Das unruhige Asien Reise durch Indien – China – Japan von Arthur Holitscher     S. Fischer / Verlag / Berlin [1926]     Inhalt Ägypten und Palästina               Der Friseur auf der »Helouan« Esbekieh Karakol Stadt bei der Wüste Siebzehn Pyramiden am Horizont Sekte der Schlangenfresser Talare vor dem Toten Meer Ostern beim Gdud in Tel Awiw Emek Die Anzündung des heiligen Feuers »Imponderabilien« Die beiden Bäumchen Stop Ceylon Indien Madura, das dunkle Adyar, das lichte Leben, Tod und Auferstehung in Indien     1. Bombay     2. Die Türme     3. Dies ist die Stadt der Maya     4. ». . . Des heil'gen Stromes Well'n« Besuch bei Gandhi Ahimsa oder: Himmlische und irdische Liebe Der andere große Mann Indiens Donnerkeilsland China Erster zauberhafter Tag in China Ein Nachmittag in Macao Rote Parade in Canton Schamien Die Russen in Canton Panorama der Stadt Canton Schanghai und die Probleme der Revolution Chikago des Ostens Das Jahr des Tigers beginnt (Peking) » Lest we forget « Kuli Nr. 204 Blick auf China Die chinesische Hydra Japan Blick aus dem Hotelfenster Erdbeben-Land Hifukuscho Tokyo Haikara Die heiligen Stätten Tempel Nô Kono Hana Odori Geisha Yoshiwara Nichts mehr von Politik! Theater Sayónara Birke Sibiriens     Ägypten und Palästina Der Friseur auf der »Helouan« Der 8. März 1925 ist ein Sonntag (» Reminiscere «). Selig schwimmt die »Helouan« auf etwas bewegten Wellen an Kreta vorüber. Dem braunen Tigerrücken verbrennt die Nachmittagssonne in breiten Streifen den Pelz. Unten in der zweiten Klasse hat sich die Reling entlang ein munterer Korso entwickelt. Jugend stolziert, froh und laut, drängt sich aneinander vorbei, jedes sein Tempo wahrend. Es ist beschwingt, dieses Tempo, denn die »Helouan« zieht der Küste Ägyptens entgegen, morgen ist man im Heiligen Land. Nur ein paar Alte stehen still auf dem hinteren Deck. Gestern war Sabbat, sie haben noch nicht genug vom Beten, scheint's. Ihre Megillen liegen aufgeklappt auf den großen Kisten, die fast das ganze hintere Deck einnehmen. Diese Kisten tragen in Schablonenschrift das magische Wort Ford aufgepinselt. Die Alten wackeln mit steifen Beinen beim Lesen. Die Autos in den Kisten rühren sich nicht. Hinter mir, im Musiksaal erster Klasse, sitzt ein »Blauweißer« am Flügel und übt mit einem Finger die Hatikwah, die Hoffnungshymne der Zionisten. Einen Ossendowskiband unterm Arm, stehe ich und höre gerührt zu. In drei Wochen werden wir nach der Eröffnungsfeier der Universität auf dem Skopus ob Jeruschalajim die Hatikwah singen. Meine Hoffnung berührt aber nur flüchtig den Skopus; sie fliegt nach Osten, Bagdad, Indien, Ceylon, denn diesmal geht es weiter, weiter, nach China, nach der Mandschurei, über sieben unerhörte Monate hinüber in die Ferne . . . Die Sonne sprenkelt das Tigerfell mit grünen Lichtern; es zuckt über Kreta, dem alten Berg dort drüben auf – dir scheint ja das Fell zu jucken, alter Kamerad, hallo!! Ich habe in dem verdammten Ossendowski gerade das Kapitel von der Erledigung der Roten Partisanen gelesen. Von der Durchquerung des eisigen Flusses. Von der Bestechung des Tibetaners mittels eines 8 mitgebrachten goldenen Eheringes. Auf einmal entdeckt der erschöpfte Reisende eine ganze Hausapotheke in seiner Satteltasche, voll der bezauberndsten Elixiere, mit denen er irgendeine augenkranke Fürstin magisch heilt . . . wenn das nicht geflunkert ist! Ich beschließe, in China ein parodistisches Kapitel über ähnliche mirakulöse Rettungen aus Todesgefahr zu fabrizieren. Warum nicht gleich? Hier auf der »Helouan«? Auf der Stelle? Ich will jetzt weiß Gott meine Schreibmappe aus der Kajüte holen, mich ins Schreibzimmer begeben, noch vor dem Abendessen wird das Kapitel fertig sein! Das Schiff zittert, es schaukelt, schwebt leise vorwärts; die Alten vor den Fordaltären haben ihre Megillen eingesteckt und sind verschwunden. An die Reling gelehnt, flirtet ein Chaluz mit einer dunklen Schönheit aus Kowno. Er zupft mit einem Taschenkamm an seinen aufgezwirbelten Haaren, daweil die Dunkle mit allzu roten Lippen gegenflirtet. Ich werde ein gutes Kapitel im renommistischen Stil des Ossendowski schreiben, Kapitel 31 vor Kapitel 1, in den Fingerspitzen juckt's mich schon! Gestern waren wir in Brindisi . . . jedes zweite Haus trug in Schablonenmalerei die sinistre Fratze des »Duce«, das heißt Mussolinis – besonders auf neugestrichene Fassaden hatten es die Burschen abgesehen – darunter den Wahlspruch: » A Noi!! Per Forza!!! « Und die überall herumpatrouillierenden Schwarzhemden mit Troddelmütze und Patronentaschen um ihre verwegenen Hüften! Ich sehe nicht ein, warum ich nicht ein paar solcher Operettengestalten in das Chinakapitel hineinpraktizieren soll? Und das Pärchen von der Reling mit hinein, warum nicht auch den Hatikwahspieler? Treibe ich nicht dem phantastischen Osten entgegen, dem unkontrollierbaren Asien, Bagdad, Engeddi, dem Persischen Golf, Singapore, Canton . . .   Ein paar Minuten später sitze ich beim Friseur und lasse mir ein bißchen den Kopf waschen. Champoon von außen, während im Schädel das Ossendowskikapitel schäumt und Blasen wirft. Draußen vor der Friseurkabine spaziert Kowno, Wilna vorüber, Warschau, die Nalefki, leise schaukelnd im zunehmenden Abendwind, von der glorreichen Sonne rötlich beschienen. Der Friseur, ein flinker Dalmatiner, erzählt mir in seinem putzigen Italienisch von vielfachen 9 Fahrten, jahrelang auf den Ostindiendampfern des Triester Lloyd. Jetzt pendelt er auf dem Luxusschiff rastlos zwischen Triest und Alexandrien hin und her. Ich mache ihn auf die Eleganz draußen aufmerksam, auf den Korso von Kowno, Wilna, der Nalefki, denke bei mir, während mir zehn Finger in den Haaren wühlen, daß es vor drei Jahren, als ich zum erstenmal dahinüber und dann weiter nach dem Heiligen Lande fuhr, doch eine andere Menschensorte war, hier unten auf den unteren, den hinteren Decken – junge prachtvolle robuste Arbeiter, ganz still und unelegant. So, nun bin ich entlassen. Der Friseur öffnet mir die Tür zum inneren Korridor – ich aber ziehe es vor, draußen mich unter den Korso zu mengen, mitten in die Eleganz der neuen palästinensischen Einwanderung auf Deck C der »Helouan«, angesichts des Tigerrückens, der weiter und weiter achterbord im rosafarbigen Abend bläulich, unirdisch transparent verschwebt, bis von seinen Schneebergen nur ein Schimmer, wie eine unbewegliche Wolke, am Firmament sich auflöst. Stark, duftig wie Wein, beglückend und voll strömt mir die Seeluft durch Mund, Nase, alle Poren, in Lunge, Hirn und Herz; ganz offen bin ich, der Seewind pfeift, singt, orgelt durch mich hindurch, als wär' ich ein Instrument, ein Glockenspiel, Harfe, Posaune . . . Die Schiffsglocke schlägt an, hart, fünfmal, sechsmal: Ablösung! Jetzt will ich hinauf, ins Schreibzimmer, auf Deck A, trete über die Schwelle ins Schiffsinnere, der Metallrand der hohen Schwelle hält meinen Stiefelabsatz zurück, Leute eilen auf mich zu, wollen mich auffangen, schon bin ich hingestürzt, das Buch flog weit von mir weg, nach vorn, ich werde in die Höhe gezogen, blicke in erschrockene Gesichter, versuche die Hand zu bewegen – mein Arm ist gebrochen, mein rechter Arm ist gebrochen, mein rechter Arm ist gebrochen . . .   Die Arztkabine mündet auf den Korridor, den inneren Korridor von Deck C. Im Vorübergehen sehe ich noch die Tür der Friseurkabine offen stehen, die der Friseur mir geöffnet hatte, vor kaum zwei Minuten, und durch die ich nicht gegangen bin. Während ich auf das weißüberzogene Sofa in der Arztkajüte gestreckt werde, Kognak zu trinken bekomme, der Heilgehilfe ein Brett für den Arm, Verbandzeug, Watte vorbereitet, erzähle ich dem Arzt: eine 10 Woche erst unterwegs – nach Ägypten, Palästina, Bagdad, China, die Mandschurei . . . Der Arzt hat wasserblaue Augen, das typische starre Gesicht des Seemenschen, es fährt mir durch das Gehirn: so blicken Menschen ohne Hoffnung, welch ein Dasein, zwischen Triest und Alexandrien, hin und her, hin und her, jahrelang, jahrzehntelang. Der Arzt sieht mich an: jawohl, der Arm, hier und hier, er zeigt auf Stellen unter dem Gelenk der steifen, leblosen Hand. Gebrochen. Er hat die Korridortüre zugezogen, der Champoongeruch aus der Barbierstube sitzt jetzt ganz über meinem Kopf, um mich aber ziehen Jodgerüche, Karbol, ein unbestimmbarer Duft auch, von irgendeinem Frauenparfüm, vielleicht wurde der Arzt aus einer Kabine geholt . . . Zehn Minuten später – es ist, als habe der Verstand es noch nicht recht erfaßt, was das heißen will: am Anfang einer Weltreise dieses Unglück! –, zehn Minuten später etwa gehe ich wieder Deck C entlang, inmitten des Korsos von Kowno, Wilna, der Nalefki. Dieselben Pärchen, Gruppen, jungen Eleganten stehen da, an die Reling gelehnt, auf demselben Fleck die meisten noch wie vor einer Viertelstunde, als ich, statt durch den inneren Korridor zu gehen, aus der Barbierstube hier heraus auf das Deck trat. Sie schauen mich an, sehen mit Erstaunen meinen Arm in der Binde, meinen steifen Arm in der breiten weißen Binde an, blicken mir nach, sprechen mich an, ich antworte . . . wildfremde Menschen reden zu mir, seit Triest habe ich mit niemandem an Bord gesprochen, jetzt habe ich im Handumdrehen hundert Bekannte, teilnehmende Freunde! Ich denke bei mir: Wochen, Monate, Jahre, ein ganzes Leben lang magst du mit einer zerbrochenen, in Splitter zerschlagenen Seele durch die Menschen gehen – keiner wird dich daraufhin ansprechen, und wenn dein Unglück faustdick aus den Augen starrt –, aber wenn du dir einen Finger verstaucht hast und einen Wattebausch drumgewickelt trägst, werden sie dich ihrer Teilnahme versichern, dir ihr Mitgefühl kundgeben, stehenbleiben, dich anreden, fragen, deine Einsamkeit von dir nehmen . . . Der Friseur kommt aus seiner Koje gelaufen: » Ma, Signor, che cosa? Che mai  . . . vor zehn Minuten waren Sie doch noch bei mir drinnen!!« »Arm gebrochen! Auf einer Stufe!« 11 »Und ich habe Ihnen die Tür zum Korridor geöffnet! Wären Sie dorthinaus gegangen, dort ist keine Stufe . . .«, er blickt mich mit erschrockenen Augen an, schweigt einen Augenblick, macht dann eine italienische Gebärde: ». . . aber, aber . . . es ist alles Schicksal! Man kann nichts machen, Signor! E destino! E destino! « Die Nacht über liege ich in Kleidern in meiner Kabine. Die See geht scharf, das Schiff kracht, ächzt, steigt in die Höhe, fällt senkrecht nieder, stockwerketief. Draußen klatschen die Wellen bis ans festgeschraubte Fenster herauf, rinnen über die Planken, die Brettwand, die mein Bett vom Wasser trennt. Rhythmisch, da nutzt kein Widerstemmen, rhythmisch wird mein kranker Arm gegen den Bettrand geschleudert. Das Licht brennt. Ich sehe meinen Verband. Habe genug betäubende Arznei bekommen, um einen Schiffbruch durchzuschlafen. Finde keinen Schlaf. Versuche Ossendowski weiterzulesen. Mit einemmal schrecke ich auf wie aus Halbschlaf – eine Erinnerung ist plötzlich wie aus einer Fuge der Seele herausgefallen . . . liegt vor mir: Madame de Thèbes . . . wann war es doch? Januar 1897 hat sie mir's vorausgesagt: » Un accident en mer, méfiez-vous! « . . . auf einer Seefahrt, durch einen Sturz werde ich ein verhängnisvolles Unglück erleiden . . . Fast dreißig Jahre sind es her. Gewiß habe ich während dieser dreißig Jahre nicht zweimal an diese Prophezeiung gedacht, obzwar ich sie, mit anderen merkwürdigen, merkwürdigen Voraussagen dieser außerordentlichen Frau, umständlich in mein Tagebuch notiert habe. Jetzt auf einmal ist es da, das Wort. Ich höre den Tonfall der Stimme, sehe den kleinen Tisch mit dem von dem niedern grünen Lampenschirm grell beleuchteten runden Lichtfleck, in dessen Mitte meine Hand liegt, während mein Gesicht im Dunkel bleibt; neben meiner Hand liegt die mit einem dreifach stufenförmigen, breiten goldenen Ring geschmückte Hand der Hellseherin . . . ein Sturz, auf hoher See . . . Nach einer Weile, wie lange, eine Minute, eine Stunde? repliziert die Seele. Sie entgegnet Zwiefaches. Ein kleiner Schritt, eine Stufe zu kurz genommen, und das ganze Leben hat ein anderes Gesicht bekommen – und dabei, ich weiß es genau, ich habe die Stufe gesehen, den 12 Fuß gehörig gehoben, Gott ist mein Zeuge, ich habe den Fuß, wie sich's gehört, zur Höhe der Stufe gehoben! Es geht nicht mit rechten Dingen zu! Was war es, das mir die Ferse, den Stiefelabsatz auf den Metallrand niederpreßte, daß ich stürzen mußte, am Anfang einer Reise wie dieser – aber gleich darauf: Und was ist dabei? Das wird auskuriert! Eine Verzögerung von drei, von vier Wochen, und ich fahre weiter. Die Reise wird fortgesetzt, nach Ceylon, China, der Mandschurei. Verhängnis? Ach!! Und ich schlage den Ossendowski auf, dort, wo ich zu lesen aufgehört hatte.   Esbekieh Karakol Vierundzwanzig Stunden später sitze ich im Zuge, der von Alexandrien nach Kairo fährt. Es dunkelt schon, und von der Landstraße jenseits des Kanals, der uralten Straße, die vom Meer den Nil hinauf ins tiefe Afrika hineinführt, ist nur ein undeutlicher Schimmer zu sehen. Vor drei Jahren: wie erschütterte da plötzlich mit einem gewalttätigen Stoß das Bild des Orients, zum erstenmal in diesem irdischen Leben erblickt, dort, jenseits des Kanals, bunt, betörend, wogend bewegt und doch ehern ruhevoll wie das jahrtausendalte, unwandelbar heilige Angesicht der östlichen Welt. Die Karawanen, langsam unter der Führung des wie ein Effendi beturbanten Leitkamels dahinziehend, vom Mittelmeer dem Äquator zu, durch blühendes Land in die tote, rieselnde Wüste; der blaue Scheich auf weißem Roß; Schiffzieher, braun und nackt, vor schwere Kähne gespannt; Segelboote mit leichter Fracht und zart gebogenen Masten; die Ziegelformer, die mit dürftigen uralten Quirlen Schlamm aus dem Kanalbett ziehen; die Eseltreiber, neben ihren Tieren einherlaufend und die aufrecht, mit schwebendem Gang unter schlanken Tonkrügen dahinschreitenden Fellachenweiber überholend; da – die kleinen Familien, uralt und heilig: die Mutter mit dem Kindlein auf dem silbernen Maultier, der Vater mit hohem Stecken in der Hand langsam neben dem Tier – und die dunklen Gruppen eilig in bunten Burnussen Dahinwandernder die Lehmdörfer der Straße entlang. Mit meinem kranken Arm muß ich rasch nach Kairo. Die Nachtstunden verschlingen die Straße, der Schmerz ist unter 13 Betäubungsmitteln halb begraben. Auf einer Station, Damanhour, es kann auch Tanta sein, sehe ich beim Einfahren in die Stadt den Glühlichterkranz um die Spitze des Minaretts vorüberflirren. Hier vorn aber, wo der Zug hält, auf dem schmalen Bahnsteig der Station, kniet unter einer Bogenlampe ein Beter, ganz in sich versunken, richtet sich auf, wirft den Kopf zurück, beugt sich dann wieder mit einem Ruck tief, berührt mit der Stirn den Bahnsteig, die schmutzigen Pflastersteine, befreit von allem Hienieden, während der Zug schon pfeifend, eisern in seinen Gelenken rasselnd weiterfährt. In meinem Wagen sitzen Leute aus der »Helouan«. Es ist der Wagen erster Klasse, ich bin allein in meinem Abteil, ein wenig betäubt, doch froh, von meinem Unfall nicht allzusehr belastet. Bis Bagdad werde ich jetzt festen Boden unter den Füßen behalten. Was sage ich, bis Bagdad – bis Bassorah, bis zum Persischen Golf, auf dem ich, wenn der Arm erst geheilt ist, zu Schiff nach Karachee weiterfahre . . . Madame de Thèbes . . . der Friseur von der »Helouan« . . . das Geschwätz vom Schicksal! Ein dummer Zufall, Sturz, erst der Aberglaube macht einen Fall daraus, der Trieb, Lebensgesetze zu suchen außerhalb des vernunftmäßig Bestimmbaren. Löst sich der Trieb aus der Umklammerung der kontrollierenden Vernunft los, dann erst ist der Seele die Herrschaft über das Geschehen genommen und das Leben wird hilflos hin und her gestoßen zwischen Zufall und Absicht und dem Willen, zu entrinnen – fliegt endlich in die Selbstaufgabe hinein, versinkt in orientalischen Fatalismus. All dies windet sich mit Mühe aus dem von anästhetisierenden Giften schwer gelähmten Bewußtsein herauf, aber es beweist – holla! – die Seele hat noch ihren Widerstand, wenn der Körper auch seinen Hieb abbekommen hat! Die Seele, jung und spannkräftig in dem immerhin gealterten mürben Fleisch – denn dieser Sturz, er ist nicht der einzige in den letzten Monaten, die mürben Knochen sind nicht allein hier , unter dem rechten Handgelenk, entzwei . . . Schicksal, Zufall, Aberglaube – vor dem Schreibtisch hätte all das ein anderes Gesicht und wird es vermutlich auch bekommen, wenn ich erst wieder einen Schreibtisch, das heißt festen Boden unter meinen Händen habe – jetzt aber, auf dem Wege nach Indien, China, der sagenhaften Mandschurei, dem fernen, östlichen Tor, beschwingt und trotz allem selig über die Welt . . . 14 Draußen auf dem Korridor geht der Wiener Rothschild von der »Helouan« vorbei, schaut in mein Abteil, sagt zu seinem Begleiter, mit einem Blick auf mich, im schleppenden Jargon des Jockeiklubs: »Der oame Kerl hat sich den Oam gebrochen!« Hilf mir lieber beim Aussteigen! denke ich mir. Die gelinde Wut, in die mich die wienerisch mitleidigen Worte versetzen, weckt mich vollends auf. Es sitzt seit Damanhour, oder war es Tanta, ein Mann in meinem Abteil mit unzähligen französischen und englischen Zeitungen, die er aus einer kleinen Suitcase nacheinander herausnimmt und methodisch und aufmerksam zu lesen scheint. Wir nähern uns Kairo. Die Lichter der Stadt funkeln bereits auf durch die ägyptische Finsternis. Ich taste meine linke Körperhälfte entlang, wo ich Portefeuille mit Paß und Geld verstaut habe, schiebe den Paletot über die rechte Schulter, den kranken, festgebundenen Arm und Ellbogen, der Zug verlangsamt sein Tempo, hält. Im letzten Augenblick fällt mir ein: ich hätte Ernst telegraphieren sollen, daß er mich von der Bahn abhole. Aber da steht schon der Portier des Hotels, in dem ich ihn in einer halben Stunde finden werde; die Träger des Hotels stehen auf dem Bahnsteig, ich rufe, flink steigt einer durch das Fenster in den Wagen herein, hebt mein Gepäck hinaus, springt aus dem Fenster auf den Bahnsteig hinunter. Mein Arm schmerzt. Bei jeder unbedachten Bewegung bohrt ein Dolch sich aus dem Gelenk in den Ellbogen. Vorsichtig taste ich mich in den Korridor hinaus. Die Stufen des Waggons zum Bahnsteig, diese verdammten ägyptischen Waggonstufen, sind steil, eine Kletterkunst, wie komme ich da hinunter? Im Korridor stehen noch Leute. Sie versperren mir den Weg zum Ausgang. Ich trete zurück, um sie erst aussteigen zu lassen. Unten der Träger mit meinem Handkoffer und Tasche läuft schon den Bahnsteig entlang. Ich gehe wieder auf den Korridor hinaus, da stehen die drei noch. Ich bemerke, es sind nicht Mitfahrende aus diesem Wagen, nicht Mitreisende von der »Helouan«, sie haben gar die verkehrte Tür nach dem falschen Bahnsteig geöffnet, ich aber muß durch, mein Gepäck . . . was suchen die da noch, der Zug ist ja leer, ich muß mich zwischen ihnen durchdrängen, fühle mich vorwärts geschoben, nach der offenen Tür zum falschen Bahnsteig zu, schreie auf, » take care, you 15 see, my arm «, umklammere schützend die kranke Rechte mit der heilen Linken, die drei steigen aus, einer murmelt eine Entschuldigung, sie steigen . . . nach dem falschen Bahnsteig hinunter, geben mir den Weg frei . . . im Nu taste ich meine linke Seite ab . . . weg . . . mein Portefeuille ist weg, mit Paß, Geld, Notizbuch, Kreditbrief . . . Ich stürze den dreien nach, zur Tür, durch die sie hinaus sind . . . der Bahnsteig leer! . . . nach der anderen Seite, steige, rufend, die steilen Stufen hinab: » Police! « – da steht die Bahnhofpolizei, etliche zehn Mann, schreiend, gestikulierend um einen armseligen Araber herum, den man soeben bei einem Taschendiebstahl erwischt hat . . . meine Räuberskerle waren europäisch gekleidet, drei unauffällig gekleidete Ägypter in europäischer Tracht. – Zu spät. – –   Im Hotel sagt man mir: Ernst sei vor einer Stunde in ein arabisches Varieté gefahren, »Tausend und eine Nacht«, ein paar Minuten weit vom Hotel. Ein Dragoman fährt mit mir, hilft mir in den Wagen. Ich fahre durch das nächtliche Kairo. Wir wollten diese Reise nach Indien, der Südsee, China, Rußland zusammen machen. Meine Absicht war, ihm als erfahrener Reisekamerad über die schwierigen Wege einer solchen Weltfahrt hinüberzuhelfen; er sollte Europa entrinnen, den Erinnerungen an Haft, Gefängnis, seine fünf schweren Jahre Niederschönenfeld – jetzt begegnen wir uns im Orient, wie's verabredet war, und er ist's, der mir helfen muß, ich bin es, der einen Dienst von ihm fordert, und dieser Dienst ist: in ein Polizeiamt mit mir zu fahren, in ein anderes, noch in dieser Nacht, Protokolle aufsetzen . . . »Das Leben ist von einer ungeahnten Gemeinheit.«   Spät nachts gehe ich in mein Zimmer hinüber und bin allein. Unter dem Fenster lärmt die Gasse. Das Saxophon drüben in Ciros Klub inmitten des Gartens von violettem Gebüsch, Palmen, Sykomoren. Kutscher keifen, debattieren, auf Fahrgäste lauernd, bis zum Frühlicht. Das Moskitonetz fällt nieder über mein Bett, in dem ich mit offenen Augen liege – tausend kleine stechende Gedanken, Myriaden kleiner summender Sorgen schwirren innen um meinen wachen Kopf. Wach liege ich, bis die Falken, die Sperber ihre schwingenden Flüge vor dem 16 Fenster zu vollführen beginnen, die großen, dunklen, kreischenden Tiere, Wächter der Toten in den alten Gräbern Ägyptens, die heiligen Vögel des Rha. Weiß Teufel, gründlich bestohlen! Nach dem Sturz der Raub. Alles, mit einem Griff, Paß, Geld, Notizen, der Kreditbrief – die Welt, noch vor Stunden offen, lockend da, die Meere, Kontinente – versperrt, versunken. Hier aus der Tasche dieser Jacke holte die flinke Hand die Welt heraus. Teufel nochmal, geschickter, geschickter Dieb! Nebenbei bemerkt, ist's ja nicht das erstemal, daß ich bestohlen werde. Ja, ich kann mich rühmen, daß ich ein besonderes Talent besitze, ein ganz besonderes, einzigartiges Talent zum Bestohlenwerden! Talent; denn wie zum Reichwerden, zum Berühmtwerden, zum Familienglück, zum Regieren, Massenmord, Stehlen, Lügen, ja zum Selbstmord Talent, angeborenes Talent gehört, so kann man auch zum Bestohlenwerden Talent haben, und ich besitze es in ausgiebigem Maße. An den Fingern meiner heilen Hand werde ich's kaum herzählen können, wie oft an Gut, Arbeit, Ruhm, Lebensglück bestohlen . . . Und jetzt: die drei im Zug, unauffällig aus einem fremden Wagen in meinen eingestiegen, um mir die Welt aus der Tasche zu stehlen . . . wahrhaftig, Talent zum Bestohlenwerden, wenn zu nichts anderem – zum Bestohlenwerden ein mitgebrachtes, herrliches, einzig bewährtes Talent! – –   Die Nacht, in der ein Mensch alt wird, in der das Leben einen Schritt über dich hinüber macht, vergeht langsam. Wie stumme Tränen rinnen die Sekunden über dein erstarrtes Gesicht, und jede läßt eine Furche zurück. Alles ist aufgelöst wie ein Brei, Morast, in dem die Seele versacken muß, schier versacken. Ringsum ist nichts, um den Schrei, die Qual nichts, luftleerer Raum ohne Schall – für den Wehschrei, den der wüste Gott aus dir herauspreßt, sind die Wellen des Äthers nicht vorhanden. Dem vergehenden Menschen wird sein Atem ins Herz hinuntergestoßen, die Luft geht ihm aus, hilflos, preisgegeben das zermarterte Herz, ein Gefäß geworden für alles Bittere der Welt; die Zirkulation ist unterbrochen, der Strom versickert, du bist der passive 17 Teil der Welt, keine Strahlen sendet dein Herz mehr aus, das entsetzliche Schicksal, das es also doch gibt, obzwar du gestern in einer Stunde der Auflehnung nahe daran warst, es zu leugnen, verleugnen, das entsetzliche Schicksal gräbt in dir herum, als wärst du scheintot, gräbt sozusagen mit fünf Fingern in deiner Tasche herum, ob da noch etwas wäre, was es dir nehmen könnte. Und mit einer verzweifelten Anstrengung richtest du dich auf, zeigst alles Verborgene her: bitte, hier, und dies da – das gehört mir noch, greif zu – alles tust du von deiner Seele ab, schamlos bietest du deine nackte, armselige, zerschundene Seele dem Schicksal dar, dem zynischen Dieb: da, bitte, greif zu, schlag mich nieder . . . Schlag mich doch nieder.   Der Schmerz des Körpers ist willkommen. Der ziehende, bohrende, zerrende Schmerz ist herrlicher Wohltäter der Seele. Er reißt den Schmerz der Seele mit gewaltsamem Ruck zu sich hinüber, löst das fressende Weh der Verzweiflung auf in einem starken, realen, soliden, unleugbaren Element. Der kranke Arm, das zerbrochene Gelenk, die ganze rechte Körperhälfte brennt lichterloh, erst in unbestimmtem, hier und dort wild aufflackerndem Lodern, dann, wenn die Wirkung der Betäubungsgifte gänzlich verschwunden ist, in einem gewalttätigen, schaukelnden, schwingenden Rhythmus, der den Körper rollt, schleudert, so daß er wie ein leckes Schiff mit geborstener Maschine auf dem Ozean des Leidens ohne Land versinkt. Gestern, auf der Fahrt von Karakol zu Karakol, das heißt vom einen Polizeirevier zum zweiten, hat sich der Notverband verschoben, und seither sind der Arm, die Hand aus der Lage. Ehe der Chirurg morgen die Aufnahme macht, den Gipsverband anlegt, werde ich zum American Express müssen, um den Kreditbrief zu sperren – der Brief! Wäre Ernst nicht da, der hilfbereite Freund, ich stünde ohne Pfennig in dieser Stadt. Nur wenige Pfunde haben die Diebe in dem Portefeuille gefunden, der Kreditbrief aber, die ganze große Summe war noch intakt. So habe ich ein Programm für morgen: erst der Express, die Riesenorganisation über die ganze Erde, sie wird doch die Sperrung veranlassen können, vielleicht ist nichts verloren, das Tor der Welt nur zugelehnt! – dann der Chirurg, der körperliche Schmerz, der kaum mehr 18 zu ertragende, nimmt ein Ende – und dann, gegen Mittag: die Stadt, diese phantastische Stadt an der Wüste, das Wiedersehen mit dem Orient, dem tiefen, bezaubernden, hier, wenige Schritte vor dem Haus – dem weiten, brausenden Orient, der offen steht, mir keineswegs verschlossen . . . nein . . . Ich atme jetzt ruhiger. Bemerke, daß mein Atem viel ruhiger geht, als ob der Körper den Kampf mit dem Schmerz aufgegeben hätte, der Schmerz sich besänne. Unter dem dumpfen, dröhnenden, heißen Schmerz im Arm, dem Handgelenk – ein feines, rieselndes, zirpendes Kribbeln. Leises, haarfeines Vibrieren, Oszillieren der Magnetnadel – die zerrissenen Nervenfasern senden ihre Spitzen aus – über die zerbrochenen Knochen, Knorpel, Muskeln weg suchen sich die Enden der feinen Nerven, ziehen sich an, greifen der Heilung vor . . . Schon treibt der Körper, schwerer und müder, dem Schlaf auf sanften Wellen des Atems entgegen. Im Entschwinden des Bewußtseins erfaßt die Seele noch den wunderbaren Prozeß: geheimnisvolle Anziehung, geheimnisvoll waltender Lebenstrieb, leise, im Körper, der in Schlaf versinkt, mit zarten, engelgleich singenden, sich sehnsüchtig suchenden Nervenspitzen tastet der Wille nach der verlorenen Welt, regen sich feine sehnsüchtige Strahlen von dir hinaus, von der Welt nach dir, die Heilung ist im Gange, der Mut, die Freude vielleicht, durch das geheimnisvolle Wesen entfacht, das in deinem Körper, deiner Seele wach ist, unbegreiflich wach, während dein Gesicht im Schlaf hingezogen nach Osten sich wendet, dem himmlischen Jerusalem zugekehrt.   Stadt bei der Wüste In dieser Stadt vergehen meine Tage zwischen Grauen und Verzauberung. Grauen und Verzauberung – aus diesen Elementen ist die Stadt gebaut, zusammengebraut: der Verzauberung des tiefen Orients in den Vierteln um die Muski, bis zum Sandgebirg Mokattam, den Dörfern des Nilufers – und daneben der irrsinnigen Hast, dem nervösen, stampfenden Treiben des modernen Stadtviertels, ohne Übergang angeklebt an die Orientstadt der Eingeborenen. So, zwischen Würde und Angst, dem sublimen Überschwang der Seele, die den geruhsam tiefen Sinn des Orients erfaßt hat, und dem jähen 19 Zurückstürzen in die schweißtreibende Wirklichkeit des Unglücks, vergehen meine Tage in Kairo. American Express sperrt die Auszahlung des Kreditbriefs. Dieser Brief lautet auf eine große Anzahl, auf all die Hunderte seiner Filialen in der ganzen Welt. Die ägyptischen, palästinensischen, syrischen werden sofort telegraphisch verständigt – angeblich sofort verständigt. Dann sollen in immer weiterem Umkreis die entlegeneren bis zu der entferntesten durch die Pariser Zentrale benachrichtigt werden. Natürlich ist die Spannweite zwischen meinem Anteil an dieser Angelegenheit, die für mich eine Katastrophe bedeutet, wesentlicher als für die Leute des Express, in deren Praxis solche Fälle wahrscheinlich alle Tage vorkommen. Ich werde den Eindruck nicht los, daß dieser Angelegenheit keine besondere Sorgfalt zugewendet wird – und doch hängt für mich von ihrem Ablauf mehr ab als diese Reise, diese wunderbare Reise allein . . . Dagegen ist der Konsul meines Landes, den ich sofort aufsuche, um mir einen Notpaß zu verschaffen, von größter Dienstwilligkeit; er ist ein angesehener jüdischer Bankier Kairos und in seine Würde als Konsul Ungarns erst seit einer Woche eingesetzt. Mein Fall ist der erste, in dem er seine Funktionen ausüben kann. Die Behörden erweisen mir, ohne direkt im wesentlichen zu helfen, zarte Aufmerksamkeit. Im Hotel besucht mich ein englischer Beamter der Geheimpolizei und nimmt ein Protokoll auf. Von seinem Schreibblock erhebt er nur selten den Blick, aber dann mit einem durchdringenden, durchbohrenden Anschauen meines im Bewußtsein meiner Unschuld ruhig bleibenden Gesichtes. Ich glaube, ihn interessiert es vor allen Dingen: ob ich etwa nicht selber mit einer Diebsbande die ganze Sache arrangiert habe? Einen Tag später telephoniert es von der Bahnhofspolizei, Esbekieh Karakol. Ich erhalte die Nachricht erst spät nachts im Hotel. Soeben hat man einen Taschendieb gefaßt, der einem Amerikaner ein paar tausend Dollar gestohlen hat. Ich soll an den Bahnhof kommen, mir den Mann ansehen. In einer kleinen, von ägyptischen Polizisten überfüllten Wachtstube steht ein schlanker, intelligent aussehender Mensch von etwa dreißig Jahren, mit amerikanischer Hornbrille, in elegantem braunen 20 Regenmantel, dessen Gurt er enger anzieht, als wir eintreten, um sich Haltung zu geben. Ich sehe den Mann an: es ist nicht meiner. Ich blicke in ein mürrisches, erstarrtes Gesicht, eine Larve fast. Ich bin der letzte Mensch, dem dieser Mensch ins Angesicht blickt, ehe die Gefängnishölle ihn verschlingt. Im Geiste bitte ich ihm die Schuld ab, die der ehrbare Bürger dem Verbrecher gegenüber hat. Nach meiner Erklärung wird der Mann sofort von einem Polizistenschwarm abgeführt. Er hinkt, man hat ihn, als er zu fliehen suchte, mit einem Hieb niedergeschlagen. Er trachtet aufrecht zu gehen, verschwindet in der düsteren, staubigen Halle. »Ein Russe,« sagt der zurückbleibende Polizeiinspektor, »ein Ausländer,« und mit einer Handbewegung: »dem werden wir's zeigen. Wenn hier einem Fremden etwas gestohlen wird, heißt es gleich: die ägyptischen Taschendiebe! Dabei sind die meisten aus Europa zugereist. Dem Kerl werden wir's zeigen.« Und wenn ich hundert Jahre alt werde, den Blick des russischen Diebes vergesse ich nicht, des Menschen vor dem Versinken in das Grauen eines ägyptischen Gefängnisses.   Wieder im Museum. Im ersten Stock die neuen Ausgrabungen aus dem Tut-En-Chamen-Grab. Ein Gang durch die unteren Hallen: Wiedersehen mit dem Dorfschulzen, dem schreitenden Priester des Ptah, der weißhäutigen Gipsprinzessin Nephret, mit dem König Myzerinus, den rechts seine Königin und links sein Dämon umarmt hält. Der Typus des Menschen, des Kulturmenschen, hat sich innerhalb sieben Jahrtausende nicht im geringsten verändert. Auf den Stockknäufen des Tut die Köpfe sehen genau aus wie Köpfe von Menschen, die man heute im Muski, auf Mokattam sehen kann; er selbst ist ein verwöhnter dekadenter Junge, der jeden Augenblick aus Shepheards Hotel von der Terrasse auf die Straße heruntersteigen könnte. Die gleichen Konflikte, Leidenschaften, Verdrängungen, die gleiche Überreizung, Nervosität und Hast auf den Gesichtern der Menschen von je und von heute, dieselbe überreizte Verfeinerung in dem Hausgerät von heute und den unerhört zarten, unbeschreiblich graziösen Alabastervasen für Räucherzeug, Kästchen für Schmuck, Schemeln und Stühlen Tuts. Sieht man die steinernen Gesichter und die aus Fleisch vor ihnen, 21 dann fällt einem das Wort Renans ein, daß die Moral keine Fortschritte mache. Und es kommen einem seltsame Gedanken über politische Evolution, Macht, Knechtsinn, Selbstherrlichkeit und Zerknirschung, Götzendienst und Heldenverehrung oder was man heutzutage so nennen muß. In majestätischen Flügen, nach unten ausladenden, nach oben sich rapid verengenden Spiralen kreisen vor meinem Fenster die Sperber und Falken über dem violetten Garten um Ciros Jazz-Kasino. Irr und mitgerissen, hin- und hergetrieben, in die Höhe geschleudert und breit und abgrundtief zum Boden hinuntergezogen, lebt die Seele, glühend und beseligt, unruhig ihren Tag zwischen Würde und Not in dieser Stadt des Orients.   Der Orient ist ein zertrümmertes Haus. Im Bau unterbrochen? Oder hat es vor Zeiten, nicht weit über dem Erdboden, einen Hieb abbekommen, daß die Fensterrahmen im ersten Stockwerk wie zerschlagene Zäune in die Höhe stechen? Aus unterirdischen Verliesen ein namenloses Gewimmel; zwischen Abfällen, üblem Geruch halbnackte Kinder, dunkel gekleidete Frauen mit schwarzen und bunten Tuchfetzen vor den Gesichtern; hohe dürre, in farbige Burnusse gekleidete braune Mannsgestalten. Und unmittelbar angeklebt an die niederen engen Wohnverliese die Wucht der europäischen Vielstockhäuser, Pariser Straßenarchitektur, Eleganz, Lungern und lauerndes armseliges Vegetieren durcheinander. Der Duft der Stadt ist ein anderer als vor drei Jahren – damals war's Herbst, die herrlichsten Früchte häuften sich auf den Tischen der Obstverkäufer: Granatäpfel, groß wie blonde Kinderköpfe mit kleinem aufgebundenen Schopf, Feigen, voll Sonne, die süßen seifigen Icecreamknollen des Kaktus, verzuckerte hellviolette Pasteken, kanaanitische Trauben von prickelndem, champagnerähnlichem Geschmack, die blassen Mondorangen aus den Gärten um Jaffa. Dafür duftet heute die kleine tropische Blumen- und Palmenoase mitten in der Stadt im Schmuck unerhörter Blumenfülle; zu Füßen der wild ineinandergeschlungenen Lianen sitzen auf den kleinen Bänken im Schatten des hereinbrechenden Abends Menschen, betäubt von der Wolke von Gerüchen über dem Garten. 22 Auf einer dieser Bänke sitzt allein ein Mensch und singt mit lauter Stimme. Er ist europäisch gekleidet, in helle Sommerfarben, hält zwischen den behandschuhten Händen einen Silberstock und singt, ganz einfach und ruhig, die griechische Litanei. Der Abend hat in dem Irrsinnigen die Ideenassoziation an die Zeit der Messe geweckt, in der er als Kind die Responsorien gesungen hat. Jetzt sitzt er da und singt mit angenehm tönender Stimme laut den sakralen Text, und auf den anderen Bänken sitzen wir und hören ihm geruhsam und ohne Staunen zu.   Zu Füßen Mokattams, zwischen dem Zitadellenberg und der Esbekieh-Oase inmitten der europäischen Stadt, liegt, um die lange Muski geschlungen, in wirre Gäßchen zerfasert, der Bazar. Wunderherrliche Moscheen erheben ihre dünnen Minarettnadeln wie Wegweiser aus dem Gewirr. An ihnen vorüber wagt sich der Fremde immer tiefer ins Labyrinth der schmalen Gänge, in die Lauben, die überdeckten, mit Segelleinwand, Latten, Lumpen, zerbrochenen Wölbungen, Torbogen, Laufgalerien kreuz und querverbundenen Höfe, Alleen, Gäßchen und Schlupfwinkel. Verborgen im Mittelpunkt des Bazars das ungeheure Kaffeehaus, in dem um jede Tageszeit Hunderte von beschaulichen Arabern vor ihren kleinen Tassen sitzen, den buntgeschmückten Sauger der Wasserpfeife zwischen den breiten Lippen. Wie lang denn, ihr ganzes Leben lang sitzen sie da, rühren sich kaum, lassen sich auf dem trägen Strom des orientalischen Lebens von der Wiege zum Grabe gleiten; unter ihren schweren und immer schwerer werdenden, mit dunklem Kaffeesatz, süßem Fett genährten Leibern rinnt das Leben fatalistisch dahin, im Wasserbehälter ihrer Pfeife kräuselt sich zuweilen die trübe Flüssigkeit, das ist der einzige Beweis dafür, daß der Raucher lebt. Draußen, nicht weit von dem Kaffeehaus, in einer der kleinen Winkelgassen, sitzt in einer Runde von schweren schwarzgewandeten Weibern, die in ihren Binsenkörben allerlei verkäufliches Zeug feilhalten, eine alte Negerin mit einem schwarzen Tuch, das ihr, durch eine kleine Röhre von der Stirn an gehalten, von den Augen abwärts über Nase, Mund und Kinn fällt. Jeden Tag, an dem ich mit Ernst hier vorüberkomme, sitzt die Alte vor ihrem Korb, in dem ein halbes Dutzend 23 Kaurimuscheln liegen, sechs kleine elende Kaurimuscheln. Es ist eine lächerliche Form des Bettelns, eine elende Finte. Wer in aller Welt soll der Alten ihre Muscheln abkaufen? Wenn man ihr einen Piaster in den Korb wirft, trifft einen ein Blick aus den alten Augen im Ausschnitt des schwarzen Tuches. Die Augenwinkel sitzen voll Fliegen. So elend ist die Alte, daß sie gar nicht mehr daran denkt, die Tiere aus ihren Augenwinkeln zu verscheuchen. Durch die Muski hinkt ein alter Bettler. Ganz in Lumpen gehüllt, schlurft und hinkt er an uns vorbei. Seine dürre Hand, dürr und dunkel, wie aus Ebenholz geschnitzt, wie die erhobene Hand jener Pharaonenmumie im Museum, mit Nägeln aus altem Elfenbein, streckt er uns entgegen. Die Menge stößt sich an ihm, an uns vorüber, weicht aber dem Alten ehrerbietig aus. Er hat auf seinem braungrauen Schädel einen grünen Turban sitzen, der besagt: der Alte hat das Grab des Propheten in Mekka besucht. Sein Grab, sein eigenes – lebe hundert Jahre, alter Freund! – es wird eine besondere Farbe erhalten. Die beiden Pfosten zu Häupten und zu Füßen seines Grabes, auf denen der Engel des Guten und der Engel des Bösen sitzen und um die Seele des Pilgersmannes disputieren werden, sie werden eine Tönung erhalten, die dem Auge Allahs wohlgefällig sein soll am Tage des Gerichts. Wie ich ihm, zugleich mit Ernst, meine Münze in die alte Hand drücke, hebt er beide Hände beschwörend auf und segnet meinen kranken Arm und die Binde, in der ich ihn trage, mit einem Gemurmel aus dem Koran. Wunderbar ist es, in den Gängen des Bazars herumzugehen, vor den kleinen abseitigen Höfen stehenzubleiben, die sich überraschend vor einem auftun. Eine Werkstatt öffnet sich vor dem Blick wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. In kleinen muffigen Schusterhöhlen werden zierliche Saffianpantoffelchen geklopft, mit zierlichen Silbertroddeln auf dem Schnabel geschmückt, daneben hängen an die Wand gereiht die schweren derben Pantinen der Wüstenwanderer; sprühende Öfchen der Gold- und Silberschmiede spritzen Funken hinaus in die Allee, da hämmert ein Dutzend feiner Werkzeuge silberne Intarsien, Koransprüche, zierliche Buchstaben in große Metallplatten; Läden der Geldwechsler neben den anrüchigen, mit Flitterkram wie Bordellsalons geschmückten Barbierstuben; und eine Reihe von Werkstätten, in denen 24 die Kopfbedeckung der Moslems, der rote Tarbusch, über große Messingformen geschlagen wird, sauberes Metier. Weithin duften die Kuskusküchen mit breiten Fladen aus Weizenkuchen und Gemüsehäcksel, hohen Gläsern mit grellroten, violetten und grünen Einmachfrüchten, schwer zu verdauenden Leckerbissen aus Fett, Honig und Fruchtsaft. Die tausend kleinen Zellen, Kojen, Rattenlöcher, Nischen, Durchlässe, Höfe und teppichbehängte halbdunkle Läden, aus denen der unheimlich verästelte Bazar besteht, sie bergen ein wundervoll gleichmütiges, freundlich-heiteres, abgründig unheimliches, noch nicht erkanntes, vom Europäer kaum erforschbares Volk, dessen Leben vielleicht nur in der Vergangenheit, im tiefen Düster verschütteter Jahrtausende, ein Leben nach unserem Maßstab genannt werden könnte. Mit einem Seufzer, müde, und je müder ich werde, um so verzagender, nehme ich Abschied von dem Volk der emsig auf Metall Klopfenden, von den mit roten Ambrarosenkränzen vor ihren kleinen Läden mit untergeschlagenen Beinen dasitzenden würdevollen Händlern, von dem labyrinthähnlichen Bazar und der Muski. Nicht werde ich, wie's meine Absicht war, gemächlich und sorglos mich immer weiter nach Sonnenaufgang zu durch Afrika, Kleinasien, die Wunderwildnis Ceylons, des Edengartens, durch Indien, Burma nach dem Ziel, dem unermeßlichen Sagenland China, treiben lassen können! . . . Stillestehen an der Schwelle des Bazars, Erkennen der tiefen Verbundenheit – bei allem europäisch zerrissenen, schwankend eigenwilligen, rasch aufschießenden, rasch erlahmenden Trieb des intensiv lebenden Westmenschen – dieses unerklärliche, sichere und gewaltsame Gefühl des Hierhergehörens, der Verbundenheit mit diesen dahier, diesem semitischen Urvolk – Zugehörigkeit zu diesem rätselhaften, unbeweglichen, sich nur selten regenden, verfallenden, Gott verfallenen, kaum mehr noch und doch ewig lebenden Volk, das von seinem Gottglauben dermaßen beherrscht ist, daß es seine Bedrückung, Sklaverei als Kolonialvolk vielleicht als etwas kaum in Frage Kommendes, Nebensächliches, die Oberfläche der Seele nicht einmal von fern Streifendes erduldet . . . Sehnsucht, sich hier hineinzufinden; hinunterzugelangen zu den Urgründen dieser Gesetze des Friedens, die eigene Unrast, das angeborene Unglück draußen zu lassen, abzustreifen wie das Schuhwerk, 25 ehe man in die Moschee tritt; die heitere unirdische Versunkenheit in den Willen, den unerforschbaren, zu erlangen, die verschüttet irgendwo auf dem Grunde des Semitenglaubens, ob ihn nun ein Jude oder Mohammedaner besitzt, versteckt liegen muß! Ach, die Welt als ein leichtes Gekräusel um die dunstige Flüssigkeit im Kugelglase empfinden können, als leichten Dampf, emporquirlend zu den Nüstern des geruhigen Rauchers im Mittelpunkt des labyrinthähnlichen Bazars!   Drüben, jenseits des Nils, ruhen die klotzigen Steinhaufen im Vollmondschein. Die Sphinx enthüllt bei Nacht ihr geflicktes, mit Zement aufgefrischtes, mit roter Ziegelfarbe künstlich nachgeschminktes Angesicht. Die alte Allerweltshure muß sich von Zeit zu Zeit diese Toilette gefallen lassen, sonst ist sie dem Fremdengesindel, das sich um sie drängt, nicht mehr präsentabel. Die Sphinx, um die die Touristenschwärme auf Kamelrücken, in Automobilen, Eselkarawanen, Fußgängertrupps unaufhörlich kreisen, die alte Sphinx mit ihrer eingeschlagenen Nase ist heute bei Vollmond gut genug, um dem Gelichter in Smoking und Abendtoilette, das drüben im kostspieligen, jazz-durchflirrten Mena-House wohnt und sich langweilt, den in kostbar bemalte Schals und Silberkleider gehüllten, in Seidenschuhen dahertrippelnden amerikanischen Millionärsfrauen und breitschultrigen englischen Sudanoffizieren als Ziel des Abendspaziergangs, mystischer Rendezvousort herzuhalten. Das ironische Geschmeiß der Fremdenführer, Kameltreiber, Wahrsager, Lustknaben, Verkäufer von falschen Antiquitäten, alten Zähnen aus Pharaonenmäulern, der Erpresser und Kuppler, das sich hier bei Tag und bei Nacht um die Fremden herumtreibt, dieses backschisch-gierige Gesindel, das ist auch noch Orient. Der Fremde erkennt, daß es sogar einen notwendigen Bestandteil dieses Orients vorstellt, wie das Fliegengewimmel, dessen man sich durch Netze, Wedel, Klappen und Ventilatoren erwehrt. Mit Ausrufen der Begeisterung schmeichelt sich das an die Fremden heran, es trachtet seinen Backschisch auf der Stufenleiter der Einschätzung der nationalen Herkunft des Fremden vom englischen » wonderful « bis zum deutschen »pyramidal« herunter zu ergattern, bis es dann mit einem Berliner Fluch die Hoffnung aufgibt und, da die Nacht schon vorgeschritten ist, schimpfend 26 und untereinander lärmend den Abhang zu den Nildörfern hinuntersteigt. Um die Sphinx, die großen Steinhaufen, hinter denen der Mond verschwunden ist, wird es stille. Unsere Begleiter sind den Weg nach Mena-House vorwärts gegangen. Jetzt wollen wir den Fleck suchen, sage ich Ernst, den Ort, vor dem sich das Wunder enthüllt. Vor der zweiten, der nach Chephren benannten Pyramide finden wir ihn endlich. Hier, flüstere ich dem Kameraden zu, hier. Und da hören wir, wie aus der Pyramide, aus dem Innern des riesenhaften Steinhaufens, ein ungeheures Rasseln, Kettenschlagen, Gebrüll gemarterter Stimmen in die stumme Mondnacht zu uns herausdringt. Aus dem Innern der Pyramide wahrhaftig, als lägen all die Leiden, das Elend der maßlosen, jahrtausendealten Sklaverei des Menschengeschlechtes unter diesen Steinen Mizraims begraben, eingebacken, aufbewahrt dem Gedächtnis fernster Geschlechter, nur den Seelen, den empfindlichen Sinnen der Dichter, der Leidenden, der für die Menschheit Kämpfenden, Hoffenden hörbar. »Hören Sie?« frage ich meinen Reisekameraden. Aber ich brauche gar nicht zu fragen. Ich sehe es an Ernsts Augen, seinem lauschenden bewegten Angesicht, daß sich ihm die tiefe mystische Sprache dieses Kettengeklirrs, dieser Schmerzenslaut der verschütteten Völker, der von Urbeginn mißbrauchten, beladenen Menschheit geoffenbart hat. Hier innen, in diesem Phänomen, das sich dem Gehörsinn mitteilt, lebt das Schicksal des Orients, des tiefen mystischen Orients, in dem, ungleich unseren westlichen Begriffen, das Wort Atmen und das Wort Leben, das heißt: im Göttlichen und unter Menschen sich bewähren, zu einem Synonym der Sprache zusammengeschmolzen ist.   Siebzehn Pyramiden am Horizont Da stehen sie, vor meinem Fenster! Die Zeit, der wehende Sand, der Wüstennebel, der Sonnenglanz hat von ihnen zehn, elf wie Schatten auf die silberhelle Atmosphäre gemalt. Die anderen sechs, sieben sind starr, dunkler, ihre Kontur ungebrochen. Es sind, durch mein gutes Zeißglas zu zählen, vom Norden in Gizeh bis zum Süden in Gergieh ihrer siebzehn. Mitten inne steht die Stufenpyramide von 27 Sakkara, fast genau gegenüber meinem Fenster. Die Stufen sind mit hellem Sand bestreut, die Spitze abgebrochen. Das Pyramidenbauen scheint vor siebentausend Jahren Mode gewesen zu sein, nach diesem Aufmarsch, der sich am Wüstenhorizont bis Assuan fortsetzt, zu urteilen! Schließlich hat man wohl jedem Pharaonenbalg, als er das Zeitliche segnete, solch einen Steinklotz über die Grabkammer gesetzt! Nicht alle sind so solid getürmt wie die des Cheops, des Chephren. Aus der Nähe besehen, sieht eine und die andere aus, wie aus zu groß geratenen, flachen Kieselsteinen zusammengetakelt. Manche ragen wie abgebrochene alte Krokodilzähne, Stümpfe, auseinanderfallende Haufen empor. Menschenkraft, Schweiß, Tränen, fruchtlose Arbeit, Totenkult als Luxus – an dem Schicksal der Masse, des unteren Volkes haben die Jahrtausende nicht viel gebessert. Welcher Unterschied besteht zwischen Schützengräbenausheben und Pyramidenbauen? Selbstherrlichkeit bedient sich durch Jahrtausende der Menschenkraft, Menschenschweißes, Menschentränen, Menschenblutes, Menschenohnmacht und -torheit. Vor den Pyramidenschatten ziehen über die beiden tiefen Arme des Nils, die durch breitgelagerte Inseln aus Sand und spärlichem Riedgras voneinander getrennt sind, zartgeschwungene schneeweiße dünne Möwenflügel langsam an dem Blick vorbei. Es sind die Segelmaste der Nilkähne, der Arabiehs. Das silberne Schimmern des Stromes zittert nur undeutlich in der Atmosphäre. Hier und da eine kleine rasch vorwärtsziehende Rauchsäule von einem der flachen Nildampfer, die Touristen aus Kairo tief nach Afrika bis zum ersten Katarakt führen. Noch näher zum Balkon meines Hotelzimmers sehe ich die Landstraße durch den Sand sich ziehen. Auf ihr »die Flucht aus Ägypten«, täglich viele Male wiederholt: der dunkle Mann, der Weib und Kind auf silbernem Eslein langsam und fromm über die Landstraße dahinführt. Um das Haus breitet sich ein wunderlicher Garten aus, mit traumhaft hängenden Blütenzweigen; eine Woche Ausruhen mit Freunden, dem guten Dr. S. aus Jerusalem, einem Ordensbruder des heimlichen Bundes guter Menschen, der sich um den Gedankenkern »Zion« kristallisiert hat. Hier, in dem Wüstenkurort Heluan, sind Kranke beisammen. In der brütenden Hitze des Chamsin, einer nordafrikanischen Abart des 28 Wüstensamums, in der drückend furchtbarsten Hitze sondert der Körper keinen Schweiß ab. Menschen mit zerschossenen oder kranken Nieren, die anderswo keinen Monat länger leben könnten, sind hier beisammen, in dem aus weiten Hallen aufgebauten, üppig an das Paschadasein des ehemaligen Besitzers gemahnenden Tewfik-Palace. Frühmorgens weckt den Schläfer in seinem luftigen Käfig aus Moskitonetzen Vogelgeschrei, Vogelgesang – aber es ist das Gebet des Muezzin aus der unsichtbaren Moschee im Ort. Bald darauf surrt, orgelt und dröhnt der englische Flieger über das Hotel hinweg. Hier irgendwo ist der Flugplatz, aus dem die englische Weltmacht ihre bedrohlich schnell segelnden Flugzeuge weit hinein in die Wüste abschießt, täglich um Sonnenaufgang, damit die Völker der Wüste es nicht vergessen mögen, wer über ihnen ist und daß der gleiche, unerbittliche Wille jeden Morgen aufwacht! Im Nil ruht der Schlüssel der britischen Weltmacht, und unaufhörlich umkreisen diesen Schatz Luftschiffschwärme, dröhnend und orgelnd, in der trockenen, Laut bewahrenden Atmosphäre. In der Ferne beschreiben sie ihre Schleifen, Flugkunststücke, Stürze und akrobatisch witzigen Gleitpassaden um die siebzehn Pyramiden herum, folgen dem Lauf des Nils, meerwärts, kataraktwärts. Wem die Luft gehört, dem gehört der Strom, das Land, alles Leben.   Der Tod, die Zeit aber gehört dem Sand, der tiefen rätselhaften Wüstenei, die sich dort drüben jenseits der beiden Nilarme erstreckt. Unsere kleine Karawane verläßt eines Morgens das Hotel, schwimmt auf Fähren über das Wasser, watet durch den Sand der Inseln, reitet und rollt von dem Nildorf Bedrachein landeinwärts der Stufenpyramide zu. Hinter dem Dorf, das eine fortgesetzte eklige Backschischplage ist – unser Sandwagen rollt wütend vorwärts, die Eselreiter traben wie besessen, um dem Geschmeiß von Kameltreibern, Bettlern, Fremdenführern aus dem Dorf zu entrinnen –, hinter dem Nildorf Bedrachein liegt unter schütteren Palmenhainen, tiefem Sand, verstreuten kleinen Häusergruppen begraben das sagenhafte Memphis. Aus einer Pfütze ragt, aus Alabaster geformt, eine anmutige, nur wenig aufgefrischte Sphinx; auf einem Hügel ist zwischen Palmen über dem Sand der gewaltige Torso einer Ramsesfigur gebettet. Zu beiden Seiten der 29 Straße, die über das begrabene Memphis hinausführt, in Sümpfen stehend halbnackte Männer, Frauen und viele Kinder. Auch Esel und Kamele stehen in den spiegelnden grünüberdeckten Feldern. Knietief arbeiten, von Fliegenschwärmen umsurrt, Menschen in den uralten Rieselfeldern, die den Reichtum dieses Landes ausmachen. Wie unsere Karawane von fernher sichtbar wird, patschen aus allen Gräben Kinder auf die Landstraße hinauf, um uns kilometerweit mit ausgestreckten Backschischpfoten nachzulaufen. Automobilkolonnen von Cook surren hoch oben auf dem Plateau vor den Pyramiden wie eilig dahinkriechende Raupenschwärme in unabsehbarer Reihe durch das Gelbgrau, verschwinden in einer Wüstenfalte, untiefen Mulde zwischen den grauen Sümpfen. Jetzt sind wir über die verschüttete Welt, über die Lehmdörfer, die Rieselfelder, über Paris, London und Newyork der Vorzeit gerollt, geritten. Käme ein Erdstoß, ein Tornado, der die Decke von dieser jahrtausendealten Welt emporhöbe, über dem Erdteil zerstäuben ließe, Millionen Zellen einer phantastisch grausigen Herrlichkeit lägen bloß, jede in ihrem Glanz, in endlos erhabener Herrlichkeit aneinandergereiht, wahrscheinlich so unberührt und von leibhaftiger Gegenwart erfüllt, wie es die Mastaba des Ti ist, in die wir, in der Wüste von Sakkara, jetzt hinuntersteigen. –   In der Grabkammer des Ti lebt an den Wänden, in der zarten, unerhört bewegten Darstellung der Reliefs, das Dasein des alten Volkes. Leise Tönung, Farben wie aus frischen Pastellkästen umreißen die Konturen dieses Tagesseins! Fischer holen in Netzen Fische aus dem Strom, Sakiehs kreisen, von weitgehörnten Ochsen gedreht, Bäcker schieben Teig in Öfen, Schlächter schlachten Vieh und Hühner für den Markt, für des Pharao Tisch, Tänzerinnen werfen ihre feinen Glieder, strecken ihre süßen Hände in lotosgleicher Fingerhaltung wie die Wigman, Nacken und Kinn zurückgeworfen schreiten andere in andächtigem Reigen, Schuldner werden in Ketten vor den Richter geführt, Schreiber notieren auf Papyrosrollen Steuerlisten. Daneben stillsitzende, im Profil gezeichnete Statuen, von denen man nicht weiß, sind's Könige oder schon Götter? Wie waren in jener Zeit die Zeichen der Macht vertauscht, die Grenzen von Tod und Leben aufgehoben! 30 Welche Lebenssehnsucht, Lebensbestätigung in diesen Grabmälern, in denen kaum ein geringes Zeichen vom Grauen des Todes zeugt, alles aber an das Leben gemahnt, das der Tote so unwillig verlassen hat, daß er alle seine Vorgänge sich an die Wand malen, gravieren ließ, damit sie den noch unbekannten Zustand auf alle Fälle beleben sollten – wenn er doch nun einmal die paar Schritte weit unter die Erdoberfläche hinuntersteigen muß. Ja, hübe ein Tornado die Sanddecke über der verschütteten Stadt in die Höhe – – in allen Pharaonensälen, allen Grabkammern würde man diese selben, monoton und doch millionenfältig verwandelt wiederkehrenden Darstellungen des täglichen Lebens des niederen Volkes wiederfinden. Es herrschte also doch, trotz Selbstherrlichkeit und Sklaverei, solch starke Verbundenheit zwischen dem niederen Volk und seinen Tyrannen, Gepeinigten und despotischen Peinigern! Sonderbar: in Sakkara an die Königsgemächer der europäischen Paläste zu denken, in denen hohle Kriegs- und Krönungsdarstellungen, auf die Herrscherherrlichkeit der Besitzer hinweisende, kunstverlassene Schildereien zu finden sind, nichts auf das Leben des Volkes Bezügliche wie hier, noch dazu in der höchsten Vervollkommnung der Kunstübung aller Zeiten! Tiefer als die Mastaba liegt ein grauenhaft unmenschliches, überirdisch unausdenkbares Kultmal der niemals ergründeten, niemals ganz begriffenen Zeit – das Serapeum, Grabtempel der heiligen Stiere. In riesigen gewundenen Gängen, dunkel ins Innere der Erde hinunterlangenden, stehen die ungeheuren Granitsarkophage des Serapeums, Apis, das heilige Tier, aufbewahrend. – Furchtbar, wie die Vorstellung des geheimen Kultes, die jahrtausendelang im Gedächtnis der Menschen weiterlebt, ist aber das gegenwärtige Erlebnis einer Wirklichkeit, einer Nacht in diesem heutigen Heluan, das ich bei der Sekte der Schlangenfresser gehabt habe. Der junge schwäbische Lehrer, der in Heluan seine Nieren kuriert, kommt zu Ernst und mir ins Hotel. Er will uns zur Andachtsübung der Sekte führen, die jeden Donnerstag zu nächtlicher Stunde sich in einem verfallenen Gehöft des Ortes versammelt. 31 Da ist ein weiter unebener Hof, von niederen Häusern umgeben. Tiefe Erdlöcher führen in Keller, unterirdische Stuben. Frauen, schwarz vermummt, sitzen vor diesen Türen oder Maulwurfsverliesen. Hunde jagen sich über das weite dunkle Gehöft. Durch die Straße draußen kommt rasch ein Trupp heran, der eine riesige Laterne aus weißer, mit schwarzen Zeichen bemalter Leinwand in seiner Mitte trägt. Das weiße Licht wirft die Schatten der hageren, eilig dahinschreitenden Gesellen gespenstisch an die Häusermauern, wie ein Spuk schwankt der Zug durch die nächtliche Straße, strömt rasch in das Gehöft herein. Auf einer Eisenstange wird eine Azetylenlampe gehißt, dann breitet man eine lange Strohmatte über den Boden, und im Nu haben sich etwa fünfzig Männer, alte, junge, auch Knaben, zu beiden Seiten der Matte auf die Erde niedergekauert. Uns Europäern hat man Stühle hingestellt. Ein Bursche kommt und bietet uns kleine Tassen mit Zimtwein an, scharfes, nicht übel schmeckendes Getränk. Weihrauchbehälter werden geschwungen, so daß die beiden Reihen der Kauernden bald in einem Nebel verschwimmen. Gespräche, Schreie, dunkle, helle Laute stechen noch eine Weile aus dem Weihrauchdunst hervor, werden aber bald durch zwei Flöten übertönt, die schrill an den Enden der Matte zu lärmen angefangen haben. Bald springt, vom Zimtwein und dem Rauch gestachelt, hier und dort einer vom Boden auf. Schon reißt es die Hockenden alle in die Höhe, nun sind sie auf den Beinen, die ganze bunte Schar, Greise, Jünglinge und Knaben. Der Flötenlärm, der Wein, der betäubende Rauch, die Schar – aus ihr lösen sich Gestalten, Anführer der Zeremonie, ein riesiger Neger mit grünem Kopftuch, ein noch junger, bleicher Scheich, ganz in Weiß gekleidet, und ein Blinder, tastend an seinem Stab. Diese dirigieren den Chor, der in monotonem, sich rasch steigerndem Singsang die geheiligten Worte der Beschwörung ruft, singt, in rhythmisch stampfendem, dumpfem Geschrei artikuliert. »La illaha il Allah! Mohammed rassul Allah!« Der Neger ist der Wildeste unter den Anführern. Bei dem Worte Mohammed stößt er die zweite Silbe brüllend wie ein Stier mit Nackenschütteln in die beiden Menschenreihen hinein. Es dauert nicht lange, 32 da sind diese beiden Reihen in ein Wiegen, Schwingen, hin und her wallende, immer stärker anschwellende rhythmische Bewegung geraten. Wir sind aufgestanden und haben uns den Reihen genähert. Ich stehe hinter einem untersetzten kaffeebraunen Araber, der in blauem Kattunkaftan bloßfüßig neben der Matte steht. Ich kann ihn genau beobachten. Er hat seine Hände ineinandergekrampft. Seine Füße stehen leicht und zart, wie schwebend auf dem Boden, während sein Oberkörper, den seine ineinander verketteten Finger, in weitem Bogen ausholend, zu dirigieren scheinen, in unerklärlich heftigem Schwung ekstatisch nach rechts, nach links sich biegt. Die Musik ist greller geworden, quietscht, pfeift, schrillt über die Köpfe weg. Die Worte: »la illaha il Allah!« sind um den Kern des Spruches scheinbar niedergeschmolzen, und was geblieben ist, ist ein stoßweises, von all den fünfzig Körperschüttlern, Tänzern, schwingend gottversunkenen wilden Anbetern in einem gemeinsamen Röcheln hervorgestoßenes: »Allah!« Aber auch dieses Wort verliert bald seine Konsonanten. Es klingt jetzt wie: »Aaah!« ein tierisch dröhnender wilder Laut der Lust, der ekstatischen Wollust in dem Trance des Dienstes an der unbegriffenen, schrecklichen Gottheit. Uns Europäern wird das Zuschauen fast unerträglich. Am liebsten möchte man fortstürzen, seinen Kopf irgendwo vergraben, sich vor diesem Anblick des drohenden schicksalhaften Orients, des mohammedanischen Menschen, der so nah zur europäischen Kultur beheimatet ist, schützen. Aber man bleibt stehen, verzaubert und gebannt, und nimmt die Botschaft dieser Übung in seine Seele auf, um sie seinem Weltbild, seinem Urteil über Menschheit und Völkerzukunft einzuverleiben. Nach und nach ist die Sekte in derartiges Rasen der Körperschwingung geraten, daß aus dem Umkreis der Herumstehenden einer und der andere auf einen und den anderen der Schwingenden losstürzen muß, um ihn zu halten. Dann schwingen beide, der Ekstatische und der Hilfeleistende, wie von ungeheurem Wind geschüttelt hin und her. 33 Der Blinde, vor allem aber der weiße Scheich, wirft seinen Körper in rasendem Pendelausschlag nach rechts, nach links; obzwar er von starken Fäusten gehalten wird, schwingt sein weißbeturbanter Kopf derart rasch, daß man von dem blassen Gesicht, dem dünnen Bart nur einen leichten zitternden Schein zu sehen wähnt, schillernden Schaum statt eines Gesichts. Aber sie kann nicht lange dauern, diese Ekstase. Und tatsächlich bemerkt man schon ein Auseinanderfallen der Reihen, Abflauen, Müdewerden. Auch der untersetzte Blaue vor mir scheint aus seiner Besessenheit zu erwachen. Sein Körper schlägt kürzer, kürzer aus, wankt ein wenig, bevor er stillesteht, und nun lagern sich die Männer, alte und junge, die Burschen, die Knaben, stumpf und erschöpft zu beiden Seiten der langen Matte auf den Boden, vergraben den Kopf zwischen den Knien und kehren zum Bewußtsein zurück. Wenige Augenblicke der Ruhe, und der Trancezustand ist aus den Reihen der Versammlung verflogen. Mit einemmal aber schrillen die Flöten aufs neue auf, und damit ist das Signal zur Fantasia gegeben, die nun folgt.   Eine Flasche wird am Boden zerschlagen, ein hagerer Kerl springt auf und stopft sich die Scherben in den Mund, zerkaut sie mit hörbarem Zähneknirschen. Ein anderer hat einen krummen Säbel (der aber, wie ich mich überzeuge, ziemlich stumpf und rostig ist) mit einem Aufschrei sich über den Bauch geschlagen. Längs der Schneide knickt er in sich zusammen, so daß der Säbel ganz im Innern des Menschen verschwindet. Wie er sich wieder aufrichtet, sieht man die Spur des Säbels nur als einen etwas helleren Strich durch die braune Bauchfalte laufen. Ich habe den Eindruck, daß diese Übungen mehr für uns, die zahlenden Gäste, stattfinden, harmlose Gaukelei vorstellen, die man mit dem Eintrittsgeld zu hoch bezahlt hat. Was aber nun folgt, ist die heilige Prozedur, der oberste Ritus des Gottesdienstes der Sekte. Dem weißen Scheich wird eine lange, dünne, graue Schlange gereicht. Zwei Männer fassen das Tier, das sich in energischen Stößen windet und wehrt, beim Kopf, um den Leib, beim Schwanz, der Scheich preßt dem Tier den Kopf zusammen, daß der Rachen offen steht, und schlägt ihm an einem Stein die Giftzähne heraus. Lange schon sind die Flöten verstummt. Wir haben uns auf unsere 34 Plätze zurückbegeben. Im ganzen weiten Hofe herrscht erwartungsvolle Stille. Zu beiden Seiten der Matte haben sich die Schüttler, die Körperschwinger niedergekauert. Über die Matte geht der weiße Scheich mit der Schlange. Mit raschen Schritten geht die weiße Gestalt, von der Azetylenlampe grell beschienen, hin und her. Hoch über seinem Kopf, zwischen den kräftigen, geballten Fäusten hält der Scheich die Schlange ausgestreckt. Man sieht, wie das Tier sich aus dem klammernden Griff der muskulösen Hände zu befreien sucht. Oft hat die Schlange die Oberhand, dann merkt man, wie die Fäuste in der Luft über dem Turban sich einander nähern, die Schlange beschreibt eine Wellenlinie, einen Bogen. Aber dann schieben sich die Fäuste wieder auseinander, und die Schlange sieht aus wie ein gerader weißlicher Strich über dem hellen Turban, glitzernd und auslöschend im Licht der Azetylenlampe, sobald der Scheich in seinem beschleunigten Gang sich ihr nähert oder von ihr entfernt. Der Scheich spricht laut vor sich hin. Der junge Schwabe, der uns hierhergebracht hat, weiß, es sind Suren des Koran, die der Scheich bei dieser symbolischen Handlung ausspricht. Immer rascher, immer heftiger werden die Schritte des Singenden, Psalmodierenden, der die Schlange in den erhobenen Fäusten hält. Von den Kauernden fällt einer und der andere in den Singsang ein, aber nur für kurze Augenblicke. Alle, die Sekte, die Umstehenden, wir, die Gäste, sind stumm und in Erwartung. Der Scheich nimmt in seinem Gehaben auch immer mehr die Starre an, die, wie jenes Körperschwingen, ein Beweis seiner Gottversunkenheit zu sein scheint. Die Stimme erhebt er kaum, auch seine Schritte werden nicht wankend, aber in dem ganzen Gehaben der weißen Gestalt prägt sich doch irgend etwas Ungewohntes, Unmenschliches, ein Entrücktsein vom Irdischen aus, das zu einer Kulmination hintreibt. Mit einemmal geht, wie ein Seufzer, ein abwehrender Laut vor etwas Unerträglichem durch die Kauernden zu beiden Seiten der Matte. Mit einem Ruck hat der Scheich die Schlange zu seinem Gesicht niedergebogen und ihr blitzschnell den Kopf abgebissen. Ohne seinen Gang zu beschleunigen oder zu verlangsamen, geht er nunmehr stumm die Matte auf und ab und kaut an dem Kopf des Tieres. Das Knacken des Bisses wiederholt sich in den mahlenden, malmenden Geräuschen 35 des blutenden Mundes. Die Schlange sieht jetzt aus wie ein zickzackförmiger Stock aus Holz. Die Wellenlinie des Körpers hat sich in steifes Zickzack verwandelt. An der Stelle des Kopfes sitzt ein runder, blutiger Fleck. Der Scheich geht mit der Schlange viermal, fünfmal rasch über die Matte hin und her. Plötzlich steckt er den Stumpf des blutenden Schlangenkörpers wieder in den Mund, beißt noch ein Stück ab. Nun ist der Bann gebrochen, hier und dort springt einer auf, begehrt von der Schlange zu essen, der Scheich reicht sie ihm, wie ein Priester die Oblate reichen mag, und dasselbe widerliche Knacken ertönt. Damit ist diese religiöse Prozedur, die, wie uns versichert wird, eine tiefe mystische Bedeutung besitzt, zu Ende. – Es sind auch einige Ortsgendarmen unter den Gästen der Sekte, den Zuschauenden anwesend. Sie machen angewiderte Gesichter und lächeln uns Europäern verständnisvoll zu. Aus den unterirdischen Löchern steigen Frauen herauf, bringen auf großen Zinnplatten flache gelbe Fladen. Wir kriechen in die Höhle hinunter und sehen, wie diese Fladen zubereitet werden. In einem stinkenden dumpfen Raum steht ein schmutziges Himmelbett, auf dem zwei Kinder in tiefem Schlaf liegen. Daneben ist der Herd, um den Frauen hocken, die die Fladen backen, Gemüsehäcksel zwischen die Teigkrusten stopfen und dann auf der Steppdecke des Himmelbettes zu Stapeln schichten. Das ist die Küche, aus der die Sekte ihre Nahrung erhält. Auch das Gefäß, aus dem wir unseren Zimtwein eingeschenkt erhalten haben, steht da. Lebhaftes Kommen und Gehen entwickelt sich zwischen dem Gehöft, in dem jetzt ein munterer Lärm ertönt, und dieser unterirdischen Küche. Es ist schon spät in der Nacht. Mit höflichen Gebärden nehmen wir vom Scheich, den Männern der Sekte Abschied. Sie führen ihre Hände grüßend zur Stirne, und wir erwidern ihren Gruß: »Saida!« Unser schwäbischer Führer hat derweil von uns den Tribut einkassiert, ein ägyptisches Pfund pro Kopf, gar nicht wenig! – Durch die schlafende Stadt, aus deren Stille entfernter Singsang, jenem ähnlich, der unsere Zeremonie begleitet hat, aufsteigt, gehen wir in unser Hotel zurück. Es sind also zu dieser nächtlichen Weile ringsum noch andere Sekten tätig!   Die Gottversunkenheit des auf dem Bahnsteig betenden Mohammedaners, die fatalistische Reglosigkeit des Wasserpfeifenschmauchers 36 im Bazar, die wilde Berserkerei der Körperwerfer, Schlangenabbeißer – dieses Volk, ein gewaltiger Bruchteil der heut auf Erden lebenden Menschen, neben unserer Zivilisation, das heißt dem Zustand, in dem sich unsere westlichen Völker heute befinden und dem sie den Namen Zivilisation gegeben haben – schwer ermeßliche, kaum begriffene Bedrohung! Wie diese Bewohner des verschütteten und zerbrochenen Orients zu den Zielen, den nächsten Aufgaben der Entwicklung gewinnen, organisieren? Ein einziges Volk hat dieses Problem auf seine Art erfaßt und arbeitet an seiner Lösung: ein Volk, mit allen Elementen der verschütteten Urvölker ausgestattet und doch ein Westvolk zugleich: das Volk des großen europäisch-asiatischen Rußlands. In den Händen der neuen Lenker der Geschichte, die in Moskau ihren Sitz haben, sind die Wildheit der religiösen Vorstellungswelt, die Gottversunkenheit, die Trägheit der Bazarraucher ebenso viele Zügelstränge. Vielleicht liegt der Schlüssel, der die Zukunft aufsperren wird, gar nicht im Nil, sondern im Kreml? Daß aber in absehbarer Zeit ein Kampf von furchtbarem Ausmaß zwischen West und Ost, Zivilisation und Religion losbrechen wird, ist heute bereits deutlich erkennbar. Wer wird der Schlange die Giftzähne ausbrechen, ehe die Zeremonie anhebt?   Diese Vorstellung von dem drohenden Osten, dem unbegriffenen, verfolgt mich durch die Nacht und den darauffolgenden Tag, den letzten, den ich in dem Haus zwischen den hängenden Blütenzweigen verbringe; denn ich fahre jetzt bald ostwärts zum Suezkanal hinauf, in das alte Heilige Land, in dem ich nach drei Jahren meine Freunde wiedersehen werde, die jungen Juden in den Ebenen – diese Menschen des Westens, die am gefährlichsten durch die kampfbereiten, hinter den Bergen des Transjordan lauernden Ostvölker bedroht sind. – Judäas Berge sind mit Blumen überschüttet. Noch reifen die Dattelbüsche oben in den Palmenkronen nicht, auch die Ballen im Grün der Orangenhaine sind erst hellgrün, noch nicht von goldigem Schimmer – aber zwischen dem violetten Gestein des zerklüfteten Urväterlands wächst Mohn, röter als das Auge ihn je gesehen, Zyklamen, Orchideen, riesige Mimosengebüsche gelb über den Hang der Berge hinunter. In tausend Farben blüht erschütternd der Frühling, es ist ja erst März. 37 Schon umfängt mich die zauberhafte Atmosphäre dieses sich ewig erneuernden Landes, das der Welt die sublimen Menschheitsreligionen geschenkt hat, das den Tierkult, die Bestialität des Menschenopfers aus der Welt gejagt, die Schwere der Leidenschaften durch mitleidige Liebe aufzuheben versucht hat. Vergeblich? Vielleicht. Aber was ist die Spanne vom Dornbusch über die Verkündigung bis zu unserem taumeligen Tage? Die Kunstwerke der verschütteten Wüstenstädte zeugen von einer uralten, wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden im Niedergang gewesenen Kultur. Heute abend werde ich das rötliche Licht, die magische Aura in der magnetischen Atmosphäre ob der Heiligen Stadt wiedersehen. In mancher Stunde sah ich sie schon vor dem Nachtwerden über Jerusalem: einen Augenblick lang flammte das überirdische Rot nur auf dem Horizont, dann war es jählings verschwunden, wie von einem Atemzug der Ewigkeit weggeblasen, zerstäubt. Unsere Zeitrechnung, die Epochen der Geschichte dieses bewohnten Erdballs währen vermutlich auch nicht länger als ein Aufflammen am Firmament vor dem Dunkelwerden, der aufsteigenden Pracht des südlichen Sternenzeltes.   Talare vor dem Toten Meer Eigentlich bin ich ja als Gast der Zionistischen Exekutive nach Jerusalem gekommen; die Einladung galt zur Eröffnung der Hebräischen Universität auf dem Skopus. Das Land war neu zu besichtigen, denn drei Jahre sind in dem jungen, gewaltig vorwärtsdrängenden politischen und ökonomischen Gemeinwesen eine bedeutende Zeitspanne, in der sich manche Veränderung ergeben mag. Natürlich lehnte ich sofort bei der Annahme der Einladung jedwede Verpflichtung ab, etwa propagandistisch für Palästina, das heißt »Erez Israel« zu wirken, falls mir die Entwicklung dieses jüdischen Staates im Staate dazu keinen Anlaß böte, es sogar verböte. Doch habe ich, das sei gleich im vorhinein bemerkt, jawohl eine bedeutsame Entwicklung konstatiert, und so darf ich die Hand, die bereits etwas leichter und lockerer in dem geheilten Gelenk sitzt, mit gutem Gewissen nach der Feder ausstrecken, um Gesehenes, Empfundenes zu verkünden. In der Tat, es ist eine Entwicklung in diesem von Energien, 38 Spannkraft, positivem Willen und hysterischer Überspannung brodelnden Kessel zu bemerken. Sie strömt nach einer ungeahnten Richtung, aber doch in die Höhe, wenn auch nicht gerade in dem Sinne, daß es eine Vorwärtsbewegung zu ökonomischen und politischen Idealen genannt werden mag. Eher schon darf man sie einen Aufschwung zu metaphysischen Höhen nennen. Aber auch dies mit Einschränkung von mancherlei Graden. Über die Universität und die charakteristische Feier ihrer Eröffnung muß einiges gesagt werden. Das Haus der Universität steht, aus Steinen in arabischem Stil erbaut, nicht sehr umfangreich, aber schmuck und solid, auf dem Skopus, der den Bergzug um Jerusalem vom Ölberg her in nordwestlichem Bogen fortsetzt. Fährt man von Jerusalem nach dem Skopus, so passiert man ein riesiges Gräberfeld, den Kriegsfriedhof, in dem englische, arabische und jüdische Soldatengräber, militärisch stramm und einheitlich in Reihen ausgerichtet, wie beim Paradeexerzieren nach dem Kommando: Stillgestanden! unter Betongedenksteinen von der Form der Gesetzestafeln Mose daliegen. Mitten aus dem Friedhof ragt ein schlankes Betonkreuz empor, das statt des Leibes des hier in der Nachbarschaft hingerichteten Menschenfreundes ein Schwert aus Bronze aufgeschraubt trägt. Dieses ragende Denkmal wird von Gethsemane aus sehr deutlich sichtbar sein . . . Wenn man auf der Höhe des Skopus atemschöpfend stillsteht und den Blick von der Heiligen Stadt ab und ostwärts wendet, gewahrt man in ungeheurer Tiefe den bleiernen Schimmer des Toten Meeres und an seinem jenseitigen Ufer, in bläulich-rosafarbener Ferne, die Geisterlandschaft der Berge Moab. Moabs Bergzüge, tot und abgestorben, seit Jahrtausenden durchsichtig wie Mondlandschaft, neigen sich zur bleiernen Flut, die ohne Leben ruht, versunkene Welten, vergessene Religionen, Seelen und Blut von Äonen in Staub und Vergessenheit aufgelöst hat. Dieses Tote Meer, diese Mondlandschaft des rätselhaften Hauran jenseits der Jordansenkung gab den Hintergrund, die Kulisse für die Feierlichkeiten ab, die sich im Garten der Universität, im Amphitheater unter freiem Himmel abspielten – einem Auditorium Maximum, wie es keine zweite Lehranstalt der Welt besitzt. 39 Auf den Stufen des Amphitheaters gewahrte man, inmitten der festlich und europäisch gekleideten Gäste, einiger tausend aus allen Ländern der Erde zusammengeströmten Juden eine Reihe Burnusträger, arabische Häuptlinge mit silbernen Säbeln und bunten Tüchern um die vermummten Köpfe, Würdenträger aus dem Betschangebiet – jedoch keinen einzigen Kaftan, der auf die Anwesenheit orthodoxer Juden hätte schließen lassen; die alten Ansiedler des jüdischen Jerusalem hielten sich ferne; wie bekannt, ist diesen die Lehranstalt, die in der Sprache der Schrift, der dreimal heiligen, sich Profanes zu künden unterfängt, ein Greuel und Abscheu. Giftig und hämisch waren die Orthodoxen dem Fest der Zionisten ferngeblieben. – Am 1. April nun, nachmittags um drei, marschierte, als auf den Stufen des Amphitheaters all die Tausende erwartungsvoll versammelt saßen, von Händelschen Chören mit Hallelujah begleitet, eine Gruppe bunter mittelalterlicher Gestalten in feierlich langsamem Aufzug an der Zuschauerschar vorbei und nahm auf der erhöhten Rednerestrade Platz, den vorderen Reihen die Aussicht auf das Tote Meer und die Berge Moab raubend. Es waren Professoren, Würdenträger geistiger, politischer und militärischer Instanzen, die sich zwischen dem Toten Meer und der lebendigen Judenschaft niedergesetzt hatten. Zum größeren Teil jüdische, aber auch christliche Professoren, kein Moslem in der Gruppe, von vielen Universitäten der Welt Delegierte, auf erhöhten, festlich geschmückten Sitzen, in bunten mittelalterlichen Talaren, zum Teil mit komischen Kopfbedeckungen, die mich lebhaft an die Ulanentschapkas der weiland kaiserlich-königlichen Armee erinnerten. Alles in allem mittelalterlicher Prunk, welcher den Ursprung der höheren Bildungsstätten der Welt wie auch ihre Zurückgebliebenheit in unserer heutigen, vorwärtsstrebenden Geschichtsepoche sinnfällig vor Augen führte. Da saßen sie nun, diese weltlichen Würdenträger der Wissenschaft, neben den Generälen, die das Heilige Land für Englands Imperium erobert hatten, neben den hohen und höchsten Verwaltungsbeamten, die das Land für Englands Imperium verwalteten; es waren aber auch Rabbiner unter ihnen, sogar ein Dichter oder gar deren zwei, diese stachen von den anderen durch etwas schäbigen Rock und Unbehagen ausdrückende Haltung ab. Auf die ersten Reihen des Auditoriums hatte man, gegenüber der 40 Estrade, gewichtige Vertreter der anderen Weltmacht plaziert, nämlich der hochbegüterten, opferwilligen, das heißt zu außerordentlichen Spenden bereiten jüdischen Bourgeoisie des Erdballs, insbesondere der nordamerikanischen Breitengrade. Denn nicht nur Professoren und für die Propaganda brauchbare Intellektuelle waren eingeladen worden, sondern auch und vor allem reiche Leute, die der Universität aus ihren Kinderschuhen zur blühenden Entfaltung verhelfen sollten. Die Feier erhielt ihr besonderes Gepräge dadurch, daß sie von Ansprachen zweier Rabbiner eingerahmt wurde. Den feierlichen Reigen der Ansprachen, die über die Köpfe der kapitalkräftigen ersten Reihen hinweg in trefflicher Akustik bis zur letzten, auf deren ungepolstertem Beton die Gäste geringeren Grades saßen, hinweghallten, eröffnete der Oberrabbiner Kuk von Palästina, ein Mann von großem Wissen, Klugheit und Ansehen, von dem hier noch die Rede sein wird. Mitten in seiner hebräischen Ansprache begann er plötzlich zu singen. Es war wohl ein Psalm, den der Rabbiner hier angesichts der Heerscharen der heutigen Welt anstimmte. Er wurde bei dieser Verrichtung aber gar bald von dem designierten Dekan der Universität, Dr. Magnes, gestört, verließ gekränkt und betreten die Estrade, und nun kamen in Talaren die geistigen und in Gehröcken mit übergeworfenen Talaren die weltlichen Würdenträger Palästinas und Großbritanniens an die Reihe, unter ihnen Lord Balfour, der Ehrengast der Zionisten, Verfasser und Pate jener berühmten Deklaration, die den Juden eine Heimat sicherte, das Recht gab, sich wieder, nach zweitausend Jahren, als Nation zu fühlen, und die eine Woche später im syrischen Damaskus dem greisen Staatsmann fast das Leben gekostet hätte. Den Reigen aber beschloß wieder eine hebräische Ansprache, diesmal des Oberrabbiners von England, Hertz. All dies Zeremoniell, einigermaßen mittelalterlich, wenn nicht prähistorisch anmutend, schien mir und vielleicht auch noch einem und dem anderen unter den Geladenen und Herbeigeströmten befremdlich und nicht ganz zum Sinn und dem Gedanken einer jüdischen Universität zu passen. Ich mußte an die obersten Namen der heutigen jüdischen Wissenschaft denken, an Einstein, Bergson, Brandes, Freud. Jeder von diesen hatte auf seine Art die Grundlagen, die Festen seines eigenen Wissensgebietes erschüttert, um auf den zertrümmerten 41 Postamenten eine neue Lehre, eine revolutionäre Doktrin zu errichten. Und hier, angesichts des Toten Meeres, aber den Blick dem lebendigen Judentum zugewandt, versuchte man anachronistisch Wissenschaft wieder mit dem offiziellen lieben Gott zusammenzukleben. (Auch schien es unangebracht, daß in den Ansprachen auf der Estrade die Wissenschaft auf der anderen Seite mit dem Militarismus zusammengeklebt wurde; der Eroberer Palästinas, der Soldat Allenby, hatte mitten unter den Professoren seinen Stuhl, sein Name fand des öfteren unter enthusiastischem Beifall der Menge Erwähnung, während der Name des Dr. Theodor Herzl meines Wissens kaum einmal fiel, obzwar Herzl ja im Himmel immerhin seinen Anteil an der Feier beanspruchen durfte.)   Um es kurz herauszusagen: aus dieser Universität ist, auch wenn man Geld genug findet, um ihr die Kinderschuhe aus- und solide breite amerikanische Patentlederstiefel anzuziehen, in absehbarer Zeit keine ausgewachsene Lehranstalt zu machen. Heute dürfte das Haus auf dem Skopus sich überhaupt nicht den Titel einer Universität anmaßen, denn zu einer Universität fehlt's an den drei wichtigsten Dingen: Dozenten, Hörern und Lehrbüchern. Sogar eine Terminologie steht der obligaten hebräischen Unterrichtssprache noch nicht zur Verfügung, und die bereits vorhandenen »Skripta« haben sich, wie mir Sachverständige versicherten, als in völlig unzulängliches Hebräisch übersetzt erwiesen. – In Haiderabad, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Britisch-Ostindiens, sitzen gegenwärtig an die hundert Übersetzer beisammen, die die wichtigsten Werke der Weltliteratur in die Urdu-Sprache übersetzen; nach Beendigung ihrer Arbeit wird die Urdu-Universität ihre Pforten öffnen. So schafft man einer ernsthaften Lehranstalt ihren wissenschaftlichen Grundstock. Die hebräische aber, um die solcher Lärm in der Welt geschlagen wurde, ermangelt dieses Grundstocks in verhängnisvollem Maße. Daher Kopfschütteln, Kritik, Verstimmung und mannigfache Aufregung in den beteiligten Kreisen. Besonders boshafte Menschen erachten dieses Phantom einer Universität überhaupt als Lockmittel, um Geld, viel Geld, immer noch mehr Geld herbeizuschaffen, eine Schnurrpfeiferei 42 zu Schnorrzwecken. Jedenfalls hat die grenzenlose, durch den Galuth gezüchtete Geschicklichkeit der Juden, für alle möglichen Zwecke, mit allen möglichen Mitteln Geld zu sammeln, hier in einer ganz neuartigen Abart Triumphe gefeiert. Nur die ganz Verstockten sahen, daß der König überhaupt keine Kleider anhatte. In den Arbeitern der Kolonien, den Chaluzim (d. h. Pionieren) der Ebene Jesreel, die kaum zu beißen haben, in den armseligen verhungerten Volksschullehrern, die bei einer monatlichen Besoldung von zwölf Pfund bereits ein halbes Jahr lang vergeblich auf Bezahlung ihrer Bezüge warten mußten, ja auch in einem der wichtigsten Dozenten dieser Universität, einem Breslauer Hebraisten von Weltruf, der infolge ungenügender Bezahlung seiner Arbeit die Universität schleunigst wieder verlassen hat, muß die Feierlichkeit auf dem Skopus seltsame Gefühle geweckt haben. Hat eine hebräische Universität in Palästina überhaupt Existenzberechtigung? Sie ist, von Europa wie von Palästina aus gesehen, ein Produkt des Chauvinismus, der sich in dem alten Lande in den letzten Jahren verhängnisvoll rasch entwickelt hat. Den jungen Juden Palästinas kann gar nichts Besseres gewünscht werden, als daß sie für ein paar Jahre an wirkliche Universitäten Europas gehen und mit gründlichen Kenntnissen nach Palästina zurückkehren, um diese Kenntnisse dem Lande zugute kommen zu lassen. Das Geld, das für die Schaffung einer ephemeren Universität auf dem Skopus verwendet wird, wäre in Stipendien für den Besuch europäischer Lehranstalten besser angelegt. Wäre Palästina bereits ein im nahen Orient verwurzeltes Gebilde, so wäre eine hebräisch-arabische Universität, ein der Erforschung der besonderen Bedingungen des nahen Orients, seiner klimatischen, ethnographischen, politischen, religionswissenschaftlichen Eigenart gewidmete Lehranstalt wohl am Platze. Als einer Lehranstalt aber, deren Unterrichtssprache in der Nachbarstraße nicht gekannt noch verstanden wird, ist ihr jede Existenzberechtigung abzusprechen. Bei der labilen Stellung, die Palästinas Judenschaft gegenwärtig innerhalb der sie umgebenden Völker des Islam einnimmt, muß die Universität auf dem Skopus als ein gefährliches Element der Provokation aufgefaßt werden. Mag sein, daß diese Auffassung der berüchtigten, dem Schnorren 43 entgegengesetzten Fähigkeit des Juden, nämlich der Krittelsucht entspringt. Nichts wäre tiefer wünschenswert, als daß die Entwicklung Palästinas und seiner Universität die Skepsis, deren sich mancher von uns am 1. April nicht erwehren konnte, Lügen strafte.   Ostern beim Gdud in Tel Awiw Nein, dem Chaluz, dem jungen Arbeiter-Pionier, geht's nicht gut. Das ist, da ich nach drei Jahren das Land wiedersehe, mein erster, zwingender Eindruck. Die Arbeitsarmee: der Gdud, leidet Not. Auf den Ebenen haben sie das Land urbar gemacht, den Boden bebaut, die Sümpfe entwässert, Blut und Gesundheit hergegeben für das Land der Verheißung. Heute haben sie dort nicht genug zu essen. In den Städten bauen sie aus festen Ziegeln die Häuser der Reichen, der neuen Spekulanten, hauen den harten Stein aus den Brüchen, um feste, solide Heime zu bauen für die anderen – sie selber aber wohnen in elenden Zelten, in Wellblechbaracken, unter denen ein Regenguß das Erdreich hinwegschwemmt. Noch steht in ihrer Mitte Jehuda Kopelewitsch, der Freund, ein Führer apostolischer Kraft und Glaubens. Ihn lieben und ihm folgen diese aus aller Welt in das harte Land zusammengeströmten jungen Menschen, die Besten unter den Juden dieser Zeit. Er vermag noch, die Ermatteten, die an Leib und Seele Erkrankenden, die Verzagten zum Ausharren anzufeuern – er wird auch an der Spitze der Schar sein, wenn sich diese nach dem unbekannten Hauran jenseits des Mondgebirges Moab aufmachen wird, um, wie sie sagt, den Hauran für das Judentum zu erobern . . . Der Gdud quält sich, dem Chaluz geht es nicht zum besten – was liegt ihm dran, wenn er unter den wilden Stämmen des unerforschten Transjordan geschlagen, vernichtet wird, untergeht – hat er etwa hier, unter seinesgleichen, Dank und Gerechtigkeit erfahren dafür, daß er seine Gesundheit in den Sümpfen, sein Blut für das Land gelassen hat, das jetzt rasch besiedelt werden wird und durch wen!! Das also ist das Ende der Legende Chaluz, der Legende Gdud. – 44 Der Gdud zählt heute achthundert Mitglieder. Er wird von den Löhnen von sechshundert erhalten. Den Rest, ein Viertel des Gesamtbestandes an Genossen also, Arbeitslose, Kinder, Lehrer, Pflegerinnen, Schwangere sowie durch Unterernährung und Mangel an geeigneter Behausung körperlich Heruntergekommene, muß der Gdud mitschleppen. Die sechshundert sorgen für diese zweihundert, als wären sie produktiv wie sie selber – ja besser. Es ist schwer, das Leben zu fristen; Zinsen fressen an dem mageren Budget; man mußte Schulden bei den Banken machen, um eine Halle zu bauen, Bretterbuden, Baracken. Heute sind wir, Ernst und ich, vom Gdud nach Tel Awiw, dem jüdischen Vorort von Jaffa eingeladen, um den Seder-Abend mit den Genossen zu begehen. Wir sitzen in der großen Halle am Meer, für die der Gdud seine Zinsen an die Bank bezahlt. Man wird an diesem Abend vergeblich nach den Paraphernalien der rituellen Ostern Ausschau halten; es gibt keine feierlich bedeckten Häupter, keine Vorlesung aus der Hagadah, keinen silbernen Trinkbecher noch gesüßten Meerrettich dahier. Auf den Tischen ist Brot und Mazze durcheinander, wegen des Nährwertes, es gibt ein wenig Fleischähnliches, ja Kompott, es ist ja Feiertag. (In anderen Arbeitergruppen wird das Fest strenger gehalten, darüber spreche ich später – hier ist von Ritus nichts zu bemerken.) Nach dem Mahl reden wir von der Bühne herab zu den jungen Menschen, Ernst und ich. Worüber? Über Sozialismus, das Recht des Arbeitenden auf Leben und Lebensfreude, über das obere, herrlichere Prinzip der Weltverbrüderung, die höher als Glaubensgemeinschaft, und um die zu erreichen erst einmal die brüderliche Kampfgemeinschaft der Arbeitenden geschaffen werden muß. Während dann nach uns ein Lehrer der jungen Leute es versucht, einen wissenschaftlich erläuternden Vortrag über den Schir Haschirim, das Hohe Lied, zum besten zu geben, bilden sich im Saale bereits Reigen, die das Prinzip des Schir in augenfälliges Geschehen wenden. Es ist ein großer Kreis geschlungen – die Hora, der Rundtanz aus der alten slawischen Galuthheimat, hat begonnen, ein stampfender, immer wilder werdender Tanz, der mich in der Gelöstheit der Gebärden manches jungen leidenschaftlichen Tänzers, mancher hingegebenen, von der Lust des Augenblicks erfaßten Tänzerin an 45 Festfreude in Moskau gemahnt. Seltsam: die Worte, die sie zu diesen Rhythmen singen, die den Bewegungen erst ihren Sinn, ihren Schwung zu geben scheinen, sind primitive Wahlsprüche und werden hunderte Mal wiederholt: »Das Volk Israel lebt!« und: »Wir werden Tel Josif aufbauen!« (Tel Josif ist die Niederlassung des Gdud in der Ebene Jesreel) oder: »Der Tag des Brotes, des Gemüses, der Buttertag ist da!« Unten rauscht das wunderbare Meer an die Küste heran, Gesang, stampfender Tanz, gelöster Rhythmus übertönt das Rauschen des Elements. Aber draußen, in der Kühle der Nacht, es ist spät, unten, wo das Meer allein vernehmlich ist, setzt sich einer oder eine zu uns Gästen, sieht durch die besternte unendliche Nacht uns in die Augen: was soll werden – heute vergessen sie, die dort drinnen, die Tanzenden, die Singenden, alles, ihre jungen Körper beben vor Vergessen, aber was soll werden? – was soll aus uns werden? – noch vor Jahren waren wir die Pioniere einer neuen Welt, einer neuen besseren Gesellschaftsordnung – heute aber sind wir Pioniere geworden, wessen! – und eine Handbewegung weist auf die Stadt, dieses Tel Awiw, diesen jüdischen Ort, tobend und zum Bersten voll von einer neuen Art Menschen, die aus dem Chaluz, dem idealbesessenen Kämpfer für den Aufbau des Landes einen Lohnsklaven zu machen im Begriffe steht – einen Schwerarbeiter, der hart leben, verzagt sterben soll! war das der Sinn? Genosse, Rat, Hilfe!! Oben tanzt man die stampfende Hora, den Reigen der Lebenslust, des Vergessens: hier unten aber, hart am Meer, hält die Hand die feuchte, verzweifelte Hand, blickt das Auge in ein Trost heischendes, flackerndes Auge. Wie soll man helfen? Wie kann der Gast helfen? Was ist es mit diesem Land?   Wir waren zum Sederabend gekommen. Wir blieben ein paar Tage. Denn dieser Ort, diese jüdische Vorstadt von Jaffa, Tel Awiw, »der Frühlingshügel«, das »Newyork Palästinas« genannt, weist am deutlichsten die verhängnisvolle Wandlung auf, die das Land in den letzten 46 Jahren durchgemacht hat. In den letzten Jahren? Man sagt, im letzten erst, ja, innerhalb der jüngsten sechs bis sieben Monate. Aus einer bescheidenen Siedlung von etwa 2500 Einwohnern im Jahre 1921 ist Tel Awiw ein über Nacht aufgeschossener, von Lärm, Bewegung, Geschäftigkeit, Geschäftstüchtigkeit, kapitalistischem Übermut und Vergnügungsgier überschäumender von 35 000 geworden. Denn die Einwanderung nach Palästina hat sich im Laufe des letzten Jahres gegenüber jener vor drei Jahren um das Zehnfache verstärkt, und die Mehrzahl der Hereinströmenden bleibt in Tel Awiw sitzen. Seit der Restriktion der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten befindet sich Palästina in einer völlig neuen Phase seiner Entwicklung. Wenn es zur Zeit meines ersten Aufenthaltes noch mit Fug ein Arbeiterland genannt werden konnte, ist es, zumal seit die Regierung Polens ihren Juden durch Entziehung der Konzessionen für den Verkauf monopolisierter Gegenstände und Mittel des Gebrauchs und der Ernährung das Leben unmöglich gemacht hat, ein Ersatz für Amerika geworden. Es steht im Begriffe, ein Zufluchtsort, wenn nicht Eldorado der Schieber, kleinen Kapitalisten, spekulationssüchtiger und -lüsterner Leute zu werden, die hierherkommen, wie sie in jedes beliebige Land kommen würden, das ihnen die Möglichkeit böte, sich rasch durch unproduktive Arbeit zu bereichern, aus der gegebenen Situation das Beste herauszuholen und dann das Weite zu suchen! – Schon das äußere Bild dieser Stadt zeigt, wes Geistes Kind ihre Bevölkerung ist. An der Architektur merkt man die Gesinnung der Auftraggeber. Alles aufdringliche Protzentum eines sich in voller Freiheit entfaltenden Kowno, Berditschew, Nalefki macht sich hier breit; man hat wahrhaftig den Eindruck eines potemkinschen Heringsdorfs, und jetzt, da Balfour sich dies angesehen hat, wäre man versucht, den Telawiwern zuzurufen, sie könnten ihre rasch, leichtsinnig und unsolide gebauten Betonhäuser mit Fug zusammenhauen – denn all diese mit Säulen, Umbauten, Freitreppen, Terrassen und Loggien geschmückten grauen und greulichen Villen, Mietsbaracken, Avenuen und Viertel würden bei der hierorts üblichen Bauweise in zwei oder drei Jahren ja doch einen wüsten Trümmerhaufen bilden . . . Den beiden Löwen aus Gips, mit Glühbirnen im Gipskopf, die die Freitreppe zu einer der geschmacklosesten Villen Tel Awiws bewachen, 47 hat man bereits rechtens die Schnauzen eingehauen. Der Napoleon dieses neuen Newyork, sein Bürgermeister, erklärt: die nächsten Olympischen Spiele müßten hier, in Tel Awiw, stattfinden. Man wird noch manchem Gipslöwen die Schnauze einschlagen müssen, ehe hier konsistenter gebaut wird. Inzwischen blüht der Wucher mit Grundstücken, fertigen, im Bau befindlichen, noch nicht gebauten Häusern, mit Laden-, Wohnungs- und Zimmermieten. Der Preis einer aus Betonwänden windig zusammengetakelten leeren Stube ist kaum erschwinglich. Zwölf Familien erhalten, mit ihrer reduzierten Kauffähigkeit, einen von den übermäßig zahlreichen Warenläden der Stadt – aber heute, zu Beginn des Muharrem, das heißt des arabischen Jahres, hat man über Nacht die schon unerträglich hohen Mieten um weitere zehn Prozent erhöht. Dem kleinen Mann, dem Arbeiter, Beamten, Händler, Lehrer, geht die Luft aus. Wovon lebt dieses Volk? Ein Scherzwort behauptet, das Montagsschiff lebe von dem am nächsten Montag eintreffenden. Im elendsten Viertel der Stadt wuchert die Bevölkerung mit ihren menschenunwürdigen Behausungen; sie hat ja bereits eine Bleibe, der nächsten Montag ankommende Einwanderer aber noch keine. Es ist, als habe sich innerhalb dieser letzten Jahre, nachdem in der Ebene, im Gdud, eine die höchsten Tugenden des Judentums verkörpernde junge Einwanderung Platz gewonnen hat, hier in diesem Seebad das Gegenteil: die große jüdische Unkultur des Galuth, ausgebreitet. Man fragt sich und die Herren der Exekutive vergeblich, ob es nötig war, den Galuth hierher zu verpflanzen. Ob eine Kontrolle der Einwanderung nicht am Platze gewesen wäre? Die Parole: Palästina sei nicht allein Angelegenheit eines geringen idealistischen Bruchteils, sondern im Gegenteil des gesamten Judentums, aller Elemente des Judentums, klingt bequem und beschwichtigt nicht gerade allzusehr. Konsequent weiter denkende Menschen werden sich eines gelinden Schauers nicht erwehren können, wenn sie sich vorzustellen suchen, welche Folgen diese Weitherzigkeit eines Tages haben könnte! Die Schwierigkeit der Situation erklärt sich zum Teil aus dem Umstande, daß eben infolge der Abwehr Amerikas und der judenfeindlichen Politik Polens Leute mit einer Tasche voll Geld ins Land 48 kommen, um es höchst persönlich zu ihrem Vorteil verzinsen zu lassen – es sind vielleicht dieselben Leute, die, hätten sie traurige Umstände nicht zum Verlassen ihrer Galuthheimat gezwungen, einen Teil ihres Geldes aus Palästinabegeisterung dem Landankaufsfonds, dem Siedlungsfonds zur Verfügung gestellt hätten: überpersönlichen Organisationen, die aus überpersönlichen Motiven unterstützt, aus immerhin reinlichen Quellen gespeist wurden. Der Zustrom des Kapitals hat übrigens auch diese Quellen in letzter Zeit einigermaßen getrübt, wenn nicht verunreinigt. Nur allzu willig läßt man die Kapitalisten, die großen und die kleinsten, gewähren und unterwirft die Schicksale des Landes, besonders des arbeitenden Palästina, ihrem Gutdünken, da sie ja auch den »Aufbau« des Landes erstreben! Vorläufig wird, so hat es den Anschein, die Gefahr, die von der erwähnten neuen Einwanderung droht, von den Arbeitern selbst nicht übermäßig ernst genommen. Von einem jungen, besonnenen Genossen, qualifiziertem Arbeiter, der in einer neuen kleinen Niederlassung bei Tel Awiw arbeitet, hörte ich, daß die Arbeiterschaft der kommenden Krise des Kapitals in Palästina ohne Erregung zusehe. Denn eine Krise, darüber sei man sich klar, müsse es auf alle Fälle bald geben. Die kleinen Spekulanten würden dann eben, von der Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen überzeugt, das Land verlassen. Mit den im Lande bleibenden kapitalistischen Kräften aber werde die Arbeiterschaft sich zu messen haben und bald fertig werden. Es würde sich eine Form des Klassenkampfes ergeben, vielleicht nicht ganz unähnlich der, die die Bedingungen des Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber in Europa und Amerika geschaffen haben. Eine ziemlich quälende Vorstellung: Klassenkampf zwischen jüdischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Palästina, auf dem Boden der gemeinsamen alten Heimat! Der opferwillige Chaluz als »Arbeitnehmer« im Kampf gegen den Unternehmer, der seine blutige Arbeit mit einer Tasche voll mitgebrachten Geldes meistert!   