Nach Thessalien habe ich es noch geführt. Ich sagte den Thessaliern, die von Platää noch nichts wußten, Mardonios sei mir mit seinen Heeren auf den Fersen. Ich sagte ihnen, ich müsse weitereilen. Ich floh. Ich floh weiter. Die Thessalier glaubten mir. Hätten sie mir nicht geglaubt, so wären sie aufständisch geworden, so hätten sie mich getötet, König. Niemand hätte es in Susa melden können. Aber so, so konnte ich fliehen, und ich floh durch Thrakien. Die Flüsse waren ausgetrocknet, auf den Feldern keine Spur von Getreide. Überall verlor ich meine Krieger. Sie fielen längs des Weges. Die Pest oder die Thraker rafften sie hinweg. Der ganze Weg von Thessalien bis nach Byzanz ist besät mit den Leichen meiner Krieger, die die Raubvögel fressen.« Die Schreie, die langgezogenen Klageschreie der Frauen, der Tausende von Frauen, die alle zu weinenden Klageweibern geworden, die tausendfältige Gebärde der gen Himmel gereckten Arme erfüllt den Hof, die Portiken, den ganzen Palast; umringt mit einer dichten Schar voll lärmender Verzweiflung die Großmutter und die Gemahlin des Mardonios, seine jungen Kinder, die herbeigelaufen sind. Die Verzweiflung ergießt sich durch den Palast, die Verzweiflung strömt in die Stadt hinein, und plötzlich wissen es alle in Susa. Sie wissen von den Thermopylen, sie wissen von Salamis und wissen von Platää. Die persischen Frauen, Prinzessinnen und andere wissen es von ihren Männern und Brüdern und Vätern und Neffen. Sie wissen es alle, alle, daß der Gott der Perser nicht geholfen hat, daß die persischen Heere geschlagen, daß die persischen Flotten vernichtet sind, Millionenheere mit allen verbündeten Völkern, über die der König herrscht, Flotten von Tausenden von Schiffen, daß: alles und alle vernichtet sind und geschlagen, wenngleich die See gezüchtigt, die Berge durchstochen, wenngleich Persien die Weltmacht verliehen wurde einst, da Kyros noch lebte. Xerxes ist vor dem Verzweiflungsgeschrei in sein Gemach entflohen. Er hat sich auf sein Lager geworfen, er starrt durch die geöffneten Fenster in die Gärten. Unbewegt strecken die Palmen die Kronen ihrer fächerförmigen Blätter dem Sommerblau des Himmels entgegen. Alles scheint unberührt: die Stiertorsen, die die Balken der Decke aus Zedernholz tragen, die schreitenden Löwen aus glasierten Kacheln, die das Gemach bedecken, die ungeheuerlichen speertragenden, gewaltig muskelstarken Kämpfer in Emailrelief an der Tür. Xerxes starrt vor sich hin und fragt sich, wie es möglich sei. Seine Brüder Abrokomas und Hyperanthes bei den Thermopylen, sein Bruder Ariabignes und seine Neffen und Schwäger bei Salamis, Tigranes – groß war er und herrlich – und Mardonios bei Platää und Mykale, Artayntes, Ithamithres, alle tot, weh! weh! tot, tot! Er ist wie wahnsinnig, er kann nicht glauben. Einige wenige ungesittete Dorier können doch nicht die ganze persische Kultur bedrohen! Er erhebt sich, er geht auf und ab, er horcht hinaus. Ihm ist, als ob die schrillen, ungemäßigten Trauer- und Verzweiflungsschreie der Frauen bis in seine Ohren, bis in sein Hirn dringen. Er fällt in die Polster, er stürzt herab von seinem zerschmetterten Hochmut und starrt, starrt wie wahnsinnig. In der Umrahmung der offengebliebenen Tür, vor einem geöffneten Vorhang im Eingang zwischen den riesigen Speerträgern aus Emaille und glasiertem Stein, sind menschliche Gestalten sichtbar geworden. Es sind sechs Offiziere der königlichen Leibwache. Ihr Befehlshaber – Artabanos heißt er – führt sie an. Sie haben ihre Schwerter gezogen, sie planen einen Königsmord. Sie sind nicht zufrieden gewesen mit diesem Kriege. Artabanos, Sohn des Artabanos, Neffe des Xerxes, strebt selber danach, die Krone Persiens zu tragen. Zu sieben werden sie Xerxes ermorden wie einst Dareios und die sechs Perser den falschen Smerdis. Artabanos wird Xerxes ermorden, den Knaben Dareios, das Kind Artaxerxes. Ist dies nicht der Augenblick, der Augenblick, der genützt werden muß, der Augenblick, den Mord zu begehen, ihn dann noch geheimzuhalten, die Leiche auf den Geierturm zu legen, in der Stadt Haß gegen den König zu schüren nun, da er den Krieg gegen Hellas verlor, da sein Heer geschlagen, seine Flotte vernichtet ward, und dann den Palastaufstand vorzubereiten? Seht! Da liegt Xerxes zusammengestürzt mit seinem Hochmut, dort liegt er und starrt wie wahnsinnig. Ist dies nicht der Augenblick? Einen Augenblick lang bleiben die Ehrsüchtigen in einem Zaudern befangen. Einen Augenblick lang wird überlegt, geschwankt. Man hört die Frauen ihre Trauer hinausschreien, und der ehrsüchtige Mut der Männer fühlt sich entnervt. »Nein, nein!« flüstert Artabanos, der Sohn des Artabanos. »Später, später.« Die Offiziere weichen zurück. Artabanos weicht zurück. Der Vorhang schließt sich. Alles bleibt regungslos: die gewaltigen Kachelbilder, die Löwen auf dem Fries, die Palmen im Garten und Xerxes, der wie wahnsinnig starrt. »Mardonios!« ruft er klagend. »Mardonios! Ithamithres! Ariabignes! Abrokomas! Hyperanthes!« »Mardonios!« widerhallt der Schrei der Trauer fern, fern aus den Frauengemächern, und es erklingt wie ein Echo hier und dort: »Mardonios!« LVII. Es war sieben Jahre später. Athen war in diesen Jahren nach dem ruhmvollen Siege eine neue Stadt geworden, die erste von Hellas, eine Stadt, die schon blühender war als alle anderen hellenischen Städte, blühender als Sparta, Megara, Sikyon, eine Stadt, die bereits das Wunder verhieß, das sie einige Jahrzehnte später erfüllen sollte. Das goldene Zeitalter keimte mit beginnender Herrlichkeit, zeigte bereits seine knospenden Blüten in Athen, das in fieberhaftem Eifer wieder aufgebaut ward und voll war von einem jauchzenden Leben, das sich nach allen Seiten Bahn zu brechen versuchte. Athen war erfüllt von einer berauschenden Lebenskraft, die mit neuem, herrlichem Blut alle ihre jugendlichen Kräfte beseelen sollte: ihren wagemutigen, mit Phönikien wetteifernden Handel, ihre geniale Staatskunst der jungen und bereits ruhmreichen Seemacht, ihre genialere Geistesentwicklung, die sie bis zur höchsten Spannung, die menschliche Weisheit je erreicht, emporführen sollte, ihren genialsten Kunstsinn, der Wort und Linie und Form – Poesie, Baukunst und Bildhauerkunst – in einer Apotheose menschlichen Könnens zu allerhöchster Vollkommenheit entwickeln sollte. Es war sieben Jahre nach Platää. Die großen Feste der athenischen Dionysien fanden statt, Feste, die Peisistratos eingeführt hatte, die aber nach dem persischen Kriege zu Ehren der Hegemonie zur See, die Athen über alle anderen Staaten von Hellas errungen, in jedem Jahre mit gesteigerter Lebenskraft und edlem Glanze gefeiert wurden. Es waren die drei heiligen Tage, die dem Gotte Dionysos geweiht waren, so wie er in Athen verstanden wurde: als Gott des Lebens und der Freude und des Jubels, so verstanden, wie vielleicht sonst nirgendwo in Hellas. Es war der Neunte des Monats Elaphebolion, der in der Zeitrechnung mit dem Monat April der späteren Jahrhunderte übereinstimmt. Es war der Sonnenschein des Südens, der berauschende Sonnenschein von Attika, der blond ist wie der Honig vom Hymettos, und mit dem Summen der Bienen in der fernen, tiefen, durchsichtigen Luft mischte sich das summende Lärmen der frohen Menge, die sich über Straßen und Plätze ergoß, über die Agora und über die Abhänge des Areopags bei der Akropolis, wo der alte Tempel der Pallas Athene, der alsbald der Wunderbau des Parthenon werden sollte, noch seines Entstehens harrte, oder drunten in der Umgebung vom Theater des Dionysos, des Theaters, das