Solange die Spekulation mit Grundstück, Haus und Miete auf Tel Awiw beschränkt bliebe – gut, das wäre noch erträglich. Gegenwärtig beginnt aber diese selbe Spekulation ihre Fänge und Klauen nach dem Emek, der Ebene Jesreel auszustrecken, wo der durch den Chaluz eben 49 urbar gemachte Boden sich befindet. Dort gibt es noch weite Strecken Ackerlandes, die unter denselben Bedingungen, durch dieselbe Aufopferung des jungen idealistischen Aufbauers melioriert werden müßten, ehe sie reif für die rationelle Bewirtschaftung würden. Läßt sich der Chaluz in den Klassenkampf drängen, so wird er in den Sümpfen zu stehen haben, im tödlichen Sonnenbrand das Feld bestellen müssen – für den Spekulanten, den Bodenwucherer! Eine unerträgliche Vorstellung. Die Vermittlung von Bodenkäufen im Emek besorgt die P.L.D.C. – das heißt die »Palestine Land Development Company«. Es ist unverständlich, wie man diese Organisation frei gewähren lassen, ihr nicht das Handwerk legen, sie nicht kontrollieren kann. Der Schaden, den die Arbeit, die Zukunft, die Idee »Erez Israel« durch diese Entwicklung der Dinge im Emek nehmen kann, ist unabsehbar. – Die Gärung unter den jungen Siedlern, den notleidenden Landarbeitern im Emek, wächst denn auch jeden Tag. Sie brauchen sich die Eindringlinge in ihr Land keineswegs auf den Nacken setzen zu lassen. Hier wird es keinen Klassenkampf geben, sondern wohl einen Kampf unter anderen Bedingungen und in anderer Form, und jeder rechtlich Fühlende wird auf seiten der Chaluzim stehen, welche Dimensionen dieser Kampf auch annehmen sollte.   Der Einigkeit der Arbeiterschaft Palästinas droht manche Gefahr. In Tel Awiw sind fünftausend Arbeiter tätig. Sie arbeiten für fixe Löhne, die gar nicht gering sind (nach europäischen Begriffen – indes ist die Teuerung im Lande ja enorm), im Durchschnitt dreißig Piaster pro Tag. Die städtische Arbeiterschaft möchte natürlich die Produkte der Landwirtschaft zu möglichst niederen Preisen kaufen – die Arbeiterschaft der Siedlungen, die zudem Not leidet, sie dagegen zu möglichst hohem Preis verkaufen. Hierdurch ist ein Gegensatz zwischen zwei Schichten der Arbeiterschaft gezüchtet. Im Gdud sogar hat sich, aus ähnlichen Erwägungen, vor einem Jahr ein gefährlicher Zwiespalt, ja eine Trennung der in der Stadt und auf dem Lande arbeitenden Gemeinschaft ergeben. En Charod, das ehemalige Nurriß, sozusagen der Geburtsort der Arbeitsarmee, ist jetzt vom Gdud abgetrennt und steht in ausgesprochenem Gegensatz zum benachbarten Tel Josif, das 50 mit den städtischen Arbeitergruppen des Gdud in einträchtigem Zusammenwirken weiterlebt.   Es muß gesagt werden, daß die größte Stadt Palästinas von den Fäulniserscheinungen, die sich in Tel Awiw bemerkbar gemacht haben, verschont ist. Schon infolge seines Charakters einer aus jüdischen, mohammedanischen und christlichen Elementen gemischten Stadt ist Jerusalem ein Ort der Ruhe, der Sammlung, die Heilige Stadt Palästinas geblieben. Dort dürfen die Tendenzen, Instinkte, Süchte und Unarten des jüdischen Badeortes keinen Eingang finden. Auch der bevorstehende Kampf des Juden gegen den Juden wird auf Tel Awiw beschränkt bleiben. Das Leben in Jerusalem ist hart. Wer, um gut zu leben, das Land der Väter aufgesucht hat, verläßt Jerusalem bald und wird ein Bürger Tel Awiws. Der Mangel an Kanalisation, die Beschaffenheit der Straßen verjagt den »Typus Tel Awiw« gar bald, und der geheimnisvoll ehrwürdige, das Leben der gesamten Bevölkerung bestimmende Ernst der Heiligen Stadt erleidet keinen Schaden durch die neue Einwanderung. Es wäre furchtbar, wollte man sich ausmalen, was geschähe, wenn jene parasitäre Menschenart sich in Jerusalem ansässig machen wollte, die in Tel Awiw und von Tel Awiw aus gegenwärtig das Leben des jüdischen Palästina verpestet.   Emek Nach drei Jahren wieder in der Ebene! Diesmal fahre ich durch das ganze Gebiet der Siedelungen nördlich von Jerusalem bis zum äußersten Punkt, das schon tief in syrisches Gebiet vorgeschobene Metullah. Aber auch die selten begangenen Wege zwischen dem Genezarethsee und dem Emek, das wilde Gebiet der Yarmukfälle und der Jordansenkung zu Füßen des hohen Betschan, weiß unser mutiger Chauffeur, so gut wie die von unzähligen Touristenautos durchflirrten Straßen zwischen Gilboalende und Karmel, zwischen Haiffa und Jaffa die Küste entlang. Diese Fahrt vermittelt einen starken Eindruck – schlagende Widerlegung der Ansicht, daß Palästina, auch bei systematischer und extensiver Bebauung des Landes, keine Möglichkeit für die Ernährung und 51 die Unterbringung Hunderttausender bieten könnte. Ich erinnere mich und habe es geschildert, wie vor drei Jahren die Gegend um die Goliathquelle, die Siedlung, die damals Nurriß hieß, beschaffen war. Sumpf, Prärie, einige Zelte, Fieber. Ein Blick vom Hügel ob der Quelle zeigt heute endloses, reich und dicht bebautes, bepflanztes, aufgeforstetes Land, riesige Felder mit Gemüse- und Obstkulturen, Ackerboden, ein Wasserwerk an der Quelle, das den Wasserlauf reguliert, an den Berg gelehnt Baumschulen, weiter im Gebiet Eukalyptuspflanzungen, statt der Zelte eine hübsche, saubere Siedlung, gute, aus Holz gebaute Häuser, ein kleines, aber gut funktionierendes Elektrizitätswerk, einen Getreidesilo, Schule und Krankenhaus, Verwaltungsgebäude – keinen Schützengraben mehr, wie 1921. Es wohnen hier einige hundert Menschen. Die Siedlung führt jetzt den arabischen Namen En Charod. Weit drüben, jenseits der Bahn, langgestreckte Reihen kleiner rotgedeckter Häuser – das ist Kfar Jecheskiel, eine jüdische Kleinbauernsiedlung. Von En Charod nördlich aber, zwischen Bäumen, die Siedlung des Gdud Tel Josif, nach dem Märtyrer des palästinensischen Chaluz, Josef Trumpeldor, benannt; weiter noch nach Norden, auf einem Hügel, die Doppelsiedlung Beth Alpha, die die berühmte tschechoslowakische Intellektuellengruppe aus Chefzibah und den galizischen Kibutz beherbergt. Diese drei Siedlungen, En Charod, Tel Josif, Beth Alpha, sind kommunistisch geführt. Alle drei leiden Not; Mangel, Krankheit, ja Hunger hausen unter den jungen Siedlern, den Erbauern der Heimat, Entwässerern der Sümpfe, denen, die das Land zur Blüte gebracht haben, das weite, unabsehbare, blühende Gebiet des Emek. Es ist nicht zu leugnen, sie sind die Stiefkinder der zionistischen Machthaber, diese jungen, idealbesessenen Erbauer des Landes. Die amerikanischen Geldgeber wünschen nicht, daß der Siedlungsfonds ihre Dollars Leuten überweise, die kommunistische Experimente machen. Dem amerikanischen Geldgeber tönt das Wort Kwuzah, das heißt die »Große Gemeinschaft«, ebensowenig lieblich im Ohr wie »Bolschewismus«. Man versucht also, durch allmähliches Abschnüren der Wirtschaftsmöglichkeiten die Kwuzoth zur Preisgabe ihrer Radikalität zu zwingen. Die Siedler sollen die Form ihrer Gemeinschaft ändern oder eingehen. 52 Es ist angebracht, noch ein wenig bei diesem Gegenstand zu verweilen. Man scheint also von den Chaluzim zu fordern, daß ihre Siedlungen sich endlich auf eigene Füße stellen, das heißt »rentieren«. Sie haben ihre Gesundheit geopfert, ihr Leben in den Boden gesteckt, jetzt behandelt man sie wie x-beliebige Bauern, Landarbeiter, vergißt, was sie geleistet haben, was sie, abgesehen von der physischen Arbeit, für das Judentum der Welt durch ihr Beispiel bedeuten. Man nennt sie Dilettanten, macht sie für die schlechte Ernte verantwortlich. (In diesem Jahre war die Ernte besonders ungünstig: Bohnen mußten ausgerissen und zu Dünger vermacht, Weizen und Roggen frühzeitig vor der Reife abgemäht und als Viehfutter verwendet werden.) Man hat sie, durch ungenügende, irreguläre Zuwendung von Beträgen aus dem Siedlungsfonds, zu provisorischen Maßnahmen gezwungen: rasch Baracken bauen, billig und überstürzt das Dringendste für die Wirtschaft, die Viehzucht besorgen; Unruhe, Unsicherheit bemächtigte sich der körperlich ohnehin Geschwächten, der in ihren Hoffnungen, Erwartungen Überschwenglichen; die Arbeit wurde gehemmt, litt, untergraben durch die Ungunst der äußeren Umstände. Man will jetzt En Charod, Tel Josif, Beth Alpha auf die andere Seite des Emek, jenseits der Bahn verpflanzen, von der östlichen auf die westliche Berglehne setzen, weil dort der Boden gesünder ist, die Luft besser. Das vierte Jahr leben sie nun, auf dem ihnen von der zionistischen Behörde zugewiesenen Boden, heute noch von Malaria heimgesucht; sie haben die Sümpfe unter Lebensgefahr dräniert, den ungesunden Boden bepflanzt, ihre Baracken auf ihn gestellt. Wo waren die Sachverständigen, daß nicht gleich dort drüben, auf der gesünderen Hälfte, Land gekauft wurde? (Die Araber sogar haben ihrer Verwunderung Ausdruck gegeben, als sie die Juden sich auf der gefährlichen, ungesunden Seite niederlassen sahen – wo doch günstiger gelegenes Land leicht zu kaufen gewesen wäre!) Und wer hat die Siedler beraten, als es hieß, den Boden ertragreich zu bebauen? Wo ist und wann kommt der oft herbeigewünschte geniale Neuerer, der hier lukrativere Methoden der Bebauung einführt? Den Emek endlich nach einer neuen Methode saniert? (Ein vornehmer Jude aus England hat herausgefunden, daß im Emek sehr wohl »Primeure«, das heißt Frühgemüse, Leckerbissen von Gemüse mancher Art gebaut 53 und nach England exportiert werden könnten, wo es auf den Märkten gewiß guten Absatz fände! Der Chaluz im Emek soll also die Luxusrestaurants in Piccadilly mit Frühtomaten, Spargel und Auberginen beliefern!) Bei alldem sind die Chaluzim die »Dilettanten«! Sie selber sind schuld daran, daß in mancher Siedlung die Arbeitszeit um zwei Stunden gekürzt werden muß, weil die jungen Menschen zu unterernährt und krank sind, um den Achtstundentag oder die dem Landarbeiter vorgeschriebene Arbeitszeit einzuhalten! – Noch geht es den Kindern in diesen Siedlungen einigermaßen gut. Unter unsäglichen Opfern und Nöten, eigener Entbehrung, pflegt man die Kinder besser als sich. Aber in der heißen Jahreszeit müssen die Kinder doch wieder in neuen provisorischen Baracken in gesünderen Teilen des Emek, auf der Höhe von Nazareth untergebracht werden, in Baracken, die viel Geld kosten, bald abgebrochen werden müssen. Das Budget wird nicht besser durch solche Ausgaben! Aber die Exekutive hat kein Geld, nicht genug Geld für den Chaluz, den »Dilettanten«, den »Experimentierer«, den »Bolschewisten«. Der palästinensische Arbeiter hat sich mit dem Gedanken abgefunden, daß das Hereinströmen von Kapital, das heißt die Einwanderung von Leuten mit Geld, auch wenn sie Spekulanten und Wucherer sind, für Palästina unbedingt notwendig sei. (Eine merkwürdige Tatsache sei hierbei vermerkt: Kinder solcher Spekulanten fliehen gar bald ihre Eltern, die sich in Tel Awiw niederlassen, und gehen nach dem Emek, um mit den Chaluzim produktiv zu arbeiten! Ein Prozeß tröstlicher Art, einer von jenen geheimnisvollen Regenerationsprozessen, die das Väterland an der Rasse der Juden vornimmt!) Man will also den Kampf aufnehmen. Ohne betonte Aggressivität vorläufig. Das heißt: man will abwarten, ob ein Einvernehmen mit dem Kapitalisten auch ohne ausgesprochenen Kampf zu erreichen sein wird. Sind sie denn nicht wie wir Juden? »Sind sie denn nicht, wie wir, von dem Heiligen Land angezogen, in die gemeinsame Heimat gekommen?« sagen die »Dilettanten« . . . Die Arbeiterschaft, die, nach berühmten Mustern, bereits eine Bureaukratie, eine Art Sowjetbourgeoisie, die in den Bureaus sitzt und auf die Kongresse reist, zu züchten begonnen hat, besitzt eine 54 Führerschaft von anerkanntem Wert. Um Männer wie Bin Gorion, Ben Zwi, Rubaschow, Kaplanski (sämtlich russischer Herkunft) kann jede sozialistische Partei der Welt Palästina beneiden. In einer Sitzung der Arbeiter-Zentral-Organisation, der »Histadrut Hapoalim« in Jerusalem, die wir, diese Führer und einige Arbeiter aus dem Emek mit dem Sekretär der Amsterdamer Gewerkschafts-Internationale Brown hatten und in der von der Rolle die Rede war, die die sozialistische und kommunistische Arbeiterschaft Palästinas innerhalb der Gewerkschaftsorganisationen in Zukunft spielen sollte, wurde auch von der Möglichkeit gesprochen, die Leute im Emek und die Leute in den städtischen Werken, die gesamte organisierte Arbeiterschaft Palästinas, von dem Druck, der Bevormundung und Willkür der Zionistischen Exekutive zu befreien, ihre Arbeit und die Fortführung ihrer ideellen Gemeinschaft durch proletarische Hilfe durchzusetzen. Die organisierte jüdische Arbeiterschaft der Welt sollte aufgerufen und ermahnt werden, das Schicksal der palästinensischen Arbeiterschaft als ihre eigene, als eine ihrer wichtigsten eigenen Angelegenheiten zu betrachten und die Beiträge zu garantieren, die der Arbeiterschaft Palästinas Existenz und Freiheit schaffen könnten. Das wäre freilich ein wunderbarer Beweis des Verständnisses und der Solidarität; Propaganda in diesem Sinne täte wahrlich not. Denn es haben sich außer den im vorigen Kapitel erwähnten Erscheinungen des Verfalls, des Auseinanderfallens der Gemeinschaft, unter den Arbeitern Palästinas bereits andere, noch betrüblichere gezeigt, die eine rasch durchzuführende Sanierungsaktion des gesamten Körpers, soweit es sich um die organisierten Arbeiter handelt, zur dringendsten Notwendigkeit machen. So hat sich zum Beispiel in der (durch Verwendung arabischer Hilfsarbeiter und Zurückweisung chaluzischer berüchtigten) Kolonie Petach Tikwah eine Gruppe junger Genossen eingefunden, die durch Unterbietung ihrer von der Zentrale bestimmten Löhne die arabische Konkurrenz aus dem Felde schlagen will. Es wird hierbei das Prinzip der »Eroberung der Arbeit« verkündet; im Grunde aber ist der Vorgang ein gefährliches Symptom der Not, der die Organisationen ohne ihre eigene Schuld gegenwärtig unterworfen sind. Ebenso betrüblich ist es, daß gewisse neu eingewanderte begüterte Polen und Litauer, Industrielle und angehende 55 Landbesitzer, aus ihrer Heimat Arbeiter heranzuziehen und mit hereinzuschmuggeln suchen, die in Zeiten des Kampfes ein Element von Streikbrechern darstellen könnten! Wie im Gdud, nistet sich im Emek unter den wertvollsten der Pionierschar allmählich Verzweiflung und Schmerz ein. Denen, die den Klassenkampf ablehnen, gehört mein freudiges Mitgefühl. Denn es ist ein Verbrechen , den Chaluz, nach dem, was er für Palästina geleistet hat, in den Kampf mit der neuesten unerwünschten Einwanderung, den unsauberen, unlauteren Elementen dieser Einwanderung zu drängen. Was wird aber geschehen, wenn diese jungen Menschen nicht gewillt sein werden, ihre Überzeugungen zu opfern, das Feld zu räumen, vielleicht in der wörtlichen Bedeutung das Feld, das ihnen kraft ihres Opfers von Rechts wegen gehört, zu räumen? Die im Lande zu bleiben gewillt und entschlossen sind, trotz ihrer Verzweiflung, Not, ihres Nichtmehrweiterkönnens? Die erwartete Krise könnte von derartigem Ausmaß sein, daß das Land durch sie unterminiert und gesprengt würde.   Fragst du die klügsten, mit schärfstem Zielbewußtsein begabten Führer der palästinensischen Arbeiterschaft: auf welche Weise sie ein Zusammenarbeiten, die Organisation der arabischen Massen zur gemeinsamen Arbeit und zum gemeinsamen Widerstand mit den jüdischen gegen den beide bedrohenden Kapitalismus, gegen Ausbeutung und Mißbrauch der Kraft bewerkstelligen wollen, so blickst du in ratlose Gesichter, oder du hörst das gefährliche Wort von den »Imponderabilien« in allen Fragen des Aufbaus Palästinas. Ein allzu billiges und bequemes Schlagwort, hinter dem sich oft Trägheit verbergen mag. Einzig und allein die »Mopsi«, das heißt die »Miphleget Poalim Sozialistim Iwriim«, die konsequenten Kommunisten Moskauer Richtung, haben über diese Möglichkeit ihre feste Anschauung. Diese aber, eine kleine Gruppe, von deren Existenzberechtigung man bei dem jetzigen Stande der Wirtschaft und der politischen Grundbedingungen gar nicht überzeugt zu sein braucht, besitzen gar keinen Einfluß auf die Entschlüsse und Erwägungen der Führer der organisierten Arbeiterschaft, sind in ihrer Wirkung gehemmt und systematisch mit größter Schärfe unterdrückt. Der Exekutive sind sie selbstredend ein Greuel, 56 die Regierung aber sperrt sie, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, unter allen möglichen Vorwänden ein, deportiert sie nach Herzenslust – als ob man eine Idee deportieren könnte! – Die Haltung dieser kleinen Gruppe, insbesondere in der Araberfrage, ist den Machthabern jedenfalls im höchsten Grade unbequem. –   Ich verbrachte in der Mehrzahl der Emeksiedlungen und in denen des nördlichen Galiläa nur Stunden. Stunden indes, die mir genügten, um mir ein Bild von dem schweren, oft bejammernswert schweren Los zu machen, das den jungen Menschen und ihrem Anhang beschieden ist. Ich habe von ihrer mageren Kost gegessen und in ihre Behausungen geblickt. In einer dieser Siedlungen war das Budget, das bis zum Ende des Sommers reichen sollte, bereits im März aufgebraucht. Man mußte Vieh, Gerät, notwendige Baulichkeiten beschaffen. Ich weiß, man wirft diesen jungen Menschen gelegentlich »Leichtsinn« vor, wenn einer oder der andere etwa seine alten Eltern aus der Galuthheimat nachkommen läßt und die alten Menschen an dem ohnehin mageren Budget als unproduktive Schmarotzer zehren. Auch gibt es hier und dort Zuzug, neue, produktive Genossen gesellen sich zu den alten in der Siedlung, deren Budget auf die vorhandene Zahl von Arbeitern, nicht auf eine vergrößerte berechnet ist. Leichtsinn, Disziplinlosigkeit, Sichhinwegsetzen über Vorschriften, Sich-nicht-nach-der-Decke-strecken-wollen und ähnliches wird den notleidenden Emeksiedlern vorgeworfen, natürlich zugleich mit dilettantischer Unfähigkeit, den Boden rationell zu bewirtschaften, und dem Experimentieren mit kommunistischen Illusionen. Es soll nicht untersucht werden, inwieweit die Zionistische Exekutive verpflichtet wäre, trotz all dieser »Vergehen« den Chaluz gewähren zu lassen. Ihn ausgiebig zu fördern, statt unerfüllbare Forderungen an ihn zu stellen und ihn die wirtschaftliche Fuchtel im Nacken spüren zu lassen. In dem stürmisch intensiven Leben dieser jungen Menschen bebt der Pulsschlag, der das Judentum dieser Zeit erneut hat; man mag über Mittel und Wege sinnen, wie der Emek durch Anleihen und ähnliche ökonomische Bindungen der Arbeit und der Rentabilität saniert werden könnte, die Dankesschuld an diese Besten bleibt dadurch noch ungetilgt. 57 Im folgenden aber will ich von einer Strömung sprechen, die durch den Emek sich gegenwärtig Bahn zu brechen beginnt; hier kann man einmal mit Recht von einem palästinensischen »Imponderabile« sprechen; es muß sich erweisen, ob die Entwicklung, die diese Strömung hervorrufen wird, positiv oder zerstörend auf das gesamte Problem des jüdischen Palästina wirken kann.   Die Anzündung des heiligen Feuers I Ostersamstag der Griechisch-Katholischen. Auf einer Tribüne gegenüber der Grabeskirche in der Altstadt Jerusalems. Der hochaufragende Bau der Kathedrale mit vielen Türmen, Galerien, Dach- und Mauervorsprüngen und Firsten, der enge, von hohen Mauern umgebene Hof zwischen der Kathedrale und unserer Hotelterrasse wimmelt von Menschen. An den Mauern des Hofes haben Händler Heiligenbilder, Rosenkränze, Kreuze aus Perlmutter und Ebenholz hingebreitet; dahinter, an die Mauern gepreßt, stehen und liegen Frauen in bunter orientalischer Tracht; der ganze Hof ist erfüllt von der sich schiebenden, stoßenden, bunten Menge, durch die die gelben Khakigewänder riesiger englischer knüppelbewehrter Polizisten stechen. Wie unten auf dem Hofviereck, wie oben auf den Dächern, den Firsten, sind hier auf unserer Tribüne im Terrassengarten des Hotels St. John Europäer und Asiaten, Christen, Araber lebhaft durcheinandergemengt. Heut wird das seltsame Fest zelebriert, zu dem vor dem Kriege Hunderttausende aus Rußland gewallfahrtet kamen. In der Nacht vor dem Ostersonntag steigt ein Engel in die Grabeskathedrale nieder und entzündet das heilige Feuer in der Kapelle, die unter der Kuppel der Kathedrale errichtet steht. Die Kathedrale, die neben diesem Grabe auch Golgatha und viele andere heilige Erinnerungen bergen soll, ist längst als Ablagerungsstätte dreister Legendenfälschung entlarvt worden: Golgatha stand ja sicherlich außerhalb der Stadt, auf dem Hügel vor dem Damaskustor, an dessen Fuße General Gordon auch eine Grabstätte entdeckt hat, die des Arimathäers Erbbegräbnis sein könnte. Die Via Dolorosa aber führte in umgekehrter Reihenfolge der 58 gegenwärtig aufgezählten und mit Nummern versehenen Stationen selbstverständlich aus der Stadt hinaus und nicht in die Stadt zu dieser Stätte, auf die sie die Grabeskirche gebaut haben. Die Sonne scheint grell auf das vielfarbige Gewühl herunter, das Tor der Kathedrale aber mündet in tiefe Finsternis. Hie und da huscht ein hellerer Schatten dort drinnen vorüber, oder aus dem Freien treten helle Gestalten durch das Tor und werden sogleich von der Finsternis verschlungen. Wo sind die Hunderttausende geblieben, die aus Rußland hierherzupilgern pflegten? Zuweilen geht ein altes Mütterchen durch die Menge, eine vor Kriegsbeginn hier steckengebliebene Babuschka, die seither alles verloren hat, aber auch alles, Heim, Dorf, Familie, nicht mehr weiß, was daheim bei Mütterchen Rußland vorgeht, nur soviel weiß sie, daß Väterchen nicht mehr da ist; in einem Tuch hält sie einem ein paar bemalte Ostereier hin, blickt den Passanten traurig an, bettelt nicht, steht nur da unter den lauten arabischen Krämern. Hier oben auf der Tribüne wie unten im Hofe haben viele Kerzen, Fackeln, Laternen mitgebracht. Wenn drinnen das Wunder geschehen, das heilige Feuer in der Tat niedergestiegen, das heißt entbrannt ist, werden die Gläubigen in der Kapelle ihre Fackeln und Kerzen anzünden. Die Fackeln sind aus dreiunddreißig Kerzen ineinandergebacken – die Zahl der Lebensjahre Christi. Dann, wenn die Fackeln, die Kerzen brennen, suchen sich die ersten Fackelträger, Kerzenträger den Weg ins Freie. Die auf dem Hofe, die auf den Tribünen, die ganze Stadt, das ganze Land entzündet sein Hausaltarflämmchen an diesen ersten Kerzen und Fackeln, die das heilige Feuer in der Kapelle entfacht hat. (Vor dem Kriege trug ein Reiter die brennende Fackel in eiligem Galopp von Jerusalem nach Jaffa ans Meer. Im Hafen stand bereits ein Schiff unter Dampf, das unmittelbar, nachdem der Fackelreiter an Bord gegangen war, in See stach und das heilige Feuer durch die Dardanellen ins Schwarze Meer nach Odessa brachte, von wo es sich über das weite Zarenreich verbreitete: die Millionen Flämmchen vor allen Ikonen der entlegensten Bauernhütten Rußlands waren mittelbar an dem Feuer dieser Kapelle drinnen in der Grabeskathedrale entzündet.) Aus einer Seitengasse naht ein Trupp heulender Menschen. Jünglinge, mit dem Tarbusch auf den geschorenen Köpfen, tragen auf ihren 59 Schultern einen baumlangen, säbelschwingenden Burschen. Die Menge auf dem Hofe, dem First, der Tribüne bricht in wildes Händeklatschen aus: »Es lebe Gott!« . . . »Die heilige Jungfrau!« Wie einem beliebten Tenor, wie einer berühmten Primadonna wird dem lieben Gott, der Mutter Christi zugejubelt. Der ganze bunte Hof, dieser ganze durcheinandergerüttelte Orient schreit, brüllt, applaudiert – dazu aber ist, von dem Orte her, wo die Frauen sich an die Mauer gepreßt halten, ein feiner, eigentümlich säuselnder Ton zu hören, ein Gezwitscher, dessen Sinn ich mir nicht zu erklären vermag und das, wie ein leichter Duft, ein überirdischer Nimbus, über dem Rasen der lauten Menge zu schweben scheint . . . Die khakibekleideten Tommys allein, diese starken und wohlgenährten Jungen mit ihren nackten Knien und soliden Knüppeln, haben ihre Ruhe bewahrt. Dem Säbelschüttler und seinem Anhang halten sie ein Spalier offen, die brüllenden, tanzenden, springenden Burschen verschwinden im Dunkel der Grabeskirche. Jetzt hört man auch noch andere Rufe als die, die Gott, der Jungfrau zujubeln. In stampfendem Rhythmus erhebt sich ein fanatisches Geschrei: »Uns gehört das Feuer – uns allein!« »Die Juden sind traurig heute! Die Juden sind unsere Hunde!« . . . »Für uns allein ist das Feuer angezündet!« Die Maroniter, eine wilde Sekte aus dem Libanon, Christen, deren Glaube irgendwie doch tief im Islam verwurzelt erscheint, haben die Abordnung mit dem Säbelschwinger in die Kirche entsandt – die Anzündung des Feuers also scheint eine gemeinsame Angelegenheit der Christen und Mohammedaner zu sein – wehe dem Juden, der sich an diesem Tage in der Grabeskirche sehen läßt! Nachdem das wilde Geschrei auf dem Hofe sich gelegt hat und alles in Erwartung des Wunders zur Ruhe kommt, ist der süße zwitschernde Laut deutlicher zu hören. Jawohl, das Gehör täuschte nicht – die Frauen an der Mauer sind es, die den zarten Laut wie einen Kuß in die Luft hinaussenden: er soll die Liebe zum unschuldigen Lamm Gottes versinnbildlichen. Auf diese Weise vermengt sich Zartheit und 60 primitive Barbarei des tiefen, rätselhaften Orients an diesem Tage, an dem das Feuer aus dem Himmel erwartet wird. – Inzwischen ist die Sonne auf Scheitelhöhe gestiegen, der Hof unter der Terrasse kocht in Hochsommerglut. Um das dunkle Tor der Kirche schwelt der Mittag in kleinen zitternden Flammen. Jetzt, jetzt muß das Wunder sich ereignen! Unruhig, aber doch furchtsam vor den khakifarbenen Garden mit den schlagbereiten Knüppeln, drängen sich die Fackelträger, die Kerzenträger durch die bunte Menge an das Tor heran. Plötzlich schwingt die Luft in beängstigendem Dröhnen. Die Riesenglocke der Grabeskirche schlägt eherne Wellen gegen die Mauern, an die Brust der Menschenansammlung. Viele kleine hellere Glocken erschwingen im Nu in den Türmen zu unseren Häupten. Das Schreien, Rufen, das Gezwitscher des Hofes antwortet im betäubenden Chor: nun ist kein Zweifel mehr – das Feuer ist herniedergestiegen! Verzweifelt und mit erhobenen Knüppeln stemmen sich die Khakifarbenen gegen den unaufhaltsamen Anprall. Ein Flämmchen erscheint im dunklen Ausschnitt des Tores. Ein zweites. Wie Irrwische flirren zehn, hundert kleine Flammen drin in der Grabeskirche durch das Dunkel auf, stürzen sich dann nach vorn, in den sonnigen Hof, der die Flammen, die flackernden Feuerchen auffrißt, verschlingt; in wenigen Minuten brennen all die tausend Kerzen, Laternenlichtlein, Fackeln ringsum im Sonnenschein. Durch die schmalen Seitenpfade stürzt die Menge, mit den Flammen hoch über dem Kopf, in die Stadt hinaus, ins Land, – der Fanatismus der Maroniter teilt sich wie Ansteckung, Entzündung, Massenirrsinn dem Volk draußen mit, die Altstadt ist ein rauschender Strom geworden, der durch die verwinkelten Straßen, die Bazargäßchen, um Winkel und Treppenwege sich ergießt. Hier, in weitem Umkreis um die Grabeskirche, ist kein Jude an diesem Tag zu sehen. Und doch, es wäre gut, sähen sie diese Menge, diese gewaltige Mehrzahl der Eingeborenen des Landes, unter deren Übergewicht ihr Häuflein fast verschwindet . . .   Aber unten, in der Nähe des Haram, um die alte Klagemauer, drängt sich zur selben Stunde eine andere Schar. Es ist Sonnabend. Sie ist durch die kleinen Winkelwege dahergekommen. Vor den ungeheuren, durch Küsse, Stirnanreiben, Tränen und Streicheln fiebernder Hände 61 glattgescheuerten Quadern stehen lautlos oder wimmernd, das Gesicht gegen den Stein gewendet, mit geschlossenen Augen, unhörbar, rasch sich bewegenden Lippen Menschen, Frauen und Männer in Gebetmänteln, Totengewändern. Sie stehen da, seltsam bewegt, mit wippenden Oberkörpern, nickenden Köpfen. Hier und dort hat einer sein Gesicht ganz in ein Steinloch, eine herausgeweinte, herausgekratzte, herausgescheuerte Fuge zwischen zwei Quadern vergraben. Tränen tropfen aus dem blassen Gesicht auf die Quadern der Mauer um das Alte Heiligtum herab. Wunderbare, wunderliche Gestalten hochgewachsener, in bunte Samtkaftane gekleideter, mit Fuchsfellkappen angetaner Aschkenasen; Bucharen in üppig gemusterten Seidenmänteln; die kleinen öligen Yemeniten; viele Europäer, Amerikaner, die unzähligen Touristen, die zur Universitätseröffnung, zu Ostern ins Land gekommen sind. Mitten unter ihnen hält sich einer aufrecht, krank, mit zerbrochenen Gliedern, arm, stumm und verzweifelt, ein Jude, der nicht beten kann, sich der Worte des alten Gebets nicht besinnt. – In den kleinen krummen Seitengäßchen, die den Wandernden von weitem schon die Nähe der alten Mauer verkünden, hocken, liegen an den Mauerrändern alte Bündel von zerfetztem Elend. Hier und dort reckt sich aus einem Bündel ein greiser, blutloser Kopf mit langen Strähnen, ein bärtiges, triefäugiges, armseliges Gesicht heraus. Eine Hand, mager und knöchern, streckt sich dem Vorübergehenden entgegen. Bettler, die Elendsten aus dem alten Stamm, hierher in das Heilige Land, in die Heilige Stadt verschlagen, niemand weiß wie, woher, in Lumpen versinkend, erlöschend, doch in der alten Stadt, in der alten Heimat! Heute betteln sie nicht, diese Bettler um die Klagemauer! Heute sind sie Schenkende! Am Sabbat halten die armen zitternden Knochenhände den Vorübergehenden kleine Blumensträußchen entgegen. Sie sind es, die an diesem Tage die anderen beschenken, von deren Gnaden sie sonst ihr elendes bißchen Dasein fristen. Gnadengeschenk sondergleichen! Wie der Segen des Bettlers mit dem grünen Turban in der Muski Kairos, senkt sich das Sträußchen des Armen, aus meinem Stamm, der Segen des mystisch tiefen Orients, auf die Binde um meinen kranken Arm nieder. Ich muß für die Gabe dem 62 Ärmsten heute ein Gebet abnehmen. Aus meinem wehen Herzen forme ich das Gebet, es wird an diesem Tage durch die Gnade des Bettlers zum Ewigen dringen. 2 Aus dem Emek, Nahallal, der Siedlung der »kleinen Gruppen« am Fuße der Bergeskette, die über Nazareth nach Haiffa führt, rollt unser Automobil den Osthang des Karmel empor. Hier weht uns schon der scharfe, würzige Wind der nahen Küste entgegen. Es ist eine stundenlange, beglückende Fahrt. Auf der Bergeshöhe, dem Kamm des Karmel, den wir erreicht haben, gewahren wir eine kleine Siedlung ganz neuer Baracken. Die dürftig zusammengefügten Bretterbuden stehen dicht bei der Chaussee, über die zahllose Automobile vom Meer zum Emek, vom Emek zum Meer rollen. Wir halten, denn diese Bretterbuden, diese neue Siedlung ist »Nachlath Jakub«, die Gruppe des Jablonnaer Rebben. Wie wir näher an die Buden herankommen, bemerken wir ein paar kuriose Käuze. Ein dicker rotbärtiger Mensch und ein dicker schwarzbärtiger, beide in städtischer Tracht, aber mit den Gebetmänteln um die Schultern, tänzeln Arm in Arm an den Buden vorbei. Beide haben schwarze Sammetmützen auf dem Kopfe, rötlich und schwarz wehen Stirnlocken um ihre pausbäckigen Gesichter. Arm in Arm, tänzelnd und singend, bewegen sie sich zu einem Bretterstapel, holen sich einen Arm voll Bretter, den sie, der eine vorn, der andere hinten, zu einer im Bau befindlichen Baracke tragen. Mit einem Blick auf mich und meinen Freund, wir sind gerade aus dem Automobil gestiegen, singt der Rote und mit ihm der Schwarze ein Duett im Vorübertänzeln. Erstaunt hören wir den Text, der nach der Melodie des »Lieben Augustin« gesungen wird: »Ja, wir müssen arbeiten, arbeiten, arbeiten! Ja, wir müssen arbeiten . . .« (und so fort ad libitum). Nun, wie gesagt, die Bretterbuden weisen, von nahe besehen, eine ziemlich unsolide, windige, fachunkundige Bauart auf. Nachts muß es, auf diesem Berggrat, ordentlich durch Fugen und Ritzen pfeifen! Aus allen Baracken, den fertigen und bewohnten, den halbfertigen, 63 in denen noch gehandwerkt wird, lugen neugierige Gesichter zu uns heraus, Frauen und sehr viele Kinder. Alle tragen noch städtische Kleidung, und zwar recht gute Kleidung, es sind ja Kleinbürger und auch Leute aus dem wohlhabenden Mittelstand, Kaufleute, Beamte, Gewerbetreibende und ihre Familien, die mit fünfhundert Pfund und mehr aus Polen, eben jenem kleinen Ort Jablonna bei Warschau, gekommen sind, um sich hier auf dem Karmel, in dem Land der Väter niederzulassen. – Ein armer junger Bursche mit verkrüppelter rechter Hand schleppt unter dem linken Arm mit Mühe und großer Anstrengung Bretter vom Stapel über den Boden vorwärts. Den Draht, der die Bretter zusammenhält, muß er mit der heilen Linken aufdrehen, er nimmt dazu seine Zähne zur Hilfe. Kleine Kinder machen sich nützlich, indem sie Nägel, Hobel, Zangen, Hämmer, munter laufend, den Alten überbringen. Es ist auf dem Berggrat neben der Chaussee ein gar munterer Betrieb. Das erste Bretterhaus, das hier in der Siedlung fertiggestellt worden ist, war das Beth Hamidrasch, die Synagoge. Das zweite: die Badestube. In der »Synagoge«, der primitiven Bretterbude, sind die heiligen Bücher bereits an den Wänden aufgereiht, in einer Ecke steht auf der Erde der siebenarmige Leuchter, ein riesiger, mit Nägeln beschlagener Koffer birgt sieben Gesetzesrollen, die die Jablonnaer mitgebracht haben. Aus einigen Brettern ist ein Altar gezimmert, auch laufen Bänke um die Wände herum, und vor dem Altar liegt ein kleiner Teppich. Diese Kolonie ist nur wenige Tage alt. Kurz vor Ostern kamen die Jablonnaer hierher auf den Berg. Wir geraten mit den beiden fröhlichen Chassiden, dem roten, dem schwarzen, den beiden munteren Freunden, ins Gespräch. Sie haben noch nie körperliche Arbeit verrichtet, standen hinter ihren Ladentischen, gleich der Mehrzahl der Männer in der Kolonie, den Vätern der vierzig Familien, die unter der Führung des Rebben, nach dessen Vornamen die Kolonie benannt ist, hierherkamen und denen weitere fünfhundert Familien folgen sollen. (Der Jablonnaer Rebbe selbst ist heute in Haiffa. Wir werden unseren Besuch morgen wiederholen.) Die beiden ältlichen dicken Freunde sind lustig wie alle anderen dahier. (Die Frauen allein machen besorgte Gesichter.) Sie sind beide, 64 der Rote und der Schwarze, bald an ihre Arbeit zurückgekehrt, wischen sich den Schweiß von den Gesichtern, schleppen Bretter und ziehen dann wieder, sich umschlungen haltend, von der Baracke zum Stapel. Ein bißchen spielen sie wohl auch Theater vor den Fremden, wie Juden, die lustig und übermütig sind, sich selber über ihre Lustigkeit und ihren Übermut wundern. »Euch muß doch diese Arbeit schwerfallen, das Bauen? Ihr seid es doch nicht gewohnt?« Unbeschreiblich, wie der eine, der Rote, seine runden Hände mit gespreizten Fingern zum Boden niederstößt, auf den Boden zeigt: »Es ist doch unser Land!« . . . Es dunkelt bereits, wir müssen nach Haiffa weiter. – Auf dem Weg, den Karmel hinunter, fährt unser Chauffeur langsamer, um einen Trupp vorbeizulassen, der uns von unten entgegenkommt. Es sind Männer in städtischer Kleidung, mit runden Hüten auf den Köpfen. Manche sind alt, haben goldene Brillen, Graubärte, indes wir bemerken auch einen und den anderen jüngeren unter ihnen. Die Mehrzahl aber, das sind alte Männer. Rüstig schreiten sie den steilen Berg hinauf, tragen geschultert Schaufeln, Äxte und Picken. Und alle haben neben ihren Äxten, Schaufeln und Picken Ölzweige und die seltsamen hellen, aus drei langen Streifen gebildeten grauen Blattzweige des Eukalyptus geschultert. Sie kommen aus den Sümpfen, die sie entwässern, aus den Feldern, die sie gekauft haben und die sie bebauen, urbar machen wollen, für sich, ihre Kinder, für die fünfhundert Familien, die nachfolgen werden, und auch für das Land – » ihr « Land.   Nachlath Jakubs Bewohner sind Chassiden, ehemalige Bürger eines polnischen Städtchens, kleine Handwerker, aber auch Fabrikbesitzer, Kaufleute, Lehrer, Schriftgelehrte, Beamte, wohlhabende Hausherren, niemals an körperliche Arbeit dieser anstrengenden Art gewohnte Leute. Jetzt kamen sie in das alte Land und arbeiten, fröhlich, hingegeben und aufopfernd, bis zum sinkenden Abend. Mit chassidischer Lustigkeit tänzeln sie vor Gott, der auf ihre Arbeit niederschaut. Nächsten Abend sind wir, diesmal mit unserem Freunde, dem Maler Hermann Struck, der jetzt in Haiffa wohnt, zum zweitenmal zu den 65 Jablonnaern gefahren. Wir treffen die Männer der Gemeinde in der windverwehten Baracke, die sie sich als Gotteshaus gebaut haben, beim Abendgebet. Da steht der Rabbi, ein noch junger Mann, blond, von sanftem Gesichtsausdruck, an der Spitze der Männer, die wir gestern aus den Sümpfen, den Feldern heimkehren sahen. Nach der Andacht gehen wir, vom Rabbiner geleitet, hinüber in die andere Baracke, die als »Verwaltungsgebäude« dient. Auf einem Brett liegen die Arbeitsbüchlein der Schar. Der Rabbi ist zugleich Sekretär und Kassierer der Gewerkschaft dieser Kolonie. Sie haben das Geld, das sie mitgebracht – und es gibt unter ihnen welche, die beträchtliche Summen beisteuerten –, zusammengetan und haben sich Land gekauft, dreißigtausend Dunam, zu denen ihnen der Nationalfonds noch sechstausend gegeben hat. Jeder aus der Schar erhält vom Rabbiner seinen Tagelohn ausbezahlt: fünfundzwanzig und fünfunddreißig Piaster. Im übrigen leben sie, wie unten im Emek die Chaluzgruppen, im wirtschaftlichen Kommunismus. Sie arbeiten für die Gemeinschaft, ohne Unterschied, ob einer viel, der andere wenig mitgebracht und beigesteuert hat. Der Existenzkampf, der daheim den einzelnen zu seiner Leistung stachelte, hier, im alten Land, das die Schar aufbauen will, ist er einer reineren Form gewichen. Die ältlichen Leute leben wie unten der jüngste Chaluz. In ihren alten Adern ist das heilige Feuer entflammt. Das Land, das alte, gesegnete, hat diesen Menschen eine neue Hoffnung geschenkt. Sie leben jung auf dem alten Boden der Heimat. Sonderbares, heiliges Land, das alten Menschen neue Hoffnung zu geben vermag! Sonderbares Land . . . Ich frage, während ich mit meinem Freund und mit dem Maler Struck dem jungen Rabbi gegenübersitze: »Wer hat unter euch zuerst den Gedanken gehabt, das Leben daheim hinzuwerfen und hierher, nach Palästina, zu kommen?« Der Rebbe sieht mich an, als verstünde er nicht, was ich sage, spricht dann leise, indem er mir in die Augen sieht, leise und mit einem unbeschreiblichen Ausdruck seiner Stimme: »Wer? Gott.« Wir trennen uns spät nachts von den Jablonnaern, von dem Rebben, ihrem Führer, einem schlichten und reinen, vielleicht heiligen 66 Menschen, dessen Name und Einfluß sich rasch über Palästina verbreitet hat. –   Was ist das nun? Menschen, nicht vom Drang der Abenteuerlust, der Freude an Neuem, hierher in das alte Land getrieben. Man kann auch nicht sagen, durch die Not der gegenwärtigen, widrigen Umstände, denn sie hatten die Mittel, um standzuhalten. Gewiß nicht aus Spekulationssucht. Vielleicht eher von einer ganz törichten, »unreifen« Sehnsucht nach Gemeinschaft, starkem, reinlichem, irdischem Dasein, wie es jene Chaluzim im Emek führen. Sie sind schon alt, mancher unter ihnen hat das schwere Leben schwer begonnen, kennt die Not des Anfangs, des Wiederanfangenmüssens. Sie haben ihr Leben gelebt und beginnen aufs neue. Sie haben Behagen, Wohlstand, vielleicht Reichtum hinter sich geworfen und sind einem jungen begeisterten Menschen gefolgt, der mit emporgewandtem Blick lange treu gewartet hat. Als der Augenblick gekommen war, von dem es heißt, daß ihn die Werkleute abwarten müssen, soll ihr Tun gesegnet sein, gab er das Signal zum Aufbruch. Das Land entzündet seltsam tiefe Feuer in jenen, die wundergläubig sind, die warten können und in denen die Hoffnung noch nicht erloschen ist.   »Imponderabilien« Bin Gorion, der Arbeiterführer, hatte schon recht, wenn er von Imponderabilien sprach, die allen Dingen Palästinas eigen sind. Es ist wohl nicht ungefährlich, wie schon gesagt wurde, mit Imponderabilien rechnen zu wollen, wenn es sich um politischen, um ökonomischen, um Klassenkampf handelt. Denn diese Kämpfe entwickeln sich nach Gesetzen, die ihre Wurzeln in der Erfahrung haben. Aber es ist wahr, die Imponderabilien Palästinas bestehen, und sie weisen auf etwas Mystisches, Ungekanntes, Unergründbares hin, auf Quellen des Glaubens, auf den Blick, emporgewandt zum Überirdischen, vielleicht auf ein heißes, nur halb verstandenes Gebot, das den offenen, reinen, empfänglichen und empfindsamen Menschen wandeln und wandern heißt. Auch in dem Kampfe, den solch reine und starkgläubige Menschen 67 vielleicht schon bald mit dem Element Tel Awiw werden ausfechten müssen, wird es Imponderabilien geben – ich erwähnte auch dies schon: daß der Arbeiter in dem hereinwandernden Spekulanten immer noch den Bruder, den Palästinasüchtigen erblicken und achten will . . . Vollständig verkehrt ist es aber, Palästina, wie das manche superklugen Leute meinen, als politisches, ausgesprochen politisches Problem aufzufassen und sonst als nichts. Die Neunmalweisen meinen, Palästina sei eben als letzter Ausläufer Europas zu betrachten und spiele in der Politik der Welt die Rolle des Vorpostens der europäischen Zivilisation. Europa soll am Jordan enden, Asien aber jenseits des Jordans beginnen. Nichts ist verkehrter. Palästina ist Orient. Der palästinensische Jude, er mag kommen, woher er wolle, hat tief in seinem Wesen das Mystische, die Gnade, das gefährliche Element und Erbe des Orientalen empfangen. Immer klarer führt die Entwicklung der Gesinnung in Palästina den Beweis für diese im »Exil« vergessene Tatsache. Wenn es aber verkehrt ist, die Juden in Palästina als ein fremdbürtiges, daher mit besonderem Maßstab zu messendes Element, ein europäisches, nach dem Orient verschlagenes Volk, etwa wie die Engländer in Indien, die Franzosen in Algier, zu betrachten, so ist es noch unsinniger, ja es grenzt an Psychose, wenn man gewisse Leute beobachtet, die in Palästina sich gebärden, als wären sie die Herren des Landes, als bildete nicht das arabische, mohammedanische, autochthone Volk hier die erdrückende Majorität! Hört man Führer des Zionismus sagen: sie wollten sich nicht damit begnügen, hier ein paar Gartenstädte, eine Universität zu errichten, Palästina müsse die Heimstätte des jüdischen Imperialismus werden –, so läuft's einem bei solcher Faselei kalt über den Rücken. Und was soll man dazu sagen, wenn einem eine solch erstaunliche Meinung unterläuft: Arabien sei achtunddreißigmal so groß wie Palästina, es sei daher absurd, daß sich die Araber gerade auf dieses kleine Land versteiften – mit anderen Worten, die Araber sollten doch ein Einsehen haben und das Feld räumen!! Vorstellungen dieser Art sind so lächerlich, wie sie gefährlich sind. Die Araber sind den Juden, ich hörte es Kenner äußern, gar nicht feindlich gesinnt. Wären die Juden in Palästina nicht Zionisten, das heißt von Gnaden Balfours Nutznießer, Protegés und Werkzeuge des 68 englischen Imperialismus, so könnten sie sich, so sagen die Kenner, mit den Arabern gut verständigen, vertragen. Aber als Keil, den England zwischen den ägyptischen und den arabischen Nationalismus, das heißt den Befreiungswillen des ägyptischen und des arabischen Volkes getrieben hat, ist der zionistische Jude ein Fremdkörper im erhitzten Fleisch des Volkes im nahen Orient. Da nützen Vorschläge wie die Kalvaryskis: man möge gemeinsame jüdisch-arabische Klubs gründen, nichts, und das Hirngespinst Ruppins: von einer Kreuzung und Amalgamierung des eingewanderten Juden mit dem eingeborenen Araber, platzt gar wie eine Seifenblase und hinterläßt üblen Duft. Zudem weiß der Araber sehr genau, daß der palästinensische Jude in einem Waffenkampf, bei der schwer zu vermeidenden Auseinandersetzung zwischen England und Asien, obzwar ihn laut Mandat des Völkerbunds kein Gesetz dazu zwingt, unbedingt und mit voller Hingabe auf der Seite Englands gegen Asien stehen wird. Und das verbessert selbstverständlich das Verhältnis keineswegs. Zudem sind dem primitiven Araber die Methoden der Landwirtschaft, die Formen der Gemeinschaft, die der Jude ins Land gebracht hat, peinlich und verhaßt. Er ist bei seinen jahrtausendealten Methoden stehen geblieben und wird sie nicht aufgeben um einer importierten technischen Gesinnung willen, die seine innerste Seele nicht berührt. Wird man Palästina endlich als das zu erkennen suchen, was es eigentlich ist – nämlich die Heimat der Religionen, das Land, das die Religionen geboren hat und das den Trieb zur Religion in jedem, der innerhalb seiner Grenzen lebt, entfacht und stärkt! Vielen, die ich hier wiedersah, hat sich diese Erkenntnis zwingend mitgeteilt, und meinen stärksten Eindruck verdanke ich der Beobachtung dieser Tatsache. Als Sozialist muß ich eine derartige Entwicklung beklagen, als Juden ergreift sie mich mit Gewalt. Handelt es sich aber um praktische Orientpolitik, so muß man wiederholen, daß die Russen, das europäisch-asiatische Volk, allein es verstanden haben, daß die Völker Asiens bei ihrem stärksten, dem bestimmenden religiösen Instinkt zu fassen seien. Dies trifft insbesondere bei den Mohammedanern zu. Die Russen, die die Religionsübung innerhalb ihres Riesenreichs zu unterbinden suchen, benutzen als kluge Politiker das religiöse Moment bei der Verfolgung ihrer Ziele im Orient, der auf verhängnisvolle Weise in Bewegung 69 geraten ist. Völker, die anderen Erdteilen entstammen, die sich in Vorderasien halten und bewähren wollen, müssen sich mit der Macht des mohammedanischen Bekenntnisses auf eine oder die andere Weise auseinanderzusetzen suchen.   Die beiden Bäumchen Meine Rundfahrt durch den Emek begann ich in den am Südufer des Genezarethsees gelegenen Siedlungen Degania Aleph und Beth. (Degania Gimmel, das ich vor drei Jahren besuchte, ist jetzt in Degania Beth aufgegangen.) Degania Beth besitzt zur Zeit ein weithin leuchtendes, stattliches Haus mit breiten Terrassen und Veranden. Mein Freund und ich besichtigten dieses Haus, das als Beweis für die prächtige Entwicklung der alten kommunistisch geleiteten Siedlung gelten darf. (Immerhin arbeiten die beiden Deganioth, wie mir erzählt wurde, mit beträchtlichem Defizit.) Beim Betreten des Hauses stockte ich schon an der Schwelle, überrascht. Auf eine Mesuse (kleine, eine Pergamentrolle enthaltende Glashülse), die schräg an den Torpfosten genagelt war, weisend, frug ich unseren Begleiter: was denn das sei – seit wann die Kommunisten Mesuses an ihre Türpfosten genagelt hätten? Auf dem Gesicht des jungen Genossen, der gerade von einer Reise nach Moskau zurückgekehrt war, bemerkte ich Verlegenheit. Die Erklärung lautete: einer der Kolonisten habe seine alten Eltern nachkommen lassen, und die Mutter habe erklärt, sie werde das Haus nicht betreten, wenn es nicht durch die Mesuse geweiht ist! Dagegen hörte ich in anderen Siedlungen, daß es die Kinder der Kolonisten sind, die von den Eltern die Befolgung der Riten verlangen – Kinder zum Teil, die, erst in Palästina geboren, die hebräische Sprache als Muttersprache erlernt haben, während ihre im Galuth geborenen Eltern sie sich erst mühselig aneignen mußten – und sich darum auch gar manche Zurechtweisung von seiten der kleinen unverschämten Chauvinisten gefallen lassen müssen. (Die Kinder der palästinensischen Zionisten – ein besonderes Kapitel. Zum Glück sind sie noch in den zarten Jahren, in denen sich die Gesinnung als 70 amüsante Frühreife, Naseweisheit und freche Altklugheit darstellt. Kommt sie erst zu Jahren, diese Gesinnung, so wird sie den Zionisten noch mancherlei zu schaffen geben.) In dem radikalen En Charod, das ehemals zum Gdud gehörte, sind die Siedler Einflüssen der erwähnten Art, mögen sie nun von der älteren Generation oder der jüngsten ausgehen, bereits unterlegen. Der Führer der Siedlung erklärte uns zwar, daß dahier die Festtage in der Form von Festspielen gehalten würden – da ja die Mehrzahl der jüdischen Feiertage auf Vorgänge in der Natur zurückgeführt werden könne. Kinderspiele versinnbildlichten diese Feste, nach der Art des englischen »Pageant«, Aufzüge und Reigen, Schauspiele, die das Gebet um Regen, die Weihe der Felder, die sich abwechselnden Jahreszeiten zum Inhalt hätten. Dies wäre sehr schön und gut, wenn an diese Spiele knüpfend sich nicht der stärker werdende Übergang zur orthodoxen Form der Gebotebefolgung ergäbe. Sicher verbürgt ist es, daß aus den Siedlungen des Emek, seit der Jablonnaer Rebbe auf den Höhen des Karmel haust, junge Chaluzim in zunehmenden Scharen sich zur Feier des Sabbats den Berg hinauf begeben – zur Feier, die die Chassidim selbstverständlich nach ihrem Ritus zelebrieren. – Merkwürdige, betrübliche Spaltungen habe ich in der radikalen Gruppe der Siedler von Beth Alpha beobachten müssen. Diese Siedlung besteht aus einem oberen und einem tiefer gelegenen Hof, um beide gruppieren sich Baracken der jungen Arbeiter. Im oberen Hof Beth Alphas wohnen die Chefzibah-Leute, Tschechoslowaken und Deutsche, zum größten Teil Intellektuelle, im unteren aber hat der aus Galiziern und Ukrainern bestehende Kibutz seine Baracken aufgeschlagen. Diese beiden, räumlich so nah benachbarten Gruppen scheinen in ihrer Lebensweise, ihren Lebensanschauungen, ihrer Einstellung zur Arbeit und zu den Vorschriften des Glaubens unendlich und heillos getrennt. Obzwar vor dem Fremden auch der Anschein eines Zerwürfnisses vermieden werden sollte, war der Konflikt der beiden Gruppen deutlich wahrzunehmen. Sie waren auseinandergefallen, hatten kaum mehr miteinander zu tun. Die Chefzibaher hingen mit dem einige Kilometer entfernten, zum Gdud gehörenden Tel Josif jedenfalls enger zusammen als mit dem nur wenige Schritte entfernt hausenden Kibutz . . . 71 Evident ist es, daß die Rückkehr zu rituellen Formen sich bei den aus Polen, Litauen und der Ukraine stammenden Chaluzim in schärferer Weise vollzieht als bei den westlichen. So wie die Gruppen, die rituelle Kost genießen, sich von denen trennen, die dies nicht tun, werden sie sich über kurz oder lang, nachdem sie vom Tisch getrennt sind, auch vom Bett trennen, das heißt: als Feinde auseinandergehen – was dann eine ernstliche Gefährdung des Kernpunktes der palästinensischen Arbeit bedeuten wird. Übrigens haben sich in den letzten Jahren einige Misrachi-Kolonien aufgetan, in denen junge und ältere Arbeiter streng nach den Bräuchen des orthodoxen Glaubens leben und arbeiten. Es könnte sich also doch eine in milderen Formen vor sich gehende Umgruppierung vollziehen! An diesem Stand der Dinge hat der hebräische Nationaldichter Ch. N. Bialik mit seinen formvollendeten, aber in rückschrittlichem Geiste verfaßten Dichtungen sein gut Teil schuld. Man hat den jungen, das Hebräische als nationale Umgangssprache pflegenden Arbeitern so lange eingeredet, daß Bialik der große, überragende Dichter des Judentums sei, daß sie sich nun an den Feierabenden an den Dichtungen Bialiks berauschen, in denen Rückkehr in die Talmudschule, Sichversenken in die alten Bräuche und Vorstellungen mit dichterischem Schwung gepredigt wird. Zu den stampfenden Rhythmen der Hora, der Rundtänze und Reigen werden oft Texte gesungen, die den Psalmen, alten Gebeten entnommen sind. Das sind Symptome einer Bewegung, die man, da es sich um junge kommunistische Arbeiter handelt, als eine Bedrohung des unbeschwerten Zukunftswillens, des Willens zur Bildung einer neuen sozialen, utopischen Gemeinschaft ansprechen darf. Indes, es handelt sich hier nicht um Sozialismus allein; zum Glück ist die Utopie reicher, als daß sie aus sozialen Gesichtspunkten restlos erklärt werden könnte.   Draußen im Galuth, zumal in dem für den materiellen Aufbau Palästinas wichtigen Amerika, sind zornige Stimmen laut geworden, die den Chaluzim neben »Bolschewismus« feindliche Abkehr von der Religion vorwerfen. Die Chaluzim wissen genau, fühlen es ja am 72 eigenen Leibe, was diese Animosität der amerikanischen Geldgeber bedeutet. Es wird ihnen recht deutlich vor Augen geführt, daß diese Meinung, wie sie nun einmal in dem kapitalkräftigen Weltteil besteht, der Wirtschaft Palästinas, seiner wirtschaftlichen Entwicklung bös schadet. Sicherlich ist es nicht Opportunismus, der es bewirkt, daß jetzt eine Gruppe nach der anderen zu Bräuchen, Riten zurückschwenkt, deren Befolgung von ihnen verlangt wird – von Leuten noch dazu, die sich über sie gewiß hinweggesetzt haben, die aber mit ihrem Gelde den Gewissensbissen über die eigene Assimilation Ablaß erkaufen. Sicherlich hat die Schwenkung der Chaluzim zur Orthodoxie tiefere Veranlassung: ich glaube, die tiefste von allen ist eben jener bereits angedeutete, unbewußte Einfluß, den das alte Land auf die Zurückkehrenden ausübt. Vor Jahren war es noch unmöglich, von so vielen ernsten, intelligenten, ihrer Handlungen klar und zuweilen stürmisch bewußten jungen Einwanderern Antwort auf die Frage zu erlangen: was sie denn eigentlich hierher getrieben habe, ins Land der Vorfahren – Nationalismus oder Abenteuerlust, Liebe zur Scholle, Überdruß an der verrotteten Zivilisation des Galuth, aus dem sie flohen, ob es sozialer Instinkt, Wille zur neuen, reineren, utopischen Gemeinschaft sei, der sie gehen hieß, um das Land wiederzuerobern, aufzubauen? Heute ist es evident: auf dem Grunde all dieser mehr oder minder bewußten Triebe lebte die Anziehungskraft, die Suggestion Palästinas – zur Religion zurückzufinden! Es ist, obzwar sich die Welt seither gewandelt hat, derselbe Trieb, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die ersten jüdischen Kolonisten, jene »Bilus« von Rischon, Rehoboth, Mikweh Israel und Roschpinah, aus Rußland hierher gelenkt hat. Diese Menschen, die ihre Kolonien sicherlich mit nicht geringerem Opfermut, Hingabe, Seelenkraft aufgebaut haben, wie jetzt die Chaluzim die ihren im Emek. Und es ist auch dieselbe tiefe Verwurzelung im Glauben, die die ehrwürdigen Familien der christlichen Templergemeinden, die Fast, Hofmann, Rohrer und Groppius, ihre Siedlungen bei Haiffa, Jaffa und Jerusalem, Wilhelma und Sarona aufbauen ließ. – 73 »Theokratie ist im Anmarsch! Passen Sie auf,« sagte mir der junge französische Dichter Jean Richard Bloch, der gleichzeitig mit mir, aber zum erstenmal das Land bereiste, »passen Sie auf, in drei Jahren haben wir Juden hier in Palästina eine theokratische Vertretung, nicht mehr eine weltliche. Die Zionistische Exekutive wird einem Rabbiner-Kollegium gewichen sein.« Als ich nach meiner Rückkehr aus dem Emek den bereits erwähnten Oberrabbiner Palästinas, den ehrwürdigen Kuk, aufsuchte und ihm, halb im Scherz, diese Meinung meines Freundes Bloch vortrug, strich sich der ebenso weise wie weltläufige Gelehrte und Seelsorger über seinen Bart und sprach: »Drei Jahr? Das find' ich ä bissele übertrieben.« Im weiteren Gespräch hörte ich aus dem Munde des sehr merkwürdigen, in mancher Hinsicht außergewöhnlichen Mannes einige definitive, wunderbar formulierte Erläuterungen dieses mich tief beunruhigenden Doppelphänomens: des Chaluz, der zu den Bräuchen – und des Chassiden, der zur körperlichen Arbeit zurückkehrt. Kuk sprach ja von den Chaluzim als von Ketzern. Er tat dies. Aber er unterschied sehr genau zwischen Ketzern aus Roheit und Ketzern aus Idealismus. Daß die Chaluzim zu den alten Vorschriften des Ritus zurückkehrten, die Chassidim aber zu arbeiten anfingen, das formulierte er so: In dem alten Boden Palästinas seien zwei Bäumchen eingepflanzt – das profane und das geistige. Die Profanen, das heißt die Chaluzim, pflanzten gegenwärtig das geistige Bäumchen, die Chassidim aber, das heißt die Geistigen, das profane Bäumchen. Aus beiden breche das Leben des Judentums in Knospen empor. Er erklärte mir auch, welche Bewandtnis es seiner Meinung nach mit den Bräuchen selbst habe. Rohe Menschen bedürften dieser Bräuche, die sie mit Polizeigewalt zur Einhaltung ihrer religiösen Pflichten mahnten. Die geistig und seelisch hochstehenden, im Grunde unbewußt tief religiösen Chaluzim aber sähen ein, daß sie ihren religiösen Trieb verschönen, ästhetisch gestalten und verzieren müßten – und diese Rolle spielten die Bräuche in ihrem Leben. Sicherlich, so meinte Rabbi Kuk, werde diese formale Rückkehr den Chaluz in seinem Selbstvertrauen stärken, etwa auf solche Weise, wie die militärischen Übungen das nationale Bewußtsein des Boy Scout 74 stärken. Und als ich bemerkte, es könnte sich bei dieser Rückkehr zur Orthodoxie des Chaluz ein Fanatismus bemächtigen, der seinen Widerpart in dem aufgestachelten Fanatismus des Arabers fände, daß sich dadurch der latente Konflikt zwischen den beiden religiösen Gemeinschaften immer stärker und deutlicher herausbilden müsse –, da meinte der Rabbi: daß dann eben die beiden Bekenntnisse, die beiden Rassen hart auf hart um die Macht zu ringen hätten und daß der zurückkehrende Chaluz in diesem Kampfe, eben durch seine Rückkehr zum Glauben, unendlich gestärkt sich bewähren würde. –   Es war kein geringes Erlebnis, in der Stube des Rabbi zu sitzen. Sabbatabend war's, und ehe ich mit meinem Freund und Dolmetscher (der Rabbi sprach mit uns im Jargon, ich glaube mit litauischem Einschlag) an die Reihe kam, mußten noch einige Bittsteller oder Gäste erledigt werden. Es war eine seltsame Schar von Menschen, die an diesem Sabbatabend den Rabbi um Rat und Beistand anging. – Der ehemalige Saratower Rebbe bat den Amtsbruder um Vermittlung bei der englischen Regierung, damit sein Sohn, der noch in Rußland zurückgeblieben war, einen Paß nach Palästina erhalte. – Zwei Siedler aus einer alten Kolonie des Barons Rothschild waren zum Rabbi gekommen, damit er dem einen von ihnen, der an einer Alterskrankheit laborierte, ein Heilmittel empfehle. – Ein kleiner Kaufmann wollte wissen, ob das Geschäft, das abzuschließen er vorhatte, gegen das Gesetz verstoße oder nicht. – (Oft kamen auch, so hörte ich, junge Arbeiter aus dem Emek zum Rabbi, um sich in Gewissensnöten Trost und Hilfe zu holen.) Draußen der Vorraum war als Jeschiwah eingerichtet. Singende, betende, lernende und fröhlich lärmende junge Bocher saßen auf den Bänken, eine richtige Talmudschule. Der Rabbi erklärte uns, daß da draußen die Keimzelle seiner Weltjeschiwah sei, die er soeben in Palästina begründe. Für diese Institution, so erklärte er, sei schon sehr viel Geld, ein Stück Boden in Jerusalem vorhanden, und außerdem seien schon mehr Hörer, das heißt Studenten, angemeldet als für die Universität. Denn die Weltjeschiwah werde sich neben der hebräischen Universität auftun, sie habe bereits feste Form angenommen, und es sei kein Zweifel möglich, sie werde ihr Amt erfüllen. Ich wagte eine 75 perfide Frage: ob der Rabbi die Teilnahme seiner Bocher an den Kursen der Universität gestatten würde? Warum nicht? antwortete Kuk mit, wie es mir scheinen wollte, diplomatischer Geschicklichkeit: warum nicht, wenn seine Bocher sich auf dem Skopus Ergänzungen ihres in der Jeschiwah gefestigten Wissens holen könnten, sollten sie ruhig in die Universität gehen. Was er verschwieg, der alte, kluge Mann, war: daß er sich von einem solchen Zusammengehen mit dem ihm im Grunde fremden und wenig behagenden Gebilde der Universität, die in der heiligen Sprache profane Weisheit lehrte, etwas sehr Wesentliches versprach, nämlich daß der Einfluß seiner Weltjeschiwah bald die Universität bezwingen und die Theokratie die Oberhand über die weltliche Wissenschaft gewinnen würde. – Im Laufe unserer Unterhaltung sprach Kuk noch vom Antagonismus Zions, das heißt des Reichs, und Jerusalems, das heißt des Glaubens; er konstruierte dadurch einen Gegensatz zwischen den Bestrebungen der Zionisten und dem Wesen der religiösen Hauptstadt der Judenheit. In jedem Wort, das er sprach, offenbarte sich sein Bemühen, den Verdacht der Unduldsamkeit von sich abzulenken, den mancher verspüren mußte, wenn ihm der Zwiespalt: Zionismus und Religion, Exekutive und Rabbinat zum Bewußtsein kam.   Was werden die Folgen solcher Rückkehr oder Schwenkung des palästinensischen Arbeiters zur Religion sein? Kommt es zum Kampf der Klassen in Palästina, so wird sich die Bürgerklasse die religiöse Richtung zur Spaltung der proletarischen Klasse, besonders zur Schwächung und Vernichtung des konsequent kommunistischen Teiles der Arbeiterschaft, der diese Schwenkung nicht oder nur zögernd vollführt, zunutze machen. Seit jeher galt als bestes Kampfmittel der herrschenden Klassen gegen die ausgebeuteten neben dem Säbel die Bibel. Daß aber innerhalb der jüdischen Welt Palästinas mit dem Säbel bereits ausgiebig gerasselt wird (wenn auch mit einem Seitenblick auf die Bibel, versteht sich), dafür gibt es einige wenig erquickliche Beispiele. Üble Reaktion wuchert in Tel Awiw, wo der Polizeigewaltige den Tag ersehnt, an dem er einen sabbatlichen Zigarettenraucher mit Handschellen wird durch die Stadt ins Gefängnis schleifen können. Einen Schritt nur weiter: und der Khakifarbene mit seinem Knüppel, 76 der Landgendarm im roten Gürtel und mit kurdischen Kettenepauletten ist mit seiner eingelegten Lanze gegen den renitenten jungen Arbeiter auf dem Posten! Natürlich sind jene Arbeiter, die sich willenlos unter den Einfluß der altvorgeschriebenen Bräuche, religiösen Übungen, all der Gebote des Glaubens begeben, ob sie das nun unter der Suggestion des Landes, aus ästhetischem Bedürfnis oder um des lieben Friedens in der Familie willen tun, für den drängenden sozialen Fortschritt dieses Zeitalters verloren. Sie haben sich ihres Pioniertums entledigt, ihre Mission aufgegeben. Man kann der organisierten Arbeiterschaft der Welt, ja auch nur dem Segment der Glaubensgenossen unter ihr nicht zumuten, daß sie den Emek unter solchen Umständen durch ihre eigenen Mittel aufrechterhalte und von der Gnade und Ungnade des Siedlungsfonds befreie, wie es die Histadrut wünscht. Schreitet die Zerklüftung der Arbeiterschaft Palästinas vorwärts, so ist das Ende leicht zu erkennen. Es muß aber gelingen, das soziale Pflichtbewußtsein, die Verantwortlichkeit des Chaluz gegenüber dem Fortschritt, dem Gebot des Ethos dieser an Entscheidungen reichen Zeit – gerade durch seine Verwurzelung in dem Land der Religionen zu stärken! Es muß gelingen. Gelingt dies nicht, so ist Palästina gewesen und dieses herrliche Experiment mißglückt, wie so manche andere, nicht minder herrliche Tat in dieser sich nur widerwillig wandelnden Welt vergeblich getan wurde und gescheitert ist.   Stop Seit jenem Sonntage Reminiscere drei Monate. Der Arm geheilt. Kein Kreditbrief. Kein Paß. – American Expreß sichert sich durch Formulare, Erklärungen, Unterschriften tüchtig gegen meinen Verlust. Zurück: Jerusalem, Alexandrien, Venedig. Und da sitze ich wieder an meinem Berliner Schreibtisch, vor der knallroten Backsteinkirche des Heiligen Ludwig. Die Glocken im Turm, im Kriege vor Wonne verstummt, haben Nachfolger erhalten. Sie schwingen, schwingen, wollen mit Gebimmel, Baumel gar nicht aufhören. Immer wenn man glaubt: genug, jetzt ist's zu Ende, kommt vom 77 lockeren Klöppel noch ein Nachtrag. Zudem sind sie laut und grell, die alten waren's nicht, diese da ersetzen, wirklich zeitgemäß, was an Substanz fehlt, durch Radau. Ach, ich sitze wieder in Berlin! Atmosphäre dieses gottverfluchten entgötterten Okzidents, kaum zu atmen, dick vor Lügen, Dummheit, Niedertracht, Gefühlsträgheit. Stumpfes Sichbescheiden, ohnmächtiges Herumdemonstrieren der Niederen, Schwachen, dafür gewalttätiger Übermut der anderen, zeitlichen Machthaber dieser ephemeren Epoche, die mit Krach und Hallelujah in Trümmer stürzt. Inflation, Deflation – herrliche Sinnbilder der Zeit, Erzengel zu beiden Flanken des Thrones, auf dem dieser stupide Götze sitzt: Fortschritt des Behagens. Wahrhaftig, der Krieg vergessen. Als ob's nie Krieg gegeben hätte. Als ob's nicht schon wieder Krieg gäbe, dieser Äquator der Apokalypse von Marokko über Syrien bis China, Menetekel in ausgesprochen kyrillischen Lettern an den Horizont geschrieben, vor dem der Bürger den Kopf in dem Sand versteckt hält. Schütter unterbrochene Flammenkette, hier, dort, jäh aufzüngelnd. O Ceylon, Benares, Penang, wundervolles fernes China, du heilige Geburtsstätte immer erneuter Legenden der Weisheit, der Befreiung, aufwachender, neu erstehender Götterorient! – Ferner! Dafür hier sitzen, mitten in diesen öden Mechanismus, dieses Getriebe geraten, in dem zu leben man verdammt ist, von Ekel übermannt, geschüttelt vom Gekläff des Gesindels. Und dabei dieses Staunen, diese an Entsetzen grenzende Überraschung: der Motor hält nicht, nicht stillzukriegen, immer noch stößt das Blut in gesunden stetigen Stößen zum Herzen, vom Herzen: der Zweite Band wird fertig, die »Lebensgeschichte« bis an diesen heutigen Tag vorwärts und zu Ende gebracht, das letzte Wort unter die letzte Seite gesetzt . . . ahhh! Da – am Tage nach dem Schlußwort, das dies Buch, diese Lebensperiode beendet – ereignet sich etwas!! Ein Brief liegt plötzlich auf dem Tisch, ein Brief aus Kairo vom Konsul. Im Keller des Hotels ist der Kreditbrief (intakt), der Paß (an den Rändern leicht beschmutzt), das Notizbuch, das heißt: alles, bis auf die Brieftasche und die wenigen Pfunde englischer und ägyptischer Währung, die sie enthielt, gefunden worden. Die Diebe haben 78 all dies (vermutlich schon in der Nacht nach dem Diebstahl) durch das Kellerfenster in das Souterrain des Hotels geworfen, dessen Portier sie mich vom Waggon aus herbeirufen hörten. Es waren offenbar kleine Taschendiebe, Diebe kleinsten Kalibers, keine von den großen, internationalen; mit Paß und Kreditbrief haben sie nichts anzufangen gewußt, sie brauchten auch für den Fall, daß sie erwischt würden, einen Milderungsgrund – und jetzt, beim Reinfegen des Hauses nach Saisonschluß hat man die Sachen alle im Keller gefunden! – Was bleibt noch zu sagen übrig? Dies: In der Regel, jawohl, in der Regel hat bisher noch jeder, der mich geschädigt, verletzt oder bestohlen hat, früher oder später den verdienten Faustschlag oder Fußtritt erhalten und wird ihn, Gott mein Zeuge, fürderhin in Empfang nehmen; den ehrenfesten, standesbewußten, entzückenden Mitgliedern der Kairoer Taschendiebsgilde aber, die mir, ungeachtet der mageren Beute an barem Gelde, den Erdball, diesen unseren gemeinsamen Planeten so großmütig zurückerstattet haben, spreche ich an diesem Wendepunkte meines Buches und irdischen Geschickes aus tiefster Seele meinen bis in den Tod unauslöschlichen Dank aus!!! 79   Ceylon Ship me somewhere east of Suez . . . Kipling     Am siebzehnten Tag der Seereise von Marseille her – unterbrochen nur durch eine sechsstündige Kohlenpause in dem grotesken Ort Port Said – (Port Said, wo der Abschaum des Okzidents und des Orients wie in einem Warenhaus des Lasters zusammenstößt) – am siebzehnten Tag nach Europa schimmert in der Ferne eine schmale opalne Fata Morgana auf: Colombo. Das Meer ist grau wie Blei, der Himmel aber, was ist mit dem Himmel geschehen? Der Himmel tönt sich bunt, sonderbar, obzwar es erst hoher Nachmittag ist, voll Sonnenglanz. Die zarte Opallinie, die Himmel und Erde auseinanderhält, sinkt zuweilen, für Minuten, unter den Horizont, taucht dann ganz schräg in die Höhe, denn es ist ja die Zeit der Monsunstürme, das Meer bewegt. Immer, wenn sie wieder da ist, hat sie sich entwickelt, ist deutlicher geworden. Man sieht jetzt weiße Linien, aufrecht, Leuchttürme, einen unregelmäßigen Fleck, dunkler Palmenhain, einen eckigen braunen Kasten, das muß Galle-face-Hotel sein, Rauch steigt auf, dort ist der Hafen, ein weißer Block wächst in die Höhe: Wolkenkratzer. Gut, daß ein Wolkenkratzer sich aus all dem süßen opalnen Zauber in die Höhe schiebt – ein Wolkenkratzer ist etwas Positives, führt in die Wirklichkeit zurück, von der man allerdings in bedenkliche Distanz gerückt war, diese letzten Tage, genauer gesagt: seit der Durchfahrt durchs Rote Meer, ungefähr auf der Höhe von Jeddah und Suakin, das heißt, seitdem das Schiff den Wendekreis des Krebses passiert hat. An diesem Punkte des Erdballs geschieht mit dem Europäer etwas. Hinter Suez springt die Tropensonne mit einem Satz in die Höhe, wie ein Löwe, schlägt dem Europäer die Tatze auf den Schädel, beginnt ihn zu schütteln, bis er den Atem verliert. Die Hitze wirbelt bis zu einem dem Körper bisher unbekannten Grad empor. Die Poren beginnen eine Flüssigkeit auszuscheiden, die kaum mehr Schweiß 80 genannt werden kann, eher Öl, etwas Schmieriges, Gallertartiges, das Kölnische Wasser rinnt an dir herunter wie Mayonnaise, das Gehirn wirft Blasen, die Gedanken rollen quer, hüpfen übereinander weg wie Böckchen spielende Kinder, du fängst mit dem lieben Gott zu räsonnieren an, der ja dort drüben linkerhand jenen berühmten Ukas erlassen hat, zehn Punkte . . . nebenbei: wie verhält es sich mit § 10: »Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Hauses« usw., ich meine im Hinblick auf die Kolonisation? . . . wie lange hält dieser Zustand noch an, diese Hitze, dieser dem Europäer schwer erträgliche Zustand? Kenner sagen: er höret nimmer auf . . . dann: bravo, bravo, dann ist ja die Kolonialfrage gelöst – der Europäer hat in den Tropen nichts zu suchen! . . . Nach Kap Guardafui wird es besser. Zwar die Erkrankung ist von dem erschütterten Gehirn noch nicht gewichen (wie nennt sie der Psychiater? ich werde mich in der Arztkabine erkundigen: »Pseudologia phantastica«), zum Glück steht ja aber jetzt am Ende der Fahrt dieses gute, solide Sinnbild der Nüchternheit am Tropenhorizont: ein Wolkenkratzer – mit einem Ruck ist das erkrankte Hirn in die Realität zurückgestoßen. –   Um vier Uhr nachmittags fühlst du nach siebzehntägigem Geschaukel festen Boden unter den Füßen. Indes, du wirst es gleich merken, das Gehirn schaukelt noch eine Weile weiter. Denn du bist in Ceylon angelangt, in Ceylon . . . Um fünf schon läuft der Rikscha-Kuli mit dir, vom Grand Oriental-Hotel durch die Stadt Colombo auf jene Strandstraße hinaus, an deren Ende der braune Kasten steht. Die Straße ist Galle face Road, sie hat als schönste Straße der Erde ihre Baedekersterne verdient. Der Rikscha-Kuli . . . aber das steht in einem anderen Kapitel, der Rikscha-Kuli läuft also geradenwegs in den Sonnenuntergang hinein. Diese Stunde von fünf bis sechs, bis der Ball endgültig untergetaucht, verschwunden, weg ist – in dem schwankenden, rollenden Wägelchen zurückgelehnt – über den gebeugten Rücken des Laufenden weg blickend – vom Glühen des bordeauxroten Samtes der Strandstraße wie von intensivem körperlichen Schmerz beängstigt – erschüttert durch die Gewalt dieses Sonnenuntergangs, der den Himmel in 81 orangefarbige, ultramarine, purpurne, silberne Fetzen zerreißt – und die Erde vor dir – du greifst dir an den Mund, um nicht zu schreien: man wird dich verhaften!! – es ist die erste Stunde unter der Tropensonne, in Ceylon – es werden viele folgen (es sind viele gefolgt!) – wie ist das zu ertragen? Still. – Die Natur höchstselbst ist nämlich an »Pseudologia phantastica« erkrankt. Sie protzt, schneidet auf, flunkert . . . unmögliche Sachen! Schwer braust, in ungeheuren Wellen, der Indische Ozean im Monsun an den Damm der Straße heran. Sie wird, diese bordeauxrote Straße, von einem breiten grünen Rasenfleck begrenzt – natürlich, wenn die Engländer das Meer sehen, denken sie an Brighton, pflanzen ihr Brighton hin – dieser verruchte, grüne Lawn aber, düster und giftig wie Grünspan, wie künstliches, übermäßig gefärbtes Moos, ist zu dieser Stunde von einer spazierengehenden Menge orientalischer Menschen bevölkert, die, zum Teil bis an die Hüften nackt, um Lenden und Beine farbige Tücher geschlungen tragen, und diese Farben , die Farben dieser gemeinen Stoffe, Baumwolle, Kattun, sind es, und die Muschel des glühenden Himmels, der sich verfärbt, und das Mahagoni, das Ebenholz dieser Körper, und der glühende Lavastrom der Straße, und das in allen Edelsteinen dieser Insel aufsprühende Gefunkel der Wellen hier herauf – und meine eigene, perlmutterbunte, durchsichtige Hand, dies alles  . . .   Nach dieser Stunde werde ich nichts mehr über die Farbe des Orients aussagen. Die Farbe, dieses Erlebnis des 1. Oktober 1925. Es wäre vergeblich. Ich bin auch kein Scharlatan, kein Taschenspieler mit Vokalen und Konsonanten. Orange, Violett, Purpur, Türkisblau – Begriffe, die die Farbwerke in Höchst, Chemnitz, Gotha herstellen. Orgelspielen kann man mit Druckerschwärze auch nicht. Cézanne hat diese Farben nie gehabt, das ist sicher. Wie roh die Bäckchen seiner Äpfel. Wie Jahrmarktpuppen! Gauguins Südsee hat wie ein Schinken im Rauchfang gehängt. Des armen Utrillo Säuferhirn müht sich vergeblich ab, einen Reflex auf Montmartre-Brandmauern zu locken. Der arme van Gogh hat sich im Paroxysmus der Verzweiflung die Ohren abgeschnitten. Er hätte sich die Augen ausgerissen, hätte er 82 geahnt, was mir in dieser ersten Stunde in Ceylon aufgegangen ist und was ich seither sehe . Es ist, mit einem Schlage, die Farbe des Orients, des tropischen Ostens. Es ist die Luft dieses Erdenstrichs, der Strahl, der dem Europäer den Star sticht, vibrierend und magisch offenbart sich die Zeugungsbrunst des Schöpfers im Widerschein seiner Schöpfung. Sagenhafte Paradiesinsel Ceylon! So alt mußte ich werden, der ich mein Leben lang Bildern nachgerannt bin, um zu erfahren, was mit Farbe gemeint ist, welchen Sinn die Schönheit, der irdische Schein birgt. Gestern war ich ein armer Mensch, des Gebrauchs eines Sinnes nicht mächtig. Heute dünke ich mir steinreich. Denn ich sehe! Ach, es ist, wie wenn einer, der sein Leben lang nur Dirnen gekannt hat, zum erstenmal bei der Geliebten schläft. Es ist, wie wenn du in der Bibel das Blatt wendest, das den Prediger Salomo vom Hohenlied trennt. Es ist, wie wenn du einen Rosenkranz aus rotem Ambra langsam durch die Finger gleiten läßt, und jede neue Kugel wird ein Dankgebet zum Preis des Herrn. So ist es. Hier bist du, zum erstenmal, unter dem Sternenrausch des tropischen Himmels. Unter den Bäumen und Blumen des glühenden Ostens, den blumenhaften Menschen der uralten, ewig lebenden östlichen Welt.   Ich glaube jetzt auch zu wissen, was die Schwitzkur am Wendekreis des Krebses zu bedeuten hatte. Die Seele schwitzte Europa aus dem Körper heraus. Die Gedankenflucht des plötzlich unkontrollierbar gewordenen Hirns war Flucht aus Europa. Nach dem schalen Mahl Europa, » pour la bonne bouche «, wie die Franzosen sagen, noch rasch ein paar Tage Paris – genau so viel, um einen Herbststrahl die Boulevards entlang huschen zu sehen (die Gesichter der Frauen haben sich in permanentes Alpenglühen verwandelt!), ein Blick aus Masereels Fenstern die Kaskaden der nördlichen Vorstadt hinunter, ein gutes Abendessen beim dicken elsässischen Wirt am Boulevard St. Michel, mit Frans, mit Grosz, mit Israel Ber, mit den Damen, hurtig durch die Kunstgewerbeausstellung mit ihren gequält unwirklichen Spiegelungen in der Seine, Spiegelfechtereien einer zugrunde gehenden Zivilisation (den Eiffelturm hat ein schamloser 83 Automobilfabrikant Citroën gepachtet: in diesem Europa ist jetzt sogar die Technik von der Reklame aufgefressen! – nächstens wird wohl der Große Bär »Citroën« heißen – und dann in Marseille aufs Schiff, das mich jetzt in Colombo glücklich ausgefrachtet hat. Es war – lebe wohl, lebe wohl! – das poesieverlassenste Boot, auf dem ich jemals Gottes atmende Wasserwiesen entlang geschaukelt bin! Den Namen hatte es von einem Berg auf Java, der einstens Feuer gespien haben mag, phonetisch klang dieser Name an den Monat der japanischen Kirschblüte an, ich werde ihn nicht nennen, im übrigen war das Schiff nach den neuesten Prinzipien der Technik 1922 auf der Reiherstiegswerft geworfen, wie sich's gebührt, den Engländern ausgeliefert, von diesen aber seinen jetzigen Besitzern verkauft worden – es führte ein halbes Hundert braver, biederer, solider, starkessender und zum Teil schwer verheirateter Normalholländer von den Platanen-Boompjes Rotterdams nach den Tamarinden-Boompjes von Batavia und Soerabaja hinüber, sympathische, jüngere Leute, die mit fünfjährigem Kontrakt in Sumatra Öl bohren, in Celebes den Malaien Kerosen verkaufen und in Borneo den Kolonialkindern »Oranje bove« und Platt beibringen sollten. Tagsüber spielten sie Karten, abends wurde ein bißchen getanzt, hier und da stand einer am Heck und sang mit angenehmem Tenor: »O du mein holder Abendstern« . . . das Kreuz des Südens erschien, der Jakobstab war in das Sternenzelt gestoßen, Beteigeuze strahlte grün . . . das gute, bequeme Boot, ganze 7000 Tonnen schwer, unterschied sich in nichts von einem erträglich ventilierten Durchschnittsbungalow mit Veranda und Meeraussicht – so wenig, wie sich diese beiden Hotels dahier, an dem südlichen und nördlichen Ende der Galle face Road von den Grand Hotels Europas, ihre Bewohner, im Evening dress, im Flanellanzug, von den Vettern in Piccadilly und der Threadneedle-Straße unterscheiden, wo die Klubs und die Banken stehen, für die der Orient zu arbeiten hat. Der Komfort, eine europäische Angelegenheit, hat die Poesie des Reisens zur See erschlagen! (Wäre nicht jenes wundersame Körper-an-Körper-Vorüberstreichen unseres Schiffes an dem vier Stock hohen P. and O.-Riesen »Kaisar i Hind« an der engsten Stelle des Suezkanals gewesen, wir südwärts, er nach Norden – eine Begegnung phantastisch und berauschend, fast unzüchtig wie eine Figur in einem dieser 84 modernen Tänze, unvergeßlich –; wäre sie nicht gewesen, man hätte vor Langerweile sterben können. Einen Tag hinter Guardafui wurden wir von einem Haifischschwarm verfolgt, alles stand an der Reling, nach einer Stunde gaben selbst diese Tiere, von Langerweile ergriffen, die Verfolgung auf!) Die Sitten der ersten Klasse, die von der zweiten nachgeahmt werden, schreiben in der ganzen Welt Kleidung, Ernährung, Kartenspiel und Gesprächsthema vor; die Menschen, die auf den Dampfschiffen, in den Hotels nach dem Abendessen zu den in der ganzen Welt zu gleicher Zeit anerkannten Gassenhauern tanzen, sehen einander in der ganzen Welt ähnlich wie einer dieser Gassenhauer dem anderen! Doch: ein Typus ist da, an dem das Auge haften bleibt. Ein Typus von Europäern, Kolonialeuropäern, hauptsächlich Briten, an dem der Sinn sich erquicken darf. Ich sehe mich nach ihm um, ehe ich in dem betörenden Gewimmel der Orientmenschen draußen untertauche. Es ist ein hagerer, blasser Typ von Männern mit seeblauen, ferneblauen Augen, graugrünem, - gierigem Blick. Sie tragen das Element des Wassers in ihrer Konstitution. Ihre Bewegungen sind von einer wilden, gebändigten Langsamkeit. Sie saufen maßlos, sitzen stundenlang mit ihresgleichen, meist einsilbig, beisammen, vergessen am Abend oft, das Evening dress anzuziehen, auch die Idiotie des Sports haben sie überwunden. Sie sind von der Malaria gezeichnet, vom Opium, von den Geschlechtskrankheiten des Ostens. Der Orient steckt ihnen tief im Blut. Es sind Pioniere, Abenteurer, Eroberer, Kerle. Auch unter den Frauen – heute tanzt man im G. O. H. – ist ein verwandter Typus zu konstatieren. Die siebzig schiffsschraubengroßen Ventilatoren, die im Ballsaal ganz nahe über den Köpfen der Tanzenden kreisen, wirbeln ihre kurz geschorenen Haare in die Höhe. In ihren grausamen, kalten Blicken, ihren die Knie des Tänzers zurückpressenden mageren Beinen, in der geilen Hingabe ihrer halbnackten Knabenkörper drückt sich das im Orient erworbene Wissen um eine in Europa wenig bekannte, zudem durch die Gefahr, das Spiel mit dem Leben geschürte, kunstvoll und wissenschaftlich gesteigerte Lust aus. Diese Männer und Frauen sind es, die im Orient mit der Rasse versöhnen, die sich hier die Herrschaft anmaßt. Für den Okzident sind sie verloren. Mögen sie sich noch so sehr Herren der Rassen dahier dünken 85 – in Wirklichkeit sind sie Sklaven, Opfer der ungeheuren Götzen der Tropen geworden, unbewußt hingegebene Diener des furchtbaren Gottes Schiwa, der furchtbaren Göttin Kali, der Sakti, Bagheschwar, tausender Tierdämonen, Dämonen des eigenen, ungestümen, unersättlichen Blutes.   Eine Isolierschicht trennt den europäischen Menschen vom Tropenvolk, in dessen Mitte er lebt, das er für sich arbeiten läßt. Diesseits, besser gesagt innerhalb dieser Isolierschicht, dieses Isolierkreises lebt der phantasiebare, auf sein Geschäft, seine Bequemlichkeit, seinen Cant bedachte Fremdling das in der Heimat gewohnte, von seiner Gesellschaftsschicht genehmigte und abgestempelte Leben weiter. Schon in der Anlage der »europäischen« Viertel manifestiert es sich. Dieser Lawn, diese Kirche, dieses Verwaltungsgebäude, dieses Klubhaus könnten in York, in Glasgow, in welchem Vorort Londons immer stehen. Sogar die dem Klima näher angepaßten Wohnhäuser, Bungalows, scheinen sich der Notwendigkeit nur widerwillig zu unterwerfen. Alles wie aufgepfropft, absichtlich ohne Beziehung zur Umwelt, aber mit der festen Absicht, zu bleiben, sich zu behaupten – und noch mehr als dies allein. Ein paar Einzelheiten fallen bereits bei erstem Hinsehen auf. Die Straße, die Galle face Road nach Süden, gegen Mount Lavinia zu fortsetzt, führt durch einen Ort Kollupitva und heißt Colpetty Road. Ein Ort in den Bergen Ceylons, Nuwara Elya, nennt sich Newrelia. Einer bei Madras Ootacamund – sprich Ooty. Was will das besagen? Man nimmt sich nicht einmal die Mühe, die Namen der Orte im Lande, in dem man herrscht, richtig auszusprechen.   Jenseits der Isolierschicht aber – welch wunderbares Gewühl! Ferne Verwandte, weit voneinander getrennte, aus Sinai-Zeiten her meine Nachbarn, heute sehe ich euch von Angesicht, auf dem Rücken unseres gemeinsamen, herrlichen Planeten, in dieser unserer gemeinsamen, herrlichen, meteorgleichen Zeit! Wie jenen Bedächtigen, Atmenden, Ruhenden in Ägypten, fühle ich mich auf rätselhafte Weise mit diesen dahier, Geschöpfen der Sonne, der Farbe, des Duftes, verbunden, diesen blumengleichen, zartgliedrigen, mit zarter Nahrung genährten, von Kleidern unbelasteten, heiteren, freundlich lächelnden Kindern der Maya. 86 Sanfte, träumende Menschen aus Ebenholz und Mahagoni . . . nach den Büchern, die ich über sie gelesen, Gesprächen, die ich schon hier auf der Insel führen konnte, kann ich unter ihnen bereits Tamilen und Singhalesen unterscheiden, Drawidier und Arier, Urbewohner der Paradiesinsel und zugewanderte Fremdlinge aus dem südlichen Madras, dem östlichen Bengalen, den Bergen Afghanistans. Sie tragen ja die Zeichen ihrer Rasse, ihres Stammes, ihrer Sekte und Religionsgemeinschaft in Aussehen, Hautfarbe, Kleidung und Kastenbemalung deutlich zur Schau. An einer Ecke der Hafenstraße Seastreet, oder in der Bazarstraße der Pettah, auf der Sklaveninsel, einer Wegkreuzung des Stadtteils Maradana stillestehend, sehe ich zu, wie sie vorübergehen, die Singhalesen mit ihren feinen, langen Haaren, die Männer wie Frauen in einem festen Knoten am Hinterkopf befestigt haben. Die Männer tragen gemusterte Schildpattkämme im Haar. Die jungen sind außerordentlich schön, von jungen Mädchen der Rasse kaum zu unterscheiden, weder in der Haltung noch durch den Körperbau; Zierlichkeit des Gesichtes, Ebenmaß der Glieder sind die gleichen. Manche tragen ihr Haar aufgelöst und lassen, während sie gehen, ihre Finger leise durch die langen Strähnen gleiten. Die Tamilen sind plumper, häßlich. Sie zeichnen ihre Kaste mit wagerechten Kreidestrichen auf die grauschwarze Stirn, die Oberarme. Oft sieht man zwischen ihren Augen einen goldenen, hellblauen, purpurnen Kreis, eine Scheibe wie aus Email. Ihre Frauen sind untersetzt, sie tragen ungemein viel Schmuck, kleine goldene Ringe rings um die obere Ohrmuschel gesteckt oder in die Nüstern geklemmt. Die Frauen der verachteten Rodijas, die die niedersten Gewerbe, Straßenfegen, Wassertragen betreiben, sind hoch und schlank gewachsen und auffallend schön. Die Anatomie dieser Körper ist bewunderungswürdig – die Zivilisation hat keinen Zwang auf sie ausgeübt; wie die Natur sie erschaffen hat, sind sie geblieben. Die am meisten noch Europäern (Thessaliern, Montenegrinern) ähnelnden Menschen sind mit Pluderhosen, breiten Westen bekleidet, sie tragen Tücher als Turbane um ihre hellhäutigen, beschnurrbarteten Gesichter gewunden, sie fallen durch den kräftigen, männlichen Knochenbau auf – es sind Afghanen, berüchtigte Wucherer. Schwere Bäuche vor sich herschiebend, watscheln die Chettas durch die Menge; gewichtige Leute, sie 87 beherrschen den Handel. Die Singhalesen überwiegen; dies gibt dem Stadtbild sein überwältigendes Gepräge. Männer und Frauen kauen Betel, die Nüsse werden in breiten, grünen Blättern feilgehalten, Mund und Zähne färben sich blutrot vom Kern der Nuß. Es ist gesund und nicht unschön; der Europäer gewöhnt sich leichter an den Anblick blutiger Mäuler als an den hennagefärbter Fingernägel im nahen Orient. Keine besondere Begeisterung wecken die Mischrassen, die »Burghers«, die sich europäisch kleiden, denen die ersten portugiesischen Eroberer das Christentum beigebracht haben und die von allen nachfolgenden Eroberern und Kolonisatoren die Zivilisation des Abendlandes, besonders ihre äußerlichen Merkmale, angenommen haben. Sie nennen sich Carvalho, Paiva, Pereira, Soyza, ihre Bungalows sind ähnlich gebaut wie die der Engländer, weniger sauber; europäische Residuen steigen auf, blickt man ihnen nach, der Anblick des niederen Volkes stimmt froher, läutert.   Sonderbar – das Problem des Rikscha-Kuli, dieses im brennenden Sonnenglast, über glühenden Asphalt vor seinem dünnen Wägelchen einherlaufenden menschlichen Pferdes, habe ich sofort verdaut. Ohne die Spur von Widerstreben lasse ich mich von dem sehnigen Burschen ziehen, steige nur aus, sobald es bergauf geht – der Rikscha-Kuli ist im ganzen Orient eine ständige Einrichtung geworden, töricht und sentimental wäre es, dem Armen nichts zu verdienen zu geben aus falsch angewandter sozialer Gewissenhaftigkeit, privatem Mitleid gegenüber dem einzelnen, leidenden Individuum. Wehrlos aber wird man, hat einen Schlag auf den Schädel weg, eine Faust greift in die Brust und quetscht das Herz zusammen, sobald man den Kuli bezahlen, einem Bettler Almosen geben soll – sie haben eine Art, ihre Hände hinzuhalten, diese Menschen – es ist schwer zu ertragen. Beide Handteller zu einer Schale vereint halten sie dir unter dein Gesicht, weit von sich, flehend hingestreckt, mit demütiger Kopfhaltung, blicken dir dabei stumm in die Augen. Diese Gebärde ist schier unerträglich. Das ist kein Bezahltseinwollen, kein Almosenheischen mehr, es ist etwas Tieferes, Schmerzhafteres. Ich verstehe schwer, wie man Menschen unterjochen, ausnützen kann, die auf solche Weise den Stärkeren, den Gebenden, den Herrn beschämen . . . 88 Die Bettler, die Kulis, die Händler, alles Volk, das von dir Geld haben will, ist hier, wie ich gleich bemerke, frei von der schamlosen Zudringlichkeit, die dem Reisenden den Europa näher gelegenen, durch die Nähe Europas korrumpierten Orient, besonders Ägypten, verpestet. Diese dahier lassen bald ab, wenn sie merken, sie bekommen soundsoviel, nicht mehr. Dafür ist es hier schwerer, an einem Bettler vorüberzugehen, dem man nichts gibt.   Eines Abends, um den tobenden Sonnenuntergang, sitze ich auf einer Bank der Galle face Road neben einem jungen singhalesischen Studenten, einem Buddhisten. Hinter uns, auf dem breiten Rasenplatz, ist Polizeiparade, die uniformierten Wächter der Ordnung vollziehen Scheinmanöver: hier und dort liegt ein eingeborener Scheinschwerverwundeter, die Polizei läuft auf ihn zu, verbindet ihn sorgfältig, schiebt ihn in das eilig herbeiratternde Sanitätsauto. Die Zuschauer, Zaungäste, die Eingeborenen sehen diesen Exerzitien mit lautem, lustigem Lachen zu, nicht ohne Spott. »Ceylon ist die ruhigste Gegend der Welt«, sagt der junge, intelligente Student. (Er war nie in Europa; kennt von Indien nur das südliche Madras und Mysore.) »Wir sind ein ruhiges Volk. Hier herrscht Ruhe. In Indien vollführen sie viel Geschrei, im Grunde tun sie doch nichts. Hier ist man still und tut auch nichts. Ich ziehe diesen Zustand vor.« Wie ein Echo nur – von fern: der Religionskampf, der zur Zeit um einen Buddhatempel in Gaya, Ostbengalen, zwischen Hindus und Buddhisten entbrannt ist. Die Hindus behüten diesen heiligen Fleck, auf dem ein vom König Asoka ummauerter Ableger jenes Bó-Baumes steht, unter dem Siddhartha die Erleuchtung empfangen hat, die ihn zum Buddha machte. Mit Zähnen und Klauen verteidigen die Hindus das Heiligtum gegen die Buddhisten, die es für sich beanspruchen. Nur von ferne ein Echo. Aber es ist ein wilder Kampf, der Indien aufzuwühlen scheint, dem der Islam höhnisch zusieht. Religionskrieg, immer latent, der sich solche Explosionen schafft. Vor meinen Fenstern im Hotel kreisen und kreischen im Morgengrauen Raben, Raben. (In Kairo waren es Sperber, Vögel des Rha.) Eine dunkle Wolke wilder, schwarzer Tiere mit gierigen Schnäbeln, heiseren 89 Stimmen. Sie wecken mich in aller Herrgottsfrühe zur tropischen Sonne, die heiß über Colombo aufgeht.   Im Auto durch das Tiefland, die Dschungel Ceylons, nach Anuradjapura , der begrabenen Tempelstadt, seit Tausenden von Jahren begraben wie jenes Memphis am Nil, das heute Sakkara heißt. Die Straße ist aus dem Urwald herausgekerbt, flach. Die Palmen, die sie säumen: kerzengerade und weiß die Areka, mit grünlichgelbem, melodisch gebogenem Stamm die Kokospalme, mit Kronen wie Straußfederfächer die Palmyrapalme. Bananenbüsche mit ganz kleinen, grünen Früchten. Bougainvilliahecken mit rotvioletten Windenblüten. Zart wie Rauch die zitternden Blätter des Bambus. Oben in den Kronen der Kokospalmen sind die Früchte noch hellgrün; sie haben die Pubertät noch vor sich, sind unbehaart. Schneidet man den Deckel von der Frucht, so spritzt eine helle, sodawasserähnliche Flüssigkeit heraus, die nicht übel, etwas süßlich schmeckt, von der man sich, schmeckt sie einem sehr, die Cholera holen kann. Sie saust daher alsbald in weitem, spritzendem Bogen aus dem rasch fahrenden Wagen. Der Boden ist rot wie Galle face, wie das Gestein der ganzen Insel. Er färbt das Laub grüner, lockt alle Farben aus den Körpern der Dahinwandernden, ihren Lendentüchern, aus den Blumen an den Stauden, die in den Vorgärten der kleinen langgestreckten Dörfer stehen. Singhalesendörfer sind eigentlich Häuserreihen, die an einer oder beiden Seiten die Landstraße begleiten, oft wiederkehrend im Urwald, zumal solange wir uns in der Nähe Colombos befinden und der Weg von der Küstenlinie noch nicht weit abgebogen ist. Mit dichtem hölzernen Gitterwerk vor der Hitze verbarrikadierte Häuschen, sauber, ebenerdig, Häuser der Wohlhabenden, daneben ebenso saubere Hütten der Armen, aus Lehm, mit Holzpfosten, die das Strohdach tragen, offene Läden, in denen Teekessel, Standardöl, Messinglampen, buntes Zuckerwerk, Singer-Nähmaschinen, christliche Heiligenbilder gekauft werden können, und dann Kattun, Kattun, Kattun. Außerdem Regenschirme.   Erstaunlich – die Popularität des europäischen schwarzen, baumwollenen Regenschirms! Der genügsame Inselbewohner in Stadt und 90 Land, und wenn er weiter nichts anhat als einen drei Finger breiten Schurz vor dem Schamteil, trägt einen Regenschirm in der Hand. Es ist das erste, überwältigende Anzeichen dafür, daß die Zivilisation Europas in den Orient eingedrungen ist. Ziehen die Europäer hier eines Tages ab, so führt dieses Volk am Tage darauf die Witwenverbrennung wieder ein. Aber die Regenschirme werden sie nicht hergeben.   