dem Gotte dieser frohen Tage geweiht war. Die Veilchen, die Veilchen von Attika, zu Kränzen geflochten und die Rosen, die Blumen der blühenden Schönheit, zu Sträußen gebunden, kaufte sich ein jeder, Mann und Weib, der da ging, der da in sich die unwiderstehliche Trunkenheit fühlte, nicht die Trunkenheit der dionysischen Trauben, deren Reife nach dieser Vollblüte erst noch purpurn erglühen sollte, sondern die Trunkenheit der dionysischen, jubelnden Lebenskraft und Glückesmacht, die in diesen Tagen Luft und Sonnenschein durchzitterte, durchzitterte, durchzitterte, gleich als hingen allüberall im Äther unsichtbare Leiern, die bebend ertönten. Alle Freunde von Athen, alle Verbündeten waren in festlichen Aufzügen über die weißbestaubten Wege, über die See daher gekommen und gefahren, und an diesem Morgen wurde das Theater des Dionysos, vor dem sich alle Scharen zu einem einzigen Meer von Menschen vereinten, geöffnet. Denn die Stimmung der Freude und des seligen Lebensgenusses war vermischt und innig verwoben mit jener ethischen Stimmung sehnsüchtigen Kunstverlangens. Die Seligkeit der Dionysien floß im erhabenen Übergange einer sanften Harmonie zusammen mit dem Wunsche nach dem Genuß höchster Schönheit, sogar tragischer Schönheit, weil der Anblick und das Miterleben der Tragödie, wenn sie wirklich ein erhabenes Kunstwerk ist, nicht derart zu sein braucht, daß sie düster stimmen und der Freude des seligen Lebens entfremden müßte. Dieser Morgen war der erste Tag des Dichterwettkampfes. Drei Dichter sollten heute miteinander um den Preis für die beste Tragödie wetteifern. Feine komisch-satirische Spiele eröffneten die Vorstellungen ihrer drei Tragödien, die nacheinander stattfanden, und die satirische Komödie war diesem freudig lebenden, geistreich plaudernden, rasch urteilenden, nicht empfindsamen Volke willkommen. Aber dennoch würden die Tragödien, die neuen Tragödien, die die Dichter an diesem Tage aufführten, den Zuschauern, obwohl sie erfüllt waren von dem Entsetzen über die Allmacht des Schicksals, das sogar über den Göttern thronte und den Hochmut der Menschen zerschmetterte, die höchste, edelste Schönheit vermitteln, die sie ehrfurchtsvoll gleich einem wundersamen Geschenke jener Dichter entgegennahmen, um darauf die Versöhnung mit dem All zu empfinden, weil dies so sein mußte, wie es war. Das Theater des Dionysos strömte voll. Es lag am Fuße der Akropolis und war noch kein Gebäude aus Stein oder Marmor, eher ein Halbkreis, der in die grasigen Abhänge des Hügels eingehauen war unter Aussparung von Umgängen, ansteigenden Zugängen und mit Bänken aus Holz. Regen fürchtete man in diesen Tagen nicht. Die Sonne verhieß einen angenehmen Aufenthalt, da sie in dieser Jahreszeit noch keine brennende Glut spendete. Tausende und Abertausende sollten Platz finden. Für die Archonten und die anderen Amtspersonen waren steinerne Bänke vor die Orchestra gestellt, vor die runde Plattform aus großen, flachen Steinen, auf der sich in der Mitte die Thymele erhob, der einfache Altar des Dionysos, auf dessen Stufen sich der Flötenspieler niederließ, der mit seinen Modulationen die Schritte des schreitenden Chores regelte oder seine Reigen begleitete. Das Theater war noch kein Denkmal der Baukunst, und die Schönheit des Ganzen beruhte einzig und allein auf der dichten, tausendköpfigen Versammlung von Zuschauern, von Zuschauern, die durch die Dionysien fröhlich gestimmt und von nah und fern über Land und See gekommen waren. Die Schönheit lag noch ausschließlich in der schlichten, ursprünglichen Teilnahme der Zuschauer an den tragischen Dichtwerken, welche die drei wetteifernden Dichter nach den satirischen Komödien an diesem Tage vorführen würden. Lang und langanhaltend war der Genuß. Doch groß war die Geduld