Stattliche Bungalows verkünden den Sitz der Verwaltung in den Dörfern. P. W. D. – Public Work Department. Straßen, Bahnen, Brücken sind vorzüglich. Auch der Autoomnibusverkehr, der die Dörfer untereinander verbindet, die ganze Insel mit seinem Netz überspannt hat, ist beträchtlich und scheint sehr beliebt zu sein; die sauberen Gefährte sind von Eingeborenen überfüllt, die Fahrpreise billig. Zweite Etappe nach dem Regenschirm. In jedem Ort um die offene, geweißte Säulenhalle des Gemüsemarktes (man sieht keine Fleischerläden!) heller Lärm, kauernde Gruppen. Hier und dort eine katholische Klosterkirche, blau bemalt, an Kanada erinnernd. Schwarzweiße Nonnen (französischer Abstammung) treiben dort weißblau gekleidete, braunhäutige Novizen zu Paaren in die bimmelnde Kirche, deren Turm von den Palmenkronen gestreichelt wird. Auch Schulen gibt es. In den Vorhöfen führen halbnackte Knäblein mit Bambusstäben militärische Exerzitien aus. Es ist später Nachmittag: Fußballstunde, Kricketstunde. Man sieht barfüßige Jünglinge mit blauen Tuchjacken, die das breite, buntgestickte Kricketklubabzeichen aufgenäht tragen, zu den Spielplätzen wandeln. Mit Kerosen, Kattun, Kirche, Kricket, mit Regenschirm und Autoomnibus kolonisiert England erfolgreich im Urwald. Aus den Reisfeldern, deren überschwemmte Terrassen sie mit dem Holzpflug aufwühlen, kehren die Dorfbewohner in ihre Hütten zurück. Sie kauern in den aus Schilf geflochtenen, mit ganz kleinen buckligen Büffeln bespannten Karren, die bedächtig über die rote Straße rollen. Immer wieder: das Staunen, die Erschütterung über die Schönheit, die edle Erscheinung dieser Menschen. Beschattete der leichte, dunkle Flaum nicht die Oberlippe, man könnte den Jüngling mit seinem welligen Haarknoten auf dem schön geformten Kopf nicht von den jungen 91 Mädchen unterscheiden. Die Frauen behalten die Zierlichkeit ihrer Körper bis ins Alter. Nichts von den Hängebrüsten, den leeren Zitzen wilder Weiber wie in Afrika, in Kanada auf den Reservationen, auf dem Balkan. Würdevoll schreiten, mit wallendem weißen Haar um die terrakottafarbige Glatze, mit gepflegten weißen Bärten bis an den Bauch herunter, die Greise über die Straße. Die Stunde, in der taumelnd die Farben Ceylons aus dem Dickicht heraustreten, wie die Tiere der Dschungel, die violetten Elefanten, die purpurnen Leoparden, orangefarbenen Affen, um im Indigowasser zu baden. Orgie der Farben, Zauberstunde Ceylons. Der Wagen fährt durch grüne Finsternis wie durch tiefes Meer. Dann, mit einemmal, ein silberner Schimmer durch die finsteren Kronen. Der Scheinwerfer wirft sein tonloses Licht aus. Das Fest ist vorüber, erblichen. Weit von der Küste ab fährt unser Auto nun ins höhere Land des nördlichen Ceylon hinein. Spärlicher die Dörfer, hören bald ganz auf. Verfilzte Schlingpflanzen binden Bäume und Sträucher zu undurchdringlichem Urwald zusammen. Riesige Termitenhügel, Burgen, stehen am Wege, wie die Dolomiten in kleinem Format anzusehen; braun auch im Schein des weißen Lichts vorn im Wagen. Über uns schwirren breite Fledermäuse – der fliegende Fuchs. Goldene Käfer trommeln, prasseln gegen den Scheinwerfer, den Tropenhelm, die Kotschutzbleche, stechen uns wie spitzer Hagelschrot ins Gesicht, fallen uns in den Schoß. In später Nacht erreichen wir die Versunkene Stadt. Auf der Veranda des Hotels, das unter Urwaldriesen wie ein langgestrecktes Bungalow versinkt, sitzen noch um rötliche Öllampen beim Whisky junge Engländer im leisen Gespräch beisammen; Oxfordleute, Cambridgeleute, Nachfolger des verdienstvollen Archäologen Bell, der hier vor etwa dreißig Jahren den Schutt, den Humus von den begrabenen Herrlichkeiten abzutragen begonnen hat. Im Speisesaal, mit Hornbrille, ellenlange Zigarettenspitzen zwischen den Zähnen, ältliche, überlegene amerikanische «Highbrows« weiblichen Geschlechts, von Harvard, Princeton, Berkeley, vielleicht Sendboten von Point Loma in Kalifornien, der Theosophenkolonie.   92 Nächsten Morgen erblicke ich zum erstenmal, unter freiem Himmel, unter den Bäumen Indiens, seiner Heimat, in der er leibhaft und wahrhaftig verwurzelt ist und lebt, zu dieser Zeit, wie er von alters her gelebt hat, ewig leben wird, Buddha. Schwarz und mit erhabenem Lächeln sitzt er, aus Granit gemeißelt, auf granitnem Postament unter den breitgeästeten, sich weit herniederneigenden Bäumen; grünliche Reflexe spielen auf seinem schwarzen, gekräuselten Steinhaar, dem verwitterten Zeichen des Lebensrades in der Fläche der linken Hand, in der Fläche des wagrecht untergeschlagenen, spitz vorgereckten Fußes, auf den Kerzenspuren am Sockel – und auch auf den hellen Spuren von Eisenschlägen. Diese stammen von Einbrecherwerkzeugen frecher, räuberischer Tamilen her, sie stören die Harmonie des Bildes, die Gesellen haben in den Achselhöhlen, in den Augen nach verborgenen Edelsteinen gegraben, die sie dort vermutet hatten. (Die Regierung bestraft solchen Frevel mit großer Härte, wurde mir berichtet.) Das Rad des Lebens. Die zarten wachsgelben, rosafarbenen Blütenopfer, die vor die Statue des Vollendeten hingelegt sind . . .   Langsam fährt das Auto durch den ungeheuren Park, der die verschollene Stadt Anuradjapura bedeckt. In den Zweigen der Bäume sitzen kleine, glänzende Papageien, zwitschern süße winzige, bunte Vögelchen, flattern mit schwirrendem Gefieder davon, Spechte pochen, das Jackaß genannte Tier, das ich nie sah, nur hörte, kichert irgendwo. Wir bemerken eine Herde gelber Affen, die auf einem Rasenfleck beisammen Palaver abhalten. Erschrocken hüpft einer, der sich von der Sippe zu weit entfernt hat, mit geschäftigem Steißwurf zu den anderen zurück, worauf alle unserem Wagen ernst und mit sichtlichem Wohlwollen nachblicken. Die Palmen. Die Bananenbüsche. Die tiefgrünen Kronen des Mango. Die hohen Brotbäume, in deren Wipfeln die Früchte hängen, gelb, stachlig, wie zusammengerollte Gürteltiere anzuschauen. Und das Wunder jener rotblühenden Hecken, aus denen blutige Kelche hängen, mit lang hervorquellenden Staubfäden, wirre, schaukelnde Blumen! Hier und dort erhebt sich, schaurig anzusehen, ein jäher Wald von 93 dicht beisammenstehenden, gleich hohen Granitpfeilern. Roh behauen, eckig, Hunderte nebeneinander. Hier stand vor Jahrtausenden ein Tempel; die Monolithe trugen das Dach von Erz. Aus Anuradjapura Diese nach dem Feldherrn Anuradscha benannte Stadt, von den Ariern, Vorfahren der Westarp, Graefe, Kunze, der Erfinder des Hakenkreuzes, im Jahrtausend v. Chr. gegründet, kann man ihrer Bedeutung entsprechend füglich mit Memphis, Babylon, London vergleichen. Singha, der Löwe, eroberte vom nördlichen Festland her kommend die Insel Lanka, d. h. Ceylon, und der Begründer des Buddhismus als Staatsreligion, König Asoka, ein Zeitgenosse Alexanders des Großen, sandte seinen Sohn Mahinda als Propheten des Vollendeten hierher. Von seinem Erscheinen zeugen die ungeheuren Denkmäler des Glaubens, die diese Stadt im Raum von etwa vier Quadratkilometern abzirkeln. (In Wahrheit mag sie dreimal so groß gewesen sein; die Dschungel weit im Land fördert immer wieder Bauwerke zutage.) Einige gewaltige Hügel ragen aus dem Dickicht des Parks empor: Dagabas, mit Erde und Gras bedeckte, von Humus und Gebüsch überwucherte Ziegelkegel, Pyramiden. Unser Führer, ein kenntnisreicher Singhalese katholischen Glaubens, Don Henry Dabry, erklärt: Da = Reliquie, Gaba = Bauch, diese riesigen Ziegelhügel dienten zur Aufbewahrung heiliger Knochen, vom irdischen Leibe des Vollendeten herrührend. (Hunderte solcher Dagabas, auch Stupas genannt, erheben sich in Indien, Ceylon, Burma, Java, Tibet; die Knochen würden einen ganzen Friedhof ausmachen. Was fragt der Glaube nach solchen Vernunftargumenten?!) Die Ziegelmenge einer einzigen Dagaba, etwa der »Jetawanarama« benannten – sie ist so hoch wie die Cheopspyramide! –, würde genügen, sagt Don Henry, um eine Stadt wie Coventry oder Ipswich aufzubauen. (Als er an unserem Schmunzeln über diesen echt englischen Vergleich merkt, daß wir keine Engländer sind, fängt auch er an zu lachen. Lächeln über angeborene Eigenheiten der Engländer findet sofort verständnisinnige Zustimmung bei den Eingeborenen.) Andere Dagabas sind bereits freigelegt. Eine wird sogar mit Bambusgerüsten und aus neuen Ziegeln neu aufgebaut – es ist die größte, die Ruanweli-Dagaba, ein Berg. Die Engländer leisten hier imposante Arbeit, ganze Arbeit! 94 Vor dieser Dagaba, deren riesiges Fundament mit einem Fries in Granit gehauener Elefantenfiguren verziert ist – das geheimnisvolle Innere umschließt einen Schulterknochen Buddhas –, stehen wunderbar erhaltene, überlebensgroße Figuren aus hellem Granit. Es sind ernste Gestalten von Wächtern, Schülern, Priestern mit erhobenen Händen, deren Flächen nach außen gekehrt sind. Alle ohne Lächeln, streng sogar, fast mürrisch. Lächeln darf nur der Vollendete. Vor den Treppen, die zur Plattform hinaufführen, in den vier Himmelsrichtungen Altäre. Granitne Pfeiler. Ein riesiger Monolith. Eine Bude, in der man Limonade und Ansichtskarten kaufen kann, auch die großen grünen Blätter mit den weißen Tempelblumen, die man als Opfer auf dem Steinaltar niederlegt oder verbrennt. Hunderte weißer Fähnchen aus Papier und Stoff, alle von blauen und roten Fäden eingesäumt, hängen überall herum, an den Bäumen, den Laternenpfosten, den Bambusstäben des Baugerüsts. Pilger brachten sie her. Im Morgenwind flattern sie zu Ehren des Vollendeten. Auf einem dieser Fähnchen steht in blauer Schablonenschrift: »James Findlay, Glasgow. 40 yards.« Kattun. – Ganz wie an katholischen Wallfahrtsorten deponieren Kranke im Priestergemach silberne Herzen, Arme und Beine, Exvotos. – Das Auto fährt von Wunder zu Wunder. Hier sind von Urzeiten her riesige Stauteiche angelegt, sie speisen das reichbebaute Land. Ein Trupp Zuchthäusler kommt uns entgegen, bärtige großgewachsene Menschen mit Strohhüten und in mit Pfeilen bedruckten Drillichkitteln – gleich jenen, die Oscar Wilde in Reading trug. Sie ziehen, von einem Aufseher mit Regenschirm bewacht, einen Wassersprengkarren. Maha Vihare, das Große Heiligtum der Versunkenen Stadt, das sie zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte der buddhistischen Welt macht, ist ein Mauerviereck, das eine dürftige Luftwurzel des Bó-Baumes enthält. Die Wurzel, die sich altersschwach in geringem Winkel über den Erdboden erhebt, ist ein Ableger des geheiligten Baumes aus jenem Orte Buddha-Gaya in Ostbengalen, der seinerseits wiederum nur ein Ableger des allerheiligsten Bó-Baumes ist, unter dem Siddhartha, aus dem Geschlecht der Sakya, seine Erleuchtung erhalten hat. Man weiß, wo Siddhartha geboren wurde, man kennt auch den Ort, wo 95 Buddha in Nirwana eingegangen ist. Gaya aber ist ganz sicher nicht der Ort, wo er seine Erleuchtung empfangen hat, der Bó-Baum in Gaya nur ein Ableger des heiligen Feigenbaums, unter dem das Wunder geschah. Dennoch ist Gaya einer der vier höchsten Wallfahrtsorte der Buddhisten, Maha Vihare folgt ihm im Range. Früher erwähnte ich schon den Streit, der gegenwärtig zwischen Hindus und Buddhisten um Gaya tobt. Wie blutig ernst es dem Volke um seinen Glauben, um die Gestalt des zur Vollendung emporgestiegenen Menschensohnes ist, beweist, wenn man sich in Glaubenssachen auf Statistik verlassen darf, die sechsstellige Zahl der Pilger, die alljährlich nach Gaya wallfahrten, die kaum geringere der Pilger, die alljährlich nach Anuradjapura zur Luftwurzel des Ablegers wallfahren! –   Die halbkreisförmigen Granitschwellen der Tempel und Heiligtümer des Buddhismus werden Mondsteine genannt. Es sind Platten mit reicher Skulptur, sie zeigen sechs konzentrische Streifen, die mit Tierfiguren, Wellenornamenten und dekorativem Beiwerk zum Teil wundervoll verziert sind. Den schönsten dieser Mondsteine fand ich vor einem kleinen zerstörten Tempelviereck unweit jenem Jetawanaramahügel. Der Tierstreifen – eine Folge von Elefant, Büffel, Löwe und Pferd – ließ mich an assyrische Kunst denken; der Halbkreis mit der heiligen Gans war durchaus realistisch gehalten; der Wellenhalbkreis zeigte deutlich chinesische Stilisierung; und der innerste Halbmond, der das Innere der Lotosblume, dieses wunderbaren, einer hellrosafarbenen Rose ähnlichen Gebildes, nachahmt, war vom Künstler mit Akanthus-Reminiszenzen ausgehauen. Tatsächlich mühen sich seit Jahrzehnten gelehrte Forscher um den Nachweis fremder Einflüsse auf die buddhistische Kunst Indiens. Was will das alles besagen! Wunderbar – eine Schwelle! Millionen zarter, nackter Füße haben sie seit dreitausend Jahren überschritten, und keine noch so geringe Einzelheit ist im Stein verletzt, verwischt! –   Letzte Station unserer Rundfahrt: der kleine, aus zwei Felsenklötzen herausgehauene Issurumunijatempel beim Tisawewa-Stauteich am Südende der Versunkenen Stadt. Über ein paar Stufen, von hohen, breitbuschigen Palmbäumen flankiert, steigt man zum kleinen 96 Tempelhaus empor, in dessen Innern sich die vergoldete Statue des sitzenden Felsenbuddha befindet. Die Granitterrassen, die Felswände, die den Tempel umgeben, sind mit Reliefs verziert – Elefanten, Könige und Königinnen, flötenspielende lächelnde Gruppen, das obszöne Beisammensein eines verliebten Paares. Im Heiligtum empfängt mich ein junger, gelb gekleideter Priester. Lächelnd nimmt er meine Opfergabe entgegen, ein paar Rupien, schenkt mir darauf vom Opferstein eine halberschlossene Lotosblume und zwei lange, auf das Blatt der Talipotpalme geschriebene, besser gesagt gravierte Schriftbänder. Die Lehren des Erleuchteten werden nur auf die Blätter dieses seltsamen Baumes geschrieben, der von allen Bäumen Indiens am höchsten wächst, breit, riesig stark und buschig, und nur einmal in fünfzig Jahren blüht. Die Schriftzeichen auf den Blättern sind singhalesisch, die Sprache aber ist Pali (d. h. orientalisch). Mit leisem, zart singendem Ton, mich hin und wieder freundlich anblickend beim Lesen, rezitiert der junge Priester die Verse (die mir Don Dabry später ins Englische übersetzt). Sie lauten: »Geburt bringt Leiden. Krankheit bringt Leiden. Alter bringt Leiden. Der Tod bringt Leiden.« Die Heilmittel: »Wir sind unseres Todes gewiß. Die Zeit von unserer Geburt bis zu unserem Tode ist kostbar. Wir lieben alles, müssen doch alles verlassen. Die beste Zeit ist die Zeit unseres Lebens. In ihr ist unser Glück und Unglück beschlossen. Der Weg zum Glück ist: Lebe in Frieden. Liebe einen und alle Das heißt: alle Kreatur, auch die Tiere. .« Lächelnd nehmen wir Abschied voneinander, indem wir die Hand zur Stirne führen. Draußen weht der Wind äußerst heftig unter der Mittagssonne; die Talipotstreifen flattern zwischen meinen Händen. 97 Bei der Rückfahrt ins Hotel, unter den Bäumen inmitten des grünen Parks – plötzlich etwas Wunderschönes. Zu Füßen einer schwarzen Buddhastatue – es gibt deren viele im weiten Parkbezirk! – sitzt eine Gruppe regloser Menschen in orangefarbener, in zitronengelber Kleidung. Ich lasse halten, gehe hin. Es sind buddhistische Priester, Mönche, Schüler, auf einem Ausflug zu den Heiligtümern der Versunkenen Stadt. »Ein heiliges Picknick!« erklärt der Führer. Sie lagern, orangefarbig und zitronengelb, unter dem sitzenden, lächelnden, schwarzen Buddha, auf den Stufen von Granit, dem sonnegesprenkelten Grün des Rasens, unter den Bäumen. Ich komme näher, grüße. Sie stehen auf, grüßen. Wir sehen uns an, stumm, freundlich, lächeln. Es sind stille, sanfte, braune Menschen, die Haare wegrasiert, die älteren mit einem vier-, fünftägigen Bart im unsinghalesisch runden Gesicht. Ihre Haut ist wie gebeizt durch den Kontrast zu den grellfarbigen Überwürfen, die sie genau wie die Buddhastatuen tragen: der rechte Arm frei, der Faltenwurf über den linken und die Schulter zurückgeschlagen und hochgezogen. Das orangefarbige, zitronengelbe Gewand ist aus einem Stück, mit Kräutersaft gefärbt, es bedeckt den Körper wie die römische Toga von den nackten Füßen bis zum nackten Hals. Alle die Priester Buddhas, die Schüler, die Mönche tragen in der freien rechten Hand schwarze Regenschirme. Sie gehen, orange und gelb, durch die Landschaft. Von weitem schon sind sie zu erkennen. Sie gehen still, in ihren Mienen ist kein Fanatismus, eher Stumpfheit, Abgestorbenheit, vielleicht Ignoranz. Mit einem und dem anderen habe ich mich auf Englisch verständigen können. (Im November kehren in ein Kloster im Süden der Insel drei Buddhapriester aus Deutschland zurück, die während des Krieges in Australien interniert waren. Einer unter ihnen ein Habsburger Prinz.) In Kandy verkaufte mir ein Mönch eine orangefarbige Toga für zehn Rupien. Ursprünglich hatte er zwanzig verlangt. Er trug eine goldene Brille und wohnte in einem niederen, düsteren Gelaß, neben 98 einer Kapelle im Bezirk des hochheiligen, aber sehr verwahrlosten und schmutzigen Zahntempels, Dalada Maligawa. (Was um so merkwürdiger ist, als dieses Tempelkapitel große Kautschuk- und Teefarmen besitzt!) Im Wohnraum des Mönchs oder Priesters lag eine Wollmatratze, auf einem niederen Tisch stand die Kerosenlampe, daneben waren einige Bücher zu sehen, auch englische. In einem Schrank bemalte, lackierte Holzdeckel, mit Talipotstreifen, ebenfalls zum Verkauf bestimmt. Nebenan auf dem Altar welkten geopferte Tuberosen, Tempelblumen, duftete betäubend die brenzlige Asche verbrannter Blüten.   Als wir in Anuradjapura zum Hotel zurückfuhren, sahen wir die Teilnehmer des heiligen Picknicks in einen der künstlichen Badeteiche, Pokunas, hinuntersteigen. Die orangefarbigen, die gelben Gewänder lagen, in gesonderte Häufchen geschichtet, auf dem hohen Rasenrand und spiegelten sich in dem mit braunem Regenwasser gefüllten Bassin. Die Schüler badeten für sich, die Priester für sich. Glänzend tauchten die braunen Leiber der Männer, der Knaben aus dem braunen Wasser auf.   Ich liebe den Anblick dieser Mönche, Priester, Schüler. Mehr noch als die Buntheit der Tamilen, Singhalesen, der Afghanen, dieser schönen, verderbten Sonnenanbeter. Wenn ich von weitem eine orangefarbige, zitronengelbe Toga herankommen sehe, verfolgen sie meine Augen. Die Einbildungskraft entzündet sich an dem Anblick dieser unbegreiflichen Menschen. Ich habe keine direkte Beziehung zu ihren Lehren, die ich seit langen Jahren kenne. Je älter ich werde, um so mehr entfernt sich mein tätiger Glaube vom Buddha. Die zweite Woche wohne ich jetzt in Kandy, unweit ihres Zahntempels, bin oft bei ihren Abendandachten zugegen. Entzückt sehe ich zu, wie die Beter sich vor der verschlossenen Elfenbeinpforte des Schreins niederwerfen, die Hände langsam hoch über den Kopf heben, wie sie mit zarter Gebärde die Blumen auf den Altar legen, das Opferfeuer, die Kerzen anzünden. Aber ich halte mir die Ohren zu, ich kann es nicht ertragen, ich 99 verstehe es nicht, wie sie bei diesem ohrenzerreißenden Getrommel auf ihren Negertrommeln, bei diesem schrill gellenden Flötengequiek an ihren in sich versunkenen Menschengott zu denken vermögen, sich in ihm sammeln können! Um fünf Uhr früh weckt mich, seit ich in Kandy bin, dieses barbarische Tomtom, Tuttut. Um sechs fangen dann die britischen Kirchen an, ihre Glocken zum Preise ihres Gottes in Bewegung zu setzen. (Ich erinnere mich an das morgendliche Vogelgeschrei des Muezzin in Ägypten, in Palästina.) Ich begreife nicht, wie fast alle Religionen der Welt es auf den Morgenschlummer des gequälten Menschen abgesehen haben. Ich gehöre einer geräuschlosen Religionsgemeinschaft an, Gott sei Dank. Ein Schofar ist ein Schofar. Aber er wird nur einmal im Jahr geblasen. Fürchterlich, nicht auszudenken, sollte man ihn jahraus, jahrein dreimal am Tag zu hören kriegen. Vielleicht führt der größenwahnsinnige Bürgermeister von Tel Awiw diese Reform auch noch durch! Vollends unerträglich die in fast jedem Buddhatempel, den ich bis heute besucht habe, – die ockergelblackierten, vierzehnfach lebensgroßen Gipsfiguren des liegenden Buddha. Das Riesenhaupt, mit Rouge auf den Lippen, der walfischhaft gerippte Faltenwurf des gedunsenen Körpers. Das kirschrote Lebensrad in der schüsselgroßen, offenen Handfläche. Dieses ganze wahnwitzige Riesengebilde unter Glas! ». . .  blooming idol, made o'mud – what they called the Great Gawd Budd – « (Kipling). Die Fresken! Ob sie die vier heiligen Stadien des zur Vollendung reifenden Meisters darstellen oder Strafen der gegen die Sittengesetze Frevelnden, wie hier im Zahntempel in Kandy – sie erinnern mich an die fatalen Pinseleien auf Menagerien, Riesendamenbuden, Karussells unserer Rummelplätze. Die blumenhaft stillste aller Religionen, und diese Greuel. (Das mystische Halbdunkel des Kölner Doms, der Canterburykathedrale, das von hehren Glasfenstern getönte Zwielicht von Chartres!!) Im Museum von Colombo aber steht eine kleine Bronze des liebenden Boddhisattwa, des »Maittreya«. Sie stellt ihn in der traditionellen 100 Haltung des Lehrenden dar, mit vor Liebe und Zuneigung dreimal gekrümmtem Körper. Er lächelt, dieser Liebende. Er steht da in der Attitüde jener mittelalterlichen deutschen Madonnen, die ich (begnadeter Mensch!) diesen Sommer auf der Jahrtausendausstellung in Köln gesehen habe. Welche Parallele, welcher Gleichklang, Akkord durch die Zeiten, die Geschichte der Menschensehnsucht. Welche Lehre!   Fahrt nach Kandy, in die Berge Ceylons. Tropengewitter. In wilden, berserkerhaften Kaskaden stürzt der Regen über die tausend Stufen der Felsendagaba von Mihintale zur Dschungel hinab, deren Schlingpflanzen, grüne Lederblätter, verfilzte Gestrüppe sich krümmen unter der Wut des Wetters. Schlangen kriechen über den Weg. Triefende Elefanten schlendern auf weichen Sohlen, Äste und Blätterbüschel im Rüssel, durch die morastigen Wege. Auf ihren Rücken Singhalesen, den Lendenschurz über den Kopf gezogen. In den spärlichen Dörfern zu Dreivierteln nackte Menschen mit Regenschirmen. Nach einer Stunde hat sich das Gewitter verzogen. Die Straße steigt höher und höher. Kobaltblaue Berge in der Ferne. Einer wie eine Bibel über einen Krater gestülpt. Beim Höherwinden des Weges erscheinen die Plantagen, die »Estates«: Teeabhänge, methodisch gerippte abfallende Hügel. Die buschig belaubten Kakaobäume mit purpurnen, an Bocksbeutel erinnernden Früchten im Gezweig. Die hohen, grauen Kautschukbäume, die in grauem Bergboden stehen; unten am Stamm die breite, milchweiße Wunde, aus der es in die Kokosschale fließt. Überall diese ganz dünnen, zart und hell und kerzengerade emporgeschossenen Palmen der Areka-Art. Grüngoldene Finsternis! Wieder scheidet die Sonne. Wieder ein Tag Ceylon vorbei. Langsam schwebt durch das Geäst des Waldes der halbe Mond empor. Nicht wie er in Europa zu sehen ist – hier liegt er auf dem Rücken wie ein unbeholfenes, silbernes Insekt, eine entzweigeschlagene, silberne Kokosnuß, aus der Gott den Saft ausgetrunken, die Gott unter die Sterne geworfen hat. In den Dorfbuden zu beiden Seiten der Straße brennen rötliche Funken, Kerosenlampen. Wir nähern uns Kandy. Im Dunkel braust unter unserem Weg Mahaweli Ganga, der Strom Ceylons.   101 Ja, jetzt lebe ich die zweite Woche schon in Kandy, der alten Stadt der Könige Lankas, in den Bergen. Sie liegt hoch, die kleine alte Stadt, aber das hindert die Palmen, die Tamarinden, den Hibiskus nicht, sich hier oben der Föhre, den Tannen, Hochlandsbäumen der europäischen Gebirgsgegenden, zu gesellen; alles bunt blühende Gesträuch der tropischen Niederung belebt die Hügel um den klaren See, auf den ich die zweite Woche schon blicke, wenn die Trommeln des Buddhatempels mich aus dem Bett auf den Balkon treiben, in nebliger Morgenfrühe. Eine anmutige Landschaft, ohne Wildheit; die tritt in das Bild nur an einer Stelle ein – es ist der seltsam geformte Bergkegel, aus der Höhe schroff abfallend, gleich über dem See – auf seiner Spitze wurden noch in der Zeit der Könige, also vor kaum hundert Jahren, der furchtbaren Teufelsgöttin Kali Menschenopfer dargebracht; das Geschrei der Gefesselten, die man jene schräge Höhe hinantrieb, muß unten im Tale, im Königspalast gut zu hören gewesen sein, den Königen wie Musik in den Ohren geklungen haben, nicht anders als das Hurra der ins Feld getriebenen Truppen den Obersten Kriegsherren von heute. Im Palast der Könige von Lanka wohnen die englischen Gouverneure der Insel, deren Namen jetzt die Straßen der Stadt führen und nach deren Gattinnen, Lady Horton, Lady McCarthy, Lady Anderson die wunderbaren Bergpfade der Höhen benannt sind, die den See von Kandy säumen. In der Audienzhalle der Könige aber, einer offenen Halle aus herrlich geschnitzten Tiksäulen, die sich zwischen Palast und Zahntempel erhebt, tagt jetzt der oberste Gerichtshof der Insel, sitzt rot in seinem Talar, die weiße Perücke auf dem englischen Haupt, der Lord-Oberrichter inmitten der braunen Säulen und spricht Recht über diese blumenhaften Inselbewohner, die, wenn man näher zusieht, genau so gut morden, notzüchtigen, falschspielen, einander begaunern wie die Urbewohner aller fünf Weltteile auf diesem Kotball. Der Lord-Oberrichter ist der weiseste, gütigste, mildeste Richter, den ich je im weiten britischen Reich habe Recht sprechen hören – der Gerichtshof spricht Englisch, die Angeklagten und Zeugen die hundert Dialekte der Bevölkerung, man verständigt sich also lediglich durch die 102 Dolmetscher; außerdem wählen sich Mörder, Räuber und Notzüchtiger zu ihren Taten mit Vorbedacht die Stunden der Dunkelheit und Dörfer, in denen sie unbekannt sind – wie soll man nachher feststellen, ob der Angeklagte wirklich der Täter war, bei Nacht sind alle Singhalesen und Tamilen schwarz, und einer sieht aus wie der andere, besonders wenn er nichts anhat. In den Straßen der kleinen Stadt lebt, wimmelt es von früh bis spät durcheinander; betet in kleinen Dagabas, Tempeln, Moscheen zu allen Göttern des weiten Indien; dieses Völkergewimmel, auf kleinstem Raum am östlichen Ufer des Sees zusammengepfercht, betet zu Allah, Schiwa, Buddha, zur Kali, zu den hunderttausend Götzen, zu Tieren und Dämonen, ein paar hundert beten die Sonne an, ein paar hundert auch die Jungfrau Maria und ihren Sohn. Aber hier in der Nähe, höher oben noch in den Felsklüften des Mattenberges Pidrutallagalla, im Urwald des Adams-Pik wohnt ein sagenhafter Urstamm, die Veddas, der mit Pfeil und Bogen das Wild jagt, das sich, scheu wie seine Jäger, in den Klüften der Dschungel verbirgt; diese Leute kleiden sich in Baumborke, opfern, wenn man den Forschern Glauben schenken darf, die Expeditionen ausrüsten, um bis zu ihnen vorzudringen, heute noch ihresgleichen den alten, unvergessenen Göttern, und man merkt von ihrer Existenz nur, wenn sie Klumpen von wildem Honig an gewissen Lichtungen des Urwalds niederlegen, bis wohin die zahmeren Bewohner Lankas sich vorwagen. Neben diesen Honigklumpen, mit denen die Veddas Tauschhandel treiben, liegen zuweilen, aus Wachs geformt oder Holz geschnitzt, Abbildungen von Zündholzschachteln, Äxten, Teekesseln, Kerosenkannen und vermutlich auch von Regenschirmen. Die zahmen Landsleute der Veddas erfüllen die Wünsche der Verwandten im Wald, und eine Nacht später sind die Gegenstände von der Lichtung verschwunden.   Der höchste Gipfel dieser sagenhaft herrlichen Insel heißt nach Adam, und die dünne Landzunge, die wie eine Nabelschnur Ceylon einst mit dem Festland Indien verband, Adams-Brücke. Hier irgendwo war das Paradies. Hierher, auf diese Insel, verlegte es die ewige, trauernd zurück in die »gute alte Zeit« blickende Sehnsucht des Menschengeschlechts. 103 Wenn irgendwo, so war das Paradies auf dieser Insel der Blumen, der mit Edelsteinen rollenden Berggewässer, der Perlen an den Strand schäumenden See, der blumenzarten Männer und Frauen, der unerhörten, unbeschreiblichen Farbenpracht der tropischen Atmosphäre. (An die man sich aber rasch gewöhnt, deren man sogar, das muß gesagt sein, bald, ach zu bald, ein wenig überdrüssig wird!!) Adams-Pik, Adams-Brücke – es wäre herrlich, eine Weile im Paradies zu leben, aber das Manuskript muß mit der nächsten Post fertig und druckreif nach Berlin – das Paradies ist verloren! An einer Stelle aber lebt es noch wirklich und wahrhaftig weiter, in überwältigender Fülle und Herrlichkeit, und das ist der Garten, das sind die Gärten von Peradenija, eine halbe Rikschastunde südöstlich von Kandy. – Mein treuer Kuli Podi Singho, dem das hübscheste Wägelchen und die schnellsten Füße Kandys gehören, läuft mit mir in aller Herrgottsfrühe aus der Stadt hinaus, zum Paradiesgarten Peradenija. Mit gutem Gewissen trage ich in die Rubrik des Besucherbuches, das nach der Nationalität des Gastes fragt: » the World « ein, fühle mich ausgeschlafen, unbelastet, ohne Herkunft, ohne Reiseziel, hierher, dorthin geschleudert, von unbekanntem Zwang, Gesetz, Schicksal, ach, wozu nach all diesem Zufälligen, Vorübergehenden forschen an der Schwelle dieses Himmelsortes, dieses Paradiesortes der irdischen Erde! Himmelhohe Palmen, in Alleen, methodisch gepflanzte Baumgruppen, in wundersamen Farben blühend, Orchideenparterres, ein Gartengehege, das wild nach allen Spezereien des Morgenlandes duftet, ein Teich mit Lotos, eine Felskluft mit Farnen, ein Treibhaus voll insektenfressender Blumenungeheuer, roter Lederblätter, aus denen Affenphalluse in die Höhe starren, Talsenkungen voll wildwuchernder, kriechender, sich an Stämmen blütenschwerer Bäume verzweifelt und brünstig emporschlingender Lianen, wilde Umarmung von Ranke und Baum, Baum und Baum, alles still, bebend in stummem Leben – nur ein einziger hoher, durchsichtiger, weil halb kahlgefressener Baumwipfel ist von Gekreisch durchtobt – er ist von Hunderten aus dem Halbschlaf jäh emporfahrender Fledermäuse bevölkert, die dort oben in den Zweigen hängen, mit dem Kopf nach unten; das 104 schnattert und kreischt und zankt, erst wenn es dunkel wird, etwa wenn in Berlin die Premieren in den Theatern beginnen, dann kommt dort heftiges Leben ins Geäst, die Tiere flattern davon, es ist ihr Gewerbe. Mahaweli Ganga, der Strom Ceylons, fließt im Halbkreis um Peradenijas Zaubergärten herum, ihre Fruchtbarkeit bewirkt das uralte Gewässer. Ach, ich werde keine botanischen Bezeichnungen hierher schreiben, wie ich so wenig wie möglich mit Farbennamen um mich warf, als ich über den Sonnenuntergang zu berichten hatte, in den ersten Blättern dieses Kapitels. Langsam rollt die Rikscha, von Podi Singho gezogen, durch die Gärten. Podi hat Verstand, stört mich nicht, er gehorcht einem leisen, kaum vernehmlichen Ausruf des Entzückens, der Überraschung, einem Seufzer, der die Luft vor dem Mund kaum bewegt, bleibt stehen, und ich darf ungehemmt in Bewunderung versinken. Podi ist nicht da, verfliegt in Unpersönlichkeit; ich darf mich allein dünken im weiten Garten; ich bin, um diese Morgenstunde, im Paradies, allein. – –   Hier: eine Talipotpalme, hoch, gewaltig, ernst, mit den Blättern im Gipfel, die allein würdig sind, die heiligen Schriften der Menschheit zu bewahren; ich taufe sie um, in Tolstoi-Palme – wie ich jenen sonderbaren, hellen Baum, der aus wenigen, starken Wurzeln sich aus dem Urboden aufrichtet, aber aus der Höhe viele sehnsüchtige Äste, die aber immer wieder Wurzeln sind, in den Boden zur Erde zurück, ins Erdreich hinuntersendet, saugende, sehnsüchtige Wurzeln, Hamsun-Baum benenne. Die Fingerspitzen berühren die Äste, die Wurzeln im Vorüberstreichen. Hier ist die breit entfaltete, glänzende Fächerpalme mit dem Rauschen in den Ästen, Nietzsches Baum; und in seiner Nähe eine Gruppe, in der ich diesen Baum Deußen, einen anderen Oldenberg, einen Neumann taufe und einen, den er erblickt haben mag, mit dem Namen Hermann Hesse benenne. Westküste Ceylons Dort steht, weitab vom Wege, ein verkrümmter, zerrissener Feigenbaum mit wild in alle Richtungen fahrenden Zweigen, die bunte Knollen, Blumenbüschel morbider Schwere tragen, Blumen und Früchte 105 zugleich, ich nenne ihn nach Strindberg, und ein Ableger des gleichen Stammes, näher zum Wagenpfad, ist der Wedekind-Baum, aber jener Bambushain, tausend starke Stämme, deren Wurzeln aus dem Strom selbst emporzuwachsen scheinen, deren helle, dünne Blätter wie ein Wald Mahawelis Brausen übertönen, erinnert mich an Zola, wie mich eine aus weit auseinanderliegenden, wie ein Indianerzelt zum Stamme winklig zusammenlaufenden Wurzeln stark und breit emporwachsende Eiche an Walt Whitman erinnert, den guten grauen Dichter. Ein anderer Baum, nordisch anzusehen, mit Moos an dem Stamm empor, in dem es von Ameisen, funkelnden Käferparasiten wimmelt, weit ausladende Äste, jeder ein Stamm für sich, bis in die höchste Höhe rauh und stark wie behaarte Arme, Blätter wie die der Platane, aber schwer, braun, grüngeädert: Dostojewski. Und viele noch, und viele, aufrüttelnd, leben ewig im Garten des Paradieses. –   Im Bezirk der blühenden Sträuche, der Blumen- und Buschgehege lasse ich Singho halten, verliere mich für eine Zeit in den abseitigen, verschlungenen Kiespfaden. Hier rauscht es von Duft. Farbentöne rauschen um alle Sinne, die geweckt ineinanderfließen – Sehen, Geruch, das Gehör, Tasten und Schlürfen, geschärft und gierig bis zur Ohnmacht, schwer, das Herz vermag es kaum zu ertragen; der Körper sinkt, bis zur Vernichtung entseelt, in der Hilflosigkeit seiner stummen Ohnmacht zu Boden. Hier erblicke ich ein zartes Gebild, mit dünnen, in die Luft greifenden Fingern, blaß und mit lechzendem Kelch, eine hellgelbe, etwas rötliche Blume, ganz jung und scheinbar eben erst hierher gepflanzt ins Moos, das sie stützt und bewahrt. Eigensinnig umfangen leise gekräuselte Blütenfäden die bläßliche Blüte, wagerecht, dicht, enthüllen ihre Blässe kaum, versperren sie, wie Gedanken hinter einer Stirn. Und nicht weit davon, wirr und wild, eine dunkle, kurzstämmige, mit stark emporstrebenden, sich gegen das Welken wehrenden Stielen, aus denen blutrote Kelche hervorsprießen, fünfzackig, und daneben dunkle, fast schwarze, an die Passionsblume erinnernde Sterne. Und weiter, offenkundig zur selben Familie gehörend, wenngleich von hellerer Färbung, eine Blume, klein, fast wie ein zwergenhaftes 106 Bäumchen anzusehen, etwa wie die Azalee, mit schneeweißen, engelhaft sich neigenden offenen Blütenköpfchen, über die bescheidenen Halme des Rasens, die unzähligen, kaum sichtbaren Kreaturen des üppigen Bodens gebeugt, ihre lilienzarten Blüten neigen sich alle nach unten, so liebend-demütig – wenn man eine von ihnen leise und vorsichtig hochhebt, gewahrt man in ihr einen Tautropfen, der über den Rand rinnt, herniederfällt wie eine Träne. Und hier steht ein seltsam schönes Doppelgebilde: Stamm und Liane, keine von der anderen zu trennen noch zu unterscheiden; stark und feurig halten sich die schönen Gewächse umschlungen. Ein Leben geht durch beide, und doch sind es getrennte Naturen; man erkennt es an der Doppeltheit der Blüten, die aber aus der gemeinsamen Umschlingung zu erwachsen, ihre Kraft zu holen scheinen. Hier wächst eine Windenblüte aus dem Stamm wie mondblaue Nacht, mit weißen, zartblau geäderten verschwistert; daneben aber stärkere, von härterer Konstitution, von einem Blau, das ins Orangefarbige getaucht scheint; und diese beiden Blüten: die Winde und diese Orangefarbige saugen sich stellenweis mit ihren Staubfäden, den Rändern ihrer Kelche aneinander fest, ein seltsames Wunder von Anmut, Lebensstärke und Selbstaufgabe darstellend. Langsam gehe ich an einer Pflanze vorbei, sie hebt sich aus feuchtem Rasen, ist halb schon verwelkt, schwammig und breit geworden. Ihre Blüten, von denen viele auf dem Kies verstreut liegen und über die ein Rad weggerollt ist, waren einst wohl frisch und schön, aber der Stamm trägt Moderflecke, grünliche Striche, rötlich entzündete Scheiben, wie von einer Ansteckung; tödliche Verwesung ist aus dem Saft an die Oberfläche gesickert. – Auf einer Lichtung gewahre ich, im Sonnenschein sich erhebend, einen schlanken, doch starken, im Emporwachsen sich jählings zu eigenwilliger Üppigkeit entfaltenden Baum. Ein Baum? Vielleicht ist es eine Blume, die die Tropen zu solcher Fülle getrieben haben. Aus den starken, fast unnatürlich, fast künstlich weißen Blättern, die schneehell und glänzend sich der Sonne auftun wie Tuberosen, stechen seltsame, betäubend duftende Blüten hervor. Ins Rostrote schillernde Kelche, die an schwarzen Staubfäden Pudertropfen spitzer, violetter Funken tragen, wie aus Schalen von getriebenem Kupfer, die weiße 107 Hände emporheben, Weintrauben quellen, Früchte, die zu lange im Schatten gereift sind. Der Baum steht in voller Blüte, ist von Knospen schier übersät. Von seinem Anblick – dieses wilden, tropisch überwuchernden Gebildes, das sich schier nicht genug tun kann in schwellender Unergründlichkeit, komme ich kaum los. Mir ist, als müßte ich mich, müde und willenlos, unter sein Geäst legen, warten, bis die Sonne fort ist, beobachten, wie der Mond, die tiefe Nacht auf diesen Doppelklang Schneeweiß, Rostrot einwirkt, wie die Dunkelheit endlich beide zermalmt, niederstößt, vernichtet bis zum Sonnenaufgang. Mit dem Nagel ritze ich den Stamm, dem eine Flüssigkeit entquillt, scharf und süß, wie ich solchen Geschmack nie verspürte, beizend auf Zunge und Lippen verweilend, nicht fortzusaugen, nicht weichend von den Nervenspitzen, wenn auch die süßeste Speise, der dunkelste Wein über die Lippen, durch die Kehle strömt. Es ist ein Baum mit einem nordischen Namen, der Früchte trägt, einmal im Jahr, hier um die gleiche Zeit wie in seiner ursprünglichen Heimat, in der er aber ähnliche Üppigkeit niemals erreicht wie im Paradiese, dessen Bereich Mahaweli Ganga umbraust. Im Frühling, früher als die Fruchtbäume des Nordens, kommt die Frucht dieses Baumes zur Reife. Der Geschmack der Flüssigkeit, die unter meinem Finger aus dem Stamm quoll, vermag, wenn sie in einer Schale aufgefangen wird, das Nervensystem zu zerstören; vergiftet den Schlaf, die Träume, weckt die Sehnsucht nach dem Geschmack der Frucht, die der Baum tragen wird, schwächt den Körper, wie sie die Seele zerfrißt, nach der Zeit der Reife im steigenden Jahr.   Hier und dort pflücke ich Blüten, schön geäderte Blätter von Stauden, Sträuchern, lege sie daheim auf den Tisch vor mich hin. An Arno erinnert mich die Tempelblume, an Ernst die Kalla, an Else ein wunderbarer Kelch wie der der Feuerlilie, des Türkenbundes, mit geschwungenen, geäderten Rändern, glitzernden Staubgefäßen, die goldenen Staub um sich streuen, weit um sich in die gleichgültige, graue Einöde. – Tagelang gehe ich, in Kandy, unter der vielgestaltigen Menge, den Menschen dieses kleinen, lieblichen, geschäftigen Ortes herum, der sein 108 Alltagsleben führt, emsig, geräuschvoll. Stumm gehe ich herum, zuweilen wie entseelt. Morgen fahre ich nach Indien, dann weiter nach dem Osten, an den Stillen Ozean. Gärten von Peradenija. Immer weiter fort, wach bleiben, aus der Gewalt der Wirklichkeit, des tätigen Lebens, der zauberhaften Gegenwart den Lebensrausch schöpfen, dessen paradiesischer Widerschein diese Insel ist. 109   Indien Madura, das dunkle Kandy verließ ich am Tage nach Dipawali. An diesem Tage feiern die Hindu Wischnus, des Herrn, des Erhalters Sieg über den furchtbaren Riesen Nadrak Asura nach langem, gefährlichem Kampf. Zum Gedächtnis der Tat baden die Hindu in der Nacht des Festtags ihren Körper in Sesamöl, das bei dieser Gelegenheit die magnetische Kraft des heiligen Gangeswassers besitzt. Nach dem Bade aber ziehen sie funkelnagelneue Gewänder an. Außerdem beginnt zu Dipawali ein neues Geschäftsjahr, die Bücher werden mit einer Formel eröffnet, die an unser »Mit Gott!« erinnert, die aber die Gunst Ganeschas, des Elefantengottes, auf das Geschäftsgebaren des gläubigen Kaufmanns herabfleht. (Ich hege den ernsten Verdacht, daß die Öl- und Tuchhändler Wischnu in seinem Kampfe mit dem Riesen wichtige Handlangerdienste geleistet haben und daß Dipawali die Belohnung ist.) Die Hinduwelt in Kandy, zumeist arme Tamilen, geht in blendendem Rot, Violett und Batik spazieren. Auch die Arrakschänken haben, wie es sich in der Stadt bemerkbar macht, nicht zu klagen. – Ich kann wohl behaupten, daß ich unter den Tamilen im Hindutempel gute Freunde besitze. Sooft ich mich dort sehen lasse, werde ich mit einem Kranz weißer Tempelblumen geschmückt. Heute hat mir der junge, wunderschöne Oberbrahmine des Tempels gar eine Handvoll von der heiligen Asche in die Handflächen geschüttet, damit ich mir die Stirne bestreiche. Er hat mir sogar die Schale mit Öl hingehalten, damit ich mir die Stelle zwischen den Augen, wo der Sitz der Seele sich befindet, betupfe – er selbst darf mich nicht berühren, denn er zelebriert die Messe in den vier Kapellen des Tempels. Wenn ich mich des Öls und der Asche bediente, wäre ich wohl meiner Sünden ledig. Aber was nützt es, ich bin doch kein Tamile, kein Hindu. Auf meiner weißen Stirn sind die Aschezeichen nicht so deutlich 110 wahrnehmbar wie auf den braunen nackten Körpern der Beter im Tempel. Die weisen heute ganz besondere Bemalung auf. Die Stirn ist unter den wagerechten Strichen ganz hell geworden. Die drei breiten, das Lebensprinzip symbolisierenden Streifen bedecken die Oberarme fast bis an die Ellbogen. Eine dicke Schicht Asche tüncht die Oberkörper mit grauer, grauenerregender Patina. All dies erinnert an die Kriegsbemalung der Papuas, der Buschmänner, der Maori, primitivster Volksstämme; und doch sind die jungen Tamilen dahier Menschen, die unserer Zivilisation nahestehen. (Die heilige Asche, aus Kuhdünger gebrannt, vertritt bei den Hindu die Stelle des Weihwassers, wird ähnlich, aber bei weitem ausgiebiger gebraucht.) Diese Tamilen, ich verständige mich ausgezeichnet mit ihnen, sie sprechen ein vortreffliches Englisch, sind freundlich und mit Eifer bemüht, mich zu belehren. Von dem eifrigsten und liebenswertesten, einem jungen Goldhändler, erfahre ich, daß der Hinduglaube, der mir Europäer mit seinen hunderttausend Göttern und Dämonen, seinem Elefanten, Affen, Lingamkult so barbarisch und entsetzlich erscheint, im Grunde Monotheismus ist, mit dem Christenglauben viele Berührungspunkte besitzt. Der Stier, der Affe, der Elefant, Kali, Wischnu und Schiwa sind nur verschiedene Verkörperungen des einen, höchsten Wesens: des Sundareschwara, und die schreckenerregenden Figuren in den vier höhlenartigen Kapellen des Tempels, vor denen der Brahmine nacheinander die heilige Handlung vollführt, sollen durch ihre Folge und Vielfältigkeit die Andacht der Gläubigen multiplizieren. (Trimurti, die Dreigestalt des Hindugottes, ist ja mit der Dreifaltigkeit der Christen wesensverwandt.) Die Opfergebärde vor den Altären ist wunderschön. Süß und betäubend duften die Blumen, die in zierlichen Mustern auf dem Stein geordnet liegen. Tier- und Blutopfer sind nicht mehr üblich. Die Verbindung, der Einfluß des Jainglaubens hat sie aus der Zeremonie der Hindu weggefegt. Indes, es gibt ja wohl noch trübe Formen des Opfers, und zwar nicht nur unter den Veddas, sondern im Norden der Insel, in den Wäldern zwischen Anuradjapura und Trincomali an der Ostküste Ceylons. Dort schneiden sich z. B. besonders fromme Hindu aus Andacht die Kehle durch, um das Wohlgefallen des 111 höchsten Wesens zu erregen. (Sie schneiden sich den Hals – nicht ganz – durch, sind besonders darauf bedacht, den Adamsapfel, die Schlagader, die Luftröhre zu schonen, immerhin aber ist es ein tiefer Schnitt, den sie sich beibringen, der Blutverlust ungeheuer; so erklärt mir der junge Goldhändler, der selber aus jener Gegend stammt; die Heilung erfordert zuweilen Monate, viele sterben auch an Blutverlust, Blutvergiftung, Herzschwäche.) Da wir von heiligen Dingen reden, kommt die Sprache bald auf Gandhi. Plötzlich merke ich an der Stimme, dem Gesichtsausdruck der näher Zusammenrückenden, an dem Ernst, der sich dieser jungen Menschen mit einemmal bemächtigt, daß sich ja in der Person des Mahatma bereits eine Inkarnation des höchsten Wesens vollzogen hat – Ramakrischna wandelt aufs neue auf Erden, ein neuer Mahavira ist dem Volke erschienen, eine heutige, irdisch-überirdische, menschlich verklärte Verkörperung des ewigen Gottes bestätigt die Behauptung des jungen Tamilen: Hinduglaube und Christenglaube berührten sich, denn was ist Gandhi wenn nicht Jesus, der Erlöser? Sie stehen alle in praktischen, Intelligenz voraussetzenden Berufen, diese jungen, halbnackten, graubemalten Menschen um mich her. Die Zeilen, die einer von ihnen mir in mein Buch geschrieben hat, sind in fehlerfreiem Englisch abgefaßt. Einer zeigt Kenntnisse, die mich verblüffen. Er weiß von den herrlichen Übersetzungen der Upanischaden, der Bhagawad Gita ins Deutsche, sein Vater steht in Geschäftsverbindung mit deutschen Kaufleuten, war in Hamburg, er selber notiert sich meinen Namen, wird mich im Laufe der nächsten Jahre in Europa aufsuchen. Einer ist unter ihnen, der erkundigt sich, beleidigend oft, immer, wenn ich von einer gelehrten Gesellschaft oder von einem Kreis spreche, der sich das Studium der Religionen des Ostens zur Aufgabe gemacht hat: wer gibt das Geld dazu? wer finanziert dies? das? Will schließlich wissen, wo ich das Geld zu meiner Reise herhabe – und ich halte, im Dipawalitempel, vor einer ehrerbietig zuhörenden Schar frommer, graubemalter, halbnackter Hindu einen längeren Vortrag über den Verlag S. Fischer.   Madura, die Süße, die alte heilige Stadt an der Südspitze der Indischen Halbinsel, ist die dritte ihres Namens. 112 In den alten Büchern der Tamilen wird das erste Madura als die Stadt des Goldenen Tores genannt (wie heute San Franzisko); diese äußerst prächtige Stadt hat sich auf dem nun im Meere versunkenen riesigen Kontinent zwischen Ceylon und Australien befunden – rätselhafte untergegangene Welt; ihr Gedächtnis ragt noch ins historische Zeitalter des Menschengeschlechtes empor, wie ein Pik, eine geborstene Vulkangruppe, wie jene mit Menschenkopfsäulen übersäte Osterinsel im Stillen Ozean. Das zweite Madura aber stand, wo ich jetzt stehe, an der Stelle, auf der sich jetzt die dritte Stadt dieses Namens erhebt. – Vom Wall des Königspalastes hat man einen Blick rings über das weite bergige Land. Schon sinkt die Sonne, die Konturen der Berge, der näheren Hügel zeichnen sich deutlich ab an dem gewitterschweren Horizont. Ich bemerke, erstaunend, etwas: seltsame Formen haben diese Berge um die heilige Tempelstadt Madura! Einer gleicht einem liegenden Elefanten, den Rüsselabhang hat er lang vor sich ins grünende Gartenland gestreckt. Ein anderer sieht, scheckig und lang hingedehnt, wie eine Schlange aus. Einer gleicht einem weißen, buckligen Rind, das sich auf seine Vorderbeine niedergelassen hat. Die heiligen Tiere der Hindu – diese Berge – leicht ergibt sich eine Gedankenverbindung, zieht man die Phantasie, die Schrecken, die Not des nach Überirdischem ausschauenden, im Irdischen befangenen Menschengeistes in Betracht. Wer war zuerst da? Der Berg? Das Tier? Madura haben die Europäer in Ruhe gelassen. Man sieht kaum ein weißes Gesicht in den Straßen. Es gibt auch kein Hotel. Dafür hat diese Stadt, zum erstenmal genieße ich's voll und mit berauschender Eindringlichkeit, den ungebrochenen Zauber des sagenhaft unwirklichen Orients. Die Menschen dravidischer Rasse, dunkler, von schmutzigbrauner Farbe, sind häßlicher als die zarten Singhalesen der Paradiesinsel. Eingedrückte Nasen, abgeplattete Stirnen. Manche breit, herkulisch gebaut, viele fett, schwabblig, mit hängenden Bäuchen, behaarten Weiberbrüsten. An Hanuman, den Affengott, der mit seinen Affenmannen, vom Norden herkommend, dem fliehenden Ramakrischna die (heute halbversunkene) Adamsbrücke nach Ceylon gebaut hat, erinnern viele Menschen Maduras, die ich durch die wildbunten Straßen ziehen sehe. 113 Diese Stadt ist offenkundig reich. Tuchweber, Seidenspinner wohnen in ihr. Dunkelrot und indigoblau sind die Farben Maduras, sie kehren in den Gewändern der Frauen regelmäßig wieder. Heute, nach Dipawali, leuchten diese Farben in zwiefacher Glut. Noch eins fällt auf: die unerhörte Überladenheit der Weiber, auch der ärmsten, aus den verachtetsten Kasten stammenden, mit Goldschmuck. In Ceylon haben sie sich die Ohrmuscheln rings mit kleinen Goldringlein, Schrauben, Pilzen bespickt – hier hängen ihnen Kugeln, Stangen, Räder aus Gold überall im Gesicht, an den Nasenflügeln, lieblich mit Rotz vermengt, in den Ohren, am Hals, an Arm und Fußknöcheln. Manchen hängen die Ohrlappen bis auf die Schultern herunter; Goldkugeln, Ringe, Schubkarrenräder mit Perlen baumeln daran. Ist die Besitzerin dieser niet- und nagelfesten Schätze verarmt und das Ohrgehänge beim Pfandverleiher geblieben, so kann man durch das Loch im Ohrlappen die Faust durchstecken. Die Bemalung der Männerkörper erscheint mir wilder, bestialischer als auf Ceylon. Die Schiwa-Anhänger tragen auf der Stirn und auf dem Körper die wagerechten Aschenstriche, die Anhänger Wischnus aber (diese gehören durchweg den höheren Kasten an) haben von der Nase aufwärts bis zum Haaransatz bzw. dorthin, wo das Haar auf dem Schädel wegrasiert ist, eine Gabel aus weißer Farbe gemalt, in deren Mitte der karminfarbene oder goldene Tupfen funkelt. Ich frage meinen Führer, wie das kommt. Wischnu und Schiwa seien doch eins! Und ob die verschieden Bemalten sich bekriegten. Nein, sie vertragen sich ganz gut. – Überall in der Stadt wandeln sanfte, weiße Kühe umher, still in sich wiederkäuende Tiere mit einem Fettbuckel und hängenden weißen Gardinen unterm Kinn. Es sind die heiligen Tiere der Hindu (und besonders der Jain), die jeder füttert, streichelt, schont, verehrt. Menschen und Wagen weichen ihnen aus. Auf dem Bahnhof (»nicht für es gebaut«, siehe Chr. Morgenstern) spaziert ein weißes Kalb zwischen den Gleisen auf und nieder (was Menschen Geldstrafe einträgt!) – der Schnellzug muß sein Tempo mäßigen, sonst gibt's einen Religionskrieg. Sie liefern die Gottesgabe Milch, die sanften Tiere, die gute Butter, wie bekannt; aber aus ihren Eingeweiden kommt auch der heilige Kuhflatsch hervor, das Weihwasser der Hindu, mit dem sie sich, wie bereits erwähnt, ihre Körper bestreichen, ihre Seelen entsühnen. – Die Hüter des Tores, Madura 114 Am ersten Abend, den ich in Madura verbringe, erlebe ich den Tempel, den hochberühmten, hochheiligen, von neun Türmen bewachten Bezirk der Gottheit Schiwa. Von Dipawali her knallt es noch durch die steinernen Hallen, die Statuenreihen, das Labyrinth der tausend Säulen, die von ungezählten Ölflämmchen umflirrten Kapellen Kalis, des Lingams, des Affengottes, des weisen Ganesch, des vielarmigen Wischnu, der tanzt, jagt, Hochzeit feiert, in wilden Verrenkungen aus dem Schatten stürzt, in den Schatten zurücksinkt. Der riesige, düstere Tempel mit seinen wirr sich durcheinanderschlingenden Gängen, Galerien, Hallen und Winkelwegen ist von Tausenden nackter, grell bemalter, kreischender oder stummer schwarzer, grauer, brauner Menschen durchwogt. In ihrer Mitte bin ich der einzige Weiße. In meinem hellen Tropenanzug, den Tropenhelm auf dem Kopf, Schuhe an den Füßen, gehe ich langsam durch das Heiligtum, das ungeheure, verwirrende Wirrwarr von Säulen, Bogen, Nischen, Gängen, in dem sich die Mauern Geschrei und Gedröhn, Schatten und Flammengeruch zuwerfen, in dem Weihrauch, Menschenausdünstung, Tierkot und das süßliche Schwelen verbrannter Tuberosen den Atem benimmt, die Sinne verschlägt – aus den düsterbunten Leibern sehe ich Augen auf mich gerichtet, ich erschrecke – vom Boden starrt mich ein Augenpaar an, es ist ein Krüppel, er kriecht auf dem Bauch – ein Henker bleibt vor mir stehen, es ist ein mit Rot bestrichener dunkler Herkules – ein Tempelelefant schreitet dunkel im Dunkeln daher, ich drücke mich in eine Nische – auf dem Boden, knapp vor meinen Füßen, liegen Schlafende, Pilger, etwas stöhnt vor meinen Schritten auf, ich trete in glitschrige Pfützen, dort schrillt es, klirrt's, kreischt's in der Finsternis, die Tempelkakadus rasseln an ihren Ringen, ich hätte den Führer behalten sollen, kenne mich nicht mehr aus, weiß nicht, vor welchem Tor mein Wagen auf mich wartet, ein paar Krüppel, Bettler, nackte Kinder haben sich mir an die Fersen geheftet, ich habe all mein Kleingeld weggegeben, Säb, Säb, Säb! ich mache im Gehen die Geste des Nichtsmehrhabens, vergeblich rede ich mir ein: es sind friedliebende, tierschonende, sanfte und gläubige Menschen, ihre Bemalung beweist ja gerade Heiligung, Entsühnung, Opfer, die gräßlich phantastischen Skulpturen, Löwen im Kampf mit Greifen, Greifen, die 115 Elefanten den Rüssel aus dem Leibe reißen, Affengötzen, dräuende kreischende Nacht, von Glockengebimmel, fernem Gesang, verzücktem Taumel schwitzender, hin und her schießender, dunkelrot und indigoblau bemalter Menschenfresser durchtost, Nebel, Rauchwolken um meinen Kopf – zum erstenmal im Leben faßt mich ein abgründiges, wildes, panisches Entsetzen an: ich bin der einzige Weiße in dieser Nacht, ich bin ein Weißer, ein Weißer!! – – –   In der stinkenden Baracke, in der ich bis zum Morgen bleiben soll, hat irgendein Händler ein halbes Hundert kleiner, mittlerer, ganz großer Ebenholzelefanten mit Elfenbeinstoßzähnen aufgestellt. Durch das von Eisenbahnlichtern durchzuckte Dunkel fallen Schattenreflexe, sie laufen, klein und groß, wie gespenstische Ratten über die Bettdecke, die Wände, den Fußboden, während es hier und dort von länglichen gelben, regellosen Doppelblitzen aufleuchtet. Mir ist, als habe ich mir in der muffigen Hölle das Sumpffieber geholt! Bis Mitternacht bleibe ich auf dem Stuhl in der Mitte des Zimmers sitzen, von den Elefanten angeglotzt. Läuft unten ein Zug in die Halle ein, dann schwingt die ganze Bude, ich, mein Stuhl mit, nur die verdammten Elefanten bewahren ihr Gleichgewicht. Um eins entschließe ich mich, zu Bette zu gehen. Aus meiner Handtasche nehme ich das seidene Bettlaken – Freunde haben es mir geschenkt, freundliche europäische Gedanken trägt es in seinem Gewebe – in seinen Falten aber hat, ehe ich meine Reise antrat, ehe ich es in meine Handtasche gepackt habe . . . Knapp vor dem Einschlafen bestätige ich mir, daß wir alle Fetischanbeter sind, alle! –   Im Sonnenlicht zeigt Madura, der Tempel, seine Architektur, die Menschen und Tiere, die in ihm leben, ein weniger schreckhaftes, zuweilen fast putzig bizarres Gesicht. Vor dem üppig geschnitzten Tempeltor stehen sechs kleine Knaben, von einem Brahminen beaufsichtigt, klirren mit Glöckchen, singen im Chor einen klagenden, hellen, synkopierten Tempelgesang. Drinnen die Vorhalle mit den acht buntbemalten Glücksgöttinnen ist ein Bazar, der sich noch weit hinein in den Tempel, durch Hallen 116 und Höfe erstreckt. Hier haben Händler Haufen von allerhand Gerät aufgestapelt, das zum Schmücken der Gottheit, aber auch des eigenen Körpers, für Opfer für den Hausaltar, als Nahrung und Ziergerät gebraucht werden kann. Obstberge, Kuchenhügel, Blumenketten, Grasbüschel für die Tempeltiere, Rosenkränze, Schabemesser, Armreifen, Kämme fürs Haar und zweizinkige Zelluloidgabeln für die Stirnbemalung (»Made in Germany«), daneben große graue Edamer Käse – Kuhmist – Aschenkugeln. – Schriftgelehrte, Wahrsager und Horoskopsteller hocken innerhalb mit bunter Kreide gezeichneter mystischer Pentagramme, Kreise und Hokuspokus; um sie herum ehrerbietig horchende Schüler, Hörer, Kunden. Mit Messingketten klirrend, die Armmuskulatur durch enge, eiserne Armspangen verkümmert, kommt ein Büßer auf mich zu, sonst ein schöner, alter Herr, wenn auch mit Kuhasche über und über beschmiert; gepflegter, glänzender Bart, an Hans Makart erinnernd; als Bettler unabschüttelbar. (Der Tempel ist ein Männerklub mit Ecken, in denen man beisammenhockt und schwatzt, wohl auch Geschäfte abschließt; hier und dort sind Geschäftsbücher aufgeschlagen, klimpert es mit Rupien; ein Männertempel, wenn auch zuweilen eine Frau – aus höchster Kaste – zugelassen und in der Menge bemerkbar ist.) Elefanten, wie die Gläubigen mit Asche bestrichen, mit roten Flammenzeichen bemalt, spazieren umher. Ein Kamel. Viele weiße Kühe. Vor der Kapelle Hanumans, des Affengottes, baumeln die Aras in ihren Ringen. Heilige Pfauen stolzieren aus mystischem Hallendunkel plötzlich in grellstes Sonnenlicht. Eine alte Engländerin, mit Sonnenschirm, Klappstuhl und Skizzenbuch. Die Brahminen – durch eine Purpurschnur um den Hals ausgezeichnet – kommen lächelnd an mich Fremden heran, führen mich zu den feinen, in Bündeln nebeneinander aus dem Granitblock herausgehauenen Säulen, die, mit einem Kiesel angeschlagen, wie Glockenspiel ertönen. Die Brahminen geben sich nur mit großen Silbermünzen zufrieden, sie segnen aber, wenn sie sie bekommen haben, den Fremdling und zeigen ihm wohl auch eine oder die andere brünstig obszöne 117 Skulptur an den reich geschnitzten Pilastern, die nur dem Eingeweihten bekannt ist. Auch belohnen Tuberosengirlanden den besonders Freigebigen. Im Tempel von Madura Jetzt kann man alles ruhig, in heiterer Gemächlichkeit betrachten, all die furchterregenden Skulpturen, die die Pilaster des weiten Baues schmücken. Die Fabelwesen zeigen ornamentalen Charakter. Der Drache, der dem Elefanten den Rüssel aus dem Leibe reißt, beschreibt mit diesem eine harmonische Wellenlinie von der Decke zum Fußboden nieder. Der Löwe mit dem Drachenschwanz im Maul, die Kobra mit dem Lingam zwischen den Ringen, Ganescha, der weise Gott, halb Mensch, halb Elefant, sitzt auf der Ratte, dem Symbol des Überalleindringens, Ornamente. Hanuman allein ist sich selber Genüge; mit grünem Maul steht er breitbeinig auf seinem Postament, wie ein zufriedener Bourgeois, der es zu verdienten Ehren gebracht hat. Im immensen Viereck der »tausend Pfeiler« ist der in seine Bestandteile zerlegte Jaggernauthwagen zu sehen, mit bunt bemalten Holzpferden, Spiegelchen, Goldfransen und Flitterkram, wie ein ausrangiertes Ringelspiel. Aber knapp neben Groteskestem, Wildphantastischem, Abscheulichstem: eine jahrtausendealte, ragende Reliefskulptur – Wischnu der Tänzer, mit hingegebenem Leib, Schiwa der heilige Jäger, sein Oberkörper schwingend in der Anstrengung des Bogenspannens, Schiwa der Hundertarmige, zart und innerlich das sich neigende Haupt, die Hand, die sich mit der Handfläche nach außen auftut, der Fuß, schwebend und doch festen Halt auf dem Boden findend; Schatten nisten zwischen den Gelenken, zwischen Skulptur und Rahmengebälk und Stein und da, plötzlich, mit einem Schlag, tut sich, mitten im Tempel, eine riesige, schimmernde, von Sonnenglanz umwölbte, von goldenen Reflexen durchzuckte Lichtung auf – Potramarai – der heilige Teich der goldenen Lilien, um den der weite Tempelplatz herumgebaut ist. Teich der Goldenen Lilien In seinen grünen Schlammgewässern sieht man jetzt, um die Mittagsstunde, Männer betend ihre Körper untertauchen, betend ihre gefalteten Hände hoch übers Haupt erheben. Frauen waschen ihre dunkelroten, goldbraunen, indigofarbenen Sâris. Auf den Stufen, die zu dem Wasser hinunterführen, sitzen und liegen betende, schlafende, von weitem hergekommene Menschen. Die riesigen Türme, die außen den 118 Tempelbezirk umgeben, aus der Umfassungsmauer aufstrebende Pyramiden mit Tausenden haarklein durchgearbeiteter Götterfiguren, spiegeln sich im Wasser, an den Stellen, wo der Schlamm zurückgewichen ist. Die goldenen Reflexe aber schimmern von zweien dieser Türme her, die mit Platten von lauterem Gold gedeckt sind. Hier ist das Herz von Madura, der heiligen Glaubensstätte des südlichen Indiens.   Welch eine Stunde. Die Luft flimmert. Aus dem Tempel tönt nah und fern geheimnisvoller Gesang, Glöckchenklingeln, Musik. Bettler, Pilger, Priester steigen zum Wasser hinab, steigen, die Gewänder um ihre noch nassen Glieder schlagend, die Stufen herauf. Der Teich ist wie mit Kupferpatina überzogen; ein Tümpel, giftiger Ansteckungskeime voll, aus dem die Frommen mit beiden Händen Läuterung, Sauberkeit des Körpers und der Seele schöpfen, für die Augen, die Stirne, die Lippen – Säuberung von dem Unrat der üblen Gedanken der Seele, der üblen Instinkte des irdischen Leibes. Dieser hat Gegengifte; ihrer noch mehr aber besitzt die Seele. – Die Heiligkeit des Bades, die Reinigung des Körpers, die läuternde Kraft des Wassers (in dem nach christlicher Auffassung der Teufel sitzt!) ist die zentrale Vorstellung im religiösen Leben der Ostvölker; wie der Teich symbolisch im Mittelpunkt des Architekturschemas der heiligen Stätten der Hindus ist, ist die fließende Tiefe, das Strömen und Fortschwemmen (bis zur Taufe), die Weihe der aus dem Osten stammenden Gläubigen geblieben. Was wollen dabei unsere Begriffe von Hygiene besagen? Der Tod existiert im Orient in Wirklichkeit gar nicht – die Religion hat sich ein Gegengift gegen die Vernichtung durch die Epidemien geschaffen. Ich werde mit einem gebildeten Hindu oder Jain über die Vivisektion und unsere Serumsheroen sprechen! Wie herrlich ist jener alte Pilger, der dort unten mit gefalteten Händen in den Kupferschlamm taucht, zehnmal, hundertmal, immer nach einem neuen Gebet. Er ist Gottes voll. – Aber diese Türme, Gopuram, an den Ecken der Gemarkung des Tempelbezirks – glücklicherweise hat jahrhundertelanger Regen und Wind die Farben von den Tausenden kindischer Puppen abgewaschen, 119 aus denen sie zusammengesetzt sind – einen neu erbauten Tempel mit einem ganz frischen bunten Turm sah ich in Madras: der Turm glich einem in Pyramidenform aufgestellten Puppenladen – erst wenn man mit dem Glase jede einzelne Figur betrachtet, gewahrt man die unendliche Zartheit, die rührende Sorgfalt, die an eines und das andere Detail gewendet, an die Monströsität des Gesamteindruckes verschwendet ist! Hier läßt sich keine Verbindung mehr zwischen der dunklen Rasse, die in diesem Tempelbezirk ihre heiligen Schauer empfängt, und dem Weißen und seinem Schönheitsbegriff konstruieren. Alles versagt. Ja, draußen in der Stadt, in den Bazarstraßen, die Händler, die Geldverdiener, mit denen läßt sich reden. Da versteht sich Weiß und Braun mit Leichtigkeit. Ein Schlag auf das Portemonnaie, und man befindet sich auf dem gleichen Planeten. (Auf dem Haus eines Tuchfabrikanten sah ich eine Reihe von Tempelpuppen, sie zierten den Sims: Schiwa, Ganescha, Hanuman waren zu sehen und die holden Göttinnen des Glückes, die Lakschmis; an den vier Ecken des Daches aber standen, fein modelliert, mit Bajonett, Säbel und Revolver, englische Tommys in Khaki als Schutzgötter der irdischen Macht des Hausherrn, eines kapitalismusgläubigen Hindu!) Daß einer und der andere dieser halb und ganz nackten, mit Asche und Zinnober bemalten Tempelgänger bereits im P.- and O.-Steamer nach Europa gereist ist, darüber kann kein Zweifel bestehen. Er hat in Bloomsbury in einem Hotel oder Boardinghouse gewohnt, in dem sich Inder behaglich fühlen dürfen; er hat in Piccadilly gegessen, bei Simpson gespeist; er hat die idiotische Mode mitgemacht und zum Abendessen den Smoking angezogen (dann schon lieber ein Plastron aus Kuhdünger!), er hat sich in Paris am Montmartre einen Flirt geleistet. Vielleicht hat er sogar aus einem flandrischen Schützengraben für das europäische Ideal der Demokratie auf Boches geschossen, mit einem Wort, er hat die Segnungen unserer überlegenen weißen Kultur kennengelernt und spaziert jetzt doch wieder halbnackt und in Kriegsbemalung zwischen Kühen, Elefanten, Büßern und Affengöttern herum und betet zu diesen Puppen!! Ich habe, wie gesagt, in Madura und anderswo einen und den anderen gesehen, den ich im Verdacht hatte; zuweilen, später, hat sich, durch 120 persönliche Bekanntschaft, mein Verdacht in Gewißheit verwandelt; bei anderen aber mochte ich mich täuschen: der Ausdruck der Intelligenz auf dem Gesicht mag ein Abglanz des allbeherrschenden Glaubens gewesen sein, eines, wenn auch finsteren, mir Europäer schwer verständlichen Glaubens, der aber immerhin zwischen Asche und Purpurscheibe sein Zeichen auf Stirn und Augen prägte, – während der Kult gemeiner, dem Kreis unserer Zivilisation angehöriger Alltagsdinge auf den Gesichtern so vieler Miteuropäer das entgegengesetzte Stigma hinterläßt. Nein, auch die Brücke reinster Menschenliebe, auch die Internationale katexochen wird über diesen Abgrund nicht hinüberleiten. Irgendwo wird die Räson über ein Loch stolpern, einen geborstenen, lockeren Verputz. – Von Kaschmir bis Kap Comorin, d. h. vom Norden bis zur Südspitze Indiens, bis an das Heiligtum Rameschwaram, südlich von Madura, das ich von der Bahn aus sah, zieht sich eine einzige, ununterbrochene Pilgerstraße durch das Land. In geringen Abständen Tempel, Tempel, Gopuras, Tschaultries, d. h. Pilgerherbergen; jede mit einem Bassin in der Mitte, Ruhestätten für die Nacht, kleinen Kapellen – allen den zahllosen Kasten des sozial in tausend Splitter zerborstenen Landes offen, denn der Pilger gehört keiner Kaste mehr an , er ist der Pilger! (Im südlichen Deccan allein gibt es elfhundert große, Schiwa geweihte Tempel!) So mächtig wirkt der Glaube in diesem Volke. So stark herrscht der vielgestaltige Schöpfer über dieses angesichts der Gottheit in einen einzigen Körper zusammenschmelzende Volk der Hindu. – Daß sich der Hinduismus mit seinen hunderttausend Götzen und Dämonen trotz jahrhundertelanger Christenherrschaft, Christendespotie in solch ungebrochener Form zu halten vermochte, das sollte zu denken geben. Die frühesten Kolonisatoren, die Portugiesen, die folgenden, die Holländer, nahmen es mit der Mission der Kirche, wie die Geschichte lehrt, noch ernst. Jetzt herrscht – High Church, Wesley-Kapelle, Young Mens Christian Association und Heilsarmee können darüber nicht hinwegtäuschen – im Grunde doch nichts weiter als der fremde, oktroyierte Kapitalismus, Zolltarif und nicht das Kruzifix. 121 Vielleicht haben die westlichen Herren dieser unbegreiflichen östlichen Welt ihre Christenmission, resigniert oder vernunftgemäß kühl, schon längst aufgegeben. Vielleicht wird dieses Volk (»Wir haben kein Rückgrat!« sagte mir ein gelehrter und angesehener Hindu!) außer von den Schrecken seiner Hinduhölle immerhin noch von der Angst vor den Strafen der englischen Justiz im Zaume gehalten. (Sicherlich verehrt es eine weiße Kuh inniger als einen weißen Menschen!) Daß sich aber dieser Glaube mit ungebrochener Kraft erhält, muß als Beweis für den Fehlschlag des christlichen Imperialismus erklärt werden. Der heilige Geist hat sich verflüchtigt, was blieb, ist Geschäftsgeist, Kattun. Der Glaube an die Dämonenlegionen, die Puppenhunderttausend der Hindureligion kann nur aus der Vorstellung, vielleicht der Erkenntnis herstammen, daß diese Welt der Menschen eben von Dämonen, d. h. Verkörperungen entsetzlicher, feindseliger, unerklärlicher Leidenschaften erfüllt ist. Sie stopfen diese Dämonen nicht aus ihrem Glauben in die Welt hinein, sie destillieren sie aus ihr heraus, kraft ihrer tagtäglich erneuten Erfahrung. Es läßt sich denken, wie viele von den verhaßten Dämonen in der Vorstellung dieser dunklen Menschen weiße Gesichter und Körper haben! –   Adyar, das lichte Der kleine Fluß Adyar ergießt sich im Süden der Stadt Madras in die Bai von Bengalen. Etliche Kilometer vor seiner Mündung verbreitert er sich zu einem See; bei niederem Wasserstand werden zwischen den Ufern seichte Inseln sichtbar. Arme Fischer waten bis an den Hals im Wasser und schleppen schwere Netze durch die Flut an die Uferböschung heran. An den Ufern erheben sich Villen, Klubhäuser, Maharadschapaläste; üppige Gärten neigen sich zum Wasser nieder; das blendende Weiß der Gebäude schimmert durch bunte Blumenboskette und das satte Grün der Palmen und Tamarinden hervor. An einer Stelle des rechten Ufers erblickt man von weitem schon einen langgestreckten, mit Säulen und Terrassen auf das Wasser blickenden, sich hart am Rande des Wassers im strömenden Element spiegelnden Bau. Er unterscheidet sich von den anderen Palästen dadurch, daß 122 er nicht weiß bemalt ist wie die Gebäude an dem gegenüberliegenden Ufer; seine Mauern und Säulen sind mit vertikalen Strichen in den heiligen Farben der Hindutempel, Elfenbeinweiß und Terrakottarotbraun, getüncht. Dies ist das Hauptgebäude der Kolonie Adyar, Zentrale der weltumspannenden Theosophischen Gesellschaft, die, 1882 von dem englischen Hauptmann Olcott und der Russin Blavatska ins Leben gerufen, heute 1540 Logen mit 41 500 Mitgliedern in allen Ländern des Erdballs besitzt und deren Präsidentin Dr. Annie Besant ist. –   Während der Wagen durch die steinerne Tempelpforte, die das traditionelle Ornament, den mit dem Elefanten kämpfenden Drachen zeigt, in den wunderbar blühenden Garten einfährt, zähle ich mir her, in wie vielen ästhetisch-religiösen Kolonien ich in meinem Leben schon verweilt bin, hospitiert habe; in Europa, Kleinasien, in Amerika vor allen Dingen; und ich bereite mich vor, hier die gleiche chemische Formel von ungleich dosierten seelischen Elementen vorzufinden: eitle Weltflucht, sexuelle und ästhetische Abenteuerlust blasierter und wohlhabender Snobs und Hysteriker – all das aufgeregt und gierig um einen kleinen stabilen Kern edler Gesinnung und ernster Arbeit kreisend – Menschen, die suchend, rat- und rastlos nach dem rechten Weg fahnden, binnen kurzem enttäuscht und unbefriedigt wieder auseinanderstieben. (Es sei gleich im voraus bemerkt, daß diese Diagnose auf Adyar nicht zutrifft. Es wird in dem Generalstab der theosophischen Bewegung im allgemeinen wissenschaftliche, organisatorische und auch unmittelbar praktische sozialpolitische Arbeit geleistet. Übrigens kann es in den hier folgenden Aufzeichnungen keineswegs meine Aufgabe sein, Bedeutung und Arbeitsprogramm einer so weltbekannten Organisation auch nur fragmentarisch zu erörtern.) Die große Halle des Zentralgebäudes, hellgelb und weiß, mit kameeartigen Reliefs verziert, die Embleme und Gestalten sämtlicher Religionen der Welt darstellen, bewahrt in einer Nische das lebensgroße Doppeldenkmal der Begründer: Olcotts, eines bärtigen alten Herrn, der neben Madame Blavatska steht – diese sitzende Figur weist die durch das bekannte Porträt jedem Theosophen vertrauten Züge einer 123 mit saugendem Blick vor sich hinstarrenden, in die Breite gequollenen ältlichen Kleinbürgerin oder Bauersfrau von slawischem Typus auf. Tempelblumen liegen auf den Sockel des Denkmals hingebreitet wie in den Hinduheiligtümern zu Füßen der Götzenbilder. Oben, zwischen den Kapitälen der Säulen, der Spruch: » There is no Religion higher as Truth. « Indes: truth ! In allen Kolonien, die ich sah, war dieses Wort, mit irgendeinem verwandten Begriff in nähere Beziehung gebracht, an die Wände gemalt . . . Ich warte auf den Vizepräsidenten, dem ich meine Karte geschickt habe, und sehe mich derweil in der berühmten Adyar-Bibliothek um, die an die Zeremonienhalle stößt. Die Adyarbibliothek, einzig in ihrer Art, dunkel und feierlich, mit vielen köstlichen Bronzen und Alabasterfiguren Buddhas und der Hindugottheiten geschmückt, wird vom Panditji (Gelehrten) Mahadewa Sastri verwaltet. Sie enthält einen noch ungehobenen Schatz von etwa 12 000 Manuskripten, die aus Ceylon, Indien, Burma und Tibet zusammengetragen worden sind. Uralte Schriften, in der Palisprache abgefaßt, Gespräche Buddhas enthaltend, in halb zerfallene Talipotstreifen geritzt; Kassetten aus Tibet, die auf länglichen Holzplatten mit Lack und Gold wunderbar gemalte Gesetzes, Zauber- und Beschwörungsformeln, Bilder und symbolische Ornamente, heilige Weisheit aufbewahren. Adyar gibt zur Zeit den V. Band seiner Upanischadensammlung heraus, sowie einen neuen der Udana, d. h. der Gespräche Buddhas, aus Pali ins Englische übertragen. Der Vizepräsident Pandit Jinajaradasa führt mich in dem weitläufigen Bau herum, in dem gebaut und gezimmert wird; dann gehen wir in den weiten, märchenhaft schönen Garten hinaus, in dem jetzt große, strohgedeckte Hallen errichtet werden, für etwa 2000 Menschen, die hier um die Weihnachtszeit zum Kongreß der Theosophen zusammenströmen werden. (Aus Deutschland und Österreich erwartet man kaum mehr als vierzehn.)   In den folgenden Tagen habe ich wiederholt Gelegenheit, mit den Insassen der Kolonie und ihren Arbeiten bekannt zu werden. Insbesondere ist es Dr. James H. Cousins, Leiter der Brahmawidi-Aschram, der (provisorischen) Universität für brahmanische Wissenschaft, ein 124 Irländer von Geburt, der mir Wesen und Arbeit der Kolonie erläutert. – Grundlage ist die Lebensführung der hier vereinigten Menschen. Sie bedingt: Reinheit des Körpers; Einfachheit des Denkens; Selbstbeherrschung; Versenkung; ernsthaftes Streben nach dem höchsten Ziel: Wahrheit, Toleranz, d. h. der Liebe zu allem Erschaffenen. Dies sind die Grundbedingungen, aus denen die drei Hauptprinzipien der Theosophen entspringen. Schaffung eines Kristallisationspunktes für die allgemeine Verbrüderung aller Menschen, ohne Unterschied der Rasse, Hautfarbe, des Geschlechts, der Kaste, der sozialen Schichten; vergleichendes Studium der Religions-, der philosophischen, der Realwissenschaften; Erforschung der verborgenen Gesetze der Natur und der im Menschen schlummernden Kräfte. Diese Grundprinzipien der theosophischen Bewegung bezeichnen ihre Befolger als den Weg zur Erlangung der alten Weisheit, die die einheitliche Quelle aller Religionen, das Rätsel des Seins umschließt; als die Lehre, die den Tod überwindet; denn der Tod ist nur ein Tor zu neuem, strahlenderem Dasein, zum Reich des Geistes, dem Körper und Seele als Diener untertan sind. Adyar ist kein Kloster, kein brahmanisches noch weltliches. Auch keine Siedlung von der zweifelhaften, mit Fad und Reklame reichlich durchtränkten amerikanischen Art von Point Loma, dem kalifornischen Adyar. Alle Anwesenden arbeiten; die meisten sind aus ihren heimatlichen Logen hierhergekommen, hatten daheim irgendeine Funktion in ihrem Kreise, wirken literarisch in den Zeitschriften der Gesellschaft oder bereiten sich auf Lehrtätigkeit vor, indem sie das Mutterland Indien bereisen, sich an der Atmosphäre Adyars kräftigen. Bei Tisch sind wir sechzehn Personen, zehn Nationalitäten. Jeder lebt auf eigene Kosten, muß sich, nachdem Miß Besant sein Kommen genehmigt hat, zu einem sechs Monate währenden Aufenthalt verpflichten. Wohnung im gemeinsamen »europäischen« Hause, die vegetarische Beköstigung, Teilnahme an den Kursen usw. erfordert eine monatliche Ausgabe von etwa einhundertfünfunddreißig Rupien, d. h. zweihundert Mark. Mir gegenüber sitzt ein florentinisches Ehepaar, ich sehe einen 125 Mexikaner von vornehmem Äußern, Halbblut, eine Freiluftdänin, Inderinnen, Franzosen, Engländer. Es sind zurückhaltende Menschen von gemessener Freundlichkeit. Auch etliche hungrige Augenpaare flackern hier und dort; nervöse Hände, die nach dem Mahl den Briefkasten nach etwa eingelaufener Post, das heißt nach Zeichen des nicht aufgegebenen Zusammenhangs mit der heimatlichen Welt durchstöbern werden. Den Tag leitet das Bad im Adyar ein; Körperübungen folgen; gemeinsames Gebet in indischer, dann in englischer Sprache. Die Vortragskurse werden zumeist unter dem herrlichen, vielwurzeligen Banyanbaum im Garten abgehalten, dem heiligen Baum der Buddhisten. Frühstück und Abendessen vereint die Mitglieder der Kolonie, unter denen aber, wie mir gesagt wird, kein enger persönlicher Zusammenhang besteht. Jedenfalls wird er nicht gesucht. Als ich Dr. Cousins frage, ob sich etwa unter den Anwesenden spiritistische Zirkel gebildet hätten (die Frage liegt nahe, ein Punkt der Richtlinien betont ja die Erforschung okkulter Kräfte im Menschen), wird mir die Antwort gegeben, daß solche Zirkel nicht bestünden; man konzentriere sich auf wissenschaftliche Arbeit. Indes, die meisten der Anwesenden kennen sich kaum noch, sind erst seit kurzer Zeit beisammen. Beim Einfahren in den Garten habe ich eine Anzahl junger indischer Schüler im Alter von acht bis zwölf Jahren unter den Bäumen in Scoutsuniform allerhand Exerzitien vollführen sehen. Dr. Cousins will es nicht wahr haben, daß diese Theosophenscouts, angehende Pfadfinder in der Dschungel brahmanischen Wissens, im Grunde nichts anderes vorstellten als die von Baden-Powell für die nächsten Kriege des imperialistischen England dressierten kontinentalen Jungmannschaften. Sie sollen, so sagt Dr. Cousins, sich durch ihre Übungen den gesunden Körper schaffen, in dem der gesunde Geist, usw. Das Training habe manchen schmächtigen Knabenkörper bereits so weit gestählt, daß mit ihm allerhand Kunststücke auszuführen waren, z. B. steifes Liegen auf zwei Stuhllehnen, unter dem Nacken eine, unter den Fersen die andere (hmhm!) – aber auch praktische Arbeit, wie Aufhalten von Waldbränden durch Umhauen von Bäumen –, im übrigen brauche man in Indien ja keine Schutztruppe vorzubereiten, die Krieger und zum Kriegshandwerk Prädestinierten bildeten eine Kaste für sich. (Kein besonders einleuchtendes Argument.) 126 Nun ist aber Adyar ein Zentrum nicht allein für wissenschaftliche Arbeit, sondern auch für politische, und zwar für eine recht bedeutungsvolle, deren im wesentlichen pro-indischer und Homerulecharakter allerdings dadurch gemildert ist, daß Adyar das Verbleiben eines freieren Indiens im englischen Imperium zur Bedingung stellt, über die nicht gestritten werden darf. (Die national-indische, die Swarajbewegung, über die in anderem Zusammenhang gesprochen werden muß, will dagegen das Land ausdrücklich außerhalb des Empire gestellt wissen.) Immerhin hat die Kolonie während des Krieges manche Verfolgung von seiten der Regierung erduldet; Annie Besant war eine Zeitlang interniert, bis sie sich schließlich durch ihre Haltung gegenüber Gandhi bei den Swarajisten ebenso unbeliebt machte, wie sie unter den englischen Nationalisten verhaßt war. Die weiblichen Arbeiter der Bewegung haben, in dem zielbewußten Streben der Theosophischen Gesellschaft nach einer Vereinigung des englischen und des indischen Menschen in gegenseitigem Verstehen und Liebe, grundlegende Reformen in bezug auf die Stellung der indischen Frau durchgesetzt (besonders Mrs. Cousins hat in dieser Sache ihre Verdienste); ihr Werk ist es, daß die Frauen in drei indischen Staaten das Stimmrecht erhalten haben, in Stadtverwaltungen, Gerichtshöfen, im Jugendgericht, in Erziehungs-, Hygiene- und ähnlichen Kommissionen sitzen, eine sitzt sogar im Nationalkonvent; und trotz des Mißtrauens, das die Regierung den Theosophen entgegenbringt, sind es durchweg Mitglieder der Th. G. (also kulturell hochstehende Frauen), die zu diesen Ämtern zugelassen wurden. – Ich habe mir in der Buchhandlung von Adyar (merkwürdig, merkwürdig, was für englischer Unterhaltungsschund da feilgeboten wird!) eine Broschüre der Besant, ein kurzes Exposé über die Erziehung der unterdrückten Klassen, gekauft. Ein durchaus revolutionär anmutendes Elaborat dieser genialen Frau. Wäre sie nicht Engländerin, d. h. hätte sie nicht das nationale Brett des Inselbewohners vor dem Kopf, litte sie nicht an der typisch englischen Überschätzung der äußeren Formen des täglichen Lebens, wer weiß, sie dürfte Kommunistin genannt werden. Ringsum, in dem wunderherrlichen Garten mit den weiß- und rotbemalten Bauten und Bungalows, dann weiter draußen im Nachbarort 127 Guindy, sind Schulen und Internate, in denen Kinder und Jugendliche nach den Prinzipien der theosophischen Brüderlichkeit, aber in all den üblichen Materien des Mittelschulwissens und der neuen Handwerksschule unterwiesen werden. Montessori-Kindergärten. Die Olcott-Schule für Kinder der umwohnenden Armen tiefster Kaste.   Am frühen Morgen des dritten Tages fahre ich durch das im Nebel des Monsungewitters dampfende Madras hinaus nach Adyar, um die Vorträge zu hören, die für diesen Morgen angesetzt sind. Vorige Woche hätte ich eine Reihe interessanter Darstellungen miterleben können, die sich um den Begriff der Substanz gruppierten. Ich will diese Vortragsreihe hier aufzeichnen; sie gibt einen Begriff von der Arbeit dieser Akademie brahminischen Wissens. Nach einem einleitenden Vortrag über das Wesen der Substanz in hinduistischer Auffassung behandelten die Dozenten: die Substanz des menschlichen Körpers, der Pflanze, der Musik, der Literatur; die Spektralanalyse; die Rolle der Substanz in der christlichen Offenbarungslehre; transzendentale Erklärungen des Wesens der Substanz; die übersinnlichen Substanzen und ihre Erklärungen durch die Theosophie. (Eine frühere Vortragsreihe behandelte im Zusammenhang die Glaubensgebiete des Zoroaster (des heutigen Parsismus), die chinesische Mystik, Ursprung und Wachstum des Islam, die Literatur des Sanskrit, der Tamilen, Kunst und Religion der Ägypter.) Heute sprechen Dr. Cousins und ein junger Inder, Venkatachalam, Sekretär der Aschram, über früheste buddhistische Architektur in Südindien (aus dem, wie überhaupt dem ganzen indischen Kontinent, der Buddhismus vor dem Hindu- und Mohammedanismus zurückgewichen ist) und über die Aufeinanderfolge der Stilarten in der Architektur der heiligen Stätten Südindiens, besonders des Deccangebietes. Da der Regen mit großer Gewalt einsetzt, versammeln wir uns nicht unter dem heiligen Baum, sondern in einer offenen, strohgedeckten Halle in der Nähe eines kleinen künstlichen Lotosteiches, vor dessen Pavillon, wie mir versichert wird, bei schönem Wetter ganz reizende » five o'clockteas « abgehalten zu werden pflegen. In einem Intervall von Sonnenschein übt die dänische Theosophin mit einigen Mitgliedern der Kolonie im Freien mensendieksche 128 Bewegungen. Aber schon kommen die Vortragenden, Dr. Cousins und der junge, temperamentvolle Inder, und wir betreten die Halle. Nun stehen nacheinander zwei alte Männer in fremdartiger indischer Tracht auf und rezitieren in mir unverständlichen Idiomen Sätze, die wie Beschwörung oder Gebet klingen; zuletzt erhebt sich Dr. Cousins, um in englischer Sprache das höchste Wesen, die Eine Kraft, um Reinheit des Körpers und der Seele und um Heiligung des Wunsches nach Wissen und Weisheit anzuflehen. Während alle Augen zu Boden gerichtet sind, betrachte ich die beiden Männer, Cousins, Venkatachalam, diese beiden wunderbar klaren, hoch entwickelten Exemplare der arischen Menschenrasse. Hell und zarthäutig, rosa, blond und mit früh ergrautem seidenweichen Haar der Ire, ein beruhigter, durchsichtiger Mensch, mit heiter-gütigem Blick, der gern in die Ferne sieht, mit harmonisch meditativer Ausdrucksweise; das schmale, jünglinghafte braune Adlergesicht des Inders, zuweilen in einem Aufleuchten hingerissen, offenbar durch die naive Freude an der Mitteilung dessen, was er weiß, und der Wirkung, die er auf die fremdrassige Hörerschaft ausübt, die seine Befangenheit rasch überwindet, fortstreicht. – Aus den Ausführungen Cousins berührt mich eine merkwürdige Gegenüberstellung des westlichen und östlichen Schönheitsbegriffs sonderbar, weil sie sich in diametralem Gegensatz zu meinem Erlebnis in Madura befindet! Die Venus von Milo, erklärt Cousins, sei Schönheit um der Schönheit willen (das verächtliche » l'art pour l'art « des religiösen Menschen!), Hindukunst aber stelle die Schönheit (er sieht also Schönheit in der Hindukunst; ich sah nur spärliche Einzelheiten aufzucken, im barbarischen Gesamtbild untertauchen!) bewußt in den Dienst der Idee, sie sei Ausdruck einer Gläubigkeit und wolle nichts anderes sein. Diese Gegenüberstellung beweist mir, auf welche Weise diese weißen Menschen dahier ihr Denken und Fühlen mit östlicher Auffassung durchtränkt haben. So sehr haben sie kapituliert, sind sie ihrer Heimat entwurzelt, daß der Gotteskult der Griechen durch die Darstellung des harmonischen Ebenmaßes menschlicher Körperformen ihnen gleichgültig erscheint und sie das Dämonisch-Verzerrte in der befremdlichen Auffassung auch der anmutigsten weiblichen Hindugötter, wie der Gattin Schiwas, Parvati, oder 129 des weiblichen Gegenstücks Wischnus, der Göttin des Reichtums, Lakschmi, ja sogar der Geliebten Krischnas, Radha – der Verkörperung der Liebe der Seele zu Gott –, vollkommen übersehen! Eine weitere Bestätigung dieser östlichen Orientierung gewährte die Erzählung, die Cousins von einem Erlebnis im nordöstlichen Indien in seinen Vortrag einflocht: in der Dagaba eines kleinen entlegenen Tempels war ein Goldkasten ausgegraben worden, der einen Stirnknochen Buddhas enthalten sollte. Der Kasten wurde Cousins, dem Europäer, in die Hände gegeben, eine besondere Auszeichnung, und seines Geistes bemächtigte sich eine Vision: ein Lichtkegel schien von oben herab auf seinen Scheitel und das Behältnis zwischen seinen Händen zu fallen, und alle seine Gedanken, sein ganzes bewußtes Ich waren durch diese Helle im Nu fortgeschwemmt. In der Nacht hatte er dann einen Traum: er flog und wunderte sich beim Aufwachen über die irdische Schwere und Unfähigkeit der Menschen, sich frei und leicht vom Boden aufzuschwingen. – Wichtiger, als was er über sein Thema auszusagen hatte, schien mir diese Probe zu sein, auf welch wunderliche Art östliche Vorstellungswelt einen hochentwickelten europäischen Intellekt wie den primitiven eines gläubigen Orientalen bis zum Trance durchdringen kann!   Im Monsunwolkenbruch nach Madras zurück. Sonderbares Stilgemenge, Stildurcheinander. Colombo war eine Verkuppelung des Orients mit Amerika, hier aber, in den breiten, pompösen Anlagen, Hydeparks, Whitehalls, Mansionhouses, mächtigen und Macht repräsentierenden gotisch-maurischen Verwaltungs- und Direktionspalästen angloindischer Aktiengesellschaften und Regierungsgebäuden: eine Apotheose des viktorianischen Zeitalters – zugleich aber des unstillbaren Heimwehs des Kolonialengländers nach dem Mutterland und der Hauptstadt des Weltreichs. All das veraltet, zopfig, irgendwie nicht mehr unserer Zeit angehörend. Eine Prozession – Gedränge um einen Karren, auf dem Hindugöttinnen von einem Tempel zum anderen spazierengefahren werden, hält unsern Autoomnibus auf, der mit gewaltsamem Tuten den Trommel- und Flötenschall um den Karren übertönen, sich Platz zum Weiterfahren schaffen will. Einen Augenblick lang hat es den Anschein, als 130 sollte unser Vehikel von den mit Fäusten und Stangen wild auf uns eindringenden Schiwagläubigen umgeworfen und in die breiten Pfützen niedergetreten werden. Aber wir entkommen im letzten Augenblick geschickt durch eine Seitengasse. Wie wir vor dem Aquarium halten, hat der Monsun aufgehört. Entzückend liegt im blauen Licht die Bai von Bengalen vor mir. Einen letzten Gruß, rasch, ehe ich Madras verlasse, euch, Fischen, Molchen, Schlangen und Eidechsen, Schildkröten und Krokodilen, Gotteskreaturen von unerhörter Pracht, derengleichen das Auge nie gesehen hat! Ein Fisch schwimmt daher, ganz aus orangefarbenen und purpurroten Fetzen zusammengeflickt, er schwimmt nicht, er weht durch die Perlen der prickelnden Kohlensäure im Bassin. Der Holocanthus, violett und malvenfarbig gemustert wie ein Sofapolster im Boudoir einer Filmdiva. Schwarzgelbe melancholische Karpfen, an die ehemalige k. k. Armee erinnernd, neben riesigen aufgequollenen Warzenfischen, die mit breit schmatzendem Maul und zynisch hängender Kapitalistenunterlippe an die Inflationszeit gemahnen. Zwei verwandte Arten: flache, schwarzweiß gestreifte Fische, wie halbierte Schmetterlinge anzusehen, der horizontal liniierte Therapon, der vertikal liniierte Heniochus, in getrennten Bassins selbstverständlich, sie würden sich, zusammengesperrt, in kürzester Zeit gegenseitig aufgefressen haben. Jawohl, Gotteskreaturen auch sie, Geschöpfe und Inkarnationen der ewigen, einigen Substanz, mit unbekannten, aber ergründbaren Instinkten, jedenfalls mit bestimmten Begriffen und Vorstellungen von Gott in ihren Glaskästen umherschwimmend. Hier aber, hier vor mir, in der Mitte des Aquariums, mein Liebling: der Gupati. Einschichtig, von allen verlassen, kreist er in seinem trüben Tank umher. Hallo, Gupati, was hältst du vom Schönheitsbegriff der Griechen? Was hat es mit dem Ausdruck der Gläubigkeit in der Darstellung der hunderttausend Elefanten und Affen und Drachen und Lingamgötzen der Hindu auf sich? Sollten am Ende die Theosophen recht haben, die alle Religionen auf eine einzige, den Generalnenner sozusagen, zurückzuführen gedenken, durch sittliche Lebensweise, Konzentration und dreisprachiges Gebet vor den Morgenübungen? 131 Grau und mit reichlich zerschundenen Flossen, ein stachliges Biest, daher allein, schwimmt der Gupati stumm in seinem Tank auf und nieder. Zuweilen rennt er mit dem Schädel, einem knochig querköpfigen Gebilde, gegen die Wand – ich kenne das; leb' wohl, Bruder.   Leben, Tod und Auferstehung in Indien 1 Bombay Ist dieser Arc de Triomphe, den die Engländer aus schwerem Stein und protzig auf den Apollo-Kai hier unter meinem Hotelfenster hingestellt haben, um den Besuch ihres Königs Georg und seiner Königin zu feiern, wirklich die Pforte Indiens? Reisebücher behaupten es, und der Engländer, der auf dem Seeweg aus Europa in das Land eintritt, glaubt es ihnen wahrscheinlich. Die Pforte Indiens aber ist viel eher das düstere, aus dem Granitberg gehauene Tor des Felsentempels drüben in der Bucht, auf der geheimnisvollen Insel Elephanta. Tritt man in dieses schaurige, von breiten Säulen getragene Heiligtum ein – ein Berg lastet auf diesen Säulen –, so löst sich aus dem Dunkel das ungeheure Dreihaupt: Brahma, der Schöpfer, Schiwa-Wischnu, der Erhalter, Schiwa-Rutra, der Zerstörer, langsam und todernst heraus; an den beiden Flanken im Fels reckt sich der Lingam, der steinerne Phallus, aus der Steinhöhlung der Felsenschale heraus, die den weiblichen Schamteil versinnbildlicht, aktive und passive Gewalt der Schöpfung vereint sich zum Glaubenssymbol, dem Kruzifix des Hindu. Das Tor ins Allerheiligste dieses Mutterlandes der Religionen tut sich aus dem Dunkel der Erde auf, es führt in den Bergesschoß und hinunter in die brauende Legende des Weltschicksals. Leben und Tod stehen zu beiden Seiten nur wie die verstümmelten Torwächter aus Felsgestein, der Ruhende Gott und der Tanzende Gott, zweierlei Personifikationen des einen, rätselhaft Ewigen, an dessen Sinn sich das Vorstellungsvermögen des irdischen Hirns seit Urzeiten entzündet und zerstößt. Leben und Tod und das Dritte, tief im Felsenberg Verborgene, von keinem Menschenwerkzeug je aus dem Innern der Welt herausgehauene 132 Mysterium der Auferstehung, – ich habe sie alle drei im Sonnenglanz unter dem flimmernden Himmel des heißen Landes erblickt, das Trimurti des irdischen Menschen, an der Pforte Indiens habe ich das geheimnisvoll lächelnde Dreigesicht aus der Höhle der Insel auftauchen sehen, übergroß, doch nicht schrecklich, aus dem Stein des Felseneilandes Elephanta in der Bai von Bombay.   Der Jaintempel ist ein kleines, verstecktes, ärmliches Heiligtum mitten in der geräuschvollen Bazarstadt des alten Eingeborenenviertels. Um ihn herum lebt das niedere Volk der reichen Stadt in einem Winkelwerk von engen Gassen und Gäßchen, zusammengepfercht in oft bis zu sieben Stockwerken emporgereckten Mietskasernen. Die Jain sind eine den Buddhisten nah verwandte Glaubensgemeinschaft, die von der Fortdauer und Wiederverkörperung der Seele, nachdem sie alle Stadien der irdischen Prüfung durchlaufen, eine besonders innige Anschauung hat. Der Jainismus war es, der den Hinduglauben dermaßen beeinflußt hat, daß seine Befolger das Tieretöten und Fleischessen aufgaben (Ramakrischna ist noch ein gewaltiger Jäger!); ein milder Glaube. Am Rande des Gebäudekomplexes, der zum Bezirk des Jaintempels gehört, ist ein kleiner Platz von fremdartigen, ganz kleinen Häusern und Höfen gelegen. Er fällt zuerst dadurch auf, daß um einen Brunnen in seiner Mitte und auf den Firsten der Häuser ringsum Tausende grauer Tauben sitzen, Körner pickend, mit den Flügeln schlagend, gurrend; es ist aber kein Markusplatz, die Tiere finden ihre Nahrung immer erneut aus den Händen der Armen, die in diesem Bezirk um den Jaintempel ihre Wohnstätten haben. Eine Häuserecke weiter tritt man durch ein breites Tor in einen weitläufigen Hof. Zuerst glaubt man in ein großes Schlachthaus gekommen zu sein, eher noch auf einen Schindanger – es ist aber genau das Gegenteil: es ist Pantschrapol, das jainische Altersheim für alte, kranke, ausrangierte Tiere; Pferde, Hunde, Rinder, viele Gattungen sind vertreten. So ist da z. B., von Draht umgeben, ein kleines Bassin, in dem ein einsames, altes Stachelschwein döst. Es liegt ganz müde und stumpfsinnig da, hat noch alle seine Stacheln, benutzt sie aber offenkundig nicht mehr; es läßt die Welt in Ruhe und wird von ihr in Ruhe gelassen. 