und die Hingabe des Volkes, das in der Komödie zwar noch die ursprüngliche Ausgelassenheit empfand, für die aber die Tragödie eine religiöse, hochernste Bedeutung besaß genau wie vor einem Jahrhundert zur Zeit des Solon, als Thespis mit seinem Karren umhergezogen war, auf dem er die dionysischen Mysterien dargestellt hatte, er, der als einziger Schauspieler die drei Rollen des Trauerspiels verkörperte und dessen Maske einzig aus einem Behang von Weinreben bestand. In völliger seelischer Hingabe folgte diese aus Athenern und athenischen Verbündeten bestehende Zuhörerschaft den Werken der Dichter, ihrer heiteren, politischen Satire und darauf ihren meist mythischen Trauerspielen, in denen die Menschen hochmütig und schuldig, in denen die Götter oft erbarmungslos, aber gerecht waren, in denen sich das Schicksal als allmächtig erwies. Doch als das letzte Spiel des letzten der drei Dichter auf dem Theater gezeigt werden sollte, ging eine ungeheure Erregung durch die ganze Menge, die da zusammengepfercht saß auf den hölzernen Bänken oder auf den Rasenflächen. Der Name des Dichters, der schon nicht mehr unbekannt war, ging um in ehrfurchtsvollem Flüstern: Äschylus, Sohn des Euphorion. Er hatte mitgekämpft bei Marathon, bei Salamis, bei Platää. Er hatte früher schon sich mitbeworben im Dichterwettkampf mit Pratinas und oftmals einen Preis errungen. Dies neue Spiel des Dichterkriegers hieß »Die Perser«. Er hatte darin den zweiten Schauspieler eingeführt. Den Deuteragonisten hatte er zu dem Protagonisten hinzugefügt. Die verschiedenen Rollen – in dieser neuen Tragödie, den »Persern«, gab es mit dem Chorführer ihrer fünf – wurden diesmal unter die beiden Schauspieler verteilt, und man behauptete in der Zwischenpause von den »Persern«, daß Äschylus selber die Rolle des Protagonisten verkörpern werde. Das war nicht befremdend, da der Dichter oftmals die Hauptrollen übernahm. Eine heilige Neugierde beseelte bis zur äußersten Spannung diese Zuhörerschaft, die aus hingebungsvollen Menschen bestand, die, bis es beginnen, würde, sehnsüchtig auf die noch leere Orchestra starrten, auf das noch leere Proszenion, hinter dem die Szene, der Abschluß des Theaterraumes, sich erhob. Der Atem keuchte hörbar, ward mühsam bezwungen, die Augen starrten, und die Seelen starrten mit den Augen. Geräuschlos hing da die heilige Stille um diese Kunst, die sich offenbaren sollte und die nichts anderes war als Gottesdienst und Schönheit in einem, die zum Schlusse Entsetzen, Rührung und versöhnendes Mitleiden auslösen würde. Auf der Stufe des Altars begann der Flötenspieler sein Vorspiel. Bühnenwände wurden hinter den Paraskenia verschoben und stellten in einfachsten, stilisierten Linien die Eingänge eines persischen Palastes dar. Es war nicht die Pracht der Hunderte von Stiersäulen und der grünlichblauen Kachelfriese mit den schreitenden, weißen und goldenen Löwen, die in des Xerxes Palast prangten. Es war kaum persisch zu nennen. In schlichter Allgemeinheit wurde die Vorstellung einer königlichen Wohnung nur eben angedeutet. Vor der einfachen Säulenreihe erhob sich ein gleichfalls einfaches Grabdenkmal, das das Grab des Dareios, des Vaters des Xerxes, vorstellen sollte. In Wirklichkeit stellte das Grab des Dareios eine Üppigkeit an Säulen dar, ein farbenglühendes Relief der Verherrlichung über einem Felsen vor den Toren von Susa. Hier in Athens Theater war es nicht mehr als eine leise Andeutung. Aber es schien zu genügen. Da traten zu beiden Seiten aus den Pforten des Palastes je sechs Greise, stiegen die Stufen zu der Orchestra hinab und umschritten den Flötenspieler. Die zwölf Getreuen des Xerxes, die angesehenen Perser, bildeten den Chor, und ihr Chorführer, der zweite Schauspieler, begann zu sprechen und sagte, daß