133 Aus einem der Ställe ringsum – er trägt in diesem Zoo eigener Art die erklärende Tafel: » Weakcattle « (»Schwaches Vieh«!) – kommt ein greiser, schwarzgrauer, ganz aus dem Leim gegangener Ochse herausgetrottet. Nachdenklich bleibt er vor dem schlafenden Stachelschwein stehen, wie ein alter Berufsgenosse, der einmal mit dem nun gleichfalls pensionierten Freund Erinnerungen auffrischen möchte; nach einer Weile aber macht er kehrt, trollt sich in seinen Stall zurück, wo er sich aufs Ohr legt, dem Tod entgegenzuschlafen. (Weiß Teufel, warum ich plötzlich an das »Haus der Gelehrten« denken muß, das ich vor fünf Jahren im Winter an der Newa besucht habe?) Nebenan trägt ein Stall die Aufschrift » Blind Cattle «. Sodann ist da ein Drahtverschlag, hinter dem ein halb Dutzend armer räudiger Hunde sein armseliges Leben fristet. Ein kleiner, ganz heruntergekommener Foxterrier sitzt da, mit rosigem Schorf über seinem zitternden dürren Leib, kann nur mehr blinzeln, während andere noch ziel- und zwecklos herumlaufen, sich zuweilen verzweifelt an dem Gitter wundreiben, sich ein wenig beriechen, wohl auch noch munter zu springen versuchen, bis sie sich dann müde in einer Ecke beim Futtertrog verkriechen. – Ein Stall ist da, mit alten Kühen ohne Milch, und einer mit Rindern, die gebrochene Beine, ganz grotesk und schief zusammengewachsen, vor sich her schlenkern, von sich strecken oder hinter sich herschleppen. Und in einem anderen nebenan stehen, pathetisch anzusehen, alte Rosse, müde und stumpf. Über all dies Vieh, das da seinem Nirwana entgegenträumt, braust der Lärm des geschäftigen Bazars hinweg. Das Klingeln der Wagen und Trams flattert in den Frieden der armen Kreatur herein, die die Ehrfurcht der Jain vor dem Geschlachtet-, dem Geschunden-, dem Gefressenwerden, dem Mord schützt. Leichtfertige Affen turnen im Geäst der Bäume von Pantschrapol; halbnackte Wärter der Tiere gehen zwischen den Drahtverschlägen auf und nieder, schleppen Futter herbei, fegen Unrat davon, heben grüßend die Hand zur Stirn, lächeln froh, wenn sie eine kleine Nickelmünze erhalten, wissen nicht, wo sie sie hinstecken sollen, so nackt und arm sind sie. Unterm Torbogen, da ist eine Büchse, man kann Gaben in sie werfen, 134 für den Unterhalt der Tiere; und im Tempel der Jain, der mit goldgerahmten Porträts zeitgenössischer Stifter und Apostel der Sekte geschmückt ist, hat der Abendgottesdienst angefangen. Jawohl, man kann ihn fast einen Menschendienst nennen. Durch das Tor des weitläufigen Gebäudes neben dem Tempel strömen und stürmen unaufhörlich die Massen des Orientvolkes, Alte und Junge, jeder hat für sich zu sorgen, und bald bin ich von einer Schar staunender und gaffender Menschen umgeben, denn hierher verirrt sich selten ein Fremder, was hätte er auch hier zu suchen. Ich stehe selber wie ein altes müdes Vieh da und mache mir meine Gedanken – wer wird für mich sorgen, wo werde ich mich niederlegen dürfen, wenn ich nicht mehr weiter kann? Für unsereinen gibt's kein Pantschrapol. 2 Die Türme Nächsten Morgen liegt die Landzunge der Malabarberge vor Bombay im Nebel der aufgehenden Meerdünste. Rasch fährt das Auto die Strandstraße entlang, der herrlichen Kurve der Bai folgend. Auf Malabarhills haben die Reichen ihre Villen, Paläste, Bungalows, Prunkgärten. Es ist der vornehme westliche Vorort der mächtigen Hafenstadt. Sehr früh ist's noch, doch kommen von dort her schon viele Equipagen, luxuriöse Limousinen mir entgegen, in die Bureaus der Stadt gefahren. In ihnen sitzen gewichtige, schwarzgekleidete Herren von ausgesprochen semitischem Typus; viele mit goldenen Brillen auf der Nase, die tief in der Morgenzeitung steckt. Die merkwürdige Kopfbedeckung, ein oben abgebrochener Zuckerhut aus Glanzleinwand, ohne Krempe, bezeichnet sie als Parsen . Sie sind die Herren des Handels in Bombay. Eine Handvoll mächtiger Kaufleute, Reeder, Industrieller; harte, kluge Leute – die erstaunliche Anzahl von Marmormonumenten alter, semitisch aussehender Herren mit abgebrochenen Zuckerhüten auf dem Kopf beweist nicht nur ihre aktive Teilnahme an den kulturellen Institutionen der Stadt, sondern auch, daß sie sich mit den Engländern glänzend zu stellen wissen: kein Wunder, beide wollen in dem Lande (in dem sie eine winzige Minderheit darstellen) 135 gute Geschäfte machen. Warum sollten sie sich nicht vertragen? (Es gibt keine wilderen Feinde der Swarajbewegung als die Parsis. – Ein Witz der Weltgeschichte: der einzige kommunistische Abgeordnete des Londoner Unterhauses, Saklatvala, ist Parse!) Zwischen den Equipagen, ebenfalls von Malabarhills kommend, nackte, wirrhaarige, langbärtige Männer, ganz mit Asche bestrichen, Amulettschnüre, Blumenkränze um den Hals. Mancher trägt einen gelben Schurz. Mancher hat einen hohen Stab in der Hand, eine Blechschale an einem Strick um die Hüfte gebunden: Bettler, Pilger, Büßer aus der heiligen Siedlung Walkeschwar, die sich inmitten der Villen, Prachtgärten und Paläste oberhalb des Gouverneurparks auf Malabarhills erhebt.   Die Türme des Schweigens, zu denen ich in dieser frühen Stunde des Tages fahre, stehen in einem bezaubernden Garten von tropischem Überschwang an Duft, Farbe, Lieblichkeit. Weiße Stufen führen vom Torweg zu einer Plattform hinauf, auf der die Kapelle der Parsen sich erhebt, in der die Leidtragenden nach Einlieferung der Leichen um ein ewig brennendes, ewig neugeschürtes Feuer von duftigem Sandelholz Augen und Seelen vom Element der Trauer trocknen und reinigen. Ungefähr zwei Stunden dauert die Zeremonie in der Kapelle. Daweil ist in den Türmen die Leiche, die die Leidtragenden mit sich gebracht haben, schon lange bis auf das Skelett, das bare Knochengerüst abgenagt. – Es ist, als ich ankomme, noch früh. Die Toten werden erst in zwei Stunden eingeliefert werden. Türme des Schweigens Man sieht am Rand der Türme, die großen, offenen Zisternen ähneln, Geier hocken. Schwarze, mächtige Tiere auf den weißgetünchten Mauern der runden Türme. Kaum haben die Leichenträger auf eisernen Bahren die ersten Toten in die Türme getragen, stürzen sich die dunkeln Vögel ohne Gekreisch auf den Leichnam, ein wilder Kampf entspinnt sich, an dem nur der tote Mensch kein Teil hat, und ehe noch die Tränen der Leidtragenden, wie ich annehme, von der Glut des flackernden Sandelholzfeuers getrocknet sind, ist hier, hundert Schritte weit von der Kapelle im Turm, der mitten in diesem tropischen Wundergarten steht, von dem Toten, 136 es mag ein Kind gewesen sein oder eine junge Frau, gestern noch in voller Blüte, im unendlich holden Zauber der körperlichen Erscheinung, der Mund mit roten Lippen lächelnd, das Auge voll blinkendem schelmischen Sprühen – nun, genug. (Die Würmer lassen sich Zeit.)   Die Religion der Parsen hält, wie die der Juden den »Peger«, den toten Körper für unrein, unwürdig der Heiligkeit der Flamme wie der Erde. Fleisch zu Fleisch – das heißt: Mensch zu Geier; und später, wenn die Sonne das Gebein gedörrt, der Monsun es zerrieben und aufgelöst hat, der Rest durch die Kanäle der Türme hinunter in den Schlamm der See . . . Aber, wie denn, wenn die Seele – ich glaube daran, ich habe Ursache, daran zu glauben –, wenn die Seele den Körper, der ihr als Obdach diente, erst eine geraume Weile nach dem Aufhören der körperlichen Funktionen verläßt? Etwa erst, nachdem die Sonne zweimal auf- und niedergegangen ist? Hast du nie, in deinem tiefsten Innern, während du im Krematorium der Zeremonie beiwohntest, den erschütternden Schrei der überrumpelten, vergewaltigten Seele vernommen, der man keine Zeit gegönnt hat, die leibliche Hülle zu verlassen, ihre Habe aus den Atomen für die Reise zusammenzusuchen? Die versengten Flügelränder des zarten, gemarterten Schmetterlings . . . Mein Führer durch den Garten, ein ernster, wortkarger junger Parse, steht vor mir mit ausgestrecktem Arm. Er weist der Reihe nach auf die fünf Türme: die Begräbnisstätten der Menschen seines Glaubens. Ich habe auch schon ein Modell aus Beton und Blech besichtigt, das einen solchen Turm von außen und innen mit allen seinen Einzelheiten darstellt. Ziemlich tief unter dem Rand des offenen Gemäuers befindet sich eine riesige runde Eisenscheibe, die in drei konzentrische Kreise geteilt ist. Der breiteste nimmt die Männer auf, der zweite die Frauen, der innerste, engste die Kinder. Die Füße aller drei Kategorien weisen nach dem Mittelpunkt dieser Scheibe, dieses Rostes, unter dem sich Kammern mit Abflußschächten nach den vier Himmelsrichtungen befinden. 137 Zwei, höchstens drei Wochen liegt ein Skelett nur unter dem Himmel – aber dies ist ja einerlei: denn, wie gesagt, wenige Minuten schon nach der Einlieferung haben die Geier an dem Neuangekommenen jedes Interesse verloren. Arm und reich – sagt der junge Parse –, arm und reich liegt nebeneinander. Der Glaube macht keinen Unterschied. Aber: ein Turm ist doch den Selbstmördern und Hingerichteten, ein anderer den Stiftern und oberen Zehntausend der Gemeinde, die hier vielleicht nur hundert sind – denn die Zahl der Parsi ist gering, hunderttausend –, vorbehalten. –   Ich bleibe, vom Zauber der Blumenterrasse, deren Düfte sich, wie die Sonne steigt, erheben, ganz benommen, ganz betäubt, länger auf der Bank vor der Kapelle sitzen, als das Besuchern erlaubt ist. Aus dem Laub der Bäume im weiten Garten taucht das Weiß der Türme auf. Ich denke daran, wie mein Vater starb. An einen Freund, den ich in seinem Sarg liegen sah. Wie es wäre, sollte ich einen geliebten Menschen, dessen zu weiße Hand ich in der meinen gehalten, an dessen zu roten Lippen sich mein Blick, mein Mund festgesogen hat, in diesen tropischen Garten tragen sehen, hinter jener kleinen Eisentür, die ins Innere des weißen Turms führt, verschwinden sehen . . . Schlafend, schlafend noch fast . . . Ich vermag es mir nicht auszudenken, daß die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft einer Sekte, das in das Bewußtsein eingegangene Dogma von der Unreinheit des Körpers, dessen Funktionen kaum erst erloschen sind, stark genug sein könnte, das Grauen niederzudrücken, dieses elementare Grauen, dieses vernichtende Grauen . . . Einige Male schon ist der junge Wärter zu meiner Bank gekommen, mahnend, mit mürrischem Gesicht. Es ist Zeit: neun Uhr. In der Luft, über mir, hart über meinen Kopf weg, schwirrt es dahin. Zwei dunkle, breitbeschwingte Vögel. Ich blicke ihnen in der Richtung ihres Fluges nach. Sehe zwischen den Gebüschen von der weißen Treppe her, über die ich in den Garten heraufgestiegen bin, zwei Träger mit einem eisernen Bett, darauf etwas mit weißem Tuch Bedecktes liegt, auf einen der Türme zugehen. Ich muß den Garten verlassen. Es gelingt mir schwer; die Gelenke 138 sind bleiern, als hätten mich alle Lebensgeister verlassen. Die Bruchstelle unter dem Handgelenk des rechten Armes meldet sich auf einmal, schmerzt, zuckt auf. Im Gehen sehe und höre ich, wie die Geier vom Rand des Turmes da vor mir, auf dem sie die ganze Zeit reglos gehockt haben, aufschwirren, eine dunkle Wolke, und über die Baumwipfel weg dorthin fliegen, auf jenen Turm zu, auf den jetzt die Leichenträger zuschreiten. 3 Dies ist die Stadt der Maya Aus einem blutroten Torbogen taucht ein weißer Marmordom, ein Marmorminarett auf – hoch ragend, doch zart gegliedert – alles verdoppelt, in einem schmalen, in Marmor gefaßten Wasserlauf sich spiegelnd –, dies ist Taj Mahal – aus Marmor, schneeweiß, ein wenig wolkig, beim Näherschreiten ein bläulicher Schein hier und dort im Stein, auch ein wenig Rosa, zart durch den Marmor schimmernd, in der Mitte aber, über der weißen Terrasse, gerade im Mittelpunkt der Spiegelung, ein winziges schwarzes Loch – der Eingang in den Riesendom, groß genug, um einen schmalen Sarg ins Innere zu schieben, denn Taj Mahal ist ein Grabmal, in Agra gelegen, Akbars, Jehangirs, Schah Jehans, Aurengzebs Stadt, der Stadt der Mogulen, und das Domgrabmal, Taj, ist von Jehan seiner Geliebten gesetzt, die seine Frau war, mit ihrem Kosenamen Mumtaz i Mahal hieß, Mahal: Palast, Mumtaz: die Erwählte, Taj Mahal: der Palast des Todes und der Erinnerung.   Schah Jehan war ein mächtiger Herrscher, und der Taj ist so schön, daß die Moslims hierher kommen, um Allah anzubeten. Und doch war die Mumtaz nur ein sterbliches Weib, keine Heilige; mit ihrem wirklichen Namen hieß sie Arjemund Banu, ihr Vater Asaf Khan Yamin ud Daula, sie wurde die Frau des Schahs und starb im Kindbett. – Die Sonne scheint auf das Wunder des Taj; die Sonne löst das Marmorwerk, göttlich, als wäre es aus Mondstrahlen, Sterngefunkel, Milchstraßennebel erbaut, in eitel Licht auf. Taj ist wirklich eine Wolke 139 geworden, schimmerndes Phantom – nur das kleine dunkle Tor, nicht größer als ein Sarg, ist Wirklichkeit. Sie war wohl jung, sie war jung, Arjemund Banu, Mumtaz i Mahal, die jüngste unter den Frauen des Schahs, dem das Land gehörte, Indien, mit allen Frauen, allen Schätzen, sein war Macht und Herrlichkeit der Erde. Wie klein ihr Sarg, hinter dem Spitzenschleier aus Marmor, unter dem Baldachin aus Edelsteinen! Die Blumen, die den Marmor ritzen, Jasmin, Rose, Feuerlilie, Veilchen und Lotos, sind aus allen Edelsteinen, um den Duft der blühenden Blumen in das Schattenland des Todes zu verpflanzen; aus Beryll, Chrysopras, Aquamarin, Karneol, Koralle, Amethyst und dem seltenen Sung-Nakhud, den man im Fluß Kumaun findet. Mumtaz i Mahals Grab Wie klein ist dein Sarg, Mumtaz, welch ein Riesendom für solch einen winzigen Sarg. Du warst sehr jung, die Frauen des Schahs waren alle in den Künsten der Liebe erfahren, sie kannten den Krampf, die Lockerung und Lösung, das Verzögern, die rauschende Überstürzung. Du kanntest nichts. Keine der zahllosen Stellungen des Genusses war dir bekannt, du warst aus königlichem Geblüt, der großen Nurmahal Lieblingskind, du warst jung, wie hättest du von den Künsten gewußt, du warst jung und klein, jünger als alle Frauen des mächtigen Herrschers, vielleicht hast du kindisch einen glänzenden Stern an einem seidenen Kettchen in deinem jungen Haar verborgen, das war dein einziges Geheimnis. Deine Hände waren zart, wie die Zehen des jungen Rehs, deine Lippen ganz klein und schmal und röter als die all der anderen Frauen, du warst so zart, Mumtaz, daß das Kind, das du gebären solltest, deinen jungen Leib zerriß. Wie zart war der mächtige, fächerbärtige Schah, als er sich über dich niederbeugte, um dich nicht zu zerreißen mit seiner Begierde, du legtest deine kleine Hand über deine Augen, den Handrücken über deine Augen, die Handfläche, die die Dienerinnen dir mit Blütensaft rot gefärbt hatten, nach außen gekehrt, du warst so jung, darum der überirdische Schmerz des Herrschers über Völkermillionen, darum dieses Wolkenwunder aus überirdischem Steinkristall, das sich im Wasser spiegelt – wärst du älter geworden, nie hätte Schah Jehan dir diesen Dom gebaut, nie aus dünnen Buchstaben von schwarzem Marmor die neunundneunzig 140 heiligen Namen Gottes in deinen kleinen, schmalen Sarg meißeln lassen! Wärst du älter geworden, Mumtaz, er hätte sich eine Jüngere gesucht, das ist der Lauf der Welt, und du wärst begraben, irgendwo, niemand kennt die Gräber der anderen, ja selbst Nurmahals Grab ist unbekannt, aber deines kennt die Welt des Islam, Indien, die ganze, weite Welt . . .   » Your Honor ,« sagt der junge Führer, der mich nächsten Morgen durch die Moscheen, die Paläste, die Trümmerstätten des Forts führt, der Festung von Agra – er heißt Aziz Khan, sein Beruf, er ist Führer –, » your Honor , wir steigen nun die Treppen hinauf zum Palast Schah Jehans. Mumtaz i Mahal war seine Lieblingsfrau, neben ihr hatte er zweihundertdreißig Sklavinnen – das ist viel, wenn man Akbars Genügsamkeit in Betracht zieht, wenig, wenn man bedenkt, daß Jehangir über tausend besaß –, aber Mumtaz, der großen Nurmahal leibliche Nichte, war seine Bevorzugte. Sie war sechsunddreißig Jahre alt . . .« »Sechsunddreißig!!« ». . . . als sie starb, im Kindbett, nachdem sie ihrem Gatten bereits vierzehn Kinder geboren hatte . . .« »Vierzehn!!« ». . . darunter Jehanara, die allzeit Getreue, die bei Schah Jehan blieb, als ihr Bruder, Mumtaz' Sohn, der mächtige, tückische Aurengzeb, seinen Vater hier in diese Festung sperren ließ, wo er sieben Jahre lang festgehalten wurde. – In einer Nacht, als sie den siebenten Monat schwanger war, weckte Mumtaz ihren Gatten und sagte: ›Das Kind weint in meinem Leibe!‹, und dann sagte sie noch: ›Oh, diese meine Augen haben einen lieblichen Freund gesehen, nur eine kurze Weile! Schmerz und Trennung ist unser Los, o mein Geliebter, weine Tränen von Blut, denn der Tag unseres Scheidens ist gekommen, ich höre das Kind weinen in meinem Leibe!‹ Und wenige Stunden später hatte das Kind sie getötet. Sie war von heiterem Gemüt, der Schah hat sie nie verschmerzt. Er hat einen Feldzug gegen das südliche Indien unternommen, aber nach Mumtaz' Tode mißglückte alles, Hunger und Pestilenz befielen das Reich, und er wurde ein Gefangener seines Sohnes. Als er zu sterben kam, bat er seinen Sohn, er möchte erlauben, daß man ihn auf einer Bahre zum Balkon über dem Fluß trage – nicht weit, nur drei Gemächer weit von der Kammer, in der 141 er so lange gefangen gesessen hatte –, um in der Ferne über dem Fluß den Dom noch einmal zu sehen, den er seiner Liebsten errichtet hatte, Taj, den Marmordom. Aurengzeb ließ dem Vater sagen, daß dagegen nichts einzuwenden wäre, und so starb Schah Jehan, in den Armen seiner treuen Tochter Jehanara, die Augen auf Taj gerichtet, den Dom in der Ferne.« » Your Honor ,« sagt Aziz Khan des weiteren, »es wird berichtet, daß Prinzessin Jehanara die Mitgift ausschlug, die ihr Bruder Aurengzeb ihr schenken wollte, fünf Lakh Goldrupien, damit sie sich ihrer hohen Geburt entsprechend verheiraten könne. ›Ich nehme von dir kein Geschenk an,‹ sagte Prinzessin Jehanara, ›ich bleibe meinem toten Vater treu!‹ Die anderen Geschwister aber hielten es mit Aurengzeb, denn er hatte die Macht!« »Gehen wir unter diesen Kolonnaden über den Hof,« sage ich dem Führer, »denn die Sonne brennt sehr heiß herab!« »Sehr wohl, your Honor ! Hier, sehen Sie, bitte, das Gold an der Decke – so war der ganze Saal geschmückt. Marmor die Wände, aus kostbaren Steinen eingelegt Blumen, dies ist der Jasminpavillon, weil lauter Jasminblüten in die Wände eingelegt sind, aus Topas, Elfenbein, Achat, Canaraporzellan und die Blätter aus Malachit. Hier, nebenan, in den kleinen dunklen Gemächern, waren die Bäder für die Frauen, die heißen, tiefen Marmorbassins, mit den zahllosen kleinen Spiegelchen in den Wänden, zwischen dem Gold und den Edelsteinblumen. Dort war das Gemach der Mumtaz – sehen Sie die Nischen im Marmor? In diese hinein legte sie ihre Armspangen, ihre kostbaren Halsgehänge, ihre Fußreifen, Ringe und Perlenschnüre. Wir treten jetzt in den kleinen Raum ein, bitte betrachten Sie hier diese aus dem Fußboden kunstvoll ausgeschälte Marmormuschel mit der Röhre in der Mitte: es war das Fußbad von duftendem Wasser, die Herrschaften wuschen sich erst die Füße, ehe sie nebenan in den Speisesaal gingen, von dem man – bitte treten Sie auf diese Seite – den Blick auf den weiten Hof hat, vor uns; aber betrachten Sie erst die Verzierungen an der Decke, an den Wänden des Saales, es sind die kostbarsten von allen. Hier stand die Tafel; als vor zwölf Jahren der Prinz von Wales, Seine Königliche Hoheit, das Fort von Agra mit seinem hohen Besuch beehrte, geruhte er, mit seinem Gefolge in diesem Saale einen Lunch einzunehmen.« Schah Jehans Fußbad 142 »Was sind das für Türen dort drüben in dem breiten weißen Bau, am anderen Ende des Hofes?« »Das, your Honor , sind die Türen, hinter denen sich die Wohngemächer der zweihundertdreißig Sklavenmädchen befanden. Der Hof hier unter uns, mit dem Springbrunnen in der Mitte, es schwammen Goldfische in dem Bassin, hieß der Rebenhof, weil zierlich gebaute Rebenstöcke in ihm standen, Arabesken-Ornamenten ähnlich. Wenn die Herrschaften gespeist und die Mumtaz und die Töchter des Schah sich in ihre Gemächer zurückgezogen hatten, dann traten aus den Türen dort drüben die zweihundertdreißig Frauen heraus und warteten. Hier aber stand Schah Jehan und wählte unter ihnen aus.« Sie traten aus den Türen, dort drüben, angetan für die Nacht, welche preßten ihre Brüste an die Marmorbrüstung und warteten, andere hockten nieder auf seidene Kissen und hoben die Arme über den Kopf, um das Geschmeide in ihren Haaren zu ordnen, und noch andere standen still und warteten auf den Blick des Herrn, der drüben in der Marmorhecke stille stand und seine Augen von einer zur anderen wandern ließ. »Das Schönste aber, your Honor , war der Baldachin, the Panoply , über dem Rebenhof: ein blaues seidenes Tuch, über den ganzen Hof gespannt, das die Sonne abwehrte; diese Decke war mit roten, gelben und weißen Blumen und Zieraten kunstvoll bestickt und benäht, wie berichtet wird, darunter war es kühl und schattig bei Tag, alles hatte ein blaues Licht und golden. Wenn die Nacht kam, dann wurde dies Dach fortgezogen, und der Sternenhimmel schien über dem Hof – hier aber sehen Sie die vielen ganz kleinen Nischen in den Marmorwänden, jede von einem Kranz aus eingelegten kostbaren Edelsteinblumen umgeben: hierher in die vielen kleinen Nischen stellten die Sklavinnen Lampen aus Gold, in denen wohlriechendes Öl brannte. Dann führten, auf jener Marmorestrade, die zum Rebenhof hinunter führt, Mädchen Tänze auf, die Musikanten aber saßen, unsichtbar, hinter jenem verdeckten kleinen Erker aus Marmor . . .«   Schah Jehan, Rebenhof, Marmordom Taj, wie könnte ich euch je vergessen, wie werde ich dich je vergessen können, wunderbares, wunderbares Indien! 143 4 ». . . Des heil'gen Stromes Well'n . . .« Frühmorgens, wenn in den Kasernen der englischen Garnison die Reveille geblasen wird, geht die Sonne auf über dem flachen, rechten Ufer des Ganges – hier aber, am linken, hoch gebauten, steigen über viele Treppen der heiligen Stadt Benares die Scharen der Frommen zum Strom hinab, um in ihm zu baden. Vor Dasasamedh-Ghat, der Stelle, an der Brahma dem Strome sein Zehn-Pferde-Opfer dargebracht hat, wartet das Boot, das uns gangesaufwärts die vielen Badeplätze entlang führen wird, bis zum Chauki-Ghat mit dem Feigenbaum, unter dem, auf hohem Säulenbau, der aus dem Wasser emporragt, unter großen gelben Bastschirmen in sich versunkene Mönche und Pilger, gelbgewandet, aschebestreut sitzen – sodann gangesabwärts, den Ruderern des schweren Bootes willkommen, bis zu den spitz und hoch in die Luft stechenden Minarettnadeln der Aurengzeb-Moschee, einem kecken, aufreizenden Bau, der über Pantschganga-Ghat, dem heiligsten Badeplatze, zur Demütigung der Hindu erbaut worden ist – von ebendemselben üblen Burschen Aurengzeb, der, aus Mumtaz i Mahals Flanken geboren, seinen Vater einsperren ließ, ein gewaltsamer Eroberer wurde, Herrscher über das gewaltige Mogulenreich, das nach seinem Tod bald auseinanderfiel. – Ein Ghat, Benares Pantschganga-Ghat ist die Stelle, durch fünf riesige, aus der Stadt herabführende Treppenfolgen bezeichnet, wo sich der Hindusage nach unterirdisch fünf Ströme im Ganges begegnen. Alle Ghats, d. h. Badestellen, haben ihre Legenden. Über die abschüssigen Stufen der in weitem Bogen an den heiligen Strom hingebauten Stadt steigen, in bunten Gewändern, am kühlen, golddurchwirkten Morgen unzählige Menschen, Pilger und Einheimische, Heilige und Sünder, Greise, Witwen, Kinder, in das noch dunkle Wasser hinab, um die Sonne aus den Fluten heraus zu begrüßen, das Leben eines Tages zu weihen. An einen Ghat jedoch, von dem immerfort Rauch sich erhebt, steigen Pilger nicht mehr hinunter, sondern werden, in Tücher gehüllt, unter Gesängen und Geschrei getragen: das ist der Verbrennungs-Ghat der Glücklichen, die ihre irdische Pilgerfahrt in der heiligen Stadt beenden durften. Ihre Leichen werden, ehe sie, 144 auf den Scheiterhaufen gelegt, lodern, glimmen und in Asche zerfallen, hier noch einmal bis an die tote Brust in die Fluten des Ganges getaucht, worauf sie das höchste Wesen stracks zu sich in den Himmel emporzieht – an der kleinen, zierlichen Haarsträhne, dem Memento-mori-Zöpfchen, das jedem gläubigen Hindu am Hinterkopf baumelt. Glücklich, glücklich der Hindu, den der Tod in Benares ereilt. Stracks gelangt er in den begehrten Himmel, dem jeder vom Tage seiner Geburt an entgegenlebt. – Wenn in den Kasernen der englischen Garnison dann mit Schießübungen begonnen wird, sind die Hindu mit Baden fertig und haben, im gelben Wasser stehend oder auf Steinplattformen der Ghats regungslos sitzend, mit der Anbetung der Sonne, des Stromes, der vielgestaltigen, Eines bedeutenden Gottheit begonnen.   Prunkend in majestätischem Leuchten steigt die Sonne über dem Ganges empor. Der Strom führt in seinen schlammig gelben Gewässern Silberwellen, Goldsträhnen, Blumen, Kränze und Gewinde bunter Tempelblüten mit sich. Zwischen den braunen Leibern der Badenden, der Untertauchenden, der mit über den Kopf emporgereckten gefalteten Händen aus den Fluten Auftauchenden schwimmen und treiben die frischen Blumen den Strom hinab. Von der Sonne geblendet, fasziniert, hypnotisiert – geblendet nicht minder vom inneren Licht, steigen die Andächtigen in das seichte Uferwasser des Stromes hinunter, das sich wenige Schritte weit von den Treppenstufen zu gefährlich reißenden Wirbeln verschlingt. Die verschiedenen Uferstellen, an denen gebadet wird, haben besondere Bedeutung, sind aus bestimmten Gegenden eintreffenden Pilgern vorbehalten, verschiedenen Gottheiten geweiht. Nicht weit vom Zehn-Pferde-Ghat ist Manikarnika-Ghat gelegen, so genannt nach dem Ohrring, den Schiwa hier in den kleinen Teich oberhalb des Ufers geworfen hat. Die Fußspur des Gottes bewahrt der Stein. Dieser Ghat ist heute, am Neumondstage, besonders belebt. Die Badenden haben ihre Gewänder unter den Bastschirmen der Priester gelassen oder in den Strom mitgenommen, um sie vom Wasser heiligen zu lassen. – An einer besonderen Stelle baden die Witwen. Sie stehen im Wasser, angetan mit ihren armen, dürftigen Tüchern, die um ihre traurigen, 145 abgemagerten Körper klatschen. Sie haben die Augen geschlossen, die Hände gefaltet, sie müssen die Schuld ihres Lebens vor der Geburt büßen: hätten sie in einer früheren Existenz nicht fremde Ehen gestört, Gott hätte sie in dieser nicht Witwen werden lassen. Diese armen Frauen tragen ihr Haar ganz kurz geschoren, man sieht neben alten ganz, ganz junge, Kindwitwen 1924 zählte man: 2 500 000 Ehefrauen unter 10 Jahren, 112 000 Witwen unter 10 Jahren. ; das Los dieser ist besonders trostlos; sie sehnen sich nach dem Flammentod an der Seite ihres toten Gatten, der ihrem leidzerwühlten, elenden Dasein wenigstens ein rasches Ende bereitet hätte. Die fremden Usurpatoren haben den Sutties, von denen rote Gedenksteine und Kapellen am Ufer Kunde geben, wohl ein Ende gemacht, der Barbarei der Kinderehen, der furchtbaren Lage der Witwe in Indien aber haben sie keinen Riegel vorgeschoben! Langsam streuen die armen Frauen aus kupfernen Schalen Blüten, Blüten in die Fluten vor sich hinaus, neigen den Kopf hinter den betend vorausgestreckten Händen, ihre Lippen bewegen sich leise, ihre Augen sind zu, blind ist ihre Seele . . . Das Bad der Männer vollzieht sich heiterer im kraftgebenden Element. Manche wagen sich weit hinaus in den Strom; kräftig vorwärtsstoßend, zerteilen sie die heilige Flut. Ein Blinder tastet sich an langem Bambusstab hinaus, mit emporgewandtem, lächelndem Antlitz singt er laut, daweil sein Körper immer tiefer im Wasser versinkt. Hier säubern Brahminen, an der Schnur um ihren Leib erkennbar, ihre Gewänder, wringen sie aus, bearbeiten sie mit Klöppeln, ziehen trocknend die Schnur durch die Finger. Erstarrt und aufrecht, geblendet von der Sonne, den Wasserfluten standhaltend, stehen hier und dort Verzückte, Gebete murmelnd, ganz nahe vor den Rudern unseres vorbeistreichenden Bootes. Nach dem Gebet waschen sich welche mit Seife aus Kokosfett – Seife aus animalischen Substanzen ist verpönt, das Tier ist ja heilig! – auch sieht man hier und dort Männer und Frauen, die sich über und über mit Gangesschlamm bestrichen haben, die kleine Holzstäbe in den Schlamm stecken, um sich dann damit die Zähne zu putzen. 146 Wie im Teich der Goldlilien im Tempel von Madura tauchen die Frommen zehnmal, hundertmal unter, kommen immer wieder mit einem neuen Namen des höchsten Wesens auf den Lippen, in der gurgelnden Kehle, an die Oberfläche. Erst der hohe Mittag verdrängt die Andächtigen aus dem Wasser – auch die Sorge um den leiblichen Tag jagt sie in die Stadt zu ihren Geschäften zurück, nachdem sie für vierundzwanzig Stunden die Heiligung ihres Körpers und ihrer Seele vollzogen haben.   Hoch sind die Ufer der heiligen Stadt, tief reichen die Abhänge zum Strom hinunter. Riesige Paläste stehen über den Ghats, Herbergen für Pilger aus allen Teilen Indiens, zumeist von den Maharadschas der Provinzen gebaut. Man sieht auf den offenen Altanen, Terrassen und Erkern dieser Paläste nackte Männer turnen, Keulen schwingen, Ringkämpfe, allerlei Körperübungen vollführen. Viele Paläste sind geborsten, mit den Umfassungsmauern, den Fundamenten, mitsamt den Kapellen und Türmen, die sich unter ihrem Wall befanden, ins Wasser gesunken, im Ganges versunken. Zur Monsunzeit schwillt der Strom mächtig an, braust stürmisch die Treppen empor, höher zur Stadt, und reißt, wenn er zurückweicht, festen Stein, Stockwerke, Hügel, Bäume, Menschen und Tiere mit sich in die donnernde Tiefe. Aus Höhlen, unter den Treppenfluchten, Kanälen, die in die Fundamente der Paläste gebohrt sind, sprudelt es grau hervor, Kaskaden von Abwässern der Stadt; Unrat, tote Katzen stürzen neben den Badenden am Fuß der Treppe in den Strom hinunter. Zwischen den Säulenplattformen, die die Treppen und Ghats voneinander trennen, sind Kapellen errichtet, in denen Ganescha, Hanuman, dem dreieinigen Gott Brahma Wischnu Schiwa geopfert wird. Die meisten dieser Kapellen sind dem Urgott Lingam, dem Symbol der Zeugung, geweiht. In hundert Varianten, blutrot bemalt, aus schwarzem, aus weißem Marmor, Eisen, Messing, wiederholt sich Lingam das Ufer entlang über alle Ghats, alle Treppenfluchten, Säulenplattformen. Verborgen unter dem Dach eines kleinen nepalesischen Tempels mit Skulpturen obszöner Geschlechtsakte erhebt sich ein kurzer, grauschwarzer Granitlingam, auf den sich unfruchtbare Frauen mit gespreizten Beinen niederhocken, betend, Blumen zwischen den Fingern zerkrümelnd. Maharadja Prabhu Narain Singh von Benares, Ramnagar 147 Eine Kapelle unter dem Palast des Maharadscha von Gwalior tönt laut von Glockenschlag und Hörnerschall – dort schwingt ein Sadhu, ein nackter Riese mit langem, dickem, rötlichem Haupt und Barthaar, sein ganzer Körper ist weiß vor Asche, den Klöppel der ehernen Glocke zu Ehren Lingams, der, mit Blumen und Laub über und über bestreut, sich im Allerheiligsten emporreckt: ein abgeschliffener Säulenstumpf, in das kreisrunde Loch des Altars hineingebohrt.   Aus einem hohen, buntbemalten, ganz neuen Haus über dem roten Tempel des Ganesch tönt betäubender Lärm bis an unser Boot herab; Geschrei, Gekreisch, Gesang schriller Frauenstimmen. Seit Wochen sitzen dort oben, in den leeren, eben fertiggewordenen und frischgetünchten Wohnräumen des Hauses, das sie durch den Gesang heiliger Weisen weihen sollen, fromme Weiber, arme Witwen. Der reiche Hausherr, ein Juwelenhändler, wird mit seiner Familie in das Haus einziehen, sobald diese religiösen Trockenwohner ihr gottgefälliges Werk vollbracht haben. Dann wird der Gesang, das Gekreisch aus einem anderen Neubau ertönen . . . Viele Hunderte armer Frauen leben von diesem absonderlichen Geschäft.   An einem Ghat schwingen auf den Spitzen hoher, dünner, schwankender Bambusstäbe viele kleine Bastkörbe im Morgenwinde hin und her – die Akasdeas. Zu Ehren der Gottheit, die ihnen himmlisches Licht spenden wird, zünden Gläubige in besonderen Nächten kleine Laternen in den Körbchen an.   Ein Feigenbaum, ein Bô, hier Pippel genannt, wächst, breit und mit herrlichem Laub, hoch oben an der Umfassungsmauer eines Palastes. Eine Prozession hellblau, hellrot, hellgelb gekleideter Frauen, Pilgerinnen aus dem südlichen Madras, kreist unaufhörlich um den Stamm des heiligen Baumes, Gebete singend, mit zarten, andächtigen Stimmen, die wie Vogelgeschrei zu uns auf das Wasser herunter tönen!   Schlangenbeschwörer Ein Sadhu aus der Brahminenkaste Die Sadhus , oft zweifelhafte Gesellen, graubemalte Scharlatane, die es auf Backschisch und nicht auf jenseitige Seligkeit abgesehen haben, sitzen auf Matten, in Häusernischen, murmeln von 148 Rosenkränzen die heiligen Namen ab, haben Schalen mit Reis und Kupfermünzen, ein kleines Messinggefäß fürs heilige Gangeswasser, kleine Laterne, seltsam geformten Knotenstock vor sich hingestellt. Um sie herum Volk. Naht ein Fremder, so grinst ihm das hellgrau bemalte Gesicht des »Heiligen«, mit aschgrauen Wimpern unter dem dicken, gedrehten, pudelartig langen Haar, gierig entgegen. (Einen Sadhu sah ich in Kalkutta, er hatte einen kleinen Schiebkarren, der mit aufrecht hineingepflanzten Nägeln bespickt war, neben sich stehen. Als ich meine Nickelmünze in die Reisschale geworfen hatte, erhob sich der Sadhu von seiner Matte, setzte sich mit seinem hellgrauen Hintern auf die Nägel und blieb so lange sitzen, bis ich den Backschisch verdoppelt hatte. Dann begab er sich ganz pomadig auf seine Matte zurück, nahm eine kleine Eisenröhre, stopfte sie mit glühendem Holz und fing – ich glaubte schon, jetzt wird er die Nägel erhitzen – zu rauchen an. Als er bemerkte, daß wir Umstehenden zu lachen anfingen, legte er seine Zigarre weg, faltete die Hände und fing energisch zu beten an.) Einen anderen Sadhu sah ich, in Benares: ein ganz normal entwickelter Männerkopf mit langem schwarzen Haar und Bart saß auf dem nackten, grau bestrichenen Körper eines zwei Jahre alten Kindes. Dieser Heilige, der mit Augenliderblinzeln und Lippenbewegungen fromme Gebete von einem Rosenkranz, der ihm zwischen den winzigen Kinderfingern lief, fallen ließ, saß auf einem Holzstühlchen, von Blumen umgeben, mitten auf dem Fahrdamm, der zu Manikarnika-Ghat führte, und hatte einen Manager, der die Backschischmünzen in Empfang nahm. Er hatte großen Zulauf, war vierzig Jahre alt und kam von der hochberühmten Pilgerstätte Rameschwaram. Ein Sadhu; die linke Hand ist seit Jahrzehnten in der gleichen Haltung gebliebene Auch einen weiblichen Sadhu bemerkte ich, ein fettes, noch jugendliches Frauenzimmer, das das Gesicht reichlich mit Asche bestrichen hatte, im übrigen aber ganz dezent angezogen war. Auf Almosen reagierte sie wenig. Arme Bauersfrauen hockten vor ihr und flehten ihren Segen auf kranke Kinder hernieder. – Das Volk nimmt diese Fakire nicht ernst. Die wirklichen Sadhus wohnen ja in den Wäldern. Wunderwirkende, wie jene weitbekannten, die einen Zwirnknäuel in die Luft werfen und an ihm in die Höhe klettern, sind von smarten Unternehmern längst nach Amerika hinübergeführt worden und geben in Chikago und Los Angeles Privatstunden. –   Kashi, die Geliebte (Benares) 149 Khaschi, die Geliebte – dies ist der Hinduname für Benares, zieht aus allen Teilen Indiens Gelehrte, Weise, Heilige heran, die einen hohen Grad von Vollendung, Verklärtheit erreicht haben und in Betrachtung der Gottheit versunken, in Unbeweglichkeit angesichts des heiligen Stromes die Tage ihres Lebens verbringen. Diese Sanyasins sind an ihren ockerfarbigen Gewändern (ähnlich denen der Buddhapriester) zu erkennen, an ihren langen, dünnen Bambusstöcken, von deren Spitze ein ockerfarbiges Fähnchen weht. Sie rühren kein Geld an. Haben keine Wohnstätte. Führen eine Messingschale mit sich, die sie jeden Tag, den ihnen Gott schenkt, nacheinander vor fünf Türen hinhalten. Fünf, nicht mehr. Aber schon an der ersten wird der Napf mit Reis gefüllt – denn der Schenkende ist besorgt, seine Tür könnte die fünfte sein, und wenn nach der fünften der Napf leer ist, muß der Sanyasin den Tag hungern. An vielen Stellen der Ghats sieht man diese Menschen, diese Vollendeten, Wunschlosen sitzen. Unter Bastschirmen hocken sie auf Bastteppichen. Sie haben glattgeschorene Köpfe, rasierte Gesichter, Gesichter von oft durchdringender Schönheit, erhabener Ruhe. Mit untergeschlagenen Beinen hocken sie über dem Strom, stumm, man kann nicht sehen, daß sie beten. Wäre ihre Kleidung nicht, ihre Schönheit, der tiefe Schlaf ihres Körpers, in dem die Seele wach ist, verriete dem Schauenden dennoch ihr rätselhaftes, unergründliches Wesen. Einem Sanyasin sah ich eine ganze Stunde zu. Um ihn nicht zu stören, stand ich abseits, von Backschischjägern umschwärmt. Der Heilige saß allein auf einem hohen Säulenstumpf. Unter seinem Sitz war in Riesenlettern EDDIE POLO zu lesen, ein Kinoplakat. Die Brahminen haben viele Gebärden, um die Gottheit anzubeten. Es sind unter den am Strome Hockenden viele sehr alte, viele auch sind noch sehr jung. Mit reglos der Sonne zugewandtem Gesicht sitzen sie da und murmeln. Die rechte Hand steckt in einem roten, einem Strumpf ähnelnden Beutel, darin sind Körner, jedes einen der heiligen Namen der Gottheit bedeutend, ohne Ende; die Rechte ballt sich um ein Büschel heiligen Grases, Kuß genannt. Mit über dem Kopf gekreuzten Händen wird die Sonne, mit weit ausgebreiteten Armen Wischnu angebetet. Den heiligen Strom Ganges betet man an, indem man auf einem Bein steht, die Ferse des anderen 150 ans Knie gepreßt, und sich mit der linken Hand die Nase zuhält. Das Gesicht ist dem Stromlauf nach seiner Mündung zugekehrt. Ich sprach gelehrte Hindus in Universitäten, Ämtern und Würden, die verlegen wurden, wenn sie auf Benares zu sprechen kamen. Ich erfuhr, daß sie zuweilen doch nach der heiligen Stadt reisten, um sich in den gelben Fluten zu heiligen, Opfer zu bringen dem Strom, der, aus Wischnus Haupt entsprungen, in mächtigem Bogen sich hier noch einmal dem Himalaja zukehrt, sich an ihn erinnert, ehe er südwärts, ostwärts, dem Brahmaputra zustrebend, in tausendfach zerfasertem Delta das Bengalische Meer erreicht. Gestern sah ich durch die Bazarstraßen einen Leichenzug sich bewegen. Laut singende Männer trugen auf ihren Schultern eine Bambusbahre rasch, fast laufend dahin. Auf der Bahre lag, in Purpurtücher gehüllt, der Körper einer Frau. – Pari Jalsai, die Scheiterhaufen Heute liegt dieser Körper am Verbrennungs-Ghat, Pari Jalsai, auf einem hochgeschichteten Holzhaufen und brennt. Die Flammen haben schon das dünne Tuch, das die Füße bedeckte, verbrannt. Die hellen Fußsohlen sind zu sehen. Die großen Zehen sind unnatürlich gedunsen, die Haut halb verkohlt, halb glänzend und geborsten über dem Fleisch. Oben auf der Höhe über dem Ghat schreien, scherzen, balgen sich schmutzige, in Lumpen gekleidete Menschen, es sind die Parias , die niederste Kaste. Sie verkaufen das Stroh, womit die Scheiterhaufen angezündet werden. Auch eine Stelle, unten an der Treppe, beim Ghat, dürfen sie betreten, dort füllen sie dann, wenn die Leiche mitsamt dem Holz verbrannt ist, Kohle und Asche in Säcke und verkaufen sie in der Stadt. Die Wasserpfeifenraucher bevorzugen diese Kohle für ihren Tabak. Um die Aschensäcke scherzen, schreien, balgen sich die Parias und die Kinder der Parias. – In schneeweißem Trauergewand schürt der Gatte der Brennenden, ein junger Mensch, mit einem Bambusstock den Scheiterhaufen. Sein Haar ist, bis auf die kleine Strähne am Hinterkopf, wegrasiert. Nicht weit vom Scheiterhaufen rasiert ein Barbier dem kleinen Sohn der Brennenden das Kopfhaar weg. Langsam steht der Gatte auf, holt ein irdenes Töpfchen, wickelt einen langen Blumenkranz darum und legt es der Brennenden auf den Kopf, dorthin, wo sich unter dem Tuch der Mund befinden muß. 151 Dann trägt er fünf dünne Scheite herbei und legt sie umständlich an das Kopfende. Eine von den umherstreunenden weißen Kühen kommt heran und frißt die Blumen vom Mund der Brennenden weg. Ihr Maul verfängt sich im Purpurtuch, eine Flamme schlägt unter dem Tuch in die Höhe, brüllend galoppiert das Tier davon. Auf einer Stufe, über dem Verbrennungs-Ghat, betet ein junger Sadhu, grau, von weißen Kühen umgeben. Ein totes Kalb liegt in der Nähe des Scheiterhaufens. Nicht weit davon schabt sich ein Aussätziger mit zertrümmertem Gesicht, abgefaulten Fingern, mit einem Holz seinen blutigen Armstumpf. Um ihn herum Leere. Die tote Frau brennt jetzt lichterloh. Der Gatte hat sich weit weg auf eine Stufe gesetzt. Er hat den Bambusstab zwischen den Knien, blickt auf den brennenden Haufen hinüber. Neben ihm andere Leidtragende; der kleine Sohn, in sich gekauert, mit glänzendem Schädel, im Sonnenlicht. Während unser Boot hält, bringt man von oben aus der Stadt, singend und schreiend, eine neue Leiche herbei. Die Träger lassen den mit blauem Seidentuch zugedeckten Kadaver, der auf die Bahre gebunden ist, bis an die Brust in das Gangeswasser gleiten, wickeln dann die Hülle vom Haupt des Toten, es ist ein alter Mann mit grauem, fettem Gesicht, weißem Bart, Glatze; der Kopf ruht auf der linken Wange, das Gesicht blickt flußabwärts. Die Träger besprengen das tote Gesicht mit Wasser aus dem heiligen Strom, zehnmal, zwanzigmal. Daweil wirft man von den oberen Stufen schon Holzscheite herunter, für den neuen Scheiterhaufen. Bei den Strohbündeln oben schreien und gestikulieren die Parias zu den Parias unten um die Aschensäcke hinunter. Die Sonne brennt bereits glühend auf das Verdeck unseres Bootes, auf dem wir in bequemen Korbsesseln gesessen haben. Es ist Zeit, heimzukehren.   Mächtige Ströme sah ich in vielen Ländern, die Donau, den Rhein, Wolga, den breitrollenden Mississippi, den Nil, den schäumenden Frazer Britisch-Kolumbiens. Keiner ergriff mein Herz wie der kleine Jordan. Keiner aber erschütterte mich tiefer als dieser hier, der erhabene Strom, Ganges, der heilige Strom eines der alten Völker dieser Erde. Reißend und furchtbar strömt er an der geheimnisvollen Stadt vorbei. 152 Und doch – unaufhörlich und wunderbar tönen und klingen mir jene so zarten, so lieblichen Verse Heines, jene Takte Mendelssohnscher Musik im Ohr, zu den schrecklichen, rätselhaft fremden Visionen, die das Ufer an mir vorbeigleiten läßt . . . Dieser Glaube der Hindu, brausend und tief, schwer und ungelöster Schauer voll, hat dem Menschengeschlecht eine neue Offenbarung geschenkt, den großen seligen Menschen dieses neuen, unseligen Zeitalters, den Liebenden, Zartesten, den aufs neue wiedergekehrten Avatara Wischnus, wie Rama Krischna, ja, wie Buddha und Jesus, den Erlöser des Volkes aus dem Banne der Finsternis: Mahatma Gandhi. –   Besuch bei Gandhi Sanfter als eine Blume, Härter als der Diamant Ich werde die folgenden Zeilen niederschreiben, wie die Erinnerung sie mir eingibt. Die spärlichen Stichworte, die ich niederschreiben konnte, während ich vor ihm saß, werden den Gang dieser Zeilen zu lenken suchen, aber ich werde keine Sorgfalt daran wenden, wie ich diese Zeilen nacheinander aufs Papier bringe. Am liebsten schriebe ich sie gar nicht auf, sondern spräche alles vor mich hin, bei besonderen Gelegenheiten, im Kreise von Freunden, auserwählten Menschen, mit geschlossenen Augen, wie im Traum. Darum: wer Ohren hat, höre. –   Ein Bekannter in Bombay, der Kaufmann Trivedi, beförderte meinen Brief an die ihm bekannte, gegenwärtige Adresse des Mahatma, der seit Wochen das Gebiet Cutch an der Nordwestküste Indiens bereiste. Mahatma Gandhi fuhr dort, wie die Zeitungen berichteten, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, weil das Volk dieser armen und verlassenen Gegend schon lange nach ihm verlangt hatte. Am 2. November, einem Montag, brachte mir Herr Trivedi das Telegramm ins Hotel; es war im Ort Bhuj aufgegeben und lautete: » German friend can see me Sabarmati saturday 4 pm. Gandhi. « In den folgenden Tagen blieb ich meist im Hotel, ich las das Buch Romain Rollands über Gandhi wieder, dieses Buch der Liebe und Andacht, das mir seit einem Jahr bekannt war. Ich las es diesmal in der 153 englischen Übersetzung von L. V. Ramaswami Aiyar, in einer von einem Verleger in Madras besorgten Ausgabe. Außerdem las ich eine Sammlung von Aufsätzen des Mahatma aus seiner Zeitschrift »Young India« wieder und zuletzt noch eine Reihe von Zeitungsausschnitten, die sich mit der Propagandareise des Mahatma durch den Cutch, d. h. mit der jüngsten Phase seiner Tätigkeit befaßten. Rollands Buch schließt mit dem Märztag 1922, an dem der Mahatma seine mit sechs Jahren bemessene Strafe im Gefängnis von Sabarmati antrat. (Sabarmati ist ein kleiner Ort, fünf Meilen vor Ahmedabad gelegen; er ist nach dem breiten, meist ausgetrockneten Fluß benannt, an dessen Ufer auch die Aschram, d. h. der Wohnsitz und die Lehrgemeinde des Mahatma, sich befindet.) Wie bekannt, wurde der Mahatma im Winter 1923 durch die Arbeiterregierung Englands, an deren Spitze Ramsay MacDonald stand, aus dem Gefängnis befreit. Er hat sich seither in seiner agitatorischen Tätigkeit mehr und mehr dem »konstruktiven« Teil seines Programms zugewandt, dessen Befolgung er seinen Anhängern als letzte Mahnung und Vermächtnis auftrug, ehe sich das Gefängnistor hinter ihm schloß. Dieser »konstruktive« Teil umfaßt: die häusliche Spinnarbeit auf dem primitiven, aus Holz gezimmerten Spinnrad, der Scharka , um durch selbstgefertigte Kleidung, den Kaddar , die englische Textilindustrie aus dem Feld zu schlagen (und daneben dem im Winter untätigen indischen Bauer eine lukrative Beschäftigung zu verschaffen), die Schonung und Verehrung der Kuh , wie sie der Hinduglaube vorschreibt, die Bekämpfung und Beseitigung der » Untouchability «, d. h. der Vorstellung, daß ein Mensch höherer Kaste durch die simple Berührung eines Paria bis zum Verlust seiner Kaste unrein werden muß (also im Grunde Kampf gegen das Sektenwesen, das der indische Mohammedaner und Buddhist nicht kennt). Den »destruktiven«, besser gesagt – politisch-revolutionären Teil seines Programms – Satyagraha , wörtlich: Streben nach Wahrheit, im speziellen Falle aber: Ablehnung des Zusammenarbeitens mit den Engländern, der englischen Regierung, durch stillen, gewaltlosen, passiven Widerstand 154 bzw. aktives Opfer seiner selbst, Verweigerung des Eintritts in Regierungsstellen , in von Engländern geleitete oder beaufsichtigte Schulen und Universitäten, Verweigerung der Steuern  – hat Gandhi persönlich aufgegeben; er hat die Behandlung dieser wichtigen Materie der indischen Freiheitspartei, der Swaraj -Partei, überlassen, als deren Führer gegenwärtig, nach dem Tode C. R. Dass', der Pandit Motillal Nehru gilt. Die Swarajpartei, von der noch die Rede sein wird, ist bestrebt, die Lehren Gandhis unter der Devise: Swaraj durch Swadeschhi, d. h. Freiheit durch ökonomische Befreiung, womit auch die Rückkehr zur primitiven Bedürfnislosigkeit gemeint ist, durchzusetzen. Allerdings unterscheidet sie sich von dem ursprünglichen Vorsatz der Non-Cooperation wesentlich dadurch, daß sie ja wohl Zusammenarbeit mit den Engländern sucht, aber nur, um die Institutionen von innen zu sprengen . (Ähnlich lautete das Programm Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs inbezug auf den Standpunkt der Spartakusgruppe gegenüber dem Reichstag, auf dem Gründungstag der Kommunistischen Partei Deutschlands, Dezember 1918 – bei welcher Gelegenheit diese beiden Führer von den orthodoxen Revolutionären der Gruppe überstimmt wurden.) Eigentlich hatte Gandhi die » Non-Cooperation « in ihrer schroffsten Form schon vor seiner Verurteilung aus taktischen Gründen aufgegeben; C. R. Dass hatte dann das Parteisystem dazu geschaffen. Seit 1923 also befaßt sich Gandhi nicht mehr mit direkter politischer Arbeit. Doch seine ungeheure Gestalt wird jedesmal deutlich sichtbar, sobald eine wichtige und entscheidende Aktion, sei es in aufsteigender Linie, sei es in der Richtung des Nachgebens, Zurückweichens, des zeitlichen Kompromisses notwendig wird. Da ist dieses Menschengewissen das lebendige Feuer des Glaubens, die läuternde Flamme, in der alles Zweifelhafte, Zweideutige, Falsche verbrennt. Er selber ist, wie jener andere Große, Lenin es war, jederzeit bereit, der Notwendigkeit zu gehorchen. Wenn er in seinem Programm, das ganz auf Ahimsa , d. h. Gewaltlosigkeit beruht, die unmittelbare Gefahr radikaler, stummer Weigerung erkennt, ist er der erste, die Hand zu erheben, die die Weichensteller zur Umstellung der Richtung ermahnt. Lord Readings, des soeben abtretenden Vizekönigs Vorgänger, Lord Chelmsford war es, der dem Mahatma vorstellte: die 155 Verweigerung der Steuern werde Indien in ein Schlachtfeld verwandeln. Aber vielleicht war, so versicherten mich Eingeweihte, die Erkenntnis wichtiger: daß die großen Textilindustriellen Indiens, die Spinnereibesitzer und Baumwollzüchter, ihrerseits die Steuern ja wohl bezahlen würden und es in ihrer Macht stünde, die von ihnen abhängigen, armen Befolger der Lehre des Mahatma einfach auszuhungern. Sogar den Studenten, die auf sein Geheiß aus den Universitäten ausgetreten waren, gab der Mahatma den Rat, ihre Studien an den gleichen Anstalten wieder aufzunehmen, bis die Zeit reif sei. Wann wird die Zeit reif sein? Sobald in Indien die Hindu mit den Mohammedanern sich zu einer kompakten nationalen Einheit zusammentun, diese beiden grundverschiedenen, physisch und geistig elementar divergierenden Energien und Intelligenzen. (Die Zeit ist ferne, versicherten mich gelehrte Hindus. Die Zeit ist nah, versicherten mich Politiker.) Sicherlich hat der Mahatma unter den Hindus und den sanften Jains die übergroße Zahl seiner Anhänger. Das Problem des Kalifats geht die Mohammedaner näher an; sie studieren noch Fragen des westlichen Asiens. Dafür aber muß Gandhi europäisch gebildeten und gerichteten Indern gegenüber seine Taktik nicht mehr ändern. Sie stehen unter dem Banne. Ich sage meinen Freunden in Bombay, später in Ahmedabad, Benares und Kalkutta: ich kann das Zurückweichen eines praktischen Politikers (wie Lenins in Fragen der neuen ökonomischen Politik z. B.) vor der Notwendigkeit gut verstehen, nicht so gut aber das Ausweichen eines religiösen Führers, Instrumentes einer höheren Macht, eines vom Glauben, überrationalen Gewalten Gelenkten, Beseelten, Besessenen! Darauf wird mir erwidert, daß er selber , wenn er von Sorge und Schmerz über die Gefahr, in die seine Lehre seine Anhänger bringen kann und bereits in vielen Fällen gebracht hat, bedrängt und zur Änderung seiner Direktiven entschlossen sei, von seinem selbst vorgezeichneten Weg kein Haar breit abweiche und die Kraft zu seinem eigenen Tun wie zum Lassen der anderen durch Askese, Gebet, übermenschliches Fasten zu erlangen suche. Und tatsächlich schwebt dieser zarte, schwächliche Körper, diese überirdisch hell leuchtende Seele jede Sekunde lang ihres Verweilens 156 in irdischen Bezirken in der Gefahr des Verlöschens, des Entrücktwerdens aus dem Bereich der Menschen, die er so tief liebt.   Ahimsa steht zwischen ihm und Lenin. Wenn dieser die Zögerer, die Kompromißler von Natur und Veranlagung, die »Menschewisten«, mit eisernem Besen aus den Reihen seiner Mitkämpfer fegte, so hat Gandhi für solche keine Waffe, nicht einmal die der schweigenden Verachtung. Seine einzige Waffe ist die, die er gegen sich selbst wendet. Und tatsächlich, die Spitze dieses Dolches zielt unablässig gegen das eigene Herz des am tiefsten Geliebten, von dreihundert Millionen Menschen abgöttisch Verehrten, des Gottähnlichsten unter den heute auf Erden Wandelnden, des Mahatma. –   Am Rande der Stadt Ahmedabad erhebt sich die Nationale Universität, in der nach den Lehren des Mahatma unterrichtet wird, in der der Mahatma selbst zuweilen zu den Studenten spricht. Und in der, in den Pausen des Unterrichts, die Scharka; das Spinnrad und der Webstuhl, die friedliche Waffe des weißen Tuches, des Kaddar, bereitet. Die Unterrichtssprache ist der Guscheratdialekt, das Vernakular dieser Gegend, die vom Deccan im Süden, Sindh im Norden und der Radschputana im Osten begrenzt ist (die alle ihre eigenen Sprachen haben). Die Schüler der Universität, etwa hundertundfünfzig, stammen zum überwiegenden Teil aus dem Guscherat. Die Flagge des Mahatma weht vom Dach: Weiß-Grün-Rot: weiß die Verschmelzung aller Religionen Indiens, grün die mohammedanische, rot die Hindu bedeutend. Das Symbol des hölzernen Spinnrades geht über alle drei horizontalen Felder. – Mit meinem jungen Freund, dem Arzt Dr. Manohar Kawi, einem Jain, bin ich öfters in die Universität hinausgefahren und habe mit den jungen, europäisch gebildeten Professoren der Anstalt über diese eine und einzige Angelegenheit: die Persönlichkeit des Mahatma und sein Wirken in Indien, gesprochen. Vieles habe ich hier gehört, erfaßt und verstanden. Vieles ist im Schweigen, im Beisammensein mit diesen reinen und schönen Menschen von indischer Seele in meine beunruhigte, zerrissene, europäische herübergeflossen. 157 Am 7. November, noch eine Stunde vor der mit dem Mahatma verabredeten Zeit, war ich Gast der Universität. Auf dem siebenseitigen Settar, dann auf dem einer bosnischen Guzla ähnlichen Instrument Bin wurden mir von jungen Künstlern die klagenden, melancholisch immer wiederkehrenden, zuweilen sich zu stürmischem Pochen aufraffenden Rhythmen der Hindumusik vorgespielt, die, zumeist auffallenderweise auf einem einzigen Ton verweilend, die Melodie nur wie eine Fioritur über diesen spinnen, wie Wellengeriesel über ihn davoneilen, sich kräuseln und die mich, seltsam, mehr an russische, ukrainische und polnische Bauernweisen erinnerten als an östliche, arabische, ägyptische oder in Palästina vernommene. Ich mußte vor den Schülern auch sprechen, und ich sagte ihnen, was es für mich Europäer, für mich, der ich diesen 7. November, den Jahrestag der russischen Revolution, schon wiederholt in Rußland verlebt habe, bedeute, an der Schwelle dieser heiligen Stunde meines Lebens einen Augenblick verweilen zu dürfen. –   Punkt vier Uhr trat der Mahatma in den hohen kahlen Vorraum seines Hauses in Sabarmati ein, in dem ich mit Dr. Kawi auf einer Bank wartend saß, während zwei Schüler des Mahatma – sein Sekretär und ein junger Maler – auf Inderweise mit untergeschlagenen Beinen auf dem blauen Tuch hockten, das den Ziegelboden bedeckte. Eine weiße, dünne Matratze war vor einem ganz niedrigen Schreibpult ausgebreitet, auf dem Briefe, Telegramme, eine abgenutzte Schreibmappe aus Papier, eine Metallhülse und einige Bücher lagen. – Der Mahatma kam aus der Stadt, in die er vor einer Stunde im Automobil gefahren war. Gandhi ist ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit kleinem Kopf auf dünnem Halse. Der Körper ist jetzt infolge der anstrengenden Fahrt durch das Cutch-Gebiet besonders abgemagert. Gandhi trägt einen kurzen Lendenschurz aus weißer Leinwand, ist im übrigen vollkommen nackt. Der Oberkörper tief braun, der Brustkorb mäßig gewölbt, mit dünnem, schwarzem Haarwuchs. Hände und Füße sind von etwas hellerer Färbung. Das Gesicht zeigt eine breite, abgeplattete Nase, die den kurzgeschnittenen Schnurrbart über den breiten, dünnen Lippen halb verdeckt. Die Kinnpartie ist klein im Vergleich zur oberen, 158 voll entwickelten Hälfte des Gesichtes. Im Unterkiefer fehlen die mittleren Zähne. Die Stirn ist nicht auffallend, wie überhaupt an der ganzen Gestalt, an dem ganzen Gesicht, das nicht schön genannt werden kann, nichts Auffallendes zu bemerken ist. Die sehr großen, doch normal gebildeten Ohrmuscheln stehen weit vom Schädel ab. Die linke ist oben, nahe beim Rande, durchbohrt. Dort hat Gandhi als Kind den bei den Hindu üblichen Ohrring getragen. Das Haupthaar ist – bis auf die einzige lange Haarsträhne, die jedem gläubigen Hindu vom Hinterhaupt herabhängt, wegrasiert. Die Augen blicken sanft, schwarz in gelblichem Schimmer, fast in jugendlicher Frische. Das ist das Charakteristische an der sonst so unauffälligen Erscheinung: ein jugendlich frisches Leuchten über dem Gesicht des Sechsundfünfzigjährigen. Seine Stimme ist angenehm, ohne sonoren Klang. Er spricht halblaut, in sehr gutem, gewähltem Englisch. Ein gütiges, oft naives Lächeln belebt das Gesicht, wobei die Zahnlücke zum Vorschein kommt. Wenn das Gespräch heitere Dinge berührt, ein herzliches, halblautes Lachen. Keine Zurückhaltung, ganz freies, ungezwungenes Wesen, ohne »Würde«; hie und da kleine, wie erläuternde, formende Bewegungen der Hände; Verlangsamen der Worte, sobald ich etwas aufschreibe; freundlich wartender Blick, vorgeneigter Kopf, wenn ich spreche. Wir sprechen über eine Stunde lang. Mein Begleiter, die beiden Schüler des Mahatma auf dem Boden derweil ohne Regung, ohne Laut, wie erstarrt. Die Briefe, Telegramme liegen unbeachtet da. – Nachher bedient sich Gandhi einer Hornbrille zum Lesen; beim Schreiben – mit der linken wie mit der rechten Hand – eines Füllfederhalters. Die ganze Zeit lang sitzt er mit untergeschlagenen Beinen hinter dem niedrigen Schreibpult auf der Matratze, sein Lendenschurz bedeckt den Unterleib vom Nabel bis an die Knie. Die Schüler tragen weiße Jacken, das weiße, um die Beine geschlungene Tuch, die weiße Kappe, die die Anhänger Gandhis in ganz Indien als solche kennzeichnet – es ist die Sträflingskappe, die der Mahatma im Gefängnis trug. –   Ich habe sofort nach seinem Eintreten, sofort nachdem wir uns die Hände gereicht haben, Kontakt mit ihm, obzwar eine ganze Weile vergeht, ehe ich zu sprechen imstande bin.   159 Dies ist, was ich zu sagen habe: Die Völker Europas haben aus dem Kriege keine Lehre gezogen. Den Völkern Europas ist der Glaube abhanden gekommen. Sie glauben an nichts. Gott hat sie verlassen. Die Völker des Ostens, deren Leben durch die Religion bestimmt ist, sind durch den Krieg aufgewacht. Die Freiheitsbewegung von Marokko bis China ist Beweis. Es gibt in Europa wohl eine Bewegung, die eine religiöse Bewegung genannt werden kann: es ist der Kommunismus. Doch sie wird verkannt, mißdeutet, und zwar, was am schmerzlichsten zu beobachten ist, von den Leuten, die sich als die reinen Demokraten ausgeben, die aber an einem leeren, formalen, seelenlosen Begriff der »Demokratie« festhalten, im Kommunismus nur die Methode, die zu seiner Herbeiführung dienen soll, die Diktatur des Proletariats, zu erkennen behaupten und die, wie bei uns in Deutschland, wohl die Tatsache nicht leugnen, daß es eine von Proletariern geschaffene Revolution war, die die feudale Herrschaft des Kaisers umgestoßen hat, jetzt aber der Bewegung ein »Halt!« zurufen, weil sie sich den Genuß der Früchte dieser Revolution nicht gefährden wollen. Verzweiflung an dem Prinzip der Demokratie, an der Haltung des von der bürgerlichen Demokratie infizierten Sozialismus, an dem Pazifismus, der zu feig ist, zu Ende zu denken, das ist es, was den Europäer aus Europa treibt. Was soll man tun? Was soll geschehen? Der Mahatma hat mir zugehört und sagt: »In Europa wartet jeder mit der Reform seiner eigenen Zustände, bis alle anderen bekehrt sind. Man will gern abrüsten, aber vorher sollen alle anderen abgerüstet haben. Keiner will es sein, der der Katze die Schelle umhängt. Ich glaube: ich selber muß mit der Abrüstung beginnen, ehe ich es den anderen zumuten darf, daß sie ein Gleiches tun. Dieser Tage erhielt ich aus Polen den Brief eines Professors, der mir schreibt: Meine Lehre (Gandhi sagt konsequent » my preachings «, meine Predigten) könne in Indien vielleicht befolgt werden, für Europa aber, wo jetzt jeder gegen jeden sei, sei sie unmöglich. Ich aber bin der Ansicht: ihre Anwendbarkeit für Europa, für die ganze Welt sei über jeden Zweifel erhaben.« »Ihre Lehre,« bemerke ich, »setzt wie die Lehre des primitiven Urchristentums günstige Bedingungen der Rasse, des Klimas, der Bedürfnisse voraus. Sie kann schwerlich in großem Maßstabe, von vielen 160 Menschen befolgt werden, wenn diese Vorbedingungen fehlen. Der Hinduglaube, die Milde des Jain, seine Liebe zum Tier, die verminderten Bedürfnisse, durch die Gunst des tropischen Klimas bedingt: Nahrung, Kleidung, Behausung auf ein Minimum reduziert! – unser Norden dagegen fordert warme Kleidung, Fett für den frierenden Körper, ein Dach über dem Kopf – durch Vermehrung der Lebensnotwendigkeiten erhöhten Kampf ums Dasein . . .« »Ich glaube an absolute Einheitlichkeit der menschlichen Natur (» absolute identity of human nature «). Wenn in Europa Schwierigkeiten für die Befolgung der Gewaltlosigkeit bestehen, so sind sie gewiß nicht im Klima begründet: der Hindu ermangelt des Selbstvertrauens, daher das übermächtige Festhalten an seinem Glaubensbesitz (» devotional asset «); dasselbe kann man vom Europäer nicht sagen: der Europäer hat Selbstbewußtsein und kann daher die Doktrin (der Gewaltlosigkeit) bewußt befolgen. Was Europa fehlt, ist die lebendige Verkörperung (» living embodiment «) der Doktrin – ein Mensch, der sie in jeder kleinsten Einzelheit seines Lebens lebt .« »Einen Menschen gab es,« sage ich, »der eine für Europa anwendbare Doktrin auf diese Weise gelebt hat: Lenin . Heute, am 7. November, schwingt in Millionen junger, gläubiger Menschen der ganzen Welt die Begeisterung für seine Lehre und für sein Leben, das ebenfalls das Leben eines Armen, sich Opfernden, eines Befreiers war. Ich kenne Ihre Meinung, Mahatma, über den Bolschewismus . . .« »Können Sie mir sagen, was der Bolschewismus Gutes oder Großes geleistet hat?« »Um nur eines zu nennen: im Südosten Rußlands gab es unter den Zaren die wildesten Religionsfehden zwischen den zersplitterten Völkerscharen – sie haben seit der Novemberrevolution aufgehört. – Die Kasten, die Klassen, die › Untouchables ‹ – jede bürgerliche Gesellschaft hat ihre › Untouchables ‹ – haben in Rußland aufgehört oder sind doch im Schwinden begriffen. Es ist das Werk Lenins . . .« Nun sagt der Mahatma etwas Seltsames: »Was ich predige, ist revolutionärer Evolutionismus . Die Lehre des Bolschewismus beruht auf Absolutismus. Aus Absolutismus aber führt kein Weg heraus. Das einzige Hindernis zur Erreichung meines Zieles liegt in mir 161 selbst. Wenn es mir gelänge, das volle Maß von dem zu erreichen, was ich von mir fordere – ich würde nicht verzagen. Aber ich verzage ja auch nicht, obzwar ich das volle Maß nicht erreiche.« »Wie wollen Sie dem Kapitalismus beikommen, dem Grund des Übels, ohne ihn gewaltsam zu zerstören? An ihm geht die Welt zugrunde. Ich sehe keine Methode.« Nun gebraucht der Mahatma ein Gleichnis, das er, so glaube ich, öfter schon gebraucht haben muß, dem man in seinen Schriften begegnet (das vielleicht ein geheiligtes Symbol des Hinduglaubens ist), wenn von irgendeinem Bösen, einem Erbfeind der Menschennatur, dem Zerstörungswillen, der Mordsucht, dem Instinkt der Ausbeutung des Nächsten die Rede ist: »Mein Glaube verbietet es mir, eine Schlange zu töten. Damit ist aber nicht gesagt, daß es mir verboten ist, zu erschrecken, wenn ich einer Schlange ansichtig werde. Ich werde mit ihr nicht spielen, sie nicht liebkosen (» I shall not hug the snake «), aber ich werde ihr das Vertrauen zu mir beibringen, daß ich ihr nichts zuleide tue, und sie wird mich verschonen. Dadurch, daß ich den Kapitalismus zerstöre, verändere ich nur seine zeitliche Form – sein Wesen aber kann ich zerstören, indem ich ihm keinen Widerstand entgegensetze.« (» By destroying capitalism, I can only change his timely being . I can destroy his very substance by nonresistence. «) Und nach einigem Nachdenken: »Das Böse nährt sich vom Guten. Aus sich selber hat es kein Leben.« (» Evil feeds upon good; by itself it has no life . «) » It requires adulteration of good! « Wörtlich übersetzt: »Man muß das Gute verfälschen« (etwa wie man ein Nährmittel fälscht) – »um seinen Nährwert dem Bösen zu entziehen.« – Ich erwähne die Rote Armee, die ein Instrument gegen den Militarismus, gegen den eroberungssüchtigen Imperialismus der kapitalistischen Völker ist. Der Mahatma erwidert: »Ich kann das nicht einsehen. Kanonen vergrößern nur die Zahl der Kanonen. Sicher ist es, daß heute die auf Zerstörung bedachten Energien der Menschheit größer sind denn je – wenn aber ein Mann seine ganze Seele gegen diese Aktivität stemmt, so wird er diese Zeit zähmen! « (» Tame the time. «) 162 Ich erlaube mir nun eine Bemerkung inbezug auf den Rückzug des Mahatma von der Politik der Non-Cooperation , den ich seiner Sorge um das gefährdete Leben seiner Anhänger zuschreibe. Die traurigen, blutigen Ereignisse des Jahres 1921, erst in Assam, dann in Bardoli bei Bombay, zuletzt in Chauri-Chaura (die man in Rollands Gandhi-Biographie nachlesen mag), hatten ihn ja, wie es historisch feststeht, zur Aufgabe der Parole » Civil Disobedience «, Gehorsamverweigerung gegenüber den Behörden, bestimmt. » There is no such thing as dying . « – »Leiblicher Tod ist kein Argument. Alles ist nur eine Frage der Zeit. Ich nähre den lebendigen Glauben an den endlichen Sieg der Non-Cooperation , obzwar soviele Anhänger dieser Doktrin heute Cooperators geworden sind, aus einem oder dem anderen Grunde. Als ich aus dem Gefängnis kam, sah ich ein, daß die Organisation einiger Landesteile zur Durchführung der Non-Cooperation nicht Stich hielt; sie war erst zu schaffen (Gandhi meint hier moralische Organisation durch vorbildliche Menschen); wenn es aus nationalen Gründen eine Notwendigkeit war, die Non-Cooperation für eine Zeit aufzugeben, so hege ich die sichere Hoffnung, daß ich die Nation eines Tages mit der Idee der Non-Cooperation aufs neue infizieren (wörtlich!) werde In Wirklichkeit hat Gandhi, nach jenen Ereignissen 1921, durch den Rückruf der Parole » Civil-Disobedience « seinen direkten Einfluß auf die ihm blind ergebenen Massen derartig geschwächt, daß die Regierung den Mut fand, ihm den Prozeß zu machen. .« »Dasselbe hoffen die Bolschewisten, wenn sie erklären, daß sie im geeigneten Augenblick der neuen ökonomischen Politik den Hals umdrehen und den Kapitalismus aus Rußland definitiv verjagen werden.« »Ein Geist, der von der Wahrheit erfüllt ist, darf das Unvermeidliche zugeben und muß sein Handeln auf das Endziel richten. Sie werden sehen,« sagt der Mahatma, »wie düster auch die Aussichten heute sind, eines Tages wird Europa von selber zur Ahimsa (Ablehnung der Gewalt) gelangen; es wird dorthin gestoßen, geschwemmt werden, wie es zur Satyagraha, der Ausscheidung des Bösen aus dem öffentlichen Leben der Völker, gestoßen werden wird. Die Völker müssen dahin gelangen, oder sie werden vernichtet werden, untergehen.« 163 (Hier ist in meinen Aufzeichnungen eine Lücke. Auch zum nachfolgenden fehlt der Übergang: »Ein verhängnisvolles Verbrechen haben die Franzosen begangen, als sie im Kriege afrikanische Truppen verwendeten.« – – »Ich halte mich für einen mangelhaften Vertreter meiner eigenen Doktrin.« –) Es waren während unseres Gesprächs wiederholt Menschen in den Raum getreten, in dem wir saßen. Der Mahatma aber unterbrach unser Gespräch nicht, so daß wir bald wieder allein gelassen wurden. Zuletzt war es eine Gruppe von Hindufrauen, die wie erschrockene Schatten sich lautlos an die Wand gedrückt hielten und dann mit einemmal fort waren. Ich hatte noch einige Fragen notiert und sagte dem Mahatma, da ich von seiner Ablehnung einer Einladung nach Amerika gehört hatte: welch unendliche Stärkung seine Idee unter den vielen Tausenden ernster und überzeugter Anhänger seiner Lehre in Europa durch sein persönliches Erscheinen erführe. Er erwiderte darauf: »Ich könnte nach Europa nur kommen, wenn Indien meine Doktrin als Richtschnur seiner nationalen Politik angenommen hätte. Solange dies nicht der Fall ist, könnte eine Europareise nur meiner Eitelkeit schmeicheln.« (!!) »Überdies wäre durch meine Anwesenheit für Europa nichts erreicht. Das einzig Notwendige für Europa wäre: stünden dort Menschen von höchstem Intellekt auf, um tiefste Demut zu üben, und Menschen, die die Kunst des Mordens am besten beherrschen, um die mildeste Lehre zu verkünden und auszuüben! « Ich wage die Behauptung, daß hierzu nur geringe Aussicht bestehe, daß aber dafür die Gefahr um so größer sei, daß sich eine Schar weichlicher, energieloser, dem sozialen Kampf untätig zuschauender Snobs mit dem Nimbus seiner Lehre schmücken würde, wie sie das mit der Lehre Buddhas getan habe . . . da sehe ich den Mahatma zum erstenmal herzlich lachen. Er lacht fröhlich und lange, wie ein Kind, sagt dann ernst: » Ahimsa ohne Gefahr – Feigheit – das ist nicht der Sinn; – Opfer, das ist der Sinn .« Und nun habe ich eine letzte Frage; ich frage den Mahatma, ob er mit dem Gebot des Schutzes der Kuh seinen Lehren die notwendige 164 Verknüpfung mit religiösen Vorstellungen des Hinduglaubens geben wolle, mit anderen Worten: ob er damit die Verbundenheit seines Denkens und Wirkens mit dem Orient, ihre Lokalisierung auf Indien sozusagen zu unterstreichen suche? »Nein,« antwortet der Mahatma, »dies ist nicht der Fall. Die Schonung der Kuh, die sich im Hinduglauben zur Vergöttlichung der Kuh steigert, gilt mir als Symbol Siehe in einem folgenden Kapitel die Äußerung Rabindranath Tagores zu dieser Auffassung. . Jesus macht bei der Heiligkeit des Menschenlebens halt; der Hindu umfaßt mit dieser Vorstellung das Leben aller Kreaturen. Der Respekt vor dem Leben des nützlichsten Haustiers ist der Beginn der Schonung alles erschaffenen Lebens, des Lebens überhaupt.« Da ich eine Weile schweige, sieht der Mahatma nach seinen Briefen und Telegrammen. Ich bitte ihn, er möge mir erlauben, daß ich noch eine Weile in diesem Raume sitzenbleibe. Er nickt mir mit freundlichem Lächeln zu. Der Sekretär steht auf, bringt ein Heft, Papier. Der Mahatma setzt seine Brille auf, legt die Mappe auf seine Knie, beginnt, langsam und mit zierlichen Schriftzeichen, einen Brief zu schreiben, indem er sich der linken Hand bedient. Ich verständige mich leise mit Dr. Kawi, entnehme meiner Brieftasche einige Postkarten, Lichtdrucke mit Gandhis Bild, die ich in Ahmedabad auftreiben konnte, und wie der Mahatma mit Schreiben fertig ist, legt Dr. Kawi all diese Blätter aufs Pult vor ihn, trägt ihm meine Bitte vor: er möchte auf zwei dieser Blätter seinen Namen schreiben – ein Blatt für mein Buch, das zweite für den Klub der »Liga für Menschenrechte« in Berlin. Gandhi Mahatma Gandhi lachend und in Sträflingstracht »Was ist das!« ruft der Mahatma aus. »Das sind ja Karikaturen!« Besonders eine Photographie, nach einer Zeichnung, die ihn als in sich versunkenen Yogi zeigt, erregt seine Heiterkeit. Er nimmt aus seiner Schreibmappe eine kleine Radierung heraus (der lachende Kopf mit der Zahnlücke), sucht unter meinen Postkarten eine aus und setzt dann unter diese beiden Blätter wie auch unter einen großen kolorierten Druck, den sein Schüler, der Maler, verfertigt hat, in Guscheratschrift seinen Namen: Mohandas Gandhi, und das Datum, 7. XI. 1925. – Dann nehme ich Abschied. 165 Wieder halte ich die Hand dieses Menschen zwischen meinen Händen. Aus nächster Nähe begegnen sich unsere Blicke. Dann gehe ich. –   Der Raum neben dem Empfangszimmer ist die Küche. Die Frau des Mahatma kommt uns vom Herd, auf dem sie in einem Kupferkessel Tee gekocht hat, zur Tür entgegen, trocknet sich die Hände. In einer Pfanne brodelt eine weiße Flüssigkeit, Reisbrei. Ein kleines Kind steht beim Herd, sieht uns an. Die Frau des Mahatma, Kasturibai, ist klein von Wuchs und so zart wie ein Kind, wie ein ganz junges Mädchen. Sie wurde ihm angetraut, als sie beide noch Kinder waren. Es ist, als wäre sie im Wachstum stehengeblieben. Sie ist in die rote Sâri gekleidet, ein Tuch, das um ihren zierlichen Kinderkörper geschlungen ist. Sie faltet zum Gruß ihre kleinen noch nassen Hände vor dem lächelnden Mund – das ist die unsagbar rührende Gebärde, mit der die Hindus sich begrüßen. Dasselbe junge Aufflackern der leuchtenden Seele in ihren Augen wie in den seinen. Dieselbe unnennbare Süße in dem alten Kindergesicht, wie in dem des Menschen, den ich eben verlassen habe. Wir wechseln einige Worte. Ich frage sie, wie es um die Gesundheit des Mahatma stehe, nach den Aufregungen seiner Reise durch den Cutch. Sie dankt mir. Wofür? Für Freundlichkeit, gute Gesinnung – – Wir sprechen noch eine Weile. Hinter den wie zum Gebet gefalteten kleinen Kinderhänden lächelt das holde Gesicht der alten Frau zum Abschied. Die leuchtenden braunen Augen im dunklen, lieblichen Antlitz strahlen Güte, Liebe. Dann verlasse ich die heilige Stätte. –   Jünger des Mahatma zeigen mir die Aschram, einen Komplex ebenerdiger Häuser. Die Wohnhäuser der Familie, der Schüler. Auf einer Veranda indische Musikinstrumente, ein Bin, eine Art Harfe, Saiteninstrumente. Bei der Mauer sind Ställe, in denen Kühe stehen. Obstbäume, Baumwollstauden, ein Gemüsegarten mit einem alten Ziehbrunnen, Blumenpflanzungen reichen bis zur steilen Böschung des trockenen Flußbettes des Sabarmati. Wo der Garten sich zum Ufer neigt, drei abfallende, mit Ziegeln gepflasterte Terrassen. Hier hält 166 der Mahatma mit seiner Familie, seinen Schülern, dem Hofgesinde die Morgenandacht. In einem weiten, mit Stroh gedeckten offenen Schuppen zimmern Arbeiter an Spinnrädern, der Scharka. In einer anderen sehr umfangreichen Scheune stehen sehr viele kleine Scharkas, aus Holz gebaut, wie kleine Windmühlenräder oder Schiffsschrauben in Spielzeugformat anzusehen, auch große Webstühle mit angefangenen Tüchern; alles steht still, es ist Feierabend. Wie wir an dem Gebäude vorübergehen, in dem die ausländischen Schüler des Mahatma wohnen, tritt ein junger Chinese aus einer der Türen, ein sehr schöner, vornehmer Mensch, der schon lange hier wohnt, wie ich höre. Sonst sind noch Engländer da; ein Amerikaner; die Tochter eines englischen Admirals, die ständig in der Nähe des Mahatma leben will, ist vor einigen Tagen eingetroffen; eine junge französische Frau kommt mit einem Inder vom Garten her auf uns zu. Wir geraten ins Gespräch: Europa, die Schwere, die Unerträglichkeit des Lebens auf dem zerwühlten, von Lüge, Irrwahn, Gier und Ohnmacht besessenen Kontinent. Wo habe ich solche Augen, auf denen eine Seele in die Weite treibt, solche suchend ratlose, durstige Augen gesehen? Zuletzt in Adyar . . .   Draußen gegenüber dem Tor der Aschram, an der Landstraße, erhebt sich ein großer, unfertiger Bau. Hier wohnt die Mehrzahl der Schüler des Mahatma, die den Tag über in der Aschram arbeiten, etwa hundert. Ein Trupp Hindus kommt uns entgegen, tritt in den Garten der Aschram ein, eine schweigende Schar. Es sind Männer, die von einem Begräbnis herkommen, zum Fluß hinuntersteigen wollen, um zu baden. Mein Begleiter zeigt mir ein breites rotes Gebäude, einen Turm, plump und rot, der hinter Bäumen an einer Wendung der Landstraße sichtbar wird. »Sabarmati Jail.« Es ist das Gefängnis, in das der Mahatma gebracht wurde, an jenem Märztag. An der Landstraße lagen, die Stirnen in den Staub gedrückt, betende Menschen. 167 Es steht da, dieses Gefängnis, wenige Schritte weit von Satyagraha Aschram, der Lieblingsstätte des Mahatma. –   Während wir, es dunkelt bereits, zur Universität zurückfahren, wo ich noch mit den Professoren beisammen sein will – die Straße ist uralt, verfallene Moscheen, eingestürzte Brunnen –, denke ich an das Schicksal des Menschen, den ich eben verlassen habe, dessen Blick mir noch in der Seele leuchtet. Der Richter, der ihn zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt hat, Mr. Broomfield. Ein höflicher, etwas befangener Mensch, der sich mit traurigen Gesten, bedauernden Worten bei dem Angeklagten entschuldigte, darum, daß er ihn nun, leider, dem englischen Gesetz gehorchend, für die drei Delikte zu je zwei Jahren verurteilen müsse. Mr. Broomfield. – Hätte er sein Amt hingeworfen, hätte er gesagt: »Ich will es nicht sein, Herr, ich nicht!« – sein Name wäre in die Unsterblichkeit eingegangen, wie der des Pontius Pilatus, der auch nur ein kleiner Beamter der damaligen größten imperialistischen Regierung war, aber sich im entscheidenden Augenblick die Hände wusch. Mr. Broomfield. Nun, er trinkt gemächlich seinen Tee im Kreise seiner Familie, avanciert, seine Karriere ist gesichert, Gott hab' ihn selig. Doch gab's in ganz Indien keinen Eingeborenen, keinen Hindu, keinen Muselman, aber auch keinen Weißen, der ausrief, wie einst in jenem kleinen Land am Mittelländischen Meer: »Wir wollen den Barrabam! Gib uns den Barrabam!!« Keiner auch fand sich unter den Landsknechten, den khakifarbigen Söldnern des Heeres, der, wie in jenem hochzivilisierten Land Europas, in jener hochzivilisierten Stadt, aus der ich komme, in der sich vom Hotel »Eden« zum Landwehrkanal der Kurfürstendamm hinzieht, jenseits des Kanals aber der Tiergarten, den Apostel der Menschheit auf eigene Faust mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen hätte. Keiner. Der Mahatma lebt. Der Gedanke hat seine zeitliche Inkarnation nicht verlassen müssen.   Und auch an mein Leben denke ich, während wir stumm in die sinkende Sonne zurückfahren. Es ist begnadet vor vielen, dieses Leben, 168 obzwar es einsam, nicht sehr froh, bedrängt und gequält ist von Kummer, mancherlei Wissen, unendlichem Zweifel. Eine kleine, flackernde Flamme brennt hier innen, schwach und nicht vielen sichtbar. Aber sie brennt, hier innen. Und auch ein Wille brennt hier, nicht groß, überrannt, verdrängt oft von Gewaltigerem. Aber es ist der Wille. Was bin ich denn, was sind wir? Winzige Fragmente, Partikel von jener Größe, Reinheit, Kraft und Ewigkeit, die ich herrlich und blendend, die Jahrtausende überstrahlend, an der Schwelle der Menschheitszukunft stehen sah, mit diesen meinen Augen stehen sah: den Harten und den Milden, die irdischen Verkörperungen Gottes , an den zu glauben ich nie aufgehört habe: Wladimir Iljitsch Lenin, Mahatma Mohandas Karamtschand Gandhi.   Ahimsa oder: Himmlische und irdische Liebe Fünfzehnter Tag auf hoher See seit Kalkutta. Vom Tag und Nacht brüllenden Nordwestmonsun gepeitscht, bäumt sich die Chinesische See gegen unser kleines hilfloses Schiff, das doch trotzig seinen Weg weiterrollt und schlingert, mit der britischen Flagge auf der einen Seite, der Flagge der Chinesischen Republik auf der anderen. Diese Flagge, die das Drachenbanner abgelöst hat, besteht aus fünf Streifen. Jeder versinnbildlicht, wie mir gesagt wird, eine andere Himmelsrichtung; die Chinesen kennen also eine mehr als wir Europäer. Noch drei Tage Reise, dann sind wir in Hongkong, an der Pforte des großen Reiches der Mitte, das, von Geburtswehen gepeitscht, sich ächzend schüttelt und um sich schlägt. Achtzehn Tage ohne Marconinachrichten. Diese Linie ist wahrhaftig nicht zu empfehlen. Was hat sich inzwischen in Europa, in China ereignet, was in Indien? In diesen Tagen hat in Indien, in der Stadt Cawnpore, der Indische Nationalkongreß begonnen, dessen Präsident diesmal eine Frau ist, die Swarajistin Mrs. Naidu. Aber, selbst wenn wir Marconinachrichten bekämen, die Wahrheit über diesen Kongreß, auf dem nicht nur für Indien, sondern auch für England und in weiterem Sinne für die ganze 169 Freiheitsbewegung der Welt wichtige Entscheidungen fallen werden, würden wir doch auf dem Zettel Marconis unten auf dem Weg zum Speisesaal nicht vorfinden. Die Wahrheit nicht nur über Swaraj, sondern über alle ähnlich unbequemen Bewegungen verkrümelt sich scheinbar im Äther, den Marconi und Reuter beherrschen, sie muß sich hinter Schleiern verbergen, wie eine indische Frau.   Das letzte, was über den Mahatma in die Öffentlichkeit drang, ehe wir an Bord gingen, war eine verwirrende, vielleicht sogar erschütternde Nachricht. Trotz der Schwäche, die ihm die anstrengende Reise durch den Cutch eingebracht und deren Wirkungen ich an seinem zarten, hinfälligen Körper nur zu deutlich beobachten konnte, hatte der Mahatma acht Tage währendes Fasten begonnen, und er war am dritten Tage bereits so sehr von Kräften gekommen, daß Mrs. Naidu und der Vorsitzende der Swarajpartei, Pandit Motillal Nehru, die ihn in Sabarmati aufsuchen wollten, um von ihm Instruktionen für den Kongreß entgegenzunehmen, unverrichteter Dinge abreisen mußten. Weshalb fastete Gandhi? Die britischen Zeitungen Indiens, die Phänomenen dieser Seele und ihrer Regungen ratlos gegenüberstehen, vermuteten: er büße durch sein Fasten wahrscheinlich, oder wie behauptet werde, die Schuld eines anderen, eines seiner nächsten Anhänger, der die Bewegung durch eine Tat in Gefahr gebracht habe. Ein Freund in Kalkutta aber sagte mir: Dieser Mensch will sterben .   Im vorigen Kapitel habe ich mit wenigen Worten die Lage Swarajs gekennzeichnet. Die politische Macht hat der Mahatma, wie gesagt, längst aus der Hand gegeben; diese Waffe, die, obzwar eine gewaltlose, doch formidabel werden muß, wird sie von seelischen Kräften gelenkt, wie die seinen es sind. Er hat sie aus der Hand gegeben. In wessen Händen liegt sie nun? Wer führt Swaraj? Ehe ich auf den Bürgermeister von Kalkutta, Mr. Sen-Gupta, zu sprechen komme, mit dem ich mich vor meiner Abreise längere Zeit unterhalten habe (Sen-Gupta wurde mir von vielen als eine der charakteristischsten Gestalten in der Spitzengruppe der Swarajbewegung geschildert), will ich einen Satz herschreiben, den ich vom Rektor der 170 Hinduuniversität in Benares, dem gelehrten Professor Dhruwa, gehört habe. Ich fragte ihn, auf die Schar der Studenten weisend, die sich unter dem Fenster seiner Rektorstube auf dem Rasen des prächtigen Universitätshofes in lebhaftem Gespräch ergingen: wie sich denn die Idee Gandhis unter den jungen Menschen Indiens, besonders den Intellektuellen, bewähre. Der Rektor, der selber Kaddar und die weiße Gefängniskappe aus Leinwand trug, antwortete: Ideen von solchem Ausmaß, die solch ungeheuren Willensaufwand zur Entsagung fordern, bergen bedeutende Gefahr in sich. Der Einfluß des Mahatma auf die intellektuelle Jugend Indiens ist zwar gewaltig, der Geist des Opfers aber in der Jugend nicht stark genug, nicht von Dauer. (Ins Europäische übersetzt: Das Fleisch ist schwach.) Auf die tieferen Schichten des Volkes, sagte der Professor, wirke die Persönlichkeit Gandhis durch sein erhabenes Beispiel mit voller ungebrochener Gewalt. Ihnen gelte er als der Höchste, der Heiligste, den die Geschichte Indiens kenne, weil er entsagt habe. Akbar, der große Mogul und Führer des mittelalterlichen indischen Islams, sei zeit seines Lebens Sultan geblieben, seine Wirkung daher bereits bei Lebzeiten beeinträchtigt gewesen – nichts wirke auf die Menschen so stark wie Entsagung, Askese. Diese Askese sei auch die Ursache, weshalb Gandhis Wirken in Indien einen solch wesentlichen Schritt vorwärts bedeute. Gandhi habe die latenten Kräfte Indiens befreit, man könne heute in Indien in allen Schichten des Volkes Meinungen aussprechen hören, deren Äußerung vor vier Jahren höchste Gefahr in sich geborgen hätte. Das Große und Neue an der Erscheinung Gandhis sei eben, daß er als religiöser Führer, ob er nun wolle oder nicht, ob er aus freien Stücken die weltliche Macht aus der Hand gelegt habe oder nicht, auf die politischen Geschicke des Volkes wirke, ungleich jenen Sanyasins der indischen Vorzeit, die die Gemeinschaft aller Gläubigen, auch mit den tiefsten Kasten, doch nur im Hinblick auf die religiöse Übung hergestellt hatten. Wieder mußte ich bei diesen Worten an Lenin denken und an diese Zeit überhaupt, diese geheimnisvolle harte Zeit, die führende Menschen höchster Art hervorgebracht hat, Menschen von reinstem Wollen und erschütternd reinem Leben, Führer, die von den Befolgern ihrer Lehre höchste Disziplin fordern dürfen . . . An diese Zeit dachte ich, an ihre Heiligkeit und an die Gefahr  . . .   171 In Mr. Sen-Gupta lernte ich einen außerordentlich interessanten Typus der jungen indischen Freiheitsbewegung kennen. Er ist europäisch gebildet, hat in Cambridge promoviert, ist Rechtsanwalt, wie die meisten Führer der Swaraj (Gandhi selbst war ja Verteidiger in Strafsachen), klug wie die Schlange (Taubensanftheit überläßt er dem Heiligen, der durch persönliches Eintreten seine Wahl zum Bürgermeister durchgesetzt haben soll) – er kommt, als ich ihn in seinem Amtsbureau aufsuche, vom Gerichtshof in der vorgeschriebenen Toilette, europäisch-indische Kleidung, Anwaltsbäffchen unter dem Kragen – wie ich ihm das nächste Mal begegne, bei der Eröffnung des Provinziallandtages von Bengalen, hat er die Landestracht der indischen Hindus angezogen, Kaddar trägt er mit derselben Selbstverständlichkeit, um nicht zu sagen Eleganz, wie den Frack und das Automobilistendreß, in seinem Kleiderschrank ist Raum für alle Gesinnungen, die ein kräftig vorwärtsstrebender junger Mann dieser Zeit benötigt. Gleich in den einleitenden Worten unseres Gespräches betont er: daß Swaraj beileibe nichts mit Bombenwerfen zu tun habe . . . daß die Wirkung des Mahatma leider in rapider Abnahme begriffen sei . . . dann, als ich Machiavelli zitiere, den Satz, daß nur bewaffnete Propheten gesiegt haben, leuchtet es über seinem jugendlich frischen, indisch braunen Bonvivantgesicht auf, er hat etwas gelernt! . . . und als ich ihn nach Ahimsa , dem erhabenen Prinzip der Gewaltlosigkeit befrage, antwortet er mit einer Handbewegung, die sich bis zu den zuckenden Achseln hinauf fortsetzt: »Selbstverständlich Ahimsa. Wir haben ja keine Waffen! « Ich kann nicht umhin, ihn durch einen kleinen instruktiven Vortrag über die Art und Weise zu unterrichten, wie man den deutschen, aus dem Felde zurückkehrenden Proletariern im Winter 1918/19 die Waffen abgeschwindelt hat. Aufmerksam und mit vergnügtem Lächeln hört er zu und erzählt mir dann, daß unter der Arbeiterregierung MacDonalds ein paar tausend indische Swarajisten ohne viel Federlesens in die Gefängnisse geworfen wurden Heute sitzen nur mehr hundertundfünfzig. Ihr Los ist hart. Diese Angelegenheit bildet den Stoff der Debatte am ersten Sitzungstage des Landtags von Bengalen. . Ihm selber aber, so 172 bemerkt er zum Schluß, könne heute, in der nächsten Viertelstunde, jeden Augenblick, das Gleiche passieren! Zur Taktik der Swaraj, die, wie schon erwähnt, von dem früh verstorbenen Dass vorgezeichnet wurde, bemerkt Sen-Gupta: die Parole sei jetzt auch nicht mehr Non-Cooperation , sondern im Gegenteil: hinein in die Behörden, in denen die Majorität zu erlangen sei. Und dann allmählich die Maschine zum Stillstand gebracht. Zunächst müsse eine Revision der Verfassung erkämpft, Indien als Dominion regiert werden, wie Kanada, wie Australien. Dann erst folge die » Civil Disobedience «, vor der Gandhi leider im entscheidenden Augenblick zurückgezuckt sei, wodurch er ja seinen aktiven Einfluß auf die Massen eingebüßt habe. Der Weg dieser Gehorsamsverweigerung werde durch die allmählich swarajisierten Behörden leicht vorzubereiten sein. Man werde z. B. vor Gericht eben nur jene Fälle verhandeln, deren Verhandlung man als notwendig oder zulässig befinden werde. Auf solche Weise wird dann die Maschine allmählich in die Bahn des nationalen Willens hinübergelenkt werden. Sen-Gupta glaubt sicher, daß Swaraj, wie es im revolutionären Zentrum Indiens, der Provinz Bengalen, bereits die Majorität habe, bei den nächsten Wahlen in sechs weiteren wichtigen Provinzen die Oberhand bekommen werde. Er hält den revolutionären Prozeß, der sich jetzt in Indien vollzieht, im Endresultat für sicher und widerspricht meiner Meinung, daß Indien von der rascher vorwärtsschreitenden Freiheitsbewegung Chinas und Ägyptens schließlich ins Schlepptau genommen werden wird. In der Uneinigkeit der Hindus und Mohammedaner sieht er kein gefährliches Hindernis für den Erfolg der Bewegung. Von dem jungen Sekretär der bengalischen Swarajpartei, der inzwischen ins Bureau gekommen ist, mit statistischem Material unterstützt, beweist er mir, daß z. B. in Bengalen die Partei zu zwei Dritteln aus Mohammedanern bestehe, daß mohammedanische Swarajisten über ganz Indien in den Behörden vertreten seien und daß sie vielgelesene Tagesblätter hätten, in Kalkutta allein zwei. Sen-Guptas Auffassung weicht von der des Rektors Dhruwa in Benares wesentlich ab. Dieser behauptete, ein Einvernehmen zwischen Hindus und Moslim sei schwer zu erreichen, der Hinduglaube sei kompliziert, während der Islam im Vergleich nur einige primitive 173 Grundgesetze kenne. Der Islam ignoriere die Kompliziertheit der menschlichen Natur, der die Religion der Hindus voll und ganz Rechnung trage. Dies sei ein wesentlicher Grund für die Schwierigkeit des Zusammenwirkens der beiden wichtigsten Religionsgemeinschaften, ganz abgesehen von dem fundamentalen Unterschied der Temperamente. Auf diese Einwände, die ich vorbringe, haben Sen-Gupta und der junge Sekretär nichts übrig als überlegenes Lächeln. »Da haben Sie aber einen wilden Hindu erwischt!« sagt Sen-Gupta. »In den kleinen Ortschaften, und auf diese, auf das Land, auf die Agrarbevölkerung kommt es ja im wesentlichen an, besteht zwischen Mohammedanern und Hindus kein Streit; in den Industriezentren ja wohl. Die Ursachen sind aber zum Teil künstlich geschaffen. Wir kennen sie und sind mit Erfolg bemüht, sie zu konterkarieren Sen-Gupta meint damit, daß die Engländer diesen latenten Konflikt zwischen Hindus und Moslim bewußt schüren und nicht zur Ruhe kommen lassen. Wofür wohl einige Anhaltspunkte zu finden wären. Niemals aber habe ich, sooft ich mit Engländern, englischen Offizieren oder Zivilbeamten der Regierung in Indien sprach, so stürmischen Widerspruch erlebt wie in Fällen, in denen ich die Vermutung des künstlichen » Divide et impera « erwähnte! .« Bei der Frage nach der Bevölkerung der Industriestädte, der wichtigsten Orte Kalkutta, Bombay, Madras, kommen wir auf den Streik der Spinnereiarbeiter in Bombay, auf die trostlosen Lebensverhältnisse, die elenden Löhne der Juteweber in Kalkutta zu sprechen. Ich frage Sen-Gupta, ob er glaube, es sei viel erreicht, wenn es schon gelinge, die britischen Industriellen aus dem Felde zu schlagen – aus dem Feld, das dann sofort den heimischen Kapitalisten eingeräumt werden wird? Ob es denn für das Arbeitervolk so viel bedeute, von wem es ausgebeutet werde, wenn eben die Ausbeutung weiter bestehen bleiben soll? Swaraj habe es ja doch nicht vor, den Kapitalismus zu attackieren, das Übel bei der Wurzel zu fassen. Darauf erhalte ich von den beiden jungen Indern eine diplomatisch vorsichtige und advokatenhaft geschmeidige Antwort. Sie wittern in der Fragestellung so etwas wie eine bolschewistische Falle und behaupten, daß nach der Beseitigung des britischen Kapitals die Interessen des indischen Volkes durch einheimische Arbeitgeber verteidigt werden würden, weil für 174 diese eben die nationalen Bedürfnisse, die ja auch für sie als Inder Geltung hätten, maßgebend seien. Ich bemerke darauf, daß in Rußland gerade die umgekehrte Taktik befolgt worden sei. Man habe dort zunächst dem einheimischen Kapitalismus, der schwerer zu kontrollieren ist als der ausländische, den Hals umgedreht. Mit Emphase wird nun behauptet, daß Rußland, d. h. die russische Idee, auf Indien gar keinen Einfluß ausübe. Daß Indien seinen eigenen Weg gehe. Und daß Swaraj, die rein nationale Bewegung, der einzige Weg sei, auf dem Indien vorzuschreiten habe.   Zwei Gesichtspunkte haben, während ich in Indien war, die öffentliche Meinung in tiefstem Maße bewegt: 1. Ist Indien als nationale Einheit überhaupt imstande, sich selber zu regieren? Ist der Sinn für Pflichterfüllung und Verantwortung im Inder derartig entwickelt, daß er fähig ist, sein Land gegen den Überfall fremder feindlicher Mächte zu verteidigen und den Frieden im Innern aufrechtzuhalten? Einheitlichkeit der nationalen Interessen bei den verschiedenen Volksstämmen, die Indiens Bevölkerung ausmachen, zu erzielen? Respekt vor den Gesetzen, die man sich selbst gegeben hat, durchzusetzen? Und überhaupt und vor allen Dingen: Ist der Inder fähig zu organisieren? Ein sehr beliebtes Argument, das die Engländer anführen, um ihr Recht auf Indien zu beweisen, ist: daß das indische Volk vor der Ankunft des ersten britischen Soldaten ein Spielball und willenloser Raub seiner korrupten nationalen Fürsten, Könige und Mogulen gewesen sei. Darauf haben sogar jene Skeptiker unter den Indern, die die eben niedergeschriebenen Fragen nicht so ohne weiteres mit »Ja« beantworten mögen, die Entgegnung: die Geschichte des indischen Volkes beginne nicht mit der Ostindischen Gesellschaft, Clive, Warren Hastings und den anderen, vielmehr sozusagen mit dem König Asoka, und daß das indische Volk schon einige Jahrtausende vor dem ersten in Indien eingetroffenen Engländer ganz gut sich ohne fremde Eroberer beholfen habe. 2. Der andere Gesichtspunkt betrifft eben jene wichtigen taktischen Fragen: ob einer Swarajist genannt werden dürfe, wenn er in die gegenwärtige Verwaltung Indiens eintritt, auf derselben Bank mit den 175 Engländern sitzt, die, eine Handvoll Fremdlinge (tatsächlich sind es nur wenige tausend), dieses Dreihundert-Millionen-Volk regieren. Diese Frage trat mit einem wuchtigen Schritt in den Vordergrund, als das Mitglied der Swarajpartei, Mr. Tambe, seine Ernennung in die exekutive Körperschaft der Zentralprovinzen Indiens annahm, ohne seiner Partei hierüber Bericht zu erstatten oder Rechenschaft abzulegen. Die prinzipiell wichtige Frage: »Ist verantwortungsvolle Mitarbeit der Weg, der zur bürgerlichen Gehorsamsverweigerung führt?« hat dem Fall Tambe eine Bedeutung verliehen, die dem Konflikt der Hindus und der Buddhisten um die Buddha-Gaja-Stätte gleichkam. Im Grunde ist es in jeder revolutionären Partei dieses in erschütternder Wandlung begriffenen Erdballs das gleiche: Reinhalten der Partei auf Kosten ihrer Einheit; Spaltung viel eher als Amalgamation nicht zusammengehöriger Elemente, Legierung von Rein und Unrein – Gandhis Schrei nach moralischer Durchorganisation der Partei . . . Es sind gläubige, aber ehrgeizige; nüchtern denkende, aber phantastisch fühlende; europäisch gebildete, aber im indischen Sagenland verwurzelte junge Menschen, in deren Hand jetzt das Ruder der Bewegung gelegt wurde oder geglitten ist. Noch schöpfen sie ihre geheime Kraft aus der tiefen Quelle jenes Auserwählten in Sabarmati, der ja, wie sie behaupten, sein aktives Prestige in der Bewegung aufgegeben oder verloren hat. Das Volk folgt ihnen, weil es ihre Verbindung mit dem Mahatma erfährt und kennt. Daß auf die skeptischen Gemüter dieser typischen politischen Intellektuellen die Erscheinung des Mahatma nicht den Eindruck macht wie auf das primitive, gläubige, nach Wundern gierige Volk, das bemerkt ja die Masse kaum. Abseits bauen die Führer der Swaraj dem Heiligen Gottes einen Altar, um vor diesem im Angesicht der indischen Nation das Opfer zu bringen, das sie selber zu Priestern weiht. Die übermenschliche Bitterkeit in der Seele Mahatma Gandhis, der es mit ansehen muß, wie seine Reinheit zum Werkzeug des Ehrgeizes dieser Kirchenväter zu werden beginnt . . .   Was wird das Ergebnis des Nationalkongresses sein, der sich jetzt, während das Schiff gegen den Dezembermonsun anläuft, in Indien abspielt? Im Grunde ist es gleichgültig. In drei Tagen sind wir in 176 Hongkong. Aus den Zeitungen wird zu ersehen sein, ob der Mahatma die Tage seines Fastens überstanden hat. Ob er lebt. Ob die Schwingungen dieser Menschenseele den Äther um den Erdball weiter befruchten.   Der andere große Mann Indiens Ende November, noch ehe ich den Ausflug nach dem Himalajagebiet unternommen hatte, waren wir übereingekommen, daß wir Rabindranath Tagore in seiner Aschram Santinikétan gemeinschaftlich besuchen würden: ich und der deutsche Konsul von Kalkutta, Herr von Pochhammer, ein junger Diplomat der Art, wie man sie jetzt im Osten erfreulicherweise des öfteren antrifft, in Sowjetrußland an dem großen Gedanken der neuen Zeit gebildet und zum Dienst der Zukunft erzogen. Als Dritter schloß sich uns der junge Dr. Koester aus dem Konsulat an, und so fuhren wir an einem hochsommerlich heißen Morgen nach der etwa einhundert Meilen nordwestlich von Kalkutta gelegenen Station Bholpur, wo uns bereits der Autoomnibus erwartete. Zu früher Nachmittagsstunde kamen wir im Gästehaus von Santinikétan an, das inmitten eines Mangrovenhains zwischen den Schulgebäuden und den Wohnhäusern der Aschramstudenten und -studentinnen erbaut ist, mit einigem Komfort, denn es kommen viele europäische Besucher zum alten, weisen Dichter, die ihn hier an der »Stätte des Friedens« sehen möchten – das ist die wörtliche Übersetzung von Santinikétan.   Vor einer Woche habe ich in der kleinen Sackgasse an der Chitpore-Road, einer der geräuschvollsten Bazarstraßen der Eingeborenenstadt Kalkuttas, vorgesprochen und gehört, daß Tagore seine Krankheit, einen Anfall von Herzschwäche und Ohrenentzündung, überstanden habe und aufs Land gefahren sei. Die Sackgasse, Dwarakanath Tagore-Lane, endet in drei rot getünchten, mächtigen Palästen, in denen die Tagores, eine vornehme, sehr begüterte Familie Bengalens, ihren städtischen Wohnsitz haben. Im Palast des Dichters legten Arbeiter marmorne Fußböden. Ich gab meine Karte ab und schrieb einen Brief an Tagore, der ihm nach Santinikétan nachgesandt werden sollte. Dann ging ich in den 177 gegenübergelegenen Palast zu den Neffen des Dichters, den Malern Abanindranath und Gaganendranath, hinauf, die ich in einem herrlichen Atelier antraf. Abanindranath ist als der hervorragendste Maler des heutigen Indiens anzusprechen, ein ernster, schöner, hochgewachsener Mann in den besten Jahren, dessen Kunst von der alten Malerei Indiens, den Höhlenfresken von Ajanta und den persischen Miniaturen, die die Wände schmückten, beeinflußt ist, – während der ältere, beweglichere, lebhafte und witzige Gaganendranath augenscheinlich die Botschaft Picassos vernommen hat, es standen an den Wänden kubistische Tafeln herum, von denen einige aus dem Bauhaus in Weimar zurückgekehrt waren. Rabindranaths Vater, Devanandranath war es, der Santinikétan für sich und die Seinen vor einem halben Jahrhundert aus einer wüsten Einöde in diesen schönen, mit Bäumen, Sträuchern und Blumen bunt blühenden Park verwandelt hat, als der sich die »Friedensstätte« jetzt dem Besucher darbietet. Die Sage geht, daß Devanandranath Tagore sich an dem Ort, an dem ihn Räuber überfallen hatten, zur Meditation niederließ – eine Marmorgedenktafel bezeichnet im Mangrovenhain diese Stelle. Unter dem Marmor ist auch das Grab des Alten gelegen. Vom Hain zum Hause des Dichters führt ein schattenloser Pfad. Sind die Vorhänge an drei Seiten der Säulenvorhalle dieses bescheidenen, ebenerdigen Hauses in die Höhe gezogen, so sieht man weit über ein endlos flaches, kahles Gefilde. Der Vollmond verbreitet sein Licht schon über das abendliche Firmament, und doch ist es fast noch Tag. Der schöne, hohe Greis, wie ein Patriarch oder Prophet des Alten Testaments anzusehen, in weitem, braunem Talar und Sandalen, steht vor uns, ladet uns freundlich ein, an dem Teetisch Platz zu nehmen, der, mit kleinen Tellern voll indischer Süßigkeiten angenehm zugerichtet, schon auf uns gewartet hat.   Ich war, um es gleich offen heraus zu sagen, in den letzten Tagen einigermaßen befangen und schwankend geworden. Tagore teilte mir nach Empfang meines Briefes in einem liebenswürdigen Schreiben mit, daß er meinen Besuch erwarte. Ich schätzte den Dichter sehr als einen Mann, der, obzwar ihm von seiten der englischen Regierung 178 persönlich keine Unbill widerfahren war, dieser seine Auszeichnungen und den Titel Sir zurückgegeben hatte, weil er mit der britischen Indienpolitik sich nicht einverstanden erklären konnte. Und außerdem liebte ich ihn noch um seiner Vorträge willen, die er in Amerika gegen den Nationalismus gehalten hat. – Was sollte man aber nun davon halten, wenn man gleichzeitig mit der Nachricht von Mahatma Gandhis Fasten in den Zeitungen die Notiz las: der Dichter habe in seiner Aschram den Gouverneur von Bengalen, Lord Lytton, und sein großes Gefolge empfangen, mit Festspielen der Schüler, Tee im Mangrovenhain und allen Ehrungen, die einem solch illustren Vertreter der britischen Regierung zukommen – und außerdem war ein Dankschreiben Tagores an Mussolini abgedruckt, ein offizielles, in herzlichem Tone gehaltenes Schreiben: der Diktator hatte einen Faschistenprofessor mit einem Waggon italienischer Bücher nach Santinikétan entsandt, und Tagore hatte betont, daß damit ein Band zwischen zweien der für die Menschheit bedeutungsvollsten Kulturen geschlungen sei. All dies stimmte nicht recht zusammen. All dies verstimmte beträchtlich.   Der römische Professor, ein junger, nervös beweglicher Herr, erschien auch bald an der Tafel, und nun sprach der Poet. Er sprach zunächst leise und müde, schien von seinem Leiden arg mitgenommen zu sein, aber zusehends wich seine Müdigkeit von ihm, als die Themen des Gesprächs anregender wurden, und wir durften nun dem Schwung der Worte des imposanten alten Mannes mit dem grauen Löwenhaupte und den seltsam eng beisammen stehenden, sich allmählich bis zu jugendlicher Frische belebenden Augen einige Stunden lang genießend folgen. – Der gewissenhafte Chronist fühlt sich bemüßigt zu berichten, daß der Poet (» the Poet «, so nennt man ihn in Santinikétan wie in Kalkutta, an diesem letzten Orte vielleicht auch, weil es ja Maler und Gelehrte dieses Namens gibt) bei dem Konsul zunächst Erkundigungen nach einigen mondänen Damen einholte, die ihn in Berlin augenscheinlich für ihre Salons eingefangen hatten, und daß das Gespräch sodann durch die gegebene Ideenassoziation auf den Botschafter oder europäischen Statthalter des Poeten in Deutschland, den Grafen Keyserling 179 und seine von den Frankfurter Salons äußerst geschätzte Schule der Weisheit hinüberglitt. Ein Sammelbuch von Aufsätzen über die Ehe wurde aus der Bibliothek herbeigeholt, und ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang der Poet die Bemerkung fallen ließ, daß er sich in seinem Statthalter einigermaßen getäuscht habe. Bald aber kehrte sich das Gespräch von diesen persönlichen Präliminarien ab, und es kamen wichtigere Dinge zur Sprache. Und nun entfaltete der außerordentliche Mensch Tagore den Zauber seiner sinnlich bestechenden Persönlichkeit. Die schwingende Melodie seiner Worte, in einem sanft singenden hohen Tone vorgetragen, ließ seine Antworten zuweilen in phantastischem Bogen weit über die positiv formulierten Fragen, die einer oder der andere unter uns an ihn zu stellen hatte, emporschweifen. Unsere Fragen waren sozusagen nur das Plektron, das die Saiten dieser in der Phantasie beheimateten, beseelten Laute anrührte, und als wir Gäste nachher unsere Eindrücke von dem, was Tagore uns gesagt hatte, zu kontrollieren versuchten, erwies es sich, daß eben diese Melodie seiner vollendet schönen Sprache (mit einer leise argumentierenden, dozierenden Nebenschwingung) stärker in der Seele haften geblieben war als das, was er uns zu sagen hatte. Indien und Gandhi, die europäische Welt und dieses östliche strahlende Gestirn – das war es, worüber wir in der Hauptsache sprachen. Der großen materiellen Armut des indischen Volkes, der nur durch Geburtenbeschränkung gesteuert werden könnte, stellte Tagore die zunehmende seelische Verarmung des industrialisierten Westens zur Seite, in dem die äußeren Formen des Lebens von der Maschine zermalmt werden und das sich im Rekord seinen Götzen geschaffen hat, im Friedens so gut wie im Kriegshandwerk. Der Poet beklagte die Einwirkung dieser üblen Maschinenkultur auf das tiefe, allliebende, alles Lebende mit gleicher Inbrunst umfassende Wesen des Inders, das ganz offenbar durch den Einfluß westlicher Strömungen gefälscht und verdorben werde. Indien warte aber sehnsüchtig und begierig auf die Stimme, die es erlösen soll. Gandhi . . . Gandhi hatte der Poet vorzuwerfen, daß er mit der Scharka und dem Kaddarweben, mit der Verehrung und dem Schutz der Kuh dem Volke zu seinen alten neue Idole, Fetische, Götzen geschaffen 180 habe. Ein Idol, ein Fetisch aber sei der Ruin der Idee, die er verkörpern will. Die Idee verschwinde, : verflüchtige sich hinter dem Symbol, wenn dieses allzusehr ins Bewußtsein des primitiven Menschen eindringe. Symbole zerstörten die Einheit des Glaubens. Man dürfe sogar Indien, wie das jetzt geschehe, nicht als das anbetungswürdige Symbol des östlichen Gedankens als solchen preisen. Wolle man z. B. den Morgen immer wieder mit einer Blume vergleichen, so wäre man um ein Bild ärmer, um einen Gemeinplatz reicher. Tagore betonte die (menschlich sehr begreifbare) Divergenz seiner Idee mit der Gandhis, den er aber sonst recht sehr anzuerkennen, ja zu verehren schien, obzwar er wie alle anderen behauptete, der Einfluß der »Legende Gandhi« werde jedenfalls, sollte er nicht bereits ganz erloschen sein, dieses Schicksal in kürzester Frist erleiden. – Diese Anschauung, die ich nun, wie gesagt, fast stereotyp, mit den gleichen Worten wiederholt, des öfteren aus so vielen Mündern vernommen hatte, überraschte mich aus dem Munde des Poeten kaum. Wie sollte es auch anders sein? Gandhi und Tagore, das sind zwei tief verschiedene, vielleicht abgrundtief getrennte Welten. Beide zusammen ergeben, wie Rolland betont und in einem schönen Bild mit dem großen westlichen Indusstrom und dem östlichen heiligen Gangesstrom verglichen hat: Indien, das Land, die alte Heimat der Religion, der Dichtung und der Würde des Menschen.   Wir haben nun in einem schönen, neuen Hause, das, seltsam in der Form eines Ovals, ans Ende einer langen schattenlosen Straße mitten ins Feld gesetzt ist, mit den ausländischen Lehrern der Aschram das europäische Abendessen eingenommen. Es sind Schweizer, Engländer, Franzosen, auch ein junger chinesischer Professor da, der mir wertvolle Empfehlungsschreiben an chinesische Staatsmänner und Generale mitgibt. Die Wohnräume der Ausländer schließen sich an das Refektorium an, das den mittleren Raum des Ovals einnimmt. (Der Nobelpreis, der dem Dichter vor einem Jahrzehnt verliehen wurde, und Stiftungen reicher Inder ermöglichten Ausbau und Fundierung der Lehrstätte.) Nachher gehen wir unter dem Schein des herrlich aufsteigenden Mondes zum Mangrovenhain zurück, aus dem wir schon, aus der Ferne 181 herüberwehend, einen Chor von Frauenstimmen, dunklen, lang gedehnt und dann plötzlich ekstatisch wie Jubelschrei in die gestirnte Nacht emporsteigenden Gesang gehört haben. Durch den Hain, dann hinaus auf die Felder, zurück an dem Grabmal vorüber und unter den Blumenbeeten wandelt eine Gruppe junger Mädchen. Es sind die Schülerinnen der Aschram, junge Inderinnen, aus vornehmen Familien des Landes stammend. Sie alle tragen die Schleier und Sâris der indischen Frau. Eng beisammen gehen sie und singen. Ich kann die Worte nicht verstehen, aber der süße, hingegebene Chorgesang, der von diesen schönen, dunklen Mädchen in leidenschaftlichem Aufschwung zum wunderbar leuchtenden Nachthimmel emporführt, ergreift das Herz und erfüllt es mit dem unnennbaren Zauber der östlichen Erotik. Unsere kleine Gruppe bleibt am Wege stehen. Ohne ihren Gesang zu unterbrechen, schreiten die dunklen Gestalten der Mädchen an uns vorbei, verneigen sich vor uns, die wir uns vor ihnen verneigt haben, und bald tönt, durch die Bäume sich entfernend, ferner, verhallend, das Lied der Mädchen zu uns zurück. Es ist aus der »Gitanjali«, und der Poet selber, der als ausgezeichneter Musiker gilt, hat die Melodie zu seinen Worten komponiert. »Hört ihr nicht seinen leisen Schritt? Er naht, naht, ewig naht er. Jeden Augenblick und in jedem Jahrhundert, jeden Tag und jede Nacht naht er, naht er, naht ewig. Manchen Gesang hab' ich gesungen, in manchem Wechsel der Seele, doch jeder Ton verkündete immerdar: er naht, naht, ewig naht er. In den duftigen Tagen des sonnigen April, über die Pfade des Waldes naht er, naht er, naht ewig. Im Regennebel der Julinacht, auf dem Donnerwagen der fliegenden Wolken naht er, naht er, naht ewig. In Kummer und Betrübnis fühle ich seinen Schritt mein Herz bedrücken. Die goldene Berührung seiner Füße aber macht meine Freuden höher leuchten.« In sprühendem Bogen steigt der Vollmond über den Hain empor, über die Häuser der Friedensstätte. Es ist tiefe Nacht, der Gesang verstummt. In seinem kleinen Haus, draußen zwischen den Feldern, 182 liegt der alte kranke Dichter schlaflos. Jeden Abend hört er von fern den süßen, leidenschaftlichen Gesang der Mädchen, hört seine Worte, seine Melodie, den Widerhall seines Herzens. – Und jeden Morgen vor Sonnenaufgang grüßen ihn aus dem Hain, bald nah, bald sich entfernend, Chöre junger Knaben, die singend der aufsteigenden Sonne entgegenschreiten. Ihre klaren Stimmen erheben sich zu inbrünstigem Gesang. Jeden Morgen grüßen die Worte des Dichters, aus diesen unverderbten Kinderseelen strömend, den aufgehenden indischen Tag.   Wie trifft es sich so glücklich: die Sonne geht über einem Feiertage auf! In aller Frühe kommen die Schüler, die Lehrer, die Bewohner Santinikétans zum Glaspavillon am Rande des Mangrovenwäldchens, um den Poeten zu hören, der hier heute die Morgenandacht abhalten wird. Leise, wie es sich im Tageslicht ziemt, tönt der Gesang der herbeischreitenden Mädchen. Sie und die Knaben nehmen rings um die gläserne Halle auf den Stufen des Pavillons Platz, wo auch uns unser Platz zugewiesen wurde. In der Halle hocken auf Teppichen die älteren Männer, Lehrer und Mitarbeiter der Aschram. Vorn aber, wo der Poet seinen Platz einnehmen wird, sind drei niedere Schemel aus hellem Stein auf den Marmorboden gestellt. Auf dem mittleren, niedersten liegen ein paar voll erblühte gelbe Tempelblumenkelche. Davor strömt aus einer kleinen Schale Weihrauch in die Höhe. Der alte Poet erscheint auf den Stufen. Er hat seine Sandalen abgelegt. In den weiten, braunen Talar gehüllt, tritt er in die Halle ein, neigt sein Haupt hinter den gefalteten Händen auf die Fingerspitzen nieder, und die Versammlung scheint für Augenblicke mit ihm in stumme Verzückung zu versinken. Dann erhebt er Antlitz und Stimme und spricht in liturgisch singendem Tone einen Vers aus den Upanischaden. Und es ist abermals ein Gebet, dieser Vers. Dann hockt er auf der Matte hinter den Opferschemeln nieder, faltet die aristokratisch schmalen Hände und spricht in seiner melodischen, hohen Stimme, die sich zuweilen bis zu Falsettönen versteigt, im bengalischen Dialekt, seiner Muttersprache: 183 über den Feiertag der Seele, die alles in sich aufnehmen muß, die ganze grenzenlose Herrlichkeit des Erschaffenen, um eins zu werden mit der Welt, der feierlichen Offenbarung des Einen Geistes. – Zuweilen steigert sich die Sprache des Poeten zu hymnischen Rhythmen. Da sind es wieder Verse aus den Upanischaden, die der Poet in seine Rede geflochten hat. Aber die Stimme sinkt, sobald es wieder eigene Worte sind, in denen er fortfährt, und der gewohnte harmonische Fluß der Rede setzt sich fort. Andächtig sitzen die Hörer, die Frauen, die älteren Männer, die jungen Mädchen in und außerhalb der gläsernen, durchsichtigen Halle da, durch die Morgenlicht strömt. Nur zwischen den Knaben, die, wie es scheint, in der ganzen Welt das lange Stillsitzen schwer vertragen, spielt sich in artig gezügelter Weise allerhand versteckter Unfug ab. Zum Schluß stehen wir alle mit dem Dichter geneigten Hauptes da, und eine Strophe aus den Upanischaden endet die Feiertagszeremonie. Draußen vor dem Pavillon bleibt Tagore noch eine Weile stehen. In langer Reihe nahen die Schüler, die schönen jungen Schülerinnen, die älteren Leute auch der wunderschönen, hohen, löwenhäuptigen Greisengestalt. Einzeln bückt sich jeder und jedes zur Erde nieder, berührt die Sandalen des Poeten mit den Lippen oder mit der Hand, um dann die Finger zu den Lippen zu führen. Wieder beschleicht mich das üble Gefühl einer Unstimmigkeit, eines Zwiespaltes, eines Bruches in dieser Erscheinung. Dasselbe Unbehagen wie beim Lesen des Mussolini-Briefes, des Berichtes über die Lyttonfeier. Wozu dieses Brimborium, diese Prozedur nach der weihevollen Feier, dem Dienste des Höchsten Geistes? Sie erinnert mich, ich kann mir nicht helfen, an eine Szene im Lateran, an einen geilen alten Kardinal, vor dem die Kolonie der römisch-amerikanisch-englischen Damenwelt beim Osterfest auf Knien vorbeirutschte. Ein Akt der Anbetung, der, sollte er auch durch östliche Bräuche begründet sein, mir Europäer den schönen, ungetrübten Eindruck von Tagore in seinem Reich und den Stunden, die ich hier verbringen durfte, abschwächt und verwischt. Eine halbe Stunde später fährt der Autoomnibus vor dem Hause des 184 Poeten vor. Herr von Pochhammer, Dr. Koester und ich haben dem Poeten unseren Abschiedsgruß und Dank abgestattet. Am Abend hat uns der Nordwest-Schnellzug aus Bholpur wieder nach Kalkutta zurückbefördert.   Himalaja Donnerkeilsland Ein paar Tage am Himalaja, an der Grenze von Nepal, Bhutan, Tibet, mit dem Blick auf die schneeige Dreifaltigkeit Kindschindschunga, Tschumulari und Davaladjiri, hinter der sich der eine, Gaurisankar-Everest, verbirgt im nördlichen Gebirge. – Dieser Ort Dardjiling, hoch oben in den Bergen gelegen, ist auf einen weit und spitz in das Reich des ewigen Eises vorgeschobenen schmalen Bergkeil gebaut. Er gehört zur Provinz Sikkim, und die Bahn erreicht ihn, in beträchtlicher Steigung aus der fruchtbaren Ebene des Gangesdeltas über das Hochplateau von Siliguri und wild verschlungene Dschungel emporkletternd, von Kalkutta aus in 24 Stunden. Den tibetanischen Namen, der dem Orte in Vorzeiten gegeben wurde, führt Dardjiling zu Recht, denn der langgestreckte Grat, der, in tropisch blühendem Grün mit rot gedeckten Häusern bestreut, hier so gewaltsam vorwärts stößt, stürzt auf allen Seiten jählings, gewalttätig steil in bodenlosen Abgrund hinunter, in neblig brodelnde Tälertiefen, und gleicht in der Tat einem schmalen Szepter, gebieterisch hinausgereckt in das ewig unbekannte, eisig unergründliche Geheimnis der hohen Berge. Dardjiling. Geisterfahnen um das Heiligtum An der Spitze des Keils stößt Observatory Hill empor, ein Hügel, auf dem tausend wehende Flaggenmaste kreisrund um ein buddhistisches Heiligtum gepflanzt sind. Tag und Nacht qualmen hier Opferschalen um einen alten unförmigen Stein, den die Jahrtausende abgeschliffen und seiner Form beraubt haben. Vielleicht war es ein Götterhaupt, vielleicht ein Meteor, es mag ein Lingam oder ein Opferblock gewesen sein. Heute schüttet jeder Gläubige, der Gebete murmelnd den steilen Hügel hinangeschritten und ins Bereich der wehenden Flaggen getreten ist, rotes Pulver über den Stein zu Ehren des tibetanischen Gottes, der dieses Reich beherrscht und dessen heiliger Ort jenseits der Eisgipfel, nur wenige Tagesmärsche von hier, über tiefe Täler, steil 185 emporschießende Berge und schmale, durch Felsen gehauene Gebirgspässe zu erreichen ist: Lhassa , die verbotene, selten betretene Stadt.   Dardjiling. Rastende Dandi-Kulis, Dardjiling Unten auf dem Markt von Dardjiling hocken sie im Dunst ihres grünschwarzen Schmutzes auf Schaffellen zwischen Säcken, in denen sie aus Tibet drüben ihre Habe: allerlei Fetzen, Kräuter, Kürbisflaschen, Silbergerät und Knochen mitgeschleppt haben. Mongolische Bärte zotteln aus schlitzäugigen, olivfarbigen Gesichtern nieder; Zöpfe baumeln unter spitzen Pelzmützen. Mancher trägt einen Gürtel um den wattierten Flauschrock und einen großen, krummen, mit blauen und roten Steinen ausgelegten Säbel, besser gesagt ein scharfes Messer, den Kris, darin. Auch klirrt ein Gewimmel von Messingzeug, Pfeifenstopfer, Löffel, Eisenhaken, spitzer Dolch, Zungenschaber, Zwickschere an dem Gürtel herunter. Andere haben an einer Schnur um den Hals die schwere silberne Gebetmühle hängen. Die Frauen, sogar die elendste Kulifrau, trägt riesige Schmuckstücke, goldene Schachteln oder Büchsen, mit Türkisen und Filigran kunstvoll ausgelegt, die Amulette enthalten. Die Frauen der Lepchas, einer Mischrasse aus Indern und Tibetanern, haben Ketten aus goldenen, gerippten Kugeln, die mit roten Tuchstücken abwechseln, bis auf die Brust niederhängen; dicke Ringe an den Händen, an den Zehen, türkisbesetzte Reifen in den Nasenlöchern, große, dünne, mit Zauberzeichen beprägte Goldplatten in die Ohrläppchen, ja zuweilen in die Schläfen gepreßt. Braun und ungewaschen wälzt sich die filzhaarige Kinderschar auf den Steinen des Marktes in der Sonne herum. In den schattigen Ecken aber hocken Gruppen von Männern und Knaben beisammen, rauchen und spielen mit Karten, Würfeln, Münzen und Kugeln, spielen, spielen, schreien sich einmal an, vertragen sich bald wieder, schieben sich Geld zu, haschen nach dem Geld des anderen, die Münzen wechseln jeden Augenblick ihren Besitzer. Würdevolle Chinesen im wattierten blauen Mantel, Korallenknöpfe auf den schwarzen Seidenmützen, blauen Tuchschuhen mit hochgebogenem Schnabel an den schmalen Füßen, stehen da und sprechen leise, feilschen hartnäckig mit den aufgeregt gestikulierenden indischen Händlern. Sie haben beladene Karren sowie leere, die auf Beladung warten, in einem Winkel des weitläufigen Hofes stehen; große schwarze Yakbüffel sind an eine Krippe gespannt. 186 Aus der hochgewundenen Landstraße tuten zuweilen Automobile herunter. Es sind auffallend schöne Wagen neuester Konstruktion. Sie kommen aus den Teeplantagen, die die Bergwände bis zu dreitausend Meter Höhe bedecken. In den rollenden Gefährten kann man breite schottische Pflanzer sehen, mit Whisky vollgesogen schon am frühen Morgen – so rächen sie sich an dem Leben, dem verpfuschten, das sie in diese wilde Einöde geworfen hat, zum alleinigen Zweck: den Teetrinkern aller Länder das sanfte Gebräu zu verschaffen! Es ist schon spät im Herbst, nur vereinzelt jagt ein Fremder noch einer alten Kuriosität in den Bazarläden nach, in den Goldschmiedebuden des Ortes. Eine kleine Irrsinnige, ein ehemaliger Mensch, offenbar aus Europa stammend, mit Pfauenfeder auf dem alten, durch alle Gossen gespülten Tropenhelm, tänzelt schrecklich anzusehen vor den Fremden einher, will keinen Backschisch, will Liebe. Verächtlich die Europäer messend, gehen Studenten in der Tracht der Mohammedaner Indiens zu ihrer Moschee quer über den Platz. Dort befindet sich auch eine Art Seminar. Militär, riesige, dunkle, blaubärtige Sikhs, stehen unbeweglich und halten die Ordnung aufrecht. Ein Wagenzug kommt langsam dröhnend von der Bahnstation her, schwer beladene Karren, für Bergwege gebaut, mit riesigen Rädern, blaues und gelbes Tuch über Ballen geworfen; schlafende Menschen liegen mit hochgezogenen Knien auf den Decken. Schwer und bunt, tausendfältig in Leben und Tod, Schlaf und halbem Wachen, wahnerfüllt, beladen mit dem Rausch der mongolischen Wildnis, brennend vom Schneelicht der unnahbaren Eiseswelt, wälzt sich, wie durch einen Paß zwischen Gletscherspalten, ein Geisterzug unwirklich an mir vorüber. –   Auf einer Stufe des Postamts sitze ich und erwarte den Omnibus, der an die Grenze von Nepal fahren soll. Ich sitze bereits über eine Stunde da, bis ich erfahre, daß der Omnibus heute schon vor Sonnenaufgang die Händler zum Wochenmarkt nach dem Grenzort Singla gebracht hat. Aber ich bleibe trotzdem noch eine Stunde nach der anderen sitzen, von allerhand Neugierigen, Kindern, Rikschakulis umschwärmt, bis sie dann alle eingesehen haben, daß von mir nichts zu holen ist, daß ich nur da sitze, um zu sitzen, zu schauen, das einmalige, 187 unvergeßliche, unwiederbringliche Bild einer neuen, nie geschauten Welt. – Um die Mittagsstunde wird es auf dem Markte ruhiger. Heftig scheint die Sonne herunter. Sie ist eine Tropensonne sogar in dieser Höhe! Die tropische Vegetation treibt sie mit ihrer Glut üppig aus dem felsigen Boden hervor. Der Marktplatz ist jetzt zu einem einzigen weißglühenden, schattenlosen Viereck geworden, inmitten der grünen Berglenden, auf die jenseits der Abhänge Schnee- und Eiswipfel niederschauen. – An den offenen Läden des Marktes, die wie blaue Höhlen dunkel in das Weiß der Bazarhallen zurückweichen, geht ein großer gelber Bettler vorüber. Ich sehe ihn nur undeutlich in der Sonne flimmern, er ist am entferntesten Ende des Platzes. Ein feines harmonisches Geräusch umflirrt die Gestalt. Ich kann noch nicht erkennen, was es bedeutet, ahne nur, daß es von der Gestalt ausgeht. Plötzlich, mit einem Ruck, dreht sich der Mann um und kommt wie herbeigezogen durch den weiten Markt gerade auf mich zugeschritten. Es ist ein Lamapriester, ein wandernder Mönch, in rostrotem Filzrock, auf dem gelblichen, farblos ausgelaugten Kopf eine spitze, gelbe, wattierte Mütze. Er hat ganz durchsichtige, wassergraue Augen, Seheraugen, Augen, wie Blinde sie haben. Von fern schon sieht er mich an, lächelt im Näherkommen, als nahe er einem Bekannten, als hätten wir uns hier verabredet, als folge er einem Ruf. Sein starkes Wolfsgebiß leuchtet zwischen den dünnen, bärtigen Lippen hervor. In der rechten Hand hat er das Glöckchen, das jenen feinen Ton gab. Die linke hält mir ausgestreckt eine mit Reis gefüllte Schale entgegen, eine beinerne Schale, es ist ein entzweigesägter Menschenschädel. Kupfermünzen liegen zwischen dem Reis. Ich werfe eine silberne Rupie in die Schale. Da schwingt der Mönch das Glöckchen laut vor meinem Gesicht hin und her, faltet die Hände vor der Brust, indem er zwischen den Ellbogen die Schale mit dem Reisopfer preßt, und segnet mich mit singenden Worten, die er viele Male nacheinander wiederholt, die Augen in meine versenkt. Dann dreht er sich um und geht quer über den Markt zurück zu dem Laden, vor dem er gestanden hat, ehe er geradenwegs zu mir kam.   Nachts um zwei Uhr brechen wir vom Hotel auf, amerikanische Touristen und ich, um uns auf Tiger Hill tragen zu lassen. 188 Tiger Hill ist ein Berg, zu dem gewundene Pfade etwa fünf Kilometer weit emporführen. Man kann von seinem Gipfel aus Everest, d. h. Gaurisankar (die Engländer müssen jedem Naturwunder einen englischen Namen anheften; hier ist es der Name eines Feldvermessers!), im ersten Strahl der Morgensonne erblicken. Von Dardjiling aus bleibt er hinter der schneeigen Eisdreifaltigkeit verborgen. – Eine Schar Kulis erwartet uns frierend, rauchend, schwatzend in der nächtlichen Kälte vor dem Hoteltor. Wie unsere kleine Gesellschaft ins Freie tritt, suchen die Kulis eifrig den leichtesten unter uns aus. Die Ungeschicktesten werden das Nachsehen haben, denn ihnen bleibt das schwerste Gewicht vorbehalten. (Das besitze offenkundig ich. Aber da die anderen Pelzmäntel anhaben, ich aber nur meinen Sommerpaletot, gehört schon ein geübter Blick dazu, es zu erkennen.) Wir setzen uns in absonderliche Vehikel, die sofort von je sechs Kulis geschultert werden, und schwanken nun hoch über den bezopften Köpfen der Burschen die Straße entlang, die vom Hotel nach Tiger Hill etwa zwei Stunden Wegs aufwärts führt. Die Tragsessel, Dandis genannt, gleichen halbierten Kanus mit Leinwandwänden an den Seiten. Man sitzt in ihnen bequem, wenngleich ein wenig eingeklemmt. Vorn und hinten haben je drei Burschen die Tragstangen geschultert. Der dritte, ganz außen, hat die geringste Last zu schleppen, darum wechseln sie zuweilen ab, was nicht ohne viel Seufzen, Schnauben und Geächze vor sich geht, schon um das Trinkgeld zu erhöhen, das man nachher wohl zugleich mit dem ausbedungenen Lohn spenden wird. An der ersten steilen Steigung des Weges verwandelt sich das Ächzen des einen und des anderen in der Karawane in rhythmisch artikulierte Weise; Worte entstehen aus dem Takt des Vorwärtsschreitens, des Schaukelns, pflanzen sich fort, von Gruppe zu Gruppe, zu leise gemurmeltem, allmählich stärker und lauter akzentuiertem Singsang. Bald singt die ganze Kulischar. Es ist lehrreich: auf diese Weise sind ja die ersten Sangesweisen, rhythmischer Ausdruck des Tragenden, Arbeitenden, Belasteten, entstanden. Die Mühseligen der Erde singen unter uns stumm und bequem Dasitzenden, die wir uns für ein paar Rupien zu der glorreichen Pracht des Sonnenaufgangs über dem 189 Himalajagebirge auf steilen Pfaden emporschleppen lassen können. Sie singen, und wir sind stumm. – Singend und stumm, so geht es nachtstundenlang empor bis zur Spitze des Tiger, von wo wir aus dem Reiche des Ostens, dem mystischen China, die Sonne aufgehen sehen werden, mit östlichem Strahl die nach Norden geschweifte Kulisse Kindschindschungas streifend – die Wolkenbäusche von den Eisgipfeln fegend, über die glitzernd hohe Schneestürme brausen, mit dem Glase deutlich zu erkennen –, bis in der Ferne der Doppelfirn Everest zu leuchten anfängt, in durchsichtigem Glanz erstrahlt, daß sich die geblendeten Augen schließen wollen vor dem Wunder dieser Erde, dieser rätselhaften, tödlich unerforschten Erde. – Unten im Keller des Aussichtsturmes wärmen sich, während wir auf dem Dach dem Sonnenaufgang zusehen, um ein flackerndes Feuer die Kulis. Die gelben Mongolenburschen sitzen mit hängenden, ausruhenden Schultern und Rücken schwatzend und rauchend da. Ihre kleinen Zöpfe baumeln von den schwitzenden Schädeln herunter. Sie haben sich über dem Feuer in einem alten Eisenkessel einen starken Tee gekocht und schlucken große, heiße Schlucke, an denen sich eine europäische Gurgel den Tod holen könnte, aus Blechschalen, die am Boden herumstehen. Auch ein paar Tommies aus der Garnison in Dardjiling sind da; nachdem sie den Sonnenaufgang genossen haben, setzen sie sich um das Herdfeuer, lachen und schreien sich an, in den Dialekten des schottischen Hochlandes, aus dem sie herkommen. Auf dem Rückweg im Morgenlicht singen die Kulis wieder. Ihr Gesang ist nun lebhafter geworden. Die Worte scheinen harmonischer zu sein, als sie beim Aufstieg waren. Kein Wunder, es geht ja jetzt bergab, bald ist der Lohn in der Tasche. Oft kann einer kaum weiter vor Lachen, dann hört der Gesang für einen Augenblick auf, bis die anderen ihn wieder aufnehmen. Es dauert aber nicht lange, und wieder ist der ernste, schleppende, schwere Rhythmus da, die Mühseligkeit hebt erneut an, denn es geht ja jetzt im Sonnenbrand steil bergab, es wiederholt sich der stumpfe, hingeächzte Refrain, den ich nun kenne, wie ich die Melodie und den Rhythmus erfaßt zu haben wähne und auch den Sinn – so daß ich 190 selber in den Pausen aus Eigenem, stumm zwar, aber im Innern laut, in den Wechselgesang einstimmen kann. – Dies ist der Gesang der Kulis und meiner, auf den Pfaden der Berge zwischen Tiger Hill und Dardjiling. Gesang der Kulis : Schleppt, Burschen, schleppt! Der schwere Fremdling hat Geld, Wir haben keins, Hätten wir's, wir ließen uns selber von ihm schleppen!     Me – bi – lahhaja –     Tach aschin – wala –     We' auss – szeh! Schleppt, Burschen, schleppt! Wenn wir ihn niedersetzen, den Fremden, Gibt er uns Geld, Dann würfeln wir und liegen in der Sonne Bis zur nächsten Nacht.     Me – bi – lahhaja – –     Tach aschin – wala     We' auss – szeh! Schleppt, Burschen, schleppt! Der Wanst dieses Fremden wird immer dicker. Am liebsten schmissen wir ihn Hier übers Geländer den Berg hinunter, Aber dann faßt uns die Polizei, Und wir kommen ins Jail und müssen arbeiten Für nichts und dürfen nicht würfeln Und werden vielleicht sogar aufgehängt Und unsere Zöpfe abgeschoren vorher.     Me – bi – lahhaja – –     Tach aschin – wala     We' auss – szeh! 191 Schleppt, Burschen, schleppt! Zu Hause wartet das Weib, Sie hat eine heiße . . . Da ist gut liegen, Und auch eine heiße Suppe, Und der Priester segnet das Haus.     Me – bi – lahhaja – –     Tach aschin – wala – –     We' auss – szeh! Schleppt, Burschen, schleppt! Der Hotelbesitzer, der Schuft, Behält das Geld, das der Fremde ihm gibt, Und uns gibt er einen Dreck! Aber das ist unser Los, Denn wir sind Kulis, oh, du heilige Lotosblume, Wir grüßen dich, kostbares Kleinod!     Me – bi – lahhaja – –     Tach aschin – wala     We' auss – szeh! Stummer Gesang des Fremden in der dritten Dandi : Wie herrlich, o Herr, Ist die Sonne über deinen Bergen! Sie wissen nichts von Mehrwert, Diese armen Halunken. Wir wollen es ihnen beibringen! Nicht soll deine Sonne mehr über Schleppende Und Geschleppte scheinen. Wir wollen alle schleppen!     Me – bi – lahhaja – –     Tach aschin – wala – –     We' auss – szeh! Ich weiß nicht, was diese tibetanischen Worte bedeuten. Verzeih, großer Geist, wenn sie ein unflätiger Fluch sein sollten, 192 Der deine Ohren verletzt – Sie wissen's nicht besser, es sind ja elende Kulis, Zum Schleppen geboren, Lasttiere, Würfelspieler, Hurer, Säufer – Wir sind alle deine Kinder, o Herr, o selige Lotosblume, unendliches Juwel!     Om mani padme hum! In diesem Lande lebst du, O Herr, o Lotosblume! Ein Chaos ist dieses Land geblieben seit der Schöpfung Tag Und doch sinnreich geordnet, denn du bist so lebendig hier! Wie sollte ich je deiner Sonne vergessen, o Indien! Sie leuchtet jetzt über dem Ganges, über der Heiligen Stadt Benares, wie sie über diese Bergeswipfel leuchtet –     Om mani padme hum! Om, om! Wie sie ächzen, die armen Burschen! Schütze, o Herr, deinen teuren Sohn Mahatma Gandhi, Und lasse deine Sonne auch noch lange leuchten über den schönen weißbärtigen Greis Tagore.     Om mani padme hum! Und mein Gebet geht auch noch weiter, Ich will dir alle Namen nennen, die Wurzeln des heiligen Banyanbaumes, Dessen Stamm verdorrt ist und verloren, Aber seine Wurzeln sind von oben aus der Luft zurückgekehrt zur Erde, zu deiner Erde, Und jede ist eine lebende Seele, und für jede habe du Liebe und ein glückliches Leben, Herr –     Om mani padme hum! Daheim, im kalten, gottverlassenen Europa, schenke deine Gnade der Geliebten, den Freunden – Den Menschen, die gut zu mir waren und sind – 193 Nein – ich brauche dir ihre Namen nicht zu nennen, Denn erstens kennst du sie, o allwissende Lotosblume, leuchtendes Juwel, Und zweitens wäre es ihnen vielleicht unangenehm, denn dies wird ja gedruckt!     Om mani padme hum. Schleppt, Burschen, schleppt! Heute gibt's ein gutes Trinkgeld. Der schwere Fremde wird sein Gewicht aufwiegen, Nicht in Gold zwar, Denn er ist nur ein erbärmlicher Schriftsteller, Aber in Kupfermünzen, und auch das dürft ihr nicht wörtlich nehmen – Aber das Geld könnt ihr verspielen, versaufen, verhuren, Was solltet ihr auch mit Geld anderes anzufangen wissen! Ihr seid doch arme, unwissende Geschöpfe.     Me – bi – lahhaja –     Tach aschin – wala –     We' auss – szeh! Weiß Gott, diese Amerikaner da vor und hinter uns, Sie werden euch auch Trinkgeld geben, Aber sie werden euch ermahnen, es nicht zu verspielen, nicht zu versaufen, nicht zu verhuren, Denn es sind gottesfürchtige Amerikaner! Sie preisen in ihren Kirchen den Schöpfer jeden Sonntag von zehn bis elf, Im Grunde aber ist ihr Gott der Dollar, Der sie mächtig gemacht hat. Es sind verdammte Egoisten, Diese Dollartaschen, Dollarkruzifixe. Aber laßt uns nur für euch denken, Ihr armen Halunken! Wir sind wohl die schwersten, Aber wir wollen euer Los erleichtern. 194     Me – bi – lahhaja –     Tach aschin – wala –     We' auss – szeh! Nein, wir wollen nicht rasten, bis die Sonne, Die jetzt auf eure Buckel scheint, Die den Schweiß aus euren Zöpfen tropfen läßt, Die eure Ohrringe glühend macht Und die Türkisen in euren Ohrringen immer heller, Nicht mehr über Schleppende und Geschleppte scheint, Wegen ein paar Rupien mehr oder weniger.     Me – bi – lahhaja –     Tach aschin – wala –     We' auss – szeh! 195   China Erster zauberhafter Tag in China Über allen Straßen der Stadt wehen, schaukeln, pendeln lange schmale Fahnen, Holztafeln, auf denen goldene Zeichen, rote, schwarze Kunstwerke von Buchstabengruppen, schmal und senkrecht untereinander gesetzt, zu lesen sind. Sie berühren sich fast, so dicht hängen sie nebeneinander, Lacktafeln, Schilder, Leinwandfahnen – alle Straßen der Stadt sind voll von schaukelnden, flatternden chinesischen Buchstaben. – In einem engen Gäßchen, das steil den Berg hinaufklettert, begegnen ein Schalmeibläser, ein Gongschläger einem andern Schalmeibläser, Gongschläger. Alle vier bearbeiten ihre Instrumente mit Wut und Ausdauer, die enge Gasse hallt wider vom wilden Getön. Rasch bewegt sich der Trupp, der hinter dem einen Musikantenpaar den Berg hinaufzieht – langsam schreitet der andere hinter seiner Musik die glitschrigen Steine hinunter. Ein breiter Holzstamm, gelb angestrichen, von seltsamer Form, wie ein Kanu, auf das ein Deckel gelegt ist, an den abgeschrägten Enden aber einer Lotosblume ähnelnd, schwankt auf den Schultern von vier Männern den Berg hinauf. Hinter ihm führen kräftige Burschen ein paar sonderbare, weit vornüber hängende Gestalten daher: einen ältlichen Mann mit weißer Mütze, weißer Stola um den Leib, Baststrick um die Hüften, und zwei kleine Jungen, die ähnlich gekleidet sind und die Köpfe auf ebenso unnatürliche Weise vornüber hängen lassen. Diese weißen Gestalten, der ältliche Mann hat noch eine lange Bambusstange mit wehendem weißen Papierstreifen in der Hand, man möchte meinen, es seien Betrunkene, so schleppt man sie des Wegs daher, aber es sind bloß gebeugte Menschen, sie folgen ja einem Sarg, weiß ist die Farbe der Trauer, zu Hause im Totenhaus hocken weiß angekleidete Kinder, gemietete, heulen die Totenklagen. Dem andern Zug schreiten Kinder voran, in weiten, purpurnen 196 Jacken, feierlich und steif. Sie tragen an langen Bambusstöcken Pappschilder, auf denen wieder diese herrlichen goldenen, schwarzen und krapproten Schriftzeichen zu lesen sind. Die Kinder gehen langsam, damit sie den hinter ihnen den Berg herabschwankenden Sänften, Tragsesseln, bunten Flitteraufsätzen nicht davonlaufen. Es ist ein Brautzug – seht: die blaue, fest verschlossene, mit tausend klirrenden Glassträhnen, Papierrosen und zitternden vielfarbigen Gehängen ganz überrieselte Sänfte, von purpurnen Kulis geschleppt, in der die Braut, die unsichtbare, ins eheliche Heim getragen wird! Und die anderen, blau und zartfarbig gläsern klirrenden, rieselnden Sänften, alle von purpurnen Kindern geschleppt, mit lächelnden, dickbäuchigen, rosabemalten Gipsgöttern, die ihre spitzen, zierlich gekrümmten Finger wohlwollend und wollüstig betrachten – aber, was ist das? Das ist ja ein Wasserklosett, blütenweiß und in jungfräulicher Reinheit erstrahlend, und dahinter ein veritabler Schrankkoffer, höchst modern, seine hundert mexikanische Dollar wert, auf Sänften kommen all diese Schätze durch die Stadt gezogen, und außerdem drei funkelnagelneue Bettmatratzen, ein schön geschnitzter Ebenholztisch, auf dessen Platte eine ganzes Porzellanservice festgebunden ist, ein Vogelbauer mit kreischendem Papagei, eine Tragbahre mit Aluminiumgeschirr, Töpfen, ein Spiegelschrank mit schauerlichen Metallbeschlägen – ja, ihr gesamtes Hab und Gut und alle Hochzeitsgeschenke geben die stolzen Brautleute im endlos langen Zug der Sänften den neidischen Blicken der Gasse preis! Bergauf schwankender Trauerzug, bergab schwankende Brautprozession, ringsum das bunte, enge Getümmel und Gewirr der mit tausend Fahnen, Schildern wehenden goldenen, lackschwarzen, krapproten Gassen und Berggäßchen in der Morgensonne, deren Strahl die verschlungenen Pfade des hohen Bergabhangs in die Höhe gleitet, – dies ist China, mein erster Morgen in Hongkong, der erste, unvergeßliche Tag in dem sagenhaften Reich der Mitte, Reich des entthronten Himmelssohns, der auf den Thron gesetzten irdischen Vernunft. An den mächtigen Berg gebaut, der sich wie ein Riegel vor China schiebt, liegt Hongkong in der Morgensonne der Weihnachtswoche da, ein britisches Gibraltar des östlichen Meeres, bewacht von 197 Kriegsschiffen aller Nationen, in dem zauberhaftesten Hafen, den meine von der Schönheit dieser Monate, dieser Erdenwelt nun schon fast wunden Augen je umfaßt und genossen haben . . .   Frühmorgens flog an dem kreisrunden Fenster meiner »Takada«-Kabine ein Flügel vorüber, von riesigen Dimensionen, weiß, hellgrau und zitronengelb gefleckt, wie eines exotischen, nie gesehenen Schmetterlings Flügel, das geflickte Segel eines schweren chinesischen Sampans oder Frachtbootes, erster Gruß Chinas. Auf dem Verdeck des Schiffes dann, das achtzehn Tage lang seit Kalkutta mein Wohnort war und sich jetzt, vom kleinen Lotsenschiff gesteuert, vorwärts wagte in der gefährlichen Bai – welcher Anblick! Die Inselberge, spitzen Kegelformen der Hongkongreede, im zarten Rosa des Sonnenaufgangs wie Nebel am lichtblauen Horizont, über dem durchsichtig blauen Wasser verschwimmend, hell und überirdisch – ein zinnoberrotes Schiff, weit, irgendwo, im Morgenduft wie eine Vision auftauchend – bald von der Stadt her ein verirrtes Geglitzer von Fensterscheiben, über die Sonnenstrahlen streichen, beim Näherfahren: Schatten von vorgebauten Bergschründen auf tiefer zurückweichende, aus dem Fels gekerbte Häusergruppen fallend, hier und dort ein deutlicherer Farbenfleck, Rauch, die gewaltige Masse eines braunen Pazifikdampfers, unmittelbar im Vordergrund des Sehfeldes, all dies wie Musik, die das Auge vernimmt, und dann plötzlich: der verschwebende, melancholische Laut eines abschiednehmenden Schiffes, weit innen, in den Gewässern der Küstenausfahrt . . . nun erst ein voller Akkord – o Herrlichkeit des Fahrens und Schauens, ihr Häfen der vielen Meere, in die ich einfuhr, Sonnenglanz liegt über einem neuen Morgen, einem neuen Hafen, am Eingang eines neuen, geheimnisvollen Landes, in dem Kräfte erwacht sind, die der Sinn bewillkommt, versteht. Langsam öffnet sich die Seele zum Morgengruß an das Unbekannte. Das Schiff sucht seinen Ankerplatz, findet ihn, legt an.   Dieser erste Tag vergeht zwischen der Stadt und dem Hafen, in den Berggassen, die sich über den Peak, den gewaltigen Felskegel, an den Hongkong gelagert ist, hinziehen, ihn kreuz und quer furchen – auf 198 der raschen Fähre, die den Hafen durchschneidet, hinüber nach Kowloon führt, der Stadt der Neun Drachen. Straße in Hongkong In den Bazarstraßen, die die vertikal niederhängenden Lackschilder und Fahnen zeichnen, jage ich einem Schmuckstück aus Jade nach, das ich hier zu finden hoffte, finde aber nicht das Richtige: »Vely solly!« – Pidgin English. Sie können das R nicht aussprechen. Ihr Englisch klingt kindlich. Pidgin aber kommt nicht von Pigeon , d. h. von Täubchen, sondern von Business , d. h. Geschäft – es ist das Idiom, in dem sie sich mit dem Engländer, der den Riegel vorgeschoben hat, verständigen. Dieses putzige Idiom und der kindliche Sprachfehler decken viel Verschlagenheit, Nichtverstehenwollen, gebotene Vorsicht und allerlei tückische Fallen. Untereinander sprechen sie eine Sprache von höchster geistiger Modulationskraft, gegen die keine europäische aufkommt, eine Sprache der unerhörtesten Synonyme und Ideenassoziationen, die einen Wortschatz und Schriftzeichenreichtum von etwa 40 000 Einheiten und kein Alphabet besitzt. Diese Schriftzeichensprache (eine Zeitung kommt schon mit 4000 Ideogrammen aus) ist Rückgrat, Schicksal und Schlüssel zum Verständnis des uralten Kulturvolkes. Es liegt ihr eine Idee von Dauer zugrunde: Anschauung der Natur und symbolische Darstellung durch Runen unserer Beziehung zu den ewigen Dingen. Man sehe sich bloß die vierundsechzig Varianten an, die Itsching, das alte Zauberbuch, die Fibel der Chinesen, mit den acht Grundelementen der Natur und den einfachsten Schriftzeichen, der geraden und der gebrochenen Linie, anstellt, um einen Begriff davon zu bekommen, was des Chinesen Religion, Ethik, Gesellschaftsmoral und Nationaltradition zu besagen hat. Auch ihre Denkweise gegenüber dem Haiha, dem fremden Teufel, reduzieren sie auf das Niveau ihres zimperlichen Pidgin. Bezeichnenderweise sagen sie für Humbug – »Playpidgin«; sonst verschanzen sie sich hinter einem stereotypen »Mi no sawwi«: ich weiß nicht!, »Mi luksi!« – man wird schon sehen, laß mich überlegen, »No wantschi!« – ich brauche das nicht. Backschisch heißt hier Kumscha. Und wenn du den Laden verläßt, ohne gekauft zu haben, tönt dir mit einem bedauernden: »Tu mötschi dir?« ein höflich gelächeltes: »Tschintschin« nach – adieu! 199 Sie sind nicht gerade feindselig, ihr Lachen und Lächeln ist nicht böse oder höhnisch, doch fühlt man sich unter ihnen nicht unbeschwert und geht nicht, wie in Agra, wie in Benares, träumend und beseligt durch die Straßen. Alles ist, besonders in den großen Städten, ordentlich, blitzblank ausgerichtet und hingestellt. Vom pittoresken Schmutz Indiens, vom farbigen Halbdunkel Indiens keine Spur. Sie lieben eine Überfülle von Licht, Glühbirnen. Alle Menschen tragen eine Art Uniform, die schmucklose Chinesenjacke, den Chinesenunterrock, zumeist in stumpfen Farben; die Männer sauber rasiert, ein langbärtiges Gesicht fällt auf, nur alte Männer lassen sich das dünne Haar auf dem Kinn wachsen, man sieht kaum mehr einen Zopf unter tausend europäisch kurzgeschnittenen Köpfen. Die Kopfbedeckung der Männer ist unweigerlich die schwarze, eng anliegende Seidenmütze mit schwarzem Knopf, hie und da mit rotem; mit weißem, wenn man trauert. Man hat den Eindruck, daß ihr freundlich einladendes Lächeln auch nur uniform ist, merkantiler Gepflogenheit entspringt – die offene, liebliche Kindlichkeit des Inderlächelns fehlt diesen Gesichtern. Energie, Betriebsamkeit, undurchsichtige Höflichkeit und noch etwas, was mir am ersten Tage schon auffällt. Ich gebe einem jungen, blinden Wahrsager, der seinen Tisch an einer Straßenecke aufgeschlagen hat, eine kleine Silbermünze und gehe weg. Gelächter hinter mir – ein Almosen, zuviel, für nichts! Ein Grünhorn von einem fremden Teufel! Um den Rikschakuli zu schonen, steige ich vor einer steilen Brücke aus. Gelächter: ich bezahle doch den Kuli und lasse ihn für mein Geld nicht schuften! Hartes Volk, vielleicht herzlos. Sie essen zuviel Fleisch, und was für welches! – vom bloßen Anblick ihrer Fleischerläden, in denen Gekröse, rotlackierte Enten und Gänsekadaver, Quallen, Lämmerblasen, allerhand schauderhafter Schlangenfraß herumhängt (einmal sah ich ein Affenskelett an einem Haken baumeln, herrlichster Leckerbissen!), wird einem schon hundeübel. Irgendwoher muß diese Zähigkeit und Energie doch in sie gekommen sein! Energie – hier sind zwei harte Völker aneinandergeraten. Hier wohl! Ein Blick von der Hafenfähre in die Runde: was haben, in kaum siebzig Jahren, die Engländer aus dieser Bucht gemacht! Der Peak, dieser anderthalbtausend Fuß hohe Kegel, methodisch in Auffahrtstraßen 200 zerlegt, unten am Wasser mit mächtigen Kasernen, Warenhäusern, Silos, Bureaupalästen in Wolkenkratzerformat, moderne Stadt, höher oben Hospitäler, Schulen, Kirchen und Klubs, eine steile Drahtseilbahn, die an einem herrlichen botanischen Garten, an gewaltigen Reservoiren vorüber zu stark gemauerten, mit Terrassen umgebenen Villen, Hotels und Wohnburgen führt. Ringsum in der Bai, einem der geschütztesten natürlichen Häfen der Erde, sieht man starrende gelbe Bergstümpfe. Allüberall werden ganze Bergzüge abgebrochen, um Platz für immer neue Fabrikanlagen, Kraftstationen, Hafenbauten, Wohnviertel zu schaffen. Der bloßgelegte gelbe Löß leuchtet über dem blauen Wasser. Soweit man zu sehen vermag, sind gelbe Kerben in die Inselberge geschnitten: Automobilstraßen weit ins Land hinein. Und doch: dieser wunderbare, kraftstrotzende Ort siecht dahin, ist zum Absterben verdammt. In den Klubs, den Geschäftspalästen, in den mächtigen Banken, den starkgemauerten Peak-Villen sitzen von Sorgen und ratlosem Schrecken erstarrte Menschen. Seit Monaten gelangt keine Ware mehr aus Hongkong ins Innere Chinas hinein. Das revolutionäre Canton hat über dieses chinesische Gibraltar den Boykott verhängt. Oben, auf dem Perlfluß, wacht das Streikkomitee – die Dreimillionenstadt Canton, das ganze, unendliche Hinterland muß alle fremde Ware, die auf Schiffen nach China importiert wird, über Schanghai beziehen. Canton hat das Todesurteil über Hongkong verhängt. Es verdorrt, stirbt sichtlich ab – obzwar neue Hafenbauten, Automobilstraßen, Fabrikanlagen der Statistik und der halbleeren Reede zu widersprechen versuchen. Da steht ein graues Schiffsungeheuer mit breiter, flacher Plattform auf dem Wasser. Sechs Aeroplane nehmen von der Plattform ihren Anlauf, fliegen, mit den britischen Farben an den Tragflächen, weit hinauf in das feindliche Land. Wen schreckt man noch mit solchen Waffenparaden? Das war einmal. Heute gründet man keine Kolonien mehr, nur weil man neuere und stärkere Waffen hat; es gelten andere Methoden, denen das Fossil Imperialismus sich nicht mehr anzupassen vermag: Streik, Boykott, passive Resistenz, Aufklärung der Massen über ihr Recht und ihre eingeborene Kraft – Gandhi – Moskau! – Oben surren die Flieger von Hongkong nach Kowloon, zwischen den 201 Inselbergen, nach der Perlenstrommündung hinüber. Der Chinese, nicht mehr gelb, sondern rot, sieht gleichmütig in die Luft hinauf und pfeift in aller Seelenruhe, pfeift dem surrenden Briten in den Lüften was. Aber es ist noch nicht so weit. England, das sich Ägypten, Indien allmählich entgleiten sieht, wird sein östliches Gibraltar in einem letzten, verzweifelten Kampf mit Zähnen und Klauen verteidigen, das ist sicher.   Missionare fahren auf der Fähre von Kowloon nach Hongkong zurück. In Südchina sind zweiunddreißig christliche Missionen tätig. Einige unter ihnen bekämpfen sich gegenseitig bis aufs Blut. Die Chinesen wissen das. Sie lachen sich ins Fäustchen. Das meiste Geld haben die von den Ölmagnaten entsandten amerikanischen Missionare. Diese haben daher unter den Chinesen den größten Zulauf. Im übrigen besteht unter den Chinesen eine systematische, hartnäckige Agitation gegen die Missionen, die ja nichts weiter als religiös kamuflierte Spionagezellen und wirtschaftliche Horchposten der Fremdmächte vorstellen. Der Taipingaufstand liegt den Chinesen noch in den Knochen. Sie wissen, heute genauer als je, was sie von den Gottesmännern im allgemeinen, von den Sendboten des amerikanischen Gottes Rockefeller insonderheit zu halten haben. Eines Tages werden sie aus allen zweiunddreißig Missionen ein Gulasch machen.   Jetzt entzünden sich die Lichter drüben in Hongkong, nachdem der Sonnenuntergang in den letzten Fensterscheiben des Peak erloschen ist. Wohin ist dieser erste Tag in China geraten? Eben war's erst Morgen! Die Lichtketten um den Peak glühen mit einem Schlage auf. Die Villen auf den Bergterrassen mit verstreuten weißen Fenstern. Unten die Stadt mit Millionen gelber, roter, goldener Glühpünktchen. Das chinesische Warenhaus Sun, das Wing On-Haus, die stockwerkhohen chinesischen Buchstaben der Küstenschiffahrtsgesellschaften, die Dachgärten der Hotels, die Wolkenkratzerfassaden glühen, strahlen, rieseln von oben bis unten in Licht. Flimmernd kocht das Wasser des Hafens im Widerschein. Welche Freude am Licht. Welche Verschwendung! Licht, Knall, 202 Glanz, Geräusch – diese Kinder, die Chinesen, dieses alte, nimmer ermüdete, lebendige, unbändige Volk! Die Wasserfront Hongkongs ein einziges, flimmerndes Entzücken, ein Rausch; die Sterne über dem Felsenberg setzen die glühende Pracht dieser ersten Nacht in China schwindlig ins Erhaben-Unermeßliche fort.   Ein Nachmittag in Macao Was soll man zu Macao sagen, diesem portugiesischen Städtchen, vierzig Meilen westlich von Hongkong, an der Inselmündung des Tschukiang gelegen, zu diesem berüchtigten Plätzchen mit dem nach Kartenmischen und Chipsgeklapper klappernden Namen, das nachweisbar die älteste Fremdenkolonie, Niederlassung oder Eroberung in dem großen, hilflosen China vorstellt? Sicherlich war zuerst der Abenteurergeist, der unersättliche Drang nach dem Neuen, Ungekannten, das sublime Lebenselement der Gefahr da, ehe sich die seßhaften, im Westen Europas verbliebenen Machthaber ihrer bedienten, um sie für Raub, Plünderung, tückischen Mord auszunutzen. Diese Portugiesen, die sich hier vor einem halben Jahrtausend, auf öder, von Piraten umschwärmter Landzunge niedersetzten, angeblich, um ihre naßgewordene Ladung ein bißchen an der Sonne zu trocknen, sind jedenfalls als ganze Kerle anzusprechen, denn da saßen sie nun plötzlich, mitten im Meer, auf dem östlichen Kontinent von einem unbekannten, rätselhaften Volk umbrandet, nicht anders als Sindbad auf der schreckhaftesten seiner Inseln, und sind bis auf den heutigen Tag nicht weggespült worden! Auf einer Anhöhe über dem Städtchen steht eine Steinkulisse, die Renaissancefassade der längst abgebrannten Pauls-Kathedrale; an der Spitze der Landzunge aber gewahrt man einen kurzen dicken Turm, der seit fünfhundert Jahren ungestört und mit von Zeit zu Zeit verbesserten optischen Mitteln Strahlen aussendet, der erste Leuchtturm, der über dem chinesischen Meer sein Licht kreisen ließ. Wenn man in den niedlichen Hafen einfährt, in dem alles putzig und spielzeughaft nett ist, gerät das Zwerchfell in angenehme Erschütterung. Denn es stehen tatsächlich zwei lebensgroße Kriegsschiffe der portugiesischen Republik da, an Bojen gebunden, sie 203 haben ihre Flaggen gehißt: blau und rot, vertikal geteilt, in der Mitte mit einem Medaillon, darin allerhand Heraldisches wimmelt, und sie haben, diese Miniaturungetüme, ihre Kanonen auf die Fleischerläden und Fischweiberstände der bunten Uferreihe angelegt, um wahrhaftigen Gottes zu schießen, wenn China ihnen ihre Landzunge abzwicken sollte! Außerdem liegen da etliche Dutzend Sampane, Fischerbarken und Frachtkähne, die ebenfalls mit Kanonen gespickt sind; ein Boot hat ganze acht Stück nach allen Seiten gezückt, gegen die Seeräuber, die ihm die Fische und Kokosnüsse wegnehmen wollten und das Boot dazu. Die Barken sind uralt, über die Mündungen der Geschütze sind Kappen aus Wachsleinwand gezogen, aber es stimmt: die Gewässer des Tschu-kiang, d. h. des Perlflusses, sind von allerhand Gesindel bis auf den heutigen Tag unsicher gemacht, sogar unser Schiff, ein völlig seefester, ausgewachsener Küstenfahrer, mit dem wir aus Hongkong hergefahren sind, war mit eng vergittertem Deck, runden Eisentürmen und Schießscharten gesichert, hinter den Schießscharten spazierten blaubärtige indische Sikhs herum, Revolver, Schießeisen, Maschinengewehre waren auf das Wasser, die Inselufer, nicht zuletzt aber auf die Passagiere selbst gerichtet, denn es war vorgekommen, daß allem Anschein nach harmlose Passagiere mitten auf der Fahrt dem Kapitän und Maschinisten sowie den Mitreisenden plötzlich »Hände hoch!« ins Gesicht brüllten und dann Besitz vom Schiff und der Kasse genommen hatten. – Unten im Städtchen knallt es beträchtlich. Das aber hat seine ganz plausible Ursache. Seit Hongkong Macao seinen Rang als Seehafen abgelaufen hat, konzentriert Macao seine industrielle Tätigkeit auf die Herstellung von Knallbonbons, Neujahrscrackers, allerlei geräuschvolles Feuerwerk, das ein wesentlicher Bedarfsartikel des licht- und lärmlüsternen Chinesen ist. (Kein unbedenklicher Erwerbszweig! Wenige Tage nach meinem Besuch fliegt in Macao eine Crackerfaktorei in die Luft – vierhundert Tote.)   Crackers heißen auf Portugiesisch Pivetes ; Barbier Barbeiro ; Schuster Sapateiro ; das ist hier an der portugiesischen Spitze Chinas zu lernen. Straßennamen: Rua do Infante; Travesso de Mercadores; 204 Pateo de Tercena; Calcada de Arzavem – Gedichte von Straßennamen, herrlich! die kleine, schmutzige Rinnsale der ärmlichen Chinesenstadt mit der Muttersprache Camões' übertünchen. (Camões war eine Zeitlang hierher verbannt, schrieb in einer Höhle vor Macao die Lusiaden.) Man bemerkt auch gute, runde, dicke portugiesische Soldaten, Khakihosen um ihre zu kurz geratenen Beine; sie verständigen sich mit den Chinesen auf freundliche Weise, durch zehn Finger vor die Nase Halten, Mienenspiel und schließlich durch kleine Nickelmünzen, die der Chinese grinsend einsteckt. Die Portugiesen zahlen ihre »Kolonialtruppe«, scheint es, recht gut, das Einvernehmen mit der eingeborenen Bevölkerung soll nichts zu wünschen übriglassen. – Im übrigen gibt es eine Uferstraße, Praja genannt, die samt dem Stadtpark, in den sie mündet, in jedem kleinen Küstennest des lateinischen Europas gelegen sein könnte, und eine Hauptstraße mit Arkaden, die, da ich nie in Portugal war, mich an Verona erinnert. All dies kann man, in einer Rikscha dahinrollend, in einer halben Stunde gründlich gesehen haben. Wozu fährt man aber nach Macao, wenn man dort keine dringenden Geschäfte zu erledigen, Fische oder Crackers zu kaufen hat? Der Name der Stadt gibt Antwort: Macao, das Spiel, diese Stadt ist eine einzige Spielhölle! In drei großen Läden der Hauptstraße, unweit vom Senat, rufen pathetische Anreißer in einem liturgisch klingenden Singsang Lose für die nächste Woche stattfindende Lotterie aus. Die Läden sind voll von allerhand armseligem Volk, das dem Ausrufer die Zettel aus der Hand reißt. Die Zettel kosten einen Vierteldollar mexikanischer Währung, die Ziehung vollzieht sich, wie in Italien, unter den äußeren Formen eines Volksfestes. – Die Portugiesen beziehen erkleckliche Einkünfte aus dem Laster ihrer Kolonie. Wenn sie den Verkauf von Mah Jongg-Würfeln besteuert haben, muß sich ihr Gewinn auf Millionen belaufen! Wenn ich sage, daß ich durch ein paar Gäßchen gegangen bin, die von einem in den Häusern vor sich gehenden Mah Jongg-Geklapper buchstäblich bis zur Betäubung erfüllt waren, wird mir's keiner glauben, der nicht in Macao gewesen ist. Es ist aber so. Einige Tore standen offen, man sah schwelende Joßstäbchen vor golden aufgeputzten Ahnenaltären, 205 und davor hantierten um einen Tisch junge Mädchen und Wasserpfeife rauchende alte Frauen mit allen zehn Fingern in dem Bambuswürfelhaufen. (Nach Ladenschluß kann man übrigens dasselbe Geknatter in den Bazarstraßen Hongkongs, Cantons, Schanghais hören. Wo nicht Mah Jongg gespielt wird, spielt man mit Würfeln, Münzen, Elfenbeinblättchen, die chinesische Karten vorstellen, die Chinesen sind ein Spielervolk.)   Die letzten Stunden vor der Abfahrt meines Dampfers verbringe ich in einem der Fan Tan-Häuser, in der Nähe des Landungsplatzes. Fan Tan ist das beliebte, berüchtigte Glücksspiel der Chinesen. Ein primitives Spiel: 1, 2, 3, 4 – man kann auch auf eine Ecke, das heißt 1 und 4 oder 2 und 3 setzen. An einem langen Tisch sitzen die Kassierer, die die Sätze mit Metallplaquen, Elfenbeinstäben, roten und schwarzen Kugeln bezeichnen. Sie bewegen sich kaum, nur die Augen wandern im Kreis, die Hände aber sind in fortwährender, bedächtiger Tätigkeit, mit langsamen, zarten Gebärden, die ich an den Händen der Jadeschnitzer, der Elfenbeindreher beobachtet habe. Hie und da schneuzen sie sich oder beugen sich von ihrem erhöhten Sitz, um umständlich auszuspucken, – sonst aber sind es Götzen, versteinert, in der ehernen Gleichmäßigkeit der Regeln. Eine völlig geheimnisvolle Figur ist der Spielleiter, das Schicksal, der Geist und Stadtgott Macaos. Auf erhöhtem Sessel sitzt er und hat auf dem Tisch vor sich einen großen Haufen blanker, abgenutzter runder Nickelplättchen aufgestapelt. Beginnt ein Spiel, so greift er langsam, unwiderruflich, mit beiden Händen in diesen Haufen, hebt ein Häufchen auf, legt es beiseite, eine umgestülpte Schale darauf, um dann, sobald die Sätze gelegt sind und die Kassierer in melancholischem Ton auf Chinesisch » Rien ne va plus « gerufen haben, die Schale sanft und endgültig von dem Häufchen zu entfernen. Sodann beginnt er die Münzen mittels eines Stabes langsam und äußerst methodisch aus dem Haufen an sich heranzuschieben. Bleiben zuletzt vier übrig, so hat diese Zahl gewonnen, und zwar das Vierfache des Einsatzes, 1 und 4 aber das Doppelte, usf. Es ist ein primitives Spiel, man kann es in kürzester Zeit erlernt und dabei seine Barschaft vervierfacht oder eingebüßt haben. 206 Das Interessante aber an Fan Tan ist nicht das Spiel selber, sondern der Kerl, der sich unweigerlich neben dem Spielleiter aufgepflanzt hat und bereits einige Sekunden, nachdem die Schale von dem Häufchen entfernt worden ist, mit geübtem Adlerblick, der schon fast der Blick eines Hellsehers ist, das Endresultat erfaßt und uns, die wir auf der Galerie sitzen, mit seinen Fingern gezeigt hat: 1 oder 4, 2 oder 3 hat gewonnen! Wie der Bursche das zuwege bringt, ist mir unerfindlich. Es muß eines von den seltenen eingeborenen Talenten sein. Nur ein geringer Schritt weiter, und er hat die Zahl noch vor » Rien ne va plus « erraten und wird mit der Zeit zum Stadtgott erhöht.   Soldaten, Frauen und Europäer sitzen auf der viereckigen Galerie, die in ihrem Ausschnitt genau der Form des Spieltisches unten im Saal angepaßt ist, um den sich die Plebs von der Straße herandrängt. Dies hier ist: » Yü Lings First Class Gambling House «. Nach einigem Suchen – jedes dritte Haus Macaos ist ein First Class Gambling House! – fiel ich in diese Hölle. Oben auf der Galerie, über dem Tisch, sitze ich an der Brüstung, neben mir eine chinesische Spielratte, etwas weiter weg zwei junge Europäer mit einer vor Spiellust und Geilheit verkrampften französischen Kokotte in ihrer Mitte. Wir alle spielen mit Ernst und Hingabe. Jeder hat vom Büfett Yü Lings eine kleine Tasse mit Konfekt und eine mit gerösteten Lotosblumenkernen vor sich hingestellt bekommen. Es gehört zum guten Ton, daß man die Lotosschalen nicht auf den Spieltisch hinunterspuckt. Beginnt ein Spiel, so schwenkt der Galerie-Croupier ein an langer Schnur baumelndes Bastkörbchen mit geschicktem Schwung an die Brüstung zu dem Spieler hinüber, der es im Flug erfaßt, seinen Einsatz hineinlegt und dem Croupier dann mit den Fingern anzeigt, auf welche Zahl er zu setzen wünscht. Der Croupier wiederholt dann in melancholischem Ton: »To Tolla Namba Tli!« (das heißt »zwei Dollar auf Nummer drei!«) singt darauf etwas Melancholisches zum Kassierer in den Saal hinunter und läßt das Körbchen 207 an der langen Schnur auf den Spieltisch schweben. Hat dann »Namba Tli« gewonnen, so kommen im Körbchen acht Dollar heraufgeschwebt. – Diese Häuser sind allen zugänglich, nur Kindern nicht. Es ist ein unaufhörliches Kommen und Gehen. Hinter mir ist mein Rikschakuli hereingekommen, ich sehe von oben zu, wie er spielt, und er grinst zu mir herauf, sooft er etwas gewinnt. Die ganze Stadt eine Spielhölle! Macao! Ich glaube indes nicht, daß die Bevölkerung darum verworfener ist als in irgendeiner anderen Hafenstadt. Es kann, wer da mag, ins First class gambling house herein und aus ihm wieder auf die Straße hinaus. Es gibt nicht viel Mord und Totschlag darum. Die Lust an dem Verbotenen würzt den Genuß nicht (beim Opiumrauchen nebenan verhält es sich anders). Sogar eine gewisse Spielerethik entwickelt sich an solchen Orten. Man vertraut, wenn man für eine Zeit anderwärts beschäftigt ist, dem Kassierer einen Betrag an und findet ihn nach seiner Rückkehr vor, vergrößert, vermindert oder auch gar nicht.   Wie ich Yü Lings Haus verlasse – die drei Europäer spielen weiter, das Weib, ihre Brüste an die Brüstung gequetscht, wie der Teufel! – bin ich so ziemlich blank. Ich habe noch etwa zwanzig Minuten Zeit bis zur Abfahrt meines Schiffes. In den Gassen dunkelt es bereits. Die rötlichen Joßstäbchen vor den Hausaltären der Mah Jongg-Spielerinnen sind glimmernde Feuerfünkchen in der Finsternis. Sonderbar – woher die vielen blinden Bettlermädchen, die an die Häuser gelehnt in den Gassen hocken, singend zu einem Saitenspiel, das ihre armen dünnen Finger rühren! Schon an dem siebenten armen Kind komme ich vorüber. – Plötzlich schrecke ich auf: nicht möglich! Es kann doch nicht schon sechs sein? Sechs dumpfe Schläge der Domglocke, in schwebenden Wellen über die kleine Stadt. Ich ziehe die Uhr – es ist erst halb. Ich sehe, wie einige Chinesen stehenbleiben, sich bekreuzen. In einem Konfektladen die portugiesische Verkäuferin schlägt ein Kreuz, senkt den Kopf. Auf dem Schiff erfahre ich dann: die sechs Schläge waren die » Agonia «, ein alter Brauch; liegt in der Stadt ein Christenmensch im 208 Sterben, so eilt ein Freund oder Familienangehöriger zum Domküster, und der läutet die schwere Glocke; wer in der Stadt die sechs Schläge vernimmt, betet ein Stoßgebet für die arme Seele, die aus diesem verworrenen Erdental empor zum himmlischen Hafen zu entschlüpfen sich bereit macht.   Rote Parade in Canton Nur wenige Tage in Hongkong, dann mache ich mich auf den Weg nach Canton, der Hauptstadt des revolutionären Südchina, dem Hauptquartier des großen chinesischen Befreiungskampfes. Der Verfasser unter chinesischen Arbeitern auf der Fahrt nach Canton Die Kuo Min Tang – und zwar ihr linker Flügel – hält in den nächsten Tagen – wir schreiben den 1. Januar 1926 – ihren zweiten Kongreß in Canton ab. Zu Ehren dieses Ereignisses sowie der aus allen Teilen Chinas herbeigeströmten Delegierten der revolutionären Volkspartei findet auf dem Paradefeld eine Truppenschau und der Aufmarsch der Arbeitergewerkschaften und des Streikkomitees statt. Es ist auf dem Feld eine riesige Tribüne erbaut. Sun Yat Sens überlebensgroßes Bildnis, umrahmt von chinesischen Glasflittern, Blumen, Schleifen und den Fahnen der Südrepublik, ragt über die Ränge der Tribüne empor. Unter dem Bild ein Tisch, an dem die Führer der Kuo Min Tang, die Generale der revolutionären Südarmee Chinas und die Mitglieder der Regierung der vereinigten Provinzen Kwantung, Exekutive und Rat der Stadt Canton stehen. Außerdem sind etwa ein Dutzend Europäer zugegen: die russischen Genossen, Gannett von der New Yorker »Nation« und ich. All dies erinnert mich an die denkwürdigen Aufmärsche der Roten Armee auf Moskaus Rotem Platz, auf dem Platz vor dem Winterpalais in Leningrad. Die jungen Soldaten. Die jungen Offiziere, Generale, Admirale. Der Enthusiasmus der Vorbeidefilierenden und die begeisterten Zurufe von den Tribünen. Rechts und links haben sich auf den Stufen der Seitentribüne die Delegierten des Kongresses, die Studenten der Universitäten aufgestellt, und wenn ein Regiment unten vorbeimarschiert, eine Gewerkschaft mit ihren Fahnen auf dem weiten Felde sichtbar wird, erbraust ein tausendstimmiges Geschrei, in das die Menge auf dem Felde einstimmt: 209 »Die 9. Division lebe zehntausend Jahre!« »Die Republik China, sie lebe zehntausend Jahre!« »Tschun wa min ko – man szü, man szü!« Und mit besonderer Begeisterung: »Kuo min tang – man szü, man szü!« Während die Soldaten vorbeimarschieren – es sind blutjunge Leute, Knaben darunter, kaum ausgebildet, erträglich equipiert (ich höre, vor einem halben Jahr noch gingen sie in grotesk zusammengewürfelten »Uniformen«, ungenügendem Schuhwerk), die meisten stammen aus den nördlicheren Provinzen Hunan und Kiangsi –, habe ich Gelegenheit, mein Einführungsschreiben Herrn Wang Tsching Wei, dem Obmann des Regierungsexekutivkomitees, zu übergeben. Er steht im Gespräch mit dem berühmten revolutionären General Tschang Kai Chek, dem Anführer der siegreichen Whampookadetten im letzten Südfeldzug. Beide, Wang und Tschang, sind noch junge Leute, wie die übrigen Würdenträger im allgemeinen. In Kleidung und Attitüde gleichen sie den Moskauer Kommissaren, ihr Leben ähnelt dem der Moskauer Kommissare während der ersten Jahre der Revolution. Doch wenn ihr Leben auch stündlich bedroht ist, Mord und Überfall auf der Tagesordnung Cantons wie auch des übrigen China stehen, wenn sie auch, wie es von Wang heißt, allnächtlich anderswo zu schlafen gezwungen sind – diese Volkskommissare tragen ihr gefährdetes Leben bei weitem nicht so tapfer durch die Stadt, wie ich es in Rußland in jenen ersten Jahren beobachten konnte. – Über die Straßen Cantons jagt ein Automobil. Auf den Trittbrettern rechts und links je drei Soldaten aufgepflanzt, Revolver in der Hand, Finger auf dem Trigger – je zwei nach vorn, zwei nach hinten, zwei nach der Seite Auslug haltend. Im Wagen sitzt wohlverborgen ein General oder ein Mann der Exekutive. Nicht ihre Macht allein bedroht ihr Leben. Ihre Jugend, der Neid der Mitstrebenden, der Haß der feindlichen Partei, die Gesinnung des aufgeregten Cantonvolkes vergrößert die Gefahr. In Moskau sah ich solche Bewachung nie und bin doch Trotzki, Lenin, ja sogar Djershinski wiederholt in den Straßen begegnet! – Herr Wang liest den Brief, läßt mir durch den Dolmetscher sagen, 210 daß er mir in den nächsten Tagen Bescheid geben werde. (Ich glaube nicht sehr daran, dafür werde ich bald Gelegenheit finden, mit einem ebenso wichtigen und einflußreichen Mann, dem Bürgermeister C. C. Wu, Wu Ting Fangs Sohn, zu sprechen.) Während wir vorn an der Rampe stehen, ist ein begeisterter junger Chinese auf ein Geländer gestiegen und hat den revolutionären Gesang des Südens angestimmt. Die Kuo Min Tang-Delegierten, Studenten und Studentinnen – letztere haben sich, mit kurz geschnittenem Haar und verwegenem Gesicht, ganz ihren Moskauer Vorbildern angepaßt –, auch einige von den Würdenträgern in der Mitte, unter dem Bild Sun Yat Sens, stimmen aus voller Brust mit ein. Den Text kann ich natürlich nicht verstehen, die leuchtenden Gesichter der Singenden jedoch beweisen zur Genüge, daß es ein aufrüttelnder revolutionärer Gesang sein muß. Die Melodie aber, ich sollte meinen, die kenne ich! Und tatsächlich, es ist der bekannte Kanon, den wir als Kinder zu singen pflegten: »Bruder Jakob, Bruder Jakob, Schläfst du schon, schläfst du schon? Es läuten die Glocken, Es läuten die Glocken, Bim bam bum, Bim bam bum!« Nachdem der Gesang verklungen ist, zieht der junge Chinese eine Visitenkarte aus der Tasche und liest von ihr eine lange Reihe von Titeln oder Namen ab. Nach jedem ertönt das vieltausendstimmige »Man szü, man szü!«   Jetzt sind die Formationen der Armee, die Maschinengewehrabteilungen, Kavallerie auf festen, kleinen mongolischen Ponys, die Whampookadetten (die die Keimzelle der chinesischen Roten Armee vorstellen, ungeheuer beklatscht!), Infanterieregimenter, Pioniere, Marinedivision, salutierend an unserer Rampe vorbeigezogen. Kinematographenkurbler sind in fieberhafter Tätigkeit. In den Lüften kreist ein Aeroplan (von einem deutschen Flieger gelenkt) und wirft rote Flugblätter aufs Feld herab. Die Menge drängt sich unter den 211 Klängen der Musikkapelle enger und dichter zu unseren Füßen zusammen, um die Männer zu sehen, die hier versammelt sind. Es erscheint eine riesige rote Fahne mit chinesischer Inschrift, dem Sowjetstern und seinen Emblemen, der Sichel und dem Hammer, im Zuge. Im selben Augenblick werden von begeisterten Chinesenfäusten die Russen, die auf einem Fleck der Tribüne im Hintergrunde beisammen gestanden haben, nach vorn geschoben, den Blicken aller auf dem Felde entgegen. Die Fahne hebt sich, senkt sich, hebt sich wieder vor den Genossen. Einer von ihnen wird gepackt, auf die Schultern gehoben, schwenkt den Hut, ich erkenne ihn jetzt, es ist Borodin. Ich sah ihn in Moskau. Hier ist er der wichtigste Mann, Delegierter der Sowjets und politischer Berater der Südregierung. Ein einziger, lang anhaltender Schrei tönt vom Feld herauf. Mützen fliegen in die Luft. Die Russen stehen da wie eine Mauer, vor der Armee, vor dem revolutionären Proletariat Chinas. Es ist nur eine kleine Gruppe, ein Häufchen Menschen. Sie stehen da, diese wenigen Menschen, in fremdem Land, im Angesicht der fremden Millionen. Wahrhaftig: es sind Eroberer und Pioniere, aber von einer anderen Art als jene Portugiesen, Holländer und Engländer es waren, die sich hier vor Hunderten von Jahren festgesetzt und eingenistet haben: Pioniere einer Idee, die die Welt zu erobern im Begriff steht. Die östliche Welt ist von ihr bereits ergriffen. Willig oder mitgerissen wird die westliche ihr eines Tages folgen.   Und nun strömt, fahnenüberschwenkt, ein endloser Zug von Arbeitern über das Feld, dicht an unserer Tribünenrampe vorbei. Mitunter sieht man kostbar geschmückte Banner, die von der altberühmten Kunstfertigkeit der Cantoner Seidensticker zeugen. Viele, einfachere, tragen Sun Yat Sens Bildnis zur Schau, zwischen den gekreuzten Fahnen der südchinesischen Revolution: der weißen Sonne auf blauem Felde und der blauen Sonne in der Ecke eines roten Feldes. Gewerkschaftsfahnen sind mit den Emblemen der Arbeit geschmückt, einem Kessel, einer Spindel, einem Zahnrad. Es sind auch sehr bescheidene, zerzauste Fahnen im Zug, Fahnen der Armut, die heiligen Fahnen des Proletariats. Aber aus der Mitte des Zuges taucht mit einemmal, wie ein Überrest des alten, versunkenen China, ein phantastischer 212 Drachenkopf empor. Weiß und blau, mit rollenden Augen, bewegt er sich vor einem langen, sich windenden Drachenleib daher. Durch Stangen gelenkt, die junge, geschickte Leute tragen, ringelt sich der Leinwandkörper, der züngelnde Schwanz des Fabeltiers durch die Menge. Unter dem Kopf sitzt ein Bursche in Hemdsärmeln. Der Kopf wirbelt in die Höhe, versinkt, wird abermals mit einem Ruck emporgeschleudert, er klappt das schreckliche Maul auf, so daß zwischen den Zähnen das bebrillte Gesicht des Burschen zu sehen ist, klappt das Maul wieder zu, wieder auf, huldigend erst vor Borodin, dann vor Wang, vor dem General, vor Herrn Wu, vor der gesamten Kuo Min Tang, und zieht schließlich den Fahnen folgend, wildbewegt zu Häupten der Fahnen in der Luft sich windend, über das Feld hinweg. Die Parade ist vorbei. Ich habe gesehen, was ich zu sehen erwartet habe.   Schamien Es ziemt sich wohl, ehe man die Zukunft ins Auge faßt, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Dies soll nicht etwa bedeuten, daß ich hier über die historischen Vorbedingungen, die China an die Schwelle seiner großen proletarischen Revolution getrieben haben, eine lange Abhandlung schreiben werde (dies kann keineswegs Aufgabe eines Berichts über flüchtige Eindrücke sein!), sondern nur so viel, daß ich am Nachmittag des 1. Januar, ganz zu Anfang meines Aufenthalts in Canton, auf Schamien gewesen bin. Auf Schamien – man kann hinter diese Ortsbezeichnung füglich ein † setzen –, Schamien, der Sandbank, die, Canton im Perlfluß vorgelagert, mit der Stadt durch zwei kurze Brücken verbunden, noch im Sommer des vorigen Jahres den Europäern als Wohnsitz diente, jetzt aber verlassen daliegt, grasüberwuchert, nur mit einem Häufchen internationaler Bewachungsmannschaften belegt, also so gut wie tot, Gott hab' es selig. Dieses Inselchen, es war ja seit je ein künstliches Gebilde, schwächlich und ohne Fundament; jetzt ist die Flut, die China in Wallung versetzt hat, über das Inselchen weggeschlagen, hat es verschluckt, wie sie in absehbarer Zeit das Gibraltar: Hongkong, verschlucken wird, in dem sich bereits dieselben Symptome des Absterbens, der Verödung und Ausdörrung zu zeigen begonnen haben. 213 Mit Schamien hat England sozusagen, vom Süden her, einen Fühler nach dem chinesischen Festland vorgestreckt. Es hat sich vorsichtig vorwärtsgetastet. Im Sommer 1925 aber hat es vom chinesischen Drachen, den es gereizt hatte, einen solch fühlbaren Tatzenschlag auf die habgierigen Finger erhalten, daß seither Schamien, die Sandbank, wie gesagt, abstirbt, verödet; die paar englischen, französischen, japanischen Kanonenboote auf dem Wasser, hundert Meter weit vor Schamiens Ufer gelagert, behüten nur noch einen Leichnam, der, wie es bei Leichnamen üblich ist, einen intensiven Gestank ausströmt, wie etwa von Pferdekadavern. Aber es ist nur die ungepflegte Kanalisation, das verbrannte Gras, der umherliegende Mist, der an diesem Gestank Schuld trägt, nichts anderes.   Schamien, die lange Sandbank also, war vor kurzem noch eine Art Villenvorstadt. Englische, japanische, portugiesische, französische Banken haben ihre soliden, prunkvollen, für die Dauer gebauten Paläste hier. Alle fremden Konsulate besaßen und besitzen hier ihre Villen. Es lebten auf Schamien reiche Kaufleute, Reeder, Zolldirektoren und hohe Offiziere aller Raubstaaten der Erde, die nur auf den Augenblick lauerten, in dem sie sich des unbeholfenen Kolosses China ganz und gar bemächtigen könnten, was sie ja durch die berüchtigten Zollverträge und andere Vergewaltigungsmaßregeln bereits wirkungsvoll vorbereitet hatten. Schattige Alleen, reizende Blumenbeete, Park- und Strandanlagen, Promenaden, Tennis- und Fußballplätze sind zwischen den Palast- und Villenreihen der kleinen Insel zu erkennen. Sie muß sehr lieblich anzuschauen gewesen sein, mit den pausbäckigen englischen und französischen Babys, kleinen japanischen Butterflies und der Schar der bebänderten Nurses , Nounous und sonstigen Bediensteten der wohlhabenden Kolonistenfamilien, die hier in völligem Komfort ihr idyllisches Leben führten, bis im Juli 1925 jener Schuß fiel, der mit seinem Knall, einem Zauberschlag, die ganze Insel, das künstliche Gebilde, in eine von Sandsackbergen, Schützengräben, Schießschartentürmen und bombensicheren Unterständen starrende, beschützte, bewehrte Festung mit vorgelagerten Kriegsschiffen verwandelt hat.   214 Wie ich am Nachmittag hinüberkomme – ich bin über die »Englische Brücke« gegangen, wurde von den wachthabenden indischen Sikhs von oben bis unten nach Waffen abgetastet –, sehe ich auf dem Fußballplatz an der Strompromenade einen Match im Gange. Mannschaften vom englischen Kriegsschiff draußen im Perlenfluß spielen gegen die englische Besatzung Schamiens. Auf den Bänken sitzen englische, portugiesische, französische, japanische Pärchen, jede Nation auf einer anderen Bank, augenscheinlich nicht sonderlich gesellig untereinander – möglich, daß das anders wird, sobald ein neuer Schuß ertönt und es sich nicht mehr um Flirt, sondern um verteufelten Ernst, sozusagen » business «, d. h. Maschinengewehre auf das herandringende chinesische Volk handelt. Tag und Nacht stehen draußen die Kanonenboote unter Dampf. Ein Signal der Sirene von Schamien her, und die paar Dutzend Menschen, die noch auf dem Inselchen herumgehen, weil ihr Beruf es ihnen vorschreibt, stürzen ans Ufer und retten sich auf die Schiffe, die dann, ihre Munition nach hinten verpulvernd, das Weite suchen. – Traurig, ja traurig, wie dieser Fußballplatz verfällt! Gras wächst in unausgerauften Büscheln auf ihm; Spalten und Risse. Lassen die Engländer erst ihren Sportplatz verfallen, so haben sie die Partie verloren gegeben. Deutlich weht das Gras auf dem Fußballplatz: farewell!  – Aber die Spieler spielen, als ob's ums Leben ginge. Mit gewaltigen Fußtritten schleudern sie den Ball von einem Tor zum andern. Plötzlich fliegt er in großem Bogen weit über das Netz hinaus und fällt in den Fluß. Unten fährt gerade ein Kahn vorbei, einer von jenen schweren Lastsampans, von etlichen Frauen und einem Knaben gerudert. Einer von den Fußballspielern setzt mit einem Ruck über die Barriere und winkt von der Böschung aufs Wasser hinunter, macht dem rudernden Knaben Zeichen: Wirf den Ball herauf, dort – er schwimmt gerade vor deinem Ruder auf dem Wasser! Mit seinem langen Ruder holt der Knabe, wie ein Polospieler, aus und schlägt den Ball geschickt nach der anderen Seite, weit in den Fluß hinein, grinst dann zu dem Fußballengländer hinauf, der sich mit einem Fluch davontrollt. Die Spieler ziehen ihren Dreß aus, ihre Uniformen an. Die Partie ist zu Ende. –   215 Ich gehe auf Schamien noch eine ganze Weile spazieren, sehe mir das verödete »Viktoriahotel« an, Cantons einziges europäisches Hotel, einen melancholischen Ort, ein verwunschenes Haus, in dem man Geschichten im Stil von E. A. Poe schreiben könnte. (Habe es gut, wohne im deutschen Konsulat am anderen Ende Cantons, im Vorort Tungschan, bei dem freundlichen Generalkonsul Crull.) Die Bankpaläste. Diese englischen Kirchen. Verstaubten Whiskymagazine. Die leeren Klubs. Das französische Denkmal für die im Weltkrieg »für die Freiheit der unterdrückten Völker« Gefallenen . . . Auch die Polizeistation der Franzosen interessiert mich sehr. Vor einem Sandsackberg stehen etliche Piou-Pious, etwas weiter Tonkinesen. Japanische Dämchen trippeln in weißen Socken auf klappernden Holzsandalen daher. Die Piou-Pious scheinen ihnen etwas zuzurufen, die zierlichen Japanerinnen indes reagieren nicht. Dann will ich mich über die französische Brücke in die Stadt zurückbegeben. Abgesperrt. Stacheldraht und spanische Reiter. Das Tor dicht verschlossen und kein Mensch auf der Brücke. »Probieren Sie's auf der englischen!« bedeuten mir die Franzosen. »Wenn Sie sich beeilen, finden Sie sie noch offen.« Es ist ja erst halb sechs. Aber wie ich hinkomme, auch diese abgesperrt, und Stacheldraht, spanische Reiter; keine Seele weit und breit. Zurück nach dem Hotel Viktoria. »Sie müssen sich beim Kommandanten einen Erlaubnisschein holen. Sonst können Sie heute nicht mehr hinaus.« Frau Hauptmann Clements steht an der Wohnungstür. Erstaunte Augen: es läutet wer um diese Zeit an der Haustür! es läutet wer auf Schamien an! » Allright! Gleich will ich meinen Mann benachrichtigen. Er badet gerade den Hund. Bitte setzen Sie sich.« Chintzbedeckte englische Möbel, ein Cosycorner wie in einem behaglichen Landhaus einer Londoner Vorstadt. Nichts, was auf China deutet. Bald darauf erscheint der Colonel im Kimono mit dem frischgewaschenen Terrier unterm Arm. Er stellt mir den Schein aus: der Gentleman ist hinauszulassen, das Tor sorgfältig wieder zu sichern. Dann gehe ich zur Kaserne, hole mir zwei bärtige indische Sikhs und werde über die englische Brücke eskortiert, die mit Stacheldraht so gut gesichert ist, 216 daß es etwa fünf Minuten dauert, bis all die Drähte an den Brückenpfeilern aufgedreht sind. Drüben auf der Cantonseite knallt es heute besonders heftig. Parade! Neujahrsabend! Feuerwerkskörper, Raketen, Knallbonbons in Aktion! Immerfort steht da ein Posten vom Streikkomitee auf der Wacht oder auf der Lauer, beäugt jeden scharf, der Schamien betritt, verläßt. Ein paar düstere Chinesengesichter schieben sich auf mich zu, starren mich aus nächster Nähe an. Ich aber setze mich in völliger Seelenruhe in die erste Rikscha, sage dem Kuli das Fahrtziel: »Tungschan!« – ein magisches Wort, es bedeutet: kein Engländer, sondern ein Dagock, Deutscher, d. h. ein Freund. Tungschan ist im Gegensatz zu Schamien der Ort, wo die dem Chinesen freundlich gesonnenen Fremden ohne Sandsäcke noch Maschinengewehre wohnen. Auch die Russen wohnen auf Tungschan. Tungschan ist gut. Der Streikposten nickt. Passiert. –   Die Russen in Canton Mit Borodin Tag und Stunde verabredet. Er wohnt in einem umfangreichen chinesischen Haus am Rande des Exerzierfeldes, auf dem am 1. Januar die Rote Parade abgehalten wurde. Gegenüber ist der weitläufige Komplex des militärischen Hauptquartiers, in dem jetzt der Kuo Min Tang-Kongreß tagt. Das Viertel, zu Tungschan gehörend, heißt Hai Gun Bu. Ich schärfe dem Rikschakuli ein: »Hai Gun Bu! Hai Gun Bu!« Er fährt mich aber kreuz und quer durch unbekannte Straßen. Endlich ein bekanntes Gesicht: ein russischer Militärarzt, baltisch-deutscher Abstammung, in Deutschland ausgebildet, wovon auch Schmisse im Gesicht zeugen, alles in allem doch ein liebenswürdiges europäisches Antlitz. Er organisiert den Lazarettdienst im chinesischen Südheer, spricht bereits ein wenig Chinesisch. Ich erkläre ihm Hai Gun Bu. »Wir wollen ihm Kuo Min Tang sagen, es ist ja gegenüber.« Der Arzt erklärt dem Kuli: Hauptquartier Kuo Min Tang, dort und dort. Der Kuli läuft, ich fühle mich sicher, er wird mich vor Borodin absetzen, aber er läuft und läuft über wüste, unbebaute Felder, obzwar die 217 Richtung zu stimmen scheint; er läuft zum äußersten Winkel von Tungschan, keine Spur von Hai Gun Bu! Ein schmaler Kanal zieht sich am Rande der Stadt hin. Auf einmal steigen drei riesige, kahle Mietskasernen vor uns in die Höhe. Militärautos vor den Häusern. Chinesische Patrouillen bewachen das zugeschlossene Eisengitter um einen Vorgarten, in dem Kinder spielen. Eine alte Aja ruft einem Knäblein etwas auf Russisch zu: der Kuli hat mich also ins Wohnviertel der Russen gebracht! Kuo Min Tang liegt ganz woanders, aber die Gedankenverbindung ist nicht uninteressant. In diesen drei riesigen Vorstadthäusern sind etwa sechzig russische Beamte mit ihren Familien untergebracht. Es sind ihre Quartiere; die Bureaus liegen in der Stadt; diese Häuser hier haben etwas Unheimliches. Über die drei Dächer läuft eine schmale Brücke, aus Balken gezimmert, mit Matten an den Seiten. Ein Posten mit geschultertem Gewehr spaziert dort oben langsam auf und ab. Im ersten Hause, in das mich der Wachthabende eintreten läßt, hübsche Wohnungen, enge Zimmer, mit behaglichem Komfort eingerichtet. Man ist aber hier ganz offenkundig interniert. Auch in der kleinen Straße hinter diesen Häusern, wo der Russische Klub sich befindet, patrouilliert reichlich chinesisches Militär auf und ab. Die Zugänge der Straßen von Soldatenautos bewacht. Endlich finde ich jemand, der dem Kuli zu erklären vermag, wohin ich eigentlich will. Eine Stunde nach der verabredeten Zeit erscheine ich vor Borodins Haus, schicke meine Karte hinein, werde vorgelassen. – Eine Doppelreihe chinesischer Soldaten präsentiert das Gewehr vor mir. Militärische Ehren! In Rußland, in China, überall, wo es Revolutionen gab, ja einige Tage, Herbst 1918, sogar in Berlin – militärische Ehren!! Leutselig salutierend, schreite ich durch das Spalier des Ehrenpostens ins Haus. Denn dies hier ist ja wohl ein Ehrenposten. Auch die beiden Automobile, in denen mit Gewehr, Revolvern, Granaten bewaffnete Whampoo-Kadetten sitzen, sind dem politischen Berater Südchinas und seinem Stabe zur Wahrung der persönlichen Sicherheit von der Cantonregierung zur Verfügung gestellt. Im Hause selbst sitzt viel Militär herum, Das alles hat seine guten Gründe. – 218 Borodin ist ein breitschulteriger, robuster Russe vom Schlag Gorki, Arbeitertypus, groß, ernst und sympathisch, ein Mann von anerkannter politischer Tüchtigkeit. Aus diesem Grunde von den Engländern maßlos gehaßt und verleumdet Die beliebteste, weil gemeinste Methode der Verleumdung ist: Jakob Borodin zu sagen, denn selbstverständlich ist ja jeder Bolschewik Jude, wie im Grunde umgekehrt jeder Jude Bolschewik ist! Borodins Name aber ist Mikhail Markowitsch Borodin. . Die Russen suchen sich ihre Leute, die sie an solch exponierte Posten stellen, schon mit Sorgfalt aus. Er hat lange in Amerika gelebt, in Illinois, Kalifornien, unterrichtete an der sozialistischen Rand-School in Newyork, spricht ausgezeichnet Englisch, ist schon das dritte Jahr in Canton. – Borodin äußert sich ohne Zurückhaltung; er hat seinerzeit von Radek über mich gehört und sagt mir vieles, was für meine Arbeit von Nutzen sein wird. Spreche ich von China, so antwortet er mir mit Beziehung auf den Süden, die Provinz Kwantung, sein spezielles Arbeitsgebiet. Das Folgende gibt in kurzen Zügen wieder, was Borodin mir über Fortschritt und Zukunft der russischen Idee in China gesagt hat. –   Um es vorweg zu sagen: Borodin meint, es sei noch viel zu früh, an definitive und gültige Resultate zu glauben. Selbstverständlich versteht der Chinese unter Kommunismus etwas ganz anderes als der Russe oder der vorgebildete Proletarier der westlichen Länder. Für den Chinesen ist » Kommunismus « einstweilen gleichbedeutend mit: einer anständigen, sauberen Regierung (eine uralte Vorstellung im Grunde, aber gültig); Vereinheitlichung des Finanzapparates – alle Steuern werden durch eine einheitliche Regierung erhoben, nicht, wie bisher, auch noch von allerhand Militärbehörden, denn solange die Regierung nicht einheitlich ist und wirkt, haben die Hongkonger Banken die Oberhand in den Geschäften des südlichen China; die primitivste Verbesserung der Wirtschaft schon wird von den Chinesen als »Kommunismus« angesehen; man kann mit Reformen dieser Art der Idee am besten dienen; das gesamte Finanzwesen muß in die Hände der Chinesen 219 zurückgeleitet werden; es ist, mit der Kontrolle der Zölle, nach der Aufhebung der bitter angefeindeten Verträge, die ökonomische Grundlage von Chinas Befreiungskampf; der Kampf gegen den Imperialismus und um die Weltrevolution bewegt sich in dieser Richtung. Nieder mit den Verrätern! Zoll-Autonomie!   Alles Übel im südlichen China hat aber seine Wurzel in den Landbesitzverhältnissen, meint Borodin. Wohl gibt es keinen Großgrundbesitz, aber um so schwerer ist es, die Klasse der kleinen Landbesitzer zu bekämpfen. Sie ist diffus, kaum zu greifen, von der Art der Bourgeoisie In der Unterredung, die ich mit dem Bürgermeister von Canton, Herrn C. C. Wu, dem in Amerika geborenen und ausgebildeten Sohn Wu Ting Fangs, hatte, betonte mir Wu, daß China durch seine Tradition der Familienherrschaft von der Plage des Großgrundbesitzes verschont geblieben sei. Es gebe kein Erstgeburtsrecht, der Landbesitz werde unter sämtliche Kinder verteilt. Auch gebe es in China überhaupt keine Klasse nach europäischen Begriffen, sagte mir Wu, um zu beweisen, daß es in China auch keinen Klassenkampf geben könne. Zudem sei durch die Entwicklung der Neuzeit die Gefahr beseitigt, daß, wie in früheren Perioden, die Söhne der »höchsten« Schichten ausschließlich infolge ihrer hohen literarischen Ausbildung in die Regierung gelangen und dort eine Art Privilegienpolitik treiben könnten! Heute, sagte Wu, liefert der niedere Mittelstand dem Staate seine Beamtenschaft wie auch den Universitäten ihre Studenten. Die Söhne der Reichen »genießen das Leben«, d. h. verlottern. Es sei im Staatswesen überhaupt ein Regenerationsprozeß von unten her im Zuge, der nur durch das Unwesen der Militärbanden gestört und aufgehalten wird. . Wer da glaube, es existiere in China keine Landfrage, befinde sich im Irrtum. Es herrscht in China eine ungeheuerliche Ausbeutung des kleinen Bauern, der niederen Landarbeiter, eine ungeheuerliche lokale Ausbeutung. Die kleinen Landbesitzer erhalten von den Pächtern ihres Landes 60 Prozent des Ertrages. Außerdem muß noch für ein paar Dutzend verschiedener Steuern aufgekommen werden, die sämtlich dem Militarismus, der ungeheuren, ungeregelten Erpressung von seiten der Militärbanden zugute kommen – für Kulturzwecke bleibt nichts übrig. (Dr. Sun Yat Sen hatte die Absicht, die Abgabe der Bauernschaft von 60 Prozent auf 25 Prozent zu reduzieren – auch seine Arbeit wurde als »Kommunismus« angesprochen.) Die einzige Möglichkeit, in diesen Verhältnissen Wandlung zu 220 schaffen, bestehe in der Organisation der Landarbeiter. Im südlichen Kwantung allein gibt es schon anderthalb Millionen organisierter Landarbeiter; das ist ein Anfang. Die Arbeit ist nicht leicht, denn die Chinesen sind ein materialistisch denkendes Volk. Der Besitz, die Familie, der Ahne ist die Grundlage, das Grundwesen des religiösen und sozialen Lebens dieses Volkes. Aber das Beispiel des großen Rußlands, das sich befreit hat, wirkt hier wie überall in der Welt, besonders der »farbigen«, der orientalischen, im Kampf gegen fremden Imperialismus und lokale Feudalbedrückung.   