sie, die Wächter dieses stolzen Palastes der persischen Könige, von finsteren Ahnungen bestürmt würden. Rings um den Chorführer brachte der Chor zugleich mit ihm seine Erregung und seine Ängste durch Gesten zum Ausdruck. Die zwölf Männer mit den Maskenköpfen und mit dem breiten Trichtermund gingen auf den hochsohligen Kothurnen mit weiten Schritten in langen medischen Gewändern, die indes einfacher waren als die, welche des Xerxes geringste Diener getragen, und erschienen mit den weiten Bewegungen ihrer verlängerten Arme wie Riesen. Doch von ferne her, von den fernsten Umgängen und den höchsten Rasenstufen aus gesehen, machten sie an diesem Sonnenmorgen einen seltsamen und beängstigend tiefen Eindruck, so daß Frauen sich angstvoll aufschreiend, zitternd an ihre Männer preßten und Kinder zu weinen begannen. Allein ein Zischen, das Stille gebot, beschwichtigte den Lärm. Die Kinder wurden weggeführt. Die furchtsamen Frauen saßen still, und die Worte des Dichters, denen man andächtig lauschte, hatten Gewalt über die erschütterte Menge. Huh! Dies war Persien, dies waren die persischen Angesehenen, und das Schicksal, das kommen werde, ahnten sie voraus. Die zwölf Getreuen nannten die klangvollen Namen der persischen und der orientalischen Könige, die dem obersten Basileus tributpflichtig waren. Sie priesen die Prinzen und Könige, sie priesen die unvergleichlichen Bogenschützen, die unvergleichlichen Ritter, die ihnen folgten, und rühmten sie auf Griechisch mit den Worten eines griechischen Dichters. In den erhaben getragenen Versen lag keinerlei Satire, mochten auch zuvor in der vorangegangenen Komödie satirische Anspielungen vorgekommen sein, satirische Anspielungen auf die jüngsten Ereignisse des eigenen Landes und auf bekannte Persönlichkeiten. Sogleich bei Beginn dieser Tragödie zitterte in den Versen des Dichters schon ein mitleidvolles Angstempfinden, das mit dem Gefühl jener persischen Großen im Einklang stand, die finster das vorausahnten, was kommen werde: »Aus ganz Asien folgt ihm das Volk, das Schwert in der Hand. Es gehorcht dem harten Befehl seines Königs. Die Mannesblüte persischen Lands, die Besten sind fort. In schmerzlicher Sehnsucht grämt sich um sie ganz Asien, das ihre Nährmutter ist, und die Eltern und Frauen zittern um sie. Bang zählen sie schleichende Tage.« Es klingt kein Ton der Ironie aus diesen Worten des griechischen Dichterkriegers, der seine besiegten Gegner auf die Szene führt. Es klingt nichts anderes daraus als die höchste, erhabenste Ehrfurcht vor den Besiegten. Nicht einmal der stille, geheime Jubel über den Sieg erklingt daraus. Es ist nichts anderes als das Miterleben der nahenden persischen Schmerzen. Die Zuschauer, lauter Griechen oder Verbündete, die Krieger, die vor sieben Jahren gegen die Perser kämpften, um ihr Vaterland zu verteidigen, sind gerührt, weil es ihnen bewußt ist, daß dies heilige Kunst ist, eine Kunst, die der höchsten Menschlichkeit entsprossen. »Mit dem Drohblick eines gift'gen Basilisken in den Augen – ungezählte Kriegerarme, ungezählte schnelle Schiffe nennt er sein, und auf dem Wagen eines Syrers jagt er selbst hin – hetzt er auf die lanzenkund'gen Männer Griechenlands der Perser nur des Bogens kund'gen Kriegsgott. Wer ist so bewährt im Kampfe, daß er dem gewalt'gen Anprall einer Meereswoge trotzte? Unbezwinglich ist die Meerflut und durch keinen Damm zu halten, sei es selbst das stärkste Bollwerk. Auch der Perser tapfren Kriegern und dem Starkmut unsres Volkes hat noch niemand widerstanden.