In diesen Tagen habe ich mich oft an meinen ersten Besuch in Moskau erinnert, Herbst 1920. Damals waren gerade die Vertreter einiger hundert Nationen und Stämme, ja Nomadenhorden Asiens, die in Baku dem ersten Kongreß der Orientvölker beigewohnt hatten, nach Moskau geströmt. Auf diesem denkwürdigen Kongreß ist die gegenwärtige Phase der Weltgeschichte eingeleitet, Moskau zum zentralen Gehirn der Bewegung erkoren worden. Von Radek und Bela Kun hörte ich damals das Wort: Der Westen hat uns im Stich gelassen – wir verlegen die Bewegung nach dem Osten. Daß die Russen ihrer Methoden und der Psychologie der Massen kundig und sicher sind wie kein zweites Volk, keine zweite Regierung, keine zweite Diplomatie der Welt, beweist die Gegenwart – diese Kette von Freiheitsbränden, die von Marokko bis China angezündet ist. – Rußlands Beispiel wirkt in China tief und stark. Amerika hat viele Millionen Dollar hierher geworfen, aber Amerikas Propaganda für seine spezifische Form von Prosperität wirkt nur auf den »Rand der Bevölkerung« (Borodins Worte), auf Leute, die von der nationalen Idee des Befreiungskampfes ebenso weit wie von der proletarischen entfernt sind. Die Intellektuellen Chinas sind von der Idee Rußlands, ihrer ökonomischen wie ihrer geistigen Bedeutung für das Volk erfaßt. Sie stehen auf der Seite Rußlands, in stetig anwachsenden Scharen. Es hat eben jetzt mit dem zweiten Kongreß der Kuo Min Tang die Erweiterung des Fundaments der großen Bewegung begonnen: die Vereinheitlichung des städtischen wie des Landproletariats. Die Landorganisation strahlt auf die Stadtorganisation aus, beide gehen ineinander über. Die Intellektuellen und die 221 Landbevölkerung nähern sich einander, verschmelzen In der Fabrikvorstadt Honam gibt es bereits 50 000 organisierte Arbeiter. Eine besondere Tätigkeit wird, namentlich durch die Genossin Borodin, unter den arbeitenden Frauen entfaltet. Mit Erfolg – wie wäre es auch anders möglich! – die Frau in China verrichtet oft die schwerste Arbeit, so z. B. das Rudern der Sampans, das Bestellen des Feldes, ist dabei klug, geschickt und auch im Handel erfahren. . Wäre die Stadtbewegung, die Landbewegung für sich allein geblieben, die gesamte Bewegung hätte auf die Dauer versagen müssen. Da aber nun die Intellektuellen den Weg zu beiden Massen gefunden haben, ist die Propaganda vertieft, und die Ideen, für die gekämpft wird, verwurzeln sich in diesem Segment der Arbeit um die Weltrevolution im gesamten Volke. – Auf meine Frage, ob denn nicht zu befürchten sei, daß die Chinesen, ein schlaues, abgründig unsentimentales Volk, die Russen, die ihnen ideelle und materielle Hilfe bringen, einfach ausnutzen und sie dann abschütteln oder im Stiche lassen würden, antwortet Borodin: Die Chinesen haben ein sicheres Gefühl dafür, wer ihnen »hilfe«bringend naht, um sie dann auszunutzen – und wer aus nationalem, freiheitlichem und nicht dem plumpsten Willen der Ausbeutung zu ihnen kommt. (Ehe ich von Berlin abreiste, hörte ich von einem gewiegten russischen Freund eine aphoristisch zugespitzte Meinung. Er sagte mir: Sie gehen nach China; merken Sie sich eins: in China arbeiten die Engländer mit Dollars, die Amerikaner, die Japaner mit Dollars. Die Russen arbeiten auch mit Dollars, aber außerdem können die Russen auch mit dem nationalen Gefühl der Chinesen operieren, denn sie sind als asiatische Macht geographisch und kulturell die prädestinierten Verbündeten der anderen, benachbarten asiatischen Großmacht, und das ist der Vorsprung Rußlands in China, der von keinem andern Lande, auch nicht von Japan, eingeholt werden kann.) Im übrigen haben die Russen mit der Errichtung der Sun Yat Sen-Universität in Moskau sich ein ausgezeichnetes Propagandamittel in China geschaffen. Diese Universität, die gegenwärtig etwa zweihundert begabte und für die Idee der russischen Befreiung begeisterte chinesische Studenten in die Wissenschaft des Marxismus und in die Theorie und Praxis der Revolution einführt, ist im Grunde genommen nur eine Erweiterung 222 oder Spezialisierung der schon seit dem Beginn der russischen Revolution bestehenden »Akademie der Ostvölker«, die Agitatoren und Propagandisten für Asien ausbildet. –   Rußlands geistiger Einfluß macht sich in China an vielen Stellen geltend und deutlich bemerkbar. Jugendzirkel, Studentenklubs werden gegründet und von den Russen beraten. Die Chinesen verlangen von den russischen Genossen Material, Rat und Hilfe in allen Fragen der Erziehung und Organisation. In Schanghai hatte ich einen chinesischen Freund, einen jungen Lehrer an einer Schule im Innern des Landes, die eben gegründet war und deren sämtliche Schüler, einige hundert, geschlossen aus der amerikanischen Missionsschule des Ortes in die nationalchinesische, revolutionäre hinübergegangen waren. Auch die Methoden der Roten Armee haben bereits Eingang in die Formationen der revolutionären Armee des Südens gefunden, besonders in jene Kerntruppe der Roten Armee Chinas, die Whampoo-Kadetten. Wie oft sah ich in den Straßen Cantons vor Kasernen Gruppen junger Soldaten beisammenstehen, denen ein junger hoher Offizier in kameradschaftlicher Weise Vortrag hielt. Übrigens muß gesagt sein, daß es in den Armeen Chinas niemals Subordination, Drill und Kadavergehorsam in dem Sinne der europäischen Armeen gegeben hat. Auch durch die besondere demokratische Form des chinesischen Volkes und der Gesellschaft Chinas gab es mehr Kameradschaft und Interessengemeinschaft unter den hohen und den niederen Schichten der Armee, nicht Vorgesetzte und Untergebene. (Es gibt aber auch Motive der Korruption – hierüber später!)   In einer Ansprache, die ich auf Einladung der Professoren vor den Hörern und Hörerinnen der Universität Canton halten durfte, wies ich auf die Aufgaben der Studentenschaft in den großen Freiheitsbewegungen dieser Zeit hin. Ich sprach von der kläglichen Haltung der deutschen Studenten in unserer eigenen mißglückten Revolution und von dem Heroismus, der zähen, jahrhundertelangen Aufopferung der russischen, die die große Revolution Rußlands vorbereitet und zum Siege geführt hat. An der Begeisterung, die jeder auf Rußland bezügliche Satz unter diesen jungen Menschen erweckte, konnte deutlich 223 die Wesensverbundenheit des chinesischen und russischen Freiheitskampfes erkannt werden. An wie vielen Symptomen, die sich mir während meines Aufenthaltes im Süden wie auch in nördlichen Landesteilen Chinas boten, habe ich dann beglückende Gewißheit gewonnen darüber, wie stürmisch diese Zeit in den Ländern des Ostens vorwärtsschreitet! Auch von der »gelben Gefahr« sprach ich, diesem Schreckgespenst der europäischen Bourgeoisie und Reaktion, die ihre heiligsten Güter, wie sie sie nennt, mit Giftgasen und Luftbomben gegen die in technischen Dingen zur Zeit noch arg zurückgebliebenen barbarischen Anhänger Buddhas und Konfuzius' zu verteidigen entschlossen ist. Aber auch von der »gelben Hoffnung«, die jedem revolutionär denkenden Sozialisten der Alten Welt durch die Fortschritte der proletarischen Idee im fernen Osten geschenkt worden ist. Aus dem Munde C. C. Wus und Borodins hörte ich die Klage, daß diese blöde Phrase, dieses Schlagwort »die gelbe Gefahr«, die Deutschen, die ja in Europa so ängstlich und aufmerksam nach dem Westen schauen müssen, von einer aktiven Politik im Osten zurückhalte. »Was ist das Geheimnis unseres Einflusses in China?« sagte mir Borodin. »Wir Russen sind das einzige Volk, das die Chinesen als gleichberechtigt betrachtet und behandelt. Im Westen sind die Deutschen nachgiebig ( yielding ), im Osten aber passiv und furchtsam. Sie könnten im selben Augenblick an Einfluß gewinnen, in dem sie sich hier zu einer positiven Politik entschließen wollten.« Wozu, ich fürchte, wenig Aussicht besteht.   Im wesentlichen hat die chinesische Nationalbewegung bisher die folgenden fünf Perioden durchgemacht: Die erste führt ins Jahr 1894 zurück. Ihr Programm umfaßte: Reform der inneren Verwaltung, Einführung eines modernen Erziehungssystems, Absetzung der Kaiserin. Die zweite Periode 1896: Bewegung gegen das Christentum, gegen die Ausländer, d. h. die Raubvölker, die China zu kolonisieren suchten. 224 Die dritte Periode 1912: Abschaffung der Monarchie, die Erklärung der Republik durch Dr. Sun Yat Sen, Aufbau der Republik. Die vierte 1919: allgemein zivilisatorische Bewegung, Sozialismus. Die letzte, gegenwärtige, 1924 begonnene aber richtet sich gegen Imperialismus, gegen Kapitalismus, bereitet die Aufhebung der mit den imperialistischen Mächten geschlossenen »Verträge« vor, ist für die Weltrevolution. Plakate der Chinesischen Revolution An diesem Punkte ist die Bewegung heute, Neujahr 1926, angelangt. (Ich verdanke diese Aufstellung wichtigen und lehrreichen Gesprächen, die ich mit Herrn Professor Liang Kwang En von der Universität Canton führen durfte.)   Gegenwärtig ist das Land von Aufruhr, Unordnung, gegeneinander kämpfenden Strömungen und Kräften, Armeen und Banden zerrüttet. Im Süden kommandiert jetzt, Anfang 1926, das Streikkomitee fast allmächtig, den es unterstützenden Kräften überlegen und über den Kopf wachsend. Im Norden hetzen die von allen möglichen dunklen Mächten bezahlten Generale ihre Truppen gegeneinander. Was in den Zentralprovinzen geschieht, erfährt man zuweilen, und es ist zumeist schaurige Kunde. Das Land ist von Hungersnot, Militarismus, Bandenwillkür geschwächt und zerstört. Hier im Süden aber scheint eine Zentralisierung der Macht sich vorzubereiten. Der General, der die Armee führt, arbeitet Hand in Hand mit der Regierung, das Streikkomitee wird sich seinen Weisungen zu fügen haben. Der linke Flügel der Kuo Min Tang, der in Canton seine Herrschaft ausübt und bewährt, ist in gemeinsamer Aktion mit Rußland für die proletarische Revolution. Die rechte Kuo Min Tang aber, ohne besondere Macht und ausgesprochenes Programm, ist deutlich antirussisch, antiproletarisch. Die Südarmee, jene Formation der 225 Whampoo-Kadetten, ist allein nicht imstande, den Willen der linken Kuo Min Tang zur Einigung Chinas durchzusetzen. Von Zeit zu Zeit dringen Nachrichten von einer bevorstehenden Aktion dieser Armee gegen den Norden in die Öffentlichkeit. Die Generale im Norden aber und die Tupane (die von der Revolution eingesetzten Militärgouverneure der Provinzen) arbeiten mit geschlossenem Visier und undurchsichtigen Mitteln für ihre eigenen Interessen und jene ihrer Hintermänner. Das Land ist erschüttert durch eine Periode fortgesetzter militärischer Gewalttaten. Es ist zu befürchten, daß bei einer Gelegenheit, die sich bald ergeben könnte, die Mächte Europas, die ihre Interessen hier nicht in der gewünschten Weise verfochten sehen, gegen China einschreiten werden, d. h. gegen die Kräfte, die in China ihre Raubabsichten stören, im letzten Grunde also gegen Rußland und die gefährliche Idee, die Rußland verkörpert. China ist jedenfalls der Brennpunkt eines neuen Weltgeschehens, allem Anschein nach eines neuen Weltkrieges. Die Chinesen, dieses nüchterne, durch seine jahrtausendealte Geschichte gewitzte Volk, wissen das und sind auf ihrer Hut. Vielleicht ist China, das Schicksalsland der östlichen Welt, die Geburtsstätte einer neuen Weltordnung. Es wird seinen Teil an dem großen Werk verrichten müssen, schicksalsbestimmt und wahrscheinlich gegen seinen Willen.   Panorama der Stadt Canton Vom Auswärtigen Amt der Cantonregierung wurde mir ein junger Chinese als Dolmetscher beigestellt, mit dem ich an vielen Orten, in Straßen und Häusern herumkam, die der Europäer von selber nicht aufzutreiben versteht. Er war ein intelligenter Mensch, hatte studiert und bekleidete bei der Polizei einen höheren Rang, worauf er ganz besonders stolz zu sein schien. Einmal zeigte er mir in seiner Station (die, wie die meisten Polizei- und Militärbaracken, in einem mit Lampions und Girlanden festlich geschmückten ehemaligen Tempel untergebracht war) seine Uniform und streichelte sie verliebt, wie ein Bräutigam die Braut. Über Organisationen, Universität und Arbeit wußte er Bescheid, war auch sonst nicht übel beschlagen, aber auf eines verstand er sich nicht, 226 und das waren Zahlen. Als ich ihn einmal frug, wieviel Einwohner Canton habe, erwiderte er nach einigem Nachdenken: » Thirtythousandmillionfivehundred. « – Ich machte ihm begreiflich, daß das ein Unsinn sei, es solle wohl heißen 1,030,500. Er aber blieb dabei: dreißigtausendmillionfünfhundert. Als ich diese amüsante Kleinigkeit einem lange in China ansässigen Engländer erzählte und bemerkte, daß der junge Mensch wohl diese Zahl genannt habe, weil er des Englischen nicht mächtig sei, entgegnete der Cantoner: die Antwort sei typisch, die Chinesen seien in allem, was durch Zahlen ausgedrückt werden muß, phantastisch unkorrekt und unzuverlässig. Sicher ist es, daß niemand die genaue Seelenzahl der ungeheuren Stadt kennt. Drei, vier Millionen, wurde mir gesagt. Ein gewaltiger Teil der Bevölkerung liegt, lebt und treibt sich auf dem Wasser herum, in den Sampans, großen Haus- und Frachtbooten, die im Perlfluß eine Stadt für sich bilden, und ist unkontrollierbar. Diese Sampans, die sich auf den Gewässern Cantons bis weit hinauf ins Land stauen, sehen Generationen aufkommen, Familien sich entwickeln, absterben, Menschenleben im Auf- und Niedergang, jahrhundertelang. Mit allerlei Fracht beladen, fahren sie stromauf, stromab, sie segeln oder werden gerudert, und zwar, wie schon erwähnt, zumeist von Frauen, die die schweren Ruder mit erstaunlicher Kraft führen. Es ist der erste Eindruck, den man von China empfängt – diese Sampanruderinnen. Sie stehen da, auf schwankendem Brett, haben eine kurze schwarze Zigarre, Tscheroot, im Munde, ihr Baby in einem offenen Sack auf den Rücken gebunden – das also schon vom Tag an, da es das Licht der Welt erblickt, den Rhythmus der schweren Fron in seinen Gelenken empfängt. Frei und bunt ist das Leben auf dem Strom. Schwer, aber freibeuterisch und uneingeengt. Heute ist man da, morgen dort, man kann sich leicht verbergen, allerhand versteckte Gewerbe blühen in der Bootestadt. – Die Uferseite Cantons, wie aller großen Hafenstädte Chinas, heißt »the Bund«. Am »Bund« Cantons, mit seinem gewaltigen Verkehr, seinen Hotels, Geschäftswolkenkratzern, Anlegebrücken und Verwaltungsgebäuden, reihen sich die Dampfer, Leichter, Frachtkähne zu 227 Tausenden aneinander an; hier spielt sich das Gewimmel der Sampans, das Treiben der übervölkerten Häuser- und Wasserstadt am stürmischsten ab. Dem in der Rikscha Vorüberfahrenden tönt von einzelnen Halteplätzen grelles Weibergeschrei entgegen: Ruderfrauen, die für ein paar Kupfermünzen nach dem anderen Ufer, der Fabrikstadt Honam, übersetzen, aber auch Dirnen, die auf die Sampans locken, in denen Teehäuser, Absteigequartiere, Singsanghallen, die niedere Joshiwara der Stadt eingerichtet ist. Sampans liegen im Strom, auf denen Hochzeitsgelage abgehalten werden; auf Sampans versammelt sich die Trauergemeinde, um zum Andenken an den Verstorbenen Papiergebilde, von innen beleuchtete, die die Form von Pferden, Menschen, Häusern und Schiffen haben, zu verbrennen – Opferbrände, uralter Brauch. – Unaufhörlich schwimmen kleine Boote herum mit schreienden, klingelnden Hausierern, die dem Wasservolk Tee, Kuchen, Gemüse, allerlei Kram verkaufen. Die Motorboote der Konsulate, Barken der Schiffahrtsgesellschaften, Wampoo-Kanonenboote bahnen sich ihren Weg durch die Sampanstadt, die bei niederem Wasserstand im Uferschlamm zu versacken scheint. Dann legt man Bretter von Bord zu Bord, und es entstehen plötzlich Straßen, Gassen und Brückenwege. Die Flußpolizei pirscht eifrig nach Piraten. Dieses letztere Gewerbe steht hoch im Schwung. Raub, Diebstahl, Überfall mit und ohne Gewaltanwendung bildet überhaupt ein wesentliches Charakteristikum dieser Stadt, der gesamten südlichen Provinz. Auch auf unserem Schiff, das den Verkehr von Hongkong aus besorgte, war, wie auf jenem nach Macao fahrenden, die Abteilung, in der die chinesischen Passagiere untergebracht waren, mit Gittern tüchtig abgesperrt, von Sikhs bewacht. – Neben dem romantischen Beruf des Seeräubers bewährt sich in Canton (wie in anderen Städten Chinas) besonders das uralte Gewerbe der Menschenentführung, des »Kidnapping«. Zur Zeit meines Aufenthalts in Canton wurde einmal eine ganze Schule, zweiundfünfzig Knaben samt ihren fünf Lehrern, gekidnappt. Drei Jungen, die die Räuber unterwegs verloren hatten, kamen in die Stadt zurückgelaufen und brachten die Kunde von dem Ereignis mit. Das Lösegeld beträgt oft viele zehntausend Dollar für jedes gekidnappte Kind oder jeden 228 entführten Erwachsenen (Europäer werden in den seltensten Fällen entführt). Kann die Familie das Geld nicht aufbringen, so kommt erst die Nase, dann eine Hand des Geraubten an, kleine Aufmunterung zum Bezahlen. Schließlich breitet sich Schweigen über einen Toten. Selten ruft man die Polizei zur Hilfe, so groß ist die Angst vor den Räubern, so straff ihre Organisation. Die wirren, inselreichen Gewässer, die Stadt Canton selbst beherbergen Tausende von Kidnappern, berufsmäßigen Piraten. Das Wahrzeichen dieser Stadt – von der Blumenpagode berichte ich in anderem Zusammenhang – sind enorme, klotzige Türme, die aus dem Gewimmel der untersetzten Häuser des Bazarviertels und der alten Stadt, hoch und düster, viereckig, fensterlos und fest in die Höhe ragen. Von der obersten Galerie der Pagode kann man ein Dutzend solcher Türme in der Runde erkennen. Diese Zwingburgen sind aber menschenfreundliche Institute: Leihhäuser , nur eben wie Festungen gebaut, mit Donjons, doppelten Mauern, einbruchsicher gegen Piraten, Räuber und Banden geschützt, der einzige Zugang, ein niederes, schmales Tor, stark bewacht Das Leihhaus spielt im wirtschaftlichen Leben des Chinesen eine bedeutsame Rolle. Es ist sozusagen die Bank, die dem kleinen Mann sein Betriebskapital vorstreckt; im Sommer bewahrt es ihm seine Wintergarderobe mottensicher auf und gibt ihm dafür noch Kredit, so daß er heil durch die Jahreszeit durchkommt. Besonders der Landmann benutzt das Leihhaus, um seine Ernte einzubringen. . Der Banditenplage, die, neben dem verwandten Raubmilitarismus, dem Chinesen seit Urzeiten als unabwendbares Schicksal die Existenz erschwert und zum Teil auch vernichtet, sucht die progressive Cantonregierung mit aller Energie zu Leibe zu gehen. Ob es ihr gelingen wird, bleibt zweifelhaft; zu tief wurzelt das Übel im Wesen dieses merkwürdig komplizierten Volkes. –   In das Bazarviertel, die berühmten engen Gassen der Elfenbeinschnitzer, der Jadehändler, Fächermaler und der Seidenläden, darf man nach Sonnenuntergang nicht gehen, sonst sieht man nichts als Eisenstangen vor hermetisch verschlossenen Gewölben. Kommt man aber am Tage durch – welche Freude, diese Handwerkskünstler zu beobachten, wie sie, mit den primitivsten Werkzeugen, in unendlich 229 feinem zarten, oft kaum wahrnehmbaren Gelenkspiel ihrer dünnen Finger Gegenstände von berückender Anmut verfertigen. Jade ist ein spröder Stein, und je kostbarer er ist, um so vorsichtiger muß der Meißel mit ihm verfahren; auch sind die Formen der Schmuckstücke, die aus Jade verfertigt werden, beschränkt, es ist ja ein heiliger Stein, vielleicht darf er zu profanen Zwecken von gewissen Grenzen nicht abweichen. Die kleinen geschnitzten Elfenbeinkugeln, in denen sich fünf bis sechs immer kleinere bewegen und drehen, alle gleich zierlich und minutiös verziert, Wunderwerke der Drechselkunst, versinnbildlichen auch in bestimmter Weise die Welt, wie die Zwiebel, in deren Innerstem der Sinn, das Losgelöste, Bewegliche, Kreisende und doch Gebundene gefunden wird. – Hier in Canton werden unter anderem auch jene winzigen Tonfigürchen geformt, die Typen und Gestalten aus dem Volk, der Geschichte, der Sage darstellen, mit mikroskopisch winzigen Einzelheiten der Körperbewegung, des Mienenspiels, des Ausdrucks, den Körper und Gewand annehmen, wenn Wind oder Wasser gegen sie schlagen! Die Pinselstriche über das Reispapier der Fächer! Die flinken Nadeln der Seidenschalstickerinnen! Das Werken von Schnitzelmesser, Feile, Bohrer und Goldplättchen über das Rankengewirr, die Drachenzier der filigrandünnen Holzgitter, Wandverschalungen! Zuweilen trat ich in einen Laden der Seidenhändlerstraße ein, bat die Besitzer, mir ein kurzes Verweilen in dem Laden zu gestatten, und habe dann die intensivste Augenweide genossen: im Fond des dunklen Magazinraums erhob sich eine Wand, aus wunderbarstem, mit Gold und Emailornamenten verzierten Sandelholz geschnitzt und aufgebaut, ein helles Oval darin – der Durchblick auf ein Blumenboskett im Lichthof, in drei Farben: heliotrop, orange, hellgrün vor einer elfenbeinweißen Hausmauer. Vor diesem Märchengarten aber hatten die Seidenhändler, die Seidenhändlerfamilie – denn immer ist es die ganze Sippe, die in solch einem Laden lebt, handelt, haust, ob das Geschäft es verträgt oder nicht –, ein Schlaraffennest an Bequemlichkeit und Behagen aufgebaut. Breite Liegestühle, mit weichen Kissen belegt, standen da, kleine schöngeschnitzte Tische aus Ebenholz, mit wunderbaren Marmorplatten geschmückt, jenem flockigen und fleckigen Marmor, den man in Südchina schlägt und der in seiner Färbung und Maserung 230 Wolken, Berge, ganze Landschaften nachahmt; auf den Tischchen Wasserpfeife, Teeschalen, Eßgerät, Lackdosen für Tabak, Konfekt, Rechenmaschine – eine hohe schmale Eisentreppe führte nebenan in die oberen Wohnräume, der Chinese verläßt ungern sein Haus, besonders in dieser gefährlichen Gegend – kommt des Nachts der ungebetene Gast, so findet er die gesamte Familie beisammen, die in solch einem von außen unscheinbaren Haus beisammen wohnt, schläft, aus dem gemeinsamen Reistopf mit Stäbchen rasch das Futter herausschaufelt, Mah Jongg spielt und den Gewinn des Ladens oder den Verlust teilt. – Nachts – da marschiert wohl über den »Bund« ein Zug mit Fahnen daher, über den von unzähligen Glühbirnen, prächtig flimmernden chinesischen Feuerbuchstaben, Triumphpforten, Girlanden, bunten Lichtblumen, Drachen und Rädern magisch beleuchteten »Bund«. Weiße Fahnen und wilde Rufe; rechts und links knallen auf das Pflaster explodierende Crackers nieder, das lieben sie besonders in ihrer kindlichen Vitalität. Was gibt es? Politische Manifestanten, Studenten, Arbeiter, Bürger der aufgeregten Stadt. Gleichzeitig begegnest du einem Gänsemarsch ernst und breitbeinig daherstampfender Proletariergestalten – diese sind an ihrer Fahne erkennbar, an den Kokarden, die sie aufgesteckt haben – es ist die Patrouille des Streikkomitees. Sie geht stumm und finster über den »Bund«, verschwindet in einer der Seitenstraßen. –   Bettler drängen sich an die Rikscha heran, unglaubliche zerfetzte Gestalten, schmutzig und in Lumpen (aber es stellt sich ja bald heraus, daß diese fast methodisch zerrissenen Gewänder aus Säcken, alten Steppdecken, Bastmatten, Zeitungspapier und weiß Gott welchem Zeug noch zusammengestoppelt, mit Stricken festgebunden um die nackten Körper: Uniformen vorstellen, Uniformen der Bettlerzunft! Hierüber später). Viele unter ihnen tragen, deutlich erkennbar, mongolische Züge; im Lande herumirrendes, sein Leben lang von Ort zu Ort wanderndes, arbeitsscheues, mit seinem Lose leidlich zufriedenes Volk. Sie stecken dir, mit dem Lauf des Rikschakulis Schritt haltend, ihre Holzschale so lange unter die Nase – »Talai – è, Talai – é!« bis sie deinen Copper aufgefangen haben – gleich darauf sind dir zehn, 231 zwanzig, eine ganze Horde auf den Fersen! Lauf, Kuli, lauf – sie haben entdeckt, daß der Hwannaku, der Hund von einem Fremden, ein Grünhorn ist – er hat Almosen gegeben! – für die Dauer deines Aufenthaltes in dieser Stadt bist du gezeichnet! – Was sind die typischen Gerüche, Geräusche Cantons? Oft geschieht es, daß ich aus dem Schlaf emporfahre und habe mich erinnert, geheimnisvoll hat mir der Traum Chikago, San Franzisko, Venedig, Stockholm vorgegaukelt – an Canton wird mich Gestank von verfaultem Holz, Knoblauch und Schafsgedärm erinnern und das grauenvolle Räuspern, Husten und Spucken, in dem die Chinesen, so will mir scheinen, jedem anderen Volk der Erde überlegen sind. Das chinesische Räuspern dauert in der Regel zehn bis fünfzehn Sekunden lang an. Der Schleim wird dabei aus der Tiefe, etwa einen halben Meter weit, mittels Luftdrucks in die Höhe gepumpt. Diese Prozedur ist im Umkreis von einigen Metern zu hören, d. h. im Straßenlärm; in geschlossenen Räumen, Theatern usw. natürlich verstärkt und in weiterem Radius. Unwillkürlich ahmt die eigene Lunge, Luftröhre, Kehlkopf den ganzen Vorgang nach, um das Endergebnis zu beschleunigen – aufatmend konstatierst du schließlich, daß es erreicht ist: klatsch, ist dir die chinesische Auster vor die Füße geflogen! – Indes, auch harmonischere Geräusche sind zu unterscheiden, und diese sind es, die die eigentliche Musik der menschenüberreichen, tobend lebendigen, Tag und Nacht glimmenden, glitzernden, glühenden Stadt ausmachen. Die Kulis, die an dicken Bambusstäben schwere Kisten, Säcke voll Reis, Kohle, Zement aus den Leichterschiffen in die Magazine am »Bund« schleppen, die an Stricken, tief in die nackte Schulter, den nackten Rücken, die nackte Brust schneidenden Stricken, hoch beladene Karren vorwärtsziehen – alle singen sie ihren rhythmisch dem Trabe oder dem langsamen Tempo der schweren Mühe angepaßten, klagenden, monotonen, zuweilen wild modulierten Gesang. Du hast ja diesen Gesang der Beladenen schon in Dardjiling gehört. Hier aber singt ihn die Stadt. Der beladene, belastete, überanstrengte Körper des Volkes schafft sich sein Ventil, erleichtert sich irgendwie sein Los durch diesen Gesang. Oft klingt er ganz irrsinnig, unnatürlich gequetscht, wie das Gekreisch eines ungeölten Rades. Oft klingt er aber aufreizend, endet in einem Schrei, als habe der 232 überlastete Bambus den schleppenden Körper entzweigebrochen, der scharfe, schneidende Strick die Kehle zerwürgt. Von Tagesanbruch bis in die späte Nacht tönt der Gesang der schweren Arbeit durch die Straßen Cantons. Nach Mitternacht dringt das Geklapper des Nachtwächters, der die Runde um Tungschans Häuser und Hütten macht, in den Schlaf des Gerechten. Und um das Morgengrauen wecken ihn die Hornsignale der Garnison, drüben in der Soldatenstadt am linken Ufer des Perlflusses. Schrill und eigenwillig verscheuchen sie den letzten Rest von Ruhe und Schlaf von der geschäftigen, stürmisch bewegten, ewig jungen Stadt, die sich zu regen beginnt, rasch besinnt, frisch und kräftig den neuen Tag anfaßt – während dort, am Ende des »Bundes«, jenseits der schmalen Wasserader, die die beiden Brücken vom Körper der Stadt eher trennt, als daß sie sie mit ihm verbände, Schamien , das verdorrte, allein weiter schläft, in der Betäubung seiner abgeschnürten, blutleeren Agonie, die die dampfenden, ohnmächtigen Kriegsschiffe auf dem Perlfluß vergeblich bewachen. –   Schanghai und die Probleme der Revolution Das Leben hat mich gelehrt, ersten Eindrücken unbedingt zu trauen, auch wenn es Eindrücke sind, die der Anblick scheinbar geringfügiger Dinge hinterlassen hat. Dies gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für Städte, Länder, Völker. Über die allerersten, ästhetisch-skurrilen Erlebnisse nach meiner Ankunft in China habe ich im Hongkong-Abschnitt einige Worte gesagt; die Pole: Hochzeit, Begräbnis. Zwei Wahrnehmungen aber, die mir zuerst unwesentlich erschienen, halte ich jetzt, nachdem ich mich den zweiten Monat in China umsehe, für wesentlich und entscheidend. In Hongkong, besonders aber in Canton fiel es mir auf: in kleinen Läden der Bazarstraßen, in die nur selten ein Kunde sich verirrte, saßen oft zehn oder zwölf Chinesen herum, die Wasserpfeife rauchend, oder in einem Aschentopf umstierend, schwätzend, spuckend, müßig; am Abend aber hockten alle um eine Reisschüssel, dicht beisammen, um mittels Stäbchen den Reis rasch in sich hineinzuschaufeln; dann, 233 wenn die Rolläden zu und der Arbeitstag um war, hörte man auf die Straße heraus das wilde Geklimper und Geklapper der Mah-Jongg-Würfel, ein heftiges Geräusch, das darauf schließen ließ, daß die ganze müßige Bande drinnen im Laden weiter versammelt geblieben war. Was taten die zehn, zwölf Faulpelze den ganzen lieben Tag? Selten oder nie kam ein Käufer in den kleinen Laden, um einen Pantoffel oder einen Schlüsselring oder ein kleines Jadeohrgehänge oder eine Messingpfeife zu kaufen: den dürftigen Kram, der in dem Laden feilgehalten wurde. Und der andere Eindruck, besonders in dem für China charakteristischen Canton: ganze Straßenzüge mit gleichförmigen Läden, Tür an Tür die Seidenhändler, Tür an Tür die Elfenbeinschnitzer, noch andere Straßen: Tür an Tür die Fächermaler, usw. Jedes Gewerbe lokalisiert auf eine, zwei, drei kurze oder lange, enge Straßen, weiß Gott nicht sehr vorteilhaft in bezug auf das Heranziehen von Käufern, denn die Konkurrenz unter den Nachbarn war ja grimmig evident! Mit diesen Wahrnehmungen hatte ich, wie mir später offenbar wurde, die beiden wichtigsten und entscheidendsten Wesenselemente der chinesischen Gesellschaftsordnung berührt. Die zwölf Müßiggänger, die in den kleinen Läden herumgingen, waren eine Familie – die Familie . Die Konkurrenten Tür an Tür in der engen Gasse repräsentierten: die Gilde . Kein Mensch kam in den Laden, um zu kaufen. Die Familie schaufelte demzufolge aus dem gemeinsamen Reistopf täglich weniger Reis heraus. Die Gildenstraße war auch nicht sehr durchflutet, oft war ich der einzige, der, von gierig erwartungsvollen Blicken aus allen Läden verfolgt, durch die Straße schlenderte (ohne zu kaufen). Die Familie und die Gilde! Die Umwandlung, eben durch den Umstand, daß niemand in die Läden tritt, der Reistopf leerer und leerer wird, die Schaukästen mehr und mehr verstauben – das Problem der Umwandlung, d. h. die zunehmende Erschütterung der Grundpfeiler, auf denen sich das jahrtausendalte Gesellschaftsgefüge Chinas erhebt! –   Die Familie ist die primitivste Grundlage der chinesischen Gesellschaft. Aus ihr erst entsteht die Gilde. Die Verbindung zwischen Familie und Gilde wird offensichtlich, wenn man erfährt, daß bestimmte Kunstzweige, Gewerbearten jahrhundertelang sich in einer Familie fortgeerbt haben, daß z. B. die Zubereitung eines bestimmten Lacks und seine Verwendung Geheimnis einer einzigen Familie gebildet haben, die dann in der Gilde ihre überwiegende Macht behaupten durfte; daß auch gewisse geistige Funktionen, hervorragende Fähigkeiten sich oft an eine Familientradition knüpften und daß kommunale und staatliche Funktionäre vermöge ihrer Familientradition einen Vorsprung bei der Besetzung wichtiger Stellen im Staate behielten. Man erzählte mir, daß, so wie ein Laden gleich eine ganze Familie beherbergt, ob die Einkünfte dies ertragen oder nicht, bis in die neueste Zeit hinein auch öffentliche Ämter unter diesem Familienprinzip des chinesischen Sittenkodex besetzt werden. Der Nepotismus treibt inmitten der beträchtlichen Korruption des chinesischen Gemeinschaftslebens sonderbare Blüten. Tritt z. B. eine Regierung ab – eine von den ephemeren Provinzial- oder Zentralregierungen –, so verschwindet mit dem Minister gleich das ganze Ministerium. Brüder, Vettern, Neffen und ihre Kindeskinder verlassen fluchtartig ihre Ämter, die dann sofort von dem neuen Minister mit seiner gesamten Sippe gefüllt werden. –   Wo die Stadt aufhört, wo sie anfängt, ringsum auf den Feldern: kleine und große Maulwurfshügel – die Gräber der Familien. Große Hügel: Väter, Mütter. Ein Gewimmel von kleinen Hügeln: Kinder, entfernte, arme Verwandte. Aber immer die ganze Familie beisammen. Schmucklos die meisten dieser Hügel, aber doch gepflegt, denn die Geister der Ahnen, die Geister der Abgeschiedenen schweben ja flimmernd über dem Sand, dem Gras, dem Baumrund, über die Steinkrone hin. Indes: wenn man, um leben zu können, in immer engerem Kreise um diese Hügel herumpflügt, um mehr Bohnen, Kraut, Gemüse für die tägliche Nahrung aus dem Boden herauszuholen – sucht man dagegen aus jenen kleinen übervölkerten Kramläden hinaus, in immer weiterem Umkreis, Arbeit außerhalb des ererbten Gewerbes für die Familienmitglieder zu beschaffen, die die schmaler werdende Ration des gemeinsamen Reistopfes nicht mehr sättigen kann. Die neue Zeit, ihre Not rüttelt an den Grundfesten der chinesischen Gesellschaft. – 235 Das Gilden-, d. h. im Grunde das Gewerkschaftswesen ist in China uralt. Es reicht bis in frühe Jahrtausende v. Chr. zurück, in eine Zeit, die wir Europäer prähistorisch nennen müssen. (Hier ist nicht der Ort, die unendliche Reihe der Gesellschaftsformen vom reinsten Kommunismus hinunter bis zur tiefsten Feudalwirtschaft aufzuzählen, die China in seiner unerhört lehrreichen Geschichte aufzuweisen hat.) Das Gesicht der chinesischen Gilde wird durch dieses kompakte Beisammensein, dieses Tür-an-Tür-Wohnen und Lauern der einzelnen Gewerbe und der sie Betreibenden bestimmt. Zur Pflicht der Gilde gehört von uralten Zeiten her: das Sauberhalten der Straße, das Fegen vor der eigenen Tür (und dabei in den Nachbarladen Hineinspionieren), gemeinsame Subventionierung der Schulen, Besoldung von Magistratspersonen und – Jagd nach Dieben. Springt ein Räuber aus einem Laden der engen Straße hervor, so ist jedes Mitglied der Gilde, das dieser Eskapade beiwohnt, verpflichtet, den Übeltäter auch unter Gefährdung des eigenen Lebens zu jagen, zu verfolgen und vornehmlich zu fangen. Entzieht sich ein Mitglied der Gilde dieser Pflicht, so verfällt es der Ächtung und Ärgerem. (Ob dieses alte Gildengesetz seit Bestehen einer organisierten Polizei Wandlung erfahren hat, ist mir nicht bekannt.) Das enge Beisammensein der Konkurrenten hat aber noch einen andern Sinn: es soll verhüten, daß ein Gildenmitglied durch Preisabbau den Nachbarn unterbiete! Man kann sich gegenseitig in bezug auf seine Geschäftsmethoden besser kontrollieren, wenn man Tür an Tür wohnt, als wenn man über die ganze Stadt verstreut ist. Dabei ist selbstredend nur die untere Grenze des Warenpreises festgelegt. Verirrt sich ein Grünhorn von einem Europäer in die Straße, so schnellen die Preise automatisch in die Höhe, und die Nachbarn verständigen sich rasch über den Fisch, der in dem Netz der Gilde zappelt.   In der Konstitution der Gilde sind Löhne und Arbeitsstunden keineswegs einbegriffen oder festgelegt. Diese neuzeitlichen Errungenschaften sind dem Wesen der chinesischen Gilde fremd geblieben bis auf den heutigen Tag. Aber auch dieses Gebilde: der andere Pfeiler, auf dem das chinesische Gemeinschaftsleben ruht, die uralte Tradition 236 der Gilde, hat in den letzten Jahren einen entscheidenden Stoß erhalten, und zwar von Moskau her. Seit die Russen den chinesischen Arbeiter zum Widerstand organisiert, seit sie dem chinesischen Arbeiter Selbstbewußtsein, Solidaritätsgefühl eingeflößt haben, manifestiert sich das uralte Prinzip des Zweckverbandes in den chinesischen Proletariern auf kraftvolle und entschiedene Art. Infolge der uralten Tradition der Gilde und des mit ihr eng verwandten Geheimbundes erweist sich der Chinese heute als Organisationsmaterial ersten Ranges. Tatsächlich hat der organisierte chinesische Arbeiter in kürzester Zeit, man kann sagen, in weniger als zwei Jahren, sich die Streiktechnik des westlichen Industrie- und Landproletariats angeeignet. Ehe ich von dem Einfluß benachbarter Körperschaften, z. B. der Studenten und der Intellektuellen, auf diese Neugestaltung der chinesischen Gesellschaft zu sprechen komme, will ich noch rasch einige merkwürdige Einzelheiten erwähnen, die das Gildenwesen Chinas mit einem Scheinwerfer zu beleuchten vermögen. –   In Schanghai, der mächtigsten Handelsstadt Chinas, gewahrt man auf der Straße Scharen, namenlose Kohorten von zerlumpten Bettlern. Manche von diesen Armseligsten – ich hatte ihresgleichen schon in Canton gesehen und erwähnte dies bereits, aber diese Schanghaier waren mit den Cantonesen ja kaum zu vergleichen – gingen in geradezu unglaublichen Gebilden von in kleinste Stücke zerfetzten Lumpen einher; Stricke, Bindfäden hielten zuweilen an bestimmten Körperteilen diese Flicken, Lumpen, Wattebäusche, Sackstreifen und das Zeitungspapier, das auf besonders elenden Gestalten die Stelle von Kleidung vertrat, notdürftig zusammen. An den Straßenecken des Chinesenviertels von Schanghai lagen Bettler auf dem Boden, die Wange in den Kot gepreßt, heulend, schluchzend, bellend, stundenlang. Manche hatten wachsbleiche, verhungerte Säuglinge nackt vor sich hingelegt, elendste Würmer, die vielleicht schon tot waren, als man ihrer ansichtig wurde, die aber sicher keine Kraft mehr hatten, den Tag zu überleben. Entsetzliche Krankheiten konnte man an solchen Gestalten studieren: Aussatz, fressende Flechte, Elefantiasis; penetranter, mefitischer Gestank strömte aus den verwesenden Körperteilen empor und verpestete die Atmosphäre auf Meterumkreis hin – nun genug davon. Wenn 237 Bettler, Männer, Frauen, Kinder der Rikscha nachliefen, mit ihrem klagend-drohenden Geschrei: Talai! Talai! (d. h. großer oder mächtiger Herr), zuckte die Hand sofort nach dem Geldbeutel, man warf, so viel man hatte, hinter sich, um die entsetzliche Schar loszuwerden, die sich an die Räder geheftet hatte. Wovon lebten diese Ärmsten, Zerschmetterten? Ich erkundigte mich bei allen möglichen Eingeborenen, Ansässigen, und was ich da zu hören bekam, war eine der unerwartetsten Informationen, die dem Fremden in China zuteil werden konnten. – Es gibt Bettlergilden . Gerade die Zerlumptesten sind die, die es am besten haben in der Gilde. Es gibt Obmänner, Funktionäre der Bettlergilde. Sie halten die Verbindung mit den Gilden der Gewerbetreibenden eng aufrecht, mit den Handwerkern, den kleinen und großen Kaufleuten. Macht sich ein Mitglied einer Kaufmannsgilde des Verbrechens der Preisunterbietung schuldig, so entsendet die Gilde einen Funktionär in das Quartier der Bettler, innerhalb vierundzwanzig Stunden hat sich vor dem Laden des Unterbieters der ganze wüste Lumpenhaufen der Bettlergilde mit Geschrei, Geschluchze, Gestank und Ungeziefergewimmel angesammelt, hingelagert und bleibt dort so lange liegen, die Kunden abschreckend, den ungetreuen Gildengenossen vor der ganzen Gasse bloßstellend, bis das Verbrechen gesühnt, die Strafe gezahlt, das heißt bis die Erpressung gelungen ist. Dann zieht die Bettlergilde, von der Kaufmannsgruppe, die den Auftrag gab, gut entlohnt, heim in das Bettlerhauptquartier, wo eine Nacht lang geschwelgt, gegessen, getrunken, Opium geraucht und geräuschvoll Mah Jongg gespielt wird bis in den späten Morgen hinein. Man sieht: in einem wohlgeordneten Gemeinwesen hat jeder Beruf seine besondere Funktion. Mit den Schanghaier Bettlern habe ich also, auch wenn die Lumpen das nackte Fleisch nur unvollkommen bedecken, kein so entschiedenes Mitleid mehr, nun, da ich mich nach Peking wende. –   Über die Geheimbünde Chinas nur wenige Worte. Sie gehören allen Zeitaltern der chinesischen Geschichte an. Ihre Bedeutung aber nimmt seit dem Opiumkrieg und dem Taipingaufstand, der die revolutionäre Bewegung des heutigen China einleitet, an Wichtigkeit für die Neugestaltung Chinas in entscheidender Weise zu. 238 Mit dem Opiumkrieg und der durch die Frechheit amerikanisch-englischer Missionare entfachten Taipingrebellion beginnt der bewußte aktive nationale Widerstand des Chinesenvolkes gegen die europäischen Bedrücker und Usurpatoren. Da 1860 die Chinesen von Taku aus die englischen und französischen Kriegsschiffe bombardierten, die zur Ratifizierung der China 1859 aufgezwungenen Verträge nach Tientsin hinaufschwammen, war die Richtung des Befreiungskrieges bereits vorgezeichnet. Nicht so sein Verlauf. Als die Mächte dem Bombardement der empörten Chinesen mit der brutalen, barbarischen Vernichtung des Sommerpalastes in Peking und seiner Schätze begegneten, wußten die Chinesen, was sie von europäischer Zivilisation zu halten hatten. Der unbeholfene Koloß China konnte sich aber der fremden Herrschaft nur schwer erwehren. Es erscheint rätselhaft, wenn man das energische, zähe und geschäftige Volk der Chinesen längere Zeit beobachtet hat, wieso es solch unverschämte Anmaßung, solch offenkundigen Raub der Westmächte so lange erdulden konnte. Die Lösung ist aber sofort bei der Hand, wenn man den Quellen der Kraft nachforscht, die seit dem siegreichen Verlauf der russischen Revolution den Widerstand unter den ungeheuren Massen Chinas organisiert und durchführt. – Das zaristische Rußland hatte, schon zur Zeit der Taipingrebellion und jener Ereignisse um Taku, den Amurfetzen aus China losgerissen; 1864 ging durch den Aufstand Jakubs, eines Mohammedaners aus Kokand in Zentralasien, dem jetzigen Ferghan, Turkestan verloren; Japan annektierte die Liukiu-Inseln, verwickelte China in den kurzen, für China verhängnisvollen Krieg, der mit dem Verlust Koreas endete; die Franzosen rissen Annam und Tonking aus dem riesigen Reich an sich, die Engländer Burma; Deutschland biß das kleine Tsingtau ab, und all die anderen Raubmächte knabberten von der Küste kleine und große Brocken weg. China, das geheimnisvolle, weite, brodelnde Land, das übervölkerte, von Hungersnöten, Naturkatastrophen erschütterte China, war zu einer energischen Abwehr noch immer nicht fähig. Erst um 1900 herum machte sich die wilde Erbitterung der verzweifelten, vergewaltigten Massen gegen die frechen, in kanonenbespickten Reservationen lebenden Fremdlinge Luft: der Geheimbund der Boxer hielt den fremden Räubern mit energischem Ruck die Faust unter die Nase. – 239 1905 fiel die russische Festung Port Arthur, die in zehn Jahren viermal ihre Staatsangehörigkeit gewechselt hatte, und mit dem Sieg des asiatischen Volkes über das europäische war der Nimbus Europas in Asien verschwunden. China, das die Mandschurei besaß, hatte sich nun mit dem siegreichen Japan auseinanderzusetzen. Zu seinen westlichen Feinden gesellte sich das stamm- und geistesverwandte, aber in seinem Zivilisationstrieb dem Westen näher zugetane, vielleicht sogar verfallene Volk der Japaner. Ebenso wichtig wie das Faktum, daß im Herbst 1911 durch eine Militärrevolte in Hankow die Dynastie der Mandschu in China gestürzt und die Republik ausgerufen wurde, ist dieses andere Ereignis: daß sich 1914, gleichzeitig mit der Kriegserklärung an Deutschland, Japan in Schantung festsetzte. Japan trat mit dieser Tat bewußt in die Reihe der fremden Usurpatoren ein, und nur die Nachahmung westlicher Methoden: z. B. der Boykott japanischer Waren, den China unternahm, vermochte für kurze Zeit die Spannung zwischen den beiden stammverwandten Völkern Ostasiens zu mindern. Die Erbitterung Chinas gegen Japan blieb latent vorhanden und ist seither nicht gewichen.   Von diesen Ereignissen führt eine gerade Linie zu der entscheidenden Katastrophe des 30. Mai 1925, der studentischen Demonstration in Schanghai wegen der Tötung eines chinesischen Arbeiters in einer japanischen Textilfabrik. Und nach diesem Massaker des 30. Mai, das durch die Roheit der englischen Polizisten Schanghais verursacht worden war, zu den Vorgängen vom 3. Juli 1925 in Canton. Beide Daten, das Schanghaier und das Cantonesische, bezeichnen den Wendepunkt in der Geschichte Chinas, in ihren Wirkungen und Perspektiven vielleicht einen Wendepunkt in der Geschichte der menschlichen Zivilisation überhaupt. Das Heim des erschossenen Kuli   Die Beteiligung der Studenten an der nationalen und revolutionären Politik des heutigen China begann bezeichnenderweise mit einer ganz unpolitischen Demonstration. Sie war gegen einen neuen Unterrichtsminister gerichtet, der im Winter 1924 strengere Prüfungsmethoden einführen wollte als die in China allgemein üblichen. Dieser Aufmarsch 240 der Pekinger Studenten wurde von der Polizei unterdrückt. Ich weiß nicht, ob bei dem Zusammenstoß der Polizei mit den Studenten schon Blut geflossen ist. Fest steht, daß weitere Demonstrationen sich bereits gegen das Fremdenviertel in Peking, das sogenannte Legationsviertel, richteten, obzwar die Polizeikräfte, die gegen die Studenten aufgeboten waren, gewiß nicht aus jener Richtung gegen die Demonstranten marschiert kamen. Auf alle Fälle bleibt es charakteristisch, daß aus einer solchen im Grunde privaten Revolte der Studenten sich im Handumdrehen die gefährliche nationalistisch fremdenfeindliche und in ihrem weiteren Fortschreiten ausgesprochen bolschewistische Bewegung der Studentenschaft entwickelt hat. Schon in Schanghai, an jenem verhängnisvollen Maitage, blieben zerschossene Studenten unter den Arbeitern an der Ecke der Nankingstraße liegen – dort, wo einst das Denkmal der Empörung Chinas aufgerichtet werden wird. – Revolutionäre Studenten In Schanghai waren es die Arbeiter, jene erbitterten Arbeiter aus den japanischen Textilfabriken, die bei den Studenten um Hilfe für ihre Streikaktion nachsuchten. Die Schanghaier Studenten, die ihre nationalen und politischen Direktiven von der Pekinger Studentenunion erhielten, waren von den Cantoneser Strömungen der russischen Agitation beeinflußt. Nach dem Schanghaier Massenmord und dem unverantwortlichen Massaker harmlos aufmarschierender Studenten und Arbeiter durch die auf Schamien verbarrikadierten europäischen Truppen stand plötzlich die gesamte nationale Studentenunion des riesigen chinesischen Reiches vereint unter der revolutionären Parole Moskaus. Studenten mit chinesischen und russischen Fahnen Woher stammt die chinesische Studentenschaft? Welches sind die Vorbedingungen ihrer Vereinigung mit der chinesischen Arbeiterschaft? Aus welchem Grunde kann sich die revolutionäre Bewegung in China auf diese beiden Elemente, den organisierten Stadtproletarier und die dominierende Klasse der Gebildeten Chinas, stützen? Ich hatte in Schanghai unter erschwerenden Bedingungen einige Zusammenkünfte mit Studenten und Gewerkschaftsführern zu einer Zeit, da die Lokale der Studentenunion und der Trade-Union von der Polizei kontrolliert und die Organisation in gefährlicher Weise unterdrückt war. Ich gebe wieder, was ich von berufenen Vertretern der Arbeiterschaft und Studentenschaft gehört habe. In Schanghai verlebte ich nur wenige Wochen, konnte infolgedessen nicht alles genau 241 nachprüfen, was mir berichtet wurde. In Peking aber habe ich mir dann Ergänzungen zu diesen Informationen geholt. Doch auch dieser Komplex von Mitteilungen würde mich noch nicht ermächtigen, über eine so schwierige und gefährliche Bewegung, wie die der Studenten in China, Kompetentes auszusagen – wenn ich nicht durch Stichproben mit Menschen, Erfahrungen in bestimmten Kreisen Gewißheit erlangt hätte, daß das mir Erzählte auf Wahrheit beruht und nicht lediglich dem phantastischen Sinn von jungen revolutionären Köpfen zuzuschreiben ist. Ein sehr wichtiger Faktor in der chinesischen Studentenschaft war von jeher die Fraktion der »Auslandsstudenten«, nämlich jener Studenten, die im Westen, in Europa und Amerika, aber auch im Osten, in Japan, ihre wissenschaftliche Ausbildung genossen hatten und mit Anschauungen dieser Länder, sozialen und kulturellen, beladen nach China zurückkehrten. Die Auslandsstudenten besaßen vor den Schanghaier Ereignissen bedeutenden Einfluß auf die Politik Chinas. Denn aus ihren Reihen nahm die Republik viele ihrer jüngeren Funktionäre, tatkräftige, gebildete, befähigte und mit den Methoden der maßgebenden ausländischen Völker vertraute Intellektuelle. Die Klubs dieser Auslandsstudenten waren wichtige Vereinigungspunkte, von denen Strömungen, Initiative und Stoßkraft ausgingen. Unter den Auslandsstudenten galten die aus Japan zurückgekehrten, schon aus Gründen des aktiven Widerstands gegen die überlegenen Stammverwandten, als besonders kräftige und zielbewußte, nationalistische, d. h. in dem besonderen Falle antijapanische Elemente. Sie waren jedenfalls konsequenter chinesisch-nationalistisch eingestellt als etwa die aus Amerika zurückgekehrten Auslandsstudenten, die, von der triumphierenden Macht Amerikas überwältigt, die amerikanischen Methoden des Industrialismus und des öffentlichen Lebens auf China anwenden und übertragen wollten. Sonderbarerweise stehen die aus Frankreich zurückgekehrten Auslandsstudenten im Geruch chauvinistischer Gesinnung – es gibt natürlich auch chinesische Faschisten! –, während ich unter den deutschsprechenden, an deutschen Schulen ausgebildeten Studenten und Professoren Chinas begeisterte und aktive Anhänger der russischen Freiheitsidee, wie sie in dem linken Flügel der Kuo Min Tang verkörpert ist, angetroffen habe. 242 Im großen ganzen hat, wie mir berichtet wurde, die Bedeutung der Auslandsstudenten seit jenem Schanghaier Maitag wesentlich abgenommen; insofern, als sich die Methoden des chinesischen nationalistischen Befreiungskampfes mehr aus den heimatlichen Bedingungen zu entfalten beginnen und Erfahrungen, die man in fremden Ländern gemacht hat, für den Verlauf der einheimischen Revolution nicht mehr entscheidend sind. Nur die radikalsten Elemente, d. h. jene, die die nationale Revolution des heutigen China in die proletarische des morgigen überzuleiten gedenken, haben Rang und Einfluß in der gesamten Studentenschaft und Arbeiterschaft Chinas. Bezeichnenderweise stehen in der Spitzengruppe der revolutionären Studentenschaft auch Studenten der von ausländischen Quellen, besonders amerikanischen, gespeisten chinesischen Lehranstalten. Diesen jungen Menschen, denen in China eine fremde Art von Bildung beigebracht wurde, ist es im Laufe der letzten Jahre klar geworden, daß das, was man ihnen zumutet; im ausgesprochenen Gegensatz zu ihrer autochthonen hohen Kultur und jahrtausendealten Tradition steht; daß sie bewußt zu einem ausgesprochen antichinesischen Zweck mißbraucht werden und daß der gesamte Unterricht, zusammen mit der christlichen Weltanschauung, die ihnen beigebracht werden soll, keine andere Tendenz hat als die: aus ihnen gefügige Werkzeuge für den immer gewaltsamer herandringenden ausländischen Kapitalisten zu schaffen. Natürlich haben die materiellen und geistigen Förderer dieser in China bestehenden ausländischen Lehranstalten das Menschenmögliche getan, um die renitente und rebellische Studentenschaft an sich zu fesseln. Sie haben in manchen Fällen, z. B. in dem Falle der St. John-Universität, zu radikalen Methoden gegriffen, Studenten ausgeschlossen, die nationalen Fahnen vom Dachfirst heruntergeholt, usw. Das alles aber hatte lediglich zur Folge, daß die englisch-amerikanisch-chinesischen Universitäten nun verlassen dastehen und daß die Studentenschaft, wie in einigen mir bekannten Fällen, aus ihnen geschlossen in rasch aufgerichtete nationale Lehrstätten übergegangen ist. An national-chinesischen Universitäten, wie z. B. der cantonesischen, hat sich eine Spaltung ergeben, die nichtrevolutionären Professoren, die dem rechten Flügel der nationalen Partei angehörten, sind 243 kurzerhand aus dem Lehrkörper ausgestoßen worden und nur jene geblieben, die im Einverständnis mit der radikalen, prorussischen Studentenschaft direkte Verbindung mit den arbeitenden Massen erzielt haben. Sehr einleuchtend war es, was ich auf meinem Heimwege in Moskau zu hören bekam, nämlich: daß die gegenwärtige Situation Chinas in bezug auf das Zusammenwirken der radikalen Studentenschaft und des im ersten Stadium der Organisation befindlichen Industrieproletariats auffallend an die frühe russische revolutionäre Bewegung, die Narodniki-Zeit zu Ende des vorigen Jahrhunderts, erinnere, d. h. an die Vorbereitungen zur großen Revolution und ihrem endgültigen Siege.   Die zentrale Studentenorganisation Chinas umfaßt ungefähr 80 000 Mitglieder. Die Studenten stammen zum größten Teil aus der mittleren und niederen Bourgeoisie, wenn man diesen Begriff überhaupt auf die ganz eigenartigen Formationen der chinesischen Gesellschaftsschichtungen anwenden kann. Schon in einem der vorigen Kapitel erwähnte ich, einen Ausspruch von Dr. C. C. Wu wiedergebend, daß es in China keinen Klassenkampf geben könne, weil es keine bestimmten Klassen gebe, daher involviert die Vereinigung der Studenten mit den Arbeitern auch kein Verlassen der eigenen Klasse und Hinüberschwenken zu einer sozial tiefer bewerteten, wie das in Europa bei Vereinigungen von Studenten und Arbeitern der Fall ist. Es ist jedenfalls eine homogenere Schicht, die sich heute auf organisatorischer Basis in China entwickelt, und die Trennung von Nationalismus und proletarischem Kampf ist daher nicht mehr ausgesprochen, nicht mehr evident. Besonders seit der Einfluß der Cantoneser auf die Kuo Min Tang-Partei maßgebend geworden ist, lenkte die Bewegung rasch in die Bahn der proletarischen Revolution ein. Aus dem Widerstand gegen die Methoden in japanischen Fabriken Chinas, die allerdings grausamer und schroffer gegen die chinesische Arbeiterschaft waren als die in chinesischen Fabriken üblichen, hat sich die neue proletarische Form des Kampfes ergeben. Es wird aber nicht mehr gegen den japanischen Fabrikbesitzer allein gestreikt, sondern gegen den Fabrikbesitzer im allgemeinen. Die Parole dieses organisierten Widerstandes hat im Laufe eines Jahres die Zahl 244 der in Schanghai organisierten Industrieproletarier von 2000 (1924) auf 218 700 (im Januar 1926) anschwellen lassen. Die Textilfabrikarbeiter, die die überwiegende Mehrzahl des arbeitenden Proletariats ausmachen (in Fabriken mit japanischen Besitzern und Vorarbeitern), empfingen einen Lohn, beginnend mit ungefähr 30 Cents (etwas mehr als 60 Pfennig), aufsteigend bis zu einem mexikanischen Dollar, d. h. 2 Mark. Kinderarbeit von zwölf Arbeitsstunden wird heute noch mit 20 Cents entlohnt. Durch Streiks und Lohnkämpfe haben die Arbeiter eine durchschnittliche Besserung von 50–75 Prozent durchsetzen können. Natürlich vereinigten sich die Arbeitgeber zu einem energischen Widerstand und erfreuten sich dabei der ausländischen Polizei als ihrer treuen Verbündeten. Der erste große Streik des Jahres 1925 richtete sich gegen die Willkür der Textilfabrikanten, die ihren Arbeitern den Beitritt zur Gewerkschaft verweigern wollten, richtete sich auch gegen das heute noch übliche Schlagen der Arbeiter, gegen Kürzung der Löhne während des Streiks, gegen Verwendung von Spitzeln und Detektivs, gelben Streikbrechern und gegen das Verbot von Versammlungen. Innerhalb kurzer Zeit hat sich die Organisation der Arbeiter bis in das fernste Innere des Reiches verpflanzt. So kam plötzlich aus einer weit am oberen Yangtse gelegenen Fabrik die Nachricht, daß die gesamte Arbeiterschaft binnen vierundzwanzig Stunden in den Streik getreten war, weil ein Aufseher (Japaner) es den Arbeitern aus Zeitersparnisgründen verboten hatte, sich zur Mittagsmahlzeit niederzusetzen. Das Zentralkomitee der Gewerkschaften befindet sich gegenwärtig in Canton. Von dort aus organisiert es das Landproletariat wie die Industriearbeiterschaft und gibt die Direktiven aus. Eine zusammenfassende Zentralorganisation von Industriearbeitern und Bauern besteht in China im Augenblick noch nicht. Das hat seinen Grund in landschaftlichen Erwägungen wie in der speziellen Formation der chinesischen Produktionsgebiete. Auch bei Anlässen wie: Arbeiterentlassungen, Schließung von Bureaus der Gewerkschaften, streikt die Schanghaier Arbeiterschaft mit steigendem Erfolg. Es machen sich in der Bewegung auch syndikalistische Methoden bemerkbar, Sabotage und Akte persönlichen Terrors. Die Arbeitslosen zu organisieren ist eine der Hauptaufgaben der Zentralstelle. Diese Arbeitslosen haben 245 sich in letzter Zeit, durch Lockspitzel angeworben und aufgehetzt, zu Überfällen auf Gewerkschaftsführer mißbrauchen lassen. Die Behörden standen bei solchen Anlässen untätig, wodurch es evident wurde, daß diese Überfälle den Arbeitgebern außerordentlich willkommen und von ihnen veranlaßt waren. Die Arbeitslosen, die sich solcher Überfälle schuldig gemacht hatten, wurden von ihrer eigenen Organisation ausgeschlossen. Man kann in Schanghai wohl von einer Roten Internationale unter den Arbeitern sprechen, obzwar die kommunistische Partei, die von seiten der Regierung natürlich wild verfolgt wird, nur gering an Zahl ist. Immerhin verfügt sie bereits über eine kommunistische Jugendorganisation sowie über ein wöchentlich erscheinendes Organ. Immer mehr identifiziert sich die linke Kuo Min Tang mit den Tendenzen Moskaus. Überhaupt beruht das Problem Chinas (wie bereits erwähnt) auf dieser bedeutungsvollen Gleichzeitigkeit von grundverschiedenen, aus diametral entgegengesetzten Himmelsrichtungen auf das Reich der Mitte eindringenden Einflüssen: über Amerika und Japan entwickelt sich in China in steigendem Maße ein moderner Industrialismus mit allen Schärfen des Systems – aus Moskau kommt zu gleicher Zeit die Parole zur Bekämpfung dieses Systems durch den Arbeiter, der es trägt. Der chinesische Geist hat Resistenzkraft und Vitalität genug, um zwischen diesen beiden feindlichen Gewalten nicht zermalmt zu werden, sondern im Gegenteil: aus beiden Komponenten das notwendige Element des Fortschritts zu gewinnen. Ganz klar bewußt ist sich der chinesische Intellektuelle wie auch der russische Politiker, daß die zunehmende Stärke der Bewegung nicht so sehr den Triumph des Kommunismus in China bedeutet, sondern daß durch das Zusammenwirken Rußlands und Chinas die Vorstufe für die kommunistische Zukunftsära der Menschheit erklommen wird: nämlich die Schwächung und in der Folge die Vernichtung des heute bestehenden kolonialen Weltimperialismus . Nach Schamien und Hongkong werden Tientsin und Schanghai verdorren und abfallen. Es ist ein langwieriger Prozeß, aber er hat bereits mit Macht eingesetzt.   Mit einem Freunde, einem jungen chinesischen Schullehrer, der selber dem linken Flügel der Studentenschaft angehört und enge 246 Verbindung mit den verfolgten Gewerkschaftsführern aufrecht hält, besuchte ich eine im Besitz von Chinesen befindliche Baumwollspinnerei im Vorort Jeßfield vor Schanghai. 5000 Arbeiter arbeiten hier, davon 500 Kinder unter zehn Jahren, die (wie erwähnt) für einen zwölfstündigen Arbeitstag 20 Cents erhalten. Die Räume sind im allgemeinen sauber, doch ohne Sicherungen, ohne die in europäischen Fabriken üblichen und unerläßlichen Transmissionsnetze und ähnlichen Arbeiterschutz. Über den glitschrigen Boden eilten arme, zurückgebliebene Kreaturen, Kinder, blaß, übermüdet, mit entzündeten Augen. Viele schoben Körbe mit Spindeln bis oben beladen, stemmten ihre armen kleinen Körper gegen das schwere Gewicht. Wie aufgescheuchte Vögel flatterten sie aus einer Ecke auf, als sie unserer ansichtig wurden, und eilten zu ihren ratternden Arbeitsständen an den Spindeln und Webrahmen zurück. Erst als sie den uns begleitenden jungen chinesischen Vorarbeiter sahen, wurden sie mutiger, lächelten auch wohl – ein Freund! er führt Fremde, das ist es! Man kann von den Chinesen keine angestrengte unausgesetzte Arbeitsleistung fordern und erwarten wie vielleicht von Japanern. Es liegt nicht im Wesen, nicht in der Natur des Chinesen, ernst und konsequent und wie eine Maschine bei einer mechanischen Arbeit zu verweilen. Nicht aus Gründen der Enervation, der Erschöpfung und Dekadenz wie bei den Indern, sondern mehr aus einer gegen den Industrialismus sich aufbäumenden Freiluftverfassung des chinesischen Körpers, der seelischen Struktur des Chinesen. Wenn ein wildgewordener Machthaber ihm verbietet, sich mit seinem Reistopf auf den Boden zu setzen, werden die Scherben bald um einen blutigen Kopf fliegen. Die Zeit ist vorbei. Sogar der systematischen Vergiftung des Volkswillens und der Volkskraft durch Opium, die die fremden Bedrücker, die »Raubvölker«, wie der Chinese sie nennt (und mit diesen die eigene korrupte Generalität!), seit einem Jahrhundert und noch länger systematisch unternommen haben, hat die Natur des Chinesen Widerstand geleistet, und an dem Eingang des neuen, revolutionären Jahrhunderts des erwachten China steht, ungebrochen, formidabel, breitbeinig und mit aufgestreiften Ärmeln über dem sehnigen Bizeps eine bisher tief verachtete, unbekannte, drohende und grandiose Gestalt: der Letzte der Letzten, der Erste der Ersten, der Kuli! 247   Chikago des Ostens Von den künstlichen Gebilden, die westliche europäische und amerikanische Fata Morgana an die Küste des chinesischen Reiches hinzaubert, wird sich vermutlich Schanghai am längsten halten. Zu tief ist schon der Amerikanismus in dieses Chikago des Ostens eingedrungen. Bis auf einen kleinen zusammenschrumpfenden Stadtteil, in dessen Mitte sich unter Trümmerhaufen, Sumpfgräben, Mist und Unflat ehemals herrliche Tempel, Wallfahrtsorte verbergen, einen Stadtteil, der in dieser riesigen Stadt bezeichnenderweise den Namen »Chinesenstadt« führt, ist Schanghai ein uferloses Konglomerat von englischen, französischen, pseudo-amerikanischen Straßenzügen, Plätzen, Villen, Vororten und den obligaten Slumvierteln. Nicht nur die Geschäftstätigkeit und der Trubel der Wasserfront Schanghais mit ihren Wolkenkratzern von Bank-, Verwaltungs-, Konsulats- und Schiffahrtspalästen erinnert an die offene Straße am Michigan, sondern auch die vom »Bund« in die Stadt hineinragenden Verkehrsstraßen, die Hauptstraße Nanking-Road, Hauptarterie des Verkehrs, erinnert lebhaft an die Straßen des Loop, die sich an die Wasserfront von Chikago anschließen. Nanking-Road bei Nacht, Schanghai Die bunten Flaggen, Lacktafeln und über die Straße gespannten Reklamegirlanden sind hier aufdringlicher, lustiger und greller als etwa in Hongkong. Man merkt, wie Buntheit, Lärm und Geschäftstüchtigkeit des chinesischen Stadtlebens sich mit amerikanischem Geschmack, amerikanischer Brutalität, amerikanischer Routine und amerikanischem Tempo begegnen. Nankingroad, in der die Mairevolution Chinas begann – und zwar gerade an der geräuschvollsten, verkehrsreichsten Ecke –, ist am Tage von einem kreuz und quer dahinschießenden Gewirr und Gewimmel, von ohrenzerreißendem Gequäke, Geklingel und Getrommel und von einem die Augen ausbohrenden Lichtgerinnsel, Geflimmer, Gezucke bis spät in die Nacht hinein erfüllt und erschüttert. Nicht nur, daß die Schaufenster bersten, daß die Reklametafeln, Fahnen und Girlanden den Passanten überfallen und niederknüppeln, oben in den Dachkammern, über den Läden, stehen Trommler und Trompeter im offenen Fenster, tuten und dröhnen die Gasse voll mit dem Ruhm der Reklame für 248 das unten lockende Schaufenster. Große Warenhäuser, zehn Stockwerke hoch, mit Theatern, Singspielhallen, Würfelbuden, hängenden Gärten über und unter dem Dach, sind nach Dunkelwerden mit allen Errungenschaften der neuzeitlichen Lichtreklame übersät. Chinesische Buchstaben flirren, aus zehntausend Glühlichtern gebildet, neben aufflackernden und verglimmenden englischen Worten, die verkünden, daß hier innen der Europäer wie der Chinese im friedlichen Verein sein Geld lassen kann. Parallel mit Nankingroad ist die Futschau-Straße, bunter noch, geräuschvoller und lustiger als die »Arterie«. Hier reiht sich Teehaus an Teehaus, große offene Hallen, in denen die niedere Prostitution der Stadt sich versammelt. Bunte, phantastische Seidenkleider der Chinesinnen! Erstaunlich bei aller Buntheit und Kostbarkeit der Zeichnung dieser farbenreichen, im Straßenbild unerhört verschwebenden Gewänder: die Einfachheit des Schnittes, der die Formen des Körpers vollständig verwischt. Die Frauen tragen das glänzende schwarze Haar schlicht gescheitelt, hinten in einen kleinen Knoten gewickelt, vorn über die Stirn eine kleine kurz geschnittene Lockenkaskade. Wenig Schmuck, fast keine Ringe, nur in den Ohren geschmacklos in Gold gefaßte Brillantgehänge. In den großen Speisehäusern – die cantoneser Kost und Küche spielt in China dieselbe Rolle wie bei uns etwa die Wiener – viele kleine Räume, in denen Gruppen, Gesellschaften ihre Mahlzeiten einnehmen. Es wird unglaublich viel und Unglaubliches zusammengegessen. Nach jedem Gang werden heiße feuchte Handtücher gereicht, mit denen sich der aufstoßende Fresser Hände, Kopf und Nacken wischt. Ambulante Händler, Rückenkratzer mit langen Elfenbeinkrallen gehen aus und ein. Man telephoniert in das Teehaus hinüber, und es kommt eine kleine zierliche Prostituierte mit ihrer etwas weniger hübschen Begleiterin und Herrn Tsching, dem Violinspieler. Die drei hocken sich auf drei Stühlchen, und die kleine Sängerin, die niedlichste von den dreien, singt mit verstellter Stimme, hohen Kopftönen einige Lieder. Jedes Lied kostet einen Dollar. Das Dirnchen ist weiß geschminkt, sie hat ein entzückend buntes Brokatkleid an, Ohrgehänge mit Diamanten wie die vornehmen und anständigen Damen unten in den guten Straßen. Sie kann nicht älter sein als zwanzig Jahre; zwischen ihren dünnen 249 Händchen hält sie, während sie singt, eine kleine Wärmflasche. Nein, wirklich: die Stimme ist so unnatürlich hoch und gequetscht, daß man die Augen schließen muß, weil man sich die Ohren nicht zuhalten kann – man ist froh, wenn die Tortur aufgehört hat, gibt dem Kind einen Kuß, den es ernst erwidert, darauf schnäuzt sie sich zart und fein in die Fingerchen, trinkt ein bißchen Tee aus einer kleinen Schale, die Begleiterin überreicht einem ein zierliches rotes Kärtchen, auf dem der Name der Sängerin, Adresse und Telephonnummer des Bordells steht, wo sie wohnt, und dann entfernt sich das Trio, um ein paar Zimmer weiter mit Gefiedel und Gesinge zu beginnen.   Weiter weg von den Straßen und dem »Bund« beginnen die breiten Avenuen des englischen Viertels. Protzig und frech eine Rennbahn mitten in den verkehrsreichsten Stadtteil hineingesetzt, als ob es wichtiger wäre, Pferde laufen als Menschen wohnen zu lassen. Endlos das Stadtviertel am Bubblingwell-Road, daran anschließend der französische Stadtteil; imposante Boulevards, herrliche Gärten, hohe Gartenmauern, hinter denen tropische Bäume und die glasierten Ziegeldächer chinesischer Pavillons zu sehen sind. Solider Reichtum, europäischer, amerikanischer, dehnt sich hier, spürt nichts von der Gefahr, im Riesenreiche als eine kleine winzige Enklave, ein feindlicher, scheel und immer scheeler angesehener Fremdkörper zu existieren. Klöster in riesigen Parken zeigen an, daß die Missionarwelt mit der Hochfinanz, dem Kolonialkapital eng verwandt, untrennbar verbunden ist; in Wirklichkeit gehört das französische Areal um die Chinesenstadt bis tief hinein ins Land dem französischen Klerus. Eine gemischte Polizei, verwegene, finstere, zu allem fähige und entschlossene Burschen in unauffälligen, ihre Herkunft aus Amerika, England, anderen kleineren Nationen nur andeutenden, nicht verratenden Uniformen, steht mit Revolver und Knüppel auf dem Quivive. Sie weiß, daß es ums Leben geht, sobald das lauernde Drachenungetüm des Chinesenvolkes sich ringsum nur regt, und daß ein Tatzenschlag das ganze Ausländervolk zu blutigem Brei niederschlagen und vermanschen kann. Nur die Franzosen haben stammverwandte, entfernt verwandte Polizei hierher entsendet: Tonkinesen mit komischen Strohhüten und Messingknopf darauf. Sie spielen eine zweideutige 250 Rolle in diesem Gebilde der Fremdenpolizei, unter der die ebenfalls asiatischen Söldner Englands, die großen dunkelblaubärtigen, todernsten Sikhs, der Kriegerkaste des mohammedanischen Indiens entstammend, als verläßlichste Leibgarde der Europäer hierzulande gelten. Immerhin gibt es auch eine einheimische, weiße Schutztruppe: aus Kaufleuten, Sportsleuten der hier angesiedelten Fremdenkolonie, in innigem Verein mit den Offizieren der draußen vor dem »Bund« an Bojen gebundenen englischen, amerikanischen, französischen, italienischen und japanischen Kriegsschiffe, die sämtlich ihre Kanonen auf die nunmehr beruhigte Stadt gerichtet halten, – diese Stadt, die ihren Temperamentsüberschwang gegenwärtig, das heißt bis auf weiteres nur in bunten Farben, Licht, Lärm, Reklame, allen Teufelskünsten der Konkurrenz, und in dem tobenden Verkehr ihrer Hauptstraßen auslebt.   Für den Europäer ist die chinesische Frau nichts weniger als anziehend. Kein Gedanke an Erotik kann aufkommen bei dem Anschaun dieser passiven gleichgültigen, wenn auch in grelle und kostbare Stoffe gekleideten, knabenhaften, flachbrüstigen Puppen. Um so lebhafter, geiler, überhitzter tobt sich die durch den Orient gesteigerte Lebensgier der Ausländerinnen in dieser von allen Lastern beider Hemisphären besessenen Stadt aus. Die chinesische Frau geht an der französischen, englischen, amerikanischen, russischen vorbei, streift sie mit einem Blick und denkt sich ihr Teil dabei; diese irrsinnig geschminkten, karminlippigen, um die Augen blau bemalten Götzenbilder trippeln, vom Pflaster hinauf bis an die Knie nackt, über die Straßen der Hafenstadt, durch die Avenuen, in denen sie sich sicher fühlen, wie durch das Gewimmel der Eingeborenengäßchen, in denen sie die Gefahr und das Entsetzen anzieht und lockt. Zwischen beiden Welten eine unüberbrückbare Kluft, die nur bei geheimnisvollen und geheimen bestialischen Verkuppelungen verschwindet, in verschwiegenen Winkeln, Opiumverließen und den bewußten Häusern, deren Adressen die europäischen Männer und Frauen sowie die chinesischen Männer von geschäftigen Zwischenträgern leicht erfahren können.   Im großen ganzen betont und unterstreicht der Europäer, besonders der Engländer, sein Fremdsein, seine Abseitigkeit von dieser 251 Welt, in der er lebt, um sie möglichst ausgiebig zu benutzen, auszusaugen und auszubeuten. Wie in Indien, so hier – Haß, Verachtung und nicht zuletzt Angst vor dem Eingeborenen. Man kümmert sich kaum um ihn, will auch nicht die Wahrheit über das Volk erfahren, in dessen Mitte man lebt, an dessen Rand und Wasserfront man seine Bureaus und Lagerhäuser aufgebaut hat. Im Klub und aus den Zeitungen bezieht man fertige Meinungen. Seltsam, dieses Volk der Engländer mit seinem unleugbaren Talent zu kolonisieren – es sieht gar nicht mehr ein, daß die Zeit der besseren Waffen, mit denen man widerspenstige Völker noch vor einem Menschenalter kirremachen und versklaven konnte, nicht mehr gilt. Daß Kälte, Imponierenkönnen durch Selbstverständlichkeit der äußeren Attitüde eine Weltmacht nicht mehr aufrechtzuerhalten vermögen. Erschütternd das versagende Beobachtungsvermögen, sobald es sich auf das wirkliche Wesen des Volkes, unter dem man lebt, konzentriert – aber genial und überwältigend die Geschicklichkeit, die die Gelegenheiten, die Geschäftsgelegenheiten, den wunden Punkt im Charakter des Auszubeutenden, die Opportunität herausfindet! Die Zeitungen versteigen sich, wenn von dem brütenden, hier und da aus seiner Lethargie die Augen aufschlagenden Chinakoloß die Rede ist, zu einem zittrigen Keifen: Bolschewismus! Die helle Angst treibt auf jeder Spalte mindestens dreimal ihr Wesen mit Bolschewismus, als ob das die einzige gültige Erklärung für das Phänomen der Befreiung wäre, für diese Welle von Freiheitswillen, die im Mai einmal über die Ufer geschlagen hat und jeden Augenblick abermals mit Blut, Gischt und Verderben in die Höhe zu schlagen droht. Schwer und dumpf, wie eine verhaltene Drohung, liegen die fremden Kriegsschiffe mit ihren auf die Stadt gerichteten Kanonen an den Hafenbojen. Nachts schreckt Bubblingwell und das Franzosenviertel von einer Detonation in der Straße auf. War's ein Schuß oder nur einer von den Crackers, mit denen der kindliche Pöbel seiner Freude am Lärm genügt? Das Prestige des Europäers erlischt zusehends, hier wie in anderen Städten des Orients, und wenn an Sonntagabenden die Patrouillen von den draußen lagernden Kriegsschiffen ihre eigenen betrunkenen Soldaten von der Straße auflesen und mit Stöcken den »Bund« entlang zu den kleinen Motorbooten prügeln, die sie hinüber auf 252 die Fahrzeuge und ins Kaschott befördern werden, dann spuckt der chinesische Kuli zur Seite aus und findet es gar nicht mehr nötig, seine geballte Faust im weiten Ärmel seiner geflickten Jacke zu verstecken. Das Prestige des Europäers im Orient!   Im Chinesenviertel, jenem elenden, engwinkligen, düsteren, verfallenen Gewirr um den zerstörten Tempel, den in Morast und eingeäscherten Buden versinkenden ehemals berühmten »Weidenpavillon«, habe ich Europäer Chinesen anbetteln sehen. Sie liefen nicht neben der Chinesen-Rikscha her: »Talai! Talai!« rufend wie die zerlumpten chinesischen Bettler es hinter den Rikschas mit Europäern drinnen tun. Sie hielten nur ihre schmutzigen, entsetzlich abgemagerten Hände einem fetten, wohlhabenden, kalt behäbigen Chinesen vors Gesicht, der durch die alte Straße an ihnen vorüberging. Bettelnde Europäer. Es sind Russen, »weiße« Flüchtlinge aus dem Zarenreich, dem versunkenen. Über die Mongolei, die Mandschurei, Korea oder in den Bunkern heimlich von der Amurgegend abfahrender Dampfer sind sie bis hierher gekommen und hier rapid in die tiefsten Tiefen der Demütigung und des Elends herabgesunken. In dieser Stadt, die voll ist von prosperierenden egoistischen Menschen, die hier nur leben, um sich rasch mit leichtem Gewinn vollzusaugen und dann von dannen zu ziehen, schleichen diese gewesenen Menschen, die es aufgegeben haben, wie ihresgleichen zu leben, an die Mauern gepreßt, geduckt dahin, schmutzig, verhungert, in entsetzlichem Sturz unter das Niveau des Kuli heruntergekommen. Von drei Gespensterschiffen hörte ich, die, aus Wladiwostok abfahrend, unten im Schiffsbauch heimlich Hunderte von ehemaligen Offizieren, Funktionären des Zaren mit ihren Familien herübergebracht haben, unter unsäglichen Schwierigkeiten, dräuender Gefahr, Tag und Nacht steigender Angst der Passagiere vor dem Landen. Aber man hat ihnen das Landen nicht erlaubt! Im Schiffsbauch mußten sie weiterleben – die Nahrung ging aus – Skorbut, Irrsinn, Erblinden zog ein in den Schiffsbauch –, bis die armen wahnwitzigen Flüchtlinge sich gegenseitig in dem Dunkel ihres Elends niederzuschießen begannen. Legenden gehen um von phantastischen, entsetzlichen Katastrophen unter diesen Menschen . . . 253 Unweit von dem elegantesten Hotel am »Bund« haben wohlhabende Russen eine Hilfsstelle für ihre verelendeten Landsleute eingerichtet. Geh dort nicht um die Mittagszeit vorüber, du wirst irre an deinem Menschsein – und doch, diese, die du hier leben und sich regen siehst, sind noch glücklich zu preisen, denn in den Vorstädten, um die alte kleine Russenkirche herum, liegen in Baracken menschenunähnliche Geschöpfe, schwindelnd hernieder gestürzt aus der Gemeinschaft, die noch menschliches Antlitz trägt. Der Kuli grinst, wenn er solch ein Exemplar von Europäertum sieht. Er grinste, als man die Deutschen bei Kriegsausbruch wie eine Herde Vieh durch die Straßen jagte. Er grinst und spuckt aus vor dem Verelendeten, wie vor der mit Seide, Pelzen aufgetakelten, allzu rotmündigen und betäubend duftenden Kanaille europäischer Herkunft, der er an der nächsten Straßenecke begegnet. Grinsend steht er am Ufer des »Bund« und sieht zu, wie ein Polizist mit einem hoch in der Hand geschwungenen Zehn-Dollarschein den armseligen europäischen Selbstmörder, der soeben ins Wasser gesprungen ist, ans Ufer und ins Leben zurücklockt. Zehn Dollar mex. – das also ist der Preis, den ein Europäerleben wert ist! Der arme Tropf, der da im Wasser strampelt, ist so von Kräften gekommen, daß ein Sikh seinen Turban vom Kopfe reißen und aus ihm ein Rettungsseil machen muß, das er dann ins Wasser wirft. Unter brüllendem Gelächter der chinesischen Umwelt krabbelt der gerettete Selbstmörder ans Ufer herauf und schnappt dem Polizisten gierig die Dollarnote aus den Fingern.   Dies ist Schanghai. In diesem Gewimmel, diesem phantastischen Durcheinander von Luxus, Not, Erniedrigung und Übermut, Angst, Aufgeblasenheit, Lauern und Sichducken, das den gefährlichen und zweideutigen Zeitpunkt charakterisiert, in dem sich die Stadt und mit ihr das ganze Land befindet, gibt es einen ruhenden Pol, gibt es eine Menschensorte, die sich mit lockeren und spielend freien Gelenken, vollendeter Sicherheit durch die Straßen bewegt, den »Bund« entlangschlendert, in langen Automobilzügen, in langen Rikschareihen behäbig durch das Gewirr des Chinesenviertels, die breiten Avenuen der Europäervorstadt, von Hotel zu Hotel, vom Frühstück zum Lunch, vom Lunch 254 zum Tanztee, vom Tee zum Smokingabendessen und von dort in die echten und unechten Opiumhöhlen, Spielhäuser, europäischen und asiatischen Bordelle schleppen und jagen läßt. Große Ankündigungen an den Litfaßsäulen, den Mauern der Stadt, in den Spalten der Zeitungen verkünden Woche um Woche die Ankunft eines Riesendampfers aus Yokohama: ein neues Element im Stadtbild, eine neue Art von Mitmenschen, eine neue Art von Gesinnung bewegt sich laut, breit, macht sich geräuschvoll und präponderant Luft inmitten der Chinesen und der Nichtchinesen, der hierher Gehörenden, hier Geborenen, der hierher Verschlagenen und hier gestrandeten fremden Völkerscharen – das ist der weltreisende Amerikaner mit seinem Anhang, seiner Sippe, den Sitten seiner Nation, dem geräuschvollen tollpatschigen Selbstbewußtsein seiner von Erfolg und Geld gekrönten Weltmachtstellung. Seht ihn, den mit tadellosen Vitaminen genährten Beherrscher der zivilisierten Welt! Keine Faser an seinem Körper, die nicht sauber gewaschen, hygienisch behandelt, zweckbewußt bedient wäre. Das Kleid ist Tweed. Das Gold, das er in den Taschen, an seinen Fingern, in seinem Gebiß trägt, ist lauteres Gold. Die Frau, die neben ihm im Auto sitzt, ist ihm rechtmäßig angetraut, seine Tochter, die ihm gegenübersitzt, im Ehebett gezeugt. Gott, der Sheriff und alle sittlichen Gesetze des moralischsten Volkes der Welt haben die Familie gesegnet, und die Luxuskabine in dem Luxusschiff, das von San Franzisko um die Erde nach Newyork herumfährt, ist mit einem guten blanken Scheck bezahlt. Was sucht dieses Volk um die Erde? Da sitzt es in Rikschas, stößt mit den Fußspitzen den Hintern des armen schwitzenden, schleppenden Kuli an: »Tidlititi!« Jede Woche schwimmt solch ein Vergnügungsschiff, Weltreiseschiff, Amerikanerschiff von der Goldküste Amerikas nach Honululu. Jede Woche legt solch ein zum Bersten volles Weltreiseschiff, mit amerikanischen Babbitts von Yokohama kommend, in Schanghai an. Was treibt dieses Volk, dieses prosperierende, fabelhaft gekleidete, fabelhaft genährte Volk um die Welt herum in wöchentlich erneuter Tausendschar? Es hat sich eingebürgert, dieses Um-die-Welt-reisen. Die 255 Dollarlinie – der Besitzer heißt Dollar, Robert Dollar, auf den Schornsteinen klebt ein Dollarzeichen, das zweimal vertikal durchstrichene S –, Cunard, White Star, jagt jede Woche den prosperierenden, mit Gott und der Weltordnung einverstandenen amerikanischen Staatsbürger um die Erde herum. Flirt, aus siebzig Gängen bestehende Speisekarte, nachmittags Tanz und Shopping in den Hafenstädten, die man anläuft, das ist der Sinn der Weltumsegelung. Seht sie, wie sie in Nankingroad, in den kleinen Seitengassen, von gut bestochenen Führern gelenkt, in Seidengeschäften, Bronzegeschäften, Elfenbeinläden aus- und einlaufen, mit Buddhas, geschnitzten Elefantenzähnen, flüchtig hingepinselten Kakemonos, gold- und purpurbestickten Morgengewändern, zwölffach überzahltem, unkontrollierbarem und lässig gefälschtem Krimkrams beladen wieder die Automobile, die Rikschas besteigen, mit Bergen von Schachteln auf dem Schoß, den »Bund« entlangfahren, zum Tender, der sie weit in den Strom hinauffährt, wo ihr vierdeckiger Riesendampfer verankert liegt! Sie sind die Herren der Welt: flirtend, tanzend, sich reichlich nährend, gute Dollars um sich streuend, zirkeln sie rund um den Erdball. Sie sind die Sieger. Ein Land, ein Volk, ein Kontinent zuckt in Befreiungskämpfen, in Geburtswehen; Mensch mordet Menschen, tückisch und offen, in ehrlichem Kampf mit Handelsverträgen, Zollverträgen, Schutzverträgen – sie aber, die Herren der Welt, reisen und reisen, ziehen und kreisen unaufhörlich um den Erdball. Ihr Gott ist der Erfolg. Sie nennen sich das erste Volk der Welt. Ihr Kontinent wird übrigbleiben, wenn Asien, wenn Europa, wenn alle die fremden Kontinente, die in ihrem Reiseprospekt aufgezählt sind, in Feuer, Not, Blut, unter Giftschwaden erstickt und versunken sein werden. –   Das Jahr des Tigers beginnt (Peking) In der Nacht vom 12. zum 13. Februar stirbt das alte Jahr der Kuh und hebt das neue des Tigers an. Ausgiebiges Getöse von Knallbonbons verkündet während der ganzen Nacht das Ereignis. Es ist das größte Ereignis des chinesischen Kalenders. Durch das Geknall sollen die bösen Geister aus dem Bannkreise der Menschenstadt verscheucht werden. Denn dieses Fest des 256 Neuen Jahrs ist zugleich ein Versöhnungsfest der Menschen miteinander. Alle Streitigkeiten hören auf. Ja sogar die wilden Generale beordern ihre Armeen von den Fronten zurück und bescheren ihren Soldaten Dollars, Tabak und gebratenes Ferkelfleisch. Zu Neujahr muß alles geordnet sein, alle Schulden bezahlt, alle Rechnungen beglichen, die irdischen wie die himmlischen, genau wie bei dem Muharrem der Araber und auch wie bei dem Ganeschfest der Inder im Herbst. Fünfzehn Tage dauert das Fest. Während dieser fünfzehn Tage, besonders ihrer ersten Hälfte, stockt Handel und Verkehr. Die Läden sind geschlossen. Die Banken auch. In den Häusern, innerhalb der Familien, auch der ärmsten, wird geschlemmt, werden Feiern zelebriert, sehr irdischer Art. Alle Götter Chinas, die gräßlichsten, geben ihren Segen Tisch und Bett. Den Küchengöttern wird Fleisch, Gemüse und Silberpapier geopfert. Man pflanzt zur Seite des Herds viele Meter hohe dünne Ruten auf, an denen sich dick verzuckerte Mehlklöße und kandierte Kirschen reihen. Die gemütlichen Götzen, die dickbäuchigen, hängebackigen Buddhas der chinesischen Tempel lachen noch verschmitzter um diese Zeit als sonst. Man verbrennt auf ihren Altären noch mehr Silber- und Goldpapier (in der Form von kleinen Silberschuhen und Goldschuhen, der ehemaligen Münzeinheit des chinesischen Reichs). Denn zum Neujahrsfest gesellt sich ja noch ein anderes wichtiges Fest der Chinesen: der Neujahrstag ist nicht nur Geburtstag des Jahres, sondern zugleich Geburtstag jedes Chinesen. Ist einer z. B. Anfang Februar aus dem Mutterschoß gekrochen, so wird er doch am zwölften bereits zwei Jahre alt, und damit dringt das Neujahrsfest in das intimste Privatleben jedes Chinesen ein. Uns Ausländern, die wir in stetigem Staunen, in einer sich rapid steigernden Verzückung durch das toll daherwirbelnde Leben des chinesischen Neujahrs gehen, bieten sich an allen Straßenecken, aber vor allen Dingen in bestimmten Tempeln und Höfen der Chinesenstadt herrliche Kuriosa zum Kauf dar. Denn, da man eben seine Schulden bezahlen muß, ehernes Gesetz des Neujahrs, verkauft man einfach alles, was nicht niet- und nagelfest ist, ja sogar, wenn es sein muß, die Hausgötter! (Man sieht an dieser kleinen Einzelheit, daß der Sittenkodex des Chinesen ihm über seine religiösen Gesetze geht.) 257 In diesen Tagen tut man gut, mit Kennern Chinas, Pekings und des Neujahrsfestes insonderheit durch die Straßen zu gehen, die Märkte aufzusuchen, von denen jeder am Tage und zur Nachtzeit in einem anderen Stadtteil eingerichtet ist. Es gibt da Märkte für Bronzegötter und Vasen, Schmuck, Jade, kostbare Steine, für Zauberbücher, Messinggerät, alte Waffen, Porzellan, Teppiche, Theaterkostüme, usw. . . .   Bunt und lustig prangt die Stadt. Auch das elendste Haus ist mit roten und goldenen Plakaten beklebt, dekorativen Bildern von heiligen, weisen und mächtigen Männern in prächtiger Kleidung, die das Haus, sein Tor, seine Bewohner beschützen sollen. Kunstvoll geklebte Lampions aus dünnem, bemaltem Papier flattern in den Höfen an langen Schnüren, Fische, Hühner, Kamele darstellend. Alt und jung vergnügt sich auf den freien Plätzen und läßt phantastische Drachen steigen. Die Windrichtung muß sorgfältig beobachtet werden: Nordwind führt Unheil mit sich, Westwind Glück. Der Philosoph Die Straßen mit den fest verschlossenen Läden sind von einem allgemeinen dumpfen Getrommel, Gequäke und Getute erfüllt. Zuerst weiß man gar nicht, woher diese Geräusche kommen, blickt sich erstaunt um nach den Militärkapellen, den Musikkapellen – zum Teufel, wo kommt das dumpfe Getrommle, das dumpfe Getute, das heimliche Gequäke her? Bald wird man inne, daß hinter den geschlossenen Rolläden der Geschäfte getrommelt, getutet, gequäkt wird. Jeder Handelsmann, der es irgendwie erschwingen kann, hat für die Dauer des Festes ein paar primitive Musikanten angestellt, die in seinem Laden Lärm machen, bei Tag und bei Nacht, damit sich die bösen Geister während der Feiertage nicht in den verlassenen Läden festsetzen und die Geschäfte im neuen Jahr beeinträchtigen oder verhindern können! Ein Gegenrevolutionär Am sechzehnten Tage beginnt alles wieder von neuem, Schuldenmachen, Verkehr, Handel, Haß und Verrat, Fronten, Stellungskrieg und wirkliches Geknalle im Dienste der bösen Geister der Menschheit, nicht zu ihrer Verscheuchung wie in der ersten Festesnacht!   Mit einem Freund, einem jungen Deutschen, besuche ich am Neujahrstage den Tempel der Glücksgöttin vor dem südwestlichen Tor Pekings. Ende des Lebens 258 Eigenartig und anregend wie der Ort, zu dem wir inmitten einer Schar von Fußgängern, Rikschas und Reitern in unserem klappernden Auto hinausfahren, ist mein Begleiter, der junge Deutsche, und sein Anhang. Der Anhang besteht aus einer seiner chinesischen Nebenfrauen und ein paar jungen und jüngsten Chinesen, aus der Familie der anmutigen jungen Nebenfrau. (Die europäische Gattin meines Freundes ist momentan abwesend, indes, sie hat sich allem Anschein nach mit der Verchinesierung des Privatlebens ihres Mannes versöhnt oder abgefunden. In Wahrheit begegnet man solchen, nach europäischen Vorstellungen schwer denkbaren Menagen in China des öfteren – die chinesischen Sitten, chinesischen Instinkttriebe scheinen eine besondere Macht auf den Europäer, der sich nicht von vornherein auf den angelsächsischen Ablehnungs- und Überlegenheitsstandpunkt gestellt hat, auszuüben. Die Chinesen vertrauen – wie ich das noch ausführen werde – im kleinen wie im großen dieser geheimnisvollen, fast unglaublichen assimilatorischen Kraft. Sie haben darum keine Angst vor den Europäern, ob es nun einzelne Individuen oder ganze Völker sind. Ihre Geschichte belehrt sie ja doch, daß sie früher oder später alles, was sich ihnen freundlich oder mit versteckter Absicht genaht hat, verschluckt, verdaut und verarbeitet haben.) Jung-China Mein Freund ist einer von den wahrhaftigen Liebhabern Chinas. Wenn er, der den Kontakt mit den großen Kulturströmungen Europas aufrecht erhält, von Fortziehen, Zurückgehen spricht, glaube ich ihm das nicht recht. Wie die Ausübung gewisser Berufe den Menschen innerlich zu einer radikalen Veränderung seiner Lebensweise auf die Dauer unfähig macht, so verwandelt die Atmosphäre Chinas den Europäer im Mark. Er wird, falls er sich wirklich einmal aufrafft, China zu verlassen, an Heimweh zugrunde gehen. In vielen Fällen stirbt er leiblich, noch ehe der Geist Zeit genug gefunden hat, sich recht auf den Schmerz zu besinnen, den ihm die plötzliche Losgelöstheit von dem mythisch seltsamen, unheimlich saugenden Volk des fernen Ostens verursacht. Schiffstreidler Wir beide sind also, mit unserer kleinen chinesischen Gefolgschaft, die einzigen Europäer hier draußen in den Tempeln der Glücksgöttin. Jahrmarktsgewühl, Neujahrs-Jahrmarktsgewühl, brandet um den Tempel und seine kleinen Kapellen herum. Fortwährend kommt 259 Zuzug aus der Stadt. Die Bronzebecken im Hof des Tempels qualmen hoch vom brennenden Silber- und Goldpapiergeld. Die Menschenmassen, die in den Hof strömen, sich in den Kapellen verteilen, aus den Höfen ins Freie zurückbegeben, sind munter und laut. Draußen auf dem Feld vor dem Tempel hat man Garküchen errichtet, werden in Buden Papierfische, Blumen aus Samtstreifen, Silber und Goldschuhe aus Papier und die dünnen Sandelholzstöckchen zum Opfer verkauft. Scharen von Bettlern, gar nicht abzuschütteln! Eine Kupfermünze aus der Tasche gezogen, vervielfältigt noch die Bettlerschar, es gibt kein Entkommen mehr, wenn erst das Talaigeschrei um den Fremden in die Höhe steigt. Der Garkoch Ich sehe meinem Freund, der mit seinen literarischen Fähigkeiten eine tüchtige Kennerschaft der chinesischen Kunst vereint und als geschickter Verwerter dieser Kenntnisse gilt, mit steigender Heiterkeit zu: wie er, ein Bündel Sandelholzstäbchen in beiden Händen, vor der Glücksgöttin sich dreimal tief zur Erde neigt, den Kotau der frommen Chinesen beschreibend, wie er sodann die Hölzer an einer brennenden Opferflamme entzündet und mit einem hastig gemurmelten Gebet in das Aschenbecken stülpt. Assimiliert!! Eine Handvoll Kupfermünzen fliegt in eine Bronzeschale. Nebenan in den Seitenkapellen der mit der Glücksgöttin verwandten Götter niederer Ordnung ist, je nach dem Gewerbe, dessen Gott dort seinen Altar hat, stärkerer oder minderer Verkehr. Ein kleiner, ganz verwahrloster Raum beherbergt den Literaturgott. In dem Opferbecken vor diesem vernachlässigten und schäbigen Popanz, offenkundig siebenten Ranges, haben drei verlorene Sandelholzstäbchen das Qualmen aufgegeben, daneben liegen zwei elende kleine Kupfermünzen in einem dazu bereitgestellten Gefäß. Dieser Gott dahier, oder was er sein mag, der den Namen eines Glückgottes wie zum Hohn führt, dürfte meiner Schätzung nach der Schutzpatron des Zeilenhonorars sein. Vorbei!! Mit Samtblumen und kleinen bunten Grasbüscheln auf unseren Hüten, Papierfischen in den Knopflöchern und den hübschen, klappernden Trommelstangen mit Papiertrommeln in den Händen bahnen wir uns unseren Weg zum Auto zurück. Das feste Fäustepaar unseres chinesischen Chauffeurs schwingt mit Ruderbewegung durch die neugierigen, lachenden und bettelnden Scharen durch, die noch niemals 260 oder doch nur ganz selten Europäer opfern, Kotau machen, Glücksgras und Samtblumen hinter das Hutband stecken gesehen haben.   Es ist heute ein günstiger Tag, um das berühmte Taoistenkloster Pei Yün Kuan zu besuchen. Es liegt etwas abseits von unserem Wege, im gelben Wüstensand, der Peking von drei Seiten umgibt, und besteht aus einem Komplex von herrlichen, gut erhaltenen Tempeln, für die die mächtige Taoistengemeinde Pekings sorgt. Der Garten, in dem das Kloster mit seinen Tempeln und Wohngebäuden liegt, ist wohl noch winterlich kahl, indes, die sonderbar geformten, zerklüfteten Felsen, die hier aufgestellt sind, die kleinen Wasserläufe, winzigen Brücken, Pavillons, die Bemalung der Holzstrukturen, der Gewölbegänge der Tempel, die fischgrüne und himmelblaue Farbe der glasierten Dächer bringen in das ganze Bild eine fröhliche und gesammelte Kraft, die wohltuend wirkt. Kloster Pei Yün Kuan ist eines der besterhaltenen, weil wohlhabendsten Nordchinas. Seine Mönche sind sehr gut gekleidet und betteln kaum – jedenfalls nicht so aufdringlich wie die Mönche der Lamatempel, des tibetanischen Klosters im Norden der Stadt, dessen Insassen, wie bekannt ist, verhungern. Pei Yün Kuan ist weit berühmt wegen seines großen Reichtums an herrlichen Statuen heiliger Männer – besonders wegen seiner realistischen Laotsestatue, die aber den »alten Weisen« als noch jungen Mann zeigt, mit wohlgepflegtem Äußeren, hübschem Knebelbärtchen, entfernt an Sombart erinnernd, doch mit weitaus schlauerem Gesichtsausdruck. In vielen Kapellen sind Götter und Heroen minderen Grades aufgestellt – aber die weitaus berühmteste Kapelle des Tempelbezirks ist jene, in der, in einem küchenähnlichen Raum auf erhöhtem Podest, von einem Fenster nur mäßig erhellt, drei breite, reglose Menschengestalten in weiten, bauschigen Gewändern hocken und dem Tode entgegenleben, Götterstatuen fast in der Pathetik ihrer überirdischen Versunkenheit. Es sind dies die drei überlebenden neunzigjährigen Priester der Taogemeinde. Vor dem Podium gehen die Besucher leise auf Zehenspitzen vorüber, werfen Kupfermünzen auf die Matten, vor und zwischen die Falten der dunklen, schweren Priestergewänder der Alten. Auf einem Herd 261 nebenan qualmen, in ein Becken gepflanzt, Opferstäbchen. Man weiß nicht, sind sie zu Ehren der drei erstarrten Greise angezündet oder zum Preise der Gottheit, die die Seelen dieser drei so völlig in ihrem Bann hält und verschlungen hat, dieser Drei, in denen durch die mystische Kraft der Yogalehre das weltliche Leben bereits vollkommen aufgehört zu haben scheint, sich verinnerlicht in die Tiefen zurückgezogen hat. Seit Jahren sitzen sie da, vollkommen, vollkommen regungslos. Lange stehe ich vor den Greisen. Ein Atemzug verschiebt von Zeit zu Zeit leise die Falten eines der drei Priestergewänder; die spitze Mütze auf dem Kopfe des mittleren von den dreien, als Silhouette vor dem Fenster im Hintergrund ausgeschnitten, wankt kaum merklich zur Seite, von einem Atemzug aus dem immer noch pochenden Herzen unter dem Talarberge bewegt. Sehen diese Augen, greifen diese Hände noch? Leben diese Menschen überhaupt, oder sind sie längst tot? Die Seele ist dem Körper weit, weit vorausgeeilt, das ist sicher. Sie zieht eine Funktion nach der anderen aus dem greisen Leben mit sich – in die Tiefe, in die Tiefe.   