« Die Zuschauer sehen in ihrem Geiste ihr teures Land noch einmal überflutet von der persischen Sturzsee. »Unsres Königs stadtzerstör'nde, reis'ge Scharen sind hinüber nach dem Lande, das als Nachbar zu uns hergrüßt. Hanfne Taue fügten ihnen schwache Brücken über Hellas Gewässer. Festgefügte Stege legten sie wie Joche dem Meere auf den Nacken. Und sie lernten, voller Mut auf die heil'gen, unermeßlichen Meerfluten zu schauen, wenn ein wildtobender Sturmwind weiße Wogenkämme hochpeitscht, und vertrauten sich vermessen dünngedrehten Tauen an und einem schwanken Steg zum Übergang. Dem Gedanken hängt mein Sinn trauernd nach, und voller Angst krampft zusammen sich mein Herz. ›O weh, allzu kühnes Perserheer!‹ Solche Klage wird vielleicht dir entschall'n, Susa, männerleere Stadt.« Das Mitleiden durchzittert die Zuschauer, das Mitleiden durchzittert die Krieger von Marathon, von Salamis und Platää, durchzittert sie, für die sie siegten. Da spricht der Chorführer: »Aber seht! Gleich dem Glanze aus Götteraug' tritt herzu die Mutter unseres Herrn, meine Königin. Sinkt mit mir aufs Knie! Mit ehrerbiet'gem Begrüßungswort laßt ihrer Hoheit uns nahen! Höchste Herrscherin der hehren Frauen in der Perser Reich, würd'ge Mutter unsres Xerxes, Heil, Dareios, Ehgemahl! Du bist Gattin unsres Gottes, Mutter unsres Persergotts, wenn nicht alte Schicksalstücke schon dem Heer verderblich ward.« Die dichte Menge steht und starrt, empfindet ob dieses nahenden Entsetzens ein bebendes Mitleiden, ob dieser Schönheit ein Erschauern. Denn Atossa, die Mutter, ist aus dem Palast getreten. Sie wird dargestellt von dem Protagonisten, dem ersten Schauspieler, und man raunt sich zu, dies sei Äschylus, der Dichter selber. Er trägt die tragische Frauenmaske, er ist eingehüllt in den weiten, golddurchwirkten Purpurmantel der Königinnen, und so erscheint seine Gestalt ungeheuer und übermenschlich. Kaum, daß seine Bewegungen oder seine tiefe Stimme einen Hauch der natürlichen Verkörperung eines Weibes erkennen lassen. Diese ungeheure, langsam mit weiten Schritten sich fortbewegende Gestalt ist eher schaudererregend als weiblich. Während Atossa ihre Furcht verkündet und ihre rührenden Verse durch das offene Theater und über die Häupter der dort zusammengepfercht sitzenden Griechen klingen, würde diese Schöpfung des Dichters keinen Augenblick selbst einen Perser vom Hof zu Susa an die hagere, alte, herrschsüchtige, kurzsichtige Frau denken lassen, die in violette Schleier gehüllt geht und in der vor Alter unsicheren Hand erregt die Peitsche schwingt. Doch diese Gestalt der Dichterschöpfung wirkt ungeheuer erhaben auf den Kothurnen, mit den weiten, angstvollen Gebärden, mit der hohlen, tiefen Klagestimme, die die Unruhe ihrer göttergroßen Mutterseele hinaussingt, erhabener als irgendeine andere Darstellung an diesem Tage, zu dieser Stunde gottesfürchtigen Mitempfindens sein könnte, und die Erzählung ihres Traumes, der ihr Schicksal kündet, den sie den Getreuen mitteilt, scheint gleich einem schwellenden Winde der Dichtung aus sehr fernen Orten des Ungewußten und Ungeschauten zu kommen und auf ihren schwankenden Rhythmen die Offenbarung der Unvermeidlichkeit mit sich zu führen. In angstvollen Versen fragt die Mutter des Xerxes. In Versen, die das Unglück bereits ahnen lassen, antwortet der Wortführer der Zwölf, bis der Bote naht, der zweite Schauspieler, der mit bewegten Schreien versichert, das, was die Greise fürchteten und was die Mutter träumte, sei bei Salamis Wahrheit geworden. Der Bote kommt aus Salamis, und die heftig erregten Zuschauer erinnern sich an Salamis, als vor sieben Jahren Athens Flotte über die Tausende asiatischer Schiffe den Sieg davontrug. Es ist nicht anders möglich, als daß ungeachtet des göttlichen Mitgefühls menschlicher Stolz in ihnen aufsteigt. Doch kein roher Schrei aus der Menge, kein einziges mitleidloses Wort des Dichters legt Zeugnis ab von rauh prahlendem Triumph. Erhaben in ihrem Mitgefühl bleibt die tragische Muse, die den Dichter-Schauspieler