Draußen in dem Hofe, beim Tor, gewahren wir zwei Erdlöcher, viereckig ausgemauerte Zisternen. An einem Gerüst in ihrer Mitte hängt ein silbernes klingendes Glöckchen. Dahinter sitzt im Schatten ein Mönch, reglos auch er, aber mit lebhaftem Blick dem Flug der Kupfermünzen folgend, die von oben, vom Pflasterrand, von zwei Seiten her, über die Brüstung gelehnte Gläubige oder Andächtige hinunterwerfen. Auch mein Freund, der chinesierte Europäer, betreibt dieses Würfelbudenspiel mit Ausdauer und Geschicklichkeit. Denn: an heiligen Tagen mittels Kupfermünzen das Glöckchen zum Klingeln zu bringen, bedeutet Glück! Man wirft solange Kupfermünzen gegen das Glöckchen, bis man es trifft und in Schwingung versetzt. Der Mönch in der Nische hinter dem Glöckchen sendet zuweilen einen Blick in die Höhe, die Gläubigen, Glückbegierigen ermunternd. Dieses Glücksspiel oder Glückversuchen ist überhaupt eine der Hauptfunktionen des Gläubigen, der in einem chinesischen Tempel eintritt. Die Gunst der Götter wird durch den frommen Betrug erreicht, daß man in den Opferbecken Silber- und Goldgeld – aber aus Papier! – verbrennt, oft große Mengen, ganze Bündel, ja Körbe voll 262 Silber- und Goldtaels aus Papier! Dann, wenn man dieses Opfer vollführt hat, wirft man Steine, Kiesel, die die Form von Schiffchen haben, mit einem kleinen Schwung, kurzen Knall auf den Boden vor sich hin; Orakel des Hinfallens: wird man gute Geschäfte machen, wird man glückliche Zufälle erleben in der nächsten Zeit, ist einem die Gunst der Gottheit sicher oder nicht . . .? Im übrigen verwandelt die zunehmende Aufklärung oder Revolutionierung, das Materiellerwerden des drängenden Daseins die Tempel in entscheidender Form. Viele sind überhaupt gar keine Tempel mehr, sondern Lunaparks, in denen Teehäuser, Spielhäuser, Verkaufsstände, Photographenbuden inmitten hübscher, kunstvoll angelegter chinesischer Gärten, mit vielfach gewundenen Wasserläufen, hochgeschwungenen Brücken, zierlichen und zierlich bemalten Pavillons, seltsam verzackten Felsenstücken und Bosketten von Zwergbäumen um eine uralte verfallende Pagode herum errichtet sind. Die Mönche, Wärter dieser Pagoden, nähren sich kümmerlich von Almosen, vom Verkauf des Silberpapiergeldes, der Sandelholzstöckchen, von den spärlichen Kupfermünzen, die in die Opferbecken fliegen, und auch von nahrhafteren Opferspenden, die sie zuweilen vor den Götterbildern vorfinden, kleinen verzuckerten Mehlklößen, gebratenen und mit roter Farbe, der Glücksfarbe, bemalten Hühnern und Ferkeln. Ich sah Tempel, in denen die beweihräucherten Heiligen des Ortes überhaupt nur mehr als Backschischmaschine, als Lockmittel für die Fremden gelten konnten; gierige Priester lugten aus den Pforten des Tempels heraus, die sie sofort hermetisch verschlossen, wenn von fern ein Fremder herannahte – der dann den Priester bestechen mußte, damit er das Tor öffne.   Im Lamatempel, am Ende der durch die Tatarenstadt Pekings nordwärts gezogenen Straße, wohnte ich einmal der Zeremonie des Gottesdienstes bei. Die armen Lamas! – – Den Lamas, die aus Tibet und der Mongolei in Peking zusammengeströmt sind, geht es nicht gut. Oft tönen laute Hilferufe durch die chinesische Welt: 7000 Lamas hungern in Peking. Man kann den riesigen Komplex von Gebäuden, aus denen der Lamatempel besteht, kaum mehr erhalten. Pagodendächer, wunderbar geschnitzte und 263 bemalte, stürzen ein. Die beiden großen Nilpferde aus Holz, die überlebensgroßen Denkmäler der Lebensretter des Kaisers, haben Sprünge im Leibe. Von den unzähligen, jahrhundertelang hier verqualmenden Joßstäben geschwärzt, ist die 30 m hohe Buddhastatue kaum noch zu erkennen. Die Gedenktafeln der Kaiser und Gelehrten, die gewaltig aufragenden, dreierlei Schriftzeichen tragenden Marmortafeln auf der steinernen Schildkröte, die friedlichernsten Steingestalten der Heiligen, die sich aus der vollentfalteten granitnen Lotosblume in die Höhe recken, zerbröckeln und fallen dem Vergessen anheim. – Um vier Uhr nachmittags schleichen aus ihren Wohnhäusern gelbgekleidete Mönche, ältere, jüngere und ganz junge Knaben, zum Zentralaltar herbei. Sie tragen seltsame gelbbraune Raupenhelme auf den rasierten Schädeln, kauern nieder auf Bänken um den Altar und beginnen mit monotonem Gemurmel und Singsang ihren von häufigem Händeklatschen unterbrochenen Gottesdienst. Ziehen die Lamas die Raupenhelme vom Kopfe, so wird auf den graublauen Schädeln ein Gesprenkel ekelhafter Narben sichtbar, die dem oberflächlichen Beschauer als Symptome von Unsauberkeit gelten können. Aber man kann bald erfahren, was diese Narben zu bedeuten haben. Zur Weihe des Buddhapriesters gehört neben Beten und Klausur die Brennprobe. Auf dem glattgeschorenen und rasierten Schädel des Novizen werden zwölf Holzkohlenstifte in zwei Reihen befestigt und angezündet. Sie brennen allmählich bis zur Haut nieder, brennen auch dann noch fort, brennen sich in die Haut ein, in den Schädelknochen. Wer diese Probe nicht aushält, ist für seinen Beruf ungeeignet und darf nicht Lama werden. Der Sinn dieser Tortur ist wohl: daß der in Gott eingegangene oder verflüchtigte Geist sich ein einigermaßen fühlloses körperliches Gebäude schaffen muß, sonst kann er den irdischen Versuchungen, Lust und Schmerz, nicht widerstehen.   Die revolutionären Gruppen junger Chinesen räumen allmählich – sehr zum Schaden der Schönheit des Landes und des Kults – mit den heiligen Stätten Chinas auf. In manchen Orten, wie Kueilin, hat die reformistische Partei die Götter aus den Tempeln geworfen, wunderbare alte Buddhastatuen zu Brennholz zerhackt. Allerorten hat man aus Tempeln Kasernen und Polizeibaracken gemacht, stellenweise unter parodistischen Zeremonien die Buddhas einfach ins Wasser geworfen oder auf den Misthaufen gestülpt. Das nüchterne, starke und wandlungsfähige Chinesenvolk, das die neue Zeit bewußt und mit schlauem Verstande erlebt, hat ja in den alten Formen seiner Religion auch niemals so sehr die metaphysischen Bindungen verspürt, wie es die mit seiner Religion verknüpften ethischen Begriffe verstanden hat, nach bestem Wissen befolgt oder mit großem Raffinement umgeht. Sehr bezeichnend ist es, daß eine ganze Anzahl gerade der wichtigsten Tempel Chinas einfach nur Walhallen von weisen, würdigen und im Leben bewährten Männern vorstellen: die sog. Genientempel, Tempel, in denen fünfhundert oder mehr lebensgroße, mit Goldfarbe bemalte Holzfiguren von Schülern Buddhas, angesehenen Mitbürgern, Liebhabern des Rechts, der schönen Künste, der Literatur, der Schulen, der Kinder, in langen Reihen, einer neben den anderen, hingesetzt sind. Man gewahrt hier brave, solide, heitere und behäbige Bürgergesichter, neckisch und liebenswürdig, mit allen Attributen ihres Berufes, ihres inneren und äußeren Bürgerdaseins verewigt, und denkt sich, daß das doch eine stärkere Verknüpfung von wirklichem Dasein unter Menschen ist, als es eine metaphysische Bindung der Religion, in der das Schwergewicht auf einer unbekannten und uns immer schwerer erklärlichen »Gnade« beruht, sein kann. Auch in dem herrlichen, wunderbar erhaltenen Konfuzius-Tempel in Peking findet sich dieser Gedanke bestätigt. Diesen Tempel hat die Republik zu ihrem weltlichen Gotteshaus bestimmt. Er erhebt sich in der Nähe des verfallenden Lamatempels im Nordosten der Tatarenstadt. Hier, in der wunderbaren roten Halle, die Jüan Schi Kai restaurieren ließ (man kann an dem Gesamtbild dieser Kultstätte am deutlichsten wahrnehmen und ermessen, wie herrlich die Tempel Chinas in der Vergangenheit gewesen sein mögen!), sind keine Statuen mehr, sondern nur kleine Holzsäulen mit Namen aufgestellt. Die größte in der Mitte des Raumes trägt den Namen des alten Meisters Konfuzius, ihm zur Seite zwei kleinere, die Namen seiner Lieblingsschüler Menzius und Yen Tzu tragen. Dann folgen in Abständen an den Seiten je sechs. Diese Namen bilden also Gegenstand und Symbol für die Verehrung, die der chinesische Mensch seinen gottähnlichen Heroen zollt. 265 Wunderbar ist auch die im Tempelbezirk des Konfuzius stehende Halle der Klassiker – hier gewahrt man, in große aufrechte Steintafeln gemeißelt, die klassischen Schriften der schon lange zu Heiligen emporgestiegenen Philosophen. Wie wäre es, wollte man in europäischen Kultstätten Kant, Nietzsche, Hegel, Spencer, Bergson in Stein gemeißelt in einer Kirche, einer Kultstätte verehren? In dieser Hinsicht wie in manchen anderen sind uns die Chinesen, wie mich dünken will, überlegen und voraus. –   Nur an einer Stelle außer dieser dem Konfuzius geweihten sah ich noch den Kultbesitz des Volkes in voller Herrlichkeit erhalten und bewahrt. Es war in dem kleinen, in der Yangtseprovinz gelegenen Sootschau. Dort ist ein altehrwürdiges Kloster gelegen, das in der Geschichte Chinas zu Vorzeiten eine bedeutsame Rolle gespielt hat. Die Stadt, eine typische Provinzstadt Chinas, weist an der Peripherie einige schöne Pagoden auf. Das Kloster selber aber, mit seinen goldenen Buddhas, seinem wundervoll geschnitzten Himmelsberg hinter dem Hauptaltar, mit seinen fünfhundert goldenen Figuren im Seitenflügel, beherbergt neben den Mönchen, die hier das Heiligtum verwalten, eine ganze Garnison fröhlicher und wohlgenährter Soldaten. Sie vertragen sich mit den Mönchen ganz gut. Es ist das einzige Kloster oder fast das einzige, in dem ich nicht angebettelt wurde. Ich glaube, es waren Wu-Soldaten, die hier hausten. Es mag aber auch eine versprengte Abteilung von Tschang-Soldaten gewesen sein – gleichviel: Mönche und Soldaten haben das Kloster und seine Schätze in bewunderungswürdiger Sauberkeit und Frische erhalten.   Westberge von Peking In den Westbergen, die sich am Rande der Wüste vor Peking hinziehen, kahl, zerklüftet und abgestorben, tragisch umweht vom Hauche der untergegangenen Kultur, die sich in der Sandtiefe der Gobi-Ebene verbirgt – in der Herrlichkeit, dem erschütternden Zusammenklang von Landschaft, Architektur und Traditionsbesitz der Westberge erhebt sich ein indisch geformter Tempel aus Marmor über endlos steil in die Höhe führenden Treppen. Auf dem höchsten Grat, in der letzten verborgenen Kapelle, ruht ein Mensch, dessen Name wie die Namen jener auf den roten Holztafeln Verewigten, dessen Vermächtnis wie die 266 Schrift der heiligen Philosophenbücher, dessen irdisches Andenken wie das der Erhabensten, Gütigsten und Gottähnlichsten, jener vielmal fünfhundert Genien rings im Land, von den heutigen Chinesen geliebt, verehrt und in den Himmel gehoben ist: Sun Yat Sen. Dr. Sun Yat Sen Die Kapelle, auf dem Grat der Westberge gelegen, blickt weit über die wundersamen Höhenzüge der zerklüfteten Landschaft, weit nach der Stadt in der dunstigen Ferne hinüber, diesem Peking, das eine heilige Stadt genannt werden kann: Jerusalem, Jerusalem des himmlischen Reiches der Mitte. Die mit naiven Papierfähnchen, Papierblumen, Lichtbildern verzierte Kapelle, in der der Sarg des Schöpfers der chinesischen Revolution ruht, ist ein Wallfahrtsort geworden, der den Kultstätten Chinas den Rang streitig gemacht hat, sie mit der Macht irdischer Religion vereinigt zu einem Denkmal des heutigen Glaubens und der heutigen Form der Gläubigkeit erhöht. Die indischen Türme auf dem chinesischen Tempelbau, bedeutsame Landschaft, Nähe der gewaltigsten Stadt des Ostens, Blumen, Felsen, Gebirgsgelände, erhaben lachender Buddha, Torgötter am Fuße der Treppenflucht – eine kleine kristallhelle Quelle, die unter dem Grabe aus dem Felsen entspringt und in Kaskaden die Berglehne hinab sich ergießt – wer faßt das Symbol, die unendliche Herrlichkeit dieser Gedanken der Natur und der Andacht des Menschen vor dem Schöpfer! Aus dem Sommerpalais Die Westberge bergen noch andere Schätze Chinas, des untergegangenen China: hier steht der Sommerpalast, errichtet an der Stelle der von den europäischen Barbaren »zur Strafe« verbrannten und zerstörten uralten Palastschätze, er zeigt wie ein Gegenbeispiel von irdischer Machtvollkommenheit die Spuren, die die Letzten aus der Mandschudynastie in ihrem Lande hinterlassen haben. Symmetrisch an eine Berglehne gebaut, führen sanft ansteigende Stufen zu einer Halle empor, die über den Teich hinwegblickt: Nischen im Gestein, kleinere und größere Tempel, Pagoden, Pavillons, gedeckte Hänge zeichnen harmonische Flügel und Arabesken auf die Lehne des Berges. Unten laufen lange Galerien zwischen Berg und See dahin. Dies alles ist bunt, kunstvoll und mit unendlicher Zartheit entworfen und ohne ausdrücklichen Prunk doch das Gebilde einer eigenmächtigen Willkür verkündend. Hier glitt die Sänfte jener berüchtigten Kaiserin-Witwe Hsü Tsi leise, unmerklich den Berg hinauf, Stolperte einer von den 267 Sänftenträgern, so wurde er eine Stunde darauf im Beisein der Kaiserin geköpft. Auf leisen Sohlen folgte die Schar der Höflinge der alten bösen Kanaille. Unerhörte Pracht entfaltete sich an der Berglehne, über die die sanften Winde vom Wasser herüberstreichen. Den Tee nahm man in dem berühmten Marmorschiff unten auf dem Wasser ein. Dieses Marmorschiff ist ein Gebilde von ausgesprochener Scheußlichkeit. Es reicht mit seinem Marmorfundament tief in den See hinunter und ahmt an der Wasseroberfläche das Schiffsrad eines altmodischen Flußdampfers nach – aus Marmor! Das Marmorboot, diese Geschmacksverirrung, Machtprobe, kostete ja, wie man weiß, China seine Kriegsflotte. Denn als nach den Bemühungen der Heeresverwaltung, aus Steuern, die das arme Land schwer belasteten, die guten Millionen für Kriegsschiffe, Torpedoboote, Zerstörer und Truppentransportschiffe zusammengebracht waren, klaute die alte Hexe mit ihren langnägligen Fingern die ganze Summe, für die sie sich dann das marmorne Monstrum meißeln ließ. Man kann als Pazifist eine solche Verwendung von Geldern für Zerstörer nur gut heißen, immerhin beweist das Schimmel ansetzende, im See festgebaute Fahrzeug, wie faul es im Staate China war, ehe Sun Yat Sen, dessen Grab vom Berge auch über diesen Sommerpalast herabblickt, sein erlösendes Wort über das erwachende Land rief. Das Marmorschiff, das China seine Flotte kostete Erhaben und großartig wie die Straße, die durch Tempel, Pagoden, Paläste mancher Art zu dem Grabe Sun Yat Sens in den Westbergen führt, ist ein anderer Weg, aus dem Mittelpunkt der Kaiserstadt Peking hinaus zum südlichen Tor nach einer Kultstätte, wie sie die Welt nicht wieder besitzt. Tor zur Kaiserstadt Ein dreifaches marmornes Terrassenrund, konzentrisch übereinandergeschichtet, in dessen Mittelpunkt der Kaiser, als Sohn des Himmels allein unter allen Sterblichen zu diesem Amt befugt und geboren, einmal im Jahre den Himmel anbetete. Es war neben Neujahr das größte Fest der Chinesenheit, in der eben verflossenen, noch in der Erinnerung junger Menschen lebenden Zeit, da sich das Schicksal des Landes wendete. Der Wall Aus der Verbotenen Stadt, die sich heute in eine gegen Eintrittsgeld zugängliche verwandelt hat – aus der im Mittelpunkt der seltsam quadratförmig angelegten Hauptstadt Peking gelegenen, von 268 einem viereckigen Graben und Wall umgebenen Kaiserstadt, führt die gewaltige Straße hinaus in das südliche Gelände. An jenem festlichen Tag des Himmelsopfers wallte auf dem breiten schnurgeraden Weg eine Prozession von irrsinnig machtbewußten, machterfüllten, in wahnwitzige Kostbarkeit goldstrotzender Gewänder gehüllten Würdenträgern und Hofschranzen durch die gelben Tore des verbotenen Palastbezirkes, das rote Tor Tien Men, das die Kaiserstadt erschließt, durch die verstorbene, versunkene, menschenleere Chinesenstadt Pekings. Wohin waren die Millionen geraten, die diese Stadt bevölkerten? Verscheucht, vertrieben, unter Androhung von Todesstrafe in ihre Häuser und Schlupfwinkel zurückgestoßen für die Dauer der erhabenen Wallfahrt des Himmelssohnes zu seinem Gott. Lady Godiva fällt einem ein, hier aber war es Unkeuschheit, – zynisch übermütige, sich Gottähnlichkeit anmaßende irdische Macht. Tempel des Himmels Heute ist das Bereich des Himmelsaltars dem Verfall geweiht, entheiligt das ungeheure Gebiet um den Altar und den hochgebauten Tempel, zu profanen Zwecken geschändet. Antennen der chinesischen staatlichen Radiostation ragen hier zum Himmel empor. Man kann sie von dem Himmelsaltar aus spitz in die Lüfte stechen sehen. Das ist die neue Zeit, die das Geheimnis des Himmels ihm entrissen hat, nicht durch Gebet, nicht durch Metaphysik, sondern durch die Maschine, den rechnenden Verstand, nüchterne Erfahrung. Nüchtern? Himmelgeboren, metaphysisch, unergründbar auch sie! Der Altar besteht, wie erwähnt, aus drei ungeheuren Marmorterrassen. Drei Absätze zu je neun Stufen führen zum inneren Kreis der obersten Stufe, dem Mittelpunkt der runden Erde und des runden Himmels. Wer auf diesem mittleren Marmorkreis steht, den Himmel über sich betrachtend, die Zahlen und Geheimnisse zu seinen Füßen, die ihn mit den Gesetzen des Irdischen verbinden, fühlt instinktiv, daß mit dem Zerbrechen der irdischen Gewalt des Kaiserreichs auch die Zeit der Tempel versunken ist.   Sichtlich versunken entschwindet, in Vergessenheit und Vergangenheit, die Verbotene Stadt im Mittelpunkt der Kaiserstadt Peking. Dieses von Gräben und Wall umgebene, gelbe, marmorne, bronzene Viereck hütete jahrhundertelang das Geheimnis der höchsten 269 irdischen Gewalt. Marmorbrücken, hochgeschweift, führen über künstliche kleine Kanäle. Marmorhöfe, ungeheuere baumlose Flächen breiten sich aus, zwischen den Palästen mit ihren herrlich bemalten und lackierten Säulendecken, die von gelbglänzenden Ziegeln überdacht sind – gelb, die Farbe des Kaisers, der weltlichen Macht. Vor den Palästen stehen mächtige bronzene Opferbecken, herrlich ornamentiert und gegossen. Zwischen den Drachen, Löwen, die die Tore der Paläste bewachen, schlendern gelangweilt die Hüter, zur Zeit Soldaten der zweiten Armee Feng Yü Siangs auf und ab, schneuzen sich in die Finger, klopfen sich gegenseitig den Rücken warm, haben an den Hüften die breiten tatarischen Krummsäbel in grell gelben Lederfutteralen baumeln. Eiszapfen hängen von den gelben Dächern. Hier und dort ist eine Ecke des Ziegeldaches eingestürzt. Man kann für einen Dollar einen der schön ornamentierten Dachziegel erstehen und unter dem Mantel versteckt heimtragen. Hier war der Palast der Kaiserin. Hier der der Prinzen. Diese Galerie beherbergte das Gefolge. Hier eine Kapelle, dort ein Schlafgemach. In jenem Palast der Audienzsaal, in jenem anderen der Raum, darin der Kaiser sich zur Wallfahrt nach dem Himmelsaltar ankleiden ließ. Durch morsche Holzgitter und durchlöcherte Papierfenster blickt man ins kahle Innere dieses, jenes Raumes. Und wenn man sein Eintrittsgeld bezahlt, darf man in diese Halle, jenen Saal eintreten. Vergangene Zeiten Thron, Altar, Lebenszepter, Krönungsmäntel, Teppiche, gestickte Wandbehänge, wunderbare Wandschirme mit aus Elfenbein, Perlmutter, Edelsteinen und Jade eingelegten Landschaften; die zart geschwungenen hellgrauen, blaugrauen, seegrünen, goldgelben, eidottergelben, abendwolkengelben Porzellanvasen; überlebensgroße realistische Darstellungen von Menschen und Tieren auf Reispapier, Behänge gezeichnet, dünne Tuschkontur, sanft lasiertes, plastisch hingehauchtes Fleisch, Kaiser, Staatsmänner und Philosophen, Bildnisse von Lieblingspferden aus dem kaiserlichen Marstall; das seltsame, wundersame Gewirr der kunstvoll aus cloisonniertem Metall, Jadeblättchen, Perlen, Korallenknospen, emaillierten Blumenkelchen, kapriziös zusammengefügten Bäumchen, Sträuchlein unter Glas – Tausende unerhörter, unbeschreiblicher Wunderwerke, über das ganze weite Gebiet der Verbotenen Palaststadt zerstreute Herrlichkeiten sind jetzt in zwei, 270 drei Paläste zusammengetragen, die ein Museum der uralten bewunderungswürdigen Kunst Chinas geworden sind. Viele Schätze sind seit dem Ausbruch der Revolution verschollen, verschwunden, durch heimliche Kanäle aus der Verbotenen Stadt in die diffuse Tatarenstadt, aus dieser wer weiß wohin in die Welt geraten. Die verarmten Mandschuprinzen leben, so sagt man, heimlich vom Verkauf der von der Volksregierung beschlagnahmten Schätze. Korrupte Beamte gehen ihnen dabei an die Hand. Aber das wundersame einmalige Erlebnis der Verbotenen Stadt, dieser baumlosen aus Marmor, Goldgelb und Purpur errichteten Stätte einer für immer versunkenen Macht, das erschütternde Erlebnis dieser sinister verödeten Flächen, Höfe, Brücken, der Dimensionen , über die das Auge schweift, die den Atem benehmen, – sie raubt kein Menschenwille, keine Verschlagenheit, Korruption. –   Dreigeteilt sind die Marmortreppen, die zu den Palästen emporführen. Treppen in eigentlichem Sinne sind nur die seitlichen Aufgänge. Sie fassen eine schräg emporgleitende Marmortafel ein, die, wunderbar ornamentiert, mit Wolken, Schlangen, Drachen und phantastischen Gebilden von Ornament gewordenen Fabelwesen, an die Mondsteinpforten indischer Tempelstätten erinnern. Über die Treppe rechts und links ließen sich die Machthaber auf ihren Sänften tragen, die mittlere schräge Platte aber, die mit solch unendlicher Kunst und Zartheit gemeißelte schräge Marmorplatte, war die Geistertreppe . Über sie schwebten unsichtbar die Geister der verstorbenen Kaiser, der verstorbenen Machthaber, der verstorbenen Philosophen, Asketen, Weisen, Staatsmänner und Genien von den Höfen empor in die Paläste, aus den Räumen der Paläste hinab in die Höfe. Ruhelos irrt der Gespensterschwarm der Vergangenheit, jetzt gebannt, über die Marmorplatte auf und nieder . . . Die Geistertreppe! Wunderbares, altes, auf ewig versunkenes China!   Um den Bezirk der Verbotenen Stadt zischt und schäumt der Verkehr des Millionen beherbergenden Peking. Von ragenden roten Mauern umgeben die Tatarenstadt , um das kleine Viereck der Verbotenen 271 ein großes Viereck zeichnend, und dann weiter, diffus um dieses große Viereck ins Land hineinreichend zu den Westbergen, lang nach dem südlichen Wüstenstrich hinuntergereckt, mit riesigen Toren, dräuenden Festungsbauten hoch in die Luft: die Chinesenstadt des mächtigen geheimnisvollen urewig lebenden Peking. Pagoden erheben sich hier und dort in der weißbläulichen Winteratmosphäre. Von einer, die in der Form einer Flasche erbaut zwischen drei kleinen künstlichen Teichen unmittelbar im Westen vor der Verbotenen Stadt sich erhebt, ist die Struktur der Stadt deutlich zu überblicken. Von diesem erhöhten Punkt aus betrachtet ist Peking ein methodisch in Würfel zerteiltes, von zahllosen Mauern in kleine Stücke eingefaßtes Gebilde. Wären die Mauern, die Vierecke nicht so einförmig gelbgrau, hie und da von winterlich mattem Grün übersprenkelt, man könnte von einem Schachbrett sprechen, so methodisch ist die Stadt errichtet. Gelegentlich nur wird die Symmetrik der Wälle, Mauern, Türme und schnurgeraden Straßenzüge, das Kreuz und Quer des Stadtplanes unterbrochen durch Hügel, durch jene künstlichen Teiche, die mit Inseln, Pavillons, hochgeschwungenen Brücken die Ruhe des Gesamtbildes durchbrechen. Hier ist der Winterpalast mit seinen drei Seen. Im Inselpavillon des mittleren wohnt jetzt der Große Lama aus Tibet. Nördlich von der Flaschenpagode ist der sog. Kohlenhügel aufgeschüttet, ein künstlicher Berg mit Pagode, Tempel und reichem Baumbestand, der die Verbotene Stadt, Wohnstätte des Kaisers und seiner Familie, gegen die bösen Geister des Nordens schützen sollte. Der Norden gilt dem Chinesen überhaupt als die unheilbringende Himmelsrichtung. Von dort kommt alles Ungemach, der Winter, die Sandstürme aus der Wüste, dort im Norden ist eine Welt unter Wüstensand verschüttet. Von dort wird die Zerstörung dem Reiche nahen und seiner Herrlichkeit: Peking, der heiligen Stadt, die sich gegen Barbaren ringsum durch Wälle, Türme und Tore geschützt hat wie Jerusalem.   Das chinesische Haus schützt durch seine Lage, seine spezifische Bauart die Einwohner ebenso bewußt gegen den Einfluß böser Geister, die von außen das Haus umkreisen, wie die Stadt es durch diesen künstlich aufgeworfenen und getürmten »Kohlenhügel« tut. Der 272 sonderbarste Bestandteil des chinesischen Hauses, der dem Fremden zuerst auffällt, ist eine Wand, die sich unmittelbar hinter dem Tor erhebt und dem von außen Nahenden den Einblick ins Innere von Haus und Hof verwehrt. Diese Mauer hinter dem Tor ist zumeist mit Sternbildern bemalt und gesprenkelt, es ist die Gespenstermauer , die die bösen Einflüsse auf den Straßen marodierender Geister aufhalten und diese vor dem Eindringen zurückschrecken soll. Die Lage des chinesischen Hauses ist durch Gesetze der Himmelsrichtung diktiert, seine innere Struktur durch Aberglauben, Vorschriften aus alter Zeit, von denen man nicht weiß, sind sie religiösen Ursprunges oder von Erfahrungstatsachen vorgeschrieben, vorgezeichnet. Eine einzige Vorschrift der Tradition, die bei dem Bau des Hauses außer acht gelassen wurde, vermag die Geister derartig zu erzürnen, daß Unheil und Tod sich über die Bewohner, die an ihrem Schicksal keine Schuld zu tragen wähnen, niedersenkt. (Eine falsch angelegte, der Tradition widersprechend laufende Straße kann in China leicht zu Todfeindschaft und Vernichtungskämpfen zwischen Dörfern und Städten führen, die eine solche Straße verbindet.) Sicherlich sind die Proportionen und Dimensionen der Stadttore von ähnlichen okkulten Gesetzen der Masse und des Gleichgewichts festgesetzt, wie man sie z. B. in den Geheimschriften über die Pyramiden Ägyptens, die gotischen Bauten Frankreichs, Deutschlands und Spaniens vorgefunden hat (das Tor von Notre-Dame!). Und damit ist das Charakteristische von Peking gegeben: die Atmosphäre des Geheimnisvollen, die um diese äußerst heutige und von heutigstem Leben erfüllte Stadt webt. Ja – wie das heutige Jerusalem, in dem sich ja auch ein Gegenwartsschicksal uralten Volkes erfüllt, birgt Peking die Schwere bis in nebelhafte Vorzeit zurückreichender Glaubenskräfte.   Zwischen den sich in rechten Winkeln schneidenden kleinen und großen Straßen der Tatarenstadt, in den regellos gekrümmten Bazarstraßen der südlichen Chinesenstadt – welch ein Gewimmel Asiens, Gemisch von seltsamen halb- und ganzbarbarischen Stämmen, Horden, Rassen, aus Tibet, aus der Mongolei. Die derbknochigen Gesellen mit ihrem öligen Haar, spitzen, gelbbraunen wattierten Mänteln, Mützen 273 und Schnabelschuhen, wie in Dardjiling. Dromedar-Karawanen ziehen durch die Tore herein; die langfelligen Tiere schleppen Kohlensäcke aus den Bergen in die Stadt. Zwischen den in stumpfes Grau, Blau und Schwarz gekleideten Bürgern und Kulis, den Rikschas und Automobilen schieben, stoßen Wasserträger ihre knirschenden Einradkarren vorwärts. Mit raschen Pferdchen bespannte Wägelchen rollen daher: Polizisten – zwischen ihnen, die Arme auf dem Rücken zusammengebunden, ein verwegener Bursche. Die Stadtpolizei mit ihren breiten, gelben Schwertern versieht ihren Dienst. Trupps der gutgekleideten, munteren und wohlgenährten Besatzung, der Zweiten Armee marschieren, christliche Hymnen im Chor singend, breitbeinig durch die Straßen. Vor den Häusern der Vororte kleine Kinder auf dem Schoß ihrer Mütter, Gesichtlein, Wänglein karminrot geschminkt, mit grellen Tupfen bemalt; welche tragen Halsbänder wie Hunde – vor Hunden ängsten sich die bösen Geister, sie werden die Kinderchen in Ruhe lassen! An einer Straßenkreuzung der Straßenbarbier seift einem Alten den Kopf ein, rasiert ihm Haupthaar und Bart weg, putzt ihm mit kleinen Zangen, Schwämmchen und Stäbchen Ohren, Nasenlöcher und sogar das Innere der Augenlider. Hochzeitszüge mit zirkusmäßig uniformierten grellen und lauten Kapellen vorn und hinten drängen sich durch die belebten Avenuen der Stadt. Prunkvolle Leichenzüge, wie ich sie in keinem anderen Orte Chinas sah, schwer und wuchtig durch den mächtigen Verkehr der Hatamen-Straße, Trambahnen, Wagenverkehr aufhaltend, Fußgängermassen zu beiden Seiten des Weges aufstauend. Vierundsechzig Träger schleppen das große bunte Gebäude des Sarges – vierundsechzig nach den heiligen Formeln des Zauberbuches Itsching. Die großen schweren Stangen, Baumstämme, auf denen der Sargbau ruht, schwanken auf den Schultern der Träger und dringen unwiderstehlich voraus in die Menge, in die Seitengassen ein. Hie und da geschieht es, und das hat seine guten Gründe, daß die Träger eines solchen Sargbaues mit ihren Stangen wild in ein kleines Haus, in die Mauer eines Hauses, in die Gespensterwand eines Hauses einbrechen, Wand, Mauer, Haus demolierend. Man darf gegen sie nicht vorgehen, denn es ist ja ein Totenzug. Manche Blutrache wird auf solche Weise geübt. Hier vereint sich der unbekannte Osten, die versunkene Kultur des 274 Wüstenostens, mit dem zivilisierten, von europäischen Einflüssen verwandelten Küstenrand Hongkong, Schanghai, Tientsin, Dairen. Die Zivilisation Europas, Amerikas streckt nur widerstrebend und zögernd ihre tastenden Finger aus nach dem Inneren der Chinesenstadt. Dafür ist, in der Mitte zwischen der nördlichen Tatarenstadt und der südlichen Chinesenstadt Pekings, ein Gebiet ausgespart, das, ein Fremdkörper im Fleische der Hauptstadt der Republik, der ehrwürdigen Stadt des Chinesenvolkes, wie eine Art Schamien daliegt, von einer hohen Mauer umgeben, aus der Schießscharten nach allen Seiten hinauslugen über ein künstlich niedergelegtes Glacis – weite Schußflächen, die um dieses Gebiet, das Gesandtschaftsviertel , geschaffen wurden dadurch, daß man verkehrsreiche Straßen ringsherum zerstört, einfach vom Erdboden wegrasiert hat.   » Lest we forget « Ein Glacis also umgibt jetzt in breitem sandigen Streifen das Viertel der europäischen Gesandtschaften. Auf dem Sandstrich exerzieren europäische Truppen, werden Schießübungen veranstaltet. Diplomatendamen reiten im Galopp über den Sand, nehmen Hindernisse. Diplomatenkinder spielen hier und machen Sandburgen. Und am Rande dieses Sandstriches, dieser Schußfläche, durch die die Fremden innerhalb des Gesandtschaftsviertels sich gegen die umwohnende Eingeborenenstadt gesichert haben, stehen Fengsoldaten und sehen sich aufmerksam jeden Menschen an, der hinein will oder sich hinaus begibt. Feng-Soldaten Ich habe während meines Aufenthaltes in Peking selber im Gesandtschaftsviertel gewohnt, in dem guten und hauptsächlich von Amerikanern bewohnten »Hôtel des Wagons Lits«. Zumeist führte mich mein Weg an der italienischen, japanischen und englischen Gesandtschaft vorbei, wenn ich aus dem Viertel hinaus, aus diesem künstlich eingeengten europäisch-amerikanischen Viertel in das grandiose, weite Peking wollte. Knapp am Tor bei der englischen Legation ist ein Mauerstück erhalten, in dem Kugelspuren, Ziegeltrümmer lebendige Zeugenschaft vom Boxeraufstand 1900 ablegen. Mit schwarzen Lettern sind dort die Worte: » Lest we forget « an die Wand 275 gepinselt. Ein Memento an die Agonie, die die ausländischen Machthaber in diesen schaurigen Wochen der entfesselten Wut zu erleiden hatten. Memento mori auch für künftige Zeiten, so will mich dünken. Ich bin oft an dieser Mauerecke vorübergefahren, hinaus aus dem Tor, das von den Fengsoldaten Tag und Nacht bewacht ist, hinaus über das Glacis zur riesigen roten Mauer, die um die Tatarenstadt sich erhebt, zu den beiden Säulen, Marmorsäulen, aus denen Wolkenflügel aus Marmor sich in der Höhe entfalten und hinter denen die riesigen stilisierten chinesischen Löwen, die fast schon Drachen sind, das Tor zum Innern der Tatarenstadt bewachen und auch die Wallfahrtsstraße zwischen der Stadt und jenem hochheiligen Himmelsaltar. Es lebt sich im »Hôtel des Wagons Lits« recht behaglich, muß ich sagen. Man lebt im Legationsviertel wie in einem europäischen Kurort. Kanalisation und andere Bequemlichkeiten sind in bester Weise durchgeführt in dieser Stadt innerhalb der Stadt, in diesem Staate innerhalb des Staates, in diesem europäisch-amerikanischen Fremdkörper innerhalb der Hauptstadt Chinas, innerhalb des weiten China. Wie man weiß, genießen die Vertretungen der Mächte, die sich hier konzentriert haben, das Recht der Exterritorialität. Sie dürfen sich eigene Bemannung (etwa 5000 Soldaten beschützen das Legationsviertel), außerdem eigene Artillerie, Maschinengewehre, Tanks, Panzerwagen und natürlich auch drahtlose Stationen halten. Dieses Recht haben alle Usurpatoren, um sich gegen die um sie herum lebende gedemütigte und ausgebeutete 400 Millionen-Nation zu schützen. Allein den Österreichern und Deutschen ist noch das Recht der Exterritorialität entzogen, den bösen Knaben, die den bewußten Krieg angezettelt haben. Die Russen aber, dieses merkwürdige Volk, haben das Recht der Exterritorialität aus eigenem Antrieb aufgegeben. Von meinem Hotel kann ich in wenigen Schritten die deutsche Gesandtschaft rechts, in noch weniger Schritten links die russische Gesandtschaft erreichen. Die russische Gesandtschaft, in der zurzeit Karachan haust, besitzt ein ungeheueres Areal, Hinterlassenschaft der ehemaligen zaristischen Regierung, mit Palästen, Wohnhäusern, einem großen Garten, einer Kirche und einem beträchtlichen Wall darum, von dessen Ecken Flaggenmasten mit der roten Fahne zum 276 Sternenbanner auf der anderen Seite der Straße hinüberwinken, – denn dort sind die Amerikaner zu Hause, mit ihrer mächtigen drahtlosen Station und all ihrer positiv aggressiven, aber klug abwartenden Politik des siegreichen Dollars. Der russische Botschafter Karachan Was ist es nun mit diesem Gesandtschaftsviertel, diesem Fremdkörper, dieser Zwingburg über dem ausgebeuteten, durch Verträge, Zollwillkür geknechteten, gedemütigten und durch Schießscharten und Schußflächen heute noch in Schach gehaltenen Volk? Es läßt sich nicht leugnen, daß China in den Städten, in denen sich fremde »Konzessionen« befinden, wie Tientsin, Schanghai und Hongkong, durch die Fremden gewisse Vorteile genossen hat. Es läßt sich dies ebensowenig leugnen, als es sich leugnen läßt, daß das kapitalistische System der Zivilisation dieses Zeitalters gewisse Vorteile gebracht hat. Aber die Zeit ist vorgeschritten, und es gelten heute andere Verbindungen zwischen den Völkern als die der berüchtigten Verträge zwischen China und den Mächten; andere Sicherungen als die einer überlegenen militärischen Ausrüstung, einschließlich Schießscharten und ausgesparten Schußflächen. Das ist es, was sich einem gebieterisch aufdrängt, so oft man an der zerschossenen Memento mori -Mauerecke der englischen Gesandtschaft vorüberkommt. Das Legationsviertel hat, wie auch die Fremdenviertel in Tientsin und Schanghai von jeher, schon in ältesten Zeiten allerlei fremdem Gesindel, portugiesischen, spanischen, brasilianischen Schmugglern, Spielern, Spionen und Desperados Unterschlupf gewährt. Die Exterritorialität kam diesem Treiben zugute. Man konnte ihnen weiter nichts anhaben. Chinesen war das Wohnen in dem Europäerviertel untersagt. Darin ist eine Milderung eingetreten: auch Chinesen können jetzt in dieser künstlichen Enklave wohnen, sie unterstehen wohl dem chinesischen Gesetz, aber nicht der chinesischen Polizei. Soll einer von den Schützlingen – man kann sich denken, welcher Art diese Menschensorte ist, die von den Fremden gegen ihr eigenes Volk geschützt werden muß! – etwa verhaftet werden, so muß erst die fremde Macht, bei der er Schutz gesucht hat, die chinesische Behörde zu dieser Verhaftung ermächtigen. Es ist lehrreich, ganz abgesehen davon, daß es für den Schriftsteller von beträchtlichem Interesse ist, die Herren und Damen der 277 ausländischen Legationen bei ihren sozialen Funktionen, Sport, Bankett, Tanz und Flirt, im »Hôtel des Wagons Lits« zu beobachten. Das Interessanteste dabei ist die Nonchalance, die Selbstverständlichkeit und Sicherheit, mit der sich diese Funktionäre, ihre Damen und ihr Anhang bewegen. Man hat von dem Schicksal Schamiens Kenntnis erhalten. Man weiß auch, daß sich, was in Schanghai passiert ist, hier in Peking jeden Augenblick wiederholen kann. Man vernimmt fast aus Hörweite die herannahenden Truppen der um die viereckige Stadt und von der chinesischen Mauer im Nordosten her sich kampflüstern heranpirschenden Generale. Aber im Bewußtsein des verbrieften Rechtes bewegt man sich anmutig und graziös um die eigene Achse und vergißt, daß jeden Augenblick ein luftleerer Raum um einen herum entstehen kann und daß es vielleicht sehr bald kein » lest we forget « mehr für den zum Untergang verdammten Fremdkörperfleck im Fleische des Chinesenvolkes geben wird!   Kuli Nr. 204 Den ganzen Tag über, vom Morgen bis spät in die Nacht, lebt er in einer kleinen Bude gegenüber dem »Hôtel des Wagons Lits«. Jetzt im Winter ist dies seine Behausung, im Sommer sitzt er auf dem Pflasterrand vor seiner Rikscha, die in einer Reihe mit fünfzig anderen auf einen Wink des Hotelgastes wartet. Aus den kleinen trüben Fensterscheiben der Bude lugt er ins Freie hinaus, auf das Tor des Hotels. Sieht er mich aus dem Hotel heraustreten, so ist er mit einem Satz aus der Bude heraus zu seiner Rikscha gesprungen, die die Zahl 204 trägt, und ich steige ein, nachdem ich ihm mit ein paar Worten erklärt habe, was ich heute besichtigen möchte. Hie und da fahre ich mit ihm im Legationsviertel zu einer der Gesandtschaften, der deutschen oder der russischen. Sie sind beide nur wenige Schritte entfernt vom Hotel, und doch setze ich mich in die Rikscha 204, denn wir haben, der Kuli und ich, einen stillschweigenden Vertrag geschlossen, daß er während meines Aufenthaltes in Peking einfach nur für mich da sein wird, ich für ihn. Besondere Freude hat Nr. 204, wenn ich zur russischen Legation fahre. Kommt er an der Flaggenstange vorüber, so dreht er sich 278 während des Laufens nach mir um, zwinkert mir zu und blickt einen Augenblick lang begeistert zur roten Fahne in die Höhe. Der deutschen Legation gegenüber bekundet er Gleichgültigkeit. An der japanischen springt er mit einem wilden Satz vorüber. Die Japaner mag er nicht. Vor der englischen spuckt er ostentativ aus, vor der französischen Gesandtschaft aber ruft er, so oft er vorüberkommt: » Français – cochon! « Es sind die einzigen französischen Worte, die ihm bekannt sind. Englisch dagegen spricht er recht gut. Er ist überhaupt ein intelligenter Bursche, dieser mein Kuli Nr. 204. Englisch hat er in seinem langjährigen Dienst vor dem »Hôtel des Wagons Lits« erlernt. Er kennt sämtliche Antiquitätenhändler Pekings, weiß Bescheid in den Adressen der chinesischen Freudenhäuser, die der abenteuerlüsterne Europäer bei Nacht und Nebel aufsucht. Auch einige der vielen Talmiopiumkneipen kann er dir weisen, aber nicht nur diese Fremdenführertugenden und Künste beherrscht er, sondern er hat zuweilen überraschend kluge Meinungen zu äußern, wenn man sich von ihm nach einem Tempel, einem Theater, einem Staatsamt fahren läßt. Woher hat er diese Meinungen, woher weiß er auch, was die rote Fahne bedeutet, wer hat es ihm beigebracht, daß die amerikanische Fahne sich geniert fühlt durch die Nachbarschaft der roten auf der anderen Seite der Straße? Daß die rote Fahne für den Kuli mehr bedeutet als die amerikanische? Sicherlich gibt der aus der russischen Gesandtschaft tretende Fahrgast ihm ein besseres Trinkgeld als der Amerikaner, behandelt ihn auch nicht so ganz und gar als Kuli wie dieser, sagt zu ihm sogar vielleicht, falls er des chinesischen Wortes mächtig ist: »Genosse«. Aber nein, mein Kuli ist ein von Natur aus intelligenter Bursche, ein gesunder, kräftiger, sauber gekleideter, ordentlicher Bursche – man muß bloß sehen, mit welcher methodischen Pünktlichkeit er, wenn der Polizist an der Straßenkreuzung vor dem aus dem Boden sich aufbauschenden rotgestrichenen Ausweichsignal steht, in vorgeschriebener Weise das Signal beachtet und mit welchem Vergnügen er, wenn der Polizist nicht dort ist, genau anders herumläuft – dieser gefährliche Bolschewist Nr. 204! Wir sind sehr befreundet. Ich erfahre von ihm allerhand über sein und seiner Berufs- und Schicksalsgenossen Leben, äußere und innere Angelegenheiten. Der Unternehmer, in dessen Dienst er steht, ist ein 279 ehemaliger Polizist, der es dank allerhand undurchsichtiger Manipulationen und Liebesdienste, den Einwohnern des Gesandtschaftsviertels erwiesen, zum Besitzer von siebenundvierzig Rikschas gebracht hat. An diesen Unternehmer muß mein Kuli, ob er nun einen guten oder schlechten Tag gehabt hat, jeden Tag 40 Cents abführen. Er erklärt mir: eine Rikscha koste 70 Dollars mex., also 140 Mark, wenn sie schöne Messingbeschläge hat, 100; aber man könne schon für eine Anzahlung von 25 Dollar Rikschabesitzer werden und den Rest in Monatsraten abzahlen. Indes, er zieht es vor, einem Unternehmer sich zu verdingen. Es ist sicherer, denn wenn einem die Rikscha gestohlen wird – was fängt man dann an? In Peking ist große Konkurrenz unter den Rikschakulis. In Schanghai steht es besser. Dort werden Lizenzen nur nach Vakanz verteilt. Aber dort muß man dem Unternehmer einen ganzen Dollar pro Tag bezahlen. Dafür gab es in Schanghai aber bereits einen Streik der Rikschakulis, an dem fünfzehnhundert teilnahmen, während in Peking die Organisation jetzt erst beginnt. Die Kulis, die Schanghaier und Tientsiner Schwerarbeiter, Schwarzarbeiter, die Schiffe-, Bahnen- und Magazinverlader sind eine recht gut organisierbare Menschenklasse. Sie sind nüchtern, bedürfnislos, stark, an Freiluftarbeit gewöhnt und haben ihre Geheimbünde. Ich frage meinen Kuli: sind denn deine Genossen in der Baracke nicht erbittert darüber, daß du an mir einen ständigen Kunden hast, während sie oft halbe Tage lang nichts verdienen? Mein Kuli sieht mich an: selbstverständlich gebe ich ihnen von meinem Verdienst ab, wir helfen uns ja gegenseitig aus. Nach dergleichen intimen Aussprachen oder einem allzu reichlichen Trinkgeld muß ich ihn hie und da zu energischerer Vorwärtsbewegung anstacheln. Sobald er merkt, daß man menschliches Interesse bekundet, wird er lahm, faul und arbeitsunwillig. Er ist gewiß keine sehr starke ethische Persönlichkeit, aber ich bin überzeugt, daß er, wenn er nicht als Sohn, Enkel und Urenkel von armen Kulis geboren wäre, vermöge seiner Intelligenz, Menschenkenntnis und gesunden Urteilskraft, nachdem er sich die ersten Grundzüge der Bildung angeeignet hätte, sicher leicht in eine höhere Schicht der Gesellschaft emporgestiegen wäre. Daß er sauber gekleidet und stets gutgewaschen und frisch rasiert 280 ist, glaube ich bereits erwähnt zu haben. Auch der Kissenüberzug in seiner Rikscha ist immer sauber; das Plaid, das unter dem Sitz verstaut ist (mit einer Flasche, in der sich Metallputztinktur befindet, einer Bürste, einem Schneuztuch und irgendwelchen Eßwaren), ist gut geklopft, und man kann es, ohne Läuse zu befürchten, getrost um den Unterleib wickeln.   Neujahr naht, und ich kaufe an dem letzten Nachmittag, an dem die Geschäfte noch offen stehn, Geschenke für ihn ein, für sein Kind, von dem er mir oft mit Stolz erzählt hat, und überhaupt für sein Fest, das er morgen in seinem Heim feiern wird. Mit einem großen Paket beladen, dessen Inhalt ich nicht verrate, auf das er aber mit freudigen Augen schielt, lasse ich mich am Neujahrstage von ihm in sein Heim fahren. Es liegt weit außerhalb des Hatamentores, in einer südöstlichen, von den Ärmsten bewohnten Vorstadtstraße, in einer Reihe von ebenerdigen, um große offene Höfe herum gebauten ziemlich elenden Häusern. Man muß von der Straße einen kleinen Sandhügel hinauffahren, um vor sein Tor zu kommen. Er will mich aber nicht bis zum Tor seines Hauses fahren. »Kommen Sie nicht zu mir hinein, geben Sie mir das Paket, es ist schmutzig bei mir, ich werde meine Frau und das Baby herausrufen. Kommen Sie nicht in mein Heim ( my house ), es ist zu schmutzig dort innen, wozu sollen Sie in den Schmutz kommen!« Aber ich habe das Paket schon unter den Arm genommen und gehe voraus, da schiebt er lachend hinter mir drein seine Rikscha den Hügel hinauf. »Hier wohne ich.« Vier armseligste Familien leben in dem engen kleinen Hof, in dessen einem kleinen Seitenflügel »sein Haus« sich befindet. In dem engen winkligen Viereck um die vier kleinen Behausungen liegt Schmutz, Kehricht, Gemüseabfälle, Menschenkot in Haufen wüst beisammen. Aus der Tür der Wohnung, auf die mein Kuli Nr. 204 losgeschritten ist, kommt seine etwa fünfundzwanzigjährige Frau heraus – sie ist, wie mein Kuli mir berichtet, genau so alt wie er selbst –, eine hübsche saubere Frau, gut und nett gekleidet, mit einem kleinen rotznäsigen, pausbäckigen Knäblein auf dem Arm. Es hat eine kleine Wollmütze auf dem Kopf sitzen, das Baby. Das tut mir leid, denn ich habe ihm ein 281 ähnliches Mützchen gekauft, dazu aber noch ein Wolljäckchen, das es gut gebrauchen kann, denn der Winter ist kalt. Auch die alte Mutter der Frau kommt aus der Tür hervor. Sie verneigen sich lächelnd und freundlich, wissen offenbar schon von meiner Existenz. Drinnen im Zimmer wird dann alles ausgepackt, die Kleidungsstücke, der Wein, Konserven, etliche Süßigkeiten. Sofort kommt der ganze Hof herein, alte Frauen, ein krätziges Kind, ein hinkender Junge. Mein Kuli und seine kleine Familie läßt es gern zu, daß die gesamte Hofbewohnerschaft den Wein, das Mützchen und das Jäckchen und all das übrige beäugt, beriecht, befingert und von Hand zu Hand weitergibt. Nachdem sie sich vergewissert haben, was der Hofgenosse zu Neujahr erhalten hat, schieben sie allesamt ab, und ich darf mich mit meinem Kuli, seiner Frau und Kind und der alten Mutter auf die Matte setzen, die reinlich und hübsch, von einem blauen Streifen eingefaßt, als Sitzgelegenheit für die Familie dient und wohl auch als Bett – denn in einer Ecke zusammengerollt ist eine abgenutzte Steppdecke wahrzunehmen. Ein kleiner eiserner Ofen steht in der Ecke, in bedrohlicher Nähe der Decke. Feuer brennt in ihm. Auf einen Bord gereiht: Kohlköpfe; eine Lampe mit zerbrochenem Glase. In einer Ecke auf dem Boden ein alter Pelz. Drei bunte Bilderbögen, einer einen mythischen Stoff, einer eine Seeschlacht und der dritte Schützengrabenkrieg darstellend, sind an die Wand geklebt. Dies alles ist nett anzusehn. Mein Kuli übersetzt mir die Dankbezeugungen seiner Familie. Er zieht dann dem Kind das Mützchen vom Kopf und stülpt ihm das neue mitgebrachte buntere über die langen seidenschwarzen Haare. Die Frau kocht derweil einen halbgrünen Tee, gibt mir eine kleine Tasse. Die Schachtel mit Biskuits wird vorsichtig geöffnet, mir angeboten. Ach Gott, es ist kein Dosenöffner bei der Konservenbüchse mit der gebratenen Ente! Am liebsten möchten sie alles aufmachen und mir anbieten. Aber es dunkelt schon, und nachdem wir zwei Tassen Tee getrunken haben, sage ich ihm, daß ich nun nach Hause fahren will. Von Frau, Mutter und Kind und der ganzen Hofbewohnerschaft begleitet, begebe ich mich vor das Haus. An dem Tor kleben große rote und goldene Plakate, die dicke, grimmig-gemütlich dreinblickende Torgötter zeigen. Ein Lampion hängt quer über dem Misthaufen an einer Schnur befestigt, – er war noch nicht da, 282 als ich kam, jetzt verkündet er, daß auch in dieses arme Haus das Neujahrsfest eingekehrt ist! Durch das Vorstadtviertel, dann durch Hatamen fahre ich zurück in die Gesandtschaftstraße, bezahle meinen Kuli und sehe aus dem Tor zu, wie er in großen Sprüngen mit seiner Rikscha den Weg zurückläuft, den er mit mir soeben gekommen ist.   Blick auf China Einige Tage, ehe ich Berlin verließ, war ich mit jungen Chinesen von der Kuo Min Tang-Partei beisammen, die mir, mit anderen Instruktionen, den Rat gaben, falls ich in China als Europäer in gefährliche Situationen geriete, die Zauberformel auszusprechen: »Uossete ko schen!!« Ich hatte dann noch in Berlin Gelegenheit, mit anderen jungen Chinesen zusammenzukommen, denen ich berichtete: ich fühlte mich jetzt ganz, aber ganz sicher, denn chinesische Freunde hätten mir die Zauberformel mitgeteilt, die mich aus allen gefährlichen Tumulten und Straßenaufläufen, in die Europäer nicht ohne Gefahr verwickelt werden können, retten würde: »Uossete ko schen!« Die jungen Chinesen sahen mich fragend an: »Was wollen Sie mit diesen Worten sagen?« Erstaunt antwortete ich: »Nun, ich bin ein Deutscher!« – »Ach so,« sagten die jungen Chinesen, »Sie sind ein Deutscher. Aber das ist ja ein ganz ungebräuchlicher Dialekt. Was waren das für Leute, die Ihnen diese Worte beigebracht haben?« – »Ich glaube: Cantonesen«, sagte ich. – »Ja, wir sind aus Schanghai, bei uns heißt das:« – und sie sprachen mir vier ganz andere Worte vor. Ich erzähle diese kleine Anekdote und könnte sie noch mit vielen Parallelen belegen; z. B., daß das Wort Fluß: »Kiang«, zwei Tagereisen nördlich bereits »Ho« heißt. Es würde aus diesen flüchtigen Aufzeichnungen, wenn ich sie multiplizieren würde, auch nur die Andeutung resultieren, daß China, dieses ungeheuere Reich, in viele Teile, Völkerschaften, Sprachgebiete gespalten ist, die voneinander so gut wie nichts oder nur Ungenaues wissen, denn ihre Sitten unterscheiden sich je nach dem Himmelsstrich, in dem die Menschen leben, so wie ihre Sprache, ihre Dialekte. 283 Indes: wie die Schriftzeichen, die Ideogramme, der chinesischen Sprache und Literatur ein Rückgrat, einen gemeinsamen Stamm für die verschiedenen Nervenstränge und Verzweigungen des riesigen Volkes bilden, so haben die Chinesen neben ihrem Religions- und Moralkodex auch noch ein starkes, zentrales, sie einigendes, eine erstaunlich heutige, das Volk einende Gesinnung empfangen, die die verstreuten Teile zu einem einzigen Gebilde, eben zu dem Reich und dem Volk zusammenschmilzt. So bezeichnet der Befreiungswille des Volkes, der Kampf gegen die Fremden den Anfang einer Kulturepoche, die gemeinsam mit den Völkern der westlichen Erde den Osten ergriffen hat und zu revolutionieren beginnt. Die nervösen dekadenten Südchinesen, der starke grobknochige Nordchinese, die geringe Zahl der Gebildeten (kaum ein Prozent der Bevölkerung Chinas kann lesen, geschweige denn schreiben) und die ungeheuere Mehrzahl der wenig oder ganz und gar Ungebildeten, die Kulis, die kleinen Kaufleute, das Schiffervolk, die Landarbeiter, die Gelehrten, die Studenten, die Priester – alle eint derselbe Wille, sie alle sind gelehrige Schüler der Meister, die ihnen den Weg und die Methoden der Befreiung weisen – aber jenseits oder über diesen mechanischen Behelfen ist es die Idee , die große Zeitidee, die das ungeheuere Reich, die vierhundertundfünzig Millionen erfaßt hat und vorwärtsschleudert, empordrängt, den Pfad der Zukunft hinan. –   Das Problem des heutigen China ist, immer wieder muß das betont werden: es hat, gedemütigt durch die usurpatorischen Verträge, übermütige Bedrückung und durch nichts gerechtfertigte Bevormundung, die die auswärtigen Mächte jahrhundertelang auf das in asiatischem Nebel zurückgebliebene Volk ausübten, an der Wende dieser Zeit plötzlich die zwei aktuellsten Strömungen aus dem Westen, aus dem Osten wie durch einen elektrischen Kontakt durch seinen Körper schlagen gefühlt: von Osten, von Amerika her, den privatkapitalistischen Industrialismus, vom Westen, von Rußland her, die Politik, die diesen Industrialismus ökonomisch unschädlich macht, indem sie ihn aus der Hörigkeit einer geringen bevorzugten Schicht befreit und in den Dienst Aller stellt. Vergeblich fahren die fremden Mächte mit ihren Kriegsschiffen 284 die Küsten und Ströme des großen China hinauf. Bessere, neuere, vollkommenere Waffen gründen heute nicht mehr die Macht, befestigen nicht mehr das Vorrecht einer Nation über die andere. Man kann heute eine Gesinnung nicht mehr mit Waffen unterstützen oder zum Siege führen. Das Zeitalter der siegreichen Idee ist angebrochen.   Ist nun China, das sich im Befreiungskampf gegen die Westmächte und die ihm aufgezwungenen Verträge befindet, fähig, den Kommunismus zu erfassen, aufzunehmen und durchzuführen? Schon Borodin in Canton beantwortete mir, wie ich das ausgeführt habe, diese Frage verneinend. Wichtig für uns, die wir die Schicksale der russischen Idee verfolgen, ist: wie weit kann durch den Anschluß Chinas an Rußland die russische Idee gefördert , der Bestand Rußlands und seiner Idee in der Welt gesichert werden. Der Beitritt der de jure China zugehörigen Mongolei zur Sowjetunion, die undurchsichtige Lage der Mandschurei, die in kurzer Zeit zu einem Aufmarschgebiet Japans gegen China verwandelt werden und mit der Richtung nach Moskau Rußland aus seiner Reserve locken kann, ist in diesem Zusammenhang nur von sekundärer, sozusagen zeitlicher Bedeutung. Hauptsache und wichtig bleibt der Fortschritt der Idee in China. Der Zopf des Chinesen, das Zeichen der Unterwürfigkeit, das die Mandschudynastie dem Volk aufgezwungen hatte, fiel und verschwand mit der Revolution. Aber andere Wesenseigenschaften und ihr Ausdruck sind dem Chinesen heute noch verhängnisvoll eigen, hemmen seine moralische Entwicklung, die Idee wird sie nur schwer bekämpfen und überwinden können. Diese Instinkte und Kräfte zu stärken ist heimliche Absicht und Aufgabe der fremden usurpatorischen Mächte, die in ihrem Fortbestand eine Stärkung ihrer Macht erblicken – genau wie aus der unterirdischen Schürung des ewig latenten Konfliktes zwischen Hindu und Mohammedanern den Engländern in Indien Gewähr für das Fortbestehen ihrer Macht erwächst. Die wichtigsten reaktionären Instinkte des Chinesen sind: Habgier, grausame Mißachtung der Qual des Nächsten, Korruption und räuberischer Militarismus. Es wäre Vermessenheit, nach einem Aufenthalt von drei Monaten 285 in den Hauptstädten Chinas solch apodiktisches Urteil zu fällen, würde man nicht auf Schritt und Tritt, durch eine Aufeinanderfolge von Erlebnissen und Erfahrungen, geradezu auf diese Wahrnehmung und ihre Bestätigung gestoßen. Wer die Chinesen aus ihren heiligen Büchern, die zugleich Moralkodex und Verhaltungsmaßregeln gegenüber dem Nächsten bedeuten, kennt, wird erstaunt sein, wie gründlich Religion und Moral heute dem Chinesen abhanden gekommen sind. Die Verehrung der Weisen, der Väter des chinesischen Moralbegriffs, ist nur mehr eine leere Form, ihr Inhalt längst verflüchtigt. Ein kluger Mann, Kenner Chinas, hat behauptet, daß der Chinese jede Religion der Menschheit annehmen könne, ohne seinem eigenen Glauben untreu zu werden, da ja die Begründer seines Glaubens gar nicht religiöse Führer, sondern Lehrer der Moral gewesen seien. Die Grundlagen der Gesellschaftsethik, die Fundamente, die sich noch am nächsten mit dem der Religion berühren könnten, nämlich Ahnenkult und Sinn für die Familie, sind, wie schon der Außenstehende leicht bemerkt, infiziert, unterminiert und zerrüttet durch eben jene Tendenzen des chinesischen Charakters, die ich als reaktionär im Vergleich mit dem Ethos der kommunistischen Religionsauffassung bezeichnet habe. Was soll man von dem vielgerühmten Familiensinn eines solchen Volkes halten, das die Geburt einer Tochter als schreckliches Unglück betrachtet, das an dem Rande seiner Städte und Dörfer Türme aufstellen läßt, in die man bei Nacht und Nebel oder auch am hellichten Tage neugeborene Kinder weiblichen Geschlechtes wirft, damit sie dort verwesen? Solche Türme existieren heute noch in China. Die Prozedur ist einfach. Ein Loch wie in einem Backofen klafft in der Turmmauer, durch dieses Loch wird das unerwünschte Kind ins Gemäuer geschoben. Es fällt auf einen kleinen Körper, der Stunden oder Tage vorher dort hineingeworfen worden ist. Der Vater, der auf solche Weise sein Kind loswerden will, tötet es ja nicht, sondern das Gewicht des neu hereingekommenen Wesens erstickt das darunter liegende. Das Gewissen ist damit entlastet. Wahrsager, Zauberer und Medizinmänner spielen im chinesischen Familienleben eine außergewöhnlich wichtige Rolle, die für sie auch sehr lukrativ sein kann. Sie bestärken die chinesische Familie in diesen die Macht des Männerstaats verkündenden Prozeduren. 286 Jene unglaubliche Grausamkeit, Empfindungslosigkeit des Chinesen gegenüber körperlicher (natürlich auch seelischer) Not des Mitmenschen hat seine Wurzel in seiner erstaunlichen Empfindungslosigkeit gegen den eigenen Schmerz. So läßt sich auch die Gleichgültigkeit gegen den leiblichen Tod erklären, zugleich mit dem Glauben an die Geisterwelt, der eins der hervorragendsten Merkmale des Chinesen ist. Auch die schüchternste Bekundung der Absicht, Hilfe zu leisten, die Not des Nächsten zu lindern, die Härte und Grausamkeit des Schicksals von einem leidenden Nebenmenschen aufzuheben, erregt Widerspruch und Spott des Chinesen, der sich dann sofort daran macht, diese ihn lächerlich dünkende Charaktereigenschaft des Fremden nach Kräften auszunützen und zu egoistischen Zwecken zu mißbrauchen. Wie oft habe ich es erlebt, daß Herumstehende in helles Gelächter ausbrachen, als ich, um meinem Kuli das Hinaufschleppen meines Körpergewichts über einen steilen Pfad zu ersparen, aus der Rikscha gestiegen bin, um erst wieder einzusteigen, wenn es bergab ging. Freunde berichteten mir von Beweisen unmenschlicher Grausamkeit im unteren Volke. Verunglückte einer der Kulis, Teilnehmer an einer Expedition, unterwegs, so wollten ihn seine Mitkulis ruhig auf dem Wege liegen und verrecken lassen; Sache des Europäers war es, sich seiner anzunehmen. Dann ließen sich die Kulis mit Stockstreichen zur Hilfeleistung treiben. – Bei Schlägereien steht die Menschenmenge interessiert und fühllos, ohne sportliches Interesse, neben den sich Massakrierenden, die schließlich geschunden und blutend zwar, aber ohne nennenswerte Wut auseinandergehen. Verursacht aber ein Europäer Blutvergießen unter Chinesen, dann verhält sich die Sache natürlich anders. Aber auch das wird leicht vergessen und nur durch zielbewußte Agitation dem Gedächtnis eingeprägt. Ich habe von der Korruption, die in öffentlichen Ämtern, im Geschäftsleben (besonders seit dem Krieg) eingerissen ist, von den erpresserischen Manövern, die zum Teil den üblichen Modus des Kredits und der Zahlung abgelöst haben, nur durch Hörensagen Kenntnis erhalten. Was ich aus eigener Erfahrung zu den Geschäftsmethoden beisteuern kann, ist zu unwesentlich, um eine Ergänzung zur Kenntnis der unreellen Basis, auf der sich das Geschäftsleben dieses geizigen, eigensüchtigen, geldhungrigen Volkes abspielt, zu liefern. Eine 287 einheitliche Münze gibt es augenscheinlich in China nicht. Große Käufe sollen mit Silberbarren bezahlt werden – dem Seissie. Aber diese Zahlungsweise ist umständlich und unsicher. Der Tael ist nur nominell. Zwischen kleinen und großen Münzen, Silber und Nickel ist eine starke Kursdifferenz, beträchtliches, willkürliches und oft wechselndes Agio. Kupfermünzen kann man nur Bettlern geben; sogar der Rikschakuli nimmt sie ungern in Zahlung; und auch Silber- und Nickelmünzen werden nur dann angenommen, wenn sie den Farbstempel eines bekannten Handelshauses aufgedruckt tragen, als Gewähr dafür, daß sie echt sind und schon längere Zeit in der Zirkulation.   Ehe ich von der jahrtausendalten Gottesgeißel, die auf Kopf und Rücken des chinesischen Volkes fast ununterbrochen niedergesaust ist, dem Militarismus, spreche, diesem Gebilde, das eine Synthese all der schlechten Instinkte des Chinesen in Reinkultur aufweist, will ich von einer merkwürdigen Veranlagung des chinesischen Volkes berichten, die ich aus Büchern, Berichten, aber bis zu einem gewissen Grade auch aus eigener Anschauung kenne, da ich, wie ich schon in einem vorigen Kapitel andeuten konnte, ihr Wirken an manchem europäischen Individuum und Schicksal staunend wahrgenommen habe: das ist die Kraft Chinas, fremde Elemente zu absorbieren, durch Assimilation gewissermaßen in sich zu zerreiben und dadurch unschädlich zu machen. Im Laufe seiner Geschichte hat China ganze Völker, Nationen, Rassen verspeist, verdaut, ihre Kraft in sich gesogen und ihre Eigenart ausgeschieden, zuletzt die Mandschu. Ist ein so großer Weg von der Chinesierung eines einzelnen Individuums zur Assimilation eines Volkes? In der zähen Konstitution des unsentimentalen, irreligiösen, ganz und gar im Diesseits beheimateten Chinesen muß ein Element enthalten sein, irgendein geheimnisvoller magnetischer Wille, der alles Minderkonsistente anzieht, umgarnt, einschließt, fasziniert. Im Grunde ist das Selbstvertrauen in diese Fähigkeit auch eine der Ursachen, weshalb dieses starke, eigenwillige Volk fremde Bedrückung, ungerechte Verträge so lange erduldet hat und erduldet. Nicht wie der Inder aus Müdigkeit und Indolenz, Verwurzelung in einem entlegenen geheimnisvollen Jenseitigen, sondern, trotz seinem revolutionär egoistischen und 288 überlegenen Wesen, im Vertrauen eben zu jener assimilatorischen Kraft. Jenem monumentalen: » Mir kann nichts geschehen . – Warte, warte nur, ich bin mit der Mongolei, den Tataren, den Mandschu fertig geworden, ich werde auch mit diesen komischen, kleinen Parasiten in Schamien, ihren kläglichen Konzessionen, Reservationen und Fremdenvierteln fertig werden, ja, ich werde auch mit Japanern und vielleicht auch sogar mit den Russen über kurz oder lang fertig werden, sie verschlucken und weiter China bleiben, das jahrtausendealte Reich, das alle Formen der Zivilisation, Politik und Moral, Freiheit, Sklaverei, alle göttlichen, menschlichen, tierischen und wieder göttlichen Stadien des Menschheitsembrios durchgemacht hat, ohne unterzugehen, ohne einen Deut von seiner angeborenen Kraft und Herrlichkeit aufgeben zu müssen.«   Die chinesische Hydra Im Grunde wäre Chinas vitales Problem keineswegs gelöst, wenn es ihm auch gelänge, die fremden Mächte, die mit ihren Kriegsschiffen in seinen Häfen lauern, abzuschütteln. Ungleich wichtiger wäre es für Chinas Bestand, seine Bedrückung durch das Militär loszuwerden. Dieses Gebilde des chinesischen Militärs, das, aus dem Grundwesen des Chinesen erwachsen, dennoch wie ein Pfahl im Fleische der chinesischen Gemeinschaft sitzt, muß ein wenig näher betrachtet werden. Bei dieser Betrachtung will ich keinen historischen Rückblick geben, sondern bei dem verweilen, was ich selber gesehen, erfahren und erraten habe, in dieser merkwürdigen Zeit Chinas, in der sein gesamtes Leben eine Umwandlung, Aufwärtswandlung zu erleben scheint. Es wird berichtet, daß China bis zum chinesisch-japanischen Kriege, d. h. 1895, keine richtige Armee, kein Heer nach europäischen Begriffen besessen habe. Die meisten Soldaten der chinesischen Armee waren noch mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Erst um die Jahrhundertwende unternahm es Jüan Schi Kai, der damalige Generalissimus, spätere Präsident der Republik, die Armee zu organisieren, und zwar zumeist mit Hilfe deutscher Instruktoren. 1900 zählte die chinesische Armee erst 8000 Mann, 1904 bereits 72 000, zur Zeit des Weltkrieges 800 000, heute stehen alles in allem 1½ Million unter Waffen, die zum großen 289 Teil durch Besteuerung, willkürliche und räuberische Belastung des Volkes erhalten werden. Die Armee Tschang Tso Lins soll ¼ Million betragen, die Volksarmee, die Kuomintschun, die ihre Subsistenz aus reinlicheren Quellen, systematisiertem Steuerwesen gewinnt, zählte Anfang 1926 etwa 100 000 Mann. (Eine richtige Flotte besitzt China kaum. Ein einziges Schiff, ein alter Kreuzer von 1900, umfaßt 4000 Tonnen, alles übrige ist Kleinkram. Dafür aber besitzt China mehr Admirale als andere Länder geringerer Ausdehnung.)   Die Subsistenz der Armee! Schon im Altertum, im dritten Jahrtausend vor Christi Geburt, sang ein chinesischer Dichter aus der Provinz Szetschuan ein melancholisches Lied über die Militärhorde mit ihrem grausamen General, die das verarmte Land plünderte, aussog, das Leben des Bürgers bedrängte, die Städte zerstörte und die jungen Männer fortschleppte. Räuberbanden und zusammengerottetes Gesindel unter der Führung verzweifelter Verbrecher brandschatzten seit urewigen Zeiten das Land. Heute ist das nicht anders. Verfolgt man den Lebenslauf der großen Generale, so merkt man genau, daß, wie sich Militarismus aus Plünderungssucht und Mordtrieb, Armeen aus Räuberrotten, Generale aus Wegelagerern entwickeln. Der chinesische Militarismus zeigt am deutlichsten das wahre Gesicht des Militarismus überhaupt auf: Söldner, käufliche Parasiten, Räuber und Erpresser, geborene Feinde der Arbeit und des geordneten Daseins des Menschen; in der Gesellschaft ein verachtetes und gefürchtetes Gewerbe; der Soldat in China (wie der Schauspieler und der Barbier) der tiefsten Klasse zugerechnet. Disziplin gibt es wohl in einer chinesischen Armee. Ich erwähnte schon: kein Kadavergehorsam, sondern wirkliche Disziplin, und zwar auf die einfachste und erklärlichste Art und Weise der Welt. Bei einem Sieg der Armee nämlich stiehlt und raubt der General so gut wie der letzte Mann. Das hält die Körperschaft zusammen und bildet das gemeinsame Motiv, das gemeinsame Interesse der Aktion. Ob sie nun christliche Hymnen singen beim Vorübermarsch oder irgendein chinesisches Tipperary – Raub, Plünderung und Erpressung ist, was das Heer zusammenhält. In Provinzen, in denen der Militarismus besonders stark wuchert, wachsen herrliche weite Felder rot und üppig, z. B. in den Provinzen 290 Fukien, in Szetschuan; wo immer der chinesische Militarismus sich auf die Dauer eingenistet hat, blüht das Opiumgewerbe allen Prohibitionsmaßregeln und Aktionen zum Trotz. Opium und Militarismus sind sozusagen untrennbare Faktoren; das Militär bezieht aus dem Opiumhandel eine wesentliche Beisteuer zu seinem Unterhalt. Natürlich sucht man sich auch jener Landesteile zu bemächtigen, in denen man am leichtesten die Hand auf die Zölle und Abgabeeinkünfte legen kann, z. B. Schanghais und Tientsins. Die Rivalität der Generale bewegt sich eben um die Gewinnung der Revenuen, mehr um die Revenuen als um die zentrale Macht. Die zentrale Macht zu gewinnen, davor graut es dem siegreichen General einigermaßen. Wiederholt war Tschang Tso Lin, der Beherrscher der Mandschurei, so weit, die Hand auf Peking zu legen. Warum stoppte er die Aktion vor den Toren Pekings? Die Gründe sind evident. Wer die Macht über die Hauptstadt hält, ist gezwungen, eine Regierung einzusetzen. Wer eine Regierung einsetzt, ist gezwungen, mit den Mächten, die im Gesandtschaftsviertel ihre Vertreter haben, freundschaftlich-friedliches Einvernehmen zu erlangen. Weitaus einträglicher aber ist es, aus der Umgebung Pekings kleine erpresserische Mahnungen an jene Vertreter in der Gesandtschaftsstraße zu schicken, die den Vormarsch dann durch Barzahlung verhüten. Die Generale sind ja, wie allgemein bekannt, von den Mächten bezahlt und ausgehalten. Japan, Amerika, England, Frankreich (und wahrscheinlich auch Rußland) halten die wichtigsten Heerführer aus, bezwecken und bewirken mit beträchtlichen Geldunterstützungen eine allgemeine Zermürbung Chinas, um dann im psychologischen Augenblick mit einem gewichtigen Schlage ihre Interessenpolitik (oder in einem Falle Ideenpolitik) dem niedergebrochenen Lande aufzwingen zu können. Das ist die Erklärung aller bisherigen militärischen Aktionen gewesen. Man kann indes sagen, daß sich seit kurzer Zeit, besser gesagt seit einem Jahre, nämlich jenem Maitage in Schanghai, der Chinas Zukunft seine Wegrichtung gezeigt hat, die Verhältnisse geändert haben. Die chinesischen Generale sind (mit Ausnahme Feng Yü Siangs) größte Feinde des Bolschewismus, dessen Siegeszug ihnen allmählich die Macht aus der Hand winden, sie zu einer Unterwerfung unter eine zentrale Regierung zwingen wird, wie er das in dem konsolidierten 291 Süden Chinas, in Canton, bereits getan hat. Es liegt den Generalen natürlich daran, den Status quo möglichst lange aufrechtzuerhalten, auch die fremden Geldgeber in dem Glauben zu erhalten, daß man mit aller Energie und Konsequenz den Boden für ihre Interessen bereitet, – und daneben das eigene Volk bis aufs letzte Hemd zu berauben und auszusaugen. Tschang Tso Lin Man kann dabei kaum von einer feststehenden Einzelorganisation der im Bürgerkrieg feindlich gegeneinander stehenden Heere sprechen, viel eher von einer Hydra der Generale. Sowie nämlich einer von diesen Generalen, der an der Spitze einer formidablen Armee steht, gewisse Macht erlangt hat, Erfolge aufweisen und seinen ausländischen Hintermännern, Geldgebern vorführen kann, entsteht in seinem Stab der Trieb der unteren Generale, sich selbständig zu machen. Das geschieht auf folgende Weise. Hat Tschang Tso Lin sich durch Unterstützung Japans in die Höhe geschwungen, so werden seine Untergenerale unter der Hand mit Amerika oder England zu verhandeln suchen, um die Armee zum Dienst der Interessensphäre dieser Länder hinüber zu eskamotieren. Es hat daher gar keine Bedeutung, eine Betrachtung über den chinesischen Militarismus mit Namen von Generalen zu spicken. Was hat es zu bedeuten, daß momentan neue Namen wie Tschung Tschang Tschung, Li Tsching Lin usw. in aller Munde sind. Schlägt man der Hydra einen Kopf ab, wachsen ihr dafür zehn neue. Die neuen Köpfe sind unbekannte Größen. Man weiß wohl, daß sie von irgendwoher Geld bekommen haben, daß sie bestechlich und korrupt sind, aber das große Rätselraten will kein Ende nehmen: woher hat dieser neue Kondottiere sein Geld? was wird die nächste Phase der chinesischen Politik sein? Wu Pei Fu Die chinesische Politik! Zwei Generale kämpfen um Übermacht und Vorrecht in einer einträglichen Provinz. Ein dritter vereitelt den Sieg. Einige Male war dieser Dritte schon der »christliche« General Feng, jener General, dessen sauber gekleidete Soldaten jetzt zur Zeit meines Aufenthaltes in Peking die christlichen Hymnen in den Straßen singen und wahrscheinlich vier Wochen später sich raubend und plündernd zurückziehen werden, um vielleicht Tschang Tso Lin das Feld und die Stadt zu räumen – falls es nicht Wu Pei Fu sein sollte, der hier den Sieg erringen wird. 292 Das Lob Fengs habe ich in allen Gegenden Chinas und der Mandschurei singen hören, am schwärmerischsten von einem jungen chinesischen Beamten einer großen Bank in Mukden, einem christlichen Studenten, Mitglied der Y. M. C. A., der Christlichen Vereinigung Junger Männer, die in China energisch die Interessen des amerikanischen Ölkapitalismus verficht. Dieser sympathische junge Chinese, der mir ein ausführliches System der Fordisierung Chinas, d. h. einer Industrialisierung des großen Reiches nach dem ökonomischen System Fords darstellte, pries Feng geradezu als den einzigen berufenen Diktator Chinas. Er hatte in Philadelphia studiert und sah etwas von Amerikas religiöser Gesinnung (so sagte er, nicht ich!) und zivilisatorischer Energie in Feng verkörpert. Feng Diktator – der starke Mann von puritanischer Einfachheit, der unter seinen Mannschaften jede Korruption mit eiserner Strenge ausrottet, dessen Offiziere sich christlicher Zucht befleißigen, der überall, wo er Fuß faßte, Straßen bauen ließ, Siedlungen schaffte, Schulen errichtete, in denen der Tag, wie in seinen eigenen Kasernen, mit dem Absingen einer christlichen Hymne und mit Gebeten anfing!   Von anderer Seite aber hörte ich, daß Feng gerade der schlaueste, undurchsichtigste von allen Generalen sei, der am klügsten seine Intentionen zu maskieren, seine Hintermänner auszunutzen und im geeigneten Augenblick zu hintergehen verstand. Feng der Fuchs! Die Wahrheit wird wohl schwer festzustellen sein. Von den zweiundzwanzig Provinzen Chinas ist allein das nordwestliche Schansi vom Bürgerkrieg verschont geblieben; auch in anderer Beziehung ist Schansi eine Musterprovinz, blühend und kulturellen Einrichtungen und Neuerungen zugänglich. Manche Provinzen, im Zentrum Chinas gelegen, abseits von den großen Wasserwegen und daher fast außer der Welt liegend, in Geheimnis undurchdringlich gehüllt, sind, wie spärliche Kunde schauernd berichtet, durch Kämpfe, Massakers fortwährend bis zum Untergang erschüttert und vernichtet.   Ich erwähnte bereits, daß das Militär in China eine verachtete Menschenklasse darstellt. Groß war meine Überraschung daher, als ich in der kleinen, eine halbe Tagereise von Schanghai entfernten 293 Provinzstadt Sootschau, die ich bereits erwähnte, eine Straßenszene beobachten konnte, die mir einen ganz neuen Begriff von dem Verhältnis des Volkes zu den militärischen Machthabern vermittelte. Auf dem Wege durch eine kleine Bazarstraße wurde ich mit meinem Begleiter durch einen Zug aufgehalten, der uns vom andern Ende der Straße entgegenkam. Es war wie ein wüster parodistischer Wildwestfilm. Abenteuerlich aufgetakeltes Reitervolk auf wohlgenährten Rössern, junge Burschen mit Rauhreiterhüten, Lederhosen und mexikanischen Steigbügeln ritten vor einer Sänfte, hinter der wieder allerlei wildes und buntes Reitervolk, aber auch einige regulär uniformierte chinesische Kavalleristen klirrend dahertrotteten. In der Sänfte, auf die hinten eine zusammengerollte Matratze gebunden war, saß ein militärischer Würdenträger. Wir hatten uns an die Mauer gedrückt, um nicht unter die Hufe zu geraten. Der Würdenträger schoß auf uns einen raschen scharfen Blick im Vorüberwanken ab. Es war ein blasser, vornehmer Chinese mit lang herunterhängendem Schnurrbart. Er hielt die Hände vor sich gefaltet, und seine Lippen waren eng zusammengepreßt. Wo er vorüber kam, die ganze Straße entlang, stürzten aus ihren Läden die Kaufleute hervor und knieten vor den Schwellen ihrer Läden auf dem schmutzigen, feuchten Pflaster nieder: Kotau vor einem Mächtigen der Erde! Als ich dieses Erlebnis in Schanghai und Peking jungen Studenten und Professoren erzählte, wollten sie es mir nicht glauben, da es dem chinesischen Charakter so völlig entgegengesetzt wäre . . . (»Mögen sie mich hassen [verachten], solange sie mich fürchten!«)   Während der Neujahrswoche stand eine Nachricht in den Zeitungen Pekings: die Zentralregierung hatte auf die Eisenbahnfahrkarten einen Aufschlag für kulturelle Zwecke und Bildungsorganisationen, Schulen und Hospitäler verordnet – es waren in der Tat einige Millionen eingegangen, die dann von einem General, dessen Namen ich vergessen habe, mit eleganter Handbewegung für Kriegszwecke in die eigene Tasche weggeschnappt worden seien. Es ist mithin in der Tat vollkommen gleichgültig, ob es englische, französische, japanische oder amerikanische Usurpatoren sind oder einheimische uniformierte Räuber, die den Chinesen ausplündern. Die Generale werden auch auf den 294 Likin, den Inlandzoll, auch auf die Salzsteuern usw. die Hand legen, wenn keine ausländische Kontrolle sie daran verhindert. Vielleicht sind sogar die »Unterstützungen«, die den chinesischen Generalen von den Mächten zuteil werden, nicht allein Zuwendungen, die die allmähliche Zermürbung des Landes bezwecken, sondern auch Besänftigungsgelder, damit kein Mißbrauch von dieser Seite mit den Zöllen und vertragsmäßigen Abgaben geschehe! Auf alle Fälle kämpft das revolutionäre Intellektuellentum mit dem revolutionären Proletariat Chinas gleichzeitig an der Beseitigung der unerhörten Bedrängnis des Volkes durch die fremden Mächte und die dem eigenen Volke entstammenden Räuber.   In der Woche nach Neujahr hat der Flugsand aus der Wüste Gobi die nördlichen und östlichen Schützengräben um die Stadt verweht und zugedeckt. In der bitterkalten Woche, die den Februar beendet, fahre ich von Peking nach Tientsin, um mich nach Dairen einzuschiffen. In Peking herrscht Ruhe, ringsum im Land Ruhe. Friedlich geht jeder seinem Gewerbe nach. Aber schon zwei Stunden hinter Peking ist zu sehen, wie das Militär seinem Gewerbe nachgeht. Wir können nur langsam fahren, denn es sind große Züge, Lastzüge unterwegs. Die Fengarmee wird in die Kampffront gebracht, denn Tschang Tso Lin rückt vom Osten mächtig und mit großem Heeraufwand vor. Aber auch die Fengleute, die zweite Volksarmee, ist gut ausgerüstet. Sie haben zwar nur kleine Feldgeschütze, Mörser und Maschinengewehre, aber Mannschaften und Offiziere sehen frisch und kampflustig aus, sie führen in den offenen Frachtwagen Pferde, Kamele mit und Automobile, neu und von guter Konstruktion. Eine Stunde hinter Peking heben Soldaten Schützengräben aus. Wieder hat sich dieser furchtbare Sandsturm erhoben, der das Land in eine undurchdringbare Wolke von Gelbgrau hüllt. Allmählich verschwindet die Außenwelt um unseren Zug vollkommen. Jetzt, nach Aufnahme der Geschäftsverbindungen, nach Neujahr, ist die Frequenz der Eisenbahn wieder sehr stark geworden. In unserem Zuge ist jeder Platz besetzt. (Gott sei Dank, ich werde das Räuspern und Spucken nur noch ein paar Stunden lang hören. Hoffentlich 295 spucken sie in der Mandschurei und in Japan nicht so wild und ausgiebig wie hierzulande.) Aufmerksam und eindringlich werden die Fahrkarten kontrolliert, sogar zweimal hintereinander. Jedesmal gehen hinter dem Schaffner drei Soldaten den Zug entlang, ein Offizier und zwei geringere Chargen mit dem Gewehr auf dem Rücken und schweren Revolvern in ihren breiten Ledertaschen. Jedes Billett wird von vier Augenpaaren beguckt, acht Händen umgedreht, wahrscheinlich gegen das Licht gehalten. In meinem Wagen stimmt alles. Auf einmal – die Kontrolle ist eben vorüber, hält unser Zug mitten auf freiem Felde. Sollte der Krieg hier und in diesem Augenblick beginnen? Es wäre unangenehm, denn, wie verlautet, ist die Kriegführung der Chinesen seit dem letzten Zusammenstoß aus einem reinen Stellungs- und Davonlaufkrieg zu wirklichen Feueraktionen gediehen. Es handelt sich indes um keine Aktion außerhalb unseres rollenden Zuges, sondern im Zug selbst scheint etwas passiert zu sein. Man merkt das sofort, denn aus dem Nachbarwagen fliegt auf einmal ein großes Bündel die Böschung hinab. Wir stehen alle an den Fenstern und schauen zu, was nun geschehen wird. Dem Bündel folgt ein Mensch in großem Bogen. Offenbar durch einen Fußtritt befördert, fliegt er die Böschung hinunter dem Bündel nach und bleibt liegen. Unsere drei Kontrollsoldaten steigen, von weiteren zweien assistiert, aus dem Zug, springen die Böschung hinunter und packen den Menschen, der soeben seinem Kleiderbündel nachgeflogen ist. Einer packt ihn beim Halse, drückt ihm den Kopf in den Sand, zwei packen seine Beine, halten ihn fest, und nun liegt der Mensch auf dem Bauch mit dem Gesicht nach unten im Sande da. Einer von den Soldaten hat einen derben Knüppel in der Hand, den er, wie wir an den Fenstern – die anderen auf chinesisch, ich auf deutsch – zählen, 25mal auf den Hintern des liegenden Menschen niedersausen läßt, und zwar mit solcher Wucht, daß man das Knacken durch die geschlossenen Doppelscheiben hereinhört. Offenbar ist da einer schwarz gefahren und wird dafür braun und blau geprügelt. Armer Hund. Wird er diese Behandlung überleben? Regungslos liegt er da. Beim 24. Stockstreich wird man unruhig: werden es 50 sein, dann bleibt er liegen! Aber auch so, nach diesen 25, müßte es ein Wunder Gottes sein, wenn er ohne gebrochenes Rückgrat oder Steißbein davonkäme. Nach dem 25. Streich gibt der Offizier dem 296 Lokomotivführer ein Zeichen. Die vier Soldaten lassen ihr Opfer los, steigen rasch in den Zug, der sich in den Gelenken knirschend in Bewegung setzt. Der Mensch, der eben seine Strafe bekommen hat und den wir für halbtot hielten, krabbelt in die Höhe, faßt sein Kleiderbündel unter den Arm, grinst noch einmal zum Zug zurück und läuft, landeinwärts, als ob nichts passiert wäre, mit raschen Schritten davon. Harter Kerl. Hartes Land. Leb' wohl China.   Japan Blick aus dem Hotelfenster An einem nebligen Vorfrühlingsmorgen fahre ich, von Korea kommend, über die sinistre Seestraße Tschuschima nach Schimonoseki in Japan hinüber. – Neblige Inselberge schwimmen in der Bai. Vor dem Hotelfenster taucht ein Hügel im Morgennebel auf, mit einer dünnen Kette schräg wie hingeweht getuschter Föhren; flache Kronen, der dürre Stamm von harter Faust zur Seite gebogen – der Hügel selber ist nur in der Kontur erkennbar, schwärzlich und schwach einem durchsichtig grauen Hintergrund auflasiert. Luft geht durch den Hügel durch, die Bäume nur haben so etwas wie Realität – das ist Japans Atmosphäre, sein Realismus, sein Stil: Japans Kunst! Später steht die Sonne über der Bucht, steht im Nebel da, den sie rötlich färbt, sie ist halbiert wie ein purpurner Fächer. Der Hügel kleidet sich ebenfalls in die Farben der Wahrscheinlichkeit, die Föhren nur bleiben verkrümmt, dunkel und sehen wie Pilze aus, mehr wie dunkle Fliegenschwämme als Bäume. Das sind ja die wechselnden Ansichten der japanischen Künstler – die Ansichten der japanischen Landschaft von Hiroschige – die vielen Bilder, wir kennen sie seit den Goncourts! Und ich stehe am Fenster, bin noch gar nicht unten in Japan gewesen, habe aber schon gefühlt, was mich Europäer mit Japan verbindet. Es wäre unmöglich gewesen, die japanische Kunst in unser Kunstempfinden einzuschmuggeln, wäre nicht im Grunde eine so starke Wesensverwandtheit zwischen uns und diesem Volk im fernen Osten, gegenseitiges Entgegenkommen, kulturelle Verbundenheit, Gleichheit der Geschmacksgesinnung. Wir Europäer sind in diesem Fall die Empfangenden, die Japaner aber die Benachteiligten – denn was sich an europäischem Ungeschmack, europäischer Dutzendware, Fabrikschund auch der Sitten in dieses kultivierte Land des Ostens, das sich dem 298 Westen nur zu leicht assimiliert, eingeschmuggelt, eingefressen hat – nun davon später! Japans Stil war in der Atmosphäre Whistlers, als er die Battersea-Brücke malte, die in der Londoner Galerie hängt. Whistler hat Japan nicht nachgeahmt, es schwebt in diesen beiden Inselreichen, im Westen, im Osten, tatsächlich etwas Gleiches in der Atmosphäre. –   Als ich zum erstenmal, es war vor dreißig Jahren, norwegische Frauen kennenlernte, erkannte ich: Ibsens seltsame Charaktere sind realistisch gesehene, in die Atmosphäre des Nordens gestellte Abbilder realer Menschen. Stil ist das eindringliche Verspüren, die restlose Wiedergabe der Atmosphäre.   Die kleine japanische Stadt, Holzhäuschen, sauber und putzig, gelb und grau, auf kotige Straßen endlos hingepflanzt, niedere Dächer, Stroh, Binsen, gelbgrau, hellgrün. Hoch über den niederen Straßen gelbe Erdbrüche in entzweigeschnittenen Berglehnen. Darüber das stumpfe Dunkelgrün der Föhren. Tiefer unten auf den Wegen: graue Steintore, die Torii, auch rotlackierte Pforten, vor grünem Busch und Laub und Hainen, in denen sich ein Heiligtum befindet. Innen im Lande sauber gerichtete schnurgerade gereihte Reisfelder. Die schöne Binnensee, aus der sich Bergkegel durchsichtig grünlich-braun in blaugrau stählern schimmernden Gewässern widerspiegeln. Weiter draußen Kriegsschiffe, die manövrieren, Fesselballons hoch in der Luft, ziehende Wolken, nur in den oberen Schichten leicht violett getönt – o du mein wunderbares Hiroschige-Bilderbuch daheim im Schrank!   Und hier im Hotel, und draußen in den Straßen, und im rollenden Zug, und in den kleinen und großen überwältigend niedlichen Ortschaften, zwischen den gelbgrünen flachen Häuserchen, den grünen, zart erbsengrünen Feldern, dem dichtdumpfgrünschwarzen Wald: liebliche kleingewachsene bunte trippelnde Frauen, das Baby huckepack auf den Rücken gebunden, ein langschwarzhaariger Kinderkopf hängt auf die Schulter der dahintrippelnden bunten Mama, zwei krebsrote Patschhändchen halten sich am Halse der Mama fest, ihre wunderbar 299 komplizierte turmhohe geschwungene Frisur gerät dabei keineswegs in Unordnung . . . das klappernde Fürbaßgetripple auf Holzgestellen, kleinen zierlichen Pantinen, deren Geräusch der Ton der japanischen Stadt ist . . .   Erdbeben-Land Fährt man in dem geschwungenen Bogen des japanischen Inselreiches langsam nach Westen, dann nach Norden hinauf, so verwandelt sich die Lieblichkeit der Inlandseen, des Binnenmeeres, des Geländes allmählich zur tragischen Großartigkeit der Bucht von Yokohama: zerbrochene, geborstene, geplatzte Felsenberge, gelbgrau, zitrongelb, ganz hell das Innere der Erde offenbarend, glitzernd übereinandergelegte Schichten von Quarz, Löß, Spat, mitten darein stumpf gelbrot im Sonnenglanz rieselnder Tuff. Hier ein entzweigespaltener runder Berg, wie ein von Riesenhänden auseinander gebrochener Apfel, Schründe, Kerben wie mit fünf Riesenfingern aus dem Berginnern herausgekratzt, herausgerissen. Und auf diesen tragischen, zertrümmerten, von Erdbebenketten zerschütterten, zermalmten, immer wieder aufgeworfenen und aufgeworfenen Gesteinmassen: ein Gewimmel kleiner dunkler Pünktchen, die sich bewegen: Arbeiter mit Spaten, Hacken, Bohrern, Dynamitkapseln, die das zerklüftete Bereich des Fujiumkreises zäh und systematisch untermauern, glätten, sichern. Durch einen geborstenen Berg hat ein Strom sein Bett gebohrt. Schäumendes Gefälle rast in regellosen Schnellen durch das Widerstand leistende Gestein – da steht über Nacht errichtet ein Elektrizitätswerk, Überlandkraftwerk mit tausend dünnen Eisensäulen, auf denen geometrisch gezeichnete Stränge, Isolatoren, Drähte und Kabel sich begegnen, trennen und weit ins Land hineinlaufen. Das ist das Symbol der Energie dieses Landes. Aus einer Katastrophe über Nacht Kraft gewonnen, die Kraft, die das Leben treibt. Energisches Volk! Volk von heute!!   In den fünf Wochen, die ich in Japan verbrachte: vier Erdbeben größeren Ausmaßes, zwei von geringerem. Davon drei im Tokyogebiet, Yokohamagebiet, in dem ich wohne. 300 Diese Naturereignisse werden von der Bevölkerung nur wenig beachtet. Fast so wenig wie die unaufhörlichen Kriegshandlungen der chinesischen Generale vom Volke Chinas. In den Kinos, in denen ich viel Zeit verbringe (denn das japanische Kino ist das erste der Erde), vor den rührseligen, heroisch-tragischen Stücken, bei deren Vorführung der Erklärer in den dunklen Raum hinein- und hinunterschluchzt, bei denen ein Schneuzen, Gewimmer die Rührung des leicht zum Tränenvergießen geneigten Volkes verrät – Bilder, immer neue, von gestern, vorgestern zertrümmerten, zerschütterten japanischen Ortschaften, Gärten, Häusern. Kein Zeichen der Rührung begleitet diese Bilder der nackten Aktualität. Kein Seufzer, kein Schneuzen, keine Träne. Das Erdbeben ist ein alltäglicher Bestandteil des Lebens des japanischen Volkes geworden. Furchtbar der Anblick des einst so mächtig emporgebauten Yokohama. Heute ist es eine Bretter- und Budenstadt, kaum anders anzuschauen als eine junge, in den Kinderschuhen steckende Präriestadt mitten in den Wüsteneien Kanadas. Buden aus Brettern, eilig und oberflächlich zusammengezimmert, beherbergen die großen Schiffahrtsgesellschaften des Weltverkehrs, die mächtigen internationalen Banken, Verwaltungsgebäude . . . Die Rikscha fährt mich durch Straßen, die Straßen waren und heute nur mehr Phantome von Straßen sind. Zu beiden Seiten des Weges riesige Granitfundamente der Wolkenkratzer, die sich hier einst erhoben, heute nur wie knapp über dem Erdboden wüst abgebrochene Steinklötze, uneben zu schauen. Hier und da ein irrsinnig wirres Gebilde: graue hohe Pilaster, die in der Höhe verbogen gleich schmutzigen versteinerten Springbrunnen an dünnen wirren Eisenstäben dicke Betonklötze, im Fall versteinerte Tropfen herunterbaumeln lassen. Häuser aus armiertem Beton, für die Ewigkeit gebaut, und von einem einzigen scharfen gewaltsamen Ruck in Millionen Stückchen zersplittert, zerbrochen, craqueliert. Hier: ein wirrer, stockhoher, nach allen Seiten auseinanderhängender Trümmerhaufen, die Telephonzentrale, verbogene Traversen, in der Luft schwingende Zementblöcke – fast unmöglich, diese Haufen zu lichten, diese Trümmer wegzuschaffen. 301   Hifukuscho Was das Erdbeben übrigläßt, verschlingt in Japan das Feuer. Das japanische Haus scheint direkt auf Feuergefahr, als Feuerfutter gebaut zu sein – so scheint es dem Europäer! Es hat wohl eine gewisse Ähnlichkeit mit dem chinesischen, doch ist dieses aus Stein, die japanischen aber aus Holz, Binsenmatten, Papier. Eigentlich sind es Schachteln, Pappheime, niedliche Spielzeughäuschen, in denen Schiebetüren, Schiebewände fortwährend die Räume vergrößern, verkleinern. Die dünnen, hellgrünen Matten, sauber und zart, Kissen auf dem Boden, eine Matratze leicht zusammenrollbar: Schlafzimmer. Hier und da eine Truhe, in der die Kimonos, das Gut des Japaners, aufbewahrt werden. Latte, Bambus, Papier und Binsengeflecht, das ist des Japaners Wohnung. Der einzig konsistente und unverrückbar scheinende Bestandteil des japanischen Hauses ist ein starker unbehauener Baumstamm, der sich in dem zentralen Wohnraum des Hauses befindet. Er reicht vom Boden bis zur Decke. In seinem Schatten ist die Nische errichtet für das Kakemono, das lange, aufgerollte, auf Papier gemalte Wandgemälde, das in jedem japanischen Hause die fast religiöse Beziehung des Heimes zur Kunst des Volkes herstellt.   Die Brände! Die furchtbare Plage, schrecklicher als die Erdbebenplage Japans. In Tokyo eine heilige, von übermenschlicher Tragik umwitterte Stelle: Hifukuscho. Hier sind beim letzten großen Erdbeben 32 000 Menschen verkohlt; – dieser Ort war eine kleine Insel inmitten der brennenden Stadt, Brücken führten zu ihr hinüber, die, vom Wasser umgeben, die Baracke des Militär-Montur-Depots trug; dorthin flüchteten die 32 000 mit ihrem Hab und Gut, d. h. Kleidern und Bettzeug. Ein Wind erhob sich . . . Ein Wind erhob sich, Funken flogen in den hochgestapelten Haufen der aufgerichteten leichten Habe, im Nu brannten Baracke, Kleiderhaufen, Brücken, Menschen. Jetzt ist Hifukuscho eine Tempelstätte unter tausend ragenden Holzgedenksäulen; immer kommen Menschen hierher, um zu beten, um den Manen der Gestorbenen zu opfern; 302 sitzen auf den Bänken, starren auf den breiten leeren Platz, fühlen sich mit den Geistern verbunden, die hier schwebend verblieben sein mögen, denn das lehrt der japanische Ahnenkult . . . Man wollte die Asche der 32 000 Verbrannten mit Zement vermengen und hier einen riesigen Buddha errichten, ein entsetzlicher Gedanke! Er gelangte nicht zur Ausführung.   Tokyo Fuji, der heilige Berg, leuchtet an einem klaren Tage mit schneeigem Kegel über das sich unendlich hindehnende Tokyo. Mein Rikschakuli bleibt auf der Straße stehen, dreht sich nach mir um und zeigt mit dem Finger auf den Berg in der Ferne. Fuji San – herrlich leuchtet der von Schnee übergossene Kegel über der Stadt, Symbol und verehrte Gottheit Japans, Symbol seiner Schönheit und zugleich sein tödliches Schicksal. Fuji San Welch eine Lehre! Fuji, der feuerspeiende, Tod und Unheil über das Land bringende Fuji San – dieses Volk hat sich aus ihm, an dem es stirbt, seinen Abgott, den Inbegriff seines Schönheitsglaubens gemacht. Japan stirbt an seiner Schönheit. Daraus, woran es sterben muß, macht sich ein Volk seinen Götzen. –   Nur kurze Zeit, nur wenige Wochen in Japan. (So lange man mich in Ruhe läßt, von zwei Uhr nachmittags bis elf Uhr nachts, sitze ich in den Theatern, genieße, genieße, freue mich mit Augen, Ohren, allen Sinnen über dieses einmalige, unerhörte Wunder des japanischen Theaters.) Draußen, in den Straßen, setzt sich die Freude fort. Welch eine Buntheit, tobende Lebenslust, Lieblichkeit und zarte, doch gesammelte Kraft in diesem Volk! Tokyo ein Budenhaufen, eine unübersehbare Budenstadt, wie Yokohama, dessen Schicksal es ja geteilt hat, noch vertieft, noch verschrecklicht durch den Brand, endlos dehnt es sich zwischen den Kanälen und Wasseradern, den Hügeln und festen gemauerten Umrissen der Kaisergärten und Paläste hin. Eine Straße läuft quer durch die Riesenstadt, in ihr erheben sich wieder Wolkenkratzer aus Stein und jenem verhängnisvollen armierten Beton, öde Kasten mitten hingesetzt in das niedere Gewimmel der Buden und 303 Baracken, wie auf dem Broadway in Amerika. Übles Amerika, hergepflanzt in japanische Landschaft.   Sie sind stolz auf diese Absurdität und Abscheulichkeit, diese in anbetende Nachahmung westlicher Zivilisation versunkenen Japaner. Ihr unglaublich entwickelter Schönheitsbegriff, Schönheitskult wird langsam, stetig und unwiderruflich angekränkelt, angefressen, unterminiert und zermürbt durch diese Unstimmigkeit in ihrem Charakter. Fuji Yama leuchtet über den Greuel der großen wie Siebe durchlöcherten Wolkenkratzer der Hauptstraße Tokyos nieder. Er wird eines Tages mit diesen Kasten auch noch fertig werden. Aber inmitten der Wolkenkratzer bewegt sich, noch nicht amerikanisiert in seinem Aussehen, noch nicht gefälscht in seinen Sitten und Gebräuchen, ein ursprünglich und eigen gebliebenes Volk. Blickt man in die Höhe, so ist man erstaunt und verstimmt über das rohe, protzenhaft aufstrebende, buchstäblich in immer höhere Stockwerke strebende Japan. Blickt man aber vor sich hin auf die Straße, so wird allerorten der Blick gefesselt und der Sinn entzückt durch den Anblick der Lieblichkeit des japanischen Menschen, durch tausend kleine Einzelheiten einer liebenswerten Tradition, die so rasch nicht erdrückt werden kann, weder durch die niederreißende Naturgewalt des eingeborenen Schicksalberges noch durch die aufbauende Kulturlosigkeit der aufgepfropften fremden Einflüsse. Das japanische Straßenbild wird nicht so stark belebt durch flatternde schwingende bunte Fahnen, Reklameschilder, wie die chinesische Geschäftsstraße. Die Straßen sind nüchterner, auch spielt sich der Handel mehr innerhalb der Häuser ab als in offenen Läden. Wohl kann man zuweilen durch fortgeschobene Wände ins Innere des Hauses blicken, aber das ist nicht die Regel. Die Feuchtigkeit des Klimas verbietet zudem das freie Schaustellen leicht verderblicher Waren. Die Theaterstraßen der großen und kleineren Städte allein sind von einem steten Taumel und lebhafter Bewegung, von einer Atmosphäre freudiger Erregung und Phantasie belebt. In den großen Städten wachsen diese Theaterstraßen geradezu zu riesigen Vergnügungsparks, ganzen Stadtvierteln der Lust und Lebensfreude aus, wie in Tokyo, in Osaka. Da ist der Park Asakusa in Tokyo, der um den vielbesuchten alten und 304 schön erhaltenen Tempel der Liebesgöttin errichtet ist und aus langgedehnten Reihen von bunten Verkaufsbuden, Theatern und Kinostraßen allmählich zur Yoshiwara hinübergleitet. Jetzt aber will ich nur von einigen anmutigen Bildern, Erscheinungen der Straße reden, die uns die ganze Holdheit des alten, vom Westen noch völlig unberührten Japan vermitteln und Bedauern über die allmählich verlorengehende Eigenart des japanischen Straßenbildes einflößen. Der geringste Kuli trägt einen Leinwandkittel, auf dem ein wundervolles Ornament aus Buchstaben, Sinnbildern sein Dienstverhältnis zu seiner Firma oder städtischen Behörde oder seiner Gewerkschaft darstellt; auf seinem Rücken sitzt in bunten Farben auf blauem Grunde dieses Ornament. Die Kimonos der Männer bilden auf der Straße eine dunkle Folie zu den bunten und phantasievoll gezeichneten Kleidern, die die Frauen zur Schau tragen. Hier sind die Stoffe nicht so kostbar, wie auch die Zeichnung nicht so wild (und doch von einer die Grenze der Schönheit nie überschreitenden Bizarrerie) wie in China. Nirgends und niemals habe ich auf meinen Reisen mit so gutem Gewissen Postkarten gekauft, um mir später die Erinnerung an das Straßenbild, Szenen, Männer, Frauen und Kinder zurückzurufen, wie in Japan. Die ausdrucksvolle Buntheit der Drei- oder Vierfarbendrucke gibt ganz getreu den Eindruck der Kleidung wieder, wie wir sie an den Frauen und Kindern Japans wahrnehmen. Es herrscht ein naiver Schönheitskult in der Kleidung, der in mancher Weise von Riten bestimmt ist. Jedes Alter hat seine vorgeschriebene Farbe, das Kind, Rotchen genannt, darf ein knalliges rotes Kleid tragen, aber schon erwachsene Mädchen dürfen in ihrer Kleidung nicht die vorgeschriebene Nuance ihres Alters verletzen. (Ein rotgekleideter Mann wäre in Japan Zielscheibe des Spottes, wenn nicht der Empörung; rot ist die Farbe der Frauen und Kinder.)   