beseelte, als er dichtete, die ihn beseelt, nun, da er spielt. Die Mutter, Atossa, bittet den Boten über die Schlacht von Salamis zu berichten. Ganz erfüllt von Erinnerungen zittern die Zuschauer Seite an Seite, ihre Augen starren, und mit den Augen starren ihre Seelen. Wie schimmern diese glorreichen Verse durch den Bericht von der Katastrophe Persiens gleich einem Glanz durch eine Wolke! Wie lassen sie in maßvollster Schönheit die Glorie von Athen, den Sieg von Hellas schimmern! Wie lassen sie ihre eigene Freude an dem Mitgefühl mit den anderen aufsteigen und herabsinken wie auf den Wogen eines Weltmeers der Menschlichkeit! Vor den erstarrenden Augen und Seelen jener Zuschauer ist jeder Gedanke an Theater, an Schauspiel und Wettstreit geschwunden. Sie erleben in sich nur das erhabenste Mitleid und hehrste Freude darüber, daß sie das Vaterland für diesen Tag des reinsten Triumphes erhalten haben. Sie weinen ihre Tränen um die Schuld jenes Königs, dessen Mutter vor Schmerz um ihn aufschreit, doch ihrer Münder Keuchen ist ein Lächeln ob ihres eigenen Glücks, das die gerechten Götter ihnen gönnten, und die Spannung ist beinahe unerträglich, weil alle diese überwältigenden Erinnerungen geweckt werden, bis der Schatten des Dareios, den das Wehklagen der Perser heraufgerufen aus dem Grabgewölbe, Atossa und den Zwölfen noch schrecklichere Katastrophen als die von Salamis weissagt, als er weissagt, was nach Salamis geschehen werde, als er verkündet, was, wie den Zuschauern bekannt, bereits vor sieben heiligen Jahren sich ereignet hat, bis der Schatten des Dareios die Ereignisse von Platää weissagt. Dieser Bericht, den der Schatten von Xerxes' Vater bringt, ist wie eine donnernde Ankündigung des Schicksals. Dann erscheint der König selbst, und die Zuschauer vergessen, daß die in Verzweiflung mit zerrissenem Mantel und leerem Köcher daherstürmende, maskierte Riesengestalt wiederum der Dichter selbst, Äschylus, ist, der Protagonist, der beide Hauptrollen spielt. Die Zuschauer aber sehen in dieser verzweifelten Erscheinung nichts anderes als Xerxes selber, die gestrafte Schuld, den zerschmetterten Hochmut. Die Rührung, die man um seinetwillen empfindet, ist kaum zu ertragen, und kein Schimpfwort wird ihm entgegengeschleudert. Nur die Busen heben und senken sich mit dem verzweiflungsvollen Sichheben und Sichsenken der Verse, die Münder keuchen, die stillen Tränen fließen, Tränen, die in den Seelen der Eroberer um der Besiegten willen erweckt wurden durch heilige Kunst. Xerxes schreit seine Verzweiflung hinaus, die zwölf Getreuen antworten ihm, ein Echo: »Persiens Macht ist gebrochen. Laßt uns unsere Schmerzen vereinen! Schlagt die Brust, ihr Alten! Zerfleischt euer Angesicht! Laßt ertönen das schwermütig-wehe mysische Klagelied! Rauft euch Bart und Haar! Weint um unsere Heere!« Immer wieder erklingt schmerzlich die Klage des Chores durch die Weite dem unbewegten, blauen Himmel entgegen. »Weh! Weh! Müssen wir so Persien Zeuge sein lassen unserer Schmerzen?« Darauf schreit Xerxes gleichsam im eigenen Schmerze wühlend: »Ja! Persien soll Zeuge sein, Zeuge unserer Verzweiflung!« Die wilden Stimmen erheben sich zu einem Ozean überwältigend tragischen Klanges, der den ganzen Theaterraum erfüllt. »Weh über meine Schiffe! Weh über mein Heer!« »Weh! Weh! Müssen wir so Persien Zeuge sein lassen unserer Schmerzen?« Die Vorstellung ist plötzlich zu Ende. Die durch Glück und Mitempfinden geweckte Erregung hat die Seelen der Griechen bis zum Bersten angespannt. Dies war die höchste Bewegung, die jemals die Kunst einer versammelten Menge in Athen zu schenken vermochte. Dies ist wie eine Trunkenheit von Dionysos und Apollo in einem. Dies ist so allüberwältigend, daß die Zuschauer beinah zu jubeln vergessen. Man hört Rufe hier, dort, überall nach den Archonten, den Amtspersonen. Der große, weite Theaterraum erscheint zu klein. Diese aufeinander gepferchte Menge glaubt ersticken zu müssen in diesem Halbkreis unter dem blauen, unbewegten Himmel. Alle drängen hinaus. Sie haben das Bedürfnis, ihre Empfindungen ungehemmt zu äußern, und wie aus gemeinsamer Eingebung heraus zerstreuen sie sich nicht, sondern steigen den Areopag hinan. Ein junger Mann, beinah ein Jüngling noch, schön wie die Bildnisse der späteren Bildhauer alsbald sein werden, führt eine Anzahl seiner jugendlichen Genossen an. Vor sieben Jahren haben ihre jugendlichen Herzen in ihren damals noch nicht wehrbaren Ephebenkörpern heftig gepocht bei Salamis und Platää. Daß sie nicht mitkämpfen durften, hat sie verdrossen. Jetzt sind sie Männer, junge Männer, und die Vergangenheit mußte ihrer entraten. Die Zukunft aber wird ihnen gehören, die Zukunft wird Perikles gehören, dem Jünglinge, der jetzt seine Genossen anführt und mit ihnen den Hügel erklimmt. Ihre Rufe donnern durch die Lenzesluft. Die Menge folgt ihrer jugendlichen Begeisterung. Wohin? Nach der Akropolis, nach dem alten Tempel der Pallas Athene. Sieht Perikles hinter jenem alten Heiligtum die unbestimmt leuchtende Erscheinung des einst zu erbauenden Parthenon aufsteigen wie ein leuchtendes Bild des Tempels der Zukunft? Doch ihre Ungeduld hat den alten Tempel erreicht. Sie zeigen einander das Heiligtum, und ihre Begeisterung stößt freudige Rufe aus zugleich mit dem Namen der Götter, zugleich mit den Namen Salamis und Platää. Seht! Dort, zwischen den dorischen Säulen, die die Cella umringen, hängen die Tausende goldener persischer Schilde, die bei Platää erbeutet wurden. Sie hängen an den Säulen, sie liegen hoch übereinander geschichtet, sie sind wie goldene Sonnen, die die Lenzessonne widerspiegeln. Sie sind gleich tausend eroberten Sonnen, Sonnen, die aus dem Himmel zerbrochenen Hochmutes im Überfluß herabstürzten, und Perikles und seine Genossen greifen nach ihren Dolchen. Wo der Dolch fehlt, ballen sie ihre jugendlichen Fäuste, während von allen Seiten die begeisterte Menge herbeieilt, herzuströmt, um zu sehen, um zu wissen, um mit ihnen begeistert zu sein in ihrer heiligen Trunkenheit. Mit dem Dolchgriff, mit den geballten Fäusten schlagen sie, Korybanten gleich, auf die Schilde, schlagen sie, daß es rasselt und klirrt, auf die Tausende von Schilden, die aufgeschichteten persischen Schilde, die eroberten persischen goldenen Sonnen des Hochmutes, bis ein ungeheuerliches Lärmen sein Echo erklingen läßt längs der Akropolis. Sie rufen mit dem ganzen helltönenden Klange ihrer jungen, mächtigen Stimmen voll Glück und heiliger Erregung: »Vaterland! Heiliges Vaterland! Heiliges, heiliges Vaterland!« Einige Jahreszahlen die der Leser vermutlich vergessen hat und die er sich in die Erinnerung zurückrufen sollte: 500– 494 v. Ch. Die treibende Ursache: Aufstand der ionischen Griechen unter Aristagoras von Milet. 494. Das Tagen der Zukunft: Perikles wird geboren. 492. Das warnende Schicksal: Im ersten Feldzuge der Perser gegen Griechenland verunglückt die persische Flotte bei dem Berge Athos. 490. Erster Schicksalsschlag: Datis und Artaphernes werden, während sie das persische Heer zu einem zweiten Feldzuge gegen Griechenland anführen, von Miltiades bei Marathon besiegt. 480. Zweiter Schicksalsschlag: Im dritten Feldzug der Perser gegen die Griechen wird nach den fast epischen Kämpfen in den Thermopylen die persische Flotte in der Seeschlacht bei Salamis vernichtet. 479. Dritter Schicksalsschlag und Vernichtung des Hochmutes: Schlacht bei Platää; völlige Vernichtung des persischen Heeres. 470. Mitleiden und ästhetische Versöhnung: Erste Aufführung der »Perser« des Äschylus in Athen.