In einem Park Tokyos opfert man einer Göttin kleine buntgekleidete Puppen.   Der Goldfischhändler geht vorüber. Er hat an einem Bambusstabe zwei große Holzschalen hängen, auf denen Glasbehälter mit schönen breitflossigen stieläugigen Schleierschwänzen schaukeln.   305 Bettler in Japan sind kein widerlicher Anblick. Es sind nur Mönche, die betteln. Sie gehen mit einem über den Kopf gestülpten Korbe durch die Straßen. Ein prächtiger Brokatfetzen hängt ihnen von den Schultern nieder, auf dicken Bambusflöten spielen sie eine schrille Melodie.   Der Pfeifenreiniger schiebt seinen kleinen Karren vor sich hin. Auf dem Karren befindet sich ein Kasten, aus dem eine Dampfpfeife zweierlei Töne, einen grellen, einen dumpfen, in die Gasse schmettert.   Ein Blick in die Bazare, in die Schaufenster der Hauptstraßen: erstaunlich, wie einfach und gering das Hausgerät des Japaners ist. Möbel hat er fast keine. In Wandschränken bewahrt er sein Gut, in Truhen; ein kleiner vergoldeter Hausaltar, vergoldete Buddhas, Kwannons; die rollenförmigen Wandbilder und Behänge, die kleinen viereckigen ausgehöhlten Holzstämme, in denen das Aschenbecken sich befindet; Eßstäbchen, Schreibzeug, kleines Schreibpult, kleines Putzgestell auf den Boden hinzustellen. Und dann die vielen Läden, in denen Bambus, Bronze und die unendliche Mannigfaltigkeit, die tausend kleinen Bestandteile der japanischen Frauenkleidung: Brokat und Tuch, Schnüre, Kämmchen, Roßhaarbäusche und Einlagen, die den Haaraufbau stützen, die Rückenlinie verschieben (seltsamer Schönheitsbegriff!), Spangen, Schleifen, Perlmutterstäbchen in kindlicher Verspieltheit ausgebreitet liegen! All das drängt sich dem Fremden, dem Besucher gewaltsam vor die Augen, so daß er das wahre, verheimlichte Gesicht des Japaners unter diesen bestechenden und bezaubernden Hüllen fast gar nicht sieht. Wenn er eine in einer Ecke sich verbergende junge schwangere Frau gewahrt oder eine andere, die, um eine kleine Unreinheit der Haut zu maskieren, krampfhaft ihren Fächer vor die kompromittierende Stelle hält, so meint er: da habe er das Geheimnis des japanischen Charakters am deutlichsten gesehen – es sei ängstliches Betonen des Schönen, Scham über Häßlichkeit, Entstellung. Niedlichkeit sei das höchste Gebot. Aber wenn er auch nur kurze Zeit sich in dem Lande aufhält, wird er wahrnehmen, wie täuschend und verwirrend, wie oberflächlich die Berichte jener Japanschwärmer sind, die den 306 europäischen Westen mit Lobhudeleien des allgewaltigen japanischen Schönheitskultes überschwemmt haben. Wie sehr es nottut, hinter der Lieblichkeit der japanischen Larve das krasse Antlitz des harten asiatischen Autokratenvolkes aufzudecken!   Haikara Über seiner Larve trägt ein beträchtlicher Teil des japanischen Volkes noch eine andere. Oft glaubt man sich inmitten einer Nation von Lupuskranken zu befinden. Was fehlt diesem Volk, daß jeder Zehnte ein schwarzes Watte- und Pappeschild vor Nase und Mund gebunden hat? Bei dem großen Hiroschige finde ich diese abscheuliche Vermummung keineswegs, sie muß also jüngeren Ursprungs sein, und ich ahne auch, was sie im Grunde ist. Diese da haben vom Westen als eine Errungenschaft der Wissenschaft und Kultur die Bazillenfurcht übernommen und schützen sich mit ihren abscheulichen schwarzen Schilden vor dem Gesicht gegen herumfliegende Bakterien. So wie sie Grammophone in ihre trommelartig resonanzkräftigen Holzhäuser schleppen und wie sie auf ihre Holzhäuser Antennen schrauben und etliche weitere Fetische des Westens zu den alten Götzen in ihre Häuser stellen. Ein Kapitel über die Hygiene des Ostens wäre gar nicht unangebracht. Man müßte es aber einem Soziologen, nicht einem Arzt überlassen, über die Angstzustände der Japaner zu schreiben, die den europäischen Fortschrittsbazillus verschluckt haben und noch unverdaut mit sich herumschleppen. Der Körper hat Gegengifte. Gut. Wer die übervölkerten Gebiete Indiens, Chinas, der Mandschurei und auch Japans bereist hat, muß ein fanatischer Gegner aller halben hygienischen Maßnahmen werden, solange die Geburtenzunahme durch natürliche Auswahl der Lebenstüchtigen und nicht durch Geburtenkontrolle geregelt und konterkariert ist. Die katastrophale Überbevölkerung des Orients! Und der Gespensterglaube an den Bazillus! Die Religion der Desinfektion! Trotz unglaublichen Mangels an den primitivsten hygienischen Vorkehrungen sind die Völker des Ostens geradezu aufgeschwemmt, platzen vor Übervölkerung. Die Gegengifte im Volkskörper! 307 Wunderbare Gebisse haben sie, diese Asiaten auf den japanischen Inseln. Sperrt aber einer oder eine den Mund zum Lachen auf, so sieht man das Geglimmer, Geglitzer von Goldzähnen. Auch dies der Westen. Warum Gold? Ein aufgesperrtes Maul mit Goldgeglitzer scheint hier nicht nur den Anforderungen der Hygiene zu entsprechen, sondern geradezu den Beweis für Wohlstand, Kultur und Kreditfähigkeit zu führen. Man schaut sich gegenseitig ins Maul und ist informiert. Zwischen die Stäbchen, mit denen man im Restaurant seinen Reis, Fisch und Gemüse hinunterschlingt, ist in der Regel ein kleines Zahnstöcherlein gebettet, es sieht aus wie das Kind der Eßstäbchen. Nach der Mahlzeit glaubt man vor einem Vogelkäfig im Zoo zu stehen, solch ein Gezwitscher erhebt sich ringsum, und dann tritt sogleich das nationale Instrument der Japaner, der Zahnstocher, in Aktion.   »Haikara«, die große nationale Unsitte, » high collar « – der Stehkragen, besagt einiges, was den Europäer in dem Land mit der alten wunderbar bodenständigen Kultur befremdet und verletzt. Ringsum, auf den großen Plätzen von Tokyo, sieht man Statuen stehen; abscheuliche Gehröcke, auf denen sich Orden häufen, bügelfaltige Hosen aus Bronze um zu kurz geratene, nach außen gekrümmte Admiralsbeinchen. Zumeist sitzt die Bügelfalte dort, wo sie eigentlich nicht sitzen sollte. Die Taille des Bronzegehrockes, unter dem Staatsmannskopfe, der soldatischen Heldenbrust, sozusagen schief gewickelt. Es erfreut das Auge, wenn es hier und dort, in den Parks der Stadt, das Ebenbild eines auf mähneschüttelndem Roß dahergaloppierenden Samurai aus Bronze gewahrt, oder aber auf hohem Sockel einen Freiheitshelden, der seinen, einer Tonne nicht unähnlichen Körper im Kimono zur Schau trägt – ich meine jenen Freiheitshelden mit der Bulldogge an der Leine im Uenogarten. – In einem der schönsten Privatgärten Tokyos, dem Hause des ehemaligen Präsidenten der größten Schiffahrtslinie Japans, kann man die bei Lebzeiten geformte Statue des Besitzers erblicken. – Kleiner Teich, geschwungene Brücken, lackierte Torii, Boskette aus Zwergbäumchen, gezackte Felsenstücke, ein Wasserfall – wunderbar japanisch dies alles, aber da steht er, Herr Asano, inmitten dieser Herrlichkeit, lebensgroß aus Bronze, im Gehrock, Stehkragen, Zylinderhut, 308 mit Handschuhen, Krückstock, ein leibhaftiges Konterfei der verlorengegangenen inneren Kultur des heutigen Japaners. Der Garten umfaßt das köstliche altjapanische Haus, voll der herrlichsten Schätze, aber es ist ein Museum, ein Schauobjekt für Fremde, nichts weiter, denn oben auf der Höhe des Gartens wohnt, in dem anderen, mit allen europäischen Scheußlichkeiten, Butzenscheiben, Plüschmöbeln, Messingkronen, Komfort der Neuzeit ausstaffierten modernen Hause die Familie Asano. Im Museum, dem japanischen Haus, das, älteren Ursprungs, mit seiner wunderherrlichen Wandbemalung, seinen Seidenstickereien, intarsierten Hölzern, zartesten Kakemonos einen unerhörten Schatz altjapanischer Rüstungen, Masken, Bronzen, Brokatgewänder, Bücher, Netzukes, Porzellane bewahrt, steht das rührende Bronzedoppelbild der Eltern Mr. Asanos – rührend die Tradition, wie Japaner alte Menschen darstellen: den Greis mit einem Rechen, die Mutter mit einem Besen in der Hand, beide auf hölzernen Pantinen und in weitärmeligen Kimonos – der Sohn aber hat bereits den Kult des Stehkragens angenommen – ade altes Japan. –   Die heiligen Stätten Japan lebt, uralt und doch neu, in frischen Farben und doch von Urzeiten her, in seinen tausend Tempeln bis auf diesen Tag weiter. Für den Europäer ist der Besuch der Tempel Japans keine Kleinigkeit. Nur selten findet er gegen Trinkgeld Filzpantoffel oder Stoffhüllen vor, in die er samt seinen Schuhen hineinschlüpfen kann. Zumeist muß er schon im Freien seine Schuhe ablegen und auf Socken durch die eiskalten Räume der Tempel laufen, über Binsenmatten, Holzböden und auch Marmordielen, Der Japaner hat es leicht: er trägt keine Schuhe, nur Socken, braucht seine Zehen nur aus der Schnur seiner Holzpantine herauszuziehen und ist sofort tempelfähig. Bei dem Europäer heißt es: Schuh ab, Schuh an, Schuh ab, Schuh an, – wie in China beim Besuch der Tempel: Tasche auf, Tasche zu, Tasche auf, Tasche zu. Fahre ich wieder einmal nach Japan, so nehme ich beizeiten ein Paar Filzpantoffel für die Tempel mit, außerdem aber auch noch Messer, Gabel und Löffel für das Restaurant, in dem es nur Stäbchen 309 gibt, überdies Klappsessel für die Theater, Kinos und Teehäuser, in denen man mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden zu hocken gezwungen ist.   Doch welch herrliche Tempelkunststätten auch im Freien! (doppelt genußreich, weil man hier die Schuhe nicht abzulegen genötigt ist!). Das Grab der siebenundvierzig Ronin auf dem Hügel bei Tokyo, kleine Steine, vor jedem Grab ein Opferstein, ein Becken mit verbrannten Opferstäbchen, qualmend noch, daneben in Steingefäßen ein kunstvoll gezogener blühender Zweig! Alte feudale Tradition, und doch wie sehr an unseren Friedrichshain mit den Gräbern der Revolution gemahnend! (Dann auch jener pathetische Bezirk auf der kleinen Insel der 32 000 Verbrannten!)   Daibutsu , der große Buddha, sitzt, aus patiniertem Grün gegossen, inmitten wunderbarer, künstlich gezogener und künstlich beschnittener, künstlich verbogener Laubbäume, grün in grün, im Orte Kamakura bei Yokohama. Der weise Bronzegötze, da sitzt er, das heilige Langohr, seine herrlichen Daumen berühren sich in tiefem Wissen um das östliche Geheimnis der Welt, so wie sich auf jenen Fresken im Vatikan der Finger Jahwes ausreckt nach dem ihm entgegengereckten Finger des erwachenden Adam. Händereibend, in die Hände klatschend stehen die Gläubigen im Gebet vor den Götzen ihres Glaubens. Sie rühren das dicke Seil, das von den schweren Bronzeglocken herunterhängt. Der Götze soll durch ihren Klang von der Anwesenheit und dem Gebet des Gläubigen unterrichtet werden. Welch galante Formen der Gläubigkeit, welche höfliche, sozusagen höfisch gesittete Anbetung, die man in Japans Tempeln wahrnimmt! Sie hat nichts mit dem geräuschvollen, unüberzeugten Hin und Her in den verfallenden Tempeln Chinas zu tun, die Marktbuden, Garküchen, Teehäusern ähnlicher sehen als Stätten des Gotteskultes. Und doch will es mir scheinen, daß der Buddhismus in Japan, inmitten dieses lebenbejahenden Volkes, völlig deplaziert ist. Wenn man die wunderbaren Kunstwerke betrachtet, die Japans Tempel darstellen, so kommt man zur Auffassung, daß der Schönheitskult im Mittelpunkt des japanischen Lebens stehen muß, soweit er sich mit 310 dem religiösen Bedürfnis des Volkes deckt. Nicht anders, als es etwa bei den Griechen der Fall war. Der japanische Tempel ist liebevoll gehegt, immer erneut, die Götterstatuen restauriert, der Lack kunstvoll frisch aufgesetzt, die Binsenmatten immerdar sauber gefegt, kein Stäubchen, kein Verfall, Pietät und verspielte Freude an dem geringsten Detail dessen, was im Tempelbezirk erhalten ist. Sauberes ordentliches Volk – und doch haltlos, und doch zerrissen zwischen seiner ungeheuren Tradition und dem Trieb, dem faszinierend Neuen des europäischen, des amerikanischen Heute zu unterliegen.   Tempel Nikko , eine liebliche kleine Stadt Japans, lebt von Pilgern und Fremden. Es ist an eine Bergschlucht hingebaut, mit zierlichen Häuschen, die offen stehen. Man kann ins Innere hineinblicken: da sind Läden mit den zahllosen Sächelchen, die um den japanischen Götteraltar herumgruppiert sind. Über den Wildbach, der die Tempelstadt Nikko von der Menschenstadt trennt, schwingt sich die weitberühmte, wunderbar rotlackierte Brücke. Auf dem Berge aber, dem Tempelberg – achtundvierzig Tempel. Übereinander, auf Terrassen, Bergabhängen, ins tiefe Grün der Zedern, in Abhänge voll Schnee gebettet, mit dem herrlichen Rot, Schwarz und Gold der Säulenportale, mit zarten Schnitzereien, geschwungenen Giebeln. Treppauf, treppab die Pilgerscharen, auf klappernden Holzpantinen, die sie ablegen, anziehen, achtundvierzig Tempel, nicht um einen weniger, einer glänzender als der andere, die Pracht des Lacks, das Zederngrün, ein unendlich reich geschnitztes Tor, das »Tagtor« geheißen, weil man einen Tag lang alle Einzelheiten bestaunen könnte, eine Berglehne voll Tempel, rechts und links und übereinander – monströs und kaum auszumalen!   Zum Wahnwitz gesteigert vollends diese Häufung von Kultobjekten, Tempeln, Göttern, wie eine Hysterie des Glaubensüberschwangs, im Mekka der Japaner: Kyoto. Sanyusangendo: ein Wald, eine Baumschule von bronzenen 311 Kwannons, eintausend gleichförmige, in spitz metallenen Glorienstrahlen reihweis dastehende, in Reih' und Glied methodisch hintereinander ausgerichtete Götterregimenter. Zehnmal hundert Götter in der Halle! Und eine Figur wie die andere! Barbarischer Götzenglaube, unbegreifliche Verwirrung des sonst so sicheren japanischen Geschmacks! Und unweit von diesem Tempel: der Fuchstempel Inari – mit seiner den Berg hinaufführenden, wie eine Gabel in zwei Zinken auseinanderstrebenden Allee von rotlackierten Torii, Tausenden dieser Tempeltore, aus einander zugeneigten Säulen geformt, die oben durch zwei, von Zapfen in der Mitte zusammengehaltenen Querbalken verbunden sind. Jedes dieser Tore ist mit einer Votivinschrift versehen, alle sind sie rot und schwarz lackiert, dicht hintereinander all die zahllosen – beklemmend, verwirrend die religiöse Barbarei, der nationale Fanatismus dieses unsere Zivilisationsform doch so emsig nachahmenden Asiatenvolkes! Aber an anderen Stätten breitet sich mit einem Schlage die Stille, die gotterfüllte Öde imposanter Bretterhallen aus. Chion-in , der alte Tempel Kyotos, leere Räume, nur mit wundersamen Wandmalereien, Wandschirmbemalung, Blumen, Reihern, Wolken, groß und alt auf Goldgrund, bezaubernd, wie hingehaucht. Die Proportion der Riesenräume, die nur mit Matten belegt sind, lehrt zugleich, daß das Maß allein genügt, einem Raum Bedeutung und Charakter zu geben, und wie sehr der Altar nebensächlich ist, wenn die Räume, in denen die Gottheit verweilt, den Sinn überwältigen.   Chion-in – das Knarren des breiten Eichentores, das ins Innere des Tempels führt –, hier klebt noch ein Rest von ältestem Aberglauben an den Angeln. Denn wer in den Tempel tritt und das Tor öffnet, lauscht aufmerksam und andächtig hin, ob beim Knarren ein lieblicher Ton die Gunst des Gottes verrät, den man dort drinnen anbeten wird, oder ob ein mißtönender Laut den Gläubigen von seiner Andacht abschreckt.   Am Ende meiner Reise habe ich die Tempel Japans nur mit halber Andacht besucht. Zu dem Glauben dieses Volkes habe ich keine 312 Beziehung, auch nicht die des Erschreckens, wie in den Tempeln Maduras, Benares. Keine, wie zu den Menschgöttermagazinen der fünfhundert Genien in Canton. Die Schönheit der Tempel Japans überwältigt den Fremden, verwirrt seinen Sinn, und er schreitet aus ihnen in den Alltag der kleinen japanischen Stadt zurück, verwirrter unter die Scharen dieses schwer durchschaubaren, gänzlich undurchsichtigen, praktischen und doch hingerissenen, in der Schönheit seines alten Kultes verwurzelten und zugleich blind in die Abscheulichkeit der praktischen Zivilisation des industrialisierten Westens herübertaumelnden Volkes. Reiner und überwältigender aber als in den immer frisch und neu lackierten, in ihrer ursprünglichen Schönheit wieder hergestellten Tempeln und Kultstätten Japans fühlt man die unauslöschliche Tradition, das ernste und doch zarte, tiefsinnige und doch liebliche Wesen der Gottesanbetung, des Naturkultes, Schönheitskultes, des Zeremoniells vor den Gewalten des weltlichen Lebens und der Elemente: in den geheiligten Tänzen, die einen bedeutsamen Teil des transzendentalen Daseins der Japaner ausmachen. An zwei Orten habe ich den überwältigenden Zauber dieser geheimnisvollen Mysterien der Bewegung empfunden: in Tokyo bei der Vorführung des Nô-Tanzes , in Osaka bei den Geishas, die den Tanz des frühen Lenzes, der ersten zarten Pflaumenblüte zelebrierten: Kono Hana Odori . –   Nô Wir sitzen in einer weiten hellen Scheune, in einer Vorstadtstraße Tokyos. Nur wenige Sitzplätze sind Fremden eingeräumt. Die Scheune ist voll von Japanern, Männern, Frauen und auch einigen Kindern, die alle auf dem Boden hockend dem Schauspiel beiwohnen. Den Abschluß der Scheune bildet ein Flur, ein Gang, eine offene Halle, kaum unterschieden von dem Raum, in dem wir sitzen, nur mäßig erhöht: es ist die Bühne, die Tribüne. Nô Langsam und gemessen, in viel zu weiten Seidengewändern, die mit herrlichen Mustern bestickt sind, kommen aus dem Gang Schauspieler auf die Bühne, in deren Hintergrund Trommler und Flötenbläser Platz genommen haben. Die Trommeln sehen aus wie große Stundengläser. 313 Die Trommler betupfen das Fell mit leisen zarten Berührungen der Handfläche, des Handballens. Sie sitzen da, wie erstarrt, wie versunken in irgendeinem Jenseits. Sie begleiten die synkopierten Modulationen des Flötenbläsers mit ihren kleinen dumpfen Taktschlägen, dazu hauchen sie pathetisch klagend, wie in einem Seufzer, von Zeit zu Zeit: Joku!!. . . Oku!! und zwar so, daß sie das O tremolierend aussprechen, langgedehnt, während die Silbe Ku an diesem O wie ein kleines in die Höhe züngelndes Schwänzchen kurz und scharf vibriert. Auch die Schauspieler, die, mit den traditionellen Masken des Nô-Spieles über den Gesichtern, vorn vor den Reihen der Zuschauer stehen, haben diese klagenden, bald dumpfen, bald schrillen, pathetisch synkopierten Laute, Ausrufe, Gesang. Alles ist langsam, gemessen, im Takt, in vorgeschriebenen Bewegungen, die zwischen Starre und sakraler Geste abwechseln. Manche von den Schauspielern kommen in ihren zu weiten und zu langen Seidenhosen, zu weiten und zu langen Ärmeljacken mit feierlich vornehmem Getue dahergeschritten. Die Arme, die Beine schleifen den Seidenstoff achtlos ellenlang nach. Andere starren mit ihren Masken, die lächelnd oder grotesk geschnitzt und bemalt sind, stundenlang ins Publikum hinunter, während nur das Spiel ihrer herrlichen Fächer langsam, über ihren Köpfen, unter dem Kinn, weiter agiert. Der Gesang erinnert in seiner Modulierung zuweilen seltsam an orientalische, russische, sogar an synagogale Liturgien. Die Bewegungen aber sind einzig; nirgends und nie gesehen; unvergeßlich dem, der einem Nô-Spiel zum erstenmal beiwohnt –   Die meisten unter den Zuschauern haben kleine Büchlein in der Hand, in denen der Inhalt des Spiels, das sich oben abrollt, angegeben ist. Alle aber kennen diese Stücke, den Inhalt dieser Spiele, ihre Tradition, aus lebenslanger Erfahrung. Es sind höfische, samuraische, religiöse Spiele der alten japanischen Geschichte, Stücke aus der alten Zeit Japans, Themen von schicksalhafter Bedeutung, Einmischung von Göttern und Dämonen in das Leben der Fürsten, der Ritter, des gemeinen Mannes, groteske Spiele auch, die das Leben des Bauers, des Fischers behandeln. Alles geht mit einer unerhörten Sparsamkeit der Bewegung, der Modulation vor sich. Eine Bewegung des Fächers 314 deutet an, daß der Mond scheint; der Ärmel zu den Augen erhoben, heißt: Wind bläst. Eine Blume pflücken, ein Netz aus dem Wasser ziehen, sich mit dem Schwert den Bauch aufschlitzen, dem Gott ein Opfer bringen, auf einem wilden Pferd einen Berg hinaufreiten – kurze, winzige Bewegungen, durch die Tradition vorgeschrieben, in staunenswerter Feinheit wiederholt und abgewandelt. Diese Wiederholung und Abwandlung ist es eben, was das Interesse an dem Nô-Spiel in dem kunstliebenden, der Tradition so inbrünstig ergebenen gebildeten Japaner stachelt: wie wird diese oder jene hundertmal gesehene Wendung im Spiel von dem Schauspieler diesmal dargestellt werden? Wie wird die Trommel, die Flöte diese, jene Geste begleiten? Der Zuschauer ist nicht nur Genießer, er ist auch unerbittlicher Richter. Er hat aber auch das Beste, Edelste, ja man kann sagen Erlauchteste an Schauspielertum vor sich, was Japans Schauspielerkunst und -stand aufweisen kann. Schauspielerfamilien gibt es in Japan, die seit Hunderten von Jahren der Nô-Bühne ihre Darsteller geben. Es ist eine hochangesehene Kaste. Ihr Leben verläuft sakral, ehrwürdig und der uralten Tradition getreu wie das Leben der Priester. Gesellschaften vornehmer Japaner, Klubs zur Erhaltung, Hochhaltung und Perpetuierung der alten Gebräuche, der Tradition des Nô sorgen für diese Schauspielerelite. Ein Nô-Spiel, eine Nô-Aufführung ist fast Gottesdienst; für den Fremden, selbst wenn er den Inhalt der dargestellten Spiele kennt, ein schwer begreifliches, absonderliches, in seiner Exotik verwirrendes, aber durch die Schönheit, den Ernst und die Vornehmheit des Zusammenwirkens von Laut, Bewegung und Farbe unvergeßliches Erlebnis.   Kono Hana Odori In der poesieverlassensten Stadt Japans, der Handelsstadt Osaka, einem Hafen mit Wolkenkratzerfront an der Wasserlinie, brutal amerikanischem Einschlag in das geschäftig bewegte Treiben der von Automobilen, Trambahn und Omnibussen durchschossenen Avenuen habe ich dem lieblichsten Schauspiel beigewohnt: dem Pflaumenblütentanz der Geishas. In einem Vorstadttheater, einem Bretterbau mit Matten auf dem 315 Boden des Zuschauerraumes, mit einer schmalen offenen Bühne, ebenso schmalen seitlichen Estraden, auf denen rechts zehn dunkelgekleidete, das Saiteninstrument Samisen zupfende Geishas, links aber ebenso viele bunt gekleidete Trommlerinnen und Flötenbläserinnen saßen, habe ich an einem strahlenden Märznachmittag diesen zauberhaften Traum Kono Hana Odori erlebt oder auch geträumt. Jawohl, zuweilen war's mir, als müßte ich mir nüchtern den Puls kontrollieren: wachst du, träumst du? Zarter Ansatz, kleine tupfende Schläge auf die Trommel, das leise zarteste Unisono der gezupften Samisensaiten, des gehauchten Gesanges auf den beiden Seitenestraden, auf denen, rechts und links, diese zehn dunkelgekleideten, diese zehn weiß und rot geschminkten Mädchen ernst und fast ohne Regung saßen! – – Unten im Zuschauerraum, Kimono an Kimono, gewöhnliches Volk. Jeder von uns im großen hellen Theater, durch das Sonnenlicht flutet, hat beim Eintreten eine kleine Schachtel mit Süßigkeiten bekommen. Leises zirpendes Saugen und Schmatzen wird als Begleitung zu der Musik der leisen zirpenden Saiteninstrumente vernommen. Oben auf der Bühne kommen und schwinden, bauen sich auf und verschieben sich die Bilder, Hintergründe, Kulissen der Jahreszeiten. Erst ist es kahler Vorfrühling, dann blüht das Land, ein Tempel, ein Bauerngehöft, ein Schloß erscheint, in dem sich ein Geisterkampf als Vision abspielt. Sonnenblumen, die aber Papierschirme sind, drehen sich, von den Bäumen weht rotes Platanenlaub, über eine geschwungene Brücke legt sich eine Schneedecke – und vor all diesem ein Auftauchen und Entschweben von menschlichen Ornamenten, in lieblich bunte Gewänder gekleideten, zierlich kleinen Mädchen und Kindern. Bewegungen und Gewänder sind dem Hintergrunde angepaßt, den wunderbaren Farben der Jahreszeiten entsprechend, alles, der Tanz, das Schreiten, die Auflösung und das Zusammenschmelzen der Gruppe, wie von einem Geigenstrich geregelt, der eine mit Sandkörnchen bedeckte Glasplatte entlangfährt. Kaum merkliche Körperbiegung, Aneinanderschmiegen feiner lieblicher weiß und rot geschminkter Gesichter, zimperlich anzusehendes Neigen des kunstvoll frisierten Kopfes auf dem kindlichen Hals, liebliches Spiel mit dem Fächer, dem Schirm, Trippeln auf hohen Pantoffeln, ein Sichentfernen, Zusammenfinden, 316 Niederknien, die Ärmchen, die Händchen auseinander Spreizen – das ist der Tanz der Pflaumenblüte, von dreißig oder auch vierzig, wer weiß vielleicht einem Halbhundert kleiner holder Geishas zelebriert – ja, man kann es nicht anders nennen, dieser Tanz ist wie eine heilige Handlung, dieses zarte unkonsistente Wehen, hauchhafte Hinschweben, Dahertrippeln der lieblichen, kleinen, ernsten Geschöpfe Schönheitsgottesdienst. Und sogar die mit Dreizack, Feuerbrand und Schilderschwingen schauerlich agierenden Dämonen hinter Schleier und fahlem Bühnenlicht – sie behalten diesen Zug von zartester Lieblichkeit. Stundenlang sitzen wir, schauend und genießend, beisammen, und wie ich, es ist noch Sonnenlicht in den Straßen, aus dem Theater hinausgehe, fühle ich mich diesem merkwürdigen Volk verwandter, als ich es vor Stunden war, ehe ich diesen Traum gemeinsam mit dem gewöhnlichen Volk geträumt hatte, das in diesem poesieverlassensten Hafenort Japans das weite Vorstadttheater gefüllt hat.   Geisha Man kann, bei großen offiziellen Festen, die sich in Theatern, Tempeln, auf der Straße (z. B. bei der Eröffnung eines Bahnhofes oder einer Straßenbahnlinie), in Parks, bei Banketten abspielen, der Geisha begegnen. Sie ist überall zugegen, wo Freude, Schönheit, Zeremonie und Tradition ihren Platz einnehmen in dem öffentlichen und privaten Leben der japanischen Gesellschaft. Kleine Geisha Der Geisha ist im Leben des Volkes eine bevorzugte Stellung eingeräumt. Sie ist Schauspielerin, Tänzerin ebensogut wie Priesterin. Priesterin der japanischen Schönheit, die ja, immer mehr kommt mir das zum Bewußtsein, zugleich Japans Religion ist. Sie ist die Hetäre Japans, Verkünderin und Spenderin der Lebensfreude, des von den Göttern dem Menschengeschlecht zugedachten Genusses. Als Kind ist sie von ihren Eltern schon diesem Beruf geweiht – der jetzt, da die Tradition dem modernen Geist des Amerikanismus zu weichen beginnt, seinen Sinn und Bedeutung ändert. Was ist die Geisha heute noch? Ihr Beruf hat bereits eine merkliche Beimengung von Prostitution erfahren. Aber dies ist im Grunde eine Profanierung des Begriffs Geisha, denn das Kind wurde ja von seinen 317 Eltern nicht verkauft, um den Lüsten irgendwelcher Mädchenjäger zum Opfer zu fallen, sondern es wurde seinem Beruf, der lange Vorbildung, Ausbildung und Durchbildung zur Meisterschaft erfordert, zugeführt, in die Hände gewiegter, kenntnisreicher und wohlwollender alter Frauen gegeben, ehemaliger Geishas, die Künstlerinnen waren und geworden sind und die nur so viel von der Kupplerin beibehalten haben, wie der Kunst der Schauspielerin, der Tänzerin von Erotik innewohnt. Es ist eine lange, sehr lange Schulung nötig, um die sakralen Tänze, die vielen hundert Tänze der Tradition zu erlernen, den Gesang, das Samisen-Spiel, das feine, leise Sprechen, die Zeremonie des Tee, den Kult des Teeservierens, den geistigen Schliff, das zarte Schweigenkönnen bei Anwesenheit geistreicher, kenntnisreicher, vornehmer Männer. Das Teehaus ist Klub zugleich, und nicht wenige offizielle Funktionen, Bankette, Besprechungen finden im Teehaus statt, in der Anwesenheit schöner, zarter, in herrliche Seidengewänder gekleideter Geishas, denen oft nicht verwehrt ist, ein Wörtchen mit ins Gespräch zu werfen, die nicht allein in den Pausen des Gesprächs oder während des Essens und des Ruhens hereingerufen werden, um ihre Tänze, ihre pantomimischen Spiele aufzuführen.   In Tokyo, von einem japanischen Studenten geführt, treten wir in eines der Teehäuser ein, die in der Nähe des Glückskwannontempels, unter Bäumen am Rande des Asakusaparks, sich aneinanderreihen. Wir lassen unsere Schuhe unten vor dem Eingang und werden in einen kleinen mit Matten belegten Raum hinaufgeführt, in dem nur ein niederes Tischchen und ein viereckiger, aus einem Baumstamm ausgekerbter Aschbehälter steht. Wir haben bei der Besitzerin des Hauses drei Tänzerinnen bestellt und hocken nun, unbequem auf dem Boden, ein bißchen frierend trotz der Glut im Aschbehälter, um das Tischchen, auf dem in einer zierlichen Schale heißer, die Zunge beizender Reiswein ist, Süßigkeiten, buntes, süßes Püree mit kleinen Schmetterlingspapieren, auf Zahnstochern in das Püree gesteckt, aufgebaut sind. Madame kommt und mit ihr eine ältliche Samisenspielerin, ein nicht sehr schönes, nicht mehr junges, in einen dunklen Kimono 318 gekleidetes Frauenzimmer, das leise vor sich hin hüstelt, teils infolge der Kälte, teils infolge des ausgiebig genossenen Reisweines. Nach allerhand Vorbereitungen wird endlich eine Wand des Zimmers beiseite geschoben, und es erscheint Miß Ja Jo I San, Miß Toku Jako San und auch No Siko San, die zarte, »das Zukunftskind«, ein zierliches liebliches Wesen von sechzehn Jahren, das aber wie dreizehn aussieht und das wir sofort und unwiderruflich »Baby San« benennen. Diese drei kleinen Geishas kommen in unseren Raum, um zu tanzen. Sie knien vor der Türe nieder, mit dem Rücken gegen uns, und schieben die Türe zu. Immer wenn sie das Zimmer betreten oder das Zimmer verlassen, müssen sie niederknien, zart und leise, das ist die Form der Begrüßung und des Abschiedes, sozusagen eine Opfergebärde vor der Türklinke – die aber hier bloß ein ovales Loch in der Wand darstellt, in Brusthöhe, und in das man zierlich zwei Finger steckt, um die auf leichten Rollen gehende Wand zu bewegen. Dann drehen sich die kleinen Geishas nach uns um, berühren mit der Stirn die Erde und lächeln uns zu, als sie mit ansehen, wie wir täppischen Europäer diese Bewegung nachzuahmen versuchen. Der Tanz der kleinen zarten Geishas ist ein leises Hin- und Hergleiten mit kleinen Gebärden, todernsten Gesichtchen, die Händchen, die Fingerchen Strecken, sich leise das Handgelenk, den Ärmel Betupfen, wieder Fingerchen Strecken, mit Händchen Winken, das Köpfchen schräg Biegen beim seitwärts Huschen, das kirschrot geschminkte Mäulchen Verziehen zum Spiel mit dem Fächer. Leises zirpendes Singen, ein wenig nur, kleine Zischlaute, kleines Glucksen, Schnurren, Schlucken und Schluchzen, ein paar kleine Kopftöne zum Samisengezupfe, unendlich zart, lieblich und dezent, ohne die Spur irgendwelcher Absicht, die Sinne zu reizen, ohne die Spur, daß Sinnlichkeit an der ganzen Handlung teilhabe! Dann setzen sich die Kleinen vor dem Tischchen nieder, nippen an unseren Reisweinschalen, stecken sich vorsichtig mit dem Schmetterlingszahnstocher süße violette Zuckerklößchen in den Mund, in dem Goldzähne blitzen, und beginnen dann ernst und mit scheuem Lächeln, das zu unseren europäischen Gesichtern herüberzuckt, allerhand kleine niedliche Dinge aus ihrem Täschchen zu kramen: kleinen Kamm, Lippenstift, Spiegelchen, Papierchen, 319 um sich darin zu schneuzen, Puderdöschen, winziges Visitenkartenetui, Zahnstocher – erstaunlich, wie viele Dingelchen solch eine kleine Geishapompadour enthält! Anhaltendes Staunen unsererseits – über die Lieblichkeit, die Zartheit jeder Geste! Durch unsere gerührte Freundlichkeit ermutigt, gerät Baby San in leises zwitscherndes Plappern. Unser Führer übersetzt. Sie erzählt von einem deutschen Mädchen, das hier vor einem Jahr einen Monat lang im Hause gewesen sei. Es war Miß Doctor San, Tochter eines Arztes, dreiundzwanzig Jahre alt, sehr blond und hübsch, leider starb sie schon nach einem Monat. Baby San wünscht jedem von uns ein Täßchen, die kleinen Reisweinschalen, aus denen wir eben getrunken haben, als Andenken zu schenken. Wir nehmen dankend an, lächeln, ahmen die schlürfende Bewegung, den schlürfenden Laut nach, der die Höflichkeitsbezeugung der Japaner ist, ja unsere Stirnen berühren den Mattenboden, und als wir zahm und höflich probieren, Baby San, Ja Jo I San, Miß Toku Jako San einen vorsichtigen Kuß auf die weißgeschminkten Wänglein zu drücken, da halten sie uns vorsichtig und ganz leise und zart ihre kleinen Gesichtlein hin. Sehr lange, bis in die frühen Morgenstunden, bleiben wir in diesem Teehaus am Asakusapark. Wie wir dann gehen, es ist bitter kalt, und es regnet, helfen uns alle drei kleinen Tänzerinnen, die Samisen-Spielerin und Madame unten in unsere Schuhe, und noch lange winken alle uns im Tore des Hauses stehend nach, wie wir, es ist das gar nicht so einfach, uns auf die Suche nach einem Auto machen.   In Kyoto, der herrlichen alten Stadt, lädt mich mein Freund, der gelehrte Professor der deutschen Literatur an der kaiserlichen Universität, ein, mit ihm den letzten Abend, ehe ich Japan verlasse, im Teehaus von Miß Sommer San zu verbringen. Könnte ich einen anmutigeren Abschied von Japan feiern als diesen, am letzten Abend mit meinem japanischen Freund, dem Professor der deutschen Literatur an der Universität Kyoto im Hause der Dichterin Miß Sommer San zu sein? Sie ist schon eine ältliche Dame, Miß Sommer San. In Japan kennt man sie. Viele junge Dichter, ältere Gelehrte, bildende Künstler und Studenten kommen in ihr Haus, denn sie ist ja Kollegin, und man weiß 320 außerdem, daß man hier die schönsten Räume, die zartesten Wandgemälde, die kunstvollst gebogenen Blütenzweige in den alten Porzellangefäßen, die herrlichsten Gewänder um die zierlichen Leiber der jüngsten und anmutigsten Tänzerinnen finden wird. Der Raum, in dem wir um den Aschbehälter sitzen, ist schön und einfach. Auf einem hellen Eichenbord steht als einziger Schmuck eine dunkelgrüne Vase mit einem Blütenzweig. Nicht weit davon hängt ein Kakemono an der Wand, mit zwei zarten, hellrosa wie hingehaucht gemalten Krevetten. Auf dem Tischchen beim Aschbehälter steht die Kanne mit heißem Sake. Er schmeckt nach süßen Gewürzen, und auch die Cakes in der Schale sind süß und gewürzt. Wir sprechen, da die kleinen Tänzerinnen mit ihrer Toilette noch nicht fertig sind, von japanischer Dichtkunst und deutscher. Herr Professor übersetzt mir das berühmteste Gedicht von Miß Sommer San. Es beginnt so: »Ein Zweig der Weide hat wie Frauenhaar das Wasser des Baches erreicht . . .« Ein Haikai , die traditionelle Form des japanischen Gedichtes, drei kurze Zeilen. Herr Professor läßt sich ein Blatt, Tusche und Pinsel geben und malt mit kunstfertigen Strichen das Bild der Weide, deren Zweig wie Frauenhaar in den vorüberfließenden Bach hinunterhängt. – Es ist sehr schön und leicht, Haikais zu verfassen. Ich strenge mich an und bringe eines zuwege, das ich aus Höflichkeit der Besitzerin des Hauses, der Dichterin Miß Sommer San dediziere: »Haikai – – In einer Zeile das Leid eines Lebens eingefangen, Und dann verweht und vergessen . . .« Herr Professor übersetzt. Da wird die Schiebetür leise aufgeschoben, drei kleine, in die wunderbaren weit berühmten Kyotogeishagewänder gekleidete Tänzerinnen knien mit dem Rücken gegen uns vor der Tür nieder, die zugeschoben wird. Dann liegen die drei kleinen Mädchen mit den Stirnen auf dem Boden, einen Augenblick uns begrüßend auf den Matten, erheben sich lächelnd und kommen heran, um sich bescheiden und ernst um den Aschenbehälter niederzukauern. Sie heißen »Fräulein Pfirsichblüte«, »Fräulein Zweites Kind« und Moto San, d. h. »Fräulein Quelle«. 321 Fräulein Quelle ist kaum dreizehn Jahre alt. Sie ist die beste von den dreien. Fräulein Zweites Kind hat müde Äuglein. Wir schicken sie schon nach dem ersten Tanz ins Bettchen. Sie geht betrübt, vielleicht beleidigt hinaus. Aber sie wird nicht weinen, denn das verträgt die Schminke nicht. Sie wird nur leise schnupfen und sich das Näschen mit Papier wischen. Aber Fräulein Quelle tanzt mit Ausdauer und großer Kunstfertigkeit zum Samisen-Spiel der ältlichen Freundin von Fräulein Sommer San den lieblichen Tanz des dünnen Frühlingsregens Haru Same . . . »Haru same ni tschipori Nu ru ru nu is no . . .« »Die Nachtigall ist vom Frühlingsregen naß geworden . . .« Herr Professor gerät allmählich in den seligen Zustand fortgeschrittener Lustigkeit. Leise singt er uns »Tipperary« vor, erzählt vom »Romanischen Café«, von einem Atelierfest in der Mommsenstraße, kopiert Moissi. Er ist nicht nur ein gelehrter Kenner der deutschen Literatur, sondern bewährter Freund der jungen deutschen Dichter. Es nützt nichts, daß ich ans Nachhausefahren mahne, denn es dürfte schon bald vier Uhr sein, und mein Zug geht in drei Stunden. Fräulein Quelle, Moto San, sitzt jetzt dicht neben mir, Fräulein Pfirsichblüte aber zart und hingeschmiegt im Arm von Herrn Professor. Ich wage eine indiskrete Frage, worauf ich die Antwort bekomme, daß »Knospenfrevel« ganze 500 Yen koste, eine Menge Geld! (»Knospenfrevel!!« Herr Professor beherrscht die deutsche Sprache bis in ihre zartesten Verästelungen!) Nachher telephoniert man an eine Garage, und, die lange, aus Holzhäusern bestehende Teehaus-Straße erschütternd, rattert ein Car durch die nächtliche Stille. Die gesamte Einwohnerschaft von Miß Sommer Sans Haus steht abschiednehmend vor der Tür. Von Segenswünschen und winkenden Tüchern begleitet fahren wir den kleinen Kanal entlang hinauf in das Viertel um die Universität Kyoto. Aber nicht nur Segenswünsche und Abschiedsgrüße, auch Geschenke und Andenken begleiten mich. Miß Sommer San hat mir einen großen weißen Fächer geschenkt, auf den sie ihr Gedicht mit zierlichen Pinselstrichen aufschrieb, die drei kleinen Tänzerinnen aber, Fräulein Pfirsichblüte, Fräulein Zweites Kind und die kleine Moto San, Fräulein Quelle, mit kindlich zagen Pinseln die Zeichen ihrer Namen 322 verewigt haben. Ich entfalte heute, nach Monaten, diesen Fächer. Bei jedem Namen finde ich einen kleinen roten Fleck – dort haben Fräulein Pfirsichblüte, Fräulein Zweites Kind und Fräulein Quelle mit ihren roten Mündchen das weiße Papier geküßt . . .   Es ist sehr schwer, mit Herrn Professor zu verhandeln! Ich möchte mich an den Kosten dieses schönen Abends beteiligen, denn ich weiß ja, akademische Funktionäre sind, wie Intellektuelle überhaupt, in Asien wie in Europa, ja auf der ganzen Welt nicht auf goldenen Bastmatten gebettet. Herr Professor will aber von einer Teilung der Kosten nichts wissen, denn ich bin ja sein Gast. Ich ahne, daß die Kosten außerordentlich groß sein könnten! Man schenkt im allgemeinen für die Stunde jeder Tänzerin und jeder Sängerin oder Samisen-Zupferin fünf bis zehn Yen, es waren ihrer vier Mädchen, und die Vergnügung dauerte etwa vier Stunden! Herr Professor aber behauptet, er könnte, selbst wenn er wollte, die Kosten nicht berechnen, denn er habe ja bei Miß Sommer San ein Jahresabonnement! . . . Er vertröstet mich darum mit der Aussicht, daß ich ihm in Berlin, in der Mommsenstraße etwa, Revanche geben werde!   Yoshiwara Die Yoshiwara ist ein sehr wesentlicher Bestandteil jeder japanischen Stadt. In der ersten, die ich sah, Schimonoseki, waren buchstäblich ganze Straßenzüge, Haus an Haus, Frauenstraßen. Die Schwesterstadt Moji, über dem Sund, hatte ebenfalls einen gewaltigen Stadtteil, in dem Frauenhaus an Frauenhaus sich reihte. – In Osaka, in Kyoto, in Yokohama, Stadtteile, Hunderte von Häusern – Yoshiwaras! Die berühmteste von allen, die Yoshiwara Tokyos, ist beim Brande nach dem Erdbeben vollkommen zerstört worden. Sie ist an der alten Stelle wieder erstanden, zählt einige hundert Häuser aus leichter Holz- und Papierkonstruktion, unterscheidet sich aber von der alten Yoshiwara dadurch, daß die Frauen nicht mehr in Käfigen, unten an der Straße, den Passanten ausgestellt werden, sondern daß in jedem Flur große, sehr gute Photographien der in den Häusern tätigen Mädchen 323 aufgehängt sind. Zumeist ist unter diesen Photographien die kleine Steingutfigur eines Glücksgottes, des dicken langohrigen Glücksbabys der japanischen Göttermythe, inmitten von Blumen, Vasen, Zweigen und Goldfischbehältern aufgestellt. Im Tor eines jeden Hauses sitzt, in einer Art Loge, ein Hausknecht, der die Passanten mit Händeklatschen heranruft und mit dem man endlos feilschen muß, ehe man ihm das Eintrittsgeld übergibt, das von 7 Yen bis 100 variiert. In jedem der Häuser ist ein hübscher Garten, ein Brunnen mit Kupferbecken für das Säuberungsbedürfnis, alles ist zierlich, blank und neu, in zarten Farben mit viel Geschmack eingerichtet. Schiebetüren lassen, um die Galerie im Stockwerk, die einzelnen Räume sehen, in denen man unter den jungen und älteren, ernsten und lachenden, bunten mit komplizierten Frisuren, weiß und rot geschminkten Gesichtern, auf hohen Schuhen herantrippelnden Geishas seine Auswahl treffen kann. Wie kleine Kinder sind viele von diesen Mädchen anzusehen, dabei verhüllt die japanische Tracht die Formen des Körpers so vollständig, daß Vollerblühte von Zarten und Unentwickelten nach dem äußeren Aussehen gar nicht zu unterscheiden sind. Etwas furchtsam, erst später vertraulicher werdend, aber ihrem Schicksal ergeben und dem starren Blick der Madame gehorchend, schreitet die kleine Dirne dem Fremden voran in das Lustgemach, in dem eine dicke, bunt gemusterte Daunendecke auf den Bastmatten ausgebreitet ist. Ein Kopfhalter aus bemaltem Holz zum Schutz der komplizierten Frisur des Mädchens und ein rundes Daunenkissen für das Ruhebedürfnis des Mannes machen die ganze Möblierung des Raumes aus. Halt: noch etwas. In jedem Haus Radio, Lautsprecher in Tätigkeit. Die halbe Nacht, in all den Hunderten von Häusern, während die zehntausend Bewohnerinnen der Yoshiwara sich ihren Obliegenheiten unterwerfen, tönt es süß und schmelzend in italienischem Tenor: » Che gelida manina . . .« (in der Oper ist Stagione, man gibt Puccinis: »Bohême« . . .)   Und wieder beim Abschied das ganze Haus unten beim Tor; während der Kassiererhausknecht einem in die Schuhe hilft, tiefe Verbeugungen der Mädchen, tiefe Verbeugungen der Madame, tiefe Verbeugungen auch unsererseits! 324 Und dann kilometerweit durch die Straßen der Bordellstadt, die sauber, blitzblank und neu, von Doppelreihen von Bogenlampen erhellt, sich am Rande von Asakusa hindehnen.   In meinem Hotel, dem berühmtesten und vornehmsten Tokyos, ist Tanz. Um fünf Uhr nachmittags vollführen die Amerikaner und Amerikanerinnen vom gestern in Yokohama eingetroffenen Weltreiseschiff Foxtrott und Charleston. Staunend sitze ich daneben. Gegen diese Art zu tanzen ist alles, was ich bisher in Europa, ja in China und der Mandschurei gesehen habe, harmloses Kinderspiel. Japaner und Japanerinnen tanzen mit. Man sieht ihren Bewegungen an, daß sie sich Zwang antun; die asiatischen Körper sind für diese Negerverrenkungen ungeeignet. Jazz ist bei Gott eine Erfindung, die am anderen Ende der Welt gemacht worden ist. Man wird das bald zu fühlen bekommen! Denn schon am nächsten Tage spielen die Musiker in dem Saal um fünf Uhr nachmittags das Largo von Händel und das Ave Maria von Gounod! Entrüstet erkundigt sich das Publikum bei dem Manager nach der Ursache dieser Wandlung. Gestern war Polizei da, hat die Namen der tanzenden Japaner und Japanerinnen aufgeschrieben. Heute aber, in aller Frühe, erschienen Beamte des Innenministeriums beim Hoteldirektor und drohten mit Konzessionsentziehung, falls sich der Nachmittagstanz in den Formen wiederholen sollte, die hier seit dem Auftreten der amerikanischen Weltumsegler üblich sind. In den englischen, von amerikanischem Gelde gespeisten Zeitungen Tokyos wird lautes Gezeter erhoben: So ehrt ihr eure Gäste?! Das ist der Willkomm, den Japan seinen amerikanischen Freunden bereitet? Im Parlament, der »Diät«, aber: große Polemik, erregte Debatte, die Regierungsparteien verwahren sich gegen die Tänze, die die alte keusche Tradition des japanischen Volkstanzes schänden und zu vernichten drohen. Die Opposition entgegnet höhnisch: Seit wann seid denn ihr die Hüter der Moral des Landes? Seit wann sind die Heerführer eurer Partei solch keusche Verteidiger der japanischen Ehre? Bordellbesitzer, Interessenten an der Yoshiwara, hier in Tokyo, in Kobe, in Osaka, das seid ihr!! Der Nachmittagstanz im Imperialhotel wird ein politischer 325 Skandal, reißt die Gardine von der japanischen Schande weg, so daß sie vor dem belustigten Europäerauge nackt und schamlos daliegt. Diese sauberen Parlamentarier, Bordellkonzessionäre und Yoshiwarastadtväter fürchten einfach die Schmutzkonkurrenz des Charleston, die ihren Geschäften Abbruch tun könnte!   Nichts mehr von Politik!! Nur vier Wochen in Japan und möglichst viel davon in dem unbeschreiblich beglückenden, beseligenden japanischen Theater. Nichts von Politik! So wenig wie möglich von Politik! Diese Kontroverse in der Diät über Fünfuhrtanz im Hotel, Grundstück- und Handelsinteressen im Bordellviertel, Opposition oder Regierungspartei als Hüter der japanischen Volkstradition – war genug (wobei ich nicht ganz sicher bin, ob ich richtig berichtet habe, ob nicht etwa die Herren von der Opposition die Bordellkonzessionäre waren, die Führer der Regierungsparteien die Aufdecker!); gleichviel, vier Wochen genügten, um schaudernd einen Blick in den mefitischen Sumpf der japanischen Politik zu werfen und dann mit zugehaltener Nase und weit aufgerissenen Augen schnurstracks ins japanische Theater, das göttliche, zu entlaufen. –   Schon in den ersten Tagen, die er hier verbringt, ja, bereits in den ersten Stunden seiner Anwesenheit auf japanischem Boden bemerkt der Fremde an unerquicklichen Symptomen; einer ungesunden Wißbegierde, Neugier, Indiskretion, Zudringlichkeit das Wesen der japanischen Politik. – Spionage zieht um ihn immer engere Netze. Er wird ausgefragt, interviewt, umschnüffelt. Von Journalisten, Detektivs, allerlei Agenten belauert. Unter der Maske der Ehrerbietung, mit der man dem distinguierten Ausländer naht, wird er auf Herz und Nieren geprüft, werden ihm die Würmer aus der Nase gezogen, wird er über tausend wesentliche und nebensächliche Dinge ausgeholt. Man kann dieser Belästigung kaum entgehen. Ironie bleibt unverstanden. Grob darf man nicht werden. Man sieht sein Bild in den Blättern. Man ist ein bunter Hund geworden. Man hat auf Fragen nach Rußland, nach China, nach Hindenburg, nach d'Annunzio, nach 326 dem Zustand der Tempel in Peking, nach den Stiefeln der Fengarmee, nach der Influenzaepidemie in Bombay, nach dem Untergang des Abendlandes und dem Aufstieg der gelben Rasse, unter der selbstverständlich nur der Japaner gemeint ist, Antwort zu erteilen. (In der Yoshiwara hat man einen Fragebogen ausfüllen müssen, auf dem die Rubriken: Nationalität, Wohnort, Alter und ähnliches verzeichnet waren und nur die wichtigste fehlte, nämlich: ob man etwa geschlechtskrank sei oder nicht!) Was bedeutet diese asiatisch übertriebene Wißbegierde? Ist es allein Haikara? Will man vom Fremden lernen und schnüffelt seine Befähigung zum Vorbild aus? In diesem Land, in dem alle Methoden Europas und Amerikas inbrünstig nachgeahmt werden, könnte man auf die Vermutung kommen, daß man aus Harmlosigkeit, aus der Freude am Neuen, an dem Ausländischen, das dieses Volk beherrscht, Tag und Nacht seine Ruhe und Behaglichkeit einbüßen müßte. Der wahre Grund aber ist: man wittert in jedem Fremden mehr oder weniger einen politisch unbequemen, verdächtigen, irgend etwas geschickt und tückisch verheimlichenden Eindringling. In China: ungeschminkte, eingestandene Korruption – in Japan: dieselbe Korruption, zudem noch Heuchelei. Korruptionsskandale, von denen man Stichproben machen kann, wenn man auch nur kurze Zeit sich im Lande aufhält; mächtige und populäre Führer der Parteien, die schamlos den Geheimfonds der Armee bestehlen; Nachahmung europäischer und amerikanischer Bräuche auch darin, daß ein Korruptionsskandal für die Beteiligten nicht tödlich abläuft, sondern sogar noch den Nimbus beträchtlichen Reichtums um das schuldige Haupt hinterläßt. –   Die Kommunisten und Anarchisten massakriert, gehängt, erschossen. Ihre Familien vernichtet. Die Geheimpolizei, vor der man keinen Schritt sicher ist: ein ungeheuerer Prozentsatz der Behörden und der vom Staat unterhaltenen Funktionäre des an sich armen Landes. Eine neue, staatlich genehmigte, von den Feudalreaktionären gewünschte und ins Leben gerufene »Arbeiterpartei«, der, wie zum Hohn, der Name einer proletarischen aufgeklebt ist und die im Grunde keine andere Funktion haben wird, als eine Scheidewand zwischen den 327 Feudaladel, das Bürgertum, die bestehenden politischen Parteien und andererseits das wirkliche Volk, das wirkliche Proletariat, die entrechteten, verelendeten, grollenden unteren Schichten Japans zu schieben, die in der »Diät« nicht vertreten sind, nicht vertreten werden dürfen, deren Recht, ja Existenz so lange verleugnet wird, bis einmal eine Explosion der Welt enthüllt, was unter dem mühsam aufrechterhaltenen Gleichgewicht Japans sich in Wahrheit verbirgt. –   Japan laboriert an unheilbaren Problemen: dem Problem seiner Wirtschaft – und dem Problem seiner, vom starren Festhalten an traditionellem autokratischen Feudalismus und von der Sucht, westliche Zivilisationsform nachzuahmen, zerrissenen, zerklüfteten inneren Existenz. Japan hat eine Industrie: die Seidenindustrie. Einen Abnehmer: Amerika. Japan hat keine Rohstoffe, muß sie aus China, aus der Mandschurei holen – und Korea, das zwischen Japan und der Mandschurei liegt, wird von einem rebellischen, dem Japaner infolge systematischer Unterdrückung bis aufs Blut gehässigen Volk bewohnt. Die Notwendigkeit, Rohstoffe sich aus chinesischem Gebiet zu holen, gebietet Japan, eine starke Flotte und Armee zu unterhalten, und beide fallen der schwer kämpfenden Industrie Japans zur Last. Die Kosten trägt das immer tiefer ins Elend sinkende Proletariat des Landes. – – Das Kaisertum, der Kaiserkult, der Kaiser-Ahnenkult ist dem Japaner identisch mit seiner Kultur überhaupt. Gibt er sie auf, so zerbricht er seine Kultur, zerschmettert er das Fundament seiner nationalen Existenzberechtigung. Andererseits aber dringt die westliche, europäische, amerikanisch-imperialistische Staatsform, die sich den wirtschaftlichen Bedingungen anzupassen strebt, immer stärker in das Bewußtsein Japans ein. An diesem Zwiespalt kann Japan zugrunde gehen. Es kann sich nicht entscheiden, wird zerrieben zwischen einander widersprechenden feindlichen Tendenzen. Vielleicht rettet einmal ein verlorener Krieg dieses Land. – Aber, wie gesagt: Kein Wort mehr von Politik!! – – 328   Theater In dem himmlischen japanischen Theater, das für den Europäer ein Erlebnis bedeutet, wie der Orient deren nur ganz wenige zu verschenken hat, ist Sinn und Essenz all des Schönen, Erhabenen, Eigenen eingeschlossen, das Japan dem Fremden und seinem eingeborenen Volke aufbewahrt. Ein Ausruhen der Sinne, des Herzens und des Verstandes von dem wirren Getümmel des öffentlichen Lebens ist in den weiten, feierlichen, von einer Atmosphäre der Andacht erfüllten Theatern Japans wohl zu erreichen. – Ehe ich aber von diesem Erlebnis der japanischen Schaubühne spreche, muß ich ein paar Sätze dem chinesischen Theater widmen, das ich in Canton, Schanghai und besonders in Peking besucht habe.   Chinas Theater erinnert bezwingend an das Gebilde der Shakespeare-Bühne. Das Tun und Treiben der nicht auf die Szene Gehörenden, zwischen den agierenden Darstellern; die Gestaltung des Schauplatzes; die Männer, die Frauenrollen spielen, usw. Das chinesische Theater ist eine Kuriosität, für uns Europäer als Kunststätte völlig unverständlich; seine Darbietungen fast ungenießbar. Weitaus unverständlicher noch als die befremdliche, verwirrend undurchsichtige Rasse der Chinesen, die sich in ihrem Theater einen Ort der Freude, der Erholung, der Pflege ihres Schönheitskults, ihrer Kunsttradition geschaffen zu haben scheint! Das chinesische Theater beruht und lebt zum großen Teil von Akrobatik; nicht allein des Körpers, auch der Stimme. Die weit ausschreitenden, ausholenden Gebärden des chinesischen Männerspielers, die zarten, zimperlichen Falsettöne, Flageolettöne, die der Männer- und der Frauendarsteller von sich gibt!! In einem Park Pekings sah ich an einem glashellen Februartage vier Männer bei einer sonderbaren Verrichtung. Sie hatten ihre Pelze abgelegt, standen vor einem kleinen Teich, im schneidenden Frost, und turnten. Breitbeinig dastehend, wiegten sie ihre Körper in rhythmischen Bewegungen. Dies sah so aus: die Arme bogen sich wie langsame Schlangen leise und zart erst nach links, hoben sich bis zur Gesichtshöhe, schlängelten sich nieder bis zu den Knien, ganz leise und zart, 329 plötzlich aber schossen sie nach rechts, mit einer solch rapiden, blitzgleichen Boxerbewegung, als wollten sie einen unsichtbaren Gegner, der sich durch die zarte Langsamkeit ihrer schlangenhaft geschmeidigen Bewegung in Sicherheit lullen ließ, heimtückisch niederschlagen! Diese abwechselnd langsamen und gewalttätig schnellen Bewegungen wiederholten sich innerhalb einer Viertelstunde – solange konnte ich im kalten Sonnenlicht den Männern frierend zusehen – in etwa zwanzig Varianten. Aber immer dieses Nacheinander von graziöser Langsamkeit und rapidem Stoß. Ich hörte von meinem Dolmetscher, daß die Vier Schauspieler eines der größten Theater Pekings wären. Am Abend sah ich sie dann agieren. Es waren Akteure des Tiwutai-Theaters unten im chinesischen Stadtteil Pekings. Chinesische Schauspieler-Eleven kommen von der Himmelsmauer Und eines Morgens, außerhalb des Tores Tien-Men, begegnete ich einer Prozession von niedlichen Knaben, die mit rotgefrorenen Nasen, aber mit Fächern in den Händen, hinter einem alten Mann im Gänsemarsch rasch der Stadt zutrippelten. Es waren Theaterkinder, junge Schauspieleleven, und sie kamen von dem weit außerhalb der Stadt liegenden Himmelsaltar daher, und zwar von ihrer allmorgendlichen Stimmübung. In der Nähe des Himmelstempels nämlich befindet sich eine hohe Ziegelmauer. Vor dieser Mauer üben junge und alte Schauspieler täglich in den frühen Morgenstunden ihre Stimme: hier zwitschern, miauen, minaudieren sie in den Fisteltönen, die der Schönheitsbegriff des Chinesen, seine Auffassung von Theaterkunst von ihnen verlangt. Warum gerade vor dieser Mauer in der Nähe des Himmelsaltars? Die einen meinen, es sei dort eine außerordentliche, ja mysteriöse Akustik wahrzunehmen, die der Stimmbildung zur Hilfe komme. Andere aber meinen, diese Übung vor der Himmelsmauer habe einen geheimen Grund in religiösen Vorstellungen. Das chinesische Theater verfügt über eine Anzahl feststehender Typen. Sofort, wenn ein chinesischer Schauspieler die Szene betritt, verrät sein Gang, sein Kostüm, sein Kopfschmuck und die Bemalung seines Gesichtes Stand und Charakter. Die Generale und großen Feldherren tragen hinter ihren wunderbaren bunten Brokatkostümen viele kleine bunte Fahnen auf den Rücken gesteckt, fast wie ein Pfauenrad. Haben sie auf ihrem kostbaren, schillernden Kopfschmuck noch 330 eine riesige dünne Paradiesvogelfeder befestigt, die in breitem Bogen hinter ihnen daherwippt, so will das besagen, daß sie über ferne, barbarische, mandschurische, nördliche Heere gebieten. Wenn sie einen langen Stab mit vielen kleinen Roßhaarbüscheln in der Hand schwingen, so bedeutet dies, daß man sie sich hoch zu Roß vorzustellen hat. Pantomimisch steigen sie, diesen Stab schwingend, mit realistischen Gebärden vom Pferde ab und besteigen es dann, ebenfalls mit wunderbar realistischen Gebärden, vor den Augen der Zuschauer, denen der Stab mit den Roßschweifen als Phantasievehikel genügt. Männer mit rotbemaltem Gesicht und langen Bärten sind menschliche Wesen, die Tscheng und Tsching. Die letzteren aber können auch ein buntes, weiß, rot und schwarzes Muster über ihre Gesichter gemalt tragen – dann muß man sie als Dämonen ansprechen. Kreideweiß Geschminkte sind Intriganten. Mit einem weißen Schmetterling quer über die Nase und die Backen Bemalte sind komische Personen, Rüpel. Die Schauspieler, die Frauenrollen darstellen, haben ein herrliches Spiel mit ihren weiten Ärmeln; zierlich strecken sie ihre zarten Fingerchen, zierlich biegen sie ihren zarten Hals, schlagen die Lider sinnig über ihren Äuglein auf und nieder, quiekend kommen zimperliche Laute aus ihnen heraus, synkopierte Laute in hoher Fistel. Sitzen sie um einen Tisch herum, auf dem Tee serviert ist, so kann man sich kaum sattsehen an der Lieblichkeit ihrer Bewegungen: wie sie eine Tasse zum Munde führen, einander die Süßigkeiten reichen, usw. Für uns Europäer geradezu unertragbar: die Begleitmusik. – Die Bühne ist voll von Theaterarbeitern, Besuchern, Schauspielschülern, kommenden und gehenden Personen – jeder tut was ihm gerade beliebt, unbekümmert um das Spiel – in einer Ecke aber hocken die Musikanten, die einen ohrenbetäubenden Spektakel, ohne jede Rücksicht auf die Schauspieler, die gesprochenen oder besser gezirpten Quieklaute, auf kurzen Geigen mit drei Schafsdärmen, auf Trommeln, Gongs und Trillerflöten vollführen. Selbst wenn man Chinesisch verstände, würde man kein Wort hören, so laut gebärdet sich die Begleitmusik. Zuweilen hat man vollends den Eindruck, daß die hohe schrille Fistelstimme der Schauspieler nur den Zweck hat, das höllische Gefiedel, Getrommel, Gedudel und Gonggetöse der Musikanten für Augenblicke durchzubohren. (Diese Musik ist mongolischen 331 Ursprungs; die chinesische Tonleiter, die man ja bei uns auch aus Mahlers herrlichem »Lied der Erde« kennt, geht unseren Ohren lieblicher ein.) Mei Lang Fang in Zivil und als »die Prinzessin« Nur ein einziger, bevorzugter Schauspieler der Chinesen hat mit der Barbarei dieser »Musik«, wenigstens für die Zeit, während er auf der Bühne steht und zu sprechen hat, aufgeräumt. Es ist der weit über China hinaus berühmte Frauendarsteller Mei Lan Fang. Ein Mann, von dem es heißt, daß er der größte Schauspieler der chinesischen Bühne sei. Ich sah ihn nur in kurzen Stücken, die einen insipiden Inhalt hatten und kaum etwas anderes vorstellten als eine halbe Stunde Gelegenheit für den kostbar gewandeten, mit unendlich zierlichen Bewegungen sich vorwärts und seitlich windenden Komödianten, zart daherzuschweben, zarte synkopierte Fistelschreie auszustoßen, verschämt errötend sein hold geschminktes Gesicht hinter dem Ärmel zu verbergen, vor einem Götteraltar betend, und, auf seinen Faltenwurf bedacht, niederzusinken und sich zum Opfer zu erheben, ein Brautkleid von übertriebenem Prunk zu produzieren und ähnliches. Er hat den Höhepunkt seiner Kunst bereits überschritten, ist reif zum Export. Man wird ihn wahrscheinlich bald in Europa sehen, und er wird sicherlich eine Sensation der Päderastenmilieus der Weltstädte werden. Ich traf ihn mit seinem deutschsprechenden Sekretär: er ist ein eleganter Mann von etwa vierzig Jahren; Gesicht und Gestalt klein, zierlich und knabenhaft geblieben. –   Die chinesischen Theater unterscheiden sich schon durch ihren Zuschauerraum wesentlich von den japanischen. Als ich zum erstenmal in einem chinesischen Theater saß, es war in Canton, und zwar in einem Theater, in dem merkwürdigerweise nur Frauen spielten (das chinesische traditionelle Theater kennt sonst nur Männerschauspieler, auch für die Frauenrollen, hier aber, in Canton spielten Frauen auch die Männerrollen) – da konnte ich mir in den ersten Minuten gar nicht das sonderbare Herumfliegen von weißen Möwen im Zuschauerraum erklären! Im chinesischen Theater wird gegessen, getrunken, geschwätzt; Kinder schreien, machen über die Brüstung der Logen Pipi, man besucht sich von Rang zu Rang, ruft sich durch das Theater an – und da der Chinese gewohnt ist, nach seiner Mahlzeit Gesicht, Kopf, 332 Hände und wohl auch Brust und Bauch mit einem dampfend heißen Handtuch zu wischen, so bedeuteten die weißen Möwen, die durch den Zuschauerraum flogen: Handtücher , die man geschickt dem herumgehenden Kellner an den Kopf nachwarf, nachdem man sie benutzt hatte. Traf solch ein Handtuch den Kellner, so wurde die Geschicklichkeit mit »Hallo« belohnt.   Gleich am ersten Abend, den ich in Tokyo verbrachte, war ich in einem Vorstadttheater am Asakusa-Park. Es war ein Theater fünften Ranges; man zahlte ganz geringes Eintrittsgeld; das Publikum bestand in der Hauptsache aus Kulis. Aber welch ein Unterschied gegen das chinesische Theater! Ich war nach diesem ersten Abend dann, sooft ich nur konnte, in den Theatern der Städte Japans, in denen ich mich gerade befand, in kleinen, mittleren, in den ganz großen und berühmten. Überall herrschte Sauberkeit, Ruhe, absolute Konzentration der Menschen, unbedingtes Miterleben der Stücke; gedämpfte Heiterkeit, wo es sich um Possen, laute Rührung, wo es sich um traurige Vorgänge handelte. Kein Schwatzen, eher ein ausgiebiges Schneuzen – nachher lag der Boden ringsum voll von kleinen Papierfetzchen, denn das Taschentuch ist ja in Japan unbekannt, man schneuzt sich in ein kleines viereckiges Papier, das nach dem Gebrauch weggeworfen wird. Da die Theateraufführungen, die aus sechs, sieben kurzen Einaktern (Szenen aus Tage währenden Stücken) bestehen, von nachmittags zwei bis nachts zwölf Uhr dauern, und man ungern auch nur eine halbe Stunde versäumt, sind im japanischen Theater die Zwischenakte recht lang, und man verbringt sie in den weitläufigen, an die Theater anschließenden Eßhäusern und Bazaren. Im Theater selbst wird nicht gegessen, wird nicht diskuriert, herrscht Stille und Andacht. Für den Teil des Publikums, der auf europäische Weise zu sitzen gewöhnt ist, sind Bänke aufgestellt; der weitaus größere Teil des Publikums aber hockt auf einheimische Art, in den Logen und Rängen und auch im Parkett, auf dem mattenbedeckten Fußboden. Hier und da mag es indes geschehen, daß der Nachbar oder die Nachbarin in der Sesselreihe, in der man sitzt, die Holzpantoffeln ablegt und, ohne den Blick von der Bühne zu wenden, sich auf dem Sperrsitz hockend niederläßt. Der Frauendarsteller schminkt sic 333 Auch des japanischen Schauspielers Kunst besteht zum großen Teil aus Akrobatik. Der erste Einakter, früh am Nachmittag, ist in der Regel ein » Dammari «, eine Pantomime, die Menschen, Dämonen und Tiere in einem finsteren Wald im Kampf gegeneinander darstellt. Der Kampf im Finstern, der eine tiefere Bedeutung besitzt, als es den Anschein haben will, gibt Anlaß zu wunderbar gelenkigen und äußerst geschickten, Kühnheit und Schulung verratenden Bewegungen. Im Dammari treten sämtliche Schauspieler auf, die dann an dem langen Nachmittag und Abend in den verschiedensten Stücken beschäftigt sind. In diesen Stücken kommen zuweilen ebenfalls Tanz- und Ballettszenen vor, die sich von unseren europäischen eben durch jene Beimengung von wilder Akrobatik unterscheiden und vielleicht nur in dem russischen Ballett eine Parallelerscheinung besitzen, Eine wunderbare Szene in jenem Asakusatheater, von dem ich eben sprach, eine Szene, die mir ewig unvergeßlich bleiben wird, zeigte an, auf welche Weise sich in dem japanischen Theater Körperübung mit Sinn verbindet. Die verführte Tochter eines hohen Kriegers will, von ihrem Liebhaber verlassen, sterbend die Glocke im Tempel noch einmal rühren. Mit einem Holzstock schlägt sie nach der Glocke, die aber hängt zu hoch, und nun sammelt der Körper all seine rasch versiegenden Kräfte, um mit dem Holz, höher als die tödliche Verwundung es zuläßt, hinaufzulangen. Es ist ein unerhörtes Schaustück, bei dem einem der Atem vergeht. Ein offenbar mittelmäßiger Schauspieler gab diese Samurai-Tochter, aber doch war es ein Höhepunkt der Schauspielkunst überhaupt, der hier einem erschütterten, laut und hingerissen schluchzenden Publikum vorgeführt wurde. In einem anderen Theater, einem der größten Tokyos, das bezeichnenderweise den Namen »Schimbashi Embujo«, d. h. »Tanzplatz im Stadtteil Schimbashi« führte, sah ich eine groteske Pantomime im Stil des Nô, in dem drei Krüppel, ein Blinder, ein Taubstummer und ein Rumpfmensch, agierten. (Nur noch im Moskauer »Habima-Theater« sah ich ähnlich Großartiges, Groteskes, im Bettlertanz des »Dibuk«.) Die Bühne des japanischen Theaters schafft dem Schauspieler Gelegenheit genug, sich auszutoben. Sie ist eine breite, niedere Vertiefung, vor der in den Zwischenakten abwechselnd herrliche Vorhänge hängen. Eine breite, niedrige Bühne, die wohl unbeschränkten Raum 334 für horizontale Bewegungen gewährt, aber nicht für die Höhe. Gruppenbildungen, vertikal und nach oben gerichtet, sind unmöglich. Sollen Engel schweben (im »Federkleid«), wirkt es unwahrscheinlich und widersinnig, Die Drehbühne, die bekanntlich von den Japanern erfunden ist, funktioniert auf diesen breiten Bühnen hemmungslos. Der Raum der Bühne ist unerhört reich und mannigfaltig eingeteilt, wie ja überhaupt die Japaner aus dem Raum ein Bedeutungsvolles, ja man könnte sagen Heiliges, ein Idol zu gestalten verstehen! Spielt eine Szene im Innern eines Hauses in einem bestimmten Zimmer, so stellt die Bühne nicht (wie auch durch die Raumverhältnisse bestimmt in Europa) dieses Zimmer allein vor, sondern das Zimmer steht inmitten anderer Zimmer in einem Haus, dessen Vorderwand fehlt, das Haus steht in einem Garten, den ein Zaun umgibt, der Garten steht an einer Dorfstraße mit anderen Häusern, weiter hinten sieht man einen See oder einen Tempel, auf dem Dach einer Scheune wächst Gras und Blumen, im Hintergrund geht das Volk des Dorfes seiner Beschäftigung nach, im Hause selber aber, in dem das Drama passiert, bewegt sich das Hausgesinde, von den Vorgängen in dem Zimmer bestimmt, aber doch frei und ungezwungen. Die Szenerie ist nicht einheitlich; Gewänder, Geräte, das Haus, alle Requisiten, die Bäume, der Rasen, das Strohdach sind zumeist realistisch, der Hintergrund aber stilisiert: See, Wolken, die Ferne wie einer Tafel, einem Blatt Hiroschiges nachgezeichnet. Und nun vollends der Blumenweg . Als schaffe die ungeheuere Wahrhaftigkeit, Mannigfaltigkeit des Bühnenraumes noch nicht das volle Abbild des wirklichen Lebens, verlängert die japanische Bühne des Schauspielers Wirkungsgebiet noch bis tief in den Zuschauerraum hinein. Quer durch diesen Zuschauerraum, im rechten Winkel zur Bühne, zieht sich der erhöhte Laufpfad bis ins Vestibül hinaus. Er ist in den neuen Theatern mit Glühlichtern von unten beleuchtet. Stellt die Bühne eine Winterlandschaft dar, so liegt auf dem »Blumenweg« ein weißer Filzteppich. Über ihn kommen aus dem Vestibül, pathetisch oder im Alltagstrott, die Schauspieler langsam auf die Bühne zugeschritten. Über ihn fliehen, laufen, stürzen oft, in entgegengesetzter Richtung, die Menschen, die auf der Bühne ihr Schicksal erlebt haben, quer durch die erregten Zuschauer – wohin? Hinaus in die Welt, dem Unbekannten 335 zu! Denn das ist der tiefe Sinn des »Blumenweges«. Auf ihm, über ihn kommt und geht das unbekannte Schicksal, naht das Verderben, das den Schauspielern auf der Bühne noch bevorsteht. Die neue Bestrebung des russischen Theaters, einen Zusammenhang zwischen der Bühne und dem Zuschauer zu konstruieren, mit dem Sinn: Tua res agitur – dort oben, das bist du! es geht um uns alle! – hier ist es naiv und sinnfällig realisiert. Hat man das Glück, in der Nähe der Bühne und auf einem Platz in der Nähe auch des »Blumenweges« zu sitzen, so kann man das herrliche, unerhört ausdrucksvolle Mienenspiel des japanischen Schauspielers bewundern. Die Verzerrungen des japanischen Schauspielerantlitzes, die Schmerz, Wut, Tod, Kampf, von der leisen Andeutung des Ahnens bis zum gräßlichen Schielen der unterliegenden zerschmetterten Menschenseele, zu versinnbildlichen verstehen, sie beginnen schon im Vestibül, eine Mitwisserschaft des Zuschauers bereitet die Steigerung der Vorgänge, die nachher auf der Bühne sich abrollen werden, auf dem »Blumenweg« vor. »Der Gefangene« Und was dann auf der Bühne in der Tat geschieht, wird erhöht durch die die Handlung begleitende Musik. Denn ohne Musik kommt auch die japanische Bühne mit ihrem unbeschreiblich tiefen Realismus nicht aus. Links ist die Dekoration der Szene von einem Gitterwerk unterbrochen, hinter dem Trommler, Flöten und Geigenspieler sitzen. Rechts aber, ganz auf der Seite der Bühne, sitzen auf einem erhöhten Podium, das eine kleine Bühne für sich vorstellt, zwei Sänger und zwei Samisenspieler in dunklen Gewändern. Die Sänger mit Pulten vor sich, auf denen der Text des Stückes sowie ihr eigener Gesangstext liegt. Und während auf der Bühne die Dialoge der Schauspieler sich in natürlichen Tönen abwickeln, begleiten die Samisenspieler mit leichtem, leisem, zartem Spiel, die Sänger aber mit modulierten Tönen, oft schluchzend, wenn die Handlung es erfordert, oft seufzend, wenn die Handlung es erfordert, laut oder flüsternd, pathetisch oder sentimental girrend die Vorgänge. Die Sänger, hochbegabte Mitwirkende des Schauspiels, erzählen, was auf dem Grunde der Dinge, die auf der Bühne vorgehen, eigentlich liegt. Oft sind sie erregter als die Schauspieler – sie wissen ja schon, was dort auf der Bühne vorgehen wird. 336 Sie sind, wie der »Blumenweg« ins Räumliche, gewissermaßen Fortsetzungen der Bühne und der Schicksale in die Ewigkeit, ins Göttliche. Die Musik des japanischen Theaters ist unserem europäischen Gefühl viel näher verwandt als die barbarischen Geräusche, der ohrenbetäubende Spektakel des chinesischen Theaters. An dieser Verwandtheit läßt sich überhaupt die engere seelische Verknüpfung Japans mit unserem Westen ermessen (die ihren Ausfluß auch im Haikara hat), während der Chinese samt seinem Schönheitsgefühl uns eine unheimlich Terra incognita bleibt. Für den Europäer, der die japanische Sprache nicht versteht, ist diese japanische Bühnenmusik, zugleich mit der wunderbaren Ausdrucksfähigkeit des japanischen Schauspielergesichtes, ein Dolmetscher zum Verständnis der szenischen Vorgänge. Im Tokyoer Theater Itschimura, einem Vorstadttheater, das aber durch die Pracht der Ausstattung und den Geschmack des Bühnenbildes wie durch das herrliche Spiel seiner erlesenen Schauspielerschar den Rang des japanischen Theaters überhaupt bewies, habe ich es erlebt, daß das Schluchzen auf der Bühne sich mit dem Schluchzen der Sänger, der Samisenspieler auf der kleinen Seitenbühne, mit dem Schluchzen des verdeckten Orchesters hinter dem Gitterwerk und mit dem schmerzerschütterten Weinen des Publikums im riesigen Raume vermählte, ineinanderfloß. Es handelte sich um einen jungen Ritter, den eine alternde Frau, eine berühmte Dichterin der japanischen Vorzeit, rettete und der dann vor den Augen der Frau, die ihn doch liebte, mit ihrer Tochter innig umschlungen über den »Blumenweg« hinaus ins Weite ging – derweil im Hause die Frau zurückblieb, stumm, in sekundenlangem Mienenspiel das Aufgeben ihres eigenen Lebens, den Sieg des Alters über ihren noch der Liebe fähigen, die Liebe begehrenden Körper kundgab. Schon erschienen auf der Bühne vermummte schwarze Diener mit Masken über dem Gesicht, die sie »unsichtbar« machen sollten, räumten Geräte und Gegenstände weg, verschoben Kulissen, um für die nächste Szene Raum zu schaffen. Der junge Ritter mit seiner Geliebten war längst im Vestibül verschwunden, noch stand aber die Dichterin im Hause, und während ihre Augen sich langsam über den gefalteten Händen schlossen, versank das Publikum in lautes Schluchzen, erstarb der Gesang und das Samisenspiel auf der kleinen Bühne zur Seite des Bühnenvorraumes. Gentaro Nakamura im Drama »Goban Taiheiki« 337 Ebenfalls in Tokyo, im Kabukizatheater, sah ich den besten Schauspieler des gegenwärtigen Japan: Gentaro Nakamura, in einem der Roninlegende entnommenen Stoff. Die Stoffe der Stücke auf der traditionellen Bühne Japans, auch wenn es sich um Stücke neuer Dichter handelt, sind fast ausnahmslos aus den alten Legenden der feudalen Vorzeit geschöpft. Diese Themen scheinen ihre unbeschränkte Macht über den Geschmack, den Sinn fürs dramatische Leben des Japaners zu bewahren. Das Roninschicksal! Was geht es uns Europäer an! Und doch: Gentaro über den »Blumenweg« zur Rache schreiten, mit seinem Sohn und Getreuen in den Tod gehen sehen, während auf der Bühne Frau und Mutter in Schmerz vergehend zurückbleiben, ist eine der großen Erschütterungen, die das heutige Theater auch dem Europäer vermitteln kann.   Gentaro als Ronin und nächsten Abend die »Heilige Johanna« von Shaw im Kleinen Theater der japanischen Moderne! Hier war in Wirklichkeit das Groteske, die Exotik des Erlebnisses! Shaw in Japan!! – Man könnte sagen, daß »Haikara« hier seine Orgie feierte. Denn was an Assimilationsmöglichkeit in dem Japaner steckt, kam hier zum Vorschein. Kaum ein Volk hat eine so bodenständige, eigenwüchsige und eigenwillige Theaterkultur wie die Japaner; kaum ein Volk besinnt sich in seiner Kunst so sehr auf die Tradition, die Urkraft seines Volkstums wie das japanische. Daher muß es in der Darstellung westlicher Themen und Probleme sich natürlich am gewaltigsten verleugnen und maskieren. Shaws »Heilige Johanna« im Kleinen Theater, Tsukiji, Tokyo Schon die Übersetzung des Shawschen Textes ins Japanische scheint auf besondere Schwierigkeiten gestoßen zu sein. Die japanische Sprache kennt eine Frauen- und Männersprache. Die Frauensprache ist gewissermaßen zarter und hat ganz andere Vokabeln für Gegenstände und Verhältnisse als die Männersprache. Der Mannweibcharakter aber der heiligen Johanna, jedenfalls der ekstatisch energische Ausdruck ihres Wesens schien den Japanern in ihrer zartzimperlichen Frauensprache ein Widerspruch, ein Nonsens. Philologen versicherten mich, daß die Notwendigkeit einer Vereinheitlichung der japanischen Literatursprache, besonders angesichts des Dialogs zwischen Johanna und den anderen Charaktern des Stückes, als evident und dringend erscheinen mußte. (Haikara!!) 338 Für den der japanischen Sprache nicht mächtigen Zuschauer boten natürlich jene Stellen des Dramas das größte Interesse, in denen das Schauspielertemperament und die Schauspieltradition der japanischen Bühne den Stil des westlichen Gedankendramas gewaltsam durchbrach, so z. B. die heftigen leidenschaftlichen Bewegungen, das weinende Hervorspringen, Herbeistürzen des Priesters, der den Anblick der auf dem Scheiterhaufen brennenden Johanna nicht mehr erträgt und von Gewissensbissen jählings gefoltert und überfallen wird. Wertvoller als das Experiment, westliche Dramatik in diese östliche Gegend der Schauspielkunst zu verpflanzen, erschien mir diese merkwürdige Szene, aus der ich blitzgleich aufschimmern sah: wie sehr der Charakter der japanischen Schauspielkunst befähigt wäre, das westliche Drama zu beleben und zu befruchten . In der Tat hat ja Moskau bereits seine Fühlhörner nach Japan ausgestreckt, um diesen Prozeß für seine eigene Bühne vorzubereiten. Und vielleicht dringt zu uns noch einmal, über Moskau her, die Botschaft und Kunde des großartigen japanischen Schauspielertums – da ja Moskau für unser Theaterwesen überhaupt den Anfang einer neuen Art, die Bühne zu gestalten, das Drama zu beflügeln und den Zuschauerraum in die Aktion zu reißen, bedeutet! Kino-Szene im Schnee   Sayónara . . . In diesen Tagen, in denen ich mich anschicke, Japan zu verlassen – es sind die ersten Tage des April –, fangen die Kirschbäume an, einen zarten Schimmer, eine leise duftige Wolke um ihre Kronen zu weben. Jetzt, zur Zeit der jungen Kirschblüte, muß ich fort! Aber schon habe ich die weißen und rötlichen Blüten der Pflaumenbäume fallen, den noch winterlicher Rasen mit zarten süßen Tönen sprenkeln sehen. Von allen Sprachen, die ich kenne, hat die japanische die schönsten Worte, die lieblichsten, für den Begriff des Dankes und den Begriff des Abschiedes. Sie beide liegen mir auf den Lippen, während ich die letzten Stunden in diesem nur so flüchtig, ach nur so flüchtig genossenen Lande verlebe. Langsam gehe ich durch die Straßen Kyotos, sehe die auf hölzernen Getas dahintrippelnden bunten, zarten Frauen mit ihren purpurroten Babys auf dem Rücken, bleibe vor den vielen 339 Läden stehen und blicke nochmal auf die naive spielerische Lieblichkeit der tausend Sächelchen, die japanisches Gewerbe, wirklicher Kunst am nächsten verwandt, darbietet. Ein paar kleine Masken kaufe ich mir, aus Elfenbein, Holz, Lack, ein paar schimmernde Brokatfetzen, um sie zu Hause auf mein Sofa zu legen. Der Zauber Japans, die Lieblichkeit, die Buntheit, die Atmosphäre dieses merkwürdigen, widerspruchsvollen Landes, aufgefangen in ein paar kleinen geschnitzten Gegenständen, ein paar im Winde wehenden losen Stoffetzen . . .   Arigato: dank dir! du holdes Land. Schwer wird es mir, dich zu verlassen. Die zierlichen Frauen, den verschwimmenden, wie ein Hauch sich auflösenden See Biwa, der sich hier in der Nähe, mit Tempeln, Toriis, Brücken, Büschen weithin erstreckt. Von allen widerspruchsvollen Dingen, die diese Wochen in Japan bargen, bleibt mir die Schönheit, die Anmut, die Kunst des Landes in der Seele zurück. Gern vergesse ich, was sich darunter verbirgt, das Menschliche, das Zumenschliche, das Unzulängliche, die Not der Welt.   Bunt wehen die Fahnen der engen Theaterstraße Kyotos. Hier sind die großen Holzbaracken, in denen die leidenschaftlichen Spiele aus japanischer Vergangenheit agiert, gesungen, getanzt, mit zarten, heiligen Bewegungen zelebriert werden. Buden, in denen Märchen erzählt werden. Buden, in denen komische Kerle allerhand abenteuerliche Kunststückchen dem naiven Publikum vorführen. Die großen, soliden, prunkvollen Kinos, die eine besondere Anziehungskraft ausüben. Aber in den kleinen Seitengassen dieser selben engen Theaterstraße stehen Tempel, in denen, mit der bei religiösen Verrichtungen üblichen Höflichkeit der Gesten, vorübergehende Männer und Frauen ihre Andacht der Gottheit bezeugen. Kerzen brennen vor Buddhastatuen. Von mächtigen Glocken hängen dicke Hanfseile herunter, die man vor dem Gebet rührt, damit die Gottheit auf die Anwesenheit des Beters aufmerksam werde. Priester beschreiben und verkaufen Zettel, die an die Zäune und Säulen des Tempels geheftet werden. Auch kleine süße Kuchen als Opfergaben. Neben einem solchen Tempel, der von vielen Passanten der Theaterstraße aufgesucht wird, sehe ich eine kleine offene Halle stehen. Dort 340 befindet sich, auf einem beträchtlich über das Straßenniveau erhöhten Podium, eine Anzahl von Steingutvasen, in denen Blütenzweige und Blumen sich befinden. Die Gläubigen, die Beter drängen sich vor dieser Schaustellung, mit andachtsvollen Mienen, stumm und ehrerbietig. Ihre Blicke schweifen von einer Vase zur anderen, von einem Blütenzweig zum anderen. Fast mit derselben Andacht schauen sie auf diese zarten Wunder des japanischen Frühlings wie auf die Götter in den Tempeln nebenan. Die Schönheit, Anmut, mit der diese Blumen, diese blühenden Zweige sich über den Rand der Vase biegen, die Kunstfertigkeit, der hohe Geschmack, der die Zweige in dieser Form und nicht anders gezüchtet, gebogen, hergerichtet, zur Schau gestellt hat, erweckt in dem andächtig Dastehenden ein Gefühl, das kaum mehr mit ästhetischem Genuß bezeichnet werden kann. Schon in Kamakura, angesichts des wunderbaren grünbronzenen Riesendaibutsu, habe ich es empfunden, als ich auf die wunderbar gruppierten und gekappten Bäume rings um das Heiligtum blickte: wie sich die Verehrung und Liebe des Japaners zu den Pflanzen mit seinem religiösen Empfinden berührt – daß in dem Charakter dieses Volkes sich eine wunderbare Einheit des Ästhetischen mit dem Religiösen vollzogen hat. Lange werde ich noch an das Nebeneinander des kleinen Tempels und der kleinen offenen Halle mit den Vasen und Blütenzweigen bei der Kyotoer Theaterstraße denken müssen. Vielen Ländern sagte ich schon Lebewohl in meinem Wanderleben. Vor Monaten noch, als ich von Kalkutta, nach kaum zehn Wochen Indienreise, abfuhr, war es mir weh ums Herz, daß ich das Wunderland so bald verlassen mußte. Was soll ich aber nun sagen, da ich mich nach kaum fünf Wochen anschicke, dieses Land, das sich bald mit dem Duft und zarten Schimmer seiner Kirschblüte bedecken wird, zu verlassen? Lebewohl heißt auf japanisch »Sayónara«. Welch ein wunderlich wunderbarer Klang, wehend, verwehend wie ein schmales, weißes, von lieblicher Frauenhand leise geschwungenes Seidentuch. Sayónara, du schönes Land . . . Sayónara! 341   Birke Sibiriens . . . . . . du armer frierender, zitternder Baum, wie glühst du im Morgenrot. Endlos, ungeheuer, millionen-, milliardenfach bedeckst du das gelbe, graue, endlose Land. Im Morgenrot glüht deine bleiche Rinde, im Abenddämmer leuchtet sie gespensterhaft, ehe sie in Nacht versinkt. Vom fernen Amurgebiet endlos, endlos, tagelange Reise, nördlichen Tundren zu, dann immer weiter nach Westen; die tragischen Straßen entlang, über die, kaum ein Jahrzehnt ist es her, müde verzweifelte Scharen Verbannter von den Verbrecherhorden des zaristischen Militärs angetrieben wurden, geht es vorwärts, heim, durch das riesige heilige Rußland. Berge tauchen auf, blaue, und mit ihnen der Gedanke an kettenschleppende Sträflinge in den Platin-, Kohlen-, Erzbergwerken. Städte, kleine Dörfer über die Wüste Sibiriens verstreut, Siedlungen ehemaliger Deportierter! An den Stationen stehen Menschen, wir steigen aus unseren Wagen und sehen sie an. Wunderbar gemeißelte Köpfe, in denen etwas vorgeht, Gesichter von Menschen, die in ihrem Leben etwas erfahren haben – es sind die Nachkommen . . . Hierher in diese Stadt waren die Dekabristen verbannt, Offiziere des Zaren, mit ihren feinen Händen, zarten Seelen, die ersten willensstarken Aufrührer des leidenden Rußlands. – Das Zentrum Nertschinsk taucht auf mit mächtigem Gefängnis, aus dem strahlenförmig in das Bergwerkselendland ringsum die Scharen der armen Verurteilten getrieben wurden. – Tschita, nahe an der Grenze der Mongolei, ein Ansatz nur zur Großstadt, mitten in die Wüste des weiten, grauen Ostens gestellt, kaum recht erbaut und schon verfallen. – Der in Eis donnernde Baikalsee: arme Lehmhütten der Fischer mit rötlichen Lichtern in der Dämmerung; Felsen aufsteigend an der Südspitze des mächtigen, weit dahingestreckten Wassers. – Irkutsk mit vielen Türmen, flüchtig berührt im Morgendämmer – Irkutsk: ein Klang aus der Jugend: 342 Michael Strogows Stadt, das Buch von Jules Verne! – Und dann dem Ural entgegen – jetzt Swerdlowsk, das vor kurzem noch Jekaterinenburg hieß, tief im Schnee versunken. In der Bahnhofshalle, die von Menschen wimmelt, umgeben von ehrfürchtig dastehenden, sich ehrfürchtig zu ihm niederneigenden alten Bauern und Bäuerinnen ein sitzender, rundlicher, mit roten Bäckchen heiter vor sich hinblickender Pope, offenbar ein heiliger Mann, verehrt von Bäuerlein und alten Weibern, in dieser, so scheint es, von Komsommolzen noch nicht genugsam beackerten Gegend der Sowjetrepublik. Aber knapp neben der Popengruppe, vor der Verkaufsbude der herrlichen Uralsteine, aus denen hier Miniaturfelsengrotten, bunte Säulen und erstarrte Springbrunnen gestaltet sind: ein paar ganz junge Mädchen aus der Stadt, in schicken Hüten, Seidenstrümpfen, die unter dem bunten Fohlenpelz die mächtig frierenden zierlichen Beine bedecken, langherunter baumelnde modische Ohrgehänge, grell weiß und rot geschminkte Gesichter – ach, jetzt sind wir Europa schon ganz nahe, wenige Stunden noch, und wir sind in Europa!   Dieses Jahr, im Orient verbracht: Stier, Schlange, Kuh, Fuchs, Affe wird als Gottheit verehrt, milde, gottähnliche Menschen, gräßlich verzerrte Dämonenfratzen blicken von Altären hernieder, zartgefaltete Hände mit ruhenden Daumen, die sich berühren, und grausam verkrampfte, langnäglige Fäuste, die den Dreizack und das scharfe Schwert schwingen, brünstiger Götzenkult, Opfertiere an blutige Steine kläglich angebunden, und daneben die abgeschiedene Heiligkeit in seligen Träumen versunkener irdischer Geschöpfe . . . Wie viele Arten, die Toten zu begraben: auf Scheiterhaufen verbrannt, in heilige Gewässer versenkt, den Vögeln des Himmels preisgegeben, in ehrfurchtumwitterte Maulwurfshügelgehege vergraben – wieviel verschiedene Arten, den Körper zum Dienst der Gottheit zu weihen: durch Abtötung, Überernährung, Aufpeitschung, wirbelnden Tanz und todähnliche Reglosigkeit – 343 Erlebnisse des Schönheitskultes, der Erotik: Inderinnen, Tibetanerinnen, Singhalesen: von Gold strotzende Körper in bunten Seidentüchern; Chinesinnen, die ihre zierlichen Formen unter blassen, nichtssagenden Gewändern verbergen; Japanerinnen, die durch entstellende Wülste ihre Glieder im farbenbunten Kleid verzerren; die unnatürlich kleinen Füße der Chinesin, die auf klappernden Getas in klauenförmigen Socken dahintrippelnder Japanerinnen; schlichte Haartracht der Mädchen und Frauen Indiens, gefährlich komplizierte Haargebäude der Mandschufrauen – wie viele Trachten, Bekleidungen, Bemalung, Bräuche und Moden, den Leib, den gottgegebenen, das Haupt, das gottgeweihte, die Stirn, den Scheitel, Sitz und Instrument des göttlichen Willens, dem Unbekannten darzubieten – wie viele Formen der Begrüßung, der Ehrfurcht, dem Mitmenschen zu bezeugen: das liebliche Händefalten vor den lächelnden Lippen, zu tiefe Beugung des Knies, Sichniederwerfen, die Handfläche nach vorn Drehen! – – – Tagereisen weit ändert sich die Form des Lebens, des Gottesdienstes, Menschendienstes, der Ehe, des Todes; das Weltbild: Unzucht, Askese, Blutrausch, milde Liebe zu aller Kreatur, sinnende Anbetung und selbstvergessene Ekstase – – wie fallen Vorurteile, welkes Laub, Schuppen vor den Augen nieder – die Menschen, der Mitmensch, Mitbewohner dieses unergründlich wunderbaren Planeten, Genosse dieser Zeit – jeder in seiner Atmosphäre – seiner Tradition – seiner Verwandlung, Umwandlung – in der Unerschütterlichkeit seines Glaubens, seiner Bekehrung und Seligkeit – jeden, jeden zu erkennen, zu verstehen suchen, lieben wenn möglich – – –   Denn das ist es: Liebe zum Volk empfinden, zum niederen Volk, dem noch nicht auf den gemeinsamen Nenner dieser öden westlichen Maschinenzivilisation gebrachten Volk – das Erlebnis des Fahrenden durch so viele geheimnisvolle, ungenügend ergründete 344 Länder, kaum geahnte Kulturen, Zeuge und Miterlebender sein dürfen und wollen so vieler fremder, befremdlicher, ehrwürdig heiliger Bräuche – das Erlebnis des Verstehens, der Hingabe an das niedere Volk, das nichts weiß außer seinem Gott, nichts annehmen will, was aus jener Himmelsrichtung des entgötterten Abendlands zu ihm herüberschallt, in wirrem Getöse aus Maschinengestampf, Kanonendonner, dem wüsten Treiben der übervölkerten Stadt, dem wilden Tumult des Wettbewerbs, der Zerstreuung, des Neides – die die Unfähigkeit zur Sammlung gebären, Unwilligkeit zur nötigen Sammlung auf das einzig Nottuende, und wäre es nur die Erkenntnis der Eitelkeit alles Seienden, irdischen Tuns – auf den unvermeidlichen Tod, die unentrinnbare Verbundenheit mit dem schrecklichen, unfaßbaren Geschick!   Ja, das ist das herrliche Erlebnis des Ostens. Ob es Indien, China, Japan, die Mandschurei, das weite Rußland ist: ein letztes, nur selten, nur unwillig getrübtes, schließlich überwältigendes Gefühl für das arme, niedere, unwissende, seinen Instinkten nachlebende, der Not, dem Geschick der Zeit überantwortete Volk, für den Niederen, den Armen! – – Ein paar kleine, bescheidene Erinnerungszeichen, im Koffer verborgen, geringe, wohlfeile Produkte der Volkskunst, des Alltagsgebrauchs, des naiven religiösen Kultes: kleine geschnitzte Maske, Messingfigur der Kali, Steinbild des Lingam, Pilgerstab aus Benares, Flitterschmuck aus Macao, Holzdose aus sibirischer Einöde . . . Gern mit Kulis, Arbeitern, armen Studenten, kleinen Leuten aus den Kramläden der Vorstädte beisammen sein, wohl auch in ihren Garküchen, ihnen an die Stätten folgen, wo sie sich auf ihre Art vergnügen . . . Obzwar ich ihre Sprache nicht verstehe, gelingt es mir dennoch so leicht, mich mit ihnen zu verständigen – – denn über alle Hindernisse der Rasse, der Klassen, der Länder, der Klimate hinweg offenbart sich in einem Strahl des Augs, im Lächeln eines Menschen die Verbundenheit alles Lebenden, alles Beseelten auf Erden. Kaum benötige ich Dolmetscher unterwegs, so gut verstehe ich die Sprache des Menschenantlitzes, so geheimnisvoll schwingt meine Seele mit den wunderbaren Schwingungen aller Menschen auf 345 dieser lieblichen und wilden, anheimelnden und beängstigenden Menschenerde im Takte mit, im Takt . . .   Eines Tages, gegen Ende des achten Monates meiner Reise, stehe ich wieder, nun das viertemal schon in meinem Leben, auf dem Roten Platz zu Füßen der Kremlmauer im alten heiligen Moskau. Es ist ein frostiger, von Eis klirrender Aprilnachmittag. Tausend Menschen reihen sich im Zug von der Basilius-Kathedrale an, stapfen langsam vorwärts, einem viereckigen, niederen, dunkelroten Holzbau zu, der bei der Mauer errichtet ist, nicht weit von dem Tor, das die alte Kapelle der Iberischen Mutter Gottes zwischen ihren Bogen trägt. Am Fuße der Kremlmauer, dort, wo die Gräber der Revolutionshelden unter dem Schnee verschwinden, birgt das rote Holzmausoleum den Sarg und den Körper Lenins. Langsam bewegt sich der Zug dem Mausoleum zu. Es dauert lange, bis wir den Eingang erreicht haben. Zwischen einem Spalier stummer Rotgardisten steigen wir langsam die Stufen zum Grabgewölbe hinab. Es sind viele Stufen, denn der Raum mit Lenins Leichnam liegt tief unter dem Straßenniveau. – Als dieses Mausoleum gebaut wurde, hat der Verkehr der Straße tagelang gestockt. Man mußte die wichtigste Trambahnlinie, die die beiden Ufer der Moskwa miteinander verbindet, verlegen, denn das Mausoleum wurde mitten auf die Trambahnstrecke gestellt. Der Verkehr, das symbolische Leben der uralten Stadt, des weiten heiligen Reiches stockte, der Herzschlag, der Puls stockte, wie der Verkehr der Stadt. Tag und Nacht ritten, auf schwarzen Rossen, in stürmischem Galopp, Reiter der Roten Armee unaufhörlich um dieses Mausoleum herum. Ritten, ritten, ritten Tag und Nacht, in nie aufhörendem Galopp, schwarz und schweigend, um den dunkelroten Holzbau, der den Leichnam des toten Führers in der Tiefe birgt. Schwer und schweigend steigen wir die vielen Stufen unter die Erde hinab, zwischen den stummen, mit vor sich hingestellten Gewehren schwer dastehenden Soldaten. In einem hellbeleuchteten Glassarkophag liegt Lenin, so wie ich ihn zuletzt vor drei Jahren auf dem Podium des Kremlsaales gesehen habe – es war das letztemal, da er, schon todkrank, aber noch Herr seiner Energie und geistigen Vollkraft, vor den 346 Delegierten des Kongresses der Dritten Internationale sprach – schwere Worte, die zum letztenmal in die Zukunft eine Bresche zu schlagen versuchten, die uns einen Weg zu zeigen suchten, den wir der Menschheit weisen sollten. So schritt der große Führer, schon todkrank, die irdische Auflösung vor Augen, seinen Weg in die unbegrenzte Zukunft, in die Ewigkeit vorwärts. – Die Wissenschaft hat die Auflösung verhindert. Wie sein Geist lebendig ist, sein Glaube weiterwirkt, ist sein Körper erhalten. In grauem Arbeitskittel, ein schwarzes Fell über die Füße gebreitet, den roten Stern der Sowjets auf die Brust geheftet, liegt Lenin im hellbeleuchteten gläsernen Sarg vor unseren Blicken. Sein Körper scheint kleiner geworden durch den Prozeß der Einbalsamierung, im luftleeren Raum; die Haut wächsern, das sehr ruhige Antlitz, die geballte Rechte, die ausgestreckten Finger der Linken ruhen. Stumm und mit zitternden Lippen gehen wir um diesen furchtbaren Sarg herum, der, grell beleuchtet, einen seit zweieinhalb Jahren toten Menschen birgt, zur Schau stellt. Hier bei diesem, dem Irdischen entrückten, ins Göttliche erhobenen Bild des Menschenschicksals endet meine Reise. Alles, was ich an Göttlichem, an irdischem Widerschein und Ewigkeitsabglanz im Orient gesehen habe – hier scheint es, in einem durchsichtigen Sarg wie in einem Brennpunkt von Aufgang und Untergang ineinander geflammt: Gottesglaube, Menschheitsglaube, Zeit und Ewigkeit, Liebe, Wille, Macht und das Gesetz!   Ende